
        
                           Johann Gottfried Schnabel
Wunderliche Fata einiger See-Fahrer, absonderlich Alberti Julii, eines geborenen
                       Sachsens, auf der Insel Felsenburg
                       Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,
                                  absonderlich
                                        
                                 ALBERTI JULII,
                            eines gebohrnen Sachsens,
                                        
 Welcher in seinem 18den Jahre zu Schiffe gegangen, durch Schiff-Bruch selb 4te
 an eine grausame Klippe geworffen worden, nach deren Ubersteigung das schönste
Land entdeckt, sich daselbst mit seiner Gefährtin verheiratet, aus solcher Ehe
eine Familie von mehr als 300. Seelen erzeuget, das Land vortrefflich angebauet,
     durch besondere Zufälle erstaunens-würdige Schätze gesammlet, seine in
 Teutschland ausgekundschaften Freunde glücklich gemacht, am Ende des 1728sten
  Jahres, als in seinem Hunderten Jahre, annoch frisch und gesund gelebt, und
                         vermutlich noch zu dato lebt,
                                   entworffen
                                        
                    Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,
                             Mons. Eberhard Julio,
                                        
                    Curieusen Lesern aber zum vermutlichen
   Gemüts-Vergnügen ausgefertiget, auch par Commission dem Drucke übergeben
                                      Von
                                   GISANDERN.
                                     Vorrede.
                                Geneigter Leser!
Es wird dir in folgenden Blättern eine Geschichts-Beschreibung vorgelegt, die,
wo du anders kein geschworner Feind von dergleichen Sachen bist, oder dein
Gehirne bei Erblickung des Titul-Blates nicht schon mit wiederwärtigen
Præjudiciis angefüllet hast, ohnfehlbar zuweilen etwas, ob gleich nicht alles,
zu besonderer Gemüts-Ergötzung überlassen, und also die geringe Mühe, so du dir
mit Lesen und Durchblättern gemacht, gewisser massen recompensiren kann.
    Mein Vorsatz ist zwar nicht, einem oder dem andern dieses Werck als einen
vortrefflich begeisterten und in meinen Hoch-Teutschen Stylum eingekleideten
Staats Cörper anzuraisoniren; sondern ich will das Urteil von dessen Werte,
dem es beliebt, überlassen, und da selbiges vor meine Partie nicht allzu
vorteilhaftig klappen sollte, weiter nichts sagen, als: Haud curat Hippoclides.
Auf Teutsch:
Sprecht, was ihr wolt, von mir und Julio dem Sachsen,
Ich lasse mir darum kein graues Härlein wachsen.
Allein, ich höre leider! schon manchen, der nur einen Blick darauf schiessen
lassen, also raisoniren und fragen: Wie hälts, Landsmann! kann man sich auch
darauf verlassen, dass deine Geschichte keine blossen Gedichte, Lucianische
Spaas-Streiche, zusammen geraspelte Robinsonaden-Späne und dergleichen sind?
Denn es werffen sich immer mehr und mehr Scribenten auf, die einem
neu-begierigen Leser an diejenige Nase, so er doch schon selbst am Kopffe hat,
noch viele kleine, mittelmässige und grosse Nasen drehen wollen.
    Was gehöret nicht vor ein Baum-starcker Glaube darzu, wenn man des Herrn von
Lydio trenchirte Insul als eine Wahrheit in den Back-Ofen seines physicalischen
Gewissens schieben will? Wer muss sich nicht vielmehr über den Herrn
Geschicht-Schreiber P.L. als über den armen Einsiedler Philipp Quarll selbst
verwundern, da sich der erstere ganz besondere Mühe gibt, sein, nur den
Mondsüchtigen gläntzendes Mährlein, unter dem Hute des Hrn. Dorrington, mit
demütigst-ergebensten Flatterien, als eine brennende Historische
Wahrheits-Fackel aufzustecken? Die Geschicht von Joris oder Georg Pines hat seit
ao. 1667 einen ziemlichen Geburts- und Beglaubigungs-Brief erhalten, nachdem
aber ein Anonymus dieselbe aus dem Englischen übersetzt haben will, und im
Teutschen, als ein Gerichte Sauer-Kraut mit Stachelbeeren vermischt, aufgewärmet
hat, ist ein solche Ollebutterie daraus worden, dass man kaum die ganz zu
Matsche gekochten Brocken der Wahrheit, noch auf dem Grunde der langen Titsche
finden kann. Woher denn kommt, dass ein jeder, der diese Geschicht nicht schon
sonsten in andern Büchern gelesen, selbige vor eine lautere Fiction hält, mitin
das Kind samt dem Badewasser ausschüttet. Gedencket man ferner an die fast
unzählige Zahl derer Robinsons von fast allen Nationen, so wohl als andere
Lebens-Beschreibungen, welche meistenteils die Beiwörter: Wahrhaftig,
erstaunlich, erschrecklich, noch niemahls entdeckt, unvergleichlich, unerhört,
unerdencklich, wunderbar, bewundernswürdig, seltsam und dergleichen, führen, so
möchte man nicht selten Herr Ulrichen, als den Vertreiber eckelhafter Sachen,
ruffen, zumahlen wenn sich in solchen Schrifften lahme Satyren, elender Wind,
zerkauete Moralia, überzuckerte Laster-Morsellen, und öffters nicht 6.
rechtschaffene oder wahre Historische Streiche antreffen lassen. Denn - - -
    Halt inne, mein Freund! Was geht mich dein gerechter oder ungerechter
Eiffer an? Meinest du, dass ich dieserwegen eine Vorrede halte? Nein, keines
weges. Lass dir aber dienen! Ohnfehlbar must du das von einem Welt-berühmten
Manne herstammende Sprichwort: Viel Köpffe, viel Sinne, gehöret oder gelesen
haben. Der liebe Niemand allein, kann es allen Leuten recht machen. Was dir nicht
gefällt, charmirt vielleicht 10, ja 100. und wohl noch mehr andere Menschen.
Alle diejenigen, so du anitzo getadelt hast, haben wohl eine ganz besondere
gute Absicht gehabt, die du und ich erstlich erraten müssen. Ich wollte zwar ein
vieles zu ihrer Defension anführen, allein, wer weiss, ob mit meiner
Treuhertzigkeit Danck zu verdienen sei? Uber dieses, da solche Autores
vielleicht klüger und geschickter sind als Du und ich, so werden sie sich,
daferne es die Mühe belohnt, schon bei Gelegenheit selbst verantworten.
    Aber mit Gunst und Permission zu fragen: Warum soll man denn dieser oder
jener, eigensinniger Köpffe wegen, die sonst nichts als lauter Wahrheiten lesen
mögen, nur eben lauter solche Geschichte schreiben, die auf das kleineste Jota
mit einem cörperlichen Eyde zu bestärcken wären? Warum soll denn eine geschickte
Fiction, als ein Lusus Ingenii, so gar verächtlich und verwerfflich sein? Wo mir
recht ist, halten ja die Herren Teologi selbst davor, dass auch in der Heil.
Bibel dergleichen Exempel, ja ganze Bücher, anzutreffen sind. Sapienti sat. Ich
halte davor, es sei am besten getan, man lasse solcher Gestalt die Politicos
ungehudelt, sie mögen schreiben und lesen was sie wollen, sollte es auch gleich
dem gemeinen Wesen nicht eben zu ganz besondern Vorteil gereichen, genug, wenn
es demselben nur keinen Nachteil und Schaden verursachet.
    Allein, wo gerate ich hin? Ich sollte Dir, geneigter Leser, fast die
Gedancken beibringen, als ob gegenwärtige Geschichte auch nichts anders als pur
lautere Fictiones wären? Nein! dieses ist meine Meinung durchaus nicht, jedoch
soll mich auch durchaus niemand dahin zwingen, einen Eyd über die pur lautere
Wahrheit derselben abzulegen. Vergönne, dass ich deine Gedult noch in etwas
missbrauche, so wirst du erfahren, wie diese Fata verschiedener See-Fahrenden mir
fato zur Beschreibung in die Hände gekommen sind:
    Als ich im Anfange dieses nun fast verlauffenen Jahres in meinen eigenen
Verrichtungen eine ziemlich weite Reise auf der Land-Kutsche zu tun genötiget
war, geriet ich bei solcher Gelegenheit mit einen Literato in Kundschaft, der
eine ganz besonders artige Conduite besass. Er liess den ganzen Tag über auf den
Wagen vortrefflich mit sich reden und umgehen, so bald wir aber des Abends
gespeiset, musste man ihm gemeiniglich ein Licht alleine geben, womit er sich von
der übrigen Gesellschaft ab- und an einen andern Tisch setzte, solchergestalt
beständig diejenigen geschriebenen Sachen lass, welche er in einem zusamen
gebundenen Paquet selten von Abhänden kommen liess. Sein Beutel war vortrefflich
gespickt, und meine Person, deren damahliger Zustand eine genaue Wirtschaft
erforderte, profitirte ungemein von dessen generositeé, welche er bei mir, als
einem Feinde des Schmarotzens, sehr artig anzubringen wusste. Dannenhero geriet
ich auf die Gedancken, dieser Mensch müsse entweder ein starcker Capitaliste
oder gar ein Adeptus sein, indem er so viele güldene Species bei sich führete,
auch seine besondere Liebe zur Alchymie öffters in Gesprächen verriet.
    Eines Tages war dieser gute Mensch der erste, der den blasenden Postillon zu
Gefallen hurtig auf den Wagen steigen wollte, da mittlerweile ich nebst zweien
Frauenzimmern und so viel Kauffmanns-Dienern in der Tür des Gast-Hofs noch ein
Glas Wein ausleereten. Allein, er war so unglücklich, herunter zu stürtzen, und
da die frischen Pferde hierdurch schüchtern gemacht wurden, gingen ihm zwei
Räder dermassen schnell über den Leib und Brust, dass er so gleich halb todt
zurück in das Gast-Haus getragen werden musste.
    Ich liess die Post fahren, und blieb bei diesen im grösten Schmertzen
liegenden Patienten, welcher, nachdem er sich um Mitternachts-Zeit ein wenig
ermuntert hatte, alsofort nach seinem Paquet-Schrifften fragte, und so bald man
ihm dieselben gereicht, sprach er zu mir: Mein Herr! nehmet und behaltet dieses
Paquet in eurer Verwahrung, vielleicht füget euch der Himmel hierdurch ein
Glücke zu, welches ich nicht habe erleben sollen. Hierauf begehrete er, dass man
den anwesenden Geistlichen bei ihm allein lassen sollte, mit welchen er denn
seine Seele wohl beraten, und gegen Morgen das Zeitliche mit dem Ewigen
verwechselt hatte.
    Meinen Gedancken nach hatte ich nun von diesem andern Jason das güldene Fell
ererbet, und vermeinte, ein Besitzer der allersichersten alchimistischen
Processe zu sein. Aber weit gefehlt! Denn kurtz zu sagen, es fand sich sonst
nichts darinnen, als Albert Julii Geschichts-Beschreibung, und was Mons.
Eberhard Julius, zur Erläuterung derselben, diesem unglücklichen Passagier
sonsten beigelegt und zugeschickt hatte.
    Ohngeacht aber meine Hoffnung, in kurtzer Zeit ein glücklicher Alchymiste
und reicher Mann zu werden, sich gewaltig betrogen sah, so fielen mir doch,
beim Durchlesen dieser Sachen, verschiedene Passagen in die Augen, woran mein
Gemüt eine ziemliche Belustigung fand, und da ich vollends des verunglückten
Literati besonderen Brief-Wechsel, den er teils mit Mons. Eberhard Julio
selbst, teils mit Herrn G.v.B. in Amsterdam, teils auch mit Herrn H.W.W. in
Hamburg dieses Wercks wegen eine Zeit her geführet, dabei antraff, entbrandte
sogleich eine Begierde in mir, diese Geschicht selbst vor die Hand zu nehmen, in
möglichste Ordnung zu bringen, und hernach dem Drucke zu überlassen, es möchte
gleich einem oder den andern viel, wenig oder gar nichts daran gelegen sein,
denn mein Gewissen riet mir, diese Sachen nicht liederlicher Weise zu
vertuschen.
    Etliche Wochen hierauf, da mich das Glück unverhofft nach Hamburg führete,
geriet ich gar bald mit dem Herrn W. in Bekandtschaft, eröffnete demselben
also die ganze Begebenheit des verunglückten Passagiers, wie nicht weniger, dass
mir derselbe vor seinem Ende die und die Schrifften anvertrauet hätte, wurde
auch alsobald von diesem ehrlichen Manne durch allerhand Vorstellungen und
Persuasoria in meinem Vorhaben gestärckt, anbei der Richtigkeit dieser
Geschichte, vermittelst vieler Beweisstümer, vollkommen versichert, und
belehret, wie ich mich bei Edirung derselben zu verhalten hätte.
    Also siehest du, mein Leser, dass ich zu dieser Arbeit gekommen bin, wie
jener zur Maulschelle, und merckest wohl, dass mein Gewissen von keiner
Spinnewebe gewürckt ist, indem ich eine Sache, die man mir mit vielen Gründen
als wahr und unfabelhaft erwiesen, dennoch niemanden anders, als solchergestalt
vorlegen will, dass er darvon glauben kann, wie viel ihm beliebt. Demnach wird
hoffentlich jeder mit meiner generositeé zu frieden sein können.
    Von dem übrigen, was sonsten in Vorreden pflegt angeführet zu werden, noch
etwas weniges zu melden, so kann nicht läugnen, dass dieses meine erste Arbeit von
solcher Art ist, welche ich in meiner Hertz- allerliebsten Deutschen Frau
Mutter-Sprache der Presse unterwerffe. Nimm also einem jungen Anfänger nicht
übel, wenn er sein erstes Händewerck so frei zur Schaue darstellet, selbiges
aber dennoch vor kein untadelhaftes Meister-Stücke ausgibt.
    An vielen Stellen hätte ich den Stylum selbst ziemlich verbessern können und
wollen, allein, man forcirte mich, die Herausgabe zu beschleunigen. Zur Mundi
rung des Concepts liessen mir anderweitige wichtige Verrichtungen keine Zeit
übrig, selbiges einem Copisten hinzugeben, möchte vielleicht noch mehr Händel
gemacht haben. Hier und dort aber viel auszustreichen, einzuflicken, Zeichen zu
machen, Zettelgen beizulegen und dergleichen, schien mir zu gefährlich, denn wie
viele Flüche hätte nicht ein ungedultiger Setzer hierbei ausstossen können, die
ich mir alle ad animum revociren müssen.
    Ich weiss, was mir Mons. Eberhard Julii kunterbunde Schreiberei quoad formam
vor Mühe gemacht, ehe die vielerlei Geschichten in eine ziemliche Ordnung zu
bringen gewesen. Hierbei hat mir nun allbereits ein guter Freund vorgeworffen,
als hätte ich dieselben fast gar zu sehr durch einander geflochten, und etwa das
Modell von einigen Romainen-Schreibern genommen, allein, es dienet zu wissen,
dass Mons. Eberhard Julius selbst das Kleid auf solche Facon zugeschnitten hat,
dessen Gutbefinden mich zu widersetzen, und sein Werck ohne Ursach zu
hofemeistern, ich ein billiges Bedencken getragen, vielmehr meine Schuldigkeit
zu sein erachtet, dieses von ihm herstammende Werck in seiner Person und Nahmen
zu demonstriren. Uber dieses so halte doch darvor, und bleibe darbei, dass die
meisten Leser solchergestalt desto besser divertirt werden. Beugen doch die
Post-Kutscher auch zuweilen aus, und dennoch moquirt sich kein Passagier drüber,
wenn sie nur nicht gar stecken bleiben, oder umwerffen, sondern zu gehöriger
Zeit fein wieder in die Gleisen kommen.
    Nun sollte mich zwar bei dieser Gelegenheit auch besinnen, ob ich als ein
Recroute unter den Regimentern der Herrn Geschichts-Beschreiber, dem (s. T.p.)
Hochgeöhrten und Wohlnaseweisen Herrn Momo, wie nicht weniger dessen
Dutz-Bruder, Herrn Zoilo, bei bevorstehender Revüe mit einer Spanischen
Zähnfletzschenden grandezze, oder Pohlnischen Sub-Submission entgegen gehen
müsse? Allein, weil ich die Zeit und alles, was man dieser Confusionarien halber
anwendet, vor schändlich verdorben schätze, will ich kein Wort mehr gegen sie
reden, sondern die übrigen in mente behalten.
    Solte aber, geneigter Leser! dasjenige, was ich zu diesem Wercke an Mühe und
Fleisse beigetragen, von Dir gütig und wohl aufgenommen werden, so sei
versichert, dass in meiner geringen Person ein solches Gemüt anzutreffen,
welches nur den geringsten Schein einer Erkänntlichkeit mit immerwährenden
Dancke zu erwiedern bemühet lebt. Was an der Vollständigkeit desselben annoch
ermangelt, soll, so bald als möglich, hinzu gefügt werden, woferne nur der
Himmel Leben, Gesundheit, und was sonsten darzu erfordert wird, nicht abkürtzet.
Ja ich dürffte mich eher bereden, als meinen Ermel ausreissen lassen, künftigen
Sommer mit einem curieusen Soldaten-Romain heraus zu rutschen, als worzu
verschiedene brave Officiers allbereit Materie an die Hand gegeben, auch damit
zu continuiren versprochen. Vielleicht trifft mancher darinnen vor sich noch
angenehmere Sachen an, als in Gegenwärtigen.
    Von den vermutlich mit einschleichenden Druck-Fehlern wird man mich gütigst
absolviren, weil die Druckerei allzuweit von dem Orte, da ich mich aufhalte,
entlegen ist, doch hoffe, der sonst sehr delicate Herr Verleger werde sich
dieserhalb um so viel desto mehr Mühe geben, solche zu verhüten. Letzlich bitte
noch, die in dieser Vorrede mit untergelauffenen Schertz-Worte nicht zu Poltzen
zu drehen, denn ich bin etwas lustigen humeurs, aber doch nicht immer. Sonsten
weiss vor dieses mahl sonderlich nichts zu erinnern, als dass ich nach
Beschaffenheit der Person und Sachen jederzeit sei,
                                Geneigter Leser,
den 2. Dec.
    1730.
                        Dein
                                                                  dienstwilliger
                                                                       GISANDER.
 
                                  Erstes Buch.
Ob denenjenigen Kindern, welche um die Zeit geboren werden, da sich Sonnen-
oder Mond-Finsternissen am Firmamente præsentiren, mit Recht besondere Fatali
täten zu prognosticiren sein? Diese Frage will ich den gelehrten Natur-Kündigern
zur Erörterung überlassen, und den Anfang meiner vorgenommenen
Geschichts-Beschreibung damit machen: wenn ich dem Geneigten Leser als etwas
merckliches vermelde: dass ich Eberhard Julius den 12. May 1706. eben in der
Stunde das Licht dieser Welt erblickt, da die bekandte grosse Sonnen-Finsternis
ihren höchsten und fürchterlichsten grad erreicht hatte. Mein Vater, der ein
wohlbemittelter Kauffmann war, und mit meiner Mutter noch kein völliges Jahr im
Ehestande gelebt, mochte wegen gedoppelter Bestürtzung fast ganz ausser sich
selbst gewesen sein; Jedoch nachdem er bald darauf das Vergnügen hat meine
Mutter ziemlich frisch und munter zu sehen, mich aber als seinen erstgebohrnen
jungen, gesunden Sohn zu küssen, hat er sich, wie mir erzählt worden, vor
Freuden kaum zu bergen gewust.
    Ich trage Bedencken von denenjenigen tändeleien viel Wesens zu machen, die
zwischen meinen Eltern als jungen Eheleuten und mir als ihrer ersten Frucht der
Liebe, in den ersten Kinder-Jahren vorgegangen. Genung! ich wurde von ihnen,
wiewohl etwas zärtlich, jedoch christlich und ordentlich erzogen, weil sie mich
aber von Jugend an dem studiren gewidmet, so musste es keines weges an gelehrten
und sonst geschickten Lehr-Meistern ermangeln, deren getreue Unterweisung nebst
meinen unermüdeten Fleisse so viel würckte, dass ich auf Einraten vieler
erfahrner Männer, die mich examinirt hatten, in meinem 17den Jahre nehmlich um
Ostern 1723. auf die Universität Kiel nebst einem guten Anführer reisen konnte.
Ich legte mich auf die Jurisprudentz nicht so wohl aus meinem eigenen Antriebe,
sondern auf Begehren meiner Mutter, welche eines vornehmen Rechts-Gelehrten
Tochter war. Allein ein hartes Verhängnis liess mich die Früchte ihres über meine
guten Progressen geschöpfften Vergnügens nicht lange geniessen, indem ein Jahr
hernach die schmertzliche Zeitung bei mir einlieff, dass meine getreue Mutter am
16. Apr. 1724. samt der Frucht in Kindes-Nöten todes verblichen sei. Mein Vater
verlangte mich zwar zu seinem Troste auf einige Wochen nach Hause, weiln, wie er
schrieb, weder meine eintzige Schwester, noch andere Anverwandte seinen
Schmertzen einige Linderung verschaffen könten. Doch da ich zurücke schrieb: dass
um diese Zeit alle Collegia aufs neue angiengen, weswegen ich nicht allein sehr
viel versäumen, sondern über dieses seine und meine Hertzens-Wunde ehe noch
weiter aufreissen als heilen würde, erlaubte mir mein Vater, nebst übersendung
eines Wechsels von 200. spec. Ducaten noch ein halbes Jahr in Kiel zu bleiben,
nach Verfliessung dessen aber sollte nach Hause kommen über Winters bei ihm zu
verharren, so dann im Früh-Jahre das galante Leipzig zu besuchen, und meine
studia daselbst zu absolviren.
    Sein Wille war meine Richt-Schnur, dannenhero die noch übrige Zeit in Kiel
nicht verabsäumete mich in meinen ergriffenen studio nach möglichkeit zu cultivi
ren, gegen Martini aber mit den herrlichsten Attestaten meiner Professoren
versehen nach Hause reisete. Es war mir zwar eine hertzliche Freude, meinen
werten Vater und liebe Schwester nebst andern Anverwandten und guten Freunden
in völligen Glücks-Stande anzutreffen; allein der Verlust der Mutter tat
derselben ungemeinen Einhalt. Kurtz zu sagen: es war kein einziges
divertissement, so mir von meinem Vater, so wohl auch andern Freunden gemacht
wurde, vermögend, das einwurtzelende melancholische Wesen aus meinem Gehirne zu
vertreiben. Derowegen nahm die Zuflucht zu den Büchern und suchte darinnen mein
verlohrnes Vergnügen, welches sich denn nicht selten in selbigen finden liess.
    Mein Vater bezeigte teils Leid, teils Freude über meine douce Aufführung,
resolvirte sich aber bald, nach meinen Verlangen mich ohne Aufseher, oder wie es
zuweilen heissen muss, Hofmeister, mit 300. fl. und einem Wechsel-Briefe auf
1000. Tl. nach Leipzig zu schaffen, allwo ich den 4. Mart. 1725. glücklich
ankam.
    Wer die Beschaffenheit dieses in der ganzen Welt berühmten Orts nur
einigermassen weiss, wird leichtlich glauben: dass ein junger Pursche, mit so
vielem baaren Gelde versehen, daselbst allerhand Arten von vergnügten
Zeit-Vertreibe zu suchen Gelegenheit findet. Jedennoch war mein Gemüte mit
beständiger Schwermütigkeit angefüllet, ausser wenn ich meine Collegia
frequentirte und in meinem Museo mit den Todten conversirte.
    Ein Lands-Mann von mir, Mons. H. - - - genannt merckte mein malheur bald,
weil er ein Mediciner war, der seine Hand allbereit mit gröster raison nach dem
Doctor-Hute ausstreckte. Derowegen sagte er einmal,s sehr vertraulich: Lieber
Herr Lands-Mann, ich weiss ganz gewiss, dass sie nicht die geringste Ursach haben,
sich in der Welt über etwas zu chagriniren, ausgenommen den Verlust ihrer seel.
Frau Mutter. Als ein vernünftiger Mensch aber können sie sich dieserwegen so
heftig und langwierig nicht betrüben, erstlich: weil sie deren Seeligkeit
vollkommen versichert sind, vors andere: da sie annoch einen solchen Vater
haben, von dem sie alles erwarten können, was von ihm und der Mutter zugleich zu
hoffen gewesen. Anderer motiven voritzo zu geschweigen. Ich setze aber meinen
Kopff zum Pfande, dass ihr niedergeschlagenes Wesen vielmehr von einer übeln
Disposition des Geblüts herrühret, weswegen ihnen aus guten Hertzen den Gebrauch
einiger Artzeneien, hiernächst die Abzapffung etlicher Untzen Geblüts
recommendirt haben will. Was gilts? rieff er aus, wir wollen in 14. Tagen aus
einem andern Tone mit einander schwatzen.
    Dieser gegebene Rat schien mir nicht unvernünftig zu sein, derowegen
leistete demselben behörige Folge, und fand mich in wenig Tagen weit
aufgeräumter und leichtsinniger als sonsten, welches meinen guten Freunden
höchst angenehm, und mir selbst am gefälligsten war. Ich wohnete ein- und anderm
Schmause bei, richtete selbst einen aus, spatzirte mit auf die Dörffer, kurtz!
ich machte alles mit, was honette Pursche ohne prostitution vorzunehmen pflegen.
Jedoch kann nicht läugnen, dass dergleichen Vergnüglichkeiten zum öfftern von
einem bangen Hertz-Klopffen unterbrochen wurden. Die Ursach dessen sollte zwar
noch immer einer Vollblütigkeit zugeschrieben werden, allein mein Hertz wollte
mich fast im voraus versichern, dass mir ein besonderes Unglück bevorstünde,
welches sich auch nach verfluss weniger Tage, und zwar in den ersten Tagen der
Mess- in folgenden Briefe, den ich von meinem Vater empfing, offenbarete:
                                   Mein Sohn,
Erschrecket nicht! sondern ertraget vielmehr mein uñ euer unglückliches
Schicksal mit grossmütiger Gelassenheit, da ihr in diesen Zeilen von mir selbst,
leider! versichert werdet: dass das falsche Glück mit dreien fatalen Streichen
auf einmal meine Reputation und Wohl-Stand, ja mein alles zu Boden geschlagen.
Fraget ihr, wie: und auf was Art: so wisset, dass mein Compagnon einen Banquerott
auf 2. Tonnen Goldes gemacht, dass auf meine eigene Kosten ausgerüstete Ost
Indische Schiff bei der Retour von den See-Räubern geplündert, und letztlich zu
completirung meines Ruins der Verfall der Actien mich allein um 50000. Tl.
spec. bringt. Ein mehreres will hiervon nicht schreiben, weil mir im schreiben
die Hände erstarren wollen. Lasset euch innliegenden Wechsel-Brief â 2000. Frfl.
in Leipzig von Hrn. H. gleich nach Empfang dieses bezahlen Eure Schwester habe
mit eben so viel, und ihren besten Sachen, nach Stockholm zu ihrer Baase
geschickt, ich aber gehe mit einem wenigen von hier ab, um in Ost- oder West
Indien, entweder mein verlohrnes Glück, oder den todt zu finden. In Hamburg bei
Hrn W. habt ihr vielleicht mit der Zeit Briefe von meinem Zustande zu finden.
Lebet wohl, und bedauert das unglückliche Verhängnis eures treugesinnten Vaters,
dessen Redlichkeit aber allzustarcker hazard und Leichtglaubigkeit ihm und
seinen frommen Kindern dieses malheur zugezogen. Doch in Hoffnung, GOTT werde
sich eurer und meiner nicht gäntzlich entziehen, verharre
D.d. 5. Apr. 1725.
                                                                            Euer
                                                     biss ins Grab getreuer Vater
                                                           Frantz Martin Julius.
Ich fiel nach Lesung dieses Briefes, als ein vom Blitz gerührter, rückwarts auf
mein Bette, und habe länger als 2. Stunden ohne Empfindung gelegen. Selbigen
ganzen Tag, und die darauf folgende Nacht, wurde in gröster desperation
zugebracht, ohne das geringste von Speise oder Geträncke zu mir zu nehmen, da
aber der Tag anbrach, beruhigte sich das ungestüme Meer meiner Gedancken
einigermassen. Ich betete mein Morgen-Gebet mit hertzlicher Andacht, sung nach
einem Morgen-Liede auch dieses: GOTT der wirds wohl machen etc. schlug hernach
die Bibel auf, in welcher mir so gleich der 127. Psalm Davids in die Augen fiel,
welcher mich ungemein rührete. Nachdem ich nun meine andächtigen, ungeheuchelten
Penseen darüber gehabt, schlug ich die Bibel nochmals auf, und traf ohnverhofft
die Worte Prov. 10. der Seegen des HERRN macht reich ohne Mühe etc.
    Hierbei traten mir die Tränen in die Augen, mein Mund aber brach in
folgende Worte aus: Mein GOTT, ich verlange ja eben nicht reich an zeitlichen
Gütern zu sein, ich gräme mich auch nicht mehr um die verlohrnen, setze mich
aber, wo es dir gefällig ist, nur in einen solchen Stand, worinnen ich deine
Ehre befördern, meinen Nächsten nützen, mein Gewissen rein erhalten, reputirlich
leben, und seelig sterben kann.
    Gleich denselben Augenblick kam mir in die Gedancken umzusatteln, und an
statt der Jurisprudentz die Teologie zu erwählen, weswegen ich meine Gelder ein
cassiren, zwei teile davon auf Zinsen legen, und mich mit dem übrigen auf die
Wittenbergische Universität begeben wollte. Allein der plötzliche Uberfall eines
hitzigen Fiebers, verhinderte mein eilfertiges Vornehmen, denn da ich kaum Zeit
gehabt, meinen Wechsel bei Hrn. H. in Empfang zu nehmen, und meine Sachen etwas
in Ordnung zu bringen, so sah mich gezwungen das Bette zu suchen, und einen
berühmten Medicum wie auch eine Wart-Frau holen zu lassen. Meine Lands-Leute so
etwas im Vermögen hatten, bekümmerten sich, nachdem sie den Zufall meines Vaters
vernommen, nicht das geringste um mich, ein armer ehrlicher Studiosus aber, so
ebenfalls mein Lands-Mann war, blieb fast Tag und Nacht bei mir, und muss ich ihm
zum Ruhme nachsagen, dass ich, in seinen mir damahls geleisteten Diensten mehr
Liebe und Treue, als Interesse gespüret. Mein Wunsch ist: ihn dermahleins
auszuforschen, und Gelegenheit zu finden, meine Erkänntlichkeit zu zeigen.
    Meine Kranckheit daurete inzwischen zu damahligen grossen Verdrusse, und
doch noch grössern Glücke, biss in die dritte Woche, worauf ich die freie Lufft
wiederum zu vertragen gewohnete, und derowegen mit meinem redlichen Lands-Manne
täglich ein paar mahl in das angenehme Rosental, doch aber bald wieder nach
Hause spatzirete, anbei im Essen und Trincken solche Ordnung hielt, als zu
völliger wieder herstellung meiner Gesundheit, vor ratsam hielt. Deñ ich war
nicht gesiñet als ein halber oder ganzer Patient nach Wittenberg zu komen.
    Der Himmel aber hatte beschlossen: dass so wohl aus meinen geistl. studiren,
als aus der nach Wittenberg vorgenommenen Reise nichts werden sollte. Denn als
ich etliche Tage nach meinen gehaltenen Kirch-Gange und erster Ausflucht mein
Morgen-Gebet annoch verrichtete; klopffte der Brieff-Träger von der Post an
meine Tür, und nach Eröffnung derselben, wurde mir von ihm ein Brieff
eingehändiget, welchen ich mit zitterenden Händen erbrach, und also gesetzt
befand:
                                                              D.d. 21. May 1725.
                                   Monsieur,
Ihnen werden diese Zeilen, so von einer ihrer Familie ganz unbekannten Hand
geschrieben sind, ohnfehlbar viele Verwunderung verursachen. Allein als ein
Studirender, werden sie vielleicht besser, als andere Ungelehrte, zu begreiffen
wissen, wie unbegreifflich zuweilen der Himmel das Schicksal der sterblichen
Menschen disponiret. Ich Endes unterschriebener, bin zwar ein Teutscher von
Geburt, stehe aber vor itzo als Schiffs-Capitain in Holländischen Diensten, und
bin vor wenig Tagen allhier in ihrer Geburts-Stadt angelanget, in Meinung, dero
Herrn Vater anzutreffen, dem ich eine der allerprofitablesten Zeitungen von der
Welt persönlich überbringen wollte; Allein ich habe zu meinem allergrösten
Miss-Vergnügen nicht allein sein gehabtes Unglück, sondern über dieses noch
vernehmen müssen: dass er allbereit vor Monats-Frist zu Schiffe nach West-Indien
gegangen. Diesem aber ohngeachtet, verbindet mich ein geleisteter cörperlicher
Eyd: Ihnen, Mons. Eberhard Julius, als dessen eintzigen Sohne, ein solches
Geheimnis anzuvertrauen, krafft dessen sie nicht allein ihres Herrn Vaters
erlittenen Schaden mehr als gedoppelt ersetzen, und vielleicht sich und ihre
Nachkommen, biss auf späte Jahre hinaus, glücklich machen können.
    Ich versichere noch einmal, Monsieur, dass ich mir ihre allerlei Gedancken
bei dieser Affaire mehr als zu wohl vorstelle, allein ich bitte sie inständig,
alle Hindernisse aus dem Wege zu räumen, und sich in möglichster Geschwindigkeit
auf die Reise nach Amsterdam zu machen, damit sie längstens gegen St. Johannis
-Tag daselbst eintreffen. Der 27. Jun., wo GOtt will, ist zu meiner Abfahrt nach
Ost-Indien angesetzt. Finden sie mich aber nicht mehr, so haben sie eine
versiegelte Schrifft, von meiner Hand gestellt, bei dem Banquier, Herrn G.v.B.
abzufordern, wornach sie Ihre Messures nehmen können. Doch ich befürchte, dass
ihre importanten Affairen weitläufftiger werden, und wohl gar nicht glücklich
lauffen möchten, woferne sie verabsäumeten, mich in Amsterdam auf dem
Ost-Indischen Hause, allwo ich täglich anzutreffen und bekannt genug bin,
persönlich zu sprechen. Schliesslich will ihnen die Beschleunigung ihrer Reise zu
ihrer zeitlichen Glückseeligkeit nochmahls freundlich recommendiren, sie der
guten Hand Gottes empfehlen, und beharren
                                    Monsieur
                        votre Valet
                                                             Leonhard Wolffgang.
        P.S.
Damit Monsieur Julius in meine Citation kein Misstrauen zu setzen Ursach habe,
folget hierbei ein Wechselbrief a 150. spec. Ducaten an Herrn S. in Leipzig
gestellet, welche zu Reise-Kosten aufzunehmen sind.
    Es wird vielleicht wenig Mühe kosten, jemanden zu überreden, dass ich nach
Durchlesung dieses Briefes eine gute Zeit nicht anders als ein Träumender auf
meinem Stuhle sitzen geblieben. Ja! es ist zu versichern, dass diese neue und vor
mich so profitable Zeitung fast eben dergleichen Zerrüttung in meinem Gemüte
stifftete: als die vorige von dem Unglücke meines Vaters. Doch konnte mich
hierbei etwas eher fassen, und mit meinem Verstande ordentlicher zu Rate gehen,
derwegen der Schluss in wenig Stunden dahinaus fiel: mit ehester Post die Reise
nach Amsterdam anzutreten. Hierbei fiel mir so gleich der tröstliche Vers ein:
Es sind ja GOtt sehr schlechte Sachen, etc. welcher mich anreitzete, GOtt
hertzlich anzuflehen, dass er meine Jugend in dieser bedencklichen Sache doch ja
vor des Satans und der bösen Welt gefährlichen Stricken, List und Tücken
gnädiglich bewahren, und lieber in gröstes Armut, als Gefahr der Seelen
geraten lassen wolle.
    Nachdem ich mich solchergestalt mit GOtt und meinem Gewissen wohl beraten,
blieb es bei dem gefassten Schlusse, nach Amsterdam zu reisen. Fing derowegen
an, alles aufs eiligste darzu zu veranstalten. Bei Herrn S. liess ich mir die
150. Duc. spec. noch selbigen Tages zahlen, packte meine Sachen ein, bezahlete
alle diejenigen, so mir Dienste geleistet hatten, nach meinen wenigen Vermögen
reichlich, verdung mich mit meiner Equippage auf die Casselische oder
Holländische Post, und fuhr in GOttes Nahmen, mit besondern Gemüts-Vergnügen
von Leipzig ab.
    Auf dieser Reise begegnete mir nichts ausserordentliches, ausser dem dass ich
mich resolvirte, teils Mattigkeit, teils Neugierigkeit wegen, die berühmten
Seltenheiten in und bei der Land-Gräfl. Hessen-Casselischen Residentz-Stadt
Cassel zu betrachten, einen Post-Tag zu verpassen. Nachdem ich aber ziemlich
ausgeruhet, und das magnifique Wesen zu admiriren vielfältige Gelegenheit
gehabt, verfolgte ich meine vorhabende Reise, und gelangete, noch vor dem mir
angesetzten Termine, glücklich in Amsterdam an.
    Mein Logis nahm ich auf recommendation des Coffre-Trägers in der
Wermuts-Strasse im Wapen von Ober-Yssel, und fand daselbst vor einen ermüdeten
Passagier sehr gute Gelegenheit. Dem ohngeacht vergönnete mir das heftige
Verlangen, den Capitain Wolffgang zu sehen, und ausführlich mit ihm zu sprechen,
kaum 7. Stunden Zeit zum Schlaffe, weil es an sich selbst kräfftig genug war,
alle Mattigkeit aus meinen Gliedern zu vertreiben. Folgendes Tages liess ich mich
von müssigen Purschen vor ein gutes Trinck-Geld in ein und anderes Schenck-Haus,
wohin gemeiniglich See-Fahrer zu kommen pflegten, begleiten. Ich machte mich mit
guter manier bald an diesen und jenen, um einen Vorbericht von des Capitain
Wolffgangs Person und ganzen Wesen einzuziehen, doch meine Mühe war überall
vergebens. Wir hatten binnen 3. oder 4. Stunden mehr als 12. biss 16. Teé-,
Coffeé-, Wein- und Brandteweins-Häuser durchstrichen, mehr als 50. See-Fahrer
angeredet, und doch niemand angetroffen, der erwähnten Capitain kennen wollte.
    Mein Begleiter fing schon an zu taumeln, weil er von dem Weine, den ich ihm
an verschiedenen Orten geben liess, ziemlich betruncken war, weswegen vors
dienlichste hielt, mit demselben den Rückweg nach meinem Quartiere zu suchen. Er
liess sich solches gefallen, kaum aber waren wir 100. Schritte zurück gegangen,
als uns ein alter Boots-Knecht begegnete, welchem er zurieff: Wohlauf, Bruder!
Kanst du Nachricht geben von dem Capitain Wolffgang? Hier ist ein Trinck-Geld zu
verdienen. Well Bruder, antwortete der Boots-Knecht, was soll Capitain
Wolffgang? soll ich nicht kennen? soll ich nicht wissen, wo er logirt? habe ich
nicht 2. Fahrten mit ihm getan? habe ich nicht noch vor 3. Tagen 2. fl. von ihm
geschenckt bekommen? Guter Freund! fiel ich ihm in die Rede, ists wahr, dass ihr
den Capitain Leonhard Wolffgang kennet, so gebet mir weitere Nachricht, ich will
- - - Mar Dübel, replicirte der Grobian, meint  ihr, dass ich euch belügen will?
so geht zum Teuffel, und sucht ihn selber. Diese mit einer
verzweiffelt-boshaftigen und scheelen Mine begleiteten Worte waren kaum
ausgesprochen, als er sich ganz negligent von uns abwandte, und in einen
Wein-Keller verfügte. Mein Begleiter riet mir nachzugehen, ihm gute Worte und
etliche Stüver an Gelde zu geben, auch etwa ein Glas Wein zuzutrincken, mit der
Versicherung: er würde mir sodann schon aufs neue und viel höfflicher zur Rede
stehen. Indem mir nun ein so gar vieles daran gelegen war, überwand ich meinen
innerlichen Verdruss, den ich über die grausame Grobheit dieses Menschen
geschöpfft hatte, und gehorchte meinem halb betrunckenen Ratgeber.
    Paul, so hiess der grobe Boots-Knecht, hatte kaum einen halben Gulden, nebst
einer tüchtigen Kanne Wein und die erste Sylbe von einem guten Worte bekommen,
als er so gleich der allerhöflichste Klotz von der ganzen Welt zu werden
schien. Er küssete meine Hand mit aller Gewalt wohl 50. mahl, hatte wider die
Gewohnheit dieser Leute seine Mütze stets in Händen, und wollte, alles meines
Bittens ohngeacht, sein Haupt in meiner Gegenwart durchaus nicht bedecken. Mein
Begleiter tranck ihm auf meine Gesundheit fleissig zu, Paul tat noch fleissiger
Bescheid, erzehlete mir aber dabei alles Haarklein, was er von des Capitain
Wolffgangs Person, Leben und Wandel in dem innersten seines Hertzens wusste, und
diese Erzehlung dauerte über zwei Stunden, worauf er sich erbot, mich so fort
in des Capitains Logis zu führen, welches nahe an der Börse gelegen sei.
    Allein, ich liess mich verlauten, dass ich meine Visite bei demselben noch
etliche Tage aufschieben, und vorhero erstlich von der Reise recht ausruhen
wollte. Hierauf bezahlte noch 6. Kannen Wein, den die beiden nassen Brüder
getruncken hatten, verehrete dem treuhertzigen Paul noch einen Gulden, und begab
mich allein wieder auf den Weg nach meinem Quartiere, weil mein allzu starck
besoffener Wegweiser gar nicht von der Stelle zu bringen war.
    Ich liess mir von dem Wirte die Mahlzeit auf meiner Cammer vor mich alleine
zubereiten, und wiederholte dabei in Gedancken alles, was mir Paul von dem
Capitain Wolffgang erzählt hatte. Hauptsächlich hatte ich angemerckt, dass
derselbe ein vortrefflich kluger und tapfferer See-Mann, anbei zuweilen zwar
sehr hitzig, doch aber bald wieder gelassen, gütich und freigebig sei, wie er
denn zum öffern nicht allein seine Freunde und Boots-Knechte, sondern auch
andere ganz frembde mit seinen grösten Schaden und Einbusse aus der Not
gerissen. Dem ohngeacht hätten seine Untergebenen vor wenig Jahren unter Wegs
wider diesen ehrlichen Mann rebellirt, demselben bei nächtlicher Weile Hände und
Füsse gebunden, und ihn bei einem wüsten Felsen ausgesetzt zurück gelassen. Doch
hätte vor einigen Monaten das Glücke den Capitain wieder gesund zurück
geführet, und zwar mit vielem Geld und Gütern versehen, auf was vor Art er
selbiges aber erworben, wusste Paul nicht zu sagen. Im übrigen sei er ein Mann
von mittler Statur, wohl gebildet und gewachsen, Teutscher Nation, etwas über
40. Jahr alt, und Luterischer Religion.
    Wie ich nun mit allem Fleiss dahin gestrebet, bevor ich mich dem Capitain zu
erkennen gäbe, erstlich bei frembden Leuten sichere Kundschaft wegen seines
Zustandes, Wesens, Gemüts- und Lebens-Art einzuziehen, so konnte mir diese
Nachricht als ein Confortativ meines ohne dem starcken Vertrauens nicht anders
als höchst angenehm sein. Die Speisen und Buteille Wein schmeckten mir unter
diesen Gedancken vortrefflich wohl, ich machte meinem auf der Post ziemlich
zerschüttelten Cörper nach der Mahlzeit dennoch eine kleine Motion, hielt aber
darauf ein paar Stunden Mittags-Ruhe.
    Gegen Abend liess ich mich von meinem vorigen Begleiter, der seinen Rausch
doch auch schon ausgeschlaffen hatte, abermals ausführen, und zwar in ein
berühmtes reputirliches Coffeé-Haus, wo sich unzählige Personen auf verschiedene
Arten divertirten. Ich meines Orts sah mich nach Niemanden anders als See-
Officianten um, war auch so glücklich, einen Tisch anzutreffen, welcher mit 6.
Personen von dergleichen Schlage besetzt, unten aber noch Platz genung vor mich
vorhanden war.
    Ich nahm mir die Freiheit, mich nach gemachten höflichen Compliment mit
meinem Coffeé-Potgen zu ihnen zu setzen. Ihre gewöhnliche Freiheit verleitete
sie gar bald, mich, wiewohl in ganz leutseeligen terminis, zu fragen: wer, und
woher ich wäre? was meine Verrichtungen allhier? Ob ich mich lange in Amsterdam
aufzuhalten gedächte? wie es mir allhier gefiele? u.d. gl. Ich beantwortete alle
ihre Fragen nach meinem Gutachten, und zwar mit sittsamer Bescheidenheit, keines
wegs aber mit einer Sclavischen Submission. Hiernächst drehten sie das Gespräch
auf die Beschaffenheit verschiedener Etaaten und Örter in Teutschland, da ich
ihnen denn auf Befragen, nach meinem besten Wissen, hinlängliche Satisfaction
gab. Auch fielen sie auf die unterschiedlichen Universitäten und Studenten,
worbei ihnen ebenfalls zu sattsamer Nachricht nichts schuldig blieb. Wesswegen
der Vornehmste unter ihnen zu mir sprach: Monsieur, ich bekenne, dass ihr mir
älter am Verstande als an Jahren vorkommt. Bei GOtt, ich halte viel von
dergleichen jungen Leuten.
    Ich mochte über diesen unverhofften Spruch etwas rot werden, machte aber
ein höflich Compliment, und antwortete: Mein Herr! Sie belieben allzu
vorteilhaftig von ihrem Diener zu sprechen, ich kann freilich nicht läugnen:
dass ich erstlich vor wenig Wochen in mein 20stes Jahr getreten bin, und
ohngeacht mich fast von meiner Kindheit an eiffrig auf die studia gelegt, so
weiss ich doch gar zu wohl, dass mir noch allzuviel an Conduite und
Wissenschaften mangelt, welches ich aber mit der Zeit durch emsigen Fleiss und
den Umgang mit geschickten Leuten zu verbessern trachten werde.
    Wo ihr Mittel habt, setzte ein anderer hinzu, wäre es Schade um euch: wenn
ihr nicht wenigstens noch 2. oder 3. Jahr auf Universitäten zubrächtet, nach
diesen Gelegenheit suchtet, die vornehmsten Länder von Europa durchzureisen.
Denn eben durch das Reisen erlernet man die Kunst, seine erlangte
Wissenschaften hier und dar glücklich anzubringen. Eben dieses, versetzte ich,
ist mein propos, und ob gleich meine eigenen Mittel dabei nicht zulänglich sein
möchten, so habe doch das feste Vertrauen zu GOtt, dass er etwan hier oder dar
gute Gönner erwecken werde, die mir mit gutem Rat und Tat, um meinen Zweck zu
erreichen, an die Hand gehen können. Ihr meritirt es sehr wohl, replicirte der
erstere, und ich glaube, es wird euch hinführo selten daran mangeln. Hiermit
wurde der Discours durch ein auf der Strasse entstandenes Lermen unterbrochen,
welches sich jedoch bald wiederum stillete, die Herrn See-Officiers aber blieben
eine kleine Weile ganz stille sitzen. Ich tranck meinen Coffeé auch in der
Stille, und rauchte eine Pfeiffe Canaster-Toback, da aber merckte, dass einer von
ihnen mich öffters sehr freundlich ansah, nahm mir die Kühnheit, ihn zu fragen:
Ob sich nicht allhier in Amsterdam ein gewisser Schiffs-Capitain, Nahmens
Leonhard Wolffgang, aufhielte? Mir ist (antwortete er) dieser Nahme nicht
bekandt. Wie? (fiel ihm derjenige, welchen ich vor den vornehmsten hielt, in die
Rede) soltet ihr den berühmten Capitain Wolffgang nicht kennen? welches jener so
wohl als die andern mit einem Kopff-Schütteln verneineten. Monsieur, (redete er
zu mir) ist Wolffgang etwan euer Befreundter oder Bekandter? Mein Herr,
(versetzte ich) keins von beiden, sondern ich habe nur unterweges auf der Post
mit einem Passagier gesprochen, der sich vor einen Vetter von ihm ausgab, und
darbei sehr viel merckwürdiges von seinen Avanturen erzehlete.
    Messieurs, (fuhr also der ansehnliche See-Mann in seiner Rede fort) ich kann
euch versichern, dass selbiger Capitain ein perfecter See-Officier, u. dabei
recht starcker Avanturier ist, welcher aber doch sehr wenig Wesens von sich
macht, und gar selten etwas von seinen eigenen Begebenheiten erzählt, es sei
denn, dass er bei ausserordentlich guter Laune anzutreffen. Er ist ein special
Freund von mir, ich kann mich aber deswegen doch nicht rühmen, viel von seinen
Geheimnissen ausgeforscht zu haben. Bei was vor Gelegenheit er zu seinem grossen
Vermögen gekommen? kann ich nicht sagen, denn ich habe ihn vor etliche 20.
Jahren, da er auf dem Schiffe, der Holländische Löwe genandt, annoch die Feder
führete, als einen pauvre diable gekennet, nach diesen hat er den Degen
ergriffen, und sich durch seine bravoure zu dem Posten eines Capitains
geschwungen. Seine Conduite ist dermassen angenehm, dass sich jederman mit ihm in
Gesellschaft zu sein wünschet. Vor kurtzen hat er sich ein vortrefflich neues
Schiff, unter dem Nahmen, der getreue Paris, ausgerüstet, mit welchen er eine
neue Tour auf die Barbarischen Küsten und Ost-Indien zu tun gesonnen, und wie
ich glaube, in wenig Tagen abseegeln wird. Hat einer oder der andere Lust, ihn
vor seiner Abfahrt kennen zu lernen, der stelle sich morgenden Vormittag auf dem
Ost-Indischen Hause ein, allwo ich notwendiger Affairen halber mit ihm zu
sprechen habe, und Abrede nehmen werde, an welchem Orte wir uns Nachmittags
divertiren können. Hiermit stund der ansehnliche Herr von seiner Stelle auf, um
in sein Logis zu gehen, die andern folgten ihm, ich aber blieb, nachdem ich von
ihnen höflichen Abschied genommen, noch eine Stunde sitzen, hatte meine eigenen
vergnügten Gedancken über das angehörte Gespräch, und ging hernachmahls mit
meinem abermals ziemlich berauschten Begleiter zurück in mein Logis, allwo mich
so gleich niederlegte, und viel sanfter, als sonst gewöhnlich, ruhete.
    Folgenden Morgen begab mich in reinlicherer Kleidung in die neue Luterische
Kirche, und nach verrichteter Andacht spatzirte auf das Ost-Indische Haus zu, da
nun im Begriff war, die Kostbarkeiten desselben ganz erstaunend zu betrachten;
hörete ich seitwerts an einem etwas erhabenen Orte die Stimme des gestern mir so
ansehnlich gewesenen See-Officiers zu einem andern folgendes reden: Mon Frere!
sehet dort einen wohl conduisirten jungen Teutschen stehen, welcher nur vor
wenig Tagen mit der Post von Leipzig gekommen, und gestrigen Abend in meiner
Compagnie nach euch gefragt hat, weil er unterwegs einen eurer Vettern
gesprochen: Es wurde gleich hierauf etliche mahl gepistet, so bald nun
vermerckte, dass es mich anginge, machte ich gegen die 2. neben einander stehende
Herren meinen Reverence, Sie danckten mir sehr höflich, beuhrlaubten sich aber
so gleich von einander. Der Unbekandte kam augenblicklich auf mich zu, machte
mir ein sehr freundlich Compliment, und sagte: Monsieur, wo ich mich nicht irre,
werden sie vielleicht den Capitain Wolffgang suchen? Mon Patron, (antwortete
ich) ich weiss nicht anders, und bin dieserhalb von Leipzig nach Amsterdam
gereiset. Um Vergebung, (fragte er weiter) wie ist ihr Nahme? (Meine Antwort
war) Ich heisse Eberhard Julius. Den Augenblick fiel er mir um den Hals, küssete
mich auf die Stirn, und sagte: Mein Sohn, an mir findet ihr denjenigen, so ihr
sucht, nämlich den Capitain Leonhard Wolffgang. GOtt sei gelobet, der meinen
Brieff und eure Person die rechten Wege geführet hat, doch habt die Güte, eine
kleine Stunde hier zu verziehen, biss ich, nachdem ich meine wichtigen Geschäffte
besorgt, wieder anhero komme, und euch abruffe. Ich versprach seinem Befehl zu
gehorsamen, er aber ging eilends fort, und kam, ehe noch eine Stunde
verstrichen, wieder zurück, nahm mich bei der Hand, und sagte: So komet denn,
mein Sohn, und folget mir in mein Logis, allwo ich euch ein solches Geheimnis
entdecken werde, welches, je unglaublicher es anfänglich scheinen, desto
kostbarer vor euch sein wird. Die verschiedenen Gemüts-Bewegungen, so bei
dieser Zusammenkunft in mir ganz wunderlich durch einander gingen, hatten
meinen Kopff dermassen verwirret, dass fast nicht mehr wusste, was ich antworten,
oder wie mich stellen wollte, doch unterwegens, da der Capitain bald mit diesen,
bald mit jenen Personen etwas zu schaffen hatte, bekam ich Zeit, mich etwas
wieder in Ordnung zu bringen. So bald wir demnach in seinem Logis eingetreten
waren, umarmete er mich aufs neue, und sagte: Seid mir vielmahls willkommen,
allerwertester Freund, und nehmet nicht ungütig, wenn ich euch hinführo, Mein
Sohn, nenne, weiln die Zeit lehren soll, dass ich als ein Vater handeln, und euch
an einen solchen Ort führen werde, wo ihr den Grund-Stein zu eurer zeitlichen
Glückseeligkeit finden könnet, welche, wie ich glaube, durch das Unglück eures
Vaters auf schwachen Fuss gesetzt worden. Jedoch, weil ich nicht gesonnen bin,
vor eingenommener Mittags-Mahlzeit von unsern importanten Affairen ausführlich
mit euch zu sprechen, so werdet ihr euch belieben lassen, selbe bei mir
einzunehmen, inzwischen aber, biss die Speisen zubereitet sind, mir eine kurtze
Erzehlung von eurem Geschlechte und eigner Auferziehung tun. Ich wegerte mich
im geringsten nicht, seinem Verlangen ein Genügen zu leisten, und fassete zwar
alles in möglichste Kürtze, brachte aber dennoch länger als eine Stunde darmit
zu, war auch eben fertig, da die Speisen aufgetragen wurden.
    Nachdem wir beiderseits gesättiget, und aufgestanden waren, befahl der
Capitain, Toback und Pfeiffen her zu geben, auch Coffeé zurechte zu machen, er
aber langete aus seinem Contoir einen dreimal versiegelten Brieff, und
überreichte mir selben ohne einiges Wortsprechen. Ich sah nach der
Uberschrifft, und fand dieselbe zu meiner grösten Verwunderung also gesetzt:
    Dieser im Nahmen der heiligen Dreifaltigkeit versiegelte Brieff soll von
        niemand anders gebrochen werden, als einem, der den Geschlechts- Nahmen
        Julius führet, von dem ao. 1633 unschuldig entaupteten Stephano Julius
        NB. erweisslich abstammet, und aus keuschem Ehe- Bette gezeuget worden.
                                                                             NB.
Der Fluch sehr alter Leute, die da GOtt fürchten, tut gottlosen und
    betrügerischen Leuten Schaden.
    Dergleichen Titul und Uberschrifft eines Briefes war Zeit meines Lebens
nicht vor meine Augen kommen, doch weil ich ein gut gewissen hatte, konnte mich
gar bald in den Handel schicken. Der Capitain Wolffgang sah mich starr an, ich
aber machte eine freudige Mine, und sagte: Mon Pere, es fehlet nichts als Dero
gütige Erlaubnis, sonsten hätte ich die Macht und Freiheit, diesen Brieff zu
erbrechen. Erbrechet denselben, antwortete er, im Nahmen der heil.
Dreifaltigkeit. Weiln er, versetzte ich, im Nahmen der heil. Dreifaltigkeit
geschrieben und versiegelt worden, und mein Gewissen von allen Betrügereien rein
ist, so will ich, doch nicht anders, als auf Dero Befehl, denselben auch im
Nahmen der heil. Dreifaltigkeit erbrechen. Mit Aussprechung dieser Worte lösete
ich die Siegel, und fand den Innhalt also gesetzt:
                                  Mein Enckel.
Anders kann und will ich euch nicht nennen, und wenn ihr gleich der mächtigste
Fürst in Europa wäret, deñ es fragte sich, ob mein glückseliger Character dem
eurigen nicht vorzuziehen sei, indem ich ein solcher Souverain bin, dessen
Untertanen so viel Liebe als Furcht, und so viel Furcht als Liebe hegen, über
dieses an baaren Gelde und Jubelen einen solchen Schatz aufzuweisen habe, als
ein grosser Fürst seinen Etaat zu formiren von nöten hat. Doch was nützet mir
das Prahlen, ich lebe vergnügt, und will vergnügt sterben, wenn nur erst das
Glück erlebt, einen von denenjenigen, welche meinen Geschlechts-Nahmen führen,
gesehen zu haben. Machet euch auf, und kommet zu mir, ihr möget arm oder reich,
krum oder lahm, alt oder jung sein, es gilt mir gleich viel, nur einen Julius
von Geschlechte, der Gottesfürchtig und ohne Betrug ist, verlange ich zu
umarmen, und ihm den grösten Teil der mir und den Meinigen unnützlichen Schätze
zuzuwenden. Dem Herrn Leonhard Wolffgang könnet ihr sicher trauen, weil er seine
lincke Hand auf meine alte Brust gelegt, die rechte aber gegen GOtt dem
Allmächtigen in die Höhe gereckt, und mir also einen cörperlichen Eyd
geschworen, diejenigen Forderungen, so ich an ihn getan, nach Möglichkeit zu
erfüllen. Er wird alles, was ich an euch zu schreiben Bedencken trage, besser
mündlich ausrichten, und eine ziemliche Beschreibung von meinem Zustande machen.
Folget ihm in allen, was er euch befiehlet, seid gesund, und kommet mit ihm bald
zu mir. Dat. Felsenburg, den 29. Sept. Anno Christi 1724. Meiner Regierung im
78. und meines Alters im 97. Jahre.
                                     (L.S.)
                                                                Albertus Julius.
    Ich überlass den Brieff wohl 5. biss 6. mahl, konnte mir aber dennoch in meinen
Gedancken keinen völligen und richtigen Begriff von der ganzen Sache machen,
welches der Capitain Wolffgang leichtlich merckte, und derowegen zu mir sprach:
Mein Sohn! alles euer Nachsinnen wird vergebens sein, ehe ihr die auflösung
dieses Rätzels von mir, in Erzählung der wunderbaren Geschicht eures Vettern,
Albert Julius, vernehmet, setzet euch demnach nieder und höret mir zu.
    Hiermit fing er an, eine, meines Erachtens, der wunderbarsten Begebenheiten
von der Welt zu erzählen, die ich dem geneigten Leser, als die Haupt-Sache
dieses Buchs am gehörigen Orte ordentlicher und vollständiger vorlegen werde.
Voritzo aber will nur melden, dass da der Capitain über zwei Stunden damit
zugebracht, und mich in erstaunendes Vergnügen gesetzt hatte; ich mich auf eine
recht sonderlich verpflichtete Art gegen ihn bedanckte, in allen Stücken seiner
gütigen Vorsorge empfahl, anbei allen kindlichen und schuldigen Gehorsam zu
leisten versprach.
    Nachdem aber fest gestellet war, mit ihm zu Schiffe zu gehen, liess er meine
Sachen aus dem Gastofe abholen, und behielt mich bei sich in seinem eigenen
Logis, er bezeugte eine ganz besondere Freude über einige schrifftl. Documenta
und andere Dinge, welche Zeugnis gaben, dass ich und meine Vorfahren, in
richtigen graden von dem Stephano Julio herstammeten, weil derselbe meines
Grossvaters Grossvater, Johann Baltasar Julius aber, als meines leiblichen Vaters
Grossvater, der anno 1630. geboren, ein leiblicher Bruder des Alberti Julii, und
jüngster Sohn des Stephani gewesen.
    Unsere Abfart blieb auf den 27. Jun. fest gestellet, binnen welcher Zeit
ich 200. Stück deutsche, 100. Stück Englische Bibeln, 400. Gesang- und
Gebet-nebst vielen andern, so wohl geistl. als weltlichen höchst nützlichen
Büchern, alle sauber gebunden, kauffen, und zum mitnehmen einpacken musste, über
dieses musste noch vor etliche 1000. Tlr. allerhand so wohl künstliche als
gemeine Instrumenta, vielerlei Haus-Rat, etliche Ballen weiss Pappier, Dinten
Pulver, Federn, Bleistiffte, nebst mancherlei Kleinigkeiten erhandeln, welches
alles, worzu es gebraucht worden, am gehörigen Orte melden will.
    Mein werter Capitain Wolffgang merckte, dass ich nicht gerne müssig ging,
überliess mir demnach alle Sorgfalt über diejenigen Puncte, so er nach und nach,
wie sie ihm beigefallen waren, auf ein Papier verzeichnet hatte, und zeigte sich
die wenigen Stunden, so ihm seine wichtigen Verrichtungen zu Hause zu sein
erlaubten, meines verspürten Fleisses und Ordnung wegen, sehr vergnügt.
    Am 24. Jun. gleich am Tage Johannis des Täuffers, liess sich, da wir eben
Mittags zu Tische sassen, ein fremder Mensch bei dem Capitain melden, dieser
ging hinaus denselben abzufertigen, kam aber sogleich wieder zurück ins Zimmer,
brachte eine ansehnliche Person in Priester habite an der Hand hinein geführet,
und nötigte denselben sich bei uns zu Tische zu setzen. Kaum hatte ich den
frembden Priester recht ins Gesicht gesehen, als ich ihn vor meinen ehemahligen
Informator, Herrn Ernst Gottlieb Schmeltzern erkannte, umarmete, und zu
verschiedenen mahlen küssete, denn er hatte von meinem zehenten biss ins 14te
Jahr, ungemein wohl an mir getan, und mich hertzlich geliebt.
    Als er mich gleichfals völlig erkannt und geküsset, gab er seine
Verwunderung, mich allhier anzutreffen, mit Worten zu verstehen. Ich tat, ohne
ihm zu antworten, einen Blick auf den Capitain, und nahm wahr, dass ihm über
unser hertzliches Bewillkommen, die Augen voll Freuden-Tränen stunden. Er
sagte: setzet euch, meine lieben, und speiset, denn wir hernach noch Zeit genung
haben mit einander zu sprechen.
    Dem ohngeacht, konnte ich die Zeit nicht erwarten, sondern fragte bald
darauff meinen lieben Herrn Schmeltzer, ob er bei denen Luteranern allhier in
Amsterdam seine Beförderung gefunden? Er antwortete mit einigem Lächeln: Nein.
Der Capitain aber sagte: Mein Sohn, dieser Herr soll auf dem Schiffe, unser,
nach diesem an gehörigem Orte, auch eurer Vettern und Muhmen, Seelsorger sein.
Ich habe die Hoffnung von ihm, dass er nächst Göttl. Hülffe daselbst mehr Wunder
tun, und sein Ammt fruchtbarlicher verrichten werde, als sonsten unter 100.
Luterischen Predigern kaum einer. Und in der Tat hatte ihn der Capitain in
ordentliche Bestallung genommen, auf seine Kosten behörig zum Priester weihen
lassen, und in Amsterdam bei uns einzutreffen befohlen, welchem allen er denn
auch aufs genauste nachgekommen war.
    Indem aber nunmehro fast alles, was der Capitain entworffen, in behörige
Ordnung gebracht war, wandte derselbe die 2. letztern Tage weiter sonderlich zu
nichts an, als seinen guten Freunden die Abschieds-Visiten zu geben, worbei Herr
Schmeltzer und ich ihn mehrenteils begleiteten, am 27ten Jun. 1725. aber,
verliessen wir unter dem stärcksten Vertrauen auf den Beistand des Allmächtigen,
die Weltberühmte Stadt Amsterdam, und kamen den 30. dito auf dem Texel an, allwo
wir 14. Tage verweileten, den 15. Jul. unter Begleitung vieler andern Schiffe
unter Seegel giengen, und von einem favorablen Winde nach Wunsche fort getrieben
wurden. Nach Mitternacht wurde derselbe etwas stärcker, welches zwar niemand von
See-Erfahrnen gross achten wollte, jedoch mir, der ich schon ein paar Stündgen
geschlummert hatte, kam es schon als einer der grösten Stürme vor, weswegen alle
meine Courage von mir weichen wollte, jedoch da ich nicht gesonnen, selbige
fahren zu lassen, entfuhr mir folgende Tage nach einander, s.v. alles, was in
meinen Magen und Gedärmen vorhanden war. Dem Herrn Schmeltzer und vielen andern,
so ebenfalls das erste mal auf die See kamen, ging es zwar eben nicht anders,
allein mir dennoch am allerübelsten, weil ich nicht eher ausser dem Bette dauern
konnte, biss wir den Canal völlig passiret waren, dahingegen die andern sich in
wenig Tagen wieder gesund und frisch befunden hatten.
    Meinem Capitain war im rechten Ernste bange worden, bei meiner so lange
anhaltenden Kranckheit, und indem er mir beständig sein hertzliches Mittleiden
spüren liess, durffte es an nichts, was zu meinem Besten gereichte, ermangeln;
biss meine Gesundheit wiederum völlig hergestellet war, da ich denn sonsten
nichts bedaurete, als dass mich nicht im Stande befunden hatte, von den
Frantzösischen und Englischen Küsten, im vorbei fahren etwas in nahen
Augenschein zu nehmen.
    Nunmehro sah nichts um mich, als Wasser Himmel und unser Schiff, von den
zurück gelegten Ländern aber, nur eine dunckele Schattirung, doch hatte kurtz
darauff das besondere Vergnügen: bei schönem hellen Wetter, die Küsten von
Portugall der Länge nach, zu betrachten.
    Eines Tages, da der Capitain, der Schiff-Lieutenant Horn, Johann Ferdinand
Kramer, ein gar geschickter Chirurgus von 28. biss 29. Jahren, Friedrich
Litzberg, ein artiger Mensch von etwa 28. Jahren, der sich vor einen
Matematicum ausgab, und ich, an einem bequemlichen Orte beisammen sassen, und
von diesen und jenen discoutirten, sagte der Lieutenannt Horn zu dem Capitain:
Mein Herr, ich glaube sie könten uns allerseits kein grösseres Vergnügen machen,
als wenn sie sich gefallen liessen, einige, ihnen auf dero vielen Reisen gehabte
Avanturen zu erzählen, welche gewiss nicht anders, als sonderbar sein können,
mich wenigstens würden sie damit sehr obligiren, woferne es anders, seiten
ihrer, ohne Verdruss geschehen kann.
    Der Capitain gab lächelnd zur Antwort: Sie bitten mich um etwas, mein Herr,
das ich selber an Sie würde gebracht haben, weiln ich gewisser Ursachen wegen
schon 2. biss drei Tage darzu disponirt gewesen, will mir also ein geneigtes
Gehör von ihnen ausgebeten haben, und meine Erzählung gleich anfangen, so bald
Mons. Plager und Harckert unsere Gesellschaft verstärckt haben. Litzberg,
welchem so wohl, als mir, Zeit und Weile lang wurde, etwas erzählen zu hören,
lieff stracks fort, beide zu ruffen, deren der erste ein Uhrmacher etliche 30.
Jahr alt, der andere ein Posamentirer von etwa 23. Jahren, und beides Leute sehr
feines Ansehens waren. Kaum hatten sich dieselben eingestellet, da sich der
Capitain zwischen uns einsetzte, und die Erzehlung seiner Geschichte
folgendermassen anfing.
    Ich bin kein Mann aus vornehmen Geschlechte, sondern eines Posamentiers oder
Bortenwürckers Sohn, aus einer mittelmässigen Stadt, in der Marck Brandenburg,
mein Vater hatte zu seinem nicht allzu überflüssigen Vermögen, 8. lebendige
Kinder, nämlich 3. Töchter und 5. Söhne, unter welchen ich der jüngste, ihm
auch, weil er schon ziemlich bei Jahren, der liebste war. Meine 4. Brüder
lerneten, nach ihren Belieben, Handwercke, ich aber, weil ich eine besondere
Liebe zu den Büchern zeigte, wurde fleissig zur Schule und privat-Information
gehalten, und brachte es so weit, dass in meinem 19. Jahre auf die Universität
nach Franckfurt an der Oder ziehen konnte. Ich wollte Jura, musste aber, auf
expressen Befehl meines Vaters, Medicinam, studiren, ohne zweifel, weil nicht
mehr als 2. allbereit sehr alte Medici, oder deutlicher zu sagen, privilegirte
Liferanten des Todes in unserer Stadt waren, die vielleicht ein mehreres an den
Verstorbenen, als glücklich curirten Patienten verdient haben mochten. Einem
solchen dachte mich nun etwa mein Vater mit guter manier und zwar per genitivum
zu substituiren, weiln er eine eintzige Tochter hatte, welche die allerschönste
unter den hässlichsten Jungfern, salvo errore calculi, war, und der die dentes
sapientiæ, oder deutsch zu sagen, die letzten Zähne nur allererst schon vor 12.
biss 16. Jahren gewachsen waren.
    Ich machte gute progressen in meinen studiren, weiln alle Quartale nur 30.
Tlr. zu vertun bekam, also wenig debauchen machen durffte, sondern fein zu
Hause bleiben und fleissig sein musste.
    Doch mein Zustand auf Universitäten wollte sich zu verbessern mine machen,
denn da ich nach andertalbjährigen Absein die Pfingst-Ferien bei meinen Eltern
celebrirte, fand ich Gelegenheit, bei meinem, zu hoffen habenden Hrn.
Schwieger-Vater mich dermassen zu insinuiren, dass er als ein Mann, der in der
Stadt etwas zu sprechen hatte, ein jährliches stipendium von 60. Tlr. vor mich
heraus brachte, welche ich nebst meinen Väterlichen 30. Tlr. auf einem Brete
bezahlt, in Empfang nahm, und mit viel freudigern Hertzen wieder nach
Franckfurt eilete, als vor wenig Wochen davon abgereiset war.
    Nunmehro meinte ich keine Not zu leiden, führete mich demnach auch einmal
als ein rechtschaffener Pursch auf, und gab einen Schmauss vor 12. biss 16. meiner
besten Freunde, wurde hierauff von ein und andern wieder zum Schmause invitirt,
und lernete recht pursicos leben, das ist, fressen, sauffen, speien, schreien,
wetzen und dergleichen.
    Aber! Aber! meine Schmauserei bekam mir wie dem Hunde das Grass, denn als ich
einsmals des Nachts ziemlich besoffen nach Hause ging, und zugleich mein
Mütlein, mit dem Degen in der Faust, an den unschuldigen Steinen kühlete, kam
mir ohnversehens ein eingebildeter Eisenfresser mit den tröstlichen Worten auf
den Hals: Bärenheuter steh! Ich weiss nicht was ich nüchterner Weise getan
hätte, wenn ich Gelegenheit gesehen, mit guter manier zu entwischen, so aber
hatte ich mit dem vielen getrunckenen Weine doppelte Courage, eingeschlungen,
setzte mich also, weil mir der Pass zur Flucht ohnedem verhauen war, in positur,
gegen meinen Feind offensive zu agiren, und legte denselben, nach kurtzen chargi
ren, mit einem fatalen Stosse zu Boden. Er rieff mit schwacher Stimme:
Bärenhäuter, du hast dich gehalten als ein resoluter Kerl, mir aber kostet es
das Leben, GOTT sei meiner armen Seele gnädig.
    Im Augenblicke schien ich ganz wieder nüchtern zu sein, ruffte auch
niemanden, der mich nach Hause begleiten sollte, sondern schlich viel hurtiger
davon, als der Fuchs vom Hüner Hause. Dennoch war es, ich weiss nicht quo fato,
heraus gekommen, dass ich der Täter sei; es wurde auch starck nach mir gefragt
und gesucht, doch meine besten Freunde hatten mich, nebst allen meinen Sachen,
dermassen künstlich versteckt, dass mich in 8. Tagen niemand finden, vielweniger
glauben konnte, dass ich noch in loco vorhanden sei. Nach verfluss solcher
ängstlichen 8. Tage, wurde ich eben so künstlich zum Tore hinaus practiciret,
ein anderer guter Freund kam mit einem Wagen hinter drein, nahm mich unterweges,
dem Scheine nach, aus Barmhertzigkeit, zu sich auf den Wagen, und brachte meinen
zitterenden Cörper glücklich über die Grentze, an einen solchen Ort, wo ich
weiter sonderlich nichts wegen des Nachsetzens zu befürchten hatte. Doch allzu
sicher durffte ich eben auch nicht trauen, derowegen practicirte mich durch
allerhand Umwege, endlich nach Wunsche, in die an der Ost-See gelegene Königl.
Schwed. Unniversität Grypswalda, allwo ich in ganz guter Ruhe hätte leben
können, wenn mir nur mein unruhiges Gewissen dieselbe vergönnet hätte, denn
ausser dem, dass ich die schwere Blut-Schuld auf der Seele hatte, so kam noch die
betrübte Nachricht darzu, dass mein Vater, so bald er diesen Streich erfahren,
vom Schlage gerühret worden, und wenig Stunden darauff gestorben sei. Meinen
Teil der Erbschaft hatten die Gerichten confiscirt, doch schickten mir meine
Geschwister aus commiseration, jedes 10. Tlr. von dem ihrigen, und baten mich
um GOTTES willen, so weit in die Welt hinein zu gehen als ich könnte, damit sie
nicht etwa eine noch betrübtere Zeitung, von Abschlagung meines Kopffs bekommen
möchten.
    Ich hatte, nach verlauf fast eines halben Jahres, ohnedem keine Lust mehr in
Grypswalde zu bleiben, weiln mir nicht so wohl hinlängliche subsidia als eine
wahre Gemüts-Ruhe fehleten, entschloss mich demnach selbige auf der unruhigen
See zu suchen, und dessfals zu Schiffe zu gehen. Dieses mein Vorhaben entdeckte
ich einem Studioso Teologiæ, der mein sehr guter Freund und Sohn eines starcken
Handels-Mannes in Lübeck war, selbiger recommendirte mich an seinen Vater, der
eben zugegen, und seinen Sohn besuchte, der Kauffmann stellete mich auf die
Probe, da er nun merckte, dass ich im schreiben und rechnen sauber und expedit,
auch sonsten einen ziemlich verschlagenen Kopff hatte, versprach er mir jährlich
100. Tlr. Silber-Müntze, beständige defrayirung so wohl zu Hause als auf
Reisen, und bei gutem Verhalten dann und wann ein extraordinaires ansehnliches
Accidens.
    Diese schöne Gelegenheit ergriff ich mit beiden Händen, reisete mit ihm nach
Hause, und insinuirte mich durch unermüdeten Fleiss dermassen bei ihm, dass er in
kurtzer Zeit ein starckes Vertrauen auf meine Conduite setzte, und mich mit den
wichtigsten Commissionen in diejenigen See-Städte versendete, wo er seine
vornehmsten Verkehr hatte.
    Nachdem ich 2. Jahr bei ihm in Diensten gestanden, wurde mir, da ich nach
Amsterdam verschickt war, daselbst eine weit profitablere Condition angetragen,
ich acceptirte dieselbe, reisete aber erstlich wieder nach Lübeck, forderte von
meinem Patron ganz höfflich den Abschied, welcher ungern daran wollte, im
Gegenteil mir jährlich mein salarium um 50. Tlr. zu verbessern versprach,
allein ich hatte mir einmal die Fart nach Ost-Indien in den Kopff gesetzt, und
solche war gar nicht heraus zu bringen. So bald ich demnach meinen ehrlichen
Abschied nebst 50. Tlr. Geschencke über den Lohn von meinem Patron erhalten,
nahm ich von denselben ein recht zärtliches Valet, wobei er mich bat, ihm bei
meiner Retour, ich möchte glücklich oder unglücklich gewesen sein, wieder
zuzusprechen, und reisete in GOTTES Nahmen nach Amsterdam, allwo ich auf dem
Schiffe, der Holländische Löwe genannt, meinen Gedancken nach, den kostbarsten
Dienst bekam, weiln jährlich auf 600. Holländische Gulden Besoldung sichern
Etaat machen konnte.
    Mein Vermögen, welches ich ohne meines vorigen Patrons Schaden zusammen
gescharret, belieff sich auf 800. Holländ. fl. selbiges legte meistens an lauter
solche Waaren, womit man sich auf der Reise nach Ost-Indien öffters 10. biss 20.
fachen profit machen kann, fing also an ein rechter, wiewohl annoch ganz
kleiner, Kauffmann zu werden.
    Immittelst führte ich mich so wohl auf dem Schiffe, als auch an andern Orten,
dermassen sparsam und heimlich auf, dass ein jeder glauben musste: ich hätte nicht
10. fl. in meinem ganzen Leben, an meiner Hertzhaftigkeit und freien Wesen
aber hatte niemand das geringste auszusetzen; weil ich mir von keinem, er mochte
sein wer er wollte, auf dem Munde trommeln liess. Auf dem Cap de bonne esperence,
allwo wir genötiget waren, etliche Wochen zu verweilen, hatte ich eine
verzweiffelte Rencontre, und zwar durch folgende Veranlassung: Ich ging eines
Tages von dem Cap zum Zeitvertreib etwas tieffer ins Land hinein, um mit meiner
mitgenommenen Flinte ein anständiges stückgen Wildpret zu schiessen, und geriet
von ohngefähr an ein, nach dasiger Art ganz zierlich erbautes Lust-Haus, so
mit feinen Gärten und Weinbergen umgeben war, es schien mir würdig genung zu
sein, solches von aussen rings herum zu betrachten, gelangete also an eine halb
offenstehende kleine Garten-Tür, trat hinnein und sah ein gewiss recht schön
gebildet, und wohl gekleidetes Frauenzimmer, nach dem klange einer kleinen
Trommel, die ein anderes Frauenzimmer ziemlich Tact-mässig spielete, recht
zierlich tantzen.
    Ich merckte dass sie meiner gewahr wurde, jedennoch liess sie sich gar nicht
stöhren, sondern tantzte noch eine gute Zeit fort, endlich aber, da sie
aufgehöret und einer alten Frauen etwas ins Ohr gesagt hatte; kam die letztere
auf mich zu, und sagte auf ziemlich gut Holländisch: Wohl mein Herr! ihr habt
ohne gebetene Erlaubnis euch die Freiheit genommen, meiner gnädigen Frauen im
Tantze zuzusehen, derowegen verlangt sie zu wissen, wer ihr seid, nächst dem,
dass ihr deroselben den Tantz bezahlen sollet. Liebe Mutter, gab ich zur Antwort,
vermeldet eurer gnädigen Frauen meinen untertänigsten Respect, nächst dem, dass
ich ein Unter-Officier von dem hier am Cap liegenden Holländischen Schiffen sei,
und das Vergnügen, so mir dieselbe mit ihrem zierlichen tantzen erweckt,
hertzlich gerne bezahlen will, wenn nur die Forderung mein Vermögen nicht
übersteiget.
    Die Alte hatte ihren Rapport kaum abgestattet als sie mir, auf Befehl der
Täntzerin näher zu kommen, winckte. Ich gehorsamte, und musste mit in eine dick
belaubte Hütte von Wein-Reben eintreten, auch sogleich bei der gnädigen Frau
Täntzerin Platz nehmen. Der nicht weniger recht wohlgebildete Tambour, so zum
Tantze aufgetrummelt hatte, führte sich von selber ab, war also niemand bei
uns als die alte Frau, in deren Gegenwart mich die gnädige Täntzerin mit der
allerfreundlichsten mine auf geradebrecht Holländisch anredete, und bat, ich
möchte die Gnade haben und ihr selber erzählen, wer? woher? was ich sei? und
wohin ich zu reisen gedächte, ich beantwortete alles, so wie es mir in die
Gedancken kam, weil ich wohl wusste, dass ihr ein wahrhaftes Bekänntniss eben so
viel gelten konnte, als ein erdachtes. Sie redete hierauf etwas weniges mit der
Alten, in einer mir unbekandten Sprache, welche etliche mal mit dem Kopffe
nickte und zur Hütte hinaus ging. Kaum hatte selbige uns den Rücken zugekehret,
da die Dame mich sogleich bei der Hand nahm und sagte: Mein Herr, die jungen
Europäer sind schöne Leute, und ihr sonderlich seid sehr schön. Madame, gab ich
zur Antwort, es Beliebt euch mit euren Sclaven zu schertzen, denn ich weiss dass
aus meinen Ansehen nichts sonderliches zu machen ist. Ja ja war ihre Gegenrede,
ihr seid in Wahrheit sehr schön, ich wünschte im Ernste, dass ihr mein Sclave
wäret, ihr soltet gewiss keine schlimme Sache bei mir haben. Aber fuhr sie fort,
sagt mir, wie es kömmt, dass auf diesem Cap lauter alte, übel gebildete, und
keine schönen jungen Europäer bleiben? Madame, versetzte ich, wenn nur auf
diesem Cap noch mehr so schönes Frauenzimmer wie ihr seid, anzutreffen wäre, so
kann ich euch versichern, dass auch viel junge Europäer hier bleiben würden. Was?
fragte sie, saget ihr, dass ich schöne sei, und euch gefalle? Ich müste, war
meine Antwort: keine gesunde Augen und Verstand haben, wenn ich nicht gestünde,
dass mir eure Schönheit recht im Hertzen wohl gefällt. Wie kann ich dieses
glauben? replicirte sie, ihr sagt, dass ich schöne sei, euch im Hertzen wohl
gefalle, und küsset mich nicht einmal? da ihr doch alleine bei mir seid, und
euch vor niemand zu fürchten habt. Ihre artige lispelende wiewol unvollkomene
Holländis. Sprache kam mir so lieblich, der Innhalt der Rede aber, nebst denen
charmanten Minen, dermassen entzückend vor, dass an statt der Antwort mir die
Kühnheit nahm, einen feurigen Kuss auf ihre Purpurroten und zierlich
aufgeworffenen Lippen zu drücken, an statt dieses zu verwehren, bezahlete sie
meinen Kuss, mit 10. biss 12. andern, weil ich nun nichts schuldig bleiben wollte,
wechselten wir eine gute Zeit mit einander ab, biss endlich beide Mäuler ganz
ermüdet auf einander liegen blieben, worbei sie mich so heftig an ihre Brust
drückte, dass mir fast der Atem hätte vergehen mögen. Endlich liess sie mich los,
und sah sich um, ob uns etwa die Alte belauschen möchte, da aber niemand
vorhanden war, ergriff sie meine Hand, legte dieselbe auf die, wegen des tieff
ausgeschnittenen habits, über halb entblösseten Brüste, welche, durch das
heftige auf- und niedersteigen, die Glut des verliebten Hertzens abzukühlen
suchten, deren Flammen sich in den kohlpechschwartzen schönen Augen zeigten. Das
Küssen wurde aufs neue wiederholet, und ich glaube, dass ich dieses mal ganz
gewiss über dass 6te Gebot hingestürtzt wäre, so aber war es vor diesesmal nur
gestolpert, weil sich noch zum guten Glücke die Alte von ferne mit Husten hören
liess, dahero wir uns eiligst von einander trenneten, und so bescheiden da
sassen, als ob wir kein Wasser betrübet hätten.
    Die Alte brachte in einem Korbe 2. Bouteillen delicaten Wein, eine Bouteille
Limonade, und verschiedene Früchte und Confituren, worzu ich mich gar nicht
lange nötigen liess, sondern so wohl als die Dame, welche mir nun noch 1000. mal
schöner vorkam, mit grösten Appetit davon genoss. So lange die Alte zugegen war,
redeten wir von ganz indiffirenten Sachen, da sie sich aber nur noch auf ein
sehr kurtzes entfernete, um eine gewisse Frucht von der andern Seite des Gartens
herzuholen, gab mir die Dame mit untermengten feurigen Küssen zu vernehmen: Ich
sollte mir Morgen, ohngefähr zwei Stunden früher als ich heute gekommen, ein
Gewerbe machen, wiederum an dieser Stelle bei ihr zu erscheinen, da sie mir denn
eine gewisse Nacht bestimmen wollte, in welcher wir ohne Furcht ganz alleine
beisammen bleiben könten. Weiln mir nun die Alte zu geschwinde auf den Hals kam,
musste die Antwort schuldig bleiben, doch da es mich Zeit zu sein dünckte
Abschied zu nehmen, sagte ich noch: Madame, ihr werdet mir das Glück vergönnen,
dass Morgen Nachmittags meine Auffwartung noch einmal bei euch machen, und vor
das heut genossene gütige Tractament einige geringe Raritäten aus Europa
præsentiren darff. Mein Herr, gab sie zur Antwort, eure Visite soll mir lieb
sein, aber die Raritäten werde nicht anders annehmen, als vor baare Bezahlung.
Reiset wohl, GOTT sei mit euch.
    Hiermit machte ich ein nochmahliges Compliment, und ging meiner Wege, die
Alte begleitete mich fast auf eine halbe Stunde lang, von welcher ich unter
weges erfuhr, dass diese Dame eine gebohrne Princessin aus der Insul Java wäre.
Der auf dem Cap unter dem Holländischen Gouverneur in Diensten stehende
Adjutant, Nahmens Signor Canengo, ein Italiäner von Geburt, hätte sich bereits
in ihrem 12ten Jahre in sie verliebt, da ihn ein Sturm gezwungen, in Java die
aussbesserung seines Schiffs abzuwarten. Er habe die zu ihr tragende heftige
Liebe nicht vergessen können, derowegen Gelegenheit gesucht und gefunden, sie
vor 2. Jahren im 17den Jahre ihres Alters, auf ganz listige Art von den
ihrigen zu entführen, und auf das Cap zu bringen. Das Lust-Haus, worinnen ich
sie angetroffen, gehöre, nebst den meisten herum liegenden Weinbergen und
Gärten, ihm zu, allwo sie sich die meiste Zeit des Jahres aufhalten müste, weiln
er diese seine liebste Maitresse nicht gern von andern Manns-Personen sehen
liesse, und selbige sonderlich verborgen hielte, wenn frembde Europäische
Schiffe in dem Cap vor Ancker lägen. Er weiss zwar wohl, setzte die Alte letzlich
hinzu, dass sie ihm, ohngeachtet er schon ein Herr von 60. Jahren ist, dennoch
allein getreu und beständig ist, jedoch, zu allem Uberfluss, hat er mich zur
Aufseherin über ihre Ehre bestellet, allein ich habe es heute vor eine Sünde
erkannt, wenn man dem armen Kinde allen Umgang mit andern frembden Menschen
abschneiden wollte, derowegen habe ich euch, weil ich weiss, dass mein Herr vor
Nachts nicht zu Hause kömmt, diesen Mittag zu ihr geführet. Ihr könnet auch
morgen um selbige Zeit wieder kommen, aber das sage ich, wo ihr verliebt in sie
seid, so lasset euch nur auf einmal alle Hoffnung vergehen, denn sie ist die
Keuschheit selber, und würde eher sterben als sich von einer frembden
Manns-Person nur ein eintzig mal küssen lassen, da doch dieses bei andern ein
geringes ist. Inzwischen seid versichert, dass, wo ihr meiner Gebieterin etwas
rares aus Europa mitbringen werdet, sie euch den Wert desselben mit baaren
Gelde doppelt bezahlen wird, weil sie dessen genung besitzet.
    Ich sah unter währenden Reden der lieben Alten beständig ins Gesichte, da
aber gemerckt, dass dieselbe im rechten einfältigen Ernste redete, wird ein jeder
mutmassen, was ich dabei gedacht habe, doch meine Antwort war diese: Liebe
Mutter, glaubt mir sicherlich, dass sich mein Gemüte um Liebes-Sachen wenig,
oder soll ich recht reden, gar nichts bekümmert, ich habe Respect vor diese
Dame, bloss wegen ihres ungemeinen Verstandes und grosser Höfflichkeit, im
übrigen verlange ich nichts, als, vor das heutige gütige Tractament, deroselben
morgen ein kleines Andencken zu hinterlassen, und zum Abschiede ihre Hand zu
küssen, denn ich glaube schwerlich, dass ich sie und euch mein lebtage wieder
sehen werde, weil wir vielleicht in wenig Tagen von hier abseegeln werden.
    Unter diesen meinen Reden drückte ich der Alten 3. neue Spanische
Creutz-Taler in die Hand, weil sie, wie ich sagte, sich heute meinetwegen so
viel Wege gemacht hätte. So verblendet sie aber von dem hellen glantz dieses
Silbers stehen blieb, so hurtig machte ich mich nach genommenen Abschiede von
dannen, und langete, nach Zurücklegung zweier kleinen teutschen Meilen,
glücklich wieder in meinem Logis an.
    Ich musste, nachdem ich mich in mein apartement begeben, über die heute
gespielte Comoedie hertzlich lachen, kann aber nicht läugnen, dass ich in die
wunderschöne brunette unbändig verliebt war, denn ich traff bei derselben
seltene Schönheit, Klugheit, Einfalt und Liebe, in so artiger Vermischung an,
dergleichen ich noch von keinem Frauenzimmer auf der Welt erfahren. Derowegen
wollten mir alle Stunden zu Jahren werden, ehe ich mich wieder auf den Weg zu ihr
machen konnte. Folgenden Morgen stund ich sehr früh auf, öffnete meinen Kasten,
und nahm allerhand Sachen heraus, als: 2. kleine, und 1. mittelmässigen Spiegel,
von der neusten façon. 1. Sonnen-Fechel mit güldner Quaste. 1. Zinnerne
Schnupff-Tobacks Dose, in Gestalt einer Taschen-Uhr. 2. Gesteck saubere
Frauenzimmer-Messer. 3erlei artige Scheeren, 20. Elen Seiden-Band, von 4erlei
coleur, allerhand von Helffenbein gedresseltes Frauenzimmer-Geräte, nebst
Spiel- und andern Kinder-Sachen, deren mich voritzo nicht mehr erinnern kann.
    Alle diese Waare packte ich ordentlich zusammen, begab mich nach Anweisung
meiner Taschen-Uhr, die ich ihr aber zu zeigen nicht willens hatte, 2. Stunden
vor dem Mittage auf die Reise, und gelangete ohne Hindernis bei dem Lust-Hause
meiner Prinzessin an. Die drei Spanischen Tlr. hatten die gute Alte so
dienstfertig gemacht: dass sie mir über 100. Schritte vor der Garten-Tür
entgegen kam, mich bei der Hand fassete, und sagte: Willkom-mein lieber Herr
Landsmann, (sie war aber eine Holländerin, und ich ein Brandenburger) ach eilet
doch, meine Gebieterin hat schon über eine halbe Stunde auf euren versprochenen
Zuspruch gehoffet, und so gar das Tantzen heute bleiben lassen. Ich schenckte
ihr 2. grosse gedruckte Leinwand-Halsstücher, 2. paar Strümpffe, ein Messer,
einen Löffel und andere bagatelle, worüber sie vor Freuden fast rasend werden
wollte, doch auf mein Zureden, mich eiligst zu ihrer Frau führete.
    Dieselbe sass in der Laub-Hütte, und hatte sich nach ihrer Tracht recht
propre geputzt, ich muss auch gestehen, dass sie mich in solchen Aufzuge ungemein
charmirte. Die Alte ging fort, ich wollte meine 7. Sachen auspacken, da aber
meine Schöne sagte, es hätte hiermit noch etwas Zeit, nahm ich ihre Hand, und
küssete dieselbe. Doch dieses schiene ihr zu verdriessen, weswegen ich sie in
meine Arme schloss, und mehr als 100. mahl küssete, wodurch sie wieder völlig
aufgeräumt wurde. Ich versuchte dergleichen Kost auch auf ihren, wiewohl harten,
jedoch auch zarten Brüsten, da denn nicht viel fehlete, dass sie vor Entzückung
in eine würckliche Ohnmacht gesuncken wäre, doch ich merckte es bei Zeiten, und
brachte ihre zerstreueten Geister wieder in behörige Ordnung, und zwar kaum vor
der Ankunft unserer Alten, welche noch weit köstlichere Erfrischungen brachte
als gestern.
    Wir genossen dieselben mit Lust, immittelst legte ich meinen Krahm aus, über
dessen Seltenheit meine Prinzessin fast erstaunete. Sie konnte sich kaum satt
sehen, und kaum satt erfragen, worzu dieses und jenes dienete; da ich ihr aber
eines jeden Nutzen und Gebrauch gewiesen, zehlete sie mir 50. Holländische spec.
Ducaten auf den Tisch, welche ich, sollte sie anders nicht zornig werden, mit
aller Gewalt in meine Tasche stecken musste. Die Alte bekam eine Commission,
etwas aus ihren Zimmer zu langen, und war kaum fort, da meine Schöne noch einen
Beutel mit 100. Ducaten, nebst einem kostbaren Ringe mit diesen Worten an mich
lieferte: Nehmet hin, mein Aug-Apffel, dieses kleine Andencken, und liebt mich,
so werdet ihr vor eurer Abreise von mir noch ein weit mehreres erhalten. Ich
mochte mich wegern wie ich wollte, es halff nichts, sondern ich musste, ihren Zorn
zu vermeiden, das Geschenck in meine Verwahrung nehmen. Sie zeigte sich
dieserhalb höchst vergnügt, machte mir alle ersinnliche Caressen, und sprach mit
einem verliebten Seuffzer: Saget mir doch, mein Liebster! wo es herkommt, dass
eure Person und Liebe in mir ein solches entzückendes Vergnügen erwecket? Ja ich
schwere bei dem heiligen Glauben der Christen und der Tommi, dass meine Seele
noch keinen solchen Zucker geschmecket. Ich versicherte sie vollkommen, dass es
mit mir gleiche Bewandtnis hätte, welches sich denn auch wirklich also befand.
Inzwischen weil mir das Wort Tommi in den Ohren hangen geblieben war, fragte ich
ganz treuhertzig, was sie darunter verstünde? und erfuhr, dass selbiges eine
gewisse Secte sei, worzu sich die Javaner bekenneten, und sich dabei weit höher
und heiliger achteten, als andere Mahometaner; mit welchen sie doch sonsten, was
die Haupt-Sätze der Lehre anbelangete, ziemlich einig wären. Ich stutzte in
etwas, da in Betrachtung zog, wie ich allem Ansehen nach mit einer Heidin
courtoisirte, doch die heftige Liebe, so allbereit meine Sinnen bezaubert
hatte, konnte den kleinen Funcken des Religion-Scrupels gar leicht auslöschen,
zumahlen da durch ferneres Forschen erfuhr: dass sie ungemeine Lust zu dem
Christlichen Glauben hegte, auch sich hertzlich gern gründlich darinnen
unterweisen und tauffen lassen wollte; allein ihr Liebhaber der Signor Canengo
verzögerte dieses von einer Zeit zur andern, hätte auch binnen einem Jahre fast
gar nicht mehr daran gedacht, ohngeacht es anfänglich sein ernstlicher Vorsatz
gewesen, er auch dessfalls viele Mühe angewendet. Nechst diesen klagte sie über
ihres Liebhabers wunderliche Conduite, sonderlich aber über seine zwar willigen,
doch ohnmächtigen Liebes-Dienste, und wünschte aus einfältigen treuem Hertzen,
dass ich bei ihr an seiner Stelle sein möchte. So bald ich meine Brunette aus
diesem Tone reden hörete, war ich gleich bereit, derselben meine so wohl
willigen als kräfftigen Bedienungen anzutragen, und vermeinte gleich stante
pede meinen erwünschten, wiewohl straffbarn Zweck zu erlangen, jedoch die Heidin
war in diesem Stücke noch tugendhafter als ich, indem sie sich scheute,
dergleichen auf eine so liederliche Art, und an einem solchen Orte, wo es fast
so gut als unter freien Himmel war, vorzunehmen, immittelst führeten wir
beiderseits starcke Handgreiffliche Discurse, wobei ich vollends so hitzig
verliebt wurde, dass bei nahe resolvirt war, nach und nach Gewalt zu brauchen,
alleine, die nicht weniger erhitzte Brunette wusste mich dennoch mit so artigen
Liebkosungen zu bändigen, dass ich endlich Raison annahm; weil sie mir teuer
versprach, morgende Nacht in ihrem Schlaff-Gemache alles dasjenige, was ich
jetzo verlangete, auf eine weit angenehmere und sicherere Art zu vergönnen.
Denn, wie sie vernommen, würde ihr Amant selbige Nacht nicht nach Hause kommen,
sondern bei dem Gouverneur bleiben, übrigens wüste sie alle Anstalten schon so
zu machen, dass unser Vergnügen auf keinerlei Weise gestöhret werden sollte, ich
dürffte mich demnach nur mit andringender Demmerung getrost vor der Tür ihres
Lust-Hauses einfinden.
    Kaum waren wir mit dieser Verabredung fertig, als uns die Zurückkunft der
Alten eine andere Stellung anzunehmen nötigte, es wurde auch das Gespräch auf
unser Europäisches Frauenzimmer gekehret, deren Manier zu leben, Moden und
andere Beschreibungen die Dame mit besonderer Aufmercksamkeit anhörete,
zumahlen, da die Alte mit ihren Darzwischen-Reden dieses und jenes bekräfftigte,
oder wohl noch vergrösserte. Immittelst hatten wir uns in solchen andächtigen
Gesprächen dermassen vertiefft, dass an gar nichts anders gedacht wurde,
erschracken also desto heftiger, als der Signor Canengo ganz unvermutet zur
Laub-Hütte, und zwar mit funckelenden Augen eintrat. Er sagte anfänglich kein
Wort, gab aber der armen Alten eine dermassen tüchtige Ohrfeige, dass sie zur
Tür hinaus flog, und sich etliche mahl überpurtzelte. Meine schöne Brunette
legte sich zu meiner grösten Gemüts-Kränckung vor diesen alten Maul-Esel auf
die Erde, und kroch ihm mit niedergeschlagenem Gesichte als ein Hund entgegen.
Doch er war so complaisant, sie aufzuheben und zu küssen. Endlich kam die Reihe
an mich, er fragte mit einer imperieusen Mine: Wer mich hieher gebracht, und was
ich allhier zu suchen hätte? Signor, gab ich zur Antwort, Niemand anders, als
das Glücke hat mich von ohngefehr hieher geführet, indem ich ausgegangen, ein
und andere curieuse Europäische Waaren an den Mann zu bringen. Und etwa, setzte
er selbst hinzu, andern ihre Maitressen zu verführen? Ich gab ihm mit einer
negligenten Mine zur Antwort: dass dieses eben meine Sache nicht sei. Demnach
fragte er die Dame, ob sie die auf dem Tische annoch ausgelegten Waaren schon
bezahlt hätte? Und da diese mit Nein geantwortet, griff er in seine Tasche,
legte mir 6. Ducaten auf den Tisch, und zwar mit diesen Worten: Nehmet diese
doppelte Bezahlung, und packet euch zum Teuffel, lasset euch auch nimmermehr bei
dieser Dame wieder antreffen, wo euch anders euer Leben lieb ist. Signor,
replicirte ich, es ist mir wenig an solchen Bagatell-Gelde gelegen, euch zu
zeigen, dass ich kein Lumpenhund bin, will ich diese Sachen der Dame geschenckt
haben, euch aber bitte ich, mich etwas höflicher zu tractiren, wo ich nicht
gleiches mit gleichem vergelten soll. Er sah mich trefflich über die Achsel an,
die Koller aber lieff Fingers dicke auf, er legte die Hand an den Degen, und
stiess die heftigsten Schimpff-Worte gegen mich aus. Meine Courage kriegte
hierbei die Sporen, wir zohen fast zu gleicher Zeit vom Leder, und tummelten uns
vor der Hütte weidlich mit einander herum, doch mit dem Unterschiede, dass ich
ihm mit einem kräfftigen Hiebe den rechten Arm lähmete, und deren noch zweie auf
dem Schedel versetzte. Ich tat einen Blick nach der Dame, welche in Ohnmacht
gesuncken war, da ich aber vermerckte, dass Canengo sich absentirte, und in
Hottentottischer Sprache vielleicht Hülffe schrye, nahm ich meine im Grase
verdeckt liegende Flinte, warff noch ein paar Lauff-Kugeln hinein, und eilete
durch eine gemachte Öffnung der Pallisaden, womit der Garten umsetzt war, des
Weges nach meinem Quartiere zu.
    Anfangs lieff ich ziemlich hurtig, hernachmahls aber tat meine ordentlichen
Schritte, wurde aber gar bald inne: dass mich 2. Hottentotten, die so geschwinde
als Windspiele lauffen konten, verfolgten, der vorderste war kaum so nahe
kommen, dass er sich seiner angebohrnen Geschicklichkeit gegen mich gebrauchen
konnte, als er mit seiner Zagaye, welches ein mit Eisen beschlagener vorn sehr
spitziger Wurff-Spiess ist, nach mir schoss, zu grossen Glück aber, indem ich eine
hurtige Wendung machte, nur allein meine Rock-Falten durchwarff. Weil der Spiess
in meinen Kleidern hangen blieb, mochte er glauben, mich getroffen zu haben,
blieb derowegen so wohl als ich stille stehen, und sah sich nach seinen Camerad
en um, welcher mit eben dergleichen Gewehr herzu eilete. Doch da allbereit
wusste, wie accurat diese Unfläter treffen können, wollte dessen Annäherung nicht
erwarten, sondern gab Feuer, und traff beide in einer Lienie so glücklich, dass
sie zu Boden fielen, und wunderliche Kolleraturen auf dem Erdboden machten. Ich
gab meiner Flinte eine frische Ladung und sah ganz von weiten noch zwei
kommen. Ohne Not Stand zu halten, wäre ein grosser Frevel gewesen, derowegen
verfolgte, unter sehr öfftern Zurücksehen, den Weg nach meinem Quartiere,
gelangete auch, ohne fernern unglücklichen Zufall, eine Stunde vor Abends
daselbst an. Ohne Zweiffel hatten meine zwei letztern Verfolger, bei dem
traurigen Verhängnisse ihrer Vorläuffer, einen Eckel geschöpfft, mir weiter
nachzueilen.
    So bald ich in meinem Quartiere, das ist, in einer derer Hütten, welche
nicht weit vom Cap, zur Bequemlichkeit der See-Fahrenden errichtet sind, arrivi
ret war, kleidete ich mich aus, und ging in meiner Commoditeé spazieren,
setzte mich am Ufer des Caffarischen Meeres zwischen etliche dick-belaubte
Sträucher, machte meine heut erworbene Gold-Bourse auf, und hatte mein
besonderes Vergnügen, die schönen gelben Pfennige zu betrachten, indem mir aber
die Liebe zu meiner charmanten Brunette dabei in die Gedancken kam, sprach ich:
Ach du liebes Geld! wie viel schöner wärest du, wenn ich dich nur mit ruhigen
Hertzen besässe. Ich machte meinen Beutel, nachdem ich das Geld hinein, den
saubern Ring aber an meinen Finger gesteckt hatte, wieder zu, stützte den Kopff
mit beiden Händen, und sonne nach: ob ich meiner heftigen Liebe ferner
nachhängen, und Mittel, selbige völlig zu vergnügen, suchen, oder wegen der
damit verknüpfften grausamen Gefährlichkeiten ganz und gar davon abstrahiren
wollte.
    Es wollte schon anfangen Nacht zu werden, da ich mich aus meinen tieffen
Gedancken zwar in etwas ermuntert, jedoch deswegen noch gar keinen richtigen
Schluss gefasset hatte, stund aber auf, um in meinem Logis die Ruhe zu suchen.
Ich hatte selbiges noch lange nicht einmal erreicht, da ein Officier mit 6.
Mann von der Guarnison gegen mich kamen, und meine Personalität mit Gewalt in
die Festung einführeten. Die ganze Nacht hindurch hatte ich eine eigene
Schildwacht neben mir sitzen, welche auf meine allergeringsten Movements Achtung
gab, und niemanden, weder mit mir zu sprechen, oder an mich zu kommen, erlaubte.
    Wer sollte nicht vermeinen, dass ich um der mit dem Adjutanten und den
Hottentotten gehabten Händel halber in Arrest kommen wäre, ich zum wenigsten
hatte mich dessen in meinem Hertzen völlig überredet, jedoch an der
Haupt-Ursache weit gefehlet. Denn, kurtz zu sagen, folgenden Morgens, in aller
frühe, liess mich unser Schiffs-Capitain zu sich bringen, und tat mir, jedoch
ohne jemands Beisein, folgende Proposition: Mein lieber Monsieur Wolffgang! Ich
weiss, dass ihr ein armer Teuffel seid, derowegen mag euch die Begierde, reich zu
werden, verleitet haben, einen Diebstahl zu begehen. Glaubet mir, dass ich etwas
von euch halte, indem ich mehr als zu viel Commiseration und Liebe vor euch
hege, allein, seid nur auch aufrichtig, und stellet mir den Beutel mit den 100.
Ducaten, so dem William van Raac verwichene Nacht entwendet worden, mit
freimütiger Bekändtniss, in meine sichern Hände, ich schwöre bei GOtt, die Sache
auf eine listige Art zu vermänteln, und euch völlig bei Ehren zu erhalten, weil
es Schade um eure Jugend und Geschicklichkeit ist.
    Ich hätte wegen heftiger Alteration über diese Reden den Augenblick in
Ohnmacht sincken mögen. Mein Gewissen war rein, indem ich mit Wahrheit sagen
kann, dass Zeit Lebens vor keinem Laster mehr Abscheu gehabt, als vor der
schändlichen Dieberei, dergleichen Verdacht aber ging meiner Seelen gar zu nahe.
So bald mich nun von meiner Verwirrung, die der Capitain vor eine gewisse Marque
meines bösen Gewissens hielt, einiger massen erholt hatte, war ich bemühet,
denselben meiner Unschuld mit den kräfftigsten Beteuerungen zu versichern, wie
ich denn auch wirklich nichts davon gehöret oder gesehen hatte, dass dem William
van Raac, der ein Kauffmann und unser Reise: Compagnon war, Geld gestohlen sei.
Allein der Capitain schiene sich über meine Entschuldigungen zu erzürnen, und
sagte: Ich hätte nicht vermeint, Wolffgang, dass ihr gegen mich so verstockt
sein soltet, da euch doch nicht allein euer ganzes Wesen, sondern auch euer
selbst eigener Mund zur Gnüge verraten hat. Sagt mir, ob ihr läugnen könnet:
dass ihr gestern am Meer-Ufer in der Einsamkeit das, dem van Raack gestohlene,
Geld überzehlet, und diese nachdencklichen Worte darbei gebraucht habt: Ach du
liebes Geld! wie viel schöner wärest du, wenn ich dich nur mit ruhigen Hertzen
besitzen könnte. Mein Herr, gab ich zur Antwort, ich ruffe nochmahls GOtt und das
ganze himmlische Heer zu Zeugen an, dass mir dieser Diebstahl unrechtmässiger
Weise Schuld gegeben wird, dasjenige aber, was ihr mir itzo zuletzt vorgehalten
habt, befindet sich also, ich habe einen Beutel mit 150. spec. Ducaten bei mir,
und gebe denselben zu eurer sichern Verwahrung, biss meine Unschuld wegen des
Diebstahls ans Licht gekommen. Seid aber so gütig, eine besondere Avanture von
mir anzuhören, und mich eures kräfftigen Schutzes geniessen zu lassen.
    Hiermit überreichte ich ihm den Beutel mit 150. Ducaten, und erzehlte sodann
nach der Länge, was ich, als ein junger Amadis Ritter, seit 3en Tagen vor
besondere Zufälle gehabt hatte, welches er alles mit ziemlicher Verwunderung
anhörete, und letzlich sagte: Ich muss gestehen, dass dieses ein verwirrter Handel
ist, und sonderlich wird mir die Affaire wegen des blessirten Adjutanten und der
erschossenen Hottentotten ganz gewiss Verdruss machen, doch verspreche ich euch
wegen des letztern meinen Schutz, allein was den William van Raac anbelanget, so
braucht dieses eine fernere Untersuchung, weswegen ich euch so wenig als noch
andere deswegen arrestirte drei Personen in Freiheit setzen kann.
    Ich war, und musste auch damit zu frieden sein, inzwischen verdross mich die
schändliche und so schlecht gegründete Diebstahls-Beschuldigung weit grausamer,
als die andere Affaire, jedoch zu meinem grösten Vergnügen lieff gegen Mittag
die Zeitung ein, dass William van Raac seinen Beutel mit den 100. Ducaten an
einem solchen Orte, wo er ihn in Gedancken selbst hin versteckt hatte, wieder
gefunden, und dennoch solches gern verschwiegen hätte, wenn ihn nicht andere
dabei ertappt, und sein Gewissen geschärfft hätten. Demnach mussten Raac, ich und
die 3. andern, Nachmittags bei dem Hauptmann erscheinen, welcher die Sache
beilegen wollte, weil die 3. Mitbeschuldigten dem William van Raac den Todt
geschworen hatten, es wurde auch glücklich verglichen, denn Raac erbot sich,
einem jeden von uns 10. Spanische Tlr. vor den Schimpff zu geben, nächst dem
seine Ubereilung kniend abzubitten, welches er auch so gleich in Gegenwart des
Capitains bewerckstelligte, doch ich vor meine Person wollte meine Grossmut sehen
lassen, und gab ihm seine 10. Tlr. wieder zurück, liess ihm auch seine Abbitte
bei mir nicht kniend, sondern stehend verrichten.
    Da also dieser verdrüssliche Handel zu allerseits ziemlichen Vergnügen
geschlichtet war, und wir uns in Freiheit von dem Capitain hinweg begeben
wollten, nötigte mich derselbe, noch etwas bei ihm zu bleiben, bat mit den
allerhöflichsten Worten um Verzeihung, dass er auf Angeben eines wunderlichen
Menschen fast gezwungen worden, mich solchergestalt zu prostituiren, und
versprach mir, in Zukunft desto grössere und stärckere Marquen seines Eftims zu
geben, weil er bei dieser Affaire meiner (wie ihm zu reden beliebte)
vortrefflichen Conduite erstlich vollkommen überzeugt worden. Er gab mir anbei
mit einem freundlichen Lächeln den Beutel, worinnen sich meine 150. Ducaten
befanden, wieder zurück, nebst der Nachricht, wie zwar der Gouverneur schon
Wissenschaft von einer mit dem Adjutanten vorgefallenen Rencontre erhalten,
auch dass die 2. Hottentotten fast tödtlich blessirt wären, der Täter sei ihm
aber annoch unbekandt, und müste man nun erstlich erwarten, was weiter passiren
würde. Inzwischen gab er mir den getreuen Rat, alle meine Sachen nach und nach
heimlich in sein des Capitains Logis zu schaffen, auch mich selbst bei ihm
verborgen aufzuhalten, biss man fernere Mittel erfände, der zu befürchten
habenden Gefahr zu entkommen.
    Es wurde noch selbigen Tages, des redlichen Capitains Mutmassungen gemäss,
nicht ein geringes Lermen wegen dieser Affaire, man hatte mich als den Täter
dermassen accurat beschrieben, dass niemand zweiffelte, Monsieur Wolffgang sei
derjenige, welcher den Signor Canengo, als er von ihm bei seiner Maitresse
erwischt worden, zu schanden gehauen, zweien Hottentotten tödtliche Pillen
eingegeben, und welchen der Gouverneur zur exemplarischen Bestraffung per force
ausgeliefert haben wollte.
    Jedoch der redliche Capitain vermittelte die Sache dergestalt glücklich, dass
wir einige Tage hernach ohne die geringste Hindernis von dem Cap abseegeln, und
unsere Strasse nach Ost-Indien fortsetzen konten. Ich weiss ganz gewiss, dass er
dem Gouverneur meiner Freiheit und Sicherheit wegen ein ansehnliches Præsent
gemacht, allein, er hat gegen mich niemahls etwas davon gedacht, vielweniger mir
einen Stüver Unkosten abgefordert, im Gegenteil, wie ich ferner erzählen werde,
jederzeit die gröste Consideration vor mich gehabt.
    Inzwischen führete mir die auf dem Cap gehabte Avanture zu Gemüte, was vor
Gefährlichkeiten und üble Suiten daraus entstehen können, wenn man sich durch
eine geile Liebes-Brunst auf verbotene Wege treiben lässet. Meine
bräunlich-schöne Prinzessin klebte mir zwar noch ziemlich am Hertzen, da ich sie
aber auf der andern Seite als eine Heidin und Hure eines alten Adjutanten
betrachtete, verging mir, zugleich mit Wiedererlangung meines gesunden
Verstandes, auf einmal der Appetit nach solcher falschen Müntze, doch stund ich
noch lange nicht in dem gradu der Heiligkeit, dass ich mein bei ihr erworbenes
Geld den Armen ausgeteilet hätte, sondern verwahrete es zum Gebrauch, und
wünschete ihr davor viel Vergnügen, bedaurete auch zum öfftern der schönen
Brunette feine Gestalt, wunderliche fata, und sonderlich das zu mir getragene
gute Gemüte.
    William van Raac mochte, nachdem er mich recht kennen lernen, etwas an mir
gefunden haben, das ihm gefiele; weswegen er sich öffters bei mir aufhielt, und
seinen Zeitvertreib in ein und andern politischen Gesprächen suchte, auch bei
Gelegenheit mit besonders guter Manier allerhand Raritäten verehrte. Ich
revangirte mich zwar mit diesen und jenen nicht weniger artigen Sachen,
verspürete aber doch, dass er nicht eher ruhete, biss er wieder so viel bei mir
angebracht, das den Wert des Meinigen vielfältig überstieg.
    Ein gewisser Sergeant auf dem Schiffe, Nahmens David Böckling, mit welchem
William vorhero starcke Freundschaft gehalten, seit meinem Arrest aber sehr mit
ihm zerfallen war, sah unser öffteres Beisammensitzen mit gröstem Verdrusse an,
brauchte auch allerhand Räncke, uns zusammen zu hetzen, weil er ein sehr wüster
Kopff und eben derjenige war, welcher mich am Meer-Ufer, da ich meine Ducaten
gezehlet, und oberwähnte Worte gesprochen, beschlichen und verraten hatte, wie
mir van Raac nunmehro solches alles offenhertzig gestund. Doch alle seine
angestiffteten Bosheiten waren nicht vermögend unsere Freundschaft zu trennen,
sondern es schien als ob dieselbe hierdurch immer mehr befestiget würde, ich
aber hatte mir fest vorgesetzt, dem Sergeanten bei erster bequemer Gelegenheit
den Kopff zu waschen, doch ich ward dieser Mühe überhoben, weil er, da wir uns
eine Zeitlang in Batavia auf der Insul Java aufhalten mussten, daselbst von einem
andern erstochen, und ich von dem Capitain an dessen Stelle als Sergeant gesetzt
wurde.
    Weiln ich solchergestalt doppelte Gage zoge, konnte schon Etaat machen, in
wenig Jahren ein ziemlich Capital zu sammlen. Nechst dem so marchandirte zwar so
fleissig, doch nicht so schelmisch als ein Jude, und erwarb damit binnen 3.
Jahren, ein feines Vermögen. Denn so lange waren wir auf dieser meiner ersten
Reise unterweges. Sonsten begegnete mir dabei nichts eben sehr ungewöhnliches,
weswegen auch, um Weitläufftigkeit zu vermeiden, davon weiter nichts gedencken
will, als dass wir auf dem rückwege, um die Gegend der Canarischen Insuln, von
zweien Saleeischen Raub-Schiffen attaquiret wurden. Das Gefechte war ungemein
hitzig, und stunden wir in gröster Gefahr nebst unserer Freiheit, alles Gut, wo
nicht gar das Leben zu verlieren. Endlich wendete sich das Blat, nachdem wir den
grimmigsten Widerstand getan, so, dass sie zwar die Flucht, aber dabei unsere
reich beladene Barque mitnehmen wollten; Allein da wir ihre Absicht zeitig
merckten, und allbereit in Avantage sassen, ward nicht allein ihre Arbeit und
Vorhaben zunichte gemacht, sondern das beste Schiff, mit allen dem, was darauff
war, erobert.
    Wenn mein naturell so beschaffen wäre, dass ich mich selbst gern lobte, oder
loben hörete, könnte bei dieser Gelegenheit schon etwas vorbringen, das einen
oder den andern überreden sollte: ich wäre ein ganz besonderer tapfferer Mann,
allein ich versichere, dass ich niemals mehr getan als ein rechtschaffener
Soldat, dessen Ehre, Leben und Freiheit, nebst allen bei sich habenden Vermögen,
auf der Spitze stehet, bei dergleichen Affairen zu tun schuldig ist.
    Jedoch man kann unter dem prætext dieser Schuldigkeit, auch der guten Sache
zuweilen zu viel oder zu wenig tun, mein Beispiel zum wenigsten, kann andern
eine vernünftige Behutsamkeit erwecken; denn als wir uns an dasjenige
Raub-Schiff, welches wir auch nach diesen glückl. eroberten angehengt, und bloss
noch mit dem Degen in der Faust wider einander agirten, hatte sich ein eintziger
Räuber, auf seinem in letzten Zügen liegenden Schiffe, einen eigenen
Kampff-Platz erwehlet, indem er, durch etliche gegen-und übereinander gesetzte
Kasten, seinen Rücken frei machen lassen, und mit seiner Mord-Sense dergestalt
hausete, dass alle von unsern Schiffe überspringenden Leute, entweder todt
niederfallen, oder sich starck blessirt reteriren mussten.
    Ich war unter dem Capitain mit etwa 12. Mann von den Unserigen auf dem
vorderteil des feindl. Schiffs beschäfftiget, rechtschaffen Posto zu fassen,
merckte aber, dass wir mehr Arbeit fanden, als wir bestreiten konten, indem der
eintzige Satan unsern succurs recht übermenschlich abzuhalten schien, derowegen
drang als ein Blitz durch die Feinde hindurch nahm meinen Vorteil ohngefehr in
Obacht, und vermeinte sogleich meinen Pallasch in seinen Gedärmen umzuwenden;
allein der Mord-Bube war überall starck geharrnischt und gepantzert, dahero ich
nach abgeglitschten Stosse, mich selbst in der grösten Lebens-Gefahr sah, doch
fassete ihn in dieser Angst von ohngefehr in das weit aufgesperrete Maul, riss
die rasende Furie zu Boden, suchte am Unter-Leibe eine öffnung, und stiess
derselben meinen Pallasch so tieff in den Rantzen hinein als ich konnte.
    Kaum war dieses geschehen, als nach einander etliche 20. und immer mehr von
den Unserigen in das Feindl. Schiff gesprungen kamen, mich secundirten, und noch
vor völlig erhaltenen Siege, Victoria! schryen. Doch es vergieng nicht eine
halbe Stunde, so konten wir dieses Freuden-Wort mit Recht, und in vollkommener
Sicherheit ausruffen, weil wir überhaupt Meister vom Schiffe, und die annoch
lebenden Feinde, unsere Sclaven waren. Ich vor meine Person hatte zur ersten
Beute einen ziemlichen Hieb über den Kopff, einen über die lincke Schulter, und
einen Piquen-Stich in die rechte Hüffte bekommen, darzu hatte der irraisonable
Flegel, dem ich doch aus besondern Staats-Ursachen, ins Maul zu greiffen, die
Ehre getan, mir die vordersten Gelencke zweier Finger lincker Hand, zum
Zeitvertreibe abgebissen, und da dieselben, wie man sieht, noch biss dato
fehlen, ich dieselben auch auf der Wahlstatt nirgends finden können; so kann
nicht anders glauben, als dass er sie par hazard verschlungen habe.
    Ich konnte ihm endlich diese teuer genug bezahlte zwei Bissen noch so
ziemlich gönnen, und war nur froh, dass an meinen zeitero gesammleten Schätzen
nichts fehlete, über dieses wurde ich noch mit dem grösten Ruhm und Ehren fast
überhäufft, weiln nicht nur der Capitain, sondern auch die meisten andern
Mitarbeiter und Erfechter dieses Sieges, mir, wegen des eintzigen gewagten
Streichs, den besten Preis zu erkandten. Mein Gemüte wäre der überflüssigen
Lobes-Erhebungen gern entübriget gewesen, und hätte an dessen statt viel lieber
eine geschwinde Linderung der schmertzenden Leibes-Wunden angenommen, weil ich,
als ein auf beiden Seiten blessirter, kaum auf dem Rücken liegend, ein wenig
rasten konnte, doch ein geschickter Chirurgus, und meine gute Natur brachten es,
nächst Göttl. Hülffe, so weit, dass ich in wenig Tagen wiederum auf dem obern
Schiffs-Boden herum zu spazieren vermögend war. Der Capitain, so mir gleich bei
meiner ersten Ausflucht entgegen kam, und mich so munter sah, sagte mit lachen:
Monsieur Wolffgang, ich gratulire zum aussgange, und versichere, dass nichts als
der Degen an eurer Seite fehlet, uns zu überreden, dass ihr kein Patient mehr
seid. Monseigneur, gab ich gleichfalls lächelnd zur Antwort, wenn es nur daran
fehlet, so will ich denselben gleich holen? Bemühet euch nicht, versetzte er,
ich will davor sorgen. Hiermit gab er seinem Diener Befehl, einen Degen vor mich
zu langen, dieser brachte einen propren silbernen Degen, nebst dem Gehencke, und
ich musste denselben, meinen Gedancken nach zum Spass, umgürten. So bald dieses
geschehen, befahl er das Schiffs-Volck zusammen zu ruffen, und da selbiges in
seiner gehörigen Ordnung war, sagte er: Monsieur Wolffgang! ihr wisset so wohl
als alle Gegenwärtigen, dass in letzterer Action unsere beiden Lieutenants
geblieben sind, derowegen will euch, en regard eures letztin erwiesenen
Helden-Muts, hiermit als Premieur-Schiffs-Lieutenant vorgestellt haben, jedoch
biss auf confirmation unserer Obern, als wovor ich guarantire. Inzwischen weil
ich weiss, dass niemand von Gegenwärtigen etwas hierwider einzuwenden haben wird,
will auch der erste sein, der euch zu dieser neuen Charge gratuliret. Hiermit
reichte er mir die Hand, ich aber wusste anfänglich nicht wie mir geschahe, doch
da ich vermerckte, dass es Ernst war, machte ich das gebräuchliche Gegen-
Compliment, und liess mir immerhin belieben Lieutenant zu sein.
    Kurtz drauff gelangten wir, nebst unserer gemachten Prise, glücklich wieder
in Amsterdam an. Ich bekam nicht allein die Confirmation meiner Charge, sondern
über dieses einen unverhofften starcken Recompens, ausser meiner zu fordern
habenden doppelten Gage, die mir teils die Feder, teils der Degen verschafft
hatte. Die, aus meinen mitgebrachten Waaren, gelöseten Gelder, schlug ich darzu,
tat die helffte davon, als ein Capital, in Banco, die andere helffte aber
wandte zu meinem Unterhalt an, nächst diesen, die Equippage auf eine frische
Schiffart anzuschaffen.
    Biss hierher war der Capitain Wolffgang damals in seiner Erzehlung kommen,
als er, wegen einbrechender Nacht, vor dieses mal abbrach, und versprach, uns
bei erster guten Gelegenheit den übrigen Rest seiner Avanturen wissend zu
machen. Es suchte derowegen ein jeder von uns seine gewöhnliche Ruhe-Stelle,
hatten aber dieselbe kaum 3. Stunden gedrückt, als, wegen eines sich erhebenden
Sturmes, alle ermuntert wurden, damit wir uns gegen einen solchen ungestümen
Stöhrer unserer Ruhe in behörige positur setzen könten. Wir verliessen uns zwar
auf die besondere Stärcke und Festigkeit des getreuen Paridis, als welchen
Nahmen unser Schiff führete; da aber das grausame wüten des Windes, und die
einmal in Raserei gebrachten Wellen, nachdem sie nunmehro 2. Nacht und 2. Tage
ohne einzuhalten getobet, auch noch keinen Stillstand machen wollten, im
Gegenteil, mit hereinbrechender 3ten Nacht, ihre Wut vervielfältigten, liessen
wir die Hoffnung zu unserer Lebensrettung gäntzlich sincken, bekümmerten uns
fast gar nicht mehr, um welche Gegend wir wären, und erwarteten, teils mit
zitterenden, teils mit gelassenen Hertzen, die erschreckliche Zerscheiterung
des Schiffs, und das mehrenteils damit sehr genau verknüpffte jämmerliche Ende
unseres Lebens. Allein die Erhaltungs-Krafft des Himmels zeigte sich weit
kräfftiger, als die Krafft des Windes, und der berstenden Wolcken, denn unser
Schiff musste nicht allein ohne besondern Haupt-Schaden bleiben, sondern auch zu
unserer grösten Verwunderung wieder auf die rechte Strasse geführet werden,
ohngeacht es Wind und Wellen bald hier bald dortin verschlagen hatten; denn
etwa 2. Stunden nach Mitternacht legte sich das grausame Brausen, die dicken
Wolcken zerteilten sich, und bei anbrechenden schönen hellen Tage machten die
Boots-Leute ein Freuden-Geschrei, aus Ursachen; weil sie den Pico so unverhofft
erblickten, und wir uns ganz nahe an der Insul Teneriffa befanden. Vor meine
Person wusste nicht, ob ich mehr Freude oder Erstaunung hegte, da mir diese
ungeheure Machine in die Augen fiel. Der biss in den Himmel reichende
entsetzliche Berg schien oben herum ganz weiss, weiln er Sommers und Winters
hindurch mit Schnee bedeckt ist, man konnte den aus seinem Gipffel steigenden
Dampff ganz eigentlich observiren, und ich konnte mich an diesem hochmütigen
Gegenstande meiner Augen die ganze Zeit nicht satt sehen, biss wir gegen Abend
an die Insul anfuhren, um so lange daselbst auszuruhen, biss die zerrissenen und
beschädigten Sachen unsers Schiffs wieder ausgebessert wären.
    Ich fand ein besonderes Vergnügen: die raritäten auf dieser Insul zu
betrachten, sonderlich aber den Pico, an dessen Fuss eine Art von Bäumen stund,
deren Holtz in keinem Wasser verfaulen soll. Jedoch die Spitze des Berges mit zu
erklettern, und dessen Rauch-Loch, so Kaldera genennet wird, in Augenschein zu
nehmen, konnte mich niemand bereden, ohngeachtet es annoch die schönste
Jahrs-Zeit dazu sein mochte. Entweder war ich nicht so sehr neugierig, als Cajus
Plinius Secundus beim Vesuvio gewesen, oder hatte nicht Lust mich dergleichen
fatalitäten, wie er gehabt, zu exponiren, oder war nicht Willens eine Historiam
naturalem aus eigener Erfahrung zu schreiben. Kurtz, ich war hierbei entweder zu
faul, zu furchtsam, oder zu nachlässig.
    Hergegen kann ich nicht läugnen, dass ich mir bei dem Capitain den Canari-Sect
vortrefflich gut schmecken liess, welcher mir auch besser bekam, als andern der
Schwefel-Dampf auf dem Pico bekommen war, wir nahmen eine gute quantität dieses
berühmten Getränckes, nebst vielem Zucker und andern delicatessen von dieser
Insul mit, und fuhren den 12. 7br. recht vergnügt auf das Cabo Verde zu.
    Es war um selbige Zeit ungemein stille See und schönes Wetter, weswegen der
Capitain Wolffgang auf unser heftiges Ansuchen sich gefallen liess, seine
Geschichts-Erzehlung folgender massen zu continuiren.
    Wo mir recht ist, Messieurs, fieng er an, so habe letztens gemeldet, wie ich
mich in Stand gesetzt, eine neue Reise anzutreten, allein weil die Herrn General
Etaaten seit kurtzen mit Franckreich und Spanien in würcklichen Krieg verwickelt
waren, kriegten alle Sachen eine ganz andere Gestalt, ich hielt mich zwar
beständig an meinen Wohltäter, nämlich an denjenigen Capitain, der mich biss
hieher glücklich gemacht hatte, konnte aber die Ursache seines Zauderns so wenig,
als sein künftiges Vornehmen erraten. Doch endlich brach er los, und eröffnete
mir, dass er treffliche Pasporte erhalten, gegen alle Feinde der Republique, als
ein Frei-Beuter zu agiren, weswegen er sich auch allbereit, durch Zuschuss
anderer Wagehälse, ein extraordinair schönes Schiff mit allem Zubehör
angeschafft hätte, so dass ihm nichts fehlete, als genungsame Leute. Wolte ich
nun, setzte er hinzu, als sein Premieur-Lieutenant mit reisen, so müste mich
Bemühen zum wenigsten 10. biss 12. Freiwillige aufzutreiben, wo mir dieses aber
unmöglich schiene, oder ich etwa keine Lust zu dergleichen Streichen hätte, als
die Frei-Beuter vorzunehmen gemüssigt wären, so wollte er mir zwar bald einen
Officiers-Dienst auf einem Kriegs-Schiffe schaffen, allein ob es vor mich eben
so profitable sein möchte, davon wisse er nichts zu sagen. Augenblicklich
versicherte ich hierauff den Capitain, allen Fleiss anzuwenden, mein Glück oder
Unglück unter und mit ihm zu suchen, auch mit ihm zu leben und zu sterben. Er
schien vergnügt über meine Resolution, ich ging von ihm, und schaffte binnen
wenig Tagen an statt der geforderten Zwölffe, drei und zwantzig vollkommen gute
freiwillige Wagehälse, deren die meisten schöne Gelder bei sich führeten. Mein
Capitain küssete mich vor Freuden, da ich ihm dieselben præsentiret hatte, und
weil er binnen der Zeit auch nicht müssig gewesen, sondern alles Benötigte
vollends angeschafft, seegelten wir frölich von dannen.
    Wir durfften aus Furcht vor den Frantzosen, den Canal nicht passiren,
sondern mussten unsere Fart um die Brittannischen Insuln herum nehmen, und ob
der Capitain schon treffliche Lust hatte den Spaniern auf der Strasse nach
America, ein und andern Possen zu spielen, so wollte er doch vorhero erstlich
genauere Kundschaft einziehen, allein ehe dieses geschahe, taten wir einen
herrlichen Zug, an einer Frantzösischen nach Irrland abgeschickten Fregatte, auf
welcher 16000. Louis d'or nebst andern trefflichen Sachen, und etlichen Etaats-
Gefangenen, unsere Beute wurden. Die vornehmsten Gefangenen nebst den
Briefschaften, lieferten wir gegen Erlegung einer billigen discretion an einen
Engelländer aus, der lange Zeit vergeblich auf diese Fregatte gelauret hatte,
besetzten dieselbe, nachdem wir die übrigen Gefangenen verteilt, mit etlichen
von unsern Leuten, worunter auch ich war, also ein Neben-Schiff zu commandiren
hatte, und richteten unseren Cours, in dem Mexicanischen Meere zu kreutzen.
    Auf der Portugisischen Insul Madera, nahmen wir frisches Wasser ein, und
fanden daselbst gleichfalls ein Holländisches, doch von den Spaniern sehr übel
zugerichtetes Frei-Beuter-Schiff, dessen Capitain nebst den besten Leuten
geblieben waren, unter dem übrigen Lumpen-Gesinde aber war eine solche
Verwirrung, dass niemand wusste wer Koch oder Keller sein wollte. Wir führeten
ihnen ihren elenden Zustand, worinnen sie sich befanden, zu Gemüte, und
brachten sie mit guter Art dahin, sich mit uns zu vereinigen, und unter unsers
Capitains Commando alles mit zu wagen, halffen also ihr Schiff wieder in
vollkommen guten Stand setzen, und seegelten voll grosser Hoffnung auf die
Bermudischen Insuln zu. Unterweges bemächtigten wir uns eines Spanischen
Jagd-Schiffs, welches die Sicherheit der See ausspüren sollte, indem sich die
Spanische Silber-Flotte bei der Insul Cuba versammelt, und fast im Begriff war
nach Europa zu schiffen. Wir nahmen das Wenige, so nebst den Gefangenen auf
dieser Jagd gefunden wurde, auf unsere Schiffe, und bohrten die Jagd zu grunde,
weil sie uns nichts nützen konnte, eileten aber, uns bei Cuba einzufinden, und wo
möglich von der Silber-Flotte etwas abzuzwacken. Es vereinigten sich noch 2.
Holländische und ein Englischer Frei-Beuter mit uns, so dass wir damals 6. wohl
ausgerüstete Schiffe starck waren, und auf selbigen ingesamt 46. Canonen, nebst
482. wohlbewehrten Leuten aufzeigen konten, hiermit konnte man nun schon ein
Hertz fassen, etwas wichtiges zu unternehmen, wie wir denn auch in der Tat die
Hände nicht in den Schoss legten; sondern die Cubaner, Hispaniolaner, und andere
feindliche Insuln starck allarmirten, und alle Spanische Handels-Schiffe Preis
machten, so dass auch der Geringste unter uns, seine dessfals angewandte Mühe
reichlich belohnt schätzte, und niemand von Armut oder Mangel zu reden Ursach
hatte.
    Wir erfuhren demnach, dass das Glück den Wage-Hälsen öffters am geneigtesten
sei. Denen Herrn Spaniern aber war wegen ihrer Silber-Flotte nicht eben
allzuwohl bei der Sache, indem sie sich ohnfehlbar unsere Schiffs-Armade weit
stärcker einbilden mochten, rüsteten derowegen, wie wir gar bald in Erfahrung
brachten, 10. biss 12. leichte Kriegs-Schiffe aus, um uns, als unangenehme und
gefährliche Gäste, entweder, wo nicht Gefänglich einzubringen, doch zu
zerstreuen. Der Engels-Mann als unser bissheriger Compagnon, mochte entweder zu
wenig Hertze haben, oder aber sich allbereit reich genung schätzen, derowegen
treñete er sich mit seinem Schiff und Barque, worauff er ingesamt 120. Mann
nebst 12. Canonen hatte, von uns, und war Willens sich zwischen Cuba und
Hispaniola durch zu practiciren, von dar, aus gewissen Ursachen nach Virginien
zu gehen. Allein man hat uns bald hernach versichert, dass ihn die Spanier
ertappt, geplündert und schändlicher weise ermordet haben.
    Unsere Capitains fanden indessen nicht vor ratsam, einen Angriff von den
Spaniern zu erwarten, weil ohnedem unsere Schiffe nicht allein eine baldige
Aussbesserung vonnöten hatten, sondern auch viele von unsern Leuten, deren wir
doch, seit der abreise aus Amsterdam, nicht mehr als 14. eingebüsst, von denen
vielen fatiguen sehr merode waren. Wir stelleten demnach unsere Fart auf die
unsern Lands-Leuten zuständige Insul Curacao, oder wie sie einige nennen,
Curassau zu, machten aber unterweges noch ein mit Cacao, Banille, Marmelade,
Zucker und Toback beladenes Schiff, zu angenehmer Beute. Wenig Tage darauff,
favorisirte das Glück noch besser, indem ganz von ohngefehr, und ohne vieles
Blutvergiessen 3. Barquen mit Perlen-Austern, in unsere Hände fielen, womit wir
denen Herren Spaniern die Mühe erspareten, selbige ausmachen zu lassen, und
dieser Arbeit, bei müssigen Stunden, uns gar im geringsten nicht zu schämen
willens waren.
    Mit allen diesen Reichtümern nun, landeten wir glücklich bei Curacao an,
der Gouverneur daselbst empfing uns, nachdem wir ihm unsere Pasporte gezeiget,
auch von ein und andern, richtigen rapport abgestattet hatten, mit grossen
Freuden, zumahlen da er von uns ein ansehnliches Præsent empfieng. Jedoch
nachdem unsere Capitains die damalige Beschaffenheit der Sachen und der Zeit
etwas genauer überlegten, befanden wir auf einraten des Gouverneurs vor
nützlicher, die Insul Bonatry zu unserm Ruhe-Platz zu erwählen, und unsere
Schiffe daselbst auszubessern. Es wurde deswegen aller möglichste Fleiss
angewendet, nachhero aber beschlossen, eine rechte Niederlage daselbst
aufzurichten, weswegen wir, mit Hülffe der daselbst wohnenden nicht
ungeschickten Indianer, anfiengen, kleine Häuser zu bauen, auch vor den Anlauff
eine gar artige Festung anlegten, und dieselbe nach und nach immer zu verbessern
willens waren. Die Indianer erzeigten sich ungemein Dienstfertig gegen uns, wir
gaben ihnen von dem unserigen, was sie brauchten, und wir entbehren konten,
hergegen waren sie wiederum fleissig das Feld zu bauen, und Mahis, James,
Palates, auch Guineisch Korn zu zeuge, welches uns trefflich wohl zu statten
kam, nächst dem legten sie sich auch mehr, als sonsten, auf die ordentliche
Hausshaltung und Viehzucht, denn es gab daselbst Ochsen, Kühe, Pferde, Schweine,
vor allem andern aber Ziegen im Uberfluss, so dass nicht nur wir zulängliche
Nahrungs-Mittel hatten, sondern auch unsere Lands-Leute auf den benachbarten
Insuln, mit eingesaltzenen Fleische und andern Sachen besorgen konten. Anbei
taten wir manchen Stich in die See, und bereicherten uns nicht allein mit
lauter Spanischen und Frantzösischen Gütern, sondern taten beiden Nationen
allen ersinnlichen Schaden und gebranntes Hertzeleid an.
    Ich vor meine Person, hatte mir einen ziemlichen Schatz an Gold, Silber,
Perlen, und andern kostbaren Sachen gesammlet, wovon ich das meiste auf der
Insul an unterschiedliche Örter vergrub, wo ich nicht leicht befürchten
durffte, dass es ohne meine Anweisung jemand finden würde. Ubrigens lebten wir
ingesamt so vergnügt auf der Insul, dass es, nachdem wir 3. Jahr lang darauff
zugebracht, das Ansehen hatte, als sehnete sich kein eintziger wieder nach
seinem Vaterlande.
    Nach so langer Zeit wurde Kundschaft eingebracht, dass die Spanier abermals
mit einer reich beladenen Silber-Flotte zurück nach Europa seegeln wollten, also
machten wir einen Anschlag, etwas davon zu erhaschen, giengen mit zwei der
Besten und wohl ausgerüsteten Schiffe, auch der resolutesten Mannschaft in See,
und laureten um die Gegend der Caribisschen Insuln auf dieselbe, brauchten anbei
alle möglichste Vorsicht, um nicht entdeckt zu werden. Unsere Bemühung war
dessfalls so wenig als sonsten vergebens, indem wir eines Morgens sehr frühe,
nach vorhero ausgestandenen ziemlichen Sturme, ein von der Flotte verschlagenes
Spanisches Schiff mit List erhaschten, mit Gewalt eroberten, und an gediegenen
Silber, auch andern Kostbarkeiten mehr darauff antraffen, als wir uns fast
hätten einbilden können. Die Flotte hatte aus dem heftigen Donnern des
Geschützes, Unrat vermerckt, und erraten, dass eins von ihren Schiffen in
Action begriffen sei, derowegen auch zwei von ihren Schiffen zum Succurs dahin
geschickt, allein wir waren mit unserer Prise allbereit zur Richtigkeit
gekommen, da wir den succurs noch ganz von ferne erblickten, hielten aber nicht
vor ratsam dessen Ankunft zu erwarten, sondern nahmen die Flucht auf recht
verwegene Art, bei Porto Ricco hindurch, und gelangeten mit vielen Vergnügen
wieder, bei unserer zurückgelassenen Mannschaft, auf der Insel Bonatry an.
    Nunmehro waren wir erstlich eifriger als jemals beflissen, nicht allein
unsere Wohnungen, Feld-Bau und Vieh-Zucht, mit Beihülffe der Indianer, in
vollkommen bequeme Form zu bringen, sondern avancirten auch in weniger Zeit mit
unsern Vestungs-Bau dermassen, dass wir diese Insul wider alle feindliche Anfälle
ungemein sicher machten. Etliche von den Unsern hatten bei Gelegenheit Spanische
und Frantzösische ledige Weibes-Personen erwischt, sich mit selbigen
verheiratet, und Kinder gezeuget, dieses erweckte bei vielen andern eben
dergleichen Begierde, weswegen sie unsern Capitain, als selbst erwehlten
Gouverneur unserer Insul forcirten, eine Landung auf Hispaniola zu wagen, weil
sich daselbst ungemein schönes, so wohl Spanisches als Frantzösisches
Frauenzimmer befinden sollte.
    Ob nun schon der Capitain dieses Unternehmen anfangs vor allzu verwegen und
gefährlich erkañte, so sah er sich doch letzlich fast gezwungen, dem eifrigen
Verlangen der verliebten Venus-Brüder ein Genüge zu tun, und zwei Schiffe
hierzu auszurüsten, deren eines ich als Unter-Hauptmann commandirte. Wir lieffen
aus, und kamen auf Hispaniola, glücklich an Land. Es erreichten auch die
Verliebten ihren erwünschten Zweck, indem sie etliche 30. junge Weibs-Personen
zu Schiffe brachten, ich aber, der ich hiebei die Arrier-Guarde führete, war so
unglücklich, von den nachsetzenden Spaniern einen gefährlichen Schuss in die
rechte Seite, und den andern durch die lincke Wade zu bekommen, weswegen ich,
nebst noch zweien der Unsern, von den Spaniern erhascht, gefangen genommen und
zu ihrem Gouverneur gebracht wurde.
    Ein grosses Glück war es bei unserm Unglück, dass uns derselbe in der ersten
furie nicht gleich auffhencken liess, weil er ein verzweiffelt hitziger Mann war.
Jedoch wurden wir nach völlig erlangter Gesundheit wenig besser, ja fast eben so
schlimm als die Türckischen Sclaven tractiret. Am allerschlimsten war dieses:
dass ich nicht die geringste Gelegenheit finden konnte, meinem redlichen Capitain
Nachricht von meinem wiewol elenden Leben zu geben, weil ich versichert war, dass
er nichts sparen würde, mich zu befreien. Nachdem ich aber 3. Jahr in solchen
jämmerlichen Zustande hingebracht, erhielt Zeitung, dass mein redlicher Capitain
nebst meinen besten Freunden die Insul Bonatry (oder Bon Ayres auch Bon air wie
sie andere nennen,) verlassen, und zurück nach Holland gegangen wäre, um sich
das rechtmässige Gouvernement, darüber nebst andern Vollmachten auszubitten.
Anbei wurde mir der jetzige Zustand auf selbiger Insul dermassen schön
beschrieben, dass mein sehnliches Verlangen, auf solche wieder zu kommen, als
ganz von neuen erwachte, zumahlen weñ mich meiner daselbst vergrabenen Schätze
erinnerte. Jedoch ich konnte, ohne meine Person und Vermögen in die gröste Gefahr
zu setzen, nicht erdencken, auf was vor Art ich den Gouverneur etwa einen
geschickten Vorschlag wegen meiner Ranzion tun wollte. Muste also noch zwei Jahr
als ein Pferde-Knecht in des Gouverneurs Diensten bleiben, ehe sich nur der
geringste practicable Einfall in meinem Gehirne entsponn, wie ich mit guter
manier meine Freiheit erlangen könnte.
    Die Not erwecket zuweilen bei den Menschen eine Gemüts-Neigung, der sie
von Natur sonsten sehr wenig ergeben sind. Von mir kann ich mit Warheit sagen,
dass ich mich, auch in meinen damaligen allerbesten Jahren, um das Frauenzimmer
und die Liebe, fast ganz und gar nichts bekümmerte. War auch nichts weniger,
als aus der intention mit nach Hispaniola gegangen, um etwa eine Frau vor mich
daselbst zu holen, sondern nur bloss meine Hertzhaftigkeit zu zeigen, und etwas
Geld zu gewinnen. Allein itzo, da ich in gröster Not stack, und kein sicheres
Mittel zu meiner Freiheit zu gelangen sah, nahm meine Zuflucht endlich zu der
Venus, weil mir doch Apollo, Mars und Neptunus, ihre Hülffe gäntzlich zu
verwiegern schienen.
    Eines Tages da ich des Gouverneurs Tochter, nebst ihren Cammer Mägdgen, auf
ein nah gelegenes Land-Gut spazieren gefahren, und im Garten ganz allein bei
der erstern war, setzte sich dieselbe auf eine grüne Banck nieder, und redete
mich auf eine freie Art also an: Wolffgang! sagt mir doch, was ihr vor ein Lands
Mann seid, und warum man euch niemals so lustig als andere Stall-Bedienten
sieht. Ich stutzte anfänglich über diese Anrede, gab aber bald darauff mit
einem tieffgeholten Seuffzer zur Antwort: Gnädiges Fräulein, ich bin ein
Teutscher von Geburt, zwar von mittelmässigen Herkommen, habe mich aber in
Holländischen Diensten durch meine Courage, biss zu dem Posten eines
Unter-Hauptmanns geschwungen, und letztens auf dieser Insul das Unglück
empfunden, gefährlich blessirt und Gefangen zu werden. Hierauff erwiederte sie
mit einer niedergeschlagenen und etwas negligent scheinenden mine: Ich hätte
euch zum wenigsten wegen eurer guten Visage, Adelichen Herkommens geschätzt.
Stund damit auf, und ging eine gute Zeit in tiefen Gedancken ganz allein vor
sich spazieren. Ich machte allerhand Glossen über ihre Reden, und war mir fast
leid, dass ich von meinem Stande nicht etwas mehr geprahlet hatte, doch
vielleicht (gedachte ich,) geht es in Zukunft mit guter manier besser an. Es
geschahe auch, denn ehe wir wieder zurück fuhren, nahm sie Gelegenheit, mir mit
einer ungemeinen verliebten Mine noch dieses zu sagen: Wolffgang! Wo euch an
eurer Freiheit, Glück und Vergnügen etwas gelegen; so scheuet euch nicht, mir
von eurem Stande und Wesen nähere Nachricht zu geben, und seid versichert, dass
ich euer Bestes eilig befördern will und kann, absonderlich wo ihr einige
Zärtlichkeit und Liebe vor meine Person heget. Sie wurde bei den letztern Worten
Feuerrot, sah sich nach ihren Mägdgen um, und sagte noch zu mir: Ihr habt die
Erlaubnis mir in einem Briefe euer ganzes Hertz zu offenbaren, und könnet
denselben morgen meinem Mägdgen geben, seid aber redlich und verschwiegen.
    Man wird mich nicht verdencken, dass ich diese schöne Gelegenheit meine
Freiheit zu erlangen, mit beiden Händen ergriff. Donna Salome (so hiess das
Fräulein,) war eine wohlgebildete Person von 17. biss 18. Jahren, und sollte
einen, zwar auch noch jungen, aber einäugigen und sonst überaus hesslichen
Spanischen wohlhabenden Officier heiraten, welches ihre eigene Mutter selbst
nicht billigen wollte, aber doch von dem eigensinnigen Gouverneur darzu gezwungen
wurde. Ich könnte diesem nach eine ziemlich weitläufftige Liebes-Geschicht von
derselben und mir erzählen, allein es ist mein Werck nicht. Kurtz! Ich schrieb
an die Donna Salome, und machte mich nach ihrem Wunsche selbst zum Edelmanne,
entdeckte meine zu ihr tragende heftige Liebe, und versprach alles, was sie
verlangen könnte, wo sie mich in meine Freiheit setzen wollte.
    Wir wurden in wenig Tagen des ganzen Krahms einig. Ich tat ihr einen Eyd,
sie an einen sichern Ort, und so bald als möglich, nach Europa zu führen, mich
mit ihr ordentlich zu verheiraten, und sie Zeit Lebens vor meine rechte
Ehe-Gemahlin zu ehren und zu lieben. Hergegen versprach sie mir, nebst einem
Braut-Schatze von 12000. Ducaten und andern Kostbarkeiten, einen sichern
Frantzösischen Schiffer auszumachen, der uns vor gute Bezahlung je ehe je lieber
nach der Insul Bon air bringen sollte.
    Unser Anschlag ging glücklich von statten, denn so bald wir erlebten, dass
der Gouverneur in eigener Person jene Seite der Insul visitirte, packten wir des
Nachts unsere Sachen auf leichte, darzu erkauffte Pferde, und jagten von sonst
niemand als ihren Mägdgen begleitet, in etlichen Stunden an dasjenige Ufer,
allwo der bestellte Frantzösische Schiffer unserer mit einem leichten
Jagd-Schiffe wartete, uns einnahm, und mit vollen Seegeln nach Bon air zu
eilete. Daselbst landeten wir ohne einig auszustehende Gefahr an, man wollte uns
zwar anfänglich das Aussteigen nicht vergönnen, jedoch, so bald ich mich melden
liess, und erkannt wurde, war die Freude bei einigen guten Freunden und Bekandten
unbeschreiblich, welche dieselben über mein Leben und glückliche Wiederkunft
bezeigten. Denn man hatte mich nun seit etlichen Jahren längst vor todt
gehalten.
    Monsieur van der Baar, mein ganz besonderer Freund, und ehemaliger
Schiffs-Quartier-Meister, war Vice Gouverneur daselbst, und liess mir, vor mich
und meine Liebste, sogleich ein fein erbautes Haus einräumen, nach etlichen
Tagen aber, so bald wir uns nur ein wenig eingerichtet, musste uns einer von den
zwei daselbst befindlichen Holländischen Priestern ehelich zusammen geben. Ich
liess auf mehr als 50. Personen eine, nach dasiger Beschaffenheit, recht kostbare
Mahlzeit zurichten, vor alle andern aber, auch so gar vor die Indianischen
Familien, weiss Brod, Fleisch, Wein und ander starck Geträncke austeilen, damit
sich nebst mir, jederman zu erfreuen einige Ursach haben möchte. Der
Vice-Gouverneur liess mir zu Ehren, beim Gesundheit Trincken, die Stücken auf den
Batterien tapffer abfeuren, damit auch andere Insulaner hören möchten, dass in
selbiger Gegend etwas Besonderes vorgienge, kurtz, wir lebten etliche Tage, auf
meine Kosten rechtschaffen lustig. Meine nunmehrige Ehe-Liebste, die Donna
Salome, war so hertzlich vergnügt mit mir, als ich mit ihr, indem ich nun erst
in ihren süssen Umarmungen empfand, was rechtschaffene Liebe sei. Es sollte
mancher vermeinen, ich würde am allerersten nach meinen vergrabenen Schätzen
gelauffen sein, allein ich bin warhaftig so gelassen gewesen, und habe dieselbe
erst 8. Tage nach unserer Hochzeit gesucht, auch ohnversehrt glücklich wieder
gefunden, und meiner Liebste dieselben in der Stille gezeiget. Sie erstaunete
darüber, indem sie mich nimmermehr so reich geschätzt, nunmehro aber merckte,
dass sie sich an keinen Bettel-Mann verheiratet habe, und derowegen vollkommen
zufrieden war, ohngeacht ich ihr offenbarete, dass ich kein Edelmann, sondern nur
aus Bürgerlichen Stande sei.
    Vier Monat nach meiner glücklichen Wiederkunft, nachdem wir unsere
Hausshaltung in vortrefflichen Stand gesetzt, hatte ich die Freude, meinen alten
Capitain zu umarmen, welcher eben aus Holland wieder zurück kam, und nicht
allein die Confirmation über seine Gouverneur-Charge, sondern auch weit
wichtigere Vollmachten, nebst vielen höchst-nötigen Dingen, in 3. Schiffen mit
brachte. Er erzehlete mir, dass, nach der Versicherung meines Todes, er alsofort
mein zurückgelassenes Vermögen durch redliche und teils gegenwärtige Personen
taxiren lassen, welches sich auf 6. tausend Tlr. wert belauffen, hiervon habe
er meinem jüngern Bruder, den er nach Amsterdam zu sich verschrieben, vor ihn
und das andere Geschwister 5000. Tlr. gezahlet, ein tausend aber vor sich
selbst zur Erbschaft, vor die meinetwegen gehabte Mühe, behalten, welche er mir
aber nunmehro, da er die Freude hätte, mich wieder zu finden, gedoppelt bezahlen
wollte; Allein, ich hatte eine solche Freude über seine Redlichkeit, dass ich ihn
beschwur, hiervon nichts zu gedencken, indem ich, weil ich vergnügt wäre, mich
reich genug zu sein schätze, und wohl wüste, dass ihm selbst ein noch weit
mehreres schuldig sei.
    Wir lebten nachhero in der schönsten Einträchtigkeit beisammen, Monsieur van
der Baar musste mit 50. Mannen, und allerhand ihm zugegebenen notdürfftigen
Sachen, eine andere kleine Insul bevölckern, ich aber wurde an dessen Statt
Vice-Gouverneur, und war fast nicht mehr willens, in Zukunft auf Frei-Beuterei
auszugehen, sondern, bei meiner Liebens-würdigen Salome, mein Leben in Ruhe
zuzubringen, wie denn dieselbe ihr Verlangen nach Europa gäntzlich fahren liess,
und nichts mehr wünschte, als in meiner beständigen Gegenwart Lebens-lang auf
dieser Insul zu bleiben. Allein, o Jammer! mein innigliches Vergnügen währete
nicht lange, denn da meine Hertz-allerliebste Ehe-Frau im zehenden Monat nach
unserer Copulation durch eine entsetzliche schwere Geburt eine todte Tochter
zur Welt gebracht hatte, vermerckte sie bald darauf die Anzeigungen ihres
eigenen herran nahenden Todes. Sie hatte sich schon seit etlichen Wochen mit den
Predigern, der Religion wegen, fast täglich unterredet, und alle unsere
Glaubens-Articul wohl gefasset, nahm derowegen aus hertzlichen Verlangen nach
dem heiligen Abendmahle die Protestantische Religion an, und starb folgenden
Tages sanft und seelig.
    Ich mag meinen Schmertzen, den ich damahls empfunden, in Gegenwart anderer
voritzo nicht erneuern, sondern will nur so viel sagen, dass ich fast nicht zu
trösten war, und in beständiger Tieffsinnigkeit nirgends Ruhe zu suchen wusste,
als auf dem Grabe meiner Liebsten, welches ich mit einem ziemlich wohl
ausgearbeiteten Steine bedeckte und mit eigener Hand folgende Zeilen darauf
meisselte:
Hier liegt ein schöner Raub, den mir der Todt geraubt,
Nachdem der Freiheits-Raub den Liebes-Raub erlaubt.
Es ist ein seelig Weib. Wer raubt ihr diesen Orden?
Doch ich, als Wittber, bin ein Raub des Kummers worden.
    Unten drunter meisselte ich fernere Nachricht von ihrer und meiner Person,
nebst der Jahr-Zahl, ein, um die Curiosität der Nachkommen zu vergnügen, ich
hergegen wusste weiter fast nichts mehr von einigen Vergnügen in der Welt, ward
dannenhero schlüssig, wieder nach Europa zu gehen, um zu versuchen, ob ich
daselbst, als in der alten Welt, einige Gemüts-Ruhe finden, und meine
Schmertzen bei der begrabenen geliebten Urheberin derselben in der Neuen Welt
zurück lassen könnte. Dieses mein Vorhaben entdeckte ich dem Capitain, als unsern
Gouverneur, welcher mir nicht allein die hierzu benötigten freiwilligen Leute,
sondern auch eins der besten Schiffe, mit allen Zubehör versehen, auszulesen,
ohne die allergeringste Schwierigkeit, vielmehr mit rechten Freuden, erlaubte.
Jedoch mich inständig bat, bald wieder zu kommen, zumahlen, wenn ich meine
Meublen und Barschaften wohl angelegt hätte.
    Ich versprach alles, was er von mir verlangte, und seegelte, nachdem er mich
mit vielen wichtigen Commissionen und guten Pasporten versehen, im Nahmen des
Himmels von der mir so lieb gewesenen Insel nach Europa zu, und kam, ohne
besondere Hindernis, nach verflossener ordentlicher Zeit glücklich in Amsterdam
an.
    Binnen 2. Monaten richtete alle mir aufgetragene Commissionen aus, überliess
das Schiff an meines Capitains Compagnons, und gab ihnen zu verstehen, dass
erstlich in mein Vaterland reisen, und mich allda resolviren wollte, ob es weiter
mein Werck sein möchte, wieder in See zu gehen oder nicht. Packte nachhero alles
mein Vermögen auf, und ging nach Lübeck zu meinem ehemahligen Patrone, der mich
mit grösten Freuden empfing, in sein Haus auf so lange aufnahm, biss ich einen
richtigen Schluss gefasset, wohin mich nunmehro wenden wollte. Da mir aber dieser
mein Patron erzehlete, dass sein Sohn, mit dem ich ehemahls in Grypswalde studi
ret, nunmehro vor ein paar Jahren einen ansehnlichen Dienst in Dantzig bekommen
hätte, machte mich auf die Reise, ihn daselbst zu besuchen, nachdem ich vorhero
meinem Bruder, der ohne mich der jüngste war, schrifftlich zu wissen getan, dass
er mich in Dantzig antreffen würde.
    Derselbe nun hatte sich nicht gesäumet, sondern war noch zwei Tage eher als
ich bei dem beschriebenen guten Freunde eingetroffen, indem nun ich auch arrivir
the, weiss ich nicht, ob ich bei dem Bruder oder dem Freunde mehr Freude und
Liebes-Bezeugungen antraff, wenigstens stelleten sie sich einander gleich.
Nachdem wir uns aber etliche Tage rechtschaffen mit einander ergötzt, schickte
ich meinen Bruder mit einem ansehnlichen Stück Geldes nach meinem Vaterlande,
und überliess ihn die Sorge, durch einen geschickten Juristen, einen Pardon-Brief
bei der höchsten Landes-Obrigkeit vor mich auszuwircken, wegen des in Franckfurt
erstochenen Studenten. Weil nun mehrenteils auf der Welt das Geld alles
ausmachen kann, so war auch ich in diesem Stück nicht unglücklich, sondern
erhielt nach Verlauff etlicher Wochen den verlangten Pardon-Brief, und konnte
nach genomenen zärtlichen Abschiede von meinem Freunde sicher in meine
Geburts-Stadt reisen, nachdem ich in Dantzig die Zeit ungemein vergnügt
zugebracht, und mit den vornehmsten Kauff- und andern Leuten genaue Kund- und
Freundschaft gepflogen hatte.
    Meine Geschwister, Bluts- und Muts-Freunde empfingen mich mit ganz
ausserordentlichen Vergnügen, konnte also in den ersten 4. Wochen wenig tun, als
zu Gaste gehen, nachhero liess mich zwar bereden, daselbst in Ruhe zu bleiben, zu
welchem Ende ich ein schönes Gut kauffen, und eine vorteilhaft Mariage treffen
sollte, allein, weil es vielleicht nicht sein sollte, musste mir eine unverhoffte
Verdriesslichkeit zustossen, die zwar an sich selbst wenig importirte, allein ich
ward auf einmal capricieus, setzte meinen Kopff auf, resolvirte mich, wieder
zur See zu gehen, und reisete, nachdem ich mich über ein Jahr zu Hause
aufgehalten, meine Verwandten und Freunde auch reichlich beschenckt, ohne
fernern Zeit-Verlust wieder nach Amsterdam.
    Es hielt daselbst nicht schwer, einen neuen Brief vor mich als Capitain
eines Frei-Beuter Schiffs heraus zu kriegen, zumahl da mich selbst equippiren
wollte, ich warb Leute an, bekam aber, wie ich nachhero erfahren musste, zu meinem
Unglücke den Abschaum aller Schelmen, Diebe, und des allerliederlichsten
Gesindels auf meinem Schiff, mit selbigen wollte ich nun eine neue Tour nach
West-Indien vornehmen, so bald mich aber nur auf dem grossen Atlantischen Meere
befand, änderten sie auf Einraten eines Ertz-verruchten Bösewichts, der sich
Jean le Grand nennete, und den ich wegen seines guten Ansehens und verstellten
rechtschaffenen Wesens, zum nächsten Commandeur nach mir gemacht hatte, ihre
Resolution, und zwungen mich, sie nach Ost-Indien zu führen. Ihr ungestümes
Wesen ging mir zwar sehr im Kopffe herum, jedoch ich musste klüglich handeln, und
mich in die Zeit schicken, da aber ihre Bosheit überhand nahm, und von einigen
die verzweiffeltesten und liederlichsten Streiche gemacht wurden, liess ich die
Rädels-Führer exemplarisch bestraffen, setzte auch hiermit, meines Bedünckens,
die übrigen alle in ziemliche Furcht. Immittelst waren wir allbereit die Linie
passiret, als uns ein entsetzlicher Sturm von der Ost-Indischen Strasse ab- im
Gegenteil nach dem Brasilischen Meere hin-, wo das Mittägliche America liegt,
getrieben hatte. Ich brauchte alle meine Beredsamkeit diesen uns von dem Glück
gewiesenen Weg zu verfolgen, und versicherte, dass wir in America unser Conto
weit besser finden würden, als in Ost-Indien; allein, meine Leute wollten fast
alle anfangen zu rebelliren, und durchaus meinem Kopffe und Willen nicht folgen,
weswegen ich ihnen auch zum andern mahle nachgab, allein, sie erfuhren es mit
Schaden, weil wir in öfftern Stürmen bei nahe das Leben und alles verloren
hätten. Endlich erholeten wir uns auf einer gewissen Insul in etwas, und waren
allbereits den Tropicum capricorni passiret, da mir die unruhigsten Köpffe
abermals allerhand verfluchte Händel auf dem Schiffe machten. Ich wollte die
ehemalige Schärffe gebrauchen, allein, Jean le Grand trat nunmehro öffentlich
auf, und sagte: Es wäre keine Manier, Frei-Beuter also zu tractiren, ich sollte
mich moderater aufführen, oder man würde mir etwas anders weisen.
    Dieses war genung geredet, mich völlig in Harnisch zu jagen, kaum konnte mich
entalten, ihm die Fuchtel zwischen die Ohren zu legen, doch liess ihn durch
einige annoch Getreuen in Arrest nehmen, und krumm zusammen schliessen. Hiermit
schien es, als ob alle Streitigkeiten beigelegt wären, indem sich kein eintziger
mehr regte, allein, es war eine verdammte List, mich, und diejenigen, die es
annoch mit mir hielten, recht einzuschläffern. Damit ich es aber nur kurtz
mache: Einige Nachte hernach machten die Rebellen den Jean le Grand in der
Stille von seinen Ketten los, erwehleten ihn zu ihrem Capitain, mich aber
überfielen sie des Nachts im Schlaffe, banden meine Hände und Füsse mit
Stricken, und legten mich auf den untersten Schiffs-Boden, allwo zu meinem
Lebens-Unterhalte nichts anders bekam als Wasser und Brod. Die Leichtfertigsten
unter ihnen hatten beschlossen gehabt, mich über Boord in die See zu werffen,
doch diejenigen, so noch etwa einen halben redlichen Bluts-Tropffen im Leibe
gehabt, mochten diesen unmenschlichen Verfahren sich eifferig widersetzt haben,
endlich aber nach einem abermals überstandenen heftigen Sturme, da das Schiff
nahe an einem ungeheuern Felsen auf den Sand getrieben worden, und nach 2. Tagen
erstlich wieder Flott werden konnte, wurde ich, vermittelst eines kleinen Boots,
an dem wüsten Felsen ausgesetzt, und musste mit tränenden Augen die rebellischen
Verräter mit meinem Schiffe und Sachen davon seegeln, mich aber von aller
menschlichen Gesellschaft und Hülffe an einen ganz wüsten Orte gäntzlich
verlassen sehen. Ich ertrug mein unglückliches Verhängnis dennoch mit ziemlicher
Gelassenheit, ohngeacht keine Hoffnung zu meiner Erlösung machen konnte, zudem
auch nicht mehr als etwa auf 3. Tage Proviant von der Barmhertzigkeit meiner
unbarmhertzigen Verräter erhalten hatte, stellete mir derowegen nichts
gewissers, als einen baldigen Todt, vor Augen. Nunmehro fing es mich freilich an
zu gereuen, dass ich nicht auf der Insul Bon air bei dem Grabe meiner liebsten
Salome, oder doch im Vaterlande, das Ende meines Lebens erwartet, so hätte doch
versichert sein können, nicht so schmählich zu sterben, und da ich ja gestorben,
ehrlich begraben zu werden; allein es halff hier nichts als die liebe Gedult und
eine christliche Hertzhaftigkeit, dem Tode getrost entgegen zu gehen, dessen
Vorboten sich in meinem Magen und Gedärme, ja im ganzen Cörper nach
aufgezehrten Proviant und bereits 2. tägigem Fasten deutlich genung spüren
liessen.
    Die Hitze der Sonnen vermehrete meine Mattigkeit um ein grosses, weswegen
ich an einen schattigten Ort kroch, allwo ein klares Wasser mit dem grösten
Ungestüm aus dem Felsen heraus geschossen kam, hiermit, und dann mit einigen
halbverdorreten Kräutern und Wurtzeln, die doch sehr sparsam an dem rings herum
ganz steilen Felsen anzutreffen waren, konnte ich mich zum Valet-Schmause auf
der Welt noch in etwas erquicken. Doch unversehens hörete die starcke
Wasser-Flut auf einmal auf zu brausen, so, dass in Kurtzen fast kein eintziger
Wasser-Troffen mehr gelauffen kam. Ich wusste vor Verwunderung und Schrecken
nicht, was ich hierbei gedencken sollte, brach aber in folgende wehmütige Worte
aus: So muss denn, armseeliger Wolffgang! da der Himmel einmal deinen Untergang
zu beschleunigen beschlossen hat, auch die Natur den ordentlichen Lauff des
Wassers hemmen, welches vielleicht an diesem Orte niemahls geschehen ist, weil
die Welt gestanden hat, ach! so bete denn, und stirb. Ich fing also an, mit
weinenden Augen, den Himmel um Vergebung meiner Sünden zu bitten, und hatte den
festen Vorsatz, in solcher heissen Andacht zu verharren, biss mir der Todt die
Augen zudrückte.
    Was kann man doch vor ein andächtiger Mensch werden, wenn man erstlich aller
menschlichen Hülffe beraubt, und von seinem Gewissen überzeugt ist, dass man der
Göttlichen Barmhertzigkeit nicht würdig sei? Ach! da heist es wohl recht: Not
lernet beten. Doch ich bin ein lebendiger Zeuge, dass man die Göttliche Hülffe
sodann erstlich rechtschaffen erkennen lerne, wenn uns alle Hoffnung auf die
menschliche gäntzlich entnommen worden. Doch weil mich GOtt ohnfehlbar zu einem
Werckzeuge ausersehen, verschiedenen Personen zu ihrer zeitlichen, noch mehrern
aber zu ihrer geistlichen Wohlfart behülfflich zu sein, so hat er mich auch in
meiner damahligen allergrösten Lebens-Gefahr, und zwar folgender Gestalt,
wunderlich erhalten:
    Als ich mich nach Zurückbleibung der Wasser-Flut in eine Felsen-Klufft
hinein geschmieget, und unter beständigen lauten Seuffzen und Beten mit
geschlossenen Augen eine baldige Endigung meiner Quaal wünschte; hörete ich eine
Stimme in Teutscher Sprache folgende Worte nahe bei mir sprechen: Guter Freund,
wer seid ihr? und warum gehabt ihr euch so übel? So bald ich nun die Augen
aufschlug, und 6. Männer in ganz besonderer Kleidung mit Schiess-und
Seiten-Gewehr vor mir stehen sah, kam mein auf der Reise nach der Ewigkeit
begriffener Geist plötzlich wieder zurücke, ich konnte aber, ich glaube, teils
vor Schrecken, teils vor Freuden kein eintzig Wort antworten, sie redeten mir
derowegen weiter zu, erquickten mich mit einem besonders wohlschmeckenden
Geträncke und etwas Brodt, worauf ihnen meine gehabten Fatalitäten kürtzlich
erzehlete, um alle möglichste Hülffe, gegen bevorstehende Gefahr zu verhungern
anhielt, und mich anbei erkundigte, wie es möglich wäre, an diesem wüsten Orte
solche Leute anzutreffen, die meine Mutter-Sprache redeten? Sie bezeugten durch
Gebärden ein besonderes Mitleiden wegen meines gehabten Unglücks, sagten aber:
Guter Freund, sorget vor nichts, ihr werdet an diesem wüste und unfruchtbar
scheinenden Orte alles finden, was zu eurer Lebens-Fristung nötig sein wird,
geht nur mit uns, so soll euch in dem, was ihr zu wissen verlanget,
vollkommenes Genügen geleistet werden.
    Ich liess mich nicht zweimahl nötigen, wurde also von ihnen in den Schlund
des Wasser-Falles hinein geführet, allwo wir etliche Stuffen in die Höhe
stiegen, hernach als in einem finstern Keller, zuweilen etwas gebückt, immer
aufwarts gingen, so, dass mir wegen unterschiedlicher einfallender Gedancken
angst und bange werden wollte, indem ich mir die 6. Männer bald als Zauberer,
bald als böse, bald als gute Engel vorstellete. Endlich, da sich in diesem
düstern Gewölbe das Tages-Licht von ferne in etwas zeigte, fassete ich wieder
einen Mut, merckte, dass, je höher wir stiegen, je heller es wurde, und endlich
kamen wir an einem solchen Orte heraus, wo meine Augen eine der allerschönsten
Gegenden von der Welt erblickten. An diesem Ausgange waren auf der Seite etliche
in Stein gehauene bequeme Sitze, auf deren einen ich mich niederzulassen und zu
ruhen genötiget wurde, wie sich denn meine Führer ebenfals bei mir
niederliessen, und fragten: Ob ich furchtsam und müde worden wäre? Ich
antwortete: Nicht sonderlich. Hatte aber meine Augen beständig nach der schönen
Gegend zugewand, welche mir ein irdisch Paradiess zu sein schien. Mittlerweile
bliess der eine von meinen Begleitern 3. mahl in ein ziemlich grosses Horn, so er
an sich hangen hatte, da nun hierauf 6. mahl geantwortet worden, ward ich mit
Erstaunen gewahr, dass eine gewaltige starcke Wasser-Flut in dem leeren
Wasser-Graben hergeschossen kam, und sich mit grässlichen Getöse und grausamer
Wut in diejenige Öffnung hinein stürtzte, wo wir herauf gekommen waren.
    So viel ists, Messieurs, sagte hier der Capitain Wolffgang, als ich euch vor
diessmahl von meiner Lebens-Geschicht erzählt haben will, den übrigen Rest
werdet ihr bei bequemerer Gelegenheit ohne Bitten erfahren, geduldet euch nur,
biss es erstlich Zeit darvon ist. Hiermit nahm er, weil es allbereit ziemlich
spät war, Abschied von den andern, mich aber führete er mit in seine Cammer, und
sagte: Mercket ihr nun, mein Sohn, Monsieur Eberhard Julius! dass eben diese
Gegend, welche ich itzo als ein irrdisches Paradiess gerühmet, dasjenige Gelobte
Land ist, worüber euer Vetter, Albertus Julius, als ein Souverainer Fürst
regieret? Ach, betet fleissig, dass uns der Himmel glücklich dahin führet, und wir
denselben noch lebendig antreffen, denn den weitesten Teil der Reise haben wir
fast zurück gelegt, indem wir in wenig Tagen die Linie passiren werden. Hierauf
wurde noch ein und anderes zwischen mir und ihm verabredet, worauf wir uns
beiderseits zur Ruhe legten.
    Es traff ein, was der Capitain sagte, denn 5. Tage hernach kamen wir unter
die Linie, allwo doch vor dieses mahl die sonst gewöhnliche excessive Hitze
nicht eben so sonderlich war, indem wir unsere ordentliche Kleidung ertragen,
und selbige nicht mit leichten Leinwand-Kitteln verwechseln durfften. Unsere
Matrosen hingegen vergassen bei dieser Gelegenheit ihre wunderlichen Gebräuche
wegen des Tauffens nicht, sondern machten bei einer lächerlichen Masquerade mit
denenjenigen, so die Linie zum ersten mahle passirten, und sich nicht mit Gelde
lösen wollten, eine ganz verzweiffelte Wäsche, ich nebst einigen andern blieb
ungehudelt, weiln wir jeder einen Species Taler erlegten, und dabei angelobten,
Zeit Lebens, so oft wir an diesen Ort kämen, die Ceremonie der Tauffe bei den
Neulingen zu beobachten.
    Die vortrefflich schöne Witterung damahliger Zeit, verschafte uns, wegen
der ungemeinen Windstille, zwar eine sehr langsame, doch angenehme Fahrt, der
gröste Verdruss war dieser, dass das süsse Wasser, so wir auf dem Schiffe
führeten, gar stinckend und mit eckeln Würmern angefüllet wurde, welches
Ungemach wir so lange erdulden mussten, biss uns der Himmel an die Insul St.
Helenæ führete. Diese Insul ist von gar guten Leuten, Englischer Nation,
bewohnt, und konten wir daselbst nicht allein den Mangel des Wassers, sondern
auch vieler andern Notwendigkeiten ersetzen, welches uns von Hertzen
wohlgefiel, ohngeacht wir binnen denen 12. Tagen, so wir daselbst zubrachten,
den Geld-Beutel beständig in der Hand haben mussten.
    Wenn der Capitain den wollüstgen Leuten unsers Schiffs hätte zu gefallen
leben wollen, so lägen wir vielleicht annoch bei dieser Insul vor Ancker, indem
sich auf derselben gewiss recht artig Frauenzimmer antreffen liess, allein er
befand, ehe sich dieselben ruinirten, vor ratsam, abzuseegeln, da wir denn am
15. Octobr. den Tropicum Capricorni passirten, allwo die Matrosen zwar wieder
eine neue Tauffe anstelleten, doch nicht so scharffe Lauge gebrauchten, als
unter der Linie.
    Wenig Tage hernach fiel ein verdrüssliches Wetter ein, und ob es wohl nicht
beständig hintereinander her regnete, so verfinsterte doch ein anhaltender
gewaltig-dicker Nebel fast die ganze Lufft, und konten wir um Mittags-Zeit die
Sonne sehr selten und trübe durch die Wolcken schimmern sehen. Wenn uns der Wind
so ungewogen als das Wetter gewesen wäre, hätten wir uns des übelsten zu
befürchten gnugsame Ursach gehabt, doch dessen gewöhnliche Wut blieb in
ziemlichen Schrancken, obgleich der Regen und Nebel biss in die dritte Woche
anhielt.
    Endlich zerteilte sich zu unsern allerseits grösten Vergnügen so wohl Regen
als Nebel, indem sich die Sonne unsern Augen in ihrer schönsten Klarheit, der
Himmel aber ohne die geringsten Wolcken als ein blau-gemahltes Gewölbe zeigte.
Und gewisslich diese Allmachts-Geschöpffe erweckten in uns desto grössere
Verwunderung, weil wir ausser denselben sonst nichts sehen konten als unser
Schiff, die offenbare See, und dann und wann einige schwimmenden Kräuter. Wir
bekamen zwar einige Tage hernach auch verschiedene Seltsamkeiten, nämlich
See-Kühe, See-Kälber und See-Löwen, Delphine, rare Vögel und dergleichen zu
Gesichte, aber nichts fiel mir mit mehrern Vergnügen in die Augen, als, da der
Capitain Wolffgang eines Tages sehr frühe mit aufgehender Sonne mir sein
Perspectiv gab, und sagte: Sehet, mein Sohn! dorten von ferne denjenigen Felsen,
worauf nächst GOtt eure zeitliche Wohlfahrt gegründet ist. Ich wusste mich vor
Freuden fast nicht zu lassen, als ich diesen vor meine Person so glücklichen Ort
nur von ferne erblickte, ohngeacht ich nichts wahrnehmen konnte, als einen
ungeheuern aufgetürmten Stein-Klumpen, welcher auch, je näher wir demselben
kamen, desto fürchterlicher schien, doch weil mir der Capitain in Geheim
allbereis eine gar zu schöne Beschreibung darvon gemacht hatte, bedünckten mich
alle Stunden Jahre zu werden, ehe wir diesem Trotzer der Winde und stürmenden
Meeres-Wellen gegen über Ancker wurffen.
    Es war am 12. Novemb. 1725. allbereit nach Untergang der Sonnen, da wir in
behöriger Weite vor dem Felsen die Ancker sincken liessen, weil sich der
Capitain vor den ihm ganz wohlbekandten Sand-Bäncken hütete. So bald dieses
geschehen, liess er kurtz auf einander 3. Canon-Schüsse tun, und bald hernach 3.
Raqueten steigen. Nach Verlauff einer Vierteils Stunde mussten abermals 3.
Canonen abgefeuert, und bei jedem 2. Raqueten gezündet werden, da denn alsofort
von dem Felsen mit dreien Canonen-Schüssen geantwortet wurde, worbei zugleich 3.
Raqueten gegen unser Schiff zugeflogen kamen, welches bei denen, so keinen
Bescheid von der Sache hatten, eine ungemeine Verwunderung verursachte. Der
Capitain aber liess noch 6. Schüsse tun, und biss gegen Mitter-Nacht alle Viertel
Stunden eine Raquete steigen, auch Lust-Kugeln und Wasser-Kegel in die See
spielen, da denn unsern Raqueten allezeit andere von dem Felsen entgegen kamen,
um Mitter-Nacht aber von beiden Seiten mit 3. Canonen-Schüssen beschlossen
wurde.
    Wir legten uns hierauf mehrenteils zur Ruhe, biss auf einige, welche von des
Capitains generositeé überflüssig profitiren wollten, und sich teils bei einem
Glase Brandtewein, teils bei einer Schaale Coffeé oder Canarien-Sect noch
tapffer lustig machten, biss der helle Tag anbrach. Demnach hatten wir schon
ausgeschlaffen, da diese nassen Brüder noch nicht einmal müde waren. Capitain
Wolffgang liess, so bald die Sonne aufgegangen war, den Lieutenant Horn nebst
allen auf dem Schiffe befindlichen Personen zusammen ruffen, trat auf den
Oberlof, und tat ohngefähr folgende Rede an die sämtlich Versammleten:
    Messieurs und besonders gute Freunde! Es kann euch nicht entfallen sein, was
ich mit einem jeden ins besondere, hernach auch mit allen insgesamt öffentlich
verabredet, da ich euch teils in meiner Compagnie zu reisen, teils aber in
meine würcklichen Dienste aufgenommen habe. Die meisten unter euch haben mir
einen ungezwungenen Eyd über gewisse Puncte, die ich ihnen wohl erkläret habe,
geschworen, und ich muss euch allen zum immerwährenden Ruhme nachsagen, dass nicht
ein eintziger, nur mit der geringsten Gebärde, darwider gehandelt, sondern einer
wie der andere, vom grösten biss zum kleinesten, sich dergestalt gegen mich
aufgeführet, wie ich von honetten, rechtschaffenen Leuten gehofft habe. Nunmehro
aber, lieben Kinder, ist Zeit und Ort vorhanden, da ich nebst denen, die ich
darzu auf- und angenommen, von euch scheiden will. Nehmet es mir nicht übel,
denn es ist vorhero so mit euch verabredet worden. Sehet, ich stelle euch hier
an meine Statt den Lieutenant Philipp Wilhelm Horn zum Capitain vor, ich kenne
seine treffliche Conduite, Erfahrenheit im See-Wesen und andere zu solcher
Charge erforderliche Meriten, folget meinem Rate und seinem Anführen in guter
Einträchtigkeit, so habt ihr mit Göttl. Hülffe an glücklicher Aussführung eures
Vorhabens nicht zu zweiffeln. Ich gehe nun an meinen auserwehlten Ort, allwo ich
die übrige Zeit meines Lebens, ob GOTT will, in stiller Ruhe hinzu bringen
gedencke. GOTT sei mit euch und mir. Ich wünsche euch allen, und einem jeden ins
besondere tausendfaches Glück und Seegen, gedencket meiner allezeit im Besten,
und seid versichert, dass ich eure an mir erwiesene Redlichkeit und Treue,
allezeit danckbar zu erkennen suchen werde, denn wir können einander in Zukunft
dem ohngeacht wohl weiter dienen. Inzwischen da ich mein Schiff nebst allen dem
was ihr zur Ost-Indischen Reise nötig habt, an den Capitain Horn, vermöge eines
redlichen Contracts überlassen habe, wird hoffentlich niemand scheel sehen, wenn
ich diejenigen Meublen so vor mich allein mitgenommen, davon abführe,
hernachmals freundlichen Abschied nehme, und euch ingesammt Göttl. Schutz
empfehle.
    Man hätte, nachdem der Capitain Wolffgang diese seine kleine Oration
gehalten, nicht meinen sollen, wie niedergeschlagen sich alle und jede, auch die
sonst so wilden Boots-Knechte bezeugten. Ein jeder wollte der erste sein, ihn mit
Tränenden Augen zu umarmen, dieser fiel ihm um den Hals, jener küssete ihm die
Hände, andere Demütigten sich noch tieffer, so dass er selbst weinen und mit
manier Gelegenheit suchen musste, von allen Liebkosungen los zu kommen. Er hielt
hierauff noch eine kleine Rede an den neuen Capitain, stellete ihm das Behörige
zum Uberflusse nochmals vor, liess allen, die sich auf dem Schiffe befunden,
abermals Wein und ander starckes, auch gelinderes und lieblicher Geträncke
reichen, aus den Canonen aber tapffer Feuer geben. Währender Zeit wurden unsere
Sachen von dem Schiffe auf Boote gepackt, und nach und nach hinüber an den
Felsen geschafft, womit wir zwei vollkommene Tage zubrachten, ohngeachtet von
Morgen biss in die Nacht aller Fleiss angelegt wurde.
    Am allerwundersamsten kam es einen jeden vor, dass der Capitain an einem
solchen Felsen bleiben wollte, wo weder Grass, Kraut noch Bäume, vielweniger
Menschen zu sehen waren, weswegen sich auch einige nicht entalten konten, ihn
darum zu befragen. Allein er gab ihnen lächelnd zur Antwort: Sorget nicht,
lieben Kinder, vor mich und die ich bei mir habe, denn ich weiss, dass uns GOTT
wohl erhalten kann und wird. Wer von euch in des Capitain Horns Gesellschaft
wieder mit zurück kömmt, soll uns, ob GOTT will, wieder zu sehen und zu sprechen
kriegen.
    Nachdem also alle Personen und Sachen so am Felsen zurück bleiben sollten,
hinüber geschafft waren, lichtete der Capitain Horn seine Ancker und nahm mit 4.
Canonen-Schüssen von uns Abschied, wir danckten ihm gleichfalls aus 4. Canonen
die Herr Capitain Wolffgang mit an den Felsen zu bringen befohlen hatte, dieses
aber war am vergnüglichsten, dass die unsichtbaren Einwohner des Felsens auch
kein Pulver spareten, und damit anzeigten, dass sie uns Bewillkomen, jenen aber
Glück auf die Reise wünschen wollten.
    Kaum hatte sich das Schiff aus unsern Augen verloren, als, indem sich die
Sonne bereits zum Untergange geneiget, die sämtlich Zurückgebliebenen ihre
begierigen Augen auf den Capitain Wolffgang worffen, um solchergestat
stillschweigend von ihm zu erfahren, was er nunmehro mit uns anfangen wollte? Es
bestunde aber unsere ganze Gesellschaft aus folgenden Personen:
    1. Der Capitain Leonhard Wolffgang, 45. Jahr alt.
    2. Herr Mag. Gottlieb Schmeltzer, 33. Jahr alt.
    3. Friedrich Litzberg ein Literatus, der sich meistens auf die Matematique
        legte, etwa 30. Jahr alt.
    4. Johann Ferdinand Kramer, ein erfahrner Chirurgus, 33. Jahr alt.
    5. Jeremias Heinrich Plager, ein Uhrmacher und sonst sehr künstlicher
        Arbeiter, in Metall und anderer Arbeit, seines Alters 34. Jahr.
    6. Philipp Harckert, ein Posamentirer von 23. Jahren.
    7. Andreas Klemann, ein Pappiermacher, von 36. Jahren.
    8. Willhelm Herrlich, ein Drechsler, 32. Jahr alt.
    9. Peter Morgental, ein Kleinschmied, aber dabei sehr künstlicher
        Eisen-Arbeiter, 31. Jahr alt.
    10. Lorentz Wetterling, ein Tuchmacher, 34. Jahr alt.
    11. Philipp Andreas Krätzer, ein Müller, 36. Jahr alt.
    12. Jacob Bernhard Lademann, ein Tischler, 35. Jahr.
    13. Joh. Melchior Garbe, ein Büttner, von 28. Jahren.
    14. Nicolaus Schreiner, ein Töpffer-Geselle, von 22. Jahren.
    15. Ich, Eberhard Julius, damals alt, 191/2 Jahr.
    Was wir an Gerätschaften, Tieren und andern Sachen mit ausgeschifft
hatten, wird gehöriges Orts vorkommen, derowegen erinnere nur nochmals das
besondere Verlangen so wir allerseits hegten, nicht allein das Gelobte Land,
darinnen wir wohnen sollten, sondern auch die berühmten guten Leute zu sehen.
Capitain Wolffgang merckte solches mehr als zu wohl, sagte derowegen: wir
möchten uns nur diese Nacht noch auf dieser Städte zu bleiben gefallen lassen,
weiln es ohnedem schon späte wäre, der morgende Tag aber sollte der Tag unsers
frölichen Einzugs sein.
    Indem er nun wenig Worte verlieren durffte, uns alle nach seinen Willen zu
lencken, setzte sich ein Teil der Unsern bei das angemachte Feuer nieder,
dahingegen Herr M. Schmeltzer, ich und noch einige mit dem Capitain am Fusse des
Felsens spazieren giengen und den herabschiessenden Wasser-Fluss betrachteten,
welches gewiss in dieser hellen Nacht ein besonderes Vergnügen erweckte. Wir
hatten uns aber kaum eine halbe Stunde hieran ergötzt, als unsere
zurückgelassenen Leute, nebst dreien Frembden, die grosse Fackeln in den Händen
trugen, zu uns kamen.
    Ermeldte Frembde hatten bei den Unserigen, nach dem Capitain Wolffgang
gefragt, und waren nicht allein dessen Anwesenheit berichtet, sondern auch aus
Neugierigkeit biss zu uns begleitet worden. So bald die Frembden den Capitain
erblickten, warffen sie sogleich ihre Fackeln zur Erden, und lieffen hinzu,
selbigen alle drei auf einmal zu umarmen.
    Der Capitain, so die 3. Angekommenen sehr wohl kennete, umarmete und küssete
einen nach dem andern, worauf er nach kurtz gefasseten Grusse sogleich fragte:
Ob der Altvater annoch gesund lebte? Sie beantworteten dieses mit Ja, und baten,
er möchte doch alsofort nebst uns allen zu ihm hinauff steigen. Allein der
Capitain versetzte: Meine liebsten Freunde! ich will die bei mir habenden Leute
nicht zur Nachts-Zeit in diesen Lust-Garten der Welt führen, sondern erwarten,
biss Morgen, so GOtt will, die Sonne zu unsern frohen Einzuge leuchtet, und uns
denselben in seiner natürlichen Schönheit zeigt. Erlaubet uns solches, fuhr er
fort, und empfanget zuförderst diesen euren Bluts-Freund Eberhard Julium,
welchen ich aus Teutschland mit anhero geführet habe.
    Kaum hatte er diese Worte gesprochen, als sie vor Freuden in die Höhe
sprungen, und einer nach dem andern mich umfiengen und küsseten. Nachdem
solchergestalt auch alle unsere Reise-Gefährten bewillkommet waren, bat der
Capitain meine frembden Vettern, dass einer von ihnen hinauf steigen, dem
Altvater seinen Gehorsam vermelden, anbei Erlaubnis bitten sollte, dass er Morgen
frühe, mit Aufgang der Sonnen, nebst 14. redlichen Leuten bei ihm einziehen
dürffe. Es lief also Augenblicklich einer hurtig davon, um diese Commission
auszurichten, die übrigen zwei aber setzten sich nebst uns zum Feuer, ein Glas
Canari-Sect zu trincken, und liessen sich vom Capitain erzählen, wie es uns auf
der Reise ergangen sei.
    Ich vor meine Person, da in vergangenen 2. Nächten nicht ein Auge zugetan
hatte, konnte nunmehro, da ich den Hafen meines Vergnügens erreicht haben sollte,
unmöglich mehr wachen, sondern schlieff bald ein, ermunterte mich auch nicht
eher, biss mich der Capitain beim Aufgange der Sonnen erweckte. Meine
Verwunderung war ungemein, da ich etliche 30. ansehnliche Männer in frembder
doch recht guter Tracht um uns herum sah, sie umarmeten und küsseten mich alle
ordentlich nach einander, und redeten so feines Hoch-Teutsch, als ob sie
gebohrne Sachsen wären. Der Capitain hatte indessen das Früh-Stück besorgt,
welches in Coffeé, Frantz-Brandtewein, Zucker-Brod und andern Confituren
bestund. So bald dieses verzehret war, blieben etwa 12. Mann bei unsern Sachen,
die übrigen aber giengen mit uns nach der Gegend des Flusses, bei welchen wir
gestern Abend gewesen waren. Ich ersah mit gröster Verwunderung, dass derselbe
ganz trocken war, besonn mich aber bald auf des Capitains vormahlige Erzehlung,
mitlerweile stiegen wir, aber ohne fernern Umschweiff, die von dem klaren Wasser
gewaschenen Felsen-Stuffen hinauff, und marchirten in einer langen, jedoch mit
vielen Fackeln erleuchteten, Felsen-Höle immer aufwärts, biss wir endlich
ingesammt als aus einem tieffen Keller, an das helle Tages-Licht herauff kamen.
    Nunmehro waren wir einigermassen überzeugt, dass uns der Capitain Wolffgang
keine Unwahrheiten vorgeschwatzt hatte, denn man sah allhier, in einem kleinen
Bezierck, das schönste Lust-Revier der Welt, so, dass unsere Augen eine gute Zeit
recht starr offen stehen, der Mund aber, vor Verwunderung des Gemüts,
geschlossen bleiben musste.
    Unsern Seel-Sorger, Herr M. Schmeltzern, traten vor Freuden die Tränen in
die Augen, er fiel nieder auf die Knie, um dem Allerhöchsten gebührenden Danck
abzustatten, und zwar vor die besondere Gnade, dass uns derselbe ohne den
geringsten Schaden und Unfall gesund anhero geführet hatte. Da er aber sah dass
wir gleiches Sinnes mit ihm waren, nahm er seine Bibel, verlass den 65. und 84.
Psalm Davids, welche beiden Psalmen sich ungemein schön hieher schickten, Betete
hierauf einige kräfftige Gebete, und schloss mit dem Liede: Nun dancket alle GOTT
etc. Unsere Begleiter konten so gut mit singen und beten als wir, woraus
sogleich zu mutmassen war, dass sie im Christentum nicht unerfahren sein
müsten. So bald wir aber dem Allmächtigen unser erstes Opffer auf dieser Insul
gebracht, setzten wir die Füsse weiter, nach dem, auf einem grünen Hügel, fast
mitten in der Insul liegenden Hause zu, worinnen Albertus Julius, als
Stamm-Vater und Oberhaupt aller Einwohner, so zu sagen, residirte.
    Es ist unmöglich dem Geneigten Leser auf einmal alles ausführlich zu
beschreiben, was vor Annehmlichkeiten uns um und um in die Augen fielen,
derowegen habe einen kleinen Grund-Riss der Insul beifügen wollen, welchen
diejenigen, so die Geometrie und Reiss-Kunst besser als ich verstehen, passiren
zu lassen, gebeten werden, denn ich ihn nicht gemacht habe, etwa eine
eingebildete Geschicklichkeit zu zeigen, sondern nur dem curieusen Leser eine
desto bessere Idee von der ganzen Landschaft zu machen. Jedoch ich wende mich
ohne weitläufftige Entschuldigungen zu meiner Geschichts-Erzählung, und gebe dem
Geneigten Leser zu vernehmen: dass wir fast eine Meilwegs lang zwischen einer
Alleé, von den ansehnlichsten und fruchtbarsten Bäumen, die recht nach der
Schnur gesetzt waren, fortgiengen, welche sich unten an dem ziemlich hoch
erhabenen Hügel endigte, worauf des Alberti Schloss stund. Doch etwa 30. Schritte
lang vor dem Ausgange der Alleé, waren die Bäume mit Fleiss dermassen zusammen
gezogen, dass sie oben ein rechtes Europäisches Kirchen-Gewölbe formirten, und an
statt der schönsten Sommer-Laube dieneten. Unter dieses ungemein propre und
natürlich kostbare Verdeck hatte sich der alte Greiss, Albertus Julius, von
seiner ordentlichen Behausung herab, uns entgegen bringen lassen, denn er konnte
damals wegen eines geschwollenen Fusses nicht gut fortkommen. Ich erstaunete
über sein Ehrwürdiges Ansehen, und venerablen weissen Bart, der ihm fast biss auf
dem Gürtel herab reichte, zu seinen beiden Seiten waren noch 5. ebenfalls sehr
alt scheinende Greisse, nebst etlichen andern, die zwar etwas jünger, doch auch
50. biss 60. Jahr alt aussahen. Ausser der Sommer-Laube aber, auf einem schönen
grünen und mit lauter Palmen- und Latan-Bäumen umsetzten Platze, war eine
ziemliche Anzahl erwachsener Personen und Kinder, alle recht reputirlich
gekleidet, versammelt.
    Ich wüste nicht Worte genung zu ersinnen, wenn ich die zärtliche
Bewillkommung, und das innige Vergnügen des Albert Julii und der Seinigen
vorstellen sollte. Mich drückte der ehrliche Alte aus getreuem Hertzen dermassen
fest an seine Brust, dass ich die Regungen des aufrichtigen Geblüts sattsam
spürte, und eine lange Weile in seinen Armen eingeschlossen bleiben musste.
Hierauff stellete er mich als ein Kind zwischen seinen Schoss, und liess alle
Gegenwärtigen, so wohl klein als gross herzu ruffen, welche mit Freuden kamen und
den Bewillkommungs-Kuss auf meinen Mund und Hand drückten. Alle andern
Neuangekommenen wurden mit nicht weniger Freude und Aufrichtigkeit empfangen, so
dass die ersten Höfflichkeits-Bezeugungen biss auf den hohen Mittag daureten,
worauff wir Einkömmlinge mit dem Albert Julio, und denen 5. Alten, in dem auf
dem Hügel liegenden Hause, die Mittags-Mahlzeit einnahmen. Wir wurden zwar nicht
Fürstlich, doch in der Tat auch nicht schlecht tractiret, weiln nebst den 4.
recht schmackhaften Gerichten, die in Fleisch, Fischen, gebratenen Vögeln, und
einem raren Zugemüse bestunden, die delicatesten Weine, so auf dieser Insul
gewachsen waren, aufgetragen wurden. Bei Tische wurde sehr wenig geredet, mein
alter Vetter Albert Julius aber, dem ich zur Seite sitzen musste, legte mir stets
die allerbesten Bissen vor, und konnte, wie er sagte, vor übermässiger Freude,
itzo nicht den vierdten Teil so viel, als gewöhnlich essen. Es war bei diesen
Leuten nicht Mode lange zu Tische zu sitzen, derowegen stunden wir nach
ordentlicher Ersättigung auf, der Altvater betete nach seiner Gewohnheit, so wohl
nach als vor Tische selbst, ich küssete ihm als ein Kind die Hand, er mich aber
auf den Mund, nach diesen spatziereten wir um das von festen Steinen erbauete
Haus, auf dem Hügel herum, allwo wir bei nahe das ganze innere Teil der Insul
übersehen konten, und des Merckwürdigsten auf derselben belehret wurden. Von dar
liess sich Albert Julius auf einem Trag-Sessel in seinen angelegten grossen
Garten tragen, wohin wir ingesammt nachfolgeten, und uns über dessen
annehmliche, nützliche und künstliche Anlegung nicht wenig verwunderten. Denn
diesen Garten, der ohngefehr eine Vierteils Teutsche Meile lang, auch eben so
breit war, hatte er durch einen Creutz-Weg in 4. gleiche Teile abgeteilet, in
dem ersten quartier nach Osten zu, waren die auserlesensten Fruchtbaren Bäume,
von mehr als hundert Sorten, das 2te quartier gegen Süden, hegte vielerlei
schöne Weinstöcke, welche teils rote, grüne, blaue, weisse und anders gefärbte
extraordinair grosse Trauben und Beeren trugen. Das 3te quartier, nach Norden
zu, zeigte unzehlige Sorten von Blumen-Gewächsen, und in dem 4ten quartire,
dessen Ecke auf Westen stiess, waren die allernützlichsten und delicatesten
Küchen-Kräuter und Wurtzeln zu finden.
    Wie brachten in diesem kleinen Paradiese, die Nachmittags-Stunden ungemein
vergnügt zu, und kehreten etwa eine Stunde vor Untergang der Sonnen zurück auf
die Albertus-Burg, speiseten nach der Mittäglichen Art, und setzten uns
hernachmals vor dem Hause auf artig gemachte grüne Rasen Bäncke nieder, allwo
Capitain Wolffgang dem Altvater von unserer letzten Reise ein und anderes
erzehlte, biss uns die hereinbrechende Nacht erinnerte: Bet-Stunde zu halten,
und die Ruhe zu suchen.
    Ich musste in einer schönen Kammer, neben des Alberti Zimmer schlaffen,
welche ungemein sauber meublirt war, und gestehen, dass Zeit meines Lebens noch
nicht besser geruhet hatte, als auf dieser Stelle.
    Folgenden Morgen wurden durch einen Canonen-Schuss alle Einwohner der Insul
zum Gottesdienst beruffen, da denn Herr M. Schmelzer eine ziemliche lange
Predigt über den 122. Psalm hielte, die übrigen Kirchen-Gebräuche aber alle auf
Luterische Art ordentlich in Acht nahm. Den Albert Julium sah man die ganze
Predigt über weinen, und zwar vor grossen Freuden, weiln ihm der Höchste die
Gnade verliehen, noch vor seinem Ende einem Prediger von seiner Religion
zuzuhören, ja so gar denselben in seiner Bestallung zu haben. Die übrigen
versammleten waren dermassen andächtig, dass ich mich nicht erinnern kann,
dergleichen jemals in Europa gesehen zu haben.
    Nach vollbrachten Gottesdienste, da die Auswärtigen sich alle auf den Weg
nach ihren Behausungen gemacht, und wir die Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten,
behielt Albertus Herrn M. Schmeltzern allein bei sich, um mit demselben wegen
künftiger Kirchen-Ordnung, und anderer die Religion betreffenden höchstnötigen
Anstalten, Unterredung zu pflegen. Monsieur Wolffgang, der itzo durchaus nicht
mehr Capitain heissen wollte, ich, und die andern Neuangekommenen, wollten
nunmehro bemühet sein, unsere Packen und übrigen Sachen auf die Insul herauff zu
schaffen, welches uns allerdings als ein sehr Beschwerlich Stück Arbeit fürkam,
allein, zu unserer grösten Verwunderung und Freude, fanden wir alle unsere Güter
in derjenigen grossen Sommer-Laube besammen stehen, wo uns Albertus zuerst
bewillkommet hatte. Wir hatten schon gezweiffelt, dass wir binnen 4. biss 5. Tagen
alle Sachen herauff zu bringen vermögend sein würden, und sonderlich stelleten
wir uns das Aufreissen der grossen Packe und Schlag-Fässer sehr mühsam vor,
wussten aber nicht, dass die Einwohner der Insul, an einem verborgenen Orte der
hohen Felsen, zwei vortrefflich-starcke Winden hatten, durch deren force wohl
ein ganzer Fracht-Wagen auf einmal hätte hinauff gezogen werden können. Mons.
Litzberg hatte sich binnen der Zeit die Mühe genommen, unser mitgebrachtes Vieh
zu besorgen, so aus 4. jungen Pferden, 6. jungen Stücken Rind-Vieh, 6.
Schweinen, 6. Schaafen, 2. Böcken, 4. Eseln, 4. Welschen Hünern, 2. Welschen
Hähnen, 18. gemeinen Hünern, 3. Hähnen, 6. Gänsen, 6. Endten, 6. Paar Tauben, 4.
Hunden, 4. Katzen, 3. Paar Caninichen, und vielerlei Gattungen von Canari- und
andern artigen Vögeln bestund. Er war damit in die nächste Wohnstädte, Alberts
-Raum genannt, gezogen, und hatte bereits die daselbst wohnenden Leute völlig
benachrichtiget, was diesem und jenen vor Futter gegeben werden müste. Selbige
verrichteten auch in Warheit diese in Europa so verächtliche Arbeit mit ganz
besondern Vergnügen, weiln ihnen dergleichen Tiere Zeit ihres Lebens nicht vor
die Augen kommen waren.
    Andere, da sie merckten, dass wir unsere Sachen gern vollends hinauff in des
Alberti Wohnhaus geschafft haben möchten; brachten so fort ganz bequeme
Rollwagen herbei, luden auf, was wir zeigten, spanneten zahmgemachte Affen und
Hirsche vor, diese zohen es mit Lust den Hügel hinauff, liessen auch nicht eher
ab, biss alles unter des Alberti Dach gebracht war.
    Immittelst hatte Mons. Wolffgang noch vor der Abend-Mahlzeit das Schlag-Fass,
worinnen die Bibeln und andere Bücher waren, aufgemacht, und præsentirte dem
alten Alberto eine in schwartzen Sammet eingebundene Bibel, welche aller Orten
starck mit Silber beschlagen, und auf dem Schnitt verguldet war. Albertus
Küssete dieselbe, drückte sie an seine Brust und vergoss häuffige
Freuden-Tränen, da er zumal sah, dass wir noch einen so starcken Vorrat an
dergleichen und andern geistl. Büchern hatten, auch hörete, dass wir dieselben
bei ersterer Zusammenkunft unter die 9. Julischen Familien, (welche dem G.
Leser zur Erläuterung dieser Historie, auf besondere, zu Ende dieses Buchs
angehefftete Tabellen gebracht worden,) austeilen wollten. Nächst diesem wurden
dem Alberto, und denen Alten, noch viele andere köstliche Sachen eingehändiget,
die so wohl zur Zierde als besonderer Bequemlichkeit gereichten, worüber alle
insgesamt eine Verwunderungs- volle Dancksagung abstatteten. Folgenden Tages als
an einem Sonnabend, musste ich, auf Mons. Wolffgangs Ersuchen, in einer bequemen
Kammer einen vollkommenen Krahm, so wohl von allerhand nützlichen Sachen, als
Kindereien und Spielwerck auslegen, weiln er selbiges unter die Einwohner der
Insul vom Grösten biss zum Kleinsten auszuteilen willens war. Mons. Wolffgang
aber, liess indessen die übrigen Dinge, als Victualien, Instrumenta, Tücher,
Leinwand, Kleider-Geräte und dergleichen, an solche Orte verschaffen, wo ein
jedes vor der Verderbung sicher sein konnte.
    Der hierauff einbrechende 25. Sonntag post Trin. wurde früh Morgens bei
Aufgang der Sonnen, denen Insulanern zur Andächtigen Sabbats-Feier, durch 2.
Canonen-Schüsse angekündiget. Da sich nun dieselben 2. Stunden hernach ingesammt
unter der Albertus-Burg, auf dem mit Bäumen umsetzten grünen Platze versammelt
hatten, fieng Herr M. Schmeltzer den Gottesdienst unter freien Himmel an, und
Predigte über das ordentliche Sonntags Evangelium, vom Greuel der Verwüstung,
fast über 2. Stunden lang, ohne sich und seine Zuhörer zu ermüden, als welche
Letztere alles andere zu vergessen, und nur ihn noch länger zuzuhören begierig
schienen. Er hatte ganz ungemeine meditationes über die wunderbaren Wege
GOTTES, Kirchen zu bauen, und selbige wiederum zu verwüsten, brachte anbei die
application auf den gegenwärtigen Zustand der sämbtlichen Einwohner dieser Insul
dermassen beweglich vor, dass, wenn auch die Helffte von den Zuhörern die
gröbsten Ateisten gewesen wären, dennoch keiner davon ungerührt bleiben können.
    Jedwedes von ausswärtigen Zuhörern hatte sich, nach vollendeten
Gottesdienste, mit benötigten Speisen versorgt, wem es aber ja fehlete, der
durffte sich nur bei dem Altvater auf der Burg melden, als welcher alle nach
Notdurfft sättigen liess. Nachmittags wurde abermals ordentlicher Gottesdienst
und Catechismus-Examen gehalten, welches über 4. Stunden lang währete, und
hätten, nebst Herrn M. Schmeltzern, wir Einkömmlinge nimmermehr vermeint dieses
Orts Menschen anzutreffen, welche in den Glaubens-Articuln so trefflich wohl
unterrichtet wären, wie sich doch zu unseren grösten Vergnügen so wohl Junge als
Alte finden liessen. Da nun auch dieses vorüber war, beredete sich Albertus mit
den Aeltesten und Vorstehern der 9. Stämme, und zeigten ihnen den Platz, wo er
gesonnen wäre eine Kirche aufbauen zu lassen. Derselbe wurde nun unten an Fusse
des Hügels von Mons. Litzbergen, Lademannen und andern Bau-Verständigen
ordentlich abgesteckt, worauff Albertus sogleich mit eigenen Händen ein Loch in
die Erde grub, und den ersten Grund-Stein an denjenigen Ort legte, wo der Altar
sollte zu stehen kommen. Die Aeltesten und Vorsteher gelobten hierbei an, gleich
morgenden Tag Anstalten zu machen, dass die benötigten Bau-Materialien eiligst
herbei geschafft würden, und an fleissigen Arbeitern kein Mangel sein möchte.
Worauff sich bei herannahenden Abende jedes nach seiner Wohnstätte begab.
Albertus, der sich wegen so viel erlebten Vergnügens ganz zu verjüngern
schiene, war diesen Abend absonderlich wohl aufgeräumt, und liess sich aus dem
Freuden-Becher unsern mitgebrachten Canari-Sect hertzlich wohl schmecken, doch
so bald er dessen Kräffte nur in etwas zu spüren begunte, brach er so wohl als
wir ab, und sagte: Meine Kinder, nunmehro hat mich der Höchste bei nahe alles
erleben lassen, was ich auf dieser Welt in zeitlichen Dingen gewünschet, da aber
mercke, dass ich noch bei ziemlichen Kräfften bin, habe mir vorgenommen die
übrige Zeit meines Lebens mit solchen Verrichtungen hin zu bringen, die meinen
Nachkommen zum zeitlichen und ewigen Besten gereichen, diese Insul aber in den
beglücktesten Zustand setzen können.
    Demnach bin ich gesonnen, in diesem meinem kleinen Reiche eine General-
Visitation zu halten, und, so GOTT will, morgenden Tag damit den Anfang zu
machen, Monsieur Wolffgang wird, nebst allen neu angekommenen, mir die
Gefälligkeit erzeigen und mit reisen. Wir wollen alle Tage eine Wohnstatt von
meinen Abstammlingen vornehmen, und ihren jetzigen Zustand wohl erwegen, ein
jeder mag sein Bedencken von Verbesserung dieser und jener Sachen aufzeichnen,
und hernach auf mein Bitten an mich liefern, damit wir ingesammt darüber
ratschlagen können. Wir werden in 9. aufs längste in 14. Tagen damit fertig
sein, und hernach mit desto bessern Verstande die Hände an das Werck unserer
geistlichen und leiblichen Wohlfahrt legen. Nach unserer Zurückkunft aber, will
ich alle Abend nach der Mahlzeit ein Stück von meiner Lebens-Geschicht zu
erzählen Zeit anwenden, hierauff Bet-Stunde halten, und mich zur Ruhe legen.
    Monsieur Wolffgang nahm diesen Vorschlag so wohl als wir mit grösten
Vergnügen an, wie denn auch gleich folgenden Morgen mit aufgehender Sonne, nach
gehaltener Morgen-Gebets-Stunde, Anstalt zum Reisen gemacht wurde. Albertus,
Herr M. Schmeltzer, Mons. Wolffgang und ich, sassen beisammen auf einem artigen
Wagen, welcher von 4. Zahm gemachten Hirschen gezogen wurde, unsere übrige
Gesellschaft aber folgte mit Lust zu Fusse nach. Der erste und nächste Ort den
wir besuchten, war die Wohnstatt, Alberts-Raum genannt, es lag gleich unter der
Alberts-Burg nach Norden zu, gerade zwischen den zweien gepflantzten Alleen, und
bestund aus 21. Feuerstätten, wohlgebaueten Scheunen, Ställen und Gärten, doch
hatten die guten Leute ausser einer wunderbaren Art von Böcken, Ziegen und
Zahmgemachten Hirschen, weiter kein ander Vieh. Wir traffen daselbst alles in
der schönsten Hausshaltungs-Ordnung an, indem die Alten ihre Arbeit auf dem Felde
verrichteten, die jungen Kinder aber von den Mittlern gehütet und verpfleget
wurden. Nachdem wir die Wohnungen in Augenschein genommen, trieb uns die
Neugierigkeit an, das Feld, und die darauff Arbeiteten, zu besehen, und fanden
das Erstere trefflich bestellt, die Letzten aber immer noch fleissiger daran
bauen. Um Mittags-Zeit aber wurden wir von ihnen umringet, in ihre Wohnstatt
geführet, gespeiset, getränckt, und von dem grösten Hauffen nach Hause
begleitet. Monsieur Wolffgang schenckte dieser Albertinischen Linie 10. Bibeln,
20. Gesang- und Gebet-Bücher, ausser den verschiedene nützlichen, auch
Spiel-Sachen vor die Kinder, und befahl, dass diejenigen so etwa leer ausgiengen,
selber zu ihm kommen, und das Ihrige abholen möchten.
    Nachdem wir nun von diesen Begleitern mit freudigem Dancke verlassen worden,
und bei Alberto die Abend-Mahlzeit eingenommen hatten, liess dieser Alt-Vater
sonst niemand, als Herr Mag. Schmeltzern, Mons. Wolffgangen und mich, in seiner
Stube bleiben, und machte den Anfang zu seiner Geschichts-Erzehlung
folgendermassen.
    Ich Albertus Julius, bin anno 1628. den 8. Januar. von meiner Mutter Maria
Elisabeta Schlüterin zur Welt geboren worden. Mein Vater, Stephanus Julius,
war der Unglückseeligste Etaats-Bediente eines gewissen Printzen in Teutschland,
indem er in damaliger heftiger Kriegs-Unruhe seines Herren Feinden in die Hände
fiel, und weil er seinem Fürsten, vielweniger aber seinem GOTT ungetreu werden
wollte, so wurde ihm unter dem Vorwande, als ob er, in seinen Briefen an den
Fürsten, den respect gegen andere Potentaten beiseit gesetzt, der Kopf ganz
heimlicher und desto mehr unschuldiger Weise vor die Füsse gelegt, mitin meine
Mutter zu einer armen Wittbe, 2. Kinder aber zu elenden Wäysen gemacht. Ich
ging dazumal in mein sechstes, mein Bruder Johann Baltasar aber, in sein
vierdtes Jahr, weiln wir aber unsern Vater, der beständig bei dem Printzen in
Campagne gewesen, ohnedem sehr wenig zu Hause gesehen hatten, so war unser
Leidwesen, damaliger Kindheit nach, nicht also beschaffen, als es der jämmerlich
starcke Verlust, den wir nachhero erstlich empfinden lerneten, erforderte, ob
schon unsere Mutter ihre Wangen Tag und Nacht mit Tränen benetzte.
    Meines Vaters Principal, welcher wohl wusste, dass mein Vater ein schlechtes
Vermögen würde hinterlassen haben, schickte zwar an meine Mutter 800 Tlr.
rückständige Besoldung, nebst der Versicherung seiner beständigen Gnade, allein
das Kriegs-Feuer geriet in volle Flammen, der Wohltätige Fürst wurde weit von
uns getrieben, der Todt raubte die Mutter, der Feind das übrige blutwenige
Vermögen, alle Freunde waren zerstreuet, also wussten ich und mein Bruder sonst
kein ander Mittel, als den Bettel-Stab zu ergreiffen.
    Wir mussten also bei nahe andertalb Jahr, das Brod vor den Türen suchen,
von einem Dorffe und Stadt zur andern wandern, und letztlich fast ganz ohne
Kleider einher gehen, biss wir ohnweit Naumburg auf ein Dorff kamen, allwo sich
die Priester-Frau über uns erbarmete, ihren Kindern die alten Kleider vom Leibe
zog, und uns damit bekleidete, ehe sie noch gefragt, woher, und wess Standes wir
wären. Der Priester kam darzu, lobte seiner Frauen Mitleiden und redliche
Wohltaten, erhielt aber, auf sein Befragen von mir, zulänglichen Bericht wegen
unsers Herkommens, weil ich dazumal schon 10. Jahr alt war, und die betrübte
Historie von meinen Eltern ziemlich gut zu erzählen wusste.
    Der redliche Geistliche, welcher vielleicht nunmehro schon seit vielen
Jahren unter den Seeligen, als des Himmels-Glantz leuchtet, mochte vielleicht
von den damaligen Läufften, und sonderlich von meines Vaters Begebenheiten,
mehrere Nachricht haben als wir selbst, schlug derowegen seine Hände und Augen
gen Himmel, führete uns arme Wäysen in sein Haus, und hielt uns nebst seinen 3.
Kindern so wohl, als ob wir ihnen gleich wären. Wir waren 2. Jahr bei ihm
gewesen, und hatten binnen der Zeit im Christentum, Lesen, Schreiben und andern
studien, unserm Alter nach, ein ziemliches profitiret, worüber er nebst seiner
Liebsten eine sonderliche Freude bezeigte, und ausdrücklich sagte: dass er sich
unsere Aufnahme niemals gereuen lassen wollte, weiln er augenscheinlich gespüret,
dass ihn GOTT seit der Zeit, an zeitlichen Gütern weit mehr als sonsten gesegnet
hätte; doch da wenig Wochen hernach sein Befreundter, ein Amtmann aus dem
Braunschweigischen, diesen meinen bisherigen Pflege-Vater besuchte, an meinem
stillen Wesen einen Gefallen hatte, meine 12. jährige Person von seinem Vetter
ausbat, und versicherte, mich, nebst seinen Söhnen, studiren zu lassen, mitin
den Mitleidigen Priesters-Leuten die halbe Last vom Halse nehmen wollte; liessen
sich diese bereden, und ich musste unter Vergiessung häuffiger Tränen von ihnen
und meinem lieben Bruder Abschied nehmen, mit dem Amtmanne aber ins
Braunschweigische reisen. Daselbst nun hatte ich die ersten 2. Jahre gute Zeit,
und war des Amtmanns Söhnen, die doch alle beide älter als ich, auch im Studiren
weit voraus waren, wo nicht vor- doch ganz gleich gekommen. Dem ohngeacht
vertrugen sich dieselben sehr wohl mit mir, da aber ihre Mutter starb, und statt
derselben eine junge Stieff-Mutter ins Haus kam, zog zugleich der
Uneinigkeits-Teuffel mit ein. Denn diese Bestie mochte nicht einmal ihre
Stieff-Kinder, vielweniger mich, den sie nur den Bastard und Fündling nennete,
gern um sich sehen, stifftete derowegen immerfort Zanck und Streit unter uns,
worbei ich jederzeit das meiste leiden musste, ohngeacht ich mich so wohl gegen
sie als andere auf alle ersinnliche Art demütigte. Der Informator, welcher es
so hertzlich wohl mit mir meinte, musste fort, an dessen Stelle aber schaffte
die regierende Domina einen ihr besser anständigen Studenten herbei. Dieser gute
Mensch war kaum zwei Wochen da, als wir Schüler merckten, dass er im
Lateinischen, Griechischen, Historischen, Geographischen und andern
Wissenschaften nicht um ein Haar besser beschlagen war, als die, so von ihm
lernen sollten, derowegen klappte der Respect, welchen er doch im höchsten Grade
verlangte, gar schlecht. Ohngeacht aber der gute Herr Præceptor uns keinen
Autorem vor-exponiren konnte; so mochte er doch der Frau Amtmännin des Ovidii
Libr. de arte amandi desto besser zu erklären wissen, indem beide die Privat
-Stunden dermassen öffentlich zu halten pflegten, dass ihre freie Aufführung dem
Amtmanne endlich selbst Verdacht erwecken musste.
    Der gute Mann erwehlete demnach mich zu seinem Vertrauten, nahm eine
verstellete Reise vor, kam aber in der Nacht wieder zurück unter das
Kammer-Fenster, wo der Informator nebst seinen Schülern zu schlaffen pflegte.
Dieser verliebte Venus-Professor stund nach Mitternacht auf, der Frau Amtmännin
eine Visite zu geben. Ich, der, ihn zu belauschen, noch kein Auge zugetan
hatte, war der verbotenen Zusammenkunft kaum versichert, als ich dem, unter
dem Fenster stehenden Amtmanne das abgeredete Zeichen mit Husten und
Hinunterwerffung meiner Schlaff-Mütze gab, welcher hierauf nicht gefackelt,
sondern sich in aller Stille ins Haus herein practiciret, Licht angeschlagen,
und die beiden verliebten Seelen, ich weiss nicht in was vor positur, ertappet
hatte.
    Es war ein erbärmlich Geschrei in der Frauen Cammer, so, dass fast alles
Haus-Gesinde herzu gelauffen kam, doch da meine Mit-Schüler, wie die Ratzen,
schlieffen, wollte ich mich auch nicht melden, konnte aber doch nicht unterlassen,
durch das Schlüssel-Loch zu gucken, da ich denn gar bald mit Erstaunen sah, wie
die Bedienten dem Herrn Præceptor halb todt aus der nächtlichen Privat-Schule
heraus schleppten. Hierauf wurde alles stille, der Amtmann ging in seine
Schreibe-Stube, hergegen zeigte sich die Frau Amtmännin mit blutigen Gesichte,
verwirrten Haaren, hinckenden Füssen, ein gross Messer in der Hand haltend auf
dem Saale, und schrye: Wo ist der Schlüssel? Albert muss sterben, dem verfluchten
Albert will ich dieses Messer in die Kaldaunen stossen.
    Mir wurde grün und gelb vor den Augen, da ich diese höllische Furie also
reden hörete, jedoch der Amtmann kam, einen tüchtigen Prügel in der rechten,
einen blossen Degen aber in der lincken Hand haltend, und jagte das verteuffelte
Weib zurück in ihre Cammer. Dem ohngeacht schrye sie doch ohn Unterlass: Albert
muss sterben, ja der Bastard Albert muss sterben, ich will ihn entweder selbst
ermorden, oder demjenigen hundert Taler geben, wer dem Hunde Gift eingibt.
    Ich meines Orts gedachte: Sapienti sat! kleidete mich so hurtig an, als Zeit
meines Lebens noch nicht geschehen war, und schlich in aller Stille zum Hause
hinaus.
    Das Glücke führete mich blindlings auf eine grosse Heer-Strasse, meine Füsse
aber hielten sich so hurtig, dass ich folgenden Morgen um 8. Uhr die Stadt
Braunschweig vor mir liegen sah. Hunger und Durst plagten mich, wegen der
getanen starcken Reise, ganz ungemein, doch da ich nunmehro auf keinem Dorffe,
sondern in Braunschweig einzukehren gesonnen war, tröstete ich meinen Magen
immer mit demjenigen 24. Marien-Groschen-Stücke, welches mir der Amtmann vor 2.
Tagen geschenckt, als ich mit ihm aus Braunschweig gefahren, und dieses vor mich
so fatale Spiel verabredet hatte.
    Allein, wie erschrack ich nicht, da mir das helle Tages-Licht zeigte, dass
ich in der Angst unrechte Hosen und anstatt der Meinigen des Herrn Præceptoris
seine ergriffen. Wiewohl, es war mir eben nicht um die Hosen, sondern nur um
mein schön Stücke Geld zu tun, doch ich fand keine Ursache, den unvorsichtigen
Tausch zu bereuen, weil ich in des Præceptors Hosen bei nahe 6. Tlr.
Silber-Geld, und über dieses einen Beutel mit 30. spec. Ducaten fand. Demnach
klagte ich bei meiner plötzlichen Flucht weiter nichts, als dass mir nicht
erlaubt gewesen, von dem ehrlichen Amtmanne, der an mir als ein treuer Vater
gehandelt, mündlich danckbarn Abschied zu nehmen. Doch ich tat es schrifftlich
desto nachdrücklicher, entschuldigte mein Versehen wegen der vertauschten Hosen
aufs beste, kauffte mir in Braunschweig die nötigsten Sachen ein, dung mich auf
die geschwinde Post, und fuhr nach Bremen, allwo ich von der beschwerlichen und
ungewöhnlich weiten Reise sattsam auszuruhen willens hatte.
    Warum ich nach Bremen gereiset war? wusste ich mir selbst nicht zu sagen.
Ausser dem, dass es die erste fortgehende Post war, die mir in Braunschweig
aufstiess, und die ich nur deswegen nahm, um weit genung hinweg zu kommen, es
mochte auch sein wo es hin wollte. Ich schätzte mich in meinen Gedancken weit
reicher als den grossen Mogol, liess derowegen meinem Leibe an guten Speisen und
Geträncke nichts mangeln, schaffte mir ein ziemlich wohl conditionirtes Kleid,
nebst guter Wäsche und andern Zubehör an, behielt aber doch noch etliche 40.
Tlr. Zehrungs-Geld im Sacke, wovon ich mir so lange zu zehren getrauete, biss
mir das Glück wieder eine Gelegenheit zur Ruhe zeigte, denn ich wusste mich
selbst nicht zu resolviren, was ich in Zukunft vor eine Profession oder
Lebens-Art erwählen wollte, da wegen der annoch lichterloh brennenden
Krieges-Flamme eine verdrüssliche Zeit in der Welt war, zumahlen vor einen, von
allen Menschen verlassenen, jungen Purschen, der erstlich in sein 17des Jahr
ging, und am Soldaten-Leben den greulichsten Eckel hatte.
    Eines Tages ging ich zum Zeitvertreibe vor die Stadt spazieren, und geriet
unter 4. ansehnliche junge Leute, welche, vermutlich in Betracht meiner guten
Kleidung, zierlicher Krausen und Hosen-Bänder, auch wohl des an der Seite
tragenden Degens, sehr viel Achtbarkeit vor meine Person zeigten, und nach
langen Herumgehen, mich zu sich in ein Wein-Haus nötigten. Ich schätzte mir vor
eine besondere Ehre, mit rechtschaffenen Kerlen ein Glas Wein zu trincken, ging
derowegen mit, und tat ihnen redlich Bescheid. So bald aber der Wein die
Geister in meinem Gehirne etwas rege gemacht hatte, mochte ich nicht allein mehr
von meinem Tun und Wesen reden, als nützlich war, sondern beging auch die
grausame Torheit, alles mein Geld, so ich im Leben hatte, heraus zu weisen.
Einer von den 4. redlichen Leuten gab sich hierauf vor den Sohn eines reichen
Kauffmanns aus, und versprach mir, unter dem Vorwande einer besondern auf mich
geworffenen Liebe, die beste Condition von der Welt bei einem seiner
Anverwandten zu verschaffen, weiln derselbe einen Sohn hätte, dem ich meine
Wissenschaften vollends beibringen, und hernach mit ihm auf die Universität
nach Leiden reisen sollte, allwo wir beide zugleich, ohne dass es mich einen
Heller kosten würde, die gelehrtesten Leute werden könten. Er tranck mir hier
auf Brüderschaft zu, und mahlete meinen vom Wein-Geist benebelten Augen
vortreffliche Lufft-Schlösser vor, biss ich mich dermassen aus dem Zirckel
gesoffen hatte, dass mein elender Cörper der Länge lang zu Boden fiel.
    Der hierauf folgende Morgen brachte sodann meine Vernunft in etwas wieder
zurücke, indem ich mich ganz allein, auf einer Streu liegend, vermerckte.
Nachdem ich aufgestanden, und mich einiger massen wieder in Ordnung gebracht
hatte, meine Taschen aber alle ausgeleeret befand, wurde mir verzweiffelt bange.
Ich ruffte den Wirt, fragte nach meinem Gelde und andern bei mir gehabten
Sachen, allein er wollte von nichts wissen, und kurtz zu sagen: Es lieff nach
genauer Untersuchung dahinaus, dass ich unter 4. Spitzbuben geraten, welche zwar
gestern Abend die Zeche bezahlt, und wiederzukommen versprochen, doch biss itzo
ihr Wort nicht gehalten, und allem Ansehen nach mich beschneutzet hätten.
    Also war derjenige Schatz, den ich unverhofft gefunden, auch unverhofft
wieder verschwunden, indem ich ausser den angeschaften Sachen, die in meinem
Quartiere lagen, nicht einen blutigen Heller mehr im Beutel hatte. Ich blieb
zwar noch einige Stunden bei dem Weinschencken sitzen, und hoffte auf der Herrn
Sauff-Brüder fröliche Wiederkunft, allein, mein Warten war vergebens, und da
der Wirt gehöret, dass ich kein Geld mehr zu versauffen hatte, gab er mir noch
darzu scheele Gesichter, weswegen ich mich eben zum Hinweggehen bereiten wollte,
als ein ansehnlicher Cavalier in die Stube trat, und ein Glas Wein forderte. Er
sagte mit einer freundlichen Mine, doch schlecht deutschen Worten zu mir: Mein
Freund, geht meinetwegen nicht hinweg, denn ich sitze nicht gern allein,
sondern spreche lieber mit Leuten. Mein Herr! gab ich zur Antwort, ich werde an
diesem mir unglückseligen Orte nicht länger bleiben können, denn man hat mich
gestern Abend allhier verführet, einen Rausch zu trincken, nachdem ich nun
darüber eingeschlaffen, ist mir alles mein Geld, so ich bei mir gehabt,
gestohlen worden. Bleibet hier wiederredete er, ich will vor euch bezahlen, doch
erweiset mir den Gefallen, und erzählt umständlicher, was euch begegnet ist.
Weiln ich nun einen starcken Durst verspürete, liess ich mich nicht zweimahl
nötigen, sondern blieb da, und erzehlete dem Cavalier meine ganze
Lebens-Geschicht von Jugend an, biss auf selbige Stunde. Er bezeigte sich
ungemein vergnügt dabei, und belachte nichts mehr als des Præceptors Liebes-
Avantüre, nebst dem wohlgetroffenen Hosen-Tausche. Wein und Confect liess er
genung bringen, da er aber merckte, dass ich nicht viel trincken wollte, weiln in
dem gestrigen Rausche eine Haare gefunden, welche mir alle die andern auf dem
Kopffe verwirret, ja mein ganzes Gemüte in tieffe Trauer gesetzt hatte, sprach
er: Mein Freund! habt ihr Lust in meine Dienste zu treten, so will ich euch
jährlich 30. Ducaten Geld, gute Kleidung, auch Essen und Trincken zur Gnüge
geben, nebst der Versicherung, dass, wo ihr Holländisch und Englisch reden und
schreiben lernet, eure Dienste in weiter nichts als Schreiben bestehen sollen.
    Ich hatte allbereit so viel Höflichkeit und Verstand gefasset, dass ich ihm
augenblicklich die Hand küssete, und mich mit Vergnügen zu seinem Knechte
anbot, wenn er nur die Gnade haben, und mich ehrlich besorgen wollte, damit ich
nicht dürffte betteln gehen. Hierauf nahm er mich sogleich mit in sein Quartier,
liess meine Sachen aus dem Gast-Hofe holen, und behielt mich in seinen Diensten,
ohne dass ich das geringste tun durffte, als mit ihm herum zu spatziren, weiln
er ausser mir noch 4. Bedienten hatte.
    Ich konnte nicht erfahren, wer mein Herr sein möchte, biss wir von Bremen ab
und in Antwerpen angelanget waren, da ich denn spürete, dass er eines reichen
Edelmanns jüngster Sohn sei, der sich bereits etliche Jahr in Engelland
aufgehalten hätte. Meine Verrichtungen bei ihm, bestunden anfänglich fast in
nichts, als im guten Essen und Trincken, da ich aber binnen 6. Monaten recht
gut Engell- und Holländisch reden und schreiben gelernet, musste ich diejenigen
Briefe abfassen und schreiben, welche mein Herr in seines Herrn Vaters Affairen
öffters selbst schreiben sollte. Er warff wegen meiner Fähigkeit und besondern
Dienst-Geflissenheit eine ungemeine Liebe auf mich, erwehlete auch, da er gleich
im Anfange des Jahrs 1646. abermals nach Engelland reisen musste, sonsten
niemanden als mich zu seinem Reise-Gefährten. Was aber das nachdencklichste war,
so musste ich, ehe wir auf dem Engelländischen Erdreich anlangeten, in
Weibes-Kleider kriechen, und mich stellen, als ob ich meines Herrn Ehe-Frau
wäre. Wir gingen nach Londen, und logirten daselbst in einem Gast-Hofe, der das
Castell von Antwerpen genannt war, ich durffte wenig aus dem Hause kommen,
hergegen brachte mein Herr fast täglich fremde Mannes-Personen mit sich in sein
Logis, worbei ich meine Person dermassen wohl zu spielen wusste, dass jedermann
nicht anders vermeinte, als, ich sei meines Herrn junges Ehe-Weib. Zu seiner und
meiner Aufwartung aber, hatte er zwei Englische Mägdgen und 4. Laqueien
angenommen, welche uns beide nach Hertzens Lust bedieneten.
    Nachdem ich nun binnen etlichen Wochen aus dem Grunde gelernet hatte, die
Person eines Frauenzimmers zu spielen, sagte mein Herr eines Tages zu mir:
Liebster Julius, ich werde euch morgenden Nachmittag, unter dem Titul meines
Eheweibes, in eine gewisse Gesellschaft führen, ich bitte euch sehr, studiret
mit allem Fleiss darauf, wie ihr mir alle behörige Liebkosungen machen wollet,
denn mein ganzes Glück beruhet auf der Comoedie, die ich itzo zu spielen
genötiget bin, nehmet einmal die Gestalt eurer Amtmanns-Frau an, und caressi
ret mich also, wie jene ihren Mann vor den Leuten, den Præceptor aber mit
verstohlenen Blicken caressiret hat. Seid nochmahls versichert, dass an dieser
lächerrlich-scheinenden Sache mein ganzes Glücke und Vergnügen haftet, welches
alles ich euch redlich mit geniessen lassen will, so bald nur unsere Sachen zu
Stande gebracht sind. Ich wollte euch zwar von Hertzen gern das ganze Geheimnis
offenbaren, allein verzeihet mir, dass es biss auf eine andere Zeit verspare, weil
mein Kopff itzo gar zu unruhig ist. Machet aber eure Dinge zu unserer beider
Vergnügen morgendes Tages nur gut.
    Ich brachte die ganze hierauf folgende Nacht mit lauter Gedancken zu, um zu
erraten, was doch immermehr mein Herr mit dergleichen Possen ausrichten wollte;
doch weil ich den Endzweck zu ersinnen, unvermögend war, ihm aber versprochen
hatte, allen möglichsten Fleiss anzuwenden, nach seinem Gefallen zu leben, machte
sich mein Gemüte endlich den geringsten Kummer aus der Sache, und ich schlieff
ganz geruhig ein.
    Folgendes Tages, nachdem ich fast den ganzen Vormittag unter den Händen
zweier alter Weiber, die mich recht auf Engelländische Art ankleideten,
zugebracht hatte, wurden mein Herr und ich auf einen neu-modischen Wagen
abgeholet, und 3. Meilen von der Stadt in ein propres Garten-Haus gefahren.
Daselbst war eine vortreffliche Gesellschaft vorhanden, welche nichts beklagte,
als dass des Wohltäters Tochter, Jungfer Concordia Plürs, von dem schmertzlichen
Kopff-Weh bei uns zu sein verhindert würde. Hergegen war ihr Vater, als unser
Wirt, nebst seiner Frauen, 3. übrigen Töchtern und 2. Söhnen zugegen, und
machten sich das gröste Vergnügen, die ankommenden Gäste zu bewirten. Ich will
diejenigen Lustbarkeiten, welche uns diesen und den folgenden Tag gemacht
wurden, nicht weitläufftig erwähnen, sondern nur so viel sagen, dass wir mit
allerlei Speisen und Geträncke, Tantzen, Springen, Spatziren-gehen und Fahren,
auch noch andern Zeitvertreibungen, allerlei Abwechselung machten. Ich merckte,
dass die 3. anwesenden schönen Töchter unseres Wohltäters von vielen Liebhabern
umgeben waren, mein Herr aber bekümmerte sich um keine, sondern hatte mich als
seine Schein-Frau mehrenteils an der Seite, liebkoseten einander auch
dermassen, dass ein jeder glauben musste, wir hielten einander als rechte
Ehe-Leute von Hertzen wert. Einsmahls aber, da mich mein Herr im Tantze vor
allen Zuschauern recht hertzlich geküsset, und nach vollführten Tantze an ein
Fenster geführet hatte, kam ein junger artiger Kauffmann herzu, und sagte zu
meinem Liebsten: Mein Herr van Leuven, ich verspüre nunmehro, dass ihr mir die
Concordia Plürs mit gutem Recht gönnen könnet, weil ihr an dieser eurer Gemahlin
einen solchen Schatz gefunden, den euch vielleicht viele andere Manns-Personen
missgönnen werden. Mein liebster Freund, antwortete mein Heer, ich kann nicht
läugnen, dass ich eure Liebste, die Concordiam, von Grund der Seelen geliebt
habe, und sie nur noch vor weniger Zeit ungemein gern zur Gemahlin gehabt hätte,
weiln aber unsere beiden Väter, und vielleicht der Himmel selbst nicht in unsere
Vermählung einwilligen wollten; so habe nur vor etliche Monaten meinen Sinn
geändert, und mich mit dieser Dame verheiratet, bei welcher ich alle diejenigen
Tugenden gefunden habe, welche ihr als Bräutigam vielleicht in wenig Tagen bei
der Concordia finden werdet. Ich vor meine Person wünsche zu eurer Vermählung
tausendfaches Vergnügen, und zwar so, wie ich dasselbe mit dieser meiner
Liebsten beständig geniesse, beklage aber nichts mehr, als dass mich meine
Angelegenheiten so eilig wiederum nach Hause treiben, mitin verhindern, eurer
Hochzeit, als ein fröhlicher Gast, beizuwohnen.
    Der junge Kauffmann stutzte, und wollte nicht glauben, dass der Herr von
Leuven so bald nach Antwerpen zurück kehren müsse, da er aber den Ernst
vermerckte, und seinen vermeinten Schwieger-Vater Plürs, unsern Wohltäter,
herzu ruffte, ging es an ein gewaltiges Nötigen, jedoch der Herr von Leuven
blieb nach vielen dargetanen Entschuldigungen bei seinem Vorsatze, morgenden
Mittag abzureisen, und nahm schon im Voraus von der ganzen Gesellschaft
Abschied.
    Es war die ganze Land-Lust auf 8. Tage lang angestellet, da aber wir nur
den 3ten Tag abgewartet hatten, und fort wollten, erboten sich die meisten uns
das Geleite zu geben, allein der Herr von Leuven nebst denen Hoffnungs- vollen
Schwieger-Söhnen des Herrn Plürs brachten es durch vieles Bitten dahin, dass wir
des folgenden Tages bei Zeiten abreisen durfften, ohne von jemand begleitet zu
werden, dahero die ganze Gesellschaft ohngestöhrt beisammen blieb.
    So bald wir wiederum in Londen in unsern Quartier angelanget waren, liess
mein Herr einen schnellen Post-Wagen holen, unsere Sachen in aller Eil
aufpacken, und Tag und Nacht auf Douvres zu jagen, allwo wir des andern Abends
eintraffen, unsere Sachen auf ein parat liegendes Schiff schafften, und mit
guten Winde nach Calais abfuhren.
    Vor selbigen Hafen wartete allbereit ein ander Schiff, weswegen wir uns
nebst allen unsern Sachen dahinein begaben, das vorige Schiff zurück gehen
liessen, und den Weg nach Ost-Indien erwehleten. Es war allbereit Nacht, da ich
in das neue Schiff einstieg, allwo mich der Herr von Leuven bei der Hand
fassete, und in eine Cammer führete, worinnen eine ungemein schöne Weibs-Person
bei einer jungen 24. jährigen Manns Person sass. Mein liebster Albert Julius!
sagte der Herr von Leuven zu mir, nunmehro ist der Haupt-Actus von unserer
gespielten Comoedie zum Ende, sehet, dieses ist Concordia Plürs, das schönste
Frauenzimmer, welches ihr gestern vielmahls habt erwähnen hören. Kurtz, es ist
mein liebster Schatz, dieser bei ihr sitzende Herr ist ihr Bruder, wir reisen
nach Ceilon, und hoffen daselbst unser vollkommenes Vergnügen zu finden, ihr
aber, mein lieber Julius, werdet euch gefallen lassen, an allen unsern
Glücks-und Unglücks-Fällen gleichen Teil zu nehmen, denn wir wollen euch nicht
verlassen, sondern, so GOtt will, in Ost-Indien reich und glücklich machen.
    Ich küssete dem Herrn von Leuven die Hand, grüssete die nunmehro bekandten
Frembden, wünschte Glück zu ihren Vorhaben, und versprach als ein treuer Diener
von ihnen zu leben und zu sterben.
    Wenige Tage hierauf liess sich der Herr van Leuven mit mir in grössere
Vertraulichkeit ein, da ich denn aus seinen Erzehlungen umständlich erfuhr, dass
seine Sachen folgende Beschaffenheit hatten: Der alte Herr van Leuven war unter
den Kriegs-Völckern der vereinigten Niederländer, seit vielen Jahren, als ein
hoher Officier in Diensten gewesen, und hatte in einer blutigen Action den
rechten Arm eingebüsst, weswegen er das Soldaten-Handwerck niedergelegt, und in
Antwerpen ein geruhiges Leben zu führen getrachtet; weil er ein Mann, der grosse
Mittel besass. Seine 3. ältesten Söhne suchten dem ohngeacht ihr Glück unter den
Kriegs-Fahnen und auf den Kriegs-Schiffen der vereinigten Niederländer, der
jüngste aber, als mein gütiger Herr, Carl Franz van Leuven, blieb bei dem Vater,
sollte ein Staats-Mann werden, und wurde deswegen in seinen besten Jahren hinüber
nach Engelland geschickt, allwo er nicht allein in allen Adelichen
Wissenschaften vortrefflich zunahm, sondern auch seines Vaters Engelländisches
Negotium mit ungemeiner Klugheit führete. Hierbei aber verliebt er sich ganz
ausserordentlich in die Tochter eines Englischen Kauffmanns, Plürs genannt,
erweckt durch sein angenehmes Wesen bei derselben eine gleichmässige Liebe. Kurtz
zu sagen, sie werden vollkommen unter sich eins, schweren einander ewige Treue
zu, und Mons. van Leuven zweiffelt gar nicht im geringsten, so wohl seinen als
der Concordiæ Vater dahin zu bereden, dass beide ihren Willen zur baldigen
Ehe-Verbindung geben möchten. Allein, so leicht sie sich anfangs die Sachen auf
beiden Seiten einbilden, so schwer und sauer wird ihnen nachhero der Fortgang
gemacht, denn der alte Herr van Leuven hatte schon ein reiches Adeliches
Fräulein vor seinen jüngsten Sohn ausersehen, wollte denselben auch durchaus
nicht aus dem Ritter-Stande heiraten lassen, und der Kauffmann Plürs
entschuldigte seine abschlägige Antwort damit, weil er seine jüngste Tochter,
Concordiam, allbereit in der Wiege an eines reichen Wechslers Sohn versprochen
hätte. Da aber dennoch Mons. van Leuven von der hertzlich geliebten Concordia
nicht ablassen will, wird er von seinem Herrn Vater zurück nach Antwerpen
beruffen. Er gehorsamet zwar, nimmt aber vorhero richtigen Verlass mit der
Concordia, wie sie ihre Sachen in Zukunft anstellen, und einander öfftere
schrifftliche Nachricht von beiderseits Zustande geben wollen.
    So bald er seinem Herrn Vater die Hand geküsset, wird ihm von selbigem ein
starcker Verweis, wegen seiner niederträchtigen Liebe, gegeben, mit der
Versicherung, dass er ihn nimmermehr vor seinen Sohn erkennen wolle, wenn sich
sein Hertze nicht der gemeinen Kauffmanns-Tochter entschlüge, im Gegenteil das
vorgeschlagene Adeliche Fräulein erwehlete. Mons. van Leuven will seinen Vater
mit allzu starcker Hartnäckigkeit nicht betrüben, bequemet sich also zum
Scheine, in allen Stücken nach dessen Willen, im Hertzen aber tut er einen
Schwur, von der Concordia nimmermehr abzulassen.
    Inzwischen wird der alte Vater treuhertzig gemacht, setzet in des Sohnes
verstellten Gehorsam ein völliges Vertrauen, committirt ihn in wichtigen
Verrichtungen einige Reisen an verschiedene Örter in Teutschland, wobei es denn
eben zutraff, dass er mich in Bremen zu sich, von dar aber mit zurück nach
Antwerpen nahm. Einige Zeit nach seiner Zurückkunft musste sich der gute
Monsieur van Leuven mit dem wiederwärtigen Fräulein, welche zwar sehr reich,
aber von Gesichte und Leibes-Gestalt sehr hesslich war, versprechen, die
Vollziehung aber dieses ehelichen Verbindnisses konnte nicht sogleich geschehen,
weil sich der Vater gemüssigt sah, den jungen Herrn von Leuven vorhero
nochmahls in wichtigen Verrichtungen nach Engelland zu schicken. Er hatte ihm
die ernstlichsten Vermahnungen gegeben, sich von der Concordia nicht etwa wieder
aufs neue fangen zu lassen, auch den Umgang mit ihren Anverwandten möglichstens
zu vermeiden, allein Mons. van Leuven konnte der heftigen Liebe ohnmöglich
widerstehen, sondern war Vorhabens, seine Concordiam heimlich zu entführen.
Jedoch in Engelland dessfals niemanden Verdacht zu erwecken, musste ich mich als
ein Frauenzimmer ankleiden, und unschuldiger Weise seine Gemahlin heissen.
    So bald wir in Londen angelanget waren, begab er sich zu seinen getreuen
Freunden, in deren Behausung er die Concordiam öffters, doch sehr heimlich,
sprechen konnte. Mit ihrem mittelsten Bruder hatte Mons. Leuven eine dermassen
feste Freundschaft gemacht, dass es schiene, als wären sie beide ein Hertz und
eine Seele, und eben dieser Bruder hatte geschworen, allen möglichsten Fleiss
anzuwenden, dass kein anderer Mann, als Carl Franz van Leuven, seine Schwester
Concordiam ins Ehe-Bette haben sollte. Wie er denn aus eigenem Triebe sich
bemühet, einen Priester zu gewinnen, welcher ohne den geringsten Scrupel die
beiden Verliebten, eines gewissen Abends, nehmlich am 9. Mart. ao. 1646.
ordentlich und ehelich zusammen gibt, und zwar in ihrer Baasen Hause, in
Beisein etlicher Zeugen, wie dieses Priesters eigenhändiges Attestat und beider
Verliebten Ehe-Contract, den ich, von 6. Zeugen unterschrieben, annoch in meiner
Verwahrung habe, klar beweiset. Sie halten hierauf in eben dieser ihrer Baasen
Hause ordentlich Beilager, machen sich in allen Stücken zu einer baldigen Flucht
bereit, und warten auf nichts, als eine hierzu bequeme Gelegenheit. Der alte
Plürs wusste von dieser geheimen Vermählung so wenig als meines Herrn eigener
Vater und ich, da ich mich doch, sein vertrautester Bedienter zu sein, rühmen
konnte.
    Imittelst hatte sich zwar Monsieur van Leuven ganz nicht heimlich in London
aufgehalten, sondern so wohl auf der Bourse als andern öffentlichen Orten fast
täglich sehen lassen, jedoch alle Gelegenheit vermieden, mit dem Kauffmanne
Plürs ins Gespräche zu kommen.
    Demnach beginnet es diesem eigensinnigem Kopffe nahe zu gehen, dass ihm ein
so guter Bekandter, von dessen Vater er so manchen Vorteil gezogen, gäntzlich
aus dem Garne gehen sollte. Gehet ihm derowegen einsmahls ganz hurtig zu Leibe,
und redet ihn also an: Mein Herr von Leuven! Ich bin unglücklich, dass auf so
unvermutete Art an euch einen meiner besten Herrn und Freunde verlieren müssen,
aber bedencket doch selbst: meine Tochter hatte ich allbereit versprochen, da
ihr um sie anhieltet, da ich nun allezeit lieber sterben, als mein Wort brechen
will, so saget mir doch nur, wie ich euch, meiner Tochter und mir hätte helffen
sollen? Zumahlen, da euer Herr Vater selber nicht in solche Heirat willigen
wollen. Lasset doch das vergangene vergessen sein, und verbleibet mein wahrer
Freund, der Himmel wird euch schon mit einer weit schönern und reichern Gemahlin
zu versorgen wissen. Mons. Leuven hatte hierauf zur Antwort gegeben: Mein
wertester Herr Plürs, gedencket an nichts von allen vergangenen, ich bin ein
getreuer Freund und Diener von euch, vor eure Tochter, die schöne Concordia,
habe ich zwar annoch die gröste Achtbarkeit, allein nichts von der auf eine Ehe
abzielenden heftigen Liebe mehr, weil ich von dem Glücke allbereits mit einer
andern, nicht weniger annehmlichen Gemahlin versorgt bin, die ich auch itzo bei
mir in London habe.
    Plürs hatte vor Verwirrung fast nicht reden können, da er aber von Mons.
Leuven einer guten Freundschaft, und dass er im puren Ernste redete, nochmahlige
Versicherung empfieng, umarmete er denselben vor grossen Freuden, und bat,
seinem Hause die Ehre zu gönnen, nebst seiner Gemahlin bei ihm zu logiren,
allein van Leuven danckte vor das gütige Erbieten, mit dem Bedeuten: dass er sich
nicht lange in London aufhalten, mitin sein Logis nicht erstlich verändern
könne, doch wollte er dem Herrn Plürs ehester Tages, so bald seine Sachen
erstlich ein wenig expediret, in Gesellschaft seiner Gemahlin, die itzo etwas
Unpass wäre, eine Visite geben.
    Hierbei bleibt es, Plürs aber, der sich bei des von Leuven guten Freunden
weiter erkundiget, vernimmt die Bekräfftigung dessen, was er von ihm selbst
vernommen, mit grösten Vergnügen, machet Anstalt uns aufs beste zu bewirten, da
mitlerweile Mons. von Leuven, seine Liebste, und ihr Bruder Anton Plürs, auch
die beste Anstalt zur schleunigen Flucht, und mit einem Ost-Indien-Fahrer das
Gedinge machten, der sie auf die Insul Ceilon verschaffen sollte. Indem Mons. von
Leuvens Vaters Bruder, ein Gouverneur oder Consul auf selbiger Insul war, und er
sich bei demselben alles kräfftigen Schutzes getröstete.
    Der 25. May war endlich derjenige gewünschte Tag an welchem Mons. de Leuven
nebst mir, seiner Schein-Gemahlin, auf des Herrn Plürs Vorwerg 3. Meilen von
London gelegen, abfuhren, und allda 8. Tage zu Gaste bleiben sollten. Und eben
selbigen Abend wollten auch Anton Plürs, und Concordia, über Douvres nach Calais
passiren. Denn Concordia hatte, diese Land Lust zu vermeiden, nicht allein
heftige Kopf-Schmertzen vorgeschützt, sondern auch ihren Eltern ins Gesicht
gesagt: Sie könne den van Leuven unmöglich vor Augen sehen, sondern bäte, man
möchte sich nur, binnen der Zeit, um sie unbekümmert lassen, weil sie, so lange
die Lust währete, bei ihrer Baase in der Stille verbleiben wollte, welches ihr
denn endlich zugestanden wurde.
    Wie wir hingegen auf dem Vorwerge unsere Zeit hingebracht, ingleichen wie
wir allen Leuten unsere Verbündnis glaubend gemacht, auch dass ich mit meinem
Herrn, welcher alle seine Dinge schon vorhero in Ordnung gebracht, ohne allen
Verdacht abreisete, und beide glücklich bei dem vor Calais wartenden
Ost-Indien-Fahrer anlangeten, dieses habe allbereit erwehnet; derowegen will nur
noch mit wenigen melden, dass Mons. Anton Plürs, gleich Abends am 25. May, seine
Schwester Concordiam, mit guten Vorbewust ihrer Baase und anderer 4.
Befreundten, entführet und in Manns-Kleidern glücklich aus dem Lande gebracht
hatte. Die guten Freunde stunden zwar in den Gedancken, als sollte Concordia nach
Antwerpen geführet werden, allein es befand sich ganz anders, deñ van Leuven,
Anton und Concordia, hatten eine weit genauere Abrede mit einander genommen. Was
man nach der Zeit in London und Antwerpen von uns gedacht und geredet hat, kann
ich zwar wohl Mutmassen, aber nicht eigentlich erzählen. Jedoch da wir bei den
Canarischen Insuln, und den Insuln des grünen Vor-Gebürges glücklich vorbei
passiret waren, also keine so heftige Furcht mehr vor den Spanischen
Krieges-Schiffen hegen durfften, bekümmerten sich unsere erfreuten Hertzen
weiter um nichts, waren Lustig und guter Dinge, und hofften in Ceilon den Haafen
unseres völligen Vergnügens zu finden.
    Allein, meine Lieben! sagte hier Albertus Julius, es ist nunmehro Zeit auf
dieses mal abzubrechen, derowegen wollen wir beten, zu Bette gehen, und so GOTT
will, Morgen die Einwohner in Davids-Raum besuchen. Nach diesem werde in der
Erzehlung meiner Lebens-Geschicht, und der damit verknüpfften Umbstände
fortfahren. Wir danckten unserm lieben Alt-Vater vor seine Bemühung, folgten
dessen Befehle, und waren, nach wohlgehaltener Ruhe, des folgenden Morgens mit
Aufgang der Sonnen wiederum beisammen. Nachdem die Morgen-Gebets-Stunde und ein
gutes Früh-Stück eingenommen war, reiseten wir auf gestrige Art den
allerlustigsten Weg in einer Allee biss nach Davids-Raum, dieses war eine von den
mittelmässigen Pflantz-Städten, indem wir 12. Wohnhäuser darinnen antraffen,
welche alle ziemlich geraumlich gebauet, auch mit schönen Gärten, Scheuern und
Ställen versehen waren. Alle Winckel zeugten, dass die Einwohner keine
Müssiggänger sein müsten, wie wir denn selbige mehrenteils auf dem
wohlbestellten Felde fanden. Doch muss ich allhier nicht vergessen, dass wir allda
besondere Schuster in der Arbeit antraffen, welche vor die anderen Insulaner
gemeine Schue von den Häuten der Meer-Tiere, und dann auch Staats-Schue von
Hirsch- und Reh-Leder machten, und dieselben gegen andere Sachen, die ihnen zu
weit entlegen schienen, vertauschten. In dasigem Felde befand sich ein
vortreffliches Kalck-Ton- und Leimen-Gebürge, worüber unser mitgebrachter
Töpffer, Nicolaus Schreiner, eine besondere Freude bezeigte, und so gleich um
Erlaubnis bat: morgendes Tages den Anfang zu seiner Werckstadt zu machen. Die
Gräntze selbiger Einwohner setzte der Fluss, der sich, gegen Westen zu, durch den
Felsen hindurch ins Meer stürtzte. Sonsten hatten sie ihre Waldung mit ihren
Nachbarn zu Alberts-Raum fast in gleichen Teile, anbei aber mussten sie auch mit
diesen ihren Gräntz-Nachbarn die Last tragen, die Küste und Bucht nach Norden
hin, zu bewahren. Dieserwegen war unten am Felsen ein bequemliches Wacht-Haus
erbauet, worinnen sie im Winter Feuer halten und schlafen konten. Mons.
Wolffgang, ich und noch einige andere, waren so curieux, den schmalen Stieg zum
Felsen hinauf zu klettern, und fanden auf der Höhe 4. metallene mittelmässige
Stücken gepflantzt, und dabei ein artiges Schilder-Häussgen auf ein paar Personen
in den Felsen gehauen, da man ebenfalls Feuer halten, und ganz wohl auch im
Winter darinnen bleiben konnte. Nächst diesen eine ordentliche Zug-Brücke nach
der verborgenen Treppe zu, von welcher man herab nach der Sand-Banck und See
steigen konnte, und selbiger zur Seiten zwei vortreffliche Kloben und Winden,
vermittelst welcher man in einem Tage mehr als 1000. Centner Waaren auf- und
nieder lassen konnte. Der angenehme prospect auf die Sand-Banck, in die offenbare
See, und dann lincker Hand in die schöne Bucht, welche aber einen sehr
gefährlichen Eingang hatte, war ganz ungemein, ausser dem, dass man allhier auch
die ganze Insul, als unser kleines Paradiess, völlig übersehen konnte.
    Nachdem wir über eine gute Stunde auf solcher Höhe verweilet, und glücklich
wieder herunter kommen waren, liess sich unser Altvater, nebst Herr M.
Schmeltzern, bei einer Kreissenden Frau antreffen, selbige kam bald darauff mit
einer jungen Tochter nieder, und verrichtete Herr Mag. Schmeltzer allhier so
gleich seinen ersten Tauff Actum, worbei Mons. Wolffgang, ich und die nechste
Nachbarin Tauff-Paten abgaben, (selbiges junge Töchterlein, welches das erste
Kind war, so auf dieser Insul durch Priesters Hand getaufft worden, und die
Nahmen Eberhardina Maria empfieng, ist auf der untersten Linie der IX. Genealogi
schen Tabelle mit NB. *** bezeichnet.) Wir wurden hierauff von dem
Kindtauffen-Vater mit Wein, weissem Brodte, und wohlschmeckenden Früchten tracti
ret, reiseten also gegen die Zeit des Untergangs der Sonnen vergnügt zurück auf
Alberts Burg.
    Herr Mag. Schmeltzer war sehr erfreuet, dass er selbiges Tages ein Stück
heilige Arbeit gefunden hatte, der Altvater vergnügte sich hertzlich über diese
besondere Gnade GOTTES. Mons. Wolffgang aber schickte vor mich und sich, noch
selbigen Abend unserer kleinen Pate zum Geschencke 12. Elen feine Leinewand, 4.
Elen Cattun, ein vollgestopfftes Küssen von Gänse-Federn, nebst verschiedenen
kräfftigen Hertzstärckungen und andern dienlichen Sachen vor die Wöchnerin, wie
denn auch vor die ganze Gemeine das deputirte Geschenck an 10. Bibeln und 20.
Gesang- und Gebet-Büchern ausgegeben wurde. Nachdem wir aber nunmehro unsere
Tages-Arbeit verrichtet, und die Abend-Mahlzeit eingenommen hatten, setzte unser
Alt-Vater die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht also fort:
    Wir hielten eine dermassen glückliche Fart, dergleichen sich wenig
See-Fahrer zur selben Zeit, getan zu haben, rühmten. Indem das Vor-Gebürge der
guten Hoffnung sich allbereit von ferne erblicken liess, ehe wir noch das
allergeringste von Regen, Sturm, und Ungewitter erfahren hatten. Der Capitain
des Schiffs machte uns Hoffnung, dass wir aufs Längste in 3. oder 4. Tagen
daselbst anländen, und etliche Tage auf dem Lande ausruhen würden; Allein die
Rechnung war ohne den Wirt gemacht, und das Verhängnis hatte ganz ein anderes
über uns beschlossen, denn folgenden Mittag umzohe sich der Himmel überall mit
schwartzen Wolcken, die Lufft wurde dick und finster, endlich schoss der Regen
nicht etwa Tropffen, sondern Strohm-Weise auf uns herab, und hielt biss um
Mitternacht ohne allen Unterlass an. Da aber die sehr tieff herab hangenden
Wolcken ihrer wichtigsten Last kaum in etwas entledigt uñ besänftigt zu sein
schienen, erhub sich dargegen ein dermassen gewaltiger Sturm-Wind, dass man auch
vor dessen entsetzlichen Brausen, wie ich glaube, den Knall einer Canone nicht
würde gehört haben. Diese unsichtbare Gewalt musste, meines Erachtens, unser
Schiff zuweilen in einer Stunde sehr viel Meilen fortführen, zuweilen aber
schiene selbes auf einer Stelle zu bleiben, und wurde als ein Kreusel in der See
herum gedrehet, hernachmals von den Erstaunens-würdigen Wellen bald biss an die
Wolcken hinan, augenblicklich aber auch herunter in den aufgerissenen Rachen der
Tiefe geworffen. Ein frischer, und noch viel heftigerer Regen als der Vorige,
vereinigte sich noch, zu unserm desto grössern Elende, mit dem Sturm-Winden, und
kurtz zu sagen, es hatte das Ansehen, als ob alle Feinde und Verfolger der
See-Fahrenden unsern Untergang auf die erschrecklichste Art zu befördern
beschlossen hätten.
    Man sagt sonst: Je länger das Unglück und widerwärtige Schicksal anhalte, je
besser man sich darein schicken lerne, jedoch dass dieses damals bei uns
eingetroffen, kann ich mich nicht im geringsten erinnern. Im Gegenteil muss
bekennen, dass unsere Hertzhaftigkeit, nachdem wir 2. Nachte und drittalben Tag
in solcher Angst zugebracht, vollends gäntzlich zerfloss, weil die mit Donner und
Blitz abermals herein brechende Nacht, schlechten Trost und Hoffnung versprach.
Concordia und ich waren vermutlich die allerelendesten unter allen, indem wir
währenden Sturms nicht allein keinen Augenblick geschlaffen hatten, sondern auch
dermassen matt und taumelnd gemacht waren, dass wir den Kopf ganz und gar nicht
mehr in die Höhe halten konten, und fast das Eingeweide aus dem Leibe brechen
mussten. Mons. de Leuven und Anton Plürs konten von der höchst sauren, und
letzlich doch vergeblichen Arbeit auf dem Schiffe, kaum so viel abbrechen, dass
sie uns zuweilen auf eine Minute besuchten, wiewol auch ohnedem nichts vermögend
war, uns einige Linderung zu verschaffen, als etliche Stunden Ruhe. Wir höreten
auf dem Schiffe, so oft der Sturm nur ein wenig inne hielt, ein grausames
Lermen, kehreten uns aber an nichts mehr, weil sich unsere Sinnen schon bereitet
hatten, das jämmerliche Ende unseres Lebens mit Gedult abzuwarten. Da aber die
erbärmlichen Worte ausgeruffen wurden: GOTT sei uns gnädig, nun sind wir alle
des Todes, vergieng so wohl mir als der Concordia der Verstand solchergestalt,
dass wir als Ohnmächtige da lagen. Doch habe ich in meiner Schwachheit noch so
viel verspüret, dass das Schiff vermutlich an einen harten Felsen zerscheiterte,
indem es ein grausames Krachen und Prasseln verursachte, das Hinterteil aber,
worinnen wir lagen, mochte sehr tieff unter Wasser gekommen sein, weil selbiges
unsere Kammer über die Helffte anfüllete, jedoch alsobald wieder zurück lief,
worauff alles in ganz verkehrten Zustande blieb, indem der Fuss-Boden zu einer
Seiten-Wand geworden, und wir beiden Krancken uns in den Winckel der Kammer
geworffen, befanden. Weiter weiss ich nicht, wie mir geschehen ist, indem mich
entweder eine Ohnmacht oder allzustarcker Schlaf überfiel, aus welchem ich mich
nicht eher als des andern Tages ermuntern konnte, da sich mein schwacher Cörper
auf einer Sand-Banck an der Sonne liegend befand.
    Es kam mir als etwas recht ungewöhnliches vor, da ich die Sonne am
aufgeklärten Himmel erblickte, und von deren erwärmenden Strahlen die
allerangenehmste Erquickung in meinen Gliedern empfieng. Ich richtete mich auf,
sah mich um, und entsetzte mich gewaltig, da ich sonst keinen Menschen, als die
Concordia, Mons. van Leuven, und den Schiffs-Capitain Lemelie, ohnfern von mir
schlaffend, hinterwärts einen grausamen Felsen, seitwärts das Hinterteil vom
zerscheiterten Schiffe, sonsten aber nichts als Sand-Bäncke, Wasser und Himmel
sah. Da aber die Seite, auf welcher ich gelegen, nebst den Kleidern, annoch
sehr kalt und nass war, drehete ich selbige gegen die Sonne um, und verfiel aufs
neue in einen tieffen Schlaf, aus welchem mich, gegen Untergang der Sonnen,
Mons. van Leuven erweckte. Er gab mir einen mässigen Topf mit Weine, und eine
gute Hand voll Confect, welches ich noch halb schläferig annahm, und mit grosser
Begierde in den Magen schickte, massen nunmehro fast in 4. Tagen weder gegessen
noch getruncken hatte. Hierauff empfieng ich noch einen halben Topf Wein, nebst
einem Stück Zwieback, mit der Erinnerung, dass ich mich damit biss Morgen
behelffen müste, weiln ein mehreres meiner Gesundheit schädlich sein möchte.
    Nachdem ich auch dieses verzehret, und mich durchaus erwärmt, auch meine
Kleider ganz trucken befand, kam ich auf einmal wieder zu Verstande, und
bedünckte mich so starck als ein Löwe zu sein. Meine erste Frage war nach unsern
übrigen Reise-Gefährten, weil ich, ausser uns vier vorerwähnten, noch niemand
mehr sah. Muste aber mit grösten Leidwesen anhören, dass sie vermutlich
ingesammt würden ertruncken sein, wenn sie GOtt nicht auf so wunderbare Art als
uns, errettet hätte. Denn vor Menschlichen Augen war es vergeblich, an eines
eintzigen Rettung zu gedencken, weiln die Zerscheiterung des Schiffs noch vor
Mitternacht geschehen, der Sturm sich erstlich 2. Stunden vor Aufgang der Sonnen
gelegt hatte, das Hinterteil des Schiffs aber, worauff wir 4. Personen allein
geblieben, mit aller Gewalt auf diese Sand-Banck getrieben war. Ich beklagte
sonderlich den ehrlichen Mons. Anton Plürs, der sich bei uns nicht sicher zu
sein geschätzt, sondern nebst allzuvielen andern Menschen, einen leichten Nachen
erwehlt, doch mit allen diesen sein Begräbnis in der Tiefe gefunden. Sonsten
berichtete Mons. van Leuven, dass er so wohl mich, als die Concordiam, mit gröster
Müh auf die Sand-Banck getragen, weil ihm der eigensinnige und
Verzweiffelungs-volle Capitain nicht die geringste Handreichung tun wollen.
    Dieser wunderliche Capitain Lemelie sass dorten von ferne, mit unterstützten
Haupte, und an statt, dass er dem Allmächtigen vor die Fristung seines Lebens
dancken sollte, fuhren lauter schändliche gottlose Flüche wider das ihm so
feindseelige Verhängnis aus seinem ruchlosen Munde, wollte sich auch mit nichts
trösten lassen, weiln er nunmehro, so wohl seine Ehre, als ganzes Vermögen
verloren zu haben, vorgab. Mons. de Leuven und ich verliessen den närrischen
Kopf, wünschten dass er sich eines Bessern besinnen möchte, und giengen zur
Concordia, welche ihr Ehe-Mann in viele von der Sonne erwärmte Tücher und
Kleider eingehüllt hatte. Allein wir fanden sie dem ohngeacht, in sehr
schlechten Zustande, weil sie sich biss diese Stunde noch nicht erwärmen, auch
weder Speise noch Geträncke bei sich behalten konnte, sondern vom starcken Froste
beständig mit den Zähnen klapperte. Ich zog meine Kleider aus, badete durch das
Wasser biss an das zerbrochene Schiff, und langete von selbigem etliche stücken
Holtz ab, welche ich mit einem darauff gefundenen breiten Degen zersplitterte,
und auf dem Kopffe hinüber trug, um auf unserer Sand-Banck ein Feuer anzumachen,
wobei sich Concordia erwärmen könnte. Allein zum Unglück hatte weder der Capitain
Lemelie, noch Mons. Leuvens ein Feuerzeug bei sich. Ich fragte den Capitain, auf
was vor Art wir etwa Feuer bekommen könten? allein er gab zur Antwort: Was
Feuer? ihr habt Ehre genug, wenn ihr alle Drei mit mir crepiret. Mein Herr, gab
ich zur Antwort, ich bin vor meine Person so hochmütig nicht. Besann mich aber
bald, dass ich in unserer Cajute ehemals eine Rolle Schwefel hengen sehen, badete
derowegen nochmals hinüber in das Schiff, und fand nicht allein diese, sondern
auch ein paar wohl eingewickelte Pistolen, welche mir nebst dem Schwefel zum
schönsten Feuerzeuge dieneten, an statt des Strohes aber brauchte ich meinen
schönen Baumwollenen, in lauter Streiffen zerrissenen Brust-Latz, machte Feuer
an, und bliess so lange, biss das ziemlich klein gesplitterte Holtz in volle
Flamme geriet.
    Mons. van Leuven war hertzlich erfreuet über meinen glücklichen Einfall, und
badete noch zwei mal mit mir hinüber, um so viel Holtz aus dem Schiffs-Stücke zu
brechen, wobei wir uns die ganze Nacht hindurch gemächlich wärmen könten. Die
Witterung war zwar die ganze Nacht hindurch, dermassen angenehm, als es in
Sachsen die besten Sommer-Nächte hindurch zu sein pfleget, allein es war uns nur
um unsere frostige Patientin zu tun, welche wir der Länge lang gegen das Feuer
legten, und aufs allerbeste besorgten. Der tolle Capitain kam endlich auch zu
uns, eine Pfeiffe Toback anzustecken, da ich ihn aber mit seinen Tobackrauchen
schraubte, indem er ja zu crepiren willens wäre, ging er stillschweigend mit
einer scheelen mine zurück an seinen vorigen Ort.
    Concordia war indessen in einen tieffen Schlaf gefallen und forderte,
nachdem sie gegen Morgen erwacht war, einen Trunck frisch Wasser, allein weil
ihr solches zu verschaffen unmöglich, beredete Mons. van Leuven dieselbe, ein
wenig Wein zu trincken, sie nahm denselben, weil er sehr Frisch war, begierig zu
sich, befand sich aber in kurtzen sehr übel drauff, massen sie wie eine Kohle
glüete, und ihr, ihrem sagen nach, der Wein das Hertze abbrennen wollte. Ihr
Ehe-Herr machte ihr die grösten Liebkosungen, allein sie schien sich wenig darum
zu bekümmern, und fieng unverhofft also zu reden an: Carl Frantz geht mir aus
den Augen, damit ich ruhig sterben kann, die übermässige Liebe zu euch hat mich
angetrieben das 4te Gebot zu übertreten, und meine Eltern biss in den tod zu
betrüben, es ist eine gerechte Strafe des Himmels, dass ich, auf dieser elenden
Stelle, mit meinen Leben davor büssen muss. GOTT sei meiner und eurer Seele
gnädig.
    Kein Donnerschlag hätte Mons. van Leuven erschrecklicher in die Ohren
schmettern können, als diese Centner schweren Worte. Er konnte nichts darauff
antworten, stund aber in vollkommener Verzweiffelung auf, lieff nach dem Meere
zu, und hätte sich ganz gewiss ersäufft, wenn ich ihm nicht nachgelauffen, und
durch die kräfftigsten Reden die mir GOTTES Geist eingab, damals sein Leib und
Seele gerettet hätte.
    So bald er wieder zurück auf die trockene Sand-Banck gebracht war, legte ich
ihm nur diese Frage vor: Ob er denn sein Leben, welches ihm GOTT unter so vielen
wunderbarer Weise erhalten, nunmehro aus Ubereilung dem Teufel, samt seiner
Seele hingeben wollte? Hierzu setzte ich noch, dass Concordia wegen übermässiger
Hitze nicht alle Worte so geschickt, wie sonsten, vorbringen könnte, auch
vielleicht in wenig Stunden ganz anders reden würde, u.s.w. Worauff er sich
denn auch eines andern besonn, und mir hoch und teuer zuschwur, sich mit
christl. Gedult in alles zu geben, was der Himmel über ihn verhängen wolle. Er
bat mich anbei, alleine zur Concordia zu gehen, und dieselbe mit Gelegenheit auf
andere Gedancken zu bringen. Ich bat ihn noch einmal, seine Seele, Himmel und
Hölle zu bedencken, und begab mich zur Concordia, welche mich bat: Ich möchte
doch aus jenem Mantel etwas Regen-Wasser ausdrücken, und ihr solches zu trincken
geben. Ich versicherte ihr solches zu tun, und begehrete nur etwas Gedult von
ihr, weil diese Arbeit nicht so hurtig zugehen möchte. Sie versprach, wiewohl in
würcklicher Phantasie, eine halbe Stunde zu warten; Aber mein GOTT! da war weder
Mantel noch nichts, woraus ein eintziger Tropffen Wassers zu drücken gewesen
wäre. Derowegen lieff ich ohn ausgezogen durch die See nach dem Schiffe zu, und
fand, zu meinen selbst eigenen grösten Freuden, ein zugepichtes Fass mit süssen
Wasser, worvon ich ein erträgliches Lägel füllete, aus unserer Cajute etwas
Tee, Zucker und Zimmet zu mir nahm, und so hurtig als möglich wieder zurück
eilete. Ohngeacht ich aber kaum eine halbe Stunde ausgeblieben war, sagte doch
Concordia, indem ich ihr einen Becher mit frischen Wasser reichte: Ihr hättet
binnen 5. Stunden keine Tonne Wasser aussdrücken dürffen, wenn ihr mich nur mit
einem Löffel voll hättet erquicken wollen; aber ihr wollet mir nur das Hertze
mit Weine brechen, GOTT vergebe es euch. Doch da sie den Becher mit frischen
Wasser ausgetruncken hatte, sagte ihr lechzender Mund: Habet Danck mein lieber
Albert Julius vor eure Mühe, nun bin ich vollkommen erquickt, deckt mich zu, und
lasset mich schlafen. Ich Gehorsamete ihrem Begehren, machte hinter ihren Rücken
ein gelindes Feuer an, welches nicht eher ausgehen durffte, biss die Sonne mit
ihren kräfftigen Strahlen hoch genung zu stehen kam.
    Immittelst da sie wiederum in einen ordentlichen Schlaf verfallen war,
ruffte ich ihren Ehe-Herrn, der sich wohl 300. Schritt darvon gesetzt hatte,
herzu, tröstete denselben, und versicherte, dass mich seiner Liebsten Zustand
gäntzlich überredete, sie würde nachdem sie nochmals erwacht, sich ungemein
Besser befinden.
    Damals war ich ein unschuldiger, aber doch in der Wahrheit recht glücklicher
Prophete. Denn 2. Stunden nach dem Mittage wachte Concordia von sich selbst auf,
forderte ein klein wenig Wein, und fragte zugleich, wo ihr Carl Frantz wäre?
Selbiger trat Augenblicklich hervor, und Küssete dieselbe kniend mit tränenden
Augen. Sie trocknete seine Tränen mit ihrem Hals-Tuche ab, und sprach mit
frischer Stimme: Weinet nicht mein Schatz, denn ich befinde mich itzo weit
Besser, GOTT wird weiter helffen.
    Ich hatte, binnen der Zeit, in zweien Töpffen Tee gekocht, weiln aber keine
Schaalen vorhanden waren, reichte ich ihr selbigen Tranck, an statt des
gefoderten Weins, in dem Wein-Becher hin. Ihr lechzendes Hertze fand ein
besonderes Labsal daran, Mons. van Leuven aber, und ich, schmauseten aus dem
einen irrdenen Topffe auch mit, und wussten fast vor Freuden nicht was wir tun
sollten, da wir die halb tod gewesene Concordia nunmehro wiederum ausser Gefahr
halten, und bei vollkommenen Verstande sehen konten.
    Lemelie hatte sich binnen der Zeit durch das Wasser auf das zerbrochene
Schiff gemacht, wir hofften zwar er würde vor Abends wiederum zurück kommen,
sahen und höreten aber nichts von ihm, weswegen Mons. van Leuven Willens war hin
zu baden, nach demselben zu sehen, und etwas Holtz mit zu bringen, da aber ich
versicherte, dass wir auf diese Nacht noch Holtz zur Gnüge hätten, liess ers
bleiben, und wartete seine Concordia mit den trefflichsten Liebkosungen ab, biss
sie abermals einschlieff, worauff wir uns beredeten, wechsels-weise bei
derselben zu wachen.
    Selbige Nacht wurde schon weit vergnügter als die vorige hingebracht, mit
aufgehender Sonne aber wurde ich gewahr, dass die See allerhand Packen und Küsten
auf die nah gelegenen Sand-Bäncke, und an das grosse Felsen-Ufer, auch an unsere
Sand-Banck ebenfalls, nebst verschiedenen Waaren, einen mittelmässigen Nachen
gespielet hatte. Dieses kleine Fahr-Zeug hiess wohl recht ein vom Himmel
zugeschicktes Glücks Schiff, denn mit selbigen konten wir doch, wie ich so
gleich bedachte, an den nah gelegenen Felsen fahren, aus welchen wir einen
ganzen Strohm des schönsten klaren Wassers schiessen sahen.
    So bald demnach Mons. van Leuven aufgewacht, zeigte ich ihme die Merckmahle
der wunderbaren Vorsehung GOTTES, worüber er so wohl als ich, die allergröste
Freude bezeigte. Wir danckten GOTT bei unsern Morgen-Gebete auf den Knien davor,
und so bald Concordia erwacht, auch nach befundenen guten Zustande, mit etwas
Wein und Confect gestärckt war, machten wir uns an den Ort, wo das kleine
Fahrzeug ganz auf den Sand geschoben lag. Mons. de Leuven erkannte an gewissen
Zeichen, dass es eben dasselbe sei, mit welchem sein Schwager Anton Plurs
untergangen sei, konnte sich nebst mir hierüber des Weinens nicht entalten;
Allein wir mussten uns über dessen gehabtes Unglück gezwungener Weise trösten,
und die Hand an das Werck unserer eigenen Errettung ferner legen, weiln wir zur
Zeit eines Sturms, auf dieser niedrigen Sand-Banck, bei weiten nicht so viel
Sicherheit als am Felsen, hoffen durfften.
    Es kostete nicht wenig Mühe, den so tieff im Sande steckenden Nachen heraus
ins Wasser zu bringen, da es aber doch endlich angegangen war, banden wir
selbiges an eine tieff in den Sand gesteckte Stange, machten aus Bretern ein
paar Ruder, fuhren, da alles wohl eingerichtet war, nach dem Stücke des
zerscheiterten Schiffs, und fanden den Lemelie, der sich dermassen voll Wein
gesoffen, dass er alles was er im Magen gehabt, wieder von sich speien müssen, im
tieffsten Schlafe liegen.
    Mons. van Leuven wollte ihn nicht aufwecken, sondern suchte nebst mir alles,
was wir von Victualien finden konten, zusammen, packten so viel, als der Nachen
tragen mochte, auf, und taten die erste Reise ganz hurtig und glücklich nach
dem Ufer des Felsens zu, fanden auch, dass allhier weit bequemlicher und sicherer
zu verbleiben wäre, als auf der seichten Sand-Banck. So bald der Nachen
ausgepackt war, fuhren wir eilig wieder zurück, um unsere kostbareste Waare,
nämlich die Concordia dahin zu führen, wiewol vor ratsam befunden wurde,
zugleich noch eine Last von den notdürfftigsten Sachen aus dem Schiffe mit zu
nehmen. Diese andere Fart ging nicht weniger glücklich von statten, derowegen
wurde am Felsen eine bequme Klufft ausgesucht, darinnen auch zur Zeit des Regens
wohl 6. Personen oberwarts bedeckt, ganz geräumlich sitzen konten. Allhier musste
Concordia bei einem kleinen Feuer sitzen bleiben, wir aber taten noch 2.
Fahrten, und holeten immer so viel, als auf dem Nachen fortzubringen war,
herüber. Bei der 5ten Ladung aber, welche ganz gegen Abend getan wurde,
ermunterte sich Lemelie erstlich, und machte grosse Augen, da er viele Sachen
und sonderlich die Victualien mangeln, uns aber annoch in völliger Arbeit,
auszuräumen sah. Er fragte was das bedeuten sollte? warum wir uns solcher Sachen
bemächtigten, die doch nicht allein unser wären, und ob wir etwa als See-Räuber
agiren wollten? Befahl auch diese Verwegenheit einzustellen, oder er wolle uns
etwas anders weisen. Monsieur Lemelie, vorsatzte van Leuven hierauf, ich kann
nicht anders glauben, als dass ihr euren Verstand verloren haben müsst, weil
ihr euch weder unseres guten Rats noch würcklicher Hülffe bedienen wollet.
Allein ich bitte euch sehr, höret auf zu brutalisiren, denn die Zeiten haben
sich leider! verändert, euer Commando ist zum Ende, es gilt unter uns dreien
einer so viel als der andere, die meisten Stimmen gelten, die Victualien und
andern Sachen sind gemeinschaftlich, will der 3te nicht was 2. haben wollen, so
mag er elendiglich crepiren. Schweiget mir auch ja von See-Räubern stille,
sonsten werde mich genötiget sehen zu zeigen, dass ich ein Cavalier bin, der das
Hertze hat euch das Maul zu wischen. Lemelie wollte über diese Reden rasend
werden, und Augenblicklich vom Leder ziehen, doch van Leuven liess ihn hierzu
nicht kommen, sondern riss den Grossprahler als ein Kind zu Boden, und liess ihm
mit der vollen Faust, auf Nase und Maule ziemlich starck zur Ader. Nunmehro
hatte es das Ansehen, als ob es dem Lemelie bloss hieran gefehlet hätte, weil er
in wenig Minuten wieder zu seinem völligen Verstande kam, sich mit uns, dem
Scheine nach, recht Brüderlich vertrug, und seine Hände mit an die Arbeit legte;
so dass wir noch vor Nachts wohlbeladen bei Concordien in der neuen
Felsen-Wohnung anlangeten. Wir bereiteten vor uns ingesammt eine gute
Abend-Mahlzeit, und rechneten aus, dass wenigstens auf 14. Tage Proviant vor 4.
Personen vorhanden sei, binnen welcher Zeit uns die Hoffnung trösten musste, dass
der Himmel doch ein Schiff in diese Gegend, uns in ein gut Land zu führen,
senden würde.
    Concordia hatte sich diesen ganzen Tag, wie auch die darauff folgende Nacht
sehr wohl befunden, folgenden Tag aber, wurde sie abermals vom starcken Frost,
und darauff folgender Hitze überfallen, worbei sie starck phantasirte, doch
gegen Abend ward es wieder gut, also schlossen wir daraus, dass ihre ganze
Kranckheit in einem gewöhnlichen kalten Fieber bestünde, welche Mutmassungen
auch in so weit zutraffen, da sie selbiges Fieber wohl noch 3. mal, allezeit über
den 3ten Tag hatte, und sich nachhero mit 48. Stündigen Fasten selber curire
the. Immittelst schien Lemelie ein aufrichtiges Mitleiden mit dieser Patientin zu
haben, suchte auch bei allen Gelegenheiten sich uns und ihr, aus dermassen
gefällig und dienstfertig zu erzeigen. An denen Tagen, da Concordia wohl auf war,
fuhren wir 3. Manns-Personen wechsels-weise an die Sand-Bäncke, und langeten die
daselbst angeländeten Packen und Fässer von dar ab, und schafften selbige vor
unsere Felsen-Herberge. Wir wollten auch das zerstückte Schiff, nach und nach
vollends aussladen, jedoch ein nächtlicher mässiger Sturm war so gütig, uns
solcher Mühe zu überheben, massen er selbiges ganze Stück nebst noch vielen
andern Waaren, ganz nahe zu unserer Wohnung auf die Sand-Banck geschoben hatte.
Demnach brauchten wir voritzo unsern Nachen so nötig nicht mehr, führeten also
denselben in eine Bucht, allwo er vor den Winden und Wellen sicher liegen konnte.
    Vierzehen Tage und Nächte verstrichen also, doch wollte sich zur Zeit bei uns
noch kein Rettungs-Schiff einfinden, ohngeacht wir alle Tage fleissig Schildwache
hielten, über dieses ein grosses weisses Tuch an einer hoch aufgerichteten
Stange angemacht hatten. Concordia war völlig wieder gesund, doch fand sich nun
nicht mehr, als noch etwa auf 3. oder 4. Tage Proviant, weswegen wir alle
Fässer, Packen und Küsten ausräumten und durchsuchten, allein, ob sich schon
ungemein kostbare Sachen darinnen fanden, so war doch sehr wenig dabei, welches
die bevorstehende Hungers-Not zu vertreiben vermögend war.
    Wir armen Menschen sind so wunderlich geartet, dass wir zuweilen aus blossen
Mutwillen solche Sachen vornehmen, von welchen wir doch im voraus wissen, dass
dieselben mit tausendfachen Gefährlichkeiten verknüpfft sind; Im Gegenteil weñ
unser Gemüte zu anderer Zeit nur eine einfache Gefahr vermerckt, die doch eben
so wohl noch nicht einmal gegenwärtig ist, stelle wir uns an, als ob wir schon
lange Zeit darinnen gesteckt hätten. Ich will zwar nicht sagen, dass alle
Menschen von dergleichen Schlage wären, bei uns 4en aber braucht es keines
Zweiffels, denn wir hatten, wiewol nicht alles aus der Erfahrung, jedoch vom
hören und lesen, dass man auf der Schiffart nach Ost-Indien, die
Gefährlichkeiten von Donner, Blitz, Sturmwind, Regen, Hitze, Frost, Sklaverei,
Schiffbruch, Hunger, Durst, Kranckheit und Tod zu befürchten habe; doch deren
keine einzige konnte den Vorsatz nach Ost-Indien zu reisen unterbrechen, nunmehro
aber, da wir doch schon ein vieles überstanden, noch nicht den geringsten Hunger
gelitten, und nur diesen eintzigen Feind, binnen etlichen Tagen, zu befürchten
hatten, konten wir uns allerseits im voraus schon dermassen vor dem Hunger
fürchten, dass auch nur das blosse dran dencken unsere Cörper auszuhungern
vermögend war.
    Lemelie tat nichts als essen und trincken, Toback rauchen, und dann und
wann am Felsen herum spazieren, worbei er sich mehrenteils auf eine recht
närrische Art mit Pfeiffen und Singen hören liess, vor seine künftige
Lebens-Erhaltung aber, trug er nicht die geringste Sorge. Mons. van Leuven
machte bei seiner Liebsten lauter tieffsinnige Calender, und wenn es nur auf
sein speculiren ankommen wäre, hätten wir, glaube ich, in einem Tage mehr Brod,
Fleisch, Wein und andere Victualien bekommen, als 100. Mann in einem Jahre kaum
aufessen können, oder es sollte uns ohnfehlbar, entweder ein Lufft- oder
See-Schiff in einem Augenblicke nach Ceilon geführet haben. Ich merckte zwar
wohl, dass die guten Leute mit dergleichen Lebens-Art der bevorstehenden
Hungers-Not kein Quee vorlegen würden, doch weil ich der jüngste unter ihnen,
und auch selbst nicht den geringsten guten Rat zu ersinnen wusste; unterstund
ich mich zwar, nicht die Lebens-Art älterer Leute zu tadeln, wollte aber doch
auch nicht so verdüstert bei ihnen sitzen bleiben, kletterte derowegen an den
Felsen herum so hoch ich kommen konnte, in beständiger Hoffnung etwas neues und
guts anzutreffen. Und eben diese meine Hoffnung Betrog mich nicht: Denn da ich
eine ziemlich hohe Klippe, worauff ich mich ziemlich weit umsehen konnte,
erklettert hatte, erblickte ich jenseit des Flusses der sich Westwärts aus dem
Felsen ins Meer ergoss, auf dem Sande viele Tiere, welche halb einem Hunde und
halb einem Fische ähnlich sahen. Ich säumte mich nicht, die Klippe eiligst
wieder herunter zu klettern, lief zu Mons. van Leuven, und sagte: Monsieur, wenn
wir nicht eckel sein wollen, werden wir allhier auch nicht verhungern dürffen,
denn ich habe eine grosse Menge Meer-Tiere entdeckt, welche mit Lust zu
schiessen, so bald wir nur mit unsern Nachen über den Fluss gesetzt sind. Mons.
Leuven sprang hurtig auf, nahm 2. wohlgeladene Flinten vor mich und sich, und
eilete nebst mir zum Nachen, welchen wir los machten, um die Klippe herum
fuhren, und gerade zu, queer durch den Fluss hindurch setzen wollten; allein, hier
hätte das gemeine Sprichwort: Eilen tut kein gut, besser beobachtet werden
sollen; denn als wir mitten in den Strohm kamen, und ausser zweien kleinen
Rudern nichts hatten, womit wir uns helffen konten, führete die Schnelligkeit
desselben den Nachen mit unserer grösten Lebens-Gefahr dermassen weit in die
offenbare See hinein, dass alle Hoffnung verschwand, den geliebten Felsen jemahls
wiederum zu erreichen.
    Jedoch die Barmhertzigkeit des Himmels hielt alle Kräffte des Windes und der
Wellen gäntzlich zurücke, dahero wir endlich nach eingebrochener Nacht jenseit
des Flusses an demjenigen Orte anländeten, wo ich die Meer-Tiere gesehen hatte.
Wiewohl nun itzo nichts mehr daselbst zu sehen, so waren wir doch froh genung,
dass wir unser Leben gerettet hatten, setzten uns bei hellen Mondscheine auf eine
kleine Klippe, und beratschlagten, auf was vor Art wiederum zu den Unserigen zu
gelangen wäre. Doch weil kein anderer Weg als durch den Fluss, oder durch den
vorigen Umschweiff zu erfinden, wurde die Wahl biss auf den morgenden Tag
verschoben.
    Immittelst, da unsere Augen beständig nach der See zu gerichtet waren,
merckten wir etwa um Mitternachts-Zeit, dass etwas lebendiges aus dem Wasser kam,
und auf dem Sande herum wühlete, wie uns denn auch ein oft wiederholtes Blöcken
versicherte, dass es eine Art von Meer-Tieren sein müsse. Wir begaben uns
demnach von der Klippe herab, und gingen ihnen biss auf etwa 30. Schritt
entgegen, sahen aber, dass sie nicht verweigerten, Stand zu halten, weswegen wir,
um sie desto gewisser zu fassen, ihnen noch näher auf den Leib gingen, zu
gleicher Zeit Feuer gaben, und 2. darvon glücklich erlegten, worauf die übrigen
gross und kleine ganz langsam wieder in See gingen.
    Früh Morgens besahen wir mit anbrechenden Tage unser Wildpret, und fanden
selbiges ungemein niedlich, trugen beide Stück in den Nachen, getraueten aber
doch nicht, ohne stärckere Bäume und bessere Ruder abzufahren, doch Mons. van
Leuvens Liebe zu seiner Concordia überwand alle Schwürigkeiten, und da wir ohne
dem alle Stunden, die allhier vorbei strichen, vor verloren schätzten, befahlen
wir uns der Barmhertzigkeit des Allmächtigen, setzten behertzt in den Strom,
traffen aber doch dieses mahl das Gelencke etwas besser, und kamen nach Verlauff
dreier Stunden ohnbeschädiget vor der Felsen Herberge an, weil der heutige
Umschweiff nicht so weit als der gestrige, genommen war.
    Concordia hatte die gestrigen Stunden in der grösten Bekümmernis zugebracht,
nachdem sie wahrgenommen, dass uns die strenge Flut so weit in die See
getrieben, doch war sie um Mitternachts-Zeit durch den Knall unserer 2. Flinten,
der sehr vernehmlich gewesen, ziemlich wieder getröstet worden, und hatte die
ganze Nacht mit eiffrigen Gebet, um unsere glückliche Zurückkunft,
zugebracht, welches denn auch nebst dem unserigen von dem Himmel nach Wunsche
erhöret worden.
    Lemelie erkandte das mitgebrachte Wildpret sogleich vor ein paar See-Kälber,
und versicherte, dass deren Fleisch besonders wohlschmeckend wäre, wie wir denn
solches, nachdem wir die besten Stücken ausgeschnitten, gebraten, gekocht und
gekostet hatten, als eine Wahrheit bekräfftigen mussten.
    Dieser bisher sehr faul gewesene Mensch liess sich nunmehro auch in die
Gedancken kommen, vor Lebens-Mittel zu sorgen, indem er aus etlichen aus Bretern
geschnitzten Stäbigen 2. Angel-Ruten verfertigte, eine darvon der Concordia
schenckte, und derselben zur Lust und Zeit-Vertreibe bei der Bucht das Fischen
lernete. Mons. van Leuven und ich machten uns auch dergleichen, da ich aber
sah, dass Concordia allein geschickt war, nur in einem Tage so viel Fische zu
fangen, als wir in etlichen Tagen nicht verzehren konten, liess ich diese
vergebliche Arbeit bleiben, kletterte hergegen mit der Flinte an den Klippen
herum, und schoss etliche Vögel mit ungewöhnlich-grossen Kröpffen herunter,
welche zwar Fleisch genug an sich hatten, jedoch, da wir sie zugerichtet, sehr
übel zu essen waren. Hergegen fand ich Abends beim Mondschein auf dem Sande
etliche Schild-Kröten, vor deren erstaunlicher Grösse ich mich anfänglich
scheuete, derowegen Mons. van Leuven und Lemelie herbei rieff, welcher letztere
sogleich ausrieff: Abermahls ein schönes Wildpret gefunden! Monsieur Albert, ihr
seid recht glücklich.
    Wir hatten fast alle drei genung zu tun, ehe wir, auf des Lemelie
Anweisung, dergleichen wunderbare Kreatur umwenden und auf den Rücken legen
konten. Mit anbrechenden Morgen wurde eine mittelmässige geschlachtet, Lemelie
richtete dieselbe seiner Erfahrung nach appetitlich zu, und wir fanden hieran
eine ausserordentlich angenehme Speise, an welcher sich sonderlich Concordia
fast nicht satt essen konnte. Doch da dieselbe nachhero besondere Lust verspüren
liess, ein Feder-Wildpret zu essen, welches besser als die Kropff-Vögel
schmeckte, gaben wir uns alle drei die gröste Müh, auf andere Arten von Vögeln
zu lauern, und selbige zu schiessen.
    Im Klettern war mir leichtlich Niemand überlegen, weil ich von Natur gar
nicht zum Schwindel geneigt bin, als nun vermerckte, dass sich oben auf den
höchsten Spitzen der Felsen, andere Gattunge Vögel hören und sehen liessen; war
meine Verwegenheit so gross, dass ich durch allerhand Umwege immer höher von einer
Spitze zur andern kletterte, und nicht eher nachliess, biss ich auf den
allerhöchsten Gipffel gelangt war, allwo alle meine Sinnen auf einmal mit dem
allergrösten Vergnügen von der Welt erfüllet wurden. Denn es fiel mir durch
einen eintzigen Blick das ganze Lust-Revier dieser Felsen-Insul in die Augen,
welches rings herum von der Natur mit dergleichen starcken Pfeilern und Mauren
umgeben, und so zu sagen, verborgen gehalten wird. Ich weiss gewiss, dass ich
länger als eine Stunde in der grösten Entzückung gestanden habe, denn es kam mir
nicht anders vor, als wenn ich die schönsten blühenden Bäume, das herum
spatzirende Wild, und andere Annehmlichkeiten dieser Gegend, nur im blossen
Traume sähe. Doch endlich, wie ich mich vergewissert hatte, dass meine Augen und
Gedancken nicht betrogen würden, suchte und fand ich einen ziemlich bequemen
Weg, herab in dieses angenehme Tal zu steigen, ausgenommen, dass ich an einem
eintzigen Orte, von einem Felsen zum andern springen musste, zwischen welchen
beiden ein entsetzlicher Riss und grausam tieffer Abgrund war. Ich erstaunete, so
bald ich mich mitten in diesem Paradiese befand, noch mehr, da ich das Wildpret,
als Hirsche, Rehe, Affen, Ziegen und andere mir unbekandte Tiere, weit zahmer
befand, als bei uns in Europa fast das andere Vieh zu sein pfleget. Ich sah
zwei- oder dreierlei Arten von Geflügel, welches unsern Rebhünern gleichte,
nebst andern etwas grössern Feder-Vieh, welches ich damahls zwar nicht kannte,
nachhero aber erfuhr, dass es Birck-Hüner wären, weiln aber der letztern wenig
waren, schonte dieselben, und gab unter die Rebhüner Feuer, wovon 5. auf dem
Platz liegen blieben. Nach getanem Schusse stutzten alle lebendigen Kreaturen
gewaltig, gingen und flohen, jedoch ziemlich bedachtsam fort, und verbargen sich
in die Wälder, weswegen es mich fast gereuen wollte, dass mich dieser angenehmen
Gesellschaft beraubt hatte. Zwar fiel ich auf die Gedancken, es würden sich an
deren Statt Menschen bei mir einfinden, allein, da ich binnen 6. Stunden die
ganze Gegend ziemlich durchstreifft, und sehr wenige und zweiffelhafte
Merckmahle gefunden hatte, dass Menschen allhier anzutreffen, oder sonst da
gewesen wären, verging mir diese Hoffnung, als woran mir, wenn ich die rechte
Wahrheit bekennen soll, fast gar nicht viel gelegen war. Im Gegenteil hatte
allerhand, teils blühende, teils schon Frucht-tragende Bäume, Weinstöcke,
Garten-Gewächse von vielerlei Sorten und andere zur Nahrung wohl dienliche
Sachen angemerckt, ob mir schon die meisten ganz frembd und unbekandt vorkamen.
    Mittlerweile war mir der Tag unter den Händen verschwunden, indem ich wegen
allzu vieler Gedancken und Verwunderung, den Stand der Sonnen gar nicht in acht
genommen, biss mich der alles bedeckende Schatten versicherte, dass selbige
untergegangen sein müsse. Da aber nicht vor ratsam hielt, gegen die Nacht zu,
die gefährlichen Wege hinunterzuklettern, entschloss ich mich, in diesem
irdischen Paradiese die Nacht über zu verbleiben, und suchte mir zu dem Ende auf
einen mit dicken Sträuchern bewachsenen Hügel eine bequeme Lager-Statt aus,
langete aus meinen Taschen etliche kleine Stücklein Zwieback, pflückte von einem
Baume etliche ziemlich reife Früchte, welche rötlich aussahen, und im Geschmacke
denen Morellen gleichkamen, hielt damit meine Abend-Mahlzeit, tranck aus dem
vorbei rauschenden klaren Bächlein einen süssen Trunck Wasser darzu, befahl mich
hierauf GOtt, und schlieff in dessen Nahmen gar hurtig ein, weil mich durch das
hohe Klettern und viele Herumschweiffen selbigen Tag ungemein müde gemacht
hatte.
    Hierbei mag vor dieses mahl (sagte der Alt-Vater nunmehro, da es ziemlich
späte war) meine Erzehlung ihren Aufhalt haben. Morgen, geliebt es GOtt, wollen
wir, wo es euch gefällig, die Einwohner in Stephans-Raum besuchen, und Abends
wieder da anfangen, wo ich itzo aufgehöret habe. Hiermit legten wir uns
allerseits nach gehaltener Bet-Stunde zur Ruhe, folgenden Morgen aber ging die
Reise abgeredter massen auf Stephans-Raum zu.
    Hieselbst waren 15. Wohnhäuser nebst guten Scheuern und Ställen auferbauet,
aber zur Zeit nur 11. bewohnt. Durch die Pflantz Stadt, welche mit den schönsten
Gärten umgeben war, lieff ein schöner klarer Bach, der aus der grossen See, wie
auch aus dem Ertz-Gebürge seinen Ursprung hatte, und in welchem zu gewissen
Zeiten eine grosse Menge Gold-Körner gesammlet werden konten, wie uns denn die
Einwohner fast mit einem ganzen Hute voll dergleichen, deren die grösten in der
Form eines Weitzen-Korns waren, beschenckten, weil sie es als eine artige und
gefällige Materie zwar einzusamlen pflegten, doch lange nicht so viel Wercks
draus machten, als wir Neuangekomenen. Mons. Plager, der einige Tage hernach die
Probe auf allerhand Art damit machte, versicherte, dass es so fein, ja fast noch
feiner wäre, als in Europa das Ungarische Gold. Gegen Westen zu stiegen wir auf
die Klippen, allwo uns der Altvater den Ort zeigete, wo vor diesen auf beiden
Seiten des Flusses ein ordentlicher und bequemer Eingang zur Insul gewesen, doch
hätte nunmehro vor langen Jahren ein unbändig grosses Felsen-Stück denselben
verschüttet, nachdem es zerborsten, und plötzlich herab geschossen wäre, wie er
uns denn in den Verfolg seiner Geschichts-Erzehlung dessfals nähere Nachricht zu
erteilen versprach. Immittelst war zu verwundern, und lustig anzusehen, wie,
dem ohngeacht, der starcke Arm des Flusses seinen Ausfall allhier behalten,
indem das Wasser mit gröster Gewalt, und an vielen Orten etliche Ellen hoch,
zwischen dem Gesteine heraus stürtzte. Ohnfern vom Flusse betrachteten wir das
vortreffliche und so höchst-nutzbare Saltz-Gebürge, in dessen gemachten Gruben
das schönste Sal gemmæ oder Stein-Saltz war, und etwa 100. Schritt von demselben
zeigte man uns 4. Lachen oder Pfützen, worinnen sich die schärffste Sole zum
Saltz-Sieden befand, welche diejenigen Einwohner, so schön Saltz verlangten, in
Gefässen an die Sonne setzten, das Wasser abrauchen liessen, und hernach das
schönste, reinste Saltz aus dem Gefässe heraus schabten, gewöhnlicher Weise aber
brauchten alle nur das feinste vom Stein-Saltze. Sonsten fand sich in dasigen
Feldern ein Wein-Gebürge von sehr guter Art, wie sie uns denn, nebst allerhand
guten Speisen, eine starcke Probe davon vortrugen, durch den Wald war eine
breite Strasse gehauen, allwo man von der Alberts-Burg her, auf das unten am
Berge stehende Wacht-Haus, gegen Westen sehen konnte. Wie denn auch oben in die
Felsen-Ecke ein Schilder-Haus gehauen war, weil aber der Weg hinauf gar zu
unbequem, stiegen wir dieses mahl nicht hinauf, zumahlen auch sonsten nichts
gegen Westen zu sehen, als ein steiler biss in die offenbahre See hinunter
steigender Felsen.
    Nachdem wir nun solchermassen zwei Drittel des Tages hingebracht, und bei
guter Zeit zurück gekehret waren, besichtigten wir die Arbeit am Kirchen-Bau,
und befanden daselbst die Zeichen solcher eifferiger Anstalten, dergleichen wir
zwar von ihren Willen hoffen, von ihren Kräfften aber nimmermehr glauben können.
Denn es war nicht allein schon eine ziemliche Quantität Steine, Kalck und Leimen
herbei geschafft, sondern auch der Grund allbereits sehr weit ausgegraben. Unter
unsern sonderbaren Freudens-Bezeugungen über solchen angenehmen Fortgang, rückte
die Zeit zur Abend-Mahlzeit herbei, nach deren Genuss der Altvater in seinem
Erzehlen folgender massen fortfuhr:
    Ich hatte mich, wie ich gestern Abend gesagt, auf dieser meiner Insul zur
Ruhe gelegt, und zwar auf einem kleinen Hügel, der zwischen Alberts- und Davids
-Raum befindlich ist, itzo aber ein ganz ander Ansehen hat. Indem die Einwohner
nicht allein die Sträucher darauf abgehauen, sondern auch den mehresten Teil
davon abgearbeitet haben. Meine Ruhe war dermassen vergnügt, dass ich mich nicht
eher als des andern Morgens, etwa zwei Stunden nach Aufgang der Sonnen,
ermuntern konnte. Ich schämete mich vor mir selbst, so lange geschlaffen zu
haben, stund aber hurtig auf, nahm meine 5. gestern geschossene Rebhüner, schoss
unter Wegs noch ein junges Reh, und eilete dem Wege zu, welcher mich zu meiner
verlassenen Gesellschaft führen sollte.
    Mein Rückweg fand sich durch unverdrossenes Suchen weit leichter und
sicherer als der gestrige, den ich mit Leib und Lebens-Gefahr hinauf gestiegen
war, derowegen machte ich mir bei jeder Umkehrung ein gewisses Zeichen, um
denselben desto eher wieder zu finden, weil die vielen Absätze der Felsen von
Natur einen würcklichen Irrgang vorstelleten. Mein junges Reh wurde ziemlich
bestäubt, indem ich selbiges wegen seiner Schwere immer hinter mir drein
schleppte, die Rebhüner aber hatte mit einem Bande an meinen Hals gehenckt, weil
ich die Flinte statt eines Wander-Staabs gebrauchte. Endlich kam ich ohn allen
Schaden herunter, und traff meine zurück gelassene Gesellschaft, eben bei der
Mittags-Mahlzeit vor der Felsen-Herberge an. Mons. van Leuven und Concordia
sprangen, so bald sie mich nur von ferne erblickten, gleich auf, und kamen mir
entgegen gelauffen. Der erste umarmte und küssete mich, sagte auch: Monsieur
Albert, der erste Bissen, den wir seit eurer Abwesenheit gegessen haben, steckt
noch in unsern Munde, weil ich und meine Liebste die Zeit eurer Abwesenheit mit
Fasten und gröster Betrübnis zugebracht haben. Fraget sie selbst, ob sie nicht
seit Mitternachts-Zeit viele Tränen eurentwegen vergossen hat? Madame, gab ich
lachend zur Antwort, ich will eure kostbaren Tränen, in Abschlag mit 5. delicat
en Rebhünern und einem jungen Reh bezahlen, aber, Monsieur van Leuven, wisset
ihr auch, dass ich das schöne Paradiess entdeckt habe, woraus vermutlich Adam und
Eva durch den Cherub verjagt worden? Monsieur Albert, schrye van Leuven, habt
ihr etwa das Fieber bekommen? oder phantasirt ihr auf andere Art? Nein,
Monsieur, wiederredete ich, bei mir ist weder Fieber noch einige andere
Phantasie, sondern lasset mich nur eine gute Mahlzeit nebst einem Glase Wein
finden, so werdet ihr keine Phantasie, sondern eine wahrhaftige Erzehlung von
allen dem, was mir GOtt und das Glücke gewiesen hat, aus meinem Munde hören
können.
    Sie ergriffen beide meine Arme, und führeten mich zu dem sich kranck
zeigenden Lemelie, welcher aber doch ziemlich wohl von der zugerichteten
Schild-Kröte und See-Kalbe essen konnte, auch dem Wein-Becher keinen Zug schuldig
blieb. Ich meines Teils ersättigte mich nach Notdurfft, stattete hernachmahls
den sämtlichen Anwesenden von meiner getanen Reise den umständlichen Bericht
ab, und dieser setzte meine Gefährten in so grosse Freude als Verwunderung.
Mons. van Leuven wollte gleich mit, und das schöne Paradiess in meiner
Gesellschaft besehen, allein, meine Müdigkeit, Concordiens gute Worte und des
Lemelie Faulheit, fruchteten so viel, dass wir solches biss Morgenanbrechenden Tag
aufschoben, immittelst aber desto sehnlicher auf ein vorbei seeglendes Schiff
Achtung gaben, welches zwar immer in unsern Gedancken, auf der See aber desto
weniger zum Vorscheine kommen wollte.
    So bald demnach das angenehme Sonnen-Licht abermals aus der See empor
gestiegen kam, steckte ein jeder an Lebens-Mitteln, Pulver, Blei und andern
Notdürfftigkeiten so viel in seine Säcke, als er sich fortzubringen getrauete.
Concordia durffte auch nicht ledig gehen, sondern musste vor allen andern in der
Hand eine scharffe Radehaue mitschleppen. Ich führete nebst meiner Flinte und
Rantzen eine Holtz-Axt, und suchte noch lange Zeit nach einem kleinen
Hand-Beile, womit man dann und wann die verhinderlichen dünnen Sträucher abhauen
könnte, weil aber die Hand-Beile, ich weiss nicht wohin, verlegt waren, und meine
3. Gefährten über den langen Verzug ungedultig werden wollten, beschenckte mich
Lemelie, um nur desto eher fortzukommen, mit einem artigen, 2. Finger breiten,
zweischneidigen und wohlgeschliffenen Stillet, welches man ganz wohl statt
eines Hand-Beils gebrauchen, und hernachmahls zur Gegenwehr wider die wilden
Tiere, mit dem Griffe in die Mündung des Flinten-Lauffs stecken konnte. Ich
hatte eine besondere Freude über das artige Instrument, danckte dem Lemelie
fleissig davor, er aber wusste nicht, dass er hiermit ein solches kaltes Eisen von
sich gab, welches ihm in wenig Wochen den Lebens-Faden abkürtzen würde, wie ihr
in dem Verfolg dieser Geschichte gar bald vernehmen werdet. Doch da wir uns
nunmehro völlig ausgerüstet, die Reise nach dem eingebildeten Paradiese
anzutreten, ging ich als Wegweiser voraus, Lemelie folgte mir, Concordia ihm,
und van Leuven schloss den ganzen Zug. Sie konten sich allerseits nicht gnugsam
über meinen klugen Einfall verwundern, dass ich die Absätze der Felsen, welche
uns auf die ungefährlichsten Stege führeten, so wohl gezeichnet hatte, denn
sonsten hätte man wohl 8. Tage suchen, wo nicht gar Hals und Beine brechen
sollen. Es ging zwar immer, je höher wir kamen, je beschwerlicher, sonderlich
weil uns Concordiens Furchtsamkeit und Schwindel sehr viel zu schaffen machte,
indem wir ihrentwegen hier und dar Stuffen einhauen mussten. Doch erreichten wir
endlich die alleroberste Höhe glücklich, allein, da es an den Sprung über die
Felsen-Klufft gehen sollte, war aufs neue Not vorhanden, denn Concordia konnte
sich aus Furcht, zu kurtz zu springen und hinunter zu stürtzen, unmöglich darzu
entschliessen, ohngeacht der Platz breit genug zum Ausholen war, derowegen
mussten wir dieselbe sitzen lassen, und unten im nächsten Holtze einige junge
Bäume abhauen, welche wir mit gröster Mühe den Felsen wieder hinauf schleppten,
Queer-Höltzer darauf nagelten und bunden, also eine ordentliche Brücke über
diesen Abgrund schlugen, auf welcher nachhero Concordia, wiewohl dennoch mit
Furcht und Zittern, sich herüber führen liess.
    Ich will die ungemeinen Freudens-Bezeugungen meiner Gefährten, welche
dieselben, da sie alles weit angenehmer auf dieser Gegend fanden, als ich ihnen
die Beschreibung gemacht, mit Stillschweigen übergehen, und ohne unnötige
Weitläufftigkeit ferner erzählen, dass wir nunmehro ingesamt anfingen das ganze
Land zu durchstreichen, wobei Mons. van Leuven glücklicher als ich war, gewisse
Merckmahle zu finden, woraus zu schliessen, dass sich ohnfehlbar vernünftige
Menschen allhier aufgehalten hätten, wo selbige ja nicht noch vorhanden wären.
Denn es fand sich jenseit des etwa 12. biss 16. Schritt breiten Flusses an dem
Orte, wo itzo Christians-Raum angebauet ist, ein mit zugespitzten Pfälen
umsetzter Garten-Platz, in welchen sich annoch die schönsten Garten-Gewächse,
wiewohl mit vielen Unkraut verwachsen, zeigten, wie nicht weniger schöne rare
Blumen und etliche Stauden von Hülsen-Früchten, Weitzen, Reiss und andern
Getrayde. Weiter hinwarts lagen einige Scherben von zerbrochenen Gefässen im
Grase, und Sudwerts auf dem Wein-Gebürge, welches itzo zu Christophs- und
Roberts-Raum gehöret, fanden sich einige an Pfähle fest gebundene Wein-Reben,
doch war dabei zu mutmassen, dass das Anbinden schon vor etlichen Jahren müsse
geschehen sein. Hierauf besahen wir die See, aus welcher der sich in 2. Arme
teilende Fluss entspringet, bemerckten, dass selbige nebst dem Flusse recht voll
Fischen wimmelte, kehreten aber, weil die Sonne untergehen wollte, und Concordia
sehr ermüdet war, zurück auf vorerwähntes erhabene Wein-Gebürge, und
beschlossen, weil es eine angenehme Witterung war, daselbst über Nacht
auszuruhen. Nachdem wir zu Abends gespeiset hatten, und das schönste Wild
häuffig auf der Ebene herum spatziren sahen, beurteilten wir alles, was uns
heutiges Tages zu Gesicht kommen war, und befunden uns darinnen einig, dass
schwerlich ein schöner Revier in der Welt anzutreffen wäre. Nur wurde beklagt,
dass nicht noch einige Familien zugegen sein, und nebst uns diese fruchtbare
Insul besetzen sollten. Lemelie sagte hierbei: Ich schwere bei allen Heiligen,
dass ich Zeit Lebens allhier in Ruhe zu bleiben die gröste Lust empfinde, es
fehlen also nichts als zwei Weiber, vor mich und Mons. Albert, jedoch Monsieur,
(sagte er zu Mons. van Leuven) was sollte es wohl hindern, wenn wir uns bei
dergleichen Umständen alle 3. mit einer Frau behülffen, fleissig Kinder zeugten
und dieselbe sodann auch mit einander verheirateten. Mons. van Leuven
schüttelte den Kopff, weswegen Lemelie sagte: ha Monsieur, man muss in solchen
Fällen die Eyfersucht, den Eigensinn und den Eckel bei Seite setzen, denn weil
wir hiesiges Orts keiner weltlichen Obrigkeit unterworffen sind, auch leichtlich
von Niemand beunruhiget zu werden fürchten dürffen, so können wir uns Gesetze
nach eigenem Gefallen machen, dem Himmel aber wird kein Verdruss erwecket, weil
wir ihm zur Danckbarkeit, darvor, dass er uns von allen Menschen abgesondert hat,
eine ganz neue Colonie erzeugen.
    Monsieur van Leuven schüttelte den Kopff noch weit stärcker als vorhero, und
gab zur Antwort: Mons. Lemelie, ihr erzürnet den Himmel mit dergleichen
sündlichen Reden. Gesetzt aber auch, dass dieses, was ihr vorgebracht, vor
Göttlichen und weltlichen Rechten wohl erlaubt wäre, so kann ich euch doch
versichern, dass ich, so lange noch Adelich Blut in meinen Adern rinnet, meine
Concordia mit keinem Menschen auf der Welt teilen werde, weil sie mir und ich
ihr allein auf Lebens-Zeit beständige Treue und Liebe zugeschworen.
    Concordia vergoss mittlerzeit die bittersten Tränen, schlug die Hände über
den Kopffe zusammen, und schrye: Ach grausames Verhängnis, so hast du mich denn
aus dem halb überstandenen Tode an solchen Ort geführet, wo mich die Leute an
statt einer allgemeinen Hure gebrauchen wollen? O Himmel, erbarme dich! Ich vor
meine Person hätte vor Jammer bald mit geweinet, legte mich aber vor sie auf die
Knie, und sagte: Madame, ich bitte euch um GOttes willen, redet nicht von allen,
da ihr euch nur über eine Person zu beschweren Ursach habt, denn ich ruffe GOtt
und alle heiligen Engel zu Zeugen an, dass mir niemahls dergleichen frevelhafte
und höchst-sündliche Gedancken ins Hertz oder Haupt kommen sind, ja ich schwere
noch auf itzo und folgende Zeit, dass ich eher dieses Stillet selbst in meinen
Leib stossen, als euch den allergeringsten Verdruss erwecken wollte. Verzeihet
mir, guter Albert, war ihre Antwort, dass ich unbesonnener Weise mehr als einen
Menschen angeklagt habe. GOtt weiss, dass ich euch vor redlich, keusch und
tugendhaft halte, aber der Himmel wird alle geilen Frevler straffen, das weiss
ich gewiss. Worauf sich aus ihren schönen Augen ein neuer Tränen-Strohm ergoss,
der den Lemelie dahin bewegte, dass er sich voller Trug und List, doch mit
verstellter Aufrichtigkeit, auch zu ihren Füssen warff, und folgende Worte
vorbrachte: Madame, lasset euch um aller Heiligen willen erbitten, euer
Betrübnis und Tränen zu hemmen, und glaubt mir sicherlich, alle meine Reden
sind ein blosser Schertz gewesen, vor mir sollet ihr eure Ehre unbefleckt
erhalten, und wenn wir auch 100. Jahr auf dieser Insul allein beisamen bleiben
müsten. Monsieur van Leuven, euer Gemahl, wird die Güte haben, mich wiederum bei
euch auszusöhnen, denn ich bin von Natur etwas frei im Reden, und hätte
nimmermehr vermeint, euch so gar sehr empfindlich zu sehen. Er entschuldigte
seinen übel geratenen Schertz also auch bei Mons. van Leuven, und nach einigen
Wort-Wechselungen wurde unter uns allen ein vollkommener Friede gestifftet,
wiewohl Concordia ihre besondere Schwermut in vielen nachfolgenden Tagen noch
nicht ablegen konnte.
    Wir brachten die auf selbigen streitigen Abend eingebrochne Nacht in süsser
Ruhe hin, und spatzirten nach eingenommenen Frühstück gegen Süden um die See
herum, traffen abermals die schönsten Weinberge und Metall in sich haltende
Steine an, wie nicht weniger die Saltz-Lachen und Berge, welche ihr heute nebst
mir in dem Stephans-Raumer Felde besichtigt habt. Allhier konnte man nicht durch
den Arm des Flusses kommen, indem derselbe zwar eben nicht breiter, doch viel
tieffer war als der andere, durch welchen wir vorigen Tages ganz gemächlich
hindurch waden können. Demnach mussten wir unsern Weg wieder zurück, um die See
herum, nach demjenigen Ruhe-Platze nehmen, wo es sich verwichene Nacht so sanft
geschlaffen hatte. Weil es aber annoch hoch Tag war, beliebten wir etwas weiter
zu gehen, setzten also an einem seichten Orte durch den Fluss, und gelangeten auf
gegenwärtigem Hügel, der itzo meine so genannte Alberts-Burg und unsere Personen
trägt.
    Dieser mitten in der Insul liegende Hügel war damals mit dem allerdicksten,
wiewol nicht gar hohem, Gepüsche bewachsen, indem wir nun bemühet waren, eine
bequeme Ruhe-Städte daselbst auszusuchen, gerieten Mons. van Leuven, und
Concordia von ohngefähr auf einen schmalen durch das Gesträuche gehauenen Weg,
welcher dieselben in eine der angenehmsten Sommer-Läuben führete. Sie riefen
uns beide zurückgebliebenen dahin, um dieses angenehme Wunderwerck nebst dessen
Bequemlichkeit mit uns zu teilen, da wir denn sogleich einstimmig bekennen
mussten, dass dieses kein von der Natur, sondern von Menschen Händen gemachtes
Werck sein müsse, denn die Zacken waren oben allzukünstlich, als ein Gewölbe
zusammen geflochten, so dass, wegen des sehr dick auf einander liegenden
Laubwercks, kein Tropffen Wasser durchdringen konnte, über dieses gab der
Augenschein, dass der Baumeister vor diesen an 3en Seiten rechte Fenster-Löcher
gelassen, welche aber nunmehro ganz wild verwachsen waren, zu beiden seiten des
Eingangs hingegen, stunden 2. oben abgesägte Bäume, deren im Bogen geschlungene
Zweige ein ordentliches Tür-Gewölbe formirten.
    Es war in diesem grünen Lust-Gewölbe mehr Platz, als 4. Personen zur Not
bedurfften, weswegen Mons. van Leuven vorschlug, dass wir sämtlich darinnen
schlaffen wollten, allein Lemelie war von solcher unerwarteten Höfflichkeit, dass
er so gleich heraus brach: Mons. van Leuven, der Himmel hat euch beiden
Verliebten aus besondern vorbedacht zuerst in dieses angenehme Quartier
geführet, derowegen brauchet eure Bequemlichkeit alleine darinnen, Mons. Albert
wird euch so wenig als ich darinnen zu stöhren willens sein, hergegen sich,
nebst mir, eine andere gute Schlaf-Stelle suchen. Wie sehr sich nun auch Mons.
van Leuven und seine Gemahlin darwider zu setzen schienen, so mussten sie doch
endlich uns nachgeben und bewilligen, dass dieses artige Quartier des Nachts vor
sie allein, am Tage aber, zu unser aller Bequemlichkeit dienen sollte.
    Also liessen wir die beiden alleine, und baueten, etwa 30. Schritte von
dieser, in der Geschwindigkeit eine andere ziemlich bequeme Schlaf-Hütte vor
Lemelie und mich, brachten aber selbige in folgenden Tagen erstlich recht zum
Stande. Von nun an waren wir eifrigst bemühet, unsere nötigsten Sachen von der
Sand-Banck über das Felsen-Gebürge herüber auf die Insul zu schaffen, doch diese
Arbeit kostete manchen Schweiss-Tropffen, indem wir erstlich viele Stuffen
einarbeiten mussten, um, mit der tragenden Last recht fussen und fortkommen zu
können. Da aber dergleichen Vornehmen wenig förderte, und die Felsen, in einem
Tage, nicht wohl mehr als 2. mal zu besteigen waren, fiel uns eine etwas
leichtere Art ein, worbei zugleich auch ein weit mehreres hinauff gebracht
werden konnte. Denn wir machten die annoch beibehaltenen Tauen und Stricke von
dem Schiffs-Stücke vollends los, bunden die Sachen in mässige Packe, legten von
einem Absatze zum andern Stangen an, und zohen also die Ballen mit leichter Mühe
hinauf, wobei Lemelie seinen Fleiss ganz besonders zeigte. Mittlerweile war
Concordia ganz allein auf der Insul, übte sich fleissig im Schiessen, denn wir
hatten eine gute quantität unverdorbenes Pulver im Vorrat, fieng anbei so viel
Fische als wir essen konten, und liess uns also an gekochten und gebratenen
Speisen niemals Mangel leiden, obschon unser Zwieback gäntzlich verzehret war,
welchen Mangel wir aber mit der Zeit schon zu ersetzen verhofften, weil wir die
wenigen Waitzen und andern Geträyde-Aehren, wohl umzäunt, und vor dem Wilde
verwahrt hatten, deren Körner im Fall der Not zu Saamen aufzuheben, und selbige
zu vervielfältigen, unser hauptsächliches Absehen war.
    Der erste Sonntag, den wir, laut Anzeigung der bei uns führenden Calender,
auf dieser Insul erlebten, war uns ein höchst angenehmer erfreulicher Ruhe-Tag,
an welchen wir alle gewöhnliche Wochen-Arbeit liegen liessen, und den ganzen
Tag mit beten, singen und Bibel-lesen zubrachten, denn Concordia hatte eine
Englische, und ich eine Hochteutsche Bibel, nebst einem Gesang und Gebet-Buche,
mit gerettet, welches beides ich auch noch biss auf diesen Tag, GOTT lob, als ein
besonderes Heiligtum aufbehalten habe. Die Englischen Bücher aber sollen euch
ehester Tages in Roberts-Raum gezeiget werden.
    Immittelst ist es etwas nachdenckliches, dass dazumal auf dieser Insul unter
uns 4. Personen, die 3. Haupt-Secten des christlichen Glaubens anzutreffen
waren, weil Mons. van Leuven, und seine Frau der Reformirten, ich Albert Julius,
als ein gebohrner Sachse, der damals so genannten Luterischen, und Lemelie, als
ein Frantzose, der Römischen Religion des Pabsts beipflichteten. Die beiden
Ehe-Leute und ich konten uns im beten und singen ganz schön vereinigen, indem
sie beide ziemlich gut teutsch verstunden und redeten; Lemelie aber, der doch
fast alle Sprachen, ausser den Gelehrten Haupt-Sprachen, verstehen und ziemlich
wohl reden konnte, hielt seinen Gottesdienst von uns abgesondert, in selbst
erwehlter Einsamkeit, worinnen derselbe bestanden, weiss ich nicht, denn so lange
wir mit ihm umgegangen, hat er wenig Gottgefälliges an sich mercken lassen.
    Am gedachten Sonntage gegen Abend ging ich unten an der Seite des Hügels
nach dem grossen See zu, etwas lustwandeln herum, schurrte von ohngefähr auf dem
glatten Grase, und fiel in einen mit dünnen Sträuchern verdeckten Graben über 4.
Ellen tieff hinunter, worüber ich anfänglich heftig erschrack, und in einem
Abgrund zu sein glaubte, doch da ich mich wieder besonnen, und nicht den
geringsten Schaden an meinem Leibe vermerckt, rafften sich meine zittrenden
Glieder eilig auf. Im Umkehren aber wurden meine Augen einer finstern Höle
gewahr, welche mit allem Fleisse in den Hügel hinein gearbeitet zu sein schiene.
    Ich ging biss zum Eintritt derselben getrost hin, da aber nichts als eine
dicke Finsternis zu sehen war, über dieses eine übelriechende Dunst mir einen
besondern Eckel verursachte, fieng meine Haut an zu schauern, und die Haare
begonten Berg auf zu stehen, weswegen ich eiligst umwandte, und mit fliegenden
Schritten den Rückweg suchte, auch gar bald wiederum bei Mons. van Leuven und
Concordien ankam. Beide hatten sogleich meine blasse Farbe und heftige
Veränderung angemerckt, weswegen ich auf ihr Befragen alles erzehlte, was mir
begegnet war. Doch Mons. van Leuven sagte: Mein Freund, ihr seid zuweilen ein
wenig allzu neugierig, wir haben nunmehro, GOtt sei Lob, genung gefunden, unser
Leben so lange zu erhalten, biss uns der Himmel Gelegenheit zuschickt an unsern
erwehlten Ort zu kommen, derowegen lasset das unnütze Forschen unterwegen, denn
wer weiss ob sich nicht in dieser Höle die gifftigen Tiere aufhalten, welche
euch augenblicklich ums Leben bringen könten. Ihr habt recht, mein Herr gab ich
zur Antwort, doch dieses mal ist mein Vorwitz nicht so viel schuld, als das
unverhoffte Hinunterfallen, damit auch dergleichen hinführo niemanden mehr
begegnen möge, will ich die Sträucher rund herum abhauen, und alltäglich eine
gute Menge Erde abarbeiten, biss diese eckle Grufft vollkommen zugefüllet ist.
Mons. van Leuven versprach zu helffen, Concordia reichte mir ein Glässlein von
dem noch sehr wenigem Vorrate des Weins, nebst 2. Stücklein Hertzstärckenden
Confects, welches beides mich gar bald wiederum erquickte, so dass ich selbigen
Abend noch eine starcke Mahlzeit halten, und nach verrichteten Abend-Gebet, mich
ganz aufgeräumt neben den Lemelie schlafen legen konnte.
    Allein, ich habe Zeit meines Lebens keine ängstlichere Nacht als diese
gehabt. Denn etwa um Mitternacht, da ich selbst nicht wusste ob ich schlieff oder
wachte, erschien mir ein langer Mann, dessen weisser Bart fast biss auf die Knie
reichte, mit einem langen Kleide von rauchen Tier-Häuten angetan, der auch
dergleichen Mütze auf dem Haupte, in der Hand aber eine grosse Lampe mit 4.
Dachten hatte, dergleichen zuweilen in den Schiffs-Laternen zu brennen pflegen.
Dieses Schreckens-Bild trat gleich unten zu meinen Füssen, und hielt mir
folgenden Sermon, von welchen ich noch biss diese Stunde, wie ich glaube, kein
Wort vergessen habe: Verwegner Jüngling! was wilstu dich unterstehen diejenige
Wohnung zu verschütten, woran ich viele Jahre gearbeitet, ehe sie zu meiner
Bequemlichkeit gut genung war. Meinestu etwa das Verhängnis habe dich von
ohngefähr in den Graben gestossen, und vor die Tür meiner Höle geführet? Nein
keines wegs! Denn weil ich mit meinen Händen 8. Personen auf dieser Insul aus
christlicher Liebe begraben habe, so bistu auserkohren meinem vermoderten Cörper
eben dergleichen Liebes-Dienst zu erweisen. Schreite derowegen ohne alle
Bekümmernis gleich morgenden Tages zur Sache, und durchsuche diejenige Höle ohne
Scheu, welche du gestern mit Grausen verlassen hast, woferne dir anders deine
zeitliche Glückseligkeit lieb ist. Wisse auch, dass der Himmel etwas besonderes
mit dir vor hat. Deine Glückseeligkeit aber wird sich nicht eher anheben, biss du
zwei besondere Unglücks-Fälle erlitten, und diesem deinen Schlaf-Gesellen, zur
bestimmten Zeit den Lohn seiner Sünden gegeben hast. Mercke wohl was ich dir
gesagt habe, erfülle mein Begehren, und empfange dieses Zeichen, um zu wissen,
dass du nicht geträumet hast.
    Mit Endigung dieser letzten Worte drückte er mich, der ich im grösten
Schweisse lag, dermassen mit einem seiner Finger oben auf meine rechte Hand, dass
ich laut an zu schreien fieng, worbei auch zugleich Licht und alles verschwand,
so, dass ich nun weiter nichts mehr, als den ziemlich hellen Himmel durch die
Laub-Hütte blicken sah.
    Lemelie, der über mein Geschrei auffuhr, war übel zufrieden, dass ich ihm
Unruh verursachte, da ich aber aus seinen Reden vermerckt, dass er weder etwas
gesehen noch gehöret hätte, liess ich ihn bei den Gedancken, dass ich einen
schweren Traum gehabt, und stellete mich an, als ob ich wieder schlaffen wollte,
wiewol ich nachfolgende Zeit biss an hellen Morgen ohne Ruh, mit Uberlegung
dessen, was mir begegnet war, zubrachte, an meiner Hand aber einen starck mit
Blut unterlauffenen Fleck sah.
    So bald zu mutmassen, dass Mons. van Leuven aufgestanden, verliess ich ganz
sachte meine Lagerstatt, verfügte mich zu ihm, und erzehlete, nachdem ich ihn
etwas ferne von der Hütte geführet, alles aufrichtig, wie mir es in vergangener
Nacht ergangen. Er umarmete mich freundlich, und sagte: Mons. Albert, ich lerne
immer mehr und mehr erkennen, dass ihr zwar das Glück, selbiges aber euch noch
weit mehr suchet, derowegen biete ich mich zu euren Bruder an, und hoffe ihr
werdet mich nicht verschmähen, wir wollen gleich itzo ein gut præservativ vor
die bösen Dünste einnehmen, und die Höle in GOttes Nahmen durchsuchen, denn das
Zeichen auf eurer Hand hat mich erstaunend und glaubend gemacht, dass der Verzug
nunmehro schädlich sei. Aber Lemelie! Lemelie sagte er weiter, macht mir das
Hertze schwer, so oft ich an seine übeln Gemüts-Regungen gedencke, wir haben
gewiss nicht Ursach uns seiner Gesellschaft zu erfreuen, GOTT steure seiner
Bosheit, wir wollen ihn zwar mit zu diesem Wercke ziehen; Allein mein Bruder!
verschweiget ihm ja euer nächtliches Gesichte, und saget: ihr hättet einen
schweren Traum gehabt, welcher euch schon wieder entfallen sei.
    Dieser genommenen Abrede kamen wir in allem genau nach, beredeten
Concordien, an den Fluss fischen zu gehen, eröffneten dem Lemelie von unserm
Vorhaben, so viel als er wissen sollte, und giengen alle 3. gerades Wegs nach der
unterirrdischen Höle zu, nachdem ich in eine, mit ausgelassenen Seeckalbs-Fett,
angefüllte eiserne Pfanne, etliche angebrannte Tochte gelegt, und dieselbe an
statt einer Fackel mitgenommen hatte.
    Ich ging voran, Lemelie folgte mir, und Mons. van Leuven ihm nach, so bald
wir demnach in die fürchterliche Höle, welche von meiner starck brennenden Lampe
überall erleuchtet wurde, eingetreten waren, erschien ein starcker Vorrat
allerhand Haussgeräts von Kupffer, Zinn und Eisenwerck, nebst vielen
Pack-Fässern, und zusammen gebundenen Ballen, welches alles aber ich nur oben
hin betrachtete, und mich rechter Hand nach einer halb offenstehenden
Seiten-Tür wandte. Nachdem aber selbige völlig eröffnet hatte, und gerade vor
mich hingieng, tat der mir folgende Lemelie einen lauten Schrei und sanck
ohnversehens in Ohnmacht nieder zur Erden. Wolte GOTT, seine lasterhafte Seele
hätte damals den schändlichen Cörper gäntzlich verlassen! so aber riss ihn van
Leuven gleich zurück an die frische Lufft, rieb ihm die Nase und das Gesicht so
lange, biss er sich etwas wieder ermunterte, worauff wir ihn allda liegen
liessen, und das Gewölbe rechter Hand aufs neue betraten. Hier kam uns nun
dasjenige, wovor sich Lemelie so grausam entsetzt hatte, gar bald zu Gesichte.
Denn in dem Winckel lincker Hand sass ein solcher Mann, dergleichen mir
vergangene Nacht erschienen, auf einem in Stein gehauenen Sessel, als ob er
schlieffe, indem er sein Haupt mit dem einen Arme auf den darbei befindlichen
Tisch gestützt, die andere Hand aber auf dem Tische ausgestreckt liegen hatte.
Uber dem Tische an der Wand hieng eine 4. eckigte Lampe, und auf demselben
waren, nebst etlichen Speise- und Trinck-Geschirren, 2. grosse, und eine etwas
kleinere Tafel mit Schrifften befindlich, welche 3. letztern Stücke wir heraus
ans Licht trugen, und in der ersten Tafel, die dem Ansehen nach aus einem
Zinnern Teller geschlagen, und sauber abgeschabt war, folgende Lateinische
Zeilen eingegraben sehen, und sehr deutlich lesen konten.
    Mit diesen Worten stund unser Altvater Albertus Julius auf, und langete aus
einem Kasten verschiedene Brieffschaften, ingleichen die erwähnten 3. Zinnern
Tafeln, welche er biss dahero fleissig aufgehoben hatte, überreichte eine grosse,
nebst der kleinen, an Herr M. Schmeltzern, und sagte: Mein Herr! ihr werdet
allhier das Original selbst ansehen, und uns selbiges vorlesen. Dieser machte
sich aus solcher Antiquität eine besondere Freude, und lass uns folgendes ab:
                                    Advena!
                                  quisquis es
                    si mira fata the in meum mirum domicilium
                        forsitan mirum in modum ducent,
                    sceleto meo præter opinionem conspecto,
                             nimium ne obstupesce,
                                  sed cogita,
                   the, noxa primorum parentum admissa, iisdem
                                     fatis
                      eidemque mortalitati esse obnoxium.
                               Quod reliqvum est,
                   reliqvias mei corporis ne sine insepultas
                                   relinqui;
                     Mortuus enim me mortuum ipse sepelire
                                   non potui.
                   Christianum, si Christianus vel ad minimum
                                 homo es, decet
                 honesta exsequiarum justa solvere Christiano,
                         qui totam per vitam laboravi,
                   ut in Christum crederem, Christo viverem,
                            Christo denique morerer.
                  Pro tuo labore parvo, magnum feres præmium.
                                    Nimirum
                 Si tibi fortuna, mihi multos per annos negata,
                                   contingit,
                      ut ad dissociatam hominum societatem
                              iterum consocieris,
                  pretiosissimum operæ pretium ex hac spelunca
                 sperare & in spem longæ felicitatis tecum
                                auferre poteris;
                             Sin vero mecum cogeris
                      In solitudine solus morti obviam ire
                      nonnulla memoratu dignissima scripta
                     quæ in mea sella, saxo incisa, jacent
                                   recondita,
                  Tibi fortasse erunt & gaudio & usui.
                                      En!
                            grato illa accipe animo,
                   Aura secunda tuæ navis vaga vela secundet!
                                sis me felicior.
                   quamvis me nunquam adeo infelicem dixerim!
                              Vale, Advena, vale,
                             manda rogatus me terræ
                      Et crede, Deum, qvem colui, daturum,
                                ut bene valeas.
    Auf dem kleinen Täfflein aber, welches, unsers Altvaters Aussage nach, halb
unter des Verstorbenen rechter Hand verdeckt gelegen, waren diese Zeilen zu
lesen.
        Natus sum d. IX. Aug. CIC CCCC LXXV.
        Hanc Insulam attigi d. XIV. Nov. CIC IC XIIII.
        Sentio, me, ætate confectum, brevi moriturum
        esse, licet nullo morbo, nullisque doloribus
        opprimar. Scriptum id est d. XXVII. Jun. CIC ICC VI.
        Vivo quidem, sed morti proximus, d. XXVIII. XXIX. & XXX. Junii.
        Adhuc d. I. Jul. II. III. IV.
    Nachdem wir über diese sonderbare Antiquität und die sinnreiche Schrifft,
welche gewiss aus keinem ungelehrten Kopffe geflossen war, noch ein und anderes
Gespräch gehalten hatten, gab mir der Altvater Albertus die drei Zinnern Tafeln,
(wovon die eine eben dasselbe in Spanischer Sprache zu vernehmen gab, was wir
auf der grossen Lateinisch gelesen,) nebst den übrigen schrifftlichen Urkunden
in Verwahrung, mit dem Befehle: Dass ich alles, was Lateinisch wäre, bei
künftigen müssigen Stunden ins Hoch-Teutsche übersetzen sollte, welches ich auch
mit ehesten zu liefern versprach. Worauff er uns nach verrichteten Abend-Gebet
beurlaubte, und sich zur Ruhe legte.
    Ich Eberhard Julius hingegen war nebst Hn. M. Schmeltzern viel zu neugierig,
um zu wissen, was die alten Brieffschaften in sich hielten, da wir denn in
Lateinischer Sprache eine Lebens-Beschreibung des Spanischen Edelmanns Don
Cyrillo de Valaro darunter fanden, (welches eben der 131. jährige Greiss war,
dessen Cörper damals in der Höle unter dem Alberts-Hügel gefunden worden,) und
biss zu Mitternacht ein Teil derselben, mit gröstem Vergnügen, durchlasen. Ich
habe dieselbe nachhero so zierlich, als es mir damals möglich, ins Hoch-Teutsche
übersetzt, allein um den geneigten Leser in den Geschichten keine allzugrosse
Verwirrung zu verursachen, vor besser gehalten, dieselbe zu Ende des Wercks, als
einen Anhang beizufügen, weil sie doch hauptsächlich zu der Historie von dieser
Felsen-Insul mit gehöret. Inzwischen habe einiger, im Lateinischen vielleicht
nicht allzu wohl erfahrner Leser wegen, die auf den Zinnern Tafeln eingegrabene
Schrifft, teutsch anhero zu setzen, vor billig und nötig erachtet. Es ist mir
aber solche Verdollmetschung, dem Wort-Verstande nach, folglich geraten:
                              Ankommender Freund!
                                wer du auch bist
               Wenn dich vielleicht das wunderliche Schicksal in
                     diese wunderbare Behausung wunderbarer
                               Weise führen wird,
               so erstaune nicht allzusehr über die unvermutete
                          Erblickung meines Gerippes,
                               sondern gedencke,
                dass du nach dem Fall der ersten Eltern eben dem
                     Schicksal, und eben der Sterblichkeit
                               unterworffen bist.
                                   Im übrigen
          lass das Uberbleibsel meines Leibes nicht unbegraben liegen,
                   Denn weil ich gestorben bin, habe ich mich
                   Verstorbenen nicht selbst begraben können.
                                 Einen Christen
                wo du anders ein Christ, oder zum wenigsten ein
                                  Mensch bist,
                                   stehet zu
                 einen Christen ehrlich zur Erde zu bestatten,
                 Da ich mich in meinem ganzen Leben bestrebt,
                  dass ich an Christum gläubte, Christo lebte,
                          und endlich Christo stürbe.
                 Du wirst vor deine geringe Arbeit eine grosse
                              Belohnung erhalten.
                Denn wenn dir das Glücke, dasjenige, was es mir
                     seit vielen Jahren her verweigert hat,
                              wiederfahren lässet,
                nämlich, dass du dich wieder zu der abgesonderten
                  Gesellschaft der Menschen gesellen könnest;
                    So wirstu dir eine kostbare Belohnung zu
                   versprechen, und dieselbe aus dieser Höle
                          mit hinweg zu nehmen haben;
                   Wenn du aber so, wie ich, gezwungen bist,
                In dieser Einsamkeit als ein Einsiedler dem Tode
                               entgegen zu gehen;
                       So werden doch einige merckwürdige
                                  Schrifften,
                    die in meinem in Stein gehauenen Sessel
                               verborgen liegen,
                  dir vielleicht erfreulich und nützlich sein.
                                    Wohlan!
                   Nimm dieselben mit danckbaren Hertzen an,
                     der gütige Himmel mache dich beglückt,
                         und zwar glücklicher als mich,
                 wiewohl ich mich niemals vor recht unglücklich
                                geschätzt habe.
                    Lebe wohl ankommender Freud! Lebe wohl,
                        höre meine Bitte, begrabe mich,
                  Und glaube, dass GOTT, welchem ich gedienet,
                                  geben wird:
                              Dass du wohl lebest.
Die Zeilen auf der kleinen Tafel, bedeuten in teutscher Sprache so viel:
        Ich bin geboren den 9. Aug. 1475.
        Auf diese Insul gekommen, den 14. Nov. 1514.
        Ich empfinde, dass ich Alters halber in kurtzer Zeit sterben werde,
            ohngeacht ich weder Kranckheit, noch einige Schmertzen empfinde.
            Dieses habe ich geschrieben am 27. Jun. 1606.
Ich lebe zwar noch, bin aber dem Tode sehr nahe, d. 28. 29. und 30. Jun. und
    noch d. 1. Jul. 2. 3. 4.
Jedoch ich fahre nunmehro in unsern eigenen Geschichten fort, und berichte dem
geliebten Leser, dass wir mit Anbruch folgendes Donnerstags, d. 22. 9br. uns
nebst dem Altvater Albert Julio aufmachten, und die Pflantz-Städte Jacobs-Raum
besuchten, welche aus 9. Wohn-Häusern, die mit allem Zubehör wohl versehen waren,
bestund.
    Wiewol nun dieses die kleineste Pflantz-Stadt und schwächste Gemeine war, so
befand sich doch bei ihnen alles in der schönsten Hausshaltungs-Ordnung, und
hatten wir an der Einrichtung und besondern Fleisse, ihrem Verstande nach, nicht
das geringste auszusetzen. Sie waren beschäfftiget, die Gärten, Saat, Felder,
und sonderlich die vortrefflichen Weinstöcke, welche auf dem dasigen Gebürge in
grosser Menge gepflantzt stunden, wohl zu warten, indem es selbiger Zeit etwa 9.
oder 10. Wochen vor der gewöhnlichen Wein-Erndte, bei den Feld-Früchten aber
fast Erndte-Zeit war. Mons. Litzberg und Plager, untersuchten das Eingeweide des
dasigen Gebürges, und fanden verschiedene Arten Steine, welche sehr reichhaltig
von Kupffer und Silber-Ertz zu sein schienen, die sie auch nachhero in der Probe
unvergleichlich kostbar befanden. Nachdem wir aber auf der Rückkehr von den
Einwohnern mit dem herrlichsten Weine, verschiedenen guten Speisen und Früchten,
aufs beste tractirt waren, ihnen, gleich wie allen vorhero besuchten Gemeinen,
10. Bibeln, 20. Gesang- und Gebet-Bücher, auch allerhand andere feine nützliche
Sachen, so wohl vor Alte als Junge verehret hatten, kamen wir bei guter Zeit
wiederum in der Alberts-Burg an, besuchten die Arbeiter am Kirchen-Bau auf eine
Stunde, nahmen die Abend-Mahlzeit ein, worauff unser Altvater, nachdem er das
Tisch-Gebet getan, unsere Begierde alsofort gemerckt, sich lächelnd in seinen
Stuhl setzte, und die gestern abgebrochene Erzählung also fortsetzte:
    Ich bin, wo mir recht ist, gestern Abend dabei geblieben: Da wir die
Zinnernen Tafeln an das Tages-Licht trugen, und die eingegrabenen Schrifften
ausstudirten. Mons. van Leuven und ich, konten das Latein, Lemelie aber, der
sich von seinem gehabten Schrecken kaum in etwas wieder erholet, das Spanische,
welches beides doch einerlei Bedeutung hatte, ganz wohl verstehen. Ich aber kann
mit Warheit sagen, dass so bald ich nur des letzten Willens, des Verstorbenen Don
Cyrillo de Valaro, hieraus völlig versichert war, bei mir im Augenblicke alle
annoch übrige Furcht verschwand. Meine Herren! sagte ich zu meinen Gefährten,
wir sind schuldig dasjenige zu erfüllen, was dieser ohnfehlbar seelig
verstorbene Christ so sehnlich begehret hat, da wir ausser dem uns eine
stattliche Belohnung zu versprechen haben. Mons. van Leuven war so gleich
bereit, Lemelie aber sagte: Ich glaube nicht, dass die Belohnung so sonderlich
sein wird, denn die Spanier sind gewohnt, wo es möglich ist, auch noch nach
ihrem Tode rodomontaden vorzumachen. Derowegen versichere, dass mich eher und
lieber mit zwei See-Räubern herum schlagen, als mit dergleichen Leiche zu tun
haben wollte; Jedoch euch als meinen Gefährten zu Gefallen, will ich mich auch
bei dieser hässlichen Arbeit nicht ausschlüssen.
    Hierauf lieff ich fort, langete ein grosses Stück alt Seegel-Tuch, nebst
einer Hacke und Schauffel, welche 2. letztern Stück ich vor der Höle liegen
liess, mit dem Tuche aber begaben wir uns abermals in die unter-irrdische Höle.
Mons. van Leuven wollten den Cörper bei den Schultern, ich aber dessen Schenckel
anfassen; allein, kaum hatten wir denselben etwas angeregt, da er auf einmal
mit ziemlichen Geprassele in einen Klumpen zerfiel, worüber Lemelie aufs neue
dermassen erschrack, dass er seinen Kopff zwischen die Ohren nahm, und so weit
darvon lieff, als er lauffen konnte. Mons. van Leuven und ich erschracken zwar
anfänglich auch in etwas, da wir aber überlegten, dass dieses natürlicher Weise
nicht anders zugehen, und weder von unserm Versehen noch andern übernatürlichen
Ursachen herrühren könnte; Lasen und strichen wir die Gebeine und Asche des
seeligen Mit-Bruders zusammen auf das ausgebreitete Seegel-Tuch, trugen selbiges
auf einen schönen grünen Platz in die Ecke, wo sich der aus dem grossen See
entspringende Fluss in zwei Arme teilt, machten daselbst ein feines Grab,
legten alles ordentlich zusammen gebunden hinein, und beschlossen, ihm, nach
erlangten fernern Urkunden, mit ehesten eine Gedächtnis-Säule zu setzen. Ob nun
schon der gute van Leuven durch seinen frühzeitigen und bejammerens-würdigen Tod
dieses Vorhaben mit auszuführen verhindert wurde, so ist es doch nachhero von
mir ins Werck gerichtet worden, indem ich nicht allein dem Don Cyrillo de
Valaro, sondern auch dem ehrlichen van Leuven und meiner seel. Ehe-Frau der
Concordia, jedem eine besondere Ehren- dem gottlosen Lemelie aber eine
Schand-Säule zum Gedächtnis über die Gräber aufgerichtet habe.
    Diese Säulen nebst den Grabschrifften, sagte hier Albertus, sollen euch,
meine Freunde, ehester Tages zu Gesichte kommen, so bald wir auf dem Wege nach
Christophs-Raum begriffen sein werden. Jedoch ich wende mich wieder zur
damahligen Geschicht.
    Nachdem wir, wie bereits gedacht, dem Don Cyrillo nach seinem Begehren den
letzten Liebes-Dienst erwiesen, seine Gebeine wohl verscharret, und einen
kleinen Hügel darüber gemacht hatten, kehreten wir ganz ermüdet zur Concordia,
welche uns eine gute Mittags-Mahlzeit bereitet hatte. Lemelie kam auch gar bald
herzu, und entschuldigte seine Flucht damit, dass er unmöglich mit verfauleten
Cörpern umgehen könne. Wir lächelten hierzu, da aber Concordia gleichfals wissen
wollte, was wir heute vor eine besondere Arbeit verrichtet hätten, erzehlten wir
derselben alles umständlich. Sie bezeugte gleich nach der Mahlzeit besondere
Lust mit in die Höle zu gehen, da aber Mons. van Leuven, wegen des annoch
darinnen befindlichen übeln Geruchs, ihr davon abriet, und ihre Begierde biss
auf ein paar Tage zu hemmen bat; gab sie sich gar bald zu frieden, ging wieder
aus aufs Jagen und Fischen, wir 3. Manns Personen aber in die Höle, weil unsere
grosse Lampe annoch darinnen brandte.
    Nunmehro war, nachdem wir, den moderigen Geruch zu vertreiben, etliche mahl
ein wenig Pulver angezündet hatten, unsere erste Bemühung, die alten Urkunden,
welche in den steinernen Sessel verwahrt liegen sollten, zu suchen. Demnach
entdeckten wir im Sitze ein viereckigtes Loch, in welches ein wohlgearbeiteter
Deckel eingepasset war, so bald nun derselbe ausgehoben, fanden sich oben auf
die in Wachs eingefütterten geschriebenen Sachen, die ich euch, mein Vetter und
Sohn, gestern Abend eingehändiget habe, unter denselbigen ein güldener Becher
mit unschätzbaren Kleinodien angefüllet, welcher in den schönsten güldenen
Müntzen vielerlei Gepräges und Forme vergraben stund. Wir gaben uns die Mühe,
dieses geraumliche Loch, oder den verborgenen Schatz-Kasten, ganz auszuräumen,
weil wir aber weiter weder Brieffschaften noch etwas anders fanden, schütteten
wir 18. Hüte voll Gold-Müntze wieder hinein, nahmen den Gold-Becher nebst den
Brieffschaften zu uns, und gingen, um die letztern recht durch zu studiren,
hinauf in Mons. van Leuvens grüne Hütte, allwo wir den übrigen Teil des Tages
biss in die späte Nacht mit Lesen und Verteutschen zubrachten, und allerhand
höchst-angenehme Nachrichten fanden, die uns und den künftigen Bewohnern der
Insul ganz vortreffliche Vorteile versprechen konten.
    Es war allbereit an dem, dass der Tag anbrechen wollte, da van Leuven und ich,
wiewohl noch nicht vom Lesen ermüdet, sondern morgender Arbeit wegen die Ruhe zu
suchen vor dienlich hielten; indem Concordia schon schlieff, der faule Lemelie
aber seit etlichen Stunden von uns zu seiner Schlaf-Stätte gegangen war. Ich
nahm derowegen meinen Weg auch dahin, fand aber den Lemelie unter Weges, wohl
10. Schritt von unserer Hütte, krum zusammen gezogen liegen, und als einen Wurm
winseln. Auf Befragen, was er da mache? fing er entsetzlich zu fluchen, und
endlich zu sagen an: Vermaledeiet ist der verdammte Cörper, den ihr diesen Tag
begraben habt, denn das verfluchte Scheusal, über welches man ohnfehlbar keine
Seelmessen gehalten hat, ist mir vor etlichen Stunden erschienen, und hat meinen
Leib erbärmlich zugerichtet. Ich gedachte gleich in meinen Hertzen, dass dieses
seiner Sünden Schuld sei, indem ich von Jugend auf gehöret, dass man mit
verstorbenen Leuten kein Gespötte treiben solle; wollte ihn auch aufrichten, und
in unsere Hütte führen, doch weil er dahin durchaus nicht wollte, brachte ich den
elenden Menschen endlich mit grosser Mühe in Mons. van Leuvens Hütte. Wiewohl
ich nicht vergessen hatte, ihn zu bitten, um der Concordia willen, nichts von
dem, was ihm begegnet wäre, zu sagen, sondern eine andere Unpässlichkeit
vorzuwenden. Er gehorchte mir in diesem Stücke, und wir schlieffen also, ohne
die Concordia zu erwecken, diese Nacht in ihrer Hütte.
    Lemelie befand sich folgenden Tages todtkranck, und ich selber habe noch
selbigen Tag fast überall seinen Leib braun und blau, mit Blute unterlauffen,
gesehen, doch weil es ihm leid zu sein schien, dass er mir sein ausgestandenes
entdeckt, versicherte ich ihm, selbiges so wohl vor Mons. van Leuven als dessen
Gemahlin geheim zu halten, allein, ich sagte es doch gleich bei erster
Gelegenheit meinem besten Freunde.
    Wir mussten ihn also diesen und viele folgende Tage unter der Concordia
Verpflegung liegen lassen, gingen aber beide zusammen wiederum in die
unterirrdische Höle, und fanden, beschehener Anweisung nach, in einem
verborgenen Gewölbe über 3. Scheffel der auserlesensten und kostbarsten Perlen,
nächst diesen einen solchen Schatz an gediegenen Gold- und Silber-Klumpen, edlen
Steinen und andern Kostbarkeiten, worüber wir ganz erstaunend, ja fast
versteinert stehen blieben. Uber dieses eine grosse Menge von allerhand vor
unsere Personen höchst-nötigen Stücken, wenn wir ja allenfalls dem Verhängnisse
auf dieser Insul Stand halten, und nicht wieder zu anderer menschlicher
Gesellschaft gelangen sollten.
    Jedoch, was will ich hiervon viel reden, die Kostbarkeiten kann ich euch,
meine Freunde, ja noch alle unverletzt zeigen. Worzu aber die übrigen nützlichen
Sachen angewendet worden, davon kann meine und meiner Kinder Hausshaltung und
nicht vergeblich getane Arbeit ein sattsames Zeugnis abstatten. Ich muss demnach
nur eilen, euch, meinen Lieben! den fernern Verlauff der damahligen Zeiten noch
kürtzlich zu erzählen, ehe ich auf meine einseitige Geschicht, und die
anfänglich betrübte, nachhero aber unter GOttes Fügung wohl ausgeschlagene
Hausshaltung komme.
    Mittlerweile, da Lemelie kranck lage, räumeten Mons. van Leuven und ich alle
Sachen aus dem unterirrdischen Gewölbe herauf ans Tages-Licht und an die Lufft,
damit wir sehen möchten, was annoch zu gebrauchen wäre oder nicht; Nach diesen
reinigten wir die unterirrdische Höle, die ausser der kleinen Schatz-Kammer aus
3. geraumlichen Kammern bestund, von aller Unsauberkeit. Ermeldte Schatz-Kammer
aber, die wir dem Lemelie nicht wollten wissen lassen, wurde von unsern Händen
wohl vermauret, auswendig mit Leimen beschlagen, und so zugerichtet, dass niemand
vermuten konnte, als ob etwas verborgenes darhinter steckte. Mons. van Leuven
erwehlete das Vorgemach derselben, worinnen auch der verstorbene Don Cyrillo
sein Lebens-Ziel erwartet, zu seinem Schlaff-Gemach, ich nahm vor mich die
Kammer darneben, und vor Lemelie wurde die dritte zugerichtet, alle aber mit
Pulver und Schiff-Pech etliche Tage nach einander wohl ausgeräuchert, ja so zu
sagen, gar ausgebrandt, denn dieser ganze Hügel bestehet aus einem
vortrefflichen Sand-Steine.
    So bald wir demnach alles in recht gute Ordnung gebracht hatten, wurde
Concordia hinein geführet, welche sich ungemein darüber erfreuete, und so gleich
ohne die geringste Furcht darinnen Haus zu halten versprach. Wolte also der
wunderliche Lemelie nicht oben alleine schlaffen, musste er sich halb gezwungener
Weise nach uns richten.
    Indessen, da er noch immer kranck war, schafften Mons. van Leuven und ich
alltäglich noch sehr viele auf der Sand-Banck liegende nützliche Sachen auf die
Insul, und kamen öffters nicht eher als mit sinckenden Tage nach Hause. Da
immittelst Lemelie sich kräncker stellet als er ist, doch aber soviel Kräffte
hat, der Concordia einmal über das andere so viel vorzuschwatzen, um sie dahin
zu bewegen, seiner Wollust ein Genüge zu leisten, und an ihrem Ehe-Manne untreu
zu werden.
    Concordia weiset ihn anfänglich mit GOttes Wort und andern tugendhaften
Regeln zurücke, da er aber eins so wenig als das andere annehmen, und fast gar
Gewalt brauchen will, sie auch kaum Gelegenheit, sich seiner zu erwehren,
gefunden, und in grösten Eiffer gesagt, dass sie ehe ihren Ehrenschänder oder
sich selbst ermorden, als an ihren Manne untreu werden, und so lange dieser
lebte, sich mit einem andern vermischen wollte; wirfft er sich zu ihren Füssen,
und bittet seiner heftigen Liebe wegen um Verzeihung, verspricht auch, ihr
dergleichen nimmermehr wieder zuzumuten, woferne sie nur die eintzige Gnade vor
ihn haben, und ihrem Manne nichts davon entdecken wollte. Concordia stellet sich
besänftiget an, gibt ihm einen nochmahligen scharffen Verweis, und verspricht
zwar, ihrem Manne nichts darvon zu sagen, allein, ich selbst musste noch selbigen
Abend ein Zeuge ihrer Ehrlichkeit sein, indem sie bei guter Gelegenheit uns
beiden alles, was vorgegangen war, erzehlete, und einen Schwur tat, viel lieber
mit an die allergefährlichste Arbeit zu gehen, als eine Minute bei dem Lemelie
hinführo alleine zu verbleiben. Mons. van Leuven betrübte sich nicht wenig über
die grausame Unart unsers dritten Mannes, und sagte, dass er von Grund des
Hertzens gern seinen Anteil von dem gefundenen Schatze missen wollte, wenn er
nur mit solchen den Gottes-vergessenen Menschen von der Insul hinweg kauffen
könnte. Doch wir beschlossen, ihn ins künftige besser in acht zu nehmen, und bei
der Concordia niemahls alleine zu lassen.
    Immittelst konnte doch Mons. van Leuven seinen deshalb geschöpfften Verdruss,
wie sehr er sich auch solches angelegen sein liess, unmöglich gäntzlich
verbergen, weswegen Lemelie bald vermerckte, dass Concordia ihrem Manne die Treue
besser, als ihm ihr Wort zu halten geartet, jedoch er suchte seinen begangenen
Fehler aufs neue zu verbessern, denn da er wenig Tage hierauf sich völlig
genesen zeigte, war von da an niemand fleissiger, dienstfertiger und höflicher
als eben der Lemelie.
    Wir hatten aber in des Don Cyrillo schrifftlichen Nachrichten unter andern
gefunden, dass durch den Ausfall des Flusses gegen Mitternacht zu, unter dem
Felsen hindurch, ein ganz bequemer Ausgang von der Insul nach der Sand-Banck
und dem Meere zu, anzutreffen sei. Wenn man vorhero erstlich in den heissen
Monaten, da der Fluss am schwächsten lieffe, einen Damm gemacht, und dessen
Wasser durch den Canal, welchen Cyrillo nebst seinen Gefährten vor nunmehro 125.
Jahren gegraben, in die kleine See zum Ausflusse führete. Dieses nun in
Erfahrung zu bringen, sahen wir gegenwärtige Zeit am allerbequemsten, weil uns
der seichte Fluss einen Damm hinein zu machen Erlaubnis zu geben schien. Demnach
fälleten wir etliche Bäume, zersägten dieselben, und rammelten ziemlich grosse
Plöcke um die Gegend in den Fluss, wo wir die Wahrzeichen des Dammes unserer
Vorfahren mit grossen Freuden wahrgenommen hatten. Vor die mit allergröster Müh
eingeramleten Plöcke wurden lange Bäume über einander gelegt, von solcher Dicke,
als wir dieselbe fortzuschleppen vermögend waren, und diese mussten die
vorgesetzten Rasen-Stücke nebst dem vorgeschütteten fettem Erdreiche aufhalten.
Mit solcher Arbeit brachten wir biss in die 4te Woche zu, binnen welcher Zeit der
Damm seine nötige Höhe erreichte, so, dass fast kein Tropffen Wasser hindurch
konnte, hergegen alles durch den Canal sich in die kleine See ergoss. Lemelie
hatte sich bei dieser sauren Arbeit dermassen fleissig, in übriger Aufführung
aber so wohl gehalten, dass wir ingesamt glaubten, sein voriges übeles Leben
müsse ihm gereuet, und er von da an einen bessern Vorsatz gefasset haben.
    Nunmehro war es an dem, dass wir die grosse Lampe anzündeten, und uns in eine
abermahlige Felsen-Höle wagen wollten, welches auch des nächsten Tages früh
Morgens geschahe. Concordia wollte allhier nicht alleine zurücke bleiben, sondern
sich unsers Glücks und Unglücks durchaus teilhaftig machen, derowegen traten
wir unsern Weg in GOttes Nahmen an, fanden denselben ziemlich bequem zu gehen,
ob gleich hie und da etliche hohe Stuffen befindlich, welchen doch gar mit
leichter Müh nachzuhelffen war. Aber, o Himmel! wie gross war unsere Freude, da
wir ohne die geringste Gefahr das Ende erreichten, Himmel und See vor uns sehen,
und am Ufer des Felsens bei unsern annoch rückständigen Sachen herum spatziren,
auch mit vielweniger Müh und Gefahr zurück auf unsere Insul kommen konten.
    Ihr seid, meine lieben Kinder, fuhr unser Alt-Vater Albertus in seiner
Erzehlung fort, selber durch diesen Gang in die Insul kommen, derowegen könnet
ihr am besten von dessen Bequemlichkeit und Nutzen urteilen, wenn ihr zumahlen
die gefährlichen und beschwerlichen Wege über die Klippen dargegen betrachtet.
Uns war dieser gefundene Gang zu damahligen Zeiten wenigstens ungemein
tröstlich, da wir in wenig Tagen alles, was annoch auf der Sand-Banck lag,
herauf brachten, das Hinterteil des zerscheiterten Schiffs zerschlugen, und
nicht den kleinesten Nagel oder Splitter davon zurück liessen, so, dass wir
weiter ausserhalb des Felsens nichts mehr zu suchen wussten, als unsern Nachen
oder kleines Boot, und dann und wann einige Schild-Kröten, See-Kälber, nebst
andern Meer-Tieren, wovon wir doch weiter fast nichts als die Häute und das
Fett zu gebrauchen pflegten.
    Solchergestalt wandten wir die fernern Tage auf nichts anders, als, nach und
nach immer eine bessere Ordnung in unserer Hausshaltung zu stifften, sammleten
von allerlei nutzbarn Gewächsen die Saam-Körner ein, pflegten die Wein-Stöcke
und Obst-Bäume aufs beste, als worinnen ich bei meinen lieben Pflege-Vätern, dem
Dorff-Priester und dem Amtmanne, ziemliche Kunstgriffe und Vorteile abgemerckt.
Lebten im übrigen in der Hoffnung künftiger noch besserer Zeiten ganz geruhig
und wohl beisammen. Allein, in der Nacht zwischen den 8ten und 9ten Novembr.
überfiel uns ein entsetzliches Schrecken. Denn es geschahe ohngefähr um
Mitternachts-Zeit, da wir ingesamt im süssesten Schlaffe lagen, ein dermassen
grosser Knall in unserer unter-irrdischen Wohnung, als ob das allerstärckste
Stück Geschützes lossgebrannt würde, so, dass man die Empfindung hatte, als ob der
ganze Hügel erschütterte. Ich sprang von meinem Lager auf, und wollte nach der
beiden Ehe-Leute Kammer zu eilen, selbige aber kamen mir so gleich im Dunckeln
ganz erschrocken entgegen, und eileten, ohne ein Wort zu sprechen, zur Höle
hinaus, da der Schein des Monden fast alles so helle als am Tage machte.
    Ich kann nicht läugnen, dass Mons. van Leuven, Concordia und ich vor Furcht,
Schrecken und Zittern, kein Glied stille halten konten, unsere Furcht aber wurde
noch um ein grosses vermehrt, da sich, gegen Süden zu, eine weisse lichte Flamme
sehen liess, welche immer ganz sachte fort zohe, und endlich um die Gegend, wo
wir des Don Cyrillo Cörper begraben hatten, verschwand.
    Die Haare stunden uns hierüber zu Berge, doch, nachdem wir uns binnen einer
Stunde in etwas erholet hatten, brach Mons. van Leuven endlich das lange
Stillschweigen, indem er sagte: Mein Schatz und Mons. Albert! ich weiss, dass ihr
euch über dieses Nacht-Schrecken so wohl als ich unterschiedene Gedancken werdet
gemacht haben; allein ich glaube, dass der sonst unerhörte Knall von einem
Erdbeben herrühret, wobei unser Sand-Stein-Hügel ohnfehlbar einen starcken Riss
bekommen. Die weisse Flamme aber, so wir gesehen, halte ich vor eine
Schwefel-Dunst, welche sich nach dem Wasser hingezogen hat. Monsieur van Leuven
bekam in diesen Meinungen Seiten meiner starcken Beifall, allein Concordia gab
dieses darauf: Mein Schatz, der Himmel gebe nur, dass dieses nicht eine
Vorbedeutung eines besondern Unglücks ist, denn ich war kurtze Zeit vor dem
grausamen Knalle durch einen schweren Traum, den ich im Schrecken vergessen
habe, ermuntert worden, und lag mit wachenden offenen Augen an eurer Seite, als
eben dergleichen lichte Flamme unsere Kammer mit einer ganz ausserordentlichen
Helligkeit erleuchtete, und die sonst alle Nacht hindurch brennende grosse Lampe
auslöschte, worauf sogleich der grausame Knall und die heftige Erschütterung zu
empfinden war.
    Uber diesen Bericht nun hatte ein jedes seine besondere Gedancken, Mons. van
Leuven aber unterbrach dieselben, indem er sich um den Lemelie bekümmerte, und
gern wissen mochte, wo sich dieser aufhielte. Meine Mutmassungen waren, dass er
vielleicht noch vor uns, durch den Schrecken, aus der Höle gejagt worden, und
sich etwa hier oder da auf der Insul befände; Allein, nachdem wir den übrigen
Teil der Nacht ohne fernern Schlaff hingebracht, und nunmehro das Sonnen-Licht
mit Freuden wieder empor kommen sahen, kam auch Lemelie unverhofft aus der Höle
heraus gegangen.
    Dieser bekannte auf unser Befragen so gleich, dass er weder etwas gesehen,
noch vielweniger gehöret habe, und verwunderte sich ziemlich, da wir ihm von
allen Begebenheiten voriger Nacht ausführliche Nachricht gaben. Wir hielten ihn
also vor glücklicher als uns, stunden aber auf, und besichtigten nicht allein
die Höle, sondern auch den ganzen Hügel, fanden jedoch nicht das geringste
Versehr, Ritze oder Spalte, sondern alles in unveränderten guten Stande. Lemelie
sagte derowegen: Glaubet mir sicher, meine Freunde! es ist alles ein pures
Gauckel-Spiel, der im Fegefeuer sitzenden Seele des Don Cyrillo de Valaro. Ach,
wie gern wollte ich einem Römisch-Catolischen Priester 100. Creutz-Taler
Seel-Mess-Gelder zahlen, um dieselbe daraus zu erlösen, wenn er nur gegenwärtig
wäre, und uns in vollkommene Ruhe setzen könnte.
    Van Leuven und ich hielten nicht vor ratsam, diesem einfältigen Tropffen zu
widersprechen, liessen ihn derowegen bei seinen 5. Augen, beschlossen aber
dennoch, etliche Nacht in unsern grünen Hütten zu schlaffen, biss man sähe, was
sich ferner wegen des vermeintlichen Erdbebens zeigen, und die dessfalls bei uns
entstandene Furcht nach und nach verschwunden sein würde, welches auch dem
Lemelie ganz vernünftig vorkam.
    Allein der ehrliche van Leuven schlieff nur noch 2. Nachte bei seiner
liebsten Ehe-Frauen in der Lauber-Hütte. Denn am 11. Novembr. ging er, etwa 2.
Stunden, nachdem die Sonne aufgegangen war, mit einer Flinte fort, um ein oder
zwei grosse wohlschmeckende Vogel, welche sich gemeiniglich auf den obersten
Klippen sehen liessen, herunter zu schiessen, die wir selbigen Abend an statt
der Martins-Gänse braten und verzehren wollten. Lemelie war etwa eine Stunde
vorher ebenfalls darauf ausgegangen, ich aber blieb bei der Concordia, um ihr
beim Kochen mit Holtz-Spalten und andern Handreichungen die Arbeit zu
erleichtern.
    Zwei Stunden über Mittag kam Lemelie mit zwei schönen grossen Vogeln
zurücke, über welche wir uns sogleich hermachten, und dieselben reinigten.
Mittlerweile fragte Lemelie Concordien, wo ihr Mann hingegangen? und erhielt von
selbiger zur Antwort, dass er gleichergestalt auf solch Wildpret ausgegangen sei,
worbei sie sich erkundigte, ob sie einander nicht angetroffen. Lemelie antwortet
mit Nein. Doch habe er auf jener Seite des Gebürges einen Schuss vernomen, woraus
er gemutmasset, dass sich gewiss einer von uns daselbst aufhalten würde.
    Concordia machte noch einen Spaass hierbei, indem sie sagte: Wenn nun mein
Carl Franz kömmt, mag er seine geschossene Martins Gänse biss auf Morgen
aufheben. Allein, da die Sonne bereits unterging, und unsere beiden Braten zum
Speisen tüchtig waren, stellete sich dem ohngeacht unser guter van Leuven noch
nicht ein, wir warteten noch ein paar Stunden, da er aber nicht kam, verzehreten
wir den einen Vogel mit guten Appetit, und spareten den andern vor ihn und
Concordien. Allein, die Nacht brach endlich auch ein, und van Leuven blieb immer
aussen. Concordien begunte das Hertze schwer zu werden, indem sie genug zu tun
hatte, die Tränen zurück zu halten, ich aber tröstete sie, so gut ich konnte,
und meinte, weil es heller Monden-Schein, würde ihr Ehe-Schatz schon noch
zurücke kommen. Sie aber versetzte: Ach, es ist ja wider alle seine gewöhnliche
Art, was wird ihm der Monden-Schein helffen? Und wie kann er zurücke kommen, wenn
er vielleicht Unglück genommen hat? Ja, ja, fuhr sie fort, mein Hertze sagt es
mir, mein Liebster ist entweder todt, oder dem Tode sehr nahe, denn itzo fällt
mir mein Traum auf einmal wieder in die Gedancken, den ich in der Schreckens-
seit dem aber gäntzlich vergessen gehabt. Diese ihre Worte wurden mit einer
gewaltsamen Tränen Flut begleitet, Lemelie aber trat auf, und sagte: Madame!
verfallet doch nicht so gleich auf die ärgsten Gedancken, es kann ihn ja
vielleicht eine besonders glückliche Begebenheit, oder Neugierigkeit, etwa hier
oder dar aufhalten. Stehet auf, wir wollen ihm alle drei entgegen gehen, und
zwar um die Gegend, wo ich heute von ferne feinen Schuss gehöret, wir wollen
schreien, ruffen und schiessen, was gilts? er wird sich bald melden, und uns zum
wenigsten mit einem Schuss oder Laut antworten. Concordia weinete dem ohngeacht
immer noch heftiger, und sagte: Ach, wie kann er schiessen oder antworten, wenn
er todt ist? Doch da wir beide, ihr ferner zuzureden, nicht unterliessen, stund
sie endlich auf, und folgte nebst mir dem Lemelie, wo er uns hinführete.
    Es wurde die ganze Nacht hindurch an fleissigem Suchen, Schreien und
Schiessen nichts gesparet, die Soñe ging zwar darüber auf, doch van Leuven wollte
mit selbiger dennoch nicht zum Vorscheine kommen. Wir kehreten zurück in unsere
Lauber-Hütten und unter-irrdische Wohnung, fanden aber nicht die geringste Spur,
dass er Zeit seines Hinwegseins wiederum da gewesen. Nunmehro begunte mir auch
das Hertz-Blat zu schiessen, Concordia wollte ganz verzweiffeln, und Lemelie
selbst sagte: Es könne unmöglich richtig zugehen, sondern Mons. van Leuven müste
ohnfehlbar etwa ein Unglück genommen haben. Derohalben fingen wir ingesamt ganz
von neuen an, ihn zu suchen, und dass ich es nur kurtz mache, am dritten Tage
nach seinem letzten Ausgange entdeckten wir mit grausamsten Schrecken seinen
entseelten Cörper, gegen Süden zu, ausserhalb an dem Absatze einer jähen
Stein-Klippe liegen, als von welcher er unserm damahligen Vermuten nach herab
gefallen war. Ich fing vor übermässiger Betrübnis bei diesem jämmerlichen
Anblicke überlaut zu schreien und zu heulen an, und rauffte mir als ein
unsinniger Mensch ganze Hände voll Haare aus dem Kopffe, Concordia, die meine
Geberden nur von ferne sah, weil sie die hohen Felsen nicht so, wie ich,
besteigen konnte, sanck augenblicklich in Ohnmacht hin, Lemelie lieff geschwind
nach frischen Wasser, ich aber blieb als ein halb-verzweiffelter Mensch ganz
sinnloss bei ihr sitzen.
    Endlich halff doch des Lemelie oft wiederholtes Wasser giessen und sprengen
so viel: dass Concordia sich wieder in etwas ermunterte. Allein meine Freunde,
(so unterbrach allhier der Alt-Vater Albertus seine Erzehlung in etwas,) ich
befinde mich biss diese Zeit noch nicht im Stande, ohne selbst eigene heftige
Gemüts-Bewegungen, der Concordia schmertzliches Klagen, und mit wenig Worten zu
sagen: Ihre fast gäntzliche Verzweiffelung auszudrücken, wiewol solches ohnedem
besser mit dem Verstande zu fassen, als mit Worten auszusprechen ist. Doch ich
setzte bei ihrem übermässigen Jammer, mein eigenes dabei geschöpfftes Betrübnis
in etwas bei Seite, und suchte sie nur erstlich dahin zu bereden, dass sie sich
von uns nach der Laub-Hütte führen liesse. Wiewol nun in dem ersten Auflauff
ihrer Gemüts-Bewegungen nichts von ihr zu erhalten war, indem sie mit aller
Gewalt ihren Carl Frantz sehen, oder sich selber den Kopf an einem Felsen
einstossen wollte; so liess sie sich doch endlich durch Vorstellung einiger
Biblischen Sprüche und anderer Vernunft-Lehren, dahin bewegen, dass ich und
Lemelie, welcher vor verstellter Betrübnis kein Wort reden, doch auch kein Auge
nass machen konnte oder wollte, sie mit sinckenden Tage in die Laubhütte führen
durfften. Nachdem ich auf ihr sehnliches Bitten versprochen: alle Mühe und Kunst
anzuwenden, den verunglückten Cörper ihres werten Schatzes herauff zu schaffen.
    Ohngeacht aber Concordia und ich in vergangenen Nachten fast wenig oder
nichts geschlaffen hatten, so konten wir doch auch diese Nacht, wegen des allzu
grossen Jammers, noch keinen Schlaf in unsere Augen kriegen, sondern ich nahm
die Bibel und lass der Concordia hieraus die kräfftigsten Trost-Psalmen und
Capitel vor, wodurch ihr vorheriges unruhiges, und zur Verzweiffelung geneigtes
Gemüte, in merckliche Ruhe gesetzt wurde. Indem sie, obschon das Weinen und
Klagen nicht unterliess, dennoch so viel zu vernehmen gab, dass sie allen Fleiss
anwenden wollte, sich mit Gedult in ihr klägliches Verhängnis zu schicken, indem
freilich gewiss wäre, dass uns ohne GOttes Willen kein Unglück begegnen könne.
Ihre damaligen reformirten Glaubens-Gründe, trugen gewisser massen ein vieles zu
der von mir gewünschten Beruhigung bei, doch nachhero hat sie diese verdächtigen
Hülffs-Mittel besser erkennen, und sich, durch mein Zureden, aus GOTTES Wort
kräfftiger trösten lernen.
    Gegen Morgen schlief die biss in den Tod betrübte Cordia etwa ein paar
Stunden, ich tat dergleichen, Lemelie aber, der die ganze Nacht hindurch als
ein Ratz geschlaffen hatte, stund auf, wünschte der Concordia zum guten Morgen:
Dass sie sich bei einer Sache, die nunmehro unmöglich zu ändern stünde, bald
vollkommen trösten, und in ruhigern Zustand setzen möchte, wollte hiermit seine
Flinte nehmen und spazieren gehen, doch ich hielt ihn auf, und bat: er möchte
doch der Concordia die Gefälligkeit erzeigen, und den Cörper ihres Liebsten mir
herauff bringen helffen, damit wir ihn ehrlich zur Erden bestatten könten;
Allein er entschuldigte sich, und gab zu vernehmen, wie er zwar uns in allen
Stücken Gefälligkeit und Hülffe zu leisten schuldig wäre; doch damit möchte man
ihn verschonen, weiln uns ja zum voraus bewust, dass er einen ungewöhnlichen
natürlichen Abscheu vor todten Menschen hätte, auch ohngeacht er schon lange
Zeit zu Schiffe gedienet, niemals im Stande gewesen, einen frischen Todten in
die See zu werffen, vielweniger einen solchen anzugreiffen, der schon etliche
Tage an der Sonne gelegen. Hiermit ging er seine Wege, Concordia aber hub von
neuen an, sich aufs allerkläglichste zu gebährden, da ich ihr aber zugeredet,
sich zu mässigen, und mich nur allein machen zu lassen, weil ich weder Gefahr
noch Mühe scheuen, sondern ihr, unter GOttes Schutz, den Cörper ihres Liebsten
in ihre Hände liefern wollte; musste sie mir erstlich zuschweren, sich Zeit meines
Abseins selbst kein Leid zuzufügen, sondern gedultig und stille zu sitzen, auch
vor mich, wegen bevorstehender Gefahr, fleissig zu beten. Worauff so viel Seile
und Stricke als zu ertragen waren, nebst einem stücke Seegel-Tuch nahm, und
nebst Concordien, die eine Holtz-Axt nebst etwas Speise vor uns beide trug, nach
den Felsen hin eilete. Daselbst liess ich sie unten an einem sichern Orte sitzen,
und kletterte nach und nach zur Höhe hinauff, zohe auch die Axt, etliche spitz
gemachte Pfähle, und die übrigen Sachen, von einem Absatz zum andern, hinter mir
her. An der auswendigen Seite musste ich mich aber viel grösserer Gefahr
unterwerffen, weil daselbst die Felsen weit steiler, und an vielen Orten gar
nicht zu beklettern waren, weswegen ich an drei Orten in die Felsen-Ritzen
Pfähle einschlagen, ein langes Seil dran binden und mich 3. mal 8. 10. biss 12.
Elen tief, an selbigen herunter lassen musste. Solchergestalt gelangete ich
endlich zu meines lieben Herrn van Leuvens jämmerlich zerschmetterten Cörper,
der, weil ihm das Gesicht sehr mit Blut unterlauffen war, seine vorige Gestalt
gäntzlich verloren hatte, und allbereit wegen der grossen Hitze, einen üblen
Geruch von sich gab, jedoch ich hielt mich nicht lange dabei auf, sondern
wickelte ihn eiligst in das bei mir habende Tuch, bewunde dasselbe mit Stricken,
band ein Seil daran, und zohe diese Last nach und nach hinauff. Zu meinem Glücke
hatte ich in die vom Felsen herab hangenden Seile, verschiedener Weite nach,
Knoten gebunden, sonst wäre fast unmöglich gewesen wieder hinauff zu kommen,
doch der Himmel bewahrete mich in dieser besondern Gefahr vor allem Unfall, und
ich gelangte nach etwa 6. oder 7. Stunden verlauff, ohnbeschadet, doch sehr
schwer beladen und ermüdet, wiederum bei Concordien an. Durch vielles Bitten und
vernünftige Vorstellungen, erhielt ich endlich so viel von selbiger, dass sie
sonst nichts als ihres seel. Ehe-Mannes Gesichte und die Hand, woran er annoch
seinen Siegel-Ring stecken hatte, zu sehen begehrte. Sie wusch beides mehr mit
Tränen, als mit Wasser aus dem vorbei rinnenden Bächlein ab, und küssete ihn
ohngeacht des übeln Aussehens und Geruchs vielfältige mal, zohe den Ring von
seinem Finger, und liess endlich unter heftigen Jammer-Klagen geschehen, dass ich
den Cörper wieder einwickelte, und auf vorige Art umwunde.
    Sie halff mir denselben biss in unsere unterirrdische Höle tragen, woselbst
er, weil ich nicht allein sehr ermüdet, sondern es auch allbereit ziemlich spät
war, liegen blieb, und von uns beiden bewacht wurde. Mit anbrechenden Tage
machte ich ein Grab neben des Don Cyrillo seinem, worein wir diesen lieben
verunglückten Freund, unter vergiessung häuffiger Tränen, begruben.
    Lemelie, der unserer Arbeit von ferne zugesehen hatte, kam erstlich des
folgenden Tages wieder zu uns, und Bemühete sich mit Erzehlung allerhand
lustiger Geschichte, der Concordia Kummer zu vertreiben. Doch dieselbe sagte ihm
ins Gesicht: Dass sie lieber mit dergleichen Zeitvertreibe verschonet bleiben
möchte, indem ihr Gemüte nicht so leichtsinnig geartet, dergleichen höchst
empfindlichen Verlust solchergestalt zu verschmertzen. Derowegen führete er zwar
nachhero etwas vernünftigere Reden, doch Concordia, die bisher fast so wenig
als nichts geruhet, verfiel darüber in einen tieffen Schlaf, weswegen Lemelie
und ich uns gleichfalls in einer andern Ecke der Höle, zur Ruhe legten. Jedoch
es schien, als ob dieser Mensch ganz besondere Anfechtungen hätte, indem er so
wohl diese, als viele folgende Nachte, fast keine Stunde nach einander ruhig
liegen konnte. Er fuhr sehr öffters mit ängstlichen Geschrei aus dem schlafe auf,
und wenn ich ihn deswegen befragte, klagte er über sonst nichts, als schwere
Träume, wiewol man ihn nach und nach sehr abgemattet, und fast an allen Gliedern
ein starckes Zittern verspürete, jedoch binnen 2. oder 3. Wochen erholete er
sich ziemlich, so, dass er nebst mir, unserer künftigen Nahrung wegen, sehr
fleissig arbeiten konnte.
    Bei dem allen aber, lebten wir 3. von ganz unterschiedenen Gemüts-Regungen
eingenommene Personen, in einer vollkommenen Verwirrung, da es zumal das
gäntzliche Ansehen hatte, als ob alle unsere vorige Gedult, ja unser völliges
Vergnügen, mit dem van Leuven begraben wäre. Wir sassen öffters etliche Stunden
beisammen, ohne ein Wort mit einander zu sprechen, doch schien es als ob immer
eines des andern Gedancken aus den Augen lesen wollte, und dennoch hatte niemand
das Hertze, der andern und dritten Person Hertzens-Meinung auszufragen. Endlich
aber da nach des van Leuvens Beerdigung etwa 4. Wochen verlauffen waren, hatte
sich Lemelie bei ersehener Gelegenheit die Freiheit genommen, der Concordia in
Geheim folgende Erklärung zu tun: Madame! sagt er ohngefähr: Ihr und ich haben
bisher das unglückliche Verhängnis eures seel. Ehe-Mannes zur gnüge betrauret.
Was ist nunmehro zu tun? Wir sehen kein ander Mittel, als vielleicht noch lange
Zeit unserm Schicksal auf dieser Insul Gehorsam zu leisten. Ihr seid eine Wittbe
und darzu hoch schwanger, zu euren Eltern zurück zu kehren, ist so unmöglich als
schändlich, einen Mann müsst ihr haben, der euch bei Ehren erhält, niemand ist
sonsten vor euch da als ich und Albert, doch weil ich nicht zweiffele, dass ihr
mich, als einen Edelmann, diesem jungen Lecker, der zumal nur eine privat-Person
ist, vorziehen werdet; So bitte ich um eures eigenen Bestens willen, mir zu
erlauben, dass ich die erledigte Stelle eines Gemahls bei euch ersetzen darff, so
werden wir nicht allein allhier unser Schicksal mit Gedult ertragen, sondern in
Zukunft höchst vergnügt leben können, wenn wir das Glück haben, dass uns
vielleicht ein Schiff von hier ab, und zu mehrerer menschlicher Gesellschaft
führen wird. Albert, sagt er ferner, wird sich nicht einmal die hochmütigen
Gedancken einkommen lassen, unserer beider Verbindung zu widerstreben, derowegen
bedencket euer Bestes in der Kürtze, weil ich binnen 3. Nachten als Ehe-Mann mit
euch zu Bette zu gehen entschlossen, und zugleich eure tragende Leibes-Frucht,
so gut als die Meinige zu achten, entschlossen bin.
    Concordia, die sich aus seinen feurigen Augen, und erhitzen
Gemüts-Bewegungen, nichts guts propheceiet, bittet ihn um GOTTES
Barmhertzigkeit willen, ihr wenigstens eine halbjährige Frist zur Trauer- und
Bedenck-Zeit zu verstatten, allein der erhitzte Liebhaber will hiervon nichts
wissen, sondern spricht vielmehr mit gröster Vermessenheit: Er habe ihre
Schönheit ohne würcklichen Genuss lange genug vergebens vor Augen gehabt,
nunmehro aber, da ihn nichts als der elende Albert daran verhinderlich sein
könnte; wäre er nicht gesonnen sich länger Gewalt anzutun, und kurtz! wollte sie
haben, dass er ihr selbst nicht Gewalt antun sollte, müste sie sich
entschliessen, ihn ehe noch 3. Nächte verlieffen, als seine Ehe-Frau
beizuwohnen. Anbei tut er die vorsichtige Warnung, dass Concordia mir hiervon ja
nichts in voraus offenbaren möchte, widrigenfalls er meine Person bald aus dem
Wege räumen wolle. Jedoch die Angst-volle Concordia stellet sich zwar, als ob
sie seinen Drohungen ziemlich nachgäbe, so bald er aber etwas entfernet war,
erfuhr ich das ganze Geheimnis. Meine Erstaunung hierüber war unsäglich, doch,
ich glaube eine besondere Krafft des Himmels, stärckte mich augenblicklich
dermassen, dass ich ihr den Rat gab, allen seinen Anfällen aufs äuserste zu
widerstreben, im übrigen sich auf meinen Beistand gäntzlich zu verlassen; weiln
ich von nun an fleissig auf sie Acht haben, und ehe mich um mein Leben, als sie
um ihre Ehre bringen lassen wollte.
    Immittelst war Lemelie drei Tage nach einander lustig und guter Dinge, und
ich richtete mich dermassen nach ihm, dass er in meine Person gar kein böses
Vertrauen setzen konnte. Da aber die fatale Nacht herein brach, in welcher er
sein gottloses Vorhaben vollbringen wollte; Befahl er mir auf eine recht
Herrschaftliche Art, mich nun zur Ruhe zu legen, weiln er nebst mir auf
morgenden Tag eine recht schwere Arbeit vorzunehmen gesonnen sei. Ich erzeigte
ihm einen verstellten Knechtischen Gehorsam, wodurch er ziemlich sicher gemacht
wurde, sich gegen Mitternacht mit Gewalt in der Concordia Kammer eindrange, und
mit Gewalt auf ihrem Lager Platz suchen wollte.
    Kaum hatten meine aufmerckenden Ohren dieses gehöret, als ich sogleich in
aller Stille aufstund, und unter beiden einen langen Wort-Streit anhörete, da
aber Lemelie endlich allzu brünstig wurde, und weder der unschuldigen Frucht,
noch der kläglich winselenden Mutter schonen, sondern die Letztere mit Gewalt
notzüchtigen wollte; stiess ich, nachdem dieselbige abgeredter massen, GOTT und
Menschen um Hülffe anrieff, die Tür ein, und suchte den ruchlosen Bösewicht mit
vernünftigen Vorstellungen auf bessere Gedancken zu bringen. Doch der
eingefleischte Teufel sprang auf, ergriff einen Säbel, und versetzte mir einen
solchen Hieb über den Kopf, dass mir Augenblicklich das Blut über das Gesichte
herunter lieff. Ich eilete zurücke in meine Kammer, weil er mich aber biss dahin
verfolgen, und seinem Vorsatze nach gäntzlich ertödten wollte, ergriff ich in der
Angst meine Flinte mit dem aufgesteckten Stillet, hielt dieselbe ausgestreckt
vor mich, und mein Mörder, der mir inzwischen noch einen Hieb in die lincke
Schulter angebracht hatte, rannte sich im finstern selbst dergestalt hinein, dass
er das Stillet in seinem Leibe steckend behielt, und darmit zu Boden stürtzte.
    Auf sein erschreckliches Brüllen, kam die zitternde Concordia aus ihrer
Kammer mit dem Lichte gegangen, da wir denn gleich wahr namen, wie ihm das
Stillet vorne unter der Brust hinein, und hinten zum Rücken wieder heraus
gegangen war. Dem ohngeacht, suchte er, nachdem er solches selbst heraus
gezogen, und in der lincken Hand behalten hatte, mit seinem Säbel, entweder der
Concordia, oder mir einen tödtlichen Streich beizubringen. Jedoch ich nam die
Gelegenheit in acht, machte, indem ich ihm den einen Fuss auf die Kähle setzte,
seine verfluchten Hände wehrloss, und dieselben, nebst den Füssen, mit Stricken
fest zusammen, und liess das Aas solchergestalt eine gute Zeitlang zappeln, nicht
zweiffelnd, dass er sich bald eines andern besinnen würde. Allein es hatte fast
das Ansehen, als ob er in eine wirklich Raserei verfallen wäre, denn als mir
Concordia meine Wunden so gut sie konnte, verbunden, und das heftige Bluten
ziemlich gestillet hatte, stiess er aus seinem verfluchten Rachen die
entsetzlichsten Gotteslästerungen, und gegen uns beide die hesslichsten
Schand-Reden aus, ruffte anbei unzehlige mal den Satan um Hülffe an, verschwur
sich denselben auf ewig mit Leib und Seele zum Eigentume, woferne nur derselbe
ihm die Freude machen, und seinen Tod an uns rächen wollte.
    Ich hielt ihm hierauff eine ziemlich lange Predigt, mahlete sein verruchtes
Leben mit lebendigen Farben ab, und stellete ihn sein unglückseeliges Verhängnis
vor Augen, indem er, da er mich zu ermorden getrachtet, sein selbst eigener
Mörder worden, ich aber von GOTTES Hand erhalten wäre. Concordia tat das ihrige
auch mit grösten Eifer darbei, verwiese ihn aber letzlich auf wahre Busse und
Erkenntnis seiner Sünden, vielleicht, sagte sie, liesse sich die Barmhertzigkeit
GOTTES noch in seiner letzten Todes-Stunde erweichen, ihm Gnade und Vergebung
wiederfahren zu lassen; Doch dieser Bösewicht drückte die Augen feste zu,
knirschete mit den Zähnen, und kriegte die heftigsten Anfälle von der schweren
Not, so dass ihm ein gresslicher Schaum vor dem Maule stund, worauff er biss zu
anbrechenden Tage stille liegen blieb, nachhero aber mit schwacher Stimme etwas
zu trincken foderte. Ich gab ihm einen Trunck von unsern besten Geträncke,
welches der aus den Palm-Bäumen gelauffene Safft war. Er schluckte denselben
begierig hinein, und hub mit matter Stimme zu sagen an: Was habt ihr vor
Vergnügen Mons. Albert, mich ferner zu quälen, da ich nicht die allergeringste
Macht habe euch fernern Schaden zu tun, erzeiget mir derowegen die
Barmhertzigkeit, meine Hände und Füsse von den schmertzlichen Banden zu erlösen,
ich will euch so dann ein offenhertziges Bekänntniss meiner abscheulichen
Missetaten tun, nach diesem aber werdet ihr mich meiner Bitte gewähren, und
mir mit einem tödtlichem Stosse den wohlverdienten Lohn der Bosheit geben,
mitin meiner Leibes- und Gewissens-Quaal ein Ende machen, denn ihr seid dessen,
eurer Rache wegen wohl berechtiget, ich aber will solches annoch vor eine
besondere Gnade der Menschen erkennen, weil ich doch bei GOTT keine Gnade und
Barmhertzigkeit zu hoffen habe, sondern gewiss weiss, dass ich in dem Reiche des
Teuffels, welchem ich mich schon seit vielen Jahren ergeben, auf ewig verbleiben
werde.
    Es stunden uns bei diesen seinen letzten Worten die Haare zu Berge, doch
nachdem ich alle, mir verdächtig vorkommende Sachen, auf die Seite geschafft und
versteckt hatte, wurden seine Hände und Füsse der beschwerlichen Bande
entlediget, und der tödtlich verwundete Cörper auf eine Matratze gelegt. Er
empfand einige Linderung der Schmertzen, wollte aber seine empfangene Wunde weder
anrühren noch besichtigen lassen, hielt im gegenteil an die Concordia und mich
ohngefehr folgende Rede.
    Wisset sagte er, dass ich aus einem der allervornehmsten Geschlechte in
Franckreich entsprossen bin, welches ich, indem es mich als einen rechten Greuel
der Tugenden erzeuget, nicht einmal nahmhaft machen will. Ich habe in meinem
18den Jahre meine leibliche Schwester genotzüchtiget, und nachhero, da es ihr
gefiel, in die 3. Jahr Blut-Schande mit derselben getrieben. Zwei Huren-Kinder,
die binnen der Zeit von ihr kamen, habe ich ermordet, und in Schmeltz-Tiegeln
als eine besondere kostbare Massam zu Asche verbrannt. Mein Vater und Mutter
entdeckten mit der Zeit unsere abscheuliche Blutschande, liessen sich auch
angelegen sein, eine fernere Untersuchung unsers Lebens anzustellen, doch weil
ich alles bei Zeiten erfuhr, wurden sie beide in einer Nacht durch beigebrachtes
Gift in die andere Welt geschickt. Hierauff wollten meine Schwester und ich als
Ehe-Leute, unter verwechselten Nahmen, nach Spanien oder Engelland gehen, allein
eine andere wollüstige Hure zohe meine gestilleten Begierden vollends von der
Schwester ab, und auf sich, weswegen meine um Ehre, Gut und Gewissen betrogene
Schwester, sich nebst ihrer dritten von mir tragenden Leibes-Frucht selbst
ermordete, denen Gerichten aber ein offenhertziges Bekänntniss, meiner und ihrer
Schand und Mordtaten, schrifftlich hinterliess, ich aber hatte kaum Zeit, mich,
nebst meiner neu erwehlten Hure, und etlichen kostbaren Sachen, unter
verstellter Kleidung und Nahmen, aus dem Lande zu machen. - - Hier wollte dem
Bösewicht auch seine eigene schändliche Zunge den Dienst versagen, weswegen ich,
selbige zu stärcken, ihm noch einen Becher Palmen-Safft reichen musste, worauff
er seine Rede also fortsetzte:
    Ich weiss und mercke sagte er, dass ich nicht eher sterben kann, biss ich auch
den sterblichen Menschen den meisten Teil meiner schändlichen Lebens-Geschicht
offenbaret habe, wisset demnach, dass ich in Engelland, als wohin ich mit meiner
Hure geflüchtet war, nicht allein diese, wegen ihrer Untreue, sondern nebst
derselben 19. Seelen allein durch Gift hingerichtet habe.
    Indessen aber hatte mich doch am Englischen Hofe, auf eine ziemliche Stuffe
der Glückseligkeit gebracht, allein mein Ehrgeitz und ausschweiffende Wollust
stürtzten den auf üblen Grunde ruhenden Bau, meiner zeitlichen Wohlfart gar
bald darnieder, so dass ich unter abermals verwechselten Nahmen und in
verstelleter Kleidung, als ein Boots-Knecht, sehr arm und elend aus Engelland
abseegeln musste.
    Ein ganz besonderes Glücke führete mich endlich auf ein Holländisches Caper
-Schiff, und machte nach und nach aus mir einen ziemlich erfahrnen See-Mann,
allein wie ich mich durch Gift-mischen, Meuchel-Mord, Verräterei und andere
Rancke mit der Zeit biss zu dem Posten eines Capitains erhoben, ist wegen der
kurtzen Frist, die ich noch zu leben habe, unmöglich zu erzählen. Der letztere
Sturm, dergleichen ich noch niemals, ihr aber nebst mir ausgestanden, hätte mich
bei nahe zur Erkenntnis meiner Sünden gebracht, allein der Satan, dem ich mich
bereits vor etlichen Jahren mit Leib und Seele verschrieben, hat mich durchaus
nicht dahin gelangen lassen, im Gegenteil mein Hertze mit immerwährenden
Bosheiten angefüllet. - - Er forderte hierbei nochmals einen Trunck
Palmen-Safft, tranck, sah hierauff die Concordia mit starren Augen an, und
sagte: Bejammerns-würdige Concordia! Nehmet den Himmel zu einem Artzte an, indem
ich eure noch nicht einmal verblutete Hertzens-Wunde von neuen aufreisse, und
bekenne: dass ich gleich in der ersten Minute, da eure Schönheit mir in die Augen
gefallen, die verzweiffeltesten Anschläge gefasset, eurer Person und Liebe
teilhaftig zu werden. Mehr als 8. mal habe ich noch auf dem Schiffe
Gelegenheit gesucht, euren seeligen Gemahl mit Giffte hinzurichten: doch da er
ohne eure Gesellschaft selten gegessen oder getruncken hat, euer Leben aber,
mir allzukostbar war, sind meine Anstalten jederzeit vergeblich gewesen.
Oeffentlich habe niemals mit ihm anzubinden getrauet, weil ich wohl gemerckt, dass
er mir an Hertzhaftigkeit überlegen, und ihn hinterlistiger Weise zu ermorden,
wollte auch lange Zeit nicht angehen, da ich befürchten musste, dass ihr deswegen
einen tödtlichen Hass auf mich werffen möchtet. Endlich aber gab mir der Teuffel
und meine verfluchte Begierde, bei ersehener Gelegenheit die Gedancken ein,
euren seeligen Mann von der Klippe herunter zu stürtzen. - - - Concordia wollte
bei Anhörung dieser Beichte ohnmächtig werden, jedoch der wenige Rest einer bei
sich habenden, balsamischen Artzenei, stärckte sie, nebst meinem zwar
ängstlichen doch kräfftigen Zureden, dermassen, dass sie das Ende dieser
jämmerlichen und erschrecklichen Geschicht, mit ziemlicher Gelassenheit vollends
abwarten konnte.
    Lemelie fuhr demnach im reden also fort: Euer Ehe-Mann, Concordia! kam,
indem er ein schönes Morgen-Lied sang, die Klippe hinauff gestiegen, und
erblickte mich Seitwarts mit der Flinte im Anschlage liegen. Er erschrack
heftig, ohngeacht ich nicht auf ihn, sondern nach einem gegen mir über
sitzenden Vogel zielete, dem er mit seiner Ankunft verjagte. Wiewohl mir nun
der Teuffel gleich in die Ohren bliess, diese schöne Gelegenheit, ihn
umzubringen, nicht vorbei streichen zu lassen, so war doch ich noch listiger,
als hitzig, warff meine Flinte zur Erden, eilete und umarmete den van Leuven,
und sagte: Mein edler Freund, ich spüre dass ihr vielleicht einen bösen Verdacht
habt, als ob ich nach eurem Leben stünde; Allein entweder lasset selbigen
fahren, oder erschiesset mich auf der Stelle, denn was ist mir mein
verdriessliches Leben ohne eure Freundschaft auf dieser einsamen Insul sonsten
nütze. Van Leuven umarmete und küssete mich hierauff gleichfalls, versicherte
mich seiner aufrichtigen und getreuen Freundschaft, setzte auch viele gute
Vermahnungen hinzu, vermöge deren ich mich in Zukunft tugendhafter und
Gottesfürchtiger aufführen möchte. Ich schwur ihm alles zu, was er vermutlich
gern von mir hören und haben wollte, weswegen wir dem äuserlichen Ansehen nach,
auf einmal die allerbesten Freunde wurden, unter den vertraulichsten Gesprächen
aber lockte ich ihn unvermerckt auf den obersten Gipffel des Felsens, und zwar
unter dem Vorwande, als ob ich ein von ferne kommendes Schiff wahrnähme, da nun
der höchsterfreute van Leuven, um selbiges zu sehen, auf die von mir angemerckte
gefährlichste Stelle kam, stürtzte ich ihn mit einem eintzigen stosse, und zwar
an einem solchen Orte hinab, wo ich wusste, dass er augenblicklich zerschmettern
musste. Nachdem ich seines Todes völlig versichert war, ging ich mit zittern
zurücke, weil mir die Worte seines gesungenen Morgen Liedes:
Nimmstu mich, GOTT in deine Hände,
So muss gewiss mein Lebens Ende
Den Meinen auch zum Trost gedeihn,
Es mag gleich schnell und kläglich sein.
gar nicht aus den Gedancken fallen wollten, biss der Teuffel und meine unzüchtigen
Begierden mir von neuen einen Mut und, wegen meines künftigen Verhaltens,
ferner Lehren einbliesen. Jedoch, sprach er mit seufftzender und heiserer
Stimme: mein Gottes-und Ehrvergessenes Aufführen kann euch alles dessen
nachdrücklicher und besser überzeugen, als mein beschwerliches Reden. Und Mons.
Albert, euch war der Todt ebenfalls schon vorlangst geschworen, insoweit ihr
euch als einen Verhinderer meines Vergnügens angeben, und mir nicht als einem
Befehlshaber gehorchen würdet, jedoch das Verhängnis hat ein anders beschlossen,
indem ihr mich wiewol wieder euren willen tödtlich verwundet habt. Ach machet
derowegen meiner zeitlichen Marter ein Ende, rächet eure Freunde und euch
selbst, und verschaffet mich durch den letzten Todes-Stich nur bald in das vor
meine arme Seele bestimmte Quartier zu allen Teuffeln, denn bei GOTT ist vor
dergleichen Sünder, wie ich bin, weder Gnade noch Barmhertzigkeit zu hoffen.
    Hiermit blieb er stille liegen. Concordia aber und ich setzten allen unseren
anderweitigen Jammer bei Seite, und suchten des Lemelie Seele durch die
trostreichsten Sprüche aus des Teufels Rachen zu reissen. Allein, seine Ohren
waren verstopfft, und ehe wir uns dessen versahn, stach er sich, mit einem bei
sich annoch verborgen gehaltenen Messer, in etlichen Stichen das Hertze selbst
vollends ab, und bliess unter grässlichen Brüllen seine ohnfehlbar ewig verdammte
Seele aus. Concordia und ich wussten vor Furcht, Schrecken und überhäuffter
Betrübnis nicht, was wir anfänglich reden oder tun sollten, doch, nachdem wir
ein paar Stunden vorbei streichen lassen, und unsere Sinnen wieder in einige
Ordnung gebracht hatten, schleppte ich den schändlichen Cörper bei den Beinen an
seinen Ort, und begrub ihn als ein Vieh, weil er sich im Leben noch viel ärger
als ein Vieh aufgeführet hatte.
    Das war also eine zwar kurtze, doch mehr als Erstaunens-würdige Nachricht
von dem schändlichen Leben, Tode und Begräbnis eines solchen Menschen, der der
Erden eine verfluchte unnütze Last, dem Teuffel aber eine desto nützlichere
Kreatur gewesen. Welcher Mensch, der nur ein Füncklein Tugend in seiner Seelen
heget, wird nicht über dergleichen Abschaum aller Laster erstaunen, und dessen
durchteuffeltes Gemüte verfluchen? Ich vor meine Person hatte recht vom Glücke
zu sagen, dass ich seinen Mord-Streichen, noch so zu sagen, mit blauen Augen
entkommen war, wiewohl ich an meinen empfangenen Wunden, die, wegen der sauren
Arbeit bei dem Begräbnisse dieses Höllenbrandes, starck erhitzt wurden, nachhero
Angst und Schmertzen genung auszustehen hatte.
    Meine annoch eintzige Unglücks-Gefährtin, nehmlich die Concordia, traff ich
bei meiner Zurückkunft sich fast in Tränen badend an, weil ich nun der
eintzige Zeuge ihres Jammers war, und desselben Ursprung nur allzu wohl wusste,
wegen ihrer besondern Gottesfurcht und anderer Tugenden aber in meiner Seelen
ein heftiges Mitleiden über ihre unglückliches Verhängnis hegte, und mein
selbst eigenes Teil ziemlich dabei hatte, so war mir um so viel desto leichter,
ihr im klagen und weinen Gesellschaft zu leisten, also vertiefften wir uns
dermassen in unserer Betrübnis, dass wir den ganzen Tag biss zu einbrechender
Nacht ohne Essen und Trincken bloss mit seuffzen, weinen und klagen hinbrachten.
Endlich da mir die vernünftigen Gedancken wiederum einfielen, dass wir mit allzu
übermässiger Betrübnis unser Schicksal weder verbessern noch verschlimmern, die
höchste Macht aber dadurch nur noch mehr zum Zorne reitzen könten, suchte ich
die Concordia so wohl als mich selbst zur Gedult zu bewegen, und dieses gelunge
mir auch in so weit, dass wir einander zusagten: alles unser Bekümmernis dem
Himmel anzubefehlen, und mit täglichen fleissigen Gebet und wahrer
GOTT-Gelassenheit zu erwarten, was derselbe ferner über uns verhängen würde.
    Demnach wischeten wir die Tränen aus den Augen, stelleten uns recht
hertzhaftig an, nahmen Speise und Tranck, und suchten, nachdem wir mit einander
andächtig gebetet und gesungen, ein jedes seine besondere Ruhe-Stelle, und zwar
beide in einer Kammer. Concordia verfiel in einen süssen Schlaff, ich aber konnte
wegen meiner heftig schmertzenden Wunden, die in Ermangelung guter Pflaster und
Salben nur bloss mit Leinwand bedeckt und umwunden waren, fast kein Auge zutun,
doch da ich fast gegen Morgen etwa eine Stunde geschlummert haben mochte, fing
Concordia erbärmlich zu winseln und zu wehklagen an, da ich nun vermeinte, dass
sie solches wegen eines schweren Traumes etwa im Schlaffe täte, und, sie
sanfte zu ermuntern, aufstund, richtete sich dieselbe auf einmal in die Höhe,
und sagte, indem ihr die grösten Tränen-Tropffen von den Wangen herunter
rolleten: Ach, Monsieur Albert! Ach, nunmehro befinde ich mich auf der höchsten
Staffel meines Elendes! Ach Himmel, erbarme dich meines Jammers! Du weist ja,
dass ich die Unzucht und Unkeuschheit Zeit Lebens von Grund der Seelen gehasset,
und die Keuschheit vor mein bestes Kleinod geschätzet. Zwar habe mich durch
übermässige Liebe von meinen seel. Ehe-Mann verleiten lassen, mit ihm aus dem
Hause meiner Eltern zu entfliehen, doch du hast mich ja dieserwegen auch hart
genug gestrafft. Wiewohl, gerechter Himmel, zürne nicht über meine unbesonnenen
Worte, ists noch nicht genung? Nun so straffe mich ferner hier zeitlich, aber
nur, nur, nur nicht ewig.
    Hierauf rang sie die Hände aufs heftigste, der Angst-Schweiss lieff ihr über
das ganze Gesichte, ja sie winselte, schrye, und wunde sich auf ihren Lager als
ein armer Wurm.
    Ich wusste vor Angst, Schrecken und Zittern nicht, was ich reden, oder wie
ich mich gebärden sollte, weil nicht anders gedencken konnte, als dass Concordia
vielleicht noch vor Tages Anbruch das Zeitliche gesegnen, mitin mich als den
allerelendesten Menschen auf dieser Insul allein, ohne andere, als der Tiere
Gesellschaft, verlassen würde. Diese kläglichen Vorstellungen, nebst ihren
schmertzhaften Bezeigen, rühreten mich dermassen heftig, dass ich auf Knie und
Angesicht zur Erden fiel, und dermassen eiffrig zu GOtt schrye, dass es fast das
Ansehen hatte, als ob ich den Allmächtigen mit Gewalt zwingen wollte, sich der
Concordia und meiner zu erbarmen.
    Immittelst war dieselbe ganz stille worden, weswegen ich voller Furcht und
Hoffnung zu GOtt aufstund, und besorgte, sie entweder in einer Ohnmacht oder
wohl gar todt anzutreffen. Jedoch zu meinem grösten Troste, lag sie in
ziemlicher Linderung, wiewohl sehr ermattet, da, nahm und drückte meine Hand,
legte selbige auf ihre Brust, und sagte unter heftigem Hertz-Klopffen: Es ist
an dem, Mons. Albert, dass eure und meine Tugend von der Göttlichen Fürsehung auf
eine harte Probe gesetzt wird. Wisset demnach, mein eintziger Freund und
Beistand auf dieser Welt, dass ich in Kindes-Nöten liege. Auf euer hertzliches
Gebet hat mir der Höchste Linderung verschaffet, ich glaube, dass ich bloss um
eurent willen noch nicht sterben werde. Allein, ich bitte euch um GOttes
Barmhertzigkeit willen, lasset eure Keuschheit, Gottesfurcht und andere
Tugenden, bei meinem itzigen Zustande über alle Fleisches-Lust, unkeusche
Gedancken, ja über alle Bemühungen, die ich euch zu machen, von der Not
gezwungen bin, triumphiren. Denn ich bin versichert, dass alle äusserliche
Versuchungen, unsern keuschen Seelen keinen Schaden zufügen können, so fern
dieselben nur an sich selbst rein von Lastern sind.
    Hierauf legte ich meine lincke Hand auf ihre bekleidete Brust, meine rechte
aber reckte ich in die Höhe, und sprach: Liebste Concordia, ich schwere hiermit
einen würcklichen Eyd, dass ich zwar eure schöne Person unter allen
Weibs-Personen auf der ganzen Welt aufs allerwerteste achte und liebe, auch
dieselbe jederzeit hoch zu achten und zu lieben gedencke, wenn ich gleich, mit
GOttes Hülffe, wieder unter 1000. und mehr andere Weibs- und Manns-Personen
kommen sollte; Allein wisset, dass ich euch nicht im geringsten aus einer
wollüstigen Absicht, sondern bloss eurer Tugenden wegen liebe, auch alle geile
Brunst, dergleichen Lemelie verspüren lassen, aufs heftigste verfluche. Im
Gegenteil verspreche, so lange wir beisammen zu leben gezwungen sind, aus guten
Hertzen, euch in allen treulich beizustehen, und sollte ja wider Vermuten in
Zukunft bei mir etwa eine Lust entstehen, mit eurer Person verehligt zu sein,
so will ich doch dieselbe, um euch nicht vedriesslich zu fallen, beständig
unterdrücken, hingegen allen Fleiss anwenden, euch mit der Helffte derjenigen
Schätze, die wir in Verwahrung haben, dahin zu verschaffen, wo es euch belieben
wird, weiln ich lieber Zeit-Lebens unvergnügt und Ehe-los leben, als eurer Ehre
und Tugend die geringste Gewalt antun, mir aber in meinem Gewissen nur den
kleinesten Vorwurff verursachen wollte. Verlasset euch derowegen sicher auf mein
Versprechen, worüber ich GOtt und alle heiligen Engel zu Zeugen anruffe, fasset
einen frischen Mut, und fröliches Hertze. GOtt verleihe euch eine glückliche
Entbindung, trauet nechst dem auf meinen getreuen Beistand, tut eurer
Gesundheit mit unnötiger und vielleicht gefährlicher Schamhaftigkeit keinen
Schaden, sondern verlasset euch auf euer und meine tugendhafte Keuschheit,
welche in dieser äusersten Not unverletzt bleiben soll. Ich habe das feste
Vertrauen, der Himmel werde auch diese höchste Staffel unseres Elendes glücklich
übersteigen helffen, und euch mir zum Trost und Beistande gesund und vergnügt
beim Leben erhalten. Befehlet mir derowegen nur ohne Scheu, was ich zu eurem
Nutzen etwa tun und herbei schaffen soll, GOtt wird uns, in dieser schweren
Sache ganz unerfahrnen Leuten, am besten zu raten wissen.
    Diesemnach küssete die keusche Frau aus reiner Freundschaft meine Hand,
versicherte mich, dass sie auf meine Redlichkeit ein vollkommenes Vertrauen
setzte, und bat, dass ich aussen vor der Kammer ein Feuer anmachen, anbei so wohl
kaltes als warmes Wasser bereit halten möchte, weil sie nechst Göttlicher Hülffe
sich einer baldigen Entbindung vermutete. Ich eilete, so viel mir menschlich
und möglich, ihrem Verlangen ein Genügen zu leisten, so bald aber alles in
völliger Bereitschaft, und ich wiederum nach meiner Kreissenden sehen wollte,
fand ich dieselbe in ganz anderer Verfassung, indem sie allen Vorrat von ihren
Betten in der Kammer herum gestreuet, sich mitten in der Kammer auf ein
Unter-Bette gesetzt, die grosse Lampe darneben gestellet, und ihr neugebohrnes
Töchterlein, in zwei Küssen eingehüllet, vor sich liegen hatte, welches seine
jämmerliche Ankunft mit ziemlichen Schreien zu verstehen gab. Ich wurde vor
Verwunderung und Freude ganz bestürtzt, musste aber auf Concordiens sehnliches
Bitten allhier zum ersten mahle das Amt einer Bade-Mutter verrichten, welches
mir auch sehr glücklich von der Hand gegangen war, indem ich die kleine,
wohlgebildete Kreatur ihrer Mutter ganz rein und schön zurück lieferte.
    Mittlerweile war der Tag völlig angebrochen, weswegen ich, nachdem Concordia
auf ihr ordentliches Lager gebracht, und sich noch ziemlich bei Kräfften befand,
ausgehen, ein Stücke Wild schiessen, und etliche gute Kräuter zum Zugemüse
eintragen wollte, indem unser Speise-Vorrat fast gäntzlich aufgezehret war. Doch
selbige bat mich, noch eine Stunde zu verziehen, und erstlich das
allernötigste, nehmlich die heilige Tauffe ihres jungen Töchterleins zu
besorgen, inmassen man nicht wüste, wie bald dergleichen zarte Kreatur vom Tode
übereilet werden könnte. Ich konnte diese ihre Sorge selbst nicht anders als vor
höchst wichtig erkennen, nachdem wir uns also wegen dieser heiligen und
christlichen Handlung hinlänglich unterredet, vertrat ich die Stelle eines
Priesters, tauffte das Kindlein nach Anweisung der heiligen Schrifft, und legte
ihm ihrer Mutter Nahmen Concordia bei.
    Hierauf ging ich mit meiner Flinte, wiewohl sehr taumelend, matt und
kraftlos, aus, und da mir gleich über unsern gemachten Damme ein ziemlich
starck und feister Hirsch begegnete, setzte ich vor dieses mahl meine sonst
gewöhnliche Barmhertzigkeit bei seite, gab Feuer, und traff denselben so
glücklich in die Brust hinein, dass er so gleich auf der Stelle liegen blieb.
Allein, dieses grosse Tier trieb mir einen ziemlichen Schweiss aus, ehe ich
selbiges an Ort und Stelle bringen konnte. Jedoch da meine Wöchnerin und ich
selbst gute Krafft-Suppen und andere gesunde Kräuter-Speisen höchst von nöten
hatte, musste mir alle Arbeit leicht werden, und weil ich also kein langes
Federlesen machte, sondern alles aufs hurtigste, wiewohl nicht nach den Regeln
der Sparsamkeit, einrichtete, war in der Mittags-Stunde schon eine gute
stärckende Mahlzeit fertig, welche Concordia und ich mit wunderwürdigen und
ungewöhnlichen Appetite einnahmen.
    Jedoch, meine Freunde! sagte hier der Alt-Vater Albertus, ich mercke, dass
ich mich diesen Abend etwas länger in Erzählung, als sonsten, aufgehalten habe,
indem sich meine müden Augen nach dem Schlafe sehnen. Also brach er ab, mit dem
Versprechen, morgendes Tages nach unserer Zurückkunft von Johannis-Raum
fortzufahren, und diesemnach legten wir uns, auf gehaltene Abend-Andacht,
ingesamt, wie er, zur Ruhe.
    Die abermals aufgehende und alles erfreuende Sonne gab selbigen Morgen
einem jeden das gewöhnliche Zeichen aufzustehen. So bald wir uns nun versammelt,
das Morgen-Gebet verrichtet, und das Früh-Stück eingenommen hatten, ging die
Reise in gewöhnlicher Suite durch den grossen Garten über die Brücke des
Westlichen Flusses, auf Johannis-Raum zu. Selbige Pflantz-Städte bestunde aus
10. Häusern, in welchen allen man wahrnehmen konnte, dass die Eigentums-Herrn
denen andern, so wir bisher besucht, an guter Wirtschaft nicht das geringste
nachgaben. Sie hatten ein besseres Feld, als die in Jacobs-Raum, jedoch nicht so
häuffigen Weinwachs, hergegen wegen des naheliegenden grossen Sees, den
vortrefflichsten Fischfang, herrliche Waldung, Wildpret und Ziegen in starcker
Menge. Die Bäche daselbst führeten ebenfalls häuffige Gold-Körner, worvon uns
eine starcke Quantität geschenckt wurde. Wir machten uns allhier das Vergnügen,
in wohl ausgearbeiteten Kähnen auf der grossen See herum zu fahren, und zugleich
mit Angeln, auch artigen Netzen, die vom Bast gewisser Bäume gestrickt waren, zu
fischen, durchstrichen hierauf den Wald, bestiegen die oberste Höhe des Felsens,
und traffen daselbst bei einem wohlgebaueten Wach-Hause 2. Stücken Geschützes
an. Etliche Schritt hiervon ersahn wir ein in den Felsen gehauenes grosses
Creutze, worein eine zinnerne Platte gefügt war, die folgende Zeilen zu lesen
gab:
                                         
                       Auf dieser unglückseeligen Stelle
                           ist im Jahre Christi 1646.
                                am 11. Novembr.
                       der fromme Carl Franz van Leuven,
                     von dem gottlosen Schand-Buben Lemelie
                           meuchelmörderischer Weise
                         zum Felsen hinab gestürtzt und
                       elendiglich zerschmettert worden.
                                Doch seine Seele
                          wird ohne Zweiffel bei GOtt
                                in Gnaden sein.
                                         
    Unser guter Alt-Vater Albertus hatte sich mit grosser Mühe auch an diesen
Ort bringen lassen, und zeigete uns die Stelle, wo er nunmehro vor 79. Jahren
und etlichen Tagen den Cörper seines Vorwirts, zerschmettert liegend,
angetroffen. Wir mussten erstaunen, da wir die Gefahr betrachteten, in welche er
sich gesetzt, denselben in die Höhe zu bringen. Voritzo aber war daselbst ein
zwar sehr enger, doch bequemer Weg biss an die See gemacht, welchen wir hinunter
stiegen, und in der Bucht, Sud-Westwärts, ein ziemlich starckes Fahrzeug
antraffen, womit die Unserigen öffters nach einer kleinern Insul zu fahren
pflegten, indem dieselbe nur etwa 2. Meilen von der Felsen-Insul entlegen war,
in Umfange aber nicht vielmehr als 5. oder 6tehalb deutsche Meilen haben mochte.
    Es wurde beschlossen, dass wir nächstens das Fahrzeug ausbessern, und eine
Spatzier-Fahrt nach besagter kleinen Insul, welche Albertus klein Felsen-Burg
benennet hatte, vornehmen wollten. Vor diesmal aber nahmen wir unsern Rückweg
durch Johannis-Raum, reichten den Einwohnern die gewöhnlichen Geschencke, wurden
dagegen von ihnen mit einer vollkommenen guten Mahlzeit bewirtet, die uns, weil
die Mittags-Mahlzeit nicht ordentlich gehalten worden, trefflich zu statten kam,
nahmen hierauff danckbarlichen Abschied, und kamen diesen Abend etwas später als
sonsten auf der Albertus-Burg an.
    Dem ohngeacht, und da zumalen niemand weiter etwas zu speisen verlangete,
sondern wir uns mit etlichen Schaalen Coffeé, nebst einer Pfeiffe Toback zu
behelffen beredet, setzte bei solcher Gelegenheit unser Altvater seine
Geschichts-Erzehlung dergestalt fort:
    Ich habe gestern gemeldet, wie wir damahligen beiden Patienten die Mahlzeit
mit guten Appetit verzehret, jedoch Concordia befand sich sehr übel drauff,
indem sie gegen Abend ein würckliches Fieber bekam, da denn der abwechselende
Frost und Hitze die ganze Nacht hindurch währete, weswegen mir von Hertzen
angst und bange wurde, so dass ich meine eigenen Schmertzen noch lange nicht so
heftig, als der Concordiæ Zufall empfand.
    Von Artzeneien war zwar annoch ein sehr weniges vorhanden, allein wie konnte
ich wagen ihr selbiges einzugeben? da ich nicht den geringsten Verstand oder
Nachricht hatte, ob ich meiner Patientin damit helffen oder schaden könnte. Gewiss
es war ein starckes Versehen von Mons. van Leuven gewesen, dass er sich nicht mit
einem bessern Vorrat von Artzeneien versorgt hatte, doch es kann auch sein, dass
selbige mit verdorben waren, genung, ich wusste die ganze Nacht nichts zu tun,
als auf den Knien bei der Concordia zu sitzen, ihr den kalten Schweiss von
Gesicht und Händen zu wischen, dann und wañ kühlende Blätter auf ihre Stirn und
Arme zu binden, nächst dem den allerhöchsten Artzt um unmittelbare kräfftige
Hülffe anzuflehen. Gegen Morgen hatte sie zwar, so wohl als ich, etwa 3. Stunden
schlaff, allein die vorige Hitze stellete sich Vormittags desto heftiger wieder
ein. Die arme kleine Concordia fieng nunmehro auch, wie ich glaube, vor Hunger
und Durst, erbärmlich an zu schreien, verdoppelte also unser Hertzeleid auf
jämmerliche Art, indem sie von ihrer Mutter nicht einen Tropffen Nahrungs-Safft
erhalten konnte. Es war mir allbereit in die Gedancken kommen, ein paar melckende
Ziegen einzufangen, allein auch diese Tiere waren durch das öfftere schiessen
dermassen wild worden, dass sie sich allezeit auf 20. biss 50. Schritt von mir
entfernt hielten, also meine 3. stündige Mühe vergeblich machten, also traf ich
meine beiden Concordien, bei meiner Zurückkunft, in noch weit elendern Zustande
an, indem sie vor Mattigkeit kaum noch lechzen konten. Solchergestallt wusste ich
kein ander Mittel, als allen beiden etwas von dem mit reinen Wasser vermischten
Palm-Saffte einzuflössen, indem sie sich nun damit ein wenig erquickten, gab mir
der Himmel einen noch glücklichern Einfall. Denn ich lieff alsobald wieder fort,
und trug ein Körblein voll von der den Europäischen Apricosen oder Morellen
gleichförmigen, doch weit grössern Frucht ein, schlug die harten Kernen entzwei,
und bereitete aus den inwendigen, welche an Annehmlich-und Süssigkeit die süssen
Mandeln bei weiten übertreffen, auch noch viel gesünder sein, eine
unvergleichlich schöne Milch, so wohl auch ein herrliches Gemüse, mit welchen
beiden ich das kleine Würmlein ungemein kräfftig stärcken und ernehren konnte.
    Concordia vergoss teils vor Schmertzen und Jammer, teils vor Freuden, dass
sich einige Nahrung vor ihr Kind gefunden, die heissesten Tränen. Sie kostete
auf mein Zureden die schöne Milch, und labete sich selbst recht hertzlich daran,
ich aber, so bald ich dieses merckte: setzte alle unwichtige Arbeit bei seite,
und tat weiter fast nichts anders als dergleichen Früchte in grosser Menge
einzutragen, und Kernen aufzuschlagen, jedoch durffte nicht mehr als auf einen
Tag und Nacht Milch zubereiten, weil die Übernächtige ihre schmackhafte Krafft
allezeit verlohr.
    Solchergestalt befand sich nun nicht allein das Kind vollkommen befriediget,
sondern die Mutter konnte 4. Tage hernach selbiges, zu aller Freude, aus ihrer
Brust stillen, und am 6ten Tage frisch und gesund das Bette verlassen, auch,
wiewol wider meinen Rat, allerhand Arbeit mit verrichten. Wir danckten dem
Allmächtigen hertzlich mit beten und singen vor dessen augenscheinliche Hülffe,
und meinten nunmehro in so weit ausser aller Gefahr zu sein; Allein die Reihe
des kranckliegens war nun an mir, denn weil ich meine Haupt-Wunde nicht so wohl
als die auf der Schulter warten können, geriet dieselbe erstlich nach 12. Tagen
dermassen schlimm, dass mir der Kopf heftig auffschwoll, und die innerliche
grosse Hitze den ganzen Cörper aufs grausamste überfiel.
    War mein Bezeugen bei Concordiens Unpässlichkeit ängstlich und sorgfältig
gewesen, so muss ich im gegenteil bekennen, dass ihre Bekümmernis die meinige zu
übertreffen schien, indem sie mich besser als sich und ihr Kind selbst pflegte
und wartete. Meine Wunden wurden mit ihrer Milch ausgewaschen, und mit darein
getauchten Tüchleins bedeckt, mein ganzes Gesichte, Hande und Füsse aber
belegte sie mit dergleichen Blättern, welche ihr so gute Dienste getan hatten,
suchte mich anbei mit den kräfftigsten Speisen und Geträncke, so nur zu erfinden
war, zu erquicken. Allein es wollte binnen 10. Tagen nicht das geringste
anschlagen, sondern meine Kranckheit schien immer mehr zu, als ab zu nehmen,
welches Concordia, ohngeacht ich mich stärcker stellete, als ich in der Tat
war, dennoch merckte, und derowegen vor Hertzeleid fast vergehen wollte. Ich bat
sie instandig, ihr Betrübnis zu mässigen, weil ich das feste Vertrauen zu GOTT
hätte, und fast ganz gewiss versichert wäre, dass er mich nicht so früh würde
sterben lassen; Allein sie konnte ihrem Klagen, Seufzen u. Tränen, durchaus
keinen Einhalt tun, wollte ich also haben, dass sie des Nachts nur etwas ruhen
sollte, so musste mich zwingen, stille zu liegen, und tun als ob ich feste
schlieffe, obgleich offters der grossen Schmertzen wegen in 2. mal 24. Stunden
kein rechter Schlaf in meine Augen kam. Da ich aber einsmals gegen Morgen sehr
sanft eingeschlummert war, träumte mich, als ob Don Cyrillo de Valaro vor
meinem Bette sässe, mich mit freundlichen Gebärden bei der rechten Hand
anfassete und spräche: Ehrlicher Albert! sage mir doch, warum du meine
hinterlassenen Schrifften zu deinem eigenen Wohlsein nicht besser untersuchest.
Gebrauche doch den Safft von diesem Kraut und Wurtzel, welches ich dir hiermit
im Traume zeige, und welches häuffig vor dem Aussgange der Höle wächset, glaube
dabei sicher, dass dich GOtt erhalten und deine Wunden heilen wird, im übrigen
aber erwege meine Schrifften in Zukunft etwas genauer, weil sie dir und deinen
Nachkommen ein herrliches Licht geben.
    Ich fuhr vor grossen Freuden im Schlafe auf, und streckte meine Hand nach
der Pflantze aus, welche mir, meinen Gedancken nach, von Don Cyrillo vorgehalten
wurde, merckte aber sogleich, dass es ein Traum gewesen. Concordia fragte mit
weinenden Augen nach meinem Zustande. Ich bat, sie sollte einen frischen Mut
fassen, weil mir GOTT bald helffen würde, nahm mir auch kein Bedencken, ihr
meinen nachdencklichen Traum völlig zu erzählen. Hierauff wischete sie
augenblicklich ihre Tränen ab, und sagte: Mein Freund, dieses ist gewiss kein
blosser Traum, sondern ohnfehlbar ein Göttliches Gesichte, hier habt ihr des Don
Cyrillo Schriften, durchsuchet dieselben aufs fleissigste, ich will inzwischen
hingehen und vielerlei Kräuter abpflücken, findet ihr dasjenige darunter,
welches ihr im schlafe gesehen zu haben euch erinnern könnet, so wollen wir
solches in GOTTES Nahmen zu euerer Artzenei gebrauchen.
    Mein Zustand war ziemlich erleidlich, nachdem sie mir also des Don Cyrillo
Schrifften, nebst einer brennenden Lampe vor mein Lager gebracht, und eilig
fortgegangen war, fand ich ohne mühsames suchen diejenigen Blätter, welche van
Leuven und ich wenig geachtet, in Lateinischer Sprache unter folgenden Titul:
»Verzeichnis, wie, und womit ich die, mir in meinen mühseeligen Leben gar
öffters zugestossenen Leibes-Gebrechen und Schäden geheilet habe.« Ich lief
dasselbe so hurtig durch, als es meine nicht allzuvollkommene Wissenschaft der
Lateinischen Sprache zuliess, und fand die Gestalt, Tugend und Nutzbarkeit eines
gewissen Wund-Krauts, so wohl bei der Gelegenheit, da dem Don Cyrillo ein Stück
Holtz auf dem Kopf gefallen war, als auch da er sich mit dem Beile eine
gefährliche Wunde ins Bein versetzt, nicht weniger bei andern Beschädigungen,
dermassen eigentlich und ausführlich beschrieben, dass fast nicht zweiffeln
konnte, es müste eben selbiges Kraut und Wurtzel sein, welches er mir im Traume
vorgehalten. Unter diesem meinen Nachsinnen, kam Cordia mit einer ganzen
Schürtze voll Kräuter von verschiedenen Arten und Gestallten herbei, ich
erblickte hierunter nach wenigen herum werffen gar bald dasjenige, was mir Don
Cyrillo so wohl schrifftlich bezeichnet, als im Traume vorgehalten hatte.
Derowegen richteten wir selbiges nebst der Wurtzel nach seiner Vorschrifft zu,
machten anbei von etwas Wachs, Schiff-Pech und Hirsch-Unschlit ein Pflaster,
verbanden damit meine Wunden, und legten das zerquetschte Kraut und Wurtzel
nicht allein auf mein Gesicht, sondern fast über den ganzen Leib, worvon sich
die schlimmen Zufälle binnen 4. oder 5. Tagen gäntzlich verloren, und ich nach
Verlauff zweier Wochen vollkommen heil und gesund wurde.
    Nunmehro hatte so wohl ich als Concordia recht erkennen lernen, was es vor
ein edles tun um die Gesundheit sei. Als wir derowegen unser Te Deum laudamus
abgesungen und gebetet hatten, wurde Rat gehalten, was wir in Zukunft täglich
vor Arbeit vornehmen müsten, um unsere kleine Wirtschaft in guten Stand zu
setzen, damit wir im fall der Not sogleich alles, was wir brauchten, bei der
Hand haben könten. Tag und Nacht in der unterirrdischen, ob zwar sehr bequemen
Höle zu wohnen, wollte Concordien durchaus nicht gefallen, derowegen fieng ich
an, oben auf dem Hügel, neben der schönen Lauber-Hütte, ein bequemes Häusslein
nebst einer kleinen Küche zu bauen, auch einen kleinen Keller zu graben, in
welchen letztern wir unser Geträncke, so wohl als das frische Fleisch und andere
Sachen, vor der grossen Hitze verbergen könten. Hiernechst machte ich vor die
kleine Tochter zum Feierabende, an einem abgelegenen Orte, eine bequeme, wiewol
nicht eben allzu zierliche Wiege, worüber meine Hausswirtin, da ich ihr dieselbe
unverhofft brachte, eine ungemeine Freude bezeigte, und dieselbe um den
allergrösten Gold-Klumpen nicht vertauscht hätte, denn das Wiegen gefiel den
kleinen Mägdelein dermassen wohl, dass wir selbst unsere eintzige Freude daran
sahen.
    Unser ganzer Geträyde-Vorrat, welchen wir auf dieser Insul unter den
wilden Gewächsen aufgesammlet hatten, bestund etwa in drei Hütten voll
Europäischen Korns, 1. Hut voll Weitzen, 4. Hütten Gerste, und zwei ziemlich
grossen Säcken voll Reiss, als von welchem letztern wir Mehl stampften, solches
durchsiebeten und das Kind damit nehreten, einen Sack Reiss aber, nebst dem
andern Geträyde, zur Ausssaat spareten. Uber dieses alles, fanden sich auch bei
nahe 2. Hüte voll Erbsen, sonsten aber nichts von bekandten Früchten, desto mehr
aber von unbekandten, deren wir uns zwar nach und nach zur Leibes-Nahrung, in
Ermangelung des Brodtes gebrauchen lerneten, doch ihre Nahmen als Plantains,
James, Patates, Bananes und dergleichen mehr, nebst deren bessern und
angenehmern Nutzung, erfuhren wir erstlich in vielen Jahren hernach von Robert
Hulter, der kleinen Concordia nachherigem Ehe-Manne.
    Inzwischen wandte ich damaliger Zeit, jedes Morgens frühe 3. Stunden, und
gegen Abend eben so viel, zu Bestellung meiner Aecker an, und zwar in der Gegend
wo voritzo der grosse Garten ist, weil ich selbigen Platz, wegen seiner Nähe und
Sicherheit vor dem Wilde, am geschicktesten darzu hielt. Die übrigen
Tages-Stunden aber, ausser den Mittags-Stunden, in der grösten Hitze, welche ich
zum Lesen und aufschreiben aller Dinge die uns begegneten, anwandte, machte ich
mir andern Zeitvertreib, indem ich einige kleine Plätze starck verzäunete, und
die auf listige Art gefangenen Ziegen, nebst andern jungen Wildpret hinein
sperrete welches alles Concordia täglich mit gröster Lust speisete und tränckte,
die Milchtragenden Ziegen aber, nach und nach, so zahm machte, dass sie sich ihre
Milch gutwillig nehmen liessen, die wir nicht allein an sich selbst zur Speise
vor klein und grosse gebrauchen, sondern auch bald einen ziemlichen Vorrat von
Butter uñ Käse bereiten konten, indem ich biñen Monats-Frist etliche 20. Stück
melckende, halb so viel andere, und 9. Stück jung Wildpret eingefangen hatte.
    Wir ergötzten uns ganz besonders, wenn wir an unsere zukünftige Saat und
Erndte gedachten, weil der Appetit nach ordentlichen Brodte ganz ungemein war,
gebrauchten aber mittlerweile an dessen statt öffters die gekochten
Wildprets-Lebern, als worzu wir unsere Käse und Butter vortrefflich geniessen
konten.
    Solchergestalt wurden die heissesten Sommer-Monate ziemlich vergnügt
hingebracht, ausgenommen, wenn uns die erlittenen Trauer-Fälle ein betrübtes
Zurückdencken erweckten, welches wir aber immer eines dem andern zu gefallen, so
viel möglich, verbargen, um unsere in etwas verharrschten Hertzens-Wunden nicht
von neuen aufzureissen, mitin das ohne dem einsame Leben zu verbittern, oder
solche Leute zu heissen, die wider das Verhängnis und Straff-Gerichte GOttes
murren wollten.
    Der gütige Himmel schenckte uns mittler Zeit einen angenehmen Zeit-Vertreib
mit der Wein-Erndte, indem wir ohne die Trauben, deren wir täglich viel
verzehreten, wider alles Vermuten ohngefähr 200. Kannen Most ausdrücken, und 2.
ziemlich grosse Säcke voll aufgetrocknete Trauben samlen konten, welches gewiss
eine herrliche Sache zu unserer Wirtschaft war. Unsere Untertanen, die Affen,
schienen hierüber sehr vedriesslich zu sein, indem sie vielleicht selbst grosse
Liebhaber dieser edlen Frucht waren, hatten auch aus Leichtfertigkeit viel zu
Schanden gemacht, doch, da ich mit der Flinte etliche mahl blind Feuer gegeben,
gerieten sie in ziemlichen Gehorsam und Furcht.
    Ich weiss nicht, wie es kommen war, dass Concordia eines Tages einen
mittelmässigen Affen, unter einem Baum liegend, angetroffen, welcher das rechte
Hinterbein zerbrochen, und sich jämmerlich geberdet hatte. Ihr gewöhnliches
weichhertziges Gemüt treibt sie so weit, dass, ohngeacht dergleichen Tiere ihre
Gnade sonsten eben nicht sonderlich hatten, sie diesen verunglückten allerhand
Liebkosungen machet, sein zerbrochenes Bein mit einem Tuche umwindet, ja so gar
den armen Patienten in ihren Schoss nimmt, und so lange sitzen bleibt, biss ich
darzu kam, und die ganze Begebenheit vernahm. Wir trugen also denselben in
unser Wohn-Haus, verbunden sein Bein mit Pflastern, Schindeln und Binden, und
legten ihn hin auf ein bequemes Lager, deckten auch eins von unsern Haupt-Küssen
über seinen Cörper, und gingen wieder an unsere Arbeit. Gegen Mittag aber, da
wir zurück kamen, erschrack ich anfänglich einiger massen, da sich 2. alte
Affen, welche ohne Zweiffel des Patienten Eltern sein mochten, bei demselben
aufhielten. Ich wusste anfänglich nicht, ob ich trauen durffte oder nicht? Doch
da sie sich ungemein betrübt und demütig stelleten, nahete ich mich hinzu,
strich den Patienten sanft auf das Haupt, sah nach seinem Beine, und befand,
dass er unverrückt liegen geblieben war, weswegen er noch ferner von mir
gestreichelt und mit etlichen guten Früchten gespeiset wurde. Die 2. Alten so
wohl als der Patient selbst, liessen mich hierauf ihre Danckbarkeit mit Leckung
meiner Hände spüren, streichelten auch mit ihren Vorder-Pfoten meine Kleider und
Füsse sehr sanfte, und bezeugten sich im übrigen dermassen untertänig und
klug, dass ich fast nichts als den Mangel der Sprache bei ihnen auszusetzen
hatte. Concordia kam auch darzu, und hatte nunmehro ein besonderes Vergnügen an
der Treuhertzigkeit dieser unvernünftigen Tiere, der Krancke streckte seine
Pfote gegen dieselbe aus, so, dass es das Ansehen hatte, als ob er sie willkommen
heissen wollte, und da sie sich zu ihm nahete, schmeichelte er ihr mit Leckung
der Hände und andern Liebkosungen auf solche verbindliche Art, dass es mit Lust
anzusehen war. Die zwei Alten lieffen hierauf fort, kamen aber gegen Abend
wieder, und brachten uns zum Geschenck 2. grosse Nüsse mit, deren jede 5. biss 6.
Pfund wog, sie zerschlugen dieselben recht behutsam mit Steinen, so, dass die
Kernen nicht zerstückt wurden, welche sie uns auf eine recht liebreiche Art
præsentirten, und sich erfreuten, da sie aus unsern Gebärden vermerckten, dass
wir deren Annehmlichkeit rühmeten. Ob ich nun gleich damahls noch nicht wusste,
dass diese Früchte Cocos-Nüsse hiessen, sondern es nachhero erst von Robert
Hulter erfuhr, so reizte mich doch deren Vortrefflichkeit an, den beiden alten
Affen so lange nachzuschleichen, biss ich endlich an den Ort kam, wo in einem
kleinen Bezirck etwa 15. biss 18. Bäume stunden, die dergleichen Früchte trugen,
allein Concordia und ich waren nicht so näschig, alle Nüsse aufzuzehren, sondern
steckten dieselben an vielen Orten in die Erde, woher denn kommt, dass nunmehro
auf dieser Insul etliche 1000. Cocos-Bäume anzutreffen sind, welches gewiss eine
ganz besondere Nutz- und Kostbarkeit ist. Jedoch wiederum auf unsere Affen zu
kommen, so muss ich ferner erzählen, dass ohngeacht der Patient binnen 5. oder 6.
Wochen völlig gerade und glücklich curirt war, jedennoch weder derselbe noch die
zwei Alten von uns zu weichen begehreten, im Gegenteil noch 2. junge
mitbrachten, mitin diese fünffe sich gäntzlich von ihrer andern Cameradschaft
absonderten, und also anstelleten, als ob sie wirklich bei uns zu Hause
gehöreten.
    Wir hatten aber von den 3. erwachsenen weder Verdruss noch Schaden, denn
alles was wir taten, afften sie nach, wurden uns auch nach und nach ungemein
nützlich, indem von ihnen eine ungemeine Menge der vortrefflichsten Früchte
eingetragen wurden, so oft wir ihnen nur ordentlich darzu gemachte Säcke
anhingen, ausser dem trugen sie das von mir klein gespaltete Holtz öffters von
weiten Orten her zur Küche, wiegten eins um das andere unser Kind, langeten die
angehängten Gefässe voll Wasser, in Summa, sie taten ohne den geringsten
Verdruss fast alle Arbeit mit, die wir verrichteten, und ihnen zu verrichten
lehreten, so, dass uns dieses unser Haus-Gesinde, welches sich zumahlen selbst
beköstigte, nicht allein viele Erleichterung in der Arbeit, sondern auch ausser
derselben mit ihren possirlichen Streichen manche vergnügte Stunde machten. Nur
die 2. jüngsten richteten zuweilen aus Frevel mancherlei Schaden und Unheil an,
da wir aber mit der allergrösten Verwunderung merckten, dass sie dieserwegen von
den 2. Alten recht ordentlicher Weise mit Gebärden und Schreien gestrafft, ja
öffters so gar geschlagen wurden, vergriffen wir uns sehr selten an ihnen, wenn
es aber ja geschahe, demütigten sich die jungen wie die zahmen Hunde, bei den
Alten aber war dieserwegen nicht der geringste Eiffer zu spüren.
    Dem allen ohngeacht war doch bei mir immer ein geheimes Misstrauen gegen
dieses sich so getreu anstellende halb vernünftige Gesinde, derowegen bauete
ich vor dieselben einen geraumlichen festen Stall mit einer starcken Türe,
machte vor jedweden Affen eine bequeme Lager-Stätte, nebst einem Tische,
Bäncken, ingleichen allerhand Spielwerck hinein, und verschloss unsere Bedienten
in selbigen, nicht allein des Nachts, sondern auch bei Tage, so oft es uns
beliebte.
    Immittelst da ich vermerckte, dass die Sonne mit ihren hitzigen Strahlen
einiger massen von uns abzuweichen begunte, und mehr Regen-Wetter, als bisher,
einfiel, bestellete ich mit Concordiens treulicher Hülffe unser Feld, nach des
Don Cyrillo schrifftlicher Anweisung, aufs allersorgfältigste, und behielt an
jeder Sorte des Getreides auf den äusersten Notfall, wenn ja alles ausgesäete
verderben sollte, nur etwas weniges zurücke. Vom Reiss aber, als wormit ich 2.
grosse Aecker bestellet, behielten wir dennoch bei nahe zwei gute Scheffel
überlei.
    Hierauf hielten wir vor ratsam, uns auf den Winter gefast zu machen,
derowegen schoss ich einiges Wildpret, und saltzten dasselbe, wie auch das
ausgeschlachtete Ziegen-Fleisch ein, wobei uns so wohl die alten als jungen
Affen gute Dienste taten, indem sie das in den Stephans-Raumer Saltz-Bergen
ausgehauene Saltz auf ihren Rücken biss in unsere unter-irrdische Höle tragen
mussten. Hiernächst schleppten wir einen grossen Hauffen Brenn-Holtz zusammen,
baueten einen Camin in unserem Wohnhause auf dem Hügel, trugen zu den allbereits
eingesammleten Früchten noch viel Kräuter und Wurtzeln ein, die teils
eingemacht, teils in Sand verscharret wurden, und kurtz zu sagen, wir hatten
uns dergestalt angeschickt, als ob wir den allerhärtesten Winter in Holland oder
andern noch viel kältern Ländern abzuwarten hätten.
    Allein, wie befanden sich doch unsere vielen Sorgen, grosse Bemühungen und
furchtsame Vorstellungen, wo nicht gäntzlich, doch meistenteils vergeblich?
Denn unser Herbst, welcher dem Holländischen Sommer bei nahe gleich kam, war
kaum verstrichen, als ein solcher Winter einfiel, welchen man mit gutem Recht
einen warmen und angenehmen Herbst nennen konnte, offtermahls fiel zwar ein
ziemlicher Nebel und Regen-Wetter ein, allein von durchdringender Kälte, Schnee
oder Eis, spüreten wir so wenig als gar nichts, der grasigte Boden blieb immer
grün, und der guten Concordia zusammen getragene grosse Heu-Hauffen dieneten zu
nichts, als dass wir sie hernach den Affen zum Lust-Spiele Preis gaben, da sie
doch nebst vielen aufgetrockneten Baum-Blättern unserem eingestalleten Viehe zur
Winter-Nahrung bestimmt waren. Unsere Saat war nach hertzens-Lust aufgegangen,
und die meisten Bäume veränderten sich fast nicht, diejenigen aber, so ihre
Blätter verloren, waren noch nicht einmal völlig entblösset, da sie schon
frische Blätter und Blüten austrieben. Solchergestalt wurde es wieder Frühling,
da wir noch immer auf den Winter hofften, weswegen wir die Wunder-Hand GOttes in
diesem schönen Revier mit erstaunender Verwunderung erkandten und verehreten.
    Es war uns aber in der Tat ein wunderbarer Wechsel gewesen, da wir das
heilige Weihnachts-Fest fast mitten im Sommer, Ostern im Herbst, wenig Wochen
nach der Weinlese, und Pfingsten in dem so genannten Winter gefeiert hatten.
Doch weil ich in meinen Schul-Jahren etwas weniges in den Land-Charten und auf
dem Globo gelernet, auch unter Mons. van Leuvens hinterlassenen wenigen
Land-Charten und Büchern eins fand, welches mir meinen natürlichen Verstand
ziemlicher massen schärffte, so konnte ich mich nicht allein bald in diese
Veränderung schicken, sondern auch die Concordia dessen belehren, und meine
Tage-Bücher oder Calender auf viele Jahre in Voraus machen, damit wir doch
wissen möchten, wie wir uns in die Zeit schicken, und unsern Gottesdienst gleich
andern Christen in der weiten Welt anstellen sollten.
    Hierbei kann unberühret nicht lassen, dass ich nach der, mit der Concordia
genommenen Abrede, gleich in meinen zu erst verfertigten Calender auf das Jahr
1647. Drei besondere Fest-Bet- und Fast-Tage anzeichnete, als erstlich den 10.
Sept. an welchen wir zusammen in diese schöne Insul eingestiegen waren, und
derowegen GOtt, vor die sonderbare Lebens-Erhaltung, so wohl im Sturme als
Kranckheit und andern Unglücks-Fällen, den schuldigen Danck abstatten wollten.
Zum andern den 11. Novembr. an welchen wir jährlich den erbärmlichen Verlust
unsers lieben van Leuvens zu beklagen verbunden. Und drittens den 11. Dec. der
Concordiens glücklicher Entbindung, hiernächst der Errettung von des Lemelie
Schand- und Mord-Streichen, auch unser beiderseits wieder erlangter Gesundheit
wegen angestellet war. Diese drei Fest-Bet- und Fast-Tage, nebst andern
besondern Feiertagen, die ich Gedächtnisses wegen noch ferner hinzu gefüget,
sind biss auf gegenwärtige Zeit von mir und den Meinen allezeit unverbrüchlich
gefeiert worden, und werdet ihr, meine Lieben, kommenden Dienstag über 14. Tage,
da der 11. Dec. einfällt, dessen Zeugen sein.
    Jedoch, fuhr unser Alt-Vater Albertus fort, ich kehre wieder zu den
Geschichten des 1647. Jahres, und erinnere mich noch immer, dass wir mit dem
neuen Früh-Jahre, so zu sagen, fast von neuen anfingen lebhaft zu werden, da
wir uns nehmlich der verdriesslichen Winters-Not allhier auf dieser Insul
entübriget sahen.
    Wiewohl nun bei uns nicht der geringste Mangel, weder an Lebens-Mitteln,
noch andern Bedürffnissen und Bequemlichkeiten vorhanden war, so konnte doch ich
nicht müssig sitzen, sondern legte einen geraumlichen Küchen-Garten an, und
versetzte verschiedene Pflantzen und Wurtzeln hinein, die wir teils aus des Don
Cyrillo Beschreibung, teils aus eigener Erfahrung vor die annehmlichsten und
nützlichsten befunden hatten, um selbige nach unsern Verlangen gleich bei der
Hand zu haben. Hiernächst legte ich mich starck auf das Pfropffen und Fortsetzen
junger Bäume, brachte die Wein-Reben in bessere Ordnung, machte etliche
Fisch-Kästen, setzte allerhand Arten von Fischen hinein, um selbige, so oft wir
Lust darzu hatten, gleich heraus zu nehmen, bauete Schuppen und Ställe vor das
eingefangene Wildpret und Ziegen, zimmerte Fress-Tröge, Wasser-Rinnen und
Saltz-Lecken vor selbige Tiere, und mit wenig Worten zu sagen, ich führete mich
auf als ein solcher guter Haus-Wirt, der Zeit Lebens auf dieser Insul zu
verbleiben sich vorgesetzet hätte.
    Inzwischen, ob gleich bei diesem allen Concordia mir wenig helffen durffte,
so sass sie doch in dem Hause niemahls müssig, sondern nehete vor sich, die kleine
Tochter und mich allerhand nötige Kleidungs-Stücke, denn wir hatten in denen,
auf den Sand-Bäncken angeländeten Ballen, vieles Tuch, Seiden-Zeug und Leinwand
gefunden, so, dass wir vor unsere und wohl noch 20. Personen auf Lebens-Zeit
notdürfftige Kleider daraus verfertigen konten. Es war zwar an vielen Tüchern
und seidenen Zeugen durch das eingedrungene See-Wasser die Farbe ziemlich
verändert worden, jedoch weil wir alles in der Sonne zeitlich abgetrocknet
hatten, ging ihm an der Haltbarkeit ein weniges ab, und um die Zierlichkeit
bekümmerten wir uns noch weniger, weil Concordia das schlimste zu erst
verarbeitete, und das beste biss auf künftige Zeiten versparen wollte, wir aber
der Mode wegen einander nichts vor übel hielten.
    Unsere Saat-Felder stunden zu gehöriger Zeit in erwünschter Blüte, so, dass
wir unsere besondere Freude daran sahen, allein, die frembden Affen gewöhneten
sich starck dahin, rammelten darinnen herum, und machten vieles zu schanden, da
nun unsere Haus-Affen merckten, dass mich dieses gewaltig verdross, indem ich
solche Freveler mit Steinen und Prügeln verfolgte, waren sie täglich auf guter
Hut, und unterstunden sich, ihre eigenen Anverwandten und Cameraden mit
Steinwerffen zu verjagen. Diese wichen zwar anfänglich etliche mahl, kamen aber
eines Tages etliche 20. starck wieder, und fingen mit unsern getreuen
Haus-Bedienten einen ordentlichen Krieg an. Ich ersah dieses von ferne, lieff
geschwinde zurück, und langete aus unserer Wohnung zwei geladene Flinten,
kehrete mich etwas näher zum Kampff-Platze, und wurde gewahr, dass einer von den
unsern, die mit roten Hals-Bändern gezeichnet waren, starck verwundet zu Boden
lag, gab derowegen 2. mahl auf einander Feuer, und legte darmit 3. Feinde
darnieder, weswegen sich die ganze feindliche Partei auf die Flucht begab,
meine 4. unbeschädigten siegend zurück kehreten, und den beschädigten Alten mit
traurigen Gebärden mir entgegen getragen brachten, der aber, noch ehe wir unsere
Wohnung erreichten, an seiner tödlichen Haupt-Wunde starb.
    Es war das Weiblein von den 2. Aeltesten, und ich kann nicht sagen, wie sehr
der Wittber und die vermutlichen Kinder sich über diesen Todes-Fall betrübt
bezeugten. Ich ging nach unserer Behausung, erzehlete der Concordia, was
vorgegangen war, und diese ergriff nebst mir ein Werckzeug, um ein Loch zu
machen, worein wir die auf dem Helden-Bette verstorbene Aeffin begraben wollten;
allein, wir traffen bei unserer Dahinkunft niemand an, sondern erblickten von
ferne, dass die Leiche von den 4. Leidtragenden in den West-Fluss geworffen wurde,
kehreten derowegen zurück, und sahen bald hernach unsere noch übrigen 4.
Bedienten ganz betrübt in ihren Stall gehen, worinnen sie bei nahe zweimahl 24.
Stunden ohne Essen und Trincken stille liegen blieben, nachhero aber ganz
freudig wieder heraus kamen, und nachdem sie tapffer gefressen und gesoffen,
ihre vorige Arbeit verrichteten. Mich ärgerte diese Begebenheit dermassen, dass
ich alle frembden Affen täglich mit Feuer und Schwerdt verfolgte, und dieselben
binnen Monats-Frist in die Waldung hinter der grossen See vertrieb, so, dass sich
gar kein eintziger mehr in unserer Gegend sehen liess, mitin konten wir nebst
unsern Haus-Dienern in guter Ruh leben, wiewohl der alte Wittber sich in wenig
Tagen verlohr, doch aber nebst einer jungen Gemahlin nach 6. Wochen wiederum bei
uns einkehrete, und den lächerlichsten Fleiss anwandte, biss er dieselbe nach und
nach in unsere Hausshaltung ordentlich gewöhnete, so, dass wir sie mit der Zeit so
aufrichtig als die verstorbene erkandten, und ihr, das besondere Gnaden-Zeichen
eines roten Hals-Bandes umzulegen, kein Bedencken trugen.
    Mittlerzeit war nunmehro ein ganzes Jahr verflossen, welches wir auf dieser
Insul zugebracht, derowegen auch der erste Fest-Bet- und Fast-Tag gefeiret
wurde, der andere, als unser besonderer Trauer-Tag, lieff ebenfalls vorbei, und
ich muss gestehen, dass, da wir wenig oder nichts zu arbeiten hatten, unsere
Sinnen wegen der erneuerten Betrübnis ganz niedergeschlagen waren. Dieselben,
um wiederum in etwas aufzumuntern, ging ich fast täglich mit der Concordia, die
ihr Kind im Mantel trug, durch den Felsen-Gang an die See spatziren, wohin wir
seit etlichen Monaten nicht gekommen, erblickten aber mit nicht geringer
Verwunderung, dass uns die Wellen einen starcken Vorrat von allerhand
eingepackten Waaren und zerscheiterten Schiffs-Stücken zugeführet hatten. Ich
fassete so gleich den Vorsatz, alles auf unsere Insul zu schaffen, allein, da
mir ohnverhofft ein in ziemlicher Weite vorbei fahrendes Schiff in die Augen
kam, geriet ich auf einmal ganz ausser mir selbst, so bald aber mein Geist
sich wieder erholte, fing ich an zu schreien, zu schiessen, und mit einem Tuche
zu wincken, trieb auch solche mühsame, wiewohl vergebliche Bemühung so lange,
biss sich gegen Abend so wohl das vorbei fahrende Schiff als die Sonne aus unsern
Gesichte verlohr, da ich denn meines Teils ganz vedriesslich und betrübt zurück
kehrete, in lauter verwirrten Gedancken aber unterweges mit Concordien kein Wort
redete, biss wir wieder in unserer Behausung anlangten, allwo sich die 5. Affen
als Wächter vor die Tür gelagert hatten.
    Concordia bereitete die Abend-Mahlzeit, wir speiseten, und hielten hierauf
zusammen ein Gespräch, in welchem ich vermerckte, dass sich dieselbe wenig oder
nichts um das vorbei gefahrne Schiff bekümmerte, auch grössere Lust auf dieser
Insul zu sterben bezeugte, als sich in den Schutz frembder und vielleicht
barbarischer Leute zu begeben. Ich hielte ihr zwar dergleichen Gedancken, als
einer furchtsamen und schwachen Weibs-Person, die zumahlen ihres unglücklichen
Schicksals halber einen Eckel gegen fernere Lust gefasset, zu gute, aber mit mir
hatte es eine ganz andere Beschaffenheit. Und was habe ich eben Ursach, meine
damahligen natürlichen Affecten zu verleugnen: Ich war ein junger, starcker, und
fast 20. jähriger Mensch, der Geld, Gold, Edelgesteine und andere Güter im
grösten Uberfluss besass, also gar wohl eine Frau ernehren konnte, allein, der
Concordia hatte ich einen würcklichen Eyd geschworen, ihr mit Vorstellung meiner
verliebten Begierden keinen Verdruss zu erwecken, verspürete über dieses die
stärcksten Merckmahle, dass sie ihren seel. Ehe-Mann noch nach dessen Tode
hertzlich liebte, auf die kleine Concordia aber zu warten, schien mir gar zu
langweilig, obgleich dieselbe ihrer schönen Mutter vollkommenes Ebenbild
vorstellete. Wer kann mich also verdencken, dass meine Sehnsucht so heftig nach
der Gesellschaft anderer ehrlichen Leute anckerte, um mich unter ihnen in guten
Stand zu setzen, und eine tugendhafte Ehegattin auszulesen.
    Es verging mir demnach damahls fast alle Lust zur Arbeit, verrichtete auch
die allernötigste, so zu sagen, fast gezwungener Weise, hergegen brachte ich
täglich die meisten Stunden auf der Felsen-Höhe gegen Norden zu, machte daselbst
ein Feuer an, welches bei Tage starck rauchen und des Nachts helle brennen
musste, damit ein oder anderes vorbei fahrendes Schiff bei uns anzuländen
gereitzet würde, wandte dabei meine Augen beständig auf die offenbare See, und
versuchte zum Zeitvertreibe, ob ich auf der von Lemelie hinterlassenen Zitter
von mir selbst ein oder ander Lied könnte spielen lernen, welches mir denn in
weniger Zeit dermassen glückte, dass ich fast alles, was ich singen, auch
zugleich ganz wohlstimmig mit spielen konnte.
    Concordia wurde über dergleichen Aufführung ziemlich verwirrt und
niedergeschlagen, allein ich konnte meine Sehnsucht unmöglich verbannen,
vielweniger über das Hertze bringen, derselben meine Gedancken zu offenbaren,
also lebten wir beiderseits in einem heimlichen Missvergnügen und verdeckten
Kummer, begegneten aber dennoch einander nach wie vor, mit aller ehrerbietigen,
tugendhaften Freundschaft und Dienst-geflissenheit, ohne zu fragen, was uns
beiderseits auf dem Hertzen läge.
    Mittlerweile war die Ernte-Zeit heran gerückt, und unser Geträyde vollkommen
reiff worden. Wir machten uns derowegen dran, schnitten es ab, und brachten
solches mit Hülffe unserer getreuen Affen, bald in grosse Hauffen. Eben
dieselben mussten auch fleissig dreschen helffen, ohngeacht aber viele Zeit
vergieng, ehe wir die reinen Körner in Säcke und Gefässe einschütten konten, so
habe doch nachhero ausgerechnet, dass wir von dieser unserer ersten Ausssaat
ohngefähr erhalten hatten, 35 Scheffel Reiss, 10. biss 11. Scheffel Korn, 3.
Scheffel Weitzen, 12. biss 14. Scheffel Gersten, und 4. Scheffel Erbsen.
    Wie gross nun dieser Seegen war, und wie sehr wir uns verbunden sahen, dem,
der uns denselben angedeihen lassen, schuldigen Danck abzustatten, so konnte doch
meine schwermütige Sehnsucht nach demjenigen was mir einmal im Hertzen Wurtzel
gefasset hatte, dadurch nicht vermindert werden, sondern ich blieb einmal wie
das andere tieffsinnig, und Concordiens liebreiche und freundliche, jedoch
tugendhafte Reden und Stellungen, machten meinen Zustand allem Ansehen nach nur
immer gefährlicher. Doch blieb ich bei dem Vorsatze, ihr den getanen Eyd
unverbrüchlich zu halten, und ehe zu sterben als meine keusche Liebe gegen ihre
schöne Person zu entdecken.
    Unterdessen wurde uns zur selbigen Zeit ein grausames Schrecken zugezogen,
denn da eines Tages Concordia so wohl als ich nebst den Affen beschäfftiget
waren, etwas Korn zu stossen, und eine Probe von Mehl zu machen, ging
erstgemeldte in die Wohnung, um nach dem Kinde zu sehen, welches wir in seiner
Wiege schlaffend verlassen hatten, kam aber bald mit erbärmlichen Geschrei
zurück gelauffen und berichtete, dass das Kind nicht mehr vorhanden, sondern aus
der Wiege gestohlen sei, indem sie die mit einem höltzernen Schloss verwahrte
Türe eröffnet gefunden, sonsten aber in der Wohnung nichts vermissete, als das
Kind und dessen Kleider. Meine Erstaunung war dieserwegen ebenfalls fast
unaussprechlich, ich lieff selbst mit dahin, und empfand unsern kostbaren
Verlust leider mehr als zu wahr. Demnach schlugen wir die Hände über den Köpffen
zusammen, und stelleten uns mit einem Worte, nicht anders als verzweiffelte
Menschen an, heuleten, schryen und riefen das Kind bei seinem Nahmen, allein da
war weder Stimme noch Antwort zu hören, das eiffrigste Suchen auf und um den
Hügel unserer Wohnung herum war fast 3. Stunden lang vergebens, doch endlich, da
ich von ferne die Spitze eines grossen Heu-Hauffens sich bewegen sah, geriet
ich plötzlich auf die Gedancken: Ob vielleicht der eine von den jüngsten Affen
unser Töchterlein da hinauff getragen hätte, und fand, nachdem ich auf einer
angelegten Leiter hinauf gestiegen, mich nicht betrogen. Denn das Kind und der
Affe machten unterdessen, da sie zusammen ein frisches Obst speiseten, allerhand
lächerliche Possen. Allein da das verzweiffelte Tier meiner gewahr wurde, nahm
es das Kind zwischen seine Vorder-Pfoten, uñ rutschte mit selbigem auf jener
Seite des Hauffens herunter, worüber ich Schreckens wegen fast von der Leiter
gestürtzt wäre, allein es war glücklich abgegangen. Denn da ich mich umsah,
lieff der Kinder-Dieb mit seinem Raube aufs eiligste nach unserer Behausung,
hatte, als ich ihn daselbst antraff, das fromme Kind so geschickt aus- als
angezogen, selbiges in seine Wiege gelegt, sass auch darbei und wiegte es so
ernstaftig ein, als hätte er kein Wasser betrübt.
    Ich wusste teils vor Freuden, teils vor Grimm gegen diesen Freveler nicht
gleich was ich machen sollte, mittlerweile aber kam Concordia, so die ganze
Comoedie ebenfalls von ferne mit angesehen hatte, mit Zittern und Zagen herbei,
indem sie nicht anders vermeinte, es würde dem Kinde ein Unglück oder Schaden
zugefügt sein, da sie es aber Besichtigte, und nicht allein frisch und gesund,
sondern über dieses ausserordentlich gutes Muts befand, gaben wir uns endlich
zufrieden, wiewol ich aber beschloss, dass dieser allerleichtfertigste Affe seinen
Frevel durchaus mit dem Leben büssen sollte, so wollte doch Concordia aus
Barmhertzigkeit hierein nicht willigen, sondern bat: Dass ich es bei einer
harten Leibes-Züchtigung bewenden lassen möchte, welches denn auch geschahe,
indem ich ihn mit einer grossen Rute von oben biss unten dermassen peitschte,
dass er sich in etlichen Tagen nicht rühren konnte, welches so viel fruchtete, dass
er in künftigen Zeiten seine freveln Streiche ziemlicher massen unterliess.
    Von nun an schien es, als ob uns die, zwar jederzeit hertzlich lieb gewesene
kleine Concordia, dennoch um ein merckliches lieber wäre, zumahlen da sie
anfieng allein zu lauffen, und verschiedene Worte auf eine angenehme Art her zu
lallen, ja dieses kleine Kind war öffters vermögend meinen innerlichen Kummer
ziemlicher massen zu unterbrechen, wiewol nicht gäntzlich aufzuheben.
    Nachdem wir aber einen ziemlichen Vorrat von Rocken-Reiss- und Weitzen-Mehle
durchgesiebt und zum Backen tüchtig gemacht, ich auch einen kleinen Back-Ofen
erbauet, worinnen auf einmal 10. oder 12. drei biss 4 Pfündige Brodte gebacken
werden konten, und Concordia die erste Probe ihrer Beckerei, zu unserer grösten
Erquickung und Freude glücklich abgeleget hatte; Konten wir uns an dieser
allerbesten Speise, so über Jahr und Tag nunmehro nicht vor unser Maul kommen
war, kaum satt sehen und essen.
    Dem ohngeacht aber, verfiel ich doch fast ganz von neuen in meine
angewöhnte Melancholei, liess viele Arbeits-Stücken liegen, die ich sonsten mit
Lust vorzunehmen gewohnt gewesen, nahm an dessen statt in den
Nachmittags-Stunden meine Flinte und Zitter, und stieg auf die Nord-Felsen-Höhe,
als wohin ich mir einen ganz ungefährlichen Weg gehauen hatte.
    Am Heil. 3. Königs-Tage des 1648ten Jahres, Mittags nach verrichteten
Gottesdienste, war ich ebenfalls im Begriff dahin zu steigen, Concordia aber,
die solches gewahr wurde, sagte lächelnd: Mons. Albert, ich sehe dass ihr
spazieren gehen wollet, nehmet mir nicht übel, wenn ich euch bitte, eure kleine
Pflege-Tochter mit zu nehmen, denn ich habe mir eine kleine nötige Arbeit
vorgenommen, worbei ich von ihr nicht gern verhindert sein wollte, saget mir
aber, wo ihr gegen Abend anzutreffen seid, damit ich euch nachfolgen und selbige
zurück tragen kann. Ich erfüllete ihr Begehren mit gröster Gefälligkeit, nahm
meine kleine Schmeichlerin, die so gern bei mir, als ihrer Mutter blieb, auf den
Arm, versorgte mich mit einer Flasche Palmen-Safft, und etwas übrig gebliebenen
Weihnachts-Kuchen, hängte meine Zitter und Flinte auf den Rücken, und stieg also
beladen den Nord-Fels hinauf. Daselbst gab ich dem Kinde einige tändeleien zu
spielen, stützte einen Arm unter den Kopf, sah auf die See, und hieng den
unruhigen Gedancken wegen meines Schicksals ziemlich lange nach. Endlich ergriff
ich die Zitter und sang etliche Lieder drein, welche ich teils zu Ausschüttung
meiner Klagen, teils zur Gemüts-Beruhigung aufgesetzt hatte. Da aber die
kleine Schmeichlerin über dieser Music sanft eingeschlaffen war, legte ich, um
selbige nicht zu verstöhren, die Zitter beiseite, zog eine Blei-Feder und
Pappier aus meiner Tasche, und setzte mir ein neues Lied folgenden Innhalts auf:
                                       1.
Ach! hätt' ich nur kein Schiff erblickt,
So wär ich länger ruhig blieben
Mein Unglück hat es her geschickt,
Und mir zur Qvaal zurück getrieben,
Verhängnis wilstu dich denn eines reichen Armen,
Und freien Sclavens nicht zu rechter Zeit erbarmen?
                                       2.
Soll meiner Jugend beste Krafft
In dieser Einsamkeit ersterben?
Ist das der Keuschheit Eigenschaft?
Will mich die Tugend selbst verderben?
So weiss ich nicht wie man die lasterhaften Seelen
Mit grössrer Grausamkeit und Marter sollte quälen.
                                       3.
Ich liebe was und sag' es nicht,
Denn Eid und Tugend heist mich schweigen,
Mein ganz verdecktes Liebes-Licht
Darf seine Flamme gar nicht zeigen,
Dem Himmel selber ist mein Lieben nicht zuwieder,
Doch Schwur und Treue schlägt den Hoffnungs-Bau darnieder.
                                       4.
Concordia du Wunder-Bild,
Man lernt an dir die Eintracht kennen,
Doch was in meinem Hertzen qvillt
Muss ich in Wahrheit Zwietracht nennen,
Ach! liesse mich das Glück mit dir vereinigt leben,
Wir würden nimmermehr in Hass und Zwietracht schweben.
                                       5.
Doch bleib in deiner stillen Ruh,
Ich suche solche nicht zu stöhren;
Mein eintzigs Wohl und Weh bist du,
Allein ich will der Sehnsucht wehren,
Weil deiner Schönheit Pracht vor mich zu Kostbar scheinet,
Und weil des Schicksaals Schluss mein Wünschen glatt verneinet.
                                       6.
Ich gönne dir ein bessres Glück,
Verknüpfft mit noch viel höhern Stande.
Führt uns der Himmel nur zurück
Nach unserm werten Vater-Lande,
So wirstu letzlich noch dis harte Schicksal loben,
Ist gleich vor deinen Freund was schlechters aufgehoben.
Nachdem aber meine kleine Pflege-Tochter aufgewacht, und von mir mit etwas
Palm-Safft und Kuchen gestärckt war, bezeigte dieselbe ein unschuldiges
Belieben, den Klang meiner Zitter ferner zu hören, derowegen nahm ich dieselbe
wieder auf, studirte eine Melodei auf mein gemachtes Lied aus, und wiederholte
diesen Gesang binnen etlichen Stunden so ofte, biss ich alles fertig auswendig
singen und spielen konnte.
    Hierauff nahm ich das kleine angenehme Kind in die Arme vor mich, drückte es
an meine Brust, küssete dasselbe viele mal, und sagte im grösten Liebes-Affect
ohngefehr folgende laute Worte: Ach du allerliebster kleiner Engel, wollte doch
der Himmel, dass du allbereit noch ein Mandel Jahre zurückgelegt hättest,
vielleicht wäre meine heftige Liebe bei dir glücklicher als bei deiner Mutter,
aber so lange Zeit zwischen Furcht und Hoffnung zu warten, ist eine würckliche
Marter zu nennen. Ach wie vergnügt wollte ich, als ein anderer Adam, meine ganze
Lebens-Zeit in diesem Paradiese zubringen, wenn nur nicht meine besten
Jugend-Jahre, ohne eine geliebte Eva zu umarmen, verrauchen sollten. Gerechter
Himmel, warum schenckestu mir nicht auch die Krafft, den von Natur allen
Menschen eingepflantzten Trieb zum Ehestande gäntzlich zu ersticken, und in
diesem Stücke so unempfindlich als van Leuvens Wittbe zu sein? Oder warum
lenckestu ihr Hertze nicht, sich vor deinen allwissenden Augen mit mir zu
vereheligen, denn mein Hertze kennest du ja, und weist, dass meine sehnliche
Liebe keine geile Brunst, sondern deine heilige Ordnung zum Grunde hat. Ach was
vor einer harten Probe unterwirffstu meine Keuschheit und Tugend, indem ich bei
einer solchen vollkommen schönen Wittfrau Tag und Nacht unentzündet leben soll.
Doch ich habe dir und ihr einen teuren Eyd geschworen, welches Gelübde ich denn
ehe mit meinem Leben bezahlen, und mich nach und nach von der brennenden
Liebes-Glut ganz verzehren lassen, als selbiges leichtsinniger Weise brechen
will.
    Einige hierbei aus meinen Augen rollende Tränen hemmeten das fernere Reden,
die kleine Concordia aber, welche kein Auge von meinem Gesichte verwand hatte,
fieng dieserwegen kläglich und bitterlich an zu weinen, also drückte ich selbige
aufs neue an meine Brust, küssete den mitleidigen Engel, und stund kurtz hernach
mein und ihrer Gemüts-Veränderung wegen auf, um noch ein wenig auf der
Felsen-Höhe herum zu spazieren. Doch wenig Minuten hierauff kam die 3te Person
unserer hiesigen menschlichen Gesellschaft herzu, und fragte auf eine zwar sehr
freundliche, doch auch etwas tieffsinnige Art: Wie es uns gienge, und ob wir
heute kein Schiff erblickt hätten? Ich fand mich auf diese unvermutete Frage
ziemlich betroffen, so dass die Röte mir, wie ich glaube, ziemlich ins Gesichte
trat, sagte aber: Dass wir heute so glücklich nicht gewesen wären. Mons. Albert!
gab Concordia darauff: Ich bitte euch sehr, sehet nicht so oft nach vorbei
fahrenden Schiffen, denn selbige werden solchergestallt nur desto länger
ausbleiben. Ihr habt seit einem Jahre vieles entdeckt und erfahren, was ihr
kurtz vorhero nicht vermeint habt, bedencket diese schöne Paradiess-Insul,
bedencket wiewol uns der Himmel mit Nahrung und Kleidern versorgt, bedencket
noch dabei den fast unschätzbaren Schatz, welchen ihr ohne ängstliches Suchen
und ungedultiges Hoffen gefunden. Ist euch nun von dem Himmel eine noch fernere
gewünschte Glückseligkeit zugedacht, so habt doch nebst mir das feste Vertrauen,
dass selbige zu seiner Zeit uns unverhoft erfreuen werde.
    Mein ganzes Hertze fand sich durch diese nachdencklichen Reden ganz
ungemein gerühret, jedoch war ich nicht vermögend eine eintzige Sylbe darauff zu
antworten, derowegen Concordia das Gespräch auf andere Dinge wendete, und
endlich sagte: Kommet mein lieber Freund, dass wir noch vor Sonnen Untergang
unsere Wohnung erreichen, ich habe einen ganz besonders schönen Fisch gefangen,
welcher euch so gut als mir schmecken wird, denn ich glaube, dass ihr so starcken
appetit als ich zum Essen habt.
    Ich war froh, dass sie den vorigen ernstaften discours unterlassen hatte,
folgte ihren Willen und zwang mich einiger massen zu einer aufgeräumtern
Stellung. Es war wirklich ein ganz besonders rarer Fisch, den sie selbigen
Mittag in ihren ausgesteckten Angeln gefangen hatte, dieser wurde nebst zweien
Rebhünern zur Abend-Mahlzeit aufgetragen, worbei mir denn Concordia, um mich
etwas lustiger zu machen, etliche Becher Wein mehr, als sonst gewöhnlich
einnötigte, und endlich fragte: Habe ich auch recht gemerckt Mons. Albert, dass
ihr übermorgen euer zwantzigstes Jahr zurück legen werdet. Ja Madame, war meine
Antwort, ich habe schon seit etlichen Tagen daran gedacht. GOTT gebe, versetzte
sie, dass eure zukünftige Lebens-Zeit vergnügter sei, allein darff ich euch wohl
bitten, mir euren ausführlichen Lebens-Lauff zu erzählen, denn mein seel.
Ehe-Herr hat mir einmals gesagt, dass derselbige teils kläglich, teils lustig
anzuhören sei.
    Ich war hierzu sogleich willig, und vermerckte, dass bei Erwähnung meiner
Kinderjährigen Unglücks-Fälle Concordien zum öfftern die Augen voller Tränen
stunden, doch da ich nachhero die Geschichten von der Ammtmanns Frau, der
verwechselten Hosen, und den mir gespielten Spitzbuben-Streich, mit oft
untermengten Schertz-Reden erzehlete, konnte sie sich fast nicht satt lachen.
Nachdem ich aber aufs Ende kommen, sagte sie: Glaubet mir sicher Mons. Albert,
weil eure Jugend-Jahre sehr kläglich gewesen, so wird euch GOTT in künftiger
Zeit um so viel desto mehr erfreuen, wo ihr anders fortfahret ihm zu dienen,
euren Beruff fleissig abzuwarten, geduldig zu sein, und euch der unnötigen und
verbotenen Sorgen zu entschlagen. Ich versprach ihrer löblichen Vermahnung
eiffrigst nachzuleben, wünschte anbei, dass ihre gute Propheceiung eintreffen
möchte, worauff wir unsere Abend-Bet-Stunde hielten, und uns zur Ruhe legten.
    Weiln mir nun Concordiens vergangenes Tages geführten Reden so christlich
als vernünftig vorkamen, beschloss ich, so viel möglich, alle Ungedult zu
verbannen, und mit aller Gelassenheit die fernere Hülffe des Himmels zu
erwarten. Folgendes Tages arbeitete ich solchergestalt mehr, als seit etlichen
Tagen geschehen war, und legte mich von aushauung etlicher Höltzerner Gefässe,
ziemlich ermüdet, abermals zur Ruhe, da ich aber am drauff folgenden Morgen,
nämlich den 8ten Jan. 1648. aus meiner abgesonderten Kammer in die so genannte
Wohn-Stube kam, fand ich auf dem Tische nebst einem grünen seidenen
Schlaf-Rocke, und verschiedenen andern neuen Kleidungs-Stücken, auch vieler
weisser Wäsche, ein zusammen gelegtes Pappier folgendes Innhalts:
                           Liebster Hertzens Freund!
Ich habe fast alles mit angehöret, was ihr gestern auf dem Nord-Felsen, in
Gesellschaft meiner kleinen Tochter, oft wiederholt gesungen und geredet habt.
Euer Verlangen ist dem Triebe der Natur, der Vernunft, auch Göttl. und Menschl.
Gesetzen gemäss; Ich hingegen bin eine Wittbe, welcher der Himmel ein hartes
erzeiget hat. Allein ich weiss, dass Glück und Unglück von der Hand des HERRN
kömmt, welche ich bei allen Fällen in Demut küsse. Meinem seel. Mann habe ich
die geschworne Treu redlich gehalten, dessen GOTT und mein Gewissen Zeugnis
gibt. Ich habe seinen jämmerlichen Tod nunmehro ein Jahr und zwei Monat aus
auffrichtigen Hertzen beweint und beklagt, werde auch denselben Zeitlebens, so
oft ich dran gedencke, schmertzlich beklagen, weil unser Ehe-Band auf GOTTES
Zulassung durch einen Meuchel-Mörder vor der Zeit zerrissen worden. Ohngeacht
ich aber solchergestalt wieder frei und mein eigen bin, so würde mich doch
schwerlich zu einer anderweitigen Ehe entschlossen haben, wenn nicht eure reine
und hertzliche Liebe mein Hertz aufs neue empfindlich gemacht, und in Erwegung
eurer bisherigen tugendhaften Aufführung dahin gereitzet hätte, mich selbst zu
eurer künftigen Gemahlin anzutragen. Es stehet derowegen in eurem Gefallen, ob
wir sogleich Morgen an eurem Geburts-Tage uns, in Ermangelung eines Priesters
und anderer Zeugen, in GOttes und der Heil. Engel erbetener Gegenwart selbst
zusammen trauen, und hinführo einander als eheliche Christen-Leute beiwohnen
wollen. Denn weil ich eurer zu mir tragenden Liebe und Treue völlig versichert
bin, so könnet ihr im Gegenteil vollkommen glauben, dass ich euch in diesen
Stücken nichts schuldig bleiben werde. Eure Frömmigkeit, Tugend und
Auffrichtigkeit dienen mir zu Bürgen dass ihr mir dergleichen selbst eigenen
Antrag meiner Person vor keine leichtfertige Geilheit und ärgerliche Brunst
auslegen werdet, denn da ihr aus Ubereilung mehr gelobet habt, als GOTT und
Menschen von euch forderten, doch aber ehe löblich zu sterben, als solches zu
brechen gesonnen waret; Habe ich in dieser Einsamkeit, uns beide zu vergnügen,
den Aussspruch zu tun mich gezwungen gesehen. Nehmet demnach die von euch so
sehr geliebte Wittbe des seel van Leuvens, und lebet nach euren Versprechen
führohin mit derselben nimmermehr in Hass und Zwietracht. GOTT sei mit uns
allezeit. Nach Verlesung dieses, werdet ihr mich bei dem Damme des Flusses
ziemlich beschämt finden, und ein mehreres mündlich mit mir überlegen können,
allwo zugleich den Glück-Wunsch zu eurem Geburts-Tage abstatten wird, die euch
auffrichtig ergebene
Geschrieben
den 7. Jan.
    1648.
                                                          Concordia van Leuvens.
    Ich blieb nach Verlesung dieses Briefes dergestalt entzückt stehen, dass ich
mich in langer Zeit wegen der unverhofften frölichen Nachricht nicht begreiffen
konnte, wollte auch fast auf die Gedancken geraten, als suchte mich Concordia nur
in Versuchung zu führen, da aber ihre bisherige aufrichtige Gemüts- und Lebens
Art in etwas genauere Betrachtung gezogen hatte, liess ich allen Zweifel fahren,
fassete ein besonders frisch Hertze, machte mich auf den Weg, und fand meinen
allerangenehmsten Schatz mit ihrer kleinen Tochter, beim Damme in Grase sitzend.
Sie stund, so bald sie mich von ferne kommen sah, auf, mir entgegen zu gehen,
nachdem ich ihr aber einen glückseeligen Morgen gewünschet, erwiederte sie
solchen mit einem wohlersonnenen Glück-Wunsche wegen meines Geburts-Tages. Ich
stattete dieserwegen meine Dancksagung ab, und wünschte ihr im gegenteil, ein
beständiges Leibes- und Seelen-Vergnügen. Da sie sich aber nach diesen auf einen
daselbst liegenden Baum-schafft gesetzt, und mich, neben ihr Platz zu nehmen,
gebeten hatte, brach mein Mund in folgende Worte aus: Madame! eure schönen Hände
haben sich gestern bemühet an meine schlechte Person einen Brieff zu schreiben,
und wo dasjenige, was mich angehet, keine Versuchung, sondern eures keuschen
Hertzens aufrichtige Meinung ist, so werde ich heute durch des Himmels und eure
Gnade, zum allerglückseeligsten Menschen auf der ganzen Welt gemacht werden. Es
würde mir schwer fallen gnungsame Worte zu ersinnen, um damit den unschätzbaren
Wert eurer vollkommen tugendhaften und Liebenswürdigsten Person einigermassen
auszudrücken, darum will ich nur sagen: Dass ihr würdig wäret, eines grossen
Fürsten Gemahlin zu sein. Was aber bin ich dargegen? Ein schlechter geringer
Mensch, der - - -
    Hier fiel mir Concordia in die Rede, und sagte, indem sie mich sanft auf
die Hand schlug: Liebster Julius, ich bitte fanget nunmehro nicht erstlich an,
viele unnötige Schmeicheleien und ungewöhnliches Wort-Gepränge zu machen,
sondern seid fein aufrichtig wie ich in meinem Schreiben gewesen bin. Eure
Tugend, Frömmigkeit und mir geleisteten treuen Dienste, weiss ich mit nichts
besser zu vergelten, als wenn ich euch mich selbst zur Belohnung anbiete, und
versichere, dass eure Person bei mir in höhern Werte stehet, als des grösten
Fürsten oder andern Herrn, wenn ich auch gleich das Ausslesen unter tausenden
haben sollte. Ist euch nun damit gedienet, so erkläret euch, damit wir uns
nachhero fernerer Anstallten wegen vertraulich unterreden, und auf alle etwa
bevorstehende Glücks- und Unglücks-Fälle gefast machen können.
    Ich nahm hierauff ihre Hand, küssete und schloss dieselbe zwischen meine
beiden Hände, konnte aber vor übermässigen Vergnügen kaum so viel Worte
vorbringen, als nötig waren, sie meiner ewig währenden getreuen Liebe zu
versichern, anbei mich gäntzlich eigen zu geben, und in allen Stücken nach dero
Rat und Willen zu leben. Nein mein Schatz! versetzte hierauff Concordia, das
Letztere verlange ich nicht, sondern ich werde euch nach Gottes Ausspruche
jederzeit als meinen Herrn zu ehren und als meinen werten Ehe-Mann beständig zu
lieben wissen. Ihr sollet durchaus meinem Rat und Willen keine Folge leisten,
in so ferne derselbe von euren, Gottlob gesunden, Verstande nicht vor gut und
billig erkannt wird, weil ich mich als ein schwaches Werckzeug zuweilen gar
leicht übereilen kann.
    Unter diesen ihren klugen Reden küssete ich zum öfftern dero schönen Hände,
und nahm mir endlich die Kühnheit, einen feurigen Kuss auf ihre Rosen-Lippen zu
drücken, welchen sie mit einem andern ersetzte. Nachhero stunden wir auf, um zu
unsern heutigen Hochzeit-Feste Anstalten zu machen. Ich schlachtete ein jung
Reh, eine junge Ziege, schoss ein paar Rebhüner, schaffte Fische herbei, steckte
die Braten an die Spiesse, welche unsere Affen wenden mussten, setzte das
Koch-Fleisch zum Feuer, und lass das Beste frische Obst aus, mittlerweile meine
Braut, Kuchen, Brod und allerlei Gebackens zurichtete, und unsere Wohnstube aufs
herrlichste auszierete, so dass gegen Abend alles in schönster Ordnung war.
    Demnach führeten wir, genommener Abrede nach, einander in meine
Schlaf-Kammer, allwo auf einen reinlich gedeckten Tische ein Kruzifix stunde,
welches wir mit unter des Don Cyrillo Schätzen gefunden hatten. Vor selbigen lag
eine aufgeschlagene Bibel. Wir knieten beide vor diesem kleinen Altare nieder,
und ich verlass die 3. ersten Capitel aus dem 1. Buch Mose. Hierauff redete ich
meine Braut also an: Liebste Concordia, ich frage euch allhier vor dem Angesicht
GOTTES und seiner Heil. Engel, ob ihr mich Albert Julium zu einem ehelichen
Gemahl haben wollet? gleich wie ich euch zu meiner ehelichen Gemahlin nach
Göttlicher Ordnung, aus reinem und keuschen Hertzen innigst begehre? Concordia
antwortete nicht allein mit einem lauten Ja, sondern reichte mir auch ihre
rechte Hand, welche ich nach verwechselten Trau-Ringen in die meinige fügte, und
also betete: »Du heiliger wunderbarer GOTT, wir glauben ganz gewiss, dass deine
Vorsicht an diesem, von aller andern menschlichen Gesellschaft entlegenen Orte,
unsere Seelen vereiniget hat, und in dieser Stunde auch die Leiber mit dem
heiligen Bande der Ehe zusammen füget, darum soll unter deinem Schutze nichts
als der Tod vermögend sein dieses Band zu brechen, und sollte ja auf dein
Zulassen ein oder anderer Unglücks-Fall die Leiber von einander scheiden, so
sollen doch unsere Seelen in beständiger Treue mit einander vereinigt bleiben.
Concordia sprach hierzu: Amen.« Ich aber schlug das 8. Cap. im Buch Tobiä auf,
und betete des jungen Tobiä Gebet vom 7. biss zu ende des 9ten Verses; wiewol
ich etliche Worte nach unserm Zustande veränderte, auch so viel zusetzte als mir
meines Hertzens heilige Andacht eingab. Concordia machte aus den Worten der
jungen Sara, die im folgenden 10ten Vers stehen, ein schönes Hertz-brechendes
und kräfftiges Gebet. Nach diesem beteten wir einstimmig das Vater Unser und den
gewöhnlichen Seegen der Christlichen Kirche über uns, sungen das Lied: Es woll
uns GOTT genädig sein, etc. küsseten uns etliche mahl, und führeten einander
wieder zurück, bereiteten die Mahlzeit, setzten uns mit unserer kleinen
Concordia, die unter währenden Trau-Actu so stille als ein Lamm gelegen hatte,
zu Tische, und nahmen unsere Speisen nebst dem köstlichen Geträncke in solcher
Vergnüglichkeit ein, als wohl jemahls ein Braut-Paar in der ganzen Welt getan
haben mag.
    Es schien, als ob aller vorhero ausgestandener Kummer und Verdruss
solchergestalt auf einmal verjagt wäre, wir vereinigten uns von nun an,
einander in vollkommener Treue dergestalt hülffliche Hand zu leisten, und unsere
Anstalten auf solchen Fuss zu setzen, als ob wir gar keine Hoffnung, von hier
hinweg zu kommen, hätten, hergegen aus blosser Lust, Zeit-Lebens auf dieser
Insul bleiben, im übrigen alles der Vorsehung des Himmels anbefehlen, und alle
ängstlichen Sorgen wegen des Zukünftigen einstellen wollten.
    Indem aber die Zeit zum Schlaffen-gehen herbei kam, sagte meine Braut mit
liebreichen Gebärden zu mir: Mein allerliebster Ehe-Schatz, ich habe heute mit
Vergnügen wahrgenommen, dass ihr in vielen Stücken des jungen Tobiä Sitten
nachgefolget seid, derowegen halte vor löblich, züchtig und andächtig, dass wir
diesen jungen Ehe-Leuten noch in dem Stücke nachahmen, und die 3. ersten Nachte
mit Beten zubringen, ehe wir uns ehelich zusammen halten. Ich glaube ganz
gewiss, dass GOTT unsern Ehestand um so viel desto mehr segnen und beglückt machen
wird.
    Ihr redet, mein Engel, gab ich zur Antwort, als eine vollkommen
tugendhafte, gottesfürchtige und keusche Frau, und ich bin eurer Meinung
vollkommen, derowegen geschehe, was euch und mir gefällig ist. Solchergestalt
sassen wir alle drei Nachte beisamen, und vertrieben dieselben mit andächtigen
Beten, Singen und Bibel-Lesen, schlieffen auch nur des Morgens einige Stunden,
in der vierdten Nacht aber opfferte ich meiner rechtmässigen Ehe-Liebste die
erste Krafft meiner Jugend, und fand in ihren Liebes-vollen Umarmungen ein
solches entzückendes Vergnügen, dessen unvergleichliche Vollkommenheit ich mir
vor der Zeit nimmermehr vorstellen können.
    Wenige Tage hierauf verspürete sie die Zeichen ihrer Schwangerschaft, und
die kleine Concordia gewehnete sich von sich selbst, von der Brust gäntzlich ab,
zu andern Speisen und Geträncke. Mittlerweile bescherete uns der Himmel eine
abermahlige und viel reichere Wein-Erndte als die vorige, denn wir presseten
über 500. Kannen Most aus, truckneten biss 6. Scheffel Trauben auf, ohne was von
uns und den Affen die ganze Weinlese hindurch gegessen, auch von den frembden
diebischen Affen gestohlen und verderbt wurde. Denn dieses lose Gesindel war
wiederum so dreuste worden, dass es sich nicht allein Schaaren-weise in unsern
Weinbergen und Saat-Feldern, sondern so gar ganz nahe um unsere Wohnung herum
sehen und spüren liess. Weil ich aber schon damahls 3. leichte Stück-Geschützes
auf die Insul geschafft hatte, pflantzte ich dieselben gegen diejenigen Örter,
wo meine Feinde öffters zu zwanzig biss funfzigen beisammen hin zu kommen
pflegten, und richtete mit oft wiederholten Ladungen von auserlesenen runden
Steinen starcke Niederlagen an, so, dass zuweilen 8. 10. 12. biss 16. todte und
verwundete auf dem Platze liegen blieben. Am allerwundersamsten kam mir hierbei
dieses vor, dass unsere Haus- und Zucht-Affen nicht das allergeringste Mitleiden
über das Unglück ihrer Anverwandten, im Gegenteil ein besonderes Vergnügen
bezeugten, wenn sie die Verwundten vollends todt schlagen, und die sämtlichen
Leichen in den nächsten Fluss tragen konten. Ich habe solchergestalt und auf noch
andere listige Art in den ersten 6. Jahren fast über 500. Affen getödtet, und
dieselben auf der Insul zu ganz raren Tieren gemacht, wie sie denn auch
nachhero von den Meinigen zwar aufs heftigste verfolgt, doch wegen ihrer
Possierlichkeit und Nutzung in vielen Stücken nicht gar vertilget worden.
    Nach glücklich beigelegten Affen-Kriege und zu gut gemachter Trauben-Frucht,
auch abermahliger Bestellung der Weinberge und Saat-Felder, war meine tägliche
Arbeit, diejenigen Waaren, welche uns Wind und See von den in verschiedenen
Stürmen zerscheiterten Schiffen zugeführet hatte, durch den hohlen Felsen-Weg
herauf in unsere Verwahrung zu schaffen. Hilff Himmel! was bekamen wir nicht
solcher Gestalt noch vor Reichtümer in unser Gewalt? Gold, Silber, edle Steine,
schöne Zeuge, Böckel- und geräuchert Fleisch nebst andern Victualien war
dasjenige, was am wenigsten geachtet wurde, hergegen Coffeé, Teé, Chocolade,
Gewürtze, ausgepichte Kisten mit Zucker, Pech, Schwefel, Oehl, Talg, Butter,
Pulver, allerhand eisern, zinnern, kupffern und messingen Haus-Geräte, dicke und
dünne Seile, höltzerne Gefässe u.d. gl. ergötzte uns am allermeisten.
    Unser Haus-Gesinde, das nunmehro, da sich der ehemahlige Patient auch eine
Frau geholet, aus 6. Personen bestund, tat hierbei ungemeine Dienste, und meine
liebe Ehe-Frau brachte in der unterirrdischen Höle alles, was uns nützlich, an
gehörigen Ort und Stelle, was aber von dem See-Wasser verdorben war, mussten ein
paar Affen auf einen darzu gemachten Roll-Wagen so gleich fortschaffen, und in
den nächst-gelegenen Fluss werffen. Nach diesem, da eine grosse Menge
zugeschnittener Bretter und Balcken von den zertrümmerten Schiffen vorhanden,
erweiterte ich unsere Wohnung auf dem Hügel noch um ein grosses, bauete auch der
Affen Behausung geräumlicher, und brachte, kurtz zu sagen, alles in solchen
Stand, dass wir bevorstehenden Winter wenig zu schaffen hatten, sondern in
vergnügter Ruhe beisammen leben konten.
    Unser Zeitvertreib war im Winter der allervergnügteste von der Welt, denn
wenn wir unsers Leibes mit den besten Speisen und Geträncke wohl gepflegt, und
nach Belieben ein und andere leichte Arbeit getrieben hatten, konten wir
zuweilen etliche Stunden einander in die Arme schliessen und mit untermengten
Küssen allerhand artige Geschichte erzählen, worüber denn ein jedes seine
besondere Meinung eröffnete, so, dass es öffters zu einem starcken Wort-Streite
kam, allein, wir vertrugen uns letztlich immer in der Güte, zumahlen, wenn die
Sachen ins geheime Kammer-Gerichte gespielet wurden.
    Im Frühlinge, nehmlich am 19. Octobr. des Jahres unserer Verehligung, wurde
so wohl ich als meine allerliebste Ehe-Gattin nach ausgestandenen 4. stündigen
ängstlichen Sorgen mit inniglichen Vergnügen überschüttet, indem sie eben in der
Mittags-Stunde ein paar kurtz auf einander folgende Zwillings-Söhne zur Welt
brachte. Sie und ich hatten uns zeitero, so viel als erdencklich, darauf
geschickt gemacht, derowegen befand sich, unter Göttlichen Beistande, meine
zarte Schöne bei dieser gedoppelten Kinder-Not dennoch weit stärcker und
kräfftiger als das erste mahl. Ich gab meinen hertzlich geliebten Söhnen gleich
in der ersten Stunde die heil. Tauffe, und nennete den ersten nach mir,
Albertus, den andern aber nach meinem seel. Vater Stephanus, tat anbei alles,
was einem getreuen Vater und Ehe-Gatten gegen seine lieben Kinder und werteste
Ehe-Gemahlin bei solchen Zustande zu tun oblieget, war im übrigen höchst
glücklich und vergnügt, dass sich weder bei der Mutter noch bei den Kindern
einige besorgliche Zufälle ereigneten.
    Ich kann nicht sagen, wie frölich sich die kleine Concordia, so allbereit
wohl umher lauffen, und ziemlich vernehmlich plaudern konnte, über die
Anwesenheit ihrer kleinen Stieff-Brüder anstellete, denn sie war fast gar nicht
von ihnen hinweg zu bringen, unsere Affen aber machten vor übermässigen Freuden
ein solches wunderliches Geschrei, dergleichen ich von ihnen sonst niemahls
gehöret, als da sie bei dem ersten Kriege siegend zurück kamen, erzeigten sich
nachhero auch dermassen geschäfftig, dienstfertig und liebkosend um uns und die
Kinder herum, dass wir ihnen kaum genung zu verrichten geben konten.
    So weit war unser Alt-Vater Albertus selbigen Abend in seiner Erzehlung
kommen, als er die Zeit beobachtete, sich zur Ruhe zu legen, worinnen wir andern
ihm Gesellschaft leisteten. Des darauf folgenden Sonnabends wurde keine Reise
vorgenommen, indem Herr Mag. Schmelzer auf seine Predigt studirte, wir übrigen
aber denselben Tag auch nicht müssig, sondern mit Einrichtung allerhand nötiger
Sachen zubrachten, und uns des Abends auf die morgende Sabbats-Feier præparir
ten. Selbiges war der 26. Sonntag p. Trinit. an welchem sich etwa eine Stunde
nach geschehenen Canonen-Schusse fast alle gesunde Einwohner der Insel unter der
Alberts-Burg versammleten, und den Gottesdienst mit eiffrigster Andacht
abwarteten, worbei Herr Mag. Schmelzer in einer vortrefflichen Predigt, die, den
Frommen erfreuliche, den Gottlosen aber erschröckliche Zukunft Christi zum
Gerichte, dermassen beweglich vorstellete, dass sich Alt und Jung ungemein
darüber vergnügten. Nachmittags wurde Catechismus-Examen gehalten, in welchen
Hr. Mag. Schmelzer sonderlich den Articul vom heil. Abendmahl Christi durchnahm,
und diejenigen Menschen, welche selbiges zu geniessen zwar niemahls das Glück
gehabt, dennoch von dessen heiliger Würde und Nutzbarkeit dermassen wohl
unterrichtet befand, dass er nach einem gehaltenen weitläufftigen Sermon über
diese hochheilige Handelung, denen beiden Gemeinden in Alberts- und Davids-Raum
ankündigte, wie er sich diese ganze Woche hindurch alle Tage ohngefehr zwei
oder drei Stunden vor Untergang der Sonnen, in der Alleé auf ihrer
Gräntz-Scheidung einstellen wollte, derowegen möchten sich alle diejenigen,
welche beiderlei Geschlechts über 14. Jahr alt wären, zu ihm versammlen, damit
er sie insgesammt und jeden besonders vornehmen, und erforschen könnte, welche
mit guten Gewissen künftigen Sonnabend zur Beichte, und Sonntags darauf zum
heil. Abendmahle zu lassen wären, indem es billig, dass man das neue Kirchen-Jahr
mit solcher höchst wichtigen Handlung anfinge. Es entstund hierüber eine
allgemeine Freude, zumahlen da er versprach, in folgenden Wochen mit den übrigen
Gemeinden auf gleiche Art zu verfahren, und immer 2. oder 3. auf einmal zu
nehmen, biss er sie ingesamt dieser unschätzbaren Glückseeligkeit teilhaftig
gemacht. Hierauf wurden die anwesenden kleinen Kinder von Mons. Wolffgangen mit
allerhand Zuckerwerck und Spiel-Sachen beschenckt, nach einigen wichtigen
Unterredungen mit den Stam-Vätern aber kehrete ein jeder vergnügt in seine
Behausung.
    Der anbrechende Montag erinnerte unsern Alt-Vater Albertum nebst uns die
Reise nach Christophs-Raum vorzunehmen, als wir derowegen unsern Weg durch den
grossen Garten genommen, gelangeten wir in der Gegend an, welche derselbe zum
GOttes-Acker und Begräbnis vor die, auf dieser Insel verstorbenen ausersehen
hatte. Er führete uns so fort zu des Don Cyrillo de Valaro aufgerichteten
Gedächtnis-Säule, die unten mit einem runden Mauerwerck umgeben, und woran eine
Zinnerne Tafel geschlagen war, die folgende Zeilen zu lesen gab:
                            Hier liegen die Gebeine
                 eines vermutlich seelig verstorbenen Christen
                      und vornehmen Spanischen Edelmanns,
                                    Nahmens
                             Don Cyrillo de Valaro,
                        welcher, dessen Uhrkunden gemäss,
                          den 9. Aug. 1475. geboren,
                  Auf dem Wege aus West-Indien nebst 8. andern
                   Manns-Personen den 14. Nov. 1514 in dieser
                               Insel angelanget,
                 In Ermangelung eines tüchtigen Schiffs allhier
                                bleiben müssen,
                 Seine Gefährten, die ihm in der Sterblichkeit
                         vorgegangen, ehrlich begraben,
                               und ihnen endlich
                  ao. 1606. ohne Zweiffel in den ersten Tagen
                           des Monats Julii gefolget;
                          Nachdem er auf dieser Insel
                 weder recht vergnügt noch gäntzlich unvergnügt
                                gelebt 92. Jahr,
                        Sein ganzes Alter aber gebracht
                         über 130. Jahr und 10. Monate.
               Den Rest seines entseelten Cörpers haben erstlich
                    nach 40. Jahren gefunden, und auf dieser
                       Stätte aus christl. Liebe begraben
                   Carl Franz van Leuven und Albertus Julius.
    Von dieser, des Don Cyrillio Gedächtnis-Säule, stunde etwa 4. Schritt
Ost-wärts eine ohngefähr 6. Elen hohe mit ausgehauenen Steinen aufgeführte
Pyramide, auf der eingemauerten grossen Kupffernen Platte aber folgende
Schrifft:
                             Unter diesem Grabmahle
                 erwartet der frölichen Auferstehung zum ewigen
                                     Leben
                          eine Königin dieses Landes,
                    eine Krone ihres hinterlassenen Mannes,
                       und eine glückseelige Stamm-Mutter
                               vieler Lebendigen,
                                    nehmlich
                           CONCORDIA, gebohrne PLÜRS,
                die wegen ihrer Gottesfurcht, seltsamen Tugenden
                          und wunderbaren Schicksals,
                     eines unsterblichen Ruhms würdig ist.
                    Sie ward geboren zu Londen in Engelland
                               den 4. Apr. 1627.
                   Vermählete sich zum ersten mahle mit Herrn
                    Carl Franz van Leuven den 9. Mart. 1646.
                Gebahr nach dessen kläglichen Tode, am 11. Dec.
                     selbigen Jahres, von ihm eine Tochter.
                 Verknüpffte das durch Mörders-Hand zerrissene
                         adeliche Ehe-Band nachhero mit
                                  Albert Julio
                              am 8. Januar. 1648.
                  Zeugete demselben 5. Söhne, 3. lebendige und
                              eine todte Tochter.
              Ersah also in ihrer ersten, und andern 68. jährigen
                    weniger 11. tägigen Ehe 9. lebendige und
                                 1. todes Kind.
                 87. Kindes-Kinder, 151. Kindes-Kindes-Kinder,
                      und 5. Kindes-Kindes-Kindes-Kinder.
                Starb auf den allein seeligmachenden Glauben an
                  Christum, ohne Schmertzen, sanft und seelig
                               den 28. Dec. 1715
                 Ihres Alters 88. Jahr, 8. Monat und 2. Wochen.
                  Und ward von ihrem zurückgelassenen getreuen
                     Ehe-Manne und allen Angehörigen unter
                        tausend Tränen allhier in ihre
                                Grufft gesenckt.
    Gleich neben dieser Pyramide stund an des van Leuvens Gedächtnis-Säule diese
Schrifft:
                                      ***
                          Bei dieser Gedächtnis-Säule
                 hoffet auf die ewige glückseelige Vereinigung
                         mit seiner durch Mörders-Hand
                               getrenneten Seele
                            der unglückliche Cörper
                         Herrn CARL FRANZ van LEUVENS,
                   eines frommen, tugendhaften und tapffern
                            Edel-Manns aus Holland.
                  Der mit seiner hertzlich-geliebten Gemahlin
                             Concordia, geb. Plürs,
                        nach Ceilon zu seegeln gedachte,
                              und nicht bedachte,
                  wie ungetreu das Meer zuweilen an denjenigen
                        handele, die sich darauf wagen.
                 Er entkam zwar dem entsetzlichen Sturme 1646.
                 im Monat Augusto glücklich, und setzte seinen
                 Fuss den 10. Sept. mit Freuden auf diese Insel,
                     hätte auch ohnfehlbar dem Verhängnisse
                        allhier mit ziemlichen Vergnügen
                                stille gehalten;
                Allein, sein vermaledeiter Gefährte Lemelie, der
                  seine gegen die keusche Concordia loderenden
                    geilen Flammen, nach dessen Tode, gewiss
                              zu kühlen vermeinte,
                       stürtzte diesen redlichen Cavalier
                             am Tage Martini 1646.
                         von einem hohen Felsen herab,
                der, nach dreien Tagen erbärmlich zerschmettert
               gefunden, von seiner schwangern keuschen Gemahlin
                      und getreuen Diener Albert Julio auf
                  diese Stätte begraben, und ihm gegenwärtiges
                           Denckmahl gesetzt worden.
                                      ***
    Etwa andertalb hundert Schritt von diesen 3. Ehren- und Gedächtnis Säulen
fanden wir, nahe am Ufer des West-Flusses, des Lemelie Schand-Seule, um welche
herum ein grosser Hauffen Feld-Steine geworffen war, so, dass wir mit einiger
Mühe hinzu gelangen, und folgende daran genagelten Zeilen lesen konten:
                          Speie aus gegen diese Seule,
                                  Mein Leser!
                                      Denn
                        Allhier muss die unschuldige Erde
                    das todte Aas des vielschuldigen Lemelie
                          in ihrem Schoss erdulden,
                welches im Leben ihr zu einer schändlichen Last
                                   gedienet.
                       Dieses Mord-Kindes rechter Nahme,
                     auch wo, wenn, und von wem es geboren
                                 ist unbekandt.
                   Doch kurtz vor seinem erschrecklichen Ende
                                hat er bekannt,
                  Dass Vater- Mutter- Kinder- und vieler andern
              Menschen Mord, Blut-Schande, Hurerei, Gifftmischen,
                   ja alle ersinnliche Laster sein Handwerck
                             von Jugend an gewesen.
                 Carl Franz van Leuvens unschuldig-vergossenes
                   Blut schreiet auf dieser Insul biss an den
                                  jüngsten Tag
                                Rache über ihn.
                     Indem aber dasselbe kaum erkaltet war,
               hatte sich der Mord-Hund schon wiederum gerüstet,
                    eine neue Mord-Tat an dem armen Albert
             Julio zu begehen, weil sich dieser unterstund, seiner
                    geil-brünstigen Gewalttätigkeit bei der
                       keuschen Concordia zu widerstehen.
                                     Aber,
                           da die Bosheit am grösten,
                          war die Straffe am nächsten,
              denn das Kind der Finsternis lieff in der Finsternis
                              derselben entgegen,
                                   und wurde
                         von dem unschuldig-verwundeten
                                  ohne Vorsatz
                      tödtlich, doch schuldig, verwundet.
                            Dem ohngeacht schien ihm
                       die Busse und Bekehrung unmöglich,
                   das Zureden seiner Beleidigten unnützlich,
                       GOttes Barmhertzigkeit unkräfftig,
                     die Verzweiffelung aber unvermeidlich,
               stach sich derowegen mit seinem Messer selbst das
                               ruchlose Hertz ab.
                                    Und also
                      starb der Höllen-Brand als ein Vieh,
                          welcher gelebt als ein Vieh,
                  und wurde allhier eingescharrt als ein Vieh,
                             den 10. Decembr. 1646.
                                      von
                                 Albert Julio.
                         Der HErr sei Richter zwischen
                                  uns und dir.
    Wir bewunderten hierbei allerseits unsers Alt-Vaters Alberti besondern Fleiss
und Geschicklichkeit, brachten noch über eine Stunde zu, die andern
Grab-Stätten, welche alle mit kurtzen Schrifften bezeichnet waren, zu besehen,
und verfolgten hernachmahls unsern Weg auf Christophs-Raum zu. Selbige
Pflantz-Stätte bestund aus 14. Wohn-Häusern, und führeten die Einwohner gleich
den andern allen eine sehr gute Hausshaltung, hatten im übrigen fast eben
dergleichen Feld-, Weinbergs- und Wasser-Nutzung als die Johannis-Raumer.
Sonsten war allhier die erste Haupt-Schleuse des Nord-Flusses, nebst einer
wohlgebaueten Brücke, zu betrachten. Im Garten-Bau und Erzeugung herrlicher
Baum-Früchte schienen sie es fast allen andern zuvor zu tun. Nachdem wir aber
ihre Feld-Früchte, Weinberge und alles merckwürdige wohl betrachtet, und bei
ihnen eine gute Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten, kehreten wir bei guter Zeit
zurück auf Alberts-Burg.
    Herr Mag. Schmeltzer begab sich von dar, versprochener massen, in die Davids
-Raumer Alleé, um seinen heiligen Verrichtungen obzuliegen, wir andern halffen
indessen mit gröster Lust bei der Grund-Mauer der Kirche dasjenige verrichten,
was zu besserer Fortsetzung dabei vonnöten war. Nach Untergang der Sonnen aber,
da Herr Mag. Schmeltzer zurück gekommen war, und die Abend-Mahlzeit mit uns
eingenommen hatte, setzten wir uns in gewöhnlicher Gesellschaft wieder
zusammen, und höreten dem Alt-Vater Alberto in Fortsetzung seiner
Geschichts-Erzehlung dergestalt zu:
    Meine Lieben, fing er an, ich erinnere mich, dass meine letzten Reden das
besondere Vergnügen erwehnet haben, welches ich nebst meiner lieben Ehe-Gattin
über unsere erstgebohrnen Zwillinge empfand, und muss nochmahls wiederholen, dass
selbiges unvergleichlich war, zumahl, da meine Liebste, nach redlich
ausgehaltenen 6. Wochen, ihre gewöhnliche Haus-Arbeit frisch und gesund
vornehmen konnte. Wir lebten also in dem allerglückseeligsten Zustande von der
Welt, indem unsere Gemüter nach nichts anders sich sehneten, als nach dem, was
wir täglich erlangen und haben konten, das Verlangen nach unserm Vaterlande aber
schien bei uns allen beiden ganz erstorben zu sein, so gar, dass ich mir nicht
die allergeringste Mühe mehr gab, nach vorbei fahrenden Schiffen zu sehen. Kam
uns gleich die Tages-Arbeit öffters etwas sauer an, so konten wir doch Abends
und des Nachts desto angenehmer ausruhen, wie sich denn öffters viele Tage und
Wochen ereigneten, in welchen wir nicht aus dringender Not, sondern bloss zur
Lust arbeiten durfften.
    Die kleine Concordia fing nunmehro an, da sie vollkommen deutlich, und zwar
so wohl Teutsch als Englisch reden gelernet, das angenehmste und
schmeichelhafteste Kind, als eines in der ganzen Welt sein mag, zu werden,
weswegen wir täglich viele Stunden zubrachten, mit selbiger zu schertzen, und
ihren artigen Kinder-Streichen zuzusehen, ja zum öfftern uns selber als Kinder
mit anzustellen genötiget waren.
    Allein, meine lieben Freunde! (sagte hier unser Alt-Vater, indem er ein
grosses, geschriebenes Buch aus einem Behältnis hervor langete) es kommt mir
teils unmöglich, teils unnützlich und allzu langweilig vor, wenn ich alle
Kleinigkeiten, die nicht besonders merckwürdig sind, vorbringen wollte, derowegen
will die Weitläufftigkeiten und dasjenige, worvon ihr euch ohnedem schon eine
zulängliche Vorstellung machen könnet, vermeiden, mit Beihülffe dieses meines
Zeit- aber nur die denckwürdigsten Begebenheiten nachfolgender Tage und Jahre
biss auf diese Zeit erzählen.
    Demnach kam uns sehr seltsam vor, dass zu Ende des Monats Junii 1649. auf
unserer Insel ein ziemlich kalter Winter einfiel, indem wir damahls binnen 3.
Jahren das erste Eis und Schnee-Flocken, auch eine ziemliche kalte Lufft
verspüreten, doch da ich noch im Begriff war, unsere Wohnung gegen dieses
Ungemach besser, als sonsten, zu verwahren, wurde es schon wieder gelinde
Wetter, und dieser harte Winter hatte in allen kaum 16. oder 17. Tage gedauret.
    Im Jahr 1650. den 16. Mart. beschenckte uns der Himmel wiederum mit einer
jungen Tochter, welche in der heil. Tauffe den Nahmen Maria bekam, und im
folgenden 1651ten Jahre wurden wir abermals am 14. Dec. mit einem jungen Sohne
erfreuet, welcher den Nahmen Johannes empfing. Dieses Jahr war wegen ungemeiner
Hitze sehr unfruchtbar an Getreide und andern Früchten, gab aber einen
vortrefflichen Wein-Seegen, und weil von vorigen Jahren noch starcker
Getreide-Vorrat vorhanden, wussten wir dennoch von keinen Mangel zu sagen.
    Das 1652te Jahr schenckte einen desto reichlichern Getreide-Vorrat,
hergegen wenig Wein. Mitten in der Weinlese starben unsere 2. ältesten Affen,
binnen wenig Tagen kurtz auf einander, wir bedaureten diese 2. klügsten Tiere,
hatten aber doch noch 4. Paar zu unserer Bedienung, weil sich die ersten 3. Paar
starck vermehret, wovon ich aber nur 2. paar junge Affen leben liess, und die
übrigen heimlich ersäuffte, damit die Gesellschaft nicht zu mächtig und
mutwillig werden möchte.
    Im Jahr 1653. den 13. May kam meine werte Ehe-Gattin abermals mit einer
gesunden und wohlgestallten Tochter ins Wochen-Bette, die in der Heil. Tauffe
den Nahmen Elisabet empfieng. Also hatten wir nunmehro 3. Söhne und 3. Töchter,
welche der fleissigen Mutter Arbeit und Zeitvertreib genung machen konten.
Selbigen Winters fieng ich an mit Concordien, Albert u. Stephano, täglich
etliche Stunden Schule zu halten, indem ich ihnen die Buchstaben vormahlete und
kennen lehrete, fand auch dieselben so gelehrig, dass sie, mit Ausgang des
Winters, schon ziemlich gut Teutsch und Englisch buchstabiren konten, ausser dem
wurden ihnen von der Mutter die nützlichsten Gebeter und Sprüche aus der Bibel
gelehret, so dass wir sie mit grösten Vergnügen bald Teutsch, bald Englisch, die
Morgen- Abend- und Tisch-Gebeter, vor dem Tische, konten beten hören und sehen.
Meine liebe Frau durffte mir nunmehro bei der Feld- und andern sauren Arbeit
wenig mehr helffen, sondern musste sich schonen, um die Kinder desto besser und
geduldiger zu warten, ich hergegen, liess es mir mit Beihülffe der Affen, desto
angelegener sein, die nötigsten Nahrungs-Mittel von einer Zeit zur andern zu
besorgen.
    Am ersten Heil. Christ-Tage anno 1655. brachte meine angenehme Ehe-Liebste
zum andern mahle ein paar Zwillings-Söhne zur Welt, die ich zum Gedächtnis ihres
schönen Geburts-Tages, den ersten Christoph, und den andern Christian tauffte,
die arme Mutter befand sich hierbei sehr übel, doch die Krafft des Allmächtigen
halff ihr in etlichen Wochen wiederum zu völliger Gesundheit.
    Das 1656te Jahr liess uns einen ziemlich verdriesslichen Herbst und Winter
verspüren, indem der Erstere ungemein viel Regen, der Letztere aber etwas
starcke Kälte und vielen Schnee mit sich brachte, es war derowegen so wohl die
darauff folgende Erndte, als auch die Wein-Lese kaum des vierdten Teils so
reichlich als im vorigen Jahren, und dennoch war vor uns, unsere Kinder, Affen
und ander Vieh, alles im Uberflusse vorhanden.
    Im 1657ten Jahre den 22. Septembr. gebahr meine fruchtbare Ehe-Liebste noch
eine Tochter, welche Christina genennet wurde, und im 1660ten Jahre befand sich
dieselbe zum letzten mahle schwangeres Leibes, denn weil sie eines Tages, da wir
am Ufer des Flusses hinwandelten, unversehens strauchelte, einen schweren Fall
tat, und ohnfehlbar im Flusse ertruncken wäre, woferne ich sie nicht mit selbst
eigener Lebens-Gefahr gerettet hätte; war sie dermassen erschreckt und innerlich
beschädigt worden, dass sie zu unser beiderseits grösten Leidwesen am 9. Jul.
eine unzeitige todte Tochter zur Welt, nachhero aber über zwei ganzer Jahr
zubrachte, ehe die vorige Gesundheit wieder zu erlangen war.
    Nach Verlauf selbiger Zeit, befand sich mein werter Ehe-Schatz zwar
wiederum bei völligen Kräften, und sah in ihrem 35ten Jahre noch so schön und
frisch aus als eine Jungfrau, hat aber doch niemals wiedrum ins Wochen-Bette
kommen können. Gleichwol wurden wir darüber nicht ungeduldig, sondern danckten
GOTT dass sich unsere 9. lieben Kinder bei völliger Leibes-Gesundheit befanden,
und in Gottesfurcht und Zucht heran wuchsen, wie ich denn nicht sagen kann, dass
wir Ursach gehabt hätten, uns über eins oder anderes zu ärgern, oder die
Schärffe zu gebrauchen, sondern muss gestehen, dass sie, bloss auf einen Winck und
Wort ihrer Eltern alles taten, was von ihnen verlanget wurde, und eben dieses
schrieben wir nicht schlechter dings unserer klugen Auferziehung, sondern einer
besondern Gnade GOttes zu.
    Meine Stief-Tochter Concordia, die nunmehro ihre Mannbaren Jahre erreichte,
war gewiss ein Mägdlein von aussbündiger Schönheit, Tugend, Klugheit und
Gottesfurcht, und wusste die Hausshaltung dermassen wohl zu führen, dass ich und
ihre Mutter sonderlich eine grosse Erleichterung unserer dahero gehabten Mühe
und Arbeit verspüreten. Selbige meine liebe Ehe-Gattin musste sich also mit
Gewalt gute Tage machen, und ihre Zeit bloss mit der kleinsten Kinder Lehrung und
guter Erziehung vertreiben. Meine zwei ältesten Zwillinge hatte ich mit
Göttlicher Hülffe schon so weit gebracht, dass sie den kleinern Geschwister das
Lesen, Schreiben und Beten wiederum beibringen konten, ich aber informirte
selbst alle meine Kinder früh Morgens 2. Stunden, und Abends auch so lange. Ihre
Mutter lösete mich hierinnen ordentlich ab, die übrige Zeit mussten sie mit
nützlicher Arbeit, so viel ihre Kräffte vermochten, hinbringen, das
Schiess-Gewehr brauchen lernen, Fische, Vogel, Ziegen und Wildpret einfangen, in
Summa, sich in Zeiten so gewöhnen, als ob sie so wohl als wir Zeit Lebens auf
dieser Insul bleiben sollten.
    Immittelst erzehlten wir Eltern unsern Kindern öffters von der Lebens-Art
der Menschen in unsern Vaterländern und andern Welt-Teilen, auch von unsern
eigenen Geschichten, so viel, als ihnen zu wissen nötig war: spüreten aber
niemals, dass nur ein eintziges von ihnen Lust bezeigte, selbige Länder oder
Örter zu sehen, worüber sich meine Ehe-Frau hertzlich vergnügte, allein ich
unterdrückte meinen, seit einiger Zeit wieder aufgewachten Kummer, biss eines
Tages unsere ältesten zwei Söhne eiligst gelauffen kamen, und berichteten: Wie
dass sich ganz weit in der offenbaren See 3. grosse Schiffe sehen liessen,
worauff sich ohnfehlbar Menschen befinden würden. Ihre Mutter gab ihnen zur
Antwort: Lasset sie fahren meine Kinder, weil wir nicht wissen, ob es gute oder
böse Menschen sind. Ich aber wurde von meinen Gemüts-Bewegungen dergestalt
übermeistert, dass mir die Augen voll Tränen lieffen, und solches zu verbergen,
ging ich stillschweigend in die Kammer, und legte mich mit Seuffzen aufs Lager.
Meine Concordia folgte mir auf dem Fusse nach, breitete sich über mich und
sagte, nachdem sie meinen Mund zum öfftern liebreich geküsset hatte. Wie ists,
mein liebster Schatz, seid ihr der glückseeligen Lebens-Art, und eurer bisher
so hertzlich geliebten Concordia, vielleicht schon auch gäntzlich überdrüssig,
weil sich eure Sehnsucht nach anderer Gesellschaft aufs neue so starck verrät?
Ihr irret euch, meine Allerliebste gab ich zur Antwort, oder wollet etwa die
erste Probe machen mich zu kräncken. Glaubet aber sicherlich, zumahl wenn ich
GOTT zum Zeugen anruffe, dass mir gar nicht in die Gedancken kommen ist, von hier
hinweg zu reisen, oder euch zum Verdruss mich nach anderer Gesellschaft zu
sehnen, sondern ich wünsche von Hertzen, meine übrige Lebens-Zeit auf dieser
glückseeligen Städte mit euch in Ruhe und Friede hin zu bringen, zumal da wir
das schwerste nunmehro mit GOTTES Hülffe überwunden, und das gröste Vergnügen an
unsern schönen Kindern, annoch in Hoffnung, vor uns haben. Allein saget mir um
GOttes willen, warum sollen wir uns nicht nunmehro, da unsere Kinder ihre
Mannbaren Jahre zu erreichen beginnen, nach andern Menschen umsehen, glaubt ihr
etwa, GOTT werde sogleich 4. Männer und 5. Weiber vom Himmel herab fallen
lassen, um unsere Kinder mit selbigen zu begatten? Oder wollet ihr, dass
dieselben, so bald der natürliche Trieb die Vernunft und Frömmigkeit
übermeistert, Blut-Schande begehen, und einander selbst heiraten sollen? Da sei
GOTT vor! Ihr aber, mein Schatz, saget mir nun, wie eure Meinung über meine
höchst wichtigen Sorgen ist, ob wir nicht Sünde und Schande von unsern bisher
wohlerzogenen Kindern zu befürchten haben? und ob es Wohlgetan sei, wenn wir
durch ein und andere Nachlässigkeit, GOttes Allmacht ferner versuchen wollen?
    Meine Concordia fieng hertzlich an zu weinen, da sie mich in so
ungewöhnlichen Eifer reden hörete, jedoch die treue Seele umfassete meinen Hals,
und sagte unter hundert Küssen: Ihr habt recht, mein allerliebster Mann, und
sorget besser und vernünftiger als ich. Verzeihet mir meine Fehler, und glaubt
sicherlich, dass ich, dergleichen Blut-schändlich Ehen zu erlauben, niemals
gesinnet gewesen, allein die Furcht vor bösen Menschen, die sich etwa unseres
Landes und unserer Güter gelüsten lassen, euch ermorden, mich und meine Kinder
schänden und zu Sclaven machen könten, hat mich jederzeit angetrieben, zu
wiederraten, dass wir uns frembden und unbekannten Leuten entdeckten, die
vielleicht auch nicht einmal Christen sein möchten. Anbei habe mich beständig
darauff verlassen, dass GOtt schon von ohngefähr Menschen hersenden würde, die
uns etwa abführeten, oder unser Geschlecht vermehren hülffen. Jedoch, mein
allerliebster Julius, sagte sie weiter, ich bekenne, dass ihr eine stärckere
Einsicht habt als ich, darum geht hin mit unsern Söhnen, und versuchet, ob ihr
die vorbeifahrenden Schiffe anhero ruffen könnet, GOTT gebe nur, dass es
Christen, und redliche Leute sind.
    Dieses war also der erste und letzte Zwietracht, den ich und meine liebe
Ehe-Frau untereinander hatten, wo es anders ein Zwietracht zu nennen ist. So
bald wir uns aber völlig verglichen, lieff ich mit meinen Söhnen, weil es noch
hoch am Tage war, auf die Spitzen des Nord-Felsens, schossen unsere Gewehre los,
schryen wie törichte Leute, machten Feuer und Rauch auf der Höhe, und trieben
solches die ganze Nacht hindurch, allein ausser etlichen Stückschüssen höreten
wir weiter nichts, sahen auch bei aufgehender Sonne keines von den Schiffen
mehr, wohl aber eine stürmische düstere See, woraus ich schloss, dass die Schiffe
wegen widerwärtigen Windes unmöglich anländen können, wie gern sie vielleicht
auch gewolt hätten.
    Ich konnte mich deswegen in etlichen Tagen nicht zufrieden geben, doch meine
Ehe-Frau sprach mich endlich mit diesen Worten zufrieden: Bekümmert euch nicht
allzusehr mein werter Albert, der HErr wirds versehen und unsere Sorgen
stillen, ehe wirs vielleicht am wenigsten vermuten.
    Und gewiss, der Himmel liess auch in diesem Stücke ihre Hoffnung und festes
Vertrauen nicht zu schanden werden, denn etwan ein Jahr hernach, da ich am Tage
der Reinigung Mariä 1664. mit meiner ganzen Familie Nachmittags am Meer-Ufer
spazieren ging, ersahn wir mit mässiger Verwunderung: dass nach einem daherigen
heftigen Sturme, die schäumenden Wellen, nachdem sie sich gegen andere
unbarmhertzig erzeiget, uns abermals einige vermutlich gute Waaren zugeführet
hatten. Zugleich aber fielen uns von ferne zwei Menschen in die Augen, welche
auf einen grossen Schiffs-Balcken sitzend, sich an statt der Ruder mit ihren
blossen Händen äusserst bemüheten, eine, von den vor uns liegenden Sand-Bäncken
zu erreichen, und ihr Leben darauff zu erretten. Indem nun ich, nur vor wenig
Monaten, das kleine Boot, durch dessen Hülffe ich am allerersten mit Mons. van
Leuven bei dieser Felsen-Insul angelanget war, aussgebessert hatte, so wagte ich
nebst meinen beiden ältesten Söhnen, die nunmehro in ihr 16tes Jahr giengen,
hinnein zu treten, und diesen Notleidenden zu Hülffe zu kommen, welche unserer
aber nicht eher gewahr wurden, biss unser Boot von ohngefehr sehr heftig an
ihren Balcken stiess, so dass der eine aus Mattigkeit herunter ins Wasser fiel.
Doch da ihm meine Söhne das Seil, woran wir das Boot zu befestigen pflegten,
hinaus wurffen, raffte er alle Kräffte zusammen, hielt sich feste dran, und ward
also von uns ganz leichtlich ins Boot herein gezogen. Dieses war ein alter fast
ganz grau gewordener Mann, der andere aber, dem dergleichen Gefälligkeit von
uns erzeigt wurde, schien ein Mann in seinen besten Jahren zu sein.
    Man merckte sehr genau, wie die Todes-Angst auf ihren Gesichtern ganz
eigentlich abgemahlet war, da sie zumal uns ganz starr ansahen, jedoch nicht
ein eintziges Wort aussprechen konten, endlich aber, da wir schon einen
ziemlichen Strich auf der Zurückfart getan, fragt ich den Alten auf deutsch:
Wie er sich befände, allein er schüttelte sein Haupt, und antwortete im
Englischen, dass er zwar meine Sprache nicht verstünde, gleichwol aber merckte,
wie es die teutsche Sprache sei. Ich fieng hierauf sogleich an, mit ihm Englisch
zu reden, weswegen er mir augenblicklich die Hände küssete und mich seinen Engel
nennete. Meine beiden Söhne klatschten derowegen in ihre Hände, und fiengen ein
Freuden-Geschrei an, gaben sich auch gleich mit dem jungen Manne ins Gespräche,
welcher alle beide umarmete und küssete, auch ihnen auf ihre einfältigen Fragen
liebreiche Antwort gab. Doch da ich merckte, dass die beiden Verunglückten vor
Mattigkeit kaum die Zunge heben und die Augen auftun konten, liessen wir
dieselben ungestöhrt, und brachten sie halb schlaffend an unsere Felsen-Insul.
    Meine Concordia hatte binnen der Zeit beständig mit den übrigen Kindern auf
den Knien gelegen, und GOTT um unsere glückliche Zurückkunft angerufft, weil sie
dem sehr alten und geflickten Boote wenig zu getrauet, derowegen war alles desto
frölicher, da wir in Gesellschaft zweier andern Menschen bei ihnen ankamen. Sie
hatte etwas Vorrat von Speisen und Geträncke vor unsere Kinder bei sich,
welches den armen Frembdlingen gereicht wurde. So bald nun selbiges mit gröster
Begierde in ihren Magen geschickt war, merckte man wohl, dass sie hertzlich gern
weiter mit uns reden wollten, allein da sie bereits so viel zu verstehen gegeben,
wie sie nunmehro 3. Nächte und 4. Tage ohne Schlaff und Ruhe in den Meeres
Wellen zugebracht hätten, konten wir ihnen nicht verargen, dass sie uns fast
unter den Händen einschlieffen, brachten aber doch beide, wiewol mit grosser
Mühe, durch den holen Weg hinauff in die Insul.
    Daselbst suncken sie als recht ohnmächtige Menschen ins Grass nieder, und
verfielen in den tieffsten Schlaff. Meine beiden ältesten Söhne mussten bei ihnen
sitzen bleiben, ich aber ging mit meiner übrigen Familie nach Hause, nahm zwei
Rollwagen, spannete vor jeden 4. Affen, kehrete damit wieder um, legte die
Schlaffenden ohne eintzige Empfindung drauff, und brachte dieselben mit
einbrechender Nacht in unsere Behausung auf ein gutes Lager, welches ihnen
mitlerweile meine Haus-Frau bereitet hatte. Beide wachten fast zu gleicher Zeit
nicht früher auf, als andern Tages ohngefähr ein paar Stunden vor Untergang der
Sonnen, und so bald ich dessen vergewissert war, ging ich zu ihnen in die
Kammer, legte vor jeden ein gut Kleid nebst weisser Wäsche hin, bat sie möchten
solches anlegen, nachhero zu uns heraus kommen.
    Indessen hatte meine Haus-Frau eine köstliche Mahlzeit zubereitet, den
besten Wein und ander Geträncke zurechte gesetzt, auch sich nebst ihren Kindern
ganz sauber angekleidet. Wie demnach unsere Gäste aus der Kammer traten, fanden
sie alles in der schönsten Ordnung, und blieben nach verrichteter Begrüssung als
ein paar steinerne Bilder stehen. Meine Kinder mussten ihnen das Wasch-Wasser
reichen, welches sie annahmen und um Erlaubnis baten, sich vor der Tür zu
reinigen. Ich gab ihnen ohne eitle Ceremonien zu verstehen, wie sie allhier, als
ohnfehlbar gute christliche Menschen, ihre beliebige Gelegenheit brauchen
könten, weswegen sie sich ausserhalb des Hauses, in der freien Luft völlig
ermunterten, nachhero wieder zu uns kehreten, da denn der alte ohngefähr 60.
jährige Mann also zu reden anfieng: O du gütiger Himmel, welch ein schönes
Paradiess ist dieses? saget uns doch, o ihr glückseeligen Einwohner desselben, ob
wir uns unter Engeln oder sterblichen Menschen befinden? denn wir können biss
diese Stunde unsere Sinnen noch nicht überzeugen, ob wir noch auf der vorigen
Welt leben; Oder durch den zeitlichen Tod in eine andere Welt versetzt sind?
Liebsten Freunde gab ich zur Antwort, es ist mehr als zu gewiss, dass wir eben
solche mühseelige und sterbliche Menschen sind als ihr. Vor nunmehro fast 18.
Jahren, hat ein besonderes Schicksaal mich und diese meine werte Ehe-Gattin auf
diese Insul geführet, die allhier in Ordnung stehenden 9. Kinder aber, sind,
binnen solcher Zeit, und in solcher Einsamkeit von uns entsprossen, und ausser
uns, die wir hier beisammen sind, ist sonst keine menschliche Seele mehr auf der
ganzen Insul anzutreffen. Allein, fuhr ich fort, wir werden Zeit und
Gelegenheit genung haben, hiervon weitläufftiger mit einander zu sprechen,
derowegen lasset euch gefallen, unsere Speisen und Geträncke zu kosten, damit
eure in dem Meere verlohrnen Kräffte desto geschwinder wieder hergestellet
werden.
    Demnach setzten wir uns zu Tische, assen und truncken ingesammt, mit grösten
appetite nach billigen vergnügen. So bald aber das Danck-Gebet gesprochen war,
und der Alte vermerckte, dass so wohl ich als meine Concordia von beiderseits
Stande und Wesen gern benachrichtiget sein möchten, vergnügte er unsere
Neugierigkeit mit einer weitläufftigen Erzehlung, die biss Mitternacht währete.
Ich aber will von selbiger nur kürtzlich so viel melden, dass er sich Amias
Hulter nennete, und vor etlichen Jahren ein Pachtmann verschiedener Königlicher
Küchen-Güter in Engelland gewesen war. Sein Gefährte hiess Robert Hulter, und war
des Amias leiblichen Bruders Sohn. Ferner vernahmen wir mit Erstaunen, dass die
aufrührischen Engelländer im Jahr 1649. den 30. Jan. also 2. Jahr und 8. Monat
nach unserer Abreise, ihren guten König Carln grausamer Weise entauptet, und
dass sich nach diesem einer, Nahmens Oliverius Cromwel, von Geschlecht ein
blosser Edelmann, zum Beschützer des Reichs aufgeworffen hätte, dem anno 1658.
sein Sohn, Richard Cromwel, in solcher Würde gefolget, aber auch bald im
folgenden Jahr wieder abgesetzt wäre, worauff vor nunmehro fast 3. Jahren die
Engelländer einen neuen König, nämlich Carln den Andern erwählet, und unter
dessen Regierung itzo ziemlich ruhig lebten.
    Der gute Amias Hülter, welcher ehedessen bei dem entaupteten König Carln in
grossen Gnaden gewesen, ein grosses Gut erworben, doch aber niemals
geheiratet, war in solcher Unruhe fast um alles das Seinige gekommen, aus dem
Lande gejagt worden, und hatte kaum so viel gerettet eine kleine Handlung über
Meer anzufangen, worbei er nach und nach zwar wiederum ein ziemliches erworben,
und dasselbe seinem Bruder Joseph Hülter in Verwahrung gegeben. Dieser sein
Bruder aber hatte die Reformirte Religion verlassen, sich nach Portugall
gewendet, daselbst zum andern mahle geheiratet, und sein zeitliches Glück
ziemlich gemacht. Allein dessen Sohn Robert war mit seines Vaters Lebens-Art,
und sonderlich mit der Religions-Veränderung, nicht allerdings zufrieden
gewesen, derowegen annoch in seinen Jünglings-Jahren mit seinem Vetter Amias zu
Schiffe gegangen, und hatte sich bei demselben in West-Indien ein ziemliches an
Gold und andern Schätzen gesammlet. Da aber vor einigen Monaten die
Versicherung eingelauffen, dass nunmehro, unter der Regierung König Carls des
Andern, in Engelland wiederum gute Zeiten wären, hatten sie Brasilien verlassen,
und sich auf ein Schiff verdingt, um mit selbigen nach Portugall, von dar aber
zurück nach Engelland, als in ihr Vaterland zu reisen, und sich bei dem neuen
König zu melden. Allein ihr Vorhaben wird durch das widerwärtige Verhängnis
zeitlich unterbrochen, indem ein grausamer Sturm das Schiff von der ordentlichen
Strasse ab- und an verborgene Klippen führet, allwo es bei nächtlicher Zeit
zerscheitert, und seine ganze Ladung an Menschen und Gütern, in die wilden
Fluten wirfft. In solcher Todes-Angst ergreiffen Amias und Robert denjenigen
Balcken, von welchen wir sie, nachdem die armen Menschen 3. Nachte und 4. Tage
ein Spiel des Windes und der Wellen gewesen, endlich noch eben zur rechten Zeit
zu erlösen das Glück hatten.
    Meine Concordia wollte hierauff einige Nachricht von den Ihrigen einziehen,
konnte aber nichts weiter erfahren, als dass Amias ihren Vater zwar öffters
gesehen, gesprochen, auch ein und andern Geld-Verkehr mit ihm gehabt, im übrigen
aber wusste er von dessen Haus-Wesen nichts zu melden, ausser dass er im 1648ten
Jahre noch im guten Stande gelebt hätte. Hergegen wusste Robert, der bisher
wenig Worte gemacht, sich noch ganz wohl zu erinnern, dass er zu der Zeit, als
er noch ein Knabe von 12. oder 13. Jahren gewesen, vernommen, wie dem Banquier
Plürs eine Tochter, Nahmens Concordia, von einem Cavalier entführet worden sei,
wo sie aber hin, oder ob dieselbe wieder zurück gebracht worden, wisse er nicht
eigentlich zu sagen.
    Wir berichteten ihnen demnach, dass sie allhier eben diese Concordia Plürs
vor sich sähen, versprachen aber unsere Geschichte morgendes Tages ausführlicher
zu erzählen, und legten uns, nachdem wir die Abend-Bet-Stunde in Englischer
Sprache gehalten, sämmtlich zur Ruhe.
    Ich nahm mir nebst meiner Haus-Frauen von nun an nicht das geringste
Bedencken, diesen beiden Gästen und Lands-Leuten, welchen die Redlichkeit aus
den Augen leuchtete, und denen die Gottesfurcht sehr angenehm zu sein schien,
alles zu offenbaren, was sich von Jugend an, und sonderlich auf dieser Insul mit
uns zugetragen hatte. Nur eintzig und allein verschwiegen wir ihnen des Don
Cyrillo vermaureten grossen Schätze, hatten aber dennoch ausser diesem, so viel
Reichtümer an Gold, Silber, edlen Steinen und andern Kostbarkeiten aufzuweisen,
dass sie darüber erstauneten, und vermeinten: es wäre weder in Engelland, noch
sonst wo, ein Kauffmann, oder wohl noch weit grössere Standes-Person, ausser
grossen Potentaten anzutreffen, die sich Bemittelter zeigen könnte als wir. Dem
ohngeacht, gab ich ihnen deutlich zu vernehmen, dass ich und meine Haus-Frau
diese Sachen sehr gering, das Vergnügen aber, auf dieser Insul in Ruhe, ohne
Verfolgung, Kummer und Sorgen zu leben, desto höher schätzten, und bäten GOTT
weiter um keine mehrere Glückseeligkeit, als dass er unsern Kindern fromme
christliche Ehegatten anhero schicken möchte, die da Lust hätten auf dieser
Insul mit ihnen in Ruhe und Friede zu leben, weil dieselbe im Stande sei, ihre
Einwohner fast mit allem, was zur Leibes Nahrung und Notdurfft gehörig,
reichlich und überflüssig zu versorgen.
    Ich vermerckte unter diesen meinen Reden, dass dem jungen Hülter das Geblüte
ziemlich ins Angesichte trat, da er zugleich seine Augen recht sehnlich auf
meine schöne und tugend-volle Stieff-Tochter warff, jedoch nicht eher als nach
etlichen Tagen durch seinen Vetter Amias bei mir und meiner Frauen um selbige
anhalten liess. Da nun ich und dieselbe schon dessfalls mit einander geheime
Abrede genommen, liessen wir uns die Werbung dieses wohlgebildeten und frommen
jungen Mannes gefallen, versprachen ihm binnen 4. Wochen unsere Tochter ehelich
zuzuführen, doch mit der Bedingung, wenn er mit guten Gewissen schweren könnte
und wollte, dass er (1) noch unverheiratet sei. (2) Unserm Gottesdienste und
Glauben sich gleichförmig erzeigen. (3.) Friedlich mit seiner Frau und uns
leben, und (4.) Sie wieder ihren willen niemals verlassen, oder von dieser
Insul, ausser der dringenden Not, hinweg führen, sondern Zeit Lebens allhier
bleiben wolle. Der gute Robert schwur und versprach alles zu erfüllen, was wir
von ihm begehreten, und setzte hinzu: Dass dieses schöne Tugend-Bild, nämlich
seine zukünftige Ehe-Liebste, Reitzungen im Uberflusse besässe, alle Sehnsucht
nach andern Ländern, Menschen und Schätzen zu vertreiben. Hierauff wurde das
Verlöbnis gehalten, worbei wir alle vor Freuden weineten, absonderlich der alte
Amias, welcher hoch beteuerte: Dass wir bei unserm Schwieger-Sohne das
allerredlichste Gemüte auf der ganzen Welt angetroffen hätten, welches sich
denn auch, GOTT sei Danck, nachhero in allen Fällen also eräusert hat.
    Nun beklage ich, sagte der alte Amias, dass von meinen Lebens-Jahren nicht
etwa 30. oder wenigstens 20. können abgekaufft werden, um auch das Glück zu
haben, euer Schwieger-Sohn zu sein, jedoch weil dieser Wunsch vergeblich ist und
ich einmal veraltet bin, so will nur GOTT bitten, dass er mich zum Werckzeuge
gebrauchen möge: Vor eure übrigen Kinder Ehegatten anhero zu schaffen. Ich habe,
verfolgte er, keine törichten Einfälle hierzu, will also nur GOTT und etwas
Zeit zu Hülffe nehmen.
    Folgende Tage wurde demnach alles zu dem abgeredeten Beilager veranstalltet,
und am 14. Mart. 1664. solches ordentlich vollzogen, an welchem Tage ich als
Vater und Priester, das verlobte Paar zusammen gab. Ihre Ehe ist so vergnügt und
glücklich, als Fruchtbar gewesen, indem sie in folgenden Jahren 14. Kinder, als
nämlich 5. Söhne und 9. Töchter mit einander gezeuget haben, welches mir und
meiner lieben Haus-Frau zum stetigen Troste und Lust gereichte, zumal da unser
Schwieger-Sohn aus eigenen Antriebe und hertzlicher Liebe gegen uns, seinen
eigenen Geschlechts Nahmen zurück setzte, und sich gleich am ersten
Hochzeit-Tage Robert Julius nennete.
    Wir baueten noch im selbigen Herbst ein neues schönes und räumliches Haus
vor die jungen Ehe-Leute, Amias war ihr Haus-Genosse, und darbei ein kluger und
vortrefflicher Arbeiter, der meine gemachten Anstalten auf der Insul in kurtzer
Zeit auf weit bessern Fuss bringen halff, so, dass wir in erwünschten Vergnügen
mit einander leben konten.
    Unser Vorrat an Wein, Geträyde, eingesaltzenen Fleische, Früchten und
andern Lebens-Mitteln war dermassen zu gewachsen, dass wir fast keine Gefässe,
auch keinen Platz in des Don Cyrillo unterirrdischen Gewölbern, selbige zu
verwahren, weiter finden konten, dem ohngeacht, säeten und pflantzten wir doch
Jahr aus, Jahr ein, und speiseten die Affen, deren nunmehro etliche 20. zu
unsern Diensten waren, von dem Uberflusse, hätten aber dennoch im 1666ten Jahre
ohne unsern Schaden gar wohl noch hundert andere Menschen ernehren können, da
sich aber niemand melden wollte, mussten wir zu unsern grösten Leidwesen eine
grosse Menge des besten Geträydes liederlich verderben lassen.
    Amias erseuffzete hierüber öffters, und sagte eines Abends, da wir vor
unsern Haus-Türen die kühlen Abend-Lüffte zur Erquickung abwarteten: Wie
wunderbar sind doch die Fügungen des Allmächtigen! Ach wie viel tausend, und
aber tausend sind doch unter den Christen anzutreffen, die mit ihrer sauern
Hand-Arbeit kaum so viel vor sich bringen, dass sie sich nach Vergnügen
ersättigen können. Die wenigsten Reichen wollen den Armen von ihrem Uberflusse
etwas ansehnliches mitteilen, weil sie sich befürchten, dadurch selbst in
Armut zu geraten, und wir Einwohner dieses Paradieses wollten gern unsern
Nächsten alles, was wir haben, mitgeniessen lassen, so muss es uns aber nur an
Leuten fehlen, die etwas von uns verlangen. Allein, mein wertester Julius, fuhr
er fort, stehet es zu verantworten, dass wir allhier auf der faulen Bank liegen,
und uns eine kleine Mühe und Gefahr abschrecken lassen, zum wenigsten noch so
viel Menschen beiderlei Geschlechts hieher zu verschaffen, als zur Beheiratung
eurer Kinder von nöten sein, welche ihren mannbaren Alter entgegen gehen, und
ohne grosse Sünde und Schande einander nicht selbst eheligen können? Auf
derowegen! Lasset uns den behertzten Entschluss fassen, ein Schiff zu bauen, und
unter starcken Vertrauen zu Göttlichem Beistande an das nächst-gelegenste Land
oder Insul anfahren, wo sich Christen aufhalten, um vor eure Kinder Männer und
Weiber daselbst auszusuchen. Meine Gedancken sind auf die Insul S. Helena
gerichtet, allwo sich Portugiesen niedergelassen haben, und wenn ich nebst der
Land- und See-Charte, die ich bei euch gesehen, alle andern Umstände in
Betrachtung ziehe, so versichert mich ein geheimer Trieb, dass selbige Insul
unsern Wunsch nicht allein erfüllen, sondern auch nicht allzu weit von hier
entlegen sein kann.
    Meine Haus-Frau und ich stutzten ziemlich über des Amias etwas allzu
gefährlich scheinenden Anschlag, ehe wir ihm gehörig darauf antworten, und gar
behutsame Einwürffe machen konten, da er aber alle dieselben sehr vernünftig
widerlegte, und diese Sache immer leichter machte; gab endlich meine Concordia
den Ausschlag, indem sie sagte: Lieben Freunde, wir wollen uns dieserwegen den
Kopff vor der Zeit nicht zerbrechen, versuchet erstlich, wie weit es mit eurem
Schiffbau zu bringen ist, wird dasselbe fertig, und in solchen Zustand gebracht,
dass man sich vernunft-mässig darauf wagen, und dergleichen gefährliche Reise
vornehmen kann, und der Himmel zeigt uns binnen solcher Zeit keine andere Mittel
und Wege, unserer Sorgen los zu werden, so haben wir nachhero noch Zeit genung,
Rat zu halten, wie es anzufangen, auch wer, und wie viel von uns mit reisen
sollen.
    Nachdem diese Meinung von einem jeden gebilliget worden, fingen wir gleich
des folgenden Tages an, Bäume zu fällen, und nachhero zu behauen, woraus Balken,
Bohlen und Breter gehauen werden konten. Auch wurde dasjenige Holz, welches uns
die See von zerscheiterten Schiffen zugeführet hatte, fleissig zusammen gesucht,
doch ein bald darauf einfallendes Regen-Wetter nebst dem nötigen Acker- und
Wein-Bau verursachten, dass wir den Schiffs-Bau biss zu gelegener und besserer
Zeit aufschieben mussten.
    Im August-Monat aber anno 1667. da des Roberts Ehe-Frau allbereit mit der
zweiten Tochter ins Wochen-Bette gekommen war, setzten unsere fleissigen Hände
die Schiffs-Arbeit aufs neue eifferig fort, so, dass wir mit den vornehmsten Holz
Stücken im April des 1668ten Jahres nach des Amias Abrisse fast völlig fertig
wurden. Dem zu Folge wurde unter seiner Anweisung auch eine Schmiede Werk-Stätte
zu bauen angefangen, in welcher die Nägel und anderes zu Schiff-Bau gehöriges
Eisenwerk geschmiedet und zubereitet werden sollte, hatten selbige auch allbereit
in ziemlich guten Stande, als eines Tages meine 3. jüngsten Söhne, welche
bestellet waren, die leichtesten Holz-Stücke mit Hülffe der Affen ans Ufer zu
schaffen, gelauffen kamen, und berichteten, dass sich nahe an unserer Insul ein
Schiff mit Menschen besetzt sehen liesse; weswegen wir ingesamt zwischen Furcht
und guter Hoffnung hinab zum Meer lieffen, und ersahn, wie bemeldtes Schiff auf
eine der vor uns liegenden Sand-Bänke aufgelauffen war, und nicht weiter von der
Stelle kommen konnte. Zwei darauf befindliche Männer schienen uns mit ängstlichen
Winken zu sich zu nötigen, derowegen sich Robert mit meinen beiden ältesten
Söhnen in unser kleines Boot setzte, und zu ihnen hinüber fuhr, ein langes
Gespräch hielt, und endlich mit 9. frembden Gästen, als 3. Weibs-und 6.
Manns-Personen wieder zu uns kam. Allein, diese Elenden schienen allesamt den
Todten ähnlicher als den Lebendigen zu sein, wie denn auch nur ein Weibs-Bild
und zwei Männer noch so viel Kräffte hatten, mit uns hinauf in die Insul zu
steigen, die übrigen sechs, welche fast nicht auf die matten Füsse treten
konten, mussten hinauf getragen werden.
    Der alte hocherfahrene Amias erkannte so gleich, was sie selber gestehen
mussten, nämlich, dass sie nicht allein vom Hunger, sondern auch durch eine
schlimme See Kranckheit, welche der Schaarbock genennet würde, in solchen
kläglichen Zustand geraten wären, derowegen wurde ihnen so gleich Roberts
Wohnhaus zum Krancken-Hause eingeräumet, anbei von Stund an zur besten
Verpflegung alle Anstalt gemacht.
    Wir bekümmerten uns in den ersten Tagen so wenig um ihren Stand und Wesen,
als sie sich um das unserige, doch konnte man mehr als zu wohl spüren, wie
vergnügt und erkenntlich ihre Hertzen wegen der guten Bewirtung wären, dem allen
ohngeacht aber sturben so gleich, noch ehe 8. Tage verlieffen, eine Weibs- und
zwei Manns-Personen, und in folgender Woche folgte die 3te Manns-Person; weil
das Ubel vermutlich allzu starck bei ihnen eingerissen, oder auch wohl keine
Maasse im Essen und Trinken gehalten war. Die Todten wurden von uns mit grossen
Leidwesen ehrlich begraben, und die annoch übrigen sehr schwachen desto
fleissiger gepflegt. Amias machte ihnen Artzeneien von unsern annoch grünenden
Kräutern und Wurtzeln, gab auch keinem auf einmal mehr Speise und Trank, als er
vor ratsam hielt, woher es nebst Göttlicher Hülffe endlich kam, dass sich die
noch übrigen 5. Gäste binnen wenig Wochen völlig erholeten, und nicht die
geringsten Merckmale einer Kranckheit mehr verspüreten.
    Nun sollte ich zwar, meine Lieben, sagte hiermit unser Alt-Vater Albertus,
euch billig noch berichten, wer die Frembdlinge gewesen, und durch was vor ein
Schicksal selbige zu uns gekommen wären, allein mich bedünkt, meine Erzehlung
möchte solcher Gestalt auf heute allzu lange währen, darum will Morgen, so es
GOTT gefällt, wenn wir von Roberts-Raum zurücke kommen, damit den Anfang machen.
Wir, als seine Zuhörer, waren auch damit vergnügt, und traten folgendes Tages
auf gewöhnliche Weise den Weg nach Roberts-Raum an.
    Hieselbst fanden wir die leiblichen Kinder und fernere Abstammlinge von
Robert Hülter, und der jüngern Concordia in 16. ungemein zierlich erbaueten
Wohnhäusern ihre gute Wirtschaft führen, indem sie ein wohlbestelltes Feld um
und neben sich, die Weinberge aber mit den Christophs-Raumern gemeinschaftlich
hatten. Der älteste Sohn des Roberts führete uns in seiner seel. Eltern Haus,
welches er nach deren Tode in Besitz genommen hatte, und zeigete nicht allein
eine alte Englische Bibel, Gesang-und Gebet-Buch auf, welches von dem ganzen
Geschlecht als ein besonderes Heiligtum gehalten wurde, sondern nächst diesem
auch allerhand andere kostbare und sehens-würdige Dinge, die der Stamm-Vater
Robert zum Andencken seiner Klugheit und Geschicklichkeit denen Nachkommen
hinterlassen hatte. Auf der äusersten Felsen-Höhe gegen Osten war ein
bequemliches Wacht-Haus erbauet, welches wir nebst denen dreien dabei
gepflanzten Stücken Geschützes in Augenschein nahmen, und uns dabei über das
viele im Walde herum lauffende Wild sonderlich ergötzten, nachhero in dem
Robertischen Stamm-Hause aufs köstlichste bewirtet wurden, doch aber, nachdem
diese Gemeine in jedes Haus eine Englische Bibel und Gesang-Buch, nebst andern
gewöhnlichen Geschenken vor die Jugend empfangen hatte, zu rechter Zeit den
Rückweg auf Alberts-Burg antraten.
    Mittlerweile, da Herr Mag. Schmeltzer in die Davids-Raumer Allee, seine
Geistlichen Unterrichtungen fortzusetzen, spatzieret war, und wir andern mit
gröster Begierde am Kirchen-Bau arbeiten halffen, hatte unser Alt-Vater Albertus
seine beiden ältesten Söhne, nehmlich Albertum und Stephanum, nebst ihren annoch
lebenden Ehe-Weibern, ingleichen den David Julius, sonst Rawkin genannt, mit
seiner Ehe-Frau Christina, welche des Alt-Vaters jüngste Tochter war, zu sich
beschieden, um die Abend-Mahlzeit mit uns andern allen einzunehmen, da sich nun
selbige nebst Herrn Mag. Schmeltzern eingestellet, und wir sämtlich gespeiset,
auch unsere übrige Gesellschafter sich beurlaubt hatten; blieben der Alt-Vater
Albertus, dessen Söhne, Albertus und Stephanus, nebst ihren Weibern, David und
Christina, Hr. Mag. Schmeltzer, Mons. Wolffgang und ich, also unser 10. Personen
beisammen sitzen, da denn unser Alt-Vater also zu reden anfing:
    Ich habe, meine lieben Freunde, gestern Abend versprochen, euch nähern
Bericht von denjenigen Personen zu erstatten, die wir im 1668ten Jahre, als
ausgehungerte und krancke Leute aufzunehmen, das Glück hatten, weil aber drei
von demselben annoch am Leben, und allhier gegenwärtig sind, als nehmlich dieser
mein lieber Schwieger-Sohn, David, und denn meine beiden lieben
Schwieger-Töchter des Alberti und Stephani Gemahlinnen, so habe vor annehmlicher
erachtet, in eurer Gegenwart selbige zu bitten, dass sie uns ihre
Lebens-Geschichte selbst erzählen möchten. Ich weiss, meine fromme Tochter, sagte
er hierauf zu des Alberti jun. Gemahlin, wie die Kräffte eures vortrefflichen
Verstandes, Gedächtnisses und der Wohlredenheit annoch so vollkommen bei euch
anzutreffen sind, als alle andere Tugenden, ohngeacht die Zeit uns alle auf
dieser Insul ziemlich verändert hat. Derowegen habt die Güte, diesem meinem
Vettern und andern werten Freunden, einen eigenmündlichen Bericht von den
Begebenheiten eurer Jugend abzustatten, damit sie desto mehr Ursach haben, sich
über die Wunder-Hand des Himmels zu verwundern.
    Demnach stund die bei nahe 80. jährige Matrone, deren Gesichts- und
Leibes-Gestalt auch in so hohen Alter noch viele Annehmlichkeiten zeigete, von
ihrem Stuhle auf, küssete erstlich unsern Alt-Vater, setzte sich, nachdem sie
sich gegen die übrigen höflich verneiget, wiederum nieder, und fing ihre
Erzehlung folgender massen an:
    Es ist etwas schweres, meine Lieben, dass eine Frau von solchen Jahren, als
ich bin, annoch von ihrer Jugend reden soll, weil gemeiniglich darbei viele
Torheiten vorzukommen pflegen, die einem reiffern Verstande verächtlich sind,
doch da das menschliche Leben überhaupt ein Zusammenhang vieler Torheiten,
wiewohl bei einem mehr als bei dem andern zu nennen ist, will ich mich nicht
abschrecken lassen, dem Befehle meines hertzlich geliebten Schwieger-Vaters
Gehorsam zu leisten, und die Aufmerksamkeit edler Freunde zu vergnügen, welche
mir als einer betagten Frauen nicht verüblen werden, wenn ich nicht alles mehr
in behöriger Zierlichkeit und Ordnung vorzubringen geschickt bin.
    Mein Nahme ist Judit van Manders, und bin 1648. eben um selbige Zeit
geboren, da die vereinigten Niederländer wegen des allgemeinen
Friedens-Schlusses und ihrer glücklich erlangten Freiheit in grösten Freuden
begriffen gewesen. Mein Vater war einer der ansehnlichsten und reichsten Männer
zu Middelburg in Seeland wohnhaft, der der Republic so wohl als seine Vorfahren
gewiss recht wichtige Dienste geleistet hatte, auch dieserwegen zu einem
Mit-Gliede des hohen Rats erwehlet worden. Ich wurde, nebst einer ältern
Schwester und zweien Brüdern, so erzogen, wie es der Stand und das grosse
Vermögen unserer Eltern erforderte, deren Haupt-Zweck einzig und allein dieser
war, aus ihren Kindern Gottesfürchtige und tugendhafte Menschen zu machen. Wie
denn auch keines aus der Art schlug, als unser ältester Bruder, der zwar
jederzeit von aussen einen guten Schein von sich gab, in Geheim aber allen
Wollüsten und liederlichem Leben oblage. Kaum hatte meine Schwester das 16te und
ich mein 14 des Jahr erreicht, als sich schon eine ziemliche Anzahl junger
vornehmer Leute um unsere Bekanntschaft bewarben, indem meine Schwester
Philippine vor eine der schönsten Jungfrauen in Middelburg gehalten wurde, von
meiner Gesichts-Bildung aber ging die Rede, als ob ich, ohne Ruhm zu melden,
nicht allein meine Schwester, sondern auch alles andere Frauenzimmer im Lande an
Schönheit übertreffen sollte. Doch schrieb man mir als einen besonders grossen
Fehler zu, dass ich eines allzu stillen, eigensinnigen, melancholischen, dahero
verdriesslichen temperaments wäre, dahingegen meine Schwester eine aufgeräumte und
muntere Lebensart blicken liesse.
    Wiewohl ich mich nun um dergleichen Vorwürfe wenig bekümmerte, so war
dennoch gesinnet, dergleichen Aufführung bei ein oder anderer Gelegenheit
möglichstens zu verbergen, zumalen wenn mein ältester Bruder William dann und
wann frembde Cavaliers in unser Haus brachte. Solches war wenige mahl geschehen,
als ich schon an einem, Jan van Landre genannt, einen eiffrigen Liebhaber
wahrnahm, dessen ganz besonderer Hertzens-Freund, Joseph van Zutphen, meine
Schwester Philippinam ebenfalls aufs äuserste zu bedienen suchte. Eines Abends,
da wir solcher Gestalt in zulässigen Vergnügen beisammen sassen, und aus einem
Glücks-Topffe, den Joseph van Zutphen mitgebracht hatte, allerhand lächerliche
Loose zohen, bekam ich unter andern eines, worauf geschrieben stund: Ich müste
mich von demjenigen, der mich am meisten liebte, 10. mahl küssen lassen.
Hierüber entstund unter 6. anwesenden Manns-Personen ein Streit, welcher mir zu
entscheiden, anheim gestellet wurde, allein, um viele Weitläufftigkeiten zu
vermeiden, sprach ich: Meine Herren! Man gibt mir ohnedem Schuld, dass ich
eigensinnig und allzu wunderlich sei, derowegen lasset es dabei bewenden, und
erlaubet mir, dass ich mein Armband auf den Boden der Kammer werffe, wer nun
selbiges am ersten erhaschet, soll nicht allein mich 10. mahl küssen, sondern
auch das Armband zum Angedencken behalten.
    Dieser Vorschlag wurde von allen mit besondern Vergnügen angenommen, Joseph
aber erwischte am allergeschwindesten das Arm-Band, welches Jan van Landre, der
es an dem äusersten Ende nicht fest halten können, ihm überlassen musste. Jedoch
er wandte sich zu ihm, und sagte mit grosser Bescheidenheit: Uberlasset mir,
mein Bruder, nebst diesem Arm Bande euer darauf haftendes Recht, wo es euch
gefällig ist, zumal da ihr allbereits euer Teil habet, und versichert sein
könnet, dass ich dergleichen Kostbarkeit nicht umsonst von euch zu empfangen
begehre. Allein Joseph empfand dieses Ansinnen dermassen übel, dass er in
heftigster Erbitterung gegen seinen Freund also heraus fuhr: Wer hat euch die
Briefe vorgelesen, Jan van Landre, da ihr behaupten wollet, wie ich allbereits
mein Teil habe? Und was wollet ihr mit dergleichen niederträchtigen Zumutungen
bei mir gewinnen? meint ihr etwa, dass mein Gemüt so Pöbelhaft beschaffen als
das eure? und dass ich eine Kostbarkeit verkaufen soll, die doch weder von euch
noch eurer ganzen Freundschaft nach ihrem Wert bezahlet werden kann?
Verschonet mich derowegen in Zukunft mit solchen törichten Reden, oder man
wird euch zeigen, wer Joseph van Zutphen sei.
    Indem nun von diesen beiden jungen Stutzern einer so viel Galle und Feuer
bei sich führete, als der andere, kam es gar geschwind zum heftigsten
Wort-Streite, und fehlete wenig, dass sie nicht ihre Degen-Klingen in unserer
Gegenwart gemessen hätten, doch auf Zureden anderer wurde unter ihnen ein
Schein-Friede gestifftet, der aber nicht länger währete, biss auf folgenden
Morgen, da beide mit erwählten Beiständen vor der Stadt einen Zwei Kampff unter
sich vornahmen, in welchem Joseph von seinem vormahligen Hertzens-Freunde dem
Jan tödtlich verwundet auf dem Platze liegen blieb; der Mörder aber seine Flucht
nacht Frankreich nahm, von wannen er gar bald an mich die verliebtesten Briefe
schrieb, und versprach, seine Sachen aufs längste binnen einem halben Jahre
dahin zu richten, dass er sich wiederum ohne Gefahr in Middelburg dürffte sehen
lassen, wenn er nur sichere Rechnung auf die Eroberung meines Hertzens machen
könnte.
    Allein, bei mir war hinführo weder an die geringste Liebe noch Aussöhnung
vor Jan van Landre zu gedencken, und ob ich gleich vor der Zeit seinetwegen mehr
Empfindlichkeit als vor Joseph und andere Manns-Personen in mir verspüret, so
löschete doch seine eigene mit Blut besudelte Hand und das klägliche Angedencken
des meinetwegen jämmerlich Entleibten das kaum angezündete Fünklein der Liebe in
meinem Hertzen auf einmal völlig aus, mitin vermehrete sich mein angebohrnes
melancholisches Wesen dermassen, dass meinen Eltern dieserhalb nicht allzu wohl
zu Mute wurde, indem sie befürchteten, ich möchte mit der Zeit gar eine Närrin
werden.
    Meine Schwester Philippine hergegen, schlug ihren erstochenen Liebhaber in
wenig Wochen aus dem Sinne, entweder weil sie ihn eben noch nicht starck genug
geliebt, oder Lust hatte, dessen Stelle bald mit einem andern ersetzt zu sehen,
denn sie war zwar voller Feuer, jedoch in der Liebe sehr behutsam und eckel.
Wenige Zeit hernach stellete sich ein mit allen Glücks-Gaben wohlversehener
Liebhaber bei ihr dar, er hatte bei einer Gasterei Gelegenheit genommen, meine
Schwester zu unterhalten, sich in sie verliebt, den Zutritt in unser Haus
gefunden, ihr Herz fast gäntzlich gewonnen, und es war schon soweit gekommen,
dass beiderseits Eltern das öffentliche Verlöbnis zwischen diesen Verliebten
anstellen wollten, als dieser mein zukünftiger Schwager, vor dem ich mich
jederzeit verborgen gehalten hatte, meiner Person eines Tages unverhofft, und
zwar in meiner Schwester Zimmer, ansichtig wurde. Ich wäre ihm gerne entwischt,
allein, er verrannte mir den Pass, so, dass ich mich recht gezwungen sah, seine
Complimenten anzuhören und zu beantworten. Aber! welch ein Unglück entstunde
nicht hieraus? Denn der törichte Mensch, welcher nicht einmal eine völlige
Stunde mit mir umgangen war, veränderte so fort sein ganzes Vorhaben, und
wirfft alle Liebe, die er bishero eintzig und allein zu meiner Schwester
getragen hatte, nunmehro auf mich, liess auch gleich folgendes Tages offenhertzig
bei den Eltern um meine Person anhalten. Dieses machte eine ziemliche Verwirrung
in unserm Hause. Unsere Eltern wollten diese herrliche Partie durchaus nicht
fahren lassen, es möchte auch unter ihren beiden Töchtern betreffen, welche es
wollte. Meine Schwester stellete sich über ihren ungetreuen Liebhaber halb rasend
an, und ohngeacht ich hoch und teuer schwur, einem solchen Wetterhahne nimmer
mehr die ehlige Hand zu geben, so wollte sich doch dadurch keines von allen
Interessenten befriedigen lassen. Meine Schwester hätte mich gern mit den Augen
ermordet, die Eltern wandten allen Fleiss an, uns zu versöhnen, und versuchten,
bald den wankelmütigen Liebhaber auf vorige Wege zu bringen, bald mich zu
bereden, dass ich ihm mein Hertz schenken sollte; Allein, es war so wohl eines als
das andere vergeblich, indem ich bei meinem einmal getanen Schwure beständig
zu verharren beschloss, und wenn es auch mein Leben kosten sollte.
    Wie demnach der Wetterhahn sah, dass bei mir durchaus nichts zu erhalten
war, fing er wiederum an, bei meiner Schwester gelinde Sayten aufzuziehen, und
diese spielete ihre Person dermassen schalckhaft, biss er sich aus eigenem
Antriebe bequemete, sie auf den Knien um Vergebung seines begangenen Fehlers,
und um die vormahlige Gegen-Liebe anzusprechen. Allein, diese vermeinte
nunmehro erstlich sich völlige Genugtuung vor ihre beleidigte Ehre zu
verschaffen, sagte derowegen, so bald sie ihn von der Erde aufgehoben hatte:
Mein Herr! ich glaube, dass ihr mich vor einiger Zeit vollkommen geliebt, auch so
viel Merckmahle einer hertzlichen Gegen-Liebe von mir empfangen habt, als ein
rechtschaffener Mensch von einem honetten Frauenzimmer verlangen kann. Dem
ohngeachtet habt ihr euer veränderliches Gemüte unmöglich verbergen können.
Jedoch es ist vorbei, und es soll euch Seiten meiner alles hertzlich vergeben
sein. Ich schwere auch zu GOTT, dass ich dieser wegen nimmermehr die geringste
Feindschaft gegen eure Person hegen, anbei aber auch nimmermehr eure Ehe-Gattin
werden will, weil die Furcht wegen der zukünftigen Unbeständigkeit so wohl euch
als mir bloss zur beständigen Marter und Quaal gereichen würde.
    Alle Anwesenden stutzten gewaltig hierüber, wandten auch so wohl als der
Neu-Verliebte allen Fleiss und Beredsamkeit an, meine Schwester auf bessern Sinn
zu bringen, jedoch es halff alles nichts, sondern der unbeständige Liebhaber
musste wohlverdienter Weise nunmehro bei beiden Schwestern durch den Korb zu
fallen sich belieben lassen.
    Solcher Gestalt nun wurden wir beiden Schwestern wiederum ziemlich einig,
wiewohl die Eltern mit unsern eigensinnigen Köpffen nicht allerdings zufrieden
waren, indem sich bei uns nicht die geringste Lust zu heiraten, oder wenigstens
mit Manns-Personen umzugehen zeigen wollte.
    Endlich, da nach erwähnten unglücklichen Heirats-Tractaten fast
andertalbes Jahr verstrichen war, fand ein junger, etwa 28. Cavalier allerhand
artige Mittel, sich bei meiner Schwester einzuschmeicheln. Er hielt starcke
Freundschaft mit meinen Brüdern, nennete sich Alexander de la Marck, und war
seinem Vorgeben nach von dem Geschlecht des Grafens Lumay de la Marck, der sich
vor fast 100. Jahren durch die Eroberung der Stadt Briel in Diensten des
Printzen von Oranien einen unsterblichen Ruhm erworben, und so zu sagen, den
Grund zur Holländischen Republic gelegt hatte. Unsere Eltern waren mit seiner
Anwerbung wohl zufrieden, weil er ein wohlgestalter, bescheidener und kluger
Mensch war, der sein grosses Vermögen bei allen Gelegenheiten sattsam hervor
blicken liess. Doch wollten sie ihm das Jawort nicht eher geben, biss er sich
dessfalls mit Philippinen völlig verglichen hätte. Ob nun diese gleich ihre
Resolution immer von einer Zeit zur andern verschob, so wurde Alexander dennoch
nicht vedriesslich, indem er sich allzuwohl vorstellete, dass es aus keiner andern
Ursache geschähe, als seine Beständigkeit auf die Probe zu setzen, und
gegenteils wusste ihn Philippine jederzeit mit der holdseeligsten, doch
ehrbarsten Freundlichkeit zu begegnen, wodurch seine Gedult und langes Warten
sehr versüsset zu werden schien.
    Meiner Schwester, Brüdern und ihm zu Gefallen, liess ich mich gar öffters mit
bei ihren angestellten Lustbarkeiten finden; doch aber durchaus von keinem
Liebhaber ins Netz bringen, ob sich schon viele deswegen ziemliche Mühe gaben.
Gallus van Witt, unser ehemaliger Liebster, gesellete sich nach und nach auch
wieder zu uns, liess aber nicht den geringsten Unmut mehr, wegen des empfangenen
Korbes, spüren, sondern zeigte ein beständiges freies Wesen, und sagte
ausdrücklich, dass, da es ihm im Lieben auf doppelte Art unglücklich ergangen, er
nunmehro fest beschlossen hätte, nimmermehr zu heiraten. Meine Schwester
wünschte ihn also einsmahls, dass er dergleichen Sinnen ändern, hergegen uns alle
fein bald auf sein Hochzeit-Fest zu seiner vollkommen schönen Liebste, einladen
möchte. Da er aber hierbei mit dem Kopffe schüttelte, sagte ich: So recht Mons.
de Witt, nunmehro bin ich euch vor meine Person desto günstiger, weil ihr so
wenig Lust als ich zum Heiraten bezeiget. Er errötete hierüber und versetzte:
Mademoiselle, ich wäre glücklich genung, wenn ich nur den geringsten Teil eurer
beider Gewogenheit wieder erlangen könnte, und euch zum wenigsten als ein Freund
oder Bruder lieben dürfte, ob ihr gleich beiderseits mich zu lieben, und ich
gleichfalls das Heiraten überhaupt verredet und verschworen. Es wird euch,
sagte hierauff Philippine, mit solchen Bedingungen jederzeit erlaubt, uns zu
lieben und zu küssen.
    Auf dieses Wort unterstund sich van Witt die Probe mit küssen zu machen,
welches wir ihm als einen Schertz nicht verweigern konten, nachhero führete er
sich aber bei allen Gelegenheiten desto bescheidener auf.
    Eines Tages brachten de la Marck, und meine Brüder, nicht allein den Gallus
de Witt, sondern auch einen unbekannten vornehmen See-Fahrer mit sich, der erst
neulich von den Bantamischen und Moluccischen Insuln, in Middelburg angelanget
war; und wie er sagte, ehester Tages wieder dahin seegeln wollte. Mein Vater
hatte so wohl als wir andern alle, ein grosses Vergnügen, dessen wundersame
Zufälle und den glückseeligen Zustand selbiger Insuln, die der Republic so
Vorteilhaftig wären, anzuhören, schien sich auch kein Bedencken zu nehmen, mit
der Zeit, einen von seinen Söhnen auf einem Schiffe dahin auszurüsten, worzu
denn der Jüngere mehr Lust bezeigte, als der Aeltere. Damit er aber mit diesem
erfahrnen See-Manne in desto genauere Kundschaft kommen möchte, wurde derselbe
in unserm Hause 3. Tage nach einander aufs beste bewirtet. Nach deren Verlauff
bat sich der See-Fahrer bei meinem Vater aus: derselbe möchte seinen vier
Kindern erlauben, dass sie nebst Alexander de la Mark und Gallus van Witt, auf
seinem Schiffe, selbiges zu besehen, einsprechen dürfften, allwo er dieselben
zur Danckbarkeit vor genossene Ehren-Bezeugung so gut als möglich bewirten, und
mit einigen ausländischen geringen Sachen beschencken wollte.
    Unsere Eltern liessen sich hierzu leichtlich bereden, also wurden wir gleich
folgenden Tages um Mittags-Zeit, von unsern aufgeworffenen Wohltäter abgeholet
und auf sein Schiff geführet, wiewohl mein jüngster Bruder, der sich vergangene
Nacht etwas übel befunden hatte, zu Hause bleiben musste. Auf diesem Schiffe
fanden wir solche Zubereitungen, deren wir uns nimmermehr versehen hatten, denn
die Segel waren alle vom schönsten seidenen Zeuge gemacht, und die Tauen mit
vielerlei farbigen Bändern umwunden, Ruder und anderes Holzwerk gemahlet und
verguldet, und das Schiff inwendig mit den schönsten Tapeten ausgeschlagen, wie
denn auch die Boots-Leute in solche Liberei gekleidet waren, dergleichen de la
Mark und Witt ihren Bedienten zu geben pflegten. Ehe wir uns hierüber sattsam
verwundern konten, wurde die Gesellschaft durch Ankunft noch zweier Damen, und
eines wohlgekleideten jungen Menschen verstärkt, welchen mein Bruder William,
auf geheimes Befragen, vor einen französischen jungen Edelmann Nahmens Henry de
Frontignan, das eine Frauenzimmer aber, vor seine Schwester Margarite, und die
andere vor dessen Liebste, Antonia de Beziers ausgab. Meine Schwester und ich
hatten gar kein Ursach, an unsers Bruders Bericht zu zweiffeln, liessen uns
derowegen gar bald mit diesen schönen Damen ins Gespräche ein, und fanden
dieselben so wohl, als den vermeinten Frantzösischen Edelmann, von ganz
besonderer Klugheit und Beredsamkeit.
    Es war angestellet, dass wir auf dem Ober-Deck des Schiffs in freier Lufft
speisen sollten, da aber ein in Seeland nicht ungewöhnlicher Regen einfiel, musste
dieses unter dem Verdeck geschehen. Mein Bruder tat den Vorschlag, was massen
es uns allen zu weit grössern Vergnügen gereichen würde, wenn uns unser Wirt
bei so guten Winde eine Meile oder etwas weiter in die See, und gegen Abend
wieder zurück führen liesse, welches denn niemanden von der Gesellschaft zuwider
war, vielmehr empfanden wir so wohl hiebei, als an den herrlichen Tractamenten,
wohlklingender Music, und nachhero an allerhand ehrbaren Lust-Spielen einen
besondern Wohlgefallen. Weil aber unser Wirt, Wetters- und Windes wegen, alle
Schau-Löcher hatte zu nageln, und bei hellem Tage Wachs-Lichter anzünden lassen,
so kunten wir bei so vielen Lustreichen Zeitvertreibungen nicht gewahr werden,
ob es Tag oder Nacht sei, biss die Sonne allbereit vor 2. oder 3. Stunden
untergegangen war. Mir kam es endlich sehr bedencklich vor, dass unsere
Manns-Personen einander den Wein ungewöhnlich starck zutranken, auch dass die
beiden Frantzösischen Damen fast so gut mit sauffen konten als das Manns-Volk.
Derowegen gab ich meiner Schwester einen Winck, welche sogleich folgte, und mit
mir auf das Oberdeck hinauff stieg, da wir denn, zu unser beider grösten
Missvergnügen, einen schwartz gewölckten Himmel, nebst annoch anhaltenden
starcken Regen, um unser Schiff herum lauter schäumende Wellen entsetzlich, von
ferne aber, den Glantz eines kleinen Lichts gewahr wurden.
    Es wurde gleich verabredet unsern Verdruss zu verbergen, derowegen fing meine
Schwester, so bald wir wieder zur andern Gesellschaft kamen, nur dieses zu
sagen an: Hilff Himmel meine Freunde! es ist allbereits Mitternacht. Wenn wollen
wir wieder nach Middelburg kommen? und was werden unsere Eltern sagen? Gebet
euch zufrieden meine Schwestern, antwortete unser Bruder William, ich will bei
den Eltern alles verantworten, folget nur meinem Beispiele, und lasset euch von
euren Liebhabern also umarmen, wie ich diesen meinen Hertzens-Schatz umarme. Zu
gleicher Zeit nahm er die Margarite vom Stuhle, und setzte sie auf seinen
Schoss, welche alles geduldig litte, und als die ärgste Schand-Metze mit sich
umgehen liess. Der vermeinte Edelmann, Henry, tat mit seiner Buhlerin ein
gleiches, jedoch Alexander und Gallus scheueten sich dem Ansehen nach noch in
etwas, mit uns beiden Schwestern auf eben diese Art zu verfahren, ohngeachtet
sie von unsern leiblichen Bruder hierzu trefflich angefrischet wurden.
    Philippine und ich erstauneten über dergleichen Anblick, wussten aber noch
nicht, ob es ein Schertz heissen sollte, oder ob wir im Ernst verraten oder
verkaufft wären. Jedennoch verliessen wir die unkeusche Gesellschaft, rufften
Gegenwärtige meine Schwägerin, des edlen Stephani noch itzige Ehe-Gemahlin,
damahls aber, als unsere getreue Dienerin herbei, und setzten uns, in lauter
verwirrten Gedancken, bei einer auf dem Oberlof des Schiffs brennend stehenden
Laterne nieder.
    Der verfluchte Wohltäter, nämlich unser vermeintlicher Wirt, welcher sich
als ein Vieh besoffen hatte, kam hinauff und sagte mit stammlender Zunge: Sorget
nicht ihr schönen Kinder! ehe es noch einmal Nacht wird, werdet ihr in euren
Braut-Bette liegen. Wir wollten weiter mit ihm reden; Allein das überflüssig
eingeschlungene Geträncke suchte seinen Ausgang bei ihm überall, auf so
gewaltsame Art, dass er auf einmal als ein Ochse darnieder stürtzte, und uns,
den grässlichen Gestank zu vermeiden, eine andere Stelle zu suchen zwunge.
    Philippine und ich waren bei dergleichen schändlichen spectacul fast ausser
Sinnen gekommen, und fielen in noch stärckere Verzweiffelung, als gegenwärtige
unsere getreue Sabina plötzlich in die Hände schlug, und mit ängstlichen
Seuffzen schrye: Ach meine liebsten Jungfrauen! Wir sind, allem Ansehen nach,
schändlich verraten und verkaufft, werden auch ohne ein besonderes Wunderwerk
des Himmels, weder eure Eltern, noch die Stadt Middelburg jemals wieder zu sehen
kriegen. Derowegen lasset uns nur den festen Entschluss fassen, lieber unser
Leben, als die Keuschheit und Ehre zu verlieren. Auf ferneres Befragen gab sie
zu verstehen; Dass ein ehrliebender auf diesem Schiffe befindlicher Reisender ihr
mit wenig Worten so viel gesagt: Dass sie an unsern bevorstehenden Unglücke nicht
den geringsten Zweifel tragen könne.
    Wie gesagt, wir hätten solchergestalt verzweiffeln mögen, und mussten unter
uns Dreien alle Mittel anwenden, der bevorstehenden Ohnmacht zu entgehen; als
ein resoluter Teutscher, Nahmens Simon Heinrich Schimmer, Jacob Larson ein
Schwede, und gegenwärtiger David Rawkin ein Engelländer, (welche alle Drei
nachhero allhier meine werten Schwäger worden sind,) nebst noch 2. andern
redlichen Leuten, zu unserm Troste bei uns erschienen. Schimmer führete das Wort
in aller stille, und sagte: Glaubet sicherlich, schönsten Kinder, dass ihr durch
eure eigenen Anverwandten und Liebhaber verraten worden. Zum Unglück haben ich
und diese redlichen Leute solches itzo erst vor einer Stunde von einem getreuen
Boots-Knechte erfahren, da wir schon sehr weit vom festen Lande entfernet sind,
sonsten wollten wir euch gar bald in Freiheit gesetzt haben; Allein nunmehro ist
es unmöglich, wir hätten denn das Glück uns in künftigen Tagen einen stärckern
Anhang zu verschaffen. Solte euch aber immittelst Gewalt angetan werden, so
ruffet um Hülffe, und seid völlig versichert, dass zum wenigsten wir 5.
wehrhaften Leute, ehe unser Leben dran setzen, als euch schänden lassen wollen.
    Wir hatten kaum Zeit, drei Worte, zu bezeugung unserer erkänntlichen
Danckbarkeit, gegen diese 5. vom Himmel zugesandten redlichen Leute,
vorzubringen; als unser leichtfertiger Bruder, von de la Mark und Witt
begleitet, herzu kamen, uns hinunter zu holen. Witt stolperte über den in seinem
Unflat liegenden Wirt her, und balsamierte sich und seine Kleider so, dass er
sich als eine Bestie hinweg schleppen lassen musste, William sank gleichfalls, da
er die freie Lufft empfand, zu Boden, de la Mark aber war noch bei ziemlichen
Verstande, und brachte es durch viele scheinheilige Reden und Liebkosungen
endlich dahin, daa Philippine, ich und unsere Sabina, uns endlich betäuben
liessen, wieder hinunter in die Cajute zu steigen.
    Aber, o welch ein schändlicher Spectacul fiel uns allhier in die Augen. Der
saubere Frantzösische von Adel sass, zwischen den zweien verfluchten
Schand-Huren, Mutternackend vor dem Camine, und zwar in einer solchen
ärgerlichen Stellung, dass wir mit lauten Geschrei zurück fuhren, und uns in
einen besondern Winckel mit verhülleten Angesichtern versteckten.
    De la Mark kam hinter uns her, und wollte aus der Sache einen Schertz machen,
allein Philippine sagte: Bleibet uns vom Halse ihr vermaledeiten Verräter, oder
der erste, der uns angreifft, soll auf der Stelle mit dem Brod-Messer erstochen
werden. Weiln nun de la Mark spürete, dass wenig zu tun sei, erwartete er so
wohl, als wir, in einem andern Winckel des Tages. Dieser war kaum angebrochen,
als wir uns in die Höhe machten und nach dem Lande umsahn, allein es wollte sich
unsern begierigen Augen, ausser dem Schiffe, sonsten nichts zeigen, als Wasser
und Himmel. Die Sonne ging ungemein hell und klar auf, fand alle andern im
festen schlafe liegen, uns drei Elenden aber in schmertzlichen Klagen und
heissen Tränen, die wir anderer Menschen Bosheit wegen zu vergiessen Ursach
hatten.
    Kaum hatten die vollen Sauen den Rausch ausgeschlafen, da die ganze ehrbare
Zunft zum Vorscheine kam, und uns, mit ihnen Caffee zu trinken nötigte. An
statt des Morgen-Grusses aber, lasen wir unserm gottlosen Bruder ein solches
Capitel, worüber einem etwas weniger ruchlosen Menschen hätten die Haare zu
Berge stehen mögen. Doch dieser Schand-Fleck der Natur verlachte unsern Eifer
anfänglich, nahm aber hernach eine etwas ernstaftere miene an, und hielt
folgende Rede: Lieben Schwestern, seid versichert, dass, ausser meiner Liebsten
Margareta, mir auf der Welt niemand lieber ist als ihr, und meine drei besten
Freunde, nämlich: Gallus, Alexander und Henry. Der erste, welcher dich Judit
aufs allerheftigste liebt, ist zur gnüge bekannt. Alexander, ob er gleich
bisher so wohl als Henry nur ein armer Schlucker gewesen; hat alle
Eigenschaften an sich, Philippinen zu vergnügen, und vor die gute Sabina wird
sich auch bald ein braver Kerl finden. Derowegen, lieben Seelen, schicket euch
in die Zeit. Nach Middelburg wiederum zu kommen, ist unmöglich, alles aber, was
ihr nötig habt, ist auf diesem Schiff vorrätig anzutreffen. Auf der Insul
Amboina werden wir unsere zukünftige Lebens-Zeit ingesamt in grösten Vergnügen
zubringen können, wenn ihr nur erstlich eure eigensinnigen Köpffe in Ordnung
gebracht, und nach unserer Lebens-Art eingerichtet habt.
    Nunmehro war mir und meiner Schwester ferner unmöglich, uns einer Ohnmacht
zu erwehren, also sanken wir zu Boden, und kamen erstlich etliche Stunden
hernach wieder in den Stand, unsere Vernunft zu gebrauchen, da wir uns denn in
einer besondern Schiffs-Kammer allein, unter den Händen unserer getreuen Sabina
befanden. Diese hatte mittlerweile von den beiden schändlichen Dirnen das ganze
Geheimnis, und zwar folgenden Umständen nach, erfahren.
    Gallus van Witt, als der Haupt-Urheber unsers Unglücks, hat gleich nach
seinem, bei beiden Schwestern umgeschlagenen Liebes-Glücke, die
allervertrauteste Freundschaft mit unserm Bruder William gemacht, und demselben
vorgestellt: Dass er ohnmöglich leben könne, er müsse denn eine von dessen
Schwestern zur Frau haben, und sollte er auch sein ganzes Vermögen, welches bei
nahe in 2. Tonnen Goldes bestünde, dran setzen. William versichert ihn seines
geneigten Willens hierüber, verspricht sich in allen zu seinen Diensten, und
beklagt nur, dass er kein Mittel zu erfinden wisse, seines Hertzens-Freundes
Verlangen zu stillen. Gallus aber, der seit der Zeit beständig, so wohl auf
einen gewaltsamen, als listigen Anschlag gesonnen, führet den William zu dem
liederlichen Comoedianten-Volcke, nämlich: Alexandern, Henry, Antonien und
Margariten, da sich denn derselbe sogleich aufs allerheftigste in die Letztere
verliebt, ja sich ihr und den übrigen schändlichen Verrätern ganz zu eigen
ergibt. Alexander wird demnach, als der Ansehnlichste, auf des Gallus Unkosten,
in solchen Stand gesetzt, sich als einer der vornehmsten Cavaliers aufzuführen
und um Philippinen zu werben, mittlerweile kleiden sie einen alten verunglückten
See-Räuber, vor einen erfahrnen Ost-Indien-Fahrer an, der unsere Eltern und uns
betrügen helffen, ja uns armen einfältigen Kinder in das verfluchte Schiff
locken muss, welches Gallus und mein Bruder, zu unserm Raube, so fälschlich mit
grossen Kosten ausgerüstet hatten, um damit einen Fart nach den Moluccischen
Insuln vorzunehmen. Der letztere, nämlich mein Bruder, hatte nicht allein den
Eltern eine erstaunliche Summe Geldes auf listige Art entwendet, sondern auch
Philippinens, und meine Kleinodien und Barschaften mit auf das Schiff
gebracht, damit aber doch ja unsere Eltern ihrer Kinder nicht alle auf einmal
beraubt würden, gibt der verteuffelte Mensch dem jüngern Bruder, Abends vorhero,
unvermerckt ein starckes Brech-Pulver ein, damit er künftigen Tages bei der
Schiffs-Lust nicht erscheinen, und folglich in unserer Entführung keine
Verhinderung machen könne.
    Bei solchen unerhörten schändlichen Umständen sahen wir also vollkommen, dass
vor uns keine Hoffnung übrig war diesem Unglücke zu entgehen, derowegen ergaben
wir uns fast gäntzlich der Verzweiffelung, und wollten uns in der ersten Wut mit
den Brod-Messern selbst ermorden, doch dem Himmel sei Danck, dass unsere liebste
und getreuste Sabina damahls weit mehr Verstand als wir besass, unsere Seelen aus
des Satans Klauen zu erretten. Sie wird sich annoch sehr wohl erinnern können,
was sie vor Arbeit und Mühe mit uns beiden unglücklichen Schwestern gehabt, und
wie sie endlich, da nichts verfangen wollte, in solche Heldenmütige Worte
ausbrach: Fasset ein Hertze, meine gebietenden Jungfrauen! Lasset uns abwarten,
wer sich unterstehen will uns zu schänden, und solche Teufels erstlich ermorden,
hernach wollen wir uns der Barmhertzigkeit des Himmels überlassen, die es
vielleicht besser fügen wird als wir vermeinen.
    Kaum hatte sie diese tapffern Worte ausgesprochen, so wurde ein grosser
Lermen im Schiffe, und Sabina zohe Nachricht ein, dass ein See-Räuber uns
verfolgte, auch vielleicht bald Feuer geben würde. Wir wünschten, dass es ein
Frantzose oder Engelländer sein, der immerhin unser Schiff erobern, und alle
Verräter todt schlagen möchte, so hätten wir doch ehe Hoffnung gegen
Versprechung einer starcken ranzion, von ihm Ehre und Freiheit zu erhalten.
Allein weil der Wind unsern Verrätern günstiger, ausserdem auch unser Schiff
sehr wohl bestellt, leicht und flüchtig war, so brach die Nacht abermals herein,
ehe was weiters vorgieng.
    Wir hatten den ganzen Tag ohne Essen sind Trincken zugebracht, liessen uns
aber des Nachts von Sabina bereden, etwas zu geniessen, und da weder William
noch jemand anders, noch zur Zeit das Hertz hatte vor unsere Augen zu kommen, so
verwahreten wir unsere Kammer aufs Beste, und gönneten den von Tränen
geschwächten Augen, eine wiewohl sehr ängstliche Ruhe.
    Folgendes Tages befanden sich Philippine und Sabina so wohl als ich in
erbärmlichen Zustande, denn die gewöhnliche See-Kranckheit setzte uns dermassen
heftig zu, dass wir nichts gewissers als einen baldigen und höchstgewünschten
Tod vermuteten; Allein der Himmel hatte selbigen noch nicht über uns verhänget,
denn, nachdem wir über 15. Tage im ärgsten phantasieren, ja völligen Rasen
zugebracht; liess es sich nicht allein zur Besserung an, sondern unsere
Gesundheit wurde nachhero, binnen etlichen Wochen, wider unsern Willen, völlig
hergestellet.
    Zeitwährender unserer Kranckheit, hatten sich nicht allein die ehrbaren
Damen, sondern auch die übrigen Verräter wegen unserer Bedienung viele Mühe
geben wollen, waren aber jederzeit garstig empfangen worden. Indem wir ihnen
öffters ins Gesichte gespyen, alles, was wir erlangen können, an die Köpffe
geworffen, auch allen Fleiss angewendet hatten, ihnen die verhurten Augen
auszukratzen. Wesswegen sie endlich vor dienlicher erachtet, sich abwesend zu
halten, und die Bedienung einer schon ziemlich alten Magd, welche vor Antonien
und Margariten mitgenommen war, zu überlassen. Nachdem aber unsere Gesundheit
wiederum gäntzlich erlangt, und es eine fast unmögliche Sache war, beständig in
der düstern Schiffs-Kammer zu bleiben, begaben wir uns, auf unserer liebsten
Sabine öffteres Bitten, auf das Oberteil des Schiffs, um bei damahligen schönen
Wetter frische Lufft zu schöpffen. Unsere Verräter waren dieses kaum gewahr
worden, da die ganze Schaar hertzu kam, zum neuen guten Wohlstande Glück
wünschte und hoch beteuerte, dass sich unsere Schönheit nach überstandener
Kranckheit gedoppelt hervor täte. Wir beantworteten aber alles dieses mit
lauter verächtlichen Worten und Gebärden, wollten auch durchaus mit ihnen keine
Gemeinschaft pflegen, liessen uns aber doch endlich durch alltägliches
demütiges und höffliches Zureden bewegen, in ihrer Gesellschaft zu essen und
zu trinken, hergegen erzeigten sich unsere standhaften Gemüter desto
ergrimmter, wenn etwa Gallus oder Alexander etwas verliebtes vorbringen wollten.
    William unterstund sich, uns dieserwegen den Text zu lesen, und
vorzustellen, wie wir am klügsten täten, wenn wir den bisherigen Eigensinn und
Widerwillen verbanneten, hergegen unsern Liebhabern gutwillig den Zweck ihres
Wunsches erreichen liessen, ehe sie auf verzweiffelte, uns vielleicht noch
unanständigere Mittel gedächten, denen wir mit aller unserer Macht nicht
widerstehen könnten, da zumahlen alle Hoffnung zur Flucht, oder anderer Erlösung
nunmehro vergebens sei. Allein dieser verfluchte Kuppler wurde mit wenigen, doch
dermassen hitzigen Worten, und Geberden dergestalt abgewiesen, dass er als ein
begossener Hund, wiewohl unter heftigen Drohungen zurücke ging, und seinen
Absendern eine ganz unangenehme Antwort brachte. Sie kamen hierauff selbst, um
ihr Heil nochmals in der Güte, und zwar mit den allerverliebtesten und
verpflichtetsten Worten und Beteuerungen, zu versuchen, da aber auch diesesmal
ihr schändliches Ansinnen verdammet und verflucht, auch ihnen der verwegne
Jungfrauen-Raub behertzt zu Gemüte geführet und zugeschworen wurde, dass sie in
alle Ewigkeit kein Teil an uns überkommen sollten, hatten wir uns abermals auf
etliche Wochen Friede geschafft.
    Endlich aber wollte die geile Brunst dieser verhurten Schand-Buben sich
weiter durch nichts unterdrücken lassen, sondern in volle Flammen ausbrechen,
denn wir wurden einstens in der Nacht von dreien Schelmen, nämlich Alexander,
Gallus und dem Schiffs Quartiermeister plötzlich überfallen, die uns nunmehro
mit Gewalt ihren vermaledeiten geilen Lüsten aufopffern wollten. Indem wir uns
aber dergleichen Bosheit schon vorlängst träumen lassen, hatten so wohl
Philippine und Sabina als ich, beständig ein blosses Taschen-Messer unter dem
Haupte zurechte gelegt, und selbiges allbereit zur Wehre gefasset, da unsere
Kammer in einem Augenblicke aufgestossen wurde. Alexander warff sich auf meine
Schwester, Gallus auf mich, und der Quartiermeister auf die ehrliche Sabinen.
Und zwar mit solcher furie, dass wir Augenblicklich zu ersticken vermeinten. Doch
aus dieser angestellten schändlichen Comoedie, ward gar bald eine blutige
Tragoedie, denn da wir nur ein wenig Lufft schöpfften, und das in den Händen
verborgene Gewehr anbringen konten, stiessen wir fast zu gleicher Zeit auf die
verfluchten Huren-Hängste los, so dass unsere Kleider von den schelmischen
hitzigen Geblüte ziemlich bespritzt wurden.
    Der Quartiermeister blieb nach einem eintzigen aussgestossenen brüllenden
Seuffzer, stracks todt auf der Stelle liegen, weil ihm die tapffere Sabina,
allen Vermuten nach, mit ihrem grossen und scharffen Messer das Hertz gäntzlich
durchstossen hatte. Alexander, den meine Schwester durch den Hals, und Gallus,
welchen ich in die lincke Bauch-Seite gefährlich verwundet, wichen taumelnd
zurück, wir drei Zitterenden aber, schryen aus vollem Halse Zeter und Mordio.
    William und Henry kamen hertzu gelauffen und wollten Miene machen, ihrer
schelmischen Mit-Brüder Blut mit dicken Knütteln an uns zu rächen, zu gleicher
Zeit aber erschienen der tapffere Schimmer, Larson, Rawkin und etwa noch 4. oder
6. andere redliche Leute, welche bald Stillestand machten, und uns in ihren
Schutz nahmen, auch Angesichts aller andern teuer schwuren, unsere Ehre biss auf
die letzte Minute ihres Lebens zu beschirmen. William und Henry mussten also
nicht allein mit ihrem Anhange zu Creutze kriechen, sondern sich so gar mit
ihren Huren aus der besten Schiffs-Kammer heraus werffen lassen, in welche wir
eingewiesen, und von Schimmers Anhang Tags und Nachts hindurch wohl bewahret
wurden. Das schändliche Aas des Quartiermeisters wurde als ein Luder ins Meer
geworffen, Alexander und Gallus lagen unter den Händen des Schiffs-Barbieres,
Schimmer aber und sein Anhang spieleten den Meister auf dem Schiffe, und setzten
die andern alle in ziemliche Furcht, ja da der alte sogenannte Schiffs-Capitain,
nebst William und Henry, sich von neuen mausig machen wollten, fehlete es nicht
viel, dass beide Parteien einander in die Haare geraten wären, ohngeacht niemand
sichere Rechnung machen konnte, welches die stärkste wäre.
    Solcher Verwirrung ohngeacht wurde die Reise nach Ost-Indien bei favorablen
Winde und Wetter dennoch immer eifferig fortgesetzt, welches uns zwar höchst
missfällig war, doch da wir gezwungener Weise dem Verhängnis stille halten
mussten, richteten sich unsere in etwas ruhigere Sinnen einzig und allein dahin,
dessen Ziel zu erraten.
    Die um die Gegend des grünen Vor-Gebürges sehr scharf kreuzenden See-Räuber,
verursachten so viel, dass sich die streitigen Parteien des Schiffes auf gewisse
Puncte ziemlich wieder vereinigten, um den gemeinschaftlichen Feinden desto
bessern Widerstand zu tun, worunter aber der Haupt-Punkt war, dass man uns 3.
Frauenzimmer nicht im geringsten kräncken, sondern mit geziemenden Respect alle
selbst beliebige Freiheit lassen sollte. Demnach lebten wir in einigen Stücken
ziemlich vergnügt, kamen aber mit keinem Fusse an Land, ohngeacht schon 3. mal
unterwegs frisch Wasser und Victualien von den herum liegenden Insuln
eingenommen worden. Gallus und Alexander, die nach etlichen Wochen von ihren
gefährlichen Wunden völlig hergestellet waren, scheuen sich uns unter Augen zu
treten, William und Henry redeten ebenfalls so wenig, als ihre Huren mit uns,
und kurtz zu sagen: Es war eine recht wunderliche Wirtschaft auf diesem
Schiffe, biss uns ein Ætiopischer See-Räuber dermassen nahe kam, dass sich die
Unserigen genötiget sahen, mit möglichster Tapferkeit entgegen zu gehen.
    Es entstunde dannenhero ein heftiges Treffen, worinnen endlich gegen Abend
der Mohr überwunden wurde, und sich mit allen, auf seinem Raub-Schiffe
befindlichen, zur Beute übergeben musste. Hierbei wurden 13. Christen-Sclaven in
Freiheit, hergegen 29. Mohren in unsere Sklaverei gebracht, anbei verschiedene
kostbare Waaren und Kleinodien unter die Siegenden verteilt, welche nicht mehr
als 5. Todte und etwa 12. oder 16. Verwundete zehleten. Nachhero entstund ein
grosser Streit, ob das eroberte Schiff versenckt, oder beibehalten werden sollte.
Gallus und sein Anhang verlangten das Versencken, Schimmer aber setzte sich mit
seiner Partei dermassen starck darwider, biss er in so weit durchdrunge, dass
alles Volk auf die zwei Schiffe ordentlich geteilet wurde. Also kam Schimmer
mit seinem Anhange, worunter auch ich, Philippine und Sabina begriffen waren,
auf das Mohrische Schiff, konnte aber dennoch nicht verwehren, dass Gallus und
Alexander auf selbigem das Commando überkamen, dahingegen William und Henry
nebst ihren Schand-Metzen auf dem ersten Schiffe blieben, und aus besonderer
Güte eine erbeutete Schand-Hure, die zwar dem Gesichte nach eine weisse
Christin, aber ihrer Aufführung nach ein von allen Sünden geschwärztes Luder
war, an Alexandern und Gallus zur Notelfferin überliessen. Dieser Schand Balg,
deren Geilheit unaussprechlich, und die, so wohl mit dem einem als dem andern,
das verfluchteste Leben führete, ist nebst uns noch biss hieher auf diese Insul
gekommen, doch aber gleich in den ersten Tagen verreckt.
    Jedoch behöriger Ordnung wegen, muss in meiner Erzehlung melden, dass damahls
unsere beiden Schiffe ihren Lauff eiffrigst nach dem Vorgebürge der guten
Hoffnung richteten, aber durch einen lange anhaltenden Sturm davon abgetrieben
wurden. Das Middelburgische Schiff verlohr sich von dem Unsern, kam aber am
fünften Tage unverhofft wieder zu uns, und zwar bei solcher Zeit, da es
schiene, als ob alles Ungewitter vorbei wäre, und das schönste Wetter zum
Vorscheine kommen wollte. Wir ruderten ihm mit möglichsten Kräfften entgegen,
weil unsern Commandeurs, die, nebst ihren wenigen Getreuen, wenig oder gar
nichts von der künstlichen Seefahrt verstunden, an dessen Gesellschaft nur
allzu viel gelegen war. Allein, nach meinen Gedancken hatte die Allmachts-Hand
des Allerhöchsten dieses Schiff keiner andern Ursache wegen wieder so nahe zu
uns geführet, als, uns allen an demselben ein Zeichen seiner strengen
Gerechtigkeit sehen zu lassen, denn wir waren kaum noch eines Büchsen-Schusses
weit von einander, als es mit einem entsetzlichen Krachen plötzlich
zerschmetterte, und teils in die Lufft gesprengt, teils Stück- weise auf dem
Wasser aus einander getrieben wurde, so, dass hiervon auch unser Schiff sich
grausamer Weise erschütterte, und mit Pfeil-mässiger Geschwindigkeit eines
Canonen-Schusses weit zurück geschleudert wurde. Dennoch richteten wir unsern
Weg wieder nach der unglückseeligen Stelle, um vielleicht noch einige im Meere
zapplende Menschen zu erretten, allein, es war hieselbst keine lebendige Seele,
auch sonsten nichts als noch einige zerstückte Balcken und Breter anzutreffen.
    Was dieser unverhoffte Streich in unsern und der übrigen Gesellschaft
Gemütern vor verschiedene Bewegungen mag verursachet haben, ist leichtlich zu
erachten. Wir Schwestern beweineten nichts, als unsers in seinen Sünden
hingerafften Bruders arme Seele, erkühneten uns aber nicht, über die
Straff-Gerichte des Allerhöchsten Beschwerde zu führen. Wie Alexandern und
Gallus zu Mute war, liess sich leichtlich schliessen, indem sie von selbigem
Tage an keine fröliche Miene mehr machen, auch sich um nichts bekümmern konten,
sondern das Commando an Mons. Schimmern gutwillig überliessen, der, gegen den
nochmahls entstehenden Sturm, die besten und klügsten Verfassungen machte.
Selbiger hielt abermals biss auf den 6ten Tag, und hatte alle unsere Leute
dermassen abgemattet, dass sie wie die Fliegen dahin fielen, und nach gehaltener
Ruhe im Essen und Trincken die verlohrnen Kräffte wieder suchten, ob schon kein
eintziger eigentlich wissen konnte, um welche Gegend der Welt wir uns befänden.
    Fünff Wochen lieffen wir also in der Irre herum, und hatten binnen der Zeit
nicht allein viele Beschädigungen an Schiffe erlitten, sondern auch alle Ancker,
Mast und besten Seegel verloren, und zum allergrösten Unglücke ging mit der
6ten Woche nicht allein das süsse Wasser, sondern auch fast aller Proviant zum
Ende, doch hatte der ehrliche Schimmer die Vorsicht gebraucht, in unsere Kammer
nach und nach heimlich so viel einzutragen, worvon wir und seine Freunde noch
einige Wochen länger als die andern gut zu leben hatten; dahingegen Alexander,
Gallus und andere allbereit anfangen mussten, Leder und andere noch eckelere
Sachen zu ihrer Speise zu suchen.
    Endlich mochte ein schändlicher Bube unsere liebe Sabina an einem harten
Stücke Zwieback haben nagen sehen, weswegen so gleich ein Lermen entstund, so,
dass viele behaupten wollten, es müste noch vor alle Vorrat genug vorhanden sein.
Derowegen rotteten sich etliche zusammen, brachen in unsere Kammer ein, und da
sie noch vor etwa zehn Personen auf 3. Wochen Speise darinnen fanden, wurden wir
dieser wegen erbärmlich, ja fast biss auf den Tod von ihnen geprügelt. Mons.
Schimmer hatte dieses Lerm nicht so bald vernommen, als er mit seinen Freunden
herzu kam, und uns aus ihren Händen retten wollte, da aber so gleich einer von
seiner Partei darnieder gestochen wurde, kam es zu einem solchen entsetzlichen
Blutvergiessen, dass, wenn ich noch daran gedencke, mir die Haare zu Berge
stehen. Alexander und Gallus, welche sich nunmehro als öffentliche Rädels-Führer
und abgesagte Feinde darstelleten, auch Schimmern ziemlich ins Haupt verwundet
hatten, mussten alle beide von seinen Händen sterben, und da die andern seiner
Löwen-mässigen Tapfferkeit nachahmeten, wurden ihre Feinde binnen einer Stunde
meistens vertilget, die übrigen aber baten mit Aufzeigung ihrer blutigen
Merckmahle um Gnade und Leben.
    Es waren nunmehro in allen noch 25. Seelen auf dem Schiffe, worunter 5.
Mohren und das schändliche Weibs-Bild begriffen waren, diese letztere wollte
Schimmer durchaus ins Meer werfen, allein auf mein und meiner Schwester Bitten
liess ers bleiben. Aller Speise-Vorrat wurde unter die Guten und Bösen in zwei
gleiche Teile geteilet, ohngeacht sich der Frommen ihrer 14. der Bösen aber
nur 11. befanden, nachdem aber das süsse Wasser ausgetrunken war, und wir uns nur
mit zubereiteten See-Wasser behelfen mussten, riss die schädliche Kranckheit,
nehmlich der Schaarbock, als mit welchen ohnedem schon viele befallen worden,
auf einmal dermassen heftig ein, dass in wenig Tagen von beiden Teilen 10.
Personen sturben. Endlich kam die Reihe auch an meine liebe Schwester, welche
ich mit bittern Tränen und Sabinens getreuer Hülffe auf ein Bret band, und
selbige den wilden Fluten zum Begräbnis übergab. Es folgten ihr kurtz darauf
noch 5. andere, die teils vom Hunger, teils von der Kranckheit hingerafft
wurden, und da wir übrigen, nämlich: Ich, Sabina, Schimmer, Larson, Rawkin,
Schmerd, Hulst, Farding, und das schändliche Weibs-Bild, die sich Clara nennete,
auch nunmehro weder zu beissen, noch zu brocken hatten, über dieses von
erwähnter Kranckheit heftig angegriffen waren, erwarteten wir fast täglich die
letzte Stunde unseres Lebens. Allein, die sonderbare gnädige Fügung des
barmhertzigen Himmels führete uns endlich gegen diesen von aussen wüste
scheinenden Felsen, in der Tat aber unsern werten Errettern in die Hände,
welche keinen Augenblick versäumten, die allerelendesten Leute von der ganzen
Welt, nämlich uns, in beglücktern, ja in den allerglückseeligsten Stand auf
Erden zu versetzen. Schmerd, Hulst und Farding, die 3. redlichen und frommen
Leute, mussten zwar so wohl als die schandbare Clara, gleich in den ersten Tagen
allhier ihren Geist aufgeben, doch wir noch übrigen 5., wurden durch GOttes
Barmhertzigkeit und durch die gute Verpflegung dieser frommen Leute erhalten.
Wie nachhero ich meinem liebsten Alberto, der mich auf seinem Rücken in dieses
Paradies getragen, und wie diese liebe Sabina ihrem Gemahl Stephano, der ihr
eben dergleichen Gütigkeit erwiesen, zu Teile worden, auch was sich weiter mit
uns damahls neu angekommenen Gästen zugetragen, wird vielleicht ein andermal
bequemlicher zu erzählen sein, wiewohl ich nicht zweiffele, dass es mein liestber
Schwieger-Vater geschickter als ich verrichten wird. Voritzo bitte nur mit
meinem guten Willen zufrieden zu sein.
    Also endigte die angenehme Matrone vor dieses mahl ihre Erzehlung, weil es
allbereits ziemlich späte war. Wir danckten derselben darvor mit einem
liebreichen Hand-Kusse, und legeten uns hernach sämmtlich zur Ruhe, nahmen aber
nächstfolgenden Morgen unsere Lust-Fahrt auf Christians-Raum zu. Hieselbst waren
nicht mehr als 10. wohl erbauete Feuer-Stätten, nebst darzu gehörigen Scheuern,
Ställen, und ungemein schönen Garten-Wercke anzutreffen, anbei die
Haupt-Schleusen des Nord-Flusses, nebst dem Canal, der das Wasser zu beliebiger
Zeit in die kleine See zu führen, durch Menschen-Hände ausgegraben war, wohl
Betrachtenswürdig. Diese Pflanz-Stadt lag also zwischen den Flüssen ungemein
lustig, hatte zwar in ihrem Bezirck keine Weinberge, hergegen so wohl als andere
ein vortrefflich wohlbestelltes Feld, Holtzung, Wild und herrlichen Fischfang.
Vor die gute Aufsicht, und Besorgung wegen der Brücken und Schleusen, mussten
ihnen alle andern Einwohner der Insul sonderlich verbunden sein, auch davor
einen gewissen Zoll an Weine, Saltz und andern Dingen, die sie nicht selbst in
der Nähe haben konten, entrichten.
    Wir hielten uns allhier nicht lange auf, sondern reiseten, nachdem wir ihnen
das gewöhnliche Geschencke gereicht, und die Mittags-Mahlzeit eingenommen
hatten, wieder zurück. Abends, zu gewöhnlicher Zeit aber, fing David Rawkin auf
Erinnerung des Alt-Vaters denen Versammleten seine Lebens-Geschicht folgender
massen zu erzählen an:
    Ich stamme, sagte er, aus einem der vornehmsten Lords-Geschlechte in
Engelland her, und bin dennoch im Jahr 1640. von sehr armen Eltern in einer
Bauer-Hütte auf dem Dorffe geboren worden, weiln das Verbrechen meiner
Vor-Eltern, so wohl väterlicher als mütterlicher Seite, ihre Nachkommen nicht
allein um alles Vermögen, sondern so gar um ihren sonst ehrlichen
Geschlechts-Nahmen gebracht, indem sie denselben aus Not verläugnen, und sich
nachhero schlecht weg Rawkins nennen müssen, um nur in einer frembden Provinz
ohne Schimpff ruhig, obschon elend, zu leben. Meine Eltern, ob sie gleich
unschuldig an allen Ubeltaten der Ihrigen gewesen, waren doch durch derselben
Fall gäntzlich mit niedergeschlagen worden, so, dass sie, einem fürchterlichen
Gefängnisse und andern Beschwerlichkeiten zu entgehen, mit ihren besten Sachen
die Flucht genommen hatten. Doch, wenn sich das Verhängnis einmal vorgesetzt
hat, unglückseelige Menschen nachdrücklich zu verfolgen, so müssen sich auch auf
der allersichersten Strasse ihre Feinde finden lassen. So war es meinen Eltern
ergangen, denn da sie allbereit weit genung hinweg, also von ihren Verfolgern
sicher zu sein vermeinen, werden die armen Leute des Nachts von einer Rotte
Strassen-Räuber überfallen, und biss aufs blosse Hembde ausgeplündert und
fortgejagt, so, dass sie kaum mit anbrechenden Tage eine Mühle antreffen können,
in welche sie von der barmhertzigen Müllerin aufgenommen und mit etlichen alten
Kleidern bedeckt werden. Weiln aber der darzu kommende närrische Müller hierüber
scheele Augen macht, und sich so wenig durch meiner Eltern gehabtes Unglück, als
durch meiner Eltern Schönheit und Zärtlichkeit zum Mitleiden bewegen lässet,
müssen sie, nachdem er doch aus besondern Gnaden ihnen ein halbes Brod und 2.
Käse gegeben, ihren Stab weiter setzen, werden aber von einer Vieh-Magd, die
ihnen die barmhertzige Müllerin nachgeschickt, in eine kleine Bauer-Wohnung des
nächst-gelegenen Dorffs geführet, anbei wird ihnen eine halbe Guinee an Gelde
überreicht, und der Bauers-Frau befohlen, diese Gäste auf der Müllerin Unkosten
bestens zu bewirten.
    Also haben meine armen Eltern allhier Zeit genung gehabt, ihr Unglück zu
bejammern, anbei aber dennoch die besondere Vorsorge GOttes und die Gütigkeit
der Müllerin zu preisen, welche fromme Frau meine Mutter wenigstens wöchentlich
ein paar mal besucht, und unter der Hand wider ihres Mannes Wissen reichlich
versorget, weiln sie als eine betagte Frau, die weder Kinder noch andere Erben,
als ihren unvernünftigen Mann, dem sie alles zugebracht hatte, sich ein
Vergnügen machte, armen Leuten von ihrem Uberflusse gutes zu tun.
    In der dritten Woche ihres dasigen Aufentalts kömmt meine Mutter mit mir
ins Wochen-Bette, die Müllerin nebst andern Bauers-Leuten werden zu meinen
Tauff-Zeugen erwehlet, welche erstere die ganze Ausrichtung aus ihren Beutel
bezahlet, und meiner Mutter aufs äuserste verbietet, ihr grosses Armut
niemanden kund zu geben, sondern jedermann zu bereden, ihr Mann, als mein Vater,
sei ein von einem unruhigen Bischoffe vertriebener Schulmeister.
    Dieser Einfall scheinet meinem Vater sehr geschicklich, seinen Stand, Person
und ganzes Wesen, allen erforderlichen Umständen nach, zu verbergen, derowegen
macht er sich denselben von Stund an wohl zu Nutze, und passieret auch solcher
Gestalt vor allen Leuten, als ein abgedanckter Schulmeister, zumal da er sich
eine darzu behörige Kleidung verfertigen lässet. Er schrieb eine sehr feine
Hand, derowegen geben ihm die daherum wohnenden Pfarr-Herren und andere
Gelehrten so viel abzuschreiben, dass er das tägliche Brod vor sich, meine Mutter
und mich damit kümmerlich verdienen kann, und also der wohltätigen Müllerin
nicht allzu beschwerlich fallen darff, die dem ohngeacht nicht unterliess, meine
Mutter wöchentlich mit Gelde und andern Bedürffnissen zu versorgen.
    Doch etwa ein halbes Jahr nach meiner Geburt legt sich diese Wohltäterin
unverhofft aufs krancken Bette nieder, und stirbt, nachdem sie vorhero meine
Mutter zu sich kommen lassen, und derselben einen Beutel mit Gold-Stücken, die
sich am Werte höher als 40. Pfund Sterlings belaufen, zu meiner Erziehung
eingehändiget, und ausdrücklich gesagt hatte, dass wir dieses ihres heimlich
gesammleten Schatz-Geldes würdiger und bedürfftiger wären, als ihr ungetreuer
Mann, der ein weit mehreres mit Huren durchgebracht, und vielleicht alles, was
er durch die Heirat mit ihr erworben, nach ihrem Tode auch bald durchbringen
würde.
    Mit diesem kleinen Capitale sehen sich meine Eltern bei ihren damahligen
Zustande ziemlich geholffen, und mein Vater läst sich in den Sinn kommen, seine
Frau und Kind aufzupacken, und mit diesem Gelde nach Holland oder Franckreich
überzugehen, um daselbst entweder zu Lande oder zur See Kriegs-Dienste zu
suchen, allein, auf inständiges Bitten meiner Mutter, läst er sich solche
löbliche Gedancken vergehen, und dahin bringen, dass er den erledigten
Schulmeister-Dienst in unsern Dorffe annimmt, der jährlich, alles zusammen
gerechnet, etwa 10. Pfund Sterlings Einkommens gehabt.
    Vier Jahr lang verwaltet mein Vater diesen Dienst in stillen Vergnügen, weil
sich sein und meiner Mutter Sinn nun gäntzlich in dergleichen Lebens-Art
verliebet. Jedermann ist vollkommen wohl mit ihm zufrieden und bemühet, seinen
Fleiss mit ausserordentlichen Geschencken zu vergelten, weswegen meine Eltern
einen kleinen Anfang zu Erkauffung eines Bauer- machen, und ihr bisher zusammen
gespartes Geld an Ländereien legen wollen, weil aber noch etwas weniges an den
bedungenen Kauff-Geldern mangelt, sieht sich meine Mutter genötiget, das
letzte und beste gehänckelte Gold-Stück, so sie von der Müllerin bekommen, bei
ihrer Nachbarin zu versetzen.
    Diese falsche Frau gibt zwar so viele kleine Münze darauf, als meine Mutter
begehret, weil sie aber das sehr kennbare Gold-Stück sehr öffters bei der
verstorbenen Müllerin gesehen, über dieses mit dem Müller in verbotener
Buhlschaft leben mag, zeigt sie das Gold-Stück dem Müller, der dasselbe gegen
ein ander Pfand von ihr nimmt, zum Ober-Richter trägt, meinen Vater und Mutter
eines Diebstahls halber anklagt, und es dahin bringt, dass beide zugleich
plötzlich, unwissend warum, gefangen und in Ketten und Banden geschlossen
werden.
    Anfänglich vermeint mein Vater, seine Feinde am königlichen Hofe würden ihn
allhier ausgekundschaft und feste gemacht haben, erschrickt aber desto
heftiger, als man ihn so wohl als meine Mutter wegen des Diebstahls, den sie
bei der verstorbenen Müllerin unternommen haben sollten, zur Rede setzt. Sintemal
aber in diesem Stücke beide ein gutes Gewissen haben, und fernere
Weitläufftigkeiten zu vermeiden, dem Ober-Richter die ganze Sache offenbaren,
werden sie zwar nach fernern weitläufftigen Untersuchungen von des Müllers
Anklage los gesprochen, jedennoch so lange in gefänglicher Hafft behalten, biss
sie ihres Standes und Wesens halber gewissere Versicherungen einbrächten, weiln
das Vorgeben wegen eines vertriebenen Schulmeisters falsch befunden worden, und
der Ober-Richter, ich weiss nicht was vor andere verdächtige Personen, in ihrer
Haut gesucht.
    Mittlerweile lieff ich armer 6. jähriger Wurm in der Irre herum, und nehrete
mich von den Brosamen, die von frembder Leute Tische fielen, hatte zwar öffters
Erlaubnis, meine Eltern in ihren Gefängnisse zu besuchen, welche aber, so oft
sie mich sahen, die bittersten Tränen vergossen, und vor Jammer hätten vergehen
mögen. Da ich nun solcher Gestalt wenig Freude bei ihnen hatte, kam ich künftig
desto sparsamer zu ihnen, gesellete mich hergegen fast täglich zu einem
Gänse-Hirten, bei dem ich das Vergnügen hatte, im Felde herum zu lauffen, und
mit den mir höchst angenehmen Kreaturen, nämlich den jungen und alten Gänsen, zu
spielen, und sie hüten zu helffen, wovor mich der Gänse-Hirte mit aller
Notdurfft ziemlich versorgte.
    Eines Tages, da sich dieser mein Wohltäter an einen schattigten Orte zur
Ruhe gelegt, und mir das Commando über die Gänse allein überlassen hatte; kam
ein Cavalier mit zweien Bedienten geritten, welchen ein grosser englischer Hund
folgte. Dieser tummelte sich unter meinen Gänsen lustig herum, und biss fast in
einem Augenblick 5. oder 6. Stück zu Tode. So klein als ich war, so heftig
ergrimmte mein Zorn über diesen Mörder, lieff derowegen als ein junger Wüterich
auf denselben los, und stiess ihm mit einen bei mir habenden spitzigen Stock
dermassen tieff in den Leib hinein, dass er auf der Stelle liegen blieb. Der eine
Bediente des Cavaliers kam derowegen schrecklich erbost zurück geritten, und gab
mir mit der Peitsche einen ziemlichen Hieb über die Lenden, weswegen ich noch
ergrimmter wurde, und seinem Pferde etliche blutige Stiche gab.
    Hierauf kam so wohl mein Meister als der Cavalier selbst herbei, welcher
letztere über die Herzhaftigkeit eines solchen kleinen Knabens, wie ich war,
recht erstaunete, zumahlen ich denjenigen, der mich geschlagen hatte, noch immer
mit grimmigen Gebärden ansah. Der Cavalier aber liess sich mit dem Gänse-General
in ein langes Gespräch ein, und erfuhr von demselben mein und meiner Eltern
Zustand. Es ist Schade, sagte hierauf der Cavalier, dass dieser Knabe, dessen
Gesichts-Züge und angeborne Herzhaftigkeit etwas besonderes zeigen, in seiner
zarten Jugend verwahrloset werden soll. Wie heissest du, mein Sohn? fragte er
mit einer liebreichen Miene, David Rawkin gab ich ganz trotzig zur Antwort. Er
fragte mich weiter: Ob ich mit ihm reisen, und bei ihm bleiben wollte, denn er
wäre ein Edelmann, der nicht ferne von hier sein Schloss hätte, und gesinnet sei,
mich in einen weit bessern Stand zu setzen, als worinnen ich mich itzo befände.
Ich besonne mich nicht lange, sondern versprach ihm, ganz gern zu folgen, doch
mit dem Bedinge, wenn er mir vor dem bösen Kerl Friede schaffen, und meinen
Eltern aus dem Gefängnis helffen wollte. Er belachte das erstere, und
versicherte, dass mir niemand Leid zufügen sollte, wegen meiner Eltern aber wolle
er mit denn Ober-Richter reden.
    Demnach nahm mich derjenige Bediente, welcher mein Feind gewesen, nunmehro
mit sehr freundlichen Gebärden hinter sich aufs Pferd, und folgten dem Cavalier,
der dem Gänse-Hirten 2. Hände voll Geld gegeben, und befohlen hatte, meinen
Eltern die Helffte davon zu bringen, und ihnen zu sagen, wo ich geblieben wäre.
    Es ist nicht zu beschreiben, mit was vor Gewogenheit ich nicht allein von
des Edelmanns Frau und ihren zwei 8. biss 10. jahrigen Kindern, als einem Sohne
und einer Tochter, sondern auch von dem ganzen Haus-Gesinde angenommen wurde,
weil mein munteres Wesen allen angenehm war. Man steckte mich so gleich in
andere Kleider, und machte in allen Stücken zu meiner Auferziehung den
herrlichsten Anfang. Mein Herr nahm mich wenig Tage hernach mit sich zum
Ober-Richter, und würckte so viel, dass meine Eltern, die derselbe im Gefängnisse
fast ganz vergessen zu haben schien, auf neue zum Verhör kamen. Kaum aber hatte
mein Herr meinen Vater und Mutter recht in die Augen gefasset, als ihm die
Tränen von den Wangen rolleten, und er sich nicht entalten konnte, vom Stuhle
aufzustehen, sie beiderseits zu umarmen.
    Mein Vater sah sich solcher Gestalt entdeckt, hielt derowegen vor weit
schädlicher, sich gegen dem Ober-Richter ferner zu verstellen, sondern
offenbarete demselben seinen ganzen Stand und Wesen. Mein Edelmann, der sich
Eduard Sadby nennete, sagte öffentlich: Ich bin in meinem Hertzen völlig
überzeugt, dass diese armen Leute an dem Laster der beleidigten Majestät, welches
ihre Eltern und Freunde begangen haben, unschuldig sind, man verfähret zu
scharff, indem man die Straffe der Eltern auch auf die unschuldigen Kinder
ausdehnet. Mein Gewissen läst es unmöglich zu, diese Erbarmens-würdigen
Standes-Personen mit verdammen zu helffen, ohngeacht ihre Vorfahren seit hundert
Jahren her meines Geschlechts Todt-Feinde gewesen sind.
    Mit allen diesen Vorstellungen aber konnte der ehrliche Eduard nichts mehr
ausrichten, als dass meinen Eltern alle ihre verarrestirten Sachen wiedergegeben,
und sie in einer, ihrem Stande nach, leidlichern Verwahrung gehalten wurden,
weil der Ober-Richter zu vernehmen gab, dass er sie, seiner Pflicht gemäss, nicht
eher völlig los geben könne, biss er die ganze Sache nach Londen berichtet, und
von da her Befehl empfangen hätte, was er mit ihnen machen sollte. Hiermit mussten
wir vor dieses mahl alle zu frieden sein, ich wurde von ihnen viele hundert mahl
geküsset, und musste mit meinem gütigen Pflege-Vater wieder auf sein Schloss
reisen, der mich von nun an so wohl als seine leiblichen Kinder zu verpflegen
Anstalt machte, auch meine Eltern mit hundert Pfund Sterlings, ingleichen mit
allerhand Standes-mässigen Kleidern und andern Sachen beschenckte.
    Allein, das Unglück war noch lange nicht ermüdet, meine armen Eltern zu
verfolgen, denn nach etlichen Wochen lieff bei dem Ober-Richter ein Königlicher
Befehl ein, welcher also lautete: Dass ohngeacht wider meine Eltern nichts
erhebliches vorhanden wäre, welches sie des Verbrechens ihrer Verwandten,
mitschuldig erklären könne, so sollten sie dem ohngeacht, verschiedener
Mutmassungen wegen, in das Staats-Gefängnis nach London geliefert werden.
    Diesemnach wurden dieselben unvermutet dahin geschafft, und mussten im Tour,
obgleich als höchst-unschuldig befundene, dennoch ihren Feinden zu Liebe, die
ihre Güter unter sich geteilet, so lange schwitzen, biss sie etliche Monate nach
des Königs Entauptung, ihre Freiheit nebst der Hoffnung zu ihren Erb-Gütern,
wieder bekamen; allein der Gram und Kummer hatte seit etlichen Jahren beide
dermassen entkräfftet, dass sie sich in ihren besten Jahren fast zugleich aufs
Krancken-Bette legten, und binnen 3. Tagen einander im Tode folgeten.
    Ich hatte vor dem mir höchst-schmerzlichen Abschiede noch das Glück, den
Väterlichen und Mütterlichen letzten Seegen zu empfangen, ihnen die Augen
zuzudrücken, anbei ein Erbe ihres ganzen Vermögens, das sich etwa auf 150.
Pfund Sterl. nebst einem grossen Sacke voll Hoffnung belieff, zu werden.
    Eduard liess meine Eltern Standes-mässig zur Erden bestatten, und nahm sich
nachhero meiner als ein getreuer Vater an, allein, ich weiss nicht, weswegen er
hernach im Jahre 1653. mit dem Protector Cromwel zerfiel, weswegen er ermordet,
und sein Weib und Kinder in ebenso elenden Zustand gesetzt wurden, als der
meinige war.
    Mit diesem Pfeiler fiel das ganze Gebäude meiner Hoffnung, wiederum in den
Stand meiner Vor-Eltern zu kommen, gäntzlich darnieder, weil ich als ein 13.
Knabe keinen eintzigen Freund zu suchen wusste, der sich meiner mit Nachdruck
annehmen möchte. Derowegen begab ich mich zu einem Kauffmanne, welchen Eduard
meinetwegen 200. Pfund Sterlings auf Wucher gegeben hatte, und verzehrete bei
ihm das Interesse. Dieser wollte mich zwar zu seiner Hantierung bereden, weil
ich aber durchaus keine Lust darzu hatte, hergegen entweder ein Gelehrter oder
ein Soldat werden wollte, musste er mich einem guten Meister der Sprachen
übergeben, bei dem ich mich dergestalt angriff, dass ich binnen Jahres Frist mehr
gefasset, als andere, die mich an Jahren weit übertraffen.
    Eines Tages, da ich auf denjenigen Platz spazieren ging, wo ein neues
Regiment Soldaten gemustert werden sollte, fiel mir ein Mann in die Augen, der
von allen andern Menschen sonderbar respectieret wurde. Ich fragte einen bei mir
stehenden alten Mann: Wer dieser Herr sei? und bekam zur Antwort: Dass dieses
derjenige Mann sei, welcher der ganzen Nation Freiheit und Glückseeligkeit
wieder hergestellet hätte, der auch einem jeden Unterdrückten sein rechtes Recht
verschafte. Wie heisset er mit Nahmen? war meine weitere Frage, worauf mir der
Alte zur Antwort gab: Er heisset Oliverius Cromwell, und ist nunmehro des
ganzen Landes Protector.
    Ich stund eine kleine Weile in Gedancken, und fragte meinen Alten nochmals:
Solte denn dieser Oliverius Cromwell im Ernste so ein redlicher Mann sein?
    Indem kehrete sich Cromwell selbst gegen mich, und sah mir starr unter die
Augen. Ich sah ihn nicht weniger starr an, und brach plötzlich mit
unerschrockenem Mute in folgende Worte aus: Mein Herr, verzeihet mir! ich höre,
dass ihr derjenige Mann sein sollet, der einem jeden, er sei auch wer er sei,
sein rechtes Recht verschaffe, derowegen liegt es nur an euch, dieserwegen eine
Probe an mir abzulegen, weil schwerlich ein geborner vornehmer Engelländer
härter und unschuldiger gedrückt ist als eben ich.
    Cromwell liess seine Bestürzung über meine Freimütigkeit deutlich genug
spüren, fassete aber meine Hand, und führete mich abseits, allwo er meinen
Nahmen, Stand und Not auf einmal in kurtzen Worten erfuhr. Er sagte weiter
nichts darzu, als dieses: Habt kurze Zeit Gedult, mein Sohn! ich werde nicht
ruhen, biss euch geholffen ist, und damit ihr glaubt, dass es mein rechter Ernst
sei, will ich euch gleich auf der Stelle ein Zeichen davon geben. Hiermit
führete er mich mitten unter einen Troupp Soldaten, nahm einem Fähndrich die
Fahne aus der Hand, übergab selbige an mich, machte also auf der Stätte aus mir
einen Fähndrich, und aus dem vorigen einen Lieutenant.
    Mein Monatlicher Sold belieff sich zwar nicht höher als auf 8. Pfund
Sterlings, doch Cromwells Freigebigkeit brachte mir desto mehr ein, so, dass
nicht allein keine Not leiden, sondern mich so gut und besser als andere Ober-
Officiers aufführen konnte. Immittelst verzögerte sich aber die Wiedereinsetzung
in meine Güter dermassen, biss Cromwell endlich darüber verstarb, sein
wunderlicher Sohn Richard verworffen, und der neue König, Carl der andere,
wiederum ins Land geruffen wurde. Bei welcher Gelegenheit sich meine Feinde aufs
neue wider mich empöreten, und es dahin brachten, dass ich meine Kriegs-Bedienung
verliess, und mit 400. Pfund Sterl. baaren Gelde nach Holland überging, des
festen Vorsatzes, mein, mir und meinen Vorfahren so widerwärtiges Vaterland
nimmermehr wieder mit einem Fusse zu betreten.
    Ich hatte gleich mein zwanzigstes Jahr erreicht, da mich das Glücke nach
Holland überbrachte, allwo ich binnen einem halben Jahre viele schöne Städte
besah, doch in keiner derselben einen andern Trost vor mich fand, als mein
künftiges Glück oder Unglück auf der See zu suchen. Weil aber meine Sinnen
hierzu noch keine vollkommene Lust hatten, so setzte meine Reise nach
Teutschland fort, um selbiges als das Hertz von ganz Europa wohl zu betrachten.
Mein Haupt-Absehen aber war entweder unter den Kayserl. oder Chur-Brandenburgl.
Völckern Kriegs-Dienste zu suchen, jedoch zu meinem grösten Verdrusse wurde eben
Friede, und mir zu gefallen wollte keinem einzigen wiederum Lust ankommen, Krieg
anzufangen.
    Inzwischen passirete mir auf dem Wege durch den beruffenen Türinger Wald,
ein verzweiffelter Streich, denn als ich eines Abends von einem grausamen
Donner-Wetter und Platz-Regen überfallen war, so sah mich bei hereinbrechender
Nacht genötiget, vom Pferde abzusteigen und selbiges zu führen, biss endlich, da
ich mich schon weit verirret und etwa gegen Mitternacht mit selbigen meine Ruhe
unter einem grossen Eichbaume suchen wollte, der Schein eines von ferne
brennenden Lichts, durch die Sträucher in meine Augen fiel, der mich bewegte
meinen Gaul aufs neue zu beunruhigen, um dieses Licht zu erreichen. Nach
verfliessung einer halben Stunde war ich ganz nahe dabei, und fand selbiges in
einem Hause, wo alles herrlich und in Freuden zugieng, indem ich von aussen eine
wunderlich schnarrende Music hörete, und durch das Fenster 5. oder 6. paar
Menschen im Tantze erblickte. Mein vom vielen Regen ziemlich erkälteter Leib,
sehnete sich nach einer warmen Stube, derowegen pochte an, bat die heraus
guckenden Leute um ein Nacht-Quartier, und wurde von ihnen aufs freundlichste
empfangen. Der sich angebende Wirt führete mein Pferd in einen Stall, brachte
meinen blauen Mantel-Sack in die Stube, liess dieselbe warm machen, dass ich meine
nassen Kleider trocknen möchte, und setzte mir einige, eben nicht unappetitliche
Speisen für, die mein hungeriger Magen mit gröster Begierde zu sich nahm.
Nachhero hätte mich zwar gern mit drei anwesenden ansehnlichen Manns-Personen
ins Gespräche gegeben, da sie aber weder Engel- noch Holländisch, vielweniger
mein weniges Latein verstehen konten, und mit zerstückten Deutschen nicht
zufrieden sein wollten, legte ich mich auf die Streu nieder, und zwar an die
Seite eines Menschen, welchen der Wirt vor einen bettlenden Studenten ausgab,
blieb auch bei ihm liegen, ohngeacht mir der gute Wirt nachhero unter dem
Vorwande, dass ich allhier voller Ungeziefer werden würde, eine andere Stelle
anwiese.
    Ich hatte die Torheit begangen, verschiedene Gold-Stücke aus meinem Beutel
sehen zu lassen, jedoch selbige nachhero so wohl als mein übriges Geld um den
Leib herum wohl verwahret, meinen Mantel-Sack unter den Kopf, Pistolen und Degen
aber neben mich gelegt. Allein dergleichen Vorsicht war in so weit vergeblich,
da ich in einen solch tiefen Schlaf verfalle, der, wo es GOTT nicht sonderlich
verhütet, mich in den Todes-Schlaf versenckt hätte. Denn kaum zwei Stunden nach
meinem niederliegen, machten die drei ansehnlichen Manns-Personen, welches in
der Tat Spitzbuben waren, einen Anschlag auf mein Leben, hätten mich auch mit
leichter Mühe ermorden können, wenn nicht der ehrliche neben mir liegende
studiosus, welches der nunmehro seelige Simon Heinrich Schimmer war, im
verstellten Schlafe alles angehöret, und mich errettet hätte.
    Die Mörder nehmen vorhero einen kurtzen Abtritt aus der Stube, derowegen
wendet Schimmer allen Fleiss an, mich zu ermuntern, da aber solches unmöglich
ist, nimmt er meine zum Häupten liegenden Pistolen und Degen unter seinen Rock,
welcher ihm zur Decke dienete, vermerkt aber bald, dass alle drei wieder zurück
kommen, und dass einer mit einem grossen Messer in der Hand, mir die Kehle
abzuschneiden, miene macht.
    Es haben sich kaum ihrer zwei auf die Knie gesetzt, einer nämlich, mir den
tödlichen Schnitt zu geben, der andere aber Schimmers-Bewegung in acht zu
nehmen, als dieser Letztere plötzlich aufspringet, und fast in einem tempo alle
beide zugleich darnieder schiesst, weil er noch vor meinem niederliegen wahr
genommen, dass ich die Pistolen ausgezogen und jede mit 2. Kugeln frisch geladen
hatte. Indem ich durch diesen gedoppelten Knall plötzlich auffuhr, erblickte
ich, dass der dritte Haupt-Spitz-Bube von Schimmern mit dem Degen darnieder
gestochen wurde. Dem ohngeacht hatten sich noch 3. Mannes- und 4. Weibs-Personen
vom Lager erhoben, welche uns mit Höltzernen Gewehren darnieder zuschlagen
vermeinten, allein da ich unter Schimmers Rocke meinen Degen fand und zum Zuge
kam, wurde in kurtzen reine Arbeit gemacht, so, dass diese 7. Personen
elendiglich zugerichtet, auf ihr voriges Lager niederfallen mussten. Am
lächerlichsten war dieses bei dem ganzen Streite, dass mich eine Weibs-Person,
mit einer ziemlich starck angefüllten Katze voll Geld, über den Kopf schlug, so
dass mir fast hören und sehen vergangen wäre, da aber diese Amazonin durch einen
gewaltigen Hieb über den Kopff in Ohnmacht gebracht, hatte ich Zeit genung, mich
ihres kostbaren Gewehrs zu bemächtigen, und selbiges in meinem Busen zu
verbergen.
    Mittlerweile da Schimmer, mit dem von mir geforderten Kraut und Lot, die
Pistolen aufs neue pfefferte, kam der Wirt mit noch zwei Handfesten Kerln
hertzu, und fragte: Was es gäbe? Schimmer antwortete: Es gibt allhier Schelme
und Spitzbuben zu ermorden, und derjenige so die geringste miene macht uns
anzugreiffen, soll ihnen im Tode Gesellschaft leisten. Demnach stelleten sich
der Wirt nebst seinen Beiständen, als die ehrlichsten Leute von der Welt,
schlugen die Hände zusammen und schryen: O welch ein Anblick? Was hat uns das
Unglück heute vor Gäste zugeführet? Allein Schimmer stellete sich als ein
anderer Hercules an, und befahl, dass der Wirt sogleich mein Pferd gesattelt
hervor führen sollte, mittlerweile sich seine zwei Beistände als ein paar Hunde
vor der Stuben-Tür niederlegen mussten. Wir beide kleideten uns inzwischen
völlig an, liessen mein Pferd heraus führen, die Tür eröffnen, und durch den
Wirt den Mantel-Sack aufbinden, reiseten also noch vor Tages Anbruch hinweg,
und bedachten hernach erstlich, dass der Wirt vor grosser Angst nicht ein mahl
die Zehrungs-Kosten gefordert hatte, vor welche ihm allen Ansehen nach 3. oder
4. Todte, und 6. sehr Verwundete hinterlassen waren.
    Wir leiteten das Pferd hinter uns her, und folgeten Schritt vor Schritt,
ohne ein Wort miteinander zu reden, dem gebähnten Wege, auch unwissend, wo uns
selbiger hinführete, biss endlich der helle Tag anbrach, der mir dieses mal mehr
als sonsten, mit ganz besonderer Schätzbarkeit in die Augen leuchtete. Doch da
ich mein Pferd betrachtete, befand sich's, dass mir der Wirt, statt meines
blauen Mantel-Sacks, einen grünen aufgebunden hatte. Ich gab solches dem
redlichen Schimmer, mit dem ich auf dem Wege in Erwegung unserer beiderseits
Bestürzung noch kein Wort gesprochen hatte, so gut zu verstehen, als mir die
Lateinische Sprache aus dem Munde fliessen wollte, und dieser war so neugierig
als ich, zu wissen, was wir vor Raritäten darinnen antreffen würden. Derowegen
führeten wir das Pferd seitwärts ins Gebüsche, packten den Mantel-Sack ab, und
fanden darinnen 5. verguldete silberne Kelche, 2. silberne Oblaten-Schachteln,
vielerlei Beschläge so von Büchern abgebrochen war, nebst andern kostbarn und
mit Perlen gestickten Kirchen-Ornaten, ganz zuletzt aber kam uns in einem
Bündel zusammen gewickelter schwartzer Wäsche, ein lederner Beutel in die Hände,
worinnen sich 600. Stück species Ducaten befanden.
    Schimmern überfiel bei diesem Funde so wohl als mich, ein grausamer
Schrecken, so dass der Angst-Schweiss über unsere Gesichter lieff, und wir
beiderseits nicht wussten was mit diesen mobilien anzufangen sei. Endlich da wir
einander lange genung angesehen, sagte mein Gefährte: Wehrter Frembdling, ich
mercke aus allen Umständen dass ihr so ein redliches Hertze im Leibe habt als
ich, derowegen wollen wir Gelegenheit suchen, die, zu GOttes Ehre geweiheten
Sachen und Heiligtümer, von uns ab- und an einen solchen Ort zu schaffen, von
wannen sie wiederum an ihre Eigentümer geliefert werden können, denn
diejenigen, welche vergangene Nacht von uns getödtet und verwundet worden, sind
ohnfehlbar Kirchen-Diebe gewesen. Was aber diese 600 spec. Ducaten anbelanget,
so halte darvor dass wir dieselben zur recreation vor unsere ausgestandene Gefahr
und Mühe wohl behalten können. Saget, sprach er, mir derowegen euer Gutachten.
    Ich gab zu verstehen dass meine Gedancken mit den Seinigen vollkommen überein
stimmeten, also packten wir wiederum auf, und setzten unsern Weg so eilig, als
es möglich war, weiter fort, da mir denn Schimmer unterweges sagte: Ich sollte
mich nur um nichts bekümmern, denn weil ich ohne dem der teutschen Sprache
unkundig wäre, wollte er schon alles so einzurichten trachten, dass wir ohne
fernere Weitläufigkeit und Gefahr weit genug fortkommen könnten, wohin es uns
beliebte.
    Es kam uns zwar überaus Beschwerlich vor den ganzen Tag durch den
fürchterlichen Wald, und zwar ohne Speise und Tranck zu reisen, jedoch endlich
mit Untergang der Sonnen erreichten wir einen ziemlich grossen Flecken, allwo
Schimmer sogleich nach des Priesters Wohnung fragte, und nebst mir, vor
derselben halten blieb.
    Der Ehrwürdige, etwa 60. jährige Priester kam gar bald vor die Tür, welchen
Schimmer in Lateinischer Sprache ohngefehr also anredete: Mein Herr! Es möchte
uns vielleicht vor eine Unhöfflichkeit ausgelegt werden, bei euch um ein
Nacht-Quartier zu bitten, indem wir als ganz frembde Leute in das ordentliche
Wirtshaus gehören, allein es zwinget uns eine ganz besondere Begebenheit, in
Betrachtung eures heiligen Amts, bei euch Rat und Hülffe zu suchen. Derowegen
schlaget uns keins von beiden ab, und glaubt gewiss, dass in uns beiden keine
Bosheit, sondern zwei redliche Hertzen befindlich. Habt ihr aber dieser
Versicherung ohngeacht ein Misstrauen, welches man euch in Erwegung der vielen
herum schweiffenden Mörder, Spitzbuben und Diebe zu gute halten muss, so brauchet
zwar alle erdenckliche Vorsicht, lasset euch aber immittelst erbitten unser
Geheimnis anzuhören.
    Der gute ehrliche Geistliche machte nicht die geringste Einwendung, sondern
befahl unser Pferd in den Stall zu führen, uns selbst aber nötigte er sehr
treuhertzig in seine Stube, allwo wir von seiner Haussfrau, und bereits
erwachsenen Kindern, wohl empfangen wurden. Nachdem wir, auf ihr heftiges
Bitten, die Abend-Mahlzeit bei ihnen eingenommen, führete uns der ehrwürdige
Pfarrer auf seine Studier-Stube, und hörete nicht allein die in vergangener
Nacht vorgefallene Mord-Geschicht mit Erstaunen an, sondern entsetzte sich noch
mehr, da wir ihm das auf wunderbare Weise erhaltene Kirchen-Geschmeide und
Geräte aufzeigeten, denn er erkannte sogleich an gewissen Zeichnungen, dass es
ohnfehlbar aus der Kirche einer etwa 3 Meilen von seinem Dorffe liegenden Stadt
sein müsse, und hofte, dessfalls sichere Nachricht von einem vornehmen Beamten
selbiger Stadt zu erhalten, welcher Morgendes Tages ohnfehlbar zu ihm kommen und
mit einer seiner Töchter Verlöbnis halten würde.
    Schimmer fragte ihn hierauff, ob wir als ehrliche Leute genung täten, wenn
wir alle diese Sachen seiner Verwahrung und Sorge überliessen, selbige wiederum
an gehörigen Ort zu liefern, uns aber, da wir uns nicht gern in fernere
Weitläufftigkeiten verwickelt sähen, auf die weitere Reise machten. Der Priester
besonne sich ein wenig, und sagte endlich: Was massen er derjenig nicht sei, der
uns etwa Verdriesslichkeiten in den Weg zu legen oder gar aufzuhalten gesonnen,
sondern uns vielmehr auf mögliche Art fortelffen, und die Kirchen-Güter so bald
es tunlich, wieder an ihren gehörigen Ort bringen wollte. Allein meine Herrn,
setzte er hinzu, da euch allen beiden die Redlichkeit aus den Augen leuchtet,
eure Begebenheit sehr wichtig, und die Auslieferung solcher kostbaren Sachen
höchst rühmlich und merckwürdig ist; warum lasset ihr euch einen kleinen
Auffentalt oder wenige Versäumnis abschrecken, GOTT zu Ehren und der Weltlichen
Obrigkeit zum Vergnügen, diese Geschichte öffentlich kund zu machen? Schimmer
versetzte hierauff: Mein Ehrwürdiger Herr! ich nehme mir kein Bedencken, euch
mein ganzes Herz zu offenbaren. Wisset demnach, dass ich aus der Lippischen
Grafschaft gebürtig bin, und vor etlichen Jahren auf der berühmten Universität
Jena dem studieren obgelegen habe, im Jahr 1655. aber hatte das Unglück, an
einem nicht gar zu weit von hier liegenden Fürstlichen Hofe, allwo ich etwas zu
suchen hatte, mit einem jungen Cavalier in Händel zu geraten, und denselben im
ordentlichen Duell zu erlegen, weswegen ich flüchtig werden, und endlich unter
Kayserlichen Kriegs-Völckern mit Gewalt Dienste nehmen musste. Weil mich nun
dabei wohl hielt, und über dieses ein ziemlich Stück Geld anzuwenden hatte, gab
mir mein Obrister gleich im andern Jahre den besten Unter-Officiers Platz, nebst
der Hoffnung, dass, wenn ich fortführe mich wohl zu halten, mir mit ehesten eine
Fahne in die Hand gegeben werden sollte. Allein vor etwa 4. Monaten, da wir in
Oesterreichischen Landen die Winter-Quartiere genossen, machte mich mein
Obrister über alles vermuten zum Lieutenant bei seiner Leib-Compagnie, welches
plötzliche Verfahren mir den bittersten Hass aller andern, denen ich
solchergestalt vorgezogen worden, über den Hals zohe, und da zumalen ein
Luteraner bin, so wurde zum öfftern hinter dem Rücken vor einen verfluchten
Ketzer gescholten, der des Obristen Hertz ohnfehlbar bezaubert hätte. Mitin
verschworen sich etliche, mir bei ehester Gelegenheit das Lebens-Licht
auszublasen, wollten auch solches einesmahls, da ich in ihre Gesellschaft
geriet, zu Wercke richten, allein das Blat wendete sich, indem ich noch bei
zeiten mein Seiten-Gewehr ergriff, zwei darnieder stiess, 3. sehr starck
verwundete, und nachhero ebenfalls sehr verwundete in Arrest kam.
    Es wurde mir viel von harquibousieren vorgeschwatzt, derowegen stellete
mich, ohngeacht meine Wunden bei nahe gäntzlich curieret waren, dennoch immer
sehr kranck an, biss ich endlich des Nachts Gelegenheit nahm zu entfliehen, meine
Kleider bei Regensburg mit einem armen Studioso zu verwechseln, und unter dessen
schwarzer Kleidung in ärmlicher Gestalt glücklich durch, und biss in diejenige
Mord-Grube des Türinger Waldes zu kommen, allwo ich diesen jungen Engelländer
aus seiner Mörder-Händen befreien zu helffen das Gluck hatte. Sehet also mein
werter Herr, verfolgte Schimmer seine Rede, bei dergleichen Umständen will es
sich nicht wohl tun lassen, dass ich mich um hiesige Gegend lange aufhalte, oder
meinen Nahmen kund mache, weil ich gar leicht, den vor 5. Jahren erzürneten
Fürsten, der seinen erstochenen Cavalier wohl noch nicht vergessen hat, in die
Hände fallen könnte. In Detmold aber, allwo meine Eltern sein, will ich mich
finden lassen, und bemühet leben meine Sachen an erwähnten Fürstlichen Hofe
auszumachen.
    Habt ihr sonsten keine Furcht versetzte hierauff der Priester, so will ich
euch bei GOTT versichern, dass ihr um diese Gegend vor dergleichen Gefahr so
sicher leben könnet, als in eurem Vaterlande. Da er auch über dieses versprach,
mit seinem zukünftigen Schwieger-Sohne alles zu unsern weit grössern Vorteil
und Nutzen einzurichten, beschlossen wir, uns diesem redlichen Manne völlig
anzuvertrauen, die 600. spec. Ducaten aber, biss auf fernern Bescheid, zu
verschweigen, als welche ich nebst der im Streit eroberten Geld-Katze, in
welcher sich vor fast drittalb hundert teutscher Taler Silber-Müntze befand,
in meine Reit-Taschen verbarg, und Schimmern versprach, so wohl eins als das
andre, redlich mit ihm zu teilen.
    Mittlerweile schrieb der Priester die ganze Begebenheit an seinen
zukünftigen Eidam, und schickte noch selbige Nacht einen reitenden Boten zu
selbigem in die Stadt, von wannen denn der hurtige und redliche Beamte folgenden
Morgen bei guter Zeit ankam, und die Kirchen-Güter, welche nur erstlich vor drei
Tagen aus dasiger Stadt-Kirchen gestohlen worden, mit grösten Freuden in Empfang
nahm. Schimmer und ich liessen uns sogleich bereden mit ihm, nebst ohngefähr 20.
wohl bewehrten Bauern zu Pferde, die vortreffliche Herberge im Walde noch
einmal zu besuchen, welche wir denn gegen Mitternacht nach vielen suchen
endlich fanden. Jedoch nicht allein der verzweiffelte Wirt mit seiner ganzen
Familie, sondern auch die andern Galgen-Vögel waren alle ausgeflogen, biss auf 2.
Weibs- und eine Manns-Person, die gefährlich verwundet in der Stube lagen, und
von einer Stein alten Frau verpflegt wurden. Diese wollte anfänglich von nichts
wissen, stellete sich auch gäntzlich taub und halb blind an, doch endlich nach
scharffen Drohungen zeigete sie einen alten wohlverdeckten Brunnen, aus welchen
nicht allein die vier käntlichen Cörper, der von uns erschossenen und
erstochenen Spitzbuben, sondern über dieses, noch 5. teils halb, teils
gäntzlich abgefaulte Menschen-Gerippe gezogen wurden. Im übrigen wurde so wohl
von den Verwundeten als auch von der alten Frau bekräfftiget, dass der Wirt,
nebst den Seinigen und etlichen Gästen, schon gestrigen Vormittags mit Sack und
Pack ausgezogen wäre, auch nichts zurück gelassen hätte, als etliche schlechte
Stücken Haus-Geräte und etwas Lebens-Mittel vor die Verwundeten, die nicht mit
fortzubringen gewesen. Folgenden Tages fanden sich nach genauerer Durchsuchung
noch 13. im Keller vergrabene menschliche Cörper, die ohnfehlbar von diesem
höllischen Gastwirte und seinen verteuffelten Zunftgenossen ermordet sein
mochten, und uns allen ein wehmütiges Klagen über die unmenschliche Verfolgung
der Menschen gegen ihre Neben-Menschen auspresseten. Immittelst kamen die, von
dem klugen Beamten bestellte 2. Wagens an, auf welche, da sonst weiter allhier
nichts zu tun war, die 3. Verwundeten, nebst der alten Frau gesetzt, und unter
Begleitung 10. Handfester Bauern zu Pferde, nach der Stadt zugeschickt wurden.
    Der Beambte, welcher, nebst uns und den übrigen, das ganze Haus, Hoff und
Garten nochmals eiffrig durchsucht, und ferner nichts merckwürdiges angetroffen
hatte, war nunmehro auch gesinnet auf den Rückweg zu gedencken, Schimmer aber,
der seine in Händen habende Rade-Haue von ohngefähr auf den Küchen-Heerd warff,
und dabei ein besonderes Getöse anmerckte, nahm dieselbe nochmals auf, tat
etliche Hiebe hinein, und entdeckte, wider alles Vermuten, einen darein
vermaureten Kessel, worinnen sich, da es nachhero überschlagen wurde, 2000.
Tlr. Geld, und bei nahe eben so viel Gold und Silberwerck befand. Wir
erstauneten alle darüber, und wussten nicht zu begreiffen, wie es möglich, dass
der Wirt dergleichen kostbaren Schatz im Stich lassen können, mutmasseten
aber, dass er vielleicht beschlossen, denselben auf ein ander mal abzuholen.
Indem trat ein alter Bauer auf, welcher erzehlete: Dass vor etliche 40. Jahren in
Kriegs-Zeiten ebenfalls ein Wirt aus diesem Hause, Mord und Dieberei halber,
gerädert worden, der noch auf dem Richt-Platze, kurtz vor seinem unbussfertigen
Ende, versprochen hätte, einen Schatz von mehr als 4000. Tlr. Wert zu
entdecken, daferne man ihm das Leben schencken wolle. Allein die
Gerichts-Herren, welche mehr als zu viel Proben seiner Schelmerei erfahren,
hätten nichts anhören wollen, sondern das Urteil an ihm vollziehen lassen.
Demnach könne es wohl sein, dass seine Nachkommen hiervon nichts gewust, und
diesen unverhofft gefundenen Schatz also entbehren müssen.
    Der hierdurch zuletzt noch ungemein erfreute Beamte teilete selbigen
versiegelt in etliche Futter-Säcke der Bauern, und hiermit nahmen wir unsern Weg
zurück, er in die Stadt, Schimmer und ich, nebst 4. Bauern aber, zu unsern
guttätigen Pfarrer, der über die fernere Nachricht unserer Geschicht um so viel
desto mehr Verwunderung und Bestürzung zeigte.
    Wir hatten dem redlichen Beamten versprochen, seiner daselbst zu erwarten,
und dieser stellete sich am 3ten Tage bei uns ein, brachte vor Schimmern und
mich 200. spec. Ducaten zum Geschencke mit, angleichen ein ganz Stück Scharlach
nebst allem Zubehör der Kleidungen, die uns zwei Schneiders aus der Stadt in der
Pfarr-Wohnung sogleich verfertigen mussten. Mittlerweile protocollierte er unsere
nochmahlige Ausssage wegen dieser Begebenheit, hielt darauff sein Verlöbnis mit
des Priesters Tochter, welches Freuden-Fest wir beiderseits abwarten mussten,
nachhero aber, da sich Schimmer ein gutes Pferd erkauft, und unsere übrige
Equippage völlig gut eingerichtet war, nahmen wir von dem gutertzigen Priester
und den Seinigen danckbarlich Abschied, liessen uns von 6. Handfesten,
wohlbewaffneten und gut berittenen Bauern zurück durch den Türinger Wald
begleiten, und setzten nachhero unsere Reise ohne fernern Anstoss auf Detmold
fort, allwo wir von Schimmers Mutter, die ihren Mann nur etwa vor 6. oder 8.
Wochen durch den Tod eingebüsst hatte, hertzlich wohl empfangen wurden.
    Hierselbst teilten wir die, auf unserer Reise wunderbar erworbenen Gelder,
ehrlich miteinander und lebten über ein Jahr als getreue Brüder zusammen, binnen
welcher Zeit ich dermassen gut Teutsch lernete, dass fast meine Mutter-Sprache
darüber vergass, wie ich mich denn auch in solcher Zeit zur
Evangelisch-Luterischen Religion wandte, und den verwirrten Englischen Secten
gäntzlich absagte.
    Schimmers Bruder hatte die Väterlichen Güter allbereit angenommen, und ihm
etwa 3000. teutscher Taler heraus gegeben, welche dieser zu Bürgerlicher
Nahrung anlegen, und eine Jungfrau von nicht weniger guten Mitteln erheiraten,
mich aber auf gleiche Art mit seiner eintzigen schönen Schwester versorgen
wollte. Allein zu meinem grösten Verdrusse hatte sich dieselbe allbereits mit
einem wohlhabenden andern jungen Menschen verplempert, so dass meine zu ihr
tragende aufrichtige Liebe vergeblich war, und da vollends meines lieben
Schimmers Liebste, etwa 3. Wochen vor dem angestellten Hochzeit-Feste, durch den
Tod hinweg gerafft wurde; fasseten wir beiderseits einen ganz andern Schluss,
nahmen ein jeder von seinem Vermögen 1000. spec. Ducaten, legten die übrigen
Gelder in sichere Hände, und begaben uns unter die Holländischen
Ost-Indien-Fahrer, allwo wir auf zwei glücklichen Reisen unser Vermögen ziemlich
verstärckten, derowegen auch gesonnen waren, die dritte zu unternehmen, als uns
die verzweiffelten Verräter, Alexander und Gallus, das Maul mit der Hoffnung
eines grossen Gewinstes wässerig machten, und dahin brachten, in ihrer
Gesellschaft nach der Insul Amboina zu schiffen.
    Was auf dieser Fahrt vorgegangen, hat meine werte Schwägerin, des Alberti
II. Gemahlin, mit behörigen Umständen erzählt, derowegen will nur noch dieses
melden, dass Schimmer und ich eine heimliche Liebe auf die beiden tugendhaften
Schwestern, nämlich Philippinen und Judit geworffen hatten, ingleichen dass sich
Jacob Larson, der unser dritter Mann und besonderer Hertzens-Freund war, nach
Sabinens Besitzung sehnete. Doch keiner von allen dreien hatte das Hertze,
seinem Geliebten Gegenstande die verliebten Flammen zu entdecken, zumahlen da
ihre Gemüter, durch damahlige ängstliche Bekümmernisse, einmal über das andere
in die schmerzlichsten Verdriesslichkeiten verfielen. In welchem elenden Zustande
denn auch die fromme und keusche Philippine ihr junges Leben kläglich
einbüssete, welches Schimmern als ihren ehrerbietigen Liebhaber in geheim 1000.
Tränen auspressete, indem ihm dieser Todes-Fall weit heftiger schmertzte, als
der plötzliche Abschied seiner ersten Liebste. Ich und Larson hergegen
verharreten in dem festen Vorsatze, so bald wir einen sichern Platz auf dem
Lande erreicht, unsern beiden Leit-Sternen die Beschaffenheit und Leidenschaft
der Hertzen zu offenbaren, und allen Fleiss anzuwenden, ihrer ungezwungenen
schätzbaren Gegen-Gunst teilhaftig zu werden. Dieses geschahe nun so bald wir
auf hiesiger Felsen-Insul unsere Gesundheit völlig wieder erlangt hatten. Der
Vortrag wurde nicht allein gutertzig aufgenommen, sondern wir hatten auch
beiderseits Hoffnung bei unsern schönen Liebsten glücklich zu werden. Doch Amias
und Robert Hüll brachten es durch vernünftige Vorstellungen dahin, dass wir
insgesamt guter Ordnung wegen unsere Hertzen beruhigten, und selbige auf andere
Art vertauschten. Also kam meine innigst geliebte Middelburgische Judit an
Albertum II. Sabina an Stephanum, Jacob Larson bekam zu seinem Teile, weil er
der älteste unter uns war, auch die älteste Tochter unsers teuren Altvaters,
Schimmer nahm mit grösten Vergnügen von dessen Händen die andere, und ich
wartete mit innigsten Vergnügen auf meine, ihren zweien Schwestern an Schönheit
und Tugend gleichförmige Christina bei nahe noch 6. Jahr, weil ihr beständig
zarter und kränklicher Zustand unsere Hochzeit etliche Jahr weiter, biss ins
1674te hinaus verschobe. Wie vergnügt wir unsere Zeit beiderseits biss auf diese
Stunde zugebracht, ist nicht auszusprechen. Mein Vaterland, oder nur einen
einzigen Ort von Europa wieder zu sehen, ist niemals mein Wunsch gewesen,
derowegen habe mein weniges zurück gelassenes Vermögen, so wohl als Schimmer,
gern im Stich gelassen und frembden Leuten gegönnet, bin auch entschlossen, biss
an mein Ende dem Himmel unaufhörlichen Danck abzustatten, dass er mich an einen
solchen Ort geführet, allwo die Tugenden in ihrer angebornen Schönheit
anzutreffen, hergegen die Laster des Landes fast gäntzlich verbannet und
verwiesen sind.
    Hiermit endigte David Rawkin die Erzehlung seiner und seines Freundes
Schimmers Lebens-Geschicht, welche wir nicht weniger als alles Vorige mit
besondern Vergnügen angehöret hatten, und uns deswegen aufs höfflichste gegen
diesen 85. jährigen Greiss, der seines hohen Alters ohngeacht noch so frisch und
munter, als ein Mann von etwa 40. Jahren war, auffs höfflichste bedanckten. Der
Altvater aber sagte zu demselben: Mein werter Sohn, ihr habt eure Erzehlung
voritzo zwar kurtz, doch sehr gut getan, jedennoch seid ihr denen zuletzt
angekommenen lieben Freunden den Bericht von euren zweien Ost-Indischen Reisen
annoch schuldig blieben, und weil selbiger viel merkwürdiges in sich fasset,
mögen sie euch zur andern Zeit darum ersuchen. Was den Jacob Larson anbelanget,
so will ich mit wenigen dieses von ihm melden: Er war ein gebohrner Schwede, und
also ebenfalls Luterischer Religion, seines Handwercks ein Schlösser, der in
allerhand Eisen- und Stahl-Arbeit ungemeine Erfahrenheit und Kunst zeigete. In
seinem 24. Jahre hatte ihn die ganz besondere Lust zum Reisen aufs Schiff
getrieben, und durch verschiedene Zufälle zum fertigen See-Manne gemacht,
Ost-und West-Indien hatte derselbe ziemlich durchkrochen, und dabei öffters
grossen Reichtum erworben, welchen er aber jederzeit gar plötzlich und zwar
öffters aufs gefährlichste, nicht selten auch auf lächerliche Art wiederum
verloren. Dennoch ist er einmal so standhaft als das andere, auf Besehung
frembder Länder und Völker geblieben, und ich glaube, dass er nimmermehr auf
dieser Insul Stand gehalten, wenn ihm nicht meine Tochter, die er als seine Frau
sehr heftig liebte, sonderlich aber die bald auf einander folgenden
Leibes-Erben, eine ruhigere Lebens-Art eingeflösset hätten. Es ist nicht
auszusprechen, wie nützlich dieser treffliche Mann mir und allen meinen Kindern
gewesen, denn er hat nicht allein Eisen- und Metall-Steine allhier erfunden,
sondern auch selbiges ausgeschmelzt und auf viele Jahre hinaus nützliche
Instrumenten daraus verfertiget, dass wir das Schiess-Pulver zur Not selbst,
wiewohl nicht so gar fein als das Europäische, machen können, haben wir
ebenfalls seiner Geschicklichkeit zu dancken, ja noch viel andere Sachen mehr,
welche hinführo den Meinigen Gelegenheit geben werden seines Nahmens Gedächtnis
zu verehren. Er ist nur vor 6. Jahren seiner seeligen Frauen im Tode gefolget,
und hat den seeligen Schimmer etwa um 3. Jahre überlebt, der vielleicht auch
noch nicht so bald gestorben wäre, wenn er nicht durch einen umgeschlagenen
Balcken bei dem Gebäude seiner Kinder, so sehr beschädigt und ungesund worden
wäre. Jedoch sie sind ohnfehlbar in der ewig seeligen Ruhe, welche man ihnen des
zeitlichen Lebens wegen nicht missgönnen muss.
    Nunmehro aber meine Lieben, sagte hierbei unser Altvater, wird es Zeit sein,
dass wir uns sämmtlich der Ruhe bedienen, um Morgen geliebtes Gott des seel.
Schimmers und seiner Nachkommen Wohnstädte in Augenschein zu nehmen. Demnach
folgten wir dessen Rate in diesem Stück desto williger, weil es allbereit
Mitternacht war, folgenden Morgens aber, da nach genossener Ruhe und
eingenommenen Früh-Stück, der jüngere Albertus, Stephanus und David mit ihren
Gemahlinnen, dieses mal Abschied von uns nahmen, und wiederum zu den ihrigen
kehreten, setzten wir übrigen nebst dem Altvater die Reise auf Simons-Raum fort.
    Allda nahmen wir erstlich eine feine Brücke über den Nord-Fluss in
Augenschein, nebst derjenigen Schleuse, welche auf den Notfall gemacht war,
wenn etwa die Haupt-Schleusen in Christians-Raum nicht vermögend wären den Lauf
des Flusses, welcher zu gewissen Zeiten sehr heftig und schnelle trieb,
gnugsamen Widerstand zu tun. Die Pflanz-Stadt selbst bestunde aus 13.
Wohnhäusern, worunter aber 3. befindlich, die vor junge Anfänger nur kürtzlich
neu aufgebauet, und noch nicht bezogen waren. Ihr Hausshaltungs Wesen zeigte sich
denen übrigen Insulanern, der Nahrhaftigkeit und accuratesse wegen, in allen
gleichförmig, doch fanden sich ausserdem etliche Künstler unter ihnen, welche
die artigsten und nützlichsten Geschirre, nebst andern Sachen, von einem
vermischten Metall sauber giessen und ausarbeiten, auch die Formen selbst darzu
machen konten, welches der seel. Simon Heinrich Schimmer durch seine eigene
Klugheit, und Larsons Beihülffe erfunden und seine Kinder damit belehret hatte.
Im übrigen waren alle, in der Bau-Kunst und andern nötigen Handtierungen, nach
dasiger Art ungemein wohl erfahren.
    Nachdem wir allen Hausswirten daselbst eine kurtze Visite gegeben, und ihr
ganzes Wesen wohl beobachtet hatten, begleiteten uns die Mehresten in den
grossen Tier-Garten, den der Altvater bereits vor langen Jahren in der
Nord-Ost-Ecke der Insul angelegt, und einiges Wild hinein geschaffet hatte,
welches nachhero zu einer solchen Menge gediehen und dermassen Zahm worden, dass
man es mit Händen greiffen und schlachten konnte, so oft man Lust darzu bekam.
Dieser schöne Tier-Garten wurde von verschiedenen kleinen Bächlein
durchstreifft, die aus der kleinen Oestlichen See gerauschet kamen, und sich in
den äusersten Felsen Löchern verloren. Wir nahmen ermeldte kleine See, welche
etwa tausend Schritte im Umfange hatte, wohl in Augenschein, passierten über den
Ost-Fluss vermittelst einer verzäunten Brücke, und bemerckten, dass sich selbiger
Fluss mit entsetzlichen Getöse in die holen Felsen-Klüffte hinein stürtzte,
worbei uns gesagt wurde, was massen er ausserhalb nicht als ein Fluss, sondern in
unzehlige Strudels zerteilt, in Gestalt der allerschönsten fontaine wiederum
zum Vorscheine käme, und sich solchergestalt in die See verlöhre. Die andere
Seite der See, nach Ost-Süden zu, war wegen der vielen starcken Bäche, die ihren
Ursprung im Walde aus vielen sumpffigten Oertern nahmen, und durch ihren
Zusammenfluss die kleine See machten, nicht wohl zu umgehen, derowegen kehreten
wir über die Brücke des Ost-Flusses, durch den Tier-Garten zurück nach Simons
-Raum, wurden von dasigen Einwohnern herrlich gespeiset und getränckt, reichten
ihnen die gewöhnlichen Geschencke, und kehreten nachhero zurücke. Herr Mag.
Schmelzer nahm seinen Weg in die Davids-Raumer Alleé, um daselbst seine
Catechismus-Lehren fortzusetzen, wir aber kehreten zurück und halffen biss zu
dessen Zurückkunft am Kirchen-Bau arbeiten, nahmen nachhero auf der Albertus
-Burg die Abend-Mahlzeit ein, worauff der Altvater, uns Versammleten den Rest
seiner vorgenommenen Lebens-Geschicht mitzuteilen, folgender massen anhub:
    Nunmehro wisset, ihr meine Geliebten, wer diejenigen Haupt-Personen gewesen
sind, die ich im 1668ten Jahre mit Freuden auf meiner Insul ankommen und bleiben
sah. Also befanden wir uns sämtliche Einwohner derselben 20. Personen starck,
als 11. männliches Geschlechts, unter welchen meine beiden jüngsten Zwillinge,
Christoph und Christian im 13den Jahre stunden, und dann 9. Weibs-Bilder,
worunter meine 11. jährige Töchter Christina und Roberts zwei kleinen Töchter,
annoch in völliger Unschuld befindlich waren. Unsere zuletzt angekommenen
Frembdlinge machten sich zwar ein grosses Vergnügen mit an die erforderliche
Nahrungs-Arbeit zu gehen, auch bequemliche Hütten vor sich zu bauen, jedennoch
konten weder ich und die Meinigen, noch Amias und Robert eigentlich klug werden,
ob sie gesinnet wären bei uns zu bleiben, oder ihr Glück anderwärts zu suchen.
Denn sie brachten nicht allein durch unsere Beihülffe ihr Schiff mit gröster
Mühe in die Bucht, sondern setzten selbiges binnen kurtzer Zeit in
Seegelfertigen Zustand. Endlich, da der ehrliche Schimmer alles genauer
überlegt, und von unserer Wirtschaft völlige Kundschaft eingezogen hatte,
Verliebte er sich in meine Tochter Elisabet, und brachte seine beiden
Gefährten, nämlich Jacob und David dahin, dass sie sich nicht allein auf sein,
sondern der übrigen Frembdlinge Zureden, bewegen liessen, ihre beiden Geliebten
an meine ältesten Zwillinge abzutreten, hergegen ihre Hertzen auf meine zwei
übrigen Töchter zu lencken. Demnach wurden im 1669ten Jahre, Jacob Larson mit
Maria, Schimmer mit Elisabet, mein ältester Sohn mit Judit, und Stephanus mit
Sabinen, von mir ehelich zusammen gegeben, der gute David aber, dessen
zugeteilte Christina noch allzu jung war, geduldete sich noch etliche Jahr, und
lebte unter uns als ein unverdrossener redlicher Mann.
    Die Lust ein neues Schiff zu bauen war nunmehro so wohl dem Amias, als uns
andern allen vergangen, indem das zuletzt angekommene von solcher Güte schiene,
mit selbigem eine Reise um die ganze Welt zu unternehmen, jedoch es wurden alle
Schätze an Gelde und andern Kostbarkeiten, Waaren, Pulver und Geschütze
gäntzlich ausgeladen und auf die Insul, das Schiff selbst aber an gehörigen Ort
in Sicherheit gebracht. Nachhero ergaben wir uns der bequemlichsten Haus-Arbeit
und dem Land-Baue dermassen, und mit solcher Gemächlichkeit, dass wir zwar als
gute Haus-Wirte, aber nicht als eitele Bauch- und Mammons-Diener zu erkennen
waren. Das ist so viel gesagt, wir baueten uns mehrere und beqvemlichere
Wohnungen, bestelleten mehr Felder, Gärten und Weinberge, brachten verschiedene
Werckstädten zur Holz-Stein-Metall- und Saltz-Zurichtung in behörige Ordnung,
trieben aber damit nicht den geringsten Wucher, und hatten solchergestalt gar
keines Geldes von nöten, weil ein jeder mit demjenigen, was er hatte, seinen
Nächsten umsonst, und mit Lust zu dienen geflissen war.
    Im übrigen brachten wir unsere Zeit denmassen vergnügt zu, dass es keinem
einzigen gereuete, von dem Schicksal auf diese Insul verbannet zu sein. Meine
liebe Concordia aber und ich waren dennoch wohl die allervergnügtesten, da wir
uns nunmehro über die Einsamkeit zu beschweren keine fernere Ursache hatten,
sondern unserer Kinder Familien im besten Wachstum sahen, und zu Ende des
1670ten Jahres allbereit 9. Kindes-Kinder, nehmlich 6. Söhne und 3. Töchter
küssen konten, ohngeacht wir dazumahl kaum die Helffte der schrifftmässigen
menschlichen Jahre überschritten hatten, also gar frühzeitig Gross-Eltern
genennet wurden.
    Unser dritter Sohn, Johannes, trat damahls in sein zwantzigstes Jahr, und
liess in allen seinen Wesen den natürlichen Trieb spüren, dass er sich nach der
Lebens-Art seiner älteren Brüder, das ist, nach einem Ehe-Gemahl, sehnete. Seine
Mutter und ich liessen uns dessen Sehnsucht ungemein zu Hertzen gehen, wussten
ihm aber weder zu raten noch zu helffen, biss sich endlich der alte Amias des
schwermütigen Jünglings erbarmete, und die Schiff-Fahrt nach der Helenen-Insul
von neuem aufs Tapet brachte, sintemahl ein tüchtiges Schiff in Bereitschaft
lag, welches weiter nichts als behörige Ausrüstung bedurffte. Meine Concordia
wollte hierein anfänglich durchaus nicht willigen, doch endlich liess sie sich
durch die trifftigsten Vorstellungen der meisten Stimmen so wohl als ich
überwinden, und willigte, wiewohl mit tränenden Augen, darein, dass Amias,
Robert, Jacob, Simon, nebst allen unsern 5. Söhnen zu Schiffe gehen sollten, um
vor die 3. Jüngsten Weiber zu suchen, wo sie selbige finden könnten. David
Rawkin, weil er keine besondere Lust zum Reisen bezeugte, wurde von den andern
selbst ersucht, seiner jungen Braut wegen zurück zu bleiben, hergegen gaben sich
Stephani, Jacobs und Simons Gemahlinnen von freiem Willen an, diese Reise mit zu
tun, und bei ihren Männern gutes und böses zu erfahren. Roberts und Alberts
Weiber aber, die ebenfalls nicht geringe Lust bezeigten, dergleichen Fahrt mit
zu wagen, wurden genötiget, bei uns zu bleiben, weil sie sich beide
hoch-schwangern Leibes befanden.
    Dennoch gingen binnen wenig Tagen alle Anstalten fast noch hurtiger von
statten, als unsere vorherige Entschliessung, und die erwähnten 12. Personen
waren den 14. Januar 1671. überhaupt mit allen fertig in See zu gehen, weil das
Schiff mit gnugsamen Lebens-Mitteln, Gelde, notdürfftigen Gütern, Gewehr und
dergleichen vollkommen gut ausgerüstet, auch weiter nichts auf demselben
mangelte, als etwa noch 2. mahl so viel Personen.
    Jedoch der tapffere Amias, als Capitain dieses wenigen Schiffs-Volcks, war
dermassen mutig, dass die übrigen alle mit Freuden auf die Stunde ihrer Abfahrt
warteten.
    Nachdem also Amias, Robert, Jacob und Simon mir einen teuren Eyd
geschworen, keine weitern Abendteuern zu suchen, als diejenigen, so unter uns
abgeredet waren, im Gegenteil meine Kinder, so bald nur vor dieselben 3.
anständige Weibs-Personen ausgefunden, eiligst wieder zurück zu führen, gingen
sie den 16ten Jan. zur Mittags-Zeit freudig unter Segel, stiessen unter
unzehligen Glückwünschungen von dieser Insul ab, und wurden von uns
Zurückbleibenden mit tränenden Augen und ängstlichen Gebärden so weit
begleitet, biss sie sich nach etlichen Stunden sammt ihren Schiffe gäntzlich aus
unsern Gesichte verloren.
    Solcher Gestalt kehreten ich, David, und die beiden Concordien zurück in
unsere Behausung, allwo Judit und meine jüngste Tochter Christina, auf die
kleinen 9. Kinder Achtung zu haben, geblieben waren. Unser erstes war, so gleich
sämmtlich auf die Knie nieder zu fallen, und GOTT um gnädige Erhaltung der
Reisenden wehmütigst anzuflehen, welches nachhero Zeit ihrer Abwesenheit
alltäglich 3. mahl geschahe. David und ich liessen es uns mittlerweile nicht
wenig sauer werden, um unsere übrigen Früchte und den Wein völlig einzuerndten,
auch nachero so viel Feld wiederum zu bestellen, als in unsern und der
wohlgezogenen Affen Vermögen stund. Die 3. Weiber aber durfften vor nichts
sorgen, als die Küche zu bestellen, und die unmündigen Kinder mit Christinens
Beihülffe wohl zu verpflegen.
    Jedoch weil sich ein jeder leichtlich einbilden kann, dass wir die Hände
allerseits nicht werden in Schoss gelegt haben, und ich ohnedem schon viel von
unserer gewöhnlichen Arbeit und Hausshaltungs-Art gemeldet, so will voritzo nur
erzählen, wie es meinen See-fahrenden Kindern ergangen. Selbige hatten biss in
die 8te Woche vortrefflichen Wind und Wetter gehabt, dennoch müssen die meisten
unter ihnen der See den gewöhnlichen Zoll liefern, allein, sie erholen sich
dessfalls gar zeitig wieder, biss auf die eintzige Elisabet, deren Kranckheit
dermassen zunimmt, dass auch von allen an ihren Leben gezweiffelt wird. Simon
Schimmer hatte seine getreue eheliche Liebe bei dieser kümmerlichen Gelegenheit
dermassen spüren lassen, dass ein jeder von seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit
Zeugnis geben können, indem er nicht von ihrer Seite weicht, und den Himmel
beständig mit tränenden Augen anflehet, das Schiff an ein Land zu treiben, weil
er vermeint, dass seine Elisabet ihres Lebens auf dem Lande weit besser als auf
der See versichert sein könne. Endlich erhöret GOtt dieses eiffrige Gebet, und
führet sie im mittel der 6ten Woche an eine kleine flache Insel, bei welcher sie
anländen, jedoch weder Menschen noch Tiere, ausgenommen Schild-Kröten und
etliche Arten von Vögeln und Fischen darauf antreffen. Amias führet das Schiff
um so viel desto lieber in einen daselbst befindlichen guten Hafen, weil er und
Jacob, als wohlerfahrene See-Fahrer, aus verschiedenen natürlichen Merckzeichen,
einen bevorstehenden starcken Sturm mutmassen. Befinden sich auch hierinnen
nicht im geringsten betrogen, da etwa 24. Stunden nach ihrem Aussteigen, als sie
sich bereits etliche gute Hütten erbauet haben, ein solches Ungewitter auf der
See entstehet, welches leichtlich vermögend gewesen, diesen wenigen und teils
schwachen Leuten den Untergang zu befördern.
    In solcher Sicherheit aber, sehen sie den entsetzlichen Sturm mit ruheriger
Gemächligkeit an, und sind nur bemühet, sich vor dem öffters anfallenden Winde
und Regen wohl zu verwahren, welcher letztere ihnen doch vielmehr zu einiger
Erquickung dienen muss, da selbiges Wasser weit besser und annehmlicher befunden
wird, als ihr süsses Wasser auf dem Schiffe. Amias, Robert und Jacob schaffen
hingegen in diesem Stücke noch bessern Rat, indem sie an vielen Orten
eingraben, und endlich die angenehmsten süssen Wasser-Brunnen erfinden. An
andern erforderlichen Lebens-Mitteln aber haben sie nicht den geringsten Mangel,
weil sie mit demjenigen, was meine Insul Felsenburg zur Nahrung hervor bringt,
auf länger als 2. Jahr wohl versorgt waren.
    Nachdem der Sturm dieses mahl vorbei, auch die krancke Elisabet sich in
ziemlich verbesserten Zustande befindet, halten Amias und die übrigen vors
ratsamste, wiederum zu Schiffe zu gehen, und ein solches Erdreich zu suchen,
auf welchem sich Menschen befänden, doch Schimmer, der sich starck darwider
setzt, und seine Elisabet vorhero vollkommen gesund sehen will, erhält endlich
durch heftiges Bitten so viel, dass sie sämmtlich beschliessen, wenigstens noch
8. Tage auf selbiger wüsten Insul zu verbleiben, ohngeacht dieselbe ein
schlechtes Erdreich hätte, welches denen Menschen weiter nichts zum Nutzen
darreichte, als einige schlechte Kräuter, aber desto mehr teils hohe, teils
dicke Bäume, die zum Schiff-Bau wohl zu gebrauchen gewesen.
    Meine guten Kinder hatten nicht Ursach gehabt, diese ihre Versäumnis zu
bereuen, denn ehe noch diese 8. Tage vergehen, fällt abermals ein solches
Sturm-Wetter ein, welches das vorige an Grausamkeit noch weit übertrifft, da
aber auch dessen 4. tägige Wut mit einer angenehmen und stillen Witterung
verwechselt wird, hören sie eines Morgens früh noch in der Demmerung ein
plötzliches Donnern des groben und kleinen Geschützes auf der See, und zwar,
aller Mutmassungen nach, ganz nahe an ihrer wüsten Insul. Es ist leicht zu
glauben, dass ihnen sehr bange um die Hertzen müsse gewesen sein, zumahlen da sie
bei völlig herein brechenden Sonnen-Lichte gewahr werden, dass ein mit
Holländischen Flaggen bestecktes Schiff von zweien Barbarischen Schiffen
angefochten und bestritten wird, der Holländer wehret sich dermassen, dass der
eine Barbar gegen Mittag zu Grunde sincken muss, nichts desto weniger setzet ihm
der Letztere so grausam zu, dass bald hernach der Holländer in letzten Zügen zu
liegen scheinet.
    Bei solchen Gefährlichen Umständen vermercken Amias, Robert, Jacob und
Simon, dass sie nebst den Ihrigen ebenfalls entdeckt und verloren gehen würden,
daferne der Holländer das Unglück haben sollte, unten zu liegen, fassen derowegen
einen jählingen und verzweiffelten Entschluss, begeben sich mit Sack und Pack in
ihr mit 8. Canonen besetztes Schiff, schlupffen aus dem kleinen Hafen heraus,
gehen dem Barbar in Rücken, und geben zweimahl tüchtig Feuer auf denselben,
weswegen dieser in entsetzliches Schrecken gerät, der Holländer aber neuen Mut
bekömmt, und seinen Feind mit frischer recht verzweiffelter Wut zu Leibe geht.
Die Meinigen lösen ihre Canonen in gemessener Weite noch zweimahl kurtz auf
einander gegen den Barbar, und helffen es endlich dahin bringen, dass derselbe
von dem Holländer nach einem rasenden Gefechte vollends gäntzlich überwunden,
dessen Schiff aber mit allen darauf befindlichen Gefangenen an die wüste und
unbenahmte Insel geführet wird.
    Der Hauptmann nebst den übrigen Herren des Holländischen Schiffs können kaum
die Zeit erwarten, biss sie Gelegenheit haben, meinen Kindern, als ihren tapffern
Lebens-Errettern, ihre danckbare Erkänntlichkeit so wohl mit Worten als in der
Tat zu bezeugen, erstaunen aber nicht wenig, als sie dieselben in so geringer
Anzahl und von so wenigen Kräfften antreffen, erkennen derohalben gleich, dass
der kühne Vorsatz nebst einer geschickten und glücklich ausgeschlagenen List das
beste bei der Sache getan hätten.
    Nichts desto weniger bieten die guten Leute den Meinigen die Helfte von
allen eroberten Gut und Geldern an, weil aber dieselben ausser einigen geringen
Sachen sonsten kein ander Andencken wegen des Streits und der Holländer
Höflichkeit annehmen wollen; werden die letztern in noch weit grössere
Verwunderung gesetzt, indem sich die ihnen zugeteilte Beute höher als 12000.
Tlr. belauffen hatte.
    Immittelst, da die Holländer sich genötiget sehen, zu völliger Ausbesserung
ihres Schiffs wenigstens 14. Tage auf selbiger Insul stille zu liegen,
beschliessen die Meinigen anfänglich auch, biss zu deren Abfahrt allda zu
verharren. Zumahlen, da Amias gewahr wird, dass sich verschiedene, teils noch
gar junge, teils schon etwas ältere Frauens-Personen unter ihnen befinden. Er
sucht so wohl als Robert, Jacob und Simon, mit selbigen ins Gespräch zu kommen;
doch der Letztere ist am glücklichsten, indem er gleich andern Tags darauf,
eine, von ermeldten Weibs-Bildern, hinter einem dicken Gesträuche in der
Einsamkeit höchst betrübt und weinend antrifft. Schimmer erkundigt sich auf
besonders höfliche Weise nach der Ursach ihres Betrübnissses, und erfährt so
gleich, dass sie eine Wittbe sei, deren Mann vor etwa 3. Monaten auf diesem
Schiffe auch in einem Streite mit den See-Räubern todt geschossen worden, und
die nebst ihrer 14. jährigen Stieff-Tochter zwar gern auf dem Cap der guten
Hoffnung ihres seel. Mannes hinterlassene Güter zu Gelde machen wollte, allein,
sie würde von einem, auf diesem Holländischen Schiffe befindlichen Kauffmanne,
dermassen mit Liebe geplagt, dass sie billig zu befürchten hätte, er möchte es
mit seinem starcken Anhange und Geschencken also listig zu Karten trachten, dass
sie sich endlich gezwungener Weise an ihm ergeben müsse. Schimmer stellet ihr
vor, dass sie als eine annoch sehr junge Frau noch gar füglich zur andern Ehe
schreiten, und einen Mann, der sie zumahlen heftig liebte, glücklich machen
könne; ob auch derselbe ihr eben an Gütern und Vermögen nicht gleich sei; Allein
die betrübte Frau spricht: Ihr habt recht, mein Herr! ich bin noch nicht
veraltert, weil sich mein ganzes Lebens-Alter wenig Wochen über 24. Jahr
erstreckt, und ich Zeit meines Ehe-Standes nur zwei Kinder zur Welt gebracht
habe. Derowegen würde mich auch nicht wegern, in die andere Ehe zu treten,
allein, mein ungestümer Liebhaber ist die allerlasterhafteste Manns-Person von
der Welt, der sich nicht scheuen sollte, Mutter, Tocher und Magd auf einmal zu
lieben, demnach hat mein Herz einen recht natürlichen Abscheu vor seiner Person,
ja ich wollte nicht allein meines seel. Mannes Verlassenschaft, die sich höher
als 10000. Tlr. belauffen soll, sondern noch ein mehreres darum willig
hergeben, wenn ich entweder in Holland, oder an einem andern ehrlichen Orte, in
ungezwungener Einsamkeit hinzubringen Gelegenheit finden könnte.
    Schimmer tut hierauf noch verschiedene Fragen an dieselbe, und da er diese
Frau vollkommen also gesinnet befindet, wie er wünscht, ermahnet er sie, ihr
Herz in Gedult zu fassen, weil ihrem Begehren gar leicht ein Genügen geleistet
werden könne, daferne sie sich seiner Tugend und guten Rats völlig anvertrauen
wolle. Nur müste er vorhero erstlich mit einigen seiner Gesellschafter von
dieser Sachen reden, damit er etwa Morgen um diese Zeit und auf selbiger Stelle
fernere Abrede mit ihr nehmen könne.
    Die tugendhafte Wittbe fängt hierauf gleich an, diesen Mann vor einen ihr
von GOTT zugeschickten menschlichen Engel zu halten, und wischet mit hertzlichen
Vertrauen die Tränen aus ihren bekümmerten Augen. Schimmer verläst also
dieselbe, und begibt sich zu seiner übrigen Gesellschaft, welcher er diese
Begebenheit gründlich zu Gemüte führet, und erwähnte Wittbe als ein
vollkommenes Bild der Tugend heraus streicht. Amias bricht solcher Gestalt auf
einmal in diese Worte aus: Erkennet doch, meine Kinder, die besondere Fügung
des Himmels, denn ich zweiffele nicht, die schöne Wittbe ist vor unsern
Johannem, und ihre Stieff-Tochter vor Christoph bestimmt, hilfft uns nun der
Himmel allhier noch zu der dritten Weibs-Person vor unsern Christian, so haben
wir das Ziel unserer Reise erreicht, und können mit Vergnügen auf eine fügliche
Zurückkehr dencken.
    Demnach sind sie allerseits nur darauf bedacht, der jungen Wittbe eine gute
Vorstellung von ihrem ganzen Wesen zu machen, und da dieselbe noch an eben
demselben Abend von Marien und Sabinen in ihre Hütte geführet wird, um die
annoch etwas kränckliche Elisabet zu besuchen, kann sich dieselbe nicht gnungsam
verwundern, daselbst eine solche Gesellschaft anzutreffen, welche ich, als ihr
Stamm-Vater, wegen der Wohlgezogenheit, Gottesfurcht und Tugend nicht selbst
weitläufftig rühmen mag. Ach meine Lieben! rufft die fromme Wittbe aus, sagt mir
doch, wo ist das Land, aus welchen man auf einmal so viel Tugendhafte Leute
hinweg reisen lässet? Haben euch denn etwa die gottlosen Einwohner desselben zum
Weichen gezwungen? Denn es ist ja bekannt, dass die böse Welt fast gar keine
Frommen mehr, sie mögen auch jung oder alt sein, unter sich leiden will. Nein,
meine schöne Frau, fällt ihr der alte Amias hierbei in die Rede, ich versichere,
dass wir, die hier vor euren Augen sitzen, der Tugend wegen noch die geringsten
heissen, denn diejenigen, so wir zurück gelassen, sind noch viel vollkommener,
und wir leben nur bemühet, ihnen gleich zu werden. Dieses war nun (sagte hierbei
unser Alt-Vater Albertus) eine starcke Schmeichelei, allein, es hatte dem
ehrlichen Amias damahls also zu reden beliebt, die Dame aber sieht denselben
starr an, und spricht: Mein Herr! euer Ehrwürdiges graues Haupt bringt vielen
Respect zu wege, sonsten wollte sagen, dass ich nicht wüste, wie ich mit euch dran
wäre, ob ihr nämlich etwa mit mir schertzen, oder sonsten etwas einfältiges aus
meinen Gedancken locken woltet?
    Diese Reden macht sich Amias zu Nutze, und versetzt dieses darauf: Madam!
dencket von mir was ihr wollet, nur richtet meine Reden nicht ehe nach der
Schärffe, biss ich euch eine Geschicht erzählt, die gewiss nicht vedriesslich
anzuhören, und dabei die klare Wahrheit ist. Hierauf fängt er an, als einer, der
meine und der Meinigen ganze Lebens-Geschicht vollkommen inne hatte, alles
dasjenige auf dem Nagel her zu sagen, was uns passieret ist, und worüber sich
die Dame am Ende vor Verwunderung fast nicht zu begreifen weiss. Hiermit aber ist
es noch nicht genung, sondern Amias bittet dieselbe, von allen dem, was sie
anitzo gehöret, bei ihrer Gesellschaft nichts kundbar zu machen, indem sie
gewisser Ursachen wegen, sonst Niemanden als ihr alleine, dergleichen
Geheimnisse wissen lassen, vielmehr einem jeden bereden wollten, sie hätten auf
der Insul St. Helenae ein besonderes Gewerbe auszurichten. Virgilia van Catmers,
so nennet sich diese Dame, verspricht nicht allein vollkommene Verschwiegenheit,
sondern bittet auch um GOttes willen, sie nebst ihrer Stief-Tochter, welches ein
Kind guter Art sei, mit in dergleichen irdisches Himmelreich (also hatte sie
meine Felsen-Insul genennet) zu nehmen, und derselben einen tugendhaften Mann
heiraten zu helffen. Ich vor meine Person, setzt sie hinzu, kann mit Wahrheit
sagen, dass ich mein übriges Leben eben so gern im tugendhaften ledigen Stande,
als in der besten Ehe zubringen wollte, weil ich von Jugend an biss auf diese
Stunde Trübsal und Angst genug ausgestanden habe, mich also nach einem ruhigern
Leben sehne. Meine Stieff-Tochter aber, deren Stieff-Mutter ich nur seit 5.
Jahren bin, und die ich ihres sonderbaren Gehorsams wegen als mein eigen Kind
liebe, möchte ich gern wohl versorgt wissen, weil dieselbe, im Fall wir das Cap
der guten Hoffnung nicht erreichen sollten, von ihrem väterlichen Erbteile
nichts zu hoffen hat, als diejenigen Kostbarkeiten, welche ich bei mir führe,
und sich allein an Golde, Silber, Kleinodien und Gelde ohngefähr auf 16000.
Ducaten belaufen, die uns aber noch gar leicht durch Sturm oder See-Räuber
geraubt werden können.
    Amias antwortet hierauf, dass dergleichen zeitliche Güter bei uns in grosser
Menge anzutreffen wären, doch aber nichts geachtet würden, weil sie auf unserer
Insul wenigen oder gar keinen Nutzen schaffen könten, im übrigen verspricht er
binnen 2. Tagen völlige Resolution von sich zu geben, ob er sie nebst ihrer
Tochter unter gewissen Bedingungen, ohne Gefahr, und mit guten Gewissen, mit
sich führen könne oder nicht, lässet also die ehrliche Virgiliam vor dieses mahl
zwischen Furcht und Hoffnung wiederum von der Gesellschaft Abschied nehmen.
    Folgende zwei Tage legt er unter der Hand, und zwar auf ganz klügliche Art,
genaue Kundschaft auf ihr von Jugend an geführtes Leben und Wandel, und
erfähret mit Vergnügen, dass sie ihn in keinem Stücke mit Unwahrheit berichtet
habe. Demnach fragt er erstlich den Johannem, ob er die Virgiliam zu seiner
Ehe-Frau beliebte, und so bald dieser sein treuhertziges Ja-Wort mit besondern
fröhlichen Gemüts-Bewegungen von sich gegeben, sucht er abermahlige
Gelegenheit, Virgiliam nebst ihrer Tochter Gertraud in seine Hütten zu locken,
welche letztere er als ein recht ungemein wohlgezogenes Kind befindet.
    Demnach eröffnet er der tugendhaften Wittbe sein ganzes Hertze, wie er
nämlich gesonnen sei, sie nebst ihrer Stieff-Tochter mit grösten Freuden auf
sein Schiff zu nehmen, doch mit diesen beiden Bedingungen, dass sie sich gelieben
lassen wolle, den Johannem, welchen er ihr vor die Augen stellet, zum Ehe-Manne
zu nehmen, und dann sich zu bemühen, noch die 3te keusche Weibs-Person, die
ohnfehlbar in ihrer Aufwärterin Blandina anzutreffen sein würde, mit zu führen.
Im übrigen dürffte keines von ihnen vor das Heirats-Gut sorgen, weil alles, was
ihr Herz begehren könne, bei den Seinigen in Uberfluss anzutreffen wäre.
    Meine Herren! versetzt hierauf Virgilia, ich mercke und verstehe aus allen
Umständen nunmehro zur Gnüge, dass es euch annoch nur an 3. Weibs-Personen
mangelt, eure übrigen und ledigen Manns-Personen zu beweiben, derowegen sind
euch, so wohl meine Stieff-Tochter, als meine 17. jährige Aufwärterin hiermit
zugesagt, weil ich gewiss glaube, dass ihr sonderlich die erstere mit dem
Ehestande nicht übereilen werdet. Was meine eigene Person anbetrifft sagt sie
ferner, so habe ich zwar an gegenwärtigen frommen Menschen, der, wie ihr sagt,
Johannes Julius heisset, und ehrlicher Leute Kind ist, nicht das allergeringste
auszusetzen; allein, ich werde keinem Menschen, er sei auch wer er sei, weder
mein Wort noch die Hand zur Ehe geben, biss mein Trauer-Jahr, um meinen seeligen
Mann, und einen 2. jährigen Sohn, der nur wenig Tage vor seinem Vater
verstorben, zu Ende gelauffen ist. Nach diesem aber will ich erwarten, wie es
der Himmel mit meiner Person fügen wird. Ist es nun bei dergleichen Schlusse
euch anständig, mich, nebst meiner Tochter und Magd, vor deren Ehre ich Bürge
bin, heimlich mit hinweg zu führen, so soll euch vor uns dreien ein
Braut-Schatz, von 16000. Ducaten wert, binnen wenig Stunden eingeliefert
werden.
    Amias will so wohl, als alle die andern, nicht das geringste von Schätzen
wissen, ist aber desto erfreuter, dass er ihrer Personen wegen völlige
Versicherung erhalten, nimmt derowegen diesen und den folgenden Tag die
sicherste Abrede mit Virgilien, so, dass weder der in sie verliebte Kauffmann,
noch jemand anders auf deren vorgesetzte Flucht Verdacht legen kann.
    Etliche Tage hernach, da die guten Holländer ihr Schiff, um selbiges desto
bequemer auszubessern, auf die Seite gelegt, die kleinern Boote nebst allen
andern Sachen aufs Land gezogen, und ihr Pulver zu trocknen, solches an die
Sonne gelegt haben; kömmt Amias zu ihnen, und meldet, wie es ihm zu beschwerlich
falle, bei diesem guten Wetter und Winde allhier stille zu liegen. Er wolle
demnach, in Betrachtung, dass sie wenigstens noch 3. biss 4. Wochen allhier
verharren müsten, seine Reise nach der Insel S. Helenæ fortsetzen, seine Sachen
daselbst behörig einrichten, nachhero auf dem Rückwege wiederum allhier
ansprechen, und nebst den Seinigen in ihrer Gesellschaft mit nach einer
Ost-Indischen guten Insul schiffen. Inzwischen wolle er sie, gegen baare
Bezahlung, um etwas Pulver und Blei angesprochen haben, als woran es ihm
ziemlich mangele.
    Die treuhertzigen Holländer setzen in seine Reden nicht das geringste
Misstrauen, versprechen einen ganzen Monat auf ihn zu warten, weil erwähnte
Insel ohnmöglich über 100. Meilen von dar liegen könne, verehren dem guten Manne
4. grosse Fass Pulver, nebst etlichen Centnern Blei, wie auch allerhand
treffliche Europäische Victualien, welche er mit andern, die auf unserer Insul
gewachsen waren, ersetzet, und dabei Gelegenheit nimmt, von diesem und jenen
allerhand Sämereien, Frucht-Kernen und Blumen-Gewächse auszubitten, gibt anbei
zu verstehen, dass er ohnfehlbar des 3ten Tages aufbrechen, und unter Seegel
gehen wollte; Allein der schlaue Fuchs schiffet sich hurtiger ein, als die
Holländer vermeinen, und wartet auf sonst nichts, als die 3. bestellten
Weibes-Personen. Da sich nun diese in der andern Nacht mit Sack und Pack
einfinden, lichtet er seine Ancker und läufft unter guten Winde in die offenbare
See, ohne dass es ein eintziger von den Holländern gewahr wird. Mit anbrechende
Tage sehen sie die wüste Insul nur noch in etwas von ferne, weswegen Amias 2.
Canonen löset, um von den Holländern ehrlichen Abschied zu nehmen, die ihm vom
Lande mit 4. Schüssen antworten, woraus er schliesset, dass sie ihren kostbaren
Verlust noch nicht empfänden, derowegen desto freudiger die Seegel aufspannet,
und seinen Weg auf Felsenburg richtet.
    Die Rück-Reise war dermassen bequem und geruhig gewesen, dass sie weiter
keine Ursach zu klagen gehabt, als über die um solche Zeit ganz ungewöhnliche
Wind-Stille, welche ihnen, da sie nicht vermögend gewesen, der starcken
Ruder-Arbeit beständig obzuliegen, eine ziemlich langsame Fahrt verursachet
hatte.
    Es begegnet ihnen weder Schiff noch etwas anderes merckwürdiges, auch will
sich ihren Augen weder dieses oder jenes Land offenbaren, und da nachhero
vollends ein täglicher, heftiger Regen und Nebel einfällt, wird ihr Kummer noch
grösser, ja die meisten fangen an zu zweiffeln, die Ihrigen auf der Felsen-Insul
jemahls wieder zu sehen zu kriegen. Doch Amias und Jacob lassen wegen ihrer
besondern Wissenschaft und Erfahrenheit im Compass, See-Charten und andern zur
Schiff-Fahrt gehörigen Instrumenten den Mut nicht sincken, sondern reden den
übrigen so lange tröstlich zu, biss sie am 9ten Maji, in den Mittags-Stunden,
dieses gelobte Land an seinen von der Natur erbaueten Türmern und Mauern von
weiten erkennen. Jacob, der so glücklich ist, solches am ersten wahrzunehmen,
brennet abgeredter massen, gleich eine Canone ab, worauf die im Schiff
befindlichen 15. Personen sich so gleich versammlen, und zu allererst in einer
andächtigen Bet-Stunde dem Höchsten ihr schuldiges Danck-Opffer bringen.
    Es ist ihnen selbiges Tages unmöglich, die Felsen-Insul zu erreichen,
weswegen sie mit herein brechender Nacht Ancker werffen, um bei der Finsternis
nicht etwa auf die herum liegenden verborgenen Klippen und Sand-Bäncke
aufzulauffen. Indem aber hiermit erstlich eine, kurtz darauf 2. und abermals 3.
Canonen von ihnen gelöset wurden, musste solches, und zwar eben, als wir
Insulaner uns zur Ruhe legen wollten, in unsere Ohren schallen. David kam mir
demnach in seinem Nacht-Habit entgegen gelauffen, und sagte: Mein Herr! wo ich
nicht träume, so liegen die Unserigen vor der Insel, denn ich habe das abgeredte
Zeichen mit Canonen vernommen. Recht, mein Sohn! gab ich zur Antwort, ich und
die übrigen haben es auch gehöret. Alsofort machten wir uns beiderseits auf,
nahmen etliche Raqueten nebst Pulver und Feuer zu uns, lieffen auf die Höhe des
Nord-Felsens, gaben erstlich aus zweien Canonen Feuer, zündeten hernach 2.
Raquetten an, und höreten hierauff nicht allein des Schiffs 8. Canonen lösen,
sondern sahen auch auf demselben allerhand artige Lust-Feuer, welches uns die
gewisse Versicherung gab, dass es kein anders als meiner Kinder Schiff sei.
Diesem nach verschossen wir, ihnen und uns zur Lust, alles gegenwärtige Pulver,
und giengen um Mitternachts Zeit wieder zurück, stunden aber noch vor Tage
wieder auf, verschützten die Schleuse des Nord-Flusses, machten also unsere
Tor-Fahrt trocken, und giengen hinab an das Meer-Ufer, allwo in kurtzen unsere
Verreiseten glücklich an Land stiegen, und von mir und David die ersten
Bewillkommungs-Küsse empfingen. So bald wir nebst ihnen den fürchterlichen
hohlen Felsen-Weg hinauff gestiegen waren, und unsere Insul betraten, kam uns
meine Concordia mit der ganzen Familie entgegen, indem sie die 9. Enckel auf
einen grossen Rollwagen gesetzt, und durch die Affen hierher fahren lassen.
Nunmehro ging es wieder an ein neues Bewillkommen, jedoch es wurden auf mein
Zureden nicht viel Weitläufftigkeiten gemacht, biss wir ingesamt auf diesem Hügel
in unsern Wohnungen anlangeten.
    Ich will, meine Lieben! sagte hier unser Altvater, die Freuden-Bezeugungen
von beiden Teilen, nebst allen andern, was biss zu eingenommener
Mittags-Mahlzeit vorgegangen, mit Stillschweigen übergehen, und nur dieses
Berichten: Dass mir nachhero die Meinigen einen umständlichen Bericht von ihrer
Reise abstatteten, worauff die mit angekommene junge Wittbe ihren wunderbaren
Lebens-Lauff weitläufftig zu erzählen anfieng. Da aber ich, meine Lieben!
entschuldigte sich der Altvater, mich nicht im Stande befinde, selbigen so
deutlich zu erzählen, als er von ihrer eigenen Hand beschrieben ist, so will ich
denselben hiermit meinem lieben Vetter Eberhard einhändigen, damit er euch
solche Geschicht vorlesen könne.
    Ich Eberhard Julius empfieng also, aus des Altvaters Händen, dieses in
Holländischer Sprache geschriebene Frauenzimmer-Manuscript, welches ich sofort
denen andern in Teutscher Sprache also lautend herlass:
    Im Jahr Christi 1647. bin ich, von Jugend auf sehr Unglückseelige, nunmehro
aber da ich dieses auf der Insul Felsenburg schreibe, sehr, ja vollkommen
vergnügte Virgilia van Cattmers zur Welt geboren worden. Mein Vater war ein
Rechts-Gelehrter und Prokurator zu Rotterdam, der wegen seiner besondern
Gelehrsamkeit, die Kundschaft der vornehmsten Leute, um ihnen in ihren
Streit-Sachen beizustehen erlangt, und Hoffnung gehabt, mit ehesten eine
vornehmere Bedienung zu bekommen. Allein, er wurde eines Abends auf freier
Strasse Meuchelmörderischer Weise, mit 9. Dolch-Stichen ums Leben gebracht, und
zwar eben um die Zeit, da meine Mutter 5. Tage vorher abermals einer jungen
Tochter genesen war. Ich bin damahls 4. Jahr und 6. Monat alt gewesen, weiss mich
aber noch wohl zu erinnern, wie jämmerlich es aussah: Da der annoch starck
blutende Cörper meines Vaters, von darzu bestellten Personen besichtiget, und
dabei öffentlich gesagt wurde, dass diesen Mord kein anderer Mensch angestellet
hätte, als ein Gewissen loser reicher Mann, gegen welchen er Tags vorhero einen
rechtlichen Prozess zum Ende gebracht, der mehr als hundert tausend Taler
anbetroffen, und worbei mein Vater vor seine Mühe sogleich auf der Stelle 2000.
Taler bekommen hatte.
    Vor meine Person war es Unglücklich genung zu schätzen, einen treuen Vater
solchergestalt zu verlieren, allein das unerforschliche Schicksal hatte noch ein
mehreres über mich beschlossen, denn zwölff Tage hernach starb auch meine liebe
Mutter, und nahm ihr jüngst gebohrnes Töchterlein, welches nur 4. Stunden vorher
verschieden, zugleich mit in das Grab. Indem ich nun die eintzige Erbin von
meiner Eltern Verlassenschaft war, so fand sich gar bald ein wohlhabender
Kauffmann, der meiner Mutterwegen, mein naher Vetter war, und also nebst meinem
zu Gelde geschlagenen Erbteile, die Vormundschaft übernahm. Mein Vermögen
belief sich etwa auf 18000. Tlr. ohne den Schmuck, Kleider-Werck und schönen
Haus-Rat, den mir meine Mutter in ihrer wohlbestellten Hausshaltung zurück
gelassen hatte. Allein die Frau meines Pflege-Vaters war, nebst andern Lastern,
dem schändlichen Geitze dermassen ergeben, dass sie meine schönsten Sachen unter
ihre drei Töchter verteilete, denen ich bei zunehmenden Jahren als eine Magd
auffwarten, und nur zufrieden sein musste, wenn mich Mutter und Töchter nicht
täglich aufs erbärmlichste mit Schlägen tractirten. Wem wollte ich mein Elend
klagen, da ich in der ganzen Stadt sonst keinen Anverwandten hatte, frembden
Leuten aber durffte mein Herz nicht eröffnen, weil meine Aufrichtigkeit schon
öffters übel angekommen war, und von denen 4. Furien desto übler belohnet wurde.
    Solchergestalt ertrug ich mein Elend biss ins 14. Jahr mit gröster Gedult,
und wuchs zu aller Leute Verwunderung, und bei schlechter Verpflegung dennoch
starck in die Höhe. Meiner Pflege-Mutter allergröster Verdruss aber bestund
darin, dass die meisten Leute von meiner Gesichts-Bildung, Leibes-Gestalt und
ganzen Wesen mehr Wesens und rühmens machten als von ihren eigenen Töchtern,
welche nicht allein von Natur ziemlich hesslich gebildet, sondern auch einer
geilen und leichtfertigen Lebens-Art gewohnt waren. Ich musste dieserwegen viele
Schmach-Reden und Verdriesslichkeiten erdulden, war aber bereits dermassen im
Elende abgehärtet, dass mich fast nicht mehr darum bekümmerte.
    Mittlerweile bekam ich ohnvermutet einen Liebhaber an dem vornehmsten
Handels-Diener meines Pflege-Vaters, dieses war ein Mensch von etliche 20.
Jahren, und konnte täglich mit Augen ansehen, wie unbillig und schändlich ich
arme Wäyse, vor mein Geld, welches mein Pflege-Vater in seinen Nutzen verwendet
hatte, tractiret wurde, weiln ihm aber alle Gelegenheit abgeschnitten war, mit
mir ein vertrautes Gespräch zu halten, steckte er mir eines Tages einen kleinen
Brief in die Hand, worinnen nicht allein sein heftiges Mitleiden wegen meines
Zustandes, sondern auch die Ursachen desselben, nebst dem Antrage seiner treuen
Liebe befindlich, mit dem Versprechen: Dass, wo ich mich entschliessen wollte eine
Heirat mit ihm zu treffen; er meine Person ehester Tages aus diesem
Jammer-Stande erlösen, und mir zu meinem Väter- und Mütterlichen Erbteile
verhelffen wolle, um welches es ohnedem itzo sehr gefährlich stünde, da mein
Pfleg-Vater, allem Ansehen nach, in kurtzer Zeit banquerot werden müste.
    Ich armes unschuldiges Kind wusste mir einen schlechten Begriff von allen
diesen Vorstellungen zu machen, und war noch darzu so unglücklich, diesen
aufrichtigen Brief zu verlieren, ehe ich denselben weder schrifftlich noch
mündlich beantworten konnte. Meine Pflege-Mutter hatte denselben gefunden, liess
sich aber nicht das geringste gegen mich mercken, ausserdem dass ich nicht aus
meiner Kammer gehen durffte, und solcher gestalt als eine Gefangene leben musste,
wenig Tage hernach aber erfuhr ich, dass man diesen Handels-Diener früh in seinem
Bette tod gefunden hätte, und wäre er allen Umständen nach an einem Steck-Flusse
gestorben.
    Der Himmel wird am besten wissen, ob dieser redliche Mensch nicht, seiner zu
mir tragenden Liebe wegen, von meiner bösen Pflege-Mutter mit Gift hingerichtet
worden, denn wie jung ich auch damals war, so konnte doch leichtlich einsehen,
was vor eine ruchlose Lebens-Art, zumahlen in Abwesenheit meines Pflege-Vaters
im Hause vorgieng. Immittelst traff dennoch ein, was der verstorbene
Handels-Diener vorher geweissaget hatte, denn wenig Monate hernach machte sich
mein Vetter oder Pflege-Vater aus dem Staube und überliess seinen Gläubigern ein
ziemlich ausgeleertes Nest, dessen Frau aber behielt dennoch ihr Haus nebst
andern zu ihm gebrachten Sachen, so dass dieselbe mit ihren Kindern annoch ihr
gutes Auskommen haben konnte. Ich vor meine Person musste zwar bei ihr bleiben,
durffte mich aber niemals unterstehen zu fragen, wie es um mein Vermögen stünde,
biss endlich ihr ältester Sohn aus Ost-Indien zurück kam, und sich über das
verkehrte Haus-Wesen seiner Eltern nicht wenig verwunderte. Er mochte von
vertrauten Freunden gar bald erfahren haben, dass nicht so wohl seines Vaters
Nachlässigkeit als die üble Wirtschaft seiner Mutter und Schwestern an diesem
Unglück Schuld habe, derowegen fieng er als ein tugendhaftiger und verständiger
Mensch gar bald an, ihnen ihr übles Leben anfänglich ziemlich sanftmütig,
hernach aber desto ernstlicher zu Gemüte zu führen, allein die 4. Furien bissen
sich weidlich mit ihm herum, mussten aber doch zuletzt ziemlich nachgeben, weil
sie nicht Unrecht vermuten konten, dass er durch seinen erworbenen Credit und
grosses Gut, ihr verfallenes Glück wiederum hertzustellen vermögend sei. So bald
ich dieses merckte, nahm ich auch keinen fernern Aufschub, diesem redlichen
Manne meine Not zu klagen, und da es sich eben schickte, dass ich ihm eines
Tages auf Befehl seiner Mutter ein Körbgen mit sauberer Wäsche überbringen
musste, gab solches die beste Gelegenheit ihm meines Hertzens-Gedancken zu
offenbaren. Er schien mir diesen Tag etwas aufgeräumter und freundlicher als
wohl sonsten gewöhnlich, nachdem ich ihm also meinen Gruss abgestattet, und die
Wäsche eingehändiget hatte, sprach er: Es ist keine gute Anzeigung vor mich,
artige Virgilia, da ihr das erste mal auf meiner Stube mit einem Körbgen
erscheinet, gewiss dieses sollte mich fast abschrecken, euch einen Vortrag meiner
aufrichtigen und ehrlichen Liebe zu tun. Ich schlug auf diese Reden meine Augen
zur Erden nieder, aus welchen alsofort die hellen Tränen fielen, und gab mit
gebrochenen ängstlichen Worten so viel darauff. Ach mein Herr! Nehmet euch nicht
vor, mit einer unglückseeligen Person zu schertzen, erbarmet euch vielmehr einer
armen von aller Welt verlassenen Waise, die nach ihren ziemlichen Erbteil,
nicht ein mal fragen darff, über dieses vor ihr eigen Geld als die geringste
Magd dienen, und wie von Jugend auf, so noch biss diesen Tag, die erbärmlichsten
Schläge von eurer Mutter und Schwestern erdulden muss. Wie? Was hör ich? gab er
mir zur Antwort, ich vermeine euer Geld sei in Banco getan, und die Meinigen
berechnen euch die Zinsen davon? Ach mein Herr! versetzte ich, nichts weniger
als dieses, euer Vater hat das Capital nebst Zinsen, und allen meinen andern
Sachen an sich genommen, wo es aber hingekommen ist, darnach habe ich biss auf
diese Stunde noch nicht fragen dürffen, wenn ich nicht die erbärmlichsten
Martern erdulden wollen. Das sei dem Himmel geklagt! schrye hierauff Ambrosius
van Keelen, denn also war sein Nahme, schlug anbei die Hände über dem Kopffe
zusammen, und sass eine lange Zeit auf dem Stuhle in tieffen Gedancken. Ich wusste
solchergestalt nicht wie ich mit ihm daran war, fuhr derowegen im Weinen fort,
fiel endlich nieder, umfassete seine Knie und sagte: Ich bitte euch um GOttes
willen mein Herr, nehmet es nicht übel, dass ich euch mein Elend geklagt habe,
verschaffet nur dass mir eure Mutter, auf meine ganze gerechte Forderung, etwa
zwei oder drei hundert Taler zahle, so soll das übrige gäntzlich vergessen
sein, ich aber will mich alsobald aus ihrem Hause hinweg begeben und andere
Dienste suchen, vielleicht ist der Himmel so gnädig, mir etwa mit der Zeit einen
ehrbaren Handwerks-Mann zuzuführen, der mich zur Ehe nimmt, und auf meine
Lebens-Zeit ernehret, denn ich kann die Tyrannei eurer Mutter und Schwestern
ohnmöglich länger ertragen. Der gute Mensch konnte sich solchergestalt der
Tränen selbst nicht entalten, hub mich aber sehr liebreich von der Erden auf,
drückte einen keuschen Kuss auf meine Stirn, und sagte: Gebt euch zufrieden meine
Freundin, ich schwere zu GOTT! dass mein ganzes Vermögen, biss auf diese wenigen
Kleider so ich auf meinem Leibe trage, zu eurer Beruhigung bereit sein soll,
denn ich müste befürchten, dass GOTT, bei so gestalten Sachen, die Misshandlung
meiner Eltern an mir heimsuchte, indessen geht hin und lasset euch diesen Tag
über, weder gegen meine Mutter noch Geschwister nicht das geringste mercken, ich
aber will noch vor Abends eures Anliegens wegen mit ihnen sprechen, und gleich
morgendes Tages Anstalt machen, dass ihr Standesmässig gekleidet und gehalten
werdet.
    Ich trocknete demnach meine Augen, ging mit getrösteten Hertzen von ihm, er
aber besuchte gute Freunde, und nahm noch selbigen Abend Gelegenheit mit seiner
Mutter und Schwestern meinetwegen zu sprechen. Wiewohl nun dieselben mich auf
sein Begehren, um sein Gespräch nicht mit anzuhören, beiseits geschafft hatten,
so habe doch nachhero vernommen, dass er ihnen das Gesetz ungemein scharff
geprediget, und sonderlich dieses vorgeworffen hat: Wie es zu verantworten
stünde, dass sie meine Gelder durchgebracht, Kleider und Geschmeide unter sich
geteilet, und über dieses alles, so jämmerlich gepeiniget hätten? Allein auf
solche Art wurde die ganze Hölle auf einmal angezündet, denn nachdem Ambrosius
wieder auf seine Stube gegangen, ich aber meinen Henckern nur entgegen getreten
war, redete mich die Alte mit funckelnden Augen also an: Was hastu verfluchter
Findling vor ein geheimes Verständnis mit meinen Sohne? und weswegen willstu mir
denselben auf den Hals hetzen? Ich hatte meinen Mund noch nicht einmal zur
Rechtfertigung aufgetan, da alle 4. Furien über mich herfielen und recht
Mörderisch mit mir umgingen, denn ausserdem, dass mir die helffte meiner
Haupt-Haare ausgeraufft, das Gesichte zerkratzt, auch Maul und Nase Blutrünstig
geschlagen wurden, trat mich die Alte etliche mahl dergestalt heftig auf den
Unter-Leib und Magen, dass ich unter ihren Mörder-Klauen ohnmächtig, ja mehr als
halb todt liegen blieb. Eine alte Dienst-Magd die dergleichen Mord-Spiel weder
verwehren, noch in die Länge ansehen kann, laufft alsobald und rufft den
Ambrosius zu Hülffe. Dieser kömmt nebst seinem Diener eiligst herzu, und findet
mich in dem allererbärmlichsten Zustande, läst derowegen seinem gerechten Eiffer
den Zügel schiessen, und zerprügelt seine 3. leiblichen Schwestern dergestalt,
dass sie in vielen Wochen nicht aus den Betten steigen können, mich halb todte
Kreatur aber, trägt er auf den Armen in sein eigenes Bette, lässet nebst einem
verständigen Artzte, zwei Wart-Frauen holen, machte also zu meiner besten
Verpflegung und Cur die herrlichsten Anstalten. Ich erkannte sein redliches
Gemüte mehr als zu wohl, indem er fast niemals zu meinem Bette nahete, oder
sich meines Zustandes erkundigte, dass ihm nicht die hellen Tränen von den
Wangen herab gelauffen wären, so bald er auch merckte dass es mir unmöglich wäre,
in diesem vor mich unglückseeligen Hause einige Ruhe zu geniessen, vielweniger
auf meine Genesung zu hoffen, liess er mich in ein anderes, nächst dem seinen
gelegenes Haus bringen, allwo in dem einsamen Hinter-Gebäue eine schöne
Gelegenheit zu meiner desto bessern Verpflegung bereitet war.
    Er liess es also an nichts fehlen meine Genesung aufs eiligste zu beförderen,
und besuchte mich täglich sehr öffters, allein meine Kranckheit schien von Tage
zu Tage gefährlicher zu werden, weilen die Fuss-Tritte meiner alten Pflege-Mutter
eine starcke Geschwulst in meinem Unterleibe veruhrsacht hatten, welche mit
einem schlimmen Fieber vergesellschaftet war, so, dass der Medicus nachdem er
über drei Monat an mir curiret hatte, endlich zu vernehmen gab: es müsse sich
irgendwo ein Geschwür im Leibe angesetzt haben, welches, nachdem es zum
Aufbrechen gediehen, mir entweder einen plötzlichen Todt, oder baldige Genesung
verursachen könnte.
    Ambrosius stellete sich hierbei ganz Trostloss an, zumahlen da ihm sein
Compagnon aus Amsterdam berichtete: wie die Spanier ein Holländisches Schiff
angehalten hätten, worauff sich von ihren gemeinschaftlichen Waaren allein,
noch mehr als 20000. Tlr. Wert befänden, demnach müsse sich Ambrosius in aller
Eil dahin begeben, um selbiges Schiff zu lösen, weiln er, nämlich der Compagnon,
wegen eines Bein-Bruchs ohnmöglich solche Reise antreten könnte.
    Er hatte mir dieses kaum eröffnet, da ich ihn umständig bat, um meiner
Person wegen dergleichen wichtiges Geschäffte nicht zu verabsäumen, indem ich
die stärckste Hoffnung zu GOTT hätte, dass mich derselbe binnen der Zeit seines
Abwesens, vielleicht gesund herstellen würde, sollte ich aber ja sterben, so bäte
mir nichts anders aus, als vorhero die Verfügung zu machen, dass ich ehrlich
begraben, und hinkünftig dann und wann seines guten Andenckens gewürdiget
würde. Ach! sprach er hierauff mit weinenden Augen, sterbt ihr meine
allerliebste Virgilia, so stirbt mit euch alles mein künftiges Vergnügen, denn
wisset: Dass ich eure Person eintzig und allein zu meinem Ehe-Gemahl erwehlet
habe, soferne ich aber euch verlieren sollte, ist mein Vorsatz, nimmermehr zu
Heiraten, saget derowegen, ob ihr nach wieder erlangter Gesundheit meine
getreue Liebe mit völliger Gegen-Liebe belohnen wollet? Ich stelle, gab ich
hierauff zur Antwort, meine Ehre, zeitliches Glück und alles was an mir ist, in
eure Hände, glaubt demnach, dass ich als eine arme Waise euch gäntzlich eigen
bin, und machet mit mir, was ihr bei GOTT, eurem guten Gewissen und der ehrbaren
Welt verantworten könnet. Uber diese Erklärung zeigte sich Ambrosius dermassen
vergnügt, dass er fast kein Wort vorzubringen wusste, jedoch erkühnete er sich
einen feurigen Kuss auf meine Lippen zu drücken, und weiln dieses der erste war,
den ich meines wissens von einer Manns-Person auf meinen Mund empfangen, ging es
ohne sonderbare Beschämung nicht ab, jedoch nachdem er mir seine beständige
Treue aufs heiligste zugeschworen hatte, konnte ich ihm nicht verwehren,
dergleichen auf meinen blassen Wangen, Lippen und Händen noch öffter zu
wiederholen. Wir brachten also fast einen halben Tag mit den treuhertzigsten
Gesprächen hin, und endlich gelückte es mir ihn zu bereden, dass er gleich
Morgendes Tages die Reise nach Spanien vornahm, nachdem er von mir den
allerzärtlichsten Abschied genommen, 1000. Stück Ducaten zu meiner Verpflegung
zurück gelassen, und sonsten meinetwegen die eiffrigste Sorgfalt vorgekehret
hatte.
    Etwa einen Monat nach meines werten Ambrosii Abreise, brach das Geschwür in
meinem Leibe, welches sich des Artzts, und meiner eigenen Meinung nach, am Magen
und Zwerchfell angesetzt hatte, in der Nacht plötzlich auf, weswegen etliche
Tage nach einander eine erstaunliche Menge Eiter durch den Stuhlgang zum
Vorschein kam, hierauff begunte mein dicker Leib allmählig zu fallen, das Fieber
nachzulassen, mitin die Hoffnung, meiner volligen Genesung wegen, immer mehr
und mehr zuzunehmen. Allein das Unglück, welches mich von Jugend an so grausam
verfolget, hatte sich schon wieder aufs neue gerüstet, mir den
allerempfindlichsten Streich zu spielen, denn da ich einst um Mitternacht im
süssen Schlummer lag, wurde meine Tür von den Gerichts-Dienern plötzlich
eröffnet, ich, nebst meiner Wart-Frau in das gemeine Stadt-Gefängnis gebracht,
und meiner grossen Schwachheit ohngeacht, mit schweren Ketten belegt, ohne zu
wissen aus was Ursachen man also grausam mit mir umginge. Gleich folgendes Tages
aber erfuhr ich mehr als zu klar, in was vor bösen Verdacht ich arme unschuldige
Kreatur gehalten wurde, denn es kamen etliche ansehnliche Männer im Gefängnisse
bei mir an, welche, nach weitläufftiger Erkundigung meines Lebens und Wandels,
endlich eine rot angestrichene Schachtel herbei bringen liessen, und mich
befragten: Ob diese Schachtel mir zugehörete, oder sonsten etwa känntlich sei?
Ich konnte mit guten Gewissen und freien Mute Nein darzu sagen, so bald aber
dieselbe eröfnet und mir ein halb verfaultes Kind darinnen gezeiget wurde,
entsetzte ich mich dergestalt über diesen eckelhaften Anblick, dass mir
Augenblicklich eine Ohnmacht zustiess. Nachdem man meine entwichenen Geister aber
wiederum in einige Ordnung gebracht, wurde ich aufs neue befragt: Ob dieses Kind
nicht von mir zur Welt geboren, nachhero ermordet und hinweggeworffen worden?
Ich erfüllete das ganze Gemach mit meinem Geschrei, und bezeugte meine Unschuld
nicht allein mit heftigen Tränen, sondern auch mit den nachdrücklichsten
Reden, allein alles dieses fand keine statt, denn es wurden zwei, mit meiner
seel. Mutter Nahmen bezeichnete Teller-Tüchlein, zwar als stumme, doch der
Richter Meinung nach, allergewisseste Zeugen dargelegt, in welche das Kind
gewickelt gewesen, ich aber konnte nicht läugnen, dass unter meinem wenigen
weissen Zeuge, eben dergleichen Teller-Tücher befindlich wären. Es wurde mir
über dieses auferlegt mich von zwei Weh-Müttern besichtigen zu lassen, da nun
nichts anders gedachte, es würde, durch dieses höchste empfindliche Mittel,
meine Unschuld völlig an Tag kommen, so musste doch zu meinem allergrösten
Schmertzen erfahren, wie diese ohne allen Scheu bekräfftigten, dass ich, allen
Umständen nach, vor weniger Zeit ein Kind zur Welt geboren haben müsse. Ich
beruffte mich hierbei auf meinen bisherigen Artzt so wohl, als auf meine zwei
Wart-Frauen, allein der Arzt hatte die Schultern gezuckt und bekennet, dass er
nicht eigentlich sagen könne, wie es mit mir beschaffen gewesen, ob er mich
gleich auf ein innerliches Magen-Geschwür curieret hätte, die eine Wart-Frau
aber zog ihren Kopf aus der Schlinge und sagte: Sie wisse von meinem Zustande
wenig zu sagen, weil sie zwar öffters bei Tage, selten aber des Nachts bei mir
gewesen wäre, schob hiermit alles auf die andere Wart Frau, die so wohl als ich
in Ketten und Banden lag.
    O du barmhertziger GOTT! rieff ich aus, wie kanstu zugeben, dass sich alle
ängstlichen Umstände mit der Bosheit der Menschen vereinigen müssen, einer
höchst unschuldigen armen Waise Unglück zu befördern. O ihr Richter, schrye ich,
übereilet euch nicht zu meinem Verderben, sondern höret mich an, auf dass euch
GOtt wiederum höre. Hiermit erzehlete ich ihnen meinen von Kindes Beinen an
geführten Jammer-Stand deutlich genung, allein da es zum Ende kam, hatte ich
tauben Ohren geprediget und sonsten kein ander Lob davon, als dass ich eine sehr
gewitzigte Metze und gute Rednerin sei, dem allen ohngeacht aber sollte ich mir
nur keine Hoffnung machen sie zu verwirren, sondern nur bei Zeiten mein
Verbrechen in der Güte gestehen, widrigenfalls würde ehester Tage Anstalt zu
meiner Tortur gemacht werden. Dieses war der Bescheid, welchen mir die
allzuernstaften Inquisiteurs hinterliessen, ich armes von aller Welt
verlassenes Mägdlein wusste mir weder zu helffen noch zu raten, zumahlen, da ich
von neuen in ein solches hitziges Fieber verfiel, welches meinen Verstand biss in
die 4te Woche ganz verrückte. So bald mich aber durch die gereichten guten
Artzeneien nur in etwas wiederum erholet hatte, verhöreten mich die Inquisiteurs
aufs neue, bekamen aber, Seiten meiner, keine andere Erklärung als vormals,
weswegen sie mir noch drei Tage Bedenck-Zeit gaben, nach deren Verlauff aber in
Gesellschaft des Scharff-Richters erschienen, der sein peinliches Werckzeug vor
meine Augen legte, und mit grimmigen Gebärden sagte: Dass er mich in kurtzer Zeit
zur bessern Bekänntniss meiner Bosheiten bringen wolle.
    Bei dem Anblicke so gestallter Sachen veränderte sich meine ganze Natur
dergestalt, dass ich auf einmal Lust bekam, ehe tausendmal den Tod, als
dergleichen Pein zu erleiden, demnach sprach ich mit gröster Herzhaftigkeit
dieses zu meinen Richtern: Wohlan! ich spüre, dass ich meines zeitlichen Glücks,
Ehre und Lebens wegen, von GOTT und aller Welt verlassen bin, auch der
schmählichen Tortur auf keine andere Art entgehen kann, als wenn ich alles
dasjenige, was ihr an mir sucht, eingestehe und verrichtet zu haben auf mich
nehme, derowegen verschonet mich nur mit unnötiger Marter, und erfraget von mir
was euch beliebt, so will ich euch nach eurem Belieben antworten, es mag mir nun
zu meinem zeitlichen Glück und Leben nützlich oder schädlich sein. Hierauff
taten sie eine klägliche Ermahnung an mich, GOtte, wie auch der Obrigkeit ein
wahrhaftiges Bekenntnis abzustatten, und fiengen an, mir mehr als 30. Fragen
vorzulegen, allein so bald ich nur ein oder andere mit guten Gewissen und der
Wahrheit nach vermeinen, und etwas gewisses zu meiner Entschuldigung vorbringen
wollte, wurde alsobald der Scharff-Richter mit seinen Marter-Instrumenten näher
zu treten ermahnet, weswegen ich aus Angst augenblicklich meinen Sinn änderte
und so antwortete, wie es meine Inquisiteurs gerne hören und haben wollten. Kurtz
zu melden, es kam so viel heraus, dass ich das mir unbekannte halb verfaulte Kind
von Ambrosio empfangen, zur Welt geboren, selbst ermordet, und solches durch
meine Wart-Frau in einen Canal werffen lassen, woran doch in der Tat Ambrosius
und die Wart-Frau, so wohl als ich vor GOTT und allen heiligen Engeln unschuldig
waren.
    Solchergestalt vermeinten nun meine Inquisiteurs ihr Ammt an mir
rechtschaffener Weise verwaltet zu haben, liessen derowen das Gerüchte durch die
ganze Stadt erschallen, dass ich nunmehro in der Güte ohne alle Marter den
Kinder-Mord nebst allen behörigen Umständen solchergestalt bekennet, dass niemand
daran zu zweiffeln Ursach haben könnte, demnach war nichts mehr übrig als zu
bestimmen, auf was vor Art und welchen Tag die arme Virgilia vom Leben zum Tode
gebracht werden sollte. Immittelst wurde noch zur Zeit kein Priester oder Seel
Sorger zu mir gesendet, ohngeacht ich schon etliche Tage darum angehalten hatte.
Endlich aber, nachdem noch zwei Wochen verlauffen, stellete sich ein solcher,
und zwar ein mir wohl bekandter frommer Prediger bei mir ein. Nach getanem
Grusse war seine ernstafte und erste Frage: Ob ich die berüchtigte junge
Raben-Mutter und Kinder-Mörderin sei, auch wie ich mich so wohl in meinem
Gewissen als wegen der Leibes-Gesundheit befände? Mein Herr! gab ich ihm sehr
freimütig zur Antwort, in meinem Gewissen befinde ich mich weit besser und
gesunder als am Leibe, sonsten kann ich GOTT eintzig und allein zum Zeugen
anruffen, dass ich niemals eine Mutter, weder eines todten noch lebendigen Kindes
gewesen bin, vielweniger ein Kind ermordet oder solches zu ermorden zugelassen
habe. Ja, ich ruffe nochmals GOTT zum Zeugen an, dass ich niemals von einem Manne
erkannt und also noch eine reine und keusche Jungfrau bin, jedoch das grausame
Verfahren meiner Inquisiteurs und die grosse Furcht vor der Tortur, haben mich
gezwungen solche Sachen zu bekennen, von denen mir niemals etwas in die
Gedancken kommen ist, und noch biss diese Stunde bin ich entschlossen, lieber mit
freudigen Hertzen in den Tod zu gehen, als die Tortur auszustehen. Der fromme
Mann sah mir starr in die Augen, als ob er aus selbigen die Bekräfftigung
meiner Reden vernehmen wollte, und schärfte mir das Gewissen in allen Stücken
ungemein, nachdem ich aber bei der ihm getanen Aussage verharrete, und meinen
ganzen Lebens-Lauff erzählt hatte, sprach er: Meine Tochter, eure
Rechts-Händel müssen, ob GOTT will, in kurtzen auf andern Fuss kommen, ich
spreche euch zwar keineswegs vor Recht, dass ihr, aus Furcht vor der Tortur, euch
zu einer Kinder- und Selbst-Mörderin machet, allein es sind noch andere eurer
Einfalt unbewusste Mittel vorhanden eure Schuld oder Unschuld ans Licht zu
bringen. Hierauff setzte er noch einige tröstliche Ermahnungen hinzu, und nahm
mit dem Versprechen Abschied, mich längstens in zweien Tagen wiederum zu
besuchen.
    Allein gleich folgenden Tages erfuhr ich ohnverhofft, dass mich GOTT durch
zweierlei Hülffs-Mittel, mit ehesten aus meinem Elende heraus reissen würde,
denn vors erste war meine Unschuld schon ziemlich ans Tages Licht gekommen, da
die alte Dienst-Magd meiner Pflege-Mutter, aus eigenem Gewissens-Triebe, der
Obrigkeit angezeiget hatte, wie nicht ich, sondern die mittelste Tochter meiner
Pflege-Mutter das gefundene Kind geboren, selbiges, vermittelst einer grossen
Nadel, ermordet, eingepackt, und hinweg zu werffen befohlen hätte, und zwar so
hätten nicht allein die übrigen zwei Schwestern, sondern auch die Mutter selbst
mit Hand angelegt, dieweiln es bei ihnen nicht das erste mahl sei, dergleichen
Taten begangen zu haben. Meine andere tröstliche Zeitung war, dass mein bester
Freund Ambrosius vor wenig Stunden zurück gekommen, und zu meiner Befreiung die
äusersten Mittel anzuwenden, allbereits im Begriff sei.
    Er bekam noch selbigen Abends Erlaubnis, mich in meinem Gefängnisse zu
besuchen, und wäre bei nahe in Ohnmacht gefallen, da er mich Elende annoch in
Ketten und Banden liegen sah, allein, er hatte doch nach Verlauff einer halben
Stunde, so wohl als ich, das Vergnügen, mich von den Banden entlediget, und in
ein reputierlicher Gefängnis gebracht zu sehen. Ich will mich nicht aufhalten zu
beschreiben, wie jämmerlich und dennoch zärtlich und tröstlich diese unsere
Wiederzusammenkunft war, sondern nur melden, dass ich nach zweien Tagen durch
seine ernstliche Bemühung in völlige Freiheit gesetzt wurde. Uber dieses liess er
es sich sehr viel kosten, wegen meiner Unschuld hinlängliche Erstattung des
erlittenen Schimpffs von meinen allzu hitzigen Inquisiteurs zu erhalten, empfing
auch so wohl von den geistlichen als weltlichen Gerichten die herrlichsten
Ehren-Zeugnisse vor seine und meine Person, am allermeisten aber erfreuete er
sich über meine in wenig Wochen völlig wieder erlangte Gesundheit.
    Nach der Zeit bemühete sich Ambrosius, seine lasterhafte Mutter und
schändliche Schwestern, vermittelst einer grossen Geld-Summe, von der fernern
Inquisition zu befreien, zumahlen da ich ihnen das mir zugefügte Unrecht von
Hertzen vergeben hatte, allein, er konnte nichts erhalten, sondern musste der
Gerechtigkeit den Lauff lassen, weil sie nach der Zeit überzeugt wurden, dass
dieses schon das dritte Kind sei, welches seine zwei ältesten Schwestern
geboren, und mit Beihülffe ihrer Mutter ermordet hätten, weswegen sie auch
ihren verdienten Lohn empfingen, indem die Mutter nebst den zwei ältesten mit
dem Leben büssen, die jüngste aber in ein Zucht-Haus wandern musste.
    Jedoch, ehe noch dieses geschahe, reisete mein Ambrosius mit mir nach
Amsterdam, weil er vermutlich dieses traurige Spectacul nicht abwarten wollte,
liess sich aber doch noch in selbigem Jahre mit mir ehelich verbinden, und ich
kann nicht anders sagen, als dass ich ein halbes Jahr lang ein recht stilles und
vergnügtes Leben mit ihm geführet habe, indem er eine der besten Handlungen mit
seinem Compagnon daselbst anlegte. Allein, weil das Verhängnis einmal
beschlossen hatte, dass meiner Jugend Jahre in lauter Betrübnis zugebracht werden
sollten, so musste mein getreuer Ambrosius über Vermuten den gefährlichsten
Anfall der roten Ruhr bekommen, welche ihn in 17. Tagen dermassen abmattete,
dass er seinen Geist darüber aufgab, und im 31. Jahre seines Alters mich zu einer
sehr jungen, aber desto betrübtern Wittbe machte. Ich will meinen dieserhalb
empfundenen Jammer nicht weitläufftig beschreiben, genung, wenn ich sage, dass
mein Herz nichts mehr wünschte, als ihm im Grabe an der Seite zu liegen. Der
getreue Ambrosius aber hatte noch vor seinem Ende vor mein zeitliches Glück
gesorget, und meine Person so wohl als sein ganzes Vermögen an seinen Compagnon
vermacht, doch mit dem Vorbehalt, dass, wo ich wider Vermuten denselben nicht
zum Manne verlangete, er mir überhaupt vor alles 12000. Tlr. auszahlen, und mir
meinen freien Willen lassen sollte.
    Wilhelm van Cattmer, so hiess der Compagnon meines seel. Ehemannes, war ein
Mann von 33. Jahren, und nur seit zweien Jahren ein Wittber gewesen, hatte von
seiner verstorbenen Frauen eine eintzige Tochter, Gertraud genannt, bei sich,
die aber, wegen ihrer Kindheit, seinem Haus-Wesen noch nicht vorstehen konnte,
derowegen gab er mir nach verflossenen Trauer-Jahre so wohl seine aufrichtige
Liebe, als den letzten Willen meines seel. Mannes sehr beweglich zu verstehen,
und drunge sich endlich durch tägliches Anhalten um meine Gegen-Gunst solcher
Gestalt in mein Hertz, dass ich mich entschloss, die Heirat mit ihm einzugehen,
weil er mich hinlänglich überführete, dass so wohl der Wittben-Stand, als eine
anderweitige Heirat mit Zurücksetzung seiner Person, vor mich sehr gefährlich
sei.
    Ich hatte keine Ursach über diesen andern Mann zu klagen, denn er hat mich
nach der Zeit in unsern 5. jährigen Ehe-Stande mit keiner Gebärde, vielweniger
mit einem Worte betrübt. Zehen Monat nach unserer Vereheligung kam ich mit einer
jungen Tochter ins Kind-Bette, welche aber nach andertalb Jahren an Masern
starb, doch wurde dieser Verlust bald wiederum ersetzt, da ich zum andern mahle
mit einem jungen Sohne nieder kam, worüber mein Ehemann eine ungemeine Freude
bezeigte, und mir um so viel desto mehr Liebes-Bezeugungen erwiese. Bei nahe
zwei Jahr hernach erhielt mein Wilhelm die betrübte Nachricht, dass sein
leiblicher Vater auf dem Cap der guten Hoffnung Todes verblichen sei, weil nun
derselbe in ermeldten Lande vor mehr als 30000. Taler wert Güter angebauet und
besessen hatte; als beredete er sich dieserwegen mit einem einzigen Bruder und
einer Schwester, fassete auch endlich den Schluss, selbige Güter in Besitz zu
nehmen, und seinem Geschwister zwei Teile des Werts heraus zu geben. Er fragte
zwar vorhero mich um Rat, auch ob ich mich entschliessen könnte, Europam zu
verlassen, und in einem andern Welt-Teile zu wohnen, beschrieb mir anbei die
Lage und Lebens-Art in selbigem fernen Lande aus dermassen angenehm, so bald ich
nun merckte, dass ihm so gar sehr viel daran gelegen wäre, gab ich alsofort
meinen Willen drein, und versprach, in seiner Gesellschaft viel lieber mit ans
Ende der Welt zu reisen, als ohne ihn in Amsterdam zu bleiben. Demnach wurde
aufs eiligste Anstalt zu unserer Reise gemacht, wir machten unsere besten Sachen
teils zu Gelde, teils aber liessen wir selbige in Verwahrung unsers Schwagers,
der ein wohlhabender Jubelier war, und reiseten in GOttes Nahmen von Amsterdam
ab, dem Cap der guten Hoffnung, oder vielmehr unserm Unglück entgegen, denn
mittlerweile, da wir an den Canarischen Insuln, uns ein wenig zu erfrischen,
angelandet waren, starb unser kleiner Sohn, und wurde auch daselbst zur Erde
bestattet. Wenig Tage hierauf wurde die fernere Reise fortgesetzt, und mein
Betrübnis vollkommen zu machen, überfielen uns zwei Räuber, mit welchen sich
unser Schiff ins Treffen einlassen musste, auch so glücklich war, selbigen zu
entgehen, ich aber sollte doch dabei die allerunglückseeligste sein, indem mein
lieber Mann mit einer kleinen Kugel durch den Kopff geschossen wurde, und
dieserwegen sein redliches Leben einbüssen musste.
    Der Himmel weiss, ob mein seeliger William seinen tödtlichen Schuss nicht
vielmehr von einem Meuchel-Mörder als von den See-Räubern bekommen hatte, denn
alle Umstände kamen mir dabei sehr verdächtig vor, jedoch, GOtt verzeihe es mir,
wenn ich den Severin Water in unrechten Verdacht halte.
    Dieser Severin Water war ein junger Holländischer, sehr frecher, und
wollüstiger Kaufmann, und hatte schon öffters in Amsterdam Gelegenheit gesucht,
mich zu einem schändlichen Ehe-Bruche zu verführen. Ich hatte ihn schon
verschiedene mahl gewarnet, meine Tugend mit dergleichen verdammten Ansinnen zu
verschonen, oder ich würde mich genötiget finden, solches meinem Manne zu
eröffnen, da er aber dennoch nicht nachlassen wollte, bat ich wirklich meinen
Mann inständig, seine und meine Ehre gegen diesen geilen Bock zu schützen,
allein, mein William gab mir zur Antwort: Mein Engel, lasset den Haasen lauffen,
er ist ein wollüstiger Narr, und weil ich mich eurer Tugend-vollkommen
versichert halte, so weiss ich auch, dass er zu meinem Nachteil nichts bei euch
erhalten wird, indessen ist es nicht ratsam, ihn noch zur Zeit zum offenbaren
Feinde zu machen, weil ich durch seine Person auf dem Cap der guten Hoffnung
einen besonderen wichtigen Vorteil erlangen kann. Und eben in dieser Absicht
sah es auch mein William nicht ungern, dass Severin in seiner Gesellschaft mit
dahin reisete. Ich indessen war um so viel desto mehr vedriesslich, da ich diesen
geilen Bock alltäglich vor mir sehen, und mit ihm reden musste, er führete sich
aber bei meines Mannes Leben noch ziemlich vernünftig auf, jedoch gleich
etliche Tage nach dessen jämmerlichen Tode, trug er mir sogleich seine eigene
schändliche Person zur neuen Heirat an. Ich nahm diese Leichtsinnigkeit sehr
übel auf, und bat ihn, mich zum wenigsten auf ein Jahr lang mit dergleichen
Antrage zu verschonen, allein er verlachte meine Einfalt, und sagte mit frechen
Gebärden: Er frage ja nichts darnach, ich möchte schwanger sein oder nicht,
genung, er wolle meine Leibes-Frucht vor die seinige erkennen, über dieses wäre
man auf den Schiffen der Geistlichen Kirchen-Censur nicht also unterworfen, als
in unsern Vaterlande, und was dergleichen Geschwätzes mehr war, mich zu einer
gleichmässigen schändlichen Leichtsinnigkeit zu bewegen, da ich aber, ohngeacht
ich wohl wusste, dass sich nicht die geringsten Zeichen einer Schwangerschaft bei
mir äuserten, dennoch einen natürlichen Abscheu so wohl vor der Person als dem
ganzen Wesen dieses Wüstlings hatte, so suchte ihn, vermöge der verdrüsslichsten
und schimpfflichsten Reden, mir vom Halse zu schaffen; Allein, der freche Bube
kehrete sich an nichts, sondern schwur, ehe sein ganzes Vermögen nebst dem
Leben zu verlieren, als mich dem Witwen-Stande oder einem andern Manne zu
überlassen, sagte mir anbei frei unter die Augen, so lange wolle er noch Gedult
haben, biss wir das Cap der guten Hoffnung erreicht hätten, nach diesem würde
sich zeigen, ob er mich mit Güte oder Gewalt ins Ehe-Bette ziehen müsse.
    Ich Elende wusste gegen diesen Trotzer nirgends Schutz zu finden, weil er die
Befehlshaber des Schiffs so wohl als die meisten andern Leute durch Geschencke
und Gaben auf seine Seite gelenckt hatte, solcher Gestalt wurden meine
jämmerlichen Klagen fast von jedermann verlacht, und ich selbst ein Spott der
ungehobelten Boots Knechte, indem mir ein jeder vorwarff, meine Keuschheit wäre
nur ein verstelltes Wesen, ich wollte nur sehr gebeten sein, würde aber meine
Tugend schon wohlfeiler verkauffen, so bald nur ein junger Mann - - - -
    Ich scheue mich, an die lasterhaften Reden länger zu gedencken, welche ich
mit gröster Hertzens-Quaal von diesen Unflätern täglich anhören musste, über
dieses klagte mir meine Aufwärterin Blandina mit weinenden Augen, dass ihr
Severin schändliche Unzucht zugemutet, und versprochen hätte, sie auf dem Cap
der guten Hoffnung nebst mir, als seine Kebs-Frau, beizubehalten, allein, sie
hatte ihm ins Angesicht gespyen, davor aber eine derbe Maulschelle hinnehmen
müssen. Meiner zarten und fast noch nicht mannbaren Stieff-Tochter, der
Gertraud, hatte der Schand-Bock ebenfalls seine Geilheit angetragen, und fast
Willens gehabt, dieses fromme Kind zu notzüchtigen, der Himmel aber führete
mich noch bei Zeiten dahin, diese Unschuldige zu retten.
    Solcher Gestalt war nun mein Jammer-Stand abermals auf der höchsten Stuffe
des Unglücks, die Hülffe des Höchsten aber desto näher. Ich will aber nicht
weiter beschreiben, welcher Gestalt ich nebst meiner Tochter und Aufwärterin von
den Kindern und Befreunden des teuren Alt-Vaters Albert Julii aus dieser Angst
gerissen und errettet worden, weil ich doch versichert bin, dass selbiger solches
alles in seiner Geschichts-Beschreibung so wohl als mein übriges Schicksal,
nebst andern mit aufgezeichnet hat, sondern hiermit meine Lebens-Beschreibung
schliessen, und das Urteil darüber andern überlassen. GOTT und mein Gewissen
überzeugen mich keiner mutwilligen und groben Sünden, wäre ich aber ja eine
lasterhafte Weibs-Person gewesen, so hätte töricht gehandelt, alles mit
solchen Umständen zu beschreiben, woraus vielleicht mancher etwas schlimmeres
von mir mutmassen könnte.
                                     * * *
    Dieses war also alles, was ich Eberhard Julius meinen Zuhörern, von der
Virgilia eigenen Hand geschrieben, vorlesen konnte, worauf der Alt-Vater seine
Erzehlung folgender massen fortsetzte:
    Unsere allseitige Freude über die gewünschte Wiederkunft der Meinigen war
ganz unvergleichlich, zumahlen da die mitgekommene junge Wittbe nebst ihrer
Tochter und einer nicht weniger artigen Jungfrau bei unserer Lebens-Art ein
vollkommenes Vergnügen bezeugten. Also wurde der bevorstehende Winter so wohl
als der darauf folgende Sommer mit lauter Ergötzlichkeit zugebracht. Das Schiff
luden meine Kinder aus, und stiessen es als eine nicht allzu nötige Sache in
die Bucht, weil wir uns nach keinen weitern Handel mit andern Leuten sehneten.
Dahingegen erweiterten wir unsere alten Wohnungen, baueten noch etliche neue,
versperreten alle Zugänge zu unserer Insul, und setzten die Haus-Wirtschaften
in immer bessern Stand. Amias hatte von einem Holländer ein Glas voll
Lein-Saamen bekommen, von welchen er etwas aussäete, um Flachs zu zeugen, damit
die Weiber Spinnwerck bekämen, über dieses war seine gröste Freude, dass
diejenigen Blumen und andere Gewächse zu ihrer Zeit so schön zum Vorschein
kamen, zu welchen er die Saamen, Zwiebeln und Kernen von den Holländern
erbettelt und mitgebracht hatte. Seiner Vorsicht, guter Wartung und besonderen
Klugheit habe ich es eintzig und allein zu dancken, dass mein grosser Garten, zu
welchen er im Jahr 1672 den Grund gelegt, in guten Stande ist.
    Doch eben in selbigem Jahre, liess sich die tugendhafte Virgilia van
Cattmers, und zwar am 8. Jan., nämlich an meinem Gebuhrts-Tage, mit meinem
Sohne Johanne durch meine Hand ehelich zusammen geben, und weil der jüngste
Zwilling, Christian, seine ihm zugeteilte Blandina an seinen ältern Bruder
Christoph gutwillig überliess, anbei aber mit ruhigem Hertzen auf die Gertraud
warten wollte, so geschahe dem Christoph und der Blandina, die einander allem
Ansehen nach recht hertzlich liebten, ein gleiches, so, dass wir abermals zwei
Hochzeit-Feste zugleich begingen.
    Im Jahre 1674 wurden endlich die letzten zwei von meinen leiblichen Kindern
vereheliget, nämlich Christian mit Gertraud, und Christina mit David Rawkin, als
welcher letztere genungsam Proben seiner treuen und geduldigen Liebe zu Tage
gelegt hatte. Demnach waren alle die Meinigen dermassen wohl begattet und
beraten, dass es, unser aller vernünftigen Meinung nach, unmöglich besser
erdacht und ausgesucht werden können, jedoch waren meine Concordia und ich
ohnstreitig die allervergnügtesten zu nennen, denn alle die Unserigen erzeigten
uns aus willigen ungezwungenen Hertzen den allergenausten Gehorsam, der mit
einer zärtlichen Ehrerbietung verknüpfft war, wollten auch durchaus nicht
geschehen lassen, dass wir uns mit beschwerlicher Arbeit bemühen sollten, sondern
suchten alle Gelegenheit, uns derselben zu überheben, von selbst, so, dass eine
vollkommene Liebe und Eintracht unter uns allen anzutreffen war. Der Himmel
erzeigte sich auch dermassen gnädig gegen uns von allen andern abgesonderte
Menschen, dass wir seine barmhertzige Vorsorge in allen Stücken ganz sonderbar
verspüren konten, und nicht die geringste Ursache hatten, über Mangel oder
andere dem menschlichen Geschlecht sonst zustossende betrübte Zufälle zu klagen,
hergegen nahmen unsere Familien mit den Jahren dermassen zu, dass man recht
vergnügt überrechnen konnte, wie mit der Zeit aus denselben ein grosses Volck
entstehen würde.
    Im Jahr 1683. aber begegnete uns der erste klägliche Zufall, und zwar
solcher Gestalt: Wir hatten seit etlichen Jahren her, bei müssigen Zeiten, alle
diejenigen Örter an den auswendigen Klippen, wo wir nur vermerckten, dass jemand
dieselben besteigen, und uns überfallen könnte, durch fleissige Hand-Arbeit und
Sprengung mit Pulver, dermassen zugerichtet, dass auch nicht einmal eine Katze
hinauf klettern, und die Höhe erreichen können, hergegen arbeiteten wir zu
unserer eigenen Bequemlichkeit 4. ziemlich verborgene krumme Gänge, an 4. Orten,
nehmlich: Gegen Norden, Osten, Süden und Westen zu, zwischen den Felsen-Klippen
hinab, die niemand so leicht ausfinden konnte, als wer Bescheid darum wusste, und
dieses geschahe aus keiner andern Ursache, als dass wir nicht die Mühe haben
wollten, um aller Kleinigkeiten wegen, die etwa zwei oder drei Personen an der
See zu verrichten hätten, allezeit die grossen und ganz neu gemachten Schleusen
auf- und zu zu machen. Jedoch, wie ihr meine Lieben selbst wahrgenommen habt,
verwahreten wir den Aus- und Eingang solcher bequemlicher Wege mit tieffen
Abschnitten und andern Verhindernissen, solcher Gestalt, dass niemanden, ohne die
herab gelassenen kleinen Zug-Brücken, die doch von eines eintzigen Menschen
Händen leicht zu regieren sind, weder herüber- noch hinüber zu kommen vermögend
ist. Indem nun alle Seiten und Ecken durch unermüdeten vieljährigen Fleiss in
vollkommen guten Stand gesetzt waren, biss auf noch etwas weniges an der
West-Seite, allwo, auf des Amias Angeben, noch ein ziemlich Stück Felsen
abgesprengt werden sollte, versah es der redliche Mann hierbei dermassen
schlimm, dass, da er sich nicht weit genung entfernet hatte, sein linckes Bein
durch ein grosses fliegendes Stein-Stücke erbärmlich gequetscht und
zerschmettert wurde, welcher Schade denn in wenig Tagen diesem redlichen Manne,
ohngeacht aller angewandten kräfftigen Wund-Mittel, die auf unserer Insul in
grosser Menge anzutreffen sind, und die wir so wohl aus des Don Cyrillo
Anweisung, als aus eigener Erfahrung ziemlich erkennen gelernet, sein edles
Leben, wiewohl im hohen Alter, doch bei gesunden Kräfften und frischem Hertzen,
uns allen aber noch viel zu früh, verkürtzte.
    Es war wohl kein eintziger, ausgenommen die ganz jungen Kinder, auf dieser
Insel anzutreffen, der dem guten Robert, als dessen Bruders Sohne, im
wehmütigsten Klagen, wegen dieses unverhofften Todes und Unglücks-Falles, nicht
eifrige Gesellschaft geleistet hätte, Jacob, Simon und David, die alle drei in
der Tischler-Arbeit die geschicktesten waren, machten ihm einen recht schönen
Sarg nach Teutscher Art, worein wir den zierlich angekleideten Cörper legten,
und an denjenigen Ort, welchen ich vor längst zum Begräbnis der Todten
ausersehen, ehrlich zur Erde bestatteten.
    Robert, der in damahligem 19ten Jahre seines Ehestandes mit der jüngern
Concordia allbereit 11. Kinder, als 3. Söhne und 8. Töchter, gezeuget hatte, war
nunmehro der erste, der sich von uns trennete, und vor sich und sein Geschlechte
eine eigene Pflantz-Stadt, jenseit des Canals gegen Osten zu, anlegte, weil uns
der Platz und die Gegend um den Hügel herum, fast zu enge werden wollte. Mein
ältester Sohn, Albert, folgte dessen Beispiele mit seiner Judit, 6. Söhnen und
2. Töchtern am ersten, und legte seine Pflanz-Stadt Nordwerts an. Diesem tat
Stephanus mit seiner Sabina, 4. Söhnen und 5. Töchtern, ein gleiches nach, und
zwar im Jahr 1685, da er seine Wohnung jenseit des West-Flusses aufschlug. Im
folgenden Jahre folgte Jacob und Maria mit 3. Söhnen und 4. Töchtern, ingleichen
Simon mit 3. Söhnen und 2. Töchtern, auch Johannes mit der Virgilia, 2. Söhnen
und 5. Töchtern.
    Ich ersah meine besondere Freude hieran, und weil sie alle als Brüder
einander im Haus-Bauen und andern Dinge redlich zu Hülffe kamen, so machte auch
ich mir die gröste Freude daraus, ihnen kräfftige Handreichung zu tun. Bei uns
auf dem Hügel aber wohnete also niemand mehr, als David und Christina mit 3.
Söhnen und 3. Töchtern, Christoph mit 3. Söhnen und 4. Töchtern, und letztlich
Christian mit 2. Söhnen und einer Tochter, ingesamt, meine Concordia und mich
mit gerechnet, 24. Seelen, ausserhalb des Hügels aber 59. Seelen. Summa, im Jahr
1688. da die erstere Haupt-Verteilung vollendet wurde, aller auf dieser Insul
lebenden Menschen, 83. Nehmlich 39. Mannes- und 44. Weibs-Personen.
    Ich habe euch aber, meine Lieben, diese Rechnung nur dieserwegen
vorgehalten, weil ich eben im 1688ten Jahre mein Sechzigstes Lebens-Jahr, und
das Vierzigste Jahr meines vergnügt geführten Ehestandes zurück gelegt hatte,
auch weil, ausser meinem letzten Töchterlein, biss auf selbige Zeit kein einziges
noch mehr von meinen Kindern oder Kindes-Kindern gestorben war, welches doch
nachhero eben so wohl unter uns, als unter andern sterblichen Menschen-Kindern
geschahe, wie mein ordentlich geführtes Todten-Register solches bezeuget, und
auf Begehren zur andern Zeit vorgezeiget werden kann.
    Nun sollte zwar auch von meiner Kindes-Kinder fernerer Verheiratung
ordentliche Meldung tun, allein, wem wird sonderlich mit solchen allzu grossen
Weitläufftigkeiten gedienet sein, zumahlen sich ein jeder leichtlich einbilden
kann, dass sie sich mit Niemand anders als ihrer Väter und Mütter, Brüders- und
Schwester-Kindern haben vereheligen können, welches, so viel mir wissend,
Göttlicher Ordnung nicht gäntzlich zuwider ist, und worzu mein erster
Sohnes-Sohn, Albertus der dritte allhier, anno 1689. mit Roberts ältesten
Tochter den Anfang machte, welchen die andern Mannbaren, zu gehöriger Zeit, biss
auf diesen Tag nachgefolget sind.
    Es mag aber, liess sich hierauf der Alt-Vater hören, hiermit auf diesen Abend
sein Bewenden haben, doch Morgen, geliebt es GOtt, und zwar nach verrichteten
Morgen-Gebet und eingenommenen Frühstück, da wir ohnedem einen Rast-Tag machen
können, will ich den übrigen Rest meiner Erzehlung von denjenigen
Merckwürdigkeiten tun, die mir biss auf des Capitain Wolffgangs Ankunft im Jahr
1721. annoch Erzehlens-würdig scheinen, und ohngefähr beifallen werden.
    Demnach legten wir uns abermals sämmtlich zur Ruhe, da nun dieselbe nebst
der von dem Alt-Vater bestimmten Zeit abgewartet war, gab er uns den Beschluss
seiner bisher ordentlich an einander gehenckten Erzehlung also zu vernehmen:
    Im Jahr 1692. wandten sich endlich die 3. letzten Stämme auch von unserm
Hügel, und baueten an selbst erwehlten Orten ihre eigene Pflantz-Städten vor
sich und ihre Nachkommen an, damit aber meine liebe Concordia und ich nicht
alleine gelassen würden, schickte uns ein jeder von den 9. Stämmen eins seiner
Kinder zur Bedienung und Gesellschaft zu, also hatten wir 5. Jünglinge und 4.
Mägdleins nicht allein zum Zeitvertreibe, sondern auch zu täglichen
Lust-Arbeitern und Küchen-Gehülffen um und neben uns, denn vor Brodt und andere
gute Lebens-Mittel durfften wir keine Sorge tragen, weil die Stamm-Väter alles
im Uberflusse auf den Hügel schafften. Die Affen machten bei allen diesen neuen
Einrichtungen die liederlichsten Streiche, denn ob ich gleich dieselben
ordentlich als Sclaven meinen Kindern zugeteilet, und ein jeder Stamm die
seinigen mit einem besondern Hals-Bande gezeichnet hatte, so wollten sich
dieselben anfänglich doch durchaus nicht zerteilen lassen, sondern versammleten
sich gar öffters alle wieder auf dem Hügel bei meinen zweien alten Affen, die
ich vor mich behalten hatte, biss sie endlich teils mit Schlägen, teils mit
guten Worten zum Gehorsam gebracht wurden.
    Im Jahr 1694. fingen meine sämmtlichen Kinder an, gegenwärtiges viereckte
schöne Gebäude auf diesem Hügel vor mich, als ihren Vater und König, zur
Residentz aufzubauen, mit welchen sie erstlich nach 3en Jahren völlig fertig
wurden, weswegen ich meine alte Hütte abreissen und ganz hinweg schaffen liess,
das neue hergegen bezohe, und es Albertus-Burg nennete, nachhero habe in
selbigem, durch den Hügel hindurch biss in des Don Cyrillo unterirrdische Höle,
eine bequemliche Treppe hauen, den auswendigen Eingang derselben aber biss auf
ein Lufft-Loch vermauren und verschütten lassen, so dass mir selbige kostbare
Höle nunmehro zum herrlichsten Keller-Gewölbe dienet.
    So bald die Burg fertig, wurde der ganze Hügel mit doppelten Reihen der
ansehnlichsten Bäume in der Rundung umsetzt, ingleichen der Anfang von mir
gemacht, zu den beiden Alléen, zwischen welchen Alberts-Raum mitten inne liegt,
und die nunmehro seit etliche 20. Jahren zum zierlichsten Stande kommen sind,
wie ich denn nebst meiner Concordia manche schöne Stunde mit Spatzieren-gehen
darin zugebracht habe.
    Im 1698ten Jahre stiess uns abermals eine der merckwürdigsten Begebenheiten
vor. Denn da David Rawkins drei ältesten Söhne eines Tages den Nord-Steg hinnab
an die See gestiegen waren, um das Fett von einem ertödteten See-Löwen
auszuschneiden, erblicken sie von ohngefähr ein Schiff, welches auf den
Sand-Bäncken vor unsern Felsen gestrandet hatte. Sie lauffen geschwind zurück
und melden es ihrem Vater, welcher erstlich zu mir kam, um sich Rats zu
erholen, ob man, daferne es etwa Notleidende wären, ihnen zu Hülffe kommen
möchte? Ich liess alle wehrhafte Personen auf der Insul zusammen ruffen, ihr
Gewehr und Waffen ergreiffen, und alle Zugänge wohl besetzen, und begab mich mit
etlichen in eigener Person auf die Höhe. Von dar ersahn wir nun zwar das
gestrandete Schiff sehr eigentlich, wurden aber keines Menschen darauf gewahr,
ohngeacht einer um den andern mit des seel. Amias hinterlassenen Perspectiv
fleissig Acht hatte, biss der Abend herein zu brechen begunte, da wir meisten uns
wiederum zurück begaben, doch aber die ganze Nacht hindurch die Wachten wohl
bestellet hielten, indem zu besorgen war, es möchten etwa See-Räuber oder andere
Feinde sein, die vorigen Tages unsere jungen Leute von ferne erblickt, derowegen
ein Boot mit Mannschaft ausgesetzt hätten, um den Felsen auszukundschaften,
mitlerweile sich die übrigen im Schiffe verbergen müsten.
    Allein wir wurden weder am andern, dritten, vierdten, fünften noch sechsten
Tage nichts mehr gewahr als das auf einer Stelle bleibende Schiff, welches weder
Masten noch Segel auf sich zeigte. Derowegen fasseten endlich am siebenten Tage
David, nebst noch 11. andern wohl bewaffneten starcken Leuten, das Hertze, in
unser grosses Boot, welches wir nur vor wenig Jahren zu Ausübung unserer
Strand-Gerechtigkeit verfertiget, einzusteigen, und sich dem Schiffe zu nähern.
    Nachdem sie selbiges erreicht und betreten, kommen dem David sogleich in
einem Winckel zwei Personen vor Augen, welche bei einem todten menschlichen
Cörper sitzen, mit grossen Messern ein Stück nach dem andern von selbigen
abschneiden, und solche Stücken als rechte heisshungerige Wölffe eiligst
verschlingen. Uber diesen grässlichen Anblick werden alle die Meinigen in nicht
geringes Erstaunen gesetzt, jedoch selbiges wird um so viel mehr vergrössert, da
einer von diesen Menschen-Fressern jählings aufspringet, und einen von Davids
Söhnen mit seinem grossen Messer zu erstechen sucht, doch da dieser Jüngling
seinen Feind mit der Flinte, als einen leichten Stroh-Wisch zu Boden rennet,
werden endlich alle beide mit leichter Müh überwältiget und gebunden hingelegt.
    Hierauff durchsuchen sie weiter alle Kammern, Ecken und Winckel des Schiffs,
finden aber weder Menschen, Vieh, noch sonsten etwas, wovor sie sich ferner zu
fürchten Ursach hätten. Hergegen an dessen statt einen unschätzbaren Vorrat an
kostbaren Zeug und Gewürtz-Waaren, schönen Tier-Häuten, zugerichteten Ledern
und andern vortrefflichen Sachen. Uber dieses alles trifft David auf die
fünftehalb Centner ungemüntzet Gold, 14. Centner Silber, 2. Schlag- voll
Perlen, und drei Kisten voll gemüntztes Gold und Silber an, von dessen Glantze,
indem er an seiner Jugend-Jahre gedenckt, seine Augen ganz verblendet werden.
    Jedoch meine guten Kinder halten sich hierbei nicht lange auf, sondern
greiffen zu allererst nach den kostbarn Zeug- und Gewürtz-Waaren, tragen so viel
davon in das Boot als ihnen möglich ist, nehmen die zwei Gebundenen mit sich,
und kamen also, nachdem sie nicht länger als etwa 4. Stunden aussen gewesen,
wieder zurück, und zwar durch den Wasser-Weg, auf die Insul. Wir vermerckten gar
bald an den zweien Gebundenen, dass es rasende Menschen wären, indem sie uns die
grässlichsten Gebärden zeigten, so oft sie jemand ansah, mit den Zähnen
knirscheten, diejenigen Speisen aber, welche ihnen vorgehalten wurden, hurtiger
als die Kraniche verschlungen, weswegen zu Alberts-Raum, ein jeder in eine
besondere Kammer gesperret, und mit gebundenen Händen und Füssen aufs Lager
gelegt, dabei aber allmählig mit immer mehr und mehr Speise und Tranck gestärckt
wurde. Allein der schlimmste unter den Beiden, reisst folgende Nacht seine
Bande an Händen und Füssen entzwei, frisset erstlich allen herum liegenden
Speise-Vorrat auf, erbarmt sich hiernächst über ein Fässlein, welches mit einer
besondern Art von eingemachten Wurtzeln angefüllet ist, und frist selbiges
ebenfalls biss auf die Helffte aus, bricht hernach die Tür entzwei, und läufft
dem Nord-Walde zu, allwo er folgendes Tages gegen Abend, jämmerlich zerborsten,
gefunden, und auf selbiger Stelle begraben wurde. Der andere arme Mensch schien
zwar etwas ruhiger zu werden, allein man merckte doch, dass er seines Verstandes
nicht mächtig werden konnte, ohngeacht wir ihn drei Tage nach einander aufs Beste
verpflegten. Endlich am 4ten. Tage, da ich Nachmittags bei ihm in der Kammer
ganz stille sass, kam ihm das Reden auf einmal an, indem er mit schwacher
Stimme rief: JESUS, Maria, Joseph! Ich fragte ihn erstlich auf Deutsch, hernach
in Holländischer und letztlich in Englischer wie auch Lateinischer Sprache: Wie
ihm zu Mute wäre, jedoch er redete etliche Spanische Worte, welche ich nicht
verstund, derowegen meinen Schwieger-Sohn Robert herein ruffte, der ihn meine
Frage in Spanischer Sprache erklärete, und zur Antwort erhielt: Es stünde sehr
schlecht um ihn und sein Leben. Robert versetzte, weil er JESUM zum Helfer
angerufft, werde es nicht schlecht um ihn stehen, er möge sterben oder leben.
Ich hoffe es mein Freund, war seine Antwort, dahero ihn Robert noch ferner
tröstete, und bat: wo es seine Kräffte zuliessen, uns mit wenig Worten zu
berichten: Was es mit ihm und dem Schiffe vor eine Beschaffenheit habe? Hierauf
sagte der arme Mensch: Mein Freund! das Schiff, ich und alles was darauff ist,
gehöret dem Könige von Spanien. Ein heftiger Sturm hat uns von dessen
West-Indischen Flotte getrennet, und zweien Raub-Schiffen entgegen geführet,
denen wir aber durch Tapfferkeit und endliche Flucht entgangen sind. Jedoch die
fernern Stürme haben uns nicht vergönnet, einen sichern Hafen zu finden,
vielweniger den Abgang unserer Lebens-Mittel zu ersetzen. Unsere Cameraden
selbst haben Verräterisch gehandelt, denn da sie von ferne Land sehen, und
selbiges mit dem übel zugerichteten Schiffe nicht zu erreichen getrauen, werffen
sich die Gesunden ins Boot und lassen etliche Krancke, ohne alle Lebens-Mittel
zurücke. Wir wünschten den Tod, da aber selbiger, zu Endigung unserer Marter,
sich nicht bei allen auf einmal einstellen wollte, mussten wir uns aus Hunger an
die Cörper derjenigen machen, welche am ersten sturben, hierüber hat unsere
Kranckheit dermassen zugenommen, dass ich vor meine Person selbst nicht gewust
habe, ob ich noch lebte oder allbereits todt wäre.
    Robert versuchte zwar noch ein und anderes von ihm zu erforschen, da aber
des elenden Spaniers Schwachheit allzugross war, mussten wir uns mit dem
Bescheide: Er wolle Morgen, wenn er noch lebte, ein mehreres reden, begnügen
lassen. Allein nachdem er die ganze Nacht hindurch ziemlich ruhig gelegen,
starb er uns, mit anbrechende Tage, sehr sanft unter den Händen, und wurde
seiner mit wenig Worten und Gebärden bezeigten christlichen Andacht wegen, an
die Seite unseres Gottes-Ackers begraben. Solchergestalt war niemand näher die
auf dem Schiff befindlichen Sachen in Verwahrung zu nehmen, als ich und die
Meinigen, und weil wir dem Könige von Spanien auf keinerlei Weise verbunden
waren, so hielt ich nicht vor klug gehandelt, meinen Kindern das Strand-Recht zu
verwehren, welche demnach in wenig Tagen das ganze Schiff, nebst allen darauff
befindlichen Sachen, nach und nach Stückweise auf die Insul brachten.
    Ich teilete alle nützliche Waaren unter dieselben zu gleichen Teilen aus,
biss auf das Gold, Silber, Perlen, Edelgesteine und Geld, welches von mir, um
ihnen alle Gelegenheit zum Hoffart, Geitz, Wucher und andern daraus folgenden
Lastern zu benehmen, in meinen Keller zu des Don Cyrillo und andern vorhero
erbeuteten Schätzen legte, auch dieserwegen von ihnen nicht die geringste
scheele mine empfieng.
    Der erste Jan. im Jahre Christi 1700. wurde nicht allein als der Neue
Jahres-Tag und Fest der Beschneidung Christi, sondern über dieses als ein
solcher Tag, an welchen wir ein neues Jahr hundert, und zwar das 18te nach
Christi Gebuhrt antraten, recht besonders frölich von uns gefeiert, indem wir
nicht allein alle unsere Canonen löseten, deren wir auf dem letztern Spanischen
Schiffe noch 12. Stück nebst einem starcken Vorrat an Schiess-Pulver überkommen
hatten, sondern auch nach zweimahligen verrichteten Gottesdienste, unsere Jugend
mit Blumen-Kräntzen ausziereten, und selbige im Reihen herum singen und tantzen
liessen. Folgendes Tages liess ich, vor die junge Mannschaft, von 16. Jahren und
drüber, die annoch gegenwärtige Vogel-Stange aufrichten, einen höltzernen Vogel
daran häncken, wornach sie schiessen mussten, da denn diejenigen, welche sich
wohl hielten, nebst einem Blumen-Crantze verschiedene neue Kleidungs-Stücke,
Aexte, Sägen und dergleichen, derjenige aber so das letzte Stück herab schoss,
von meiner Concordia ein ganz neues Kleid, und von mir eine kostbare Flinte zum
Lohne bekam. Diese Lust ist nachhero alljährlich einmal um diese Zeit
vorgenommen worden.
    Am 8. Jan. selbigen Jahres, als an meinen Gebuhrts- und Vereheligungs-Tage,
beschenckte mich der ehrliche Simon Schimmer mit einem neugemachten artigen
Wagen, der von zweien zahmgemachten Hirschen gezogen wurde, also sehr bequem
war, mich und meine Concordia von einem Orte zum andern spazieren zu führen.
Schimmer hatte diese beiden Hirsche noch ganz jung aus dem Tier-Garten
genommen, und selbige durch täglichen unverdrossenen Fleiss, dermassen Kirre
gewöhnet, dass sie sich Regieren liessen wie man wollte. Ihm haben es nachhero
meine übrigen Kinder nach getan, und in wenig Jahren viel dergleichen zahme
Tiere auferzogen.
    Nun könnte ich zwar noch vieles anführen, als nämlich: von Entdeckung der
Insul Klein-Felsenburg. Von Erzeugung des Flachses, und wie unsere Weiber
denselben zubereiten, spinnen und wircken lernen. Von allerhand andern
Handwercken, die wir mit der Zeit durch öffteres Versuchen ohne Lehrmeisters
einander selbst gelehret und zu Stande bringen helffen. Von allerhand Waaren und
Gerätschaften, die uns von Zeit zu Zeit durch die Winde und Wellen zugeführet
worden. Von meiner 9. Stämme Vermehrung und immer besserer
Wirtschafts-Einrichtung im Acker-Garten- und Wein-Bau. Von meiner eigenen
Wirtschaft, Schatz- Rüst- und Vorrats-Kammer und dergleichen; Allein meine
Lieben, weil wir doch länger beisammen bleiben, und GOTT mir hoffentlich noch
das Leben eine kleine Zeit gönnen wird, so will selbiges biss auf andere Zeiten
versparen, damit wir in künftigen Tagen bei dieser und jener Gelegenheit
darüber mit einander zu sprechen Ursach finden, vor jetzo aber will damit
schliessen, wenn ich noch gemeldet habe, was der Tod in dem eingetretenen 18den
Seculo vor Haupt-Personen, aus diesem unsern irrdischen, in das Himmlische
Paradiess versetzt hat, solches aber sind folgende:
    1. Johannes mein dritter leiblicher Sohn starb 1706. seines Alters 55. Jahr.
    2. Maria meine älteste Tochter, starb 1708. ihres Alters 58. Jahr.
    3. Elisabet meine zweite Tochter, starb 1711. ihres Alters 58. Jahr.
    4. Virgilia van Cattmers Johannis Gemahl. starb 1713. ihres Alters 66. Jahr.
    5. Meine seel. Ehe-Gemahlin Concordia, starb 1715. ihres Alters im 89ten
        Jahre.
    6. Simon Heinrich Julius, sonst Schimmer, starb 1716. seines Alters 84.
        Jahr.
    7. Die jüngere Concordia und
    8. Robert Julius, sonst Hilter, sturben binnen 6. Tagen, als treue
        Ehe-Leute. 1718. ihres Alters, sie im 72. und Er im 84. Jahre.
    9. Jacob Julius, sonst Larson, starb 1719. seines Alters 89. Jahr.
    10. Blandina, Christophs Gemahl. starb 1719. ihres Alters 65. Jahr.
    11. Gertraud, Christians Gemahl. starb 1723. ihres Alters 66. Jahre.
    Nunmehro, mein Herr Wolffgang! sagte hierauff der Altvater Albertus, indem
er sich, wegen Erinnerung seiner verstorbenen Geliebten, mit weinenden Augen zum
Capitain Wolffgang wandte, werdet ihr von der Güte sein, und dasjenige anführen,
was ihr binnen der Zeit eurer ersten Anwesenheit auf dieser Insul angetroffen
und verbessert habt.
    Demnach setzte selbiger redliche Mann des Altvaters und seine eigene
Geschicht folgender massen fort: Ich habe euch, meine wertesten Freunde, (sagte
er zu Herr Mag. Schmeltzern und mir,) meine Lebens-Geschicht, zeitwährender
unserer Schiffahrt biss dahin wissend gemacht: Da ich von meinen schelmischen
Gefährten an diesen vermeintlichen wüsten Felsen ausgesetzt, nachhero aber von
hiesigen frommen Einwohnern erquickt und aufgenommen worden. Diese meine
merckwürdige Lebens Erhaltung nun, kann ich im geringsten nicht einer ohngefähren
Glücks-Fügung, sondern eintzig und allein der sonderbaren Barmhertzigen Vorsorge
GOTTES zuschreiben, denn die Einwohner dieser Insul waren damahls meines vorbei
fahrenden Schiffs so wenig als meiner Aussetzung gewahr worden, wussten also
nichts darvon, dass ich elender Mensch vor ihrem Wasser-Tore lag, und
verschmachten wollte. Doch eben an demselben Tage, welchen ich damahligen
Umständen nach, vor den letzten meines Leben hielt, regieret GOTT, die Hertzen
6. ehrlicher Männer aus Simons- und Christians Geschlechte, mit ihrem Gewehr
nach dem in der Bucht liegenden Boote zu gehen, auf selbigen eine Fahrt nach der
West-Seite zu tun, und allda auf einige See-Löwen und See-Kälber zu lauren.
Diese waren also, kurtz gesagt, die damahligen Werckzeuge GOTTES zu meiner
Errettung, indem sie mich erstlich durch den Wasser-Weg zurück in ihre Behausung
führeten, völlig erquickten, und nachhero dem Altvater von meiner Anwesenheit
Nachricht gaben. Dieser unvergleichliche Mann, den GOTT noch viele Jahre zu
meinem und der Seinigen Trost erhalten wolle, hatte kaum das vornehmste von
meinen Glücks- und Unglücks-Fällen angehöret, als er mich sogleich hertzlich
umarmete, und versprach: Mir meinen erlittenen Schaden dreifach zu ersetzen,
weil er solches zu tun wohl im Stande sei, und da ich keine Lust auf dieser
Insul zu bleiben hätte, würde sich mit der Zeit schon Gelegenheit finden, wieder
in mein Vaterland zurück zu kommen. Immittelst nahm er mich sogleich mit auf
seinen Hügel, gab mir eine eigene wohl zubereitete Kammer ein, zog mich mit an
seine Tafel, und versorgte mich also mit den köstlichsten Speisen, Geträncke,
Kleidern, ja mit allem, was mein Hertz verlangen konnte, recht im überflusse. Ich
bin jederzeit ein Feind des Müssiggangs gewesen, derowegen machte mir alltäglich,
bald hier bald dar, genung zu schaffen, indem ich nicht allein etliche 12. biss
16. jährige Knaben auslase, und dieselben in allerhand nützlichen
Wissenschaften, welche zwar allhier nicht gäntzlich unbekannt, doch ziemlich
dunckel und Beschwerlich fielen, auf eine weit leichtere Weise unterrichtete,
sondern auch den Acker- Wein- und Garten-Bau fleissig besorgen halff. Mein
Wohltäter bezeugte nicht allein hierüber seinen besondern Wohlgefallen, sondern
ich wurde bei weiterer Bekandtschaft von allen Einwohnern, Jung und Alt, fast
auf den Händen getragen, weswegen ein Streit in meinen Hertzen entstund: Ob ich
bei ereigneter Gelegenheit diese Insul verlassen, oder meine übrige Lebens-Zeit
auf derselben zubringen wollte, als welches Letztere alle Einwohner sehnlich
wünscheten, allein meine wunderlich herum schweiffenden Sinnen konten zu keinem
beständigen Schlusse kommen, sondern ich wanckte zwei ganzer Jahre lang von
einer Seite zur andern, biss endlich im dritten Jahre folgende Liebes-Begebenheit
mich zu dem festen Vorsatze brachte: alles Gut, Ehre und Vergnügen, was ich
etwa noch in Europa zu hoffen haben könnte, gäntzlich aus dem Sinne zu schlagen,
und mich allhier auf Lebens-Zeit feste zu setzen: Der ganze Handel aber fügte
sich also: Der Stamm-Vater Christian hatte eine vortreffliche schöne und
tugendhafte Tochter, Sophia genannt, um welche ein junger Geselle, aus dem
Jacobisschen Geschlecht, sich eifrig bemühete, dieselbe zur Ehe zu haben, allein
da diese Jungfrau denselben, so wohl als 4. andere, die schon vorhero um sie
angehalten hatten, höflich zurück wiese, und durchaus in keine Heirat mit ihm
willigen wollte, bat mich der Vater Christian eines Tages zu Gaste, und trug mir
an: Ob ich, als ein kluger Frembdling, nicht etwa von seiner Tochter ausforschen
könne und wolle, weswegen sie diesen Junggesellen, der ihrer so eiffrig
begehrte, ihre eheliche Hand nicht reichen möchte; Ich nahm diese Commission
willig auf, begab mich mit guter manier zu der schönen Sophie, welche im Garten
unter einem grünen schattigen Baume mit der Spindel die zärtesten Flachs-Faden
spann, weswegen ich Gelegenheit ergriff mich bei ihr nieder zu setzen, und ihrer
zarten Arbeit zuzusehen, welche ihre geschickten und saubern Hände gewiss recht
anmutig verrichteten.
    Nach ein und andern schertzhaften jedoch tugendhaften Gesprächen, kam ich
endlich auf mein propos, und fragte etwas ernstafter: Warum sie denn so
eigensinnig im Lieben sei, und denjenigen Jungen Gesellen, welcher sie so
heftig liebte, nicht zum Manne haben wolle. Das artige Kind errötete hierüber,
wollte aber nicht ein Wort antworten, welches ich vielmehr ihrer
Schamhaftigkeit, als einer Blödigkeit des Verstandes zurechnen musste, indem ich
allbereit zur Gnüge verspüret, dass sie einen vortrefflichen Geist und
aufgeräumten Sinn hatte. Derowegen setzte noch öffter an, und brachte es endlich
durch vieles Bitten dahin, dass sie mir ihr ganzes Hertz in folgenden Worten
eröffnete: Mein Herr! sagte sie, ich zweiffele nicht im geringsten, dass ihr von
den Meinigen abgeschickt seid, meines Hertzens Gedancken auszuforschen, doch
weil ich euch vor einen der redlichsten und tugendhaftesten Leute halte, so
will ich mich nicht schämen euch das zu vertrauen, was ich auch meinem Vater und
Geschwister, geschweige denn andern Befreundten, zu eröffnen Scheu getragen
habe. Wisset demnach, dass mir unmöglich ist einen Mann zu nehmen, der um so
viele Jahre jünger ist als ich, bedencket doch, ich habe allbereit mein 32stes
Jahr zurück gelegt, und soll einen jungen Menschen Heiraten, der sein
zwantzigstes noch nicht ein mal erreicht hat. Es ist ja Gottlob kein Mangel an
Weibs-Personen auf dieser Insul, hergegen hat er so wohl als andere noch das
Auslesen unter vielen, wird also nicht unverheiratet sterben dürffen, wenn er
gleich mich nicht zur Ehe bekömmt, sollte aber ich gleich ohn verheiratet
sterben müssen, so wird mir dieses weder im Leben noch im Tode den
allergeringsten Verdruss erwecken. Ich verwunderte mich ziemlicher massen über
dieses 32. jährigen artigen Frauenzimmers resolution, und hätte, ihrem Ansehen
und ganzen Wesen nach, dieselbe kaum mit guten Gewissen auf 20. Jahr
geschätzet, doch da ich in ihren Reden einen lautern Ernst verspürete, gab ich
ihr vollkommen Recht und fragte nur: Warum sie aber denn allbereit 4. andere
Liebhaber vor diesem letztern abgewiesen hätte? Worauff sie antwortete: Sie sind
alle wenigstens 10. biss 12. Jahr jünger gewesen als ich, derowegen habe
unmöglich eine Heirat mit ihnen treffen können, sondern viel lieber ledig
bleiben wollen.
    Hierauff lenckte ich unser Gespräch, um ihren edlen Verstand ferner zu
untersuchen auf andere Sachen, und fand denselben so wohl in geistlichen als
weltlichen Sachen dermassen geschärfft, dass ich so zu sagen fast darüber
erstaunete, und mit innigsten Vergnügen so lange bei ihr sitzen blieb, biss sich
unvermerckt die Sonne hinter die hohen Felsen-Spitzen verlohr, weswegen wir
beiderseits den Garten verliessen, und weil ich im Hause vernahm, dass sich der
Vater Christian auf der Schleusen-Brücke befände, wunschete ich der schönen
Sophie nebst den übrigen eine gute Nacht, und begab mich zu ihm. Indem er mir
nun das Geleite biss auf die Alberts-Burg zu unserm Altvater gab, erzehlete ich
ihm unterwegens seiner tugendhaften Tochter vernünftiges Bedencken über die
angetragene Heirat, so wohl als ihren ernstlich gefasseten Schluss, worüber er
sich ebenfalls nicht wenig verwunderte, und dessfalls erstlich den Altvater um
Rat fragen wollte. Derselbe nun tat nach einigen überlegen diesen Ausspruch:
Zwinge dein Kind nicht, mein Sohn Christian, denn Sophia ist eine keusche und
Gottesfürchtige Tochter, deren Eigensinn in diesem Stück unsträflich ist, ich
werde ihren Liebhaber Andream anderweit beraten, und versuchen ob ich Nicolaum,
deines seel. Bruders Johannis dritten Sohn, der einige Jahre älter ist, mit der
frommen Sophie vereheligen kann.
    Wir gerieten demnach auf andere Gespräche, allein ich weiss nicht wie es so
geschwinde bei mir zugieng, dass ich auf einmal ganz tieffsinnig wurde, welches
der liebe Altvater sogleich merckte, und sich um meine jählinge Veränderung
nicht wenig bekümmerte, doch da ich sonst nichts als einen kleinen
Kopff-Schmertzen vorzuwenden wusste, liess er mich in Hoffnung baldiger Besserung
zu Bette gehen. Allein ich lage lange biss nach Mitternacht, ehe die geringste
Lust zum Schlafe in meine Augen kommen wollte, und, nur kurtz von der Sache zu
reden, ich spürete nichts richtiges in meinem Hertzen, als dass es sich
vollkommen in die schöne und tugendhafte Sophie verliebt hätte. Hergegen
machten mir des lieben Altvaters gesprochene Worte: Ich werde versuchen, ob ich
Nicolaum mit der frommen Sophie vereheligen kann, den allergrösten Kummer, denn
erstlich hatte ich als ein elender Einkömmling noch die gröste Ursach zu
zweiffeln, ob ich der schönen Sophie Gegen-Gunst erlangen, und vors andere
schwerlich zu hoffen, dass mich der Altvater seinem Enckel Nicolao vorziehen
würde. Nachdem ich mich aber dieserwegen noch eine gute Weile auf meinem Lager
herum geworffen, und meiner neuen Liebe nachgedacht hatte, fassete ich endlich
den festen Vorsatz keine Zeit zu versäumen, sondern meinem aufrichtigen
Wohltäter mein ganzes Hertze, gleich morgen früh zu offenbaren, nachhero, auf
dessen redliches Gutachten, selbiges der schönen Sophie ohne alle
Weitläufftigkeiten ehrlich anzutragen.
    Hierauff liessen sich endlich meine Furcht und Hoffnungs-volle Sinnen durch
den Schlaff überwältigen, doch die Einbildungs-Kräffte machten ihnen das
Vergnügen, die schöne Sophie auch im Traume darzustellen, so, dass sich mein
Geist den ganzen übrigen Teil der Nacht hindurch mit derselben unterredete,
und so wohl an ihrer äuserlichen schönen Gestalt, als innerlichen vortreflichen
Gemüts-Gaben ergötzte. Ich wachte gegen Morgen auf, schlief aber unter dem
Wunsche, dergleichen Traum öffter zu haben, bald wieder ein, da mir denn vorkam,
als ob meine auf der Insul Bonair seelig verstorbene Salome, die tugendhafte
Sophie in meine Kammer geführet brächte, und derselben ihren Trau-Ring, den ich
ihr mit in den Sarg gegeben hatte, mit fröhlichen Gebärden überlieferte, hernach
zurücke ging und Sophien an meiner Seiten stehen liess. Hierüber erwachte ich
zum andern mahle, und weil die Morgen-Röte bereits durch mein von
durchsichtigen Fisch-Häuten gemachtes Fenster schimmerte, stund ich, ohne den
Altvater zu erwecken, sachte auf, spazierete in dessen grossen Lust-Garten, und
setzte mich auf eine, zwischen den Bäumen gemachte Rasen-Banck, verrichtete mein
Morgen-Gebet, sung etliche geistliche Lieder, zohe nach diesen meine
Schreib-Tafel, die mir nebst andern Kleinigkeiten von meinen Verrätern annoch
in Kleidern gelassen worden, hervor, und schrieb folgendes Lied hinnein.
                                       1.
Unverhoffte Liebes-Netze
Haben meinen Geist bestrickt.
Das, woran ich mich ergötze,
Hat mein Auge kaum erblickt;
Kaum, ja kaum ein wenig Stunden,
Da der güldnen Freiheit Pracht
Ferner keinen Platz gefunden,
Darum nimmt sie gute Nacht.
                                       2.
Holder Himmel! darff ich fragen:
Wilst du mich im Ernst erfreun?
Soll, nach vielen schweren Plagen,
Hier mein ruhigs Eden sein?
O! so macht dein Wunder-Fügen,
Und die süsse Sklaverei,
Mich von allen Missvergnügen,
Sorgen, Not und Kummer frei.
                                       3.
Nun so fülle, die ich liebe,
Bald mit Glut und Flammen an,
Bringe sie durch reine Triebe
Auf die keusche Liebes-Bahn,
Und ersetze meinem Hertzen,
Was es eh'mals eingebüsst;
Denn so werden dessen Schmertzen
Durch erneute Lust versüsst.
    Kaum hatte ich diesen meinen poëtischen Einfall zurechte gebracht, als ich
ihn unter einer bekandten weltlichen Melodei abzusingen etliche mahl probierte,
und nicht vermerckte, dass ich an dem lieben Altvater einen aufmercksamen Zuhörer
bekommen, biss er mich sanft auf die Schulter klopffte und sagte: Ist's möglich
mein Freund, dass ihr in meine Auffrichtigkeit einigen Zweiffel setzen und mir
euer Liebes-Geheimnis verschweigen könnet, welches doch ohnfehlbar auf einem
tugendhaften Grunde ruhet? Ich fand mich solchergestalt nicht wenig betroffen,
entschuldigte meine bisherige Verschwiegenheit mit solchen Worten, die der
Wahrheit gemäss waren, und offenbarete ihm hierauff mein ganzes Hertze. Es ist
gut, mein Freund versetzte der werte Altvater dargegen, Sophia soll euch nicht
vorentalten werden, allein übereilet euch nicht, sondern machet vorhero weitere
Bekanntschaft mit derselben, untersuchet so wohl ihre als eure selbst eigene
Gemüts-Neigungen, wann ihr so dann vor tunlich befindet, eure Lebens-Zeit auf
dieser Insul mit einander zuzubringen, soll euch erlaubt sein, mit selbiger in
den Stand der Ehe zu treten, doch das sage ich zum voraus: Dass ihr so wohl, als
meine vorigen Schwieger-Söhne einen cörperlichen Eyd schweren müsst, so lange
als meine Augen offen stehen, nichts von dieser Insel, vielweniger eines meiner
Kinder eigenmächtiger oder heimlicher Weise hinweg zu führen. Nächst diesem, war
seine fernere Rede, hat mir ohnfehlbar der Geist GOttes ein besonderes Vorhaben
eingegeben, zu dessen Ausführung mir keine tüchtigere Person von der Welt
vorkommen können, als die eurige. Ich danckte dem lieben Altvater nicht allein
vor dessen gütiges Erbieten, sondern versprach auch, was so wohl den Eyd, als
alles andere beträffe, so er von mir verlangen würde, nach meinem äusersten
Vermögen ein völliges Genügen zu leisten. Derselbe aber verlangte vorhero
nochmahls eine umständliche Erzehlung meiner Lebens-Geschichte, worinnen ich ihm
noch selbigen Tage gehorsamete, und ohngefähr mit erwehnete: Wie ich in einer
gewissen berühmten Handels-Stadt, unter andern auch mit einem Kauffmanne in
Bekandtschaft geraten, der ebenfalls den Zunahmen Julius geführet hätte, doch,
da ich von dessen Geschlecht und Herkommen keine fernere Nachricht zu geben
wusste, erseuffzete der liebe Altvater dieserwegen, und wünschte, dass selbiger
Kauffmann ein Befreundter von ihm, oder gar ein Abstammling von seinen
ohnfehlbar nunmehro seel. Bruder sein möchte; Allein, ich konnte, wie bereits
gemeldet, hiervon so wenig, als von des Kaufmanns übriger Familie und dessen
Zustande Nachricht geben. Derowegen brach endlich der werte Altvater los, und
hielt mir in einer weitläufftigen Rede den glückseeligen Zustand vor, in welchen
er sich nebst den Seinigen auf dieser Insul von GOtt gesetzt sähe. Nur dieses
eintzige beunruhige sein Gewissen, dass nämlich er und die Seinigen ohne Priester
sein, mitin des heiligen Abendmahls nebst anderer geistlichen Gaben beraubt
leben müsten: Uber dieses, da die Anzahl der Weibs-Personen auf der Insul
stärcker sei, als der Männer, so wäre zu wünschen, dass noch einige zum
Ehe-Stande tüchtige Handwercker und Künstler anhero gebracht werden könnten,
welches dem gemeinen Wesen zum sonderbaren Nutzen, und manchen armen Europäer,
der sein Brod nicht wohl finden könnte, zum ruhigen Vergnügen gereichen würde.
Und letztlich wünschte der liebe Alt-Vater, vor seinem Ende noch einen seiner
Bluts-Freunde aus Europa bei sich zu sehen, um demselben einen Teil seines fast
unschätzbaren Schatzes zuzuwenden, denn, sagte er: Was sind diese Glücks-Güter
mir und den Meinigen auf dieser Insul nütze, da wir mit niemanden in der Welt
Handel und Wandel zu treiben gesonnen? Und gesetzt auch, dass dieses in Zukunft
geschehen sollte, so trägt diese Insul so viele Reichtümer und Kostbarkeiten in
ihrem Schosse, wovor alles dasjenige, was etwa bedürfftig sein möchte,
vielfältig eingehandelt werden kann. Demnach möchte es wohl sein, dass sich meines
Bruders Geschlecht in Europa in solchem Zustande befände, dergleichen Schätze
besser als wir zu gebrauchen und anzulegen; Warum sollte ich also ihnen nicht
gönnen, was uns überflüssig ist und Schaden bringen kann? Oder solche Dinge, die
GOtt dem Menschen zum löblichen Gebrauch erschaffen, heimtückischer und
geitziger Weise unter der Erden versteckt behalten?
    Nachdem er nun noch sehr vieles von diesen Sachen mit mir gesprochen, schloss
er endlich mit diesen treuhertzigen Worten: Ihr wisset nunmehro, mein redlicher
Freund Wolffgang, was mir auf dem Hertzen liegt, und euer eigener guter Verstand
wird noch mehr anmercken, was etwa zu Verbesserung unseres Zustandes von nöten
sei, darum saget mir in der Furcht GOttes eure aufrichtige Meinung: Ob ihr euch
entschliessen wollet, noch eine Reise in Europam zu unternehmen, mein Hertz und
Gewissen, gemeldten Stücken nach, zu beruhigen, und nach glücklicher
Zurückkunft Sophien zu ehligen. An Gelde, Gold, Silber und Kleinodien will ich
zwei biss drei mahl hundert tausend Taler wert zu Reise-Kosten geben, was
sonsten noch darzu erfordert wird, ist notdürfftig vorhanden, wegen der
Reise-Gesellschaft und anderer Umstände aber müsten wir erstlich genauere
Abrede nehmen, denn mit meinem Willen soll keines von meinen Kindern seinen Fuss
auf die Europäische Erde setzen.
    Ich nahm nicht den geringsten Aufschub, dem lieben Alt-Vater, unter den
teuresten Versicherungen meiner Redlichkeit und Treue, alles einzuwilligen, was
er von mir verlangte, weil ich mir so gleich die feste Hoffnung machte, GOtt
würde mich auf dieser Reise, die hauptsächlich seines Diensts und Ehre wegen
vorgenommen sei, nicht unglücklich werden lassen. Derowegen wurden David und die
andern Stamm-Väter zu Rate gezogen, und endlich beschlossen wir ingesammt,
unser leichtes Schiff in guten Stand zu setzen, auf welchen mich David nebst 30.
Mann biss auf die Insul St. Helenæ bringen, daselbst aussetzen, und nachhero mit
seiner Mannschaft sogleich wieder zurück auf Felsenburg seegeln sollte.
    Mittlerweile, da fast alle starcke Leute keine Zeit noch Mühe spareten, das
Schiff nach meinem Angeben auszubessern, und Segel-fertig zu machen, nahm ich
alle Abend Gelegenheit, mich mit der schönen Sophie in Gesprächen zu vergnügen,
auch endlich die Kühnheit, derselben mein Hertz anzubieten, weil nun der liebe
Alt-Vater allbereit die Bahne vor mich gebrochen hatte, konnte mein verliebtes
Ansinnen um desto weniger unglücklich sein, sondern, kurtz zu sagen, wir
vertauschten bei einem öffentlichen Verlöbnissse unsere Hertzen mit solcher
Zärtlichkeit, die mir auszusprechen unmöglich ist, und verschoben die
Vollziehung dieses ehelichen Bündnisses biss auf meine, in der Hoffnung,
glückliche Zurückkunft.
    Gegen Michaelis-Tag des verwichenen 1724ten Jahres wurden wir also mit
Ausrüstung unseres Schiffs, welches ich die Taube benennete, und demselben
Holländische Flaggen aufsteckte, vollkommen fertig, es war bereits mit Proviant
und allem andern wohl versehen, der gute alte David Julius, der jedoch an
Leibes- und Gemüts-Kräfften es noch manchem jungen Manne zuvor tat, hielt sich
mit seiner auserlesenen und wohl bewaffneten jungen Mannschaft alltäglich
parat, einzusteigen, exercierte aber dieselben binnen der Zeit auf recht lustige
und geschickte Art. Da es demnach nur an meiner Abfertigung lage, liess mich der
Alt-Vater, weil er eben damahls einiges Reissen in Knien hatte, also nicht
ausgehen konnte, vor sein Bette kommen, und führete mir nochmahls alles
dasjenige, was ich ihm zu leisten versprochen, liebreich zu Gemüte, ermahnete
mich anbei GOtt, ihm und den Seinigen diesen wichtigen und eines ewigen Ruhms
würdigen Dienst, redlich und getreu zu erweisen, welchen GOTT ohnfehlbar
zeitlich und ewig vergelten würde. Ich legte hierauf meine lincke Hand auf seine
Brust, die rechte aber richtete ich zu GOTT im Himmel in die Höhe, und schwur
einen teuren Eyd, nicht allein die mir aufgetragenen 3. Haupt-Puncte nach
meinem besten Vermögen zu besorgen, sondern auch alles andere, was dem gemeinen
Wesen zur Verbesserung gereichlich, wohl zu beobachten. Hierauf lieferte er mir
denjenigen Brief ein, welchen ich euch, mein Eberhard Julius, in Amsterdam
annoch wohl versiegelt übergeben habe, und wiese mich zugleich in eine Kammer,
allwo ich aus einem grossen Pack-Fasse an Geld, Gold und Edel-Steinen so viel
nehmen möchte, als mir beliebte. Es befanden sich in selbigen am Wert mehr denn
5. biss 6. Tonnen Schatzes, doch ich nahm nicht mehr davon als 30. runde Stücken
gediehenes Goldes, deren ich jedes ohngefähr 10. Pfund schwer befand, nächst
diesen an Spanischer Gold-und Silber-Müntze 50000. Tlr. wert, ingleichen an
Perlen und Kleinodien ebenfalls einer halben Tonne Goldes wert. Ich brauchte
die Vorsicht, die kostbarsten Kleinodien und grossen güldnen Müntzen so wohl in
einen bequemen Gürtel, den ich auf den blossen Leibe trug, als auch in meine
Unter-Kleider zu verwahren, die grossen Gold-Klumpen aber wurden zerhackt, und
in die mit den allerbesten Rosinen angefülleten Körbe verteilt und verborgen.
Mit den Perlen taten wir ein gleiches, das gemüntzte Geld aber verteilete ich
in verschiedene Lederne Beutel, und verwahrete es also, dass es zur Zeit der Not
gleich bei der Hand sein möchte. Dem Alt-Vater gefielen zwar meine Anstalten,
jedennoch aber war er der Meinung, ich würde mit so wenigen Gütern nicht alles
ausrichten können. Doch, da ihm vorstellete, wie es sich nicht schicken würde,
mit mehr als einem Schiffe wieder zurück zu kehren, also ein überflüssiges Geld
und Gut mir nur zur Last und schlimmen Verdacht gereichen könne; überliess er
alles meiner Conduite, und also gingen wir nach genommenen zärtlichen Abschiede
unter tausend Glückwünschen der zurück bleibenden Insulaner am 2ten Octobr.
1724. vergnügt unter Seegel, wurden auch durch einen favorablen Wind dermassen
hurtig fortgeführet, dass wir noch vor Untergang der Sonnen Felsenburg aus den
Augen verloren.
    Unterwegs, nachdem diejenigen, so des Reisens ungewohnt, der See den
bekannten verdriesslichen Tribut abgestattet, und sich völlig erholet hatten, war
unser täglicher Zeitvertreib, dass ich meine Gefährten im richtigen Gebrauch des
Compasses, der See Charten und andern Vorteilen bei der Schiffs-Arbeit, immer
besser belehrete, damit sie ihren Rückweg nach Felsenburg desto leichter zu
finden, und sich bei ereignenden Sturme oder andern Zufällen eher zu helffen
wüsten, ohngeacht sich desfalls bei einigen, und sonderlich bei dem guten alten
David, der das Steuer-Ruder beständig besorgte, bereits eine ziemliche
Wissenschaft befand.
    Solchergestalt erreichten wir, ohne die geringste Gefahr ausgestanden zu
haben, die Insul St. Helenæ noch eher, als ich fast vermutet hatte, und traffen
daselbst etliche 20. Engell- und Holländische Schiffe an, welche teils nach
Ost-Indien reisen, teils aber, als von dar zurück kommende, den Cours nach
ihren Vater-Lande nehmen wollten. Hier wollte es nun Kunst heissen, Rede und
Antwort zu gestehen, und doch dabei das Geheimnis, woran uns allen so viel
gelegen, zu verschweigen, derowegen studierte ich auf allerhand scheinbare
Erfindungen, welche mit meinen Gefährten abredete, und hiermit auch so glücklich
war, alle diejenigen, so sich um mein Wesen bekümmerten, behörig abzuführen. Von
den Holländern traff ich keinen eintzigen bekandten Menschen an, hergegen kam
mir ein Englischer Capitain unvermutet zu Gesichte, dem ich vor Jahren auf der
Fahrt nach West-Indien einen kleinen Dienst geleistet hatte, diesem gab ich mich
zu erkennen, und wurde von ihm aufs freundlichste empfangen und tractiret. Er
judicirte anfangs aus meinem äuserlichen Wesen, dass ich ohnfehlbar unglücklich
worden, und in Nöten stäcke? Wesswegen ich ihm gestund, dass zwar einige
unglückliche Begebenheiten mich um mein Schiff, keines weges aber um das ganze
Vermögen gebracht, sondern ich hätte noch so viel gerettet, dass mich im Stande
befände, eine neue Ausrüstung vorzunehmen, so bald ich nur Amsterdam erreichte.
Er wandte demnach einige Mühe an, mich zu bereden, in seiner Gesellschaft mit
nach Java zu gehen, und versprach bei dieser Reise grossen Profit, auch bald ein
Schiffs-Commando vor mich zu schaffen, allein, ich danckte ihm hiervor, und bat
dargegen, mich an einen seiner Lands-Leute, die in ihr Vater-Land reiseten, zu
recommendieren, um meine Person und Sachen vor gute Bezahlung biss dahin zu
nehmen, weil ich allbereit so viel wüste, dass mir meine Lands-Leute, nehmlich
die Holländer, diesen Dienst nicht leisten könten, indem sie sich selber schon
zu starck überladen hätten. Hierzu war der ehrliche Mann nun gleich bereit,
führete mich zu einem nicht weniger redlichen Patrone, mit welchen ich des
Handels bald einig wurde, meine Sachen, die in Ballen, Fässer und Körbe
eingepackt waren, zu ihm einschiffte, und den Vater David mit den Seinigen,
nachdem sie sonst nichts als frisches Wasser eingenommen hatten, wieder zurück
schickte, unter dem Vorwande, als hätten dieselben noch viele auf der Insul
Martin Vas vergrabene und ausgesetzte Waaren abzuholen, mit welchen sie nachhero
ebenfalls nach Holland segeln und mich daselbst antreffen würden. Allein, wie
ich nunmehro vernommen, so haben sie den Rückweg nach Felsenburg so glücklich,
als den nach St. Helena, wieder gefunden, auch unterwegs nicht den geringsten
Anstoss erlitten. Mir vor meine Person ging es nicht weniger nach Wunsche, denn,
nachdem ich nur 11. Tage in allen, vor St. Helena, stille gelegen, lichtete der
Patron seine Ancker, und segelte in Gesellschaft von 13. Engell- und
Holländischen Schiffen seine Strasse. Der Himmel schien uns recht
ausserordentlich gewogen zu sein, denn es regte sich nicht die geringste
widerwärtige Lufft, auch durfften wir uns vor feindlichen Anfällen ganz nicht
fürchten, indem unser Schiff von den andern bedeckt wurde. Doch, da ich in
Canarien einen bekandten Holländer antraff, der mich um ein billiges mit nach
Amsterdam nehmen wollte, über dieses mein Engelländer sich genötiget sah, um
sein Schiff auszubessern, allda in etwas zu verbleiben, so bezahlte ich dem
letztern noch ein mehreres, als das Gedinge biss nach Engelland austruge,
schiffte mich vieler Ursachen wegen höchst vergnügt bei dem Holländer ein, und
kam am 10. Febr. glücklich in Amsterdam an.
    Etwas recht nahdenckliches ist, dass ich gleich in dem ersten Gast-Hause,
worinnen ich abtreten, und meine Sachen hinschaffen wollte, einen von denjenigen
Mord-Buben antraff, die mich, dem Jean le Grand zu gefallen, gebunden und an die
Insul Felsenburg ausgesetzt hatten. Der Schelm wollte, so bald er mich erkandte,
gleich entwischen, weil ihm sein Gewissen überzeugte, dass er den Strick um den
Hals verdienet hätte. Derowegen trat ich vor, schlug die Tür zu, und sagte:
Halt, Camerad! wir haben einander vor drei Jahren oder etwas drüber gekandt,
also müssen wir mit einander sprechen: Wie hälts? Was macht Jean le Grand? hat
er viel auf seinen gestohlnen Schiffe erworben? Ach, mein Herr! gab dieser
Strauch-Dieb zur Antwort, das Schiff und alle, die darauf gewesen, sind vor ihre
Untreu sattsam gestrafft, denn das erstere ist ohnweit Madagascar geborsten und
versuncken, Jean le Grand aber hat nebst allen Leuten elendiglich ersauffen
müssen, ja es hat sich niemand retten können, als ich und noch 3. andere, die es
mit euch gut gemeinet haben. So hast du es, versetzte ich, auch gut mit mir
gemeinet? Ach, mein Herr! schrye er, indem er sich zu meinen Füssen warff, ist
gleich in einem Stücke von mir Bosheit verübt worden, so habe doch ich
hauptsächlich hintertreiben helffen, dass man euch nicht ermordet hat, welches,
wie ihr leichtlich glauben werdet, von dem ganzen Complot beschlossen war. Ich
wusste, dass dieser Kerl zwar ein ziemlicher Bösewicht, jedoch keiner von den
allerschlimmsten gewesen war, derowegen, als mir zugleich die Geschicht Josephs
und seiner Brüder einfiel, jammerte mich seiner, so, dass ich ihn aufhub und
sagte: Siehe, du weist ohnfehlbar, welches dein Lohn sein würde, wenn ich die an
mir begangene Bosheit gehöriges Orts anhängig machen wollte; Allein, ich vergebe
dir alles mit Mund und Hertzen, wünsche auch, dass dir GOtt alle deine Sünde
vergeben möge, so du jemals begangen. Mercke das Exempel der Rache GOttes an
deinen unglücklichen Mitgesellen, wo du mich anders nicht beleugst, und bessere
dich. Mit mir habt ihrs böse zu machen gedacht, aber GOtt hats gut gemacht, denn
ich habe voritzo mehr Geld und Güter, als ich jemahls gehabt habe. Hiermit zohe
ich ein Gold-Stück, am Wert von 20 deutschen Talern, aus meinem Beutel,
verehrte ihm dasselbe, und versprach, noch ein mehreres zu tun, wenn er mir
diejenigen herbringen könne, welche sich nebst ihm von dem verunglückten Schiffe
gerettet hätten. Der neubelebte arme Sünder machte mir also aufs neue die
demütigsten und danckbarlichsten Bezeugungen, und versprach, noch vor Abends
zwei von den erwähnten Personen, nehmlich Philipp Wilhelm Horn, und Adam
Gorques, zu mir zu bringen, den dritten aber, welches Conrad Bellier gewesen,
wisse er nicht mehr anzutreffen, sondern glaubte, dass derselbe mit nach
Gröenland auf den Wall-Fisch-Fang gegangen sei. Ich hätte nicht vermeint, dass
der Vogel sein Wort halten würde, allein, Nachmittags brachte er beide erst
erwähnten in mein Logis, welche denn, so bald sie mich erblickten, mir mit
Tränen um den Hals fielen, und ihre besondere Freude über meine
Lebens-Erhaltung nicht genung an den Tag zu legen wussten. Ich hatte ebenfalls
nicht geringe Freude, diese ehrlichen Leute zu sehen, weiln gewiss wusste, dass sie
nicht in den Rat der Gottlosen eingestimmet hatten, sonderlich machte mir Horns
Person ein grosses Vergnügen, dessen Klugheit, Erfahrenheit und Courage mir von
einigen Jahren her mehr als zu bekandt war. Er hatte sich ohnlängst wiederum in
Qualität eines Quartiermeisters engagiret, und zu einer frischen Reise nach
Batavia parat gemacht, jedoch, so bald er vernahm, dass ich ebenfalls wiederum
ein Schiff ausrüsten, und eine neue Tour nehmen wollte, versprach er, sich gleich
morgenden Tag wiederum los zu machen, und bei mir zu bleiben. Ich schenckte
diesen letztern zweien, so bald sich der erste liederliche Vogel hinweg gemacht,
jeden 20. Ducaten, Horn aber, der zwei Tage hernach wieder zu mir kam, und
berichtete, dass er nunmehro frei und gäntzlich zu meinen Diensten stünde,
empfing aus meinen Händen noch 50. Ducaten zum Angelde, und nahm alle diejenigen
Verrichtungen, so ich ihm auftrug, mit Freuden über sich.
    Ich heuerte mir ein bequemer und sicherer Quartier, nahm die vor etlichen
Jahren in Banco gelegten Gelder zwar nicht zurück, assignierte aber dieselben an
mein Geschwister, und tat denselben meine Anwesenheit in Amsterdam zu wissen,
meldete doch anbei, dass ich mich nicht lange daselbst aufhalten, sondern
ehestens nach Ost-Indien zurück reisen, und alldorten Zeit Lebens bleiben würde,
weswegen sich niemand zu mir bemühen, sondern ein oder der andere nur schreiben
dürffte, wie sich die Meinigen befänden. Mittlerweile musste mir Horn die Perlen
und einige Gold-Klumpen zu gangbaren Gelde machen, wovor ich ihm die
vortrefflichen Felsenburgischen Rosinen zur Ergötzlichkeit überliess, aus welchen
er sich denn ein ziemlich Stück Geld lösete.
    Hierauf sah ich mich nach einem Nagel-neuen Schiffe um, und da ich
dergleichen angetroffen und baar bezahlet hatte, gab ich ihm den Nahmen der
getreue Paris, Horn aber empfing von mir eine punctation, wie es völlig
ausgerüstet, und mit was vor Leuten es besetzt werden sollte. Ob ich nun schon
keinen bösen Verdacht auf diesen ehrlichen Menschen hatte, so musste er doch alle
hierzu benötigten Gelder von einem Banquier, der mein vertrauter
Hertzens-Freund von alten Zeiten her war, abfordern, und eben diesen hatte ich
auch zum Ober-Aufseher meiner Angelegenheiten bestellet, bevor ich die Reise,
mein Eberhard, nach eurer Geburts-Stadt antrat. Dieselbe nun erreichte ich am
verwichenen 6ten Maji. Aber, o Himmel! wie erschrack mein ganzes hertze nicht,
da ich auf die erste Frage, nach dem reichen Kaufmanne Julius, von meinem Wirte
die betrübte Zeitung erfuhr, dass derselbe nur vor wenig Wochen unvermutet
banquerot worden, und dem sichersten Vernehmen nach, eine Reise nach Ost- oder
West-Indien angetreten hätte. Ich kann nicht anders sagen, als dass ein jeder
Mensch, der auf mein weiteres Fragen des Gast-Wirts Relation bekräfftigte, auch
dieses redlichen Kaufmanns Unglück beklagte, ja die vornehmsten wollten
behaupten: Es sei ein grosser Fehler und Ubereilung von ihm, dass er sich aus dem
Staube gemacht, imassen allen seinen Kreditoren bekandt, dass er kein
liederlicher und mutwilliger Banquerotteur sei, dahero würde ein jeder ganz
gern mit ihm in die Gelegenheit gesehen, und vielleicht zu seinem
Wiederaufkommen etwas beigetragen haben. Allein, was konten mir nunmehro alle
diese sonst gar wohl klingenden Reden helffen, der Kauffmann Julius war fort,
und ich konnte weiter nichts von seinem ganzen Wesen zu meinem Vorteil
erfahren, als dass er einen eintzigen Sohn habe, der auf der Universität in
Leipzig studiere. Demnach ergriff ich Feder und Dinte, setzte einen Brief an
diesen mir so fromm beschriebenen Studiosum auf, um zu versuchen, ob ich der
selbst eigenen Reise nach Leipzig überhoben sein, und euch, mein Eberhard, durch
Schrifften zu mir locken könnte. Der Himmel ist selber mit im Spiele gewesen,
darum hat mirs gelungen, ich setzte euch und allen andern, die ich zu
Reise-Gefährten mitnehmen wollte, einen sehr kurtzen Termin, glaubte auch nichts
weniger, als so zeitlich von Amsterdam abzusegeln, und dennoch musste sich alles
nach Hertzens Wunsche schicken. Meiner allergrösten Sorge aber nicht zu
vergessen, muss ich melden, dass mich eines Mittags nach der Mahlzeit auf den Weg
machte, um dem Seniori des dasigen Geistl. Ministerii eine Visite zu geben, und
denselben zu bitten, mir einen feinen Exemplarischen Menschen zum
Schiffs-Prediger zuzuweisen; weil ich aber den Herrn Senior nicht zu Hause fand,
und erstlich folgenden Morgen wieder zu ihm bestellet wurde, nahm ich einen
Spazier-Gang ausserhalb der Stadt in einem lustigen Gange vor, allwo ich
ohngefähr einen schwartz-gekleideten Menschen in tieffen Gedancken vor mir
hergehend ersah. Derowegen verdoppelten sich meine Schritte, so, dass er von mir
bald eingeholet wurde. Es ist gegenwärtiger Herr Mag. Schmeltzer, und ohngeacht
ich ihn zuvor niemahls gesehen, sagte mir doch mein Hertze sogleich, dass er ein
Teologus sein müste. Wir grüsseten einander freundlich, und ich nahm mir die
Freiheit, ihn zu fragen: Ob er ein Teologus sei. Er bejahete solches, und
setzte hinzu, dass er in dieser Stadt zu einer Condition verschrieben worden,
durch einen gehabten Unglücks-Fall aber zu späte gekommen sei. Hierauf fragte
ich weiter: Ob er nicht einen feinen Menschen zuweisen könne, der da Lust habe,
als Prediger mit mir zu Schiffe zu gehen. Er verfärbte sich deswegen ungemein,
und konnte mir nicht so gleich antworten, endlich aber sagte er ganz bestürzt:
Mein Herr! Ich kann Ihnen bei GOtt versichern, dass ich voritzo allhier keinen
eintzigen Candidatum Ministerii Teologici kenne, denn ich habe zwar vor einigen
Jahren bei einem hiesigen Kauffmanne, Julius genannt, die Information seines
Sohnes gehabt, da aber nach der Zeit mich wiederum an andern Orten aufgehalten,
und nunmehro erstlich vor 2. Tagen, wiewohl vergebens, allhier angekommen bin,
ist mir unbewusst, was sich anitzo von dergleichen Personen allhier befindet.
    Ich gewann den werten Herrn Mag. Schmelzer unter währenden diesen Reden,
und zwar wegen der wunderbaren Schickung GOttes, dermassen lieb, dass ich mich
nicht entbrechen konnte, ferner zu fragen: Ob er nicht selber Belieben bei sich
verspürete, die Station eines Schiffs-Predigers anzunehmen, zumahlen da ich ihm
dasjenige, was sonst andere zu gemessen hätten, gedoppelt zahlen wollte? Hierauf
gab er zur Antwort: GOtt, der mein Hertze kennet, wird mir Zeugnis geben, dass
ich nicht um zeitlichen Gewinstes willen in seinem Weinberge zu dienen suche,
weil ich demnach dergleichen Beruff, als itzo an mich gelanget, vor etwas
sonderbares, ja Göttliches erkenne, so will nicht weigern, demselben gehorsame
Folge zu leisten, jedoch nicht eher, als biss ich durch ein behöriges Examen
darzu tüchtig befunden, und dem heiligen Gebrauche nach zum Priester geweihet
worden.
    Es traten unter diesen Reden mir und ihm die Tränen in die Augen, derowegen
reichte ich ihm die Hand, und sagte weiter nichts als dieses: Es ist genung,
mein HErr! GOtt hat Sie und mich beraten, derowegen bitte, nur mit mir in mein
Logis zu folgen, allwo wir von dieser Sache umständlicher mit einander sprechen
wollen. So bald wir demnach in selbigem angelanget, nahm ich mir kein Bedencken,
ihm einen wahrhaften und hinlänglichen Bericht von dem Zustande der
Felsenburgischen Einwohner abzustatten, welchen er mit gröster Verwunderung
anhörete, und beteuerte, dass er bei so gestallten Sachen die Reise in besagtes
Land desto vergnügter unternehmen, auch sich gar nicht beschweren wollte, wenn er
gleich Zeit Lebens daselbst verbleiben müste, daferne er nur das Glück hätte,
dem dort versamleten Christen-Häuflein das Heil ihrer Seelen zu befördern.
Hierauf, da er mir eine kurtze Erzehlung seiner Lebens-Geschicht getan, nahm
ich Gelegenheit, ihn wegen des Kauffmanns, Franz Martin Julii, und dessen
Familie ein und anderes zu befragen, und erfuhr, dass Herr Mag. Schmelzer von
Anno 1716. biss bei demselben als Informator seines Sohns Eberhards und seiner
Tochter Julianæ Luise in Condition gewesen wäre, ja er wusste, zu meinem desto
grössern Vergnügen, mir die ganze Geschicht des im 30. jährigen Kriege
entaupteten Stephan Julii so zu erzählen, wie ich dieselbe von dem lieben
Altvater Alberto in Felsenburg bereits vernommen hatte, und zu erweisen, dass
Franz Martin Julius des Stephani ächter Enckel im dritten Gliede sei, immassen
er die ganze Sache von seinem damahligen Patron Franz Martin Julio sehr öffters
erzählen hören, und im guten Gedächtnisse erhalten.
    Ich entdeckte ihm hierauff treuhertzig: wie ich den jungen Eberhard, der
sich sichern Vernehmen nach, itzo in Leipzig aufhielte, nur vor wenig Tagen
durch Briefe und beigelegten Wechsel zu Reise-Geldern, nach Amsterdam in mein
Logis citieret hätte, und zweiffelte nicht, dass er sich gegen Johannis Tag
daselbst einfinden würde, wo nicht? so sähe mich genötiget selbst nach Leipzig
zu reisen und denselben aufzusuchen. Nachdem wir aber ganz bis in die späte
Nacht von meinen wichtigen Affairen discuriret, und Herr Mag. Schmeltzer immer
mehr und mehr Ursachen gefunden hatte, die sonderbaren Fügungen des Himmels zu
bewundern, auch mir endlich zusagte: seinen Vorsatz nicht zu ändern, sondern
GOTTES Ehre und den seligen Nutzen so vieler Seelen zu befördern, mir redlich
dahin zu folgen, wohin ich ihn haben wollte; legten wir uns zur Ruhe, und giengen
folgenden Tag in aller Frühe mit einander zum Seniori des geistlichen
Ministerii. Dieser sehr fromme Mann hatte unsern Vortrag kaum vernommen, als er
noch 3. von seinen Ammts-Brüdern zu sich beruffen liess, und nebst denselben
Herrn Mag. Schmeltzern, in meiner Gegenwart 4. Stunden lang aufs allerschärffste
examinirte, und nach befundener vortrefflicher Gelehrsamkeit, zwei Tage darauf
in öffentlicher Kirche ordentlich zum Priester weihete. Ich fand mich bei diesem
heiligen Actu von Freude und Vergnügen über meinen erlangten kostbaren Schatz
dermassen gerühret, dass die hellen Tränen die ganze Zeit über aus meinen Augen
lieffen, nachdem aber alles vollbracht, zahlete ich an das geistliche
Ministerium 200 spec. Ducaten, in die Kirche und Armen-Casse aber eine
gleichmässige Summe, nahm also von denen Herrn Geistlichen, die uns tausendfachen
Seegen zu unsern Vorhaben und Reise wünschten zärtlichen Abschied.
    Herrn Mag. Schmeltzern hätte ich zwar von Hertzen gern sogleich mit mir nach
Amsterdam genommen, da aber derselbe inständig bat ihm zu vergönnen, vorhero die
letzte Reise in sein Vaterland zu tun, um von seinen Anverwandten und guten
Freunden völligen Abschied auch seine vortreffliche Bibliothek mitzunehmen,
zahlete ich ihm 1000. Tlr. an Golde, und verabredete die Zeit, wenn und wo er
mich in Amsterdam antreffen sollte, so, dass ich noch bis dato Ursach habe vor
dessen accuratesse danckbar zu sein.
    Ich vor meine Person setzte immittelst meine Rückreise nach Amsterdam ganz
bequemlich fort, und nahm unterwegs erstlich den Chirurgum Kramern, hernach
Litzbergen, Plagern, Harkert und die übrigen Handwercks Leute in meine Dienste,
gab einem jeden 5. Französische Louis d'or auf die Hand, und sagte ihnen ohne
Scheu, dass ich sie auf eine angenehme fruchtbare Insul führen wollte, allwo sie
sich mit ihrer Hand-Arbeit redlich nehren, auch da es ihnen beliebig, mit
daselbst befindlichen schönen Jungfrauen verheiraten könten, doch nahm ich von
jedweden einen Eyd, diese Sache weder in Amsterdam, noch bei dem andern
Schiffs-Volcke ruchtbar zu machen, indem ich nur gewisse auserlesene Leute mit
dahin zu nehmen vorhabens sei. Zwar sind mir ihrer 3. nachhero zu Schelmen
worden, nämlich ein Zwillich-macher, Schuster und Seiffensieder, allein sie
mögen diesen Betrug bei GOTT und ihren eigenen Gewissen verantworten, ich aber
habe nachhero erwogen, dass ich an dergleichen Betrügern wenig eingebüsst,
immassen unsere Insulaner diese Künste nach Notdurfft selbst, obschon nicht so
zierlich und leicht verrichten können.
    Am 11. Jun. gelangete ich also mit meinen angenommenen Leuten glücklich in
Amsterdam an, und hatte eine besondere Freude, da mein lieber getreuer Horn und
Adam Gorques, unter Aufsicht meines werten Freundes des Banquiers G.v.B. das
Schiff nebst allem Zubehör in völlige, ja bessere Ordnung als ich vermutet,
gebracht hatten. Demnach kaufften wir noch das Vieh und andere Sachen ein, die
ich mit anhero zu nehmen vor höchst nötig hielt. Ein jeder von meinen Neu
angeworbenen Künstlern und Handwerckern bekam so viel Geld, als er zu
Anschaffung seines Werckzeugs und andern Bedürffnissen begehrte, und da, zu
meinem ganz besondern Vergnügen, der liebe Eberhard Julius sich wenig Tage nach
meiner Ankunft bei mir einfand, bekam er etliche Tage nach einander ebenfalls
genung zu tun, die ihm vorgeschriebenen Waaren an Büchern und andern nötigen
Stücken einzuhandeln. Endlich am 24. Jun. gelangte die letzte Person, auf die
ich allbereit mit Schmertzen zu hoffen anfieng, nämlich Herr Mag. Schmeltzer bei
mir an, und weil Horn indessen die Zahl der Matrosen und Freiwillig-Mitreisenden
voll geschafft hatte, hielt ich des folgenden Tages General Musterung im
Schiffe, und fand weiter nicht das geringste zu verbessern, demnach mussten alle
Personen im Schiffe verbleiben, und auf meine Ankunft warten, ich aber machte
meine Sachen bei der Ost-Indischen Compagnie vollends richtig, empfieng meine
sichern Pæsse, Handels- und Frei-Briefe, und konnte solchergestalt, über alles
Verhoffen, um eben dieselbe Zeit von Amsterdam ablauffen, als ich vor etlichen
Monaten gewünschet hatte.
    Auf der Insul Teneriffa, allwo wir nach ausgestandenen heftigen Sturm unser
Schiff auszubessern und uns mit frischen Lebens-Mitteln zu versehen, einige Tage
stille lagen, zohe ich eines Abends meinen Lieutenant Horn auf die Seite, und
sagte: Höret mein guter Freund, nunmehro ist es Zeit, dass ich mein ganzes Hertz
offenbare, und euch zum wohlhabenden Manne mache, daferne ihr mir vorhero einen
leiblichen Eyd zu schweren gesonnen, nicht allein dasjenige Geheimnis, welches
ich sonsten niemanden als euch und dem redlichen Gorques anvertrauen will, so
viel als nötig, zu verschweigen, sondern auch die billige Forderung, so ich an
euch beide tun werde, zu erfüllen. Horn wurde ziemlich bestürtzt, doch auf
nochmahliges Ermahnen, dass ich von ihm nichts sündliches, unbilliges oder
unmögliches verlangte, schwur er mir einen leiblichen Eyd, worauff ich ferner
also redete: Wisset mein Freund, dass ich nicht Willens bin mit nach Ost-Indien
zu gehen, sondern ich werde mich ehester Tages an einem mir gelegenen Orte nebst
denen darzu bestimmten Personen und Waaren aussetzen lassen, euch aber will ich
nicht allein das Schiff, sondern auch alles darzu gehörige erb-und eigentümlich
schencken, und eure Person statt meiner zum Capitain und Patron denen übrigen
vorstellen, weil ich hierzu laut meiner Pæsse und Frei Briefe von denen Häuptern
der Ost-Indischen Compagnie sattsame Gewalt und Macht habe. Hergegen verlange
ich davor nichts, als dass ihr dem Adam Gorques, welcher an eure statt Lieutenant
werden soll, nicht allein seinen richtigen Sold zahlet, sondern ihm auch den
3ten Teil von demjenigen, was ihr auf dieser Reise profitiret, abgebet, auf der
Rückreise aber, die ihr doch ohnfehlbar binnen 2. oder drittehalb Jahren tun
werdet, euch wiederum durch etliche Canonen-Schüsse an demjenigen Orte meldet,
wo ich mich werde aussetzen lassen, im übrigen aber von meinem Auffentalt weder
in Europa noch sonst anderswo ruchtbar machet.
    Der gute Horn wusste mir anfänglich, ohne Zweiffel wegen verschiedener
dessfalls bei ihm entstandener Gemüts-Bewegungen, kein Wort zu antworten, jedoch
nachdem ich mich noch deutlicher erkläret, und ihm eine Specification derer
Dinge eingehändiget, welche er bei seiner Rück-Reise aus Ost-Indien an mich
mitbringen sollte; schwur er nochmals, nicht allein alles, was ich von ihm
begehrte, redlich zu erfüllen, sondern danckte mir auch dermassen zärtlich und
verbindlich, dass ich keine Ursache habe, an seiner Treue und Erkänntlichkeit zu
zweiffeln. Ich habe auch die Hoffnung dass ihn GOTT werde glücklicher sein
lassen, als den Bösewicht Jean le Grand, denn solchergestallt werden wir, durch
seine Hülffe, alles was wir etwa noch in künftigen Zeiten aus Europa vonnöten
haben möchten, gar beqvem erlangen können, und uns darbei keiner Hinterlist und
Bosheit sonderlich zu befürchten haben.
    Wie es mit unserer fernern Reise und glücklichen Ankunft auf dieser
angenehmen Insul beschaffen gewesen, ist allbereit bekannt, derowegen will nur
von mir noch melden, dass ich nunmehro den Haafen meiner zeitlichen Ruhe und
Glückseligkeit erreicht zu haben verhoffe, indem ich den lieben Altvater gesund,
alle Einwohner in unveränderten Wohlstande, und meine liebe Sophia getreu und
beständig wieder gefunden. Nunmehro aber, weil mir der liebe Altvater, und mein
gutes Gewissen, alle glücklich ausgelauffene Anstalten auch selber Zeugnis
geben, dass ich alles redlich und wohl ausgerichtet habe, werde ein Gelübde tun:
ausser der äusersten Not und besonders wichtigen Umständen nicht wieder aus
dieser Gegend in ein ander Land zu weichen, sondern die übrige Lebens-Zeit mit
meiner lieben Sophie nach GOTTES Willen in vergnügter Ruhe hinbringen. Der liebe
Altvater inzwischen wird mir hoffentlich gütig erlauben, dass ich künftigen
Sonntags nach vollbrachten GOttes Dienste mich mit meiner Liebsten durch den
Herrn Mag. Schmeltzern ehelich zusammen geben lasse, anbei das Glück habe, der
erste zu sein, der auf dieser Insul, christlichem Gebrauche nach, seine Frau von
den Händen eines ordinirten Priesters empfängt. Tut was euch gefällig ist, mein
werter Hertzens Freund und Sohn, antwortete hierauff der Altvater Albertus,
denn eure Redlichkeit verdienet, dass ihr allhier von niemanden Erlaubnis bitten
oder Befehle einholen dürffet, weil wir allerseits vollkommen versichert sind,
dass ihr GOTT fürchtet, und uns alle hertzlich liebt. Diesem fügte der Altvater
annoch seinen kräfftigen Seegen und sonderbaren Wunsch zu künftigen glücklichen
Ehe-Stande bei, nach dessen vollendung Herr Mag. Schmeltzer und ich, ebenfalls
unsere treugesinnten Glückwünsche bei dem Herrn Wolffgang abstatteten, nachhero
aber ihm einen schertzhaften Verweis gaben, dass er weder unterwegs, noch Zeit
unseres hierseins noch nicht das allergeringste von seinen
Liebes-Angelegenheiten entdeckt, vielweniger uns seine Liebste in Person
gezeiget hätte, welches doch billig als etwas merckwürdiges angeführet werden
sollen, da wir am verwichener Mittwochen die Pflantz-Stadt Christians-Raum und
seines Schwieger-Vaters Wohnung in Augenschein genommen.
    Herr Wolffgang lächelte hierüber, und sagte: Es ist, meine wertesten
Freunde, aus keiner andern Ursache geschehen, als hernach die Freude unter uns
auf einmal desto grösser zu machen. Meine Liebste hielt sich an vergangener
Mittewochen verborgen, und man hat euch dieserwegen auch nicht einmal entdeckt,
dass die neu erbaute Wohnung, welche wir besahen, Zeit meines Abwesens vor mich
errichtet worden. Doch diesen Mittag, weil es bereits also bestellet ist, werden
wir das Vergnügen haben, meinen Schwieger-Vater Christian Julium, nebst meiner
Liebsten Sophie bei der Mahlzeit zu sehen.
    Demnach aber der bisherige Capitain, Herr Leonhard Wolffgang,
solchergestallt seine völlige Erzehlung geendiget, mitin die Mittags-Zeit heran
gekommen war, stelleten sich Christian Julius und dessen Tochter Sophie bei der
Mahlzeit ein, da denn, so wohl Herr Mag. Schmeltzer, als ich, die gröste Ursach
hatten, der letztern besondere Schönheit und ausnehmenden Verstand zu bewundern,
anbei Herrn Wolffgangs getroffene Wahl höchst zu billigen.
    Gleich nach eingenommener Mittags-Mahlzeit, begleiteten wir ingesammt Herrn
Mag. Schmeltzern in die Davids-Raumer Alleé, um abgeredter massen das
Glaubens-Bekänntniss aller dererjenigen öffentlich anzuhören, die des morgenden
Tages ihre Beichte tun, und folgendes Tages das Heil. Abendmahl empfangen
wollten, und vermerckten mit grösten Vergnügen: dass so wohl Alt als Jung in allen
Haupt-Articuln und andern zur christlichen Lehre gehörigen Wissenschaften
vortrefflich wohl gegründet waren. Als demnach alle und jede ins besondere von
Herrn Magist. Schmeltzern aufs schärffste tentiret und examiniret worden,
welches bis zu Untergang der Sonnen gewähret hatte, confirmirte er diese seine
ersten Beicht-Kinder durch ein andächtiges Gebet und Auflegung der Hand auf
eines jeglichen Haupt, und nach diesen nahmen wir mit ihm den Rück-Weg nach der
Albertus-Burg.
    In der Mittags-Stunde des folgenden Tages, als Sonnabends vor dem I.
Advent-Sonntage, begab sich Herr Mag. Schmeltzer in die schöne Lauber-Hütte der
Davids-Raumer Alleé, welche unten am Alberts-Hügel, vermittelst
Zusammenschliessung der dahin gepflantzten Bäume, angelegt war, und erwartete
daselbst seine bestellten Beicht-Kinder. Der Altvater Albertus war der erste, so
sich in heiliger Furcht und mit heissen Tränen zu ihm nahete und seine Beichte
ablegte, ihm folgten dessen Sohn, Albertus II, David Julius, Herr Wolffgang
nebst seiner Liebsten Sophie, ich Eberhard Julius und diejenigen so mit uns aus
Europa angekomen waren, hernachmals aus den Alberts- und Davids-Raumer Gemeinden
alle, so 14. Jahr alt und drüber waren.
    Es daurete dieser Heil. Actus biss in die Nacht, indem sich Herr Mag.
Schmeltzer bei einem jeden mit dem absolviren sehr lange aufhielt, und sich
dermassen abgemattet hatte, dass wir fast zweiffelten, ob er Morgen im Stande
sein würde eine Predigt zu halten. Allein der Himmel stärckte ihn unserm Wunsche
nach aufs allerkräfftigste, denn als der erste Advent-Sonntag eingebrochen, und
das neue Kirchen-Jahr mit 6. Canonen-Schüssen allen Insulanern angekündiget war,
und sich dahero dieselben an gewöhnlicher Stelle versammelt hatten, trat Herr
Mag. Schmeltzer auf, und hielt eine ungemein erbauliche Predigt über das
gewöhnliche Sonntags Evangelium, so von dem Einzuge des Welt-Heilandes in die
Stadt Jerusalem handelt. Das Exordium generale war genommen aus Ps. 118 v. 24.
Diss ist der Tag, den der HERR macht, lasst uns freuen etc. Er redete in der
Application so wohl von den Ursachen, warum sich die Insulaner freuen sollten,
als auch von der geistl. Freude, welche sie über die reine Predigt des Worts
GOttes, und andere Mittel des Heils, so ihnen in Zukunft reichlich würden
verkündiget und mitgeteilet werden, haben sollten. In dem Exordio speciali,
erklärete er die Worte Esaia c. 62 v. 11. Saget der Tochter Zion etc. Wiess in
der Application, dass die Insulaner auch eine geistliche Tochter Zion wären, zu
welchen itzo Christus mit seinem Worte und Heil. Sakramenten käme. Darauff
stellete er aus dem Evangelio vor:
                           Die erfreute Tochter Zion,
                                   und zwar:
    (1) Worüber sich dieselbe freuete? als:
        (a) über den Einzug des Ehren-Königs JEsu Christi
        (b) über das Gute, so sie von ihm geniessen sollte, aus den Worten: Siehe
            dein König etc.
    (2) Wie sich dieselbe freuete? als:
        (a) Wahrhaftig.
        (b) Hertzlich.
    Nachdem er alles vortrefflich wohl ausgelegt, verschiedene erbauliche
Gedancken und Ermahnungen angebracht, und die Predigt also beschlossen hatte,
wurde das Lied gesungen: GOTT sei danck durch alle Welt etc. Hierauf schritt
Herr Magist. Schmeltzer zur Consecration der auf einer güldenen Schale liegenden
Hostien, und des ebenfalls in einem güldenen grossen Trinck-Geschirr zu rechts
gesetzten Weins, nahm eine Hostie in seine Hand, und sprach: Mein gekreutzigter
Heiland, ich empfange anitzo aus deinen, wiewohl unsichtbaren Händen, deinen
wahrhaftigen Leib, und bin versichert, dass du mich, jetzigen Umständen nach,
von den gewöhnlichen Ceremonien deiner reinen Evangelisch-Luterischen Kirche
entbinden, anbei mein Dir geweihetes Hertze und Sinn betrachten wirst, es
gereiche also dein heiliger Leib mir und niemanden zum Gewissens-Scrupel,
sondern stärcke und erhalte mich im wahren und reinen Glauben zum ewigen Leben
Amen!
    Hierauff nahm er die gesegnete Hostie zu sich, und bald darauff sprach er:
Auf eben diesen Glauben und Vertrauen, mein JESU! empfange ich aus deinen
unsichtbaren Händen dein warhaftes Blut, welches du am Stamm des Creutzes vor
mich vergossen hast, das stärcke und erhalte mich in wahren Glauben zum ewigen
Leben Amen! Nahm also den gesegneten Wein zu sich, kniete nieder und Betete vor
sich, teilete hernachmals das Heil. Abendmahl allen denenjenigen aus, welche
gestriges Tages gebeichtet hatten, und beschloss den Vormittäglichen Gottesdienst
nach gewöhnlich Evangelisch-Luterischer Art.
    Nachmittags, nachdem wir die Mahlzeit ingesammt auf Morgenländische Art im
grünen Grase, bei ausgebreiteten Teppichen sitzend, eingenomen, und uns hierauff
eine kleine Bewegung gemacht hatten, wurde zum andern mahle GOttes-Dienst
gehalten, und nach Vollbringung dessen Hr. Wolffgang mit Sophien ehelich
zusammen gegeben, auch ein paar Zwillinge, aus dem Jacobisschen Stamme, getaufft,
welche Tab. VII bezeichnet sind.
    Solchergestallt wurde alles mit dem Lob-Gesange: HERR GOTT dich loben wir
etc. beschlossen, Mons. Litzberg und ich gaben, mit Erlaubnis des Altvaters,
noch 12. mal Feuer aus denen auf dem Albertus Hügel gepflantzten Canonen, und
nachdem Herr Wolffgang verkündigen lassen, wie er G.G. den 2ten Januar.
nächstfolgenden 1726ten Jahres, von wegen seiner Hochzeit, allen Insulanern ein
Freuden-Fest anrichten wollte, kehrete ein jeder, geistlich und leiblich
vergnügt, in seine Wohnung.
    Herr Mag. Schmeltzer hatte bereits verabredet: Dass die Stephans- Jacobs- und
Johannis-Raumer Gemeinden, den Andern Advent-Sonntag, die Christophs- und
Roberts Raumer den 3ten, und letzlich die Christians- und Simons-Raumer, den
4ten Advent zum Heil. Abendmahle gehen sollten, daferne sich jede Gemeinde die
Woche vorhero behörig versammlen, und die Catechismus-Lehren also, wie ihre
Vorgänger, die Alberts- und Davids-Raumer, annehmen wollte; Weil nun alle hierzu
eine heisse Begierde gezeiget hatten, wartete der unermüdete Geistliche
alltäglich seines Ammts getreulich, wir andern aber liessen unsere aller
angenehmste Arbeit sein, den Kirchen-Bau aufs eiferigste zu befördern, worbei
der Altvater Albertus beständig zugegen war, und nach seinem Vermögen die
materialien herbei bringen halff, auch sich, ohngeacht unserer trifftigen
Vorstellungen wegen seines hohen Alters, gar nicht davon abwenden liess.
    Eines Morgens, da Herr Mag. Schmeltzer unsere Arbeit besah, fiel ihm ein:
dass wir vergessen hätten einige schrifftliche Urkunden, der Nachkommenschaft
zum Vergnügen, und der Gewohnheit nach, in den Grund-Stein einzulegen, da nun
der Altvater sich erklärete, dass hieran noch nichts versäumet sei, sondern gar
bald noch ein anderer ausgehöhlter Stein, auf den bereits eingesenckten gelegt
werden könnte, auch sogleich den Seinigen deswegen Befehl erteilete, verfertigte
indessen Herr Magist. Schmeltzer eine Schrifft, welche in Lateinischer,
Deutscher und Englischer Sprache abgeschrieben, und nachhero mit Wachs in den
ausgehölten Grund-Stein eingedruckt wurde. Es wird hoffentlich dem geneigten
Leser nicht zu wider sein, wenn ich dieselbe Lateinisch und Deutsch mit beifüge:
                                   Hic lapis
                                       ab
                                 ALBERTO JULIO,
                             Vero veri Dei cultore,
                                Anno CICICCCXXV.
                               d. XVIII. Novembr.
                            fundamenti loco positus,
                         ædem Deo trinuno consecratam,
                        sanctum coelestium ovium ovile,
                inviolabile Sakramentorum, baptismi & sacræ
                               coenæ domicilium,
                         immotamque verbi divini sedem,
                            suffulcit ac suffulciet:
                  Machina qvot mundi postac durabit in annos,
                   Tot domus hæc duret, stet, vigeatque Dei!
                 Semper sana sonent hic dulcis dogmata Christi,
                     Per qvem credenti vita salusque datur!
                                    Deutsch:
                                     Dieser
                               von ALBERTO JULIO
                    Im Jahr Christi 1725. den 18. November.
                              gelegte Grund-Stein,
                      unterstützet und wird unterstützen:
                  eine dem Dreieinigen GOTT gewidmete Kirche,
                    einen heiligen Schaaf-Stall christlicher
                                    Schaafe,
                 eine unverletzliche Behausung der Sakramenten
                      der Taufe und des Heil. Abendmahls,
                     und einen unbeweglichen Sitz des Worts
                                    GOTTES.
                  So lange diese Welt wird unbeweglich stehen
               So lange soll diss Haus auch nicht zu Grunde gehen!
               Was hier gepredigt wird, sei Christi reines Wort,
                Wodurch ein Gläubiger, erlangt den Himmels-Port!
                                     * * *
    Herr Wolffgang bezohe immittelst, mit seiner Liebste, das in Christians-Raum
vor dieselben neuerbauete Haus, liess aber nicht mehr als die nötigsten von
seinen mitgebrachten mobilien dahin schaffen, und das übrige auf der
geraumlichen Albertus-Burg in des Altvaters Verwahrung. Unsere mitgebrachten
Künstler und Handwercks-Leute bezeugten bei solcher Gelegenheit auch ein
Verlangen den Ort zu wissen, wo ein jeder seine Werckstatt aufschlagen sollte,
derowegen wurden Beratschlagungen angestellet, ob es besser sei, vor dieselben
eine ganz neue Pflantz-Stadt anzubauen? oder Sie in die bereits angebaueten
Pflantz-Städte einzuteilen? Demnach fiel endlich der Schluss dahinaus, dass, da
in Erwegung des vorhabenden Kirchen-Baues anitzo keine andere Bau-Arbeit
vorzunehmen ratsam sei, die Neuangekommenen an solche Orte eingeteilet werden
möchten, wie es die Umstände ihrer verschiedenen Professionen erforderten.
    Diese Resolution war ihnen sämtlich die allerangenehmste, und weil Herr
Wolffgang von dem Altvater freie Macht bekommen hatte, in diesem Stücke nach
seinem Gutbefinden zu handeln, so wurden die sämtlichen neu-angekommenen
Europäer folgender massen eingeteilet: Mons. Litzberg der Matematicus bezohe
sein Quartier in Christophs-Raum bei Herr Wolffgangen. Der wohlerfahrene
Chirurgus Mons. Kramer, in Alberts-Raum. Mons. Plager, und Peter Morgental der
Kleinschmidt, in Jacobs-Raum. Harckert der Posamentirer in Roberts-Raum.
Schreiner, der sich bei dem Tohne als ein Töpffer selbst einlogirt hatte, in
Davids-Raum. Wetterling der Tuchmacher, in Christophs-Raum. Kleemann der
Pappier-Müller, in Johannis-Raum. Herrlich der Drechssler, und Johann Melchior
Garbe der Böttcher, in Simons-Raum. Lademann der Tischler, und Philipp Krätzer
der Müller, in Stephans-Raum.
    Solchergestalt blieben Herr Magist. Schmeltzer und ich Eberhard Julius nur
allein bei dem Altvater Alberto auf dessen sogenannter Alberts-Burg, welcher
annoch beständig 5. Jünglinge und 4. Jungfrauen von seinen Kindes-Kindern zur
Bedienung bei sich hatte. Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang ermahneten die
abgeteilten Europäer, eine Gottesfürchtige und tugendhafte Lebens-Art unter
ihren wohlerzogenen Nachbarn zu führen, stelleten ihnen dabei vor, dass: Daferne
sie gesinnet wären, auf dieser Insul zu bleiben, sich ein jeder eine freiwillige
Ehe-Gattin erwählen könnte. Derjenige aber, welchem diese Lebens Art nicht
anständig sei, möchte sich nur aller geilen und boshaften Aussschweiffungen
gäntzlich entalten, und versichert sein: dass er solchergestalt binnen zwei oder
3. Jahren nebst einem Geschencke von 2000. Tlrn. wieder zurück nach Amsterdam
geschafft werden sollte.
    Es gelobte einer wie der andere dem Altvater Alberto, Hrn. Mag. Schmeltzern
als ihren Seel-Sorger, und Herrn Wolffgangen als ihren leiblichen Versorger,
treulich an, sich gegen GOTT und den Nächsten redlich und ehrlich aufzuführen,
seiner Hände Werck, zu GOTTES Ehren und dem gemeinschaftl. Wesen, ohne Verdruss
zu treiben, übrigens den Altvater Albertum, Hrn. Wolffgangen, und Herrn Magist.
Schmeltzern, vor ihre ordentliche Obrigkeit in geistlichen und weltlichen Sachen
zu erkennen, und sich bei ein und andern Verbrechen deren Vermahnungen und
gehörigen Strafen zu unterwerffen.
    Es soll von ihrer künftigen Aufführung, und Vereheligung, im Andern Teile
dieser Felsenburgischen Geschicht, des geneigten Lesers curiosität möglichste
Satisfaction empfangen. Voritzo aber habe noch zu melden, dass die sämtlichen
Bewohner dieser Insul am 11. Decembr. dieses ablauffenden 1725ten Jahres, den
allbereit vor 78. Jahren, von dem Altvater Alberto angesetzten dritten grossen
Bet und Fast-Tag biss zu Untergang der Sonnen celebrirten, an welchen Herr Mag.
Schmeltzer den 116ten Psalm in zweien Predigten ungemein tröstlich und beweglich
auslegte. Die übrigen Stämme giengen an den bestimmten Sonntagen gemachter
Ordnung nach, aufs andächtigste zum Heil. Abendmahle, nach diesen wurde das
eingetretene Heil. Christ-Fest erfreulich gefeiret und solchergestalt erreichte
damals das 1725te Jahr, zu aller Einwohner hertzlichen Vergnügen, vorjetzo aber
bei uns der Erste Teil der Felsenburgl. Geschichts-Beschreibung sein
abgemessenes
                                     ENDE.
 
                                 Avertissement.
Man ist zwar, Geneigter Leser, anfänglich Willens gewesen diese Felsenburgische
Geschichte, oder dasjenige, was auf dem Titul-Blate versprochen worden, ohne
Absatz, en Suite heraus zu geben, allein nach fernern reiffern Uberlegungen hat
man sich, en regard ein und anderer Umstände, zu einer Teilung verstehen
müssen. Dem Herrn Verleger wäre es zwar weit angenehmer gewesen, wenn er sofort
alles auf einmal haben können; jedoch wenn ich nur dieses zu betrachten gebe:
Dass des Herrn Eberhard Julii Manuscript sehr confus aussiehet, indem er zuweilen
in Folio, ein ander mahl in 4to, und wieder ein ander mahl in 8vo geschrieben,
auch viele marquen beigefügt, welche auf fast unzehlige Beilagen kleiner Zettel
weisen, die hier und anderswo einzuflicken gewesen, so habe den stylum unmöglich
so concise führen können, als mir anfänglich wohl eingebildet hatte. Im
Gegenteil ist mir das Werck unter den Händen unvermerckt, ja fast täglich
angewachsen, weswegen ich denn vors dienlichste erachtet, ein kleines
Interstitium zu machen. Anderer Vorteile, die so wohl der geneigte Leser, als
der Herr Verleger und meine ohnedem niemals müssige Feder hierbei geniessen
können, voritzo zu geschweigen. Ist dieser Erste Teil so glücklich, seinen
Lesern einiges Vergnügen zu erwecken und derselben Beifall zu erhalten, so kann
dabei versichern, dass der andere Teil, den ersten, an curiositäten, wo nicht
übertreffen, doch wenigstens nichts nachgeben wird! Denn in selbigem werden
nicht allein die teils wunderbaren, teils lächerlichen, teils aber auch
merckwürdigen Fata ausführlich vorkommen, welche denen letztern Felsenburgl.
Einkömmlingen von Jugend auf zugestossen sind, sondern ich will über dieses
keinen Fleiss sparen, Mons. Eberhard Julii Manuscripta ordentlich zusammen zu
lesen, und daraus umständlich zu berichten: In was vor einen florisanten Zustand
die Insul Felsenburg, durch den Fleiss der neuangekomenen Europäischen Künstler
und Handwercker, binnen 3. folgenden Jahren gesetzt worden; Wie Mons. Eberhard
Julius seine Rückreise nach Europa angestellet, seinen Vater wieder gefunden,
selbigen durch seinen kostbaren Schatz in vorige Renommée gesetzt, und endlich
in Begleitung seines Vaters, und der aus Schweden zurück verschriebenen
Schwester, die andere Reise nach Felsenburg angetreten hat.
    Hält oft erwähnter Mons. Eberhard Julius seine Parole so treulich, als er
versprochen, nach und nach die fernern Begebenheiten der Felsenburger, entweder
Herrn Banqvier G.v.B. in Amsterdam, oder Herrn W. in Hamburg schrifftlich zu
übersenden, so kann vielleicht der dritte Teil dieses vorgenommenen Wercks auch
noch wohl zum Vorscheine kommen.
    Übrigens bitte mir von dem geneigten Leser, vor meine dessfalls angewandte
Mühe, und wiewol ganz unvollkommene Schreib-Art, nochmahls ein affectionirtes,
wenigstens unpassionirtes sentiment aus, und beharre
                                   Desselben
                        dienstwilligster
                                                                       GISANDER.
 
         Genealogische TABELLEen über das ALBERT-JULIsche Geschlechte,
 Wie solches aus Europa herstammet, und biss zu Ende des 1725ten Jahres auf der
       Insul Felsenburg fortgeführet, und forn p. 106 versprochen worden.
   B Tab. I.
   B Tab. II.
   B Tab. III.
   B Tab. VI.
   B Tab. V.
   B Tab. VI.
   B Tab. VII.
   B Tab. VIII.
   B Tab. IX.
   B Tab. X.
Summa aller beim Schlusse des 1725ten Jahres auf der Insul Felsenburg lebenden
    Personen, worzu der Capitain Wolffgang nebst seinen 14. mitgebrachten
    Europäern gerechnet ist, - 346. Personen.
        nehmlich - - - 177. Manns- und
        169. Weibs-Personen.
    Aller Seelen, die besage der Tabellen zu Alberti I. Felsenburgischen
        Geschlecht gehören, so wohl todte als lebende - 429.
                                      Not.
Der geneigte Leser beliebe anzumercken, dass das Signum
        die Manns-Personen,
        die Weibs-Personen,
        Zwillings-Kinder, und
         die verstorbenen
andeutet, übrigens zu excusiren, dass nicht alle diese Personen mit ihren
Tauff-Nahmen benennet sind, welches, da man das ganze Verzeichnis derselben in
Händen hat, nicht so viel Mühe als unnötige Weitläufftigkeiten verursacht
hätte. Die übrigen wenigen Merckmahle werden ganz klar in die Augen fallen,
wenn sich derselbe vorhero den ersten und andern Teil der
Geschlechts-Beschreibung bekandt gemacht hat.
 
                                     Anhang
                          Der Pag. 182. versprochenen
                            Lebens-Beschreibung des
                                  DON CYRILLO
                                       DE
       VALARO, aus seinem Lateinischen Manuscript ins deutsche übersetzt.
                                 D.C. de Valaro.
Ich, Don Cyrillo de Valaro, bin im Jahr nach Christi Gebuhrt 1475 den 9. Aug.
von meiner Mutter Blanca de Cordoua im Feld-Lager unter einem Gezelt zur Welt
gebracht worden. Denn mein Vater Don Dionysio de Valaro, welcher in des neuen
Castilianischen Königs Ferdinandi Kriegs-Dienste, als Obrister über ein Regiment
Fuss-Volck getreten war, hatte meine Mutter mit sich geführet, da er gegen den
Portugisischen König Alphonsum mit zu Felde gehen musste. Dieser Alphonsus hatte
sich mit der Joanna Henrici des IV. Königs in Castilien Tochter, welche doch von
jedermann vor ein Bastard gehalten wurde, verlobet, und dieserwegen nicht allein
den Titul und Wapen von Castilien angenommen, mitin unserm Ferdinando die Krone
disputirlich gemacht, sondern sich bereits vieler Städte bemächtiget, weilen
ihn, so wohl König Ludwig der XI. aus Franckreich, als auch viele Grandes aus
Castilien starck zu secundiren versprochen. Nachdem aber die Portugiesen im
folgenden 1476ten Jahre bei Toro ziemlich geklopfft worden, und mein Vater
vermerckte: Dass es wegen des vielen hin und her marschirens nicht wohl getan
sei, uns länger bei sich zu behalten, schaffte er meine Mutter und mich zurück
nach Madrit, er selbst aber kam nicht ehe wieder zu uns, biss die Portugiesen
1479. bei Albuhera totaliter geschlagen, und zum Frieden gezwungen worden,
worbei Alphonsus nicht allein auf Castilien, sondern auch auf seine Braut
renuncirte, Johanna aber, der man jedoch unsern Castilischen Printzen Johannem,
ob selbiger gleich noch ein kleines Kind war, zum Ehe-Gemahl versprach, ging
aus Verdruss in ein Closter, weil sie vielleicht gemutmasset, dass sie nur vexi
ret würde.
    Ich weiss mich, so wahr ich lebe, noch einigermassen der Freude und des
Vergnügens, doch als im Traume, zu erinnern, welches ich als ein 4. jähriger
Knabe über die glückliche Zurückkunft meines lieben Vaters empfand, allein wir
konten dessen erfreulicher Gegenwart sehr kurtze Zeit geniessen, denn er musste
wenige Wochen hernach dem Könige, welcher ihn nicht allein zum General bei der
Armee, sondern auch zu seinem Geheimbden Etaats-Ministre mit ernennet, bald nach
Arragonien folgen, weiln der König, wegen des Absterbens seines höchst seel.
Herrn Vaters, in diesem seinen Erb-Reiche die Regierung gleichfalls antrat. Doch
im folgenden Jahre kam mein Vater nebst dem Könige abermals glücklich wieder
zurück, und erfreuete dadurch mich und meine Mutter aufs neue, welche ihm
mittler Zeit noch einen jungen Sohn geboren hatte.
    Er hatte damals angefangen seine Hausshaltung nach der schönsten
Beqvemlichkeit einzurichten, und weil ihm nicht so wohl der Krieg, als des
Königs Gnade zu ziemlichen Barschaften verholffen, verschiedene Land Güter
angekaufft; indem er auf selbigen sein gröstes Vergnügen zu empfinden verhoffte.
Allein da mein Vater in der besten Ruhe zu sitzen gedachte, nahm der König Anno
1481. einen Zug wider die Granadischen Mauros vor, und mein Vater musste ihm im
folgenden 1482ten Jahre mit 10000. neugeworbenen Leuten nachfolgen. Also verliess
er uns abermals zu unsern grösten Missvergnügen, hatte aber vorhero noch Zeit
gehabt, meiner Mutter Einkünfte und das, was zu seiner Kinder Standesmässiger
Erziehung erfodert wurde, aufs beste zu besorgen. Im Jahre 1483. war es zwischen
den Castilianern und Mohren, bei Malacca zu einem scharffen Treffen gekommen,
worbei die Erstern ziemlich gedränget, und mein Vater fast tödtlich verwundet
worden, doch hatte er sich einigermassen wieder erholet, und kam bald darauff
nach Hause, um sich völlig ausheilen zu lassen.
    Der König und die Königin liessen ihm beiderseits das Glück ihres hohen
Besuchs geniessen, beschenckten ihn auch mit einer starcken Summe Geldes, und
einem vortrefflichen Land-Gute, mich aber nahm der König, vor seinen jungen
Printzen Johannem, der noch 3. Jahr jünger war als ich, zum Pagen und
Spiel-Gesellen mit nach Hofe, und versprach, mich bei ihm auf Lebens-Zeit zu
versorgen. Ob ich nun gleich nur in mein zehentes Jahr ging, so hatte mich doch
meine Mutter dermassen gut erzogen, und durch geschickte Leute erziehen lassen,
dass ich mich gleich von der ersten Stunde an, nicht allein bei den Königl.
Kindern, sondern auch bei dem Könige und der Königin selbst, ungemein beliebt
machen konnte. Und da sich eine besondere natürliche Fertigkeit bei mir gezeiget,
hatte der König allen Sprach- und Exercitien-Meistern ernstlichen Befehl
erteilet, an meine Person so wohl, als an seinen eigenen Sohn, den allerbesten
Fleiss zu wenden, welches denn nebst meiner eigenen Lust und Beliebung so viel
fruchtete: Dass mich ein jeder vor den Geschicktesten unter allen meinen
Cammeraden halten wollte.
    Mittlerweile war mein Vater aufs neue wieder zu Felde gegangen, und hatte,
nicht allein wegen seiner Verwundung, an denen Mohren in etlichen Scharmützeln
ziemliche Rache ausgeübt, sondern auch vor den König viele Städte und Plätze
einnehmen helffen, bei welcher Gelegenheit er auch zu seinem Teile viele
Schätze erobert, und dieselben nach Hause geschickt hatte. Allein im Jahr 1491
da die Stadt Granada mit 50000. Mann zu Fuss, und 12000. zu Ross angegriffen, und
der König Boabdiles zur Ubergabe gezwungen wurde, verlohr mein getreuer und
Heldenmütiger Vater, sein edles Leben darbei, und zwar im allerletzten Sturme
auf den erstiegenen Mauern.
    Der König bekam die Briefe von dieser glücklichen Eroberung gleich über der
Tafel zu lesen, und rieff mit vollen Freuden aus: GOTT und allen Heiligen sei
gedanckt! Nunmehro ist die Herrschaft der Maurer, welche über 700. Jahr in
Spanien gewähret, glücklich zu Grunde gerichtet. Derowegen entstunde unter
allen, so wohl hohen als niedrigen Bedienten, ein allgemeines jubiliren, da er
aber die Liste von den ertödteten und verwundeten hohen Kriegs-Bedienten zur
Hand nahm, und unter andern lase: Dass Don Dionysio de Valaro, als ein Held mit
dem Degen in der Faust, auf der Mauer gestorben sei, vergiengen mir auf einmal
alle meine 5. Sinne dermassen, dass ich hinter dem Cron-Printzen ohnmächtig zur
Erden niedersincken musste.
    Es hatte dem mittleidigen Könige gereuet, dass er sich nicht vorhero nach mir
umgesehen, ehe er diese klägliche Zeitung, welche ihm selbst sehr zu Hertzen
ging, laut verlesen. Jedoch so bald mich die andern Bedienten hinweg und in
mein Bette getragen, auch in etwas wieder erfrischet hatten, besuchte mich nicht
allein der Cron-Printz mit seiner 13. jährigen Schwester Johanna, sondern die
Königin selbst mit ihrem vornehmsten Frauenzimmer. Dem ohngeacht konnte ich mein
Gemüte, wegen des jämmerlichen Verlusts meines so lieben und getreuen Vaters,
nicht so gleich besänftigen, sondern vergoss etliche Tage nach einander die
bittersten Tränen, biss mich endlich der König vor sich kommen liess und
folgendermassen anredete: Mein Sohn Cyrillo de Valaro, wilstu meiner fernern
Gnade geniessen, so hemme dein Betrübnis wenigstens dem äuserlichen Scheine
nach, und bedencke dieses: Dass ich an dem Don Dionysio de Valaro, wo nicht mehr,
doch eben so viel als du verloren, denn er ist mein getreuer Diener gewesen,
der keinem seines gleichen den Vorzug gelassen, ich aber stelle mich selbst
gegen dich an seine Stelle und will dein Versorger sein, hiermit sei dir sein
erledigtes Regiment geschenckt, worüber ich dich gleich jetzo zum Obristen
bestellen und zum Ritter schlagen will, jedoch sollstu nicht ehe zu Felde gehen,
sondern bei meinem Cron-Printz bleiben, bis ich euch beide ehestens selbst mit
mir nehme. Ich tat hierauff dem Könige zur Danckbarkeit einen Fussfall, und
empfohl mich seiner beständigen Gnade, welcher mir sogleich die Hand darreichte,
die ich in Untertänigkeit küssete, und von ihm selbst auf der Stelle zum Ritter
geschlagen wurde, worbei ich die ganz besondere Gnade hatte, dass mir die
Princessin Johanna das Schwerdt umgürtete, und der Cron-Printz den rechten Sporn
anlegte.
    Solchergestallt wurde mein Schmertzen durch Königliche besondere Gnade, und
durch vernünftige Vorstellungen, nach und nach mit der Zeit ziemlich gelindert,
meine Mutter aber, nebst meinem eintzigen Bruder und zweien Schwestern, konten
sich nicht so bald beruhigen, und weil die erstere durchaus nicht wieder
Heiraten wollte, begab sie sich mit meinem Geschwister aus der Residentz-Stadt
hinweg auf das Beste unserer Land-Güter, um daselbst ruhig zu leben, und ihre
Kinder mit aller Vorsicht zu erziehen.
    Immittelst liess ich mir die Ubung in den Waffen, wie auch in den Kriegs- und
andern nützlichen Künsten dermassen angelegen sein, dass sich in meinem 18den
Jahre kein eintziger Ritter am Spanischen Hofe schämen durffte mit mir
umzugehen, und da bei damahligen ziemlich ruhigen Zeiten der König vielfältige
Ritter- und Lust-Spiele anstellete, fand ich mich sehr eiffrig und fleissig
darbei ein, kam auch fast niemals ohne ansehnlichsten Gewinst darvon.
    Am Geburts-Tage der Princessin Johanna wurde bei Hofe ein prächtiges Festin
gegeben, und fast die halbe Nacht mit Tantzen zugebracht, indem aber ich, nach
dem Abschiede aller andern, mich ebenfalls in mein Zimmer begeben wollte, fand
ich auf der Treppe ein kleines Päcklein, welches in ein seidenes Tüchlein
eingewickelt und mit Gold-Faden umwunden war. Ich machte mir kein Bedencken
diese so schlecht verwahrte Sache zu eröffnen, und fand darinnen, etliche Elen
grün mit Gold durchwürcktes Band, nebst dem Bildnisse einer artigen Schäferin,
deren Gesicht auf die Helffte mit einem grünen Schleier verdeckt war, weil sie
vielleicht nicht von allen und jeden erkañt werden wollte. Uber dieses lag ein
kleiner Zettel mit folgenden Zeilen darbei:
                               Geliebter Ritter!
Ihr verlanget von mir mein Bildnis nebst einer Liberei, welches beides hiermit
aus gewogenen Hertzen übersende. Seid damit bei morgenden Turnier glücklicher,
als voriges mahl, damit ich eurentwegen von andern Damen keine Stichel-Reden
anhören darff, sondern das Vergnügen habe, eure sonst gewöhnliche
Geschicklichkeit mit dem besten Preise belohnt zu sehen. Lebet wohl und
gedencket eurer
                                                                       Freundin.
    Meine damahlige Schalckhaftigkeit widerriet mir denjenigen auszuforschen,
dem dieses Paquet eigentlich zukommen sollte, bewegte mich im Gegenteil diese
Liberei, nebst dem artigen Bildnisse der Schäferin, bei morgenden Lantzenbrechen
selbst auf meinem Helme zu führen. Wie gedacht, so gemacht, denn am folgenden
Morgen band ich die grüne Liberei nebst dem Bildnisse auf meinen Helm, legte
einen ganz neuen Himmelblauen mit goldenen Sternlein beworffenen Harnisch an,
und erschien also ganz unerkannt in den Schrancken mit meinem Schilde, worinnen
ein junger Adler auf einem ertödten alten Adler mit ausgebreiteten Flügeln
sitzend, und nach der Sonne sehend, zur Devise gemahlt war. Die aus dem Horatio
genommene Beischrift lautete also:
Non possunt aquilæ generare columbam.
                                    Deutsch:
Es bleibet bei dem alten Glauben,
Die Adler hecken keine Tauben.
    Kaum hatte ich Zeit und Gelegenheit gehabt meine Kräffte an 4. Rittern zu
probiren, worvon 3. wanckend gemacht, den 4ten aber gäntzlich aus dem Sattel
gehoben und in den Sand gesetzt, als mir ein unbeckandter Schild-Knabe einen
kleinen Zettel einhändigte, auf welchen folgende Zeilen zu lesen waren.
                               Verwegener Ritter,
Entweder nehmet sogleich dasjenige Bildnis und Liberei, welches ihr
unrechtmässiger Weise auf eurem Helme führet, herunter, und liefert es durch
Uberbringern dieses seinem Eigentums Herrn ein, oder seid gewärtig, dass nicht
allein euern bereits ziemlich erworbenen Ruhm, bei diesem Luft-Rennen nach allen
Kräfften verdunckeln, sondern euch Morgen früh auf Leib und Leben ausfodern
wird: Der Verehrer der schönen Schäferin.
    Auf diese trotzige Schrifft gab ich dem Schild-Knaben mündlich zur Antwort:
Sage demjenigen, der dich zu mir geschickt: Woferne er seine Anfoderung etwas
höflicher an mich getan, hätte ich ihm mit Vergnügen willfahren wollen. Allein
seiner unbesonnenen Drohungen wegen, wollte ich vor heute durchaus meinen eigenen
Willen haben.
    Der Schild Knabe ging also fort, und ich hatte die Lust denjenigen Ritter
zu bemercken, welchem er die Antwort überbrachte. Selbiger, so bald er mich kaum
ein wenig müssig erblickt, kam ganz hochmütig heran getrabet, und gab mir mit
ganz hönischen Stellungen zu verstehen: Dass er Belieben habe mit mir ein- oder
etliche Lantzen zu brechen. Er trug einen Feuerfarbenen silber gestreifften
Harnisch, und führete einen blass blauen Feder-Stutz auf seinem Helme, welcher
mit schwartz und gelben Bande umwunden war. In seinem Schilde aber zeigte sich
das Gemählde des Apollinis, der sich einer jungen Nymphe, Isse genannt, zu
gefallen, in einen Schäfer verstellet, mit den Bei-Worten: Similis simili
gaudet, als wollte er deutlich dieses zu verstehen geben:
Isse meine Schäferin
Machts, dass ich ein Schäfer bin.
    Ich vermerckte sogleich bei Erblickung dieser Devise, dass der arme Ritter
nicht allzuwohl unter dem Helme verwahret sein müsse. Denn wie schlecht reimete
sich doch der Feuerfarbene Harnisch nebst dem blaulichen Feder-Stutze, auch gelb
und schwartzen Bande zu der Schäferischen Liebes-Grille? Indem mir aber das
fernere Nachsinnen durch meines Gegners Anrennen unterbrochen wurde, empfing ich
ihn mit meiner hurtig eingelegten Lantze zum ersten mahle dermassen, dass er auf
beiden Seiten Bügel los wurde, und sich kaum mit Ergreiffung seines Pferdes
Mähne im Sattel erhalten konnte. Dem ohngeacht versuchte er das andere Rennen,
wurde aber von meinem heftigen Lantzen-Stosse so gewaltig aus dem Sattel
gehoben, dass er halb ohnmächtig vom Platze getragen werden musste. Solchergestalt
war der verliebte Feuerfarbene Schäfer vor dieses mahl abgefertiget, und weil
ich mich die übrige Zeit gegen andere noch ziemlich hurtig hielt, wurde mir bei
Endigung des Turniers von den Kampf-Richtern der andere Preis zuerkannt, welches
ein vortrefflicher Maurischer Säbel war, dessen güldenes Gefässe mit den
kostbarsten Edel-Steinen prangete. Die Prinzessin Johanna hielt mir denselben
mit einer lächlenden Geberde schon entgegen, da ich noch wohl 20. Schritte biss
zu ihrem auferbaueten Trone zu tun hatte, indem ich aber auf der untersten
Staffel desselben nieder kniete, und meinen Helm abnahm, mitin mein blosses
Gesichte zeigte, stutzte nicht allein die Princessin nebst ihren andern
Frauenzimmer gewaltig, sondern Dero liebstes Fräulein, die Donna Eleonora de
Sylva, sanck gar in einer Ohnmacht darnieder. Die Wenigsten mochten wohl
erraten können, woher ihr dieser jählinge Zufall kam, und ich selbst wusste
nicht, was es eigentlich zu bedeuten hatte, machte mich aber in noch währenden
Auflauffe, nachdem ich meinen Gewinst empfangen, ohne von andern Rittern erkannt
zu werden, ganz hurtig zurücke.
    Zwei Tage hernach wurde mir von vorigen Schild-Knaben ein Cartell folgendes
Innhalts eingehändiget:
                              Unredlicher Ritter,
So kann man euch mit gröstem Rechte nennen, indem ihr nicht allein einem andern,
der Besser ist als ihr, dasjenige Kleinod listiger Weise geraubt, welches er als
seinen kostbarsten Schatz geachtet, sondern euch überdieses frevelhaft
unterstanden habt, solches zu seinem Verdruss und Spott öffentlich auf dem Helme
zu führen. Jedoch man muss die Bosheit und den Unverstand solcher Gelb Schnäbel
bei zeiten dämpffen, und euch lehren, wie ihr mit würdigen Leuten umgehen
müsst. Es ist zwar leichtlich zu erachten, dass ihr euch wegen des letztern
ohngefähr erlangten Preises beim Lantzenbrechen, das Glücke zur Braut bekommen
zu haben, einbildet. Allein wo ihr das Hertz habt, Morgen mit Aufgang der
Sonnen, nebst nur einem eintzigen Beistande, auf der grossen Wiese zwischen
Madrit und Aranjuez zu erscheinen; wird sich die Mühe geben, euch den
Unterscheid zwischen einem lustbaren Lantzen-brechen und ernstlichen
Schwerdt-Kampffe zu lehren, und den Kindischen Frevel zu bestraffen,
                                                          euer abgesagter Feind.
    Der Uberbringer dieses, wollte durchaus nicht bekennen, wie sein Herr mit
Nahmen hiesse, derowegen gab ihm nur an denselben folgende wenige Zeilen zurück:
                                Frecher Ritter!
Woferne ihr nur halb so viel Verstand und Klugheit, als Prahlerei und Hochmut
besasset, würdet ihr rechtschaffenen Leuten wenigstens nur etwas glimpflicher zu
begegnen wissen. Doch weil ich mich viel lieber mit dem Schwerdt, als der Feder
gegen euch verantworten, und solchergestalt keine Ursach geben will, mich vor
einen zaghaften Schäfer-Courtisan zu halten, so verspreche Morgen die bestimmte
Zeit und Ort in acht zu nehmen, daselbst soll sich zeigen dass mein abgesagter
Feind ein Lügner, ich aber sei
                                                          Don Cyrillo de Valaro.
    Demnach begab ich mich noch selbigen Abend nebst dem Don Alphonso de Cordua,
meiner Mutter Bruders Sohne, den ich zum Beistande erwählet hatte, aus Madrit in
das allernächst der grossen Wiese gelegene Dorff, allwo wir über Nacht
verblieben, und noch vor Aufgang der Sonnen die grosse Wiese betraten. Mein
Gegner, den ich an seinen Feuerfarbenen Harnisch erkannte, erschien zu
bestimmter Zeit, und konnte mich ebenfalls um so viel desto eher erkennen, weil
ich das grüne Band, nebst dem Bilde der Schäferin, ihm zum Trotz abermals
wieder auf den Helm gebunden hatte. Er gab mir seinen Verdruss, und die
Geringschätzung meiner Person, mit den allerhochmütigsten Stellungen zu
erkennen, jedoch ich kehrete mich an nichts, sondern fieng den verzweiffeltesten
Schwerdt-Kampf mit meinem annoch unbekandten Feinde an, und brachte ihn binnen
einer halben Stunde durch verschiedene schwere Verwundungen dahin, dass er
abermals halb todt und gäntzlich Krafftlos zur Erden sincken musste. Indem ich
aber hinzu trat und seinen Helm öffnete, erkannte ich ihn vor den Sohn eines
vornehmen Königlichen Etaats-Bedienten, Nahmens Don Sebastian de Urrez, der sich
auf die Gnade, so der König seinem Vater erzeigte, ungewöhnlich viel einbildete,
sonsten aber mehr mit Geld und Gütern, als Adelichen Tugenden, Tapffer- und
Geschicklichkeit hervor zu tun wusste. Mir war bekannt, dass ausser einigen,
welche seines Vaters Hülffe bedurfften, sonst niemand von rechtschaffenen
Rittern leicht mit ihm umzugehen pflegte, derowege wandte mich mit einer
verächtlichen Mine von ihm hinweg, uñ sagte zu den Umstehenden: Dass es mir
hertzlich leid sei, meinen allerersten ernstlichen Kampff mit einem Hasen-Kopffe
getan zu haben, weswegen ich wünschen möchte, dass niemand etwas darvon erführe,
setzte mich auch nebst meinem Secundanten Don Alfonso, der seinen Gegner
ebenfalls sehr blutig abgespeiset hatte, sogleich zu Pferde, und ritten zurück
nach Madrit.
    Der alte Urrez hatte nicht bloss dieses Kampffs, sondern seines Sohnes
heftiger Verwundung wegen, alle Mühe angewandt mich bei dem Könige in Ungnade
zu setzen, jedoch seinen Zweck nicht erreichen können, denn wenig Tage hernach,
da ich in dem Königl. Vor-Gemach aufwartete, rief mich derselbe in sein Zimmer,
und gab mir mit wenig Worten zu verstehen: Wie ihm meine Herzhaftigkeit zwar im
geringsten nicht missfiele, allein er sähe lieber, wenn ich mich vor unnötigen
Händeln hütete, und vielleicht in kurtzen desto tapfferer gegen die Feinde des
Königs bezeugte. Ob ich nun gleich versprach, mich in allen Stücken nach Ihro
Majest. allergnädigsten Befehlen zu richten; so konnte doch nicht unterlassen,
bei dem bald darauff angestellten Stier-Gefechte, so wohl als andere Ritter,
einen Wage-Hals mit abzugeben, dabei denn einen nicht geringen Ruhm erlangete,
weil drei unbändige Büffel durch meine Faust erlegt wurden, doch da ich von dem
Letzten einen ziemlichen Schlag an die rechte Hüfften bekommen hatte, nötigte
mich die Geschwulst, nebst dem geronnenen Geblüte, etliche Tage das Bette zu
hüten. Binnen selbiger Zeit lieff ein Schreiben folgendes Innhalts bei mir ein:
                             Don Cyrillo de Valaro.
Warum wendet ihr keinen bessern Fleiss an, euch wiederum öffentlich frisch und
gesund zu zeigen: Denn glaubt sicherlich, man hat zweierlei Ursachen, eurer
Aufführung wegen schwere Rechenschaft zu fordern, erstlich dass ihr euch
unterstanden, beim letztern Turnier eine frembde Liberei zu führen, und vors
andere, dass ihr kein Bedencken getragen, eben dieselbe beim Stier-Gefechte
leichtsinniger Weise zurück zu lassen. Uberlegt wohl, auf was vor Art ihr euch
redlicher Weise verantworten wollet, und wisset, dass dennoch mit euren itzigen
schmertzhaften Zustande einiges Mittleiden hat
                                                        Donna Eleonora de Sylva.
    Ich wusste erstlich nicht zu begreiffen, was dieses Fräulein vor Ursach
hätte, mich, meiner Aufführung wegen zur Rede zu setzen; biss mir endlich mein
Leib-Diener aus dem Traume halff. Denn dieser hatte von der Donna Eleonora
vertrauten Aufwärterin so viel vernommen, dass Don Sebastian de Urrez bei
selbigen Fräulein bishero in ziemlich guten Credit gestanden, nunmehro aber
denselben auf einmal gäntzlich verloren hätte, indem er sie wahnsinniger Weise
einer groben Untreue und Falschheit beschuldigte. Also könnte ich mir leichtlich
die Rechnung machen, dass Eleonora, um sich rechtschaffen an ihm zu rächen, mit
meiner Person entweder eine Schertz- oder Ernstafte Liebes-Intrigue
anzuspinnen suchte.
    Diese Mutmassungen schlugen keines weges fehl, denn da ich nach völlig
erlangter Gesundheit im königlichen Lust Garten zu Buen-Retiro Gelegenheit nahm
mit der Eleonora ohne beisein anderer Leute zu sprechen, wollte sie sich zwar
anfänglich ziemlich kaltsinnig und verdriesslich stellen, dass ich mir ohne ihre
Erlaubnis die Freiheit genommen, Dero Liberei und Bildnis zu führen; Jedoch so
bald ich nur einige trifftige Entschuldigungen nebst der Schmeichelei
vorgebracht, wie ich solche Sachen als ein besonderes Heiligtum zu verehren,
und keinem Ritter, wer der auch sei, nicht anders als mit Verlust meines Lebens,
zurück zu geben gesonnen wäre, fragte sie mit einer etwas gelassnern Stellung:
Wie aber, wenn ich dasjenige, was Don Sebastian nachlässiger Weise verloren, ihr
aber zufälliger Weise gefunden, und ohne meine Vergünstigung euch zugeeignet
habt, selbst zurück begehre? So muss ich zwar, gab ich zur Antwort, aus
schuldigen Respect eurem Befehle und Verlangen ein Genügen leisten, jedoch
darbei erkennen, dass ihr noch grausamer seid als das Glücke selbst, über dessen
Verfolgung sich sonsten die Unglückseeligen eintzig und allein zu beklagen
pflegen. Es ist nicht zu vermuten, sagte sie hierauff, dass euch hierdurch eine
besondere Glückseeligkeit zuwachsen würde, wenn gleich dergleichen Kleinigkeiten
in euren Händen blieben. Und vielleicht darum, versetzte ich, weil Don Sebastian
eintzig und allein bei eurer schönen Person glückseelig sein und bleiben soll?
Unter diesen Worten trat der Donna Eleonora das Blut ziemlich in die Wangen, so
dass sie eine kleine Weile inne hielt, endlich aber sagte: Seid versichert Don
Valaro dass Urrez Zeit seines Lebens weniger Gunst-Bezeugungen von mir zu hoffen
hat, als der allergeringste Edelmann, denn ob ich mich gleich vor einiger Zeit
durch gewisse Personen, die ich nicht nennen will, bereden lassen, vor ihn
einige Achtbarkeit, oder wohl gar einige Liebe zu hegen, so ist mir doch
nunmehro seine ungeschickte und pöbelhafte Aufführung besser bekannt und zum
rechten Eckel und Abscheu worden. Ich weiss ihm, sprach ich darauff, weder böses
noch guts nachzusagen, ausser dem, dass ihn wenig rechtschaffene Ritter ihres
Umgangs gewürdiget. Allein er ist nicht darum zu verdencken, dass er dergleichen
Schmach jederzeit wenig geachtet, indem ihn das Vergnügen, sich von dem
allerschönsten Fräulein am ganzen Hofe geliebt zu sehen, dieserhalb sattsam
trösten können.
    Donna Eleonora vermerckte vielleicht, dass sie ihre gegen sich selbst
rebellirenden Affecten in die Länge nicht würde zwingen können, denn sie musste
sich freilich in ihr Hertz hinein schämen, dass selbiges bisher einem solchen
übel berüchtigten Ritter offen gestanden, der sich bloss mit seinem Weibisschen
Gesichte, oder etwa mit Geschencken und sclavischen Bedienungen bei ihr
eingeschmeichelt haben mochte; Derowegen sagte sie mit einer etwas
verdriesslichen Stimme: Don Cyrillo, lasset uns von diesem Gespräch abbrechen,
denn ich mag den verächtlichen Sebastian de Urrez nicht mehr erwähnen hören, von
euch aber will ich ausbitten, mir die nichtswürdigen Dinge zurück zu senden,
damit ich in Verbrennung derselben, zugleich das Angedencken meines
abgeschmackten bisherigen Liebhabers vertilgen kann. Was soll denn, versetzte
ich, das unschuldige Band und das artige Bildnis den Frevel eines nichtswürdigen
Menschen büssen, gewisslich diese Sachen werden noch in der Asche ihren hohen
Wert behalten, indem sie von so schönen Händen gekommen, um aber das
verdriessliche Angedencken auszurotten, so erzeiget mir die Gnade und gönnet
meinem Hertzen die erledigte Stelle in dem eurigen, glaubt anbei gewiss, dass
mein ganzes Wesen sich jederzeit dahin bestreben wird, eurer unschätzbaren
Gegen-Gunst würdiger zu sein als der liederliche Urrez.
    Donna Eleonora mochte sich ohnfehlbar verwundern, dass ich als ein junger 18.
jähriger Ritter allbereit so dreuste und alt-klug als der erfahrenste Liebhaber
reden konnte, replicirte aber dieses: Don Cyrillo, eure besondere Tapfer- und
Geschicklichkeit, hat sich zwar zu fast aller Menschen Verwunderung schon
sattsam spüren lassen, indem ihr in Schertz- und Ernstaften Kämpffen Menschen
und Tiere überwunden, aber mein Hertz muss sich dennoch nicht so leicht
überwinden lassen, sondern vielmehr der Liebe auf ewig absagen, weil es das
erste mahl unglücklich im wählen gewesen, derowegen verschonet mich in Zukunft
mit dergleichen verliebten Anfällen, erfüllet vielmehr mein Begehren mit
baldiger Ubersendung der verlangten Sachen.
    Ich hätte wider diesen Ausspruch gern noch ein und andere Vorstellungen
getan, allein die Ankunft einiger Ritter und Damen verhinderte mich vor dieses
mahl. So bald ich nach diesem allein in meiner Kammer war, merckete mein
Verstand mehr als zu deutlich, dass der ganze Mensch von den Annehmlichkeiten
der Donna Eleonora bezaubert wäre, ja mein Hertze empfand eine dermassen
heftige Liebe gegen dieselbe, dass ich diejenigen Stunden vor die
allertraurigsten und verdriesslichsten hielt, welche ich ohne sie zu sehen
hinbringen musste. Derowegen nahm meine Zuflucht zur Feder, und schrieb einen der
allerverliebtesten Briefe an meinen Leitstern, worinnen ich hauptsächlich bat,
nicht allein mich zu ihrem Liebhaber auf und anzunehmen, sondern auch die
Liberei nebst Dero Bildnisse zum ersten Zeichen ihrer Gegen-Gunst in meinen
Händen zu lassen.
    Zwei ganzer Tage lang liess sie mich hierauff zwischen Furcht und Hoffnung
zappeln, biss ich endlich die halb erfreuliche und halb traurige Antwort erhielt:
Ich möchte zwar behalten, was ich durch Glück und Tapfferkeit mir zugeeignet
hätte, doch mit dem Bedinge: Dass ich solches niemahls wiederum öffentlich
zeigen, sondern vor jedermann geheim halten solle. Uber dieses sollte mir auch
erlaubt sein, sie morgenden Mittag in ihren Zimmer zu sprechen, allein abermals
mit der schweren Bedingung: Dass ich kein eintziges Wort von Liebes-Sachen
vorbrächte.
    Dieses Letztere machte mir den Kopff dermassen wüste, dass ich mir weder zu
raten noch zu helffen wusste, und an der Eroberung dieses Felsen-Hertzens schon
zu zweiffeln begunte, ehe noch ein recht ernstlicher Sturm darauff gewagt war.
Allein meine Liebe hatte dermahlen mehr Glücke als ich wünschen mögen, denn auf
den ersten Besuch, worbei sich mein Gemüte sehr genau nach Eleonorens Befehlen
richtete, bekam ich die Erlaubnis ihr täglich nach der Mittags-Mahlzeit
aufzuwarten, und die Zeit mit dem Bret-Spiele zu verkürtzen. Da aber meine
ungewöhnliche Blödigkeit nebst ihrem ernstlich wiederholten Befehle das
verliebte Vorbringen lange genung zurück gehalten hatten, gab ich die feurige
Eleonora endlich selbst Gelegenheit, dass ich meine heftigen Seuffzer und Klagen
kniend vor derselben ausstiess, und mich selbst zu erstechen drohete, woferne sie
meine alleräuserste Liebe nicht mit gewünschter Gegen-Gunst beseeligte.
    Demnach schiene sie auf einmal anders Sinnes zu werden, und kurtz zu sagen,
wir wurden von derselben Stunde an solche vertraute Freunde miteinander, dass
nichts als die Priesterliche Einsegnung fehlte, uns beide zu dem
allervergnügtesten Paare ehelicher Personen zu machen. Immittelst hielten wir
unsere Liebe dennoch dermassen heimlich, dass zwar der ganze Hof von unserer
sonderbaren Freundschaft zu sagen wusste, die Wenigsten aber glaubten, dass unter
uns annoch sehr jungen Leuten allbereits ein würckliches Liebes-Verbündnis
errichtet sei.
    Es war niemand vorhanden der eins oder das andere zu verhindern trachtete,
denn mein eintziger Feind Don Sebastian de Urrez hatte sich, so bald er wieder
genesen, auf die Reise in frembde Länder begeben. Also lebte ich mit meiner
Eleonora über ein Jahr lang im süssesten Vergnügen, und machte mich anbei dem
Könige und dessen Familie dermassen beliebt, dass es das Ansehen hatte, als ob
ich dem Glücke gäntzlich im Schoss sässe.
    Mittlerweile da König Carl der VIII. in Franckreich, im Jahr 1494. den
Krieges-Zug wider Neapolis vorgenommen hatte, fanden sich verschiedene junge
vornehme Neapolitanische Herren am Castilianischen Hofe ein. Einer von selbigen
hatte die Donna Eleonora de Sylva kaum zum erstenmahle erblickt, als ihn dero
Schönheit noch geschwinder als mich zum verliebten Narren gemacht hatte. Ich
vermerckte mehr als zu frühe, dass er sich aufs eiffrigste angelegen sein liess,
mich bei ihr aus dem Sattel zu heben, und sich an meine Stelle hinein zu
schwingen, jedoch weil ich mich der Treue meiner Geliebten höchst versichert
schätzte, über dieses der Höflichkeit wegen einem Fremden etwas nachzusehen
verbunden war, liess sich mein vergnügtes Hertze dieserwegen von keinem besondern
Kummer anfechten. Allein mit der Zeit begunte der hoffärtige Neapolitaner meine
Höflichkeit vor eine niederträchtige Zaghaftigkeit zu halten, machte sich also
immer dreuster und riss eines Tages der Eleonora einen Blumen-Strauss aus den
Händen, welchen sie mir, indem ich hurtig vorbei ging, darreichen wollte. Ich
konnte damahls weiter nichts tun, als ihm meinen dieserhalb geschöpfften Verdruss
mit den Augen zu melden, indem ich dem Könige eiligst nachfolgen musste, allein
noch selbigen Abend kam es unter uns beiden erstlich zu einem höhnischen, bald
aber zum schimpfflichsten Wort-Wechsel, so dass ich mich genötiget fand, meinen
Mit-Buhler kommenden Morgen auf ein paar spitzige Lantzen und wohlgeschliffenes
Schwerdt hinaus zu fordern. Dieser stellete sich hierüber höchst vergnügt an,
und und vermeinte mit einem solchen zarten Ritter, der ich zu sein schiene, gar
bald fertig zu werden, ohngeacht der Prahler die Jünglings-Jahre selbst noch
nicht ganz überlebt hatte; Allein noch vor Mitter-Nacht liess mir der König
durch einen Officier von der Leib-Wacht befehlen, bei Verlust aller seiner
Königl. Gnade u. meines zeitlichen Glücks, mich durchaus mit dem Neapolitaner,
welches ein vornehmer Printz unter verdeckten Nahmen wäre, in keinen Zwei-Kampf
einzulassen, weiln der König unsere nichtswürdige Streit-Sache ehester Tages
selbst beilegen wollte.
    Ich hätte hierüber rasend werden mögen, musste aber dennoch gehorsamen, weil
der Officier Ordre hatte, mich bei dem geringsten widerwärtigen Bezeigen
sogleich in Verhaft zu nehmen. Eleonora bemühete sich, so bald ich ihr mein
Leid klagte, durch allerhand Schmeicheleien dasselbe zu vernichten, indem sie
mich ihrer vollkommenen Treue gäntzlich versicherte, anbei aber hertzlich bat,
ihr nicht zu verargen, dass sie auf der Königin Befehl, gewisser Staats-Ursachen
wegen, dem Neapolitaner dann und wann einen Zutritt nebst einigen geringen
Liebes-Freiheiten erlauben müste, inzwischen würde sich schon mit der Zeit noch
Gelegenheit finden, dessfalls Rache an meinem Mit-Buhler auszuüben, wie sie denn
nicht zweiffelte, dass er sich vor mir fürchte, und dieserwegen selbst unter der
Hand das Königl. Verbot auswürcken lassen.
    Ich liess mich endlich, wiewohl mit grosser Mühe, in etwas besänftigen,
allein es hatte keinen langen Bestand, denn da der König die Untersuchung
unserer Streit-Sache verzögerte u. ich dem Neapolitaner allen Zutritt bei
Eleonoren aufs möglichste verhinderte, gerieten wir unverhofft aufs neue
zusammen, da der Neapolitaner Eleonoren im Königlichen Lust-Garten an der Hand
spazieren führete, und ich ihm vorwarff: Wie er sich deñoch besser anzustellen
wisse, ein Frauenzimmer, als eine Lantze oder blosses Schwerdt an der Hand zu
führen. Er beteuerte hierauff hoch, meine frevele Reden sogleich mit seinem
Seiten-Gewehr zu bestraffen, wenn er nicht befürchtete den Burg-Frieden im
Königl. Garten zu brechen; Allein ich gab mit einem höhnischen Gelächter zu
verstehen: Wie es nur bei ihm stünde, mir durch eine kleine Pforte auf einen
sehr bequemen Fecht-Platz zu folgen, der nur etwa 100. Schritte von dannen sei,
und gar nicht zur Burg gehöre.
    Alsobald machte der Neapolitaner Eleonoren, die vor Angst an allen Gliedern
zitterte, einen Reverentz, und folgte mir auf einen gleichen Platz ausserhalb
des Gartens, allwo wir Augenblicklich vom Leder zohen, um einander etliche
blutige Characters auf die Cörper zu zeichnen.
    Der erste Hieb geriet mir dermassen glücklich, dass ich meinem Feinde
sogleich die wallenden Adern am Vorder-Haupt eröffnete, weil ihm nun
solchergestalt das häuffig herabfliessende Blut die Augen ziemlich verdunckelte,
hieb er dermassen blind auf mich los, dass ich ebenfalls eine kleine Wunde über
den rechten Arm bekam, jedoch da er von mir in der Geschwindigkeit noch zwei
starcke Hiebe empfangen davon der eine in die Schulter, und der andere in den
Hals gedrungen war, sanck mein feindseeliger Neapolitaner ohnmächtig zu Boden.
Ich sah nach Leuten, die ihn verbinden und hinweg tragen möchten, befand mich
aber im Augenblick von der Königl. Leibwacht umringet, die mir mein Quartier in
demjenigen Turme, wo noch andere Ubertreter der Königl. Gebote logirten, ohne
alle Weitläufftigkeit zeigeten. Hieselbst war mir nicht erlaubt an jemanden zu
schreiben, vielweniger einen guten Freund zu sprechen, jedoch wurde mit den
köstlichsten Speisen und Geträncke zum Uberflusse versorgt, und meine geringe
Wunde von einem Chirurgo alltäglich zweimal verbunden, welche sich binnen 12.
Tagen zu völliger Heilung schloss.
    Eines Abends, da der Chirurgus ohne beisein der Wacht mich verbunden, und
allbereit hinweg gegangen war, kam er eiligst wieder zurück und sagte: Mein
Herr! jetzt ist es Zeit, euch durch eine schleunige Flucht selbst zu befreien,
denn ausserdem, dass kein eintziger Mann von der Wacht vorhanden, so stehen alle
Türen eures Gefängnisses offen, darum eilet und folget mir! Ich besonne nicht
lange, ob etwa dieser Handel mit fleiss also angestellet wäre oder nicht, sondern
warff augenblicklich meine völlige Kleidung über mich, und machte mich nebst dem
Chirurgo in gröster Geschwindigkeit auf den Weg, beschenckte denselben mit einer
Hand voll Gold-Kronen, und kam ohne eintzigen Anstoss in des Don Gonsalvo
Ferdinando de Cordua, als meiner Mutter leiblichen Bruders Behausung an, dessen
Sohn Don Alphonso mir nicht allein den sichersten heimlichen Auffentalt
versprach, sondern sich zugleich erbot, alles auszuforschen, was von meiner
Flucht bei Hofe gesprochen würde.
    Da es nun das Ansehen hatte, als ob der König dieserwegen noch heftiger auf
mich erbittert worden, indem er meine gehabte Wacht selbst gefangen zu setzen,
und mich auf allen Strassen und im ganzen Lande aufzusuchen befohlen;
vermerckte ich mehr als zu wohl, dass in Castilien meines bleibens nicht sei,
liess mir derowegen von meiner Mutter eine zulängliche Summe Reise-Gelder
übersenden, und practicierte mich, nach verlauff etlicher Tage, heimlich durch
nach Portugal, allwo ich in dem nächsten Hafen zu Schiffe und nach Engelland
übergieng, um daselbst unter König Henrico VII. der, der gemeinen Sage nach, mit
den Schotten und einigen Rebellen Krieg anfangen wollte, mich in den Waffen zu
üben. Allein meine Hoffnung betrog mich ziemlicher massen, indem dieses
Kriegs-Feuer bei zeiten in seiner Asche erstickt wurde. Ich hatte zwar das Glück
dem Könige aufzuwarten, und nicht allein seines mächtigen Schutzes, sondern auch
künftiger Beförderung vertröstet zu werden, konnte aber leicht erraten, dass das
Letztere nur leere Worte wären, und weil mir ausserdem der Englische Hof
allzuwenig lebhaft vorkam, so hielt mich nur einige Monate daselbst auf, besah
hierauff die vornehmsten Städte des Reichs, ging nach diesen wiederum zu
Schiffe, und reisete durch die Niederlande an den Hof Kaysers Maximiliani, allwo
zur selbigen Zeit alles Vergnügen, so sich ein junger Ritter wünschen konnte, im
grösten Uberflusse blühete. Ich erstaunete über die ganz seltsame Schönheit des
Käyserlichen Printzens Philippi, und weiln bald darauff erfuhr, dass derselbe
ehestens, mit der Castilianischen Princessin Johanna vermählet werden sollte, so
preisete ich dieselbe allbereit in meinen Gedancken vor die allerglücklichste
Princessin, wiewohl mich die hernach folgenden Zeiten und Begebenheiten ganz
anders belehreten.
    Inzwischen versuchte mein äuserstes, mich in dieses Printzen Gunst und Gnade
zu setzen, weil ich die sichere Rechnung machen konnte, dass mein König mich auf
dessen Vorspruch bald wiederum zu Gnaden annehmen würde. Das Glücke war mir
hierbei ungemein günstig, indem ich in verschiedenen Ritter-Spielen sehr
kostbare Gewinste, und in Betrachtung meiner Jugend, vor andern grossen Ruhm
erbeutete. Bei so gestallten Sachen aber fanden sich gar bald einige, die
solches mit scheelen Augen ansahen, unter denen sonderlich ein Savoyischer
Ritter war, der sich besonders Tapffer zu sein einbildete, und immer nach und
nach Gelegenheit suchte, mit mir im Ernste anzubinden. Er fand dieselbe endlich
noch ehe als er vermeinte, wurde aber, in Gegenwart mehr als tausend Personen,
fast tödtlich verwundet vom Platze getragen, dahingegen ich an meinen drei
leichten Wunden nicht einmal das Bette hüten durffte, sondern mich täglich bei
Hofe öffentlich zeigen konnte. Wenig Wochen darnach wurde ein Gallier fast mit
gleicher Müntze von mir bezahlet, weil er die Spanischen Nationen mit
ehrenrührigen Worten, und zwar in meinem Beisein angriff. Doch eben diese beiden
Unglücks-Consorten hetzten den dritten Feind auf mich, welches ebenfalls ein
Neapolitaner war, der nicht so wohl den Savoyer und Gallier, sondern vielmehr
seinen in Madrit verunglückten Lands-Mann an mir rächen wollte.
    Er machte ein ungemeines Wesen von sich, bat unseres Zwei-Kampffs wegen bei
dem Käyser selbst, nicht allein die Vergünstigung, sondern auch frei und sicher
Geleite aus, in so ferne er mich entleibte, welches ihm der Käyser zwar
anfänglich abschlug, jedoch endlich auf mein untertänigstes Ansuchen
zugestunde.
    Demnach wurden alle Anstallten zu unserm Mord-Spiele gemacht, welchem der
Käyser nebst dessen ganzer Hofstatt zusehen wollte. Wir erschienen also
beiderseits zu gehöriger Zeit auf dem bestimmten Platze, mit Wehr, Waffen und
Pferden aus dermassen wohl versehen, brachen unsere Lantzen ohne besondern
Vorteil, griffen hierauff zun Schwerdtern, worbei ich gleich anfänglich
spürete: Dass mein Gegner kein ungeübter Ritter sei, indem er mir dermassen
heftig zusetzte, dass ich eine ziemliche Weile nichts zu tun hatte, als seine
geschwinden Streiche abzuwenden. Allein er war sehr starck und ungeschickt,
mattete sich also in einer vierteils Stunde also heftig ab, dass er lieber
gesehen, wenn ich ihm erlaubt hätte, etwas auszuruhen. Jedoch ich musste mich
dieses meines Vorteils auch bedienen, zumahlen sich an meiner rechten Hüffte
die erste Verwundung zeigte, derowegen fieng ich an, meine besten Kräfte zu
gebrauchen, brachte auch die nachdrücklichsten Streiche auf seiner Sturm-Hauben
an, worunter mir einer also Missriet, dass seinem Pferde der Kopf gespalten, u.
er herunter zu fallen genötiget wurde. Ich stieg demnach gleichfalls ab, liess
ihn erstlich wieder aufstehen, und traten also den Kampf zu Fusse, als ganz von
neuen wieder an. Hierbei dreheten wir uns dermassen oft und wunderlich herum,
dass es das Ansehen hatte als ob wir zugleich tantzen und auch fechten müsten,
mittlerweile aber drunge allen beiden das Blut ziemlicher massen aus den
zerkerbten Harnischen heraus, jedoch mein Gegner fand sich am meisten
entkräfftet, weswegen er auf einige Minuten Stillstand begehrte, ich vergönnete
ihm selbigen, und schöpffte darbei selbst neue Kräffte, zumahlen da ich sah,
dass mir der Käyserl. Printz ein besonderes Zeichen seiner Gnade sehen liess. So
bald demnach mein Feind sein Schwerdt wiederum in die Höhe schwunge, liess ich
mich nicht träge finden, sondern versetzte ihm einen solchen gewaltsamen Hieb in
das Haupt dass er zu taumeln anfieng, und als ich den Streich wiederholet,
endlich todt zur Erden stürtzte. Ich warff mein Schwerdt zurück, nahete mich
hinzu, um durch Abreissung des Helms ihm einige Lufft zu schaffen, da aber das
Haupt fast biss auf die Augen gespalten war, konnte man gar leicht begreiffen, wo
die Seele ihre Ausfahrt genommen hatte, derowegen überliess ihn der Besorgung
seiner Diener, setzte mich zu Pferde und ritte nach meinem Quartiere, allwo ich
meine empfangenen Wunden, deren ich zwei ziemlich tieffe und 6. etwas geringere
aufzuweisen hatte, behörig verbinden liess.
    Dieser Glücks-Streich brachte mir nicht allein am ganzen Käyserl. Hofe
grosse Achtbarkeit, sondern des Käyserl. Printzens völlige Gunst zuwege, so dass
er mich in die Zahl seiner Leib-Ritter aufnahm, und jährlich mit einer starcken
Geld-Pension versah. Hierbei erhielt ich Erlaubnis, nicht allein die
vornehmsten teutschen Fürsten-Höfe, sondern auch die Königreiche Böhmen, Ungarn
und Pohlen zu besuchen, worüber mir die Zeit geschwinder hinlieff als ich
gemeinet hatte, indem ich nicht ehe am Käyserl. Hofe zurück kam, als da die
Princessin Margareta unserm Castilianischen Cron-Printzen Johanni als Braut
zugeführet werden sollte. Da nun der Käyserl. Printz Philippus dieser seiner
Schwester das Geleite nach Castilien gab, bekam ich bei solcher Gelegenheit mein
geliebtes Vaterland, nebst meiner allerliebsten Eleonora wieder zu sehen, indem
mich König Ferdinandus, auf Vorbitte der Käyserl. und seiner eigenen Kinder, zu
Gnaden annahm, und den ehemals begangenen Fehler gäntzlich zu vergessen
versprach.
    Es ist nicht zu beschreiben was die Donna Eleonora vor eine ungewöhnliche
Freude bezeigte, da ich den ersten Besuch wiederum bei ihr ablegte, hiernächst
wusste sie mich mit ganz neuen und sonderbaren Liebkosungen dermassen zu
bestricken, dass meine ziemlich erkaltete Liebe weit feuriger als jemahls zu
werden begunte, und ob mir gleich meine besten Freunde dero bisherige Aufführung
ziemlich verdächtig machten, und mich von ihr abzuziehen trachteten; indem
dieselbe nicht allein mit dem Neapolitaner, der sich, nach Heilung seiner von
mir empfangenen Wunden, noch über ein Jahr lang in Madrit aufgehalten, eine
allzugenaue Vertraulichkeit sollte gepflogen, sondern nächst diesem auch allen
andern Frembdlingen verdächtige Zugänge erlaubt haben; so war doch nichts
vermögend mich aus ihren Banden zu reissen, denn so oft ich ihr nur von
dergleichen verdriesslichen Dingen etwas erwehnete, wusste sie von ihrer
verfolgten Unschuld ein solches Wesen zu machen, und ihre Keuschheit so wohl mit
grossen Beteuerungen als heissen Tränen dermassen zu verfechten, dass ich ihr in
allen Stücken völligen Glauben beimessen, und mich glücklich schätzen musste,
wenn sich ihr in Harnisch gebrachtes Gemüte durch meine kniende Abbitte und
äusersten Liebes-Bezeugungen nur wiederum besänftigen liess.
    Da nun solchergestalt alle Wurtzeln der Eifersucht von mir ganz frühzeitig
abgehauen wurden, und sich unsere Hertzen aufs neue vollkommen vereinigt hatten,
über dieses meine Person am ganzen Hofe immer in grössere Achtbarkeit kam, so
bedünckte mich, dass das Missvergnügen noch weiter von mir entfernet wäre, als der
Himmel von der Erde. Nachdem aber die, wegen des Cron-Printzens Vermählung,
angestelleten Ritter-Spiele und andere vielfältige Lustbarkeiten zum Ende
gebracht, gab mir der König ein neues Regiment Fuss-Volck, und damit meine Waffen
nicht verrosten möchten, schickte er mich nebst noch mehrern gegen die um
Granada auf dem Gebürge wohnenden Maurer zu Felde, welche damahls allerhand lose
Streiche machten, und eine förmliche Empörung versuchen wollten. Dieses war mein
allergröstes Vergnügen, alldieweilen hiermit Gelegenheit hatte meines lieben
Vaters frühzeitigen Tod an dieser verfluchten Nation zu rächen, und gewiss, sie
haben meinen Grimm sonderlich im 1500ten und folgenden Jahre, da ihre Empörung
am heftigsten war, dermassen empfunden, dass dem Könige nicht gereuen durffte
mich dahin geschickt zu haben.
    Immittelst war Ferdinandus mit Ludovico XII. Könige in Franckreich, über das
Königreich Neapolis, welches sie doch vor kurtzer Zeit unter sich geteilet, und
den König Friedericum dessen entsetzt hatten, in Streit geraten, und mein
Vetter Gonsalvus Ferdinandus de Cordua, der die Spanischen Truppen im
Neapolitanischen en Chef kommandierte, war im Jahr 1502. so unglücklich gewesen,
alles zu verliehren, bis auf die eintzige Festung Barletta. Demnach schrieb er
um schleunigen Succurs, und bat den König, unter andern mich, als seiner
Schwester Sohn mit dahin zu senden. Der König willfahrete mir und ihm in diesen
Stücke, also ging ich fast zu Ende des Jahres zu ihm über. Ich wurde von meinem
Vetter, den ich in vielen Jahren nicht gesehen, ungemein liebreich empfangen,
und da ich ihm die erfreuliche Zeitung von den bald nachkommenden frischen
Völckern überbrachte, wurde er desto erfreuter, und zweiffelte im geringsten
nicht, die Scharte an denen Frantzosen glücklich auszuwetzen, wie er sich denn
in seinem Hoffnungs vollen Vorsatze nicht betrogen fand, denn wir schlugen die
Frantzosen im folgenden 1503ten Jahre erstlich bei Cereniola, rückten hierauff
vor die Haupt-Stadt Neapolis, welche glücklich erobert wurde, lieferten ihnen
noch eine uns vorteilhafte Schlacht bei dem Flusse Garigliano, und brachten,
nachdem auch die Festung Cajeta eingenommen war, das ganze Königreich Neapolis,
unter Ferdinandi Botmässigkeit, so dass alle Frantzosen mit grösten Schimpf daraus
vertrieben waren. Im folgenden Jahre wollte zwar König Ludovicus uns mit einer
weit stärckern Macht angreiffen, allein mein Vetter hatte sich, vermöge seiner
besondern Klugheit, in solche Verfassung gesetzt, dass ihm nichts abzugewinnen
war. Demnach machten die Frantzosen mit unserm Könige Friede und Bündnis, ja
weil Ferdinandi Gemahlin Isabella eben in selbigem Jahre gestorben war, nahm
derselbe bald hernach eine Frantzösische Dame zur neuen Gemahlin, und wollte
seinen Schwieger-Sohn Philippum verhindern, das, durch den Tod des Cron-Printzen
auf die Princessin Johannam gefallene, Castilien in Besitz zu nehmen. Allein
Philippus drunge durch, und Ferdinandus musste nach Arrogonien weichen.
    Mittlerweile hatte sich mein Vetter Gonsalvus zu Neapolis in grosses Ansehen
gesetzt, regierte daselbst, jedoch zu Ferdinendi grösten Nutzen, als ein
würcklicher König, indem alle Untertanen Furcht und Liebe vor ihm hegten.
Allein so bald Ferdinandus dieses etwas genauer überlegte, entstund der Argwohn
bei ihm: Ob vielleicht mein Vetter dahin trachtete, dieses Königreich dem
Philippo zuzuschantzen, oder sich wohl gar selbst dessen Krone auf seinen Kopf
zu setzen? Derowegen kam er unvermutet in eigener Person nach Neapolis,
stellete sich zwar gegen Gonsalvum ungemein gnädig, hielt auch dessen gemachte
Reichs-Anstalten vor genehm, allein dieser verschlagene Mann merckte deñoch, dass
des Königs Freundlichkeit nicht von Hertzen gienge, dem ohngeacht verliess er
sich auf sein gut Gewissen, und reisete, ohne einige Schwürigkeit zu machen, mit
dem Könige nach Arrogonien, allwo er vor seine treu geleisteten Dienste, mehr
Hohn und Spott, als Danck und Ruhm zum Lohne empfieng. Meine Person, die
Ferdinando ebenfalls verdächtig vorkam, musste meines Vetters Unfall zugleich mit
tragen, jedoch da ich in Aragonien ausser des Königs Gunst nichts zu suchen,
sondern mein Väter- und Mütterliches Erbteil in Castilien zu fordern hatte,
nahm ich daselbst meinen Abschied, und reisete zu Philippo, bei dessen Gemahlin
die Donna Eleonora de Sylva aufs neue in Dienste getreten, und eine von ihren
vornehmsten Etaats-Fräuleins war.
    Philippus gab mir sogleich eine Cammer-Herrens-Stelle, nebst starcken
jährlichen Einkünften, also heiratete ich wenig Monate hernach die Donna
Eleonora, allein ob sich hiermit gleich ein besonders schöner, weiblicher Cörper
an den Meinigen fügte, so fand ich doch in der genausten Umarmung bei weiten
nicht dasjenige Vergnügen, wovon die Naturkündiger so vieles Geschrei machen,
und beklagte heimlich, dass ich auf dergleichen ungewisse Ergötzlichkeit, mit so
vieljähriger Beständigkeit gewartet, und den ehemaligen Zuredungen meiner
vertrauten Freunde nicht mehrern Glauben gegeben hatte.
    Jedoch ich nahm mir sogleich vor, dergleichen unglückliches Verhängnis mit
möglichster Gelassenheit zu verschmertzen, auch meiner Gemahlin den
allzuzeitlich gegen sie gefasseten Eckel auf alle Weise zu verbergen, immittelst
mein Gemüte nebst eiffrigen Dienstleistungen gegen das Königliche Haus, mit
andern vergönnten Lustbarkeiten zu ergötzen.
    Das Glücke aber, welches mir biss in mein dreissigstes Jahr noch so ziemlich
günstig geschienen, mochte nunmehro auf einmal beschlossen haben, den Rücken
gegen mich zu wenden. Denn mein König und mächtiger Versorger starb im folgenden
1506ten Jahre, die Königin Johanna, welche schon seit einigen Jahren an
derjenigen Ehe-Stands-Kranckheit laborirte, die ich in meinen Adern fühlete,
jedoch nicht eben dergleichen Artzenei, als ich, gebrauchen wollte oder konnte,
wurde, weil man so gar ihren Verstand verrückt glaubte, vor untüchtig zum
regieren erkannt, derowegen entstunden starcke Verwirrungen unter Grossen des
Reichs, biss endlich Ferdinandus aus Arragonien kam, und sich mit zurücksetzung
des 6. jährigen Cron-Printzens Caroli, die Regierung des Castilianischen Reichs
auf Lebens-Zeit wiederum zueignete.
    Ich weiss nicht ob mich mein Eigensinn oder ein allzu schlechtes Vertrauen
abhielt, bei diesem meinem alten, und nunmehro recht verneuerten Herrn, um die
Bekräfftigung meiner Ehren-Stelle und damit verknüpffter Besoldung anzuhalten,
wie doch viele meines gleichen taten, zumahlen da er sich sehr gnädig gegen
mich bezeigte, und selbiges nicht undeutlich selbst zu verstehen gab; Jedoch ich
stellete mich in diesen meinen besten Jahren älter, schwächer und kräncklicher
an als ich war, bat mir also keine andere Gnade aus, als dass mir die übrige
Zeit meines Lebens auf meinen Väterlichen Land-Gütern in Ruhe hinzubringen
erlaubt sein möchte, welches mir denn auch ohne alle Weitläufftigkeiten
zugelassen wurde.
    Meine Gemahlin schien hiermit sehr übel zu frieden zu sein, weil sie
ohnfehlbar gewisser Ursachen wegen viellieber bei Hofe geblieben wäre, jedoch,
sie sah sich halb gezwungen, meinem Willen zu folgen, gab sich derowegen ganz
gedultig drein. Ich fand meine Mutter nebst der jüngsten Schwester auf meinem
besten Ritter-Gute, welche die Hausshaltung daselbst in schönster Ordnung
führeten. Mein jüngster Bruder hatte so wohl als die älteste Schwester eine
vorteilhafte und vergnügte Heirat getroffen, und wohneten der erste zwei, und
die letztere drei Meilen von uns. Ich verheiratete demnach, gleich in den
ersten Tagen meiner Dahinkunft, die jüngste Schwester an einen reichen und
qualificierten Edelmann, der vor etlichen Jahren unter meinem Regiment als
Hauptmann gestanden hatte, und unser Gräntz-Nachbar war, die Mutter aber behielt
ich mit grösten Vergnügen bei mir, allein zu meinem noch grössern Schmertzen
starb dieselbe ein halbes Jahr darauf plötzlich, nachdem ich ihr die Freude
gemacht, nicht allein meinen Schwestern ein mehreres Erbteil auszuzahlen, als
sie mit Recht verlangen konten, sondern auch dem Bruder die Helffte aller meiner
erblichen Ritter-Güter zu übergeben, als wodurch diese Geschwister bewogen
wurden, mich nicht allein als Bruder, sondern als einen Vater zu ehren und zu
lieben.
    Nunmehro war die Besorgung der Ländereien auf drei nahe beisammen gelegenen
Ritter-Gütern mein allervergnügtester Zeitvertreib, nächst dem ergötzte mich in
Durchlesung der Geschichte, so in unsern und andern Ländern vorgegangen waren,
damit mich aber niemand vor einen Geitzhalss oder Grillenfänger ansehen möchte,
so besuchte meine Nachbaren fleissig, und ermangelte nicht, dieselben zum öfftern
zu mir zu bitten, woher denn kam, dass zum wenigsten alle Monat eine starcke
Zusammenkunft vieler vornehmer Personen beiderlei Geschlechts bei mir
anzutreffen war.
    Mit meiner Gemahlin lebte ich ungemein ruhig und verträglich, und ohngeacht
wir beiderseits wohl merckten, dass eins gegen das andere etwas besonders müste
auf dem Hertzen liegen haben, so wurde doch alle Gelegenheit vermieden, einander
zu kräncken. Am allermeisten aber musste bewundern, dass die sonst so lustige
Donna Eleonora nunmehro ihren angenehmsten Zeitvertreib in geistlichen Büchern
und in dem Umgange mit heiligen Leuten beiderlei Geschlechts suchte, dahero ich
immer befürchtete, sie möchte auf die Gedancken geraten, sich von mir zu
scheiden, und in ein Kloster zu gehen, wie sie denn sich von freien Stücken
gewöhnete, wöchentlich nur zwei mahl bei mir zu schlaffen, worbei ich gleichwohl
merckte, dass sie zur selbigen Zeit im Wercke der Liebe ganz unersättlich war,
dem ohngeacht wollten sich von unserern ehelichen Beiwohnungen gar keine Früchte
zeigen, welche ich doch endlich ohne allen Verdruss hätte um mich dulden wollen.
    Eines Tages, da ich mit meiner Gemahlin auf dem Felde herum spazieren fuhr,
begegnete uns ein Weib, welches nebst einem ohngefähr 12. biss 13. jährigen
Knaben, in die nächst gelegene Stadt Weintrauben zu verkauffen tragen wollte.
Meine Gemahlin bekam Lust, diese Früchte zu versuchen, derowegen liess ich stille
halten, um etwas darvon zu kaufen. Mittlerweile sagte meine Gemahlin heimlich zu
mir: Sehet doch, mein Schatz, den wohlgebildeten Knaben an, der vielleicht sehr
armer Eltern Kind ist, und sich dennoch wohl besser zu unserm Bedienten schicken
sollte, als etliche, die des Brodts nicht würdig sind. Ich nehme ihn, versetzte
ich, so gleich zu eurem Pagen an, so ferne es seine Mutter und er selbst
zufrieden ist. Hierüber wurde meine Gemahlin alsofort vor Freuden Blut-rot,
sprach auch nicht allein die Mutter, sondern den Knaben selbst um den Dienst an,
schloss den ganzen Handel mit wenig Worten, so, dass der Knabe so gleich mit
seinem Frucht-Korbe uns auf unser Schloss folgen musste.
    Ich musste selbst gestehen, dass meine Gemahlin an diesen Knaben, welcher sich
Caspar Palino nennete, keine üble Wahl getroffen hatte, denn so bald er sein
rot mit Silber verbrämtes Kleid angezogen, wusste er sich dermassen geschickt
und höfflich aufzuführen, dass ich ihn selbst gern um mich leiden mochte, und
allen meinen andern Bedienten befahl, diesem Knaben, bei Verlust meiner Gnade,
nicht den geringsten Verdruss anzutun, weswegen sich denn meine Gemahlin gegen
mich ungemein erkänntlich bezeugte.
    Wenige Wochen hernach, da ich mit verschiedenen Gästen und guten Freunden
das Mittags-Mahl einnahm, entstund ein grausames Lermen in meinem Hofe, da nun
dieserwegen ein jeder an die Fenster lieff, wurden wir gewahr, dass meine
Jagd-Hunde eine Bettel-Frau, nebst einer etwa 9. jährigen Tochter zwar
umgerissen, jedoch wenig beschädigt hatten. Meine Gemahlin lieff aus mitleidigen
Antriebe so gleich hinunter, und liess die mehr von Schrecken als Schmertzen
ohnmächtigen Armen ins Haus tragen und erquicken, kam hernach zurück, und sagte:
Ach mein Schatz! was vor ein wunderschönes Kind ersiehet man an diesem
Bettel-Mägdlein, vergönnet mir, wo ihr anders die geringste Liebe vor mich habt,
dass ich selbiges so wohl als den artigen Caspar auferziehen mag.
    Ich nahm mir kein Bedencken, ihr solches zu erlauben, da denn in kurtzen das
Bettel-Mägdlein dermassen heraus geputzt wurde, auch sich solchergestallt in den
Staat zu schicken wusste, als ob es darzu geboren und auferzogen wäre. Demnach
konnte sich die Donna Eleonora alltäglich so vieles Vergnügen mit demselben
machen, als ob dieses Mägdlein ihr liebliches Kind sei, ausserdem aber
bekümmerte sie sich wenig oder gar nichts um ihre Hausshaltungs-Geschäffte,
sondern wendete die meiste Zeit auf einen strengen GOttes-Dienst, den sie nebst
einer heiligen Frauen oder so genannten Beata zum öfftern in einem
verschlossenen Zimmer verrichtete.
    Diese Beata lebte sonst gewöhnlich in dem Hospital der Heil. Mutter GOttes
in Madrid, hatte, meiner Gemahlin Vorgeben nach, einen Propheten-Geist, sollte
viele Wunder getan haben, und noch tun können, über dieses fast täglicher
Erscheinungen der Mutter GOttes, der Engel und anderer Heiligen gewürdiget
werden. Sie kam gemeiniglich Abends in der Demmerung mit verhüllten Gesichte,
und brachte sehr öffters eine ebenfalls verhüllete junge Weibs-Person mit, die
sie vor ihre Tochter ausgab. Ein eintziges mahl wurde mir vergönnet, ihr blosses
Angesicht zu sehen, da ich denn bei der Alten ein ausserordentlich hässliches
Gesichte, die Junge aber ziemlich wohlgebildet wahrnahm, jedoch nachhero
bekümmerte ich mich fast ganz und gar nicht mehr um ihren Aus- und Eingang,
sondern liess es immerhin geschehen, dass diese Leute, welche ich so wohl als
meine Gemahlin vor scheinheilige Narren hielt, öffters etliche Tage und Wochen
aneinander in einem verschlossenen Zimer sich aufgehalten, u. mit den
köstlichsten Speisen und Geträncke versorget wurden. Ich musste auch nicht ohne
Ursach ein Auge zudrücken, weil zu befürchten war, meine Gemahlin möchte
dereinst beim Sterbe-Fall ihr grosses Vermögen mir entziehen, und ihren Freunden
zuwenden.
    Solchergestalt lebte nun biss ins vierdte Jahr mit der Donna Eleonora,
wiewohl nicht sonderlich vergnügt, doch auch nicht gäntzlich unvergnügt, biss
endlich folgende Begebenheit meine bisherige Gemüts-Gelassenheit völlig
vertrieb, und mein Hertz mit lauter Rach-Begierde und rasenden Eiffer anfüllte:
Meiner Gemahlin vertrautes Cammer-Mägdgen, Apollonia, wurde von ihren
Mit-Bedienten vor eine Geschwängerte ausgeschryen, und ohngeacht ihr dicker Leib
der Sache selbst einen starcken Beweisstum gab, so verliess sie sich doch
beständig aufs Läugnen, biss ich endlich durch erleidliches Gefängnis, die
Wahrheit nebst ihrem eigenen Geständnisse, wer Vater zu ihrem Hur-Kinde sei, zu
erforschen Anstalt machen liess. Dem ohngeacht blieb sie beständig verstockt,
allein, am 4ten Tage ihrer Gefangenschaft meldete der Keckermeister in aller
Frühe, dass Apollonia vergangene Nacht plötzlich gestorben sei, nachdem sie
vorhero Dinte, Feder und Pappier gefordert, einen Brief geschrieben, und ihn um
aller Heiligen Willen gebeten, denselben mit gröster Behutsamkeit, damit es
meine Gemahlin nicht erführe, an mich zu übergeben. Ich erbrach den Brief mit
zitternden Händen, weil mir mein Hertz allbereit eine grässliche Nachricht
prophezeiete, und fand ohngefähr folgende Worte darinnen:
                                Gestrenger Herr!
Vernehmet hiermit von einer sterbenden ein Geheimnis, welches sie bei Verlust
ihrer Seeligkeit nicht mit ins Grab nehmen kann. Eure Gemahlin, die Donna
Eleonora, ist eine der allerlasterhaftesten Weibes-Bilder auf der ganzen Welt.
Ihre Jungfrauschaft hat sie schon, ehe ihr dieselbe geliebt, dem Don Sebastian
de Urrez Preis gegeben, und so zu reden, vor einen kostbarn Haupt-Schmuck
verkaufft. Mit dem euch wohlbekandten Neapolitaner hat sie in eurer Abwesenheit
den Knaben Caspar Palino gezeuget, welcher ihr voritzo als Page aufwartet, und
das vermeinte Bettel-Mägdlein Euphrosine ist ebenfalls ihre leibliche Tochter,
die sie zu der Zeit, als ihr gegen die Maurer zu Felde laget, von ihrem
Beicht-Vater empfangen, und heimlich zur Welt geboren hat. Lasset eures
Verwalters Menellez Frau auf die Folter legen, so wird sie vielleicht bekennen,
wie es bei der Geburt und Auferziehung dieser unehelichen Kinder hergegangen.
Eure Mutter, die ihr gleich anfänglich zuwider war, habe ich auf ihren Befehl
mit einem subtilen Gift aus der Zahl der Lebendigen schaffen müssen, euch
selbst aber, ist eben dergleichen Verhängnis bestimmet, so bald ihr nur eure
bisherige Gelindigkeit in eine strengere Herrschaft verwandeln werdet. Wie aber
ihre Geilheit von Jugend auf ganz unersättlich gewesen, so ist auch die Zahl
derjenigen Manns-Personen allerlei Standes, worunter sich öffters so gar die
allergeringsten Bedienten gefunden, nicht auszusprechen, die ihre Brunst so wohl
bei Tage als Nacht Wechsels-Weise abkühlen müssen, indem sie den öfftern Wechsel
in diesen Sachen jederzeit von ihr allergröstes Vergnügen gehalten. Glaubet ja
nicht, mein Herr, dass die so genannte Beata eine heilige Frau sei, denn sie ist
in Wahrheit eine der allerliederlichsten Kupplerinnen in ganz Madrit, unter
derjenigen Person aber, die vor ihre Tochter ausgegeben wird, ist allezeit ein
verkappter Münch, oder ein anderer junger Mensch versteckt, der eure Gemahlin,
so oft ihr die Lust bei Tage ankömmt, vergnügen, und des Nachts an ihrer Seite
liegen muss, und eben dieses ist die sonderbare Andacht, so dieselbe in dem
verschlossenen Zimmer verrichtet. Ich fühle, dass mein Ende heran nahet,
derowegen muss die übrigen Schand-Taten unberühret lassen, welche jedoch von des
Menellez Frau offenbarer werden können, denn ich muss, die vielleicht noch sehr
wenigen Augenblicke meines Lebens, zur Busse und Gebet anwenden, um dadurch von
GOtt zu erlangen, dass er mich grosse Sünderin seiner Barmhertzigkeit geniessen
lasse. Was ich aber allhier von eurer Gemahlin geschrieben habe, will ich in
jenem Leben verantworten, und derselben von ganzen Hertzen vergeben, dass sie
gestern Abend die Cornelia zu mir geschickt, die mich nebst meiner
Leibes-Frucht, vermittelst eines vergiffteten Apffels, unvermerckt aus der Welt
schaffen sollen, welches ich nicht ehe als eine Stunde nach Geniessung desselben
empfunden und geglaubet habe. Don Vincentio de Garziano, welcher der Donna
Eleonora seit 4 Monaten daher von der Beata zum Liebhaber zugeführet worden, hat
wider meiner Gebieterin Wissen und Willen seinen Mutwillen auch an mir
ausgeübt, und mich mit einer unglückseeligen Leibes-Frucht belästiget. Vergebet
mir, gnädigster Herr, meine Bosheiten und Fehler, so wie ich von GOTT Vergebung
zu erhalten verhoffe, lasset meinen armseeligen Leib in keine ungeweihete Erde
begraben, und etliche Seel-Messen vor mich und meine Leibes-Frucht lesen, damit
ihr in Zukunft von unsern Geistern nicht verunruhiget werdet. GOTT, der meine
Seele zu trösten nunmehro einen Anfang machet, wird euch davor nach
ausgestandenen Trübsalen und Kümmernissen wiederum zeitlich und ewig zu erfreuen
wissen. Ich sterbe mit grösten Schmertzen als eine bussfertige Christin und eure
                                                              unwürdige Dienerin
                                                                      Apollonia.
    Erwege selbst, du! der du dieses liesest, wie mir nach Verlesung dieses
Briefes müsse zu Mute gewesen sein, denn ich weiss weiter nichts zu sagen, als
dass ich binnen zwei guten Stunden nicht gewusst habe, ob ich noch auf Erden oder
in der Hölle sei, denn mein Gemüte wurde von ganz ungewöhnlichen Bewegungen
dermassen gefoltert und zermartert, dass ich vor Angst und Bangigkeit nicht zu
bleiben wusste, jedoch, da aus den vielen Hin- und Hergehen der Bedienten
mutmassete, dass Eleonora erwacht sein müsse, brachte ich dasselbe in behörige
Ordnung, nahm eine verstellte gelassene Gebärde an, und besuchte sie in ihrem
Zimmer, ich war wirklich selbst der erste, der ihr von dem Tode der Apolloniæ
die Zeitung brachte, welche sie mit mässiger Verwunderung anhörte, und darbei
sagte: Der Schand-Balg hat sich ohnfehlbar selbst mit Giffte hingerichtet, um
des Schimpffs und der Straffe zu entgehen, man muss es untersuchen, und das Aas
auf den Schind-Anger begraben lassen. Allein, ich gab zur Antwort: Wir werden
besser tun, wenn wir die ganze Sache vertuschen, und vorgeben, dass sie eines
natürlichen Todes gestorben sei, damit den Leuten, und sonderlich der heiligen
Inquisition, nicht Gelegenheit gegeben wird, vieles Wesen davon zu machen, ich
werde den Pater Laurentium zu mir ruffen lassen, und ihm eine Summe Geldes
geben, dass er nach seiner besondern Klugheit alles unterdrücke, den
unglückseeligen Cörper auf den Kirchhof begraben lasse, und etliche Seel-Messen
vor denselben lese. Ihr aber, mein Schatz! sagte ich ferner, werdet, so es euch
gefällig ist, die Güte haben, und nebst mir immittelst zu einem unserer Nachbarn
reisen, und zwar, wohin euch beliebt, damit unsere Gemüter, nicht etwa dieser
verdriesslichen Begebenheit wegen, einige Unlust an sich nehmen, sondern derselben
bei lustiger Gesellschaft steuren können.
    Es schien, als ob ihr diese meine Reden ganz besonders angenehm wären, auf
mein ferneres Fragen aber, wohin sie vor dieses mahl hin zu reisen beliebte?
schlug sie so gleich Don Fabio de Canaria vor, welcher 3. Meilen von uns
wohnete, keine Gemahlin hatte, sondern sich mit etlichen Huren behalff, sonsten
aber ein wohlgestaltet, geschickter und kluger Edelmann war. Ich stutzte ein
klein wenig über diesen Vorschlag, Eleonora aber, welche solches so gleich
merckte, sagte: Mein Schatz, ich verlange nicht ohne Ursache, diesen
übel-berüchtigten Edelmann einmal zu besuchen, um welchen es Schade ist, dass er
in so offenbarer Schande und Lastern lebt, vielleicht aber können wir ihn durch
treuhertzige Zuredungen auf andere Wege leiten, uñ dahin bereden, dass er sich
eine Gemahlin aussuchet, mitin den Lastern absaget. Ihr habt recht, gab ich zur
Antwort, ja ich glaube, dass niemand auf der Welt, als ihr, geschickter sein
wird, diesen Cavalier zu bekehren, von dessen Lebens-Art, ausser der
schändlichen Geilheit, ich sonst sehr viel halte, besinnet euch derowegen auf
gute Vermahnungen, ich will indessen meine nötigsten Geschäffte besorgen, und
so dann gleich Anstalt zu unserer Reise machen lassen. Hierauf liess ich den
Kercker-Meister zu mir kommen, und erkauffte ihn mit 200. Kronen, wegen des
Briefs und Apolloniens weitern Geschichten, zum äusersten Stillschweigen,
welches er mir mit einem teuren Eyde angelobte. Mit dem Pater Laurentio, der
mein Beicht-Vater und Pfarrer war, wurde durch Geld alles geschlichtet, was des
todten Cörpers halber zu veranstalten war. Nach diesen befahl meinem
allergetreusten Leib-Diener, dass er binnen der Zeit unserer Abwesenheit eine
kleine schmale Tür aus einem Neben-Zimmer in dasjenige Gemach durchbrechen, und
mit Bretern wohl verwahren sollte, allwo die Beata nebst ihrer Tochter von meiner
Gemahlin gewöhnlich verborgen gehalten wurde, und zwar solchergestalt, dass
Niemand von dem andern Gesinde etwas davon erführe, auch in dem Gemach selbst an
den Tapeten nichts zu mercken sein möchte. Mittlerweile erblickte ich durch mein
Fenster, dass die Beata nebst ihrer verstellten Tochter durch die Hinter-Tür
meines Gartens abgefertiget und fortgeschickt wurden, weswegen ich meinen
Leib-Diener nochmahls alles ordentlich zeigte, und ihn meiner Meinung vollkommen
verständigte, nach eingenommener Mittags-Mahlzeit aber, mit Eleonoren zu Don
Fabio de Canaria reisete.
    Nunmehro waren meine Augen weit heller als sonsten, denn ich sah mehr als
zu klärlich mit was vor feurigen Blicken und geilen Gebährden Eleonora und Fabio
einander begegneten, so dass ich leichtlich schliessen konnte: wie sie schon vor
dem müsten eine genauere Bekanndtschaft untereinander gepflogen haben, anbei
aber wusste mich dermassen behutsam aufzuführen, dass beide Verliebten nicht das
geringste von meinen Gedancken erraten oder mercken konten. Im gegenteil gab
ihnen die schönste Gelegenheit allein zusammen zu bleiben, und sich in ihrer
verdammten Geilheit zu vergnügen, als womit ich Eleonoren ausserordentlich
sicher machte, dem Fabio aber ebenfalls die Meinung beibrachte: ich wollte oder
könnte vielleicht nicht Eifersüchtig werden. Allein dieser Vogel war es eben
nicht allein, den ich zu fangen mir vorgenommen hatte. Er hatte noch viele
andere Edelleute zu sich einladen lassen, unter denen auch mein Bruder nebst
seiner Gemahlin war, diesem vertrauete ich bei einem einsamen Spazier-Gange im
Garten, was mir vor ein schwerer Stein auf dem Hertzen läge, welcher denn
dieserwegen eben so heftige Gemüts-Bewegungen als ich selbst empfand, jedoch
wir verstelleten uns nach genommener Abrede aufs Beste, und schienen so wohl als
alle andern, drei Tage nach einander rechtschaffen lustig zu sein. Am vierdten
Tage aber reiseten wir wiederum aus einander, nachdem mein Bruder versprochen,
alsofort bei mir zu erscheinen, so bald ich ihm dessfalls nur einen Boten
gesendet hätte. Zwei Tage nach unserer Heimkunft, kam die verhüllte Beata nebst
ihrer vermeinten Tochter in aller Frühe gewandelt, und wurde von Eleonoren mit
gröstem vergnügen empfangen. Mein Hertz im Leibe entbrannte vom Eiffer und
Rache, nachdem ich aber die Arbeit meines Leib-Dieners mit Fleiss betrachtet, und
die verborgene Tür nach meinem Sinne vollkommen wohl gemacht befunden, liess ich
meinen Bruder zu mir entbieten, welcher sich denn noch vor Abends einstellete.
Meine Gemahlin war bei der Abend-Mahlzeit ausserordentlich wohl aufgeräumt, und
schertzte wieder ihre Gewohnheit sehr lange mit uns, da wir aber nach der
Mahlzeit einige Rechnungen durchzugehen vornahmen, sagte sie: Meine Herren, ich
weiss doch, dass euch meine Gegenwart bei dergleichen ernstlichen Zeitvertreibe
beschwerlich fällt, derowegen will mit eurer gütigen Erlaubnis Abschied nehmen,
meine Andacht verrichten, hiernach schlafen gehen, weil ich ohnedem heute
ausserordentlich müde bin. Wir fertigten sie von beiden Seiten mit
unverdächtiger Freundlichkeit ab, blieben noch eine kurtze Zeit beisammen
sitzen, begaben uns hernach mit zweien Blend-Laternen und blossen
Seiten-Gewehren, ganz behutsam und stille in dasjenige Zimmer, wo die neue Tür
anzutreffen war, allwo man auch durch die kleinen Löcher, welche so wohl durch
die Breter als Tapeten geschnitten und gestochen waren, alles ganz eigentlich
sehen konnte, was in dem, vor heilig gehaltenen Gemache vorgieng.
    Hilff Himmel! Was vor Schande! Was vor ein scheusslicher Anblick! Meine
schöne, fromme, keusche, tugendhafte, ja schon halb canonisirte Gemahlin, Donna
Eleonora de Sylva, ging mit einer jungen Manns-Person Mutternackend im Zimmer
auf und ab spazieren, nicht anders als ob sie den Stand der Unschuld unserer
ersten Eltern, bei Verlust ihres Lebens vorzustellen, sich gezwungen sähen.
Allein wie kann ich an den Stand der Unschuld gedencken? Und warum sollte ich auch
diejenigen Sodomitischen Schand-Streiche erwähnen, die uns bei diesem
wunderbaren Paare in die Augen fielen, die aber auch kein tugendliebender Mensch
leichtlich erraten wird, so wenig als ich vorhero geglaubt, dass mir dergleichen
nur im Traume vorkommen könne.
    Mein Bruder und ich sahen also diesem Schand-und Laster-Spiele länger als
eine halbe Stunde zu, binnen welcher Zeit ich etliche mahl vornahm die Tür
einzustossen, und diese bestialischen Menschen zu ermorden, allein mein Bruder,
der voritzo etwas weniger hitzig als ich war, hielt mich davon ab, mit dem
Bedeuten: dergleichen Strafe wäre viel zu gelinde, über dieses so wollten wir
doch erwarten was nach dem saubern Spaziergange würde vorgenommen werden.
Wiewohl nun solches leichtlich zu erraten stund, so wurde doch von uns die
rechte Zeit, und zwar mit erstaunlicher Gelassenheit abgepasset. So bald demnach
ein jedes von den Schand-Bälgen einen grossen Becher ausgeleeret, der mit einem
besonders annehmlichen Geträncke, welches die verfluchte Geilheit annoch
vermehren sollte, angefüllet gewesen; fielen sie, als ganz berauschte Furien,
auf das seitwärts stehende Huren-Lager, und trieben daselbst solche
Unflätereien, deren Angedencken ich gern auf ewig aus meinen Gedancken verbannet
wissen möchte. Nunmehro, sagte mein Bruder, haben die Lasterhaften den höchsten
Gipffel aller schändlichen Wollüste erstiegen, derowegen kommet mein Bruder! und
lasset uns dieselben in den tieffsten Abgrund alles Elendes stürtzen, jedoch
nehmet euch so wohl als ich in acht, dass keins von beiden tödtlich verwundet
werde. Demnach wurde die kleine Tür in aller Stille aufgemacht, wir traten
durch die Tapeten hinein, ohne von ihnen gemerckt zu werden, bis ich den
verfluchten geilen Bock beim Haaren ergriff, und aus dem Bette auf den Boden
warf. Eleonora tat einen eintzigen lauten Schrei, uñ bliebe hernach auf der
Stelle ohnmächtig liegen. Die verteuffelte Beata kam im blossen Hembde mit einem
Dolche herzu gesprungen, und hätte mich ohnfehlbar getroffen, wo nicht mein
Bruder ihr einen solchen heftigen Hieb über den Arm versetzt, wovon derselbe
biss auf eine eintzige Sehne durchschnitten und gelähmet wurde. Ich gab meinem
Leib-Diener ein abgeredetes Zeichen, welcher sogleich nebst 2. Knechten in dem
Neben-Zimmer zum Vorscheine kam, und die zwei verfluchten Frembdlinge, so wir
dahinein gestossen hatten, mit Stricken binden, und in einen sehr tieffen Keller
schleppen liess.
    Eleonora lag so lange noch ohne alle Empfindung, bis ihr die getreue
Cornelia bei nahe dreihundert Streiche mit einer scharffen Geissel auf den
wollüstigen nackenden Leib angebracht hatte, denn diese Magd sah sich von mir
gezwungen, ihrer Frauen dergleichen kräfftige Artzenei einzugeben, welche die
gewünschte Würckung auch dermassen tat, dass Eleonora endlich wieder zu sich
selbst kam, mir zu Fusse fallen, und mit Tränen um Gnade bitten wollte. Allein
meine bisherige Gedult war gäntzlich erschöpfft, derowegen stiess ich die geile
Hündin mit einem Fusse zurücke, befahl der Cornelia ihr ein Hembd überzuwerffen,
worauff ich beide in ein leeres wohlverwahrtes Zimmer stiess, und alles hinweg
nehmen liess, womit sie sich etwa selber Schaden und Leid hätten zufügen
können. Noch in selbiger Stunde wurde des Menellez Frau ebenfalls gefänglich
eingezogen, den übrigen Teil der Nacht aber, brachten ich und mein Bruder mit
lauter Beratschlagungen hin, auf was vor Art nehmlich, die wohl angefangene
Sache weiter auszuführen sei. Noch ehe der Tag anbrach, begab ich mich hinunter
in das Gefängnis zu des Menellez Frau, welche denn gar bald ohne Folter und
Marter alles gestund, was ich von ihr zu wissen begehrte. Hierauff besuchte
nebst meinem Bruder die Eleonora, und gab derselben die Abschrifft von der
Apollonie Briefe zu lesen, worbei sie etliche mahl sehr tieff seuffzete, jedoch
unseres Zuredens ohngeacht, die äuserste Verstockung zeigte, und durchaus kein
Wort antworten wollte. Demnach liess ich ihren verfluchten Liebhaber in seiner
Blösse, so wohl als die schändliche Beata hertzu führen, da denn der Erste auf
alle unsere Fragen richtige Antwort gab, und bekannte: Dass er Don Vincentio de
Garziano hiesse, und seit 4. oder 5. Monaten daher, mit der Eleonora seine
schandbare Lust getrieben hatte, bat anbei, ich möchte in Betrachtung seiner
Jugend und vornehmen Geschlechts ihm das Leben schencken. Es ist mir, versetzte
ich, mit dem Tode eines solchen liederlichen Menschen, wie du bist, wenig oder
nichts geholffen, derowegen solstu zwar nicht hingerichtet, aber doch also
gezeichnet werden, dass die Lust nach frembden Weibern verschwinden, und dein
Leben ein täglicher Tod sein soll. Hiermit gab ich meinem Leib-Diener einen
Winck, welcher sogleich 4. Handfeste Knechte herein treten liess, die den
Vincentio sogleich anpackten, und auf eine Tafel bunden. Dieser merckte bald was
ihm wiederfahren würde, fieng derowegen aufs neue zu bitten und endlich zu
drohen an: wie nehmlich sein Vater, der ein vornehmer Königl. Bedienter und
Mit-Glied der Heil. Inquisition sei, dessen Schimpff sattsam rächen könnte,
allein es halff nichts, sondern meine Knechte verrichteten ihr Amt so, dass er
unter kläglichen Geschrei seiner Mannheit beraubt, und nachhero wiederum
gehefftet wurde. Ich musste zu meinem allergrösten Verdrusse sehen: Dass Eleonora
dieserwegen die bittersten Tränen fallen liess, um desswillen sie von mir mit dem
Fusse dermassen in die Seite gestossen wurde, dass sie zum andern mahle
ohnmächtig darnieder sanck. Bei mir entstund dieserwegen nicht das geringste
Mittleiden, sondern ich verliess sie unter den Händen der Cornelia, der
Verschnittene aber musste nebst der vermaledeiten Kupplerin zurück ins Gefängnis
wandern. Nachhero wurde auch die Cornelia vorgenommen, welche sich in allen aufs
Läugnen verliess, und vor die allerunschuldigste angesehen sein wollte, so bald
ihr aber nur die Folter-Banck nebst dem darzu gehörigen Werck-Zeuge gezeigt
wurde, bekannte die liederliche Metze nicht allein, dass sie auf Eleonorens
Befehl den vergiffteten Apffel zugerichtet, und ihn der Apollonie zu essen
eingeschwatzt hätte, sondern offenbarete über dieses noch ein und anderes von
ihrer verstorbenen Mit-Schwester Heimlichkeiten, welches alles aber nur
Eleonoren zur Entschuldigung gereichen, und mich zur Barmhertzigkeit gegen
dieselbe bewegen sollte. Allein dieses war alles vergebens, denn mein Gemüte war
dermassen von Grimm und Rache erfüllet, dass ich nichts mehr suchte als dieselbe
rechtmässiger Weise auszuüben. Immittelst, weil ich mich nicht allzusehr
übereilen wollte, wurde die übrige Zeit des Tages nebst der darauff folgenden
Nacht, teils zu reifflicher Betrachtung meines unglückseel. Verhängnisses,
teils aber auch zur benötigten Ruhe angewendet.
    Da aber etwa zwei Stunden vor Anbruch des Tages im halben Schlummer lag,
erhub sich ein starcker Tumult in meinem Hofe, weswegen ich aufsprunge und
durchs Fenster ersah, wie meine Leute mit etlichen frembden Personen zu Pferde,
bei Lichte einen blutigen Kampf hielten. Mein Bruder und ich warffen sogleich
unsere Harnische über, und eileten den unsern beizustehen, von denen allbereit
zwei hart verwundet auf dem Platze lagen, jedoch so bald wir unsere Schwerdter
frisch gebrauchten, fasseten meine Leute neuen Mut, dass 5. unbekandte Feinde
getödtet, und die übrigen 7. verjagt wurden. Indem kam ein Geschrei, dass sich
auf der andern Seiten des Schlosses, ein Wagen nebst etlichen Reutern befände,
welche Eleonoren und Cornelien, die sich eben itzo zum Fenster herab liessen,
hinweg führen wollten. Wir eileten ingesammt mit vollen sprüngen dahin, und
traffen die beiden saubern Weibs-Bilder allbereit auf der Erden bei dem Wagen
an, demnach entstunde daselbst abermals ein starckes Gefechte, worbei 3. von
meinen Leuten, und 8. feindliche ins Grass beissen mussten, jedoch letzlich wurden
Wagen und Reuter in die Flucht geschlagen, Eleonora und Cornelia aber blieben in
meiner Gewalt und mussten, um besserer Sicherheit willen, sich in ein finsteres
Gewölbe verschliessen lassen.
    Ohnfehlbar hatte Cornelia diesen nächtlichen Uberfall angesponnen, indem sie
vermutlich Gelegenheit gefunden, etwa eine bekandte getreue Person aus dem
Fenster anzuruffen, und dieselbe mit einem Briefe so wohl an ihre eigene als
Eleonorens Vettern oder Buhler abzusenden, welche denn allerhand Wagehälse an
sich gezogen, und sie zu erlösen, diesen Krieg mit mir und den Meinigen
angefangen hatten, allein ihr Vorteil war sehr schlecht, indem sie 13. todte
zurück liessen, wiewohl ich von meinen Bedienten und Untertanen auch 4. Mann
dabei einbüssete. Dieses eintzige kam mir hierbei am allerwundersamsten vor, dass
derjenige Keller in welchem die Beata und der Verschnittene lagen, erbrochen,
beide Gefangene aber nirgends anzutreffen waren, wie ich denn auch nachhero
niemahls etwas von diesen schändlichen Personen erfahren habe.
    Ich liess alle meine Nachbarn bei den Gedancken, dass mich vergangene Nacht
eine Räuber-Bande angesprenget hätte, denn weil meine Bedienten und Untertanen
noch zur Zeit reinen Mund hielten, wusste niemand eigentlich, was sich vor eine
verzweiffelte Geschicht in meinem Hause zugetragen. Gegen Mitternacht aber lieff
die grausame Nachricht bei mir ein, dass sich so wohl Eleonora als Cornelia,
vermittelst abgerissener Streiffen von ihren Hembdern, verzweiffelter Weise an
zwei im Gewölbe befindlichen Haken, selbst erhänckt hätten, auch bereits
erstarret und erkaltet wären. Ich kann nicht läugnen, dass mein Gemüte
dieserwegen höchst bestürtzt wurde, indem ich mir vorstellete: Dass beide mit
Leib und Seele zugleich zum Teuffel gefahren, indem aber nebst meinem Bruder
diesen grässlichen Zufall beseuffzete und beratschlagte, was nunmehro anzufangen
sei, meldete sich ein Bote aus Madrit, der sein Pferd zu tode geritten hatte,
mit folgenden Briefe bei mir an:
                                  Mein Vetter.
Es hat mir ein vertrauter Freund vom Hofe in geheim gesteckt, dass sich
entsetzliche Geschichte auf eurem Schloss begeben hätten, worüber jederman, der
es hörete, erstaunen müste. Ihr habt starcke Feinde, die dem, euch ohne dieses
schon ungnädigen Könige, solche Sache noch heute Abends vortragen und den Befehl
auswürcken werden, dass der Königl. Blut-Richter nebst seinen und des Heil.
Officii Bedienten, vermutlich noch Morgen vor Mittags bei euch einsprechen
müssen. Derowegen bedencket euer Bestes, machet euch bei Zeiten aus dem Staube,
und glaubt sicherlich, dass man ihr möget auch Recht oder Unrecht haben, dennoch
euer Gut und Blut aussaugen wird. Reiset glücklich, führet eure Sachen in
besserer Sicherheit aus, und wisset, dass ich beständig sei
                                                           euer getreuer Freund,
                                                                                
                                                         Don Alphonso de Cordua.
    Nunmehro wollte es Kunst heissen, in meinen verwirrten Angelegenheiten einen
vorteilhaften Schluss zu fassen, jedoch da alle Augenblicke kostbarer zu werden
schienen, kam mir endlich meines getreuen Vetters Rat am vernünftigsten vor,
zumahlen da mein Bruder denselben gleichfalls billigte. Also nahm ich einen
eintzigen getreuen Diener zum Gefährten, liess zwei der besten Pferde satteln,
und so viel Geld und Kleinodien darauf packen, als sie nebst uns ertragen
mochten, begab mich solchergestallt auf die schnellste Reise nach Portugall,
nachdem ich nicht allein meinem Bruder mein übriges Geld und Kostbarkeiten mit
auf sein Gut zu nehmen anvertrauet, sondern auch, nebst ihm meinem Leib-Diener
und andern Getreuen, Befehl erteilet, wie sie sich bei diesen und jenen Fällen
verhalten sollten. Absonderlich aber sollte mein Bruder des Menellez Frau, wie
nicht weniger den Knaben Caspar Palino, und das Mägdlein Euphrosinen heimlich
auf sein Schloss bringen, und dieselben in genauer Verwahrung halten, damit man
sie jederzeit als lebendige Zeugen darstellen könne.
    Ich gelangete hierauff in wenig Tagen auf dem Portugisischen Gebiete, und
zwar bei einem bekandten von Adel an, der mir auf seinem wohlbefestigten
Land-Gute den sichersten Auffentalt versprach.
    Von dar aus überschrieb ich meine gehabten Unglücks-Fälle mit allen
behörigen Umständen an den König Ferdinandum, und bat mir nichts als einen Frei-
und Sicherheits-Brief aus, da ich denn mich ohne Zeit-Verlust vor dem hohen
Gerichte stellen, und meine Sachen nach den Gesetzen des Landes wollte
untersuchen und richten lassen. Allein ob zwar der König anfänglich nicht
ungeneigt gewesen mir dergleichen Brief zu übersenden, so hatten doch der
Eleonora und des Vincentio Befreundte, nebst meinen anderweitigen Feinden alles
verhindert, und den König dahin beredet: Dass derselbe, nachdem ich, auf dreimal
wiederholte Citation, mich nicht in das Gefängnis des Heil. Officii gestellet,
vor schuldig und straffbar erkläret wurde.
    Bei so gestallten Sachen waren alle Vorstellungen, die ich so wohl selbst
schrifftlich, als durch einige annoch gute Freunde tun liess, gäntzlich
vergebens, denn meine Güter hatte der König in Besitz nehmen lassen, und einen
Teil von den Einkünften derselben dem Heil. Officio anheim gegeben. Ich glaube
ganz gewiss, dass des Königs Geitz, nachdem er diese schöne Gelegenheit besser
betrachtet, mehr Schuld an diesem meinen gäntzlichen Ruine gewesen, als die
Verfolgung meiner Feinde, ja als die ganze Sache selbst. Mein Bruder wurde
ebenfalls nicht übergangen, sondern um eine starcke Summe Geldes gestrafft,
jedoch dieser hat meinetwegen keinen Schaden gelitten, indem ich ihm alles Geld
und Gut, so er auf mein Bitten von dem Meinigen zu sich genommen, überlassen,
und niemahls etwas zurück gefordert habe. Also war der König, der sich in der
Jugend selbst zu meinen Versorger aufgeworffen hatte, nachhero mein Verderber,
welches mich jedoch wenig Wunder nahm, wenn ich betrachtete, wie dessen
unersättlicher Eigen-Nutz nicht allein alle vornehmsten des Reichs zu paaren
trieb, sondern auch die besten Einkünfte der Ordens-Ritter an sich zohe.
    Dem ohngeacht schien es als ob ich noch nicht unglückseelig genug wäre,
sondern noch ein härter Schicksaal am Leibe und Gemüt ertragen sollte, denn es
schrieb mir abermals ein vertrauter Freund: Dass Ferdinandus meinen Auffentalt
in Portugal erfahren hätte, und dieserwegen ehestens bei dem Könige Emanuel, um
die Auslieferung meiner Person bitten wollte, im Fall nun dieses letztere
geschähe, dürffte keinen Zweiffel tragen, entweder meinen Kopf zu verlieren,
oder wenigstens meine übrige Lebens-Zeit in dem Turme zu Segovia als ein ewiger
Gefangener hinzubringen. Da nun weder dieses noch jenes zu versuchen beliebte,
und gleichwohl eines als das andere zu befürchten die gröste Ursach hatte,
fassete ich den kurtzen Schluss: mein verlohrnes Glück zur See wieder zu suchen,
und weil eben damahls vor 8. oder 9. Jahren die Portugiesen in der neuen Welt
eine grosse und vortreffliche Landschaft entdeckt, und selbige Brasilien
genennet hatten, setzte ich mich im Port-Cale zu Schiffe, um selbiges Land
selbst in Augenschein zu nehmen, und da es nur in etwas angenehm befände, meine
übrige Lebens-Zeit daselbst zu verbleiben. Allein das Unglück verfolgte mich
auch zur See, denn um die Gegend der so genannten glückseeligen Insuln, wurden
die Portugisischen Schiffe, deren 8. an der Zahl waren, so mit einander
seegelten, durch einen heftigen Sturm-Wind zerstreuet, dasjenige aber, worauf
ich mich befand, zerscheiterte an einem Felsen, so dass ich mein Leben zu
erhalten einen Balcken ergreiffen, und mich mit selbigen 4. Tage nach einander
vom Winde und Wellen musste herum treiben lassen. Mein Untergang war sehr nahe,
jedoch der Himmel hatte eben zu rechter Zeit etliche Spanische Schiffe in diese
Gegend geführet, welche nebst andern auch mich auffischeten und erquickten.
    Es waren dieses die Schiffe des Don Alphonso Hojez, und des Don Didaco de
Niqvesa, welche beide von dem Spanischen Könige, als Gouverneurs, und zwar der
Erste über Cartago, der Andere aber über Caragua, in die neu erfundene Welt
abgefertiget waren. Unter allen bei sich habenden Leuten war nur ein eintziger,
der mich, und ich hinwiederum ihn von Person sehr wohl kennete, nehmlich: Don
Vasco Nunez di Valboa, der unter dem Hojez ein Schiffs-Hauptmann war, dieser
erzeigte sich sehr auffrichtig gegen mich, hatte vieles Mittleiden wegen meines
unglücklichen Zustandes, und Schwur wider meinen willen, mich niemanden zu
entdecken, also blieb ich bei ihm auf seinem Schiffe, allwo er mich, mit
Vorbewusst des Hojez, zu seinem Schiff-Lieutenant machte.
    Wir erreichten demnach ohne ferneres Ungemach die Insul Hispaniolam,
daselbst rüstete der Gouverneur Hojez, 4. grosse und starcke, nebst etlichen
kleinen Neben-Schiffen aus, auf welchen wir gerades Wegs hinüber nach der Stadt
Neu-Cartago zu seegelten. Hieselbst publicirte Hojez denen Einwohnern des
Landes das Königliche Edict: Wie nehmlich dieselben von ihrem bisherigen
Heidnischen Aberglauben ablassen, von den Spaniern das Christentum nebst guten
Sitten und Gebräuchen annehmen, und den König in Castilien vor ihren Herrn
erkennen sollten, widrigen falls man sie mit Feuer und Schwerdt verfolgen, und in
die strengste Sklaverei hinweg führen wollte.
    Allein diese Leute gaben hierauff sehr freimütig zur Antwort: Dass sie sich
um des Königs von Castilien Gnade oder Ungnade gar nichts bekümmerten, nächst
diesen möchten sie zwar gern das Vergnügen haben in ihrem Lande mit frembden
Völckern umzugehen, und denenselben ihre überflüssigen Reichtümer zuzuwenden,
doch müsten sich selbige freundlich, fromm und tugendhaft aufführen. Da aber
die Spanier seit ihrer ersten Ankunft etliche Jahre daher nichts als Tyrannei,
Geitz, Morden, Blutvergiessen, Rauben, stehlen, sängen und brennen, nebst andern
schändlichen Lastern von sich spüren lassen, nähmen sie sich ein billiges
Bedencken, dergleichen verdächtiges Christentum, Sitten und Gebräuche
anzunehmen. Demnach möchten wir nur alsofort zurücke kehren und ihre Gräntzen
verlassen, widrigenfalls sie sich genötiget sähen ihre Waffen zu ergreiffen,
und uns mit Gewalt von dannen zu treiben.
    Ich vor meine Person wusste diesen sehr vernunftmässigen Entschluss nicht im
geringsten zu tadeln, zumahlen da die gottlose und unchristliche Aufführung
meiner Lands-Leute mehr als zu bekannt worden. Dem ohngeacht liess der Gouverneur
alsobald sein Kriegs-Volck an Land steigen, fieng aller Orten zu sängen, zu
brennen, todtzuschlagen und zu verfolgen an, verschonete auch weder Jung noch
Alt, Reich noch Arm, Männ- oder Weibliches Geschlechte, sondern es musste alles
ohne Unterscheid seiner Tyrannei herhalten.
    Meine Hände hüteten sich so viel als möglich war, dieses unschuldige Blut
vergiessen zu helffen, ja ich beklagte von Grunde meiner Seelen, dass mich ein
unglückliches Verhängnis eben in dieses jammervolle Land geführet hatte, denn es
bedünckte mich unrecht und grausam, auch ganz wieder Christi Befehl zu sein,
den Heiden auf solche Art das Evangelium zu predigen. Uber dieses verdross mich
heimlich, dass der Gouverneur aus purer Bosheit, das Königliche Edict, welches
doch eigentlich nur auf die Caraiber oder Menschen-Fresser zielete, so
mutwillig und schändlich missbrauchte, und nirgends einen Unterschied machte,
denn ich kann mit Wahrheit schreiben: dass die Indianer auf dem festen Lande, und
einigen andern Insuln, nach dem Lichte der Natur dermassen ordentlich und
tugendhaft lebten, dass mancher Maul-Christe dadurch nicht wenig beschämt wurde.
    Nachdem aber der Gouverneur Hojez um Cartago herum ziemlich reine Arbeit
gemacht, und daselbst ferner keinen Gegenstandt seiner Grausamkeit antreffen
konnte, begab er sich über die zwölff Meilen weiter ins Land hinein, streiffte
allerwegen herum, Bekriegte etliche Indianische Könige, und verhoffte
solchergestallt eine grosse Beute von Gold und Edelgesteinen zu machen, weil ihm
etliche gefangene Indianer hierzu die gröste Hoffnung gemacht hatten. Allein er
fand sich hierinnen gewaltig betrogen, denn da wir uns am allersichersten zu
sein bedüncken liessen, hatte sich der Caramairinenser König mit seinem
ausserlesensten Land-Volcke in beqveme heimliche Örter versteckt, welcher uns
denn dermassen scharff zusetzte, dass wir gezwungen wurden eiligst die Flucht zu
ergreiffen und dem Meere zu zu eilen nachdem wir des Hojez Obristen Lieutenant
Don Juan de la Cossa, nebst 74. der tapffersten Leute eingebüsst, als welche
von den Indianern jämmerlich zerhackt und gefressen worden, woraus geurteilet
wurde, dass die Caramairinenser von den Caraibern oder Menschen-Fressern
herstammeten, und derselben Gebrauche nachlebten, allein ich halte davor, dass es
diese sonst ziemlich vernünftigen Menschen damahls, mehr aus rasenden Eiffer
gegen ihre Todt-Feinde, als des Wohlschmeckens wegen getan haben mögen.
    Dieser besondere Unglücks-Fall veruhrsachte, dass der Gouverneur Hojez in dem
Hafen vor Cartago, sehr viel Not und Bekümmernis ausstehen musste, zumahlen da
es uns so wohl an Lebens-Mitteln als andern höchstnötigen Dingen zu mangeln
begunte. Jedoch zu gutem Glücke traff Don Didaco de Niquesa nebst etlichen
Schiffen bei uns ein, welche mit bei nahe 800. guten Kriegs-Leuten und gnugsamen
Lebens-Mitteln beladen waren. So bald er demnach den Hojez und dessen Gefährten
aufs Beste wiederum erqvickt hatte, wurde beratschlagt, den empfangenen
unglücklichen Streich mit zusammen gesetzter Macht an den Caramairinensern zu
rächen, welches denn auch grausam genung von statten ging. Denn wir überfielen
bei nächtlicher Weile dasjenige Dorff, bei welchem de la Cossa nebst seinen
Gefährten erschlagen worden, zündeten dasselbe rings herum mit Feuer an, und
vertilgeten alles darinnen was nur lebendigen Otem hatte, so dass von der
grossen Menge Indianer die sich in selbigem versammelt hatten, nicht mehr übrig
blieben als 6. Jünglinge, die unsere Gefangene wurden.
    Es vermeinte zwar ein jeder, in der Asche dieses abgebrannten Dorffs, so
aus mehr als hundert Wohnungen bestanden, einen grossen Schatz an Gold und edlen
Steinen zu finden, allein das Suchen war vergebens, indem fast nichts als Unflat
von verbrannten Cörpern und Todten-Knochen, aber sehr wenig Gold zum vorscheine
kam, weswegen Hojez ganz verdriesslich zurück zohe, und weiter kein Vergnügen
empfand, als den Todt des de la Cossa und seiner Gefährten gerochen zu haben.
    Wenige Zeit hernach beredeten sich die beiden Gouverneurs nehmlich Hojez und
Niquesa, dass ein jeder diejenige Landschaft, welche ihm der König zu verwalten
übergeben, gnungsam auskundschaffen und einnehmen wollte. Hojez brach am ersten
auf, die Landschaft Uraba, so ihm nebst dem Cartaginensischen Port zustunde,
aufzusuchen. Wir landeten erstlich auf einer Insul an, welche nachhero von uns
den Nahmen Fortis erhalten, wurden aber bald gewahr, dass dieselbe von den
allerwildesten Canibalen bewohnet sei, weswegen keine Hoffnung, allhier viel
Geld zu finden, vorhanden war. Jedoch fand sich über Vermuten noch etwas von
diesem köstlichen metall, welches wir nebst zweien gefangenen Männern und 7.
Weibern mit uns hinweg führeten. Von dar aus seegelten wir gerades Weges nach
der Landschaft Uraba, durchstreifften dieselbe glücklich, und baueten Ostwärts
in der Gegend Caribana einen Flecken an, nebst einem wohlbefestigten Schloss,
wohin man sich zur Zeit der feindlichen Empörung und plötzlichen Uberfalls
sicher zurück ziehen und aufhalten könnte. Dem ohngeacht, liess sich der schon so
oft betrogene Hojez abermals betriegen, indem ihn die gefangenen Indianer viel
Wesens von einer austräglichen Gold Grube machten, welche bei dem, 12000.
Schritt von unserm Schloss gelegenen Dorffe Tirafi, anzutreffen wäre. Wir zogen
also dahin, vermeinten die Einwohner plötzlich zu überfallen und alle zu
erschlagen, allein selbige empfiengen uns mit ihren vergiffteten Pfeilen
dermassen behertzt, dass wir mit Zurücklassung etlicher Todten und vieler
Verwundeten schimpflich zurück eilen mussten.
    Folgendes Tages kamen wir in einem andern Dorffe eben so übel, ja fast noch
schlimmer an, auf dem Rück-Wege aber begegnete dem Gouverneur Hojez der
allerschlimste und gefährlichste Streich, denn es kam ein kleiner König, dessen
Ehefrau von dem Hojez Gefangen genommen war, und gab vor, dieselbe mit 20. Pfund
Goldes auszulösen, wie denn auch 8. Indianer bei ihm waren, welche, unserer
Meinung nach, das Gold bei sich trügen, allein über alles Vermuten schoss
derselbe einen frisch vergiffteten Pfeil in des Gouverneurs Hüffte, und wollte
sich mit seinen Gefährten auf die Flucht begeben, wurden aber von der Leib-Wacht
ergriffen, und sämtlich in Stücken zerhauen. Jedoch hiermit war dem Gouverneur
wenig geholffen, weiln er in Ermangelung kräfftiger Artzeneien, die dem Giffte
in der Wunde Widerstand zu tun vermögend, entsetzliche Quaal und Schmertzen
ausstehen musste, wie er sich denn seiner Lebens-Erhaltung wegen, etliche mahl
ein glüend Eisen-Blech auf die Wunde legen liess, um das Gift heraus zu brennen,
als welches die allergewisseste und sicherste Cur bei dergleichen Schäden sein
sollte, jedennoch dem Hojez nicht zu seiner völligen Gesundheit verhelffen konnte.
    Mittlerzeit kam Bernardino de Calavera, mit einem starcken Schiffe, das 60.
tapffere Kriegs Leute, nebst vielen Lebens-Mitteln aufgeladen hatte, zu uns,
welches beides unsern damahligen gefährlichen und bedürfftigen Zustand nicht
wenig verbesserte. Da aber auch diese Lebens-Mittel fast aufgezehret waren, und
das Krieges-Volck nicht den geringsten glücklichen Ausschlag von des Hojez
Unternehmungen sah, fiengen sie an, einen würcklichen Aufstandt zu erregen,
welchen zwar Hojez damit zu stillen vermeinte, dass er sie auf die Ankunft des
Don Martin Anciso vertröstete, als welchem er befohlen, mit einem Last-Schiffe
voll Proviant uns hierher zu folgen, jedoch die Kriegs-Knechte, welche diese
Tröstungen, die doch an sich selbst ihre Richtigkeit hatten, in Zweiffel zohen,
und vor lauter leere Worte hielten, beredeten sich heimlich, zwei Schiffe von
den Unsern zu entführen, und mit selbigen in die Insul Hispaniolam zu fahren.
    So bald Hojez diese Zusammen-Verschwerung entdeckt, gedachte er dem Unheil
vorzubauen, und tat den Vorschlag, selbst eine Reise nach Hispaniolam
anzutreten, bestellete derowegen den Don Francisco de Pizarro in seiner
Abwesenheit zum Obristen-Lieutenant, mit dem Bedeuten, dass wo er innerhalb 50.
Tagen nicht wiederum bei uns einträffe, ein jeder die Freiheit haben sollte hin
zu gehen wohin er wollte.
    Seine Haupt-Absichten waren, sich in Hispaniola an seiner Wunde bei
verständigen Aertzten völlig heilen zu lassen, und dann zu erforschen, was den
Don Anciso abgehalten hätte, uns mit dem bestellten Proviant zu folgen. Demnach
setzte er sich in das Schiff, welches Bernardino de Calavera heimlich und ohne
Erlaubnis des Ober-Admirals und anderer Regenten aus Hispaniola entführet hatte,
und segelte mit selbigen auf bemeldte Insul zu.
    Wir Zurückgebliebenen warteten mit Schmertzen auf dessen Wiederkunft, da
aber nicht allein die 50. Tage, sondern noch mehr als zweimahl so viel
verlauffen waren, und wir binnen der Zeit vieles Ungemach, so wohl wegen
feindlicher Anfälle, als grosser Hungers-Not erlitten hatten; teilete sich
alles Volck in des Hojez zurückgelassene zwei Schiffe ein, des willens, ihren
Gouverneur selbst in Hispaniola aufzusuchen.
    Kaum hatten wir das hohe Meer erreicht, da uns ein entsetzlicher Sturm
überfiel, welcher das Schiff, worinnen unsere Mit-Gesellen sassen, in einem
Augenblicke umstürzte und in den Abgrund versenckte, so dass kein eintziger zu
erretten war. Wir übrigen suchten dergleichen Unglücke zu entgehen, landeten
derowegen bei der Insul Fortis, wurden aber von den Pfeilen der wilden Einwohner
dermassen unfreundlich empfangen, dass wir vor unser gröstes Glück schätzten,
noch bei zeiten das Schiff zu erreichen, und von dannen zu seegeln.
    Indem nun bei solchen kümmerlichen Umständen die Fahrt nach Hispaniola aufs
eiligste fortgesetzt wurde, begegnete uns über alles verhoffen der Oberste
Gerichts-Præsident Don Martin Anciso, welcher nicht allein auf einem
Last-Schiffe allerhand Nahrungs-Mittel und Kleider-Geräte, sondern auch in
einem Neben-Schiffe gute Kriegs-Leute mit sich führete.
    Seine Ankunft war uns ungemein tröstlich, jedoch da er nicht glauben wollte,
dass wir von unsern Gouverneur Hojez verlassen wären, im Gegenteil uns vor
Aufrührer oder abgefallene Leute ansah, mussten wir uns gefallen lassen,
erstlich eine Zeitlang in der Einfahrt des Flusses Boyus zwischen den
Cartaginensischen Port und der Landschaft Cuchibacoam bei ihm stille zu
liegen, hernachmahls aber in seiner Begleitung nach der Urabanischen Landschaft
zurück zu seegeln, weil er uns weder zu dem Niqvesa noch in Hispaniolam führen
wollte, sondern vorgab, er müsse uns alle, Krafft seines tragenden Ammts und
Pflichten, durchaus in des Gouverneurs Hojez Provinz zurücke bringen, damit
dieselbe nicht ohne Besatzung bliebe.
    Demnach richteten wir unsern Lauff dahin, allein es schien als ob das Glück
allen unsern Anschlägen zuwider wäre, denn als des Anciso allerbestes Schiff in
den etwas engen Hafen einlauffen wollte, gienge selbiges durch Unvorsichtigkeit
des Steuer-Manns zu scheitern, so dass aller Proviant, Kriegs-Geräte, Gold,
Kleinodien, Pferde und andere Tiere zu Grunde sincken, die Menschen aber sehr
kümmerlich ihr Leben retten mussten, welches wir doch ingesammt, wegen Mangel der
nötigen Lebens-Mittel und anderer Bedürffnissen ehestens zu verlieren, fast
sichere Rechnung machen konten.
    Endlich, nachdem wir uns etliche Tage mit Wurtzeln, Kräutern, auch elenden
saueren Baum Früchten des Hungers erwehret, wurde beschlossen etwas tieffer ins
Land hinein zu rücken, und viellieber Heldenmütig zu sterben, als so schändlich
und verächtlich zu leben, allein da wir kaum 4. Meilen Wegs zurück gelegt,
begegnete uns eine erstaunliche Menge wohl bewaffneter Indianer, die den tapfern
Vorsatz alsobald zernichteten, und uns über Hals und Kopf, mit ihren
vergiffteten Pfeilen, an das Gestade des Meeres, allwo unsere Schiffe stunden,
wieder rückwarts jagten.
    Die Bekümmernis über diesen abermahligen Unglücks-Fall war dennoch nicht so
gross als die Freude, so uns von einigen gefangenen Indianern gemacht wurde,
welche berichteten, dass oberhalb, dieses Meer-Busens eine Landschaft läge, die
an Früchten und allen notdürfftigen Lebens-Mitteln alles im grösten Uberflusse
hervor brächte. Don Anciso sah sich also gezwungen, uns dahin zu führen. Die
dasigen Einwohner hielten sich anfänglich ziemlich ruhig, so bald wir aber
anfiengen in diesem gesegneten Lande Häuser aufzubauen, und unsere Wirtschaft
ordentlich einzurichten, brach der König Comaccus mit seinen Untertanen auf,
und versuchte, uns frembde Gäste aus dem Lande zu jagen. Es kam solchergestallt
zu einem grausamen Treffen, welches einen ganzen Tag hindurch und bis in die
späte Nacht währete, jedoch wir erhielten den Sieg, jagten den zerstreueten
Feinden aller Orten nach, und machten alles, was lebendig angetroffen wurde,
aufs grausamste darnieder.
    Nunmehro fand sich nicht allein ein starcker Uberfluss an Brod, Früchten,
Wurtzeln und andern notwendigen Sachen, sondern über dieses in den Gepüschen
und sümpffichten Oertern der Flüsse, über drittehalb tausend Pfund gediehen
Gold, nebst Leinwand, Bett-Decken, allerlei metallenes, auch irrdenes und
höltzernes Geschirr und Fässer, welches der König Comaccus unsertwegen dahin
verstecken und vergraben lassen. Allhier liess Don Anciso nachhero eine Stadt und
Kirche, welch er Antiqua Darienis nennete, aufbauen, und solches tat er wegen
eines Gelübdes, so er der sancta Maria Antiqua die zu Sevillen sonderlich
verehret wird, noch vor der Schlacht versprochen hatte. Mittlerzeit liess Don
Anciso unsere zurück gelassenen Leute, in zweien Schiffen herbei holen, unter
welchen sich auch mein besonderer Freund, der Hauptmann Don Vasco Nunez di
Valboa befand, welcher nunmehro an der, von einem vergiffteten Pfeile
empfangenen Wunde wiederum völlig hergestellet war. Da es nun wegen der
erbeuteten Güter zur behörigen Teilung kommen sollte, und ein jeder vermerckte,
wie Don Anciso als ein eigennütziger Geitzhals überaus unbillig handelte, indem
er sich selbst weit grössere Schätze zueignete, als ihm von rechts wegen
zukamen, entstund dieserwegen unter dem Kriegs-Volcke erstlich ein heimliches
Gemurmele, welches hernach zu einem öffentlichen Auffruhr ausschlug, da sich die
besten Leute an den Don Valbao henckten, und ihn zu ihren Ober-Haupt und
Beschützer aufwarffen. Des Don Anciso Anhang gab zwar dem Valboa Schuld: dass er
von Natur ein auffrührischer und unnützer Mensch sei, dessen Regiersucht nur
allerlei Unglück anzustifften trachte; Allein so viel ich die ganze Zeit meines
Umgangs bei ihm gemerckt, war er ein Mann von besonderer Hertzhaftigkeit, der
sich vor niemanden scheute, und derowegen das Unrecht, so ihm und den Seinigen
geschahe, unmöglich verschmertzen konnte, hergegen selbiges auf alle erlaubte Art
zu rächen suchte, wiewohl er hierbei niemals den Respect und Vorteil des Königs
in Castilien aus den Augen setzte.
    In diesem Lermen kam Don Roderiguez Colmenarez mit zweien Schiffen aus
Hispaniola zu uns, welche nicht allein mit frischen Kriegs-Volck, sondern auch
vielen Proviant beladen waren. Dieser vermeinte den Hojez allhier anzutreffen,
von dem er erfahren, dass er nebst seinem Volck in grosser Angst und Nöten
steckte, fand aber alles sehr verwirrt, indem sich Anciso und Valboa um die
Ober-Herrschaft stritten, und jeder seinen besondern Anhang hatte. Um nun einen
fernern Streit und endliches Blutvergiessen zu verhüten, schiffte Colmenarez
zurück, seinen Vettern Don Didaco de Niquesa herbei zu bringen, welcher die
streitenden Parteien aus einander setzen, und das Ober-Commando über die andern
alle annehmen sollte.
    Colmenarez war so glücklich den Niqvesa eben zu rechter Zeit anzutreffen,
und zwar in der Gegend die von ihm selbst Nomen Dei benahmt worden, allwo der
arme Niqvesa nackend und bloss, nebst seinen Leuten halb todt gehungert, herum
irrete. Jedoch nachdem ihn Colmenarez nebst 75. Castilianern zu Schiffe und auf
die rechte Strasse gebracht, kam er unverhofft bei uns in Antiqua Darienis an.
Hieselbst war er kaum an Land gestiegen, als es lautbar wurde, wie schmählich
und schimpflich er so wohl von Anciso als Valboa geredet, und gedrohet, diese
beiden nebst andern Haupt-Leuten, teils ihrer Aemter und Würden zu entsetzen,
teils aber um Gold und Geld aufs schärffste zu bestraffen. Allein eben diese
Drohungen gereichten zu seinem allergrösten Unglücke, denn es wurden
solchergestalt beide Teile gegen ihn erbittert, so dass sie den armen Niquesa
nebst seinen Leuten wieder zurück in sein Schiff, und unbarmhertziger weise,
ohne Proviant, als einen Hund aus derselbigen Gegend jagten.
    Ich habe nach Verfluss einiger Monate etliche von seinen Gefährten auf der
Zorobarer Landschaft angetroffen, welche mich berichteten, dass er nahe bei dem
Flusse, nebst etlichen der Seinen, von den Indianern sei erschlagen und
gefressen worden, weswegen sie auch diesen Fluss Rio de los perditos, auf Teutsch
den Fluss des Verderbens nenneten, und mir einen Baum zeigten, in dessen glatte
Rinde diese Lateinischen Worte geschnitten waren: Hic misero errore fessus,
DIDACUS NIQVESA infelix periit. Zu Teutsch: Hier ist der vom elenden herum
schweiffen ermüdete, und unglückliche Didacus Niqvesa umgekommen.
    Jedoch ich erinnere mich, um bei meiner Geschichts-Erzehlung eine richtige
Ordnung zu halten, dass wir nach des Niqvesa Vertreibung abermals den grösten
Kummer, Not und Hunger leiden mussten, indem des Colmenarez dahin gebrachter
Proviant gar bald auffgezehret war, so dass wir als wilde Menschen, ja als
hungerige Wölffe überall herum lieffen, und alles hinweg raubten was nur in den
nächst gelegenen Landschaften anzutreffen war.
    Endlich nachdem Valboa einen Anhang von mehr als 150. der ausserlesensten
Kriegs-Leute beisammen hatte, gab er öffentlich zu verstehen, dass er nunmehro,
da der Gouverneur Hojez allem vermuten nach umgekommen, unter keines andern
Menschen Commando stehen wolle, als welcher ein eigen Diploma von dem Könige
selbst aufzuweisen hätte. Anciso hingegen trotzete auf sein oberstes Gerichts-
Præsidenten-Ammt, weiln aber sein Beglaubigungs Brief vielleicht im letztern
Schiffbruche mit versuncken war, oder er nach vieler anderer Meinung wohl gar
keinen gehabt hatte, fand Valboa desto mehr Ursach sich demselben nicht zu
unterwerffen, und so bald Anciso sein Ansehen mit Gewalt zu behaupten mine
machte, überfiel ihn Valboa plötzlich, liess den Prahlhaften Geitzhals in Ketten
und Banden legen, und teilete dessen Gold und Güter der Königlichen Cammer zu.
Jedoch nachdem ich und andere gute Freunde dem Valboa sein allzuhitziges
Verfahren glimpfflich vorstelleten, besann er sich bald eines andern, bereuete
seine jachzornige Strengigkeit, stellete den Anciso wiederum auf freien Fuss, gab
ihm sein Gold und Güter ohne Verzug zurück, und hätte sich ohnfehlbar gäntzlich
mit Anciso ausgesöhnet, wenn derselbe nicht allzurachgierig gewesen wäre. Wenig
Tage hernach seegelte Anciso mit seinen Anhängern von uns hinweg und hinterliess
die Drohungen, sich in Castilien, bei dem Könige selbst, über den Valboa zu
beklagen, jedoch dieser letztere kehrete sich an nichts, sondern brachte sein
sämtliches Kriegs-Volck in behörige Ordnung, setzte ihnen gewisse Befehlshaber,
auf deren Treue er sich verlassen konnte, als worunter sich nebst mir auch Don
Rodriguez Colmenarez befand, und fieng alsobald an sein und unser aller Glück
mit rechten Ernste zu suchen.
    Coiba war die erste Landschaft, welche von uns angegriffen wurde, und deren
König Careta, als er sich mit dem Mangel entschuldigte, Proviant und andere
Bedürffnissen herzugeben, musste sich nebst Weib, Kindern und allem Hof-Gesinde
nach Darien abführen lassen.
    Mittlerzeit sah Valboa so wohl als alle andern vor nötig an, den Valdivia
und Zamudio nach Hispaniola zu senden, deren der erstere bei dem Ober-Admiral,
Don Didaco Columbo, und andern Regenten dieser Lande, den Valboa bestens
recommandiren, und um schleunige Bei-Hülffe mit Proviant und andern
Bedürffnissen bitten sollte, Zamudio aber war befehligt eiligst nach Castilien zu
seegeln, und des Valboa mit Anciso gehabten Händel bei dem Könige aufs
eiffrigste zu verteidigen. Inzwischen wurde der Coibanische König Careta wieder
auf freien Fuss gestellet, jedoch unter den Bedingungen, dass er nicht allein
unser Kriegs-Volck nach möglichkeit mit Speise und Tranck versehen, sondern auch
dem Valboa in dem Kriegs-Zuge, wider den benachbarten König Poncha, beistehen,
und die rechten Wege zeigen sollte.
    Indem nun Careta mit diesem seinen ärgsten Feinde Poncha beständig Krieg
geführet, und von ihm sehr in die Enge getrieben worden, nahm er diese
Gelegenheit sich einmal zu rächen mit Freuden an, zog mit seinen Untertanen,
welche mit langen höltzernen Schwerdtern und sehr spitzigen Wurff-Spiessen
bewaffnet waren, stets voraus, um den Poncha unversehens zu überfallen. Allein
dieser hatte dennoch unsern Anzug bei zeiten ausgekundschaft und dieserwegen
die Flucht ergriffen, dem ohngeacht fanden wir daselbst einen starcken Vorrat
an Lebens-Mitteln und andern trefflichen Sachen, wie nicht weniger etliche 30.
Pfund feines Goldes.
    Nach diesem glücklichen Streiche wurde der König Comogrus überfallen, mit
welchen wir aber auf des Königs Caretæ Unterhandlung Bündnis und Friede machten.
Dieser Comogrus hatte 7. wohlgestallte Söhne, von welchen der Aelteste ein
Mensch von ganz besondern Verstande war, und nicht allein vieles Gold und
Kleinodien unter uns austeilete, sondern auch Anschläge gab, wo wir dergleichen
köstliche Waaren im überflusse antreffen könten.
    Es liess sich der König Comogrus mit seiner ganzen Familie zum christlichen
Glauben bereden, weswegen er in der Tauffe den Nahmen Carolus empfieng, nachdem
aber das Bündnis und Freundschaft mit ihm auf solche Art desto fester
geschlossen worden, nahmen wir unsern Rückweg nach Antiquam Darienis, allwo der
Valdivia zwar wiederum aus Hispaniola angelangt war, jedoch sehr wenig Proviant,
hergegen starcke Hoffnung mit sich brachte, dass wir ehestens alles Benötigte in
desto grösserer Menge empfangen sollten.
    Das Elend wurde also abermals sehr gross, dazumahlen unsere Erndte durch
ungewöhnlich starcke Wasser-Fluten verderbt, alle um und neben uns liegende
Landschaften aber ausgezehret waren, derowegen trieb uns die Not mit grosser
Gefahr in das Mittel-Land hinein, nachdem wir am 9ten December des Jahrs 1511.
den Valdivia mit vielen Gold und Schätzen, die vor den König Ferdinandum
gesammlet waren, über Hispaniolam nach Spanien zu seegeln abgefertiget hatten.
    In diesem Mittägigen Lande traffen wir etliche Häuser an, aus welchen ein
kleiner König Dabaiba genannt, nebst seinen Hof-Gesinde und Untertanen
entflohen war, und wenig Lebens-Mittel, allein sehr viel Haus-Geräte, Waffen,
auch etliche Pfund gearbeitetes Gold zurück gelassen hatte. Auf der weitern
Fahrt brachte uns ein gewaltiger Sturm um 3. Schiffe, welche mit Volck und
allen Geräte zu Grunde giengen.
    So bald wir mit Kummer und Not zu Lande kamen, wurde der König
Abenamacheius angegriffen, dessen Hof-Lager in mehr als 500. wohlgebaueten
Hütten bestand. Er wollte mit den Seinigen die Flucht nehmen, musste aber endlich
Stand halten, und sich nach einer blutigen Schlacht nebst seinen besten Leuten
gefangen geben. Dieser König hatte in der Schlacht einem von unsern
Kriegs-Leuten eine leichte Wunde angebracht, welches dem Lotter-Buben dermassen
verdross, dass er ihm, da er doch schon unser Gefangener war, so schändlich als
geschwind einen Arm vom Leibe herunter hieb. Weil aber diese Tat dem Valboa
heftig verdross, wurde dieser Knecht fast biss auf den tod zerprügelt.
    Nach diesem erlangten Siege und herrlicher Beute, führete uns ein nackender
Indianer in die grosse Landschaft des Königs Abibeiba, der seine Residenz auf
einem sehr hohen und dicken Baume aufgebauet hatte, indem er wegen öffterer
Wassergüsse nicht wohl auf dem Erdboden wohnen konnte. Dieser König wollte sich
weder durch Bitten noch durch Droh-Worte bewegen lassen von diesem hohen Gebäude
herab zu steigen, so bald aber die Unsern einen Anfang machten den Baum
umzuhauen, kam er nebst zweien Söhnen herunter, und liess seine übrigen
Hof-Bedienten in der Höhe zurück. Wir machten Friede und Bündnis mit ihm, und
begehrten eine billige Schatzung an Lebens-Mitteln und Golde geliefert zu haben,
indem er nun wegen des letztern seinen sonderlichen Mangel vorgeschützt,
gleichwohl aber nur desto heftiger angestrenget wurde etliche Pfund zu
verschaffen, versprach er nebst etlichen seiner Leute auszugehen, und uns binnen
6. Tagen mehr zu bringen als wir verlangt hätten. Allein er ist darvon gegangen
und nachhero niemahls wiederum vor unsere Augen gekommen, nachdem wir uns also
von ihm betrogen gesehen, wurde aller Vorrat von Speise, Wein und anderen guten
Sachen hinweg geraubt, wodurch unsere ermatteten Leiber nicht wenig erquickt und
geschickt gemacht wurden, eine fernere mühsame Reise anzutreten.
    Mittlerweile hatten sich 5. Könige, nehmlich letztgemeldter Abiebaiba,
Cemacchus, Abraibes, dessen Schwager Abenamacheius und Dabaiba zusammen
verschworen, uns mit zusamen gesetzten Kräfften plötzlich zu überfallen und
gäntzlich zu vertilgen, jedoch zu allem Glücke hatte Valboa eine ausserordentlich
schöne Jungfrau unter seinen gefangenen Weibs- welche er vor allen andern
hertzlich liebte, diese hatte solchen Blut-Rat von ihrem leiblichen Bruder
nicht so bald ausgeforschet, als sie von der getreuen Liebe getrieben wurde dem
Valboa alle wider ihn gemachten Anschläge zu offenbahren. Dieser teilete
sogleich sein Volck in zwei Hauffen, er selbst ging nebst mir und etliche 70.
Mann auf die verteileten Hauffen der versammleten Indianer los, zerstreuete
dieselben und bekam sehr viele von der Könige Bedienten gefangen, die wir mit
zurück in unser Lager führeten, Don Colmenarez aber musste mit 4. Schiffen auf
den Flecken Tirichi los gehen, allwo er so glücklich war denselben unvermutet
zu überfallen, und der Indianer ganze Kriegs-Rüstung, die daselbst zusammen
gebracht war zu zernichten, auch eine grosse Beute an Proviant, Gold, Wein und
andern brauchbaren Gerätschaften zu machen. Uber dieses hat er allen
Aufrührern und Feinden ein entsetzliches Schrecken eingejagt, indem der oberste
Feld-Herr an einen Baum gehenckt und mit Pfeilen durchschossen, nechst dem noch
andere Indianische Befehlshaber andern zum Beispiele aufs grausamste
hingerichtet worden.
    Solchergestallt verkehrte sich alle bisherige Gefahr, Unruhe und
kümmerliches Leben auf einmal, in lauter Friede, Ruhe, Wollust und Freude, denn
da sich nachhero die vornehmsten Aufrüher gutwillig unter des Valboa Gehorsam
begaben, liess er einen allgemeinen Frieden uñ Vergebung aller vorhergegangenen
Widerspenstigkeit halber, ausruffen, sein Volck aber auf so vieles
ausgestandenes Ungemach eine Zeitlang der Ruhe geniessen.
    Hierauff nahmen wir unsern Rück-Weg nach der Urabanischen Landschaft, allwo
nach vielen Beratschlagungen endlich beschlossen wurde, dass Don Rodriguez
Colmenarez nebst dem Don Juan de Quicedo nach Hispaniolam, und von dar zum
Könige von Castilien abgesandt werden sollten, um an beiden Orten ordentlichen
Bericht von unsern sieghaften Begebenheiten abzustatten, und die Sachen dahin
zu veranstallten, dass wir mit etwa 1000. Mann und allen Zubehör verstärckt, den
Zug in die Goldreichen Landschaften gegen Mittag sicher unternehmen, und
dieselben unter des Königs in Castilien Botmässigkeit bringen könten, denn
Valdivia und Zamudio wollten nicht wieder zum vorscheine kommen, woraus zu
schliessen war, dass sie etwa auf der See verunglückt sein möchten. Demnach
giengen Colmenarez und Quicedo im October 1512. unter Seegel, nachdem sie
versprochen keine Zeit zu versäumen, sich so bald als nur möglich wiederum auf
den Urabanischen Küsten einzustellen. Allein da Valboa dieser beider Männer
Zurückkunft nunmehro fast 11. Monat vergeblich abgewartet, und in Erfahrung
brachte, dass Don Pedro de Arias, ehestens als Königlicher Gouverneur über die
Urabanische und angräntzende Landschaften bei uns eintreffen würde, trieb ihn
so wohl die allbereits erlangte Ehre, als Verlangen die Mittäglichen Goldreichen
Länder zu erfinden, so weit, dass er mit den Ober-Häuptern der Landschaften zu
Rate ging, und den gefährlichen Zug dahin mit etwa 200. Kriegs-Leuten vornahm,
ohngeacht ihm nicht allein von des Comogri Sohne, sondern auch von den andern
Indianischen Königen geraten worden, diesen Zug mit nicht weniger als 1000.
Mann zu wagen, indem er daselbst ungemein streitbare Völcker antreffen würde.
    Es war der 4te Sept. 1513. da wir mit 3. grossen und 10. sehr kleinen
Schiffen abseegelten, und zum erstenmahle wiederum bei des Coibanischen Königs
Caretæ Landschaft anländeten. Hieselbst liess Valboa die Schiffe nebst einer
Besatzung zurück, wir aber zogen 170. Mann starck fort, und wurden von des
Caretæ uns zugegebenen Wegweisern in des Ponchæ Königreich geführet, welchen
wir, nachdem er unsern ehemaligen Zuspruch erwogen, endlich mit grosser Mühe zum
Freunde und Bundsgenossen bekamen. Nachhero haben wir viele andere Könige, als
den Qvarequa, Chiapes, Coquera und andere mehr, teils mit Güte und Liebe,
teils aber auch mit Gewalt zum Gehorsam gebracht, mittlerweile aber am 18.
October desselbigen Jahres das Mittägliche Meer erfunden, und um selbige Gegend
einen erstaunlichen Schatz an Gold und Edel-Steinen zusammen gebracht.
    Bei so glückseeligen Fortgange unseres Vorhabens, bezeigte sich Valboa
dermassen danckbar gegen GOTT und seine Gefährten, dass kein eintziger Ursach
hatte über ihn zu klagen. Eines Tages aber, da er mich an einem einsamen Orte
ziemlich betrübt und in Gedancken vertiefft antraff, umarmete er mich mit ganz
besonderer Freundlichkeit und sagte: Wie so unvergnügt mein allerbester
Hertzens-Freund, fehlet euch etwa Gesundheit, so habe ich Ursach euch zu
beklagen, sonsten aber wo Gold, Perlen und edle Steine euren Kummer zu stillen
vermögend sind, stehet euch von meinem Anteil so viel zu diensten als ihr
verlanget. Ich gab ihm hierauff zu verstehen: dass ich an dergleichen
Kostbarkeiten selbst allbereit mehr gesammlet, als ich bedürfte, und mich
wenigstens 5. mahl reicher schätzen könnte als ich vor dem in Castilien gewesen.
Allein mein jetziges Missvergnügen rühre von nichts anders her, als dass ich mich
vor der Ankunft meines abgesagten Feindes, des Don Pedro de Arias fürchtete,
und indem ich noch zur Zeit von dem Könige Ferdinando keinen Pardon Brief
aufzuweisen hätte, würde mir derselbe allen ersinnlichen Tort antun, und
wenigstens verhindern, dass ich auch in dieser neuen Welt weder zu Ehren noch zur
Ruhe kommen könnte. Valboa fieng hierüber an zu lachen und sagte: Habt ihr sonst
keine Sorge, mein wertester Freund, so entschlaget euch nur auf einmal aller
Grillen, und glaubt sicherlich, dass es nunmehro mit uns allen beiden keine Not
habe, denn diejenigen Dienste, so wir dem Könige durch Erfindung dieses
Mittägigen Meeres und der Gold-reichen Länder geleistet haben, werden schon
würdig sein, dass er uns alle beide, jedweden mit einem ansehnlichen
Gouvernement, in diesen Landschaften begabet, welche binnen wenig Jahren also
einzurichten sind, dass wir unsere übrige Lebens-Zeit vergnügter darinnen
zubringen können, als in Castilien selbst. Es sei euch, fuhr er fort, im
Vertrauen gesagt, dass ich in kurtzer Zeit selbst eine Reise nach Spanien zu tun
willens bin, allda sollen mir eure Sachen noch mehr angelegen sein, als die
meinigen, solchergestalt zweiffele auch im geringsten nicht, euer und mein
Glücke zu befestigen.
    Diese wohlklingenden Zuredungen machten mein Gemüte auf einmal höchst
vergnügt, so, dass ich den Valboa umarmete, mich vor seine gute Vorsorge im
Voraus hertzlich bedanckte, und versprach, Zeit Lebens sein getreuer Freund und
Diener zu verbleiben. Er entdeckte mir hierauf, wie er nur noch willens sei, den
Mittägigen Meer-Busen, welchen er St. Michael genennet hatte, nebst den so reich
beschriebenen Perlen-Insuln auszukundschaften, nachhero aber so gleich die
Rück-Reise nach Uraba anzutreten, welches Vorhaben ich nicht allein vor billig
erachtete, sondern auch alles mit ihm zu unternehmen versprach.
    Dieser Meer-Busen sollte sich, des Indianischen Königs Chiapes Aussage nach,
160. Meilen weit von dem festen Lande biss zu dem äusersten Meeres-Schlunde
erstrecken. Derowegen wurde bald Anstalt gemacht, diese Fahrt anzutreten, und
ohngeacht der König Chiapes dieselbe heftig widerriet, indem er angemerckt
hatte, dass um diese Zeit zwei bis drei Monate nach einander die See entsetzlich
zu stürmen und zu wüten pflegte, so wollte doch Valboa hiervon im geringsten
nicht abstehen, sondern liess etliche Indianische kleine Schifflein zurechte
machen, in welche wir uns mit etliche 80. der mutigsten Kriegs-Leute setzten,
und von dannen seegelten.
    Allein, nunmehro hatte das unerforschliche Verhängnis beschlossen, mich vor
dissmahl nicht allein von dem Valboa, sondern nach etlichen Jahren auch von aller
andern menschlichen Gesellschaft abzusondern, denn wenige Tage nach unserer
Abfahrt entstund ein entsetzlicher Sturm, welcher die kleinen Schifflein aus
einander jagte, und unter andern auch das meinige, worauf ich nebst 9.
Kriegs-Leuten sass, in den Abgrund des Meeres zu versencken drohete. Indem nun
kein Mittel zu erfinden war, dem jämmerlichen Verderben zu entgehen, überliessen
wir uns gäntzlich den unbarmhertzigen Fluten, und suchten allein bei GOtt in
jenem Leben Gnade zu erlangen, weil er uns selbige in diesen zeitlichen
abzuschlagen schien. Jedoch, nachdem wir noch zwei Tage und Nacht recht
wunderbarer Weise bald in die erstaunlichste Höhe, bald aber in grausame
Abgründe zwischen Flut und Wellen hin verschlagen und fortgetrieben worden,
warffen uns endlich die ergrimmten Wellen auf eine halb überschwemmte Insul, die
zwar vor das jämmerliche Ertrincken ziemliche Sicherheit versprach, jedoch wenig
fruchtbare Bäume oder andere Lebens-Mittel zeigte, womit wir bei etwa
langweiligen Aufentalt, unsern Hunger stillen könten.
    Es war das Glück noch einem unserer Fahrzeuge, worauf sich 8. von unsern
Kriegs-Leuten nebst zweien Indianern befanden, eben so günstig gewesen, selbiges
so wohl als uns auf diese Insul zu führen, derowegen erfreueten wir uns
ungemein, als dieselben zwei Tage hernach zu uns kamen, und ihre glückliche
Errettungs-Art erzehleten.
    Wir blieben demnach beisammen, trockneten unser Pulver, betrachteten den
wenigen Speise-Vorrat, brachten alle übrigen Sachen in Ordnung, und fingen
hierauf an, die ganze Insul durch zu streiffen, worinnen wir doch weder
Menschen noch Vieh, wohl aber einige Bäume und Stauden antraffen, welche sehr
schlecht nahrhafte Früchte trugen. Demnach mussten wir uns mehrenteils mit
Fischen behelffen, welche die beiden Indianer, so sich in unserer Gesellschaft
befanden, auf eine weit leichtere und geschwindere Art, als wir, zu fangen
wussten. Da aber nach etlichen Tagen das Wasser in etwas zu fallen begunte,
sammleten wir eine grosse Menge der vortrefflichsten Perlen-Muscheln, die das
umgerührte Eingeweide des Abgrundes auf diese Insul auszuspeien gezwungen
worden. Ich selbst habe an diesem Orte 34. Stück Perlen von solcher Grösse
ausgenommen, und mit anhero gebracht, dergleichen ich vorhero noch nie gesehen
oder beschreiben hören, doch nach der Zeit habe auf andern Inseln noch mehr
dergleichen, ja teils noch weit grössere gesammlet, welche derjenige, so diese
meine Schrifft am ersten zu lesen bekommt, ohnfehlbar finden wird.
    Jedoch meinen damahligen Glücks- und Unglücks-Wechsel zu folgen, ersah
einer von unsern Indianern, der ein ganz ungewöhnlich scharffes Gesichte hatte,
Süd-Westwerts eine andere Insul, und weiln wir daselbst einen bessern
Speise-Vorrat anzutreffen verhofften, wurden unsere kleinen Schiffe bei
damahligen stillen Wetter, so gut als möglich, zugerichtet, so, dass wir
einsteigen, und besagte Insul nach dreien Tagen mit abermahliger gröster
Lebens-Gefahr erreichen konten. Uber alles Vermuten traffen wir auch daselbst
ein kleines Schiff an, welches das wütende Meer mit 11. unserer Mit-Gesellen
dahin geworffen hatte. Die Freuden- und Jammer-Tränen lieffen häuffig aus
unsern Augen, ersten teils wegen dieser glücklichen Zusammenkunft, andern
teils darum, weil uns die letztern berichteten, dass Valboa nebst den übrigen
ohnmöglich noch am Leben sein könnte, weil sie ingesammt durch den Sturm auf die
gefährlichste und fürchterlichste Meeres-Höhe getrieben worden, allwo weit und
breit keine Insuln, wohl aber bei hellen Wetter erschröckliche aus dem Wasser
hervor ragende Felsen und Klippen zu sehen wären. Im übrigen war diese Insul so
wenig als unsere vorige mit Menschen besetzt, jedoch liessen sich etliche
vierfüssige Tiere sehen, welche teils den Europäischen Füchsen, teils aber den
wilden Katzen gleichten. Wir nahmen uns kein Bedencken, dieselben zu schiessen,
und als vortreffliche Lecker-Bissen zu verzehren, worbei wir eine gewisse
Wurtzel, die unsere Indianer in ziemlicher Menge fanden, an statt des Brodts
gebrauchten. Nechst diesen liessen sich auch etliche Vögel sehen, die wir
ebenfalls schossen, und mit grösten Appetit verzehreten, anbei das Fleisch der
vierfüssigen Tiere dörreten, und auf den Notfall spareten.
    Ich konnte meine Gefährten, ohngeacht sie mich einhellig vor ihr Ober-Haupt
erkläreten, durchaus nicht bereden, die Rück-Fahrt nach St. Michaël vorzunehmen,
weil ihnen allezeit ein Grausen ankam, so oft sie an die gefährlichen Klippen
und stürmende See gedachten, derowegen fuhren wir immer gerades Weges vor uns
von einer kleinen Insul zur andern, biss uns endlich das Glück auf eine ziemlich
grosse führete, die mit Menschen besetzt war. Selbige kamen häuffig herzu, und
sahen uns Elenden, die wir durch 19. Schiff-Fahrt ganz kraftlos und ziemlich
ausgehungert waren, mit gröster Verwunderung zu Lande steigen, machten aber
dieserwegen nicht die geringste grimmige Gebärde, sondern hätten uns vielleicht
gar als Götter angebetet, wenn unsere zwei Indianer ihnen nicht bedeutet hätten,
dass wir arme verirrete Menschen wären, die lauter Liebe und Freundschaft gegen
sie bezeugen würden, woferne man uns nur erlaubte, allhier auszuruhen, und
unsere hungerigen Magen mit einigen Früchten zu befriedigen. Ob nun schon die
Einwohner der unsern Sprache nicht völlig verstunden, sondern das meiste durch
Zeichen erraten mussten, so erzeigten sich dieselben doch dermassen gefällig,
dass wir an ihren natürlichen Wesen noch zur Zeit nicht das geringste auszusetzen
fanden. Sie brachten uns gedörretes Fleisch und Fische, nebst etlichen aus
Wurtzel-Mehl gebackenen Brodten herzu, wovor wir die gläsernen und messingenen
Knöpffe unter sie teilten, so wir an unsern Kleidern trugen, indem dergleichen
schlechte Sachen von ihnen ungemein hoch geschätzt, und mit erstaunlicher Freude
angenommen wurden. Gegen Abend kam ihr König, welcher Madan genennet wurde, zu
uns, dieser trug einen Schurtz von bunten Federn um den Leib, wie auch
dergleichen Krone auf dem Haupte, führete einen starcken Bogen in der rechte
Hand, in der lincken aber einen höltzernen Wurff-Spiess, wie auch einen Köcher
mit Pfeilen auf dem Rücken. Ich hatte das Glück, ihm ein höchst angenehmes
Geschenck zu überreichen, welches in einem ziemlich grossen Taschen-Messer,
einem Feuer-Stahl und zweien Flinten-Steinen bestund, und habe niemahls bei
einer lebendigen Kreatur grössere Verwunderung gespüret, als sich bei diesem
Menschen zeigte, so bald er nur den Nutzen und Krafft dieses Werckzeugs erfuhr.
Er bekam über dieses noch ein Hand-Beil von mir, dessen vortreffliche Tugenden
ihn vollends dahin bewegten, dass uns alles, was wir nur anzeigen konten,
gereicht und verwilliget wurde. Demnach baueten meine Gefährten ohnfern vom
Meer-Ufer etliche Hütten auf, worinnen 4. 5. oder 6. Personen bequemlich
beisammen ruhen, und den häuffig herzu gebrachten Speise-Vorrat verzehren
konten. Von unsern Schiess-Gewehr wussten sich diese Leute nicht den geringsten
Begriff zu machen, ohngeacht unsere Indianer ihnen bedeuteten, dass diese
Werckzeuge Donner, Blitz und Feuer hervor bringen, auch sogleich tödtliche
Wunden machen könten, da aber einige Tage hernach sich eine ziemliche Menge
mittelmässiger Vögel auf einem Baume sehen liessen, von welchen der König Madan
in grössester Geschwindigkeit zwei mit einem Pfeile herunter schoss, ergriff ich
ihn bei der Hand, nahm meine Flinte, und führete ihn biss auf etliche 30.
Schritt, gegen einen andern Baum, auf welchen sich diese Vögel abermals nieder
gelassen hatten, und schoss, vermittelst eingeladenen Schrots, auf einmal 6. von
diesen Vögeln herunter. Kaum war der Schuss getan, als dieser König nebst allen
seinen anwesenden Untertanen plötzlich zu Boden fiel, da sie denn vor Schrecken
sich fast in einer halben Stunde nicht wieder erholen konten. Auf unser
freundliches und liebreiches Zureden kamen sie zwar endlich wiederum zu sich
selbst, bezeugten aber nach der Zeit eine mit etwas Furcht vermischte
Hochachtung vor uns, zumahlen da wir ihnen bei fernerer Bekandtschaft zeigten,
wie wir unsere Schwerdter gegen böse Leute und Feinde zu entblössen und zu
gebrauchen pflegten.
    Immittelst hatten wir Gelegenheit, etliche Pfund Gold, das auf eine
wunderliche Art zu Hals- und Armbändern, Ringen und Angehencken verarbeitet war,
gegen allerhand elende und nichts-würdige Dinge einzutauschen, auch einen
starcken Vorrat von gedörreten Fleisch, Fischen, Wurtzeln und andern
nahrhaften Früchten einzusammlen. Nachdem wir aber 3. von den allerdicksten
Bäumen umgehauen, und in wenig Wochen so viel Schiffe daraus gezimmert, die da
weit stärcker als die vorigen, auch mit Seegel-Tüchern von geflochtenen Matten
und zusammen gedreheten Bast-Stricken versehen waren, suchten wir mit guter
Gelegenheit von diesen unsern Wohltätern Abschied zu nehmen, und nach dem Furt
St. Michael zurück zu kehren, allein, da meine Gefährten von den Einwohnern
dieser Insul vernahmen, dass weiter in See hinein viel grössere bewohnte Insuln
anzutreffen wären, worinnen Gold, Edle-Steine, und sönderlich die Perlen in
gröster Menge befindlich, gerieten sie auf die Verwegenheit, dieselben
aufzusuchen. Ich setzte mich zwar so viel, als möglich, darwieder, indem ich
ihnen die gröste Gefahr, worein wir uns begäben, sattsam vorstellete, allein, es
halff nichts, ja es trat alsobald einer auf, welcher mit gröster Dreustigkeit
sagte: Don Valaro, bedencket doch, dass Valboa nebst unsern andern Cameraden im
Meere begraben worden, also dürffen wir uns auf unsere geringen Kräffte so
wenig, als auf die ehemahligen Bündnisse und Freundschaft der Indianischen
Könige verlassen, welche ohne Zweiffel des Valboa Unglück zeitig genung erfahren
haben, diesemnach uns Elenden auch bald abschlachten werden. Lasset uns also
viellieber neue Insuln und Menschen aufsuchen, welche von der Grausamkeit und
dem Geitze unserer Lands-Leute noch keine Wissenschaft haben, und seid
versichert, dass, so ferne wir christlich, ja nur menschlich mit ihnen umgehen
werden, ein weit grösseres Glück und Reichtum vor uns aufgehaben sein kann, als
wir in den bisherigen Landschaften empfunden haben. Kommen wir aber ja im
Sturme um, oder werden ein Schlacht-Opffer vieler Menschen, was ists mehr? Denn
wir müssen eben dergleichen Unglücks auf der Rück-Fahrt nach St. Michael und in
den Ländern der falsch-gesinneten Könige gewärtig sein.
    Ich wusste wider diese ziemlich vernünftige und sehr tapffermütige Rede
nicht das geringste einzuwenden, weswegen ich dieses mahl meinen Gefährten
nachgab, und alles zur baldigen Abfahrt veranstalten liess.
    Der Abschied von dem König Madan und seinen von Natur recht redlichen
Untertanen ging mir wahrhaftig ungemein nahe, zumahlen, da dieselben auf die
letzte fast mehr Speise-Vorrat herzu brachten, als wir in unsere kleinen
Schiffe einladen konten, einer aber von ihnen, der vom ersten Tage an beständig
um mich gewesen war, fing bitterlich zu weinen an, und bat, sonderlich da er
vernahm, wie ich auf dem Rückwege allhier wiederum ansprechen wollte, ich möchte
ihm vergönnen, dass er mit uns reisen dürffte, welches ich ihm denn auch mit
grösten Vergnügen erlaubte. Er war ein Mensch von etwa 24. Jahren, wohl
gewachsen und eines recht feinen Ansehens, zumahlen, da er erstlich etliche
Kleidungs-Stück auf den Leib bekam, sein Nahme hiess Chascal, welchen ich aber
nachhero, da er den christlichen Glauben annahm, und von mir die heilige Tauffe
empfing, verändert habe.
    Solchergestalt fuhren wir mit diesem neuen Wegweiser, der aber wenigen oder
gar keinen Verstand von der Schiff-Fahrt hatte, auf und davon, bekamen zwar in
etlichen Wochen nichts als Himmel und Wasser zu sehen, hatten aber doch wegen
des ungemein stillen Wetters eine recht ruhige Fahrt. Endlich gelangeten wir an
etliche kleine Insuln, welche zwar sehr schlecht bevölckert, auch nicht
allzusehr fruchtbar waren, jedoch hatten wir die Freude, unsere kleinen Schiffe
daselbst aufs neue auszubessern, und mit frischen Lebens-Mitteln anzufüllen, biss
wir endlich etliche, nahe an einander gelegene grosse Insuln erreichten, und das
Hertz fasseten, auf einer der grösten an Land zu steigen.
    Hier schienen die Einwohner nicht so guter Art als die vorigen zu sein,
allein, unsere 3 Indianischen Gefährten leisteten uns bei ihnen recht
vortreffliche Dienste, so, dass wir in wenig Tagen mit ihnen allen recht
gewünschten Umgang pflegen konten. Wir erfuhren, dass diese Leute vor wenig
Jahren grosse Mühe gehabt, sich einer Art Menschen, die ebenfalls bekleidet
gewesen, zu erwehren, indem ihnen selbige die Lebens-Mittel, Gold, Perlen und
Edlen-Steine mit Gewalt abnehmen und hinweg führen wollen, jedoch, nachdem sie
unsere Freund- und Höfflichkeit zur Gnüge verspüret, wurde uns nicht allein mit
gleichmässiger Freundlichkeit begegnet, sondern wir hatten Gelegenheit, auf
dieser Insul erstaunliche Schätze und Kostbarkeiten einzusamlen, wie wir denn
auch die andern nahgelegenen besuchten, und solchergestalt fast mehr zusammen
brachten, als unsere Schiffe zu ertragen vermögend waren.1 Meine Leute nahmen
sich demnach vor, ein grosses Schiff zu bauen, in welchem wir sämmtlich bei
einander bleiben, und unsere Güter desto besser fortbringen könten, ich selbst
sah dieses vor gut an, zumahlen wir nicht allein alle Bedürffnisse darzu vor
uns sahen, sondern uns auch der Einwohner redlicher Beihülffe getrösten konten.
Demnach wurden alle Hände an das Werck gelegt, welches in kürtzerer Zeit, als
ich selbst vermeinte, zum Stande gebracht wurde. Die Einwohner selbiger Insuln
fuhren zwar selber auch in einer Art von Schiffen, die mit Seegeln und Rudern
versehen waren, doch verwunderten sie sich ungemein, da das unsere ihnen, auf so
sonderbare Art zugerichtet, in die Augen fiel. Wir schenckten ihnen zwei von
unsern mit dahin gebrachten Schiffen, nahmen aber das dritte an statt eines
Boots mit uns, wie wir denn auch zwei kleine Nachen verfertigten, um selbige auf
der Reise nützlich zu gebrauchen.
    Nachdem wir uns also mit allen Notdürfftigkeiten wohl beraten hatten,
seegelten wir endlich von dannen, und kamen nach einer langweiligen und
beschwerlichen Fahrt an ein festes Land, allwo wir ausstiegen, und uns abermals
mit frischen Wasser nebst andern Bedürffnissen versorgen wollten, wurden aber
sehr übel empfangen, indem uns gleich andern Tages mehr als 300. wilde Leute
ohnversehens überfielen, gleich anfänglich drei der unsern mit Pfeilen
erschossen, und noch fünff andere gefährlich verwundeten. Ob nun schon im
Gegenteil etliche 20. von unsern Feinden auf dem Platze bleiben mussten, so
sahen wir uns doch genötiget, aufs eiligste nach unsern Schiffe zurück zu
kehren, mit welchen wir etliche Meilen an der Küste hinunter fuhren, und endlich
abermals auf einer kleinen Insul anländeten, die zwar nicht mit Menschen, aber
doch mit vielerlei Arten von Tieren besetzt war, anbei einen starcken Vorrat an
nützlichen Früchten, Wurtzeln und Kräutern zeigte. Allhier hatten wir gute
Gelegenheit auszuruhen, bis unsere Verwundeten ziemlich geheilet waren, fuhren
hernachmahls immer Südwerts von einer Insul zur andern, sahen die Küsten des
festen Landes lincker Seits beständig mit sehnlichen Augen an, wollten uns aber
dennoch nicht unterstehen, daselbst anzuländen, weiln an dem Leben eines
eintzigen Mannes nur allzu viel gelegen war, endlich, nachdem wir viele hundert
Meilen an der Land-Seite hinunter geseegelt, liess sich die äuserste Spitze
desselben beobachten, um welche wir herum fuhren, und nebst einer kalten und
verdriesslichen Witterung vieles Ungemach auszustehen hatten. Es war leichtlich zu
mutmassen, dass allhier ein würckliches Ende des festen Landes der neuen Welt
gefunden sei, derowegen machten wir die Rechnung, im Fall uns das Glück bei der
Hinauf-Fahrt der andern Seite nicht ungünstiger, als bisher, sein würde,
entweder den rechten Weg nach Darien, oder wohl gar nach Europa zu finden, oder
doch wenigstens unterwegs Portugisen anzutreffen, zu welchen wir uns gesellen,
und ihres Glücks teilhaftig machen könten, denn es lehrete uns die Vernunft,
dass die von den Portugisen entdeckte Landschaften ohnfehlbar auf selbiger Seite
liegen müsten.
    Immittelst war die höchste Not vorhanden, unser Schiff aufs neue
auszubessern, und frische Lebens-Mittel anzuschaffen, derowegen wurde eine
Landung gewagt, welche nach überstandener gröster Gefahr ein gutes Glücke
versprach, daferne wir nicht Ursach gehabt hätten, uns vor feindseeligen
Menschen und wilden Tieren zu fürchten. Jedoch die allgewaltige Macht des
Höchsten, welche aller Menschen Hertzen nach Willen regieren kann, war uns
dermahlen sonderlich geneigt, indem sie uns zu solchen Menschen führete, die,
ohngeacht ihrer angebohrnen Wildigkeit, solche Hochachtung gegen uns hegten, und
dermassen freundlich aufnahmen, dass wir uns nicht genung darüber verwundern
konten, und binnen wenig Tagen alles Misstrauen gegen dieselben verschwinden
liessen. Es war uns allen wenig mehr um Reichtum zu tun, da wir allbereit
einen fast unschätzbarn Schatz an lautern Golde, Perlen und Edelgesteinen
besassen, bemüheten uns derowegen nur um solche Dinge, die uns auf der
vorhabenden langweiligen Reise nützlich sein könten, welches wir denn alles in
kurtzer Zeit gewünscht erlangten.
    Die bei uns befindlichen 3. redlichen Indianer machten sich das allergröste
Vergnügen, einige wunderbare Meer-Tiere listiger Weise einzufangen, deren
Fleisch, Fett und sonderlich die Häute, vortrefflich nutzbar waren, denn aus den
letztern konten wir schönes Riemen-Werck, wie auch Lederne Koller, Schuhe,
Mützen und allerlei ander Zeug verfertigen.
    So bald wir demnach nur mit der Ausbesserung und Versorgung des Schiffs
fertig, dasselbe auch, wo nur Raum übrig, mit lauter nützlichen Sachen
angefüllet hatten, traten wir die Reise auf der andern Land-Seite an,
vermerckten aber gleich anfänglich, dass Wind und Meer allhier nicht so gütig,
als bei der vorigen Seite, war. Zwei Wochen aneinander ging es noch ziemlich
erträglich, allein, nachhero erhub sich ein sehr heftiger Sturm, der über 9.
Tage währete, und bei uns allen die gröste Verwunderung erweckte, dass wir ihm
endlich so glücklich entkamen, ohngeacht unser Schiff sehr beschädiget an eine
sehr elende Küste getrieben war, allwo sich auf viele Meilwegs herum, ausser
etlichen unfruchtbaren Bäumen, nicht das geringste von nützlichen Sachen
antreffen liess.
    Etliche von meinen Gefährten streifften dem ohngeacht überall herum, und
kamen eines Abends höchst erfreut zurück, weil sie, ihrer Sage nach, ein
vortrefflich ausgerüstetes Europäisches Schiff, in einer kleinen Bucht liegend,
jedoch keinen eintzigen lebendigen Menschen darinnen gefunden hätten. Ich liess
mich bereden, unser sehr beschädigtes Schiff dahin zu führen, und fand mit
gröster Verwunderung dass es die lautere Wahrheit sei. Wir bestiegen dasselbe,
und wurden ziemlichen starcken Vorrat von Wein, Zwieback, geräucherten Fleische
und andern Lebens-Mitteln darinnen gewahr, ohne was in den andern Ballen und
Fässern verwahret war, die noch zur Zeit niemand eröffnen durffte. Tieffer ins
Land hinein wollte sich keiner wagen, indem man von den höchsten Felsen-Spitzen
weit und breit sonsten nichts als lauter Wüstenei erblickte, derowegen wurde
beschlossen, unser Schiff, so gut als möglich, auszubessern, damit, wenn die
Europäer zurück kämen, und uns allenfalls nicht in das Ihrige aufnehmen wollten
oder könten, wir dennoch in ihrer Gesellschaft weiter mitseegeln möchten.
    Allein, nachdem wir mit allem fertig waren, und einen ganzen Monat lang
auf die Zurückkunft der Europäer vergeblich gewartet hatten, machten meine
Gefährten die Auslegung, dass dieselben ohnfehlbar sich zu tieff ins Land hinein
gewagt, und nach und nach ihren Untergang erreicht hätten, weswegen sie vors
allerklügste hielten, wenn wir uns das köstliche Schiff nebst seiner ganzen
Ladung zueigneten, und mit selbigen davon führen. Ich setzte mich starck wider
diesen Seeräuberischen Streich, konnte aber nichts ausrichten, indem alle einen
Sinn hatten, und alle unsere Sachen in möglichster Eil in das grosse Schiff
einbrachten, wollte ich also nicht alleine an einem wüsten Orte zurück bleiben,
so musste mir gefallen lassen, das gestohlne Schiff zu besteigen, und mit ihnen
von dannen zu segeln, konnte auch kaum so viel erbitten, dass sie unser bissheriges
Fahrzeug nicht versenckten, sondern selbiges an dessen Stelle stehen liessen.
    Kaum hatten wir die hohe See erreicht, als sich die Meinigen ihres
Diebstahls wegen ausser aller Gefahr zu sein schätzten, derowegen alles, was im
Schiffe befindlich war, eröffnet, besichtiget, und ein grosser Schatz an Golde
nebst andern vortrefflichen Kostbarkeiten gefunden wurde. Allein, wir erfuhren
leider! allerseits gar bald, dass der Himmel keinen Gefallen an dergleichen
Bosheit habe, sondern dieselbe ernstlich zu bestraffen gesinnet sei. Denn bald
hernach erhub sich ein abermahliger dermassen entsetzlicher Sturm, dergleichen
wohl leichtlich kein See-Fahrer heftiger ausgestanden haben mag. Wir wurden von
unserer erwehlten Strasse ganz Seitwerts immer nach Süden zu getrieben, welches
an dem erlangten Compasse, so oft es nur ein klein wenig stille, deutlich zu
ersehen war, es halff hier weder Arbeit noch Mühe, sondern wir mussten uns
gefallen lassen, dem aufgesperreten Rachen der grässlichen und tödtlichen Fluten
entgegen zu eilen, viele wünschten, durch einen plötzlichen Untergang ihrer
Marter bald abzukommen, indem sie weder Tag noch Nacht ruhen konten, und die
letzte klägliche Stunde des Lebens in beständiger Unruhe unter dem
schrecklichsten Hin- und Wiederkollern erwarten mussten. Es währete dieser erste
Ansatz des Sturms 16. Tage und Nacht hinter einander, ehe wir nur zwei bis drei
Stunden ein wenig verschnauben, und das Sonnen-Licht auf wenige Minuten
betrachten konten, bald darauf aber meldete sich ein neuer, der nicht weniger
grimmig, ja fast noch heftiger als der vorige war, Mast und Seegel wurden den
erzürnten Wellen zum Opffer überliefert, worbei zugleich 2. von meinen Gefährten
über Boort geworffen, und nicht erhalten werden konten, wie denn auch 3.
gequetschte und 2. andere krancke folgendes Tages ihren Geist aufgaben. Endlich
wurde es zwar wiederum vollkommen stille und ruhig auf der See, allein, wir
bekamen in etlichen Wochen weder Land noch Sand zu sehen, so, dass unser süsses
Wasser nebst dem Proviante, welchen das eingedrungene See-Wasser ohnedem schon
mehr als über die Helffte verdorben hatte, völlig zum Ende ging, und wir uns
Hungers wegen gezwungen sahen, recht wiedernatürliche Speisen zu suchen, und das
bitter-saltzige See-Wasser zu trincken. Bei so beschaffenen Umständen riss der
Hunger, nebst einer schmerzhaften Seuche, in wenig Tagen einen nach dem andern
hinweg, so lange, biss ich, die 3. Indianer und 5. Spanische Kriegs-Leute noch
ziemlich gesund übrig blieben. Es erhub sich immittelst der dritte Sturm,
welchen wir 9. Personen, als eine Endschaft unserer Quaal, recht mit Freuden
ansetzen höreten. Ich kann nicht sagen, ob er so heftig als die vorigen zwei
Stürme gewesen, weil ich auf nichts mehr gedachte, als mich nebst meinen
Gefährten zum seeligen Sterben zuzuschicken, allein, eben dieser Sturm musste ein
Mittel unserer damahligen Lebens-Erhaltung und künftiger hertzlicher Busse
sein, denn ehe wir uns dessen versahn, wurde unser jämmerlich zugerichtetes
Schiff auf eine von denenjenigen Sand-Bäncken geworffen, welche ohnfern von
dieser mit Felsen umgebenen Insul zu sehen sind. Wir liessen bei bald darauff
erfolgter Wind-Stille unsern Nachen in See, das Schiff aber auf der Sand-Banck
in Ruhe liegen, und fuhren mit gröster Lebens Gefahr durch die Mündung des
Westlichen Flusses, welche zur selbigen Zeit durch die herab gestürtzten
Felsen-Stücken noch nicht verschüttet war, in diese schöne Insul herein, welche
ein jeder vernünftiger Mensch, so lange er allhier in Gesellschaft anderer
Menschen lebt, und nicht mit andern Vorurteilen behaftet ist, ohnstreitig vor
ein irrdisches Paradiess erkennen wird.
    Keiner von uns allen gedachte dran, ob wir allhier Menschen-Fresser, wilde
Tiere oder andere feindseelige Dinge antreffen würden, sondern so bald wir den
Erdboden betreten, das süsse Wasser gekostet und einige fruchttragende Baume
erblickt hatten, fielen so wohl die drei Indianer als wir 6. Christen, auf die
Knie nieder und danckten dem Allerhöchsten Wesen, dass wir durch desselben Gnade
so wunderbarer, ja fast übernatürlicher Weise erhalten worden. Es war ohngefähr
zwei Stunden über Mittag, da wir trostloss gewesenen Menschen zu Lande kamen,
hatten derowegen noch Zeit genung unsere hungerigen Magen mit wohlschmeckenden
Früchten anzufüllen, und aus den klaren Wasser-Bächen zu trincken, nach diesen
wurden alle fernern Sorgen auf dieses mahl bei Seite gesetzt, indem sich ein
jeder mit seinem Gewehr am Ufer des Flusses zur Ruhe legte, biss auf meinen
getreuen Chascal, welcher die Schildwächterei von freien stücken über sich nahm,
um uns andern vor besorglichen Unglücks-Fällen zu warnen. Nachdem aber ich
etliche Stunden und zwar biss in die späte Nacht hinein geschlaffen, wurde der
ehrliche Chascal abgelöset, und die Wacht von mir biss zu Auffgang der Sonne
gehalten. Hierauff fieng ich an, nebst 4. der stärcksten Leute, einen Teil der
Insul durchzustreiffen, allein wir fanden nicht die geringsten Spuren von
lebendigen Menschen oder reissenden Tieren, an deren statt aber eine grosse
Menge Wildpret, Ziegen auch Affen von verschiedenen Farben. Dergleichen
Fleischwerck nun konnte uns, nebst den überflüssigen herrlichen Kräutern und
Wurtzeln, die gröste Versicherung geben, allhier zum wenigsten nicht Hungers
wegen zu verderben, derowegen giengen wir zurück, unsern Gefährten diese
fröhliche Botschaft zu hinterbringen, die aber nicht eher als gegen Abend
anzutreffen waren, indem sie die Nordliche Gegend der Insul ausgekundschaft,
und eben dasjenige bekräfftigten, was wir ihnen zu sagen wussten. Demnach
erlegten wir noch selbigen Abend ein stück Wild nebst einer Ziege, machten Feuer
an und brieten solch schönes Fleisch, da immittelst die drei Indianer die besten
Wurtzeln ausgruben, und dieselben an statt des Brods zu rösten und zuzurichten
wussten, welches beides wir so dann mit gröster Lust verzehreten. In folgenden
Tagen bemüheten wir uns sämtlich aufs äuserste, die Sachen aus dem gestrandeten
Schiffe herüber auf die Insul zu schaffen, welches nach und nach mit gröster
Beschwerlichkeit ins Werck gerichtet wurde, indem wir an unser kleines Boot der
Länge nach etliche Floss Höltzer fügten, welche am Vorderteil etwas spitzig
zusammen lieffen, hinten und vorne aber mit etlichen darauff befestigten
Queer-Balcken versehen waren, und solchergestalt durfften wir nicht allein wegen
des umschlagens keine Sorge tragen, sondern konten auch ohne Gefahr, eine mehr
als vierfache Last darauff laden.
    Binnen Monats-Frist hatten wir also alle unsere Güter, wie auch das
zergliederte untüchtige Schiff auf die Insul gebracht, derowegen fiengen wir
nunmehro an Hütten zu bauen, und unsere Hausshaltung ordentlich einzurichten,
worbei der Mangel des rechten Brodts uns das eintzige Missvergnügen erweckte,
jedoch die Vorsorge des Himmels hatte auch hierinnen Rat geschafft, denn es
fanden sich in einer Kiste etliche wohl verwahrte steinerne Flaschen, die mit
Europäischen Korne, Weitzen, Gerste, Reiss und Erbsen, auch andern nützlichen
Sämereien angefüllet waren, selbige säeten wir halben Teils aus, u. ich habe
solche edle Früchte von Jahr zu Jahr mit sonderlicher Behutsamkeit
fortgepflanzt, so dass sie, wenn GOTT will, nicht allein Zeit meines Lebens sich
vermehren, sondern auch auf dieser Insul nicht gar vergehen werden, nur ist zu
befürchten, dass das allzuhäuffig anwachsende Wild solche edle Aehren, noch vor
ihrer völligen Reiffe, abfressen, und die selbst eigene Fortpflantzung, welche
hiesiges Orts, ganz sonderbar zu bewundern ist, verhindern werde.
        Du wirst, mein Leser, dir ohnfehlbar eine wunderliche Vorstellung von
        meinem Glauben machen, da ich in diesen Paragrapho die Vorsorge des
        Himmels bewundert, und doch oben beschrieben habe, wie meine Gefährten
        das Schiff nebst allem dem was drinnen, worunter auch die mit Geträyde
        angefüllten Flaschen gewesen, unredlicher Weise an sich gebracht, ja
        aufrichtig zu reden, gestohlen haben; Wie reimet sich dieses, wirstu
        sagen, zur Erkenntnis der Vorsorge GOttes? Allein sei zufrieden, wenn ich
        bei Verlust meiner Seeligkeit beteuere: dass so wohl ich, als mein
        getreuer Chascal an diesen Diebs-Streiche keinen Gefallen gehabt,
        vielmehr habe ich mich aus allen Kräfften darwieder gesetzt, jedoch
        nichts erlangen können. Ist es Sünde gewesen, dass ich in diesem Schiffe
        mitten unter den Dieben davon gefahren, und mich aus dermahligen
        augenscheinlichen Verderben gerissen, so weiss ich gewiss, dass mir GOTT
        dieselbe auf meine eiffrige Busse und Gebet gnädiglich vergeben hat.
        Inzwischen muss ich doch vieler Umstände wegen die Göttliche Vorsorge
        hiebei erkennen, die mich nicht allein auf der stürmenden See, sondern
        auch in der grausamen Hungers Not und schädlichen Seuche erhalten, und
        auf der Insul mittelbarer Weise mit vielem guten überhäufft. Meine
        Gefährten sind alle in der Helffte ihrer Tage gestorben, ausgenommen der
        eintzige Chascal welcher sein Leben ohngefähr biss 70. Jahr gebracht, ich
        aber bin allein am längsten überblieben, auf dass ich solches ansagte.
    Wir machten uns inzwischen die unverdorbenen Güter, so auf dem gestohlenen
Schiffe mitgebracht waren, wohl zu nutze, ich selbst bekam meinen guten Teil an
Kleiderwerck, Büchern, Pappier und andern Gerätschaften davon, tat aber dabei
sogleich ein Gelübde, solcher Sachen zehnfachen Wert in ein geistliches
Gestiffte zu liefern, so bald mich GOTT wiederum unter Christen Leute führete.
    Es fanden sich Weinstöcke in ihrem natürlichen Wachstume, die wir der Kunst
nach in weit bessern Stand brachten, und durch dieselben grosses Labsal
empfiengen, auch kamen wir von ohngefähr hinter den künstlichen Vorteil, aus
gewissen Bäumen ein vortreffliches Geträncke zu zapffen, welches alles ich in
meinen andern Handschrifften deutlicher beschrieben habe. Nach einem
erleidlichen Winter und angenehmen Frühlinge, wurde im Sommer unser Getrayde
reiff, welches wir wiewohl nur in weniger Menge einerndten, jedoch nur die Probe
von dem künftig wohlschmeckenden Brodte machen konten, weil das meiste zur neuen
Aussaat vor 9. Personen nötig war, allein gleich im nächstfolgenden Jahre wurde
so viel eingesammlet, dass wir zur Aussaat und dem notdürfftigen
Lebens-Unterhalt völlige Genüge hatten.
    Mittlerweile war mein Chascal so weit gekommen, dass er nicht allein sehr gut
Castilianisch reden, sondern auch von allen christlichen Glaubens-Articuln
ziemlich Rede und Antwort geben konnte, derowegen nahm ich mir kein Bedencken an
diesem abgelegenen Orte einen Apostel abzugeben, und denselben nach Christi
Einsetzung zu tauffen, worbei alle meine 5. christlichen Gefährten zu Gevattern
stunden, er empfieng dabei, wegen seiner besondern Treuhertzigkeit, den Nahmen
Christian Treuhertz. Seine beiden Gefährten befanden sich hierdurch dermassen
gerühret, dass sie gleichmässigen Unterricht wegen des Christentums von mir
verlangten, welchen ich ihnen mit grösten Vergnügen gab, und nach Verfluss eines
halben Jahres auch beide tauffte, da denn der erstere Petrus Gutmann, der andere
aber Paulus Himmelfreund genennet wurde.
    In nachfolgenden 3. oder 4. Jahren, befand sich alles bei uns in dermassen
ordentlichen und guten Stande, dass wir nicht die geringste Ursach hatten über
appetitliche Lebens-Mittel oder andern Mangel an unentbehrlichen Bedürffnissen
zu klagen, ich glaube auch, meine Gefährte würden sich nimermehr aus dieser
vergnügenden Landschaft hinweg gesehnet haben: wenn sie nur Hoffnung zur
Handlung mit andern Menschen, und vor allen andern Dingen, Weibs-Leute, ihr
Geschlechte fortzupflantzen, gehabt hätten. Da aber dieses letztere ermangelte,
und zu dem erstern sich ganz und gar keine Gelegenheit zeigen wollte, indem sie
nun schon einige Jahre vergeblich auf vorbeifahrende Schiffe gewartet hatten,
gaben mir meine 5. Lands-Leute ziemlich trotzig zu verstehen: dass man Anstalt
machen müste ein neues Schiff zu bauen, um damit wiederum eine Fahrt zu andern
Christen zu wagen, weil es GOtt unmöglich gefallen könnte, dergleichen kostbare
Schätze, als wir besassen, so nachlässiger Weise zu verbergen, und sich ohne
eintzigen Heil. Beruff und Trieb selbst in den uneheligen Stand zu verbannen,
darbei aber aller christlichen Sakramenten und Kirchen-Gebräuche beraubt zu
leben.
    Ohngeacht nun ich sehr deutlich merckte, dass es ihnen nicht so wohl um die
Religion als um die Weiber-Liebe zu tun wäre, so nahm mir doch ein Bedencken
ihrem Vorhaben zu widerstreben, zumahlen da sie meinen vernünftigen
Vorstellungen ganz und gar kein Gehör geben wollten. Meine an sie getane Fragen
aber waren ohngefähr folgendes Innhalts: Meine Freunde bedenckt es wohl, sprach
ich,
    1. Wie wollen wir hiesiges Orts ein tüchtiges Schiff bauen können, das uns
        etliche hundert, ja vielleicht mehr als 1000. Meilen von hier hinweg
        führen und alles Ungemach der See ertragen kann. Wo ist gnugsames
        Eisenwerck zu Nägeln, Klammern und dergleichen? Wo ist Pech, Werck,
        Tuch, Strickwerck und anders Dinges mehr, nach Notdurfft anzutreffen?
    2. Werden wir nicht GOTT versuchen, wenn wir uns auf einen übel
        zugerichteten Schiffe unterstehen einen so fernen Weg anzutreten, und
        werden wir nicht als Selbst-Mörder zu achten sein, daferne uns die
        Gefahr umbringt, worein wir uns mutwillig begeben?
    3. Welcher unter uns weiss die Wege, wo wir hin gedencken, und wer kann nur
        sagen in welchem Teile der Welt wir uns jetzo befinden? auch wie weit
        die Reise biss nach Europa ist?
    Solche und noch vielmehr dergleichen Fragen die von keinem vernünftig
genung beantwortet wurden, dieneten weiter zu nichts, als ihnen Verdruss zu
erwecken, und den gefasseten Schluss zu befestigen, derowegen gab ich ihnen in
allen Stücken nach, und halff den neuen Schiff-Bau anfangen, welcher langsam und
unglücklich genung von statten ging, indem der Indianer Paulus von einem
umgehauenen Baume plötzlich erschlagen wurde. Dieser war also der erste welcher
allhier von mir begraben wurde.
    Im dritten Sommer nach angefangener Arbeit war endlich das Schiff so weit
fertig, dass wir selbiges in den Fluss, zwischen denen Felsen, allwo es gnugsame
Tieffe hatte, einlassen konten. Weiln aber zwei von meinen Lands-Leuten
gefährlich Kranck darnieder zu liegen kamen, wurde die übrige wenige Arbeit,
nebst der Einladung der Güter, biss zu ihrer völligen Genesung versparet.
    Meine Gefährten bezeigten allerseits die gröste Freude über die ihrer
Meinung nach wohlgeratene Arbeit, allein ich hatte an dem elende Wercke nur
allzuviel auszusetzen, und nahm mir nebst meinem getreuen Christian ein billiges
Bedencken uns darauff zu wagen, weil ich bei einer so langwierigen Reise dem
Tode entgegen zu lauffen, ganz gewisse Rechnung machen konnte.
    Indem aber nicht allein grosse Verdriesslichkeit, sondern vielleicht gar
Lebens-Gefahr zu befürchten war, soferne meine Gefährten dergleichen Gedancken
merckten, hielt ich darmit an mich, und nahm mir vor auf andere Mittel zu
gedencken, wodurch diese unvernünftige Schiffahrt rückgängig gemacht werden
könnte. Allein das unerforschliche Verhängnis überhob mich dieser Mühe, denn
wenig Tage hierauff, erhub sich ein grausamer Sturm zur See, welchen wir von den
hohen Felsen-Spitzen mit erstaunen zusahn, jedoch gar bald durch einen
ungewöhnlichen heftigen Regen in unsere Hütten getrieben wurden, da aber bei
hereinbrechender Nacht ein jeder im Begriff war, sich zur Ruhe zu begeben, wurde
die ganze Insul von einem heftigen Erdbeben gewaltig erschüttert, worauff ein
dumffiges Geprassele folgete, welches binnen einer oder zweier Stunden Zeit noch
5. oder 6. mahl zu hören war. Meine Gefährten, ja so gar auch die zwei Krancken
kamen gleich bei erster Empfindung desselben eiligst in meine Hütte gelauffen,
als ob sie bei mir Schutz suchen wollten, und meinten nicht anders, als müsse
das Ende der Welt vorhanden sein, da aber gegen Morgen alles wiederum stille
war, uñ der Sonnen lieblicher Glantz zum Vorscheine kam, verschwand zwar die
Furcht vor das mahl, allein unser zusammengesetztes Schrecken war desto grösser,
da wir die eintzige Einfahrt in unsere Insul, nehmlich den Auslauff des
Westlichen Flusses, durch die von beiden Seiten herab geschossenen Felsen
gäntzlich verschüttet sahen, so dass das ganze Westliche Tal von dem gehemmten
Strome unter Wasser gesetzt war.
    Dieses Erdbeben geschahe am 18tden Jan. im Jahr Christi 1523. bei
eintretender Nacht, und ich hoffe nicht unrecht zu haben, wenn ich solches ein
würckliches Erdbeben oder Erschütterung dieser ganzen Insul nenne, weil ich
selbiges selbst empfunden, auch nachhero viele Felsen-Risse und herab
geschossene Klumpen angemerckt, die vor der Zeit nicht da gewesen sind. Der
Westliche Fluss fand zwar nach wenigen Wochen seinen geraumlichen Auslauff unter
dem Felsen hindurch, nachdem er vielleicht die lockere Erde und Sand
ausgewaschen und fortgetrieben hatte, und solchergestalt wurde auch das
Westliche Tal wiederum von der Wasser-Flut befreit, jedoch die Hoffnung
unserer baldigen Abfahrt war auf einmal gäntzlich zerschmettert, indem das neu
erbaute Schiff unter den ungeheuern Felsen-Stücken begraben lag.
    GOTT pflegt in der Natur dergleichen Wunder-und Schreck-Wercke selten
umsonst zu zeigen. Dieses erkandte ich mehr als zu wohl, wollte solches auch
meinen Gefährten in täglichen Gesprächen beibringen, und sie dahin bereden, dass
wir ingesamt als Heilige Einsiedler unser Leben in dieser angenehmen und
fruchtbarn Gegend zum wenigsten so lange zubringen wollten, biss uns GOTT von
ohngefähr Schiffe und Christen zuschickte, die uns von dannen führeten. Allein
ich predigte tauben Ohren, denn wenige Zeit hernach, da ihnen abermals die Lust
ankam ein neues Schiff zu bauen, welches doch in Ermangelung so vielerlei
materialien ein lächerliches Vornehmen war, machten sie erstlich einen Anschlag,
im Mittel der Insul den Nördlichen Fluss abzustechen, mitin selbigen durch einen
Canal in die kleine See zu führen, deren Ausfluss sich gegen Osten zu, in das
Meer ergiesset.
    Dieser letztere Anschlag war mir eben nicht missfällig, weiln ich allem
Ansehen nach, leicht glauben konnte, dass durch das Nördliche natürliche
Felsen-Gewölbe, nach abgeführten Wasser-Flusse, ohnfehlbar ein bequemer Ausgang
nach der See zu finden sein möchte. Derowegen legte meine Hände selber mit ans
Werck, welches endlich, nach vielen sauern vergossenen Schweisse, im Sommer des
1525ten Jahres zu Stande gebracht wurde. Wir funden einen nach Notdurfft
erhöheten und weiten Gang, mussten aber den Fuss-Boden wegen vieler tieffen
Klüffte und steiler Abfälle, sehr mühsam mit Sand und Steinen beqvemlich
ausfüllen und zurichten, biss wir endlich sehr erfreut das Tages-Licht und die
offenbare See ausserhalb der Insul erblicken konten.
    Nach diesem glücklich ausgeschlagenen Vornehmen, sollten aufs eiligste
Anstallten zum abermahligen Schiff-Bau gemacht, und die zugerichteten Bäume
durch den neu erfundenen Weg an den auswendigen Fuss des Felsens hinunter
geschafft werden; Aber! ehe noch ein eintziger Baum darzu behauen war, legten
sich die zwei schwächsten von meinen Lands-Leuten darnieder und starben, weil
sie ohnedem sehr ungesundes Leibes waren, und sich noch darzu bisher bei der
ungezwungenen Arbeit allzuheftig angegriffen haben mochten. Solchergestallt
blieb der neue Schiffs-Bau unterwegs, zumahlen da ich und die mir getreuen zwei
Indianer keine Hand mit anlegen wollten.
    Allein, indem ich aus ganz vernünftigen Ursachen dieses tollkühne Werck
gäntzlich zu hintertreiben suchte, und mich auf mein gutes Gewissen zu beruffen
wusste, dass solches aus keiner andern Absicht geschähe, als den Allerhöchsten
wegen einer unmittelbaren Erhaltung nicht zu versuchen, noch seiner Gnade zu
missbrauchen, da ich mich aus dem ruhigsten und gesegnetsten Lande nicht in die
allersicherste Lebens Gefahr stürtzen wollte; so konnte doch einem andern ganz
abscheulichen Ubel nicht vorbauen, als worüber ich in die alleräuserste
Bestürtzung geriet, und welches einem jeden Christen einen sonderbaren Schauder
erwecken wird.
    Es meldete mir nehmlich mein getreuer Christian, dass meine 3. noch übrigen
Lands-Leute seit etlichen Monaten 3. Aeffinnen an sich gewöhnet hätten, mit
welchen sie sehr öffters, so wohl bei Tage als Nacht eine solche schändliche
Wollust zu treiben pflegten, die auch diesen ehemaligen Heiden recht eckelhaft
und wider die Natur lauffend vorkam. Ich liess mich keine Mühe verdriessen dieser
wichtigen Sache, um welcher willen der Höchste die ganze Insul verderben köñen,
recht gewiss zu werden, war auch endlich so glücklich, oder besser zu sagen,
unglücklich, alles selbst in Augenschein zu nehmen, und ein lebendiger Zeuge
davon zu sein, worbei ich nichts mehr, als verdammte Wollust bestialischer
Menschen, nechst dem, die ungewöhnliche Zuneigung solcher vierfüssigen Tiere,
über alles dieses aber die besondere Langmut GOttes zu bewundern wusste.
Folgendes Tages nahm ich die 3. Sodomiten ernstlich vor, und hielt ihnen, wegen
ihres begangenen abscheulichen Lasters eine kräfftige Gesetz-Predigt, führete
ihnen anbei den Göttlichen Ausspruch zu Gemüte: Wer bei einem Viehe schläfft,
soll des Todes sterben etc. etc. Zwei von ihnen mochten sich ziemlich gerührt
befinden, da aber der dritte, als ein junger freveler Mensch, ihnen zusprach, u.
sich vernehmen liess, dass ich bei itzigen Umständen mich um ihr Leben u. Wandel
gar nichts zu bekümmern, vielweniger ihnen etwas zu befehlen hätte, giengen sie
alle drei höchst verdriesslich von mir.
    Mittlerzeit aber, da ich diese Straf-Predigt gehalten, hatten die zwei
frommen Indianer Christianus und Petrus, auf meinen Befehl die drei verfluchten
Affen-Huren glücklich erwürget, so bald nun die bestialischen Liebhaber dieses
Spectacul ersahn, schienen sie ganz rasend zu werden, hätten auch meine
Indianer ohnfehlbar erschossen, allein zu allem Glücke hatten sie zwar Gewehr,
jedoch weder Pulver noch Blei, weiln der wenige Rest desselben in meiner Hütte
verwahret lag. In der ersten Hitze machten sie zwar starcke Gebärden, einen
Krieg mit mir und den Meinigen anzufangen, da ich aber meinen Leuten geladenes
Gewehr und Schwerdter gab, zogen die schändlichen Buben zurücke, dahero ich
ihnen zurieff: sie sollten auf guten Glauben herzu kommen, und diejenigen
Gerätschaften abholen, welche ich ihnen aus Barmhertzigkeit schenckte,
nachhero aber sich nicht gelüsten lassen, über den Nord-Fluss, in unser Revier zu
kommen, widrigenfalls wir sie als Hunde darnieder schiessen wollten, weil
geschrieben stünde: Du sollst den Bösen von dir tun.
    Hierauff kamen sie alle drei, und langeten ohne ein eintziges Wort sprechen
diejenigen Geschirre und andere höchstnötigen Sachen ab, welche ich durch die
Indianer entgegen setzen liess, und verloren sich damit in das Ostliche Teil
der Insul, so dass wir in etlichen Wochen nicht das geringste von ihnen zu sehen
bekamen, doch war ich nebst den Meinigen fleissig auf der Hut, damit sie uns
nicht etwa bei nächtlicher Zeit überfallen und erschlagen möchten.
    Allein hiermit hatte es endlich keine Not, denn ihr böses Gewissen und
zaghafte Furchtsamkeit mochte sie zurück halten, jedoch die Rache folgte ihnen
auf dem Fusse nach, denn die Bösewichter mussten kurtz hernach einander
erschröcklicher Weise selber aufreiben, und den Lohn ihrer Bosheiten geben,
weil sich niemand zum weltlichen Richter über sie aufwerffen wollte.
    Eines Tages in aller Frühe, da ich den dritten Teil der Nacht-Wache hielt,
hörete ich etliche mahl nach einander meinen Nahmen Don Valaro von ferne laut
ausruffen, nahm derowegen mein Gewehr, ging vor die Hütte heraus, und erblickte
auf dem gemachten Damme des Nord-Flusses, einen von den dreien Bösewichten
stehen, der mit der rechten Hand ein grosses Messer in die Höhe reckte. So bald
er mich ersah, kam er eilends herzu gelauffen, da aber ich mein aufgezogenes
Gewehr ihm entgegen hielt, blieb er etwa 20. Schritt vor mir stehen und schrye
mit lauter Stimme: Mein Herr! mit diesem Messer habe ich in vergangener Nacht
meine Cameraden ermordet, weil sie mit mir um ein junges Affen-Weib Streit
anfiengen. Der Weinbeer und Palmen-Safft hatte uns rasend voll gemacht, sie sind
beide gestorben, ich aber rase noch, sie sind ihrer grausamen Sünden wegen
abgestrafft, ich aber, der ich noch mehr als sie gesündiget habe, erwarte von
euch einen tödtlichen Schuss, damit ich meiner Gewissens-Angst auf einmal los
komme.
    Ich erstaunete über dergleichen entsetzliche Mord-Geschicht, hiess ihm das
Messer hinweg werffen und näher kommen, allein nachdem er gefragt: Ob ich ihn
erschiessen wolle? und ich ihm zur Antwort gegeben: Dass ich meine Hände nicht
mit seinem Blute besudeln, sondern ihn GOTTES zeitlichen und ewigen Gerichten
überlassen wolle; fassete er das lange Messer in seine beiden Fäuste, und stiess
sich selbiges mit solcher Gewalt in die Brust hinein, dass der verzweiffelte
Cörper sogleich zur Erden stürtzen und seine schandbare Seele ausblasen musste.
Meine verschiedenen Gemüts-Bewegungen presseten mir viele Tränen aus den
Augen, ohngeacht ich wohl wusste, dass solche lasterhafte Personen derselben
nicht wert waren, doch machte ich, mit Hülffe meiner beiden Getreuen, sogleich
auf der Stelle ein Loch, und scharrete das Aass hinein. Hierauff durchstreifften
wir die Ostliche Gegend, und fanden endlich nach langem Suchen die Hütte,
worinnen die beiden Entleibten beisammen lagen, das teufflische Affen-Weib sass
zwischen beiden inne, und wollte durchaus nicht von dannen weichen, weswegen ich
das schändliche Tier gleich auf der Stelle erschoss, und selbiges in eine
Stein-Klufft werffen liess, die beiden Viehisch-Menschlichen Cörper aber begrub
ich vor der Hütte, zerstörete dieselbe, und nahm die nützlichsten Sachen daraus
mit zurück in unsere Hausshaltung. Dieses geschahe in der Weinlese-Zeit im Jahre
1527.
    Von nun an führte ich mit meinen beiden Getreuen christlichen Indianern die
allerordentlichste Lebens-Art, denn wir beteten täglich etliche Stunden mit
einander, die übrige Zeit aber wurde teils mit nötigen Verrichtungen, teils
aber in vergnügter Ruhe zugebracht. Ich merckte an keinen von beiden, dass sie
sonderliche Lust hätten, wiedrum zu andern Menschen zu gelangen, und noch
vielweniger war eine Begierde zum Frauen-Volck an ihnen zu spüren, sondern sie
lebten in ihrer guten Einfalt schlecht und gerecht. Ich vor meine Person empfand
in meinem Hertzen den allergrösten Eckel an der Vermischung mit dem Weiblichen
Geschlechte, und weil mir ausserdem der Appetit zu aller weltlichen Ehre, Würde,
und den darmit verknüpfften Lustbarkeiten vergangen war, so fassete den
gäntzlichen Schluss, dass, wenn mich ja der Höchste von dieser Insul hinweg, und
etwa an andere christliche Örter führen würde, daselbst zu seinen Ehren,
vermittelst meiner kostbaren Schätze, ein Closter aufzubauen, und darinnen meine
Lebens-Zeit in lauter GOttes-Furcht zuzubringen.
    Im Jahr Christi 1538. starb auch der ehrliche getauffte Christ, Petrus
Gutmann, welchen ich nebst dem Christiano hertzlich beweinete, und ihn aufs
ordentlichste zur Erde bestattete. Er war ohngefähr etliche 60. Jahr alt worden,
und bisher ganz gesunder Natur gewesen, ich glaube aber, dass ihn ein jählinger
Trunck, welchen er etwas starck auf die Erhitzung getan, ums Leben brachte,
doch mag er auch sein ihm von GOtt bestimmtes, ordentliches Lebens-Ziel erreicht
haben.
    Nach diesem Todes-Falle veränderten wir unsere Wohnung, und bezogen den
grossen Hügel, welcher zwischen den beiden Flüssen fast mitten auf der Insul
lieget, allda baueten wir eine geraumliche Hütte, überzogen dieselbe dermassen
starck mit Laub-Werck, dass uns weder Wind noch Regen Verdruss antun konnte, und
führeten darinnen ein solches geruhiges Leben, dergleichen sich wohl alle
Menschen auf der ganzen Welt wünschen möchten.
    Wir haben nach der Zeit sehr viel zerscheiterte Schiffs-Stücken, grosse
Ballen und Pack-Fässer auf den Sand-Bäncken vor unserer Insul anländen sehen,
welches alles ich und mein Christian, vermittelst eines neugemachten Flosses,
von dannen herüber auf unsere Insul holeten, und darinnen nicht allein noch
mehrere kostbare Schätze an Gold, Silber, Perlen, Edlen-Steinen und allerlei
Haus-Geräte, sondern auch Kleider-Werck, Betten und andere vortreffliche Sachen
fanden, welche letztern unsern Einsiedler-Orden von aller Strengigkeit
befreieten, indem wir, vermittelst desselben, die Lebens-Art aufs allerbequemste
einrichten konten.
    Neunzehn ganzer Jahre habe ich nach des Petri Tode mit meinem Christiano in
dem allerruhigsten Vergnügen gelebt, da es endlich dem Himmel gefiel, auch
diesen eintzigen getreuen Freund von meiner Seite, ja von dem Hertzen hinweg zu
reissen. Denn im Frühlinge des 1557ten Jahres fing er nach und nach an, eine
ungewöhnliche Mattigkeit in allen Gliedern zu empfinden, worzu sich ein starcker
Schwindel des Haupts, nebst dem Eckel vor Speise und Tranck gesellete, dahero
ihm in wenig Wochen alle Kräffte vergingen, biss er endlich am Tage
Allerheiligen, nehmlich am 1. Novembr. selbigen Jahres, früh bei Aufgang der
Sonnen, sanft und seelig auf das Verdienst Christi verschied, nachdem er seine
Seele in GOttes Hände befohlen hatte.
    Die Tränen fallen aus meinen Augen, indem ich dieses schreibe, weil dieser
Verlust meines lieben Getreuen mir in meinem ganzen Leben am
allerschmerzlichsten gewesen. Voritzo, da ich diesen meinen Lebens-Lauff zum
andern mahle aufzuzeichnen im Begriff bin, stehe ich in meinem 105ten Jahre, und
wünsche nur dieses:
    Meine Seele sterbe des Todes der Gerechten, und mein Ende werde wie meines
        getreuen Christians Ende.
    Den werten Cörper meines allerbesten Freundes habe ich am Fusse dieses
Hügels, gegen Morgen zu, begraben, und sein Grab mit einem grossen Steine,
worauf ein Creutz nebst der Jahr-Zahl seines Ablebens gehauen, bemerckt. Meine
Augen sind nachhero in etlichen Wochen niemahls trocken von Tränen worden,
jedoch, da ich mir nachhero den Allerhöchsten zum eintzigen Freunde erwehlte, so
wurde auf ganz besondere Art getröstet, und in den Stand gesetzt, mein
Verhängnis mit gröster Gedult zu ertragen.
    Drei Jahr nach meines liebsten Christians Tode, nehmlich im Jahr 1560. habe
ich angefangen in den Hügel einzuarbeiten, und mir auf die Winters-Zeit eine
bequeme Wohnung zuzurichten. Du! der du dieses liesest, und meinen Bau
betrachtest, wirst gnungsame Ursache haben, dich über die Unverdrossenheit eines
eintzelnen Menschen zu verwundern, allein, bedencke auch die lange Weile, so ich
gehabt habe. Was sollte ich sonst nutzbares vornehmen? Zu meinem Acker-Bau
brauchte ich wenige Tage Mühe, und bekam jederzeit hundertfachen Segen. Ich habe
zwar gehofft, von hier hinweg geführet zu werden, und hoffe es noch, allein, es
ist mir wenig daran gelegen, wenn meine Hoffnung, wie bisher, vergeblich ist
und bleibt.
    Den allergrösten Possen haben mir die Affen auf dieser Insul bewiesen, indem
sie mir mein Tage-Buch, in welches ich alles, was mir seit dem Jahr 1509. biss
auf das Jahr 1580. merckwürdiges begegnet, richtig aufgezeichnet hatte,
schändlicher Weise entführet, und in kleine Stücken zerrissen, also habe ich in
dieser zweiten Ausfertigung meiner Lebens-Beschreibung nicht so ordentlich und
gut verfahren konnen, als ich wohl gewollt, sondern mich eintzig und allein auf
mein sonst gutes Gedächtnis verlassen müssen, welches doch Alters wegen ziemlich
stumpff zu werden beginnet.
    Immittelst sind doch meine Augen noch nicht dunckel worden, auch bedüncket
mich, dass ich an Kräfften und übriger Leibes-Beschaffenheit noch so starck,
frisch und ansehnlich bin, als sonsten ein gesunder, etwa 40. bis 50. jähriger
Mann ist.
    In der warmen Sommers-Zeit habe ich gemeiniglich in der grünen Laub-Hütte
auf dem Hügel gewohnet, zur Regen- und Winters-Zeit aber, ist mir die ausgehaune
Wohnung unter dem Hügel trefflich zu statten gekommen, hieselbst werden auch
diejenigen, so vielleicht wohl lange nach meinem Tode etwa auf diese Stelle
kommen, ohne besondere Mühe, meine ordentlich verwahrten Schätze und andere
nützliche Sachen finden können, wenn ich ihnen offenbare, dass in der kleinsten
Kammer gegen Osten, und dann unter meinem Steinernen Sessel das allerkostbarste
anzutreffen ist.
    Ich beklage nochmahls, dass mir die leichtfertigen Affen mein schönes
Tage-Buch zerrissen, denn wo dieses vorhanden wäre, wollte ich dir, mein
zukünftiger Leser, ohnfehlbar noch ein und andere nicht unangenehme
Begebenheiten und Nachrichten beschrieben haben. Sei immittelst zu frieden mit
diesen wenigen, und wisse, dass ich den Vorsatz habe, so lange ich sehen und
schreiben kann, nicht müssig zu leben, sondern dich alles dessen, was mir hinfüro
noch sonderbares und merckwürdiges vorkommen möchte, in andern kleinen Büchleins
benachrichtigen werde. Voritzo aber will ich diese Beschreibung, welche ich
nicht ohne Ursach auch ins Spanische übersetzt habe, beschliessen, und dieselbe
bei Zeiten an ihren gehörigen Ort beilegen, allwo sie vor der Verwesung lange
Zeit verwahret sein kann, denn ich weiss nicht, wie bald mich der Todt übereilen,
und solchergestalt alle meine Bemühung nebst dem guten Vorsatze, meinen
Nachkommen einen Gefallen zu erweisen, gäntzlich zernichten möchte. Der GOtt,
dem ich meine übrige Lebens-Zeit aufs allereiffrigste zu dienen mich
verpflichte, erhöre doch, wenn es sein gnädiger Wille, und meiner Seelen
Seeligkeit nicht schädlich ist, auch in diesem Stücke mein Gebet, und lasse
mich nicht plötzlich, sondern in dieser meiner Stein-Höle, entweder auf dem
Lager, oder auf meinem Sessel geruhig sterben, damit mein Cörper den
leichtfertigen Affen und andern Tieren nicht zum Spiele und Scheusal werde,
sollte auch demselben etwa die zukünftige Ruhe in der Erde nicht zugedacht sein:
Wohlan! so sei diese Höle mir an statt des Grabes, bis zur fröhlichen
Auferstehung aller Todten.
                                     * * *
So viel ists, was ich Eberhard Julius von des seeligen Don Cyrillo de Valaro
Lebens-Beschreibung aus dem Lateinischen Exemplar zu übersetzen gefunden, kömmt
es nicht allzu zierlich heraus, so ist doch dem Wercke selbst weder Abbruch noch
Zusatz geschehen. Es sind noch ausser diesem etliche andere Manuscripta, und
zwar mehrenteils in Spanischer Sprache vorhanden, allein, ich habe bisher
unterlassen, dieselben so wohl als die wenigen Lateinischen ins Deutsche zu
übersetzen, welches jedoch mit der Zeit annoch geschehen kann, denn sein
Artzenei-Buch, worinnen er den Nutzen und Gebrauch der auf dieser Insul
wachsenden Kräuter, Wurtzeln und Früchte abhandelt, auch dabei allerlei
Kranckheiten und Schäden, die ihm und seinen Gefährten begegnet sind, erzählt,
verdienet wohl gelesen zu werden, wie denn auch sein Büchlein vom Acker- und
Garten-Bau, ingleichen von allerhand nützlichen Regeln wegen der Witterung nicht
zu verachten ist.
 
                                    Fussnoten
1 Es ist fast zu vermuten, dass der Autor solchergestalt auf die jetziger Zeit
so genannten Insulas Salomonis gekommen, jedoch in Erwegung anderer Umstände
können auch wohl nur die Peru und Chili gegen über gelegenen Insuln gemeinet
sein.
 
                      Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,
                                        
                                 Zweiter Teil,
                                      oder:
                                  fortgesetzte
                                        
                            Geschichts-Beschreibung
                                        
                                 ALBERTI JVLII,
    eines gebohrnen Sachsens, und seiner auf der Insul Felsenburg errichteten
                              Colonien, entworffen
                    Von dessen Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,
Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber zum vermutlichen Gemüts-Vergnügen
            ausgefertiget, auch par Commission dem Drucke übergeben
                                      Von
                                   GISANDERN.
                                     Vorrede.
                                Geneigter Leser,
Promissa sunt servanda. Dieses löbliche Sprichwort heisset in deutschen
ungezwungenen Reim-Worten so viel, als:
Versprechen und halten
Steht wohl bei Alt- und Jungen.
Wiewohl nun ich, mich noch zur Zeit weder unter die Alten noch Jungen rechnen
kann, so befinde mich dennoch schuldig, deinen curieusen Augen diesen Zweiten
Teil der Felsenburgischen Geschichts-Beschreibung vorzulegen, zumahlen ich
gewisser massen überzeugt bin, dass der erste Teil, wenigstens von solchen
Leuten, die quid Juris verstehen, vor passable erkannt und angenommen worden.
    Es hat zwar Jemand, nachdem er Permission gebeten, meine Paruque ein wenig
auf die Seite zu schieben, das Trommel-Fell meines Gehörs ziemlich gerühret,
indem er mir das sonderbare Arcanum publicum anvertrauet: was massen dieser
Andere Teil vielen zum Plaisir, einem oder etlichen aber zum starcken Chagrin
gereichen würde; Allein diese mit meiner Schreib-Feder poussirte Statue in octav
(von deren groben oder subtilen Ausarbeitung itzo die Rede nicht ist) flätzschet
zwar eben die Zähne nicht, wenn ihr jemand in vorbei gehen eine freundliche Mine
macht, ich aber kann doch auch nicht gut darvor sein, dass die darinnen versteckte
Orgel-Pfeiffe nicht brummen sollte, wenn ein naseweiser, qveer Feld einblasender
Wind deren Ventil mit Gewalt aufklappen wollte.
    Per Tertium, Quartum & Quintum ist mir auch gesteckt worden, dass noch
ein anderer Jemand (welchen man mir eben nicht nahmhaft machen wollen) wegen
einer im Ersten Teile mit angeführten Liebes-Begebenheit, seinen unzeitigen
Eiffer ausgeschüttet, dabei aber, ich weiss nicht, ob aus Einfalt oder
Schein-Heiligkeit selbst gestanden, dass er dieserwegen so gleich einen Eckel am
ganzen Buche empfangen, und weiter nichts darinnen lesen wollen.
    Wiewohl man nun mit Leuten, die sich in ihren Beurteilungen allzusehr zu
übereilen gewohnt, ein billiges Mitleiden trägt, so sehe doch nicht, warum man
sich eben scheuen dürffte, ihnen mit aller Höflichkeit eine Prise
Schnupff-Toback zur Reinigung des Haupts anzubieten.
    Demnach möchte doch ein dergleichen imbestallter Censor, solche Sachen nicht
schlechterdings auf der lincken Seite betrachten, und erstlich dartun: ob die
im Ersten Teile pag. 35. seq. befindliche Liebes-Geschicht des Capitain
Wolffgangs, propter imitationem von ihm erzählt, und von mir nachgeschrieben
worden? Oder ob Herr Wolffgang, oder ein anderer dergleichen Ausschweiffungen
approbiret habe? Ich glaube, wenn man sich bemünen will pag. 54. von lin 28. und
pag. 85. von lin. 15. an, ein wenig fort zu lesen, so wird sich vermutlich die
Sache selbst defendiren, und mich einer Mühe, die mir ohnedem nicht hinlänglich
bezahlet werden möchte, überheben.
    Sonsten mag es doch wohl nicht gäntzlich unwahr sein, dass sich heutiges
Tages in der Welt eine gewisse Art von Sonderlingen und Super-klugen Leuten
auffhalten soll, welche, wenn es allein nach ihren Köpffen gienge, wohl gar
verschiedene Capitel der Heil. Bibel ausmertzen, ja die ganze reine und lautere
Teologie, in eine andere, nach ihrer Phantasie gemachte Forme giessen möchte;
Also nimmt es mich gar kein Wunder, dass etwa ein oder anderer von dieser Sorte
an meinen guten Capit. Wolffgange und andern Seefahrern zum Ritter werden will,
indem sie sich, wie mir gesagt ist, ungemein gern in alle und allerlei Handel
mengen. Jedoch nicht zu hitzig meine feine Herrn, mein Rat wäre, ihr liesset
die Seefahrer und Felsenburgischen Einwohner, ihrer Lebens-Art und gemachten
Anstallten halber, immer zu frieden, denn sie befinden sich im Stande ihre
eigenen Verteidiger zu sein.
    Was diesem Geschicht-Buche auch von Jemanden vor ein sauberer Titul durch
Briefe beigelegt und sonsten mit gemeldet worden, will dem Verleger zu Gefallen
so deutlich nicht anführen. Aber mein Freund, sage mir, wer hat dich zum
Ausgeber oder Wagmeister der göttlichen Gnade gemacht? oder wer bist du, dass du
einen frembden Knecht richtest.
    Deinen Principiis nach dörfften solchergestalt gar keine Historien von
allerlei Lastern, Mord, Diebsstreichen und dergleichen geschrieben werden, und
zwar unter dem läppischen Vorwande, dass nicht etwa ein oder anderer zu
dergleichen Lastern angereitzet werden möchte. Jedoch zur Zeit höret man nicht,
dass sich jemand über etwas anders aufgehalten, als wenn etwa die Species facti
eines Fehltritts über das 6te Gebot, ob schon in den allerverantwortlichsten
Terminis aufs Tapet gekommen, hierbei aber werden die gezeigten üblen
Folgerungen, Straffen, Erkänntniss und Reue über dergleichen Sünden, als der
eigentliche Spiegel in keine Consideration gezogen.
    Könte es denn aber auch wohl möglich sein, dass sich manche Leute in
eingebildeter vollkomener Weissheit und Erkenntnis, von ihren schwermenden
Affecten regiren liessen? Solle denn bei einem oder dem andern etwa der Pfahl
gerüttelt sein, der ihm im Fleische steckt? Man sagt zwar sonst: Wer gern
tantzt, dem ist leicht gepfiffen. Wer ausserordentlich verliebt ist, findet
leicht was in seinen Krahm dienet. Wer gern stiehlt, macht sich die Gelegenheit
auch auf den schlechtesten Wochen-Märckten zu Nutze. Aber was kann denn ein
Geschichtschreiber davor, wenn lasterhafte Leute sein vorgestecktes Ziel mit
Fleiss verfehlen, andere hingegen alles zu Poltzen drehen wollen.
    Es würde zwar eben keine Herculeische Arbeit kosten, diese Materie etwas
deutlicher, gründlicher und weitläufftiger auszuführen, jedoch weil ich eben
itzo bald Mittags-Ruhe zu halten gesonnen bin, auch ausserdem den geneigten
Leser nicht mit einer solchen Vorrede aufhalten mag, welche durchzulesen, kaum
der 20te Tag des Monats Junii lang genug sein möchte, so will obgemeldten censir
enden Mückenseigern an statt der Felsenburgischen Geschichte, das 23. Cap.
Matæi zum desto fleissigern Durchlesen und sich selbst zum aufrichtigen Erklären
freundlich an recommendiret haben, sonsten aber versichern, dass es bei
künftigen Attaquen einiger Grillenfänger oder Mocqueurs halten werde, wie der
weiland ehrliche Weidemann Erasmus. Denn dieser konnte, jedoch sans comparaison,
seinen Haasen nach belieben schiessen, oder auch lauffen lassen.
                 Tityre, tu patulae recubans sub tegmine fagi.
    Liege nur immer stille und lass mich mit meiner Felsenburgischen Geschicht
ungepfoppt, denn man wird zu weilen auch im Schatten von kleinen Mücken
gestochen, welche sich nicht so leicht fangen und erdrücken lassen.
    Basta! Ich muss aber noch mit wenigen melden, dass wenn 1) ja jemand so
curieus sein sollte zu fragen: Warum ich einige Nahmen der Länder, Städte und
Menschen entweder gar aussen gelassen, verkehrt oder nur mit den Initial
Buchstaben und darzu gesetzten Sternleins ausdrucken lassen? ihm ad interim, bis
wir einander mündlich sprechen, schrifftlich zur Antwort dienet: wie ich meine
gewissen Raisons darzu gehabt, welche nach eingezogenen umständlichern Berichte
hoffentlich kein Vernünftiger tadeln wird. 2.) Dürffte vielleicht sich ein oder
anderer an die im Ersten Teile mit eingeschlichenen Druck-Fehler gestossen
haben, weil aber hoffe, dass dadurch eben keine blauen Flecke an den Schienbeinen
oder verdrüssliche Excrescenzen an der Stirn verursacht worden, so bezeuge
hingegen meine Unschuld, indem das Manuscript hoffentlich ziemlich Ortographice
gewesen, der beste Setzer und Corrector aber auch leichtlich etwas übersehen
kann. Im übrigen werden es wohl gar kleine Kleinigkeiten sein, welche der
Hauptsache keinen besondern Abbruch tun. 3). Sage ich noch einmal und bleibe
dabei, dass es mir gleich viel gilt, es mag ein oder ander, viel, wenig, oder gar
nichts von der Wahrheit dieser Geschichte glauben, oder darauf bestehen bleiben,
dass ich mich in der Vorrede ziemlich verdächtig gemacht, als ob ich selbst nicht
viel davon glaubte. Genug, es ist keine Gewissens-Sache, und ausserdem des Heil.
Römischen Reichs Wohlfart gar nicht damit verknüpfft. Bei Leuten aber, die mit
läppischen Vorurteilen schwanger gehen, auch so gar das, was doch vor aller
Menschen Augen probabel ist, nicht einmal in ihr viereckigtes Gefässe des
Gehirns fassen können, nähme ich mir nicht einmal die Mühe einen ad hunc actum
notwendigen Policischen Staar-Stecher abzugeben.
    Noch etwas kömmt mir, indem ich dieses schreibe zu Ohren, es sollen sich
nehmlich ein paar Gelehrte über die in der Vorrede des Ersten Teils auf der
vierdten Seite lin. 10 & seq. befindliche Zeilen: Wo mir recht ist, halten -
- sapienti sat: aufgehalten und dieselben als etwas zu leichtsinnige beurteilet
haben; Allein an statt darauf zu antworten, will dieselben ganz freundlich auf
die Vorreden des seeligen Herrn Doct. Luteri über das Buch Judit und Tobiä
verweisen, und damit Holla!
    Ubrigens will diesen Andern Teil der Felsenburgischen Geschichte nicht
weiter recommandiren, als nachdem ihn der geneigte Leser nach seinem Geschmack
befinden möchte, zumahlen ich voritzo nicht mehr Zeit zu verliehren habe, als
meiner Schuldigkeit nach annoch zu versichern, dass ich sei
    Des geneigten Lesers
den 2. Dec.
    1731.
                                                         bereitwilligster Diener
                                              so weit es ratsam und möglich ist
                                                                       GISANDER.
 
Kaum hatte Hn. Leonhard Wolffgangs kostbare Englische Uhr, welche nach Mons.
Litzbergs in Felsenburg verfertigten Sonnen-Zeiger aufs accurateste gestellet
war, Nachts zwischen dem 31. Dec. und 1. Jan. durch zwölff hellklingenge Schläge
den völligen Abschied des 1725sten Jahres angemeldet, als nur erwähnte zwei
werten Freunde, so wohl als ich Eberhard Julius, unsere bereits brennenden
Zünd-Ruten ergriffen, und 6. von den auf dem Alberts-Hügel gepflantzten
stärcksten Canonen, binnen einer Stunde 4. mahl nötigten: ihre scharff
eingepresste Ladung mit Blitz und Donnern von sich zu sprühen, da uns denn bei
jeglicher Salve von den 4. Wacht-Häusern auf den Felsen-Höhen, jedes Orts aus 3
Canonen geantwortet wurde; wiewohl die auf der Nord- und Ost Gegend stehenden,
wegen eines starcken Süd-West-Windes sehr dumpffig, im Gegenteil die gegen
Süden und Westen desto schärffer knalleten.
    Nachdem aber solchergestallt das Neue 1726ste Jahr erfreulich bewillkommet
und dessen Eintritt allen Felsenburgischen Einwohnern kund getan worden, legten
wir uns noch einige Stunden zur Ruhe berufften aber früh Morgens um 6. Uhr,
durch 3. abermahlige Canonen-Schüsse, alle andächtige Hertzen zum eiffrigen
GOttes-Dienste; welchen Herr Mag. Schmeltzer in einer herrlichen Predigt als die
allervortrefflichste Sache zur Erneuerung im Geist unseres Gemüts, nach den
Worten Pauli Ephes. 4. v. 23. 24. aufs Beste recommendirte und damit gewisslich
bei allen und jeden starcken Eindruck tat.
    Gleich nach vollbrachten zweimahligen Gottes-Dinste, liess Herr Wolffgang,
nochmahls alle Insulaner auf morgenden Tag, zu einer erlaubten christlichen
Ergötzlichkeit, wegen seiner vor wenig Wochen getroffenen Heirat, einladen,
welche denn alle, so wohl grosse als kleine, nicht ermangelten, sich gegen die
Mittags-Zeit in ihrer reinlichsten Kleidung einzustellen. Es waren hierzu
bereits seit etlichen Tagen mit gröstem fleisse alle behörige Anstallten gemacht
worden, weswegen sich in jedem Stücke die schönste Ordnung zeigte. Denn auf der
schönen Ebene am Fusse des Alberts-Hügels zwischen beiden Alleeen hatte Herr
Wolffgang die Sitz-Städten in die Erde eingraben, die Tische mit grünen Rasen
erhöhen und besetzen, rings herum aber alles mit grünen Laubwerck verzäunen, und
vor den heissen Sonnen-Strahlen oben verdecken lassen, so dass es recht mit Lust
anzusehen war. Es wird dem geneigten Leser nicht zuwieder sein, dass ich einen
kleinen Grund-Riss davon beifüge.
    A. Die Braut-Tafel.
    B. Der Christians-Raumer Tisch.
    C. Der Alberts-Raumer Tisch.
    D. Der Stephans-Raumer Tisch.
    E. Der Johannis-
    F. Der Christophs-
    G. Der Jacobs-
    H. Der Simons-
    I. Der Davids-
    K. Der Roberts-Raumer Tisch.
    L. 4. Koch- und Brat-Städten.
    M. 3. tieffe und oben verdeckte Gruben, worinnen der Wein und ander köstlich
        Geträncke vorrätig war.
An der Braut-Tafel lassen: 1. Herr Wolffgang, 2. dessen Liebste Sophia, 3. Der
Alt-Vater Albertus. 4. Der Braut-Vater Christian Julius, 5. Hr. M. Schmeltzer,
6. 7. Albertus Julius II. und dessen Ehe-Frau Judit, 8. 9. Stephanus Julius und
dessen Ehe-Frau Sabina, 10. Christoph Julius, 11. 12. David Julius und dessen
Ehe-Frau Christina, 13. Mons. Litzberg. 14. Mons. Kramer, 15. Mons. Plager, 16.
Ich Eberhard Julius. Jedoch wir 4. Letztern blieben die kurtzeste Zeit sitzen,
halffen vielmehr aus Liebe gegen den Herrn Wolffgang, unsern andern letzt mit
gekommenen Cammeraden, die einheimischen Gäste bewirten, welche sich, wie aus
dem gemachten Abrisse zu ersehen, Geschlechter weise, jedes an einen besondern
Tisch, rangiret hatten. Der Alt-Vater aber hatte aus jedem Geschlechte einige
Manns- und Weibs-Personen, die sich am besten auf die zubereitung der Speisen
verstunden, auserlesen; weil nun an allerhand feisten Wildpret, zahmen und
wilden Ziegen-Fleisch, grossen und kleinen Vögeln, vielerlei arten von Fischen,
Schildkröten, See-Kälbern, Vögel- und Schildkröt-Eyern, allerhand frischen und
eingemachten Kräutern, Wurtzeln und köstlichen Früchten kein Mangel, sondern
vielmehr alles zum überflusse bei Handen war, wurde gewisslich eine dermassen
delicate Mahlzeit angerichtet, dass wir sämtl. Europäer zur Verwunderung
gnungsame Ursache fanden. Ob nun gleich das Tafel-Zeug und andere
Gerätschaften nicht so zierlich und überflüssig als in Teutschland und anderen
wollüstigen Ländern bei dergleichen Gastereien anzutreffen; so ging doch alles
sehr reinlich, ordentlich und vergnügt zu, zumahlen da eitler Pracht, Hoffart,
Ehr-Geitz, Uppigkeit nebst der schändlichen Mocquerie von dieser Insul gäntzlich
verbannet zu sein schiene, hergegen lauter treuhertzigkeit und fromme Einfalt
die dasige Lebens-Art desto lieblicher machte. Ich will aber eben keine
unnötige Beschreibung von den aufgesetzten vielerlei Speisen Gebackens,
Confituren und mancherlei Arten von Geträncke machen, indem ich die Zeit, Dinte,
Federn und Pappier an merckwürdigere Geschichte zu spendiren habe, also nur
kürtzlich nochmahls bekräfftigen, dass bei der Mahlzeit alles vergnüglich, ehrbar
und ordentlich zugieng.
    Nach der Mahlzeit, welche über 4. Stunden lang gehalten war, stellete Herr
Wolffgang vor die jungen Leute beiderlei Geschlechts, ein Wettlauffen an, indem
er etliche niedrige grüne Bäume aufrichten, und dieselben mit allerlei artigen
Europäischen Waaren behängen lassen, da denn die Hurtigsten ihre Mühe mit den
besten Stücken belohnet fanden, die übrigen aber mit den geringern Sachen
vorlieb nehmen mussten. Immittelst hatten die Alten ihr Vergnügen dieses Spiel
mit anzusehen, welches biss nach untergang der Sonnen währete. Worauff von einem
ganzen Centner gebrandter Caffee-Bohnen, nebst behöriger Quantität Zucker, ein
angenehmes warmes Geträncke zubereitet wurde, ob aber gleich nicht gnungsame
darzu gemachte Coffee-Schälchen vorhanden waren, so musste doch ein jeder, der
diesen Nectar aus einem andern bequemen Geschirr zu trincken das eintzige
Malheur hatte, bekennen: dass dem ohngeacht seiner delicatesse nicht das
geringste abgienge. Da nun die Lustbarkeiten des ersten Hochzeit-Tages, mit
eintretender geringen Demmerung ihre Endschaft erreicht, begaben sich die
mehresten Hochzeit-Gäste auf den Weg ihre Nacht-Ruhe zu suchen, nachdem sie
erinnert worden morgenden Tages, und zwar etwa 3. Stunden nach aufgang der
Sonnen, wiederum auf dem Tafel-Platze zu erscheinen. Es nahmen aber die nächst
gelegensten Geschlechter, als nehmlich die Alberts-Simons-Christians- und
Stephans-Raumer ihre etwas weiter abgelegenen Freunde mit in ihre Behausungen,
wie denn auch eine ziemliche Anzahl der weit abgelegenen, ihr Logis auff der
Alberts-Burg fanden.
    Unser Altvater liess sich zwar nebst den andern Aeltesten auch in seine Burg
fahren, welchen wir Jüngern biss in sein gewöhnliches Zimmer folgeten; da aber
derselbe noch keine Lust zum Schlafen bezeugte, sondern uns beredete mit ihm
noch ein paar Pfeiffen Toback bei einem Truncke seines wohl abgesottenen
Gersten-Wassers, zu rauchen, war ein jeder bereit dem Altvater, der sich diesen
Tag über alle massen vergnügt bezeigt hatte, mit grössern Appetit zu gehorsamen.
Selbst Herr Mag. Schmeltzer, der doch sonsten eben kein sonderlicher Liebhaber
vom Toback rauchen war, liess sich diesen Abend bereden: ein Pfeiffgen mit
anzustecken, worbei jedennoch allerhand erbauliche Gespräche geführet wurden,
biss endlich der Altvater Albertus, mit guter Art, sein ganz besonderes
Verlangen zu vernehmen gab, nach und nach bei bequemer Gelegenheit eines jeden,
letzlich mit angekommenen, Europäers wahrhafte Lebens-Geschicht anzuhören. Da
nun Herr Mag. Schmeltzer so wohl als die andern alle, dessen Verlangen so
billig, als sich schuldig befanden, eine Höfflichkeit, nach Vermögen, mit der
andern zu vergelten, machte erst gemeldter ohne einziges Verzögern selber den
Anfang, und erzehlete folgender massen seine eigene, nehmlich:
 
                 Die Lebens-Geschichte Herrn Mag. Schmeltzers.
Ich Ernst Gottlieb Schmelzer, bin der zweite Sohn eines Evangelisch-Luterischen
Predigers, der in einem Pohlnisch-Preussischen, ohnweit Elbing gelegenen Dorffe
sein heil. Ammt zu verwalten hatte. Der 28. Aug. des 1692sten Jahres ist mein
Gebuhrts-Tag gewesen, und von diesem Tage an, haben meine seel. Eltern keinen
Fleiss gesparet, mich nebst meinem ältern Bruder und einer älteren Schwester, so
GOtt gefällig, als die nachkommenden zwei jüngern Brüder und eben so viel
Schwestern auffzuziehen. Wir Kinder, bekamen gleich von zarter Kindheit an einen
guten Informatorem, nebst einer besondern Wart-Frau, denn meine Mutter hatte
eine sehr schwere Haus-Wirtschaft zu besorgen, zumahlen da mein Vater als ein
exemplarischer Priester allzugewissenhaft war, sich um die Nahrungs-Sorgen zu
bekümmern, dahingegen er seinem Beruffe auffs eiffrigste nachzukommen trachtete.
    Allein eben dieser preisswürdige Eiffer, brachte meinen seel. Vater in seinen
besten Jahren um das zeitliche Leben, und zwar bei solcher Gelegenheit: Es
hatten bei denen, im Jahre 1703. vor Pohlnisch-Preussen sehr gefährlichen
Krieges-Läuffen, zwei Schwedische Officiers, ohnfern von unserm Dorffe Kugeln
gewechselt; worvon der eine sehr gefährlich, und zwar der Medicorum Aussage
nach, durch den Magen und Unterleib geschossen war. So wohl die Medici, als
Chirurgi, hatten diesen elenden Patienten, nach vernünftiger Untersuchung der
Blessur, so gleich das Leben abgesprochen; und zwar in Erwegung seines jederzeit
geführten ruchlosen Lebens, ihn um so viel desto eher dahin zu reitzen; den
wenigen Rest seiner Lebens-Zeit, noch zur wahren Busse und Versöhnung mit GOtt
anzuwenden. Und eben dieser Ursachen wegen, wird mein seel. Vater, von dessen
guten Freunden, zu ihm beruffen, wiewohl die zwei ersten Visiten ganz Fruchtloss
abgehen, weilen dieser ateistische Patient, weder von der Busse und Bekehrung,
und noch vielweniger vom Tode und Sterben etwas hören will. Bald hernach
überfällt ihn ein hitziges Wund-Fieber, es fängt derselbe ziemlicher massen an
zu rasen, jedoch so bald der paroxismus vorüber, und er nur einiger massen
wiederum zu verstande kömt, lassen dessen Freunde nebst denen Medicis und
Chirurgis, meinen seel. Vater um Mitternachts-Zeit abermals inständig bitten,
sich dahin zu bemühen und des Patienten Seele aus des Teuffels Rachen zu
reissen; weiln allen umständen nach, selbiger schwerlich noch einen Tag
überleben würde. Mein seel. Vater lässet an seiner Hurtigkeit und allen er
sinnlichen Arten der Uberredung nichts ermangeln, kann aber dennoch seinen Zweck
nicht im geringsten erreichen, weiln der Patient ohnablässig rufft: Man solle ihm
den schwartzen Pfaffen von Halse schaffen, oder er müsse verzweiffeln. Mein
werter Herr und Freund, sagt endlich mein seel. Vater, ich wollte gern einen
weissen, blauen, roten oder anders gefärbten Rock anziehen, wenn es mir in
solcher Kleidung möglich wäre: eure arme Seele aus des Satans Netzen zu wickeln,
allein fasset alle eure Vernunft zusammen und überleget: ob es nicht besser sei
einen schwartz gekleideten Diener GOttes, der den Weg zum Himmel zeigt, als
unzählige höllische Geister, die auf die teuer erkauffte Seele lauren, vor
seinen Sterbe-Bette zu dulden.
    Kaum hat mein seel. Vater die letzte Sylbe seiner Worte ausgesprochen, als
der vom Satan gestärckte Patient ohnvermutet aus dem Bette springt, ihn samt
seinen Sessel zu boden stösst, über meinen seel. Vater herfällt, und dessen
Gesicht mit den Finger-Nägeln aufs grimmigste zerkratzt, über dieses ihm zwei
Bisse in die Backen und den dritten in das lincke Ohr versetzt, ja endlich
denselben ohnfehlbar erstickt hatte, wenn nicht 5. starcke Manns-Personen herzu
gesprungen, und diesen Mord-Buben mit äuserster Gewalt zurück gerissen hätten.
    Es brachten demnach etliche Leute meinen ganz ohnmächtigen Vater nach Hause
geführet, welcher sogleich ins Bette gelegt, und von den besten Medicis besucht
und besorgt wurde. Der verzweiffelte Höllen-Brand hatte noch vor Anbruch des
Tages, seine durchteuffelte Seele, mit erschrecklichen brüllen ausgeblasen, mein
seel. Vater aber bekam von dem gehabten Schrecken ein entsetzliches hitziges
Fieber, worbei ihm der Kopff wegen der ohnfehlbar sehr gifftigen Bisse grausam
aufschwall, so dass er ohngeacht alles angewandten Fleisses der Medicorum und
Chirurgorum, 7. Tage hernach seinen Geist aufgeben musste.
    Also wurde ich in meinen 11ten Jahre nebst meinen 6. andern Geschwistern,
von welchen der jüngste Bruder nur etliche Wochen alt war, plötzlich zur armen
Waise gemacht, denn obgleich mein Vater bei nahe 16. Jahr in einer sonst sehr
austräglichen Pfarre gesessen, so war es doch wegen verschiedener
Unglücks-Fälle, die von den allgemeinen Landes-Plagen herrühreten, in seiner
Hausshaltung endlich so weit gekommen: dass seine beste Verlassenschaft dem
gemeinen Sprichworte nach, in libris & liberis, in Büchern und Kindern
bestund. Meine liebe Mutter zohe gleich nach verflossenen Gnaden-Jahre nebst uns
Kindern in ihre Geburts-Stadt Elbing, zumahlen da sie von ihrer Mutter
Schwester, die eine betagte und Kinderlose Frau war, auf begebenden Sterbe-Fall
noch eine ziemliche Erbschaft zu hoffen hatte. Mein ältester Bruder, welcher
keine Lust zum Studiren, hingegen desto grössere zur Chirurgie und Barbier-Kunst
bezeugte, wurde also in seinem 16ten Jahre zu einem berühmten Meister dieser
Profession gebracht. Er reisete nach ausgestandenen 3. Lehr-Jahren in die Welt,
kam nach 6. jähriger Abwesenheit wieder zu Hause, nahm aber bald darauff Dienste
auf der Schwedischen Flotte unter dem Schout bei Nacht Ehrenschild, da aber ein
Teil gedachter Flotte am 27. Jul. 1714. von den Russen geschlagen wurde, hatte
mein ehrlicher Bruder auch das Unglück, sein junges leben darbei zu verlieren.
Ich meines Teils, war von Jugend an desto eiffriger auf die Bücher erpicht, und
mein getreuer Informator, gab sich so wohl als mein leiblicher Vater die
äuserste Mühe, so bald ich nur das deutliche Reden erlernet, mir zugleich mit
der deutschen, auch die lateinische Sprache so zu sagen in der Mutter-Milch
einzuflössen. Weiln ich nun die Grund-Regeln derselben nach und nach recht
spielende fassete, so setzten mich meine treuen Præceptores auf dem Elbinger
Gymnasio in meinem 13den Jahre mit in Selectam, wodurch mein beständiger Fleiss
um so viel desto mehr angefrischet wurde. Ausser diesem widmete ich meine
Frei-Stunden der Choral- und Instrumental-Music, und brachte es durch unermüdete
Lust und Liebe, ziemlich weit darinnen. Weiln aber ausser dem Geld-Beutel meiner
lieben Mutter, die doch nebst denen noch übrigen 5. Kindern, selbst von der
Schnure zehren musste; wenige Beihülffe zu suchen wusste, indem unsere alte Frau
Muhme, als eine dem Geitze sehr ergebene Frau, bei ihren grossen Vermögen noch
immer Hungers zu sterben befürchtete: und der Himmel auf einem andern Gymnasio,
wegen meiner reinen und ziemlich manierlichen Singe-Stimme, sehr wichtige
subsidia vor mich zeigte: schaffte mich meine liebe Mutter auf inständiges
Anhalten, unter Vergiessung häuffiger Tränen, mit zufälliger guter Gelegenheit
dahin, allwo sonderlich die herrlichen Testimonia meiner Præceptorum, und
Recommendations-Schreiben anderer vornehmer Leute mir den profitablesten
Unterhalt verschaften.
    Es war kurtz nach Pfingsten des 1707den Jahres, da ich solchergestallt, eine
ganz neue und verbesserte Einrichtung in meinem Studiren machte, und weiln mir
das Glück favorisirte, mich bei dem ersten Examine so wohl im Peroriren, als in
der Elaboration aller vorgegebenen Exercitien, vor andern, die doch weit älter
als ich waren, ziemlicher massen hervor zu tun: fiel mir die Gunst vornehmer
Schul-Patronen und der neuen Præceptorum in reicherer Masse bei, als ich mir
hätte einbilden können. Ein vornehmer Mann, mit dessen 12. jährigen artigen
Sohne ich die Humaniora alltäglich, zu seinem und meinem Nutzen, aufs fleissigste
repetiren musste, gab mir aus besonderer Liebe gegen meine Wenigkeit, freien
Tisch, Stube, Holtz, Licht, Wäsche und über dieses alles, noch manchen schönen
Taler an baaren Gelde; ja da er meine besondere Emsigkeit merckte, zohe er
selbst noch 4. andere wohlgezogene Knaben zu dieser privat-Ubung, deren Eltern,
als lauter vornehme und wohlhabende Leute, mich unverdienter Weise mit
Geschencken fast überhäufften. Nächst diesem brachte mir meine Singe-Stimme, die
sich Wöchentlich im Chore, alle Sonntage bei der Kirchen-Musique, und dann auch
öffters in vornehmer Leute Häuser hören liess, ein starckes Accidens zu wege,
weswegen ich nach Verlauff des ersten halben Jahres, nach Abzug aller
Bedürffnissen, meiner lieben Mutter 6. spec. Ducaten nach Hause schicken konnte.
    Solcher glückliche Zustand wurd mir aber, nach Verlauf weniger Zeit, durch
eine odieuse Begebenheit mit desto grössern Jammer eingetränckt. Denn es ist zu
wissen: dass an dem orte meines damahligen auffentalts ein Collegium des
Römisch-Catolischen so genandten Jesuiter-Ordens war, mit dessen Schülern meine
Commilitones, nehmlich die Evangelisch-Luterischen Gymnasiasten, in beständigen
Zwistigkeiten lebten. Ich habe mich vor meine Person niemahls bemühen wollen, zu
untersuchen, welche Partei der andern am meisten Gelegenheit zum Zancken und
Streiten gegeben, weilen bekannt, dass gemeiniglich unter allen Heerden räudige
Schaafe zu finden sind: Allein zu meiner Zeit weiss ich gewiss, dass uns die
Jesuiter-Schüler allen ersinnlichen Verdruss antaten, absonderlich kränckte uns
nachfolgender Spott-Streich am aller empfindlichsten: Es befand sich ohnfern von
der Stadt in einem lustigen Spatzier-Gange von Natur ein artiges Echo, welches
die letztern etwas starck ausgerufften Sylben der Wörter, zu 2. 3. biss 4. mahlen
ungemein vernehmlich repetirte. In dieser Gegend nun pflegten sich der Jesuiter-
Schüler sehr öfters aufzuhalten, so bald dieselben aber merckten, dass sich etwa
ein oder anderer Gymnasiaste ebenfalls daherum divertirte, schrye gemeiniglich
einer von unsern Feinden folgende läppische, jedoch sehr empfindliche
Stichel-Worte aus:
Quid est Luteranus? Echo resp. Anus.
Quid est Luteri æmulus? - - : Mulus
Quomodo vocatur Luteranorum
studiosus? - - - - - - - - - -: O sus!
Wir bemerckten zwar bald, dass dieses eine Parodie auf den lustigen Einfall eines
längst verstorbenen protestantischen gelehrten Mannes wäre, nahmen uns aber
nicht einmal die Mühe andere dergleichen Schimpff-Sprüche auszusinnen, jedoch
waren einige der Unsern so hertzhaft, die eigenen Worte des vorerwähnten
Gelehrten, dem Echo entgegen zu ruffen:
Quid est Jesuitulus? Echo resp. Vitulus.
Nonne nequam est Jesuitu? - - Ita.
Hierüber kam es nun verschiedene mahl zum würcklichen Hand-Gemenge, worbei bald
der Jesuiter-Schüler, bald die Evangel. Gymnasiasten blutige Köpffe und blaue
Flecke darvon trugen. Einsmahls aber, da ich nebst andern Concertisten auf eine
Hochzeit, Music zu machen, beruffen war, befanden sich auch ein paar Jesuiter-
Schüler (oder Studenten wie sie gern heissen wollten) daselbst gegenwärtig,
welche, indem wir nebst andern Musicanten bei Tische sassen und speiseten, nicht
unterlassen konten ihre eingebildete Gelehrsamkeit mit vielen lateinischen
Stichel-Worten an Tag zu legen, unter andern brachte einer ex tempore folgendes
lateinisches Distichon zu Marckte:
Quo Luteranus, dic possit nomine dici:
Hæresium dici biblioteca potest.
Es sollte etwa auf Deutsch so viel zu verstehen geben:
Sag an: Was eigentlich ein Luteraner sei?
Er ist der Inbegriff von aller Ketzerei.
Ich weiss nicht wie es kam, dass, indem ich unter Anhörung dieser Verse ein
Spitz-Glässgen Wein tranck, meine Vena poetica ganz ausserordentlich begeistert
wurde, weiln, da ich solches nach 2. mahligen kurtzen Absetzen gäntzlich
ausgeleeret hatte, folgendes Distichon nicht so bald fertig, als unbedachtsam
von mir heraus gesagt war:
Ordine nil melius; sed nil est ordine pejus,
Qui Jesu nomen, non tamen omen habet.
                                    Deutsch:
Das ist der beste zwar doch auch der böste Orden,
Der sich nach JESU nennt, und ihm nie gleich geworden.
Man ersah augenblicklich an den ergrimmten Gesichtern unserer beiden
Wiedersacher, dass ihnen die Galle aufs gräulichste über die Gräntzen trat, indem
sie von einem sechzehendehalb jährigen Knaben, dermassen hässlich abgekappt
worden. Ein gewisser Musicus aber, der ein sehr guter Lateiner war, bat mich,
dieses Distichon noch einmal her zu sagen, und da mich dessen aus Ubereilung
nicht wegerte, schriebenes so gleich, nebst ihm, meine Commilitones, wie auch
noch andere dabei sitzende, in ihre Schreib-Tafeln; weswegen unsere Widersacher
aus Bosheit mit den Zähnen knirscheten, da sie aber selbiges Orts kemen
kräfftigen Beistand wussten, liessen sich die Buben ihre Nachgier auf frischer
Fart auszuüben, vor dieses mahl vergehen, und schlichen ganz stillschweigend
davon.
    Unser Rector hatte folgendes Tages diesen Streich nicht so bald vernommen;
als er mich nebst den andern Gymnasiasten, die mit auf der Hochzeit musiciret
hatten, zu sich ruffen liess. Nach seinem Befragen, geschahe von uns allen ein
offenhertziges Bekenntnis dessen, was vorgegangen war. Er schrieb mein Distichon
in sein Diarium, schüttelte hernachmahls den Kopff und sagte: Mein Sohn! euer
gutes Ingenium ist so wenig zu tadeln als das herrliche Naturell zur Poesie;
allein gebraucht dasselbe künftig hin mit gröster Vorsicht, zumahl an solchen
Orten, wo gewisser massen Ecclesia oppressa ist. Die Herrn Jesuiten sind so
wohl, als ihre Schüler sehr rachgierige Leute, solchergestallt köntet ihr gar
leicht euch, und uns allen, grossen Verdruss und Unglück über den Hals ziehen.
Wer weiss was sie dieser Affaire wegen zusammen schmieden werden, indessen ist
mein getreuer Rat: dass ihr euch auf der Strasse, und sonderlich bei
Abends-Zeit, sehr wohl in acht nehmet, um ihren Schülern nicht in die Krallen zu
geraten.
    Mein Principal nebst andern Patronen und guten Freunden, gab mir eben
dergleichen guten Rat und Warnung zu vernehmen, immittelst ward mein Distichon
fast in allen Evangelischen Häusern kundbar, jedoch die Herrn Jesuiter,
stelleten sich an als ob sie diesen Streich entweder nicht wüsten, oder nichts
achteten, derowegen fieng ich nach Verfluss eines ganzen Monats zu glauben an:
meine Furcht und gebrauchte Vorsicht, nicht etwa ein Schlacht-Opffer ihres
Eiffers zu werden, sei ganz und gar vergebens. Allein dass nicht alle schlaffen,
welche die Augen zu tun, und dass die stillen Wasser gefährlich und tieff sind,
musste ich damals zu meinem ziemlichen Unglück erfahren. Denn da ich eines Abends
vor der Haus-Tür stund, kam ein grün gekleideter Laquei und bat mich, ihn zu
berichten, in welchem Hause der Gymnasiaste Schmeltzer anzutreffen; nachdem ihm
nun vergewissert, dass ich selber derjenige sei, welchen er suchte, sprach er
mit sehr freundlichen Geberden, ich sollte so gut sein und ihm in ein gewisses
Haus, welches er mir nennete, folgen, weilen daselbst zwei frembde Cavalier,
meine, ihnen so sehr gerühmte Singe-Stimme, bei einer doucen Abend-Musique zu
hören verlangten, meine Mühe aber reichlich belohnen wollen. Allein, setzte er
hinzu, ich dürffte mich nicht säumen, weil sie und die Musicanten selbst, mit
schmertzen darauff warteten. Zu meinem Unglück war mein Principal, nebst seiner
Familie, bei einem vornehmen Freunde zu Gaste, und weil ich über 2. oder 3.
Stunden nicht auszubleiben vermeinte, sagte ich dem Haus-Gesinde, gewisser
Ursachen wegen, nicht wo ich hin wollte, sondern holete nur eiligst einige
Musicalien von meiner Stube, mit welchen ich dann, ohne eintziges Nachdencken,
dem, unten vor der Tür auf mich wartenden Laqueien, sehr hurtig nachfolgte. Es
traff ein, dass ein Paar sehr proprè gekleidete Cavalier, in der Ober-Stube des
bezeichneten Hauses sassen, allein es waren nur zwei, mir ganz unbekandte
Musicanten bei ihnen, deren einer eine Violdi Gamba, der andere aber eine
Violine spielete. Man bewillkommete mich aufs allerfreundlichste, und sagte nach
diesen: Monsieur! ihr hättet nicht nötig gehabt Musicalien mit zu bringen, weil
wir allbereit diejenigen Stücke, so wir längst gern hören mögen, bei uns haben.
Demnach legten sie mir, eine nicht uneben gesetzte Cantata vor, die ich ohne
Bedencken annahm, und nach meinem besten Vermögen abfunge. Sie bezeugten so bald
dieselbe zum Ende, ihr sonderliches Vergnügen darüber, und überreichten mir noch
eine dergleichen, nach deren Absingung ich eine kurtze Zeit ruhen, auch ein paar
Gläser Wein, nebst etwas Confect geniessen musste. Hierauff wurden noch andere
lustige Arien und dergleichen Zeug hervor gesucht, doch weil alle ganz leicht
gesetzt waren, hatte ich wenige Mühe, dieselben gehörig heraus zu bringen. Beide
Cavaliers legten mir also ein ganz besonderes Lob bei, so dass ich endlich
bitten musste: mich nicht zu beschämen. Immittelst musste mir der Laquei mehr Wein
und Confect bringen, weil ich aber sehr wenig trincken und essen wollte, sprach
der eine Cavalier: Er wird vielleicht diesen Wein seiner Stimme nicht zuträglich
befinden, Jacob! lange ihm ein Glas Canari Sect aus dem Flaschen-Futter, nebst
zweien von meinen köstlichen Morsellen, dieses wird ihm appetitlicher und
nützlicher sein. Ich deprecirte zwar alles, da aber der Diener augenblicklich
beiderlei herbei brachte, liessen beide Cavaliers nicht ab zu nötigen, biss ich
alles auf ihre Gesundheit verzehret hatte.
    Mittlerweile zohe einer von den Musicanten eine Partitur aus dem Busen, und
sagte zu beiden Cavaliern: Gnädige Herren! ich habe hier eine sehr artige, ganz
nagelneu-componirte Cantata, mit Dero gnädigen Erlaubnis wollen wir doch
dieselbe probiren. Da nun beide, mit Neigung der Häupter, ihren Wohlgefallen
zeigten, musste ich mich bequemen aus der Partitur zu accompagniren. Die letzte
Aria von dieser Cantata habe ich nach der Zeit niemahls vergessen können, sie
lautete aber also:
So muss man die Füchse fangen,
Die so schlau und kühne sind.
Tölpel mercks! du bist betrogen,
Ja du bist ins Garn gezogen,
Füchse riechen sonst den Wind:
Aber du bist fehl gegangen.
                                                                        Da Capo.
Es handelte zwar die ganze Cantata durchgehends, von einem ins Garn gebrachten
Verächter der Liebe, allein da ich nachhero der Sache besser nachgedacht, so
habe dieselbe zweideutig befunden, denn unter dem gefangenen Fuchse, wurde wohl
niemand anders verstanden: als ich damahliger armer Schüler. Unter währender
dieser letzten Arie aber, lachten so wohl die beiden Cavalier, als die Musicant
en, dermassen, dass die letztern fast nicht spielen konten, die erstern aber die
Bäuche halten mussten. Dennoch vermerckte ich nicht den geringsten Unrat, weiln
nichts weniger vermeinte: als dass ich mich unter ganz verzweiffelt listigen
Menschen-Fängern befände. Im Gegenteil wurde mir auf einmal sehr übel im
Leibe, ein heftiger Schwindel des Haupts verursachte: dass ich bei nahe
ohnmächtig zu Boden gesuncken wäre, wenn mich der Laquei nicht aufgefangen, und
auf ein, in der Neben-Cammer stehendes Bette, getragen hätte. So bald ich zu
liegen kam, vergiengen mir vollends alle Gedancken, ja ich verfalle in einen
dermassen tieffen Schlaff, dass sich endlich, bei dessen allzu langen Anhalten,
meine Feinde genötiget sehen, mich, ich weiss nicht ob mit dem Dampffe von
Schwefel, oder anderer hässlich stinckender Materie auffzumuntern. Allein nachdem
ich völlig ermuntert war, wäre es kein Wunder gewesen, wenn ich aufs neue
ohnmächtig worden, oder gar den Geist aufgegeben hätte. Denn ich befand mich in
einem fürchterlichen unterirrdischen Keller-Gewölbe, und sah 10. oder 12.
wohlbekandte Jesuiter-Schüler, mit brennenden Pech-Fackeln, um mein Bette,
welches aus etlichen Halmen, auf der Erden ausgestreuten Strohes bestund,) als
junge Teuffel mit Feuer Bränden gewaffnet, herum lauffen. Man hatte mich biss
aufs blosse Hembde ausgezogen, und an statt der Kleider, mit einer alten
Jesuiter-Kutte bedeckt, unter welcher ich aber bereits ganz starr gefroren war.
Dem ohngeacht musste ein Knecht, der eine grosse Rute in Händen hielt, näher
kommen, mir das Hembde über den Kopffe zusammen ziehen, und meinen Leib, von
Schultern biss auf die Fuss-Sohlen, so lange geisseln, biss ich überall mit meinem
Blute gefärbt war. Ich schrye und winselte dergestalt erbärmlich, dass die Steine
hätten mögen zum Mitleiden bewogen werden, meine Felsenharten Peiniger aber,
trieben ihr Gespötte drüber, und sagten endlich, da ihr Henckers-Knecht vom
zuhauen Krafftloss war: Nun könnte ich aus der Erfahrung reden, ob die Jesuiten
gute oder böse Leute wären, und dasselbe in weitläufftigern Versen aussführen,
giengen hiermit ingesamt davon, und liessen mich in der allerdicksten
Finsternis, im grösten Schmertzen alleine zurücke, doch kam nach Verlauff
etlicher Stunden der Knecht, und brachte ein Stück Brodt, nebst einem Topffe
Wasser zu meiner kümmerlichen Lebens-Erhaltung, wiewohl ich vor Angst und
Schmertzen wenig oder gar nicht an die Nahrungs-Mittel gedachte.
    Man sollte zwar wohl meinen, dass diese grimmigen Furien solchergestallt ihr
Mütlein sattsam an mir gekühlet hätten; allein nichts weniger als dieses, denn
des andern Tages kamen dieselben um vorige Zeit wieder, und trieben eben
dasselbe Mord-Spiel mit meinem schwachen Cörper. Am dritten Tage geschahe
dergleichen, so dass nunmehr fast gar nichts gesundes am ganzen Leibe zu finden,
sondern die etliche tausendmahl zerkerbte Haut überall mit Eyter und Blut
unterlauffen war. Ach wie Betete ich so fleissig: dass mich ein baldiger seliger
Todt, aus diesem peinlichen Zustande erlösen möchte, weil auf anderweitige
Befreiung ganz und gar nicht zu gedencken war. Jedoch kein Selbst-Mörder zu
werden, nahm ich in der dritten Nacht zum ersten mahle etwas Brod und Wasser zu
mir, konnte aber selbiges nicht bei mir behalten, sondern musste es (s.v.)
wiederum hinweg brechen, weswegen meine Schwachheit in wenig Stunden dermassen
zunahm, dass ich nicht noch eine Nacht zu leben vermutete, gleich wohl kamen die
Barbarn am 4ten Tage ebenfalls wieder mich zu quälen, derowegen redete ich sie
ganz behertzt also an: So schlaget denn zu ihr Tyrannen, und weidet eure Augen
an meiner zeitlichen Marter, wisset aber, dass dieser Tag vielleicht der letzte
meines Lebens sein wird, und dass ihr euch werdet bequemen müssen, mir dieses
Tractaments wegen vor GOttes Richter-Stuhl Rede und Antwort zu geben. Die
Lotter-Buben lachten dieserhalb überlaut, und stiessen über dieses die
schändlichsten uñ Gotteslästerlichsten Reden aus ihren vermaledeiten Hälsen,
befahlen auch dem Knechte, sein Amt nur getrost zu verrichten. Nachdem nun
dieser, mein in die verwundete Haut ganz eingebackenes Hemde, mit Gewalt
abgerissen, so dass ganze Flatschen daran hangen blieben, ich aber nicht die
geringste Empfindung spüren liess, sprach er: Meine lieben Herren, meine Mühe ist
vergebens, der verteuffelte Ketzer fühlet voritzo nichts mehr, der Satan hat ihn
abgehärtet, lasset ihn so lange Ruhe, biss er halb wiederum heil worden, was
gilts, hernach sollen meine Streiche um so viel desto heftiger anziehen.
    Hierauff redete mich einer von der jungen Basilisken-Brut also an: Höre
Hund! wilstu dich entschliessen deinem Ketzerischen Glauben abzuschweren, so
wollen wir alle vor dich bitten, dass dir die annoch zugedachten übrigen
gerechten Strafen geschenckt werden; wo nicht, so wirstu in wenig Tagen
empfinden müssen dass alles bisherige Verfahren ein blosses Kinder Spiel gegen
diejenigen Martern zu achten sei, die dir annoch vorbehalten sind. Da behüte
mich GOTT vor, gab ich zur Antwort, dass ich meinen allein seligmachenden Glauben
verläugnen und verschweren sollte, macht mit mir was ihr wollet, GOTT kann und
wird mich eher aus euerm Mord Klauen erlösen als ihrs vielleicht glaubt. Dieser
Worte wegen stiess mich einer mit dem Fusse dermassen in die Seite, dass mir fast
aller Otem vergieng, meine Peiniger aber verliessen mich also vor dissmahl, ohne
mir fernere Marter anzutun. Ich verhoffte ganz gewiss, dass die folgende Nacht
die Letzte meines Lebens sein würde, allein selbige mochte kaum eingetreten
sein, da mich zwei Knechte aus dem finstern Keller herauff trugen, und in eine
ziemlich gute Cammer zu Bette brachten. Nachdem mir ein alter Chirurgus ein
weisses Hembde angezogen, und meinen ganzen Leib mit einer Schmertzstillenden
und heilenden Salbe bestrichen hatte, brachte man mir auch eine gute warme
Suppe, eine halbe gekochte Taube, ingleichen etwas Wein, von welchen allen ich
ein sehr Weniges zu mir nehmen konnte, jedoch in selbiger Nacht einige Ruhe
genosse.
    Folgenden Morgen kam nebst dem alten Chirurgo, auch ein alter Jesuite mit
vor mein Bette, da denn so bald mich der erste abermals mit der guten Salbe
bestrichen, der andere so gleich ein Gespräch von meiner Religions-Veränderung
anfieng. Selbiges währete länger als 2. Stunden, weil er aber dessfalls lauter
unwichtige Bewegungs-Gründe aufs Tapet brachte, blieb ich endlich bei dem
Schlusse: dass mir ganz unmöglich, eine andere Religion zu ergreiffen, so lange
ich nicht der Unrichtigkeit von der meinen vollkommen überzeugt sei. Dem
ohngeacht gab mir der alte Pater, so wohl als der Chirurgus, lauter gute Worte,
weil sie mich hiermit um so viel desto eher zu gewinnen vermeinten, wollten auch
sagen: es hätten ihre Schüler wieder der Ehrwürdigen Patrum Wissen und Willen,
mich elenden Menschen gefangen nehmen, und dermassen zurichten lassen, nachdem
es aber einmal geschehen, stünde es nicht zu ändern, jedoch sollten sie
nachdrücklich genung darvor gestrafft, mir aber alles Glück und Wohlsein
befördert werden, daferne ich mich nur gutwillig zu ihrer Religion bekennen, und
denen Ketzereien auf ewig abschweren wollte. Allein ich glaubte von allen so viel
als ich nötig zu sein erachtete, und weiln meine Resolution bereits mehr als zu
deutlich ausgesprochen war, übrgieng ich das Ubrige alles mit Stillschweigen,
welches sie mir denn auch in Betrachtung meiner grossen Schwachheit und
Schmertzen, ziemlicher massen zu gute hielten, und mich mit fernern Anfällen
einige Tage verschoneten.
    Mittlerweile verschafte mir der alte Chirurgus täglich die niedlichsten
Speisen und Geträncke, sparete auch sonsten keinen Fleiss, meine Gesundheit
wiederum herzustellen, woher denn kam, dass ich nach Verlauff dreier Wochen
ziemlich frisch und munter wurde. Von der Zeit an, stellete sich immer ein alter
Pater um den andern in meiner Cammer ein, aus welcher ich keinen Fuss setzen,
sondern als ein, auf Leib und Leben gefangen sitzender Delinquente, Tags und
Nachts hindurch verbleiben musste. Dem ohngeacht fruchteten ihre beständig
mühsamen Lehren nicht das allergeringste bei mir, sondern ich wurde nur immer
desto mehr in meinem Vorsatze bestärckt: die reine Evangelisch-Luterische Lehre
nicht zu verschweren, und sollte es auch gleich mein junges Leben kosten.
Solchergestalt wurde mir nicht allein aufs neue mit der täglichen Geisselung
gedrohet, sondern man fienge auch wirklich an, mich wieder mit blossen Wasser
und Brod zu speisen, welches mir doch der gütige Himmel weit besser als die
andern Lecker-Bissen gedeihen liess. Wenige Tage hernach, bekam ich dennoch
andere bessere Speisen, vermerckte aber in den Gesichtern aller derer so bei mir
aus- und eingiengen, eine allgemeine Bestürtzung und etwas schwächern Eifer,
mich zu quälen oder umzukehren, glaubte derowegen, man würde mich vielleicht
unter gewissen Bedingungen ehestens meiner Wege lauffen lassen. Allein es war
weit gefehlt, denn wie ich nachhero erfahren und wohl erwogen, so sind meine
Widersacher aus keiner andern Ursache dermassen Bestürtzt gewesen, als weil sich
eine, in der Stadt grassirende gifftige Seuche, auch in ihren Collegio
angemeldet, und etliche, so wohl Junge als Alte, plötzlich hinweg gerafft hatte.
Endlich wurde ich in einer gewissen Nacht unverhofft aus dem ersten Schlafe
gestöhret, und von einem Bedienten, der alle meine ordentlichen Kleider mit sich
brachte, angestrengt, mich aufs hurtigste anzukleiden. Die Einbildung, dass meine
Erlösungs-Stunde nunmehro erschienen sei, machte mich dergestalt frölich und
hurtig, dass ich in wenig Minuten völlig fertig war. Demnach wurde in der
Finsternis hinunter geführet und in einen Wagen gebracht, worinnen allbereit 2.
alte Patres und 2. mir an Jahren ziemlich gleiche, so genandte Studenten sassen,
zwischen deren Füssen ich als ein Hund liegen, auch nicht selten von den jungen
Bösewichtern empfindliche Tritte und Stösse erdulden musste. Der Wagen ware rings
herum dichte zugemacht und verwahrt, derowegen konnte und dorffte mich gar nicht
umsehen, ohngeacht das Tages-Licht völlig angebrochen war, wiewohl es in den
ersten zweien Tagen entsetzlich starck regnete. So oft ein natürlicher Antrieb,
mich oder die andern aus dem Wagen zu steigen nötigte, kam mir nichts in die
Augen als mehrenteils wüstes Feld, Wälder, und etwa sehr weit entlegene Dörffer
oder kleine Städte. Niemahls sind wir vor dunckeler Nacht in ein Quartier
gekommen, und mehrenteils früh vor Anbruch des Tages wieder fort gereiset, ich
bemerckte aber: dass meine Führer lauter Klöster zu ihrem Abtritt erwehlet, und
vermutlich allezeit einen reitenten Boten, der das Logis bestellen müssen,
voraus geschickt hatten. Mittlerweile bekam ich so wohl des Abends im Quartiere,
als bei Tage, im Wagen sehr gute Speisen, hatte aber sehr wenige Gelegenheit
meinen Mund zum Reden auffzutun, welches mir denn ungemein lieb war, meine
Führer aber redeten eine selbst erdichtete, aus vielen andern vermischte
Sprache, und zwar dermassen geläuffig mit einander, dass mir unmöglich war nur
ein eintziges Wort davon zu verstehen.
    Nachdem wir nun solchergestallt 7. ganzer Tage die Reise ziemlich hurtig
fortgesetzt hatten, wurden endlich einem ganz grossen Closter zwei Tage zum
Aussruhen angewendet, ich aber befand mich in einer festen Cammer eingesperret,
durch deren wohl verwahrte Fenster eine grosse See, wohlbestelltes Feld, weit
darvon aber ein grosser Wald zu betrachten war. Nachts, wenig Stunden vor unsern
wieder Abreisen, sagte einer von den jungen Jesuiten zu mir: Nun Ketzer-Hund!
Nun hastu hohe Zeit dich zu bekehren, wiedrigen falls wirstu, ehe noch 3. Tage
vergehen, an einen solchen Ort gebracht werden, wo allerhand schmertzliche
Plagen deiner warten. Ich überlasse mich, war meine Antwort, der Fügung des
Höchsten, der mir nicht mehr Trübsal aufflegen wird, als ich werde ertragen
können, ja es ist ihm ein geringes, mich unschuldige Kreatur aus den Händen
meiner Peiniger, wo nicht auf andere Art, jedoch durch einen seel. Todt zu
erlösen. Wie kann sich doch, versetzte der Bube hierauff, so eine verfluchte
Ketzer-Seele der Hülffe des Höchsten getrösten? Unter diesen Worten aber schlug
er mich mit der Hand dergestallt ins Angesicht, dass mir das helle Blut aus Mund
und Nase lieff. Hierüber riss mein Gedult-Faden plötzlich entzwei, also nahm ich
den frechen Buben beim Halse, riss ihn zu Boden und klopffte seine Nase mit der
vollen Faust, so lange, biss sein Gesicht ebenfals über und über mit Blut
gefärbet war. Jedoch ich hatte bald hernach Ursach genung, meine Unbesonnenheit
und jachzornige Ubereilung zu bereuen, denn als sein Camerad nebst den beiden
Patribus herzu kam, und ihnen mein Feind berichtete: dass ich ihn
Meuchelmörderischer Weise überfallen und stranguliren wollen, ich aber auf meine
Gegen-Klage nicht einmal gehöret wurde, musste der Kutscher kommen, und mich mit
einem dreifach zusammen gedreheten Stricke so lange schlagen, biss ich ganz
ohnmächtig auf dem Fuss-Boden liegen blieb.
    Etwa zwei Stunden hernach, wurde ich dergestalt zerlästert, ja fast halb
todt auf den Wagen getragen, und musste, den darauff folgenden Tag über rechte
Höllen-Marter ausstehen, denn die beiden jungen Satans-Engel, traten und
stiessen nicht allein, fast alle Augenblicke auf meinen, ganz mit Blut
unterlauffenen Leib, sondern taten mir ausserdem alle nur ersinnliche Schmach
an, welches die zwei Ehrwürdigen Herrn Patres nicht nur geschehen liessen,
sondern auch ihre hertzliche Freude darüber bezeugten. Selbigen ganzen Tag
über, gönnete mir ihre Grausamkeit nicht das allerwenigste von Speise und
Tranck, sie hergegen hatten etliche Flaschen Ungarischen Wein aufgetrieben, und
soffen sich darinnen rasend voll. Abends im Logis gab mir der Kutscher etwas
Brod und Wasser, zum Nach-Tische aber 30. Streiche mit vorerwähnten knotigen
Stricke, welches unsäglich schmertzhafte Tractament mir alle Nacht-Ruhe
verwehrete, so dass ich gegen Morgen, ohne einem eintzigen Augenblick geschlaffen
zu haben, abermals auf den Wagen geschleppt wurde.
    Ohngeacht ich nicht schlafen konnte, so hatte doch vor meinen Peinigern in
etwas Ruhe, weiln alle 4. des gestrigen Tages und Nachts in Uberfluss gesoffenen
Weins wegen, in einen tieffen Schlaff verfallen waren. Die auffgehende liebliche
Sonne schickte einen eintzigen von ihren erwärmenden Strahlen, durch eine
geringe Oefnung des Wagens auff mein Gesicht und Hände, welches indem mir als
etwas seltsames vorkam, mich von der Sonne bescheint zu sehen, ein inner- und
äuserliches Vergnügen verursachte. Ich verrichtete derowegen mein andächtiges
Morgen-Gebet, und bat GOTT mit heissen Zähren, daferne es sein Heil. Wille wäre,
mich armes Schlacht-Schaaf, auf was vor Art ihm beliebte, aus den Händen meiner
Feinde zu reissen, damit ich bei so starcken Anfechtungen, nicht etwa in
Verzweiffelung fallen, oder gezwungener Weise, den wahren, allein
seeligmachenden Glauben verläugnen möchte.
    Dieses mein heimliches Schreien war also noch ehe ichs vermutete erhöret,
und der Tag meiner Erlösung erschienen, denn ehe noch eine Stunde verlief, hielt
unser Kutscher plötzlich stille, riss den Wagen auff, und fragte mit ängstlichen
Gebärden in Pohlnischer Sprache: Was er anfangen sollte, indem er von ferne eine
Schwedische Partei zu Pferde auf uns zu kommen sähe? Ich verstund alles sehr
wohl, ohne dass es meine Feinde vermeinten, wünschte also von Hertzen, dass uns
die Herrn Schweden anhalten möchten. Die Patres so wohl als ihre jungen
Henckers-Buben, liessen deutlich mercken dass ihnen das Hertz im Leibe zittere,
wenn sie nur das Wort, Schweden, nennen höreten, wurden auch sämtlich so blass
wie Leichen, fasseten aber einen kurtzen Schluss und sagten: Der Kutscher solle
nur Lincks um machen, und aufs schnelleste dem dicksten Walde zu eilen.
Dieserwegen schien die Hoffnung meiner Erlösung in den Brunnen zu fallen, allein
die guten Herrn Patres hatten sich mit ihren Aussweichen selbst verdächtig
gemacht, also vermerckten die Herrn Schweden Unrat, gaben ihren Pferden die
Sporn, jagten Quer-Feld ein, ertappten also unsern Wagen kurtz vor dem Walde.
    Wie ich nach der Zeit vernommen, haben wir uns damahls eben in Pohlen auf
der Land-Strass zwischen Kruswick und Gnesen befunden, so bald aber die Herrn
Patres merckten, dass ihnen die Schweden auf dem Halse waren, und bereits dem
Kutscher mit aufgezogenen Carabinern bedroheten, ihn, bei verweigerten Stand
halten, vom Pferde herunter zu schiessen, stiegen alle beide aus dem Wagen, und
vermeinten sich mit List von den Schweden los zu wickeln, indem sie vorgaben:
dass sie Kruswikische Geistliche, und in einigen daherum liegenden Dörffern
Zinsen eintreiben wollten, hätten aber noch zur Zeit keinen Choustack, (welches
eine Pohlnische Müntz-Sorte ist) einbekommen, allein der commandirende Officier,
nahm zwar diesen Bericht taliter qualiter an, liess sich aber dennoch die Lust
ankommen zu sehen, ob sonsten etwas verdächtiges im Wagen anzutreffen sei. Als
er demnach die Leder zurück risse und hinein schauete, raffte ich mich eiligst
auf und schrye ihm entgegen: Ach mein Herr! ich zweiffele fast nicht, dass ihr
ein guter Evangelischer Christ seid, derowegen habt die Barmhertzigkeit einen
armen Evangelischen Priesters Sohn, aus den Händen dieser grimmigen Leute zu
erretten, welcher schon viele Wochen daher, von ihnen entsetzliche Marter
erdulden müssen, weil er dem Evangelisch-Luterischen Glauben nicht abschweren
will. Ja mein Herr, fuhr ich fort, ihre Reise ist voritzo hauptsächlich darum
angestellet: mich in ein abgelegenes Closter zu stecken, allwo ich gewiss durch
weit mehr Quaal und Marter zum Abfall gezwungen werden, oder darinnen jämmerlich
sterben soll.
    Wie klinget dieses, meine schönen Herrn Patres? fragte hierauff der
Officier, indem er sie beide mit einer martialischen Mine ansah, hierauff gab
der eine, welcher ein ausgelerneter Ertz-Vogel war, dem Scheine nach, ganz un
passionirt und lächelnd zur Antwort: Gestrenger Herr! Sie können nicht glauben,
was massen dieser Bube eine rechte Quinta Essentia aller Schelmen ist, die nur
auf der Welt leben können. Man bedencke nur, was vor eine verzweiffelte Lügen
derselbe sogleich vorbringen kann, indem er eines Römisch-Catolischen Kauffmanns
Sohn ist. Sein Vater hat sehr viel an ihn gewendet, der Bube hat auch so
ziemlich was gelernet, dabei aber mit stehlen, rauben, huren, spielen, sauffen,
ja mit allen Lastern seinem Vater dermassen viel Hertzeleid zugefügt, dass dieser
endlich die Patres de Societate Jesu um GOttes willen gebeten, ihn in ihre
Zucht zu nehmen, damit er bekehret, und zuletzt nicht etwa an den Galgen
gebracht werde.
    Mentiris Cain! ja du gewissenloser Pfaffe, schrye ich ihm ins Angesicht
hinein, du leugst dieses in deinen Hals, und wirst solches nimmermehr vor der
redlichen Welt, vielweniger bei GOtt im Himmel verantworten können. Wandte mich
hierauff abermals zum Commandeur, und erzehlte demselben in aller Kürtze meinen
ganzen Lebens-Lauff, auch warum, und auf was vor Art mich diese erbitterten
Jesuiter in ihre Klauen bekommen hätten. Wie künstlich aber auch die Patres mich
zum Lügner, sich aber selbst zu unsträfflichen Leuten machen wollten, so merckte
doch der ihnen allzu kluge Commandeur, an ihrem ganzen Wesen gar leichtlich,
dass sie ihres Ordens gewöhnliche Streiche gern fort spielen und ihm eine Nase
drehen wollen, derowegen sprach er: Wohlan ihr Herrn! ich muss gestehen, dass es
eine kitzliche Sache ist, einen von unsern Glaubens-Genossen dergestallt barbari
sch zu tractiren, weiln nun diese Sache nach Würden zu untersuchen, bessere
Gelegenheit erfordert wird, als sich hier auf freien Felde zeigt, werde ich
euch ingesammt mit zu unserer Armée führen, soferne ihr aber die mutmassliche
Wahrheit reden und gestehen wollet: dass dem Jünglinge von euren Ordens-Brüdern
also mit gefahren worden, will ich ihn zwar mit mir nehmen, jedoch euch reisen
lassen wo ihr hin wollet.
    Solchergestallt liessen sich die super-klugen Patres fangen, und bekenneten,
auf noch einiges gütliches Zureden der Herrn Schweden, endlich die klare
Wahrheit. So so! sagte hierauff der Commandeur, wie artig könnet doch ihr
heiligen Herrn dergleichen Kleinigkeiten an den armen Luteranern rächen, und
dieselbe zu eurer Kirche herein zu kommen nötigen, doch ich will meine Parole
halten und euch reisen lassen, wo ihr hin wollet. Allein vorhero müsst ihr von
rechts wegen einiger massen zu gebührlicher Strafe gezogen werden. Demnach
mussten 12. Mann von seinen Dragonern absteigen, und die 4. Jesuiten dahin
nötigen, sich biss aufs blosse Hembde auszukleiden mittlerweile schnalleten die
Dragoner ihre Steig Riemen ab, und schmiereten damit die unchristlichen Jesuit
en-Cörper der massen, dass sie endlich, eben so wie ich vor diesen, halb todt zur
Erden sincken mussten.
    Dem Kutscher wiederfuhr ein gleichmässiges Tractament, nachhero wurden ihre
Kleider visitiret und ihnen, ausser den besagten Kleidern, nicht das geringste
von Gelde, oder Geldes-Wert gelassen, mitin setzte sich ein Dragoner auf den
Platz des Kutschers, und führete mich ganz allein im Wagen sitzenden, unter
Begleitung von 3. biss 400. Schweden auf und darvon, nachdem der Commandeur denen
Patribus noch also zugesprochen hatte: Nun könnet ihr zu Fusse reisen wohin euch
beliebt, und habt zweierlei Vorteil erhalten: erstlich dass ihr in Zukunft
wisset, wie mit denen Luteranern, und andern Neben-Christen behörig umzugehen;
vors andere erfahret, wie euern Glaubens-Brüdern, den Bettel-Mönchen zu mute
sei. Und dieses war der Abschied.
    Mir wurde von denen Herrn Schweden alle erwünschte Güte und Freundschaft
erzeigt, zumahlen da sie, nach einigen herum schweiffen, in einer ziemlich
feinen Stadt etliche Rast-Tage hielten, bei welcher Gelegenheit sich meine
Gesundheit wiederum in ziemlich guten Stand setzte. Der Commandeur, welchen ich
nachhero als einen Schwedischen Major kennen lernete, schenckte mir gleich
anfänglich ein seines Kleid nebst 12. spec. Ducaten an Golde, beteuerte auch
höchlich, dass er von Grund der Seelen gern alle Kosten herschiessen wollte, mich
nach Elbing zu meiner Mutter zu schaffen, allein es zeigte sich keine
Gelegenheit darzu. Solche Reise aber allein zu Fusse oder zu Pferde vorzunehmen,
wäre allzugefährlich ja töricht gewesen. Demnach musste aus der Not eine Tugend
machen, und unter denen Soldaten bleiben, biss sich bessere Gelegenheit zeigte
wiederum auf eine Evangelische Schule zu kommen. Immittelst da ich bei dem Major
täglich freien Tisch hatte, profitirte ich von denen hohen Officiers manchen
schönen Ducaten wegen meines Singens, bekam auch von denen Herrn Feld-Predigern,
allerhand schöne, so wohl deutsche als lateinische Bücher, um vermittelst
selbiger, meine wenigen Studia beständig in frischen Gedächtnisse zu erhalten.
Endlich aber da ich mit meinem Major nach Warschau gereiset war, traff ich
daselbst einen bekandten Bresslauer Kauffmann, ganz unverhofft, zu allergrösten
Freuden an, erzehlete demselben meine gehabten unglücklichen Avanturen, und fand
ihn so gleich willig, mich mit nach Bresslau zu nehmen, daferne er solches nur,
ohne mit dem Schwedischen Major Verdruss zu haben, tun könnte. Allein dieser
redliche Herr, war viel zu Gewissenhaft und zärtlich, mich an meinen
vorgesetzten Studiren zu hindern, willigte derowegen gleich in mein Ansuchen,
liess den Bresslauer selbst zu sich kommen, empfahl mich demselben aufs beste,
beschenckte mich noch mit 12. spec. Ducaten, und verschafte über dieses: dass
andere hohe Officiers, bei denen ich Abschied nehmen musste, ihre milde Hand
ebenfalls auftaten, so, dass ich in allen, eine Gold-Bourse von etliche 80.
Stück spec. Ducaten, mit nach Bresslau brachte.
    In selbiger Stadt schlug mir mein Patron, der wohltätige Kauffmann, die
schönsten Gelegenheiten vor, meine Studia mit wenigen Kosten erspriesslich fort
zu setzen, allein weil ich eine grausame Furcht vor den Catoliquen, und
sonderlich vor den Jesuiten bei mir spürete, also an keinen Orte leben wollte wo
dergleichen Leute anzutreffen wären, setzte ich mich auf die Post, und gelangte
gar bald in Sachsen auf einem berühmten Gymnasio an, allwo, nachdem die Herrn
Gymnasiarchen und Præceptores meine Avanturen verkommen, ich mit Freuden auf-
und angenommen wurde. Von nun an war meine erste Bemühung, meiner lieben Mutter,
und dann auch demjenigen Patrone, aus dessen Hause ich listiger Weise entführet
worden, Nachricht von meinem Leben, jetzigen Auffentalt, gehabten Fatalitäten
und künftigen Vorsatze zu geben, jedoch bat ich in meinen Briefen jederseits,
meine Affaire nicht kundbar zu machen, weiln man sich vor dergleichen Feinden
als ich gehabt, nicht gnungsam in acht nehmen könnte.
    Meine liebe Mutter bezeugte nach Verlauff weniger Wochen, in einem zwei
Bogen langen Brieffe, eine ganz ausserordentliche Freude darüber, dass, (wie sie
schrieb,) ihr Sohn Joseph noch lebe, von dessen plötzlichen Verluste sie sich
noch weit elendere Vorstellungen gemacht hatte, als der Ertz-Vater Jacob wegen
seines Sohns Joseph, den derselbe von einem wilden Tiere gefressen zu sein
glaubte. Nechst dem erfuhr ich, dass letzt erwähnter, mein Principal und Patron,
vor wenig Monaten verstorben sei, jedoch kurtz vor seinem Ende, alle meine
zurückgelassenen Sachen, an meine liebe Mutter geschickt hätte, welche mir
dieselbe denn mehrenteils nebst einem Wechsel-Briefe à 100. Tl. übersendete,
ja die hertzliche Mutter Liebe trieb sie dahin: die sehr weite Reise auf sich zu
nehmen, und mich um Michaelis 1709. im Gymnasio Persöhnlich zu besuchen, worbei
ich erfuhr: wie sie vor kurtzen von der Verstorbenen Muhme ein Capital von 2800.
Tl. geerbt, und selbiges in der Alt-Stadt Elbing, so wohl angelegt, dass sie
davon nebst meinem Geschwister, ihr vergnügliches jährliches Auskommen haben
könnte.
    Solchergestallt befand ich mich nunmehro in allen Stücken vollkommen
vergnügt, und brachte durch unermüdeten Fleiss alles wiederum ein, was die
Bosheit meiner Feinde verhindert hatte, so dass ich um Ostern, 1710. mit guten
Gewissen, auf eine der berühmtesten Universitäten ziehen konnte, allwo ich durch
Beihülffe getreuer Lehrer und vornehmer Gönner, die beste Gelegenheit fand, auf
den wohlgelegten Grund der Teologie, ferner fort zu bauen.
    Allein meine werteste Herren und Freunde, sagte hierauff Herr Mag.
Schmeltzer, ich mercke zwar bei niemanden unter ihnen, einen Verdruss oder
Müdigkeit, da es aber bereits Mitternacht ist, werde ich wohl tun, wenn, weder
des lieben Altvaters Ruhe, noch unser aller gute Ordnung nicht zu unterbrechen,
meine Lebens-Geschicht voritzo teile, und den übrigen Rest derselben, Morgen
G.G. erzehle, daferne es anders Ihnen allerseits beliebig ist, selbige vollends
anzuhören.
    Wir danckten also ingesammt unsern liebsten Seelsorger, vor dessen gehabte
Gütigkeit, und weiln die allermeisten Anwesende, bei Anhörung seiner kläglichen
Avanturen, sich der Tränen nicht entalten können; wurde derselbe von der
ganzen Gesellschaft, desto umständiger ersucht, uns auf die traurigen, auch
seine hoffentlich frölichern Begebenheiten wissend zu machen, wornach vor dieses
mahl, ein jeder seine angewiesene Schlaff-Städte suchte.
    Folgendes Tages etwa zwei Stunden vorher, ehe die Sonne ihren allerhöchsten
Grad über unserer Insel erreicht, versammleten sich alle Einwohner, abgeredter
massen, abermals auf ihren angewiesenen Tafel-Plätzen, und wurden mit einer
nicht weniger köstlichen Mahlzeit als vorigen Tages bewirtet. Nachdem dieselbe
eingenommen war, schickte sich alle junge Mannschaft welche das Schiess-Gewehr
wohl zu führen vermögend war, in zierlicher Ordnung auf denjenigen Platz zu
ziehen, wo die Vogelstange auffgerichtet war, um daselbst nach einen grossen
Höltzernen Kropff-Vogel zu schiessen, welchen unser Tischler Lademann, nebst dem
Müller Krätzern, sehr künstlich ausgearbeitet, und mit schwartz und gelber Farbe
angestrichen hatten. Wir zuletzt angekommenen Europäer, schossen mehrenteils
auch mit, die jüngern und annoch kindischen Leute aber teilten sich in
verschiedene Hauffen, und nahmen allerhand Lust-Spiele vor, dahingegen die
Alten, bald dieses bald jenes mit Vergnügen beschaueten. Mit Untergang der
Sonnen wurde nicht allein das Spielen, sondern auch das Vogelschiessen
geendiget, und weiln des Kropff-Vogels mehr als halber Leib, nebst einem Fusse,
und gröstem Stücke des Schwantzes, noch sehr fest an der Stange hienge, nahmen
wir Abrede, selbiges morgendes Nachmittags vollends herunter zu schiessen.
Voritzo aber zogen die meisten, so wohl alte als junge Leute, zurück auf den
Speise-Platz, und wurden Herr Wolffgangs Veranstalltung nach, mit gekochten
Reiss, der mit Zucker und Zimmet starck bestreuet war, ingleichen mit gebratenen
Wildpret, Kuchen und Früchten bedienet. Mit dem Alt-Vater Alberto hingegen,
begaben sich alle diejenigen, so gestriges Abends bei ihm geblieben waren, auf
seine Burg, allwo ein jeder nach seinem Belieben entweder etwas zu speisen oder
zu trincken fand, nachhero das Vergnügen hatte, die
 
            Fortsetzung von Herrn Mag. Schmeltzers Lebens-Geschicht
mit anzuhören. Meine Wertesten! fieng also Hr. Mag. Schmeltzer diesen Abend
wiedrum zu sagen an, es werden in Teutschland wenig Menschen sein, welche nicht
wissen sollten, was vor eine wunderliche und mehrenteils leichtsinnige
Lebens-Art, junge Studenten auf den Universitäten zu führen pflegen, ich muss es
selbst gestehen, dass unter so vielen mehrenteils sinnreichen und begeisterten
Cörpern, allerhand nützliche, unnützliche, auch ziemlicher massen indifferente
Streiche passiren; allein ich vor meine Person liess, ohne Ruhm zu melden, dieses
meine eifrigste Sorge sein, mich vor allen verdächtigen Gesellschaften zu
hüten, modest und mässig zu leben, keine nützliche Doctrin zu verabsäumen, und
dann auf meiner Stube dasjenige fleissig zu wiederholen und zu untersuchen: was
in den Collegiis so wohl publice als privatim war vorgetragen worden. Es
gelückte mir in eine solche Compagnie zu geraten, welche gemeiniglich alle
Woche ein oder zweimahl Zusammenkunft hielt, worbei ein jeder ein Specimen
seines Fleisses und Judicii auffzeigen musste, welches denn aufs genauste
erwogen, und von den andern nach befinden bescheidentlich gelobet, oder carpirt
wurde. Es ist fast nicht zu glauben, was mir dieses feine Exercitium vor ganz
ungemeinen Nutzen schaffte, denn vermittelst dessen, brachte ich binnen 3.
Jahren, einen solchen starcken Vorrat von gelehrten Sachen in meinen Kopff, und
darzu gemachte Bücher, als wohl ohne dieses in 6. oder mehr Jahren nicht
geschehen wäre. Nach Verlauff selbiger Zeit aber, konnte um so viel desto
Hertzhafter auff der Cantzel erscheinen, und da sich sehr öfftere Gelegenheit
zum predigen vor mich zeigte: so hatte dabei das Glück, wenigstens von den
meisten Leuten nicht ungern gehöret zu werden. Jedoch einem weltberühmten
Teologo zu gefalle, und denselben persönlich zu hören, begab ich mich von der
ersten hinweg, und auf eine andere Universität, allwo binnen drittehalb jähriger
Anwesenheit, meine Zeit dermassen wohl anzuwenden Gelegenheit fand, dass mich
selbige, biss diese Stunde, nicht im geringsten gereuen zu lassen Ursach habe. In
der Michaelis Messe aber des 1715ten Jahres, da ich von einem guten Freunde zur
mündlichen Unterredung nach Leipzig verschrieben worden, gab mir derselbe die
betrübte Zeitung zu vernehmen, dass meine liebe Mutter, seit etlichen Wochen an
einem auszehrenden Fieber darnieder läge, und zu ihren wieder auffkommen
schlechte Hoffnung vorhanden sei; derowegen dieselbe ein hertzliches Verlangen
trüge, mich vor ihrem Ende noch einmal zu sehen und zu sprechen, wie denn
derselben an mich abgelassenes Schreiben solches mit mehrern Umbständen
bekräfftigte.
    Demnach begab mich mit erst erwähnten guten Freunde auf die Reise, und kam
unterwegs mit dem Kauffmann, Herrn Frantz Martin Julio in Bekanntschaft, welcher
an meiner wenigen Person etwas ihm gefälliges finden mochte, u. derowegen mir
sogleich in seinem Hause, die Condition eines Informatoris vor seinen 10.
jährigen Sohn, und 7. jährige Tochter, unter sehr profitablen Vorschlägen
antrug. Ich konnte zwar damahls auf der Reise, weder Ja noch Nein darzu sagen,
nachdem aber den Handschlag von mir gegeben, den Zustand der Meinigen erstlich
zu erkundigen, so dann dessfalls weiter mit ihm Briefe zu wechseln, reisete wenig
Tage hernach, ein jeder von uns seine Strasse.
    Meine liebe Mutter traff ich in sehr schwachen Zustande an, und ob sie zwar
in folgenden Tagen, durch meine Gegenwart sehr gestärckt zu werden schien, so
nahm dennoch bald hernach das hectische Fieber, von neuen dergestallt überhand,
dass sie endlich am 4. Decembr. selbiges Jahres, bei vollem Verstande, nach
gemachten unparteiischen Testamente, sanft und seelig verschied.
    Ich leistete dem entseelten Cörper die schuldige Pflicht, ihrem letzten
Willen aber eiffristen Gehorsam, und weiln meine älteste Schwester bereits vor
4. Jahren, einen ansehnlichen und wohl bemittelten Bürger geheiratet, überliess
ich demselben die Sorge vor unsere gemeinschaftlichen wenigen Güter, liess dem
jüngern Geschwister Vormünder bestätigen, gab meinem 19. jährigen Bruder, der
seit 4. Jahren bei einem Kauffmanne die Handlung zu erlernen, im Begriff war,
und denen Schwestern, welche die älteste Schwester nicht von sich lassen wollte,
gute Vermahnungen, den jüngsten Bruder aber, bei dem sich in seinem damahligen
12ten Jahre ein ausserordentlich aufgewecktes Naturell zum Studiren zeigte,
verliess unter der Zucht eines exemplarischen und besonders wohl qualificirten
Schul-Collegen, welcher ihn vor jährliche bedungene Gelder, als sein leibliches
Kind zu halten versprach, ich aber gelobte diesem meinem jüngern Bruder, bei
künftigen wohlverhalten, alljährlich aus meinem eigenen Vermögen, wenigstens
20. Tlr. Zubusse zu geben, damit es nicht allzu starck über sein bissgen
Erbteil hergehen möchte.
    Nachdem nun solchergestallt bei den Meinigen alles in gute Ordnung gebracht
war, fieng ich auch an vor meinen eigenen künftigen Auffentalt zu sorgen. Es
wurden mir in Elbing, ohne Ruhm zu sagen verschiedene Conditiones angetragen,
allein die Conduite des Herrn Frantz Martin Julii, hatte mich dermassen
eingenommen, dass ich alle andern fahren liess, und ihm nunmehro in einem Briefe,
meine Person zu seinen Diensten offerirte, ohngeacht ich wusste, dass in seiner
Stadt ein Jesuiter-Collegium anzutreffen, und dieselbe ausser dem mit vielen
Römisch-Catolischen Leuten angefüllet war, als vor welcher Art Menschen ich
mich zu fürchten gnungsame Ursache fand.
    Kaum hatte ich diesem redlichen Manne meine Meinung überschrieben, als er
gleich folgenden Post-Tag mir 4. spec. Ducaten Reise-Gelder überschickte, und
inständig bat, keinen Tag zu versäumen, sondern aufs eiligste bei ihm zu
erscheinen, welchem Bitten ich denn auch, nach genommenen Abschiede von den
Meinigen, billige Folge leistete.
    Es war der 28. April. 1716. mein Eberhard Julius! (so redete damahls Herr
Mag. Schmeltzer gegen mich,) und zwar Abends um 8. Uhr, da ich den ersten Fuss
über eures Herrn Vaters Schwelle setzte, ihr waret als ein wohlgezogener Knabe,
so gefällig, gleich bei dem ersten Eintritte mir entgegen zu lauffen und meine
Hand zu küssen, welches mich dermassen afficirte, dass ich euch nachhero mit
ungemeiner Treue geliebt, auch 4. Jahre lang, nach meinem besten Vermögen so
gezogen habe, wie ich es vor GOtt, meinem Gewissen, euern Eltern, und vor euch
selbst jederzeit zu verantworten getraue. Seiten meiner ist an euch, eurer
frommen Schwester, und andern darzu gezogenen vornehmen Kindern, nicht das
geringste versäumt worden, jedennoch habe dabei einige Zeit gehabt, meine eigene
Studia zu beobachten, und mich sehr öffters in predigen zu üben, anbei
unverdienter Weise vielen ungesuchten Ruhm, auch manche unverhoffte Gunst,
Bezeugungen und Geschencke von solchen Leuten zu empfangen; die ich öfters kurtz
vorhero nicht einmal gesehen oder gekennet hatte. Jedoch wir werden von unsern
4. jährigen Beisammen sein, und dem was sich binnen der Zeit zugetragen, noch
öffter mit einander zu sprechen, Gelegenheit haben, derowegen will voritzo nur
in meinen Particulair-Geschichten fortfahren.
    Vor Ostern 1720. schrieb mir ein gewisser vornehmer Universitäts-Patron, mit
dem ich bisher wenigstens monatlich Briefe gewechselt hatte: Ich sollte meine
Condition bei Herrn Frantz Martin Julio aufgeben, und je eher je lieber zu ihm
kommen: weiln er verschiedene tüchtige Subjecta, in ein und anderes
austrägliches Ammt vorzuschlagen, genötiget worden, wannenhero er sonderlich
auf mich, der ich doch wirklich kein Jüngling mehr sei, ganz besondere
Reflexion gemacht habe, um GOtt und der Christl. Gemeinde, entweder auf der
Cantzel oder auf dem Schul-Cateder meine möglichsten Dienste zu leisten. Ich
konnte dergleichen Ruff nicht anders als vor regulair erkennen, derowegen nahm
kurtz nach Ostern von meinem bisherigen vortrefflichen Wohltäter, Herrn Julio,
wie auch allen andern Freunden, zärtlichen Abschied, und reisete mit der
geschwinden Post, zu nur erwähnten meinem eingebildeten grossen Beförderer.
Selbiger empfieng mich aufs allerfreundlichste, und gab mir nach Verlauff
weniger Tage, vortreffliche Recommendations-Schreiben, an verschiedene Schul-
Patronos einer gewissen Stadt, von welchen ich mit Worten sehr höfflich an- und
auffgenommen wurde, auch nebst zweien andern, zur Præsentation und Probe, wegen
eines vacanten austräglichen Schul-Dienstes mit gelangete. Ein gewisser,
ohnfehlbar hierzu abgeordneter Mann wollte mich glaubend machen: ich hätte nicht
nur unter den letztern, sondern auch alle bisherigen Competenten am besten
bestanden, derowegen fehlete es nur daran, dass ich dem Herrn Ephoro und
regierenden Burgemeister, jedem etwa ein Dutzet Taler, dem Herrn
Schul-Vorsteher halb so viel, dem Herrn Stadt-Schreiber 6. fl. und wo mir recht
ist, noch andern etwas mehr oder weniger in die Jacke würffe, so würde die
ganze Sache ihre gewisse Richtigkeit haben; Allein, da ich ganz einfältig
heraus sagte: Wie es solchergestallt das Ansehen haben könnte: als ob ich mich in
dergleichen Dienste einkauffen wollte, wovor mich doch GOtt in Gnaden behüten
würde; bekam ich gleich folgendes Tages das Consilium abeundi, unter dem
Vorwande: dass ich kein Magister sei, auch ihren ambitieusen Schülern nicht gravi
tätisch genung vorkommen möchte. Nun hätten zwar diese beiden Scrupels gar
leichtlich können gehoben werden, wenn ich mir nehmlich binnen wenig Tagen ein
Magister-Diploma, vor etwa 30. Tlr. und dann eine geknüpffte Peruque vor 2.
oder 3. Tlr. angeschafft hätte, denn NB. ich erschien vor ihnen nur in einer
kleinen naturell Peruque, allein weil ich mich völlig persuadirte, dass diesen
allzu gewissenhaften Herrn Patronis, mehr mit reichlichen Spendagen, als mit
einem neu gebackenen, und Etaats-peruquirten Magister gedienet sei: blieb ich
bei meiner Einfalt, bedanckte mich noch über dieses, vor erwiesene Ehre,
ohngeacht mir kein Bissen Brod vorgesetzt, vielweniger aber die Reise-Kosten gut
getan worden, und eilete zurück, dem hohen Universitäts Patrone mein fehl
geschlagenes Glück vorzustellen.
    Dieser schüttelte mit dem Kopffe, und sagte weiter nichts als: Mundus
regitur opinionibus. Der Herr tut wahrhaftig nicht übel, wenn er sich den
längst verdienten Magister-Crantz auffsetzen läst, weiln ohnedem in wenig Tagen
dergleichen öffentliche Promotion hiesiges Orts angestellet wird. Man muss sich
freilich bei den wunderlichen Zeiten, so wohl in diese, als in die Leute zu
schicken suchen.
    Ich meines Orts begieng auf sein ferneres Zureden, wirklich die Torheit
vor etliche 30. Tlr. ein Candidatus Magisterii, ja was sage ich, nicht nur
dieses, sondern ein leibhaftiger, erb- und eigentümlicher Magister, auf meine
Person und ganze Lebens-Zeit zu werden. Wiewohl, es sei ferne von mir diesen
löblichen Ritum und das, was darmit verknüpfft ist, verächtlich durchzuhecheln,
sondern ich will nur so viel sagen: dass mir das grosse M. vor meine Person nach
der Zeit so viel nütze gewesen, als das 5te Rad am Wagen. Im Gegenteil hat es
mich um das schöne Geld, welches ich ohnfehlbar besser anwenden können, und dann
auch nachhero um etwas mehr Dinte und Federn gebracht.
    Wenige Wochen hernach, recommendirte mich mein wohlmeinender Beförderer, an
einem Edelmann auf dem Lande; von welchem er ersucht worden, ihm einen tüchtigen
Menschen zu zu senden, der, indem sein Pfarr-Herr und Seelsorger verstorben,
mitlerzeit Predigten und Bet Stunden, in seiner Dorff-Kirche halten könnte,
weiln die benachbarten Herrn Pastores, selbige allzu sparsam besuchten. Der
Edelmann hatte zu Ende des Briefs noch die köstliche Clausul angehenckt, dass
wenn es ein gelehrter und habiler Mensch sei, man ihn en regard Ihro Magnificenz
bei künftiger Pfarr-Vergebung, vor allen andern in Consideration ziehen würde.
Ich reisete demnach ohne Säumniss dahin, und wurde von dem alten Edelmanne, und
seiner ebenfalls ziemlich bejahrten Gemahlin, allem Ansehen nach, recht
treuhertzig bewillkommet, ja so bald ich nur meine erste Predigt abgelegt,
dermassen mit Lob-Reden und täglichen Wohltaten überhäufft, dass sie mich mehr
vor einen Engel, als sterblichen Menschen zu betrachten, schienen. Ein
vollkommenes viertel Jahr war ich also in dieses Edelmanns Hause und an seiner
Tafel gewesen, binnen welcher Zeit ich nicht allein den Gottes-Dienst der
Gemeine aufs eiffrigste befördert, sondern auch des Edelmanns zwei jüngste, sehr
wild und übel erzogene Söhne, mit äuserster Treue und Liebe, auf bessere Wege zu
bringen gesucht hatte; Als eines Abends mein am Podagra kranck liegender
Edelmann, seinen Verwalter, welches ein betagter und ziemlich vernünftiger Mann
war, an mich schickte und melden liess: wie ich vor dieses mahl auf die künftige
Sonntags Predigt zu studiren nicht nötig hätte, denn es würde kommenden
Sonntag, nebst andern Gästen, ein benachbarter Edelmann seinen Informatorem mit
bringen, welchem der Principal eine Gast-Predigt, und zwar Ehrenhalber tun zu
lassen, versprechen müssen. Ich gab zu verstehen: dass solches mir von Hertzen
angenehm sei, zumahlen da ich ohnedem einen starcken Catarren auf der Brust
hätte. Der Verwalter aber, der sich ein wenig bei mir auffzuhalten Lust
bezeugte, redete ganz treuhertzig fort: Mein lieber Herr Magister, ich will
ihnen im Vertrauen eröffnen, dass eben dieser Informator auch ein Competent um
den hiesigen Pfarr-Dienst ist, allein ich weiss gewiss, dass mein Principal, den
Herrn Magister vor allen andern erwählen wird, daferne sich derselbe nur in
einem eintzigen Stücke nach seinem, und sonderlich der Frau Principalin Sinne
richtet. Ich stellete mich recht sehr aufmercksam an, einer Sache die ich
bisher nicht gemerckt oder mercken wollen, vollkommen vergewissert zu werden,
im Gegenteil wusste der gute Verwalter nicht Umschweiffe genung zu machen, die
ihm, von der Frau Principalin, in den Mund gelegten Worte manierlich heraus zu
bringen. Jedoch ich will mich nicht lange bei dieser ärgerlichen Sache
auffhalten, sondern nur kurtz heraus sagen, dass die Edel-Frau, welche nicht
allein vom Jure Patronatus, sondern auch von der ganzen Haus-Herrschaft, den
grösten Zipffel in beiden Händen hielt, eine 35. jährige Jungfer zur Aussgeberin
bei sich hatte, welche derjenige, so die Pfarr haben wolle, unumgänglich zu
heiraten, sich anheischig machen sollte. Allein ich gab den Verwalter hierauff
ganz trocken und deutlich zu vernehmen: dass wenn auch dieses erwähnte
Frauenzimmer, ihr nicht eben hessliches Gesichte in ein englisches, und ihr
mittelmässiges Naturell, in die aller ganlanteste Aufführung verwandeln könnte, so
hätte doch ich ein dermassen zartes Gewissen dass ich eher Zeit lebens die
Schweine hüten, als mich solchergestallt in eine Pfarre eindringen, und meine
Vocation in eine Weiber-Schürtze gewickelt, annehmen wollte. Will mich GOtt,
sprach ich ferner, zum Hirten einer christlichen Heerde haben, wird er mich wohl
durch reputirliche und erlaubte Wege darzu führen, wo nicht, so wird er mir
Gelegenheit zeigen, mein Brod auf andere ehrliche Weise zu verdienen.
    Diese Erklärung war vermögend genung alle meine kräfftigen Recommendationes,
ja meine ganze Pfarr-Hoffnung, hiesiges Orts, über einen hauffen zu werffen,
denn da ich gleich des andern Tages, so wohl von dem Principal, als dessen
Gemahlin, wie nicht weniger der Jungfer Ausgebern, die scheelesten Minen
empfieng, war gar leicht zu mercken, dass der Verwalter offenhertzig
ausgebeichtet, mir aber wirklich damit den grösten Gefallen erwiesen hatte.
    Folgenden Sonntag, kam nebst denen vornehmen Gästen, auch bereits erwähnter
Informator an, welches zwar ein wohl ansehnlicher, und mit einer ziemlich
starcken Sprache begabter Mensch, im übrigen aber ein sehr schwacher Gelehrter
war, wie denn alle seine Reden, und vornehmlich die erbärmlich zusammen
gestoppelte Predigt, dessfalls sattsames Zeugnis ablegten. Dem ohngeacht wurde in
meines Principals Hause, ein ziemliches Wesen von diesem Menschen gemacht,
jedoch keiner andern Ursache wegen: als weil er einige verliebte Blicke auf die
Jungfer Ausgeberin gespielet, und sich schon unterwegs gegen unsern Kutscher
verlauten lassen: derjenige Mensch hätte vom Glücke zu sagen, welcher mit der
Zeit die kluge, hausswirtliche, tugendhafte und überhaupt wohl qualificirte
Jungfer Ausgeberin zur Ehe bekäme, die er nur ein eintziges mahl von ferne zu
sehen die Ehre gehabt hätte.
    Nächst folgendes Tages liess mich der Principal selber vor sich kommen, und
tat denjenigen Vorschlag, mit einer hochadelichen ernstaften Mine, selbst
ungescheut, welchen mir der Verwalter vor wenig Tagen nur als im Vertrauen
gesteckt hatte, beteuerte anbei hoch, dass ich Seiten seiner, den Vorzug vor
allen andern Competenten hätte, jedoch seine Gemahlin, und er selbst, hielte vor
höchst billig, ihre fromme und keusche Haus-Jungfer, wegen ihrer von Jugend auf
geleisteten treuen Dienste, zugleich mit zu versorgen. Allein ich wiederholete
meinen, dem Verwalter bereits eröffneten Schluss, und bat: Seine Wohlgebohrnen
möchten sich solchergestallt meinetwegen nicht abhalten lassen, Dero Pfarre zu
geben wem sie wollten, ich gönnete gern einem jeden das, was er sich wünschte,
auch vor GOtt und seinen Gewissen zu verantworten getrauete, meines teils aber
wäre sehr scrupulôs, und wollte lieber mit guten Gewissen Betteln gehen, als mit
schweren Gewissen in den vornehmsten Ammte sitzen. Die Frau Principalin kam
ebenfalls darzu, und konnte, nachdem sie ihre Haus-Jungfer aufs Beste heraus
gestrichen, fast nicht Worte genung ersinnen, meinen so genandten Eigen-Sinn zu
brechen, allein ich verharrete bei meinem Entschlusse, und bat: so bald es ohne
Verhinderung des Gottesdienstes geschehen könnte, mir meine Dimission zu geben.
    Selbige bekam ich also noch an eben diesem Tage, jedoch mit der unerwarteten
Erlaubnis, künftigen Sonntag noch einmal zu predigen, bei solcher Gelegenheit
nahm von der ganzen christlichen Gemeine öffentlichen Abschied, und wünschte
ihnen: dass die erledigte Seelen-Hirten-Stelle, mit einem rechtmässiger weise
beruffenen Diener des Worts ersetzt werden, und dessen Leben jederzeit mit
Christi Lehre wohl überein stimmen möchte.
    Es gab nach verrichteten GOttes Dienst ein starckes Gemurmele unter der
Gemeine auf dem Kirch-Hofe, allein, ich liess mich nichts anfechten, sondern
reisete mit Anbruch des folgenden Montags, nach genommenen freundlichen
Abschiede von allen, die mir nur die geringste Güte erzeigt hatten, ganz
vergnügt zu meinem Universitäts-Patrone.
    Selbiger rieff, nachdem ich ihm meine Avanture erzählt, abermals aus: O
tempora, o mores! lobte aber meine gefassete Resolution, und ermahnte mich, nur
nicht zu verzagen, weiln sich mein Glücke noch zu rechter Zeit finden würde.
Immittelst hatte letzt gedachter Edelmann keine andere Ursache meiner Dimission
vorzuschützen gewust, als dass meine Sprache zu schwach sei, und seine Kirche
nicht allzuwohl ausfüllen könnte, welches doch ein lächerliches und wider die
Wahrheit lauffendes Geschwätz war, seine Bauern aber, die etwan auch ein Wort
bei der Wahl eines neuen Predigers zu sprechen hatten, setzten sich starck wider
den Beruff des oberwähnten Informatoris, haben auch, wie mir gesagt worden, die
grobe Expression gebraucht: Wenn es nur auf die starck-brüllende Stimme allein
ankäme, so übertreffe ihr Dorff-Ochse den Informatorem bei weiten. Allein, die
armen Leute haben doch, nach vielen processiren, denselben endlich mit Gewalt
annehmen, und er die Jungfer Ausgeberin ebenfalls gezwungen heiraten müssen,
nachdem er viele listige Streiche, sich von dem, mit ihr eingegangenen Verlöbnis
los zu wickeln, gespielet hatte.
    Wenige Wochen nach meiner Zurückkunft erhielt ich abermals, und zwar ohne
Zweiffel auf geheime Unterhandlung meines Patrons, ein Invitations-Schreiben zu
einer Probe Predigt in einer nahgelegenen mittelmässigen Stadt, welchem zu Folge,
mich denn zu gehöriger Zeit aufmachte, und selbige nach meinem Vermögen
unerschrocken ablegte, auch nach dasiger gewöhnlichen Art ein ziemlich scharffes
tentamen, und zwar hauptsächlich über den Locum de providentia divina
auszustehen hatte. Ich muss abermals hierbei, jedoch ohne eitlen Ruhm, bekennen,
dass mir viel gutes nachgesagt wurde, so, dass ich in der Wahl die allermeisten
Vota gehabt haben soll, jedoch eine verzweiffelte Verleumdung, machte auch
dasiges Orts alles wiederum rückgängig. Denn als ich eines Abends im Post-Hause,
allwo mein Logis war, unter etlichen daselbst einheimischen Gelehrten, auch
frembden sehr vernünftigen Passagiers, meinen Platz erhalten, und unvermerckt
mit in den Discours de motu mechanico gezogen wurde, worbei ihrer etliche einen
berühmten Professorem, wegen seiner etwas hart lautenden Grund-Sätze, ganz und
gar zum Ateisten machen wollten; gab ich mir die Mühe, ihn disputationis gratia
zu defendiren, zeigte auch, dass derselbe Grund gelehrte Mann in vielen Stücken
ganz anders verstanden sein wollte.
    Da nun die darbei sitzenden einheimischen jungen Gelehrten letztlich fast
nichts mehr gegen meine, wiewohl mehrenteils schertzhafte defension
aufzubringen wussten, mögen sie etwa aus Verdruss und Bosheit in der ganzen Stadt
aussprengen: Ich wäre ein Ertz-Anhänger von dem oberwähnten Professore, und
würde in dem heiligen Predigt-Amte treffliche Streiche machen. Nun musste mich
zwar von rechtswegen das geistliche Ministerium, welches meine principia
Teologica ernstaftig genug angehöret hatte, selber defendiren, allein ein
alter halb-gelehrter Compatronus, der eine starcke Freundschaft in der Stadt
hatte, und der, im Fall nur ich abgewiesen wäre, seinen nahen Vetter desto eher
auf die Cantzel zu bringen gedachte, tritt so gleich auf und rufft: O Domini!
Domini! latet anguis in herba, bedencket nach eurem Gewissen, was das beste sei,
auch der geringste Verdacht in diesem Stücke, ist schon vermögend Irrtümer
anzurichten, es sind noch genug andere untadelhafte Leute in der Welt
anzutreffen, ob sie gleich nicht in so vielen speculativischen Dingen geübt
sind.
    Einige mir ungemein wohlwollende, doch mehrenteils unbekandte Gönner,
verursachten, dass ich dieser Blame wegen, noch einmal vor dem dasigen Corpore
Teologico erscheinen, und meines Glaubens wegen Rechenschaft geben musste, so
bald dieses zu meiner Avantage geschehen war, bat ich mir als eine
ausserordentliche Gütigkeit aus: dass mir vergönnet werden möchte: gleich
morgendes Tages vor Gelehrten und Ungelehrten, an einem öffentlichen Orte,
jedoch ausser der Kirche, meine Lehr-Art in einer sanftmütigen Deutschen
Oration ordentlich vorzustellen. Solches wurde mir gewünscht erlaubt, und zwar
in dem grossen Schul-Auditorio, allwo sich früh zwischen 8. und 9. Uhr, alle
gelehrte und ungelehrte Honoratiores versammleten. Demnach fieng ich an zu
peroriren, erzehlete meinen Lebens-Lauff ganz kurtz, tat mein
Glaubens-Bekenntnis desto weitläufftiger, und provocirte hernach meine boshaften
Calumnianten, mit sanftmütigen Geiste, sich allhier öffentlich meiner Lehre,
Leben und Wandel zu opponiren, und meiner fernern Erklärung gewärtig zu sein.
Allein, ob gleich alle dieselben zugegen waren, so wollte doch kein eintziger
seinen Mund auftun, derowegen sprach ich nach langen warten: Es ist genung vor
mich, dass sich mein ganzes Wesen hiesiges Orts gerechtfertigt gefunden,
derowegen will im Nahmen des HErrn meine Strasse wiederum zurück ziehen, und
mein anderweitiges Glück mit ruhiger Gelassenheit erwarten, um denen, so an
ihrer Beförderung verzweiffeln wollen, so wohl als meinen Verleumdern keine
fernere Ungelegenheit zu verursachen. Dieserwegen wurde ich folgenden Nachmittag
in eine Versammlung verschiedener redlicher Leute geruffen, welche sich zwar, so
wohl als der Primarius des geistlichen Ministerii selbst, viele Mühe gaben,
meine wieder Fort-Reise zu hintertreiben, hergegen fest versicherten, die Sache
ohne meine geringste Bekümmernis und ohne allen fernern Streit auf erwünschen
Fuss zu setzen; allein, da ich binnen wenig Tagen erfuhr, dass der oben erwähnte
halbgelehrte Compatronus mit seinem Anhange allerhand verdrüssliche Händel in der
Stadt anzuspinnen suchte, hergegen von andern rechtschaffenen Patrioten
allerhand Gegen-Verfassungen gemacht wurden, nahm ich alles Bittens und Zuredens
ungeacht, von allen redlich-gesinneten Gönnern und Freunden plötzlichen
Abschied, und zwar aus keiner andern Ursache, als meine Person nicht zur Ursache
des Zwiespalts, Zancks und Streits zu machen.
    Meine Rückreise ging abermals zu dem offterwähnten Universitäts-Patrono,
welcher nach Anhörung meiner Fatalitäten diesen Vigilianischen Vers ausrieff:
Ah!
Discite justitiam, moniti, & non temnere divos.
der bei dieser Gelegenheit auf Deutsch so viel zu verstehen geben sollte:
Ihr Richter lernt das Recht, und gebet GOtt die Ehre,
Verdammt nicht unerwegt gescheuter Leute Lehre.
Dem allen ohngeacht war dieser mein grosser Patron sehr geflissen, ja ganz
unermüdet, mich rechtschaffen unterzubringen, da aber bei allen Gelegenheiten
ganz besonders scrupuleuse Umstände versirten, konnte ich nicht anders dencken,
als dass es GOttes Wille nicht sei, mich durch die Vorsorge dieses sonst sehr
berühmten Mannes zu versorgen. Ihm also keine fernere Mühe mehr zu verursachen,
nahm von demselben auf etliche Wochen Abschied, nachdem ich vor seine besondere
Mühwaltung gehorsamst-schuldigsten Danck abgestattet, u. mich seines beständigen
Wohlwollens bestens versichert hatte.
    Meine Reise ging mit einem guten Freunde, der viel Lobens- würdiges an
sich, und sehr fleissig Jura studiret hatte, in seine Geburts-Stadt, allwo ich
bei seinen vornehmen und überaus guttätigen Eltern, etliche Wochen als ein Gast
zu verbleiben, mich fast gezwungen sah. Hieselbst fand nun mitlerweile gar
leichtlich. Gelegenheit, so wohl bei dem Ober-Pfarrer, als bei den andern Herrn
Geistlichen, einen freien Zutritt zu erhalten, ja weiln nur gemeldter
Ober-Pfarrer ein ziemlicher Valetudinarius war, liess ich mich per tertium
bereden: um ein billiges Kost-Geld eine Zeitlang den Aufentalt in dessen Hause
zu suchen, an seinem Tische mit zu speisen, und ihm seine vielen
Ammts-Verrichtungen, nach meinem Vermögen, und so viel als zulässig war, besorgen
zu helffen. Der ehrliche Mann sah wohl, dass ich mir in keinem Stücke, auch so
gar in einigen Hausshaltungs-Geschäfften, einige Mühe verdrüffen liess, wollte
derowegen nicht das geringste von Kost-Gelde oder Stuben-Zinse annehmen, allein
seine Ehe-Frau, die eine Dame von ganz wunderbarer Conduite, und schon ziemlich
bei Jahren war, wusste sich dennoch meines Geld-Beutels auf so artige und un
interessirt-scheinende Art zu bedienen, dass sie zuweilen ein mehrers aus
selbigem Zog, als das offerirte Honorarium austrug. Es war immer Schade um
diesen sonst aller Ehren würdigen Mann, dass er ein Sclave der Affecten seines
Weibes war, denn weil sie ihn betäubt hatte, den Bischoffs-Stab nach ihrem
Willen, als eine Wünschel-Rute zu gebrauchen, so musste dieselbe bei Besetzung
ein und anderer geistlichen Aemter nur auf diejenigen Personen schlagen, allwo
diese geitzige Frau, auf importante Spendagen sichere Rechnung machen konnte.
Hätte ich dieses vorher gewust, so würde mich vor diesem Hause gehütet haben, so
aber erfuhr alles nur nach und nach. Von vielen Exempeln nur etliche wenige zu
erzählen, so hatte um selbige Zeit ein gewisser vornehmer Herrn Diener die
Unzucht begangen, sich mit einer Weibs-Person fleischlich zu vermischen, welchen
Flecken abzuwischen, er endlich die Copulation eingieng, und sich der
gewöhnlichen Geld-Busse unterwarff. Wegen der Copulation wurde ihm zwar
gewillfahret, andern teils aber wollte der Herr Ober-Pfarre aus ganz besondern
Ursachen beide Leute nicht eher zum heiligen Abendmahle lassen, biss sie die
ordentliche Kirchen-Busse getan, und der christlichen Gemeine das gegebene
Ärgernis, kniend abgebeten hätten. Der Herr des erwähnten Dieners wollte
selbigen nicht gern vor allen Leuten prostituirt wissen, wandte derowegen viele
Mühe an, von dem Ober-Pfarrer dasjenige Beneficium zu erhalten, welches bereits
vielen andern privat-Personen vor baares Geld angediehen war; allein, ziemlich
lange Zeit ganz vergebens, endlich schlug sich die Frau Primariin ins Mittel,
liess erwähnten Herrn ersuchen, ihr vor ihren Sohn, der Auditeur unter der
Soldatesque war, um Geld und gute Worte ein paar Hirsch-Häute zum Collett und
Hosen zu überlassen, da nun solchergestalt der Herr vermerckte, wo er Barteln
müste Most holen lassen, gab er, dem im Kirchen-Bann sich befindlichen Diener,
zwei Hirsch-Häute, selbige der Frau Primariin als ein Geschenck zu überbringen,
die ihm denn gleich augenblicklich völlige Abolition seines Verbrechens, nebst
der Erlaubnis zu wege brachte, noch selbigen Tages in den Beicht-Stuhl und
morgendes Tags zum Tische des HErrn zu kommen. Dieses hiess nun freilich seine
Affecten mehr als zu starck verraten zu haben, allein, der gute Mann musste ja
wohl den Binde- und Löse-Schlüssel nach seiner Frauen Anweisung gebrauchen. Zur
andern Zeit hatte abermals ein im Ehestande lebender Mann sich gelüsten lassen,
eine ledige Dirne zu Falle zu bringen, nachdem aber selbige die Zeichen ihrer
Schwangerschaft, und über dieses leichtlich merckt: dass es am klügsten
gehandelt sei, von ihrem Ehren-Schänder ein Stücke Geld zu nehmen, und auf einen
andern zu bekennen, findet sie bald Gelegenheit, sich einem andern liederlichen
Kerl zu unterwerffen, welchen sie auch hernach als Vater ihres Hur-Kindes angab.
Beide Schand-Schwäger kommen hierauf mit einander zum Streite, so, dass immer
einer dem andern das Vater-Recht an den Hals wirfft, biss die Sache endlich an
die Geistlichkeit gelanget. Der vereheligte mag ohnfehlbar bessern Bescheid
wissen als der andere, überbringt derowegen der Frau Primariin ein paar Päcklein
feines Zeug, welches kaum mit der Elle ausgemessen, da schon der fröliche Geber
von aller Schuld los gesprochen ist, ja als der andere Mensch diesen Flecken
nicht alleine wolle auf sich haften lassen, gibt ihm der Herr Primarius noch
diese tröstliche Vermahnung: Er solle es doch immer gut sein lassen, es wäre ein
menschlicher Fehler, welcher durch eine mässige Kirchen-Censur abgetan werden
könnte, er wäre ein lediger Mensch, der aus Liebe zu seinem vereheligten
Nächsten, dergleichen Sache eher auf sich nehmen könnte, als der andere, mit dem
es schon etwas mehreres auf sich hätte.
    Man bedencke, ob allhier nicht eingetroffen, was GOtt durch den Propheten
Micha, cap. 3. v. 11 redet: Ihre Häupter richten um Geschencke, ihre Priester
lehren um Lohn, und ihre Propheten wahrsagen um Geld. Jedoch nur noch etwas
weniges und wahrhaftes von meinem damahligen Patrono zu melden, so wusste er
alles dermassen politisch zu spielen, dass niemand leichtlich einen Pfarr- oder
Schul-Dienst in der Stadt oder auf dem Lande bekam, als wer sich vorhero quovis
modo mit der Frau abgefunden, denn weil deren Mann die andern Kirchen- und
Schul-Patronos dergestalt eingenommen hatte, dass sie ihn in allen dergleichen
Handlungen fast nach eigenen Gefallen schalten und walten liessen, tat er
mehrenteils was er wollte, doch besser gesagt, was seiner Frauen gefiel. Ich
weiss etliche arme Dorff-Prediger, die sich wehe genung haben tun müssen, ehe
sie das versprochene honorarium, teils mit Korn, Wäitzen, Gerste, Butter, Käse,
Flachs, jungen Schweinen, Kälbern, Hünern, Gänsen, etc. teils mit baaren Gelde
abtragen können, worüber dennoch die allzu nahrhafte Frau das debet und dedit
nach ihrer Autorität einrichtete. Ein gewisser noch ziemlich passabler Studiosus
Teol. bekam den allerelendesten Schul-Collegen-Dienst in der Stadt, jedennoch
aus lautern Gnaden, dieweil er ein sehr artiges, und von seinen eigenen Händen
fabricirtes Poppen-Schränckgen mit Schublädgen zum Present überreichte. Ich
glaube nicht ohne Ursach, dass in einem, solcher Schublädgen, etwa etliche
geharnischte Männer mit Schwerdtern, verarrestirt gelegen, kann es aber dennoch
nicht vor ganz gewiss aussagen. Die Herrn Dorff-Schulmeisters oder Cantores, wie
sie gern heissen wollten, mussten sich desto genereuser zeigen ein oder ein paar
Bienen-Stöcke, etliche Kannen Honig oder Pflaumen-Muss, Butter und Käsewurden
ganz negligent angenommen, derjenige aber, so einen oder ein paar fette
Consistorial-Vogel, wenigstens so viel Capaunen, eine mit vielen Küchleins
gesegnete Gluck-Henne, und dergleichen brachte, bekam nicht allein freundlichere
Minen, sondern verblümter weise so gar spem successionis auf die Pfarre. Sonsten
war die Frau Primariin die Zuflucht aller Männer-begierigen Jungfern, denn wenn
diese nur erstlich die rechten Schliche zu Deroselben Hertzen fanden, wurden
ihnen nach Standes-Gebühr gar bald mit einem Pfarrer, Kirchen- oder Schul-Diener
geholffen, und solcher gestalt büssete der gute Sanct Andreas, auch bei dem
allerabergläubigsten Frauenzimmer, seinen völligen Credit ein. Denen Wittben und
Wäysen war diese Frau ungemein tröstlich, denn selbige mochten hier oder dort
eine gerechte oder ungerechte Forderung anstellen, so musste ihnen dennoch das
Urteil favorabel gesprochen werden, daferne sie nur etwas im Vermögen und zu
spendiren hatten. Denen alten armen Leuten, aber nur weibliches Geschlechts,
stund ihre milde Hand täglich offen, weil selbige sonderlich geschickt waren,
alle neue Mähren, so in der Stadt und auf dem Lande passirten, in ihr Cabinet
zusammen zu tragen, welches zu gewissen Tages-Stunden allen dergleichen
Posten-Trägerinnen offen stund. Ubrigens, aller häuffigen Einkünfte ohngeacht,
regierte doch Schmal-Hans, ihrer excessiven Nahrhaftigkeit wegen, in allen
Ecken; so, dass kaum die Kinder, das Haus-Gesinde aber um so viel desto weniger,
satt zu essen bekamen, weswegen denn selten eine Magd über ein Viertel Jahr bei
ihr blieb. Recht ärgerlich war es, dass offtermeldte Frau ihre Kinder in allen
nur ersinnlichen Torheiten unterwiess, indem sie ihnen, ihrer Meinung nach, die
Grund-Reguln der Politique beizubringen gedachte. Konte der jüngste Sohn ex
tempore eine Lügen aus der Lufft schnappen, so war es zwar nach ihrem Sinne eine
Anzeigung eines inventieusen Kopffs, daferne er aber seine Lügen nicht mit
besondern wahrscheinlichen Umständen unverschämter Weise defendiren und
fortführen konnte, musste er einen Verweis einstecken, und aus ihrem mütterlichen
Munde die subtilesten Cautelen anhören und behertzigen. Den ältern Sohn
unterwiese sie selber fast täglich in der Kunst, mit galanten Frauenzimmer zu
conversiren, er musste lernen charmiren, obligante Complimente machen, eines
Frauenzimmers Hand und Mund a la mode küssen, und hunderterlei dergleichen
Torheiten mehr begehen, von welchem allen er denn bei der Frau Mamma oft
wiederholte Proben ablegen musste. Die älteste von ihren Töchtern war wirklich
ein sehr wohl qualificirtes Frauenzimmer, und läugnete selbst nicht, dass sie
bereits seit einiger Zeit an einen anständigen und Standes- mässigen Liebsten
versprochen sei, ich habe aber einige Zeit nach meinem Hinwegreisen vernommen,
dass die Frau Fick-Fackerin, nach ihrer eingebildeten Weissheit, ihren
christlichen Mann endlich beredet, aus gewissen Staats-Ursachen, solches
Verlöbnis zu wiederruffen, und die Tochter an einen andern, wiewohl eben nicht
so gar angenehmen Mann, zu verheiraten. Ich vor meine Person hatte zwar eben
nicht Ursach über mein Tractament zu klagen, allein, so bald ich alle Anstalten
dieses Hauses in genauere Betrachtung gezogen, über dieses erwogen hatte, dass
ich hiesiges Orts ebenfalls keine Beförderung, ohne sonderbare Knoten und
Gewissens-Scrupel, erhalten würde, bedachte ich mich kurtz, und trat, so bald
mein voraus bezahltes Kost-Geld verzehrt zu haben meinte, eine Reise nach meinem
Vaterlande an, mit dem Versprechen, nach Beschaffenheit meiner Umstände
vielleicht bald zurück zu kommen.
    Nun war es zwar an dem, dass ich die Meinigen, von welchen ich wenigstens
monatlich Briefe empfieng, einmal besuchen, und sonderlich wegen meines
jüngsten Bruders ein oder andere Anstalt machen wollte, allein, es wurde mir
unterwegs in einer berühmten Stadt bei einem hochansehnlichen Manne die
Condition eines Informatoris seiner 3. wohlgezogenen Söhne angetragen, die ich
ohne langes Bedencken annahm, und meinen jüngsten Bruder auf der Post zu mir zu
kommen verschrieb.
    Er gelangete nebst seinen Sachen bei mir an, und weiln selbiges Orts eine
sehr wohlbestellte Schule anzutreffen, sich auch verschiedene Wohltäter fanden,
welche ihn mit freiem Tische und Stube begabten, musste er fleissig in die Schule
und bei mir zur privat-Information gehen, welches denn so viel fruchtete, dass
ich ihn endlich um Michaëlis 1723. mit guten Gewissen auf die Universität, um
daselbst ebenfalls Teologiam zu studiren, schicken konnte. Mir ging es
immittelst sehr wohl in meines dasigen Principals Diensten, ja ich hatte so wohl
als derselbe mein besonderes Vergnügen, über die gute Aufführung und den
besondern Fleiss meiner Untergebenen. Endlich wurde mir geraten, mich wegen
einer erledigten Diaconats-Stelle, so wohl als andere ehrliche Leute zu melden,
weiln die Herrn Patroni doch auch, wie es hiess, darum begrüsst sein wollten, und
nicht leichtlich die Vocation einem entgegen zu schicken pflegten. Ich folgte,
und hatte das Glücke, unter 24. Competenten selb- 4te mit ausgelesen und examini
rt zu werden, den Dienst aber bekam einer meiner allerwertesten Schul- und
Universitäts-Freunde, dem ich wegen seiner sonderbaren Meriten und unserer
Freundschaft, die sich bei unserer damahligen Zusammenkunft ganz erneuerte,
sein Glück von Grund der Seelen gönnete.
    Wenige Zeit hernach wurde das Schul-Rectorat vacant, ich hielt auf Zureden
meines Principals ebenfalls darum an, wurde auch abermals nebst 3. andern
Candidaten zum Examine beruffen, und hatte, wie ich es ohne eiteln Ruhm meinem
Principal nachrede, unter allen am besten bestanden, dahero die gröste Hoffnung,
diesen Dienst gewiss zu erhalten, allein zu meinem Unglücke musste mein Principal
oben selbiges Jahr wenig in dergleichen Sachen zu sprechen haben, und ob er
zwar, gewisser Ursachen wegen, nebst andern Gönnern dennoch zu meinem Vorteil
durchdringen können, so schlug sich doch ein Höherer ins Mittel, welcher die
hinlänglichen Meriten seines seit 10. Jahren gewesenen Informations-Rats in
Consideration zog, hauptsächlich aber vorstellete: Wie derselbe sich anheischig
gemacht, um die Helffte der ordinairen Besoldung zu dienen, wannenhero man bei
jetzigen erschöpften Ærario, und Geld-mangelnden Zeiten, vor das übrige, noch
einen höchst-bedürfftigen Schul-Collegen verschaffen und annehmen könnte.
    Mein Principal war hiermit zwar sehr übel zu frieden, suchte aber jedennoch
mich zu bereden, diese Condition, in spem futuræ promotionis, ebenfalls
einzugehen, weil ich solchergestalt dennoch vor jenem den Vorzug haben sollte;
allein, weil ich mir ein Gewissen machte, derjenige Mensch zu sein, von welchem
die Successores dieses Dienstes, übel reden, ihn auch vielleicht gar wegen
seines übler ausgelegten Beginnens gar verfluchten möchten ausser dem gar nicht
gesonnen war, eine verdächtige oder auf Schrauben stehende Vocation anzunehmen,
so konnte es nicht anders sein, als dass ich abermals leer ausgehen musste. Jedoch
wurde mir von allen sanctissime versprochen, dass ich von nun an die erste die
beste Vocation, und zwar ohne eintziges ferneres Tentamen, Examen und alles
empfangen sollte.
    Also blieb ich bei meinem Principal nach wie vor zufrieden, obschon dessen
zwei ältesten Söhne bald hernach auf eben die Universität, wo mein jüngster
Bruder lebte, geschickt wurden. Eben dieser mein Bruder hatte sich gleich
anfangs sehr wohl bei ihnen insinuiret, wurde derowegen von diesen zweien
Wohltätern, auf Befehl ihres Vaters, in allen defrayret, welches ich vor meine
Person mit besondern Freuden und allem ersinnlichen Dancke erkandte. Ich hatte
mit dem jüngsten Sohne wenig Arbeit, und doch eben die vorige Besoldung, da ich
aber mittlerzeit, mein Eberhard Julius, mit eurem Herrn Vater, und andern
werten Freunden in eurer Geburts-Stadt, zum öfftern Briefe gewechselt, und
ihnen den Ort meines Auffentalts jederzeit bekandt gemacht hatte, bekam ich am
3ten Martii des abgelauffenen 1725ten Jahres, von einem derselben, ohnverhofft
solche Briefe, worinnen ich gebeten wurde, aufs eiligste bei ihnen zu
erscheinen, weil vor meine Person eine ganz besonders treffliche Condition
offen sei, ich will nicht sagen, worinnen dieselbe bestanden, sondern aus
schuldiger Demut melden, dass ich mich derselben unwürdig zu schätzen so
wichtige Ursachen, als desto weniger zu befürchten gehabt, vergebliche Ansuchung
zu tun.
    Allein da unerforschliche Verhängnis hatte ganz widerwärtig-scheinende
Schlüsse gegen mich gefasset, denn, nachdem ich von meinem Principal etliche
Wochen Erlaubnis zur Heim-Reise ausgebeten, und bereits auf der geschwinden
Post bei nahe 20. Meilen zurück gelegt hatte, schlug einsmahls mitten in der
Nacht der Post-Wagen dergestalt unglücklich vor mich um, dass nicht allein durch
die nachschiessenden aufgepackten Kasten meine beiden Beine sehr geschellert,
sondern über dieses der rechte Arm schmertzlich zerbrochen wurde. Einem andern
Passagier ging es noch erbärmlicher, indem er im stürtzen das Hals-Genicke
zerbrochen, und augenblicklich seinen Geist aufgab, zwei noch andere aber, waren
fast eben so unglücklich worden als ich. Der Wagen wurde zwar endlich mit
gröster Mühe wieder aufgerichtet, und wir elenden, von 3. annoch gesunden
Personen, wiederum drauf gesetzt, allein ich weiss es am allerbesten, was ich,
binnen etlichen Stunden, vor grausame Schmertzen ausgestanden, und zwar so
lange, biss wir endlich nach angebrochenen Tage, eine mittelmässige Stadt
erreichten, und uns von einem daselbst wohnhaften Chirurgo und darzu beruffenen
Medico, konten zu Hülffe kommen lassen.
    Ich war der elendeste unter allen, wurde zwar am Arm und Beinen behörig
verbunden, empfand auch an selbigen einige Linderung, jedoch die starcke
Contusion am Rückgrad, mochte eine innerliche Inflammation verursacht haben,
weswegen mich wenig Tage hernach ein hitziges Fieber überfiel, woran ich biss in
die 4te Woche höchst gefährlich darnieder lag. Die Heilung meines zerbrochenen
Arms, wie auch der angeschellerten Beine, wurde hierdurch um ein merckliches
verzögert, endlich aber befand mich in der siebenden Woche wiederum kräfftig
genung, die fernere Reise anzutreten. Mitlerweile hatte zwar zwei Briefe an
euern Herrn Vater, mein liebster Eberhard, schreiben lassen, und demselben mein
zugestossenes Unglücke, so wohl auch nachgehends die ziemliche Besserung zu
wissen getan, allein ich habe nicht erfahren, ob dieselben richtig eingelauffen
oder verloren gegangen sind, denn bei meiner Ankunft fand ich alles verändert
in eures Vaters Hause, derselbe war bereits verreiset, niemand aber konnte mich
berichten wohin. Dieses sonst mehr als zu redlichen Mannes besondere Fatalität
kränckte mich fast noch mehr, als mein eigenes gehabtes Unglück, welches doch
zugleich verursacht hatte: dass ich abmermahls um eine schöne Condition gekommen,
weil selbige wegen meines allzulangen aussen bleibens allbereit mit einem andern
Subjecto besetzt war.
    Wer hätte wohl bei dergleichen oft wiederhohlten Streichen des falschen
Glücks nicht endlich ungeduldig und zaghaft, ja gar zweifelhaft an seiner
Beförderung werden wollen? Doch GOTT sei Lob, ich bin in geziemender
Gelassenheit verblieben, und habe beständig geglaubt: dass die rechte Stunde zu
meiner Beförderung noch nicht erschienen sei. Nun hatte mir zwar vorgenommen,
nur wenige Tage von der kümmerlichen Reise auszuruhen, hernach zu meinen, in
Elbing befindlichen Geschwister zu reisen, allein es fügte sich unverhofft, dass
ich vorhero von gegenwärtigen Herrn Wolffgang musste ins Predig-Ammt beruffen
werden. Es hat derselbe mir neulichst alles umständlich erzählt, was zwischen
und mit uns vorgegangen, derowegen will Weitläuftigkeit zu vermeiden, solches
nicht noch einmal wiederholen, sondern nur melden, dass so bald unter uns alles
richtig verabredet worden, ich die Reise zu meinem Geschwister aufs eiligste
vornahm. Dieselben fand ich zwar nicht alle beisammen, denn der nach mir
folgende Bruder, welcher die Handlung erlernet hatte, war nach Coppenhagen
gereiset, und daselbst so glücklich gewesen, eine sehr begüterte junge Wittbe zu
heiraten, die zweite Schwester, war allbereits dem substituirten Sohne des
jenigen Priesters angetrauet, der meinen seel. Vater in der Pfarre succedirt
hatte, der jüngste Bruder aber befand sich schon seit andertalb Jahren auf der
Universität, dem ohngeacht erfreute ich mich hertzlich Nachricht zu erhalten,
dass es einem jeglichen meiner Geschwister wohl gienge. Die älteste und jüngste
Schwester empfiengen mich so wohl als mein Schwager selbst, mit freudigen
Tränen, selbige aber wurden in Jammer und Klagen verwandelt, so bald sie meinen
Vorsatz vernommen, eine sehr weite Reise zur See anzutreten, derowegen suchte
ich sie aufs möglichste zu besänftigen, reisete auch gleich folgendes Tages
nach meiner Ankunft, in ihrer Gesellschaft zur mittlern Schwester aufs Land.
Daselbst giengen die hertzlichen Freuden-Bezeugungen aufs neue an, und ich hatte
noch selbigen Abend das Vergnügen, meine jüngste Schwester an einen jungen
wohlhabenden Frei-Gassen zu verloben, welcher schon seit etlichen Wochen bei
ihren Geschwister um sie geworben, jedoch bisher eintzig und allein auf meine
schrifftliche Einwilligung vertröstet worden. Nach diesen teilete ich mein
weniges Vermögen, nebst noch 500. Tlr. von demjenigen Gelde, so mir Herr
Wolffgang geschenckt hatte, unter meine Geschwister in so weit zu gleichen
Teilen aus, dass nur der jüngste Bruder 200. Tlr. mehr als die andern bekam, um
seine Studia desto besser fortzusetzen. Diesem übersandte, bei dem schrifftlich
von ihm genommenen Abschiede, eine sorgfältige Instruction wie er seine Zeit auf
Universitäten nützlich anwenden und sich in den Stand setzen sollte, mit der Zeit
ein rechtschaffener Arbeiter in dem Weinberge GOttes zu werden. Von dem
Coppenhagner Bruder nahm ich ebenfalls schrifftlichen Abschied, der Mündliche
aber bei den Schwestern und Schwägern war desto zärtlicher, jedoch ich sah mich
verbunden dem Göttl. Ruffe zu folgen, liess mich derowegen nichts anfechten,
sondern brachte alle diejenigen Sachen, so ich mitzunehmen vor höchst nötig
erachtete eiligst in Ordnung, und reisete mit guten Winde zur See biss Lübeck,
weiln mich aber daselbst musste ausssetzen lassen, und vernahmen: dass dem Winde
nicht allerdings zu trauen, von ihm zwischen dato und Johannis-Tage nach
Amsterdam geführet zu werden, also viel besser getan wäre, die Reise zu Lande
fortzusetzen; versuchte ich solches biss Hamburg, jedoch da mich selbiges Orts
andere Leute versicherten, dass ich am allergeschwindesten und beqvemsten zu
Schiffe fortkommen würde, liess ich mich abermals zur Einschiffung bereden,
gelangete auch solchergestallt am 22. Jun. gegen Abend, Glück ich in Amsterdam
an. Den folgenden Tag wendete zu Ausschiffung meiner Sachen, und nach diesen,
höchst ermüdet, zum Ausruhen an, am Fest-Tage Johannis des Täuffers aber, begab
mich zu dem ehrlichen Herrn Wolffgang, bei dem ich meinen ehemaligen Schüler,
den lieben Eberhard, mit allergrösten Vergnügen antraff, und so wohl von einem
als dem andern recht hertzlich bewillkommet wurde. Nun sollte zwar noch erwähnen,
welchergestallt mich Herr Wolffgang in Amsterdam, mit verschiedenen kostbaren
und höchstnötigen Sachen, recht im Uberflusse beschenckt, so dass ich, nur
seiner damahligen Gütigkeit wegen, in vielen Jahren weder an Kleider, Wäsche,
noch andern unentbehrlichen Dingen Mangel zu haben, befürchten dürffte, daferne
nur GOtt solche Sachen vor Feuer und Wasser bewahret; Allein ich weiss, dass es
ihm vedriesslich fällt, seinen Ruhm selbst mit anzuhören. Welcher Mensch auf der
Welt sollte nun wohl zweiffeln, dass ein solcher Pfarr-Dienst, wie der meinige,
als der allervergnügteste in der ganzen Welt zu achten sei? ich vor meine
Person, spüre nicht die geringste Lust, mit dem allervornehmsten Teologo, er
sei ein Königl. oder Fürstl. Hof Prediger, ein General-Superintendens, Doctor
oder Professor, oder was er sonsten wolle, Ammts, Ehre oder Einkünfte halber
umzutauschen, habe also die gröste Ursache, gleichwie bei allen, mir
zugestossenen Fatalitäten, also auch bei meinem itzigen vergnügten Zustande, und
zum Beschluss meiner bisherigen Lebens-Geschichte dieses mein Symbolum
auszuruffen: Der Nahme des HErrn sei gelobet.
                                     * * *
    Hiermit endigte unser wertester Seelsorger vor dieses mahl seine Erzehlung,
und vergönnete uns allen, die wir ihm aufs alleraufmercksamste zugehöret hatten,
noch ein und andere Gespräche darüber zu führen, worbei wir sonderlich die
wunderbaren Wege des himlischen Verhängnisses betrachteten, endlich aber, um
Mitter-Nachts Zeit, unsere Ruhe-Städten suchten, und auf selbigen biss zu Aufgang
der Sonnnen verweileten. So bald demnach dieses grosse Welt-Licht, den 3ten Tag
des Wolffgangischen Hochzeit-Fests zu beleuchten angefangen, vertrieben wir uns,
nach verrichteter Morgen-Andacht, meistenteils die Zeit mit spazieren gehen,
hielten hernach, so bald sich die samtlichen Einwohner herbei gefunden hatten,
dieses mahl die Mittags-Mahlzeit etwas früher als gewöhnlich, um hernach desto
länger Zeit zu haben, den Rest von dem höltzernen Kropff-Vogel herab zu
schiessen. Selbiger aber liess sich durch den ernstafte Fleiss der lustigen
Schützen, binnen 4. Stunden bewegen, völlig herunter zu fallen, demnach wurden
die Haupt-Gewinnste folgender Gestalt ausgeteilet: 1.) vor die Krone empfieng
ein Simons-Raumer Junggeselle, eine saubere leichte Vogel-Flinte. 2.) Vor den
Kopff ein Stephans-Raumer, einen ziemlich grossen küpffernen Kessel. 3.) Vor den
Kropf-Hals, ein Johannis-Raumer, eine schöne zinnerne 6. Maas-Flasche. 4.) Vor
den rechten Flügel, abermals ein Simons-Raumer Junggeselle: ein künstlich
ausgearbeitetes Schreib-Zeug, nebst allen zur Schreiberei gehörigen
Instrumenten. 5.) Vor den lincken Flügel, Herr Chirurgus Kramer: ein Futterall
mit Messer und Gabel, nebst einen silbernen Löffel. 6.) Vor den rechten Fuss, ein
Davids-Raumer junger Geselle: 2. grosse zinnerne Schüsseln. 7.) Vor den lincken
Fuss: 6. zinnerne Teller, ein junger Geselle aus Roberts-Raum. 8.) Vor den
Schwantz, Mons. Litzberg, einen schönen mittelmässigen grossen Spiegel. 9.) Das
letzte Stück aber, als den Haupt-Gewinst, schoss eben derselbe junge Geselle aus
Roberts-Raum herunter, welcher allbereits den lincken Flügel-Gewinnst überkommen
hatte, und empfieng davor: ein feines Zeug zum neuen Kleide, nebst im Feuer
verguldeten Knöpffen, und allen andern Zubehör, ausser diesem verschiedene
Stücke allerlei höchst-nützlichen Haus-Geräts, wie auch die Ehre, das ganze
Jahr über, der Schützen König genennet zu werden. Hiernächst wurden auch etliche
20. Span-Gewinste ausgeteilet, welche ich Weitläufftigkeit zu vermeiden, nicht
Specificiren will, sie bestunden aber mehrenteils in verschiedenen zur
Haus-Wirtschaft dienlichen Instrumenten, als Aexten, Sägen, Schnittemessern,
Hämmern, Zangen, Meisseln, Grabscheitern, Schauffeln und dergleichen, welches
alles Herr Wolffgang von den mitgebrachten Sachen, durch seine Liebste Sophie
austeilen liess, hernach noch eine köstliche Abend-Mahlzeit gab, auch sonsten
allerhand Confecturen und andere Sachen unter die Tisch-Gesellschaften
verteilen liess, worauff der Freuden-Becher noch einmal herum ging, und so
dann ein jeder seinem Logis zu eilete, welches etliche kaum um Mitternacht
erreichen konten, jedoch weil es um diese Zeit die ganze Nacht hindurch
ungemein helle ist, kam es niemanden sonderlich beschwerlich vor.
    Der hierauff folgende Sonnabend, wurde zum Ausruhen, und der Sonntag mit
welchem zugleich das Fest der Heil. 3. Könige einfiel, mit eifrigem
Gottes-Dienste zugebracht. Dienstags, nehmlich den 8. Januar. feireten wir
sämtl. Insulaner den Geburts- und Vereheligungs-Tag unseres liebsten Altvaters,
welcher an eben diesem Tage, vor nunmehro 98. Jahren das Licht dieser Welt
erblickt, und sich vor 78. Jahren mit der Stamm-Mutter Concordia verehligt, also
einen glückseeligen Anfang zur Bevölckerung dieses gesegneten Landes gemacht
hatte.
    Es wurden, dieses Fest zu beehren, früh Morgens 12. Stück-Schüsse getan,
der Altvater tractirte auf seiner Burg die Stamm-Väter und letzt angekommenen
Europäer mit einer guten Mahlzeit, worbei verabredet wurde, dass von nun an der
Kirchen-Bau mit allen ernstlichen Fleisse fortgesetzt, und jede Gemeinde
alltäglich 4. Manns- und 2. Weibs-Personen zur Bau-Arbeit stellen sollte, die
andern aber möchten zu Hause bleiben, und die Feld-Früchte, wie auch übrigen
Hausshaltungs-Geschäffte besorgen.
    Allein es blieb bei dieser gemachten Ordnung nicht, denn diese Leute, welche
etwas weniges von den Europäischen Kirch-Gebäuden erzählen hören, waren
dermassen begierig, ihr Gottes-Haus in behorigen Stande zu sehen, so dass sie
häuffig ja fast überflüssig herzu gelauffen kamen, und eher die sonst
gewöhnlichen Feierabend-Stunden, zu ihrer Haus-Arbeit und Erndte anwendeten; als
des Vergnügens beraubt sein wollten, ihren Schweiss beim Kirchen-Bau zu
vergiessen. Jedoch da die Stamm-Väter, und sonderlich der Altvater Albertus,
endlich gewahr wurden, dass die all zu vielen Arbeiter einander sehr öffters nur
verhinderten, anbei befürchteten, wie solchergestallt ein und andere
Feld-Früchte zu Schaden kommen könten, machten sie die klügsten Anstallten, eins
so wohl als das andere zu besorgen, woher denn kam, dass zu Aussgange des
April-Monats, das Mauerwerck der Kirche und des Turms, seine völlige Höhe
erreichte. Dannenhero waren 12. ziemlich geübte Zimmer-Leute, unter Beihülffe
und richtiger Anweisung unseres Tischlers und Müllers, nehmlich Lademanns und
Kräzers bemühet, das Sparrwerck und Dach-Gestühle, aus den allbereit
zugerichteten und behauenen Bäumen zu verfertigen, auch einen seinen höltzernen
Aufsatz und zierliche Haube auf den Turm zu bringen. An statt der Schiefer oder
Ziegel-Steine zum Dachdecken, wurden von einem leicht zu spaltenden Holtze,
Schindeln verfertiget, selbige aber mit dem Schlamme aus denen östlichen
See-Lachen, bestrichen, welcher, so bald ihn die Sonne getrocknet einen solchen
Glantz von sich gab, wie das Spiess-Glas in Europa, auch so fest als ein Kitt auf
dem Holtze sitzen blieb, selbiges lange Zeit vor der Vermoderung bewahrete, und
nachdem es einmal recht eingetrocknet, sich durch keine Feuchtigkeit von dem
Holtze oder Steinen abziehen liess. Solchergestallt warff unser Kirch und
Turm-Dach, nachdem selbiges am 14. Julii vollkommen fertig worden, bei
Sonnenschein, einen artig durch einander spielenden Glantz von sich, welches
sehr angenehm anzusehen war, derowegen beredeten sich Mons. Litzberg und Plager,
ob es nicht practicable sei, aus dieser Materie mit der Zeit, und zwar durch den
Zusatz anderer Leimen-oder Ton-Erde, Ziegel- und Back-Steine zu brennen. Jedoch
hiervon wird künftighin ein mehreres zu melden sein, voritzo fahre fort zu
erzählen, welchergestallt Lademann, Krätzer und Herrlich, die geschicktesten
Holtz-Arbeiter unter den Insulanern ausslasen, um nach Mons. Litzbergs gemachten
Abrisse, den Altar, Cantzel, Tauff-Stein, Empor-Kirchen vor die Männer, und dann
die Stühle vor die Weibs-Personen zu verfertigen, mittlerweile die andern, die
sich am besten aufs Mauern verstunden, den Fuss-Boden, von glatt abgeriebenen,
viereckigten Sand-Steinen legten, die Mauern mit Kalck tünchten, und wiederum
andere, die Oberdecke, oder den so genandten Himmel zurichteten. Diese Mäurer
und Tüncher, brachten ihr Werck in den angenehmsten Frühlings-Tagen, und zwar zu
Ende des Monats Septembris, völlig fertig, mit der Holtz-Arbeit aber ging es
nicht so hurtig von statten, jedennoch liess uns ihr unermüdeter Fleiss hoffen,
mit Eintritt des neuen Kirchen-Jahres, unser neues GOttes Haus als völlig fertig
einzuweihen. Der ehrliche Peter Morgental, liess es sich bei diesem Baue auch
hertzlich sauer werden, denn durch seine Hände ging alles Eisenwerck, so darbei
gebraucht wurde, selbst Mons. Plager, der seine Hände auch nicht in Schoss
legte, wunderte sich über dessen besonders saubere Schlösser- und
Kleinschmidts-Arbeit, und dennoch war er auch unverdrossen, die beschwerlichste
Grob-Schmiede-Arbeit, auch Nägel, ja fast alles zu machen was man ihm nur
vorlegte, denn er hatte sich des seel. Jacob Larsons Werckstadt aufs
allerbeqvemste eingerichtet, auch drei junge starcke Pursche aus dem Jacobs
Raumer Geschlechte, in die Lehre genommen, die sich sehr wohl zu dieser
Profession anschickten.
    Jedoch es scheinet mir nötig zu sein, diese Bau-und Arbeits-Erzehlung in
etwas zu unterbrechen, um auch andere Merckwürdigkeiten beizubringen, welche
sich binnen der Zeit zugetragen haben. Am 22. Febr. fanden etliche Knaben aus
dem Simons- und Alberts Raumer Geschlecht, da sie an der See, Austern und
Muscheln zu suchen, herum lieffen, einen halb verfaulten Menschen-Cörper
männliches Geschlechts, demselben war mit einem Stücke messingenen Drats ein
durchlöcherter Französischer Lois d'or an den Hals gehenckt, woraus zu
schliessen: dass diejenigen, so diesen Cörper in die See geworffen, selbigen gern
wollten begraben wissen. Derowegen erkannten wir uns, auch ohne dieses Gold-Stück
empfangen zu haben, vor schuldig, ihm diesen christlichen Liebes-Dienst zu
erweisen, bedeckten also den annoch auf einem Brete fest angebundenen Cörper,
mit einer Matte, und begruben ihn ehrbarlich an die Seite unsers GOttes-Ackers.
    Wir bekamen sonsten selbiges Jahr, nach aussage der Aeltern, einen
mittelmässigen Geträyde, doch ziemlich starcken Trauben-Seegen, die wilden Affen
wollten sich hierbei ziemlich dreiste machen, uns berauben, und unsere mit
allerhand farbigen Hals-Bändern gezeichneten Affen, verfolgen, jedoch ich Mons.
Harckert und andere Europäer, so bei der Kirchen-Arbeit wenig wichtige Hülffe
leisten konten, legten den äusersten Fleiss an, unsere dienstbarn Affen zu
schützen, und die Frembden mit Feur und Schwerdt zu verfolgen. Jedoch wendeten
wir nicht alle unsere Zeit hierauff, sondern besorgten auch andere nützliche
Dinge, absonderlich war meine Arbeit, Herrn Mag. Schmeltzern bei seiner auf sich
genommenen Mühe täglich 4. Stunden abzulösen, selbige aber bestund darinnen: Es
hatte ermeldter Herr Mag. Schmeltzer eine Schule von achtzehen Knaben, die
ohngefehr 12. biss 14. Jahr alt waren, angelegt, so dass sich von jeder Gemeine
zwei darinnen befanden, diese fieng er an, nicht allein in den aller
nachsinnlichsten Puncten der Teologie, sondern auch in den Grund-Sprachen zu
informiren, ich aber musste täglich zwei Stunden zum Latein, eine Stunde zum
schreiben, und eine Stunde zum rechnen mit ihnen anwenden, so dass diese Knaben
früh von 6. biss 10. Uhr, und Nachmittags von 1. biss 5. Uhr, in beständigen
Fleisse verharren mussten, also hatte ich früh von 8. biss 10. Uhr das Latein,
Mittags von 1. biss 2. Uhr das Schreiben, und von 2. biss 3. Uhr das Rechnen mit
ihnen vor. Es kostete gewiss ein wenig Mühe, allein der Nutzen war dieser, dass
aus diesen Knaben solche Leute werden sollten, welche hernachmals vermittelst
ihrer erlangten habiliteé in ihren Geschlechtern wiederum die andere Jugend
lehren könten. Ausser diesen hielt Herr Mag. Schmeltzer nicht allein alle
Sonntage Nachmittags, sondern auch Mittwochs, auf Herrn Wolffgangs
Taffel-Platze, oder in der Davids-Raumer Alleé, vor die Simons-Alberts-Davids-
und Stephans-Raumer- und Freitags im grossen Garten vor die
Christians-Roberts-Christophs-Johannis- und Jacobs-Raumer Jugend, eine 3.
stündige Kinder-Lehre, um selbige von zarter Kindheit an, in den Glaubens-
Articuln der christlichen Lehre recht zu gründen. Mons. Litzberg hatte
gleichergestallt 4. geschickte Knaben zu sich in seine Wohnung genommen, welchen
er nach und nach die Mattesin von Stück zu Stück, nebst der Latinität
beizubringen suchte, als in welcher Letztern ihm Herr Wolffgang nach Vermögen
hülffliche Hand reichte.
    Der Chirurgus Mons. Kramer, welcher seinen Sitz in Alberts-Raum genommen
hatte, war ungemein eiffrig, die Kräffte und Tugenden, der auff dieser Insul
befindlichen Dinge, so wohl in regno animali als minerali und vegetabili
auszuforschen, und eben hierzu wurden ihm so wohl des Don Cyrillo de Valaro, als
des Altvaters Alberti Schrifften und Observationes communiciret. Er sagte
öffters, sein, obschon sehr starcker Vorrat an Medicamenten, den er auf
Vorschub Herrn Wolffgangs mitgebracht hätte, könnte dennoch wohl mit der Zeit,
teils verderben, teils alle werden, ob er schon nicht wünschen oder hoffen
wollte, dass GOtt diese Insul, wegen der frommen Einwohner, mit bösen Seuchen oder
besondern Schäden straffen würde, es wäre inzwischen aber keine Sünde, sondern
höchst nötig, in seiner Profession immer mehr und mehr zu untersuchen. Zu dem
Ende hatte er sich 3. habile Knaben zur Hand gewöhnet, mit welchen er täglich
botanisiren ging, und sich nebst dem die gröste Mühe gab: ihnen die Teoriam
von seiner Profession bei zu bringen, weil es damahliger Zeit in Praxi vor ihn
nicht viel zu tun gab als wovor wir GOtt besondere Ursach zu dancken hatten,
sintemahl es kein grosses Wunder gewesen, wenn bei dergleichen schweren Bau
jemand zu Schaden kommen wäre.
    Ausser seiner Profession war Mons. Kramer ein grosser Liebhaber vom
Garten-Werck und Vieh-Zucht, weswegen Mons. Litzberg die Helffte, von dem aus
Europa mitgebrachten Vieh und Geflügel, unter seiner Auffsicht in Alberts-Raum
überliess, die andere Helffte aber war nach Christophs-Raum gebracht worden,
allwo Herr Wolffgang nebst Litzbergen, ihr Vergnügen hatten: dessen ordentliche
Verpflegung ihren Freunden zu lehren. Weiln aber doch voritzo eben von unsern
Tieren zu schreiben im Begriff bin, wird es vielleicht nicht allzu unangenehm
sein, wenn ich beiläuffig melde, wie starck sich dieselben binnen der ersten
Jahres-Frist unseres daseins, vermehret haben. Von rechtswegen hätte zwar
erstlich von Vermehrung der Menschen gedencken sollen, allein ich spare solches
nicht unbillig biss zum Beschluss des Kirchen-Jahres, da Herr Mag. Schmeltzer
christlicher Gewohnheit nach, die Specification der gebohrnen, gestorbenen,
copulirten und confirmirten, öffentlich von der Cantzel verlass. Demnach gebe zu
erwegen, dass der Göttliche Macht-Spruch: Seid fruchtbar und vermehret euch etc.
sich auch in diesem kleinen Welt-Teile, dessen Erde wohl dergleichen
Tier-Arten noch niemahls getragen, noch eben so kräfftig, ja recht wunderbar
Seegenreich erzeiget. Denn 1.) Von den jungen Zucht-Stuten waren 2. Füllen
gefallen. 2.) 4. Kühe hatten so viel Kälber gebracht. 3.) 3. Zucht-Sauen hatten
ingesammt 33. junge Schweine geworffen, und 4.) Fünff Schaafe 7. Lämmer erzeugt,
die übrigen wann verunglückt. 5.) Zwei Eselinnen gaben auch so viel junge Esel.
6.) 4. Welsche Hüner hatten ingesammt ohne die verunglückten, 42. junge
aufgebracht. 7.) Von 18. Haus-Hünern waren 4. Stück umkommen, und bei denen noch
übrigen 14. alten, und 3. Hähnen, befanden sich ingesammt 123. junge Hühnlein.
8.) Bei 6. alten Gänsen, lieffen 39. junge Gänse herum. 9) 6. alte Endten
führeten 34. junge. 10.) 6. paar alte Tauben hatten 14. paar lebendige junge
geheckt. 11.) Zwei Hündinnen hatten 9. junge Hunde, und 12.) 2. Katzen 8. junge
Kätzlein. 13.) Wie viele junge aber die 3. paar Caninichen zur Welt gebracht,
konnte man nicht wohl bemercken, denn sie waren alle weiss, und kamen niemahls auf
einmal zum Vorscheine.
    Demnach hatten wir im November 1726. an Europäischen Viehe, 6. Pferde, als
nehmlich 3. Hengste und 3. Stuten, 10. Stücken Rind-Vieh, und zwar 2. Ochsen,
und ein Ochsen-Kalb, 4. Kühe und 3. Zucht-Kälber. 15. Schaafe, worunter 2. alte
und 3. junge Böcke. 6. Esel. 39. alte und junge Schweine. 48. Welsche Hüner und
Hähne. 140. Haus-Hüner und Hähne. 45. Gänse. 40. Endten. 20. paar Tauben. 13.
Hunde. 12. Katzen, unn eine ungewisse Anzahl von Caninichen, die ihre Wohnungen
ohnfern von Alberts-Raum, unter einem mässigen Hügel, in lockern Boden selbst
gebauet hatten, und sich auch ohne unsere Hülffe selbst ernehreten.
    Mons. Plager war ausserdem, wenn er nicht bei dem Kirchen-Bau mit Rat und
würcklicher Hilffe beschäfftiget war, beständig fleissig seine in Jacobs-Raum,
nahe bei Morgentals Wohnung angelegte Werckstatt, nach seinem etwas eigensinnig
scheinenden Kopffe einzurichten. Sein hauptsachliches Dichten und Trachten war
dahin gerichtet, so bald als möglich, eine grosse Schlage-Uhr auf des Alt-Vaters
Wohnung zu setzen, auch selber eine proportionirliche Glocke darzu zu giessen.
Er hatte auch zwei seine 18. jährige Pursche, einen aus Jacobs- und den andern
aus Simons-Raum an sich gezogen, welche seine Kunst zu erlernen, ein grosses
Verlangen bezeugten.
    Harckert der Posamentirer, Klemann der Pappiermacher, Wetterling der
Tuchmacher und Garbe der Böttiger, konten bis dato es in ihrer Handwercks-Probe
noch nicht zeigen, was sie gelernet hatten, halffen derowegen mittlerzeit
fleissig, alles verrichten was ihnen vorkam und zu tun möglich war, der Töpffer
Schreiner aber, hatte seine Werckstatt, so wohl als den selbst erbauten
Brenn-Ofen, bereits in sehr guten Stande, auch schon eine grosse Menge allerlei
Sorten von Töpffer-Geschirr verfertiget, welche er mit Freuden unter die Stämme
verteilete und damit nicht geringen Danck verdienete, wie sich denn auch zu
seiner, etwas schmutzig scheinenden Profession, schon 3. Knaben angegeben, denen
er selbige mit gröster Lust zu lehren, Mine machte.
    Jedoch nachdem ich, um unserer zu letzt angekommenen Europæer Aufführung
einiger massen zu beschreiben, mich mit Fleiss ein wenig verirret, muss ich
nunmehro meinen Leser wiederum in etwas zurück führen, und demselben die fernern
Begebenheiten so viel als möglich, ordentlicher eröfnen.
    Im Monat Junio mochte ein gewaltiger Sturm ohnfehlbar auf der See gegen
Norden zu, einige Schiffe zerscheitert haben, weilen 3. grosse Mast-Bäume nebst
vielen andern Schiff-Holtze, auf unsern Sand-Bäncken anländeten, wir fuhren
derowegen dahin, holeten selbiges herüber, fanden auch 2. Fässer voll Nelcken
und andere Gewürtze, konten aber wenig davon nutzen, weilen das meiste im
See-Wasser verdorben war.
    Im August-Monat, hatte ich das Glück, auf meinen ausgesteckten Leim-Ruten,
unter andern einen besonders schöne Vogel zu fangen, er war wie ich von klügern
Leuten hörete, noch etwas kleiner als die kleineste Art von Papegeien, mochte
aber dennoch wohl aus derselben Geschlechte sein, weil seine Federn am ganzen
Leibe, die schönste vermischung von hell-und dunckel-rot, grün, blau und
Silber-Farbe zeigten, auf dem hell-grünen Kopffe prangete eine Zinnoberrote
Kuppe, der Schnabel war in etwas dicke, jedoch nicht so sehr als eines
Papegeien, dem aber seine Füsse vollkommen gleichten. Ich machte diesem schönen
Vogel, mit Beihülffe Mons. Harckerts, in gröster Geschwindigkeit einen Bauer,
und nachdem ich gemerckt, dass das weisse in Milch getauchte Brod ihm eine
angenehme Speise war, setzte ich ein darmit angefülltes Gefässe zu ihm hinein,
hieng aber den Bauer zun Füssen meines Bettes, nahe an das Fenster, damit ich
diesen, wegen seiner schönen Gestalt, liebens- würdigen Vogel, nur so oft ich
etwa Ruhe-Stunde machte, im Gesichte haben könnte. Jedoch ich werde Gelegenheit
suchen, das Ergötzen, so mir dieser Vogel nachhero unverhofft gemacht, ebenfalls
anzuführen, voritzo fällt mir der Ordnung gemäss, nichts merckwürdigers vor, als
dass am 10. Sept. Abends sehr späte, Herrn Wolffgangs allerliebste Sophie mit
einem jungen Sohne ins Wochen-Bette kam. Wir hatten eben selbigen Tag einen
grossen Buss-Bet- und Fast-Tag gehalten, und zwar zum Gedächtnisse dessen, dass
unser Alt-Vater vor nunmehro 80. Jahren, und zwar an eben diesem Tage, die Insul
Felsenburg zum ersten mahle betreten. Derowegen gab es allerhand Gelegenheit,
diesem Kinde, wegen seines merckwürdigen Geburts-Tags, ein und andere
Glückseligkeiten zu præominiren. Der Alt-Vater wurde also nächstfolgenden 12.
Sept. nebst seiner Hausshälterin, Christiana Virgilia Juliin, (welche seines
seel. Sohns Johannis, zweiten Sohnes, älteste Tochter war) und Mons. Litzbergen
zu Tauffzeugen erwehlet. Also fuhren der Alt-Vater, Herr Magister Schmeltzer,
Christiana und ich auf dem mit Hirschen bespanneten Wagen hinab. Dem Kindlein
wurden in der heiligen Tauffe die Namen Albertus Friedrich gegeben. Herr Mag.
Schmeltzer hielt nach vollbrachten Tauff-Actu einen schönen Sermon, und wünschte
zuletzt: dass dieses ein rechter GOtt- beliebter Sohn werden möchte, weiln es
sich ohnedem so wohl gefügt, dass er an einem so merckwürdigen Tage geboren, und
am Nahmens-Tage Gottlieb, welcher im Calender am 12. Sept. bemerckt war,
getaufft worden.
    Herr Wolffgang tractirte hierauf uns, und alle Christians-Raumer Einwohner,
mit ganz vortrefflichen Speisen und Geträncke, gegen Abend aber, da der
Alt-Vater etwas lustiger, als gewöhnlich, wurde, verschafte er uns allerseits
das Vergnügen
 
                        Mons Litzbergs Lebens-Geschicht,
aus dieses werten Freundes eigenen Munde dermassen anzuhören:
    Ich bin, fieng er an, im Jahr 1694. am 17. Octobr. in der Käyserlichen
Residentz-Stadt Wien, einem Evangelisch-Luterischen Vater und einer
Römisch-Catolischen Mutter, zu verwutlich nicht geringen Vergnügen, als die
erste Frucht ihrer ehelichen Liebe, zur Welt gekommen. Mein Vater war ein guter
Ingenieur und dabei Stück-Lieutenant bei der Käyserlichen Artollerie, da sich
aber der Russische Czaar im Jahr 1698. kurtze Zeit in Wien aufhält, lässet er
sich auf zureden desselben gelüsten, seine Dimission zu fordern, und dem Czaar
mit Weib und zweien Kindern nach Moscau zu folgen. Nun hatte sich zwar mein
Vater nicht allein wegen der höhern Charge, sondern auch wegen der Gage um ein
wichtiges verbessert, allein es wäre vielleicht besser vor ihn und uns gewesen,
wenn er die Käyserlichen Dienste nicht quittiret hätte. Denn als wir uns mit ihm
in der Belagerung Narva befanden, und der König in Schweden diese Vestung im
Novembr. Ao 1700. mit 8000. Mann entsetzte, und das ganze Russische Lager, nebst
aller Artollerie eroberte, wurde mein guter Vater, von den Schweden, in der
ersten Hitze so wohl als andere darnieder gehauen. Wo meine Mutter nebst der
kleinen 4. jährigen Schwester hingekommen, habe nach der Zeit niemahls erfahren
können, wie gross auch dessfalls meine Bemühung gewesen. Ich vor meine Person
aber, der ich unter währenden grausamen Blutvergiessen aus dem Lager gelauffen,
und meine Sicherheit in einem hohlen Graben gesucht hatte, wurde, nachdem ich
die ganze Nacht darinnen gelegen, Hunger und Durst gelitten, auch fast
gäntzlich erfroren war, von zweien Schwedischen Musquetiern aufgehoben, zum
Feuer geführet, und mit gnungsamer Speise und Geträncke erquickt. Hierauf wurde
ich ihrem Obristen vorgestellt, welcher einem Marquetener Befehl gab, mich zu
sich zu nehmen, und so gut, ja noch besser als seine eigenen Kinder zu halten,
weiln er, der Obrister, davor bezahlen wollte. Ich konnte, ohngeacht meiner
Jugend, diesem Obristen dennoch hinlängliche Nachricht von meinen Eltern, und
von meines Vaters Charge geben, derowegen liess er unter allen gefangenen Russen,
fleissig nach meinen Eltern forschen, allein, dadurch erfuhr ich eben die
jämmerliche Zeitung, dass mein Vater unter den Todten gelegen, von der Mutter
aber konnte niemand von allen gegenwärtigen das geringste berichten. Mittlerweile
da wir selbigen Winter wenig Wochen in Quartieren stunden, liess mir der Obriste
ein sauberes Schwedisches Soldaten-Kleid nach meinen, kleinen Cörper machen,
nahm mich in sein eigen Quartier, allwo ich aufs beste verpflegt wurde, und weil
mich gern um sich leiden konnte, durffte mir kein Mensch eine scheele Mine
machen. Der Obriste verstund und redete zwar sehr gut Deutsch, sonsten aber
waren sehr wenige unter seinen Leuten anzutreffen, die meine Sprache verstehen
konten, vor mich aber war es desto elender, dass ich die ihrige gleichfalls nicht
verstund. Nun hätte sich dieses zwar wohl mit der Zeit gelernet, allein der
vortreffliche Obriste, war so gnädig, nicht allein zu Beförderung dessen,
sondern auch wegen meiner anderweitigen Information einen feinen Menschen von
einer andern Compagnie zu sich zu nehmen. Es war selbiger, wo ich nicht irre,
von Geburt ein Holsteiner, und hatte einige Jahre auf deutschen Universitäten
zugebracht, ich glaube aber, nachdem ich seinem ganzen Wesen etwas weiter
nachgedacht, dass er vielleicht jemanden erstochen, oder eine andere sonderbare
Fatalität gehabt, weswegen er seine Sicherheit unter der Schwedischen Armee in
Pohlen gesucht, wie ich denn auch zweiffele, dass der Nahme Schwedeke, sein
rechter Zunahme hergegen vielmehr ein selbst angenommener Nahme gewesen.
    Jedoch es ist nicht nötig, dieserwegen eine genaue Untersuchung
anzustellen, genung, weiln dieser Mensch gut Schwedisch, Deutsch, Lateinisch und
Französisch verstund, nahm ihn der Obriste zu seinem Sekretario und zu meinem
Informatori an. Ich konnte (es meinem seel. Vater nicht zur Schande nachzureden)
zur selben Zeit, wenig mehr beten als das Vater Unser, und etliche
Reim-Gebetlein, im A.B.C.-Buche aber war mir noch kein eintziger Buchstabe
bekandt, vielweniger andere Sachen, worinnen sonst andere 6. biss 7. jährige
Knaben schon ziemlich geübt sind. Allein, weil Mons. Schwedeke die gelegene
Zeiten und Stunden vortrefflich wohl in acht zu nehmen und zu nutzen wusste, ich
auch eine grosse Begierde zeigte, lernete ich binnen einem Jahr vollkommen
Deutsch, Lateinisch und Schwedisch lesen, auch in allen drei Sprachen ziemlich
schreiben, welches letztere aber in folgenden Jahre sich weit verbesserte.
Derowegen musste nunmehro auch anfangen die Lateinische Sprache fundamentaliter
zu erlernen, worinnen ich denn meinen Fleiss nicht im geringsten sparete,
ohngeacht die starcken Märsche und andere Fatiguen, wie auch die blutigen
Schlachten in Pohlen, viele Verhinderungen darein brachten. Ich blieb zwar mit
meinem Informatore beständig bei der Bagage, jedoch weil die Schweden
mehrenteils siegten, hatten wir nicht selten Gelegenheit, den
allererschrecklichsten und jämmerlichsten Zustand auf den Wahlstädten zu
betrachten. Zeit Lebens aber werde ich an den grausamen Anblick des Wahlplatzes,
bei einem Gross-Pohlnischen Städtgen, Fraustadt genannt, gedencken, allwo die
guten Sachsen eine erbärmliche Niederlage erlitten hatten. Meine Haut schaudert
sich noch, wenn ich daran gedencke. Ich wollte meine Augen immer davon abwenden,
jedoch wohin? denn überall zeigte sich Blut und Mord. Die erschlagenen Russen
und Sachsen jammerten mich weit mehr, als die Leichen der Schweden, und zwar aus
keiner andern Ursache: als weil die letztern meinen seel. Vater ermordet hatten,
und in Erwegung dessen konnte nicht umhin, auf diesem Wahl-Platze häuffige
Tränen zu vergiessen.
    Jedoch ich will die grässlichen Umstände dieser kläglichen Schlacht zu
anderer Zeit erzählen, und voritzo nur melden, dass ich in meinem 12ten Jahre,
nehmlich Ao. 1706. unter denen Schweden gleichfalls mit in Sachsen kam.
    Mein Obrister bezoge sein Quartier auf einem vortrefflichen Adel.
Ritter-Gute, ohnweit Torgau, hieselbst bekam ich nun zwar ein neues, starck mit
Gold bordirtes Kleid, wie auch eine etwas schlechtere Wochen-Livreé, allein
dieses war mir in meiner Seele ungemein empfindlich, dass er zuweilen frembden
Leuten ganz negligent erzehlete, wie mein Vater vor Narva massacriret, meine
Mutter entlauffen, und ich solchergestalt sein Leib- eigner Knecht worden wäre.
Jedoch fand sich schon so viel Verstand bei mir, dass ich meine dessfalls
aufsteigenden Affecten bestmöglichst zu verbergen suchte. Mons. Schwedeke nahm
mittlerweile dasiges Orts die Gelegenheit in acht, mich aufs eiffrigste zur
Latinität, Geographie, Historie, Schreib- und Rechen-Kunst anzuhalten, weil ich
mich nun mit Lust zu allem dem, was er mir vorlegte, beqvemete, auch seiner
übrigen Zucht gehorsamste Folge leistete, kann ich mich nicht erinnern, von ihm
mehr als ein eintzig paar Ohrfeigen bekommen zu haben, und zwar darum: dass ich
aus Frevel eine überladene Musquetier-Flinte abgeschossen hatte, die gar
leichtlich springen, und mir den Kopff zerschmettern können. Mein Herr, der
Obrister, hatte gleichfalls noch niemahls Ursach gehabt, mich etwa über eine
Bosheit, welche sonsten gemeiniglich den Knaben in Hertzen steckt, straffen zu
lassen, doch endlich wachte bei ihm unverhofft eine grausame Tyrannei wider mich
auf, und zwar durch folgende Gelegenheit: Ich war eines Tages bei den sämtlichen
Adelichen Kindern dasiges Orts, spielete erstlich, und speisete hernach mit
ihnen. Hierbei bat mich die Edel-Frau, ihnen meine Avanturen, von der Zeit an,
als ich in meine Kindheit zurück dencken könnte, nebst dem, was ich in meinem
jungen Soldaten-Leben seltsames gesehen, zu erzählen. Indem nun kein Bedencken
mag, dieser, mir sehr gewogen scheinenden Dame Gehorsam zu leisten, war ich
dabei so unbedachtsam, folgende Reden auszustossen: Wolte GOtt, es wären an
statt der lieben Sachsen lauter Schweden erschlagen worden; denn diese bösen
Leute haben mir meinen lieben Vater ermordet, und ich erinnere mich noch,
wiewohl als im Traume, etliche mahl von ihm gehört zu haben, dass er auch ein
gebohrner Sachse gewesen, ich weiss aber nicht, aus welcher Stadt. Ja! rieff ich
in meinen kindischen Eyffer noch darzu aus: Wolte GOtt, ich könnte erfahren, wer
ihn getödtet hätte, ich wagte mein Leben an dem Mörder, meines Vaters
jämmerlichen Todt zu rachen, und wenn es auch des Obristen selbst eigne Person
betreffen sollte.
    Nun hatten zwar verständige Leute ein grosses Mitleiden wegen meines
Unglücks, gaben sich auch die Mühe, meinen ohnmächtigen Eiffer mit den
Vorstellungen zu bezähmen: dass es im Kriege nicht anders her zu gehen pflegte,
und daselbst kein Ansehen der Person gelte; letztlich wurde auch gewarnet,
sonderlich wegen meines Obristen, nicht also frei zu sprechen, allermassen mich
sonsten gar leichtlich in Ungnade und bösen Verdacht bei ihm stürtzen könnte,
hergegen sollte erwegen, dass derselbe doch voritzo meines Vaters Stelle verträte.
Diese Reden überzeugten mich nicht wenig meines Unverstandes, nahm mir derowegen
vor, in zukunft klüger zu sprechen, aber vor einmal war es schon zu späte,
denn ein verzweiffeltes Cammer-Kätzgen bei dieser Adelichen Dame, hatte alle
meine Reden noch selbigen Tages, einem von unsers Obristen Laquayen, mit welchem
sie vielleicht in heimlicher Liebe lebte, ganz im Vertrauen wieder gesagt.
Dieser Kerl war wegen seines liederlichen Lebens sehr übel beim Obristen
angeschrieben, und stunde es damahls eben darauf, dass er die Musquete auf dem
Buckel nehmen sollte, derowegen suchte er sich zu meinem Unglücke, aufs neue
einzuschmeicheln, und unter dem Schein der Treue und des Rechts, dem Obristen
die ganze Sache nebst vielen beigefügten Lügen, dergestalt plausibel
vorzustellen; dass derselbe wirklich auf die Gedancken verfiel: wie er
vielleicht an mir eine Schlange in seinem Busen erzöge, welche ihn mit der Zeit
menchelmörderischer weise schaden, oder wohl gar den Tod antun könnte. Ich wurde
demnach, gleich darauf folgenden Morgen in aller frühe, von Herr Schwedken und
des Obristen Cammer-Diener, wegen meiner geführten Reden examinirt, da aber
diese beiden aus Liebe ziemlich gelinde verfuhren, trat der Obriste, der in
einem Neben-Zimmer alles mit angehöret hatte, selbst hinein, und zwar mit
dermassen ergrimmten Gesichte, dass ich vor Schrecken in die Erde zu sincken
vermeinte, solchergestalt sah ich mich gezwungen, auf sein zorniges Befragen
alles zu gestehen, was ich gestriges Tages unbedachtsamer weise heraus
geplaudert hatte. Die zugesetzten Lügen aber ebenfalls ein zu gestehen: Konte
mich kein Mensch bewegen, wie ich denn dessfalls immer auf meine Adelichen
Zuhörer provocirte, allein es halff dieses so viel als nichts, hergegen wurde
ich eine Stunde hernach, von des Obristen Knechten, im Pferde-Stalle
mutternackend ausgezogen, mit grossen Ruten biss aufs Blut gepeitscht, und in
den ältesten zerlumpten Kleidern fortgejagt. Ich konnte vor grossen Schmertzen
nicht weiter kommen, als biss in eines Bauern Garten, woselbst mich in das
Gepüsche verkroch, und den ganzen Tag über, ohne Speise und Tranck, sehr
unruhig, darinnen ruhete, da aber gegen die Nacht ein grausames Donner-Wetter
und schrecklicher Platz-Regen einfiel, ging ich sehr matt und furchtsam, ja mit
zitterenden Gliedern in das Bauer-Haus hinein, allwo zu meinen Glücke die zwei
darinnen liegenden Schweden nicht zu Hause, sondern auf etliche Tage auscommandi
ret waren. Die guten Bauers-Leute hatten von meinem gehabten Unglücke bereits
ziemliche Nachricht, und zwar aus der Edel-Frauen eigenen Munde, bei welcher die
Bäurin ohnlängst als Magd in Diensten gewesen, beklagten derowegen zwar mein
unschuldig erlittenes Elend, wussten sich aber nicht zu resolviren, ob sie es aus
Furcht vor den Obristen wagen dürfften, mir ein Nacht-Lager im Hause zu
verstatten. Endlich überwog doch die Barmhertzigkeit alle Furcht, so, dass ich
nicht allein Speise und Tranck, sondern auch Erlaubnis von ihnen erhielt: diese
Nacht, ja so lange in ihren Hause zu bleiben, biss sie vernommen, ob etwa die
Edel-Frau vor mich sorgen wollte. Dieses zu erfahren, ging die Bäurin, noch ehe
es völlig Nacht wurde, zur Edel-Frau, kam aber bald zurück, und brachte diese
gnädige Dame selber zu mir geführet, welche, so bald sie mich dergestalt
jämmerlich in einem Winckel sitzen sah, augenblicklich helle Tränen zu
vergiessen anfieng. Ich weinete ebenfalls, hörete aber, dass sie folgende Worte
zu mir sprach: Ach mein Kind! verzeihet! ja verzeihet mir, ich bin schuld an
eurem Unglücke, denn hätte ich euch nicht zur Erzehlung eurer Geschichte
beredet, so hättet ihr nicht dergleichen kindische unbedachtsame Reden fliegen
lassen, ich wünsche hertzlich, zu erfahren, wer euch verraten hat, denn es muss
ohnfehlbar einer von unsern Bedienten dieses Schelmenstücke verübet haben. Der
Himmel lindere eure Schmertzen, vertrauet auf GOtt und meine möglichste
Beihülffe, denn ich will euch morgende Nacht an einen Ort bringen lassen, wo es
euch wohl gehen soll, so bald uns aber GOtt von den Schweden befreit, will ich
euch in mein Haus als ein Kind aufnehmen. Hiermit klopffte sie mich sanft auf
den Backen, ich aber küssete und benetzte ihre Hand mit meinen Tränen, weswegen
sie mir desto mehr Trost zusprach, und sich nichts abhalten liess, meinen
jämmerlich-verwundeten Leib selbst zu besichtigen. Ach! schrye sie, ist dieses
eine Marque der Schwedischen Frömmigkeit und GOttes-Furcht? O ihr Tyrannen! o
ihr Türcken! ist es zu verantworten, einen unmündigen Knaben, um eines
unbesonnen Worts willen, welches ihm der Jammer wegen des Angedenckens seines
entleibten Vaters ausgetrieben, dergestalt zu tractiren? Ach! wo ist hier die
Proportion zwischen der Straffe und dem Verbrechen zu finden? Ach! das arme Kind
hätte sich, wenn es recht unterrichtet und zu Verstande gebracht worden, wohl
1000. mahl anders bedacht, und die einfältige Hitze seiner Jugend hernachmahls
selbst gemissbilliget. Solche und dergleichen Reden führete sie noch einige Zeit,
nahm endlich Abschied von mir, die Bäurin aber mit sich auf ihren Hof, von
wannen dieselbe vor mich ein weisses Hembde, nebst etlichen köstlichen Confitur
en und einer Flasche Wein mitbrachte, anbei Befehl erhalten hatte: selbigen zu
wärmen, und meinen ganzen Leib damit abzuwaschen, welches zwar anfänglich sehr
schmertzhaft, jedoch nachhero ungemein schmertz-stillend war, und da ich
nachhero auch ein paar Gläser Wein darauf getruncken, verschlieff ich in
folgender Nacht den grösten Teil meiner Plagen und Sorgen.
    So bald sich gegen Mittag meine Augen wieder eröffneten, verrichtete ich
mein Morgen-Gebet, und danckte, ohngeacht meiner aufwachenden Schmertzen, dem
Allmächtigen, dass er mich, von denen, mir niemahls anständigen Kriegs-Gurgeln,
erlöset, hergegen Hoffnung zu einer ruhigern Lebens-Art verliehen hatte. Nachdem
die Bäurin aber meine Verpflegung den ganzen Tag hindurch aufs beste besorgt,
kam die gutertzige Edel-Frau, die pro forma ihre Ländereien zu Fusse besucht
hatte, gegen Abend durch den Garten zu uns, liess durch die Bäurin, aus ihrem
Hofe, einen Korb abholen, in welchem sich ein schönes Kleid, nebst vieler
Wäsche, Büchern und andern Bedürfnissen befande. Mit diesen Sachen beschenckte
sie mich, und sagte, wie sie gesonnen: mich künftige Nacht, durch meinen Wirt
von hier hinweg, und zu einem ihrer Befreundten, der seine Hofhaltung in
Chur-Brandenburgischen Landen hätte, fahren zu lassen, bei diesem sollte ich mich
nur fein stille und fromm verhalten, fleissig beten und lernen, so würde ich
keine Not leiden, vielmehr alles Vergnügen finden. Immittelst möchte ich
öffters, so gut als ich könnte, an sie schreiben und versichert leben: dass ich so
gleich nach dem Abmarch der Schweden, würde zurück geholet, um nebst ihren
eigenen Kindern behörig auferzogen, und in allen nötigen Wissenschaften
unterrichtet zu werden.
    Wie hätte eine leibliche Mutter vor ihr eintziges Kind bessere Sorge tragen
und klügere Anstalten machen können? Ist dieses nicht als ein Exempel der
göttlichen Vorsorge vor arme, sonst von aller Welt verlassene Wäysen zu erkennen
und zu admiriren? Jedoch weil ich gesonnen bin, mich in meiner Lebens-Lauffs
Erzehlung möglichster Kürtze zu befleissigen, will nur berichten, dass nach
genommenen zärtlichen Abschiede von dieser Liebes-vollen Pflege-Mutter, der
Bauer als mein Wirt gegen Mitternacht seinen Wagen anspannete, mich wohl
verdeckt darauf packte, und mit möglichster Behutsamkeit darvon fuhr, ohne von
einem oder dem andern Schwedischen Soldaten befragt oder angehalten zu werden.
Wir säumeten uns an keinem Orte über die dringende Not, gelangeten also dritten
Tages gegen Abend bei demjenigen Edelmanne im Brandenburgischen an, der unserer
Edel-Frauen Schwester zur Ehe hatte, welcher mich denn auch so wohl als seine,
nicht weniger gutertzige Gemahlin, nach Verlesung der mitgebrachten Briefe sehr
liebreich auf- und annahm, den Uberbringer aber folgenden Tages mit behörigen
Antworts-Schreiben wiederum zurück fertigte. Ich wurde in Wahrheit nicht als ein
armer verlauffener Junge, sondern so gut als ein Adeliches Kind gehalten, ein
jeder, so meine erlittenen Fatalitäten anhörete, warff eine, mit vielen
Mitleiden vermischte Liebe auf mich, und weil das ausgestandene Creutz mir eine
ganz besonders sittsame und submisse Lebens-Art hinterlassen, wurde ich bei
jederman nach und nach immer mehr beliebt. Es hatte dieser Edelmann 3. Söhne,
von welchen der älteste 16, der jüngste aber wie ich, in seinem 12ten Jahre war,
hiernächst 2. Töchter, davon die älteste ins 10te und die jüngste ins 8te Jahr
ging. Ausserdem waren noch zwei Vater- und Mutter- lose Adeliche Kinder bei
ihnen, nämlich ein Juncker von 13. und ein Fräulein von 11. Jahren, welche
letztere den Nahmen Charlotte führete. Ein ungemein wohl-qualificirter
Informator hatte also seine volle Arbeit uns 8. Kinder in stetigem Fleisse und
guter Zucht zu erhalten, doch weil er ein sehr aufgeweckter Kopff war, der
seinen Untergebenen alles spielende beizubringen, über dieses die rechten Mittel
zu gebrauchen wusste, uns in beständiger Furcht und Liebe zu erhalten, hatten
unsere Studia auf allen Seiten einen recht erwünschten Fortgang, weswegen sich
der Adel. Principal nebst seiner Gemahlin so wohl über die Aufführung des
Lehrers, als der Lernenden recht ungemein vergnügt bezeigten.
    Wenige Wochen aber nach dem Abzuge der Schweden aus Sachsen, kam meine
vorherige Wohltäterin mit ihrem Ehe-Herrn dahin gereiset, um ihren Befreundten
eine Visite zu geben, und zugleich mich, mit Sack u. Pack zurück zunehme, allein
meine itzigen Versorger, sonderlich aber das umständige Anhalten meiner Schul-
und Spiel-Gesellschaft, und dann die starcke Vorbitte, des mir sehr gewogenen
Informatoris, brachten es endlich so weit, dass ich noch auf eine Zeitlang
Erlaubnis erhielt, zu bleiben wo ich war, worbei zugleich von der Gütigkeit
meiner ersten Gönner 20. Tlr. zu Kleidung, Wäsche und Büchern erhielt,
ohngeacht mein itziger, Patron sich erkläret, alles benötigte selbst
herzugeben, und solches nur darum, weil seine beiden jüngsten Söhne durch mein
Exempel angefrischet wurden, dem ältesten Bruder, der ungemeine Lust zum Studi
ren erwiese, auf dem Fusse nachzufolgen.
    Beiläuffig muss ich mit erwähnen, dass selbigesmahl die Nachricht erhielt: wie
mein Obrister, wenig Tage nach meinem Hinwegsein, und nachdem er meine Erzehlung
von seinem Hospite, und dessen Gemahlin, aufrichtiger und wahrhafter vernommen,
sich des mir zugefügten übeln Tractaments habe gereuen und verlauten lassen: er
wolle demjenigen 10. spec. Ducaten geben, welcher Nachricht von mir bringen und
mich ihm wieder schaffen könne, allein die redlichen von Adel, hatten dennoch
dem Land-Frieden nicht trauen wollen, sondern alle. Vorsicht gebraucht, meinen
Auffentalt verschwiegen zu halten, da auch kurtz hernach die Rede gegangen, es
sei jenseit des Elb-Stroms ein ersoffener Knabe gefunden worden, hat man ihn bei
den Gedancken gelassen, dass ich ohnfehlbar zufälliger weise in solches Unglück
geraten, welches sich denn der Obrister sehr zu Gemüte gezogen, seinen Zorn
aber endlich an dem lügenhaften und verräterischen Laqueien ausgelassen,
allermassen er demselben 200. Hiebe mit dünnen Spiess-Ruten, und hernachmahls
die Musquete auf dem Buckel geben lassen. Das verhurte und klatsch-hafte
Cammer-Mädgen hatte gleichfalls ihren Lohn bekommen, denn nachdem sie den
Schwedischen Trouppen etliche Tage-Reisen als eine liederliche Hure
nachgefolget, war sie endlich biss aufs Hembde ausgezogen und zurück gepeitschet
worden.
    Mein Fleiss, wurde durch die unverdienten Woltaten solcher vornehmen Gönner,
dergestalt encouragiret, dass ich so gar Abends und früh Mürgens meinem Schlaffe
abbrach, um nur dem ältesten Juncker nachzukommen, denn der Patron hatte mir
versprochen, daferne meine Aufführung in bisherigen guten Stande bliebe, mich so
dann nebst und bei seinen Söhnen etliche Jahr auf der Universität frei zu
halten, und zwar nicht als einen Bedienten, sondern als einen guten Compagnon.
    Meine erste Wohltäterin, starb zu Ende des 1709ten Jahres, und zwar zu
meinem grösten Leidwesen, hatte mir aber mit Genehmhaltung ihres Gemahls 200.
Tlr. vermacht, die ich auch 3. Jahre hernach cum Interesse richtig erhalten
habe. Immittelst ruckte, unter allen täglichen Vergnügen, die Zeit heran, da der
Patron seine 3. Söhne, nebst seinem jungen verwäyseten Vetter und mir, unter der
Aufsicht des Informatoris, der nunmehro den Character als Hof-Meister bekam, auf
die Universität nach Halle sendete. Es geschahe solches um Michaelis des 1711ten
Jahres, wir bekamen, in einem Hause 3. Zimmer zu unserer Bequemlichkeit, die
zwei ältesten Junckers legten sich hauptsächlich auf die Jurisprudenz, haben es
darinnen auch so weit gebracht, dass sie nachhero alle beide sehr honorable
Königliche Bedienungen erhalten, der jüngste nebst dem Vater- und Mutter- losen
August aber, deren Sinn von Jugend an auf das Soldaten-Leben gerichtet war,
wollten sich nur zu den galanten Studiis, als Historie, Geographie, Genealogie,
Matesi-Tantzen, Reuten Voltoisiren, Fechten und dergleichen bequemen, ich hielt
es mit den letztern, am allermeisten aber legte ich mich auf die Matesin,
besuchte dessfalls eines berühmten Professoris Collegia mit allergrösten
Vergnügen, und wandte über dieses einem Extraordinario den meisten Teil meiner
Spiel-Gelder zu, um privatim desto hurtiger in dieser Wissenschaft, und was
derselben anhängig, zu avanciren. Hiernächst hatte nun zwar auch Gelegenheit
genung, mir, auf Kosten meiner Compagnons, ein und andere vergnügte Veränderung,
so wohl in der Stadt, als auswärtig zu machen, allein es war dennoch mein
allergröstes Plaisir, auf der Stube in meiner Einsamkeit zu sitzen, und mit den
matematischen Instrumenten zu arbeiten, wiewohl ich auch die Stunden auf der
Reit-Bahn, Tantz- und Fechtboden selten versäumte, mitin in dergleichen
Exercitiis vor andern einigen Vorteil erlangete. Kurtz ich studirte immer auf
einen General-Lieutenant los, weil es mir an Courage, mein Glück unter der
Soldatesque zu suchen, gar nicht fehlete, über dieses ein und andere falsche
Vor-Urteile in meinem Gehirne schwermeten; dass ich mich weit geschwinder mit
dem Degen in der Faust, als Feder hinter dem Ohre zu Ehren schwingen könnte,
zumahln wenn ich etwas rechts in der Architectura militari getan hätte.
Mittlerweile lieffen 3. Universitäts-Jahre geschwinder hin als ich vermutet.
Binnen selbiger Zeit war ich mit meinen Junckers nur ein eintziges mahl zu Hause
gewesen. Ich sage mit allem Fleiss, zu Hause, weil mich meine Wohltäter noch biss
auf denselben Tag, als ein leibliches Kind hielten. Um Michaelis 1714. giengen
wir abermals dahin, die angenehme Herbst-Zeit daselbst zu passiren und weil die
galanten Fräuleins meines Principals, ingleichen die ungemein wohlgebildete
Charlotte, eine ziemliche Anzahl junger Cavalier dahin zogen, war antäglich
vergnügten Veränderungen und Lustbarkeiten nicht der allergeringste Mangel zu
spüren. Jedoch nachdem ich überlegt, dass es meine Schuldigkeit sei, den
verwittbeten Gemahl meiner ersten Wohltäterin, die gehorsamste Aufwartung zu
machen, bat ich mir dieserwegen bei dem itzigen Versorger ein Pferd aus, und
ritte zum ersten mahle die Strasse zurück, auf welcher mich vor etlichen Jahren
ein Bauer-Wagen in schmerzlichen Zustande, meinem Glücke entgegen geführet
hatte: Der alte rechtschaffene von Adel empfieng mich so wohl, als der eine zu
Hause lebende Herr Sohn ungemein freundlich und complaisant, man tractirte mich
unverdienter weise wirklich als einen Cavalier, und wollte mir glaubend machen:
ich hätte ein solches gutes Ansehen und Geschicklichkeit erworben, dass ich
nunmehro im Stande sei, in zukunft ohne andere Recommendation mein Glücke
selbst zu befördern, und allen Wiederwärtigkeiten Trotz zu bieten. Nachdem ich
aber dem jüngern Herrn etliche wohlgemachte Zeichnungen von Landschaften,
Städten, Fortificationen und dergleichen gezeiget, und bei vermerckung seiner
Begierde, selbige mir abzuhandeln, ihm ein angenehmes Præsent damit gemacht
hatte, überkam ich nicht allein sofort die von seiner verstorbenen Mutter, mir
vermachten 200. Tlr. baar bezahlt, sondern von ihm 2. vortreffliche, fast noch
ganz neue Kleider, wovon das eine starck mit Golde bordirt war. Der alte von
Adel aber beschenckte mich, vor das ihm gemachte Præsent, welches in allerhand
Arten geschliffener vergrösserungs Gläser, curiösen Sonnen-Uhren und dergleichen
Plunder bestund mit 50. spec. Ducaten, also konnte nach etlichen Tagen in einer,
seiner Carossen, sehr vergnügt wiederum zu meinen Compagnons reisen.
    Diesen zeigte ich mich nun, wenig Tage hernach, in meinen wohl aptirten
neuen Staats-Kleidern, und bekräfftigte dadurch das alte Sprichwort: Kleider
machen Leute. Hiernächst inspirirte mir meine Gold-Bourse einen solchen
unverzagten Mut, dass ich fest glaubte, es könne einem mit so vielen
Glücks-Gütern überhäufften Avanturieur unmöglich etwas in der Welt fehl
schlagen. Allein bei wir traff solchergestallt auch ein, was geschrieben sieht:
Des Menschen Feinde sind seine eigene Haussgenossen, worunter ohnfehlbar die
törichten Affecten eines Menschen zu verstehen sind. Denn ich hatte zwar
bisher, ohngeacht der, um diese Jahre sonst meistenteils schwermenden Jugend,
meine Affecten ziemlicher massen moderiren können, doch unverhofft fieng sich
ein ganz besonderer Affect an zu regen, und mich plötzlich dergestallt zu
übermeistern, dass ich denselben, weder mit dem Zaume der Klugheit, noch mit dem
Gebisse der Renommeé, zu regieren vermögend war. Kurtz zu sagen: Ich wurde
verliebt gemacht, und zwar von dem ausbündig schönen Fräulein Charlotte, wiewohl
nicht vorsetzlicher und freventlicher weise, sondern vermittelst folgender
Umstände: Wir wurden fast täglich von einem benachbarten Land-Juncker besucht,
welcher Charlottens Gewogenheit zu erwerben, sich die gröste Mühe gab. Dieser
war sonsten ein Mensch von ziemlich guten Ansehen und Eigenschaften, hatte auch
zu seinem Stande hinlängliche Einkünfte, jedoch schon verschiedene mahl das
Malheur gehabt: seine Ausgeberinnen, Köchinnen, und so gar die Vieh-Mägde, in
den Stand der Ammen zu versetzen, wie ihm denn nur noch vor weniger Zeit eine
Vieh-Magd, die er ohngeacht ihres starck geschwollenen Leibs, von sich
geprügelt, zur Revange auf einmal ein paar Zwillinge vor der Tür præsentiret
hatte. Nun waren zwar nachhero alle diese Händel mit Gelde geschlichtet und
abgetan, dem ohngeacht machten ihm selbige aller Orten, wo dieser Herr
Ferdinand von H. ** seinen Haaken ehelicher Liebe einzuschlagen suchte, die
allergröste Verhinderung. Bei Charlotten hergegen vermeinte er doch am
allerersten anzukommen, weil selbige ein zwar schönes, darbei aber sehr armes
Fräulein ware, die wohl kaum 500. Tlr. im Vermögen hatte.
    Eines Tages wurde er so treuhertzig gegen mich, mir sein ganzes Geheimnis,
bei Gelegenheit eines einsamen Spatzier-Ganges zu offenbaren, und meine Person
also unverschuldeter Weise zu seinem Liebes-Vertrauten zu machen, auch sich
meinen Vorspruch bei Charlotten auszubitten; indem er glaubte, dass ich nicht
allein bei derselben, sondern auch des Principals Herrn von V**. Fräulein
Töchtern in sehr guten Credite stünde, und zwar darum weil wir vor der Zeit mit
einander in die Schule gegangen wären. Anfänglich machte mir zwar ein starckes
Bedencken den Character eines Copulations-Rats anzunehmen, jedoch da er mir
eine silberne Englische Uhr præsentirete, und vor dissmahl weiter nichts
verlangte, als dass ich Charlottens Bruder Augustum, welcher bisher sehr
wiederwärtig geschienen, dahin bringen möchte, in zukunft bessere Freundschaft
zu pflegen, liess ich mich endlich bereden, und machte den Anfang ein Liebes-Garn
zu spinnen, worein sich mein Hertz in wenig Tagen selbst verstrickte. Mons.
August liess sich, weil wir jederzeit sehr gute Freunde gewesen waren, endlich
behandeln, mit Ferdinando ziemlich vertraulich scheinende Freundschaft
einzugehen, allein was die Schwägerschaft anbelangete, merckte ich gar bald,
dass August als ein ambitieuser, ja extraordinair capricieuser Kopff, schwerlich
seinen Consens, darzu geben würde, jedoch es ging mich nichts an, derowegen war
nur froh, dass Ferdinand sich der ersten wohl ausgerichteten Commission wegen
sehr vergnügt bezeugte, und zur überflüssigen Danckbarkeit, mich mit einem wohl
proportionirten Reit-Kläpper nebst Sattel und Zeuge beschenckte, anbei bat: ich
möchte mir die Mühe geben, in seinen Nahmen einen Liebes-Brieff, nebst
beigelegten Versen, an Charlotten zu verfertigen. Auf die Verse sollte ich auch
eine feine Melodei componiren, damit er sie Abends unter Charlottens Fenster,
welches in den Baum-Garten stiess, absingen könnte, da ich denn seiner angenehmen
Stimme mit meiner Laute accompagniren sollte, um solchergestallt stallt
conjunctis viribus, Charlottens bissheriges Felsen hartes Hertze zu brechen. Ich
machte abermals unzählige Einwürffe, dass solches erstlich gar keine Art und
Geschicke haben würde, andern teils könnte ich vielen Verdruss darvon haben, auch
wäre ich ein schlechter Lauteniste, uñ noch schlechterer Componiste, allein es
halff da kein Einreden, der, von dem Liebes-Gotte vollkommen angeschossene,
Ferdinand, wollte rasend werden, wenn ich ihm meine Hülffe versagte, um deren
Beschleunigung er mir abermals ein Præsent machte, welches in einer verguldeten
silbernen Schnupff-Tobacks Dose bestund.
    Demnach ergriff ich endlich das Schreibe-Zeug, und setzte an Charlotten
einen Brieff auf, dessen Copie ich zwar annoch biss diese Stunde in meinem Brief-
Couvert bei mir trage, allein es wird unnötig sein, dergleichen Torheiten der
Jugend, bei reiffern Verstande zu repetiren.
    Hiermit wollte Mons. Litzberg in seiner Erzehlung einen Sprung machen, allein
der Altvater sagte mit hertzlichen Lachen: Halt Mons. Litzberg! so haben wir
nicht gewettet, es heisset: Narravere patres & nos narramus omnes. Ich habe
das Vertrauen zu eurem, mir allzu redlich vorkommenden, Gemüte, dass ihr keine
ausserordentlichen ärgerlichen Streiche werdet vorgenommen haben, was aber die
Torheiten der Jugend anbelanget, daran wird sich von uns niemand ärgern,
derowegen könet ihr dieselben zum erlaubten Schertze wohl erzählen, zumahlen da
ich in meiner eigenen Geschichts-Erzehlung die meinigen selber nicht
verschwiegen habe. Solchergestallt wurde Mons. Litzberg genötiget seine
Brieff-Tasche hervor zu langen, und uns aus selbiger das Concept eines Briefes
folgendes Innhalts vorzulesen.
                            Allerschönstes Fräulein,
Mein äuserst verliebtes Hertze, hat zwar dem Munde und Augen unzehlige mahl
Ordre gegeben, Ihnen die Beschaffenheit desjenigen Feuers, welches Dero
unvergleichlichen Augen in dem innersten meiner Seelen angezündet haben, zu
entdecken; allein wenn bei aller erwünschten Gelegenheit, der Mund zu blöde, so
sind hingegen die Augen desto unglücklicher gewesen; weiln mein
anbetens-würdiges Fräulein, deren Sprache niemahls verstehen wollen. Jetzo wagt
es meine Hand, dem beklemmten Hertzen einige Linderung zu suchen, welches
ohnfehlbar in weniger Zeit gäntzlich verzehret wird, daferne Sie, allerschönstes
Fräulein, als die Uhrheberin solcher Glut, demselben nicht Dero unschätzbare
Gegen-Gunst zur Erquickung gönnen wollen. Ich erwarte also zwischen Furcht und
Hoffnung von Ihnen den Ausspruch: ob ich Liebe oder Hass, Leben oder Todt zu
finden habe, und bin demnach bei allen
                                                Meines allerwertesten Fräuleins
                                                           biss ins Grab getreuer
                                                              Ferdinand von H**.
Anbei hatte meine übel exercirte poetische Feder folgende Aria ausfliessen
lassen:
                                     ARIA.
                                       1.
Ists wahr, ihr allerschönsten Augen,
Dass ihr charmant und grausam seid.
Nein! dieses schickt sich nicht zusammen,
Drum, stifftet ihr gleich Glut und Flammen:
So lasst doch endlich mit der Zeit
Aus euren Blicken Kühlung saugen. Da Capo.
                                       2.
Erwegt, dass meine treue Seele
Durch euren Strahl entzündet ist,
Betrachtet doch in meinem Hertzen
Den Einfluss aller Angst und Schmertzen,
Wo Gram und Furcht das Hertze frisst,
Seht an! Ach seht wie ich mich quäle! Da Capo.
                                       3.
Drum lass ihr schönsten Augen-Sonnen
Euch endlich zur Erbarmung ziehn,
Vergöttert euch durch Huld und Güte,
So kömmt mein Hoffen bald zur Blüte.
So muss der Schmertz von hinnen fliehn,
So hat mein treues Hertz gewoñen. Da Capo.
Kaum hatte der äuserst-verliebte Ferdinand das Concept von beiden sich vorlesen
lassen, als er gleich decken-hoch auffsprunge, und mich unter den aller sensible
sten Umarmungen unzählige mahl küssete, weiln, wie er sagte, seine Gedancken
dermassen darinnen ausgedrückt wären, als ob ich selber in das innerste seiner
Seelen hinein geschauet hätte, wannenhero ich ihm selbiges alsofort zur
Abschreibung überlassen wollte; allein hier stack der Knoten, denn der gute
Edelmann konnte nebst seinen Nahmen, wenig mehr als die deutschen Ziefern mahlen,
also musste ich nolens volens, mit etwas veränderter Hand, die Sache selbst in
Ordnung bringen, und zu allem Uberflusse, auch den Brief, nach der Mittags
Mahlzeit, an Charlotten übersenden.
    Hiermit war aber dennoch lange nicht alles ausgerichtet, sondern nunmehro
musste der gezwungene Versifex, sich erstlich par force zu einem Capell-Meister
notzüchtigen lassen, und ganz erbärmlich lautende Noten über den jämmerlichen
Text setzen. So bald dieses geschehen, lieffen wir mit ein ander eine halbe
Meilwegs fort ins Holtz, allwo ich dem lichter-loh brennenden Venus-Bruder, die
Melodei etliche no comma? vorsingen musste, ehe er dieselbe auswendig lernen
und sich getrauen konnte, selbige en faveur der dunckeln Nacht, unter Charlottens
Fenster abzusingen. Wir kamen Abends nicht zu Tische, sondern truncken uns in
einer nah gelegenen Schencke erstlich einen halben Rausch, um desto mehrere
Caurage zu kriegen, unsere Abend-Musique ohne Pudelei abzulegen. So bald es aber
völlig Nacht worden, schlichen wir uns, ohne Licht, ganz sachte auf meine
Stube, von dar ich meine, bei Tage schon zu recht gestimmte Laute abholete, und
mich mit dem, von dem Cupido jämmerlich gepeitschten Gefährten, zwischen
etliche, noch ziemlich belaubte Hasel-Nuss-Sträucher verfügte, die Charlottens
Schlaf-Cammer gerade gegen über gewachsen waren. Ich hatte kaum angefangen auf
der Laute ein wenig zu præludiren, da dieselbe das Fenster hurtig eröffnete und
sich in ihren Nacht-Habite persönlich præsentirte. Der erhitzte Wechselbalg der
Liebe, Ferdinand, gab mir dergleichen vortrefflichen Aspect, als ein glückliches
Omen, seines hoffentlichen Vergnügens, mit einem höchst empfindlichen
Rippen-Stosse zur fernern Uberlegung. Da aber ich solchergestallt, um frischen
Otem zu schöpffen, etwas inne halten musste, vermeinte er, es sei nunmehro Zeit
den Text anzufangen, erhub also seine Hoch-Adeliche Stimme, auf eine dergestallt
affectuese Art, dass es kein Wunder gewesen, wenn sich die ganze Esels-Zunft,
Europäischer Nation gratuliret hätte, ihn als einen Virtuosen in ihre Capelle
auf- und anzunehmen. Ich konnte seinen Ton auf keinerlei Weise finden, und weil
er so wohl den Text als die Melodei vergessen oder versoffen hatte, fingen wir
die zwei ersten Zeilen der Arie wohl 6. mahl da Capo an, biss uns endlich
Charlottens überlauts Gelächter, eine Pause von etlichen Tacten auferlegte.
Allein hiermit entfiel dem sterblich verliebten Ferdinando, zusamt der Stimme,
auf einmal alle Courage; wollte aber ich nicht in der Schande stecken bleiben,
so musste, nach einem abermahligen kurtzen Præludio die ganze Arie selber
absingen, worauff Charlotte zum Zeichen ihres Vergnügens in die Hände klatschte,
und in Frantzösischer Sprache, welche Ferdinand nicht verstund, folgende Worte
sprach: Cela m'a donné à ce soir un double contentement. Dormez bien: auf
Teutsch: Ich bin diesen Abend auf gedoppelte Art ergötzt worden, ruhet wohl!
    Er fragte mich, so bald sie hierauff ihr Fenster zugeschlagen, was sie
gesprochen? ich merckte aber den Braten einigermassen, und gab vor: Sie hätte
sich bedanckt, und uns eine geruhige Nacht gewünscht. Demnach hieng sein
Liebes-Himmel überall voller Geigen, er drückte mir auf der Stelle 2. spec.
Ducaten in die Hand, und weiln seine Geschäffte durchaus nicht erlauben wollten,
diese Nacht ausser seinem Hause zu schlaffen, liess er sich in aller Stille sein
Pferd bringen, und ritte darvon, mit dem Versprechen: über morgen Mittags, ganz
gewiss wiederum bei uns zu sein, da ich ihm denn die vermutliche Antwort des
Fräuleins einhändigen und erklären sollte.
    Ich versprach seine Liebes-Affairen bestens zu beobachten, legte mich
hernach aufs Ohr, stund aber gewöhnlicher weise sehr früh auf, und divertirte
mich auf dem, im Garten befindlichen Vogel Heerde, allwo mir durch eine,
Charlotten sehr getreue Magd, nachfolgende Zeilen eingehändiget wurden, die ich
also notwendiger weise ebenfalls ablesen muss:
                                    Monsieur
Verstellet eure Hand wie ihr wollet, seid aber versichert, dass Charlotte
dieselbe unter tausenden, dennoch erkennen wird. Allein saget mir, warum ihr so
verräterisch handeln, und auf die Seite meiner Feinde treten könnet: da doch
ich von Jugend auf, meines Wissens, lauter Redlichkeit und unsträfliche Liebe
gegen eure Person bezeuget habe, und wenn ich offenhertzig schreiben soll, biss
dato, noch mehrern Estim vor euch hege, als vor alle andere, mir zur Zeit
bekandte Manns-Personen. Betrachtet demnach selbst, ob es mir nicht schmertzlich
fällt, mich von einem eingebildeten auffrichtigen Freunde, unverschuldeter weise
hintergangen zu sehen: Jedoch seid ihr vielleicht verführet, und etwas
unschuldiger als ich noch zur Zeit glauben kann, so ists vergönnet, euch gegen
Abend im Lust-Garten bei ersehener Gelegenheit, und ohne Beisein anderer zu
entschuldigen. Immittelst gebet dem abgeschmackten Ferdinand nur dieses zur
Antwort: dass ich endlich noch die ganze Schrifft als einen angenehmen Schertz
aufgenommen hätte, daferne nur an statt seines, mir biss in den Todt verhassten
Nahmens, die zwei Buchstaben F.L. gestanden hätten. Saget ihm nur franchement,
dass mein fester Schluss sei: Ehe einen ehrbaren Bürger, als dergleichen Edelmann,
wie er ist, zu heiraten. Der Adeliche Stand ist mir ein Greuel, daferne
derselbe nicht die Helm-Decken der Tugend und Geschicklichkeit im Wapen, und
zugleich im ganzen Wesen auffzuzeigen hat, hergegen ist eine, mit diesen beiden
Stücken gezierte Civil-Person, in meinen Augen des vortrefflichsten Adels
würdig, ja noch weit höher geschätzt. Uberlegt selbst was ich hiemit gesagt
haben will, erweiset mir hierauff die Gefälligkeit, diesen Brieff zu verbrennen,
damit er sonsten nicht etwa in verdächtige Hände falle, und glaubt, dass auch in
zukunft, ohne mutwillig gegebene Ursach, und zugefügte Beleidigung euch
niemahls hassen wird
                                                             Charlotte R. von M.
    Hierbei lagen folgende Verse:
                                     Arie.
                                       1.
Wen ich durchaus nicht lieben kann,
Der suche mich nur nicht zu quälen,
Es muss sich fein ein jederman
Das, was ihm gleicht, zur Lust erwählen.
Mir ist die Geilheit ärgerlich,
Wer diese liebt
Und täglich übt:
Der packe sich.
                                       2.
Ich soll und muss doch eben nicht
Des Standes wegen Eckel freien,
Denn weil der Himmel selber spricht:
Man soll sich vor den Lastern scheuen;
So lieb ich nur was tugendhaft,
Und beuge vor,
Wenn sich ein Tor
In mich vergafft.
                                       3.
Erlang ich nicht was mich charmirt,
So bleibt die Freiheit mein Vergnügen,
Wer keinen keuschen Wandel führt,
Wird nimmermehr mein Hertz besiegen,
Und dennoch bleib ich immer froh.
Wer mich verdenckt
Sei ungekränckt,
Ich bin nun so.
    Gleich unter Lesung dieser auffrichtigen Zeilen wurde mein Hertze
dergestallt mit heisser Liebe erfüllet, dass ich vor Freuden ja recht innerlichen
Vergnügen gleichsam in einer Entzückung sitzen blieb. Denn kurtz von der Sache
zu reden, was konnte wohl deutlicher sein, als dass mir Charlotte den Schlüssel zu
ihren Hertzen zeigte, und sich nach einem kühn gewagten Anfalle auf Discretion
zu ergeben Mine machte. Läugnen kann ich zwar im geringsten nicht, dass ich dieses
artige Fräulein noch als ein Kind, von dem ersten Tage unserer Bekanntschaft an,
vor andern recht hertzlich, doch heimlich geliebt, allein diese Liebe war, in
Betrachtung meines Zustandes, mit so viel Respect und Hochachtung begleitet, dass
mir niemahls in die Gedancken kam, von ihr einige Gegen-Liebe zu verlangen.
Nunmehro aber wurde, besagter massen, dergestallt aus mir selbst, und in die
Betrachtung aller ihrer Annehmlichkeiten versetzt, dass ich auch die Mittägige
Speise-Glocke darüber verhörete, und erstlich abgerufft werden musste. Charlotte
und ich konten, bei der Tafel, einander ohne merckliche Gemüts-Bewegungen,
nicht lange ansehen, derowegen passireten lauter verstohlene Blicke: biss ich
endlich die Gelegenheit beobachtete, gegen Abend im spazieren gehen, das ganze
Gehemniss von der mit Ferdinando gemachten Kundschaft zu offenbahren,
dieserwegen um Verzeihung zu bitten, ihr meinen künftigen gehorsamsten Respect
zu versichern, und endlich mit diesen Worten zu schliessen: Es liegt mir aber,
Gnädiges Fräulein, noch ein eintziger Punct auf dem Hertzen, den ich jedoch
seiner Wichtigkeit wegen unmöglich offenbaren kann, so lange ich zu befürchten
habe, dass uns etwa jemand von ferne observiren möchte, über dieses erfodert
meine Blödigkeit eine bequemere Zeit und Gelegenheit des Orts: ein vor alle mahl
etwas zu sagen, welches mein Gnädiges Fräulein vielleicht nicht erraten wird.
Das muss was besonderes sein, versetzte Charlotte hierauff, allein mein Freund!
euer Wesen kömmt mir heute in allen Stücken, ohne dem ganz anders vor als
sonsten, derowegen wäre um so viel desto curieuser, solches Anbringen zu
vernehmen, jedoch ich wüste mich auf keine euch beliebige Gelegenheit ohne
Verletzung meiner Ehre, zu besinnen, seid ihr in diesem Stücke ingenieuser als
ich, so meldet es, aber, voraus gesagt, ohne Verdacht und Nachteil meiner
Renommée, sonsten will mir viellieber alle Curiositée auf einmal vergehen
lassen. Behüte der Himmel, gnädiges Fräulein, war meine Gegenrede, dass ich
Ursache sein sollte nur den geringsten Schein des Verdachts wieder Dero
unvergleichliche Tugend zu stiften, jedoch wo mir erlaubt ist, eine Gelegenheit
vorzuschlagen, so wird sich eines von Dero Cammer-Fenstern, welches in den
Baum-Garten stösset, am besten darzu schicke, es ist ja selbiges nicht gar hoch,
mit festen eisernen Stäben verwahret, und in einem solchen Winckel befindlich,
allwo ich auf einer kleinen Leiter biss dahin gelangen und aufs geheimste mit
ihnen sprechen kann, daferne nur mein gnädiges Fräulein eine gewisse Stunde
bestimmen will, wenn ich die Freiheit nehmen darff, mich zu näheren.
    Charlotte schüttelte den Kopff hierzu, besonn sich eine lange Zeit, endlich
aber verwilligte sie: dass ich künftige Nacht, wenn der weisse Vorhang heraus
hienge, um 11. Uhr vor diesem Auditorio erscheinen dürffte, ausser diesem
Zeichen aber durchaus nicht. So bald demnach andere Leute zu Bette waren,
schlich ich mich ganz heimlich in den Garten, bauete mein Cateder auf, und
fassete endlich das Hertze, Charlotten, so bald sie sich am auffgemachten
Fenster præsentirte, durch die engen eisernen Stäbe meine Liebes-Declaration zu
tun.
    Es ist unnötig den Innhalt derselben voritzo weitläufftig anzuführen, denn
wer nur ein eintzig mahl verliebt gewesen, wird sich gar leichtlich einbilden
können: was man bei dergleichen Zeiten und Gelegenheiten vor Fleiss anwendet,
seinen Vortrag auf recht hertzbrechende Art einzurichten. Kurtz, Charlotte und
ich, wurden des Handels binnen zwei Stunden vollkommen einig, verwechselten
unsere Hertzen, schwuren einander ewige Treue, und verabredeten: dass ich
erstlich nach Wien reisen, und aus kundschaffen sollte, ob noch etwas von meinem
Väterlichen oder Mütterlichen Erbteile zu erhalten sei, da denn hernach etwas
Geld an eine sichere Officiers-Charge spendiren, und meine Geliebte öffentlich
zur Ehe begehren könnte. Doch dieses war an uns beiden eben nicht zu loben: dass
wir uns beredeten Ferdinanden so lange bei der Nase herum zu führen, biss ich von
Wien glücklich wiederum zurück gekommen wäre.
    Ich hatte damahls zum allerersten mahle das Vergnügen diejenigen
Süssigkeiten, sehr oft wiederholt zu kosten, welche sich eine Manns-Person von
den recht purpur farbenen Lippen eines ungemein schönen Frauenzimmers wirklich
zu geniessen, einbilden und wünschen kann; deñ die, zwar sehr engen eisernen
Gitter, waren dennoch so raisonable beschaffen: mir diese Ergötzlichkeit auf den
Lippen und zarten Händen meiner Geliebten, wiewohl sehr gezwungen zu erlauben.
Nachdem aber alles, was uns bei dieser ersten geheimen Zusammenkunft
eingefallen, aufs genauste verabredet worden, war ich so höfflich Charlottens
Nacht-Ruhe nicht gäntzlich zu verderben, sondern begab mich um 2. Uhr zurück in
mein Apartement.
    Folgendes Tages stellete sich Ferdinand versprochener massen sehr zeitig
ein, erhielt von mir die tröstliche Nachricht, dass seine Sachen bei Charlotten
ein ziemlich gutes Ansehen gewonnen, und ob sie gleich verredet hätte, zeit
Lebens keine Liebes-Briefe an eine Manns-Person zu schreiben, so würde er doch
in ihren Reden, Minen und fernern Umgange, solche Vorteile vor seine Liebe
finden, dass er sich meines Vorspruchs bedient zu haben, nicht dürfte gereuen
lassen. Allem Ansehen nach, fand er sich dieserwegen unbetrogen, denn Charlotte
wusste ihm dergestallt politisch zu begegnen, dass er mit ihrer vermeintlich
aufkäumenden verliebten Aufführung vollkommen zufrieden war. Sie musste recht
gezwungener weise, ein kostbares Præsent von ihm annehmen, welches am Werte bei
nahe 100. Ducaten betraff, hergegen liess sie sich durchaus nicht bereden, den
Vortrag eines baldigen Verlöbnisses, und kurtz darauff anzustellender Hochzeit
anzunehmen, indem sie nebst andern erheblichen Ursachen, vornehmlich diese
anführete: dass sie ihn wenigstens erstlich Jahr und Tag, wegen seiner Treue auf
der Probe halten müsse. Ihren Bruder hatte er durch Geschencke und andere
Gefälligkeiten, nach und nach dermassen eingenommen: dass es schiene, als ob sie
ein Hertz und eine Seele wären, wie denn auch dieser August, mehr bei ihm als
bei uns war, und ohnfehlbar sein natürliches Geschlechte, bei Ferdinands
Köchinnen und Mägden vermehrete. Im Gegenteil wurde meine Copulations-Rats-
Charge gäntzlich cassirt, weil Ferdinand seiner Meinung nach, keinen ferneren
Vorsprecher mehr bedürffe, doch bekam ich zum höfflichen Abschiede noch 12.
Stück spec. Ducaten, welche vielleicht das Æquivalent des gebräuchlichen
Kuppel-Peltzes sein sollte.
    Immittelst kamen Charlotte und ich, fast alle Nacht an dem vorerwähnten Orte
zusammen, denn unsere brennende Liebes-Hitze, konnte der damahligen kälte des
Winters, noch ziemlichen widerstand tun, doch mussten wir uns sehr genau in acht
nehmen, dass die, durch oft wiederholtes Küssen befeuchte Lippen, nicht etwa ihr
zartes Häutlein an den unbarmhertzigen eisernen Stäben hängen liessen, welches
ich nur ein eintziges mahl mit ziemlicher Empfindlichkeit gewahr wurde, allein
die heftige Liebe verschmertzte alles, in Betrachtung dass man vor dergleichen
Delicasse auch etwas ausstehen müsse.
    Ich wusste inzwischen nicht zu begreiffen, warum der Herr von V** seine Söhne
so lange von der Universität zurücke hielt, da doch selbige selbst täglich
wiederum nach Halle zu kommen wünschten. Ich, der ich mich täglich in der
Matematique mit ihnen exercirte, wurde biss dato noch von allen lieb und wert
gehalten, doch an allerliebsten von meiner englischen Charlotte; Inzwischen
giengen wir beide vor andern Leuten dermassen unpassionirt mit einander um, dass
auch die Allerklügsten nichts weniger, als eine würckliche Liebes-Verbindung von
uns præsumiren konten, ohngeacht Charlotte den von mir empfangenen Diamantenen
Verlöbnis-Ring, täglich an ihren Finger trug, worgegen sie mir einen kostbaren
Perschaft-Ring verfertigen, und verblümter weise den mehresten Teil von ihren
Stamm-Wapen, wiewohl nach eigener Invention etwas verändert, hinein setzen
lassen.
    Solcher gestallt verfloss die Helffte des strengen Winters, derowegen hielt
ich mit meiner Geliebten geheimbden Rat, worinnen endlich das, auf beiden
Seiten schmertzlich fallende Urteil gesprochen wurde: dass ich um Fast-Nachten,
meine Reise nach Wien antreten, und dieser wegen von meinen Patrons beglaubte
Attestate, Reise-Pæsse und Recommendations-Schreiben auswürcken sollte. Ich
observirte also eines Tages die gute Gelegenheit, meinem Principalen
vorzustellen: Wie nunmehro, da ich durch seine unverdiente gnädige Hülffe in
solchen Stand gesetzt worden: mein Brod in zukunft selbst zu verdienen; es mir
zur Sünde und Schande gereichen würde, wenn ich dessen Gnade ferner missbrauchen,
und nicht allein hier auf der Bären-Haut liegen und die guten Tage zählen,
sondern auch um mein ferneres Aus- und Einkommen unbekümmert sein wollte.
Wesswegen ich um gnädige Erlaubnis bäte, in meinen eigenen Standes-und
Etaats-Affairen eine Reise nach Wien anzutreten, worbei mir sonderlich durch
dessen gnädige Vorschrifft und selbst eigene Recommendation ein sicheres Conto
zu finden getrauete.
    Der gute alte Herr wandte zwar viel darwieder ein, schlug mir auch vor: von
Ostern an, noch ein Jahr oder wohl länger bei seinen Söhnen auf der Universität
zu bleiben, mittlerweile er auf allerhand Mittel bedacht sein wolle, mich nach
meinen Meriten behörig zu versorgen; Allein die Liebe, ach die heftige Liebe zu
Fräulein Charlotten, stack mir einmal im Kopffe, und machte mich dermassen
beredsam, dass ich dadurch endlich meinen Zweck erreichte, und 2. Tage nach
Fass-Nachten 1715. mit 100. Tlr. Geld und einem propren Kleide von ihm
abgefertiget wurde.
    Nichts auf der Welt kam meinem Hertzen empfindlicher vor, als das klägliche
Scheiden, ich wandte alle meine Beredsamkeit und beweglichsten Caressen an mein
Fräulein Charlotte, dahin zu bewegen: mir in der letzten Nacht einen geheimen
Zutritt in ihren Schlaf-Gemache zu erlauben, beteuerte auch bei allen dem was
heilig gehalten wird, weder mit Worten, Gebärden oder Wercken nicht das
geringste wieder ihre Ehre und Tugend zu tentiren, allein dieselbe war in diesem
Stücke ein wenig allzu strenge, also musste nur vergnügt sein, dass meine
Abschieds-Küsse, in grimmiger Kälte, durch das unbarmhertzige eiserne Gatter
nehmen durffte.
    Demnach nahm meinen Weg, nebst einen zu meiner Bedienung angenommenen
Reit-Knechte, der meine Reise-Sachen hinter sich auf dem Pferde in zwei, starck
angefüllten, Mantel-Säcken führete, erstlich noch einmal auf Halle zu, allwo
mein annoch daselbst befindliches Geräte und Bücher, einem redlichen Freunde in
Verwahrung, selbigen auch zu Unterhaltung meiner Correspondenz mit Charlotten,
hinlängliche Instruction gab, nachhero meine Reise so hurtig als es meine zwei
ziemlich tauerhaften Reit-Kläpper ausstehen konten, über Leipzig und Prag nach
Wien fortsetzte. Selbige Weltberühmte Stadt erreichte ich endlich, gleich am
Sonntage Judica, also 14. Tage vor dem Oster-Feste, hieselbst kostete es nun
nicht wenig Mühe, das Geschlechte meiner Mutter auszuforschen, jedoch nach
vielen vergeblich angewandten Kosten, traff ich endlich meine Gross-Mutter
mütterlicher Seite, bei einer ihrer Töchter an, die an einen Zeugwärter bei der
Käyserl. Artollerie verheiratet war, und mit selbigen 5. lebendige Kinder
erzeuget hatte. So bald ich mich kund gegeben und alle ausgestandene Fatalitäten
ausführlich erzählt hatte: umarmete mich meine Grossmutter aufs
allerliebreichste, und erkandte mich aus allen Umständen, sonderlich aber an den
Gesichts-Zügen, und dem Muttermahle, welches ich am Halse unter dem Halsstuche
auffzuweisen habe, vor den leiblichen Sohn ihrer ältesten Tochter. Hergegen
wurde ihr, und mein eigenes Betrübnis ganz sonderbar erneuert, da keins von
allen nur die geringste Nachricht zu geben wusste, wo meine Mutter mit der
jüngsten Tochter müsse hingekommen sein.
    Meine Grossmutter aber, hatte nebst dieser Tochter, bei welcher sie lebte
añoch zwei andere an Käyserliche Officiers verheiratete Töchter, und einen
Sohn, der unter der Käyserl. Infanterie als Capitain in Ungarn stunde. Nun
erkandten mich zwar anfänglich alle 3. Muhmen, vor den Sohn ihrer ältesten
Schwester, nachdem sie aber die Sache mit ihren Männern etwas reifflicher
überlegt, und sich leichtlich die Rechnung gemacht, dass ich mein Mutterteil
prætendiren würde, spieleten sie das Lied aus einem ganz andern Tone, zuckten
die Achseln und gaben zu vernehmen, wie sie dennoch verschiedene trifftige
Ursachen hätten zu zweiffeln: ob ich derjenige Vetter sei, vor welchen ich mich
ausgäbe, man hätte sehr viele Exempel, dass die Leute von dergleichen listigen
Landstreichern hintergangen worden, derowegen müste ich mich erstlich besser
legitimiren, vor allen dingen aber die Römisch-Catolische Religion annehmen, so
dann sollten mir nicht allein von jedweden, meiner Mutter Geschwister, 200.
Käyser-Gulden baar Geld gezahlt, sondern auch über dieses vor mich gesorget
werden, dass ich, durch Vorschub meines Vetters, in Ungarn etwa einen Ober-
Officiers- oder Ingenieurs-Platz erhielte. Was war hierbei zu tun? mehrere
Beweisstümer meines rechtmässiger weise führenden Geschlechts-Nahmens
beizubringen, fiel mir unmöglich, der Evangelischen Religion abzuschweren, und
die Römisch-Catolische, des zeitlichen schlechten Gewinsts wegen anzunehmen,
schien bei GOtt und Menschen unverantwortlich, einen Prozess aber gegen meine
dasigen Bluts-Freunde zu formiren, war ganz und gar nicht ratsam, sondern in
Betrachtung meiner wenigen Mittel, allzu gefährlich. Derowegen nahm ich meine
einzige Zuflucht zur Gross-Mutter, und verhoffte: dieselbe sollte durch ihre
Autorität meine Sachen auf guten Fuss setzen, allein selbige stund selbst gar auf
schwachen Füssen, denn die gute Alte war fast ein Spott ihrer bösen Kinder und
Kindes Kinder, ihr Vermögen hatte sie biss auf wenige zurück behaltene
Gold-Stücken und Jubelen, schon vor etlichen Jahren unter dieselben verteilt,
musste also meistenteils deren Gnade leben, über dieses war sie sehr eiffrig
Catolisch, und sagte mir ausdrücklich: wie sie mich ebenfalls nicht mit rechten
guten Gewissen vor ihren Enckel erkennen und sich meiner annehmen könnte, so
lange ich mich in meinen irrigen ketzerischen Glauben befände. Jedoch war sie
endlich so mitleidig mir 30. Stück spec. Ducaten, nebst einem ziemlich kostbarn
Diamant-Ringe und silbernen Degen zu verehren, meldete mir anbei denjenigen
Fürstl. Sächsischen Hof, allwo meines Vaters leiblicher Vater, vor vielen Jahren
in Diensten gestanden, riet mir anbei dahin zu reisen und zu versuchen, ob noch
etwas von meinem väterlichen Erbteile zu erhalten sei, mittlerweile hätte auch
Zeit und Gelegenheit zu überlegen, ob ich den Vorschlägen meiner mütterlichen
Anverwandten Folge leisten, und mir ihr Anerbieten zu Nutz machen wollte,
solchergestallt ich denn mit ehesten zurück kommen und sie allerseits gedoppelt
erfreuen könnte. Ich war von Hertzen, doch nicht halb so sehr über das empfangene
Geschencke erfreuet, als da ich nunmehro die Geburts-Stadt meines Vaters
ausgekundschaft hatte, versprach zwar alles wohl zu erwegen, reisete aber unter
dem Vorsatze fort, mit Göttlichen Beistande mein anderweitiges Glück zu suchen,
und dergleichen falsch-und halssstarrig gesinneten Bluts-Freunden nimmermehr
wiederum vor die Augen zu kommen, noch vielweniger sie um einige Bei-Steuer
anzusprechen, weil mich lieber zeitlicher weise von ihnen verlassen, als
geistlicher weise ins Verderben gestürtzt wissen wollte.
    Also trat ich in der angenehmsten Sommers-Zeit meine Rück-Reisen an, und
erreichte wenig Tage nach Johannis-Feste, meines seel. Vaters Geburts-Stadt,
jedoch in selbiger war mein Geschlechts-Nahme, vor wenig Jahren, mit dem
Gross-Vater gäntzlich ausgestorben, ingleichen meines Vaters älteste Schwester
nebst ihrem Ehe-Manne, mit hinterlassung dreier Töchter verschieden, die andere
aber lebte annoch mit einem Fürstlichen Sekretario, in sehr vergnügter Ehe, und
hatte zwei erwachsene Töchter, auch so viel Söhne, die etwa 12. biss 15. Jahr alt
waren. Diese Leute konten sich zwar wohl ihrem Stande gemäss aufführen, hatten
aber allem Ansehen, und ihrem eigenen Geständnisse nach, wenig übrig, wie sich
denn auch vermutlich dieser Ursachen wegen, keine anständige Freier vor die
sonst ziemlich fein aussehenden, und desto besser gezogenen Jungfern anfinden
wollten. Zu bejammern war es, dass meine Gross-Eltern nicht in stärckern Mitteln
gesessen, sondern im hohen Alter vor ihrem Ende fast alles zugesetzt, so dass
meines Vaters beide Schwestern nach Abzug der Begräbnis-Kosten, kaum 100. Tlr.
wert an Meublen ererbt hatten. Mein Vetter der Sekretarius war so redlich, dass
er ohne mein geringstes Suchen, augenblicklich vor billig erkandte, was massen
der dritte Teil der Verlassenschaft mir zugehöre, derowegen erbötig, mir
denselben, vor sich und seines Schwagers Töchter, über welche er Curator war,
auszuliefern, allein solche Redlichkeit afficirte mich dermassen, dass ich nicht
nur alles deprecirte, sondern über dieses, meine Vettern und Muhmen, mit ein und
andern artigen Sachen beschenckte.
    Es begab sich aber dieser mein Vetter, nachdem er vermerckt, wie meine
Absichten zukünftiger Lebens-Art eintzig und allein auf eine Militair-Bedienung
gerichtet wären, alle Mühe, mich hiervon abzuziehen, und zu einem ruhigern
Stande zu persuadiren, allein vors erste wusste er nicht, dass mich eine besondere
Liebes-Intrigue darzu antriebe, und vors andere wurde alle seine Vorsorge, mich
bei dem Fürstl. Hofe zu engagiren, durch einen Widersacher zernichtet. Selbiger
war ein Mensch von erbärmlicher Conduite, seiner Einbildung nach aber, ein
anderer Richelieu oder Mazarini. Er hatte etwas, wiewohl nichts sonderliches
fundamentelles in der Matesi getan, konnte jedoch ein und andere Risse aus
diesem und jenen Kupfferstiche zusammen klauben, ziemlich sauber aufs Pappier
bringen, und selbige hernach mit hochtrabenden Gebärden, vor seine eigene
sonderbare Invention ausgeben. Er glaubte: dass er sonderlich glücklich sei, von
allen Dingen, die nur aufs Tapet kommen könten, ein ausserordentlich
geschickliches Judicium zu fällen, und davon noch vortrefflichere Specimina
abzulegen, es kamen aber selbige zuweilen nicht allein sehr unglücklich, sondern
offtermahls gar absurd heraus. Jedoch hätte seine Teorie in ein und andern
Stücken endlich noch so hingehen mögen, allein in der Praxi hatte er sich
bereits zu verschiedenen mahlen verlachungs-würdige Prostitution zugezogen, so
dass ein vornehmer und grund-gelehrter Mann, ein solches Judicium von ihm
gefället: dieser Künstler versuchte auf des Fürsten Unkosten und mit dessen
nicht geringen Schaden erstlich hinter die rechten Sprünge zu kommen; welches
deñ in der Tat und Wahrheit mehr als zu gewiss eintreffen mochte. Nechst dem war
dieser Mensch der Philautie oder Eigenliebe im höchsten Grad ergeben, indem nun
aus selbiger gemeiniglich ein enormer Hochmut, und aus diesen wiederum, nicht
selten eine Charlatanerie zu entstehen pflegt, so konnte man an diesem Subjecto
eins wie das andere nur gar zu deutlich mercken, denn wie mein Vetter sagte, so
wisse er mit seinen blonden Haaren nicht sattsam zu haseliren, bald trüge er
dieselben Krause, bald schlecht, bald steckte er alle mit einander in einen mit
gläntzenden schmeltzbekleckten Sammet-Beutel, bald knüpffe er sie in 1. 2. oder
3. Knoten, bald liess er sie auf lächerliche und wunderliche Art in Zöpffe
flechten, bald trüge er gar eine kohl-pechschwartze Peruque, die er zuweilen
sehr weiss, zu weilen auch in 4. Wochen gar nicht pouderte, endlich abermals
wechselte, selbige wegwürffe, und sein blondes Haar wiederum zum Vorscheine
kommen liesse. Anderer Grimacen, gezwungener Complimenten, affectirter
Redens-Arten, Gebärden und Leibes-Stellungen nicht zu gedencken. Kurtz!
dergleichen Wesen gab auch einem frembden annoch von ferne zu verstehen, dass
eine starcke Sympatie zwischen ihm und denjenigen Kreaturen sei, welche im
Mertzen am meisten zu schertzen pflegen, ja man hat, ich glaube aber zum Schertz
versichern wollen, dass er nicht nur beständig einen Zahn-Stocher von dergleichen
Kreatur, sondern so gar einen ganzen Laufft desselben im Schubsacke bei sich
führete.
    Diesem artigen Herrn nun mich adjungiren zu lassen: gab sich mein Vetter bei
dem Fürsten die gröste Mühwaltung. Da man aber gewisser Ursachen wegen, ganz
besondere consideration vor diesen allzuartigen Herrn bezeigte, und, damit er
sich ja nicht etwa disjoustirt befinden möchte, erstlich Gelegenheit abwarten
wollte, ihm solches mit einer Manier bei zu bringen, vermutete ich, dass mir
solchergestallt die Zeit etwas zu lang währen, auch da es endlich ja angehen
sollte, keine gar zu gute Seide mit diesem, meinem Temperamente durchaus contrai
ren Menschen spinnen würde, liess mich also bereden, mit dem eintzigen Sohne
eines vornehmen Ministers, noch einmal nach Halle zu gehen, und folgenden
Herbst und Winter über noch recht fleissig zu studiren.
    Es war dieses keine unebene Sache vor mich, denn ausser dem, dass ich vor die
Privat-Information des jungen Cavaliers in allen defrayrt wurde, und noch über
dieses wöchentlich einen Taler bekam, getrauete ich mir den Winter über mit
meinem Handwercks-Zeuge, und zwar nur zum Feierabende, wenigstens 50. Tlr. zu
verdienen, derowegen verkauffte meine zwei Pferde, den Bedienten aber weil er
sehr getreu war, behielt ich bei mir, zumahl da ihm der junge Cavalier Logis und
Kost ebenfalls frei gab, ich also nur dessen Liberei zu bezahlen hatte.
    Mit meinem Fräulein Charlotte hatte ich indessen, so oft als es nur möglich
gewesen, Briefe gewechselt, und von den ihrigen einen so starcken Vorrat in
Händen, dass ich fast zwei Stunden Zeit nehmen musste, wenn ich mir das gröste
Vergnügen mit Durchlesung derselben machen wollte. So bald mich aber nur etwas
weniges aufs neue in Halle eingerichtet hatte, trieb mich die heftige Begierde,
selbige wiedrum einmal zu sehen, dahin, dem Herrn von V** meine Aufwartung zu
machen. Ich wurde seiner angebohrnen Gütigkeit nach, hertzlich wohl empfangen,
stattete Rapport von meiner Reise und gehabten Verrichtungen ab, und hatte das
Vergnügen meinen Engel an dem alten Orte ausführlich zu sprechen und zu küssen.
Sie erzehlete mir mit Lachen: dass Ferdinand abermals eine Vieh-Magd, seiner
Meinung nach in aller Stille mit 50. Tlr. abgefertiget hätte, dem ohngeacht,
weil sie sich nichts darvon mercken liesse, begegnete er ihr noch immer mit den
äusersten Liebkosungen, und dränge scharff darauff: dass ihre Vermählung noch vor
Weihnachten vor sich gehen möchte. Allein sie bliebe beständig darbei, dass es in
ihren Hertzen vorlängst beschworen sei, vor Verlauf ihres 20sten Jahres keinen
Mann zu nehmen, also müsse er sich gezwungener weise, von einer Zeit zur andern,
mit Gedult schmieren, woferne ihm nicht gelegen sei, bei ihr auf einmal durch
den Korb zu fallen.
    Mir gab anbei mein liebstes Fräulein einen Verweis, dass ich mich nicht
emsiger um einen Officiers-Platz bemühete, ja sie durffte fast auf die Gedancken
geraten: als ob mir an ihrer, desto baldigen Besitzung, gar wenig, oder wohl
gar nichts gelegen sei. Derowegen hatte genung zu tun, ihr solche Gedancken
auszureden und zu erweisen, dass die itzigen Friedens-Zeiten, mich dermassen
verwirrt machten, dass ich fast nicht wüste unter welche Trouppen ich mich wenden
sollte. Demnach schlug sie mir die Sächsische Soldatesque vor, welche damahls
eben mit den Pohlnischen Confoederirten im Kriege verwickelt war, erbot sich
auch mir so gleich mit 200. Tlr. an heimlich gesammleten Gelde und Geschmeide
an die Hand zu gehen. Hieraus ware nun Dero ganz besonders treue Liebe sattsam
zu spüren, derowegen versprach ich nur noch biss gegen den Frühling zu verweilen,
nachhero so gleich meine Reise zu der Sächsischen in Pohlen stehenden Armée
anzutreten.
    Hierbei blieb es vor dieses mahl, doch hatte noch binnen zween Tagen, und
des Nachts vor dem eisernen Gatter, die schönste Gelegenheit, derselben meine
inbrünstige Liebe mit beweglichen Worten vorzustellen, welche denn von beiden
Seiten mit unzähligen Küssen aufs neue befestiget und versiegelt wurde.
    Des Herrn von V** Herrn Söhne, waren auf die Universität Leipzig gezogen,
derowegen konnte mich Ehrenhalber nicht länger bei dem alten Herrn aufhalten,
nahm also vor dissmahl Abschied, empfing abermals eine Ritter-Zehrung von 6.
Ducaten, und kehrete wieder zu meinem jungen Cavalier nach Halle. Selbiger
brachte so wohl als ich seine Zeit, den ganzen Herbst und Winter über, sehr
fleissig zu. Im Februario des 1716. Jahres aber, verkauffte ich alle meine
unnötigen Sachen mit guten Vorteil, erhandelte abermals ein paar gute
Klöpper, und wartete nur auf das Fräulein Charlotte, welche selber nach Halle
zu kommen versprochen hatte. Sie stellete sich endlich im Mittel des Februarii
ein, überlieferte mir 100. Tlr. baar Geld, und vor so viel Geld allerlei
Geschmeide, welches ich gar bequem bei mir führen konnte, da aber meine
Allerliebste vielerlei zu verrichten hatte; und sich noch selbigen Tages auf die
Rückreise begeben musste, wurde unser Abschied kürtzlich, jedoch dermassen
zärtlich gemacht: dass wir beiderseits in Tränen zu zerfliessen vermeinten, doch
da es nicht anders sein wollte, schwuren wir einander nochmahls ewig feste Treue
und schieden von einander.
    Noch selbigen Abend setzte ich einen Brieff an den Herrn von V** auf, ihm
mein Vorhaben zu eröffnen und zugleich schrifftl. Abschied zu nehmen, weil ich
von dessen Güte dermassen überhäufft worden, dass mich schämen musste, wiederum
vor seine Augen zu kommen, biss ich eine würckliche Ober-Officiers Bedienung
erhalten. Von meinem jungen Cavalier nahm ich gleichfalls recht zärtlichen
Abschied, empfieng von ihm über meinen versprochenen Verdienst, noch ein schönes
rotes Reise-Kleid, nebst 30. Lüneburgischen Gulden, reisete also mit meinen
Bedienten, dem ich mittlerweile gut lesen, schreiben und rechnen lernen lassen,
wohl gespickt und höchst vergnügt die Straffe nach Pohlen zu.
    Durch Sachsen und Schlesien war gut reisen, allein so bald ich auf den
Pohlnischen Boden kam, wurde in einer Stadt von etlichen Luteranern gewarnet,
wohl Achtung zu haben, weil es Kunst kosten würde: bei dermahligen Troublen mich
biss in die Sächsische Armeé durch zu practiciren. Allein ich musste mehr Glücke
als Verstand haben, denn medio Aprilis, gelangete ich ohne einige gehabte
Verdriesslichkeit, glücklich bei der Sächsischen Infanterie an, engagirte mich
anfänglich bei einem Regimente als Voluntair, bekam aber, ehe 2. Monat
vergiengen, einen erledigten Fahndrichs Platz, und zwar ohne grosse Kosten,
sondern mehrenteils aus besonderer Gnade eines genereulen Obristen, der noch
darzu meinen Schwedischen tyrannischen Obristen sehr speciell gekennet hatte,
welcher letztere, wie damahls erstlich erfuhr, bei Pultawa in der Schlacht von
den Moscovitern massacriret worden.
    Plus ultra, war von nun an mein ernstliches Symbolum, derowegen suchte
meinem Character, durch möglichste accuratessè, in allen Stücken behörige
Satisfaction zu geben. Immittelst war mir von Grund des Hertzens leid, dass ich
nicht ein oder andertalb Jahr früher unter die Sachsen gegangen, denn die
delicatesten Expeditiones waren mehrenteils vorbei, und passireten dermahlen
nur allerhand kleine Scharmützels, worbei sich dennoch einige Gelegenheit dargab
meine Courage zu zeigen. Es würde hoffentlich die Erzehlung derselben nicht so
verdriesslich als langweilig fallen, derowegen will diese Materie biss auf eine
andere Zeit versparen, und voritzo nur berichten: dass, nachdem der Friede
zwischen beiden streitenden Parteien am 1. Febr. anno 1717. in Warschau
ratificirt worden, ich unter den Königl. Trouppen ebenfalls mit zurück und mein
Quartier in Sachsen beziehen musste. Selbiges war etwa 14. biss 16. Meilen von
meiner liebsten Charlotte Auffentalt entlegen, doch weilen so gleich keinen
Uhrlaub bekommen konnte, eine persönliche Visite bei ihr abzulegen; musste ich die
Zuflucht zu meinem Correspondenten in Halle nehmen, und in dessen Brieff ein
Schreiben an meinen Engel einlegen, allein 14. Tage darauff erhielt von
ermeldten guten Freunde die sichere Nachricht, dass sich meine Schöne nicht mehr
bei dem Herrn von V.** aufhielte, sondern an einem andern, ihm unwissenden Ort,
geschafft wäre.
    Mir war hierbei nicht bange, sondern ich vermeinte wenn ich nur einen
Brieff an den alten Herrn von V.** ingleichen an dessen Söhne schriebe, mich um
ihrer allerseits, und beiläuffig um Charlottens gutes Auffbefinden erkundigte,
so würde doch wohl einer von ihnen, ohngefähr auf die Gedancken geraten, mir
Charlottens Auffentalt zu vermelden, zumahlen da ich glaubte: dass sie nunmehro
um so viel desto mehr Estim gegen meine Personalität bezeugen würden, weiln
ihnen zugleich avisirte dass ich Hoffnung hätte: binnen wenig Wochen in die
Lieutenants Charge zu treten, aber weit gefehlt, denn in einigen Tagen lieff
folgender verzweiffelt eckele Brieff bei mir ein:
                                   Monsieur,
                   und Insonders Hochgeehrter Herr Fähndrich.
Derselbe nehme mir nicht übel, dass ich auf expressen Befehl meines gestrengen
Herrn, des Wohlgebohrnen Herrn von V.** welcher das Jus Patronatus in unsern
Dorffe hat, diese eigenhändige Zeilen an Denselben absenden tue. Sintemahl und
demnach es nunmehro leider schon vor etlichen Wochen ans Licht gekommen, dass Er
die Wohlgebohrne Fräulein Charlotte verführen, und wie vermutet wird, wohl gar
um ihre Fräuleinschaft bringen wollen, doch sit ferbis fenia, wo ich mich irre,
hat es nach dem Ausspruche des Terentius wohl recht geheissen: Tambus omnia
padefacit, welches in Teutschen Reimen also klingen und lauten tut:
Es ist so kleine nichts gesponnen,
Das nicht käm mit der Zeit zur Sonnen.
Der wohlgebohrne Herr nebst seiner ganzen Hoch Adelichen Familie mänliches und
weibliches Geschlechts ist grausam erbittert und im Zorne ergrimmet auf ihn, und
so gar etliche Bauern selbst wollen das Ding gar nicht billigen, dass er als
einer den der gestrenge Herr den Bettel Stabe entrissen, und ihn erstlich zum
rechtschaffenen Kerl gemacht hat, ist so undanckbar gewesen, und hat aus dem
Staube seine Augen an den Hoch Adelichen Stern-Himmel gehoben, und mit einem
solchen Venus-Sterne geliebäugelt. Aber Amor fincit omnia, das heist die Liebe
ist blind. Ich habe solches wohl dem gestrengen Herrn auch vorgehalten, allein
ich bekam ein zorniger Gesichte, als wenn ich seinen Retten-Hund mit einem
Steine geworffen hätte. So wahr ihr ein ehrlicher Cantor bin, Herr Fähndrich
Litzberg, der Juncker August und der Juncker Ferdinand haben euch alle beide den
Todt geschworen, ich rate euch nicht, dass ihr ihnen auf den Felde begegnet,
denn sie gehen mit unsern jüngsten Juncker alle Tage mit der Flinte spaziren
herum. Cavete vos, Das heisset hütet euch. Aber doch will euch noch der
gestrenge Herr, die Gnade erzeigen und tun, und euch euren Ruffert, den ihr
hier stehen gelassen, hin schicken lassen, wo ihr ihn hin haben wollet, denn ich
habe den Ruffert schon in meinem Hause unter meinem Bette stehen, da soll ihn
leichtlich kein Dieb hervor langen, ich will nur wissen wo ich ihn hin schicken
soll, auf der Post oder durch einen Boten, welchen ihr aber bezahlen müsst,
denn es heisset ein Arbeiter, also auch ein Bote ist seines Lohnes wehrt. Ja
ich hätte es bald vergessen, ich soll euch auch schreiben, dass ihr nur nicht
gedencken sollet das Fräulein Charlotte wieder zu sehen, ehe sie einen Edelmann
gekriegt hat. Denn eine solche schöne Fräulein soll nun durchaus vor keinen
andern Menschen als vor einen Edelmann gewachsen sein, welches auch niemand
verdencken wird, denn es heist simulus similus gautet auf Teutsch:
Gleich und gleich gesellt sich gern,
Ein' Qvetschk hat keinen Schleen-Kern.
Ich sollte zwar auch was neues berichten, aber ich weiss nichts sonderliches, doch
ja, vor 3. Vertel Jahren da ich Toffel Zaunsteckens Tochter Annen, welche mit
Melcher Trutahns Sohne Tönnigesen in ein christlich Ehe-Gelöbnis getreten war,
in die Braut-Messe läuten sollen, fuhr der Klöppel aus der Glocke zum
Schall-Loche heraus, und hat Nachbar Erbs Micheln ein jung Schwein todt
geschlagen, das war aber nur eins, mir aber sind diesen Winter 3. Ferckel auf
einmal erfroren, wodurch in sehr grosses Leidwesen gesetzt worden, doch was
hilffts hodie michi cras tibe. Mein lieber Sohn ist von dem Hällischen Gymnastio
wieder nach Hause gekommen, er hat zwar nur biss in quinda gesessen, kann aber
mehr als der beste Primanner, die Leute sprechen nun, ich soll ihn auf die
Unverstædt schicken, aber er hats nicht nötig, ich will ihn lieber mir
substiren lassen, denn ich werde doch alle Tage älter, bin ich in den Dienste
nicht verhungert, wird er auch nicht verhungern. Ich schriebe gerne noch etwas
mehr, habe aber gewiss und wahrhaftig kein Schnippelgen Pappier mehr im Hause,
und in der Schencke sind sie schon zu Bette. Wenn ich anfanges was geschrieben
habe, dass euch etwa verdriessen tut, so rechnet es mir nicht zu, denn ich bin
ein Mensch darzu der Obrigkeit untertan, die hat mirs befohlen fein Teutsch
raus zu schreiben. Tic cur hit pflegen wir Gelehrten an unsere Studier-Stuben zu
schreiben, und also habe ich tun müssen, was mir der gestrenge Herr befohlen
hat, wir bleiben deswegen doch gute Freunde, ihr habt mir nichts zu Leide
getan, und ich euch auch nicht, ein Schelm ders böse meint. Fale amice ich
verbleibe desselben.
                                    Monsieur
                    und Insonders Hochgeehrter Herr Fähnrich
                                                           Dienstwilliger Freund
                                                                          N.N.R.
                                                     Cantor und Ludimoder: in N.
    Wer gläubts wohl nicht, (sprach hierauf Mons. Litzberg, nachdem er uns
diesen Brieff nochmahls vorlesen und Zeit lassen müssen, die von Lachen ganz
zerschüttelten Cörper wieder in Ordnung zu bringen,) dass ich über diese
verzweiffelte Schreib-Art hätte halb toll und halb närrisch werden mögen, doch
ich will mich mit Wiederholung meiner entsetzlich verwirrt-aufgestiegenen Affect
en ganz und gar nicht aufhalten, sondern nur die listigen Anschläge entdecken,
welche ich Tag und Nacht schmiedete, um den gewissen Auffentalt des Fräuleins
Charlottens zu erfahren. Der Schulmeister, den ich wegen seines schändlichen
Briefes in der ersten Furie den Hals zerbrochen, jedoch wenn ich ihn nur
erstlich bei mir gehabt hätte, wurde nach und nach in meinen Augen und Gedancken
eine vortrefflich nützliche Kreatur, kurtz! ich war auf lauter Streiche bedacht,
durch ihn zu erfahren, wohin man meine andere Seele geschafft hätte, setzte mich
derowegen auf die Post, und richtete meine Reise also ein: dass ich accurat
Freitags Abends in demjenigen Sächsischen Städtgen eintraff, welches nur eine
kleine Meil wegs von des Herrn von V.** Gute entlegen war. Ich hatte mich mit
allen Dingen, welche ich zu Ausführung meines Vorhabens nötig hielt, sehr wohl
versehen, und weiln gewiss versichert war, dass sich der vertrackte Cantor
gemeiniglich des Sonnabends, einen guten halben Tag, in dem Städtgen zu machen
pflegte, wenn er nehmlich den Communicanten Wein von darselbst abholete, und
sich den Rantzen bei solcher Gelegenheit recht voll gutes Stadt-Bier soff, so
verfärbte mein Gesichte so schwartz-braun, als es sich schickte, zog einen
braunen Rock an, setzte eine schwartz-braune liederliche Peruqve über meine
zusammen gebundenen Haare, legte einen grossen Schwedischen Degen auf die
Schulter, und einen grünen Qveer-Sack drüber, band auch einen mit etwas
versilberten Messing beschlagenen Streich-Riemen vorn an die Brust, machte also
eine Figur, wie ein liederlicher Scheer-Knecht oder Barbier-Geselle, ging
Vormittags um 10. Uhr, des halben Wegs, auf diejenige Strasse, wo ich wusste, dass
der Schulmeister von rechts wegen herkommen musste, legte mich hinter ein
Gesträuche, und wartete mit Schmertzen auf dessen Ankunft, war auch um 12. Uhr
so glücklich, denselben zu erblicken, stund derowegen auf, und ging sachte
vorher, weil mir seine Art bekandt, dass er sehr neugierig war, und jederman gern
kennen und ausfragen mochte. Es schlug mir in diesem Stücke nichts fehl, denn er
verdoppelte seine Schritte so lange, biss er mich einholte, auf Befragen: Wer ich
sei, und wo ich hin wollte? Bekam er zur Antwort: Ich sei ein ehrlicher
Barbiers-Geselle, eines Schulmeisters Sohn aus Westphalen, und suchte Condition,
aber in keiner kleinen, sondern in einer grossen Stadt, weiln ich ohngeacht
meiner liederlichen Kleidung etliche 20. Ducaten bei mir hätte, die ich ihm auch
zeigte, und bat: mich in einen Gastoff zu führen, wo ich eine Stube allein
haben könnte. Er erbot sich in allen zu meinen Diensten, zumahl da ich mich
verlauten liess, es müsse heute ein Ducaten in Wein und Biere versoffen werden,
und wenn ich auch den Nacht-Wächter zum Sauff-Bruder herzu ruffen sollte. Allein
der Herr Schulmeister, den ich seit langen Jahren aus- und inwendig, er aber vor
dissmahl mich nicht kannte, versicherte mich, dass es an Compagnons nicht fehlen
würde, und sollte er auch allenfalls selbst einen abgeben, derowegen eileten wir
fort ins Quartier, allwo ich so gleich eine besondere Stube bekam, und zum
Willkommen 6. Maass Wein, so viel Bier, nebst andern Delicatessen, die in der Eil
zu haben waren, herbei bringen liess, die Stuben-Tür abschloss, und mich mit dem
Herrn Schulmeister en deux rechtschaffen lustig machte. So bald ich einen halben
Tummel bei ihm verspürete, rieb ich mein Gesicht mit einen besondern Pulver ab,
liess meine Haare, nach weggeworffener Peruqve, herab fallen, weswegen er mich
augenbilcklich erkandte, und vor Angst nicht wusste, wie ihm geschahe. Allein ich
machte ihm alle ersinnliche Caressen, neñete ihn meinen allerliebsten Freund und
Vater, drückte einen spec. Ducaten in seine Hand, soff den Hansen brav aufs
Leder, machte sein Hertze zur welcken Rübe, und erfuhr endlich, nicht nur meiner
liebsten Charlotte wahrhaften Auffentalt, sondern auch alles andere, was er
von meinen und ihren Affairen vernommen hatte. Hierauf inponirte ich ihm altum
silentium, versprach in zukunft davor weit bessere Erkänntlichkeit zu erzeigen,
und liess ihn durch einen zugegebenen Boten mit aufgehenden Monde, biss vor sein
Haus begleiten.
    Noch selbige Nacht nahm ich eine Extra-Post, und reisete wiederum meinem
Quartier zu, weiln nicht länger als auf 5. oder 6. Tage Uhrlaub genommen hatte,
nunmehro aber, bat auf einen oder 2. Monat Uhrlaub aus, musste jedennoch 14.
Tagen warten, ehe mir abzureisen erlaubt wurde, binnen dieser Zeit, schrieb ich
einen abermahligen Brief an den Herrn von V.** excusirte das, mir so hoch
aufgemutzte Verbrechen, schützte vor: dass es gar nichts unerhörtes sei, wenn ein
Fräulein einen Officier heiratete, der zumahlen die gröste Hoffnung hätte,
durch seinen Degen, sich des Adelichen Standes vollkommen würdig zu machen,
übrigens wollte vor dieses mahl dasjenige Touchement, so mir durch die törichte
Zuschrifft des einfältigen Schulmeisters zugefügt worden, en regard dessen, dass
ich dem Herrn von V.** ganz desondern Respect restire, durch Klugheit
überwinden, mir aber dabei ausbitten: dass von jungen Edelleuten nicht mechant
von mir gesprochen würde, wiedrigenfalls ich mich genötiget sähe, einen oder
den andern auf ein paar Pistolen zu Gaste zu bitten, oder den Injurianten
dergestalt zu prostituiren, dass sich endlich zeigen müste, wer das beste
Adeliche Hertze im Leibe hätte.
    An meinen vielgeliebten Herrn Schulmeister schrieb ich aber einen ganz
andern höchst-verbindlichen Brief, schickte ihm auch noch einen Ducaten, und
bat durch den abgefertigten Expressen, mir nicht allein meinen Coffre zu
senden, sondern über dieses auch noch sonsten schrifftlich zu berichten, was er
etwa damahls vergessen hätte.
    Der Herr von V.** war dennoch so eigensinnig, mir auch auf dieses Schreiben
nicht zu antworten, hingegen schrieb mir der Herr Schulmeister desto
hertzbrechendere Zeilen, jedoch weil nichts remarquables darinnen befindlich,
will voritzo die Zeit menagiren, und selbigen Brief nicht einmal hervor suchen,
sondern nur sagen: dass ich endlich Erlaubnis zum Hinwegreisen erhielt. Ich hatte
biss zu meines Fräuleins Auffentalt 26. Meilen zurück zu legen, die ich
ebenfalls auf der Post antrat, jedoch nicht weiter gehen wollte, biss in die
letzte nächst gelegenste Stadt, ich kam hurtig genug daselbst an, und zwar eben
an einem solennen Jahrmarckts-Tage. Allein wie erschrack ich nicht, da, indem
ich von der Post abstieg, August und Ferdinand ohnfern vor mir vorbei giengen,
jedoch zu guten Glück meiner nicht gewahr wurden. O Himmel! wie geschwind griff
ich nach meiner Büchse, worinnen die vortreffliche Salbe verwahret war, wodurch
man sich in der Geschwindigkeit zum halben Zigeuner machen konnte. Ich folgete
dem Postilion in den Stall, und beschmierete mich unvermerckt so viel als nötig
war an Gesicht und Händen, liess geschwind meinen Coffre abpacken, zohe ein
fahles Kleid an, setzte eine braune gute Peruqve auf, und ging eiligst auf dem
Marckte herum spaziren, allwo mir nach einer halben Stunde mein Fräulein
Charlotte unter etlichen andern Adelichen Dames in die Augen fiel. Vor Freude
und Bekümmernis war ich fast halb todt, jedoch, da sie bald hernach in ein
grosses Gast-Haus giengen, vor welchen ihre Carossen unangespannet stunden,
schlich ich mich gegen über in ein Wein-Haus, forderte Feder und Tinte, hatte
immer ein Auge aufs Fenster, das andere aber aufs Pappier gerichtet, und schrieb
in der Geschwindigkeit ohngefähr folgende Zeilen:
                            Allerschönstes Fräulein.
Euer allergetreuster Verehrer F.L. ist allhier zugegen, und hat bereits das
Glück gehabt, euch als seine Sonne unter andern blossen Sternen von ferne zu
sehen. Lasset ihm wissen, ob er sich noch den Eurigen nennen darff, oder ob
derjenige Sturm, welchen seine Seele, auch entfernet, ebenfalls empfunden, die
Wurtzel der zu ihm getragenen Gunst aus Eurem Hertzen gerissen hat. Ich muss
selbiges zwar nicht ohne Ursache befürchten, kann es aber fast unmöglich glauben,
weil Euer, sonst in allen billigen Sachen beständiges Gemüte, mir jederzeit vor
Augen schwebt. Verkürtzet derowegen meine Quaal und Marter, entdeckt mich
entweder meinem anwesenden Mit-Buhler, der mir den Todt geschworen hat, oder
zeigt mir Gelegenheit, wo, und wann das Vergnügen, Euch in Geheim zu sprechen,
haben kann, der im Post-Hause in verstellter Kleidung auf Antwort wartende
                                                    bekümmert-Verliebte Litzberg
    Geschrieben war der Brief, ich sah auch mein Fräulein nebst andern Dames
gegen über im Fenstern liegen, allein, wie ihr derselbe unvermerckt in die Hände
zu spielen sei, wollte mir gar nicht einfallen. Endlich da sich ohngefähr ein
mässiger Pursche vor mir præsentirte, und allerhand Galanterie-Waaren zum
Verkauffe anbot, merckte ich gleich an seinem ganzen Wesen, dass er ein
durchtriebener Schalck sein müsse, zohe ihn derowegen auf die Seite, kauffte vor
einen Ducaten nötige Waaren, zeigte ihm hernach das im Fenster liegende, sehr
betrübt aussehende Fräulein, und versprach ihm einen spec. Taler zu verehren,
wenn er derselben, ohne dass es andere Leute merckten, diesen Brief einhändigen,
und ihr heimlich zu verstehen geben könnte: so bald es ihr gelegen, Antwort
abzuholen, zu welchem Ende ich ihm denn eine kleine Schreib-Taffel nebst
Bleistifft gab, die er ihr ebenfalls überreichen, zur Losung aber nur die beiden
Buchstaben F.L. schreiben oder reden könnte, so würde sie alsofort mercken, was
es zu bedeuten hätte.
    Der lose Vogel war mehr als zu dreuste, schleicht sich also ganz leise in
dasjenige Zimmer, wo die Adelichen Personen befindlich, zupfft das Fräulein
gelinde beim Ermel, und da sie sich, ohne dass es die andern gewahr werden,
umwendet, gibt er ihr alsofort den Brief so wohl als die Schreib-Taffel, mit
verzweiffelten Gebärden und Augen-Wincken in die Hände, erhält so viel von ihr,
dass sie es stillschweigend verbirget, nachhero legt er seine Waaren aus, da
immittelst Charlotte einen Abtritt nimmt, endlich wieder zurück kömmt, ihm ein
und anderes abkaufft, und die Schreib-Taffel ganz unvermerckt wiederum
zustellet. Selbige brachte er zu meinem grösten Vergnügen eiligst zurück, denn
ich war noch nicht wiederum ins Post-Haus gegangen, sondern wollte nunmehro im
Wein-Hause erstlich abwarten, was ferner passiren würde, fand demnach in der
Schreib-Taffel folgende Antworts-Zeilen:
                                Mein Wertester!
Dieses ist versichert die erste vergnügte Stunde, so ich nach euren genommenen
Abschiede in Halle, wiederum zu empfinden habe. Ihr bleibet, so lange ein Otem
in mir ist, dennoch der Meinige und ich die Eurige, und wenn sich gleich die
ganze Welt darwieder setzte. Seid so gütig, und traget im Post-Hause noch in
etwas Gedult, Morgen mit den allerfrühesten, wird mein Bruder mit seinem
unflätigen Compagnon abreisen, gegen Abend aber sollet ihr von meinem getreuen
Mägdgen fernere mündliche und schrifftliche Nachricht empfangen, Lebet wohl mein
Hertzens-Schatz, ich bin
                                                         eure getreue Charlotte.
Niemahls habe ich einenen spec. Taler mit grössern Vergnügen ausgegeben, als
denjenigen, welchen mein glücklicher Liebes-Courier, nehmlich der Galanterie
-Händler, itzo von mir empfieng, so lange aber meiner Augen höchst ergötzliche
Weide, sich noch am Fenster blicken liess, ging ich nicht von der Stelle,
sondern wartete so lange im Wein-Hause, biss sie sich endlich in den Wagen
setzte, und davon fuhr, da ich denn wiederum zurück ins Post-Haus ging, und
meine Zeit mit verliebter Sehnsucht so lange vertrieb: biss folgenden Tages fast
gegen Abend Charlottens Getreue mir folgende Zeilen überbrachte:
                                 Mein Liebster!
Folget der Uberbringerin dieses, meinem getreuen Mägdgen ohne Scheu an
denjenigen Ort, wo sie euch hinführet, damit ich das Vergnügen habe, euch auf
einige Stunden zu sprechen. Nehmet mir immittelst nicht ungütig, dass voritzo
nicht weitläufftiger geschrieben, denn eine gute Freundin hat mich auch bei
nächtlicher Weile, an dieser mir sonst höchst ergötzlichen Arbeit verhindert.
Meine Peiniger sind fort. Adieu mon coeur.
    Dieser angenehmen Ordre schuldige Folge zu leisten, begab ich mich mit
herein brechender Abend-Demmerung, nebst meiner Führerin, auf den Weg, und
wurde, nachdem wir eine starcke Stunde Wegs zurück gelegt, durch einen
Bauern-Garten in ein dergleichen Haus geführet, woselbst mich ein alter 70.
jähriger Mann nebst einer, vielleicht um sehr wenig Jahre jüngern Bauer-Frau,
nach ihrer Art sehr höflich und freundlich bewillkommeten. Mein englisches
Fräulein stellete sich um die Mitternachts-Zeit auch daselbst ein, fuhr aber
entsetzlich zusammen, da sie von mir, als einem Zigeuner ähnlichen,
schwartz-braunen Peruqven-Hanse, empfangen wurde. Jedoch ich liess sie nicht
lange in dieser Verwirrung stecken, sondern, war bemühet durch die Krafft meines
Pulvers, und etwas warmen Wassers, meine natürliche Gestalt herzustellen, welche
nach abgelegter Peruqve, ein unzweiffelhaftes Attestat von meinen eigenen
Haaren empfieng.
    Wir belachten hierauf diesen Spaass eine kurtze Zeit, liessen die alten Leute
immerhin bei den Gedancken: dass ich mehr als Brod fressen könnte, und fiengen
hernach in ihrer Gegenwart unsern Discours in Frantzösischer Sprache an:
Dergestalt erfuhr ich nun, dass unser geheimes Liebes-Verständnis, durch niemand
anders als durch Charlottens eigenen Bruder entdeckt und ausgebreitet worden,
denn dieser liederliche Wildfang, hatte einsmahls durch einen Ritz in
Charlottens Stube geguckt, und observiret: dass dieselbe mit weinenden Augen,
einige, aus ihrem Chattoull hervor gelangte Briefe gelesen, hernachmahls selbige
verschiedene mahl geküsset und wiederum aufs sorgfältigste verwahret hatte. Da
nun Ferdinand gleichfalls ein Zeuge darvon gewesen, gehen sie mit einander zu
rate, und erbrechen nachhero einsmahls unter der Kirche Charlottens Stube und
Chatoull, finden alle meine Briefe nebst den meisten Concepten ihrer Antwort,
und zeigen dieselben, um Charlotten nur recht zu prostituiren, erstlich allen
Leuten, und auf die letzte auch dem Herrn von V.**
    Was die gute Charlotte dieserwegen vor Verdruss und Qvaal ausstehen müssen,
und wie es über mich armen Schöps hergegangen, ist leichter zu vermuten als zu
erzählen. Ferdinand, dessen Liebe dieserwegen dennoch nicht verschwindet,
sondern um so viel desto mehr Nahrung empfängt, weil er nunmehro versichert ist,
dass Charlotte gar wohl lieben kann, wenn sie nur will, vermeint bei solchen
Umständen im trüben zu fischen, und es dahin zu bringen: dass Charlottens
Ausschweiffung, (wo es anders menschlicher weise also zu nennen) sich mit seinen
groben Schand-Flecken compensiren soll. Allein diese fasset einen Helden-Mut,
und saget franchement heraus: dass sie 1000. mahl eher einen gemeinen Musquetier
von guter Conduite, als einen solchen Edelmann heiraten wolle, der sich mit
allen Vieh-Mägden auf dem Miste herum geweltzt, und so viel Hur-Kinder zu
ernähren hätte, dass in zukunft seine Korn- und Wäitzen-Erndte nicht einmal
hinlänglich sein würde, selbigen die veraccordirten Mund-Portiones zu reichen.
    Der Herr von V.** fasset sich dieses einiger massen zu Hertzen, und weil er
Charlotten, von Jugend auf nicht viel geringer als seine eigene Kinder geliebt,
erlaubt er zwar, dass sich Ferdinand weiter um sie bemühen möchte, gibt aber
anbei zu verstehen: dass er das Fräulein zu keiner Heirat zwingen, jedennoch
auch bei seinen Lebzeiten nicht erlauben wollte, dass sie mich, oder einen andern,
der nicht Adeliches Herkommens sei, zum Manne bekommen sollte.
    Solcher gestalt wird die liebe Charlotte auf allen Seiten, und zwar von
ihren leiblichen Bruder am meisten geplagt, biss endlich die Zeitung von dem
Rück-March der Sächsischen Trouppen einläufft. Mein Avancement ist ihnen
allerseits schon bekandt, derowegen befürchten sie nicht ohne Ursache, dass es
Händel setzen möchte, schaffen also Charlotten bei Zeiten weiter fort, zu einer
ihrer Anverwandten im Anhältischen. Allein die guten Leute hatten doch ihre
Sachen nicht klug genug angestellet, weil ich, wie bereits gemeldet worden, gar
bald alles auskundschafte. Ferdinand und August die man vor ein paar veritable
Krippen-Reuter und Schmarotzer halten konnte, hatten einmal patroulliren und
erkundigen wollen, ob Charlotte etwas ferneres von mir vernommen, oder ob ich
mich etwa um selbige Gegend gezeiget, ihr auch vorgeschwatzt, ich hätte
Regiments-Gelder angegriffen, und wäre mir dieserwegen der Degen, vom
Stecken-Knecht vor dem Knie zerbrochen, um die Ohren geschlagen, ich also als
ein Schelm vom Regiment verjagt worden, allein sie kommen in allen Stücken
blind, Litzberg aber hatte das Vergnügen, damahls und nachhero seine Feinde
öffentlich zu schanden zu machen, denn mein, von dem General eigenhändig
unterschriebener Reise-Pass, konnte dissmahl Charlotten, mein Degen und Pistolen
aber weiterhin allen andern das Gegenteil zeigen.
    Auf solche Art wurde die Zeit unserer ersten Wiederzusammenkunft, mit
lauter ernstaften Gesprächen verbracht, doch weil ich meinen getreuen Engel
umständig bat, mir wenigstens noch zweimahl an selbigen Orte eine Nacht Visite
zu gönnen, um unsere fernern Anstalten zu überlegen, hatte ich dennoch die
erwünschte Lust, auf ihren Rosen-Lippen die meinigen zu weiden, ausser diesen
aber wurde von beiden Teilen die strengste Keuschheit observirt, denn Charlotte
hatte in Wahrheit ein vollkommen Tugendhaftes Gemüte, und ich hätte lieber
sterben, als mich mit dem geringsten Zeichen der Geilheit bei ihr verdächtig
machen wollen. Unsere Abrede war demnach diese: dass ich sehr fleissig an sie
schreiben, jedoch den Titul des Briefs an ein ganz unbekandtes Fräulein machen,
die Briefe auch ohne Scheu an den Post-Meister des nächstgelegenen Städtgens
addressiren, ihm aber nichts darvon melden sollte, weil sie bereit sei, um
besserer Sicherheit willen, diesen Mann selbst auf ihre Seite zu ziehen, und ihm
einzubilden: dass ihrer Baasen eine, ein Geheimes Liebes-Verständnis mit einem
gewissen Cavallier hätte, worinnen Charlotte Unterhändlerin wäre. Mit dem
veränderten Nahmen und Petschaften, nahmen wir auch indessen völlige Abrede,
und nachdem sie mir abermals 100. Tlr. baar Geld offerirt, ich aber selbiges
ohne dringende Not nicht annehmen wollte, hingegen ihr eine, in Pohlen erbeutete
goldene Uhr, nebst einem kostbaren Diamantenen Creutze einhändigte, wurde, um
keinen besorglichen Verdacht zu erwecken, mit Endigung der dritten Nacht-Visite
der Abschied gemacht. Die guten ehrlichen Bauers-Leute empfingen von mir, vor
ihre gehabte Beschwerlichkeit, einen Ducaten, und also reisete ich per Posto
wiederum in mein Stand-Quartier.
    Ich mercke, verfolgete hierbei Mons. Litzberg seine Rede, dass ich meine
Liebes-Händel ihnen, meine Herrn, vielleicht zum Verdruss etwas zu weit ausdehne,
jedoch ich werde mich im Rest derselben desto mehr auf die Kürtze befleissigen,
woferne dieselben sich bemühen wollen, mir noch ein halbes Stündgen zuzuhören.
Der Alt-Vater Albertus versetzte hierauf: Mons. Litzberg! ihr macht mir diesen
Abend eine besondere Ergötzlichkeit, ich gestehe, dass dergleichen Geschicht bei
eurer so sehr stillen Gemüts-Art nicht gesucht hätte, nunmehro aber habt die
Güte fortzufahren, denn mich gelüstet das Ende abzuwarten, sollte ich auch einen
Exzess begehen, und vor anbrechenden Tage nicht schlaffen, denn ich bin heute
ohnedem ausserordentlich munter. Ich werde, replicirte Mons. Litzberg, dennoch
von nun an allen Exzess zu verhüten suchen, jedoch in meinem Fortsatze nicht zu
viel, auch nicht zu wenig tun. Demnach fuhr er also fort:
    Das Glücke favorisirte mir in so weit, dass ich zu Ende des 1717 den Jahres
den Lieutenants-Platz erhielt, wie ich denn auch durch meine wenige
Wissenschaft in der Matesi allein, mir nicht nur einigt vornehme Gönner,
sondern in kurtzen auf die 300. Tlr. erwarb, also um Ostern 1718. ein Capital
von 800. Tlr. baar beisammen, und meine Eqvippage ohne diss, in vollkommen guten
Stand gesetzt hatte. Mitlerweile ging die Correspondenz mit meinem liebsten
Fräulein nach Wunsche von statten, da ich aber eben im Begriff war, eine frische
Reise zu ihr vorzunehmen, lieff die ängstliche Nachricht von derselben ein,
wasmassen der Herr von V.** einen Cavalier, Nahmens A.W.v.P.** als Bräutigam zu
ihr gebracht, und weil sie selbigen zu verwerffen, keine erhebliche Ursachen
vorbringen können, wäre sie gezwungen worden: sich mit ihm zu verloben, doch auf
solche Art, dass ihr Vormund, ihre Hand mit Gewalt in des Cavaliers Hand gelegt,
und da sie sich geweigert, das Ja-Wort zu geben, er an statt ihrer Ja gesagt
hätte. Binnen 14. Tagen sollte sie demnach wieder zurück auf des Herrn v.V.**
Güter geholet werden, wollte ich also sie nicht auf ewig verliehren; müste ich
eiligste Anstalten zu ihrer Entführung machen.
    Bei solchen Umständen war nun nicht lange zu zaudern, derowegen setzte mich
nebst meinem Bedienten noch selbigen Abends, ohne Uhrlaub und alles, zu Pferde,
und jagte binnen drittehalb Tagen, ohne gewechselte Pferde, zu dem, Charlotten
sehr getreuen Post-Meister. Darauf folgende Nacht, machte ich Anstalten: dass
meine Charlotte von meiner Anwesenheit Nachricht bekam, wir sprachen einander in
der andern Nacht, nahmen Abrede, wie wir unsere Sachen aufs klügste einfädeln
wollten; in der dritten Nacht aber die Flucht, weil ich ohnweit von dem Dorffe
eine Extra-Post bestellet, und so wohl meine als ihre Sachen darauf geschafft
harte. Es ging alles, gebrauchter Vorsicht nach, glücklich von statten, und ich
brachte vermittelst verschiedener Extra-Posten meine Geliebte glücklich zu
meines Vaters Schwester-Manne dem oben-erwähnten Sekretario, selbiger hatte die
Beschaffenheit des ganzen Handels kaum uberlegt, da er uns nebst andern klugen
Vorstellungen, den nicht unebenen Rat gab, eine Reise an einen sichern Ort zu
tun, und uns daselbst von einem Römisch-Catolischen Priester copuliren zu
lassen, weil, wegen des allzu scharffen Verbots kein Luterischer solches wagen
dürffte, mitin würde solcher gestalt der gröste Scrupel gehoben, und wegen des
übrigen könnte mit der Zeit schon ein Vergleich, zwischen den Hoch-Adelichen
eigensinnigen Befreundten, getroffen werden.
    Ach wollte GOtt! meine Charlotte hätte sich entschliessen können, diesem
gegebenen Rate zu folgen, allein sie war nicht zu erweichen, sondern schützte
vor: Nunmehro da ich dem Herrn von V.** Trotz dieten, und seinen Conses mit
Gewalt zu erlangen, mich getrösten könnte, dörffte ich mich ja nur bemühen, ihn
aus falschen Hertzen und verstellter Submission, zu meinem Willen zu disponiren.
Solchergestalt verführen wir, ihrer Meinung nach, ordentlich, hätten vielleicht
keine scrupulöse Copulation nötig, konten auf dessen Verweigerung dennoch tun
was wir wollten; zumahlen da sie sich in stiller Sicherheit befände, und so zu
sagen, unmöglich ausgeforscht werden könnte.
    Ich sah mich gezwungen, meiner Gebieterin zu gehorsamen, reisete derowegen
in das, ohnweit des Herrn von V.** gelegene Städtgen, suchte von daraus durch
Briefe, und einen abgeschickten sehr klugen Advocaten, zu tractiren, jedoch es
war in allen Stücken Hopffen und Maltz verloren, an statt der Antwort liess man
mir die schändlichsten Injurien sagen, von welchen mich nichts ärger verdross,
als dass ich ein Bettler, barmhertziger Officier und Fräuleins-Räuber wäre, oder
doch zum wenigsten den Spitz-Buben Geld gegeben hätte, das Fräulein Charlotte zu
entführen. Ja Ferdinand hatte in Gegenwart des Cavaliers Herrn von P.** und
verschiedener anderer von Adel dennoch behaupten wollen: Ich wäre cum infamia
von dem Regiment verjagt worden. Nun war zwar P.** noch so klug gewesen, in
diesem Stücke das Gegenteil zu erweisen, jedennoch desto unbesonnener meinen
Stand und Wesen aufs allerverächtlichste durchzuhecheln, und weiln mir solches
gleich andern Tages von andern vernünftigen Edelleuten, die sich ein Plaisir
aus meinen Umgange machten, gesteckt wurde; setzte ich so gleich ein Cartell
auf, welches ich mutatis mutandis eigenhändig schrieb und unterschriebe, einem
jeden von diesen beiden, durch zwei junge Cavaliers überschickte, die sich
selbst nicht allein zu Uberbringern, sondern auch zu meinen Secundanten
erboten:
                              Verwegene Massette,
So bald ich vernommen, dass deine canailleuse Zunge, meine Renommeé aufs
allerempfindlichste angetastet, hat meine Hand die Feder ergriffen, dir zu
vermelden: wie ich die Auslegung deiner schelmischen Worte nicht anders als
durch den raisonanz des Degens oder der Pistolen zu hören und zu sehen verlange.
Hastu demnach nur etwa ein halbes Quentlein Adeliches Blut im Leibe, woran aber
nicht ohne Ursache zu zweiffeln ist, so zeige dich Morgen frühe um 4. Uhr auf
dem - - - Platze, allwo einen Cujon nach dem andern abzufertigen, oder aus Liebe
zu der englischen Charlotte, sein Leben zu lassen, gesonnen ist
                                              der Lieutenant Friedrich Litzberg.
    Folgenden Morgen machte ich mich also nebst zweien Secundanten und eben so
viel Adelichen Zuschauern auf, traff an statt des von P.** welcher schon
verreiset gewesen, Charlottens Bruder Augustum an, der sich zu seiner Lust den
Degen erkiesete, Ferdinand hingegen bezeugte Appetit Kugeln zu wechseln. Es
wurde demnach wenig Federlesens gemacht, sondern August, welcher sein Heil am
ersten versuchen wollte, wurde mit einem sehr gefährlichen Stiche in die Seite
bezahlt, Ferdinand aber erstickte an meiner zweiten Pistolen-Kugel, weil ihm
dieselbe accurat über der Brust die Lufft-Röhre abgerissen hatte. Diesem nach
hielt ich nicht vor ratsam, länger in dieser Gegend zu verweilen, sondern
beschleunigte meine Reise, um Charlotten meine Begebenheiten selber mündlich
zu hinterbringen, war aber 4. Tage hernach so unglücklich mit dem Pferde zu
stürtzen, und die Rippen der lincken Seite dermassen anzuscheuern, dass ich vor
grausamen Seitenstechen und Schmertzen auf keiner Stätte liegen bleiben,
vielweniger das Reisen fortsetzen konnte, hergegen 4. volle Wochen auf meine Cur
wenden musste. Meine zwei Secundanten, welches ein paar junge hertzhafte
Sächsische Edelleute waren, verliessen mich nicht in dieser Not, sondern
blieben bei mir, biss ich mich völlig curiert, wiederum auf den Weg machen konnte,
reiseten auch mit biss zu meinem Vetter, allwo ich Charlotten ohnfehlbar noch
anzutreffen vermeinte. Allein zu meiner allergrösten Bestürtzung musste
erfahren: dass der Herr von V.** Charlottens Auffentalt ausgekundschaft, dero
Auslieferung von dem regierenden Landes-Herrn durch untertänigste Vorstellungen
erhalten, und endlich den Cavalier P.** abgeschickt hätte, seinen kostbarn
Schatz abzuholen, und zu führen, wohin ihm beliebte. Dieser wäre nun auch
allererst gestern Mittags, auf einen commoden Wagen, in aller Sicherheit davon
gefahren, weiln er leichtlich mutmassen können, dass, da ich seiner Meinung nach
Land-flüchtig werden müssen, ihm sonst niemand Verdruss machen würde. Zu meinem
vermeinten grösten Glücke, fand sich jemand, der mir seine erwehlte Strasse mit
Anführung glaubhafter Umstände sehr klüglich bezeichnete, derowegen setzte
mich, ohne den Rat meines Vettern anzuhören, nebst meinen beiden Compagnons,
die so wohl als ich junge Wagehälse waren, eiligst wiederum zu Pferde, ritten
fort, nahmen, um Tag und Nacht hindurch desto besser nachzueilen, aller Orten
frische Pferde, und erreichten endlich am 5ten Tage, auf dem Hessischen Grunde
und Boden, den Wagen, worinnen Charlotte bei dem von P.**, ihr Mägdgen aber
rückwerts sass. Ich hiess dem Kutscher stille halten, und rieff: Heraus aus dem
Wagen, Mons. von P.**, und überlasset mir meine Braut, mit welcher ich seit
längerer Zeit verlobet bin, oder greifft zum wenigsten nach euren Pistolen. Nun
ritten zwar drei Hand-feste Kerls hinter dem Wagen her, allein meine Compagnons
und die Diener hatten ein scharffes Auge auf ihre Bewegung. Der von P.** aber
sprach zu Charlotten: Mein Engel, kennen sie diesen Herrn? Warum nicht?
antwortete Dieselbe, es ist ja wirklich mein Schatz, mein Lieutenant Litzberg.
Hierauf sprung er aus dem Wagen, und sagte: Ha! ha! Monsieur, so ists doch wohl
billig, dass wir um die Braut tantzen, stieg hiermit auf sein Reit-Pferd, welches
ein Kerl an der Hand führete, ergriff seine Pistolen, und streiffte auf den
ersten Schuss, meinen lincken Arm mit einer blutigen Wunde, ich hingegen traff
ihn, indem sich sein Pferd etwas ungeschickt wendete, durch den hohlen Leib
dermassen: dass er an seinen baldigen Tode zu zweiffeln, wenig Ursach haben
mochte. Dem ohngeacht hatte der verzweiffelte Mensch noch die Macht, sein
anderes Pistol zu spannen, womit er schändlicher weise auf Charlotten zielete,
und diesen irrdischen Engel augenblicklich eine Kugel durch die rechte Brust
jagte, wovon sie sogleich ohnmächtig vor sich nieder auf ihr Mägdgen fiel. Der
von P.**, indem er seinen Leuten zurieff: Schiesset zu! gebt Feuer! rächet
meinen Todt! sanck ebenfalls vom Pferde herunter, jedoch von seinen Leuten
unterstund sich kein eintziger, eine Hand aufzuheben, ihre Pistolen aber liessen
sie ohne eintzige Widerrede von meinen Leuten ab- und in die Lufft schiessen,
auch die Steine abschrauben, da ich mittlerweile die in jämmerlichen Zustande
befindliche Charlotte, mit Beihülffe ihres Mägdgens, wiederum dahin brachte, dass
sie ihren Mund und Augen öffnete, und mich mit diesen kläglichen Worten
anredete: Ich sterbe, mein Litzberg! und zwar durch Mörders Hand, GOtt hat nicht
gewolt, dass unsere Leiber also wie die Gemüter sollen vereinigt werden,
derowegen fasset euch mit Gedult. Habet Danck vor eure getreue Liebe, nehmet
diese Stücke zurück, dass sie nicht in andere Hände kommen. Und hiermit zohe sie
alle ihre Ringe von den Fingern, band das Diamant-Creutz vom Halse, langete die
goldene Uhr, wie auch ihren Coffre-Schlüssel hervor, welchen letztern sie ihrem
Mägdgen gab, mit dem Befehle, ihre rote gestickte Sammet-Tasche aus dem Coffre
zu langen, welches denn augenblicklich geschahe, und also überreichte mir das
getreue Hertze nebst vorerwähnten Kostbarkeiten, auch diese Tasche, worinnen
etliche Kleinodien nebst 56. spec. Ducaten stacken, mit folgender Ansprache:
Kräncket mich nicht, mein Engel! mit Verschmähung dieser Kleinigkeiten, welche
ich in keinen andern als euern Händen wissen will, zu meinem Begräbnis und vor
meine Getreue, wird sich noch hinlängliches Geld und Geldes wert in meinem
Coffre finden. Lebet wohl und gedencket zuweilen an eure getreue Charlotte, die
euch biss in den Todt vollkommen keusch geliebt hat. Ich vermeinte bei diesen
letztern Worten gäntzlich in Verzweiffelung zu fallen, nahm auch Dinge vor, die
man sonsten wohl bei rasenden Personen, aber an keinem Christen wahrzunehmen
pfleget. Da nun hierauf Charlotte mich um GOttes, ihrer Seelen-Seligkeit und
getreuer Liebe wegen bat, dieses unglückliche Verhängnis mit besserer
Standhaftigkeit zu ertragen, ihre Schmertzen nicht zu vergrössern, sondern die
noch wenigen Augenblicke über, so sie noch zu leben hätte, ihr einige Ruhe zu
gönnen, damit sie sich in ihren Hertzen mit GOtt versöhnen und zum seeligen
Sterben anschicken könnte, wollte ich Anstalt machen, sie an den nächsten Ort
führen zu lassen; allein sie verlangte: dass wir ihr aus dem Wagen, unter einen
schattigen Baum verhelffen sollten, allwo sie ein wenig ausgestreckt liegen
könnte, wie nun dieses geschehen, und ich ihr Haupt auf meinen Schoss gelegt, sie
aber eine gute halbe Stunde in stillen und eiffrigen Gebet zugebracht hatte,
fieng sie aufs heftigste an Blut auszubrechen, und gab bald darauf mit fest
zusammen gefaltenen Händen ihren Tugendhaft Geist auf.
    Biss hieher hatte sich Mons. Litzberg bei Erzehlung seines jämmerlichen
Zufalls, ungemein standhaft erzeigt, nunmehro aber traten die Tränen auf
einmal plötzlich in seine Augen, so, dass er ziemlich lange inne halten, und
unser aller Weichhertzigkeit ebenfalls gewahr werden musste, ehe er sein Gespräch
also fortsetzen konnte.
    Sie werden, meine Herrn, ohne schwer selbst begreiffen, wie mir elenden und
alles Trosts unfähigen Menschen zu Mute gewesen, derowegen will nichts davon
gedencken. Der von P.** hatte sich einige Minuten eher als meine Charlotte
verblutet, mitin zugleich die Bitterkeit des zeitlichen Todes überstanden, ob
ihm vor seinem Ende diese verdammte Mordtat gereuet hat: weiss ich nicht, denn
ich habe weiter kein Wort aus seinem Munde gehört, doch soll er zu seinem
Diener, der ihm die Wunde zustopffen wollen, gesagt haben: Lass mich in Ruhe, es
ist alles umsonst, ich muss sterben.
    Ich vor meine Person, wollte durchaus den entseelten Cörper meiner hertzlich
Geliebten in das nächste Dorff oder Stadt begleiten, und daselbst zur Erden
bestatten lassen; Allein meine zwei Compagnons wandten allen Fleiss an, mich
daran zu verhindern, vielmehr zur schleunigen Flucht zu bereden, selbst die
Diener meines entleibten Mit-Buhlers sagten: Ach Monsieur! rettet in GOttes
Nahmen euer Leben mit der Flucht, denn uns wird mit eurem Blute wenig gedienet
sein, bekommt man euch in hiesigen Landen einmal in Arrest, so siehts um euren
Kopff gefährlich aus. Endlich kam ich mit grosser Mühe zu einigen Verstande,
zohe das Mägdgen meiner seeligen Liebste auf die Seite, und gab derselben ein
und andere verwirrte Ratschläge, bat sie, wenn ihrer Gebieterin der letzte
Liebes-Dienst geleistet worden, bei meinem Vetter Rapport von ihren
Verrichtungen abzustatten, küssete den erblasseten Mund und Hände meines
liebsten Engels noch zu guter letzt unzählige mahl, setzte mich hernach auf
inständiges Anhalten nebst meinen Compagnons zu Pferde, und suchte aufs eiligste
über die Gräntzen dieses mir höchst fatalen Ländgens zu kommen.
    Wir hielten uns ohne die äusserste Not in keinem Quartiere sehr lange auf,
biss endlich die berühmte Stadt Strassburg erreicht war. Von hier aus schrieb ich
an meinen Vetter den Sekretarium, berichtete demselben das mir zugestossene
Unglück mit behörigen Umständen, und bat, so ferne meiner seeligen Fräulein
Bediente bei ihm angelanget, mir ihren abgestatteten Rapport aufs eiligste zu
überschreiben, weil ich an ermeldten Orte biss zu Einlauff seiner Antwort
verziehen wollte. Vier Wochen hernach bekam ich also sein Antworts-Schreiben, und
erfuhr, dass kein Mägdgen zu ihm gekommen, sondern dieselbe vermutlich des
nächsten Wegs nach ihrer Heimat gereiset wäre, immittelst hätte er so viel
vernommen, dass so wohl mein seel. Fräulein als der Cörper des entleibten von
P.** in eine kleine Dorff-Kirche, vor den Altar nahe beisammen begraben worden,
welches Glück ich dem Stöhrer meines Vergnügens durchaus nicht gönnete, und
solches dennoch leiden musste. Im übrigen hatte mein Vetter ausgekundschaft, dass
meine Angelegenheiten beim Regiment auf sehr schlimmen Fusse stünden, fintemahl
ich ohne Uhrlaub hinweg gereiset, und über dieses dergleichen blutige Tragoedien
angestifftet hätte. Demnach wäre sein getreuer Rat, dass ich die Sächsischen,
Brandenburgischen, Anhältischen und angräntzende Länder gutwillig vermeiden, ja
viel lieber mein Glück ausserhalb des Römischen Reichs suchen, und die zurück
gelassenen Sachen nur immer vergessen möchte.
    Dieser Rat war bei so gestalten Sachen wohl der beste, derowegen nahm von
meinen beiden Compagnons, welche sich zurück in Käyserliche Guarnisons-Dienste
begeben wollten, Abschied, und reisete mit meinem Diener nach Paris, allwo ich
denselben bei einem vornehmen Teutschen Herrn als Laqvei anbrachte, mich auch
selber in dessen Dienste en qualité eines Reise-Sekretarii begab. Dieser mein
neuer Herr war im Begriff, incognito frembde Länder zu besehen, wannenhero ich
das Glück hatte, bei solcher Gelegenheit von seiner Curiositée zu profitiren,
und sonsten wenig andere Arbeit zu haben, als seine Rechnungen über Einnahme und
Ausgabe, ingleichen ein accurates Journal über alles dasjenige, was uns
remarquable vorkam, zu führen. Wir besahen demnach erstlich Franckreich, hernach
Italien, Spanien, Portugall, Engelland, und letztlich die Spanischen
Niederlande. Es sind gewisslich in allen diesen Ländern, verschiedene teils
angenehme, teils verdrüssliche Begebenheiten aufzuzeichnen vorgekommen, wie denn
mein eigenes vor mich geführtes Journal solches mit mehrern besaget, jedoch ich
werde in zukunft bei Gelegenheit, solches Stückweise communiciren, und voritzo
nur zum Schlusse meiner heutigen Erzehlen eilen.
    Diesemnach muss ich melden, wie mein vornehmer Principal, nach Besehung der
besten Städte in Holland, Braband und Flandern, seine Retour antreten wollte, ich
ganz untertänigst um meine Dimission bat. Nun wusste er zwar wohl die Ursach,
warum ich mich nicht wiederum nach Teutschland wagen wollte, versprach derowegen,
seinen eignen Credit und Kosten anzuwenden, mir alle Sicherheit zu verschaffen,
und die vielleicht ohnedem mehrenteils vergessenen Händel gäntzlich beizulegen,
allein der Teutsche, vor mich unglückseelige Boden, war mir ein vor allemahl
höchst zum Eckel worden, und weil ich ausserdem, seit dem Absterben meiner
Geliebten keine rechtschaffen fröliche Stunde gehabt, machte ich mir die
Vorstellung, dass sich mein stilles Wesen endlich wohl gar in eine würckliche
Melancholie verwandeln könnte, wenn ich den Tummel-Platz meines widerwärtigen
Glücks aufs neue beträte. Solcher gestalt bekam ich, nebst meinem honorablen
Abschiede, eine Summe von 400. Tlr. teils verdienten, teils geschenckten
Geldes, mit welchen ich mich auf die Reise machte, annoch die beiden Nordischen
Kronen, nehmlich Dännemarck und Schweden zu sehen, und zu versuchen: ob ich
unter deren Schatten etwa eine Kühlung, meiner annoch beständigen Schmertzen
finden könnte. Im Junio des 1722ten Jahres kam ich also in Coppenhagen an, allwo
ich mich auf dem neuen Königs-Marckte einlogirte, doch in wenig Tagen bei einem
berühmten Matematico bekandt und in sein Haus genommen wurde; dessen 15.
jährigen Sohn in der Französischen Sprache, wie nicht weniger in der künstlichen
Zeichnung, privatim zu informiren. Weiln sich nun in kurtzen noch einige andere
Scholairs darzu fanden, konnte ich ohne die Kost und andere Bequemlichkeit, bloss
durch das informiren jährlich fast mehr als 150. Tlr. verdienen. Uber dieses
hatte noch Zeit genung übrig, auf dasiger Universität meine ziemlich verwelckten
Studia in etwas wiederum zu erfrischen, und mir die vortreffliche publique
Bibliothek, worinnen ich sonderlich des berühmten Matematici Tychonis de Brahe
und anderer Matematicorum Bücher fleissig durchsuchte, gar sehr zu Nutze zu
machen. Selbige ist in einem runden Turme verwahret, auf welchen man von unten
an biss oben aus, mit Wagen und Pferden fahren kann. Der Eingang in die Bibliothek
aber ist wöchentlich zweimahl erlaubt. So lange ich frei und ungebunden leben
konnte, war mein Sinn noch ziemlicher massen vergnügt, ohne wenn ich dann und
wann mit den Gedancken auf meine Hertzkränckende Avanturen verfiel, und mich
nicht selten ganze Nächte, mit dergleichen melancholischen Grillen herum
schlug. Allein, so bald mir einige nicht übelgesinnete Freunde, das Seil über
die Hörner werffen, und mich durch die Heirat mit einer von meines Patrons
Töchtern in ein gar honorables und austrägliches Amt ziehen wollten; vergieng mir
auf einmal alle Lust, länger in Coppenhagen zu bleiben, nahm dannenhero
plötzlich Abschied, und war gesinnet, nach Stockholm zu reisen, allein, wie ich
nachhero erwogen, musste ich mich durch den Schluss des unergründlichen
Verhängnisses, zu meinen nachherigen grösten Vergnügen, von einem guten Freunde,
ich weiss aber selbst nicht warum, ganz leicht bereden lassen: mit ihm über
Lübeck, abermals eine Reise nach Amsterdam anzutreten, welche schöne Stadt ich
doch schon vor 3. Jahren gesehen hatte. Dieser gute Freund ist niemand anders
als Mons. Plager gewesen, als mit welchem ich, wegen seiner besondern
Geschicklichkeit in Verfertigung Matematischer Instrumente seit 2. Jahren her
eine genaue Freundschaft errichtet hatte. Unterwegs, nehmlich in Lübeck,
gerieten wir als Passagiers in einige Bekandtschaft mit dem Herrn Capitain
Wolffgang, und setzten die weitere Reise in seiner vergnügenden Gesellschaft
fort, nachdem er aber uns, ein und anderes von seinen curieusen Avanturen, und
wir im gegenteil, ihm das meiste von unsern biss daherigen Lebens-Laüfften
erzählt, tat er uns endlich mit guter Manier den Vortrag: dass, weil wir
beiderseits wenig Vergnügen in Europa zu finden vermeinten, würde kein besserer
Rat sein, als in seiner Gesellschaft die Reise in ein ander Welt-Teil
vorzunehmen, kämen wir glücklich an denjegen Ort, wohin er gedächte, so möchten
wir uns binnen 2. oder 3. Jahren entweder zum beständigen Dableiben, oder da
solches nicht beliebig, zur Rück-Reise resolviren, und vollkommen versichert
sein, dass er einem jeden, vor jedes Jahr 1000. Tlr. baar Geld geben, und zwar
ohne das, was wir selbst erwerben könten, auch die freie Rückreise befördern
wollte.
    Ich kann nicht läugnen, dass Mons. Plagern und mir dergleichen profitable
Promessen anfänglich etwas verdächtig vorkamen; wir baten uns also Zeit zur
Uberlegung aus, und endlich da Mons. Wolffgang unser Verständnis etwas besser
öffnete, sein redliches Gesichte auch eine sattsame Caution gegen alles
Misstrauen stellete, wurde der Handel völlig geschlossen, ehe wir noch nach
Amsterdam kamen.
    Hieselbst legten Plager und ich ausser denen 1000. Ducaten, die uns Mons.
Wolffgang zu Erkauffung allerlei Kunst- und Handwercks-Zeuges auszahlete, unser
meistes Vermögen an eben dergleichen, wie auch an nützliche Bücher und andere
notdürfftige Sachen, welche so wohl als unsere Personen auf dieser schönen
Insul glücklich angekommen sind.
    Nunmehro dancke ich dem Himmel, allen meinen gegenwärtigen Wohltätern und
guten Freunden aus treuem Hertzen und von Grunde meiner Seelen vor das bisher
und noch jetzo geniessende Vergnügen. Ich schwere, dass mein Hertz vollkommene
Zufriedenheit empfunden, so bald ich dieses gesegnete Erdreich betreten habe,
von welchen mich, ob GOtt will, weder zeitliche Ehre, Wollust, Reichtum, oder
was nur angenehmes genennet werden kann, hinweg, und in ein ander Land reitzen
soll. Ich habe nach dem kläglichen Abschiede von dem Cörper meiner seeligen
Charlotte ganz ein ander Leben angefangen, mein Dichten und Trachten auf
beständige wahre Busse gerichtet, stehe auch, GOtt Lob, noch täglich darinnen,
und zweiffele nicht im geringsten an Göttlicher Vergebung der grossen Sünden und
Fehler meiner Jugend. Andere Specialia von meiner heutigen summarischen, jedoch
ziemlich lange gewährten Erzehlung, werde, wie schon gemeldet, zu anderer Zeit
kund zu machen Gelegenheit haben, vorjetzo aber schliesse dieselbe mit meinem
jederzeit im Hertzen tragenden Gedenck-Spruche:
O quam fausta viro labuntur sidera, tali,
Qui tempestivis crimina delet aquis!
Wie glücklich steht es nicht um einen solchen Mann,
Der seine Sünden läst, wenn er noch sünd'gen kann!
                                     * * *
Wir danckten allerseits dem guten Mons. Litzberg, vor das, durch seine mühsame
Erzehlung, uns gemachte Vergnügen, wünschten ihm in folgenden Lebens-Jahren alle
erspriessliche Gemüts- und Leibes Ruhe, wollten hierauff von Herrn Wolffgangen
und seiner geliebten Wöchnerin Abschied nehmen, und auf die Burg zurück fahren,
allein dieselben hatten so wohl vor den Altvater als vor uns, in einem andern
Gemache, das trefflichste Nacht-Lager zubereiten lassen; weswegen sich der
Altvater zum dableiben bereden liess, und erstlich folgenden Tages, nach
eingenommenen Früh-Stücke wiederum zurücke fuhr, so dann fast alle Tage von
Morgen an biss gegen Abend, den fleissigen fortsatz des Kirchen-Baues betrachtete.
Weilen aber die hauptsächlichsten Anstallten desselben, meines erachtens, oben
zur gnüge beschrieben habe, unnötige Weitläuffigkeiten zu machen Bedencken
trage, und von damahliger Zeit, keine besonders merckwürdige Sachen zu erinnern
weiss, so will ohne weitere Umstände melden, dass unser neues Gottes-Haus accurat
in derjenigen Woche fertig wurde, in welcher wir Europäer nunmehro vor einem
vollen Jahre, dieses Land betreten hatten. Zwar will nicht läugnen, dass an den
Zieraten und einigen andern, zu besserer Beqvemlichkeit gereichenden Stücken
noch verschiedenes auszubessern übrig geblieben, allein solches alles war eben
so besonders nötig nicht, und konnte mit guter Musse vollends zugerichtet
werden. Genung, dass nicht die geringste Hindernis mehr im Wege lag, den
Gottes-Dienst aufs ordentlichste darinnen abzuwarten. Nun hatte zwar der
Altvater mit Herr Mag. Schmeltzern verabredet: dass die Einweihung biss auf den 1.
Advent ausgestellet sein sollte, allein folgender Umstand veranlassete sie,
selbige 8. Tage früher anzustellen, denn am 17den Novembr. Sonntags den 22. post
Trinitatis, da gegen Abend nach verrichteten Gottes-Dienste der Altvater, Herr
Mag. Schmeltzer, Herr Wolffgang, Mons. Litzberg und ich nach der Kirche zu
spatzirten, kam ein frischer, Alberts-Raumer Junggeselle, hinter uns her
gelauffen, und brachte an: Wie Monsieur Kramer nebst seinen Europäischen
Cameraden und einigen andern, sich die Erlaubnis ausbitten liessen: dem Altvater
und Herr Mag. Schmeltzern einen besondern Vortrag zu tun. Es wusste niemand von
uns zu erraten was sie damit haben wollten, da aber der Altvater den
Jungen-Gesellen mit lächlenden Munde und der Antwort abgefertiget: dass sie in
GOttes Nahmen kommen und ihr Verlangen zu verstehen geben möchten; selbiger auch
kaum bei dem Trouppe angelanget war, kam Mons. Kramer, mit einem Frauenzimmer an
der Hand, voran gezogen, dem die andern Europäer und noch etliche
Felsenburgische Junggesellen auf gleiche Art, jeder ein Frauenzimmer an der Hand
führend, in richtiger Ordnung folgeten. Hinter ihnen her, kam auch noch ein
grosser Hauffe von alten und jungen Leuten, ebenfalls ganz ordentlich gezogen.
Herr Mag. Schmeltzer sagte lachend: Ich wollte fast raten, dass diese 22. Paar,
so ich zehle, ebenfalls so viel ehelige Verbindungen zu stifften, Erlaubnis
suchen werden. GOtt gebe, versetzte hierauff der Altvater mit einer frölichen
Geberde, dass es wahr ist, und dass ein jedes von ihnen wohl gewehlt habe.
Mittlerweile kamen die 22. Paar heran, und schlossen einen Kreis um uns herum,
Mons. Kramer, trat nach gemachten Reverenz etwas näher zum Altvater, und gab mit
wohlgesetzten Worten ohngefähr folgendes zu vernehmen: Nachdem nehmlich die
Fügung des Himmels und kluge Führung des Herrn Wolffgangs sie auf diese
unvergleichliche Insul gebracht, welches ihre Hertzen nunmehro binnen Jahr und
Tag als eine ganz besondere Glückseeligkeit zu erwegen gnungsame Gelegenheit,
nur aber allzuwenig Vermögen gehabt ihre Danckbarkeit dagegen vollkommen
abzulegen; der teure Altvater auch, nebst allen seinen werten Angehörigen,
ihnen nicht nur bisher alle unbeschreibliche Liebe und Treue erzeiget, sondern
über dieses bei allen Umständen mercken lassen: wie ihm zum sonderbaren
Vergnügen gereichen würde, wenn die sämmtlichen vor Jahres-Frist angekommenen
Europäer, beständig auf der Insul Felsenburg verbleiben wollten, so wären sie nun
allhier gegenwärtig, nicht nur selbst nochmahls um dasjenige zu bitten: was
ihnen so gutertzig angeboten worden, und da es verlangt würde einen heiligen
Eyd zum Pfande ihrer beständigen Liebe, Treue und Redlichkeit abzulegen, sondern
ausserdem, von dem lieben Altvater als dem Ober-Haupte dieser Insul, gütige
Erlaubnis zu bitten: dass sich ein jedweder mit demjenigen Frauenzimmer, welches
er an der Hand führete, durch ihren allgemeinen Seelsorger Herrn Mag. Schmelzern
öffentlich und ehelich dürffe zusammen geben lassen. Immassen biss auf diese
Condition, die Bräute, deren Eltern und Verwandte, ihr Ja-Wort bereits von sich
gegeben hätten. Wird nun unser Suchen (setzte er hinzu) vor billig erkandt, so
getrösten wir uns baldiger geneigter Willfahrung, und zwar noch vor Eintritt der
Heil. Advents-Zeit, in welcher man bei den Luteranern, löblicher Gewohnheit
gemäss, nicht leichtlich zu heiraten pflegt; Ist aber an einem oder dem andern
unter uns etwas auszusetzen, so bitten wir ihm seine Fehler in Liebe und Güte zu
entdecken, denn in dem Stücke sind wir alle eines Sinnes: unser Leben immer
tugendhafter anzustellen, damit wir desto eher den frommen eingebohrnen
Felsen-Bürgern gleich werden mögen.
    Der gute Altvater, fieng unter Mons. Kramers wohlgegebenen Reden, vor
Freuden hertzlich an zu weinen, und gab hernach zur Antwort: Lieben Freunde, ich
finde an eurer keinem eintzigen, seinem Verstande und Wesen nach, nicht das
geringste auszusetzen. Habet Danck vor alle Liebe, Treue und Redlichkeit, so ihr
mir bisher erwiesen, und Zeit Lebens zu erweisen versprechet, doch erlaubet,
dass ich vorhero, eines jeden getane Wahl etwas genauer betrachte. Hiermit ging
er von einem Paare zum andern, und da er jedes sehr wohl zusamen treffend
befand, Küssete er alle im ganzen Creise herum, und sagte nach ausgesprochenen
Väterlichen Seegen: Es soll geschehen, meine Kinder, was ihr wünschet, machet
euch diese Woche geschickt, heute über 8. Tage geliebtes GOtt, wird euch Herr
Mag. Schmelzer ehelich zusammen geben, und Tages darauff sollet ihr euer
Hochzeit-Fest ingesammt auf Herrn Wolffgangs darzu bestimmten Platz celebriren.
Hierauff stattete Mons. Kramer in einer abermahligen wohl gesetzten doch kurtzen
Rede, im Nahmen aller, verbindliche Dancksagung ab, und nachdem sie den Altvater
auf die Burg begleitet, einen Trunck Wein zu sich genommen und sich beuhrlaubt
hatten, führete ein jeder seine Braut in Gesellschaft ihrer Befreundten nach
Hause.
    Herr Wolffgang blieb nebst seiner liebsten Sophie und kleinen Sohne noch in
etwas bei uns, und weiln er sonderbare Lust zu schertzen hatte, brach er in
diese belachens-würdigen Reden aus: Wenn alle Jahre eine Anzahl solcher dreusten
Europäer auf diese Insul käme, dürfften die Jungfrauen bald rar werden, mein
Rat wäre: Herr Mag. Schmeltzer, Mons. Litzberg und Mons. Eberhard suchten sich
bei zeiten etwas Liebes aus, damit sie nicht hernach etwa das Nachsehen haben
müssen. Herr Mag. Scmeltzer musste selbst über dessen Worte lachen, sagte aber:
Mein Herr Wolffgang! eure treuhertzige Sorgfalt sollte mich fast dahin verleiten,
euch zu meinem Vorsprecher bei der artigen Christiana Virgilia anzunehmen, denn
ich bin in Liebes-Sachen sehr blöde, über dieses weiss auch nicht, ob ich es
wagen dürffte, dem werten Altvater seine klügste Haus-Wirtin abspenstig zu
machen. Der Altvater lächelte hierzu, Herr Wolffgang aber fragte ganz dreuste:
Ob es Ernst wäre? so wollte er die Commission mit Freuden auff sich nehmen, indem
er sich zum voraus versichert hielte, dabei nicht unglücklich zu sein. Ja, ja!
Antwortete der Herr Magister, es ist der wahrhafte Ernst, Ernst Gottlieb
Schmeltzers, die schöne und tugendhafte Christiana Virgilia zu heirate,
daferne sich dieselbe darzu entschliessen will, und gegenwärtiger werte
Altvater, nebst ihren leiblichen Eltern darein consentiren. Auf diese Worte
reichte der Altvater Herr Mag. Schmeltzern, die Hand, und sagte: Mein liebster
Herr! Christiana ist euch seiten meiner zugesagt, welche sich nicht wegern wird,
einen solchen schätzbaren Ehe-Gatten anzunehmen, morgen geliebtes GOTT will ich,
nebst Herr Wolffgangen, bei ihren Eltern so wohl, als bei ihr selbst, vor euch
werben, daferne sie sonsten von eurer keuschen Liebe noch keine nähere
Kundschaft hat. Dass nun dieses letztere unmöglich sein könne, versicherte Herr
Mag. Schmeltzer sonderlich, indem, wie er sagte: auch seine Augen so behutsam
gewesen, ihr nicht das geringste mercken zu lassen. Da aber hierauff Herr
Wolffgang seinen Schertz mit Mons. Litzbergen fortsetzte, brach der letztere
endlich unverhofft freimütig heraus: dass er sich in die, ihm vor allen andern
gefällige Helena, der Sophien ältesten Bruders, zweite Tochter verliebt, auch
bereits ihrer Gegengunst versichert wäre, in so ferne es ihre Eltern, der
Grossvater Christian, und vornehmlich der liebe Altvater Albertus erlauben
würden. Des Altvaters Consens erhielt also Mons. Litzberg gleich auf der Stelle,
demnach reichte ihm Herr Wolffgang die Hand und sagte: So seid mir demnach
willkommen mein lieber Herr Schwager, Vetter und guter Freund, ich mercke fast,
dass ihr auf der Christians-Raumer-Erde meine Schliche gefunden, und fein selbst
auf die Heirat gegangen seid, damit euch nicht etwa der Bote betrügen möchte.
Was aber, fuhr Herr Wolffgang fort, werden wir uns nun von unsern lieben
Eberhard zu getrösten haben? Alles guts mein Herr! antwortete ich, meine
Geliebte ist bereits nicht allein in die Augen, sondern auch ins Hertze
gefasset, jedoch wegen ihrer an noch ziemlich zärtlichen Constitution, werde
mich noch 3. oder 4. Jahr gedulden, denn mittlerweile wird mein Ansehen
vielleicht auch etwas männlicher, zu dem so raten die Physici, dass es nicht
allezeit wohl getan sei, wenn zwei gar zu junge Leute einander heiraten,
allermassen selbige der hitzigen Liebe nicht allemahl mit behörigen Verstande
Einhalt zu tun wissen. Ich habe wieder eure vernünftigen Reden nichts
einzuwenden, versetzte Herr Wolffgang, allein verzeihet meiner Curiositeé,
welche unmöglich ruhen kann, biss sie den Nahmen eurer Geliebten erfahren. Wiewohl
ich nun anfänglich nicht Willens war, selbige heutigen Abend zu befriedigen, so
quäleten mich doch alle Anwesenden so lange: biss ich endlich ausbeichten musste:
dass es die niedliche kleine Cordula, aus dem Robertischen Geschlechte sei, mit
welcher ich mich in ein tugendhaftes Liebes-Versprechen eingelassen, jedoch da
wir uns beiderseits beredet, die Vollziehung desselben wenigstens noch 3. oder
4. Jahr hinaus zu setzen, hätten wir auch aus Schamhaftigkeit, bisher noch
nicht um den Consens unserer Vorgesetzten Ansuchung tun können. Der Altvater
tadelte meine getroffene Wahl so wenig als Herr Wolffgang und Mons. Litzberg,
welche mich vor einigen Tagen mit meiner Schöne am Canal spazieren gehend
angetroffen hatten, und bekräfftigten sonderlich, dass man nicht leichtlich ein
Frauenzimmer von angenehmer Gesichts-Bildung und netteren Gewüchse antreffen
könne, ja der Altvater gab hierbei zu vernehmen: dass sie dass vollkommene Bildnis
ihrer Grossmutter, nehmlich seiner überaus schön gewesenen, nunmehro aber seel.
Stief-Tochter, der jüngern Concordia, in ihren Gesichts-Lineamenten vorstellete.
Wie denn Cordula auch erstlich von ihrer Aelter-Mutter, der ältern Concordia,
biss in ihr 4tes Jahr, so dann von der Grossmutter, nehmlich der jüngern
Concordia, biss in ihr siebendes Jahr wohl erzogen worden, ehe beide die Schuld
der Natur bezahlet hätten.
    Unter solchen Gesprächen ruckte endlich die Nacht heran, weswegen Herr
Wolffgang nebst seiner Liebste, und Mons. Litzbergen nach Hause, wir aber bald
darauff zur Ruhe giengen. In folgender Woche wurden nicht allein alle Anstallten
zu Beruhigung der Verliebten Hertzen, sondern hauptsächlich zu Einweihung des
Gottes-Hauses gemacht, so dass Sonnabends vor dem 23. Sonntage p. Trinit. noch
mehr aber des darauff folgenden Sonntags, mit der solennen Einweihung selbst,
unser aller Arbeit und sorgfältige Bemühung den höchst gewünschten Endzweck
erreichte.
    Es ist nicht zu beschreiben was des Herrn Mag. Schmeltzers religieuse
Anordnung und selbst eigenes andächtiges Bezeugen beim Altar und auf der
Cantzel, vor ganz ausserordentlichen Eindruck in aller gegenwärtigen Hertzen
tat. Ich und viele andere mussten offenhertzig bekennen, dass wir die geistlichen
Lieder: Komm heiliger Geist HErre Gott etc. Allein GOtt in der Höh sei Ehr etc.
O HERRE Gott dein Göttlich Wort etc. den christlichen Glauben etc. Das Te Deum
laudamus und dergleichen noch niemahls bedachtsamer und auffmerksamer gesungen
hätten, als in dieser, gegen andere, ganz einfältig aussehenden Kirche, ja es
kam mir vor, als wenn ich nunmehro erstlich zu erkennen anfienge, was ein
rechtschaffener Gottes-Dienst sei. Herr Mag. Schmeltzer verlass und erklärete
nebst dem gewöhnlichen Sonntags-Evangelio, das 6te Cap. des 2. Buchs der Chron.
worinnen das Gebet entalten, welches Salomo bei der Tempel-Weihe zu GOtt
abgeschickt, anbei wusste derselbe das Capitel und Evangelium ungemein erbaulich
und gelehrt zu vereinigen, denn er nahm zu:
 Propos. Den Zins-Groschen welchen ein jeder Mensch dem höchsten GOtte zu geben
                                 schuldig ist.
                             Hierbei wurde gezeigt:
    1.) Das Metall, woraus selbiger geprägt sei.
    2.) Das Gepräge welches darauff befindlich sei.
    3.) Die Art und Weise wie er zu geben sei.
Die Ausführung und Application, auf unsern gegenwärtigen Stand und Wesen, war
dergestallt wohl elaborirt dass ich mich nicht erinnern konnte, zeit Lebens eine
herrlichere Predigt gehört zu haben. Nachdem aber der Vormittägliche
GOttes-Dienst mit dem Liede: Es woll uns GOtt genädig sein etc. welches des
Altvaters alltäglicher Gesang war, beschlossen worden, begab sich die ganze
Versamlung, auf den, von Herrn Wolffgang angelegten Speise-Platz, der von neuen
ausgeputzt und mit frischen grünen Laubwerck umzäunet war. Hieselbst hatte der
Altvater die Veranstalltungen gemacht: dass alle Einwohner, gross und klein,
notdürfftige Speisen und Geträncke zu sich nehmen konten. Da nun auch dieses
mit gröster Mässigkeit geschehen, wurde das Zeichen gegeben, wiederum in die
Kirche zu gehen, allwo nach einigen abgesungenen Liedern, und kurtzem Sermone,
Herr Mag. Schmeltzer erstlich ein Töchterlein aus dem Stephans-Raumer
Geschlechte tauffte, worbei Jacob Bernhard Lademann nebst seiner Braut und deren
Gross-Mutter Sabina, gebohrne Fleuters, zu Gevattern stunden. Nach diesem Heil.
Actu, machte sich Herr Mag. Schmeltzer vor dem Altare fertig, die Trauung der
bereits in Ordnung sitzenden Verlobten vorzunehmen, demnach wurde erstlich Mons.
Litzberg von Herr Wolffgangen und mir, dessen Braut (a) Helena aber von ihrem
leiblichen Vater und dem Gross-Vater Christian Julio zum Altar geführet, und auf
Evangelisch-Luterische Art zusammen gegeben. Hierauff folgete der Chirurgus,
Herr Johann Ferdinand Kramer, der ebenfalls von Herr Wolffgangen und mir, dessen
Braut (b) Maria Albertina aber, von ihrem leiblichen Vater und Gross-Vater
Alberto II. geführet wurde. Mons. Plager liess sich von Mons. Litzbergen und mir
begleiten, dessen Braut (c) Dorotea Jacobine aber von ihrem Vater und dessen
eintzigen leiblichen Bruder. In folgender Ordnung wurden demnach weiter von
abwechselenden Personen herbei geführt, Mons. Philipp Harckert mit seiner
Liebste (d) Anna Robertina, die meiner Liebsten Cordula Vaters, Bruders Tochter
war. Andreas Kleemann mit seiner Braut (e) Catarina Johanna. Willhelm Herrlich
mit (f) Magdalenen. Peter Morgental mit seiner (g) Susanna. Lorentz Wetterling
mit seiner (h) Blandina. Philipp Andreas Krätzer und Lademann, welche beide zwei
Schwestern und zwar der erste die älteste (i) Rosinen der andere aber (k)
Margaretam erwehlet. Johann Melchior Garbe mit (l) Maria Elisabet. Und
Nicolaus Schreiner mit (m) Eva Christinen.1
    Auf diese nunmehro völlig vergnügten 12. Paar, folgten annoch 11. Paar aus
den eingebohrnen Geschlechtern, dass also Herr Mag. Schmeltzer über 4. Stunden
Zeit zu bringen musste, ehe er mit diesen 23. Copulationen fertig werden konnte,
zuletzt aber vollzohe er auch sein eigenes eheliches Verbündnis mit der tugend
vollen Christiana Virgilia, welche auf der IV. Tabelle unter der andern Linie
bezeichnet stehet. Der Altvater Albertus, verrichtete zwar eigentlich den Haup-
Actum der Copulation, gab auch beiden seinen Stamm-Väterlichen Seegen, jedoch
die übrigen andächtigen Gebräuche, hielt Herr Mag. Schmeltzer selbst, u. zwar
auf eine recht bewegliche Art, so dass den meisten Anwesenden die Tränen in den
Augen stunden, und endlich wurde der ganze heutige, höchst wichtige Actus, mit
dem Liede: Nun dancket alle GOtt etc. und nachherigen hertzlichen Glückwünschen
beschlossen.
    In gleich darauff folgender Nacht wurden aus allen Pflantz-Städten gnugsame
Victualien herbei geschafft, so dass wir ingesammt, drei Freuden-Tage mit
ungemeiner Ergötzlichkeit, so wohl bei guten Speisen und Geträncke, als andern
vergnügten Zeit-Verkürtzungen, recht ergötzlich hinbringen konten. Jedoch sah
und hörete man im geringsten nichts von einiger Unmässigkeit und andern
ärgerlichen Bezeugen, sondern wir genossen dasjenige Vergnügen, welches GOtt
seinen Kindern auf der mühseeligen Welt nicht missgönnet, als gute Christen,
danckten dem Höchsten davor, bedachten hernach auch: dass nach der Lehre
Salomonis, alles seine Zeit, und ein jedes Vornehmen unter der Sonnen seine
gewissen Stunden habe; weswegen sich mit Ablauff des dritten Tages, ein jeder an
seinen gehörigen Ort verfügte, und nicht allein seine eigene nötige
Haus-Arbeit, sondern auch dasjenige nach allen Kräfften besorgen halff, was zu
Verbesserung des gemeinschaftlichen Wesens, hier und dar am nötigsten zu sein,
erachtet wurde.
    Mit dem ersten Advent-Soñtage des nunmehro sich zum Ende neigenden 1726ten
Jahres, wurde zugleich der Eintritt eines neuen christl. Kirchen-Jahres mit
eiffriger Andacht celebriret, Herr Mag. Schmeltzer hatte seinen neuen Jahr-Gang
aus den Worten Pauli, 1 Corint. 3. v. 16. 17. genommen, die also lauten: Wisset
ihr nicht, dass ihr GOttes Tempel seid etc. und wollte hinfüro in allen Predigten
von Stück zu Stück zeigen: Wie man den geistl. Tempel GOttes in seinem Hertzen
nicht nur erbauen, sondern auch im baulichen Stande und Wesen erhalten solle;
welches gewiss bei damahligen Zeiten eine sehr feine Materie war. Nach der
Predigt empfiengen etliche 60. Personen das Heil. Abendmahl und solchergestallt
wurde auch dieses mahl der GOttes-Dienst in gebührlicher Andacht beschlossen.
    Jedoch ich erinnere mich, oben versprochen zu haben, eine Specification, von
der Vermehrung des Felsenburgl. Geschlechts, auf das Jahr 1726. beizufügen,
derowegen will, um vielleicht die Curiositeé einiger, obschon nicht aller Leser
zu vergnügen, mein Wort, vermittelst einer Tabelle erfüllen, die ich aus Herrn
Mag. Schmeltzers Kirchen-Register extrahirt habe.
Solchem nach befanden sich um selbige Zeit auf der Insul Felsenburg, an Jungen
und Alten, Einheimischen und Ausländischen lebendigen Menschen: 394. nehmlich
203. Manns- und 191. Weibs-Personen, die in aller Frömmigkeit, Liebe und
Einigkeit mit einander lebten, und nach dem Exempel der ersten christl. Kirche
eine treuhertzige Gemeinschaft der zeitlichen Güter untereinander hielten,
keinen Eigennutz, auch im allergeringsten Dinge zeigten, sondern ihren Nächsten
und sich selbst zu dienen, alles mit Lust verrichteten, worzu sie sich geschickt
befanden. Man sage mir welcher vernünftiger Mensch Scheu tragen und nicht
vielmehr hertzlich wünschen sollte, seine ganze Lebens-Zeit an dergleichen
ergötzlichen Orte zu zu bringen.
    Jedoch ich bin nicht gesonnen, hiervon viel zu philosophiren, sondern
erkenne mich schuldig, die fernern Geschichte vorzutragen: Nach nunmehro
glücklich vollbrachten Kirchen-Bau, machten sich die allermeisten und besten
Holtz-Arbeiter über die Auffrichtung einer Mehl-Mühle her, welche allererst
Philipp Krätzer auf dem Stephans-Raumer Grund und Boden, mit Beihülffe Mons.
Litzbergs, Lademanns, Plagers, Herrlichs und Morgentals angelegt hatte. Der
Altvater sah diesem Baue nebst mir fast alle Tage zu, wenn die Lufft gegen
Abend etwas kühle zu werden begunte, besuchte auch dann und wann seine Kinder in
den andern Pflantz-Städten. Eines Tages aber, da uns Herr Kramer eine Menge
vortrefflich grosser Zucker-Schoten gesendet hatte, kam dem Altvater die Lust
an, dieses guten Hausswirts wohl angelegten Küchen- und Lust-Garten in genauern
Augenschein zu nehmen, derowegen reisete er nebst Mons. Wolffgangen, Litzbergen,
mir und andern hinnunter nach Alberts-Raum in dessen Wohnung, und traffen
denselben bei seiner Maria Albertina in einer schönen mit grossen Kürbis-Rancken
bedeckten Laub-Hütte sitzend an, allwo sie den Safft aus etlichen guten Kräutern
und Blumen presseten, um solchen seiner Kunst gemäss, zur Artzenei zu gebrauchen.
Es war so zu sagen fast in einem Augenblicke alles bereit, uns, als seine
angenehmsten Gäste aufs Beste zu tractiren. Sein Geträncke schmeckte sonderlich
sehr angenehm, und hatte darbei die Tugend, dass es keine Incommoditée im Leibe
oder im Kopffe machte, derowegen sassen wir sehr vergnügt beisammen. Endlich
aber bezeugte der Altvater ein besonderes Verlangen, des Chirurgi Monsieur
 
                                    Fussnoten
1 Alle Bräute dieser unserer mitgebrachten Europäer sind in den beigefügten
Genealog-Tabellen des ersten Buchs, genau bemerckt, und nach Belieben
aufzuschlagen: als (a) vid. Tab. VI. Litzbergs Fr. (b) Tab. II. J.F. Kramers
Ehe-Fr. (c) Tab. VII. Plagers Frau. (d) Tab X. Harckerts Fr. (e) Tab. IV. A.K.
Fr. (f) Tab. VIII. Herrlichs Fr. (g) Tab. VII. Morgentals Fr. (h) Tab. V.
Wetterl. Fr. (i. und k.) sab. III. P.K. Fr. und J.B.L. Fr. (l) Tab. VIII.
Garbens Fr. (m) Tab. IX. Schreiners Fr.
 
                   Johann Ferdinand Kramers Lebens Geschicht
ebenfalls zu wissen, dahero sich derselbe, nach einigen nötigen, gefallen liess,
uns dieselbe folgendergestallt zu erzählen:
    Ich bin, fieng er an, von Geburt ein Westphälinger, mein Vater und Mutter,
von denen ich im Jahr 1692. erzeuget worden, waren ehrliche Leute, und etwas
mehr als Bürgerlichen Standes, starben aber beide, ehe ich noch das 10te
Kinder-Jahr überschritten hatte, weswegen mich, meines Vaters Freunde, als das
eintzige hinterlassene Kind meiner Eltern, zu sich nahmen, und zu guter
Aufferziehung anfänglich die besten Minen machten; Allein es ging mir nicht
anders, als es gemeiniglich allen Elterlosen Waisen zu gehen pfleget. Denn so
bald sie nur mein Vermögen, welches sich etwa auf 1500. Tlr. belieff, unter das
ihrige vermischt, niemanden aber zur Zeit Rechnung abzulegen hatten, als sich
selbst, schien es nicht anders, als ob sie mich um GOttes willen bei sich
duldeten, ja mit der Zeit fiel ihnen gar meine Person, obschon nicht mein Gut,
ziemlich beschwerlich, derowegen ich unter solchem Vorwande in eine andere Stadt
geschafft wurde: dass in selbiger weit civilisirtere Leute befindlich, von denen
ich besser gezogen werden könnte, denn wenn die Freunde, wie sie sagten, einen
jungen wilden Knaben nur ein wenig scharff angriffen, müste es gleich ein
Hundemässiges Tractament heissen, zumahl bei solchen Leuten, die sich ein
Vergnügen machten, dergleichen Bösewichter zu verziehen. Ich wusste zwar damahls
nicht auf wen sie stichelten, kann auch im geringsten nicht läugnen, dass ich ein
wildes und etwas allzu feuriges Temperament hatte, allein es war dennoch, ohne
eigenen Ruhm zu melden, gewiss, dass unter meinen lustigen Streichen, die ich
täglich anzustellen beflissen, sehr selten etwas bosshaftes zu finden war, wenn
man anders, nicht mit Gewalt eine Bosheit daraus erzwingen wollte. Von
verschiedenen Streichen, nur in aller Kürtze etliche wenige anzuführen, so wird
daraus zu schliessen sein, dass ich zwar zuweilen etwas spitzfindig, zum öfftern
auch sehr einfältig gewesen. Eines Tages, da mein Vetter mit einer
Gerichts-Person lange Zeit ein geheimes Gespräch gehalten, hörete ich beim
Abschied nehmen von ihm diese Worte: Ja Herr Gevatter! wenn sich nur jemand
unterstehen wollte der Katze die Schelle anzuhängen, ich wollte ihm gerne alle
Gefälligkeit darvor erzeigen, und, - - - weiter konnte ich nichts vernehmen, denn
sie redeten wiederum heimlich, verstund aber dieses Sprichwort in sensu proprio,
holete mir bei einem Schul-Cameraden eine grosse Schelle, versteckte selbige in
mein Bette, wartete biss die Katze des Nachts zu mir hinnein kam, hieng dieser
sonst wilden Bestie, die sich leichtlich von niemanden als von mir angreiffen
liess, andere aber grimmig biss und kratzte, ohne besondere Mühe die grosse
Schelle an, und warff sie zu meiner Kammer hinaus. Was dieses Tier hernachmahls
die ganze Nacht hindurch vor ein grausames Lermen, mit springen, poltern und
herum lauffen im ganzen Hause verführet, ist nicht auszusprechen, ich schlieff
zwar darüber ein, allein mein Vetter und die meisten andern, im Hause wohnenden
Leute, vermeinen nicht anders, als das es ein teufflisches Gespenst sei, wollen
derowegen sich mit selbigen nicht vermengen, sondern dringen die ganze Nacht
mit grosser Furcht in ängstlichen Schweisse zu. Endlich früh Morgens hat sich
das Gespenst gefunden, ich wurde darum befragt, und so bald nur ja gesagt war,
mein Hinter-Castell, ohne mir fernere Defension zuzulassen, dermassen mit Ruten
gestrichen, dass ich in etlichen Tagen keine Banck damit drücken konnte. Das war
also nicht allein der Danck vor meine einfältige Treuhertzigkeit, sondern es
wurde dieser Streich so gar vor die allererschrecklichste Bosheit ausgeschrien.
Ein andermahl fand ich einen Tobacks-Brieff, worauff mit ziemlich grossen
Buchstaben diese Worte gedruckt waren: Wer mich wird versuchen und proben, wird
mich rühmen und loben. Nachdem ich nun von diesem Tobacks-Briefe das andere
unnütze Bilderwerck abgeschnitten, beschmierte ich denselben auf der lincken
Seite mit Vogel-Leim, und legte das Blätgen hinter dem Ofen, auf denjenigen
Sessel, welchen unsere faule Magd gemeiniglich des Tages sehr offte zu besitzen
pflegte, und zwar also, dass die Schrifft, nachdem die Magd auffgestanden,
accurat auf ihren Wulste des Rocks zu lesen war. Selbige wurde kurtz hernach zu
Marckte geschickt, in unsern Hause hatte kein Mensch diese Inscription bemerckt,
allein auf dem Marckte finden sich desto mehr curieuse Leute solche zu
betrachten. Was es vor ein Gelächter gegeben, zumahlen da einige Schüler darzu
kommen, und darüber glossiren, ist leicht zu erachten, allein mir bekam diese
Naseweisigkeit sehr übel, denn mein hitziger Vetter schlug mir, so bald ich nur
vor den Täter ausgeruffen worden, dieserwegen in der Furie den lincken Arm
entzwei. Dass dieses von mir eine grosse Leichtfertigkeit, aber doch keine gar zu
grausame Bosheit gewesen, kann jedweder so leicht begreiffen, als eine
proportionirliche Strafe darauff dictiren, allein ob diese Strafe mit dem
Verbrechen quadriret? gebe ich zur Uberlegung anheim. Immittelst hatte die
Curiositee zu empfinden, wiewohl es düncke wenn man 6. Wochen unter den Händen
eines unverständigen, Tölpelhaften, dabei aber dennoch unbarmhertzigen Chirurgi
liegt, denn mein krum geheilter Arm musste noch einmal zerbrochen und durch
einen geschicktern Mann geheilet werden. Noch eins! Meine Muhme hatte einen
mittelmässigen Hund, der im Sommer alle 4. Wochen auf Löwen-Art glatt geschoren
wurde, dieser war bei ihr in grösserer Achtbarkeit als ich und viele andere
Leute, weswegen er auch seinen besondern ledernen gepolsterten Stuhl in der
Stube stehen hatte, und grausam brummete, wenn ich selbigen zur Abends-Zeit nur
ein klein wenig zur Ruhe brauchte, denn NB. sonsten pflegte sich kein anderer
Mensch drauff zu setzen. Also war ich besorgt mein Mütlein an dieser
eigensinnigen Bestie zu kühlen, besonn mich endlich, etliche spitzige
Steck-Nadeln von unten auf durch den Stuhl, doch also zu schlagen, dass die
Spitzen dem Hunde nur ein klein wenig in die Haut gehen, hingegen keinen
Menschen, der nur gut gefütterte Bein-Kleider an hatte verletzen konten. Demnach
fieng der Hund, so oft er sich durch einen schnellen Sprung auf den Stuhl
warff, jederzeit erbärmlich an zu schreien, wollte auch endlich gar nicht mehr
auf dem Stuhle liegen, dahingegen ich mit desto grössern plaisir darauff sitzen
konnte. Meine Muhme merckte vielleicht etwas, konnte aber erstlich nichts am
Stuhle finden, denn er war hoch ausgestopfft, und man musste das Polster gar sehr
scharff nieder drücken, wenn die Spitzen, eine Empfindlichkeit verursachen
sollten; endlich aber kam es dannoch ans Licht, und meine artige Invention wurde
mit dem Ochsen- dermassen recompensirt, dass ich mich fast in 14. Tagen nicht
recht bewegen konnte. Dieses Verbrechen wurde solchergestallt abermals allzu
hart gestrafft, denn Salomo lehret zwar: dass die Rute der Zucht, die, im
Hertzen eines Knaben steckende Torheit, ferne von ihm treiben werde; allein auf
die Art wars, wie gesagt, zu scharff, und weiln ich fast täglich ganz
sonderbaren Zuschlag von allen Seiten zu hoffen hatte, derowegen fast gäntzlich
in Verstockung geriet, fügte sichs zu meinem Glücke, dass man mich in eine
andere Stadt zu frembden, aber doch verständigen Leuten brachte.
    Daselbst war eine sehr berühmte Schule, welche ich mit grösten Vergnügen
sehr fleissig besuchte, und mich in kurtzen vor andern, die doch noch älter als
ich waren, distinguirte, so dass ich, in meinem 14den Jahre, unter den öbersten
Primanern zu sitzen kam. Zwar ist nicht zu läugnen, dass ich auch daselbst
manchen lustigen Streich spielte, jedoch weil dasige Herrn Præceptores die
Bosheit und den Mutwillen eines Knabens besser zu unterscheiden wussten, als
meine Anverwandten; kam ich mehrenteils mit einem starcken Verweise, oder aufs
höchste mit einer gelinden Strafe darvon, und zwar in Betrachtung dessen, dass
ich meine Lectiones jederzeit behörig observirte, und zuweilen mehr tat als von
mir verlanget wurde. Ich mag niemanden mit der Erzehlung meiner Schul-Possen
vedriesslich fallen, jedoch ein eintziger kurtzweiliger Streich meritirt
vielleicht gemeldet zu werden. Einmahls stund ich, nach geendigter Lection, noch
eine gute weile im Creutzgange stille, und hatte mich, weiss aber selbst nicht
warum, ganz besonders in meinen Gedancken vertiefft, dieses merckt der Cantor
als dasiger Collega III. von ferne, kömmt derowegen ganz sachte auf mich
zugeschlichen, fragte mich aber ganz unverhofft, worauff ich spintisirte? Da
nun bereits wusste, dass er ein curieuser Kopff und mir nicht so gewogen als der
Rector und Con-Rector wäre, jedoch eben denselben Respect verlangte, und vor
einen ganz besonders gelehrten Mann angesehen sein wollte, war ich so
schalckhaft, ihn mit folgen Griechischen Worten anzureden: Timiotate Didaskale,
Didotiemoi snggomhn, shmeron, ek toy khpoy sakkon ton mhlon plhrh ekperein.
Teutsch: Hochgeehrter Herr Præceptor! Ich bitte, mir heute zu erlauben, einen
Sack voll Aepffel aus dem Garten zu holen.
    Nun ist zu mercken, dass die drei obersten Herrn Schul-Collegen dasiges Orts
einen vortrefflichen Baum-Garten zu nutzen hatten, aus welchen sie allerjährlich
das Obst in drei gleiche Teile unter sich zu teilen pflegten, allen Schülern
aber, war bei harter Strafe verboten, diesen Garten, ohne besondere Erlaubnis
des Garten-Inspectoris, nicht zu betreten, vielweniger das geringste Stücke von
Obste anzurühren, dieses Jahr hatte der Herr Cantor die Inspection darüber, und
war gewisslich der geitzigste unter allen, derowegen musste derjenige, welcher
Appetit bekam, nur in den Garten ein wenig spaziren zu gehen, ihm gewisslich mit
den elegantesten lateinischen Schmeichel-Worten zu begegnen wissen. Ich aber
vermeinte meine Captationem benevolentiæ jocosam desto glücklicher anzubringen,
wenn ich ihn auf Griechisch anredete, und damit seiner Erfahrenheit in dieser
Sprache, schmeichelte. Er lächelte derowegen sehr gravitätisch und gab zur
Antwort: T?a m?? ??est?. Teutsch: Es ist von mir erlaubt. Allein der gute Mann
mochte meine Anrede nicht völlig verstanden haben, wollte aber dennoch darvor
gehalten sein, das Griechische so gut als seine Mutter-Sprache zu wissen, hatte
mich also ganz kurtz mit diesen drei, vermutlich aufgeschnappten Worten
abgefertiget. Demnach ging ich ohne Scheu mit einem grossen Qver-Sacke in den
Obst-Garten, pflückte die allerbesten Aepffel da hinein, trug selbige öffentlich
heraus, und teilete meinen Mit-Schülern reichlich mit. Doch solches kam gar
bald vor den Rector, weswegen meine Person, vor dem Schul-Gerichte, wegen der,
wie sie sagten, gestohlnen Aepffel, gleich morgenden Tages zur Inquisition
gezogen wurde. Ich protestirte solennissime wieder alle falsche Anklage und
gedrohete Strafe, berieff mich auch lediglich darauff: dass ich, von dem Herrn
Cantore selbst, Erlaubnis darzu bekommen hätte. Dieser aber wollte von nichts
wissen, jedoch da sich 4. oder 5. Zeugen angaben, dass ich ihn in Griechischer
Sprache mit vorerwähnten Worten angeredet, und besagte Antwort erhalten hätte:
musste ich einen Abtritt nehmen, wurde nachhero auch dieserwegen nicht im
gerinsten mehr befragt, hergegen kam der expresse Befehl heraus, dass in Zukunft
die Schüler sich keiner andern, als der lateinischen Sprache gebrauchen sollten,
wenn sie von den Præceptoribus etwas ausbitten wollten.
    Bei so gestallten Sachen, konnte leichtlich ein jeder mercken was die Glocke
geschlagen habe, und dass der Herr Cantor ein sehr schwacher Græcus sei, ich aber
musste dieserwegen dessen völlige Ungnade ertragen, welches mein freier Sinn doch
wenig æstimirte, sondern zufrieden war, dass sich der Rector- und Conrector desto
gütiger gegen mich erzeigten, und in allen Stücken meines Wohlseins wegen gute
Vorsorge trugen, wie denn ich auch keinen Fleisssparete, mich so viel als
möglich, nach dieser beiden Gonner Sinne zu richten, sonderlich aber meine
Studia eiffrig fortzusetzen. Mittlerweile erhielt mein Vetter, meines
Wohlverhaltens wegen, immer ein gutes Testimonium über das andere, doch weil er
selber 3. Söhne auf der Schule hatte, selbige aber mehr Wercks vom
liederlichen Leben, als von den Büchern machten, trieb ihn ohnfehlbar der Neid
an, mein propós zu verrücken, und mich von der Schule hinweg zu nehmen, um durch
mich seinen Söhnen, bei der fleissigen Welt, keinen Vorwurff zu machen. Demnach
kam er um Johannis an. 1707. unverhofft, kündiate dem Rectori meinetwegen das
Logis, Kost- und Schuld-Geld, ja alles auf, was zu meiner grösten Bequemlichkeit
bisher gereicht hatte, mir aber die Rückfart nach seinen Hause abermals an,
und zwar unter dem Vorwande, dass mein weniges Vermögen nicht hinlänglich, mich
etliche Jahr auf Universitäten zu erhalten, derowegen wäre es klüger gehandelt
dahin zu gedencken: dass ich eine reputirliche Profession ergriffe, selbige bei
einem wohl versuchten und berühmten Meister, redlich lernete, und den meisten
Teil meines Vermögens solchergestalt erspahrete, welches ich mit der Zeit zu
meinem Hausshaltungs-Anfange höchst nötig genung brauchen würde.
    Hierwieder mochten nun, nebst mir, alle meine guten Gönner einwenden, was
sie immer wollten, es halff nichts, ja das gute Anerbieten der Præceptorum mir
alle Information frei zu geben, über dieses zu Ersparung meines Erbteils gute
Hospitia und andere Accidentia zu verschaffen, wurde von diesem lieblosen
Freunde und Vormunde unverantwortlicher weise verworffen, hergegen musste ich
mich mit aller Gewalt bequemen, auf den Wagen zu steigen und die Reise mit Sack
und Pack zurück in seine Behausung anzutreten. Ich merckte daselbst in kurtzen,
dass er gesinnet sei mich nur zu einem Haus-Püffel aufzuziehen, denn ich wurde
täglich zum Bier-Brauen, Branteweins-Brennen, Vieh-Mästen und anderer groben
Haus-Arbeit angewiesen, allein dergleichen kam mit meiner schwachen Leibes-
Constitution schlecht, und mit meinem Genie noch schlechter überein, derowegen
begehrte ich durchaus meine Bücher, des Willens, wiederum auf vorige Schule zu
lauffen, verlangte auch weder Geld noch Kleid darzu, sondern hatte das gute
Vertrauen: GOTT würde schon Leute erwecken, die einen Knaben, der so grosse Lust
zum studiren bezeugte, mit guten Rat und würcklicher Hülffe begegneten. Allein
mein Suchen war vergebens, hergegen schlug man mir, da ich mich durchaus um die
Oeconomie nicht mehr bekümmern wollte, bald dieses bald jenes Handwerk vor,
jedoch alle solche waren mir zu schlecht. Man brachte mich zur Handlung auf die
Probe, bei einen sehr bemittelten Kaufmann, da ich aber gleich in den ersten 6.
Wochen als ein Hund aus einem Winckel in den andern gestossen wurde, und diese
Marter 6. Jahr gedultig auszustehen Befehl bekam, lieff ich darvon. Man brachte
mich zu einem Gold-Schmiede, da ich aber merckte, dass mir in künftigen Jahren,
das sitzen so beschwerlich als die gegenwärtige schmutzige Arbeit fallen würde,
über dieses in Gefahr stehen müste ganz frühzeitig blind zu werden, lieff ich
darvon. Man brachte mich auf die Apoteke, hieselbst war die Arbeit vor den
jüngsten Jungen noch schmutziger, meine Hände wurden so garstig, dass ich mich
selbst scheuete daraus zu essen, musste auch den ganzen Tag biss in die späte
Nacht, die gröste Kälte an Händen und Füssen ausstehen, und durffte, bei allen
meinen Schmertzen, nicht einmal eine betrübte Mine machen, derowegen lieff ich
auch da darvon. Kurtz! Mein Vormund mochte mich hinbringen, wohin er wollte, ich
lieff darvon und wollte nirgends bleiben als auf der Schule, da aber selbiger
dennoch bei seinem Schlusse blieb: mich durchaus nicht studiren zu lassen,
sondern meine Kleider verschloss, und mich mit Stuben-Arrest, Schlägen, Hunger
und andern Plagen so lange quälete, biss ich endlich versprach mir selber eine
Profession auszusinnen und darbei gut zu tun, erwehlete ich endlich die
Chirurgie und Barbier-Kunst, und wurde zu einem berühmten Meister derselben
gebracht, in dessen Gegenwart mich mein Vormund aufs ernstlichste ermahnete und
bedrohete, so ferne ich auch allhier darvon lieffe, mich alsofort in ein
Zucht-Haus zu bringen. Besondere Ursache hatte ich nun eben nicht an Erfüllung
dieses tröstlichen Versprechens zu zweiffeln, deñ meine Frau Vormundin die mir
so feind als einer Spinne war, lag ihm dieserwegen beständig in Ohren, und hätte
lieber gesehen wenn ich nur ihres Hundes wegen, berits etliche Jahr im
Zucht-Hause gesessen hätte. Jedoch da mir die erwehlte Profession nach und nach,
und zwar je länger je besser zu gefallen begunte, der Herr auch nur zuweilen
etwas wunderlich, sonsten aber ein ziemlich gütiger Mann war, suchte ich mich,
so viel als möglich, unter die Hand meines Verhängnisses zu demütigen, und
befand das gemeine Sprichwort: Lust und Liebe zum Dinge, macht alle Arbeit
geringe, in der Tat wahr zu sein. Denn ich fassete nicht allein alle bei dieser
Profession mir gezeigten Vorteile, weit leichter als andere so mit mir certir
ten, sondern machte mir die treffliche Gelegenheit, in Anatomicis einen guten
Grund zu legen, sehr wohl zu Nutze, wendete die, wiewohl selten müssigen
Tages-Stunden, auf Lesung nützlicher Bücher, brach auch nicht selten früh
Morgens ein paar Stunden vom Schlafe ab, um nur bei Zeiten was rechts zu
begreiffen.
    Inzwischen, machte nun zwar, welches nicht zu läugnen, auch in meiner Lehre
allerhand lustige Possen, jedoch weil keine Bosheit, noch besonderes Nachteil
des Nächsten darunter versirte, liess es mein Vorgesetzter, so dann und wann ohne
Strafe hingehen, und wenn zuweilen etwas ingenieuses passirt war, merckte ers
zwar, und tat doch als ob ers nicht merckte. Ich trage ein billiges Bedencken
viel von solchen Jugend- und Jungens-Possen zu recapituliren, doch einen
einzigen nicht gar wohl überlegten lustigen Streich, muss ich wohl melden, weil
selbiger die einzige Ursache war, dass mich mein Herr zum ersten und letzten
mahle mit dem Spanischen Rohre, und zwar wohl verdienter massen tractirte.
    Ich musste einmal,s in aller Frühe bei dem Kohlen-Verkauffer einen Handkorb
voll Schmiede-Kohlen holen, da mich nun unter wegs jemand in sein Haus ruffte,
setzte ich vorhero meinen mit Kohlen gehäufften Korb, am Rathause in einen
Winckel, und ging davon, musste aber bei meiner Zurückkunft, den Korb über die
Helffte ausgeleeret erblicken, dahero Not halber zurück gehen, und denselben
vor mein eigen Geld wieder häuffen lassen. Nachhero legte starcke Kundschaft
auf diesen Diebstahl, und erfuhr: dass die am Marckte, täglich sitzenden und
allerhand Nasch-Waaren verkauffenden, naseweisen Mägde, benebst den alten
Weibern, sich vereiniget hatten, mir diesen Streich zu spielen, welches um so
viel desto eher zu glauben war; weil, so oft ich diesen Weg sonsten mit Kohlen
ging, und ein oder zwei aus dem Korbe fallen liess, selbige gleich herzu lieffen
wie die Katzen nach den Mäusen, denn sie wussten diese guten Kohlen, gar zu wohl
in den unter sich habenden Kohlen-Töpffen zu gebrauchen. Demnach war ich Tag und
Nacht auf Revange, wegen des letzt gespielten groben Possens, bedacht, und
endlich wurde folgender Streich so verbracht wie ausgesonnen. Ich nahm etliche
Kohlen, hölete dieselben aus, und setzte kleine Schwermer mit geriebenen
Schiess-Pulver hinnein, vermachte die Löcher wiederum so, dass an den Kohlen kein
Betrug zu mercken war, legte hernach selbige, indem ich abermals Kohlen vor den
liederlichen Weibs-Bildern vorbei tragen wollte, ganz zu oberst auf den Korb,
tat als ob ich stolperte, und liess dieselben ganz unachtsam herunter fallen,
welche denn von ihnen begierig auffgehoben und in die Kohlen-Töpffe gelegt
wurden. Ich lieff gegen über in ein bekandtes Haus und wartete daselbst die Zeit
ab, biss das sprudelende Pulver Feuer fieng, und ein verzweiffeltes Lermen, doch
aber weiter keinen Schaden anrichtete. Allein da die Sache an meinen Herrn
gelangete, bekam der künstliche Feuerwercker seinen verdienten Lohn.
    Nach ausgestandenen Lehr-Jahren ergriff ich den Wander-Stab, und reisete von
meinem Vormunde mit 10. Tlr. Gelde und nötigster Equippage abgefertiget in die
Welt, weiln ich aber in meiner Lehre von der Generositeé einiger vornehmen
Patienten, welchen ich unermüdet aufgewartet, bei nahe 50. Tlr. profitiret und
heimlich gesammlet hatte, schien es mir ungemein despectirlich und beschwerlich
zu Fusse zu reisen, und noch viel verdriesslicher, der Professions -Gewohnheit
nach, bei andern Chirurgis das Gnaden- oder wie es etwas ehrbarer klingt, das
Frembd-Gesellen-Brod zu essen, reisete derowegen so lange mit der Post herum,
biss mein unüberwindlich scheinendes Capital, dermassen auf die Neige kam, dass
ich nunmehro an statt der Taler kaum so viel Groschen zählen konnte.
    Da! war der Haase gefangen, die Gelder verschwunden, die Kleider auf dem
Post Wagen ziemlich verschabt, der Winter vor der Türe, zu guter Condition kein
Anblick, hergegen desto mehr Ambition vorhanden, dem Vormunde meinen Fehler zu
entdecken, und von ihm etwas Geld zu verlangen. Jedoch ich fassete kurtze
Resolution, entschloss mich nunmehro post Festum zu Fusse zu gehen, erreichte
eine berühmte Residentz-Stadt, weil aber in selbiger vor mich keine Condition
offen, kein eintziger Barbier-Geselle auch so höfflich sein, und mir die seinige
abtreten wollte, sah ich mich genötiget, aus dringender Not, bei einem so
genandten Bein-Haasen, der eine Gnaden-Barbier-Stube in der Vorstadt hatte,
Condition anzunehmen. Es war derselbe, ohngeacht ihn die andern Chirurgi sehr
hasseten, ein ehrlicher, vernünftiger und wohlerfahrner Mann, der seine
Profession nicht allein Zunftmässig gelernet, sondern auch in verschiedenen
Feld Zügen sehr wohl excoliret hatte, seine Praxis ging sehr starck, woher denn
kam, dass ich binnen andertalb Jahren nicht allein ein sehr vieles in der Kunst
und Wissenschaft von ihm profitirte, sondern auch meine Kleidung und Sachen
wiederum in guten Stand setzte, über dieses alles, etliche 60. Tlr. baares Geld
sammlete, worzu die Verachtung meiner Professions-Genossen, kein geringes
beitrug, denn selbige achteten mich darum, weil ich bei einem Pfuscher servirte,
vor einen infamen Kerl, welcher nicht würdig wäre: dass redliche Barbiers
-Gesellen eine Kanne Bier mit ihm träncken. Mittlerzeit aber sparete ich mein
Geld, entgieng vielen Verführungen, und konnte zuletzt, meinen so genandten
abscheulichen Schand-Fleck, sehr leicht vermittelst eines halben Fasses Bier
wieder abwaschen, welches die Herrn Cameraden noch lange nicht ganz ausgesoffen
hatten; da ich schon wieder so ehrlich, ja ich glaube, in ihren Hertzen vor noch
weit ehrlicher als vorhin geachtet war. Nichts als die Curiositee, noch mehr
grosse Städte zu sehen, trieb mich von diesem Manne hinweg, derowegen ergriff
abermals meinen Wander-Stab, setzte mich aber nicht wie ehermahlen auf die
geschwinde Post, sondern glaubte dem experto Ruperto, und marchirte per pedes
Apostolorum fort, nachdem ich meinen Coffre zurück in Verwahrung gelassen. Die
am Rhein, Neckar, Mosel und Mäyn gelegenen Städte, waren mir sehr herrlich
beschrieben worden, und weiln ich ohne dem lieber Wein als Wasser trincken
mochte, ging die Reise darauff zu. Nun fand mich zwar, wegen des so sehr
gerühmten Weins gar nicht betrogen, allein wo ich nur hin kam, musste ich
vernehmen, dass es wegen der Conditionen ausser der Zeit und wenigstens in einem
halben Jahre nichts zu hoffen sei, über dieses war kein eintziger Professions
-Genosse der Ehren, mir nur einen Bissen Brod vorzusetzen, sondern ich musste
überall vor mein baares Geld zehren. Hierbei befand sich nun der Magen, welcher
auch den allerbesten Wein ziemlich vertragen lernete sehr wohl, allein der
Beutel bekam nach und nach den stärcksten Ansatz zur Schwindsucht, so dass ich
dieses Land aufs eiligste zu verlassen, und die Lufft zu verändern suchen musste,
woferne besagter mein Beutel, nicht sein ganzes Eingeweide aussspeien sollte.
Demnach wanderte auf den Saal-Strohm los, und demselben so lange entgegen, biss
sich endlich in einer Fürstl kleinen Residentz-Stadt, Condition vor mich fand.
Mein Herr war Hof-Ammts- und Stadt-Chirurgus, über alles dieses noch
Cammer-Diener bei dem Fürsten, und hatte solchergestallt mehr Glücke als
Verstand, denn ich nicht leichtlich einen Chirurgum angetroffen, der, der
leidigen Trunckenheit mehr ergeben gewesen, als eben er. In Praxi war ihm ein
und andere Cur von ohngefähr noch so ziemlich eingeschlagen, doch in Teoria
alles sehr schwach und elend bestellet, woher denn kam: dass sein ganzer
Professions-Bau auf einem wacklenden Grunde ruhete. In der Prahlerei,
Aufschneiderei und läppischen Raisonir-Kunst hatte er hingegen einen dermassen
starcken Habitum, dass er sich auch nicht scheuete vor geschickten und gelehrten
Leuten, ohne Scheu, alles heraus zu platzen was ihm nur vors Maul kam, es mochte
practicable, wahrscheinlich, und vernünftig sein oder nicht. Einsmahls wollte er
einem gestürtzten Patienten, ein grosses Stück des Cranii ausgehoben, duram
matrem zerschnitten, piam matrem aber vom cerebello abseparirt, und das
geronnene Geblüt, wie auch 11/2 Lot vom Gehirne selbst mit dem Tee-Löffel
heraus genommen haben. Einem andern Patienten hatte er, seinem sagen nach, einen
Polypum cordis, oder so genandten Hertz-Wurm per fedes abgetrieben, und zeigte
denselben annoch in einem mit Spiritu Vin. angefülleten Glase. Wieder einem
andern sollte durch seine Geschicklichkeit, und künstliche Hefftung, die mit
groben Schrot durchschossenen dünnen Gedärmer, und des Magens, das liebe Leben
erhalten sein. Alle Arten der Blindheit, so gar auch des schwartzen Staars,
vermass er sich ohne eintzige innerliche oder äuserliche Medicin, bloss
vermittelst eines Geheimnis-vollen sympatetischen Schnupff-Tobacks zu curiren:
allein ich habe niemand ausforschen können, der eine Probe davon gesehen oder
empfunden.
    Indem aber, mehrere Exempel seiner Quacksalberischen Prahlereien anzuführen,
vor allzu weitläufftig halte, muss ich doch ein und andere eigenhändige Probe
seiner jämmerlichen Chirurgischen Berichte, Wund-Zeddel und Recepte aufzeigen.
Hiermit stund Mons. Kramer auf, und holete einige Scripturen, welche, nachdem er
uns dieselben vorgelegt, wir also gesetzt befanden:
                 (I.) Bericht: Num. 9. anno 1710. den 5. Sept.
Auf Begehren eines Hochlöbl. Amts-Gerichts alhier u. auch auf gnädigen Specigal
Befehl des - - - - meines gnädigen Herrn, habe Ich Endes unterschriebener
Chyrugus N.N. obigen datum, Nach Mittage um Eins den entleibeten Körber des
verstorbenen und vorhero unwissend von wem er mordet worden, - - - - in seiner
Behausung auf einer Taffel, nebst meinem Gesellen und Lehr-Jungen, nechst diesen
in Beisein des Herrn Stadt- und Land-Fisicus Herr D.N.N. zu seciren und antomi
ren angefanget, und habe also an selbigen Körber wie folget angemerckt und
obselviret.
    1. Mag ihn der Mörder einen Schlag etwa mit einen Stuhl-Beine auf das
Cramgum gegeben haben, denn es war die ganze Schwarte auf dem Kopffe sehr mit
Blut unterlauffen, derowegen habe ich das Cranigum Kunstmässig abgesegt, aber
innwendig nicht beschädiget gefunden, sondern es war alles gut und die turra
mater und bia mater frisch, ausgenommen dass das Cereberum und die meningnes
nieder gesuncken waren, welches von Schrecken hergerühret hat, es war sehr viel
von den Cereberum im Kopffe, also kein Wunder, dass der Mann sehr klug gewesen
ist.
    2. War ihm die rechte claviculam entzwei geschmissen geworden.
    3. Hatte er 5. Stiche auf den Ossa sternium und auf der Pectus wovon aber
nur zwei durch die costa veroe gegangen und nachdem ich die cartilago welche das
Ossa sternium mit den costas verbinden (und welche Verbindung oder
Zusammenfügung die antomicis Synchonderosis nennen) kunstmässig durchschnitten
und das Ossa sternium aufgehaben, ging der rechte Stich durch den Musculus
serratus major anticus oder pectoralis in einen globum pulmonis, durch und durch
und hinten bei den vertebras torsis wieder heraus, es war auch ein ramum von der
vena pulmonaris abgeschnitten, und schrecklich viel Blut in der cavitatis
torazcis gelauffen. Der andere lædale Stich ging durch die Vena pulmonalæ oder
arteria pulmonala welches ich wahl haben will, und durch das lincke auriculæ
cordis ins Cor hinnein und blieb in den Ventriculus sinistri cordis sitzend,
welches wohl hauptsächlich causa mordis sein möchte, doch sind die andern
vulneris auch dabei in consiteratigon zu ziehen.
    4. Die Mörder mochten ihn auch brav auf den Leibe herum gesprungen sein,
denn die Urin Vesica war ihm im Leibe geplatzt und der Scrotus sehr geschwollen
auch mit vielen geronnenen sangvinis unterlauffen und die Testiculis und vasa
spergemanica jämmerlich zerqvetzt. Die Hepar und die Splen oder Lien sahen auch
nicht natürlich aus, in summa es war dem, in seinem Leben ehrlichen Körber, noch
elender mit gespielet als dem der zu Jericho unter die Mörder gefallen war. Da
aber er doch nicht zu curiren gewesen wäre wenn er gleich noch einige Tage
gelebt hätte, indem man zu seinen hauptsächlichen Vulnera nicht hinzu kommen und
weder ingectigon noch Wund-Balsam abeliciren können, so folget daraus dass diese
lesionen ber se & absolud ledal zu nennen zu achten und zu halten sein, und
hoffe ich, dass alle Vaculteten es mag hin geschickt werden wo es hin will mit
mir darinnen überein stimmen werden, es müste denn jemand Lust zu disbutiren
haben. Uhrkundlich habe ich diesen chyrurgischen Bericht eigenhändig
unterschrieben und mit meinen gewöhnlichen Perschaft bestärckt, verbleibe auch
                          Des Hoch Löbl. Amts-Gerichts
                                                                  Dienstwilliger
                                     (L.S.)
                                                                            N.N.
                                            - - - - wohlbestalter Hof-Stadt- und
                                                        Land-Chyrurgus juratius.
                 (II.) Wund-Zettel Num. 86. den 13. Jan. 1712.
Ich Endes unterschriebener bekenne hiermit dass ich vergangene Nacht etwa um 2.
Uhr N.N. in die Cur bekommen und an ihn folgende Plessuren befunden: Erstlich
einen gefährlichen Hieb über den lincken Elbogen, worbei die Tenda und Flexores
gäntzlich zerschnitten einfolglich die Gunctura nicht wieder wird curiret werden
können, sondern er wird einen lahmen Arm behalten, den ich ihn nach den Regeln
der Kunst krum heilen werde. Ich werde aber auch viel Mühe haben das
Glied-Wasser zu stillen. Vors andere einen Hieb auf das Sinsciput und Ossa
frondale über die sutura coronale her, es wird wenig fehlen dass die oberste
dabula des Cranigums nicht gäntzlich durch gehauen ist. Vors dritte weil er seit
etlichen Jahren her ein Gewächse an Occiput gehabt, welchen tumor wir Chirurgos
Anteroma, Steccatoma oder Glicirrice zu nennen pflegen, ist ihm dasselbe
ebenfalls aufgeschlagen, dass es nunmehro auch vollends muss heraus geschnitten
werden. Sonsten ist bereits an allen Vulnera starcke Geschwulst und imflamatio
gewesen, die ich zu vertreiben grossen Fleiss Mühe und Kosten anwenden werde.
Uhrkundlich habe diesen Wund-Zettel unter meiner eigenen Hand u. Perschaft
ausgestellet Dat: ut sapra
                                     (L.S.)
                                                                            N.N.
    (III.) Specificatigon was ich Endes Unterschriebener wegen der glücklich
       getanen Curan N.N. vor Medicamentis und Artzlohn zu fodern habe:
Vor Speciges zur Fomentation 1 Tlr. 16 gr.
Vor Spec: per Tecoct: Vulneraria 3 Tlr. - gr.
Vor innerliche Medicin die nach
der medode medende eingerichtet
gewesen 2 Tlr. 12 gr.
Vor Balsamus vulneraria 1 Tlr. 8 gr.
Vor Emplastrum und Ungevent. 2 Tlr. - gr.
Pro lapora & studia 6 Tlr. - gr.
16 Tlr. 12 gr.
den 16. Decempr. 1711.
                                                                            N.N.
                                 (IV.) Recepte.
        P. Succq Limonia lbij
                Bals. Sulpher: zj
                Sal praunelli
                saturnus. aa. Zij
                Camolorat. Zss
                Ol: Terepentin. q.s.
            M.f. Mixtura dentur in Vitrum.
        P. Rad. Hippekanne gr. 15.
                Mercur: dulcius. gr. viij
                Concerv: Ros. q.s.
            M.d. in Schatulam.
    Monsieur Kramer hatte zwar noch einen starcken Vorrat von dergleichen
lächerlichen Scripturen dieses Künstlers, doch weil er sich dabei nicht lange
aufhalten wollte, übergab er mir selbige auf mein Bitten ganz und gar, weil ich
mir zuweilen daraus mit Herrn Wolffgangen und Litzbergen, einen lustigen
Zeit-Vertreib zu machen suchte. Ich habe aber auch mit allem Fleisse allhier
nichts mehr von dergleichen Possen anführen wollen, erstlich darum: weil dem
Gen. Leser mit dem Uberflusse ein Eckel erweckt werden möchte, vors andere weil
mir Mons. Kramer selbst gestanden, dass er die Abschrifft von allen diesen Rarit
äten, wenige Zeit hernach, einen guten Universitäts-Freunde anvertrauet, welcher
dadurch bewogen worden, die Delicias Medicas & Chirurgicas des berühmten
Leipziger Chirurgi Monetons alias Müntzer seel. zu continuiren, ob es geschehen
weiss ich nicht, Mons. Kramer aber fuhr damahls in seiner Erzehlung also fort:
    Meine Condition bei diesem Manne war endlich noch so ziemlich passable, weil
ich sehr selten zu Hause auf der Barbier-Stube sein konnte, sondern von Morgen an
biss gegen Abend mehrenteils meine bestellte Arbeit, an Barbiren und Verbinden
bei der Hoffstatt, auch das meiste Brod auf dem Schloss zu essen hatte,
wohinnauf mein Herr sehr selten kam, als wenn er etwa gerufft wurde, denn
deutsch von der Sache zu reden, so bekam er die Besoldung nur aus puren Gnaden
und wegen seiner in den jüngern Jahren wohlgeleisteten Dienste, die er nunmehro,
als ein gar zu starcker Liebhaber des Sauffens, nicht wie vor der Zeit,
verrichten durffte und konnte. Zu seinem desto grössern Unglück starb der alte
regierende Fürst, und weil mein Principal bei dessen Beisetzung sich ganz
ausserordentlich liederlich aufgeführet hatte, bekam er wenig Wochen hernach
seine völlige Dimission, mitin traten auch die besten Kund-Leute bei Hofe und
in der Stadt zu einem andern über. Er wurde solchergestalt nur desto desperater
im sauffen, spielen und andern liederlichen Streichen, ruinirte sich und die
seinigen immer mehr und mehr, so dass ich den Jammer bei seiner sehr
vernünftigen Frau und 6. Kindern nicht mehr ansehen konnte, sondern meinen
Abschied nahm, und nachhero erfuhr, dass ihn der Wein, Bier und Brandtewein, noch
zu rechter Zeit ins Grab gebracht hatten, wie seelig er aber gestorben, weiss ich
nicht.
    Mich führete ein glückliches Fatum von dieser Residenz-Stadt hinweg und auf
eine berühmte Universität, allwo ich zwar so gleich keine Condition zu hoffen
hatte, jedoch von einem genereusen Lands-Manne, auf seine Stube genommen und
ausser der Kost und Kleidung in allen defrayret wurde. Dieser mein Lands-Mann
studirte Medicinam, und da ich kaum zwei Tage bei ihm gewesen, erwachte bei mir
auf einmal wiederum die Lust zum Studiren. Mein Vormund wegerte sich nicht, mir
nunmehro, da ich majorennis worden, und ihm doch nicht gleich zu Halse gelauffen
kam, 100. Tlr. zu schicken, welches aber auch das letzte Geld war, welches ich
von meinen Väterlichen und Mütterlichen Erbteile empfangen habe, ohngeacht ich
meiner gemachten Rechnung nach, wenigstens noch 800. Tlr. rückständig zu haben
vermeinte. Jedoch da ich mich weder einiges Betrugs, noch andern Unglücks
befürchtete, machte sich mein, auf das Studiren so sehr erpichtes Gemüte
dessfalls keinen Kummer oder Argwohn, sondern ich repetirte, mein bisher immer
sehr warm gehaltenes Latein, aufs allerfleissigste, mit einem zwar armen, jedoch
gelehrten Studenten, welchen ich alle Tage einmal gratis mit zu Tische führete,
und ausserdem, wöchentlich einen halben Taler Geld, vor tägliche 4. stündige
Information, im Latein- und Griechischen, bezahlete. Solcher gestalt konnte mich
nun mit ziemlicher Renommeé in den Catalogum dererjenigen inscribiren lassen,
die unter Hygæens Panier ihr Heil versuchen wollten. Das ist so viel gesagt, ich
changirte die Bartschererei, und wurde ein ernstlicher Studiosus Medicinæ. Durch
treulichen Vorschub meines Stuben-Purschen und gute Recommendation bekam ich
Erlaubnis, verschiedene Collegia frei zu besuchen, die übrigen höchst nötigen
aber vor halbes Geld. Weilen nun albereits ratione meiner Profession und
fleissigen Bücher-Lesens einen guten Vorsprung vor andern hatte, brauchte es bei
mir halbe Arbeit, derowegen wendete die beste Zeit darauf an, die Anatomie,
Physicam experimentalem, Materiam medicam und die Botanic gründlich zu fassen.
Inmassen es nun an keiner Gelegenheit fehlete, mich in allen solchen Stücken
aufs beste zu exerciren, anbei unter der Hand durch heimliche Chirurgische
Curen, mit Beihülffe meines Lands-Mannes, manchen schönen Taler Geld zu
verdienen, so wurden die ersten 5. Viertel-Jahre ungemein fleissig und stille
verbracht, so bald aber die Wissenschaften dergestalt etwas zugenommen, wuchs
auch die Ambition, mich unter andern eingebildeten Gelehrten, ebenfalls etwas
breit zu machen, und weil die douce Praxis, immer mehr Geld einbrachte; fieng
ich an, ein und andern Schmause beizuwohnen, selber dergleichen auszurichten,
und mir vor allen Dingen etwas Liebes anzuschaffen, denn zur selbigen Zeit konnte
niemand vor einen galanten Purschen passiren, der nicht zum wenigsten eine Spass-
Courtoisie mit einem oder andern Frauen-Zimmer unterhielt. So bald ich mir also
nur ein rot Kleid geschafft, und auch in anderer Aufführung einigen Etaat
blicken lassen, zeigten sich also bald ein paar Syrenen von nicht geringen
Stande, welche meiner Meinung nach, ihre charmanten Blicke und Minen nur darum
gegen meine Person spieleten, dass sie einen so galanten Herrn, der aufs längste
binnen andertalb Jahren den Doctor-Hut auf dem Schädel haben müsse, ja fein bei
Zeiten zur Gegen-Liebe bewegen möchten, um mit der Zeit sein Hertz zu erbeuten,
und durch ihn Frau Doctorin genennet zu werden. Etwas verzweiffeltes war es, dass
ich so wohl als alles andere Leute, die um mein Wesen Bescheid wussten, in der
Persuasion stund: mein Vormund müsse mir wenigstens noch 8- biss 900. Tlr. baar
Geld auszahlen, denn ich glaube, bloss dieses war genung, mir den Zutritt bei
vielen Frauenzimmer von Condition zu verschaffen, allein ich ging doch in
diesem Stück noch ziemlich behutsam, und nahm mich sehr genau in acht, nicht
etwa unbesonnener weise einzuplumpen, und meine Freiheit einer zukünftigen
vielleicht allzu späten Reue aufzuopffern, zumahlen da die tägliche Erfahrung
lehret: dass das Universitäts-Frauenzimmer gemeiniglich von Flandern, und selten
länger getreu zu lieben pflegte, als man bei ihnen sitzt und spendiret. Endlich
vermeinte ich doch eine ganz besonders getreue Seele angetroffen zu haben,
weil sich selbige in ihren ganzen Wesen ungemein still und sittsam, gegen mich
aber sehr keusch und züchtig verliebt anstellete. Derowegen riss sich meine hin
und her wanckende Liebe, von allen andern Gegenständen los, und blieb eintzig
und allein, an dieser Schönen hangen, die sich Eleonore nennete. Ja! nachdem
sich mein Lands-Mann von dieser Universität hinweg, und auf eine andere begeben,
war ich meiner Einbildung nach, vor hundert andern, so ungemein glücklich, bei
der Liebens-würdigen Eleonore ein Haus-Pursche zu werden. Die Gelegenheit war
also recht erwünscht vor mich indem ich nicht allein die Beqvemlichkeit hatte,
meine Liebe durch tägliche Hertz-brechende Unterredung auf festen Fuss zu setzen,
sondern nechst dem, bei einem solchen Manne im Hause zu wohnen, welcher das
Studium anatomicum als sein Hauptwerck triebe, und darinnen etliche 50. Student
en privatim informirete, hierzu fein eigenes compendieuses Teatrum anatomicum
angelegt hatte, und sich die gröste Mühe gab, an den Leibern aller Tiere, so er
nur habhaft werden kunte, das merckwürdigste und nützlichste zu zeigen. Ich war
hierbei dermassen geschäfftig, dass ich in kurtzen sein Profector wurde, welche
Ehre und Vorzug mir bei einigen andern ziemlichen Neid und Verfolgung erweckte,
zumahlen da mit der Zeit, mein geheimes Liebes-Verständnis mit Eleonoren
ruchtbar zu werden begunte. Jedoch ehe ich meine eigenen fernern Geschichte
verfolge, und eben itzo noch von der Anatomie gedacht habe, muss ich einer
seltsamen Begebenheit erwähnen, welche beweiset, dass die Lust zur Anatomie, oder
welches fast glaublicher, der Geld-Mangel, den Affect der Liebe eines Kindes
gegen seine Mutter, allem Ansehen nach sehr zu mindern, ja gäntzlich auszurotten
vermögend ist.
    Es wohnete in dasiger Vorstadt ein armer Studiosus Medicinæ, nebst seiner
bei nahe 70. jährigen Mutter und leiblichen Schwester, in einem kleinen Hause
zur Miete, und erhielt dieselben von den wenigen Geldern, die er sich etwa mit
seiner schwachen Praxi, und Information einiger Kinder erwerben konnte, wiewohl
die Schwester mit ihrer Hand-Arbeit auch etwas beigetragen haben mag. Nachdem
aber endlich die Mutter verstorben, muss er alle seine und ihre fahrende Haabe,
entweder verkauffen oder versetzen, um dieselbe nur mit Ehren unter die Erde zu
bringen, welches dem armen Schlucker dermassen zu Hertzen geht, dass er, indem
das Begräbnis etliche Tage aufgeschoben werden muss, vor Sorgen und Grillen sich
nicht zu lassen, auch nirgends Trost zu suchen weiss. Doch in der letzten Nacht
vor dem mütterlichen Begräbnisse, fällt ihm ein, dass unser Anatomicus, dessen
Privat-Collegia er fleissig besuchte, nur vor wenig Tagen uns folgender gestalt
angeredet: Messieurs! Sie reiten, fahren und spaziren ja doch immer auf den
Dörffern herum, sollte denn niemand unter ihnen so geschickt sein, einmal einen
menschlichen Cörper auf unser Teatrum anatomicum zu verschaffen, damit wir an
selbigen, diejenige curiositeé untersuchen könten, welche sich der Professor
einer benachbarten Universität jüngstin ganz neu erfunden zu haben rühmet? Es
gibt ja Leute genung, die sich eben kein überflüssiges Gewissen machen sollten,
uns einen todten Cörper zu verkauffen, daferne man ihnen nur die gute Manier
inspiriret, wie es zu practiciren und heimlich zu halten ist. Und wir werden ja
alle zusamen auch noch etwa ein 100. Tl. daran spendiren können, ich gebe 10.
Tlr. vor meine Person, hoffe, die Herrn werden ein paar Lumpichte Taler auch
nicht æstimiren, und sich die Sache angelegen sein lassen, denn es ist hierbei
Ehre, Ruhm und Nutzen zu erwerben.
    Wie gesagt, dieser Vortrag fällt dem armen Studioso eben in der letzten
Nacht ein, da er die Wache ganz allein bei der im Sarge liegenden Mutter halten
muss, und weil seine Schwester sehr feste schläfft, nimmt er den todten Leichnam
aus dem Sarge heraus, wickelt denselben in ein altes Tuch, versteckt ihn auf dem
Boden hinter das Feuer-Gemäuere, an dessen Stelle aber legt er etwas Heu, Stroh
und Steine in den Sarg, und vernagelt denselben aufs allerfesteste. Folgenden
Morgen kam er in aller Frühe zu unsern Professore gelauffen, meldet, dass er ein
Subjectum anatomicum humanum ausgekundschaft habe, selbiges aber unter 100.
Tlr. nicht erhandeln können, derowegen er sich bei ihm erkundigen wolle: ob es
davor anständig sei oder nicht. Viele haben nachhero zwar statuiren wollen, dass
er dem Professori das ganze Geheimnis ohne Scheu entdeckt, ich aber lasse
solches dahin gestellet sein. Kurtz! unser Professor ist mit dem Quanto zu
frieden, gibt ihm so gleich 50. Tlr. in Abschlag, und verspricht den Rest, so
gleich bei Empfang des Cadaveris zu bezahlen, welches dieser arme Schlucker
folgendes Abends selbst zu überbringen, und in seine Hände zu liefern angelobet.
Vorhero aber, liess er Nachmittags, an statt seiner Mutter, den mit Steinen und
Stroh gefüllten Sarg, öffentlich und mit allen gewöhnlichen Ceremonien zur Erden
bestatten, und so bald es dunckel worden, steckt er den bereits wohl
eingewickelten mütterlichen Cörper, in einen alten Sack, um damit nach des
Professoris Hause zu zu wandern. Unter wegs begegnet ihm ein anderer bekandter
Studiosus, der, ohngeacht er sich möglichst zu verstellen gesucht, ihn dennoch
erkennet, und nicht ablässet zu fragen: was er unter dem Mantel trüge? über
dieses gar, den Mantel aufzudecken, Miene macht. Allein der arme bestürtzte
Schlucker wickelt sich endlich doch von ihm los, und gibt zur Antwort: Herr
Bruder! lass mich nur zu frieden, ich trage eine alte Bass-Geige. Solchemnach
kömmt er, ohne fernern Anstoss, glücklich in unsern Hause an, und empfängt von
dem Professore die annoch restirenden 50. Tlr. als womit er sich vor dasmahl
aus aller seiner Not und Schulden gerissen, vielleicht auch noch etwas
erübriget hat. Folgenden Tages fanden wir sämtlichen Interessenten, ein so lange
gewünschtes menschliches Cadaver, bezahleten derowegen des Professoris Vorschuss
reichlich wieder, und machten uns an die Arbeit, der arme Schlucker zahlete zwar
pro forma auch 2. Tlr. 16. Gr. darzu, und halff getrost mit in seiner Mutter
Haut und Fleisch hinein schneiden, vermeinte auch, die Sache sollte um so viel
desto mehr unverdächtig und verschwiegen bleiben, allein da der Professor bei
Demonstration der partium genitalium in etwas moralisirte, beim Utero aber
solche Worte gebrauchte: Dieses ist der Gelehrten und Ungelehrten allererste
Studier-Stube; Ein anderer aber hinzu setzte: Welche der grimmige Nero in seiner
eigenen Mutter zu betrachten, so unmenschlich curieux gewesen; fand sich oft
erwähnter Mutter-Verkäuffer, dermassen betroffen, dass er bei nahe in Ohnmacht
gesuncken wäre, da doch zur selbigen Zeit noch niemand als ich und ein anderer
guter Freund um den ganzen Handel Bescheid wussten. Nachhero wurde das vermeinte
Geheimnis, zwar freilich etwas weiter fortgeweltzt, ob es aber völlig ruchtbar
und Stadt-kündig worden: weiss ich nicht, weil mich nach diesem, selbiges Orts
nicht lange aufgehalten habe.
    Meine Particulair-Avanturen nunmehro weiter zu verfolgen, muss ich berichten:
dass bald hernach zwei reichere, dabei aber ungezogenere Pursche, als ich, von
der Magd im Hause erfuhren: wie Eleonore mich vor allen andern wohl leiden
könnte, und weil deren Vater sich sonderlich gütig gegen meine Person bezeigte,
wäre leicht zu vermuten, dass ich diese artige Schöne biss auf weitern Bescheid
mir zu eigen machen könnte. Da nun diese beide, recht ernstafte Neben-Buhler
wären, fand sich bald Gelegenheit, einander die Degen-Spitzen zu zeigen. Jedoch
ich war so glücklich, in einer Woche alle beide mit blutigen Denckmahlen
abzufertigen, derowegen entbrandte ihr Grimm nur um so viel desto heftiger, so,
dass sie noch etliche so genannte, aber nur eingebildete Renommisten zu sich
nahmen, und unter dem prahlhaften Titul: Die heroische Brüderschaft, manche
Nacht durch die Strassen schwermeten, allen eintzelen Leuten Verdruss und Schmach
antaten, unter andern aber auch ein blutiges Absehen auf meine Person hatten,
und mich, bei Gelegenheit tüchtig zu zeichnen, sich verlauten liessen. Nun
brauchte ich zwar alle behörige Vorsicht, mich nicht leichtlich in mutwillige
und unnötige Händel einzumischen, jedoch da ich einsmahls zur Nachts-Zeit, von
einem wohlbekandten Freunde aufgeruffen worden, um einen gefährlich-blessirten
Studenten eiligst zu verbinden, und wir beiderseits im Begriff waren, in sein,
mir wohlbekandtes Logis zu gehen, kam uns die heroische Brüderschaft unverhofft
über den Hals, mit Ausstossung dieser empfindlichen Worte: Canaille steh! Mein
Begleiter sagte zu mir: Monsieur, ich bitte gar sehr, dass sie auf meine
Verantwortung nur eiligst zu meinem blessirten Stuben-Purschen lauffen wollten,
ich will diese Canaillen schon abfertigen. Allein ehe ich noch Zeit hatte ihm zu
antworten, riefen etliche Stimmen nochmahls: Hundsf: steh! Gedult! Gedult!
rieff ihnen mein Compagnon entgegen, ich stehe schon. Unter diesen Worten aber,
zohe er seinen Rock aus, legte denselben ohnfern des Superintendentens Wohnung
in eine Tor-Fahrt, entblösste seine Esquadronir-Klinge, und hieb, auf dermassen
verzweiffelte Art, die kreuzte und die qveere in die heroische Brüderschaft
hinnein, dass selbige an nichts weniger als an die Gegenwehr zu gedencken schien;
sondern sich auf die Flucht begab. Hiermit aber war es noch nicht genung,
sondern er verfolget dieselbe dermassen furieus, dass von 10. oder 12. Personen,
nicht zwei bei einander bleiben dürffen, worauf er sans passion zurücke geht,
und seinen Rock wieder anziehet, mich aber bei seinen blessirten Stuben-Purschen
antraff, und die ganze Geschicht ohne eintzige Prahlerei erzehlete. Dergleichen
Courage hätte ich meines teils bei keinem Menschen, am allerwenigsten aber bei
diesen gesucht, denn er schien eben der stärckste nicht zu sein, war aber doch
mittlerer Taille ziemlich untersetzt, und etwas unter 3. Jahren auf der
Universität, vorhero aber auf dem Gymnasio zu Zeitz gewesen, allwo er
verschiedene mahl Gelegenheit gehabt, sich mit den Soldaten herum zu schlagen,
welches die hässlichen Narben auf seinem Kopffe des mehrern bezeugten. Wie
gesagt, ich hätte dergleichen hertzhaften Streich nimmermehr geglaubt, wenn
nicht das meiste selbst mit Augen gesehen, und in darauf folgenden Tagen die
Confirmation von allen, die um selbige Gegend wohneten, gehöret hätte.
    Inzwischen war die ganze heroische Brüderschaft zum grösten Gelächter
aller Menschen auf einmal zerstreuet worden, ich aber machte mit diesem resolut
en Studioso die vertrauteste Freundschaft, weil selbiger, meinen Gedancken
nach, mir zum Schilde wider alle dergleichen Verfolgungen dienen konnte. Er hatte
nicht sonderlich viel in bonis, da ich aber durch ihn in kurtzen zu schönen
Geld-Verdienste gelangete, wurde er von mir nicht allein nach meinem Vermögen
dann und wann mit Gelde fournirt, sondern in allen Compagnien, wo er bei mir
war, frei gehalten. Jedoch auf solche Manier, lernete ich wöchentlich zwei,
drei, auch wohl 4. mahl auf die Dörffer spaziren, und meinen bisherigen Fleiss,
der wegen täglicher Liebes-Grillen ohnedem schon einigen Abbruch gelitten, noch
weit stärcker hemmen. Aber was wurde draus? erstlich ein lustiger Pursche,
hernach ein nasser Bruder, weiter ein Craqveler, und endlich ein desperater
Kerl. Denn einsmahls, da ich mich auf einem nahgelegenen Dorffe unter lustiger
Compagnie befand, kamen auch ihrer fünffe von der ehemahligen heroischen
Brüderschaft in unsern Saal getreten. Mir machten sie keine Sorge, denn da ich
dero besondere Hertzhaftigkeit einmal auf der Probe gesehen, trug mein, von
Bier und Wein ziemlich angefeureter Geist, nicht das allergeringste Bedencken,
mit ihnen anzubinden, ohngeacht mein ehemahliger Vorfechter dieses mahl nicht
mit zugegen war. Es währete nicht lange, so wurden allerhand Stichel-Reden
gewechselt, welche ich und meine Anhänger mit gleicher Müntze bezahleten,
endlich aber, da die Worte fielen: dass sich heute zu Tage ein jeder Bartscheerer
vom Doctor-Hute wollte träumen lassen, wurde dem Fasse der Boden ausgestossen.
Meine 3. Anhänger waren so glücklich, ihre 4. Gegner zur Tür hinnans zu
fuchteln, ich aber so unglücklich, demjenigen, der mich touchirt hatte, einen
solchen Circumflexum über den Hirnschädel zu schreiben, wovon er augenblicklich
zu Boden sincken, und als ein halb-todter Mensch aufs Stroh gelegt werden musste.
    Wäre ich so vernünftig gewesen, gleich meines Wegs über die Gräntze zu
gehen, so hatte es seiten meiner weiter nichts zu bedeuten gehabt, denn meine
Sachen, die in lauter Büchern und Kleidern bestunden, würden meine guten Freunde
gar bald in Sicherheit gebracht haben; Allein meine Torheit bildete sich, noch
Recht überlei zu haben, ein, derowegen ging ich ohne Scheu in mein Logis,
erzehlete die gehabten fatalitäten, trunck mit meiner Amasia noch einen Coffeé,
und legte mich hernach aufs Ohr. Da aber mein guter Kramer kaum zwei oder drei
Stunden geschlaffen hatte, meldete sich der Herr Pedell, nebst hinter sich
habenden Handgreifflichen Anwalden, (denn solchen Titul haben sich in diesem
Seculo die Herrn Häscher beigelegt) und führeten ihn in die Custodiam.
    Es brauchte kein langes Kopffbrechens und Fragens nach den gewöhnlichen
Oratorischen Behelffs- Quis? quid? ubi? quibus auxiliis? cur? quomodo? quando?
sondern ich konnte mir leicht die Rechnung machen: dass mein kunstmässig gezogener
Circumflexus, diese üblen Suiten nach sich gezogen, und vielleicht noch üblere
nach sich ziehen könnte, zumahl da es hiess, dass an des Patienten Aufkommen gar
sehr gezweiffelt würde. Man vergönnete mir zwar, aus meinem Logis die Speisen zu
empfangen, doch durffte der Uberbringer kein Wort mit mir reden, denn meine 4.
Wächter, die allem Ansehen und Vermuten nach, in linea obliqva von des grossen
Goliats Waffenträger herstammeten, waren in den ersten 9. Tagen, ich glaube,
eines besondern Aberglaubens wegen, dermassen unerweichlich, dass sie auch kaum
einer Fliege vergönnen wollten, aus meinem Glase zu trincken, indem sie
befürchteten, ich möchte durch dieselbe etwa eine geheime Correspondenz, meiner
Befreiung wegen, anzuspinnen suchen, dem ohngeacht war doch meine Eleonora
endlich so inventieus, dieselben zu betriegen, denn sie hatte auf ganz subtile
Art, ein kleines Briefgen folgendes Innhalts mit dem Messer in mein mittägiges
Dreier-Brod geschoben:
                                    Mon Ami,
Ihr könnet seit der fatalen Nacht, eurer Händel wegen, unmöglich in grössern
Aengsten geschwebt haben, als ich eurer Person wegen. Zumahlen da die
verfluchten Creti und Pleti, meinen Abgeschickten so wenig, als andern guten
Freunden, erlauben wollen, euch zu sprechen, oder einen Brief zuzusenden, doch
fasset nunmehro guten Mut, denn mein Papa hat heute den Patienten selbst
besucht, und ihn besser befunden, als die Rede geht, derowegen hat bald
Hoffnung, in erwünschter Freiheit einen Russ von euch zu empfangen
                                                          vôtre amie Eleonore N.
    Gleich nach Verlesung dieses, mit meinem Brod-Messer unversehener weise
durchschnittenen Briefs, wurde mir das Hertze um etliche Centner leichter, ich
musste aber doch überhaupt 5. Wochen weniger 2. Tage pausiren, ehe sich meine
Freiheit vor 53. Tlr. Unkosten und Straff-Gelder erhalten liess. Allein was
halffs? da ich nunmehro den Vorsatz gefasset, wieder umzukehren, meine vorige
fleissige Lebens-Art von neuen anzufangen, und die Tochter dem Vater nach Jacobs
Weise abzuverdienen, wurde ich eines Abends, da ich mit meiner Liebste in der
Haus-Tür stund, von einem vorbei gehenden Meuchelmörder, unversehens durch und
durch gestochen, so, dass ich augenblicklich zu Boden sanck, weil aber der
Mord-Stich nur durch die Weichen gegangen war, und keine von den edelsten
Teilen berühret hatte, wurde ich binnen 6. Wochen wiederum in den Stand
gesetzt, auszugehen. Jedoch gleich am ersten Abende meines Ausgangs, hatte ein
unbekandter Bote, einen an mich gestelleten Brief ins Haus gegeben, den ich
also gesetzt befand:
                                   Monsieur,
Wenn euch eures Lebens wegen zu raten stehet, so fasset entweder den Schluss,
aufs eiligste diesen Ort zu verlassen, oder eure, der Sage nach, höchst-geliebte
Eleonora gäntzlich, und zwar vermittelst einer öffentlichen prostitution zu
quittiren. Das letztere wird euren, vermutlich redlichen, Gemüte vielleicht
unmöglich sein, derowegen überleget das erste, und bedenckt euer bestes, denn
einer solchen Zusamen-Verschwerung, als eurentwegen geschehen, seid ihr und alle
eure Gönner, in Wahrheit nicht capable zu widerstehen. Gebrauchet Raison,
Monsieur, und machet von dieser meiner Schrifft kein Bruit, sonsten wird der
Verdacht ohnfehlbar auf eine Person fallen, die nur das Plaisir gehabt hat, euch
von ferne kennen zu lernen, sich aber dennoch nennet
                                   Monsieur,
                        eurer Liebsten und eure
                                                           gute Freundin in N.N.
    Bei so gestalten Sachen konnte ich wohl ohne Schertz sagen: Inter sacrum
& saxum sto! Friss Vogel oder stirb. Jedoch musste die Sache erstlich mit
meinen, in Hoffnung habenden Schwieger-Eltern, so wohl als mit der Liebste
selbst überlegen, und da diese ingesamt rieten: nur aufs eiligste abzureisen,
und nicht eher wieder zu kommen, biss sie mir die Versicherung überschrieben, dass
sich der itzige Sturm gelegt, oder ich mir selbst eine gute bleibende Stätte
ausgemacht hätte, ging ich mit der ersten Post auf mein Vater-Land zu, nachdem
mir Eleonore die kräfftigsten Versicherungen gegeben: nimmermehr keinen andern
als mich zu heiraten, sondern viel lieber Zeit Lebens ledig zu bleiben.
    Zum grösten Unglücke war ich auf die Gedancken geraten: meinem Vormunde
einen Brief voraus zu schicken, und ihm den Post-Tag zu melden, an welchen ich
bei ihm eintreffen, mich aufs eiligste mit ihm berechnen, und so dann die Reise
nach einer andern Universität fortsetzen wollte, denn es wurde mir mein Concept
gewaltig verrückt, da mich ohngefähr 8. oder 9. Meilen vor meiner
Geburts-Stadt, beim Post-Wechsel, ein Troupp Soldaten umringete, nebst meinen
bei mir habenden Sachen, auf einen andern Wagen setzte, über Stock und Stiel
fortführete, und endlich in einer ziemlichen Vestung auf die Haupt-Wache
lieferte. Was mir daselbst vor Schmach und Qvaal angetan worden, da ich
durchaus nicht willigen wollte, eine Musquete auf die Schulter zu nehmen, ist
wahrhaftig nicht auszusprechen, mein Vorschlag war jedennoch, 500. Tlr. vor
den Abschied zu geben, und da solches verweigert wurde, einen Feldscheers-Dienst
anzunehmen, auch auf 3. oder 4. Jahr zu capituliren, allein es war alles
vergebens, denn die Officiers sagten mir frei ins Gesichte: dass sie eben keine
lang gewachsenen Feldscheers, wohl aber lange Musquetirs brauchten. Endlich da
ich 2. Tage und 3. Nacht krumm zusammen gebunden, unter der Pritsche schwitzen
müssen, und kein anderes Laabsal oder Nahrungs-Mittel empfangen hatte, als
Heerings-Köpffe, welche mir einmal über das andere in den Mund gesteckt wurden,
war es unmöglich, die Marter länger auszustehen, sondern ich musste mich endlich
entschliessen, einen höchst-gezwungenen Eid zur Kriegs-Fahne abzulegen. Nun
hätte sich zwar nach und nach vielleicht die Gedult bei mir eingefunden, diesem
widerwärtigen Verhängnisse so lange stille zu halten, biss sich mit der Zeit
Gelegenheit gefunden, selbiges mit guter Manier zu verbessern, allein das
unerhört grausame Tractament, welches ich alltäglich von den Unter-Officiers,
und sonderlich dem Sohne meines Vormundes, der Corporal hiess, erdulden musste,
war abermals unerträglich. Ich glaube, dass letzt erwähnter Bösewicht, mir
lediglich auf Anstifften seiner vergällten Mutter, so viel Hertzeleid zufügte,
und auch seine andern Cameraden darzu anrejetzte, denn wenn ich beim
privat-exerciren nur das Weisse in den Augen ein wenig verwendete, geschweige
denn sonst etwas unmögliches recht zu machen wusste, musste mein Rücken dermassen
viel Stock-Schläge fühlen, dergleichen er sich empfangen zu haben nicht erinnern
konnte, seit dem ich der Katze die Schelle angehängt, der Magd den Zettel
angeklebt, des Hundes Stuhl mit Steck-Nadeln gefüttert, und den alten Weibern
das curieuse Feuerwerck præparirt hatte.
    Wir mussten über die besonders lustige Art, womit Mons. Kramer dieses
letztere vorbrachte, von Hertzen lachen, ohngeacht die Beschreibung seines
angetretenen Soldaten-Lebens eben nicht lächerrlich war, so bald er sich aber
selbst mit uns satt gelacht hatte, fuhr er in Erzehlen also fort:
    Solchergestalt müste ich sehr einfältig gewesen sein: wenn ich nicht
gemerckt, dass mir mein Vetter und Vormund dieses Bad selbst zubereitet hätte, um
nur desto länger mit dem verdriesslichen Spruche: Tue Rechnung von deinem
Hausshalten etc. verschonet zu bleiben. Derowegen war eben im Begriff, etwa einen
höhern Officier, durch Geschencke, und Versprechung eines mehrern, auf meine
Seite zu bringen, der mir nicht allein einige Linderung, sondern auch von meinem
ungetreuen Vormunde hinlängliche Satisfaction verschaffen sollte; als mir ein
anderer unglücklicher Streich begegnete, und zwar bei folgender Gelegenheit: Es
schlugen sich eines Abends etliche Handwercks-Pursche auf der Strasse mit
Knütteln weidlich herum, da nun ich dieses Spectacul mit anzusehen, in voller
Montur, nebst meinem Wirt um die Ecke des Quartiers spazirt war, kam der
Corporal, mein Herr Vetter ohnverhofft auf mich zu, und fragte: was ich hier zu
stehen, und ob ich etwa Lust mit zu machen hätte? Nichts weniger als dieses, gab
ich zur Antwort, denn ich menge mich nicht gern in frembde Händel. So scheert
euch, sprach er, in euer Quartier, und legt euch auf den - - - - denn Morgen
habt ihr die Wache. Es wird, versetzte ich, Morgen an mir nicht fehlen, heute
aber habe nicht eher Ursach mich nieder zu legen, biss der Zapffen Streich
geschlagen ist. Canaille, wilst du lange raisoniren, schrye er hierauf, und
schlug mich dermassen mit dem Stocke über den Kopff dass mir augenblicklich das
Blut über die Nase lieff, weswegen ich von einem recht rasenden Eiffer
angestammt, augenblicklich meinen Pallasch zohe, dem schändlichen Bluts-Freunde
etliche Hiebe in den Kopff und Schultern versetzte, letztlich aber die rechte
Hand dergestalt streiffte, dass sie nur noch an einer eintzigen Flächse behangen
blieb. Dieserwegen kam ich erstlich in Arrest, bald hernach aber ins Verhör und
Krieges-Recht, allwo mir das tröstliche Urteil gefället wurde: Drei Tage nach
ein ander, und zwar alle Tage 12. mahl durch die Spitz-Ruten zu lauffen. Dieses
kam meiner Seele weit unerträglicher vor, als der Tod selber, ja der Satan war
so geschäfftig, mir einzugeben, dass ich mich lieber selbst ermorden, als
dergleichen Marter ausstehen sollte, weil ich doch so wohl davon crepiren müste
als ein anderer, der nur vor wenig Tagen eben dergleichen Straffe erlitten.
Jedoch dieser desperate Entschluss wurde noch bei Zeiten von christlichern
Gedancken erstickt, hergegen fiel mir ein anderer Hazard ein, der doch zum
wenigsten nicht so gar verzweiffelt und sträfflich zu achten war. Diesemnach, da
ich wusste, dass bei dem heimlichen Gemache, welches zu der Corps de Garde, da ich
gefangen sass, gehörete, eine schmale Schlufft den Wall hinab, nach dem
Wasser-Graben zu, ging, observirte ich Sonntags, nehmlich des Tags vorhero, da
ich Spitz-Ruten lauffen sollte, alle Gelegenheit, wie auch die Gegend jenseit
der Vestung sehr genau, simulirte Nachts ein heftiges Reissen im Leibe, liess
mich etliche mahl hinaus bringen, so lange biss meine Begleiter darüber
vedriesslich wurden, und mir alleine an den Ort zu gehen erlaubten, wo man seinen
Vortrag mit gebogenen Knien zu tun obligirt ist, in Meinung, dass ich doch
unmöglich entwischen könnte, weiln ohnedem 4. Schild-Wachen um diese Gegend
stünden, die man nicht so leicht vorbei passiren könnte. Allein ich ersah meinen
Vorteil, Nachts gegen 12. Uhr, rutschte durch die enge Schlufft den Wall hurtig
hinnab, sprung eine 8. biss 9. Elen hohe Mauer hinunter in den Graben, so, dass
mir das Wasser über den Kopffe zusammen schlug, rieff den Höchsten, um Erhaltung
meines Lebens, an, begab mich aufs Schwimmen, kam glücklich hindurch, und
erreichte endlich nach Ubersteigung vieler Abschnitte und Pallisaden die freie
Landstrasse.
    Vor allen Dingen fiel ich nunmehro erstlich nieder auf meine Knie, und bat
GOtt um gnädige Vergebung meiner Sünden, indem mich die gröste Not getrieben
hatte, einen, obschon aufgezwungenen, Eyd zu brechen, hiernächst dass mich
derselbe ferner gnädiglich führen, und lieber mit anderweitigen väterlichen
Züchtigungen belegen, als wiederum in die Hände meiner tyrannischen und
unmenschlichen Lands-Leute geben wolle. Da nun unter diesen eiffrigen Gebete
ein wenig verschnaubt hatte, begab ich mich aufs Lauffen, weilen allbereit
ausgekundschaft hatte, dass die Gräntze des benachbarten Landes-Herrn nicht über
4. Meilen von dieser Stelle entlegen sei. Wie mir zu Mute gewesen, da ich
einen, oder, wo mir recht ist, zwei Canonen-Schüsse aus der Stadt, und dann in
allen umliegenden Dörffern, die Sturm Glocken läuten hörete, lasse ich ihnen,
meine Herrn, selbst erwegen, denn dieses war das gewöhnliche Zeichen, dass ein
Deserteur aus der Vestung entsprungen, und dass jede Dorffschaft obligirt sei,
denselben zu verfolgen. Früh Morgens gegen Aufgang der Sonnen, da ich mich auf
einer weiten Ebene befand, und mir unmöglich fiel, ohngeruhet weiter zu lauffen,
zwängete sich mein ermüdeter Cörper in einen aufgesprungenen hohlen Weiden Baum,
der da weit von allen Strassen, nebst unzähligen andern, auf einer Viehtrifft
stund. Etwa eine Stunde hernach, da ich schon in stando ein wenig geschlummert
hatte, passirte der Vieh-Hirte vor mir vorbei, war aber, wie ich glaube, mit
Blindheit geschlagen, weil er mich so wenig sah als sein Knabe, der ebenfalls
sehr öffters bei meinem Schlaff-Gemache vorbei lieff. Jedoch so bald er nur etwa
hundert Schritt von mir, sich nebst seinem Knaben in die Sonne gelegt, fieng ich
von neuen an zu schlummern, wurde aber nochmahls durch das Getöse etlicher
Reuter gestöhret, welche, wie ich durch ein Spalt-Loch sehen konnte, sich dem
Hirten näherten, und fragten: ob er keinen Deserteur, in solcher Kleidung, wie
sie ihm die meinige beschrieben, vorbei lauffen sehen. Er konnte freilich wohl
mit guten Gewissen Nein sagen, berichtete auch auf ferneres Befragen, dass nur
noch eine gute Stunde Wegs biss zur Gräntze sei, weswegen die Reuter ihre Pferde
desto schärffer ansporneten, und zwischen den Bäumen, nicht 12. Schritt vor
meinem Behältnisse, hinritten. Mein Hertze klopffte inzwischen so lange, biss ich
dieselben aus dem Gehöre und Gesichte verlohr, endlich aber verlohr sich auch
zugleich die allergröste Angst, in darauf folgenden mehr als 6. stündigen
Schlaffe. Nachdem ich aufgewacht war, fieng mich der Hunger ziemlich zu plagen
an, jedoch der Magen musste vor dieses mahl durchaus Raison annehmen, weil ich
nicht vor ratsam hielt, diesen sichern Ort zu verlassen, ohngeacht derselbe vor
menschlichen Augen sehr unsicher zu sein schien. Der Hirte, welcher binnen der
Zeit weit im Felde gewesen, kam endlich gegen Abend wiederum zurück, und setzte
sich etwa 20. Schritt von meinem Baume nieder, bald darauf kam auch sein Knabe,
der vermutlich Tags über im Dorffe gewesen war, setzte sich neben ihn, und
fragte unter andern: ob die Reuter wieder zurück gekommen wären, die dem
entlauffenen Lands-Knechte nachgesetzt hätten. Der Alte bejahete solches,
meldete darbei, dass er abermals mit ihnen gesprochen, und erfahren, wie sie
heute einen vergeblichen Ritt getan hätten. Es ist Schade Vater, sagte hierzu
der Knabe, dass wir den Schelm nicht haben ansagen können, denn sonst hätten wir
gewiss einen Taler Geld dabei verdienet, oder wohl gar zwei. Ach Töffel!
versetzte der Alte, behüte uns GOtt vor solchen Blut-Gelde, es kann vielleicht
wohl ein gut ehrlich Mutter-Kind gewesen sein, wer weiss, wie sie ihn
gekreuztiget haben, ich wollte lieber einen Pfenning oder wohl gar nichts nehmen,
und einen solchen armen Kerl 10. Meilen fort bringen, als vor 10. Tlr. Geld ihn
den Soldaten verraten, denn diese machen nicht viel Federlesens, sondern lassen
auch die besten Kerls an den Galgen hencken. O du redliches Blut! gedachte ich
in meinen Hertzen, GOtt wird dir deine christliche Liebe, wo nicht zeitlich,
doch dort ewig zu vergelten wissen. Jedoch ich hielt mich noch beständig in
aller Stille, biss endlich, nach verschiedenen andern Gesprächen, der Knabe weit
ins Feld lieff, um das zerstreute Vieh zusammen zu treiben. Da nun bald hernach
der Hirte etwas näher an meinen Baum kam, rieff ich ihn an, klagte seiner
Treuhertzigkeit meine Not, überreichte ihm einen Ducaten, und bat, mir davor,
so bald es möglich, nur einen Trunck Bier, nebst einem Stücke Brod zu
verschaffen. Er zeigte grosses Mittleiden bei meinem Elende, überreichte mir
indessen ein Stück Brod nebst einem Käse, und versprach, binnen zwei Stunden mit
besserer Speise und Geträncke bei mir zu erscheinen, wollte aber durchaus kein
Gold, sondern sagte: ich möchte ihn nur etliche Groschen Silber-Geld geben, um
die Speisen davor zu kauffen, weil er in seinem ganzen Leben voritzo nicht mehr
als 10. Pfennige baares Geld aufzubringen wüste. Demnach überreichte ich ihm
eine ganze Hand voll Silber-Geld, wovon er aber nicht mehr als etliche Groschen
auslase, und das übrige durchaus nicht annehmen wollte, sondern mit starcken
Kopffschütteln davon ging, nachdem er versprochen, binnen einer Stunde wieder
bei mir zu sein. Er hielt sein Wort redlich, kam mit der Abend-Demmerung zurück,
brachte einen halben Schincken, ein starck Stücke Wurst, ein halbes Brod, eine
Flasche Bier, wie auch Butter und Käse in seinem Rantzen getragen, liess mich
nach Belieben davon speisen, er aber setzte sich etliche Schritt von mir hinweg,
und erzehlete binnen der Zeit, seiner Einfalt nach, verschiedene kluge Streiche,
die von einem Manne, der täglich mit niemanden, als unvernünftigen Vieh
umgieng, nicht leicht zu vermuten waren. So bald die Nacht herein brach,
führete er mich glücklich über die Gräntzen meines verhassten Vaterlandes, ruhete
hernach über 3. Stunden, in einem dicken Gepüsche, an meiner Seite, und zeigete
mir hernach die richtige Strasse, worauf ich ohnfehlbar binnen 3. oder 4.
Stunden eine kleine Stadt erreichen würde, in welcher nicht die geringste Gefahr
vor mich zu befürchten, hergegen alle Sicherheit anzutreffen sei. Ich fragte,
was er vor seine Bemühung haben wollte, und der gute Mann forderte nicht mehr als
2. Groschen, welches mich dermassen afficirte, dass ich ihm 2. spec. Ducaten gab,
die er vermutlich nicht angenommen, wenn die Dunckelheit ihn nicht verhindert
hätte, Gold- und Silber-Geld zu unterscheiden.
    Nunmehro setzte ich meine Reise in gröster Geschwindigkeit nach bezeichneter
Stadt fort, und erreichte dieselbe noch vor anbrechenden Tage. Mein ganzes
Vermögen belieff sich auf 43. spec. Ducaten, und etwa 12. biss 15. Tl.
Silber-Geld, derowegen konnte noch wohl das Hertz haben, mich in einen reputir
lichen Gastoff einzulogiren, allwo ich ebenfalls sehr guttätige Leute antraff,
mich mit reinlicher neuer Kleidung und Wäsche versorgte, nach Mühlhausen zu
einem weitläufftigen Befreundten reisete, und von daraus, an meinen
ungewissenhaften Vormund schrieb, um zu vernehmen, ob er mir noch etwas von
meinem Erbteile heraus geben wollte oder nicht. Allein ich hatte die gröste
Ursache, das daran gewendete Post-Geld zu bedauern, denn die Antwort fiel
accurat also, wie ich mir dieselbe eingebildet hatte, nehmlich, ich sollte
erstlich kommen, mich mit ihm berechnen, seinem Sohne, die, meuchelmörderischer
weise abgehauene Hand, bezahlen, und so dann den Galgen, wegen meiner Desertion
an statt des Rests zu fordern haben. Derjenige Brief, welchen ich ihn hierauf
geschrieben, wird schwerlich einem andern lebendigen Menschen, als uns beiden,
vors Gesichte gekommen sein, mich aber gereuet es fast, dass das Concept nachhero
von mir verbrandt worden.
    Diesemnach hiess es nun mit mir: Omnia mea mecum porto, wiewohl ich
dieserwegen den Mut ganz und gar nicht sincken liess, sondern mein
niedergedrucktes Glücke, auf einer andern Universität wiederum aufzurichten
verhoffte; Allein die Herrn Soldaten verrückten mein Concept zum andern mahle,
und forcirten mich bei damahliger starcken Recreutirung, mit Gewalt Dienste zu
nehmen, doch war diese Art gegen die vorige Englisch zu nennen, denn ich konnte
und durffte bei ihnen doch dasjenige, wovon ich Profession machte, unter einer
reputirlichen Charge practiciren, bekam auch von einem recht liebreichen
Officier hinlänglichen Sold, und machte mir also nicht das geringste Bedencken,
hinkünftig ein oder etliche Campagnen mit zu wagen.
    Inmittelst waren nunmehro 7. Monat verstrichen, seit dem ich von meiner
allerliebsten Eleonore Abschied genommen, und ihr binnen der Zeit mehr als 8.
Briefe geschrieben, jedoch nicht die geringste Antworts-Zeile erhalten hatte.
Ich habe von meiner allerliebsten Eleonore geredet, nehmlich von derjenigen
Eleonore, welche mir mit unverlangten grausamen Eyd-Schwüren versprochen: ehe
1000. mahl zu sterben, als sich, Zeit meines Lebens, an eines andern Seite zu
legen, ja man sollte sie eher in Stücken zerreissen, als mit einer anderen
Manns-Person ins Braut-Bette bringen. Uber dieses hatte sie jederzeit eine
dermassen strenge Tugend gegen mich bezeuget, dass meine Caressen bei ihr
niemahls einen höhern Grad erreichen dürffen, als ihre Hand und Mund zu küssen.
Allein nunmehro berichtete mich ein guter Freund: dass dieselbe noch kein
eintziges mahl gestorben, vielweniger, seines Wissens, ein eintziges Stück von
ihrem Leibe abreissen lassen, und dennoch bereits vor 3. Monaten, ohne allen
Zwang, einen Licentiaten geheiratet hätte.
    Eben da dieser Brief bei mir einlieff, war ich im Begriff, eine Comoedie,
von dem philosophischen Harleqvin Diogene, und zwar diejenige Passage zu lesen,
da man ihm berichtet: wie sein Knecht Manes darvon gelauffen sei. Worauf er zur
Antwort gegeben: Kan Manes ohne Diogene, so kann auch wohl Diogenes ohne ihn
leben. Derowegen applicirte ich dieselbe Passage auf mich und meine ungetreue
Liebste, imitirte also diesen klugen Narren zu meiner ungemeinen Gemüts
Befriedigung. Weil ich mich aber erinnerte: ihr, nebst einer Englischen Uhr,
noch andere pretieuse Sachen, die am Wert mehr als 150. Tlr. betrugen, auf die
Treue gegeben zu haben; so konnte doch nicht unterlassen, einen stacheligen
Gratulations-Brief an dieselbe zu schreiben, und meine Sachen wieder zurück zu
verlangen, mit der Bedrohung, dass ich auf den Verweigerungs-Fall, andere, ihr
vielleicht nicht sonderlich renommirliche Messures nehmen würde. Mein Special
-Freund hatte diesen Brief der Dame zu eigenen Händen geliefert, und durch
mündliches Zureden so viel ausgewürckt, dass sie mir endlich meine Uhr nebst 100.
Tlr. baaren Gelde remittirte. Ihren mit allerhand kahlen Entschuldigungen und
läppischen Fratzen angefülleten Brief, habe kaum des Lesens gewürdiget, hergegen
kam mir das überschickte desto besser à propôs. Denn ich konnte damit meine
Equippage, gegen bevorstehende Campagne, nicht allein in desto bessern Stand
setzen, sondern auch in gegenwärtigen Winter-Quartiere, eine solche Figur
machen: dass sonderlich das Frauenzimmer besondern Estim vor meine Person zeigte.
    Weil nun die Liebe durchaus, an Eleonoren, Revange zu nehmen, verlangte, um
selbiger ungetreuen Person zu zeigen, dass ihr Verlust sehr leicht und zwar weit
vorteilhafter zu ersetzen sei; liess ich mir durch die Reitzungen einer artigen
Rosine, abermals das Hertze rauben, und weil dieselbe von guten Geschlechte,
ziemlichen Vermögens, darbei auch recht artiger Bildung, und sonderlich eines
aufgeweckten und klugen Geistes war, schlossen wir, mit Genehmhaltung ihrer
Eltern, ein festes Liebes-Verbindniss, worbei mir jedoch erlaubet wurde, vor
Vollziehung desselben ein oder etliche Campagnen unter der Soldatesque zu tun,
indem mein Schatz nur erstlich 17. Jahr alt, also wohl noch einige Jahr warten
konnte. Nach glücklicher Zurückkunft, sollte mir von meines Schwieger-Vaters
Bruder, der keine Erben hatte, die Stadt-Apoteke zugeschlagen werden, damit
ich, nach Belieben, alle drei Species der Medicin, nehmlich Medicinam selbst,
anbei auch Chirurgiam und Pharmacopoeam practiciren könnte.
    Solchergestallt ging ich im darauff folgenden Früh-Jahre, mit vergnügen zu
Felde, in Meinung folgenden Winter, oder doch aufs längste binnen zwei oder drei
Jahren wieder bei meiner Braut zu sein. Allein es wurden vollkommene 5. Jahr
daraus, binnen welcher Zeit ich zwar etliche Briefe an dieselbe und ihre Eltern
schrieb, auch auf alle die angenehmsten Antworten erhielt; jedoch da vor
gäntzlicher Beilegung des Kriegs, keine Hoffnung zum Abschiede vorhanden, mussten
wir uns auf allen Seiten mit Gedult schmieren. Nun sollte Ihnen, meine Herren,
sagte hierbei Mons. Kramer, auch eine ausführliche Beschreibung von meinen
zugestossenen Kriegs-Begebenheiten machen, allein ich fürchte, es möchte selbige
auf einmal, wegen der Langweiligkeit vedriesslich fallen, derowegen will
dergleichen, biss auf eine andere Zeit versparen, und voritzo nur melden: dass,
nach glücklich abgelegten Rück-March, kaum mein Stand-Quartier bezogen hatte, da
ich sogleich um Uhrlaub bat, und die Reise zu meiner Liebsten antrat. Aber,
aber! indem ich dieselbe unverhofft zu überfallen, und desto mehr Freude zu
verursachen gedachte, traff ich im Hause alles consternirt, betrübt und gegen
mich kaltsinnig an. Meine Braut sollte vor wenig Wochen zu einer ihrer Muhmen
gereiset sein, welche selbige nicht so bald wieder hätte von sich lassen wollen;
Ich machte mir allerhand Gedancken bei solchen verwirreten und kaltsinnigen
Wesen, jedoch was will ich itzo viele Umschweiffe machen? die saubere Rosine
hatte bei ihrer grossen Klugheit ins Nest hofieret, deutlich aber zu sagen: ein
Jungfer-Kindgen bekommen, und zwar von einem solchen Spaas-Galane, der sie
Standes wegen nicht heiraten durffte oder wollte.
    Ihre Eltern liessen mir dieses Malheur, durch den dritten Mann, in einem
Säfftgen beibringen welcher hoch und teuer versicherte: dass diese Sache ganz
und gar noch nicht kundbar wäre, sondern ganz artig vermäntelt werden könnte,
wenn ich vor 1000. Tlr. besondere Discretion, mich ins Mittel schlagen, Vater
des Kindes heissen, u. die Geschwächte heiraten wollte. Allein hierzu war der
ganze Kerl, über alle massen delicat, und ohngeacht die schwangere Jungfer vor
ganz ausserordentlich schön ausgeschryen, auch mir eine noch stärckere
Discretion angeboten wurde, so blieb ich dennoch bei meinem Eigensinne,
verlangte nicht mehr als 300. Tlr. vor meine ehemahls gegebenen Geschencke und
Reise-Kosten, versprach auch davor alle honette Verschwiegenheit zu halten, und
reisete, nachdem ich solch gefordertes Geld, ohne die geringste Weigerung, gegen
einen ausgestelleten Revers erhalten, fast noch vergnügter zurück, als ich
daselbst angelanget war. Zwar kann ich nicht läugnen, dass mir das wohlgebildete
Gesichte und artige Conduite meiner gewesenen Liebste, dergestallt vor Augen und
in Gedancken schwebete, dass ich nachhero lange Zeit nicht ohne besondere
Betrübnis an ihr Malheur gedencken konnte, jedoch wenn ich im Gegenteil
bedachte: dass dergleichen Aufführung eines verlobten Frauenzimmers, eine
verzweiffelte Leichtsinnigkeit und liederliche Lebens-Art anzeigte, begunte nach
und nach die Empfindlichkeit zu verschwinden.
    Nachdem hierauff etliche Monate verstrichen waren, erhielt ich endlich den
inständig gesuchten Abschied, und war nunmehro gesonnen, ein Oertgen
auszusuchen wo ich mein Leben in guter Bequemlichkeit hinbringen könnte, weil
sich das Vermögen an baaren Gelde und andern Mobilien, doch auf 800. Tlr.
belieff. Mein missgönstiges Verhängnis aber hatte das Wieder-Spiel beschlossen,
denn ich liess mich von einem gewissen Cavalier, der eine hohe Charge an einem,
der vornehmsten Höfe in Deutschland bekleidete, in Dienste zu treten, bereden.
Selbiger war in der Tat ein ungemein wohl conduisirter Herr gegen seine
Bedienten, absonderlich konnte ich mit Recht, vor andern, mich ganz sonderbarer
Gnade von ihm flattiren, denn er tractirte mich jederzeit mit solcher
Gefälligkeit, die den Character, unter welchen ich mich bei ihm engagirt hatte,
sehr weit überstieg. Binnen etlichen Jahren, hätte ich durch seine
Unterstützung, mein Glück zum öfftern durch Heiraten und mittelmässige Aemter
gar wohl machen können, allein er inspirirte mir selber immerfort die
Hoffnung, auf etwas noch besseres. Aber, aber! da ich solchergestallt dem Glücke
am allerbesten im Schoss zu sitzen vermeinte, wurde mein Herr des Nachts
plötzlich von etlichen Officiers und Soldaten überfallen, in einen verdeckten
Wagen gesetzt, und nach einem festen Schloss in Arrest gebracht. Meine Person
musste unvermuteter Weise par Compagnie auch mit, wurde gleichfalls in das wohl
verwahrte Zimmer eines Turms gesetzt, und zwar ein Stockwerck höher als mein
Herr, mit dem ich in folgender Zeit kein Wort zu sprechen Gelegenheit nehmen
durffte. Ich habe niemahls erfahren können, was ihm eigentlich und hauptsächlich
vor ein Verbrechen schuld gegeben worden, aus denenjenigen Articuln aber,
worüber man mich vernahm, konnte ich leichtlich schliessen, dass es Sachen von
grosser Wichtigkeit sein müsten. Nachdem ich nun ein halbes Jahr weniger 4. Tage
gefangen gesessen, unschuldig befunden, und endlich frei gelassen worden, also
nichts mehr abzuwarten hatte, als die Auslieferung meiner Gelder und Sachen,
welche unter meines Herrn Meublen mit hinweg geschafft waren, die Zeit aber mir
dessfalls verzweiffelt lang gemacht wurde, steckte mir eines Tages ein Soldat
einen kleinen Brieff in die Hand, den ich nach Eröffnung also gesetzt fand:
                             Mein liebster Kramer!
Nehmet euch meiner in dieser Not an, und zweiffelt im geringsten nicht an
meiner raisonablen Erkänntlichkeit, denn ihr wisset ja selbst, dass ich
ausserhalb Landes, an sichern Orten solche Capitalia zu heben habe, wovor ich
und ihr Zeit Lebens gnugsamen Unterhalt finden können. Es wird euch weiter keine
Mühe machen, als mir an denjenigen Faden, den ich folgende Nacht um 1 Uhr aus
meinem Fenster hinab lassen werde, eine lange doch NB. feste Leine anzuknüpffen:
vermittelst welcher ich mich hinunter auf die Strasse zu kommen getraue, kauffet
oder bestellet indessen ein paar flüchtige Pferde, und lasset dieselben Nachts
zwischen den 11. und 12ten huj. vor der Stadt hinter den Gärten ohnweit der K. -
- - Strasse warten. Lasset euch die wenigen Sachen, welche ihr etwa zurück
lassen müsst, nicht abhalten, mir die allerstärckste Probe, der jederzeit
verspürten Liebe und Treue zu zeigen, ja wirklich zu leisten. So bald ich nur
den - - - Hof erreicht, hat es mit uns weder Gefahr noch Not. Erweiset euch als
einen Mañ, und wisset, dass ihr solchergestallt das Leben erhaltet
                                                            eurem Freunde. - - -
Allem Ansehen nach, war dieser Brief, vielleicht in Ermangelung der Dinte, mit
Blut, und zwar durch eine ungewöhnliche Feder geschrieben, welches den Affect
des Mitleidens und der Erbarmung dergestallt in meiner Seelen erregte, dass ich
ohne alles fernere überlegen den Schluss fassete: demjenigen meine Hülffe nicht
zu versagen, welcher sich seitero so ungemein auffrichtig gegen mich bezeigt
hatte.
    Von Stund an machte ich also die klügsten Anstallten hierzu, und weil mein
Geld-Beutel nicht zureichen wollte, fassete ich das Hertze, von einem Manne, der
meines Herrn und mein eigener heimlicher guter Freund war, noch 30. Tlr.
auffzunehmen, gab also einem Reit-Knechte meines Herrn, der sich seit etlichen
Tagen bei mir gemeldet hatte, und sonsten ein sehr getreuer Mensch war, 60.
Tlr. zu Erkauffung drei tüchtiger Kläpper, mit völliger Instruction, wie er
sich damit verhalten solle, mittlerweile besorgte ich alles übrige selber aufs
beste, und nachdem mir der Kerl von seiner guten Verrichtung, am bestimmten
Abende, behörigen Rapport abgestattet, auch weitere accuratesse zu beobachten
versprochen, legte ich die letzte Hand an das Werck, brachte auch meinen Herrn
glücklich zur Stadt hinaus, und zu Pferde. Aber! aber! da wir uns in der sehr
dunckeln Nacht verirreten, erschien zu unsern allergrösten Schrecken, hinter uns
ein Troupp Reuter mit vielen Fackeln, der Reit-Knecht und ich, setzten über
einen Graben, mein Herr aber, der doch das allerbeste Pferd ritte, mochte wohl
das Tempo nicht recht in acht genommen haben, stürtzte also hinein und wurde
gefangen, des Reit-Knechts Pferd unter seinem Leibe erschossen, ich aber entkam
en faveur der dunckeln Nacht glücklich, ohngeacht mir 3. oder 4. Kugeln nahe an
den Ohren vorbei sauseten. Das arme Pferd musste so lange lauffen, biss es endlich
folgenden Vormittags in einem dicken Walde unter mir nieder sanck, weswegen ich
abstieg, Grass ausrauffte und ihm selbiges zu fressen gab, auch in meinem Hute
Wasser vorhielt, wodurch es sich binnen etlichen Stunden wiederum erholte, so
dass ich, nachdem mein heftiger Hunger mit etwas Brod und Erdbeeren gestillet
war, die fernere Reise antreten und Abends ein Dorff erreichen konnte, allwo die
Leute meine Sprache nicht einmal recht verstunden. Bei allen meinem Unglücke
schätzte ich es dennoch vor das allergröste Glücke, dass mich nach eingezogener
gewisser Kundschaft, auf solchem Grunde und Boden befand, da meine Verfolger
sich nicht hinwagen durfften, derowegen begab mich in das nächst gelegenste
Städlein, allwo nicht allein die Posten durch passireten, sondern auch gute
deutsche Leute anzutreffen waren. Von dar aus, überschrieb ich unsere
unglückliche Avanture, an meines Herrn Gemahlin und leiblichen Bruder, und bat
dieselben, mich wegen meiner treu geleisteten Dienste, und starcken Verlusts mit
etwas Gelde zu secundiren, indem ich in Wahrheit nach verkauffung meines
Pferdes, nicht mehr als etwa noch 35. Tlr. baar Geld, nebst sehr schlechten
Kleidungs-Stücken besass. Jedoch ich bekam von der geitzigen Gemahlin nicht mehr
als 100. spec. Ducaten überschickt, nebst dem Versprechen, dass so bald ihr Herr
seine Freiheit erhalten hätte, welches vielleicht in wenig Wochen geschehen
könnte, indem seine Affairen nicht so gefährlich stünden als man wohl vermeinte,
mir mein Verlust gedoppelt ersetzt werden sollte. Allem ich konnte nach der Zeit
keinen Heller mehr erhalten, ohngeacht ich binnen 3. Jahren mehr als 50. Briefe
an diese Dame abschickte. Vorerwähnten guten Freunde übermachte ich die von ihm
geborgten 30. Tlr. redlich wieder, erhielt von demselben eine sehr verbindliche
Dancksagungs-Schrifft, nebst der Nachricht: dass von meinem Herrn sehr klägliche
Gespräche rouimen, denn selbiger wäre auf ein anderes Schloss in weit strengere
Verwahrung gebracht, welches gar keine gute Anzeigung sei, ich aber hätte zu
meinem grösten Glücke das beste Teil erwehlet, und möchte mich ja hüten, den
vor mich gefährlichen Boden wiederum zu betreten.
    Wenige Wochen hernach hat mich geträumet: dass meinem guten Herrn der Kopff
abgeschlagen sei, ob es wirklich also geschehen, kann ich nicht sagen, jedoch es
ging mir auch dieses geträumte Trauer-Spectacul dermassen nahe, dass ich um
selbige Gegend, zumahl da ich weder von meinem guten Freunde, noch von meines
Herrn Anverwandten einige Antwort erhalten konnte, nicht länger zu bleiben wusste,
sondern die Reise nach einer berühmten Hansee-Stadt antrat. Daselbst sah ich
mich, wegen ziemlich zerschmoltzenen Geldes genötiget, Condition bei einem sehr
berühmten Chirurgo zu acceptiren, der aber nunmehro auch sehr alt und stumpf zu
werden begunte, dahero sich in allen Stücken auf mich verliess, und da er binnen
andertalb Jahren meiner Dienstfertigkeit und Treue wegen, sattsame Proben
erhalten, vermachte er mir vor seinem bald darauff folgenden Ende, seine 24.
jährige und sehr tugendhafte Frau, nebst zweien Kindern, die er mit der ersten
Frau gezeuget hatte.
    Da nun selbige artige Frau an meiner Person und Wesen nichts auszusetzen
hatte, vielmehr nach abgelauffenen Trauer-Jahre den Anfang machte: mir mit allen
honetten Liebes-Bezeugungen zu begegnen, hielten wir endlich um Licht-Messe,
öffentliches Verlöbnis, und waren gesonnen, selbiges gleich nach den Oster-Feri
en, durch Priesterliche Copulation vollziehen zu lassen.
    Solchergestallt vermeinte ich nunmehro den Hafen meines zeitlichen
Vergnügens, vermittelst einer erwünschten glücklichen Heirat und wohlbestellten
Barbier-Stube, gefunden zu haben, bekümmerte mich auch ganz und gar nichts
mehr, um mein, durch verschiedene Unglücks-Fälle eingebüsstes ziemliches
Vermögen, sondern hielt davor: ich wäre von dem Verhängnisse mit allen Fleiss
forcirt worden: vorhero so viel an mein beständiges Wohlsein zu spendiren, um
solches desto erb- und eigentümlicher zu erkauffen. Aber, aber! selbiges war
noch lange nicht ermüdet mich zu verfolgen, sondern mir nunmehro erstlich den
aller empfindlichsten Streich zu spielen, denn meine hertzlich geliebte
Witt-Frau bekam 14. Tage vor Ostern einen gefährlichen Anfall vom hitzigen
Fieber, und schloss 2. Tage nach Ostern ihre schönen Augen zu.
    Ich gestehe nochmahls, dass mir dieser Unglücks-Fall unter allen denen, die
mir von Jugend auf begegnet, der Allerschmertzlichste gewesen, und zwar
dergestallt, dass recht bittere Tränen aus meinen Augen gepresset wurden. Nichts
war vermögend mich zu trösten, am allerwenigsten aber die Barbier-Stube, nebst
denen 300. Tlr. baaren Gelde, welche mir meine seel. Liebste im ordentlichen
Testamente vermacht hatte. Das Letztere wurde mir gleich nach verlauff der
ersten 4. Trauer-Wochen eingehändiget, wegen der Barbier-Stube aber, wollten die
Vormünder der Kinder, Advocaten Streiche machen, jedoch nachdem mir dieselbe von
der Obrigkeit des Orts adjudicirt worden, war ich so genereus den beiden Kindern
die Barbier-Stube gegen Erlegung des halben Werts an 450. Tlr. zu überlassen,
weilen mir ohnmöglich schien an diesen, vor mich ebenfalls fatalen Orte zu
bleiben, ohngeacht sich viele Freunde die Mühe gaben, meiner feel. Liebsten
leibliche Schwester, mit mir zu verkuppeln.
    Der ganze deutsche Erdboden kam endlich bei reifflicher Uberlegung, meinem
Gemüte unglücklich und vedriesslich vor, derowegen brachte alle meine Sachen in
Ordnung, reisete erstlich nach Lübeck, und war gleich im Begriff demselben auf
ewig Abschied zu geben, hergegen mein Glück in Schweden oder Dänemarck zu
suchen; als der Himmel gegenwärtigen Herrn Wolffgang darzwischen führete, dessen
Ansinnen mir augenblicklich das gröste Vergnügen erweckte, mein anderweitiges
Project verrückte, und mich animirte: seinen redlichen Vorschlägen willige Folge
zu leisten. Der Himmel gebe ihm selbst die Belohnung davor, weil ich mich nicht
im Stande befinde, meine schuldige Danckbarkeit sattsam auszudrücken. Nunmehro
aber kann ich mit bessern Recht sagen, dass ich unter dem Schatten des
Allerhöchsten, in den süssen Umarmungen meiner allerliebsten Mariæ Albertinæ,
bei der liebreichen Gesellschaft frommer Leute und getreuer Freunde, endlich
durch viele Unglücks-Wellen den Haafen eines irrdischen Paradieses gefunden,
allwo mein Gemüte täglich den Vorschmack himmlischer Ergötzlichkeiten findet.
Und also hat das, schon in meiner Jugend erwehlte Symbolum:
Tandem bona causa trimphat.
                                    Deutsch:
Ein redlich Hertze wird gedrückt, doch nicht erstickt,
Und endlich auf Verdruss mit Lust-Genuss erquickt.
eine glückseelige Erfüllung nach sich gezogen, und in meinen besten Jahren
hergestellet, da ich doch ordentlicher weise kaum die Helffte meiner Tage
erreicht habe.
    Hiermit schloss Mons. Kramer die Erzehlung seiner curieusen Lebens-Geschicht,
die man aus seinem äuserlichen Wesen nicht leicht judiciret hätte, allein er war
gewisslich ein ganz besonders artiger Kopff, der seines gleichen wenig hatte, so
dass man ihn zuweilen vor einen melancholischen Grillen-Fänger, zuweilen
hergegen, vor einen ausserordentlich auffgeweckten Menschen halten musste, jedoch
war in seiner Aufführung ganz nichts pedantisches oder haselirendes, sondern er
wusste im Umgange, seine Gemüts-Bewegungen mit einer besondern Klugheit zu
temperiren, seinen Gesprächen und Erzehlungen aber zu zuhören, konnte man nicht
leicht müde werden, denn er hatte die Gabe bei allen Passagen den Affect
vollkommen auszudrücken, und mit eingemischten Schertz-Worten und artigen
Geberden nicht selten ein Gelächter zu erregen, welches durch sein eigenes sauer
sehen gemeiniglich vermehret wurde.
    Wir hätten ihm vor dieses mahl, da es ohnedem noch hoch Tag war, wenigstens
noch ein paar Stunden mit dem allergrösten Plaisir zugehöret, allein er wollte
durchaus nichts mehr erzählen, sondern bemühete sich mit andern ergötzlichen
Veränderungen und Delicatessen, die seine Liebste indessen bereitet hatte, uns
aufs herrlichste zu bewirten, worbei jeden noch manch lustiges Gespräch
geführet wurde. Endlich nachdem wir auch seine ganze Oeconomie in Augenschein
genommen, und darinnen ganz besonders inventieuse Sachen angemerckt hatten,
bestimmten wir ihn auf Morgen, in Jacobs-Raum zu erscheinen, um zu versuchen, ob
wir, den, sonst sehr eigensinnig scheinenden Mons. Plager dahin bewegen könten:
uns gleicher Gestallt seine Lebens-Geschicht zu erzählen. Nachdem nun Mons.
Kramer, sich daselbst einzustellen versprochen, nahmen wir Abschied und reiseten
mit einbrechenden Abend ein jeder an seinen Ort.
    Herr Mag. Schmeltzer, der diese Spatzier-Fart, wegen anderer wichtigerer
Verrichtungen nicht mit antreten wollen, empfieng uns nebst seiner Liebste, die,
dem ohngeacht die Alberts-Burgische-Oeconomie noch beständig fortführete, unten
am Berge bei der Kirche, oben aber fanden wir einen zubereiteten Caffee-Tranck,
worzu wir eine Pfeiffe Toback ansteckten, ich aber musste Herrn Mag. Schmeltzern
einen concisen Bericht von dem Kramerischen Lebens-Lauffe abstatte, worüber wir
zum Ruhme dieses werten Freundes unsere Penseen ausschütteten, und uns hernach
zur Ruhe legten. Selbige Nacht aber passirte mir ein possierlicher Streich: denn
früh Morgens da kaum der Himmel zu grauen begunte, erweckte mich eine Stimme mit
diesen Worten aus dem Schlaffe: Eberhard mein Sohn! weil nun selbige mit des
Altvaters Stimme eine genaue Gleichheit hatte, sprung ich augenblicklich aus dem
Bette, warff meinen Nacht-Rock über, ging durch die offen stehende Tür in des
Altvaters Cammer, tratt vor sein Bette und fragte: liebster Pappa was ist zu
euern Diensten? Allein der Allvater lag in seinem natürlichen süssen schlaffe,
weswegen ich mir die gäntzliche Einbildung machte, dass ich geträumet hätte, und
mich wiederum zu Bette legte, auch gar bald wiedrum einschlieff. Jedoch bald
hernach rieff es abermals: Eberhard mein Sohn! Derowegen lieff ich zum andern
mahle vor des Alt-Vaters Bette, und tat vorige Frage, da derselbe aber sehr
stille lag und nicht das geringste Schnauben von sich hören liess, ergriff ich
ihn bei der Hand und drückte selbige so lange, biss er sich aus seinem süssen
schlaffe ermunterte, und mich fragte: was mein Begehren sei? lieber Pappa! gab
ich zur Antwort, ich zittere vor Bangigkeit, weil ich vermute dass euch ein
übler Zufall im Schlaffe begegnet sei, denn ihr habt mich nun zweimahl geruffen!
Eberhard mein Sohn! die zu euren Füssen liegenden Knaben aber, schlaffen wie die
Ratzen. Nein! mein Kind, versetzte der Altvater, ich habe euch mit meinem wissen
nicht geruffen, sondern sehr vergnügt und wohl geruhet, es muss euch geträumet
haben, geht in GOttes Nahmen wiedrum zu Bette, denn die Sonne wird in drei
Stunden noch nicht auf unsere Insul scheinen. Ich gehorsamete, jedoch etwa eine
Stunde hernach, erweckte mich eben dieselbe Stimme zum dritten mahle. Ich stund
wieder auf, ging vor des Altvaters Bette fand denselben im süssen Schlummer
liegen, trat derowegen an das Fenster, öffnete selbiges und sagte mit
ängstlicher Stimme: Mein GOTT! bin ich denn heute ganz und gar betört, es ist
ja unmöglich dass ich dreimal hinter einander also geträumet habe. Hierüber
konnte endlich der Altvater sein heimliches Lachen nicht länger verbergen,
sondern sagte: Mein Sohn! macht euch keine kümmerenden Gedancken, ich bin
wahrhaftig unschuldig, aber legt euch noch einmal stille hin und wachet, so
werdet ihr erfahren wer der Stöhrer eurer Ruhe sei. Ich wusste mich auf keinerlei
Weise aus dem Handel zu finden, gehorsamete aber seinem Befehle, legte mich in
aller Stille nieder, und blieb munter.
    Ehe ich mich nun dessen versah, liess sich oberwähnte Stimme mit eben
denselben Worten zum vierdten mahle hören, und also kam es endlich heraus, dass
mein schöner Vogel, den ich vor einigen Wochen in des Altvaters Cammer-Fenster
gehängt hatte, diese Worte, mit welchen mich der Altvater gemeiniglich zu ruffen
pflegte, auffgefangen, und auswendig gelernet hätte. Kein Fürstentum oder
Königreich wäre nunmehro capable gewesen, bei mir ein Æquivalent, gegen diesen
vortrefflichen Vogel abzugeben, ja ich war dermassen vergnügt über diese
Curiositee, dass nicht viel fehlete, ich hätte deswegen an alle Insulaner
ausserordentliche Notifications-Schreiben abgesendet. Der Altvater selbst hatte
eine solche Freude über meine Freude, dass er von nun an, niemanden als sich
selbst, die Sorge vor diesen unvergleichlichen Vogel anvertrauen wollte.
    Ich will diejenige Lust, welche mir der possirliche Vogel nachhero gemacht,
biss zu gehörigen Platze versparen, voritzo aber berichten: dass wir folgendes
Tages Mons. Plagern in seiner Werckstadt plötzlich überfielen, ihm vor dissmahl
Feierabend zu machen, und uns aufs beste zu bewirten geboten, auch alle
Anstallten selbst besorgen halffen, biss sich endlich Mons. Kramer ebenfalls noch
zu rechter Zeit bei der Tafel einstellete. Nach eingenommener Mahlzeit, da sich
unser guter Wirt sehr vergnügt und gefällig bezeigte, liess der Altvater nicht
ab, denselben so lange mit freundlichen Bitt-Worten zu unterhalten, biss er sich
endlich beqvemete in unser aller Verlangen zu willigen. Und also setzten wir uns
zusammen, und höreten mit auffmercksamen Ohren auf
 
                        Mons. Plagers Lebens-Geschicht.
Wenn ich ihnen, meine Herrn! fieng er an, eine auffrichtige Erzehlung meines
bisherigen Lebens-Lauffs abstatten soll, so bitte voraus, nicht übel auszulegen,
wenn ich die Fehler und Verbrechen meiner Eltern und Freunde mit lebendigen
Farben abmahle, auch die Sünden und torichten Streiche meiner selbst eigenen
Jugend nicht heuchlerischer weise zu vermänteln suche. Anbei aber bitte den
Unterscheid zu betrachten, was ich nehmlich vor diesem vor ein Früchtgen
gewesen, und wie ich dargegen itzo gesinnet bin. GOtt lob! mein Sinn hat sich
bereits vor etlichen Jahren zu bessern angefangen, und ich verhoffe nunmehro im
Stande zu bleiben, mich biss an mein Ende vor allen mutwilligen Sünden zu hüten,
auch GOTT und meinem Nächsten desto eiffriger und nützlicher zu dienen. Mein
Vater war von Geburt ein Augspurger und von solchen Eltern gezeuget, welche die
Evangelisch-Luterische Religion äuserst bekeñeten, auch alle ihre Kinder
darinnen wohl erzogen hatten. Da aber mein Vater nachhero, als ein junger
Goldschmidts-Geselle in die Frembde reiset, und zu Schaafhausen in der Schweitz,
sein zeitliches Glück, vermittelst einer reichen Heirat zu machen, Gelegenheit
findet, lässet er sich verblenden, die Luterische Religion mit der Reformirten
zu verwechseln. Zehen biss zwölff Jahr hat er nachhero zwar in ziemlich ruhigen
vergnügen gelebt, und drei Kinder mit der erheirateten Wittfrau gezeugt,
nehmlich mich, einen ältern Bruder, und dann auch eine jüngere Schwester, anbei
als ein besonderer Künstler, durch fleissiges Arbeiten sein Vermögen um ein
merckliches vergrössert, so dass mehr Uberfluss als Mangel in unserm Hause zu
spüren, und in keinem Stücke Not vorhanden war. Allein so bald meiner Mutter
Bruder, als ein alter Vagaband von seinen 15. jährigen Reisen zu Hause kömmt,
und meiner Mutter allerhand verzweiffelte Lufft-Schlösser ins Gehirne bauet,
läst dieselbe nicht nach meinem Baier so lange in den Ohren zu liegen, biss er
sich mit demselben als einen vermeinten Alchymisten in verschiedene chimische
Processe verwickelt. Ob nun schon die ersten Versuche sehr unglücklich
ablauffen, und bereits etliche 1000. Tlr. teils an das Laboratorium und andere
requisita verwendet, teils aber in die Lufft verflogen sind, mein Vater also
mit gröster Raison die Hand von der Butte ziehen, und fernerem Unglücke vorbauen
können; findet sich dennoch in seinem Gemüte das klare Gegenspiel, kurtz zu
sagen, es ist nach diesem ersten verunglückten Processen, kein Mensch
begieriger, erpichter und versteuerter auf das Goldmachen, als mein Vater.
    Ihr werdet vielleicht gedencken, meine Herrn, mein Vater müsse ein alberner
Schöps oder liederlicher Haus Wirt gewesen sein, allein solchergestallt irret
ihr gar sehr, denn ohne Flatterie, kann ich ausser demjenigen, was den Punct des
Goldmachens anbelanget, teuer versichern: dass er einen ausserordentlich guten
Verstand gehabt, zwischen der Verschwendung und dem Geitze aber, die
Mittel-Strasse dergestallt zu wandeln gewust, dass ich ihn seiner nachherigen
Torheiten wegen, weit mehr verdacht, oder gar eine Hirn-Wandelung vermutet
hatte, wenn ich mit der Zeit nicht an meinem eigenen Exempel erfahren: welcher
gestallt die Alchymie die allerentsetzlichste Art einer Gelben-Sucht des
Gemüts, ja ein solch verzweiffelt ansteckendes pestilentialisches Fieber,
welches sehr selten gäntzlich zu vertreiben, palliative aber durch nichts als
Armut und Mangel zu curiren sei.
    Jedoch zur Sache. Mein Vater fieng zum grösten Vergnügen seiner Frauen und
deren Bruders, das Werck weit kostbarer und arbeitsamer an als vorhero, liess
seine schöne Profession, die ihm doch jährlich ein gewisses und ansehnliches
Interesse vor Aufwand und Mühe einbrachte, gäntzlich liegen, schaffte Gesellen
und Lehr-Jungen ab, und gab bei andern Leuten vor, sein übriges Leben in Ruhe
und Friede hinzubringen. Jedoch es geschahe nichts weniger als das letzte, denn
er kunte sich kaum Zeit zum essen, noch weniger aber zum schlaffen nehmen. Bald
darauff wurde ein Gemurmele unter den Leuten, welche curieus waren zu wissen:
worzu doch wohl mein Vater so grausam viele Kohlen und andere Materialien
gebrauchen müsse? Dieserwegen hielt er vor ratsamer und desto unverdächtiger,
die Gold-Schmidts Werckstädten wiedrum anzulegen, neue Gesellen und Jungen
anzunehmen, und weit fleissiger als jemahls arbeiten zu lassen, nur damit die
Leute nicht in ihren, ihm vielleicht schädlichen Urteilen, gestärckt würden.
Allein was halffs? Es war bei aller Arbeit und bei allen Vornehmen nunmehro
weder Seegen, Glück noch Stern, denn binnen wenig Jahren wurde mein Vater an
auswärtige und einheimische Kreditores, mehr schuldig als sein ganzes Vermögen
betrug, dass, so zu sagen kein Ziegel auf dem Dache, weder ihm noch meiner Mutter
annoch zugehörete. Also war es an dem, dass entweder sehr schleunig, Gold, oder
Banqverott gemacht würde, indem ein oder zwei Kreditores schon von ferne in
etwas zu brummen anfiengen, derowegen geht meine Mutter mit ihren Bruder zu
rate, drehen die Poltzen, welche mein Vater nachhero verschiessen muss. Kurtz zu
sagen: weil das Goldmachen nicht geraten will, verfallen sie auf das
gefährliche Mittel: Geld zu machen. Denn vor das viele verlaborirte schöne Geld
und Gut, hatten sie dennoch eine betrügliche Massam erfunden, welche dem Golde
aufs genauste ähnlich sah, eine ziemliche Geschmeidigkeit hatte, den Strich
auch vollkommen hielt, allein im Schmeltz-Tiegel, und zwar erstlich im dritten
Gradu des Feuers, zu einer nichts nützigen schwartzen Schlacke wurde. Die Sache
ging ihrer Meinung nach herrlich und gut von statten, mein Vater muss die
Stempel zu Frantzösischen und andern Gold-Müntzen schneiden, die Mutter hilfft
mit müntzen, deren Bruder aber, nachdem er eine starcke Quantität von der
saubern Massa gemacht, begibt sich, mit einer grossen Summe solches neu
geprägten Geldes, auf die Reise, um selbiges zu vertreiben und gute Sorten davor
einzuwechseln, ist auch so glücklich binnen zwei Jahren, allein in Franckreich,
vor 20000. Tlr. dergleichen falsche Müntze anzuwerden, ohne was nach Holland
oder Deutschland gegangen war. Solchergestallt rissen sich meine Eltern sehr
geschwind aus allen ihren schulden, und hatten mehr als 30000. Tlr. wert an
baaren Gelde und Meublen beisammen, über dieses, so war zu damahliger Zeit noch
nicht der allergeringste Verdacht auf den Unwert solcher falschen Müntze, und
noch viel weniger auf sie, geworffen; derowegen wäre es annoch hohe Zeit gewesen
sich zu retiriren, allein sie werden blind, verstockt, und desto mutiger ihre
gefährliche Hantierung so lange fortzutreiben, biss endlich mein respective
super kluger Herr Vetter, in Flandern mit 15000. Tlr. solcher falschen
Gold-Müntze ertappt, gefangen gesetzt, und endlich durch grosse Marter dahin
gebracht wird: meinen Vater als seinen Complicen anzugeben.
    Nun wäre es zwar ein leichtes gewesen meinen Vater, in gröster Sicherheit,
auf frischer Tat zu ertappen, allein zu seinem Glücke, entdecket ein alter mit
in den Gerichten sitzender Susannen-Bruder, ich weiss aber nicht aus was vor
Affection, den ganzen Handel, vielleicht aus besondern Absichten meiner Mutter,
und zwar annoch zur höchsten Zeit, diese aber hat doch noch die eintzige
Barmhertzigkeit, ihren Eh-Gatten, der auf ihr Zureden, sein Alles in die
Schantze geschlagen, mit etwa 500. Tlr. abzufertigen, und ihn auf einer
schnellen Post des Landes auf ewig zu verweisen. Meiner Mutter Bruder hat
nachhero an einem sehr gewaltsamen hitzigen Fieber, und zwar auf einem, von
Holtz und Stroh gemachten Sterbe-Bette, die Seele im Dampf und Rauche von sich
blasen müssen. Ob ihm eine solche Todes-Art allzuschmertzlich angekommen? sollte
man fast zweiffeln, weil Feuer, Dampff, Rauch und Gestanck, so zu reden, sein
Element auf dieser Welt gewesen. Meine Mutter als ein sehr verschlagenes Weib,
gedencket zwar, nachdem sie den Vater fort, und die meisten verdächtigen Sachen
beiseits geschafft, den Kopff aus der Schlinge zu ziehen, und das Ihrige in
Friede und Ruhe zu besitzen, jedoch sie kömmt dem ohngeacht in die Inquisition,
überstehet alle angetane Marter heldenmütig, ohne das geringste von ihrer
Mit-Wissenschaft zu bekennen, schweret sich durch ein cörperliches Eid von der
ganzen Sache los, allein was halff ihr solches viel? denn alle ihre Güter
wurden confisciret, meine Schwester in ein Waisen-Haus zur Aufferziehung
gebracht, sie aber selbst zu ewiger Gefängnis condemniret, dahingegen mein Vater
seine Flucht an einen solchen Ort genommen, wo er nicht leicht auszuspüren war.
    So ergieng es den Meinigen, die sich von einem gottlosen Buben und
Land-Streicher, und dann durch die schnöde Gold- und Geld Sucht ins Verderben
stürtzen liessen. Ich habe ihnen aber, meine Herren, sagte hierbei Mons. Plager,
diese Geschichte dergestallt erzählt, als ob ich bei allen gegenwärtig gewesen
wäre, jedoch nichts weniger als dieses, denn ich bin von meinem 11ten Jahre an,
auf inständiges Verlangen meiner Gross-Eltern, bei ihnen in Augspurg erzogen
worden, und in meinem 17den Jahre, lieff daselbst die betrübte Zeitung von
meines Vaters Gefahr und Flucht ein, jedoch alles was ich ihnen voritzo
gemeldet, ist mir einige Jahre hernach von meinem Vater selbst, und zwar kurtz
vor seinem Ende offenbaret worden, wie der Verfolg meiner Lebens-Geschicht mit
mehrern zeigen wird, als welche ich nunmehro so ordentlich als möglich
fortsetzen will.
    Mein Geburts-Tag war den 21. Decembr. des 1691sten Jahres, und die
Aufferziehung also beschaffen, wie selbige von so wohlhabenden Leuten, als
unsere Eltern zu sein schienen, verhofft werden konnte. Da aber im Jahr 1702.
mein Gross-Vater als ein noch sehr frischer Mann, meinen Vater besuchte, und mit
heimlichen Verdruss wahrnahm: wie derselbe seine Kinder ebenfalls in der Reformir
ten Religion auferzöge, indem mein 15. jähriger Bruder bereits etliche mahl zum
Tische des HErrn gegangen war, und ich ihm ebenfalls bald nachfolgen sollte;
verfällt mein treuer Gross-Vater gleich auf ein gutes Mittel, mich in den Schoss
der reinen Evangelisch Luterischen Kirche einzulegen, erhält derowegen nach
vielen gütigen Versprechungen endlich so viel von meinem Vater, dass er mich etwa
auff ein halbes Jahr lang, zu seinem, und der Gross-Mutter Vergnügen, mit nach
Augspurg nehmen darff.
    Er mein Gross-Vater war ein berühmter Mechanicus, und wusste mich durch
allerhand Lieblosungen dergestallt an sich zu ziehen, dass ich mich nicht allein
zu seiner Profession applicirte, sondern auch zur Evangelisch-Luterischen
Religion bekennete, und durchaus nicht wieder zurück zu meinen Eltern
verlangete. Mit den Jahren nahm die Lust zu denen Wissenschaften, und der Fleiss
bei der Arbeit dermassen zu, dass mein Gross-Vater nicht nur ein ungemeines
Vergnügen dieserwegen bezeigte, sondern auch den Trost gab: wo ich also fort
führe, würde wegen meines guten Ingenii und geschickter Faust, mit der Zeit ein
guter Meister aus mir werden. Die Grossmutter hatte ihre eintzige Freude an mir,
weil sie noch kein eintziges von ihren Kindes-Kindern, als mich eintzig und
allein zu sehen, das Glück gehabt, denn ihre andern zwei Söhne waren ebenfalls
in der Ferne verheiratet, die eintzige Augspurgische Tochter aber unfruchtbar.
Allein da, wie bereits gemeldet habe, in meinem 17den Jahre die erschreckliche
Zeitung von dem Unglücke meines Vaters einlieff, zog sich die Grossmutter
selbiges dermassen zu Gemüte: dass sie darüber ihren Geist aufgab, ja es fehlete
wenig, meinem lieben Gross-Vater wäre ein gleiches wiederfahren, jedoch der
Himmel liess ihn vielleicht zu meinem Troste noch eine Zeitlang leben. Wir
hoffeten nach der Zeit immer auf Briefe von meinem Vater, allein ganz
vergebens, endlich aber da im Jahre 1713. mein Gross-Vater vor genehm hielt, dass
ich mich in frembde Länder begeben, und die Inventiones anderer geschickten
Leute in Augenschein nehmen sollte; trieb mich dennoch die Liebe zum Vater-Lande
in meine Geburts-Stadt, wiewohl ich mich daselbst unter einem andern Nahmen,
ganz incognito auffhielt, und meine Mutter zu sprechen trachtete, allein
selbiges war nicht möglich, dahingegen kundschafte ich meine Schwester aus, die
bei einer vornehmen Dame als Aufwarte-Mägdgen in Diensten stund, und gewann
dieselbe mit leichter Mühe, sich mit mir auf die Post zu setzen und den
Gross-Vater zu zu eilen. Sie hatte ihre Mutter ebenfalls seit 5. Jahren nicht
gesehen, sondern war, nachdem sie 3. Jahr im Waisen-Hause zugebracht, von
besagter Dame heraus, und in ihre Dienste genommen, auch noch so mittelmässig
tractiret worden, weswegen sie von derselben schrifftl. Abschied nehmen, und
sich vor erzeigte Güte bedancken, ihre plötzliche Abreise aber bestens excusiren
musste. Mein ältester Bruder war als ein Goldschmidts-Geselle, etwa ein halbes
Jahr vor meines Vaters Falliment, nach Welschland gegangen, und hatte sich seit
der Zeit noch nicht wieder gemeldet. Meinem Gross-Vater war es von Hertzen
angenehm, dass ich ihm so unverhofft die Schwester ins Haus brachte, indem er
lauter frembde Leute zu seiner Bedienung und Wirtschaft halten musste. Sie hat
sich jederzeit sehr wohl auffgeführet, die Luterische Religion angenommen, und
nachhero eine glückliche Heirat getroffen. Ich aber trat meine ernstafte
Reise aufs neue an, und zwar in die Residentz-Stadt eines gewissen deutschen
Fürsten, bei dem sehr viele Leute von meiner Profession ihren Auffentalt
gefunden, und vortreffliche Werckstädten angelegt hatten. Bloss meines Nahmens
und meines Gross-Vaters wegen, der weit und breit berühmt war, fand ich sehr bald
was ich suchte, der Fürste selbst aber, sah und merckte so wohl als seine
Directeurs, dass ich mein Geld und Brod nicht mit Sünden verdienete, sondern ohne
Ruhm zu melden, mehr Kunst und Geschicklichkeit als Jahre besass, wannenhero ich
binnen 3. Jahren Gelegenheit genung fand, mir ein ansehnliches Stücke Geld zu
sammlen. Nach der Zeit da unser Fürst einen andern grossen Fürsten mit einer
besonders künstlichen Machine beschenckte, musste ich nebst zweien unter mir
stehenden Gesellen, selbige dahin überbringen und behörig auffrichten, wovor mir
ein Recompens von 2000. Tl. zu Teile wurde, mit welchem schönen Capitale ich
eben meine Rück-Reise anzutreten im Begriff war, da mich eines Abends ein Knabe
auf der Strasse anredete und bat, ihm in ein gewisses, in der Vorstadt gelegenes
Häusslein, zu folgen, allwo mich ein kranckliegender Lands-Mann zu sprechen
verlangete. Diesem Ruffe folgte ich ohne Bedencken, weilen vielleicht
Gelegenheit zu finden vermeinte, einem armen bedürfftigen Landes-Manne, meine
freigebige Hand zu zeigen, traff auch wirklich einen Menschen daselbst an, der
in einer besondern Stube, bei dunckel brennenden Lichte, auf seinem Siech-Bette
sehr schwach und elend darnieder lag. Jedoch da er mich im propern roten
Kleide, mit einer geknüpfften Perruque zu seiner Tür hinein treten sah,
richtete er sich ein wenig auf, betrachtete mich eine lange Zeit, und sagte
endlich, nachdem ich ihn gegrüsset: Monsieur Sie vergeben mir, dass ich ihnen die
Mühe gemacht, mich elenden an diesen schlechten Orte zu besuchen. Ists wahr, dass
sie ein Enckel des berühmten Augspurgischen Mechanici NB. sind? Ich weiss nicht
anders, war meine Antwort. Und von welchem Sohne? redete er weiter, vielleicht
von dem Schweitzer? Da nun ich solches bejahete, fragte er nach meinem und
meines Vaters, auch meiner Mutter und Geschwister Nahmen, welche ich ihm in
gröster Verdriesslichkeit meldete, jedoch solches nicht wohl abschlagen konnte,
weiln vermutete, dass dieser Mann allem Ansehen nach, vielleicht die ganze
Historie von meinen Eltern, besser als ich wissen möchte. Er lag hierauff eine
ziemliche Weile sehr stille, weswegen ich endlich zu fragen anfieng, ob er
meinen Gross-Vater von Person wohl kennete. Seine Antwort war: Ja! mein Freund,
sehr wohl, aber euren leiblichen Vater noch weit mehr, tut so wohl und eröffnet
mir, wo sich derselbe voritzo auffhält, und welcher gestallt er in so grosses
Unglück geraten, denn ich versichere, dass derselbe mein allervertrautester
Freund gewesen. Mein Herr! versetzte ich, den Auffentalt meines unglück
seeligen und dennoch geliebten Vaters zu erfahren, habe ich seit etlichen
Jahren, sehr viele vergebliche Mühe angewendet, sonsten ist es leider an dem,
dass er sich, von einem gottlosen und ehrvergessenen Land-Streicher, der noch
darzu meiner Mutter Bruder gewesen, ins Unglücke führen und um sein zeitliches
Glück bringen lassen, da er doch sonst jederzeit, und von jederman vor einen
redlichen, geschickten und vernünftigen Mann gehalten worden. Hierauff fragte
der Patient: Ob ich nicht wisse wie es meiner Mutter und Geschwistern ergienge,
und ich berichtete ihm die Wahrheit, dass nehmlich die Mutter meines wissens,
annoch in gefänglicher Hafft, mein ältester Bruder noch nicht aus Welschland
zurück gekommen, die Schwester aber von mir vor einigen Jahren nach Augspurg
geführet sei. GOtt sei gelobt, schrye er hierauff mit weinender Stimme, der doch
zwei von meinem lieben Kindern aus dem Verderben gerissen hat. Ich wusste nicht
so gleich was ich aus solchen Worten schliessen sollte, so bald ich aber das
Licht genommen, und dem Patienten unter die Augen geleuchtet hatte, erkannte ich
ohngeacht seiner starck veränderten Gestallt, meinen leiblichen Vater, fiel ihm
um den Hals, und benetzte sein Angesicht mit vielen heissen Tränen. Er weinete
gleichfalls überlaut, da aber mittlerweile sein Aufwärter in die Stube trat,
wurde derselbe abermals in die Stadt geschickt, vor mich eine Bouteille Wein zu
langen. Also blieben wir allein beisammen, und mein Vater fieng an, mir eine
ausführliche Erzehlung seiner Glücks- und Unglücks-Fälle zu tun, jedoch weil
ich das meiste bereits gemeldet habe, so will voritzo nur berichten, dass er auf
seiner Flucht von Schaafhausen, gerades Wegs nach Holland gereiset, und daselbst
unter ganz veränderter Tracht, auch unter dem veränderten Nahmen Plager,
etliche Jahr ziemlich ruhig hingebracht, indem er seiner Profession eiffrig
obgelegen, und sich schönes Geld verdienet. Jedoch der Satan hat aufs neue sein
Spiel, indem er sich zum andern mahle von einem so genandten Adepto verführen
lässet: seine ganze Barschaft an die Alchymisterei zu legen, und mit ihm in
Compagnie zu treten. Seinem bedüncke nach, geht der angefangene Prozess
glücklich genung von statten, da sie aber ehester Tages den erwünschten Azot
oder Mercurium Philosophorum Catolicon, nach welchen ihnen die Schrifften des
Welt bekandten Henrici Kunradi, die Mäuler so trefflich wässrig gemacht, mit
Augen zu sehen und mit Händen zu greiffen gedencken, zerspringt ohnverhofft eine
Phiole auf dem Feuer, dem Haupt-Artisten aber springt ein gross Stücke Glas
dermassen tieff ins Auge, dass er etliche Tage hernach elendiglich crepiren muss.
Solchergestallt fällt der ganze kostbare Prozess auf einmal in den Qvarck,
mein Vater erbet etwas Geld und Mobilien von diesen unglückseeligen Artisten, an
statt aber, sich dessen Schaden zur Warnung dienen zu lassen, verwendet er alles
sein Haab und Gut auf einen nochmahligen Prozess, gerät darüber in die gröste
Armut, so, dass er fast das Bettel-Brod darüber essen muss, endlich aber bringt
er dennoch ein mercurialisch metallisches Liquidum zur Perfection, durch dessen
Hülffe wie er mir gesagt, er die fixen Gold-und Silber-Strahlen im offenen
Tiegel, auf dem Feuer, ohne alles corrosiv von ihrem Corpore absondern kann, also
fehlet ihm nichts mehr als die volatilischen mercurialischen, zu einer
philosophischen truckenen Tinctur zu zwingen, welches ihm aber nach der Zeit
niemahls recht geraten wollen, gleichwohl verdienet er sich bei etlichen
Adeptis durch Eröffnung dieses Arcani, mehr als 1000. Tlr. und geht aus
besondern Ursachen aus Holland nach Ungarn, hält sich daselbst auch etliche
Jahre auf, und verlaboriret abermals sein ganzes Vermögen, muss sich also aus
Ungarn biss nach Deutschland, als wohin er ein besonderes Verlangen getragen, mit
Betteln behelffen. Er kömmt nach langen herum vagiren endlich an denjenigen Hof,
allwo ich, wie oben bereits gemeldet, meine Machine zu præsentiren hatte,
vermeint durch Entdeckung seiner Inventorum und Arcanorum ein Stücke Geld zu
erhaschen, allein dieses ist am selbigen Hofe zu der Zeit schon etwas bekandtes,
weil der Principal vor den einzigen Prozess des mercurialisch-metallische
Liquidi mehr als 5000. Tlr. gezahlet, und zwar an eben diejenigen Kerls, welche
denselben meinem Vater sämmtlich vor 1000. Tlr. abgekaufft hatten. Jedoch da
der Principal ohnedem einen grossen Schwallich eingebildeter kluger Adeptorum
sitzen hat, und doch bei meinem Vater ein und andere, sonst noch nie erfahrne
und gesehene Curiosa antrifft, weiset er ihm in seinem Laboratorio eine Stelle
an, nebst jährlicher mittelmässiger Pension. Mein Vater hilfft eine ziemliche
Zeit lang sehr getreu arbeiten, trifft aber solche Künstler an, die von sich
ausgeben, dass sie nur noch einer eintzigen Haare breit von dem Astro auri
entfernet wären, in der Tat aber sind es eitel Betrüger, ausgenommen ein
eintziger, welcher nicht so viel Bosheit als einfältigen Hochmut in sich hat.
Er gibt aber allen um so viel desto genauer Achtung auf die Finger, mercket
eines jeden Schelmerei mit der Zeit sehr klüglich ab, und entdecket endlich den
Principal ganz treuhertzig: dass er unter seinen 21. Laboranten oder
Goldmachern, wenigstens 19. Schelme und Spitzbuben ertappen könne. Dieser hält
hierauff eine General-Musterung läst alles genau untersuchen, und nach glücklich
entdeckten Betrügereien, schöpfft er auf einmal einen dermassen heftigen Eckel
gegen diese gefährliche Kunst, welche ihn binnen etlichen Jahren nicht allein um
ein entsetzliches Capital, sondern über dieses noch in mehr als 2. Tonnen Goldes
Schulden gebracht, so dass er das ganze Laboratorium zerstöhren, meinem Vater
aber nebst seinem eintzigen, noch etwas ehrlichen Consorten 2000. Tlr. reichen
lässet, mit dem Bedeuten, dass sie selbiges Geld in ihren selbst beliebigen
Nutzen verwenden möchten, auch die Freiheit haben sollten, in seiner Residentz
und Landen zu bleiben, doch mit dem Beding: dass keiner, der da ferner zu labori
ren gesonnen, sich unterstehen möchte, von ihm hinführo einen eintzigen Pfennig
zu fordern, biss er den veritablen Lapidem Philosophorum auffzuweisen hätte, und
sich eine unverdächtige Probe damit zu machen getrauete. Im Gegenteil werden
die andern 19. Haupt-Betrüger, nebst ihren Handlangern, in aller Stille des
Landes auf ewig verwiesen, weil der allzugütige Herr seiner gerechten Rache
nicht den völligen Zügel schiessen, oder vielleicht andern Leuten keine fernere
Materie zu verdriesslichen Sentiments überlassen wollen.
    Wiewohl hätte doch mein armer Vater getan, wenn er seinen Teil à 1000.
Tlr. auf Zinsen gelegt, und als eine Privat Person von dem jährlichen Interesse
gelebt hätte, zumahl da er ausserdem noch ein paar hundert Tlr. Geld in Händen
gehabt, und sich an einem solchen Orte befunden, wo seine Ruhe leichtlich von
niemanden wäre gestöhret worden. Allein es ist ihm unmöglich, die Hand von
demjenigen Pfluge abzuziehen, mit welchen er noch immer den Stein der Weisen,
die Tinctur der Physicorum das Astrum Metallorum das Mysterium magnum, ja die
Himmlische Sophiam, oder wie das Ding sonsten noch genennet werden mag,
auszuackern gedenckt. Kurtz zu sagen, er legt nebst dem Compagnon sein noch
übriges alles aufs neue an, mietet sich in der Vorstadt ein Garten-Haus zum
Laboratorio, und arbeitet Tag und Nacht mit solchen unermüdeten Fleisse: diss ihn
endlich der Dampf von einer gewissen communicirten Massa, nicht allein ganz
contract an allen Gliedern macht, sondern auch eine dermassen heftige
Schwindsucht zuziehet, dass er bei annoch ganz frischen Hertzen, Lunge und Leber
auszuspeien gezwungen ist. Er hatte trifftige Ursachen zu glauben gehabt, dass
ihm ein böser Bude, diesen Streich mutwilliger und mörderischer weise gespielet
habe, jedoch erträgt er sein Creutz mit ziemlicher Gelassenheit, und eben in
diesem Zustande erfährt er meine Anwesenheit zufälliger weise, schicket
derowegen seinen Aufwarte-Knaben so lange nach mir aus, biss selbiger mich
endlich antrifft und zu ihm bringt.
    Ich bejammerte meines Vaters elenden Zustand, und erfuhr, dass er keines
Talers mehr mächtig wäre, sondern einzig und allein von der Gnade, seiner,
selbst sehr armseelig lebenden, vermeintlichen Artisten, dependiren musste, weiln
er ihrer Meinung nach, noch ein und andere Arcana auf dem Hertzen, so wohl auch
in Schrifften verborgen hätte, die sie nach und nach von ihm heraus zu locken
gedachten. Ich hergegen machte nunmehro alle Anstallten meinen Vater aufs beste
zu verpflegen, jedoch durffte ich ihn in Anwesenheit anderer Leute, nicht Vater,
sondern nur Vetter nennen, damit sein veränderter Nahme nicht verdacht erweckte.
Wiewohl die Hoffnung zu seiner Genesung, schien ganz vergeblich zu sein, und
binnen Monats-Frist wurde sein Zustand dermassen schlecht, dass er selber zu
verstehen gab: welchergestallt sein Ende heran nahete, derowegen möchte ich mir
weiter keine grössere Mühe geben, als ihm einen Luterischen Prediger
zuzuführen, der ihn täglich etliche Stunden zum seel. sterben præpariren, und
mit dem letzten Zehr-Pfennige, nehmlich dem heil. Abendmahle, welches er seit 5.
Jahren nicht empfangen, versehen möchte. Dennoch erkundigte ich mich mit allem
Fleisse, nach einem recht exemplarischen Priester, war auch so glücklich einen
solchen anzutreffen, und nachdem ich ihm den leiblichen und geistlichen
gefährlichen Zustand meines Vaters, als ein besonderes Geheimnis anvertrauet,
liess er sich gefallen, denselben täglich, wenigstens 4. Stunden zu besuchen. Ich
weiss nicht ob sich mein Vater mehr über die Gesellschaft seines Seelsorgers,
oder dieser über das offenhertzige Bekänntniss, wahre Reue, ernstliche Busse und
festen Glauben, des bisher verirrt gewesenen Schaafs erfreuet; genung ich kann
mich nicht erinnern, Zeit Lebens zwei vergnügtere Personen gesehen zu haben.
Endlich aber da sich mein Vater wiederum völlig zur Evangelisch-Luterischen
Religion gewendet, auch das heil. Abendmahl empfangen hatte, brach er bei immer
mehr und mehr abnehmenden Kräfften in beisein des Priesters und meiner, in
folgende Worte aus: GOTT sei gelobet! der mich armen fast gäntzlich verlohrnen
Sünder wieder zu Gnaden auf und angenommen hat, ja! nunmehro weiss ich gewiss, dass
ich von den verguldeten Ketten des Teuffels befreit bin, und die gewisse
Hoffnung habe, ein Erbe der ewigen Seeligkeit zu werden. O du verdammter Gold-
und Geld-Durst! O du verfluchte Begierde! hättest du mich nicht bald mit Leib
und Seele in den ewig breñenden höllischen Schwefel-Pfuhl gestürtzt? Ja! bei
nahe wäre ich aus dem zeitlichen ins ewige Verderben verfallen. Spiegle dich
mein Sohn! sprach er zu mir, an meinem Exempel, und lass dich die zeitlichen
Kostbarkeiten, Künste und Wissenschaften, die ich in Wahrheit nunmehro erstlich
vor Kot, Eitelkeit und Stückwerck erkenne, niemahls verleiten: GOttes darüber
zu vergessen, oder solche Güter höher, als die unvergänglichen zu achten.
Bleibe, mein Sohn! beständig bei der einmal erkandten Evangelischen Wahrheit,
so wirst du auf deinem Todt-Bette nicht Ursache haben: dich, halb verzweiffelt,
mit dem Teuffel und deinem bösen Gewissen herum zu schlagen, wie du leider, an
mir zur Gnüge verspüret. Lass dich nicht zu solchen Sachen verführen, die dir zu
hoch sind, sondern bleibe viel lieber in deinem Stande und Beruff, lege dein
Geld nicht an etwas ungewisses, zum wenigsten nicht mehr, als du ohne deinen
Schaden verschenken oder verlieren kanst, sondern halt dasselbe zu rate, weil
du an mir vermerckest, dass Armut im Alter und auf dem Siech-Bette wehe tut. Ja
mein Sohn! strebe nicht so eiffrig nach Reichtum, denn es bleibt ewig wahr, was
die heil. Schrifft sagt: die da reich werden wollen, fallen in Versuchung und
Stricke, u.s.f. Hüte dich ein Weib zur Ehe zu nehmen, die anderer Religion ist
als du, hauptsächlich aber vor einer Reformirten. Glaube mir, da ich jetzo
zwischen Tod und Leben stehe, dass ein Reformirtes Weib den Grund-Stein zu meinem
zeitlichen Verderben gelegt, GOtt erbarme sich ihrer und bekehre sie, wo sie
anders noch am Leben ist. Uberhaupt lass dir gesagt sein, dass du dich nicht
leicht einem andern Glaubens-Genossen anvertrauest, ich vor meine Person weiss
gewiss, dass ich unter hunderten kaum einen angetroffen, der ohne Falschheit
gewesen. Die wenigen Scripturen so unter meinem Haupt-Küssen liegen, verbrenne
viel lieber, als dass du dich selbst, oder deinen Neben-Christen zu der
betrüglichen Kunst, ich meine die Alchymie, verleiten lässest. Deiner
vollkommenen kindlichen Liebe bin ich mehr als zu viel versichert, dieses ist
auch mein eintziges zeitliches Vergnügen, so ich noch vor meinem Ende empfinde
und GOtt hertzlich davor dancke, dieserwegen will ich auch alle Sorge vor meinen
entseelten Cörper, deiner Treue einzig und allein überlassen, und dir den
väterlichen Seegen erteilen, welchen GOtt wegen meiner Busse und Bekehrung
bekräfftigen wird, teile du denselben mit deinen Geschwistern, daferne sie in
der Gottesfurcht stehen, wo nicht, so bleibe derselbe allein auf deiner
Scheitel.
    Nach diesen und noch vielen andern treuhertzigen Vermahnungen, empfieng ich
den väterlichen Seegen mit weinenden Augen, hierauf befahl er noch kürtzlich:
was ich meinem Gross-Vater und der Schwester vermelden sollte, bekümmerte sich
weiter aber um keine zeitlichen Dinge, sondern verharrete nebst dem Prediger,
noch etliche Stunden im eifrigen Gebet, biss er endlich bald nach Mitternacht
sanft und selig einschlieff. Ich liess den entseelten Cörper, auf Einraten des
redlichen Priesters, Abends in der Stille auf dem Gottes-Acker an einen reputir
lichen Ort begraben, bezahlete alle diejenigen, welche damit zu tun gehabt
reichlich, nahm meines Vaters hinterlassenes Geräte zu mir, packte selbiges in
einen besondern Kasten, und war willens mit ehester Post zurück an denjenigen
Hof zu reisen, allwo ich meine Pension zu ziehen hatte; als Tages vor Abgang der
Post, ein unbekannter schlecht gekleideter Mann in meine Cammer trat, und mich
ohngefähr also anredete: Monsieur nehmet mir nicht ungütig, dass ich euch
unangemeldet Beschwerlichkeit verursache, ich trage hertzliches Mitleid über den
kläglichen Todes-Fall eures Vettern und bedaure sonderlich, dass ich heute mit
der Post zu späte gekommen bin, denselben vor seinem seeligen Ende noch einmal
mündlich zu sprechen, denn wir sind in Wahrheit jederzeit sehr gute Freunde
gewesen, ich bin gewisslich fast um keiner andern Ursache willen verreiset, als
einen Gottes-Mann her zu führen, der euren Vater von dem Irrwege auf die rechte
Strasse führen, und ihn zu einem wiedergebohrnen Menschen und rechtschaffenen
Christen machen sollte, da ich aber von einem meiner Mittbrüder, nur vor wenig
Stunden vernommen, dass er als ein bussfertiger und bekehrter Christ von der Welt
geschieden, gönne ich ihm die seelige Ruhe von Grunde meiner Seelen gern, euch
aber, mein Herr, will ich freundlich ersucht haben, mir um eine billige
Bezahlung, dieses euren seel. Vetters hinterlassene chymische Schrifften zu
überliefern, weil sie doch vermutlich euch schlechten Nutzen schaffen werden.
Ich gab hierauff zur Antwort: dass mir an etlichen Talern Geldes wenig gelegen
sei, jedoch weil ich dergleichen betrüglichen Plunder ganz und gar nichts
achtete, wäre ich bereit ihm die Schrifften meines Vetters sehr gern zu
überlassen, wenn erwähnter mein Vetter mir nicht vor seinem Ende befohlen, diese
Schrifften viel lieber zu verbrennen, als mich selbst oder meinen Neben-Christen
dadurch zu der gefährlichen und betrüglichen Goldmacher-Kunst zu verleiten. Ich
halte euch, mein Herr! war des Frembden Gegenrede, euer Gespräch dissfalls zu
gute, weil ich höre, dass ihr so wenig Wissenschaft von der himmlisch Göttlichen
Kunst habt; als ein rechtschaffener wiedergebohrner Mensch seid. Jedoch
übereilet euch nicht, mein Freund, dasjenige zu unterdrücken, was Gott durch
seine unerforschliche Barmhertzigkeit, zu Vergrösserung seiner Herrlichkeit,
auch einem schlechtglaubigen Menschen erfinden lassen, glaubt anbei sicherlich,
dass euer Vetter den Welt beruffenen Stein der Weisen vor 1000. andern Artisten
würde gefunden haben, woferne er nur etliche Jahre zeitiger Busse getan, und
mit feuriger Andacht im lebendigen Glauben und Gebet, die Gnade des heil.
Geistes angesucht, ja ich will fast glauben, dass er diesen kostbaren Schatz
schon wirklich in seiner Gewalt gehabt, allein weil er bei seiner Arbeit nicht
auf Teosophische Weise durch geheime Gespräche mit Jehova, eine reine
Gottesfurcht geübt hat, so sind ihm von der himmlischen Sophia die Augen seines
Leibes und Gemüts gehalten worden, dasjenige nicht zu sehen, und zu begreiffen,
was er doch wirklich vor Augen und unter seinen Händen gehabt hat.
    Ich wurde über diesem Gespräche dermassen verwirrt, dass ich nicht wusste, was
ferner antworten sollte, endlich aber fragte ich, ganz in Gedanckenvertiefft:
Mein Herr, wie ist euer Nahme? Mein gewöhnl. Name, sprach er, ist euch zu wisse
ohne eintzige Nutzen, mein Kunst-Nahme aber heisst Elisæus, habt ihr selbigen
bereits erwähnen hören? Nein versetzte ich, sonsten aber fällt mir bei, in einem
Tractætlein von einem Adepto gelesen zu haben, der sich Elias Artista genennet,
bereits vor etlichen 40. oder 50. Jahren dem berühmten Haagischen Chymico
Helvetio erschienen sein, und demselben den Lapidem Philosophorum nicht allein
gezeigt, sondern auch etwas davon mitgeteilt haben soll. Eben dieser Elias,
sprach der Frembde, ist mein Meister, er lebt biss diese Stunde noch in seinem
94ten Jahre, dermassen gesund und frisch, dass er itzo vor einen Mann von etliche
40. Jahren anzusehen ist, denn die aus dem Lapide præparirte universal Medicin,
bewahret ihn nicht allein vor aller Kranckheit, sondern auch die Teile seines
Leibes vor aller Ungestaltniss, Runtzeln und andern gewöhnlichen
Beschwerlichkeiten. Mein Freund, rieff ich endlich aus, wenn ihr mir diesen
Wunder-Mann, so wohl als sein arcanum nebst der Probe davon zeigen wollet, so
bin ich nicht allein erbötig euch völlig Glauben zu zustellen, sondern über
dieses meines Vettern hinterlassene Schrifften zu übergeben, welche euch aber
meines Erachtens wenig nützen können indem, wie ihr sagt, euer Meister den
Lapidem schon wirklich besitzet. Ich könnte euch, sagte der Frembde, durch eine
kurtze Erzehlung sehr wunderbarer Geschichte, gar bald aus dem Traume helffen,
allein derjenige Eyd, welchen ich meinem Meister geschworen; verbietet mir
solches zu tun, doch verzeihet mir, dass ich mich über eure Einfalt wundere: ihr
erbietet euch, daferne ihr meinen Meister nebst der Probe von dem himmlischen
Arcano zu sehen bekommet, der Sache völligen Glauben zu geben, und die
Schrifften eures Vettern auszuliefern. Ist dieses auch etwas besonderes? O ihr
törichter Mensch! warum woltet ihr euch nicht vielmehr bestreben sein Jünger
und mein Mitschüler zu werden? Wie viel Könige, wie viel Fürsten, wie viel
tausend gelehrte und ungelehrte sollten sich ein solches Glück nicht wünschen,
und es mit der Helffte ihres Bluts erkauffen? Lebet wohl! Ich verlasse euch und
zweiffele, ob ihr mich nur ein einzig mahl wieder zu sehen das Glück haben
werdet.
    Ich meines Teils weiss biss diese Stunde noch nicht, ob mich dieser Mensch
mit seinen blossen Worten bezaubert, oder als ein Basilisske durch das Ansehen
vergifftet hatte, denn so bald er mir nur den Rücken zukehren wollte, wurde mein
ganzes Wesen dergestalt verändert, dass ich augenblicklich aufsprung, ihm um den
Hals fiel, und hertzlich bat, mich als einen verwirrten Menschen, der da nicht
wisse, was er glauben solle, um des Himmels willen nicht zu verlassen, sondern
meiner Schwachheit zu Hülffe zu kommen, und wenigstens Morgen, nachdem ich meine
5. Sinne wiederum in einige Ordnung gebracht, noch ein einzigs mahl bei mir
einzusprechen. Er versprach solches zwar, jedoch mit einer solchen Gebärde, dass
ich daraus die stärckste Ursache nahm, an der Erfüllung seines Worts zu
zweiffeln, weswegen ich mit Bitten nicht abliess, biss er endlich den Schwur tat,
mir, so wahr er ein wahrhaftiger Anbeter des grossen Jehova wäre, sein Wort zu
halten.
    Weñ ich erzählen sollte, wie mir in folgender Nacht zu Mute gewesen, und
welchergestalt alle meine Affecten und Gedancken durch einander her gegangen, so
müste mehr als einen Tag Zeit darzu haben. Kurtz! ich bleibe fast darbei, dass
mein ganzer Verstand bezaubert worden. Die Vermahnungen meines sterbenden
Vaters, zerschmoltzen wie Butter an der Sonnen, und wie sehr ich sonsten auf die
betrügerischen Alchymisten erbittert gewesen, so sehr wünschte ich nunmehro den
wundervollen Elias und den frommen Elisæum zu umarmen, an die Abreise aber wurde
gar im geringsten nicht gedacht.
    Etwa zwei Stunden, nachdem ich von meinem Lager aufgestanden, stellete sich
der so sehnlich gewünschte Elisæus ein, fragte ganz devot, ob ich wohl geruhet
und Belieben hätte ihm zu folgen. Derowegen warff ich mit erfreuten Hertzen, in
gröster Geschwindigkeit, meinen Mantel um mich, und folgete meinem Führer,
welcher sich durchaus nicht erbitten liess, etwas von meinem delicaten
Früh-Stücke einzunehmen, indem er einen halben Fast-Tag zu haben vorschützte. Er
führete mich jenseit der Stadt ebenfalls in ein kleines Häusslein, allwo ein
etliche 40. Jahr alt scheinender Mann, in der Stube herum ging, und mich ohne
besondere Ceremonien willkommen hiess. Selbiger redete erstlich weiter nichts,
Elisæus aber fieng einen sonderbaren geistlichen Discours an, worinnen er die
vermeinte Göttliche Kunst, biss in den Himmel erhub, und beiläuffig den
gegenwärtigen so genandten Elias, noch höher als alle heil. Propheten und
Evangelisten erhub, endlich gab er zu vernehmen, wie mir die Probe von der
Transmutation der Metallen, noch in dieser Stunde gezeigt werden sollte; daferne
ich kein Bedencken nähme eine Eydes-Formul abzuschweren, welche ohngefähr
folgendes Innhalts war: 1) Solte ich mit andächtigen und Gottesfürchtigen
Hertzen meine Augen auf das grosse Welt-Wunder richten. 2.) Dem Meister Elias
und seine Junger so wenig, als das Wunder selbst, verraten und ausplaudern. 3.)
Daferne ich ja so glückseelig werden sollte, bei ihnen unter die Zahl der Lernend
in aufgenommen zu werden, mich aus allen Kräfften der Seelen, dahin zu
bestreben, als ein wiedergebohrner heiliger Mensch zu leben, auch wie es der
Zustand rechtschaffener Christen erforderte, alles das meinige, und hingegen
auch alles das ihrige gemeinschaftlich zu halten. 4.) Dem Artisten Elia alle
Huld, Treue und Gehorsam zu leisten, oder da mir solches nicht länger anstünde,
und ich etwa vor mich allein leben und arbeiten wollte, ihm vorhero danckbarliche
Aufkündigung zu tun.
    Kan man wohl glauben, dass ich so töricht gewesen, dergleichen Eyd zu
schweren, welchen gemäss zu leben, doch eine weit andere als menschliche Krafft
erfordert wurde. Allein man bedencke nur, dass mein Verstand, in Wahrheit durch
die heftige Begierde nach dem Steine der Weisen, nicht um ein kleines verrückt
worden, derowegen hätte ich wohl noch weit unmöglichere Dinge angelobet, um nur
desto hurtiger meine Neugierigkeit zu befriedigen. Endlich wurde ich in ein
kleines Laboratorium geführet, allwo ein bereits angemachtes Kohl-Feuer, überall
aber lauter chymisches Geschirr zu sehen war. In der Wand stunden etwa 7. oder
8. kleine Schmeltz-Tiegel, derowegen sagte Elisæus: Mein Freund, leset euch
einen von diesen Schmeltz-Tiegeln aus, besehet ihn, ob er tüchtig ist, und setzt
denselben ins Feuer, denn ich und mein Meister werden euch ganz allein
handtieren lassen und allhier vor der Tür stehen bleiben, damit ihr völlig
versichert, sein möget, dass alles ordentlich und richtig zugehe. Ich zitterte
vor Freuden, gehorsamete aber und setzte den Tiegel in die Glut. Habt ihr etwas
Blei oder Zinn bei euch, fragte Elisæus, so wäget dort auf der Wage 1. Lot ab,
und werfft es in den Tiegel. Ich hatte einen bleiernen Griffel in meiner
Schreib-Taffel, weil aber selbiger noch kein Lot wuge, so musste noch einen
zinnernen Knopff von meinen Bein-Kleidern reissen, etwas davon abschneiden und
hinzu legen, damit ein accurates Lot-Gewicht heraus kam. So bald ich gesagt,
dass es zerschmoltzen sei, fiel Elias auf seine Knie nieder, schlug mit der Hand
an die Brust, kehrete die Augen gen Himmel, murmelte etliche unverständliche
Worte her, zog immittelst ein klein Büchslein hervor, und nahm aus selbigen ein
rötliches Stücklein Hartz, oder was es sonsten sein mochte, etwan einer halben
Erbsen gross, schabte so viel darvon, als ein halber kleiner Stecke-Nadels-Knopff
beträgt, und fragte, ob ich etwas Wachs bei mir hätte? Da nun ich solches
verneinete, sprach Elisæus, sehet hier ist Wachs genung, damit euch aber wegen
unserer Materialien kein Verdacht erweckt werde, so nehmet ein wenig
Ohren-Schmaltz, machet mit Kote aus der Hand eine Massam daraus, damit ihr
dieses kleine Stäublein von dem Lapide darein kleiden und in das geschmoltzene
Blei werffen könnet. Nachdem solches geschehen, und ich die vortreffliche Pille
hinein geworffen, musste ich ein bei der Hand liegendes, etwa halben Fingers
dickes, Eisen nehmen, ein einzig mahl damit auf den Boden des Schmeltz-Tiegels,
und zwar nicht gar zu gelinde stossen, worauf alsobald ein starckes Getöse im
Tiegel entstund, jedoch Elisæus erinnerte mich das Gesicht hinweg zu wenden, und
hernachmahls gar eines Schritts breit davon, auf den Sessel nieder zu lassen,
allwo ich etwa eine halbe Stunde pausiren musste, ehe Elias sich mit besonderes
andächtigen Gebärden von der Erden aufhub, mir den Tiegel aus dem Feuer zu
heben, und das, was darinnen, auf die Steine zu schütten befahl. Indem ich
solches verrichtete, giengen sie beiderseits in die Stube, sich aber folgte
ihnen nicht eher nach, biss ich den erkalteten Guss, unter dem Kote hervorziehen,
und zur eigentlichen Betrachtung in die Stube tragen konnte. Ach Himmel, wie
erfreut war mein Hertz, da sich ein Stück, aus Blei gemachtes Gold, in meinen
Händen befand. Elias fragte: Kennet ihr nun das gemachte Gold? Glaubt ihr nun,
dass die Transmutation keine Hirn-Geburt ist? Haltet ihr nun darvor, dass Elias
Artista ein von GOtt auserordentlich begnadigter Mann sei? Ja, lieber Herr! ich
glaube alles, war meine Antwort, lege mich derowegen zu euren Füssen, und bitte,
mich Unwürdigen in die Lehre zu nehmen. Pfuy! schrye er, betet GOtt an, und
nicht mich als seinen unwürdigsten Knecht, dancket dem Höchsten, der euch das
Geheimnis mit sichtbaren Augen anzusehen, und zu gleich eine solche
Glückseligkeit vergönnet hat, welche so viel hundert Kayser und Könige
vergeblich gewünscht haben. Allein mein Sohn, fuhr er fort, ihr seid dennoch
viel zu leichtgläubig, woher könnet ihr wissen, dass dieses würckliches und
aufrichtiges Gold sei, da selbiges noch von keinem Unparteiischen, sattsam
probirt ist, geht derowegen hin, ich schencke euch das ganze Stück, lasset es
von allen Goldschmieden examiniren, bedencket aber dabei euren getanen Eyd, und
kommet in dreien Tagen wiederum an diesen Ort, so dann wollen wir weitläufftiger
mit einander sprechen. Um keine Grobheit gegen diesen capricieusen Kopff zu
begehen, bequemte mich augenblicklich zum Gehorsam, ging auch zu allen
Goldschmieden in der ganzen Stadt, liess mein Stück probiren, und erhielt das
allgemeine Zeugnis, dass selbiges vom allerschönsten Kremnizer-Ducaten-Golde
wäre.
    Nunmehro beklagte ich erstlich: dass mein seel. Vater nicht noch am Leben
sei, um dieses unvergleichliche Kunst-Stück mit Augen anzusehen. Nunmehro
bedaurete ich meine vormahlige Einfalt und dummes Judicium von der
Transmutatione Metallorum. Ja nunmehro war ich entschlossen alle andern
Wissenschaften an den Nagel hängen zu lassen, und mich eintzig und allein auf
das laboriren zu legen. Allein, wie wurde mein ganzes Gemüte doch in das
allergröste Betrübnis versetzt? da ich am dritten Tage, das leere Nest, und
weder den Elias, noch den Elisæum antraff, auch in nachfolgenden 8. Tagen nicht
die geringste Nachricht von allen beiden erhalten konnte. Ich blieb ganz ohne
Trost in meinem Logis, brachte die meiste Zeit als ein, am Leibe und Gemüte
krancker Mensch auf meinem Lager zu, lieff doch täglich 3. oder 4. mahl in das
kleine Haus, allwo ich das grosse Geheimnis erfahren, fand aber selbiges von
solchen Leuten bewohnet, welche weder den Eliam noch Elisæum kennen, oder nur
das geringste von ihnen gesehen haben wollten. Endlich da ich mir die gäntzliche
Rechnung gemacht, dass sie mich nicht würdig geschätzt in ihre Gesellschaft
aufzunehmen, und darüber fast in Verzweiffelung fallen wollte, kam am Abende des
8ten Tages Elisæus, ohnangepocht in meine Stube getreten, fragte, wie ich mich
befände, und entschuldigte hernach, ziemlich freundlich, dass er und sein Meister
wichtiger Ursache wegen sich einige Tage verborgen halten müssen, meldete auch:
dass sie binnen 3. Tagen diese Stadt gäntzlich verlassen, und sich in ein ander
sicherer Land begeben würden, allwo weit frömmere Leute, als hiesiges Orts
anzutreffen wären. Ich fiel dem Elisæo um den Hals, bat ihn aufs flehentlichste,
mich nicht zu verstossen, sondern bei dem Artisten Elia allen Vorspruch
anzuwenden: Dass mir vergönnet werden möchte, in seiner Gesellschaft mit zu
reisen. Endlich wurde mein Bitten erhöret, und ich zu einem Mitgliede ihrer
Kunstgenossenschaft auf und angenommen, sie schwuren mir, welches erstaunlich
zu erwegen, beiderseits einen teuren Eyd: Mich in keinem Glücks- oder
Unglücks-Falle zu verlassen, sondern mir jederzeit mit treuer Lehre, auch Gut
und Blut zu dienen, ich hergegen musste alle meine Mobilien zu Gelde machen,
einen niederträchtigen Habit anziehen, und alles in Gold verwechselte Geld,
welches sich ohngefähr auf 2300. Tlr. belieff, darein vernehen. Hierauf traten
wir die Reise zu Fuss an, und zwar an denjenigen Fürstl. Hof, wo ich meine
mechanische Werckstadt hatte, daselbst nahm ich meinen Abschied, unter dem
Vorwande eine Reise nach Engelland anzutreten, verkauffte alle noch übrigen
Gerätschaften, und lösete 530. Tlr. daraus, hatte also ein Capital von 2830.
Tlr. beisammen, welches ich dem Elisæo halb zu tragen gab, und mit meinen
Führern immerfort reisete, ohne mich zu bekümmern, wohin. Uberall wo wir nur
einkehreten, mussten die aller delicatesten Speisen aufgetragen werden, ohngeacht
aber alles aus meinem Beutel bezahlet wurde, bekümmerte ich mich doch sehr wenig
um das eitele Geld, weilen mich versichert hielt, dass so bald selbiges verzehret
sei, Elias den Schaden schon durch einen wichtigen Gold-Klumpen ersetzen könnte.
Endlich gelangeten wir in einem Holländischen Dorffe an, allwo unser Wirt den
Elisæum und Eliam als wohlbekannte Freunde empfieng, und mir ebenfalls alle
Höfflichkeit erzeigte, es fand sich daselbst ein unterirrdisches weitläufftiges
Laboratorium, in welchen Elias Artista mit mir zu laboriren anfieng, und zwar
keine andern, als diejenigen Processe, welche mein seel. Vater schrifftl.
hinterlassen, Elisæus aber musste eine Reise antreten, um ein und andere
Materialien herbei zu schaffen, hierzu nahm er mein Geld mit, warum ich mir aber
nicht die geringste Sorge machte. Mittlerzeit war der vortreffliche Lehrmeister
so gnädig, mir dann und wann ein Stücke von seinem Lebens-Lauffe zu erzählen,
und gab vor: er sei ein Nord-Holländer, im Jahr 1622. geboren, hätte von Jugend
auf bei einem seiner Verwandten dem laboriren beigewohnt, und zum Scheine das
Rot-Giessen gelernet, nach der Zeit wäre er durch die Zubereitung verschiedener
trefflicher chymischer Artzeneien in starcken Ruff kommen, so dass ihm viele
berühmte Künstler besucht, und ihres Vorhabens wegen seinen Rat verlanget
hätten. Endlich aber sei, bei sehr schlimmen Wetter, einsmahls ein unbekandter
Mann zu ihm gekommen, den er wegen seiner Erfahrenheit im laboriren etliche Tage
beherberget, wohl gepfleget und von ihm letzlich die Præparation des Schatzes
aller Schätze nehmlich des Lapidis philosophici erhalten hätte, jedoch mit dem
Bedinge, selbigen keinen Menschen völlig zu offenbaren, als welcher gewisse
Merckmahle, die mir aber Elias nicht sagen wollte, in seinem Gesichte, Gebärden
und ganzen Wesen von sich blicken liesse.
    Hierauf musste ich recht erstaunliche Geschichte von seinen durch alle
Europæische Länder getanen wundervollen Reisen anhören, die ich voritzo
beliebter Kürtze wegen übergehen will, sonsten aber beteuerte er hoch, dass von
6. Personen, denen er seit etliche 60. Jahren her, dieses Geheimnis mit guten
Gewissen offenbaren dürffen, kein eintziger mehr am Leben sei, ihn aber habe der
Himmel durch die Kräffte und Tugenden seiner universal Medicin, stets gesund,
frisch und starck erhalten, so dass er sich über dieses Wunder, selbst niemahls
genung, verwundern könnte.
    Ich weiss, sprach er hierauf, aus einer himmlischen Offenbahrung gewiss, dass
sich mein Leben noch etwas über 120. Jahr erstrecken wird. Der Vorrat von
meinem kostbaren Schatze ist zwar annoch so gross, dass ich mehr als vor 100000.
Tlr. Gold aus blossen Blei machen kann; allein erschrecket nicht mein Sohn, wenn
ich euch offenhertzig gestehe, dass mir nunmehro bei nahe seit zehen Jahren her,
nicht ein einzigmahl möglich gewesen den Lapidem so rite zu præpariren als vor
dem. Höret, was ich euch sage: Ach leider! ich bin vor fast zehn Jahren, in eine
ganz besondere Sünde gefallen, die niemand leichtlich erraten wird, derowegen
straffte mich der Himmel auf frischer Tat, dergestalt, dass mir, so zu sagen,
nur ein kleiner Funcke von meinem sonst so vortrefflichen Gedächtnisse übrig
blieb. Dem Himmel sei 1000. mahl gedanckt, dass ich diesen kleinen Funcken nur
noch darzu anwenden können, mich in der strengesten Busse und Casteiung des
Leibes vor dem Himmel zu demütigen, und eine neue heilige Lebens-Art an
zufangen, denn nachhero, erlangete ich zwar binnen zweien Jahren, meinen
ziemlichen Verstand und Gedächtnis wieder, allein, die Præparation des Lapidis
war unmöglich wieder auszufinnen; Derowegen brachte meine Zeit in tieffster
Traurigkeit des Geistes zu, ja ich hatte die allergröste Mühe der gäntzlichen
Verzweiffelung zu wiederstehen, welche mir eines Tages folgende Worte
auspressete: Herr! ist es möglich, dass du um einer eintzigen übereilten Sünde
willen, mir das grosse Siegel und Zeugnis deiner Gnade zurück ziehen kanst? lass
entweder dieses nicht von mir geschieden sein, oder scheide meinen Leib und
Seele gleichfalls von einander. Gleich nach Aussprechung dieser Worte wurde mein
Geist entzückt, an einen solchen Ort, der wegen seiner Klarheit und Zierde nicht
zu beschreiben ist, auch sind die Worte nicht nachzusagen, die ich daselbst
gehöret habe, es kam mir aber eine diamantene Taffel vor die Augen meines
Gemüts, auf welcher folgende Worte geschrieben stunden: Elias Artista hat auf
einmal 10. Sünden begangen, derohalben muss er zur Straffe, 10. ganzer Jahr,
der gäntzlichen Zubereitung des himmlischen Kleinods beraubt sein, ohngeacht an
seiner eiffrigen Busse und völliger Bekehrung kein Zweiffel ist. So bald ich,
fuhr der verzweiffelte Wind-Beutel Elias fort, diese Schrifft tieff in meine
Seele eingedrückt, fuhr dieselbe eiligst zurück in ihren Cörper, welcher auf dem
Boden der Cammer ausgestreckt lag. Eines teils befand sich derselbe etwas
getröstet, andern teils wurde er zum öfftern wieder mit neuer Traurigkeit
überfallen, so dass ich die allereinsamsten Örter suchte, mich zur Erden
niederwarff und ohne Unterlass schrye: Ach HErr, wie so lange? Wende dich HErr!
Ists nicht genung 3. Jahr? Ists nicht genung 4. Jahr? Ists aufs höchste nicht
genung 5. Jahr? Endlich da ich mich unter solchen Klagen fast sehr ausgezehret
hatte, trat ein unbekandtes Männlein zu mir, und sprach: Elias höre mir zu!
reitze mit deiner Ungedult, die himmlische Gerechtigkeit, welche dein Urteil
mit ihren Finger geschrieben, nicht zum Zorne, sondern ertrage mit Gedult, was
sie dir auferlegt hat, so werden deine Jahre auf 120. verlängert werden. Du hast
ja von dem himmlischen Kleinode, Vorrat genung, dich annoch 7. biss 8. Jahre vor
Armut und Kranckheit zu bewahren, denn es sind ja nunmehro bei nahe 3. Jahre
von deiner Straf-Zeit verflossen. Zeuch armselige Kleidung an, und wandere als
ein Pilgrim durch die Welt, wende die Helffte deines Schatzes an das Armut, von
der übrigen Helffte nimm deine Artzenei und Nahrung, und lobe beständig den
Höchsten. Erinnere dich, dass dieses Geheimnis nirgends anders zu finden sei, als
bei Jehova saturniné collocato in centro mundi, derowegen läutere deine Seele,
damit die himmlische Sophia aufs neue deine Freundschaft suche, und dir die
niemahls auszuschöpffenden Ströme ihrer Gnade und Gütigkeit noch reichlicher,
als vorhero anbiete.
    Ich Elias, fand mich durch die Rede des Männleins sehr beruhiget und
gestärckt, fragte aber also: Was soll das Zeichen sein, dass deine Reden
wahrhaftig, und dass die himmlische Sophia nach Verfluss der 10. Straff-Jahre
wiederum vollkommene Freundschaft mit mir machen werde? Die Zeichen, gab es zur
Antwort, sind folgende: Vor Ablauff dieses dritten Jahres wirst du wiederum aufs
neue entdecken und zu beschauen haben: der nackenden Dianæ Bad, des Narcissi
Brunnen, worinnen er sich nach langen Bespiegeln selbst ersäufft. Im vierdten
Jahre: die abgezehrte Echo in hohlen Klüfften, und die Scyllam, wegen
übermässiger Sonnen-Hitze, ohne Kleider, in der offenbahren See herum spaziren.
Im fünften Jahre: das zusammen gelauffene Blut von Pyramo und Tisbe, durch
welches die weisse Maulbeeren rot gefärbt werden, ingleichen des Adonidis Blut,
wie solches von der herabsteigenden Venere in die Rose Anemone verwandelt wird.
Im sechsten Jahre: die schöne Hyacint-Blume, welche von Ajacis Blute
entsprossen, ingleichen das Blut der Himelstürmenden Riesen, welches ihnen Jovis
Donner-Kerl erschopffet. Im siebenden Jahre: die häuffigen Tränen der Altææ,
indem sie ihr güldenes Kleid ausziehet, und von sich legt. Im achten Jahre: den
Garten Hesperidum, in welchen die güldenen Aepffel von den Bäumen gebrochen
werden. Den Hippomenes, welcher mit der Atalanta um die Wette läufft, und die
Venus, welche 3. güldene Aepffel darzwischen wirfft, den Lauff zu hemmen. Im
neundten Jahre: die von der Göttin Venere, in einen Cometen verwandelte, und
unter die Sterne versetzte Seele, des Julii Cæsaris. Das Feuer, woran Medea 7.
Lichter anzündet, ingleichen die von Phaëtontis Wagen entzündete und brennende
Lunam. Im zehendten Jahre: den verdorreten Oelzweig, so aufs neue mit Beeren
grünet, ja den neuen und jungen Oel-Baum. Plutonis Wohnung, vor deren Toren der
dreiköpffige Cerberus liegt. Den Scheiterhauffen, worauf Hercules seine von der
Mutter empfangenen sterblichen Teile verbrennet, die Väterlichen unsterblichen
Teile aber, unverbrennlich erhält, also nichts von seinem Leben verliehret,
sondern endlich selbst in einen GOtt verwandelt wird.
    Nach Verfluss dieser 10. Jahre, redete das Männlein weiter, wirstu Elias
Artista wiederum eingeführet werden in den Tempel des Bäurischen verwandelten
Hauses, dessen Deckel aus puren lautern Golde bestehet, du wirst darinnen die
philosophische Königin waschen und baden, oder deutlicher zu sagen: die terram
virgineam catolicam in crystallino artificio Physico - magico circuliren
lassen, du wirst den Philosophischen, inwendig feurigen König mit seiner Krone
aus dem Braut-Bette seines crystallinischen Grabes herauf steigen sehen, in
seinem glorificirten feurigen höchst vollkommenen Leibe, mit allen Farben der
Welt geschmückt, gleich einem hell-leuchtenden Carfunckel und Wasser-speienden
Salamander. Ja deine Augen werden aufs neue in den tieffsten Abgrund der spogyri
schen Kunst sehen, als in welchem sichern Schoss die übermenschlichen
Geheimnisse bewahret liegen.
    Nachdem das Männlein, fuhr Elias fort, seine Rede geendet, und mir
ausserdiesem, noch verschiedene, euch mein Sohn, annoch zu wissen undienliche
Wahrzeichen und Lehren gegeben, schied es plötzlich von mir, ich habe mich nach
der Zeit in allen sehr genau nach seinen Worten gerichtet, und befunden: dass biss
auf diesen Tag alles sehr wohl eingetroffen ist. Euer Vater seel. hätte ein
grosses Licht der Welt werden können, allein er hat die Vermählung mit der
himmlischen Sophia selbst verschmähet, ich habe ihn zwar von Person nicht
gekennet, doch Elisæus hat mir die unbetrüglichen Wahrzeichen, die ich auch an
euch, als seinem Sohne, mit grösten Freuden spüre, Haar-klein erwiesen, mich
auch aus einem fernen Lande beruffen, eurem seel. Vater in der wahren Teosophie
zu unterrichten, und mit Jehova zu vereinigen, allein der Geist zeigte mir in
einer Entzückung an, dass ich denselben nicht mehr lebendig, gleichwohl aber
seinen darzu tüchtigen Sohn antreffen würde, welches auch geschehen, denn es ist
zu mercken, dass ich ohne ganz besondern Antrieb des Geistes, niemanden
dasjenige, was ich weiss, zu lehren Erlaubnis habe, ihr aber, mein Sohn, seid so
wohl als Elisæus vom Himmel darzu auserkohren. Nunmehro ist das zehendte Jahr
biss auf wenige Wochen verlauffen, es fehlet mir also in diesem Jahre weiter
nichts an der Propheceiung des Männleins, als des Herculis Scheiterhauffen und
dessen Vergötterung erfüllet zu sehen, welches ich mit Beihülffe der Schrifften
eures Vaters in kurtzen vergnügt zu finden verhoffe.
    Was düncket euch, meine Herren? fragte hierauf Mons. Plager, indem er einen
kleinen Absatz seiner Erzehlung gemacht, und einige Erfrischungen vor seine
Gäste herbei gebracht hatte, sollten dergleichen Redens-Arten eines
durchteuffelten Menschen, nicht kräfftig genung sein, einen betörten Kerl, wie
ich damahls war, vollends ganz närrisch zu machen? Ich muss bekennen, dass
selbige von mir mit solcher Attention angehöret und erwogen wurden, als ob sie
vom Himmel herab geredet würden, denn mein Gehirne war mit der allerstärcksten
Hoffnung, in wenig Monaten ein vollkommner Gold-Macher zu sein, dergestalt
angefüllet, dass wenig andere vernünftige Gedancken oder Beurteilungs-Kräffte
darinnen Platz hatten. Wir laborirten indessen immer drauf los, warteten aber
mit Schmertzen auf des Elisæi Zurückkunft, Elias reisete zwar auch zuweilen 3.
4. biss 8. Tage hinweg, kam aber immer mit allerhand Materialien und andern
leckerhaften Sachen zurücke, welche Kosten doch alle aus meinem Beutel bezahlet
werden mussten, weil Elias sein ungemüntztes Gold nicht ehe verwechseln wollte,
biss es die höchste Not erforderte.
    Eines Tages aber fiel mir ein verzweiffelt schändlicher Streich in die
Augen, denn da ich Nachmittags des Eliæ Cammer-Tür eröffnete, traff ich
denselben in dem ärgerlichsten Zustande, mit einer liederlichen Schand-Metze auf
seiner Schlaff-Stätte liegend an. Dass ich über diesen heiligen Mann grausam
erschrocken sein müsse, ist leicht zu erachten, jedoch ich machte die Tür so
gleich wieder zu, wünschte, dass selbige nicht eröffnet worden, ging in den
Garten, legte mich unter einen grünen Baum, und verfiel über diese Affaire in
ein sehr tieffes Nachsinnen. Bald darauf kam Elias zu mir, und sagte mit ganz
unpassionirten Gebärden: Mein Sohn, der Geist hat mir eingegeben, dass ihr euch
in dieser Stunde zum ersten mahle an meinem Wesen geärgert habt, derowegen ist
mir auferlegt, euch eines bessern zu unterrichten. Wisset demnach, dass
dergleichen Handlung, als ich anitzo mit einer Weibs-Person gepflogen,
demjenigen Leibe, dessen Seele bereits in der Vergötterung stehet, nicht zur
Unfläterei und Sünde zugerechnet wird, sondern dieser Auswurff ist in keine
andere Betrachtung zu ziehen, als die übrigen natürlichen Auswürffe des Unflats,
Urins, Schweisses und des Speichels, diejenigen Lüste auch, so darbei empfunden
werden, gehen eintzig und allein den Leib, im geringsten aber nicht die Seele
an. Mit unwiedergebohrnen Leuten aber, deren Seelen noch in keiner Vergötterung
stehen, hat es eine ganz andere Beschaffenheit, denn weil deren Seele, mit dem
Leibe zugleich, Teil an den Lüsten nimmt, so gereicht es dem ganzen Menschen
zur Schande, Unfläterei und straffbarer Sünde. Der tausende Mensch kann dieses
nicht recht begreiffen, ihr aber, mein Sohn, sollet hinführo noch mehr sichere
Gründe dessfalls erfahren.
    Mein GOtt! rieff Mons. Plager aus, hätte ich nicht gleich mercken sollen,
dass dieses eine der allerverfluchtesten Teuffels-Lehren sei, welche
schnurstracks wider die heilige Göttl. Schrifft lieffe, zumahlen ich als ein
guter Luteraner kein Frembdling in der Bibel und der reinen Augspurgischen
Confession war. Allein der Satan verblendete auf GOttes Verhängnis ohnfehlbar
meine Augen, verstopffte meine Ohren vor der Stimme des heiligen Geistes, und
verfinsterte meinen Verstand dergestalt, dass ich einem verfluchten Ketzer mehr
glaubte, als allen dem, was ich von Jugend auf aus dem Worte GOttes gelernet
hatte.
    Ich dancke GOtt tausendmahl, der mich hernach noch zu rechter Zeit aus
diesen verdammlichen Irrtümern gerissen, und will nicht weiter an diejenigen
Greuel gedencken, die ich noch von dem schändlichen Elia anzuführen wüste, deren
mich aber doch, GOtt sei gelobt, nicht selbst teilhaftig gemacht, sondern
immer einen geheimen Abscheu dargegen gehegt habe. Hergegen will ich erzählen,
welchergestalt ich armer Schöps endlich von ihm betrogen worden.
    Elisæus kam wieder zu uns, und also wurde das Laboriren mit aller Gewalt
fortgesetzt, so, dass ich mich zu Ende des Jahres ein starcker Chymicus zu sein
bedüncken liess. Elias zeigte mir nunmehro seine verfluchten Hirn-Geburten im
lebendigen Feuer, nehmlich den neuen jungen Oelbaum, des Plutonis Wohnung, den
Cerberum und den Herculem auf den Scheiter-Hauffen, es war ihm aber ein
leichtes, mich zum völligen leichtgläubigen Narren zu machen, weil ich Zeit
Lebens wenig oder gar nichts vom Laboriren gesehen als bei ihm. In den letzten
Tagen des Jahres, musste Elisæus vor mein Geld eine neue Reise antreten, mit dem
Befehl, aufs längste in einem Monate wieder zu kommen, weil Elias so dann den
Anfang machen wollte, die Terram virgineam catolicam circuliren zu lassen, und
den Philosophischen König aus seinem Grabe herauf zu holen: Zwei Wochen hernach
nahm Elias ebenfals eine Reise nach der nächsten Stadt vor, und versprach binnen
9. Tagen wieder da zu sein, mittlerweile gab er mir ein mächtiges Stück chymi
scher Arbeit vor, ausserdem musste ich ihm alle meine Gold-Müntze auszahlen biss
auf 100. spec. Ducaten, dahingegen gab er mir von seinem durch Kunst gemachten
Golde 8. Platten in Verwahrung, worvon die 4. grösten 11/4. Pfund, die 4.
kleinesten aber 4. 6. biss 8. Lot am Gewichte hielten. Da nun, wie bereits sehr
öffters gemeldet, bei mir nicht der geringste Verdacht wegen eines Betruges
herrschete, liess ich auf Katzen- und Mäuse-Art immer mit mir hin spielen
verrichtete die aufgegebene Arbeit mit grösten Fleisse, wartete 9. Tage, verzog
noch einen ganzen Monat, allein vergeblich, denn es wollte weder Elias noch
Elisæus wieder zum Vorscheine kommen, endlich empfing ich von dem erstern einen
Brieff, worinnen er mir mit grossen Schmeicheleien berichtete, dass er wichtiger
Ursachen wegen die Reise nach Amsterdam fortsetzen müssen, also sollte ich mich
nicht säumen, aufs eiligste nachzukommen, die ausgearbeiteten Sachen aber, an
ihren Orte wohl verschlossen stehen lassen, weil er Elisæum unterwegs
angetroffen und mit sich genommen hätte. Wer war hurtiger als ich, mich auf die
Reise nach Amsterdam zu begeben, und dennoch kam ich um drei Tage zu späte, weil
in dem angewiesenen Logis einen Brief von dem Elia fand, worinnen er mit sehr
ungeduldigen Ausdrückungen beteuerte: dass er ohnmöglich länger auf mich warten
können, sondern sich genötigt befunden, die Reise nach London in Engelland aufs
eiligste anzutreten, ich möchte demnach, so lieb mir alle meine Wohlfart sei,
ihm auch dahin folgen, in einem gewissen Hause nach ihm fragen, doch sollte ich
mich ja hüten, ihn Eliam Artistam, sondern an statt dessen, Curt van Delfft zu
nennen. Ich kam sehr geschwind nach London über, traff in dem bezeichneten Hause
zwar verschiedene Leute an, die ich mit guten Gewissen vor Laboranten oder
Adeptos halten konnte, bekam aber unter ihnen weder meinen Eliam noch Elisæum zu
Gesichte, und da ich nach dem Curt van Delfft fragte, machten alle zusammen
grosse Augen, bekannten auch, dass sie zwar sehr viel von dem Curt van Delfft
gehöret, selbigen aber zu sehen das Glück noch niemahls gehabt. Wer mir im Hause
vorkam, den fragte ich so gut als es die Vermischung allerlei Sprachen zuliess,
nach dem Curt van Delfft, biss mich endlich der Wirt durch einen Dollmetscher
abhören liess, was ich von dem Curt van Delfft haben wollte. Ich gab vor, dass
derselbe mein grosser Freund sei, mit dem ich seit einiger Zeit starcken Verkehr
gehabt, und dass er mich aus Holland an diesen Ort und in dieses Haus beruffen,
mitin bereits da sein, oder doch bald anhero kommen müste. Hieraf liess mir der
Wirt sagen, wenn die Sachen eine solche Bewandtnis hätten, möchte ich nur eine
eintzige Stunde Gedult haben, indessen ein Glas Wein trincken, er wollte den Curt
van Delfft so gleich aufsuchen lassen. Ich liess mir solches gefallen, und mich
so lange bei der Nase herum führen, biss es finstere Nacht wurde, endlich liess
mich der Wirt in ein Zimmer seines Hinter-Gebäudes ruffen, mit dem Bedeuten:
dass sich mein Freund schon daselbst befände. Aber, ach Himmel! kaum hatte mein
Fuss die Schwelle des Zimmers überschritten, da mich etliche gewaffnete Leute
überfielen, zu Boden warffen, meine Hände und Füsse mit grässlichen eisernen
Ketten belegten, und also gerades Weges, in eins von den allerschlimmsten
Gefängnisse schleppten. Hier hatte ich Zeit genug, nachzugrübeln, warum man doch
so unbarmhertzig mit mir umgehen möchte, indem ich mich keines Haupt-Verbrechens
schuldig wusste, denn binnen 3. Wochen kam kein anderer Mensch zu mir, als
derjenige, welcher täglich einmal Wasser und Brod zu meiner Nahrung brachte,
und auf mein jämmerliches Klagen in gebrochener Holländischer Sprache nichts
anders zur Antwort gab: als dass man in Engelland die Spitz-Buben nicht anders zu
tractiren pflege. Ich will mich bei dieser kläglichen Begebenheit nicht lange
aufhalten, sondern um sagen, dass zur selbigen Zeit ein beruffener Spitz-Bube in
der Welt herum flanquirte, der sich bald diesen, bald jenen, unter andern aber
auch den Nahmen Curt van Delfft beigelegt hatte. Vor dessen Complicen mich zu
erkennen, hatten die Herrn Engelländer die allergröste Ursache, da ich mich
selbst gerühmt mit ihm in genauer Bekandtschaft zu stehen. So bald ich demnach
zum Verhör kam, wurden mir die allererschröcklichsten und empfindlichsten Fragen
vorgelegt, und weil die Antwort darauf nicht nach der Richter Verlangen
ausschlug, fiengen sie sehr frühzeitig von der Tortur zu schwatzen an, da nun
solchergestalt das Wasser biss an die Seele ging, konnte ich nicht umhin, meinen
ganzen Lebens-Lauff, so viel nehmlich davon zu meiner Verteidigung nötig
achtete, zu erzählen, welches aber dennoch die Richter vor ein erdichtetes Werck
hielten, und mich ganz gewiss in den elendesten Zustand gesetzt hätten, wenn
sich zu meinem Glücke nicht unvermutet ein reicher Correspondent meines
Gross-Vaters ins Mittel geschlagen, Caution vor mich gemacht, und endlich die
ganze Sache zu meinem Vorteile ausgeführet hätte.
    Wer sollte wohl zweiffeln, dass ich den Eliam so wohl als Elisæum nunmehro
würde vor Spitz-Buben gehalten haben? Aber weit gefehlt, im Gegenteil glaubte
ich dennoch steiff und feste, dass Elias ein ehrlicher Mann, und nunmehro schon
wieder ein vollkommener Goldmacher sei, ich glaubte auch, dass ihm vielleicht der
berüchtigte Spitz-Bube den Nahmen Curt van Delfft abgeborgt, dass Elias entweder
schon in London sei, und vielleicht von meinem Unglück nichts wisse, oder dass er
bald kommen, oder wenigstens, mir weitere schrifftliche Nachricht von seinem
Auffentalt geben würde, woferne ihn nicht ein und andere wichtige Umstände noch
eine Zeitlang daran verhinderten. Jedoch mein Hoffen war ganzer 6. Monat
vergebens, ohngeacht ich in demjenigen Hause, wo er mich zu meinem Unglücke
hingewiesen, beständig logirte, und alle Tage wohl hundert mahl nach ihm umsah.
Mittlerzeit aber geriet ich mit einem andern Adepto in Kundschaft, welcher die
Redlichkeit selbst zu sein schien, dieser verwunderte sich nicht wenig über
meine Erfahrenheit in der Alchymie, und bekennete: dass ich keinen ungeschickten
Lehrer müsse gehabt haben, nachdem er mich aber endlich ganz und gar
treuhertzig gemacht, und das Geheimnis von dem Elisæo und Elia ausgeforschet,
auch meine Gold-Platten probiret hatte, zeigte er mir den offenbaren Betrug, dass
nehmlich unter allen meinen 8. Platten, kaum vor 8. Ducaten Gold zu finden, ich
auch unter ein paar hocherfahrne, aber dabei Spitz-Bübische Laboranten geraten
wäre, die mich mit meinem Braten-Fette ein wenig betreuffelt, den Braten selbst
aber, nehmlich mein schönes Geld, listiger weise entwendet hätten. Doch
unverzagt, mein lieber Lands-Mann, sprach dieser mein neuer Freund, der sich
Meschner nennete, und vor einen Pfältzer ausgab, wo ihr Lust habt, eure Kunst,
Geld und andere Haabe mit mir zusammen zu setzen, so weiss ich etliche Tage-Reise
von London, einen solchen Herrn anzutreffen, der uns Vorschuss genung tun soll,
den Lapidem Philosophorum auszufinden. Man saget sonst im gemeinem Sprüchworte:
Wer gerne tantzt, dem ist leicht gepfiffen, also ergieng es auch mit mir, denn
ich nahm augenblicklich das Erbieten dieses redlichen Mannes an, und reisete
mit ihm fort. Es gefiel mir, dass er sich vor den Meister und mich nur vor seinen
Handlanger ausgab, also erlangeten wir in wenig Wochen eine vortreffliche
Condition, laborirten aufs fleissigste, biss endlich der so genannte Meister,
binnen andertalben Jahren eine Untze Tinctur zu wege brachte, mit welcher er in
der Probe, vor des Principals Augen drittehalb Untzen Blei in Gold verwandelte.
Vor dieses Experiment erhielten wir beide 500. Stück spec. Ducaten zum Gratial.
Der Meister machte ein neues Feuer an, und versprach, die Probe binnen 6.
Monaten erstlich noch einmal im Kleinen zu machen, brachte es auch glücklich
zu wege, ich aber wusste noch zur Zeit nicht, wie es zugienge, denn mein
Compagnon schien nicht mehr so aufrichtig als anfangs, zu sein, ohngeacht er mir
von dem andern Gratial, welches in 1000. spec. Ducaten bestund, ebenfalls die
redliche Helffte gegeben, so, dass ich nun wiederum ein Capital von mehr als 800.
Ducaten, nebst andern seinen Sachen vor mich gesammlet, und davon 500. Ducaten
an meinen Gross-Vater per Wechsel übermacht hatte. Nun sollte es auf den grossen
Haupt-Einsatz los gehen, worzu der Meister 12000. spec. Ducaten verlangete, weil
aber der Principal diese Gelder allererst binnen 3. Monaten zu heben hatte, so
befahl er uns den Prozess im Kleinen, indessen noch einmal zu machen, als worzu
der Meister nun nicht mehr als 6. Wochen Zeit zu gebrauchen, sich rühmete. Es
wurde demnach zum dritten mahle angefangen, mein Compagnon aber tractirte ein
und andere Dinge vor mir dergestalt heimlich, dass ich mich endlich heftig mit
ihm zu zancken und vorzuwerffen anfieng, wie er allem Ansehen nach, mich, in der
Kunst zu betrügen, vorhabens sei. Endlich brach er los, und vielleicht nur
darum, weil er sich mehr vor meiner Stärcke und Hertzhaftigkeit, als dem
übel-verdorbenen Verstande fürchtete, und beichtete aus: dass er es vor eine, uns
unmögliche Sache hielte, das Arcanum Philosophicum magnum zu finden, immittelst
weil er allhier ein Mittel sähe, uns beiden auf listige Art ein solches Stücke
Geldes zu verschaffen, wovon wir Zeit Lebens hinlängliche Zehrung nehmen könten,
hätte er allen seinen Verstand angewendet, die Sache auf einen guten Fuss zu
setzen.
    Und also erfuhr ich aus offenhertziger Erzehlung: dass mein Compagnon ein
Spitz-Bube sei, der des Nachts mit gröster Lebens-Gefahr sich an einem Seile
durch den Schorrnstein in das Laboratorium, welches der Principal jederzeit
selbst verschloss und versiegelte, hinunter liess, die unanständigen Materialien
aus den Gefässen heraus- und davor hinein schüttete, was ihm beliebte, und zu
seinem Betruge dienlich war. Ich erstaunete gewaltig über dergleichen Bosheit,
liess mich aber gegen ihm nichts mercken, sondern forschete mit aller verstellten
Treuhertzigkeit so lange, biss er gestund: dass sein völliger Vorsatz wäre, mit
den zu hoffen habenden 12000. Ducaten nebst mir nach Franckreich, Spanien oder
Portugall zu seegeln. Meine Redlichkeit und der Abscheu vor dem Diebstahle war
noch nicht erstorben, weil auch über dieses bei so desperaten Unternehmen, der
Galgen immerfort vor meinen Augen schwebete, überlegte ich die ganze Sache
etliche Tage und Nachte lang sehr wohl. Den Compagnon zu bekehren, schien eine
vergebliche Sache zu sein, von dem, durch Spitz-Büberei erworbenen Gelde, hatte
ich selbst schon eine starcke Summe participiret, derowegen fassete den Schluss,
mein Gewissen und Hände zu reinigen, und dem Principal, der ein sehr gütiger
Herr war, vor fernern Unglück zu warnen. Zu allem Glücke wurde mein Compagnon
nach London verschickt, derowegen ergriff ich die schöne Gelegenheit mit beiden
Händen, und redete den Principal, welcher selbigen Tages ungemein vergnügt zu
sein schien, folgendergestalt an: Edler Herr! ich befinde mich, vor die viele
genossene Gnade, schuldig, euch vor einem grossen Unglück zu warnen, worein ihr
von einem eurer Bedienten, vielleicht in kurtzen gestürtzt werden könnet, jedoch
weil dem Ubel annoch vorzubauen ist, so habt die Gnade, mir zu versprechen: dass
ihr den Ubeltäter nicht am Leben straffen, sondern ihn nach euren Gefallen nur
in solchen erleidlichen Stand setzen wollet, euch und keinem andern redlichen
Manne mehr zu schaden.
    Der Principal verwandelte seine Farbe ziemlich, über diesen meinen
unverhofften Vortrag, erhölte sich aber bald, nahm mich mit in sein geheimes
Zimmer, præsentirte mir einen Stuhl, und sagte: Eröffnet mir, mein Freund, das
Geheimnis, so auf eurem redlichen Hertzen liegt, ich versichere bei GOtt, dass
ich solches nach seinen Würden belohnen werde. Hierauf erzehlte ich ihm die
verdammten Anschläge meines Compagnons, nebst meiner eigenen Lebens-Geschicht,
worüber dieser Herr in eine besondere Erstaunung geriet, mich aber letztlich
umarmete, und bat, ich möchte nur auf alles fleissig Acht haben, ihm richtigen
Rapport abstatten, an seiner Erkänntlichkeit aber nicht den geringsten Zweiffel
tragen.
    Ich versprach darbei, binnen wenig Wochen, die, an meinen Augspurgischen
Gross-Vater übermachten Gelder, nebst denen, so ich noch bei mir hätte, wieder
zurück zu liefern, weil ich so übel erworbenes Gut unmöglich behalten könnte,
allein der Principal widersetzte sich diesem Anerbieten, und versprach: noch
über dieses, mich mit einem guten Præsent zu begnadigen, wenn ich ferner redlich
handeln würde.
    Mein Compagnon stellete sich wieder ein, setzte ein völliges Vertrauen auf
meine Treue, deutlich aber zu sagen, so hielt er mich vor einen nicht viel
geringern Spitz-Buben als sich selbst, die Tinctur wurde abermals zur
vermeintlichen Perfection gebracht, er tat den Einsatz von 3. Untzen Blei, in
des Principals Gegenwart bei späten Abend, der Principal musste den Beisatz der
Tinctur selber tun, hernachmahls das Laboratorium abermals verschliessen und
versiegeln, damit es die Nacht über ungestöhrt digeriren könne. Der künstliche
Meister trat in den Mitternachts-Stunden, da alles, seinem Bedüncken nach, im
festen Schlaffe lag, die Fahrt durch den Schorrnstein an, schüttete die unnützen
Sachen aus dem Tiegel heraus, legte davor 3. Untzen gutes Gold hinnein, allein
der Principal, dem ich das verabredete Zeichen gegeben, hatte nicht nur durch
ein verborgenes Loch alle seine Hand-Griffe selbst in Augenschein genommen,
sondern über dieses das Seil, durch einen Bedienten, ganz gelinde zurück hinauf
ziehen lassen, also stack die Maus in der Falle, und musste im Laboratorio pausi
ren, biss der Tag anbrach, da endlich der Principal die Siegel und Schlösser
eröffnete, den Spitz-Buben in schwere Ketten schlagen, und in das tieffste
Gefängnis werffen liess.
    Wie es ihm ferner ergangen, weiss ich nicht zu sagen, denn ich bekam wenige
Tage darauf meine Abfertigung mit 100. spec. Ducaten, über alles dasjenige
Geschenck, was ich vorhero empfangen hatte, und reise damit nach London, des
willens, ehestens zurück nach Holland zu gehen, und den Eliam und Elisæum
aufzusuchen. Zweimahl war ich nun solchergestalt sehr hässlich angeführet worden,
hätte derowegen die gröste Ursache gehabt, diesen betrüglichen Künsten auf ewig
abzuschweren; allein, ich liess mich von einem Ertz-Betrüger aufs neue fangen,
mit ihm und noch zwei andern bei einer sehr vornehmen Englischen Witt-Frau in
Bestallung zu treten. Dieser Schelm, welcher sich Renard nennete, hatte einen
nicht weniger abgefeimten Spitzbuben zu seinem Vertrauten bei sich, der ein
Italiæner von Geburt sein, und Merillo heissen wollte. Ein Kerl von schlechter
Erfahrung doch grossen Prahlen und Windmachen, war der dritte, und meine eigene
Person der vierdte, bei dieser löblichen Gesellschaft. Renard und Merillo,
verfertigten binnen Jahr und Tag ein rotes, wie auch ein schwartzes Pulver, und
gebrauchten das erstere aus Blei Gold, das letztere aber aus Kupffer Silber zu
machen, legten auch verschiedene Proben, zu der Dame allergrösten Vergnügen,
damit ab, so dass sie sich endlich kein Bedencken nahm, ihnen beiden 50000. Tlr.
zu zahlen, um das Werck en gros anzufangen, allein Renard und Merillo nahmen das
Geld und begaben sich auf die Flucht, der letztere ist mit etlichen 1000. Tlr.
glücklich durchgekommen, und wie ich nachhero erfahren, laborirt er an einem
vornehmen deutschen Hofe sehr scharff, Renard aber wurde auffgecapert zurück
gebracht, und musste nolens volens am Galgen zappeln, weil seine rot und
schwartzen Pulver nicht allein betrüglich erfunden, sondern auch an statt der
50000. Tlr. nur vor 20. tausend Taler Wechsel-Briefe bei ihm angetroffen
wurden. Mein annoch übriger Compagnon und ich, hatten vom Glück zu sagen, dass
wir dem Stricke, oder wenigstens der Stäupung entgiengen, ohngeacht ich
sonderlich, mich der Spitzbüberei im geringsten nicht teilhaftig gemacht,
sondern mein Brod mit täglichen redlichen arbeiten wohl verdienet hatte. Allein
die Dame war ungemein erbittert, jagte uns beide zum Hause hinaus, behielt alle
unsere Sachen, gab aber endlich doch mir, von den meinigen auf allerkläglichstes
Flehen, noch 50. spec. Ducaten auf die Reise.
    Was war zu tun? einen Prozess gegen eine solche hohe Person anzustellen,
schien mir eine lächerliche Sache zu sein, von kahlen 50. Duc. konnte in
Engelland nicht lange zehren, derowegen setzte mich zu Schiffe, und ging zurück
nach Holland, an denjenigen Ort, wo ich meinen Eliam zuletzt gesehen hatte.
Daselbst traff ich zwar eben das Laboratorium, jedoch einen ganz andern
Hausswirt, ingleichen ganz frembden Laboranten an, kein Mensch wollte weder von
Elia, noch vom Elisæo etwas wissen, doch war der Meister von den Laboranten,
nachdem er mein Malheur erfahren, so gütig, mir Condition, freie Kost, und
Wöchentlich einen spec. Ducaten Lohn, zu geben.
    Selbiges war ein sehr frommer und gelehrter Mann, der die köstlichsten
Artzneien bereitete, ausserdem aber auch sehr eiffrig das grosse Philosophische
Geheimnis zu erfinden suchte, jedoch auf eine weit vernünftigere Art, als alle
diejenigen, so ich bisher gesehen. Ich war so glücklich binnen weniger Zeit,
mich in seine völlige Gunst zu setzen, denn weil er in allen seinen Wesen
vollkommen redlich, so merckte er auch gar bald, dass bei mir der Verstand zwar
ziemlich verdorben, im übrigen keine Schalckheit und Betrügerei anzutreffen
wäre. Dennoch wendete dieser vortreffliche Mann allen Fleiss an, mich so wohl in
der christlichen Lehre, als auch in andern Wissenschaften aufs allertreulichste
zu unterrichten, und solchergestallt geschahe es, dass ich innerhalb 2. Jahren
ganz ein anderer und klügerer Mensch wurde.
    Mittlerweile aber waren alle diejenigen Processe, welche mein Principal, und
so zu sagen, anderer Vater, den Stein der Weisen auszufinden, angestellet hatte,
fruchtloss abgelauffen, weswegen er einen kleinen Tractat in die Welt fliegen
liess, unter dem Titul: Schwer auffzulösende zweiffels Knoten über die Frage: Ob
der beruffene Stein der Weisen, jemahls von einem sterblichen Menschen erfunden
sei? Etwa ein halb Jahr hernach, kam eines Montags früh, ein ehrbahrer etliche
50. Jahr alt scheinender Mann, der das Ansehen eines Reichs-städischen reputirli
chen Pfahl-Bürgers hatte, vor unsere Tür, und verlangete mit dem berühmten
Chymico, nehmlich mit meinem Principal zu sprechen. Ich wollte denselben unter
dem Vorwande, dass mein Herr noch nicht auffgestanden sei, mit einem halben
Frantz-Gulden abweisen, weil er mir nicht anders, als ein Allmosen-Sucher in die
Augen leuchtete, allein er bedanckte sich, und gab vor: wie er meinem Herrn
nicht beschwerlich fallen, sondern nur ein kurtzes Gespräch von chymischen
Geheimnissen mit ihm halten, dieserwegen auch in einer Stunde wiederkommen
wollte. Hiemit ging er fort, ich aber musste in meinem Hertzen lachen, dass ein
solcher einfältiger Mensch, sich in so wichtige und hohe Dinge mischen wollte,
denn ohne Schertz, dieser Mann schien in meinen Augen ein ganz
ausserordentlicher Einfalts-Pinsel zu sein. Ich sagte meinem Principal nicht
einmal etwas davon, da aber der Mann in einer guten Stunde wieder kam, war der
erstere so gütig, denselben in sein geheimes Cabinet zu führen. Sie waren 3.
gute Stunden in sehr ernstaften Gesprächen begriffen, wovon aber ich wenig
oder nichts deutliches verstehen konnte. Nachhero speisete der Gast mit meinem
Principal ganz allein, nach Tische aber musste ich ein grosses Feuer-Becken,
einen mittelmässigen Schmeltz-Tiegel, einen Blasebalg, wie auch ein Pfund-Stück
Blei in das geheime Cabinett bringen, indem ich aber bei dem Feuer-Becken stehen
blieb und die Kohlen anbliess, gab der Frembde meinem Principal einen Winck, der
so viel bedeutete, dass er mich hinaus schaffen sollte. Der Principal aber sagte
darauff: Mein Herr! wenn ihr sonsten keine besondere Ursachen habt, euch vor
diesen Menschen zu fürchten, so lasset ihn in GOttes Nahmen die Wunderwercke des
Allerhöchsten beschauen, ich bin Bürge vor seine Gottes-Furcht und Redlichkeit,
denn er ist in der Creutz-Schule gewesen, und nach vielen Torheiten zu sehr
guten Verstande gekommen.
    Demnach liess sich der Frembde gefallen, dass ich da blieb, mein Principal
legte das Pfund-Stück Blei in den Schmeltz-Tiegel, weil aber selbiger, als ein
untüchtiges Gefässe zersprunge, musste ich etliche andere herbei bringen, wovon
wir den besten auslasen, und ein ander Stück Blei hinnein warffen. So bald es
zergangen war, sagte der Frembde: werffet noch ein Pfund Blei zum Geschenck vor
diesen redlich scheinenden Menschen hinein. Mittlerweile mein Principal dieses
tat, langete der Frembde aus seinem Brustlatze eine kleine Helffenbeinerne
Büchse hervor, worinnen ein Rubin-rotes Pulver war, von diesem nahm er etwas
weniges auf die Spitze eines Messers, schüttete dasselbe auf ein Wachs-Küchlein,
so etwa eines Holländischen Düttchens gross, aber sehr dünne war. Mein Principal,
der ihm das Wachs-Küchlein vorhielt, machte selbiges mit dem inwendigen Pulver
zu einer Kugel, und warffs in das bereits völlig zerschmoltzene Blei. Alsobald
erhub sich im Tiegel ein starckes Gezische, das Blei schien mit seinem
Ober-Herrn zu kämpffen, konnte aber nichts anders ausrichten: als unzehlige
Wind-Blasen, welche die wunderwürdigsten Farben hatten, in die Höhe werffen.
Nachdem es Stillstand worden, zeigte die Massa im Tiegel, die allerschönste
grüne Farbe, beim ausschütten schien sie Blut-Rot, endlich aber kam in dem
Giess-Becher die vortrefflichste Gold-Farbe zum vorscheine.
    Mein Principal, welcher das Probiren aus dem grunde verstund, befand es
alsobald vor ein solches Gold, das von keinem andern in der ganzen Welt
übertroffen würde, derowegen war er so wohl als ich, ganz ausser sich selbst
gesetzt, ja wir wussten vor Verwunderung, Freude und Schrecken nicht was wir
reden oder gedencken sollten. Der Gast sass inzwischen mit gefaltenen Händen auf
seinem Stuhle ganz stille, da aber mein Principal und ich, uns an der
wunderbaren Veränderung nicht satt sehen konten, unterbrach er endlich das
Stillschweigen, und sagte mit einer gelassenen Mine: Wie nun, mein Herr! werdet
ihr auch nunmehro euren letztin geschriebenen Tractat wiederruffen, oder ihn
zum wenigsten verbessern? Ach ja, mein allerwertester Freund, versetzte mein
Principal, ich werde in Zukunft entweder klügere Sachen oder gar nichts mehr
schreiben. Tut was ihr wollet, sagte der Frembde, voritzo aber erlaubet mir,
dass ich mit euch beiden ein wenig ins Feld spazieren gehe, denn die Bewegung
ist nach der Mahlzeit meine beste Sache. Mein Principal war bereit seinem
unvergleichlichen Gaste alle Gefälligkeit zu erweisen, ging derowegen in ein
anderes Zimmer, um bessere Kleider anzuziehen. Immittelst tat ich meinen Mund
auf, und sagte zu dem Frembden: Mein Herr! ihr habt eure Kunst besser und
auffrichtiger gezeigt als mein Meister Elias Artista, welcher mich eben allhier
in diesem Hause vor wenig Jahren aufs allerschändlichste betrogen, und um ein
schönes Stücke Geld gebracht hat. Mein Sohn! gab er zur Antwort, ihr seid sehr
übel berichtet, denn der wahrhafte Elias Artista, welcher mein eigener
Lehr-Meister gewesen, ist bereits vor etliche 20. Jahren den Weg aller Welt
gegangen, und von mir in aller Stille, auf sein eigenes Verlangen, an einen
solchen Ort begraben worden, den ausser mir kein Mensch auf der ganzen Welt
weiss. Ich weiss aber wohl, dass sich seit vielen Jahren, ein anderer Elias Artista
gezeiget, und vorgegeben hat, wie er eben derselbe sei, der sich durch die
Krafft und Tugend seines philosophischen Steins, biss zu so hohen Alter gebracht
hätte, allein der Kerl ist ein Spitzbube und Leute-Betrieger, ich kenne ihn so
wohl als seine Eltern, er ist kein Holländer von Geburt, wovor er sich
ausgibt, sondern ein Deutscher, (hierbei sagte mir der redliche Gast, auf mein
Bitten, die Geburts-Stadt, und alle andern Uhrkunden des verteuffelten
Spitzbubens, welches ich alles sehr eigentlich anmerckte,) Elisæus sein Diener
aber, ein getauffter Jude, es wäre mir an verschiedenen Orten ein leichtes, ihm
seine Tücken auffzudecken; allein wieder meinen Beruff gewesen, denn die Liebe
muss allezeit von sich selbst anfangen. Seine verzweiffelt gespielten Streiche
sind ausserordentlich bosshaft und guten teils lächerrlich, ich aber bemühe mich
gar selten daran zu gedencken. Hierauff erzehlete ich unserm Gaste so kurtz als
möglich, welchergestallt ich von dem falschen Elia und Elisæo hintergangen
worden, wünschte letzlich aber nichts mehr, als zu wissen wie es zugegangen
wäre, dass er mich so wahrscheinlich mit der ersten Probe, seines darvor
ausgegebenen Weisen-Steins, übertäuben können. Mein Freund, sprach der Gast
hierauff, es ist zu verwundern, dass euch die Spitzbuben ihre Künste nicht
gelernet, ihr müsst ihnen in Wahrheit zu ehrlich und einfältig geschienen
haben, ich wollte euch sehr viele von ihren subtilen Taschen-Spieler-Künsten
auffdecken, allein voritzo leidet es die Zeit nicht, doch was die Art
anbelanget, mit welcher euch der falsche Elias betört hat, so wisset, dass er
seine Schmeltz-Tiegel, worinnen er die Probe machen will, dergestallt zurichtet,
dass auf dem inwendigen Boden derselben, nach proportion der Grösse des Tiegels,
2. 4. 6. auch wohl mehr Loht reines Gold-Staubs zu liegen kömmt, nachhero
überziehet er selbst den Tiegel mit einer undurchsichtigen Lasur, die sich in
starcken Feuer verzehret, das Blei, so er in den Tiegel zu legen befiehlet, muss
ebenfalls verbrannt und verzehret werden, so dann kann ohne seinen betrüglichen
Stein, das verborgen gewesene Gold, welches in der Glut, von Natur am Gewichte
und Güte nichts fallen läst, zum vorscheine kommen, setzt ihm aber jemand einen
andern Tiegel vor, so weiss er seine Streiche schon dermassen einzurichten, dass
selbiger ohnfehlbar zerspringen muss. Ach! schrye der gute Gast hierauff, die
Welt will betrogen sein, mit euch als einem zu der Zeit Unerfahrnen nimt es mich
wenig Wunder, allein unter so vielen Europäischen Liebhabern dieser Kunst, sind
seit etlichen Seculis, schon so unzählig viele betrogen worden, und dennoch
lassen es sich die wenigsten nicht ehe zur Warnung dienen, biss sie den Betrug
nicht nur mit Augen sehen, sondern mit Händen greiffen, und die Nach-Wehen in
ihren Geld-Kasten fühlen können.
    Ich hatte nicht Zeit hierauff zu Antworten, viel-vielweniger meine Flüche
über den falschen Eliam und alle andere spitzbübisschen Gold-Macher auszustossen,
denn mein Principal kam darzwischen und führete den Gast aufs freie Feld
spazieren, und zwar einen solchen Weg, den der Gast selbst erwehlete, ich hatte
die Erlaubnis neben ihnen her zu gehen, und vortreffliche Lehren aus ihren
erbaulichen Gesprächen zu ziehen. Indem wir nun ohngefähr eine Stunde von
unserer Wohnung entfernet waren, kam seitwärts in der Land-Strasse eine
schneller Post-Wagen gefahren, auf welchen zwei Passagiers sassen. Unser Gast
schien nicht darauff Achtung zu haben, ging aber etwas auf die Seite, als ob er
andere Verrichtungen hätte; allein er zohe ein Blat Pappier aus dem Busen, legte
ein kleines Buch auf das Knie, beschrieb das Blat mit Bleistiffte, legte ein
ander Pappierlein hinein, rollete es zusammen, und behielts in der Hand. Mein
Principal und ich, stunden und warteten auf seine Wiederkunft, mittlerweile kam
auch der Post-Wagen sehr nahe, und hielt zu unserer Verwunderung stille. So bald
aber der Gast zurück kam, umarmete und küssete er so wohl mich als meinen
Principal, und sprach: Meine Freunde! seid bedanckt vor die mir angetane Ehre,
ich sehe mich vor dieses mahl gezwungen von euch zu scheiden, beurteilet mich
ohne trifftige Ursachen zu keinem Verbrechen, überlegt diese meine Schrifft aufs
allergenauste, der Himmel segne euch, dass ihr vergnügt leben möget, biss wir uns
vielleicht, so GOTT will, bald wieder sehen. Unter diesen Worten gab er meinem
Principal das zusammen gelegte Pappier in die Hand, wartete auf keine Antwort,
sondern ging ganz hurtig nach dem Wagen zu, und fuhr in gröster
Geschwindigkeit davon. Wir beide blieben als ein paar geschnitzte Bilder auf
unsern Stellen so lange ganz unbeweglich stehen, biss der Wagen gäntzlich aus
unserm Gesichte verschwunden war, ja ich glaube wir hätten uns noch in langer
Zeit nicht geregt, wenn nicht ein von ferne heran kommendes Donnerwetter, unsere
zerstreuten Gedancken und Sinnen wieder zusammen getrieben hätte. Mein Principal
sah mich und ich ihn mit seufftzen an, endlich öffnete er die Schrifft, und
fand selbige also gesetzt:
                                 Meine Freunde!
Ich will mich um eure vielerlei Gedancken, die ihr wegen meiner unverhofften
Ankunft und plötzlichen Abreisens hegen werdet, voritzo nicht bekümmern.
Schlaget in Luteri deutscher Bibel den 3ten Versicul des 28. Cap. im Buch Hiob
auf, in selbigem ist durch ein reines Anagramma, der richtige Prozess zu finden,
wie man auf die allerleichteste Weise den Lapidem Philosophorum finden kann. Hat
euch GOTT diese Gnade zugedacht, so wird er den Fleiss nicht vergeblich sein
lassen, den ihr zu Ausforschung des versteckten Geheimnisses anwendet, oder es
fügen, dass ich euch vielleicht in wenig Monaten wieder besuchen darff.
Inzwischen empfanget so viel von dem unschätzbarn Schatze, als euch hier
beigelegt und nötig ist, die Wahrheit des göttlichen Geheimnisses vor allen
Verläumdern zu rechtfertigen. Seid jederzeit fromme Kinder GOTTES, vergesset die
Armen nicht, und bleibt mit so, wie ich euch gewogen,
                                                                 Daniel Artista.
Es fehlete wenig, dass wir beiderseits überlaut zu weinen angefangen hätten, weil
aber dennoch nicht alle Hoffnung abgeschnitten war, den teuren Mañ wieder zu
sehen, über dieses die tröstliche Zuschrifft, und denn das innliegende Pulver,
welches ohngefähr 6. Gran am Gewichte hielt, uns einigen Mut machte, so
erreichten wir endlich ziemlich beruhigt, unsere Wohnung. Gleich Tages darauff,
machte der Principal die Probe, mit einem vierteils Gran des Arcani, und
proportionirlicher Quantität Bleies noch einmal und also sahen wir mit
wiederholter Verwunderung: dass das Blei abermals ins feinste Gold verwandelt
wurde, und sonsten alles seine vollkommene Richtigkeit hatte.
    Nach der Zeit wandte so wohl der Principal als ich, die meiste Zeit auf die
Ausfindung des Anagrammatis, allein wir konten binnen 5. oder 6. Monaten wenig
oder gar nichts kluges zu Marckte bringen. Der teure Mann, Daniel Artista,
wollte nicht wieder zum Vorscheine kommen, dem ohngeacht war mein Principal nur
immer desto erpichter auf die Arbeit, so, dass er des Nachts kaum 2. oder 3
Stunden zu schlaffen pflegte. Endlich, zu Ende des 8ten Monats, brachte er
folgendes Anagramma zu wege, welches ich nicht allein im guten Gedächtnisse,
sondern auch unter meinen geschriebenen Sachen auffbehalten habe, und solches
euch, meine Herrn, augenblicklich zeigen will.
    Unter diesen Worten zohe Mons. Plager ein Blat aus seiner Schreib-Tafel
hervor, gab es in unsere Hände, und wir fanden auf selbigen folgende Schrifft:
                                Hiob. XXVIII. 3.
   Es vvird ie des finstern etvva ein Ende, und iemand findet ia zuletzt den
                           Schieffer tieff verborgen.
                           Per Anagramma purissimum:
Diamant, Weinstein, Federvveiss, nuzzen Gold, vierfach Feur bereitet, der Feind
                               findet den Stein.
Nachdem wir es alle gelesen und wohl uberlegt, unser Urteil aber dieserhalb biss
auf eine andere Zeit ausgesetzt, fuhr Mons. Plager in seiner Erzehlung folgender
Gestalt fort: Ich will jetzo nicht weitläufftig erweisen, ob wir klug, oder
entschuldigen, dass wir töricht gehandelt haben, da uns dieser halb deutlich und
halb dunckele Spruch, zum Grunde aller Mühe und Arbeit dienen musste. Genung, wir
setzten nach selbst gemachter vorteilhafter Auslegung, unser gäntzliches
Vertrauen darauff, allein es zerbrach ein sehr starcker Pfeiler meiner Hoffnung,
da der Principal, wegen sich selbst verursachter Strapazen im zehendten Monat
nach des Daniels Abreise, vom Schlage gerühret wurde, und wenig Tage darauff im
62sten Jahre seines Alters plötzlich den Geist aufgab. Wenn ich nicht allzu
ehrlich gewesen, so hätte nicht allein den Rest des Geheimnisvollen Pulvers,
sondern auch ein ziemlich Stück Geld auf die Seite schaffen können, dergestallt
aber musste mich von seinem, in der nächsten Stadt wohnhaften Bruder, der ein
ziemlicher Geitzhals sein mochte, mit 400. Gulden vor rückständiges Lohn und
alles, abspeisen lassen, und da derselbe über dieses so eigensinnig und
argwöhnisch war, mir, des verstorbenen Principals kleines Hand-Apoteck gen,
worinnen auch das Geheimnis-volle Pulver befindlich, vor die gebotenen 200. fl.
zu überlassen, so machte auch ich mir ein Bedencken, ihm die Kräffte und Nutzen
der ihm unbekandten Sachen zu offenbaren. Gleichwohl fragte er mich, wie viel
wohl Zeit erfordert werden möchte: die annoch im Feuer stehenden Materien zu
perfectioniren, und ob ich mich wollte darzu gebrauchen lassen? Ich erklärete ihm
also, dass wenigsten 3. Monat Zeit darzu gehöreten, und wie ich zwar nach
vorgeschriebener Art und eigener Erfahrung selbige zu gute machen, jedoch so
wenig vor die Verunglückung, als andere dabei zuweilen entstehende
Gefährlichkeiten oder Schaden haften könnte und wollte. Wie ich hernach bedacht,
so wäre es mir ein leichtes gewesen, ihm, unter diesen oder jenem Prætext, das
kostbare Pulver abzuschwatzen, allein ich muss glauben, dass es solchergestallt
mein Verhängnis selber hintertrieben hat. Inzwischen nahm ich den Accord an,
vor Monatl. 50. fl. noch eine Zeitlang da zu bleiben, so lange nehmlich, biss in
allen reine Arbeit gemacht wäre. Demnach war ich meiner andern Mit-Gesellen
vorgesetzter, der neue Principal aber, welcher von der Kunst wenig oder gar
nichts verstund, kam gemeiniglich nur Wöchentlich zwei mahl, uns zu besuchen.
Eines Tages, da ich mich der kühlen Abend-Lufft, ohnfern von der Wohnung, unter
den grünen Bäumen bedienete, kam ein frembder Mann zu mir und fragte: ob mein
Principal, den er bei seinem ganzen Nahmen nennete, zu Hause sei? und ob es ihm
würde gelegen sein, sich diesen Abend sprechen zu lassen? Ich gab hierauff zur
Antwort, dass derjenige, nach welchem er fragte, nur vor wenig Wochen gestorben,
erkannte aber auf einmal an seinem Gesichte, dass dieser, einer von den zweien
Passagiers, welche, nunmehro bei nahe vor einem Jahre, mit dem Daniel auf der
schnellen Post davon gefahren. Derowegen fieng ich vor Freuden an zu zittern,
zumahlen da er sich stellete, als ob er nach Anhörung so unverhoffter Zeitung,
wieder Abschied nehmen wollte, jedoch auf mein inständiges Bitten liess er sichs
endlich gefallen, bei mir ein Nacht-Quartier zu nehmen. Ich liess nebst dem
köstlichsten Weine, die besten Delicatessen aufftragen, so nur zu haben waren,
tat hernach dem Frembden, eine ausführliche Erzehlung von meines Herrn Leben
und Tode, hernachmahls auch von meinem eigenen Wesen, und wie weit ich es in der
Kunst aller Künste gebracht hätte. Indem ich ihm das Anagramma vorlegte,
vermerckte ich, dass er unter dem lesen Blutrot im Gesichte wurde, letzlich aber
ein klein wenig die lincke Schulter zuckte. Auf mein Befragen, was er von diesem
Anagrammate urteilete, gab er diese Antwort: Mein werter Herr und Freund!
verzeihet mir, ich darff gegen euch, biss auf expressen Befehl meines Meisters
des Danielis Artistæ von diesen Sachen kein positives Urteil fallen, allein ich
werde ihm die ganze Beschaffenheit gewissenhaft referiren. Beliebt euch nicht,
versetzte ich, diesen Zeddul mit dem Anagrammate beizustecken, oder eine
Abschrifft davon zu nehmen? Es ist nicht nötig, sprach er, denn bekandte Sachen
lassen sich um so viel desto leichter in meinem ohnedem sehr guten Gedächtnisse
erhalten. Hierauff veränderte er das Gespräch, jedoch nur in etwas, und gab mir
vortreffliche Lehren, diejenige Arbeit, welche ich unter Händen hatte, mit
Renomme zu absolvi ren. Auf Befragen aber, wie ich mich in der Haupt-Sache zu
verhalten hätte, sprach er: Seid nicht so ungestüm, mein Herr, sondern erwartet
die Zeit. Morgen früh werde ich euch noch einige gefällige Dienste erzeigen,
voritzo aber erlaubt mir einige Stunden zu schlafen.
    Es wäre eine Grobheit gewesen, den Gast weiter zu incommodiren, derowegen
legten wir uns in zwei besondere Betten nieder, ich kunte vor Freude, Furcht und
Warten der Dinge die kommen sollten, kein Auge zu tun, biss mein Gast, so bald
der Himmel grauete, aufstund, mich gleichfalls weckte, und sich ankleidete.
Nachdem verrichte er sein Morgen-Gebet kniend sehr stille am Cammer-Fenster,
mittlerweile hatte ich einen glüenden Wein bereitet, von welchen er 4. oder 5.
Tassen zu sich nahm, und mich nachhero bat mit ihm ins Feld zu spazieren. Ich
fragte: ob er denn vielleicht schon Abschied von mir nehmen, und nicht noch
einen Tag und Nacht ausruhen wollte? Seine Antwort war: Ich kann nicht länger
bleiben, mein Freund, habt Danck vor euren guten willen, unterwegs auf freiem
Felde werde noch etwas weniges von eurem Vergnügen sprechen. Solchergestallt
sah mich betrübter weise gezwungen, ihm zu gehorsamen, und auf den Weg zu
begleiten, unterwegs offenbarete er mir noch verschiedene chymische treffliche
Vorteile, allein wegen der Haupt-Sache blieb es darbei: dass er erstlich mit
seinem Meister Daniel sprechen, und demselben meinetwegen einen Gewissenhaften
Bericht abstatten müsse, worauff ich die Antwort, oder vielleicht den Meister
Daniel selbst zu sprechen, bekommen sollte; wenn ich mich bemühen wollte, mich
auff künftigen ersten Christ-Tag in Cassel bei einem gewissen Gastwirt, den er
mir sehr eigentlich bezeichnete, zu melden.
    Also schied dieser Gast, dessen Nahmen ich nicht erfahren konnte, von mir,
ich ging zurück an meine Arbeit, und blieb biss zu Ende des Novembris in meiner
Station, brachte alle unter der Hand gehabte Massen und Mixturen so weit zu
rechte, dass sie bei genauer Untersuchung nicht getadelt werden konten, kauffte
mir ein gutes Pferd und reisete darvon, ohngeacht mich der neue Patron sehr
inständig zum längern dableiben animiren, und meinen Lohn um die Helffte
verbessern wollte.
    In Hoffnung war ich nunmehro ein sehr reicher Mensch, an baaren Gelde aber
hatte doch auch so viel, dass mich in Deutschland auch an dem aller vornehmsten
Orte zu etabiliren getrauen konnte. Allein die Sache bekam in wenig Tagen ein
ganz anderes Ansehen, denn auf der Reise nach Cassel zu, wurde ich eines
Morgens gar früh, und zwar im Walde, bei sehr strenger Kälte, von 4.
Strassen-Räubern angehalten und genötiget, ihnen alles bei mir habende Geld,
nebst andern Sachen, und so gar den Mantel-Sacke zu überlassen, denn zwei von
diesen Buben setzten mir ihr aufgezogenes Gewehr in die Seiten, da inzwischen
die beiden andern mein Vermögen auspresseten. Dem ohngeacht musste es vor eine
besondere Gnade passiren, dass sie mir nicht allein mein Pferd, sondern auch ein
klein Paquet gediehenes Gold, nicht abnahmen, welches letztere ich, ihnen
unbewust, auf der Brust an einer güldenen Kette hangen hatte.
    Ich machte unterwegens nicht viel Wesens von diesem mir passirten Streiche,
um desto sicherer vor den Nachstellungen solcher Leute zu sein, nahm mich aber
besser in acht, und reisete niemahls alleine, biss ich endlich 12. Tage vor
Weihnachten, die Residentz-Stadt Cassel erreichte, und mich bei dem bezeichneten
Wirt einlogirte. Allda verkauffte ich mein Pferd mit Sattel und Zeug vor 62.
Tlr. zehrete sehr spaarsam, und wartete mit Schmertzen, nicht so wohl auf das
erfreuliche Weihnachts-Fest, sondern vielmehr auf die erqvickende Gegenwart des
unvergleichlichen Daniels.
    Der erste Christ-Tag lieff vorbei, es meldete sich meinetwegen niemand,
derowegen nahm Gelegenheit, meinen Wirt, Abends sehr spät in geheim zu
sprechen, und von ihm zu erfahren: Ob er mir keine Nachricht von dem berühmten
Chymico Daniel, oder seinen Consorten geben könne. Der Wirt stellete sich
anfänglich sehr frembde, und animirte mich zu einer etwas deutlicherern
Erklärung, worauf er endlich sagte: Habt nur Gedult, mein Herr, der Tag ist
vielleicht heute zu heilig gewesen, eure Freunde werden sich wohl Morgen oder
Uber-Morgen melden, inzwischen blieb er dabei, dass er weder den, von mir
gerühmten Daniel noch seine Consorten kenne, oder jemahls, seines Wissens,
einigen Umgang mit ihnen gehabt. Der andere Feiertag verstrich auch zu meinem
grösten Leidwesen, allein am dritten bekam ich früh Morgens, von einem
unbekandten Knaben folgende Zeilen eingeliefert:
                                   Monsieur,
Mein abgeschickter Freund hat mir eures Wesens halber wahrhaften Bericht
abgestattet, ich erkenne daraus, dass ihr nur noch sehr wenig Schritte von dem
benebelten güldenen Hause der himlischen Weissheit entfernet seid, jedoch durch
die allergeringste Unbehutsamkeit, gar leichtlich in einen solchen Irr-Garten
geraten könnet, worinnen ehe der Todt als der gewünschte richtige Rück-Weg zu
finden ist. Mir ist nicht erlaubt, euch weitere Nachricht zu geben als diese:
Erweget denjenigen Zweck sehr wohl, wornach ihr so begierig zielet, und fraget
euer Gewissen ohne Heuchelei, was geschehen soll, wenn derselbe getroffen ist.
Lasset euch im übrigen meine und meines Freundes gehaltenen Reden nicht aus den
Gedancken fallen. Ist eure Absicht ohne Tadel, so wird euer Tun gelingen, wo
nicht? so schlägt es fehl. Inzwischen habt ihr von eurem Wirt, ein versiegeltes
Paqvet abzufordern, worinnen 500. Stück Ducaten sind, die euch nach Erfahrung
dessen, dass ihr unterwegs von den Räubern geplündert worden, zu einiger
Recreation überreicht, und im Zweiffel stehet, ob er fernet mit euch handeln
darff, dennoch aber der Pflege des höchsten Gebers aller Güter empfiehlet
                                                                     euer Freund
                                                                 Daniel Artista.
    Ich wurde von Wehmut und Bangigkeit ganz aus mir selbst gesetzt, nachdem
ich diese bedenckliche Zeitung erfahren, und die gäntzliche Rechnung zu machen
hatte, dass der vortreffliche Meister Daniel mich mit seiner Conversation nicht
ferner-beglückseeligen wollte, doch weil mit übrigen Sorgen und Grämen mein
Schicksaal nicht verbessert werden konnte; so gab mich endlich geduldig drein,
foderte das Päcklein Geld von dem Wirt, welcher selbiges diesen Morgen von
einem frembden Menschen empfangen zu haben vorgab, und war willens, eine Reise
zu meinem Gross-Vater zu tun, an welchen ich nicht geschrieben, seit der Zeit
ich ihm die 500. spec. Ducaten aus Engelland per Wechsel übermacht hatte, setzte
mich auch wenig Tage nach dem Feste auf die Post, und reisete fort. Indem nun
einigen Umweg nahm, und zwar aus keiner andern Ursache, als einige berühmte
Städte und Residenzen in Augenschein zu nehmen, fiel mir in einer derselben, da
ich im Post-Hause durchs Fenster guckte, von ohngefähr mein ehemahliger sauberer
Meister Elias nebst seinem schelmischen Consorten Elisæo in die Augen, welche
ich, ohngeacht sie sich ziemlich verstellet, rote Kleider, weisse Peruquen und
Tressen-Hüte trugen, augenblicklich erkandte, und bemerckte, dass sie am Marckte
vor dem Laden eines Materialisten stehen blieben. Demnach fragte ich den bei mir
stehenden Post-Meister, nach den Nahmen und Stande dieser beiden Stutzer, und
erfuhr sub rosa von ihm, dass es ein paar berühmte Laboranten wären, deren Nahmen
aber er so genau nicht sagen könne. Wenige Zeit hernach kamen beide Stutzer
selbst auf die Post, da ich denn die allerbeste Gelegenheit hatte, selbige desto
genauer zu erkennen, mich aber konten sie nicht wahrnehmen, indem ich meine
schwartze Schaaf-Peruque ganz über die Backen gezogen, und mich in den
Reise-Rock verhüllet, auf einem, im dunckeln Winckel stehenden Gross-Vater-Stuhl
gesetzt, und eine Stellung gemacht, als ob ich schlieffe.
    Sie hielten sich zu meinem Vergnügen nicht lange auf, sondern löseten ihre,
auf der Post mit gekommenen Paqveter und Briefe ab, welche ein Knecht hinter
ihnen her auf die Burg tragen musste, ich aber erfuhr bei solcher Gelegenheit auf
der Stätte, was vor erdichtete Nahmen sich diese beiden Hängens-würdigen
Spitz-Buben gegeben hatten. Das Vergnügen, so mir dieses unvermutete Antreffen
verursachte, läst sich nicht mit Worten ausdrücken, um aber ihnen beiden zu
meiner Revange einen wichtigen Streich zu spielen, stellete ich mich an: als ob
mir eine heftige Colica die weitere Reise verböte, liess also die Post fahren,
und zu meiner Verpflegung alles dienliche herbei schaffen. Gegen Abend befand
ich mich vollkommen gesund, konnte gut speisen, und bedaurete zum Scheine, dass
die Post allbereit fort wäre, allein dem Herrn Post-Meister schien eben nicht
ungelegen zu sein, dass ich 3. oder 4. Tage bei ihm auf die andere warten musste,
und mir war es gleichfalls lieb, dass sich noch selbigen Abend eine Compagnie von
5. oder 6. honetten Personen zusammen, unter selbigen aber zwei Hof-Bediente
fanden, die, wie ich aus ihren Gesprächen hörete, täglich sehr nahe um den
Lands-Herrn waren.
    Das Gespräch kam endlich auf die beiden Laboranten, und da ich ihre
Haupt-Streiche ausgekundschaft, und in Erfahrung gebracht: dass ein gewisser
Minister von ihren Künsten gäntzlich bezaubert sei, auch nicht das geringste
Misstrauen in sie setzte, hergegen der meiste Hauffe, diese Kerls vor
Land-Läuffer und Betrüger hielte, kartete ich mit vorerwähnten beiden
Hof-Bedienten, noch selbigen Abend die Sache dergestalt heimlich, ab, dass sie
mich bei Nachts-Zeit mit auf die Burg führeten, ihrem Principal mein
hertzhaftes Unternehmen vorstelleten, und es endlich dahin brachten, den beiden
berüchtigten Spitz-Buben entgegen gestellet zu werden, welche den strengesten
Befehl erhielten: ihre gerühmte Probe in meiner Gegenwart zu machen, und sich
von mir tentiren zu lassen.
    Ey Himmel! wie erschracken Meister Elias und Elisæus nicht, da ich ihnen so
unvermutet vor die Augen kam, allein die abgefeimten Betrüger wussten sich
augenblicklich in den Handel zu finden und anzustellen, als ob sie mich Zeit
Lebens nicht mit Augen gesehen hätten. Ich sparete keine Mühe, den Eliam wegen
seiner Verjüngerung, Entzückungen, geheimen Offenbahrungen und andern von ihm
selbst erzehlten Streichen aufs allerempfindlichste zu schrauben, welches er
aber alles ohne besondere Passion zu zeigen, einfrass, und sich nur darauf
verliess, mir mit seiner listigen Probe das Maul desto nachdrücklicher zu
stopffen. Allein, darbei kamen mir des Meister Danielis Lehren trefflich zu
statten, denn es traff alles accurat ein, was mir derselbe von des Eliæ
Spitz-Buben-Streichen offenbahret hatte. Kurtz zu sagen: Elias konnte zwar die
Probe in seinem selbst zubereiteten Schmeltz-Tiegel zu wege bringen, und 2. Lot
Blei in Gold verwandeln, allein in keinem andern, ohngeacht ihm die
allerstärcksten dargereicht wurden. Derowegen nahm ich mit Erlaubnis des
Principals drei von des Eliæ Schmeltz-Tiegeln, setzte zwei ins Feuer, und liess,
ohne dass jemand weder Blei noch sonsten etwas hinnein geworffen hatte, nachdem
sie eine Zeitlang wohl geglüet hatten, aus jedem, 2. Lot feines Gold auf die
Steine schütten, den dritten Schmeltz-Tiegel aber schlug ich mit einem Hammer in
Stücken, entdeckte den darein gegossenen Gold-Staub und zugleich den ganzen
Betrug, so, dass die beiden eingebildeten Künstler wie Butter an der Sonne
bestunden. Nachhero da ich eine hinlängliche Nachricht, von den, mir und andern
Leuten gespielten Schelm-Streichen abgestattet, und die am letztern Orte
vorgehabte grausame Filouterie darzu kam, hatte ich das Vergnügen, die beiden
grossen Alchymistischen Welt-Lichter an zwei Schutt-Karne schmieden zu sehen,
auf welchen sie den Unflat, in und um der Burg, hinweg schaffen mussten. Auf
ihren hocherfahrnen Häuptern prangete eine grosse eiserne Sturm-Haube, mit
angeschnallten würcklichen Esels-Ohren, über diesen ein eiserner proportionir
licher Galgen, in welchem eine kläglich lautende Kuh-Schelle hing. Das war also
der Lohn solcher verzweiffelten Ertz- denen alles gleich viel geschienen, ob sie
hohe, mittelmässige, geringe, kluge oder einfältige Personen zu betrügen vor sich
finden konten, eine grosse Gnade hiess es, dass sie wegen ihrer erstaunlichen
Verwegenheit nicht Hangel-Beeren fressen mussten, wie mein ehemahliger Compagnon
Renard in Engelland, jedoch ich halte davor: dass dergleichen Straffe, vor
Menschen von solcher Gattung, noch weit empfindlicher sei als der Todt selbst.
    Mir wurde an diesem Hofe eine nicht unebene Bedienung angetragen, allein ich
deprecirte dieselbe aus keiner andern Ursache, als meinen Gross-Vater in seinem
Alter zu assistiren, und meine Goldmacher-Streiche in Geheim darbei
fortzuführen, reisete also mit einem guten Recompens von dañen.
    Wenige Tage hernach liess ich mich an einem andern Orte dennoch überlistigen
auf eine Zeit lang, als Mechanicus und Chymicus zugleich, in die Dienste einer
gewissen Standes-Person zu treten, weil selbige ungemein vorteilhaftig vor
mich schienen. Zwar nahm ich erstlich noch eine Reise zu meinem Gross-Vater vor,
allein, derselbe war bereits gestorben, und zu Vergrösserung meines Unvergnügens
war, mein aus Engelland an ihn übermachter Wechsel, wegen des Banquerots des
Wechsel-Herrens mit Protest zurück gegangen, derowegen musste mich mit 600. Tlr.
ererbeter Gross-Väterlicher Gelder begnügen lassen, und wieder zurück an
denjenigen Ort reisen, wo ich mich engagirt hatte. Ich etabilirte meine
Hausshaltung sehr wohl, liess mich auch bereden, ein junges rasches Frauenzimmer
zu heiraten, die der gemeinen Sage nach über 4000. Tlr. im Vermögen haben
sollte, allein, da es nach der Hochzeit zur Untersuchung kam, fanden sich kaum
400. Tlr. Heirats-Gut, welches den ersten Grund-Stein zu unserm Missvergnügen
legte. Über dieses führete meine Frau einen ungemeinen Etaat, lebte herrlich,
und hatte täglichen Besuch von guten Freunden, so wohl männliches als weibliches
Geschlechts, die sie als ein gewesenes Hof-Frauenzimmer entweder bei Hofe oder
sonst von Jugend auf gekannt haben wollten. Solchergestalt war ein starcker
Aufgang in meiner Hausshaltung, mein meistes Geld aber, hatte ich in ein
kostbares Haus, und dann in das pestilentialische laboriren gesteckt, um
nunmehro den Stein der Weisen mit Gewalt heraus zu zwingen.
    Bei sotaner doppelten Arbeit und Sorgen, konnte nun freilich auf meiner
jungen Frauen Wirtschaft, nicht sattsame Achtung geben, und ob ich gleich
dieselbe auch nicht alle Stunden mit den zärtlichsten Caressen überhäuffte, so
liess ich ihr dagegen in allen ihren Willen, nicht vermeinend, dass sie von der
Art derjenigen Weiber sei, welche die, in dem Liebes-Wercke nachlässigen Männer
mit Hirsch-Geweihen zu crönen pflegen. Allein, ich erfuhr selbiges leider zu
meinem allergrösten Unglücke mehr als zu wahrhaftig, denn da ich mich eines
Tages wegen heftiger Kopff-Schmertzen ohnbewust meiner Frauen, im Cabinet der
obern Stube, ein wenig aufs Faulbette gelegt, kam meine Frau ganz eilig auf eben
dieselbe Stube gelauffen, klapperte mit den Schlüsseln, und schloss einen von
ihren Wäsch-Kastens auf, der ganz nahe bei meinem getäffelten Cabinet stunde,
krahmete mit ein und andern Sachen, und sunge inzwischen etliche schändliche
Verse eines geilen Buhler-Liedes, welches sich vor eine reputirliche Frau ganz
und gar nicht geziemete. Indem nun eben im Begriff war, sie dieserwegen zu
reprimandiren, hörete ich eine ganz leise herbei schleichende Person folgende
Worte sprechen: Ihr Knecht, Madame! wie stehts, werden sie bald fertig sein?
Mademoiselle N. wartet mit Schmertzen auf sie, und die übrigen sind schon
voraus. Lasset sie sein, gab meine Frau zur Antwort, wir wollen noch zeitig
genung nachkommen, das Nickelgen muss wohl warten, allein, mein Kind, du darffst
nicht halb so ehrbar tun, denn wir sind alleine. Wo ist denn dein Mann? mein
Engel, fragte der Courtoisan ferner, ich bin gekommen, ihn ehrentalber auch zu
dieser Lust zu invitiren. Ach! schrye meine Frau, lass den Unflat ja zu frieden,
der wird vor Mitternachts nicht aus dem Kohlen-Staube gekrochen kommen, denn er
hat sich Essen und Trincken genung ins Laboratorium bringen lassen. Das ist ja
vortrefflich, versetzte der Courtoisan, allein, solchergestalt wäre nicht
uneben, wenn wir uns nach abgeschlossenen Türen ein kleines Vergnügen machten.
Ists nicht zu viel, sagte meine Frau, dergleichen bei hellen lichten Tage
vorzunehmen? Hierauf antwortete der Ehebrecher mit verschiedenen Küssen, die ein
lautes Geklatsche verursachten. Bald hernach gingen beide hin, verschlossen und
verriegelten die Türen, worbei meine geile Bestie noch diese Worte von sich
hören liess: Mein Engel! wenn ja jemand anpochen sollte, so kanstu dich nur durch
jene Kammer über den Gang in den Hof reteriren, du must dich aber ja in acht
nehmen, denn die Breter sind auf dem Gange noch nicht angenagelt, und könten
leichtlich aufküpffen. Gut, gut! sprach der Cujon, führete hiermit das
schändliche Weib zum Bette, und nahm eine solche verfluchte Arbeit mit derselben
vor, die mich, der ich durch eine Spalte guckte, zu recht rasender Wut
verleitete. Solchemnach ergriff ich ein an der Wand hangendes
scharff-geschliffenes Couteau de chasf, stiess die Tür auf, und versetzte meinem
Ehren-Schänder, der eben zurück springen, und seinen auf den Tisch gelegten
Degen ergreiffen wollte, einen kräfftigen Hieb über den Kopff und gleich darauf
einen Stich in die Brust, dass er augenblicklich zu Boden stürtzte, und in einer
hässlichen Positur mit herabgefallenen Bein-Kleidern liegen blieb. Das
ehebrecherische Weib sprung darvon, hatte sich aber doch nicht gnugsam vor
demjenigen Unglücke hüten können, wovor sie nur kürtzlich ihren Schand-Bock
gewarnet hatte, sondern war mit etlichen Bretern herab auf den scharffen Rand
eines Brau-Bottichs gefallen, die nachschiessenden Breter und kleinen Schwellen
aber hatten ihr gleich auf der Stelle das Hals-Genick und Rück-Grad abgestossen.
    In meinem ganzen Hause war keine eintzige Seele, welche nur das geringste
von diesem Unheil gemerckt oder gehöret hatte, derowegen bedeckte ich den in
seinen Sünden zerqvetschten und entseelten Cörper mit Bretern und Fässern,
verschloss den Stall so wohl als alle andere Türen zur Stube, worinnen der auch
bereits verreckte Ehebrecher lag, aufs beste, nahm von meinem noch übrigen
Gelde, Geschmeide und andern nötigsten Sachen so viel zu mir, als ich in und
unter den Kleidern verbergen konnte, und begab mich schleunigst auf die Flucht,
war auch so glücklich, vor der Stadt einen geschwinden Post-Wagen anzutreffen,
dem ich mich anvertrauete, und wenig Tage hernach eine sonst wohl bekandte Stadt
erreichte, allwo ich meine Kleider veränderte, und en Courier die Reise nach
Hamburg antrat, von wannen ich bald hernach zu Schiffe nach Coppenhagen
überging, mitin mein Haus und übriges Vermögen alles im Stiche liess, um auch
desto unbekandter zu leben, meinen ordentlichen Geschlechts-Nahmen veränderte,
und mich Plager nennete. Wie es in meinem Hause weiter zugegangen, zumahlen da
man die entleibten Cörper gefunden, weiss ich nicht, habe mich auch niemahls
darum bekümmern wollen, hergegen zog ich mir die grausame jachzornige Übereilung
dermassen zu Gemüte, dass ich fast in die allerelendeste Verzweiffelung gefallen
wäre, jedoch ein vortrefflicher Priester in Coppenhagen, dem ich alles, was ich
auf dem Hertzen liegen hatte, aufrichtig erzehlete, hat mich endlich in den
Stand gesetzt: den Verzweiffelungsvollen Versuchungen des Satans jederzeit
kräfftigen Widerstand zu tun, und mit ernstlicher Busse, bei GOtt die Vergebung
aller begangenen Sünden zu suchen. Ja eben dieser gottselige Priester, hat
nachhero in meinem Hertzen einen vollkommenen Eckel gegen die betrüglichen
Goldmacher-Künste angezündet, und mir zu täglichen Denck-Sprüchen unter andern
auch folgende Lateinische und Deutsche Verse recommandiret:
Auri sacra fames quid non mortalia cogis
Pectora? res fallax, cognita sero, vale!
Verdamter Gold-Durst, hastu nicht so manches Hertz in Schmertz gebracht?
Nun kenn' ich dich, du falsche Kunst, zwar etwas spät, drum gute Nacht!
    Ich habe nach der Zeit die Transmutationem Metallorum zwar vor kein solches
Geheimnis betrachtet, welches GOtt durchaus keinen sterblichen Menschen
offenbahret habe oder offenbahren wolle, allein doch auf gründliche
Vorstellungen des gottseeligen Priesters und Uberlegung meiner eigenen
Erfahrung, dieserwegen ganz andere, als vormahlige Concepte gefasset, welche
ich zu anderer Zeit eröffnen will.
    Von selbiger Zeit an ergriff ich meine ordentliche Profession, nehmlich die
Mechanic, wieder, und habe, so lange ich nachhero in Coppenhagen war, täglich
sehr fleissig darinnen gearbeitet, wie mir solches gegenwärtiger Mons. Litzberg,
der mich ohngefähr 2. Jahr lang in Coppenhagen gekennet, aufrichtig und wohl
bezeugen wird. Da aber nach der Zeit in Amsterdam an einer gewissen
Welt-berühmten Machine gearbeitet wurde, worbei ich vor meine, vielleicht nicht
unangenehme Invention und Handanlegung, so wohl als andere Künstler, ein gut
Stück Geld zu verdienen vermeinte, nahm ich die Reise dahin vor mich, beredete
auch Mons. Litzbergen, einen beliebten Reise-Gefährten abzugeben. Allein die
Führung des Himmels hat es besser mit uns gemeinet, denn wie bereits bekandt
ist, sind wir in Lübeck an den Herrn Wolffgang geraten, der uns nebst andern
Gefährten, auf diese glückseelige Insul geführet hat, allwo ich nunmehro, dem
Himmel sei Danck, ein dermassen ruhiges und vergnügtes Leben führe, welches
gegen keinen philosophischen Stein vertauschen wollte, und wenn derselbe gleich
den allergrösten Mühlstein am Gewicht überträffe, wünsche also weiter nichts
mehr, als meine übrige Lebens-Zeit in wahrer Frömmigkeit zuzubringen, auf der
Insul meinen liebsten Freunden nützliche Dienste zu leisten, und endlich in den
Armen meiner liebsten Dorotee Jacobine, ruhig und seelig zu sterben.
    Solchergestalt, meine Herrn und Freunde! sagte nunmehro Mons. Plager zum
Beschlusse, habe ich ihnen einen offenhertzigen Bericht, meines von Jugend auf
geführten Wandels abgestattet, ich weiss aber nicht, ob ich wünschen darff, dass
sie demselben ferner nachdenken, oder zum wenigsten meine Torheiten und
Ubeltaten ganz und gar wieder vergessen möchten, jedoch mein bester Trost ist
dieser: dass ich ein besserer Christ geworden, und auch vollkommen gesonnen bin,
mich Zeit-Lebens also aufzuführen, da ich, GOtt Lob, im Stande lebe, meinen
ehemahligen Affecten ein Gebiss anzulegen, und sie nicht über mich herrschen zu
lassen.
    Also endigte Mons. Plager die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, aus welcher
wir, an seiner Person und ganzen Wesen, nichts anders zu tadeln fanden: als dass
er sich der heftigen Gold-Begierde, und denn dem Jäh-Zorne allzu starck
überlassen, den Vermahnungen seines sterbenden Vaters nicht besser nachgelebt,
und sich an dessen Exempel gespiegelt hätte, denn wie er annoch selbst
bekennete, so hatte er die meiste Gesellschaft mit unchristlichen Leuten,
Ovackern und Mennonisten gepflogen, wie denn auch sein ehebrecherisches Weib
eine übel conduisirte Reformirte gewesen war. Es gab auch viel Disputirens unter
uns: ob er recht oder unrecht getan, den leichtfertigen Ehebrecher so plötzlich
zu überfallen und zu ertödten? allein, endlich fiel doch der Schluss dahinnaus,
dass es christlicher gehandelt gewesen, wenn die Selbst-Rache unterblieben wäre.
    Nachdem aber unter dergleichen Gesprächen der Abend einzubrechen begunte,
nahm ein jeder die Rückreise zu seiner Wohnung vor sich, mit dem Verlass, ehester
Tags, wenn es dem Alt-Vater beliebte, in Stephans-Raum zu erscheinen, um
daselbst des Tischlers Lademanns, und des Müllers Krätzers Lebens-Läuffte
anzuhören.
    Solches verzohe sich nun zwar auf etliche Tage, weil der Alt-Vater einen
schlimmen Zufall von Stock-Schnupffen und truckenen Husten bekam, allein,
nachdem er endlich durch gute Wartung und Bei-Sorge Mons. Kramers, der ihn mit
den Herrlichsten Medicamenten zu Hülffe kam, wiederum völlige Besserung
verspürete, und ihm von dem letztern selbst, eine kleine Spazier-Fahrt zur
Motion, angeraten wurde, begaben wir uns in seiner Gesellschaft nach Stephans
-Raum, nahmen erstlich den neuen Mühl-Bau in Augenschein, und bezeugten eine
besondere Freude darüber, denn das ganze Gebäude stund schon völlig unter dem
Dache, mittlerweile aber, da andere dasselbe vollends tünnchten und ausputzten,
arbeiteten Lademann, Krätzer und Herrlich, nebst ihren Lehrlingen an den
Mühl-Rädern, welche sie aufs längste binnen 14. Tagen einzulegen vermeinten,
nachhero Mühl-Steine aus dem Alberts-Hügel, als welcher Stein sich am
allertüchtigsten darzu anliess, aushauen, so dann gleich nach vollbrachter
Erndte, zu mahlen anfangen wollten. Allein, weil der Alt Vater freundlich zu
vernehmen gab, wie er dieses mahl in Lademanns Wohn-Hause abzutreten gesonnen
sei, und gegen Abend das Vesper-Brod bei ihm speisen wollte, gaben die Meisters
ihren Lehrlingen und Handlangern ein abgemessenes Stück Arbeit auf, und
begleiteten uns alle drei in Lademanns Wohn-Haus, allwo sich auch in kurtzen
Herr Wolffgang, Litzberg und Plager einstelleten, weil wir selbigen unsere
Dahin-Reise zu wissen tun lassen. Wir ladeten uns an einen wohlschmeckenden und
sehr kühlen Haus-Truncke, rauchten, weil es etwa 3. biss 4. Stunden nach der
Mittags-Mahlzeit war, Toback darbei, da aber unser Wirt mit seiner jungen
Haus-Frauen das Vesper-Brod aufgetragen, und der Alt-Vater mit freundlichen
Worten zu vernehmen gab, wie er wünschte, seine, nehmlich
 
                    Des Tischlers Lademanns Lebens-Geschicht
anzuhören, machte sich derselbe alsofort bereit darzu, und fieng seine Erzehlung
also an:
    Ich Johann Bernhard Lademann, bin vor nunmehro 36. Jahren, auf einem Dorffe
ohnweit Altenburg, zur Welt geboren worden. Mein Vater hatte zwar ein kleines
Haus, nebst etlichen Ackern Feld, überliess aber die Wirtschaft dessfalls meiner
Mutter, und verdiente sein Geld hier und dar mit der Geige, Schalmeie, und
sonderlich mit dem Hacke-Brete, welches er, in Betrachtung, dass alles ein von
sich selbst gelernetes Werck war, sehr gut spielen kunte, und dieserwegen unter
noch 6. andern dergleichen Dorff-Musicanten, der so genannte Premieur wurde.
Seiner Kinder waren 5. nehmlich drei Töchter und zwei Söhne, mein ältester
Bruder, der in der Schule mit gröster Mühe, nebst dem Catechismo, etwas weniges
lesen und schreiben gelernet, wollte sich zu nichts anders als dem Acker-Baue
beqvemen, wurde derowegen darbei gelassen, ich als der jüngste aber, hätte es
vermutlich etwas weiter bringen können, wenn mich der Vater nicht sehr
frühzeitig mit auf die Hochzeiten und andere Aufwartungen genommen; alwo ich die
Pratsche par force mit spielen musste, es mochte auch klingen oder klappen,
jedoch ausser der Zeit, wenn nehmlich nichts zu tun war, hatte doch mein Vater
die Sorgfalt, mich dann und wann wieder in die Schule zu schicken, und weil ich
eine Sache weit leichter, als mein Bruder, fassen konnte, so geschahe es, dass mir
nebst dem Lesen, Schreiben und Rechnen etwas weniges vom Donate in den Kopff
gebracht wurde. Um die Haus-Arbeit aber durffte ich mich wenig oder nichts
bekümmern, sondern ausser den Schul Stunden, meine Zeit auf das Hacke-Bret,
Schallmeie und Discant-Geige wenden, und solchergestalt sah ich schon in meinem
12ten Jahre, einen halb vollkommenen musicalischen Pfuscher so ähnlich, als ein
Ey dem andern.
    Mein Vater hatte eine besondere Freude: dass ich in seiner Profession so
trefflich wohl einschlug, und bei so jungen Jahren mein Brod, nicht allein mit
musiciren, sondern vielmehr mit haseliren verdienen konnte. Denn ich machte mich
mit den vornehmsten Lieder-Trägern bekandt, kauffte ihnen jederzeit die neusten
und lustigsten Lieder ab, lernete dieselbe aufs beweglichste singen, auf dem
Hacke-Brete selbst darzu spielen, verdiente also, zumahlen wenn der Vater den
Bass darzu brummete, manchen schönen Groschen besonders, welches Geld ich aber
mehrenteils dem Schulmeister zuwendete, der mir die Noten und das Orgel-Spielen
lernen musste.
    Dem Schulmeister, stund mein anschlägischer Kopff vor allen andern sehr wohl
an, denn ich lernete einen feinen Discant singen, also konnte er mich bei seiner
Kirchen-Music, die mein Vater und seine Consorten, wenn sie mitspielen sollten,
vorhero auswendig lernen mussten, sehr gut brauchen, vor allen Dingen war ich ihm
ein sehr nützlicher Pursche, wenn wir um die neue Jahrs-Zeit stapuliren giengen,
und auf den umliegenden Dörffern das neue Jahr sungen, denn solches währete
gemeiniglich 14. Tage, biss 3. Wochen, wir nahmen aber täglich, selten mehr als
ein oder ein halbes Dorff vor, setzten uns hernach Abends in die Schencke, allwo
ich gemeiniglich mein kleines Hacke-Bret und des Schulmeisters Geige aufzuheben
gegeben hatte, fiengen an zu singen und zu musiciren, nahmen uns öffters auch
kein Bedencken, zum Tantze aufzuspielen, da denn alt und jung, Geld über Geld
gab, und darzu Maul und Nase über solche Virtuosen aufsperrete. Von allem was
wir verdienten, bekam ich den halben Teil, es müste denn sein, dass der
Schulmeister die Teilung nach seinem Gefallen gemacht hätte, wie ihm denn mein
Vater, da er sich hernachmahls mit ihm zanckte, dessfalls eines offenbaren
Betrugs beschuldigte, jedoch ich, meines Orts war vollkommen zu frieden, wenn
ich so lange es währte, alle Tage 8. 10. ja gar biss 12. Groschen verdienen
konnte, wovor mir meine Mutter rote Brust-Lätze, schöne Schuh und Strümpffe
kauffen musste, bundte Bänder aber bekam ich zur Gnüge von den Bauers-Töchtern
auf den Hochzeiten geschenckt.
    Allein der Handel zwischen mir und dem Herrn Schul-Meister kam endlich vor
unsern Pfarr-Herrn, der dem erstern das Cantate legte, meinen Vater und mich
aber ebenfalls zu sich beschied, den erstern einen derben Verweis gab: dass er
mich in allen ärgerlichen Leben erzöge und allerlei Schand-Lieder zu singen
erlaubte, ja noch seine Freude darüber bezeugte, mir aber drohete er mit der
Zurückstossung vom Beicht-Stuhl und heil. Abendmahle, (als welches ich in meinem
14ten Jahre zum erstenmahle empfangen wollte,) woferne ich mich nicht bessern,
und in der Güte von solchen Schand Possen ablassen würde. Diese Drohungen
verursachten unserseits doch so viel, dass wir dieses beste Stück unserer
Profession etwas heimlicher trieben, hergegen desto mehr Geld damit verdienten,
und weil der Pfarrherr einige Kundschaft darauff gelegt und erfahren hatte, dass
ich an etlichen Orten, wo ich aber wohl wusste, dass ich meine Aufseher hatte,
durchaus keine Zoten-Lieder singen wollen, hielt er mich vor einen bekehrten
Sünder, mitin vor seinen besten Beicht-Sohn. Aber der fromme Mann erfuhr bald,
wie er sich in seiner Meinung schändlich betrogen, denn gleich des Tages darauf,
nachdem ich zum heil. Abendmahl gewesen, wurde ich von meinem Vater in die
nächst gelegenste Stadt geschickt, um Säyten und Colofonium einzukauffen, der
Pfarrer hatte selbiges erfahren, gab mir also einen Brieff an den Buchdrucker
selbiger Stadt mit, nebst dem Befehle, ihm von besagten Buchdrucker einen Pack
gedruckter Sachen mit zurück zu bringen. Nachdem ich nun meine Dinge in der
Stadt meistens ausgerichtet, bei dem Buchdrucker aber eine gute Zeit aufgehalten
wurde, indem er eine starcke Partei Bettel-Leute ebenfalls mit gedruckten
Sachen abzufertigen hatte, welche Sachen ich aber nicht so genau bemercken
konnte, weil er in seiner Kammer alles gar heimlich mit ihnen tractirte, in der
Stube aber nur sein baares Geld, vor die zusammen gepackten Sachen in Empfang
nahm, erblickte ich doch endlich einen bedruckten Bogen unter dem Titul: Vier
schöne weltliche lustige Lieder, das Erste: Lissetgen hat Studenten-Gut im Arme
etc. Das andere: Wer kann die krancken Jungfern trösten? der etc. Das dritte: Mei
Hanns komm met mer ins Korn etc. Das vierdte: Ae Schmätzgen schmeckt wie
Zucker-Cand, etc. Gedruckt zu Cölln am Rhein, da die wackern Mädgens sein. Mein
Hertz im Leibe fieng vor Freuden zu hüpffen an, da ich diese allerneusten noch
nie erhörten vortrefflichen Lieder, nebst beigesetzten bekandten Melodeien ins
Gesichte bekam. Ich fragte mit ängstlichen Gebärden den Buchdrucker-Gesellen, ob
er diese Lieder zu verkauffen hätte, und was sie kosteten? Er forderte einen
Groschen, und da ich fragte: wie es käme, dass diese so teuer, andere solche
Stücke Pappier aber, um 8. oder 9. Pf. wohlfeiler waren? gab er zur Antwort: Ja
mein lieber Sohn, neue Sachen gelten allezeit mehr und noch 4. mahl so viel als
die alten, ein anderer als ihr müste wohl 18. Pf. darvor geben. Derowegen
zahlete ich ihm 1. gl. steckte den halben Bogen zu mir und fragte: ob keine
andere Sorten von dergleichen Liedern vorhanden wären, indem ich, als ein junger
Musicus dergleichen Sachen höchst von nöten hätte, und mein baares Geld schon
wieder heraus zu bringen wüste. Sogleich meldete sich der Meister oder Herre
selbst, brachte eine unzählige Zahl von noch mehrern allerneusten Liedern, liess
sich aber besser behandeln als der Geselle, denn ich bekam vor 16. Groschen
einen dermassen starcken Pack Lieder, dass ich denselben kaum ertragen konnte.
    Vor diese 16. Groschen sollte ich meiner Schwester 2. Ellen blauen Cattun
mitbringen, allein ich gedachte: Cattun ist alle Tage zu bekommen, dergleichen
vortreffliche Lieder aber sehr selten, und also legte ich mein Geld mit desto
grössern Freuden an, in Hoffnung mich mit meiner Schwester dessfalls schon zu
vergleichen. Im Hinweggehen, steckte mir der Buchdrucker noch ein ziemlich
Paqvet von dergleichen trefflichen Liedern in den Busen, und sagte darbei: Mein
Sohn, saget eurem Herrn Pfarrer ja nichts, dass ihr diese Lieder von mir gekaufft
habt, auch sonsten niemanden etwas davon, sondern haltet dieselben heimlich, so
will ich euch in zukunft mehr dergleichen vor halb Geld zukommen lassen, denn
ich habe fast alle Wochen ganz spannagel neue, und zwar die
allervortrefflichsten, welche ein berühmter guter Meister in der Vers- und
Singe-Kunst macht, und wenn ihr verschwiegen seid, will ich euch jederzeit ein
Stück oder 6. in den Kauff geben. Ich versprach alles wohl zu mercken, was er
mir sagte, und reisete über meinen erhandelten Schatz, höchst vergnügt von
dannen. Kurtz vor der Stadt begegnete mir mein Bruder und brachte an: dass mein
Vater nahe bei der Stadt, auf einem Vorwerge, Auffwartung hätte, weswegen ich
sehr eiligst dahin kommen sollte. Diesemnach gab ich meinem Bruder so wohl des
Herrn Pfarrers, als mein eigenes Paquet von gedruckten Sachen, befahl ihm das
meinige in seine Lade zu schliessen, dem Herrn Pfarrer aber das seinige auf die
Pfarr-Wohnung zu tragen, und band ihm darbei sehr ernstlich ein, die Paqueter
nicht zu verwechseln, ich aber machte lincks um, und lieff auf das Vorwerck zu,
allwo ich meinen Vater nebst zweien seiner Consorten in voller Arbeit antraff,
hergegen um so viel desto freundlicher bewillkommet wurde, weilen die
Kindtauffens-Gärste sie wenig Lust mehr zum Tantzen, hergegen desto grössere,
mich singen zu hören, bezeugten, und an meiner Ankunft allbereits gezweiffelt
hatten. Ich verdiente vermittelst der Zugabe von den neuen Liedern, welche mir
der Buchdrucker in den Busen geschoben hatte, diesen ersten Abend redliche 18.
Pf. über das Capital von 16. gl. welches ich meiner Schwester an statt des
Cattuns wieder zu geben schuldig war, andern Tages kam noch ein halber Taler
darzu, also konnte ich nebst meinem Vater, der auf seine Portion auch über zwei
Taler verdienet hatte, nach Mitternacht vergnügt nach Hause gehen. Wir legten
uns also, da der Himmel schon zu grauen anfieng, sehr ermüdet nieder, und ich
wäre gewiss, sonst durch nichts, als die klapperenden Teller zum Aufstehen
bewogen worden, wenn mich nicht einer von unsers Herrn Pfarrers Söhnen erweckt,
und mit auf die Pfarre zu gehen beredet hätte.
    Ich kam dahin, und zwar eben, da der Herr Pfarrer von der Mittags-Mahlzeit
aufstund, dessen erste Frage war: Von wem ich das Paquet gedruckte Sachen an ihn
zu bestellen empfangen hätte. Ich konnte nicht anders, als der Wahrheit gemäss,
antworten: Von dem Buchdrucker. Hierauff passireten noch viele andere Fragen und
Antworten, endlich aber kam es zu meinem allergrösten Schrecken heraus, dass mein
dummer Bruder, die Paqueter verwechselt, meine Lieder dem Herrn Pfarrer gegeben,
und hingegen dessen Sachen, vermutlich in seine Lade geschlossen hatte, welches
ich nicht eigentlich wissen konnte, weiln er bei meiner Heimkunft bereits im
Bette, vor meinem Aufstehen aber schon mit dem Pfluge ins Feld gezogen war. Ich
zittere noch biss dato, wenn ich daran gedencke, wie mir der fromme Pfarrherr die
Hölle so heiss, und mich ganz und gar zu einem Teuffels-Kinde machte, worinnen
er auch, wie ich nachhero wohl erwogen, das allergröste Recht hatte, jedoch
endlich, nachdem ich ihn alles offenhertzig bekennet, und mich rechtschaffen zu
bessern versprochen, auch dabei die bittersten Tränen vergossen, fieng er mich
wiederum an zu trösten und zu vermahnen, nahm aber das Paquet der weltlichen
Lieder, führete mich in die Küche und verbrandte es in meiner Gegenwart auf dem
Feuer-Herde, hergegen beschenckte er mich mit einer Bibel, Gebet- und
Gesang-Buche, dergleichen Sachen in unserm Hause, teils schlecht, teils gar
nicht anzutreffen, waren.
    Mein armer einfältiger Bruder musste zwar nachhero das Gelach bezahlen, indem
Vater, Mutter und alles, über ihn allein her war, allein was halffs? geschehene
Dinge konten nicht geändert werden. Ich trug dem Herrn Pfarrer sein Paquet hin,
und bekam von demselben eine nochmahlige gute Vermahnung, ihm mein Wort zu
halten, und ja bei Leibe keine Zoten-Lieder mehr zu lesen, vielweniger zu
singen. Allein, ob ich auch schon den ernstlichen Vorsatz gefasset hatte, so
wurde doch derselbe des leidigen Geld-Verdienstes wegen, nicht allein von
üppigen Leuten, sondern so gar von meinem Vater selbst, in wenig Tagen
dergestalt zernichtet, dass ich nicht allein meine alten Lieder wieder hervor
suchte, sondern auch gegen die Herbst-Zeit, da es die meisten Hochzeiten zu
geben pfleget, einen eigenen Weg in die Stadt vornahm, um von dem Buchdrucker
etwa vor einen halben Taler neue Lieder zu kauffen.
    Jedoch ich kam bei demselben sehr übel an, denn so bald ich mein Gewerbe mit
der grösten Freundlichkeit vorgebracht, stiess der Buchdrucker die schändlichsten
Läster-Reden gegen mich aus, und schloss endlich mit solchen tröstlichen Worten:
Geh du Spion, du Schelm an den hellen lichten Galgen, und sage dem, der dich
abgeschickt hat: er soll sich um seine Postillen-Reuterei und um die weiten
Ermel am Pfaffen-Rocke bekümmern, andere ehrliche Leute in ihrer Nahrung aber
ungehudelt lassen. Da ich nun bald merckte, wohin der erboste Mann zielte, und
was er vor einen wunderlichen Argwohn auf meine Unschuld gelegt hätte, eröffnete
ich ihm das Verständnis, mit treuhertziger Erzehlung meiner neulichen
Verdriesslichkeiten, und erhielt endlich mit grosser Mühe von ihm, was ich so
eiffrig suchte.
    Es ist aber hierbei zu mercken, dass, wie ich nachhero erfahren, dieser
Buchdrucker jederzeit vor einen besonders frommen Mann gehalten sein, und dem
Scheine nach, allen Heiligen die Füsse abbeissen wollen, wie er sich denn auch
überall gerühmet, er liesse seine Schrifften durchaus zu keinen ärgerlichen
Sache gebrauchen, und wenn er vor jeden Bogen 1000. Tlr. zu verdienen wüste, in
der Tat aber war er ein Ertz-Heuchler, der, wie man nachhero erfahren, die
allerliederlichsten Sachen von der Welt gedruckt hat, und zwar um einen weit
geringern Preis, als andere seines gleichen. Wegen meiner Begebenheit, hatte ihm
unser Pfarrherr, in einem Brieffe, das Gewissen ziemlich geschärfft, und
solchergestalt seine Galle über alle massen aufgerühret, jedoch letztlich,
nachdem ich ihm meine Unschuld mit den glaubenswürdigsten Eyd-Schwüren
dargetan, wurden wir wiederum gute Freunde, und ich bekam die neue
Versicherung, ihm jederzeit willkommen zu sein, wie er denn auch nachhero durch
mich allein, manches hundert von dergleichen und andern Lust erweckenden Sachen
los wurde.
    Unter dergleichen löblicher Lebens-Art, war nun fast mein 15 des Lebens-Jahr
verstrichen, und weil ich schon ziemlich kunstmässig auf der Orgel und andern
Instrumenten spielen konnte, liess sich mein Vater endlich durch das Zureden
reputirlicher Leute bewegen: mich zu einem Stadt-Pfeiffer in die Lehre zu
verdingen, damit ich nach ausgestandenen 5. Lehr-Jahren, vor einen zukünftigen
Kunst-Pfeiffer-Gesellen passiren könnte. Mein Lehr-Printz nahm mich mit Freuden
vor ein Blutweniges Lehr-Geld an, in Erwegung dessen, da ich schon geschickt
war, ihm gute Dienste zu leisten, allein weil ich mich bei den blasenden
Instrumenten allzuscharff angriff, ausserdem das starcke Bier-Wein- und
Brandtewein-Trincken allzusehr liebte, stelleten sich gleich nach Verlauff
meines ersten Lehr-Jahres heftige Blutstürtzungen ein, welche mich dergestalt
ausmergelten, dass sich endlich mein Vater gezwungen sah, seinen liebsten Sohn
wieder nach Hause zu nehmen. Es sah eine Zeitlang sehr schlimm mit mir aus, ja
der Doctor, welchen mein Vater mehrenteils alle Woche aus der Stadt holen liess,
zweiffelte selbst an meiner Wiedergenesung, jedoch nachdem ich über andert-halb
Jahr gekränckelt, fand sich die Besserung nach und nach vollkommen wieder.
    Währender meiner Kranckheit hatte mich unser Herr Pfarrer sehr fleissig
besucht, und einen ziemlich veränderten Menschen aus mir gemacht, so dass ich
durchaus kein musicalisch Instrument, zu Beförderung üppiger Lüste mehr anrühren
wollte, ja es stellete sich bei mir ein Eckel, fast überhaupt gegen alle Music
ein, wovon ich doch sonsten ein so grosser Liebhaber gewesen. Mein Vater wollte
zwar durchaus haben, dass ich wieder zum Stadt-Pfeiffer in die Lehre gehen sollte,
da aber der Pfarrherr ohngefähr in einer Predigt den Spruch mit anbrachte: Siehe
zu, du bist gesund worden, sündige hinfort nicht mehr, auf dass dir nicht etwas
ärgers wiederfahre; ging mir derselbe dermassen zu Hertzen: dass ich
augenblicklich noch in der Kirche den Schwur tat, die Music liegen zu lassen,
hergegen ein anderes ehrliches Handwerck zu erlernen. Noch selbigen Sonntags
gegen Abend ging ich zu dem Pfarrherrn, mich wegen dieses Vorsatzes seines Rats
zu erholen, dieser schlug mir sehr erfreuet die Organisten-Kunst vor, weiln ich
doch schon etwas davon gefasset hätte, allein auch darzu war bei mir alle Lust
verschwunden. Andere Künste zu erlernen, schien etwas allzu kostbar, derowegen
fiel mir endlich das Tischler-Handwerck ein, und zwar bei der Gelegenheit, da
unsers Pfarrherrns Bruder, als ein berühmter Meister, in dasiger Kirche einen
neuen Altar, Cantzel, Tauffstein und Orgel bauen halff.
    Anfänglich wollte zwar, so wohl bei dem Pfarrherrn als bei dem Meister, ein
Zweiffel entstehen, ob ich wegen ausgestandener gefährlichen Kranckheit, der,
mit diesem Handwercke verknüpfften schweren Arbeit gewachsen sein möchte, jedoch
ich befand mich innerlich und äuserlich dermassen wohl aus curirt, dass ich ihnen
diesen Zweiffel mit gutem Recht ausreden konnte, und also wurde ich um ein
billiges Lehr-Geld, welches der Pfarrer zur Helffte aus seinem Beutel bezahlete,
meinem Vater zum ziemlichen Verdruss in die Lehre genommen, kann auch nicht anders
gedencken, als dass dergleichen Resolution dem Himmel gefällig gewesen, weil seit
der Zeit nicht den geringsten Anfall von einer innerlichen Kranckheit gehabt
habe. Mein Meister war, wie gesagt, ein sehr künstlicher Mann, sonderlich im
fourniren und anderer subtiler und künstlicher Tischer-Arbeit, ausserdem nahm er
wenig andere als Kirchen-Arbeit an, von gemeinen und groben Sachen aber gar
nichts. Ich fand mich währender Lehrzeit in den allermeisten nach seinem
Wunsche, nachdem ich aber ausgelernet, blieb ich noch zwei Jahr um halbes Lohn
bei ihm, und zwar darum, weil er sich keine Mühe verdriessen liess, mich in den
Haupt-Stücken der Architectur zu unterrichten, als welche er sehr wohl verstund.
    Mittlerweile war mein Vater gestorben, die Mutter abgebrandt, also hatten
wir Kinder, ein jedes vor sein Teil, kaum 20. Gülden zu fordern, derowegen
schenckte ich der Mutter meine Portion der Erbschaft, und reisete etliche 30.
biss 40. Meilen in die Welt hinnein. Alldieweiln ich nun, ohne Ruhm zu melden,
etwas rechtschaffenes in meiner Profession gelernet zu haben, ziemlich
versichert war, so suchte keine andere Arbeit, als in den grösten Städten, und
zwar bei solchen Meistern, die keine Marckt- oder Bauer-Arbeit machten, hatte
auch immer das Glück, nicht lange auf der Bären-Haut zu liegen.
    Meine stille und ziemlich melancholisch scheinende Lebens-Art, die aber
einen desto stärckern Fleiss bei der Arbeit beförderte, erwarb mir gemeiniglich
die Gunst der Meister, hergegen einen heimlichen Hass bei den Mittgesellen,
jedoch ich machte mir dieserwegen nicht die geringste Sorge, im Gegenteil hatte
mehrern Vorteil davon, weil ich solchergestalt von vielen Ungelegenheiten, die
durch das Sauffen, Spielen und anderes liederliches Leben zu entstehen pflegen,
befreit blieb.
    Diesemnach kann mich keiner besondern Avanturen rühmen, es müsse denn sein,
dass folgende, einen Platz unter den besondern Begebenheiten eines reisenden
Handwercks-Purschen verdieneten:
    Mein Meister, welches der vornehmste Tischler in der berühmten Residentz
eines Römisch Catolischen Bischoffs war, schickte mich eines Tages nebst einem
Jungen in das Haus eines sehr reichen Mannes, um das Täffel-Werck aus seiner
Wohn-Stube zu reissen, hergegen selbige Stube aufs neue mit Nuss-Baum-Holtze
auszutäffeln. Indem nun der Lehr-Junge eben im Begriff war, eine Kanne Bier von
der Ausgeberin, ich aber indessen das aus Holtz geschnitzte Bild des heil.
Bonifacii, welches oben in einer Ecke angenagelt war, herunter zu langen; brach
mir dieser wurmstichige Heilige unter den Händen entzwei und schüttete aus
seinem ausgehölten Leibe eine grosse Menge Gold-Stücker über meinen Kopff,
weswegen ich ungemein erschrack, jedoch das Bild vollends herunter hub, die
ausgestreuten Gold-Stücke alle zusammen in meine Mütze sammlete, und befand, dass
es 632. Stück lauter Kremnizer Ducaten waren.
    Diese Arbeit war vollbracht, ehe mein Lehr-Junge mit dem Biere, und der
Haus-Knecht mit dem Mittags-Brodte ankam, welchen letztern ich bat, dem
Haus-Herrn meinetwegen zu sagen: dass er augenblicklich zu mir in die Stube
kommen möchte, weil ihm etwas besonders anzuzeigen hätte. Da aber der Haus-Herr
eben bei der Mittags-Mahlzeit gesessen, so kam er nicht eher zur Stelle biss nach
aufgehobener Taffel, fragte auch so gleich: was es besonders gäbe: Mein Herr!
gab ich ihm zur Antwort, es wird euch bewust sein, dass die Luteraner, als zu
welcher Partei ich mich bekenne, nicht glauben, dass die verstorbenen Heiligen
den annoch lebenden Menschen einige Wohltaten erzeigen können; allein euer
heiliger Bonifacius, dessen vortrefflichen Nahmen ich zu seinen Füssen
angeschrieben sehe, hat mich heute eines andern überzeugt. Denn ohngeacht ich so
unglücklich gewesen, seinen, von Würmern ganz durchfressenen Cörper, zu
zerbrechen, so hat er mir dennoch dieses Geschencke, euch als dem Haus-Herrn zu
überreichen anvertrauet. Unter Ansprechung dieser letztern Worte, setzte ich
meine, mit Ducaten ausgestopffte Mütze vor ihn auf den Tisch, und indem er
selbige eröffnete, erstaunete der Mann ganz ungemein, sagte aber weiter nichts
als: Verziehet ein klein wenig, ich muss doch dieses Heiligtum meiner Frauen
zeigen: Und darauf lieff er eiligst fort. Ich wartete länger als eine Stunde auf
seine Zurückkunft, und stund in der gäntzlichen Hoffnung er würde mir zum
wenigsten etliche Stück Ducaten Trinck-Geld einhändigen; allein statt dessen kam
bald hernach die Wache und führete mich mit samt dem Lehr-Jungen in Arrest.
    So lange ich auf der Welt gelebt hatte, war mir kein Zufall unvermuteter
und wundersamer vorgekommen, als dieser, jedoch, weil ich ein gut Gewissen
hatte, blieb ich eine ganze Nacht hindurch, obgleich nicht ohne Verdruss,
dennoch ohne grosse Bekümmernis. Folgenden Morgen aber wurde der Junge von mir
hinweg, ich selbst etwa eine Stunde darauff, in Ketten geschlossen und vor das
Geistl. Gerichte geführet. Allwo mich der Haus-Herr nicht allein auf einen
vermutlichen Diebstahl, sondern auch wegen Lästerung GOttes und seiner Heiligen
angeklagt hatte. Ich verantwortete mich nach meinem guten Gewissen, so gut als
ich konnte, erzehlete die ganze Sache mit ihren wahrhaften Umständen und wurde
wieder zurück geführet, eine halbe Stunde hernach aber noch einmal so hart
geschlossen.
    Mein Meister, der jedoch ein sehr eiffriger Catolic war, hatte kaum
Erlaubnis bekommen können, mich mündlich zu sprechen, erforschete derowegen
desto genauer, was die Sache nach meinem Vorgeben, vor eine Bewandtnis habe, und
da er endlich den Verlauff von mir vernommen, sprach er: Traget nur Gedult und
bleibet bei der reinen Wahrheit, ich hoffe, ihr sollet Morgen oder Uber-Morgen
bei dem Bischoff selbst zum Verhör kommen. Solches traff ein, denn nach Verlauff
zweier Nächte, wurde ich von den Ketten befreit, und gerades Wegs in den
Bischöfflichen Pallast, ja so gar in dessen Zimmer geführet, allwo derselbe auf
seinem Stuhle sass, und das wurmstichige Bildnis des heil. Bonifacii, auf einem
kleinen Tische, vor sich liegen hatte. Zu seiner Seiten stunden verschiedene
Bedienten, etwas weiter unten aber mein Ankläger, der meine Mütze mit den
Kremnizer Ducaten in Händen hatte, und denn mein Meister. So bald ich meinen
Reverenz gemacht, fragte der Bischoff mit einer zornigen Geberde: Bist du der
frevele Ketzer, welcher das wundertätige Bild des heil. Bonifacii, boshafter
weise zerbrochen, und über dieses schimpfflich von demselben gesprochen hat?
Hochwürdigster, Gnädigster Herr! gab ich zur Antwort, ich ruffe denjenigen GOtt,
den so wohl die Luterisch-als die Römisch-Catolischen Christen anbeten, zum
Zeugen an, dass ich dieses Heiligen Bild nicht mutwilliger oder boshafter weise
zerbrochen, sondern gleichwie es dem Augenscheine nach, gar sehr wurmstichig,
ist es mir unter den Händen entzwei gegangen, und zwar vermutlich nicht ohne
sonderbare Göttliche Fügung, damit der darinnen verborgene Schatz, an 632. Stück
Kremnizer Ducaten, dem Haus-Herrn zu gute kommen sollte. Ich bin allein gewesen,
und hätte mit leichter Mühe dieses Geld bei seite schaffen können, allein mein
Gewissen ist zu enge, dergleichen Gut, so mich nicht vor den Eigentums-Herrn
erkennet, an sich zu bringen, hergegen hat es mich angetrieben, solches dem
Haus-Herrn einzuliefern, und auf eine, ihm selbst beliebige Discretion zu
warten, jedoch meine Redlichkeit ist mir übel belohnet worden. Hierauf sah der
Bischoff meinen Ankläger an, welcher in diese mir höchst empfindliche Worte
ausbrach: Hochwürdigster! Dieser Kerl ist ein Schelm, wie alle Ketzer sind. Man
lasse ihn auf die Tortur bringen, so wird er nicht allein gestehen, dass er das
heilige Bild, welches ich höher als eine Tonne Goldes geschätzt und ihm täglich
hundert Küsse gegeben, mutwilliger weise zerbrochen, sondern mir, daraus mehr
als 1300. Ducaten entwendet hat. Denn da mein seel. Gross-Vater auf dem
Todt-Bette lag, seine Erben aber bei Vermissung 2000. Stück Kremnitzer Ducaten,
ihn befragten, wo er dieselben hingelegt hätte, wiese er beständig mit dem
Finger auf den heil. Bonifacium, konnte auch, weil ihm ein Schlag-Fluss die Zunge
gelähmet, weiter nichts mehr heraus stammlen, als: San-ctus Bo-ni-fa-ci-us
San-ctus Bo-ni-fa-ci-us hat-al-les. Dieses, sagte mein Ankläger weiter, weiss ich
mich in meinem itzigen 68sten Jahre annoch wohl zu erinnern, als ob es vor acht
Tagen geschehen wäre, ohngeacht ich damahls nur ein Knabe von 14. Jahren war.
Wir sämtlichen Erben haben zwar nach der Zeit rund um das heil. Bild herum
gesucht, aber nichts gefunden, biss es dieser diebische Ketzer endlich entdeckt,
und mehr als die Helffte davon genommen hat. Gerechter Himmel! rieff ich hierauf
aus, ist wohl möglich, dass in einer so kleinen Hölung mehr als so viel Ducaten
Raum haben? man lasse das Bild zerteilen und nachsehen, ob sich vielleicht noch
mehr geheime Oeffnungen darinnen finden, ich bezeuge nochmals vor allen dem, was
heilig ist, dass mir nicht mehr als 632. Gold-Stücke zu handen kommen sind, kann
auch unmöglich glauben, dass etwa ein oder etliche Stück auf dem Boden des
Zimmers sich verlauffen hätten, denn es ist alles glatt, eben und ohne Löcher.
Der Bischoff betrachtete hierauff das Bild etwas genauer, und befand, dass die
weiteste Hölung, in der Brust desselben war, von der Scheitel aber ging ein
Loch herunter, dergleichen in den Spaar-Büchsen zu sein pfleget, welches zu
alleroberst sehr dünne, und mit gelben Wachs voll gegossen war. Derowegen liess
er alles Wachs heraus schmeltzen, das Bild im Bruche ordentlich auf einander
setzen, und die 632. Stück Ducaten, einem nach dem andern, hinein zehlen. Da
dieses geschehen, das Loch aber noch nicht erfüllet war, musste sein
Schatz-Meister einen grossen Beutel mit Kremnitzer Ducaten herbei bringen, deren
etliche gezeichnet und hinnein gesteckt wurden, allein da der Schatz-Meister den
dreizehenden Ducaten hinnein gesteckt, war das Loch schon biss oben angefüllet.
Nachhero musste mein Meister eine saubere Säge herbei schaffen, und das Bild von
unten auf, in 4. Teile schneiden, allein es fand sich weder Gold noch fernere
Hölung darinnen. Mein Ankläger bestund also wie Butter an der Sonnen, und ob er
gleich noch viele Winckel-Höltzer machen wollte, so kehrete sich dennoch der
Bischoff nicht im geringsten daran, sondern tat zu meiner, und aller Menschen
gröster Verwunderung diesen unerwarteten Ausspruch: Höret mein Freund! also
redete er meinen Ankläger an, es erhellet aus allen Umständen, dass ihr ein
unersättlicher Geitzhals, und mit dem Schatze, den euch dieser ehrliche Kerl
eingeliefert, aus keiner andern Ursache nicht zufrieden seid, als weil ihr euch
verbunden gesehen: ihm ehrentalber ein ansehnliches Geschenck davon zu geben,
jedoch ich werde dieserwegen sprechen, was rechtens ist: Es werde diese Summe in
drei gleiche Teile geteilet, der erste Teil gebühret vor allen Dingen dem
heil. Bonifacio, der die ganze Summe seit so langen Jahren, in den gefährlichen
Kriegs-Läufften vor den Raub-Klauen der Frantzösischen Soldaten, vor den langen
Fingern der Diebe, vor Feuer, Wasser und andern Unglücke sicher erhalten hat.
Der andere Teil kömmt von rechtswegen dem Hausswirte zu, der dritte aber ohne
allen Streit dem glückseeligen Finder des Schatzes, und schadet hierbei gar
nichts, dass er seinem eigenen Geständnisse nach ein Ketzer ist, denn man muss die
Treue und Redlichkeit, als eine von den vornehmsten Haupt-Tugenden, auch in den
Feinden belohnen. Es fehlete wenig, mein Ankläger wäre über diesen
Urteils-Spruch in Ohnmacht gefallen, er wollte zwar noch sehr viel Einwendens
machen, allein es blieb darbei, und zum grösten Gelächter aller Anwesenden,
wurde der letzte Betrug ärger als der erste, denn indem mein Ankläger mit
zitterenden Händen zugreiffen, und seinen abgezehlten dritten Teil hinweg
nehmen wollte, sprach der Bischoff: Haltet inne mein Freund, ich habe noch etwas
zu erinnern. Der heilige Bonifacius ist durch eure ungestüme Anklage mehr
beleidiget, als durch die leichtsinnigen Reden gegenwärtigen Ketzers, denn um
eurent willen ist man genötiget worden, denselben zu vierteilen. Sehet er wird
in Zukunft Kleider vonnöten haben, solche ihm unschuldig zugefügte Schmach zu
bedecken, auch ists billig, dass man ein so uhraltes wundertätiges Heiligen-Bild
wieder zusammen leim, und ihm zur Erstattung seiner Ehre, einen Altar
auffrichte. Zu diesem heil. Gestiffte werdet ihr euren Anteil des Geldes, am
allerbesten anzulegen wissen, und damit eure Schuld büssen. Gegenwärtiger Ketzer
aber soll von seinem Anteil ebenfalls 50. Ducaten darzu geben, damit er in
zukunft bescheidener und andächtiger von den verstorbenen Heiligen reden lerne.
    Hierbei musste es bleiben, mein Ankläger mochte sich auch so
verzweiffelungs-voll anstellen als er immer wollte, ich aber bekam zu meinem
Teile 160. Kremnitzer Ducaten, 2. Käyser-Gulden und etliche Patzen richtig in
den Hut gezehlt, und zugleich die Freiheit hin zu gehen wo mir beliebte. Dieser
Streich gab in der Stadt zu vielen lustigen Gesprächen Anlass, unter andern hatte
ein spitzfindiger Kopf folgende Verse darauff gemacht:
                                   Madrigal.
Du armer Bonifacius,
Ist das der Danck vor deine Treue:
Sonst werden nur die Leiber
Der Mörder und der Straffen-Räuber,
Gevierteilt und aufs Rad gelegt.
Dick setzt man zwar
Auf den geschmückten Bet-Altar;
Jedoch wer weiss, was dir dein Haus-Wirt gönnt,
So oft er sieht, wie schön dein Wachs-Licht brennt:
Denn sein Verdruss
Ist alle Morgen neue.
Ach! fahre fort den Ketzern guts zu tun,
Die Päbstler lassen dich ja keine Stunde ruhn,
Zuletzt heists doch: (sic mos est horum,)
Undanck in fine laborum.
Weil aber dergleichen Sachen mir verschiedene Verdriesslichkeiten zuzogen, setzte
ich meinen Stab etliche 20. Meilen weiter, und kam bei einem Meister in Arbeit,
der im Nonnen-Closter die Tischler-Arbeit zu einer Orgel, zugleich auch viele
andere Dinge im Closter und in der Kirche zu machen hatte. Von dar aus, schickte
ich 120. Stück Ducaten an den Pfarr-Herrn meines Geburts-Dorfs, überschrieb ihm
meinen gehabten wunderlichen Zufall, und bat: dass er das meinetwegen ausgelegte
Lehr-Geld davon zurück nehmen, meiner Mutter 50. fl. zu völliger Ausbauung des
abgebrandten Hauses und besserer Nahrung auszahlen, das übrige aber biss zu
meiner Zurückkunft, in seiner Verwahrung behalten sollte.
    Wenig Wochen hernach, bekam ich von diesem lieben Manne, eine eigenhändige
Schrifft, worinnen er mir nicht allein alles, was Zeit meiner Abreise
veränderliches vorgegangen war, berichtete, sondern auch eine Gerichtliche
Abschrifft von derjenigen Qvittung überschickte, die er meiner Mutter wegen des
Empfangs der 120. Ducaten, und der, ihr davon ausgezahlten 50. Gülden, zur
sichern Verwahrung gegeben hatte, das vor mich ausgelegte Geld aber, wollte er
biss zu meiner Zurückkunft ausgesetzt lassen, und mittlerweile mein übriges, an
sichere Orte auf Zinsen austun.
    Ich hatte indessen Geld genung zurück behalten, mir recht saubere Kleidung,
Wäsche und andere Bedürffnissen anzuschaffen, verdiente auch unter dem neuen
Meister, bei dem Orgel- und Closter-Bau von Zeit zu Zeit, ein schön Stück Geld,
wovon ich den meisten Teil darzu anwendete, bei einem Bau-Meister, in der
Architectur die neusten und besten Stücke zu erlernen, und denn auch bei dem
Orgel-Bauer, die, mir noch unbewussten Vorteile seiner Kunst auszuforschen. Es
ging mir auf beiden Seiten alles sehr wohl von statten, weil diejenigen müssigen
Stunden, welche andere zum sauffen, spielen und spazieren gehen anwendeten,
besser zu gebrauchen wusste. Mit dem ältesten Orgel-Bauers-Gesellen, der bereits
capable war einen Meister abzugeben, stifftete ich binnen wenig Wochen eine
vollkommene Freundschaft, erlernete also von demselben diejenigen Vorteile,
welche er und sein Meister sonsten als Geheimnisse zu halten pflegten. Nachdem
ich aber eigentlich vermerckt, dass dieser mein Freund zum öfftern in eine grosse
Tieffsinnigkeit verfiel, und darbei unzählige Seuffzer aussstiess, lag ich ihm so
lange an, biss er mir endlich offenbarete, dass er sich aufs äuserste in eine
Nonne verliebt, mit welcher er zwar noch kein eintziges Wort gesprochen, jedoch
bereits mehr als 12. Liebes-Briefe gewechselt hätte. Ich belachte diesen Streich
von Hertzen, und wollte ihn, als meinen Glaubens-Genossen, von solcher Gefahr
bringenden Liebe abmahnen, allein, er seuffzete und sprach: Ach mein wertester
Freund! wenn ihr meine Nonne, welches die vornehmste Sängerin ist, und denn
diejenige, welche itzo, in Ermangelung der Orgel, das Clavicien spielet, nur ein
eintzig mahl sehen soltet, würdet ihr ganz anders reden, und ich bin
versichert: dass diese schönen Kinder so gern Männer hätten als wir das Leben
haben, allein ich weiss mich auf kein Mittel zu besinnen, meine Liebste aus
diesem verzweiffelten Käffige zu entführen.
    Meine Neugierigkeit erstreckte sich so weit, ihn zu ersuchen, mir die
Gelegenheit zu zeigen, wie man diese gerühmten Schönheiten zu sehen bekommen
könnte, er versprach mir binnen 3. Tagen zu willfahren, allein ich müste mir die
Mühe nicht verdrüssen lassen, in einem engen Behältnisse, mit einiger
unbequemlichkeit, eine ganze Nacht auf diesen vortrefflichen Anblick zu warten.
Ich versprach alles zu tun, was er von mir verlangen und selbst tun könnte.
Demnach sperrete er mich und sich, eines Abends, nachdem wir alle unsere
Mit-Arbeiter fortgeschickt, die Kirch-Türen alle verschlossen, uns beide aber
selbst eingeschlossen hatten, in ein enges Behältnis des neu-gebauten
Orgel-Gehäuses ein, allwo wir sehr unbequem sitzen, und kaum unsere mit hinein
genommene Wein-Bouteille nebst dem Zwiebacke zum Munde führen konten. Jedoch
weiln um damahlige Jahrs-Zeit sehr warme Nächte waren, kam uns dergleichen Nacht
Wache nicht eben allzu beschwerlich an, nur dieses machte mir bange, dass wenn
wir in diesem Gehäuse betroffen würden, uns vielleicht ein grösseres Verbrechen,
nehmlich die Kirchen-Räuberei schuld gegeben werden könnte, über dieses war mir
um die Mitter-Nachts-Zeit ziemlich bange vor Gespenstern und Betörungen, jedoch
alle dergleichen fürchterliche Gedancken verschwanden, da gegen Morgen das
ganze Orgel Chor von musicalischen Nonnen angefüllet wurde, denn es war eben
das Fest der Heimsuchung Mariä zu feuern. Zeit Lebens hatte ich keine
angenehmere Music gehört als diese, welche von alten und jungen Nonnen gemacht
wurde, jedoch ich glaube, dass die Einbildung auch sehr viel bei der Sache getan
hat. Sie spieleten nicht allein allerhand Arten von Instrumenten, sondern die
Vocal-Music war dermassen bestellet, dass ich vor Vergnügen immer in einen
Klumpen zu sincken vermeinte, jedoch die Vernunft raffelte sich endlich
zusammen, da eine alte sehr runtzelige Nonne, mit der penetrantesten Bass
-Stimme, eine Arie solo sunge, so bald aber eine andere, welche als Capel
-Meisterin den Tact führete, mit einer, der allervortrefflichsten Nachtigall
gleichenden Discant Stimme, das darauff folgende Recitativ heraus drechselte,
und mein Gefährte, mir das verabredete Zeichen gab, dass dieses seine verliebte
Correspondentin sei, hätte ich abermals vor übermässiger Verwunderung aus der
Haut fahren mögen. Inzwischen stund mir der alte Zeisel-Bär, nehmlich die alte
Nonne, welche den Bass sunge, mit ihrer Concerte beständig im Wege, die, auf dem
Clavicien spielende Nonne, im Gesichte zu sehen, so lange biss endlich dieses
Stück völlig abgetan war.
    Indem das alte Brum-Eisen nun auf die Seite trat, war die wunderschöne
Organistin eben im Begriff, die bei ihr stehenden zwei Wachs-Lichter zu putzen,
und also fiel mir ihre unvergleichliche Gesichts-Bildung auf einmal vollkommen
in die Augen. Dieser eintzige allererste Anblick war vermögend, mein Hertz
vollkommen verliebt zu machen, so dass ich kein Auge von derselben verwenden
konnte, biss mir endlich andere darzwischen tretende, den Prospect aufs neue
verhinderten. Mittlerweile sah ich die charmante Seele meines Gefährten desto
genauer an, und befand: dass die Gesichts-Bildung derselben, nicht halb so
angenehm als der schönen Organistin Gestallt war, allein wie ich nachhero an ihm
vermerckt, so hatte er im Gegenteil vor seine Liebste eben so vorteilhafte
Gedancken, als ich vor die meinige. Nachhero, da ich die eingebildete
Glückseeligkeit aufs neue hatte, die letztere frei zu betrachten, wurde meine
heftige Liebe dermassen befestiget, dass ich beschloss so gar mein Leben daran zu
wagen, um nur fein offte den Vorteil zu erlangen, mit ihr, gleich wie mein
Gefährte mit der seinigen, Briefe zu wechseln.
    Die Früh-Mette ging endlich, zum wenigsten mir, mehr als zu hurtig vorbei,
weswegen die Kirche so wohl von denen Nonnen als allen andern Leuten verlassen
wurde. Mein Gefährte fragte mich, ob wir uns davon schleichen, oder noch etliche
Stunden verziehen, und die hohe Messe abwarten wollten, ich erwehlete das
letztere, und gab vor: dass ich ehe 3. Tage und Nacht ohne Essen, Trincken und
Schlafen verbleiben, als dieses Vergnügens, welches so wenig Mühe kostete,
beraubt leben wollte; woraus derselbe so gleich vermerckte, dass Cupido in meiner
Person einen verliebten Haasen getroffen hätte, und mich dieserwegen nicht wenig
vexirete. Jedoch weil er vermerckt: dass seine Geliebte denjenigen kleinen Brief,
welchen er unter ihr Singe-Pult versteckt, zu sich genommen hatte, sagte er
ganz leise zu mir: Mein Freund wo es wahr ist, dass ihr in die schöne Clavicien
-Spielerin verliebt seid, so bin ich dessfalls bereits euer Frei-Werber gewesen,
und versichert, dass diese vertrauten Schwestern eben itzo im Begriff sein
werden, meinen Brieff zu lesen, seid ihr aber ja bei einer solchen Schönheit von
Eisen und Stahl, so stellet euch zum wenigsten eine Zeit lang verliebt, damit
ihr mir mein Spiel nicht verderbet, denn da meine Liebste einmal die
Unbehutsamkeit gehabt: ihr Liebes-Geheimnis ihrer vertrauten Gespielin zu
offenbahren, muss ich in beständigen Furchten schweben, dass die letztere nicht
verschwiegen genung sei, sondern aus Neid eine Verräterin werden möchte,
welches aber nicht leichtlich geschehen kann, wenn sie selber etwas Liebes
weiss. Ach mein Freund, gab ich zur Antwort, mein Hertze brennet vor Liebe
lichterloh, allein ich zweiffele sehr, dass mich die schöne Nonne zu ihrem
Liebsten annehmen möchte, denn sie scheinet mir, ihrer Geberden wegen, von etwas
hohen Sinnen und vornehmen Stande zu sein. Schweiget von diesen, versetzte mein
Gefährte, ich weiss es besser, sie ist zwar eines Patricii Tochter, aber wegen
der vielen Geschwister und unzulänglicher Mittel, von ihrer Mutter, nach dem
Tode des Vaters mit Gewalt ins Closter gesteckt worden. Ach, ach! fuhr er fort,
die Liebe zur Freiheit, und andertalb Centnern Manns-Fleische, kann ein
Frauenzimmer leicht dahin bringen, die Eitelkeiten eines etwas höhern Standes
hindan zu setzen, und einen ansehnlichen rechtschaffenen Kerl, der seine
Profession aus dem Grunde verstehet, zu heiraten, über dieses weiss ich gewiss,
dass sie zum wenigsten auf die 300 spec. Taler am Gelde und kostbaren Geschmeide
haben wird, welches, wenn wir Gelegenheit zur Flucht finden können, durch kluge
List leichtlich mit fortzuschaffen ist. Ach, sprach ich, wenn ich nur die Person
erstlich in meiner Heimat hätte, ich würde mir wenig oder nichts aus dem
Heirats-Gute machen, weil ich zu meinem Anfange schon Geld genung weiss.
    Indem ich ferner reden wollte, wurde die hinterste Tür, welche aus dem
Closter aufs Orgel-Chor führete, geöffnet, weswegen wir uns sehr stille hielten,
und endlich mit zitterenden Freuden unsere beiden Gelieben ankommen sahen. Sie
machten sich alle beide über das Clavicien her, und stimmeten dasselbe, zogen
auch etliche Säyten auf, endlich aber zog die Sängerin, welche Caroline hiess,
ein Schreibzeug nebst einem Blat Pappier hervor, und beschrieb das letztere auf
dem Pulte, da ihr immittelst meine Schöne, die sich Lucia nennete, über die
Achsel sah, und endlich sagte: Schwesterchen du schreibst zu viel, ich habe ja
den lieben Menschen noch nicht ein eintzig mahl recht im Gesichte gesehen,
vielweniger ein Wort mit ihm gesprochen, lass ihn doch, sich zum wenigsten
erstlich einmal, auf einer angemerckten Stelle zeigen. Schweig mein Schatz! gab
Caroline zur Antwort, ich weiss schon im voraus, dass er dir im Hertzen wohl
gefallen wird, so bald du ihn nur von ferne sehen wirst, und wo dieses heute
nicht geschicht, solstu doch aufs längste Morgen einen Brief von ihm haben.
Gleich mit endigung dieser Worte, liess mein Gefährte die oberste Klappe von dem
Vorschlage herunter fallen, in welchen wir uns versteckt hatten, und sagte:
Erschrecket nicht schönsten Kinder, eure allergetreusten Liebhaber sind allhier
gegenwärtig, und haben von gestern Abend an, auf das Vergnügen gehofft, euch
durch diese kleinen Löcher nur zu sehen, nunmehro aber da wir den erwünschten
Vorteil haben, euch persönlich zu sprechen, so erkläret euch, ob ihr unsere
heftige Liebe auf ehrliche und eheliche Weise vergnügen wollet, daferne wir
erstlich Gelegenheit genommen, euch aus diesem Kercker in unser Vaterland zu
führen. Die guten Kinder erschracken zwar anfangs heftig, erholeten sich aber
gar bald, und führeten das treuhertzigste Gespräch mit uns allen beiden. Kurtz!
da keines an dem andern etwas auszusetzen hatte, wurde das Verlöbnis in der
Geschwindigkeit geschlossen, wir schwuren unsern Geliebten ewig feste Treue zu,
und sie im Gegenteil versprachen zu folgen, wohin wir beliebten. Nach fernerer
genommener Abrede aber, kehreten sie zurück, und wir practicirten uns, ohne von
jemand vermerckt zu werden, sehr glücklich zur Orgel und Kirche heraus, und zwar
noch wohl eine gute Stunde vor Anfang der hohen Messe.
    Wenn ich betrachtete, dass sich binnen so wenig Stunden meine ganze Natur in
einen äuserst verliebten Haasen-Safft verwandelt hatte, musste ich mich selbst
auslachen, es fielen mir zwar ein und andere Scrupels, wegen dieser so
plötzlichen Verbindung in die Gedancken, allein, das, stets vor meinen Augen
schwebende Gesicht der schönen Lucia, und dann die heftige Liebe, wären
vermögend gewesen, meinen ganzen Verstand, vielweniger dergleichen gering
scheinende Grillen zu vertreiben. Nach diesen lieffen bei nahe vier Monat
vorbei, binnen welcher Zeit wir unsere Geliebten zwar öffters sehen und Briefe
mit ihnen wechseln, aber nur zweimahl auf wenige Minuten sprechen konten.
Derowegen begunte uns auf allen Seiten die Liebe immer heftiger anzufechten.
Die meiste Arbeit an der Orgel war getan, also zu befürchten, dass uns in
zukunft die allerbeste Gelegenheit abgeschnitten werden möchte, über dieses
rückte die rauhe Herbst-Zeit immer stärcker heran, also schafften wir unsere
besten Sachen immer nach und nach fort in eine andere Stadt, zu dem Anverwandten
meines Cameradens. Unsere beiden Liebsten machten sich auch kein Bedencken, ihr
Geld, Geschmeide, und andere leicht fort zu bringende Sachen bei nächtlicher
Weile in unsere Hände zu liefern, derowegen liessen wir ein rotes und ein
blaues Officier-Kleid verfertigen, kaufften 2. Degen, Stöcke, Hüte, und alles
was ein paar Cavalier nötig haben. Vor uns beide aber liessen wir ein paar
Laqveien-Kleider machen. Kurtz! wir fädelten alle Anstallten, die beiden Nonnen
in Officiers Habiten fortzubringen, dermassen klüglich und listig ein: dass wir
an glücklicher Ausführung unseres Vorhabens nicht im geringsten zweiffeln
konten. Mein Compagnon bestellete also nach völlig genommener Abrede, in der
nächsten Stadt eine Extra-Post, welche auff einen gewissen Tag und Stunde parat
stehen sollte, ein paar Officiers mit ihren Dienern abzuführen. In unserer
Vorstadt aber mietete er einen Lohn-Wagen, schaffte unsere übrige Sachen
hinaus, und konnte sich darauff verlassen, dass derselbe alle Minuten wenn es ihm
beliebte, abfahren wollte. Die Officiers-Kleider und darzu gehörigen Sachen,
practicirten wir bei Tage in die verschlossene Orgel, Abends aber verschlossen
wir uns selbst mit Feuerzeugen und Blend-Laternen hinein. Unsere Nonnen
versäumeten nicht, sich zu bestimmter Zeit einzustellen, verschlossen sich mit
den empfangenen Officiers-Kleidern, weissen Peruquen und allen Zubehör, in die
Blasebalgs Cammer, kleideten sich um, und wurden hernach von uns glücklich zur
Kirche, und in die Vorstadt hinnaus begleitet, worbei wir zugleich ihre
eingepackten Nonnen-Kleider, nebst noch einigen andern mitgebrachten Sachen,
unter unsern Mänteln mit fort trugen.
    Es war Abends noch nicht völlig 10. Uhr, da wir die Stadt unseres bisherigen
Auffentalts verliessen, mit anbrechenden Tage aber, bei der bestellten Extra
-Post eintraffen, welche, immittelst wir nur einige Erfrischungen zu uns nahmen,
sich völlig fertig machte, und aufs allergeschwindeste davon fuhr. Nachdem wir
aber noch zwei frische Extra-Posten genommen, erreichten wir einen solchen Ort,
allwo, unter der Botmässigkeit eines protestantischen Landes-Herrn, sattsame
Sicherheit anzutreffen war, derowegen liessen wir die allzukostbare Extra-Post
zurück gehen, um etliche Tage daselbst auszuruhen. Binnen selbigen, hatten wir
Zeit genung die Priorin und andern Closter-Schwestern ins Fäustgen auszulachen,
zumahlen da unsere Geliebten erzehleten, wie sie beiderseits ihre Zellen aufs
alterfesteste verschlossen, die Schlüssel aber so wohl als die Kirch-Schlüssel,
nebst zweien Abschieds Briefen in ein Schnupff-Tuch gebunden und zwischen die
Blasebälge gesteckt hätten, allwo sie die Schwester Calcantin mit der Zeit schon
finden würden. Ich und mein Compagnon liessen bei der Gelegenheit vor unsere
Liebsten feine Frauenzimmer-Kleider zu rechte machen, weil wir selbige in
Officiers-habiten nicht weiter sicher durchzubringen getraueten, dieselben sich
auch selbst ein Gewissen machten, ohne Not dergleichen Kleider ferner zu
tragen, denn ich kann zu ihrer beider besondern Ruhme nicht anders sagen, als dass
sie sich ungemein fromm keusch und züchtig auffgeführet haben. Mein Compagnon,
der ein Hesse von Geburt war, trennete sich nebst seiner Liebste in selbigen
Lande von mir, und zwar in einer solchen Stadt, wo sich viele Studenten
befanden. Der Abschied, welchen die zwei Closter-Schwestern von einander nahmen,
war ungemein zärtlich, denn solchergestallt sollten sie sehr weit von einander zu
wohnen kommen, weil aber ich mit meinem guten Freunde die Abrede genommen, an
selbigen Orte so lange zu verweilen, biss unsere, bei dessen Anverwandten
eingesetzten Sachen ankämen, und ihm seinen Coffre nach zu schicken, bewegte
mich meine Liebste selbst öffters zu einem Spatzier-Gange, worbei sie nicht
selten wünschte: bereits an Ort und Stelle zu sein, damit wir uns ordentlich
copuliren lassen, und die Hausshaltung anfangen könten, inzwischen aber war sie
dermassen eigensinnig, dass mir mit guten Willen niemahls erlaubt wurde, sie als
meine verlobte Braut auf den Mund zu küssen, sondern sie sprach beständig:
dergleichen Caressen gehöreten sich nicht ehe anzustellen, als nach beschehener
Copulation.
    Mittlerweile traff ich von ohngefähr einen ehemahligen Neben-Gesellen an,
welcher in dieser Stadt Meister geworden, und eine reiche Heirat getroffen
hatte, derselbe liess nicht ab, biss ich versprach: folgenden Abend sein Gast zu
sein. Meine Liebste erlaubte mir dieses, da ich aber bei guter Zeit wieder in
unser Logis kam, traff ich sie mit einem schwartz gekleideten Menschen, der sehr
wohl aussah im eiffrigen Gespräch, bei einem kleinen Neben-Tische sitzend an,
ohngeachtet nun noch etliche Personen in der Stube gegenwärtig waren, so
entfärbte sich doch meine Liebste ziemlich bei meiner Ankunft, jedoch ich gab
ihr die freundlichsten Minen bat auch um Erlaubnis mich bei ihnen
niederzulassen, und dem schwartzgekleideten Herrn eine Pfeiffe Toback zu
præsentiren, welche er mit gröster Freundlichkeit annahm, und darbei mich und
meine Liebste so treuhertzig machte, ihm und den andern Anwesenden unsere ganze
Lebens-Geschichte zu erzählen. Er bedanckte sich, da es fast Mitternacht war,
vor die erzeigten Gefälligkeiten, wünschte sehr viel Glück zu unsern fernern
Vorhaben, und bat: dass er sich die Freiheit nehmen dürffte, uns morgen früh mit
einem Caffeé und Bouteille Wein zu tractiren, welches ich indessen annahm.
Weilen aber dieses Menschen Conduite mir besonders artig vorkam, liess ich sehr
frühzeitig alles zurechte machen, womit er uns tractiren wollte, und tractirete
ihn den ganzen Tag hindurch aufs allerbeste. Nachmittags kamen meine und meines
gewesenen Compagnons Sachen mit der Post an, welche letztern ich auslösete,
fortschafte, und zu meiner morgenden Abreise Allstallt machte, dieserwegen auch
gegen Abend ausgieng, um von ersterwähnten guten Freunde Abschied zu nehmen.
    Den ehrlich scheinenden Schwartz-Rock, traff ich bei meiner Zurückkunft,
abermals bei meiner Liebste in eiffrigen Gespräch begriffen an, er nahm aber
bald darauff Abschied, wünschte uns darbei auch eine glückliche Reise, und meine
Liebste, die ich um die, mit ihm geführten Reden, sehr freundlich befragte, gab
zur Antwort: dass er ihr die Irrtümer der Römisch-Catolischen Kirche entdecket
hätte, welches mir sehr lieb zu vernehmen war. Allein meine Leichtgläubigkeit
zeigte mir hernach ganz andere Irrtümer, denn da ich früh Morgens nach meiner
Liebste sehen liess, die in der Höhe ihre besondere Cammer hatte, war dieselbe
über alle Berge, und hatte den Schlüssel zu unsern Reise-Coffre, in einen auf
den Tisch gelegten Brief gesiegelt, der folgendes Innhalts war:
                               Monsieur Lademann,
Ich habe euch biss auf diese Stunde vor einen frommen, tugend- und
gewissenhaften Menschen erkannt, der allein, wegen seiner Treue und
Redlichkeit, von der schönsten Person auf der Welt geliebt zu werden verdienet.
Allein, nehmet mir nicht übel, dass ich, euren Gedancken nach, eine Untreue an
euch ausübe. Es ist mir unmöglich, mich mit euch zu verehligen. Solte ich
dieserwegen eine Ursache anzugeben gezwungen sein; so wüste keine andere
vorzubringen als diese: dass es mir unmöglich ist: ohngeacht ich an euren ganzen
Wesen nichts auszusetzen weiss. Ich glaube, dass euch der dessfalls verursachte
geringe Verdruss weit leichter vorkommen wird, als wenn ihr Zeit-Lebens mit mir
in einer unvergnügten Ehe leben soltet. Eures mir getanen Schwures seid ihr
hiermit quittirt, quittiret dargegen auch meine leichten Versprechungen. Macht
euch keine Mühe, mich aufzusuchen, denn ich weiss gewiss, dass ihr meine Person so
wenig finden als zwingen sollet. Von euren Sachen habe mit Wissen und Willen
nichts mitgenommen, hergegen etwas von den meinigen zum Andencken, nebst 200.
Tlr. vor gehabte Mühe und Reise-Kosten, in Coffre zurück gelassen. Lebet wohl,
vergebet mir meinen Fehler, den ich als eine Sclavin des Schicksaals zu begehen,
mich gezwungen sehe, und glaubt, dass ausserdem Zeit-Lebens verbleibet
                                                         eure danckbare Freundin
                                                                        Lucia N.
Ich hätte verzweiffeln mögen, da ich diesen Brief, so zu sagen, in einem Atem
mehr als 10. mahl überlesen hatte, die Post rückte angespannet vor die Tür, ich
aber konnte mich unmöglich resolviren, mit zu reisen, sondern blieb noch da, in
Hoffnung, meine Geliebten auszuforschen, allein die Mühe war vergebens, über
dieses, weil die Wirts-Leute ein heimliches Gespötte über meine Klagen trieben,
so merckte ich gar bald, dass die Karte falsch gespielet worden, ärgerte mich
zwar nicht wenig darüber, bedachte aber doch letztlich: dass bei unveränderlichen
Sachen die Vergessenheit das beste Mittel sei, und reisete ganz verwirrt in
mein Geburts-Dorff, allwo mich mein getreuer Vormund, der gute Pfarr-Herr,
durch vernünftige Vorstellungen, endlich bald wieder zu frieden stellete. Meine
Mutter war mittlerweile gestorben, zwei Schwestern sehr gut verheiratet, die
jüngste dienete beim Pfarr-Herrn, der Bruder aber, welcher ebenfalls
geheiratet, und bereits zwei Kinder gezeuget, hatte das Väterliche Haus
angenommen, worauf mein Erbteil noch stund, weil ich aber über 400. Tlr. Geld
mit brachte, legte ich selbiges meistenteils an Feld-Güter, übergab selbige dem
Bruder zur Verwaltung, weil sich der Pfarr-Herr zum Aufseher erbot, und mir
ausserdem mein Capital nebst den Zinsen vorlegte, welches ich jedoch, nachdem
ich der jüngsten Schwester 30. Tlr. und jeder andern 20. Tlr. zum
Hochzeit-Geschencke vermacht, unter seinen Händen liess, zur Danckbarkeit aber
ihm verschiedene ansehnliche Haus-Rats-Stücke fournirte, und nachhero wieder in
die Welt ging.
    Es begegnete mir binnen etlichen Jahren nichts besonders, ausserdem dass ich
von meinem Verdienste noch ein klein Capital von 140. Tlr. an meinen lieben
Herrn Pfarrer übersandte. Bald darauf kam mir die Luft an: meinen ehemahligen
Compagnon, den Orgel-Bauer im Hessen-Lande zu besuchen, um zu erfahren, wie
vergnügt er mit seiner lieben Nonne lebte, auch ob er nichts von meiner
Begebenheit vernommen hätte. Allein, unterwegs hatte ich im Walde das Unglück,
von den Zigeunern ausgeplündert und biss aufs Hembde ausgezogen zu werden. Die
etliche 20. Tlr., so ich bei mir hatte, wären endlich, in Betrachtung dass ich
mein Leben als eine Beute darvon trug, zu vergessen gewesen, allein es kränckte
schmertzlich sehr, dass ich von einem Dorffe biss zum andern betteln musste, und
doch kaum so viel erbetteln konnte, meine Blösse mit alten Lumpen zu bedecken.
Endlich kam ich in ein grosses Dorff, allwo meine erste Frage nach der
Pfarr-Wohnung war, weil doch von rechtswegen die Einwohner derselben am
barmhertzigsten sein sollen.
    Ich pochte an, eine Magd öffnete die Tür, und hiess mich, auf mein
Andringen: dass der Herr Pfarrer, einem von den Zigeunern ausgeplünderten
Handwercks-Purschen, mit ein paar alten Schuen helffen sollte; ein wenig warten.
Die Tür blieb etwas offen stehen, derowegen konnte ich von ferne die
Priester-Frau im Hause sitzen sehen, welche ein kleines Kind auf dem Schosse,
ein ander grösseres aber vor sich stehen hatte, und mit beiden aufs liebreichste
spielete. Aber, ach Himmel, wie wurde mir zu Mute, da ich an dieser
Priester-Frau, meine ehemahlige Geliebte Lucia erkandte. Ja, sie war es selbst
leibhaftig, und also fehlete wenig, dass ich nicht in Ohnmacht gesuncken wäre,
jedoch ob schon dieses nicht geschahe, so blieb ich hergegen ganz entgeistert,
mit halb hinweg gewendeten Gesichte vor der Türe stehen, konnte mich auch kaum
ermuntern, da mir die Magd ein paar ganz feine Schue, ein paar schwache
Strümpffe und dann ein Hessisches 3. Ggr.-Stück brachte. Die gute Pfarr-Frau
konnte mich unmöglich erkennen, weil mein Bart und die Haare sehr verwildert
waren, sie auch mich nicht einmal recht im Gesichte hatte, derowegen ware ihre
Mildigkeit aus der reichlichen Gabe mehr als zu klar zu spüren. Mir wurden durch
verschiedene Gemüts-Bewegungen die hellen Tränen-Tropffen aus den Augen
getrieben, so dass, nachdem ich meine Dancksagung der Magd mit jämmerlichen
Gebärden aufgetragen hatte, dieselbe mich fragte: ob ich etwa kranck oder
beschädigt wäre? Ich beantwortete solches mit Seuffzen und Tränen, suchte aber
mit betrübten Hertzen den Rückweg, jedoch da ich kaum hundert Schritte hinweg
war, kam mir die Magd mit einem halben Brodte und zweien Knackwürsten nach
gelauffen welche mir die Frau Pfarrerin auf ihren Bericht, dass ich vielleicht
hungerig sein würde, übersendete. Saget eurer Frauen, sprach ich, dass ich ihr
von Grund des Hertzens danckte, und alle beständige Glückseligkeiten anwünschte,
denn die Zeiten sind veränderlich, wie an mir zu sehen ist, da ich eure Frau vor
etlichen Jahren am Fest Mariæ Heimsuchung zum ersten mahle musiciren sah, hätte
ich nicht vermeint, dereinst vor ihre Tür betteln zu kommen. Die Magd lieff
fort, und ich machte mich in die Schencke, nicht so wohl aus Appetit zum Essen
und Trincken, als, etwa in einem Winckel, ein wenig zu ruhen, und meinem
Unglücke in der Stille nachzudencken.
    Allein, ich hatte wenig Ruhe, denn erstlich wurde von vielen Leuten vexiret,
ihnen die Art meiner letztern Plünderung zu erzählen, und hernachmahls schickte
der Pfarrer etliche mahl, und liess mich bitten, nochmahls in seinem Hause
einzusprechen, weil er aus gewissen Umständen, einen verunglückten bekandten
Freund an mir vermerckte. Ich entschuldigte mich zwar mit einer Unpässlichkeit,
allein gegen Abend kam der Pfarrer mit seiner Liebsten selbst, mich aus der
Schencke in ihr Haus abzuführen. Solchergestalt wurde das Rätzel, warum ich mir
seit 6. Jahren den Kopff ziemlich zerbrochen, sehr plötzlich aufgelöset, denn
dieser Herr Pfarrer war kein anderer als derjenige Schwartz-Rock, welcher mir im
Post-Hause meine Liebste abspenstig gemacht hatte, und zwar unter dem Scheine,
dass er ihr die Irrtümer der Römischen Kirche entdecken wollen, allein, er hatte
ihr unter solchem Deck-Mantel, seine Liebe entdeckt, und meine Liebste, als eine
von Jugend auf delicat erzogene Person, war freilich eben nicht zu verdencken,
dass sie sich von einem reichen Priesters-Sohne, der eben im Begriff war, seinem
Vater substituirt zu werden, einnehmen lassen, da er ohnedem vor einen sehr
ansehnlichen Menschen passiren konnte. Der listige Betrug biss mich zwar immer
noch am Hertzen, allein, was war nunmehro besser zu tun, als sich in die Zeit
zu schicken? Demnach konnte ich ihren unablässigen Nötigen endlich keinen fernern
Widerstand tun, sondern liess mich von diesen beiden Ehe-Leuten, an beiden
Händen in ihr Haus führen.
    Man bedencke was dergleichen Aufzug, wenn nehmlich ein ansehnlicher
Priester, nebst seiner schönen Ehe-Frau, einen jämmerlich zerlumpten
Handwercks-Purschen, ja besser gesagt, Bettler, bei den Händen in ihr Haus
einführen, vor ein Aufsehen in einem sehr volckreichen Dorffe machen kann. Ich
schämete mich mehr als sie selber, allein versichert, solche Humaniteé
veränderte mein Gemüte dergestalt, dass ich allen Kummer und Verdruss schwinden
liess, und zu ihrer vergnügten Ehe, aus getreuen Hertzen gratulirte, und mich
glücklich schätzte, ein Werckzeug zum Wohlstande solcher Personen gewesen zu
sein.
    Ich will, um fernere Weitläufftigkeit zu vermeiden, nicht anführen, wie die
Gespräche unter uns gefallen sind, sondern nur melden, dass die wohltätigen
Leute gleich folgenden Tages, einen Schneider aus der nächsten Stadt kommen
liessen, welcher alles Behörige mitbringen, und mir in der Geschwindigkeit ein
vortreffliches neues Kleid verfertigen musste, welches wenigstens auf etliche 20.
Tlr. zu stehen kam, über dieses versorgte mich meine ehemahlige Liebste mit
sauberer Wäsche und andern höchstnötigen Sachen, dem ohngeacht musste ich einen
ganzen Monat bei ihnen bleiben, da mir aber unmöglich war, fernere
Ungelegenheit zu verursachen, und ich mich verlauten liess: ehe heimlich fort zu
gehen, als Dero Güte noch länger zu missbrauchen, wurde ich endlich mit 30.
Frantz-Gulden abgefertiget, und gebeten, so bald es meine Gelegenheit zuliesse,
ihnen wieder zuzusprechen. Ich wegerte mich durchaus, mehr als einen eintzigen
Gulden Zehr-Geld anzunehmen; allein, der treuhertzige Pfarrer sagte: Mein
Freund, ich bitte gar sehr, macht keine Weitläufftigkeiten, dieses Bagatell
anzunehmen, welches wir euch aus besten Gemüte geben und gönnen, ich bin euch
ein weit mehreres schuldig, allein bedencket: dass ich seit wenig Jahren her ein
grosses durch Rauberei und andere Unglücks-Fälle verloren habe, indessen weil
ich nicht zweiffele, dass mir GOtt, vermittelst meines sehr austräglichen
Pfarr-Diensts, den Schaden gar bald wieder ersetzen wird, so stehet euch mein
Haus, Küche und Geld-Beutel jederzeit offen, kommet alle Jahr etliche mahl, und
verlanget einen Teil unseres Vermögens, es soll euch mit grösten Vergnügen
gereicht werden, denn meine Liebste und ich lieben euch als einen leiblichen
Bruder. Auf dergleichen redliches Anerbieten, konnte ich mit nicht so viel
Worten als Tränen antworten, küssete derowegen beiden Ehe-Leuten die Hand, und
nahm mit den hertzlichsten Glückwünschungen, nebst dem offerirten Geschencke,
danckbarlichen Abschied.
    Ob eine grosse Anzahl solcher redlichen Leute, auch so gar unter den
Geistlichen in der Welt anzutreffen, will ich eben nicht auscalculiren, sondern
folglich berichten: dass meine Reise von daraus, zu meinem ehemahligen Compagnon,
dem Orgel-Bauer, ging. Diesen ehrlichen Mann traff ich zwar seiner Hantierung
wegen, in sehr guten Stande an, denn er hatte volle Arbeit und starcken
Verdienst, allein, was seine Ehe anbetraff, so lebte er im grösten Unvergnügen,
denn weil er, seiner Profession gemäss, zum öfftern etliche Tage ausserhalb des
Hauses sein musste, hatte sich seine allzuhitzige Frau, indessen andere Bedienung
angeschafft, der gute Mann hatte sie zwar zu verschiedenen mahlen bei nahe auf
der Tat erwischt, allein doch keine hinlängliche Ursachen zur Ehescheidung und
völligen Beweis ihrer übeln Aufführung wegen beibringen können. Derowegen ist
leichtlich zu erachten, was vor gut Geblüte aus dergleichen herrlicher
Lebens-Art entstehen kann? Ach wie froh war ich, dass die unerforschliche Fügung
des Himmels mein Hertze von dergleichen Kummer frei gehalten hatte, denn meiner
Lucia wäre wegen dergleichen um so viel desto weniger zu verdencken gewesen,
weil sie von Jugend auf zu allem Staat und Delicatessen erzogen, des armen
Orgel-Bauers Frau aber, war nur eine Schusters-Tochter, und als ein armes
Mägdgen, wegen ihrer schönen Stimme, aus Gnaden ins Closter genommen worden.
    Ich sah kein Mittel, diese beiden Ehe-Leute zu vereinigen, musste im
Gegenteil vermercken: dass eins dem andern die empfindlichsten Hertzens-Stiche,
mit Worten und Gebärden versetzte, derowegen nahm in wenig Tagen Abschied von
ihnen, und musste mir wider meinen Willen, von dem annoch beständigen
Hertzens-Freunde, 10. harte Taler zum Geschencke aufdringen lassen. Dieses Geld
aber war mir nicht so lieb, als die vortrefflichen Risse und neuen Erfindungen
in seiner Profession, welche er mir schrifftlich communicirte, und dessfalls
ferner mit mir zu conversiren versprach.
    Von dar aus setzte ich meine Reise eiligst fort, um noch vor dem Winter,
etwa in einer Niederländischen grossen Stadt, Arbeit zu bekommen. Es traff auch
ein, nachhero hielt vor ratsam, die vornehmsten Holländischen Städte zu
besehen, und in dieser oder jener, etwa auf ein halbes Jahr oder weniger, Arbeit
anzunehmen, solches habe so lange getrieben, biss mir endlich gegenwärtiger Herr
Capitain Wolffgang in Amsterdam, die allergröste Begierde erweckte, unter ihm
eine Reise zur See zu tun, welches mich denn biss auf diese Stunde nicht gereuet
hat, auch wohl nimmermehr gereuen wird, weil ich einen solchen ergötzlichen Ort,
solche vortreffliche Leute, und denn ein solches liebes Weib gefunden,
dergleichen Kostbarkeiten sonsten sehr schwerlich in andern Welt-Teilen
beisammen anzutreffen sind. Also ist mein eintziger Wunsch, mich der erlangten
Glückseeligkeit durch meiner Hände Werck vollkommen würdig zu machen, und dann,
wo es möglich sein könnte, meinem lieben Vormunde, dem Pfarr-Herrn meines
Geburts-Dorffs, so wohl auch denen Geschwistern einige Nachricht von meinem
Zustande, das zurück gelassene Geld aber ihnen zur Teilung anheim zu geben.
    Hiermit endigte unser ehrlicher Lademann die Erzehlung seiner
Lebens-Geschicht, seine geliebte Haus-Frau Margareta deckte derowegen den
Tisch, und bewirtete die sämmtlichen Gäste, worzu noch der Gross-Vater Stephanus
aus dem Felde kam, aufs herrlichste. Nach der Mahlzeit aber, da es noch sehr
hoch Tag war, verschafte der Alt-Vater Albertus uns versammleten annoch die
Lust
 
                     Des Müllers Krätzers Lebens-Geschicht
zu vernehmen, als welcher dieselbe folgender massen her erzehlete:
    Ich bin, meine Herrn, nunmehro ein Mann von 37. Jahren, mein Vater war ein
Fluss-Müller an der Mulda, der in meinem 4ten Jahre, und zwar in seinen besten
Jahren, im Flusse, da er dem Grund-Eise fort helffen wollen, das Leben
eingebüsst, derowegen nahm meine Mutter einen andern Mann, ich aber nebst zwei
ältern Geschwistern bekam an demselben einen sehr strengen Stief-Vater, der,
weil er ein Reformirter, meine Mutter aber, so wie ihr voriger Mann, Luterisch,
und uns 3. Kinder auch in solcher Religion auferziehen wollte, seinen dessfalls
geschöpfften Verdruss nicht bergen konnte, sondern bald nach der Hochzeit Mutter
und Kinder wie die Hunde tractirete, so lange, biss sich dieselbe endlich
beqvemete, ihm nach zu geben, und uns Kinder in dem Reformirten Glauben
aufzuziehen. Sie hatte solchergestalt so wohl als wir, eine Zeit lang Friede im
Hause, jedoch nicht gar lange, denn weil mein Stieff-Vater den verzweiffelten
Brandtewein allzu sehr liebte, wurde derselbe, wenn er sich zuweilen darinnen
übernommen, fast ganz rasend, so, dass sich keins von den Seinigen im Hause
durffte sehen lassen. Meine Mutter war also, und zwar mit ihrem mercklichen
Schaden, zu spät innen worden: dass sie das Abraten guter Leute, wegen der
Heirat mit diesem Menschen, verlacht hatte; Allein, nunmehro halff nichts als
die liebe Gedult. Den ältesten Bruder hatte dieser böse Mann ganz zu Schande
geschlagen, so, dass er wegen Gebrechlichkeit zu keiner starcken Arbeit etwas
nutzte, sondern das Schneider-Handwerck lernen musste. Mit mir wäre er ohnfehlbar
auf gleiche Weise verfahren, allein, ich lieff mit heimlicher Bewilligung meiner
Mutter, im zwölfften Jahre darvon, wurde von meines Vaters Bruder, der ebenfalls
ein Müller, und zwar an der Saale, von guten Mitteln war, aufgenommen, und nicht
allein zum Handwercke angeführet, sondern auch zur Luterischen Schule gehalten,
so, dass ich bald hernach zum heiligen Abendmahle gehen konnte.
    Es schien, als ob ich zum Müller geboren wäre, denn das Handwerck kam mir
ganz und gar nicht sauer zu lernen an, noch weniger aber die Kunst mit dem
Zirckel und andern Bau-Instrumenten umzugehen. Hierbei hatte mich die Natur mit
einer ausserordentlichen Stärcke begabt, so, dass ich schon in meinem 16ten
Jahre, fast mehr heben und tragen konnte, als zwei andere Kerls. Einsmahls machte
sich ein grosser Baum-starcker Mühl-Pursche breit darmit, dass er in jeder Hand
ein andertalb Centner-Stücke auf einmal in die Höhe heben konnte, ich aber tat
ihm nicht allein dieses gleich auf der Stelle nach, sondern hub noch zugleich
das dritte mit den Zähnen auf, nachdem ich nur ein wenig Leinewand um den
Rincken gewickelt hatte; welches aber der Baum-starcke Kerl unterweges lassen
musste. Andere dergleichen Proben will ich nicht erwähnen, denn es ist aus diesem
eintzigen schon zu mercken, dass ich eine ziemliche Force, und zwar in so jungen
Jahren, gehabt haben müsse, welche sich nachhero, da ich etwas mehr Geschicke
kriegte, und hinter ein und andere Vorteile kam, dergestalt vermehrete, dass ich
in selbiger Gegend ziemlich berühmt wurde. Nachdem aber mein neunzehendes Jahr
verstrichen war, liess ich mich nicht länger aufhalten, dem Wasser nachzulauffen,
nahm also von meinem Vetter, wie auch von der Mutter und dem murrischen
Stief-Vater abschied, und reisete nebst zwei andern Mühl-Purschen fort. Weil ein
jeder unter uns mehr als 12. Tlr. Geld im Schubsacke hatte, war unsere Meinung,
nicht so gleich Arbeit zu suchen, sondern wir liessen uns die freie Zehrung, so
wir jedes Orts fanden, anreitzen, vorhero die Welt ein wenig zu besehen, waren
aber eben noch nicht allzuweit gelauffen, da uns eines Abends in einer
Dorff-Schencke, 6. oder 8. Soldaten überfielen, und mit Gewalt hinweg nehmen
wollten, jedoch ich und meine zwei Hand-festen Cameraden lachten die guten Leute
nur aus, und baten sie, uns mit dergleichen Zumutungen zu verschonen, oder wir
würden, jeder, einen von ihnen beim Kragen anfassen, und die andern damit zur
Türe hinnaus stossen. Diese Worte gaben so gleich Feuer, die Soldaten zohen vom
Leder, wir aber ergriffen unsere Mühl-Aexte, und stäuberten sie ohne besondere
Mühe zum Hause hinnaus, setzten uns darauf hin, und fiengen erstlich an recht
lustig zu sauffen. Jedoch mit einbrechender Nacht wurden wir aufs neue durch 12.
oder mehr andere Soldaten beunruhiget, welche sich anfänglich zwar stelleten,
als wüsten sie von den, bei Tage vorgegangenen Händeln, gar nichts, es zeigte
sich aber bald, dass sie ebenfalls aus keiner andern Ursache angekommen wären,
als uns hinweg zu holen, denn nachdem einer von meinen Cameraden, welches ein
ziemlich langer und wohlgewachsener Kerl war, das, ihm in die Mütze gesteckte
Hand-Geld, unter den Tisch schüttete, und selbiges mit den Füssen fort stiess,
kam es augenblicklich zum Streichen, die Soldaten hieben mit ihren Degens auf
uns, wir aber mit unsern Mühl-Axten auf sie, dergestalt verzweiffelt los, dass es
auf jener Seite ziemlich Blut setzte, indem wir uns aber sehr vorteilhaftig
gestellet, und im Auspariren alle drei sehr fix waren, lieffen die Sachen noch
ziemlich gut, biss endlich 3. Soldaten zu Boden suncken, etliche zur Tür hinaus
gefeget wurden, die 4. tapffersten aber annoch Stand hielten. Einem von diesen
wurde sein Degen aus der Hand geschmissen, derowegen bekam ich Lust etwas von
den Klopfechter-Künsten an ihm zu versuchen, welche mir ein alter weit und breit
gereifeter Mühl-Pursche, der sich gemeiniglich nur Pumphat nennen liess, gelernet
hatte, ergriff derowegen den Soldaten vorteilhaft beim rechten Arme, und brach
ihm denselben ohne besondere Mühe entzwei. Da dieses so leichtlich angegangen
war, trieb mich der Grimm auch dahin, selbiges Kunst Stück an seinem lincken
Arme zu versuchen, und solches gelunge mit solcher Hefftigkeit, dass die eine
Arm-Röhre durch das Camisol hindurch stach. Der Kerl fieng vor Schmertzen
überlaut an zu schreien, und ich bekam mittlerweile von einem andern, einen
geringen Streiff-Hieb über den Kopff, weil mir der Hut abgefallen war. Hierdurch
entbrannte meine Wut vollends dergestallt, dass ich meinen Beleidiger die Klinge
unterlieff, ihn dermassen heftig in die Arme fassete, und an meine Brust
drückte, dass ihm augenblicklich der Atem stehen blieb, und er als ein
Wasch-Lappen zu Boden fiel, da nun indessen meine zwei Cameraden reine Arbeit
gemacht hatten, mein letzter Beleidiger aber sich in etwas wieder erholet, brach
ich ihm, zum Andencken, auf der Erde noch ein Bein entzwei, und nachdem ein
jeder von uns dem Wirte einen Gulden vor die Zeche zugeworffen, nahmen wir
unsere Sachen, und marchirten bei Nacht und Nebel unserer Wege.
    Dieser Streich war also mein Eintrit in eine solche Lebens-Art, worüber der
Teuffel in der Hölle seine eintzige Freude haben mag, allein, weil mich meine
Cameraden, der bezeigten Tapfferkeit wegen, fast auf den Händen trugen, und
überall ein grosses Wesen davon machten, so, dass die Handwerks-Genossen selbst
fast Maul und Nase über mich aufsperreten, bedünckte mir alles mein Tun sehr
löblich und wohlgetan zu sein, ja in die Länge wurde ich dermassen stoltz und
barbarisch, dass mich niemand krumm ansehen durffte, wenn er nicht von Arm-Bein-
und Hals-Brechen hören wollte.
    Nach langen Herumschwermen zwang uns endlich der Geld-Mangel Arbeit zu
suchen, ich fand dieselbe bald in der grossen Mühle einer Welt-berühmten Stadt,
wusste mich auch so wohl mit dem Meister als den Mahl-Gästen dermassen wohl zu
vertragen, dass sich sonderlich die letztern um meine Arbeit drängeten, denn es
bekam von meinen Kund-Leuten ein jeder mehrenteils etwas mehr Mehl, als er mit
Recht verlangen konnte, allein, hieran war meine Redlichkeit am wenigsten
Ursache, denn weil der Mit-Gesellen noch etliche waren, so wusste ich ihnen von
dem Geträyde ihrer Kund-Leute, auch wohl zuweilen aus des Meisters Sacke selbst,
immer so viel hinweg zu partieren, dass ich nicht allein solchergestalt Ruhm und
Ehre, sondern auch gute Trinck-Gelder erwarb.
    Weil aber doch alle mein Verdienst nicht hinlänglich war, ein solches
herrliches Leben auszuführen, dergleichen mir im Kopffe schwebete, so suchte ich
andere Gelegenheiten, mir gnugsames Geld in den Beutel zu schaffen. Das Würffel-
und Karten-Spiel fiel mir als die aller reputirlichste Art in die Gedancken,
derowegen besuchte zum öfftern die Spiel-Gelacke, jedoch mehrenteils mit dem
allergrösten Schaden, weil gemeiniglich alles Geld, was die ganze Woche
zusammen gesparet war, des Sonntags Abends auf einmal drauf zu gehen pflegte.
Jedoch durch folgende Gelegenheit, bekam mein Spielen bald ein ganz anderes
Ansehen: Es hatten nehmlich etliche Degen tragende Handwercks-Pursche, eines
Abends einen starcken Verlust auf dem Spiele erlitten, gaben derowegen dem
Schilderer oder Spielhalter ein und andern Betrug Schuld. Dieses war sonst ein
Kerl, der sich nicht leichtlich auf der Nasen trommelen liess, allein voritzo
waren ausser mir 9. Kerls gegenwärtig, von welchen allen er sich nichts, oder
wenigstens nicht viel Guts zu versehen hatte. Es daurete mich, dass der Kerl, von
diesen Purschen, worunter einige waren, denen noch der Milch-Brei am Munde
klebte, so viele Schnupff-Fliegen einfressen musste, ohngeacht ich ihm sonst
ebenfalls nicht allzugünstig war, derowegen legte ich mich darzwischen und
sagte: Ihr Herren, haltet das Spiel nicht auf, gefällt jemanden aber nicht mehr
zu spielen, der halte sein naseweise Maul, oder ich werde mir die Mühe nehmen,
ihm zum Fenster hinaus auf die Strasse zu werffen. Es war, wo mir recht ist, ein
Stück von einem Apotecker-Gesellen darbei, der vielleicht mir wenig Courage
zutrauen mochte, oder wenigstens ein gut Teil mehr als ich zu haben vermeinte,
dieser führete das Wort, und gab mit verächtlichen Geberden zu vernehmen, dass
ich keine Ehre zu reden hätte. Monsieur sprach ich, den Augenblick marchirt zur
Türe hinaus, oder es soll mich sehr jammern, wenn ich euch in den Stand setzte,
wenigstens in 4. Wochen keine Büchse zu binden zu können. Der Eisenfresser zog
vom Leder, ich liess ihn zweimahl auf mein Spanisch Rohr hauen, hierauf konnte er
sich nicht so geschwind umsehen, als sein rechter Arm schon morsch entzwei
gebrochen war. Demnach entblösseten die andern 8. alle ihre Degen gegen mich, der
Spiel-Halter wollte mir zu Hülffe kommen, allein ich stiess ihn zurück, und
prügelte, binnen einer Zeit von weniger als 5. Minuten, mit meinem Spanischen
Rohre alle zur Stube hinaus, biss auf den letzten, welchen, um mein Wort zu
halten, seines naseweisen Mauls wegen zum Fenster hinaus auf die Strasse
steckte. Dieser Streich brachte mir bei allen Kunst- und Handwercks-Gesellen,
eine grosse Ehrfurcht, und dann, welches der beste Vorteil zu sein schien, des
ermeldten Spiel Halters vollkommene Freundschaft zu wege, so dass er mir alle
seine subtilen Griffe, sich und diejenigen, welche es mit ihm hielten, zu
bereichern, der Länge nach heraus beichtete, und mich solchergestalt zu seinen
allervertrautesten Dutz-Bruder machte. Demnach ging keine Woche hin, dass ich
nicht auf dem Spiel-Tische, 10. 20. biss 30. Taler gewonnen hätte, wovon mein
Dutz-Bruder wenigstens den 3ten Teil haben musste. Hergegen, weil er ein guter
Fecht-Meister war, erlernete ich von ihm bei täglicher Ubung, das Fechten mit
dem Degen und Pallasch nach der Kunst, weswegen ich mich ein vollkommen
geschickter Kerl zu sein bedüncken liess. Er wollte mich zwar auch das zierliche
Tantzen lehren, allein, weil ich ein ganz besonderer Feind vom Weibs-Volcke,
und mit ihnen umzugehen, fast wieder meine Natur war, so gereichte mir auch das
Tantzen zum Eckel, hergegen war spielen, sauffen und schlagen mein einziges
Vergnügen, als welche drei S. mehr als zu starck sind, einen jungen Menschen um
das 4te gedoppelte S. nehmlich der Seelen-Seeligkeit zu bringen.
    Allein dazumahl gedachte ich nicht einmal daran, dass eine Seele in meinem
Cörper stäcke, geschweige denn, dass ich mich bemühen müste: durch Gebet und
Christlichen Wandel, derselben nach dem Tode ein gutes Quartier zu bereiten, ja
es war schon dahin mit mir gekommen, dass ich weder an den Morgen noch
Abend-Seegen gedachte, die Tisch-Gebete mit grösten Verdruss anhörete, ausser
diesem, bereits seit zwei Jahren oder etwas länger, in keine Kirche, vielweniger
zum heil. Abendmahle gegangen war.
    Ein schönes Leben vor einen Menschen, der in seinen besten Jünglings-Jahren
stund. Wäre es auch zu bewundern gewesen, wenn GOtt mich dieserwegen in der
besten Blüte meines Lebens, aufs schändlichste verdorren lassen, jedoch seine
Langmut erstreckte sich noch weiter. Denn so bald ich ein ansehnliches Stücke
Geld auf solche subtile Diebes-Art, nehmlich durch lauter betrügliches Spielen
zusammen gescharret hatte, liess ich mir ein paar Edelmanns Kleider machen,
kauffte Peruquen, Tressen Hüte, einen silbernen Degen, ja alles ein, was zur
Ausstafierung eines jungen Edelmanns gehörete, packte die Sachen in einen
Coffré, reisete etliche 30. Meilen weiter in die Welt, blieb endlich in einer
Stadt bekleben, wo sich viel dergleichen Leute zeigten, als ich vor mir zu haben
wünschte.
    Ich gab mich daselbst vor einen Menschen von Sächsischen guten Geschlechts
aus, der sich unter verdeckten Nahmen, so lange an frembden Orten aufzuhalten
gezwungen sähe, biss er eine gewisse verdrüssliche Affaire, die er mit einem
Cavalier gehabt, durch seine Anverwandten und guten Freunde ausmachen lassen. In
der Tat aber, war ich mit Wahrheit und ohne Ruhm zu melden, damahls ein
subtiler Spitz-Bube. Und gewisslich es sollte wenig gefehlet haben, mich in die
völlige Diebs- und Spitz-Buben Zunft zu ziehen, als worzu sich sehr sonderbare
Gelegenheit-Macher anmeldeten, wenn ich nicht in meiner Jugend eine besondere
Aversion vor dergleichen Leuten bekommen hätte, und zwar bei der Gelegenheit: da
ich etliche solche Galgen-Vögel erstlich erbärmlich martern, und hernachmahls
teils rädern, teils aufhencken sah. Wiewohl ich will selbst nicht Bürge davor
sein, dass dergleichen Eckel, durch das fernere Zureden solcher saubern Gesellen
endlich nicht hätte können vertrieben werden, wenn die subtilen Säyten auf der
Geige meines liederlichen und GOttes vergessenen Lebens nicht mehr hätten
klingen wollen. So aber konnte zu damahliger Zeit mit dem aller listigsten
Kunst-Griffen beim Würffel, Basset- und andern kostbaren Karten-Spielen, mein
annoch beständiges gutes Conto finden, wie ich denn eines Abends bei einer
Assambleé so glücklich war, von einem gewissen Major 1000. Tlr. baar Geld zu
gewinnen. So viel Geld getrauete ich mich unmöglich alleine durchzubringen.
Derowegen verschrieb meinen zurückgelassenen Kunst-Lehr- und Fecht-Meister zu
mir, übersandte ihm 200. Tlr. von dem gewonnenen Gelde, mit dem Unterricht: dass
er sich bei seiner Ankunft, vor allen Dingen einen adelichen Nahmen geben
müsse, vor unsern Staat zu führen, sollte er hingegen, mich alleine sorgen
lassen.
    Er säumete nicht sich unter einem vornehmen Adelichen Geschlechts-Nahmen der
Eustachius von S** lautete, einzustellen, gleichwohl musste er das Ansehen bei
allen andern haben, als ob wir beide einander niemahls mit Augen gesehen hätten,
jedoch in wenig Tagen, errichteten wir die allervertrauteste Freundschaft, und
bezogen zusammen ein Logis. Es ist mir unmöglich alle Arten der List und Bosheit
auszuführen, durch welche wir binnen wenig Monaten ein Capital von mehr als
2000. Tlr. zusammen brachten, jedoch der Krug ging so lange zu Wasser, biss
endlich der Henckel abbrach; denn mein Compagnon wurde eines Abends, von einem
Cavalier, auf frischer Tat des falsch Spielens, ertappt, und bekam von
demselbigen eine tüchtige Maulschelle.
    Dieser Schimpff konnte nun mit nichts anders, als Blute abgewaschen werden,
derowegen liess mein Camerad Stax, dem Cavalier folgenden Morgen durch mich vor
die Spitze fordern, selbiger war keine feige Memme, sondern erschien mit seinem
Secundanten auf dem bestimmten Platze, hatte aber das Unglück, von meinem
Cameraden auf der Stelle erstochen zu werden. Wir hatten uns vorigen Abend auf
dergleichen Streich schon gefast gemacht, derohalben unsere besten Sachen vor
angebrochenen Tage mit der Post fort, und in eine Französische Gräntz-Stadt
geschafft, mitin wurde nicht lange gesäumet, biss dahin nachzueilen, wir kamen
auch, ohngeacht uns ein Commando Reuter nachgeschickt worden, um eine halbe
Stunde eher, als dieselben, glücklich über die Teutsche Gräntze. Die Reise ging
ohne fernere Sorge auf Paris zu, in welcher reichen Stadt wir unsere Streiche am
allerbesten fortzuführen gedachten, allein zu gröster Verwunderung fanden sich
daselbst unzehlig viele solche Leute, die unter dem Cavaliers-Habite dergleichen
Künste, wo nicht besser, doch wenigstens so gut als wir, verstunden. Derowegen
mussten wir ungemein behutsam, nur und an solche Orte gehen, wo etwas geringere
Personen über den Tölpel zu werffen waren.
    Mittlerweile erwarben wir dennoch von Zeit zu Zeit so viel, dass es nicht
nötig war die mitgebrachten Gold-Beursen anzugreiffen, wiewohl mein Stax mehr
als ich vertat, indem er beständig den Huren nachlieff, und sich gegen selbige
sehr spendable erzeigte, da im Gegenteil ich mich auf die Französische Sprache
befliss; auch was weniges von dasiger Baukunst begriff, um zum wenigsten doch
etwas löbliches in Frankreich vorzunehmen. Bei solcher Gelegenheit geriet ich
in die Bekanntschaft zweier Mecklenburgischer junger Edelleute, die von einem
Hofmeister geführet wurden; Weil nun der letztere sich durch meine redliche
Stellung betrügen liess, so erlaubte er mir zum öfftern diese beiden jungen Herrn
spaziren zu führen, zumahl, wenn er Lust haben mochte seinen eigenen Streichen
nach zu gehen. Sie führeten starcke Gelder bei sich, welches mir eine höchst
vergnügliche Sache war, sie derowegen in solche Compagnien führete, wo sich vor
dergleichen junge Lecker allerhand Ergötzlichkeiten fanden, hergegen stellete
ich mich an als ob das Spielen mir eine wiederwärtige Sache sei, zumahl, da
leicht zu mercken, dass sie beiderseits starcke Liebhaber davon wären. Mein
Camerad Stax musste endlich auch in ihre Bekanntschaft kommen, dieser liess einen
stärckern Appetit zum Spiele blicken, jedoch bei dem ersten, andern und dritten
Umgange, die jungen Herrn so wohl als ihren Hoffmeister mehr als zwei oder
drittehalb hundert Frantz Gulden gewinnen. Ich bekam davor, dass ich sie an einen
so profitablen Ort geführet, von dem ältesten eine kostbare Englische silberne
Uhr, von dem jüngsten aber einen silbernen Degen geschenckt, wurde auch
gebeten: sie ferner in andere dergleichen Compagnien zu führen, und auf ihre
Schantze so treulich wie bisher Achtung zu geben. Dieses geschahe einsmahls,
und zwar da der Hofmeister wegen einiger Kopff-Schmertzen im Logis zu bleiben
gesonnen war, allein die beiden guten Herrn wurden von meinem Stax nicht allein
um 200. fl. bei sich habende Silber-Müntze, sondern über dieses noch um 300.
halbe Louis d'or geschneutzet, ich selbst, der aber mit dem Stax unter einem
Hütgen spielete, hatte zum Scheine auch 50. Louis d'or nebst 100. Frantz-Gulden
mit verloren, hörete aber auf zu spielen, weil, wie ich sagte, heute kein Glück
vor mich vorhanden wäre, allein die jungen Herrn spieleten mit dem ernstaften
und sehr raisonable scheinenden Stax, auf Conto weiter fort. Ich hielt nicht vor
ratsam diese melckenden Kühe auf einmal zu ruiniren, schlich mich derowegen
heimlich zu ihrem Hoffmeister, erzehlete demselben mit verstellter
Treuhertzigkeit, dass die beiden jungen Herrn heute sehr unglücklich gewesen, und
dem ohngeacht durchaus nicht nachlassen wollten, bat ihn derowegen um Gottes
Willen, seine Autorität zu gebrauchen, und sie darvon abzuziehen, weil heute
doch weder Glück noch Stern vor sie sei. Der gute Pursche merckte nunmehro zu
spät, dass er seinen Untergebenen allzuviel Willen, und was das gröste Versehen
war, den Schlüssel zum Geld, Chatoul überlassen hatte, derowegen warff er in
grösten Aengsten seine Kleider über sich, erfuhr aber zu seinem allergrösten
Schrecken, dass seine Untergebenen Zeit meines Abwesens noch 200. Louis d'or
verspielet hatten, weswegen Stax, bei ein und andern empfindlichen Reden des
Hoffmeisters, das rauche heraus zu kehren begunte, und entweder auf der Stelle
sein Geld oder wenigstens einen tüchtigen Bürgen verlangte. Indem er nun ganz
allein im Stande war, dem Hoffmeister und seinen beiden jungen Herrn, Angst und
Schrecken einzujagen, mussten sich diese auf gute Worte befleissigen, um mit der
Helffte davon zu kommen, allein er war nicht zu erweichen, biss ich mich ins
Mittel schlug, und so viel auswürckte, dass er endlich mit 100 Louis d'or
zufrieden war, welche der Hoffmeister alsofort aus dem Logis langen und ihm
bezahlen musste. Die guten Herrn stelleten sich zwar nach der Zeit noch ziemlich
gefällig, allein ich weiss nicht, ob der Hoffmeister einigen Verdacht auf mich
legen mochte, weil er sich sehr kaltsinnig stellete, auch bei meiner Ankunft,
seine Untergebenen entweder verleugnete, oder ihnen doch im geringsten nicht
erlauben wollte, ferner mit mir aus zu spaziren.
    Demnach tat es mir von Hertzen leid: dass ich sie nicht noch besser
berupfft, sondern so gnädig durchgelassen hatte, jedoch es passirten in
nachfolgenden 3. Jahren, so lange nehmlich mein Stax und ich uns noch in den
vornehmsten Französischen Städten umsahn, unzählige dergleichen Streiche,
welche alle haarklein zu erzählen, ich wenigstens eine ganze Woche Zeit haben
müste. Endlich zerfiel ich mit diesem meinen bisherigen Hertzens-Freunde, um
einer sehr geringen Sache willen, worinnen er sich, in Beisein vieler andern
Leute, einer sonderbaren Autorität über mich anmassen wollte, allein weil ich
etwas zu viel Wein getruncken hatte, blieb ich ihm an allerhand empfindlichen
Redens-Arten nichts schuldig, dahero er endlich auf die Torheit geriet: mit
Kreide eine Mühl-Axt auf den Tisch und ein NB. darüber zu mahlen. Es wusste zwar
kein Mensch, was dieses eigentlich bedeuten sollte, mich aber verdross dieser
Streich dergestalt, dass ich ihn augenblicklich forciren wollte: mir mit seinem
Degen gegen den meinigen, eine vollkommene Auslegung zu tun, allein wir wurden,
von etlichen sich darzwischen Legenden Cavaliers, abgehalten und ermahnet,
dergleichen Vornehmen biss auf den morgenden Tag zu versparen.
    Stax ging in seiner Maitresse Logis den Rausch auszuschlaffen, und
vermeinte vielleicht, wenn ich dergleichen getan, würde sich der gestrige
Eiffer wohl gelegt haben, allein die Galle ging mir dergestalt im Eingeweide
herum, dass ich kaum den Morgen erwarten konnte. So bald derselbe angebrochen war,
kauffte ich mir von einem Pferde-Händler ein gut Pferd mit schönen Sattel und
Zeuge, schickte den nunmehrigen ärgsten Feinde ein Cartell zu, Nachmittags um
zwei Uhr eine Meile vor der Stadt auf einem bewussten Tummel-Platze zu
erscheinen. Weil mir aber sogleich ein Unglück ahndete, kauffte ich noch einen
leichten Klöpper vor einen deutschen Laqueien, den ich, weil er von seinen Herrn
verlassen worden, nur vor wenig Tage in meine Dienste genommen hatte, liess meine
besten Kleider und Sachen in zweien Mantel-Säcken darauf packen, befahl dem Kerl
auf etliche 100. Schritt voraus zu reiten, und zu erwarten, wie mein vorhabendes
Duell ablieffe, ich aber setzte mich gleichfalls zu Pferde, und gelangte bald
auf den Platz, allwo sich mein Gegner zu bestimmter Zeit einstellete. Nehmet
euch in Acht! rieff er mir zu, so bald wir einandar das Weisse im Auge sehen
konten, denn die Meisters behalten gemeiniglich die beste Finte vor sich. Es ist
gut, gab ich ganz gelassen zur Antwort, in kurtzen wird sich zeigen, wer des
andern Meister ist. Hiermit giengen wir nach abgeworffenen Kleidern aufeinander
los, und mein Gegner wurde im zweiten Gange ein wenig in den Arm verwundet, da
er aber dieserhalb nur desto hitziger wurde; und seinen Hohn in der
Geschwindigkeit zu rächen vermeinte, auch vor der mir selbst gezeigten Finte
sich nicht versah, lieff er sich meinen Degen dermassen gewaltsam unter dem
Arme in die Brust hinnein, dass er, vermutlich wegen einer Hertz-Wunde
augenblicklich umfiel, und nach wenigen Zucken die Seele ausbliess. Ich sprach zu
den beiden Anwesenden Secundanten: Messieurs nehmet euch so viel, als es sein
kann, dieses entleibten Deutschen an, denn ich weiss, dass der Gürtel, den er auf
seinem blossen Leibe trägt, die Mühe belohnen wird. Hiermit bekümmerte mich
weiter um nichts, sondern gab meinem Pferde die Sporn, und jagte nebst meinem
Diener so hurtig als möglich nach den Gräntzen der Österreichischen Niederlande
zu. Selbige erreichten wir ohne eintzigen Anstoss, da doch sonsten ohne Pass
hindurch zu kommen eine ziemliche Kunst war.
    Ich hätte die gröste Ursache und schönste Gelegenheit gehabt, dasiger Orten
die bisherige schändliche Lebens-Art zu quittiren, und hergegen eine honorable
Kriegs-Charge anzunehmen; allein die gebundene Lebens-Art schien mir ein Eckel
zu sein. Jedoch, weil ich über 3000. Taler an Golde und Jubelen bei mir
führete, gefiel mir endlich: Bald bei diesen, bald jenen Käyserlichen Regimente
Curassirer, als Volontair herum zu schwermen, worbei meine Profession, nehmlich
das verfluchte Spielen zu exerciren, sich tägliche Gelegenheit fand.
    Endlich nachdem ich von dem vielen Gelde nicht mehr als 200. spec. Ducaten
an meinen Vetter und Lehrmeister übermacht, stiess mir ohnweit Luxemburg die
abermahlige Fatalitæt zu, einen Officier, des beim Spiele entstandenen Streits
wegen, zu erstechen, also nahm ich die Flucht aufs neue nach Franckreich,
streiffte erstlich in vielen andern Städten herum, und kam endlich im Winter des
1720ten Jahres wieder nach Paris, alwo damahliger Zeiten, lauter Lermen, wegen
der so frewlen Spitzbuben war. Um nun nicht etwa in dergleichen Verdacht zu
kommen mietete ich mich bei einem deutschen Zucker-Becker ein, und führete
wieder meine Gewohnheit ein ziemlich ordentliches Leben, liess mich aufs neue in
ein und andern, zur Matesi gehörigen und mir beliebigen Künsten unterrichten,
da aber das Spielen nicht unterlassen konnte, so spielete jedennoch fast
gezwungen, ziemlich ehrlich, war auch darbei zuweilen ungemein glücklich. Mein
Wirt war, ohngeacht dessen, dass er die Protestantische mit der Catolischen
Religion verwechselt hatte, in allen seinen äuserlichen Wesen ein grund
redlicher Mann, und erzeigte mir gegen billige Bezahlung alle Gefälligkeit, ich
bedaurete selbst zum öfftern, wenn sich ein klein Füncklein recht gesunde
Vernunft bei mir spüren liess, dass ich mich nicht entschliessen könnte nach Hause
zu reisen, und eine ordentliche Lebens-Art anzufangen, denn das Hertze wollte mir
zum voraus sagen, dass dergleichen Aufführung endlich ein beklecktes Ende nehmen
würde. Allein solche gute Gedancken wurden fast augenblicklich als von einem
Sturmwinde zerstreuet, hergegen kam mir die eingewohnte Weise immer süsser vor,
so lange biss ich eines Abends, ebenfalls des Spiels wegen, in einer Rencontre,
mit zweien Degens zugleich durchstochen, sonsten am Leibe auch sehr übel
zerhauen wurde.
    Man schaffte mich vermittelst einer Sänfte andern Tages in mein Logis,
allwo ich die Ehre hatte, von vielen deutschen Clavaliers besucht zu werden,
weil ein jeder glaubte, ich sei derjenige, vor welchen ich mich ausgab, und weil
keine sonderlichen Schrifften unter meinen Sachen angetroffen wurden, so konnte
dessfalls um so viel weniger verraten werden. Es waren ein Medicus und 2.
Chirurgi über mir, welche aber wieder die gewöhnliche Art der Franzosen
schlechten Trost gaben, derowegen begunte mein Gewissen auf einmal aufzuwachen,
so dass ich vor Angst in gäntzliche Verzweiffelung gefallen wäre, wenn nicht ein
gewisser Cavalier meine Hertzens-Bangigkeit gemerckt, und mir dieser wegen den
Prediger eines gewissen Luterischen Abgesandtens zugebracht hätte. Selbiges war
ein ungemeiner Mann, der mein Gewissen solchergestalt zu rühren wusste, dass ich
ihm endlich, wie fast alle Zeichen meines heran nahenden Todes vorhanden waren,
ein offenhertziges Bekenntnis meiner bisherigen Lebens-Art, und darbei den
grossen Zweiffel zu vernehmen gab: Ob ein solcher Mensch wie ich, annoch
Vergebung und Gnade bei GOtt erlangen könne? Demnach war er fast eine ganze
Nacht hindurch bemühet, mich aus der Verzweiffelung zu reissen, und auf die
rechte Strasse zu bringen, da ich nun gegen Morgen, eine ernstliche Reue, Busse
und Glauben durch Worte und Gebärden zeigte, absolvirte er mich, und reichte mir
nachhero in aller Stille das Hochwürdige Abendmahl, worauf ich ungemeine
Linderung, so wohl an den Leibes- als Gewissens-Wunden fühlete, und ein Gelübde
tat, welches so viel in sich hielt: Dass, wenn mich GOtt diesesmahl beim Leben
erhalten würde, ich so gleich nach wieder erlangter Gesundheit, alles mein Geld
und Gut unter die Armen teilen, und nichts mehr davon übrig behalten wollte: als
was ich zur Reise in mein Vaterland höchst vonnöten hätte, daselbst wollte ich
denn auch, die, meinem Vetter über machten 200. spec. Ducaten und den Wert von
den übrigen übel erworbenen Reste, an Kirchen, Schulen, und arme Leute
verwenden. Bald nach diesem getanen Gelübde, liess sichs mit meinen Schäden zu
schleuniger Besserung an, die Aertzte fiengen an besser zu trösten, sagten aber
frei heraus, dass wenn ich vollkommen curiret sein wollte, sie, um den Eyter aus
der Brust-Höle zu zapffen, über den kurtzen Rippen eine Öffnung machen müsten.
    Ich gab meinen Willen drein, stund die höchst schmertzliche Cur aus, und
wurde also nach wenig Wochen vollkommen gesund. Allein wer sollte es wohl
glauben? dass, so bald sich die verlohrnen Kräffte wieder eingestellet, ich nicht
allein mein getanes Gelübde vergessen, sondern mir auch nicht das geringste
Gewissen gemacht hätte, die vorige Lebens- wiederum zu ergreiffen.
    Unter andern geriet ich mit einem sehr artigen Frantzosen in
Bekandtschaft, der sich La Rosée nennete, und wie ich merckte, die Spiel-Künste
ungemein wohl verstund, derowegen hütete mich ihm keinen Verdruss, mir aber
keinen Schaden zu zu ziehen, nicht zwar aus einiger Furcht, sondern weil ich
diesem Menschen, unwissend, warum, gewogen sein musste. Er im Gegenteil
vermerckte bei mir gnugsame Hertzhaftigkeit, zugleich auch, dass ich seine
künstlichen Streiche guten Teils abgemerckt, dem ohngeacht die Gefälligkeit vor
ihm gehabt, und stille geschwiegen hatte. Derowegen suchte er mir bei andern
Gelegenheiten allerhand Vergnügen zu machen, tractirte mich öffters in seinem
Logis mit den herrlichsten delicatessen, und ich bewirtete ihn gleichfalls
öffters in meinem Hause, worbei er mir zu vernehmen gab: Wie er die stärckste
Anwartung auf einen Officiers-Dienst in einer benachtbarten Guarnison hätte, und
mich zugleich bereden wollte, ebenfalls Dienste unter der Miliz zu suchen, allein
ich zuckte die Achseln hierzu und sagte: dass, wenn mir mein freier und
ungebundener Stand nicht lieber gewesen, ich schon vorlängst unter den Kayserl:
Trouppen eine Compagnie haben können. Hierauf sprach er: ja Monsieur, es wäre
mir zwar auch also zu Mute, allein, wo wollen die Mittel allezeit herkommen:
Monsieur, versetzte ich, dergleichen Künste als ihr im Spielen gezeiget habt,
müssen ihren Mann niemahls fallen lassen. Ach! sprach er, es ist zwar etwas,
jedoch nicht hinlänglich, denn in Paris ja in ganz Franckreich werden die
Reichen immer klüger, die Armen aber immer ärmer, und ich glaube, ehe ein Jahr
verstreicht, wird fast niemand mehr spielen wollen, derowegen muss man sich auf
andere Künste legen. Unter diesem Gespräche fiel mir ein eiserner etwa 2. Ellen
langer Guardinen Stab, vom Fenster herunter auf den Kopff, jedoch ohne besondern
Schaden, dem ohngeacht brach ich denselben aus Bosheit, als einen
Tobacks-Pfeiffen-Stiel in mehr als zwantzig Stücke. La Rosée sperrete darüber
Maul und Nase auf, vermeinte auch, dass ich vielleicht ein Hexen-Meister sei,
allein ich bezeugte ihm mit vielen mir gar nicht schwer ankommenden Eydschwüren,
dass dieses meine angebohrne Stärcke also mit sich brächte, zerbrach auch vor
seinen Augen einen mehr als 6. mahl dickern Fenster-Stab in etliche Stücken,
worüber La Rosée in noch stärckere Verwunderung geriet, und mich zu einem
seiner besten Freude mit zu gehen bat, welchem er heute eine Visite zu geben
versprechen müssen. Ich liess mich leicht bereden, zumahlen da selbigen Abend
sonsten keine tüchtige Compagnie wusste. Demnach führete er mich in die Vorstadt
St. Marcel und zwar in ein nicht allzu ansynliches Hass, allwo in der Unter-Stube
des hinter- zwei ansehnliche Cavaliers im Brete mit einander spieleten, jedoch
bei des Le Rosée und meinem Eintritt alsobald aufsprungen, und uns aufs
höfflichste bewillkommeten.
    Sie liessen so gleich den köstlichsten Wein, nebst andern Delicatessen
auftragen, und weil noch ein ansehnlicher feiner Herr darzu kam, sassen wir da,
liessen die Gläser tapffer flanquiren und raisonnirten von lauter Etaats-Affair
en, so dass ich diese Herrn vor vollkommene Etaats-Leute gehalten, wenn mir la
Rosée nicht gesagt hätte, dass sie Officiers von demjenigen Regiment wären,
worunter er sich halb engagirt hätte. Der Wein hatte wegen seines ganz
besonders trefflichen Geschmacks, mir allbereits einen halben Tummel zu gezogen,
als plötzlich ein scheinbarer Officier mit 6. Mann in die Stube trat, und mit
brüllender Stimme sprach: Messieurs gebt euch auf Befehl des Königs in Arrest!
Ich vor meine Person, der dieses Tags wegen ein ziemlich gutes Gewissen hatte,
wusste nicht, was es bedeuten sollte, sah derowegen meine Zech-Gesellen an, und
fragte in aller Stille: Ob wir diesen Kerlen nicht die Hälse brechen wollten? La
Rosée sprach: Allerdings, sonst sind wir verloren.
    Auf dieses Wort, sprunge ich als eine Furie hervor, riss den Officier
plötzlich zu Boden, stiess einen andern mit dem Kopffe wieder die Wand, dass er
ohnmächtig wurde, den dritten aber mit einem ausgezogenen Stillet auf der Stelle
todt. Meine Zechbrüder brachten die übrigen 4. zwar glücklich zur Tür hinaus,
ersahn aber, dass noch mehr als 12. Mann im Hofe parat stunden, uns zu attaqui
ren. Jedoch zu allem Glücke war die Stuben-Tür inwendig mit starcken eisernen
Bändern und Riegeln versehen, derowegen wurde dieselbe, aufs beste verwahret,
hergegen schien meinen Compagnons das Durchwischen unmöglich, weil die 3.
Fenster mit eisernen Stäben allzu fest besetzt waren. Allein hierzu wurde bald
Rat, denn ich riss einen nach dem andern aus der Mauer, und also sprungen wir
auch einer nach dem andern zum Fenstern heraus. Diese waren nun zwar auch mit
einer geringen Mannschaft besetzt, allein ich schlug mich glücklich durch, und
kam ohnbeschädigt in meinem Logis an.
    Folgenden morgen besuchte mich einer von den gestrigen Zechbrüdern, der
sich, le Pressoir nennete, und brichtete: dass la Rosée nebst noch einem andern
dennoch von der Wacht attrapirt und ins Chastelet geführet worden, über dieses
wäre auch der Kerl, welchen ich mit dem Kopffe so hart an die Mauer gestossen,
crepiret, derowegen der beste Rat, wenn ich mein Quartier veränderte, weil man
mich hier leicht ausforschen und zu dem la Rosée setzen könnte. Demnach liess ich
mich von diesem Schein-Freund bereden, mit in sein eigenes Logis zu ziehen,
allwo ich schöne Gelegenheit, aber fast täglich solche Personen um mich hatte,
welche den Krams-Vögeln gar nicht, den Galgen-Vögeln aber desto ähnlicher sahen.
Le Pressoir brach endlich beim Truncke, und zwar, da wir ganz allein beisammen
waren, mit dem ganzen Geheimnisse heraus, dass nehmlich er und seine Gefährten
Cartouchianer, auf deutsch Mitgesellen der aller berühmtesten Spitz-Buben-Bande
unter allen wären, die dermahlen auf der ganzen Welt florirten.
    Ich erschrack hierüber von Hertzen, und zwar dermassen, dass mir der kalte
Schweiss austrat, denn im Augenblicke stelleten sich alle Gehenckten, Geräderten,
Gevierteilten, Gebrandmarckten, Gestäupten und dergleichen vor mein Gesichte,
die ich nicht nur von eben dieser Bande in Paris, sondern auch von Jugend auf an
andern Orten Mord und Diebstahls wegen executiren sehen. Le Pressoir merckte
einige Bestürtzung an mir, sagte derowegen: Schämet, euch Monsieur! bei so
vortrefflichen Leibes-Gaben ein solch feiges Gemüte zu haben. Bedencket doch
wer heute bei Tage sein Glück auf festen Fuss setzen will, muss wahrhaftig viel
Geld haben, die Art, wo mit wir selbiges zu erwerben suchen, scheinet zwar etwas
desperat und schimpflich, allein das letztere zumahl, ist eine leere Einbildung,
weil einige von den grösten Monarchen das Gewerbe, sich mit Gewalt zu
bereichern, öffentlich, wie armen Schlucker aber dasselbe nur heimlich treiben.
Ach! sprach er noch, es sind viele von unserer Bande hinweg geschlichen, die mit
ihrem darbei erworbenen Gute, teils in Deutschland, Engelland, Holland und
andern Ländern, sich auf Lebens-Zeit vergnügte Ruhe-Städte zubereitet haben.
    Solche Gespräche führeten wir biss in die Mitter-Nacht, ich versprach dem le
Pressoir die Sache zu beschlaffen, und dessfals Morgen mit dem frühesten den
Schluss zu fassen, ob ich mich ihrem Obristen wollte præsentiren lassen. Allein
mein Sünden-Maass lieff ohnedem schon über, und weil die Göttliche
Barmhertzigkeit vielleicht noch viele Grausamkeiten zu verhüten, mich aber zu
einiger Erkenntnis zu bringen gesonnen, fügte es dieselbe dergestallt, dass le
Pressoir diese Nacht ausgekundschaft, nebst mir im ersten Schlaffe überfallen,
gebunden und ebenfalls ins Chastelet geführet wurde.
    Hieselbst wurden mir alle meine Kleider biss auf die Hosen und Hembde
abgezogen, ingleichen der Barchent Gürtel, worin mein Gold und Kleinodien
vernehet waren, und den ich jederzeit auf dem blossen Leibe trug, abgerissen, so
dass von allen übelerworbenen Gute nichts in meiner Gewalt blieb, als ein kleiner
Diamant-Ring etwa 15. taler wert und dann 6. gehenckelte Gold-Stücke, die in
einer verborgenen Hosen-Ficken stacken, und etwa 30. taler austrugen. Man warff
mir zwar an statt meiner schönen Kleider etliche andere Stücke zu, welche
ohnfehlbar etwa ein gehenckter oder geräderter Dieb zurück gelassen hatte,
allein ich wollte selbige nicht eher anziehen, biss mir endlich des Nachts die
grimmige Kälte allen Eckel vertrieb, denn es war gar ein verzweiffelt kaltes,
stinckendes und niedriges Gewölbe im untern Stockwercke, worinnen man mich an
entsetzlich starcken Ketten gefangen hielt.
    Wenig Tage hernach wurde ich ins Verhör gebracht, allwo ich mich zwar, was
die Cartouchianer anbetraff, aufs beste zu verantworten suchte, allein um so
viel desto schlechter Gehör fand, ja die Sache wurde dergestallt eiffrig
getrieben, dass ich zu meinem Trost, ein vor allemahl den Bescheid bekam,
entweder binnen dreien Tagen reinen Wein einzuschencken oder der
allerentsetzlichsten Tortur gewärtig zu sein, zu desto grösseren Schrecken aber
musste dabei sein, da ein anderer, mir unbekanter Cartouchianer von zweien
Henckern aufs allerentsetzlichste gefoltert wurde, welches mir eine dermassen
heftige Empfindlichkeit verursachte, dass ich auf der Stelle hätte verzweiffeln
mögen.
    Nunmehro, so bald ich wieder in mein dunckeles Gefängnis geführet worden,
hielt mir erstlich der Satan die Kuh-Haut, ja ich möchte sagen eine Elephanten
-Haut vor, worauf alle meine von Jugend auf begangenen Sünden, mit den aller
kläresten aber desto nachdrücklichsten Schrifften angezeichnet waren. Dass
Eisen-Geschmeide an meinen Händen, Füssen und ganzen Leibe zu zerbrechen, war
mir eine ganz leichte Sache, ja ich trug dasselbe deutlich zu sagen meinen
Verwahrern nur zum Spotte. Alleine durch die Mauer zu brechen schien desto
unmöglicher, derowegen bewegte mich die ausserordentliche Gewissens-Angst zur
völligen Verzweiffelung, so dass ich gäntzlich beschloss, mich in folgender Nacht
ohne ferneres Bedencken selbst ums Leben zu bringen, es geschehe auch auf was
vor Art als es wolle. Denn, ohngeacht ich in meinen Gewissen der Cartouchianer
wegen ziemlich reine war, so propheceiete mir doch die Tortur, und dann das
gemeine Sprichtwort: Mit gefangen mit gehangen, ein klägliches Ende. Demnach
erwartete ich mit Schmertzen, biss der Kercker-Meister Nachts, um etwa 10. Uhr,
zum letztenmahle nach mir gesehen hatte, wandte hierauf mittelmässige Kräffte an,
und zerbrach binnen einer halben Stundte, nicht allein alles an mir habende
Eisenwerck, sondern drehete auch die Schlösser und gelencke von den Hand-und
Bein-Schellen glücklich ab, so dass ich mich hiervon völlig befreit befand.
Hierauf tappte mit den Händen nach einem Haacken herum, woran ich mich mich
vermittelst meiner Strumpff Bänder zu hängen suchte, indem aber warff der Mond
seine Strahlen durch ein Vierteil-Elen breites Lufft-Loch, welches jedennach
mit einem starcken eisernen Stabe verwahret war. Selbigen Stab riss ich mit
äuserster Mühe aus den Steinen heraus, weltzte einen grossen Klotz an das
Lufft-Loch und bemerckte: dass selbiges nicht über 6. oder 8. Elen hoch von der
Erde sei, derowegen setzte die Henckers-Gedancken etwas bei seite und versuchte,
ob das Loch nicht etwa binnen etlichen Stunden dergestallt auszubrechen und zu
erweitern wäre, dass ich hindurch wischen könnte; die Steine waren ziemlich mürbe,
also fing ich mit Hülffe des eisernen Stabes, die Arbeit dermassen hitzig an;
dass endlich binnen 2 oder drei Stunden das Loch durch die Mauer so gross als
nötig wurde.
    Nunmehro hielt ich freilich das fernere Uberlegen vor einen unnützen
Zeit-Verlust, warff derowegen den eisernen Stab, als ein höchstnötiges
Faust-Gewehr voraus, und schlupffte hinter drein. Der Sprung war höher herunter
geschehen, als ich mir dem Augenmasse nach eingebildet hatte, demnach prasselten
alle Rippen in meinem Leibe, weil ich sehr unsanfte auf das Stein-Pflaster
gefallen war. Jedoch die weit grössere Angst erstickte endlich diese etwas
kleinere und stärckte mich dermassen, dass ich nicht allein, noch eine 6. Elen
hohe Mauer überklettern, sondern auch vor anbrechenden Tage, im freien Felde,
einen Erdfall erreichen konnte, in dessen nicht allzu wohl verwahrte Höle ich
meinen zerstauchten Cörper schmiegte und denselben fast über und über mit Erde
bedeckte. Nachdem die Sonne bereits etliche Stunden geschienen, und ich mich
ziemlich weit ausser denen ordentlichen Strassen zu liegen vermerckte, das kalte
Lager aber fast nicht mehr ertragen konnte, zerriss ich meinen ohndem genung
zerfleischten Bettlers-Kittel noch mehr, und brachte alles in eine dermassen
unordentliche Ordnung, dass mich ein jeder nicht nur vor den allerärmsten
Bettler, sondern so gar vor einen rasenden Menschen ansehen musste. Wer mir
begegnet, lieff entweder aus dem Wege, oder warff beizeiten ein Stück Geld, Brod
oder andere Victualien entgegen, nur damit ich ihm vom Halse bleiben sollte, und
solchergestallt practicirte mich glücklich über die Französischen Gräntzen, biss
an den Rheinstrom, allwo mir, von dem annoch bei mir habenden Gelde, nunmehro
erstlich wieder ein Mühl-Purschen Kleid, Axt, nebst allem andern, was zu solchen
Stande gehörete, anschafte.
    Es liessen sich zwar immittelst in allen meinen Gliedern die Zeichen einer
bevorstehenden Kranckheit mercken, allein weil ich durchaus keine Lust hatte an
Catolischen Orten stille zu liegen, so setzte dennoch meine Reise biss in die
Wetterau fort, und fand daselbst bei einem guttätigen Müller, Gelegenheit,
etwas Artzenei zu gebrauchen, welche auch in so weit anschlug, dass ich nachhero
die Reise biss in meine Heimat mit ziemlichen Kräfften überstehen konnte.
    Mein ernstlicher Vorsatz war: von nun an meine Sünden zu bereuen, und so
bald ich mich zu Hause mit einem frommen Seelsorger bekandt gemacht, ein
christliches und GOtt wohlgefälliges Leben anzufangen, jedoch weil dieser
Vorsatz dem Teuffel ohnfehlbar heftig verdross, warff er mir eine abermahlige
Verhinderung darzwischen. Denn so bald ich in meiner Mutter Haus eintrat, machte
der nunmehro ziemlich alte und desto schlimmere Stief-Vater scheele Augen, und
gab unter seinen brummenden Worten so viel zu verstehen: dass ich bei demjenigen,
welchen ich vor etlichen Jahren das gute Geld geschickt, nunmehro auch die
Bären-Haut suchen, und darauf liegen könnte, so lange als ich wollte. Denn er
könnte leichtlich mercken dass ich mehr Ungeziefer als Ducaten mit brächte,
welches doch wirklich erlogen war. Jedoch meine sehr alte unvermögliche Mutter
empfing mich desto freundlicher, und sagte: ich sollte mich nichts anfechten
lassen, denn der böse Mann, welcher sie seit so vielen Jahren her als einen Hund
tractiret hätte, wäre nur darum so rasend, dass sie mit ihm kein Kind gezeuget,
vor weniger Zeit aber ein Testament gemacht, ihm nur, 100 fl. mir und meinen
Geschwistern hingegen nicht allein die Mühle, sondern auch alle beweglichen und
unbeweglichen Güter vermacht hätte. Ich liess also des Stief-Vaters verdrüssliche
Reden zu einem Ohre ein, und zum andern wieder heraus gehen, begegnete ihm auch
mit möglichster Höfflichkeit, allein da ich eines Tages darzu kam, und sah: wie
er meine arme alte Mutter aufs aller erbärmlichste tractirte, so, dass ihr das
klare Blut über das Gesichte lieff und demnach des erbärmlichen Schlagens kein
Ende werden wollte; fassete ich den Mörder beim Arme und stiess ihn zur Tühr
hinaus, meine Mutter aber hatte ich kaum ins Bette getragen und einigermassen
von Blute gereiniget, da der erboste Stief-Vater zurück kam und mich mit einem
grossen Prügel dermassen über den Rücken schlug, dass ich fast verzweiffeln
mögen, jedoch ehe er noch dergleichen Schlag wiederholen konnte, stiess ich ihn
zur Tür hinaus, so dass er rücklings eine kleine Treppe herunter stürtzte und
ohnmächtig liegen blieb.
    Es waren etliche Mahl-Gäste gegenwärtig, welche, das mir und meiner Mutter
zugefügte Unrecht mit angesehen hatten, also meinen Jachzorn um so viel desto
weniger missbilligen, dem ohngeacht meinen Stief-Vater mit Essig und andern
starcken Sachen wieder erquicken wollten, allein ob derselbige gleich die Augen
auf zutun und sich in etwas zu regen begunte, so wollte doch kein Verstand
wieder kommen, wir schickten nach dem Bader des Dorffs, der ihm eine Ader öffnen
und sonsten mit Artzeneien zu Hülffe kommen sollte, allein ehe die Mitternachts
Stunde einbrach, starb er unverhofft und plötzlich, weil, wie ich nachhero
erfahren, ihm das Rückgrad entzwei gebrochen war. Solchergestallt musste ich mich
auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde eiligst aus dem Staube
machen, und weil mir die erstere einen guten Zehr-Pfennig auf die Reise gab,
zugleich ein gut Pferd aus dem Stalle mit zu nehmen erlaubte, erreichte ich gar
bald einen sichern Ort, allwo biss zu Ausmachung dieser Sache in Sicherheit leben
könnte.
    Allein mein Gewissen fand sich von so häuffigen Blut-Schulden und andern
nicht viel geringern, dermassen bedrängt, dass ich erstlich in eine grosse
Tieffsinnigkeit, und bald hernach auch in ein gefährliches hitziges Fieber
verfiel, und binnen 14. Tagen, da solches an allerheftigsten gewütet, nicht
gewust, wie mir zu Mute gewesen. Ich habe mittlerweile nicht nur phantasiret,
sondern dergestallt heftig geraset, dass öffters 8. biss zehen der stärcksten
Manns-Personen mich kaum bändigen und vor dem Selbst-Morde bewahren können.
Endlich sehen sich die guten Leute gezwungen, mich mit starcken Stricken und
Seilen im Bette anzubinden, die ich aber nicht anders als vermodert Garn
zerrissen habe. Ein gleiches ist nachhero auch unterschiedliche mahl mit denen
angelegten Ketten und Banden geschehen, jedoch endlich hat ein Schmid die
stärcksten eisernen Bande verfertiget, auch die Mühe auf sich genommen, nebst
seinen Gesellen bei mir zu wachen, und meine Hände, so oft sie sich an dem
Eisenwercke vergreiffen wollen, mit Brenn-Nesseln so lange zu peitschen, biss mir
die Lust zum Zerbrechen nach und nach verschwunden.
    Hätte mich GOtt in diesem Zustande dahin sterben lassen, so wäre mein Leib
und Seele ganz gewiss ewig verdammt und verloren gewesen, allein seine
Barmhertzigkeit, die auch die allergrösten Sünder, auf allerhand Arten zur Busse
zu reitzen suchet, hat sich auch bei mir auf eine ganz besondere Art
offenbaret, und zwar unaussprechlich mehr als ich verdienet gehabt. Da ich also
einst in der Nacht, meinen völligen Verstand wieder bekam, und mich dergestallt
gefesselt und verwahret befand, anbei nicht anders glaubete; die Gerichten
hätten wegen des meinem Stief-Vater verursachten Todes, diese Sorgfalt, mich
fest zu halten, angewendet, fing ich aufs erbärmlichste zu seuffzen und zu
klagen an und bat die Anwesenden mit Tränen, mir die Hände und Füsse nur auf
eine eintzige Stunde frei zu lassen, damit ich so lange Zeit ein wenig auf der
Seite liegen könnte, denn mein Rücken war fast lauter roh Fleisch, und brennete
dermassen schmertzlich, als ob lauter glüende Kohlen unter mir gelegen hätten.
Allein man trauete mir nicht, sondern ich musste die Marter noch so lange
erdulden biss, des Morgens früh noch etliche starcke Leute ankamen, um meiner
Gewalt auf den Not-Fall desto besser zu wiederstehen. Aber die guten Leute
hätten dergleichen Furcht nicht nötig gehabt, denn ich war nunmehro weit
unkräfftiger als eine Fliege, und gab die vernünftigsten und besten Worte,
erfuhr immittelst zu einiger Beruhigung, dass ich keines Verbrechens, sondern nur
meiner Raserei wegen geschlossen worden. Man legte mich auf die Seite, weswegen
ich in etwas Ruhe und Linderung empfand, bald darauf aber folgende Gedancken
bekam: Du gerechter GOtt! wie lang und grausam schmertzlich ist mir nicht die
vergangene halbe Nacht vorgekommen, da ich mich doch nur auf den Rücken etwas
durchgelegen habe? was ist dieses kurtze Stück der Zeit gegen die unendliche
Ewigkeit, und was sind diese Schmertzen gegen die unaussprechliche Pein zu
rechnen, die allen Gottlosen, ja allen solchen, die noch wohl 1000 mahl weniger
Sünde als ich begangen haben, bereitet ist. Nun fiel mir auf einmal wieder ein,
was ich in meiner Jugend von dem jüngsten Gerichte, von der ewigen Höllen-Quaal
und Straffe der Gottlosen, predigen, singen und sagen hören, ingleichen
præsentirten sich vor meinen Augen alle diejenigen Personen, die ich im Zorn ums
Leben gebracht, verwundet, bevorteilet, oder sonsten beschädiget hatte, welches
alles in meinem Gemüte einen dermassen heftigen Auflauff verursachte, dass mir
der Angst-Schweiss ausbrach, und ich mich vor Schrecken, Furcht und Elende nicht
zu lassen wusste, ja weil ich erwog wie schändlich ich das, bei ehemahliger
Kranckheit getane Gelübte gebrochen, so zweiffelte fast, dass GOtt mein ferneres
Gebet anhören, vielmehr mich, als einen unnützen Knecht, der sich niemahls ein
rechtes Gewissen gemacht GOtt, seine Diener und Nächsten zu betrügen, dem
Teuffel in die Klauen und in den ewig brennenden Höllen-Pfuhl übergeben und
verstossen würde.
    Meine verpfleger vermeinten vielleicht, es rühre dieser Zufall von dem,
aufs neue ausbrechenden Fieber her, liessen derowegen den Artzt ruffen, welcher,
da ich mich ganz und gar nicht begreiffen konnte, mir mit Gewalt einige starcke
Artzeneien eingoss, jedoch da sich meine Sinnen nur ein klein wenig erholet,
verlangete ich nach einem Priester, so bald derselbe kam, musste man mich mit ihm
alleine lassen, und nach dem ich ihm ein offenhertziges Bekändtniss meiner
Gewissens-Marter abgelegt, wie nehmlich dieselbe mich weit heftiger quälete als
die leiblichen Schmertzen, wandte dieser erleuchtete Mann das äuserste an mir,
die Verzweiffelung aus dem Sinne, hergegen neue Busse, neuen Glauben und neue
jedoch ernstliche Lebens-Besserung einzu predigen. Es hat GOtt sei tausendmahl
Danck, ihm und mir gelungen, denn nachdem er alle Zeichen eines verbesserten
Gemüts wahrgenommen, reichte er mir das heil. Abendmahl, besuchte mich auch so
lange, biss die Kranckheit gäntzlich vorüber war, und ich wiederum in die freie
Lufft gehen konnte. Nunmehro war die Haupt-Sache zwar gehoben, jedoch erregte der
Satan fast täglich noch einen zweifel in meiner Seelen, an der vollkommenen
Begnadigung GOttes und Vergebung meiner Sünden, derowegen besuchte ich den
Frommen Priester fast täglich ein oder ein paar Stunden, unn bekam von ihm die
allerkräfftigsten Tröstungen, ausser diesen schenckte er mir eine kleine
Hand-Bibel, ein Gesang Buch, worinnen er mir die kräfftigsten Buss- und
Trost-Lieder ordentlich bezeichnete, Joh. Arends Paradiess-Gärtlein, dann noch
das vortreffl. Buch: Mayers verlohrnes und wieder gefundenes Kind GOttes,
recommendirte mir auch über diese noch einige andere erbauliche Bücher, die er
schrifftl. aufsetzte. Ich folgte seinen gegebenen Rat aufs allergenauste und
habe nach der Zeit fast keinen Tag versäumet, in dergleichen Büchern sehr
fleissig zu lesen und meinen Lebens-Wandel darnach einzurichten, wie ich denn
auch alle dieselben mit auf diese Insul gebracht habe, und sie vor meinen
allerbesten Schatz halte.
    Der vortreffliche Geistliche wollte durchaus keine Belohnung vor seine mit
mir gehabte Mühe von mir annehmen, ich habe ihm aber dennoch, nachdem ich
albereit mit tränenden Augen Abschied von ihm genommen, 20 harte Taler von
demjenigen Gelde, welches mir meine Mutter mit auf die Reise gegeben, durch die
Post übersendet, und hertzlich gebeten, sich zu meinem Angedencken andere
geistl. Bücher darvor zu kauffen. Die andern ehrlichen Leute, die mich in meiner
Kranckheit so wohl besorgt, habe ich auch von dem Gelde, welches ich vor mein
verkaufftes Pferd eingenommen, erkäntlich bezahlet, also nicht mehr als noch
etwa 30 Tl. übrig behalten. Dieses wenige, aber mit guten Gewissen besitzende
Vermögen, beschloss ich zurahte zu halten, mich vor allen Gottlosen liederlichen
Leben, sonderlich vor dem verdamten Spielen und Sauffen, Zeit Lebens zu hüten,
hergegen mein Brod, auf dem, von Jugend auf ehrlich erlernten Handwercke, zu
gewinnen, und zu erwarten, ob mir GOtt etwa hier oder dar in einem frembden
jedoch Luterischen Lande, etwa eine beständige Ruhe-Städte verschaffen wolle:
damit ich nicht Ursach hätte selbige in meinem Vaterlande, als welches mir nicht
allein der letzten verdriesslichen, sondern auch anderer ärgerlichen Begebenheiten
wegen, eckel war, zu suchen. Unter solchen Absichten schrieb ich meinem Vetter,
das an ihm übersandte Capital halb an eine arme Kirche und die andere Helffte an
ein gewisses übel besorgtes Hospital zu wenden. Meine Mutter bat ich
gleichfalls dasjenige, was sie mir an Erbteile zugedacht, an geistliche
Stifftungen zu legen, indem ich entweder gar nicht, oder doch nur deswegen
wieder eine Reise in meine Heimat vornehmen würde: zu vernehmen ob man in
diesem Stücke meinem Willen nachgelebt hätte; denn die Sache wegen meines
Stief-Vaters, war schon mit 120. Tl. baaren Gelde vor den Gerichten völlig
ausgemacht worden, weiln mehr als 7. Zeugen vorhanden gewesen, die mit Wahrheit
bekräfftigen können: dass ich weder mutwillige Händel an ihm gesucht, noch ihm
freventlicher hergegen recht abgenöhtigter weise und recht wieder meinen Willen,
zum Tode befördert hätte.
    Demnach hielt ich mich bei nahe noch andertalb Jahr in einer berühmten
Fluss-Mühle auf, legte bei deren neuer Erbauung nich allein viel Ehre ein,
sondern bekam auch von dem Eigentums Herrn ein ansehnliches Stücke Geld. Indem
mich aber ein junger Norwegischer reicher Mühl-Pursche inständig bat: mit in
sein Vater-Land zu reisen und seine Erb-Mühle, die noch weit mehrere Einkünfte
als erwähnte hätte, auf eben die Art einrichten zu helffen. Liess ich mich
bereden mit ihm nach Norwegen zu reisen. Allein der gütige GOtt, den ich von
weniger Zeit her täglich inbrünstig anbetete, führete mich unterweges zu dem
Herrn Capitain Wolffgang, dessen unvergleiche Beredsamkeit mein Vorhaben
verrückte, und mir die Reise zur See, als das allerangenehmste Pflaster zur
Heilung, meiner in Europa selbst verursachten alten Schäden, darlegte. Derowegen
nahm mir kein Bedencken, meinem Gefährten die Zusage aufzukündigen, und diesem
vollkommen redlich scheinenden Manne zu folgen, der mich auch in der gemachten
Hoffnung keines Wegs betrogen, sondern noch vielmehr gehalten, als er
versprochen hat.
    Zu ihnen, meine Herrn! sagte nunmehro unser guter Müller, habe ich aber
hierbei das vollkommene Vetrauen, dass sie mich wegen meines
aufrichtigerstatteten Berichts, der meine Person bei manchen Europæer vielleicht
verächtlich machen würde, um so viel desto besser achten werden, denn ein
Mensch, der vorhero ein Schelm gewesen und nachhero fromm worden ist, nach dem
Winckel-Masse der Vernunft vor besser zuhalten, als 1000 andere, die sich zwar
fromm und ehrlich stellen und doch Schelme in der Haut bleiben. Es hat mich
niemand gezwungen ihnen die wahrhaften Umstände meiner begangenen Bosheiten zu
erzählen, ich habe auch dieserwegen hiesiges Orts keine Zeugen, als den einigen
GOtt, und mein Gewissen über mich zu fürchten gehabt. Sie aber sollen hinfüro
allerseits Zeugen, meines, nach menschlicher Möglichkeit zu führenden,
christlichen Wandels sein; weiln ich von der ersten Minute an, da mein Fuss diese
glückselige Insul beschritten: allererst eine vollkommene Gemüts-Beruhigung
gefunden und nunmehro auch dieselbe durch eine glückliche Heirat, leiblicher
weise, im höchsten Grad erreicht habe. GOtt segne meiner Hände Werck allhier, zu
ihrer aller und meinem fernern Vergnügen, dergestallt, dass ich der mir erzeigten
Freundschaft und Güte immer würdiger werde, denn nichts als der Todt soll mich
ungeschick machen, ihnen meine beständige Ergebenheit spüren zu lassen. Indessen
will ich ihnen doch den Gedenck-Spruch, den mir mein lieber Beicht-Vater nach
der letzten kranckheit eingeprägt, zum beschluss meiner Erzehlung melden, er
lautet also:
Sprich, Teuffel, was du wilst, ich falle GOtt zu Fusse
Das Böse nicht mehr tun ist doch die beste Busse
Hinfüro tugendhaft, dem Nechsten nützlich sein
Tilgt alte Schulden aus und macht mich Engel rein.
    Der Alt-Vater nahm hierauf unsern Philipp Krätzer bei der Hand und sagte:
Mein lieber Sohn! Unser Heiland tut uns in der heil. Schrifft klärlich zu
wissen, was vor Freude im Himmel sei über einen Sünder der Busse tut; derowegen
müste derjenige ein Gottesvergessener ruchloser Mensch sein, welcher euch als
einen solchen Menschen, an dem GOtt seine heilsame Gnade ganz sonderbar
offenbahret hat, geringer als andere Menschen achten wollte. Wenn wir ingesammt
unser Gewissen fragen und nach dem Gesetze prüfen, so wird sich wohl kein
einziger finden, der sich eines besondern Vorzugs vor andern sündhaften
Menschen rühmen kann. Ach ich befürchte leider, dass Manasse, Paulus und andere
dergleichen Heilige, an jenem Tage zwar genung Sünden- aber nicht so viel Buss-
Genossen antreffen werden.
    Unter solcherlei Gesprächen rückten endlich die düstern Abend-Stunden
herbei, weswegen alle Auswärtigen von den werten Stephans-Raumer Freunden, vor
alles genossene Vergnügen, danckbarlicheu Abschied nahmen, und sich auf den Weg
zu ihren eigenen Wohnungen begaben. Dergestallt erreichte nun auch der Altvater
nebst seinen Haus-Genossen seine Beqvemlichkeit auf der Alberts-Burg, indem wir
uns ingesammt bald darauff zur Ruhe begaben. Einige Tage hernach, da der
Drechsler Herrlich, mir einen wohlgemachten Bauer vor meinen schönen Vogel
überbrachte, und zur Danckbarkeit von dem Altvater mit dem allerbesten Weine
tractiret wurde, liess sich derselbe von mir bereden, dem Altvater zum
Zeitvertreibe seine, nehmlich
 
                   Des Drechsslers herrliche Lebens-Geschicht
zu erzählen, und zwar folgender massen:
    Ich bin fieng er an, im Jahr 1693. in einem kleinen Städtgen, von armen
Eltern erzeuget worden, denn mein Vater ernehrete sich, meine Mutter und mich,
als sein eintziges Kind, mit Handlangen und Botschaft lauffen, brachte aber
doch damit immer so viel vor sich, dass wir nicht allein satt zu essen, sondern
auch notdürfftige Kleider anzuziehen hatten, so bald aber ich kaum mein
zehendtes Jahr erreicht, spannete mich mein Vater schon zu allerhand Arbeit an,
hergegen wurde an gar kein Schulgehen gedacht, sondern mein Vater war vollkommen
zufrieden, dass mir die Mutter das Vater Unser, den christlichen Glauben, die
Tisch-und etliche andere Gebete nach der Larve herbeten gelernet, meinte auch,
mit den übrigen Glaubens-Articuln hätte es schon noch Zeit, biss das Jahr herzu
käme, da dergleichen Jungens zum Abendmahle gehen müsten, denn seine Eltern
waren mit ihm auf gleiche Weise verfahren, und hatten ihm weder schreiben noch
lesen lernen lassen.
    Mittlerweile fügte sichs: dass mein Vater, bei einem vornehmen Manne, der ein
neues Haus bauen liess, ein gut Stück Arbeit bekam, woran meine Mutter und ich
mit Hand anlegen mussten, weil nun dessen Kinder, wenn ihr Informator dieselben
in das neue Haus spazieren führete, sich öffters mit mir ins Gespräch
einliessen, so bat ich einsmahls den jüngsten, mir ein fein gross Buch zu
schencken, denn ich hätte gute Lust das Lesen zu erlernen. Der Knabe fragte
mich, ob ich denn in die Schule gienge, und wer mir das Lesen lernen sollte? Ich
aber gab zur Antwort: zum Schulgehen hätten wir kein Geld, dem aber ohngeacht,
wollte ich das Lesen doch wohl lernen, wenn ich zusähe wie es andere Leute
machten. Er fieng an zu lachen, und erzehlete mein Gespräche seinen zweien
andern Brüdern, welche mir ein schön gross Buch zu schencken versprachen, wann
ich auff den Abend vor ihre Tür kommen, und selbiges abholen wollte. Ich war
nicht faul, sondern ging zu bestimmter Zeit hin, empfieng auch, von ihnen einen
sehr grossen Folianten von zusammen gebundenen Leichen-Predigten, und versteckte
selbigen, aus Furcht vor meinem Vater, zu Hause unter die Treppe.
    So bald mein Vater früh Morgens um die gehörige Zeit an die Arbeit gegangen,
mir und meiner Mutter nachzukommen befohlen, nahm ich mein Buch unter den Arm,
ging nach der Stadt-Schule zu, und erkundigte mich, in welcher Stube der
oberste Schulmeister Schule hielte. Indem mich nun ein jedweder, und zwar nicht
ohne trifftige Ursachen, vor einen einfältigen, ja sehr dummen Jungen hielt, und
vermeinte, ich hätte das grosse Buch etwa an den Rector zu bringen, so wiese
man mich in Prima, allwo ich nach zweimahligen Anklopffen, die Türe selbst
eröffnete, mit baarfussen Beinen und abgenommener Mütze hinein trat, dem Rector
aber ganz dreuste und ohne alle Weitläufftigkeit, mit diesen Worten anredete:
Guten Tag Herr! die Leute haben mir gesagt, dass ihr der oberste Schulmeister
seid, und den Jungens mehr lernet als die andern kleinen Schulmeisters, darum
wollte ich euch bitten, ihr soltet mich vor Geld und gute Worte lesen lernen,
denn ich habe mir 5. Groschen weniger einen Dreier Geld gesammlet, das will ich
doch dran wagen, wenn es fein bald geschehen kann, weil ich nicht viel Zeit
drauff wenden kann, denn mein Vater braucht mich alle Tage notwendig, dass ich
ihm muss helffen Steine auslesen, und in den Schubkarn schmeissen. Die in der
Classe sitzenden grossen Kerls, fiengen über meine kauderwelsche Rede, gräulich
zu lachen an, jedoch nachdem ihnen der Rector mit einer ernstaften Gebärde das
Stillschweigen auferlegt, fragte er mich sehr freundlich: Mein Sohn, wer hat
dich hergeschickt? Es hat mich niemand hergeschickt gab ich zur Antwort, sondern
ich bin von mir selbst gekommen, weil ich Lust habe vor Geld und gute Worte in
diesem Buche lesen zu lernen. Es ist gut, mein Sohn, versetzte der Rector,
allein gehe hin und bringe erstlichen ein kleines A.B.C. Buch her, so will ich
vor dich sorgen, dass du lesen lernest. Nein! sprach ich, das ist mir ungelegen,
ich mag mich mit keinem kleinen Buche herum hudeln, sondern ich will gleich aus
diesem grossen Buche lesen lernen, und zwar vor mein gut Geld, welches ich euch
den Augenblick geben will, so bald ich nur erstlich so gut, als die grossen
Bengels, lesen kann, die dort herum sitzen. Die Schüler fiengen aufs neue zu
lachen an, und der Rector selbst wurde ein wenig zum lächeln bewogen, welches
mich dermassen verdross, dass ich mit zornigen Geberden sprach: Ich habe gedacht
an einen klugen Ort zu kommen, und treffe doch alberne Leute an, wollet ihr mich
nicht lesen lernen, so lasst es bleiben, und lachet über euch Narren selbst, so
lange ihr könnet. Hiermit setzt ich meine Mütze auf unn wollte wieder fort gehen,
allein der Rector nahm mich beim Arme und sagte: Mein Sohn, werde nicht böse,
sondern setze dich hier auf diese kleine Banck, ich will dich das Lesen umsonst
lehren, und dir noch Geld darzu geben. Ich sah ihn starr in die Augen, um zu
erforschen ob es sein Ernst sei, liess mich aber endlich bereden ihm zu
gehorsamen, da er denn alsobald den Folianten selbst auffschlug, mir zuerst 4.
Buchstaben zeigte und befahl, dieselben wohl zu mercken, noch mehr dergleichen
in dem grossen Buche zu suchen, und ihm nachhero dieselben zu weisen. In einer
Vierteils-Stunde hatte ich nicht nur alle wohl ins Gedächtnis gefasset, sondern
auch auf allen Seiten des Buchs, noch viele dergleichen mit den Nägeln
gezeichnet, weswegen mir der Rector vier neue, und bald hernach abermals 4.
neue kennen lernete, so dass ich binnen einer Stunde schon das halbe A.B.C. inne
hatte. Mittlerweile setzte er seine Lection bei den grossen Schülern immer fort,
und nachdem die Stunde verflossen, gab er ihnen die ernstliche Vermahnung mich
nicht auszuhönen, weil er seine besondern Absichten auf mein besonderes Naturell
hätte; ich aber hatte auch meine besondern Gedancken und merckte wohl, dass
dieses kein Lesen hiesse, konnte also nicht umhin, ihm ins Gesichte zu sagen: Er
möchte mich mit vielen Weitläufftigkeiten verschonen, denn ich hätte keine Zeit
zu verliehren, sondern wollten fein bald fertig sein, damit mich mein Vater bei
seiner Hand-Arbeit brauchen könnte. Hierauff führete er mich bei der Hand in sein
Haus, erkundigte sich nach meinen Eltern, und liess in der Mittags-Stunde meinen
Vater und Mutter zu sich kommen. Was er mit ihnen gesprochen, habe ich nicht
angehöret, denn ich musste unterdessen mit seinen zwei, 8. biss 10. jährigen
Kindern, essen, nachhero aber sagte mein Vater und Mutter: Ich sollte hinfüro
nicht mehr Handlangen helffen, sondern bei dem Herrn Rector bleiben, und ihm in
allen gehorsam sein, so lange biss ich vollkommen lesen könnte. Wer war froher und
vergnügter als ich, zumahlen da mir der gute Rector ein abgelegtes Kleid von
seinem ältesten Sohne zurechte machen liess, und mich also vom Haupte biss auf die
Füsse recht reputirlich bekleidete. Ein grosser Schüler, der des Rectors Kinder
täglich ein paar Stunden informirte, musste auch allen Fleiss an mich wenden,
welches denn so viel verursachte, dass ich binnen wenig Wochen nicht allein
vollkommen lesen, sondern auch etwas weniges schreiben lernete. Der gute Rector
selbst sparrete keinen Fleiss noch Kosten, mich zu fernern Studiren anzuhalten,
in Meinung, dass hinter der grossen Lust welche ich zum lesen und schreiben
bezeuget, vielleicht noch eine höhere verborgen stäcke; er fand sich aber
betrogen. Denn so leichte mir biss daher alles angekommen war, so schwer fiel mir
nachdem, das Latein in den Kopff zu bringen, ja ich konnte mit Mühe und Not kaum
so viel fassen, endlich in meinem 15ten Jahre in Secunda zu kommen. Zu Hause
rühreten meine Hände aus eigener Bewegung kein Buch an, hergegen war mein
eintziges Vergnügen, ein und andere Stückgen Holtz auszusuchen, und recht
verwunderens-würdige Narren-Possen daraus zu schnitzen.
    Jedoch weil ich mich sonsten in des Rectors Hause jederzeit dienstfertig,
gehorsam und getreue finden lassen, nahm mich derselbe eines Tages vor, und
sagte: Mein lieber Junge! ich habe nunmehro wieder mein Vermuten vollkommen
angemerckt, dass aus dir schwerlich ein Gelehrter werden wird, denn du bist ein
Holtz-Wurm, und hast mehr Lust zu schnitzeln und hacken, als zum Latein und
andern gelehrten Ubungen, derowegen sage nur frei heraus, ob dir beliebig ist
ein Zimmermann, Tischler, Drechssler, Bildhauer oder dergleichen zu werden, so
will ich nebst andern gutertzigen Leuten Sorge tragen, dass du zu einem guten
Meister, von dieser Professionen einer getan wirst, und dieselbe Zunftmässig
erlernest. Ich war vor Freuden ganz ausser mir selbst, da ich den Rector also
reden hörete, bat derowegen mich entweder zu einem Drechsler oder Bildhauer zu
bringen, weil sich zu diesen beiden Professionen bei mir die meiste Lust fände,
also wurde meinem eigenen Triebe gewillfahret, und ich bei einem Drechssler
auffgedungen, weil der Bildhauer vors erste allzuviel Lehr-Geld forderte, vors
andere aber zu verstehen gab, dass er, als ein betagter Mann, keine besondere
Lust mehr hätte Jungens anzunehmen, indem er schwerlich glaubte, noch 5. Jahre,
als so lange ich stehen sollte, zu überleben. Zum Lehr-Gelde und Bette durfften
meine Eltern nicht eines Hellers wert Beitrag tun, denn mein guttätiger
Rector, legte in aller Stille, unter einigen, so wohl einheimischen als
auswärtigen guten Freunden, eine kleine Lotterie zum Lust-Spiele an, worbei die
Einlage 3. Ggr. der beste Gewinst aber 12. Tlr. war, und von diesem Spiele
tröpffelte also so viel ab, jedoch mit vorbewust aller Interessenten, denen die
richtige Einteilung vorgelegt wurde, dass mein völliges Lehr-Geld heraus kam.
Ich gewann mit 2. Loosen selbst 2 Tl. 16. Ggr. darbei, bekam auch von einigen
Wohltätern so viel geschenckt, dass davon, in den ersten 2. Jahren,
notdürfftige Kleidung und Wäsche anschaffen konnte.
    Nachdem meine Lehr-Jahre verflossen, und ich noch etwas Zeit darüber, bei
dem Lehr-Meister geblieben, anbei im Stande war, hinfüro meinen Lohn in der
Frembde redlich zu verdienen, begab ich mich endlich auf Reisen, und war binnen
11. Jahren immer so glücklich bei den besten Meistern Arbeit zu bekommen,
sonderlich aber die künstlichsten Sachen aus Helffenbein und Messing drehen zu
lernen, über alles dieses, hieng ich meiner ehemaligen Lust zur Bildhauerei
annoch sehr nach, und machte bei müssigen Stunden genaue Kundschaft mit einem
alten beweibten Bildhauer Gesellen, der mir vor ein leichtes Geld, die Kunst zu
zeichnen, nebst den besten Vorteilen in ihrer Arbeit lehrete, und weil ich, wie
bereits gemeldet, nicht allein gute Lust, sondern auch ein natürliches Geschicke
darzu hatte, so brachte es nachhero darinnen ziemlich weit. Endlich da ich mir
binnen besagter Reise-Zeit ein Capital von fast andertalb hundert Talern
gesammlet, kam mir die Lust, meine Vaters-Stadt zu sehen, wieder an. Meine
Mutter war bereits vor etlichen Jahren gestorben, der Vater aber hatte sich
seines Alters und Unvermögens wegen, vor alle sein erspaartes Gut ins Hospital
eingekaufft, mein Wohltäter der Rector aber lebte, ohngeacht seines hohen
Alters, mit seiner Frauen annoch sehr vergnügt, und bezeugte eine besondere
Freude, da er mich in so guten Stande wieder kommen sah, welche Freude nicht um
ein geringes vermehret wurde, da ich ihm unterschiedliche Raritäten nicht allein
von künstlichen, sondern auch natürlichen Sachen mit brachte, indem mir bewust
war: dass er selbst eine artige compendieuse Naturalien-Cammer besass, und
dergleichen Sachen wegen, mit den vornehmsten Leuten Correspondenz führete. Der
ehrliche Mann gestunde mir etwa ein halbes Jahr hernach, dass er aus meinen
Sachen bei nahe hundert Taler gelöset, bot mir derowegen die Helffte solches
Geldes zu meinem Bürger- und Meister- Rechte in selbiger Stadt an, da ich aber
durchaus nichts annehmen wollte, sondern zu erkennen gab, wie er nächst GOtt
allein derjenige sei, welchem ich alles was ich im Kopffe und im Leben hätte zu
dancken schuldig, so versprach er dagegen meinen alten Vater, Wöchentlich 3.
Tage von seinem Tische zu speisen, auch ihm, wie bisher schon geschehen, alle
Sonntage ein Nössel Wein zur Stärckung, und zwar auf Lebens-Zeit zu reichen.
Allein mein lieber alter Vater starb etwa 8. Monat hernach, ich aber erhielt mit
grosser Mühe die Erlaubnis, ihm auf dem Hospitals Kirch-Hofe eine
Gedächtnis-Tafel, die ich mit eigener Hand so künstlich als mir möglich war
verfertigte, auffzurichten. Selbige Tafel, war 2. Ellen hoch, fast eine Elle
breit, und zeigete in einer ausgeschnjetzten Devise das Bildnis Christi, vor
welchem mein Vater, nach allen seinen Lineamenten abgebildet, auf den Knien lag,
und mit den Händen 4. Gewicht-Stücken, auf deren jeden das Zeichen 1. Centn.
bemerckt, an ihren Rincken hielt. Von seinem Munde an, waren in zweien Zeilen
folgende Worte ausgeschnjetzt: HErr! du hast mir zween Centner getan; siehe da,
ich habe mit denselben zween andere gewonnen. Aus dem Munde des Welt-Heilandes
aber, der in seiner rechten Hand einen Oehl-Zweig, und in der lincken einen
Reichs-Apffel hielt, flossen diese Worte: Ey du frommer und getreuer Knecht, du
bist über wenig getreu gewesen; ich will dich über viel setzen. Gehe ein zu
deines HERRN Freude. Zu oberst hatte ich die himmlische Glorie, unten auf der
Erden herum aber, meines Vaters Handwercks-Zeug, nehmlich einen Boten-Spiess,
Grabscheit, Schauffel, Hacke, Schubkarn und dergleichen, sehr sauber
ausgeschnjetzt, ferner einige Nachricht von seiner Person, Geburts- und
Sterbens-Zeit und endlich folgenden Biblischen Spruch gesetzt: 1. Cor. 1. »v.
26.-29. Nicht viel Weisen nach dem Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel
Edele sind beruffen; Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat GOTT
erwählet, dass er die Weisen zu schanden mache; und was schwach ist vor der Welt,
das hat GOTT erwählet, dass er zu schanden mache was starck ist, und das Unedle
vor der Welt, und das Verachtete hat GOTT erwählet, und das da nichts ist, dass
er zunichte mache was etwas ist: Auf, dass sich vor ihm kein Fleisch rühme.«
    Wie gesagt, es hielt gleich anfänglich sehr hart, ehe ich die Erlaubnis
bekam, einem so schlechten Manne, wie mein Vater gewesen, dergleichen
Ehren-Gedächtnis aus kindlicher Liebe zu setzen, nachdem ich aber dieserwegen
12. Taler in die Hospitals-Kirche gezahlet, bekümmerte sich weiter niemand
drum. So bald ich nun selbiges mit standhaften Farben zierlich ausgemahlet, die
Schrifften mit feinem Golde vergüldet, und das ganze Stück Morgens in aller
früh, durch einen Schlösser an die Mauer hefften lassen, gab es gleich, noch ehe
es Mittag wurde, einen ziemlichen Lermen bei einigen Geistlichen, noch mehr aber
bei den vornehmsten Personen in der Stadt; so dass mich gleich nach der Mahlzeit
der Ober-Pfarrer zu sich ruffen liess, und in Gegenwart des regierenden
Burgemeisters, wie auch des Hospital-Vorstehers befragte: Wer mir die Erlaubnis
gegeben vor meinen Vater, der zwar ein ehrlicher Mann, jedoch nur ein armer
Tagelöhner gewesen, ein so prächtiges und kostbares Epitaphium zu setzen? Ich
gab hierauff zur Antwort, dass damit nicht der geringste Pracht, sondern nur eine
Marque meiner kindlichen Liebe, und nechst diesen meiner wenigen erlangten
Geschicklichkeit, gesucht würde, die Kostbarkeit wäre sehr geringe, indem ich
nicht mehr als etwa 20. Ggr. vor Farben und Gold dran gewendet, die Arbeit aber
vor gar nichts rechnete, über dieses, da mein Vater nach Aussage seines
Beicht-Vaters, und zwar in Erwegung dessen, dass er kein Schrifftgelehrter
gewesen, ein besonderes löbliches Ende genommen, als ein frommer Christ auf das
Verdienst Christi gestorben, auch ihrem eigenen Zeugnisse nach als ein redlicher
Mann gelebt, so sähe ich nicht, warum man ihm und mir dergleichen
Ehren-Gedächtnis nicht gönnen wolle. Sie fertigten mich hierauff mit dem
Bescheide ab: Die Sache käme ihnen etwas spitzig und verdächtig vor, erforderte
also fernere Uberlegung und Untersuchung, ich sollte inzwischen gehen und
weiterer Verordnung gewärtig sein. Wenig Tage hernach, schickte mir der
Burgemeister einen schrifftlichen Befehl zu, des Innhalts: Ich sollte ohne
ferneres Einwenden, und zwar bei 10. Tlr. Strafe, binnen 24. Stunden, das
Väterliche Epitaphium selbst herunter nehmen; alldieweilen selbiges, bei ein und
andern Leuten, viele anzügliche Reden und Anmerckungen, nebst diesen noch andere
Bedencklichkeiten verursachte: oder gewärtig sein, dass solches auf den
Verweigerungs-Fall, durch andere Personen abgeworffen würde. Ich konnte mich
ganz und gar nicht darein finden was die eigensinnigen Leute darunter suchten,
zog derohalben nicht allein meinen Pflege-Vater den Rector, sondern auch den
untersten Stadt-Priester, als meinen Beichtvater, ingleichen einen klugen
Advocaten zu Rate, welche mich sämmtlich instigirten, dessfalls von dem
Burgemeister nähere Erklärung zu fordern, immittelst aber allenfalls, wieder die
Herabwerffung des Bildes solennissime zu protestiren, und mich auff den
Ausspruch des Ober-Consistorii zu beruffen, worbei sich der Advocat sogleich
erbot, meine Sache den Rechten nach auszuführen, und mir vor allen Schaden zu
stehen. Demnach wurde ich ohnvermutet in einen Prozess verwickelt, und zwar
gegen sehr gewaltige Leute, jedoch ich gewann denselben, solchergestallt: dass
nicht allein meines Vaters Epitaphium stehen bleiben, sondern auch mein
Gegenpart mir alle verursachten Kosten ersetzen musste. Ich hätte damit zufrieden
sein, und fein geruhig leben können, zumahlen da die Leute der Stadt, ein gutes
Concept von meiner wenigen Geschicklichkeit fasseten, und mir nach und nach viel
Geld zuwendeten, allein eine heimliche Rachgier verleitete mich zu allerhand
losen Streichen. Denn als mir hernachmahls ein und andere in die Stadt-Kirche
bedürfftige Drechsler-Arbeit verhandelt worden, konnte ich meinen Lohn nicht eher
empfangen, biss mich, auf des Ober-Pfarrers und des Kirchen-Vorstehers ungestümes
Zureden, endlich erklärete in den Kauff, noch ein ausgschnjetztes Bild über den
Beicht-Stuhl zu machen. Man gab mir dieserwegen einen Kupffer-Stich vom
Pharisäer und Zöllner im Tempel, ich wandte vielen Fleiss dran, muss aber selbst
offenhertzig bekennen, dass unter dem Bilde des Pharisäers: unser Ober-Pfarrer,
und dann unter dem Zöllner: der Kirchen-Vorsteher, beide nach ihrer eigentlichen
Physiognomie, dergestallt accurat getroffen waren, als ob sie leibeten und
lebten. Es fehlete nicht viel, man hätte mir dieserwegen einen neuen Prozess an
den Hals geworffen, denn der Burgemeister war mein abgesagter Feind geworden,
jedoch es mochte ein gewisser kluger Mann ins Mittel getreten sein, welcher
durch einen andern Bildhauer und Mahler die Gesichter ganz und gar verändern
lassen, so dass sich weiter niemand beschweren durffte. Bei herannahenden
Weihnachts-Feste, da meine Handwercks-Genossen gemeiniglich allerhand Spiel- und
Possenwerck vor die Kinder zu machen pflegen, war ich auch nicht der letzte
meine curieusen Inventionen, deutlicher aber zu sagen Schraubereien, auf den
Laden heraus zu setzen, ich will aber nur diejenigen beschreiben, welche mir den
meisten Verdruss verursachten. Es præsentirte sich demnach die Gerechtigkeit auf
einer Schaukel sitzend. An statt der Binde, welche sie sonsten um die Augen zu
tragen pflegt, hatte ich ihr eine Brille ohne Gläser auf die Nase gesetzt. In
der rechten Hand führete sie: ein in der Scheide steckendes Schwerdt, wenn aber
die Scheide abgezogen wurde, kam ein ordentlicher Pflug-Reidel zum Vorscheine.
Die lincke Hand hielt eine Wage, deren eine Schale, von dem darinnen liegenden
Zehl-Brete, aufs tieffste niedergezogen war; da hingegen in der andern hoch
hinauff gezogenen Schale, ein Buch mit der Auffschrifft Corpus Juris lag. Auff
beiden Seiten dieser in der Schwebe hängenden Gerechtigkeit stunden zwei kleine
Knaben, welche, so oft man unten an der Machine ein Rädgen drehete, die
Gerechtigkeit hinter und vorwärts schauckelten, der zur rechten hatte das Wort:
Gunst, der zur lincken aber Ungunst an seiner Brust geschrieben stehen. Ferner
hatte ich einen Mann in Priester-Habite, dessen Mess-Gewand von Schaafs-Felle
gemacht, der Priester-Rock aber mit Wolffs-Peltze gefüttert war. An dem Buche,
welches er unter dem Arme trug, hingen zwei recht naturell nachgemachte
Fuchs-Schwäntze. Noch ferner hatte ich einen Ziegen-Bock nach dem Leben
abgebildet, der darauff sitzende Ritter führete in der rechten Hand eine
Schneider-Scheere, an der Seite statt des Degens, eine Elle, und hielt den
Ziegen-Bock mit der lincken Hand im Kap-Zaume, der von einer wollenen
Tuch-Schrote gemacht war, an statt der Steig-Bügel sah man zwei Bügel-Eisen, u.
wo die Sporn an Stiefeln stehen sollten, befanden sich etliche, wunderlich durch
einander gesteckte Neh-Nadeln. Die Hörner des Bocks waren verguldet, Sattel und
Chaberaque von Bärenheuter-Zeuge, und mit Schellen behangen, in den
Pistolen-Holfftern aber stacken 2. dergleichen Pfrimen, womit die Schnür-Löcher
ausgebohret werden, ja ich weiss mich fast selbst nicht mehr zu entsinnen, was
ich sonsten an diesem Ziegen-Bocke, so wohl auch noch an verschiedenen andern
dergleichen törichten Inventionen vor Gauckeleien ausgeübt habe. Nun ist leicht
zu erachten dass dieserwegen gar bald Lerm in der Stadt worden, es stund
dermassen viel Volck um meinen Laden herum, als ob ein armer Sünder abgetan
werden sollte, meine Sachen giengen alle reissend weg, jedoch an die verdächtigen
Stücken wollte sich niemand wagen, weil sie vorerst ziemlich teuer geboten
wurden, vors andere dem Käuffer, ein nicht unbilliges Bedencken verursachten.
Endlich meldeten sich unverhofft etliche Mit-Glieder der löblichen
Schneider-Zunft, und machten nicht unebene Minen, meinen Laden zu stürmen,
jedoch da ich ein paar Pistolen und eine Flinte zurechte legte, im übrigen aber
einem jeden nach Würden höflich und freundlich begegnete, vergieng ihnen die
Lust mich zu attaquiren. Bald hernach kam fast die ganze Schneider-Zunft mit
den Handgreifflichen Anwalden angestochen, welche letztern oberwähnte anzügliche
Stücke, auf Befehl des Bürgermeisters von mir abfordern wollten. Allein es war
nur wenig Augenblicke zuvor, mein guter Advocat, der meinen ersten Prozess
gewonnen, in den Laden getreten, um vor seine Kinder etwas auszulesen, dieser
merckte sogleich was die Ankommenden suchen würden, warff mir also 4. ganze
Gulden auf den Tisch und sprach: Meister Drechsler! also sind wir richtig, und
ich bekomme nur noch 8. Ggr. zurück. Hierbei konnte ich, aus seinem
Augen-wincken, sogleich mercken, was die Glocke geschlagen hätte, nahm derowegen
sein Geld und Sachen hinnein in die Stube. So bald nun die Rats-Diener den
Burgemeisterlichen Befehl angebracht hatten, schlug sich mein Advocat ins Mittel
und sagte: Mein Freund! vermeldet dem Herrn Burgemeister nebst meinem Grusse,
dass die verlangten Sachen, kein Kauffmanns-Gut mehr wären, sondern ich hätte
dieselben bereits vor meine Kinder zum Spiele erhandelt und bezahlt, wie ihr
denn sehet, dass mir der Meister hier auf 4. Gulden, 8. Ggr. zurücke gibt, mir
aber ist dergleichen vor keine 10. Tlr. feil, ich weiss auch, dass sich der Herr
Burgemeister hüten wird, solche mir mit Gewalt abzunehmen. Sie schwiegen hierzu
stille, fragten aber mich: warum ich Pistolen und Flinten im Laden liegen hätte?
Sie sind, gab ich zur Antwort, zu verkauffen, denn es sind kostbare Stücke, die
ich mit aus der Frembde gebracht habe. Hierauff zog die sämmtliche Procession
mit der langen Nase zurücke, gleich nach den Feiertagen aber ging ein
dreifacher Prozess wider mich an, den jedoch mein Advocat dergestallt
geschicklich durchführete, dass ich nicht viel über 5. Tlr. dabei verlohr.
Hergegen gereichte mir zu desto grösserer Lust und Ehre, dass mein Advocat, die
beruffenen Stücke, listiger weise, so wie sie von mir gemacht waren, an das
allerhöchste Ober-Haupt des Landes zu spielen wusste, welches ein besonderes
Vergnügen darüber bezeigt, und alles zur Rarität in Dero berühmte Kunst- und
Naturalien-Cammer zu setzen befohlen hat.
    Mein Advocat hat ohnfehlbar den besten Zug hierbei getan, allein ich
gönnete ihm selbigen von Hertzen gern, zumahlen da er mir dann und wann einen
schönen Verdienst zuwiese. Es durffte sich nun zwar auch in der Stadt niemand
öffentlich an mir reiben, allein es ist doch leicht zu erachten: dass ein junger
Bürger, der das freie, aus der Frembde mitgebrachte Wesen noch nicht aus dem
Sinne schlagen kann, und der den Rat so wohl als die oberste Geistlichkeit gegen
sich erbittert gemacht hat, ungemein behutsam gehen muss, wenn er heutiges Tages
in Teutschland, allwo ohnedem in vielen Städten das Kirchen- und
Regierungs-Schiff, von lauter Affects-Winden hin und her getrieben wird, sichern
und geruhigen Auffentalt finden will. Ich will mich zwar eben nicht so gar weiss
und unschuldig brennen, sondern viellieber gestehen, dass ich mich starck
vergangen gehabt, denn es war ein schlechter Verstand, auf solche spitzige Art,
denenjenigen Ursach zu hadern zu geben, die da höher waren als ich. Und
ausserdem, was hatten mir die armen Schneider getan, dass ich sie mit dem
Ziegen-Bocke ärgerte? Wahrhaftig, ich wusste nichts anders auf sie zu bringen,
als dass der Burgermeister eines Schneiders Sohn, und mit vielen andern
Schneidern beschwägert war, sonsten musste ich sie so wohl damahls, als wie
annoch biss auf diese Stunde, in ihrem Handwercke, vor rechtschaffene, ehrliche
und brave Leute erkennen. Aber was nimmt ein junger Toll-Kopff, der die Hörner
noch nicht völlig abgelauffen, zuweilen nicht vor törichte Händel vor?
    Kurtz von der Sache zu reden, ohngeacht ich, jedoch mit der ausdrücklichen
Weisung: hinfüro alle spitzfündigen Streiche zu vermeiden, in höhern Schutz
genommen war, so musste doch von Zeit zu Zeit allerhand Verdruss erdulden, unter
welchen mich aber nichts mehr kränckte, als dass mir meine Liebste, die eines
reichen Bürgers Tochter, und sonsten ein Mägdgen von feiner Gestalt und
herrlichen Tugenden war, abspenstig gemacht, und an einen andern verheiratet
wurde. Ich war schon gewisser massen mit derselben wirklich versprochen, tat
derowegen einen Einspruch, konnte aber nichts erhalten, weil sich die Eltern aufs
Läugnen legten, und die Tochter, welche es doch im Hertzen treulich mit mir
meinen mochte, ebenfalls zum Lügen verführeten. Da nun vollends bei der letztern
vermerckte, dass sie ihren Bräutigam gezwungener weise annehmen müsse, trieb mich
die Eyffersucht so weit, dass ich denselben Nachts vor der Hochzeit erstechen
wollte, allein, GOtt verhütete dieses Unglück, solchergestalt, dass ich ihn nur
durch das dicke Bein stach, mich nachhero auf die Flucht begab, und vieles von
meinem Handwercks-Geräte zurück liess. Jedoch hatte die Vorsicht gebraucht,
alles mein Geld zu mir zu nehmen, und die besten Sachen, bei meinem Advocaten in
Verwahrung zu geben, denn der Rector, mein Pflege-Vater, war nur vor wenig
Wochen im hohen Alter verstorben. Der Advocat war dennoch so ehrlich, mir die
Sachen auf der Post biss Braunschweig nachzuschicken, nebst einer schrifftlichen
Erinnerung: dass ich in GOttes Nahmen, mein Glück in einer andern Stadt suchen
möchte, weil es im Vaterlande nicht zu blühen, sondern wegen der letztern
Affaire vollends gäntzlich verdorret zu sein, schiene. Ich ging nachhero auf
Bremen zu, allwo ich bei dem Meister, der mir vor etlichen Jahren sehr gewogen
gewesen, eine junge, schöne und reiche Tochter wusste, die ich ihm abzuverdienen
gedachte. Der schlaue Fuchs merckte mein Absehen wohl, stellete sich auch, so
lange er mich notwendig brauchte, sehr gefällig an, allein, ehe ich mich dessen
versah, wurde mir die Rahel entzogen, und einem andern gegeben, ich aber sollte
auf die Lea warten, welches mir solchen Verdruss verursachte, dass ich gleich noch
selbigen Tages Abschied nahm, und nach Holland reisete, allwo ich kurtz darauf
so glücklich war, von dem Herrn Capitain Wolffgang zur Reise auf diese
glückseelige Insul beredet und angenommen zu werden. Wie vergnügt sich hieselbst
mein Hertze, nicht allein wegen einer wohlgetroffenen Heirat, sondern auch
sonsten in allen andern Stücken befindet, ist leichtlich aus meiner ganzen
Lebens-Art abzunehmen. GOtt erhalte uns allerseits nur beständig in dergleichen
Vergnügen, und gebe, dass auch ich mit meiner erlernten Pofession nützliche
Dienste leisten kann, damit sie, meine Herrn, mich ihrer fernern werten
Freundschaft würdig schätzen.
    Also endigte unser lieber Freund, der Drechssler Herrlich, die Erzehlung
seiner Lebens-Geschicht, unter welcher, der sonsten gar ernstafte Alt-Vater,
selbst etliche mahl zum Lachen bewogen worden, und begab sich mit untergehender
Sonne auf den Weg nach seiner Behausung.
    Um selbige Jahrs-Zeit waren die meisten eingebohrnen Insulaner
beschäfftiget, die bereits völlig reiffen Geträyde-Früchte einzusammlen, worbei
zu bemercken, dass diese Erndte um die Helffte reicher als die im vorigen Jahre
gewesen, ohngeacht eben dasselbe Maass ausgesäet worden. Wir wünschten wohl
tausend mahl, unsern Uberfluss unter bedürfftige Leute verteilen zu können,
allein, solche Wünsche waren unter die vergeblichen zu zählen. Demnach tat
Mons. Litzberg den Vorschlag, auf dem Albertus-Hügel, hinter der Burg, mit der
Zeit, und so bald die andern nötigsten Gebäude und Werckstätten fertig wären,
ein etwas grosses Magazin aufzubauen, um daselbst das überflüssige alte Geträyde
zu verwahren, weil man doch nicht wissen könne, ob GOtt nach so vielen
fettenetwa etliche magere Jahre schicken möchte. Solcher Ratschlag gefiel dem
Alt-Vater sehr wohl, es wurde auch wirklich, jedoch fast zwei Jahr hernach, und
kurtz vorhero, ehe ich Eberhard Julius die Rückreise nach Europa antrat, der
Grund zu besagten grossen Korn Hause gelegt.
    Nachdem aber mit Ablauff des Monats Januarii die Geträyde-Erndte vorbei,
und mittlerweile unser Müller Krätzer die neuerbaute Mehl-Mühle gäntzlich zum
Stande gebracht, wurde am 3. Febr. 1727. in Gegenwart fast aller erwachsenen
Insulaner, die Probe auf allen beiden Gängen, mit 2. Maass Rocken, gemacht,
welches ohngefähr so viel als einen Dressdner Scheffel betrug. Es ist unmöglich
zu beschreiben, was die sämmtlichen Insulaner vor eine ganz besondere Freude
über diese, von ihnen noch nie gesehene Machine, bezeugten. Da sie wohl erwogen,
was es ihnen bisher vor grausame Mühe und Arbeit gekostet, dieses fast
unentbehrliche Nahrungs-Mittel zu gute zu bringen, derowegen gaben sich bei dem
ehrlichen Meister Krätzer, fast zehnmahl mehr Lehrlinge an, als er zu
unterweisen Zeit und Gelegenheit hatte; jedoch suchte er sich voritzo 4. der
stärcksten und geschicktesten Pursche aus, und versprach dieselben aufs
treulichste in seiner Profession zu unterrichten, daferne ihm aber GOtt das
Leben gönnete, in wenig Jahren, noch eine dergleichen Mühle, jenseit des Canals,
vor die, über dem Nord-Flusse gelegenen Einwohner zu erbauen. Immittelst sei
nicht zu zweiffeln, dass er mit dieser Mühle allen sämtlichen Insulanern, Jahr
aus Jahr ein, gnungsames Mehl verschaffen wolle, wie denn dieselbe von erwähnten
Tage an, ausser denen Sonn- und Fest-Tagen, selten stille stund, so, dass auch
der Alt-Vater, vor sich und seine Hausshaltung, in wenig Wochen von allen Stämmen
sein Deputat überhaupt wohl zubereitet empfieng.
    Wenige Zeit nach der reichen Geträyde-Erndte, trat die ergötzliche Weinlese
ein, welche nicht geringer war als voriges Jahrs. Unser Böttcher Garbe, hatte
biss anhero seine Hände nicht in Schoss gelegt, um bei dieser Zeit, mit seiner
Arbeit Ehre zu erwerben, schaffte derowegen in alle Weinberge, nicht nur viel
alte ausgebesserte, sondern auch ganz neue Wein-Fässer, welche letztern er, als
ein guter Wein-verständiger Küffer, bereits ausgelöhrt und zugerichtet hatte.
Wie nun um diese Zeit alle diejenigen Insulaner, welche in ihren eigenen Fluren
keinen besondern Weinwachs hatten, denen Nachbaren zusprachen, den reichen
Seegen einsammlen halffen, und zuletzt ihren beschiedenen, ja überflüssigen Teil
davon bekamen, so brachte ich bei der Gelegenheit die meisten Tage in Roberts
-Raum bei meiner Liebsten Cordula und Monsieur Harckerten zu, der, zu meiner
grösten Verwunderung in aller Stille, selber zwei Stühle verfertiget hatte,
auf welchen er seiner Frauen und meiner Liebste, das Bänder- und Bortenwürcken
lehrete. Ich sah mit besondern Vergnügen zu, wie geschickt sich meine artig
Cordula hierbei zeigte, allein Harckert gab mir zu vernehmen: dass es bei dieser
Arbeit nicht bleiben sollte, sondern er wolle ehestens mit Hülffe anderer guten
Freunde viel grössere Stühle verfertigen, auf welchen er dem Frauenzimmer weit
schönere Zeuge zu würcken, Anweisung zu geben gesonnen, denn so viel nötiges
Bandwerck, als man auf dieser Insul jährlich brauchte; könten zwei Personen fast
in 2. Monaten allein verfertigen, die Staats-Bänderei aber, als eine zur
Hoffart und Torheit reitzende Sache, nicht ratsam einzuführen, also wäre er
in zukunft bereit, an statt solcher, in Europa sehr beliebter Dinge, seine
Profession weiter auszudehnen, und allerhand zur Reinlichkeit und Beqvemlichkeit
dienliche Zeuge, aus Baum-Wollen und Flächsen-Garne zu machen, und die Seide,
als eine Sache, die wir ohnedem hiesiges Orts sehr sparsam hätten, zu vermeiden.
    Ich konnte Mons. Harckerts Gedancken nicht anders als sehr vernünftig und
klug erachten, denn was war uns in diesem ohnedem mehr warm als kalten Lande
wohl nützlicher, als das saubere Baum-Wollen- und Leinen-Geräte, welches er auf
Zwillich-Barchent-Eannefas- und andere Arten zuwege zu bringen vermeinte. Es
hatte zwar der Alt-Vater Albertus so wohl als Herr Wolffgang, noch einen
ziemlichen Vorrat von kostbarn seidenen Zeuge, allein, es war schon verabredet,
dergleichen Waaren, sonderlich, den zur Tändelei geneigten Frauenzimmer, also
vorzubilden, als ob die bundten Farben nur vor kleine Kinder, die schwartzen und
dunckeln aber vor alte Leute gehöreten, den Jungfrauen hingegen stünde die
weisse Farbe als ein Zeichen ihrer Keuschheit, und denn denen Weibern andere
modeste Zeuge am besten, welche ein jedes aus dem Sode von unterschiedenen
Baum-Rinden, Blättern und Kräutern mit leichter Mühe selbst färben konnte. Von
Spitzen, Bändern, vielen Kräuseleien, Fontangen, Armbändern, Ohren-Gehencken und
dergleichen unzähligen Staate, welchen das Europäische Frauenzimmer sich
anzuschaffen pflegt, wurde ihnen selten etwas vorgeschwatzt, und da solches ja
dann und wann geschahe, wenn ein oder ander Frauenzimmer zugegen war, so wussten
wir doch unsere eigenen Europäischen Lands-Leute, aus vernünftigen Ursachen, in
diesem Stücke als leibliche Schwestern oder Töchter der Frau Torheit
abzumahlen.
    Jedoch ich werde von unserer Kleider-Ordnung weitern Bericht zu erstatten
ohnfehlbar bessere Gelegenheit finden, derowegen will vorjetzo, um keine
Verwirrung in meinem Gedächtnisse anzurichten, vermelden: dass annoch währender
Weinlese-Zeit, eines Tages der Alt-Vater und Herr Magist. Schmeltzer nebst
seiner Liebste, mir zu gefallen mit nach Roberts-Raum reiseten, um Monsieur
Harckerten in seinem Hause zu besuchen. Unterwegs sprachen wir bei Herrn
Wolffgangen und Mons. Litzbergen an, um dieselben nebst ihren Weibern ebenfalls
mitzunehmen, der erste liess sich gleich bereden, Mons. Litzberg aber, der den
Tischler Lademann bei sich hatte, und vorgab, dass ihm derselbe etwas bequemes in
seine Wohnung zu machen versprochen, gelobte doch an, nebst seiner Frauen und
diesem guten Freunde etwa in ein paar Stunden nachzukommen. Allein, nachdem wir
uns fast den ganzen Tag über, biss etwa 2. Stunden vor Untergang der Sonnen, im
Weinberge aufgehalten hatten, Mons. Litzberg aber noch nicht angekommen war,
nahmen wir die von meiner Liebsten und Mons. Harckerts Frau zubereitete
Abend-Mahlzeit ein, und höreten darauf zum noch übrigen Zeitvertreibe
 
                  Des Posamentirers Harckerts Lebens-Geschicht
aus eigener Erzehlung folgender massen an:
    Ich bin, meine Herren! liess er sich vernehmen, eines Dorff-Schulmeistes Sohn
aus der Ober-Laussnitz, und im Jahr 1702. geboren. Mein Vater hatte dreierlei
Professionen, er war nicht allein Schulmeister, sondern zugleich auch Schneider
und Leinweber im Dorffe, so dass er, als ein sehr arbeitsamer Mann, sein Brodt
wohl verdienen konnte, denn wenn ein Handwerck nicht gehen wollte, so nahm er das
andere vor. Ich war sein eintziger, jüngster und liebster Sohn, weil er ausser
mir lauter Töchter gezeuget hatte, wovon jedoch nur 4. am Leben blieben. Seines
herannahenden hohen Alters ohngeacht, vermeinte mein Vater dennoch, so lange zu
leben, meine Gelahrsamkeit sich zum Stubtifuten setzen zu lassen, derowegen
musste ich gleich von der Wiege an, nicht nur die Principia von der
Schulmeisterei, sondern auch von der Schneider- und Leinweberei lernen. Ja mein
Vater wusste, um mich zu einem recht tüchtigen Manne zu machen, die Tages-Stunden
dermassen einzuteilen, dass mir wirklich sehr wenig Zeit zum Spielen übrig
blieb. Was dieses vor eine Marter vor einen solchen Jungen, wie ich, war, ist
nicht auszusprechen, denn mein gröstes Vergnügen bestund darinnen, mit den
Bauer-Jungens auf dem Dorffe, die Saue und den Kräusel zu treiben, oder solche
Spiele zu spielen, welche die Jahrs-Zeit unumgänglich zu erfodern schien. Mein
Vater hingegen war dergestallt unbarmhertzig, dass er mir wöchentlich kaum zwei
Stunden darzu vergönnete, und zwar auf allerhöchste Vorbitte meiner Mutter,
welche befürchtete, das liebe Kind möchte ganz und gar zusammen wachsen. Selbst
das verdrüssliche Schicksaal konnte den harten Sinn meines Vaters, aus mir, einen
recht vollkommenen Schulmeister zu machen, nicht brechen, denn ohngeacht in
meinem 12ten Jahre die Künste schon am ganzen Leibe, dergestalt auszubrechen
begunten, dass es schien, als ob ich lauter Gelencke, und in jedem Gelencke
doppelte und dreifache Courage hätte, so erbarmete sich doch mein Vater nur in
so weit, mich zwar eine Zeit lang mit der Schneider- und Leinweberei zu
verschonen, hergegen musste ich von Morgen an biss auf den Abend dermassen über
den Büchern liegen, dass meiner Mutter angst und bange wurde: ich möchte mit der
Zeit etwa gar ein Advocat oder ein Narr werden, als welchen Leuten sie am
allergrämsten war, denn ein Advocat hatte sie um eine reiche Erbschaft
gebracht, und ihr erster Mann war von einer liederlichen Vettel, vermittelst
eines Liebes-Truncks, zum Narren gemacht und angerejetzt worden, meine Mutter zu
verlassen, und mit der Hure davon zu lauffen. Indem ich nun ein rechtes, so zu
sagen, Pferde-mässiges Gedächtnis hatte, konnte ich nicht allein in meinem 13ten
Jahre fast alle Evangelia und Episteln, sondern über dieses, welches zu
verwundern, alle Declinationes und Conjugationes auf dem Nagel herbeten, der
lieben Psalmen zu geschweigen, denn mein Vater ärgerte sich solchergestalt fast
über nichts mehr, als dass der König David nicht zum wenigsten noch ein paar
hundert mehr gemacht hätte. In der Schneider- und Leinweber-Kunst war ich auch,
seinen Gedancken nach, weit avancirt, dass er mich ohne ferneres Bedencken hätte
können zum Meister machen lassen, derowegen fehlete nichts weiter, meine
erfahrne Person sich substituiren zu lassen, als das eintzige, nehmlich, dass ich
nicht 8. oder 10. Jahre früher auf die Welt gekommen wäre.
    Mittlerweile sah der Pfarrer und die Gemeine, ich weiss nicht aus was vor
Ursachen, meinen 63. jährigen Vater vor älter an, als er sich selbst zu sein
bedünckte, und da sonderlich der Gemeine nicht anstund: dass ich fast alle
Sonntage an seiner statt cantorirte, meine Mutter aber wöchentlich mehr als 5.
Tage den Schulmeister agirte, weil der Vater indessen die bestellte Schneider-
oder Leinweber-Arbeit abwarten musste; so kam es durch ein und andere
Verdriesslichkeiten endlich dahin, dass meinem Vater aus dem Consistorio ein
Substitute gesetzt wurde, und zwar, dem Vorgeben nach, aus keiner andern
Ursache, als: weil sich die Gemeine anheischig gemacht, in ihre Kirche eine
Orgel bauen zu lassen, die mein Vater gar nicht, der Stubtifute aber desto
besser spielen könnte.
    Mein Vater wollte diesen Schimpff durchaus nicht verdauen, so bald aber
unsere Gemeine den Anfang zum Orgel-Baue machen liess, lieff er mit mir, fast
alle Tage, 3. Viertel Meilwegs in die nächste Stadt, um in seinem hohen Alter,
annoch das Orgel-Spielen zu erlernen, und hiermit bei bevorstehender Orgel-Probe
seinen Stubtifuten über den Tölpel zu werffen, meine Gelahrtaftigkeit, musste
von dem höchst intonirten Stadt-Organisten, vor wöchentliches baares Geld, Käse,
Butter, junge Hühner und andere Dinge ohngerechnet, auch lectiones nehmen,
allein, wir hatten kaum die Claves kennen, und den Choral: O wir armen Sünder
etc. spielen lernen, als mein Vater, der täglichen Strapazen wegen, bettlägerig
wurde, und bald hernach verstarb. Mit ihm wurde zugleich meine Hoffnung auf den
zukünftigen Schul-Dienst unseres Dorffs, nebst meiner ganzen Organisten-Kunst
zu Grabe getragen, und so bald meine Mutter nebst den zwei jüngsten, annoch
unverheirateten Schwestern, das Schul-Haus quittiren musste, musste auch ich mich
beqvemen, bei dem Manne meiner ältesten Schwester, der ein Schneider-Meister in
der Stadt war, in die Lehre zu treten, ohngeacht mein ganzes Hertze, ich weiss
nicht warum, einen heftigen Eckel vor diesem Handwercke hatte.
    Es verdross mich heftig, dass ich nunmehro erstlich ganz von neuen anfangen,
und einen Schneider-Jungen abgeben sollte, allein, die Lehre währete nicht viel
über 6. Wochen, denn so bald sich mein hochtrabender Herr Schwager ein wenig zu
mausig machen, und mich, der ich schon vor Geselle arbeiten, auch zur Not ein
Kleid zuschneiden konnte, allzu Jungenhaft tractiren wollte, warff ich ihn eines
Tages die Scheere nach dem Kopffe, und lieff zu meinem andern Schwager dem
Leinweber. Dieser missbilligte des Schneiders hochtrabendes Verfahren, und
beredete mich, bei ihm als Leinweber in die Lehre zu treten, mit dem
Versprechen, mich täglich noch ein paar Stunden im Schreiben, Rechnen und Latein
informiren zu lassen, damit ich mit der Zeit etwa die Hand nach einem Ehren-Amte
ausstrecken könnte. Über dieses liess er mich, aus seinem alten blauen Mantel, von
Fuss auf neue kleiden, und diese Manu mea gemachte Montur, stund mir in meinen
eigenen Augen dermassen wohl an, dass ich nicht geringe Ursache zu haben
vermeinte, mir etwas rechts einzubilden.
    Immittelst schien es doch, als ob es mir bei diesem Schwager besser gefallen
wollte als bei dem ersten, denn ich durffte nur nach Belieben, so viel als ich
wollte, arbeiten, und weil er etliche Gesellen sitzen hatte, die die schönsten
Arten von Damassken und andern Zeugen machten, so fielen mir dabei verschiedene
Kunst-Griffe in die Augen.
    Bei so gestallten Sachen war es Schade, dass mein Schwager ein ganz
heimlicher Narre war, denn weil er etwas weniges schreiben und im Donate Mensa
decliniren gelernet, liess er sich den Dünckel einkommen, es wäre niemand als er,
würdiger, mit ehesten ein Viertels-Meister, hernach Rats-Herr, und endlich gar
Burgemeister in der Stadt zu werden. Alldieweiln aber sein ganzes Vermögen nur
in einem kleinen Hause und dann in den Weber Stühlen versteckt war, gleichwohl
zu dergleichen Aemtern, ein grosses Haus, nebst Brau-Ackern und andern liegenden
Gründen erfordert wurden, mochte er sich vielleicht im Traume haben vorkommen
lassen: als ob in seinem Keller ein Schatz vergraben wäre. Derowegen streckte
der arme Schlucker sein ganzes Vermögen dran, diesen Schatz, von berühmten
Schatz-Gräbern heben zu lassen, allein, je mehr er sich darbei in recht heftig
drückende Schulden gesetzt, je stärcker fand er sich auf die letzte betrogen, so
dass er, ehe man sich dessen versah, nebst meiner Schwester, 4. Kindern und
allen Haus-Gesinde, worunter auch meine Personalität begriffen war, ganz
plötzlich aus dem Hause gestossen wurde, und kaum die auf dem Leibe tragenden
Kleider mit hinweg nehmen durffte.
    Demnach fahe ich mich genötiget, meiner Mutter, welche sich nebst meinen
beiden jüngsten Schwestern, in der Stadt bei einem Posamentirer, der zugleich
ein Rats-Herr war, eingemieter hatte, die besten Worte zu geben, dass sie mir
nur die tägliche Kost und einigen Vorschub reichte, mich in der Stadt-Schule auf
das Studiren zu legen. Sie liess sich beschwatzen, kauffte mir einen alten blauen
Mantel, nebst etlichen darzu gehörigen Büchern, und ich fieng solchergestalt
ohne allen Schertz an, auf einen Dorff-Priesters-Dienst los zu studiren, hatte
jedoch den beständigen Trost darbei, dass zum wenigsten ein Dorff-Schulmeister
aus mir werden müste, weil ich aus vielen Umständen vermerckte, dass meines
Vaters Geist zweifältig in mir wohnete.
    Jedoch, ehe ich von meinen eigenen Angelegenheiten weiter rede, muss ich
vorhero melden, wie es meinem ehrlichen Herrn Schwager Leinweber ergangen:
Dieser nun fand sich nicht allein von seiner Schwieger-Mutter, dem Schwager
Schneider; sondern auch von allen andern Befreundten, seines törichten Wesens
halber, gäntzlich verlassen, musste dahero nebst seiner Frauen bei andern
Meistern ums Lohn arbeiten, damit nur das tägliche Brod vor ihre, und der 4.
Kinder Mäuler verdienet würde. Ich glaube, der arme Tropff zog sich diese
verdrüssliche Lebens-Art dergestalt zu Gemüte, dass er vollends ein, oder etliche
Sparren zu viel oder zu wenig bekam, welches daraus abzunehmen, weil er kurtze
Zeit hernach um den erledigten Calcanten-Dienst, bei der Geistlichkeit und dem
Stadt-Rate, ein selbst elaborirt und eigenhändig-geschriebenes Memorial
folgendes Inhalts eingab:
     Hoch-Ehrwürdige, Hochgelahrte, Hoch-Achtbare, Hochweise, Hocherfahrne,
                 Hochgeehrteste Herren und mächtige Beförderer.
Ich Endes unterschriebener Bürger, Zeug- und Leinweber allhier, bin in Erfahrung
kommen, dass der menschenfressende Todt, welcher nach Syrachs und anderer frommen
Lehrer Ausspruche, keine Person ansiehet, vor etlichen Tagen ihren dahero
gewesenen Calcanten oder Orgel-Bälgen-Treter, den Wohlehrbaren und Nahmhaften,
Meister N.N. mit seiner Sense, als einen frischen Kraur-Strunck abgehauen und
ins Grab geworffen hat; als worüber Dieselben, wie nicht unbillig, in grosses
Leidwesen versetzt worden, denn es verdriesset ja wohl dem Müller, wenn ihm ein
Esel umfallt, warum sollte es denn nicht nahe gehen, wenn ein ehrlicher Mann und
frommer Kirchen-Bedienter, in seinen besten Jahren, die Beine, wormit er, wie
mir gesagt worden, die Bälge über 13. Jahr getreten, in die Höhe reckt. Ich will
zu ihrer eigenen Hochpreisslichen Untersuchung anheim gestellet und gegeben sein
lassen, ob ihn der Doctor, durch das vor etlichen Wochen eingegebene Vomitiv
oder Brech-Pulver, die Schwindsucht verursacht, oder ob er sich dieselbe,
vielleicht durch seinen überflüssigen Fleiss, an den Hals getreten hat. Denn der
gute Mann wollte zwar, wie ich selbst öffters gesehen habe, seine
Geschicklichkeit gar zu sehr zeigen, allein es fehlete ihm am besten, denn er
war nicht musicalisch. Mit mir hat es gar eine andere Beschaffenheit, denn ich
kann nicht allein alle Chorale nach der Tabulatur und Noten auswendig, sondern
spiele auch selbst etwas auf der Geige, wiewohl ohne Ruhm zu melden. Ew.
Hochwürdige, Hochgelahrteiten etc. etc. werden also nach ihren ziemlichen
Verstande gleich mercken, dass ich um den Calcanten-Dienst anhalten will, und
hierinnen fehlen sie nicht, deñ es ist bei meiner höchsten Treue mein rechter
Ernst, weil ich durch böse Leute-Beschmeisser vor kurtzer Zeit sehr ins Armut
gebracht worden bin. Ich weiss zwar aus gewissen Uhrkunden sehr wohl, dass auch
ein anderer Bürger und Schneider alhier, und denn wiederum ein Holtzhauer, um
dieses Ehren-Aemtgen herum gehen, wie die Katzen um den heissen Brei, allein, ich
kann es Meinen Hochgeehrtesten Herrn mir guten Gewissen nicht raten, mir diese
Leute vorzuziehen, denn wenn der erste sein Bügel-Eisen nicht in der Ficke hat,
möchte er zu leichte sein, und vielleicht, wenn zumahl der Hencker sein Spiel
hätte, wohl gar einmal in das Ventil hinnein geschluckt werden. Mit dem andern
groben Bengel aber ist es gar nichts, und was das Hauptwerck abermals ist, so
sind beide auch nicht musicalisch, wie ich. Derowegen glaube steiff und feste,
Ew. Hochwürd. und Hochgelahrteiten, werden in Betrachtung meiner Person und
angebohrnen Geschicklichkeit, mir dieses Kirchen- und Ehren-Amt, vor allen
andern gönnen, wie ich mich denn dieserwegen gleich zum voraus bedancken will,
damit Sie der Mühe überhoben sind, noch eine Dancksagungs-Schrifft von mir
durchzulesen, ich aber ebenfalls fernerer Schreiberei und Aufwands entübriget
sei. Wegen der Bestallung, die sich jährlich auf 10. fl. etliche Scheffel
Getrayde ohne die Accidentien von Braut-Messen und dergleichen beläufft, will
ihnen die Sorge alleine überlassen, weil ich schon weiss, dass sie an dieser alten
Stifftung, die noch ans den katolischen Wesen herrührer, keine Aenderung
machen, sondern es bei den alten Löchern lassen werden, doch bleibet Ihnen
unverwehrer, eine Zulage entweder an baaren Gelde oder Geträyde zutun, weil ich
von dato an beständig sein und bleiben will
                      Ew. Hochwürd. und Hochgelahrteiten
                                           Meiner insonders Hochgeehrsten Herren
                                                        und mächtigen Beförderer
                                                  gehorsamer Bürger und Calcante
                                                             bei Freude und Leid
                                                                Michel Conrad N.
    Es ist leicht zu erachten, dass die mächtigen Beförderer über dergleichen
einfältiges und doch hochtrabendes Memoriale nicht wenig werden gelacht haben,
jedoch er bekam das Fiat gleich auf der Stätte, mit der einzigen Bedingung, dass
er sich von dem Stadt-Organisten erstlich sollte tentiren lassen. Dieser nun war
ein ganz besonderer Spaas-Vogel, und mochte entweder das Memoriale selbst
gelesen, oder wenigstens den ganzen Inhalt gehöret haben, mitin wurde mein
Schwager, der vielleicht noch nicht Zwirn genung im Kopff hatte, vollends zum
Narren gemacht, denn weil er wegen seiner Probe durchaus ein schrifftliches
Attestat von dem Organisten verlangete, erhielt er endlich folgendes:
Ich Endes unterschriebener bekenne durch diese, dass Meister Michel Conrad N. bei
seiner abgelegten Calcanten-Probe sehr wohl, und fast besser, als sein
Antecessor bestanden, denn nachdem er von mir durch alle musicalische Regeln,
die einem Kunstet fahrnen Calcanten zu observiren nötig sind, durchgenommen
worden, so habe an ihm nichts auszusetzen gefunden, als dass er nicht so leicht
moll als dur treten, oder, nach der Kunst zu schreiben, spielen kann, welches
sich aber bei fernern Exercitio schon geben wird, denn der Mann hat in Wahrheit
sehr feine Maniren an sich, welche sich ein anderer, der nicht von Jugend auf
die Füsse unter dem Weber-Stuhle gehabt, nicht so leicht angewöhnen möchte.
Ubrigens ist er auch gegen andere ganz Unwissende in der Music gar sonderlich
erfahren. Welches alles zu Steuer der Wahrheit mit Hand und Siegel bekräfftiget
                        N.N.
                                                      bestalter Stadt-Organiste.
    In folgenden Zeiten hat dieser Organist fast immer seinen Schertz mit diesem
gelehrten Calcanten getrieben, und ihm gemeiniglich die Tone angezeiget, aus
welchen er treten solle, so dass derselbe auf die Gedancken gerät, das Werck
könne unmöglich recht gehen, wenn er nicht vorhero mit dem Organisten behörige
Abrede genommen hätte. Jedoch einesmahls, da der Organist unpass, und der Cantor,
welcher ein sehr mürrischer Mann war, die Orgel zur Music selbst spielen musste,
kam mein Schwager eiligst hervor gelauffen, und fragte den Cantor: aus welchem
Tone das Stücke gienge, ob es dur oder moll, auch was es vor Tact wäre? der
Cantor, welchem der Kopff eben nicht recht stund, wurde desto verdriesslicher, und
sagte: was hudelt ihr euch um das Stück? geht hin, und tretet eure Bälge, oder
ich werde euch die Wege weisen. Mein Schwager wollte dem ohngeacht lange nicht
von der Stelle gehen, biss ihn endlich des Cantors zornige Gebärden zurück in die
Bälg-Kammer trieben, dieser wegen aber rührete er dennoch keinen Balg an,
worüber der Cantor, welcher wohl zehnmahl geklingelt hatte, immer rasend zu
werden gedachte, denn die Music sollte angehen, und in der Kirche wunderte sich
ein jeder Mensch über das lange Stillschweigen. Er schickte einen Schüler nach
dem andern fort, um den Calcanten zum Treten anzumahnen, oder selbst die Bälge
zu treten, allein dieser stiess einen jeden zurück, der ihm ins Handwerck fallen
wollte, schwur auch hoch und teuer, er träte eher keinen Balg, biss ihm der
Cantor sagen lassen, aus welchem Tone die Music gehen, und was es vor Tact sein
sollte. Ich erbarmte mich endlich, nachdem ich erfahren, woran es läge, über
meinen wurmsichtigen Schwager, tat, als ob ich dem Cantor gefragt und erfahren
hätte: dass das musicalische Stücke aus dem fis moll gienge, und 5/4tel Tact
wäre, dahero er sich endlich bewegen liess, die Bälge zu treten, der Cantor aber
war dergestalt zum Eyffer, hergegen die Musicanten und Concertisten zum
greulichen Gelächter gerejetzt worden, so, dass immer eine Saue nach der andern
heraus kam, biss endlich alles stecken blieb, und das ganze Stück von neuen
angefangen werden musste. So bald endlich die Music mit Kummer und Not verbracht
war, liess der Cantor einem Schüler den Glauben spielen, er aber lieff als eine
Furie hinter in die Balg-Kammer, um meinen Schwager einen tüchtigen Ausputzer zu
geben, da ihm nun dieser kein Wort verschwieg, liess sich der Cantor vom Zorne
dergestalt übermeistern, dass er dem Calcanten ein paar Maulschellen gab, dieser
restituirte dieselben cum lnteresse, warff auch des Cantors schwartze Peruque
zum Schall-Loche auf den Kirchhoff hinunter ihn aber selbst endlich zur
Balg-Kammer hinaus, worüber eine abermahlige Unordnung entstund, denn
mittlerweile waren die Bälge aufgelauffen, weswegen die Orgel stille schwieg,
jedoch ich schlug mich noch ins Mittel, und vertrat die Vices meines Schwagers,
welcher sich so wohl als der Cantor dergestalt ergifftet hatte, dass er kein
Glied stille halten konnte. Die Sache kam zur Klage und Untersuchung, mein
Schwager aber war nicht faul, seine Defensions-Schrifft in folgenden Zeilen
einzugeben.
                                      P.P.
Der weise Haus-Zucht- und Sitten-Lehrer Syrach schreibet im ersten Versicul des
8ten Capitels seines Büchleins die nachdencklichen Worte: Zancke nicht mit einem
Gewaltigen, dass du ihm nicht in die Hände fallest. Hätte dieses unser Herr
Cantor bedacht, und keine Ursache, mit mir zu zancken, vom Zaune gebrochen, auch
mich mit den Tractamenten, womit er seine Schul-Jungens zu beneventiren pfleger,
ich meine, ein paar Maulschellen, verschonet, so würde mich schwerlich jemand
haben bereden können, dem ehrlichen Manne durch ein paar Dutzend Ohr- und
Augen-Feigen, blaue Fenster zu machen, und ihm, in dem Grimme meines Zorns die
schwartze Zodel-Peruque zum Schall-Loche hinnaus zu werffen. Der Geitz ist eine
Wurtzel alles Ubels, und also auch der Ehr-Geitz, wäre der Cantor nicht so
ehrgeitzig und eigensinnig gewesen, sondern hätte mit mir, als einer
Haupt-Person bei der Kirchen-Music, sein überlegt, wie das Stücke am besten zu
practiciren und tractiren wäre, so wären viele Solennitäten unterwegens
geblieben, nehmlich, es wären keine Sauen gemacht worden, und die übrige
Prostibulation hätte auch unterwegens bleiben können. Davor muss ich sagen, dass
der Organiste 1000. mahl mehr Verstand in seinem kleinen Finger hat, denn es
wird mir und ihm, sonderlich, so lange ich die Calicanten Charge verwaltet habe,
kein Mensch nachsagen können, dass wir nur das geringste Ferckel, geschweige denn
solche Sauen in der Music gemacht hätten, als am vergangenen Sonntage herum
gelauffen sind. In der Musica ist die Harmonica die allerschönste Tugend und
diese muss sich nicht allein in den Geigen und Pfeiffen, sondern auch unter den
Personen finden lassen, aber ich weiss gar wohl, dass es grobe Flegels gibt,
welche den Calicanten weit geringer schätzen wollen, als einen
Stadt-Pfeiffer-Jungen, der kaum in die Lehre getreten ist, welcher Unverstand
aber von der löblichen Stadt-Obrigkeit, billig nach befinden, mit ein paar Alten
oder wohl gar Neuen-Schock-Straffe belegt werden sollte. Ich hoffe also meine
Unschuld klar genung dargetan zu haben, und weil ich ohnedem gewohnt bin, meine
schrifftlichen Sachen sehr kurtz zu fassen so bitte Ew Hoch Ehrwürd. und
Hochgelahrteiten, mir in allen Dingen Recht zu sprechen, und dem Cantor, wenn
sie ihm ja die Straffe schencken wollen, dahin anzuweisen, dass er sich in
zukunft besser mit mir confirmire, damit keine fernern Solennitäten verübt
werden, denn wenn es auf das Punct horis, kömmt, bin ich freilich sehr kützlich,
und lasse mir nicht gern im Maule mähten, vielweniger ins Amt greiffen, wie die
Schüler am vergangenen Sonntage mit der Balgtreterei tun sollten. Schliesslich
habe noch zu erinnern, dass mir der Cantor am Sonntage Schuld gegeben, ich hätte
mich im Brandteweine vollgesoffen wie ein Schwein, welches aber vor aller Welt
erstuncken und erlogen ist, weil nicht mehr als vor einen Dreier in mein Maul
gekommen, verlange derowegen eine Abbitte, Ehren-Erklärung und Bezahlung des
Schimpffs vor allen Leuten, die in der Kirchen gewesen sind. Ubrigens wünsche
Ew. Hoch Ehrw und Hochgelahrteiten wohl zu leben, und verbleibe etc. etc.
    Dieses machte aber so wohl meinem Schwager als dem Cantori vielen Verdruss,
und fehlete wenig, dass der erste nicht sehr zeitig wiederum den Dienst verloren
hätte, der andere aber sonsten gestrafft worden; Jedoch endlich wurde alles in
der Güte beigelegt, ich weiss aber selbst nicht auf was vor Art, weil mich
etliche aufrührische Schüler beredeten, mit ihnen fort zu gehen, und eine andere
Schule zu suchen, wo die Schüler nicht so strenge, als von unsern Schul-Collegen
gehalten würden.
    Ich war um selbige Zeit gleich 16. Jahr alt, und sung eine ziemlich seine
Stimme, wormit ich mich bei dem Cantore dasiges Orts ziemlich recommendirte, so,
dass er mir sehr gute Hospitia ausmachte, und allen Fleiss anwandte, mich zu einem
perfecten Concertisten zu machen; worbei ich denn auch, was die Latinitæt unter
dem Rectore und Conrectore anbetraff, nicht unter die schlimmsten, jedoch auch
nicht unter die besten zu rechnen war. Immittelst konnte doch Jahr aus Jahr ein
so viel verdienen, mich in Kleidung, Wäsche und dergleichen selbst frei zu
halten. Da aber drittehalb Jahr hernach eben derselbe Schulmeister, welcher in
meinem Gebuhrts-Dorffe an meines Vaters Stelle gekommen war, verstarb, liess mir
meine Mutter solches so gleich schrifftlich berichten und raten: ich sollte
eiligst nach Hause kommen, und um den Dienst anhalten, denn sie zweiffelte im
geringsten nicht, dass ich so wohl im Orgel-spielen, als andern darzu gehörigen
Wissenschaften, so viel würde begriffen haben, noch eines weit wichtigern
Dienstes würdig zu sein.
    Diese Post war kaum eingelauffen, als in meinen Gedancken schon alles
richtig war, bedaurete also nichts, als dass ich mir nur vor wenig Wochen ein
Spannagel neues Farben-Kleid angeschafft hatte, jedoch mein bester Trost war,
dass es könnte schwartz gefärbet werden. Meine Mutter, die mich in so langer Zeit
nicht gesehen, erfreuete sich hertzlich einen dergestalt ansehnlichen Sohn zu
haben, wie nicht weniger unser Herr Hospes der Posamentirer, der einen besondern
Estim und Liebe vor mich bezeigte. Ja, was noch mehr, so verliebte sich noch
selbigen ersten Tages, dessen jüngste Jungfer Tochter in mich, zu mahlen, da sie
vernahm, dass ich anitzo in Begriff sei, um einen Schuldienst auf dem Dorffe
anzuhalten, und mir dabei das Prædicat als Herr Cantor und Organiste geben zu
lassen.
    Ich machte nicht viel Schwürigkeiten, diesen ganz feinen Mädgen meine
Gegen-Liebe zu erkennen zu geben, überreichte immittelst mein Bitt-Schreiben um
den Schul-Dienst, gehöriges Orts, und bekam sehr gute Vertröstungen, wie denn
auch der Rats verwandte Herr Posamentirer, sich viele Mühe gab, mich bei den
Herrn Patronis bestens zu recommendiren, u. endlich selbst die sichere Nachricht
brachte, dass mir seines Vorspruchs wegen der Dienst unmöglich entgehen könnte.
Ich wusste zur schuldigen Danckbarkeit vor seine vielfältige Mühwaltung nichts
bessers zu ersinnen, als ihn um seine 17. jährige jüngste Jungfer Tochter
anzusprechen. Der gute Mann machte nicht viel Umschweiffe, sondern richtete
gleich folgenden Tages einen kleinen Schmaus aus, worbei ich und dessen Jungfer
Tochter ordentlich mit einander verlobt wurden. Lange Zeit hernach habe ich
erstlich erfahren, dass er die gröste Ursach gehabt also zu eilen, und seine
Tochter mit Ehren unter die Haube zu bringen, denn weil sie jederzeit eine
ungemeine Liebhaberin von Mannes-Fleisch gewesen, und er- der Vater selbst, die
Tochter sehr oft des Nachts mit den Schülern auf der Strasse, nicht selten auch
einen oder den andern in ihrer Schlaff-Kammer angetroffen hatte, so mochte
derselbe befürchten, seiten ihrer, ehe als es ihm angenehm sei, Gross-Vater zu
werden. Solchergestalt wurde ich in allergröster Geschwindigkeit ein Bräutigam,
und schätzte mich bei einer so schönen Liebste der glückseligste Mensch von der
Welt zu sein, weil aber Glück und Unglück sehr selten weit von einander
entfernet ist, so musste auch ich armer Schelm, solches zu meinem grösten
Verdrusse erfahren, denn da ich schon alle Anstalten zu meiner bevorstehenden
Cantors-Hausshaltung machte, bekam ein anderer den Dienst, und ich das Nachsehen.
    Dieser Streich verdross mich dergestalt heftig, dass ich so gleich noch in
der ersten Bosheit einen Schwur tat, nimmermehr wiederum um einen Kirchen- und
Schul-Dienst anzuhalten, sondern bei meinem Schwieger-Vater das Posamentir
-Handwerck zu erlernen, nach ausgestandenen Lehr-Jahren, Geselle und Meister auf
einmal zu werden, und hernach meine Braut darauf zu nehmen und zu ernehren.
Mein Schwieger-Vater war zwar so wohl als die Braut ziemlich stutzig, jedoch das
Verlöbnis war ein vor allemahl geschehen, und ohnmöglich zu wiederruffen, weiln
in Gegenwart sehr vieler Leute alle Ceremonien darbei observirt waren. Endlich
musste sich auf Zureden meiner Mutter und anderer guten Freunde alles geben, denn
mein Schwieger-Vater versprach: daferne ich mit seiner Tochter fein keusch und
züchtig leben würde, er binnen zwei Jahren alles dahin bringen wollte, mich so
wohl zum Meister, als vergnügten Ehe-Manne zu machen. Demnach wurde ich in
meinem 19ten Jahre zum drittenmahle als ein Lehr Junge aufgedungen, und kame
nachhero fast niemahls aus dem Hause, weil ich mich vor den Spott-Reden der
Schneider und Leinweber-Jungen, am meisten aber vor den leichtfertigen Schülern
furchte. Dieses nutzte indessen so viel, dass ich, ehe ein Jahr vergieng, das
ganze Handwerck besser begriffen, als mancher, der schon etliche Jahr darauf
gereiset war, denn mein Meister und Schwieger-Vater, liess wahrhaftig die
schönsten und besten Sachen arbeiten, und hatte beständig 8. biss 9. gangbare
Stühle, auch gemeiniglich 4. biss 5. recht wohl erfahrne Gesellen, die mir vor
öfftere freie Bier-Zechen, die künstlichsten Sachen machen lerneten. Meine
Liebste inzwischen war sehr übel zufrieden, dass diese Jahre länger als 14. Tage
lang daureten, und mochte wohl desto unvergnügter sein, dass ich mich gar zu
genau an meines Schwiegers-Vaters Lehren band, und ihr, ausser einem keuschen
Kusse, weiter keine nachdrücklichern Liebkosungen erwiese, jedoch, ich glaube
mein Schutz-Engel hat mich dessfalls von vielen Verdriesslichkeiten zurück
gehalten, denn, da mein anderes Lehr-Jahr schon etwas über die Helffte
verlauffen war, kam erstlich meine jüngste Schwester, und 5. Tage hernach, meine
Liebste, jede mit einem jungen, wohlgestalten Söhnlein darnieder. Die erste
bekandte auf meinen Herrn Schwieger-Vater, und die letztere auf meine Personalit
ät. Ich, der ich mich in meinem Gewissen von dieser Schuld vollkommen rein
befand, wurde dergestalt ergrimmt, dass meinen alten Degen ergriff, und so wohl
den Schand-Mutz in ihrem Wochen-Bette, als auch den Schwieger-Vater selbst
erstechen wollte. Jedoch meine Mutter schlug sich ins Mittel, und eröffnete mir
das Verständnis, durch den Bericht, dass der alte Susannen-Bruder meine Schwester
zu heiraten, mir aber 200. Tlr. im Voraus zu geben versprochen, wenn ich
seiner losen Tochter Kind, vor das meinige annehmen wollte; welches ihr
eigentlich ein abgereiseter Schüler hinterlassen hätte.
    Wider den ersten Punct, dass nehmlich aus dem Schwieger-Vater ein Schwager
werden sollte; hatte ich nicht das geringste einzuwenden, allein vor meine Person
fand ich höchst unbillig, eines andern Schand-Balg anzunehmen, vielmehr
verschwur ich mich hoch und teuer, diesen Schimpff mit Blute auszuwischen, wenn
man mich nicht, noch ehe es Abend würde, mit baaren Gelde befriedigte, und den
Leuten den rechten Vater des Hur-Kindes bekandt machte. Uber dieses sprach ich
ferner, wäre es nicht genung, dass der alte geile Bock meine Schwester nunmehro
als eine geschändete heiratete, denn da sie ihm als Frau gut genug zu sein
geschienen, hätte er sie wohl in Ehren darzu verlangen, und annehmen können,
weil sie ehrlicher Leute Kind, und noch bessern Herkommens, als er selbst sei.
Ich wusste aber schon, war mein Zusatz, was ich vor einen Streich zu spielen bei
mir beschlossen hätte. Diese und dergleichen Drohungen, worbei ich den blossen
Degen nicht von abhänden kommen liess, würckten so viel, dass ich binnen wenig
Stunden von dem Alten durch meine Mutter 100. Tlr. baar Geld ausgezahlet bekam,
mit dem Bedeuten, dass wenn ich das Haus verlassen, und die übrigen wenigen
Lehr-Monate bei einem andern Stadt-Meister ausstehen wollte, ich noch ein Stücke
Geld auf die Reise bekommen sollte.
    Das war Wasser auf meine Mühle, derowegen nahm kein Bedencken, meiner Mutter
Zuredungen gehorsame Folge zu leisten, begab mich auch also fort zu einem andern
Meister, stund meine Zeit vollends aus, empfieng hernach von dem neuen Schwager,
welcher meine Schwester wirklich geheirater hatte noch 50. Tlr. ohngeacht ich
nach der Zeit seine Schwelle nicht wieder betreten, vielweniger meine gewesene
Liebste des Ansehens gewürdiget hatte, und reisete zu Ende des 1721ten Jahres in
die Frembde, liess auch keinen Heller von meinem Gelde zu Hause, ausgenommen das
wenige Erbteil, welches meiner Mutter verblieb, weil ich den gäntzlichen
Vorsatz hatte, nimmermehr wieder in mein Vaterland zurück zu kehren, doch habe
drei Jahre hernach von einem Lands-Manne in Hamburg erfahren, dass mein Mitbuhler
und Vorfischer, etwa andertalb Jahr hernach, seine Geschwächte nebst dem Kinde
abgeholet, und sich mit ihr trauen lassen; weil er den Organisten-Dienst in
einer kleinen Stadt nebst der Stadt schreiberei überkommen. Also musste diese
Jungfer scil. dennoch auf einen Gelehrten fallen.
    Ich habe nachhero in meiner 3. biss vierdtehalbjährigen Reise-Zeit manchen
lustigen Streich gespielet, indem ich mich zuweilen vor einen verdorbenen
Studenten, zuweilen vor einen Schneider- oder Leinweber-Purschen ausgegeben, so
lächerrlich aber dieselben Streiche gewesen, so weiss ich doch, dass mein Gewissen
von groben Sünden und Bosheiten befreit geblieben. Es mögen dieselben biss auf
andere Gelegenheiten zum Erzehten ausgesetzt bleiben, voritzo will zum
Beschlusse nur noch melden, dass nachdem ich mir an verschiedenen Orten ein
mässiges Stückgen Geld zu demjenigen, welches ich von Hause mitgenommen,
gesammlet hatte, ich mir endlich in Hamburg die Lust ankommen liess, eine Reise
nach Ost-Indien vorzunehmen, weil ich vernommen, dass oft ein armer Schelm, der
keinen Taler im Vermögen gehabt, binnen 3. oder 4. Jahren etliche hundert biss
1000. Taler mit zurück gebracht. In solchen Absichten reisete ich also nach
Amsterdam, erkundigte mich nach Schiffen, die nach Ost-Indien reiseten, und
wurde endlich unvermutet zu des Herrn Capitain Wolffgangs bevollmächtigten
Mons. Horn geführet, der mich biss auf die Zurückkunft des Herrn Capitains mit
Warte-Geldern versah, und endlich in Dienste brachte, denn gegenwärtiger Herr
Wolffgang liess sich mein immer aufgeräumtes Humeur vor andern wohlgefallen und
sagte, dass er mir sonderlich wegen der Profession gewogen, weil er selber
eines Posamentirers Sohn sei. Ich kann nicht anders sagen, sondern muss es
vielmehr mit schuldigsten Danck erkennen, dass er mich auf dem Schiffs vor
verschiedenen andern Mit-Reisenden sonderlich distinguirt, und endlich auf
dieser Insul vollkommen glücklich gemacht hat. Der Himmel gebe ihm die
Vergeltung davor, ich aber werde Zeit Lebens bemühet sein, mich hiesiges Orts so
auf zuführen, dass ihnen, meine Herrn, hoffentlich nicht gereuen soll, meine
Wenigkeit in ihre Freund- und Schwiegerschaft aufgenommen zu haben.
    Hiermit beschloss Mons. Harckert die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, und
wir waren eben im Begriff uns zur Abreise zu schicken, da der Tischler Lademann
kam, und nach Mons. Litzbergen fragte, welcher schon vor länger als einer Stunde
nach Roberts-Raum voraus gegangen sei. Indem wir aber von demselben weder etwas
gesehen noch gehöret hatten, war die Verwunderung desto grösser, und wir fiengen
fast an, uns ein oder andere Sorge über dessen Aussenbleiben zu machen,
schickten auch einen Boten in die Weinberge um zu erfahren, ob er sich etwa bei
dasigen Wächtern befände, um die frembden Affen vertreiben zu helffen, allein
unsere Bekümmernis war nicht allein vergebens, sondern verwandelte sich endlich
in das allerangenehmste Vergnügen, denn nachdem sich der Alt-Vater durch Mons.
Harckerts, und anderer, vielfältiges Bitten endlich bereden lassen: diese Nacht
nebst uns allen seinen Gefährten in Roberts-Raum zu schlaffen, liess sich mit
hereinbrechenden Abend, im dicken Gebüsche des Gartens, ein Säytenspiel hören,
welches wir in möglichster Stille bewunderten, und nach langen præludiren
endlich von einer artigen Tenor-Stimme, folgende Cantata unter dem Säyten-Klange
vernahmen.
                                     Aria.
Nicht alles und doch alles haben,
Scheint zwar ein dunckler
Spruch zu sein;
Doch trifft er bei Vergnügten ein.
Die alle, lernen viel verachten,
Da viele sonst nach allen trachten,
Denn vielen ist die Welt zu klein,
Ihr Lecker. Maul recht wohl zu laben.
                                                                        Da Capo.
                                     Recit.
Wir Felsenburger sind
Die Reichsten auf der Welt
Das macht, wir lassen uns begnügen
Mit dem, was unser Feld,
Wald, Fluss und See zur Notdurfft reicht.
Hier weht kein seichter Wollust-Wind.
Hier kann so leicht kein eitler Wahn betrügen.
Hier wird die schwerste Arbeit leicht.
Hier ist ein irrdisch Paradiess.
Hier schmeckt, was andern bitter scheint,
Recht Zucker süss.
Hier wird der Nahme, Freund,
Mit Ernst und Wahrheit ausgesprochen;
Hier ist ja, ja, und nein ist nein.
Hier wird durch falschen Schein
Kein zugesagtes Wort gebrochen,
Hier hört man nichts von Gräntz- und andern Streite.
Denn kurtz gesagt: wir sind vergnügte Leute.
                                     Aria.
Wucher, Hoffart, eitler Tand,
Setzen sonst das beste Land
Leicht in volle Glut und Brand,
Himmel steure diesen Feinden,
Dass sie uns vertrauten Freunden
Niemahls ins Gehege gehn.
Lass uns nach der alten Weise,
Uns zum Nutzen, dir zum Preise
Ihnen kräfftig widerstehn.
                                                                        Da Capo.
                                     Recit.
Bleib weg von uns du toller Kleider-Pracht!
Hier wird dein Gauckel-Spiel ins Fäusigen ausgelacht.
Was helffen uns Brabandsche Spitzen,
Die nicht einmal zu guten Zunder nützen?
Was sollen Frantzen, Knötgen, Gold und Silber Band?
Was nützt die Seiden-Waare?
Was, die gekräuselten und falschen Haare?
Hat nicht so mancher kluger Geist
Dergleichen Werck, auch wo es Mode heist:
Vor Quackelei und Affen-Spiel erkannt?
Drum wollen wir bei unsrer Einfalt bleiben,
Und doch die Zeit
In süssester Zufriedenheit
Gantz fein vertreiben?
Die Frömmigkeit sei unser schönstes Feier-Kleid,
Und Tugend unser alle Tags-Gewand;
Hiernächst wird See und Land
Schon so viel Flachs und Tiere geben:
Worvon, so lange wir auf Erden leben,
Weib, Kind und Mann
Die Kleidung rein und zierlich haben kann.
                                     Aria.
So sind wir denn alle nach Wunsche zufrieden,
So lange die Wurtzel des Ubels nicht grünt.
Zwar sind wir nicht alle von Fehlern befreit,
Der Saame, den Satan in Eden gestreuet,
Wird wider Vermuten gar öffters erquick;
Jedennoch durch Fasten und Beten erstickt.
Indessen wird vieles was Eitel vermieden,
Das manchen vor diesen zum Falle gedient.
                                                                        Da Capo.
    Es ist unbeschreiblich, was diese unvermutete Neuigkeit vor ein ganz
besonderes Vergnügen in aller Anwesenden Hertzen verursachte, ja es ist
leichtlich zu glauben, dass die auf der Insul gezogen und geboren, unsern lieben
Litzberg, als welcher eben die vortreffliche Music machte, ganz erstaunend
bewundert haben, denn weilen seit anno 1661. da ein naseweiser Affe des
Alt-Vaters eintziges musicalisches Instrument, nämlich die vom Lemelie ererbte
Cyter zerlästert, niemand weiter das geringste von einem Säyten-Spiele gehöret
hatte, war die Verwunderung desto grösser. Es hatte aber Mons. Litzberg nebst
dem Tischler Lademannen, schon seit einem halben Jahre her, jedoch in aller
Stille und Heimlichkeit an diesem Instrumente gearbeitet, ehe sie dasselbe,
sonderlich der Säyten wegen zum Stande gebracht, jedoch dergleichen inventieusen
Köpffen wie diese beiden hatten, musste so zu sagen alles nach Wunsche gehen,
denn wie ich nachhero gesehen, war von ihnen eine solche Menge allerlei Säyten
bereitet worden, und zwar aus den Därmen der wilden und zahmen Ziegen, wie auch
anderer Tiere, dass man wohl noch 200. dergleichen Instrumente, als dieses,
welches die ziemliche, doch in etwas weniges veränderte Gestalt einer Laute
zeigte, hätte damit beziehen können.
    Mons. Litzberg spielete hierauf, zu unserm Vergnügen, noch verschiedene
andere artige Stücke, und accompagnirte wechselsweise mit seiner anmutigen
Stimme, bis endlich der liebe Alt-Vater gegen Mitternacht hierdurch in einen
süssen Schlaff gebracht wurde, weswegen wir übrigen uns nach ihm richteten, und
sämtlich die Ruhe suchten, folgenden Tages aber nach eingenommenen Frühe-Stücke
erstlich gegen Mittag wiederum von einander reiseten.
    Zeitwährender Wein-Lese machten wir uns sämtlich bald in dieser, bald in
jener Pflantz-Stadt ein und andere vergnügte Veränderung, so bald aber dieselbe
vorbei, alles eingesammlet, und zur neuen Bestell-Zeit behörige Anstalt gemacht
war, ersuchte ich den Alt-Vater mir nebst andern Europäern und denen, so ausser
dem noch Lust darzu hatten, eine Fahrt zur See auf die benachbarte Insul
Klein-Felsenburg zu tun. Er liess sich durch unablässiges Anhalten endlich
bereden, zumahlen da der Vater David Julius, alias Rawkin, sich zum Schiffs-
Patrone anbot, derowegen wurde das in der Bucht liegende Schiff, binnen wenig
Tagen völlig ausgebessert, worauf wir sämtlichen letzt angekommenen Europäer,
ausgenommen Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang uns am 28. Apr. 1727.
embarquirten, und die Reife bei guten Wetter und Winde antraten. Es war eben
kein allzustarcker Hazard dergleichen Fahrt vorzunehmen, denn wir gelangeten in
wenig Stunden auf der lustigen Insul Klein-Felsenburg, und zwar in dem
vortrefflichen Hafen an, welcher auf dem beigefügten Kupffer-Stiche mit A
bezeichnet ist. Der Ort, wo wir bequemlich aussteigen konten, ist mit B.
bemerckt, und hieselbst baueten wir sämtlichen an der Zahl 36. Personen, in der
Geschwindigkeit 6. geraumliche Lauber-Hütten von abgehauenen Baum-Aesten auf,
vergassen auch nicht, aus denen 3. mitgenommenen kleinen Canonen, eine
dreimahlige Salve zu geben, um unsern Freunden in Gross-Felsenburg kund zu tun:
dass wir glücklich angelandet wären, worauf uns dieselben gleichfalls dreimahlige
Antwort gaben.
    Diesen ersten halben Tag brachten wir also mit Untersuchung der Nordlichen
Gegend zu, durchstreifften dieselbe, so weit uns die ziemlich angelauffenen
Wasser-Flüsse das Gehen erlaubten, nämlich wie auf dem Kupffer-Stiche zu sehen,
von B. zu C.D.E.F. und kamen mit einbrechender Nacht sehr ermüdet zurück an den
Ort B, allwo unsere Hütten aufgebauet waren. Wir hatten, ausser unzähligen
fruchtbaren Bäumen vortrefflicher Gräserei, süssen Wasser-Bächen und der mit D.
bezeichneten saltzigen See, worinnen sich eine grosse Menge Fische aufhielt,
nichts sonder- und wunderbares angemerckt, als einen unvergleichlich fetten
Erdboden, der ungemein geschickt wäre seinen Art-Leuten die angewandte Mühe und
Bestellungs-Kosten zu ersetzen, ingleichen eben die Arten von Wildprät, Ziegen
und Vögeln, wie sich dieselben auf der Insul Gross-Felsenburg befanden, jedoch
wir stelleten keinen nach, indem wir Proviant zur Gnüge bei uns führeten, auch
zum Zugemüse noch allerhand frische Früchte, Kräuter und Wurtzeln erblickten.
Kurtz zu melden, dieses Land hatte mit dem Gross-Felsenburgischen fast einerlei
Art, nur dass allhier die blosse Natur, dorten aber zugleich die menschlichen
Künste und Wissenschaften mit würckten. Folgendes Tages fuhren wir mit zwei
kleinen Booten in die durch den Meer-Busen abgesonderte Westliche Gegend G.
wanderten hinunter biss an die Nord-Spitze, von dar mehrenteils am Gestade,
zurück biss an das Gebürge H. allwo wir die Mittags-Stunden über ausruheten,
etwas von unsern mitgenommenen Speisen zur Erquickung nahmen, hernach das
Gebürge umgiengen, die Sud-Ecke I. betrachteten, abermals einen grossen
Meer-Busen K. und weiter hin die grosse See L. antraffen, und endlich zurück an
den Ort kamen, wo der in die kleine See lauffende Fluss die kleine Insul C.
macht. Allhier überfiel uns die Nacht, weswegen wir uns bei einem angemachten
Feuer niederlagerten, und in guter Ruhe biss zu Aufgang der Sonne schlieffen. Wir
hatten also nur noch das Oestliche Teil der Insul zu betrachten, vor uns, weil
aber der Strohm, der sich aus der grossen in die kleine See ergoss, gestriges
Tages allzu breit und tieff befunden worden, sollte, um alle Gefahr zu vermeiden,
der Rückweg zu den Booten angetreten werden; Allein der Tuchmacher Lorenz
Wetterlingund der Bötticher Melchior Garbe, hiessen uns ohne alle Sorge auf der
Stätte warten, und sie nur machen zu lassen, indem sie durch den Strohm
schwimmen, und ehe 2. Stunden verlieffen, mit den Booten bei uns sein wollten. Es
wollte zwar keiner von uns darein willigen, sondern viel lieber den Rückweg in
Compagnie antreten, allein sie liessen sich nicht wehren, schwummen auch bei der
kleinen Insul um die Gegend a. glücklich durchhin, und kamen noch, ehe wir uns
dessen versahn, in einem Boote den Fluss herunter gefahren, schleppten auch das
andere angebundene Boot hinter sich her, nahmen uns ein, so dass wir die kleine
See durch passiren, und in der Gegend M. aussteigen konten. Nachdem die Boote
befestiget, besahen wir erstlich die grosse See von dieser Seite, kosteten deren
Wasser, und befanden dasselbe, ohngeacht verschiedene süsse Bäche hinein
flossen, ganz grausam saltzig, weswegen Mons. Litzberg par curiositeè ein Feuer
anmachte, eine kupfferne Schaale mit diesem See-Wasser angefüllet, darauf
setzte, selbiges verrauchen liess, und gar bald das vortrefflichste Saltz
abschäumete. Nach diesen, schlugen wir uns lincker Hand, nach dem grossen
Gebürge N. zu, umgiengen und bestiegen dasselbe, fanden zwar Merckmahle, dass
selbiges Ertz oberhalb aber keine Weinstöcke, wie das Unserige in
Gross-Felsenburg trüge. Hierauf verteileten wir uns öffters in 2, öffters auch
in 3. Parteien, durchstreifften den Wald und die steilen Klippen am Ufer gegen
Osten zu, fanden aber nichts besonderes als eine ungemeine hohe Felsen-Spitze,
welche entsetzlich hoch in die Höhe lieff, und kaum auf die Helffte zu
erklettern war. Mons. Litzberg, Lademann, Plager und ich waren dennoch so
curieux so weit hinauf zu steigen, als ohne allergröste Gefahr möglich war,
unsere Mühe aber war nicht gäntzlich vergebens, denn wir entdeckten durch ein
mitgenommenes 8. Fuss langes Perspectiv, gegen den Süder-Pol zu, ein gross Stücke
Land, welches nach Mons. Litzbergs Meinung ohngefehr 40. biss 50. Meilen von uns
entfernet, und dem Augenmasse nach wenigstens etliche 30. oder mehr Meile in der
Breite halten müsse, die Länge aber, von uns gegen Süden zu, war nicht
anzumercken. Alle unsere Gefährten, die etwas von der Geographie verstunden,
glaubten fest, dass dieses ein den Europäern noch ganz unbekandtes Land sein
müsse, weil man auf keiner eintzigen Land- oder See-Carte um diese Gegend etwas
angemerckt befunden. Wäre es nach unsern Köpffen, und nicht wieder des
Alt-Vaters expressen Befehl gegangen, so hätten wir gleich folgenden Tages
unsere Seegel dahin gerichtet, so aber musste es unterbleiben. Immittelst kamen
wir auf dem Platze P. alle 36. Mann ohnbeschädigt wieder zusammen, kochten ein
Gerichte Fische, welche etliche der Unsen aus den Bächen gefangen hatten,
hielten noch ein und anderes Gespräch über das neu-erblickte Land, und
schlieffen mit einbrechender Nacht bei dem Feuer ohn alle Sorgen ein.
    Am vierdten Tage unseres Daseins wurde endlich der übrige Teil der Oestl.
Gegend vollends ausgekundschaft, da aber weiter nichts sonderliches
merckwürdiges zu betrachten vorkam, machten wir beizeiten Feierabend, schossen
jedoch ein kleines Wild, um das auf dieser Insul erzeugte Wildprät teils
gekocht, teils gebraten zu versuchen, befanden aber gegen unser
Gross-Felsenburgisches nicht den geringsten Unterschied. Nächstfolgenden fünften
Tages setzen wir uns bei der kleinen See in aller Frühe wieder in unsere Boote,
ruderten den Strohm hinauf, wendeten uns aber über der kleinen Insul um, und
kamen gegen Mittag auf der mit B. bezeichneten Städte an, allwo unser Schiff vor
Ancker liegend, und die aufgebaueten Lauber-Hütten annoch unversehrt angetroffen
wurden. Es gefiel uns allen noch eine Nacht in diesen, noch ziemlich frischen
Laub-Hütten zu schlaffen, derowegen wendeten wir den übrigen Teil des Tages
darzu an, eine grosse Menge derer besten Früchte, Kräuter und Wurtzeln aufs
Schiff zu schaffen, um solches unsern Freunden zum Schertz als etwas seltsames
mitzubringen. Lademann, Herrlich und andere mehr machten sich indessen ebenfalls
uñötige Mühe, indem sie verschiedene gerade Bäume und Stangen umhieben, und
dieselbe zum mitnehmen mit gröster Mühe aufs Schiff schafften. Mons. Litzberg
nahm zur Curiositeé sein gesottenes Saltz, Plager aber eine grosse Menge
Ertzhaltige Steine aus dem Gebürge mit, als woran er sich nebst etlichen andern
fast halb kranck getragen hatte, wir lachten ihn dieserwegen ziemlich aus,
allein er lachte wieder und sagte: Meine lieben Herren, es wird schon die Zeit
kommen, dass ihr oder eure Kinder Glocken, Brau-Pfannen, Kessel und anderes
Kupffer und Messing-Geschirr verlangen werdet, ists nun nicht gut, wenn man weiss,
wo das darzu benötigte Ertz zu suchen ist? Solchergestalt mussten wir ihm in
Wahrheit recht geben.
    Nachdem aber alles seine Richtigkeit, auch Mons. Litzberg den ohngefähren
Abriss von dieser kleinen Insul, welche er auf dem Gebürge völlig übersehen
können, verfertiget hatte, kehreten wir Sonnabends den 3ten Maji wiederum zurück
aufs Schiff und bald Nachmittags zu der Insul Gross-Felsenburg, allwo uns unsere
Freunde, erstlich, nachdem wir sie mit 3. Salven gegrüsset, gleichfalls mit
etlichen Stück-Schüssen, bei glücklicher Anländung aber dergestalt hertzlich
bewillkommeten, als ob wir 10. Jahr aussen gewesen wären, und die halbe Welt
umseegelt hätten. Ein jeder, der sich herbei nahete, wurde mit ausländ.
sogenandten Früchten beschenckt, welches ein hertzliches Gelächter, sonderlich
bei dem Alt-Vater erweckte, denn er bekam den besten Teil, über dieses
statteten wir ihm einen richtigen Rapport von unserer Untersuchung der kleinen
Insul ab. Da aber Mons. Litzberg auf das erblickte unbekandte Land kam, und zu
vernehmen gab; wie er sehr grosse Lust hätte selbiges genauer zu betrachten,
sprach der Alt-Vater: Mein Sohn! dieses Land haben ich und der alte Amias schon
vor vielen Jahren, nur aber zu gewissen Zeiten, wenn das Wetter nicht allzu klar
und auch nicht ganz trübe gewesen, ohne Perspectiv gesehen. Ich glaube selbst,
dass es eines von den gegen den Süder-Pol gelegenen unbekandten Ländern auch
vielleicht unbewohnt und dennoch fruchtbar, aber auch wohl nur ein blosser
Schatten oder Blendwerck der Augen sein kann. Allein, gesetzt auch, dass es ein
würckliches gutes Land wäre, was nützet uns, sonderlich anitzo, dergleichen
Untersuchung, genung wenn wir unsern Nachkommen hiervon einige Nachricht
hinterlassen. Es wird, wie ich glaube, noch eine ziemliche Zeit hingehen, ehe
sich meine Geschlechter dergestalt vermehren, dass sie auf Gross- und
Klein-Felsenburg nicht mehr Platz und Nahrung haben können, als denn ist es
erstlich Zeit, dass sie sich nach andern Insuln oder festen Ländern umsehen. Bei
jetzigen Umständen aber und ferner in einem Seculo oder noch länger, wäre es mit
unter die eiteln Lüste zu rechnen, wenn sich jemand grosse Mühe dieserhalb geben
wollte. Denn was sollte wohl an solchen Orten zu suchen sein, welches wir nicht in
grossen Uberfluss besässen, oder wenigstens entraten könten. Demnach schämeten
wir uns wegen des neuentdeckten Landes sämtlich dermassen, dass hinführo in
Gegenwart des Alt-Vaters, ferner kein eintziger ein Wort davon erwähnen wollte,
zumahlen da uns itzo Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang ziemlich damit
aufzogen.
    Immittelst war doch nunmehro auch diese Neugierigkeit und Lust gebüsst
worden, bald hernach rückte die etwas rauhere Herbst- und Winters-Zeit heran,
welche aber unser Vergnügen keinesweges stöhrete, denn nunmehro war ein jeder,
sonderlich zur Regen-Zeit desto fleissiger seine Haus-Arbeit, die unter dem Dache
verrichtet werden konnte, vorzunehmen.
    Monsieur Litzberg, Lademann, Plager und Herrlich brachten bei dieser Zeit
zwei vollkommen gute Clavicordia zuwege, und schenckten eins darvon auf die
Albertus-Burg, damit zuweilen Herr Mag. Schmeltzer oder ich, uns darauf üben und
dem Alt-Vater die lange Weile vertreiben konten. Die Drat-Seiten hatte Mons.
Plager hierzu gezogen, und guten Teils übersponnen, als warum Lademann
anfänglich die meiste Sorge getragen. Ausser diesen wurden auch bald 2. Violinen
und eine Bass-Geige fertig, welche zwar nicht alle Europäische Zierraten, jedoch
einen sehr guten Klang hatten. Demnach befanden wir uns im Stande eine
vollstimmige Music zu machen, wenn nehmlich Mons. Litzberg die Laute, Kramer und
Herckert die Violinen, Lademann den Violon, ich aber das Clavier spielete, und
weil Mons. Litzberg, sonderlich aber Herr Mag. Schmeltzer etwas von der
Composition verstunden, so wurde gar bald Anstalt zu einer Kirchen-Music
gemacht, und selbige auch nicht selten zu allerseitigen Vergnügen abgelegt.
Unter unserer studirenden Jugend fanden sich gar geschwind tüchtige Subjecta, so
wohl zur Vocal- als Instrumental-Music, und weil Lademann nebst seinen Lehrlingen
nach und nach immer mehr dergleichen Instrumente verfertigten, war kein Zweiffel
binnen weniger Zeit ein vollkommenes Chor zu bestellen.
    Endlich liess sich der künstliche Lademann gar in den Sinn kommen, eine Orgel
in die Kirche zu bauen, indem er sich derer, in der Nonnen-Kirche erlernten
Wissenschaften, annoch sehr wohl erinnerte, und da ihm vollends Herr Mag.
Schmeltzer in vielen Stücken und sonderbaren Vorteilen Rat zu geben, auch
würckliche Hülffe zu leisten versprach, liess er alle andere nicht so gar nötige
Arbeit liegen, und fieng mitten im Winter an das Holtz zum Gehäuse zuzurichten.
Die Pfeiffen sollten erstlich von ordinairen Orgel-Bauer-Metall gemacht werden,
nachdem aber weiter von der Sache gesprochen worden, liess der Alt-Vater durch
mich, aus seiner Schatz-Kammer, verschiene Silber-Klumpen hervor langen, da sich
denn Mons. Plager so gleich verobligirte: mit Morgentals und ihrer beider
Lehrlinge Hülffe, die Platten zu den Pfeiffen behörig auszuarbeiten, und nach
Lademanns Anweisung zusammen zu löten. Jedoch weil dieses vortreffliche Werck
im 1728. Jahre noch nicht einmal zur Helffte gebracht war, und ich Eberhard
Julius darüber nach Europa gereiset bin, kann ich dessen Zustand der Gebühr nach
voritzo nicht beschreiben, hoffe aber selbiges, bei meiner Zurückkunft meistens
fertig, zu finden, da ich denn nicht ermangeln werde, meinem Europäischen Herrn
Correspondenten, durch den Capitain Horn auch dessfalls sichern Bericht
abzustatten.
    Hergegen hatte Mons. Plager zu Ausgange des Monats Julii 1727. seine vor
einiger Zeit angefangene grosse Uhr vollkommen zur Richtigkeit gebracht, auch
bereits zwei Schaalen oder Glocken darzu gegossen, worvon die
Viertel-Seiger-Glocke 55, die vollschlagende aber 112. Pf. wog, Es war unter
seiner zugerichteten Glocken-Speise mehr als die Helffte Silber, woher dann ein
vortrefflich rein und heller Klang entstund. Demnach wurde die Uhr in den ersten
Tagen des August-Monats oben auf die Albertus-Burg gestellet, und konnte
solchergestalt fast von den meisten Einwohnern gehöret werden, welches eine
unaussprechliche Freude unter dem ganzen Volcke verursachte.
    Von allen unsern Europäern war nunmehro um diese Zeit kein eintziger mehr
übrig, der seine besondere Profession nicht behörig hätte treiben können: als
Kleemann der Pappier-Müller, und Wetterling der Tuchmacher, dem letztern zu
Gefallen brach Lademann von seinem höchst-fleissigen Orgelbauen einige Tage ab,
und verfertigte ihm in kurtzer Zeit 2. tüchtige Tuchmacher-Stühle, vor das
übrige war der Meister Tuchmacher selbst besorgt, brachte es auch in wenig
Wochen dahin, so viel Baumwollen-Garn aufzuziehen, darvon er zur ersten Probe
wenigstens 80. Ellen Zeug oder Tuch, wovor man es halten wollte, darlegen konnte.
Spinnerinnen fanden sich zur Gnüge an, wie denn auch zwei tüchtige Lehr-Pursche,
derowegen wünschte Wetterling, dass sich nur unsere Schaaffe täglich vermehren
möchten, um sattsame Wolle zu rechtschaffenen Tüchern zu bekommen, auch war der
Drechsler so behülfflich, ihm etliche Woll-Räder zu machen, worauf er die
Weibs-Personen spinnen lehrete, und also war der Wunsch dieses fleissigen
Arbeiters zum wenigsten auf die Helffte erfüllet, indem er mittler weile
entweder lauter Baumwollen, oder zur Helffte leinen Garn würcken konnte.
    Uber den Pappiermüller Kleemann erbarmete sich unser ehrlicher Müller
Krätzer, und machte den Anfang, ihm eine Pappier-Mühle bauen zu helffen, welche
der gute Kleemann zwar bei seiner Wohnung selbst errichten, aber nicht zum
Stande bringen können. Jedoch weil es noch zur Zeit ohnedem an gnugsamen
Materialien zur Pappiermacherei fehlete, ging es nicht eben allzu hurtig mit
dem Mühlen-Baue zu allein er hat dennoch endlich im Mittel des 1728ten Jahres
seine erste Probe so wohl mit sehr feinen weissen, als auch andern schlechten
Sorten von Pappier abgelegt, welches uns allen zu sonderbaren Vergnügen
gereichte, zumahlen da auch er seine Profession auf die Insulaner
fortzupflantzen bereit war, und dieserwegen gleich anfänglich 3. junge Pursche
auf ein mahl in die Lehre nahm.
    Also stunde es nun um damahlige Zeit mit unsern Künstlern und
Handwercks-Leuten, denn indem dieselben ihren Fleiss den sämmtlichen Gemeinden
zum besten anwendeten, so waren im Gegenteil nicht allein ihre Weiber besorgt,
die Hausshaltungs- und Nahrungs-Mittel anzuschaffen, sondern es wurde einem jeden
an Geträyde und Victualien durch ihre Nachbarn und Freunde dermassen viel
zugetragen, dass sie in allen Dingen beständigen Uberfluss hatten.
    Herr Mag. Schmeltzer, Monsieur Litzberg, Herr Wolffang und ich waren
immittelst täglich bemühet, unsere angenommenen Schüler auf solche Art wie schon
oben erwehnet, zu informiren, und weilen nunmehro seit kurtzem auch das Studium
musicum darzu gekommen war, brachten wir sämtlich sehr wenig Stunden müssig zu,
der Alt-Vater hatte sein innigliches Vergnügen, die Jugend also fleissig zu
sehen, besuchte derowegen sehr öffters die Schul-Stuben, ausser dem aber
vertrieb er seine Zeit mit Lesung geistlicher Bücher, ingleichen seine Chronicke
ordentlich fort zu schreiben, weil ihm biss dato die Augen noch sehr klar und
helle waren.
    Solchergestalt befand sich das Kirchen-Schul- und Haus-Wesen eins so wohl als
das andere in vollkommen guten Stande, Kummer, Sorge und andere
Verdriesslichkeiten aber, waren uns gäntzlich unbewust. Nur allein befand sich in
meiner Seele sehr öffters eine grosse Betrübnis, wenn ich an meine
zurückgelassene Schwester, vornehmlich aber an meinen lieben Vater Franz Martin
Julium gedachte, als von welchem ich nicht wusste ob er unter die Todten oder
Lebendigen zu zählen sei. Demnach wartete ich in Wahrheit mit einiger Ungedult
auf die Zurückkunft des Capitains Horns, und beschloss gäntzlich, dass wo
derselbe aufs längste vor Ablauff des 1728ten Jahres nicht käme, ich sodann dem
Alt-Vater keine Ruhe lassen wollte, bis er mich mit benötigter Fracht an Gold,
Perlen und Edlen-Steinen auf die Insul St. Helenæ schiffen liesse, von wannen
ich dann schon weiter zu kommen trauete, um zu erfahren, ob sich mein lieber
Vater bei unsern guten Freunden nicht etwa gemeldet hätte; oder da ich ja nicht
so glücklich sein sollte, von ihm sichere Nachricht einzuziehen; so war doch mein
ernstlicher Vorsatz durch Bezahlung seiner Schulden ihn von aller üblen Nachrede
zu befreien, nächst dem bei ein oder andern guten Freunde ihm einen
schrifftlichen Bericht von meinem erlangten Glücke und dem Orte meines
Aufentalts zu hinterlassen, nächst diesen allen Fleiss anzulegen, meine
Schwester zur Reise-Gefährtin auf die Insul Felsenburg zu bereden, jedoch
daferne sich dieselbe annoch in ihrem ledigen Stande befände, widrigenfalls ich
ihr nicht das geringste von meinem Schicksaal zu eröffnen, sondern sie nur mit
einem kostbaren Geschencke abzu, fertigen beschloss. Dieses waren also meine
eintzigen Grillen, welche durch Gedult zu unterdrücken, ich genugsame Mühe
anwenden musste, jedoch die täglich sehr vielfältig abwechslenden Geschäffte
mussten die besten Sorgen-Vertreiber sein, und ausser diesen konten die musicali
schen Instrumenta, sonderlich aber mein Vogel mir manches Vergnügen erwecken.
Denn dieses artige Tier hatte sich sehr viel vergnügende Redens-Arten, auch
andere lustige Streiche angewöhnen lassen, und guten Teils selbst aufgefangen,
welche es zuweilen von ohngefehr zu gröster Verwunderung und Gelächter aller
Anwesenden sehr artig anzubringen wusste. Ich hätte meiner liebsten Cordula
ungemein gern ein Præsent mit diesen schönen Vogel gemacht, weil aber der
Alt-Vater sich selbst fast täglich mit ihm bespracht, und allerhand Schertz
trieb, wollte ich demselben in seinem hohen Alter dieses Vergnügens nicht
berauben.
    Jedoch des Alt-Vaters Vergnügen zeigte sich desto völliger, da mit Ausgange
des Monats Aúgusti, bei denen am 23. p. Trin: voriges Jahrs copulirten, Europæi
schen und Felsenburgl. Eheleuten, der erfreuliche Ehe-Seegen immer nach und nach
zum Vorscheine zu kommen begunte. Denn es war recht zu bewundern, wie auf der
Alberts-Burg immer eine erfreuliche Zeitung nach der andern, von der glücklichen
Niederkunft einer oder der andern Wöchnerin, einlieff. Unter denen letzt
angekommenen Europäern traff das Glück am ersten Mons. Kramern, der am 28. Aug.
eine junge Tochter bekam. Hierauff erhielt am 29. dito früh, Herrlich eine
Tochter, und gegen Abend Morgental einen Sohn. Den 30ten Mons. Plager und
Schreiner jeder eine Tochter. Den 1. Sept Herr Mag. Schmeltzer einen Sohn, und
der Müller Krätzer, eine Tochter. Den 3ten Sept. Mons. Litzberg einen Sohn, den
4ten Sept. Melchior Garbe eine Tochter. Den 6. Sept. Lademann einen Sohn, und
Wetterling eine Tochter. Den 8. Sept. Kleemann eine Tochter, und den 9ten dito
Mons. Harckert einen Sohn. Die Liebes-Pfänder der eingebohrnen Ehe-Leute aber,
halte voritzo zu specificiren nicht ratsam, sondern will selbige biss zur
Jahr-Rechnung auffbehalten. Immittelst hatte Herr Mag. Schmeltzer bei dieser
Zeit fast tägliche Ammts-Geschäffte, indem er die neugebohrnen Kinder zu
tauffen, immer von einem Orte zum andern reisen musste, dieweil nicht ratsam
schien: die allzuweit entlegenen in die Kirche zur Tauffe zu bringen. Jedoch
Kramers, Litzbergs, Krätzers und Herr Mag. Schmeltzers Kinder, empfiengen wegen
der nächstgelegenheit, die Heil. Tauffe in der Kirche, meine Cordula aber hatte
nebst dem Altvater und Herrn Mag. Schmeltzers Schwieger-Vater die Ehre, von
diesem unsern werten Seel-Sorger mit zur Tauff-Zeugin seines jungen Söhnleins
erwehlet zu werden, welches die Nahmen Albertus Georgius empfieng.
    Nachdem aber die Sechswöchnerinnen allerseits einen frölichen Kirch-Gang
gehalten, wurde bald hier bald dort von den erfreuten Kind-Tauffen Vätern eine
kleine Collation angestellet, worzu ein jeder vornehmlich den Altvater und Herr
Mag. Schmeltzern, nächst diesen aber seine Nachbarn, und dann die letzt
angekommenen Europäer zu bitten pflegte. Demnach hatten wir auch in diesem
Früh-Jahre vielerlei vergnügende Veränderungen. Unter andern war mein Gevatter
Peter Morgental beschäfftiget gewesen, seine erbetenen Gäste bestens zu
bewirten, denn derselbe hatte ohngeacht seines täglichen Fleisses in der
Werckstadt, dennoch immer so viel Zeit abgebrochen: seine Haus-Wirtschaft im
Acker-Garten-Bau und Vieh-Zucht aufs ordentlichste einzurichten, er war auch der
erste gewesen, der sich von Herrn Kramern allerlei Sorten, der aus Europa
mitgebrachten Tiere ausgebeten, die sich denn allbereits in seinem Revier
nicht wenig vermehret hatten. Jedoch ich besinne mich, dass um diese Zeit, schon
alle Arten von Viehe unter die 9. Gemeinden verteilt waren, biss auf das
Rind-Vieh, und Pferde, welche letzern Mons. Wolffgang, Litzberg und Kramer um
besserer Zucht willen, annoch in Alberts- und Christians-Raum verteilt hielten.
Zur Zeit war noch kein Pferd, weder zum reiten, fahren, vielweniger zum pflügen
gebraucht worden: allein eben bei dieser Collation, beredete sich Morgental mit
Mons. Litzbergen, Lademannen und andern geschickten Holtz-Arbeitern, ehestens
etliche Pflüge zu verfertigen, welche von Pferden und Ochsen, auch wohl
vielleicht von zahm gemachten Hirschen gezogen werden könten, hiernächst den
Insulanern das Pflügen und Aegen zu lehren, damit ihnen in Zukunft, bei
stärckerer Vermehrung der Menschen und Tiere, der Feld-Bau erleichtert werden
möchte. Der Altvater hörete diese Invention, als eine Sache, worvon er mit Herr
Wolffgangen schon zum öfftern gesprochen, mit grösten Vergnügen an, lobete
derowegen den guten Vorsatz. Nach fernern ernstaften Gesprächen aber, bezeugte
derselbe ein besonderes Verlangen, auch dieses unseres guten Wirts,
 
                       Peter Morgentals Lebens-Geschicht
anzuhören; wie nun selbiger unserer allereinstimmiges Begehren merckte, machte
er sich so gleich bereit, seine Gäste vermittelst folgender Erzehlung zu
beruhigen:
    Mein Geburts-Ort ist die berühmte Stadt Magdeburg, allwo mein Vater als ein
Zimmermann viele Jahre nach einander gearbeitet, eine Frau genommen, zwei Kinder
mit derselben gezeuget, und endlich bei einem schweren Baue sein Leben
eingebüsst hat. Ich war damahls etwa 9. mein jüngster Bruder aber 6. Jahr alt,
und weil mein Vater durch seine Arbeit, die er unter andern Zimmer-Meistern nur
als Geselle verrichtet, wenig Schätze sammlen, sondern mit genauer Not die
Seinigen erhalten können, mussten wir uns, nachdem das wenige Geräte verkaufft
und auffgezehret war, bequemen, nebst unserer Mutter den Bettel-Stab zu
ergreiffen, denn weil meine Mutter eine arme frembde Dienst-Magd, mein Vater
aber ebenfalls ein frembder gewesen, so fand sich kein eintziger Freund, der
eines oder das andere Kind auffnehmen oder ernähren wollte. Dennoch suchten wir
unser Brod, von einem Dorffe und Stadt zur andern, mit Beten und Singen vor der
Leute Türen; dass aber solchergestallt, zuweilen viel Kummer und Not mit
untergelauffen, ist leichtlich zu erachten, jedoch meine Mutter, welche um
selbige Zeit etwa 32. biss 33. Jahr alt war, gedachte sich ihr Elend zu
erleichtern, indem sie einen abgedanckten Soldaten heiratete, welcher seines
abgeschossenen Beins wegen, zu Pferde im Lande herum bettelte. Ob sie sich
ordentlich mit ihm copuliren lassen, weiss ich zwar nicht, aber allen Ansehen
nach, waren sie rechte Ehe-Leute, u. meine Mutter erzeigte ihrem neuen, wiewohl
sehr wunderlichen und jachzornigen Manne alle gehorsamliche Ehr-Furcht, so dass
sie wegen der allzustarcken ehelichen Liebe, die Kindliche gegen uns ihre beiden
Söhne zu vergessen schien, dessen die täglichen Schläge ein sattsames Zeugnis
abstatteten, zumahlen wenn wir armen Knaben, des Abends, nicht gnugsame
Pfennige, Brod und andere Victualien-Stücken einbrachten; denn es ist zu merken,
dass ich und mein Bruder bereits gewöhnet worden, ganz besondere Streiffereien
zu tun, und Abends in der bestimmten Bettel-Herberge einzutreffen. Die
verfluchte Schind-Mehre, nehmlich das Pferd unsers Stief-Vaters, verfrass fast
mehr als wir sämmtlich erbetteln konten, und dennoch liess sein Hochmut nicht
zu, selbiges zu verkauffen, endlich aber, da der Klapper-Storch bei meiner
Mutter einkehren wolle, und sie fast nicht mehr fort kommen konnte, blieben wir
ohnweit Zörbig in einem Dorffe, Radegast genannt, liegen, allwo der Stieff-Vater
sein Pferd an einem Bauer vor 11. Tlr. verkauffte, sich nebst uns in ein klein
Bauer-Haus einmietete, und nebst meiner Mutter das Korbmacher Handwerck
anfieng, als in welchem er ziemlich erfahren zu sein schien. Wenige Zelt hernach
kam meine Mutter in die Wochen, und wie ich hörete, so setzte es, noch ehe das
neugebohrne Schwesterlein geboren wurde, bei dem Pfarrer ziemliche
Verdriesslichkeiten, des Trau-Scheins wegen, jedoch weil sich meine Eltern, ich
weiss nicht auf was vor Art zu entschuldigen wussten, wurde zwar endlich das Kind
getaufft, ihnen aber auferlegt, entweder binnen 6. Wochen ihren Trau-Schein und
andere gute Zeugnisse zu schaffen, oder sich aus dem Dorffe zu packen. Meine
Mutter gab vor, so bald es ihre Kräffte zuliessen, selbst eine Reise nach
Magdeburg zu tun, um von dar die Zeugnisse ihres ehrlichen Lebens und Wandels,
unterwegs auch einen neuen Trau Schein, von demjenigen Dorff-Priester, der sie
getrauet, abzuholen; weil sie den ersten ohngefähr verloren hätte. Jedoch weil
es noch vor Weihnachten also im härtesten Winter war, verzog sich ihre Reise biss
kurtz vor den Oster-Feiertagen, da sie denn endlich nebst ihrem kleinen
säugenden Kinde dieselbe antrat, und noch vor dem Feste wieder zu kommen
versprach. Der Stief-Vater war inzwischen sehr fleissig, und machte in der
nahgelegenen Stadt Zörbig, alle seine Korbmacher-Arbeit zu Gelde. Mittwochs vor
Ostern aber, da die Mutter noch nicht zu Hause war, schaffte er die letzten
Stücke in die Stadt, und welches mir am bedencklichsten vorkam, so packte er so
wohl meiner Mutter, als sein eigenes angeschaftes Geräte, in einen grossen
Deckel-Korb, verband denselben sehr fest, und liess ihn mit in die Stadt fahren:
hätten ich oder mein Bruder gefragt was dieses bedeuten sollte; würde es
ohnfehlbar entsetzliche Schläge geregnet haben, derowegen schwiegen wir stille,
er aber gab uns gute Worte, und versprach: noch vor Abends wieder zu kommen, wir
sollten aber ja durchaus nicht aus dem Hause gehen, sondern sein fleissig
Korb-Höltzer schnitzeln, denn die Mutter würde heute oder Morgen ganz gewiss
zurück kommen, und uns Magdeburger Semmeln mitbringen. Demnach gaben wir uns
zufrieden, zumahl da er wieder seine Gewohnheit, den Brod-Kammer Schlüffel
stecken gelassen, in welcher noch 4. Haussbackene Brodte, nebst ein halb Schock
Käse, etwa zwei Pfund Butter, nebst Möhren, Rüben und andern Koch-Speisen lagen.
    Wir kochten, speiseten, und bedieneten uns alle beide nach Hertzens-Lust,
sahen auch öffters zur Tür hinaus nach der Mutter, allein es wollte sich
selbige, so wohl als der Stief-Vater, weder diesen noch folgenden Tag
einstellen. Wir schlieffen am Char-Freitage, biss fast gegen Mittag, da ich mich
aber endlich befürchtete, der Vater oder Mutter möchten mir bei ihren
plötzlichen Eintritte in die kalte Stube, einen übeln guten Morgen bieten,
erhuben sich die ausgeruheten Glieder aus dem, nicht mit Schwans-sondern
Schweins-Federn ausgestopffen Bette, worauff ich mich bemühete eine tüchtige
warme Stube zu machen, jedoch, weil ich ein wenig gar zu viel dürres Reiss-Holtz
und Spane in den Ofen mochte gesteckt haben, schlug die Flamme dergestallt
plötzlich zum Ofen heraus, dass ich mich genötiget sah, vor Angst und
Schrecken, Feuer zu schreien. Mein jüngerer Bruder lieff im blossen Hembde zum
Hause heraus in eine andere Wohnung, mir aber, der ich schon etwas Wasser in den
Ofen gegossen, kamen noch andere Leute, und zwar eben zu rechter Zeit zu Hülffe,
denn das Feuer hatte schon oben zwei oder drei Balcken angezündet, jedennoch
wurde in der Geschwindigkeit alles völig gelöschet. Dem ohngeacht kam fast alles
Volck aus dem Dorffe zusammen gelauffen, ihrer etlichen schryen: Werffet die
Mord-Brenner ins Feuer! andere: Lasst uns die Bettel-Bagage ins - - Nahmen
verbrennen! wieder andere, die mich von ferne, als einen Koch, der den Brei
verdorben, mit niedergeschlagenen Kopffe stehen sahen, riefen: Haschet, haschet
doch jenen grösten Schelm, haltet ihn fest, dass er nicht entlauffe!
    Bei so gestallten Sachen, hielt ich, meiner damahligen grossen Einfallt
ohngeacht, dennoch darvor, dass es die gröste Torheit wäre, wenn ich mich
hiesiges Orts lange auffhielte, machte mich derowegen auf die baarfussen Beine,
und lieff über einen sehr langen Stein-Damm, dermassen hurtig nach der Stadt zu,
als ob das angezündete Feuer selbst hinter mir drein schlüge. Da ich aber auf
der Höhe vor der Stadt endlich keine Verfolger hinter mir sah, vergieng die
Angst ziemlicher massen, ja ich ging ganz getrost eine lange Strasse in der
Stadt hinauff und bemerckte, indem die Leute gleich aus der Kirche gegangen
kamen, dass viele darunter waren, welche sich sehr mitleidig über meine elende
Bekleidung uñ ganz blossen Füsse bezeigten, deñ bei damahliger, annoch
anhaltenden starcken Kälte, lag noch ziemlich viel Schnee und Eis auf den
Strassen. Endlich war ein Apotecker, den ich Herr Stolle nennen hörete, so
barmhertzig mich vor seinen Laden zu ruffen, und mir ein paar alte Strümpffe und
Schue zu zu werffen. Auf sein Befragen, wegen meiner Eltern und anderer
Beschaffenheiten, erzehlete ich ihm alles auffrichtig, biss auf die eintzige
letzte Feuer-Begebenheit, weswegen er nicht allein aus fernern Mittleiden, wir
ein noch sehr gutes Camisol gab, sondern auch verursachte: dass die daherum
wohnenden Nachbarn, ihre milde Hand auch auftaten, und mich mit ein paar alten
Hembden, einer rauchen alten Mütze, Handschuen, auch noch mehrern Strümpffen
beschenckten.
    Ein Gastwirt am Marckte erlaubte, mich in seiner Stube zu erwärmen, und
liess mir Speisen und Geträncke reichen, worbei ich abermals genötiget wurde,
meine Begebenheiten zu erzählen, da aber solches noch nicht einmal geschehen,
berichteten etliche dabei sitzende reisende Leute: dass ihnen schon gestern, ein
solcher Mann wie ich meinen Stief-Vater beschrieben hatte, nahe vor der Stadt
Halle begegnet wäre, wie nun auf mein ferneres Befragen, mit dem Steltz-Fusse
und dem Deckel-Korbe, welchen er auf einem Holtz-Wagen sitzend neben sich stehen
gehabt, alles sehr eigentlich zutraff, durffte ich keinen fernern Zweiffel
tragen, dass dieses mein ungetreuer Stief-Vater gewesen, der allem Ansehen nach,
uns armen Kinder verlassen wolle.
    Jedoch ich fassete einen behertzen Schluss denselben zu verfolgen, reisete
derowegen in Gesellschaft vieler andern Leute, noch diesen Tag auf Halle zu,
konnte aber die Stadt nicht völlig erreichen, sondern musste in dem nächst
gelegenen Dorffe bleiben. Am Oster heil. Abend früh aber, kam ich nicht nur in
die Stadt Halle, sondern erfuhr auch nach vielen herum lauffen, von zweien seit
etlichen Jahren her wohl bekandten lahmen Bettel-Leuten, dass sie meinen
Stief-Vater so wohl als meine leibliche Mutter mit dem kleinen Kinde, in dieser
Stadt Allwosen einsammlend, angetroffen; weil es aber schon ziemlich späte, und
die Stadt mir allzuweitläufftig vorkam, versparete ich das fernere Auffsuchen
biss auf Morgen. Allein, ohngeacht ich am ersten und andern Oster-Feiertage,
allen möglichen Fleiss anwandte, meine Eltern anzutreffen; so war doch alles
vergebens, weswegen bei herein dringender Nacht in einer jenseitigen Vorstadt
mein Nacht-Qvartier suchen musste. Ich hatte den Tag über nicht nur verschiedene
mahl gute Leute angetroffen, welche mich mit überflüssigen Speisen versehen,
sondern auch über dieses bei nahe 3. Ggr. an kleiner Müntze eingesammlet,
weswegen ich in der Herberge gar wohl vor mein Geld zehren konnte. Nachdem sich
aber bei später Nacht noch viele andere Bettel-Leute daselbst versammelt, und
ich ihnen die Ursach meiner Reise entdeckt, versicherten mich einige, dass ihnen
dieses vergangenen Nachmittags mein steltzfüssiger Stief-Vater nebst Mutter und
Kinde in einem Dorffe zwischen Halle und Qverfurt begegnet, und zu vernehmen
gegeben hätten, wie sie gesonnen wären, den berühmten Qverfurtischen Marckt auf
der Esels-Wiese abzuwarten. Demnach machte ich mich mit anbrechenden Tage in
Gesellschaft eines blinden Mannes, den ein Junge von meinem Alter führete, und
noch zweier andern Land-Streicher auf den Weg nach Qverfurt, und erreichte
nebst ihnen vor Abends ein Dorff, welches kaum eine halbe Stunde von der
berühmten so genandten Esels Wiese abgelegen war.
    Ich machte mich Mittwochs am ersten Jahr-Marckts-Tage sehr früh auf, und war
so glücklich binnen zwei oder drei Stunden, von vornehmen Staats- und andern
Leuten, mehr als 5. Ggr. zusammen zu betteln, worbei meine Augen sich sehr
fleissig nach meinen Eltern umsahn, und endlich mit ganz besondern Freuden
dieselben auf dem Ross-Marckte erblickten, allwo mein Stief-Vater, der einen
seinen weissen Rock mit blauen Auffschlägen anhatte, um ein Pferd handelte,
dasselbe auch endlich mit baaren guten Gelde bezahlete. Meine Mutter, die nicht
weniger ziemlich gut bekleidet war, und ihr kleines Kind im Korbe auf den Rücken
trug, wurde meiner mit grösten Schrecken am ersten gewahr, gab mir aber mit
einem Wincke zu verstehen, dass ich zurück bleiben solle. Ich gehorsamete und
blieb von ferne stehen, nachdem aber der Pferde-Handel völlig geschlossen war,
und der Stief-Vater selbiges schon auf die Seite geführet hatte, mochte ihm die
Mutter meine Anwesenheit mit Manier wissend gemacht haben, weswegen sie mir
beiderseits winckten zu ihnen zu kommen.
    Aus den Augen meines Stief-Vaters strahlete mir ein grimmiger Zorn-Blitz
entgegen, um nun den vermutlich darauff folgenden Schlägen vorzubeugen, zohe
ich meine ganze zusammen gebettelte Barschaft hervor, und trug dieselbe
meinen ergrimmt scheinenden Eltern entgegen. Der Stief-Vater riss mir das Geld
aus den Händen, warff es ohngezählt in seine Tasche, und bewillkommete mich mit
folgenden liebreichen Worten: Wo führen dich verfluchte Bestie alle 1000. - - -
her? Ich erzehlete mit zittern, wie es mir in Radegast mit dem Feuer ergangen,
dass ich meinen kleinen Bruder daselbst zurück gelassen, und ihm nachgelauffen,
auch so glücklich gewesen sie beide zu finden. Hierauff sagte er nichts weiter,
knirschete aber dergestallt mit den Zähnen, dass mir hören und sehen vergieng,
jedoch auf meiner Mutter inständiges Bitten, sich nicht allzusehr zu ärgern, gab
er mir endlich sein Pferd mit Befehl selbiges hinter einer Mühle herum zu
führen, und am Wege nach der Stadt etwas Gras fressen zu lassen. Wiewohl nun um
selbige Zeit das Gras kaum ein klein wenig aus der Erden käumete, so dass das
hungrige Pferd selbiges mit seinen Zähnen kaum fassen konnte, bemúhete ich mich
dennoch, um meines Stief-Watters Gnade zu erwerben, selbiges an die besten
Örter zu bringen; allein da ich diesen Unglücks-Gaul mit Gewalt über einen Stea
führen wollte, riss sich derselbe los, und lieff qveer Feld ein, ich und viele
andere Bettel-Jungens machirten hinter drein, weil aber diese Henckers Buben
nicht so wohl gesinnet waren, mir das Pferd wieder fangen zu helffen; als
dasselbe nur desto rasender zu machen, scheuchten sie so lange, biss es in einen
holen Weg stürtzte, und ein paar Beine entzwei brach. Ich war noch im Begriff
das Pferd mit Hertzbrechenden Worten mm Auffstehen zu bewegen, als mein
Stief-Vater herzu trat, dessen Ankunft ich aber nicht ehe gemerckt, biss er mir
etliche Streiche mit seinem knolligen Stocke auff den Kopff und Rücken versetzt
hatte. Mein Leben würde ganz geiss so dünne als ein seidener Faden worden sein,
wenn nicht einige gutertzige Leute darzwischen getreten und meine Schutz-Engel
gewesen wären, meine treuhertzige Mutter kam endlich ebenfalls herbei, und
stellete sich an, als ob sie mich in ihren Schutz nehmen wollte; gab mir aber
unvermutet einen dermassen heftigen Streich mit der vollen Faust auf die Nase,
dass mir nicht allein der Geruch sondern auch die übrigen 4. Sinne vergiengen, ja
ich habe auch fast nicht einmal gefühlet, wie sie mir mit einem auffgehobenen
Steine ein grosses Loch in den Kopff geworffen.
    Die Ankunft des Gerichts-Knechts hatte endlich meine tyrannischen Eltern
verjagt, mir aber sattsame Sicherheit verschafft, hiernechst fand sich ein
barmhertziger Wund-Artzt an, welcher meine sehr starck blutende Haupt-Wunde mit
dienlichen Balsam und Pflastern verband, wie denn auch unzehlige vorbei gehende
Leute, mir immer ein Geld-Stück zuwarffen, so dass ich durch dieses Unglück
reicher an Gelde wurde, als ich Zeit lebens noch nicht gewesen, denn es war,
nachdem ich selbiges gezählet hatte, über 3. Tlr. Endlich kam ein Cavalier, der
schon in Halle im Gastofe meine Avanturen mit angehöret, mich auch mit einem 6.
Pfenning Stücke beschenckt hatte und fragte, indem er meine Person so gleich
erkannte: auf was vor Art ich zu diesen Schaden gekommen? Ich gab ihm von allen
richtigen Bescheid, liess es auch an grausamen Schimpff-Worten, die meinen
steltzbeinigen Stief-Vater betraffen, nicht ermangeln. Ja, sprach ich, GOTT wird
mir helffen, dass ich noch ein paar Jahr hinlebe, und tüchtig werde eine Musquete
und einen Degen zu tragen, so dann will ich den verlauffenen Mörder das andere
Bein auch vom Leibe herunter hauen. Der Cavalier fieng hierüber hertzlich an zu
lachen, und sagte: Junge, dein Vorsatz ist dieserwegen löblich, weil es doch
scheinet, dass du Courage im Leibe hast, wenn ich mich auf deine Treue und
Redlichkeit zu verlassen wüste, wolle ich dich augenblicklich in meine Dienste
nehmen, und dir ein Hand-Pferd zu reiten geben. Ich sprang augenblicklich von
der Erden auf, und bat diesen Herrn mit heissen Tränen, mich armen Schelmen
anzunehmen, weil ich mich eher 10. mahl todt schlagen lassen, als ihm ein
eintzig mahl ungetreu sein wollte. Demnach befahl er mir ohne fernere
Weitläufftigkeit ihm zu folgen, kauffte Tuch, Futter und alles, mich von Fuss auf
neue kleiden zu lassen, und gebrauchte mich von dato an wirklich, nicht so wohl
zu seinem Pferde, Jungen, sondern als einen Aufwärter, indem er nebst mir noch
einen Reit-Knecht hatte.
    Ich war um selbige Zeit wenig über 14. Jahr alt, jedoch von dem
Bettel-Brodte dermassen wohl gemästet worden, dass mich meiner Länge und starcken
Leibes-Gestalt wegen, jedermann vor einen 18. jährigen Purschen ansah, wusste
mich auch in meines Herrn Weise dermassen wohl zu schicken, dass er mir von Tage
zu Tage immer günstiger wurde. Derselbe hielt sich niemahls lange an einem Orte
auf, sondern reisete beständig bald hier bald dort hin, ausgenommen, wenn er
etwa in diesem oder jenen Gast-Hofe einen guten Wirt, und ihm gefällige
Gesellschaft antraff, zuweilen reisete er auch auf etliche Tage alleine weg,
oder nahm nur den Reit-Knecht mit sich, mich aber mussten mitlerweile die
Wirts-Leute aufs beste tractiren. Am allermerckwürdigsten war: dass er sehr
öffters seinen Nahmen veränderte, und sich bald vor einen Herrn von
Franckenstein, Lilienfeld, Rotenstein, Grünental, bald wiederum anders nennen
liess, als worzu er so wohl mich, als den Reit-Knecht vorhero abrichtete und
befahl: dass wir uns durchaus von niemanden ausforschen lassen, sondern vorwenden
sollten, wir wären nur allererst wenig Wochen bei ihm gewesen. Ich war noch viel
zu einfältig, dieserhalb ein weiteres Nachdencken zu haben, lebte aber seinen
Befehlen desto genauer nach, zumahlen da mich wegen der täglich geniessenden
Wohltaten verbunden zu sein erachtete, ihm, mehr als andern Menschen, getreu
und hold zu sein.
    Etwas über ein Jahr mochte ich etwa in seinem Dienste gewesen sein, da wir
endlich auch in meine Geburts Stadt Magdeburg reiseten. Ich hatte eine
besondere Freude, da ich nicht allein meine ehemahligen Spiel-Plätze, sondern
auch das Haus wieder fand, worinnen mein seel. Vater gewohnet hatte, ohngeacht
sich itzo ganz andere Leute in demselben befanden. Nach wenig Tagen aber traff
ich von ohngefähr denjenigen Zimmermann auf der Strasse an, von welchen mein
Vater oder Mutter gewöhnlich das Wochen-Lohn geholet hatten. Es war mir fast
unmöglich diesen Mann unangeredet passiren zu lassen, und da solches geschehen,
erkannte er mich so gleich vor denjenigen, vor welchen ich mich ausgab, nahm mich
auch mit in ein Bier-Haus, allwo ich nicht unterlassen konnte ihm meine und
meiner Mutter, nach des Vaters Tode geführten Lebens-Art, sonderlich aber das
letztere übele Tractament meines Stief-Vaters, zu berichten. Er wunderte sich
höchlich darüber, nachdem er aber auch die Nachricht von meinen gegenwärtigen
guten Zustande erhalten, ermahnete mich der gute Mann sehr treuhertzig, meinen
Herrn ja mit bestàndiger Liebe und Gehorsam zugetan zu verbleiben, weil ein
solcher vornehmer Herr ohnfehlbar mich auf Lebens-Zeit glücklich machen könnte.
Wir sassen also biss es Nacht wurde beisammen, ich macht mir ein Vergnügen, vor
diesen alten Bekandten, wieder seinen Willen, die Zeche bezahlt zu haben, wovor
er mich zur Erkänntlichkeit auf Morgen in seine Behausung nötigte, worinnen ich
ihm denn zu willfahren versprach.
    Mein Herr hat sich mitlerweile im Gastofe höchlich über mein langes
aussenbleiben verwundert, da ich aber halb berauscht nach Hause kam, und auff
sein Befragen ihm die wahre Ursache erzählt, war er sehr wohl zufrieden und
sagte: Es ist gut mein Sohn, dass du mich an einer nötigen Sache erinnerst, hier
hastu zwei Ducaten, gehe Morgen hin zu dem Zimmer-Meister, und bitte denselben,
dass er dir vor dieses Geld einen Gerichtlichen Geburts-Brief wegen deines
ehrlichen herkommens verschaffe, denn ich bin gesonnen, dich ein Handwerck
lernen zulassen, als worzu dergleichen Brieff höchst nötig ist. Solle, sprach
er ferner, dieses Geld nicht zureichen, so kanst du mehr fordern. Ich war von
Hertzen erfreuet über dieses Anerbieten, denn ich hatte in Wahrheit grössere
Lust ein ehrlich Handwerck zu lernen, als ein Laqvei oder Pferde-Knecht zu
werden, danckte derowegen meinem Herrn aufs verbindlichste, und gelobte an, mich
in allem nach seinen Befehlen zu richten.
    Es passirten nicht die geringsten Weitläufftigkeiten wegen meines
Geburts-Brieffs, denn der Zimmer-Meister nahm mich folgenden Tages nur zu zwei
oder drei Personen mit, auf welchen dergleichen Sachen zu beruhen pflegen, also
wurde derselbe binnen 24. Stunden ausgefertiget, und meinem Herrn überliefert,
welcher dem Zimmer-Meister noch einen Gulden Trinck-Geld gab, den Brieff selbst
in seine Verwahrung nahm, und wenige Tage hernach die fernere Reise fort setzte.
Auf selbiger bekam ich weit vortrefflichere Örter-als bisher zu sehen, endlich
aber blieben wir in Ulm haften, um daselbst eine Zeitlang auszuruhen. Allhier
fragte mich nun mein Herr ob ich bereit sei ein Handwerck anzutreten? Meine
Antwort war: dass ich, in so ferne es ihm beliebig, gleich diese Stunde bereit
darzu wäre. Was hastu dir, sprach er, vor ein Handwerck ausgesonnen? Noch keins,
erklärte ich mich, sondern ich erwarte worzu mich Ew. Gn: bestimmt haben. Ich
will, fragte er ferner, doch erstlich wissen worzu du am meisten Lust hast?
derowegen sage deine Meinung nur ohne Scheu. Wenn es bei mir allein stünde,
versetzte ich demnach, so wehlete ich das Zimmer-Handwerck, weil mein Vater ein
Zimmermann gewesen ist. Hierüber fing mein Herr hertzlich an zu lachen und mir
vorzustellen, warum ich so ein einfältiger Tropff sei und dergleichen
beschwerliche und verdrüssliche Profession erwehlete, die ausserdem nicht das
ganze Jahr hindurch gangbar sei, endlich sprach er: Höre mein Sohn, meine
eigentümlichen Güter die ich an den Böhmischen Eräntzen liegen habe, sind etwas
weit von der Sadt abgelegen, derowegen macht es mir und den meinigen viel
Verdruss, wenn etwa ein Schlüssel verloren oder sonsten ein oder andere
Schlösser-Arbeit nötig ist, also hatte vors ratsamste, dass du das Schlösser
Hand-Werck erwehlest, und dasselbe recht wohl erlernest, solchergestallt will
ich dir dein gutes Auskommen biss in den Todt versprechen. In Wahrheit es schien
mir diesen Augenblick das Schlösser-Handwerck das allerangenehmste zu sein,
derowegen war so gleich bereit darzu, mein Herr liess sich von dem Gast-Wirte
einen guten Schlösser zuweisen mit welchen er wegen des Lehr-Geldes und jährlich
benötigter Kleidung so gleich einig wurde, die Helffte von dem veraccordirten
Geldern voraus bezahlete, mich aufdingen liess und wenig Tage hernach fort
reisete, mit dem Versprechen, in wenig Wochen wieder zu kommen und zu vernehmen,
wie ich mich bei diesem Handwercke aufführete.
    Mein Meister fand an mir einen Jungen, der recht nach seinem Kopffe und
Wunsche war, denn weil er so wohl als seine ganze Familié sehr selten an das
Beten, Singen, Kirchen-gehen und andere christliche Ubungen gedachte, so
bekümmerte ich mich auch wenig oder gar nichts drum, u. verlernete so gar die
schönen Gebete und Lieder, die ich vor diesen, um mein Brod damit heraus zu
pressen, nicht aus Vorsorge meiner Eltern, sondern aus dringender Not auswendig
lernen müssen. Etwa ein halbes Jahr nach meinem Aufdingen kam mein Herr wieder
nach Ulm, und vernahm von dem Meister mit grossen Vergnügen, dass ich mich
ungewöhnlich wohl beim Handwercke gebrauchen liesse, und ein Ding nachzumachen
nur ein oder zweimahlige Unterweisung bedürffte. Ich wusste dazumahl nicht wie es
kam, dass mein Herr, der dieses mahl nur ganz allein auf der Post angekommen
war, mit meinem Meister ungemein vertraut umzugehen anfieng, sich auch in dessen
Hause mit einer gar schlecht ausgezierten Stube behalff und von der Meisterin,
so gut als dieselbe konnte, beköstigen liess, da ich doch eine grosse Katze voll
Gold-Stücke, nebst einem noch grössern Sacke voll grob Silber-Geld in seinem
Coffre liegen, und ihn selbiges zählen, gesehen hatte. Mein Meister arbeitete um
selbige Zeit meistens um Mitternacht, wenn die andern Gesellen und Jungen im
festen Schlaffe lagen, nebst mir an allerhand Arten ungewöhnlicher Schlüssel und
andern, mir unbekandten Instrumenten, verbot mir aber aufs Leben, keinen
Menschen hiervon etwas zu sagen, denn es wären sehr geheime künstliche Sachen,
die mein Herr mit nach Frankreich nehmen wollte. Eben derselbe tat dergleichen
Verbot an mich, mit der Bedrohung, woferne er erfahren sollte: dass ich von
meines Meisters künstlicher Nacht-Arbeit nur ein einzig Wort ausgeplaudert
hätte, er mich also fort nackend und blossausziehen, zum Hencker jagen, und
nimmermehr wieder in seine Gnade aufnehmen wollte. In der Gottlosigkeit hatte ich
es damahliger Zeit schon so weit gebracht, ihm meiner beständigen Treue und
Verschwiegenheit mit den allergrausamsten Flüchen und Schwüren zu versichern,
weswegen er biss auf fernern Bescheid zufrieden war, mich mit 6 ganzen Talern
beschenckte, und darbei ausdrücklich befahl, dass ich mir dann und wann an Son-
und Fest-Tagen einen Rausch sauffen sollte.
    Nachdem also mein Herr fast einen ganzen Monat lang zu gegen gewesen, nahm
er Abschied, unter dem Vorwande: eine Reise in Franckreich zu tun, und gegen
die Zeit meines Losssprechens schon wiederum in eigener Person nach Ulm zu
kommen. Bei meinem Meister hatte ich nach wie vor gute Zeit, und ausser den
Arbeits-Stunden meine völlige Freiheit hinzugehen und zu machen was ich wollte.
Da aber einige Wochen über mein erstes Lehr-Jahr verflossen waren, trat der
Lehr-Meister eine Reise an, von welcher er noch biss auf diese Stunde zurück in
sein Haus kommen soll. Drei oder 4 Monat hernach machte sich die Frau auch aus
dem Staube und überliess die Hausshaltung ihrer Schwester, welche sich von einem
liederlichen Schlösser Gesellen schwängern lassen, der immittelst des Meisters
Stelle vertreten sollte, jedoch dermassen übel hausete, dass die andern Gesellen
nebst einem Lehr-Jungen fort und zu andern Meistern giengen. Mit mir konnte er
sich noch etwas länger vertragen, jedoch da er eines Abends sehr besoffen nach
Hause kam, und so wohl Frau als Magd und mich mit einem Stabe Eisen jämmerlich
zerprügelte: verursachte dieses mir ganz ungewöhnliche Tractamant, dass ich
gleich mit anbrechenden Tage ebenfals Abschied nahm, und mich zu dem
Handwercks-Meister begab, welcher in Erwegung meiner Umstände, es ganz leicht
dahin brachte, dass ich biss zur Wiederkunft meines ersten Meisters, woran jedoch
viele, aus wichtigen, mir damahls unbekandten Ursachen, zweiffeln wollten, zu
einem andern Meister gebracht werden sollte, um meine Lehr-Jahre vollends richtig
auszustehen. Bei diesem andere Meister traff ich auch eine ganz andere
Hausshaltungs-Verfassung an denn weil derselbe ein sehr frommer und
GOttesfürchtiger Mann war, so hielt er auch sein Gesinde zum fleissigen Beten,
Singen und Kirchen-gehen an, verhütete auch unter ihnen, so viel als möglich
war, alles Vollsauffen und anderes liederliche Leben. Nachdem er mich im
Christentume examiniret, erstaunete der ehrliche Mann und weinete fast die
bittersten Tränen über den jämmerlichen Zustand meiner Seelen, tat auch
dieserwegen solche Vorstellungen, dass mir die Haare zu Berge stunden, und mein
Gewissen auf einmal plötzlich rege gemacht wurde. So bald er dieses merckte,
sprach er mir etwas gelinder zu, ermahnete mich nur zum fleissigen Beten und
Kirchen-gehen im übrigen versprach er, wegen meiner fernern Unterweisung alle
Anstallten zu machen.
    Wenig Tage hernach nahm er einen geistlichen Studenten in sein Haus, der
nicht allein seine 4 Kinder informiren, sondern auch alle Morgen und Abends
Bet-Stunde halten musste. Welcher von seinen Gesinde dergleichen nicht mit
Andacht besuchen und abwarten wollte; durffte auch weder zur Arbeit noch zu
Tische kommen. Ich vor meine Person hatte dem besten Vorteil darbei, denn vors
erste erlangte ich nunmehro erstlich einen rechten Begriff vom Christentum,
vors andere war mein Meister so gütig, mir bei müssigen Stunden das Lesen,
Schreiben und Rechnen umsonst lernen zu lassen, als wovor ich ihm noch in dieser
Stunde nebst seiner Familié tausendfachen geist. und leibl. Seegen wünsche.
Anbei versäumete ich aber im Hand-Wercke wenig Stunden, sondern hielt mich
dermassen wohl, dass mein Meister vollkommen zufrieden war, es rückte zwar die
Zeit meines Losssprechens allgemach herbei, allein es wollte sich so wenig mein
Herr als der erste Meister wieder ein, stellen. Dem ohngeacht wurde mein frommer
Lehr-Meister gar nicht vedriesslich darüber, sondern liess mich gehöriger Zeit zum
Schlösser-Gesellen machen, jedoch mit dem Vorbehalt, dass ich ihm noch andertalb
Jahr um halbes Lohn dienen sollte.
    Ich konnte zwar mich nicht genungsam verwundern, dass mein Herr seine Parole
nicht besser hielte, da mir aber vorgestellt wurde, wie derselbe in frembden
Ländern durch besondere Angelegenheiten gar leichtlich aufgehalten werden könnte,
gab ich mich zufrieden, erzeigete meinem Wohltäter allen schuldigen Gehorsam,
hatte auch hierbei nicht den geringsten Schaden, indem mich mein Meister in die
andere Werckstadt setzte, allwo ich nicht allein das Stahl-und Eisen-Schneiden,
sondern auch nebst diesen, andere künstliche Arbeit verfertigen lernete.
    Demnach blieb ich an statt der andertalb, ganzer drei Jahre, über meine
Lehr-Zeit, bei dem Meister, sammlete auch binnen der Zeit über 40 tl. baar
Geld, weil ich mich in keine liederlichen Compagnien eingelassen, sondern die
müssigen Stunden auf das Schreiben, Rechnen u. Lesung guter Bücher gewendet,
ausserdem aber eine solche christliche Lebens-Art angenommen hatte; wie mir
solche nicht allein von meinem frommen Lehr-Meister, sondern auch von
Gottseeligen Lehrern und Predigern angewiesen worden.
    Nach Verlauff dieser Jahre riet mir mein ehrlicher Meister selbst, die
Wanderschaft anzutreten, mich einige Zeit in der Frembde umzusehen, nachhero
wieder zu ihm zu kommen, da er denn allenfalls nach Möglichkeit vor mein Glück
sorgen wollte.
    Ich will ihnen, meine Herrn, mit Erzehlung meines hin und wieder lauffens
und anderer Begebenheiten, welche gemeiniglich den reisenden
Handwerckss-Purschen vorzustossen pflegen, nicht vedriesslich fallen, weilen
solche wenig besonderes in sich halten, jedoch kann nicht unangemerckt lassen,
dass ich etliche Jahr hernach meine Mutter ohnweit Dressden in sehr erbärmlichen
Zustande antraff. Denn der steltzbelnige Bösewicht hatte sie nicht allein durch
tägliches prügeln endlich ganz krum und lahm gemacht, sondern hernach mahls gar
mit 3 Kindern sitzen lassen. Sie erkannte selbst, dass sie diese Straff-Gerichte
gewissermassen mit ihrer unziemlichen Aufführung verdienet, gestund auch, dass
sie von dem Bösewichte beredet worden, mich und meinen Bruder, als eine rechte
Raben-Mutter, sitzen zu lassen, worüber sie nachhero tausend Tränen vergossen,
zumahlen da ihr das letztere grausame Verfahren bei Qverfurt auf dem
Jahrmarckte, nicht aus den Gedancken kommen, vielemehr das Hertze immer sagen
wollen, ich hätte mich aus Verzweiffelung selbst ersäufft. Von meinem jüngsten
Bruder konnte sie mir ebenfalls Nachricht geben, dass derselbe sich in Leipzig bei
einem vornehmen Manne als Laqvay in Diensten befände, wie und von wem derselbe
erzogen worden, wusste sie aber nicht zu sagen, indem ihr böses Gewissen nicht zu
gelassen hätte, sich ihm zu erkennen zu geben.
    Die bittern Tränen meiner leiblichen Mutter löscheten in einem Augenblicke
das verhassete Angedencken ihres mir und meinem Bruder zugefügten Jammers aus,
so dass ich mein halbes Vermögen an baaren Gelde an sie und mein
Stieff-Geschwister wandte, indem ich 60 tl. baar Geld in ein Spital zahlete uñ
nach Versprechung, hinfüre nebst meinem Bruder ein mehreres zu tun, die
Versicherung erhielt, dass meine Mutter nicht allein biss an ihr Ende wohl
verpflegt, sondern auch vor ihre drei Kinder gesorgt werden sollte, dieselben,
mit zunehmenden Jahren, bei gute Leute zu bringen.
    Nachdem solches alles wohl bestellet war, reisete ich hurtig nach Leipzig
und traff daselbst meinen Bruder in einer grauen Liberei mit gelben Aufschlägen
an. Er war von Hertzen erfreuet, mich wieder zu sehen und eben so begierig die
Histoire von meiner Auferziehung, als ich, die von der seinigen anzuhören.
Solchergestallt berichtete er mich: wie er, nachdem auch ich ihn verlassen, um
sein Brod zu verdienen erstlich die Gänse, hernach die Schweine hüten müssen,
wäre aber jederzeit so unglücklich gewesen, dass ihm ein oder etliche Stück an
der Zahl gefehlet, weswegen ihn endlich die Leute fortgejagt hätten. Also muss er
sich von neuen aufs Betteln legen, ist auch so glücklich in die Weltberühmte
Stadt Leipzig zu kommen, allwo er seine Nahrung in der Leute Häusern sehr
behutsam sucht, um den Feinden der Bettel Leute nicht in die Hände zu fallen.
Eines Tages bettelt er in den, Hause sehr reicher und vornehmer Leute, indem
aber das Gesinde wegen vieler Geschäffte sich nich bemühen will ihm eine Gabe zu
reichen, kömt ein kleiner Knabe, der meinem Bruder gern ein Almosen gegeben,
wenn er nur Geld bei sich gehab hätte, wie er denn alle seine Schubsäcke
aussucht, aber nichts finden können. Demnach laufft das Kind in die Stube, holet
zwei silberne Löffel und heisset meinen Bruder damit fortgehen. Dieser geht
zwar in etwas auf die seite, biss der kleine Knabe von seiner, die Treppe
herunter kommenden Mutter in die Stube gejagt ist, macht sich darauf an die
vornehme Frau, überreicht derselben die von ihrem kleinen Sohne empfangenen
Löffel und bittet sich davor etwas zu Essen aus, weil er wohl merckte, dass diese
Gabe vor ihm zu kostbar wäre, und vielleicht Gefahr bringen könnte.
    Die vornehme Dame ziehet sich die Redlichkeit, und den Verstand meines
Bruders dermassen zu Gemüte, dass, nachdem sie diesen Streich ihrem Ehe-Herrn
erzählt, beiderseits Ehe-Leute die Güte haben, meinen damahls etwa 15 jährigen
Bruder, zu ihren Bedienten auf zu nehmen, von Fuss auf neu kleiden, hiernächst im
Lesen, Schreiben und Rechnen informiren zu lassen. Er war noch biss auf selbigen
Tag in Diensten dieser vortrefflichen Leute, welche seine auf vielerlei Art
probirte Treue, alljährlich reichlich belohneten, und weil er ausserdem so
glücklich gewesen, bei einer Lotterie über andertalb hundert Taler zu
gewinnen, befand er sich in sehr guten Stande.
    Nachdem ich ihm aber erzählt, auf was vor Art ich unsere Mutter und
Stief-Geschwister versorgt, war dieser mein Bruder nicht allein so redlich mir
30 tl. baar Geld wieder zurück zu geben, sondern versprach auch, gleich nach
geendigter Messe, eine Reise an den Ort ihres Auffentalts zu tun und zu ihrer
desto bessern Verpflegung fernere Anstallten zu machen. Wir blieben also über 14
Tage beisammen, binnen welcher Zeit ich der Herrschaft meines Bruders, meine
Avanturen eigenmündig erzählen, und davor ein Geschencke von 12 harten Talern
annehmen musste. Es fehlete mir an keiner Gelegenheit in Leipzig Arbeit zu
bekommen, weil ich aber grosse Lust hatte die berühmtesten Städte in Böhmen und
Schlesien zu besehen, nahm ich den Verlass mit meinem Bruder ihm fleissig zu
schreiben, nachhero aber Abschied und reisete meinem Vorsatze zu folgen fort. Es
begegnete mir binnen zwei Jahren eben nichts besonders, nach der Zeit aber der
allersonderbarste Streich. Denn als ich eines Tages in einer Römisch Catolischen
Stadt in der Marter-Woche den Processionen zusah, wurde ich von ohngefehr
meinen ehemahligen Herrn unter der grossen Versammlung des Volcks gewahr, wusste
aber anfänglich nicht ob ich meinen Augen trauen sollte, biss mir endlich sein
alter Reut-Knecht, Martin genannt, hinter ihm zu Gesichte kam. Ich verwandte
kein Auge von beiden, biss ich sie als Leute, die einander ganz und gar nichts
anzugehen schienen, in den besten Gastof eintreten sah, allwo sich gleich ein
grün und weiss gekleideter Laqvay zum Dienst des Herrn præsentirte. Ich
erkundigte mich so gleich bei vielen Leuten, wer dieser Herr sei, und erfuhr:
dass er sich vor einen Schwedischen Baron von Lilienfeld ausgäbe. In betrachtung
dass, es seine alte Weise gewesen, bald diesen bald jenen Nahmen zu führen,
verursachte mir dieses, dass er sich letztens in Ulm vor einen Herrn von
Franckenstein ausgegeben, weniges Nachdencken, nahm aber Gelegenheit den alten
Martin auf zu suchen und mit ihm in Geheim zu sprechen, auch denselben zu
bitten, mich bei seinem Herrn zu melden. Martin erfreuete sich von Hertzen über
meine Gegenwart, eröffnete von seinen und seines Herrn Zustande so viel, als er
sich bei demselben zu veranworten getrauete, warnete mich aber in zeiten, gegen
niemanden mercken zu lassen, dass er, nehmlich Martin, in des Baron Lielienfelds
Diensten stünde, oder gestanden hätte, noch vielweniger sollte ich von dessen
voriger Lebens-Art etwas erzählen, biss mir der Herr selbst mündlichen Unterricht
gegeben hätte. Solchem nach kam ich bei spätem Abende zur Audience, der Herr
Baron war ganz allein in seinem Zimmer, verschloss dasselbe gleich nach meinem
Eintritte und empfieng mich nicht etwa als einen ehemaligen Bedienten oder
Bettel-Jungen, sondern als seinen leiblichen Sohn oder Bruder. Ich wurde
allerdings beschämt über dergleichen unerwartete Höflichkeit und
Liebes-Bezeugungen, nachdem er mich aber ein grosses Glas Mein aus zu trincken
genötiget, musste ich ihm erzählen wie es mir seit seiner Abreise so wohl in Ulm
als anderer Orten ergangen sei. Er stellete sich, da ich mit Reden fertig war,
höchst vergnügt über mein ganzes Wesen an, erzehlete mir auch, wie er damahls
auf seiner Rück-Reise aus Franckreich von Hertzen gern wieder in Ulm bei mir
sein und mir aus der Lehre helffen wollen; allein er hätte ohnweit Ulm das
Unglück gehabt einen Deutschen Cavalier im Duell zu erstechen, wesshalben er sich
nach der Zeit vor der ganzen umliegenden Gegend hüten müssen. An meinen Meister
hätte er zwar mehr als 12 Briefe abgesendet, jedoch da derselbe, wie er itzo von
mir vernommen, darvon gelauffen, so wäre kein Wunder, dass er nicht die geringste
Antwort darauf erhalten. Nach fernern weitläufftigen und biss in die späte Nacht
gewährten Gesprechen fragte er mich kurtz, ob ich mir indessen, biss er sich auf
seine Güter zur Ruhe begäbe, wolle gefallen lassen, bei ihm Laqvayen-Dienste
anzunehmen, weil der Kerl, den er itzo bei sich hätte, nichts nützte,
dieserwegen morgendes Tages seinen Lauf-Zettel haben sollte. Ich erkandte mich
schuldig demjenigen, der den ersten Grund-Stein zu meiner zeitlichen Wohlfahrt
gelegt, alle Gefälligkeit zu erweisen, zumahlen da mir, meinen Gedancken nach,
die sichere Rechnun machen konnte; von ihm auf Lebens-Zeit wohl versorgt zu
werden. Demnach wurde sein bissheriger Laqvay abgeschafft und ich bekam nebst der
Charge, eine kostbar starck mit Silber bordirte Liberei, wöchentlich aber auf
meine Person 2 tl. Zehrungs Geld und in Hoffnung 20 tl. Jahr-Lohn.
    Mein Herr hielt sich bei nahe 3 Monat in selbiger Stadt auf, reisete zwar
zuweilen auf etliche Tage mit leeren Coffre und Mantel-Sacke hinweg, kam aber
gemeiniglich wohl bepackt zurücke, ausserdem sprachen fast wöchentlich
verschiedene Cavaliers in unseren Gast-Hoffe ein, mit welchen derselbe so gleich
in Bekanntschaft gerit und tapffer schmausete, worbei es vor meine Person keine
geringen Accidentien setzte, allein ich hütete mich sonderlich vor dem
überflüssigen Trincken und fuhrete überhaupt eine sehr stille Lebens-Art, so dass
mein Herr, wenn er mich über dem Lesen der Bibel oder anderer Gottseeligen
Bücher antraff, sehr spöttisch darüber wurde, und es endlich durch sein
tägliches Raisoniren dahin brachte, dass ich mich ihm zu gefallen stellete, als
ob mir die Lust zum beten und singen vergangen wäre, im gegenteil zeigete ich
mich manchen Abend als eine besoffene Bestie, und bemerckte, dass er darüber eine
ganz besondere Freude hatte. Indem aber mein Sinn zu der Zeit ganz anders als
in vorigen Jahren war, und mich das Gewissen überzeugte, dass dergleichen
Lebens-Art den nächsten Weg zur Höllen führete, denn ich täglich nichts als
sauffen, schwermen, hurrn, spielen und dergleichen feine Tugenden ersah,
begunte es mir von Hertzen leid zu werden, dass ich mich in dergleichen Laqvay
en-Dienste begeben, ja ich schätzte es nun schon vor kein Glück und Vergnügen
mehr, meinen Herrn so unverhofft angetroffen zu haben, sondern hätte lieber
gesehen, wenn ich bei einem guten Meister in der Werckstadt arbeiten dürffen und
können. Jedoch mein Verdruss verwandelte sich nach und nach in eine grosse
Hertzens-Bangigkeit, als ich aus gewissen Umständen immer mehr und mehr abnehmen
konnte, dass mein Herr nichts weniger als eine vornehme Standes-Person, sondern
einer der allerärgsten Spitz-Buben, wo nicht gar das Ober-Haupt einer solchen
Bande sein müsse. Da aber endlich derselbe eines Abends, mir dieses bisherige
Geheimnis, mit seinen eigenen Munde eröffnete, und im sichern Vertrauen auf
meine Treue und Verschwiegenheit, die stärcksten Bewegungs-Gründe brauchte,
meine sehr nützliche Person in die Diebs- und Spitz-Buben-Zunff einzuverleiben;
wurde ich dermassen verwirret, dass mir unmöglich war ein eintziges Wort auf zu
bringen, sondern ich zitterte an allen Gliedern dergestallt, dass ich nicht mehr
auf den Füssen stehen, sondern mich niedersetzen musste. Mein Herr wurde
dieserwegen von rasender Wut dergestallt eingenommen, dass er Augenblicklich
seinen Hirsch-Fänger entblössete, mich bei den Haaren ergriff, und, indem er mir
die Spitze auf die Brust setzte, sprach: Canaille! bette ein Vater unser in der
Stille und gib nicht den geringsten Laut von dir, denn du must sterben; weil ich
mercke, dass du eher ein Verräter und Schelm an mir werden, als dich meines
Glücks teilhaftig zu machen und mir gefällig zu leben trachten wirst. Ich
fieng, so viel ich mich besinnen kann, gleich an meine Seele in GOTTES Hand zu
befehlen, und ein andächtiges Vater Unser zu beten, sanck aber mitlerweile
ohnmächtig zu Boden, weiss auch nicht was man mit mir vorgehabt hat; biss endlich
um Mitternachts-Zeit mein Verstand wieder kam, indem ich auf meines Herrn Bette
lag und so wohl von meinem Herrn selbst, als dem Reut-Knecht Martin mit starcken
Wassern bestrichen wurde.
    So bald mich der erstere wiederum ziemlich bei Kräfften zu sein vermerckte,
sprach er: Peter! sei kein Narre, was ich dir zu Leide getan habe, ist in
Trunckenheit und zum Schrecken geschehen, ich mercke, dass du ein Kerl bist, der
wenig Courage hat, jedoch dieselbe soll sich finden, folge nur mir, denn ich
habe es seit etlichen Jahren her besser, als ein leiblicher Vater mit dir
gemeinet, es kömmt nur darauf an, dass du mir etwa noch zwei oder drei Streiche
vollbringen hilffst, hernach wollen wir ohnfehlbar so viel beisammen haben, Zeit
Lebens vollkommen vergnügt zu leben, denn ich schwere, so bald mir nur noch
dieses gelungen, dass ich mich von Stund an in ein frembdes Land zur Ruhe
begeben, und hernach biss an mein Ende ein stilles Leben führen will, zumahlen da
ich schon über 12000. Tlr. an Gelde und Kostbarkeiten besitze. Gnädiger Herr,
gab ich zur Antwort, ihr seid etwas grausam mit mir umgegangen, da euch doch
bewust, wie ich alle Augenblicke bereit bin, mein Leben vor und bei euch zu
lassen, in andern Dingen bin ich freilich etwas feige und zaghaft, allein, was
kann denn ich davor, dass ich niemahls zur Tapfferkeit angeführet worden, mit
euch, und wo ihr darbei seid, will ich alles wagen, was nur ein Mensch sich
unterstehen kann, ich wollte, auf euren Befehl, einem das Hertze aus dem Leide
reissen, aber vor mich allein etwas zu tun, schätzte ich mich zu einfältig und
zaghaft, nehmet mich derowegen nur erstlich mit, und zeigt mir, wie ich mich
verhalten soll, so werdet ihr bald erfahren, dass euer Peter kein Schaafs-Kopff
ist.
    Durch diese Reden liess sich mein Herr dermassen zum Mitleiden bewegen, dass
er mich hertzlich umarmete, er selbst schenckte mir ein Glas über das andere vom
allerbesten Weine ein, gab mir anbei etliche Stücke vom Hertz-stärckenden
Confecte, kurtz! mein Herr, Martin und ich lebten die ganze Nacht hindurch
dergestalt lustig und brüderlich zusammen, dass wir mit anbrechenden Tage so voll
als die Bestien waren. Nachdem der Rausch ausgeschlaffen war, fiengen wir aufs
neue an, mit dreien, mittlerzeit angekommenen andern Ertz-Dieben, zu fressen und
zu sauffen, jedoch in aller Stille, so, dass weder der Wirt noch jemand anders
wahrnahm, dass Herrn und Knechte in so genauer Freundschaft und ohne alle
Ceremonien lebten. Es erzehlete, so bald die Nasen begossen waren, ein jeder
seine hier und dort erwiesenen Helden-Taten und klugen Streiche, die er seit
vielen Jahren erwiesen hatte, und es würde keine geringe Erstaunung verursachen,
wenn ich dasjenige, was mir annoch davon in Gedancken schwebt, voritzo mit
erwähnen wollte, allein, solches mag biss auf eine andere Zeit versparet bleiben,
weil es allzu viele Ausschweiffung in meiner eigenen Geschichte machen möchte,
derowegen will nur sagen: dass mein Herr, wegen seiner ausgeführten recht
seltsamen unzähligen Händel, den besten Preis darvon trug, unter welches
Erzehlung ich angemerckt, dass er grausame Vergifftungen und andere Mordtaten
teils angestifftet, teils selbst begangen, und durch subtile und grobe
Diebstähle ein grosses Gut erbeutet hätte. Ich armer Schelm war von ihm nicht
etwa aus einer besondern Barmhertzigkeit aufgenommen, und zum
Schlosser-Handwercke befördert worden, sondern eintzig und allein aus der
Ursache, damit er einen Leib-eigenen Schlösser haben möchte, der ihm, so oft es
von nöten, allerlei, vorhero in Wachs abgedruckte, Schlüssel und andere Diebs-
Instrumenta verfertigen könnte. Meinen ersten Meister hatte er seit vielen Jahren
zu dergleichen künstlicher Arbeit gebraucht, ohngeacht er sich damahls in Ulm
anfänglich gestellt, als ob er ihn erstlich kennen gelernet. Der arme Schelm
hatte sich auch belieben lassen, meinem Herrn in das Elsassische Gebiete zu
folgen, um daselbst durch verwegene Diebs-Streiche auf einmal reich und
glücklich zu werden; allein der gute Schlucker war gleich in dem ersten
Lehr-Jahre gefangen und auf gehenckt worden, und hatte noch darzu meinem Herrn
sein bestes Spiel verdorben, so, dass sich derselbe über Haltz und Kopff auf- und
in ein ander Land machen müssen.
    
    Die Haare stunden mir bei Anhörung aller dieser entsetzlichen Streiche zu
Berge, jedoch da ich bei der allergeringsten Bezeugung eines Ibscheues, den
schmertzlichsten Todt befürchten musste, stellete ich mich dermassen dreuste und
begierig zu diesem saubern Handwercke an, dass mein Herr binnen wenig Tagen nicht
allein ein vollkommen gutes Concept von mir fassete, sondern auch sein ganzes
Hertze gegen mich ausschüttete, und meine Person zu seinem vertrautesten Freunde
machte.
    Solchergestalt brachte ich nicht allein sein ganzes Vorhaben, sondern auch
die Nahmen und den Auffentalt aller seiner Mit-Brüder in Erfahrung, erstaunete
aber ziemlich darüber: dass sich in dieser Stadt, welche doch keine von den
allergrösten war, eine Compagnie von 17. wohl exercirten Haupt-Dieben aufhielt,
die teils in Cavalliers-Kleidern, teils in ehrbarer Bürger oder anderer
Tracht, bald in diesem, bald in jenem Wirts-Hause meinem Herrn ihre Aufwartung
machten, ihren Bericht abstatteten, und fernerweitige Ordre holeten.
    So lange man mich nicht anstrengete, mit auf die Rauberei auszugehen, liess
ich alles gehen wie es ging, bemerckte jedoch inzwischen, dass mein Herr starcke
Einkünfte von seinen Untergebenen zu geniessen hatte, welche ihn nicht eher zu
beunruhigen pflegten, als wenn ein schweres und ganz sehr profitables-Werck
obhanden war.
    Indem sie aber einen gewissen Einnehmer des Orts, der ohngefehr 16. biss 18.
tausend Tlr. baar Geld im Vorrate liegen hatte, nicht allein selbiges hinweg
nehmen, sondern auch allenfalls Mord und Todtschlag auszuüben, alle Anstalten
machten, und mich so wohl bei dem ersten Angriffe, als vornehmlich die Schlösser
und Türen hurtig aufzumachen, gebrauchen wollten, fiel mir auf einmal aller
Mut, zumahlen da dieser Haupt-Diebstahl in kurtzen, nehmlich gleich in der
zweiten Nacht, vor sich gehen sollte. Ich wusste gewiss, dass mein Leben an einem
seidenen Faden hienge, wenn ich von meiner Bangigkeit etwas mercken liesse, oder
die geringste Miene machte, mich den Vorschlägen meines Herrn zu widersetzen,
derowegen stellete mich an als ein begieriger Löwe, und brachte in meines Herrn
Stube einen ganzen Tag mit nichts anders hin, als die künstlichsten lnstrumenta
und Brech-Eisen zu Aufmachung aller Schösser und Türen zu verfertigen.
    Mein Herr sprach zu mir: Mein Peter, halte dich auf morgende Nacht wohl, ich
versichere, dass zum wenigsten auf deinen Teil 6. biss 800. Tlr. fallen. Herr!
sprach ich, und wenn ich nur Ein- oder 200. Tlr. zu bekommen weiss, so will ich
mir kein Bedencken nehmen, alle diejenigen, so mir entgegen kommen, mit diesem
lnstrumente, (welches ein dreizackiges Brech Eisen war) mit einem eintzigen
Schlage in die andere Welt zu schicken. So recht! sprach er, du bist nach meinem
Sinne. Ach, dass ich dich nicht schon seit 10. Jahren bei mir gehabt habe, wir
wollten gewiss um 20000. Tlr. oder etwas weniger reicher sein, denn der Himmel
hat mich immer mit dergleichen Kerlen belästiget, die zwar viel Courage im
Maule, aber desto weniger im Hertzen gehabt haben, bei dir aber mein Peter,
mercke ich nunmehro mehr Courage im Hertzen als im Maule.
    Es muss sich ohnfehlbar wunderlich schicken, ja ich glaube vielmehr, der
Allmächtige GOtt muss einen Menschen sonderlich verblenden, wenn er ihn reif zur
Straffe befindet, denn mein Herr, der doch sonsten der Ausbund eines erfahrnen
und klugen Menschen zu sein schien, hätte mich nur ein klein wenig genauer
betrachten dürffen, so würde er in meinen Augen und zerrütteten Gebärden, alle
Merckmahle der Angst, Furcht, wenigstens der Verstellung erblickt haben,
allein, wie gesagt, seine Augen wurden ohnfehlbar gehalten, derowegen blieb ich
sein vertrautester Peter. Zu mehreren Beweis, dass GOtt seinen bisherigen Mord-
und Diebs-Streichen einmal Einhalt tun wollte, musste er auf die Gedancken
geraten, mich Tages vorhero, ehe der grausame Diebstahl geschehen sollte, zum
Stadt-Richter zu senden, um vor ihm und mich einen Reise-Pass nach Wien
auszulösen, als worzu er mir zwei spec. Ducaten mitgab. Indem ich hingieng, mein
befohlenes Geschäffte auszurichten, war noch nichts weniger in meinen Gedancken
als die ganze Karte zu verraten, sondern ich hatte mir vorgenommen, gegen
Abend, vorsichtiger weise die Treppe herunter zu purtzeln, und mich zu stellen,
als ob ich sehr beschädigt, also untüchtig wäre, mit auf Partie auszugehen,
nachdem ich aber bei dem Stadt-Richter meines Herrn Compliment angebracht, die
Reise-Pässe erhalten, und ihm darvor die 2. spec. Ducaten dargelegt hatte,
sprach dieser ehrliche Mann: Ach mein Freund, nehmet in GOttes Nahmen euer Geld
zukücke, ich verlange nichts, und wünschte von Hertzen, dass ich eurem Herrn
diesen Dienst schon vor etlichen Wochen leisten können, wo es anders sein Ernst
ist, von hier abzureisen. Ich stutzte ziemlich über dergleichen Redens-Art, da
aber vermerckte: dass dieser Mann ohnedem kein gut Concept von meines Herrn
Lebens-Art gefasset hatte, brach ich auf einmal los, und sagte: Woferne ich
mich auf seine augenscheinliche Redlichkeit verlassen dürffte, so, dass mir, als
einem ehrlichen Handwercks-Purschen, der ob er gleich itzo Laqveien-Kleider
anhätte, dennoch lieber auf seiner Profession arbeiten, als Herren dienen wollte,
kein unschuldiger Tort angetan würde, ich im Stande sei, ihm ein solches
Geheimnis zu offenbahren, wodurch vielleicht einem grausamen Ubel vorgebauet
werden könnte. Solchergestalt sah mich der Stadt-Richter etwas eigentlicher an,
bat aber mich, ihm auf seine geheime Stube zu folgen. Daselbst fieng er so
gleich also zu reden an: Mein Freund, ich mercke, dass ihr ein redlich Hertze im
Leibe habt, scheuet euch derowegen nicht, mir alles zu vertrauen, was so wohl
eure Person als andere gefährliche Sachen betrifft, und glaubt, dass ich nebst
meiner Haabe und Gütern, auch mein Leib und Leben, ja meinen Teil, den ich an
der ewigen Seeligkeit dermahleins zu haben verhoffe, zum Pfande setze, wenn ich
nicht alle Mittel vorkehre, euch in allen Schadloss zu halten, ihr möchtet auch
die allergrösten Verbrechen begangen haben, denn mein Hertze sagt mir im Voraus,
dass ihr den hiesigen Löbl. Stadt-Gerichten ein solches Licht anzünden könnet,
welches wir längstens vergeblich gesucht haben.
    Hierauf brach ich los, erwiese erstlich meine Unschuld durch kurtze
Erzehlung meines Lebens-Lauffs, nachhero aber eröffnete der Länge nach, alles,
was mir von meines Herrn Wesen und itzigen Vorhaben wissend war, worüber der
Stadt-Richter zwar ziemlich erstaunete, jedoch sich bald zu fassen und Mittel zu
ersinnen wusste, die frechen Diebe ganz artig in die Falle lauffen zu lassen.
Immittelst befahl er mir, nur wieder zu meinem Herrn zu gehen, und, um ihn
keinen Verdacht zu erwecken, lustig und gutes Muts zu sein, daferne ich aber in
zukünftiger Nacht ja allenfalls mit auf Partie ausgehen müste, sollte ich nur
ein weiss Schnupff-Tuch um den rechten Arm binden, damit mir so dann die
plötzlich heraus brechende Schaar-Wache nicht etwa Leides zufügen möchte. Ich
nahm alles wohl in acht, und verfügte mich aufs eiligste zu meinem Herrn, der
meines langen Aussenbleibens wegen schon allerhand Gedancken gehabt hatte, und
sehr scharff nach des Stadt-Richters Aufführung forschete, allein ich
berichtete, dass derselbe ausser dem weitläufftigen Complimenten, welche er mir
an Ihro Gn. zu machen befohlen, wenig oder gar nichts anders geredet, doch wäre
er anfänglich nicht gleich zu Hause gewesen, weswegen ich in dem Bier-Hause
gegen über, auf ihn gewartet hätte. Er war also zu frieden, befahl mir noch, die
Extra-Post zu bestellen, welche früh um 2. Uhr absolut parat stehen müste, und
da auch dieses geschehen, wurde die übrige Zeit biss in die späte Nacht, teils
mit Einpacken, teils mit Verabredung unseres mächtigen Vorhabens hingebracht.
Schon um 11. Uhr brachten die von meinem Herrn ausgestelleten Spions die
Nachricht ein, dass bereits seit 9. Uhren, in des Einnehmers Hause alles ruhig
und stille, auch zu noch besserer Anzeigung eines guten Glücks, nicht das
geringste Licht zu sehen wäre, welches doch sonsten in der Eck-Stube die ganze
Nacht hindurch zu brennen pflegte, vor diessmahl aber ohngefähr ausgegangen sein
müsse. Dem ohngeacht befahl mein Herr, noch so lange gute Schildwacht zu halten,
biss der Seiger zwei Viertel auf 1. Uhr schlüge, um welche Zeit er sich nebst mir
bei dem Hinter-Gebäude des Einnehmers einfinden wollte, um daselbst, als an dem
beqvemsten Orte, einzubrechen, und so dann in aller Stille die vordersten
Haus-Türen zu eröffnen, oder sich nach andern Retiraden umzusehen.
    Kurtz von der Sache zu reden, unser Vorhaben schien nach Wunsch von statten
zu gehen, indem wir in aller Stille nicht allein das Hinter-Gebäude
durchbrachen, sondern auch alle Türen im Hause ohne das geringste Getöse
eröffneten, worbei ich mir mit Fleiss einen Riss in die rechte Hand gab, dass das
Geblüte häuffig hervor quall, mitin desto bessere Ursache hatte, eine grosse
weisse Serviette so wohl um die Hand als um den Arm zu binden. Es waren unserer
13. bemühet, die letzte Tür zu der Cammer, worinnen der Einnehmer mit dem Gelde
anzutreffen sein sollte, vollends aufzubrechen, erreichten auch nach vieler
Bemühung unsern Zweck. Allein, indem die Tür völlig aufgetan wurde, geschahe
nicht allein in der Cammer ein Pistolen-Schuss, sondern es zeigten sich auch bei
dem Bette des Einnehmers 12. Geharnischte-Männer, die entsetzlich grosse Säbels
an der rechten Hand hangen, ihre Büchsen aber im Anschlage liegen hatten. Ich
war, ohngeacht meines guten Gewissens, dennoch fast halb todt bei diesem
Anblicke, hörete aber aus der Cammer eine Stimme ruffen: Ihr ungebetenen Herrn
Gäste, gebt euch gefangen oder sterbet! Bei so gestallten Sachen hielt ich nicht
vor ratsam, lange Stand zu halten, sah mich derowegen nach dem Rückwege um,
wurde aber auf der Treppe von zweien Knechten, ohngeacht meines weissen
Arm-Bandes, bei der Kähle genommen, und ganz stillschweigend in einem finstern
Keller gestossen, aus welchen über 24. Mann wohl bewaffneter Bürger herauf
stiegen. Solchergestalt sah ich weiter nichts, hörete aber unter einem starcken
Tumulte etliche Schüsse, und habe hernach erfahren, dass mein, biss dahin
gewesener Herr, als er gesehen, dass unmöglich zu entkommen sei, sein Terzerol
hervor gezogen, und damit Feuer auf den Einnehmer gegeben, indem er aber fehl
geschossen, treffen ihn die Geharnischten mit drei Kugeln desto gewisser, so,
dass er augenblicklich todt darnieder fällt, die übrigen 11. Cameraden, werden
nach allerstärckster Gegenwehr, so wohl als zwei andere, die auf der Strasse
Schildwacht gestanden hatten, gefangen und gebunden, ich aber wurde, so bald der
Tumult vorbei, noch vor Tages Anbruch aus dem finstern Keller hervor gelanget,
in des Stadt-Richters Behausung geführet, und daselbst aufs allerbeste
verpflegt.
    Ich will mich mit dem Bericht, wie es denen auf frischer Fahrt ertappten
Ertz-Dieben ferner ergangen, voritzo nicht aufhalten, zumahlen ich ohnedem
selbiges erstlich nach einiger Zeit bald so, bald anders erzählen hören, denn
nachdem meine wohlbedächtige Aussage binnen 4. Wochen von Tage zu Tage nieder
geschrieben worden, brauchten mich die Gerichts Herrn zu keinem ferneren
Beweise, sondern liessen mich endlich mit einem Geschencke von 500. Talern
hinreisen wohin ich wollte, jedoch bat mich der ehrliche Stadt-Richter, ihm dann
und wann von meinem Auffentalte Nachricht zu geben, welches ich auch nachhero
zweimahl aus Stettin und Rostock getan, allein, keine Antwort erhalten habe,
ohngeacht mein Auffentalt an beiden Orten über 2. Jahr lang gewesen. Endlich
resolvirte ich mich, wieder zurück in mein Vater-Land zu reisen, war auch schon
wirklich biss Berlin gekommen, jedoch weil ich daselbst einen verfluchten
Ertz-Dieb erblickte, der mit meinem Herrn in sehr genauer Freundschaft
gestanden hatte, werckte ich so gleich, dass diese Rotte noch nicht ganz
ausgerorter wäre, befürchtete also leichtlich erkandt, und als ein
Diebs-Verräter von diesen rachgierigen Mord-Gesellen ermordet zu werden.
Demnach nahm ich aufs eiligste die geschwinde Post über Braunschweig nach
Holland zu, und weil mir dem ohngeacht immer zu Mute war, als ob ich von
Mördern verfolgt würde, erwehlete ich endlich eine Reise zu Schiffe zu wagen,
etliche Jahr aussen zu bleiben, und mit der Zeit, wenn GOtt Leben und Gesundheit
verliehe, mein Vaterland wieder zu suchen, weiln doch vermutlich binnen der
Zeit diese Mörder- und Diebs-Bande entweder würde abgetan oder zerstreuet
werden. Allein, der Himmel hat durch seine glückliche Führung zu dem Herrn
Wolffgang, mich nunmehro auf dieser Insul in eine solche vergnügte Sicherheit
gesetzt, dass ich mein Vaterland sehr wohl entraten kann, weswegen ich nicht
unterlassen werde, nach Möglichkeit, mich gegen GOTT, den Herrn Wolffgang und
alle hiesige getreue Freunde, Zeit-Lebens dergestalt danckbar und erkänntlich zu
erzeigen, als es meine Schuldigkeit erfordert.
    Und also endigte der ehrliche Gevatter, Freund und Schwager, Peter
Morgental, die Erzehlung seiner Lebens-Geschicht, als vor welche wir ihm so
wohl als vor alle andere erwiesene Gefälligkeit vielen Danck sagten, und uns
sämmtlich zurück in unsere verschiedenen Wohnungen begaben.
    Not. Hier hat Mons. Eberhard Julius, der Ordnung gemäss, die
        Lebens-Geschichte der übrigen letzt mit angelangeten Europäer, nehmlich
        des Pappier-Müllers Kleemanns, des Tuchmachers Wetterlings, des
        Böttchers Garbens, und des Töpffers Schreiners mit eingeflochten, weiln
        ich Gisander aber befürchte, dass, wenn ich selbige gleichfalls
        beibrächte, vielleicht dieser andere Teil des Wercks, den Ersten um
        viele Bogen übertreffen dürffte, so will die Erzehlungen besagter
        Avanturiers entweder, wo Platz vorhanden, zum Anhange, oder biss in den
        ohnfehlbar bald folgenden dritten Teil versparen, indessen, den proprio
        ausu begangeñen Fehler, (wo es anders ein Fehler zu nennen) feierlichst
        depreciren, die Haupt-Sache aber selbst-erwehlter Ordnung nach also
        fortsetzen:
    Am 13. Octobr passirte in Stephans-Raum ein erbärmlicher Streich, indem sich
ein 6. jähriger artiger Knabe allzu weit in das Flut-Bette der Mühle wagte,
dahero schnell fortgeführet, und von dem Mühl-Rade dermassen starck gegen die
gleich über liegenden Steine geworffen wurde, dass man ihn von der Stelle mit
zerschmetterten Kopffe, todt aufgehoben.
    Den 7. Nov. stürtzte sich eine entsetzlich-grosse Felsen-Spitze zwischen
Osten und Süden mit grausamen Krachen in die See. Es verursachte dieses ein sehr
grosses Schrecken auf der ganzen Insul, jedoch, nachdem wir Jüngern, solches in
Augenschein genommen, und dem Alt-Vater Rapport abgestattet hatten, sagte
derselbe, dass er diesen Absall schon seit etliche 20. Jahren vermutet, indem
sich diese Spitze immer nach und nach tieffer geneigt hätte.
    Den 22. Novemb. wurde in Christians-Raum ein Knabe von einem Füllen
darnieder gerennet, sehr zertreten, und am Schenckel starck verwundet, so, dass
man an dessen Aufkommen zweiffelte, jedoch Mons. Kramer hat denselben binnen
kurtzer Zeit wiederum völlig gesund hergestellet.
    Die See ist in diesem Früh-Jahre dermassen aufgeschwollen gewesen, dass wir
sehr selten, kaum 50. Schritt lang auf dem Sande vom Felsen hingehen können.
Hergegen haben wir bei der Gelegenheit eine grosse Menge von Austern, Muscheln,
Fischen und Meer-Tieren eingefangen.
    Andere geringe Veranderungen, die sich noch in diesem 1727ten Jahre
zugetragen haben, will beliebter Kürtze wegen nicht berühren, jedoch befinde
mich schuldig, ein abermahliges Verzeichnis der copulirten, gebohrnen, confirmir
ten und begrabenen, vermittelst nachstehender Tabelle, darzulegen:
    Solchem nach sind die Felsenburgischen Bewohner in ob erwähnten Jahre
vermehret worden um 28. Personen als 17. Männliches und 11. Weibliches
Geschlechts.
    Mitin wurde das neue 1728. Jahr mit vollem Seegen und Vergnügen angetreten,
der GOttes-Dienst vor allen andern Dingen wohl abgewartet, im übrigen aber alle
andere erlaubte Christliche Freuden-Bezeugungen und Lustbarkeiten, so, wie im
vorigen Jahre, ja noch viel ordentlicher angestellet, von welchen ich aber
voritzo keine verdrüssliche Wiederholung anstellen, sondern von etwas
merckwürdigern Sachen schreiben will.
    Unser Böttcher Melchior Garbe hatte binnen etlichen Wochen nebst
verschiedenen Gehülffen, 4. ordentliche Wagens mit Rädern und allen Zubehör, so,
wie dieselben in Deutschland gesehen werden, verfertiget, welche, bei der,
dieses Jahr ungemein gesegneten Erndte, treffliche Dienste taten, indem Herr
Wolffgang und Mons. Kramer die tüchtigsten Pferde darzu hergaben, und bald
diesen bald jenen Pflantz-Stätten die Früchte einführen liessen, solchergestalt
hatten nun nicht allein die Menschen, sondern auch die armen Affen, welche
bissanhero nebst den wenigen zahm-gemachten Hirschen, dergleichen Emfuhre
verrichten müssen, eine grosse Erleichterung zu spüren.
    Die wilden Affen waren hingegen durch bissheriges tägliches Verfolgen sehr
vermindert, und die übrigen wenigen dergestalt in die Enge getrieben worden, dass
man, und zwar nur in den alleräusersten und wilden Oertern der Insul, sehr
selten ein paar oder etliche beisammen fand. Ich habe bei den Merckwürdigkeiten
des vorigen Jahres zu melden vergessen: dass diese wilden zornigen Bestien einen
von den Roberts-Raumer jungen zahmen Affen, der sich allein etwas zu weit ins
Geholtze gewagt, schändlich zerfleischt, und die Stücken auf dem Fuss-Stege hin,
biss nahe an die Pflantz-Stadt Roberts-Raum ausgestreuet hatten, welches ein
starckes Merckmahl war, dass sie unserer zahmen Haus-Affen geschworne Feinde
gewesen. Jedoch wir hatten dieses letztern wegen noch viel deutlichere
Wahrzeichen, welche ich doch beliebter Kürtze wegen übergehe.
    Die Weinlese war in diesem Jahre nicht weniger Segenreich, als die Geträyde
Erndte, weil sich sonderlich die letzt angekommenen Europäer sehr bemühet
hatten, die Weinberge zu verbessern, und weiter auszubreiten, ingleichen
gerieten die Cocos-Nüsse und andere vortrefflichen Früchte, dermahlen in
ungemeiner Menge, fast ausserordentlich wohl und köstlich, so dass es aller Orten
alle Hände voll zu tun gab, eine jede Sache zu ihren Nutzen zuzurichten, und
gehöriges Orts zu verwahren. Von immer besserer Einrichtung unserer Schulen,
Künstler und Handwercks- ingleichen von ein und andern Bau-Sachen annoch zu
reden, halte ebenfalls vor überflüssig und unnötig, weil die Haupt-Stücke schon
oben, meines Erachtens, ziemlich deutlich vorgestellt habe, derowegen will nur
einige Denck würdigkeiten des 1728ten Jahres nebst andern Sachen vortragen, die
obgleich nicht alle von sonderbarer Wichtigkeit sind, jedoch vielleicht diesem
oder jenem Leser nicht so gar vedriesslich fallen werden.
    In spätester Herbst-Zeit wurden fast die meisten Einwohner der Insul eines
Abends in besonderes Schrecken gesetzt, denn wie ich teils selbst gesehen,
teils aus dem Berichte dererjenigen, welche auf dem Nord-Felsen die Wacht
gehabt, vernommen, kam anfänglich zwischen West und Nord eine dicke
blass-feuerige Pyramide aus der See am Himmel herauf gestiegen, welche sich
zumahlen an denjenigen Stellen, wo etwas dicke Wolcken waren, recht grässlich
ansehen liess. Bald kamen sehr viele Strahlen oder Pfeile, auf die Art, wie die
Donner-Pfeile gemahlet zu werden pflegen, heraus geschossen, bald aber sprungen
einzelne gross und kleine helleuchtende Funcken heraus, dergleichen man in den
Feuer-Essen der Schmiede sieht. Binnen einer Stunde verlohr sich die Pyramiden
-Gestalt, hergegen zohe sich eine Streiffe, die ohngefähr 5. oder 6. mahl
breiter, als ein gewöhnlicher Regenbogen zu sein schien, erstlich ganz biss an
den Polar-Stern hinauf, zerteilete sich so dann der Länge nach in etliche
schmählere Streiffen, die da ingesamt gegen Osten zu, wieder biss in die See
reichten, und sich ganz wunderbar unter einander verzogen. Hierbei sah man
unter diesen lichten Streiffen ein öfteres Zucken, ungewöhnliches Blitzen, und
Flimmern, welches aber doch nicht also in die Augen fiel, als ein ordentliches
Wetterleuchten und Blitzen, so vor dem Donner herzugehen pfleget. Um
Mitternachts-Zeit erhub sich ein mittelmässiger Wind, der die Streiffen aus ein
ander trieb, an deren Stelle sich fast am ganzen Himmel sehr wunderbare Figuren
zeigten, die aber nicht gar lange in einerlei Stellung blieben, worbei das
Zucken, Flimmern oder Blitzen beständig fort dauerte, je näher aber der Tag
heran ruckte, je blasser begunten die feurigen Strahlen und andere Figuren zu
werden, biss endlich mit anbrechenden Tage das ganze Gesichte verschwand.
    Wie ich bereits oben gemeldet, waren nicht allein die aller meisten
Einwohner hierüber heftig erschrecken, so dass auch fast kein eintziger Mensch
an das Schlaffen gedacht, sondern das Ende abgewartet hat, sondern es wurde auch
davor gehalten, dass dieses Feuerzeichen eine vorher Verkündigung ganz
besonderer Zufälle sein müsse; allein da Herr M. Schmelzer, Mons. Litzberg, Herr
Wolffgang nebst dem Alt-Vater, und andern, die sich von der Physic einen rechten
Begriff machen konten, die Sache weiter überlegten; und darinnen einig wurden,
dass dieses Wunder vor ein starckes Meteoron oder Nord-Licht zu achten sei, Herr
Mag. Schmelzer auch nächst darauf folgenden Sonntage Nachmittags einen
erbaulichen Sermon darüber gehalten, und die Wunder GOttes, welche er in die
Natur gelegt, anbei die vernünftigen Ursachen solcher Feuerzeichen angezeigt
hatte, verwandelte sich der meiste Teil des Schreckens bei allen in eine
Gottesfürchtige Bewunderung, so dass wir dergleichen Meteora, welche sich
nachhero noch etliche mahl, wiewohl nicht gar so sehr fürchterlich zeigten,
sämtlich mit mehrerer Gelassenheit betrachteten.
Mons. Eberhard Julius hat bei dieser Passage einen gar feinen und gelehrten
    Discours, den die Felsenburgischen Herrn Naturkündiger dieses Meteori wegen
    gehalten, beigebracht, weil aber derselbe gar zu weitläufftig, über dieses
    seit wenig Jahren fast aller Orten verschiedene Observationes und
    Abhandlungen von solcher Materie, in deutscher, Lateinischer und andern
    Sprachen gedruckt zum Vorscheine gekommen sind, so dass fast ein jeder
    gemeiner Mann in Deutschland ziemlich wohl darvon zu raisoniren weiss, als
    habe mich unterstanden, selbigen aussen zu lassen.*
    Am 15. May kam in Alberts-Raum durch Verwahrlosung eines kleinen 4. jährigen
Mägdleins, welches in Abwesenheit der Eltern einen glüenden Feuer-Brand zu nahe
an den gedörrten Flachs getragen, ein Haus dergestalt geschwind in Brand, dass,
ohngeacht aller angewandten Arbeit, keine Rettung zu tun war, sondern dasselbe,
nebst Scheunen und Ställen zum Aschen-Hauffen werden musste, jedoch, ausser dem
am allermeisten Haussgeräte dieser guten Leute, war nichts beklagenswürdiger,
als ein junges Rind, und 13. Stück Hüner, welche, weil man in der Angst nicht an
dieselben gedacht, mit verbrandt waren.
    Die klare Wahrheit zu sagen, so war uns allen an diesen jungen Stück
Rind-Vieh, und den Hünern dermassen viel, ja weit mehr gelegen, als an einem
ganzen Hause und allen darzu benötigten Haus-Rate, denn dergleichen Haus war
bei so redlicher Handreichung, binnen kurtzer Zeit wieder aufgebauet, der
Haus-Rat aber konnte in einem eintzigen Tage, ohne jemands Schaden, zehnfach, ja
was sage ich: hundertfach ersetzt werden. O! wie mancher Bösewicht in
Deutschland sollte sich mit grösten Vergnügen, ohne eintzigen Gewissens-Scrupel
zu machen, sein Wohnhauss selbst über dem Kopffe anzünden, und nackend und bloss
heraus lauffen, wenn er sich nur dergleichen Beneficien zu getrösten hätte.
Sonsten, weil ich eben jetzo gedacht, in was vor sonderbaren Werte das Europæ
ische Vieh auf unserer Insul gewesen, fällt mir bei, dass als eines Tages Herr
Wolffgang den Alt-Vater, nebst einigen andern guten Freunden zu Gaste, und unter
andern Gerichten, etliche gekochte junge Hüner nebst einem Kalbs-Braten
aufgesetzt hatte, war der Alt-Vater dermassen eigensinnig, dass er weder von dem
einem noch dem andern Gerichte etwas kosten wollte, sondern es dem ehrlichen
Herrn Wolffgang vor eine unverantwortliche Verschwendung auslegte, indem sich
selbige Tiere noch lange nicht so starck vermehret hätten, dass man sie mit
Recht zu Leckerbissen brauchen dürffte. Herr Wolffgang aber zeigte sich hierauff
dermassen gefällig gegen den Alt-Vater, dass er ihm ungelobte binnen Jahr und Tag
kein einzig Stück Feder-Vieh, binnen 5. Jahren, auch kein vierfüssiges Europæi
sches Tier schlachten zu lassen, ohngeacht wir damahliger Zeit schon eine
ungemein starcke Anzahl von Hünern, Gänsen, Tauben und dergleichen halten.
    Am 23. May wurde ein junger Mann aus Simons-Raum, welcher zur unrechten Zeit
etwas von sehr feinen Tone aus den Ton-Gruben hauen wollen, plötzlich
verschüttet und sehr zerdrückt, jedoch weil es andere Leute zeitig wahrgenommen,
annoch vom jämmerlichen Ersticken errettet, und von Mons. Kramern wiederum
völlig aus curiret. Acht oder 10. Tage hernach fiel unsers ehrlichen Töpffers,
Meister Schreiners, Brenn-Ofen ein, so, dass alles darinnen befindliche
Töpffer-Zeug zerschlagen, einer von seinen Lehrlingen aber durch einen Stein auf
dem Kopffe sehr beschädiget wurde.
    Zu Ende des Monats Julii brachte in Davids-Raum ein Schaaf ein monstreuses
Lamm zur Welt, mit zwei Köpffen, 4. Beinen und zwei Schwäntzen, am 5ten Tage
wurde selbiges von Mons. Kramern geschlachtet, anatomirt, und dessen Haut zur
Rarjetzt ausgestopfft, auch die Gebeine ausgekocht, und ordentlich an einander
gehefftet, gleicher gestalt wie die aufgerichteten Scelata in den Europaæischen
Anatomie-Cammern gesehen werden.
    Am 16. Augusti etwa zwei Stunden vor dem Mittage, höreten wir auf der Insul
ein starckes Donnern von abgefeuerten Canonen aus Osten her erschallen, weswegen
sich die hurtigen Roberts-Raumer sogleich auf die Felsen-Höhen begeben, und
unsern dahin abgefertigten Boten die Nachricht entgegen gebracht hatten, dass
auf dem hohen Meere ein Schiff vor Ancker läge, welches einmal über das andere
fein Geschütz lösete. Ich sprung vor Freuden in die Höhe, weil mir sogleich
ahndete, dass es vielleicht der aus Ost-Indien zurückkommende Capitain Horn sein
werde, indem sich aber Herr Wolffgang und Mons. Litzberg bei uns einstelleten,
nahm mir der erstere das Wort aus dem Munde, und erinnerte, dass es ratsam sei,
unser leichtes Schiff aus der Süd-Bucht heraus zu langen, und diesen Frembden
mit einigen Erfrischungen entgegen zu fahren, wenn doch zu vermuten, dass es
Christent-Leute wären, die von unsern hiesigen Auffentalt einige Nachricht
hätten, im Fall ja der Capitain Horn selbst nicht gegenwärtig sei. Auserdiesen
könnte auch wohl sein: dass die vor Ancker liegenden in grossen Nöten stäcken,
und durch Abfeuerung ihrer Canonen Hülffe riefen. Der Alt-Vater hielt Herrn
Wolffgangs Meinung vor billig, und weiln der Stamm-Vater David eben zu rechter
Zeit ankam, nahm derselbe, ohngeacht seines hohen Alters, die Mühe über sich,
nebst erforderlicher Mannschaft unser Schiff hervor zu führen, und in aller Eil
ein und andere gute Lebens-Mittel einzuladen. Allein, wenig Stunden hernach,
landete ein von dem frembden Schiffe ausgeworffenes Boot, an der Nord-Seite bei
unsern Felsen an, und wir erkannten so gleich von der Höhe herab die Person des
Capitain Horns, welcher noch 3. andere Personen bei sich hatte. Demnach stiegen
Herr Wolffgang, Mons. Litzberg, Mons. Kramer und ich so gleich hinnab, und
empfiengen denselben auf eine solche zärtliche Art, als ob er unser leiblicher
Bruder gewesen wäre.
    Die drei bei ihm seienden, waren seine auf den Philippinischen Insuln
erkauffte Sclaven, konten aber jedoch schon ziemlich gut Holländisch sprechen,
weil uns nun etliche junge Männer mit einigen Flaschen Wein, weissen Brodte,
gebratenen Fischen und Fleische, auch allerlei Früchten beladen, nachgestiegen
waren, mussten ihrer 6. die 3. frembden Gäste, in diejenige, von der Natur wohl
zubereitete, Felsen-Höle führen, worinnen ehemahls noch vor Entdeckung des
Landes, der Alt-Vater Albertus nebst Franz van Leuven, Concordien und Lemelie
viele Tage lang ihren Auffentalt genommen hatten, und sie daselbst aufs beste
bewirten, denn Mons. Wolffgang wollte ohne specielle Erlaubnis des Alt-Vaters,
keinen andern Frembden als den Capitain Horn, auf die Insul führen. Die drei
guten Menschen, welche seit etlichen Wochen keine recht schmackhaften Speisen,
vielweniger dergleichen köstliches Geträncke zu sich zu nehmen, Gelegenheit
gehabt, waren vor Vergnügen ganz ausser sich selbst, also weiter um keine
anderen wichtigen Sachen bekümmert, als ihres Leibes zu pflegen. Mittlerweile
waren oben auf dem Lande die Schleusen zugesetzt worden, und das Wasser im
Felsen-Gange abgelauffen, weswegen wir den Capitain Horn, nachdem er etwas
Speise und Tranck zu sich genommen, auch seinen Sclaven befohlen, seinetalben
ohne alle Sorgen zu leben, biss er wieder zurück käme, hinauf führeten, vor
Nachts noch etliche Gebund Stroh, Bett-Decken, nebst noch mehrern Lebens-Mitteln
vor die drei Frembden hinunter tragen liessen, und den lieben Gast, auf der
Albertus-Burg dem Alt-Vater in seinem Zimmer vorstelleten.
    Der Alt-Vater sass in seinem Gross-Vater-Stuhle, welchen ihm Lademann sehr
bequehm gezimmert, mit Tuch beschlagen, und mit Wild-Haaren ausgestopfft hatte.
Mons. Horn erstaunete recht bei seinem Eintritte, einen solchen venerablen Greiss
mit dem weissen langen Barte zu sehen, der eine schwartze Sammet-Mütze, und
einen langen Schlaff-Rock von braunen Atlas trug, machte ihm aber ein solches
höffliches Compliment, als man sonsten gegen Fürsten und Herrn zu tun pflegt,
indem er sich aber näherte, stund der Alt-Vater auf, und empfieng ihn mit einem
Kusse.
    Des Capitain Horns Anrede bestund ohngefähr in folgenden Worten: Ehrwürdiger
Alt-Vater! Ich komme zu ihm als einem Manne, den der Himmel durch seine
besondere Fügung vor andern Menschen in einen bewunderens würdigen Stand
gesetzt, mit Erzeigung des schuldigen Respects, und dancke gehorsamst davor, dass
mir die Erlaubnis gegeben worden, dieses sonderlich glückseelige Erdreich, so
gar auch sein Zimmer zu betreten, will aber bei dieser ersten Zusammenkunft
weiter nichts melden, als, dass ich ehe mein Leben, wenn es möglich wäre,
tausendmahl verliehren, als des löblichen ewigen Nachruhms entübriget sein
wollte, ein getreuester Knecht und Freund von ihm und allen dessen Angehörigen zu
sein.
    Des Alt-Vaters Gegenrede lautete ohngefähr also, Mein Herr und Freund! ich
lobe den Allerhöchsten, dass er euch nach einer bei nahe dreijährigen, und
ohnfehlbar mit vielen Gefährlichkeiten verknüpfften Reise, gesund zu uns
geführet hat. Herr Wolffgang und andere von meinen lieben Angehörigen haben mir
dermassen viel von eurer sonderbaren Treu und Redlichkeit vorgesagt, dass ich, in
eure Person das geringste Misstrauen zu setzen, eine Missetat begehen dürffte,
derowegen habt ihr keine Ursach euch bei uns als einen Knecht, sondern vielmehr
als einen werten Hertzens-Freund auszugeben, wollet ihr aber mir und den
Meinigen nach Gelegenheit ein oder andere Gefälligkeit erzeigen, so versichere
dagegen, dass ich im Stande bin, euer zeitliches Glück, daferne es anders die
Göttliche Vorsicht nicht verhindert, auf solchen Fuss zu setzen, dass ihr vor
vielen, ja etlichen 1000. andern Europäern auf diese oder jene Art sehr vergnügt
leben könnet.
    Es wären freilich noch ein- und andere höffliche Reden gewechselt worden,
allein Herr M. Schmeltzers Liebste hatte die Abend-Mahlzeit in dem grösten
Zimmer bereits auftragen lassen, weswegen wir uns in Begleitung der mehresten
Aeltesten der Geschlechter, und einiger naturalisirten Felsenburger dahin
verfügten, unsern neu-angekommenen Gast best möglichst zu bewirten. Herr
Wolffgang allein war nicht zu bereden, sich mit zu Tische zu setzen, sondern er
liess sich ein Pferd satteln, jagte damit nach der mittägigen Seite, und halff
dem Alt-Vater David alle diejenigen Sachen einschiffen, welche denen vor Ancker
liegenden gleich mit anbrechenden Tage überbracht werden sollten, unterrichtete
auch einen jeglichen mitfahrenden, was er gegen die Frembden sprechen, und wie
er sich gegen dieselben aufführen sollte.
    Immittelst speiseten wir andern in guten Vergnügen, vermerckten aber, dass
sich Mons. Horn fast mehr nach einer sanften Ruhe, als nach leck erhaften
Speisen und Geträncke sehnete, denn er hatte wirklich etliche Tage daher nicht
allein einen mittelmässigen Sturm ausgestanden, sondern war wegen wieder
Antreffung dieser Insul dergestalt besorgt gewesen, dass er bereits feit etlichen
Wochen sehr wenig schlaffen und ruhen können. Derowegen wurde er bald nach
aufgehobener Taffel, und nachdem wir uns ingesamt eine kleine Bewegung gemacht,
in meine Cammer auf ein besonders gutes Lager geführet, und ermahnet, ohne alle
Sorgen so lange ruhig zu schlaffen, als es ihm selbst möglich wäre, ich aber
bestellete ein paar geschickte Knaben zu seiner Bedienung, welche ihm, so bald
er aufgestanden, behörig bedienen, hernach zu Herr Mag. Schmeltzern zum Caffeé
führen sollten, und begab mich, ohngeacht es fast Mitternacht war, nebst Mons.
Litzbergen, Kramern und Lademannen auf den Weg noch der Ostlichen Höhe, um auf
derselben kommenden Morgen unser Schiff bei dem vor Ancker liegenden anfahren zu
sehen. Wir erreichten das Wacht-Haus auf der Ostlichen Höhe noch lange vor
anbrechenden Tage, legten uns derowegen noch auf ein paar Stunden zur Ruhe, und
schlieffen so lange, biss wir durch die Donnernden Canonen, wormit so wohl unser
als das vor Ancker liegende Schiff einander begrüsseten, aufgeweckt wurden. Es
mochte wohl ohngefähr 8. Uhr sein da sich die Unsern an das Gast-Schiff
anhingen, weswegen wir durch überflüssige Neugierigkeit sattsam vergnügt zurück
kehreten, und noch mehr ermüdet um Mittags-Zeit auf der Alberts-Burg wieder
eintraffen, allwo Herr Wolffgang ebenfalls zurück gekommen war.
    Nachdem wir die Mittags-Mahlzeit eingenommen hatten, hat sich der Capitain
Horn von selber die Freiheit aus, eine so kurtz als möglich gefassete Relation
von seiner Reise, seit dem er im Novembr. 1725. von uns Abschied genommen,
abzustatten, weiln nun alle Anwesende höchst begierig waren, selbige mit
anzuhören, als setzten wir uns sämtlich in bequehmliche Ordnung, worauf Mons.
Horn folgendergestalt zu reden anfieng:
    Nachdem ich vor nunmehro 3. Jahren auf der Reise aus Amsterdam, biss
Angesichts dieser glückseeligen Insul, von meinem allerbesten und wertesten
Patrone, gegenwärtigen Herrn Wolffgang sattsame Instructiones, wegen meiner
künftigen Aufführung, fortzusetzenden Reise und endlichen Rückkehr erhalten;
auch wie ihnen allerseits wissend sein wird, behörigen Abschied genommen hatte,
führete, mich ein nicht allzugütiger Wind bei nahe zwei Monat fort, ohne das
geringste Ungemach zu empfinden, endlich aber wurde uns bange, da das süsse
Wasser, und das Brenn-Holtz ganz auf die Neige gekommen war, und wir nicht
wussten zu welcher Seite wir uns wenden sollten, etwa eine Insul anzutreffen, auf
welcher dieser Mangel ersetzt, und auch sonsten ein oder andere nötige
Verbesserung am Schiff vorgenommen werden könnte. Ehe aber unser Wunsch erfüllet
wurde, mussten wir einen entsetzlichen Sturm ausstehen, welcher biss in den 11ten
Tag anhielt, und uns nicht allein dergestalt abgemattet, sondern auch das
Schiff, ohngeacht es ungemein dauerhaft gebauet war, also zugerichtet hatte,
dass wo sich nicht bald Land zeigte, nichts gewissers als das Verschmachten und
Versincken zu vermuten war.
    Zwei Tage nach dem gewünschten Abschiede des Sturms traffen wir ein in
letzten Zügen liegendes Portugiesisches Schiff an, dessen Gefahr wir dennoch
weit grösser als die Unsrige befanden, denn es sass auf einer verdeckten
Sandbanck dergestalt feste, als ob es angenagelt wäre, und einen Flinten-Schuss
davon, rageten die Masten eines andern versunckenen Schiffs aus dem Wasser
heraus. Wir waren sämtlich nicht allein wegen unserer eigenen Not, sondern aus
mitleidigen Triebe so gleich bereit diesen Elenden unsere Hülffe anzubieten,
brachten auch des Portugiesen beste Ladung, so wohl, als die darauf befindliche
Menschen, in unser Schiff, und das Portugisische Schiff glücklich von der
Sandbanck ab, worein sich aber niemand mehr wagen wollte, weiln es bei dem
geringsten Ungestüme auseinander zu gehen drohete. Das versunckene war ein
Englisches Schiff, von welchem der Portugiese den Capitain nebst 6. Mann die
sich noch bei zeiten ins kleinste Boot werffen können, auffgenommen hatte,
hingegen war den guten Engels-Männern ihr Vermögen mit versuncken.
    Ich und die Meinigen waren nur in diesem Stück sehr vergnügt, dass wir von
dem Portugiesen frische Kost und süsses Wasser bekamen, denn derselbe hatte sich
nur neulichst auf dem Cap der guten Hoffnung mit allen Bedurffnissen wohl
versorgt. Nachdem uns derselbe aber angezeigt, dass wir, nach kurtzen herum
kreuzten, ohnfehlbar ein oder die andere kleine obschon unbewohnte Insul in
dieser Gegend antreffen müsten, folgten wir seinem Rate, traffen auch wirklich
nach dreien Tagen zwei derselben mit den Augen an, wovon wir die nächste und
kleineste zu unserm Trost- und Ruhe-Platze erwehleten. Des Himmels- liess uns auf
derselben dasjenige antreffen, was wir am allernötigsten brauchten, nehmlich
süss Wasser und ziemlich gutes Holtz zu ausbesserung der Schiffe, ausserdem
reichte uns nicht allein die See vielerlei Fisch-Arten, sondern auch das Land
einige Früchte und Fleisch Werck, jedoch was das letztere anbetraff, nicht
sonderlich überflüssig.
    Wir machten uns meistenteils vor allererst über das Portugiesische sehr
zerlästerte Schiff her, und brachten dasselbe nach vieler sauern Arbeit endlich
in vollkommen guten Stand, hierauff wurde das Unserige vorgenommen, welches mit
leichterer Mühe und in kurtzer Zeit völlig ausgebessert war.
    Immittelst begegneten uns auf dieser Insul zweierlei Unglücks-Fälle, denn
beim Holtz abhauen fuhr einem von unsern Leuten ein scharff zugespjetztes Beil
vom Handgriffe ab, und dem gegen über sitzenden, der seine Axt auf dem
Schleiffsteine wetzte, solchergestallt gerade und tieff in das lincke Auge
hinein, dass er, ohngeacht alles angewandten Fleisses dreier Wund-Aertzte,
nehmlich des unsern, wie auch des Portugiesischen und Englischen, zwei Tage
hernach sterben musste. Er hiess Johann Tobias Fasert, meines behalts von Minden
an der Weser gebürtig, seiner Profession ein Becker, sonsten ein feiner
arbeitsamer und behertzter Mensch von etwa 26. Jahren.
    Das andere Unglück begab sich folgender gestallt: zwei Portugiesen, 2. von
meinen Leuten, und ein Engelländer, streifften eines Tages etwas weit in die
Insul hinnein, und brachten gegen Abend zwei junge Stücken Wild, 6. geschossene
Vogel, die an Grösse den Amseln gleichten, und dann einen ziemlichen Sack voll
delicater Wurtzeln, von welchen man ein überaus wohlschmeckendes Gemüse kochen
konnte. Sie gaben alles Preis, behielten auch nur etwas weniges von Wurtzeln,
nebst den 6. Vogeln, und bereiteten daraus vor sich eine besondere
Abend-Mahlzeit, giengen auch alle 5. in eine besondere Hütte, um vor ihre
gehabte Mühe sich etwas a partes zu gute zu tun. Indem sie nun ihr zubereitetes
Gemüse, nebst den gebratenen Vogeln angerichtet haben, geht von ohngefähr der
sehr betrübte Englische Capitain Wodlei vorbei, weswegen sein Lands-Mann zu den
übrigen Compagnons spricht: Sehet, meine Herrn! wie betrübt mein Capitain daher
spatzieret, wollte der Himmel er hätte nicht mehr verloren als ich: so würde ihm
das versunckene Schiff lange nicht mehr im Kopffe herum schiffen, aber wenn es
euch nicht zuwieder, so will ich ihn auf den 6ten gebratenen Vogel zu Gaste
bitten, denn wir behalten dennoch der Mann noch einen Vogel.
    Meine Leute lassen sich dieses so wohl als die Portugiesen gefallen,
derowegen wird der Capitain Wodlei, der doch sonsten bei mir speisete, zu Gaste
gebeten, und weil er ein sehr liebreicher Mann war, schlägt er solches nicht
ab, sondern isset so wohl etwas von dem Gemüse, als den ihm zugeteilten Vogel
mit gutem Appetite, so wohl als die andern, welche noch selbigen Abend lustig
und guter dinge waren, und an keine Kranckheit gedachten. Allein folgenden
Morgen wurden meine zwei Deutschen, der Engelländer und ein Portugiese auf ihrem
Lager todt gefunden, der Capitain VVodlay aber und der andere Portugiese, waren
erbärmlich dicke geschwollen, und konten kaum ein Glied am ganzen Leibe regen.
    Dass unser allerseitiges Schrecken über diese Begebenheit nicht geringe
gewesen sein müsse; ist leicht zu erachten, jedoch da unsere Schiffs-Barbiers
herzu kamen und die Meinung bestärckten, dass so wohl die Verstorbenen als die
noch etwas lebenden Patienten ein starckes Gift genossen haben müsten, wurden
alle möglichen Mittel vorgekehret, die letztern von dem augenscheinlichen Tode
zu retten, welche denn auch so gut anschlugen, dass so wohl der Capitain als der
Portugiese, binnen 14. Tagen gäntzlich ausser Gefahr gesetzt wurden. Die
Verstorbenen begruben wir, jeden in ein besonderes Grab, doch nahe beisammen,
unter einem sehr dicken, ohnfern vom Ufer stehenden Baum, ich aber bejammerte
sonderlich meine zwei wackern Leute, deren einer ein verunglückter Handelsmann
aus dem Lüneburgischen war, Nahmens Georg Ulrich Vorberg, seines Alters 52.
Jahr, der andere ein Fleischhauer aus dem Anhältischen, Nahmens Johann Martin
Stahlkopff, von 29. Jahren.
    Es entstund unter uns viel Disputirens, woran sich eigentlich diese Personen
die Kranckheit und den Todt gegessen hätten, denn die meisten von uns, hatten so
wohl als jene, von den Wurtzel-Gemüse, obschon keine Vogel gespeiseit, als auf
welche letztern niemand einigen Verdacht legte, sondern vielmehr vermeinte: es
müsse etwas sehr gifftiges in ihren Gemüse-Topff, oder in die Anrichte-Schüssel
gefallen sein, allein der Capitain Wodlei halff uns aus dem Traume, denn
derselbe hatte beobachtet, dass die 4. Verstorbenen, die Magens und das meiste
vom Eingeweide ihrer gebratenen Vogel mit gespeiset, welches er und der eine
Portugiese zu allem Glück unterlassen hatten. Zu noch stärckern Beweisstume aber
dienete, des Capitain Wodlei Hund, welcher nicht das geringste vom Gemüse,
jedoch die zwei hinweg geworffenen Eingeweide, nebst den Knochen der Vogel
gefressen hatte, und noch in selbiger Nacht gestorben war:
    Ich habe etliche Tage hernach in Gesellschaft unseres Chirurgi selbst 8.
Stück von eben dergleichen Art Vogeln geschossen, dieser secirte derselben 3.
und fand in ihren Mägen eine gewisse Sorte grünlicher Beeren, nebst einem dicken
sehr scharffen Saffte, welcher so gleich sein Incision-Messer blau anlaufend
machte, und zwar so, dass es nicht wieder blanck zu machen war. Mich daureten
unsere 4. getreuen bei uns befindlichen Hunde, sonst hätte ich so fort ein paar
Bogel braten und die Probe machen lassen, allein der Chirurgus Mons. Brachmann,
war dennoch so neugierig und schalckhaft gewesen, ein paar zu braten, und
dieselben unvermerckt eines Portugiesen Hunde vorzuwerffen, welcher dieselben
begierig gefressen hatte, und noch vor Abends verreckt war.
    Nachdem aber so wohl das Portugiesische als unser eigenes Schiff völlig
Seegelfertig gemacht war, nahmen wir, auf inständiges Anhalten des Engelländers,
unsern Weg zurücke nach dessen versunckenen Schiffe, denn er hatte sich mit
dreien bei mir befindlichen Täuchern beredet, und nicht allein ihnen, sondern
uns allen ansehnliche Geschencke versprochen, wenn ihm die besten Sachen aus
seinen so tieff unter Wasser stehenden Schiffe herauff geholet würden. Der
Portugiese sah solches ungern, allein weiln er mir und den Meinigen selbst
vielen Danck schuldig war, konnte er sich nicht wohl entbrechen meine Zuredungen
statt finden zu lassen, und dem ganz verarmten Engelländer eine der
allergrösten Hülffe mit zu leisten. Wir funden aber das versunckene Schiff in
weniger Zeit glücklich wieder, unsere 3. Taucher machten sich und ihre Gehäuse,
vermittelst deren sie von uns wollten in die Tieffe hinnab gelassen werden,
alsobald fertig und traten dergleichen gefährliche Fart wechsels-weise binnen
5. Tagen so oft an, biss sie des Engelländers beste Sachen nach und nach in die
hinnab gelassenen Haaken eingehängt hatten, welche so dann von uns hinnauff
gewunden, und ihm zugestellet wurden. Er hätte vermutlich nicht ungern gesehen,
wenn wir nicht nur noch 5. Tage, sondern so lange gearbeitet hätten, biss nicht
das geringste von guten Waaren mehr in seinem Schiffe geblieben wäre; allein
weilen er selbst gestunde, dass die grösten Schätze und Kostbarkeiten nunmehro
auffgefischt, wurden meine Leute des gefährlichen Handels überdrüssig, also
fuhren wir, nachdem er dem Portugiesen ein reichliches Geschencke, an baaren
Gelde, vor die erste Aufnahme gegeben, und sich nebst seinen Sachen bei mir
eingeschifft hatte, von dannen, und setzten unsere fernere Reise nach Ost-Indien
fort.
    Ich will alle Weitläufftigkeiten vermeiden, sonsten müste mein Tage-Buch zur
Hand nehmen, wenn alle Kleinigkeiten bemerckt werden sollten, da nun aber wohl
weiss, dass solche den allermeisten Zuhörern vedriesslich zu fallen pflegen, so
will berichten, dass wir ohne fernere allzugefährliche Beunruhigung wohl vergnügt
bei der Insul Java anlangeten. Der Portugiese blieb, ich weiss nicht ob
vielleicht aus besondern Ursachen, eine ziemliche Weite zurücke, ich aber liess
mich von dem treuhertzigen Engelländer bereden, in dem Bantamischen Haafen
einzufahren und daselbst mein Gewerbe zu treiben, welches mich auch nicht
gereuet hat, denn meine Leute, so wohl als ich selbst, zogen an diesem Orte
einen ungemeinen Profit.
    Hergegen war der gute Capitain Wodlei desto unglücklicher, inmassen seine
gemachten Anschläge, sich allhier wieder in guten Stand zu setzen, das
gewünschte Ziel nicht erreichten. Denn seine übrig gebliebenen 5. Gefährten,
spieleten ihm gar garstige Streiche, und brachten den ehrlichen Mann um sehr
viel Vermögen, derowegen, ob er schon noch eine ziemliche Geld-Summe vor sich
hätte, wollte er dennoch mit selbiger keinen andern Hazard wagen, als sich mit
mir in Compagnie einzulassen, und meiner Redlichkeit anzuvertrauen.
    Mir und den Meinigen war dieses ein gefundener Handel, denn er besass im
Seefahren und Handelen eine weit stärckere Erfahrung und Wissenschaft, als wir
alle mit einander, derowegen nahmen wir ihn, seinen Feinden und Verfolgern zum
Possen, uns aber zum Vorteil mit Freuden auff, und fuhren mit ihm ohne viel
Wesens zu machen, von dannen nach der grossen Insul Borneo zu.
    Daselbst liess es sich vor mich und die Meinigen zu einer sehr profitablen
Handlung an, denn diejenigen Waaren, welche mir Herr Wolffgang in Commission
anvertrauet, und auch dasjenige, was ich so wohl als viele andere vor mich
selbst mit genommen hatte, fand überall Liebhaber genung, da aber der Capitain
Wodlei merckte, dass ich gegen Gold und Specereien, sonderlich aber gegen
ungemein schöne Diamanten allzuviel lossschlagen wollte, sprach er in geheim zu
mir: Mein Freund, übereilet euch nicht mit Vestechung eurer Waaren, vor welche
ihr anderer Orten weit mehr Gold, die Specereien aber fast umsonst bekommen
könnet, was aber die Diamanten anbelanget, so kauffet die schönsten auf, denn in
ganz Ost- und West-Indien werdet ihr dergleichen nicht leicht feiner und
wohlfeiler finden, eure Leute aber lasset von ihren Gütern immerhin verhandeln
so viel als sie wollen, denn auf solche Art wird euer Schiff lediger, und desto
bequemer, andere nützliche Waaren vor euch selbst einzunehmen.
    Ich vor meine Person konnte mir fast nicht einbilden, irgendswo eine
vorteilhaftere Handelschaft anzutreffen als allhier, allein da der ehrliche
Capitain Wodlei sein ganzes Hertze gegen mich ausschüttete und sich sehr
obligirte, uns auf einige kleine Insuln in der Gegend der Philippinischen zu
führen, allwo wir Gold und Specereien zur gnüge antreffen würden; folgte ich
nicht allein dem guten Rate, sondern überliess mich seiner guten Vorsorge fast
gäntzlich.
    Meine Gefährten, die etwas zu verhandeln hatten, aber, wie dem Herrn
Wolffgang bekandt ist, mehrenteils junge unerfahrne Kauffleute waren, schlugen
gewaltig los, weil sie die Messe zu versäumen vermeinten, anbei sich
einbildeten ich würde mich eben nicht allzulange in Ost-Indien auffhalten,
sondern meine Waaren an einem gewissen Orte auf einmal lossschlagen und
verstechen, hernach wiederum auf den eiligen Rückweg dencken. Allein es war
gefehlt, und meine Versicherungen, die ich ihnen aus auffrichtigen Gemüte tat,
halffen nichts.
    Nachdem ich mich aber ihnen zu gefallen lange genug daselbst auffgehalten,
das Schiff auch mit allen Bedürffnissen wohl versehen hatte, fuhren wir endlich
Sud-Ostwerts ausserhalb der langen Reihe, kleiner, mehrenteils unbewohnter
Insuln um Borneo herum, immer gerades Wegs auf die Philippinischen Insuln los,
wurden aber bald hernach, durch Sturm, an die Macassarischen Küsten verschlagen.
    Nicht so wohl die Not als der Vorwitz trieb uns daselbst auszusteigen,
zumahlen da der Capitain Wodlei berichtete: dass die Holländer dieser Orten
mehrenteils den Meister spieleten, und nicht allein die Hauptstadt in Besitz,
sondern auch andere Vestungen darauff hätten. Meine doppelten Bässe, die mir so
wohl den Respect eines freien Kauffmanns, als Holländischen Schiff-Capitains zu
wege brachten, kamen uns daselbst nicht wenig zu statten, meine Leute handelten
und wucherten, aber nicht anders als Juden, und weil die Wollüstigen etwas
erworben hatten, gerieten sie in ein liederliches und schändliches Leben,
welches verursachte, dass sich ihre Zahl unglücklicher weise um 5. Mann
verringerte, und zwar solchergestallt: Es befanden sich auf diesem Lande in
Wahrheit sehr viele, vor andern Indianeriñen wohlgebildete Weibs-Personen,
welche sonderlich die Europäer, der weissen Haut wegen, wohl leiden können. Ob
nun schon dieselben von ihren Eltern, Befreundten und Männern ziemlich gehütet
werden, so wissen sie doch so gut als unser Europäisches Frauenzimmer,
leichtlich heimliche Zusammenkünfte anzustellen, zumahlen wenn sich die weissen
Manns-Personen fein freigebig gegen dieselben anstellen. Nun hatte sich einer
von meinen Leuten, nehmlich Jonas Branckel, ein junger liederlicher Kauffmanns
Sohn aus Rotterdam, der sein väterliches Erbteil biss auf etliche 100. Tlr.
vertan, und dieserwegen die Reise nach Ost Indien angetreten, in eine junge
Ehe-Frau sterblich verliebt, auch bereits verschiedene mahl Gelegenheit gefunden
selbige nach seinem Wunsche zu bedienen. Dieses merckt ein daselbst in Besatzung
liegender Holländischer Soldat, der ohnfehlbar vorhero ebenfalls mit dieser
Ehe-Frauen in schändlicher Bekanntschaft mag gelebt haben, steckt es derowegen
ihrem Ehe-Manne, welcher sogleich auf Rache bedacht ist, und noch selbigen Tages
einen Meuchelmörder erkaufft, um den frembden Liebhaber seiner Frauen
hinzurichten.
    Jonas Branckel wurde folgendes Tages durch eines unbekandten Zuschrifft
gewarnet, sich bei zeiten aus dem Staube zu machen, oder wenigstens seine
Maitresse zu qvittiren, allein er lachte darzu, und machte aus der ganzen Sache
einen Spaass, etwa zwei oder 3. Tage hernach aber, da er nebst 4. seiner
Cameraden aus einem Schenck-Hause geht und sich, ohngeacht es kaum Mittag war,
schon ziemlich berauscht hatte; kömmt plötzlich ein toller Maccassarischer Bube
aus einem andern Hause gesprungen, und indem er etliche mahl Moka! Moka!
schreiet, läufft er hurtig auf Branckeln zu, und legt denselben mit einem
eintzigen Dolch-Stiche zu Boden. Branckels Cameraden ziehen zwar vom Leder und
wollen ihres Zech-Bruders Todt rächen, stechen auch gewaltig auf den Macasser
los, der aber, weil er nicht nur unter den Kleidern geharnischt, sondern auch
durch einen, bei ihnen gebräuchlichen starcken Tranck zur ausserordentlichen
Tollkühnheit gerejetzt ist, sich nicht das geringste darum bekümmert, sondern
seine 4. Gegner mit dem grossen Seiten-Gewehre dergestallt zurichtet, dass sie
noch vor Anbruch des andern Tages, so wohl als Jonas Branckel, ihren Geist
auffgeben mussten. Denn es ist zu mercken, dass diejenigen Macasser, oder Celebes,
welche auf das Moka-Schreien, oder deutlicher zu sagen, Mord- und Todtschlagen
ausgehen, ihre Dolche, Schwerdter und Pfeile dergestallt vergifften, dass ein
damit Verwundeter nicht leicht beim Leben bleibt, wenn ihm nicht mit dem Saffte
aus den Blättern eines gewissen Baumes bei zeiten Hülffe getan wird. Wir
brauchten zwar durch Vorschub etlicher redlicher Leute dieses Mittel auch,
allein die Wunden waren entweder zu gross, oder die Artzenei war bereits zu spät
angekommen.
    Am allermerckwürdigsten kam mir dieses bei der ganzen Sache vor, dass Jonas
Branckeln, wie er uns allen wenige Monate vorher erzählt hatte, durch einen
Nativität-Steller war Propheceiet worden: Er würde in Rotterdam erstochen
werden, um nun so wohl diesen Propheten zum Lügner zu machen, als auch aus
einiger Furcht, vor seinen vielen Feinden, hatte er seine Geburts-Stadt
Rotterdam verlassen, und einen grossen Schwur getan, selbige gutwillig
nimmermehr wieder zu betreten, allein der elende Mensch konnte seinem
Verhängnisse solchergestallt so wenig entgehen, als den Nativität-Steller auf
das mahl zum Lügner machen, denn diese Vestung auf der Insul Celebes, in welcher
er erstochen wurde, führete ebenfalls den Nahmen Rotterdamm.
    Es wird leichtlich zu glauben sein, dass mir diese klägliche Begebenheit
viele Versäumnis, Mühe und Sorgen zugezogen habe, zumalen da mich alle meine
übrigen Leute forciren wollten, durchaus ohne Satisfaction nicht von dannen zu
weichen; Allein es war nichts zu tun, denn den Täter wollte oder konnte niemand
finden, dannenhero gaben mir einige daselbst einquartirte redliche Holländer den
Rat, ich sollte, um mein Leben selbst nicht in Gefahr zu setzen, in GOTTES
Nahmen fort reisen, denn die Macasser wären eingefleischte Teufel, und sehr
schwer zur Raison zu bringen, also kauffte ich den Holländern noch 4. Sclaven
vor eine ziemliche starcke Summe Geldes ab, und seegelte weit verdriesslicher als
vormahls, auf die Philippinischen Insuln zu.
    Wir waren noch nicht zwei Nacht unter Seegel gewesen, als mir durch das
verdammte Laster der Geilheit, eine neue Verdriesslichkeit zugezogen wurde. Denn
Lorentz Wellingson ein Schwede, und Gürgen Frisch ein Hollsteiner, hatten vor
sich allein, jedoch mit meiner Erlaubnis, einen jungen 18. jährigen Sclaven
gekaufft, und wo mir recht ist, 60. oder 80. Ducaten davor gegeben. Sie warteten
und pflegten denselben aufs allerbeste, um wie sie vorgaben einen rechten Kerl
aus ihm zu ziehen, denn der Pursche sah sehr wohl aus von Gesichte, und zeigte,
allen Anzeigungen nach, einen sehr gelehrigen Kopff, auch ganz geschickte
Hände. Endlich kam ich hinter ihre Schelm-Streiche, und merckte, dass sie mich
betrogen hatten, denn es war keine Manns- sondern eine Weibs-Person, welche sie
beide vor sich zur gemeinschaftlichen Unzucht halten wollen, jedoch sich biss
dato noch nicht vereinigen können, eines teils aus Eiffersucht, andern teils,
weil das Mädgen wieder alles Vermuten ihre jungfräuliche Keuschheit ganz
sonderlich bewahret hatte. Ich liess beide Buhler so wohl des mir gespielten
Betruges, als des vorgehabten ärgerlichen Lebens wegen, in Ketten und Banden
legen, lass ihnen darbei das Capitel ziemlicher massen, und bedrohete sie mit
einer behörigen Strafe, wodurch denn heraus kam, dass ein jeder dieselbe, ihrer
sonderbaren Keuschheit wegen, zur ehelichen Frau haben, und dem andern die
vorgeschossene Helffte des Geldes wieder erstatten, auch wegen der ehelichen
Verbindung und Beischlaffs, so lange Gedult haben wollte, biss das Mensch getaufft
und zum christl. Glauben bekehret wäre. Ein jeder war bereit dem andern das Geld
auszuzahlen, keiner aber wollte dem andern die Braut überlassen. Ich fragte das
Mensch, welche ziemlich gut Holländisch verstehen, aber annoch sehr schlecht
reden konnte, ob sie lieber den 43. jährigen Schweden, oder den 31. jährigen
Hollsteiner zum Eh-Manne verlangte; allein sie bezeugte zu dem einen so wenig
Lust als zum andern, sondern bat, ich möchte ihr darzu behülfflich sein, dass sie
eine Jungfrau biss in ihr zwantzigstes Jahr bleiben dürffte. Auf die Frage aber,
warum eben biss in ihr zwantzigstes Jahr? wollte sie durchaus keine richtige
Antwort geben. Der Capitain Wodlei, Adam Gorqves mein Lieutenant, und alle
andere verwunderten sich ungemein über dieses Mägdleins scheinbare Tugend, ich
aber wollte selbiger eher keinen Glauben beimessen, biss sie eine stärckere Probe
ausgestanden hätte, legte es also mit Wodlei, Gorqves und etlichen andern ab,
dass sie sich in meiner Cammer heimlich verbergen mussten, um alles mit anzusehen
und anzuhören, was ich vorzunehmen willens war.
    Demnach liess ich gegen Abend die Talli, denn so war ihr Nahme, in meine
Cammer ruffen, und indem ich auf meinem Bette sass, sie aber, neben mich zu
sitzen, halb gezwungen hatte, fieng ich dem Scheine nach, aufs allerverliebteste
mit derselben zu sprechen an, praesentirte ihr sehr vielerlei Sorten von den
besten Confituren und Früchten, nebst Wein und andern starcken Geträncke, allein
sie genoss alles dergestallt mässig, dass sich darüber zu verwundern war, und meine
verliebten Reden wurden mit lauter kaltsinnigen aber doch sehr höflichen
Gegen-Gesprächen erwiedert: Nach und nach stellete ich mich etwas dreuster,
zeigte ihr vortreffliche kostbare Zeuge zu Kleidungen, nebst allerhand
Gold-Stücken und Edelsteinen, mit dem Versprechen ihr selbiges alles zu
verehren, wenn sie sich entschliessen wollte, mir die Haupt- ihrer Gegen-Liebe
zuzustehen, aber sie blieb hierbei ganz unbeweglich, weswegen ich mich endlich
anstellete, als ob ich das gesuchte Vergnügen mit Gewalt finden wollte; Allein
die keusche Seele fiel zu meinen Füssen nieder, umfassete meine Knie, und bat
mich unter Vergiessung häuffiger Tränen, ihrer Keuscheit vielmehr ein
Beschützer als Verfolger zu sein. Diese seltsame, und von einer Heidin niemahls
vermutete tugendhafte Aufführung, ging mir dergestallt zu Hertzen, dass ich
mich nicht länger halten konnte, sondern ihr das ganze Geheimnis eröffnete, auch
die versteckten Zeugen ihrer besondern Keuschheit herbei rieff. Die Sachen
wurden nachhero dahin verglichen, dass Wellingson und Frisch, mit einander um die
Braut loosen, der Gewinner aber dieselbe nicht eher als nach Verlauff zweier
Jahre heiraten sollte, binnen welcher Zeit sie nicht allein den christl.
Glauben, sondern auch nachhero, den ihr vom Glück zugeteilten Ehe-Mann
anzunehmen, selbst versprach.
    Solchergestallt wurden die beiden Arrestirten, ohne weitere Strafe wieder
auf freien Fuss gestellet, und liessen sich den Vorschlag des Loosens endlich
auch in so weit gefallen, dass der Gewinner nicht allein die Braut behalten,
sondern auch nicht schuldig sein sollte, dem andern das geringste vom Kauff-Gelde
heraus zu geben, sondern selbiges als eine Morgen-Gabe zu behalten.
    Das Glücke wendete sich im Loosen, auf des Holsteiner Frischens Seite, wir
wünschten ihm allerseits Glück darzu, Wellingson aber suchte seine Bekümmernis
aufs möglichste zu verbergen, denn er mochte die Indianerin, welche, ohngeacht
ihrer bräunlichen Farbe, von nicht gemeiner artigen Gesichts-Bildung war, recht
heftig lieben. Immittelst war auf allen Seiten guter Friede, wir wendeten auch
ingesammt grossen Fleiss an, unsere Talli nicht allein in der Holländischen
Sprache, sondern auch in der Kocherei und Wirtschaft, hauptsächlich aber im
Christentume, nach besten Vermögen zu unterrichten, welches alles sie mit
leichter Mühe und grossen Vergnügen erlernete. Allein der Satan war geschäfftig
ihrentwegen ein neues Mord-Spiel anzustifften, denn als wir nach etlichen Wochen
auf einer kleinen Insul ausgestiegen waren, um etwas Holtz nebst frischen Wasser
einzunehmen, vornehmlich aber frisches Wildpret und Vögel zu schiessen, die
Talli aber eines Tages etwas tieff ins Gesträuche geht, um allerhand
schmackhafte Koch-Speise einzusammlen, schleicht ihr Lorentz Wellingson so
lange nach, biss sich dieselbe an einem beqvemen Orte, seinen Mutwillen an ihr
auszuüben, befindet. Er trägt ihr seine Leidenschaft mit freundlichen Worten,
Gebärden und Anerbietung etlicher Gold-Stücke vor, da sie aber von nichts hören
will, sondern seine schandbaren Forderungen mit sehr harten Worten bestrafft,
wird er endlich desperat, und will alle seine Kräffte anwenden das gute Mädgen
mit Gewalt zu notzüchtigen. Talli hingegen wehret sich tapffer, und versetzt
ihm mit einem leichten Grab-Stichel einen kräfftigen Stoss ins Angesichte, wovon
er ganz betäubt wird, sie aber Zeit bekömmt, sich gäntzlich von ihm los zu
reissen und fort zu lauffen. Zu allem Unglück kömmt ihr sogleich ihr Bräutigam
frisch entgegen, dem sie das leichtfertige Vorhaben erzählt, und ihn
dergestallt zum Zorne reitzet, dass er so gleich den Wellingson auffsucht und mit
ihm anbinden will, allein dieser Bösewicht läst den armen Frisch, nicht einmal
ganz an sich kommen, sondern wirfft ihm sein in Händen habendes scharff
gespitzt und geschliffenes Beil dergestallt tieff in den Leib hinnein, dass
sogleich das Eingeweide durch die hesslich grosse Öffnung heraus dringet.
    Wir hatten nicht so bald Nachricht von diesem abermahligen Unglück
empfangen, als wir den tödtlich Verwundeten auf einer Trage-Baare in die Hütten
trugen, vermeinten anbei Wellingson, würde nicht wieder zum Vorscheine kommen,
sondern sich vielleicht des bösen Gewissens wegen in der Wildnis verbergen,
allein er kam noch ehe es Abend wurde, und stellete sich mit ergrimmten Gebärden
an, als ob er noch Recht überlei hätte, ich liess ihn aber sogleich fest machen,
und biss auf fernern Bescheid krum zusammen schliessen.
    Frisch starb dritten Tages nach empfangener Wunde recht erbärmlich, und so
zu sagen mit gesunden und frischen Hertzen, nachdem wir ihn aber mit grossen
Leidwesen begraben hatten, traten wir die fernere Reise an, und erreichten
endlich, nach vielen ausgestandenen Widerwärtigkeiten von Wind und Wetter, die
grosse Philippinische Insul Mindanao.
    Indem nun der Capitain Wodlei allhier bereits Bescheid wusste, fuhren wir biss
an den Ort, allwo wir einen mittelmässigen Fluss aus der Insul in die See fallen
sahen, warffen daselbst etwa auf andertalb Meilwegs von der Küste die Ancker
aus, steckten grosse neue Englische Flaggen auf, und gaben den Mindanaern unsere
Anwesenheit durch 6. Canonen-Schüsse zu verstehen. Es wurde uns von der Insul
mit dreien geantwortet, bald aber kam ein kleines Fahrzeug an, worauff sich ein
Ober-Officier nebst 4. Mindanaischen Soldaten und einem Dollmetscher, der ein
Engelländer war, befanden. Capitain Wodlei kante den letztern seit etlichen
Jahren her, weswegen sie einander mit höfflichen Worten hertzlich
bewillkommeten. Er nötigte nicht allein diesen seinen Lands-Mann, sondern auch
den Officier nebst seinen Leuten zu uns an Boord zu kommen, allein die letztern
entschuldigten sich damit, dass ihnen solches bei ihrem Sultan Verantwortung
bringen möchte, dem Engelländer aber wurde das Herauff steigen erlaubt, mit
welchen sich Wodlei in ein ernstliches Gespräch einliess, da inzwischen ich und
einige der Meinigen, den Officier nebst seiner Mannschaft, mit Wein und Confect
tractirten, und einen jeglichen reichlich beschenckten.
    Mittlerweile ruffte mich VVodlei auf die Seite und sagte: Mein Freund, jetzo
ist es Zeit darvon, dass wir einige Kostbarkeiten in die Schantze schlagen, und
den Sultan in Mindanao nebst seiner Familie, sonderlich auch seinen Gross-Vetzir
der sein naher Vetter ist, ansehnliche Geschencke schicken, denn ich versichere,
dass wir hundertfältigen Nutzen davon ziehen können.
    Ich liess mir solches gefallen, suchte derowegen aus meinen besten Sachen
hervor: erstlich eine güldene Hals-Kette, an welchen VVodlei eine 12. Ducaten
schwere güldene Medaille befestigte, auf welcher das Brust-Bild Sr. Königl. Maj.
in Engelland Georg des Ersten abgedruckt war. Zum andern eine kostbare Flinte
mit zwei Schlössern und Läufften, 12. Elen Violet-Sammet, und 24. Elen güldene
Spitzen, ein Fässlein Canari-Sect, nebst einer kleinen Rolle Canaster-Toback, und
vielerlei Arten Europäischer Confituren. Capitain VVodlei legte nicht weniger
kostbare Sachen bei, vor des Sultans vornehmste Gemahlin, und deren 5. Kinder,
welches 3. Printzessinnen und 2. Printzen waren, ingleichen vor den Gross-Vetzier,
und dieses alles musste Adam Gorqves, welcher sehr gut Spanisch und Englisch
reden konnte, nebst noch einem andern Engelländer von des Capitains VVodlei
überbliebenen Leuten, auf einem besondern kleinen Fahrzeuge, in Begleitung des
Officiers überbringen, wir aber schossen wacker mit denen Canonen hinter ihnen
her.
    Unsere Abgesandten waren nicht allein ungemein wohl empfangen, und nebst den
Geschencken angenommen worden, sondern der Gross-Vetzier kam gleich darauff
folgenden Tages ganz früh zu uns an Boort, und brachte ein Gegen-Geschencke,
dieses bestund in zwei Püffel-Ochsen, zwei jungen Kühen, 6. Ziegen, 3. Körben
schön Mehl, 15. grossen Brodten, 6. Körben mit allerlei Koch-Speisen, und
Früchten, 6. Körben mit Reiss, und in etliche 60. Krügen eines wohlschmeckenden
kostbarn Geträncks. Anbei brachte er uns die Erlaubnis mit, unser Schiff den
Strohm hinauff ziehen zu lassen, und unser Gewerbe nach allen eigenen
Gutbedüncken zu treiben.
    Der Capitain VVodlei gab sich hierauff dem Gross-Vetzier zu erkennen, wie er
nehmlich bereits vor 12. Jahren mit dessen Vater, ja ihm den Gross-Vetzier
selbst, als einen damahligen Jüngling von etwa 14. biss 16. Jahren sehr wohl
bekandt gewesen, welches dem letztern, als er sich der Wahrheit an ein und
andern Merckmahlen erinnerte, eine ausserordentliche Freude erweckte. Er liess
demnach nicht ab zu bitten, sich aufs baldigste mit ihm zum Sultan zu begeben,
als welches des itzigen Gross-Vetziers Vaters-Bruders-Sohn war, und ich sah
nicht ungern dass ihm VVodlei dahin folgte. Mittlerweile aber war ich nebst den
Meinigen beschäfftiget unser Schiff an einen solchen Ort zu bringen, wo es vor
den Sturm Winden und den Würmern, welche sich um dasige Gegend sonderlich
auffhalten, und binnen weniger Zeit einen Schiffs-Boden gäntzlich durchzufressen
vermögend sind, in sicherer Verwahrung liegen konnte.
    Am zweiten Tage kam der Capitain VVodlei wieder zurück, und führete uns
sämmtlich in die Residentz des Sultans, biss auf einige Mannschaft, welche zur
Besatzung und Verwahrung des Schiffs und unserer Sachen zurück bleiben mussten.
    Ich würde aber länger als zwei biss drei Tage Zeit haben müssen, sagte
hierbei der Capitain Horn, wenn ich der Länge nach alles erzählen wollte, wie uns
allhier von den Mindanäern und etlichen daselbst gegenwärtigen Engel- und
Holländern begegnet worden, denn es hatten sich verschiedene, welche des herum
schweiffens überdrüssig gewesen, daselbst fest gesetzt, Weiber genommen und
Kinder gezeuget, wie sie denn auch zwei Englische Priester bei sich, und ein
besonderes Haus zu Haltung des Gottes-Dienstes erbauet hatten, jedoch fanden
sich viele unverheiratete Mannes-Personen unter ihnen, welche mit dem dasigen
Zustande nicht allerdings zu frieden waren. Immittelst ging unsere Handlung
daselbst sehr profitabel von statten, das meiste was wir eintauschten, bestund
in lautern Golde, Wachs, trefflichen Toback, Nägel-Rinde und andern Specereien.
Nachdem wir uns aber eine ganz neue Barque gebauet, fuhren wir mit diesem
Leichten Schiffe auf andere umliegende Insuln und zogen aus selbigen einen
ungemeinen Nutzen, indem wir die Näglein und Muscaten-Nüsse ausser dem ohne
dieses wohlfeilen Preise halb umsonst bekamen, anbei alle Gelegenheit flohen,
unsern Lands-Leuten den Holländern, welche sich auf die Moluccischen Insuln
feste gesetzt, vor die Augen zu kommen.
    Indem aber ich und die arbeitsamsten von meinen Leuten unter Anführung des
Capitains Wodlei allen möglichsten Fleiss und Mühe anwendeten, die völlige Ladung
auf das Schiff und die Barque zu schaffen, musste Adam-Gorques nebst einer
hinlänglichen Mannschaft auf Mindanao, in unserer Niederlage als Ober-Aufseher
zurück bleiben. Allein da wir einsmahls nach 4 Monatlicher Abwesenheit wieder
zurück kamen, fand sich alles in sehr verwirreten Zustande, denn Adam Gorques
war so wohl als seine Untergebenen in ein sehr liederliches Leben geraten,
hatte nicht allein sein ganzes Vermögen durchgebracht, sondern nebst seinen
übrigen liederlichen Gesellen von unsern Gütern und Sachen genommen, verkaufft
oder verschenkt was ihnen beliebt hatte. Dieserwegen erhub sich ein starcker
Streit unter uns, und wenn ich so hitzig als Gorques und sein Anhang gewesen
wäre, dürffte es leichtlich zu einem blutigen Gefechte unter uns selbst gekommen
sein. Allein weil der Capitain Wodlei merckte, dass sich Adam Gorques einen
starcken Anhang unter den Mindanäern gemacht, und ein ganz besonderes Vorhaben
aus zuführen willens hatte, stifftete er einen Vergleich unter uns allen, so dass
wir denen Rebellen annoch etwas Gewisses heraus gaben und zufrieden waren, dass
sie sich von uns trenneten und als Leute, die hinfüro beständig auf dieser Insul
zu bleiben Lust hatten, ihre Hausshaltungen einzurichten anfingen.
    Adam Gorques war einzig und allein Schuld und Ursach an dieser Trennung,
denn er hatte sich in die Tochter eines daselbst wohnenden Engelländers
verliebt, mit der er sich auch bald hernach trauen liess, und unter allerhand
süssen Vorstellungen, begaben sich nach und nach die allermeisten auf seine
Seite, so dass aus der höchstnötigen Anzahl annoch getreuer Schiff-Knechte,
letzlich nicht mehr als 8 Personen und der Capitain Wodlei mit seinen
Engelländern auf meiner Seite blieben und mit mir zurück gehen wollten. Dieses
ging mir sehr vedriesslich im Kopffe herum, jedoch der Capitain Wodlei sprach
mich zufrieden, und gab den Anschlag, wie wir, durch Geld und eine kluge List,
Leute genung zur Rück-Fart erlangen könten. Er sprach demnach etliche
missvergnügte Holl- und Engelländer an, welche, wie ich bereits gemeldet,
schlechte Lust länger auf Mindanao zu bleiben hatten, und machte den Handel in
geheim mit ihnen richtig! dass sie ohnbewust der Mindanäer und unserer Rebellen
heimlich mit uns abfahren sollten, ich aber kauffte, nicht allein hier, sondern
hernach auch anderer Orten so viel Sclaven auf, als zu besetzung des Schiffs und
der Barque nötig waren, machte aber durch getreue Beihülffe des Capitain Wodlei
unser Schiff mit guter Musse seegelfertig, überredete so wohl den Sultan nebst
seinen Untertanen, als auch unsere Abtrünnigen, denen Holländer als unsern
eigenen Lands-Leuten auf dieser oder jener Specerei-Insul noch etwas
abzuzwacken, und so dann wieder nach Mindanao zu kommen, fuhren also mit
ziemlichen Vergnügen von dannen, des Willens so bald nicht wieder daselbst zu
erscheinen.
    Nunmehro erzehleten diejenigen, welche der Capitain Wodlei von Mindanao
abspenstig gemacht hatte, öffentlich, dass alle daselbst zurück gebliebenen
Europæer eine Zusammenverschwerung unter sich errichtet hätten, nach und nach
immer mehr Volck an sich zu ziehen, Schiffe und Vestungen zu bauen, in Summa
lauter solche Anstallten zu machen, dass sie den Sultan von Trone stossen, nebst
seiner ganzen Familie und vornehmsten Bedienten ermorden, ja in der ganzen
Stadt und Lande, ein grausames Mord-Spiel anrichten und solchergestallt
wenigstens den grösten Teil der Insul unter ihre Botmässigkeit bringen wollten,
Adam Gorques aber sei das Haupt dieser Zusammenverschwornen und vermeinte König
darauf zu werden, hätte aber aus keiner andern Ursache das Geheimnis gegen uns
verschwiegen, als weil er entweder vermeint der Capitain Wodlei und ich möchten
uns in diesen gefährl. Handel nicht mischen, oder ihm nach glücklichen
Ausschlage etwa die Ehre disputirlich machen wollen.
    Wir, die solches zum ersten mahle höreten, erstauneten über solche tollkühne
Anschläge, propheceieten aber dem Adam Gorques und seinen Anhängern wenig guts,
und danckten dem Himmel, dass diese zusammen Verschwerung nicht bei unsern Dasein
verraten worden, weil es sonsten gar leichtlich unser Leben mit kosten können,
ohngeacht wir unschuldig waren.
    Immittelst führete uns der Capitain Wodlei einen ganz besondern Weg nach
der Küste von Neu-Guinea hin, und brauchte alle Behutsamkeit, die mit Holländern
oder Portugiesen besetzte Insuln zu vermeiden, doch stiegen wir bald bei dieser,
bald bei einer andern unbewohnten, oder einer solchen Insul aus, allwo Wodlei
gewiss wusste, dass keine Gefahr zu befürchten war, um uns mit frischen Wasser,
Holtz und andern nützlichen Sachen, wie vorhanden waren, zu besorgen. Hierauf
schlugen wir uns ganz weit nach der Küste von Neu-Holland hinnüber, weilen aber
einem jeden schon bekandt war, dass dieses Land eines von den allerelendensten
der ganzen Welt sei, betraten wir dasselbe nicht, besuchten aber etliche nicht
weit davon liegende Insuln und fanden dieselben wenig besser, wie denn auch die
dasigen Menschen fast den unvernünftigen Tiren gleichen. Wenig Zeit hernach
überfiel uns ein erschrecklicher Sturm, der die Barque, worauf sich nebst den
Ruder-Knechten 4 Mann von meinen Europæischen Passagiers befanden, von uns
hinweg geführet hat, ob dieselbe untergegangen oder irgend an einem Ort in
Sicherheit gekommen ist, weiss der Himmel, denn ohngeacht wir bei nahe 6 Wochen
auf der Cocos-Insul stille gelegen und unser Schiff daselbst calfatert auch
derselben viele Losungen aus den Canonen gegeben haben, so ist sie doch nachhero
nicht wieder vor unsere Augen gekommen. So bald wir die Cocos-Insul zurück
gelegt, entdeckte ich dem Capitain Wodlei, als einem Manne, der mir die
allerstärcksten Proben seiner Redlichkeit, bei so vielfältigen Gelegenheiten
geleistet hatte, mein Vorhaben, wie ich nehmlich nicht gesonnen sei auf das Cap
der guten Hoffnung zu, sondern ferne bei demselben vorbei zu fahren und auf
einer gewissen unbenahmten Insul Rast-Tage zu halten, allwo ich ganz besondere
Freunde wüste, die sich vor einigen Jahren daselbst in geheim etabiliret und
Vorrat genung hätten, uns mit allen Bedürffnissen reichlich zu versorgen. Er
legte seine Verwunderung dessfalls zur gnüge an Tag, und liess nicht ab, biss ich
ihm, nachdem er mir den Eyd der Verschwiegenheit über gewisse Puncte geleistet,
so viel erzehlte, als mir Hr. Wolffgang selbst von dem Felsenburgischen Staat
eröffnet hat. Sein Vergnügen über dergl. Geschichte war unbeschreiblich und
wünschte derselbe so wohl als ich, nur fein bald dieses glückseelige Land zu
erblicken, welches ich ihm indessen auf meiner, nach besten Vermögen selst
gezeichneten Land- und See-Carte, wiese. Wir brauchten hierauf unsere matemati
schen Instrumenta fast täglich, um ja nicht etwa auf einen Irrweg zu geraten
und der Insul Felsenburg zu verfehlen, allein es hat uns dennoch Kummer, Sorge
und Gedult genung gekostet, durch alle Verdriesslichkeiten, die sonderlich Wind
und Wetter verursachten, hindurch zu dringen, biss uns endlich gestern früh bei
aufgehender Sonne, die, durch deren Strahlen erleuchtete Felsen Spitzen, zu
unaussprechlicher Freude in die Augen fielen.
    Solchergestallt habe ich von allen Personen die mit uns aus Amsterdam
gefahren sind, nicht mehr zurück gebracht als 6 Boots-Knechte, und 4 Freiwillige
nehmlich den Nadler Johann George Bucht aus dem Hildesheimischen, den
Hut-Staffier Michael Eichert von Bremen, den Handels-Diener Friedrich Christian
Fleischmann aus Glaucha, und den Peruquen-Macher August Dietrich von Erffurt.
Die übrigen so sich vor itzo bei mir befinden sind alle unterwegs eingenommen
oder als Sclaven von mir erkaufft worden, unter den erstern befindet sich, nebst
9 Holländern 7 Engelländern und zweien Deutschen, der Capitain Wodlei mit seinen
5 Engelländern, die letztern aber, nehmlich meine Sclaven, deren annoch 9 an der
Zahl sind, weiln auf der Cacos-Insul einer davon gestorben, haben sich biss
anhero dermassen wohl aufgeführet, dass mich die angewandten Kosten nicht im
geringsten gereuen, ohngeacht sie mich über 1500 Rtl. zu stehen kommen. Über
diese alle habe ich auch die Talli annoch bei mir, die sich ungemein fromm,
keusch und redlich aufgeführet hat, sie ist in allen Articuln des christl.
Glaubens ziemlich wohl unterrichtet, zur Zeit aber noch nicht getaufft.
    Von meinen eigenen und auch gemeinschaftl. Waaren ist mit der Barque ein
ziemlicher Teil verloren gangen, und wir sind insgesammt noch nicht im Glauben
einig, ob die Barque vom Wellen verschlungen, oder bei Gelegenheit des Sturms
leichtfertiger weise von denen darauf befindlichen Personen entführet worden, um
die darauf befindlichen Güter an einen sichern Orte unter sich zu teilen.
    Jedoch bekümmern ich und alle die bei mir sind uns nicht halb so viel um das
verlorne, als um die armen Leute, wenn sie ja verunglückt und ertruncken sein
sollten, denn biss hieher haben wir sämmtlich noch so viel Gut und Geld, dass uns
die überstandenen Gefährlichkeiten eben nicht verdrüssen dürffen, der Himmel
helffe weiter.
    Hiernächst habe vermutlich alles wohl ausgerichtet und eingekaufft was mir
Herr Wolffgang vor die wertgeschätzten Einwohner der Insul Felsenburg aus
Ost-Indien mit zu bringen befohlen hat, erwarte also nur Befehl, wenn und wo ich
alles aussetzen und wie mich in allem übrigen verhalten soll, denn vielleicht
werden Dinge dabei sein, an welche sie allerseits nicht gedacht haben, und
dennoch teils zum Nutzen, teils besondern Laabsal, teils aber nur zur Lust
gereichen.
    Hiermit endigte der Capitain Horn den kurtz gefassten Bericht von seiner
getanen Reise, mit dem Versprechen, selbigen bei bequemen Gelegenheiten von
Stück zu Stück weitläufftiger zu erzählen, worauf beschlossen wurde, dass er
morgendes Tages zurück auf sein Schiff gehen, mit selbigen um die Süd-Seite der
Insul Felsenburg herum fahren, und bei der andern Insul klein Felsenburg
anländen sollte, unser Schiff aber wurde bestellet, bei dessen Ankunft voraus zu
fahren, und ihm den sichersten Weg biss in die Bucht zu zeigen, allwo seine Leute
aussteigen uñ auf etliche Wochen Dableibens, Hütten bauen konten, weilen ohne
dem voritzo die allerschönste Jahrs-Zeit im völligen Anzuge war. Von der Insul
Gross-Felsenburg aber sollten sie wöchentlich ja fast täglich mit allen
Bedürffnissen reichlich Versorget werden. Anbei wurde auch verabredet, dass biss
auf fernern Bescheid noch niemand anders mehr unsere Insul betreten solle als
der Capitain Wodlei und die Talli.
    Gleich darauf folgenden Tages früh ging also der Capitain Horn nebst seinen
3 Sclaven, welche sich ungemein wohl gepflegt, auch von Herrn Wolffgangen ganz
neue Kleidungen empfangen hatten, zurück nach seinem Schiffe und landete ganz
zeitig bei der Insul Klein-Felsenburg an. Ich Eberhard Julius war nebst Mons.
Lizbergen, Harckerten und Lademannen mit auf unsern Schiffe unter denen, die ihm
den Weg und alle nötige Anstallten zeigeten. Bucht, Eichert, Fleischmann und
Dietrich, wie auch die annoch bekandten Boots-Knechte umarmeten uns hertzlich,
und vergossen mehrenteils Tränen vor allzugrossen Freuden, wegen vergnügter
Zusammenkunft, ohngeacht wir noch nicht einmal völlig 3 Jahr von einander
geschieden gewesen. Sie erzehleten uns ihre gehabten privat Avanturen und
suchten im gegenteil zu erforschen, wie es uns gegangen, auch was es eigentlich
vor eine Beschaffenheit auf der gegen überliegenden Insul wäre, allein wir
sagten anfänglich nicht mehr als ihnen zu wissen dienlich war, liessen
inzwischen aus unsern Schiffe die mitgebrachten Delicatessen herbei bringen, und
weil der Felsenburgische Wein ihre Kähle sonderlich wohl zu statten kam,
betruncken sie sich grösten teils dermassen, dass sie fast nicht mehr sitzen
oder stehen konten, derowegen übergaben die Capitains Horn und Wodlei, einem
alten ansehnlichen Engelländer, welcher die Stelle des Ober-Steuermanns
begleitete, dass völlige interims Commando und fuhren mit beiden Schiffen, nach
dem eines jeden notwendigste Sachen heraus getragen waren, mit Anbruch
folgendes Tages zurück nach Gross-Felsenburg.
    Die Verwunderung des Capitain Wodlei und der Talli, welche sie beiderseits
beim Eintritt auf unsrer Insul, noch mehr aber im fernern Fortgange und
endlicher Ankunft auf der Albertus-Burg spüren liessen, ist nicht wohl zu
beschreiben. Die letztere konnte nicht allein vollkommen gut Holländisch, sondern
fast noch besser Deutsch reden, weil sie selbiges von dem Capitain Horn und
seinen bei sich habenden Deutschen, als zu welchen sie jederzeit die gröste
Neigung getragen, aufgefasset hatte.
    Man merckte eine grosse Blödigkeit an derselben, ohngeacht sie sich schon so
lange unter so vielen Manns-Personen allein befunden hatte, derowegen wurde sie
von Herr Mag. Schmeltzers und Mons. Wolffgangs Liebste in eine besondere Cammer
geführet, und daselbst auf die Felsenburgische Frauenzimmers Art, von Fuss auf
neu angekleidet, wodurch ihre feine Gesichts-Bildung und übriges gutes Ansehen,
noch weit besser als vorhero aus nahm.
    Immittelst aber der Capitain Wodlei, von dem Alt-Vater und andern Aeltesten
der Stämme aufs beste bewirtet und mit Gesprächen unterhalten wurde, war der
Capitain Horn nebst Herrn Wolffgangen und uns andern Europæern, unten an der
Nord-Seite auf seinen Schiffe gegenwärtig, um die Ausladung, welche durch unsere
Leute verrichtet wurde, zu befördern. Es würde sehr weitläufftig fallen, wenn
ich alle mit gebrachten Güter der länge nach specificieren wollte, jedoch kann
nicht umhin zu melden was uns am angenehmsten in die Augen fiel, als 1) 4
Chinesische unvergleichlich schöne Zucht-Pferde, 2.) 4 Stücken Rind Vieh
worunter zwei trefflich grosse Büffel. 3) 8 Mindanaische Schaafe. 4.) 2 junge
Maultiere. 5.) 6 Chinesische Schweine. 6.) 2 paar Pappegayen von besonderer
Art, nebst verschiedenen andern raren und uns unbekandten Vögeln. 7.) 12 stück
Indianische Hühner und Hähne. 8.) 5 paar Turteltauben. Dieses hielt ich meinen
Gedancken nach vor die vornehmsten Stücke, nechst dem war etwas höchst
verwunderbarliches, dass er auf einer so fernen Reise 3 Bienen-Körbe mit
lebendigen Bienen fortbringen können, es hatte aber dem guten Capitain Horn
nicht wenig Mühe gekostet dieselben zu erhalten, wie ihm denn von 12 körben, die
er eingeschifft, nur diese 3 übrig geblieben, die andern aber ausgestorben
waren. Uns gereichten diese, wegen ihres mehr als zu wohl bekandten Nutzens zum
ganz besondern Vergnügen, weilen bei des Alt-Vaters Lebzeiten noch niemahls
eine Biene auf der Insul Felsenburg gesehen worden. Indem aber der Pappiermacher
Klemann eine sonderliche Wissenschaft von Verpflegung der Bienen zu haben
vorgab, so wurde ihm erlaubt die drei Binen-Körbe nebst einen Fässlein Honig mit
sich nach Johannis-Raum abzuführen. Sonsten hatte der Capitain einen starcken
Vorrat von Honig, Wachs, Zucker, Taback, Teé, Coffeé Muscaten-Nüssen, Näglein
und andern Specereien, feinen Zeugen, Chinesischen Porcellain und andern
Geschirre, eine grosse Quantitæt Eisen Stäbe, sehr viel gegossene Kupffer
Klumpen, allerlei Sämereien, worunter sonderlich Mindanaischer Taback-Saamen,
Tee-Saamen etc. etc. vielerlei Frucht-Kernen, dergleichen bei uns nicht zu
finden, in Summa lauter solche Sachen, die den Felsenburgern ungemein zu statten
kamen, wiewohl was die Gewürtz-Waaren it. allerlei Chinesische Zeuge, Tapeten,
Decken und d. gl. anbelangte, so behielt er mehr als die Helffte nach Europa mit
zu nehmen, weiln der Alt Vater, Herr Mag. Schmeltzer und Hr. Wolffgang nicht vor
ratsam hielten, die Insulaner mit allzuvielen unnötigen und überflüssigen
Sachen, die zumahl mit der Zeit im langen liegen verderben könten, zu
überhäuffen.
    Solchergestallt wurden fast 3 volle wochen, mit Ausladung und
Hinaufschaffung der Sachen, die in Felsenburg bleiben sollten, zugebracht,
nachhero verlieff fast eben so viel Zeit, ja wohl nochmehr, biss jede Sachen an
ihren gehörigen Ort gesetzt und meistenteils unter die Familien verteilt
wurden, denn es bekam ein jeder Haus-Wirt seinen bescheidenen Teil, nachdem er
viel oder wenig Kinder, oder sonsten Lust und Gelegenheit hatte, dieses oder
jenes zu nutzen.
    Ich muss aber ein wenig zurück gehen und melden, dass es der 13. Sontag p.
Trinit. war, da die Capitains Wodlei und Horn nebst der Talli in unserer Kirche
dem öffentl. Gottesdienste beiwohneten. Sie bezeugten ein ungemeines Vergnügen,
vornehmlich bei Hrn. Mag. Schmeltzers Predigt über das Evangelium von
Barmhertzigen Samariter, die Talli sonderlich, stellete sich dergestallt
andächtig, dass jedermann glauben musste, wie es ihr ein rechtschaffener Ernst sei
den christlichen Glauben anzunehmen. Herr Mag. Schmeltzer liess sich nach
gehaltener Nachmittages-Predigt mit derselben in ein ernstaftes Gespräch ein,
und befand in der Tat warhaftig zu sein, dass sie des Capitain Horns Bericht
nach, schon einen ziemlichen Begriff von dem christlichen Glauben hätte, um nun
auf diesen Grund ferner fortzu bauen, nahm Herr Mag. Schmeltzer selbige von dato
an täglich etliche Stunden vor, die übrige Zeit aber wurde ihr von dessen und
Mons. Wolffgangs Liebste der Catechismus, nest verschiedenen schönen Gebetern
auswendig herzusagen gelehret, so dass sie binnen 4 Wochen hinlänglich zubereitet
erfunden wurde die Heil. Tauffe zu empfangen.
    Eines Abends, da nach der Mahlzeit der Alt-Vater vor der Burg auf dem Hügel
in der Lufft sass, u. von vielen seinen Angehörigen umgeben war, sahen wir die
Talli mit Herr Mag. Schmeltzers Liebste von Christians-Raum her spazirt kommen,
weil sie daselbst die Frau VVolffgangin besucht hatten, weswegen der Alt-Vater
den neben ihm sitzenden Capitain bei einer Pfeiffe Toback also anredete: mein
Herr; nehmet doch meine Neugierigkeit nicht übel auf, wenn ich frage: was ihr
doch eigentlich in zukunft mit und aus eurer Sclavin der Talli zu machen
willens seid? Capitain Horn gab hierauf geschwind zur Antwort: wenn mein Herr
erlauben wollte, dass die Talli ihre Lebenszeit auf dieser glückseligen Insul
zubringen dürffte, so wäre ich gesonnen diese mir zugefallene Sclavin, und das
an ihrer Person habende Recht an des Herrn Mag. Schmeltzers Liebste abzutreten,
weilen vermercke, dass die Frau Magisterin selbige wohl leiden mag, und mir
deucht sie sollte sich in kurtzer Zeit bald darein finden lernen, eine gute
Köchin abzugeben, ob sie nunmehro aber etwa Lust zu heiraten bekommen hat, kann
ich nicht sagen, weilen in langer Zeit von dieser Materie nichts mit ihr
gesprochen habe.
    Der Alt-Vater wurde über diese Antwort sehr erfreuet und versprach nicht
allein die Talli von Hertzen gern auf der Insul zu dulden, sondern das an die
Frau Magisterin getane geschencke aus seiner Schatz-Cammer zu recompensiren.
    So bald nun beide auf dem Hügel anlangeten, und sich bei uns niederliessen,
sagte der Capitain Horn: höre meine gute Talli! mache dich fertig, denn wir
werden in wenig Tagen wieder zu Schiffe gehen. Talli verbarg zwar ihr Betrübnis
wegen dieses plötzlichen Befehls, sagte aber mit einem tieff geholten Seuffzer:
mein Herr! Leute die so wenig Sachen haben als ich, können sich gar bald fertig
machen, allein erzeiget mir die Gnade und lasset mich bei diesen vortrefflichen
Leuten, in ihrer Kirche die Heil. Tauffe empfangen, damit wenn ich ja auf einer
abermahligen langwierigen Reise sterben sollte, ich doch nicht als eine Heidin,
sondern als eine getauffte Christin sterben möge. Sie begleitete diese letztern
Worte mit einigen Tränen, welches verursachte, dass dem Alt-Vater und vielen
andern ebenfals die Augen übergingen, wenigstens wurden alle Anwesende sehr
bewegt. Der Capitain Horn aber fuhr im Fragen fort: höre Talli deine Bitte ist
schon gewähret, du wirst ehester Tags, so bald es dem Herrn Mag. Schmeltzer
gefällig ist, getaufft werden, allein sage mir aufrichtig verlangestu nicht
viellieber allhier auf dieser Insul zu bleiben, als wiederum zu Schiffe zu
gehen? einer Sclavin, gab Talli zur Antwort, gebühret dem Befehle ihres Herrn
Gehorsam zu leisten, wenn ich aber eine freie Person wäre, so würde allerdings
weit lieber an einem solchen Orte bleiben, wo mehr Weibs-Personen, vornehmlich
aber Grund fromme Leute wohnen; als unter lauter Manns-Personen im wilden Meere
herum schiffen. Meine gute Talli, rieff demnach der Capitain Horn, deine
Aufrichtigkeit verursacht, dass ich mich nach deinem Vergnügen bequeme, und mein,
an deiner Person habendes Recht, an gegenwärtige Frau Magisterin verschenke,
die ich zugleich gehorsamst ersuche diese meine bisherige Sclavin, welche ich
aber, da der Himmel mein Zeuge ist, nicht als eine Sclavin, sondern als eine
leibliche Schwester tractirt habe, zu meinem Angedencken auf- und anzunehmen.
Talli wusste vor Freuden nicht was sie tun oder sagen sollte, nachdem aber die
Frau Mag. Schmeltzerin ihre verbindliche Dancksagung dieserhalb bei dem Capitain
Horn abgelegt hatte, fiel die Talli hurtig vor des Capitains Füsse, und danckte
vor die erzeigte Gnade, da er sie aber aufgehoben und ihr viel Glück und Seegen
gewünscht, küssete sie der Frau Mag. Schmeltzerin die Hand, und wollte derselben
ebenfalls einen Fussfall tun, allein diese verhinderte solches, küssete die
Talli auf den Mund und erklärete sie augenblicklich vor eine freie Person, sagte
anbei sie hätte vernomen, dass die Sklaverei unter den Christen nicht erlaubt
wäre.
    Nächst darauf folgenden Sonntags nehmlich am 17 p. Trinit. wurde die Talli
Nachmittags in Gegenwart fast aller Insulaner getaufft, ihre Tauff-Zeugen waren:
der Alt-Vater Albertus, die Frau Mag. Schmeltzerin und die Frau VVolffgangin,
welche ihr die Nahmen Albertina Christiana Sophia beilegten. Herr Mag.
Schmeltzer hielt darbei, an statt der Mittags-Predigt, einen erbaulichen Sermon
und stellete nach Gelegenheit des Sonntags Evangelii in artiger Vergleichung
vor: die durch Christum verrichtete Heilung des Wassersüchtigen, und die
Reinigung, welche durch das Wasser-Bad der Heil. Tauffe geschicht etc. etc.
    Bald nach empfangener Tauffe legte sie im Beicht- ihre Beichte ab, und
hierauf wurde ihr das Heil. Abendmahl gereicht, in dem sie sich den ganzen Tag
der Speise und Trancks entalten, auch vor Untergang der Sonnen nicht essen oder
trincken wollte, ohngeacht ihre Paten eine köstliche Mahlzeit vor alle
Anwesenden Insulaner auf Herrn VVolffgangs Taffel-Platze zugerichtet hatten.
    Immittelst dass dieses alles in Gross-Felsenburg vorgieng, wollten die Frembden
auf der Insul Klein-Felsenburg vor Neugierigkeit fast die Schwindsucht kriegen,
da sich der Capitain Horn bei ihnen von einer Zeit zur andern entschuldigte, dass
er von dem Gouverneur der grossen Insul keine Erlaubnis bekommen könnte frembde
Leute hinnein zu führen, und weilen sie nicht das geringste Land, sondern rings
herum lauter steile wüste und unförmliche Klippen gesehen hatten, gleichwohl
aber wöchentlich die allerschönsten frischen Victualien, lebendiges Wildpret und
andere Tiere bekamen, mochte ihr verlangen alles in Augenschein zu nehmen um so
viel desto grösser sein, allein der Capitain wusste sie von einer Zeit zur andern
zu trösten, und ihnen das gute Leben, so sie allhier hätten, nebst der Hoffnung
reichlicher Beschenckung, dergestallt süsse vorzumahlen, dass sie von einer Zeit
zur andern bei der Güte erhalten wurden, wie sie sich denn sehr bequeme Hütten
gebauet, und ihre Wirtschaft aufs beste eingerichtet, auch Gelegenheit genung
hatten, sich bei der allerschönsten Jahres-Zeit, den vergnütesten Zeit-Vertreib
mit jagen, fischen, spielen und dergleichen zu machen.
    Zwischen der Zeit mussten unsere Schiffs-Bau-Leute das frembde Schiff aufs
Trockene bringen, den Boden nebst allem was wandelbar daran gefunden wurde,
unter Anweisung Herrn VVolffgangs und der beiden Capitains von ganz ebenen
Holtze machen und solches auf eine ferne Reise vollkommen wohl zubereiten,
worauf der Capitain Horn, der nunmehro nicht mehr volle Ladung hatte, eine
grosse Quantitæt Reiss und Rosinen von den Felsenburgl. einlude, und sich immer
allmählig bereit machte, aufs längste im künftigen November Monat von dannen zu
fahren. Wir hätten sonsten den Frembdlingen gern das Vergnügen gegönnet, unsere
Insul und alle Anstallten derselben zu besichtigen, allein Ratio status
erfoderte vor diesesmahl ein anders, doch da einsmahls der Capitain Horn seine
ganze Gesellschaft noch einmal herrechnete, und darbei ihre Professionen und
Lebens-Arten erwähnte, hielt sich Herr VVolffgang bei nachfolgenden auf, die uns
auf dieser Insul noch fehleten und vielleicht gute Dienste leisten könten,
nehmlich, 1) ein Gürtler. 2) ein Nadler, 3) ein Gerber, 4) ein Hutmacher. 5) ein
Seiler. 6) ein Kupfferschmidt. Weilen nun der Capitain Horn versicherte, dass
dieses alles ganz feine unveralterte Kerls wären, die sich leichtlich würden
bereden lassen auf dieser Insul zu bleiben, indem er von ihnen vernommen, dass
keiner in seiner Heimat viel zu suchen wüste, als wurde beschlossen, dieselben
gleich morgendes Tages mit guter Manier und, wo möglich, ohne Vorbewust der
andern herüber zu holen.
    Der kluge Capitain Horn legte auch in diesem Stücke eine Probe seiner
Verschlagenheit ab, denn er hatte einen nach den andern heimlich vorgenommen,
und mit ihnen verabredet, dass, mittlerweile er sich nebst allen andern auf den
Weg ins Gebüsche, um das Land auszukundschaffen, begeben würde; sie sich
indessen heimlich zurück schleichen, und ins Schiff verstecken sollten, damit er
gegen Abend unvermerckt mit ihnen abfahren könnte. Diese List war also glücklich
von statten gegangen, ausgenommen dass sich ein eintziger ungebetener,
gleichfalls mit eingeschlichen hatte, den der Capitain, um das ganze Spiel
nicht zu verderben, auf sein unablässiges Bitten fast mit Gewalt mitnehmen
müssen. Demnach bekamen wir bei schon ganz später Nacht in Gross-Felsenburg
folgende fremde Gäste zu sehen:
        1. Johann George Bucht, ein Nadler aus Deutschland, 27. Jahr alt.
        2. Baltasar Gottfried Herbst, ein Gürtler aus Deutschland, 35. Jahr
            alt.
        3. Johann Conrad Rümpler, ein Gerber aus Schlesien, 31. Jahr alt.
        4. Heinrich Tau ein Hutmacher aus Engelland, 29. Jahr alt.
        5. Mattäus Pür, ein Kupfferschmidt aus Engelland, 32. Jahr alt.
        6. Michael Bertolt, ein Seiler aus Holland, 28. Jahr alt.
        7. August Dietrich, ein Peruquenmacher aus Deutschland, 32. Jahr alt.
    Der siebende und letzte, war derjenige, welcher sich mit Gewalt
eingeschlichen hatte, jedoch weil der Mensch ganz fein und redlich aussah,
wurde ihm die gebrauchte Verwegenheit, benebst dem ganzen Fehler, vergeben. Sie
wurden aber alle zusammen bei Mons. Kramern in Alberts-Raum aufs beste tracti
ret, in folgenden Tagen aus einer Pflantz-Stadt in die andere geführet, um alle
dasige Anstalten wohl in Obacht zu nehmen, nach diesen præsentirte Mons. Horn
dieselben dem Alt-Vater, und zuletzt nahmen wir sie mit in unsere Kirche dem
Gottesdienste beizuwohnen.
    Rümpler, Herbst, Dietrich und Bucht hielten bald darnach bei Herrn Magist.
Schmeltzern an, ihnen das Heil. Abendmahl zu reichen, worinnen ihnen auch
gewillfahret wurde, weil sie gute Luteraner waren, Bertolt der Holländer aber,
ingleichen die beiden Engelländer, Tau und Pürr wurden nicht so bald darzu
gelassen, ohngeacht sie es verlangeten, denn der erste, der sich zu der Secte
der Calvinisten bekennete, hatte einen sehr elenden Begriff von Glaubens-Sachen,
die andern beiden aber schienen Indifferentisten zu sein, weil sie selber
nicht eigentlich wussten, zu welcher von den dreien Haupt-Secten des
Christentums sie sich zählen sollten. Herr Mag. Schmeltzer hingegen fieng von
selbigen dato an, sich täglich ein paar Stunden von der reinen Glaubens-Lehre,
mit ihnen zu besprechen, brachte auch alle drei noch vor meiner Abreise so weit,
dass sie einige, bissanhero, ja von Jugend auf gehegten irrigen Meinungen
erkandten, selbigen absagten, und sich zu der reinen und unverfälschten
Evangelischen Wahrheit bekandten, und darauf das Heil. Abendmahl nach Christi
Einsetzung empfingen.
    Es wurde immittelst auf eines jeden Tun und Lassen sehr genau Achtung
gegeben, da wir aber vermerckten, dass einer so wohl als der andere die
allergröste Lust bezeigte, auf der Insul zu verbleiben, wurden die 6.
erstgemeldten Handwercker eines Tages zum Alt-Vater beschieden, welcher ihnen
durch Herrn Wolffgangen seine Meinung vortragen liess: ob sie nehmlich, wo nicht
auf Lebens-Zeit, jedoch etwa auf 3. oder 4. Jahr, in dieser Insul zu verharren,
und ihre Professionen den Unsern zu lehren Belieben trügen, da ihnen denn
letztern Falls, die freie Abfuhre nach Europa nebst einem Geschencke von 2000.
Tlr. zu statten kommen sollte; Sie nahmen also den Vorschlag ohne eintziges
Bedencken sämmtlich mit Vergnügen an, und legten gleich darauf folgenden Tages,
den, ihnen allen zur Uberlegung aufgeschriebenen und zugestelleten Eyd der Treue
ab, wurden auch also fort unter die Zahl der Felsenburgischen Einwohner
gerechnet.
    Dietrich der Peruquier hatte dieses kaum vernommen, als er mit ganz
betrübten Gebärden zu mir kam, und fragte: warum denn er unter seinen 6. übrigen
Cameraden allein vor so unwürdig und verächtlich geachtet, und nicht auch auf
dieser Insul geduldet werden sollte, da er doch aus Liebe zu dieser angenehmen
Lebens-Art nicht allein seine Eltern, Geschwister, Erbschaft und alles zurück
setzen, und sich so ehrlich, als wohl einer von den andern sechsen, aufführen
wollte? Ich gab ihm hierauf zur Antwort: Mein werter Freund, an eurer Person und
Redlichkeit hat niemand das geringste auszusetzen, allein, wie ich vermercke, so
ist dem Befehlshaber dieses kleinen Landes eure Profession zuwider, wie ihr denn
selbst absehen könnet, dass selbige allhier ganz nichts nützig ist, weil kein
eintziger eine Peruque trägt, ich vor meine Person habe zwar selbst so wohl als
Herr Mag. Schmeltzer, Mons. Litzberg und andere mehr, in Europa auch Peruquen
getragen, allein auf Zureden Herrn Wolffgangs, warffen wir dieselben hinweg, so
bald wir in Amsterdam zu Schiffe gegangen waren, und liessen unsere Haare, der
Natur gemäss, wachsen, demnach hat von hiesigen eingebohrnen Insulanern niemahls
einer eine Peruque gesehen, es sollen auch dergleichen niemahls eingeführet
werden. Saget demnach, was ihr uns auf dieser Insul vor Nutzen schaffen köntet,
und ob es nicht besser vor euch sei, wenn ihr ein ansehnliches Geschencke
empfanget, wodurch ihr euch, so bald wir in Europa anländen, an irgend einem
guten Orte niederlassen, und eure Profession treiben könnet? Der gute Dietrich
wurde dieser Reden wegen noch betrübter, und gab zu vernehmen, wie auf der
ganzen Welt wohl kein Mensch zu finden, der des Herumschweiffens überdrüssiger
wäre als er, derowegen er inständig bitten wollte, es doch auf eine Person mehr
oder weniger nicht ankommen zu lassen, sondern ihm das Dableiben zu erlauben,
indem er sich so hertzlich sehr nach dergleichen ruhigen und vergnügten Leben
sehnete, er wollte hingegen an seine Peruquenmacher-Profession ganz und gar
nicht mehr gedencken, sondern sich bei Mons. Plagern in die Lehre begeben, und
demselben aufs fleissigste arbeiten helffen, wie er sich denn völlig versichert
hielte, dass ihn dieser gute ehrliche Freund an- und aufnehmen, und in allerlei
Künsten unterrichten würde. Ausserdem, setzte er hinzu, wäre ja diese Insul gross
genung, noch mehr als 1000. Menschen zu ernehren, die zumahlen ihr Brod nicht
mit Müssiggehen zu verdienen gesonnen, in Europa hergegen, wäre man tausenderlei
Verdriesslichkeiten unterworffen, man möchte auch gleich viel oder wenig Geld
haben.
    Die aufrichtige Art, womit Dietrich dieses alles vorbrachte, bewegte mich
dahin, dass ich so gleich bei dem Alt-Vater, Mons. Wolffgangen und Herr Mag.
Schmeltzern sein Wort redete, und endlich zuwege brachte, dass ihm erlaubt wurde,
auf der Insul zu bleiben. Mons. Plager nahm ihn mit Freuden zu sich in seine
Behausung, und man merckte binnen wenig Wochen, dass sich Dietrich nicht allein
sehr wohl zu dieser Profession schickte, sondern sich auch alle Mühe gab, Mons.
Plagers seiner Frauen jüngste Schwester, welches ein artiges Mägdlein von 14.
Jahren war, bei Zeiten zu seiner Braut zu erwerben. Es ist auch dieser beiden
Verlöbnis noch vor meiner Abreise gehalten worden.
    Beiläuffig muss ich auch melden, dass sich Heinrich Tau sonderlich in die
Talli verliebt hatte, allein er war unglücklich, denn vors erste schützte die
Talli vor: dass sie ihn nicht lieben könnte, und vors andere hätte der Alt-Vater
auch ungern gesehen, wenn zwei frembde Personen ein besonderes Geschlechte auf
der Insul errichtet hätten. Demnach fand sich ein junger Gesell aus Simons-Raum
zu ihrem Liebsten an, welchen sie, allem Ansehen nach, etwas besser leiden
konnte, allein, vor meiner Abreise wusste man noch nicht gewiss, ob ein Paar aus
ihnen werden würde.
    Mit Eintrit des Monat Novembris war endlich der Capitain Horn am
eiffrigsten beschäfftiget, alles das, was er mit nach Europa nehmen sollte,
gäntzlich einzuschiffen, weil es demnach nur an meiner Equippage fehlete,
ersuchte der Alt-Vater Mons. Wolffgangen einen Aufsatz von denenjenigen Sachen
zu machen, welche zu meiner Abfertigung und Besorgung aller fernern
Angelegenheiten unumgänglich erfordert würden, und da dieses geschehen, bekam
ich aus des Alt-Vaters Schatz-Cammer eine überflüssige Quantität von gemüntzt und
ungemüntzten Gold, Silber, Perlen, Edelsteinen und dergleichen Kostbarkeiten,
nächst dem eine weitläufftige schrifftliche Instruction, dessen, was ich mit
Beihülffe des Capitain Horns zum weitern Behuff und Nutzen der Felsenburgischen
Einwohner anschaffen und bestellen sollte. Hierbei gab mir nicht allein Herr Mag.
Schmeltzer ein gross Paqvet Briefe mit, um dieselben an die Seinigen zu
übersenden, sondern es folgten dessen Exempel auch verschiedene von den andern
letzt eingekommenen Europäern, als welche Commissionen ich von einem so wohl als
dem andern mit besondern Freuden übernahm, und alles bestens auszurichten
versprach.
    Am 14. Novembr. nehmlich am 25. Sonntage p. Trinit. nachdem uns Herr Mag.
Schmeltzer in öffentlicher Predigt tausendfaches Glück auf die Reise gewünschet,
auch versprochen hatte, so wohl mich als den Capitain Horn ins gewöhnliche
Kirchen-Gebet biss zu glücklicher Wiederkunft mit einzuschliessen, nahmen wir
Mittags nach verrichteten GOttes-Dienste von allen Stämmen, die sich auf dem
Kirch-Hofe in besondere Hauffen geteilet, und ihre Aeltesten vor sich stehen
hatten, zärtlichen Abschied, empfiengen ihre hertzlichen Glück-Wünsche auf die
Reise, und begaben uns hernach mit den sämmtlichen Aeltesten auf die Albertus
-Burg, allwo noch ein und anderes erinnert wurde, welches ich, um in Europa
nichts zu vergessen, in meine Schreib-Taffel eintragen musste.
    Hierauf setzten wir uns zu Tische, die Valet-Mahlzeit einzunehmen, worbei
verschiedene Gespräche vorfielen, unter andern sagte der Capitain Wodlei zu
Herrn Wolffgang und dem Capitain Horn: Meine Herren, ich habe ihnen meines
Wissens alles mein baares Geld und Gut gezeiget, was meinen sie wohl, wie hoch
sich dasselbe belauffen sollte? Indem nun beide einstimmig waren, dass er
selbiges, inclusive der vielen Edelgesteine und andern Kostbarkeiten, die zwar
von kleinem Gewichte, aber desto grössern Werte wären, schwerlich unter
dreimal hundert tausend Reichs-Taler hingeben würde; sprach Wodlei ferner: Sie
haben richtig genung taxiret, meine Herren, wollte aber der Himmel! es wäre
solches hinlänglich, mich damit in diese glückseelige Insul einzukauffen, denn
ich habe Zeit meines Hierseins, bei der vergnügten Lebens-Art hiesiger
Einwohner, einen solchen Eckel gegen andere Gesellschaft geschöpfft, dass ich
nicht anders als mit betrübten Hertzen zurück in mein Vaterland gehen kann, allwo
voritzo mehr Laster als Tugenden zum Vorscheine kommen. Ich läugne zwar nicht,
dass ich von Jugend auf derjenigen Secte, welche man in Engel- und Schottland
Presbyterianer nennet, zugetan gewesen, als welche den hiesigen Religions- und
Kirchen-Gebräuchen, um ein nicht geringes entgegen ist, allein, die erbauliche
Lehr-Art des Herrn Mag. Schmeltzers, hat mein Hertz dergestalt gerühret, dass ich
wünschen möchte, von ihm weiter unterrichtet, und endlich einmal auf meinem
Todt-Bette zum seeligen Sterben bereitet zu werden, denn ohngeacht ich ein Mann
von nur etliche 50. Jahren bin, der sonsten eine von den stärcksten und
gesündesten Naturen gehabt, so glaube doch, dass der vor wenig Jahren genossene
vergifftete Vogel, selbige dergestalt geschwächt hat, dass ich mein Leben wohl
nicht allzu hoch bringen möchte. Sonsten bin ich mein Leb-Tage niemahls
verheiratet gewesen, habe auch keine andere Freunde und Erben, als einen
eintzigen leiblichen Bruder, der ein Kupfferstecher in Yarmout ist, und etliche
100. Pfund Sterlings im Vermögen haben mag, welchem ich doch wohl etliche
kostbare Jubelen zum Andencken meiner, wünschen möchte, daferne ich ja so
glücklich sein sollte, von dem vortrefflichen Alt-Vater und Herrn dieses Landes,
Erlaubnis zu erhalten, den Rest meines Lebens unter möglichster Arbeit, auf
dieser glückseeligen Insul zuzubringen.
    So bald der Capitain Wodlei seine Rede geendiget, sahen wir alle mit
verlangenden Augen den Alt-Vater an, um zu vernehmen, was derselbe darauf
antworten würde, selbiger aber reichte, ohne langes Besinnen, dem, ihm zur
Rechten sitzenden Capitain Wodlei, die Hand, und sagte: Bleibet hier, mein
Freund, im Nahmen des Herrn, denn weil diese Insul zum Ruhe-Platze redlicher
Leute von dem Himmel bestimmt zu sein scheinet, so wäre es ein
unverantwortliches Verbrechen, wenn ich euch den beliebigen Auffentalt versagen
wollte, von allerverdrüsslichen Mühe und Arbeit werdet ihr jederzeit befreit
leben können, an meinem Tische und in dieser Burg, so lange ich lebe, vor lieb
nehmen, nach meinem Tode aber werden euch die redlichen Meinigen auch niemahls
Not leiden lassen, denn ich bin versichert, dass sie den Befehle ihres
Alt-Vaters nimmermehr so starck zuwider handeln können. Was aber eure Schätze
anbelanget, so wendet dieselben in GOttes Nahmen euren leiblichen Bruder zu,
mein Eberhard kann ihn zu sich nach Amsterdam oder einen andern Holländischen Ort
verschreiben, und demselben alles einhändigen, denn wir haben dergleichen
zeitliche Güter, nach hiesiger Beschaffenheit, in solchem Uberflusse, dass wir
nichts mehr bedürffen. Im übrigen aber, mein Freund, erweget nochmahls wohl, ob
ihr ohne eintzigen Gewissens-Scrupel, euch so wohl unseren Satzungen, als
hauptsächlich der Religion, gemäss und gleichförmig, nicht allein jetzo, sondern
jederzeit, bezeigen könnet und wollet.
    Capitain Wodlei küssete hierauf des Alt-Vaters Hand, und nach weitläufftiger
Dancksagung, beteuerte er hoch, dass er seit etlichen Wochen, alles wohl
überlegt, und den festen Schluss, sich erwähnter Lebens-Art gleichförmig zu
bezeigen, gefasset, doch beständig gezweiffelt hätte, ob man ihm auf sein
inständiges Ansuchen, und zwar in Betrachtung seines Alters, das Dableiben
erlauben würde. Nachhero wendete er sich zu mir, und sagte: Mons. Eberhard! alle
meine Sachen sind bereits eingeschifft, biss auf ein kleines Kästlein, welches
ich noch bei mir habe, ich will aber von allen nichts zurück nehmen, als einen
eintzigen Kasten, worinnen zwar wenig kostbare, jedoch solche Sachen verwahret
liegen, welche vielleicht den Einwohnern dieser Insul auch lange Jahre nach
meinem Tode angenehm und nützlich sein werden. Ausser diesen will ich sie, mein
Herr, bitten, eine schrifftliche und versiegelte Instruction wegen meiner
übrigen Sachen anzunehmen, dieselbe aber nicht ehe zu erbrechen, biss sie in
Europa zu Lande gekommen sind, hergegen meiner Verordnung aufs allergenaueste
nachzuleben, denn ich versichere, dass sie ihnen keinen Gewissens-Scrupel, auch
nicht allzu grosse Mühe verursachen wird.
    Ich versprach dem Capitain Wodlei mit Hand und Munde, seiner Verordnung aufs
genaueste nachzuleben, und ihm jederzeit alle möglichsten Gefälligkeiten zu
erzeigen, indem aber unter solchen Gesprächen die Mahlzeit geendigt, und das
übrige abgetragen war; hatte Mons. Litzberg das ganze Collegium Musicum
zusammen beschieden, um uns Abreisenden noch zu guter letzt ein musicalisches
Vergnügen zu machen, welches dem Alt-Vater so wohl als allen andern hertzlich
wohl gefiel. Ich durffte vor dieses mahl nicht mit musiciren, indem Herr Mag.
Schmeltzer selbst den General-Bass zu vielen moralischen und andern
Lobens-würdigen Cantaten spielete, sass derowegen bei meiner liebsten Cordula im
stillen Vergnügen, und trocknete ihr zuweilen einige Tränen ab, die sie meiner
fernen Reise wegen vergoss. Zum Beschluss aber der ganzen Music sunge Mons.
Litzberg noch folgende selbst gemachte und componirte Cantata ab:
                                    CANTATA.
                                     Aria.
Adieu, das herbe Wort
Tut treu-gesinnten Hertzen
Nach keusch-verliebten Schertzen
Den allergrösten Torr.
Auf Scheiden reimet sich das Leiden,
Denn, muss man sein Geliebtes meiden,
So gönnt die Sehnsucht immerzu
Wenig Ruh.
                                     Recit.
Ach Eberhard und Cordula!
Ihr allerliebsten Beide,
Mich düncket, eure Freude
Ist jetzo sehr vergällt,
Doch wenigstens verstellt,
Warum? die Abschieds-Zeit ist da.
Der liebste Eberhard
Muss sich den Wellen anvertrauen,
Die wir so oft von hier mir Furcht beschauen;
Der frohe Mut erstarrt,
Wenn wir an die Gefahr gedencken,
Jedoch des Himmels Macht,
Die stets vor unser Glücke wacht,
Kan alle Not zurücke lencken.
                                     Aria.
Sorge nicht, getreue Seele,
Angenehme Cordula!
Lass dein halbes Hertze fahren,
Denn der Himmel will es ja
Auf der Reise wohl bewahren,
Dass, nach überstandner Pein,
Deine Lust kann völlig sein.
                                                                        Da Capo.
                                   Recitativ.
Verbeisse deinen Schmertz
Mein Eberhard, und lass den Himel walten,
Der kann und will und wird dich wohl erhalten.
Bleibt gleich dein halbes Hertz
Auch hier bei deiner Cordula zurücke;
So büssestu an solchen schönen Stücke
Doch gar nichts ein,
Ein ganzes Hertzgen soll davor dein eigen sein,
So bald der Himel dich, nach unsern Hoffen,
Gesund zurück gebracht;
Drum sei auf lauter Trost und keinen Schmertz bedacht
Ein frischer Mut hat stets das beste Ziel getroffen.
                                     Aria.
So reise denn, geliebter Freund!
Und komm und eile bald zurücke.
Der Himmel, der dir günstig scheint,
Verdopple stets die Sonnen-Blicke.
Regen, Winde, Sturm und Wellen,
Die sich dir entgegen stellen,
Müssen so, wie Sonnenschein,
Deiner Gross-Mut Zeugen sein;
Biss dass wir dich wieder in Felsenburg haben,
Allwo dich dein Hertzgen mit Küssen kann laben.
    Diese Cantata, ohngeacht sie sich in der Music vollkommen wohl ausnahm, tat
dennoch bei meiner Cordula einen wiedrigen Effect, indem selbige dadurch in
völlige Wehmut gesetzt wurde, so dass ihre Tränen noch viele 1000. andere
Tränen von abwesenden Personen beiderlei Geschlechts, heraus lockten. Selbige
Nacht aber, musste bei allen auf der Alberts-Burg versammleten Freunden, ihren
behörigen Zoll einbüssen, weilen kein eintziger, auch so gar der Alt-Vater nicht
zu bereden war, sich einige Stunden der Ruhe zu bedienen. Um Mitternachts-Zeit
wurden, bestelltermassen, die Schleussen des Nord-Flusses niedergelassen, so bald
aber der Himmel zu grauen anfing, nahm ich erstlich von dem Alt-Vater und von
meiner Cordula den allerzärtlichsten Abschied, hernach beuhrlaubte mich von Herr
Mag. Schmeltzern, Herr Wolffgangen und allen anwesenden getreuen Freunden, Mons.
Horn tat dergleichen, und also marchirten wir unter starcker Begleitung durch
den Wasser-Fall hinunter an das Meer-Ufer, allwo die Boote bereits fertig
stunden uns in die grossen Schiffe überzuführen.
    Mons. Wodlei fuhr nebst denen 7. neu eingenommenen Europæern mit hinüber auf
die Insul Klein-Felsenburg, um den daselbst einlogirten, denen aber die Ordre
zur Abreise albereit kund getan war, zu zeigen, dass sie mit guten Willen zurück
blieben. Diese Verlassenen schienen anfänglich sehr müssvergnügt zu sein, nachdem
aber ich auf Verordnung des Alt-Vaters, einen jeden durch die Banck hinweg und
ohne Ansehn der Person 2. Pfund Gold und ein Sächsis. Nössel der schönsten
Orientalischen Perlen eingehändiget, auch versprochen hatte, dass nach
glücklicher Anländung in Europa, daferne sie sich wohl aufführeten, ein jeder
noch 100. spec. Duc. von mir empfangen sollte; war alles lustig und guter dinge,
ausser diesem machte ihnen ein paar Fässer des mitgebrachten allerbesten
Felsenburgischen Weins, doppelte Curage, so dass wir den 16. Novembr. Nachts etwa
um 1. Uhr, wohl besorgt abfahren konten.
    Wir gaben aber unsere Abfahrt den Gross-Felsenburgern durch eine Salve von
12. Canonen zu verstehen, worauf uns aus allen auf den Felsen-Höhen stehenden
Geschütze, drei mahl hinter einander nochmahls Glück auf die Reise gewünschet
wurde, nachhero höreten wir biss über Mittag des zweiten Tages ordentlich alle
zwei Stunden, 3. Canonen-Schüsse von der Felsenburg, worauf wir, wegen
Sparsamkeit des Pulvers jedesmahl nur mit einem Schusse antworteten, jedoch nach
der Zeit erhub sich ein etwas stärckerer Wind, welcher unser Schiff mit fast
unglaublicher Geschwindigkeit dergestalt fortführete, dass wir die Insul St.
Helenæ fast 14. Tage eher, als den ordentlichen Vermuten nach, erreichten.
    Wie glücklich aber die biss daherige ganze Fahrt gewesen war, so unglücklich
war hingegen die Einfahrt in dasigen Hafen, denn unser Schiff wurde, wie die
meisten sagten, aus Versehen des Steuer-Manns dergestalt gegen eine Klippe
geworffen, dass wegen des grausamen Krachens und Erschütterens, ein jeder nicht
anders vermeinte, als dass es augenblicklich zerfallen, und zu Grunde sincken
würde, allein der Himmel verhütete selbiges Unglück, und halff uns glücklich zu
Lande, allwo wir, um den genommenen Schaden auszubessern, fast 6. Wochen lang
stille liegen mussten.
    Es ist dieses, wie ich, wo mir recht ist, schon ehemahls gemeldet, eine
anzügliche und gefährliche Insul vor lüsterne und Geldhabende See-Leute,
derowegen hatte der Capitain Horn die ganze Zeit über wenig Ruhe, weil er stets
besorgt war, der Seinigen Schaden zu verhüten, dem ohngeacht konnte er folgendes
Unglück nicht ablencken: Des zurück gebliebenen Capitains Wodlei Schiffs-
Barbier, der ein Engelländer von Geburt war, hatte ein junges Mägdlein von 16.
Jahren, in ihrer Eltern Behausung zu seinen Willen beredet, auch seine Wollust
täglich mit ihr fortgetrieben, und zwar unter dem Versprechen, sie voritzo
gleich mit sich nach Engelland zu ihren annoch lebenden Gross-Eltern zu führen,
und daselbst sich mit ihr ehelich verbinden zu lassen, der liederliche Mensch
aber hat nicht so bald vernommen, dass wir binnen 3. oder 4. Tagen abseegeln
wollen, als er seine getanen Eydschwüre, so wohl, als das geschwängerte
Weibs-Bild ins Buch der Vergessenheit schreibt, und sich bei Zeiten aus dem
Staube und auffs Schiff macht. Die Eltern und Befreundte der Geschwängerten
kamen und suchten ihn mit Erlaubnis des Capitain Horns auf unsern Schiffe,
fanden aber nicht die geringste Spur, weil er sich ungemein klüglich verborgen
hatte. Zu seinem Unglücke aber, kam er Tags vor der angestellten Abfahrt, hinter
mir und dem Capitain hergegangen, eben, da wir im Begriff waren, noch zum
letzten mahle auf die Insul zu gehen, wir rieten ihm, er sollte alle
Weitläufftigkeiten zu vermeiden, zurück bleiben, allein er hatte seinen Spaass
darüber, kaum aber waren wir 200. Schritt weiter fort gegangen, als der Vater
nebst dreien Brüdern der Geschwächten herzu kamen, und den wollüstigen Barbier
ermahneten, er möchte sein Wort halten, und seiner geschändeten Liebste die Ehre
ersetzen, jedoch der Barbier lachte darzu, und sagte: Die Ehre wäre teuer genug
bezahlet, indem er ihr bei nahe 10. Ducaten wert davor gelassen hätte. Das ist
nicht genung, sagte der Vater, sondern ich will, dass ihr entweder meine Tochter
heiraten, oder ihr 200. Ducaten vor den Jungfer-Crantz bezahlen sollet. Nicht
200. Kieselsteine antwortete der Barbier. Der Vater war ziemlich raisonable,
liess immer weiter nach, biss es endlich auf 50. Duc. herunter kam, welche aus zu
zahlen, der Capitain Horn, dem Barbier selbst zuredete, auch sich erbot, ihm
dieselben gleich auf dem Platze vorzustrecken, daferne er allenfalls kein Geld
bei sich hätte. Allein der eigensinnige und tollkühne Mensch wollte durchaus
nicht, sondern sagte mit Ausstossung eines schrecklichen, den Engelländern aber
sehr geläuffigen Schwures: Ich gebe nicht 50. Pfifferlinge, denn vor dergleichen
Hure, sind 10. Ducaten schon mehr als zu viel gewesen. Kaum aber war das letzte
Wort ausgesprochen, als er schon 3. Dolche auf einmal im Leibe stecken hatte,
welche die 3. Brüder der Geschwächten dergestalt hurtig auf ihn zuckten, dass der
Capitain Horn so wenig, als ich vermögend war, der plötzlichen Rache Einhalt zu
tun. Die Mörder hielten sich so wohl, als ihr Vater nicht lange bei uns auf,
indem aber etliche von unsern Leuten herzu kamen, wollten wir Anstalt machen,
den, allem Ansehen nach tödtlich verwundeten Barbier auf unser Schiff zu
schaffen, allein er starb uns gleich unter den Händen, und so bald etliche
Einwohner der Insul solches vermerckten, gaben sie nicht einmal zu, dass wir des
Entleibten Kleider aussuchten, sondern schlossen einen Creiss um den Cörper, und
jagten uns mit ziemlichen Ungestüm zurück in unser Boot.
    Capitain Horn versuchte zwar dieses Streichs wegen von dem Gouverneur
Satisfaction zu erhalten, merckte aber sehr zeitig, dass derselbe ziemlich
parteiisch, auch nicht ungeneigt wäre, uns unschuldigen viele Händel und
Weitläufftigkeiten zu verursachen, derowegen schien am klügsten getan zu sein,
wenn wir stille schwiegen, und uns mit guter Manier aus dem Staube machten, weil
in Wahrheit der entleibte Barbier auch wenig Recht überlei hatte.
    Unsere weitere Fahrt ging hernachmahls desto glücklicher von statten, denn
wir traffen bei der Insul Ascension 5. aus Ost-Indien zurückkommende
Holländische Kauffartei-Schiffe, unter einer starcken Convoye an, zu welchen
wir uns nach abgegebenen billigen Discretion-Geldern schlugen, und ohne die
geringste Gefahr auszustehen, erstlich die Insuln des grünen Vorgebürges,
hernachmahls aber die Canarischen erreichten, allwo abermals Rast gehalten, und
eine kleine Ausbesserung des Schiffs vorgenommen wurde. Die bei uns befindlichen
Engelländer wären dahier hertzlich gern von uns ab und nach ihren Vaterlande
gegangen, allein der Capitain Horn hatte seine besondern Ursachen, warum er
dieselben nicht ehe, als in Amsterdam von sich lassen wollte, immassen nun ein
jeder annoch 100. spec. Ducaten rückständig wusste, mussten sie sich um so viel
desto mehr nach des Capitains Willen bequemen. Demnach lieffen wir endlich am
24. Mart. des 1729. Jahres im Texel ein, und kamen 12. Tage hernach glücklich in
Amsterdam an, in welcher Stadt der Capitain Horn und ich Herrn Wolffgangs
ehemahliges Quartier bezogen. Wir lieferten vor allererst Herrn Wolffgangs
vornehmen Patronen und andern guten Freunden, die an sie gestelleten Brieffe und
kostbarn Geschencke ein, erhielten nachhero besondere Erlaubnis, unser Gut aus
zu laden, ohne dasselbe von einem oder dem andern eröffnen und besichtigen zu
lassen. So bald dieses geschehen, zahlte der Capitain einem jeden nicht nur den
rückständigen Sold, sondern auch das versproche Geschenck an 100. spec. Ducaten
aus, die Engelländer begaben sich so gleich von dannen in ihr Land, die übrigen
baten sich mehrenteils Pässe vom Capitain Horn aus, um die ihrigen zu
besuchen, versprachen aber mehrenteils aufs längste gegen das Ende des
Augustmonats sich wiederum anzumelden, und noch eine Fahrt mit uns zu wagen,
solchergestalt blieb niemand von allen mitgekommenen bei uns, als drei Schiffs-
Officiers, und die 9. Sclaven, welchen letztern der Capitain allen überein graue
Kleider mit gelben Aufschlägen machen, auch einen Evangelischen Studiosum
aufsuchen liess, der sie sämtlich, täglich 6. Stunden, in der deutschen Sprache,
welche einer vor dem andern schon ziemlich gut reden konnte, unterrichten, und
den Luterischen Catechismum nebst der Auslegung mit ihnen tractiren musste.
    Jedoch von meinen eigenen Angelegenheiten etwas zu melden, so war mein
allererstes Vornehmen, nach Hamburg an Herrn W. als meines Vaters getreusten
Freund zu schreiben, um von demselben zu vernehmen, ob ihm nichts von dem
Auffentalte und Zustande meines Vaters bekandt wäre. Es begleitete diesen
Brieff eine Kiste, worinnen vor mehr als 1000. Tlr. Ost-Indianische Raritæten
und Kostbarkeiten lagen, um denselben zu desto geschwinderer Antwort zu bewegen.
Mittlerweile ich aber recht mit Schmertzen auf dessen Antwort wartete, fiel mir
die von dem Capitain Wodlei empfangene schrifftliche Instruction in die
Gedancken, die ich ohne ferneres Bedencken erbrach, und also gesetzt befand:
                           Monsieur Eberhard Julius!
Die mir zugehörigen auf dem Schiff befindlichen Güter werden euch ohnfehlbar
durch den Capitain Horn ausgeliefert werden. Derowegen häbt die Guteit, die mit
1. W.W. No. 3. bezeichnete Kiste, meinem Bruder in Yarmout den Kupfferstecher
Melchior Jacob Wodlei zuzustellen, denn es befindet sich alles darinnen, was ihm
von mir zugeteilet ist, mehr aber soll er aus gewissen Ursachen, durchaus nicht
haben und ich hoffe, dass er damit völlig zufrieden sein kann und wird. Alles
übrige stelle zu eurer freien Disposition, denn ich weiss im Voraus, dass ihr es
entweder den Felsenburgern zum Nutzen, oder wenigstens also anwenden werdet, dass
ich keine Ursache, es zu bereuen, haben kann. Ich beschwere euch demnach bei der
Felsenburgischen Treue und Redlichkeit, das mir getane Versprechen zu erfüllen,
und dieser meiner kurtzen Instruction genug zu tun. Geschrieben auf der Insul
Gross-Felsenburg den 15. Novembr. 1728.
    Anbei lag dessen eigenhändiges an seinen Bruder gestelltes Schreiben,
welches ich mit dem nechst abgehenden Post-Jagt-Schiffe nach Yarmout
abschickte, nachdem ich einen Umschlag darum gemacht und darinnen den
Kupffer-Stecher, entweder selbst zu kommen, oder einen Gevollmächtigten an mich
zu schicken, ersucht hatte. Es stellete sich auch derselbe binnen weniger Zeit
persönlich ein, nahm das brüderliche Geschencke mit grossen Vergnügen in
Empfang, stellete davor an mich ein Recipisse aus, und war eifrig bemühet seines
Bruders des Capitain Wodlei eigentlichen Zustand von mir auszuforschen, allein
weilen ihn derselbe alle Umstände zu offenbahren einiges Bedencken getragen, so
erfuhr er auch von mir nicht mehr als ich ihm zu wisen nötig erachtete.
    Mittlerweile erhielt ich von Hamburg die Antwort: dass mein Vater seinen
Banquerot durch eine glückliche Avanture bei nahe drittenteils remedirt, und
vielleicht seine ganze Sache auf neuen guten Fuss gesetzt, wenn ihm nicht ein
plötzlicher melancholischer Zufall daran verhindert hätte. Hr. W. schrieb
ferner, dass so wohl des Herrn Wolfgangs als meine eigene an meinen Vater zurück
gelassene Briefe, demselben nicht anders als Fabelhaft vorgekommen wären, so
dass seine Melancholie nur um so viel desto mehr zugenommen, weilen er aber, ohne
wenigstens eins von seinen leiblichen Kindern um sich zu sehen, nirgends einige
Ruhe finden können, als habe er, Hr. W. sich seiner erbarmet, und ihn vor
nunmehro einem halben Jahre nach Schweden hinüber zu meiner Schwester bringen
lassen, allwo es binnen 3 oder 4. Monaten bald sehr schlimm, bald aber ziemlich
gut mit ihm gewesen, allein nach der Zeit habe Hr. W. keine weitere Nachricht
von ihm erhalten, wisse also nicht gewiss, ob er noch lebendig oder todt sei.
    Ich war dieses letztern wegen dergestallt consternirt in meinem Gemüte, dass
fast nicht wusste worzu ich am ersten schreiten sollte, nachdem ich aber den
Capit. Horn zu Rate gezogen, so übermachte an den Hrn. W. in Hamburg sehr
starcke Wechsel-Briefe, bat denselben in Person nach meiner Geburts-Stad zu
reisen, daselbst meines Vaters sämtlichen Kreditores mit allem Interesse, so
dieselben nur mit Recht fordern könten, zu befriedigen, seine eigenen
Reise-Kosten inne zu behalten, mir die Gerichtliche General-Quittung nach
Schweden zu senden, und so lange in meiner Geburts-Stadt zu verharren, biss ich
mit meinem Vater daselbst anlangete oder ihm wenigstens schrifftliche fernere
Nachricht gäbe. Hr. W. tat mir seine Willfährigkeit vermittelst einer der
schnellesten Staffeten zu wissen, weswegen ich mich alsofort zu Schiffe und auf
die Fahrt nach Schweden begab. Zu Gotenburg liess ich mich ausschiffen und
setzte meine Reise zu Lande biss nach Stockholm fort, indem ich aber daselbst
vernahm, dass sich meine Anverwandten von dar hinweg und nach Nyköpping gewendet
hatten, musste ich einen verdriesslichen Rückweg biss dahin vor mich nehmen, allwo
mir zwar die Wohnung meiner Befreundten gar bald angewiesen wurde, allein in
selbiger war niemand anders als das Haus-Gesinde anzutreffen, welche mich
berichteten, dass ihre Herrschaft vor zweien Tagen verreiset sei, es wisse aber
keines von ihnen eigentlich wohin. Ich fragte weiter ob die Mademoiselle Juliin
auch zugleich mit gereiset wäre, und ob sich etwa deren Vater bei ihr befände,
man sah mich aber dieser Fragen wegen, noch um so viel mehr vor einen Spion an,
ohngeacht ich endlich meldete, dass ich ein naher Anverwandter von ihrer
Herrschaft wäre. Kurtz, es war bei dem entweder allzugetreuen oder
allzueigensinnigen Haus-Gesinde nicht das geringste auszulocken, weswegen ich
mich mit nicht geringen Verdruss in das fast gegen über liegende Wirts-Haus
begab, und daselbst allerlei Calender machte.
    Es war mir höchst vedriesslich, dass ich die Schwedische Sprache nicht selbst
reden und verstehen konnte, sondern alles durch einen Dollmetscher, welchen ich
nebst zweien von des Capitain Horns Indianischen Sclaven aus Holland
mitgenommen, abhandeln musste, jedoch eben dieser Dollmetscher welches der
Ausbund eines verschlagenen Kopffs war, brachte mir noch selbigen Abend das
ganze Geheimnis nebst dessen völliger Erklärung zu Ohren, indem er sich mit
einer jungen Magd in ein vertrauliches Gespräch eingelassen, und nachdem er
vermerckt, dass ihr so wohl meiner Schwester, als der Anverwandten Wirtschaft
und ganzes Wesen sehr genau bewust, sie durch gute Worte und Geschencke dahin
gebracht, dass sie ihm den Ort gemeldet, wohin man meine Schwester geführet,
welche sich daselbst mit einem reichen Kauffmanne verloben sollte, dem das ganze
Untermaul vor einiger Zeit abgehauen worden. Von meinem Vater hatte dieses junge
Mensch zwar nichts gewisses zu melde gewust, als dieses, dass sich gleichfals vor
einiger Zeit ein kräncklicher Mann in dem Hause meiner Baase aufgehalten, von
dem gesagt worden, dass er sehr viel schuldig sei, sie wisse aber nicht ob er
noch in selbigem verborgen, oder bereits wieder fortgeschaft wäre.
    Ich liess demnach gleich ohne ferneres Uberlegen eine schnelle Post
bestellen, setzte mich mit meinem Dollmetscher und zweien Bedienten drauff, und
gelangete Nachts um ohngefähr Ein Uhr in dem bezeichneten Orte an. Der Postillon
musste im Wirtshauss ausspannen unter dem Befehle, so lange zu verziehen, biss ich
ihn selbst abfahren hiesse, ich aber wanderte nebst meinen Leuten nach einem
grossen Hofe zu, in welchem alles, wie von aussen zu hören war, herrlich und in
Freuden hergieng. Wir schlichen so lang um den Pallast herum, biss mein
Dollmetscher einen Domestiqen antraff, von welchen er nicht allein erfuhr, dass
der Haus-Herr seinen Verlöbnis-Schmauss ausrichtete, sondern auch dass die Braut
Madem. Juliin hiesse. Mir pochte das Hertz im Leib ungemein starck, ehe ich das
Glück oder Unglück haben konnte, meinen neuen und einzigen Herrn Schwager kennen
zu lernen, schickte aber alsofort den Dollmetscher an denselben, ein
gehorsamstes Compliment abzustatten, und zu vernehmen, ob einem der
allernechsten Bluts-Freunde der Jungfer Braut, erlaubet wäre, seine Aufwartung
bei ihnen zu machen? Im Augenblicke wurde im ganzen Hause alles noch einmal so
lebhaft, als es vorhero gewesen war, zugleich kamen mehr als 30. Lichter und
Laternen, welche meine Personalitæt besichtigen und nach Befinden an diejenige
Treppe begleiten mussten, alwo das halb vergnügte und halb unvergnügte Braut-Paar
sich auf der obersten Stuffe præsentirte. Kaum hatte ich meine liebste Schwester
nur durch einen eintzigen Blick erkannt, als mich, im andern Blicke, die
entsetzliche hässliche Gesichts-Bildung und ganze Leibes-Gestallt ihres mir
bereits einiger massen beschriebenen Liebsten, dergestallt erschreckte, dass ich
die Augen sogleich niederschlagen musste, und dieselben kaum empor heben konnte,
da ich mich bereits auf der obersten Stuffe bei ihnen befand.
    So bald mir meine Schwester ins Gesichte gesehen, fiel sie nach den
ausgeschryenen Worten: Ach mein Bruder Eberhard! augenblicklich ohnmächtig
zurücke. Ich befand mich am allermeisten hierdurch bewegt, und war nicht im
Stande die höfflichen Complimente zu beantworten, mit welchen mich so wohl der
Hr. Schwager als meine Frau Baase, nebst andern unbekandten Personen
überschütteten, sondern hatte beständig die Augen auf meine Schwester gerichtet,
welche doch von den Anwesenden Dames in kurtzen völlig wieder zu sich selbst
gebracht wurde.
    Ein jedes sollte zwar von rechtswegen glauben, diese Ohnmacht wäre ihr von
gar zu jählinger Freude zugestossen, allein es stack ein mehreres darhinter.
Inmittelst war dieses Zufalls wegen die ganze Lust unterbrochen, ohngeacht man
mir aber, unter dem Vorwande einer sorgfältigen Bewirtung, alle Gelegenheit
abschneiden wollte mit meiner Schwester etliche Wort in geheim zu sprechen, so
liess ich mich doch nicht eher von ihrer Seite bringen, biss mir so viel
Nachricht, so wohl von ihr als meiner Baase gegeben worden, dass mein Vater nur
vor wenig Tagen nach meiner Geburts-Stadt abgereiset wäre, um daselbst noch
einen grossen Teil seiner Schulden zu bezahlen, und mit einem neuen Compagnon
in frische Handlung zu treten, auch seine ganze Hausshaltung daselbst von neuen
wieder anzufangen.
    Man machte sich hierauf viele Mühe, mich als der Braut Bruder aufs beste zu
verpflegen, allein weil es bereits sehr späte war, hatte ich die beste
Gelegenheit, mich dieses mahl gar bald von dem verdriesslichen Herrn Schwager, so
wohl als der andern Ruh bedürfftigen Gesellschaft los zu wickeln, und den
übrigen Teil der Nacht mit sehr verdriesslichen Gedancken zu zubringen.
    Kaum war der Tag völlig angebrochen als meine Schwester nebst ihrer
Aufwarte-Frau, die in der Kindheit ihre Amme gewesen war, zu mir in die
Schlaf-Camer kamen, und nach gebotenen guten Morgen, an statt fernerer Worte
häuffige Tränen hervor brachten. Die erstere setzte sich auf mein Bette nieder,
und sagte endlich mit kläglichen Seufftzen: Ach mein allerliebster Bruder, ist
noch ein eintziger Trost in meinem Jammer zu finden, so ist es gewiss dieser, dass
doch ihr selber Zeuge seid und mit sichtlichen Augen sehet, wie bloss um meines
Vaters Renommé einigermassen wieder herzustellen, ich mich in den aller
beklagens-würdigsten Zustand setze. Inmassen nun ich mich gegen meine Schwester
weiter mit nichts heraus lassen wollte, biss ich der Haupt-Sache wegen völlige
Nachricht eingezogen, so erzehlete sie mir auf mein Bitten in aller Kürtze, dass
ihr par force Bräutigam vor einen der allerreichsten Handels-Leute, nicht allein
in diesen, sondern auch in andern Landen, geschätzt würde. Unser Vater wäre auf
der Reise mit ihm bekandt worden, und hätte denselben vor Jahres-Zeit mit sich
nach Stockholm gebracht, allwo dieser Mensch sie nicht so bald gesehen, als er
sich schon auf eine recht närrische Weise in ihre Person verliebt gehabt. Sein
Ansehen wäre damals zwar vor ein junges Frauenzimmer übel genung aber des
tausenden Teils nicht so hesslich gewesen als anitzo, so bald er ihr aber seine
heftige Liebe angetragen, hätte sie ihn ein vor allemal zu verstehen gegeben:
dass sie Zeit Lebens mit guten Willen nicht dahin zu vermögen sein würde, einen
Mann zu nehmen der mehr 1000. als sie 100. Tlr. im Vermögen hätte. Nun wäre
zwar leichtlich zu mercken gewesen, dass er mit ihren Vater in sehr wichtigen
Handlungs-Tractaten gestanden, endlich aber sei es heraus gekommen, dass eben
unser Vater sich von der Not gedrungen gesehen, zwischen seiner eintzigen
Tochter und einem sehr ecklen Menschen, seines Vorteils wegen, eine Verbindung
gut zu heissen, die er in seinem Wohlstande, ehe mit etlichen 1000. Tlr. zu
hintertreiben, gesucht hätte.
    Mittlerweile wäre ein gewisser Cavalier der Hr. von L** ebenfals mit
verliebten Regunge gegen diese meine Schwester angefüllet worden, der sich, so
bald er nur gehöret, dass sie dem Kauffmanne (welchen ich gewisser Ursachen wegen
nur Peterson genennet haben will) versprochen werden sollte, aufs grausamste
vermessen, dem, wie er gesagt, wurmstichigen Kerle, ehe 1000. mahl den Hals zu
brechen, als zu vergönnen, dass er die schöne Preussin, (denn unter diesem Nahmen
war meine Schwester in Stockholm bekandt, jedoch nicht oft zu sehen gewesen)
ins Braut-Bette führen sollte.
    Kurtz von der Sache zu reden, es war endlich dahin gekommen, dass der Herr
von L** Gelegenheit gesucht, dem Peterson ein wichtiges anzuhängen, und sein
nicht lobenswürdiger Anschlag war ihm in so weit gelungen, dz er demselben unter
vielen starcke Verwundungen, fast das ganze Unter-Maul hinweg gehauen hatte,
welches den armen Menschen vollends ungemein verstellete. Weilen sich aber mein
Vater mit Peterson allbereit zu tieff verwickelt, so soll dem ohngeacht die
Verbindung desselben mit meiner Schwester vor sich gehen, und da dieselbe
solcher Ursachen wegen vor Jammer fast vergehen will, ziehet es sich mein Vater
dergestallt zu Gemüte, dass er ganz melancholisch wird, derowegen schlagen sich
unsere so genandten Freunde ins Mittel, welche, aus lauterm Eigen-Nutz, meine
Schwester unter den trifftigsten Vorstellungen dahin bewegen, dass sie um unsers
Vaters Leibes- und Gemüts-Kranckheit, ingleichen dessen Renommé wieder
herzustellen, sich endlich entschliesset: mit dem eckelhaften Peterson, ein,
auf die Ehe abzielendes Verlöbnis einzugehen, jedoch bedinget sie sich erstlich
noch so lange Zeit aus, biss sie sähe, ob ihr Vater seine völlige Gesundheit
wieder erlangen und Peterson sein Wort halten könnte, demselben so viel Gelder
herzuschiessen, als zu Wiederauffrichtung seiner vorigen Handelschaft und
ganzen Wesens erfodert würde.
    Indem nun meine Schwester ihren geheimen Kummer sonderlich zu verbergen, und
sich anzustellen weiss, als ob ihr mit dergleichen Heirat ganz wohl gedienet
sei, wird der Vater nach und nach völlig gesund, so bald Peterson dieses merckt,
gibt er sich alle Mühe dessen Kreditores dahin zu behandeln, dass sie mit der
Helffte der zu fodern habenden Capitalien zufrieden sein, und ihn vor voll
quittiren wollen, weswegen er meinen Vater die darzu benötigten Gelder
auszahlet, sich als Compagnon mit ihm zu handeln engagiret, und nachdem er so
wohl dieser, als meiner Schwester wegen einen schrifftl. Contract mit dem Vater
geschlossen; selbigen dahin bewegt, immer nach Hause in meine Geburts-Stadt zu
reisen, und alle Sachen richtig zu machen, binnen welcher Zeit Peterson mit
meiner Schwester ordentlich Verlöbnis und Hochzeit halten, und bald darauff
nachfolgen wolle. Demnach war gestern Abend das Verlöbnis celebrirt, und meiner
Schwester Hand in Petersons Hand gelegt worden, jedoch weil dieselbe dabei ganz
ohnmächtig gewesen, und auf öffteres Befragen, kein Ja-Wort sagen können oder
wollen, hatte der dabei anwesende Priester den Kopff geschüttelt und gesagt: Mit
dergleichen Verlöbnissen habe ich nichts zu tun; war auch alsobald zum Hause
hinaus gegangen. Dem ohngeacht wenden unsere bestochenen Freunde allen Fleiss an,
meine Schwester nur dahin zu vermögen, dass sie, um den Peterson nicht gäntzlich
zu prostituiren, sich endlich mit zu Tische setzt, auch nachhero etliche Reihen
mit ihm und andern anwesenden Gästen tantzet, wiewohl ihr eben nicht gar
täntzerlich zu mute gewesen. Peterson hatte sich sonsten bei dieser
verdriesslichen Affaire ziemlich politisch und vernünftig auffgeführet, jedoch
sich etliche mahl gegen die alte Amme verlauten lassen: Er wolle seine Liebste
in zukunft schon anders gewöhnen.
    Dieses war also der kurtze Haupt-Innhalt von meiner Schwester damahligen
unglückseeligen Zustande, welchen sie mir nicht so bald erzählt hatte, als ich
ihr den allerkräfftigsten Trost zusprach, und die Versicherung gab: mein
alleräuserstes anzuwenden, sie aus dieser Not zu erlösen, indem mir der Himmel
so viel Vermögen zugewendet, nicht allein meines Vaters gäntzliche Schulden
damit zu bezahlen, sondern auch ihren ungestallten Liebsten mit feiner Haabe und
Gütern vielleicht wohl zwei oder mehrmahl auszukauffen.
    Sie hörete dieses mit bangen Hertzen als ein blosses Mährlein an, jedoch
nachdem ich ihr noch weit teurere Versicherung gegeben, und nicht ehe aus
diesem Hause zu weichen versprochen, biss ich sie mit mir hinweg führen könnte;
fieng sie an etwas stärckere Hoffnung zu schöpffen, und schlich sich mit ihrer
Amme ganz sachte wieder in ihre Cammer, ehe noch jemand von Petersons Leuten
auffgestanden, und unserer Zusammenkunft inne worden war.
    Etwa eine Stunde hernach, wurde alles völlig munter, und die Musicanten
liessen sich zu meinem damahligen grösten Verdruss tapffer wieder hören, ich war
bereits angekleidet, trat derowegen aus meiner Cammer heraus, und fragte nach
meiner Schwester Zimmer, als wohin mich die bereits abgerichtete Amme so gleich
führete. Es befand sich niemand bei ihr, als unsere Baase, indem ich aber meine
Schwester weinend antraff, fragte ich alsobald, was ihre gestrige und noch
itzige betrübte Aufführung zu bedeuten hätte. Indem nun meine Schwester vor
Tränen nicht antworten konnte: nötigte mich die Baase zum niedersitzen, und
fieng eine weitläufftige Erzehlung an, von derjenigen Glückseeligkeit, worein
meine Schwester nicht allein sich selbst, sondern auch meinen Vater und meine
eigene Person setzen könnte, daferne sie ihren Eigensinn bräche, ein wenig in
einen sauern Apffel bisse, und den Peterson sich gefällig bezeugte; dessen
verlobte Braut sie nun ohnedem schon wäre. Was? rieff ich aus, soll meine
Schwester etwa mit Gewalt den ungestallten Menschen heiraten? Das wolle der
Himmel nimmermehr. Es ist nun nicht anders, antwortete meine Baase, deñ gestern
Abend vor eurer Ankunft, mein Vetter, ist das Verlöbnis schon geschehen. Ey was
Verlöbnis? fieng nunmehro meine Schwester zu reden an, wer hat von mir ein
Ja-Wort gehört? hat man nicht meine Hand mit Gewalt in seine Hand geleget? Man
frage doch den dabei gewesenen Priester, was der darzu sagt. Sie beruffen sich
alle auf den Contract den Peterson mit meinem Vater geschlossen, allein ich
glaube die Obrigkeit in Schweden wird nicht billigen, dass ein Vater seine
Tochter als eine leibeigene Sclavin verkauffen kann.
    Unter diesen Gesprächen trat Peterson mit dem ganzen Gefolge seiner Freunde
oder Anhänger, ins Zimmer, und weil er uns ohnfehlbar behorcht hatte; mengete er
sich alsofort in unser Gespräch und sagte zu mir: Monsieur! ich hätte vermeint,
ihr wäret als ein getreuer Sohn eures Vaters, und als ein guter Freund gekommen,
dessen Glück und mein Vergnügen zu befördern, allein wie ich aus wenigen Worten
gemerckt, so raisoniret ihr so unglücklich als eure capriçieuce Schwester.
Monsieur! gab ich etwas hitzig zur Antwort, wir haben vielleicht, als
freigebohrne Kinder ehrlicher Eltern, nicht geringe Ursache eurer Aufführung,
Person und ganzen Wesens wegen, capriçieus zu sein, und mich wundert nicht
wenig, dass ihr euch des besitzenden Reichtums wegen unterstehen wollet, ein
honettes Frauenzimmer mit Gewalt in euer Ehe-Bette zu zwingen.
    Es geschicht nicht mit Gewalt, versetzte er, sondern sehet! hier ist der mit
mir geschlossene Contract eures leibl. Vaters, und hier sind die Handschrifften
über diejenigen Gelder, welche ich ihm bereits vorgeschossen habe, auch noch ein
weit mehrers vorzuschiessen willens bin. Hiermit zohe er etliche Briefschaften
aus seiner Tasche hervor, welche ich mit flüchtigen Augen überlase, jedoch bald
darauff sagte: Der Väterliche Contract kann meine Schwester zu nichts verbindlich
machen, unterdessen ist es billig dass euch eure vorgeschossenen Gelder mit Danck
und Interesse wieder bezahlet werden. Seid ihr, sprach er hierauff mit einer
hönischen und hässlichen Gebärde, etwa ein solcher Capitaliste, der diese Gelder
heute, oder längstens binnen 8. Tagen an mich bezahlen, oder einen Bürgen
schaffen kann, so nehmet eure Schwester und reiset mit derselben wohin ihr
wollet, ausser diesem lasset sie hier, und packet euch augenblicklich zum Hause
hinaus.
    Holla! nicht so hitzig, vermeintlicher Herr Schwager, versetzte ich, wie man
merckt so beruhet eurer ganzer Vorschuss in allen, etwa auf kahlen 70. oder
80000. Tlrn. Hiermit zohe ich vor 120. tausend Tlr. Wechsel-Briefe, die Hr.
G.v.B. in Amsterdam ausgestellet hatte hervor, und fragte ob er diese vor gültig
erkennete, darauff Geld heraus geben, oder vor so viel Wert an Diamanten
annehmen, oder noch heute vor Abends in Nyköpping sein baares Geld eincassiren
wollte. Er stutzte gewaltig bei diesem unvermuteten Erbieten zumahlen, da ich
ihm den Ernst zu zeigen, eine güldene, und mit den allerkostbarsten
Edelgesteinen angefüllete Dose aus der Tasche zohe, und selbige zur Schaue
darlegte.
    Es befand sich ein Jubelier unter Petersons Beiständen, der, als ein Habicht
über meine Kleinodien und Edelgesteine herfiel, und dieselben mit begierigen
Augen beschauete, indem er vielleicht mutmassete, dass es falsche und
betrügerische Waaren wären, nachdem er aber alle und jede ächt und recht
befunden: sprach er mit ziemlich bestürtzten Gebärden, als welche Zeugen seiner
Bosheit waren: die Sachen sind zwar gut, allein aufs höchste taxirt, so werden
sie wenig über 40000. Tlr. betragen. Mein Herr! gab ich zur Antwort, lernet
entweder solche Sachen besser kennen, oder redlicher taxiren, denn ihr habt in
Wahrheit mit ehrlichen Leuten und mit keinen Juden zu tun. Indem nun Peterson
von dergleichen Sachen ebenfalls gute Wissenschaft zu haben vorgab, und sich
verlauten liess, dass er dieselben kaum vor 30000. Tlr. annehmen könnte, sprach
ich: Mein Herr, ihr tut euch selber Schaden, denn in Betrachtung eures guten
Gemüts, welches ihr gewisser massen gegen meinen Vater und Schwester blicken
lassen, hätte ich euch alle diese Sachen nebst der güldenen Dose, welche unter
Brüdern eine Tonne Goldes wert sind, teils zu Bezahlung der Väterlichen
Schuld, teils zum guten Andencken überlassen, bei so gestallten Sachen aber,
werdet ihr euch gefallen lassen, dass ich meine Schwester, als eine freie Person,
mit mir hinweg führe, eure Geld aber könnet ihr noch vor Abends in Nykópping,
entweder selbst, oder durch einen Bevollmächtigten in Empfang nehmen, und mich
meines Vaters gemachten Contracts wegen, völlig qvittiren. Mitin sehet ihr, dass
ich ein solcher Capitaliste bin, der eure Prætensiones aufs genauste erfüllen
kann. Peterson wusste vor Verwirrung nicht was er antworten sollte, indem er sich
dergleichen Schicksal nimmermehr eingebildet hatte, wollte also verwenden er
hätte nichts mit dem Sohne, sondern mit dem Vater allein zu tun, allein ich
sprach dargegen: Mein Herr! ich bitte euch nochmahls, machet keine
Weitläufftigkeiten, denn ein vor allemahl habt ihr das Wort von euch gegeben,
dass ich euch meines Vaters Schuld bezahlen, u. mit meiner Schwester hinreisen
soll, wohin ich will, ausser dem glaubt mir nur sicherlich, dass ich mehr Tonnen
Goldes an meiner Schwester Vergnügen zu wenden habe, als ihr vielleicht meint .
Peterson liess zwar hierauf einige empfindliche Reden fliegen, konnte sich aber zu
nichts gewisses entschliessen, sondern ging mit seinen Anhängern davon, und liess
mich nebst meiner Schwester und Baase ganz allein im Zimmer zurücke. Die
letztere wusste nunmehro nicht was sie vor Worte zu Marckte bringen sollte, jedoch
weil ich vorher aus allen Umständen vermerckt, dass sie gäntzlich auf Petersons
Seite hinge, sprach ich: Liebste Schwester, wir sind hiesiges Orts so zu sagen
verraten und verkaufft, kommet wir wollen unsere Affairen auf einen kurtzen
Spazier-Wege in geheim überlegen. Gut mein Bruder! versetzte sie, allein tut so
wohl, und schreibet vorhero ein paar Zeilen an Peterson, dass er binnen Zeit von
einer oder zwei Stunden seine völlige Erklärung von sich geben solle, damit wir
hernach unsere anderweitigen Messures nehmen können. Ich hielt diesen Vorschlag
vor höchst billig, folgte derowegen, schrieb wenige Zeilen an Peterson,
übersendete ihm selbige durch die alte Amme, nahm hierauf meine Schwester bei
der Hand, um mit derselben einen Spatzier-Gang auf die freie Strasse zu tun,
allein ob schon die Haus-Türen offen stunden, so waren doch alle Tore und
Türen des Hofes verschlossen. Wir merckten also wie es gemeinet war, da aber
eben eine Magd mit einem Bunde Grass, aus dem weitläufftigen Baum-Garten heraus
trat, drungen wir uns neben derselben hinein und gingen biss an das Ende
desselben, welches mit starcken Pallisaden versetzet war. Glaubet sicherlich
Bruder! sagte meine Schwester, Peterson will uns allhier im Arreste behalten, er
ist ein sehr untugendhafter Mensch, wer weiss was ihm der Satan vor Bosheiten
eingibt sich an uns zu rächen: Wolte GOtt! wir könten nur diese Pallisaden
übersteigen und uns in des Priesters Behausung begeben, daselbst verhoffte ich
weit sicherer als in Petersons 4. Pfählen zu sein. Meiner Schwester Gedancken
konten mir nicht anders als sehr vernunftmässig vorkommen, derowegen versuchte
ich bald hier bald dort ein paar Pallisaden auszubrechen, und war endlich, nach
allen angewandten Leibes-Kräfften so glücklich, solches ins Werck zu richten.
Wir schlupfften alle beide durch die gemachte Oefnung, und vermerckten im
nochmahligen Umsehen, dass der Peterson mit vielen von seinen Hanss-Gesinde hinter
uns her gelauffen kam, und dieses bewegte uns, dass wir ebenfalls hurtiger
lieffen, auch das Pfarr-Haus glücklich erreichten, da Peterson mit den seinen
noch weiter als 50. Schritte zurücke war.
    Es blieben viele Leute auf der Strasse stille stehen, welche vermeinten,
wir hätten sämtlich aus Wollust ein Wett-Rennen angestellet, allein da Peterson
grausam zu fluchen, lästern und schimpffen anfing, merckten sie bald Unrat, der
Zulauff aber wurde nur desto grösser, zumahlen da Peterson als ein rasender
Mensch in des Priesters Haus gelauffen kam, und meine Schwester mit Gewalt
heraus zu reissen Mine machte. Der Priester, ohngeacht er mich nicht kannte,
zeigte sich bei seiner Bestürtzung sehr höflich, ich gab ihm in lateinischer
Sprache, ohngefähr so viel zu verstehen, dass ich und meine Schwester unter
seinem Dache Schutz suchten, gegen einen irraisonablen Menschen, der die
letztere, wieder alle Rechte, seine Ehe-Frau zu werden, zwingen wollte. Wie ihm
nun dieses genung gesagt war, so wendete er sich alsofort zu Peterson, und
redete denselben, wie mir hernachmahls verdeutscht wurde, also an: Mein Herr,
ihr wisset die Gesetze dieses Landes vielleicht nicht völlig, allein woferne
euch eure rechte Hand lieb ist, so hütet euch in meinem Hause den geringsten
Unfug anzufangen, ihr habt in Wahrheit nicht viel gerechte Sache vor euch,
derowegen lasset entweder fremden Personen ihre Freiheit, oder den Policei
Richter anhero beruffen, welcher einem jeden sein Recht sprechen wird, wo nicht,
so will ich selber einen Boten nach ihm senden, wollet ihr euch aber nicht
warnen lassen, so kann ich mein Haus-Recht zu beschützen, durch wenige
Glocken-Schläge die Nachbarn bald zusammen ruffen lassen, werdet ihr alsdenn
prostituirt oder in Schaden gebracht, so habt ihr niemanden als euch selbst die
Schuld beizulegen. Nach Anhörung dieser guten Erinnerung zog Peterson alsobald
gelindere Saiten auf, und da er mich so wenig als meine Schwester bereden konnte,
wieder mit ihm zurück auf sein Gut zu kehren, begab er sich mit seinem Gefolge
von dannen, ohne zu melden, ob er meine ihm getane Vorschläge in der Güte
annehmen wolle oder nicht. Mir war es immittelst eine besondere Freude, dass der
Schwedische Priester sehr gut deutsch sprechen konnte, denn er hatte nicht allein
auf der Universität Wittenberg drei Jahr lang studiret, sondern auch als
Feld-Prediger im Jahr 1707. in Sachsen ohnweit Bitterfeld im Quartiere gelegen.
Ich erzehlete ihm von meines Vaters und meinen eigenen Geschichten so viel als
vor nötig hielt, machte mich auch seines guten Rats sehr wohl bedient, indem
mir die Schwedischen Reichs-Gesetze, so wohl als dasiger Nation Lebens-und
Gemüts-Art nicht sonderlich bekant waren, denn Peterson wollte sich durchaus
nicht mit uns vergleichen, sondern stellete eine würckliche Klage wieder meine
Schwester an, allein selbige lief nicht so glücklich, als er wünschte, sondern
wurde zu unsern grossen Vergnügen, gleich im ersten Termino beigelegt, so dass
ich an Peterson, die, meinen Vater vorgeschossene Gelder, so viel er dartun
konnte, bezahlen, er hingegen mir den väterlichen Contract nebst den Obligationen
zurück liefern musste. Solchergestalt nahm ich von dem Priester, bei dem wir uns
biss zu ausgemachter Sache aufgehalten hatten, liebreichen Abschied, beschenckte
ihn und seine ganze Familie reichlich, und reisete unter ausgebetener
gerichtlichen Begleitung in guter Sicherheit nach Nyköpping zurücke, allwo wir
nur wenige Tage auf ein Seegelfertiges Schiff warten mussten, nachhero aber auf
selbigen in unsere Gebuhrts-Stadt überführet wurden. Ich trat mit meiner
Schwester, dem Holländisch-Schwedischen Dollmetscher und denen zweien Bedienten,
in einem der vornehmsten Wirtshäuser ab, allwo ich mich durch den Dollmetscher
vorhero unter der Hand erkundigen liess, wie es um meines Vaters Wesen stünde,
erfuhr aber zu meinen grösten Freuden gar bald, dass derselbe nicht nur seine
Schulden völlig bezahlet, sondern auch bereits sein ehemahliges Haus wieder
bezogen und das Gewölbe eröffnet hätte. So bald die Abend-Demmerung eintrat,
nahm ich meine Schwester an die Hand und führete dieselbe zu unser beiderseits
unbeschreiblichen Vergnügen nach demjenigen Hause hin, in welchen wir zum ersten
das Licht dieser Welt erblickt hatten. Es war eben an einem Sonntags Abend, als
wir bei unserm lieben Vater ganz unverhofft in die Stube traten, da er mit
einem alten guten Freunde am Tische sass und im Schach spielete. Er fieng
hertzlich an zu weinen, als wir ihm fast beide zugleich um den Hals fielen, so
dass sich unsere Freuden-Tränen, mit den seinigen, die von Kummer und Freude
zugleich ihren Ursprung nahmen, vermischeten, jedoch da ich dieses merckte,
erkannte ich mich schuldig, ihm so gleich, vor allen andern Dingen, zu eröffnen,
dass meine Schwester annoch ledig und frei wäre, auch sich wegen des
verdriesslichen Petersons nichts mehr zu besorgen hätte. Worbei ihm zugleich den
durchrissenen Contract nebst Petersons Quittungen in die Hände lieferte, worüber
mein Vater vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde. Hierauf erzehlete er
von des Herrn W. von Hamburg unverhoffter Ankunft, und wie derselbe alles was
ich ihm aufgetragen treulich ausgerichtet, auch nur vor etwa drei Wochen zurück
nach Hamburg gereiset wäre, immittelst hätte so wohl Herr VV. als er mein Vater
selbst, verschiedene Briefe an mich und meine Schwester nach Schweden
abgeschickt, es hätten uns aber selbige teils unmöglich antreffen können,
teils möchten auch wohl von Peterson und unserer Baase unterschlagen sein, denn
weil die letztere, biss auf die letzte Stunde Petersons Partie hielt, so war ihr
noch vor dem Abschiede alle fernere Freundschaft von uns beiden aufgekündigt,
die meiner Schwester anderweitig erzeigten Gefälligkeiten aber, zehnfach
bezahlet worden.
    Folgendes Tages liess mein Vater Anstalt zu einer grossen Gasterei machen,
worzu nicht allein alle seine getreu verbliebenen Freunde, sondern auch viele
andere geladen wurden, die ihm bisher Tort getan hatten, nunmehro aber Zeugen
seines neuen guten Wohlstandes sein mussten. Ein jeder war begierig einen
umständlichen Bericht von meiner Reise und den darauf erworbenen fast
erstaunlichen Reichtümern anzuhören, denn mein Vater sagte unverhohlen, dass er
nur durch den zwantzigsten Teil meiner Barschaften und Kostbarkeiten, wieder
in vorigen, ja noch weit bessern Stand gesetzt worden, allein ich nahm mir vor
dissmahl ein Bedencken, allzu aufrichtig im Erzehlen zu sein, sagte derowegen
nicht mehr als ihnen allen zu wissen dienlich, mir aber unschädlich sein möchte,
und gab vor, ich hätte auf einer gewissen Insul einen vergrabenen Schatz
gefunden, auch ein ansehnliches von einem unterwegs verstorbenen speciellen
Freunde ererbet, der ein Deutscher von Geburt gewesen, und mich als seinen
Lands-Mann in Ermangelung anderer Anverwandten zu seinem Erben eingesetzt hätte.
Ubrigens bekümmerte ich mich sehr wenig darum ob man mir vollkommenen Glauben
zustellete oder nicht. Hergegen entdeckte ich meinem Vater und Schwester allein
das ganze Geheimnis, und setzte damit beiderseits in die gröste Verwunderung,
beide bezeugten nicht geringe Lust die Insul Felsenburg und unsere dasige
starcke Freundschaft selber in Augenschein zu nehmen, nur der ferne Weg
schien ihnen so beschwerlich als gefährlich, jedoch auf mein heftiges Zureden
und Bitten, versprach endlich mein Vater sich weiter darauf zu bedencken, binnen
welcher Zeit ich eine Reise nach Herrn Mag. Schmeltzers Anverwandten vornahm, um
vornehmlich dessen jüngsten Bruder zu sprechen, als welchen ich bereits bei
seinen Schwestern und Schwägern eingetroffen zu sein vermutete, indem ich des
Hrn. Mag. Schmeltzers und meine eigenen beigelegten Briefe schon vor etlichen
Wochen, durch Herrn W. aus Hamburg, dahin bestellen lassen.
    Mein Wünschen war nicht vergebens, denn ich traf nicht allein Mons.
Schmeltzern, sondern auch noch einen Candidatum Teologiæ, bei des erstern Herrn
Schwager dem Dorff-Prediger an. So bald meine Ankunft kundbar worden,
versammlete sich Herr M. Schmeltzers ganze Freundschaft, um von ihren
wertesten Bruders und Freundes vergnügten Zustande ausführlichen Bericht zu
vernehmen, weil aber Herr M. Schmeltzer den Ort seines Auffentalts so wenig,
als eine gar zu genaue Beschreibung von dasiger Lebens-Art kund getan, als nahm
auch ich mich in acht, nicht über meine Instruction zu schreiten, jedoch so bald
ich vergewissert wurde, dass Mons. Jacob Friedr. Schmeltzer, nebst dem andern
Candidaten, der sich Joh. Friedr. Hermann nennete, die allergröste Lust
bezeugten, mit mir dahin zu reisen, wo sich Herr Mag. Ernst Gottl. Schmeltzer
aufhielte; liess ich ihnen etwas mehr von dem Geheimnisse als andern wissen, und
versprach die völlige Entdeckung zu tun, so bald wir uns eingeschifft hätten.
    Nachdem mich die lieben Leute 14. Tage bei ihnen zu bleiben fast gezwungen
hatten, trat ich die Rück-Reise mit diesen beiden Teologis nach meiner
Vater-Stadt an, und fand daselbst meinen Vater und Schwester annoch in der
grösten Bestürtzung, denn der oberwähnte Schwedische Edelmann Herr von L**
welcher eine unbesonnene Liebe auf meine Schwester geworffen, auch ihrentalben
Peterson so schändlich zugerichtet hatte, war, nachdem er bei dem Vater um
dieselbe angehalten, jedoch so wohl von ihm als ihr eine höflich abschlägige
Antwort erhalten, auf die Torheit geraten, meiner Schwester, durch eine
heimliche Entführung, sich teilhaftig zu machen. Jedoch dieser Anschlag
misslinget ihm noch zu allem Glücke, ohngeacht er meine Schwester in einem
zugemachten Wagen, bereits auf eine halbe Stunde von der Stadt hinweg gebracht
hat, indem dieselbe, als sie durch einen kleinen Spalt etliche Fracht-Wagens
hintereinander herfahrend gewahr wird, ein plötzliches Zeter-Geschrei zu machen
anhebt, wodurch die Unart vermerckenden Fuhr-Leute bewogen werden, mit ihrem
Hand-Gewehr die Carosse anzuhalten, und meine kläglich um Hüllfe bittende
Schwester zu befreien, Mons. L** ist noch so glücklich auf eins seiner Bedienten
Pferde zu kommen, und sich mit denenselben auf die Flucht zu begeben, sonsten
würden ihn ohnfehlbar die Fuhr-Leute so wohl als seinen Lohn-Kutscher ziemlich
garstig zugerichtet, und in die Hände der Obrigkeit geliefert haben. Immittelst
hat mein Vater nichts von der Entführung seiner Tochter gewust, sondern
vermeint, sie wäre mit einer guten Freundin spatziren gefahren, biss ihm
dieselbe von den ehrlichen Fuhr-Leuten vors Haus gebracht wird, denen er nebst
vieler Dancksagung 100. spec. Duc. vor gehabte Mühe gibt, und sie dabei bittet,
nur kein weiters Lermen von dieser Sache zu machen, weil sonderlich die
Edelleute sehr rachgierig zu sein pflegten.
    Dieser Zufall machte meine Schwester um so viel desto begieriger, wenigstens
auf eine Zeitlang mit nach Felsenburg zu reisen, indem ich aber wohl gedencken
konnte, dass dem Capitain Horn in Amsterdam die Zeit ungemein lang düncken würde,
ehe ich mich wiederum bei ihm einfände, so war meine stätige Beschäfftigung, der
in Händen habende Alt-Väterlichen Instruction gemäss, alles dasjenige
einzukauffen, was ich in meiner Geburts-Stadt am bequemsten und aufrichtigsten
erlangen konnte. Hierauff offenbahrete ich meinem Vater, wie mir mein ehemahliger
Informator und jetziger Felsenburgischer Seelsorger, Herr Mag. Schmeltzer
aufgetragen, seinen jüngern Herrn Bruder dahin zu bereden, dass er entweder
selbst mit mir dahin reisen möchte; da aber derselbe etwa bereits im Amte sässe,
zwei andere oder wenigstens einen Candidatum Teologiæ, der also beschaffen wie
Herr Mag. Schmeltzer, in dem, an seinen Bruder abgelassenen Schreiben, den Abriss
gemacht, mir vorzuschlagen und zuzuweisen, damit ich dieselben an demjenigen
Orte, wo er, der Herr Mag. Schmeltzer, ordinirt worden, ebenfalls ordiniren
lassen, und zum Kirchen-Dienste der Felsenburgischen Gemeinden mit mir führen
könnte. Nun hatte sich nicht allein Mons. Schmeltzer, so bald er seines Herrn
Bruders und mein beigelegtes Schreiben erhalten, alsobald aus der
Marck-Brandenburg, allwo er in Condition gestanden, bei seinen Freunden, allwo
ich ihn zu sprechen hin beschieden, selbst eingestellet, sondern auch
gegenwärtigen Candidatum Herrn Herrmannen, der seit etlichen Jahren sein
Hertzens-Freund gewesen, mitgebracht, und zwar aus keiner andern Ursache, als
weil er ihn also zu sein befunden, wie ihm Herr Mag. Schmeltzer verlangete,
überdieses zumahlen da derselbe die allergröste Lust bezeugt einen geistlichen
Missionarium abzugeben, indem er bisher wenig Beförderer und noch weniger
zeitliche Güter vor sich gehabt. Mein Vater bezeugte hierüber ein vergnügtes
Nachsinnen, und nachdem ich ihm noch ein und anderes von der Einrichtung unseres
dasigen Gottesdienstes, dem neuen Kirch-Baue, den Schulen und andern dazu
gehörigen Ubungen wiederhohlungs weise desto deutlicher erzählt, resolvirte er
sich in der Geschwindigkeit nebst meiner Schwester einen Reise-Gefährten nach
der glückseeligen Insul Felsenburg abzugeben, weswegen ich vor Vergnügen fast
ganz ausser mir selbst gesetzt wurde. Wie nun, um die Herrn Candidaten, desto
baldiger ordiniren zu lassen, keine Zeit versäumen wollte, so liess mein Vater den
dasigen Seniorem des geistlichen Ministerii, eines Sonntags Abends aufs
freundlichste durch mich und meine Schwester, welche mit dessen Töchtern in
genauer Freundschaft stund, zur Abend-Mahlzeit invitiren, und dieser Exemplari
sche Priester liess sich endlich auf oft wiederholtes Bitten bewegen, nebst
seiner ganzen Familie um bestimmte Zeit zu erscheinen. Die beiden Herrn
Candidaten, nehmlich Mons. Schmeltzer und Mons. Herrmann, befanden sich auch mit
zu Tische, sonsten aber niemand mehr von den Stadt-Leuten als meines Vaters
eintziger vertrautester Freund Herr O.** Unter vielerlei Gesprächen wurde auch
von meinem Studiren und dann von meinem ehemaligen Informatore Herrn Mag.
Schmeltzern erwehnet, worbei der Senior meldete, dass er denselben vor länger als
drei Jahren alhier ordiniret, indem er sich resolvirt gehabt mit einem
Ost-Indien-Fahrer zu Schiffe zu gehen, und auf einer gewissen Insul das Wort
GOttes zu predigen.
    Demnach bedünckte es mich die bequehmste Zeit zu sein, mit denen Brieffen
heraus zu rücken, welche mir Herr Mag. Schmeltzer und Herr Wolffgang an den
Herrn Seniorem mitgegeben hatten, und solches verrichtete ich bei Auftragung des
Confects, bemerckte auch, dass der Herr Senior so viel Vergnügen als Verwunderung
unter währendem Lesen schöpffte, indem ihm aber beide zugleich ersucht hatten,
von der ganzen Sache unnötiger weise nichts zu melden, weiln zu befürchten,
dass die dadurch erregte Neugierigkeit einiger See-Fahrer denen Felsenburgischen
Einwohnern nur allerhand Verdriesslichkeiten verursachen möchten; so legte er die
Brieffe stillschweigend zusammen, bewunderte die sonderbaren Führungen des
Himmels, und versprach sich ein und anderer Dinge wegen, ingeheim mit uns zu
unterreden, daferne wir uns wollten belieben lassen, nach aufgehobener Mahlzeit
ihn in ein anderes Zimmer zu führen. Mein Vater bezeigte sich gäntzlich nach
seinem Gefallen, demnach ging der Herr Senior nebst ihm und mir in ein
Nebenzimmer, allwo ich ihm bei einem Glase des besten Ungarischen Weins den
haupt-Inhalt der Felsenburgischen Geschichte erzehlete, nachhero von ihm
verlangete, so bald als es nur möglich wäre, die bei mir habenden zwei Herrn
Candidaten nach vorhergegangenen scharffen Examine zu ordiniren, damit ich mit
selbigen des ehesten meine Rückreise antreten könnte, er versprach das Examen
gleich folgenden Tages anzustellen, und weil die Herrn Candidaten mit seiner
Erlaubnis herbei geruffen wurden, liess er sich vorläuffig mit denenselben in ein
genaues Gespräch ein, welches biss um Mitternachts-Zeit daurete, worauf der Herr
Senior nebst seinen lieben Angehörigen nach Hause fuhr. Binnen dreien Tagen
bekam ich also an oft erwähnten beiden Herrn Candidaten zwei geweihete
Priester, beschenckte derowegen das Geistl. Ministerium, die Haupt-Kirche, das
Waysen-Haus, Hospital und andere Armen dergestalt, dass von einem erhobenen
Wechselbrieffe à 10000. Tlr. ordentlich gemachter Einteilung nach, nichts
übrig bleiben durffte.
    Mein Vater war inzwischen nebst meiner Schwester aufs eifrigste bemühet,
seine neu-errichtete Handlung und Wirtschaft, meiner Mutter-Bruders-Sohne auf
Rechnung zu übergeben, und denselben vor seiner Abreise mit einer tugendhaften
Ehe-Gattin zu beraten, denn er war ein sehr feiner, geschickter, vernünftiger
und wohl gereiseter Mensch, der aber kaum tausend Taler Erbteils-Gelder im
Vermögen hatte. Indem er nun seit etwa zweien Jahren bei einem der vornehmsten
Kauff-Leute meiner Gebuhrs-Stadt, als Buchhalter in Condition gestanden, mochte
sich der gute Mensch die Rechnung gemacht haben, seinem Herrn, durch beständige
Treue und Redlichkeit mit der Zeit eine von seinen dreien Töchtern
abzuverdienen, deren geschicktes Wesen nebst der starcken Morgengabe die
Schönheit der Gesichter bei weiten zu übertreffen schien, allein so bald er sich
dieses gegen einen vermeintlichen guten Freund mercken läst, dieser aber nicht
reinen Mund hält, wird mein ehrlicher Vetter dergestalt hönisch und spröde von
seinem Herrn und dessen ganzer Familie tractiret, dass er vor Verdruss und
Kummer, eine Ferne Reise anzutreten, den Schluss fasset. Hiervon hält ihm nun die
plötzliche Ankunft meines Vaters zurücke, und weilen derselbe bald hernach
seine Handlung von neuen aufzurichten anfängt, quittiret er die ersten, und
gibt sich zu meinem Vater in Dienste. So wohl meines Vaters als mein eigenes
Vorhaben war, dieses Menschen zeitliches Glück so viel möglich zu befestigen,
und ohngeacht wir ihm nicht gäntzlich zugesagt, dass er unser aller eintziger
Erbe, in Deutschland, sein und bleiben sollte, indem mein Vater noch nicht völlig
resolvirt war, Zeit Lebens in Felsenburg zu bleiben, so bekam er doch von uns
solche starcke Geschencke und sonderbare Vorteile in die Hände, dass er
ohngescheut wagen durffte, auch den vornehmsten Capitalisten um seine Tochter
anzusprechen. Sein voriger Herr roch den Braten gar balde, suchte derowegen zum
Scheine, unter diesen und jenen Vorschlägen ganz genaue Freundschaft zu
stifften, liess aber auch unter der Hand meinem Vetter die Wahl anbieten, sich
eine von seinen Töchtern zur Frau auszulesen; allein derselbe war ohngeacht der
zu hoffen habenden starcken Mitgifft so capricieus, dass er zur Antwort gab: wer
seine redliche Affection der Zeit nicht æstimirt hätte, da er kaum etliche 100.
Tlr. im Vermögen gehabt, dessen Schwiegerschaft achtete er nun mehro auch
nicht, da ihm der Himmel durch die Generositee redlicher Bluts-Freunde in den
Stand gesetzt, dass er nicht die geringste Ursache hätte sich nach einer
bemittelten, wohl aber tugendhaften Braut umzusehen.
    Diese Resolution gefiel uns ungemein, indem er aber zu vernehmen gab, wie er
eine besondere Affection auf die tugendhafte jüngste Tochter des Herrn Senioris
geworffen hätte, ohngeacht, er wohl wisse, dass wegen der vielen Kinder von dem
Ehrwürdigen Herrn kein starckes Heirats-Gut zu hoffen sei, als liess sich mein
Vater dieses von Hertzen angenehm sein, begab sich selbst zum Herrn Seniori, und
brachte auf einmal das Jawort, so wohl von dem Herrn Schwieger-Vater, als der
Jungfer Braut mit nach Hause.
    Indem aber ich von dem Capitain Horn aus Amsterdam immer Brieffe über
Brieffe bekam, meine Zurückkunft zu beschleunigen, damit uns nicht die
verdrüssliche Witterung vor völliger Einrichtung unserer Sachen über den Hals
kommen möchte, als trieb ich auch die Meinigen an, sich aufs schleunigste
wegfertig zu machen.
    Demnach wurde meines lieben Vetters Verlöbnis und Hochzeit auf einen Tag in
aller Stille celebrirt, ich schenckte den beiden Verliebten annoch vor 12000.
Tlr. Jubelen, versprach, wo es nur möglich sein wollte, in zukunft ein 10. mahl
mehreres zu tun, und war nachhero beschäfftiget, alle eingekauffte Waaren in
das bedungene Schiff einzuschiffen. Ich erstaunete anfänglich gewaltig über die
entsetzliche Quantität gedruckter Bücher, welche Herr Schmeltzer jun. und Herr
Herrmann vor diejenigen Gelder, welche ich zu ihrer Disposition überlassen,
eingekaufft hatten, ja ich hätte fast vermeint, dass in allen Städten auf 20.
Meilwegs herum, nicht so viel Bücher anzutreffen wären, machte mir aber eine
hertzliche Freude daraus, zumahlen, da sie einen feinen Buchbinders-Gesellen
Johann Martin Rädler aus dem Hildesheimischen gebürtig, in ihren Dienst
genommen, auch eine ungemeine Quantität Buchbinder-Materialien darzu angeschafft
hatten.
    Am 12. Julii langeten endlich die letztern Fracht-Wagens mit Kupffer, Zinn,
Messing, Blei und andern Materialien an, welche ich zum Mitnehmen bestellet, und
alles so gleich einschiffen liess, so dass wir am 28. Julii nach genommenen
zärtlichen Abschiede von allen treugesinneten Freunden, aus meiner
Geburts-Stadt abreisen, und uns auf die Fart nach Hamburg begeben konten,
allwo von dem redlichen Herrn W. ebenfalls Abschied zu nehmen, es unsere
Schuldigkeit so wohl, als ein und andere Notwendigkeit erforderte. Wir hatten
eine ungemeine, bequeme und vergnügte Reise, überrumpelten auch den Herrn W. in
Hamburg zum grösten Vergnügen, da er sich unserer am wenigsten versah, ich will
mich aber mit einer weitläufftigen Erzehlung seiner vielfältigen Anstalten, die
er binnen 14. Tagen zu unser trefflichsten Bewirtung blicken liess, nicht
aufhalten, sondern nur melden, dass er eine uninreressirte vollkommene
Freundschaft gegen uns bezeugte, welche wir auf alle möglichste Art zu
erwiedern bedacht waren.
    Etwa 6. oder 8. Tage vor unserer Abreise kam ein armer Studiosus in des
Herrn W. Behausung, der so wohl bei ihm, als dessen Informatore um ein Viaticum
Ansuchung tat. Ich erkannte denselben sogleich vor denjenigen, der er wirklich
war, nämlich vor einen meiner ehemahligen besten Universitäts-Freunde in Kiel.
Diesen ehrlichen Menschen1 hatte ich in ungemeinen Wohlstande verlassen,
verwunderte mich derowegen nicht wenig, ihn also verändert anzutreffen,
zumahlen, da seine Meriten eines besondern Glücks würdig sind. Es hielt mich
weiter nichts ab, als seine kränckliche, zur Schwindsucht und Blutauswerffen
sehr geneigte Leibes-Constitution, dergleichen Personen sich zu See-Fahrern gar
nicht schicken, sonst hätte ich ihn leichtlich zur Mit-Reise nach Felsenburg
persuadiren wollen; Solchergestalt aber sah vor besser an, demselben ein
ansehnliches Capital zu Beförderung seiner zeitlichen Wohlfart in die Hände zu
liefern, wovor er mir weiter keine andere Danckbarkeit erweisen, als diese
gegenwärtige Geschichts-Beschreibung der Felsenburger, jedoch nicht eher biss
nach meiner Abreise, förmlich in Druck geben solle.
    Ich glaube, dass es ihm zwar einige Mühe kosten wird, meine confuse
Schreib-Art auseinander zu finden, denn meine Umstände haben noch niemahls
zulassen wollen, selbige durch eigenen Fleiss in behörige Ordnung zu bringen,
jedoch wird es curieusen Leuten, ob gleich kein vollkommenes, dennoch einiges
Vergnügen erwecken, wenn ihnen nur die Haupt-Sachen bekandt gemacht werden. Ists
möglich, so soll binnen zwei oder drei Jahren der andere Teil2 zum Vorscheine
kommen, worinnen ich meine Verrichtungen in Amsterdam, die zweite Abfahrt von
dar nach Felsenburg, und die Lebens-Geschichte meines Vaters, meiner Schwester
und anderer Reise-Gefährten, etwas deutlicher und ordentlicher, als bisher
geschehen, beschreiben will. Denn ich verhoffe auf dem Schiffe, und nach G.G.
glücklicher Ankunft in Felsenburg, gnugsame Zeit u. Bequemlichkeit darzu zu
finden. In Erwegung meiner wichtigen Beschäfftigung, wird mir niemand übel
nehmen, dass ich voritzo so kurtz abbreche, und nicht einmal die gewisse Zeit
meiner Abreise melde, denn ich lasse, wie gesagt, meine ganzen Manuscripta, dem
geliebten Freunde in Hamburg zurücke, welcher sich nicht wagen will, mir das
Geleite biss nach Amsterdam zum Capitain Horn zu geben. Jedoch werde nicht
unterlassen, demselben noch vor unserer Abfahrt Briefe zuzusenden, um zu
bezeugen, dass ich sei
            Dessen, wie auch aller geehrten künftigen Leser meiner entworffenen
                    Felsenburgischen Geschichts-Beschreibung
                                                                ergebener Diener
                                                           Eberhard Julius, D.B.
    Nun folgen die Copien einiger Briefe, welche Mons. Eberhard Julius an seinen
Freund, der das ganze Werck ediren sollen, annoch vor feiner Abreise aus
Amsterdam geschrieben, ingleichen einige von Herrn W. aus Hamburg:
                                       I.
        Monsieur,
                              & tres cher ami.
Wie ich nicht zweiffele, es werde sich dessen Maladie gezeigter Besserung nach
bald verloren haben, so wünsche zu einer völligen Cur allen himmlischen Seegen.
Ein fleissiges Gebet, ordentliche Lebens-Art und Verbannung alles Chagrins wird
vielleicht bei den zu brauchenden Artzeneien das beste rhun. Wir sind den 8.
Octobr. glücklich in Amsterdam eingetroffen, und dürfften uns wenigstens noch 5.
biss 6. Wochen allhier zu bleiben gemüssigt finden, denn es fehlen uns nicht
allein noch einige verschriebene Leute und höchst-nötige Sachen, sondern wir
haben auch ausserdem wichtige Ursachen, nicht ehe von dannen zu fahren. Hierbei
folget noch eine kurtze Beilage zur Geschicht, welche ich annoch in meinem
Chatoull gefunden, und die sie gehöriges Orts anzubringen wissen werden. Herr
Herrmann ist etwas unpass, wir hoffen aber dessen baldige Genesung, so wohl als
meiner lieben Schwester, welche von einem leichten Fieber befallen war, jedoch
gäntzlich restituirt ist. Die Matematischen Instrumenta, welche sie an Herrn
G.v.B. addressirt uns nachsenden sollen, sind etliche Tage eher als wir selbst
angelanget, also dancke nochmahls vor ihre Bemühung. Innliegende Briefe an
meinen Vetter, wie auch andere Personen an verschiedenen Orten, bitte, jedoch
die letztern nicht ehe, als nach 3. biss 4. Wochen, richtig zu bestellen, denn
ich habe dissfalls meine besondern Ursachen.
    Von der vortrefflichen Hällischen Medicin hätten wir gern noch etliche
vollständige Apotheckgen, sie wären zwar allhier auch zu haben, allein, es hat
mir ein besonderer Freund die Furcht wegen einer Verfalschung eingejagt,
derowegen versäumen Sie keine Zeit, uns wenigstens noch 12. St. anhero zu
senden, indem ich nicht zweiffele, dass sie noch zu recht kommen werden. Von noch
einigen andern besondern Sachen, die wir in Hamburg am füglichsten einzukauffen
vergessen haben, wird sich Herr W. ohnfehlbar mit Ihnen besprechen, als an
welchen ich voritzo zugleich ausführlich geschrieben habe. Inmittelst empfehle
Dieselben Göttl. Schutzwaltung, und verharre beständig
                         Monsieur & tres honore Amy
                                                                        le Votre
                                                                 Eberhard Julius
 
                                      II.
                            Monsieur, mon cher Ami.
Die Versicherung von Dessen itzigen Wohlbefinden hat mich ungemein vergnügt,
wünsche, dass selbiges viel und lange Jahre biss an das ordentliche Lebens-Ziel
bestand haben möge. Die Medicamenta habe in 8 Kästlein wohl erhalten, bedaure,
dass nicht wenigstens noch 4. dabei sein können. Hoffe aber, die Göttliche
Vorsorge werde solchen Mangel unmittelbarer weise ersetzen, so lange wir
derselben mit reinem Hertzen vertrauen. Es ist mir sonsten noch ein und anderes
beigefallen, worinnen sie uns vor unserer Abreise besondere Gefälligkeiten
erweisen können, allein, weiln die Zeit nunmehro verflossen, indem wir uns keine
10. oder 12. Tage langer alhier zu bleiben vermuten, so halte vor unnötig,
etwas davon zu melden. Capitain Horn hat wegen seiner Schiff-Fart einige
Verdriesslichkeiten, jedoch weil man klärlich sieht, dass es eine blosse
Geldschneiderei zu bedeuten hat, wird wohl alles ohne besondern Schaden
beizulegen sein. Am verwichenen Sonntage hat unser lieber Prediger, Herr Jacob
Friedrich Schmeltzer, zu meines Vaters und meinem selbst eigenen Vergnügen sich
mir meiner Schwester Juliana verlobet, die Priesterliche Copulation aber ist
verschoben worden, biss wir glücklich in Felsenburg angelangt sein. Auch hat
meine Schwester zwei arme, aber sehr artige und tugendhafte Freundinnen
gefunden, welche sich als ein paar Vater- Mutter- und Freund-lose Waisen
belieben lassen, mit uns nach Felsenburg zu reisen. Sonsten weiss voritzo nichts
sonderbares zu berichten, bitte aber, sich so lange noch in Hamburg aufzuhalten,
biss sie vor dieses mahl das letzte Schreiben von mir erhalten haben, welches am
Tage unserer Abfahrt ausgefertiget werden soll, womit unter Empfehlung
Göttlicher Obhut beharre
                             Monsieur, mon cher Ami
                                                                        le Votre
                                                                Eberhard Julius.
 
                                      III.
                            Monsieur, mon cher Ami.
Endlich nach Uberwindung noch vieler Verdriesslichkeiten, die wir uns nicht
eingebildet hätten, und die ich ihnen weitläufftig zu berichten, jetzo vor
unnötig halte, sondern solches biss zu seiner Zeit versparen will, sind wir
resolvirt, diesen Nachmittag, als den 27. Nov. uns zu Schiffe zu begeben, und
unter Göttl. Geleite abzuseegeln, weswegen mit diesem Schreiben, auf dieses
mahl, mein letztes Adieu von Ihnen nehme, und mit kurtzen Worten, jedoch
getreuen Hertzen, Sie der Göttl. Vorsorgen empfehle, als in welcher alles unser
zeitliches und ewiges Glück und Vergnügen beruhet, wie denn auch nicht
zweiffele, dass sie uns Reisende mit in ihr tägliches andächtiges Gebet
einschliessen werden. So ferne es mit Erlaubnis unserer Aeltern und Obern
geschehen darff, vornehmlich aber es dem Himmel gefallen will, verspricht sich
der Capitain Horn, ehe zwei Jahr völlig verlauffen, wieder an den Europäischen
Ufern zu sein, ob er aber eben in Amsterdam wieder anländen möchte, zweiffelt er
annoch selbst. Ihnen, mein Herr, stehet nunmehro frei, in ihr Vaterland zu
reisen, so bald es beliebig, doch bitte, mit dem Herrn G. v.B. und Herrn W.
stets fleissig zu correspondiren, denn so bald sich der Capitain Horn selbst,
oder ein anderer von uns Abgeordneter, bei einem von diesen beiden Herrn melden
wird, soll er auch zugleich den fernern Verfolg unserer Geschichte mit sich
bringen, welche ich ordentlich auszuarbeiten mir hinfüro noch mehr Mühe, als
bisher, geben werde. Tragen sie doch mittlerweile in ihrem Patria einige Sorge,
uns eine hinlängliche Buchdruckerei nebst darzu behörige Personen zu procuriren,
jedoch nur auf den Fall, wenn der Capitain Horn oder jemand anders von uns sich
bei ihnen meldet, damit es zu solcher Zeit nicht allzu grosse Weitläufftigkeiten
und langes Warten verursachet. Denn ich halte davor, dass uns oder unsern
Nachkommen, in zukunft, obgleich eben itzo nicht, eine Buchdruckerei sehr
nötig sein möchte. Vor innliegenden Wechsel-Brieff â 5000. Tlr. den ich Ihnen
zum Abschiede verehrt haben will, wird Herr W. die Gewähre leisten, worbei nicht
zweiffele, dass Sie solches Geld zu ihren guten Nutzen anwenden, anbei die
Beförderung der Ehre GOttes, auch die Liebe des Nächsten nicht vergessen werden,
ich vor meine Person verlange weder mündlichen noch schrifftlichen Danck,
sondern eine getreue Freundschaft davor, die zu recompensiren alle fernere
Sorge tragen werde, wofern der Himmel die Gelegenheit befördert. Solte
mittlerweile etwas von besondern mechanischen oder andern curieusen Sachen
beschrieben und ausgearbeitet werden, so bitte alles wohl zu notiren, auch wo
möglich, in naturâ parat zu halten, damit unsere Gesandten keine Zeit zu
verspielen nötig haben. Bei künftigen Geld-Mangel, zu dergleichen wird Herr
G.v.B. Herr W. und mein Vetter in meiner Geburts-Stadt hoffentlich jederzeit zu
helffen nicht verweigern, welchem letztern beiliegendes Paquet Abschieds-Briefe,
mir nächster Post zuzusenden sind, wie ich denn selbigen bei Gelegenheit, und so
oft es möglich, zu besuchen bitte. Ich schliesse, weil mich alles an weitern
Schreiben verhindern will, empfehle Sie derowegen nochmahls der guten Hand
Gottes, und verbleibe
                                   Monsieur,
                                                                votre fidele Ami
                                                                Eberhard Julius.
                                      P.S.
    So gleich bei Zusammenlegung des Briefes erfahre, dass einer von unsern 3.
angenommenen Glassmachern entlauffen ist, und den Capitain Horn mehr als 500.
Ducaten entwendet habe, jedoch wir wünschen, dass sie ihm nicht nach Verdienste
gedeihen.
 
                                      IV.
                                   Monsieur,
Dessen glückliche Ankunft in Zell, erfreuet mich noch vielmehr, als dass meine
Ihm aufgetragene Commission nach Wunsche ausgerichtet worden, wovor aber
höchlich verbunden bin. Die Pack-Fässer werden nunmehro vielleicht schon vor
einigen Tagen in Magdeburg angelanget sein. Hätte ich gewust, dass Sie Ihren
anfangs gemachten Reise-Cours verändern würden, so hätte man erliche Tlr.
Fracht Gelder menagiren können. Die eingelauffenen Antworts-Schreiben folgen
hierbei, ingleichen ein Päcklein vermutlich vergessnes Zeuges, welches des
Post-Geldes wert ist. Zukünftiger Correspondenz wegen erwarte von Zeit zu Zeit
Addresse, und verbleibe unter Emphehlung Göttl. Schutzes
                                    M.H. Hn.
Hamburg, den 4.
    Jan. 1730.
                                                         bereitwilligster Diener
                                                                            H.W.
 
                                       V.
        Edler etc.
                                                    Insonders Hochgeehrter Herr.
Vor das übersandte dancke freundlichst, und suche Gelegenheit, mich hinlänglich
zu revangiren, wovon anbei eine geringe Marque gebe, bitte mir aber dabei aus,
ehesten den Ort zu benahmen, wo Sie sich beständig aufzuhalten belieben werden;
weiln vermercke, dass sie dissfalls noch nicht schlüssig sind. Beikommendes sub
J.B.F. hat schon über 14. Tage in meiner Verwahrung gelegen, was es ist, weiss
ich nicht. Mit Verlangten will nach erhaltener Nachricht ihres Auffentalts
hertzlich gern dienen, und dabei desto ausführlicher schreiben, jetzo fehlet
Zeit, doch bin
                                    Ew. Edl.
Hamburg, den 8.
    Febr. 1730.
                                                             aufrichtiger Freund
                                                                            H.W.
 
                                    Fussnoten
1 Dieses ist der gute Mensch, welcher, wie in der Vorrede des ersten Teils
gemeldet worden, so unglücklich gewesen, vom Post-Wagen herunter zu stürtzen,
und das Leben zu verlieren.
2 Solcher wird, Gisanders gemachter Ordnung nach, bei uns der 3te Teil werden.
 
                      Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,
                                        
                                 Dritter Teil,
                                      oder:
                                  fortgesetzte
                                        
                            Geschichts-Beschreibung
                                        
                                 ALBERTI JULII,
 eines gebohrnen Sachsens, seines, im Jahr 1730. erfolgten Todes, und seiner auf
 der Insul Felsenburg (allwo er in seinem 103ten Lebens-Jahre beerdiget worden)
          in vollkomenen Stand gebrachten Colonien, entworffen von des
                          Bruders-Sohnes-Sohnes-Sohne,
Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber zum vermutlichen Gemüts-Vergnügen
            ausgefertiget, auch par Commission dem Drucke übergeben
                                      Von
                                   GISANDERN.
                                     Vorrede.
                             Sat cito, si sat bene.
Ein jedes gutes Ding will Zeit und Weile haben,
Den, der ihm günstig ist, um desto mehr zu laben.
                                Geneigter Leser!
Mit diesem uhralten Sprichworte, überreiche ich dir hiermit, pro nunc, den
dritten und letzten Teil der Felsenburgischen Geschichte, und bringe denselben,
als ob ich, wegen des langen Aussenbleibens, mich zu schämen Ursach hätte, nicht
etwa unter dem Mantel, sondern frei und öffentlich hergetragen. Sei so gütig,
denselben erstlich mit solcher Aufmercksamkeit, als die vorigen, durchzulesen,
so wirst du mich hernach ohne allen Zweiffel entschuldiget halten, dass ich nicht
ehe damit erschienen bin. Bekandt ists, und ich hätte, wenn ich nicht eines
demütigen Geistes wäre, fast Ursach, die Backen ein wenig aufzublasen, dass
dieser dritte Teil, oder die fernerweitige Fortsetzung der Felsenburgischen
Geschichte, von vielen schon vor 2. biss 4. Jahren inständigst verlanget worden,
man ihnen aber zwar Hoffnung darzu machen, jedoch so gleich nicht damit
aufwarten können, und nimmt sich kein Bedencken, nunmehro öffentlich zu
gestehen, dass man durch falsche Nachrichten, als ob der Capitain Horn bereits
angekommen wäre, schon zweimahl betrogen, mitin angerejetzt worden, bemeldten
dritten Teil in der nächsten Leipziger-Messe heraus zu schaffen. Jedoch Sit ut
sit. Accidit in anno, quod non speratur in puncto. Nun ist er ja doch da, und
kann allen denjenigen die Mäuler stopffen, welche judicirt haben: Gisander wollte,
möchte, könnte und NB. dürffte auch wohl nicht, sich unterstehen, denselben ans
Tages-Licht zu bringen. Lächerlich ist mirs vorgekommen, dass einem Deutschen
Longobarden die Zeit, selbigen zu sehen, gar zu lang werden wollen, weswegen er,
über schon gedachte Mutmassungen, ausgesprengt, Gisander wäre gestorben, und
hätte, vielleicht aus Neid, Mons. Eberhard Julii Manuscript in seinen Sarg legen
und mit sich begraben lassen, wannenhero, um die curieuse Welt zu vergnügen,
seiner Schuldigkeit gemäss zu sein, erachtet, selbigen auszugraben, oder, welches
fast eher zu glauben, einen dritten Teil ex Koppo zu fingiren, und vor
rechtmässig auszugeben. Allein, Gisander lebet noch, und schreibt fast alle Tage,
und weil er unter seinen Kindern noch zur Zeit keinen Spurium leiden will, hätte
er zwar dessen Gestalt gern sehen und belachen mögen, würde aber denselben
ohngebrandtmarckt nicht von sich gelassen haben. Will Herr Longobardus etwas
schreiben, so hielte davor, er täte besser, wenn er sich sonst woran machte,
oder immerhin etwas fingirte, um der Welt zu zeigen, dass er keinen zugemauerten
Kopff habe, anderer Leute angefangene Arbeit aber, ehe er darzu beruffen wird,
ungehudelt zu lassen, denn es fällt ja, dem gemeinen Sprichworte nach, nicht
einmal ein Sch-eerenschleiffer, dem andern gerne ins Handwerck.
    Sonsten hat auch jemand, welcher, weil er mit einem schlechten Kahne gar
bald in die offenbare See rudern kann, (sich derowegen etwa kein Bedencken nimmt,
auch zuweilen von hohen Personen, freier, als es erlaubt ist, zu sprechen) den
zweideutigen Urteils-Spruch, über Gisandern und dessen heraus gekommene 2.
Teile der Felsenburgischen Geschichte, gefället: Ex ungue leonem; auch sonsten
davon in die Welt geschrieben, was ihm eben in den Kopff gekommen; allein, was
ist daraus zu machen, man könnte gegen dieses, den Leuten auch Sprichwörter
aufzuraten geben, e.g. Asinus apud Cumanos; wenn nur Lucianus dieses nicht so
gar deutlich erkläret hätte.
    Jedoch Schertz und alles bei Seite! Gisander ist vergnügt, dass die 2.
erstern Teile der Felsenburgischen Geschichts-Beschreibung von unzähligen
Lesern wohl aufgenommen worden, zweiffelt also sehr, dass dieser, als der Dritte
und Letzte, mit scheelen Augen angesehen, oder gar verworffen werden sollte,
ohngeachtet derselbe etwas länger, als man vermeint, aussen geblieben. Wie
schon gesagt, in der Geschicht selbst wird sich finden, dass nicht Gisander,
sondern andere Umstände daran schuldig sind, weswegen ich mich auch hier in der
Vorrede eben nicht weitläuftig defendiren und excusiren will und mag.
    Ubrigens, da nunmehro ziemlicher massen versichert bin, dass mein Vortrag
seit Anno 1730. sehr vielen Liebhabern gedruckter Historischer Sachen ganz
angenehm zu lesen gewesen, werde nicht allein auf künftige Michaelis-Messe
1736. G.G. den, in der Vorrede des Isten Teils versprochenen Soldaten-Romain,
welcher jedoch lauter wahrhafte Geschichte in sich hält, zum Vorscheine
bringen, sondern auch andere, schon parat liegende, curieuse
Reise-Beschreibungen und Lebens-Geschichte der Personen von mancherlei Standes,
kund zu machen, nicht saumselig sein. Der ich mich zu fernerweitigen Wohlwollen
recommandire, und allstets beharre
                              Des geneigten Lesers
Raptim an der Wilde,
    d. 2. Dec.
        1735.
                                                              Dienst-beflissener
                                                                       Gisander.
 
              Wunderliche FATA einiger See-Fahrer. Dritter Teil.
Die ungemeinen Freundschafts-Bezeugungen und inständiges Bitten unsers
Hertzens-Freundes, des Herrn H.W. in Hamburg, verursachten dass wir unsere
Abreise von dar nach Amsterdam, immer von Tage zu Tage weiter hinaus schoben,
wiewohl ich daselbst die wenigste Zeit müssig zubrachte, sondern meine meiste
Sorge sein liess, alles dasjenige worauf ich mich nur immer besinnen konnte, dass
es uns auf der Insul Felsenburg nützlich und dienlich sein könnte, einzukauffen
und anzuschaffen. Endlich aber da mir der Capitain Horn von Amsterdam aus, recht
ernstliche Vorstellungen tat, wie nunmehro ja nicht die geringste Zeit mehr zu
versäumen wäre, sich zur Rück-Reise anzuschicken, zumahlen da wir in Amsterdam
noch gar entsetzlich viel zu besorgen hätten, stellete ich solches meinen lieben
Vater, Schwester und andern Reise-Gefährten aufs liebreichste vor, womit ich
denn so viel auswürckte, dass sie sich resolvirten gleich morgendes Tages zu
Schiffe zu gehen. Herr H.W. wollte zwar durchaus nicht darein willigen, sondern
bat was möglich war, nur noch eine eintzige Woche bei ihm zu verharren, allein,
einmal war der Schluss gefasset, und da er sah dass es nicht anders sein konnte,
gab er sich endlich mit unaffectirter Betrübnis darein, stellte aber, um selbige
einiger massen zu vertreiben, einen herrlichen und kostbarn Valet-Schmauss an,
worbei sich Trompeten und Paucken ja fast alle Musicalische Instrumenta die nur
zu erdencken, die ganze Nacht hindurch Wechsels-weise hören liessen. Folgendes
Tages reiseten wir nach genommenen zärtlichen Abschiede, aus dieses redlichen
Freundes Behausung hinweg, nach unsern Schiffe, welcher uns nebst fast seiner
ganzen Familie und andern guten Gönnern auf etlichen Gutschen das Geleite bis
an die Elbe gab, und so lange daselbst verharrete bis wir uns völlig
eingeschifft hatten. Unsere Reise-Compagnie so zusammen gehörete, bestund aus
folgenden Personen: 1.) Mein Herr Vater. 2.) Meine liebste Schwester. 3.) Mons.
Schmeltzer, 4.) Mons. Herrmann. 5.) Ich, Eberhard Julius. 6.) Jungfer Anna
Sibylla Krügerin, 7.) Jungfer Susanna Dorotea Zornin. 8.) Meiner Schwester
Aufwarte-Magd, Barbara Kuntzin. 9.) Johann Martin Rädler der Buchbinder welcher
Mons. Schmeltzern bedienete. 10.) Christian Gebhard Ollwitz, ebenfalls ein
Buchbinder, welchen Mons. Herrmann erstlich in Hamburg zu seiner Bedienung
angenommen. 11. und 12.) Die 2 Sclaven welche mir Capit. Horn mit gegeben hatte.
    Ich kann nicht sagen dass uns etwas verdrüssliches auf der Reise bis Amsterdam
begegnet wäre, ausgenommen, dass diejenigen welche ihr Lebtage noch auf keinem
Schiffe gewesen waren, nehmlich die beiden Herren Geistlichen, die beiden
Jungfern, die Magd und denn die 2 Buchbinders, eine, wiewohl noch ziemlich
kleine See-Kranckheit, so bloss im Schwindel und Brechen bestund, ausstehen
mussten; worbei ich mich nur über die beiden Hrn. Geistlichen und den ersten
Buchbinder verwunderte, dass es ihnen eben itzo ankam, da sie sich doch auf der
Fahrt von meiner Gebuhrts-Stadt bis Hamburg, so ritterlich gehalten hatten.
    Es war der 8. Octobr. da wir alle frisch und gesund in Amsterdam bei dem
Capitain Horn anlangten, und derselbe gab mir, nachdem er uns mit erfreutem
Hertzen bewillkommet hatte, fast eine kleine Reprimande, dass ich so lange aussen
gewesen, weil er aber die Avanturen meiner Schwester in Schweden nicht wusste,
musste ich ihm Recht geben, indem ich ihm solchergestallt die grösten
Haupt-Sorgen fast einzig und allein auf dem Halse gelassen hatte.
    In Wahrheit er hatte Ursache vedriesslich zu sein, weil nicht allein die
besten Leute und Sachen, so er und ich verschrieben hatten, noch nicht halb
angekommen waren, sondern weil ihme durch einige heimliche Feinde und Missgönner
verschiedene böse Streiche gespielet worden und er bereits unter der Hand
vernommen, dass uns vor und bei der Abfahrt noch mehrere und ärgere gespielt
werden dürfften. Ich redete ihm zu, dass allhier mit einer klugen List,
sonderlich aber mit Gelde alles zu zwingen stünde, worauf er zur Antwort gab: Ja
mein Herr! wir haben allem Ansehen nach gewaltige Summen ausgegeben, hier ist
die Rechnung, von dem was ich an Barschaft unter Handen gehabt, zur Rück-Reise
brauchen wir auch Geld. Ich musste lachen über seine unnötigen Sorgen, sagte
aber Mons. Horn! hier ist meine Rechnung auch, von dem was ich in Europa
ausgegeben habe, das meiste wie ich mercke, ist schon bezahlt, und vor das
übrige was wir etwa noch brauchen, werden wohl 200000 Tlr. hinlänglich sein.
Ach ja! sprach er, allein wir brauchen noch vielmehr, ehe wir wieder nach
Felsenburg kommen. meint ihr denn, replicirte ich, dass, wie ich aus allen
Umständen und unser beider Rechnungen vermercke, wir wohl den 4ten Teil von dem
Schatze vertan hätten, welchen mir der Alt-Vater allein mitgegeben hat, des
Capitain Wodlei Kostbarkeiten ohngerechnet. Mein Rat wäre, wir kauften noch ein
Schiff und nähmen noch mehr Waaren mit nach Felsenburg, denn was hilft das, wenn
wir ihnen viel Geld, Gold, Perlen und Edle-Steine wieder zurück bringen.
    Horn sah mich starr an, ich aber lachte und sagte: Mein Herr wolt ihr mir
nicht glauben, so kommet und sehet das an, was ich nicht aus Falschheit vor euch
verhöhlet, sondern geglaubt habe, es sei euch schon bekandt und keiner fernern
Rede wert. Da ich ihm nun binnen etwa 2 Stunden alles gezeiget, wusste er sich
nicht genug zu verwundern, dass wir so viel vertan und doch so sparsam gewesen
wären. Was aber anbelangte, noch ein Schiff zu erkauffen, war sein Rat durchaus
nicht, sondern er sagte: Wir würden genung zu tun haben, wenn wir nur mit einem
Schiffe ungehudelt von Amsterdam hinweg kämen, dieserwegen dürften wir auch
etliche 1000 Tlr. Spendagen nicht ansehen, damit wir nur nach unsern Belieben
einladen dürften, was wir wollten, und gute Pasporte bekommen möchten. Uberdieses
wäre unser Schiff auch gross genung, mehr als uns committirt wäre, und als man in
Felsenburg brauchte, darauf zu laden, es sei denn dass wir mehr Vieh, als er
bereits bestellet, mit nehmen wollten, hierzu gehöreten aber auch mehr Leute, je
mehr Leute aber, je mehr Verräter und man brauchte ja ohnedem auf Felsenburg
keine andern Manns-Personen mehr, als solche Hand-Wercker und Künstler, die noch
nicht da, doch aber daselbst nötig wären.
    Nunmehro war ich seiner Meinung wohl verständiget und gab ihm in allem
Recht, nachhero beratschlagten wir, wie wir unsere Affairen per tertium
tractiren, diesem und jenem die Hände vergolden und sonsten alles anstellen
wollten, waren auch krafft unserer gelben Pfennige endlich mit grosser Mühe so
glücklich, dass wir binnen weniger Zeit, nicht allein tüchtige Pasporte, sondern
auch alles andere erhielten was wir verlangten.
    Mittlerweile, ob wir gleich die beste Beqvemlichkeit und sonsten alles
hatten was unser Hertze begehrete, so bekam doch meine liebe Schwester
ingleichen Mons. Herrmann einen Zufall vom Fieber, wurden aber bald wieder davon
befreit.
    Wenig Tage hernach geschahe das Verlöbnis meiner Schwester mit Herrn Jacob
Friedrich Schmeltzer, welches meinem lieben Vater und mir eine besondere Freude
erweckte.
    Endlich um Martini kamen unsere von andern Orten her verschriebene Sachen
fast alle auf einmal an, auch hatten sich die angenommenen Handwercks-Leute,
bereits in dem ihnen angewiesenen Wirtshause versammelt; wovon jedoch einer von
den 3 Glassmachern, die der Capitain Horn angenommen, diesen aber am meisten
getrauet, und ihn nur einmal auf seine Kammer geschickt, schelmischer weise
entlief und dem Capitain einen Beutel mit 500 Ducaten entwendete. Von alten
denen so wir mit nach Amsterdam gebracht, und die versprochen hatten zu Ende des
Augusti wieder zu kommen und noch eine Fahrt mit uns zu tun, kam kein eintziger
zurück, wir sahen es auch ganz gern, und zwar gewisser Ursachen wegen. Jedoch
die 3 Schiffs-Officiers welchen Capitain Horn monatlich ihren gewöhnlichen Sold
gegeben, weil sie so treulich bei ihm hielten und denn die 9 Sclaven, waren
diejenigen noch, die mit gekommen waren, und auch gutwillig wieder mit zurück
wollten. Oberwähnte 3 Officiers hatten auch Matrosen zur Gnüge angeworben und
sonsten alles so wohl veranstalltet, dass wir am 27 Nov. 1729. insgesammt wohl
vergnügt von dannen abseegeln konten, worbei wir das Vergnügen hatten, dass unser
besonderer Freund und Wohltäter Herr G.v.B. uns das Geleite biss Portugall zu
geben, ihn aber im Hafen Port à Port auszusetzen, sich ausbat, welches denn
auch geschahe, nachdem wir biss dahin eine sehr geruhige Fahrt gehabt.
    Noch eins hätte ich bald vergessen! Tags vorhero ehe wir abreisen wollten,
als ich meine Schwester, welche noch ein und andere Kleinigkeiten einzukauffen
willens war, an der Hand durch eine enge Strasse führete, jedoch aber von 6 des
Horns Sclaven begleitet wurde, begegnete mir ein Mensch in Betilers-Habit,
welcher so gleich die Hände über dem Kopffe zusammen schlug, fast laut zu
schreien und zu heulen anfing und sich in einen Winckel verkroch. Meinen und
meiner Schwester Gedancken nach, war es ein rasender Mensch, weswegen meine
Schwester einen Holländischen Gulden aus der Ficke zohe und selbigen diesen
Armseeligen durch einen Sclaven wollte einhändigen lassen. Indem drehete sich
dieser Elende mit dem Kopffe in etwas wieder herum, da wir denn gleich
erkandten, dass es mein Schwedischer Dollmetscher war, der mir und meiner
Schwester so viel gute Dienste getan hatte. Hierbei muss ich melden, dass ich ihm
auf der Reise seine Besoldung nicht allein redlich bezahlt, sondern auch, weil
ich ihn nicht weiter nötig zu sein erachtete, biss in meines Vaters Haus, ihm
nebst vielen Dancke, noch 50 Ducaten gegeben und gemeldet dass er nunmehro in
GOttes Nahmen wieder nach Hause reisen könnte. Mein Vater und meine Schwester
hatten ihm gleichfalls, jedes 10 Ducaten geschenckt, derowegen rieff ich voller
Bestürtzung aus: Hilff Himmel Mons. van Blac wie treffe ich euch hier also
verändert an? Ach mein Herr, gab er mit tränenden Augen zur Antwort: ich bin
der unglückseeligste Mensch von der Welt, 500 Gulden und noch ein mehreres habe
ich in wenig Wochen von eurer Generositeè proficiret und alles wohl zu Rate
gehalten, auch vor mich sonst noch 200 fl. gehabt, wormit ich mich auf die Reise
anhero gemacht, um entweder nach Ost- oder nach West-Indien mit zu gehen und mit
diesem Gelde noch ein mehreres zu erwerben, allein ich bin vor wenig Wochen
unter Mörder gefallen, welche mich nicht allein meines Geldes und meiner Kleider
beraubt, sondern auch meinem Leibe viele Wunden zugefügt, jedoch ein mitleidiger
Artzt hat diese letztern glücklich curirt, da ich aber keinen Deut im Leben
hatte, sah ich mich genötiget das Brod vor den Türen zu suchen.
    Der Mensch jammerte mich, denn es war ein artiger Kerl, der sein gut Latein,
Holländisch, Englisch, Schwedisch, Dänisch, Spanisch, Italiänisch etc. etc.
sprechen konnte, derowegen befahl ich einem Sclaven diesen Menschen so lange in
unser Qvartier zu führen und wohl zu verpflegen, biss wir wieder nach Hause
kämen, welchem Befehle dieser so gleich gehorchte. Meine Schwester expedirde
ihre Sachen bald, sagte aber im zurückgehen: Mein Brüderchen, wenn dieser arme
Mensch will, so bitte ich euch, nehmet ihn aus Barmhertzigkeit mit nach
Felsenburg. Mein Hertz! gab ich zur Antwort wenn es euer Liebster und der
Capitain Horn vor ratsam halten, nehme ich ihn gern mit, zumahlen da ihr vor
ihn bittet.
    So bald wir in unser Logis kamen, sahen wir dass nicht allein alle unsere
Leute, sondern auch der Capitain, Herr Schmeltzer und Herr Herrmann um den
Armseeligen herum stunden. Der Capitain hatte ihm etwas Bisqvit und Wein geben
lassen woran er sich labte; indem aber ich mich nur blicken liess, sagte der
Capitain: Monsieur wenn es euch gefällig ist, wollen wir diesen Menschen mit
nach Felsenburg nehmen, denn Herr Schmeltzer meint, dass er wegen der vielen
Sprachen die er ex fundamento verstehet, einen guten Præceptorem abgeben könnte.
So ist, versetzte ich, meiner Schwester Bitte erfüllet. Horn lachte und sagte:
so ist dieses bejammerns-würdigen Menschen Wunsch erhöret, derowegen will ich so
gleich auf den Trödel schicken und ihm das beste Kleid so da ist, bringen
lassen, denn wir haben keine Zeit ihn neu zu kleiden. Augenblicklich schickte er
fort, ich und meine Schwester aber wandten uns zu dem Mons. van Blac und
fragten: ob er mit uns nach Ost-Indien fahren wollte? Ach! seufzete er, wenn ich
so glücklich sein könnte mein Leben in Dero Diensten zu enden. Wir wollen euch,
gab ich ihm zur Antwort, nicht zu unsern Diener, sondern zu einem Mit-Genossen,
unsers, mit GOtt zu hoffen habenden Glücks und Vergnügens machen, auch eure
zeitliche Wohlfahrt möglichstens befördern. Er küssete hierauf meinem Vater,
mir, meiner Schwester und dem Capitain Horn die Hände und versprach, daferne er
in unserer Gesellschaft mit reisen dürffte, so bald es von ihm verlangt würde,
den Eyd der Treue abzulegen. Bald hernach kamen verschiedene Kleider, der
Capitain Horn kauffte ein rotes, und noch ein braunes, welche beiden ihm am
besten passeten, und also war unser Mons. van Blac wieder ein Kerl, der Abends
mit bei uns zu Tische sitzen konnte, indem wir uns seiner Gelehrsamkeit und guter
Conduite wegen, auch seiner Person gar nicht zu schämen hatten. Sonsten war er
ein Mensch von ohngefähr 30 Jahren, sah wohl aus von Gesichte, und ob ihm schon
die Mörder bei letzterer Rencontre 2 Hiebe ins Angesichte gegeben hatten, so
hatte er doch sonsten an den Gliedern welche ebenfalls blessirt worden, nicht die
geringste Lähmung.
    Ich habe mich nicht umsonst bemühet, diese geringscheinende Avanture so
weitläufftig zu erzählen, denn der Verfolg dieser Geschichte wird zeigen, dass
van Blac nachhero bei unserer Gesellschaft und ganzem Geschlechte eine recht
bemerckens-würdige Person worden und man dabei die sonderbare Führung des
Verhängnisses zu betrachten Ursache habe. Jedoch wieder auf unsere Reise zu
kommen, so hatten wir, nachdem Herr G.v.B. nebst seinen Sachen im
Portugiesischen Hafen Port a Port ausgesetzt war, von dar biss zu den Canarischen
Insuln die allerangenehmste Fahrt, weswegen ich eines Tages meinen Vater
ersuchte, mich doch zu berichten, wo er sich nach seinem gehabten Unglücke An.
1725. hingewendet, und wie es ihm sonsten unter der Zeit ergangen? Es war
derselbe bereit mir zu willfahren, sagte aber, weil seine Fatalitäten eben keine
besondern Geheimnisse wären, so dürfften meine Schwester, der Capitain Horn, und
die beiden Geistlichen, wie auch van Blac dieselben wohl mit anhören, weswegen
ich jetzt gemeldte Personen insgesammt in unsere Kammer beruffte, worauf mein
Vater also zu reden anfing: Von dem kläglichen Schicksale meiner Vor-Eltern
könnte ich eine weitläufftige und vielleicht nicht unangenehme Erzählung machen,
auch selbige mit glaubwürdigen alten schrifftlichen Urkunden erweisslich machen,
allein es mag solches biss auf eine andere Zeit versparet bleiben, und ich will
voritzo nur von meiner eigenen Person, auch gehabten Glücks- und
Unglücks-Fällen, so kurtz als möglich Bericht erstatten, damit doch ein jeder
von ihnen recht wisse wer ich sei und wie das Schicksal mit mir gespielet hat.
    Mein Nahme ist Franz Martin Julius, geboren d. 13 Jun. 1680 und zwar von
solchen Eltern, die eben nicht reich, jedoch bei jedermann ein gutes Gerüchte
hatten, denn mein Vater Christianus Julius war Steuer- und Zoll-Einnehmer im
Lüneburgischen, muss sich aber nicht viel Sportuln dabei gemacht haben weil meine
Mutter nach dessen Tode ausser den standes-mässigen Meublen vor sich, mich und 2
Schwestern, kaum 600 Tlr. baar Geld aufzuweisen hatte, jedoch war dabei noch
ein eigenes Häussgen und etwas Feld, welches ohngefähr auf 1000 Tlr. geschätzt
werden konnte, hergegen hatte meine Mutter 800 tlr. baar Geld eingebracht.
    Mein seeliger Vater starb An. 1694. da ich 14 Jahr alt war, und also vor
mich noch viel zu frühzeitig. Folgendes Jahr darauf folgte ihm meine jüngste
Schwester im Tode nach, da sie nur 12. Jahr alt war und bald hernach
verheiratete sich meine Mutter mit demjenigen wieder, der meines Vaters Dienst
bekommen hatte, behielt auch mich und meine ältere Schwester Doroteen Sibyllen
bei sich, indem der Stief-Vater ein sehr gütiger Mann war, mich nicht allein
fleissig zur Schule hielt sondern auch täglich selbst etliche Stunden privatim
informirte endlich aber in eine grosse Stadt zu einem vornehmen Kauff- und
Handelsmanne, um bei selbigen die Handlung zu erlernen, brachte, auch
hinlängliche Caution vor mich machte. Ich führete mich zeitwährenden meinen
Lehr-Jahren, ohne Ruhm zu melden, so auf, dass mein Herr und meine Eltern wohl
zufrieden mit mir waren; sonsten aber passirte mir in meinen Lehr-Jahren dieser
notable Streich: eines Abends da mein Herr sich mit etlichen frembden
Kauff-Leuten in einem Wein-Hause befand, musste ich mit der Laterne dahin gehen,
denselben nach Hause zu leuchten, allda hörete ich nun verschiedene
Handels-Gespräche, ein eintziger frembder Kauffmann aber, sass beständig in sehr
tieffen Gedancken, weswegen mein Herr, der vom Weine ein wenig lustig worden
war, aufstund, ihn auf die Schulter klopffte und sagte: betrübet euch nicht,
mein Herr! vor der Zeit, denn das Schiff kann noch glücklich zurück kommen. Ja
ja! antwortete jener, mein Herr! wollet ihr mir 10000 gegen 20000 setzen. Mein
Patron war ein ungemein reicher Mann und gar gewaltiger Hazardeur, weswegen er
ohne langes Bedencken heraus fuhr: Wa topp! kömmt das Schiff mit der Ladung
zurücke, so zahlet ihr mir 20000 Tlr. ist es verloren gegangen, so zahle ich
euch 10000 Tlr. Der Frembde liess sich ebenfalls nicht lange nötigen, sondern
schlug zu, die andern mussten Zeugen sein, der Contract wurde mit wenig Zeilen
errichtet und behörig unterschrieben, hierauf ging ein jeder seines Weges.
    So bald mein Herr in die freie Luft kam, mochte ihm anders zu Mute werden,
denn er sprach zu mir: Franz! was habe ich gemacht, 10000 Tlr. ist eine schöne
Summa, aber 20000. ist gleich noch einmal so viel. Meine Antwort war: Das ist
gewiss, allein mir stehen alle Haare zu Berge, wenn ich daran dencke; Ach wollte
doch der Himmel dass das Schiff wieder käme! Das müssen wir erwarten, versetzte
er, kömmt es nicht, so bin ich deswegen noch lange nicht ruinirt, kömmt es aber
so solst du vor deinen guten Wunsch, 1000. Tlr. von meinem Gewinste haben. Ich
glaubte nicht dass es Ernst wäre, dachte aber doch, dass, wenn das Schiff käme,
mir mein Patron vor die Worte so er in Trunckenheit gesprochen, wenigstens ein
neues Kleid schencken würde, schloss derowegen dieses Schiff allezeit mit in mein
Morgen- und Abend-Gebet, seufzete auch öffters bei Tage im Laden: Ach GOtt!
hilff doch, dass das Schiff glücklich zurück kömmt; welches, wie mir mein Herr
nachhero erzählet, er öfters gehöret und heimlich darüber gelacht hat. Etwa 8
Wochen darnach schreibt mein Herr ohne mein Wissen an meine Eltern, dass beide,
oder wenigstens Eins von ihnen auf seine Unkosten zu ihm kommen sollten, weil er
etwas notwendiges mit ihnen zu sprechen hätte. Meine Eltern erschrecken und
meinen, dass ich etwa gar zum Schelme geworden wäre, setzen sich derowegen beide
auf einen Wagen und kamen in meines Herrn Haus. Es war eben Zeit zur
Mittags-Mahlzeit, weswegen sie mein Herr so gleich zu Tische führete, jedoch bei
Tische von lauter indifferenten Dingen redete, nach der Mahlzeit aber in sein
Cabinett ging, einen grossen Sack voll Geld heraus brachte und sagte: Meine
lieben Freunde! ich bin so glücklich gewesen, auf ein vor verloren gehaltenes
Schiff, durch Wetten, 20000 Tlr. zu gewinnen, und habe mich, da ich dieselben
vor etlichen Tagen ausgezahlt bekommen, erinnert, dass ich ihrem Sohne, meinem
Frantz 1000 Tlr. davon versprochen, alldieweiln er sein redlich Hertze bisher
in allen Stücken gegen mich gezeiget, hier sind die 1000 Tlr. man kann ihm
dieselben auf Zinsen austun, biss er mit GOtt seine eigene Handlung anfängt.
    Es wird leichtlich zu glauben sein dass meine Eltern und ich anfänglich von
Bestürtzung und Freude eingenommen, gäntzlich verstummeten, endlich aber da mein
Patron mit Lächeln zu mir sagte: Nun wie stehets? Frantz, bin ich nicht ein Mann
der sein Wort redlich hält, und meinst du nicht, dass dir dieses Geld einmal
eine gute Beihülffe sein kann, eine eigene Handlung anzufangen? brach endlich das
Band meiner Zunge, ich küssete ihm die Hand und danckte mit den verbindlichsten
Worten vor so ein grosses unverhofftes Geschencke, meine Eltern spareten
gleichfals nichts, ihre schuldigste Danckbarkeit meinetwegen zu erkennen zu
geben, baten aber den Patron, doch selber die Güte zu haben und diese Gelder
auf Zinsen auszutun, welches er sich denn nicht wegerte, ihnen hingegen eine
schriftliche Obligation auf 1000 Tlr. gab. Mein gütiger Patron beschenckte mich
nachhero mit noch allerlei Sachen deren ich bedürftig war, denn die Generositée
schien ihm angebohren zu sein, bei so vielen Mitteln aber die er hatte, wunderte
sich ein jeder, dass er nicht geheiratet, auch nicht heiraten wollte, sondern
seine Schwester die eine alte Jungfer war, führete die ganze Wirtschaft, im
Gewölbe aber befanden sich 3 Diener und 2 Lehrlinge unter welchen ich des
Patrons Vertrauter war.
    So bald meine Lehr-Jahre überstanden waren, recommandirte mich mein Patron
in die berühmte Handels-Stadt D. an einen Kaufmann, welcher einen erstaunlichen
Verkehr hatte, und ich war noch kein Jahr bei diesem meinem neuen Herrn gewesen,
als derselbige meine Fähigkeit merckte, auf meine Treue ein grosses Vertrauen
setzte, dannenhero mich in seinen Negotiis erstlich nach vielen berühmten
Handels-Städten Deutschlandes, nachhero auch nach Russland, Polen, Schweden,
Dänemarck, Holland, Engelland, Portugall, Spanien, Franckreich und Italien
verschickte, da ich denn so glücklich war, das mir aufgetragene jederzeit ihm
zum Vergnügen auszurichten, weswegen ich mir denn, weil ich sehr sparsam lebte,
auf meinen Reisen nicht allein ein gut Stück Geld sammlete, sondern auch von
meinem Herrn zum öftern reichlich beschenckt wurde.
    Endlich, da An. 1705. ein Handelsmann in selbiger Stadt verstarb und nebst
seiner 70 Jahr alten Frauen nur einen eintzigen Sohn hinterliess, welcher ein
vornehmer Rechts-Gelehrter war und in einem honorablen Amte sass, begieng dieser
mein Patron die Redlichkeit an mir, dass er mir nicht allein behülflich war diese
Handlung anzutreten, sondern auch schon gemeldten Rechts-Gelehrtens Tochter zu
heiraten, mit welcher ich ein schön Stück Geld überkam, so dass ich im Stande
war, mit meinem bisherigen Hrn. und Patron in Compagnie zu handeln.
    Durch unermüdeten Fleiss, vornehmlich aber durchs Glück und GOttes Seegen,
wurde ich in wenig Jahren einer der stärcksten Handels-Leute in D. so dass meinen
nunmehrigen Compagnon sehr weit übersehen konnte, doch war dieser deswegen nicht
neidisch, sondern blieb mein vertrauter Freund, weswegen ich ihn denn zu
verschiedenen mahlen mit gewaltigen Geld-Summen secundirte.
    Mit meiner Liebste lebte ich von Anfange an, bis zu ihrem Tode, in der
allervergnügtesten Ehe, denn sie war sehr schön, tugendhaft, sonsten aber von
sehr zärtlicher Leibes-Beschaffenheit. Die Pfänder unserer Liebe sind dieser
mein Sohn Eberhard Julius, welchen sie mir An. 1706. den 12 May, und diese meine
Tochter Juliana Louise, die sie den 7 Nov. 1709. zur Welt gebahr.
    Wie nun aus allen dem was ich bisher erzählet genungsam abzunehmen, dass mir
das Glück in allen Stücken sehr gewogen gewesen und ich binnen so viel Jahren
wenig Verdruss, vielmehr recht guten Genuss gehabt und vollkommen vergnügt leben
konnte, liess ich doch meinen Fleiss in der Handelschaft gar nicht sincken, die
Haupt-Sorge aber war, meine beiden Kinder, welche von ihrer Mutter
hertzinniglich geliebt wurden, recht wohl zu erziehen, weswegen ich ihnen denn
von Jugend auf eigene informatores hielt, die sie im Christentume und andern
Wissenschaften unterrichten mussten. Unter allen hat mich keiner besser
vergnügt, als der redliche Hr. Mag. Ernst Gottlieb Schmelzer, dem GOtt heute in
Felsenburg einen guten Tag gebe. Er war 4 Jahr lang und zwar von 1716 biss 1720
bei mir und wäre ohnfehlbar länger geblieben, wenn ihm nicht unruhige Köpffe
hinweg gesprengt hätten. Jedoch die Vorsicht des Himmels hat es vielleicht mit
Fleiss also fügen wollen. Inzwischen fing das Glück, welches mich bisher so
freundlich angelacht, auf einmal an, mir die empfindlichsten Streiche zu
spielen, denn An. 1724. am 16 Apr. raubete mir der Tod meine hertzgeliebteste
Ehe-Gattin in Kindes-Nöten sammt der getragenen Leibes-Frucht. Mein Compagnon
dem ich gar gewaltige Summen zugeschossen, wurde Banqverot und blieb über 2
Tonnen Goldes schuldig, weil er in gewissen Stücken allzuviel hazardirt hatte,
wiewohl was will ich von ihm sagen, ich war ja selbst ein Narre und hatte mich
in den Actien-Handel dergestallt vertiefft, dass ich bei deren damahligen Verfall
auf die 100000 Frantz-Gulden einbüssete. Alles dieses aber hätte mich dennoch
nicht in gäntzlichen Verfall gebracht, wenn nicht die letzte Hiobs-Post gekommen
wäre, dass, das mehrenteils auf meine eigene Kosten nach Ost-Indien ausgerüstete
Kauffartei-Schiff an den Africanischen Küsten von den See-Räubern erobert und
ausgeplündert worden. Diese schlug meine Courage und Credit auf einmal völlig
darnieder, weswegen ich mich gemüssigt sah, Haus, Hof, Gewölbe, Stadt und alles
mit dem Rücken anzusehen, demnach nahm ich meine Barschaften und kostbaresten
Sachen zusammen, liess das übrige alles in Stiche, schaffte aber vorhero meine
alhier gegenwärtige Tochter mit 2000 Frantz-Gulden nach Schweden zu einer
Anverwandtin von ihrer Mutter, meinem Sohne, der damahls auf der Universität zu
Leipzig studirte, schickte ich nebst einem lamentablen Briefe, worinnen ich ihm
mein zugestossenes Unglück vermeldete, eben so viel und trat ohne jemands
Vermercken eine Reise nach Portugall an, um von dannen mit einem guten Freunde
und Correspondenten die Tour entweder nach Ost- oder West-Indien zu tun, und zu
probiren, ob ich daselbst mein verlohrnes Glück wieder günstiger, oder den Todt
finden könnte.
    Ich machte mir kein Bedencken, meinem Portugiesischen Freunde und bisherigen
starcken Correspondenten, der sich Don Juan d'Ascoli nennete, meine gehabten
Unglücks-Fälle ausführlich zu erzählen, zeigte ihm auch mein überbliebenes
Capital, worauf er so gütig war, noch eine starcke Summe darzu zu schiessen und
noch ein Schiff vor mich in Beschlag zu nehmen, auch mit mir in Compagnie der
Flotte, welche jährlich von den Portugiesen nach Brasilien geschickt wird, dahin
abzuseegeln.
    Die Fahrt war diesesmahl sehr vedriesslich wegen der vielfältigen Stürme,
doch endlich langeten wir glücklich in der ungemein grossen Bay vor S. Salvator
an, welche sehr tief, aber sehr beqvem und sicher ist, es könten auch wohl auf
die 2000 Schiffe, einander ohngehindert, darinnen liegen. Wir stiegen aus und
nahmen unser Qvartier in der Stadt, welches die Haupt-Stadt in ganz Brasilien
dabei sehr gross, treflich gebauet, reich und mit 3 Castellen wohl verwahrt ist.
Die Einwohner sind dem Fressen, Sauffen und allen andern Wollüsten ungemein
ergeben, bekümmern sich wenig um die Arbeit, sondern ihre Sclaven müssen alles
besorgen, weil die meisten Haus-Wirte ungemein wohl begütert sind, dannenhero
war es mein besonders Glücke, dass ich in Portugall mein Geld an solche Waaren
gelegt, die solchen wollüstigen Leuten in die Augen fielen, und dieserwegen
konnte ich in kurtzer Zeit alles mein mitgebrachtes zu Gelde machen und einen
wichtigen Profit ziehen, welchen ich denn nebst dem allermeisten meines Capitals
wieder anlegte und Ambra, Toback, Balsam, Saffran, Baumwolle auch etwas von
Jaspis und Crystall, meistenteils aber Zucker darvor kauffte, als woran ich in
Europa einen gewaltig starcken Profit vor mir sah, auch sicher glauben konnte,
dass ich bei nahe die Helffte von meinen Verlohrnen wieder erworben, mitin
wünschte, dass wir nur bald wieder abfahren möchten, indem ich gesonnen war, noch
ein oder 2 Touren nach Brasilien zu tun, in Hoffnung dadurch wieder in meinen
vorigen Stand zu kommen und alle meine Kreditores biss auf den letzten Heller zu
bezahlen.
    Ohngeacht ich dasiges Orts nicht der geringste Handelsmann unter allen
Mitgereiseten war, hatte ich doch das Glück, mich am allerersten expedirt zu
haben, da wir aber nicht ehe als mit der Flotte abseegeln konten, wurde mir die
Zeit ungemein lang. Es wollten mich zwar einige Wage-Hälse immer bereden, tieffer
mit ins Land hinnein zu gehen, indem wir ein und andern wilden eingebohrnen
Brasilianern verschiedene Kostbarkeiten an puren Golde und dergleichen umsonst
abzwacken und uns damit bereichern könten; allein ich hatte keine Lust darzu,
sondern war vergnügt mit dem was ich schon hatte, und wollte mein Leben nicht in
Gefahr setzen, indem mir die Einwohner zu St. Salvator erzähleten: dass die
tieffer im Lande wohnenden Brasilianer würckliche Menschen-Fresser wären, sie
schlachteten die Gefangenen gleich dem Viehe ab, wüsten von keiner Religion, ja
sie hätten in ihrer ganzen Sprache kein eintzig Wort welches einen GOtt
bedeutete; beteten hergegen den Teuffel an und erholten sich bei demselben
Rats, jedennoch hätte man an ihnen wahrgenommen dass sie ihre Seelen vor
unsterblich hielten. Sie wohneten nicht in Häusern, sondern in blossen
Lauber-Hütten, schlieffen nicht in Betten, sondern in Netzen, und ihre
gewohnliche Speise bestünde aus Brod, welches aus dem Meel einer Wurtzel
Mendioca genandt, gebacken würde.
    Alles dieses jagte mir so viel Schrecken ein, dass ich allen denen so mich
zum Partei gehen mit nehmen wollten, abschlägige Antwort gab; es blieb auch in
Wahrheit mancher ehrlicher Mann von den mitgekommenen Europäern bei solchen
Parteigängereien aussen, der vielleicht von den wilden Brasilianern ist
gefressen worden.
    Hergegen blieb ich mehrenteils zu Hause in meinem Logis, bat dann und wann
gute Freunde zu mir, die meiste Zeit aber vertrieb ich mit Bücher lesen oder mit
Grillen über meine Fatalitäten, hierbei pressete mir das Angedencken über meine
zurück gelassenen lieben Kinder zum öfftern viele 1000 Tränen aus.
    Eines Tages kam ein junger Kauffmann, der ein gebohrner Schwede, eben nicht
allzu fein von Gesichte doch jederzeit sehr gefällig gegen mich gewesen war,
unverhofft auf meine Kammer und traff mich in der grösten Bestürtzung an, denn
ich weinete eben und die 3 Contrafaits, als meiner seel. Liebste und dieser
meiner beiden Kinder lagen vor mir auf dem Tische. Ich gab meinen Aufwärter so
gleich Befehl, ein und anderes herbei zu bringen, um diesen jungen, jedoch sehr
reichen Schwedischen Kauffmann behörig zu bewirten; mitlerweile wirfft dieser
seine Augen auf die Contrafaits und fragte so gleich: Mein Herr! was sind das
vor Bildnisse? Dieses erste sagte ich, ist meine ohnlängst verstorbene Liebste,
die andern beide stellen meine 2 zurück gelassenen Kinder vor. Ihr habt, gab der
Schwede darauf, eine sehr schöne Frau gehabt, aber die Tochter ist noch weit
schöner, wo befindet sich dieselbe? Voritzo, war meine Antwort, in Stockholm bei
meiner Befreundtin. Glückseelig ist mein Vaterland, sprach er, eine solche
seltene Schöne in sich zu haben. Ihr schertzet oder flattiret sehr, mein Herr
sagte ich, denn da ich 2 mahl in Schweden gewesen bin, so kann versichern, dass
ich weit schönere Gesichter darinnen angetroffen habe. Hierauf lenckte ich den
Discours auf Handlungs-Affairen, der Schwede aber schien mir auf einmal ganz
melancholisch zu werden, welches er dem getrunckenen Coffeè Schuld gab,
derowegen ich ihm ein gut Glas Wein vorsetzte. Er trunck davon, sagte aber: mein
Herr ihr habt einen recht guten Wein, aber so gut ist er doch nicht als der
Canari, von welcher Sorte ich eine ziemliche Qvantität in meinem Logis liegen
habe, weil es noch sehr hoch am Tage, so seid so gütig, mit mir dahin zu
spazieren, zumahlen da es nicht gar weit ist.
    Auf oft wiederholtes Bitten liess ich mich endlich bereden mit ihm in sein
Logis zu gehen, allwo ich fand, dass er nicht gelogen, sondern einen ganz
vortreflichen Wein hatte. Er erzeigte mir alle nur erdenckliche Höflichkeiten,
gab mir Nachricht von seinem ganzen Zustande und Wesen, zeigte eine gewaltige
Menge Säcke die mit Gelde angefüllet waren, (dergleichen ich in meinem
Wohlstande auch wohl so viel, und wohl noch mehr beisammen gehabt hatte)
Summarum er offenbahrete mir sein ganzes Hertze, weswegen ich bei dem guten
Weine endlich auch treuhertzig wurde und ihm ebenfals mein ganzes Hertze
offenbahrete. So bald er solchergestalt alles von mir erfahren, sagte er: Mein
Herr! ich habe mehr, als ein vernünftiger Mensch in der Welt vertun kann, bin
also im Stande euch so viel vorzuschiessen, als ihr vonnöten habt eure Schulden
völlig zu bezahlen und die Handlung von neuen anzufangen, bin auch bereit, euch
so gleich 50000 Tlr. auf eure Handschrift zu zahlen, daferne ihr versprecht,
mir eure schöne Tochter, deren Portrait ich heute gesehen, zum Ehe-Gemahl zu
geben. Ich bitte euch, mein Herr! gab ich zur Antwort, fanget keine Sache an die
euch etwa hernach gereuen möchte, sehet doch erstlich die Person selbst an, ob
sie so beschaffen, wie sie der Mahler abgeschildert. Es ist zwar wahr, sagte
Peterson, dass die Mahler zuweilen flattiren, allein ich fühle in meinem Hertzen,
nachdem ich das Bild erblickt, ganz besondere Regungen und bin zufrieden, wenn
die Person nur halb so schöne, als sie abgeschildert ist. Ich gab mir viele
Mühe, ihm diesen so plötzlich aufsteigenden Liebes-Appetit zu verweisen, biss wir
wieder nach Europa kämen; da ich denn selbst mit ihm nach Stockholm reisen und
ihm meine Tochter persönlich zeigen wollte, allein er liess nicht ab, biss er mir
50000 Tlr. gegen eine blosse Handschrift so zu sagen aufgedrungen und den
väterlichen Consens von mir erpresset hatte. Mit der Braut getrauete er sich
bald fertig zu werden, inmassen sich, seinen Gedancken nach, ein Frauenzimmer
durch kostbare Geschencke am allerleichtesten zur Liebe bewegen liesse.
    Da ich nach Hause kam, waren die 50000 Tlr. schon daselbst, worbei einer
von seinen Dienern die Wache hielt, und folgenden Morgen kam Peterson ganz
früh, trunck mit mir Tèe und respectirte mich von nun an schon wirklich als
seinen Schwieger-Vater, bat sich aber inständig das Bildnis meiner Tochter aus,
allein ich schlug ihm solches rotunde ab und gab vor ich hätte geschworen, diese
3 Bildnisse mit Willen nicht von mir kommen zu lassen, so lange ich lebte und
wenn mir auch jemand eine Tonne Goldes darvor geben wollte. Solchergestalt war er
nur damit vergnügt, dass ich die 3 Bilder in meiner Kammer an die Wand anheftete
und ihm die Erlaubnis gab, so oft als ihm beliebte zu mir zu kommen.
    Die 50000 Tlr. legte ich an Zucker, Brasilien-Holtz, Tier-Häute und andere
Brasilianische Waaren, wurde also von neuen ein ziemlich starcker Marchandeur.
Don Juan d'Ascoli der Portugiese war noch beständig mein getreuer Freund, ich
hielt aber doch eben nicht vor ratsam, ihm das geheime Commercium zu eröffnen,
welches ich mit Peterson hatte, ohngeacht wir 3 fast täglich beisammen waren.
    Endlich da die Zeit kam, dass sich die Flotte wiederum Seegel-fertig machte,
nach Europa zurück zu gehen, teilten wir 3 guten Freunde, unsere Waaren auf 3
Schiffe, damit wenn ja eines von denselben verunglückte, der Schade vor einen
allein, doch nicht so gross sein möchte. Don Juan d'Ascoli blieb auf einen, der
Schwede Peterson aber blieb mit einem seiner Bedienten bei mir in meinem Schiffe
und wollte sich durchaus nicht von mir trennen, um vielleicht nur das Vergnügen
zu haben, sein geliebtes Bild täglich etliche mahl anschauen zu können.
    Wir kamen, ohne einzigen Verdruss auszustehen glücklich wieder zu Lissabon
an, allwo ich einen ziemlichen Teil meiner mitgebrachten Waaren mit gutem
Profite zu Gelde machte, dem Don Juan d'Ascoli seinen Vorschuss und die
Fracht-Gelder davon bezahlete, das übrige aber in Petersons Schiff einschiffte
und mit demselben die Reise nach Schweden antrat um entweder unterweges oder in
Schweden selbst, meine übrigen Waaren zu verkauffen. Vorhero aber hatte ich mit
Don Juan d'Ascoli Abrede genommen, gegen die Zeit da die Flotte wieder nach
Brasilien abginge, auch wieder bei ihm zu sein und noch eine Fahrt mit ihm zu
tun, woraus er denn sich ein grosses Vergnügen zu machen schien, ich aber hatte
angemerckt, dass er sehr gern mit mir in Gesellschaft sein mochte, zumahlen da
ich der Portugiesischen Sprache ziemlich mächtig war.
    In Engel- und Holland, als bei welchen beiden Ländern, wir Petersons
Affairen wegen anländeten, hätte ich meine übrigen Waaren mit ziemlichen Profit
los werden können, allein Peterson wiederriet es mir und stellete vor, dass weil
ich ja die Fracht bis Schweden frei hätte, ich daselbst oder in Dänemarck meine
Waaren ungemein profitabler verhandeln könnte, weswegen ich ihm denn in diesen
Stück Folge leistete und nachhero in der Tat befand, dass ich nicht übel getan,
sondern in Schweden mit denselben 2 pro Cent mehr erwarb, als ich in
Engell-Holl- und Deutschland erworben hätte. Jedoch auf die Haupt-Sache zu
kommen, so war dieses des Petersons allererstes Verlangen, so bald wir in
Stockholm angekommen waren, ihm meine Tochter zu zeigen, wie nun dieses nicht zu
versagen stunde, so nahm ich ihn gleich des ersten Tages mit in unserer
Befreundtin Behausung, bei welcher sich dieselbe aufhielt und über meine
Gegenwart vor Freuden fast aus sich selbst gesetzt wurde, hergegen wurde auch
Peterson von närrischer Liebe ganz entzückt, und wenn ich es recht sagen soll,
halb ausser Vernunft gesetzt. Ich wollte mein Logis bei meiner Befreundtin und
Tochter erwählen, allein Peterson liess mit Bitten nicht ab, dass so lange wir uns
in Stockholm aufhielten, ich ihm das Vergnügen gönnen möchte, mich in seinen
Logis zu bedienen, weswegen ich endlich versprach seinen Willen zu erfüllen.
Peterson machte sich gleich bei dieser ersten Visite viel Mühe, meiner Tochter
Gegengunst zu erwerben, ich aber hielt noch zurück und wollte zum ersten mahle
nichts von der vorseienden Heirat melden, erkundigte mich aber folgende Tage
bei andern vornehmen Kaufleuten um Petersons ganzes Wesen, welche mir
einstimmig dasjenige sagten, was ich von ihm selbst gehöret, wie er nehmlich als
der eintzige Erbe seines vor wenig Jahren verstorbenen Vaters, einer der
stärcksten Capitalisten unter allen Handels-Leuten in ganz Schweden wäre, seine
ordinaire Wohnung aber in Nyköpping und nicht weit von selbiger Stadt ein
vortreffliches Ritter-Gut in Besitz hätte. Hierauf begab ich mich zu meiner
Tochter und tat ihr in Beisein ihrer Baase den Vortrag, ob sie wohl gesonnen,
den Herrn Peterson welchen ich vor einigen Tagen mit zu ihr gebracht zum
Ehe-Gemahl anzunehmen, machte ihr auch eine Beschreibung von dessen ganzen
Wesen und grossen Reichtümern, allein, da meine Tochter von der Ehe hörete,
schien es nicht anders als ob sie von einem Schlag-Flusse gerühret wäre und die
Frau Baase schrye: Ums Himmels willen, Herr Schwager, weg mit dem hässlichen Kerl
und wenn er 1000 Millionen im Vermögen hätte. Nachdem ich aber meine Tochter
alleine auf die Seite gezogen, stellete ich ihr vor, wie dass man im Heiraten
nicht allein auf die Schönheit des Gesichts und Leibes, sondern weit mehr auf
ein redlich Gemüte und gutes Auskommen sehen müste, welches von beiden
letztern, bei Peterson vollkommen anzutreffen, indem ich seit der und der Zeit
nichts lasterhaftes an ihm verspüret; allein die arme Kreatur fing bitterlich an
zu weinen, zumahl da sie aus meinen Reden verspürete, dass es mein ernstlicher
Wille sei und ich mir dadurch aus meinen Nöten zu helffen gedächte; bat sich
aber wenigstens einen Monat Bedenck-Zeit aus, welche ich ihr denn nicht
abschlagen konnte, dem Peterson dessen benachrichtigte und ihm die Freiheit liess,
seine Werbung selbst anzubringen, indem er meinen väterlichen Consens zwar
völlig hätte, ich aber doch meine Tochter, welche biss dato noch keine Lust zum
Heiraten bezeugte, mit Gewalt darzu zu zwingen gar nicht gesonnen wäre, sondern
ihm viellieber seine mir vorgeschossenen Gelder cum Inresse so gleich wieder
baar bezahlen und mein Glück weiter suchen wollte.
    Peterson wollte hiervon nichts hören, sondern blieb bei seinem Versprechen,
mir mit mehr als noch einmal so viel an die Hand zu gehen, übrigens sollte ich
ihn nur walten lassen, denn ob er gleich wisse, dass er meiner Tochter nicht
galant genung in die Augen fiele, so würde sich doch durch öfftern Umgang und
andere honetten Vorteile deren sich ein Verliebter gebrauchen müste, mit der
Zeit alles geben. Demnach liess ich ihm die Freiheit, sie täglich im Beisein
ihrer Baase zu sprechen und erfuhr selbst von ihm, dass meine Tochter ihm zwar
täglich höflicher und freundlicher, aber noch gar nicht verliebt begegnete,
weswegen er jedoch noch die allergröste Hoffnung hätte ihr Hertz zu besiegen.
    Bei diesem allen versäumete ich, wie schon gemeldet, keine Zeit, den Rest,
meiner aus Brasilien mitgebrachten Waaren los zu schlagen und da ich vollkommen
damit fertig war, auch ein gut Stück Geld in der Hand hatte, machte ich mich zur
Abreise nach D. fertig, nahm meine Tochter noch einmal vor und erklärete
derselben, wie es nur auf sie allein ankäme, mich wieder in vorigen Stand zu
bringen, darum sollte sie, wo es möglich wäre, diese Partie nicht ausschlagen,
und was dergleichen mehr war. Sie versprach mit weinenden Augen, ihren Sinn nach
meinen Willen einzurichten, ich sollte nur die ganze Sache nicht so gar eilig
treiben, weiln ja Peterson von selbst so raisonable gewesen, ihr noch einige
Frist zu verstatten. Hierauf nahm ich von allen mit recht bangen Hertzen
Abschied, und bekam von Peterson das Versprechen mit auf den Weg, dass, wenn mir
noch mit 50 oder mehr 1000 Tlr. gedienet, er mir selbige durch Wechsel
übermachen wollte, jedoch ehe ich noch fort reisete, besann er sich dahin und
zahlete mir ohne mein Verlangen noch 25000 Tlr. baar Geld, welches er eben
selbiges Tages aus Franckreich übermacht bekommen hatte. Wiewohlen nun dieses,
nebst meinen eigenen Geldern noch lange nicht hinlänglich war, alle meine
Schulden zu bezahlen, so hatte doch die sicherste Hoffnung, meine meisten
Kreditores mit halben Gelde und ganzen guten Worten ad interim zu befriedigen
und mich aufs neue in Credit zu setzen.
    Peterson liess mich auf seinem eigenen Schiffe nach D. bringen und gab mir 2
von seinen getreusten Handels-Dienern mit, dergestalt langete ich ganz
glücklich jedoch ganz unerkandt daselbst an, und trat bei meinem sonst immer
gewesenen allergetreusten Freunde Herrn O.** ab, liess auch alles mein Vermögen
in seine Behausung schaffen. Dieser redliche Mann verwunderte sich ziemlich,
über meine Zurückkunft und war erfreuet, dass ich mich wieder von neuen daselbst
etabiliren wollte, versprach mir auch alle möglichste Dienstleistungen, weswegen
wir denn etliche Tage nach einander meine Handels-Bücher vornahmen, die ich
versiegelt in seine Verwahrung gegeben hatte und die Einteilung machten, wie
viel dieser oder jener Kreditor haben, und wie ich meine Sachen etwa sonsten
anstellen sollte, damit ich mich wiedrum frei und öffentlich sehen lassen dürfte.
Herr O.** tractirte meine ganze Sache, und es wusste niemand von meinen
Kreditoren, dass ich mich in seinem Hause aufhielt; brachte auch binnen wenig
Wochen, meine Affairen auf einen solchen Fuss, dass meine Kreditores ziemlich
begütiget wurden, ich von der Obrigkeit einen Salvum Conductum erhielt, mich
also wiederum auf der Börse zeigen und mein bisher seqvestrirtes Haus beziehen
durffte.
    Herr H.W. in Hamburg hatte nicht so bald Nachricht hiervon bekommen, als er
mehr mir zu Gefallen als seiner eigenen Negocien halber nach D. kam, und mir so
wohl des Capitain Wolfgangs als meines Sohnes Briefe vorlegte, ich lase zwar
dieselben, hielt aber alles vor Mährlein und glaubte dass mein Sohn bloss aus
Desperation zu Schiffe gegangen wäre, und sich vielleicht von einem listigen
Vogel etwas hätte aufbinden lassen. Herr H.W. suchte mir dieses auf alle Art
auszureden, allein ich war viel zu kleingläubig und dieser gute Freund
resolvirte sich, seine Reise ferner nach Russland fortzusetzen, kam nach etlichen
Wochen zurück und traf mich in einem üblen Zustande an, denn weil mein Sohn in
alle Welt gegangen war und ich sast keine Hoffnung schöpfen konnte ihn Zeit
Lebens wieder zu sehen, meine Tochter aber aus Schweden mir die
allerlamentabelsten Briefe schrieb, und zu meinem grösten Leidwesen endlich
meldete, dass ihr nunmehro unmöglich fiele, den sonst ohnedem nicht
wohlgestallten Peterson zu heiraten, nachdem er mit einem gewissen Edelmanne in
Händel geraten, welcher ihm nicht nur viele starcke Blessuren im Gesicht und am
Leibe angebracht, sondern auch fast das ganze Untermaul hinweg gehauen hätte;
wurde ich vor grosser Betrübnis ganz melancholisch und wusste mir weder zu
raten noch zu helffen, verlangete aber beständig meine eintzige Tochter zu
sehen, weswegen Herr H.W. und Herr O. Anstalten machten und mich wieder nach
Schweden überführen liessen, da immittelst meiner seel. Frauen Bruders Sohn, als
ein sehr geschickter Handels-Diener meine neu errichtete Handlung fortsetzen
sollte. So bald ich in Stockholm angelanget, fand ich des Petersons Unglück mehr
als wahr zu sein, er traf wenig Tage hernach bei uns ein, und ich entsetzte mich
selbst, ihn in solcher Gestalt zu erblicken, allein dem ohngeacht wollte er
durchaus von meiner Tochter nicht ablassen, die Baase hatte er durch Geschencke
auch dergestalt auf seine Seite gebracht, dass diese ihm in allen Stücken das
Wort redete und so gar die empfindlichen Worte gebrauchte: Da meine Sachen so
stünden, müste sich die Tochter nicht weigern in einen sauren Apfel zu beissen.
Im Gegenteils giengen mir die Jammer-Klagen meiner Tochter und die übrigen
Grillen dergestalt im Kopfe und Hertzen herum, dass ich fast völlig melancholisch
und so gar Bettlägerig wurde. Endlich fing meine Tochter an etwas aufgeräumter
zu werden, und stellete sich, mir zu Gefallen, an, als ob sie den Peterson
nunmehro ganz wohl leiden könnte, auch die Heirat mit ihm nicht ausschlagen
wollte, sie liess sich auch von ihrer Baase und ihm bereden, dass wir ingesammt,
sonderlich mir zum Vorteil, um die Luft zu verändern, nach Niekoepping fuhren.
Daselbst als ich sah dass sich meine Tochter mit Peterson ziemlich wohl
vertragen konnte, bekam ich meine vorige Gesundheit bald wieder, sie war darüber
sehr erfreuet, es mag ihr aber wohl nicht wenig Mühe gekostet haben, den
innerlichen Kummer zu verbergen.
    Nachhero wurde ich mit Peterson völlig eins, dass wir mit einander in
Compagnie handeln wollten und er versprach mir trefliche Vorteile schloss einen
ordentlichen Contract mit mir und bewegte mich dahin, wieder nach Hause zu
reisen, um alles wohl einzurichten, ihm aber die Freiheit zu lassen, mit meiner
Tochter so bald es sich schickte Hochzeit zu machen; worauf er denn mit den
Geld-Säcken nachkommen und mich völlig ausser Schulden setzen wollte. Ich reisete
demnach von Niekoepping ab und wieder nach Hause, hatte auch nicht die geringste
Ursache an Petersons Versprechen zu zweiffeln, denn er war in mehr als zu guten
Stande selbiges zu halten, doch war mein Hertze unterwegs immer voll lauter
Unruhe und Bangigkeit, auch noch einige Tage da ich schon zu Hause war und meine
Sachen in guten Stande fand, biss Herr H.W. ohnverhofft von Hamburg abermals
ankam und mir nicht allein die fröliche Zeitung von der Wiederkunft meines
Sohnes, sondern auch gar gewaltige Geld-Summen und Wechsel-Briefe mit brachte,
als womit ich alle meine Kreditores gedoppelt hätte bezahlen köñen. Ich
bezahlete aber auch alles redlich mit gewöhnlichen Interesse und blieb
solchergestalt keinem Menschen einen Scherf schuldig, weswegen aller Augen in
der ganzen Stadt auf mich sahen, mich wieder vor einen grossen Mann achteten,
jedoch nicht wussten, wie das Ding zugehen möchte. Herr H.W. hielt sich eine
ziemliche Zeit bei mir auf, und wollte gern die Ankunft meiner Kinder aus
Schweden abwarten, denn er und ich zweiffelten nunmehro nicht, dass der Bruder
die Schwester auslösen und mitbringen würde. Wir schrieben auch beide
verschiedene Briefe nach Schweden, allein ich glaube dass dieselben entweder
durch unsere Anverwandtin, oder durch Petersons Vorsicht unterschlagen sein.
Endlich sah sich Herr H.W. seiner eigenen wichtigen Geschäffte wegen
genötiget, nachdem ich ihn vor seine Mühe wohl vergnügt, von mir zu reisen und
ohngefähr 3 Wochen hernach, kamen mir meine Kinder eines Abends ohnverhofft, da
ich mit meinem alten guten Freunde Herrn O. im Schacht spielete plötzlich um den
Hals gefallen, worüber ich eine solche jählinge Freude empfand, dergleichen ich
Zeit Lebens gehabt zu haben, mich nicht leicht zu erinnern weiss. Was sonsten das
übrige meiner Geschichten anbelanget, wird ihnen, meine Herren! vielleicht schon
guten Teils bekannt sein, oder ich will selbiges zur andern Zeit erzählen,
weiln uns die eingebrochene Nacht ins Bette weiset.
    Hiermit endigte mein Vater den kurtzen Bericht von seinem Lebens-Lauffe, und
wir begaben uns insgesammt zur Ruhe, weil wir sehr stille See hatten, so bald
wir aber den Tropicum Cancri passirt waren, erhub sich auf einmal ein solcher
gewaltiger Sturm-Wind und Regen, dass wir ingesammt nicht anders glaubten, als in
dieser Gegend zu verderben; von Donnern und Blitzen höreten und sahen wir
nichts, nur der Sturm-Wind erregte die Wellen dergestalt, dass wir alle
Augenblicke vermeinten, von denselben verschlungen zu werden, wie uns denn
ausser diesem der grausame Regen die gröste Beschwerlichkeit verursachte.
Dritten Tages hörte es zwar auf zu regnen, allein der Wind stürmete desto
schärffer, so, dass man nirgends ruhig stehen oder liegen konnte. Unser
Frauenzimmer wurde sehr unpässlich, meine Schwester aber recht tödtlich kranck,
und ob wir gleich derselben die kostbarsten Artzeneien, nach Anweisung unsers
sehr verständigen Schiffs-Barbiers, eingaben, so wollte doch nichts anschlagen,
sondern es wurde am 9ten Tage, da das Stürmen noch immer fort währete, so
schlimm mit derselben, dass wir an ihrer Aufkunft zweiffelten. Dahingegen es
sich mit den andern Krancken ziemlich besserte. Mein Vater und ich waren
dieserwegen aufs äuserste betrübt, ihr Bräutigam aber, Mons. Schmeltzer, ganz
trostloss, so, dass er sich fast nicht zu fassen wusste. Keiner unter allen zeigte
bei diesen gefährlichen und betrübten Umständen mehr Courage, als Herr Herrmann,
ohngeacht dieses seine erste Reise zur See war. Lieben Freunde! sagte er zum
öfftern, glaubt es nicht, dass wir unglücklich sein werden, GOtt kennet uns, und
seine Güte und Barmhertzigkeit ist viel zu gross, als dass er uns verderben sollte;
trauet doch derselben nur wenigstens so hertzhaft als ich. Er war auch in
diesem Stücke ein guter Prophete, denn meine Schwester wurde nicht allein wieder
besser sondern der Sturm legte sich auch, allein, wir sahen uns dergestalt von
unserer Fahrt verschlagen, dass die verständigsten unter uns die Brasilianischen
Küsten bemercken konten.
    Weil nun unser Schiff eine starcke Ausbesserung von nöten hatte, folgeten
alle einmütig meines Vaters Rate, die grosse Bay vor St. Salvator zu suchen,
um daselbst unser Schiff wieder in vollkommen guten Stand zu setzen, auch
selber in etwas von der mühseligen Reise auszuruhen, indem er dasiges Orts
noch viele gute Bekandte Portugiesen hätte.
    Wir fanden dieselbe endlich, und stiegen aus, fanden auch in der Stadt gute
Bequemlichkeit, so, dass wir uns alle, und sonderlich unsere Krancken, binnen den
4. Wochen, da unser Schiff ausgebessert wurde, völlig wieder erholen konten. Wir
kaufften auch verschiedene Waaren dieses Landes ein, und hatten solchergestalt
unser Schiff so voll geladen, dass fast nichts mehr hinein zu bringen war.
Endlich begaben wir uns wieder an Boord, und setzten unsere Reise, nach Süden
zu, fort, hatten zwar nachhero noch etliche mahl Stürme und Ungewitter
auszustehen, allein, es waren selbige eben von solcher Wichtigkeit nicht, unsern
ungemein starcken Schiffe Schaden zuzufügen. Einen eintzigen starcken Sturm
aber, der uns hätte Furcht und Schrecken einjagen können, warteten wir auf einer
kleinen unbewohnten Insul ab, bei welcher wir 2. Tage vorher gelandet, um
frisches Wasser einzunehmen, auch einiges frisches Wildpret und Vögel zu
schiessen, denn ob wir gleich Rind-Schaaf- und allerlei Feder-Vieh in ziemlicher
Anzahl bei uns hatten, so wollten wir doch lieber unsern Appetite steuren, als
davon etwas schlachten, indem diese lebendigen Tiere in Felsenburg ungemein
angenehm waren. Gantzer 18. Tage verharrten wir also auf schon gemeldter
unbevölckerten Insul, welches eben nicht die fruchtbarste zu sein schien, doch
fand sich viel taugliches Wildpret darauf, nebst Vögeln von verschiedenen
Sorten, die sich wohl essen liessen. So bald aber die See wieder stille, und der
Himmel klar zu werden begunte, brachen wir unsere Gezelter, die Mons. Horn zum
Geschencke vor den Alt-Vater erkaufft, wieder ab, begaben uns auf die fernere
Reise, nahmen unterwegs noch 2. mahl bei zweien wüsten Insuln frisches Wasser
ein, und passirten endlich den Tropicum Capricorni, allein, da schien es nun
Kunst zu kosten, die Insul Gross-Felsenburg wieder zu finden, denn wir kamen
einen ganz andern Weg her, als den wir abgefahren waren, und hatten die Insul
St. Helena voritzo sehr weit lincker Hand liegen lassen. Endlich da es eines
Tages ganz heitere Lufft war, rieff ein Boots-Knecht oben aus dem Mast-Korbe
herunter: Zwei Insuln gegen Osten, eine grösser als die andere. Ich befand mich
eben bei dem Capitain Horn, welcher so gleich vor Freuden in die Hände schlug,
und sagte: GOtt Lob! das können fast keine andern als die Felsenburgischen sein;
er war aber so neugierig und verwegen, selbst am Maste hinauf zu steigen, nahm
auch ein ziemlich gross Perspectiv mit hinauf, kam bald wieder herunter, und
sagte: Dem Himmel sei gedanckt, ich habe die Felsen-Spitzen ganz eigentlich
sehen und unterscheiden können, wir sind zu weit rechter Hand kommen, ich habe
aber doch nur in vergangener Nacht ausgemessen und ausgerechnet, dass wir
unmöglich weit mehr davon sein könten. Derowegen befahl er so gleich dem
Steuer-Manne, den Lauff des Schiffs gegen Osten zu richten; weil wir aber einen
scharffen wiederwärtigen Ost-Wind hatten, erreichten wir erstlich von der Zeit,
am Abend des 5ten Tages, nehmlich am 4ten Jun. 1730. die Insul klein Felsenburg,
allwo, weil sogleich eine sehr finstere Nacht einbrach, Capitain Horn Ancker
werffen liess, nachdem wir uns alle zusammen beredet, diese Nacht ganz stille zu
sein, 2. Stunden vor Anbruch des Tages aber das verabredete Zeichen zu geben;
denn es daurete uns nicht nur alle Einwohner, sondern vornehmlich den Alt-Vater,
wenn er ja noch lebte, um die ganze Nacht-Ruhe zu bringen, und es war leicht zu
glauben, dass die wenigsten vor Freuden ein Auge würden zugetan haben, wenn sie
gewust hätten, dass wir so nahe wären.
    Es war, wie gesagt, dieses eine ungemein finstere Nacht und gewaltiger
Regen, weil es eben hieselbst im Winter war, derowegen legten wir uns einige
Stunden zur Ruhe, wiewohl in meine Augen kam kein Schlaff, derowegen stund ich
wieder auf, liess mir Caffeé zubereiten, rauchte Toback, legte die Uhr vor mich
auf den Tisch, und wartete mit sehnlichen Verlangen, biss die Stunde heran kam,
da wir das Signal aus unsern Canonen geben wollten. Capitain Horn wurde zur
rechten Zeit munter, derowegen liessen wir auch unsere übrigen Freunde wecken,
gaben sodann eine Salve aus 6. Canonen, liessen 12. Raqueten steigen, und
wiederholten solches 2. mahl, da denn die Felsenburger alles ihr Geschütz, kurtz
hinter einander her, löseten, und an verschiedenen Orten Raqueten steigen
liessen, mit welchen Lust-Feuern denn continuirt wurde, biss endlich der helle
Tag anbrach. Wie nun schon gestern verabredet worden, dass ich erstlich allein
hinüber fahren, dem Alt-Vater den Respect erweisen, und ihm unsere Ankunft
melden, auch erfragen sollte, welche Personen auf kleinen Felsenburg etwa zurück
bleiben müsten; so war ich gleich im Begriff, ins Boot zu steigen, und mich von
etlichen Matrosen hinüber setzen zu lassen, als wir eben drei
Gross-Felsenburgische Boote auf uns zu kommen sahen, deren jedes 4.
Manns-Personen in sich hatte, und die unser Schiff noch weit von ferne schon vor
das rechte erkandt, blieb also noch zurück. Lebt der Alt-Vater noch? Dieses war
der erste Ruff, den ich ihnen durchs Sprach-Rohr entgegen schickte, weswegen sie
mit den Händen klatschten, und ihre Mützen um die Köpffe schwungen, weil wir den
Laut ihrer Stimmen von so weit her noch nicht vernehmen konten. Endlich aber, da
sie immer näher und näher kamen, höreten wir die deutlichen Worte: Er lebet
noch! Willkommen! Willkommen! Bald hernach gelangeten sie bei unserm Schiffe an,
da wir denn, weil sie mich, so wie ich sie alle wohl und bei Nahmen kenneten,
einander auf das frölichste bewillkommeten, worauf sie auch den Capitain und den
andern neu mit angekommenen Europäern ihre Reverenze machten, sodann ein gutes
Früh-Sück einnahmen.
    Weiln ich aber keine Zeit versäumen wollte, gab ich meine Meinung den
Felsenburgern zu verstehen, da sich denn gleich die ersten 4. offerirten, mich
hinüber zu führen, die übrigen 8. aber blieben bei unsern Schiffe. So bald wir
nun dem Eingange gegen über kamen, nehmlich, wo sonst der Nord-Fluss seinen
gewöhnlichen Ausfall hat, waren die allermeisten Gross-Felsenburgischen Einwohner
unten am Fusse des Gebürges versammelt, voran aber stunden Herr Wolffgang, der
alte Capitain Wadlei, Litzberg und die andern Einkömmlinge, wir umarmten
einander, ohne viel Worte zu machen, da aber der Capitain Wolffgang merckte, dass
ich schwerlich vor Abends fertig werden würde, wenn ich einem jeden anwesenden
Befreundten die gebührende Höflichkeit erzeigen wollte, sprach er: Mein Herr! wir
alle werden in künftigen Tagen Zeit genung haben, euch unsere zärtliche Liebe
zu erzeigen, und ausführlich von euch die Begebenheiten eurer Reise zu
vernehmen, vorietzo aber lasset uns keinen Augenblick versäumen, euch zu dem
Alt-Vater zu führen, denn ich weiss, dass er vor Verlangen, euch zu sehen, fast
verschmachtet. Demnach stiegen wir in dem Felsen-Gewölbe hinauf, und der ganze
Zug folgte uns nach biss auf die Albertus-Burg, weil aber der Alt-Vater wegen
bisheriger öffterer Schwachheit nicht aus seinem Zimmer kommen konnte, und dieses
zu enge war, eine solche Menge Volcks als mich begleitete, in sich zu fassen,
kamen ausser den alten Greissen nur die wenigsten hinein. Der Alt-Vater umarmete
und küssete mich und vergoss viel Freuden-Tränen, wie ich denn ebenfalls in
einer guten Weile vor Freuden den Mund nicht auftun konnte. Endlich aber
stattete ich meinen Rapport so kurtz, als möglich, ab, gab zu vernehmen, wie ich
nebst den allernötigsten Sachen auch noch viele nötige Personen mitgebracht,
die allhier zu verbleiben ohnfehlbar Lust bezeigen würden, meldete aber noch
nicht, wer sie wären, vielweniger dass ich meinen Vater und Schwester bei mir
hätte. Inzwischen bat ich den Alt-Vater, dass, weil man doch den Capitain Horn
nicht so bald könnte wieder zurück seegeln lassen, Ordre zu stellen, wie es mit
Verpflegung seiner Leute sollte gehalten werden, ob sie hier oder auf klein
Felsenburg bleiben sollten, und was sonsten etwa zu erinnern wäre. Allein der
Alt-Vater, der mir lange nicht mehr so frisch und munter, als bei meiner
Abreise, vorkam, übergab alle diese Sorgen seinem ältern Sohne Alberto II. und
nebst diesem, denen Capitains Wolffgang und Wodlei , ich aber sollte nicht von
seiner Seite kommen, biss ich ihm einen ausführlichen Bericht von der ganzen
Reise abgestattet hätte, da aber Herr Wolffgang vorschützte, wie es absolute
nötig sei, dass ich wieder mit hinüber zum Schiffe führe, und erstlich den
Capitain Horn nebst den andern neuen Europäern mit herein führete, da denn in
Beisein Horns, der Bericht weit vollkommener abgestattet werden könnte, liess er
es sich endlich gefallen, dass ich erstlich noch einmal mit dahin führe,
weswegen wir uns nicht lange säumeten, um noch vor Nachts wieder auf dem Schiffe
zu sein.
    Unter so vielen Anwesenden vermissete ich fast niemanden so bald, als Herrn
Mag. Schmeltzern, erfuhr aber, auf mein Nachfragen, dass er sich seit zweien
Tagen in Roberts-Raum bei einem krancken Manne aufgehalten, und noch daselbst
befindlich wäre.
    Es war schon finstere Nacht, als wir in dem Schiffe anlangeten, und das
freundliche Bewillkommen der Bekannten und Unbekannten währete ganz lange, die
allergröste Freude aber hatte Herr Wolffgang über die Mitkunft meines Vaters,
meiner Schwester und den Bruder Herrn Mag. Schmeltzers, gab mir auch einen
kleinen Verweis, dass ich solches dem Alt-Vater und ihm verschwiegen hatte,
allein, ich entschuldigte mich, dass es darum geschehen, bei persönlicher
Zusammenkunft eine desto grössere Freude zu verursachen. Nachhero wurde
geheimer Rat gehalten und beschlossen, alle diejenigen Personen, welche nicht
auf der grossen Insul bleiben sollten, mitlerweile auf der Insul Klein-Felsenburg
auszusetzen, weil aber der Capitain Horn befürchtete, dass die drei Officiers,
wenn sie mit den Matrosen alleine zurück gelassen würden, rebellisch werden, und
ihm auf der Rück-Reise böse Streiche spielen möchten, tat er den Vorschlag, dass
nur etliche von uns mit dem Schiffe hinüber fahren sollten, er selbst aber wollte
mit den übrigen noch einige Tage bei den drei Officiers und Matrosen auf klein
Felsenburg verharren, diesen letztern alle übeln Gedancken benehmen, und ihnen
eine gute Meinung beibringen, auch Anstalten machen, dass tüchtige Hütten und
Heerde gebauet würden, damit sich diese Leute bei itziger Winters-Zeit behelffen
könten, worbei er denn nicht zweiffelte, dass man sie von Gross-Felsenburg aus,
von Zeit zu Zeit mit guten Ess-Waaren und Geträncke versehen würde. Nach gerade
aber könnte man so wohl ihn als die andern Europäer, welche in Gross-Felsenburg
bleiben sollten, immer ein Paar nach dem andern abholen.
    Dieser Rat war sehr wohl ausgesonnen, und nur dabei zu bedauern, dass wir
den guten Capitain Horn nicht sogleich mit uns nehmen, und dem Alt-Vater
vorstellen sollten, allein, Herr Wolffgang war selbst der Meinung, dieses
Stratagema zu gebrauchen. Mittlerweile berichtete der Capitain Horn, wie der
gröste Teil von den Matrosen abgewichenes Tages auf den Booten, benebst 2.
Felsenburgern bereits nach der kleinen Insul abgefahren, und Schiess-Gewehr, auch
so viel Proviant mit sich genommen, dass sie sich wohl etliche Tage behelffen
könten. Dieses war schon eine gute Sache, und weil ich dem Capitain Horn
anzeigte, wie ich gesonnen wäre, jedem Matrosen vor seine bisher gehabte Mühe
50. spec. Tlr. einem jeden von den 3. Officiers aber 100. Tlr. zu verehren,
als liess er so gleich unter die übrigen, so noch auf dem Schiff waren,
ausstreuen, dass wir Morgen alle auf die kleine Insul überfahren, daselbst eine
kurtze Lust haben, und zusehen wollten, wie sich die Matrosen anstellen würden,
weil Eberhard Julius so und so viel Geld unter sie verteilen, auch viel Wein
und Brandtewein, nebst andern Sachen unter sie Preis geben wollte.
    Das war ihnen ein gefunden Fressen, derowegen fuhren sie mit Erlaubnis des
Capitains Horn gleich, sobald der Tag anbrach, hinüber auf klein Felsenburg,
etliche kamen wieder zurück, holeten die Wein- und Brandteweins-Fässer, nebst
andern Victualien ab, gegen Mittag aber fuhr Capitain Horn nebst einigen
mitgekommenen Europäern, auch etlichen Felsenburgern ihnen nach, und wir traffen
das ganze Heer der Matrosen auf dem Platze an, welcher auf dem Grund-Risse der
Insul Klein-Felsenburg (im andern Teile dieser Geschichts-Beschreibung bei pag.
452.) mit dem Buchstaben F. bezeichnet ist, allwo sie im vollen Wercke begriffen
waren, Hütten zu bauen, auch schon viele Feuer angemacht, und Wildprets-Braten
angesteckt hatten, weil die gestern voraus gegangenen von der Jagd nicht leer
zurück gekommen waren.
    Zuerst liess Capitain Horn ein Fass Brandtewein anstecken, und jeglichen eine
gute Portion geben, damit sie erstlich Geister bekämen, hernach liess ich meine
mit lauter Spanischen Creutz-Talern angefülleten Säcke herbei bringen, zählete
einem jeden Officier 100. und jedem Matrosen 50. Taler in die Mütze, danckte
ihnen aufs höflichste vor ihre unterwegs auf der Fahrt erzeigte Treue, Fleiss und
Gehorsam, und versprach, woferne sie sich binnen der Zeit, da wir uns allhier
aufhielten, fein fromm und Christlich aufführeten, vor der Abreise, noch über
ihren versprochenen Sold, ein mehreres zu geben.
    Da ging es an ein Hände-Küssen und an ein Jubiliren, ja sie versprachen
denjenigen, der unter ihnen am ersten Rebellion oder Händel anstifften wollte,
sogleich auf der Stelle mit ihren Messern in tausend Stücken zu zerschneiden.
Capitain Horn lachte, und sagte: Kinder, seid nur fromm, so werdet ihr allhier
bessern Gewinst und bessere Tage haben, als ihr gedenckt, auch an guten Essen
und Trincken nicht den geringsten Mangel leiden.
    Wenn das ist, versetzte einer hierauf, so lasst uns so lange auf dieser
Insul bleiben, biss es allhier Sommer wird. Ja! Bruder ja! schryen die andern,
wenn der Capitain will.
    Daferne ihr, (sprach der Capitain Horn,) wie ich schon gesagt, nur fromm
sein wollet, kann Rat darzu werden, und ihr sollet versichert sein, dass alles,
was euch versprochen worden, redlich wird gehalten werden.
    Mir aber, sprach er ferner, werdet ihr doch nicht übel auslegen, wenn ich
dann und wann etliche Tage mich auf jener grössern Insul bei guten Freunden
aufhalte, jedoch öffters sehe, was ihr macht, das Commando dem ältesten Officier
überlasse, und vor eure Verpflegung Sorge trage.
    Ihr seid, antwortete der stärckste unter ihnen, der beste Capitain von der
Welt, tut, was euch gefällt, verschafft uns nur allhier gut Fressen und
Sauffen, und hernach eine gute Fahrt, wobei wir noch was erwerben können. Die
andern stimmeten diesen bei, und baten sich aus, man sollte sie nur allhier auf
dieser Insul bei ihrer Lust lassen, Bosheiten wollten sie nicht begehen.
    Wohlan! weil ihr so redlich seid, (redete ich zu ihnen) will ich euch auf
instehenden Johannis-Tag vor mein particulier 3. Fass Wein herüber senden, ohne
was andere tun werden. He Vivat! riefen alle, und wurffen die Mützen in die
Höhe.
    Hierauf fiengen sie an, Gesundheiten zu trincken, auch die Hände wieder an
ihren Hütten-Bau zu legen, weswegen ich den Capitain Horn ein wenig auf die
Seite zohe, und zu ihm sagte: Diese Leute sind von Natur weit raisonnabler, als
wir uns eingebildet haben; wer hätte dergleichen Resolution in ihnen suchen
sollen? Inzwischen kömmt sie recht a propòs, und gereicht zu meinem grösten
Vergnügen, dass wir sogleich alle zusammen vor den Alt-Vater treten können. Horn
gab hierauf zur Antwort: Es ist wahr, nun glaube ich dem Satze, dass das Geld,
der Wein, u. dann auch vornehmlich die Liebe die grösten Potentaten über das
menschl. Geschlechte sind, denn mit den allergrösten Flatterien hätte ich diese
Leute binnen 8. Tagen dahin nicht bringen können, (wenn sie gewust hätten, dass
es mein ernstlicher Wille wäre,) wohin sie sich von freien Stücken selbst
gewendet.
    Wir blieben also noch ein wenig bei ihnen, da es uns aber Zeit zu sein
dauchte, ruffte sie Capitain Horn nochmahls zusammen, und sprach: Nun so haltet
denn euer Wort, seid vernünftig, folget euren 3. Vorgesetzten, macht euch eure
Hütten und Feuer-Heerde bequem, denn zu Kochen und Braten werdet ihr genung
kriegen, sorget vor nichts, und bleibet nur hier in Ruhe, wir aber wollen an
Boord gehen, jedoch in wenig Tagen will ich euch wieder besuchen, und hören, wie
ihr euch aufgeführet habt.
    Sie waren alle wohl zufrieden, sonderlich wegen der vollen Fässer,
begleiteten uns aber doch biss an das Ufer, allwo die Boote stunden, mit welchen
die Felsenburger uns mit sammt den Europäern wieder aufs Schiff brachten, weil
aber die Nacht vor der Hand war, wollten wir die Ancker nicht so gleich lichten,
sondern verspareten solches biss zu anbrechenden Tage, höreten die ganze Nacht
hindurch ein gewaltiges Freuden-Geschrei von unsern auf der Insul befindlichen
Matrosen, welche sich allem Vermuten nach das Geträncke ziemlich zu Nutz
gemacht hatten, wir gönneten es ihnen aber sehr gern, wunden noch vor
anbrechenden Tage die Ancker auf, und gelangeten ohngefähr um 9. Uhr in
behöriger Weite vor dem Eingange der Insul an, da wir denn die Ausladung des
Schiffs den Felsenburgern überliessen, bei welchen Capitain Wolffgang und einige
bereits eingesessene Europäer blieben, von dem jetzt angekommenen aber stiegen
folgende Personen durch das Nord-Gewölbe den Felsen hinauf:
    1. Mein Vater, Franz Martin Julius.
    2. Capitain Horn.
    3. Herr Jacob Friedrich Schmeltzer.
    4. Meine Schwester, Juliana Louise Juliin.
    5. Herr Johann Friedrich Herrmann.
    6. Mons. Richard van Blac.
    7. Jungfer Anna Sibylla Krügerin.
    8. Jungfer Susanna Dorotea Zornin.
    9. Barbara Kuntzin, meiner Schwester Magd.
    10. Johann Martin Rädler,
    11. Christian Gebhard Ollwitz, 2. Buchbinder.
    12. Valentin Schubard,
    13. Jeremias Rudolph Kindler, 2. Glassmacher.
    14. Joh. Hildebrand Breitschuch, ein Seiffensieder.
    15. Moritz Engelhart, ein Blechschmidt.
    16. Victor Magnus Hollersdorff, ein Mahler.
    17. Salomon Friedrich Besterlein, ein Sattler.
    18. Carl Heinrich Trotzer, ein Zinn-Giesser.
    19. Emanuel Siegfr. Langrogge,
    20. Heinrich Gottfr. Hildebrand, 2. vortreffliche Musici.
    Die 9. Sclaven des Capitain Horns mussten gleichfals mit auf dem Schiffe
bleiben, doch wollte sich Capitain Horn bei dem Alt-Vater ausbitten, dass sie nach
völliger Ausladung desselben auf die Insul gelassen, und daselber getaufft
würden, weil sie, nach Herrn Schmeltzers und Herrn Herrmanns Versicherung,
welche beide dieselben unterwegs fleissig informirt, die Articul des Christlichen
Glaubens sehr wohl inne, auch die gröste Lust hätten, sich tauffen zu lassen.
    Es waren abermals fast alle Einwohner der ganzen Insul beisammen, als wir
an Land kamen, oben aber auf der Ebene war Herr Mag. Schmeltzer der erste unter
den naturalisirten Felsenburgern, welcher uns entgegen kam, und fast vor Freude
in Ohnmacht gesuncken wäre, als er seinen liebsten Bruder, meinen Vater und
meine Schwester erkandte. Jedoch weil meine Beschreibung viel zu weitläufftig
werden würde, wenn ich alle Reden, die allhier vorfielen, wiederholen wollte,
will ich mich nur der Kürtze befleissen, und so viel sagen, dass wir abermals
recht in Procession die Albertus-Burg hinauf stiegen, mitlerweile aber unsere
Gefährten unten in einem grossen Zimmer in etwas zu verweilen gebeten wurden,
führete ich die ersten 5. Haupt-Personen erstlich allein zum Alt-Vater hinauf,
unter welchen aber dieser niemanden kennete, als den Capitain Horn. Nachdem ich
ihm nun gesagt, dass dieser Herrn Mag. Schmeltzers leiblicher Bruder, jener Herr
Herrmann, ebenfalls ein Teologus, welche beiden ich in Europa zu Priestern
weihen lassen, das aber mein Vater und diese meine Schwester wäre, sass er eine
lange Zeit als ein Lebloser, endlich aber erholte er sich wieder, umarmete und
küssete uns alle, fragte hernach meinen Vater: Wisset und glaubt ihr auch, dass
ich so ein naher Anverwandter von euch bin. Ich habe es, mein Herr Vater! gab
mein Vater zur Antwort, aus dem Munde dieses meines eintzigen Sohnes, Eberhard
Julii, vernommen, und bin noch itzo unvermögend, die wunderbaren Führungen des
Himmels gnungsam zu bewundern. Ich freue mich von Grund der Seelen, versetzte
der Alt-Vater, euch alle insgesammt bei mir zu sehen, und dass ihr Zeugen meines
vergnügten Wohlstandes sein könnet, ihr werdet aber vielleicht auch Zeugen
meines bald heran nahenden Endes sein, denn da der Himmel nunmehro mein Bitten
und Flehen in allen Stücken erhöret hat, wüste ich mir nichts weiter zu
wünschen, als einen baldigen sanft und seeligen Todt. Wir taten hierüber sehr
kläglich, ich aber sagte: wie dass ich den Himmel bitten wollte, ihn nur
wenigstens so alt werden zu lassen, als Don Cyrillo de Valaro auf dieser Insul
alt worden wäre. Nein, mein Sohn! versetzte er, das wünschet mir nicht, sondern
viel lieber eine baldige Auflösung; Don Cyrillo hat viel Arbeit auf dieser Insul
getan, ich werde aber wohl nicht lügen, wenn ich sage, dass ich noch mehr
getan, und weit mehr Kummer und Sorgen ausgestanden habe als er; Derowegen
fühle ich meine Mattigkeit wohl, und mercke, dass ich es nicht mehr lange machen
werde, bin auch hertzlich damit zufrieden, indem mir vor meinem Ende alles nach
Wunsche ergangen. Hierauf reichte er meinem Vater und meiner Schwester die
Hände, und nötigte sie, neben sich zu sitzen, uns andern wurden auch Stühle
gesetzt, mitlerweile aber der Alt-Vater mit meinem Vater von unsern Vor-Eltern
eine lange Unterredung gehalten, dieser letztere ihm auch erzählet, was er von
ihnen wüste, und was er noch vor schrifftliche Urkunden, diese und jene Sachen
betreffend, mit sich gebracht hätte, waren die Mittags-Stunden bereits vorbei,
weswegen die Mahlzeit aufgetragen wurde, wir 6. Angekommenen speiseten nebst
Alberto II. und einigen andern grauen Häuptern an des Alt-Vaters Taffel, Herr
Wodlei aber, welcher sonsten täglich an des Alt-Vaters Taffel speisete,
tractirte voritzo in dem untersten Zimmern die andern neuen Einkömmlinge, nebst
denen, welche oben nicht Platz bekommen konten.
    Unter den grauen Häuptern vermissete ich sonderlich den ehrlichen alten
David, sonst Rauking genannt, welcher nur vor wenig Monaten gestorben, und fast
90. Jahr alt worden war, ich bedaurete diesen Mann sehr wegen seiner
Erfahrenheit und Aufrichtigkeit. Sonsten waren die Aeltesten, so ich verlassen
hatte, noch alle am Leben, in Davids-Raum aber war nunmehro des verstorbenen
erstgebohrner 45. jähriger Sohn, Aeltester und Vorsteher worden.
    Mein Vater, Schwester und die übrigen wunderten sich ungemein, wie appetit
lich, sauber und ordentlich die Mahlzeit an- und eingerichtet war, ein jeder
wurde von einem reinlichen 12. biss 14. jährigen Knaben bedienet, die Speisen
waren sehr wohl, aber doch nicht wie in Europa zuweilen geschicht, so gar
leckerhaft, oder wenn ich es recht sagen soll, täntelhaft zugerichtet. Hierbei
war ein wohlgebrautes Bier und ein schöner Felsenburger Wein unser Geträncke.
    Weil der Alt-Vater mit meinem Vater beständig im Discurs begriffen war,
welchem die andern eiffrig zuhöreten, geriet ich ohngefähr in tieffe Gedancken,
und muss nur gestehen, dass mich der Magnet zu meiner Cordula zohe, welche ich
noch nicht gesehen, auch sie noch diesen Tag zu sehen nicht hoffen konnte, weil
sie ihrer Mutter, und der andern Aussage nach, schon seit vielen Wochen immer
kräncklich gewesen wäre, und sich nicht wohl aus dem Hause wagen dürffte.
Demnach war mir einiger massen vedriesslich, dass ich aus Respect gegen den
Alt-Vater und die Fremden heute nicht zu ihr reisen könnte, sonsten hätte lieber
Essen und Trincken entbähren wollen. Indem kam Mons. Litzberg ohnvermerckt,
stöhrete mich in meinen tieffen Gedancken, und vermeinte, er wolle wohl
erraten, was mich so tieffsinnig machte. Ich fragte: wie ihm zu Mute gewesen,
da er einsmahls verliebt gewesen wäre? Hierauf sagte er: Wartet ein klein wenig,
mein Herr, ich muss mich eurer erbarmen, und euch ein Pflaster aufs Hertze holen.
Hiermit ging er in ein Neben-Zimmer, und brachte mir meine Cordula heraus
geführet, ich sprang gleich auf, und konnte mich nicht entalten, sie mit einem
Kusse zu bewillkommen, weswegen ihre blasse Farbe sich in eine Blut-rote
verwandelte. Sie wusste hernach die andern Fremden mit einer ungemein artigen
Stellung, meine Schwester aber mit einem heissen Kusse zu bewillkommen, weswegen
mein Vater vor Freuden zu weinen anfieng, und sagte: Wohl gewählt, mein Sohn,
GOtt segne euch beide. Meine Cordula wurde von den Alten Greisen fast gezwungen,
sich an meine Seite zu setzen, ohngeacht wenig Platz vorhanden war, jedoch wir
konten vor allzugrosser Freude wenig Worte zu Marckte bringen, ehe wir es uns
aber versahn, fieng Monsieur Litzberg mit einigen Felsenburgischen Junggesellen
und Knaben, die sich binnen der Zeit sehr starck in der Music geübt und
gebessert hatten, im Neben-Zimmer an, ein schönes Concert zu spielen, und damit
ich nichts vergesse, so hatte dieser redliche Freund, der ungemein viel Liebe
gegen mich bezeigte, seinen Hirsch-Wagen angespannet, war damit nach Roberts-
Raum gerennet, und hatte mit Bitten nicht abgelassen, biss sich meine Cordula
resolviret, in seiner und Harkerts Gesellschaft nach der Albertus-Burg zu
fahren.
    Wir höreten dieser Instrumental- Music alle mit Vergnügen zu, bald hernach
aber veränderte er die Instrumente, und sunge folgende
                                    CANTATA.
                                     Aria.
Willkommen, Hertz-geliebten Freunde!
Willkommen hier in Canaan!
Seid tausend-tausendmahl willkommen!
Da ihr uns unsern Schmertz benommen;
Der Himmel sei davor gepriesen,
Der euch und uns diss Glück erwiesen,
Ja, seine Güte hats getan.
Willkommen, Hertz-geliebten Freunde!
Willkommen hier in Canaan.
                                     Recit.
Bisshero stunden wir
Nur immer alle Morgen
Mit Kummer-vollen Sorgen
Und lauter Seuffzern auf,
Und legten uns des Abends wieder
Mit bangen Hertzen nieder.
Diss Lust-Revier,
So gar der Sonnen-Lauff,
War fast nicht mehr geschickt,
Uns die Vergnüglichkeit zu geben,
So Seele, Geist und Leben
Bissher erquickt.
Blieb einer bei dem andern stehn,
So war das erste Wort:
Wie mag es den Verreis'ten gehn?
                                     Aria.
Weich zurück, betrübte Zeit!
Denn der Himmel lässt geschehen,
Dass wir nach der Bangigkeit
Uns frohlockend wieder sehen.
Nun ist unser Wunsch erfüllt,
Das Verlangen ist gestillt.
Nun verschwindet alles Leid,
Weich zurück, betrübte Zeit!
                                     Recit.
Es kommen Hertz und Hertzgen jetzt
Aufs neue höchst-vergnügt zusammen,
Wo Amors-Pulver blitz,
Verraten sich gar bald die Liebes-Flammen;
Doch diese sind von reiner Art,
Weil gleich und gleich
Sich hier zusammen paart.
Der Himmel lasse nun,
Nachdem das Stürmen überstanden,
Ein jedes Liebes-Schiff vergnügend landen,
Und in dem Haafen sicher ruhn.
                                     Aria.
Es müsse das Glücke und lauter Gedeihen
Uns, die wir in Felsenburg wohnen, erfreuen,
Es lebe Albertus noch lange vergnügt.
Es leben die Freunde, die sonder Betrüben
Einander von Hertzen recht brüderlich lieben,
Und keiner den andern mit Falschheit betrügt.
Es wolle des Himmels höchst-gnädiges Walten
Die Insul in ruhigem Wesen erhalten,
So, wie er's bisher nach Wunsche gefügt.
Es müsse das Glücke und lauter Gedeihen
Uns, die wir in Felsenburg wohnen, erfreuen,
Es lebe Albertus noch lange vergnügt.
    Ob nun schon Mons. Litzberg diese Verse in gröster Geschwindigkeit gemacht,
und auch selbst in gröster Geschwindigkeit componiret hatte, so, dass es eben
kein Meister-Stücke zu nennen war, gefielen sie unser aller Ohren, zumahl er
selbige mit seiner artigen Tenor-Stimme vorbrachte, auch sich auf einen
besondern Instrumente selbst accompagnirte, dennoch dergestalt wohl, dass wir ihn
nicht genung zu veneriren wussten, nachdem er aber noch einige andere Arien
abgesungen, stunden wir von der Taffel auf, da denn vor allererst die übrigen
Fremden dem Alt-Vater præsentirt wurden, sich mit ihm in ein kurtzes Gespräch
einliessen, und darbei meldeten, was sie vor Professiones hätten, auf dieser
Insul Nutzen zu stifften.
    So bald der Alt-Vater mit allen durch die Banck fertig war, sprach er: Nun
glaube ich selbst, dass meine Insul, Monsieur Litzbergs Ausspruche nach, ein
vollkommen gelobtes Land werden wird, und es auch bleiben kann, wenn sich nur die
Einwohner, mit der Zeit, nicht gleich den Kindern Israel die Lust-Seuche
ankommen lassen. Herr Mag. Schmeltzer versetzte hierauf, dass noch zur Zeit
nichts übles von ihnen zu vermuten wäre, indem er seit der Zeit, als er da
gewesen, sich angelegen sein lassen, auch die Gemüter der kleinesten Kinder
auszuforschen, doch bei niemanden grobe Laster oder übermässige Bosheiten
angetroffen, der Himmel würde ferner helffen, dass durch die gute Zucht der
Eltern, Schul-Lehrer und Priester, allem besorglichen Ubel gesteuret würde. Das
helffe der Himmel in jeder Familie, sagte hierzu der Alt-Vater.
    Nachhero wurden die Neulinge wieder hinunter zum Caffeé genötiget, Capitain
Horn aber von dem Alt-Vater eben bei diesem Geträncke und einer Pfeiffe Toback
ersucht, ihm eine ausführliche Erzählung von unserer Reise und Verrichtungen zu
tun. Wie nun dieser so gleich bereit darzu war, ich aber merckte, dass die Reihe
nicht so bald an mich kommen würde, Horns Erzählung fortzuführen, ging ich
inzwischen mit meiner Braut, Schwester, Herrn Schmeltzern und Mons. Litzbergen
in das Neben-Zimmer, truncken eine Kanne Caffeé alleine, und hielten unter uns
ein besonderes vertrauliches Gespräch.
    Mir war auf der Welt nichts angenehmer, als dass meine Cordula und meine
Schwester in so kurtzer Zeit einander dergestalt lieb gewonnen hatten, dass sie
sich nicht aus den Armen gelassen, und sich nicht satt geküsset, wenn Herr
Schmeltzer und ich auf Zureden Mons. Litzbergs nicht Schieds-Männer worden
wären, und dergleichen Zinsen der Liebe vor uns selbst eingefodert hätten. Bei
dieser Gelegenheit compromittirten Hr. Schmeltzer und ich, dass wir uns mit
nächsten, und zwar in einem Tage, copuliren lassen wollten. Bald darauf machte
Monsieur Litzberg alle Türen zu, dämpffte sein Instrument, welches fast wie
aller Lauten Gross-Mutter, und dennoch nicht recht wie eine Laute aussah, und
machte uns damit eine charmante douçe Musique, zumahlen da 2. Knaben
Wechsels-weise mit 2. Fleute Traversen sanfte darzu blasen mussten. Diese Lust
währete biss fast gegen Mitternacht, da endlich der Alt-Vater müde wurde,
derowegen Bet-Stunde halten liess, worauf sich ein jeder an seinen angewiesenen
Ort zur Ruhe legte, Herr Wolffgang aber wollte nicht wieder kommen, sondern war
diese Nacht auf dem Schiffe geblieben. Folgenden Tages, da es Donnerstag, und
zugleich Kirch-Tag war, gingen wir, nachdem wir den Tée mit dem Alt-Vater
getruncken hatten, herunter in die Kirche, der Alt-Vater aber wurde von zweien
starcken Insulanern, in einer wohl gemachten Sänfte sitzend, herunter getragen.
Es war aus allen Stämmen sehr viel Volck in der Kirche, den neu angekommenen
Europäern wurden die besten Stellen angewiesen, Capitain Horn aber, Hr.
Schmeltzer, Hr. Herrmann, mein Vater und ich wurden mit auf die Empor-Kirche
geführet, da der Alt-Vater und übrigen Stamm-Väter ihre Sitze halten. Ich
verwunderte mich sehr, dass nicht allein die Orgel vollkommen fertig, mit vielen
Zierraten von Bildhauer-Arbeit ausgeschmückt, sondern auch durch Lademannen und
seine Lehrlinge überall in der Kirche die sauberste und künstlichste
Tischer-Arbeit angebracht war, dass also an den äuserlichen Zierraten gar nichts
mehr fehlete, als das Mahlen und Vergulden, zu welchem Ende ich denn eine
gewaltige Quantität von allerlei Farben, geschlagen Blätgens Gold, Silber und
Metall, auch nur fast dieserwegen allein einen eigenen recht künstlichen Mahler
mitgenommen hatte.
    Herr Mag. Schmeltzer hielt eine vortreffliche Predigt, und hatte zum Texte
die 9. Versicul aus dem 107. Psalm, die also lauten:
»Dancket dem HErrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.
Saget, die ihr erlöset seid durch den HErrn, die er aus der Not gerissen hat.
Und die er aus den Ländern zusammen bracht hat, vom Aufgang, vom Niedergang, von
Mitternacht und vom Meer. Die irre giengen in der Wüsten und ungebähntem Wege,
und funden keine Stadt, da sie wohnen konten. Hungrig und durstig, und ihre
Seele verschmachtet. Und sie zum HErrn riefen in ihrer Not, und er sie
errettete aus ihren Aengsten. Und führete sie einen richtigen Weg, dass sie
giengen zur Stadt, dass sie wohnen konten. Die sollen dem HErrn dancken um seine
Güte und um seine Wunder, die er an den Menschen-Kindern tut. Dass er sättiget
die durstige Seele, und füllet die hungrige Seele mit Gutem.«
    So wohl als dieser Text ausgesucht, so vortrefflich war dessen Explication
und Application nicht nur auf uns Einkömmlinge, sondern auch auf die
eingebohrnen Felsenburger. Ich glaube, ein jeder hätte gern 3. oder mehr Stunden
zugehöret, allein, Herr Mag. Schmeltzer hatte sich angewöhnet, die
Wochen-Predigten nicht über eine Stunde zu halten. Mein Vater weinete fast die
ganze Predigt über, und sagte mir ins Ohr: Nun mercke ich erstlich, dass ich
bisher kein rechter Christe gewesen bin, sondern mein Hertz mehr an die Erde,
als an den Himmel gehangen habe. Nach geendigten GOttes-Dienste kam mir van Blac
unten an der Treppe entgegen, und sagte: O GOtt! was war das vor eine treffliche
Predigt, ich habe mich zwar bisher zur Reformirten Religion bekennet, muss aber
gestehen, dass ich seit langer Zeit selbst nicht gewust, was ich geglaubt habe.
Von nun an will ich die Herrn Geistlichen bitten, dass sie mich Luterisch
machen. Der Himmel segne euer gutes Vorhaben, war meine Antwort, denn es ist
nichts bessers im Gewissen, als wenn man in seinem Glauben recht gegründet ist.
    Hierauf weil ich angemerckt, dass die Einwohner ihren Kirch-Turm binnen Zeit
meines Abwesens um ein merckliches erhöhet, liess ich mir die Lust ankommen, in
selbigen hinauf zu steigen, und fand darinnen 4. schöne Glocken, deren Tone
ungemein wohl mit einander accordirten, sie waren meistens von Silber biss auf
die allergröste, die nur bei hohen Festen geläutet wurde. Ferner betraten wir
das Orgel-Chor, da ich denn das ganze Werck so wohl gemacht befand, dass mich
ungemein darüber verwunderte, denn wegen der Register, war die Disposition
folgende:
1. Principal 4. Fuss.
2. Quinta dena 8. Fuss
3. Grob-Gedackt 8. Fuss
4. Spitz-Flöte 4. Fuss
5. Klein-Gedackt 4. Fuss
6. Quinta 3. Fuss
7. Octava 2. Fuss
8. Ditonus 13/5. Fuss
9. Sesquialtera 2. fach.
10. Mixtura 3. fach.
11. Trompeta 8. Fuss.
                                     Pedal.
1. Sub-Bass 16. Fuss.
2. Octaven-Bass 8. Fuss
3. Quinten-Bass 6. Fuss
4. Choral-Flöte 2. Fuss
5. Posaunen-Bass 16. Fuss.
    Das Clavier war von C biss und das Pedal von C biss die 2. Bälge aber jeder 9.
Schu lang und 5. Schu breit. Es war ein ungemein schönes Werckgen, sehr viele
Pfeiffen von puren Silber, die übrigen aber teils von Zinn, Metall oder Holtz,
welches mir, da ich es probirte, viel Vergnügen erweckte, auch mir vornahm,
selbst öffters Organist zu sein, wiewohl von den Felsenburgern schon 3. Knaben
sich binnen der Zeit so starck angegriffen hatten, dass sie nicht allein alle
Chorale, sondern auch den General-Bass fertig spielen konten. Hr. Schmeltzer,
Hr. Herrmann, und die mitgebrachten 2. Musici machten auch ihre Probe auf der
Orgel, und spieleten sehr fein. Hierauf sagte ich, es sollte meine erste Sorge
sein, dass der Altar, Cantzel und Tauff-Stein, so dann aber die Orgel sauber
gemahlt und verguldet würden, worauf wir uns sämmtlich wieder auf die Albertus-
Burg begaben, indem es Zeit zur Mittags-Mahlzeit war.
    So bald dieselbe eingenommen, machten wir uns eine kleine Motion, da mir
denn Mons. Litzberg zeigte, wie fleissig die Einwohner gewesen waren, indem sie
nicht allein unter der Zeit hinter der Albertus-Burg das grosse Magazin oder
Korn-Haus, wohinein die überflüssigen Früchte geschüttet wurden, völlig
auf-sondern auch noch einen grossen Flügel an des Alt-Vaters Wohn-Haus angebauet
hatten, so, dass nunmehro fast noch einmal so viel Menschen in den reinlich
zugerichteten Stuben und Cammern wohnen konten, als vorhero. Die übrige Zeit des
Tages, brachten wir, die Haupt-Personen bei dem Alt-Vater mit Erzählung alles
dessen zu, was sich sowohl auf der Reise als in Europa zugetragen, wie wir
unsere Sachen eingerichtet, auch was wir eigentlich vor Waaren eingekaufft und
mit anhero gebracht hätten. Da ich ihm denn so wohl als Mons. Horn eine
Specification derselben, ingleichen eine Berechnung über die mitbekommenen Geld-
Summen und Kostbarkeiten überreichte. Das letztere, sagte er, mein Sohn, ist
nicht nötig, was ihr nicht habt anlegen können, werdet ihr schon an gehörigen
Ort und Stelle zu bringen wissen; Wir wollen so genau nicht mit einander
rechnen, ich will nur aus Neugierigkeit nachsehen, was ihr uns guts mitgebracht
habt. Er bezeugte über die meisten Sachen, so auf diese Insul noch nicht
gekommen, aber doch sehr nutzbar waren, eine besondere Freude; allein, da er
auch in der Specification ein paar Paucken, 6. Trompeten und sonsten sehr viel
Musicalische Instrumenta antraf, schüttelte er den Kopff, und sagte: Ey, diese
Eitelkeiten hätten wir missen können; da ich aber zur Antwort gab: dass ich
dieselben Hauptsächlich zu GOttes Ehren bei der Kirchen-Music zu gebrauchen,
mitgenommen, indem ja David sagte: dass man den HErrn mit Paucken und allerhand
Instrumenten loben sollte; neigte er sein Haupt, und sprach: Ihr habt wohl
getan, mein Sohn. Unsere übrigen mitgebrachten Lands-Leute waren inzwischen
spaziren gegangen, kamen auch nicht eher als mit dem Abende wieder, da wir denn
die Mahlzeit einnahmen, und bald zur Ruhe legten, und folgenden Freitags früh
die kurtze Reise an die See zu Herrn Wolffgangen antraten, welcher noch immer
beschäfftiget war, die Sachen aus dem Schiffe hinauf bringen zu lassen. Es waren
demnach nicht nur unsere mitgebrachten jungen Zucht-Pferde, Stücken Rind- und
ander vierfüssig Vieh, nebst dem Geflügel bereits, teils nach Alberts-teils
nach Simons-Raum geschafft, sondern auch schon ziemliche Lasten in die Höhe
gewunden worden. Wir hatten kalte Küche mit genommen, um diesen Mittag am Fusse
des Felsens mit Herrn Wolffgangen zu speisen, fanden es aber bei ihm besser,
indem er schöne Fische absieden, auch zweierlei Fleisch braten und kochen
lassen, darneben einen guten Vorrat von Wein und Bier holen lassen, indem er
vor Morgen, als Sonnabends-Abends, nicht gesonnen war, nach Hause zu kehren, um
Sontags den Gottes-Dienst abzuwarten, Montags aber gleich wieder heraus zu
gehen, damit wir auf die folgende Woche wenigstens alles auf der Insul und
nichts mehr auf dem Schiffe hätten. Es war eine Lust anzusehen, wie fleissig die
Felsenburger arbeiteten, ja sie waren so gefällig, des Capitain Horns Sclaven
nicht einmal zu erlauben, dass sie eine Hand anschlagen durfften, sondern sie
sollten mit aller Gewalt von der bisherigen Reise ausruhen, und sich was zu Gute
tun. Also hiess es hier wohl recht: Viel Hände machen bald der Arbeit Ende. Wir
vergnügten uns nebst Herrn Wolffgangen sehr darüber, denn die Sclaven waren in
Wahrheit sehr getreue Leute, und hatten unterwegs ungemein gute Dienste getan.
Etwa ein paar Stunden vor Untergang der Sonnen begaben wir uns wieder auf den
Rück-Weg zur Alberts-Burg, allwo wir noch eben zur Abend-Mahlzeit eintraffen,
nachhero uns abermals Müdigkeit wegen zeitig zur Ruhe legten. Des folgenden
Tages aber, da der jüngere Herr Schmeltzer und Herr Herrmann auf ihre Predigten
studiren wollten, indem der erste Morgen Vor- und der andere Nachmittags ihre
Probe abzulegen von dem ältern Herrn Mag. Schmeltzern erinnert waren, dieser
aber selber Beichte sitzen musste, nahm ich mit meiner Braut, Schwester, den
übrigen Mitgebrachten und andern guten Freunden einen Spazier-Gang durch den
grossen Garten nach dem GOttes-Acker oder Begräbnis-Platze der Felsenburger vor,
und besahen daselbst die Gedächtnis-Säulen und Epitaphia. Indem ich nun begierig
war zu sehen, was vor Personen seit meiner Abreise verstorben, mich also zu den
neuen Gräbern machte, und die Epitaphia derselben mit Fleiss betrachte, gehen die
andern zu den grossen Gedächtnis-Säulen, und lesen deren Inscriptiones. Ehe ich
michs versah, entstunde bei des seeligen Carl Franz van Leuvens
Gedächtnis-Säule ein kleiner Tumult, weswegen ich eiligst dahin lief, und sah,
dass Mons. van Blac vor derselbigen stunde, immer in die Hände schlug, und
ausrief: O! welch ein Verhängnis! O! welch ein Schicksal! Er repetirte diese
Worte mehr als 20. mahl, weswegen ich, da die andern stille stunden, und nicht
wussten, was ihn etwa angefochten hätte, endlich zu ihm trat und sagte: Mein
Herr! warum wolt ihr euch diese Sache, die vor so langen Jahren passirt ist, so
gar sehr zu Gemüte ziehen? Es ist zwar eine Geschicht, die einem jeden
rechtschaffenen Menschen zum Jammer bewegen kann, allein nunmehro doch nicht zu
ändern. Ach, Mein Herr! antwortete van Blac, ich sage noch einmal, O! welch ein
Verhängnis, O! welch ein Schicksal! glaubt ihr denn wohl, dass dieser Carl Franz
van Leuven, der die Concordia Plürs aus Engelland entführt hat, meiner Mutter
ihres Gross-Vaters leiblicher und jüngster Bruder gewesen ist? Denn meine Mutter
ist eine gebohrne van Leuven gewesen, und ich weiss von des Franzens Historie gar
viel, unsere Vorfahren aber haben vermeint, dass er mit seiner Concordia im Meer
ersoffen wäre. Ich sah hierauf den van Blac mit Verwunderungs-vollen Augen an,
er aber sprach: Mein Herr! ich will so lange nichts weiter von dieser ganzen
Sache melden, biss ich mein Felleisen, so in eine eurer Kisten gepackt ist, vom
Schiffe bekomme, dann will ich euch mein Geschlechts-Register und einige dabei
aufgezeichnete Geschichte zeigen, so werdet ihr sehen, dass ich nicht lüge, weil
mir meine Beräuber und Mord-Buben doch diesen Schatz nicht haben mit hinweg
nehmen können. Mein Herr! versetzte ich, zu euren Worten habe ich ein starckes
Vertrauen, dasselbe aber wird allerdings noch weit stärcker werden, wenn ihr
dessfalls einige schrifftliche Urkunden aufzeigen könnet, allein diese
Begebenheit ist würdig, dass wir so gleich zurücke kehren, und selbige dem
Alt-Vater erzählen. Er war damit zufrieden, bat sich al er nur aus, erstlich
noch die Schrifften an den andern drei Gedächtnis-Säulen zu lesen, wobei er denn
immer in die Hände schlug, und die Worte: O Verhängnis! O Schicksal! wohl 50.
mahl wiederholete. Hierauf giengen wir sämmtlich zurück nach des Alt-Vaters
Zimmer, bei welchem die Capitains Horn und Wadlei allein waren, und denselben
mit Gesprächen unterhielten. Ich führete den van Blac an der Hand hinein, und
sagte: Liebster Herr und Vater, es hat sich abermals eine Wunder-Geschicht auf
dieser Insul zugetragen, dieser Mann muss ohnstreitig zu unsern Geschlechte
gerechnet werden, denn seiner Mutter Gross-Vater ist ein leiblicher Bruder von
dem allhier jämmerlich ermordeten Carl Franz van Leuven gewesen, und er sagt,
dass er dieserwegen schrifftliche Zeugnisse in seinem Felleisen, welches noch auf
dem Schiffe verwahret ist, bei sich habe. Der Alt-Vater schlug die Hände
zusammen und sagte: Solte dieses wohl möglich sein können? Ja! gebietender
Herr, sprach van Blac, es ist möglich und wahrhaftig, und wenn ich es nicht
vollkommen erweisslich mache, will ich mich zu dieser Insul hinaus stäupen, oder
gar in die See stürtzen lassen. So strenge Gerichte, versetzte der Alt- haben
wir hier nicht, allein, wie weit könnet ihr euer Geschlecht von mütterlicher
Seite herrechnen? So wohl von väterlicher als mütterlicher Seite über 300. Jahr,
welches ich, wie gesagt, mit alten Schrifften beweisen will. Habt ihr wohl,
fragte der Alt-Vater, von einem Anton Florentin von Leuven gehöret? Ja wohl!
anwortete van Blac, dieser ist ein berühmter Obrister in den alten Kriegen unter
den Trouppen der vereinigten Niederländer gewesen, es ist ihm aber mit einer
Stück-Kugel der rechte Arm abgeschossen worden, derowegen begibt er sich nach
Antwerpen, um in Ruhe zu leben, und seine Gelder zu verkehren. Er hat 2. Töchter
und 4. Söhne gehabt, der erste hat geheissen Anton Florentin, wie der Vater, er
ist in einer Schlacht geblieben; der andere, Jan Adrian, der, nachdem er auf
einem Kriegs-Schiffe, welches in die Lufft gesprengt worden, kaum sein Leben und
nichts mehr errettet, so dann nach Hause gegangen, und ebenfalls die Ruhe
gesucht. Dieses ist meiner Mutter Gross-Vater gewesen. Der dritte Sohn, hat, wo
mir recht ist, Richard Severin geheissen, ist auch ein grosser Kriegs-Officier
gewesen, jedoch endlich so übel zugerichtet worden, dass er niemahls heiraten
können. Der vierte Sohn endlich ist der auf dieser Insul verunglückte Carl Franz
gewesen, der vorhero die Concordia Plürs aus Engelland entführet hat, deren
Geschlecht bis dato daselbst annoch in sehr gutem Stande ist, denn ich habe die
Ehre gehabt, mit vielen von ihnen umzugehen, und von eben dieser Historie mit
ihnen zu sprechen, kann aber versichern, dass die Vor-Eltern nicht anders
geglaubt, als dass Carl Franz, Concordia, ihr mitgereiseter Bruder und alle
andern Menschen, sammt dem Schiffe untergegangen wären, weiln nachhero niemand
weiter etwas von ihnen erfahren können.
    Der Alt-Vater reichte dem van Blac die Hand, und sagte: ich habe die gröste
Ursach, euch in allen völligen Glauben zuzustellen, denn die Nahmen und Umstände
haben in so weit ihre Richtigkeit, da ich nun die Asche meines seeligen
Vorwirts, Carl Franz van Leuven, annoch in ihrer Grufft verehre, und ihr
solchergestalt ein Anverwandter von ihm seid, will ich euch versichern, dass ihr
meinen Befreundten und Abstammlingen gleich gehalten werden sollet, damit ihr
aber doch sehen möget, woher ich weiss, dass eure Reden eintreffen, so will ich
euch ein Buch zeigen, welches der selige Carl Franz van Leuven mit eigener Hand
geschrieben, und worinnen nicht allein sein ganzes Geschlechts-Register,
sondern auch viel andere besondere Umstände, und endlich, sein fast biss an
seinen Todes-Tag fortgeführtes Diarium anzutreffen ist. Hiermit öffnete der
Alt-Vater seinen Bücher-Schranck, und langete ein geschriebenes Buch heraus,
blätterte erstlich ein wenig darinnen herum, und sagte endlich: Ja, es ist wahr,
die Nahmen treffen zu, jedoch die Nahmen der beiden Schwestern habt ihr nicht
gemeldet, ich will sie euch sagen: Die erste hat geheissen: Antonia Salome, die
andere aber Ester Benigna. Ich glaube, dass es so sein wird, mein Herr,
replicirte van Blac, allein, ich kann aus dem Kopffe nicht alles so ordentlich
hersagen, sondern muss erstlich meine Schrifften darzu nehmen. Auf dieses
überreichte ihm der Alt-Vater das Buch, und sagte: Da sehet ihr die eigene
Handschrifft des jüngsten Bruders eures Gross-Gross-Vaters, worüber van Blac sich
teils erfreuete, teils betrübete, etliche Seiten darinnen überlase, und es
bald wieder zurück gab, sich aber ausbat, ihm zu erlauben, selbiges ganz durch
zu lesen, wenn er erstlich seine alten Urkunden dabei legen könnte. Der Alt-Vater
versprach, ihm solches zu erlauben, doch würde er sich so dann auch gefallen
lassen, ihm seine väterlichen und selbst eigenen Geschichten zu erzählen,
welches denn van Blac ganz willig und offenhertzig zu tun angelobte.
    Unter diesen Gesprächen war der Abend heran gerückt, Herr Wolffgang kam vom
Schiffe zurücke, und berichtete, dass diesen Tag abermals ziemliche Lasten
herauf gebracht wären, so, dass nicht zu zweiffeln, es würde vor Ende der
zukünftigen Woche alles gut auf der Insul stehen. Die übrigen stelleten sich
auch ein, derowegen wurde bald nach der Abend- Betstunde gehalten, und wir
legten uns sogleich zur Ruhe, um morgenden Sonntag den Gottes-Dienst desto
munterer abzuwarten.
    Nachdem nun abermals die Nacht dem Tage gewichen, wurden die Einwohner der
Insul durch einen Canonen-Schuss von dem Albertus-Hügel aufgeweckt, und ihnen
hiermit das Zeichen gegeben, dass sie sich bald auf den Kirch-Weg begeben sollten,
hierauf wurde um 7. Uhr mit der 2ten grossen Glocke, um halb 8. Uhr, abermals
mit derselben, und sobald der Seiger auf der Albertus-Burg 8. schlug, mit 3en
Glocken eingeläutet. Die ganze Einrichtung des Gottes-Dienstes kam mit
derjenigen überein, welche die Evangelische Luterischen zu observiren pflegen,
wie denn auch vor und nach der Predigt musiciret wurde. Die Predigt legte schon
gedachtermassen, Herr Schmeltzer jun. ungemein geschickt und erbaulich ab, seine
Proposition bestund in den zweien Worten: Himmel und Hölle; denn es war eben der
I. post Trinitatis, und also das Evangelium: vom reichen Manne etc. er wusste die
Hölle dergestalt erschröcklich, hergegen den Himmel so lieblich vorzubilden,
auch zu zeigen, wie man den Weg zum Himmel finden, den Höllen-Weg aber vermeiden
könne, dass ihn jederman mit der grösten Attention zuhörete, zumahlen da er eine
angenehme und fast noch stärckere Aussprache hatte, als sein älterer Herr
Bruder. Nachmittags tat Herr Herrmann eine nicht weniger schöne Predigt über
die ordentliche Sonntags-Epistel, und stellete vor: Die glückselige Vereinigung
mit GOtt, durch das Band der Liebe. Es war dieses in Wahrheit auch ein recht
beliebter Prediger, der sehr schöne Studia, eine etwas schwache, aber desto
lieblichere Aussprache hatte, derowegen schätzten wir uns alle recht glücklich,
3. solche wackere und ansehnliche Seelsorger zu haben.
    Nach der Kirche liess Herr Mag. Schmeltzer, welcher dieserwegen schon mit dem
Alt-Vater Abrede genommen hatte, die Aeltesten und Vorsteher der Gemeinden
bitten, mit auf die Albertus-Burg zu kommen, weil man ihnen etwas besonders
vorzutragen hätte; Da nun diese Folge leisteten, eröffnete ihnen Herr Mag.
Schmeltzer, wie auf künftigen 25ten Tag dieses Monahts, nehmlich den Tag nach
Johannis, in Europa von allen Evangelisch-Luterischen Glaubens-Bekennern ein
besonderes hohes Fest oder Jubilæum celebrirt werden würde, weil eben an
demselben Tage vor nunmehro 200. Jahren, das Evangelische Luterische
Glaubens-Bekänntniss dem Römischen Kayser Carolo V. zu Augspurg übergeben, mitin
der Grund gelegt worden, dass die reine Lehre, welche von einigen seit
undencklichen Zeiten her mit vielen Irrtümern vermischt gewesen, wieder an
teils Orten in Europa frei und öffentlich, nach Anweisung des Göttlichen Worts,
gepredigt werden dürffen, auch den gemeinsten Leuten wieder erlaubt worden, die
heilige Bibel zu lesen, welches bisher verboten gewesen, etc. etc.
    Demnach schiene nicht nur sehr nützlich, sondern auch unsere Schuld und
Pflicht zu sein, dass wir Felsenburger uns der Freude und Vergnügens über die
besondere Gnade GOttes, so er auch uns durch seinen auserwehlten Rüst-Zeug, den
seel. Luterum erwiesen, teilhaftig machen, GOtt zu Ehren und zum Heil unserer
Seelen den 25. 26. und 27ten Junii, als 3. hohe Fest-Tage, so wir Weihnachten,
Ostern und Pfingsten, mitin dieses Jubilæum auf die Art celebrirten, wie es,
besage der Kirchen-Historie, die Evangelisch-Luterischen vor 100. Jahren in
Europa celebrirt hätten.
    Die Vorsteher der Gemeinden höreten diesen Vortrag mit grösten Vergnügen an,
und versprachen alles, was von ihnen erfordert würde, schleunigst zu
veranstalten, man sollte nur so gütig sein, und ihnen schrifftliche Verordnungen
geben, damit sich die Stämme, einer wie der andere, darnach richten könten. Herr
Mag. Schmeltzer versprach, solche Verordnung folgenden Dienstags Vormittags
einem jeden Vorsteher schrifftlich zuzuschicken, ermahnete anbei, dass sich die
Einwohner fleissig in den Donnerstägigen Wochen-Predigten einstellen möchten,
weil ihnen in selbigen die ganze Reformations-Historie vorgelesen und erkläret
werden sollte. Hierauf begab sich ein jeder wohl vergnügt an seinen behörigen
Ort.
    Folgenden Montags wurde ein Boot zugerichtet, auf welchen nicht allein viel
Brod, Bier, Wein, Wildpret, Ziegen-Fleisch, nebst noch anderen Victualien,
sondern auch viel weisses Zeug nebst andern Kleidungs-Stücken und Geräte, nach
Klein-Felsenburg zu Verpflegung der Matrosen hinüber geführet wurde, es fuhr
auch Herr Herrmann nebst etlichen, schon vor einigen Jahren naturalisirten
Europäern mit hinüber, welche letztern nur dieses Schiffs-Volck zu sehen, Herr
Herrmann aber deswegen hinüber fuhr, ihnen eine Predigt zu halten, und etliche
geistliche Lieder vorzusingen. Capitain Horn reisete gleichfals mit, um zu
erfahren, wie sie sich bisher aufgeführet hätten. Ich nebst dem Capitain Wadlei
war inzwischen beschäfftiget, Anstalten zu machen, dass unsere bereits auf der
Insul befindlichen Sachen, mit Roll-Wagens auf die Albertus-Burg geschafft
würden, als worzu sich denn nicht allein die Affen, zahm gemachten Hirsche und
Pferde, sondern auch die Menschen gebrauchen liessen.
    Mittwochs, Nachmittags, kam Capitain Horn auf dem Boote nebst allen
mitgeseegelten glücklich zurück, und berichtete, dass sich die Matrosen, der
Officiers Rapport nach, sehr vernünftig aufgeführet, die Zeit mit Jagen und
anderer Hand-Arbeit, zuweilen auch mit allerlei Lust-Spielen zugebracht, jedoch
nicht den geringsten Streit erregt hätten. Bei Hn. Herrmanns Predigt, Beten und
Singen, wären sie sehr andächtig gewesen, auch hätten einige
Evangelisch-Luterische unter ihnen verlangt, dass ihnen doch mit nächsten das
Heil. Abendmahl gereicht werden möchte. Ubrigens wäre keiner unter ihnen
gewesen, welcher einiges Missvergnügen darüber bezeigt, dass man sie nicht mit auf
die grosse Insul genommen. Wir waren hierüber sehr vergnügt, merckten aber wohl,
dass dieses lauter Früchte waren von Capitain Horns kluger Conduite; denn er war
wirklich ein Mann, der die Schifffahrt wohl verstunde, und sich zu einem
Commandeur am allerbesten schickte, indem er ungemein gütig, wohltätig und
leutselig war, aber doch, wenn es die Not erforderte, seine Autorität gewaltig
zeigte, dieselbe zwar nicht missbrauchte, seinen Respect indessen niemahls
vergab.
    Donnerstags, den 15. Junii, fanden sich fast alle auf der Insul wohnende
Menschen in Herrn Mag. Schmeltzers Wochen-Predigt ein, ja es wurde auch so gar
des Capitain Horns 9. Sclaven erlaubt, das Schiff zu verlassen, und dem
GOttes-Dienste mit beizuwohnen, welche sich denn sehr aufmercksam bezeigten.
Herr Mag. Schmeltzer trug erstlich vor, dass wir den Tag nach Johannis-Tage, 3.
Tage nach einander, ein besonderes hohes Fest feiern wollten, meldete hierauf
kürtzlich: aus was vor Ursachen, und zu was vor Nutzen; nachhero fieng er an,
den ersten Absatz der Evangelisch-Luterischen Reformations-Historie zu
verlesen, und erklärete denselben dergestalt, dass es auch das kleineste Kind
fast hätte begreiffen können, ob nun gleich diese Predigt über 3. Stunden lang
währete, so liess doch fast jede Person an ihren Gebärden spüren, dass sie wohl
noch 3. Stunden zugehöret hätte.
    Nachhero ging ein jedes wieder an seine Arbeit, Capitain Horn wurde gebeten,
dem Alt-Vater die Zeit zu passiren, Wadlei aber und ich begaben uns mit Mons.
Kramern nach Alberts-Raum, nahmen erstlich die Mittags-Mahlzeit bei ihm ein, und
besorgten hernach die weitere Fortschaffung unserer Sachen nach der Alberts-
Burg, nahmen folgende Nächte unser Quartier bei demselben, und brachten
Sonnabends Abends, bei eingetretener Nacht, auch die schlechtesten und
geringsten Sachen an ihren gehörigen Ort und Stelle. Am 2ten Sonntage post Trin.
predigte Vormittags Hr. Mag. Schmeltzer über das ordentliche Evangelium,
Nachmittags verlass Hr. Schmeltzer jun. den andern Absatz von der
Reformations-Historie, und erklärete denselben so deutlich, als sein Hr. Bruder
vorigen Donnerstag getan.
    Folgende Werckel-Tage brachten wir mit Auspackung unserer notbedürfftigsten
Sachen zu, die Herrn Geistlichen und andere aber besorgten ein jeder das Seine.
    Donnerstags verlass Hr. Herrmann den dritten Absatz von der
Reformations-Historie, und folgte in der Art, dieselbe zu erklären, seinen
Vorgängern. Diesen Tag, nach vollbrachtem Gottes-Dienste, und denn den
folgenden, wendeten wir gleichfalls zum Auspacken unserer nötigsten Sachen an,
der Sonnabend aber wurde darzu angewendet, sich auf das Johannis-Fest und
Jubilæum zu præpariren, wie denn auch Nachmittags ein Collegium Musicum auf dem
grossen Saale des Hinter-Gebäudes angestellet wurde, um die Kirchen-Stücke zu
probiren, worzu die Herren Geistlichen die Texte gemacht, teils Hr. Mag.
Schmeltzer, teils Mons. Litzberg, teils aber einer von unsern neuen
mitgebrachten Musicis, dieselben componiret hatten.
    Am St. Johannis-Tage predigte Hr. Schmeltzer jun. Vormittags über das
Fest-Evangelium, und Nachmittags verlass Herr Herrmann den 4ten und letzten Teil
der Reformations-Historie, erklärete dieselbe, und schloss mit der Vermahnung,
dieses seltsame Fest, welches die allermeisten unter uns, wohl nicht wieder
erleben würden, nicht mit gleichgültigen Augen anzusehen, sondern dessen Ursach
und Nutzen wohl zu Hertzen zu fassen.
    Nach verrichteten Gottes-Dienst hielt Herr Mag. Schmeltzer abermals
Conferenz bei dem Alt-Vater mit den Vorstehern der Gemeinden, und erfuhr von
ihnen, dass nach seiner Vorschrifft alles nach Vermögen eingerichtet wäre, weilen
aber wegen der jungen mitkommenden Kinder, die nicht so hurtig gehen konten,
auch anderer Ursachen wegen, schon vorhero beschlossen worden, den ersten
Jubel-Tag nur einmal Kirche zu halten, als wurde ihnen angesagt, nicht ehe aus
ihren Häusern nach der Kirche zu gehen, als wenn die Canonen zum andern mahle
abgefeuert würden. Hiernach versprachen sie sich zu richten, reiseten eiligst
nach ihren Wohnungen, und wir hielten uns gleichfalls nicht lange auf, sondern
suchten mit einbrechender Nacht unsere Ruhe-Stellen.
    So bald der Himmel zu grauen anfing, stund ich auf, kleidete mich an, sah
erstlich nach dem Alt-Vater, und da ich merckte, dass derselbe schon aufgewacht
war, sagte ich: Lieber Vater! wo es euch gefällig, will ich, da es nunmehro Tag
wird, das erste Signal mit den Canonen geben lassen. Ja! mein Sohn, gab er zur
Antwort, tuet es, denn ich kann ohnedem nicht mehr schlaffen, werde aber doch
noch ein paar Stündgen liegen bleiben, besorget nur inzwischen alles wohl. Ich
küssete ihn, ging hierauf fort, und fand die Bestellten schon in Parade stehen,
mit welchen ich hinging, und die, dieses Fests wegen, auf die Albertus-Burg
gepflantzten 18. Canonen zum ersten mahle abfeurete. Mittlerweile hatten sich
unsere 2. neu mitgebrachten Musicanten, nebst Mons. Litzbergen, Harckerten und
Mattæus Pür, welchen Capitain Horn schon vormahls als Kupfferschmidt auf diese
Insul gebracht, oben auf den Seiger-Turm geschlichen, und fingen mit Trompeten
und Paucken gewaltig an zu lermen, welches, weil es mir selbst unverhofft kam,
mich um so viel desto mehr entzückte, es schlug aber der Kupfferschmidt Pür die
Paucken vortrefflich gut, denn er hatte diese Kunst so gar nach Noten gelernet,
die 4. erstgemeldten aber bliesen die Trompeten auch sehr wohl, ohngeacht
Litzberg und Harckert lange nicht im Exercitio gewesen waren.
    Etwa eine Stunde darnach liess ich die Canonen zum andern mahle abfeuern,
worauf sich denn wiederum Trompeten und Paucken binnen einer Stunde 3. mahl
hören liessen. Endlich da wir sahen, dass die Einwohner von allen Strassen her,
immer näher und näher angezogen kamen, wurden die Stücke zum dritten mahle
gelöset; Trompeten und Paucken liessen sich wieder hören, biss sich alles Volck
vor der Albertus-Burg versammelt hatte, da denn endlich die Melodei des Chorals:
Es woll uns GOtt genädig sein etc. etc. als welcher unsers Alt-Vaters täglicher
Gesang war, 3. mahl mit Zincken und Posaunen abgeblasen, nachhero mit allen
Glocken zu läuten angefangen, und damit eine ganze Stunde lang continuirt
wurde. Binnen der Zeit war alles in Ordnung gebracht, und der Zug von der
Albertus-Burg also eingerichtet: Erstlich giengen die Kinder von 3. 4. biss 14.
Jahren, alle über ihre ordentliche Kleidung mit weissen Hembden, die fast biss
auf die Erde reichten, angetan, grüne Cräntze auf den Häuptern, und grüne
Zweige in den Händen habend, voran; sie waren von ihren Schulmeisters nicht nur
in Ordnung gestellet, sondern wurden auch darinnen erhalten; hernach folgten die
Jungfrauen mit Cräntzen, ebenfalls in weissen Habit; auf diese die 3. Herren
Geistlichen, denen der Alt-Vater in der Sänfte nachgetragen wurde. Hinter
derselben her, giengen erstlich die sämmtlichen Felsenburgischen Jung-Gesellen,
alle in roter Kleidung, diesen folgten die Weiber und Wittben, alle schwartz
gekleidet, hernach kamen die sämmtlichen Europäischen Einkömmlinge; und den
ganzen Zug beschlossen die Felsenburgischen Männer, in solcher Ordnung, dass
jede Familie von ihrem Aeltesten oder Vorsteher, der voran ging, geführet
wurde.
    Im Heruntergehen wurden die Lieder gesungen: Nun freut euch lieben Christen
gemein, etc. etc. Es ist das Heil uns kommen her, etc. etc. Wie schön leucht uns
der Morgen-Stern, etc. etc. Nun lob, mein Seel, den HErren, etc. etc. So bald
sich alle Personen in der Kirche befanden, und das letzte Lied ausgesungen war,
wurde auch zu läuten aufgehöret, und der GOttes-Dienst mit dem Liede: Komm
Heiliger Geist, erfüll etc. etc. angefangen, hierauf intonirte Hr. Mag.
Schmeltzer vor dem Altare: Gelobet sei die Heil. Dreifaltigkeit. Worauf unter
Trompeten und Paucken-Schall von dem Orgel-Chor geantwortet wurde: Und
unzertrennte Einigkeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen! Und unter der Zeit
wurden auch auf der Albertus-Burg 6. Canonen abgefeuert, nachdem aber Herr Mag.
Schmeltzer das Gebet: HErr GOtt himmlischer Vater, von dem wir ohn Unterlass
allerlei Guts etc. etc. abgesungen, wurde der Choral: Allein GOtt in der Höh sei
Ehr etc. angestimmet. Hierauf an statt der Epistel das 41te Capitel aus dem
Propheten Jesaia verlesen, so dann das Lied gesungen: O HErre GOtt, dein
göttlich Wort etc. an statt des Evangelii der 122. Psalm Davids verlesen, und
hernach folgende Cantata musiciret:
                                      * *
                                       *
                                     Recit.
                                 Soprano solo.
Aus meines Hertzens-Grunde
Sag' ich dir Lob und Danck,
Dir, der du in dem Himmel sitzest,
Jedoch allgegenwärtig bist,
Und vor des Satans Trug und List
Die dir ergeb'nen Seelen schützest.
Es sagt die Felsenburger-Schaar,
Die sonst ein kleines Häufflein war,
Aus einem Munde
Und mit vereinten Hertzen,
Jetzt und ihr Lebenlang
Dir, grosser GOtt,
Und starcker Zebaot,
Vor deine Güte Lob und Danck.
                                    Concert.
                            Psalm. 147. v. 12. seq.
    Preise, Jerusalem, den HErrn, lobe Zion deinen GOtt, denn er macht veste die
Riegel deiner Tore, und segnet deine Kinder drinnen.
    Er schaffet deinen Gräntzen Friede, und sättiget dich mit dem besten
Weitzen. Er sendet seine Rede auf Erden, sein Wort läufft schnelle.
                                    Choral.
                                    Tenore.
Lob und Danck sei dir gesungen,
Vater der Barmhertzigkeit,
Dass mir ist mein Werck gelungen,
Dass du mich vor allem Leid
Und für Sünden mancher Art
So getreulich hast bewahrt,
Auch die Feind' hinweg getrieben,
Dass ich unbeschädigt blieben.
                                      * *
                                       *
Keine Klugheit kann ausrechnen
Deine Güt und Wundertat,
Ja kein Redner kann aussprechen,
Was dein Hand bewiesen hat,
Deiner Wohltat ist zu viel,
Sie hat weder Maass noch Ziel,
Ja du hast mich so geführet,
Dass kein Unfall mich berühret.
                                     Recit.
                                   Alto solo.
Ja wohl ist niemand so geschickt,
Die Gnaden-Zeichen allzumahl,
So GOtt von Kindes-Beinen an
Bei uns getan,
Behörig zu beschreiben.
Diss heist die ungezählte Zahl,
Und wird es immer bleiben,
Biss uns nach dieser Zeit
Des Allerhöchsten Gütigkeit
Ins ew'ge Leben rückt.
Inzwischen müssen wir bekennen:
Wie dass die gröste Wohltat sei:
Dass wir sein heilig Wort
Und Luters reine Lehren
Von nun an fort und fort
Auf dieser Insul können hören;
Und uns dabei
Auch GOttes Kinder dürffen nennen.
                                    Concert.
                              Psalm. 119. v. 105.
    Dein Wort ist meines Fusses Leuchte, und ein Licht auf meinem Wege.
                                    Choral.
                                    Sopran.
    Mein'n Füssen ist dein heiligs Wort ein brennende Lucerne, ein Licht, das
mir den Weg weis't fort, so dieser Morgen-Sterne in uns aufgeht, so bald
versteht der Mensch die hohen Gaben, die GOttes Geist den'n g'wiss verheist, die
Hoffnung darein haben.
                                     Recit.
                                  Basso solo.
GOttes Wort und Luters Lehr
Vergehet nun und nimmermehr;
Wird gleich der Himmel mit der Erden
In nichts verwandelt werden,
Bleibt jenes beides dennoch veste stehn,
Und kann niemahls zu Grunde gehn;
Drum wollen wir
Nur für und für
Den Höchsten lassen walten,
Und uns allstets an diese Felsen halten.
                                    Concert.
                                Psalm. 31. v. 3.
    Sei mir ein starcker Fels und eine Burg, dass du mir helffest; denn du bist
mein Fels und meine Burg; und um deines Nahmens willen wollest du mich leiten
und führen.
                                    Choral.
                                     Alto.
    Du bist mein Stärck, mein Fels, mein Hort, mein Schild, mein Krafft, sagt
mir dein Wort, mein Hülff, mein Heil, mein Leben, mein starcker GOtt in aller
Not, wer mag dir wiederstreben.
                                     Tutti.
Glori, Lob, Ehr und Herrlichkeit
Sei dir GOtt Vat'r und Sohn bereit, etc. etc.
    Sowohl uns dieser von Herrn Mag. Schmeltzern gemachte Text gefiel, so
angenehm fiel auch dessen Composition, die unser Musicus, Mons. Langrogge, über
sich genommen hatte, in die Ohren. Die ersten 2. Zeilen des ersten Recitativs,
welches ein reiner Discantiste sunge, ihm nicht einmal mit der Orgel, sondern
nur mit einer sanft geblasenen Trompete accompagnirt wurde, hätten der Gemeine
fast die Meinung beigebracht, als ob dieses Morgen-Lied ganz ausgesungen werden
sollte, allein, gleich bei der 3ten Zeile, fiel so gleich die Orgel mit ein, und
wurde das Recitativ nach seiner Art abgesungen, im übrigen war die Abwechselung
der Stimmen und Instrumenten dergestalt wohl in Acht genommen, dass, wie gesagt,
dergleichen Stück in dieser Kirche noch nicht gehöret worden. Nach geendigter
Music und gesungenen Choral: Wir glauben all an einen GOtt, etc. predigte Herr
Mag. Schmeltzer über den 122. Psalm Davids, und stellete daraus vor: Die GOtt
wohlgefällige Jubel-Freude. Verglich unser Felsenburg mit der Stadt Jerusalem
und dem Berge Zion, auf eine ungemein erbauliche Art. Am Ende der Predigt aber
gab er der Gemeinde zu vernehmen, wie, bald itzo nach der Predigt, sein
leiblicher Bruder, Herr Jacob Friedrich Schmeltzer und Herr Johann Friedrich
Herrman, ihnen, so wohl als er, zu Priestern und, Beicht-Vätern vorgestellt
werden sollten, derowegen möchten sich in Zukunft, des Alt-Vaters beliebter
Ordnung gemäss, die auf der Albertus-Burg befindlichen, ingleichen die
Alberts-Johannis- und Christophs-Raumer, bei ihm, Hn. Mag. Schmeltzern; die
Simons-Christians- und Roberts-Raumer, bei Herrn Schmeltzern jun. die
Jacobs-Stephans- und Davids-Raumer aber bei Herrn Herrmannen im Beicht-Stuhle
einfinden, auch sich sonsten, ihrer Sorge in geistlichen Dingen anvertrauen.
Wiewohl dieserwegen niemanden ein Zwang auferlegt, sondern jedem erlaubt wäre,
sich so wohl an einen als an den andern Priester zu addressiren.
    Nachdem also die Predigt beschlossen, und nochmahls eine Cantata musicirt
war, giengen die drei Priesters vor dem Altar, Herr Mag. Schmeltzer blieb auf
der Obersten Stuffe, die beiden jüngern aber eine Stuffe tieffer stehen, der
Alt-Vater und die Vorsteher der Gemeinden rangirten sich zu beiden Seiten des
Altars. Herr Mag. Schmeltzer hielt erstlich eine Rede, die ohngefähr eine halbe
Stunde währete, worinnen er von der Pflicht der Priester gegen ihre Zuhörer, und
dann auch von der Pflicht der Zuhörer oder anvertrauten Seelen gegen ihre
Priester, sehr beweglich handelte, stellete nachhero diese seine geliebten
Mit-Arbeiter am Wort, der ganzen Felsenburgischen Gemeine vor, segnete sie ein,
beschloss mit einem schönen Gebete und Wunsche vor beide Teile, intonirte
hernach den Lob Gesang: HErr GOtt, dich loben wir, etc. etc. Hierauf wurde vom
Orgel-Chore unter Trompeten und Paucken-Schalle, ingleichen von der ganzen
Gemeine, derselbe biss zu Ende gesungen, und auch unter der Zeit, das auf der
Alberts-Burg stehende schwere Geschütz nach gegebenem Zeichen vier mahl
abgefeuert. Nach gesprochenem Segen und angestimmten Liede: Nun dancket alle
GOtt, etc. etc. also, nach geendigtem Gottes-Dienste, wurden die Canonen
nochmahls binnen einer Stunde dreimal gelöset, auch eine ganze Stunde lang
geläutet, und der Choral: Von GOtt will ich nicht lassen etc. etc. vom Turme
geblasen, worauf denn alle gegenwärtige Felsenburger in verschiedenen Zimmern
der Albertus- köstlich tractiret wurden, gegen Abend aber alle, bis auf etliche
alte Greise, wieder in ihre Wohnung kehreten. Folgende zwei Tage wurden nicht
weniger so andächtig als frölich zugebracht, Herr Mag. Schmeltzer aber wegen
seiner vielen gehabten Sorgen und Bemühungen, in Anordnung dieser ganzen Fest-
Ceremonien, mit Predigen verschonet, indem Herr Schmeltzer jun. die Vor- und
Herr Herrmann die Nachmittags-Predigten verrichteten.
    Der darauf folgende 28. Jun. wurde von den sämmtlichen Einwohnern mit
allerhand erlaubten Lustbarkeiten zugebracht, und keine als die höchstnötigsten
Arbeiten darane getan; Donnerstags aber fuhr Herr Schmeltzer jun. mit etlichen
Europäern und Felsenburgern hinüber auf die kleine Insul, hatte daselbst den
Matrosen eine Bet-Stunde und Predigt gehalten, einigen Evangelisch-Luterischen
das Heilige Abendmahl gereicht, und sonst alles in guter Ordnung gefunden, doch
hatten sie sehr Verwunderungs-voll gefragt, was denn binnen drei Tagen das
öfftere Canoniren zu bedeuten gehabt hätte, worauf sie die Antwort bekommen, dass
es keine Gefahr zu bedeuten gehabt, sondern es wäre ein besonderes Fest auf der
Insul gefeiert worden. Ubrigens, nachdem sie zu verstehen gegeben, wie sie
daselbst mit einander ganz vergnügt lebten, auch noch wohl auf 3. Wochen
Proviant, Bier und Wein genug hätten, waren unsere Leute wieder abgefahren, und
kamen noch vor Abends wieder zu uns.
    Nächstfolgenden Sonntag ging abermals ein besonderer Actus in unserer
Kirche vor, denn nachdem des Capitain Horns 9. Sclaven von Herrn Mag.
Schmeltzern Tags vorhero examinirt und in allen Glaubens-Articuln wohl
unterrichtet befunden worden, so wurden dieselben gleich nach der Predigt
erstlich von ihm getaufft, wobei die 9. Felsenburgischen Vorsteher, 9. von uns
Europäern und 9. Felsenburgische Jungfrauen zu Gevattern stunden. Nach der
Tauffe wurde ihnen von Herrn Schmeltzern jun. und Herrn Herrmannen das Heilige
Abendmahl gereicht, nachdem je 3. und 3. bei einem jeden Priester gebeichtet
hatten. Der Alt-Vater liess sie hierauf in einem besondern Zimmer mit den besten
Speisen versorgen, nachhero in sein Zimmer ruffen, und durch mich einem jeden
100. Spanische Creutz-Taler zum Paten-Geschencke auszahlen. Capitain Horn
schenckte ihnen die Freiheit, und sagte, dass sie von nun an nicht mehr Sclaven
sein und heissen, jedoch so lange bei ihm bleiben sollten, biss er wieder in
Europa angelanget wäre, da sich denn ein jeder nach seinem Belieben hinwenden
könnte, wohin er wollte, mitlerweile sollten sie auch von ihm den monatlichen
Matrosen-Lohn zu gewarten haben. Merckwürdig war dieses bei ihrer Tauffe, dass
ein jeglicher Christian genennet wurde, jedoch noch einen Vornahmen darzu bekam,
mit welchen man sie im Zuruffen oder Gesprächen unterscheiden konnte, der
Zu-Nahme aber, war einem jeden, sich selbst zu erwählen, überlassen.
    Sie bezeigten sich einer wie der andere ungemein erfreuet, dass sie sich
nunmehro unter die Christen rechnen konten, lasen auch bei müssigen Stunden
beständig in den ihnen geschenckten Bibeln, Gesang-und Gebet-Büchern, weswegen
sie denn auch der Alt-Vater nicht von uns kommen lassen, sondern im
Christentume noch immer mehr gestärckt wissen wollte, biss zu Capitain Horns
Abreise.
    Bei dieser Gelegenheit fällt mir Talli ein, welche Ao. 1728. am 17. Sonntage
p. Trin. auch auf dieser Insul getaufft, und gleich diesen ihren Lands-Leuten
aus dem Heiden-ins Christentum geführet wurde; es hatte aber dieselbe unter der
Zeit unsers Abwesens einen feinen Mann aus dem Simonischen Geschlechte bekommen,
jedoch voritzo lag sie eben in 6. Wochen, weil sie kurtz vor unserer Ankunft
eine junge Tochter zur Welt gebracht hatte, und eben dieserwegen war sie noch
nicht zum Vorscheine gekommen. Jedoch nachdem ich, vielleicht manchem Leser zum
Verdruss, mich bei den Geistlichen Begebenheiten etwas lange aufgehalten, und
dennoch manches Betrachtens-würdige zurück gelassen, welches aber vielleicht
hier und dar noch beiläuffig mit eingestreuet werden kann; so muss mich nun wohl
auch befleissigen, Bericht abzustatten, wie die Sachen fernerweit nicht allein
seit unseres Abseins, sondern auch nach unserer glücklichen Zurückkunft
eingerichtet worden.
    Die 7. Einkömmlinge, so Mons. Horn vordem da gelassen, (NB. die im andern
Teile pag. 560. specificirt sind) hatten sich ganz wohl beraten, 3. unter
ihnen, nehmlich, Tau, Pür und Bertold, welche vorhero andern Secten zugetan
gewesen, waren nicht nur zur Evangelisch-Luterischen Religion übergetreten,
sondern hatten sich auch bereits verheiratet, und mehrenteils neben den
Häusern ihrer Schwieger-Eltern und Freunde neue Häuser und Werckstätten
aufgebauet, dergestalt, dass Bucht, der Nadler, in Davids-Raum; Dietrich, der
junge Mechanicus, (welcher Mons. Plagers seiner Frauen Schwester bekomen, und
bereits ein künstlicher und fleissiger Mann war,) und Herbst, der Gürtler, in
Jacobs-Raum; Rümpler, der Gerber, in Stephans-Raum; Tau, der Hutmacher, in
Simons-Raum; Pürr, der Kupfferschmidt, in Johannis-Raum, und Bertold, der
Seiler, in Christophs-Raum zu wohnen kommen waren. Derowegen schien das
allernötigste zu sein, die neuen mitgebrachten Künstler und Hand-Wercks-Leute
ebenfalls in diejenigen Pflantz-Städte einzuteilen, allwo sie ihre Professiones
am bequemlichsten treiben könten. Demnach wurde mit den Stamm-Vätern und
klügsten Europäern Rat gehalten, und endlich beschlossen, dass der Buchbinder
Ollwitz in Christians-Raum, bei Mons. Litzbergen, Rädler, der Buchbinder,
Besterlein, der Sattler, Hollersdorff, der Mahler, in Alberts-Raum, u. zwar
dieser Letztere in Mons. Cramers Behausung, Breitschuch, der Seiffensieder, und
Trotzer, der Zinngiesser, in Roberts-Raum; Engelhart, der Blechschmidt, in
Davids-Raum; Schubart, der Glassmeister, nebst ihme Rindler, der Glas-Blaser in
Stephans-Raum, ihre Wohnstädten bekommen sollten, und zwar diese beiden letztern
nur so lange, biss die Glas-Hütte zu Stande gebracht, welche am Walde bei den
Saltz-Lachen, zwischen Jacobs- und Stephans-Raum, nach Uberlegung der
Verständigsten angelegt werden sollte. Nachdem nun ein jeder in die ihm
zuerkanndte Pflantz-Stadt eingeführt, ihm sein Logis und Platz zur Werckstatt
angewiesen worden, auch sich nach erstattetem Bericht keiner unter ihnen
gefunden, welcher nicht sehr wohl damit zufrieden gewesen wäre, lieferte ich
jeden seine Kisten, worein die zu seiner Profession gehörigen Sachen eingepackt
waren, nebst ihren übrigen annoch bei mir befindlichen Geräte aus, ermahnete
einen jeglichen, nur erstlich seine Sachen in Ordnung zu bringen, und zu
überschlagen, wo und wie ihre Werckstätten angelegt werden müsten, da denn so
gleich unsere Bau-Leute Anstalt machen sollten, dieselben in behörige Ordnung zu
bringen, auch sollte es ihnen an Gehülffen und Lehrlingen nicht ermangeln, indem
sich genung Felsenburgische Knaben anfinden würden, die diese oder jene
Profession zu erlernen geschickt wären.
    Demnach blieben auf der Albertus-Burg nur folgende Personen:
    Der Alt-Vater Albertus mit denen, ihm von jeden Stamme zur Aufwartung
        zugegebenen Knaben und Mägdleins.
    Mein Vater, Franz Martin Julius.
    Herr Mag. Schmeltzer nebst seiner Liebste und zweien Kindern.
    Herr Schmeltzer jun.
    Herr Herrmann.
    Capitain Wadlei.
    Mons. van Blac.
    Mons. Langrogge und
    Mons. Hildebrand, die beiden Musici.
    Ich, Eberhard Julius.
    Meine Schwester, Juliana Louise.
    Jungfer Krügerin
    Jungfer Zornin
    Barb. Kuntzin, meiner Schwester Bediente.
    Capitain Horn mit seinen 9. Sclaven, so lange als ihm allhier auszuruhen
        beliebte.
    Die Buchbinders hatten ihre Werck-Zeuge am allerersten in Ordnung gebracht,
indem sie die vornehmsten Stücke aus Europa mitgenommen hatten, derowegen kamen
beide, und ersuchten auch die Kisten, worinnen die rohen Bücher, Pergament und
ander Zubehör verwahret wäre, auszupacken, damit sie einen Anfang machen könten,
die grosse Anzahl Bücher zu verfertigen, welche zu der Felsenburgischen
Bibliothek erkaufft und gewidmet waren. Sie durfften hierauf nicht lange warten,
sondern bekamen bald, was sie verlangeten. Nächst diesen suchte ich das
benötigte vor Mons. Hollersdorffen, den Mahler, hervor, welcher denn mit drei
ihm zugegebenen jungen Purschen, die er in der Mahler-Kunst unterrichten sollte,
in wenig Tagen den Anfang machte, den Altar zu mahlen, und an behörigen Orten zu
vergulden. Weiln aber in unserer Kirche, so wohl als auf der Albertus-Burg keine
Glas-Fenster, sondern die Rahmen nur mit durchsichtigen Fisch-Häuten überzogen
waren, welche doch sehr verdunckelten, so liess ich nicht ab, biss Mons. Litzberg
und die übrigen Bau-Verständigen, sich nebst gnugsamen Arbeitern mit mir auf
denjenigen Platz begaben, wo die Glas-Hütte angelegt werden sollte. Es wurde also
nicht nur binnen wenig Tagen der Grund aufgegraben, sondern auch sattsames
Holtz, Kalck und Steine aufgeführet, und das ganze Gebäude binnen wenig Wochen
unter das Dach gebracht. Der Glas-Meister Schubart war ein sehr geschickter
Mann, gab an, wohin die Glas-Cammer oder Magazin, der Calcinir-Ofen, der
Schmeltz-oder Werck-Ofen, und dann der Kühl-Ofen gebauet, und wie eigentlich
diese dreierlei Arten von Ofen gemacht werden sollten, bestellete auch die dazu
benötigten Machinen und Instrumente, als, die Pfeiffe, Vorschneid-Eisen, das
Zwack-Eisen, Bühm-Eisen, Scheere, Auftreib-Scheere, Rössgen, Sattel, eiserne
Schöppe, Wasser-Trog, Formen, Mörser und dergleichen, und versprach, wenn man
ihn und seinen Compagnon so fleissig fort förderte, auch gnugsame Materialien
zuführen liesse, binnen wenig Wochen so viel Glas-Taffeln zu liefern, als wir zu
unsern Kirch-Fenstern nötig hätten. Ich sparete keine Worte, die Vorsteher der
Gemeinden dahin zu bringen, dass sie sich diesen Bau rechtschaffen angelegen sein
liessen, derowegen fehlete es nicht an fleissigen Arbeitern, auch wurden die
Materialien zum Glassmachen nach und nach dergestalt häuffig zugeführet, dass der
Glas-Meister völlig vergnügt war. Ich begab mich alle Woche zwei biss drei mahl
dahin, diesen Bau zu besichtigen, allein, ich konnte wenig tüchtigen Rat darzu
geben, weil ich die Sache nicht verstund, hergegen taten Mons. Litzberg,
Plager, Morgental und andere nebst dem Glas-Meister Schubart das beste bei
Anlegung dieser Sache, so, dass sie endlich noch vor Michaelis völlig zum Stande
kam, und wir eine Probe von vielerlei Sorten der Gläser, mit grösten Vergnügen
zu sehen bekamen, auch die fleissigen Arbeiter zum öfftern besuchten, indem sich
verschiedene Felsenburgische junge Männer, Junggesellen und Knaben mit darzu
gebrauchen liessen.
    Binnen der Zeit aber kam uns auch die Lust an, die andern neu mitgebrachten
Handwercker zu besuchen, und fanden, dass die Buchbinders sehr fleissig gewesen
waren, denn sie hatten schon eine ziemliche Anzahl Bücher recht nett und sauber
eingebunden. Der Seiffensieder Breitschuch zeigte schon viele Centner von
seiner, mittelmässigen und geringen Seiffe, versprach auch, nur noch einige
Centner darzu zu machen, und selbige hernach auf die Albertus-Burg zu liefern,
damit selbige unter die Stämme verteilt, und jede Hausswirtin so viel davon
habhaft werden könnte, sich eine Zeitlang damit zu behelffen. Der Zinngiesser
Trotzer lieferte von den ihm gegebenen 10. Centner Zinn vorerst 6. Dutzent
grosse, mittelmässige und kleinere Schüsseln, 12. Dutzent Teller, nebst allerhand
andern Sachen, welche alle zu specificiren viel zu weitläufftig fallen würde,
das ansehnlichste darunter aber war ein Hand-Fass von besonderer façon und
ungemein sauberer Arbeit, nebst einem ganz Zinnern propern Caffée-Tische,
welche beiden Stücke er in des Alt-Vaters Zimmer gestellet haben wollte.
Besterlein, der Sattler, hatte in des Alt-Vaters Zimmer 2. Dutzent saubere
Stühle beschlagen, 3. schöne Sättel und verschiedene Sorten von Riemen-Werck zum
Meister-Stücke gemacht. Bei Engelhardten in Davids-Raum traff man schon eine
gewaltige Menge von allerlei blechernen und messingenen Gefässen und Sachen an,
er wollte aber deren erstlich noch mehr verfertigen, sie sodann auf die Albertus-
Burg liefern, damit der Alt-Vater damit disponiren könnte, wie ihme beliebte.
Mons. Hollersdorff, der Mahler, hatte nicht nur den Altar bereits vollkommen
schön ausgemahlt, sondern wurde auch noch vor Michaelis mit der Cantzel fertig.
Solchergestalt sahen unsere Aeltesten mit Vergnügen, dass wir keine Schmarotzer
und faule Tage-Diebe, sondern lauter fleissige Arbeiter mitgebracht hatten,
inzwischen durfften sich diese um keine Lebens-Mittel bekümmern, denn es wurde
ihnen alles, was sie begehrten, reichlich zugetragen.
    Mittlerweile wurde es kundig, dass Hr. Schmeltzer jun. mit meiner Schwester,
und ich mich mit meiner Cordula an dem künftigen Michaelis-Feste wollten
copuliren lassen, derowegen mag der Appetit zum Heiraten nicht nur einigen
Felsenburgern, sondern auch etlichen von unsern neu mitgebrachten Europäern
ankommen, denn diese Letztern hatten die Töchter des Landes schon besehen, waren
auch so wohl im Aussuchen als in der Anwerbung mehrenteils glücklich gewesen,
weiln es nicht nur an sich selbst feine Männer waren, sondern die ältern
Europäer sich ihrer als Brüder angenommen, und ihnen das Wort geredet hatten.
Inzwischen wäre doch bald ein Streit zwischen Mons. van Blac und dem Mahler
Hollersdorff entstanden, denn es hatten sich beide zugleich in Herrn Kramers
seiner Frauen ihre jüngste Schwester verliebt, weswegen wir andern uns
dazwischen schlugen, und auf Vermercken, dass die Jungfrau den Mahler gewogener
war, als den van Blac, diesen Letztern von ihr abwendig machten. So bald er
vernommen, dass die Jungfrau seinen Mit-Buhler lieber hätte, als ihn, liess er
sich gleich weisen, nahm Abschied von ihr, und suchte sich nachhero eine nicht
weniger wohlgebildete und tugendhafte Jungfrau aus dem Johannis-Raumer
Geschlechte aus, welche Hr. Mag. Schmeltzers seiner Liebsten jüngste, ohngefähr
18. jährige, Schwester war. Diese hatte an seiner Person nichts auszusetzen,
jedoch ehe das Verlöbnis geschahe, nahm ihn der Alt-Vater eines Abends vor, und
bat, weil es eben itzo Zeit davon wäre, uns seine Lebens-Geschicht zu erzählen,
da er selbiges schon vor einigen Wochen versprochen hätte. Mons. van Blac liess
sich nicht lange nötigen, sondern fing seine eigene Historie, nachdem er
erstlich einige Bücher und Briefschaften aus seiner Cammer geholet, folgender
massen herzusagen an:
    Im Jahr 1698. den 24. Octobr. bin ich zur Welt geboren worden, und zwar auf
dem von den Geographis so genannten Teutschen Meere, weswegen ich nicht weiss, ob
ich mich einen gebohrnen Teutschen oder Holländer nennen soll, denn mein Vater
und Mutter waren beide in Holland geboren und gezogen, erstgemeldter hiess Joost
Henry van Blac, und war Capitain eines Holländischen Schiffs, meine Mutter aber,
Maria Angelica van Leuwen, deren Vater ebenfalls ein berühmter Schiffs-Capitain
gewesen war. Die besondere Lust zum Reisen auf der See, und denn die hertzliche
Liebe gegen meinen Vater, hatte meine Mutter angerejetzt, gleich nach ihrer
Vereheligung verschiedene Reisen mit demselben in ein und anderes Europäisches
Reich zu tun, auf der Rück-Reise von Norrwegen aber biss Holland passirt ihr
dieser Streich, dass sie Antwerpen, allwo wir unser Wohn-Haus hatten, nicht
erreichen kann, sondern ihr Wochen-Bette mit mir im Schiffe aufschlagen muss; und
eben dieserwegen kann ich mich keines Menschen Lands-Mann, wohl aber See-Mann
nennen. Mit alle dem kommen doch, so wohl meine Mutter als ich, glücklich und
gesund in Antwerpen an, und werden von meiner Gross-Mutter, die annoch lebte,
wohl empfangen und gepfleget. Mein Vater hatte sich nach wenig Tagen wieder zu
Schiffe begeben müssen, und war nicht nur dieses mahl ein halbes Jahr, sondern
nachhero zum öfftern 8. 10. ja wohl biss 18. Monate aussen geblieben, und
dennoch hatte er niemahls einen rechtschaffenen Profit mit nach Hause gebracht,
sondern mehrenteils grössere Summen mit auf die Reise genommen; woran es
gelegen gewesen, weiss ich nicht, und meine Mutter, weil sie ihn hertzlich
liebte, zur selbigen Zeit auch noch ihr gutes Auskommen wusste, hatte ihn in
allen nach seinem Belieben schalten und walten lassen. Ich blieb nicht alleine,
sondern bekam immer mehr und mehr Geschwister, so, dass in meinem 14ten Jahre
schon unserer 9. waren, indem sich unter uns 2. paar Zwillinge befanden. Meine
Mutter sparete keinen Fleiss, uns sämmtlich wohl zu erziehen, und sonderlich
mich, als ihren erstgebohrnen und liebsten Sohn, in den behörigen
Wissenschaften unterrichten zu lassen, und ich hatte in Wahrheit auch eine
besondere Lust zum Studiren, allein, in meinem 15ten Jahre, da mein Vater eben
wieder zu Hause kam, doch sich nicht länger als etwa einen Monat bei uns
aufgehalten hatte, gab er zu vernehmen, dass er mich mit zu Schiffe nehmen wollte;
meine Mutter setzte sich zwar starck darwider, und wendete vor, dass es ewig
Schade sei, mich itzo in den besten Jahren vom Studiren abzuziehen, da ich,
meiner Præceptorum Zeugnisse nach, schon so sehr weit gekommen wäre; allein, er
schmeichelte ihr, dass er noch einmal so frölich und vergnügt leben wollte, wenn
er wenigstens eins von seinen Kindern bei sich hätte, und ihr Ebenbild darinnen
betrachten könnte, zudem wäre auf seinem Schiffe ein Grund-gelehrter Mensch
befindlich, welcher sich eines in Franckreich gehabten Unglücks-Falls wegen auf
die See begeben müssen, dieser könnte nicht allein meine bereits erlerneten
Wissenschaften mit mir repetiren, sondern mich auch viel weiter bringen, weiln
wir auf dem Schiffe Zeit genung darzu hätten. Auf diese Vorstellungen gab
endlich meine Mutter ihren Willen drein, und liess mich mit ihm fortfahren,
nachdem er noch eine gewaltige Geld-Summe in Antwerpen aufgenommen, und meiner
Mutter vorgesagt hatte, binnen 8. oder 9. Monaten vier mahl so viel davor
zurück zu bringen. Allein, es war nicht an dem, dass er dieses mahl so bald
wieder kommen konnte, denn wir nahmen unsern Lauff nach Ost-Indien zu, und ich
befand in der Tat wahr zu sein, dass ich auf dem Schiffe von obgemeldten
Studioso, der sich Bredder nennete, und vor dem einige junge Barons durch die
allermeisten Reiche und Länder von Europa geführet hatte, eben so viel, ja noch
mehr lernen konnte, als zu Hause, denn mein Vater hatte nicht allein viele
nützliche Bücher vor mich mitgenommen, sondern Mons. Bredder hatte auch eine
ziemliche Menge derselben bei sich, um mich in den vornehmsten Europäischen
Haupt- gründlich zu unterrichten, und firm zu machen. Ausser diesen tractirte er
die Historie, Geographie, und einige Stück aus der Matesi mit mir, kurtz, er
brachte mich binnen 3. Jahren, die wir unterwegs und in Ost-Indien zubrachten,
durch seinen und meinen unermüdeten Fleiss so weit, dass ich obgedachte
Europäische Haupt-Sprachen nicht allein fertig lesen und schreiben, sondern auch
verstehen und reden konnte, und weiln sich Leute von verschiedenen Nationen auf
unsern Schiffe befanden, so hatte mein Vater ein besonderes Vergnügen darüber,
dass ich fast mit einem jedweden in seiner Mutter-Sprache ganz ordentlich
sprechen konnte.
    Mein Vater war diesesmahl in seinem Handel und Wandel auch dergestalt
glücklich gewesen, dass er ein grosses Gut erworben, derowegen mit grossem
Vergnügen zurück reisete, um meiner Mutter, die sich, wie leicht zu erraten,
unter der langen Zeit unsers Wegseins genungsam gegrämet, eine besondere Freude
zu machen. Allein, über welchen das Verhängnis einmal beschlossen hat, ihn
unglücklich zu machen, der muss es wohl sein und bleiben, das erfuhr unter allen,
die wir auf dem Schiffe befindlich waren, mein Vater am allermeisten.
    Denn als wir auf dem Rückwege zwischen den Canarischen Insuln und Africani
schen Küsten hinfuhren, überfiel uns einer der grausamsten Stürme, das Schiff
zerscheiterte an den Klippen, wurde in die Tieffe des Meeres versenckt, mein
Vater, Informator und ich nebst noch 6. Personen aber, wurden an die Africani
schen Küsten getrieben, allwo wir zwar unser Leben erretteten, jedoch die
Freiheit verloren, indem wir uns den Maroccanern als Sclaven ergeben mussten.
    Der eintzige Trost in diesem Jammer-Stande wäre wohl noch dieser gewesen,
wenn mein Vater, Informator und ich hätten beisammen bleiben können, so aber
kauffte mich wenig Tage nach unserer Anländung ein vornehmer Maroccani
sch-Kayserl. Bedienter den Menschen-Fischern ab, und nahm mich in seinem Geleite
mit an den Kayserlichen Hof nach Mequinez. Es tractirte mich dieser mein Herr,
um welchen ich täglich sein musste, ziemlich gütig, ich bekam auch bessere
Kleidung und Speisen als seine andern Sclaven, weiln ihm nicht allein meine
äuserliche Gestalt besser als der andern gefiel, sondern er sich auch ein
besonderes Vergnügen daraus machte, dass ich verschiedene Sprachen zu reden
wusste. Dieses eintzige war mir sehr vedriesslich, dass, wenn er speisete, und ich
neben ihm kniete, er seine an den Gerichten beschmutzten Finger allezeit an
meine lockigen, damahls noch ganz blonden Haare abwischte, denn die Maroccaner
brauchen weder Messer, Gabel noch Löffel, sondern essen bloss mit den Fingern,
und zwar auf der Erden sitzend.
    Eines Abends sagte er zu mir, ich sollte mich in dieser Nacht mit allem Fleiss
baden, reinigen und salben, weil ich morgen früh neue Kleidung anziehen sollte,
indem er willens wäre, mich mit an den Kayserl. Hof zu nehmen. Ich folgte seinem
Befehle, und morgendes Tages seiner Person nach, wusste aber nicht, was er mit
mir vor hatte, biss ich sah, dass er mich nach gehabter Audienz an den alten 73.
jährigen Kayser Mulei Ismael verschenkte. Es war mir vorhero gesagt, dass ich
mich vor denselben auf die Erde, und zwar auf den Bauch, niederlegen müste,
welches ich denn auch tat, da aber der alte Kayser einige Fragen erstlich in
Spanischer und hernach in Englischer Sprache an mich getan, und ich dieselben
in beiderlei Sprachen beantwortet hatte, indem ich den Kopff, so wie ein Hund
nur ein wenig die Höhe reckte, hiess er mich endlich aufstehen, da mir denn mein
bissheriger Herr einen Winck gab, auf den Knien vor dem Kayser liegen zu bleiben,
allein, dieser war so gnädig, mit der Hand ein Zeichen zu geben, dass ich gerade
auftreten sollte. Hierauf fragte er mich abermals in Spanischer Sprache, aus
welchem Lande ich gebürtig, wess Standes und Herkommens, und auf was vor Art ich
in die Sklaverei geraten wäre? Ich beantwortete alles der Wahrheit gemäss, und
wurde endlich, nachdem er ein besonderes gnädiges Wohlgefallen über meine Person
bezeugt, auch in Maroccanischer Sprache Ordre gegeben, wie ich verpflegt werden
sollte, in ein Zimmer geführet, wo noch 3. andere Europäische Knaben, nehmlich 2.
Spanier und ein Portugiese von Geburt, die alle 3. kaum 16. Jahr alt, sich
unter der Aufsicht eines Maroccanischen Lehrmeisters befanden, der sie in
dasiger Rechts-Gelehrsamkeit, der Grammatic, Poesie, Stern-Seher- und
Stern-Deuter-Kunst, wie auch in vielen andern Wissenschaften, hauptsächlich
aber in der Arabischen Sprache unterrichtete.
    Diese 3. Pursche erfreueten sich ungemein, noch einen Mit-Consorten ihres
Unglücks zu bekommen, und weil wir alle 4. gut mit einander sprechen konten,
wurden wir gar bald gute Freunde. Ich bekam so gleich so kostbare Liberei als
wie sie; wir wurden von 2. mohrischen Knaben bedienet, speiseten nebst unserm
Informatore allein, und hatten alle Mahlzeiten 8. Gerichte nebst dem besten
Geträncke, jedoch keinen Wein, denn es heist, die Maroccaner dürffen keinen Wein
trincken, ohngeacht vortreffliche Wein-Stöcke in diesem Reiche anzutreffen, so,
dass öffters 2. Männer kaum einen Weinstock umklafftern können, und die Beeren an
den Trauben oft grösser als die Hüner-Eyer sind. Weil ihnen aber dieses edle
Gewächse so gar sehr appetitlich vorkömmt, kochen sie die Trauben, und præparir
en ein besonderes Geträncke daraus, welchem sie einen andern Nahmen, ihrer Kehle
aber ein herrliches Labsaal damit geben.
    Jedoch von meinen und meiner Mit-Consorten Abwartung und Stande ferner zu
reden, so wurden wir solchergestalt nicht anders als würckliche Leib-Pagen des
Kaysers tractiret, taten aber sehr wenig Dienste, sondern hatten die Woche kaum
3. oder 4. mahl einige Stunden Aufwartung, nur dass uns der Kayser zuweilen sehen
möchte. Sonsten mussten wir alle Morgen eine Stunde vor der Sonnen Aufgang
aufstehen, uns reinigen und völlig ankleiden, denn es schlieffen zwei und zwei
in einem Cabinet auf herrlichen Betten und Matratzen, der Mohren-Junge aber lag
auf der Erde zu unsern Füssen auf einer schlechten Matratze als ein Hund, unser
Herr Hofmeister schlieff auch in einem besondern Cabinet, sein Bedienter
ebenfalls in einer kleinen Bucht darneben. Gleich mit, oder um die Zeit der
Sonnen Aufgang, fing unser Hofmeister in unserer Gegenwart an, das Morgen-Gebet
nach Art der Mahometaner zu tun, verlass hierauf ein Stück aus dem Alcoran,
erklärete die schweresten Puncte desselben, und gab sich viel Mühe, uns allen
vieren die Haupt-Stücke der Mahometanischen Religion beizubringen, allein, wie
ich bald merckte, war keiner unter uns, der zu diesem Glauben inclinirte, wir
höreten zwar alles mit an, fasseten seine Lehre, gaben auf seine Fragen richtige
Antwort, allein, ohne allen Ernst, jedoch durfften wir nicht das geringste
Gespötte daraus machen, wenn wir nicht aufs allerstrengste gezüchtiget werden
wollten, welches meine 3. Cameraden zum öfftern erfahren hatten.
    Nachdem die Andachts-Stunde verbracht, gingen die Lectiones in diesen und
jenen Wissenschaften an, welche 3. Stunden währeten, hernach hatten wir die
Freiheit, uns im Garten oder auf dem Spiel-Platze, oder wenn es garstig Wetter
war, auf dem Spiel-Saale, mit allerhand Spielen zu divertiren. In der
Mittags-Stunde speiseten wir, durfften uns hernach wieder eine Stunde Motion
machen, mussten so dann abermals 3. Stunden die Lectiones abwarten, hatten
nachhero biss zu Untergang der Sonnen wieder Erlaubnis zu spielen, endlich aber
nochmahls eine Mahometanische Bet-Stunde halten, und alsobald zu Bette gehen.
    So war meine Lebens-Art damals beschaffen, allein, in den erstern Wochen
vergoss ich tausend Tränen, teils über meinen Vater, von welchen ich nicht
wusste, wo er hingekommen war, teils wegen meiner Mutter, die solchergestalt
ihres Mannes, Sohnes und so vieler schönen Güter auf einmal beraubt war, teils
über mich selbst, dass ich in solchen Zustand geraten, und meine Studia nicht
recht nach Europäischer Art fortsetzen, vielweniger mich in meinem Christentume
rechtschaffen üben konnte, indem ich kein eintziges Christliches Buch hatte,
jedoch mir die vornehmsten Glaubens-Articul, Gebete und Gesänge, die ich
auswendig gelernet, um selbige nicht zu vergessen, alle aufschrieb, und selbige
in Abwesenheit unsers Hofmeisters oder sonsten an einem geheimen Ort repetirte,
auch meine Cameraden sonderlich damit erfreuete, ohngeacht sie
Römisch-Catolischer Religion waren, und noch niemahls so, wie ich schon
offtermahls, das Heil. Abendmahl empfangen hatten, welches letztere bei diesen
meinem Zustande immer mein bester Trost war.
    Mittlerweile bezeigte unser Hof- und Lehr-Meister eine besondere Freude über
mich, dass ich nicht allein die Arabische und Marroccische Sprache so leicht
fassen, und ehe ein Jahr verging, beide fast fertig reden und schreiben, auch
die in derselben geschriebenen Bücher ganz wohl exponiren konnte. Bei den
übrigen Wissenschaften spürete er ebenfals keinen dummen Kopff an mir, sondern
ich kann, ohne Ruhm zu melden, wohl sagen, dass er noch vieles mit grosser
Begierde von mir erfragte und lernete, weil ich ihm denn auch jederzeit sehr
höflich begegnete, liebte er mich vor den andern allen am meisten, und sagte zum
öfftern: Blac! ihr könnet in wenig Jahren an unsers Kaysers Hofe einer der
grösten Ministers werden, wenn ihr euch zu unserer Religion bekennet, und
beschneiden lasset; Allein, so oft ich von diesem Letztern hörete, erstarrete
mir alles Blut in meinen Adern.
    Wenige Zeit hernach, hatte eben dieser unser Hof-und Lehr-Meister, seiner
eigenen Ehre wegen, verlanget, dass über uns seine 4. Scholaren ein Examen
angestellet werden möchte, welches denn auch geschahe, indem sich 6. der
gelehrtesten Maroccaner (die wenigstens davor gehalten wurden) bei uns
einstelleten, und das Zeugnis erteileten, dass wir es alle schon sehr hoch, ich
aber es am allerweitesten gebracht hätten.
    Allein, eben dieses Examen zohe sehr traurige Folgerungen nach sich, denn
etliche Tage darauf wurde erstlich der jüngste Spanier, andern Tags der
Portugiese, 3ten Tages der ältere Spanier beschnitten und verschnitten, am 4ten
Tage aber sollte die Reihe an mich kommen, welches mir der Kisler-Agasi, (oder
der Oberste unter den Verschnittenen, welcher über die Weiber und Concubinen des
Kaysers, auch deren verschnittene Bediente die Aufsicht hat,) durch einen
Bedienten ansagen liess. Ich aber gab demselben gleich zur Antwort, dass ich mich
ehe in 1000. Stücken zerhauen, oder mit den grausamsten Martern belegen, als
dergleichen mit mir wollte vornehmen lassen, denn ich wäre völlig resolvirt,
meinen Glauben niemahls zu verläugnen, sondern als ein Christ zu leben und zu
sterben, auch stünde mir nicht an, ein Verschnittner zu sein, sondern wollte, wie
gesagt, lieber sterben. Diese kurtze Abfertigung des Bedienten hatte unser
bisheriger Hof-Meister in seinem Cabinet gehöret, kam derowegen heraus, und
sagte: Wisset ihr auch, dass euch diese Worte noch diesen Abend das Leben kosten
können? Denn der Kisler-Agasi ist ein gewaltiger Mann, in dessen Händen vieler
Menschen Leben und Todt stehet; aber das will ich euch zum Vorteil sagen, wenn
diejenigen ankommen sollten, die euch etwa zu stranguliren oder auf andere Art zu
ermorden befehligt wären, so rufft nur den Nahmen unsers Kaysers Mulei Ismaël
etliche mahl aus, denn solchergestalt könnet ihr euer Leben so lange erretten,
biss ihr den Kayser erstlich selber gesprochen, und er hernach Befehl gegeben,
dass man seinen Nahmen eurentwegen nicht ferner mehr respectiren, sondern Gewalt
brauchen soll.
    Ich fassete dieses zu Ohren, es kam aber diesen Tag niemand weiter zu mir,
hergegen tat ich in künftiger Nacht vor Kummer und Sorgen kein Auge zu, besann
mich jedoch auf allerhand Streiche, die ich im Fall der Not spielen, und damit,
wo möglich, nicht nur mein Leben retten, sondern auch der schändlichen Ver- und
Beschneidung entgehen wollte.
    Früh Morgens, etwa 2. Stunden nach Aufgang der Sonnen, kam der zweite
Abgesandte, und trug mir vor, welchergestallt der Kisler-Aga meine gestrige
trotzige Antwort sehr übel empfunden, jedoch weil ihm bewust, dass der Kayser
eine ganz besondere Gnade auf mich geworffen, hätte er seinen Zorn gemässiget,
von dem Kayser aber Befehl erhalten, mich heute verschneiden zu lassen, wollte
ich nun die Gnade des Kaysers nebst meinem zukünftigen Glücke nicht mutwillig
verschertzen, so sollte mich nicht ferner wiederspenstig erzeigen, sondern die
wenigen Schmertzen mit frölichen Hertzen ausstehen, indem ich solchergestalt die
Hoffnung erlangte, vielleicht in wenig Jahren ein grosser Mann zu werden, etc.
und was dergleichen tröstliche Worte mehr waren. Allein, ich blieb bei meiner
ersten Resolution, lieber zu sterben, als meine Religion zu verändern, und als
ein Verschnittener zu leben. Der abgeschickte gab sich hierauf nebst meinem
bisherigen Hofmeister und lnformator viel Mühe, mich in Güte zu diesem Unheil zu
bewegen, da aber nichts verfangen wollte, wurde der erstere endlich in Harnisch
gejagt, und sagte: Nun so muss man, dem Befehle nach, Gewalt brauchen; ging auch
gleich zum Zimmer hinaus, und ruffte 4. bewaffnete Mohren herein, nebst noch 2.
andern, welche die Instrumenta, mich zu castriren und zu beschneiden, bereits in
Händen trugen. Die 4. Bewaffneten fingen so gleich an, sich nach abgelegtem
Gewehr, meiner zu bemächtigen, wollten mich auf den Tisch legen, damit die
vortrefflichen Operateurs ihre Kunst an mir ausüben könten, ich wehrete mich mit
gröster Gewalt, wurde aber vermahnet, mich nur mit Gedult derein zu geben, oder
mir es selbst zuzuschreiben, wenn der Schnitt mir zum Schaden oder gar zum Tode
gereichte; da nun vermerckte, dass ich mich ihrer nicht mehr erwehren könnte, bat
ich nur um ein bequemeres Lager und etwas Zeit zum Verschnauben. Es wurde mir
gewillfahret, auch angeraten, mich auf mein Bette zu legen, allwo die Operation
eben so füglich verrichtet werden könnte, mitlerweile aber hatte ich Zeit, in
meinen Schubsack zu greiffen, und ein starckes Feder Messer aus der Scheide zu
ziehen, welches ich den Operateur, so bald er sich von neuem an mich machte,
dergestalt tieff in das Hertz hinein stach, dass er augenblicklich zu Boden
sanck. Hierüber wurden die andern bestürtzt, ich aber bekam Lufft,
aufzuspringen, und sagte: Nun will ich mit Freuden sterben, weil ich doch weiss,
warum? Doch hoffe die Gnade zu haben, vor meinem Ende den Kayser Mulei Ismaël
erstlich noch einmal zu sprechen. Rieff hierauf auch noch etliche mahl den
Nahmen Mulei Ismaël aus.
    Diese kurtze Appellation wurckte so viel, dass die Schwartzen keine fernere
Gewalttätigkeiten an mir verübten, sondern mich nur in genauer Verwahrung
hielten, biss der Abgeschickte, der nebst meinem bisherigen Informatore weg ging,
nach Verlauff etwa zweier Stunden wieder zurück kam, und die Post brachte, dass
man mich vor den Kayser führen sollte. Solches geschahe, und hatten die 4. Mohren
ihre entblösten Schwerdter in den Händen, der Meinung, in Gegenwart des Kaysers
ein Stückgen Arbeit zu bekommen, und mich Elenden in etliche Stücke zu zerhauen.
Der Kayser Mulei Ismaël sass auf einem kostbaren Stuhle, und so bald ich mich vor
ihm niedergeleget, und die Erde geküsset hatte, fing er an, mit eben nicht gar
zu zornigen Gebärden, also zu reden: Verfluchter Christ! wie bist du auf die
Gedancken geraten, die dir bishero erzeigte und noch fernerhin zugedachte Gnade
mit Fussen von dir zu stossen; denn ich habe beschlossen gehabt, so gleich nach
völliger Heilung deiner Wunde und Annehmung des Mahometanischen Glaubens, dich
zum Schach-Zadeler-Agasi (dieses ist derjenige Officier unter den Verschittenen,
welcher über des Kaysers Kinder die Ober-Aufsicht hat, und in grossen Ansehen
stehet) zu machen, und dein Glück noch weiter zu befördern, nun aber wirst du
nicht allein wegen deiner Wiederspenstigkeit, sondern auch wegen des, an einem
meiner Untertanen begangenen Mordes, des schmälichsten Todes sterben müssen.
Rede Hund!
    Solchergestalt sah ich meinen Tod vor Augen, denn obgleich Mulei Ismaël
seit einigen Jahren her nicht mehr so grausam gewesen war, als vor dem, so konnte
doch gar leicht glauben, dass mir auf dieses mein Verbrechen die Todes-Straffe
würde dictirt werden. Dem ohngeacht verspürete ich in meinem Hertzen nicht die
geringste Furcht vor dem Tode, sondern brachte meine Antwort in folgenden
freimütigen Maroccanischen Worten vor:
    Gröster Kayser! Dich hat GOtt der Allerhöchste zu einem Gott auf Erden
gemacht, weswegen ich mich schuldig erkenne, den Staub zu deinen Füssen
aufzulecken; Dein Reichtum ist unschätzbar, und deine Macht unaussprechlich,
bei dem allen aber pflegst du mehr zu geben als zu nehmen. Erwege demnach
selbst, warum du itzo so begierig bist, mir den Christlichen Glauben aus dem
Hertzen, und das, was mir GOtt und die Natur geschenckt, aus dem Leibe reissen
zu lassen. Ich bin zwar durch ein besonderes Schicksal unter deine Gewalt
gebracht, jedoch wegen der unverdient genossenen Gnaden bewogen worden, dir
Zeit-Lebens getreu und redlich zu dienen, so weit sich meine Wissenschaft und
Vermögen erstreckt. Gröster Kayser, glaube mir, dass derjenige, welcher an seinem
GOtt und Glauben ungetreu wird, auch seinem Herrn niemahls getreu sein kann, und
wo will ein solcher, welcher mit Gewalt verstümmelt und verschnitten wird, die
Lust hernehmen, sein ihme aufgetragenes Amt mit behöriger Freudigkeit und ohne
heimlichen Kummer und Widerwillen zu verrichten. Ich elende Kreatur versichere
deine Majestät, dass ich als ein Christ viel lieber ein ewiger Sclave bleiben,
als ein verstümmelter Mammelucke, ein Erbe deiner Reiche und Länder werden
wollte. Wende deine Augen auf meine Treue und Standhaftigkeit, denn, wirst du
mich mit Gewalt beschneiden und castriren lassen, so wisse, dass der erste Dolch,
Messer, Strick, oder ein ander Mord-Instrument, ein Mittel sein wird, mich aus
dem Reiche der Lebendigen ins Reich der Todten zu versetzen, weswegen ich denn
bei GOtt im Himmel Vergebung zu erlangen verhoffe.
    (Hier fiel mir, verfolgte Mons. van Blac seine Rede, eine in voriger Nacht
ausgedachte Not-Lüge ein, die ich dergestalt vorbrachte:)
    Allermächtigster Kayser! ich habe mich zwar anfänglich vor dem Sohn eines
Schiff-Capitains ausgegeben, allein, solches ist nur darum geschehen, etwa mit
der Zeit etwas an meinen Kantzion-Geldern zu ersparen, denn ich bin ein
gebohrner Graf aus Holland, dessen wohlbemittelte Eltern vermutlich noch am
Leben sind, die allzu grosse Lust zur See zu reisen, und Ost-Indien zu sehen,
hat mich durch Schiffbruch anhero gebracht; Wird mir mein Leben, und das, warum
ich schon gebeten, gelassen, so kann ich vielleicht binnen weniger Zeit mit
baarem Gelde ausgelöset werden, ist aber keine Hoffnung zu meiner Freiheit
vorhanden, so will ich Zeit-Lebens dein getreuster Sclave verbleiben, jedoch als
ein Christ und Unverschnittener. Ausser diesem will eher erdulden, dass man
meinen elenden Cörper in tausend Stücken zerhackt, und denselben den Hunden
vorwirfft. Jedoch was werden, Gröster Kayser! deine allergnädigsten Augen und
Gedancken vor besonderes Vergnügen an diesem Jammer-Spiele haben? Derowegen
erhöre meine Bitte, begnadige deinen allergetreusten Knecht und Sclaven, doch
soll ich ja sterben, so lass nur mein Haupt mit einem eintzigen Schwerd-Streiche
zu deinen Füssen legen.
    Dieses war (fuhr Mons. van Blac fort) ohngefähr der Innhalt meiner Rede, die
ich an den Kayser tat, er hörete mir so wohl als alle bei ihm stehenden sehr
aufmercksam zu, ging darauf mit dem Kisler-Aga und einigen andern Ministers in
ein Neben-Zimmer, aus welchem nach Verlauff etlicher Minuten der Kisler-Aga
zurück kam, und zu meinen Begleitern sagte: Der Sclav soll sterben, doch hat ihn
der Kayser in so weit begnadiget, dass ihm unten auf dem Platze nur bloss der
Kopff abgeschlagen werden soll.
    Demnach führete man mich hinunter auf den Platz, ich betete unterwegs die
trostreichsten und Christlichen Gebete, so mir nur einfielen, musste hernach
unten auf dem Platze, unter des Kaysers Fenster, mich auf einen viereckten Stein
setzen, und den Streich erwarten. Indem kam ein Verschnittener gelauffen, und
brachte die Nachricht: Der Kayser wäre dennoch gesonnen, mir das Leben zu
schencken, wenn ich mich nur bloss beschneiden, und die Mahometanische Religion
annehmen wollte, mit der Verschneidung aber sollte ich verschonet bleiben, allein,
weil ich mich schon völlig zum Sterben zubereitet, war meine Antwort diese: Der
Tod wäre mir lieber als dieses. Hierauf druckte ich meine Augen veste zu, betete
laut in Holländischer Sprache, um mitten im Gebet mein Haupt zu verlieren,
endlich aber, da ich sehr lange gesessen, ergriffen mich zwei Mohren bei den
Armen, und führeten mich auf das Zimmer eines Turms, welches ziemlich reinlich,
jedoch mit eisernen Türen und Fenster-Stäben wohl verwahret war, liessen sich
auch im Hinweggehen so viel verlauten, dass ich wegen meines Eigensinnes allhier
eine grössere Straffe und Marter abzuwarten hätte.
    Ich stellete alles in GOttes Hände, und blieb bei dem vesten Schlusse,
lieber alle Marter auszustehen, als meinen Christlichen Glauben zu verläugnen,
und ein Mahometaner zu werden; inzwischen hatte an guten Speisen und Geträncke
keinen Mangel, auch meinen vorigen, ohngefähr 14. jährigen Mohren-Knaben zur
Aufwartung bei mir, welcher, auf gegebenes Zeichen mit einer Klatsche, fast so
oft heraus und herein kommen konnte, als ihm beliebte. Die öfftern Visiten
meines bisherigen Informatoris und einiger Officiers der Verschnittenen
gereichten mir in dieser meiner Einsamkeit mehr zum Verdruss als zum Vergnügen,
indem ihre eintzige Absicht war, mich zum Mammelucken zu machen, doch war dieses
meine gröste Freude, dass mir mein bissheriger Informator nicht nur verschiedene,
von mir selbst erwehlte Bücher, wie auch Dinte', Federn und Pappier mitbrachte
und zuschickte.
    Solchergestalt konnte mir doch manche Grille vertreiben, und meine
Christlichen Gebeter, Bibliche Sprüche und Gesänge, die ich auswendig wusste,
aufzeichnen. Nachdem ich aber länger als 3. Wochen in diesem Behältnisse
gesessen, kam eines Abends mein Mohren-Knabe, und reichte mir, nachdem er das
Abend-Essen aufgesetzt, eine schlecht ansehnliche, höltzerne, versiegelte Büchse
in die Hände, sagte auch, (weil er als ein Unverständiger, durch meine öfftern
Geschencke und andere erzeigten Wohltaten, mir sehr getreu worden war,) dass
seine Schwester, mir selbige in Geheim zu überbringen, bei Leib- und
Lebens-Straffe anbefohlen hätte. Ich liess Essen und Trincken stehen, ging an
ein Fenster, und fand oben verschiedene grosse Gold-Stücke, in der Mitten einen
zusammen gelegten Brief, unten aber ein in Gold eingefassetes Portrait eines
sehr wohlgebildeten Frauenzimmers. Den Innhalt des Briefes zu lesen, war ich am
allerneugierigsten, und fand denselben also gesetzt:
    
    
                          Wertefter Herr Lands-Mann!
Ich schätze es mir vor ein besonderes Glück und Vergnügen, euch in Wahrheit
versichern zu können, dass mein Vorbitten bei dem Kayser euch allein das Leben
erhalten, denn ich habe in dem Neben-Zimmer nicht nur eure an den Kayser getane
Rede von Wort zu Wort angehöret, sondern auch eure Person durch ein kleines
Glas-Fensterlein selber gesehen, derowegen jammerte es mich, dass ihr sterben
soltet, und brachte durch einen Fussfall und heftiges Bitten es bei dem Kayser,
welcher mir bisher fast keine eintzige Bitte versagt, dahin, dass er euch so
gleich das Leben schenckte, und mit dem gedroheten Haupt-Abschlagen nur eure
Beständigkeit probiren wollte. Bleibet derowegen beständig bei eurem Christlichen
Glauben, da ihr bereits eine solche starcke Probe abgelegt, und kehret euch an
nichts, denn auf mein Angeben seid ihr zwar gefangen gesetzt, ich hoffe aber,
eure Freiheit nächstens mir guter Manier zu befördern. Von meinem eigenen Wesen
will ich euch voritzo so viel eröffnen, dass ich Unglückselige, eine Ehe-Frau
eines Holländischen Kauffmanns, auf der Fahrt nach Ost-Indien aber vor 3. Jahren
von den See-Räubern gefangen und anhero geführet worden bin, da man mich denn
unter die Zahl der Kayserlichen Concubinen gebracht, und zu einer unglückseligen
Bett-Wärmerin des alten Kaysers machen will. Jedoch ist der Himmel mein Zeuge,
dass er mich noch niemahls vollkommen fleischlich berühret hat, sondern ich habe
mein bestes Kleinod noch biss diese Stunde unzerbrochen erhalten. Ob mein Mann
aus der Sklaverei errettet, und noch am Leben ist, habe ich nicht erfahren
können, jedoch durch euch hoffe ich es auszukundschaffen, so bald ich eure
Freiheit zuwege gebracht. Mittlerweile will auch schon auf Mittel bedacht sein,
Gelegenheit zu verschaffen, dass wir einander einmal auf eine Stunde mündlich
sprechen können. Weil ich sonsten glaubte, dass ihr vielleicht eben nicht mit
vielen Mitteln versehen, so habe einige Golo-Stücke beigelegt, damit ihr euch
ein und anderes beliebige davor köntet einkauffen lassen, zu unterst aber liegt
mein Portrait, damit ihr an selbigen möchtet erkennen lernen
                        Eure
                                                               redlich gesinnete
                                                                    Landsmännin.
    P.S. Findet ihr euch im Stande, mir auf dieses zu antworten, so könnet ihr
das Schreiben nur in ein ausgehöltes Wachs-Licht einhüllen, und euren kleinen
Mohren anvertrauen, denn er ist getreu, so wie seine Schwester bei mir, diesen
Brief aber verbrennet, oder nehmet ihn nebst dem Bildnisse sehr wohl in Acht,
damit wir nicht beide unglücklich dadurch werden.
    Nach etlichmahliger Uberlesung dieses Briefes beschauete ich das Portrait
etwas genauer, und befand dessen Lineamenten sehr schön gezeichnet, küssete
selbiges aus hertzlicher Danckbarkeit gegen meine Lebens-Erhalterin, wäre auch
wohl noch lange in tieffen Gedancken am Fenster stehen geblieben, wenn mich
nicht mein Aufwärter erinnert hätte, etwas von den aufgesetzten Speisen zu
geniessen. Ob ich nun gleich etwas von denselben genoss, so blieb doch beständig
in tieffen Gedancken über diese Avanture, konnte nicht schlüssig werden, ob, wie
oder was ich antworten sollte, legte mich endlich zur Ruhe, da aber um
Mitternachts-Zeit mein kleiner Mohr sehr vest eingeschlaffen zu sein, allerhand
Zeichen von sich gab, stund ich wieder auf, und fassete, ebenfals in
Holländischer Sprache, folgendes Antworts-Schreiben ab:
                                    Madame!
Vor Dero besondere Gnade und Gütigkeit, die sie an mir Elenden erstlich ohne
mein Wissen, nachhero aber durch sichere Merckmahle erwiesen, schätze ich mich
verbunden, ihnen mit meinem Blute zu dienen, werde auch selbige biss auf die
letzte Minute meines Lebens mit danckbarem Hertzen zu erkennen bemühet sein.
Wolte der Himmel, dass es Ihnen möglich wäre, mich in Freiheit zu setzen, und mir
das ungemeine Vergnügen zu verschaffen, nur eine kurtze Zeit mündlich mit Ihnen
zu sprechen, so sollte mir nach genommener Abrede, vielleicht nicht unmöglich
fallen, Sie und mich in völlige Freiheit und in unser Vater-Land zu versetzen,
denn ich habe einige, nicht so gar sehr ungereimte Mittel darzu ausersonnen,
welche aber erstlich mit Ihnen überlegen müste. Dero wertesten Zeilen zu
verbrennen, ist mir unmöglich, weil sie der eintzige Trost in meinem
Jammer-Stande sind, ich werde aber dieselben nebst dem Verehrens-würdigen
Portrait meiner Lebens-Erretterin, schon dergestalt zu verbergen wissen, dass
keine Verräterei daraus entstehen kann. Ubrigens erwarte Dero fernerweitigen
Befehle, empfehle mich Ihrer beständigen Gnade, und beharre Zeit-Lebens
                                      Dero
                                                            gehorsamster Knecht.
    Auf das erstere mahl ein mehrers zu schreiben, hielt nicht vor ratsam,
weilen von dieser Person Sinnen und Gedancken noch nicht vollkommen informirt
war, sondern erstlich abwarten wollte, worzu sie sich in Zukunft entweder
schrifftlich oder mündlich weiter erklären, und wie es mit meiner Loslassung
halten würde. Demnach versteckte ich das ganz subtil zusammen gerollte Pappier
in ein Stücklein ausgehöltes Wachs-Licht, gab es meinem kleinen Mohren, selbiges
seiner Schwester einzuhändigen, mit dem Bedeuten, dass diese, eben dieses Stück
Wachs-Licht, derjenigen Person zurück geben sollte, welche mir die höltzerne
Büchse zugeschickt hätte.
    Tags hernach bekam ich die erfreuliche Nachricht ebenfalls in einem
Stücklein Wachs-Lichte eingehüllet, dass unsere Correspondenz dieses mahl
glücklich abgelauffen wäre, und 4. Tage hernach wurde ich vor den Kayser
geführet, welcher, indem ich mich vor ihm niedergeleget, also zu mir sprach:
Höre, Sclav! aus besondern Ursachen habe ich dir nicht allein dein Leben
geschenckt, sondern auch zugegeben, dass du hinfüro nicht mehr ein Gefangener
sein solst; es ist dir erlaubt, ein Christ zu bleiben, und dir eine Christliche
Sclavin zur Frau auszusuchen, so bald derselben eingebracht werden; Allein, aus
meinen Diensten lasse ich dich nicht, sondern du solst eine gute Charge
erhalten, auch wenn du dich dabei wohl aufführest, weiter befördert werden.
    So bald der alte Kayser aufgehöret hatte zu reden, berührete ich mit meiner
Stirne 3. mahl den Erd-Boden, zum Zeichen meiner Danckbarkeit, versprach mit dem
Munde, solchergestalt, Zeit meines ganzen Lebens der allergetreuste Knecht des
Kaysers zu verbleiben, wurde hernach unter die Zahl der Geheim-Schreiber und
Dollmetscher aufgenommen, auch zugleich zum Unter-Aufseher des Bau-Wesens
bestellet, bekam im übrigen die Freiheit, in der ganzen Residentz-Stadt herum
zu wandeln, wohin ich wollte, jedoch nur ausser der Zeit meiner
Amts-Verrichtungen, welche hauptsächlich darinnen bestunden, dass ich zuweilen
Morgens wenigstens 2. biss 3. Stunden bei dem Kayser mit zur Aufwartung sein
musste. Wenig Tage darauf brachte mir mein kleiner Mohr, abermals im
Wachs-Lichte, ein Pappier, worauf diese Zeilen geschrieben stunden:
                                   Mein Herr!
Ich bin nunmehro versichert, dass ihr erfahren habt, wie viel mein Vorspruch
gilt, und dass ihr dadurch in Freiheit gesetzt seid. Nunmehro bin ich auch selbst
begierig, euch persönlich zu sprechen, weil sich aber solches nicht so leicht
schicken will, so ziehet mit Geschencken, meine Mohren-Sclavin, als die
Schwester eures Bedienten, an euch, lasset euch so weit führen, biss ihr erstlich
den richtigen Eingang zu meinem Zimmer sehet, und nicht fehl gehen könnet, so
dann will ich euch ferner schrifftliche Nachricht geben, zu welcher Zeit es sich
schicken kann, mich zu besuchen, doch werdet ihr euch gefallen lassen, den Habit
meiner Mohrin anzuziehen, weil die Wache der Verschnittenen keine Manns-Person
passiren läst. Anbei sende abermals in einer höltzernen Büchse 100. Zechins,
welche ihr zu Ausführung eures Vorhabens, daferne euch etwas daran gelegen,
anwenden könnet. Binnen 3. Tagen sollet ihr nähere Instruction von mir haben,
etc. etc.
    Niemahls hat mir eine Zeit länger gewähret, als diese 3. Tage, doch
mitlerweile suchte ich Gelegenheit, den Eingang zu ihren Zimmer auszuspüren, und
gegen Abend, des 3ten Tages, kam meines Aufwärters Schwester, brachte mir so
wohl mündlich als schrifftlich die Nachricht, dass ich ihre Kleider anziehen, und
ein Tuch vor das Gesicht halten, als ob ich grosse Zahn-Schmertzen hätte, (indem
es diese getreue Sclavin im Herausgehen auch schon so gemacht) und
solchergestalt durch die Wache der Verschnittenen zu meiner Lands-Männin
hindurch passiren sollte.
    Ich stürtzte mich allerdings hiermit in eine Augenscheinliche Todes-Gefahr,
war aber dennoch resolvirt, alles zu wagen, um nur meine Lebens-Erretterin zu
sehen und zu sprechen. Demnach zohe ich, bei angetretener Demmerung, der Mohrin
Kleider an, schwärtzte mein Angesicht, Arme und Hände nach Mohren Art, liess
diese in meinem Zimmer bei ihrem Bruder bleiben, folgte ihrer Anweisung, und
begab mich auf den Weg, kam auch glücklich, ohngefragt und unbesichtiget durch
die Wache hindurch, biss in das Zimmer meiner Landesmännin. Dieselbe mochte nun
schon alles abgepasset haben, hatte aber doch eine alte bei ihr sitzende
schwartze Wart-Frau nicht los werden können, allein, so bald ich die Tür
eröffnete, nahm mich die Dame bei dem Arme, und sagte: Du armes Tier, hast du
denn noch immer so grosse Schmertzen, komm nur, und lege dich in deiner Cammer
zu Bette; unter diesen Worten führete sie mich in eine Neben-Cammer, und wiese
mir wirklich ein Bette an, worein ich mich legen und verhüllen sollte. Ich
gehorsamte ihren Wincken, sie aber blieb wohl noch eine Stunde lang munter,
schwatzte binnen der Zeit mit der alten Mohrin, und schaffte sie endlich mit
guter Manier auf die Seite.
    Leichtlich ists zu erraten und zu glauben, dass mir das Hertze damahls
gewaltig müsse gepocht haben, jedoch da meine Frau Lands-Männin endlich kam, und
mir einen Mut einsprach, dass wir nunmehro nichts gefährliches zu besorgen
hätten, sondern biss gegen Anbruch des Tages vertraut mit einander sprechen
könten, liess ich alle Zaghaftigkeit fahren, erzählete auf ihr Bitten meine
ganze Lebens-Geschicht, und vernahm auch hernach die Ihrige, als womit fast die
ganze Nacht zugebracht wurde, letztlich aber wurde die Abrede so genommen, dass
sie mir vor etliche 1000. Tlr. Gold und Kleinodien zuschicken wollte,
vermittelst dessen ich etwa einen Jüdischen oder Christlichen Spion erkauffen
könnte, der uns beide in verstelleter Kleidung entweder auf ein Christliches
Schiff, oder aber durch einen Umweg nach der, auf den Africanischen Küsten
gelegenen Spanischen Vestung Ceuta, brächte.
    Weilen aber der Tag anzubrechen begunte, musste ich mich vor dieses mahl, da
es noch ein wenig demmerig war, eiligst fort machen. Meine Lands-Männin hatte
die Vorsicht gebraucht, mir ein ziemlich gross Gefäss in die eine Hand zu geben,
begleitete mich auch biss in die Tür des Saals, wo die Wache der Verschnittenen
stunde, und sagte, dieselbe vom Fragen abzuhalten, indem ich hurtig fortging:
Bleib nicht allzu lange aussen, und zerbrich mir ja das Gefäss nicht!
Solchergestalt kam ich glücklich, ohne dass mich jemand anredete, in meinem
Zimmer an, gab der Mohrin ihre Kleider nebst dem Gefäss, welches sie mit frischem
Wasser füllete, und wieder zu ihrer Gebiehterin ging, ich aber brachte über eine
gute Stunde zu, ehe ich die schwartze Farbe wieder vom Gesicht und Händen los
werden konnte.
    Die übrige Zeit dieses ganzen Tages stellete ich mich etwas unpässlich,
damit ich in meinen Gedancken desto füglicher wiederholen könnte, was ich in der
vergangenen Nacht mit meiner Lands-Männin gesprochen hatte, denn wir hatten in
Wahrheit ein schweres Werck vor uns, welches, wenn es wäre entdeckt worden,
beiden die grösten Martern und den ohnfehlbaren Todt würde zugezogen haben.
Jedoch weil sie mir versprochen hatte, fleissig um die glückliche Ausführung
unsers Vorhabens zu beten, so nahm ich meine Zuflucht auch zum Gebet, und
spürete dabei, dass mir mein Hertz immer leichter wurde. Folgende Tage nahm ich
mir vor, mich, ausser der Kayserl Residentz, in der Stadt bekandt zu machen; es
wird aber vielleicht nicht missfällig sein, wenn ich eine kleine Beschreibung
davon mache. Das Kayserliche Schloss, Accassave genannt, ist ein sehr prächtiges
Gebäude, welches mit den vortrefflichen Gärten, so darzu gehören, eine gute
Meilwegs im Umfange hat, es ist auch das Seraglio oder Behältnis der Weiber
darinnen, und befanden sich in selbigem damahls, ausser den 4. Gemahlinnen, über
2000. Kebs-Weiber. Denn obgleich der Kayser nicht mehr als 4. würckliche
Gemahlinnen haben darff, so ist ihm doch erlaubt, so viel Kebs-Weiber zu halten
als er will. In der Haupt-Stadt, welche mit ziemlich viel Pallästen der Grossen
angefüllet ist, finden sich aber auch viel geringere, ja ganz schlechte Häuser,
es wohnen auch sehr viel Juden darinnen, jedoch in einem besondern Revier,
welches des Nachts verschlossen wird. Ausser dem liegt noch eine andere ganz
grosse Stadt an der Nord-West-Seite, die aber nicht sonderlich wohl gebauet ist,
und von lauter ganz schwartzen und gelben Mohren bewohnet wird; in dieser habe
ich mich niemahls sehr umgesehen, weiln gehöret hatte, dass wenig oder gar keine
Christen oder Juden darinnen angetroffen würden. Da ich nun merckte, dass mir
sehr viel Freiheit gelassen wurde, indem mich kein Mensch unbescheiden fragte,
weder, wo ich hin wollte? noch wo ich herkäme? oder wo ich gewesen wäre? so
stellete mich ganz dreuste an, und gab hier und dar bei den höhern Bedienten zu
vernehmen, wie ich nur darum ausgienge, etwa eine mir anständige
Christen-Sclavin anzutreffen, selbige zu erkauffen und mit derselben eine
Heirat und eigene Wirtschaft zu stifften, damit ich nachhero meine Dienste
desto ordentlicher und lustiger verrichten könnte; ja ich war einsmahls so
verwegen, eben dieses dem Kayser selbst, da er bei guter Laune war, aufzubinden,
und vermerckte, dass ihm meine Absichten wohl gefielen, denn er versprach, wenn
ich mir auch die allerschönste und beste Sclavin ausläse, mir selbige zu
schencken. Mittlerweile lernete ich nun, mich meiner Freiheit immer besser und
besser zu bedienen, liess aber keine 2. oder 3. Tage vorbei streichen, dass ich
meiner Lebens-Erhalterin, Lands-Männin und besondern Wohltäterin nicht
ordentliche Nachricht von allen gegeben hätte, und zwar vermittelst einer
besondern Schrifft, die niemand als wir beide lesen und verstehen konnte, und
worüber wir mit einander eins worden waren. Inzwischen schickte sie mir
gewaltige Geld-Sumen und sehr kostbare Kleinodien zu, so, dass mir recht angst
und bange darüber wurde, weil ich noch keinem eintzigen guten Freund
angetroffen, dem ich mein Hertz hätte offenbaren und ihm wenigstens die Helffte
von allen in Verwahrung geben können.
    Meiner Nachlässigkeit konnte ich dieses nicht Schuld geben, denn ohngeacht ich
in Mequinez einen und andern Holländer und Engelländer gesehen, so war mir doch
von allen diesen, keiner als ein Werckzeug vorgekommen, durch welches ich meine
und meiner Lands-Männin Befreiung zu erlangen hoffen können, denn Deutsch zu
sagen, sie kamen mir alle zu dumm vor. Eines Tages aber, da ich durch die
Juden-Stadt ging, kam ein ohngefähr etliche 30. jähriger Jude eben zu seiner
Tür heraus, und fragte, ob mir nicht beliebte, ihm etwas von Galanterie Waaren
abzuhandeln. Ich fragte in Maroccanischer Sprache: was er besonders hätte? und
ging auf sein Bitten mit ins Haus, da er mir denn allerhand artige Sachen von
Silber, Gold und andern Metallen kostbar verfertiget, vorzeigte, und die Lust
erweckte, vor mehr als 50. Zechinen von ihm zu kauffen, welches aber alles ganz
leicht in den Schubsäcken verbergen konnte, denn es waren lauter kleine Sachen.
Endlich zeigte er mir eine saubere goldene Repetir-Uhr vor 120. Zechinen, vor
welche ich ihm ohne langes Handeln das geforderte Geld hinzählete, jedoch mit
dem Bedienge, dass, wo ich dieselbe binnen 8. Tagen falsch befinden sollte, er mir
das Geld wieder zurück zu geben schuldig sei, denn ich wäre ein Bedienter des
Kaysers, und könnte mir bald Hülffe schaffen. Der Jude war damit zufrieden,
sagte, dass er heut über 8. Tage den ganzen Tag allhier in seinem Wohn-Hause
verbleiben, und auf mich warten wollte, fing hernach von freien Stücken zu sagen
an: Mein Herr! ihr habt mehr Mittel als ich anfänglich bei euch gesucht hätte,
allein wo ich raten soll, so seid ihr ein gebohrner Christ und vielleicht durch
Unglück anhero in die Sklaverei gekommen? Ja wohl, sagte ich, habt ihr es
erraten, und nicht allein ich, sondern auch meine leibliche Schwester, die noch
ein paar Jahr älter ist als ich, wir sind aus einem vornehmen Geschlechte, aus
Holland gebürtig, und haben unsere reichen Eltern noch am Leben, welche uns
gerne mit etliche 1000. Tlr. losskaufften, wenn sie nur wüsten, wo wir wären,
allein, wir sind darinnen unglücklich, dass, ohngeacht ich schon 2. mahl Briefe
nach Holland mitgegeben, wir dennoch keine Antwort zurück erhalten haben,
derowegen zu glauben, dass die Briefe nicht zurecht gekommen, sondern verloren
gegangen sind. Wenn ihr, versetzte der Jude hierauf, eines andern und nicht des
Kaysers Sclaven wäret, so wäre wohl noch Rat zu finden, euch los zu kauffen,
allein, vor Geld pflegt der Kayser seine Sclaven nicht zurück zu geben, und
derowegen ist wenig Hoffnung zu eurer Errettung da, wenn ihr euch nicht mit List
zum Lande hinaus practiciren könnet; allein, ihr wisset allhier keinen Bescheid,
und ein anderer, es sei Christ oder Jude, wird sich ohne schwere Geld-Summen
nicht leicht in dergleichen Sachen mischen, weil, wenn die Sache verraten
würde, das Leben eines jeden schon so gut als verloren ist. Das ist leicht zu
erachten, war meine Antwort, inzwischen muss man auf die Hülffe des Allmächtigen
hoffen, auf ein paar tausend Zechinen aber sollte es mir eben nicht ankommen,
wenn sich ein redlicher Mensch finden wollte, der uns beide wieder unter die
Gesellschaft unserer Lands-Leute bringen könnte. Hierauf sagte der Jude, wenn
ihr redlich sein, mich nicht verraten, und mir meine Mühe wohl bezahlen wollet,
will ich vor eure Befreiung, welche listiger Weise angestellet werden muss, Sorge
tragen, allein, wo befindet sich eure Schwester, hat selbige auch, wie ihr, die
Freiheit hinzugehen, wo sie hin will? So viel Freiheit, sprach ich, ist ihr
nicht erlaubt, als mir, doch wäre es eben keine unmögliche Sache, sie zur
Nachts-Zeit ein paar Meilen von Mequinez hinweg zu bringen. Wenn sie nur
erstlich bei Nachts-Zeit allhier in mein Haus gebracht werden könnte, sagte der
Jude, so sollte sich nachhero alles schicken, denn ich bin im Stande, euch alle
beide etliche Wochen an einem geheimen Orte darinnen aufzuhalten, allwo euch die
Mohren nimmermehr finden können, sie mögen auch suchen wie sie immer wollen. Ob
auch gleich bei Nachts-Zeit das Revier, wo wir Juden wohnen, verschlossen wird,
so wissen doch viele von uns solche Schliche, dass wir aus- und einkommen können,
wenn wir wollen.
    Ich wusste so gleich nicht, was ich weiter antworten sollte, blieb derowegen
eine ziemliche Zeit in tieffen Gedancken sitzen, mitlerweile brachte der Jude
eine Bouteille Wein auf den Tisch, und fragte mich, ob ich auch Wein träncke?
Ich tat ihm Bescheid, und fand den Wein so köstlich, als ich ihn jemahls
getruncken hatte, nachdem ich aber noch einige kleine Gläser ausgelehret, fuhr
der Jude mit Reden also fort: Mein Herr, ich mercke wohl, dass ihr auf meine
Reden kein besonderes Vertrauen setzet, allein, glaubt sicherlich, dass wir
Juden es hier zu Lande mehr, und weit lieber mit den Christen halten, als mit
den Mohren und andern Nationen, die Kauff-Leute wissen auch selbst dass wir es
allezeit redlicher mit ihnen meinen, als mit den Maroccanern, allein, wir müssen
uns sehr behutsam dabei aufführen. Damit ihr aber dessen vollkommen überzeugt
werdet, so kommet nach zweien Tagen wieder zu mir, alsdenn will ich euch einem
Christlichen Kauffmanne aus Engelland præsentiren, welcher ein Contoir in
Gibraltar, und zum öfftern starcken Verkehr allhier gehabt hat, nunmehro aber
ist er resolvirt, in sein Vaterland, nehmlich nach Engelland, zurück zu reisen,
vielleicht ists möglich, dass ihr alle beide von ihm durch List mitgenommen
werden könnet; wo nicht? werde ich ein ander Mittel zu erfinden wissen, denn,
wie schon gesagt, wir Juden dienen den Christen gern vor ein billiges
Geschencke, welches aber etwas kostbarer sein muss, wenn Lebens-Gefahr bei der
Sache zu besorgen ist.
    Hierauf trunck ich noch etliche Gläser Wein, zahlete dem Juden eine Zechin
darvor, versprach, die Sache mit meiner Schwester zu überlegen, und am dritten
Tage in der Mittags-Stunde wieder bei ihm zu sein, auch daferne er sein Wort
halten, und uns in Freiheit verhelffen könnte, ihm seine Mühe besser zu bezahlen,
als er sich wohl einbilden möchte; also ging ich dieses erste mahl in tieffen
Gedancken, zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, von ihm, setzte mich des
Nachts in meinem Zimmer hin, und berichtete meiner Lands-Männin schrifftlich,
wie ich nunmehro die erste Hand an das Werck unserer Befreiung gelegt, und bat
mir, auf Ubermorgen früh, ihre Meinung und fernern guten Rat darüber aus.
    Sie war nicht saumselig gewesen, sondern schickte mir gleich dritten Tages
in aller frühe ein Antworts-Schreiben, hielt davor, dass meine Anstalten nicht
uneben, weil es an dem, dass die Juden den Christen gegen eine gute Belohnung
ungemein getreu wären, inzwischen müsten wir die ganze Sache noch etliche
Wochen weiter hinaus schieben, biss die Nächte etwas länger und finsterer
geworden, unter welcher Zeit sie mir denn auch ihre übrigen Kostbarkeiten
vollends zuschantzen, ingleichen vielleicht noch einmal mündliche Abrede mit
mir nehmen könnte.
    Demnach begab ich mich um die bestimmte Zeit zum andern mahle zu meinem
getreuen Juden, und fand wirklich einen vornehmen Englischen Kauffmann bei ihm,
welchem der Jude bereits so viel von meiner Geschicht erzählet hatte, als er
selbst davon wusste, ich aber erzählete ihm auch noch so viel darzu, als ihm von
meinen Umständen zu wissen nötig war. Indem uns nun hernachmahls der Jude beide
alleine liess, redete mich der Kauffmann also an: Mein werter Freund! ich kann
zwar nicht läugnen, dass ich seit etlichen Jahren verschiedenen Christen-Sclaven,
welche entweder gar keine Mittel gehabt, sich los zu kauffen, oder vor Geld
nicht einmal haben los kommen können, zu ihrer Freiheit verholffen, und sie
heimlicher und listiger Weise mit mir fortgeführet, bloss auf Angeben dieses
verschlagenen Juden, welcher so geschickt ist, dass er mit einem gewissen Saffte,
binnen 2. oder 3. Stunden einem Menschen gleich eine ganz andere
Gesichts-Bildung geben kann, solchergestalt, dass ein Jüngling oder Jungfer von
16. 18. oder 20. Jahren, so alt und verruntzelt aussehen, als ob es Personen von
60. biss 80. Jahren wären, nachdem er nehmlich mit seinem Saffte oder Tinctur die
Haut mehr oder weniger einbejetzt. Allein, mit allen dem, so ist es eine sehr
gefährliche Sache vor mich, und soltet ihr bei mir ertappet werden, könnte es mir
mein Leben, oder wenigstens alles mein Gut kosten; der Jude aber, wenn es heraus
käme, müste ohnfehlbar mit dem Leben büssen. Weil ich nun auch ohnedem nicht
weiss, ob ich noch etwa 4. 6. oder 8. Wochen allhier verbleiben müste, so kann
mich eurentwegen zu nichts erklären, wie gern ich sonsten meinem Mit-Christen
alle möglichsten Dienste leiste.
    Ich wurde ziemlich kleinlaut bei dieser Anrede, sagte aber mit Seuffzen:
Mein Herr, wenn meine und meiner Schwester Freiheit mit Gelde zu erkauffen wäre,
so wollte gleich morgendes Tages vor 3. biss 4000. Ducaten wert Gold oder
Kleinodien in eure Hände liefern, denn ich habe so viel und noch mehr in meiner
Gewalt, allein, hieran zu gedencken, ist eine vergebliche Sache, und wenn wir
unsere Personen nicht mit einer besondern List aus diesem Reiche practiciren, so
werden wir vor Kummer darinnen sterben müssen.
    Vor meine Sorge und Mühe, versetzte der Kauffmann, eines Schillings wert zu
verlangen, würde ich mir ein grosses Gewissen machen, allein, wenn alles
glücklich ablauffen sollte, würden ohngefähr 1500. Ducaten darzu erfordert
werden, damit der Jude erstlich 2. fremde Sclaven vor mich kauffen, Pässe auf
selbige lösen, und manchen die Augen blind machen, das übrige aber vor seine
Mühe behalten könnte. Hernach müste er diese Sclaven unter der Hand erstlich
anderwerts wieder verhandeln, damit, wenn der Jude endlich eure Kleider wohl
verändert, und eure Gesichter verwandelt, ich euch beide, an deren Stelle, laut
des gelöseten Passes, mit zu Schiffe nehmen dürffte. Allein, wie gesagt, (war
seine fernere Meinung,) die ganze Sache ist annoch vielen Gefährlichkeiten
unterworffen.
    Das wusste ich mehr als zu wohl, liess mich derowegen die Haupt-Sache, wegen
meiner Landes-Männin und ausgegebenen Schwester, um so viel desto weniger
mercken, sondern legte dessfalls, so zu sagen, alle meine Worte auf die
Gold-Wage. Nachdem aber der Kauffmann noch ein paar Bouteillen Wein mit mir
ausgetruncken hatte, und der Jude wieder zu uns gekommen war, meinte der erste,
dass wir von dieser Sache nach weiterer Uberlegung in etlichen Tagen ein mehreres
sprechen könten, der Jude aber schlug vor: dass es besser wäre, wenn wir in
Zukunft in einem andern Juden-Hause, welches er uns zeigte, zusammen kämen, und
daselbst, Verdacht zu vermeiden, auf einer besondern Stube, fernere Unterredung
hielten.
    So weit war Mons. van Blac vor dieses mahl in Erzählung seiner Geschichte
gekommen, als die Glocke zwölff Uhr schlug, und uns damit erinnerte, den
Alt-Vater nicht länger von seiner Ruhe abzuhalten, weswegen derselbe den Mons.
van Blac bat, Morgenden Abends den übrigen Rest von seiner curieusen Geschicht,
uns vollends mitzuteilen, wir uns aber alle hierauf zur Ruhe begaben. Ein jeder
besorgte folgenden Tages das Seine; Abens zu bestimmter Zeit fanden wir uns
wieder bei dem Alt-Vater ein, und höreten den
 
                 Verfolg von Mons. van Blacs Lebens-Geschicht.
Ich habe, fing er an, wohl vermerckt, dass ich gestern Abend etwas zu
weitläufftig in Erzählung meiner Geschicht gewesen bin, allein, eines Teils
habe ich die besondere Gabe der Beredsamkeit nicht, mit wenig Worten viel zu
sagen, andern Teils wüste nicht, was ich sonderlich hätte weglassen können,
wenn ich einen vollkommenen Bericht von meinen Begebenheiten abstatten soll.
Jedoch von nun an will ich mich befleissigen alles aufs kürtzeste, jedoch
deutlichste vorzutragen.
    Bei noch öfftern Zusammenkünften schien mir der Englische Kauffmann immer
gewogener zu werden, zumahlen, da ich ihm einige Jubelen von hohem Wert zeigte,
denn meine Lands-Männin hatte mir nachhero binnen 3. Wochen mehr als vor 10000.
Tlr. an Golde und Geldes wert zugeschickt, auch nur nebst verschiedenen
Kostbarkeiten, so viel an Gold-Stücken bei sich behalten, als sie sich in ihren
Kleidern selbst mit fortzubringen getrauete. Endlich, da der Kayser sehr unpass,
und fast jedermänniglich consternirt darüber war, hatte sie es abermals
angestellet, dass ich ganzer 24. Stunden bei ihr bleiben, und vollkommen
mündlichen Rapport von meinen gemachten Anstalten abstatten konnte, denn ich
hatte nicht allein dem Kauffmanne vor den Juden bereits 1500. spec. Ducaten
gezahlet, sondern ihm auch das meiste von meiner Landsmännin Gütern, in eine
besondere Kiste versiegelt, anvertrauet, dargegen von ihm die völlige
Versicherung erhalten, dass er vor alles sorgen wollte, wir müsten uns aber dabei
gefallen lassen, nicht nur des Judens Rate in allen Stücken zu folgen, sondern
auch, nachdem alles wohl eingerichtet, meine Schwester in
Mannes-Sclaven-Kleidern so wohl als ich, jedes ein Maul-Tier biss nach Arzilla
zu treiben, als wohin er seine Güter zu schaffen, Erlaubnis hätte, und biss dahin
sollte uns auch der Jude begleiten.
    Solchergestalt waren ich und meine Landsmännin über unsere glücklich
gemachten Anstalten biss dahin vollkommen vergnügt, nur das eintzige lag mir auf
dem Hertzen, wie sie aus dem Seraglio heraus und in das Juden Haus zu bringen
sein würde, allein, sie machte sich hieraus keine sonderliche Beschwerlichkeit,
sondern sagte, wie sie bei dunckler Nachts-Zeit, mir leichter Mühe, hinunter in
einen der Gärten, auch zu einer verborgenen Tür durch die Mauer kommen könnte,
als zu welcher sie den Schlüssel schon vor Jahr und Tage hinweg practiciret
hätte, so dann dürffte sie weder Wache noch nichts passiren, sondern könnte so
wohl in die Stadt als in das freie Feld kommen. Dieserwegen schöpffte ich
bessern Mut, zumahlen mir der Jude schon die Schliche gewiesen, wie und wo wir
uns bei nächtlicher Weile in die Juden-Stadt und in sein Haus practiciren
könten.
    Der alte Sultan hatte zur selbigen Zeit wirklich einen sehr gefährlichen
Zufall, welcher wohl mehrenteils von dem Alter herrühren mochte, und ohngeacht
er nachhero noch etliche Jahre gelebt, so war es uns beiden doch damahls
ungemein vorteilhaft, dass er itzo so gar schwach war, weil dieserwegen so wohl
meine Lands-Männin als ich, etwas mehr Freiheit hatten. Derowegen, da ohnedem
die dunckelsten Nächte eingebrochen waren, auch des Monden Licht zurücke blieb,
hielten wir nicht vor ratsam, unsere Sachen länger aufzuschieben, sondern
wagten das äuserste. Sie schrieb mir, dass ich in einer bestimmten Nacht, etwa
eine Stunde vor Mitternacht, mich vor der bezeichneten verborgenen Pforte
ausserhalb einfinden, vorhero aber aller Gelegenheit wohl erkundigen sollte, um
ihre Ankunft dürffte ich nicht besorgt, sondern versichert sein, dass sie
accurat in der Mitternachts-Stunde die Pforte eröffnen, bei mir sein, und sich
von mir weiter führen lassen wollte.
    Da fing mir das Hertze abermals gewaltig zu klopffen an, jedoch ich hatte
einen guten Säbel, ein paar treffliche Pistolen, und auch ein paar
Taschen-Pufferte schon im Vorrat angeschafft, recognoscirte demnach binnen der
Zeit etliche mahl selbige Gegend, und maass fast alle Fuss-Tritte ab; wie ich aber
in der bestimmten Nacht kaum eine Stunde vor der verborgenen Pforten-Tür
gelauret hatte, kam meine werteste Lebens-Erretterin heraus getreten, schloss
die Tür sachte hinter sich zu, umarmte mich aus keuscher Liebe, und sagte: GOtt
Lob! so weit bin ich nun frei; bat mich aber, die Strick-Leiter, welche sie von
starcken seidenen Schnüren seit etlichen Wochen her selbst zusammen gewürckt,
und woran sie sich herunter gelassen hatte, zu tragen. Wir konten teils vor
Freude, teils vor Angst und Zittern wenig mit einander sprechen, biss wir
endlich an den Ort kamen, wohin ich den Juden bestellet hatte, der uns endlich
durch einen beschwerlichen, jedoch glücklichen Weg in sein Haus und in ein
solches Zimmer brachte, wo zwischen 2. Wänden kaum eine Person geraumlich
sitzen, man aber gar kein Tages-Licht sehen konnte, sondern wenn man sehen wollte,
musste auch bei hellem Tage ein Licht darinnen angezündet werden. Es waren auch
zu oberst nur einige schieff-lauffende Löcher darinnen, damit der Dampff und
Dunst heraus gehen konnte; der Länge nach war endlich vor 3. Personen zum Liegen
Platz genug darinnen, doch meine Landsmännin sagte: Wenn ich allhier lange
verbleiben soll, bin ich ohnfehlbar des Todes.
    Allein, der Jude hatte seine Streiche klug genug gemacht, und da binnen 3.
Tagen weder Haus-Suchung geschahe, noch sonst ein Rumor vorging, liess er uns
zuweilen etliche Stunden in einem Neben-Zimmer respiriren, bestellete hierauf
den Englischen Kauffmann eines Abends zu uns, welcher meiner so genannten
Schwester, der ich alles vorhero gesagt, wie sie sich aufzuführen hätte, mit
besonderer Höflichkeit begegnete, und nochmahls beteuerte, dass er zu unserer
Befreiung alle Sorge und Mühe anwenden wollte, allein, wir müsten so wohl seiner
Affairen, als unsers eigenen Bestens wegen noch einige Wochen Gedult haben.
    Das war ein übler Ton in den Ohren meiner Landsmännin, jedoch was wollte
nunmehro bei der ganzen Sache besser helffen, als Gedult und gute Hoffnung?
Gleich darauf folgenden Tages fing der Jude an, mit seiner Tinctur unsere
Gesichter zu verwandeln, und machte dieselben binnen 24. Stunden dergestalt
schändlich, dass wir einander selbst fast nicht mehr kannten, versicherte jedoch
anbei, dass es nichts schadete, sondern nach der Zeit mit einem gewissen Spiritu
alles wieder abgewaschen, und in die vorige Gestalt gebracht werden könnte. Vor
alte Sclaven-Kleider trug er auch Sorge, uns selbige zu verschaffen, als vor
welche wir ihm unsere guten Kleider gaben, die er augenblicklich auseinander
schneiden und wohl verwahren liess. Demnach warteten wir in dieser abermahligen
Gefangenschaft auf die Stunde unserer Erlösung mit dem grösten Schmertzen,
erfuhren mitlerweile, dass der Jude vor den Engelländer 4. Sclaven erkaufft, sich
mit ihnen so wohl als mit dem Engelländer selbst, zu dem Bassa begeben, als
welches der oberste Minister des Kaysers ist, und so wohl auf den Engelländer
und seine Waaren, als auch auf die 4. Sclaven und 4. Maul-Tiere einen freien
Passir-Zettel erlangt, indem der Engelländer dem Bassa ein nicht geringes Præsent
gemacht.
    Nachdem wir also 6. Wochen und 4. Tage in des Juden Hause eingesperret
gewesen, wurden wir endlich nebst noch 2. Sclaven heraus und in des Engelländers
Quartier geführet, des Nachts packte man die 4. Maul-Tiere auf, welche von uns
4. Sclaven sollten getrieben werden, und früh Morgens mit anbrechendem Tage ging
die Reise fort, so, dass wir nach etlichen zurück gelegten Tage-Reisen endlich
den Hafen Arzilla glücklich erreichten, allwo andern Tages der Engelländer nebst
seinen übrigen Sachen auch eintraff, und nach vorgezeigten Passir-Zettel uns 4.
Sclaven mit den Waaren einschiffen, die Maul-Tiere verkauffen, und den Juden
wieder zurück wandern liess, nachdem derselbe vor seine gehabte Mühe wohl
vergnügt worden. Was dieser Jude mit den 2. übrig erkaufften Sclaven angefangen,
weiss ich nicht, wir aber danckten den Himmel, dass er uns günstigen Wind
schenckte, weswegen sich der Kauffmann nicht länger säumen wollte, sondern die
Seegel aufziehen liess, demnach lieffen wir in wenig Tagen im Hafen zu Gibraltar
ein.
    Wie erfreut meine Lands-Männin und ich über unsere nunmehro völlig erlangte
Freiheit waren, solches ist nicht wohl auszusprechen, unser Erretter, der
Englische Kauffmann, wurde nicht allein mit allen ersinnlichsten Danck und
Lob-Sprüchen belegt, sondern wir wollten ihn auch unsere Danckbarkeit mit baaren
Gelde zeigen, allein, er weigerte sich, selbiges anzunehmen, doch liess er sich
endlich zum freundlichen Angedencken 2. ziemlich kostbare Kleinodien von uns
fast aufzwingen.
    Nunmehro waren wir bemühet, nachdem wir unsere Kiste von dem Kauffmanne
zurück erhalten, uns wiederum ordentliche Kleider anzuschaffen, auch unsere
Gesichter und Hände von der schändlichen Farbe, die uns aber vor dieses mahl
gute Dienste getan hatte, zu reinigen. Dieses letztere machte uns wohl 3. biss
4. Tage die allergröste Mühe, deñ anfänglich wollte weder Spiritus, Wasser, Lauge
und Seiffe etwas davon hinweg nehmen, weswegen wir glaubten, Zeit Lebens gelbe
Mohren zu verbleiben, allein, endlich fing sich fast das ganze Oberhäutlein von
unsern Gesichtern und Händen abzuscheelen an, und binnen 3. Wochen war alles
dergestalt reine worden, dass wir wieder aussahen wie vorhero. Mittlerweile
traffen wir in Gibraltar zwar verschiedene Holländer an, konten aber von ihnen
allen, eben so wenig als in Mequinez, erfahren, ob meiner Lands-Männin Ehe-Mann,
und denn mein leiblicher Vater, noch ausserhalb, oder in ihr Vater-Land zurück
gekommen waren, derowegen, weil unser Engelländer gesonnen war, wenigstens noch
3. oder 4. Monat in Gibraltar zu verbleiben, hielten wir vor das ratsamste, uns
nach einem andern Schiffe umzutun, welches nach Engel- oder Holland seegelte,
denn was hatten wir in Gibraltar zu schaffen.
    Zwar fanden wir in dieser Vestung bei verschiedenen vornehmen Leuten, die
nur unsere Geschicht anzuhören, uns zu sich einladen liessen, manchen vergnügten
Zeitvertreib, allein, die Sehnsucht, die so wohl meine Landsmännin nach den
Ihrigen, und ich nach den Meinigen hatte, verursachte, dass wir täglich Mittel
suchten, unsere Abreise zu beschleunigen, und es gereichte zu unsern grösten
Freuden, da ein von Genua zurück kommender Holländer sich einige Tage im Hafen
vor Gibraltar aufzuhalten genötiget fand, weswegen ich so gleich zu ihm eilete,
und so viel von ihm erlangete, dass er uns beide mit nach Amsterdamm zu nehmen
versprach. Indem er nun kein Zauderer war, sondern seine Sachen aufs eiligste
ausrichtete, bekamen wir bald die angenehme Nachricht, dass, wenn wir mit nach
Holland wollten, keine Zeit übrig sei, sich einzuschiffen, derowegen nahmen wir
von unsern Engels-Manne, der uns so redlich aus der Barbarei geführet hatte,
zärtlichen Abschied, beurlaubten uns bei andern guten Gönnern und vornehmen
Personen, welche uns nicht allein viel Proviant, sondern auch andere
Kostbarkeiten mit auf die Reise verehreten, und gingen mit grossen Freuden unter
Seegel.
    So bald wir die Strasse passiret, und die fürchterlichen Barbarischen Küsten
nicht mehr zu sehen waren, fing meine werteste Landsmännin erstlich an recht
lebhaftig zu werden, alle ihre Redens-Arten waren nicht allein weit lustiger
als sonsten, sondern auf ihren Wangen kam Blut und Milch in artiger Vermischung
zum Vorscheine, die Rosen auf ihren Lippen aber blüheten vollkommen, denn sie
hoffte, nun bald den Hafen ihres Vergnügens zu finden, wurde aber doch in etwas
vedriesslich, da sich der Patron des Schiffs verlauten liess, er müste in dem
Hafen zu Lissabon einlauffen, und daselbst erstlich noch eine bestellte starcke
Ladung einnehmen. Jedoch auf mein Zureden, dass, da wir nehmlich seitero in der
grösten Gefährlichkeit so viel Gedult gehabt, wir dieselbe nunmehro in guter
Sicherheit auch nicht gäntzlich fahren lassen müsten, gab sie sich zufrieden,
und so bald wir im Hafen zu Lissabon angelanget, liess sie es sich gefallen, auch
mit den Boot überzugehen, und diese Betrachtens würdige Stadt in Augenschein zu
nehmen, denn es præsentirte sich dieselbe von aussen dergestalt prächtig, dass
man glauben konnte, wie sie inwendig ebenfalls nicht elend beschaffen sein müste.
Weil es nun eben ein sehr angenehmes Wetter war, und unser Patron sagte, dass wir
aufs wenigste binnen 14. Tagen oder 3. Wochen nicht von dannen seegeln würden,
nahm ich einen Führer an, welcher meiner Landsmännin und mir die
Haupt-Merckwürdigkeiten zeigen sollte, brachten auch die Zeit vom Morgen biss
Abend damit zu, doch weil ihr das Gehen beschwerlicher als die Betrachtung der
Curiosäten fallen wollte, nahmen wir in folgenden Tagen eine Chaise, um die
allzuweit abgelegenen Merckwürdigkeiten zu besichtigen. Indem wir um eines Tages
auf einem grossen Platze stille hielten, um eine daselbst aufgerichtete kostbare
Bild-Säule in genauen Augenschein zu nehmen, indem sich bereits viele Personen,
die wie Ausländer aussahen, dabei befanden, vermerckte ich, dass eine
Manns-Person von näher 30. Jahren beständig ihre Augen auf meine Landsmännin
gerichtet hatte, auch da sie die besondern Figuren und Inscriptiones rings um
die Bild-Säule herum betrachtete, ihr immer ex opposito blieb, bald blass, bald
rot wurde, etliche mahl mit dem Kopffe schüttelte, und sonsten viele andere
Zeichen der Verwunderung von sich gab. Meine Landsmännin wurde nichts davon
gewahr, jedoch da ich sah, dass sich dieser Curiosus etliche Schritte
entfernete, und mit einem andern, der ebenfals so ein gelblich Kleid, wie er,
anhatte, in einen vertraulichen Discours eingelassen, beide aber sich öffters
nach meiner Landsmännin umsahn, drehete ich mich nach und nach an ihre Seite,
und sagte ihr ins Ohr: Madame, sehet, jene beiden Gelb-Röcke sprechen von
niemand anders als von euch, wenn ich wahrsagen soll, so ist wenigstens dem
einen eure Person bekandt. Meine Landsmännin ergriff mich bei der Hand, mit den
Worten: Kommet, mein Freund, wenn ich sie gleich nicht kenne, so werden wir doch
vielleicht mercken oder erfahren können, ob es welche von unsern Lands-Leuten
sind. Ich führete sie gerades Wegs auf beide Personen zu, weiln unser Wagen in
der Gegend stund, da wir aber noch etwan 30. Schritte von ihnen waren, dreheten
sie sich erstlich beide uns entgegen, machten hernach lincks um, und gingen
etliche Schritte weiter nahe an den Wagen, von welchem sie nicht wussten, dass er
unser war. Meine Landsmännin druckte mir die Hand, und sagte: Ich bin fast aus
mir selbst, denn alle beide sind mir sehr wohl bekandt, der alte, etliche 50.
jährige heisset Cornelius Dostart, der jüngere aber, welcher meines Vaters
Laden-Diener gewesen, Jan Pancratius Rackhuysen. Sie haben mir beide Verdruss
genung verursacht, und eben deswegen haben die Schelmen kein gut Gewissen, sich
zu erkennen zu geben. So wollen wir, versetzte ich hierauf, ihnen zum Tort auf
sie zugehen, und fragen, ob sie nicht Holländer wären, denn wir sollten sie fast
kennen.
    Mir geschicht, antwortete meine Dame, hiermit eben kein besonderer Verdruss,
denn ich kann auch wohl mit meinen Feinden sprechen. Demnach führete ich sie
erstlich seitwarts vor den beiden Holländern, die noch immer in ernstlichen
Gespräch begriffen waren, vorbei, drehete mich aber mit ihr kurtz um, so, dass
wir sie beide jählings im Angesichte hatten. Der jüngste schlug die Augen itzo
nieder, ohngeachtet er meine Landsmännin kurtz vorhero bei der Bild-Säule mit
gröster Verwunderung betrachtet hatte; Der ältere aber, welchen ich hatte
Dostart nennen hören, ging meiner Landsmännin entgegen, und sagte mit
bestürtzten Minen: Madame! wie soll ich dencken? sind sie des Herrn Bredals
Tochter oder derselben Geist. Meine Landsmännin stellete sich ganz aufgeräumt
an, und antwortete! Man sieht bald, dass ich kein Geist bin, indem ich Fleisch
und Bein habe, auch den Herrn Dostart so wohl als Mons. Rackhuysen annoch besser
kenne, als mich dieser letztere kennen will, ohngeacht wir doch wohl länger als
6. Jahr an einem Tische gespeiset haben. Madame! gab dieser letztere darauf, sie
vergeben mir, dass ich vor Verwunderung, über das besondere Glück, dieselben
allhier vergnügt anzutreffen, ganz aus mir selbst gesetzt bin, und mich nicht
so gleich fassen kann. Es ist nichts ungewöhnliches, replicirte die Dame, dass
Menschen in der Fremde, Berg und Tal aber desto seltener zusammen kommen;
allein, können sie mir nicht sagen, ob meine Eltern noch leben, und ob mein
Liebster wieder aus der Sklaverei zurück nach Leuwarden gekommen ist. Nein,
Madame! gab Rackhuysen zur Antwort, davon kann ich keine Nachricht geben, weil
ich bereits über drittehalb Jahr aus Holland abwesend, und nur vor etlichen
Tagen aus Ost-Indien biss hieher gekommen bin; Herr Dostart aber wird ihnen
vielleicht die Wahrheit sagen können, weiln er nur vor wenig Wochen von
Leuwarden abgegangen. Sie wandten hierauf ihre Augen auf den alten Dostart,
welcher sie, nachdem er mir ein höflich Compliment gemacht, etliche Schritte von
uns hinweg und einen ziemlich langen heimlichen Discours mit ihr führete.
Mitlerweile sprach Rackhuysen zu mir: Monsieur! sie werden vielleicht ein
Befreundter von dieser Dame sein? Nein, mein Herr, gab ich zur Antwort, ich habe
sie sonsten in Holland niemahls gesehen, denn ich bin von Antwerpen, sie aber
von Leuwarden gebürtig, doch mache mir das gröste Vergnügen daraus, dass sie
durch meine schlechte Person, listiger Weise aus der Barbarischen Sklaverei, und
so gar aus des Maroccanischen Kaysers Mulei Ismaëls, Seraglio befreit worden.
Das gestehe ich! war seine Verwunderungs-volle Gegen-Rede, worauf er eine lange
Zeit in tieffen Gedancken stehen blieb, endlich aber noch ein und anderes von
mir ausfragen wollte, allein, ich drehete das Gespräch auf eine listige Art
herum, und fragte selbst nach seinem Wesen, und was ihm auf der Ost-Indischen
Reise besonders vorgefallen wäre, worauf denn zu antworten, er mir nicht wohl
abschlagen konnte, biss endlich die Dame und Dostart wieder zu uns kamen. Ich
hatte unter der Zeit meine Augen offtermahls nach der Dame gewendet, und
angemerckt, dass sie zu verschiedenen mahlen, die Hände gen Himmel gehoben,
gefalten und gerungen, auch sonsten allerhand klägliche Stellungen gemacht,
derowegen nahm es mich kein Wunder, dass, da sie wieder zu mir kam, sehr
wehmütig aussah, und zu mir nur so viel sagte: Mein Herr und Freund! die Hitze
ist zu gross, lasset uns zurück in unser Quartier fahren, diese beiden Herren
werden, wo es ihnen gefällig, uns morgen auf einen Caffée zusprechen, denn ich
habe dem Herrn Dostart schon gesagt, wo wir logiren. Alles zu Dero Diensten,
antwortete ich, machte den beiden Herrn mein Copliment, und nötigte sie auch
nochmals, hub die Dame in den Wagen, setzte mich neben sie, und befahl dem
Kutscher, nach unserm Logis zu fahren.
    Unterwegs klagte sie über Kopff-Schmertzen, redete sonsten wenig, so bald
wir aber in unser Logis kamen, legte sie sich gleich im Cabinet mit den Kleidern
auf ihr Bette, weigerte sich etwas zu essen, sondern bat nur um ein paar
Schälchen Caffée. Ich ging selbst hin, selbigen desto hurtiger fertig zu
schaffen, und sie mittlerweile ein wenig ruhen und abkühlen zu lassen, denn es
war wirklich ein sehr heisser Tag. Als ich aber mit dem Caffée kam, welchen ihr
schon in Gibraltar angenommenes Holländisches Auswarte-Mägdgen trug, sich aber
gleich wieder fort machte, und ich meine werteste Landsmännin heftig weinend
antraff, konnte ich mich nicht entalten, aus besondern Mitleiden zu fragen:
Madame! ist mir erlaubt, nach der Ursache Dero heftigen Betrübnisses zu fragen,
so bitte dabei, mir selbige zu entdecken, kann ich Ihnen gleich nicht vollkommen
helffen, so ist doch vielleicht ein guter Rat und Trost nicht gäntzlich zu
verwerffen. Ach mein werter van Blac, sagte sie, ich bin und bleibe eine
unglückselige Person auf dieser Welt. Der Himmel hat geholffen, dass meine Ehre,
Leben und Gesundheit in und aus der Barbarei glücklich erhalten und errettet
worden; allein, in meinem Vaterlande werde ich vielleicht alles mit einander
einbüssen müssen. Das wollte der Himmel nicht, replicirte ich, wie kommen Sie auf
solche Gedancken? Ach! verfolgte sie ihre Rede, meine alten Eltern sind beide
gestorben; Mein Mann hat schon seit einem Jahre wieder geheiratet, und zwar
eine solche Person, mit welcher er von vielen Jahren her ein geheimes
Liebes-Verständnis gehabt, sich auch verlauten lassen, dass er mich nicht wieder
annehmen wollte, und wenn ich auch ein ganzes Orlogs-Schiff voll Diamanten,
Perlen und Gold-Klumpen mitbrächte, weil ihm eine von den Barbarn geschändete
Person kein Vergnügen geben könnte; Aber, o du gerechter Himmel, du allein weist
meine Unschuld und Ehre, und hast dieselbe wunderbar auch unter den Barbarn zu
erhalten gewust, bist auch der beste Zeuge, dass ich Zeit meines Lebens mit
niemanden, als mit meinem Ehe-Manne, mich fleischlich vermischet habe.
    Unter diesen letztern Worten schossen die Tränen dergestalt häuffig aus
ihren Augen, dass sie gar nicht mehr zu reden vermögend war. Ich liess den ersten
Sturtz vorbei, stellete ihr nachhero vor, dass man ja sich nicht so gleich an die
erste fliegende Rede kehren müste, vielleicht wäre das meiste davon unwahr, und
ihr Mann, der sie ehedem so sehr geliebt, würde vielleicht, wenn er sie nur
erstlich wieder gesehen, auch ihre Geschichte und Contestationes angehöret,
ganz andere Gedancken kriegen. Durch diese und andere Redens-Arten schien sie
sich ein klein wenig zu besänftigen, tranck auch ein paar Schälchen Caffée, und
sagte hernach: Ich kenne meines Mannes Gemüte am besten, zumahlen er nunmehro
diejenige Person im Ehe-Bette hat, die er vor mir längst gern hinein haben
wollen; Aber ich bitte sehr, Mons. van Blac, lasset mich ein paar Stunden ruhen,
und schlaffet ihr selbst, diesen Abend will ich mich mit euch an den Tisch
setzen, und meine ganze Geschicht erzählen, denn weil ich weiss, dass ihr mir
niemahls im geringsten lasterhaft, sondern jederzeit redlich und getreu
begegnet habt, so kann ich euch auch wohl mein ganzes Hertze offenbaren, damit
ihr ein Licht in der Sache bekommet, wisset aber, dass Morgen früh um 9. Uhr
Dostart sich eine ganz geheime Visite bei mir, und sonderlich dabei ausgebeten
hat, euch ein paar Stunden auf die Seite zu schaffen, allein, das ist mein Wille
nicht, sondern ich will euch in diesem Cabinet die Zeit über verschlossen
halten, damit ihr alle seine Reden mit anhören könnet.
    Ich küssete ihr hierauf die Hand, verschloss das Cabinet, und legte mich
haussen in der Stube hinter einer Spanischen Wand auf meinem Bette auch ein
wenig zur Ruhe. Allein, an statt des Schlaffs stiegen mir allerhand Gedancken in
den Kopff, denn ich gedachte: Wenn der eigensinnige Mann in Leuwarden seine Frau
nicht wieder haben wollte, sollte das nicht ein schönes Fütterchen vor mich werden
können, denn sie war in Wahrheit ein ungemein schönes Bild, und mit Recht eine
von den allerschönsten Frauen in ganz Holland zu nennen, wie ich mich denn
gleich anfänglich, so bald ihr Portrait empfing, noch mehr aber, da ich das
Original selbst sah, sterblich in sie verliebte, allein, ihre strenge Tugend,
Gottesfurcht und Frömmigkeit, nebst unsern gefährlichen Umständen, hatten mich
bisher beständig abgehalten, das geringste von dem, in meiner Brust verborgenen
Feuer mercken zu lassen, hergegen hatte ich ihr jederzeit mit der sittsamsten
Aufrichtigkeit und Treue begegnet. Kurtz: da sie, seit unserer erstern
Bekanntschaft und Umgangs an, nicht die geringste geile oder leichtfertige
Mine, sondern die grösten Zeichen der Keuschheit von sich blicken lassen, so
ahmete ich ihr in allen Stücken nach, und unterdrückte die mir zuweilen
aufsteigenden Affecten, nicht so wohl aus Blödigkeit, sondern vielmehr aus
besonderer Hochachtung vor eine solche tugendhafte Seele, welches mich denn in
solchen Credit bei ihr setzte, dass sie öffters, jedoch in ihren Kleidern, wie
schon in Mequinez im Juden-Hause geschehen, ganz ruhig und sicher an meiner
Seite schlieff. Dieses alles, wie schon gemeldet, kam mir auf einmal in die
Gedancken, nachhero aber wusste ich nicht, ob ich wünschen möchte, dass sie von
ihrem Manne wieder angenommen, oder verstossen, und mir zu Teile werden sollte.
Solchergestalt blieb mein vorgenommener Schlaff ganz aussen, es stelleten sich
aber dagegen die Annehmlichkeiten meiner schönen Landsmännin immer mehr und mehr
vor meine Augen, so, dass ich biss auf den höchsten Grad verliebt in sie wurde,
und weiter an nichts anders gedachte, biss sie endlich ihr Cabinet eröffnete,
durch die Stube hinweg ging, und das Aufwarte-Mädgen ruffte, welches sich aber
auch in einem ganz kleinen Cabinet ein wenig zur Ruhe gelegt hatte, und so
gleich zum Vorscheine kam.
    Ich stund ebenfalls gleich auf, und fragte: Wie sie sich befände? und, ob
sie wohl geschlaffen hätte? Es ist, antwortete sie, kein Schlaff in meine Augen
gekommen, sondern ich habe nur meinem zukünftigen Schicksale beständig entgegen
gedacht, jedoch letztlich alles der Fügung des Himmels anheim gestellet, und
mich gefasst gemacht, alles Unglück mit der grösten Gelassenheit zu ertragen,
wenn ich nur bleiben kann, wo Christen sein, um mich mir GOttes Wort und dem
Rate guter Freunde zu trösten.
    Dieses ist eine Resolution, versetzte ich, welche nur bloss allein
tugendhafte Seelen, so, wie die Ihrige beschaffen ist, ergreiffen können;
bleiben Sie dabei, und lassen im übrigen den Himmel walten. Allein, was ist zu
Dero Diensten, denn ich habe gehöret, dass sie der Magd geruffen? Nichts weiter,
replicirte sie, als dass sie auf die Apoteque gehen, und mir ein Hertz-Pulver
holen soll, denn ich weiss nicht, wie es kömmt, dass ich so gar mattertzig bin.
Ich bat mir sogleich aus, diesen Dienst selbst zu verrichten, und etwas zu
bringen, wodurch der Leib wiederum gestärckt und das Gemüte aufgeräumt gemacht
wurde; zohe auch gleich meinen Ober-Rock an, und liess mich durch sie nicht an
meinem hurtigen Fortgehen verhindern. Bei der Wirtin bestellete ich erstlich
eine delicate Abend-Mahlzeit nebst ein paar Bouteillen des allerbesten Weins,
hernach ging ich auf die Apotecke, liess ein herrliches Cordial, auf ihren
Zustand gerichtet, zurechte machen, und brachte es so hurtig, als möglich,
zurück.
    Ihr seid allzu dienstfertig, Mons. van Blac, sagte sie hierzu, (nachdem sie
einige Löffel voll davon zu sich genommen, und es kräfftig befunden hatte,) und
wenn es noch so lange währen sollte, als es gewähret hat, dürffte mein ganzes
Vermögen nicht zureichen, euch eure Liebe und Treue zu belohnen. Die letztern
wenigen Worte machten, dass mir die Tränen in die Augen stiegen, weswegen ich
mich an ein Fenster wandte, um den Affect nicht mercken zu lassen, konnte auch
kaum mehr als so viel Worte vorbringen: Madame! ich verlange keine Vergeltung
von Geld und Gut, sondern bin vergnügt, wenn sie nur bei dem Glauben bleiben,
dass ich redlich bin. Sie mochte etwas an mir mercken, derowegen nahm sie noch
ein wenig von dem Cordial, und begab sich stillschweigend wieder in ihr Cabinet,
ich aber besann mich, und sah nach der Küche, ging eine Zeitlang im nahe daran
liegenden Garten spazieren herum, und verirrete mich dergestalt tieff in meinen
Gedancken, dass ich mich nicht heraus finden konnte, biss mich endlich die Wirtin
ruffte, und fragte, ob sie das Essen auftragen sollte? Ich befahl ihr, nicht
damit zu säumen, weil wir heute wenig genossen, ging hinauf, und fand meine
Landsmännin in der Stube herum gehend, dem Scheine nach, ziemlich wohl disponi
rt, es gefiel ihr auch, dass ich einige gute Tractamenten hatte zurichten lassen,
indem sie alle mit Appetit versuchte.
    Wie sauer es aber ihr, vielleicht nur meinetwegen, werden mochte, ihre
Bekümmernis zu verbergen, so schwer kam es mir auch an, meine Affecten zu
unterdrücken, allein, da wir erstlich eine Bouteille von dem vortrefflichsten
Weine getruncken, öffnete sich der Mund auf beiden Seiten einiger massen, jedoch
redeten wir von ganz indifferenten Sachen, biss sie endlich, nachdem alles
abgetragen, und das Mädgen zur Ruhe gegangen war, von selber anfieng, und
sagte: Mons. van Blac! ich habe euch heute etwas zu erzählen versprochen,
derowegen höret an die
 
        Lebens-Geschicht der unglücklichen Charlotte Sophie van Bredal.
Ich bin unter 11. Kindern meiner Eltern das jüngste, und deren erste und letzte
Tochter, denn meine Vorgänger sind lauter Söhne gewesen, deren ich bei meiner
Abreise noch 8. lebendig gesehen. Mein Vater trieb zwar die Handlung, hatte aber
wenig Mittel, weswegen er alles sehr genau einfädeln musste, denn bei einer
solchen starcken Familie wurden, wie leicht zu erachten, auch starcke Ausgaben
erfodert, zumahlen da sich kein eintziger von meinen Brüdern zur Handlung
appliciren, sondern ein jeder viel lieber ein Handwerck lernen wollte, weswegen
mein Vater fremder Leute Kinder zu Jungen und Handels-Dienern annehmen musste.
Ich will mich aber hiebei nicht lange aufhalten, sondern nur von meiner eigenen
Person erwähnen, dass, da ich kaum das 13te Jahr erreichte, mich einige Leute vor
schön ausgeben wollten; dannenhero fanden sich fast täglich nicht nur die Söhne
der reichsten Kauff-Leute, sondern auch weit Vornehmere, bei meinen Brüdern ein,
um zu schauen, ob bei mir etwas schönes anzutreffen wäre. Ich weiss nicht, was
dieser oder jener gefunden, doch bekam ich bald von diesem, bald von jenem,
nicht nur die verliebtesten Briefe, sondern auch verschiedene Galanterie
-Waaren.
    Ich armes Kind wusste gar nicht, was dieses zu bedeuten haben sollte, klagete
es derowegen meiner Mutter, und zeigete ihr alles offenhertzig, welche darzu
lächelte, und sagte: Meine Tochter! zerreiss die Narren-Briefe, die Geschencke
aber kanst du als ein Andencken aufheben, damit es die Personen, so sie dir
geschickt, nicht vor einen Hochmut auslegen, inzwischen entziehe dich ihrer
aller Gesellschaft, so viel du kanst, und mache dich mit niemanden familiair,
er sei so reich als er immer wolle.
    Ich folgte meiner Mutter Lehren, kam aber bald in das Geschrei, als ob ich
mir auf meinen Spiegel etwas einbildete, und gewaltig eigensinnig wäre. Dem
ohngeacht gaben sich die reichsten und vornehmsten Junggesellen viele Mühe, sich
in meine Gunst zu setzen, allein, ich fühlete damahls in meinem Hertzen noch
nicht den geringsten Trieb zur Liebe, ob schon mein 15tes Lebens-Jahr bei nahe
verstrichen war. Wie man mich aber um selbige Zeit schon vor mannbar halten
wollte, so meldete sich eben dieser, bereits ziemlich bejahrte Kauffmann Dostart,
bei meinem Vater, und hielt um mich an. Mein Vater mochte zwar wohl den grossen
Unterscheid unserer Jahre betrachtet haben, indem ich die 1. vor der 5. er
dieselbe aber bereits hinter derselben hatte, weil er aber ein sehr wohl
bemittelter Mann, auch ohne Kinder und andere Erben war, so wurde mir gar bald
angetragen, denselben zu meinem künftigen Ehe-Manne zu erwählen.
    Ich hätte des Todes sein mögen über diese Anmutung, indem ich mich selbst
noch ein Kind zu sein schätzte; wurde aber um so viel desto mehr bestürtzt, da
meine Mutter selbst, dieses Seil mit zu ziehen, anfing, und mir nicht allein zu
dieser Heirat riet, sondern auch die besten Lehren gab, wie ich mich künftig
hin im Ehe-Stande zu verhalten hätte. Bei so gestalten Sachen aber, war meine
erste Ausrede, dass ich mich als ein Kind noch unmöglich zum Heiraten resolviren
könnte, sollte es aber ja mit der Zeit einmal geschehen, so würde ich gewiss meine
Freiheit nicht an einen solchen alten eigensinnigen Mann verkauffen, denn es
fänden sich ja wohl noch jüngere und geschickte Manns-Personen, ob sie gleich
nicht so viel Mittel hätten, als der alte Dostart. Das redete ich so in meiner
Einfalt aus aufrichtigen Hertzen her, da ich aber auf meiner Eltern ferneres
Vorstellen und Zureden immer bei dieser Meinung blieb, wurde mein Vater endlich
gestrenger, gab mir auch Dostarts wegen einmal wirklich ein paar Ohrfeigen,
wodurch sich denn die Liebe um so viel weniger wollte aufwecken lassen, hergegen
ein würcklicher Hass bei mir gegen diesen Mann erwuchs. Bei dem allen aber
liessen meine Eltern nicht ab, mir die Lust zum Heiraten, und sonderlich zu
diesem eckelhaften Manne einzuflössen, welchen letztern ich aber durchaus nicht
leiden konnte, weswegen mein Vater endlich Mine machte, mich mit Gewalt zu dieser
widerwärtigen Heirat zu zwingen. Viele Leute hatten Mitleiden mit mir, da die
Sache Stadt-kündig wurde; eines Tages aber, da ich mit zweien von meinen Brüdern
von einer Befreundin in ihren Garten eingeladen war, fand sich unter andern
jungen Leuten beiderlei Geschlechts, welche, um die Lust vollkommen zu machen,
Music bestellet hatten, auch eines Kauffmanns Sohn dabei ein, den ich zwar
öffters von ferne gesehen, aber Zeit-Lebens noch kein Wort mit ihm gesprochen
hatte. Er hiess Emanuel van Steen, war sehr wohl gebildet und gut gewachsen,
voritzo aber zeigte sein ganzes Wesen etwas melancholisches an, denn er machte
sich gar kein Vergnügen aus der Music, sondern liess die andern schertzen und
tantzen, kam also mit meinem Humeur vollkommen überein, denn ich konnte diesen
Tag ohnmöglich lustig sein. Um aber von der lustigen Compagnie, die so wohl ihn
als mich zum öfftern vexirte, abzukommen, ging er auf jene Seite des Gartens
weit darvon spatziren herum, ich aber ging mit einem alten Befreundten auf
dieser Seite, und redete von verschiedenen Sachen mit demselben, biss endlich
meine Befreundtin den van Steen an der Hand zu mir geführet brachte, und sagte:
Ich kann kein besser Werck stifften, als wenn ich jene bei ihrer Lust lasse, und
diese beiden Missvergnügten zusammen bringe, vielleicht kann eins das andere
trösten. Demnach brachte sie uns zusamen in eine grüne Laube, blieb erstlich
eine Weile da, ging aber, unter dem Vorwande einiger Verrichtungen, hinweg, und
liess mich mit dem van Steen ganz alleine sitzen. Dieser fing unter
niedergeschlagenen Augen zu sprechen an: Mademoiselle, warum nehmen dann sie
keinen Teil an den Lustbarkeiten bei der Music? Monsieur, antwortete ich, mir
ist selber nicht bewust, warum ich heute keinen Appetit zu dergleichen
Lustbarkeiten habe, da ich doch sonst keine Verächterin, sondern vielmehr eine
grosse Liebhaberin der Music bin. Ich wollte, sagte er weiter, die Ursach dessen
wohl erraten, kann aber versichern, dass derjenige Kummer, welcher Sie, mich
gedoppelt quälet. Ich wüste eben nicht, versetzte ich, was mich vor ein
besonderer Kummer quälete. Ich weiss es aber wohl, versetzte er, bitte nur, meine
Frei mütigkeit nicht im üblen zu vermercken, wenn ich sage, dass wohl nichts
anders, als die verdrüssliche Heirat, welche sie gezwungener Weise mit dem
Dostart eingehen sollen, Schuld daran ist, derowegen laboriren wir an einer
Kranckheit, und zwar ich gedoppelt, weiln diejenige Person, welche ich mir
ausersehen, nunmehro schon in eines andern Armen liegt, und ich von meinen
Eltern ebenfalls, so wie sie, bestürmet werde, eine zwar reiche, aber desto
hässlichere Ehe-Gattin zu erwählen.
    Wie nun ich mich ziemlich bei diesen Reden betroffen fand, so konnte nicht
gleich mit einer geschickten Antwort fertig werden, weswegen er nochmahls zu
fragen anfing: Habe ich nicht Recht, Mademoiselle, dass wir beide fast einerlei
Schicksal haben? Mein Herr! gab ich zur Antwort, meine Not haben sie wohl
erraten, weil dieselbe kein Geheimnis mehr ist, wiewohl es soll mich keine
menschliche Gewalt zu einer widerwärtigen Heirat zwingen; von ihren Affairen
aber habe nicht die geringste Wissenschaft. Er fing hierauf an, mir eine
weitläufftige Erzählung von seiner Liebes-Geschicht mit der Helena Leards zu
machen, welche ich aber nur kurtz fassen, und so viel davon melden will, dass er
dieselbe, ob sie gleich nicht sonderlich schön von Gesicht, jedoch eines
lebhaften Geistes und sonst guter Gestalt, vor andern Frauenzimmer geliebt,
auch Hoffnung bekommen hätte, von ihr keinen Korb zu erhalten, allein, die
Eltern auf beiden Seiten hätten in diese Heirat nicht willigen wollen, und also
wäre Helena vor wenig Wochen an einen Procurator verheiratet worden. Er
hingegen sollte bloss nach dem Willen seiner Eltern die Catarina van Nerding
heiraten, welche ihm doch so starck zuwider wäre, als der blasse Tod.
    Indem wir nun meine Befreundtin von ferne auf uns zukommen sahen, brach er
seinen fernern Gespräche ab, und sagte nur noch dieses: Mademoiselle, die dritte
Ursache meiner heutigen Unruhe will ich ihnen, wo es mir erlaubt ist, Morgen
schrifftlich melden, denn ich mercke, dass wenig Gelegenheit heute sein wird,
unsern Discours fortzuführen. Ich konnte hierauf nicht antworten, weiln nicht
allein meine Befreundtin, sondern auch andere von der Compagnie schon so nahe da
waren, und zu nötigen nicht abliessen, biss wir mit ihnen zur andern
Gesellschaft gingen, welche das Tantzen bereits eingestellet hatte, und nur
einer angenehmen Music zuhörete, worbei einige Arien gesungen wurden. Mit
anbrechender Demmerung machte ich den Aufbruch, konnte aber dem van Steen nicht
abschlagen, mich in Begleitung meiner Brüder nach Hause zu führen, welche ihn
auf morgenden Tag zu sich in unser Haus nötigten, weiln ohnedem unsere Eltern
zu einem Hochzeit-Schmause fahren wollten. Van Steen stellete sich, versprochener
massen, um gehörige Zeit ein, meine Brüder hatten unter sich und vor die darzu
erbetenen Gäste ein Lust-Spiel angestellet, ehe sich aber van Steen in selbiges
einliess, passete er die Gelegenheit ab, mir einen Brief in die Hände zu practici
ren, dessen Inhalt dieser war: wie er als ein vollkommener aufrichtiger Mensch
zwar nicht leugnen könnte, dass er seit wenig Jahren seine Augen auf die Helena
geworffen, allein, es wäre dieses zu einer solchen Zeit geschehen, da er nicht
gewust, dass meine Gestalt und ganzes Wesen (seinen Schreiben nach) weit
angenehmer, vollkommener und Liebens-würdiger sei, als der Helenæ. Hierbei tat
er mir einen förmlichen Liebes-Antrag, und versicherte, daferne ich mich wollte
erbitten und bewegen lassen, statt des alten Dostarts, ihn, den van Steen, zum
Liebsten anzunehmen, er es mit guter Manier und Beihülffe meiner eigenen Eltern,
in kurtzen dahin bringen wollte, dass wir ein paar Ehe-Leute würden. Anderer
beigefügten Schweicheleien oder verliebten Torheiten zu geschweigen, will nur
dieses berühren, dass er einen starcken Eyd-Schwur angehängt habe, wie er nicht
gesonnen, mich hinter das Licht zu führen, sondern lauter redliche Absichten
hätte, indem er gestern gleich auf das erste mahl, als er mich gesehen, die
Helena ganz vergessen, und nach fernerweit eingezogener Kundschaft wegen
meiner Aufführung, vollkommen in mich verliebt worden.
    Er war, wie schon gemeldet, ein schöner, artiger und wohl conduisirter
Mensch von aussen anzusehen, darum fühlete ich von Stund an in meinem Hertzen
viele zärtliche Regungen gegen ihm, so bald er dessen vergewissert war, addressi
rte er sich an meine Eltern, und da er noch mehr Vermögen als der alte Dostart
zu hoffen, sein Vater auch ohnverhofft mit dem alten van Nerding zerfiel, und
dieser mein Liebhaber, Emanuel, bei solcher Gelegenheit zu verstehen gegeben,
dass er nunmehro keine andere als mich zur Ehe haben, wiedrigenfals in die weite
Welt gehen, und nimmermehr wieder kommen wollte, wurden seine und meine Eltern
mit einander einig, wir mit einander versprochen, und der alte Dostart bekam den
Korb, unter dem Vorwande, dass ich ihn so wenig lieben, als mich mein Vater darzu
zwingen könnte.
    Inmittelst war unser Hochzeit-Fest noch auf etliche Wochen hinaus geschoben,
mein Bräutigam hatte öffters Gelegenheit, etliche Stunden ganz alleine bei mir
zu sein, derowegen begunte er immer dreuster zu werden, mutete mir auch solche
Dinge zu, von welchen ich zu der Zeit noch ganz und gar keine Wissenschaft
hatte. Wenn ich ihm nun dieserwegen eine eintzige scheele Mine machte, kam er
zuweilen in 8. Tagen nicht wieder, so lange biss ihm etwa der Rummel vergangen
war, hernach stellete er sich aber desto freundlicher, tat jedoch immer neue
Ansuchung, ihm seinen lasterhaften Willen zu erfüllen, welches jedoch von mir
durchaus nicht zu erlangen war, denn bei so gestalten Sachen kehrete ich mich
wenig an sein Kommen und Hinweggehen, hätte auch fast lieber gesehen, er wäre
gar nicht wieder gekommen. Mittlerweile nahete unser bestimmter Hochzeit-Tag
heran, mein Bräutigam war 8. Tage, seinem Sagen nach, verreiset gewesen, kam
aber des zweiten Abends vorhero wieder zu Hause, und in meines Vaters Haus, da
eben mein Vater ein paar gute Freunde bei sich hatte, und mit ihnen in der
Charte spielete. Nachdem mich nun mein Schatz, vielleicht aus falschen Hertzen,
ein wenig becomplimentiret, liess er sich mit ins Spiel ein, bat sich aber aus,
dass ich auch neben ihn sitzen, und seine Cassa führen möchte. Auf Befehl meines
Vaters gehorsamete ich, er spielete biss ohngefähr halb 12. Uhr mit Lust, hernach
zohe er seine Uhr heraus, wurde auf einmal vedriesslich, und sagte, dass es
nunmehro Zeit wäre, nach Hause zu gehen, indem er sehr müde von der Reise sei.
Ich vermerckte, dass er mit der Uhr ein Billet heraus zog, und selbiges ohne sein
Vermercken auf den Boden fallen liess, weswegen ich mein Schnupff-Tuch darauf
warff, und beides zugleich aufnahm. Mein Schatz wurde dieses nicht gewahr,
sondern eilete hurtig fort, ich aber verfügte mich auch geschwind in meine
Schlaff-Cammer, wickelte das versiegelt gewesene Billet auf, und fand darinnen
folgende Worte, welche ich auswendig gelernet, auch nimmermehr vergessen werde:
                              Mein Allerliebster!
Vier Nächte habt ihr zu meinem grösten Vergnügen bei mir zugebracht, aber wo
dann die 3. darauf folgenden? Bei eurer Liebsten nicht, das weiss ich gewiss, und
wollte wohl erraten wo sonsten. Allein, ich will voritzo die Liebe mehr als die
Eifersucht über mich herrschen lassen, und bitten, dass ihr mir die Gefälligkeit
erzeiget, und puncto 12. Uhr zu mir kommet, denn die Tür ist offen, und alles
wohl bestellet, weil mein Wiedersacher wenigstens in 3. Tagen nicht wieder
kömmt. Vergnüget nur mich, und das, was ihr mir unter das Hertze verschafft
habt, diese Nacht noch einmal zu guter letzte, weil ich doch wohl glaube, dass
ihr nachhero von eurer Liebste nicht viel werdet abkommen können. Setzet dem
Stöhrer unseres Vergnügens noch ein rechtschaffenes Horn auf, ehe ihr selbst in
die Sklaverei geratet, welche ich so wohl als mein eigenes Schicksal täglich
beweine, denn ihr wisset, dass ich bin einmal wie immer
                        Eure
                                                                        Getreue.
    Wiewohl ich nun von Liebes-Intriquen wenige oder gar keine Wissenschaft
hatte, so verursachte mir doch dieses Schreiben ein schmertzhaftes Nachsinnen,
da es aber schon ziemlich späte, legte ich mich gleich zu Bette, und war
erstlich so glücklich, dass mir ein baldiger süsser Schlaff die unruhigen
Gedancken vertrieb, hernach so unglücklich, dass die Hand einer Manns-Person zum
ersten mahle meine Brust begriff, worauf so gleich ein Kuss folgte. Ich fuhr so
gleich in die Höhe, u. fing an zu schreien, konnte aber vor Angst keinen lauten
Ton von mir geben. Indem nahm mich jemand bei der Hand, u. sagte: Um Gottes
willen, Mademoiselle, schreien sie nicht, ich bin Dero allergetreuester Knecht,
und habe mich in diese Gefahr bloss allein darum gewagt, ihnen ein Geheimnis zu
eröffnen, worauf die Glückseeligkeit ihres ganzen Lebens beruhet. Nunmehro
erkannte ich wohl an der Sprache, dass es niemand anders sei, als unser
Handels-Diener Rackhuysen, riss derowegen meine Hand zurück, und sagte: Welcher
Satan hat euch Verwegenen in meine Cammer geführet? Kein Satan, antworte er,
sondern die Treue und Redlichkeit gegen ihre Person und ganze Familie; wo habe
ich anders Gelegenheit finden können, mit ihnen ohne Verdacht in Geheim zu
sprechen, und ihnen mit Wahrheit zu offenbaren: Dass ihr Liebster, mit dem sie
übermorgen copulirt werden sollen, der allerlasterhafteste und lüderlichste
Mensch von der Welt ist. Denn er hat nicht nur 4. ganzer Tage und Nacht bei der
Helena versteckt gelegen, sondern nachhero noch 3. Nacht bei einer Jedermanns-
zugebracht, und voritzo weiss ich gewiss, und will meinen Kopff zum Pfande setzen,
dass er wiederum bei der Helena im Bette liegt, denn ihr Mann ist verreiset, und
sie hat ihn zu sich bestellet.
    Ey! sagte ich, lasset ihn liegen wo er will, und retirirt euch aus meiner
Cammer. O Himmel! wiederredete er, wie können sie sich so gnädig vor einen
unwürdigen und so undanckbar vor einen getreuen Menschen erzeigen? Ich weiss
nicht alles, was er mehr vorbrachte, doch bei so viel durch einander her
lauffenden Affecten wusste ich nicht, ob ich hörete oder nicht, biss Rackhuysen
endlich vermeinte, ich täte solches mit allem Fleisse, und mich nicht nur
küssen, sondern sich auch mehrerer Freiheit gebrauchen wollte; Allein, ich fing
plötzlich überlaut an zu schreien, weswegen er sich wieder durch das Fenster, da
er herein gestiegen war, zurück begeben wollte, allein, er mochte mit seinen
Kleidern inwendig an einem Hacken hangen bleiben, weswegen mein Vater, der mit
dem Capital-Schlüssel meine Cammer so gleich eröffnete, und nebst meiner Mutter
mit dem Lichte hinein trat, ihn annoch antraffen, und nur froh waren, dass er,
ohne den Hals zu brechen, auf der angelegten Leiter glücklich herunter kam. Ich
erzählete meinen Eltern den Frevel dieses Menschen, so wohl als die ganze
Geschicht meines Bräutigams, zeigte den gefundenen Brief, und sagte: Liebster
Vater! allem Ansehen nach, hat das Verhängnis beschlossen, mich Arme durch das
Heiraten unglücklich zu machen. Er lass den Brief mit ziemlicher Bestürtzung,
wusste aber gar bald, ein ander Mittel zu erfinden, indem er sagte: Meine
Tochter! das ist eine falsche Charte, euer Bräutigam ist unschuldig, aber
Rackhuysen ist ein Schelm, und hat ohnfehlbar die ganze Sache auf die Art
eingerichtet, auch diesen falschen Brieff gemacht, denn ich habe vermerckt, dass
er sich vorigen Abend immer etwas um den van Steen zu tun gemacht hat, kehret
euch an nichts, ich will genaue Kundschaft darauf legen, wo euer Bräutigam
diese Nacht zugebracht hat, der frevele Rackhuysen aber soll, so bald der Tag
anbricht, zum Hause hinaus.
    Demnach wurde ich begütiget, und um desto sicherer zu schlaffen, musste sich
meiner Mutter Aufwarte-Mägdgen zu mir in die Cammer legen. Früh Morgens vor
Tage, hatte sich Rackhuysen mit allen seinen Sachen schon aus dem Staube
gemacht, worüber mein Vater sich etwas vedriesslich stellete, allein, es mochte
eben sein harter Ernst nicht sein, mitlerweile machte er mir weiss, er hätte
gleich auf der Stunde nach meines Bräutigams Behausung geschickt, und erfahren,
dass derselbe unschuldig, auch gerades Wegs nach Hause gegangen, und von unserm
Jungen in seinem Bette vest schlaffend angetroffen worden. Ich glaubte meinem
Vater zu Gefallen alles, was er mir vorredete, erfuhr aber wenige Zeit hernach
besser, dass mein Vater so gleich 3. Schild-Wächter ausgeschickt, welche den van
Steen selbiges Morgens früh bei anbrechenden Tage, aus der Helenæ Behausung
hatten heraus kommen sehen.
    Inzwischen stellete sich van Steen, des, auf diese fatale Nacht folgenden
Tages, gleich nach der Mittags-Mahlzeit bei uns ein. Mein Vater empfing ihn sehr
freundlich, um keinen Spuck in die Hochzeit, welche Morgen vor sich gehen sollte,
zu machen, oder weil er glaubte, dass wenn wir nur erstlich beisammen wären, van
Steen seine Extra-Gänge von selber unterlassen würde. Mir begegnete van Steen
ungemein zärtlich und verliebt, weswegen ich fast selbst auf die Gedancken
geriet: dass er unschuldig wäre, und ihm also das vermeintlich angetane Unrecht
in meinem Hertzen abbat, auch ihn von nun an recht vollkommen zu lieben anfing,
und solchergestalt trat ich folgendes Tages ziemlich ruhig und vergnügt in den
Eh-Stands-Orden, wurde auch nachhero so wohl von meinen Schwieger-Eltern, als
dem Scheine nach, von meinem Manne recht hertzlich geliebt, ja die erstern
beteureten hoch, dass es ihnen nunmehro tausendmahl angenehmer wäre, mich an
statt der Helena zur Schwieger-Tochter zu haben, mein Mann aber begegnete mir im
Anfange etliche Monate dergestalt liebreich, dass ich nicht in dem geringsten
Stücke über ihn zu klagen hatte, auch war er bei unserer neu angelegten
Handelschaft dergestallt fleissig, dass seine, so wohl als meine Eltern nebst mir
ein vollkommenes Vergnügen darüber fanden. Allein, ehe noch das erste Jahr
verging, legte er sich auf die schlimme Seite, fing an murrisch und vedriesslich
zu werden, bekümmerte sich um die Handlung so wenig als um den Hausshalt, ging
fleissig zum Truncke und in die Spiel-Häuser, kam entweder gar nicht, oder doch
des Nachts sehr betruncken nach Hause, und brach die Ursach vom Zaune, Zanck und
Streit anzufangen. Ich begegnete seinem wunderlichen Humeur mit aller
Höflichkeit, kam aber doch öffters plötzlich mit ihm unvermutet in heftigen
Wort-Streit, so, dass er mich dann und wann im Eifer sehr übel tractirete, weiln
aber, wie bekandt, in unserm Lande ein Frauenzimmer grosses Recht hat, schlugen
sich zu vielen mahlen beiderseits Eltern darzwischen, und versöhneten uns wieder
mit einander, damit die Sache nicht zu Weitläufftigkeiten und übler Nachrede
ausschlagen möchte.
    Mir war nichts weniger in die Gedancken gekommen, als dass die Helena die
eintzige Ursach in meinem Unglück wäre, allein, nach gerade kam ich darhinter,
dass er diese Bestie, welche ihm vielleicht einen Liebes-Trunck gegeben haben
mochte, annoch bei allen Gelegenheiten aufs zärtlichste caressirte, und so oft
es sich schickte, Nacht-Visiten bei derselben abstattete, so lange biss ihn
endlich ihr Mann bei derselben ertappet, und ehe es Tag wurde, sehr zerschlagen
und verwundet nach Hause bringen liess.
    Mein Mann machte mir weiss: Dass er unter eine Compagnie falscher Spieler
geraten, und von ihnen so übel zugerichtet worden wäre; welches ich denn
anfänglich glaubete, allein, die wahrhafte Historie wurde bald Stadt-kundig,
welches sich denn seine und meine Eltern, sonderlich aber ich, uns sehr zu
Gemüte zogen, jedoch ich liess mich nicht gegen ihn mercken, das ich dieses vor
eine gerechte Straffe erkennete, sondern begegnete ihm mit aller Freundlichkeit,
in Hoffnung, dass er sich von nun an bessern würde, welches er denn auch allem
Ansehen nach tat, und eine lange Zeit gar nicht aus dem Hause ging. Da ihm aber
nach und nach der Appetit zur lustigen Compagnie und andere Ausschweiffungen
wieder ankam, ging er wieder Tag vor Tag aus, kam aber mehrenteils sehr
missvergnügt nach Hause, indem er wegen gemeldter Historie fast in allen Compagni
en aufgezogen und geschraubt worden, derowegen mochte er mehrenteils
dieserwegen auf die Desperation geraten, mit einem andern Kauffmanne in
Compagnie und selber die Reise nach Ost-Indien anzutreten, in Hoffnung, dass
währender Zeit seines Abseins, seine Geschichten würden vergessen und den Leuten
neuere Mähren in den Mund gelegt werden.
    So wohl seine als meine Eltern waren mit dieser Resolution hertzlich
zufrieden, und ohngeacht ich die letzte war, so davon Wissenschaft bekam, gab
ich doch nicht allein meinen Willen drein, sondern liess mich auch bereden, mit
ihm zu reisen, weiln er vorgab, dass er ohne mich nicht leben könnte. Die
Haupt-Ursache war, ihn von der aus Geilheit und sonsten allerlei Bosheit
zusammengesetzten Helena abzubringen, alles vergangene zu vergessen, und
nunmehro unser Ehe-Band desto vester und angenehmer zu verknüpffen. Allein, wir
hatten, nachdem wir zu Schiffe gegangen, kaum die äuserste Spitze von Europa,
nehmlich das Capo de S. Vincente aus den Augen verloren, da wir von einem
Saléeischen See-Räuber (ich weiss nicht unter was vor Vorwand, denn die Holländer
stunden dazumahl mit dem Kayser von Maracco ganz wohl) attaquiret und zu
Sclaven gemacht wurden. Mein Mann stellete sich bei diesem Unglück sehr
kläglich, ich aber wurde darüber gar ohnmächtig, und kam nicht eher zu mir
selber, biss ich mich Tags darauf in der Gesellschaft einiger Mohren-Weiber
befand.
    Wie mir da zu Mute gewesen, werdet ihr, mein Herr van Blac, selber zu
beurteilen wissen, allein, ich hatte nicht viel Zeit, meinem Schicksale
nachzudencken, indem ich in Gesellschaft einiger Mohren-Weiber alsofort nach
Mequinez an den Kayserl. Hof geschafft wurde, auch mir gefallen lassen musste,
Tag und Nacht zu reisen. Man brachte mich bald darauf zu dem Kayser Mulei
Ismaël, welchem der Räuber mit meiner Person ein Present gemacht hatte, und
welches auch sehr wohl von ihm aufgenommen wurde, denn er hatte, wie mir
nachhero gesagt worden, so gleich befohlen, mich unter die Zahl seiner
Kebs-Weiber zu versetzen. Es wurde mir ein properes Apartement nebst
verschiedenen Cabinetten und Cammern angewiesen, die Tractamenten waren
königlich, von Aufwärtern aber hatte ich mehr um mich, als ich gebrauchte, und
um mich leiden konnte.
    Der Kayser tat mir in den ersten Tagen (seiner Meinung nach, und wie ich
von andern hörete) die besondere Gnade, mich in meinen Apartement, welches ich,
so propre es auch war, dennoch vor einen verfluchten Käffig hielt, persönlich zu
besuchen, fand mich aber in der grösten Betrübnis, er küssete meine Hände und
die Stirne mit Gewalt, den Mund aber verührete er nicht, sondern liess nur sein
Schnupff-Tuch zurücke, welches er mir über die Schulter legte, und sogleich
wieder fort ging. Ich wusste damahls noch nicht, was dieses zu bedeuten hatte,
legte selbiges auf den Tisch, und danckte dem Himmel, dass der alte Greiss wieder
fort gegangen war; indem bekam ich die Visite von einer andern seiner
Kebs-Weiber, welche eine gebohrne Französin war, und sich in der Welt ziemlich
herum getummelt haben mochte. Diese gratulirte mir gleich Anfangs zu der Ehre,
dass ich diese Nacht zum ersten mahle bei dem Kayser schlaffen sollte. Ich gab zur
Antwort, dass ich davon nichts wüste, auch mich nimermehr darzu verstehen würde,
wenn es gleich mein Leben kosten sollte. Ach mein Hertz, sagte diese, läugnet nur
gegen mich nichts, denn ich weiss es schon, und sehe zu allem Uberflusse, dass des
Kaysers Schnupff-Tuch auf eurem Tische liegt, welches die Haupt-Marque ist, dass
ihr diese Nacht an seiner Seite liegen müsst. Verflucht wäre diese Marque,
versetzte ich, mich bringt niemand dahin, und sollte ich mich ehe in Oele sieden
lassen. Ja! war ihre Gegenrede, anfänglich war ich auch der Meinung, allein,
nachhero bin ich doch überwunden worden.
    Unter diesem unsern Gespräche kam ein Officier von den Verschnittenen,
überbrachte mir ein sauberes Kästlein, nebst der Ordre, dass ich mich diese Nacht
gefast halten sollte, zu dem Kayser abgeholet zu werden. Ich wusste vor
Erschrecken keine Antwort zu geben, der Verschnittene aber mochte glauben, dass
ich wegen der besondern Ehre und Gnade dergestalt bestürtzt wäre, ging also
ohngesäumt seiner Wege.
    Habe ich es nicht gesagt, sprach die Französin, dass es seine Richtigkeit
hätte, und also komen würde? Ihr seid glücklicher als ich, denn ich habe viel
länger auf diese Gnade warten müssen. Verflucht ist diese Gnade, war meine
Antwort, und ehe ich mich darzu bequeme, soll, noch ehe man mich aus diesen
Zimmer bringt, ein Messer in meinem Hertzen stecken. O! schrye die Französin,
wer wollte so wunderlich sein in der Welt, es erfordert der Menschen
Schuldigkeit, sich in ihr Verhängnis schicken zu lernen. Was sich nicht will
ändern lassen, muss man mit Gedult umfassen. Einmahl vor allemahl haben wir, so
lange dieser alte Kayser lebt, keine Erlösung zu hoffen, denn er ist viel zu
eigensinnig, dass er eine von seinen Kebs-Weibern in Freiheit stellete, und warum
sollte ich nicht mich überwinden können, binnen 6. 8. oder wohl mehr Monaten,
einmal bei einem solchen alten Manne zu liegen, welcher nicht einmal mehr tun
kann, was er gerne will.
    Ich hörete aus diesen und noch mehr andern Worten, welche ich mich zu sagen
schäme, nur allzuwohl, wess Geistes Kind diese Französische Dame, und dass sie gar
keine Kost-Verächterin wäre, es möchte gleich Christe, Heide, Jude oder Türcke
über sie kommen, denn sie hatte den guten Glauben, dass alle solche Leute
ebenfalls Menschen wären wie wir.
    Inzwischen überredete sie mich, mein überschickt bekommenes Kästlein zu
eröffnen, worinnen sich denn 3000. Stück Zechinen nebst verschiedenen Kleinodien
und allerhand Geschmeide befanden, welches alles ihr denn mehr als mir in die
Augen leuchtete, so, dass sie sagte: Madame! ich nähme nur 100. Zechinen, und
schlieffe diese Nacht vor euch bei dem Kayser. Mir kam gleich ein glücklicher
Einfall in den Kopff, derowegen sagte ich: Madame, nicht hundert, sondern
tausend will ich euch zahlen, woferne ihr mich durch eine kluge List von meinem
Tode wenigstens noch auf einige Zeit befreien wollet; denn, wie schon gesagt,
lebendiger und gutwilliger Weise lasse ich mich nimmermehr an eines Unchristen
Seite legen, sondern will mich viel lieber entaupten lassen, so wie er es
bereits vielen andern vor mir gemacht hat.
    Ich höre, sehe und spüre wohl, sagte die Französin, dass ihr so eigensinnig
als schöne seid, ich hätte mich vor 6. Jahren auch nicht darzu verstanden, wenn
mir mein Leben nicht allzu lieb gewesen wäre, allein, da ich es ein und etliche
mahl gezwungener Weise habe tun müssen, so ist nunmehro nichts weiter daraus zu
machen, und da ich zumahlen seit länger als einem Jahre her von dem Kayser fast
gäntzlich zurück gesetzt worden bin, will ich euch zum Vergnügen, ihm aber zum
Possen einmal einen lustigen Streich spielen, und diese Nacht, statt eurer mit
verhülleten Haupte, wie gewöhnlich ist, zu ihm gehen, denn die Mahometaner
pflegen des Nachts das Werck der Liebe nicht bei brennendem Lichte zu
verrichten. Es geht auch die Sache darum vortrefflich wohl an, weil wir beide,
durch unsere Cammer-Türen alle Augenblicke zusammen kommen, und uns
solchergestalt in den Personen leicht verwechseln können. Ich wusste vor
innerlichen Freuden nicht, was ich auf diesen Antrag sagen sollte, sondern ging
nur hin, zahlete ihr 1000. Zechinen, und versprach noch ein mehreres zu tun,
wenn sie meine Stelle vertreten und alles wohl ausrichten würde. Sie nahm zwar
den Beutel mit dem Golde an, bat mich aber, denselben so lange in meiner
Verwahrung zu behalten, biss sie mit anbrechendem Tage glücklich wieder zurück
käme, im übrigen würde es Zeit sein, dass wir in eine Cammer gingen, und die
Kleider mit einander verwechselten, denn die Verschnittenen würden bald kommen,
und mich abholen wollen. Es geschahe auch! denn wir waren kaum fertig, als sich
diese Unholden vor der Tür meldeten, an statt meiner aber die Französin, welche
sich la Galere nennete, zum Kayser führeten.
    In meine Augen kam diese ganze Nacht kein Schlaf, denn ich meinte immer,
der Betrug würde offenbar werden, allein, so bald als der Tag anbrechen wollte,
kam la Galere wieder zurück, und erzählete mit grösten Freuden, dass der Betrug
glücklich abgelauffen, und der Kayser sehr vergnügt gewesen wäre; die übrigen
Umstände, welche ich mich selbst von ihr anzuhören schämete, will ich vor euren
züchtigen Ohren verschweigen.
    Sie, la Galere, hatte schon vorigen Abend eine ziemliche Quantität von dem
schönsten Griechischen Weine (der mir zum Present geschickt worden) zu sich
genommen, bat sich derowegen nach wohl ausgerichteter Sache noch ein eintzig
Glässgen aus, tranck aber eine ganze Bouteille. Ich gönnte ihr so wohl dieses
als andere lieber, als mir selbst, da ich aber merckte, dass sie den Schwindel
bekam, brachte ich sie selbst zu Bette, und legte mich auch zur Ruhe. Mein
Schlaff währete fast bis gegen Mittag, da mir denn meine zugegebene
Mohren-Sclavin berichtete, dass ein Officier nebst 2. Verschnittenen bereits über
2. Stunden vor der Tür gewartet hätten, um mir ein Geschenck von dem Kayser zu
überbringen; Derowegen kleidete ich mich hurtig an, liess den Officier herein
kommen, welcher mir den Morgen-Gruss vom Kayser überbrachte, anbei vermeldete,
dass der Kayser sehr wohl mit mir zufrieden wäre, und mir nicht nur zur
Erfrischung allerhand Delicatessen, sondern auch noch ein besonderes Kästlein
schickte. Dieses letztere lieferte er mir selbst in meine Hände, ich aber gab
ihm benebst einem Geschencke von 50. Zechinen seine Abfertigung. Um die Victuali
en bekümmerte ich mich wenig, weiln ohnedem alles bekam, was ich nur foderte, da
aber das versiegelte Kästlein eröffnete, fand ich abermals nebst 3000.
Zechinen, ein kostbares Hals- und Arm-Geschmeide, wie auch einen Finger-Ring
darinnen, welcher wegen der darein versetzten Diamanten wenigsten 1000. Zechinen
wert ist.
    Bei meinem damahligen grossen Unglück konnte ich mich dennoch des Lachens
nicht erwehren, dass eine andere die schändliche Arbeit verrichtet, ich aber den
starcken Profit davon gezogen hätte. La Galere erfuhr von diesem allen nichts,
weil sie viel zu lange geschlaffen hatte, jedennoch, weil ich glaubte, dass es
vielleicht die Not erfordern möchte, sie noch öffters solchergestalt in meinem
Nahmen zu verschicken, machte ich ihr, da sie wieder zu mir kam, noch ein
starckes Present an Gelde, Galanterie-Waaren und andern Delicatessen, über
dieses nahm ich sie zu meiner vertrautesten Freundin an, und wir sassen
beständig beisammen, indem ich zur selben Zeit noch mit niemand Holländisch, mit
dieser aber Französisch sprechen konnte.
    Ich müste mehr als 24. Stunden Zeit haben, wenn ich meine Geschichte mit
allen behörigen Umständen erzählen sollte, derowegen will nur so viel sagen, dass
die la Galere meine Person und die ganze Tragoedie dergestalt wohl gespielet
hat, dass weder der Kayser, noch die Verschnittenen, nicht das geringste davon
gemerckt, und obschon ich den grösten Gewinst davon hatte, so liess ich sie doch
nicht leer ausgehen, sondern gab ihr, was billig war, habe auch niemahls
vermerckt, dass sie übel mit mir zufrieden gewesen wäre.
    Ein eintziges mahl, da der Kayser einige von seinen Kebs-Weibern in den
Garten beruffen liess, bekam er einen plötzlichen Appetit, mich in ein geheimes
Cabinet zu führen, jedoch da ich ihm mit einer ernstaften Mine versicherte,
dass ich es verschworen hätte, und mich eher umbringen lassen wollte, als bei
hellen lichten Tage dergleichen zu tun, küsste er mich auf den Mund, und gab
sich zufrieden. Dieses ist auch der erste und letzte Kuss gewesen, den ich von
ihm empfangen, und gezwungener Weise habe leiden müssen, folgende Nacht aber
musste meine la Galere wieder fort, und er mochte viel wissen, was er hatte, denn
man sagte mir, dass er allezeit sehr betruncken zu Bette ginge.
    Mittlerweile hatte ich zwar erfahren, dass man einen jungen Holländer dem
Kayser zum Sclaven und Pagen vorgestellt, ich konnte aber nicht so glücklich
werden, euch, mein werter Herr van Blac, zu Gesichte zu bekommen, biss ich, eben
zu der Zeit, da ihr eure grossmütige Rede vor dem Kayser ablegtet, nebst noch 5.
andern der vornehmsten Kebs-Weiber des Kaysers, die wir zusammen in das
Neben-Zimmer beruffen worden, euch nicht allein zu hören, sondern auch das erste
mahl zu sehen das Glück hatte.
    So bald der Kayser mit dem Kisler-Aga und andern Ministern in das
Neben-Zimmer eintrat, fragte er, was uns bedeuchte bei diesem verwegenen
Christen? Indem nun ich vermerckte, dass er diesen Tag wenig oder gar keine Galle
im Magen hatte, wagte ich es plötzlich, fiel ihm zu Fusse, und sagte:
Grossmächtigster Kayser! ich bitte um Gnade vor diesen elenden Fremdling, in
Betrachtung dessen, dass er eine Europäische Standes-Person und mein Lands-Mann
ist. Die andern 5. Kebs-Weiber fielen ebenfalls neben mir nieder, und stimmeten
meinen Bitten bei, ob sie schon keine Holländerinnen, aber doch auch aus Europa
gebürtig waren.
    Der Himmel mochte das Hertz dieses sonst ungemein grausam gewesenen Tyrannen
voritzo besonders dahin lencken, dass er mir zum Zeichen der Erhörung meiner
Bitte, seinen in Händen habenden Stab aufs Haupt legte, die Hand reichte, mitin
aufzustehen nötigte. Nach diesen wurde zwar noch eine Probe eurer Beständigkeit
gemacht, welche ich mit zitterenden Hertzen ansah, denn mir war immer bange,
ihr würdet euch durch das Schrecken vor dem Tode, auf andere Gedancken bringen
lassen, allein, meine Freude war hernach desto grösser, da ich verspürete, und
augenscheinlich sah, dass ihr in eurer Resolution unbeweglich waret. Da nun mein
Hertze im voraus andeutete, dass ihr ohnfehlbar, das, mir vom Himmel zugeschickte
Rüst- und Werck-Zeug, sein würdet, meine Person, Ehre und Leben zu erretten, und
mich aus diesem verfluchten Lande hinweg zu führen, machte ich mir den Kummer
eben nicht gar zu gross, da ich nur erstlich erfuhr, in was vor ein Gefängnis man
euch brachte, indem ich die stärckste Hoffnung hatte, euch mit nächsten daraus
zu erlösen.
    Ihr wisset, (sagte hier die Madame van Bredal,) die Anstalten, die ich
hierzu gemacht, aus unsern vorigen Gesprächen vielleicht schon zur Gnüge,
derowegen will, weil es ohnedem sehr spät ist, vor dieses mahl den Schluss meiner
Erzählung machen, jedoch werdet ihr Morgen, wenn Dostart kömmt, vielleicht schon
ein mehreres von meinem Verhängnisse zu vernehmen kriegen, hiermit nahm sie gute
Nacht von mir, legte sich in ihr Cabinet, ich aber mich hinter die Spanische
Wand schlaffen.
    Folgendes Morgens kam Dostart zu bestimmter Zeit, der Caffée stund schon
parat, ich aber hielt mich in ihrem Cabinet versteckt und verborgen auf. Er
begegnete ihr ungemein höflich und freundlich, worauf sie gar bald mit einander
ins Gespräch gerieten, da sie ihm denn alle ihre Begebenheiten, seit der
Abreise von Holland, wie sie in die Sklaverei geraten, wie es ihr darinnen
ergangen, und endlich, auf was vor Art sie aus derselben befreit worden, auch
wie sie nicht nur so glücklich gewesen, ein ziemliches Vermögen, sondern,
welches das Haupt-Stück, ihre Ehre unverletzt wieder mit zurück zu bringen.
Hierbei vergass sie denn auch nicht, ihm meine ganze Geschicht und die ihr
geleisteten Dienste bei der Befreiung zu melden. Dostart, welchem ich durch
einen Ritz in die Augen sehen konnte, war hierüber sehr Verwunderungsvoll,
stattete bei der van Bredal nochmahls seine Gratulation ab, fing aber hernach
also zu reden an: Madame, es ist an dem, dass sie in ihren besten Jahren die
bösesten Fata gehabt, ihre Schönheit und Tugend hätte freilich ein besseres
Schicksal verdienet, aber dem Himmel sei gedanckt, dass nur das schlimmste vorbei
ist, aus dem übrigen wollte ich ihnen wohl raten, sich keinen besondern Kummer
zuziehen, denn - - - -
    Wie er nun solchergestalt in seinen Reden auf einmal inne hielt, sagte die
van Bredal: Nun so sagen sie mir doch, mein Herr Dostart, was ich ohngefähr,
wenn ich in mein Vaterland komme, vor mir finden werde. Madame, gab er zur
Antwort, ich will ihnen aufrichtig sagen, was so wohl Freunde als Feinde von
ihrer und ihres Mannes Geschichten judiciren. Es ist gleich Anfangs jedermann
bekannt gewesen, dass ihr Mann, der van Steen, von Jugend auf mit der Helena ein
geheimes Liebes-Verständnis, und zwar dergestalt gehabt, dass beiden ohnmöglich
gewesen, von einander zu lassen, ohngeacht sich beide nachhero mit andern
Personen verheiraten mussten.
    Dem van Steen hielt es die ganze Welt vor übel, dass er, ohngeacht er an
euch eine weit schönere, tugendhaftere und Liebens-würdigere Frau bekommen, als
die Helena war, er dennoch diese weit höher als euch schätzte. Von seinen
Ausschweiffungen und gefährlichen Unternehmungen werdet ihr zwar wohl vieles,
aber doch wohl nicht so viel, als ich, wissen. Allein, davon will ich voritzo
nichts mehr gedencken, sondern nur so viel sagen, dass die allermeisten Leute, so
um den ganzen Handel gewust, glauben, er habe euch, als seine Frau, auf
Anstifften der Helenæ, gutwillig unter die Barbarn verkaufft, und sich nur pro
forma mit gefangen nehmen lassen, weil zu seiner baldigen Wieder-Erlösung schon
vorhero gute Anstalten gemacht gewesen. Ihr waret mit eurem Manne kaum etliche
Monat hinweg, als euer Unglück in Leuwarden schon Stadt-kundig wurde, eures
Mannes Compagnon reisete also nach, um so wohl ihn als euch los zu kauffen, und
dieser war kaum wenig Wochen hinweg, als der Helenæ Mann, da er eines Tages sehr
früh eine Reise angetreten, unterwegs vom Pferde gefallen, und gleich auf der
Stelle todt geblieben war. Es wurde zwar ausgestreuet, als ob ihn ein
plötzlicher und heftiger Schlag-Fluss gerühret hätte, allein, die Klügsten
glaubten, und zwar nicht ohne Grund, dass ihm Helena selbst ein subtiles Gift
beigebracht, indem er seit der Zeit, da er nicht nur euren Mann, sondern auch
noch andere zu verdächtigen Zeiten bei ihr angetroffen, sehr unvergnügt mit ihr
gelebt hatte.
    Dem sei nun wie ihm sei, weil der Helena nichts besonderes zu erweisen
stund, so wurde auch keine Untersuchung angestellet, sie war dem Scheine nach
sehr betrübt über diesen Unglücks-Fall, liess sich aber bald durch solche Tröster
trösten, die nur ihren Zuspruch des Nachts bei ihr taten. Kaum war ihr
Trauer-Jahr verflossen, als euer Mann, aus der Gefangenschaft erlöset, wieder
zurück kam, und selbst public machte, dass ihr unter die Zahl der Kebs-Weiber des
Kaysers von Marocco wäret versetzt worden, weswegen er nun zwar sehr kläglich
tat, doch nachhero desshalber viele Zeugen abhören liess, welche alle einhellig
aussagten, dass an eure Rantzion nicht zu gedencken wäre, und wenn man auch
etliche Millionen daran wenden wollte, und solchergestalt bekam der van Steen,
euer Mann, bald die Erlaubnis, sich wiederum anderwerts zu verheiraten. Man
hatte noch nicht eben erfahren, dass er nach seiner Zurückkunft bei der Helena
aus- oder eingegangen wäre, als es plötzlich ruchtbar wurde, dass er mit
derselben Verlöbnis gehalten, sich auch, ohne viel Zeit zu verlieren, in aller
Stille mit derselben trauen liess.
    Kurtz zu sagen, van Steen lebte vergnügt mit seiner neuen Ehe-Gattin, und da
er einsmahls in einer Compagnie, wo ich auch eben gegenwärtig, gefragt wurde:
Was er denn aber machen wollte, wenn nun seine erste Frau ein Mittel fände, denen
Barbarn zu entwischen und wieder zu ihm käme? gab er zur Antwort: Ich will ihr
ihre Befreiung hertzlich gern gönnen, wollte auch mit einem guten Stück Gelde
darzu behülfflich sein, wenn dieselbe auszuwürcken stünde, allein, in mein
Ehe-Bette soll sie nicht wieder kommen, und wenn sie ein ganzes Orlogs-Schiff
mit Golde, Perlen und Edelgesteinen mitbrächte, denn wer wollte mir zumuten:
eine von den Barbarn geschändete Person wieder anzunehmen, ohngeacht ich sie,
vor der Zeit, und sonderlich, so lange sie meine Ehe-Frau gewesen, hertzlich
geliebt habe.
    Wie dieses, Madame! eure Eltern wieder erfuhren, zohen sie es sich
dergestalt zu Gemüte, dass sie Bettlägerig wurden, und binnen 4. Wochen alle
beide sturben. Inzwischen ist euch doch euer Erbteil bis auf eine gewisse Zeit
ausgesetzt, und ein Curator darüber bestellet worden, welches ihr, so bald als
ihr kommet, werdet heben können, inzwischen halte das vor euer gröstes Glück,
dass ihr mit dem van Steen, welcher euerer Person niemahls würdig gewesen, keine
Kinder gezeugt habt.
    Hiermit beschloss Dostart seine Erzählung, und fragte nur noch dieses: Was
meint  ihr nun, Madame, bei diesen Geschichten, und wie wollet ihr die Sachen
mit eurem ungetreuen Manne anstellen? Die van Bredal hatte die meiste Zeit unter
seinem Erzählen geweinet, konnte derowegen auch itzo vor Tränen noch nicht
gleich antwortten, doch endlich sagte sie: Was will ich anders machen, als meine
Sache dem Himmel befehlen, ich will den van Steen ganz nicht in seinem
Vergnügen stöhren, wenn er nur mir mein weniges eingebrachtes Gut wieder zurück
gibt, will er solches auch nicht tun, so ist es mein geringster Kummer, denn
es wird sich schon so viel finden, dass ich nachhero an einem andern guten Orte,
als eine einsame Wittbe, reputirlich biss an mein Ende leben kann. Nein, Madame!
versetzte Dostart hierauf, das sind nicht die rechten Wege, sondern van Steen
muss erstlich besser vexirt werden, das ist wohl gewiss, dass er sich von seiner
Helena nicht trennen und euch wieder annehmen wird, allein, was wäre euch auch
mit einem solchen ungetreuen und lasterhaften Menschen gedienet, der seine
Extra Gänge niemahls unterlassen kann, und bei welchen ihr eures Lebens so wenig
sicher sein, als Vergnügen mit ihm haben würdet. Darum ist meine Meinung, dass
die Sachen so gespielet werden, dass ihr ordentlich von ihm geschieden werdet,
und dabei ebenfalls die Freiheit erlanget, zu heiraten, wem ihr wollet.
Hiernächst wird er euch nicht allein euer eingebrachtes Gut wieder zurück geben,
sondern annoch mit einem Stücke Gelde heraus rücken müssen, denn er allein ist
ja Schuld, dass ihr in die Sklaverei geraten; warum hat er euch nicht zu Hause
in Sicherheit gelassen. Ich wollte tausend Taler darauf verwetten, die Sache
binnen wenig Monaten auf solchen Fuss zu setzen, bin auch bereit, alle Kosten, so
auf diesen Prozess lauffen möchten, herzuschiessen, und nichts wieder zurück zu
verlangen, daferne er Fehl schlagen sollte, jedoch müste vorhero wissen, ob, wenn
ihr erstlich von dem van Steen geschieden, ich hernach euer Hertz erlangen, und
euch in mein Ehe- zu führen, das Glück haben sollte, welches Glück ihr mir vor
einigen Jahren nicht gegönnet, binnen der Zeit aber wohl 1000. mahl vergnügter
gelebt hättet. Jedoch wer weiss, ob nicht der Himmel dieses alles darum geschehen
lassen, dass wir dennoch ein paar Ehe-Leute werden, und vergnügt mir einander
leben sollen, denn ich kann euch versichern, Madame! dass mich das Glück, Zeit
eures Abwesens, wenigstens um 10000. Tlr. reicher gemacht hat, mein voriger
Zustand aber ist euch von Jugend auf bekandt gewesen. Die van Bredal wurde über
diesen Antrag ungemein bestürtzt, ich aber hätte im Cabinet vor Gift und Galle
bersten mögen, wollte mich aber doch nicht regen, sondern hörete, dass die van
Bredal also antwortete: Mein Herr! ich bin ihnen sehr verbunden vor die gute
Zuneigung, indem ich von Jugend auf vermerckt, dass sie ein guter Freund von
meinem Vater gewesen sind. Können sie nun etwas zu meinem Vorteil stifften,
wird es mir höchst angenehm sein, jedoch in Kosten will ich sie nicht setzen,
sondern, wo es ja zum Processe, zwischen mir und meinem gewesenen Manne, kommen
sollte, alles selbst herschiessen, auch vor ihre Mühe besonders erkäntlich sein;
allein, ob ich mich, wenn ich auch gleich nach der Scheidung, die Erlaubnis
erhalten, mich zum andern mahle zu verheiraten, hierzu resolviren könnte,
solches glaube ich schwerlich, sondern halte davor, dass ich nicht besser tun
werde, als an einem frembden Orte mein Leben in stiller Ruhe zuzubringen,
    Das wäre ewig Schade, versetzte Dostart hierauf, wenn ihr, dem ungetreuen
Steen zu Gefallen, eure besten Jahre solchergestalt zubringen woltet, vielmehr
tut ihr besser, wenn ihr durch eine anderweite profitable Heirat, ihm einen
Wurm in das Hertz setzet, denn es ist gar nicht zu zweiffeln, dass er in wenig
Jahren empfinden wird, was er sich vor eine Ehe-Gattin ausgesucht, und was er in
eurer Person von sich gestossen und verloren. Mein Herr! sagte hierauf die van
Bredal, hiervon wird sich nachhero ein mehreres sprechen lassen, wenn ich
erstlich in meiner Vater-Stadt angelangt bin, voritzo bedaure nichts mehr, als
dass mich nicht im Stande befinde, euch zu einer guten Mittags-Mahlzeit
einzuladen, denn weil ich, die ganze Nacht über, sehr schwach gewesen bin, mein
Reise-Gefährte aber in seinen Affairen ausgegangen, und anderswo speisen wird,
habe nichts als ein wenig Suppe vor mich bestellen lassen, will mir aber die
Ehre auf ein ander mahl ausgebeten haben.
    Ich, sagte hier Mons. van Blac, war erfreuet, diese Worte zu hören; Dostart
hätte zwar wohl mit ganz geringen Tractamenten vorlieb genommen, wenn nicht die
van Bredal, unter Vorschützung gewaltiger Kopff-Schmertzen, die fernern
Complimenten vergessen, und ihrem Mägdgen geruffen hätte. Er bat sich demnach
das Vergnügen aus, sie bald wieder besuchen zu dürffen, und nahm seinen
höflichen Abschied, erlösete mich mitin aus meiner kleinen Gefangenschaft. Mir
war, ich weiss selber nicht wie, zu Mute, und weiss auch nicht, was ich der van
Bredal, auf eine und andere an mich getane Fragen, geantwortet habe; konnte aber
meine Verwirrung nicht besser verbergen, als dass ich mich von ihr auf eine
kurtze Zeit beurlaubte, unter dem Vorwande: zu sehen, ob die Wirtin die
Mahlzeit bald auftragen wollte, indem mich sehr hungerte.
    Diese war gleich bereit, wir setzten uns zu Tische, und speiseten. Die van
Bredal war betrübt, und liess öffters Tränen fallen, ich aber blieb ebenfalls in
meiner entstandenen Verwirrung, so, dass vielleicht wenig Worte würden sein
gewechselt worden, wenn nicht ein fremder Knabe angekommen wäre, und der van
Bredal, einen versiegelten Brief überbracht, denselben aber niemand anders, als
ihr selbst, in die Hände geben wollen. Sie ging in gröster Verwunderung hin, und
liess sich denselben geben, hiess den Bringer desselben warten, und sagte zu mir:
Wo wird der Brief anders her kommen, als vom Dostart? Da sie denselben aber
erbrochen, und gelesen, schüttelte sie den Kopff, und reichte mir den Brief, mit
Bitte, ihn gleichfals zu lesen, wie mich nun dessen auf vielfältiges Nötigen
nicht entbrechen konnte, so fand ihn, meines Behalts, ohngefähr also gesetzt:
                                    Madame!
Es ist zwar nicht zu zweiffeln, dass Dieselben annoch vielleicht einen alten
Groll in Dero Hertzen gegen meine Person tragen könten, allein, weiln das, was
vor einigen Jahren zwischen uns vorgegangen, aus keinem Frevel, sondern, Seiten
meiner, aus einer besondern Treue und allzu heftiger Liebe gegen Dero schöne
Person, geschehen; so bitte gehorsamst, dass mir diesen Nachmittag, um eine
selbst beliebige Stunde, möchte erlaubt werden, auf kurtze Zeit meine Aufwartung
bei Ihnen zu machen, um nicht nur meinen ehemahls begangenen Fehler zu depreci
ren, sondern ausserdem, einige geheime Nachrichten zu geben, woran Ihnen
allerdings sehr viel gelegen sein möchte. Könte es sein, dass wir beide allein
und ohne andere Zuhörer wären, so würde vielleicht desto dreuster heraus sagen
können, wer der Urheber Ihres bisherigen Ungemachs gewesen, und wie Sie vor der
Hand, Dero Affairen, itzigen Umständen nach etwa einzurichten, am besten täten.
In Erwartung einiger Antworts-Zeilen bin
                        Madame
                                                                        le vôtre
                                                                     Rackhuysen.
    Ich gab nach Verlesung des Briefs denselben mit einer lächlenden Mine wieder
zurück, sagte aber kein Wort darzu, weswegen sie von selber anfing, und im
Fortgehen sprach: Ich werde mich dieser Visite entschlagen, und vorgeben, dass
ich heute Zuspruch von Frauenzimmer hätte. Madam! rieff ich ihr nach, bedencken
sie wohl, was sie tun, bei ihren delicaten Affairen müssen sie itzo viel
anhören, so wohl von ein und andern Umständen, als von guten, Ratschlägen,
damit sie hernach sich desto besser darnach richten, und das beste auslesen
können. Es ist wohl wahr, replicirte sie, ging hierauf ins Cabinet, und schrieb
folgende Antworts-Zeilen zurück:
                                   Monsieur!
Mir soll eben nicht zuwider sein, wenn Sie diesen Mittag um 3. Uhr mich besuchen
wollen, indem niemand als meine Magd zugegen sein wird, welche von meinen
Unglücks-Fällen ohnedem nichts weiss, um 5. Uhr habe mich aber versprochen, einem
gewissen Frauenzimmer, mit welchem ich vor wenig Tagen bekannt worden, eine
Visite zu geben. Wäre Dero Brief ein paar Stunden eher kommen, so hätte diese
biss Morgen verschieben können; übrigens bin
                                                                     vôtre Amie.
    Ich musste diese ihre Antwort, ehe sie selbige dem Knaben zurück gab, auch
erstlich lesen, worauf sie zu sagen anfing! Ihr werdet doch, Mons. van Blac, nur
die Gefälligkeit erweisen, und diesen Mittag abermals ein oder längstens zwei
Stunden ein Gefangener sein? Madame! antwortete ich, es kann ihnen doch wenigen
Vorteil bringen, wenn ich gleich alles, was ihnen gesagt wird, mit anhöre,
derowegen wollte lieber ausbitten, mir zu erlauben, dass ein wenig dürffte
Spatziren ausgehen. Wenn ihr ausgehen wollet, sagte sie, so gehe ich auch aus
dem Hause, der Kerl mag kommen oder nicht, denn sein Reden wird mir ohnedem
wenig nützen, da ich schon mehr erfahren habe, als mir lieb ist.
    Indem ich nun merckte, dass sie von neuen zu weinen anfangen wollte, erzeigte
ich mich gefälliger, und sagte: Madame! ich will ihnen gehorsamen, und zu Hause
bleiben, weiln vermercke, dass ihnen etwas daran gelegen, und gewiss, es kann nicht
undienlich sein, wenn sie anhören, was auch dieser vorgibt. Der Wirtin
Ankunft verstöhrete uns in unserm Gespräch, und wir liessen uns gefallen, nach
eingenommener Mittags-Mahlzeit mit in ihren Garten zu spatziren, allwo wir uns
biss gegen 3. Uhren aufhielten, hernach wiederum in unser Zimmer gingen, und ich
mich, so bald die Magd den Herrn Rackhuysen meldete, ins Cabinet versteckte.
    Dieser Monsieur stellete sich anfänglich sehr submiss, deprecirte sein
ehemahliges Verbrechen in einer sehr langen Oration, welche er ohnfehlbar Abends
vorhero aufgeschrieben, und die ganze Nacht, auch wohl den ganzen Vormittag,
selbige auswendig zu lernen, angewendet haben mochte. Nachhero erzählete er eben
diejenigen Geschichte, welche Dostart erzählet hatte, jedoch mit vielen
Zusätzen, welche nun wohl wahr, oder erdichtet sein konten. Endlich machte er
auch seinen Schluss auf die Art, wie Dostart, und schlug vor, dass, wenn die
Madame van Bredal sich obligiren wollte, ihn, der sie von Jugend auf
Hertz-inniglich geliebt, zu heiraten, so wäre er im Stande, nicht allein die
Ehe-Scheidung mit ihrem ohnedem schon verheirateten Manne, sondern auch ihr
vollkommenes Glück auf dieser Welt zu befördern, indem er nicht allein in
Ost-Indien ein grosses Gut erworben hätte, sondern ihm auch Zeit seiner
Abwesenheit eine Erbschaft von 12. biss 16000. Tlr. zugefallen wäre, als
welches letztere er nur erstlich itzo allhier in Lissabon erfahren.
    Die van Bredal gab ihm noch eine weit kaltsinnigere Antwort als dem alten
Dostart, weswegen er mit allerhand hochtrabenden, teils auch niederträchtigen
verliebten Worten und Narrens-Possen aufgezogen kam, welche ich dergestalt
belachte, dass mich fast selbst darüber vergass, endlich aber mir die 2 Susannen
Brüder in meinen Gedancken vorstellete deren Personen voritzo allhier Dostart
und Rackhuysen accurat præsentirten.
    Indem ich aber in diesen Gedancken verwickelt war, entstund ein kleiner
Tumult, weswegen ich durch den Ritz guckte, und wahrnahm, dass Mons. Rackhuysen
die Dame par forçe küssen wollte, sie wehrete sich nach ihren äusersten Vermögen,
allein, er ward ihrer mächtig, und warff sie auf einen im Winckel stehenden
Schlaf-Stuhl, kehrete sich daran nicht, dass sie ihn mit den Nägeln ins Gesicht
und ziemlich blutrünstig gekratzt hatte, sondern wollte über das Küssen noch
etwas mehreres versuchen, indem er ihr den Mund mit seinem Schnupff-Tuche
zuhielte, und die tröstlichen Worte darzu gebrauchte: Stille, Madame, was die
Barbarn von ihnen genossen haben, können sie ja auch wohl einem Christen gönnen.
Nunmehro merckte ich erst, dass das arme Ding nicht um Hülffe schreien konnte,
weil ihr der Mund zugehalten wurde, und dass sie in Ausbleibung meiner Hülffe
fast verzweifeln und ohnmächtig werden wollte, (denn ich konnte durch den Ritz
zwar etwas, doch nicht alles absehen,) derowegen sprang ich plötzlich aus dem
Cabinet heraus, ergriff meinen an der Seite stehenden Degen, und hatte dem
lustigen Bruder damit schon 2. Streiche über den Rücken gegeben, als er noch
immer im Begriff war, der Dame den Rock aufzuheben, da er aber den dritten und
etwas stärckern Hieb in die eine Waade (denn auf den entblösten Kopff durffte
ich nicht hacken, weil ich sonsten die Dame selbst mit verwundet hätte,)
empfing, liess er von der hitzigen Arbeit ab, drehete sich herum, und langete
nach seinem auf dem Stuhle liegenden Degen, jedoch, ehe er selbigen erreichen
konnte, bekam er noch 2. Hiebe über den Kopff, und wurde von mir mit der blossen
Hand zu Boden gestossen, da ich ihm denn die Klinge auf die Brust setzte, und
fragte: ob er etwa in dieser Welt noch etwas zu erinnern hätte? Nichts! war
seine Antwort, als dass ich um Gnade bitte, und meinen Fehltritt mit baaren Gelde
zu bezahlen verspreche.
    Die van Bredal hatte sich inzwischen wieder erholt, und diese Worte
verstanden, weswegen sie hurtig vom Stuhle aufsprang, und schrye: Verflucht ist
dein Geld, du verfluchter Ehrenschänder, denn das ist nun das andere mahl, dass
du mich listiger und gewaltsamer Weise um meine Ehre zu bringen gesucht, aber es
wird doch auch allhier in der Fremde noch Recht und Gerechtigkeit zu finden
sein. Hiermit wollte sie die Wirtin ruffen, und nach der Wache schicken, allein,
ich nahm beide Degen in meine Hand, hielt die erzürnte Frau zurücke, und bat,
dass sie sich nur besänftigen möchte, indem dergleichen Sachen (wie ich ihr
heimlich ins Ohr sagte,) nur Weitläufftigkeiten verursachten, wir aber schlechte
Ehre davon hätten. Sie ging derowegen zurück, und schloss sich in ihr Cabinet;
Rackhuysen vergoss so viel Blut, dass es schon fast biss an die Tür gelauffen war,
konnte sich auch vor Mattigkeit nicht aufrichten, weswegen ich ihm aufhalff, und
in den Schlaff-Stuhl setzte, allwo er kurtz vorhero seine Lust zu büssen gedacht
hatte. Der Magd hatte ich sogleich befohlen, nach einem Chirurgo zu gehen,
welcher, indem er da war, ihm das Blut stillete, die Wunden verband, und mir
berichtete, dass dieselben eben so gefährlich nicht wären, sondern in 3. biss 4
Wochen geheilet werden könten. Ich liess ihn in unserm Gast Hofe auf eine
besondere Stube bringen, bat den Chirurgum, bei ihm zu bleiben, weil ihm seine
Mühe wohl bezahlt werden sollte, bestellete auch sonsten noch jemand zu seiner
Aufwartung, und ging hernach etwas im Garten spazieren herum. Etwa eine Stunde
hernach schickte Rackhuysen, und liess mich bitten, zu ihm zu kommen; derowegen
nahm kein Bedencken, solches zu tun. Er lag im Bette, sah sehr blass aus,
reichte mir aber doch die Hand, und sagte: Monsieur, ihr habt mich heute so
gezeichnet, dass ich mein Lebetage daran dencken kann, aber ich werde dergleichen
Torheiten Zeit Lebens nicht wieder begehen, würde auch heute nicht darein
verfallen sein, wenn ich nicht ein Glas Wein zu viel im Kopffe gehabt hätte,
vergebet mir meinen Fehler, denn ich will mich davor erkäntlich erzeigen, und
bittet eure Liebste, dass sie mir denselben nur auch vergeben möge, denn ich will
gern Zeit-Lebens nicht wieder vor ihre Augen kommen, ohngeacht ich sie von
Jugend auf mehr als meine Seele geliebt, ihrer Gegen-Gunst aber niemahls habe
teilhaftig werden können. Vielleicht hätte ich itzo ihre Person mit Güte ganz
und gar gewinnen können, allein, der Satan hat mich zu Gewalttätigkeiten
verleitet.
    Mein Herr, gab ich zur Antwort, vergebet mir das, was ich an euch getan
habe, um meiner Landsmännin und Reise-Gefährtin Ehre zu beschützen und zu
retten, welche der Himmel selbst in der Barbarei beschützet und gerettet hat.
Ihr nennet sie zwar itzo meine Liebste, allein ich weiss nicht, wie ich das
verstehen soll, indem sie bereits an einen Ehe-Mann verbunden ist, und ich ihr
nachsagen muss, dass sie ihre Keuschheit, Zucht und Tugend jederzeit mehr als zu
genau in Acht genommen hat, eure andern Reden verstehe ich nicht, will mich auch
um meiner Reise-Gefährtin Geschichte so genau nicht bekümmern, im übrigen nur
bitten, dass ihr euren Fehler bereuen möget, wie ich denn denselben bei ihr
bestens zu excusiren suchen werde, wovor ich aber in Zukunft keine andere
Erkänntlichkeit, als eine redliche Freundschaft von euch verlange, daferne wir
ja etwa weiter mit einander zusammen kommen sollten.
    Er gab mir die Hand darauf, bat mich inständig, dem alten Dostart von
dieser Rencontre nur nichts wissen zu lassen, und Morgen einen eintzigen Gang
nach seinem Logis zu tun, um seinen Diener anhero zu führen, damit er demselben
ein und andere Befehle, seine Handlungs-Affairen betreffend, erteilen könnte, um
nicht in allzu grossen Schaden zu kommen. Ich versprach ihm, alle
Gefälligkeiten, so er von mir verlangte, zu erweisen; wünschte ihm gute Nacht,
und begab mich in aller Stille an gehörigen Ort, weil ich glaubte, dass meine
Reise-Gefährtin vor Verdruss schon eingeschlaffen sein würde. Allein, ich traff
dieselbe annoch ganz munter, jedoch in gröster Betrübnis an, indem sie sehr
weinete, darbei über grosse Schmertzen in allen Gliedern klagte. Ich hörete, dass
sie auf dem Eiffer und Erschröcken nichts eingenommen hatte, schickte derowegen
die bei ihrem Bette sitzende Magd zur Apoteque, um ein Schreck-Pulver zu holen.
Mittlerweile fing sie an: Ists nicht wahr, Mons. van Blac, dass ich die
unglückseligste Person von der Welt bin? sehet, so wird meine Tugend bestürmt,
auch an solchen Orten, wo ich mich sicher zu sein schätze. Madame! gab ich zur
Antwort, wird die Tugend gleich bestürmt, so ist sie derowegen doch nicht so
gleich zu überwältigen, dergleichen Stürme bringen mehr Ehre als Schande,
wenigstens bei vernünftigen Leuten. Ach! fuhr sie zu reden fort, was soll ich
in Holland machen, wenn ich keinen bessern Trost darinnen zu finden weiss. Wollen
sie denn nicht, war meine Antwort, dem guten Rate folgen, den ihnen heute Herr
Dostart gegeben, und sich dabei selbst zu den allerstärcksten Gefälligkeiten
anheischig gemacht hat? sie schienen ja nicht abgeneigt, weil die angenehme
Resolution drauf erfolgte. Mein Herr! hiervon wird sich ein mehreres sprechen
lassen, wenn ich erstlich in meiner Vater-Stadt angelangt bin, etc. Madame, ich
vor meine Person will ihnen ferner nicht verhinderlich sein, sondern viel lieber
einen andern Weg erwählen, als zu Dero Verdruss bei ihnen bleiben. Ja, ja! sagte
sie, ich habe es wohl gedacht, dass ich noch nicht genung gekränckt wäre, nun
aber, da auch ihr anfangen wollet, mir Hertzeleid zuzufügen, sehe ich wohl, dass
mich die ganze redliche Welt verlassen will. Unter diesen Worten liess sie ihr
Haupt zurück sincken, fing von neuen an bitterlich zu weinen, ja es schien gar,
als wenn ihr eine Ohnmacht zustossen wollte, indem sie so blass als eine Leiche
ward. Weil nun nichts anders, als frisches Wasser bei der Hand wusste, lieff ich
gleich hin, tauchte ein Schnupff-Tuch ein, und bestrich ihr Gesicht und Hände
damit, wodurch sie in etwas wieder zu sich selber kam, auch etwas von der
Artzenei einnahm, welche die Magd eben herzu brachte. Sie drehete sich auf die
andere Seite herum, und stellete sich, als ob sie schlaffen wollte, jedoch die
Magd und ich traueten dem Land-Frieden nicht, sondern befürchteten, dass sie etwa
eine würckliche Ohnmacht bekommen möchte, allein, sie schlieff bald ganz sanft
ein, weswegen sich denn die Magd zu unterst des Bettes auf die Erde niederlegte,
und als ein Ratz zu schnarchen anfing, ich aber blieb vor dem Bette sitzen, und
wachte. Etwa um Mitternachts-Zeit fuhr sie, als von einem schweren Traume
erschreckt, zusammen, warff sich herum, und sagte, da sie mich erblickte: Seid
ihr noch da, Falscher? warum gebet ihr euch einer Unglückseeligen wegen so viel
Mühe, eure eigene Ruhe zu unterbrechen? Madame! antwortete ich, meine Ruhe kann
durch nichts stärcker unterbrochen werden, als wenn ich weiss, dass sie unruhig
sind, und sich kranck befinden. Sie seuffzete hierüber, und tat die Augen
wieder zu, da ich aber gewahr wurde, dass ihr dem ohngeacht dis Tränen heraus
drangen, und über die Wangen lieffen, wischete ich ihr dieselben mit einem Tuche
sanfte ab, wurde zwar bei dieser Arbeit selber sehr wehmütig, wusste aber
nicht, wo ich auf einmal die Courage her bekam, ihr einen derben Kuss auf den
Mund zu drücken, worüber sie auffuhr, und sagte: Verwegener! was soll das
bedeuten? Ich war gleich mit der Antwort fertig, und beteuerte sehr: dass es
nicht aus Geilheit und Unzucht, sondern vielmehr aus Wehmut und reiner Liebe
geschehen wäre, könnte aber anbei nicht läugnen, dass, wenn sie ja mit ihrem
ersten Manne nicht wieder vereiniget, sondern von ihm geschieden werden sollte,
ich mir auf dieser Welt kein grösser Vergnügen wünschen wollte, als mit ihr
vereheliget, und so wohl dem Dostart als allen andern Manns-Personen vorgezogen
zu werden, wie ich denn schon so viel Mittel zusammen zu bringen gedächte, einen
honorablen Dienst, wenn es auch gleich ausser unserm Vaterlande wäre, zu
erlangen und sie reputirlich zu ernähren. Sie schwieg hierauf eine lange Weile
stille, da ich aber endlich ihre Hand küssete und fragte, ob sie mich denn
hierauf gar keiner Antwort würdigen wollte? ermunterte sie sich, und gab mir
diese: Mons. van Blac, in meinem itzigen Zustande, da ich mich noch vor eine
Verehligte halten muss, wäre es eine grosse Leichtfertigkeit von mir, wenn ich
mich mit euch oder jemand anders in verbotene Vertraulichkeit oder zum voraus
in ein geheimes Liebes-Verständnis einlassen wollte; seid demnach damit
zufrieden, wenn ich euch so viel verspreche, dass, woferne ich von meinem
ungetreuen Ehe-Manne nicht wieder angenommen werden, und nach erlangter Freiheit
auf die Gedancken geraten sollte, zur andern Ehe zu schreiten, ich euch, wegen
eurer genug geprüfeten Redlichkeit, allein, oder keine Manns-Person auf dieser
Welt, an meine Seite will kommen lassen.
    Mit dieser gütigen Resolution war ich vor dieses mahl vollkommen vergnügt,
küssete ihre Hand, und auf vielfältiges Vorstellen, dass das Küssen, so wie wir
es verrichteten, zu keiner gar zu grossen Sünde zu machen sei, bekam ich auch
dann und wann Erlaubnis, ihren Mund zu küssen, mittlerweile aber, da wir noch
von diesen und jenem sprachen, verstrich die Nacht über Vermuten, und der helle
Tag begunte anzubrechen, weswegen ich sie nötigte, noch einige Stunden zu
ruhen, welches ich auf meinem Bette gleichfalls tun, und hernach alles, was
sonst nötig wäre, besorgen wollte. Sie hielt es selbst vor ratsam, derowegen,
wünschte ich ihr wohl zu ruhen, und legte mich auf mein Bette.
    Allein, (war hier Mons. van Blacs Zwischen-Rede) da ich eben der Ruhe
erwähne, so mercke wohl, dass es voritzo, sonderlich vor den wertesten
Alt-Vater, nicht dienlich sein möchte, derselben länger zu entbähren, zumahlen
da es ohnfehlbar schon über Mitternacht sein wird, derowegen will den Rest
meiner Geschichte morgenden Abend, wo es gefällig, vollends erzählen.
    Wir jungen Leute hätten zwar gern biss zu Anbruch des Tages zugehöret, denn
van Blac wusste seine Sachen alle ganz fein vorzubringen, allein, um des
Alt-Vaters Willen, machten wir Schicht, brachten den folgenden Tag mit Besorgung
alles dessen hin, was Sorge und Aufsicht erforderte; Abends aber freueten wir
uns recht, anzuhören den
 
                     Beschluss von Mons. van Blac Avantüren.
Es wird ihnen, meine Herrn, (fing er an) vielleicht noch im frischen
Gedächtnisse sein, wo ich gestern Abend geschlossen, derowegen will nur gleich
fortfahren, und sagen, dass meine halb- und halbe Liebste, die Madame van Bredal,
Mittags ziemlich besser war, denn den ganzen Vormittag hatte ich sie unter der
Aufsicht unserer Wirtin und der Magd gelassen, selber aber, nebst unsern
eigenen Geschäfften auch mir vor den krancken Rackhuysen gesorgt. Derselbe liess
sich aber noch vor Abends in ein ander Quartier bringen, und ich habe ihn seit
dem in Lissabon nicht wieder gesehen. Dostart liess sich etliche mahl bei uns
melden, bekam auch Erlaubnis, zu uns zukommen, da ich aber auf expressen Befehl
meiner Landsmännin nicht von der Stelle gehen, sondern stets dabei bleiben
musste, brachte er in seinen Gesprächen nichts besonders vor, und endlich war uns
das allerfreundlichste, da unser Schiffs-Patron ansagen liess, dass, wo wir mit
nach Holland wollten, wir uns eiligst am Boord einfinden sollten, indem er sich
expedirt und bei itzigem guten Winde und Wetter keine längere Zeit versäumen
wollte.
    Wir machten uns demnach gleich fertig, hatten eine sehr angenehme Fahrt, und
erreichten die Holländischen Küsten, ehe als wir es vermeint hätten, der
Schiffs-Patron war so gefällig, uns in Harlingen auszusetzen, weil die Madame
van Bredal von dannen nur noch einen kurtzen Weg nach Leuwarden hatte;
anfänglich waren wir eins worden, dass ich sie biss in diese ihre Geburts-Stadt
begleiten sollte, nachhero aber, da wir dieses besser überlegt, wurden wir
schlüssig, dass sie allein mit einer Extra-Post dahin, ich aber zu Schiffe nach
meiner Vaters-Stadt Antwerpen abgehen wollte. Wir blieben also nur 2. Tage in
Harlingen, um von der Reise ein wenig auszuruhen, nahmen nachhero beweglichen
Abschied von einander, wobei sie mir versprach, dass, so bald sie würde
vermeinen, dass ich in Antwerpen könnte angekommen sein, mir von ihrem Zustande
Nachricht zu geben, auch beschenckte sie mich noch mit 1000. Ducaten und
verschiedenen kostbaren Kleinodien, welches letztere aber anzunehmen ich mich
aufs alleräuserste weigerte, allein, sie liess nicht nach, mir solches
aufzuzwingen, und sagte dabei: Nehmet mir zu Gefallen nur itzo dieses wenige zum
Reise-Gelde, es komme hinführo mit mir wie es will, so werde ich euch doch
bedencken; Mir aber war ganz anders zu Mute, und an ihrer Person mehr gelegen
als an Gelde und Gute, welches ihr deutlich genung zu verstehen gab. Allein, sie
blieb bei ihrer ehemaligen in Lissabon getanen Erklärung, und fügte hinzu, wie
sie hoffte, dass wir in wenig Wochen einander sprechen würden, es möchten nun
ihre Sachen gut oder schlimm abgelauffen sein. Hierauf liess sie ihre meisten
Sachen zu Harlingen in Verwahrung, und reisete auf Leuwarden los, ich ebenfals
ging gleich folgenden Tages mit einem Middelburgischen Schiffe ab.
    Ich war auf dieser ganzen Reise sehr betrübt und traurig, denn das Hertze
mochte mir im voraus sagen, dass ich wenig Vergnügen in meiner Vaters-Stadt
antreffen würde, es war auch an dem, denn mein Vater war nicht wieder zurück
kommen, sondern sichern Nachrichten gemäss, in dem ersten Jahr seiner Sklaverei
gestorben, hierüber, und da zumahlen die Kreditores zugegriffen, und meiner
Mutter fast alle das Ihrige genommen, so, dass sie nebst ihren annoch lebenden 6.
Kindern, denn zwei waren schon davon bei diesem Hertzeleide gestorben, auf die
letzte in einem Miet-Hause, kaum so viel gehabt, dass sie das liebe Leben
erhalten können, hierüber, sage ich, grämet sie sich ebenfals noch dergestalt,
dass sie ohngefähr ein halbes Jahr vor meiner Zurückkunft gestorben, und der
Gross-Mutter, welche noch ihr eintziger Trost gewesen, binnen 3. Wochen im Tode
nachgefolgt war.
    Meine zwei jüngsten Geschwister hatte man aus Erbarmung ins Waysen-Haus
genommen, von den 3. ältesten Brüdern lerneten zwei Profesiones, der jüngere
wartete einem Herrn auf, und die älteste Schwester war gleichfalls ein
Cammer-Mägdgen bei einer vornehmen Frau geworden. Ich besuchte dieselben alle,
oder liess sie zu mir kommen, weil ich aber vermerckte, dass sie sich in ihr
Unglück ziemlich schicken gelernet, auch mit dem jetzigen Zustande ziemlich
zufrieden waren, liess ich jedes an seinen Orte, zumahlen, da ich noch nicht
wusste, wie es mit meiner eigenen Person kommen würde, schenckte aber einem jeden
von meinen Geschwistern 100. spec. Ducaten, und dabei ein neues Kleid, mit dem
Versprechen, dass, wenn sie fleissig vor mich beten würden, damit mir eine gewisse
Affaire wohl geriete, ich an ihnen nach und nach ein noch mehreres tun wollte.
    Mittlerweile sah mich jedermann, der mich in der Jugend in meiner
Vaters-Stadt gekennet hatte, fast vor ein Meer-Wunder an, jedoch, da ich den
verständigsten Leuten, worunter sich auch viele Vornehme befanden, meine Fatalit
äten erzählet hatte, bekam ich ohnverhofft verschiedene gute Gönner und Freunde,
welche sich sehr verobligirten, mir eine gute Bedienung zu verschaffen, wobei
ich honettement leben könnte, allein, ich sah mich nicht im Stande, noch zur
Zeit etwas anzunehmen, sondern wollte erstlich auf Briefe von der van Bredal
warten, welche denn auch in der 6ten Woche, nach meiner Ankunft in Antwerpen,
durch einen Expressen einlieffen, und die ich also gesetzt befand:
                          Mein werter Mons. van Blac.
Wie ich mir immer seitero selbst propheceier, so ist es mir auch ergangen.
Nehmet es mir nicht übel, dass ich euch eine weitläufftige Nachricht von meinem
allhiesigen Begebenheiten überschreibe. So bald ich nach Leuwarden kam, tat
ich, als ob ich gar nichts von der anderweitigen Verheiratung meines ungetreuen
Mannes wüste, fuhr derowegen gerade vor das Haus, worinnen ich sonsten mit ihm
gewohnet hatte, stieg ab, ging in die ordinaire Wohn-Stube, und fragte so gleich
nach dem van Steen, welcher ausgegangen war, jedoch kam seine Gemahlin, die
Helena, so gleich zur Stelle, und fragte, was ich beliebte? Madam! gab ich zur
Antwort, ich habe zwar die Ehre nicht, sie zu kennen, möchte aber gern meinen
Ehe-Mann den van Steen sehen. Hierauf sah mir die Helena etwas tieffer in die
Augen, und da sie mich so gleich erkennen mochte, wurde sie so blass als eine
Leiche, stund auch eine gute Zeit als ein steinern Bild vor mir, weswegen ich zu
ihr sprach: Madam, warum werden sie so verwirret? Ist ihnen etwa nicht wohl? Sie
wusste erstlich noch nicht, was sie antworten sollte, endlich aber flossen diese
Worte aus ihrem Munde: Ist der van Steen euer Mann, so müsst ihr nicht wohl im
Gehirne verwahret sein, denn ich habe ihn nun schon einige Zeit zur Ehe, auch
ein Kind in der Wiege, und eins im Leibe von ihm, wüste auch nicht, wer mir
meinen Mann abdisputiren wollte, zumahlen da seine erste Frau in Marocco unter
den Kebs-Weibern des Kaysers befindlich, und er dieserwegen allhier Erlaubnis
erhalten, sich als ein von ihr geschiedener mit mir zu verheiraten. Madame!
replicirte ich, ihr seid von der ganzen Sache entweder gar zu viel oder gar zu
wenig unterrichtet; ich bin die erste Frau des van Steen, und habe noch niemahls
einen andern Mann, als ihn, erkannt, auch hat mich der Himmel sonderlich davor
bewahret, eines andern Kebs-Weib zu werden, wie es aber um eure eigene Ehre
stehet, könnet ihr am allerbesten nachdencken und wissen. So bald als dieser
Schand-Balg dergleichen Reden von mir hörete, fiel sie als eine Furie über mich
her, wollte mich zu Boden reissen, und mir die Augen auskratzen, allein, ich
wehrete mich meiner Haut so gut, und so lange, biss erstlich einige von den Haus
Genossen, und endlich der van Steen selbst darzu kamen, und uns von einander
brachten. Mir blutete zwar die Nase, allein, meine Feindin hatte doch noch
stärckere Trümphe in die Augen, so wohl als auf die Nase und auf das Maul
bekommen, weswegen sie mich durchaus todt haben wollte; allein, in diesem Stück
war der van Steen doch etwas vernünftiger, und sagte zu mir: Madame! ich kenne
euch sehr wohl, bin auch sehr erfreuet, dass ihr aus der Sklaverei entronnen
seid, allein, vergebet mir, dass ich euch nimmermehr wieder zu meiner Ehe-Frau
annehmen kann, doch will ich euch alles das Eurige heraus geben, und ausserdem
noch ein übriges tun, nur tut so wohl, und retiriret euch, um ferneres Unglück
zu vermeiden, aus meinem Hause, glaubt anbei, dass es mir sehr schmertzlich
fällt, euch solchergestalt abzufertigen; welcher Mensch aber ist so kräfftig,
sein Verhängnis zu besiegen? Monsieur! war meine Antwort, ich habe schon von
ferne gehöret, was die Glocke bei euch geschlagen hat, derowegen will ich
erstlich mit meinem Verhängnisse einen rechtschaffenen Streit anfangen, ehe es
mich vollkommen besiegen soll. Die erzürnete Helena melitte sich hierbei aufs
neue in das Gespräch, welches nach und nach so heftig wurde, dass wir einander
wieder nach den Köpffen greiffen wollten, van Steen aber verhütete dieses, und
gab endlich Befehl, dass mich 4. von seinen Leuten zum Hause hinaus führen
mussten. Ich war nicht im Stande, mich zu wehren, schwieg auch, um mich nicht
ferner prostituiren zu lassen, ganz stille, stieg in meinen Wagen, und liess
mich in ein Gast-Haus fahren, allwo ich blieb, und selbige erste Nacht einen
beweglichen Brief an meinen ungetreuen Ehe-Mann schrieb, auch ihm darinnen sein
Verfahren gegen mich von Anfang an biss auf diese Stunde vorrückte, allein, er
würdigte mich nicht, mir schrifftlich zu antworten, sondern schickte einen
Läppischen Kerl zu mir in mein Logis, welcher mir vorstellen musste, dass ich ja,
da ich ein Kebs-Weib eines Barbarn gewesen, über dieses lange Zeit mir einem
jungen Holländer (unter welchen ihr mein ehrlicher van Blac verstanden wurdet)
in der Welt herum gereiset, ohnmöglich verlangen könnte, dass mich der Herr van
Steen wieder annehmen, und seine itzige Frau, die er über alles in der Welt
liebte, von sich jagen sollte; inzwischen bliebe er bei dem Entschlusse, dass
woferne ich alle Weitläufftigkeiten vermeiden, er mir nicht allein alles mein
eingebrachtes Gut baar bezahlen, sondern auch über dieses noch 1000. spec. Tlr.
schencken wollte.
    Ich nahm mir nicht einmal die Mühe, diesen Maul-Affen behörig zu antworten,
sondern sagte nur, es wäre alle gut, er möchte seinen Principal wieder grüssen,
ich würde meine Sache schon auszuführen, und meine Ehre gegen ihn und seine
itzige Frau zu retten wissen.
    Nachhero habe erfahren, dass der van Steen mit dem erstlich Abgeschickten,
der sich Nörgel nennete, und noch einem andern, mich zweimahl nach einander
besuchen wollen, weil er vielleicht kein gutes Gewissen, oder etwa bessere
Gedancken bekommen hatte, allein, seine Frau hatte es dennoch zu hintertreiben
gewust, so, dass ich an dessen Statt die schändlichsten Reden von ihm hören
musste, worzu vielleicht der in Lissabon zurück gebliebene Rackhuysen durch
Briefe das meiste beigetragen haben mag.
    Vom Dostart vernehme, dass er bisher durch eine schwere Kranckheit an seiner
Zurückkünft verhindert worden, wiewohl ich ihn nun deswegen aus Christlichem
Gemüte bedaure, so ist mir doch an seiner Gegenwart gar nichts gelegen, weil
ich den Prozess gegen meinen ungetreuen Mann bereits einem gescheuten Procureur
anvertrauet, welcher mit aber keinen andern Trost gibt, als es binnen wenig
Wochen dahin zu bringen: dass ich erstlich von demselben, alles mein
eingebrachtes Gut; vors andere, einen Gerichtlichen Scheide-Brief, mit der
Erlaubnis, wieder zu heiraten, wen ich wollte, und drittens, wenigstens 5000.
fl. vor den Abtritt bekommen solle, jedoch in so ferne ich eidlich erhärten
könnte, dass ich binnen der ganzen Zeit meines Hinwegseins von keiner
Manns-Person, auf solche Art, wie mein ungetreuer Mann meint , berühret worden.
Weiln ich nun dieses letztere mit reinem Gewissen alle Augenblicke tun kann, so
bitte ich euch, mein redlicher Mons. van Blac, mir zu allem Uberfluss zu Hülffe
zu kommen, und ein Zeugnis meiner Aufführung, so viel euch nehmlich davon bewust
ist, abzustatten.
    Ich versehe mich eurer baldigen Ankunft gewiss, sende anbei 100. Ducaten
Reise-Kosten, und beharre mit aller Aufrichtigkeit
                        Eure
                        getreue Freundin
                                               Charlotte Sophie geb. van Bredal.
    Gleich nach Lesung dieses Briefes, der mir höchst angenehm war, machte ich
mich auf den Weg, um ein Pferd zu erhandeln, und mit meinen angekommenen Express
en, die Reise zu Lande nach Leuwarden anzutreten, zu allem Glück aber begegnete
mir der Schiffer, welcher mich von Harlingen mit anhero gebracht hatte, und liess
sich verlauten, dass er gleich morgenden Tages abermals dahin fahren wollte,
weswegen ich gleich bedachte, dass es mir auf diese Art eher dahin zu kommen
möglich sein würde; also auf der Stelle den Accord mit ihm machte, meine Sachen
zu Schiffe bringen, den Expressen aber zu Lande fort reisen liess.
    Ich kam zeitiger in Leuwarden an, als es die Madame van Bredal wohl
vermeint hatte, und weil ich mein Logis in eben dem Gast-Hause, wo sie sich ein
logirt, genommen, erfuhr ich unter der Hand gleich, dass sie mit einer ihrer
Befreundtinnen auf ein Land-Gut gereiset, ihre Zurückkunft aber unter 4. Tagen
wohl nicht zu hoffen wäre. Demnach hielt ich nicht vor ratsam, ihr
nachzureisen, sondern vor besser, auf sie zu warten, liess mich aber gar nicht
mercken, dass mir an ihrer Person etwas gelegen wäre.
    Nachdem ich dritten Tages von der Reise vollkommen ausgeruhet hatte, ging
ich vor die Stadt spazieren, geriet in einen schönen Garten, und ohngefähr mit
einer lustigen Compagnie ins Spiel, und gewann binnen wenig Stunden 16. biss 20.
Holländische Gulden, kam zwar im Streit mit einem Unbekannten, etwa 5. oder 6.
lumpichter Guldens halber, liess mich aber als ein Fremder bald weisen, und nahm
die angebotene Helffte davon nicht einmal an, sondern sagte, dass, weil ich
ohnedem durchs Glück etwas gewonnen, ich diesen geringen Satz gar leicht
vergessen könnte. Die Spiel-Compagnie ging hierauf fort, biss auf sehr wenige,
welche, so wie ich selbst, noch Appetit hatten, Caffée und darauf ein Glas Wein
zu trincken. Indem ich mich nun in ein Cabinet gen besonders gesetzt, um etliche
daselbst gefundene Zeitungs-Stücke durchzulesen, kam mein, auf dem Spiele
gewesener Wiedersacher zu mir, brauchte die gröste Complaisance, bedaurete, dass
wir mit einander um eines Bagatells willen zerfallen wären, und wünschete, dass,
weil er mich vor einen moralisirten Menschen ansähe, wir näher mit einander
bekannt werden möchten. Ich erzeigte demselben alle Gegen-Gefälligkeit, nötigte
ihn, den Caffée und Wein mit mir zu verzehren, worzu er sich leicht erbitten
liess, jedoch dabei seine Neugierigkeit nicht bergen konnte, zu wissen, wer ich
wäre, und was ich allhier zu verrichten hätte. Es war mir ein leichtes, ihn
damit abzufertigen, dass ich ein Kauffmanns-Diener, und nach Engelland
überzugehen gesinnet wäre; dahingegen offenbarete er mir, und zwar erstlich, da
die andern schon alle hinweg gegangen, und wir beide nur alleine beisammen
waren, dass sein Nahme Nörgel, und er ein Notarius Publicus wäre, seine
Profession ihm aber ein sehr weniges einbringen würde, wenn er nicht dieses Orts
die vortrefflichsten Weiber Stipendia zu geniessen hätte.
    Nunmehro, da ich diesen Nahmen, in der van Bredal an mich geschriebenen
Briefe, gelesen zu haben, mich erinnerte, sperrete ich erstlich beide Ohren auf,
liess sans passion noch ein paar Maass Wein herein geben, und stellete mich
ungemein lustig, verdrehete den Discurs auf den itzigen Zustand von Europa,
allein, Mons. Nörgel bezeugte zu solchen Sachen eben keinen besondern Appetit,
sondern fing ex abrupto wieder an, von seiner eigenen Person und
Bewunderungs-würdigen Liebes-Intriquen zu raisoniren. Seines Nahmens wegen, und
um, ihn noch treuhertziger zu machen, liess ich noch 2. Bouteillen Wein langen,
bei welchen er denn auch so aufrichtig wurde, und teuer versicherte, dass er
diese Nacht 3. Dames, so ihn um Mitternacht zu sich invitirt, versäumen, die 4te
aber, welches sein Abgott, und die bemittelste wäre, ohnfehlbar abwarten und
besorgen müste. Wie ich nun hierbei eine lächerliche Mine machte, fuhr er, etwas
entrüstet, heraus: Monsieur, glaubt ihr mir nicht, so leset diese 3. Billets,
(welche er also gleich aus der Ficke zohe,) das 4te aber an dem Lichte
verbrannte. Nach wenigen fernern Nötigen, fand ich das erste also gesetzt:
                                 Du Irr-Wisch!
Stellest du dich heute diesen Abend gegen 9. Uhr nicht in meiner Cammer ein, so
überschreite derselben Schwelle nur nimmermehr wieder, sonsten wisse, dass ich
dich mit Hunden hinaus hetzen, und Zeit-Lebens deine Todt-Feindin verbleiben
will.
                                                                              E.
    Das andere Billet war folgendes Inhalts:
                                Mein Vergnügen.
Die Gelegenheit von deinen mir höchst angenehmen Caressen zu prositiren, ist
itzo vor mich besser als jemahls, derowegen komm, noch ehe die Sonne untergehet,
weilen sonst Verdacht entstehen möchte; ich will dich gewiss erstlich mit einer
delicaten Abend-Mahlzeit, hernach mich mit dir vollends vergnügen, dieweil ich
bin
                                                               Deine ergebene A.
    Das dritte Billet, welches mir am allermeisten verdächtig vorkam, lautete
so:
                              Falscher Kebs-Mann!
Du weist, was du an mir getan, und dass ich einige Wochen, so zu sagen, als eine
Wittbe leben müssen, weiln mein Mann, seit der Zurückkunft seiner Barbarn-Hure,
mir wenig Caressen gemacht, um so viel desto mehr hättest du dein Plaisir
befördern können; weil du es aber versäumet, muss ich dich an deinem Profite
selbst erinnern. Darum komm! so bald es dunckel ist, durch den gewöhnlichen
Gang, vergnüge mich und dich, und glaube, dass ich, wenn ich dich redlich
befinde, allezeit sein werde, du weist es wohl,
                        Deine
                                                                 gutwillige v.S.
    Mein Herr! sprach ich, nachdem ich ihm alle 3. Briefe wieder zurück gegeben,
die letztere schreibt gar zu treuhertzig, darum sollte wohl meinen, dass sie es am
allermeisten meritirte, ihr aufzuwarten. Es ist wahr, mein Herr, gab er zur
Antwort, sie ist sehr genereux, dabei hitzig, aber nicht so Liebens-würdig als
die, welche ich am meisten liebe, und deren Brief ich itzo verbrannt habe, denn
diese ist ungemein schönes Bild, voller Feuer, und bezahlt dennoch sehr
reichlich, dasjenige was ich ihr gern umsonst täte. Sie sind glücklich, mein
Herr! gab ich darauf, und ich dürffte fast wünschen, nur an einem Orte einmal
ihre Stelle zu vertreten. Ich bin nicht neidisch, war seine Antwort, und wo sie,
mein Herr, nur die Kleider allhier mit mir verwechseln und meiner Anführung
folgen wollen, so können sie heunte Nacht die Madame van Steen nach ihrem
Plaisir bedienen, denn sie hat unvergleichliche Anstalten darzu gemacht, wird
auch den Betrug nicht mercken, nur bitte mir aus, mit anbrechendem Tage wieder
allhier zu sein, damit ein jeder sein Kleid wieder anziehen kann, und wir
einander von allem Nachricht geben können, denn es ist mir bei der van Steen nur
um den Profit zu tun, aus ihren Caressen aber mache ich mir nicht das
geringste.
    Ich hatte, wie leicht zu erachten, verzweiffelte Streiche im Kopffe,
stellete mich derowegen über Nörgels Treuhertzigkeit sehr vergnügt an, und
dieser führete mich, so bald wir die Kleider und Peruquen mit einander
verwechselt hatten, durch etliche schmale Gassen, die ich wohl bemerckte, biss
vor der van Steen hinter-Tür des Gartens, befahl mir, die Garten-Tür mit den
Nach-Schlüssel, den er mir gab, nur zu eröffnen, und getrost auf das
Garten-Haus, allwo sie in der obersten Etage schlieffe, zuzugehen, so dann würde
ich rechter Hand oben an dem Gesimse eine Blei-Kugel, woran ein Bindfaden
bevestiget wäre, antreffen, mit selbigem sollte ich nur einige Züge tun, so
würde die Tür gleich von sich selbst aufgehen, denn sie hatte den Bindfaden an
ihren Arm gebunden, könnte auch so gleich, vermittelst eines herab gehenden
Eisen-Drats, die Riegel aufziehen. Ich versprach dem Nörgel, alles wohl zu
observiren, und noch vor Tags-Anbruch abgeredter massen wieder bei ihm zu sein,
nahm also dissmahl Abschied von ihm, und marchirte mit zitterenden Füssen in den
Garten hinein. So bald ich vor die Tür des Garten-Hauses kam, durffte ich nicht
einmal nach dem Bindfaden und der Blei-Kugel umgreiffen, denn die Tür tat
sich gleich von selber auf, seitwärts inwendig brennete eine kleine
Nacht-Lampe, welche doch so viel Schein von sich gab, dass ich die Treppe, so
wohl als oben der Helenen Schlaff-Cammer-Tür, welche mir Nörgel genau genung
bezeichnet hatte, ganz ordentlich finden konnte. In ihrer Cammer war kein Licht,
derowegen musste mich nur nach dem wenigen Scheine des Himmels richten, der durch
die 2. Fenster schimmerte, kaum aber war ich in die Cammer hinein getreten, als
mich Helena also bewillkommete: Kömst du denn einmal, du falsches
Teuffels-Kind, ziehe dich nur erstlich aus, ich will dir einen derben Fickerling
geben. Madame! (war meine ganz sachte und ziemlicher massen nach Nörgels
Mund-Art eingerichtete Antwort) ich will mich bald bei ihr rechtfertigen. Ach,
ich höre schon, sagte sie, du hast gesoffen, mache nur fort, und lege dich her,
denn du bist doch nicht besser zu gebrauchen, als wenn du einen Rausch hast.
    Wer nun Lust zu tantzen gehabt hätte, dem wäre genung gepfiffen gewesen,
allein, weil ich mich im Truncke ganz und gar nicht übernommen hatte,
hauptsächlich aber an meine schöne, keusche und sonst vollkommen tugendhafte,
die van Bredal gedachte, bekam ich einen würcklichen Eckel an dieser bösen
Speise, zumahlen mein Vorsatz ohnedem nicht war, etwas von ihr zu geniessen,
sondern nur dieselbe zu prostituiren, mitin die van Bredal zu rächen, und dem
van Steen den Staar zu stechen: Doch â propòs, weil sie mir die Trunckenheit
vorworff, fing ich an, etliche mahl zu kolckern, als ob aus dem Magen alles oben
heraus wollte, weswegen sie mir riet, ich sollte, um das Zimmer nicht zu
verunreinigen, erstlich noch ein wenig im Garten herum spazieren, alles aus dem
Leibe (s. v.) heraus speien, und hernach etwas von dem auf dem Tische stehenden
Cordial zu mir nehmen, so würde es schon besser werden. Ich sagte: Ja, Ja! da
aber eben auf den Stuhl zu sitzen gekommen war, worauf sie ihre Kleider gelegt,
nahm ich nicht allein alle dieselben ganz behutsam unter den Arm, sondern noch
ihre Pantoffeln und Strümffe darzu, schlich mich sachte hinunter, und nach
gerade immer zum Garten hinaus, brachte auch alle die Sachen glücklich in meine
Herberge, ohne dass es jemand darinnen gewahr wurde, denn der Haus-Knecht, so mir
aufmachte, hatte kein Licht, und ich ging gerades Wegs damit nach meiner Cammer,
und verdeckte diese allerlei Sachen.
    So bald als der Tag anbrechen wollte, machte mir der Haus-Knecht, genommener
Abrede nach, das Haus wieder auf, und ich ging an denjenigen Ort, allwo mich
Nörgel hin bestellet hatte, er kam etwa eine halbe Stunde hernach ebenfalls; ich
stellete mich sehr besoffen und vedriesslich an, klagte ihm auch, dass ich meinen
Zweck nicht erreichen können, indem ich nicht ehe gemerckt, dass ich mich so sehr
vollgesoffen hätte, als biss ich zur Dame ins Zimmer gekommen wäre, um aber
dasselbe nicht zu verunreinigen, hätte ich mich erstlich in Garten retirirt, und
hernach, da ich gemerckt, dass meine Kräffte ganz und gar verschwunden, meinen
March zurück genommen, und das meiste vom Rausche im Winckel hinter einen
Brunnen ausgeschlaffen.
    Nörgel fing hierüber grausam an zu lachen, und sagte: Mein Herr, deswegen
werdet ihr aber doch erkennen, dass nicht ich, sondern ihr selbst Schuld an dem
misslungenen Vergnügen seid, mir aber ist es besser ergangen, denn ich habe nicht
allein 6. spec. Ducaten, sondern auch mein vollkommenes Vergnügen erlanget, ich
wollte euch auf künftige Nacht wohl Gelegenheit verschaffen, den begangenen
Fehler zu verbessern, allein, in 2. Stunden muss ich mich auf einen Wagen setzen,
und etliche Meilen wegfahren, denn meine Abgöttin hat mir eine Commission
aufgetragen, welche ich ausrichten muss, werde auch wohl unter 8. Tagen nicht
wieder zurück kommen; nach Verlauff derselben aber hoffe die Ehre zu haben, euch
wieder allhier zu sprechen.
    Mir hätte wohl nichts angenehmers als dieses zu Ohren kommen können, denn
binnen der Zeit gedachte ich den angefangenen Streich, so bald ich nur der
Madame van Bredal Gutbedüncken deswegen vernommen, vollends auszuführen,
inzwischen, da Nörgel eine Kanne Chocolade, ich aber nur blossen Tee tranck,
und ohngefähr gewahr wurde, dass derselbe, vielleicht aus Versehen, nicht nur der
van Steen, sondern auch die 2. andern Liebes-Briefe oder Citationes in seine
Rock-Taschen, die ich anhatte, gesteckt, weswegen ich mich eiligst ein wenig auf
die Seite begab, und diese nebst noch andern Zettuln in meine Bein-Kleider
steckte, nachhero das Kleid wieder mit ihm umtauschte, mich auch nicht lange
aufhielt, sondern nach meinem Logis eilete, nachdem ich Abschied von Nörgel
genommen, ihm eine glückliche Reise gewünschet, und versprochen, nach Verlauff
der 8. Tage mich öffters an diesem Orte wieder finden zu lassen. Ohngeacht ich
nun diese Nacht sehr wenig geschlaffen, so trieb mich doch die Curiosität dahin,
nunmehro bei Tage recht zu besichtigen, was ich diese Nacht erbeutet hatte,
demnach fand ich erstlich 2. Frauenzimmer-Röcke, 1. Nacht-Camisol, 1. Schürtze,
1. Hals-Tuch, 1. Mütze, eine Anhänge-Tasche mit einem silbernen Bügel, woriñen
4. spec. Ducaten, 2. Louis d'or, und ohngefähr 6. Gulden Silber-Müntze nebst 3.
Liebes-Briefen von verschiedenen Händen stacken, in den Ficken aber fand ich
ihre Petschaft, 6. biss 8. Schlüssel, ein paar Messer und andere Kleinigkeiten,
welches ich denn alles wohl betrachtete, und hernachmahls in meinen Reise-
Couffre verwahrete.
    Uber das Nachdencken dieser Intrique verging mir vollends aller Schlaff,
weswegen ich mich an ein Fenster legte, und eine Pfeiffe Toback rauchte. Bald
hernach kam eine Chaise gefahren, welche unter meinem Fenster stille hielt, und
ich sah mit dem allergrösten Vergnügen die Madame van Bredal heraus steigen,
die auch bald mit noch einem Frauenzimmer und einer Magd, die Treppe herauf
gegangen kam, und wie ich durch mein Schlüssel-Loch sehen konnte, mit ihrer
Begleitung in ein Zimmer ging, das nicht gar weit von dem Meinigen war.
    Wie nun nicht vor ratsam hielt, mich eher sehen zu lassen, biss ich ihr
vorhero meine Ankunft in Geheim zu wissen getan, so wollte eben nachsinnen, wie
dieses anzufangen wäre, als ich gewahr wurde, dass das andere Frauenzimmer mit
der Magd hinunter ging, sie ihnen aber das Geleite biss an die Treppe gab. So
bald sie demnach umkehrete, machte ich die Tür meines Zimmers auf, und ihr ein
höfliches Compliment. Sie erschrack ziemlich über den jählingen Anblick, und
wurde Blutrot, sagte aber bald: ich bin von Hertzen erfreuet, Mons. van Blac,
euch allhier wohl zu sehen, und hätte nicht gemeinet, dass ihr so bald hier sein
würdet, wisset aber, dass meine Affairen bereits völlig zum Ende sind, und ich
von dem van Steen gäntzlich abgeschieden bin, ein ferneres wollen wir zu
gelegener Zeit mit einander reden, tut mir voritzo nur ein paar Tage den
Gefallen, und stellet euch an, als ob ihr mich sonsten noch niemahls gesehen
hättet.
    Madam! gab ich zur Antwort, ich bin schon einige Tage hier, habe mir aber
nicht die Courage nehmen wollen, ihnen nachzureisen, und ob ich gleich ausser
mir selbst war, da ich das Vergnügen hatte, Sie von dem Wagen steigen, und durch
mein Schlüssel-Loch auf den Saal kommen zu sehen, so wollte mich doch vor andern
Leuten nicht eher zeigen, biss ich erstlich Ordre von Ihnen erhalten, unterdessen
möchte wünschen, dass ich allhier auf dieser Stelle nur eine eintzige Stunde Zeit
haben möchte, ihnen eine gewisse Avanture zu eröffnen, worüber Sie sich ungemein
verwundern werden. Mons. van Blac, sagte sie hierauf, ich habe diesen Tag noch
wichtige Verrichtungen, und werde vor Abends nicht wieder hieher kommen, so bald
aber in diesem Gast-Hause alles zu Bette ist, will ich euch durch meine Magd in
mein Zimmer ruffen lassen, meine Baase, welche itzo mit derselben von mir
gegangen, wird, wie bisher, zwar auch bei mir sein, allein, ihr habt euch vor
beiden nicht zu scheuen, denn sie sind mir sehr gewogen und getreue, ich werde
mich auch ehester Tages mit beiden zu Schiffe setzen, und nach Engelland
seegeln.
    Ich wurde über diese letztern Worte einiger massen in meinen Gedancken
verwirret, welches Sie wohl anmerckte, jedoch nichts mehr sagte, als: habt guten
Mut, mein werter Freund, diesen Abend wollen wir deutlicher mit einander
sprechen; hiermit begab sie sich in ihr Zimmer, und ich mich in das Meinige,
stellete mich gegen meinen Aufwärter etwas unpass, und liess mir dieserwegen die
Speisen herauf bringen, kam auch den ganzen Tag nicht aus dem Zimmer, merckte
aber wohl an, dass die Madame van Bredal noch vor Essens ausging, und erstlich
mit einbrechender Nacht wieder zurück kam.
    Um Mitternachts-Zeit klopffte jemand ganz sanfte an meine Tür, und da ich
dieselbe leise eröffnete, trat ihre Magd herein, brachte ein Compliment von der
Madame van Bredal, welche bitten liesse, ob ich nicht die Güte haben, von meiner
Ruhe etwas abbrechen, und auf ein wichtiges Gespräch zu ihr kommen wollte? Ich
folgte der Magd so gleich nach, und traff die beiden Frauenzimmer auf 2.
Schlaff-Stühlen sitzend an, zwischen welchen ein Tisch stunde, auf welchem sich
ein paar Bouteillen Wein nebst Confect befanden. So bald sie mich bewillkommet
und zu sitzen genötiget, fing die van Bredal an, sehet, meine liebste Baase,
dieses ist der Herr, welcher mir mit seiner grösten Lebens-Gefahr zu meiner
Freiheit verholffen, die zu erkauffen, vielleicht keine Million hingereicht
haben würde. Die Baase war eine artige Jungfer von 19. biss 20. Jahren, und
nennete sich Gillers, war eines aufgeweckten Geistes, stund auf und sagte: mein
Herr, erlaubt mir, dass ich euch vor die übergrosse Gefälligkeit, die ihr meiner
allerliebsten Freundin auf dieser Welt, und zugleich mir erwiesen habt, die Hand
küssen darff. Indem ich mich nun dessen weigerte, und sehr beschämt befand,
küssete sie mich in der Geschwindigkeit dergestalt derb auf den Mund, dass ich
mich fast selbst schämete, und ganz Feuer-rot im Gesichte wurde.
    Die van Bredal fing hertzlich darüber an zu lachen, sagte aber: Kinder! wir
müssen die wenigen Stunden, so wir beisammen bleiben können, mit ernstaften
Gesprächen zubringen. Demnach fing sie an, mir alles zu erzählen, wie es ihr
allhier ergangen, die Haupt-Puncte aber waren diese: 1.) Hätte sie anfänglich
absolut prætendirt, ihren Mann, den van Steen, wieder zu haben, derselbe aber
hätte vielleicht nicht so wohl aus übeln Verdacht, sondern vielmehr darum, weil
ihm seine Helena stündlich um den Halse gelegen, sich absolut geweigert, sie
wieder anzunehmen, und die Helena fahren zu lassen, weswegen es denn endlich
dahin verglichen worden, dass sie nunmehro vor 9. Tagen einen gerichtlichen
Scheide-Brieff bekommen, mit der Clausul, sich ebenfalls wieder verheiraten zu
dürffen, an wem sie wollte. 2.) Wäre der van Steen dahin genötiget worden, ihr
vor ihr eingebrachtes Gut benebst den Abtritts-Geldern 10000. Holländische
Gulden zu bezahlen, welche sie auch heutiges Tages durch ihren Procuratorem in
Empfang nehmen lassen. 3.) Die Erb-Portion von ihren Eltern à 1600. fl. wäre ihr
gleichfalls schon ausgezahlt, und nunmehro 4.) da sie frei und ledig wäre, wollte
sie diesen ihr unglückseligen Boden verlassen, und mit dieser ihrer Baase nach
Engelland übergehen.
    Ich hatte mit grosser Verwunderung und bangen Hertzen zugehöret, blieb aber,
da sie inne hielt, abermals in tieffen Gedancken sitzen, und war nicht einmal
gewahr worden, dass sich Mademoiselle Gillers mit der Magd hinaus begeben hatte
um noch Caffée zu kochen. Derowegen fing Madame van Bredal von neuen zu reden
an: Nunmehro, sagte Sie, mein Herr van Blac, habe ich es noch mit euch zu tun,
um euch die mir treu geleisteten Dienste zu belohnen, ist euch mit baarem Gelde
gedienet, so stehen noch 3000. Tlr. von dem Meinigen zu euren Diensten, wollet
ihr euch aber gefallen lassen, diese meine Baase, welche doch gewiss ein schönes
Frauenzimmer zu nennen ist, zur Frau zu nehmen, so versichere, dass ihr nicht
allein meine, euch jetzt versprochenen 3000. Tlr. sondern auch von ihrem
Vermögen wenigstens noch gedoppelt so viel empfangen sollet; denn ich vor meine
Person bin entschlossen, meine übrige Lebens-Zeit im ledigen Stande zuzubringen,
mein Geld und Gut auf Zinsen auszutun, und in der Stille vor mich zu leben.
    Diese Worte waren ein Donnerschlag in meinen Ohren und Hertzen, jedoch ich
stund ganz gelassen auf vom Stuhle, und sagte: Madame! Dero Generositée ist
jederzeit grösser gewesen gegen mich, als meine wenigen Dienste, ich habe noch
ein starckes Capital davon aufzuweisen, will aber selbiges weit vergnügter
wieder zurück geben, als noch mehr von ihnen annehmen. Vor die vorgeschlagene
Mariage dancke ich gehorsamst, nicht zwar etwa aus Verachtung gegen diese
Liebens-würdige Person, sondern nur darum, weil mir nicht möglich ist, etwas
anders zu lieben, so lange ich weiss, dass die Madame van Bredal lebt; Geld und
Gut ist nicht capable mich zu vergnügen, weil ich aber Dero Entschluss vernommen,
so will mich aus ihren Augen verbannen, und mein künftiges Schicksal mit Gedult
ertragen. Adieu Madame! Der Himmel lasse sie jederzeit vergnügt leben. Mein
wertester Freund, versetzte sie hierauf, indem sie mich bei dem Kleide zurück
zohe, bedencket doch euer Bestes, ich will euch 3. Tage Zeit darzu lassen. Ich
gab zur Antwort! Madame! 3. Jahr, 3. Tage, 3. Minuten oder 3. Secunden sind mir
in diesem Stücke einerlei, weil ich weiss, dass mein Gemüte in diesem Stücke so
unveränderlich ist, als ich unglücklich bin, erlauben sie nur, dass ich mich
retiriren, und Dero Complaisançe nicht länger missbrauchen darff. Sie hielt mich
noch vester, und sagte: Mein Herr, in der Rage lasse ich euch nicht von mir
gehen, erweget aber, ob ihr, als ein Junggeselle, der sich davor ausgibt, noch
kein Frauenzimmer gewisser massen berührt zu haben, nicht wohl tätet, wenn ihr
meine Baase oder eine andere Jungfrau heiratet, als mich, die ich als eine
Wittbe zu achten bin, und dennoch wohl nachhero bei euch in den Verdacht
geraten könnte, als ob - - - - Ich unterbrach ihre Rede, und bat: Madame!
quälen sie mich nur nicht länger, denn ich bin ja überzeugt genug, dass ihnen
meine Person nicht anständig ist, darum ist ja meine Resolution die
allervernünftigste, dass, da ich nicht erlangen kann, was ich suche, lieber mich
entfernen will.
    Unter diesen Worten rolleten mir, so viel ich mich von meiner Kindheit an zu
erinnern weiss, zum ersten mahle einige Tränen die Backen herunter, welche, so
bald es die Madame van Bredal sah, eine solche Würckung taten, dass sie auf
einmal anders Sinnes wurde, mir um den Hals fiel, mich offtermahls küssete, und
endlich sagte: Bleib mein Schatz, ich bin Deine, und du solst der Meinige sein,
so lange als ich lebe, in Engelland wollen wir Hochzeit haben, unterdessen aber
richte dich nach meinen Umständen, und überlege mit mir, wie wir uns etwa
allhier noch aufzuführen haben. Uber diese Worte wurde ich dergestalt entzückt,
dass ich selbst nicht wusste, wie mir zu helffen war, indem ich so lange auf
meiner Liebsten Munde kleben blieb, biss wir die Mademoiselle Gillers und die
Magd mit dem Caffée ankommen höreten. Wir setzten uns, und truncken etliche
Schälchen. Die Magd ging fort, derowegen redete mein Schatz zu ihrer Baase:
Dencket doch, mein Hertz, dieser Herr, mit dem ich mich abfinden wollen, will
weder Geld noch Gut, sondern meine Person selbst vor seine mir geleisteten
Dienste haben. Ihr wäret, antwortete die Mademoiselle Gillers, die
allerunerkänntlichste Person von der Welt, wenn ihr ihm dieselbige versagtet,
denn er hat euch errettet, und durchs Glück den grösten Anteil daran, ihr seid
wenig Jahre älter als ich, und werdet den ledigen Stand bei eurer Schönheit
schwerlich ohne starcke Versuchungen zubringen können, derowegen machet mir das
Vergnügen, dass ich itzo gleich die Verlöbnis-Ringe von euren Fingern abziehen
und verwechseln darff, das Beilager aber muss ausgestellet bleiben, biss wir in
meines Bruders Haus nach Portsmout kommen. Hiermit stund das lose Ding auf,
zohe so wohl mir als der van Bredal die Ringe vom Finger, verwechselte
dieselben, und stellete sich so dabei mit Reden und Gebärden an, als wenn sie
ein würcklicher Priester wäre, liess auch nicht eher nach, biss wir einander die
Hände und 50. Küsse auf die Treue gaben.
    Da nun dieses vorbei war, und alles seine vollkommene Richtigkeit hatte,
erzählte ich beiden Frauenzimmern den Streich, welchen ich in vergangener Nacht
dem Nörgel und der Helena gespielet hatte. Sie lachten sich alle beide bald zu
Tode darüber, wollten aber nicht alles glauben, biss ich sie in mein Zimmer
hinüber führete, der Helenæ Kleider, Strümpffe und Pantoffeln vorzeigte, und
selbige meiner nunmehrigen Liebste in Verwahrung gab. Und wenn ihr mir, sagte
diese, mein nunmehriger allerliebster Schatz, 100000. Tlr. zum Mahl-Schatze
gegeben hättet, so wären mir selbige doch nicht halb so angenehm, als diese
Equipage; Stille! nun wollen wir nicht mehr unter dem Verdeck spielen, sondern
dem van Steen zeigen, was er verloren oder gewonnen hat, inzwischen bin ich
vergnügt, Mons. van Blac, dass ich mich nunmehro die Eurige nennen darff und kann.
Morgen früh will ich mich mit euch copuliren lassen, daferne ihr ein Zeugnis aus
Antwerpen bei euch habt, dass daselbst von eurer Verehligung mit jemand, keiner
etwas wisse, (dieses zeigte ich ihr so gleich) sodann will ich noch 1000. und
mehr Taler daran wenden, wenn es ja erfodert werden sollte, dass die H. - - -
Helena rechtschaffen prostituiret, und dem van Steen der Staar gestochen werden
möge.
    Wie viel mir nun auch an der Person der van Bredal gelegen war, so hielt ich
doch nicht vor ratsam, dass wir uns in diesem Stück übereileten, indem uns von
unsern Feinden garstige Possen gespielet werden könten, hergegen war ich der
Meinung, dass es besser wäre, wenn wir uns, so bald wir unsere Sachen alle in
Ordnung gebracht, je ehe je lieber nach Engelland übersetzen liessen,
mitlerweile wollte ich die ganze Comædie von der Helena mit allen Umständen zu
Pappier bringen, einen Brief an den van Steen darzu legen, der Helenæ Kleider
und Sachen in ein Kästlein packen, und selbiges alles zusammen dem van Steen in
die Hände liefern lassen, nachhero würden wir in Engelland dennoch wohl
erfahren, was etwa ferner vorgegangen wäre. Meine Geliebte hielt dieses vor
genehm, und sagte, wie sie in allen Stücken Reise fertig wäre, und binnen 3.
oder 4. Tagen abfahren könnte; Demnach wurden wir schlüssig, dass ich morgenden Tag
noch ausruhen, den folgenden aber nach Harlingen voraus reisen sollte, damit
niemand einmal erführe, dass wir einander allhier in Leuwarden gesprochen
hätten. Dieses geschahe also, ich kehrete aber nicht in dem Gast-Hause ein, wo
sie einkehren wollte, sondern in einem andern, setzte mich hin, und schrieb
erstlich die ganze Geschicht von Wort zu Wort auf, die sich mit Nörgel, der
Helena und mir zugetragen hatte, verfertigte sodann einen Brief an den van
Steen, welcher folgendes Inhalts war:
                                   Monsieur.
Ich habe die Ehre zwar niemahls gehabt, denselben von Person zu kennen, trage
aber dennoch einiges Mitleiden seinetwegen, dass er sich dem grösten Orden der
Hahnreischaft, vielleicht wider seine Einbildung, einverleibt sehen muss.
Beiliegende Geschichts-Beschreibung befindet sich in der Tat und Wahrheit also,
und kann derselbe dessfals noch ein und andere Nachricht einziehen, so dann
erwegen, ob nicht alles zutrifft, wiewohl ich hoffe, es werden seiner Liebsten
Kleider und andere Sachen, wie auch die beigelegten Liebes-Briefe ein sattsames
Zeugnis abstatten, dass dieses kein Gedichte, sondern eine wahrhafte Geschichte
sei. Wäre ich so wollüstig als curieux gewesen, das Beginnen einer geilen Dame
zu bemercken, so wäre die Zahl seiner Hörner ohnfehlbar durch mich vermehret
worden, denn nach Nörgels Beschreibung soll seine Frau Liebste schönes Leibes,
dabei sehr freigebig sein gegen diejenigen, so sie rechtschaffen bedienen, indem
sie sehr hitzig in dem Liebes-Wercke; ob es wahr ist, weiss ich nicht, da ich
niemahls das Glück gehabt, sie zu sehen, viel weniger anzurühren. Ich überlasse
seinem eigenen Gefallen, wie er sich bei dieser Begebenheit aufführen, und ob er
seinen Herrn Schwägern, nehmlich den Männern der Madame E. und A. auch das
Verständnis eröffnen will, in so ferne er dieselben ausforschen kann. Ich
verhoffe das Meinige getan zu haben, als ein unbekannter redlicher Freund, denn
wenn ich ein Filou oder Betrüger, oder sonsten Geld-bedürfftig wäre, so hätte
wenigstens die Barschaften vor meine Mühe zurück behalten können. Ubrigens
bitte mir durch diesen abgeschickten Expressen ein kleines Recipisse aus, indem
ich mich allhier in Harlingen nicht lange aufhalten, sondern ehester Tages nach
Amsterdam abseegeln werde, jedoch beharre.
                                    Monsieur
                                                                      vôtre Ami.
    So bald ich nun Nachricht erhalten, dass meine Liebste nebst ihrer Baase
angekommen, und ebenfalls in einem andern Gast-Hause, als wo wir ehedem logirt,
abgetreten wäre, begab ich mich gleich des ersten Abends zu ihr, zeigte ihr
meine Schrifften, welche sie approbirte, wir packten darauf der Helenæ
Kleidungs-Stücke in ein gätliches Kästlein, versiegelten es mit einem fremden
Petschaft, und trug dasselbe bei Nachts-Zeit selbst in mein Logis. Drei Tage
hernach wollte ein Schiff nach Engelland abseegeln, auf selbiges verdungen sich
das Frauenzimmer und auch ich besonders, als ob wir nicht zusammen gehöreten,
waren auch bestellet, uns vor Abends am Boord einzufinden, weil der Schiffer so
dann in See gehen wollte. Derowegen fertigte ich um Mittags-Zeit erstlich einen
Expressen-Boten an den van Steen nach Leuwarden ab, gab ihm einen guten Lohn,
mit dem ausdrücklichen Befehle, die Briefe nebst dem Kästlein ja keinem andern
Menschen, als dem van Steen selbst in die Hände zu geben, wo aber derselbe etwa
nicht zu Hause wäre, so lange zu warten, biss er zur Stelle käme, indem ihm sein
Warte-Geld entweder dort, oder von mir wohl bezahlt werden sollte. So bald aber
der Bote etwa eine Meile-Wegs fort sein mochte, bezahlete ich den Wirt, und
liess meine Sachen aufs Schiff tragen, zu welchen ich so dann meinen Weg auch
nahm, und bald hernach mein Frauenzimmer ebenfalls ankommen sah. Wir seegelten
also mit gutem Winde frölich ab, und gelangeten in wenig Tagen glücklich
Portsmout bei der Mademoiselle Gillers Bruder an, welcher uns mit vielen
aufrichtigen Freundschafts-Bezeugungen empfing, auch, da er unser Anliegen und
Umstände vernommen, wenig Tage hernach Anstalt machte, dass ich mit meiner
Liebste von einem Priester ehelich zusammen gegeben wurde. Wir waren hierauf
gesonnen, uns mit nächster Gelegenheit ein feines Land-Gütgen zu kauffen, eine
ordentliche Hausshaltung anzufangen, und von demjenigen, was uns das Gut
einbrächte, reputirlich zu leben; da sich aber nicht so gleich ein anständiges
finden wollte, lebten wir über ein halbes Jahr vor unser Geld, sehr vergnügt, bei
dem Herrn Gillers.
    Eines Abends, da ich mit demselben aus einer Compagnie guter Freunde, da es
schon ziemlich dunckel war, nach Hause ging, kam uns eine schwartz gekleidete
Manns-Person entgegen, und stiess mich im Vorbeigehen mit einem Dolche in die
Seite, lieff hierauf noch schneller, als ein Windspiel, fort. Ich selber kaum,
geschweige denn Herr Gillers, wusste, wie mir geschehen war, endlich aber fühlete
ich die Blessur, und war froh, dass wir bald nach Hause kamen, denn der Stich war
zwar nicht tödtlich, weil er auf dem rechten Hüfft-Beine sitzen geblieben,
allein, sehr schmertzhaft, wie denn auch nachhero noch sehr üble Zufälle darzu
kamen, so, dass ich doch fast daran hätte crepiren können, allein, endlich wurde
ich wieder gesund, erfuhr auch wunderbarer Weise, dass niemand anders, als Nörgel
der Meuchel Mörder, gewesen. Denn es musste sich so wunderlich fügen, dass einer
von des van Steens Handels-Purschen herüber nach Engelland, und bei Herrn
Gillers in Condition gekommen war. Dieser hatte meine Liebste nicht so bald
erblickt, als er sich derselben so gleich zu erkennen und darbei zu vernehmen
gab, wie sie, als die erste Frau des van Steen, ehemahls seine Patronin gewesen
wäre, er aber sei nur vor wenig Wochen aus des van Steen Diensten gegangen, um
sich eine Zeitlang in Engelland aufzuhalten, könnte auch, wenn es uns etwa auf
den Abend gelegen wäre, verschiedene wunderbare Geschichte, so vor weniger Zeit
in des van Steens Hause und sonsten in Leuwarden passirt wären, erzählen.
    Meine Frau, die sich dieses Menschens, von etlichen Jahren her, noch sehr
wohl zu erinnern wusste, bat ihn so gleich, uns die Gefälligkeit zu erweisen,
und Abends auf unser Zimmer zu kommen, welches er denn tat, und eine
weitläufftige Erzählung von den Geschichten des van Steen, seiner Helena,
Nörgels und anderer mehr machte, und endlich kam er auf die letzten Streiche, so
ich in Leuwarden gespielet hatte, wusste aber nicht, dass ich es gewesen, sondern
erzählete nur, dass der van Steen neulichst von unbekandter Hand einen Brief
nebst einem Kästlein mit Kleidungs-Stücken und andern Sachen, die seiner Frau
gehöreten, und davon sie ausgegeben, dass sie ihr gestohlen worden, erhalten. Er
hätte sich ganz rasend darüber angestellet, wenig Stunden darnach aber seine
Frau nebst ihrem Aufwarte-Mägdgen in ein finsteres Gewölbe verschlossen, und
ihnen 3. grosse Brodte nebst einem Fässgen voll Wasser hinein gesetzt. Hierauf
wäre er mit dem Boten, welcher den Brief gebracht, nach Harlingen gereiset, und
andern Tages sehr vedriesslich wieder zurück gekommen, hätte auch allen seinen
Leuten hart verboten, von allen dem, was sie in seinem Hause etwa höreten und
merckten, kein Wort auszuplaudern; ferner wäre der van Steen immer unruhig
geblieben, bald zu diesem bald zu jenem guten Freunde gelauffen, und endlich
hätte man unter der Hand vernommen, dass der Notarius Nörgel in eines andern
Kauffmanns-Hause bei Nachts-Zeit sehr grausam wäre geschlagen und verwundet
worden, so, dass man ihn in einer Sänfte hätte nach Hause tragen müssen, der van
Steen hätte im Gesicht und an den Händen ebenfalls die Wahrzeichen gehabt, dass
er in einer Schlägerei gewesen wäre, bald hernach aber wäre die Helena nebst
ihrer Magd, früh Morgens vor Tage, in einen Wagen gesetzt worden, den man
verschlossen, und sie unter Begleitung von 4. unbekandten Reutern fortgeführt,
wohin, wisse niemand eigentlich. Nörgel, fuhr dieser Kauffmanns-Diener fort,
ging, so bald er wieder curirt war, herüber nach Engelland, und zwar auf eben
dem Schiffe, worauf ich mich befand, liess sich auch eines Tages dieser
verwegenen Reden gegen mich verlauten: ich trage diesen meinen Kopff zum
erstenmahle nach Engelland, weiss aber nicht, ob ich denselben wieder heraus
bringen werde, doch frage ich nichts darnach, wenn ich nur so glücklich bin,
mich an einem gewissen Feinde zu rächen, der mir den ärgsten Possen auf der Welt
gespielt hat, kann ich nur ihn in die andere Welt schaffen, so will ich gern
sterben.
    Aus allen diesen Reden des Kauffmanns-Dieners nun, konten ich und meine
Liebste bald schliessen, dass Nörgel unser Geheimnisse ausgeforschet haben, und
kein anderer als er mein Meuchel-Mörder gewesen sein müsse, denn es kamen noch
viele andere Umstände darzu, welche ich, Weitläufftigkeit zu vermeiden,
verschweigen will.
    Inzwischen verging meiner Liebsten bei so gestalten Sachen alle Lust in
Engelland zu bleiben, denn nachdem sie noch darzu verschiedene schreckliche
Träume gehabt, blieb sie bei den Gedancken, unsere Feinde würden nicht ehe
ruhen, biss sie uns vom Brodte geholffen, derowegen wurden wir schlüssig, unser
Geld und Gut zusammen zu packen, und mit ersterer Gelegenheit nach Jamaica zu
seegeln. Ich kam in etlichen Wochen nicht aus meinem Logis, um nicht von neuen
in Mörder-Hände zu fallen, nachhero, da der Herr Gillers uns die Nachricht
brachte, dass er vor uns gesorgt, und auf ein nach Jamaica gehendes Schiff
verdungen hätte, welches in wenig Tagen abseegeln würde, schafften wir unsere
Sachen darauf, und traten, nach wehmütig genommenen Abschiede, die Reise nach
der neuen Welt an. Meine Liebste war sehr vergnügt, dass wir diese Resolution
ergriffen hatten, zumahlen, da uns Wind und Wetter sehr favorable waren; allein,
das grausame Verhängnis hatte beschlossen, uns auf eine jämmerliche Art von
einander zu trennen, denn da wir bereits eine ziemliche Weite über die Insul
Madera hinaus waren, überfiel uns ein entsetzlicher Sturm, welcher uns auf die
lincke Seite nach den Insuln des grünen Vorgebürges zutrieb, wir sahen dieselben
schon vor Augen, konten sie aber nicht erreichen, indem unser Schiff um die
Mittags-Zeit ganz plötzlich zerscheiterte, und mit seiner ganzen Ladung zu
Grunde ging. Ich und meine Liebste konten nicht so glücklich werden, dass man uns
mit in ein Boot genommen hätte, denn es waren schon beide überflüssig besetzt,
derowegen musste uns nur so wohl als vielen andern zum Troste dienen, dass wir
einen starcken Balcken erhaschen, und uns auf demselben erhalten konten. Allein,
was halff es, in folgender finstern Nacht schlug eine ungeheure Welle meine
Allerliebste von dem Balcken herunter, und hörete ich noch, dass sie rieff:
JEsus! Gute Nacht, mein Schatz. Mir vergingen vor Wehmut alle Gedancken, und
wundere ich mich über nichts, als wie ich mich bei solchen höchst-schmertzlichen
Leid-Wesen noch habe auf dem Balcken an- und erhalten können, inzwischen, da ich
mich in etwas besonnen, konnte ich doch keine Hand vor Augen sehen, andern Tages
gegen Mittag aber befand mich an dem Ufer der Insul St. Lucia, welches eine von
den Insuln des grünen Vorgebürges ist, und wurde errettet. Viele Tage habe ich
auf dieser Insul mit lauter Winseln und Wehklagen über den kläglichen Verlust
meiner Allerliebsten zugebracht, weiln mit ihr alles mein Vergnügen, ja meine
ganze Glückseeligkeit im Meere ertruncken war, endlich, weil ich noch etwa 100.
und etliche spec. Ducaten in meinen Kleidern vernehet bei mir trug, kam mir in
die Gedancken, mit einem Portugiesischen Schiffe nach Brasilien zu gehen, auch
aus Verzweiffelung so lange hie und dahin zu fahren, biss ich auch mein nunmehro
mir verdrüssliches Leben endigte, jedoch der Himmel gab mir andere Gedancken ein,
dass ich nehmlich in mein Vaterland zurück gehen, und entweder in meiner
Geburts-Stadt oder in Amsterdam eine stille und ruhige Lebens-Art erwählen
sollte; als welches denn auch von mir resolvirt wurde, da ich aber in Lissabon
bei einem vornehmen Schwedischen Herrn bekandt gemacht wurde, nahm mich derselbe
zum Sprach-Meister seines Sohnes an, und mit sich nach Schweden. Mein Discipul
war sehr lehrbegierig, allein, er starb, da ich wenig Wochen über ein Jahr mit
ihm zu tun gehabt, also bekam ich mein bedungenes Geld, hatte darzu nochden
Vorteil, dass ich die Schwedische Sprache vollkommen erlernet, von welcher ich
sonsten unter den andern das wenigste wusste, und reisete erstlich nach meiner
Vater-Stadt, hernach weil ich daselbst vor Jammer über alles mein Unglück nicht
bleiben konnte, nach Amsterdamm, allwo ich abermals Condition als Sprach Meister
bei etlichen Kauffmanns-Dienern annahm, welche mir so viel bezahleten, dass ich
mein melancholisches und stilles Leben ganz reputirlich fortführen konnte. Da
aber einige von ihnen abgingen, ich also aus meinem Beutel zusetzen musste, fügte
es sich eben, dass der werteste Monsieur Eberhard Julius, gegen dessen Logis ich
gerade über wohnete, einen Dolmetscher nach Schweden mitzureisen, aufsuchen
liess, und ihm ein Ansehnliches Monat-Geld zu zahlen versprach, weswegen ich an
ihm recommendirt, so gleich acceptirt und mit genommen wurde. Was unsere
Verrichtungen daselbst gewesen, ist ihnen allerseits bekandt, ich habe nach
meinem wenigen Vermögen nichts ersparet, ihnen getreue Dienste zu leisten, bin
auch ungemein raisonable davor belohnt worden, so, dass ich dieserwegen sehr
vergnügt, um aber von der angenehmen Compagnie abgeschieden zu sein, höchst
betrübt von Hamburg nach Amsterdam zurücke reisete. Hieselbst wollte es nunmehro
gar nicht mehr nach meinem Kopffe sein, ohngeacht mir eine gar profitable
Mariage nebst einer Charge bei dem Schiffs-Bau Wesen angetragen wurde, sondern
es kam mir die Grille auf einmal wieder in den Kopff, zur See, entweder nach
Ost- oder West-Indien zu gehen, und mein Capital, welches ohngefähr in 700.
Gulden oder etwas drüber bestund, anzulegen.
    Ich liess mich dessen einsmahls Mittags in meinem Speise-Quartier verlauten,
allwo, dem Ansehen nach, 2. feine See-Officiers zugegen waren, welche so gleich
sagten, wo dieses mein Ernst wäre, könten sie mir dienen, denn das Schiff,
worauf sie sich engagirt, würde in wenig Tagen nach Ost-Indien unter Seegel
gehen. Es war mir dieses die hertzlichste Freude von der Welt, ich machte, wegen
ihres guten Ansehens, so gleich die vertrauteste Feundschaft mit ihnen, und
schaffte gleich andern Tages meine Sachen, die in 2. Kisten gepackt waren, in
ihr Quartier, allwo sie mich ganz wohl tractiren, ich vermerckte auch binnen
zweien Tagen, dass dann und wann Matrosen kamen, welche bald dieses bald jenes
anmeldeten. Ich befahrete mich keines Bösen, hatte meine besondere Cammer,
worinnen ich schlief, fuhr aber in der 3ten Nacht jählings aus dem Bette, da mir
jemand meine Bein-Kleider unter dem Kopffe hinweg zohe. Ich verfolgte den Dieb,
war aber kaum in die andere Cammer gekommen, als so gleich ihrer 3. auf mich
zuhieben und stachen, so, dass ich der Gewalt weichen, zu Boden fallen und um
mein Leben bitten musste. Es sei dir aus Gnaden, sagte der Eine, geschenckt,
drehete mir aber in der Geschwindigkeit einen Knebel in den Mund, die andern
banden mir Hände und Füsse, und liessen mich Elenden also auf dem blossen Boden
liegen, biss ich früh Morgens von des Wirts Gesinde, fast im Blute schwimmend,
angetroffen wurde. Selbiges machte ein Geschrei, so, dass der Wirt auch herzu
gelauffen kam, welcher mich reinigen und durch einen Wund-Artzt verbinden liess.
Ich hatte 2. Hiebe ins Gesichte, einen über den Kopff, 3. über die Arme, einen
Stich auf den Brust-Knochen, und einen in die lincke Schulter bekommen, und
meinte nicht anders, ich würde an diesen 8. Blessuren meinen Geist aufgeben
müssen, allein, der Chirurgus sparete keinen Fleiss, ein Meister-Stück seiner
Kunst an mir zu beweisen, curirte mich auch binnen wenig Wochen recht völlig,
und war nachhero so genereux, nicht einen Deut vor seine Mühe und angewandte
Kosten zu verlangen, weswegen ich ihn mit Recht einen barmhertzigen Samariter
nennen kann; der Himmel aber vergelte es ihm tausendfach, weil ich nicht im
Stande gewesen, ihm meine Danckbarkeit anders, als mit Worten, die aus redlichen
Hertzen und Munde geflossen, zu bezeugen.
    Von allen meinen Sachen hatte ich nichts behalten, als ein Bündel schwartze
Wäsche und eine ziemlich grosse lederne Tasche, worinnen meine Briefschaften
befindlich, denn ich hatte selbigezum Füssen meines Bettes gesteckt, und meine
Räuber mochten daselbst nicht gesucht haben. Von Gelde oder Geldes-Wert aber
hatte nicht das geringste mehr, vielweniger etwas an den Leib zu ziehen. Der
Wirt war Zeit währender meiner Kranckheit so wohltätig, mich mit den besten
Speisen zu versorgen, verschafte auch, dass mir, nachdem ich wieder aufgestanden
war, verschiedene gute Leute einige Kleidungs-Stücke zuwarffen; er verlangte
keine Bezahlung von mir, biss ich wieder in den Standt käme, so viel missen zu
können, ihn zu recompensiren. Das war nun endlich Höflichkeit genung, allein, es
sind mir zum öfftern die Gedancken aufgestiegen, ob nicht der Wirt mit meinen
Räubern und Mördern selbst unter einer Decke gesteckt haben möchte. Tue ich ihm
zu viel, so vergebe es mir der Himmel. Er gab vor, diese Leute habe er
Zeit-Lebens sonsten nicht gesehen, sie hätten sich vor See-Officiers ausgegeben,
und auf einen Monat das Logis bei ihm gemietet, Abends vorhero aber, ehe sie
mich so mörderisch tractirt und beraubt, ihre Schuld bezahlt, und zu verstehen
gegeben, wie noch diese Nacht etliche Matrosen ankommen würden, ihre Sachen
abzuholen, indem das Schiff, worauf sie gehörten, in Bereitschaft stünde
abzuseegeln. Er, der Wirt, hätte solches geglaubt, wäre mit seiner Frauen zu
Bette gegangen, und hätte die unruhige Nacht-Arbeit einmal dem Gesinde
überlassen, hätte auch nimmermehr geglaubt, dass dergleichen Streiche in seinem
Hause vorgehen sollten, biss ihn früh Morgens das Gesinde, welches die Cammern
reinigen wollen, herzu gerufft.
    Was war zu tun? Geld hatte ich nicht, die Sache weiter untersuchen zu
lassen, derowegen musste zufrieden sein, dem wohltätigen Wirte die grösten
Dancksagungs-Complimente machen, und versprechen, wenn ich in bessern Stand käme
bei, ihm redliche Zahlung zu leisten. Hierauf zohe ich die mir zugeworffenen
alten Kleider an, begab mich wieder in die Stadt, denn NB. mein bissheriges
Quartier war ausserhalb derselben gewesen, suchte gute Freunde, die mich wieder
in bessern Stand setzen sollten, fand aber sehr wenig, die mir mit einer
christlichen Bei-Steuer zu Hülffe kamen.
    Jedoch der Himmel, welcher doch selten ein redliches Gemüte verderben läst,
führete mich unvermutet in eine Strasse, allwo mir der werteste Mons. Eberhard
mit seiner Jungfer Schwester entgegen kamen. Die verschiedenen bei mir
aufsteigenden Affect en machten, dass ich einen lauten Schrei tat, hernach vor
Jammer bitterlich zu weinen anfing, und mich vor ihnen verbergen wollte, allein,
zu meinem Glück wurde ich von ihnen erkandt, sie nahmen mich Elenden auf, setzen
mich in solchem Stand, dass ich mich wieder mit honetten Leuten sehen lassen und
mit ihnen umgehen konnte, ja was das Haupt-Werck, sie waren so gütig, mich zu
ihren Reise-Gefährten und auf diese glückselige Insul mitzunehmen.
Solchergestalt habe nunmehro nach so vielen ausgestandenen Widerwärtigkeiten
allhier den Hafen meines irrdischen Vergnügens gefunden, und kann mit frohem
Munde ausruffen:
Post nubila Phæbus.
Auf Sturm, Blitz, Wetter, Angst und Pein
Folgt ein vergnügter Sonnenschein.
    Zwar ists an dem, dass mir bisher unter allen meinen gehabten
Unglücks-Fällen, der jämmerliche Tod meiner allerliebsten Charlotte Sophie am
allerschmertzlichsten gewesen, allein, ich hoffe, dass der Himmel diese
Hertzens-Wunde durch die Hand meiner allhier erwählten schönen Braut endlich
auch verbinden und heilen werde. Denen, die mich mit auf diese glückselige Insul
genommen, kann ich meine Danckbarkeit voritzo nur in Worten bezeigen, werde mich
aber dahin bestreben, solche in Zukunft auch tätlich zu erweisen, indem ich
dasjenige Amt, welches man mir etwa allhier auftragen wird, jederzeit mit allem
möglichsten Fleisse unverdrossen verrichten, auch Zeit-Lebens ein getreuer
Freund und Diener von Ihnen allerseits und allen Insulanern verbleiben will.
                                      * *
                                       *
    Hiermit endigte Mons. van Blac seine Geschichts-Erzählung, und obgleich die
Glocke schon 2. Uhr geschlagen hatte, da er aufhörete, war doch der Alt-Vater so
wenig, als jemand anders, ermüdet worden, ihm zuzuhören, wie denn der Alt-Vater
den Mons. van Blac, so oft er abbrechen wollte, selber ersuchte, biss zum Ende
fortzufahren, weiln er ohnedem voritzo wenig schlaffen könnte. Nunmehro aber
legten wir uns sämmtlich zur Ruhe, und schlieffen fast biss gegen Mittag da
bereits mit den Tellern geklappert wurde. Es ist aber nicht genung, dass ich
Eberhard Julius nur referire, wie wir mit einander geplaudert, gewacht,
geschlaffen, gegessen und getruncken haben, sondern ich muss auch sagen, was
ferner merckwürdiges auf unserer Insul vassirete.
    Wir wurden zu Anfange des Septembris, nachdem wir unsere mitgebrachten
Sachen auf der Albertus -Burg in vollkommene Ordnung gebracht, schlüssig, von
neuen eine Visitation in allen Pflantz-Städten anzustellen, um sonderlich in
Augenschein zu nehmen, wie sich die Handwercker und Künstler befänden, und womit
ihnen etwa noch zu dienen oder zu helffen sei, allein, ein entsetzliches
Erdbeben, welches sich am 8. Septembr. in den Vormittags-Stunden 4. mahl spüren
liess, verursachte, dass wir, da nur Alberts- und Davids-Raum visitiret war, zu
Hause blieben, und zu Winckel krochen, wie die schüchternen Tauben, der
Alt-Vater aber sagte zu uns: Kinder, fürchtet euch nicht, GOtt ist zwar
allmächtig genung, nicht nur diese Insul, sondern die ganze Welt auf einmal in
einen Klumpen zu werffen, ich hoffe aber, er wird diese Insul, die er so vest
gegründet hat, noch nicht verderben. Ich habe auch dergleichen Erdbeben schon
öffters allhier empfunden, und dabei angemerckt, dass gemeiniglich einige Tage
hernach ein grausamer Sturm auf der See entstanden. Gebt Achtung, ob es nicht
eintreffen wird, oder vielleicht ist dieses Erdbeben ein Vorbote, dass ich bald
sterben werde, denn eben an diesem Tage haben meine Füsse diese Insul am ersten
betreten. Wir waren ingesammt sehr niedergeschlagen, wünschten, dass er noch
lange auf der Welt bei uns bleiben möchte; allein, er schüttelte mit dem Kopffe,
und sagte: Vielleicht ist dieses Erdbeben auch eine Anmahnung, dass wir
Ubermorgen G.G. unsern Buss-Bet- und Fast-Tag desto andächtiger begehen sollen.
    Wir feireten derowegen diesen solennen Tag, nehmlich den 10. Sept. da der
Alt-Vater Ao. 1646. zum ersten mahle seine damahlige Gesellschaft herauf
geführet hatte, recht sehr devot, mit dreimahligen Kirchengehen, niemand aber
nahm einen Bissen Speise zu sich, biss die Sonne untergangen war. Der Alt-Vater
behielt die Aeltesten der Stämme und vornehmsten Europäer bei sich, und wir
speiseten an zwei langen Tafeln in seinem Zimmer, nachhero wurde von vielen
wichtigen und nötigen Sachen, die noch vorgenommen werden sollten, Unterredung
gepflogen, so, dass die Mitternachts-Stunde unterdessen heran geruckt war,
welches aber niemand vermerckte, biss vor dem Zimmer ein ungewöhnliches Getöse
entstund, weswegen ich nebst einigen andern hinaus ging, und hörete, dass man
hinter den grossen Garten in der Gegend zwischen den zweien Flüssen viele
Feuer-Flammen aufsteigen und herum vagiren sähe. Wir lieffen gleich hin zu den
Fenstern, und fanden, dass es wahr war, Mons. Litzberg und andere judicirten, dass
es Dünste aus der Erde oder so genannte Irrwische wären, allein, da das Lerm
grösser wurde, und sich der Alt-Vater selbst an das eine Fenster führen liess,
sagte er gleich: Meine Kinder! diese Flammen steigen aus dem GOttes-Acker empor,
die Todten ruffen mich zu sich in ihre Ruhe, nun ist nichts mehr übrig, als dass
ich mein Haus bestelle, denn eben dergleichen weisse, lichte Flamme zeigte sich
kurtz vorhero, ehe der selige Carl Franz van Leuwen von dieser Welt Abschied
nehmen musste. Dazumahl, (fuhr er fort) lag nur ein Christlicher Cörper auf
diesem GOttes-Acker, itzo aber sind ihrer mehr, die sich nach meiner
Gesellschaft sehnen. Wir brauchten zwar insgesammt alle Beredsamkeit, dem
Alt-Vater die Sterbens-Gedancken auf dieses mahl auszureden, allein, er kehrete
sich an nichts, liess hernach Bet-Stunde halten, und bat Herrn Mag. Schmeltzern,
dass er einigen Knaben befehlen möchte, unter einer douçen Musique den Choral zu
singen: Wer weiss wie nahe mir mein Ende etc.
    Er begab sich hierauf zur Ruhe, mein Vater und ich aber blieben fast wider
seinen Willen vor seinem Bette sitzen, und bewachten ihn, da zugleich meine
Schwester nebst vielen andern im Neben-Zimmer ebenfalls die Wache hielten. Wir
bemerckten, dass er einen ganz natürlichen, aber dergestalt leisen Schlaff
hatte, dass ihn auch das gelindeste Geräusche erweckte. Folgende Tage wurde er
recht mercklich immer schwächer und schwächer, so, dass er kaum mehr einen Arm
oder Bein allein aufheben konnte, jedoch, weil sich kein Eckel vor der Speise und
Tranck bei ihm spüren liess, hatten wir immer noch gute Hoffnung, sass oder lag er
stille, so waren seine Augen mehrenteils geschlossen, und schiene es, als wenn
er im Schlummer zuweilen lächelte. Einige Tage vor dem Michaelis-Feste fragte
ich ihn, ob er denn etwa an einem oder andern Teile des Leibes, innerlich oder
äusserlich, Schmertzen fühlete? Ach nein, mein Sohn, gab er zur Antwort, ich
fühle weder Schmertz noch Pein, sondern eine angenehme süsse Mattigkeit, wie ein
Mensch, der in sanftem Schlummer liegt und bald in einen riefen Schlaff
verfallen will, und wenn ich meine Augen zuschliesse, sehe ich die
allerlieblichsten Sachen vor mir.
    Solchergestalt sass und lag er fast beständig in einem süssen Schlummer, und
man merckte, dass ers nicht gerne hatte, wenn man ihn ohne Not darinnen
stöhrete, war also wenig munter, als wenn man ihm Speise reichte, und wenn
Bet-Stunde gehalten wurde. Als er am Michaelis Heil Abend in die Vesper lauten
hörete, und von uns vernahm, dass Morgendes Tages das Michaelis-Fest zu feiern
sei, sprach er mit einer muntern und frölichen Gebärde: Ach! meine Kinder, ich
muss zu guter Letzt die Kirche noch einmal mahl besuchen, ehe ich schwächer
werde, denn ich spüre, dass mein Lebens-Ende nicht mehr weit entfernet ist. Wir
mussten ihm demnach des andern Morgens seine besten Kleider anziehen, und in die
Kirche tragen lassen, allwo er den GOttes-Dienst recht frisch und munter ganz
aus abwartete, auch die geistlichen Lieder mit heller Stimme mitsunge. Diesen
ganzen Tag über schien er, gegen die bisherigen, sehr starck zu sein, folgendes
Tages aber wieder so schwächlich, als die vorigen. Sonntags nach Michaelis hielt
Herr Herrmann eine Predigt in des Alt-Vaters Zimmer, welche mein Vater, ich und
einige andere, die sich nicht von ihm hinweg begeben wollten, mit anhöreten.
Nachdem er nun etwas weniges von Speise und Tranck zu sich genommen, verlangete
er, man sollte den Tischler Lademann zu ihm kommen lassen, jedoch nicht ehe, biss
die Nachmittags-Predigt vorbei wäre. Da sich nun dieser zu bestimmter Zeit
einstellete, sprach der Alt-Vater zu ihm: Mein Sohn! ihr habt mir, so lange ihr
allhier auf dieser Insul gewesen seid, vielen Nutzen gestifftet, und grosse
Gefälligkeiten erwiesen, allein, ich habe doch noch eine Bitte an euch, dass ihr
mir nehmlich mein Ruhe-Cämmerlein oder Sarg so eiligst, als nur immer möglich,
verfertigen möchtet, denn ich habe nicht lange Zeit mehr hier zu bleiben,
sondern GOtt wird mich nächster Tags zu sich ruffen, ich möchte doch aber gern
vorhero mein Ruhe-Cämmerlein sehen.
    Der ehrliche Lademann fing bitterlich an zu weinen, küssete den Alt-Vater
die Hand, und gab zu vernehmen, dass er sehnlich wünschte, mit dieser traurigen
Arbeit noch viele Jahre verschont zu bleiben, allein, der Alt-Vater sagte: Mein
Sohn, das viele Reden kömmt mir sauer an, tut so wohl, erfüllet meinen Willen
so eilig als möglich, und gebt mir die Hand darauf. Lademann musste ihm
solchemnach versprechen, das zu tun, was er verlangte, er gab ihm die Hand, und
ging darauf mit weinenden Augen zum Zimmer hinaus. Gleich hernach liess der
Alt-Vater die Frau Mag. Schmeltzerin und meine Schwester ruffen, bestellete sich
bei ihnen seinen Todten-Habit, bat, selbigen aufs eiligste zu verfertigen, und
neben sein Bette zu hangen, damit er ihn stets vor Augen haben könnte; Diese
beiden wollten unter Vergiessung häuffiger Tränen, ebenfalls viel Einwendungen
machen und um Aufschub bitten; allein der Alt-Vater sagte: Erzeiget mir die
Liebe, und erfüllet meinen Willen, ich sollte meinen, binnen 2. Tagen könnte alles
fertig sein. Sie mussten ihm also beide die Hände darauf geben, worauf er wieder
anfing einzuschlummern. Weil man aber verspürete, dass er es nicht gern hatte,
wenn viele Leute um ihn waren, so blieben nur allezeit 2. Männer bei seinem
Bette sitzen, die übrigen aber gingen in den Neben-Zimmern immer ab und zu.
Montags früh kam Herr Mag. Schmeltzer wieder, den Alt-Vater zu besuchen, welcher
noch immer im Schlummer lag, weswegen ich zu diesem Geistlichen sagte: ob es
denn auch wohl ratsam sei, dass man ihn immerfort in solchen Schlummer liegen
liesse? und ob es nicht vielleicht besser sei, wenn man ihn ermunterte, und von
geistlichen Dingen mit ihm redete? So leise ich nun auch dieses sprach, so
hörete es doch der Alt-Vater, und gab zur Antwort: Nein, Mein Sohn! gönnet mir
immer dieses Vergnügen, denn ich geniesse solchergestalt wirklich hier auf
Erden den Vorschmack der himmlischen Freude, sehe ich schon hier mit meinen
irrdischen obschon verschlossenen Augen so viel, was wird nicht droben mit
verkläreten Augen zu sehen sein? Herr Mag. Schmeltzer gab darauf, er möchte uns
unsere Vorsorge nicht übel auslegen, weil um befürchteten, er möchte uns ganz
unverhofft unter den Händen dahin sterben. Nein, gab er zur Antwort, ich werde
noch einige, ob schon wenige Tage bei euch bleiben, und will es schon etliche
Stunden vorher sagen, wenn meinem Lebens-Lichte das Nahrungs-Oel auf die Neige
kömmt; GOtt wird mir ein sanftes Ende bescheren, und mir die Stunde vorher
verkündigen, ich muss auch ja erstlich noch den teuren Zehr-Pfennig, nämlich das
heilige Abendmahl, mit auf die Reise nehmen, und meine Sünden-Bürde wegwerffen,
wenn ich als ein Auserwählter vor GOttes Angesicht erscheinen will.
    Wir konten alle, vor Jammer, uns der Tränen nicht entalten, und da er
dieses sah, sprach er: Schämet euch, dass ihr um eines eitlen Vergnügens willen,
meinen alten verruntzelten Cörper noch eine Zeitlang um und bei euch zu sehen,
mit das Vergnügen missgönnet, je eher je lieber bei GOtt zu sein. Seid doch
Manner und keine Kinder.
    Herr Mag. Schmeltzer stellete sich hierauf recht hertzhaft, und fing einen
erbaulichen Discours von der himmlischen Herrlichkeit an, kam aber endlich aus
die Frage: Ob denn er, der Alt-Vater, da er itzo noch bei vollkommenen Verstande
wäre, nicht etwa eine Disposition machen wollte, wie es nach seinem Tode in
diesen und jenen Sachen auf der Insul sollte gehalten werden, und was dergleichen
mehr war; stellete ihm anbei das Exempel des Ertz-Vaters Jacob, Genes. 47. v.
29. biss cap. 50. vor, und sagte, dass es eine GOtt sehr wohlgefällige Sache sei,
wenn die Väter und Aeltesten den Nachkommen zum besten vernünftig und wohl
disponirten, ingleichen dass dergleichen letzter Wille allezeit mehr Autorität
hätte, als diejenigen Verordnungen, welche von den jüngern gemacht würden.
Hierauf sprach der Alt-Vater: Es ist ganz recht, ich habe schon vor einigen
Jahren meine Gedancken dessfalls sehr weitläufftig zu Pappiere gebracht, welches
sich unter meinen Schrifften finden wird, da sich aber seit der Zeit auf dieser
Insul viel verändert hat, können selbige nun nicht mehr in allen Stücken statt
finden, derowegen will ich, dass auf künftigen Donnerstag G.G. nach verrichteten
Gottes-Dienste die Aeltesten meiner Stämme nebst den vornehmsten Europäern
allhier vor meinem Bette erscheinen, und meine Meinung kürtzlich anhören sollen,
welche mein Sohn Eberhard zu Pappiere bringen kann. Inzwischen möchte doch
zugesehen werden, ob an meinem Sarge und Sterbe-Kleide gearbeitet würde.
    Herr Mag. Schmeltzer versicherte, dass seine Liebste, meine Schwester und
andere mehr das letztere unter Händen hätten, ich aber, um mich ihm biss an sein
Ende gefällig zu erzeigen, ging selber den Berg herab nach Stephans-Raum, und
fand, dass Lademann nebst seinen Leuten so wohl an einem leichten als an einem
andern grossen Sarge, in welchen der leichte kleinere hinein geschoben werden
sollte, arbeitete. Bei Plagern und Morgentalen, den Eisen-Arbeitern, waren die
Rincken und Beschläge auch bereits bestellet, und, um nur des Alt-Vaters Willen
zu erfüllen, sollte der Sarg Mittwochs Abends fertig und Donnerstags früh auf der
Albertus-Burg sein. Der Alt-Vater zeigte über diese Nachricht ein besonderes
Vergnügen, und weil Herr Mag. Schmeltzer diesen Tag nicht von ihm hinweg
gegangen war, fing unser Alt-Vater, indem er sich aus dem gewöhnlichen Schlummer
jählings zu ermuntern schien, auf einmal recht frisch zu sprechen an? Wisset
ihr, mein Herr Sohn! was ich mir vor einen Leichen-Text erwählet? Wie nun Herr
Mag. Schmeltzer hierauf mit Nein! antwortete, fuhr der Alt-Vater im Reden fort:
Den ganzen 23sten Psalm: Der HErr ist mein Hirt, etc. etc. Hierauf könnet ihr
nur immer im voraus studiren, weil ich doch weiss, dass ihr mir eine
Gedächtnis-Predigt halten werdet. Herr Mag. Schmeltzer wünschte, dass GOtt den
Alt-Vater wieder stärcken, damit er diese Gedächtnis-Predigt erstlich nach
Verlauff noch vieler Jahre tun möchte; allein, dieser antwortete weiter nichts
darauf, sondern verfiel wieder in seinen gewöhnlichen Schlummer, blieb auch
folgenden Dienstag und Mitwochen bei dieser Weise, und redete sehr wenig,
ausgenommen, wenn wir ihm zum Speisen nötigten, und vor seinem Bette Bet-Stunde
hielten.
    Hierbei kann ungemeldet nicht lassen, dass wir Montags Nachts zwischen den
2ten und 3ten Octob. einen grausamen Sturm auf der See anmerckten, diejenigen,
so in der Tieffe auf unserer Insul wohneten, hatten zwar weiter keine
Ungelegenheit davon, als etliche Tage nach einander einen gewaltigen Platz-Regen
und einen mässigen Wind, auf der Albertus Burg aber stürmete der Wind etwas
schärffer, so, dass auch die oberste Haube von dem Seiger-Turme abgeworffen
wurde, die Etage aber, worinnen der Seiger war, unbeschädigt blieb. Einige, die
auf die Felsen-Spitzen gestiegen waren, konten nicht gnungsam beschreiben, was
vor ein entsetzliches Ungewitter auf der See sei, indem die Wellen höher stiegen
als unser Kirch-Turm, ja sie wüsten sich von Jugend auf nicht zu besinnen, dass
sich das Meer in dieser Gegend so gar sehr heftig bewegt hätte. Wir sahen also,
dass die Propheceiung des Alt-Vaters wegen des neulichen Erdbebens accurat
eintraff, hofften aber, es sollte sich mit ihm bessern und er noch eine Zeitlang
am Leben bleiben, indessen kamen Mittwochs Abends die 2. Särge auf der Albertus
-Burg an, wir sagten aber dem Alt-Vater nichts darvon, biss er Donnerstags sehr
früh mit einiger Ungedult fragte: Ob denn sein Sarg und Sterbe-Kleid noch nicht
fertig wäre? Wir antworteten darauf mit Ja! und mussten also den Sarg so gleich
in sein Zimmer bringen und gegen sein Bette über setzen lassen. Es waren diese
beiden Särge von dem allerfeinesten Holtze, so auf dieser Insul anzutreffen war,
verfertiget, mit einer braun-rötlichen Farbe angestrichen, das Leisten-Werck
versilbert, schöne Sprüche und Sinn-Bilder darauf gemahlet, und die Rincken
verzinnet. Der innere Sarg war eben so wie der grosse angestrichen und mit grünen
Damast ausgefüttert, wie denn auch ein mit grünen Damast überzogenes Bett und
Haupt-Küssen darinnen lag. Die Frau Mag. Schmeltzerin und meine Schwester
brachten in Gesellschaft meiner Liebsten, der Frau Wolffgangin und vieler
andern Frauenzimmer mehr, das von silber-farbenen Atlas verfertigte
Todten-Kleid, nebst einem Sterbe-Hembde, von der allerfeinesten Holländischen
Leinwand gemacht, ingleichen eine Purpur-farbene Sammet-Mütze und ein paar
weisse seidene Strümpffe, hingen auch diese Stücke, nach seinem Verlangen,
ohnweit des Bettes an die Wand, vergossen aber viele Tränen darbei. Er hingegen
machte ungemein freudige Gebärden und sagte: Meine lieben Kinder, es ist alles
gar zu schön, zierlich und kostbar, allein, warum habt ihr euch so gar grosse
Mühe gemacht, ich bin ja Erde und werde zur Erden werden. Alle Umstehenden
antwortteten bloss mit Seuffzern und Tränen, weil ihm aber dieses vedriesslich
fallen mochte, legte er sich im Bette wieder nieder, und tat die Augen zu,
weswegen der meiste Hausse zurück ging, und nebst der Frau Mag. Schmeltzerin nur
wenige Manns-Personen bei ihm blieben.
    Unter der Zeit, da unten Kirche gehalten wurde, schlug er die Augen auf und
sah sich nach allen um, die im Zimmer waren, sprach darauf recht frisch: Ey,
Kinder! tut mir doch mein Todten-Kleid an, damit ich mich in dem grossen
Spiegel, welchen mir mein Eberhardt mitgebracht hat, beschauen und sehen kann, ob
es mir wohl stehet. Wir waren von Herrn Mag. Schmeltzern gestimmet, ihm in allen
zu willfahren, derowegen halffen wir ihm aus dem Bette, und wunderten uns über
seine erneuerten Kräffte. Herr Mag. Schmeltzers Liebste legte ihm das Kleid an,
er trat vor den Spiegel, lachte, und sprach frölich: Mein grünes
Bräutigams-Kleid, welches mir meine seelige Liebste, Concordia, vor nunmehro bei
nahe 83. Jahren gemacht hatte, gereichte mir zum grösten Vergnügen auf der Welt,
allein, dieses schöne Kleid, in welchem mein schwacher Leib, nachdem die Seele
in den Himmel gefahren, in der Erde schlaffen soll, ergötzt mich noch tausend
mahl mehr. Bald, bald werd ich zu meiner Liebsten Concordia kommen.
    Wir mussten ihn wohl 10. mahl die Stube auf- und abführen, und spüreten
lauter Freude und Vergnügen an ihm, endlich aber liess er sich wieder entkleiden,
und auf den Schlaff-Stul bringen, allwo er mit zugeschlossenen Augen sass, biss
sich die Herrn Geistlichen, benebst den Stamm-Vätern und vornehmsten Europäern
vor dem Zimmer meldeten. Er nahm von jeden den Gruss und Hand-Kuss an, bat, dass
sie erstlich speisen, und hernach wieder zu ihm in sein Zimmer kommen möchten,
weil er vor seinem Abschiede aus dieser Welt, ihnen allen noch etwas vorzutragen
hätte. Sie gehorsameten, und speiseten in den Neben-Zimmern, er, der Alt-Vater,
nahm auch ein wenig Suppe, etliche Bissen von gekochten und gebratenen Speisen,
nachhero ein eintzig Glas Wein zu sich, sass hernach mit offenen Augen in dem
Stuhle, biss der ganze Hausse wieder zurück kam. Nachdem sich die Herrn
Geistlichen und Aeltesten auf Stühle gesetzt, die übrigen aber in Ordnung
getreten waren, befahl er mir, Pappier, Dinte und Feder zu langen, und seine
Rede nachzuschreiben, denn, sagte er: ich werde langsam genung reden. Ich
gehorsamete, und also höreten wir in nachfolgenden Worten:
 
     Die Abschieds-Rede und letzten Willen des Alt-Vaters Alberti Julii I.
Lieben Kinder und wertesten Freunde! Sehet, ich werde in wenig Tagen sterben,
doch, GOtt wird mit euch sein. Meine Seele ist, GOtt sei Lob und Danck gesagt,
wohl beraten, denn ich bin versichert, dass sie GOTT gewiss zu Gnaden auf- und
annehmen wird. Das Zeitliche hatte ich mir bereits aus dem Sinne geschlagen,
jedoch auf Einraten meines Beicht-Vaters, Herrn Mag. Schmeltzers, habe mir
gefallen lassen, vor meinem Abschiede, euch noch mündlich meine Gedancken ein
und anderer Dinge wegen zu eröffnen. Ich habe zwar schon vor einigen Jahren
meinen letzten Willen zu Pappier gebracht, welcher sich unter meinen Scripturen
finden wird, weiln sich aber seit der Zeit auf dieser Insul vieles verändert,
vermehret und verbessert hat, so verlange ich nicht, dass man sich eben in allen
Puncten darnach einrichten solle, ich will aber auch nicht, dass man dieses
Manuscript ganz und gar hinweg werffe, denn die Gesetze, Anweisungen und
Vermahnungen, so ich darinnen gegeben, sind zum Teil noch wohl
Betrachtens-würdig, obschon einige derselben unnöt- und überflüssig sind.
    Das wenige, was ich etwa noch anzuordnen habe, ist dieses:
    1.) Soll mein erstgebohrner Sohn Albertus Julius II. nach meinem Tode auf
diesem meinem Stuhle sitzen, und an meiner Statt das Ober-Haupt auf dieser Insul
sein. Nach dessen Tode folget ihm sein Sohn Albertus III. weiter aber soll sich
das Recht der Erst-Geburt nicht erstrecken, sondern nach dem Ableben Alberti
III. soll derjenige, welcher in den Stämmen meiner Söhne, die aus meinen Lenden
gekommen sind, nehmlich Alberti, Stephani, Johannis, Cristophori und Christiani,
am ältesten an Jahren erfunden wird, das Regiment haben. Jedoch ist meine
Meinung im geringsten nicht, dass ein solches Ober-Haupt als ein souverainer
Fürst regieren und befehlen solle, sondern seine Macht und Gewalt muss durch das
Ansehen und Stimmen noch mehrerer Personen eingeschränckt sein. Demnach sollen
    2.) Neun Senatores oder Vorsteher der Gemeinen, und zwar aus jeglicher
Pflantz-Stadt, wie sie jetzt sind, bleiben, und nach deren Ableben allezeit
andere Aeltesten und Vorsteher erwählet werden. Hiernächst sollen
    3.) aus jeder Pflantz-Stadt noch 3. Beisitzer, nehmlich 1. Felsenburger und
2. Europäer, und zwar nicht nach dem Alter, sondern nach ihrem Verstande und
Wissenschaft ausgesucht werden.
    4.) Mein Vetter Franz Martin Julius, dessen Sohn Eberhard Julius, die
Capitains Wolffgang und Wodlei, auch Litzberg und van Blac, sollen wegen ihres
besondern Verstandes und Geschicklichkeit bei dem ganzen Regimente, welches
solchergestalt mit dem Ober-Haupte aus 37. Personen bestehet, als Geheimbde
Räte stehen, und als Befehlshaber mit zu achten sein.
    5.) Was das Kirchen- und Schul-Wesen anbelanget, so sollen die 3. Herren
Geistlichen freie und unumschränckte Macht und Gewalt haben, darinnen so zu
disponiren, wie sie es vor GOTT und ihrem Gewissen verantworten können, wie ich
denn schon versichert bin, dass sie, wie bisher geschehen, nach Beschaffenheit
der Zeit und Gelegenheit fernerhin alles wohl einrichten werden, derowegen sei
derjenige verflucht, welcher sich ihren löblichen Unternehmungen widersetzt.
    6.) Weiln auch zu befürchten, dass in künftigen Zeiten etwa der Satan, auf
GOttes Zulassung, wie im Paradiese, also auch auf dieser Insul die Menschen zu
groben Sünden, Schanden und Lastern zu reitzen und zu verführen trachten werde,
als zweiffele zwar nicht, es werden die Herrn Geistlichen alle Kräffte anwenden,
demselben zu widerstehen, allein, es wird auch nötig sein, dass die Aeltesten
mit Zuziehung der Herrn Geistlichen nach und nach, wie es nehmlich die Zeiten
mit sich bringen werden, heilsame Gesetze und Ordnungen stifften, wornach sich
ein jeder richten könne und solle.
    7.) Wegen Bau- und Verbesserung des Zustandes auf dieser Insul, will ich
euch, meine liebsten Kinder und Freunde, nichts vorschreiben, sondern alles
eurem Fleisse und Klugheit überlassen. Lasset nur den Capitain Horn, welcher so
viel Treue und Liebe gegen uns erzeiget hat, nicht unbelohnet, bedencket auch
das Volck wohl, das er mit sich führet, denn ihr habt keinen Mangel an
zeitlichen Gütern.
    8.) Nun will ich von dem reden, was mich allein betrifft: Begrabet meinen
Leib an die lincke Seite meiner seel Ehe-Gemahlin, der Concordia, denn ihr
erster Mann liegt ihr zur Rechten, und ich habe mir diese Städte schon seit
vielen Jahren ausersehen.
            Hier fiel Herr Mag. Schmeltzer ins Wort, und sagte, wie er in seinen
        Gedancken gehabt, dass, wenn der Alt-Vater nach GOttes Willen von dieser
        Welt abgefodert werden sollte, denselben in die Kirche gleich vor den
        Altar begraben zu lassen. Nein! rieff hierauf der Alt-Vater: in das
        GOttes-Haus gehören keine todte, sondern lebendige Cörper, lasset mich
        auf dem Gottes-Acker an der Seite meiner allerliebsten Concordia ruhen.
        Wie ihr es sonsten bei Beerdigung meines Cörpers halten wollet, darum
        bekümmere ich mich nicht, weil ich weiss, dass ihr mich liebt, darüber
        aber bin ich höchst erfreuet, dass ich mein schönes Todten-Kleid und
        Ruhe-Cämmerlein noch vor meinen lebendigen Augen habe.
    9.) Wenn sich der itzo noch anhaltende Sturm legen und es wieder stille
Wetter werden wird, werdet ihr mein Ende heran nahen sehen, lasset derowegen
Morgen und Ubermorgen diejenigen zu mir kommen, welche mich noch sehen und den
Segen aus meinem Munde empfangen wollen, auf den Sonntag aber werde ich
beichten, das Heil. Abendmahl empfangen, hernach mich um das Zeitliche nichts
mehr bekümmern, sondern meine Auflösung in stiller Ruhe abwarten.
    Hierauf segnete der liebe Alt-Vater einem jeglichen Stamm und alle
Anwesenden mit Hertz-brechenden Worten, weswegen fast jederman weinete, da er
aber ins Bette gebracht zu werden begehrete, nahmen alle, biss auf etliche
wenige, ihren Abtritt.
    Folgende zwei Tage kamen aus allen Pflantz-Städten Alt und Jung herbei
gezogen, und nahmen, ein Geschlecht nach dem andern, mit tränenden Augen und
Küssung seiner Hände beweglichen Abschied von dem Alt-Vater, er aber erteilete
ihnen den Segen mit frölichen Geberden.
    Sonntags Vormittags hielt Hr. Mag. Schmeltzer den GOttes-Dienst in seinem
Zimmer, zu Ende desselben beichtete der Alt-Vater, und empfing das Heil.
Abendmahl sehr andächtig, wollte aber nachhero nicht das geringste von Speise und
Tranck zu sich nehmen, sondern er liess sich den ganzen Tag über Wechsels-weise
geistliche Lieder und Sterbe-Gebeter vorsingen und lesen. Nach verrichteten
GOttes-Dienst unten in der Kirche, versammleten sich die Herrn Geistlichen und
Alt-Väter zu ihm, allein, er liess sich nicht in seiner Andacht stöhren, sondern
verharrete stets im Beten und Singen.
    Eben diesen Sonntag, den 8 Octobr. 1730, Abends gegen Untergang der Sonnen,
fing der Sturm an, sich zu legen, welches der Alt-Vater sogleich vermerckte, und
mit annoch ziemlich starker Stimme sprach: Meine Seele wird noch vor Mitternacht
bei GOtt sein, inzwischen haltet an im Gebet. Die Herren Geistlichen beteten und
sungen also Wechsels-weise, was ihnen der Geist eingab, der Alt-Vater hatte die
Augen verschlossen, rührete aber noch immer die Lippen biss gegen 10. Uhr, da wir
erstlich, indem er Herrn Mag. Schmeltzern die Hand reichte, vermerckten, dass ihm
die Sprache vergangen war, und er immer schwächer zu atemen anfing, jedoch der
Verstand war noch vollkommen da, weil er auf etliche Fragen, die Hr. Mag.
Schmeltzer noch an ihm tat, das Haupt neigete, und die Hände aufhub: Derowegen
segnete ihn derselbe ein, und gleich, nachdem der Seiger II. geschlagen,
trennete sich die Seele von seinem Cörper, welcher doch nicht das geringste
Zeichen einiges Schmertzens, etwa mit Zucken oder sonsten von sich gegeben
hätte, sondern es blieb ihm nur der Mund offen stehen.
    Nunmehro ging das Lamentiren und Weh-Klagen bei Grossen und Kleinen erstlich
recht an, allein, die Herren Geistlichen redeten allen tröstlich zu, so, dass
sich die meisten auf die Seite machten, und ihre Klage in Geheim führeten. Wir
aber, die wir in etlichen Tagen und Nächten daher sehr wenig geschlaffen hatten,
bestelleten andere Wächter bei die Leiche, und legten uns nieder, um etwas
auszuruhen.
    Gleich mit Aufgang der Sonnen wurde dieser Trauer-Fall allen Insulanern mit
12. Canonen, da immer eine, eine Minute nach der andern, abgefeuert wurde, kund
getan, auch wurden Mittags von 11. biss 12. Uhr alle Glocken auf dem
Kirch-Turme geläutet, und damit 6. Wochen nach einander fortgefahren, da denn
Capitain Horns ehemahlige Sclaven sich zu dieser Arbeit sehr fleissig einfanden.
Noch dieses Montags mussten die Maurer, unter Anweisung Mons. Litzbergs, auf dem
Gottes-Acker, und zwar auf der Stätte, die sich der sel. Alt-Vater neben seiner
Concordia Grabe erwählt hatte, ein gemaurtes und gewölbtes Grab zu machen
anfangen, inzwischen wurde die Leichè angekleidet und in den Sarg gelegt, indem
fand sich unser Mahler Hollersdorff ohngeruffen von selber herbei, und
zeichnete des sel. Alt-Vaters Gesichts-Bildung ab, welches mir und vielen andern
um so viel desto angenehmer war, weil sich in diesem Betrübnisse niemand darauf
besonnen hatte. Donnerstags ging die Beerdigung vor sich, und der Zug fast auf
eben die Art, wie am Jubel Feste, nur dass die Kinder und Jungfrauen alle weiss,
die Weiber und übrigen Manns-Personen, sowohl ledige als verheiratete, alle in
schwartzer Kleidung erschienen. Die Leiche wurde nicht getragen, sondern auf
einem mit schwartzen Tuche behangenen Wagen gefahren, wie denn auch die 4.
Pferde schwartze Decken aufliegen hatten. So bald der Zug von der Albertus-Burg
herunter ging, wurden 12. Canonen gelöset, hernach, da wir mitten im grossen
Garten waren, abermals 12. Canonen, und endlich, da der Sarg in das Grab
gesetzt wurde, zum dritten mahle 12. Canonen abgefeuert, auch mit Lauten der
Glocke nicht eher inne gehalten, biss wir alle wieder zurück auf die Albertus
-Burg kamen.
    Die Leichen Predigt und übrige Andacht, auch Ehren-Bezeugungen, waren
ausgestellt biss künftigen Sonntag, da Herr Mag. Schmeltzer dem seligen
Alt-Vater eine ungemein vortreffliche Leichen-Predigt über dessen selbst
erwählten Leichen-Text hielt. Es erschien zwar alles in Trauer-Habit darinnen,
allein, es war weder Cantzel, Altar, Tauff-Stein, Orgel noch sonsten etwas mit
schwartzen Tuche bekleidet, sondern in der Kirche blieb alles in seiner
behörigen Ordnung, wie es war. Vor der Leich-Predigt wurde mit gedämpfften
Instrumenten und dem Orgel-Wercke eine bewegliche Cantata, nach derselben aber
eine Trauer-Ode musiciret, es hatte auch bei öffentlichen Gottes-Dienste die
Kirchen-Music GOtt zu Ehren alle Sonntage ihren Fortgang, sowohl als wie die
Orgel zu den Choralen immerfort gespielet wurde, so, dass dieser, obschon grosse
Trauer-Fall, bei dem, was GOtt zu Ehren sonst gestifftet worden, dennoch nicht
die geringste Aenderung machen sollte.
    Ausserdem aber war auf der Insul alles Volck sehr niedergeschlagen und
betrübt, und kamen die hauptsächlichsten Besorgungen auf die Capitains
Wolffgang, Wodlei, Horn und Mons. Litzbergen an, als welche alles unumgänglich
nötige veranstalteten.
    Am 23 Octobris, nahm unser nunmehriger Aeltester und Regent, Albertus Julius
II. auf der Vorsteher und unser aller Einraten, die so genannte Huldigung von
allen Stämmen ein, und es wurden dieselben, weil es sehr schön Wetter war, auf
dem grünen Taffel-Platze gespeiset, kehreten aber mit Untergang der Sonnen jeder
in seine Behausung, und es ging wegen der tieffen Trauer ganz stille zu. Bei
dieser Gelegenheit wurden nicht nur die bisherigen Aeltesten der Stämme in ihrem
Amte bestätiget, sondern auch aus jeder Pflantz-Stadt nach des seeligen
Alt-Vaters Willen 3. Beisitzer erwählet und dieselben bestellet, wenigstens
voritzo eltliche Wochen hintereinander, allezeit Donnerstags nach angehörter
Predigt auf der Albertus-Burg zu erscheinen, um das gemeine Beste zu
beratschlagen. Ein jeder Stamm gab demnach ein, was in seiner Pflantz-Stadt
annoch voritzo vor der Erndte höchstnötig zu bauen und zu verbessern sei,
ingleichen kam in Vorschlag, dass neben der Kirche etliche geraumliche Häuser vor
die 3. Herrn Geistlichen, Informatores, insonderheit auch ein besonderes
Schul-Haus vor diejenigen Knaben erbauet werden sollte, welche sich nicht auf das
Haus-Wesen, sondern auf die Teologie und ander hohe Studia legen wollten.
Allein, ehe wir alles dieses Bau-Werck noch anfingen, erfuhren wir zu gröster
Verwunderung, dass uns ein unverhofftes Stück Arbeit vorgekommen war; denn es
hatte sich der letztere Sturm-Wind in der Bucht, wo Capitain Horns Schiff lag,
dergestalt gefangen, dass es von allen Seilen und Anckern los gerissen, und
dergestalt an die Felsen-Ecken geschleudert und zerstossen war, dass diese ganze
grosse Machine fast gäntzlich wandelbar und unbrauchbar worden, worbei am
meisten zu bedauern, dass 4. Canonen mit der Wand heraus gefallen und versuncken
waren. Capitain Horn krauete sich zwar ziemlich im Kopffe dieses Unglücks-Falls
wegen, allein, wir redeten ihm zu, dass er sich dieserwegen keinen Kummer machen
möchte, indem sein Schiff nicht allein wieder in vollkommenen Stand gestellet
werden, sondern auch er, wenn er gleich mit seinen Leuten noch Jahr und Tag
allhier verbleiben müste, doch eben so viel Profit haben sollte, als wenn er eine
3. jährige Reise nach Ost-Indien getan hätte. Demnach musste er sich wohl
zufrieden geben, das Schiff aber wurde aus der Bucht heraus geführet, und am
Fusse unserer Felsen-Insul aufs Trockene gebracht. Sonsten waren die Boote auch
ziemlich zerlästert, so, dass die zwei, mit welchen unsere Leute binnen wenig
Tagen nach der Insul Klein-Felsenburg fahren und dasigen Gästen frische
Lebens-Mittel bringen sollten, ebenfalls erstlich ausgebessert werden mussten.
    Nachdem dieses geschehen, bekamen unsere Leute unter Anführung des Capitain
Horns ihre völlige Ladung von Lebens-Mitteln, kamen aber noch selbigen Abends
mit der Nachricht zurücke, dass sich 9. Portugiesen, welche im letztern Sturme in
dieser Gegend Schiff-Bruch erlitten, mit einem Boot bei den Matrosen auf der
Insul Klein-Felsenburg eingefunden, weil sie daselbst Feuer und Rauch aufgehen
sehen. Die Capitains Wolffgang und Wodlei waren curieux, diese neu angekommenen
Gäste zu besehen, zumahlen da sie höreten, dass ihr Capitain auch mit unter den
Erretteten sei, derowegen bekam ich, nebst einigen andern, worunter sich auch
Mons. van Blac befand, ebenfalls Lust mit hinüber zu fahren, und ihre
Unglücks-Fälle anzuhören. Also nahmen wir wenig Tage hernach etwas mehrere
Delicatessen nebst etlichen Fässlein von dem allerbesten Weine zu uns und fuhren
hinüber, traffen auch die 9. Fremden mehrenteils vor ihrer Hütte sitzend an,
welche, da sie uns vor etwas ansehnlicher als andere, vielleicht auch wohl gar
vor strenge Befehlshaber ansahen, so gleich aufstunden und uns entgegen kamen.
Mons. van Blac, welcher am besten mit ihnen Portugiesisch sprechen konnte,
bewillkommete sie in unserer aller Nahmen aufs freundlichste, und verdeutschte
uns hingegen, was sie antworteten. Da aber eben dieser, weil er so lange kein
Portugiesisch gesprochen, sich fast nicht satt schwatzen konnte, sagte ich: Ey!
Mons. van Blac! führet doch die ehrlichen Leute an das Ufer, oder lasset ihnen
von unsern Boote das mitgebrachte abholen. Mein Herr! sagte er, unsere eigenen
Leute sind schon beschäfftiget, alles herbei zu schaffen; es war auch wahr, und
bald hernach speiseten wir mit 8. Portugiesen unter freiem Himmel, denn der 9te
besorgte, als Koch, die Küche, und trug auch die Speisen, so er zugerichtet
hatte, selbst auf. Da er nun fertig war und wir unsere mitgebrachten Confituren
und Weine auch herbei brachten, wollte sich dennoch der Koch nicht setzen,
sondern blieb dem van Blac gegen über stehen, und sah ihn beständig in die
Augen. Endlich brach ich los, und sprach: Mons. van Blac, der gegen euch über
stehende Koch, ist gewiss mit unserem Tractamenten oder der ganzen Aufführung
nicht zufrieden, denn er sieht euch beständig ernstaft an. Es kann sein oder
auch nicht sein, antwortete hierauf der Koch, aber, wenn der Herr van Blac sich
satt gegessen hat, werde ich mir ausbitten, einige Worte mit ihm allein zu
reden. Hiermit drehete er sich herum, und ging nach den Hütten zu. Der
Portugiesische Capitain aber fing an zu sagen: Ja, meine Herren, keinen
fleissigern, getreuern und Gottesfürchtigern Christen-Menschen habe ich
Zeit-Lebens nicht gesehen, als diesen Koch, ohngeacht er nicht meiner Religion,
sondern ein Holländer ist. Wie? ein Holländer? fragte Mons. van Blac. Ja, mein
Herr, sagte der Portugiese, er ist ein gebohrner Holländer, und hat unsere
Sprache binnen wenig Jahren doch dergestalt wohl gelernet, dass ihn jedermann vor
einen Portugiesen hielte, wenn er nur nicht immer so tieffsinnig und traurig
wäre.
    Durch Ankunft etlicher von Capitain Horns Leuten wurde dieser Discours auf
etwas unterbrochen, da aber alles abgehandelt und jedermann vom Tische
aufgestanden war, gingen wir alle ein wenig unter den Bäumen herum spatziren,
mittlerweile kam oft gemeldter Koch wiederum zum Vorscheine, doch in weit
sauberer Figur, denn er hatte nicht allein weisse Kleidung angezogen, einen
artigen Türckischen Bund um seinen Kopff gemacht, sondern sein Gesicht, Hände
und Arme sehr rein gewaschen, so, dass man an ihm eine ungemeine Zarte Haut
betrachten konnte.
    Mons. van Blac blieb, so bald er den Koch in solcher Gestalt vor sich stehen
sah, als ein steinern Bild stehen; der Koch auch; endlich erholete sich Mons.
van Blac und sagte: Mein Freund! wenn ihr ein Holländer seid, so wird mirs auch
nicht fehlen, dass ihr aus dem Geschlecht meiner seligen allerliebsten Ehe-Frauen
Charlotte Sophie van Bredal seid, denn dieser ihre Gesichts-Bildung, die mir
immer noch Tag und Nacht vor den Augen schwebt, kömmt mit der eurigen vollkommen
überein. Ich schreibe mich van Bredal, antworttete der Koch, und kann vielleicht
ein Freund von der Charlotte sein, habe auch vernommen, dass sie einen
unbekandten Menschen geheiratet hat, aber wo ist die Charlotte hingekommen?
Ach! schrye der van Blac, meine allerliebste Charlotte ist mir, nach erlittenem
Schiff-Bruche, durch eine ungestüme Welle, da sie sich nebst mir auf einen
Balcken gesetzt hatte, in der finstern Nacht von der Seite hinweg geschlagen und
in die Tieffe des Meeres begraben worden. Hierbei stiegen dem van Blac die
Tränen in die Augen, und er wäre gewiss umgesuncken, wenn wir ihn nicht erfasset
und an einen Baum nieder gesetzt hätten. Der Koch sah ihn starr an, so bald
aber van Blac die Augen nur in etwas eröffnete, sagte der Koch: Mein Herr und
Freund! ihr habt eines teils recht, andern teils aber seid ihr irrig; denn
eure Charlotte ist nicht in die Tieffe des Meeres begraben, sondern lebt noch,
und hat das Vergnügen, euch wieder, ob gleich in Manns-Habit, zu umarmen. Unter
diesen Worten umarmete und küssete sie ihn, fiel bei ihm nieder, und liess nicht
nach, biss er vollkommen wieder zu sich selbst kam.
    Diese verwunderungs-volle Avanture setzte so wohl uns als den
Portugiesischen Capitain in die gröste Erstaunung, und obschon dieser nicht so
viel von Mons. van Blacs Lebens-Geschichte wusste, als wir, so wunderte er sich
doch über nichts mehr, als dass dieser Koch sein Geschlecht so lange zu
verbergen, geschickt gewesen, indem kein Mensch auf dem Schiffe jemahls auf die
Gedancken geraten, dass unter seinen Kleidern ein Frauenzimmer versteckt sei.
    Seid ihr noch ledig, und im Stande, eure Charlotte wieder anzunehmen, sagte
eben diese Charlotte zu ihrem van Blac, oder soll ich eure Person missen? Nein,
mein Engel! antworttete dieser, nun solst du, und keine andere, mein Vergnügen
sein, weil ich auf dieser Welt lebe. Es wäre zwar fast geschehen, dass ich mich
mit einer artigen unschuldigen Seele, in ein neues Ehe-Verlöbnis eingelassen
hätte, allein, der Himmel hat solches durch andere betrübte Zufälle zurück
gehalten, nunmehro aber hoffe ich ohne jener ihren Verdruss, und ohne fernere
Unruhe, biss an mein Ende, mit dir allhier vergnügt zu leben, wenn du nur
erstlich gesehen hast, was du dir itzo noch nicht einbilden kanst.
    Ich Eberhard Julius hatte mein besonderes Vergnügen über diese ganz
unverhoffte Zusammenkunft dieser beiden Ehe-Leute; und zwar in Erwegung meines
ehemahligen Schicksaals, schlich mich aber von der Compagnie hinweg, befahl
meinen Felsenburgern, dass sie noch vor Nachts wieder zurück fahren, Morgen früh
eiligst wieder kommen, und von der Frau Mag. Schmeltzerin ein, nach der
Felsenburgischen Mode gemachtes vollkommenes Frauenzimmer-Kleid, mitbringen
sollten. Nachhero liessen wir den höchsterfreuten van Blac nebst seiner Liebste,
die in Wahrheit, ohngeacht aller ihrer ausgestandenen Kümmernisse, noch ein
recht schönes Frauenzimmer vorstellete, im Grünen etwas allein, und höreten zu,
was Capitain Horn mit seinen Untergebenen vor hatte. Diesen eröffnete er nun
erstlich, was sich mit seinem Schiffe zugetragen, und dass man solches fast ganz
von neuen würde bauen müssen; allein, selbige kehreten sich daran nicht, sondern
sagten: Lieber Capitain, wir leiden hier keine Not, und wenn es so fort geht,
so lasset uns so lange hier bleiben, biss es noch einmal Sommer wird, binnen der
Zeit wollen wir schon ein neues Schiff bauen. Diese Leute hatten meines Kopffs
viel, derowegen fingen wir alle hertzlich an zu lachen, und ich versprach: dass,
wo es ihnen gefiele, noch 2. Jahr und länger hier zu bleiben, sie an guter
Speise und Tranck niemahls Mangel leiden sollten. Sie waren hierüber sehr
erfreuet, und versprachen, sich jederzeit als redliche Schiff-Leute aufzuführen.
Indem wir aber einmal beschlossen hatten, bei der zeitiger angenehmen Witterung
selbige Nacht auf der Insul Klein-Felsenburg zuzubringen, lagerten wir uns alle
in einer recht lustigen Gegend, und liessen Caffée zubereiten, worbei sich Mons.
van Blac nebst seinem schönen Koche endlich auch einstellete. Mein Herr! sprach
Mons. van Blac zu dem Portugiesischen Capitain, ich werde euch diesen Koch
abspenstig machen, und ihn zu meinem Schlaff-Gesellen behalten, weil ich das
allergröste Recht darzu habe; allein, saget mir, worinnen ich euch eine
Gegengefälligkeit erweisen kann. Der Portugiesische Capitain war höflich, und
sagte: dass er über diese Person nichts zu gebieten, sondern sich vielmehr zu
gratuliren Ursache hätte, dass er dieselbe vor einigen Jahren nach erlittenen
grausamen Sturme, an einer wüsten Stein-Klippe gefunden, beim Leben erhalten,
und auf seinem Schiffe mit nach Ost-Indien nehmen können. Er bedaure zwar, dass
sein Schiff in dem letztern Sturme mir vielem Gute und Volcke untergangen, wäre
aber doch noch in etwas froh, dass er nebst diesen 8. Personen sein Leben
gerettet, nach langen Herumfahren endlich diese Insul gefunden, und Hoffnung
bekommen, dass man ihn wieder in sein Vaterland schaffen wolle. Wir versprachen
diesem ehrlichen Manne alle möglichste Hülffe zu leisten, weil ich aber so
neugierig war, der Frau van Blac wunderbare Lebens-Erhaltung zu vernehmen, als
stillete sie meine und unser aller Couriositée mit folgender Nachricht:
    Wie ich vernommen, sprach sie, so hat mein Liebster unser beider Geschichte,
seinen wertesten Freunden allhier schon ausführlich erzählet, derowegen will
nur melden, dass, als mich, nach erlittenem Schiffbruche, die ungestümen Wellen
auch nicht einmal auf dem Balcken bei meinem Liebsten wollen sitzen lassen,
sondern mich in der allerdunckelsten Nacht herunter geworffen hatten, ich meines
Erachtens erstlich fast biss in den Abgrund versenckt, plötzlich aber wieder
empor gehoben wurde, da mir nun alle Sinnen und Gedancken vergehen wollten, ich
mich auch bereits dem Tode ergeben hatte, stiess ich mit dem Kopffe dergestalt
heftig an ein Stück eines zerbrochenen Schiffs, dass ich, ohngeacht der
Erkältung im Wasser, dennoch fühlete, wie mir das heisse Blut im Rücken herunter
lieff, jedoch dieser Stoss, welcher mich vollends hinrichten können, dienete mir
vielleicht zur Ermunterung, denn als ich meine Arme ausreckte, kriegte ich so
gleich von ohngefähr einen eisernen Rincken zu fassen, an welchem ich mich vest
anhielt, und also in der wilden See mit diesem Stücke fortgetrieben wurde, biss
der helle Tag anbrach, da sah ich nun, dass dieses ein sehr grosses und breites
Schiffs-Stücke war, ersah auch die Gelegenheit, mich darauf zu schwingen, und
auf einer Ecke desselben sitzen zu bleiben, brauchte anbei die Vorsicht, dass ich
einen breiten Saum von meinen Unter Kleidern abriss, ein Seil daraus drehete, und
selbiges an meinem Arme sowohl als an den eisernen Rincken bevestigte, damit,
wenn ich ja allenfalls wieder herunter geworffen würde, ich mir dennoch wieder
hinauf helffen könnte; allein, die See wurde selbigen Tages völlig stille, und
ich wurde von einem sanften Winde fort- aber weit von den Insuln des grünen
Vorgebürges hinweg getrieben, so, dass ich dieselben noch vor Abends aus meinen
Augen verlohr. Es brach abermals eine dunckle Nacht ein, doch war See und alles
ungemein stille, so, dass mich endlich mein Fahrzeug in einem sanften Schlaff
wiegte, dessen ich mich auch mit Fleiss nicht erwehren wollte, weiln nur wünschte,
in selbigen ohne Marter mein Leben zu endigen, indem mir nicht allein das Wasser
den Tod drohete, sondern sich auch in meinen Schubsäcken kaum auf 2. Tage
NahrungsMittel befanden. Mit aufgehender Sonne erwachte ich, und spürete, dass
mir im Leibe ziemlich wohl war, nur die Wunde am Haupte fing mich an zu
schmertzen, ich konnte aber nichts daran tun, als dieselbe mit See-Wasser
auswaschen. Es war dieses ein sehr heisser Tag, denn die Sonne brannte wegen der
stillen Lufft gewaltig, derowegen plagte mich der Durst mehr als der Hunger, und
ich meinte nichts anders, als dass ich verschmachten müste, jedoch die Güte des
Himmels hatte in der folgenden Nacht mein Fahrzeug dergestalt an eine aus der
See hervor ragende Klippe getrieben, dass ich ganz commode absteigen und an
dieser Klippe hinauf klettern konnte. Was mich am meisten ergötzte, war dieses,
dass ich in einer Klufft derselben ein ziemlich Teil süss Wasser antraff, welches
von dem neulichen Regen daselbst zusammen gelauffen war. Wenn ich sonsten diese
Klippe beschreiben soll, so war sie, meines Erachtens, mit ihrer höchsten Spitze
nicht höher als 50. biss 60. Ellen, und bei damahliger See etwa an ihrem Fusse
80. biss höchstens 100. Schritt im Umfange, allein, man konnte nicht rings um
dieselbe herum gehen, weil es als ein steiler Turm und an teils Orten das
Wasser gar zu nahe anschlug, an zwei Orten aber sah man unten eine kleine Ebene
von 10. biss 12. Schritten lang, aber nicht gar zu breit. Biss auf die halbe Höhe
konnte man diesen Felsen besteigen, und da fand sich ein Absatz, allwo, wie in
einem Bette, 3. biss 4. Personen neben einander liegen konten, sonsten aber
fanden sich wenig Stuffen, wo etwa 2. oder 3. neben einander hätten stehen oder
sitzen können. Ich erwählete mir dieses gemeldte steinerne Bette zu meinem
Grabe, und war gesonnen, so bald ich vom Hunger und Durst ermattet wäre, mich
dahinein zu legen, und mein Ende abzuwarten; allein, da ich mich Nachmittags
wieder herunter an den Fuss des Felsens begab, fand ich nicht allein verschiedene
Kästen und Pack Fässer, sondern auch 4. todte männliche Cörper, welche die See
dahin getrieben, zwei von diesen Todten hatten etwas Brod, Böckel-Fleisch und
Käse in ihren Schubsäcken, ob es nun gleich ziemlich eckelhaft war, so legte
ich doch alles mit Fleiss an die Sonne, suchte weiter, und fand bei den andern
ein Horn mit Schiess-Pulver, ingleichen ihr Tobacks- und Feuer-Zeug. Meine erste
Bemühung war also, dass ich das Pulver und zum Feuermachen gehörige, an der Sonne
trocknete, um nur Feuer und Rauch anmachen zu können, damit, wenn etwa ein
Schiff vorbei passirte, es doch an diesen Zeichen, verunglückte Menschen
bemercken und dieselbe retten könnte. Demnach schlug ich auch etliche Fass-Böden
und andere Splitter mit spitzen Steinen von einander, und war so glücklich, dass
ich, noch ehe es Nacht wurde, ein grosses Feuer anmachen konnte. Selbige Nacht
schlieff ich auf den Kleidern der 4. ertrunckenen Menschen sehr geruhig, und kann
in Wahrheit sagen, dass ich damahls weder Eckel noch Furcht bei mir gespüret.
Früh Morgens, so bald die Sonne aufgegangen war, ging ich wieder hinunter an den
Fuss des Felsens, und befand, dass derselbe viel breiter, indem die See sehr
gewichen war, auch sah ich; dass noch ungemein viel Kisten, Ballen, Fässer und
andere Sachen, ingleichen noch 2. todte Cörper an den Felsen geschoben waren,
derowegen liess ich meine erste Arbeit sein, die Todten biss auf die Hembder
auszuziehen, und sie in den Sand zu scharren, weilen, wenn gleich Schauffeln und
Hacken da gewesen wären, ich ihnen dennoch in den harten Fels keine Gräber
machen können. Ich fand bei den 2. Letztern, welche sehr wohl gekleidet waren,
viel goldene und silberne Müntze, schöne Ringe, auch viel Gold und edle Steine
in ihren Kleidern vernehet, allein, ich hatte gar keine Freude darüber, vielmehr
gereichte mir zu meiner Ergötzlichkeit, dass ich 2. wohl verwahrte Fässlein Wein
und 3. Fässer süsses Wasser, ingleichen 2. Fass voll Zwieback und 1. Fass voll
geräuchert Fleisch in die Hände bekam. Um die andern Kisten, Kasten, Fässer und
Ballen bekümmerte ich mich wenig, sondern nur um Holtz, Splittern, und Breter
aufzufischen, damit ich mir ein Wetter-Dach bauen und auch zum Verbrennen etwas
haben könnte, denn auf meinem Felsen war weder Laub noch Grass, auch nicht die
geringste Staude, sondern nur hie und da etwas Moos zu sehen, weil es ein purer
Stein-Klippe und gar keine Erde darauf war.
    Demnach richtete ich mir binnen etlichen Tagen ein Wetter-Dach über mein
Felsen-Bette auf, so, dass ich auch im Regen trocken liegen konnte. Meine Nahrung
war der gefundene Zwieback, Wasser und Wein, und weil ich kein Trinck-Geschirr
hatte, so verfertigte ich mir eins aus einem Stück Leder, welches ich auch so
ohngefähr am Ufer gefunden hatte. Das Fleisch, so ich hatte, konnte in
Ermangelung eines Geschirres nicht kochen, derowegen steckte selbiges an ein
spitz gemachtes Holtz, begoss es öffters mit Wasser, und liess es am Feuer so
lange braten, biss es kauen und gemessen konnte. Mein Feuer liess ich Tag und Nacht
brennen, und meine tägliche Arbeit war Holtz aufzufischen, und selbiges zu
spalten, worbei mir ein breites Seiten-Gewehr, das einer von den ertrunckenen an
sich hatte, ungemein nützlich war.
    Kurtz zu sagen, ich wendete allen Fleiss an, mein Leben, so lange als
möglich, zu erhalten, um nicht aus Nachlässigkeit, als eine Selbst-Mörderin, in
des Himmels-Straffe zu verfallen, und mich um die ewige Seligkeit zu bringen. Da
ich aber den Uberschlag gemacht, dass ich nunmehro binnen 14. Tagen an Holtze und
Lebens-Mitteln (ausgenommen das süsse Wasser, welches so lange nicht reichen
oder sich halten dürffte,) so viel Vorrat hätte, mich länger als 3. Monat damit
zu behelffen, nahm ich mir vor, etliche Tage auszuruhen, doch waren meine Augen
beständig nach der See gerichtet, um zu sehen, ob nicht ein Schiff vorbei
seegelte, weswegen ich denn auch bei Tage viel nass Holtz und Moos auf das Feuer
warff, damit ein desto stärckerer Rauch aufsteigen sollte, allein, es wollte sich
keines erblicken lassen, derowegen hielt ich meinem Verhängnisse stille,
beklagte den mutmasslichen Tod meines lieben Ehe-Mannes van Blac mit bittern
Tränen und Seuffzern, so wohl als mein ganzes übriges Schicksal, jedoch kam
mir fast alle Nacht im Traume vor, als ob ich disseit eines Flusses, mein Blac
aber mit vielen schwartz und weiss gekleideten Leuten, jenseit desselben stünde,
und mir immer ein Seil nach dem andern zuwarff, um mich dahin zu bewegen, in den
Fluss zu schwimmen, und das Seil zu ergreiffen. Eines Morgens, da ich eben
dergleichen Traum gehabt, sprach ich selbst noch halb im Schlaffe diese Worte zu
mir: Du wirst auf diesem Felsen nicht sterben, sondern errettet werden, und
deinen Liebsten van Blac endlich wieder zu sehen kriegen. Ob ich nun schon diese
Worte in der Phantasie selbst zu mir gesprochen, so trösteten sie mich doch
dergestalt, dass ich fast völlige Hoffnung zu meiner Errettung schöpffte.
Immittelst fiel mir dabei ein, um desto mehrerer Sicherheit meiner Ehre wegen,
die Weibs-Kleider aus- und hergegen ein Manns-Kleid von den Ertrunckenen
anzuziehen, auch mich vor einen Schiffs-Koch auszugeben, indem ich aus den
Briefschaften des einen Ertrunckenen sah, dass er ein Koch, und auf der
Rück-Reise aus Brasilien nach Portugall begriffen gewesen. Meine Kleider warff
ich also in die See, und zohe einen völligen Manns-Habit an, schnitt meine Haare
vor einem gefundenen Spiegel vollends kurtz ab, weil ich ohnedem wegen der
gehabten, jedoch bereits geheilten Haupt-Wunde schon ein ziemlich Teil
derselben abgeschnitten hatte. Kurtz von der Sache zu reden, ich sah meiner
Meinung nach einer Manns-Person vollkommen ähnlich, und truge zwischen zweien
Hembdern ein ledern Collett.
    Endlich da ich 5. Wochen und 4. Tage auf diesem Felsen zugebracht, erschien
die Stunde meiner Erlösung, denn dieser ehrliche Portugiesische Capitain,
welcher im Sturme auch viel ausgestanden, und sein Schiff auf den Insuln des
grünen Vorgebürges erstlich wieder ausgebessert hatte, ersiehet den Rauch von
meinem angemachten Feuer aussteigen, und weil er daraus abnimmt, dass ohnfehlbar
daselbst verunglückte Menschen sich aufhalten müsten, schickte er ein Boot zu
mir herüber, und liess mich abholen, da denn die Matrosen auch, auf mein
Erinnern, das am Felsen liegende Gut aufluden, und mit auf sein Schiff führeten.
Es nahmen mich alle diese Leute mit Freuden auf, und muss ich sagen, dass ich
jederzeit sehr höflich und freundlich von ihnen tractirt worden bin, auch hat
man mir nachhero die Helffte des Werts von denen an meinem Felsen gefundenen
Gütern baar und richtig ausgezahlt.
    Gern wäre ich zwar solchergestalt, da ich ein Capital von mehr als 60000.
Tlr. bei mir hatte, wieder in Europa gewesen, da ich aber nicht verlangen
konnte, dass man meinetwegen umkehren solle, liess ich es mir gefallen, als
Schiffs-Koch eine Reise nach Ost-Indien mit zu tun, habe durch Handel und
Wandel viel daselbst erworben, in dem vergangenen Sturme aber auch viel
eingebüsst, bin, weil ich jederzeit verträglich, nüchtern und mässig gelebt,
doch niemahls in Verdacht kommen, dass ich eine Weibs-Person sei, und bringe
meinem lieben Manne, meines erlittenen Schadens ohngeachtet, doch noch einen
neuen Braut-Schatz an Gelde und Kleinodien von etlichen 20000. Tlr. wert mit,
indem ich, ehe unser letzteres Schiff versuncken, einen Sack, der mit meinen
besten Sachen angefüllet war, mit in das Boot geworffen, auch glücklich anhero
auf diese Insul gebracht habe. Wie nun hiermit die Frau van Blac die kurtze
Nachricht ihrer bisherigen Fatalitäten beschlossen, sagte Mons. van Blac zu ihr:
Mein Schatz! Der Himmel hat euch und mich an einen solchen glückseeligen Ort
geführt, allwo Gold, Silber, Geld und Edle-Steine vor nichts geachtet werden,
jedoch ihr werdet alles besser mit euren Augen sehen, als ich es euch erzählen
kann, denn ich hoffe, unsere wertesten Freunde werden uns erlauben, dass wir
unsere Lebens-Zeit, jedoch nicht als Müssiggänger, bei ihnen zubringen dürffen.
Es würde uns allen wehe tun, gab ich hierauf zur Antwort, wenn ihr als ein
Paar, welches der Himmel nach so vielen ausgestandenen Gefährlichkeiten und
schmerzlichen Leidwesen wiederum so wunderbarer Weise allhier zusammen geführet
hat, uns verlassen woltet; Bleibet derowegen ja bei uns, und nehmet so wohl als
wie wir, mit demjenigen vorlieb, was uns die Gütigkeit des Himmels in unsern
gelobten Lande schenckt. Wir brachten hierauf den Abend mit allerhand vergnügten
Gesprächen zu, legten uns hernach in einer Laub-Hütte schlaffen, und sahen kurtz
nach Aufgang der Sonnen das Felsenburgische Boot wieder zu uns kommen. Die Frau
Mag. Schmeltzerin hatte mir mit demselben nicht nur einige vollkommene schwartze
Frauenzimmer-Kleider, sondern auch allerhand andern Zubehör übersendet.
Derowegen ging ich damit zur Frau von Blac, und sagte: Madame, ich nehme mir die
Ehre, ihnen wiederum die ersten Frauenzimmer-Kleider zu præsentiren, und bedaure
nur dabei, dass es TrauerZeug ist, hoffe aber, dass sie sich keine böse
Vorbedeutung daraus machen werden, denn da das Ober-Haupt dieser Insuln vor
wenig Tagen gestorben, und wir sämmtlichen Einwohner in der tieffsten Trauer
begriffen sind, werden sie sich als eine Anverwandtin von uns allen, ebenfalls
nicht weigern, auf die behörige Zeit die Trauer anzulegen. Sie brachte ihre
Danckbarkeit und Willfahrung mit wohl gesetzten Worten vor, worauf wir sie in
einer Hütten alleine und ihr das Auslesen unter den Kleidern liessen; es verging
aber keine Stunde, da sie sich in dem reinlichsten und zierlichsten Putze
wiederum bei uns einstellete. Ein jeder bewunderte ihre besonders schöne
Gesichts-Bildung, und musste nunmehro gestehen, dass selbige durch den Kochs-Habit
ungemein verdunckelt worden. Mons. van Blac war vor Freuden ganz ausser sich
selbst, und mir wollte selber Zeit und Weile lang werden, ehe wir dieses schöne
Bild unter unser Frauenzimmer auf Gross-Felsenburg brächten, derowegen wurde nur
eine kurtze Mahlzeit gehalten, und wir versprachen denen, so auf
Klein-Felsenburg bleiben mussten, ihnen nicht allein alles, was sie nötig hätten
von Zeit zu Zeit zuzusenden, sondern sie auch ehestens wieder zu besuchen,
nahmen darauf vor dieses mahl Abschied, ruderten fort, und kamen ein paar
Stunden über Mittag in Gross-Felsenburg an. Alles unser Frauenzimmer kam diesem
schönen Gaste, welche von Mons. van Blac und mir in der Mitten voran geführet
wurde, entgegen, und empfingen dieselbe mit der grösten Zärtlichkeit, allein,
die Verwunderung und die Freude war ganz unbeschreiblich, da sie höreten, dass
es Mons. van Blacs Liebste, von welcher er geglaubt, dass sie im Meere umkommen
wäre. Sie wurde uns, da wir auf der Alberts-Burg angelanget, von dem
Frauenzimmer entrissen und hinweg geführet, mit einigen Erfrischungen bedienet,
und hernach dem Mons. van Blac nebst seiner Liebste ein etwas weitläufftiger
Logis angewiesen, folgendes Morgens aber fand die Frau van Blac dergestalt viel
Leinewand, andere Zeuge, Flachs und dergleichen, nebst allerlei Haus- und
Küchen-Geräte auf dem Saale vor Sie zum Geschencke zusammen getragen, dass Sie
fast nicht wusste, wo sie alles hintun sollte. Am allerzärtlichsten kam uns
dieses vor, dass der Frau Mag. Schmeltzerin Schwester, als Mons. van Blacs
neulichst versprochene Braut, sich ohngeacht man vermerckt, dass sie den van Blac
sehr liebte, eine von den ersten mit war, welche der Frau van Blac zur
vergnügten Wiedervereinigung mit ihrem Liebsten Glück wünschete, und dem Himmel
danckte, dass sie noch zu rechter Zeit wiedergekommen wäre, anderer Gestalt, wenn
nehmlich ihr Ehestand mit dem van Blac bereits vollzogen gewesen, es auf allen
Seiten vielen Kummer würde verursacht haben. Die Frau van Blac sagte hierauf:
Mein schönes Kind, wenn es auch geschehen wäre, so schwöre ich euch doch heilig,
dass ich euch, meinen Mann, ohne allen Verdruss hätte überlassen wollen, denn er
hätte keine bessere Wahl als an euch treffen können, und ihm wäre ja nicht mehr
zu verargen gewesen, wenn er sich statt meiner eine andere Liebens-würdige
Person ausgelesen, zumahlen da er nicht anders glauben können, als dass ich, die
ihn zu dieser gefährlichen Reise fast gezwungen, mein Begräbnis in den Wellen
des Meeres gefunden. Derowegen hätte ich, wie gesagt, ihn von euch nicht
abwendig machen, jedoch Zeit-Lebens seinen Nahmen führen, auf dieser schönen
Insul in Gesellschaft so frommer Leute bleiben, und mein Leben entweder als
eine Wittbe, oder als eure getreue Gehülffin, jedoch ohne eurer Liebe Eintrag zu
tun, zubringen wollen. Weilen es der Himmel aber nunmehro dergestalt gefügt,
hoffe ich, er werde eure schöne und artige Person auch wohl zu versorgen wissen.
    Und dieses geschahe auch, denn Herr Diaconus Herrmann, welcher dieses
Gespräch mit anhöret, verliebt sich so gleich in das schöne Gesicht und
angenehme Wesen der artigen Johanna Maria dass er wenig Tage hernach mich und den
van Blac bei einem ausgebetenen Spatzier-Gange ersuchte, seine Frei-Werber bei
derselben zu sein. Mons. van Blac hatte eine besondere Freude über diese
Commission, wir versprachen demnach Herrn Hermannen aus redlichen Hertzen,
keinen Fleiss zu sparen, ihm zu vergnügen, waren auch so glücklich, dass er in
wenig Tagen das Ja-Wort bekam, und Verlöbnis halten konnte.
    Jetzo fällt mir ein, dass ich schon oben gemeldet, wie nicht nur der Herr
Archi-Diaconus Schmeltzer mit meiner Schwester, ich mit meiner Cordula, sondern
auch verschiedene Europäer und Felsenburger unsere Hochzeiten angestellet
hatten, allein, der dazwischen gekommene Todes Fall des Alt-Vaters hatte unser
Concept verrückt, nachhero aber erfuhren wir, dass sich seit der Zeit noch mehr
verliebte Hertzen vereinbaret hatten, derowegen fragte ich eines Tages Herrn
Mag. Schmeltzern bei Gelegenheit: Wenn er denn wohl meinte, dass es sich
schickte, diese Verlobten alle zu copuliren? Worauf er zur Antwort gab: Es wäre
keine Sünde, meine Lieben, wenn selbiges morgenden Tag geschehe, allein, es wäre
nicht unbillig, wenn wir auch eine feine äuserliche Zucht unter uns beobachten,
und wegen der itzigen tieffen Trauer wenigstens 3. Monat vorbei streichen
liessen, zumahlen da die Heilige Advents-Zeit und das Christ-Fest heran kömmt.
Ich konnte nicht anders als ihm hierinnen recht geben, derowegen wurde kund
gemacht, dass alle diejenigen, welche sich mit einander verlobt, oder noch binnen
der Zeit Verlöbnis halten würden, nicht ehe als den 9ten Januarii des
zukünftigen 1731sten Jahres öffentlich in der Kirche copulirt werden sollten,
inzwischen könnte binnen der Zeit ein jeder desto besser auf Einrichtung seines
Haus-Wesens bedacht sein. Es murrete hierwieder niemand, sondern ein jeder
beflisse sich auszusinnen, wie er sich am bequemsten und der Republic (denn so
kann ich unser ganzes Werck wohl nennen) am vorteilhaftesten postiren könne.
    Mons. Litzberg und Lademann hatten unter der Zeit besorg, dass die
Kirch-Fenster um Martini alle völlig eingesetzt waren. Lademann mit seinen
Gehülffen hatten die Rahmen gemacht, und der Glas-Meister und Schneider, die
grossen schönen Spiegel-Taffeln da hinein geschnitten. Demnach waren sie
nunmehro beschäfftiget, auch auf der ganzen Albertus-Burg Glas-Fenster
einzusetzen. Der Mahler, Mons. Hollersdorff, war zwar in etwas abgehalten
worden, die Malerei in der Kirche zu verfertigen, indem er den seligen
Alt-Vater 2. mahl recht naturell ausgemahlt hatte, da denn das eine Stück in der
Kirchen, das andere aber auf der Albertus-Burg angehefftet wurde, indessen
hatten doch seine angenommenen Lehrlinge die Stühle mit Farben angestrichen,
auch das meiste, was gemahlet werden sollte, bereits gegründet, so, dass es nur
noch an ihm fehlete, die entworffenen Biblischen Historien, so hie und dahin
kommen sollten, vollkommen auszumahlen, auch noch dieses und jenes zu vergulden.
Oberwähnte Glas-Hütte befand sich schon im vollkommenen Stande, um die andern
Künstler und Hand-Wercker hatten die Aeltesten nicht einmal Ursach sich zu
bekümmern, weil sie vor alles selbst sorgten, und wo ihre Kräffte nicht
zureichten, die Nachbarn zu Hülffe rufften.
    Plager, Morgental, Herbst und Dietrich hatten 12. Werck-Stätten in
Jacobs-Raum angelegt, worinnen Ertz, Messing, Kupffer, Stahl und Eisen grob und
klein verarbeitet wurde, also war diese Pflantz-Stadt weit volckreicher worden
als bisher, denn es arbeiteten in jeder Werck-Statt wenigstens 5. biss 6.
Personen, und die Felsenburger schienen besondere Lust zum Schmiede-Werck und
Metall-Giessen zu haben.
    Lademann, Herrlich und Krätzer hatten nicht vielweniger geschickte Gehülffen
im Holtz-Arbeiten, nehmlich in der Dressler-Bildschnitzer-Tischler- und Müller-
Profession, der gemeinen Zimmer-Leute aber waren noch weit mehr.
    Schreiner, der Töpffer, hatte 5. Werck-Stätten und 4. treffliche
Brenn-Oefen, so, dass er mit seinen 4. Gehülffen nicht allein bisher alle
Insulaner wohl versorgt, sondern auch noch einen gewaltigen Vorrat an
Töpffer-Zeuge hatte.
    Jedoch weil ich schon oben ein und anderes von den Professionen gedacht, so
will voritzo nur noch so viel sagen, dass sich schon um diese Zeit ein jeder
Meister seiner Kunst oder Handwercks dergestalt wohl eingerichtet hatte, dass
mancher mit 3. 4. 6. ja noch weit mehr Gesellen und Lehrlingen arbeiten konnte.
    Mittlerweile da wir gewahr wurden, dass ausser dem vielen zugehauenen
Bau-Holtze, das unten am Fuss der Albertus-Burg annoch vorrätig, auch in allen
Pflantz-Städten noch eine grosse Menge dergleichen anzutreffen war, schlug Mons.
Litzberg vor, dass man die Geschlechter doch darum ansprechen möchte, noch so
viel Zuschuss von dem besten Bau-Holtze zu tun, als genung wäre, ein Schul-Haus
nebst noch einigen andern Gebäuden vor die Herrn Geistlichen und übrigen
Personen, welche auf dem Platze bei der Kirche Lust zu wohnen hätten, zu
errichten, ja Mons. Litzberg erklärete sich, seine Wohnung in Christians Raum
selbst zu quittiren, um nur auch nahe an der Albertus-Burg und an der Kirche zu
wohnen, ich fassete ebenfalls die Resolution, meine Wirtschaft hinzukünftig
mit meiner Cordula auf diesem Platze in einem besondern Hause anzufangen, und
meinen Vater zu mir zu nehmen, da sich nun hierzu noch andere mehr angaben, so,
dass auf einmal der Bau gar zu starck worden wäre, wurden vor erst die
nötigsten ausgelesen, und Mons. Litzberg machte also den Riss zu den Gebäuden,
so, dass sie im Grunde folgender Gestalt zu stehen kamen:
    Es gefiel diese Einteilung nicht allein uns, sondern auch den Aeltesten und
übrigen sehr wohl, denn solchergestalt konten mit der Zeit noch viel dergleichen
Häuser um die Kirche herum biss an die Albertus-Burg gebauet werden. Es war
demnach dieser Abriss kaum so bald gezeiget, da die Aeltesten aus den Gemeinden
gleich Anstalt machten, Holtz, Steine, Kalck, Leimen und dergleichen
Bau-Materialien herbei zu schaffen, demnach war in wenig Tagen schon eine
ziemliche Menge vorhanden. Mittlerweile hatte Mons. Litzberg den Füllmund auf
dem Erd-Boden abgezeichnet, derowegen fing alles, was Hände hatte, zu graben,
hacken und schauffeln an, auch die Herren Geistlichen selbst, nebst den
zärtlichsten Frauenzimmer kamen, sonderlich früh Morgens und gegen Abend, in den
kühlesten Stunden herbei, und machten sich 2. biss 3. Stunden lang eine ziemliche
Motion.
    Capitain Horns 9. Freigelassene griffen sich bei dieser Arbeit ungemein
wacker an, ja dieser Capitain selbst, arbeitete wider unsern Willen und Bitten,
als ein Pferd darbei, denn wir hatten Leute überflussig; die Mäurer arbeiteten
hurtig hinter drein, und diejenigen, welche mit der Zimmer-Art umzugehen wussten,
deren denn eine gar starcke Anzahl war, fackelten auch nicht, sondern hieben
dergestalt fleissig, dass zu Ende des Jahrs alles Holtz zum Richten dieser 13.
Gebäude fertig lag.
    Das heilige Weihnachts- und Neu-Jahrs-Fest unterbrach demnach vor dieses
mahl unsere saure Arbeit. Es ging aber itzo, wegen unserer anhabenden Trauer,
ziemlich stille zu, jedoch in der Kirche war Music, es wurden auch an den hohen
Fest-Tagen geistliche Melodeien vom Turme geblasen, und in der Neu-Jahrs-Nacht
3. mahl die Canonen gelöset, ingleichen ein Neu-Jahrs-Choral abgeblasen. Endlich
da alle heilige Fest-Tage christlich celebrirt waren, trat auch der Tag,
nehmlich der 9te Jan. ein, da folgende Paar mit einander copulirt wurden:
    1. Herr Archidiaconus Schmeltzer mit meiner Schwester.
    2. Hr. Diaconus Herrmann mit der Frau Mag. Schmeltzerin jüngsten Schwester.
    3. Ich, Eberhard Julius, mit meiner Cordula.
    4. Mons. Langrogge, der Musicus, mit einer Jungfrau aus Roberts-Raum.
    5. Mons. Hildebrand mit einer Jungfrau aus Simons-Raum.
    6. Mons. Hollersdorff, der Mahler, mit der Frau Kramerin Schwester.
    7. 8. Die beiden Buchbinder, Ollwitz und Rädler, der erste mit einer Wittbe
        aus Christians- und der andere mit einer Jungfrau aus Alberts-Raum.
    9. Besterlein, der Sattler, mit einer feinen Wittbe aus Davids-Raum,
        allwohin er auch mit ihr zohe.
    10. Breitschuch, der Seiffensieder, mit einer Jungfrau aus Roberts-Raum.
    11. Schubart, der Glas-Meister, mit einer Jungfrau aus Stephans-Raum. NB.
        Dessen Mitarbeiter Kindler aber, so wohl als Trotzer der Zinn-Giesser
        und Engelhardt der Blechschmidt, blieben noch im ledigen Stande, weil
        diejenigen Jungfrauen, worauf sie ihre Augen geworffen, noch ein wenig
        zu jung schienen. Hergegen heiratete
    12. ein feiner Junggeselle, der bei Mons. Plagern in Arbeit stund, die
        Jungfer Krügerin. Und
    13. ein anderer Junggeselle aus Alberts-Raum, der bei Mons. Cramern die
        Artzenei-Kunst und Chirurgie gelernet hatte, die Jungfer Zornin, er hiess
        Johann Albert Julius. Letztlich
    14. ein junger wohlgeschickter Töpffer aus Davids- Raum, die Kuntzin, meiner
        Schwester bissheriges Aufwarte-Mägdgen.
    Es waren die allermeisten Personen dieser Insul in reinlicher Kleidung
zugegen, um diesem Trau-Actui zuzusehen, welcher biss in die Mittags-Stunde
währete. Unser nunmehriger Alt-Vater Albertus II. war auch selbst zugegen, und
führete, nebst meinem Vater, die 3. ersten Paare zum Altare, die übrigen wurden
von den andern Aeltesten und Europäischen guten Freunden geführet. Nachdem sich
nun der ganze Trau-Actus, den Hr. Mag. Schmeltzer mit einem Sermon angefangen,
wie sonst ordentlicher Weise, jedoch ohne Music, beschlossen, und die
Mittags-Stunde heran genahet war, begaben wir uns sämmtlich an den Ort, wo der
Alt-Vater auf Hrn. Wolffgangs grünen Taffel-Platze, auf allen Tischen, vor alle
Stämme, vortreffliche Speisen und Geträncke auftragen und zurichten lassen. Die
Copulirten sassen mit dem Alt-Vater, Hrn. Mag. Schmeltzern, denen Capitains
Wolffgang, Wodlei und Horn auch Mons. Litzberg und Blac an der halb-runden so
genannten Braut-Taffel, die übrigen Aeltesten aber præsidirten bei ihren
Tischen, und die ledigen Europäer hatten sich bei ihre besten Freunde
eingeteilt, wie denn auch Capitain Horns Freigelassene mit an die Tische
eingeteilt und zur Aufwartung lauter Felsenburgische Knaben und Mägdlein
bestellet waren. Also sassen wir biss 3. Stunden lang unter den vergnügtesten
Gesprächen bei Tische, weil es ein angenehmer und nicht allzu heisser Tag war,
nach diesen gingen wir sämtlich in den Alléeen ein paar Stunden spatziren, eine
gute Stunde vor Untergang der Sonnen aber begab sich ein jeder mit seinen
Angehörigen nach seiner Wohnung, und liessen die Lustbarkeiten biss auf eine
andere Zeit ausgesetzt bleiben.
    Gleich Tags darauf ging die Arbeit an unsern Schul- und Häuser-Bau wieder
an, so, dass binnen 4. Wochen alle diese 13. Gebäude vollkommen gerichtet waren,
so bald eins fertig stund, waren die Mäurer und Tüncher gleich hinter her, so,
dass im May-Monat schon alles fertig gemauert, getüncht und geweisset war,
ohngeacht dass uns die Erndte-Zeit und Wein-Lese viel fleissige Arbeiter entzogen
hatte. So fleissig nun aber diese Bau-Leute gewesen, desto weniger spareten die
Tischler, Schlösser und Glassmacher ihre Mühe, um diese Wohnungen mit Türen,
Schlössern und Fenstern, auch Tischen und Stühlen zu versehen, wie denn die
Zimmer-Leute, auch die Treppen und andere Notwendigkeiten, nach Anweisung Mons.
Litzbergs, immer nach gerade fertig machten, so, dass alle diese Gebäude vor
Ausgang des 1731sten Jahres vollkommen ausgebauet stunden, und wir nach Belieben
einziehen konten, wenn wir wollten. Allein, wir beredeten uns alle, die Wände
erstlich vollkommen austrocknen zu lassen, und nicht ehe, als mit Eintrit des
Februarii 1732. einzuziehen, welches denn auch geschahe.
    Ich muss aber doch vorhero eine kleine Beschreibung von allen diesen
Wohn-Stätten machen, auch die Personen anzeigen, welche sich deren zu bedienen
hatten, demnach war in der Mitten
    Num. I. das Schul-Haus, 3. Stockwercke hoch, oben mit einem kleinen
Türmlein, worein mit der Zeit eine Schlage-Uhr, nebst einer Schul-Glocke
gebracht werden sollte. Es befanden sich in diesem Schul-Hause 6. geraumliche
Stuben, 8. zum Teil etwas kleinere Cammern, eine grosse und kleine Küche, 2.
Speise-Gewölber und ein Keller.
    Die andern 12. kleinern Häuser waren nur 2. Stock-Werck hoch, hatten
jegliches 3. Stuben und ein Sommer-Stübgen im Dache, nach der Kirche zu, 5
Cammern, 1. Küche, 1. Speise-Gewölbe, einen Keller, und es war acurat eins in
Dach, Fach und sonsten gebauet und ausgeziert wie das andere. Es erwählten sich
demnach und bezogen die
    Num. 2. Herr Mag. Schmeltzer.
    Num. 3. Dessen Herr Bruder mit meiner Schwester.
    Num. 4. War mir Eberhard Julio wegen der Aussicht an 3. Seiten, nehmlich
        gegen Morgen, Mittag und Mitternacht am angenehmsten, weswegen ich
        selbiges mit meiner Cordula bezohe.
    Num. 5. Hr. Diac. Herrmann.
    Num. 6. Mons. van Blac.
    Num. 7. Mons. Litzberg.
    Num. 8. Mons. Langrogge,
    Num. 9. Mons. Hildebrand,
                                                              die beiden Musici.
    Num. 10. Mons. Hollersdorff, der Mahler.
    Num. 11. Mons. Johann Albert Julius, der Chirurgus.
    Num. 12. Der Buchbinder Ollwitz.
    Num. 13. Der Buchbinder Rädler. Diese beiden letztern wurden deswegen mit
        anhero genommen, weil sie das Amt eines Kirchners, Wechsels-weise, auch
        wohl an den Kirch-Tagen beide zugleich verrichteten.
    Sonsten ist noch bei diesen 12. Häusern zu mercken, dass alle Vorder-Türen
nach der Kirche zu gingen, durch die unterste Hinter-Tür kam man in einen
geraumlichen Hof, wo nicht allem Holtz zu legen, sondern auch Ställe zu bauen
waren, vor diejenigen, welche etwa Lust bekommen möchten, Vieh zu halten. Aus
dem Hofe trat man durch eine Tür auf den Garten-Platz, welcher zwar damahls
noch nicht umzäunet, jedoch dergestalt ordentlich abgestochen war, dass kein
Garten oder Hof um eines Fusses breiter war als der andere; inzwischen war der
Garten-Platz gross genug, Bäume, auch Küchen-Speise vor eine starcke Familie
hinein zu pflantzen. Hinter allen diesen Häusern in der Höhe, wo die Abteilung
des ersten und andern Stockwercks ist, geht ein 5. Schu breiter, oben rings
herum mit einem Dach versehener Gang, da man von auswendig nicht hinauf kommen
kann, von inwendig aber geht aus jedem Hause eine Hinter-Tür heraus auf diesen
Gang, so, dass man einander von einem Ende biss zum andern besuchen kann, ohne über
den Platz zu gehen, oder sich vor dem Regen zu fürchten, denn dieser Gang ist
auch über die schmalen Gässlein hergebauet, welche allezeit zwischen 2en Häusern
durchgehen. Meines Erachtens sollte es nicht übel lassen, wenn man mit der Zeit
die Kirche noch mit mehr dergleichen Häusern umringte, und auf jener Seite ein
eintziges grosses Tor, dem Schul-Hause gegen über, zum Haupt-Eingange liesse,
auch eine Verwahrung daran machte, damit kein Vieh darauf lauffen könnte; um
desswillen denn auch bei dem Eingange eines jeden schmalen Gässleins, so, wie in
Europa auf den Kirch-Höfen zu sehen, ein tieffes Loch mit einem darauf liegenden
eisernen Gegatter zu machen wäre. Wer weiss, was in Zukunft geschicht, wenn wir
erstlich noch andere wichtige Sachen besorgt haben. Doch muss ich auch nicht
vergessen, dass wir, um das Wasser nicht gar zu weit holen zu dürffen, 4 schöne
Brunnen aufgraben und wohl einfassen liessen. Diese stunden vor den Gebäuden
Num. 3. 6. 9. 12. und im Hofe des Schul-Hauses, war beschlossen, noch einen
besondern grossen Brunnen ausgraben zu lassen; wiewohl es kommen auch einige,
jedoch ganz kleine Wasser-Bächlein von der Albertus Burg hergerieselt, welche
man mit der Zeit wohl zusammen leiten, und wegen Feuers-Gefahr einen grössern
Teich oder Wasser-Behalter anlegen könnte.
    Durch die fleissige Anführung Herrn Mag. Schmeltzers waren seit einigen
Jahren daher aus jeglichem Stamme hier oder da, 2. auch wohl 3. gelehrige
Köpffe, bereits dahin gebracht worden, dass sie in ihren Pflantz-Städten die
zarte Jugend im Christentume, lesen, schreiben und rechnen unterrichten konten,
wie denn dieserwegen Herr Mag. Schmeltzer fleissige Visitation hielt. Nunmehro
aber wurden die besten Köpffe, welche die meiste Lust zum Studiren bezeigten,
ausgesucht und an der Zahl 33. in das neue Schul-Haus gebracht. Ein jeder bekam
von seinen Eltern ein besonderes Bette, gnugsame Wäsche und was er sonsten
nötig hatte, die ältesten von diesen Knaben waren 16. und die jüngsten 12.
Jahr. Sie wurden zwar alle von den drei Herren Geistlichen täglich im
Christentume, ihrer 18. aber Hauptsächlich in der grössern Teologie, wie auch
im Hebräischen und Griechischen informiret, Mons. Litzberg und ich hatten
Wechsels-weise die Lateinische Sprache mit ihnen zu tractiren, einige blieben
nur bei dieser und der Englischen, welche letztere Sprache ihnen van Blac wohl
zu lehren wusste, ingleichen auch einigen das Holländische. Schreiben und Rechnen
hatten sie von mir und Litzbergen zu lernen, weil es hiess, dass wir die feinesten
Hände schrieben, einige legten sich auf die Matematic und was mit derselben
verbunden, andere liebten die Sternseher-Kunst, um Calender schreiben zu können,
wieder andere hatten besondere Lust zur Music, etliche auch zum Zeichnen und
Reissen, worinnen sie Hollersdorff informirte, ins besondere war Mons. van Blac
bestellet, sie in ihrer Aufführung, so wohl bei Tische, als wenn sie ihre
Frei-Stunden hatten zu corrigiren, des Nachts aber mussten Wechsels-weise
entweder einer von den beiden Musicis oder einer von den beiden Kirchnern, der
Mahler Hollersdorff, oder der Chirurgus Julius bei diesen Knaben in einem
besondern Bette schlaffen, damit sie nicht etwas verwahrloseten, also kam es
alle 6. Nacht an einen von diesen sechsen, und man sah nicht, dass einer
vedriesslich darüber war, ohngeacht sich Litzberg, van Blac und ich, nebst den
Priestern von dieser Beschwerlichkeit frei machten. Jedennoch fing mein lieber
Vater einsmahls von freien Stücken an, und sagte: Kinder! ich sehe, dass ich euch
wenig hier nütze, als dass ich bete, esse, trincke und wenig arbeite, derowegen
gebt mir das Amt, dass ich ausser den Schul-Stunden, und wenn ihr alle was
nötigers verrichten könnet, die Aufsicht über die Knaben habe, und des Nachts
im Schul-Hause bei ihnen schlaffe, denn es ist ja gleich viel, mein Sohn
Eberhard! ob ich unter deinem Dache oder unter dem Schul Dache schlaffe. Ich
habe ohnedem wenig Schlaf, kann also diese Knaben besser bewachen, als junge
Leute, welche ohnedem solchergestalt von ihren Weibern wegbleiben müssen. Wir
wollten erstlich alle nicht darein willigen, endlich aber, da er sagte: Gönnet
mir doch dieses Amt, woraus ich mir eine Freude mache, sonsten werde ich mich
grämen, wenn ich sehe, dass ihr alle fleissig seid, und ich sollte gar nichts nutze
sein, denn schwerer Arbeit bin ich niemahls gewohnt gewesen. Demnach mussten wir
ihm endlich nachgeben, meine Cordula machte ihm ein schönes Bette mit Vorhängen
in die mittelste Schlaf-Cammer der Knaben, so, dass er sie alle in 3. Cammern um
und neben sich liegen hatte, er brachte aber auch des Tages die meiste Zeit bei
den Knaben zu, und ass mehr mit ihnen als an meinem Tische, solchergestalt war
Mons. van Blac auch dann und wann einer Bemühung überhoben.
    Sonsten war unsere Oeconomie in diesen Häusern dermahlen also eingerichtet:
Es wurde uns alle Dienstage, Donnerstage und Sonnabends früh von der Albertus
-Burg herunter, frisches Brod, Käse, Butter, allerhand Gemüse, frisch Wildpret
und Ziegen-Fleisch auf Wagens zugefahren, eine jede Hausswirtin nahm davon so
viel als ihr beliebte, denn es war allezeit mehr da als wir brauchten, und worzu
dienete uns das übrige? Fische konten wir alle Morgen von Christians- oder
Stephans-Raum holen, und auslesen lassen was wir wollten, denn die dasigen
Fisch-Kästen und Behälter wurden niemahls ledig. Von Flügel-Werck, so wohl
kleinen als grossen, brachte man uns wöchentlich so viel, dass wir das meiste
wieder zurück geben mussten. Mit Bier, Wein, Gewürtze und dergleichen waren
unsere Keller und Speise-Cammern zur Gnüge versorgt. Was die Knaben anbelangete,
so speisete mein Vater oder Mons. van Blac, auch wohl jemand anders, mit den 18.
grösten an der einen Taffel, und gleich neben derselben, speiseten an der andern
die übrigen 15. so, dass man sie alle übersehen konnte. Die Tractamenten bestunden
Tag vor Tag 1.) in einer Suppe, 2.) eine Schüssel Fleisch, worbei auch Zugemüse,
3.) eine Schüssel mit Fische, 4.) ein Braten nebst dem Zubehör. Jeder Knabe
hatte seinen zinnernen Becher, den er nach Belieben 2. mahl voll Bier, des
Sonntags aber auch einmal voll Wein bekam. Ubrigens wurde die Zurichtung der
Speisen nach dem Appetite sehr wohl verändert, und die Küche von 2en betagten
Wittben, da die eine aus Roberts- die andere aber aus Alberts-Raum war,
ingleichen von 5. Jungfrauen besorgt, die alle entweder Söhne oder Brüder in der
Schule hatten. Zu allem Uberfluss mussten die 3. Priester-Weiber, die Frau
Litzbergin, die Frau van Blac und meine Cordula, eine Woche um die andere die
Ober-Aufsicht über die Küche nehmen, welches denn alle 6. Wochen an eine kam. So
fehlete es uns auch an Holtze nicht, denn alle Woche 2. mahl, brachten die
Simons-Roberts- und Stephans-Raumer, auch andere mehr, gespaltene und ganze
Stücke herzu gefahren, welche letztern von den Knaben zur Lust gespaltet wurden.
    So bald demnach unser Schul- und Haus-Wesen in ziemliche Ordnung gebracht,
fing ein jeder an, mit Hülffe der Knaben und anderer guten Freunde, seinen
Garten zu verzäunen, wir setzten Bäume, säeten und pflantzten allerhand
nützliche und appetitliche Garten-Gewächse und Blumen-Werck, baueten Ställe vor
vierfüssig Vieh, auch Flügelwerck, in Summa, ehe Jahr und Tag verging, befanden
wir uns allerseits in recht vergnügten Stande, wünschten auch viele tausend
mahl, dass nur unser lieber seeliger Alt-Vater, dieses schöne Stück Arbeit, noch
vor seinem Ende hätte mögen mit Augen ansehen. Es erzeigte sich zwar unser
itziger Regent nicht weniger liebreich und väterlich gegen uns, liess sich auch
alle unsere Anstalten ungemein wohl gefallen, und brachte die meisten
Tags-Stunden bei uns zu, allein, es war uns allen doch noch nicht möglich,
Albertum I. zu verschmertzen.
    Um nun dessen Gedächtnis zu verehren, wurden wir schlüssig, ihm, so, wie er
seiner seeligen Ehe-Frauen der Concordia getan, eine Pyramide zum Häupten,
gleich neben der Concordia ihrer, von ausgehauenen Steinen zu setzen, derowegen
legte man so gleich die Hand aus Werck, und ward binnen 2. Monaten gäntzlich
damit fertig. Die Figur dieser Pyramide ist dreieckigt, 6. Ellen hoch, und auf
der Spitze ruhet eine im Feuer verguldete proportionirlich grosse küpfferne
Kugel. Die Steine sind sehr sauber zusammen gefügt, und mit dauerhaften Farben
übermahlt, das daran befindliche Laub-Werck und Zierraten aber starck
verguldet. Ausserdem sind 6. wohl ausgetriebene küpfferne und im Feuer
verguldete Schilder, an den 3. Ecken oben und unten bevestiget, und auf selbige
folgende Sinnbilder gemahlt:
                                       1.
          Ein beschädigtes Schiff auf dem Meere, mit der Beischrift:
               Post mala mixta bonis portum ratis intrat amoenum.
Nach guten und nach bösen Stünden
Wird der gewünschte Port gefunden.
                                       2.
                  Ein lächzender Hirsch, mit der Beischrift:
               Sic sitit astra pius, cervus velut appetit undas.
Ein Hirsch lächtzt nach dem frischen Bache,
Ein Christ nach jenem Sternen-Dache.
                                       3.
                  Eine angezogene Glocke, mit der Beischrift:
                  Mortis Christianus reminiscitur ære sonante.
Hört ein Christ den Glocken-Schlag,
Denckt er an den Sterbe-Tag.
                                       4.
                   Ein verdorreter Baum, mit der Beischrift:
                Sic homo marcescit, veluti marcesit & arbor.
Es geht dem Menschen auf der Erden
Wie Bäumen, welche dürre werden.
                                       5.
                 Ein aufsteigender Rauch, mit der Beischrift:
                  Ut fumus transit, sic transit gloria mundi.
Das Leben kann nicht stets bestehen,
Es muss wie Rauch und Dampff vergehen.
                                       6.
                     Ein Todten-Sarg, mit der Beischrift:
                Est ita: mors talem loculum dabit omnibus atra.
Der Todt wird allen, die noch leben,
Ein solches Haus zur Wohnung geben.
    An jeglicher Seite der Pyramide in der Mitte war eine grosse Kupfferne
Platte eingefügt, und die Nachricht mit goldenen Buchstaben darein geätzt. Die
erste Seite gab demnach folgendes im Latein zu lesen:
                                      * *
                                       *
                                 Heus! Viator,
                           gradum siste, lege, luge,
                                    nimirum
                             hoc in saxeo sepulcro
                               placide requiescit
                               ALBERTUS JULIUS I.
                     supremus hujus Insulæ saxosæ dominus,
                         natione Saxo, ratione Nestor,
                      faustus infaustorum fatorum victor,
                     parens clarisimis parentibus clarior,
                            nauta, naufragio felix,
                             Croesus ex Iro factus,
                           Rex non nomine, sed omine,
                         concordium familiarum conditor
                                    juvante
                                   CONCORDIA,
                                     maxime
                          verus veræ pietatis cultor;
                             O irreparabile damnum!
                     quot conspicua boni ordinis specimina
                     ab incolis hujus insulæ conspiciuntur,
                              tot testes testantur
                                    ALBERTUM
                         non fuisse Davum, sed Oedipum
                          non otiosum, sed negotiosum;
                     Posteri post sera secula ingemiscent,
                                     JULIUM
                          vitam cum morte commutasse,
                qui inermis rupes robustis hostibus robustiores
                                     vicit,
                  & de naturæ difficultatibus triumphavit
                                majori cum pompa
                                quam si in urbem
                     Quatuor in niveis aureus isset equis;
                                    migravit
                                e solo in polum
                         exemplar virtutum sine exemplo
                     sapientissimus bonorum morum magister,
                            acerrimus vitiorum osor,
                              certa vitæ cynosura,
                    Senex denique ad aram usque devenerandus
                       qui in adversis nunquam cogitavit,
                                  nisi semper
               qui credidit, ut vixit, & vixit, ut credidit,
                                    hoc est,
                           vere, pie bene ac sincere;
                             sed tacet & jacet
                            cujus anima DEO placet,
                                    postquam
                         d. VIII. Octobr. cIo Io CCXXX.
                               sensim sine sensu
                               animam exhalavit.
                                Hoc the volebam,
                                    Viator,
                       nunc ubi, & quoad vivis, vive
                               in vita feliciter!
                                      * *
                                       *
    An der andern Seite zeigte sich die Deutsche Schrifft eben dieses Inhalts,
und gleichfalls mit güldenen Buchstaben eingeätzt in diesen Worten:
                                      * *
                                       *
                            Höre! mein Wandersmann,
                           stehe stille, liess dieses
                               und traure dabei.
                      In dieser steinernen Grufft ruhet in
                                   guter Ruhe
                           Albertus Julius der Erste,
                       der Ober-Herr dieser Felsen-Insul,
                     von Geburt ein Sachse, von Verstande
                                  ein Nestor,
                  ein glücklicher Besieger der unglücklichsten
                                  Schicksale,
                     ein Vater, der berühmter ist als viele
                            der berühmtesten Väter,
                    ein Schiffer, der durch Schiffbruch erst
                                   glücklich
                                      und
                    aus einem armen Iro ein reicher Croesus
                                  worden ist.
                      Ein König, nicht dem Nahmen, sondern
                                 der Tat nach;
                  Ein Stiffter vieler einträchtigen Familien,
                        mit Bei-Hülffe seiner Gemahlin,
                                   CONCORDIA,
                                   sonderlich
                     in wahrer Liebhaber der wahren Gottes-
                                    Furcht.
                            O unersetzlicher Schade!
                   So viel herzliche Proben der guten Ordnung
                      von den Einwohnern auf dieser Insul
                               bewundert werden,
                      so viel unverwerffliche Zeugen sind:
                                      dass
                                    Albertus
                          nicht albern, sondern klug,
                    nicht ein Müssiggänger, sondern ein mehr
                     als zu fleissiger Arbeiter gewesen sei.
                      Dessen Nachkommen werden nach späten
                            Zeiten noch klagen, dass
                                     JULIUS
                      das Leben mir dem Tode verwechselt;
                   welcher ohnbewaffnet die stärcksten Felsen
                                   bezwungen,
                die mehr als starcke Feinde zu schaffen machen,
                    auch über die Schwierigkeiten der Natur
                            einen Triumph gehalten;
                              der prächtiger ist,
                   als wenn er in die Stadt Rom auf einem mit
                      weissen Pferden bespanneten güldenen
                      Wagen triumphirend eingezogen wäre.
                                      Nun
                     hat das Irrdische mir dem Himmlischen
                                  verwechselt:
                    ein unvergleichliches Muster der Tugend,
                           ein weiser Sitten-Lehrer,
                        ein abgesagter Feind der Laster,
                           eine gewisse Lebens-Regel,
                            ein Ehr-würdiger Greiss,
                         der im Unglück, an das Glück,
                         und im Glück, an das Unglück,
                                    niemahls
                              als allezeit gedacht
                        Der so geglaubt, wie er gelebt,
                        und so gelebt, wie er geglaubt;
                                   das heist:
                  wahrhaftig, gottselig, wohl und aufrichtig.
                                      Aber
                        sein Mund ist nun verschlossen,
                                   er liegt,
                      dessen Seele sich in GOtt vergnügt,
                                   nachdem er
                         im Jahr 1730. den 8ten Octobr.
                     ohne Empfindlichkeit, allmählich Atem
                            zu holen aufgehöret hat.
                         Dieses verlangte ich von dir,
                               Mein Wandersmann!
                  Nun gehe hin, und lebe, so lange du lebest,
                                   glücklich.
                                      * *
                                       *
    An der dritten Seite der Pyramide war eben diese Gedenck-Schrifft in
Englischer Sprache zu lesen, und an den drei Seiten des Fuss-Gestelles der
Pyramide noch dieses, ebenfalls in dreierlei Sprachen:
                                Albertus Julius
                     ward geboren Ao. 1628. d. 8. Januar.
                entdeckte diese Insul Ao. 1646. d. 8. Septembr.
                    hat also auf der Welt gelebt: 102. Jahr
                                   9. Monat,
                      auf dieser Insul zugebracht 84. Jahr
                                   1. Monat.
                                 Leichen-Text:
                                Der 23ste Psalm.
                        Der HErr ist mein Hirt, mir wird
                           nichts mangeln, etc. etc.
    Es gab diese Pyramide unsern Gottes-Acker eine nicht geringe Zierde,
weswegen wir manchen Spatzier-Gang dahin taten, und selbigen niemahls leer von
Leuten antraffen, sonderlich lieffen die Kinder fast täglich Hauffen-weise
dahin, weiln aber auch die unvernünftigen und wilden Tiere darauf herum
lieffen, so beschlossen wir, den ganzen Gottes-Ackers-Platz in behöriger Weite
mit einer Mauer einzufassen, und nicht mehr als 2. Tore zum Ein- und Ausgange
zu lassen, nehmlich eins, so auf den grossen Garten, und das andere, so auf den
Fluss stossen sollte, wo sich derselbe oben in 2. Ströme teilt. Nachdem nun,
ausser den vielen Steinen, so in selbiger Gegend zusammen gelesen, auch eine
grosse Menge derselben aus dem Johannis-Raumer Gebürge nebst allen andern
Zubehör herbei gebracht worden, machten sich die Mäurer an das Werck, und
brachten es in wenig Monaten in fertigen Stand.
    Solchergestalt lieff unter dieser und anderer Bau-Arbeit auch völliger
Einrichtung der neu errichteten Wirtschaften auch das 1732ste Jahr zum Ende,
ohne dass man zu des Capitain Horns Schiffs-Bau den Anfang gemacht hätte, weiln
aber dermahlen auf unserer Insul nichts höchstwichtiges zu tun war,
ausgenommen, dass der Müller Krätzer zwischen Christophs- und Christians-Raum
noch eine neue Mühle erbauete, so wurden auf inständiges Anregen des Capitains
Horn die geschicktesten Zimmer-Leute ausgelesen, und hinnüber auf
Klein-Felsenburg geschafft, um daselbst mit gemeldeten Capitains Leuten ein
ganz neues Schiff zu erbauen. Das gute Bau-Holtz auf unserer grossen Insul zu
ersparen, war zwar eine Haupt-Ursache mit, allein, wir hatten noch viel andere
mehr, warum wir das Schiff nicht an unserm Gestade wollten bauen lassen, denn
solchergestalt hatten die Frembden auch nicht nötig herüber zukommen, das
zerscheiterte Schiff aber wurde auch nach Klein-Felsenburg gebracht, um das
dienliche noch davon brauchen zu können. Es war am 16 Januar. 1733. da der erste
frische Baum auf der Insul Klein-Felsenburg zu Capitain Horns neuen Schiffe
gefället und zugehauen wurde, weswegen eine starcke Gesellschaft von
Gross-Felsenburg hinüber gefahren war, indem sich die SeeLeute, mit Permission
ihres Capitains, ein kleines Freunden-Fest angestellet hatten, welches sie des
Abends mit Tantzen und sonst allerlei Kurtzweile begingen, worzu wir ihnen eine
zulängliche Portion an Weine mitgebracht hatten, welchen sie sich mit den
Portugiesen, die mit ihnen gemeinschaftlich und in der besten Verträglichkeit
lebten, hertzlich wohl schmecken liessen, die folgenden Tage aber desto
flleissiger arbeiteten. Inzwischen hatte der Capitain Horn angemerckt, dass oben
in der Südlichen Gegend der Insul bei der grossen Bucht K. in dem grossen Walde
weit schöner und dauerhafter Holtz als in der Gegend B. anzutreffen wäre,
derowegen resolvirte sich alles sein Volck, gleich morgenden Tages dahin
aufzubrechen, und ihre Wohnstätten daselbst aufzuschlagen. Wir Gross-Felsenburger
liessen ihnen ihren Willen, versprachen aber, sie ehester Tags wieder zu
besuchen, oben herum zu fahren und in der Bucht K. anzuländen. Wir würden unser
Versprechen zeitig genung erfüllet haben, allein, die Niederkunft meiner
liebsten Cordula, hielt sowohl mich als meine werten Freunde auf eine Zeitlang
davon zurücke. Es brachte mir aber gemeldete meine Liebste am 6. Februar. einen
jungen gesunden Sohn zur Welt, welcher am 9. dito die heilige Tauffe und die
Nahmen Albertus Franciscus Carolus empfing, indem ich den Regenten Albertum II
meinen Vater und die Frau van Blac zu Tauff Zeugen erwählet. Die Freude über
diesen kleinen Stammhalter, war bei mir unsäglich gross, denn da alle diejenigen,
welche mit mir zugleich copulirt waren, bereits Kindtauffen ausgerichtet hatten,
begunte ich fast an der Fruchtbarkeit meiner Cordula zu zweiffeln, jedoch
endlich war mein Wunsch erfüllet, und, wie gesagt, die Freude war um so viel
desto grösser, woran denn auch alle Insulaner Teil nahmen, welche grösten
Teils 3. Tage nach einander auf dem Tafel-Platze tractiret wurden, worbei sich
denn nicht allein die beste Music hören liess, sondern es hatten auch meine
werten Freunde allerhand andere Lustbarkeiten angestellet. Capitain Horn war
auch von Klein-Felsenburg darzu herüber geholet worden, als er aber am 4ten Tage
wieder zurück fuhr, versprachen wir ihm, längstens in 14. Tagen auf
Klein-Felsenburg eine Visite zu geben, und seinen Leuten, um sie desto besser
zur Arbeit aufzumuntern, einige Erfrischungen mitzubringen.
    Weiln sich nun meine Cordula ungemein wohl befand, trat ich am 2ten Mart.
die Fahrt mit Mons. Litzbergen, van Blac, Wolffgang, Wodlei und andern mehr,
abermals nach Klein-Felsenburg an, uñ zwar so fuhren wir oben durch die Strasse
durch, welche Sudwerts beide Insuln von einander scheidet, als welchen Weg wir
noch niemahls genommen hatten, hätten zwar bei der grossen Felsen-Spitze O. mit
einiger Unbequemlichkeit landen und aussteigen können, wollten aber solches nicht
tun, sondern fuhren um die ganze Süd-Seite herum, und langeten endlich
glücklich in der grossen Bucht K. an, allwo wir unser Fahrzeug befestigten, an
dem Flusse, welcher sich aus der grossen See in die Bucht ergiesst, hinauf
spatzirten, und endlich fanden, dass alles Volck seine Hütten auf der Ebene
zwischen diesem Flusse und dem Walde aufgeschlagen, in selbiger Gegend auch
schon eine ziemliche Menge neu zugehauenes Schiffs-Holtz liegen hatte. Capitain
Horn war selbst mit unter den ersten, die uns entgegen kamen; wir nahmen alle
Platz vor seiner Hütte, und er säumete nicht, uns einige Erfrischungen
vorzusetzen, indem wir nun selbige genossen, fing er an zu sagen: Meine Herrn!
sie kommen accurat, als wenn sie geruffen wären, denn am gestrigen Sonntage,
haben einige von meinen Leuten ein besonderes curieuses Stück auf einem Platze,
jenseit der grossen See, aus der Erden gehoben, woran zu bemercken, dass sich
vielleicht vor vielen 100. ja mehr als 1000. Jahren schon Menschen auf dieser
Insul befunden haben. Wir spitzten alle die Ohren ziemlicher massen, er aber
ging, nachdem er noch ein paar von seinen Leuten zu sich gerufft hatte, in seine
Hütte, und brachte einen grossen Viereckigten Stein heraus, der bei nahe drei
Viertel Ellen lang, breit und dicke war. Diesen setzte er bei uns nieder, nahm
einen oben sauber eingefügten steinernen Deckel ab, und zohe einen goldenen
Becher in die Höhe, welcher über die Helffte voll Asche war, unter derselben
sich noch etliche Stücklein gebrannter Knochen befanden. Der Becher an sich
selbst war sast einer halben Ellen hoch, oben im Diametro 6. unten aber vier
Daumen breit, sonsten aber über und über ganz glatt und ohne einige Figur oder
Zierraten. Auf dem obersten, schon gemeldten steinernen Deckel aber, sah man,
nachdem er reinlich abgewaschen war, in der Mitte diese Figur:
    Nachdem wir insgesammt das ganze Werck in Augenschein genommen, und lange
Zeit Verwunderungs-voll betrachtet, konten wir nicht anders urteilen, als dass
es eine Heidnische Urna oder Todten-Krug wäre, worinnen die Asche eines
verstorbenen und nach ihrer Weise verbrannten Cörpers, verwahret und der Erden
anvertrauet worden. Derowegen konnte es dem Capitain Horn niemand abstreiten, dass
vor uns und unsern Zeiten Menschen aus dieser Insul gewesen wären, oder dieselbe
wohl gar ordentlicher Weise bewohnet hätten.
    Uber niemanden unter der ganzen Gesellschaft musste ich mehr lachen, als
über Mons. Litzbergen, denn derselbe konnte den Deckel nicht genung ansehen, und
hätte vor ängstlicher Curiosität verzweiffeln mögen, dass ihm unmöglich war, die
Deutung der unbekandten Characters zu erfinden, über dieses verdross ihn, dass man
keine ihm bekandte Jahres-Zahl darauf gezeichnet, derowegen warff er
verschiedene Fragen auf, als: In welchem Jahre der Welt mag diese Urna
verscharret sein? Was mögen dieses vor eine Art von Heiden gewesen sein? Ob sie
auch auf dieser Insul eine ordentliche Wirtschaft getrieben haben? Ob sie
ausgestorben, von andern hinweg geführet worden, oder die Insul gutwillig
verlassen haben? und was dergleichen Zeug mehr war, worüber zwar ein jeder
raisonniren konnte, allein, es kam nicht heraus, sondern es verblieb uns nichts
gewissers, als die Ungewissheit.
    Demnach wurde ich des vielen Scrupulirens überdrüssig, und bat den Capitain
Horn, uns zu erzählen, wie, und auf was Art seine Leute eigentlich zu dieser
Rarität und Antiquität gekommen? selbiger war also so gefällig, uns folgenden
Bericht abzustatten: Meine Leute, sagte er, haben sich bisher in den
Feierabends-Stunden, zur Lust ein bequemes Fahrzeug gemacht, wormit sie am Rande
der ohnweit von hier liegenden grossen See und derer Flüsse, hin und her, auf-und
abfahren und die schönsten Fische fangen können. Vor etlichen Tagen, da sie
Abends spät von ihrer Lust-Fahrt zurück kamen, berichteten sie mich, dass sie
jenseit der grossen See, in einer ebenen Gegend einen Baum angetroffen hätten,
dessen gleichen sie zwar an Geradigkeit, aber an Höhe Zeit ihres Lebens in der
Welt nicht gesehen hätten und sollte sich derselbe ungemein wohl zum Mast-Baume
schicken, allein, es wäre Jammer-Schade darum, weil dieser Baum eine rechte Rari
tät und Zierde dieser Insul zu nennen, ausser dem 12. andere, jedoch bei weiten
nicht so hohe Bäume um denselben herum stünden, worbei man fast schwören sollte,
dass sie mit allem Fleisse von Menschen nach dem Zirckel und Maass-Stabe dahin
gepflantzt wären. Ich war so neugierig, gleich des andern Nachmittags mit ihnen
an denselben Ort zufahren, und die curieusen Bäume zu besichtigen, fand es auch
in der Tat also, wie sie gesagt hatten, bewunderte nicht allein die
ausserordentliche Höhe des mittelsten Baumes, sondern auch die Accuratesse der
12. andern, so um ihn herum stunden, bildete mir aber fast gleich ein, dass
solche nicht von der Natur, sondern von Menschen-Händen herrühren möge. Doch
demselben sei, wie ihm sei, ich gebot meinen Leuten bei Straffe, sich ja nicht
an diesen Bäumen zu vergreiffen, sondern sie als eine Rarität dieser Insul
stehen zu lassen, fuhr also mit ihnen wieder zurück. Gestern, als Sonntags früh,
machten sich die lustigsten von meinen Purschen auf, nahmen Proviant und ein
frisch geschossen Stück Wild mit sich auf ihr Fahrzeug, und wollten dasselbe zur
Lust unter dem hohen Baume braten und verzehren, indem sie aber ein Feuer-Loch
in die Erde graben wollen, finden sie diesen Stein; kamen also bald zurück, und
brachten mir denselben, so, wie er da ist, sammt dem Becher, welchen sie zwar
heraus gehoben, vor gülden erkannt, jedoch denselben ordentlich wieder hinein
gesetzt hatten. Ein rechtes Glück ists, dass der nicht allzu dicke steinerne
Deckel im Hacken oder Graben nicht ist entzwei gestossen worden.
    Wir bekamen auf diese Nachricht gleich ingesammt Lust, selbiges Revier nebst
den curieusen Bäumen ebenfals in Augenschein, auch Grabe-Scheiter, Schauffeln
und Hacken mit zu nehmen; um zu sehen, ob wir noch mehr dergleichen Urnen oder
Todten-Töpffe daselbst finden könten, wurden derowegen von dem Capitain Horn und
einigen seiner Leute dahin gefahren, und ergötzten uns nicht wenig über den
angenehmen Platz, wo die 12. Bäume um den grossen herum stunden,
            NB. Dieses ist der kleine Platz, welcher, weil er von 2. kleinen
        Ströhmlein, die aus der grossen See kommen, und unten zusammen lauffen,
        fast die Gestalt einer Zunge hat, und auf dem Grund-Risse der Insul
        Klein-Felsenburg, gleich unter dem Platze, der mit P. bezeichnet, im
        2ten Teile pag. 452. zu sehen ist.
betrachteten alles sehr genau, und fingen endlich an zu graben, fanden auch
diesen und folgenden Tag in einem kleinen Bezirck noch 9. eben solche
ausgearbeitete Steine, mit eben solchen Deckeln, worauf eben solche Figuren, wie
auf dem ersten eingehauen waren, doch fand sich nur noch in einem Steine ein
güldener, in 5. Steinen aber nur silberne Becher, in 3. Steinen aber waren gar
keine Becher, sondern die Asche und die Stücklein gebrandter Knochen waren nur
so bloss hinein getan worden. Nachdem wir aber noch einen gewaltigen Fleck um-
und ausgegraben, jedoch nicht das allergeringste mehr gefunden hatten,
vermerckten wir endlich, dass nichts mehr vorhanden wäre, seegelten derowegen mit
diesen unsern gefundenen Raritäten wiederum zurück an den Ort, wo die Hütten
stunden, betrachteten alle diese Urnen sehr genau, konten aber, wie gesagt,
nichts als unbekandte Characters darane finden. Abends, da die Sonne unterging,
und wir, im Grünen sitzende, indem wir Caffée truncken und Toback dabei
rauchten, unsere Gesichter gegen den grossen Berg O, kehreten, præsentirte sich
dessen hohe Felsen-Spitze ganz Feuer-rot, so, dass sie zuweilen einer
würcklichen Feuer-Flamme ganz ähnlich sah, welches zu verschiedenen curieusen
Gesprächen Anlass gab, endlich, da sich Mons. van Blac wünschte, bei hellem
Wetter ein oder ein paar Stunde, auf dieser entsetzlich hohen Felsen-Spitze
stehen und sich recht umsehen zu können, sagten wir ihm, dass uns eben
dergleichen Neugierigkeit, vor einigen Jahren, bei erstmahliger Besichtigung
dieser Insul, dahin getrieben, wir hätten aber kaum die Helffte des Berges
erklettern, und weil es gar zu steil, die Spitze nicht erreichen können.
    Hierauf ersuchte uns Mons. van Blac, morgenden Tag noch da zu bleiben, und
ihm zu Gefallen den Berg noch einmnhl mit zu steigen, Mons. Litzberg und die
andern, die zum Teil auch noch nicht auf dem hohen Berge gewesen waren, liess
sich nebst mir leichtlich hierzu bereden, derowegen legten wir uns bei Zeiten
schlaffen, um den March dahin desto früher anzutreten.
    Früh Morgens, so bald der Tag anbrach, weckten wir einander auf, da sich
aber Mons. van Blac ermunterte, sprach er: Ich könnte mich nun fast der Mühe
überheben, den grossen Berg zu besteigen, denn ich habe ihn heunte Nacht im
Traume schon bestiegen, aber wenn ich noch daran gedencke, so stehen mir die
Haare zu Berge, denn da wir kaum halb hinauf waren, kamen uns aus einer düstern
Höle 12. grosse Vögel, so schwartz, als die Raben, und noch grösser, als die
Gänse, entgegen geflogen, und schwungen sich in die Lufft, ich wagte mich in die
Felsen-Klufft oder Höle, erblickte aber etliche unbekandte grimmige Tiere,
deren Gestalt recht entsetzlich war, so, dass ich, ob sie mir gleich nichts
taten, nur von dem blossen Anblicke doch noch zitterte, als man mich aufweckte.
    Wir hatten demnach unsern Spaass mit Mons. van Blac über dieses Gesichte, und
sagten endlich, wenn er denn so furchtsam wäre, wollten wir unsere Lust-Reise
nach dem Berge lieber einstellen, und zurück nach Gross-Felsenburg fahren,
allein, er protestirte wider das letztere, und sagte: er wolle nun doch mit
rechtem Ernste versuchen, wie hoch er an der grossen Felsen-Spitze hinauf
klettern könne.
    Demnach begaben wir Gross-Felsenburger, als wir ein gutes Früh-Stück ein-
auch einen ziemlichen Teil Speise und Geträncke zur Vorsorge mit auf den Weg
genommen, uns sämmtlich allein auf die Reise, denn der Capitain Horn gab auf
unser Nötigen, zu verstehen, dass er eben diesen Tag mit seinen Leuten ein
solches Stück Arbeit vor hätte, worbei seine Gegenwart unumgänglich erfodert
würde, über dieses, so wäre er Zeit seines Hierseins, schon viermahl den Berg
von allen Seiten, in Gesellschaft aller seiner Leute zu besteigen, so curieux
gewesen, allein, sie hätten wenig Plaisir darauf gefunden, und nichts darvon
getragen, als müde Beine. Also liessen wir ihn da bleiben, baten uns auf den,
morgenden Tag ein gutes Mittags-Brod aus, indem wir uns nicht zu starck
strapaziren, sondern des Nachts unterwegs bleiben und ausruhen wollten; marchirt
en also fort, gelangten auch eben um die Mittags-Zeit am Fusse des Berges an.
    Weil wir nun vor einigen Jahren an der Ost-Sud-Seite den Berg hinnan
gestiegen waren, so war mein Rat, dass wir denselben voritzo an der
Nord-West-Ecke hinauf beklettern wollten. Einige redeten zwar darwider, weil es
auf dieser Seite gar zu uneben und steinig wäre, allein, Mons. van Blac fiel
meiner Meinung vor allen andern bei, indem er vorstellete, dass, obgleich der
Berg allhier unbequemer zu besteigen wäre, so hätten wir hergegen die Last
nicht, dass uns die Sonne so starck auf den Leib und ins Gesichte brennete, also
folgten alle dem van Blac und mir nach.
    Es war aber in Wahrheit ein rechter Mord-Weg, denn ob wir gleich keine
steile Klippen zu erklettern hatten, sondern immer Schlangen-weise zwischen
grossen Hügeln gerade aufgehen konten, so war doch der Fuss-Boden wegen der
grossen und kleinen Schiefer-und Sand-Steine, die vom Regen und Wetter da hinein
gebracht waren, dergestalt böse, dass man sich vor dem Fallen sehr wohl in Acht
nehmen musste; Mons van Blac aber, der vor mir her ging, sagte öffters lachend zu
mir: Diss ist wirklich der Weg, von dem mich in vergangener Nacht geträumet hat.
Endlich, nachdem wir fast 2. gute Stunden Berg- auf gestiegen waren, gelangten
wir auf einem Hügel an, der oben ganz platt wie ein Tisch, und ziemlich dicke
mit Moose und grünem Grase bewachsen war. Dieser angenehme Platz nötigte uns
fast mit Gewalt zum Ausruhen, und etwas Speise und Tranck zu uns zu nehmen,
indem wir ein ziemlich breites steinigtes Tal vor uns sahen, welches wir
erstlich passiren mussten, wenn wir an den rechten Berg, auf welchem die
entsetzlich hohe Felsen-Spitze stund, gelangen wollten.
    Allein, eine besondere Begebenheit setzte uns dahier in nicht geringe
Verwunderung und Erstaunen: denn, da wir noch im besten Speisen waren, und alle
mit einander unsere Gesichter gegen den grossen Berg gewendet hatten, kam immer
ein schwartzer grosser Vogel nach dem andern aus einer Klufft des Felsens heraus
geflogen, wir zähleten deren accurat zwölffe, warteten aber vergeblich auf
mehrere, hergegen schwungen sich diese hoch in die Lufft, machten, nachdem sie
alle 12. zusammen gekommen, ein grässliches Geschrei, und nahmen ihren Flug nach
Süden zu, weswegen wir in unserer Meinung gestärckt wurden, dass sich in selbiger
Gegend nach dem Süd-Pol zu, noch mehr Land befinden müsse. Inzwischen konten wir
diese Vögel eine lange Zeit fliegen sehen und schreien hören; nachdem sie sich
aber gäntzlich aus unsern Gesicht und Gehör verloren, sahen wir alle den Mons.
van Blac an, und verwunderten uns höchlich, dass sein Traum auch in diesem Stücke
so accurat eingetroffen wäre. Er hingegen schien sehr mutig zu sein, und sagte:
Meine Herren und Freunde, ich bin in meinem Hertzen vollkommen versichert, dass
wir in diesem Gebürge, nach der alten Art zu reden, ein besonderes Abenteuer
antreffen werden, derowegen lasset uns, weil es noch hoch am Tage, auf die
Felsen-Klufft zu wandern; gönnet mir die Ehre, dass ich voraus gehe, und sehe,
wie es in derselbigen beschaffen, indem ich, als ein Mensch, der viele
Gefährlichkeiten ausgestanden, Courage genung darzu habe. Wir weigerten uns
nicht, ihm zu folgen, und erreichten nach Verlauff einer guten halben Stunde mit
vieler Beschwerlichkeit den Eingang zu der Felsen-Klufft, welchen wir aber ganz
anders befanden, als er sich unsern Augen von ferne præsentirete, denn auf
beiden Seiten hatte, dem Ansehen nach, die Natur, so zu sagen, hohe Mauern oder
Pfeiler gesetzt, zwischen welchen nur eine Person auf dem schmalen Wege
hingehen, und sonst nichts, als die hohen Felsen-Mauern neben sich, und den
Himmel über sich sehen konnte, so war auch dieser schmale Weg, der 3. Krümmen
hatte, hundert und etliche 30. Schritte lang. Mons. van Blac, der sehr emsig im
Gehen war, blieb endlich stehen, und rieff zurück: Halt! hier ist das Ende,
weiter können wir nicht kommen. Demnach versamleten wir uns alle, als wir aus
dem schmalen Gange heraus gekommen waren, um ihn herum, auf einem Ufer, welches
nur 18. Schritt breit und etliche 40. Schritt lang war. Hier schien es, als ob
diese Felsen mit aller Gewalt von dem grossen Klumpen abgerissen wären, und vor
uns auf dem Fuss-Boden fanden wir einen Riss oder Schlufft, etwa 10. biss 12. Ellen
breit. Es stunden einem, wenn man da hinunter in die Tieffe und dicke Finsternis
sah, die Haare zu Berge, über dieses machte das, in diesem Abgrunde wallende
Wasser, ein recht wunderlich und fürchterliches Getöse, weswegen niemand grosse
Lust bezeigte, sich lange bei diesem terriblen Schlunde aufzuhalten. Auf der
andern Seite aber sahen wir ebenfals wieder einen Riss oder Spalte von oben
herunter in dem grossen Berge, zu welchem eine ordentliche Treppe von mehr als
30. Stuffen hinauf ging, welche wir schwerlich von Natur also, sondern von
Menschen-Händen ausgehauen und gemacht zu sein, beurteileten. O! wenn wir doch
über den schändlichen Abgrund hinüber wären, sagte Mons. van Blac, denn ich
mercke schon, diese Treppe führet an einen Ort, wo sich Curiositäten befinden.
Allein, sein und unser aller Wünschen war vergebens, denn, weder zur rechten
noch zur lincken Hand, konten wir den Anfang noch das Ende, wegen der steilen
Felsen, erforschen, und auf jener Seite war es eben so schlimm, auch nirgends
aufzusteigen, als auf der ausgehauenen Treppe.
    Dem ohngeacht stunden wir noch fast eine ganze Stunde daselbst, um alles
desto genauer zu mercken, kehreten endlich durch den vorigen Weg zurücke, und
kamen sehr ermüdet auf dem grünen Platze an, allwo wir etliche Stunden vorhero
gespeiset und den Ausflug der Vögel gesehen hatten, beschlossen auch, die Nacht
über, welche sehr warm und angenehm war, allda zu verbleiben. Mons. van Blac
hatte seine Grillen, dass nehmlich in dem grossen Berge, vielleicht eine
ausgehauene Wohnung und andere Spuren von Menschen anzutreffen sein würden,
einem jeden von uns allen dergestalt scharff eingeprägt, dass wir auch alle
glaubten, es könnte und musste nicht anders sein, derowegen beratschlagten wir
biss in die späte Nacht, was zu tun sei? Beschlossen erstlich, gleich morgendes
Tages wieder zurück nach Felsenburg zu fahren, unsern Aeltern und andern guten
Freunden alle diese Seltsamkeiten, so wir allhier gefunden, zu zeigen und zu
erzählen, nachhero wieder herüber zu rudern, lange Balcken und Bolen herbei zu
schaffen, um eine rechte veste Brücke über den Abgrund zu schlagen, und so dann
hinüber zu passiren; doch würde auch nötig sein, dass wir Fackeln, Wind-Lichter,
Gewehr und andere Bedürffnisse mit uns nähmen, indem wir nicht wüsten, ob man in
dunckele Gänge oder Hölen geraten, und daselbst etwa mit Schlangen oder andern
Tieren zu streiten haben würde. Hiernächst wurde auch verabredet, dem Capitain
Horn nicht alle unsere Gedancken zu offenbaren, jedoch denselben zu bitten, uns
durch seine Leute in dem nächst an dem Berge gelegenen Walde etwa 6. oder 8.
Stück, 15. biss 16. Ellen, lange Balcken, und denn auch etliche 30. biss 40.
Queer-Stücke aushauen und an den Fuss des Gebürges schaffen zu lassen; zu welchem
Ende wir ihm denn einige Zeichen auf dem Wege dahin machen wollten. Hierauf
schlieffen wir etliche Stunden biss zu Anbruch des Tages, machten uns so dann auf
die Beine, und gelangeten zeitig bei dem Capitain Horn an, statteten ihm
Nachricht von unserer Reise ab, so viel er nehmlich davon wissen sollte, fanden
denselben zu allem, was wir von ihm begehrten, willig, nahmen die
Mittags-Mahlzeit mit ihm ein, nachhero Abschied, versprachen, in wenig Tagen
wieder zu kommen, liessen die gefundenen Urnen auf unser Schiff tragen,
versprachen des Capitain Horns Leuten vor den ersten Fund, einem jeden bei der
Abreise besonders ein halb Pfund Gold zum Gratial zu geben, stiegen ein,
seegelten auf Gross-Felsenburg zu, und kamen in später Nacht in unsern Wohnungen
an.
    Mir war es eine besondere Freude, dass ich meine liebste Cordula nebst meinem
kleinen Sohne bei vollkommener Gesundheit wieder fand, folgendes Tages liessen
wir die 10. Urnen aus dem Fahrzeuge auf die Albertus-Burg schaffen, da sich
denn, um diese Antiquitäten zu sehen, eine grosse Menge Volcks etliche Tage nach
einander einfand, allein, auch die klügsten, verständigsten und gelehrtesten
wussten nichts anders davon zu urteilen, als was wir schon anfänglich in
Klein-Felsenburg davon geurteilet hatten. Die Characteres wusste auch kein
Mensch auszulegen, ohngeacht unsere Herren Geistlichen im Arabischen, Syrischen,
Chaldäischen Schrifften und Signaturen nicht unerfahren waren. Doch hielt Herr
Mag. Schmeltzer davor, es könten vielleicht eine solche Art von Heiden gewesen
sein, welche die Sonne, als ihren höchsten Gott, angebetet hätten, weil die
Sonne nicht undeutlich, als ein alles regierendes Wesen, recht in der Mitte des
Deckels der Urnen abgebildet wäre, hiernächst hielt er das oberste Zeichen vor
den Mond, und das unterste vor ihren irrdischen Haupt-Götzen, weil dieses
Zeichen etwas gröber ausgedruckt wäre als die andern 10. welche vielleicht die
übrigen Planeten oder andere Gestirne, oder auch wohl andere selbst erwählte
Götzen anzeigen sollten. Doch wollte Herr Mag. Schmeltzer diese seine Meinung vor
keine untrügliche Wahrheit ausgeben, wir aber hielten dieselbe, allen Umständen
nach, vor sehr vernunftmässig. Da wir nun nachhero eine Relation von demjenigen
abstatteten, was wir bereits weiter erforscht, und noch ferner zu untersuchen
willens wären, fanden sich nebst dem Alt-Vater sehr viele, welche uns von diesen
verwegenen und gefährlichen Vornehmen abraten wollten, andere Wagehälse hingegen
boten sich an, uns Gesellschaft zu leisten, allein, wir liessen uns von den
erstern nichts einreden und abschrecken, den letztern aber schlugen wir ihr
Anerbieten höflich ab, weil die Compagnie sonsten gar zu starck, mitin
vedriesslich worden wäre, in Klein-Felsenburg aber ohnedem Helffers-Helffer
genung anzutreffen waren.
    Man machte derowegen alles zu unserer Abfahrt fertig, und wartete nur, mir
zu Gefallen, biss meine Cordula am 19. Mart. zur Kirche gegangen war, Montags den
23. dito aber ging die Reise fort, nachdem wir uns mit Flinten, Pistolen,
Seiten-Gewehr, Fackeln, Wind-Lichtern, auch allerhand kräfftigen Speisen und
Geträncke wohl besorgt hatten, und zwar so waren es eben diejenigen Personen,
welche das vorige mahl mit gewesen waren, biss auf Lademannen, der kranck worden
war, und an dessen Stelle wir den jungen Chirurgum Julium mit nahmen. Noch
Vormittags gelangten wir bei dem Capitain Horn an, erfuhren von ihm, dass er
unsern Willen in allen Stücken erfüllen, und die bestellten Holtz Stücken an den
bezeichneten Ort, am Grunde der Hügel bringen lassen, weswegen wir nur in der
Geschwindigkeit etwas speiseten, so dann unsern Weg, in Begleitung des Capitain
Horns und aller seiner Leute, biss auf ihrer 4. die teils Schäden an sich
hatten, teils etwas unpässlich waren, vor uns nahmen, und den Ort gar bald
erreichten, wo das zugehauene Holtz lag. Hier packte nun alles an, was Hände
hatte, die grossen und kleinen Stücken, teils Berg auf, mit Seilen zu
schleppen, teils hinauf zu tragen, brachten auch noch vor Nachts alle Stücken
hinunter in das Tal vor den schmalen Weg, stärckten hernach unsere abgemarteten
Leiber mit Speise und Tranck, und legten uns endlich unter freiem Himmel zur
Ruhe.
    Noch vor Aufgang der Sonnen ermunterten wir uns wieder, verrichteten unser
Morgen-Gebet einstimmig, damit uns GOtt vor allen Schaden und Gefahr bewahren
möchte, sungen ein paar geistliche Lieder, nahmen hieraus das Früh-Stück ein,
und gingen mit aufgehender Sonne auch wieder an unsere Arbeit. Allein, war uns
die gestrige sauer geworden, so war in Wahrheit die heutige noch zehnmahl
beschwerlicher, denn wie kühle es auch in dem engen Wege, zwischen den zwei
Felsen-Mauern war, so brach uns doch der Schweiss aus, die langen Balcken
hindurch zu bringen, weil wir dieselben bei jeder Krümme empor heben und also
herum tragen mussten, noch weit mühsamer aber war, selbige mit einem Ende auf das
jenseitige Ufer des Abgrundes zu bringen, indem wir wenig Raum, auch keine
tüchtige Machinen darzu hatten, jedoch es musste endlich alles angehen, wie wir
denn noch vor Nachts die 8. langen Balcken in ihr ordentliches Lager brachten,
nachhero aber sehr ermüdet unsere Bequemlichkeit auf dem steinigten Boden
suchten, und uns sämmtlich auf demselben nieder lagerten. Viele unter unserer
Gesellschaft schlieffen, nachdem wir Bet-Stunde gehalten, auf diesem, obschon
elenden Lager, bald ein, allein, mir war es unmöglich einzuschlaffen, weil ich,
wegen der schmertzlich drückenden Steine, ohngeacht ich meinen Rock darauf
gebreitet, mich alle Augenblick einmal umwenden musste; ausserdem machte das
Wasser in dem Schlunde, welches vermutlich in selbiger Gegend einen starcken
Abfall haben mochte, in der stillen Nacht ein solches grässliches Getöse, dass
meine Ohren mehr als zu vedriesslich wurden, selbiges anzuhören. Dem Mons. van
Blac und dem Chirurgo Julio mochte es eben so gehen wie mir, derowegen stunden
sie auf, setzten sich bei das angemachte Feuer, und fingen an, Toback zu
rauchen, also stund ich auch auf, und leistete ihnen Gesellschaft. Mons. van
Blac erzählete von vielen Wunder-Dingen der Natur, die er auf seinen Reisen
angemerckt hatte, und wir beide höreten ihm fleissig zu, mitin wurde uns die
Zeit gar nicht lang, allein, wir erschracken ziemlichermassen, da plötzlich
gegen uns über, aus der Felsen-Klufft eine Feuer-Flamme in die Höhe fuhr, eben
als wenn Colofonium durch ein starckes Rohr wäre geblasen worden. Wir sahen
einander stillschweigend an, und wussten nicht, was wir davon sagen und dencken
sollten, Mons. van Blac aber sah nach seiner Uhr, und sagte: Es ist itzo accurat
die Mitternachts-Stunde eingetreten, entweder hat der Satan sein Spiel, oder es
ist eine entzündete Schwefel- oder Salpeter-Dunst gewesen. Ich gab ihm Beifall,
etwa 4 oder 5. Minuten hernach aber, kam eben dergleichen Flamme zum andern
mahle, und wieder nach so langer Zeit, zum dritten mahle heraus gefahren; weiln
wir nun solchergestalt glaubten, es würde dieses noch öffter geschehen, so
weckten wir die nahe liegenden Mons. Wolffgangen und Litzbergen nebst noch
einigen andern auf, und diese hatten sich kaum ermuntert, auch angehöret, was
passirt war, als eben dergleichen Blitz zum 4ten mahle geschahe, und alle 4. biss
5. Minuten ordentlich wiederholt wurde. Endlich da er zum 12ten mahle heraus
gefahren war, sah Mons. van Blac abermals nach seiner Uhr, und sagte: Was
guts? wenn es ein Spielfechten des Satans ist, so wird es nun bald ein Ende
haben, denn die Mitternachts-Stunde ist bald vorbei.
    Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als eine grässliche Stimme, die so
starck war, als wenn 10. ja 20. Ochsen auf einmal brülleten, die abgesetzten
Sylben aus der Felsen-Klufft heraus rieff: Ka-to-ma-hoom. Es währete dieser Ruf,
so zu sagen, in einem Atem, ohngefähr eine halbe Minute, worauf eine andere
viel schwächere und ganz kläglich lautende Stimme, die, unsers Bedünckens,
oben, zwischen den Felsen des schmalen Ganges hinter uns, heraus schallete, zur
Antwort gab: Ur-mi-di. Hierauf höreten wir augenblicklich ein entsetzliches
Geheule aus der Felsen-Klufft erschallen, eben als wenn eine gewaltige Anzahl
Wölffe, Katzen, Eulen und dergleichen wohlsingende Tiere in einem Gewölbe eine
Vocal-Music machten. Dieses Geheule dauerte ohngefähr 3. Minuten, worauf alles
stille wurde. Mons. van Blac sagte: Nunmehro ist die Mitternachts-Stunde vorbei,
und wir höreten, und sahen auch wirklich weiter nichts, biss der helle Tag
anbrach, da sich denn die andern alle ermunterten, und sehr verwunderten, dass
sie, nach erhaltener Nachricht von dem, was passirt war, nicht das geringste
gehöret hatten.
    Wir hielten hierauf die Morgen-Bet-Stunde, und sungen unter andern das
Lied: GOtt der Vater wohn uns bei etc. verzehreten das Früh-Stück, und sahen
nachhero zu, wie Capitain Horns Leute wechsels-weise die kleinen Quer-Höltzer
mit eisernen Clammern, deren wir eine ziemliche Anzahl mitgebracht hatten, an
einander und auch an die langen Balcken bevestigten, so, dass sich nichts
schieben sollte, und wir also ohne alle Gefahr, nicht nur darüber gehen, sondern
auch wohl ziemliche Lasten hätten tragen können.
    Etwa 2. Stunden über Mittag war also die ganze Brücke fertig, allein, wir
hielten nicht vor ratsam, gegen den Abend oder die Nacht zu, die jenseitige
Klufft zu untersuchen, oder den grossen Berg zu beklettern, sondern es lieber zu
sparen biss Morgen früh, damit wir den Tag vor uns hätten; was mir aber am besten
gefiel, war dieses, dass der Capitain Horn seine Leute befehligte, nach ihren
Hütten umzukehren, und zwar unter dem Vorwande, dass sie nicht so viel an ihrer
Schiffs-Arbeit verabsäumen möchten, ausserdem so wäre eine so gar starcke
Compagnie bei dergleichen Vornehmen, als wir hätten, nur beschwerlich, wenn wir
aber ja etwas curieuses finden sollten, wollten wir ihnen schon Nachricht davon
geben, damit sie es hernachmahls nach Belieben auch in Augenschein nehmen
könten, weiln ja der Weg offen bliebe, u.s.w.
    Die guten Leute liessen sich so gleich weisen, parirten Commando, gingen
frölich zurück, und versprachen, Morgen gegen Abend eine gute Mahlzeit vor uns
zuzubereiten. Als sie fort waren, legten ich und diejenigen, welche in
vergangener Nacht gar nicht geschlaffen hatten, uns in etwas zur Ruhe, und
schlieffen indessen, da die andern, so geschlaffen hatten, Wechsels-weise zu
wachen versprochen, sehr wohl, biss ein paar Stunden nach Untergang der Sonnen.
Mittlerweile war von den munter gebliebenen ein gross Feuer angemacht worden, um
selbiges setzten wir uns herum, und warteten mit Verlangen, ob in der heuntigen
Mitternachts-Stunde, abermals etwas besonderes zu sehen und zu hören sein
würde.
    Mons. van Blac sah dieserwegen fleissig nach seiner Uhr, und als es kaum
eine Minute über 11. Uhr war, kam eine gewaltige grosse Feuer-Kugel aus der
Felsen-Klufft die Treppe herunter, und auf unsere Brücke gerollet, schwermete
fast einer Minuten lang mitten auf derselben herum, und stürtzte sich endlich
hinunter in den Abgrund, in welchem ein solches entsetztliches Geprassele und
Getöse entstund, dass uns fast allen, sowohl über eins als über das andere, ein
Grausen ankommen wollte, der eintzige Mons. van Blac sagte mit Lachen: Nur nicht
näher! so gets noch hin. Ich bat ihn stille zu sein, er aber sprach: man
sieht nun doch wohl, dass es nichts natürliches, sondern ein teuffelisches
Blendwerck ist, deswegen muss man dem Teuffel die Liebe nicht tun, und sich vor
ihm fürchten, vielmehr seiner spotten; Wir haben uns GOtt besohlen, und sind
nicht gesonnen, etwas böses auszuüben, was hat der Teuffel vor Macht an uns?
Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als die andere Feuer-Kugel aus der
Klufft Himmel zu fuhr, sich gemächlich wieder herunter senckte, eben als wenn
sie zwischen uns niederfallen wolle, weswegen wir indem aufspringen und zurück
lauffen wollten, allein, da sie noch wohl 50. Ellen über uns war, verging sie
plötzlich als ein Wind. Mons. van Blac hatte in Wahrheit die meiste Courage
unter uns allen, denn er blieb ohnbeweglich sitzen, schalt unsere Furcht, die
wir wegen des Teuffels-Gauckelei hätten, und ermahnete uns, ein stärcker
Vertrauen auf den Göttlichen Schutz zu setzen. Demnach blieben wir ganz
hertzhaft sitzen, ob gleich vor Verlauff dieser Stunde noch 10. Feuer-Kugeln
aus der Felsen-Klufft heraus geflogen kamen, die teils auf der Brücke herum
schwermeten, und sich hernach in den Abgrund stürtzten, teils hoch in die Lufft
stiegen, im Heruntersincken aber verschwanden. Nachdem dieses Feuer-Werck vorbei
war, liess die Stimme aus der Felsen-Klufft folgende deutliche Sylben erschallen:
On-za-to hoom! und die hinter uns antwortete noch kläglicher als gestern:
Mi-di-schriz-schriz-schriz! Hierauf hörete man abermals ein grässliches Brüllen,
Heulen und Winseln aus dem grossen Berge erschallen, eben als wenn lauter Löwen,
Bären, Wölffe, Hunde, Katzen und dergleichen Tiere darinnen befindlich wären,
da aber die Mitternachts-Stunde zu Ende, ward alles auf einmal stille,
derowegen schlieffen wir Wechsels-weise, biss der helle Tag wieder da war.
    Nachdem wir uns ingesammt in einem andächtigen Morgen-Gebet GOtt befohlen,
auch die Leiber mit kräfftiger Speise und köstlichen Weine gestärckt hatten,
steckten wir, jeder die Taschen voll Victualien, hingen die mit Wein gefülleten
Flaschen über die Schultern, nahmen in die lincke Hand eine Pech-Fackel oder
Wind-Licht, in die rechte aber teils einen Degen oder Pistol, deren jeder ein
paar vor sich im Gurt gesteckt mit sich genommen, die Flinten hingen gleichfalls
auf den Schultern, und also marchirten wir Paar und Paar über die Brücke
hinüber, an welcher nicht das geringste zu sehen war, dass sich in vergangener
Nacht Feuer-Kugeln darauf herum getummelt hatten. So bald wir die Stuffen hinauf
und in die Felsen-Klufft eingetreten waren, zeigte sich ein ohngefähr 3. Ellen
breiter Gang gegen Süden zu, der jedoch von forne zu vollkommen durch das
Tages-Licht erleuchtet wurde, welches von oben durch die Felsen-Ritzen hinein
fiel, endlich wandte sich der Weg auf einmal gegen Osten, und als wir denselben
etwa 20. Schritt passirt, war kein Tages-Licht mehr, sondern eine dicke
Finsternis vor uns zu sehen; weswegen wir alle unsere Fackeln und Laternen
ansteckten. Mons. van Blac und der Capitain Horn gingen voraus, die Capitains
Wolffgang und Wodlei folgten ihnen, hernach kam Mons. Litzberg und ich, auch die
übrigen Paar und Paar. Bisshero war uns nicht das geringste von Ungeziefer vor
die Augen gekommen, doch nunmehro, da wir die Feuchtigkeit spüreten, ging auch
die Furcht vor dem Ungeziefer an, allein, wir merckten nichts, sondern kamen,
nachdem wir etwa 100. Schritt durch die Finsternis gegangen waren, auf einem 20.
Schritte langen auch so breiten Platze alle zusammen zu stehen. Der Platz war
ziemlich viereckig, biss 7. Ellen hoch, und oben als ein Gewölbe, sonsten aber an
dessen Seiten nichts von Figuren oder sonsten etwas zu bemercken. Gleichwie wir
nun bisher nur einen kurtzen Strich gegen Osten, hergegen immer nach Süden zu
gegangen waren, so fand sich auch auf derselben Seite ein 3. Ellen hohes Loch
oder Tür, oben mit einem ordentlich ausgehauenen Schwibbogen, und nach fernerer
Untersuchung eine Treppe von breiten Stuffen in die Tieffe. Ehe wir da hinein
traten, taten wir alle erstlich einen guten Schluck Weins, hernach ging die
Reise fort, und ich kann nicht läugnen, dass, als ich schon 200. Schritt hinab
gezählet hatte, und dennoch kein Ende zu sehen war, mir, ohngeacht der
Gesellschaft, doch ganz bange ums Hertze wurde. Endlich, ehe wir es uns
versahn, befanden wir uns vor einem ordentlichen Tempel, in welchen das
Tags-Licht durch etliche Oeffnungen des Felsens hell und klar hinein fiel,
weswegen ein Teil unserer Fackeln und Wind-Lichter ausgelöscht und nur einige
derselben brennend hingesetzt wurden, wir aber gingen sämtlich in den Tempel
hinein, um denselben genauer zu betrachten, da wir denn Dinge fanden, welche wir
allhier nimmermehr gesucht hätten. Um aber alles genau zu beschreiben, so war
der Tempel im Umfange ganz rund, in der weite 68. Ellen, und 26. Ellen hoch,
nehmlich da, wo er am höchsten war, denn die Decke war auch rund, als ob sie
ordentlich ausgewölbt wäre, da es doch nur durch Menschen also ausgehölet war.
    In der Mitte dieses Tempels befand sich ein runder Altar, auf selbigen ein
etwa Ellen hohes Gestelle, und auf diesen ruhete eine guldene Kugel, die im
Durchschnitte 3. Viertel-Ellen hatte, und deren eingefügte grosse, mittelmässige
und kleine Diamanten und andere edlen Steine einen wunderbaren schönen Glantz
gaben, ja rechte Strahlen von sich warffen, zumahlen, da wir nachhero bei
Nachts-Zeit Lichter dargegen stelleten. Rings um diesen Altar herum, zähleten
wir 12. halb-runde Altäre an den Wänden des Tempels angefügt, auf deren jeden
ein 2. Ellen hohes massiv-güldenes Götzen-Bild, und zwar in ordentlicher Weite
von einander stunden. Das erste, so der Tür, wo wir hinein getreten, gegen über
stund, præsentirte sich in Gestalt eines Frauenzimmers, die einen mit
Edelgesteinen besetzten halben Mond auf dem Kopffe, in den Händen aber einen
gespanneten Bogen mit darauf gelegten Pfeile hatte, und sich stellete, als ob
sie eben los drücken wollte; zu ihren Füssen waren 2. Hirsch-Köpffe mit Geweihen,
ebenfalls von Golde zu sehen. Das andere von oben her, uns zur Rechten, war ein
scheussliches Monstrum, indem es einen Kopff fast wie eine Nacht-Eule, vor der
Stirn nur ein grosses Auge, sonsten aber fast über und über die Gestalt eines
Bären hatte. Das dritte machte die Stellung eines ergrimmten Menschen, der etwas
mit der Keule in Stücken zerschlagen will. Das vierte war zwar auch am Leibe
gestaltet als ein Mensch, hatte aber einen Hunds-Kopff mit einem geraden
spitzigen Horne. Das fünfte zeigte die Figur eines aufgerichts sitzenden
Ochsen, der die beiden Vorder-Pfoten ausstreckte, und den Rachen weit
aufsperrete. Das sechste stellete das ordentliche Bildnis des Neptuni oder
Meer-Gottes mit seiner dreizackigten Gabel dar, so, wie es heutiges Tages
gemahlt oder ausgehauen wird. Das siebende war unter allen das scheusslichste,
indem es einen Löwen-Kopff mit krummen Hörnern und grausame Krallen an den
ausgebreiteten Vorder-Pfoten hatte. In die Augen waren ihm 2. grosse Diamanten
eingesetzt, welche starcke Strahlen von sich warffen, mitin dieses Bild desto
grässlicher vorstelleten, dessen Unter-Leib die Gestalt eines halben Frosches
hatte; am allerschändlichsten aber præsentirte sich dasjenige Glied, welches zu
verdecken, selbst die Natur erinnert, allein, hier schien es, als wenn das
Modell von einem brünstigen Hirsche genommen wäre. Das achte Götzen-Bild,
welches an unserer Eingangs-Tür zur Lincken stunde, fiel gegen das vorige etwas
besser in die Augen, indem es ein lächlendes Frauenzimmer vorstellete, die auf
dem Haupte eine Krone, von Aehren und allerlei Blumen, die reichlich mit
Edelgesteinen besetzt, unter dem rechten Arme ein Gefäss mit Obst-Werck, in der
lincken Hand aber einen Becher hatte. Unsern Mutmassungen nach, sollte dieses
Bild vielleicht die Göttin Ceres, so, wie das erste, etwa die Dianam vorstellen.
Das neunte hatte die ordentliche Figur eines Affen, der auf dem Hintergestelle
sass, die eine Vorder-Pfote in die Höhe, die andere aber niederwerts reckte, und
die Zähne fletschte. Das zehende war abermals ein schändliches Monstrum, indem
auf 2. Greiffen-Klauen ein fast Kugel-runder sehr dicker Bauch, woran ein
weibliches Geburts-Glied aus ärgerliliche Art bemerckt, zu sehen war. Um den
Nabel herum zeigeten sich 6. Zitzen, oben aber lieff der ganze Bauch, ohne eine
ordentliche Brust zu formiren, immer schmäler zu, so, dass es das Ansehen eines
Halses bekam, aus welchem 2. Hände gewachsen, die ein kleines nackendes Kind bei
dem Kopffe hielten, dessen Füsse in dem weit ausgesparreten Maule des auf dem
Halse stehenden breiten Kopffes stacken. Sonsten aber befand sich auf diesem
Kopffe eine sauber ausgearbeitete Krone von güldnen Blättern, die dem Epheu
gleichten, zwischen selbigen auch viele edle Steine. Das eilffte stellete eine
junge vigoreuse Manns-Person mit verdeckter Schaam vor, indem selbige auf dem
lincken Fusse stund, den rechten aber vor sich aufgehoben hatte. In der Rechten
hielte sie einen Griffel, in der Lincken aber eine Tafel, und zwar so, als ob
sie darauf schreiben wollte. Weiln auch auf dem Rücken Flügel zu sehen, so
bedünckte uns, dass dieses Bild vielleicht den Mercurium vorstellen sollte. Das
zwölffte endlich, so der, von uns also genannten Diana gleich zur Rechten stund,
war eine, auf einer Kugel mit dem Schwantze sitzende ordentliche Schlange,
Schlangen-weise in die Höhe gerichtet, mit einem starcken Kopffe und
funckelenden Augen, und einem im Maule haltenden güldenen Apffel.
    Ausser diesen Götzen-Bildern und mehr gemeldten, war doch in dem ganzen so
genannten Tempel nicht das geringste von andern Sachen mehr anzutreffen, auch
kann ich mit Wahrheit versichern, dass nichts von Staube oder Beschlag,
ohngeachtet es ein unterirrdisches Gewölbe, darinnen zu spüren war, sondern die
güldenen Statuen oder Götzen-Bilder, gläntzten alle noch dergestalt, als ob sie
erst gestern vom Goldschmiede verfertiget worden.
    Anfänglich glaubten wir zwar nicht, dass alle diese Bilder durchgehends von
puren Golde wären, allein, da einige der unsern an verschiedenen ein und andere
Proben gemacht, fiel fast aller Zweiffel, und derowegen waren wir ingesamt, über
diesen gefundenen unschätzbaren Schatz fast ausser uns selbst, konten die
ungemein saubere Arbeit nicht genung bewundern, und mussten nunmehro vollkommen
glauben, was die heilige Schrifft und so mancher Geschicht-Schreiber von den
besondern Künstlern der alten Zeiten meldet. Endlich gingen wir davon ab, und
fanden noch 3. andere Ausgänge aus diesem Tempel, deren 2. so wohl als der, da
wir herein gekommen, offen stunden, von dem 4ten aber, der sich gegen Süden zu,
gleich neben der Statua der Diana befand, bemerkten wir eine steinerne mit
eisernen Stäben oder Riegeln wohl verwahrte Tür, welches uns einiges
Nachdencken verursachte. Nachdem nun in Vorschlag gebracht worden, den Ausgang
nach Westen zu, noch zu untersuchen, so bezeigten die wenigsten von unsern
Gefährten Lust darzu, indem es weit über Mittag war, und der Abend heran zu
nahen begunte, gaben vielmehr zu verstehen, dass wir bei Zeiten wieder zurück
kehren möchten, weiln es über Nacht in diesen unterirrdischen Gewölbern zu
verbleiben gar zu fürchterlich wäre. Allein, Mons. van Blac trat hervor, und
hielt folgende heroische Rede: »Meine Herren! sagte er, wer wollte furchtsam
sein? es ist zwar leicht zu erachten, dass der Teuffel entsetzlich böse sein
wird, weil uns GOTT wunderbarer Weise hieher geführet hat, seine Capelle zu
zernichten, in welcher er vielleicht noch mit der Zeit neue Anbeter zu sehen
vermeint hat; allein, was wird er anders tun, als etwa unsern Augen ein
Blendwerck und unsern Ohren ein Getöse vormachen können? Ich weiss, dass sich
seine Krafft, Macht und Gewalt allenfalls nicht weiter erstrecken wird, und wir
können mit Recht unser Gespötte darüber haben, da wir wissen, dass GOTT unser
mächtiger Beschützer ist, dem zu Ehren und zu Lobe, wenn es nach meinem Sinne
geht, wir nächster Tags die schändlichen falschen Götter, auf der Insul
Gross-Felsenburg, im Triumphe einführen wollen. Meine Herren! seid derowegen
Männer, lasset uns nur erstlich ein wenig erforschen, was es mit diesem Ausgange
gegen Westen zu vor eine Bewandtnis habe, und hernach bevorstehende Nacht mit
Beten, Singen zu GOTT, in diesem Heiden-Tempel zubringen, denn es ist schwer zu
glauben, dass, weil die Welt stehet, ein andächtig Vater Unser etc. an diesem
Orte gebetet worden. Saget mir, ob GOTT hieran nicht einen besondern Gefallen
haben wird, wenn man ihn an einen solchen Orte im Geist und in der Wahrheit
anbetet, wo vielleicht vor diesen der Teuffel auf mancherlei Art angebetet
worden? Oder meint  ihr etwa, dass GOTT dieses Gewölbe, welches seine Langmut so
viele hundert oder tausend Jahre veste stehen, eben diese Nacht auf unsere
Häupter wird einfallen lassen? Ich gläube es nicht, sondern hoffe, der GOtt, der
uns hierher geführet hat, wird uns auch erhalten, dem Teuffel zum Trotz.
Hiernächst legen wir, wenn wir diese Begebenheiten nach Europa berichten wollen,
vor aller Welt Ehre ein, und die ganze Welt wird sich wundern, dass wir solche
Glücks-Kinder sind, die je mehr Schätze finden, je mehr sie anderen Bedürfftigen
damit zu helffen geneigt sind. Ich vor meine Person gehe nicht von dannen; will
niemand bei mir bleiben, so bleibe ich alleine hier, damit ich Morgen nicht den
Herweg vor den Hinweg rechnen muss.«
    Indem nun Mons. van Blac diese kleine Oration mit recht ernstaften
Gebärden hielt, schiene es, als ob die andern alle neuen Mut bekämen, derowegen
versprachen wir, ihm, als dem glückseligen Vorgänger bei dieser Sache, in allen
Stücken zu folgen, wo er hin wollte. Demnach steckten wir unsere Fackeln und
Wind-Lichter an, und spatzirten in den dunckeln Gang nach Westen zu, welcher
ohngefähr 80. Schritt lang war, und so dann ein Ende hatte, auf jeder Seite aber
bemerckten wir 6. schmale Eingänge, wesswege wir im Rückwege selbige
durchkrochen, mitin 12. geraumliche Cammern angetroffen wurden, in welchen wir
einen starcken Vorrat von Eisen, Kupffer, Blei, allerhand wunderlich, jedoch
zur Arbeit und Hausshaltung dienlichen Instrumenten, nebst dem, sehr viel
verfault und vermodert Zeug fanden. Schauffeln, Picken, Hacken und dergleichen,
lagen genung da, allein, die höltzernen Stiele an denselben, waren entweder
schon verweset, oder sie zerfielen uns in den Händen, wie anderes faules Holtz.
Mit Besichtigung anderer Instrumenten aber, die wir weder zu nennen noch ihren
eigentlichen Nutzen wussten, brachten wir endlich die Nacht heran, gingen
deswegen auch mit dieser Curiosität wohl vergnügt wieder zurück, lagerten uns in
dem geraumlichen Vorhofe des Tempels, der so gleich vor der Tür nach Norden zu
befindlich, auf den Boden, liessen unsere Wind-Lichter bei uns stehen, hielten
die Abend-Mahlzeit, nach derselben aber eine andächtige Bet-Stunde, und warteten
mit Verlangen auf die Mitternachts-Stunde. Allein, mit Eintritt derselben
geschahe ein grausamer Knall, eben als wenn 100. Canonen auf einmal gelöset
würden, auf diesen folgte ein grausames Geprassele, der Boden bebete unter uns,
und es lief sich anhören, als ob der ganze Berg in viel tausend Stücken
zerspringen und in einen Klumpen zerfallen wollte. Wie uns hierbei zu Mute
gewesen, wird jederman leicht mutmassen, zumahlen da unsere Lichter nur einen
kleinen Schein von sich gaben, als ob sie indem ausgehen wollten, weil ein dicker
Staub oder Nebel dieselben verdunckelte. Endlich, da das grässliche Geprassele
und unser erster Schrecken über 3. Minuten lang gewähret, ward alles stille, wir
spüreten keine Erschütterung mehr, unsere Lichter fingen an heller zu brennen,
der dicke Nebel verzohe sich zum Teil, so, dass wir erstlich mit Verwunderung
bemerckten, wie die auf dem Altar befindliche runde Kugel als ein Uhrwerck sehr
schnell herum lieff, und Strahlen von allerhand Farben von sich warff. Ferner
bemerckten wir, doch als im Nebel, womit der Tempel angefüllet war, dass sich
Figuren wie Menschen in demselben regten, so teils gingen, teils stille
stunden, teils auf dem Boden herum webelten. Um halb 12. Uhr stund die Kugel
auf einmal stille, aus dem Eingange nach Osten zu, erschallete ein grässlicher
Laut, als ob auf einem grossen Horne geblasen würde. Hierauf erhub sich ein
wunderlich durch einander her, grob und klar klingendes Schreien, Heulen und
Winseln, welches etwa 4. Minuten währete, und als das Horn zum andern mahle
geblasen wurde, so gleich aufhörete. Nach diesem liess eine dumpffigte Stimme,
die unserm Bedüncken nach aus dem grossen Altare kam, etliche unvernehmliche
Worte hören, worauf sich ein sanftes Gemurmele im ganzen Tempel erhub,
inzwischen aber liessen sich bald dort bald da laute Stimmen hören, als ob sie
etwas fragten, worauf ihnen die dumpffigte Stimme aus dem Altar allezeit
ordentlich antwortete, biss endlich das Schreien, Heulen und Winseln wieder
anging, und sich nicht eher als bei Blasung des Horns endigte. Kaum war der
Schall des Horns verschwunden, als sich eben ein so starcker Knall, wie vor
einer Stunde, auch eben dergleichen Erschütterung, Gepoltere und Geprassele,
zutrug, jedoch über alles dieses war der ganze Tempel voll lauter Feuer, und
nicht anders anzusehen, als ein im höchsten Grad gehejetzter Brenn- oder
Schmeltz-Ofen, es schlugen etliche mahl Flammen heraus auf uns zu, weswegen
einige der Unsern furchtsam werden und zurück welchen wollten, allein, wir
vordersten sassen wie unbewegliche Steine, liessen uns nichts anfechten, und ich
kann versichern, dass die heraus schlagenden Flammen nicht die geringste Hitze mit
sich brachten, sondern ein blosses Lufft-Spiel waren, welches Gauckel-Spiel
unter einem wiederholten Knall alles auf einmal verschwand.
    Nachdem wir uns von der gehabten Alteration, völlig erholt, vermeinten
einige, das Feuer würde im Tempel alles verzehret haben, allein, da unsere
Lichter wiederum vollkommen helle zu brennen anfingen, sahen wir keine
Veränderung, ja, Mons. van Blac war so hertzhaft, mit einer Laterne im ganzen
Tempel herum zu spatziren, und meldete sodann, dass er alles unversehrt gefunden
hätte.
    Folgenden Morgens war unsere erste Arbeit, den Ausgang nach Osten
durchzusuchen, und daselbst fand sich, nachdem wir nur etwa 10. oder 12.
Schritte in die Höle hinein getan, ein güldenes Horn, etwa so lang, als ein
gekrümmter Manns-Arm, jedoch unten sehr weit und dick, an einer güldenen Kette
hangen, gleich darneben auf der rechten Seite war eine offene Tür, durch welche
wir in eine grosse Cammer, oder so zu sagen, Vorhoff traten, in welchem gerade
vor uns, nach der Süd-Seite zu, 2. offen stehende, nach der Ost-Seite aber, eben
so viel, jedoch verschlossene Türen, zu sehen waren. Die erste von den offen
stehenden führete uns in eine grosse Cammer, die ziemlich helle war, indem das
Tages-Licht durch 2. grosse Felsen-Löcher hinein fiel, sonsten aber kam uns die
Cammer als eine Küche, oder gar als ein Laboratorium vor, indem sich einige hohe
und niedrige Heerde, so dann verschiedene kleine, auch ziemlich grosse Feuer-
und Schmeltz-Oefen, ingleichen 2. eingemauerte küpfferne Pfannen, eine 4. die
andere 21/2. Ellen lang, beide aber 2. Ellen breit und tieff, an welchen allen
die Rauch-Fänge gar künstlich und geschickt oben hinaus geführet waren.
Hiernächst fanden sich verschiedene in Ordnung gesetzte Instrumenta, als:
Feuer-Röhre, Schauffeln, Gabeln, Hacken, eiserne und küpfferne Töpffe, Tiegel,
Pfannen, Schaalen, grosse und kleine Platten, und dergleichen Zeug, welches man
teils in der Küche, teils beim Schmeltzen und Laboriren brauchen kann; sonsten
wurden noch 2. grosse zugedeckte Löcher entdeckt, deren eines ganz mit Kohlen,
und das andere über die Helffte mit Asche angefüllet war, ausser diesem allen
aber nichts besonderes merckwürdiges, weswegen wir zurück und in die 2te offen
stehende, Cammer gingen, die ebenfalls vom Tages-Licht erleuchtet war. Allhier
zeigte sich der Tür gleich gegen über auf einem halb-runden Altare das Bildnis
Phoebi, so, wie es noch heutiges Tages von den Mahlern und Bildhauern
vorgestellt wird. Es war dasselbe so wohl wie die andern im Tempel 2. Ellen
hoch, und von puren Golde. Auf jeder Seite des Altars, als wohin das meiste
Tages-Licht fiel, stunde ein aus dem ganzen gehauener steinerner Tisch, vor
jedem auch ein steinerner Sessel, in der Mitte eines jedweden Tisches aber war
eine viereckigte, grosse, güldene, glatt-gemachte Platte eingefügt, an welchen
so gleich zu mercken, dass sie heraus genommen werden konten; als wir demnach die
auf dem Tische zur Rechten ausgehoben, fanden sich in dem ausgehölten Tische
253. küpfferne und 118. steinerne Täflein, jedes 8. Zoll lang und 51/2. Zoll
breit. Es wurde erstlich von jeder Sorte nur eins, hernach alle zusammen heraus
genommen, jedoch numerirte Mons. Litzberg die küpffernen und ich die steinernen
mit spitzigen Instrumenten, indem oben und unten an den Täfleins Platz genung
darzu war. Auf allen Tafeln durchgehend, befanden sich, auf jeder Seite, nicht
mehr und nicht weniger als 13. Zeilen Schrifft, die aber von uns so wenig
gelesen, als nur ein eintziger Buchstabe oder Character erkandt werden konnte.
Mons. Litzberg wurde vor allen andern hierüber dergestalt vedriesslich und
ungedultig, dass er sprach: »Wolte der Himmel! dass alle in diesem Berge
befindlichen Kostbarkeiten zu blossen gemeinen Steinen würden, wenn ich nur
dagegen das Vergnügen haben sollte, diese Schrifft lesen und auslegen zu können.«
    Viele, worunter auch ich, waren mit ihm einstimmig, der Wunsch aber
vergeblich, derowegen wurde alles wiederum ordentlich nach den Nummern hinein
gelegt, und wir begaben uns an der andern Tisch, huben die güldene Platte
gleichfalls auf, und fanden unter derselben 402. güldene Tafeln, jede 9. Zoll
lang, 7. Zoll breit und 1/8. Zoll dicke. Auf jeglicher Seite waren ebenfals
nicht mehr als 13. Zeilen, jedoch die Littern oder Characters etwas gröber
ausgestochen, als in den vorherigen küpffernen und steinernen. Sie wurden alle
ebenfals numerirt, und biss aus weitern Bescheid indessen wieder an ihren Ort und
Stelle gelegt.
    Lincker Hand, in der etwas dunckeln Ecke, sah man eine, gleich einem Back
Troge ausgehauene steinerne Lager-Statt, vor derselben eine Absatz, Stuffe oder
Banck, und zum Häupten in der Ecke einen Tisch, unter welchem in 3. Fächern
allerhand Instrumenta, als Messer, Grabstichel und dergleichen von verschiedener
Grösse in behöriger Ordnung lagen. Auf dem Tische und der Banck stunden und
lagen verschiedene Sachen, als eine küpfferne Flasche, ein goldener
Trinck-Becher, 2. Pfannen oder halbe Töpffe, 2. güldene Schalen, die an statt
der Schüsseln, und so viel Platten, die an statt der Teller zu gebrauchen,
verschiedenes kleineres Geschirr, ein Messer, ein Löffel, dessen Stiel eine
Schlange vorstellete, und was es sonsten mehr war. In obgemeldeter Lager-Statt
fand sich, nach genauer Besichtigung, erstlich oben ein würcklicher
Todten-Kopff, so dann die stärcksten Menschen-Knochen in ausgestreckten Lager,
die dünnen, kleinen und schwachen Knochen aber waren schon gäntzlich, oder doch
mehrenteils verweset, und so wohl als die Kleider, die dieser Mensch angehabt
haben mochte, zu Mülben und Asche worden. Wir liessen den Rest dieses Cörpers in
seiner Ruhe liegen, erblickten zu dessen Füssen nach der Tür hin, noch 2. eben
dergleichen Lager-Stätten, die aber rein und ledig waren, und da also in dieser
Cammer weiter nichts merckwürdiges anzutreffen, eröffneten wir die Türen der
3ten und 4ten Cammer, mutmasseten, dass solches die Speise- und Vorrats-Cammern
gewesen sein mochten, indem sich viel vermodertes und zu Staub und Asche
gewordenes Zeug darinnen befand, doch kann ich auch nicht läugnen, dass wir einen
ziemlichen Vorrat von nutzbaren Sachen allhier antraffen, die, wo nicht eben
uns, doch unsern Nachkommen, noch wohl dienlich sein können.1
    Hierauf nahmen wir den Rückweg nach der ersten Tür, bei welcher das grosse
güldene Horn hing, erblickten derselben gegen über abermals eine Tür, welche
uns in ein Gewölbe oder Cammer führete, darinnen eine ziemliche Anzahl sowohl
küpfferner als steinerner Wasser- oder Wein-Krüge und dergleichen Gefässe,
befindlich, woraus zu schliessen, dass dieses der Keller gewesen, wo man das
Geträncke verwahrt, wie denn ganz zu hinterst in diesem Gewölbe ein Ströhmlein
des kläresten und süssesten Wassers, fast eines Arms dicke, oben aus dem Felsen
heraus geschossen kam, und sich auf dem Boden in einen sehr tieffen Riss ergoss,
über welchen jedoch ein steinerner Trog von ziemlicher Grösse gesetzt war. Im
Zurückgehen, fanden wir auf der rechten Seite im Gange, noch ein schmales Loch,
jedoch weil man etliche Stuffen dahinunter, gewahr ward, wagten sich Mons. van
Blac und der Capitain Horn allein hinunter, und versprachen, wenn Gefahr
vorhanden, so gleich wieder umzukehren, bei guten Fortkommen aber einen Laut von
sich zu geben. Da wir nun diesen zum öfftern höreten, folgeten Litzberg und ich
ihnen nach, und traffen die beiden Vorgänger in dem ausgehölten Altare an, auf
welchem sie zu oberst schon eine güldene Platte aufgehoben und mit dem halben
Leibe hinauf gekrochen waren, so, dass sie den ganzen Tempel übersehen konten,
worauf sie uns beiden Nachkommenden hierzu auch Platz machten. Sonsten befand
sich in diesem Altare ein stählernes Uhrwerck, vermittelst dessen die güldene
Kugel zum schnellen Herumlauffen gebracht werden konnte, welches Mons. Litzberg
zu unserer aller Verwunderung, so oft er nur wollte, werckstellig zu machen
geschickt war. Ausserdem bemerckten wir 8. kleine Löcher, in welche man etwa
einen Finger stecken, jedoch alles im Tempel dadurch beschauen konnte. Ingleichen
fand sich ein güldenes unten sehr weites, fast wie ein Sprach-Rohr gemachtes
Horn, bei nahe einer Ellen lang, darinnen, welches uns auf die Gedancken
brachte, es würden vielleicht die Götzen-Priester den Fragenden dadurch
geantworttet haben, und dass dieses ganze Heiligtum etwa gar ein Oraculum
gewesen wäre. Vor dieses mahl aber legten wir alles wieder an seinen Ort und
Stelle, nahmen den Rückweg, und öffneten die wohl eingefügte steinerne Tür, so
gegen Süden zu, bei dem Altare der Diana befindlich war. Ausserhalb dieser
fanden wir eine starcke eiserne und dann noch eine dicke steinerne Tür, die
alle beide mit grossen eingelegten eisernen Riegeln verwahrt, und mit schwerer
Mühe eröffnet werden mussten.
    Da aber dieses geschehen, konnte man ein geraumes, doch unförmliches sehr
finsteres Loch sehen, in welches wir mit allen angezündeten Fackeln und
Wind-Lichtern eintraten, jedoch nur etliche 70. biss 80. Schritte fort taten,
als wir oben über uns, durch einen schmalen Felsen-Riss, den klaren Himmel, ja so
gar etliche Sterne an demselben erblickten, welches einigen in der Astronomie
Unerfahrnen, unter uns sehr wunderbar vorkam, allein, es wurde ihnen dieses
Wunders Ursache bald kund gemacht. Je weiter wir fort schritten, je breiter
wurde nicht allein der Felsen-Riss über unsern Häuptern, (so, dass wir der Fackeln
hätten entbehren können) sondern auch der Weg, in welchem wir sehr übel fort
kommen konten, denn es war derselbe dergestalt voll Risse, Klüffte, spitze und
scharffe Steine, dass man alle Augenblick befürchten musste, nicht nur die Schue,
sondern vielmehr die Füsse zu beschädigen. Dieser schändlich böse Weg war über
130. Schritt lang, biss wir an einen ziemlich starcken Wasser-Fall kamen, welcher
erstlich einen mässigen Teich machte, und aus welchem hernach das Wasser durch
krumme Wege weiter Berg- abfloss. Wir glaubten, dass dieses eben das Wasser sei,
welches oben aus dem Keller und unter dem Götzen-Tempel hinweg biss hierher käme,
passirten an der lincken Seite des Teichs, auf einen etwas bessern Wege, um
einen runden Hügel herum, und bekamen, nachdem wir noch etwa eine halbe
Viertel-Stunde Wegs zurück gelegt, erstlich einen weitläufftigen angenehmen
grünen und ebenen Platz, auf welchem sehr viel fruchtbare Bäume stunden, vor
demselben aber die offenbare See ins Gesichte. Wir gingen biss an das Ufer der
See, und fanden selbiges sehr bequem zum Anländen, an keinem Ende des Platzes
aber, war man vermögend, um das Gebürge herum zu kommen, sondern die steilen
Felsen-Spitzen gingen weit in die See hinein, machten also, dass dieser grüne
Platz, dessen Länge am Ufer etwa 500. Schritt, die Breite aber von dem Berge biss
zum Ufer etwa 400. Schritt war, ein rundes aufgeschnittenes Brod pæsentirte.
    Bei unserer Herum-Fahrt um diese kleine Insul, war dieser grüne Platz
zwischen und unter den rauhen Felsen bereits angemerckt worden, weswegen es
keine Mühe bedurffte, mit dem Boote daselbst anzufahren, weiln es aber bereits
Mittag war, riet Mons. van Blac, dass wir nunmehro, da unsere Curiosität sattsam
vergnügt, den Rückweg suchen, und so viel, als möglich, nach den Hütten eilen
möchten, indem sonsten die Zurück geschickten, sich eines uns begegneten
Unglücks-Falls besorgen, also ohnfehlbar kommen, und uns aufsuchen würden.
Capitain Horn versetzte hierauf: »Meine Herren! ich habe auch etwas zu erinnern;
mir scheinet nicht ratsam zu sein, von allen dem, was wir unter diesem Gebürge
gefunden und gesehen haben, meinen Leuten und den Portugiesen einen wahrhaften
Bericht abzustatten; die Ursachen sind leicht zu erraten, was wir ihnen aber
vorschwatzen wollen, das kann unterwegs unter uns verabredet werden, damit wir
alle bei einerlei Rede bleiben. Mein getreuer Rat ist demnach dieser, dass sie
allerseits, gleich Morgen zurück fahren, bei diesem grünen Platze anländen,
durch den Gang, den wir itzo gekommen sind, und wieder zurück gehen wollen,
passiren, und von den gefundenen Schätzen, aus dem Tempel und sonst, so viel mit
hinüber nehmen, als ihnen auf das ernste mahl beliebig ist, nachhero können sie
ja in folgenden Tagen, ohne sich bei uns spüren zu lassen, so oft kommen, biss
alles ausgeleeret ist. Hiernächst halte ich vor das Beste, dass wir unsere
geschlagene Brücke von einander reissen, und in den Abgrund stürtzen, denn es
wird uns ein leichtes sein, etliche eiserne Clammern auszubrechen, so dann die
langen Balcken aus einander zu ziehen, worauf die ganze Machine in den Grund
sincken muss. Ich würde ihnen, meine Herren! (fügte der Capitain Horn noch hinzu)
vielleicht diesen Rat nicht geben, wenn ich interessirt wäre, und nach
nochmahliger glücklichen Zurückkunft aus Europa, nicht selbst Lust hätte, meine
übrige Lebens-Zeit auf der glückseligen Insul Gross-Felsenburg zuzubringen, und
mich mit einem bereits auserwählten lieben Schatze zu vereheligen, welches
beides mir hoffentlich nicht wird abgeschlagen werden. Allein, nunmehro ist
keine Zeit zu versäumen, sondern vielmehr zurück zu eilen, unterwegs kann von
allen ein mehreres gesprochen werden.«
    Dieser Vortrag des Capitain Horns kam uns allen ganz wunderbar vor, doch
fanden wir vor billig, ihm in allen Stücken Beifall zu geben, und nachdem wir
erstlich die Brücke in den Abgrund gestürtzt, ein mehreres von den Sachen zu
reden, eileten also möglichstermassen zurücke, und kamen gleich nach 3. Uhr auf
dem Plätzgen, jenseit unserer höltzernen Brücke an. Hier schickten wir die
beiden alten Herrn Wolffgang und Wodlei voraus, nachdem wir mit ihnen
verabredet, dass sie am Fusse des Gebürges unserer warten, woferne ihnen aber
einige von Capitain Horns Leuten begegneten, nur mit ihnen nach den Hütten gehen
und vorgeben sollten, wir jungen Leute hätten erstlich noch ein Gebürge besteigen
wollen, welches ihnen zu vedriesslich geschienen, würden aber in weniger Zeit
nachfolgen. Inzwischen waren unsere Hände dergestalt fleissig an Zerreissung der
Brücke, dass selbige um 5. Uhr schon völlig in die Tieffe versenckt, und man kaum
sehen konnte, dass an diesem Orte eine gewesen war. Allein, weil wir uns bei
dieser Arbeit ziemlichermassen entkräfftet, konten die Füsse nicht sogar
scharff, als sonsten, marchiren, derowegen war die Sonne schon untergegangen,
als wir die Herrn Wolffgang und Wodlei unten am Fusse des Berges auf der Ebene
antraffen. Wir setzten uns, von der grossen Müdigkeit in etwas auszuruhen, bei
ihnen nieder, beschlossen auch, mehrenteils diese Nacht allhier zu verbleiben,
weil noch Proviant genung vorhanden war; allein, Capitain Horn sagte: Meine
Herren! wir wollen heute zwar nicht nach den Hütten, aber doch, wenn wir
erstlich ausgeruhet, ein Stück Wegs nach Nord-Osten zugehen, und uns daselbst
bei einem angemachten Feuer lagern, denn ich glaube ganz gewiss, dass meine
Leute, wo nicht heute Nacht, doch Morgen mit dem frühesten, uns zu suchen,
ausgehen werden. Sie treffen uns nun an oder nicht, so können wir ihnen doch
nachhero desto füglicher weiss machen: Wir hätten die Brücke und den vorigen Weg
gar nicht finden können, sondern wären durch andere höchst-gefährliche Wege
endlich aus der Nord-Ost-Seite mit Kummer und Not wieder vom Berge herunter
gekommen. Dieser Vorschlag liess sich wohl hören, derowegen ruheten wir noch eine
Zeitlang, und spatzirten so dann, weil es eine angenehme ganz helle Nacht war,
ein gut Stück Weges um den Berg herum nach Norden zu, machten bei einem Gepüsche
ein Feuer an, lagerten uns, und schlieffen Wechsels-weise, biss die Sonne schon
2. biss 3. Stunden unsern Horizont beschienen hatte, kamen auch nicht eher als
Nachmittags in den Hütten an, und erfuhren daselbst so gleich, dass früh vor
Anbruch des Tages 6. Mann von ihrer Gesellschaft uns zu suchen ausgegangen
wären, indem ihnen allen unser gar zu langes Aussenbleiben bedencklich gefallen
wäre. Wir überliessen die Antwort dem Capitain Horn, welcher ihnen lauter
erdichtet Zeug mit vielen Umständen vorschwatzte, endlich auch sagte: dass wir
zwar wiederum auf die Stelle gekommen, wo die höltzerne Brücke geschlagen
gewesen, hätten aber die Brücke selbst nicht wieder finden können, weswegen wir
uns gemüssigt gesehen, die grässlichsten Klippen und Klüffte zu überklettern, da
es sich denn endlich gefügt, dass wir gestern in später Nacht an der
Nord-Ost-Seite herunter kommen, und ein geruhiges Nacht-Lager in selbiger Gegend
halten können.
    Indem wir nun hierauf von den zubereiteten warmen Speisen etwas zu uns
nahmen, kam einer von Capitain Horns Leuten gelauffen, und meldete, dass die
heute früh ausgegangenen 6. Mann zurück kämen, von ferne aber schon mit Zeichen
und Gebärden so viel zu verstehen gäben, als ob ein grosses Unglück entstanden
wäre. Wir geboten demnach allen, nicht zu sagen, dass wir in den Hütten
gegenwärtig wären, sondern nur erstlich anzuhören, was sie vor Nachricht bringen
würden. Da sie nun näher kamen, riefen fast alle zugleich: O! welch ein
Unglück, die Brücke ist von den bösen Geistern in den Abgrund gestürtzt, und
unser redlicher Capitain Horn ist ohnfehlbar mit seiner ganzen Gesellschaft
ums Leben gekommen, denn wir hören und sehen nichts von ihnen, ohngeacht, da wir
etliche Stunden lang ein Geschrei gemacht, dass die Felsen hätten bersten mögen;
O! die ehrlichen Leute; Ach der wackere Capitain! was wollen wir nun anfangen?
Hierauf trat der Capitain und wir alle zu den Hütten heraus, da denn die
Verwunderung und Freude bei diesen 6. Männern unbeschreiblich war. Capitain Horn
erzählte diesen eben die Geschichte, welche er ihren Mit-Gesellen kurtz vorhero
erzählet hatte, liess mitin alle bei den Gedancken, dass die Brücke von bösen
Geistern eingestürtzt sein müsse.
    Wegen grosser Müdigkeit beschlossen wir Gross-Felsenburger, heute noch bei
dieser Gesellschaft auszuruhen, legten uns derowegen bei Zeiten zur Ruhe, bald
nach Mitternacht aber wanderten wir nach unserm Boote, vergassen auch nicht,
etliche taugliche Stücken Holtz mitzunehmen, aus welchen wir auf dem Boote
Trage-Baaren zusammen nagelten, um, auf solchen die Götzen-Bilder und ander
Sachen, aus dem Tempel ins Boot zu tragen.
    Es war Vormittags zwischen 9. und 10. Uhr, da wir hinter dem Berge bei dem
obgemeldten grünen Platze anländeten, weswegen nur allein die beiden Capitains
Wolffgang und Wodlei im Boote bleiben mussten, wir jungen starcken Leute aber
stiegen aus, nahmen Fackeln, Wind-Lichter und allen Zubehör mit uns, und
brachten noch vor Abends nicht allein die auf dem Altare stehende runde Kugel,
sondern auch noch 6. Götzen-Bilder ins Boot, ruderten sodann, weil, wie schon
gemeldet, die Nächte um selbige Zeit ganz helle waren, damit auf und darvon,
und kamen folgenden Morgen, nehmlich des Montags, glücklich auf Gross-Felsenburg
an, nachdem wir eben 7. Tage und 7. Nacht aussen gewesen waren, und es sich
accurat so geschickt hatte, dass wir am Palm Sonntage, dem Teuffel seinen Tempel
zu spoliren angefangen. Weiln aber dieses die heilige Marter-Woche war, so
beschlossen wir, unserer Andacht keinen Abbruch zu tun, sondern die fernern
Reisen biss nach dem Heiligen Oster-Feste zu versparen, schickten jedoch mit dem
Boote, der auf Klein-Felsenburg befindlichen Gesellschaft, viel frische
Lebens-Mittel, auch allerlei Lecker-Speise und Wein, insonderheit Herr Diaconus
Herrmannen mit etlichen Singe-Knaben hinüber, welche dasigen Volcke das Fest
über Kirche halten sollten; den Capitain Horn aber liessen wir mit zurück
bringen, um, biss nach dem Oster-Feste bei uns zu bleiben. Jedoch ich muss etwas
zurück gehen und melden, dass wir gleich bei unserer Ankunft die Götzen-Bilder
auf den Trage-Baaren, jedoch eingehüllet, und mit darüber gedeckten Teppichen
herauf tragen, und mitlerweile in eine kleine Cammer, so unten in unsern
Kirch-Turme befindlich, setzen liessen. Am grünen Donnerstage Nachmittags, da
sich nach verrichteten Gottes-Dienste alles Volck biss auf die Aeltesten und
Vorsteher nach Hause begeben, zeigten wir demselben sowohl als dem Alt-Vater
Alberto II. denen Herrn Geistlichen und andern erfahrnen Leuten, unsere
gefundenen Schätze, welche vor Verwunderung nicht wussten, was sie davon
gedencken sollten; Derowegen begaben wir verreiset gewesenen uns sämmtlich mit
ihnen auf die Albertus-Burg, allwo mir von der Reise-Gesellschaft aufgetragen
wurde, einen ausführlichen Bericht von allen Begebenheiten abzustatten, welches
denn zum teil vor, zum teil aber nach der Abend-Mahlzeit geschahe. Nach
Endigung meiner Erzählung wussten meine Zuhörer nicht, ob sie sich mehr über
diese Heidnischen Altertümer, oder über die wunderbare Fügung, oder über unsere
Courage verwundern sollten, dahero ich denn nicht vergass, den Mons. van Blac,
wegen seines ausnehmenden Helden-Muts, besonders heraus zu streichen, ja es
wurde ihm von uns und allen zuerkannt, dass er die Haupt-Person bei dieser
Entdeckung sei. Inzwischen war unter allen denen, die diese Wunder-Geschicht
angehöret, kein eintziger, welcher nicht die gröste Begierde gezeigt hätte,
diesen Götzen-Tempel und das ganze unterirrdische Werck selbst in Augenschein
zu nehmen, weswegen beschlossen wurde, dass wir gleich bei der ersten Fahrt, den
Alt-Vater Albertum, Hrn. Mag. Schmeltzern und noch einige Stamm-Väter mit dahin
nehmen sollten. Wie also, nicht nur die stille Woche, sondern auch das Heilige
Oster-Fest mit behöriger Andacht gefeiert worden, machten wir so gleich Tags
hernach Anstalt zu unserer Reise, und Donnerstags den 9. Apr. fuhren wir, in
starcker Gesellschaft, auf 2. Fahr-Zeugen abermals hinüber, liessen mit dem
einen den Capitain Horn wiederum zu seinen Leuten, hergegen den Priester, Herr
Hermannen, nebst den Singe-Knaben zurück, auf den grünen Platz bringen; von
welchen wir erfuhren, dass sich der meiste Teil des Schiffs-Volcks, auch so gar
die frembden Portugiesen, diese Heilige Tage über sehr still und andächtig
bezeigt, auch die wenigsten gespielet, oder andere üppige Lust getrieben hätten.
Unter der Zeit aber, da das andere Fahr-Zeug unterwegs, war der gröste Teil der
Unsern mit dem Alt-Vater, Herrn Mag. Schmeltzern und andern Aeltesten in den
Berg hinein gegangen, da denn alles so gefunden wurde, wie wir es verlassen
hatten, worbei, wie leichtlich zu erachten, diejenigen, so den wunderbaren Bau
zum ersten mahle sahen, sich ungemein darüber verwunderten, da aber die Träger
ihre Lasten zum andern mahle aufgefasset, und schon ein ziemlich Stück-Weges
damit voraus waren, folgeten wir übrigen ihnen auch nach, indem der Abend heran
zu nahen begunte, denn der Alt-Vater so wohl als die andern Aeltesten bezeigten
keine Lust über Nacht an solchen fürchterlichen Orten, sondern viel lieber unter
freien Himmel zu verbleiben, demnach lagerten wir uns alle auf dem grünen
Platze, nicht ferne vom Meer-Ufer, bei etlichen angemachten Feuern, brachten
aber den meisten Teil der Nacht mit Gesprächen zu, denn ein jeder von den
Erfahrensten sagte seine Meinung von diesem Wercke und Wesen, worauf endlich
Herr Mag. Schmeltzer also zu reden anfing: Lieben Freunde und Brüder! Wenn wir
so gelehrt wären, die Schrifften auf denen in den Tischen gefundenen Täfleins
auszulegen, so würden wir ein grosses Licht in dieser dunckeln Sache finden, so
aber ist dieses einem so wohl als dem andern unmöglich, und wer weiss auch, ob
sich in ganz Europa jemand finden möchte, der so hochgelahrt ist, diese
Schrifften, welche ich vor der damahligen Einwohner Zeit-Geschicht- und
Gesetz-Bücher halte, auszulegen. Euer aller Meinungen sind nicht unvernünftig,
ob gleich dann und wann eine wider die andere streitet. Wohl kann es sein, dass
dieser Tempel und Heidnisches Heiligtum, viele hundert Jahre vor unsers
Heilandes CHristi Geburt erbauet worden, und dass die Leute, deren nicht wenig
müssen gewesen sein, viele Jahre damit zugebracht, ehe sie so viele Gänge,
Gewölber und Cammern in diesen, obschon nicht allzu harten SteinBerg, aus-und
durchgehauen haben. Wie ich vernehme, so findet sich in diesem Gebürge sehr viel
reichhaltig Gold-Ertz, denn Mons. Litzberg, Plager und einige andere haben mir
Ertz-Stuffen aus diesem Berge gezeigt, worinnen ganze Stücken des gediehenen
Goldes, grösser als eine Feld-Bohne zu sehen, ohne die kleinern Stücklein.
Bekannt ist es, dass das Gold vermögend ist, der allermeisten Menschen Hertzen an
sich zu ziehen, und dass schon vor uralten Zeiten sich Leute mit Schiffen in das
wilde Meer gewagt, um Gold aus andern Ländern und Insuln zu holen, wie wir
solches nicht allein in den alten Geschicht-Büchern von allerlei Sprachen,
sondern auch in der heiligen Schrifft, I. Reg. IX, 27. 28. lesen, dass Hiram, der
König zu Tyro, seine Knechte, die gute Schiff-Leute und auf dem Meere sehr wohl
erfahren gewesen, mit den Knechten des Königs Salamo gesendet, da sie denn nach
Ophir gekommen, und von dannen dem Könige Salomo 420. Centner Goldes gebracht,
welches in Wahrheit auch ein schöner Klumpen gewesen sein muss. Dass andere
Nationen von Heiden, um, und nach selbiger Zeit nicht weniger in der Schiffart
wohl erfahren gewesen, ohngeacht sie zur selbigen Zeit noch keinen Compass
gehabt, indem derselbe nur erstlich vor 300. und etlichen Jahren erfunden
worden, ist gleichfalls eine ausgemachte Sache, derowegen kann es, wohl sein, dass
einmal ein Schiff mir solchen Gold-Suchern an diese Insul verschlagen worden,
da sie sich denn wegen der angenehmen Gegend, entweder so gleich allhier
freiwillig niedergelassen, oder von der Not gezwungen gesehen, in Ermangelung
eines tauglichen Schiffs, da zu bleiben; Oder sie sind erstlich nach Hause
gefahren, haben ihre Weiber und Kinder hergeholet, mitin die beständige Wohnung
aufgeschlagen, weil allhier ein fruchtbarer Boden ist. Ob sie nun das Commercium
mir andern Menschen fortgeführet, oder in diesem abgelegenen Stücklein von der
Welt, vor sich alleine in Ruhe geblieben, das ist eine andere Frage. Nun frage
sichs auch, ob sie ihre Hütten auf dem Lande gebauet, oder alle in den
Felsen-Klüfften gewohnet: Ich glaube das erstere, dass nehmlich wenigstens
diejenigen, welche das Feld gebauet, etwa in der Gegend, wo die Urnen gefunden
worden, die Berg-Leute und Gold-Sucher aber, auch wohl im Gebürge gewohnet haben
mögen. Wie starck diese Colonie gewesen? Wie lange sie sich hier aufgehalten?
Dieses und dergleichen sind vergebliche Fragen, die niemand beantworten kann; das
aber ist wohl zu glauben, dass sie einen beständigen Sitz hier haben wollen, und
erhellet daraus, weil sie einen so grossen Tempel und kostbare Götzen-Bilder
verfertiget, welches alles auch Zeugnisse sind, dass es keine grobe,
ungeschliffene, sondern guten Teils kluge, künstliche und geschickte Heiden
müssen gewesen sein. Nun ist die Haupt-Frage: Wo sind sie alle hingekommen, so,
dass wir von allen diesen vermutlich vielen Volcke kein anderes Uberbleibsel als
10. Gefässe mit Asche und ein eintziges Todten-Gerippe finden können? Haben sie
vielleicht keine Weiber, ihr Geschlecht zu vermehren, bei sich gehabt, mitin
endlich wohl aussterben müssen? Oder sind sie, so wohl Weiber, Männer als
Kinder, durch eine Pestilentz, alle zusammen hingerafft worden? Oder sind sie
von andern wilden Nationen massacrirt, beraubt oder sämmtlich gefangen hinweg
geführet worden? Dieses alles lässt sich fragen, anhören, nur aber nicht
gründlich beantworten. Man könnte sagen: Wenn sie von ihren Feinden waren
ausgerottet worden, so würden selbige doch auch den Tempel gefunden und
ausgeplündert haben. Allein, könnte es nicht auch sein, dass eben diese Feinde,
durch des Teuffels und seiner Pfaffen Gespenster und Gauckeleien abgeschreckt
worden, sich in die unterirrdischen Hölen zu begeben: Vielleicht haben sich nur,
bei dem mörderischen Uberfalle, die Pfaffen alleine in den Tempel zu retiriren
und aufzuhalten Gelegenheit gefunden, da denn immer einer den andern begraben,
biss auf den Letzten, der sich in sein steinern Bette gelegt, und den Todt
darinnen erwartet, mitin unbegraben oder unverbrannt liegen geblieben, und
mögen der vornehmsten Pfaffen vielleicht 3. gewesen sein, weil sich nur 3.
ausgehauene Bett-Stellen in der einen Cammer befinden. Uber den grässlichen
Abgrund jenseit des Berges nach der Insul zu, mögen diese Leute auch wohl eine
Brücke gehabt haben, die aber nach der Zeit verfault und versuncken sein kann,
oder wer weiss, ob dieser Riss zu ihrer Zeit schon gewesen, und nicht erst
nachhero entstanden ist? Denn man hat Exempel genung, dass Felsen zerspalten und
zerrissen, mitin solche Abgründe entstanden, die vorhero nicht gewesen oder
gesehen worden sind.
    Mit diesen und noch viel mehreren Reden, hatte uns also Herr Mag. Schmeltzer
seine Gedancken zu vernehmen gegeben, schloss aber endlich also: Es lässt sich,
meine Freunde und Brüder! von diesen Sachen viel urteilen und schwatzen,
allein, wir schwatzen alle davon, wie die Blinden von der Farbe, so lange als
wir die Schrifften auf den güldenen, küpffernen und steinernen Tafeln nicht
auslegen können.
    Hierauf legten wir uns grösten Teils zur Ruhe, des folgenden Freitags
begaben sich der Alt-Vater nebst den Aeltesten, Hn. Mag. Schmeltzern, Hn.
Herrmannen und andern nochmahls mit in den Tempel, und blieben biss über Mittag
darin, da inzwischen die jungen fleissigen Arbeiter im Tragen sich dergestalt
angriffen, dass wir auf beiden Fahrzeugen eine ziemliche und sehr kostbare Ladung
hatten, und also fuhren wir ingesamt Sonnabends mit dem allerfrühesten von
dannen ab und zurück nach Gross-Felsenburg. In folgender Woche taten Mons. van
Blac und Litzberg die Reise noch 2. mahl, nahmen allezeit andere mit, so das
Wunder-Gebäude noch nicht gesehen hatten, und brachten endlich alles, was sich
so wohl im Tempel als sonsten, nützliches und brauchbares, vom grösten biss zum
kleinesten, befunden hatte, glücklich herüber; da inzwischen ich und viele
andere, so zu erst mit gewesen, um auszuruhen zu Hause geblieben waren.
    Diesemnach wurde Rat gehalten, ob man die Götzen-Bilder in Klumpen
schmeltzen und dieses Gold bei die andern Kostbarkeiten, in die unter der
Albertus-Burg befindliche Schatz-Cammer legen, oder sonsten etwas daraus giessen
lassen wollte? Allein, Herr Mag. Schmeltzer sprach selbst darwider, und riet,
man sollte es immer noch, als eine besondere Antiquität, im itzigen Stande und
Wesen lassen, von den güldenen, steinernen und küpffernen Tafeln aber dem
Capitain Horn einige Stück mit nach Europa geben, damit er sie daselbst in
Kupffer stechen lassen, auch in natura etlichen hochgelahrten Leuten zeigen
könnte, als an welche, er, Herr Mag. Schmeltzer, dieserwegen Briefe schreiben und
ein starckes Præmium darauf setzen wollte, vor denjenigen, der den Schlüssel zu
der unbekandten Schrifft finden würde.
    Wir billigten also diese Meinung ingesammt, und versprachen einander, vor
des Capitains Horns Abreise, diesen Sachen schon noch weiter nachzudencken, und
einen Schluss darüber zu fassen. Gedachter Capitain Horn hatte, weil es voritzo
ohnedem Winter zu werden angefangen, und im Felde nicht viel zu tun war, um
noch mehrere Gehülffen angehalten, die 2. neuen Schiffe vollends, und zwar je
eher je lieber, zu rechte und in die See bringen zu können, denn es war, wie
ich, wo mir recht ist, schon oben gemeldet, resolvirt worden, vor uns
Felsenburger ebenfalls ein ganz neues und starckes Schiff zu erbauen, welches
in der Bucht gegen Süden zu, liegen bleiben sollte, um sich dessen entweder zur
Lust, oder auf künftige vorhero unbewusste Fälle bedienen zu können.
    Dieser Ursachen wegen wurde dem Capitain Horn nun um so viel desto hurtiger
gewillfahret, und die Arbeit dergestalt hurtig fortgesetzt, dass Capitain Horn
die sichere Hoffnung hatte, beide Schiffe vor Ausgang des Junii vom Stapel in
die See lauffen zu lassen.
    Es lieff wider meine Commodität nunmehro so oft nach Klein-Felsenburg
hinnüber, und dem Schiffs-Baue zuzusehen, wie viele andere, und sonderlich Mons.
van Blac und Litzberg taten, dahingegen wartete ich die Information in der
Schule fleissig ab, brachte gleich den andern meinen Garten in vollkommenen guten
Stand, bauete hinter meiner Wohnung im Hofe eine Scheune und verschiedene Ställe
vor allerlei Vieh, indem ich nicht nur allerlei Vieh halten, sondern auch
zwischen meinem Garten und der Alberts-Raumer-Gräntze ein Stücke Feld annehmen,
dasselbe mit anderer Leute Hülffe zurichten und mit allerhand Getrayde, mehr zu
meiner Lust, als aus Notdurfft besäen, hernach die Früchte einerndten und in
meine Scheuern sammlen wollte. Hierzu bewegte mich meine Cordula, welche eine
ungemeine Liebhaberin von der Zucht des aus Europa angekommenen Viehes,
ingleichen vom Garten- und Feld-Baue war. Ausser diesem war Spinnen und Weben
ihre tägliche Arbeit, und machte sie auf 2en Weber-Stühlen, die ihr Lademann in
ihr besonderes Zimmer verfertiget hatte, Wechsels-weise die schönsten Zeuge,
teils von Leinen-teils von Baumwollenen Garne, wie denn die Weiber der
Priester, so wohl als andere sich ebenfals dieser, manchem Europäischen
Frauenzimmer verächtlich vorkommenden Arbeit nicht schämeten. Ob nun schon meine
Hausshaltung nur aus 5. Personen, nehmlich aus mir, meiner Frauen, dem kleinen
Sohne, einem Knaben und Mägdlein zur Aufwartung, bestunde, so war doch alles
ordentlich sauber und reinlich darinnen anzutreffen. Dieses aber nicht allein
bei mir, sondern auch in allen Häusern, wo man nur hinkam; indem in den
Pflantz-Städten, diejenigen, welche die schmutzigsten Handtierungen trieben,
dennoch ihre reinlichen Stuben hatten, wohinnen sie diejenigen, von welchen sie
besucht wurden, führen konten. Es waren aber diese Pflantz-Städte, seit dem ich
selbige im Jahr 1725. zum ersten mahle besucht, weit Volckreicher, also auch
etwas stärcker angebauet, und die Felder erweitert. Sonderlich musste man sein
Vergnügen über die wohlangelegten Gärten haben, in welchen die trefflichsten,
zur Speise dienenden Kräuter und Wurtzeln, ingleichen die herrlichsten
Obst-Bäume, anzutreffen waren. Uberall, wo man hin kam, sah man Zeugnisse eines
ungemeinen Fleisses, auch schwerer Mühe und Arbeit, hörete aber keinen Menschen
klagen oder sich beschweren, dass ihm diese oder jene Arbeit sauer, schwer und
vedriesslich angekommen wäre, sondern ein jeder verrichtete sein Beruffs-Werck,
sich, seinen Angehörigen und andern Nutzen und Vorteil zu schaffen, recht mit
Lust. Die letztere Erndte und Weinlese hatte dergestalt viel Geträyde, Reiss und
Trauben gegeben, dass sich die Aeltesten nicht entsinnen konten, binnen etliche
20. Jahren ein so gar Segen-reiches Jahr gehabt zu haben, und eben dieserwegen
waren das Korn-Haus und die Wein-Keller dermassen angefüllet, dass fast nichts
mehr darinnen Platz fand, ohngeacht die Land-Besteller nur von ihrem Uberflusse
hergegeben hatten. In allen Häusern der Pflantz-Stätte war nunmehro schon ein
zulänglicher Vorrat von zinnernen, blechernen, küpffernen, eisernen, töpffernen
und dergleichen Haus-Geräte anzutreffen, welches ebenfals Zeugnis ablegte, dass
unsere Europäischen Künstler und Handwercker nicht gefaullentzt. Wetterling, der
Tuchmacher, hatte vor Eintritt des Winters den Rest der seinen und schlechten
Tücher auf die Albertus-Burg geliefert, da nun eine jede Manns-Person von 10.
Jahren und drüber, Tuch zu einem Sonntags- und Werckeltags-Kleide bekommen, fand
sich nach gemachten Uberschlage doch noch so viel Tuch übrig, dass alle
Manns-Personen noch 2. Sonn- und 2. Werckeltags-Kleider bekommen konten, dem
ohngeacht, weil noch ein starcker Vorrat von Capitain Horns mitgebrachter
Wolle, wie auch von unserer eigenen, indem sich unser Schaaf-Vieh schon ziemlich
vermehrt, vorhanden war, hielt Wetterling mit denen, welchen er seine Profession
erlernet, doch nicht inne, sondern sie machten immer mehr Tücher, welche teils
schwartz, teils braun, teils rot gefärbt wurden, denn alle Jung-Gesellen vom
10ten Jahre an trugen biss zu ihrer Heirat, rot; die Männer braun, die
Aeltesten und Vorsteher der Gemeinden aber so wohl als die Priester, schwartz
Schwartze Trauer-Kleider aber wurden nur um die Eltern, Kinder, Geschwister, und
dann um die Aeltesten und Vorsteher angelegt. Um der Frauenzimmer Kleidung
bekümmerten sich die Manns-Personen nicht, sondern die Frau Mag. Schmeltzerin,
meine Schwester und die Frau Hermannin, nahmen alle Donnerstage den Vorrat von
den Spinnerinnen und Würckerinnen, ingleichen von Harckerten und seinen
Professions-Genossen auf; gaben hergegen auch von Leinen- und Wollenen Zeugen
heraus, was diejenigen Weibs-Personen, die mit dieser Arbeit nicht umgehen
konten, von nöten hatten.
    Kleemann, der Pappiermacher, hatte von seinem, mittelmässigen und geringen
Pappiere, auch Pappen-Tafeln und dergleichen so viel geliefert, dass wir uns alle
eine gute Zeit darmit behelffen konten; war dieserwegen gesonnen, seine
Profession eine Zeitlang an den Nagel zu hängen, und sich mit seinen Gehülffen
desto fleissiger auf den Feld- und Garten-Bau zu legen; allein, da ihm
vorgestellt wurde; wie wir resolvirt hätten, durch den Capitain Horn eine
Buch-und Kupffer-Druckerei aus Europa mitbringen zu lassen versprach er, mit
seiner Profession fortzufahren, und eine zulängliche Menge von solchem Pappiere,
das sich wohl darzu schickte, zu verfertigen.
    Zu Ende des Aprilis war auch unser Müller Krätzer, mit der, zwischen
Christophs- und Christians-Raum zu bauen angefangenen neuen Mehl-Mühle fertig
worden, da man denn auch so gleich die Probe darauf gemacht, und dieses neue
Werck vollkommen gut befunden; weswegen sich der älteste von Krätzers
ausgelerneten Mühl-Purschen, in dieser Mühle setzte, und einen von den jüngern
zu sich nahm, dahero der Alte Meister Krätzer nunmehro nur halb so viel Arbeit
auf dem Halse hatte, weil sich vornehmlich die Christophs Roberts-Christians-
und Simons-Raumer, dieser neuen Mühle bedieneten.
    Mons. Hollersdorff verfertigte nicht allein noch verschiedene schöne
Bild-Stücken in die Kirche, sondern hatte sich auch vorgenommen, alle jetzt
lebende Aeltesten, wie auch andere gute Freunde abzuschildern; machte inzwischen
vor die letztern, zum Feierabende auch manches kleines schönes Bild, die Zimmer
damit auszuzieren. Uber dieses war er willens, die gefundenen Heidnischen
güldenen Götzen-Bilder, ingleichen den ganzen Tempel abzumahlen.
    Von allen übrigen Künstlern und Handwercken, habe ich bereits oben
hoffentlich sattsame Nachricht erteilet, demnach weil nächst dem Feld-Baue auch
die Vieh-Zucht wohl von statten ging, indem sich die aus Europa mitgebrachten
Tiere ungemein starck vermehret hatten, so fand sich beim Nähr- oder Haus- kein
Tadel. Den Lehr-Stand betreffend, habe auch schon zur Gnüge gemeldet, wie das
Kirchen-und Schul-Wesen aufs ordentlichste, andächtigste und erbaulichste
eingerichtet worden. Solchergestalt ist nun leichtlich zu glauben, dass der Wehr-
oder Obrigkeitliche Stand keine besondere Last tragen dörffen, indem allhier
keine straffbaren Laster im Schwange gingen, ein jeder das Seine ohne Zwang
verrichte, guten Vermahnungen und Erinnerungen gern und willig Folge leistete,
vor auswärtigen Feinden aber man sich unter GOttes Schutz dermahlen nicht zu
fürchten Ursache hatte.
    Also stunden die Sachen zu Anfange des Monats Julii 1733. auf unserer Insul
Gross-Felsenburg, da uns Capitain Horn, in den ersten Tagen besagten Monats,
hinüber auf Klein-Felsenburg invitirte, um zuzusehen, wie die neu-erbaueten
Schiffe ins Wasser gelassen würden. Es fuhr demnach eine starcke Gesellschaft
hinüber, und blieben 4. ganzer Tage daselbst, um erstlich die Arbeit, welche
glücklich von statten ging, hernach den Schiffs-Bauern ihre Lust zu betrachten,
denn es machten sich sonderlich Capitain Horns Leute und die Portugiesen einen
herrlichen Mut, sungen, tantzten und sprungen bei dem köstlichen Weine, den wir
ihnen zu verschmansen mitgebracht. Nachhero wiese Capitain Horn seinen Leuten
auf etliche Tage Arbeit an, und reisete mit uns nach Gross- um der ersten
Conferenz beizuwohnen, die er seiner Abreise wegen mit den Aeltesten und andern
Europäern zu halten, sich ausgebeten hatte. Wie nun diese in den nächstfolgenden
Tagen angestellet war, tat er, an die auf der Albertus-Burg Versamleten,
folgende Rede:
    Meine Herren! ich habe nunmehro, ihren Willen zu Folge, eine geraume, und
zwar längere Zeit bei ihnen zugebracht, als ich anfänglich vermeint hätte,
woran auch guten Teils mit Schuld, dass mein mitgebrachtes Schiff allhier im
Hafen gestrandet ist. Hoffentlich werde von ihnen das Zeugnis erhalten, dass so
wohl ich vor meine Person, als auch die unter meinemx Commando stehende Leute,
uns nicht allzu übel aufgeführet haben, ob wir ihnen gleich allhier keinen
besondern Nutzen schaffen können. Ihre Gütigkeit gegen uns ist im Gegenteil
sehr gross gewesen, vor welche ich, zugleich im Nahmen meiner Untergebenen,
schuldigsten Danck abstatte, und mich mit eidlicher Pflicht verobligiren will,
derjenigen Instruction, welche sie mir wegen einer nochmahligen Hin-und
Her-Reise schrifftlich zuzustellen belieben werden, getreulich sonder Gefährde
nachzukommen, in so ferne mir GOtt Leben, Gesundheit und Glück verleihen wird.
    Allein, meine Herren! nun muss ich ihnen allerseits eröffnen, wie ich wohl
gesonnen wäre, nach meiner nochmahligen glücklichen Zurückkunft und wohl
ausgerichteten Geschäffte, auf dieser Insul bei ihnen in Ruhe zu wohnen, und
mich mit meiner auserwählten Liebste, Johanna Margareta, Andreæ Robert Julii,
in Roberts-Raum, jüngsten Tochter, welche mit Mons. Eberhard Julii seiner
Liebsten Cordula Geschwister Kind ist, zu vereheligen, als deren, wie auch ihrer
Eltern Ja-Wort, biss auf den Consens und Erlaubnis der Aeltesten dieses Volcks,
ich bereits erhalten.
    Vors andere, weil meine 9. Freigelassenen eine ganz besondere Lust
bezeigen, in diesem Revier zu verbleiben, so wollte zugleich anfragen, ob ihnen
erlaubt wäre, eine Pflantz-Stadt auf der Insul Klein-Felsenburg anzulegen, und
dieselbe mit der Zeit zu bevölckern?
    Diese beiden (verfolgte Capitain Horn seine Rede) sind voritzo die ersten
Haupt-Puncte, so ich vorzutragen habe, ihnen selbige zur Uberlegung anheim
stellen, inzwischen einen Abtritt nehmen, und auf einige Antwort warten will.
    Hiermit ging Mons. Horn, nach gemachten Reverenz, wirklich zum Zimmer
hinaus, durffte aber wegen dieser 2. Puncte nicht lange auf Antwort warten,
sondern wurde, nachdem die Aeltesten und wir einen kurtzen Schluss gefasset, bald
wieder herein geruffen, da ihm denn der Alt-Vater Albertus II. folgende Antwort
erteilete:
    Werter Herr und Freund! Eure so lange Anwesenheit auf dieser Insul, hat uns
allerseits zu ganz besondern Vergnügen gereicht, den Nutzen und Vorteil, so
ihr uns bereits gestiffter, und mit Göttlichem-Beistande noch stifften könnet,
werden wir und unsere Nachkommen zwar jederzeit zu rühmen wissen, aber niemahls
gnugsam verdancken können. Was wir euch und den Eurigen etwa zu Gute getan, hat
die Schuldigkeit von uns erfordert, indem eure Aufführung sehr löblich,
christlich und angenehm gewesen. So setzen wir auch aufs künftige in eure
Redlichkeit nicht das geringste Misstrauen, sondern haben das veste Vertrauen,
GOtt werde euch Krafft, Stärcke und Glück geben, dasjenige, was euch etwa in
Europa auszurichten committirt werden möchte, wohl zu vollenden, auch euch
gesund zurück führen, so dann wollen wir allerseits mit grösten Freuden sehen,
dass ihr euch durch eine vergnügende Heirat mit uns befreundet, und beständig
bei uns verbleibet. Was aber die 9. Freigelassenen anbelanget, so jammert uns
allen sehr, dass die Beschaffenheit unserer Sachen nicht zulassen will, ihnen zu
willfahren, ohngeacht wir sie alle vor wackere, arbeitsame und tugendhafte
Leute erkandt haben. Bedencket selbst, ihr werdet uns noch einige unbeweibte
Künstler aus Europa mitbringen müssen, wenn nun diese so wohl, als eure 9.
Freigelassenen mit unsern Töchtern sollten beraten werden, so würden unsere
Felsenburgischen Junggesellen (wie es denn bereits ausgerechnet ist) bald
selber den Mangel der Weiber empfinden müssen. Wolte man sagen, sie sollten
sich Weiber aus Europa mitbringen, so laufft dieses wider die Verordnung und den
Willen meines seel. Vaters Alberti des Ersten, welcher durchaus verboten, ein
fremdes Geschlecht, welches nicht mit ihm, dem Stamm-Vater, oder der Concordia,
als Stamm-Mutter, verwandt ist, ohne die höchste Not unter uns entstehen zu
lassen. Hiernächst wäre es auch eine Torheit von uns, wenn wir ein Stück Landes
oder die ganze kleine Insul, welche ebenfalls so wohl, wie diese grosse, als
unser Eigentum, zu betrachten ist, fremden Leuten überliessen, deren Kinder und
Nachkommen, ob ihre Väter gleich noch so from gewesen, unsern Nachkommen
allerhand Verdruss und Schaden verursachen könten. Uber dieses so kann es mit der
Zeit geschehen, dass diese grosse Insul dergestalt Volck-reich wird, dass ein
Teil derselben unserer Kinder-Kinder, selbst Lust bekommen auszuziehen, und die
kleine Insul zu bevölckern, mitin als Bluts-Verwandten ihren Handel und Wandel
mit einander zutreiben. Wie ich nun hoffe, mein wertester Herr und Freund, in
diesem letztern Puncte euren Beifall zu bekommen, so glaube auch, ihr werdet es
nicht übel empfinden, wenn euren Freigelassenen dieses ihr Begehren versagt
wird, doch wollen wir sie so beschencken, dass sie in Europa ein reputirliches
Leben führen können.
    So viel war es, was der Alt-Vater dem Capitain Horn zur Antwort gab. Dieser
danckte sehr verbindlich, dass man ihm, vor seine Person, nach glücklicher
Zurückkunft erlauben wollte, ein Mit-Genosse unseres ruhigen und vergnügten
Lebens zu sein; erkandte die Entschuldigung, wegen Aufnehmung seiner
Freigelassenen vor recht vernünftig und billig, versprach auch, ihnen unterwegs
die Felsenburgischen Gedancken schon aus dem Sinne zu reden.
    Hierauf ging die ganze Versammlung vor dieses mahl aus einander, Capitain
Horn aber mit mir in meine Behausung, weil sich seine Liebste schon seit
etlichen Tagen bei meiner Frauen daselbst als ein Gast aufhielt, um ihren
Bräutigam zu sprechen, welchen sie allem Merckmahlen nach so sehr liebte, als er
sie, ohngeacht derselbe dermahlen fast noch einmal so alt als sie, jedoch ein
wohlgebildeter Mensch, mit schönen lockigten Haaren und sonsten sehr wohl
gewachsen war. Ich liess die beiden Verliebten bei meiner Cordula alleine, und
ging hinüber zu Mons. Litzbergen, bei welchem sich Herr Wolffgang, der diesen
Abend nicht nach Hause gehen wollen, nebst andern guten Freunden befand. Nach
der Abend-Mahlzeit aber kam der Capitain Horn ebenfalls dahin, weswegen Herr
Wolffgang so gleich mit demselben wegen seiner Braut zu schertzen anfing, und
unter andern sagte: er hätte ihn, den Capitain Horn, nicht darum mitgenommen,
dass er sich von einer Felsenburgischen einfältigen Schöne sollte bezaubern
lassen, sondern vermeint, er wurde sein Vermögen in Europa an einem guten Orte
anlegen, sich eine rechte Staats-Dame zur Ehe-Frauen auslesen, und mit derselben
de propriis vergnügt leben, so aber musse man erfahren, dass er in allen Stücken,
in seine, des Capitain Wolffgangs, Fusstapffen treten wolle. Ich hoffe nicht,
mein Herr! versetzte hierauf der Capitain Horn, dass man mich schelten wird, wenn
ich in der Mühe und Arbeit eurem Exempel folge, und also wird man mich auch
nicht verdencken, wenn ich eben dergleichen Recreation suche, als ihr gefunden
habt. So viel will ich versichern, dass, wenn ich auch in den Stande wäre, mir in
Europa ein Fürstentum oder Königreich anzukauffen, so würde ich doch nimmermehr
geheiratet, oder mich mit Frauenzimmer verwirret haben, denn die Untreue, List
und Betrug des Europäischen Frauenzimmers ist unbeschreiblich, so, dass unter
Tausenden, ach! sagt mir doch, wie viel? zu finden, die ein redliches Hertze
gegen eine, (ich sags mit Fleiss, Eine) Manns-Person haben. Ich habe von der Zeit
an, da ich nur meinen Verstand in etwas zu gebrauchen angefangen, ungemein viel
Exempel, nicht von Hörensagen angemerckt, sondern mehrenteils selbst in
Erfahrung gebracht, bei reiffern Verstande aber daraus schliessen können, dass
bloss allem das Frauenzimmer, den Manns-Personen die allergrösten
Verdriesslichkeiten, Unglücks-Fälle und Missvergnügen stifftet; Dieserwegen ist mir
fast jederzeit bange worden, wenn ich par renommeè mit diesen Geschlechte
umgehen müssen, ja ich habe mir nachhero vest vorgesetzt, nimermehr zu
heiraten, weil ich auch an meinem eigenen Exempel die Falschheit und List des
Frauenzimmers sattsam erfahren, ja eben dieses trieb mich in meinen besten
Jahren dahin, mein Fortun auf der See zu suchen, um nur von diesen Land-Syrenen
weit genug entfernt zu sein. Da ich aber allhier, statt der Europäischen,
masquirten, auch wohl gar geschminckten, so genannten irrdischen Engel,
würckliche Engel von Gestalt und Gemüte angetroffen, ist mir die Lust zum
Heiraten auf einmal wieder angekommen, ja ich wollte meine Braut, nebst dem in
Zukunft mit derselben zu hoffen habenden vergnügten Leben, nicht um ein
Königreich vertauschen, der Himmel gebe nur, dass meine Hin- und Herfahrt
glücklich sei.
    Der Capitain Wolffgang sagte hierauf: Mein Herr! ich will jetzo kein Urteil
fällen, ob ihr wegen des Frauenzimmers und sonderlich wegen des Europäischen,
Recht oder Unrecht habt, sondern nur von Hertzen wünschen, dass ihr bald wieder
zurück kommen, und hernach so vergnügt mit eurem Hanne Gretgen leben möget, als
ich mit meiner Fiecke. Allein, es fällt mir eben itzo ein, dass, ohngeacht wir
beide seit so vielen Jahren her, Bekandte und gute Freunde gewesen sind, ihr mir
doch noch niemahls eure Lebens-Geschicht von Jugend auf erzählet habt, welche
doch, wie ich jetzo aus wenig Worten vernommen, eben nicht unangenehm zu hören
sein wird. Derowegen, weil es sich itzo ohnedem sehr gut schickt, wollte ich mir
diese Gefälligkeit wohl von euch ausgebeten haben. Dieser vermeinte, es möchte
bereits etwas zu späte sein, da wir aber entgegen setzten, dass sich dergleichen
Erzählungen in der stillen Nacht, da man von niemanden gestöhret würde, am
besten tun und anhören liessen, war er endlich geneigt darzu; wir setzten uns
auch zurechte, und merckten mit begierigen Ohren auf
 
                     Des Capitain Horns Lebens-Geschichte.
Im Jahre 1693. (fing derselbe seine Erzählung an) bin ich im H. - - - Lande von
ehrlichen Eltern erzeuget worden, mein Vater aber, welcher ein guter Jäger, war
Holtz-Förster, und wohnete im Walde in einem eintzelnen Hause an der
Heer-Strasse, trieb also zugleich die Wirtschaft mit. Seiner Kinder waren 5.
nehmlich 3. Söhne, worunter ich der mittelste, und 2. Töchter, die noch jünger
waren als ich. Meine Mutter war nach der Niederkunft der jüngsten Schwester,
beständig kranck geblieben, weswegen der Vater immer sehr vedriesslich aussah,
und da dieselbe in meinem 9ten Jahre starb, mehr Zeichen der Zufriedenheit, als
der Betrübnis von sich gab. Ohngeacht nun mein Vater ein Mann von 65. Jahren, so
war er doch noch sehr vigoreus, und tat es in seiner Profession vielen noch
weit jüngern zuvor, welches ihn auch veranlassete, eine wohlgebildete
Bauers-Tochter von etwa 17. biss 18. Jahren zur andern Ehe-Frau zu erwählen.
    Allem Ansehen nach hatte mein Vater eine ungemein gute Heirat getroffen,
denn unsere neue Stief-Mutter konnte ihm doch gar zu niedlich um den Bart herum
gehen, und dergestalt schmeicheln, als ob sie einen Mann von ihren Alter vor
sich hätte. Er mochte bei Tage oder bei Nacht, um welche Zeit es auch war, aus
dem Walde kommen, so stund sein Krafft-Süppchen und Lecker-Bissgen alsobald auf
dem Tische; uns Kinder tractirte sie auch dermassen wohl, dass wir über sie noch
weniger, als über unsere seelige Mutter zu klagen hatten, denn die
Holdseeligkeit und Freundlichkeit schien ihr angebohren zu sein, weswegen sich
denn nicht allein Sonntags, sondern auch in der Woche viele Wein-Bier- und
Brandteweins-Gäste bei uns einfanden, und alle nach Würden accommodiret wurden.
    Unter andern gewöhnete sich auch ein junger unbeweibter Förster von der
Nachbarschaft, gar sehr öffters zu uns zu kommen, ob ihn nun gleich mein Vater,
weil es sein College war, sehr wohl leiden konnte, so stellete sich doch unsere
Stief-Mutter jederzeit vedriesslich an, so oft er da war, liess sich auch zum
öfftern gegen unsern Vater verlauten: Sie wisse in aller Welt nicht, wie dieser
Kerl in unser Haus kommen könnte, da er doch wisse, dass ihr seine Person biss in
Todt zuwider sei, und sie ihm vor einiger Zeit, da er um sie gefreiet, den Korb
nicht nur darum gegeben, weil er einen so schlechten Dienst, sondern weil sie
einen natürlichen Abscheu vor seiner Person hätte; und eben dieserwegen sähe sie
am allerliebsten, wenn ihr dieser Kerl aus dem Hause bliebe. Mein Vater lachte
hierzu, sprach, dass sie in diesem Stück eine Närrin wäre, den ehrlichen Menschen
aber zufrieden lassen sollte, welcher schon von etlichen Jahren her sein guter
Freund wäre, über dieses manchen schönen Taler bei uns verzehrete. Wegen des
letztern, sagte die Stief-Mutter, mag es noch sein, und es ist das beste, dass
der Sauff-Teuffel noch immer seine Zeche und das Schlaff-Geld bezahlt, wenn er
aber zu borgen anfangen will, wie er in andern Wirts-Häusern getan hat, so
wird die Paucke bald ein Loch kriegen. Frau! sagte mein Vater, sei kein Narre,
lass den Kerl zufrieden, gib ihm, was er verlangt, denn wenn er mir auch 100.
Tlr. schuldig wäre, so wüste ich mich schon bezahlt zu machen. Solche und
dergleichen Discourse passirten gar öffters zwischen unsern Eltern, endlich aber
kam es einmal wirklich dahin, dass sich die Stief-Mutter um einer eintzigen
Kanne Wein halber mit dem Förster zanckte, und ihm etliche grobe Schmäh-Reden an
den Hals warff, welche dieser, ohngeacht er betruncken war, dennoch
verschmertzte, sich mit dem Kopffe auf den Tisch legte, und weiter nichts sagte,
als dieses: um eines guten Mannes willen, muss man einer bösen Frau viel zu gute
halten. Mein Vater nahm diese Worte vor redlich auf, liess sich demnach den Zorn
dahin verleiten, dass er der Stief-Mutter, welche hinaus ging, folgte, und ihr
eine derbe Maulschelle gab. Sie schien dieserwegen vor Jammer ganz ausser sich
selbst zu sein, konnte diesen ersten Liebes-Schlag durchaus nicht vergessen, kam
auch den ganzen Abend nicht wieder zum Vorscheine, sondern legte sich weinend
zu Bette; jedoch der Vater hatte sie durch gütliches Zureden dahin gebracht, dass
sie früh Morgens nicht allein wieder freundlich aussah, sondern auch dem
Förster Helnam, der Worte wegen, die sie gestern Abend in tollen Mute
ausgestossen, um Verzeihung bat. Hierauf ging mein Vater mit demselben in den
Wald, mein jüngerer Bruder war in die Stadt geschickt, die beiden kleinen
Schwestern spieleten im Hofe, ich aber hatte mich, weil ich zu viel in der Sonne
herum gelauffen war, und starcke Kopff-Schmertzen bekommen, oben in unserer
ziemlich dunckeln Cammer ins Bette gelegt, und war etwas eingeschlummert,
ermunterte mich aber sogleich, als Helnam mit meiner Stief-Mutter in die Cammer
hinein getreten kam, einander umarmeten und vielemahl küsseten, welches mir denn
sehr wunderbar vorkam, jedoch lag ich ganz stille, biss Helnam meine
Stief-Mutter auf ein anderes Bette legte, und sich anstellete, als ob er sie
erdrücken und ersticken wollte, weswegen ich, in Meinung, er wolle wegen der
gestrigen Schelt-Worte Rache an der Stief-Mutter ausüben, mit vollem Halse um
Hülffe schrye, da denn Helnam vor Schrecken zur Cammer hinaus sprunge, meine
Stief-Mutter aber, nachdem sie sich einigermassen recolligiret, zu mir kam, mich
zufrieden sprach, und sagte: Helnam hätte nur seinen Schertz mit ihr getrieben,
ich sollte aber bei Leib und Leben weder dem Vater noch jemand anders ein Wort
darvon sagen, so wollte sie mir hinführo alles geben, was ich nur verlangte,
wiedrigenfals aber, und da sie erführe, dass ich nur das allergeringste darvon
ausgeplaudert, wollte sie mich alle Tage schlagen, und mir nicht halb satt zu
essen geben. Ich hatte in Wahrheit viel Liebe vor meine Stief-Mutter, weil sie
mich ebenfalls unter meinen Geschwistern am liebsten zu haben schien, derowegen
gelobte ich ein ewiges Stillschweigen an, und ging mit ihr herunter in die
Stube, in welche Helnam kurtz hernach auch eingetreten kam, zu dem meine Mutter
sagte: Sehet, was ihr mit euren Tändel-Possen angerichtet habt, der arme Junge
hat gemeinet, ihr wollet mich im Ernste ermorden, ist derowegen vor Schrecken
fast halb todt, und ich habe ihm doch unter den andern allen am liebsten.
Derowegen gab mir Helnam meine ganze Hand voll Geld, welches ich der
Stief-Mutter aufzuheben darreichte, und auf beiderseitiges noch mehrers Zureden
desto stärcker angelobte, keinem Menschen etwas von dieser Mord Geschichte zu
sagen. Helnam trunck ein Maas Wein auf das Schrecken, die Stief-Mutter machte
mir eine Wein-Kalte-Schaale mit Zucker, befahl mir, selbige auszuessen, in der
Stube zu bleiben, und sie zu ruffen, wenn jemand käme; ging hierauf mit Helnam
hinaus, kam erstlich nach einer halben Stunde wieder zurücke, sagte, dass Helnam
nach Hause gegangen, und befahl mir, gegen den Vater nur gar nichts zu
gedencken, dass er da gewesen wäre, denn die kleinen Schwestern hätten ihn nicht
gesehen, weil sie in den Wald gegangen wären, und Holtz-Bündel holeten. Ich
hielt in der Tat reinen Mund, merckte zwar nachhero gar öffters, dass Helnam in
Abwesenheit meines Vaters mit der Stief-Mutter in dem obern Stockwercke eine
geheime Zusammenkunft hielt, doch da ich nicht wusste, was es zu bedeuten hatte,
bekümmerte mich solches auch nicht, vielmehr war ich damit vergnügt, dass mir
meine Stief-Mutter alles gab und zuliess, was nur mein Hertze begehrte. Allein,
etwa ein Jahr hernach, da mein Vater auf etliche Tage verreiset war, entstund
ein grausamer Tumult in unserer Eltern Schlaf-Cammer, denn die Türe wurde
eingestossen, wir höreten die Mutter schreien und auch des Vaters-Stimme, auch
einen Büchsen-Knall zum Cammer-Fenster hinaus, weswegen wir vier Kinder (denn
mein ältester Bruder war schon bei Hofe in Diensten) alle auf einmal
aufsprungen, in der Eltern Cammer lieffen, und sahen, dass der Vater immer auf
die Mutter mit dem Hirschfänger los hieb, sie auch gewiss in Koch-Stücken
zerhauen haben würde, wenn wir Jungens ihm nicht den Arm gehalten und die
Mädgens sich über die Mutter hergebreitet hätten. Inzwischen schwamm die Mutter
fast in ihrem Blute, denn sie hatte etliche Hiebe über den Kopff, Brüste und
Arme bekommen. Endlich liess sich der Vater durch unser jämmerliches Schreien
bewegen, mit mir hinunter in die Stube zu gehen, allwo ich so gleich eine
Laterne anstecken und mit ihm vom Hause hinweg nach dem Walde zu gehen musste; er
hatte eine Büchse an der Schulter hangen, und den blossen Hirschfänger in der
Hand, wir waren aber kaum 100. Schritte gegangen, als wir den Förster Helnam in
blossen blutigen Hembde auf dem Gesichte liegend antraffen. Mein Vater wendete
ihn um auf den Rücken, sagte weiter nichts als diese Worte: Ja, ja, du bists,
und hast genung. Er liess aber den Cörper liegen, und kehrete mit mir um nach
unsern Hause zu, schickte mich auch sogleich hinauf, um zu sehen, was die Mutter
machte. Dieser hatte mein Bruder die Wunden voll Zunder, Spinneweben, Werck und
dergleichen gestopfft, auch Brandtewein hinein gegossen und drauf gelegt,
allein, selbige wollten doch nicht zu bluten aufhören, und da ich dieses dem
Vater wieder zu sagen hinunter kam, war derselbe fort.
    Wir Kinder meinten, er würde etwa in das nächste Dorff gegangen sein, und
Leute herzu ruffen, hoffeten aber auf deren Ankunft umsonst, biss der Tag
anbrach, da denn zu unsern Glücke etliche Manns- und Weibs-Personen kamen,
welche in die Stadt zu Marckte gehen, vorhero aber erstlich bei uns Brandtewein
trincken wollten. Zwei Weiber, die sonst mit meiner Stief-Mutter wohl bekandt
waren, blieben bei derselben, welche, als sie hörete, dass Helnam nicht weit von
unsern Hause erschossen läge, eine starcke Ohnmacht bekam, weswegen die Weiber
Mühe hatten, sie wieder zu ermuntern, die Männer aber eileten nach der Stadt,
hatten die Geschichte der Obrigkeit gemeldet, da denn gar bald die Gerichten mit
Doctor, Barbierer und Priester heraus kamen, erstlich die Mutter behörig
verbinden liessen, nachhero examinirten. Sie hatte die ganze Geschicht
offenhertzig und dabei bekennet, dass sie schon seit etlichen Jahren, und ehe sie
noch meinen Vater geheiratet, mit Helnam der Liebe gepflogen, meinen Vater
aber, um ihn nicht eiffersüchtig, sondern desto sicherer zu machen, immer
vorgeschwatzt, dass ihr dieser Mensch zuwider wäre etc. etc. Hierauf hatte sie
gebeten, dass der Priester bei ihr bleiben, der Doctor und Barbierer aber nur
nach Hause reisen möchten, indem sie fühlete, dass sie den Abend nicht erleben
würde. Dieses Letztere traff auch ein, denn nachdem der Priester den ganzen Tag
mit ihr gesprochen und gebetet, auch das Heilige Abendmahl gereicht, starb sie,
ehe es Abend wurde. Helnams Cörper öffnete man, nachhero wurde derselbe, so wohl
als meine Stief-Mutter auf besondere Landes-Herrliche Begnadigung, an die Seite
des Gottes-Ackers des nächsten Dorffs begraben. Uns armen Kindern hatten die
Gerichten fast nichts mehr als die allernötigsten Sachen gelassen, einen Mann
und Frau bestellet, die indessen die Wirtschaft treiben und uns verpflegen
mussten; allein, etliche Wochen hernach war der Landes-Herr so gnädig, meinem
ältesten Bruder, der schon einige Jahr bei ihm in Diensten gestanden, in die
Stelle meines Vaters, von dessen Auffentalt kein Mensch etwas wissen wollte, zu
setzen, da denn mein Bruder eine betagte Befreundtin zur Hausshälterin annahm,
uns seine Geschwister noch eine Zeitlang bei sich zu behalten versprach, auch es
bei dem Landes-Herrn dahin brachte, dass die Gerichten nach Abzug der Kosten, die
übrige Verlassenschaft unserer Eltern, an bestellte Vormünder ausliefern
mussten. Es war aber, leider! nicht allzu viel übrig geblieben; und also sehen
sie, meine Herren! (erinnerte uns allhier der Capitain Horn) dass ein ungetreues
listiges Weib, unsern Vater und uns Kinder ins Unglück, sich und ihren Amanten
aber ums Leben gebracht hat. Jedoch meine eigene Geschicht zu verfolgen, so muss
ferner melden, dass noch nicht ein volles halbes Jahr nach dieser traurigen
Begebenheit, ein vornehmer Cavallier, welcher nach Hofe zu reisen im Begriff,
des Nachts auf der Strasse, bei Umwerffung seines Wagens, Schaden am Arm
genommen, demnach weil er in unsern Hause Licht erblickte, ausspannen liess, um
den Tag zu erwarten. Er fragte, so bald er hinein kam, nach meinem Vater, und
mein Bruder erzählete ihm die obgemeldete klägliche Geschichte in der Kürtze,
worüber sich derselbe, weil er über Jahr und Tag nicht in dieser Gegend gewesen,
ungemein verwunderte, nachhero seinen Arm mit warmen Weine waschen und sich
etwas zu essen bringen liess. Ich war sehr hurtig, ihm mit aufwarten zu helffen,
welches er observirte, und nachhero, da ich Pappier, die Tobacks-Pfeiffe
anzuzünden, reichte, mich fragte: Wie alt bist du? 12. Jahr, gab ich zur
Antwort. Was wilst du werden? fragte er ferner; und ich antworttete: ja, das
weiss GOtt, was aus mir werden wird, denn ich bin ein armes Kind worden, seit dem
mein Vater weg ist. Hast du Lust mit mir zu reisen? sprach er; Ach! seuffzete
ich: wenn ich nur gross genung wäre, so wollte ich mit einem so wackern Herrn wohl
biss ans Ende der Welt reisen. Indem kam mein ältester Bruder in die Stube, zu
welchem der Cavallier so gleich sagte: Mein Freund! an diesem euren jüngsten
Bruder gefallen mir sonderlich 3. Stück: erstlich sein munteres und dreustes
Wesen; zum andern: sein aufrichtiges Gesichte, und zum dritten: seine weissen
krausen Haare; ist es euch und ihm gefällig, so will ich ihn in meine Dienste
nehmen, und vor sein künftiges Wohlsein sorgen? Mein Bruder besann sich so
kurtz als ich, und kurtz zu sagen: ich packte mein Bündel mit Freuden eilfertig
zusammen, und fuhr mit diesem meinem nunmehrigen Herren nach der Residentz
unseres Landes-Herren zu. Allda liess mir mein Herr sogleich eine saubere Liberei
machen, und mich alle Tage 6. Stunden in die Schule gehen, ausser der Zeit aber,
musste ich mehrenteils um ihn sein, auch so gar, wenn er ausging oder ausfuhr.
Er probirte meine Treue und Verschwiegenheit auf verschiedene Art und Weise,
ohne dass ich damahls sogleich mercken konnte, nachdem er mich aber in den ersten
2. Jahren ächt und redlich befunden, wurde ich von ihm sehr öffters mit Gelde
und andern Sachen reichlich beschenckt, welches mir zwar bei den ältern
Bedienten einigen Neid zuwege brachte, allein, es durffte sich keiner an mir
vergreiffen. Mein Herr war unverheiratet, ich aber wurde von ihm fast alle Tage
mit Briefen und Paqueten an eine vornehme Dame, die sehr schön und eine junge
Wittbe, doch aber eben nicht allzu starck begütert war, abgeschickt, und er
selbst gab derselben gar öffters Visiten, jedoch entweder des Nachts, oder wenn
es sonst nicht leicht jemand gewahr werden konnte. Einige Zeit hernach
veruneinigten sie sich mit einander, und die Dame wurde dergestalt zornig, dass
sie von meinem Herrn weder Briefe mehr annehmen, vielweniger ihm erlauben wollte,
sie ferner zu besuchen. Indem er nun dennoch Gelegenheit suchte, sie in ihrem
Zimmer zu sprechen, und sich dieserwegen einsmahls heimlich in ihr Haus
geschlichen, seinen Zweck aber nicht erreichen können, weil die Dame seiner noch
bei Zeiten gewahr worden, und sich in ein anderes Zimmer versteckt und
verschlossen hatte, fing er grausam an zu fulminiren, stiess verschiedene
Schimpff-Reden aus, welche doch von niemand anders als von ihren Domestiquen
angehöret wurden, und ging endlich im grösten Grimm und Zorne nach seinem Logis.
Folgenden Morgens sehr früh, da er noch nicht aufgestanden war, bekam er von
einer gewissen höhern Hand einen schrifftlichen Befehl, dessen Inhalt, wie ich
hernach erfahren, dieser war: dass er sich bei Vermeidung gröster Ungnade, auch
ernstlicher Bestraffung, ferner nicht unterstehen sollte, diese Dame weder mit
Worten, Schrifften, vielweniger mit Wercken zu beleidigen. Ich brachte diesen
Brief meinem Herrn ins Bette, so bald er aufgewacht, und zu allem Glück kein
eintziger von den andern Bedienten im Schlaf-Zimmer war, er hatte aber denselben
kaum gelesen, als er, wie halb rasend, aus dem Bette sprunge, den Brief mit
Füssen trat, und sich im Eiffer folgender Worte vernehmen liess: »Ha! ists so
bestellet? warte, Ungetreue - - ich will dir nicht 10. biss 12000. Tlr. wert
umsonst ausgebeutelt haben, sondern meinem Hohn an dir rächen, und wenn es auch
mein Leben kosten sollte.« Hierauf musste ich die andern Bedienten ruffen, um ihn
anzukleiden, sie konten es ihm zwar alle ansehen, dass er Grillen hatte, und
zornig war, allein, er konnte sich doch auch in so weit bezwingen, einem jeden,
was er auf heute zu befehlen hatte, mit ziemlicher Gelassenheit zu sagen.
Nachhero rieff er den Sekretarium und Cammer-Diener in sein Cabinet, besprach
sich mit beiden länger als eine Stunde in Geheim, und fuhr darauf, indem er nur
einen eintzigen Laqueien und mich zur Bedienung mit sich genommen, zu einem
guten Freunde aufs Land. Wir waren daselbst sehr willkommen und wohl tractiret;
nach Mittags aber, da der Haus-Herr mit seinem Gerichts-Halter in einem
Ober-Zimmer etwas geheimes zu tractiren hatte, und mein Herr mitlerweile allein
mit der Haus-Frauen das Bretspiel zum Zeitvertreibe genommen hatte, merckte ich,
der ich allein im Zimmer aufwartete, doch gar zu bald, dass beide einander schon
besser kennen müsten. Denn mein Herr küssete und caressirte diese Dame
ohngescheuet; und ob sie gleich anfänglich wegen meiner Gegenwart in etwas
darüber erschrack, so gab sie sich doch bald zufrieden, als ihr mein Herr,
vielleicht meinetwegen, nur wenig Worte ins Ohr gesagt hatte; blieb ihm auch
keinen Kuss und Gegen-Caresse schuldig, ja sie wurden gar so dreuste, in ein
kleines Cabinet, worinnen nur ein Schlaf-Stuhl und ein Tisch stund, zu gehen, ob
sie nun da ebenfalls ein Damen-Spiel spieleten, oder nur zum Fenster hinaus in
den Lust-Garten sahen, das weiss ich nicht, jedoch kamen beide, ehe jemand anders
ins Zimmer kam, wieder heraus, und spieleten nunmehro recht ernstaft im Brete
fort.
    Abends, nach der Mahlzeit, begab sich mein Herr mit dem Haus-Herrn in ein
besonderes Zimmer, allwo sie über 3. Stunden ganz alleine geblieben, so dann
zur Ruhe gingen, mit anbrechenden Tage aber hatte sich der Haus-Herr mit nur
einem Bedienten auf eine Reise begeben, und mein Herr trunck den Tée mit der
Dame in einem abgeschlossenen Zimmer über 2. Stunden lang ganz alleine. Gegen
Mittag stelleten sich 2. benachbarte Edelleute nebst ihren Gemahlinnen und einem
Officier ein, welche, wie ich bei den ersten Complimenten vernehmen konnte, der
Haus-Herr auf seinen Hof bitten lassen, um während seiner Abwesenheit meinem
Herrn die Zeit passiren zu helffen. Die Haus-Frau liess derowegen noch eine
Fräulein, die vielleicht nicht weit von ihr wohnen mochte, herzu bitten, um auch
ein Frauenzimmer zur Conversation vor den Officier zu haben, allein, dieser
hatte seine Augen mehr auf die Wirtin, als auf das Fräulein, gerichtet, welche
zwar wohl gewachsen, jedoch eben nicht fein von Gesichte, dahingegen die erstere
recht schön war. Es wurde in allen Stücken recht propre tractiret, sie gingen
Spatziren, spieleten allerhand Spiele, worbei jedoch mein Herr jederzeit die
Wirtin zur Seiten hatte, welches dem Officier, allem Vermercken nach,
vedriesslich fiel, allein, er musste Respect brauchen, weil ihn mein Herr an
Stande und Vermögen weit übertraff. Endlich aber, da es Nachts schon weit hin
war, kamen doch mein Herr und der Officier, der Haus-Frauen wegen, (ich kann aber
nicht eigentlich sagen, welchergestalt) in einen spitzfündigen Wort-Streit, der
aber durch die andern Gäste beigelegt, und so gleich Schicht gemacht wurde. Mein
Herr legte sich, so bald er in sein angewiesenes Zimmer kam, augenblicklich zu
Bette, befahl auch mir, nur gleich einzuschlaffen, weil ich Morgen bald
aufstehen müste. Ich legte mich demnach in das, hinter einer Spanischen Wand
stehende Feld-Bette; war aber kaum eingeschlaffen, als die Seiten-Tür des
Zimmers eröffnet wurde, durch welche eine Person, in einem langen weisslichen
Schlaff-Rocke, herein getreten kam, weswegen ich, etwas furchtsam, Wer da?
rieff, mein Herr aber antwortete: Schlaf nur geruhig, Wilhelm, und kehre dich an
nichts. Weiln nun die Spanische Wand weit offen stund, konnte ich in der
Dämmerung doch so viel observiren, dass diese Machine auf meines Herrn Bette zu
ging, und hinter seinen Guardinen verschwand, ich wusste nicht, ob es ein
würcklicher Cörper oder ein Geist war, konnte derowegen vor vielen Scrupuliren
kein Auge zu tun, bemerckte auch, dass mein Herr sehr unruhig lag, sich öffters
bewegte und herum warff, doch endlich schlieff ich drüber ein, und ermunterte
mich nicht eher, biss der helle Tag schon angebrochen war, mich also erinnerte,
aufzustehen. Indem ich nun aus dem Bette steigen wollte, rieff mein Herr:
Wilhelm! es ist noch zu früh allhier aufzustehen, schlaff nur noch ein paar
Stunden, biss ich dich selbst aufruffe. Ich gehorsamete, konnte aber, weil ich
mich schon gewöhnet, früh munter zu sein, nicht wieder einschlaffen, sondern lag
mit offenen Augen, hörete auch, dass mein Herr in seinem Bette mit jemanden ein
leises Gespräch hielt, von welchen ich aber sehr wenig verstehen konnte, und
endlich, da schon die aufgehende Sonne ihren ersten Strahl durch die Fenster
warff, kam die gestrige Machine abermals zum Vorscheine, hatte den Schlaf-Rock
oben über den Kopff hergezogen, so, dass ich Blintzender, nichts als ein paar
schöne, grosse, schwartze Augen sehen konnte, von welchen ich geschworen hätte,
dass es unserer Frau Haus-Wirtin ihre Augen gewesen wären, wenn ich nicht
gedacht, dass dieselben, weil sie sehr späte zu Bette gegangen, annoch vielleicht
im süssesten Schlummer zugeschlossen lägen. Kaum hatte gemeldte Machine ihren
Rückweg durch die Seiten-Tür genommen, als mich mein Herr bei meinem Nahmen
ruffte, allein, ich hielt dieses mahl nicht vor ratsam, ihm eher zu antworten,
biss er mich zum drittenmahle geruffen hatte. Demnach befahl er, mich hurtig
anzuziehen, und einen von des Haus-Wirts Stall-Knechten herauf zu ruffen; als
ich mit demselben ankam, sass mein Herr schon im Schlaf-Rocke am Tische, und
schrieb, sagte aber zu dem Stall-Knechte: Höret, mein Freund! tut mir den
Gefallen, und sattelt vor diesen meinen Purschen einen Klöpper, weil ich keine
Reit-Pferde bei mir habe, ich will ihn nur nach der Stadt schicken, und es bei
eurer gebietenden Frau, die ohnfehlbar noch schlaffen wird, verantworten. Der
Kerl war so gleich willig, zumahlen, da ihn mein Herr einen Gulden darreichte,
ich aber bekam 2. Briefe von ihm, einen an den vornehmsten Kauffmann, und den
andern an einen Jubelier, mit dem Befehle, nicht in unserm Logis, sondern in
einem Gast-Hofe einzukehren, und so bald ich an beiden Orten meine Abfertigung
bekommen, alles wohl in den Mantel-Sack einzupacken, und den Rück-Weg eiligst zu
nehmen. Ich versprach alles wohl auszurichten, ob ich aber gleich nicht gelesen,
was in den Briefen stund, so war ich doch so schlau, so wohl von des Kauffmanns
als des Jubeliers Leuten, heraus zu locken, dass der erstere ein kostbares, mit
Golde durchwürcktes Zeug zu einer Frauenzimmer-Kleidung, und der andere ein
Diamanten Brust-Creutz nebst einer goldenen Uhr eingepackt hatte. Ich brachte
dieses alles bei guter Zeit auf meines Herrn Zimmer, ihn aber selbst traff ich
bei der andern Gesellschaft im Garten an, und stattete meinen Bericht ab. Er
ging demnach also fort selbst auf sein Zimmer, mochte die Sachen eröffnet,
besehen und gut befunden haben, denn er machte mir eine gnädige Mine, als er
zurück kam. Ich merckte, dass er die Frau Haus-Wirtin im Garten etwas bei Seite
führete, und mit ihr heimlich redete, hernach mich ruffte, und sagte: Wilhelm!
gieb Achtung, wenn die Haus-Wirtin zur Garten-Tür hinaus geht, so gehe
erstlich langsam hinter ihr her, lauff sodann voraus, und gieb ihr das, auf
meinem Tische im Zimmer liegende Paquet, aufzuheben, denn sie wird da vorbei
gehen. Ich war fix, und da die Dame kam, stund ich schon mit dem Paquete in der
Tür, sie fragte: Mein Sohn! ist dieses das Paquet, welches ich eurem Herrn
verwahren soll? Ja, gnädige Frau! antwortete ich, es ists; Also musste ich es in
ihr Schlaf-Zimmer tragen, und in einen Kasten werffen, hierbei bemerckte ich,
dass zwischen ihrem und meines Herrn Schlaf-Zimmer nur eine Scheide-Wand, durch
deren Tür in vergangener Nacht die Masque pass- und repassirt war. Da ich nun
wieder fortgehen wollte, rieff sie mich zurück, und beschenckte mich mit 2.
Stücken Leinwand, verbot mir aber, ausser meinem Herrn, keinem Menschen etwas
davon zu sagen, sondern vor mich Unter- und Ober-Hembder davon machen zu lassen.
Ich danckte ganz untertänigst davor, und befand hernach beide Stück sehr fein,
auch dass jedes 30. Ellen hielt. Nach der Abend- klagte mein Herr über gewaltige
Kopff-Schmertzen, weswegen die Lust auf diesen Abend ziemlich gestöhrt zu sein
schien, und sich ein jedes desto zeitiger zu Bette begab. Jedoch bei meinem
Herrn mochten die Kopff-Schmertzen wohl ein blosses verstelltes Wesen sein, denn
da er auf sein Zimmer kam, war er lustig und guter Dinge, rauchte auch, ehe er
zu Bette ging, noch ein paar Pfeiffen Canaster. Gegen Mitternacht öffnete sich
die Seiten-Tür abermals, und die Masque hielt es ebenfalls wie in voriger
Nacht, ich aber stellete mich an, als ob ich sehr veste schlieffe, biss mich mein
Herr etwa um 5. Uhr aufweckte, und befahl, den Tée nicht eher als um 9. Uhr zu
fordern, und gegen jederman zu sagen, dass er vor Kopff-Schmertzen die ganze
Nacht hindurch fast kein Auge zutun können. Dieser Tag wurde ebenfalls in
lauter Wohlleben zugebracht, ausserdem, dass der Officier und mein Herr immer auf
einander stichelten, denn ob schon beide sonsten noch niemahls mit einander in
Compagnie gewesen waren, so schien es doch, als ob eine würckliche Antipatie
unter ihnen wäre, doch kam es diesen Tag noch zu keinen Tätlichkeiten, und in
der folgenden Nacht ging es eben so zu, wie in den 2. vorigen. Als diese
verstrichen, kam der Haus-Herr etwa ein paar Stunden vor der Mittags-Mahlzeit
wieder zurück von der Reise, und gab meinem Herrn, als in dessen Affairen er
verreiset gewesen, in einem besondern Zimmer geheime Nachricht von demjenigen,
was er ausgerichtet hatte, hernach wurde gespeiset und starck Wein getruncken,
weil der Haus-Herr, als ein grosser Liebhaber des Reben-Saffts, seine Gäste
starck darzu forcirte. Der Herr Haus-Wirt brachte meinem Herrn eine Gesundheit
zu: Auf gut Glück in der bewussten Sache! Mein Herr tat Bescheid, reichte
zugleich dem Haus-Wirte die Hand, und als er den Pocal ausgeleeret, danckte er
demselben verbindlich davor, dass er ihm das eine Werck so glücklich zum Stande
gebracht, und in der andern Sache seine Vices so wohl vertreten hätte; versprach
anbei, sich in der Tat erkänntlich zu erzeigen. Der Haus-Herr schützte vor, dass
seine Schuldigkeit nicht allein solche, sondern weit mühsamere Dienste, meinem
Herrn zu leisten, erforderte; worgegen dieser auch keine Complimente schuldig
blieb; allein, der Officier, welchen der Wein oder andere Grillen schon zu
starck in den Kopff gestiegen waren, melirte sich in ihren Discours, und sagte
zu dem Haus-Wirte: Mein Herr! sie belieben die Complimenten zu versparen, denn
haben sie des Herrn G. Vices vertreten, so hat derselbe vielleicht die Ihrigen
auch vertreten, so, dass ihre Frau Liebste wohl nicht über ihn klagen wird.
Monsieur! (sprach mein Herr, dem die Galle auf einmal überging, und das Geblüte
ins Gesichte stieg) Was sind das vor Reden? Werden mir nicht diese Herren und
Dames Zeugnis geben, dass ich mich als ein honetter Gast und nicht als Wirt
aufgeführet? Worinnen bestehen also die Vices, so ich vertreten habe? Das weiss
der Himmel und der Nacht-Wächter, antwortete der Officier. Und das ist eine
närrische Antwort, gab mein Herr darauf, welchem die andern alle beifielen, und
dem Officier zu verstehen gaben, wie sie gar nicht wüsten, warum er schon
vorgestern, gestern und auch heute so wunderliche, ja ganz ungeräumte
Stichel-Reden und Mägde-Sprich-Wörter im Munde geführet, man wäre ja sonst von
ihm dergleichen gar nicht, sondern einer weit artigern Aufführung gewohnt,
u.s.w. Allein, der Officier fuhr auf, und sprach: Ey was, ich halte den vor
einen etc. der meine Rede und Antwort vor närrisch hält, es wird ein schlechter
Unterscheid sein zwischen einem Officier, wie ich bin, und einem solchen Herrn,
wie der ist. Dieses war genug, meinen Herrn aufs äuserste zu bringen, demnach
griff er also fort nach einer an der Wand hangenden Carbatsche, und schlug den
Officier etliche mahl damit über den Kopff. Dieser wollte zwar vom Leder ziehen,
allein, der Haus-Herr und die andern beiden von Adel, hielten ihn davon ab, und
stiffteten in so weit Friede, weil mein Herr dem Officier versprach, Morgen bei
Aufgang der Sonnen, mit ein paar geladenen Pistolen vor ihm auf der Gräntze zu
erscheinen. Bald hernach liess der Officier seine Pferde satteln, und ritt,
nachdem er einen negligenten Abschied genommen, voll Wein und Grimm seiner Wege.
Jederman war froh, dass er diese Resolution ergriffen, und sonderlich das
Frauenzimmer; die Frau Haus-Wirtin aber, welche eine in der Geburt arbeitende
Frau besucht, war bei dem ganzen Streite gar nicht zugegen gewesen, verwunderte
sich derowegen ziemlich darüber, und sagte: sie hätte jederzeit eine malhonette
Conduite an diesem Officier gemerckt, indem er zum öfftern den tugendhaftesten
Leuten Klebe-Flecken anhängen und sich selber ein und anderer Sachen berühmen
wollen, die wohl niemahls wahr gewesen, etc. etc. (Allein, es hat mir kurtze
Zeit hernach ein guter Freund im Vertrauen eröffnet, dass diese Dame eben diesen
Officier, in Abwesenheit ihres Gemahls, gar öffters heimlich zu sich bitten
lassen, und ihm gar gern ein oder etliche Nacht-Quartiere gönnen mögen, weswegen
ihn allerdings die Eiffersucht wegen meines Herrn, vor diessmahl zu einer
wunderlichen Aufführung verleitet haben mag.)
    Mein Herr war, ohngeacht der gefährlichen Arbeit, die er auf Morgen früh vor
sich hatte, lustig und guter Dinge, mir aber pochte das Hertz als ein Hammer,
und an der Frau Haus-Wirtin merckte ich ein paar mahl, dass, wenn sie sich
alleine, ausserhalb der Stube, befand, sie die Hände runge, und Tränen fallen
liess. Jedoch unser beider Angst wurde in etwas vermindert, da noch selbigen
Abend des Officiers Laquei zurück geritten kam, und Nachricht brachte, dass
seinem Herrn unterwegs ein Ordonnance-Reuter begegnet, welcher ihm die Ordre
überbracht, sich so gleich zu Pferde zu setzen, und zum General zu kommen,
weswegen denn sein Herr die gegebene Parole vor dieses mahl nicht halten könnte,
sondern sich seine Satisfaction auf einen andern Tag zu fordern, vorbehalten
müste. Mein Herr hätte dem Kerl nicht geglaubt, sondern dem Officier einer
Zaghaftigkeit beschuldiget, wenn ihm der Laquei nicht die Ordre in Originali
vorgezeiget hätte, solchergestalt gab er ihm weiter nichts zur Antwort, als
dieses: Es wäre ihm gleich viel, und ein Tag so gut als der andere. Diesen Abend
ging ein jedes bald zur Ruhe, weil so wohl mein Herr, als die andern Gäste
folgenden Morgen fort wollten, es öffnete sich auch diese Nacht die Seiten-Tür
in meines Herrn Zimmer nicht, hergegen schlieff er ungemein ruhig, biss man
hörete, dass der Haus-Wirt und dessen Gemahlin schon ihre Stimmen im Hause hören
liessen. Diese beiden musste ich, so bald er angekleidet war, auf ein Wort hinauf
in sein Zimmer bitten, da er denn vor alle erzeigte Höflichkeit und Mühwaltung
verbindlichen Danck abstattete, und dem Herrn die güldene Uhr, der Frauen aber
das Diamantene Brust-Creutz, auch jeglichen einen kostbaren Ring zum
freundlichen Angedencken verehrete, anbei versicherte, so bald die ihnen
bewussten Affairen völlig zu Stande, sich anderweit erkänntlich zu erzeigen.
Beide schienen recht bestürtzt zu sein über dergleichen kostbare Geschencke, und
wussten fast nicht, ob sie dieselben annehmen sollten oder nicht, allein, mein
Herr bat: ihn mit fernern Weitläufftigkeiten zu verschonen, nahm beide an die
Hand, und führete sie herunter zur andern Gesellschaft, ging sodann abermals
heraus, und beschenckte die Haus- und Stall-Bedienten reichlich, welches so viel
würckte, dass der Haus-Herr, mir und meines Herrn Laqueien, jeden einen Ducaten
aufzwunge, die Dame aber mir allein heimlich noch 2. Ducaten in die Tasche
steckte. Ich wünschte deswegen, dass wir öffters an diesen Ort kommen, und den
Herrn von E.* denn so hiess der Haus-Wirt, beschmausen möchten, wenn mir aber
das Kugeln-Wechseln, welches mein Herr noch vor sich hatte, in die Gedancken
kam, schoss mir das Hertz-Blütgen auf einmal, doch endlich gedachte ich: Weil
mein Herr doch so lustig und frölich ist, muss er gewiss die Kunst schon können,
einen Kerl vom Pferde zu schiessen; oder, wer weiss, ob gar was daraus wird?
    Wir kamen erstlich des Abends in unserm Logis der Herrschaftlichen
Residentz an, allwo mein Herr sogleich die andern Bedienten fragte, ob der
Sekretarius und der Cammer-Diener noch nicht zurück gekommen wären? und zur
Nachricht erhielt, dass beide sich noch nicht wieder sehen lassen. Einige Tage
stellete sich mein Herr unpässlich, und kam nicht aus dem Zimmer, wurde jedoch
von verschiedenen Cavaliers und andern vornehmen Personen besucht, sobald aber
der Sekretarius und hernach der Cammer-Diener zurück gekommen, war er wieder
gesund, frequentirte fast alle Zusammenkünfte vornehmer Standes-Personen, war
aber eine gute Zeit so unglücklich, dasjenige nicht anzutreffen, was er suchte,
nehmlich, (wie er mir nach langer Zeit selbst erzählet) die Frau von A.* als
seine ehemalige kostbare Geliebte, wegen welcher, wie ich schon gemeldet, er den
strengen Befehl bekommen hatte. Endlich kam einer von seinen Spions, denn er
hielt deren verschiedene, und belohnete sie reichlich, dieser kam, sage ich, und
meldete ihm, wo oft erwähnte Dame auf einer Masquerade anzutreffen sein würde,
beschrieb ihm auch dreierlei kostbare Kleidungen, woran er sie vor allen andern
erkennen könnte. Mein Herr war nicht faul, sich auch dahin zu begeben, und
prostituiret die Frau von A.* auf eine ganz besondere und verzweiffelte Art,
die ich nachzusagen, mich itzo selbst noch schämen müste. Es mag ihm solches
zwar von den allerwenigsten unter der Compagnie wohl ausgelegt worden sein, doch
movirt sich niemand dieserwegen, als ein eintziger Cavalier, dieser nimmt sich
der Dame öffentlich an, gerät mit meinem Herrn in Wort-Streit, welcher
verschiedene zweideutige Reden, die hernach einer höhern Person unordentlich
vorgebracht worden, fliegen läst, biss es endlich so weit kömmt, dass beide
einander auf ein paar Degen-Spitzen heraus fordern. Die Dame läst sich vor
Chagrin halb ohnmächtig in einer Sänfte nach Hause tragen, mein Herr kam auch
zu Hause, lase einen von seinen besten Stoss-Degens aus, legte ihn nebst den
steiffen Hand-Schuen zurechte, und befahl dem Cammer-Diener, gleich mit
anbrechenden Tage ein Pferd vor ihn, den Herrn, eins vor den Cammer-Diener, und
eins vor den Reut-Knecht satteln zu lassen, aus welchen Anstalten wir Bedienten
sogleich abnehmen konten, dass er Morgen ein Duell vorhätte. Allein, alle diese
Anstalten waren vergebens, hergegen unser Schrecken nicht geringer, da gleich
nach angebrochenem Tage ein Ober-Officier mit 4. Mann in meines Herrn Zimmer
getreten kam, ihm Arrest ankündigte, ein Unter-Officier mit 8. Mann aber, die
Wache aussen vor dem Zimmer hielt, und nachdem alle Bedienten heraus gewiesen
waren, niemanden als den Cammer-Diener und mich aus und ein passiren liessen.
Anfänglich vermeinten wir Bedienten, es geschähe dieses alles nur, um das
vorhabende Duell zu hintertreiben, erfuhren aber bald, dass mein Herr nicht
allein von der prostituirten Dame, sondern auch noch von einer höhern Person
actionirt werde. Anfänglich mochte es nicht allzuwohl um ihn gestanden haben,
weil er sich aber mit dem Munde und der Feder wohl zu helffen wusste, über dieses
sehr viel gute Freunde und Vorsprecher hatte, kam es endlich nach einem 6.
wöchentlichen Arrest dahin, dass er etliche 1000. Tlr. Straffe geben und
angeloben musste, binnen drei Tagen die Residentz Stadt zu verlassen, und sich
wenigstens drei Jahr lang ausserhalb Deutschlandes in frembden Ländern
aufzuhalten, wie ihm denn auch nicht mehr als drei Wochen Zeit erlaubt war, in
diesem Lande zu bleiben, um seine Sachen in Ordnung zu bringen und sich
Reise-fertig zu machen. Dieses letztere war eben so nötig nicht, denn seit dem
er geschworen, die Frau von A.* zu prostituiren, hatte er bereits alle Anstalten
zu einer Reise nach Franckreich machen lassen; unterdessen war es eine gewaltige
Summa Geldes, welche er dieser eintzigen ihm ungetreuen Weibs-Person halber
einbüssen musste. Allein, wie ich etliche Jahre hernach erfahren, hat diese von
aussen sehr schöne, jedoch gifftige Kreatur noch viel Manns-Personen ins
Verderben gestürtzt.
    Binnen bemeldten drei Wochen liess mein Herr seine unnötigen Sachen, auch
Pferde, Kutschen und dergleichen verkauffen, danckte die überflüssigen Bedienten
ab, behielt also niemand bei sich, als seinen Cammer-Diener, einen Jäger, mich
und 2. Reut- 3. Reut-Pferde vor sich und 5. vor die Bedienten. Aus einem kleinen
Städtgen, welches schon ausserhalb Landes lag, schickte er den Jäger mit einem
Briefe an den Officier ab, welcher ihn auf Pistolen gefordert hatte, denn von
diesem war ihm binnen der Zeit, als er im Arrest gesessen, ein anderweites
Cartell zugeschickt worden, mein Herr aber nicht im Stande gewesen, sich zu
stellen, doch nunmehro benahmte er demselben Ort und Stunde, wo und wenn sie
einander sehen könten. Auf eben denselben Platz und zu eben derselben Stunde
bestellete er auch in einem andern Briefe, welchen ein Reut-Knecht überbringen
musste, denjenigen Cavalier, welcher sich auf der Masquerade der Frau von A.* so
ernstlich angenommen, und es erschienen beide, nach seinen Verlangen, zu
gehöriger Zeit. Mein Herr hatte einen bekandten Cavalier zum Secundanten
mitgenommen, und war so glücklich, den Officier, nachdem derselbe sich
verschossen, eine Kugel durch die Brust zu jagen, dass er augenblicklich todt vom
Pferde stürtzte; hierauf stieg er vom Pferde, legte seinen Rock, Camisol und die
Sporn ab, zohe den Degen, und nahm es mit dem Ritter der Frau von A.* auf,
versetzte ihm auch im andern Gange einen solchen Stoss oben in die rechte Brust
hinein, dass demselben auf einmal Arm und Klinge niedersanck, er ist aber
nachhero doch wieder völlig curiret worden, und nach dieser Arbeit, setzte sich
mein Herr wieder zu Pferde, und ritt mit seinen Bedienten auf einem frembden
Grund und Boden immer fort, als er seinem Secundanten einen kostbaren
Gedenck-Ring geschenckt und höflichen Abschied von ihm genommen hatte. Nachdem
wir eine Stunde Wegs mit einander geritten, schickte mein Herr den Cammer-Diener
mit den andern Leuten voraus, nach der Stadt zu, wohin er seine meiste Equippage
mit der Post bringen und absetzen lassen, befahl denselben in Geheim, nicht ehe
von dannen aufzubrechen, biss er wieder zu ihnen käme, er aber ritte mit mir
lincker Hand fort, biss wir endlich auf den Weg kamen, welcher uns Abends sehr
spät in des Herrn von E.* Ritter-Gut führete. Ich glaube, es war meinem Herrn
eben nicht so zuwider, als er sich wohl gegen die Bedienten stellete, da er
erfahren musste, wie der Herr von E.* schon seit vier Tagen verreiset wäre, auch
wohl noch so lange aussen bleiben dürffte, die Frau von E.* hatte eben schlaffen
gehen wollen, schien aber über unsere Ankunft eben nicht missvergnügt zu sein,
sondern wollte gleich warme Speisen machen lassen, allein, mein Herr deprecirte
alles, und bat nur um ein Glas Wein, 2. Bissen Brod, hernach um ein Bette, weil
er vor Müdigkeit fast die Augen nicht mehr offen halten könnte. Er nahm auch
weiter nichts zu sich, sondern eilete zu Bette, und erzählete der Frau von E.*
diesen Abend gar nichts von alle dem, was sich seit der Zeit, vielweniger diesen
vergangenen Tag, mit ihm zugetragen hatte. Etwa eine halbe Stunde, nachdem ich
mich nieder gelegt, öffnete sich die Tür, ich sah mich aber nicht einmal mehr
nach dem Gespenste um, welches herein kam, weil ich es aus verschiedenen
Umständen schon kennen lernen, wurde auch nicht gewahr, um welche Zeit es wieder
fort ging. Früh Morgens beim Tée erzählete mein Herr erstlich der Frau von E.*
wie er seine beiden Gegner gestern früh abgefertiget hätte, sie wunderte sich
höchlich darüber, gratulirte ihm, dass er so glücklich und ohnbeschädigt davon
kommen wäre, und letztlich sagte sie: ich kann nicht läugnen, dass ich allezeit
ein Mitleiden mit denenjenigen gehabt, welche im Duell umkommen, oder nur
blessirt sind, aber dieser Officier geht mir gar nicht nahe, nur darum, weil er
so sehr viel unbesonnene Reden, die wenigen Tage über, allhier geführet hat,
derowegen ist es eben so gut, dass ihm das Maul gestopfft ist. Aber, mein Herr!
fragte sie weiter, sind sie allhier auch sicher? O ja! antwortete er, denn ich
bin allhier in des dritten Herren Lande, jedoch wenn meine Anwesenheit könnte
verschwiegen bleiben, wäre es mir um so viel desto lieber. Gut! versetzte sie,
dass es mir nur gesagt wird, nun lassen sie mich alleine sorgen, denn alles mein
Gesinde hat die Tugend der Verschwiegenheit, und ist mir sonderlich gehorsam.
    Jedoch, damit meine Erzählung nicht allzu weitläufftig werden möge, will ich
nur kurtz melden: dass mein Herr 6. Nacht und 5. ganzer Tage Zeit hatte, der
Frau von E.* alles zu erzählen, was ihm begegnet war, denn am 5ten Tage gegen
Abend kam der Herr von E.* erstlich von seiner Reise wieder zurück, und
erfreuete sich hertzlich, meinen Herrn gesund und in Freiheit in seinem Hause zu
sehen, denn dessen Prozess-Sachen waren ihm gar gefährlich vorgebracht worden.
Wir blieben also noch 3. Tage bei ihm, binnen welcher Zeit mein Herr den Herrn
von E.* zum Ober-Aufseher einiger seiner da herum liegenden Güter bestellete,
und ihm dessfals schrifftliche Vollmacht erteilete, auch vor seine Mühe ein und
andere Revenüen anwiese, mit dem Bedinge: dass er dahin besorgt sein sollte, damit
ihm seine Gelder richtig gezahlt, und par Wechsel nach Franckreich, oder wo er
dieselben sonst hin verlangte, übermacht werden möchten. Hierauf teilete mein
Herr abermals reichliche Geschencke aus, die besten aber mochte die Frau von E.
* wohl in Geheim von ihm empfangen haben, ohne das allerbeste Angedencken,
welches sie seit der neulichsten Anwesenheit meines Herrn unter ihrem Hertzen
trug, und ihm solches offenhertzig bekannt und darbei gesagt hatte, dass ihr
solches am allerliebsten wäre, da sie in ihrem 6. jährigen Ehestande noch
niemahls so glücklich gewesen, hohes Leibes zu sein. Eben dieses machte, dass sie
beim Abschiede, alle Kräffte anspannen musste, ihren Jammer und Tränen zu
verbergen, der Herr von E.* aber gab uns, da wir des Nachts bei Mond-Scheine
fort reiseten, das Geleite mit 2. seiner Bedienten, weiter, als 3. Meil Weges;
kehrete hernach um, wir beide aber reiseten so eiligst, als möglich war, fort,
biss wir unsere Leute an dem bestellten Orte antraffen. Allhier ruhete mein Herr
nur einen Tag aus, nahm so dann eine Extra-Post, den Cammer-Diener und mich mit
sich, und setzte die Reise auf Paris fort, der Jäger aber nebst den
Reut-Knechten und Pferden sollten sachte nachkommen. Ohngeacht nun viel schöne
Städte unterwegs zu besehen waren, so hielt sich doch mein Herr nirgends lange
auf, weiln ihm recht innigst verlangte, das weltberühmte Paris zu sehen.
    Endlich wurde seine Sehnsucht gestillet, denn wir kamen gleich in der
schönsten Zeit, nehmlich im May-Monat, in diese kleine Welt, und zwar so wählete
mein Herr keins der schlechtesten Quartiere darinnen, sondern ein solches, wo
kurtz vorhero nur ein Deutscher Printz logirt hatte, weswegen viele auf die
Gedancken gerieten, er wäre ein würcklicher Printz, und wollte sich des
Ceremoniells und der Kosten wegen nur unter verdeckten Nahmen daselbst
aufführen. Demnach ist leichtlich zu erachten, dass er bald in Gesellschaft
geraten, und in derselben, nach Fanzösischer Manier, von jedermann complaisant
tractiret worden, sonderlich aber von dem Frauenzimmer, denn er sah im Gesichte
vor eine Manns-Person sehr schön, war von Leibe wohl gewachsen, und sonst in der
Aufführung ein vollkommener Staats-Mann. Von seinen Divertissements aber kann ich
eben so viel nicht melden, weil ich selten darbei gewesen, denn er, mein Herr,
welcher alle Mittags ausging oder ausfuhr, war so gütig, mich bei einem
Sprach-Meister zu verdingen, welcher mich recht perfect Französisch reden und
schreiben lehren sollte, ich hatte auch in der Tat hierzu mehr Lust, als alle
Abende dem Lermen, Schwermen, Tantzen, Spielen und dergleichen zuzusehen, gab
auch meinem Sprach-Meister noch etwas Geld aus meinem Beutel, dass er die
Lateinische Sprache und die Rechen-Kunst mit mir repetiren musste. Solchergestalt
verstrich mir viel Gelegenheit, in böse Gesellschaft zu geraten, hergegen
konnte ich hoffen, dass mir mein fleissiges Lernen dermahleins guten Nutzen
schaffen könnte; denn ich war dazumahl noch nicht einmal 18. Jahr alt. Als wir
nun etwa 3. Monat in Paris gewesen, kam mein Herr eines Abends, wider unser
Vermuten, zeitiger als sonst gewöhnlich nach Hause, da mir aber seit einigen
Tagen nicht gar zu wohl gewesen, hiess er mich zu Bette gehen, und der
Cammer-Diener musste alleine bei ihm bleiben, weil er noch nicht Lust hatte,
schlaffen zu gehen. Nach verschiedenen Gesprächen, die er mit dem Cammer-Diener
geführet, und die ich, weil nur eine Bret-Wand zwischen unserer und seiner
Schlaf-Cammer war, deutlich hören konnte, fing mein Herr nach einem langen
Stillschweigen folgender massen zu dem Cammer-Diener zu reden an: Heute hat mein
Leben an einer Haare gehangen, und ihr hättet mich fast nicht wieder zu sehen
bekommen. Ey! da sei der Himmel darvor, (sagte der Cammer-Diener) gnädiger Herr,
wie wäre denn das zugegangen. Ich bin, verfolgte der Herr seine Rede, Zeit
meines Lebens nicht heftiger erschrocken, als heute, werde mich aber auch Zeit
meines Lebens über keine Begebenheit mehr verwundern, als über die heutige. Ihr
habt doch gesehen, dass mir die Marquise von R. - - heute früh ein Billet
zugeschickt, derowegen begab ich mich zur Mittags-Mahlzeit zu ihr, denn ihr Mann
war, wie sie mir schrieb, auf etliche Tage verreiset. Ich kann nicht läugnen, dass
ich diese Liebens-würdige Dame, mit der ich gleich anfänglich in Bekandtschaft
geraten, sehr liebe, weil ich die stärcksten Proben habe, dass sie mich
vollkommen und ohne eintziges Interesse liebt, ja ich glaube, wenn ich es
verlangte, ihr ganzes Vermögen mit mir teilete, allein, ich bin damit
vergnügt, dass ich ihr ganzes Hertze habe, und so oft es sich nur schicken
will, das allerangenehmste Liebes-Vergnügen bei ihr geniessen kann, denn ihre
Caressen sind extraordinair delicat. Heute Nachmittags nun, da wir beisammen
sassen und spieleten, sagte ihr lustiges Cammer-Mädgen: O! wer wollte doch bei so
überaus angenehmen Wetter im Zimmer sitzen, und die lumpichte Karte in Händen
rum werffen? Wäre es nicht besser, wenn man ein wenig in den Garten hinaus
spatziren führe? Es ist auch wohl wahr, sagte die Marquise, gefällt es euch,
mein Herr! so soll augenblicklich mein Wagen angespannet werden? Ich war damit
zufrieden, wir fuhren hinaus in den Garten, und nahmen zur Bedienung niemanden
mehr mit, als gemeldtes lustige Cammer-Mädgen und einen Laqueien. Unter der
Zeit, da ich die Marquise im Garten herum führete, hatte das Mädgen oben in
einem Zimmer des Garten-Hauses allerhand Erfrischungen zurechte gesetzt,
derowegen begaben wir uns hinauf, selbige zu versuchen. Das Mägdgen nahm sich
eine Bouteille Limonade und Schachtel voll Confect aus der Kiste, machte einen
Reverentz, und sagte: Meine Engels-Kinder! sie lassen sich es wohl schmecken,
und sorgen vor nichts, ich will mit diesen meinem Gewehr vor der Tür am Fenster
Schild-Wacht stehen, und wenn ich jemanden auf das Lust-Haus zukommen sehe, Wer
da? ruffen. Die Marquise lachte so wohl als ich über das närrische Ding, welches
wirklich zum Zimmer hinaus ging, den Schlüssel davon abzog und herein warff.
Wir fingen hierauf an, das Confect der Liebe zu benaschen, der Appetit aber
hierzu ward endlich so starck, dass wir die beschwerlichsten Kleidungs-Stücke ab
uns alle beide auf das zur Seiten stehende Faul-Bette legten, und unserer
Wollust den Zügel vollkommen schiessen liessen. Indem stiess der Marquis von R. -
- eine kleine Cabinet-Tür auf, kam, in jeder Hand ein aufgezogenes Pistol
habend, heraus gesprungen, hielt das eine mir, das andere seiner Frau gegen die
Brust, und sagte: Regt euch nicht, sondern betet, denn ihr müsst beide sterben.
Ich kann wohl sagen, dass mir alle Gedancken vergingen, weiss auch nicht recht
mehr, was die Marquise zu ihrem Manne sagte, und ihn damit bewegte, dass er zu
lachen anfing, und mit seinen Pistolen zur Tür des Zimmers hinaus ging. Sie
sprung demnach hurtig auf, brachte durch einen derben Kuss meine 5. Sinnen wieder
in Ordnung, und sagte: Mein Hertz! seid gutes Muts, mein Mann ist so tyrannisch
nicht, sondern wird uns diesen Fehler vergeben. Also kleideten wir uns
beiderseits hurtig an, und sahen, da wir zum Zimmer hinaus kamen, von oben
herunter den Marquis unten im Garten ohne Pistolen ganz aufgeräumt herum
spatziren. Die Marquise nahm mich bei der Hand, und führte mich ihm entgegen;
ich danckte dem Himmel, dass ich meinen Degen an der Seite hatte, und mich auf
einem freien Platze befand. Als wir fast noch 6. Schritt von einander waren,
zohe der Marquis schon seinen Hut ab, und bewillkommete mich aufs
allerfreundlichste, danckte, dass ich ihm die Ehre erweisen und seinen schlechten
Garten besehen wollen, und bat, nicht ungütig zu vermercken, wenn ich nicht
nach Würden tractirt würde, weil man sich nicht darauf gesaft gemacht. Ich wurde
von neuen dergestalt verwirret, dass ich in Wahrheit selbst nicht mehr weiss, was
ich ihm geantwortet habe. Es wendete sich aber der Marquis zu seiner Frau,
küssete sie auf den Mund, und sagte mit einer lächlenden Mine: Wie nun, Madame!
soll man euch nunmehro auch mit unter die einfältigen Weiber zählen? Und glaubt
ihr nun, dass die Männer auch listig sein? Monsieur! ihr habt in beiden Stücken
recht, (gab sie zur Antwort) allein, wenn ihr so gütig sein, und nicht mehr an
das, was einmal geschehen ist, gedencken werdet, wird sich meine Hochachtung
gegen euch vervielfältigen. Der Marquis klopffte sie hierauf sanfte auf den
Backen, und küssete ihre Hand, zu mir aber sprach er: Mein Herr! meine Frau
sprach nur vor wenig Tagen zu mir, da ich ihr eine ohnlängst passirte Geschicht
erzählet hatte: das wären die allereinfältigsten und dümmsten Weiber, die sich
im Liebes-Wercke mit einem Galan, von ihren Männern betrappeln liessen, auch
wäre der Männer List, gegen der Weiber List, gar nichts zu schätzen. Ich wusste
nicht, ob, oder was ich hierauf antworten sollte, der Marquis aber, welcher wohl
merckte, dass ich mich von meiner Bestürtzung noch nicht recolligiren konnte, fuhr
im Reden fort: Mein Herr! ich glaube wohl, dass ihr nicht wisset, ob ihr hier bei
mir verraten oder verkaufft seid, allein, trauet meiner redlichen Parole,
fürchtet euch vor keiner Gefahr oder Hinterlist, sondern seid gutes Muts, und
folget mir in jene Grotte. Er nahm also seine Frau bei der lincken Hand, und mir
reichte sie die rechte, mitin spatzirten wir in eine vortreffliche Grotte,
allwo die köstlichsten Erfrischung bereits zurechte gesetzt waren. Er trunck mir
ein Glas Wein zu, auf redliche Freundschaft, und da ich solches Bescheid
getan, præsentirte er erstlich der Dame, hernach mir verschiedene Confituren,
fing hierauf also zu reden an: Mein Herr! ich bin niemahls derjenige, so seine
eigene Conduite rühmet, allein, ich zweifle nicht, ihr werdet mir zugestehen
müssen, dass dieselbe heute gegen euch und diese Dame ganz sonderbar gewesen.
Ich glaube nicht, dass in Europa unter tausend Männern einer anzutreffen, und
wenn er auch eine Castrat wäre, der sich bei einer solchen empfindlichen
Begebenheit, so gelassen aufführen würde, als ich getan. Ihr dürfft auch nicht
vermeinen, dass ich etwa par Interesse, oder anderer Ursachen wegen, ein guter
Mann sein wollte oder müste. Nein! mein Herr! sondern lasst euch eine Geschicht
erzählen: Diese Dame und ich haben einander aus gewissen Ursachen nach dem
absoluten Willen des Königs heiraten müssen, und zwar zu der Zeit, da Sie noch
nicht 15. ich aber noch nicht 19. Jahr vor voll alt waren. Es fiel uns dieses
auf beiden Seiten sehr schmertzlich, weil wir, eins so wohl als das andere,
unsere Hertzen schon anderwerts verschenkt hatten, mitin einander nicht nur
gar nicht lieben konten, sondern auch einen würcklichen Abscheu vor einander
bekamen. Unsere Freunde wussten dieses, und der König erfuhr es auch, allein, ein
jeder meinte, das alles würde sich schon geben, wenn wir nur erstlich zusammen
kämen; allein, weit gefehlt, denn ob ich gleich wusste, dass ich eine schöne Frau
bekommen, auch sonsten an ihren ganzen Wesen nichts auszusetzen hatte, so war
mir doch so wenig als ihr möglich, beisammen in einem Bette zu liegen, und noch
vielweniger einander ehelich zu berühren. Wie ich sie ausserdem aber im Hause
wohl leiden konnte, so wurde zu einem wahrhaften Mitleiden bewegt, da ich sie
beständig weinend antraff, derowegen konnte mich endlich länger nicht entalten,
sie eines Abends also anzureden: Madame! es jammert mich hertzlich, euch alle
Tage und Stunden, so oft ich euch nur zu Hause antreffe, betrübt und weinend zu
finden, ich weiss, dass es euch unmöglich fällt, euer Hertze von euren Amanten
abzuwenden, und mich zu lieben, aber ich müste unvernünftig handeln, wenn ich
euch darum verdächte, weil mir ja ebenfalls nicht anders zu Mute ist. Mein
eintziger Trost ist, dass ihr selber wisset, was massen ich am wenigsten Schuld
an unsern Malheur bin, ja ich schwöre: dass ich mehr als die Helffte meines
ganzen Vermögens daran spendirte, wenn wir beide unser Schicksal geändert, und
uns vergnügt sehen könten. Damit ihr aber nicht Ursach habt, über mich zu
klagen, so schencke ich euch eure vollkommene Freiheit, so zu leben, als ob ihr
an keinen Mann gebunden wäret, denn ich werde eher diejenigen Orte, wo ihr euer
Divertissement findet, vermeiden, als euch vorsätzlich darinnen stöhren. Lasset
euren Amanten, oder wen ihr sonst gern leiden möget, so oft, als euch beliebt,
zu euch kommen, ich werde tun, als ob ich von nichts wüste, denn ich bin schon
so viel von eurer Conduite versichert, dass ihr bei der Galanterie eure
Reputation nicht vergessen werdet. Im Gegenteil aber hoffe, dass ihr auch so
raisonnable sein, und euch um meine Gänge, Tun und Lassen, vornehmlich aber um
meine Galanterie-Affairen unbekümmert lassen werdet. Meine Frau sass, nach
Endigung meiner Rede, eine gute Weile in tieffen Gedancken, da ich sie aber
erinnerte, mir doch einige Antwort zu geben, öffnete sich endlich ihr Mund, und
sagte: Monsieur, ihr verdienet eurer guten Gestalt und vortrefflichen Conduite
wegen von Königlichen Printzessinnen geliebt zu werden, allein, vergebet, und
habt ein wahrhaftes Mitleiden mit mir Unglückseligen, da ich gestehen muss, dass
mir noch biss auf diesen Augenblick ohnmöglich fällt, euch zu lieben. Wegen eures
Anerbietens bin ich euch gar sehr und mit noch mehrerer Hochachtung, als
vorhero, verbunden, werde mich aber dessen nicht bedienen, denn, wenn es auch
voritzo euer würcklicher Ernst sein möchte, so habe ich doch vernommen, dass die
Männer heute so, und Morgen ganz anders gesinnet sein sollen; demnach wird es
mir als einer Gebundenen hinführo besser anstehen, wenn ich euch bei vorhabenden
Divertissements jederzeit erstlich um Erlaubnis bitte, Seiten meiner aber könnet
ihr vollkommen versichert leben, dass ich mich niemahls um euer Wesen bekümmern
werde, ausgenommen, was meine Schuldigkeit im Hause erfodert, damit ich euch
wenigstens die äuserliche Complaisance abverdienen kann. Ich war mit dieser
Antwort vergnügt, und beteuerte nochmahls, dass sie sich, ohne Furcht vor mir zu
haben, aller Freiheit bedienen möchte, indem ich ohnmöglich leiden könnte, dass
eine Person von ihrem Stande und Jahren meinetwegen unglücklich und unvergnügt
leben sollte. Hierauf verliess ich sie, und bemerckte wenige Zeit hernach, dass sie
öffter, als sonsten, in Gesellschaften fuhr, sonderlich wo ihr Amant der
Vicomte von T. anzutreffen war. Mir erweckte dieses mehr Zufriedenheit als
Verdruss, und so oft ich ihn, den Vicomte, in meinem Hause angetroffen, ist er
allezeit von mir höflich und freundlich tractirt worden, wie ich ihn denn auch
zu allen Assambleen, die nachhero in meinem Hause gehalten sind, invitiren
lassen, und vor vielen andern distinguirt habe. Allein, er war vor etwa einem
Jahre so unglücklich, von einem Deutschen Cavalier im Duell erstochen zu werden.
Ich erfuhr bald, dass meine Frau seines Todes wegen fast nicht zu trösten stunde,
liess derowegen erstlich etliche Tage vorbei streichen, und legte hernach meine
aufrichtige Condolentz bei ihr ab, welche sie mit weinenden Augen annahm, und
mir dagegen alles erwünschte Vergnügen wünschte. Am allerbesten hat mir von ihr
gefallen, dass sie diesen ihrem Amanten allein getreu und beständig geliebt, und
ausser ihm keine eintzige Manns-Person besonders æstimirt, wie ich denn
desshalber genaue Kundschaft eingezogen, es auch zum Teil selbst aus allen
Umständen vermerckt. Nächst diesen hat mir auch gefallen, dass Sie diejenige
Dame, von welcher Sie weiss, dass ich dieselbe über alles in der Welt liebe, vor
allen andern Dames distinguiret, und, dem Ansehen nach, mehr als ihre eigene
Schwester liebt. Wenn ich von dieser abstehen könnte, so hätte sich vielleicht
meine Frau gewinnen lassen, nach dem Tode des Vicomte, mich allein getreu zu
lieben, allein, solches ist mir noch biss auf diese Stunde ohnmöglich. In der
tieffen Trauer, welche meine Frau in Geheim, des Vicomte wegen, über ein halbes
Jahr lang geführet, habe ich sie nie gestöhret, und sah gern, dass sie hernach
wieder anfing, ein und andere Gesellschaft zu suchen. Endlich vor etlichen
Wochen habt ihr, mein Herr! den Schlüssel zu ihrem Hertzen gefunden, und euch in
den Platz des Vicomte gesetzt, denn ich habe so gleich von Anfange eurer Liebe
an, sichere Nachricht davon gehabt, und weiss wohl, dass die heutige geheime
Zusammenkunft nicht die erste ist, in welcher ich euch in Wahrheit nicht
gestöhret haben würde, wenn mir nicht, schon gemeldter Ursachen wegen, die Lust
angekommen wäre, meiner Frauen zu zeigen, dass auch die klügsten Weiber von ihren
Männern betrappelt werden können. Vergebet mir, dass ich euch einen so heftigen
Schrecken eingejagt, denn es ist mein Ernst nicht gewesen, euch Leides
zuzufügen, vielweniger eine Summe Geldes von euch zu pressen, wie nur neulichst
ein Geitz-Hals allhier, bei eben dergleichen Begebenheit getan. Ihr behaltet
dieserwegen den freien Aus- und Eingang in mein Haus nach wie vor, und habt
nicht Ursach, euch vor mir zu fürchten, denn es wäre bei so gestalten Sachen, da
vielleicht ich und meine Frau bezaubert sein, die gröste Unbilligkeit, wenn ich
über sie tyrannisiren, und ihr nicht eben das Vergnügen, so ich anderwerts
geniesse, vergönnen wollte. Allein, dieses eintzige, mein Herr, bitte ich mir von
euch aus, dass ihr von allen dem, was vorgegangen ist, und etwa noch vorgehen
möchte, ingleichen von meiner ganzen Erzählung, reinen Mund haltet,
widrigenfalls ist unsere Freundschaft auf einmal aus, auch hoffe, ihr werdet
von selber so raisonnable sein, und euch in Compagnie gegen diese Dame nicht
allzu frei aufführen, denn, weil ich in meinem 5. jährigen Ehestande, des
Vicomte wegen, von keinem eintzigen Menschen railliret worden, so würde mich
solches, wenn es in Zukunft eurentwegen geschehen sollte, zu andern
Entschliessungen bringen, anbei werden alle Cavalier, so mich kennen, mir das
Zeugnis geben, dass ich mich vor Degen und Pistolen niemahls gefürchtet habe. Nun
saget mir, Madame! (fuhr der Marquis fort, indem er sich zu seiner Frau wendete)
ob ihr in meiner ganzen Erzählung etwas angemerckt, so wider die Wahrheit
lieffe? Nein, mein Herr! (antwortete sie,) ich müste nicht so redlich und
aufrichtig sein, als ihr, wenn ich dieses sagen wollte, es ist demnach zu
bejammern, dass, wie ihr selber glaubt, wir beide bezaubert sein, doch ist bei
unsern Malheur annoch das gröste Glück, dass wir in gewissen Stücken noch
einerlei Sinn haben. Hierauf wandte er sich zu mir, und fragte: Habt ihr wohl,
mein Herr! Zeit-Lebens dergleichen besondere Begebenheiten gehöret? Nein,
versicherte ich, sondern ich halte dieselbe vor ein unerhörtes Wunder, werde
solches in meinem Hertzen vergraben halten, und biss auf den letzten
Bluts-Tropffen zeigen, dass ich nichts höher als Dero Generositée und
Freundschaft æstimire, und solche mit schuldigster Danckbarkeit zu erkennen
alle Gelegenheit suchen. Nach diesen schwatzten wir alle Drei, als die
vertrautesten Freunde, von allerhand indifferenten Dingen, und fuhren mit
Untergang der Sonnen zurück in des Marquis Wohnung, allwo ich die Abend-Mahlzeit
eingenommen, mit den beiden Bewundernswürdigen Ehe-Leuten noch ein paar Stunden
l'Ombre gespielet, und mich hierauf nach Hause begeben habe.
    Was bedünckt euch, (fragte mein Herr nunmehro den Cammer-Diener) bei dieser
Avantüre? Sie scheinet mir (liess sich dieser vernehmen) sehr wunderlich, und die
Folgerung höchst gefährlich, wenn ich demnach meinen untertänigen Rat geben
dürffte, so hielte davor, Ew. Gnaden zöhen mit Manier ihren Kopff aus der
Schlinge, denn diese ganze Sache kann gar leichtlich ein Ende nehmen mit
Schrecken. Am besten wäre es, wenn Ew. Gn. unter einem scheinbarn Vorwande,
Paris auf eine Zeitlang verliessen, und mittlerweile einige andere berühmte
Städte Franckreichs besähen. Ja, das wäre mir gelegen, rieff mein Herr, nein!
was ich etliche mahl gekostet, und wohlschmeckend befunden, davon lasse ich
nicht ab, biss ich mich satt gegessen habe; macht ihr nur Anstalten zu einem
kostbaren Balle, dem ich auf den Montag zu geben gesonnen bin, und worbei der
Marquis nebst seiner und meiner Frau die Haupt-Personen sein sollen. Mit unserer
Abreise von hier, hat es noch in etwas Zeit, und wenn ich auch keine berühmte
Stadt in Franckreich mehr sehen sollte, so ist nichts daran gelegen, denn wer
Paris alleine nur gesehen, der hat in Franckreich alles gesehen. Morgen früh
aber geht hin, und bringt dem Marquis und seiner Gemahlin von meinetwegen den
Morgen-Gruss, und wenn ihr so glücklich seid, sie selber zu sehen, so saget mir
hernach wieder, ob man um einer solchen Schönheit willen nicht Leib und Leben
wagen sollte. Sehr wohl, (gab hierauf der Cammer-Diener) allein, gnädiger Herr!
hatten sie heute auch solche gute Gedancken, da der Mann mit den Pistolen aus
dem Cabinet gesprungen kam? Ihr seid ein Narr, (versetzte der Herr,) legt euch
nur schlaffen, ich werde es auch so machen. Hiermit hatte dieser getreue Diener
und Ratgeber seine Abfertigung. Zwei Tage hernach kauffte mein Herr einen
ungemein schönen Neapolitanischen Hengst, welchen viele Cavaliers, denen er zu
kostbar gewesen, von sich gelassen, und ritt auf demselben, um ihn recht zu
probiren, mit dem Marquis und etlichen andern Cavaliers spazieren; weil nun
dieser Hengst von allen, und sonderlich von dem Marquis, sehr gelobet worden,
wurde dem Letztern gleich folgendes Tages ein Præsent damit gemacht, er nahm das
Pferd mit Freuden an, schickte aber meinem Herrn dagegen einen neuen Wagen
zurück, der mehr als noch einmal so viel wert war. Ingleichen übersandte mein
Herr eines Tages der Marquise, durch mich, sein, mit kostbaren Steinen
besetztes, und in einer guldenen Capsel liegendes Bildnis, vor welches ich 4.
Louis d'or Boten-Lohn bekam, mein Herr aber empfing dargegen das Ihrige,
welches 3. mahl teurer, als das Seinige, taxiret wurde, auch hat er lange
hernach bekannt, dass ihm diese Dame aus grosser Liebe, vor mehr als 15000. Tlr.
Jubelen und andere Kostbarkeiten geschenckt, von ihm aber wenig kostbare Sachen,
sondern nur ein und anderes von geringen Wert zum Angedencken annehmen wollen.
Am bestimmten Tage gab mein Herr einen fast Fürstlichen Ball an die vornehmsten
Cavaliers und Dames, deren sich eine gewaltige Menge einstelleten, weswegen sehr
viele bei den Gedancken verblieben, dass er eines höhern Standes sein müsse, als
er sich ausgäbe, da sah man nun die Marquise in ihrer vollkommenen Schönheit,
mein Herr begegnete ihr aber nicht als seiner Liebhaberin, sondern als einer
grossen Prinzessin, und der Marquis war beständig lustig und guter Dinge, man
konnte jedoch nicht mercken, welches seine Amasia wäre, indem er mit sehr vielen
Damen ganz vertraulich umging, um die eigene Frau aber sich wenig bekümmerte.
Mit anbrechenden Tage, wurden wir unsere Gäste erstlich los, und dergleichen
herrliches Leben wurde bald hier, bald dar fortgesetzt, ausser der Zeit aber
konnte man meinen Herrn nirgends eher als bei der Marquise antreffen, indem er
zuweilen 3. biss 4. Tage und Nächte in ihrer Behausung blieb, biss sie endlich mit
einem jungen Sohne darnieder kam. Man hörete, dass der Marquis ungemein erfreut
über die Ankunft dieses Stammhalters wäre, und er stellete dieserwegen ein
Festin an, welches 3. Tage währete, worbei mein Herr, als ein erbetener
Tauff-Zeuge, auch erschien. Nach vollendeten 6. Wochen, hatte die Marquise
vorgegeben, als ob sie in ein Bad reisen wollte, allein, sie kam folgenden
Morgens nach ihrer Abreise, früh vor Tage, in unsern Logis, nebst ihrer
Vertrauten, in Manns-Kleidern an, und mein Herr, welcher die ganze Nacht auf
sie gehofft, emfing sie mit ausserordentlichen Freuden. Demnach währete ihre
besondere Bade-Cur in einem à parten Zimmer unseres Logis, 4. ganzer Wochen,
binnen welcher Zeit sich mein Herr stellete, als ob er den Arm angeschellert
hätte, und denselben mit vielen Binden umwickeln liess, so oft er merckte, dass
er eine Visite bekommen würde, wie ihn denn verschiedene Cavaliers, und
sonderlich der Marquis, etliche mahl besuchten. Ausserdem passirte er der
Marquise beständig die Zeit, biss sie sich wieder gesegnetes Leibes befunden
hatte, setzte sich so dann eines Morgens mit beiden in einen zugemachten Wagen,
und brachte sie an beliebigen Ort und Stelle. Zwei Tage hernach erfuhr man, dass
die Marquise aus dem Bade wiederum glücklich in ihrer Wohnung angekommen wäre,
weswegen mein Herr so gleich und fernerhin fast täglich seine Visite bei ihr
ablegte. Endlich wurde die Marquise von einer schweren Kranckheit überfallen, da
er denn wegen der vielen Dames, so stündlich um sie gewesen, sich Wohlstandes
halber gemüssigt gesehen, seine Visiten einzustellen, allein, weil ihm die Zeit
biss zu ihrer Genesung etwas zu lange zu werden begunte, merckte man bald, dass er
nach andern Courroisieen herum schlich, und endlich, was das schlimste war, so
verliebte er sich in eine geschminckte Operistin, ohngeacht er wohl nachdencken
können, dass dieses falsche und betrügliche Waare wäre. Diese hatte er bald
gewöhnet, dass sie auf erhaltene Ordre, sich so gleich einstellete, und viele
Nächte bei ihm passirete, dargegen aber starcke Sportuln von ihm ziehen mochte.
Solches Leben währete, biss man hörete, dass die Marquise besser wäre, und
wiederum in ihrem Zimmer herum gehen könnte, da aber mein Herr zu derselben
hinschickte, und vernehmen liess, ob, und um welche Stunde es ihr gelegen, dass er
zu ihr kommen, und die Gratulation wegen ihrer Genesung abstatten dürffte,
schickte sie einen Brief zurücke, worinnen sie ihm vorwarff: »Wie er sich würde
zu erinnern wissen, dass sie ihn mit der Condition zu ihren Amanten angenommen,
wenigstens so lange, als er in Paris sich aufhalten würde, kein ander
Frauenzimmer, als sie allein, zu caressiren, weil sie im Lieben ungemein
eigensinnig und eckel wäre, er hätte ihr solches gleich anfänglich bei
Wechselung der Ringe heilig zugeschworen, jedoch vor weniger Zeit hätte sie
erfahren müssen, dass er nicht allein während ihrer 6. Wochen, sondern auch nach
der Zeit, da sie 4. Wochen lang bei ihm in seinen Logis gewesen, und ihre
allergetreuste Liebe sattsam zu erkennen gegeben, verschiedene Dames von
geringern Stande worunter einige die von der Courtoisie recht Profession
machten, eiffrig caressiret, über alles dieses aber, einer lüderlichen
Schand-Metze, nehmlich einer Operistin, den ersten Ring, welchen sie ihn vor den
Seinigen zum Gedenck-Zeichen der Treue, selber an den Finger gesteckt, ohne
Bedencken hingegeben, auch Dieselbe viele Nacht in seinem Bette bei sich
behalten etc. etc. Eben diese seine Untreue nun habe ihr die bisherige schwere
Kranckheit zugezogen, an statt aber ihrentwegen bekümmert zu sein, wäre er immer
ungetreuer und lasterhafter worden, weswegen sie ihn von nun an nimmermehr
wieder mit Augen zu sehen wünschte, u.s.f.«
    Dergleichen tröstliche Worte schlugen meines Herrn Mut gäntzlich darnieder,
indem er sich in allen Stücken getroffen befand; er schickte zwar durch mich
eine Entschuldigungs- und Submissions-Schrifft an die Marquise, allein, sie
wollte selbige nicht annehmen, sondern sprach: Ich sollte meinem Herrn nur
mündlich sagen, dass sie weiter mit ihm nichts zu tun hätte, auch, so lange er
in Paris wäre, alle Gelegenheit vermeiden würde, von ihm gesehen zu werden.
    Uber dieses Compliment schien er vollends ganz Trost-los und aller Hoffnung
beraubt zu sein, doch fing diese wiederum ein wenig an zu käumen, als ihm noch
selbiges Abends, von einer unbekandten Person, ein Billet mit folgenden Zeilen
eingehändiget wurde:
                                  Monseigneur!
Ich zweiffele nicht, dass euch der Eigensinn meiner gebietenden Frauen einigen
Kummer werde verursacht haben, allein, weil ich nicht glaube, dass ihr so viel
gesündiget habt, als man euch Schuld gibt; so will ich euch ein Geheimnis
eröffnen, vermittelst dessen ihr, wo euch anders etwas daran gelegen, bald
wieder in vorigen Credit gesetzt werden könnet. Weil ich aber nicht weit von ihr
gehen darff, so erwarte euch auf ein kurtzes Gespräch diese Nacht punctuell um
11. Uhr an der Hinter-Tür unseres Pallasts, als
                        Eure
                                                            gehorsamste Dienerin
                                                                       Lucretia.
    Mein Herr machte sich fertig zu diesen nächtlichen Spatzier-Gange, nahm auch
den Jäger und einen Reut-Knecht, die Pistolen und Pallasche bei sich hatten, mit
sich, und befahl, ihm immer auf etliche 20. Schritte nachzufolgen, wenn er aber
stehen bliebe, auch auf ihrer Stelle stehen zu bleiben. Er kömmt glücklich an
die Hinter-Tür des Marquisischen Pallasts, dieselbe öffnet sich punctuell um
11. Uhr, es kömmt ein Frauenzimmer heraus auf die oberste Stuffe getreten, und
winckt ihm, so viel er in der Demmerung erkennen kann, näher zu kommen; so bald
er aber bei ihr ist, stösst sie ihn mit einem Dolche dergestalt heftig auf die
Brust, dass er zurück prallen muss, zu gleicher Zeit springt sie zurück, und
schlägt ihm die Tür vor der Nase zu.
    Mein Herr hebt den Dolch, welcher ihm vor die Füsse gefallen, auf, kam nach
Hause, und erzählte, was ihm begegnet war, wollte auch anfänglich nicht viel
Wesens aus der Wunde machen, allein, weil der Stich recht durch den
Brust-Knochen ging, und der Dolch, allem Vermuten nach, vergifftet gewesen,
geriet dieselbe dergestalt übel, dass er bei nahe seinen Geist aufgegeben, denn
der ganze Hals und Brust war dergestalt verschwollen, dass er kaum noch ein
wenig Atem holen konnte. Jedoch nach 5. Wochen fing es sich endlich zu bessern
an, so, dass er wieder im Zimmer herum gehen konnte, indem er sich aber nicht
einbildete, dass der Marquis von der Historie, so zwischen ihm und der Marquise
passirt, die geringste Wissenschaft haben würde, nahm es ihm Wunder, dass er
keine Visite von demselben bekommen, er erfuhr aber zufälliger Weise, dass der
Marquis in Königl. Affairen verreiset sei. Des Tags darauf, als er sich wiederum
in die freie Lufft begeben, brachte ein fremder Laquei einen Brief, welchen ich,
weil mein Herr denselben auf seinen Schreibe-Tische liegen lassen, also gesetzt
befand:
                                  Ungetreuer!
Nicht die Lucretia, sondern ich selbst habe euch bestellet, um mich zu rächen,
einen Dolch zu euer lasterhaftes und meineidiges Hertze zu stossen, bin aber,
wie ich mercke, zu schwach gewesen, diesem Werckzeuge meiner gerechten Rache,
gnugsamen Nachdruck zu geben. Jedoch ich getröste mich dessen, dass bald eine
stärckere Faust über euch kommen soll, denn es wird nicht eher wieder vergnügt
leben, biss da weiss, dass ihr in die andere Welt geschickt seid,
                                      Die
                                               deren getreuer Liebe ihr niemahls
                                                                 würdig gewesen.
    Nun ist es Zeit, (sprach mein Herr, nachdem er diese Zeilen gelesen, zu dem
Cammer-Diener:) dass ich Paris verlasse, machet derowegen Anstalt, dass wir je ehe
je lieber nach dem Turinischen Hofe aufbrechen. Der Cammer-Diener, welcher
nunmehro mit Missvergnügen sah, dass seine Propheceiung mehr als zu zeitig
eingetroffen, liess an seinem Fleisse nichts ermangeln, derowegen brachen wir,
nachdem mein Herr von seinen besten Freunden, unter einem ganz andern Vorwande,
kurtzen Abschied genommen, eiligst auf, und nahmen unsern Weg mit kurtzen
Tage-Reisen auf Troyes zu, allwo wir die Bagage noch antraffen, dieselbe aber
voraus gehen liessen, weil mein Herr gesonnen war, einige Tage hieselbst
auszuruhen; allein, seine Ruhe währete nicht lange, denn gleich andern Tages
gegen Abend kam ein Cavalier, welcher ihm vom Marquis von R. ein Billet,
folgendes Inhalts, überbrachte:
Ihr habt eure Parole, wegen Verschweigung eines gewissen Geheimnisses, nicht als
ein rechtschaffener Cavalier, sondern als ein - - - - gehalten, derowegen bin
ich euch, so bald ich solches erfahren, auf dem Fusse nachgefolget, um euch den
offerirten letzten Bluts-Tropffen zur Satisfaction mit meinem Degen abzufordern.
Uberbringer dieses mein Beistand hat von mir Vollmacht, wegen Zeit und Orts,
Abrede mit euch zu nehmen, denn die Zeit, euch im Reiche der Todten zu wissen,
währet viel zu lang
                                      Dem
                                                                  Marquis von R.
    Mein Herr besprach sich also mit dem Cavalier, und es wurde wegen desto
besserer Sicherheit, so wohl vor diesen als jenen Teil, beschlossen, dass uns
der Marquis biss nach Geneve folgen, und das Duell in selbiger Gegend vorgenommen
werden sollte, weil sich daselbst die Frantzösischen, Savoyischen und
Schweitzerischen Gräntzen scheiden. Mitlerweile gab mein Herr den Cavalier
folgende Antworts-Zeilen zurück:
Ihr seid von Haltung meiner Parole falsch berichtet, oder müsst nunmehro
erstlich eine andere Ursache hervor gesucht haben, mit mir anzubinden. Wegen des
erstern will meine Unschuld nicht mit Worten, sondern, damit ich nicht vor einen
Zaghaften gehalten werden möge, gegen euch lieber mit dem Degen defendiren.
Wegen Zeit und Orts, ist, eurem Belieben nach, mit Zurückbringern dieses,
bereits Abrede genommen, und es kann nicht schaden, dass ihr euch auf dieser Reise
biss an Franckreichs Ende, noch eine kleine Motion machet, bevor ihr von mir ins
Reich der Todten geschickt werdet. Denn dahin zu spatziren, ohne eure Gemahlin
erstlich wieder ausgesöhnt zu wissen, hat vor jetzt noch keine Lust
                                                                            N.N.
    Hiermit ging der Cavalier, wir aber setzten unsere Reise gleich Tags hernach
fort, und hielten keinen Rast-Tag, biss wir nach Geneve kamen. Zwei Tage waren
wir schon da gewesen, als der Cavalier wieder kam, und nur eine Viertel-Stunde
mit meinem Herrn in Geheim redete. Abermahls zwei Tage hernach ging das Duell
auf Schweitzerischen Grunde und Boden vor sich. Der Marquis wurde erstlich
zweimahl leichte von meinem Herrn blessirt, da er aber, ohngeacht alles
Zuredens, nicht zufrieden sein, sondern meinem Herrn absolut todt haben wollte,
jagte ihm dieser endlich seine Klinge dergestalt tieff in die Brust, dass er,
ohne ein Wort zu sprechen, zu Boden sanck. Wir hielten uns also nicht lange bei
seinem erblasseten Cörper auf, sondern eileten von dannen, und erreichten gar
bald ein Savoyisches kleines Städtgen, und etliche Tage darauf die Haupt-Stadt
Turin; allwo mein Herr und wir alle von der beschwerlichen Reise ausruheten. Mir
schwebte der entleibte Marquis stets vor Augen, und wunderte mich sehr, dass mein
Herr sich dergleichen Blut-Schulden ganz und gar nicht zu Gemüte zohe, sondern
in Turin erstlich als ganz von neuen lustig zu leben anfing, auch sich nicht
nur mit einer, sondern etlichen vornehmen Dames in ein geheimes
Liebes-Verständnis einliess, welches mir, als dem Brief- und Complimenten-Träger,
zwar manchen schönen Ducaten einbrachte, jedoch, weil ich nunmehro schon
ziemlich zu Verstande gekommen, und bemerckt, dass meines Herrn Lebens-Art recht
Epicurisch, indem er sich weder um Beten, Singen, noch Religion etwas
bekümmerte, auch so lange ich bei ihm gewesen, nicht zum Heiligen Abendmahle
gewesen war, wünschte ich, dass er sich ändern, und nicht etwa einmal so in
seinen Sünden dahin fahren, oder, dass ich bald von ihm hinweg kommen und solches
Unglück nicht mit ansehen möchte. Weil ich aber etliche Tage Zeit darzu haben
müste, wenn ich alle seine Liebes- und andere zum Teil sehr verwegene Streiche,
die er in Italien gespielet, ordentlich erzählen wollte, so will nur, um kurtz
darvon zu kommen, noch so viel melden, dass, nachdem wir binnen 3. Jahren die
vornehmsten Städte Italiens besehen, ihn das Angedencken einer wunderschönen
Kauffmanns-Frau, zum andernmahle fast von der Gräntze zurück nach Mayland zohe.
Allein, da er das vorige mahl mit derselben in der allergrösten Vertraulichkeit
gelebt, musste er nunmehro erfahren, dass sie ihm sehr kaltsinnig begegnete, und
endlich erfuhr er auch, dass ein ganz junger Frantzösischer Duc, seinen Posten
bei ihr eingenommen hätte; derowegen sparete er weder Mühe noch Kosten,
denselben wieder auszustechen, und das wollüstige Weib mag sich endlich wohl
resolviren, ihre Gunst-Bezeugungen unter diese beiden Amanten gleich
einzuteilen, um entweder ihre Geilheit recht zu ersättigen, oder vielleicht von
Beiden starcken Profit zu ziehen. Demnach bringt sie es auf listige Art dahin,
dass beide keine öffentliche Visiten ferner bei ihr ablegen dürffen, heimlich
aber lässt sie, Wechsels-weise, bald den Franzosen, bald meinen Herrn zu sich
kommen, welcher keine Gelegenheit verabsäumete, dieser geilen Frauen
aufzuwarten, ohngeacht ihm gesteckt wurde, dass dem Kaufmanne seinetwegen ein
Floh ins Ohr gesetzt worden. Mittlerweile starb meines Herrn Cammer-Diener an
einem hitzigen Fieber, woran wohl nichts anders als der Wein, welchen er gar zu
gern trunck, Ursach sein mochte. Mein Herr bedauerte denselben, wegen seiner
treu-geleisteten Dienste, sehr, bekam zwar einen andern Deutschen feinen
Menschen an dessen Stelle, hatte aber dennoch mehr Vertrauen zu mir als zu ihm,
und gab mir das meiste von seinen kostbarsten Sachen unter meinen Verschluss; wie
gern ich aber gesehen hätte, dass mein Herr, um nur von seiner gefährlichen
Lebens-Art abzukommen, das verführerische Mayland einmal verlassen hätte, so
gedachte er doch niemahls daran, zumahlen da nicht allein aus Deutschland
frische Wechsel einlieffen, sondern er auch von seinem Mit-Buhler, dem
Frantzösischen Duc, welcher ihm eines Abends, in einer Assamblee beim Spiele
starck forçirte, 1500. spec. Ducaten baar Geld, und über dieses einen
Wechsel-Brief auf 1000. Ducaten, gewonne. Nach der Zeit stellete sich der
Frantzmann sehr hochmütig gegen meinen Herrn, welcher selbiges zwar nicht
sonderlich æstimirte, endlich aber erfuhr, dass der Duc gegen jemanden, der ihn
wegen seines grossen Geld-Verlusts beklagt, diese Worte ausgestossen: Die
drittehalb tausend Ducaten gönne ich dem Deutschen gerne, weil ihm das Glücke in
aufrichtigen Spiele günstiger gewesen als mir, allein, wenn er mir, wie unter
der Hand verlauten will, an einem gewissen Orte ins Gehäge geht, und ich ihn
attrappire, so kostet es einem unter uns beiden das Leben. Ein anderer Cavalier
hatte den jungen Duc gewarnet und gesagt, dass mein Herr ein wohl exercirter
Fechter sei, auch, wie man vernommen, vor einiger Zeit einen geschickten
Frantzösischen Marquis, ohnweit Geneve, erstochen; der Duc aber hatte darauf
geantworttet: »Wohlan! so wird es mir eine desto grössere Ehre sein, wenn ich
ihm was anhabe, und zugleich meinen erstochenen Lands-Mann rächen kann.« Mein
Herr lächelte, als man ihm dieses vorbrachte, und sagte: »Ich weiss noch nicht,
wo der Gelb-Schnabel sein Gehäge hat, sonsten wollte aus Erbarmung und Eckel
selbiges vermeiden, indem ich, ohne allen Schertz, viel Commiseration mit seiner
Schwachheit habe, wünsche im übrigen, dass er andere Gedancken bekommen, und
meine Gesellschaft meiden möge.« Von der Zeit fing mein Herr selbst an, zwar
die Gesellschaft des Duc, nicht aber der Kauffmanns Frau zu meiden, sondern
schlich so lange nach derselben, biss er von jenem auf dem fahlen Pferde attrapi
ret und rencontriret wurde. Der Duc bekömmt etliche Hiebe über den Kopff und
rechten Arm, welche ihm aber weder Kranckheit noch Lähmung verursachten,
weswegen er meinem Herrn ein Cartell zuschickte, und wegen dieser Blessuren, die
er, seinem Vorgeben nach, unredlicher Weise empfangen, sehr gestrenge
Satisfaction forderte. Mein Herr liess ihm zurück melden, dass, ohngeacht er
gesonnen gewesen, binnen wenig Tagen nach Deutschland aufzubrechen, er doch
nunmehro biss zu des Duc Wiedergenesung in Mayland verbleiben wollte, anbei
wünschte, dass selbige bald erfolgen möchte.
    Etliche Tage hernach, da mein Herr verschiedene Cavaliers, auf seinem Zimmer
tractirte, liess sich in einem Gast-Hause gegen über eine vortreffliche Vocal-
und Instrumental-Music hören, weswegen immer eine Partei von unsern Gästen nach
der andern in die Fenster traten, und darauf merckten. Mein Herr stund hinter 2.
Cavaliers, welche sich zum Fenster hinaus bückten, und ehe man sichs versah,
hörete man einen Platz und Erschütterung des Fenster-Rahmens, mein Herr aber
fiel zu gleicher Zeit rückwärts zu Boden, und es lief ihm aus einer an der Stirn
habenden Wunde das Blut über das Gesichte herab. Unterdessen, als man
beschäfftiget war, denselben aus der Ohnmacht zu reissen, kam ein erfahrner
Chirurgus, welcher ihm eine Ader öffnete, und nachhero bei Untersuchung der
Wunde eine Blei-Kugel in dem Stirn-Beine steckend fand. Ob nun schon dieselbe
mit grosser Mühe heraus gebracht und sonsten alles zu seiner Lebens-Erhaltung
angewendet wurde; so merckte doch ein jeder bald, dass ihm diese Blessur den Todt
verursachen würde, denn er lag ohne Verstand mit halb eröffneten Augen beständig
als in einem tieffen Schlaffe, holete aber doch starck Atem darinnen. Aller
Anwesenden Urteile nach, war die Mord Kugel aus einer Wind-Büchse, und zwar
etwa durch ein Dach-Fenster des gegen über liegenden Gast-Hauses herab
geschossen worden, und würde ohnfehlbar meinem Herrn biss ins Gehirne
eingedrungen sein, wenn sie nicht vorhero ein Stück vom Fenster-Rahmen hinweg
genommen, mitin sich ermattet gehabt. Es wurde bei dem Gast-Wirte eine
scharffe Nachfrage angestellet, jedoch nichts heraus gebracht, denn dieser
gestund zwar, dass seit etlichen Tagen einige fremde Personen in seinem obersten
Stock-Werck logirt, da sie ihn aber das Logis voraus bezahlt, hätte er sich um
ihren Ausgang nicht bekümmert, jedoch kein Schiess Gewehr, viel weniger eine
Wind-Büchse bei ihnen gesehen. Das war es alles, was man des Täters wegen
erfahren konnte, demnach musste mein Herr behalten, was er hatte, ausgenommen das
Leben. Doch ehe er dieses einbüssete, kam in der 4ten Nacht nach der empfangenen
Blessur sein Verstand auf einmal plötzlich wieder, und blieb ganzer 8. Stunden
bei ihm, weswegen die Aertzte, und sonderlich wir, seine Bedienten, sehr freudig
wurden, allein, er sagte ganz hertzhaft: Kehret euch an nichts, denn es ist
nichts gewissers, als dass ich sterbe.
    Hierauf befahl er mir, einen Protestantischen Geistlichen, welchen zwei
junge Deutsche Barons unter dem Titul eines Gouverneurs bei sich hatten, zu
ruffen. Dieser unterredete sich über zwei ganzer Stunden lang mit ihm, reichte
ihm auch nachhero in meinem Beisein das Heilige Abendmahl. Hierauf liess er 2.
nicht weit von ihm wohnende Deutsche Cavaliers ruffen, bat dieselben, seine
Disposition, die er schon ehedem, auf einen solchen plötzlichen Fall gemacht,
mit seinem, ihren und des Geistlichen Petschaften zu versiegeln, und den Tag,
da dieses, seinem Willen gemäss, geschehen, nebst ihren Nahmens darauf zu noti
ren. Auch mussten dieselben verschiedene Kasten mit seinen und ihren Petschaften
versiegeln, und dieserwegen eine Schrifft in meine Hände liefern. Hernach
beschenckte er seine Bedienten reichlich, ehe er aber an mich kam, vergingen ihm
die Gedancken, und er lag abermals ganzer 28. Stunden, ehe er sich wieder
besinnen konnte. Dieses letztere geschahe Morgens früh, eben da die vorigen
Freunde wieder bei ihm waren, und seine erste Rede war: Wo ist mein Willhelm?
Ich trat mit weinenden Augen zu ihm; er aber sprach: Gib dich zufrieden, einmal
muss ich doch sterben, mein Chatoull und der rote Coffre, mit allen dem, was
drinnen ist, soll deine sein, hiervon aber solst du meine Begräbnis-Kosten
bezahlen, und das im roten Coffre blau laquirte Kästlein an die bewusste Person
liefern, ich traue deiner Redlichkeit schon so viel zu, dass du dieses ohne
fernere Weitläufftigkeiten bewerckstelligen wirst; was sonsten noch von meinen
unversiegelten Sachen umher stehet und liegt, soll nach meinem Tode ebenfals
alles deine sein.
    Nachdem er hierüber die anwesenden Herrn zu Zeugen angeruffen, bat er, man
möchte ihn mit dem Geistlichen etwas alleine lassen; dieser blieb also bei ihm,
biss er abermals in einen Schlummer verfallen war, aus welchen er sich denn auch
nicht ermunterte, sondern ein paar Stunden nach Mittags seinen Geist aufgab.
    Ich sparete keine Kosten, meinen erblasseten Herrn Standes-mässig zur Erden
bestatten zu lassen, indem ich baares Geld genung darzu fand, mit dem
Uberbliebenen aber wohl zufrieden sein konnte. Indem ich nun Anstalten zu unserer
Reise nach Deutschland machte, kam mir eines Tages ein Billet, folgendes
Inhalts, zu Handen:
                               Monsieur Wilhelm!
Damit ihr den Verdacht wegen Entleibung eures Herrn nicht etwa auf eine unrechte
Person werffen möget, so wisset und glaubt, als eine sichere Wahrheit, dass
niemand anders, als die Frantzösische Marquise von R. Schuld daran sei; denn
diese hat, nachdem sie vernommen, dass ihr Gemahl von ihm erstochen worden, so
gleich 3. Banditen erkaufft, und mit dem Befehle, ihn in ganz Italien
aufzusuchen, und das Lebens-Licht auszublasen, fortgeschickt. Es ist in Rom,
Neapolis und Venedig erliche mahl fehl nach ihm geschossen, auch an viel andern
Orten auf ihn gelauret worden, er ist uns aber jederzeit zu gescheut gewesen,
biss es uns allhier in Mayland endlich doch geglückt, die andere Helffte unseres
versprochenen Recompenses zu vedienen, ohne ihn biss nach Deutschland zu
verfolgen. Nun reiset ihr so glücklich, als wir drei es uns wünschen.
                                     Adieu!
    Ich lasse es dahin gestellet sein, ob es wahr, dass die Marquise so einen gar
grausamen Hass auf meinen erblasseten Herrn gelegt, zumahlen er derselben mit
Entleibung ihres Mannes vielleicht keinen Tort getan, vielmehr wollte wohl
sagen, wie ich mehr glaubte, dass mir der Frantzösische Duc diesen Brief zu
practiciren lassen, nachdem er vielleicht die Banditen selbst zu dieser Mordtat
erkaufft, und was mich in diesem Glauben stärckt, ist dieses, dass ich nachhero
erfahren, wie eben oft gemeldeter Duc, nach seiner Heimkunft die Marquise von
R. geheiratet hat.
    Dem allen aber sei nun wie ihm wolle, genung! wenn mein Herr sich von der
Weiber-Liebe nicht allzu sehr betören lassen, so wäre er einer der
glückseeligsten Cavaliers gewesen, und lebte vielleicht diese Stunde noch, denn
er hatte eine vollkommen gesunde und ungemein starcke Natur, so aber war bloss
das Frauenzimmer Schuld und Ursach an allen seinen Wiederwärtigkeiten,
Unglücks-Fällen und endlichen frühzeitigen Tode.
    Nunmehro war vor mich nichts weiter zu tun, als den Weg ins Vaterland zu
suchen, derowegen nahm ich, nachdem mir die Deutschen Cavaliers tüchtige Pässe
ausgewürckt, Wagen und Maul-Tiere zur Miete, um meines Herrn Sachen darauf
fort zu schaffen, der Jäger und die zwei Reut-Knechte blieben bei mir, der
neulichst angenommene Cammer-Diener aber, wollte sich in Italien einen andern
Herrn suchen. Nach einer sehr beschwerlichen und verdriesslichen Reise, gelangeten
wir endlich auf dem Ritter-Sitze des Herrn von E.* an, den ich zwar nicht
sogleich selbst zu Hause antraff, von der Frau von E.* aber ganz wohl
aufgenommen wurde, als welche eine wahrhafte Betrübnis und Wehmut über den
jämmerlichen Todt meines Herrn empfinden mochte, wie sie denn auch gegen mich
kein besonderes Geheimnis daraus machte, sondern sehr vertraut nach allen
Umständen fragte. Weil ich nun schon bescheidet war, dass in dem blau laquirten
Kästgen der Schatz verwahret lag, der der Frau von E.* vor sie selbst und ihren
kleinen Sohn zugedacht war, (welcher Knabe meines Herrn ganze Person, wie er
geleibet und gelebt, en Mignature præsentirete) so säumete ich mich nicht, ihr
dieses ganz und gar mit Gold und Jubelen angefüllete Kästgen zu überreichen, wo
vor sie mir denn zum Gratial, ehe noch ihr Herr nach Hause kam, 100. spec. Ducat
en aufdrunge. Es war aber noch eine andere grosse Kiste mit vielen Italiänischen
Kostbarkeiten vor den Herrn und die Frau von E.* unter den mitgebrachten Sachen
von meines Herrn Verlassenschaft, welche ich, da der Herr zu Hause gekommen,
demselben einhändigte. Beide mochten vor sich so viel darinnen finden, dass sie
Ursach hatten, darüber vergnügt zu sein, und meines seeligen Herrn Generositee
zu bewundern, mir aber schenckte der Herr von E.* vor meine Mühe und getreue
Einlieferung 200. Tlr. an lauter Lüneburgischen Gulden. Die übrige
Verlassenschaft wurde nach meines seeligen Herrn gemachter Disposition, unter
seines, schon vor längst verstorbenen Bruders Kinder geteilet, welche wohl in
Wahrheit lachende Erben zu nennen waren, indem sie zwar mit den Kleidern
traureten, allem Ansehen nach aber im Hertzen jauchzeten. Ich bekam, weil ich
bei ihnen keine Dienste nehmen wollte, von allen insgesammt nicht mehr als 100.
spec. Tlr. ein Kleid und ein Pferd mit Sattel und Zeuge zum Recompense, war
auch gesonnen, gewisser Ursachen wegen eine Reise nach Wien zu tun, allein,
mein Landes-Herr liess mich eines Tages zu sich ruffen, und zwang mich, mit
vielen liebreichen Worten und andern Gnaden-Bezeugungen, dahin, dass ich in drei
Abenden nach einander, einen ausführlichen Bericht von meines seeligen Herrn
Reisen und Begebenheiten abstatten musste; wie denn dieser besonders gnädige Herr
versprach, solches alles bei sich zu behalten. Es beschenckte mich derselbe
hierauf mit drei güldenen Medaillen, so zusammen 65. Ducaten wugen, und liess mir
durch seinen Ober-Hofmeister eine Cammer-Diener-Stelle bei ihm antragen. Ich
resolvirte mich kurtz, dieselbe anzunehmen, indem mir, ausser den starcken
Accidenti en, eine gute Besoldung versprochen wurde, jedoch bat ich mir vorhero
aus, auf etliche Wochen in meinen Affairen zu verreisen, welches mir der
Landes-Herr gnädigst erlaubte. Die erste Reise, so ich tat, ging nicht weiter
als zu meinem ältesten Bruder, der in dem Hause, wo ich geboren worden,
Wirtschaft trieb, und seinen Förster-Dienst besorgte. Er hatte geheiratet,
aber, leider! (das GOTT zu erbarmen) ein Fräulein Mägdgen vom Hofe, welche von
ihrem Fräulein eine starcke Mitgifft von Teé- und Coffeé-Kannen, Schälchen,
Löffelchen, und dergleichen Tänteleien und Löffeleien bekommen hatte. Von dem
sauber gestickten Knöppel-Küssen, Bildern, â la mode Bette, propren Stühlen
(deren aber, mit einem verunglückten, nur 6. waren) und dergleichen will ich
nichts gedencken, weil ich solche Sachen nach ihrem innern Wert, mir nicht zu
taxiren getraue. Mir aber schien es hell und klar in die Augen, dass mein Bruder
einen abgenutzten Affen, foeminini generis, oder ein solches Frauenzimmer zur
Frau bekommen hatte, die sich zwar sehr wohl an den Tisch und ins Bette, aber
desto schlechter zu seiner Oeconomie schickte, und wie es sonsten um seine
Schwagerschaft gehalten, darum habe mich mit allem Fleisse nicht erkundigen
wollen. Genung, ich spürete an ihm, dass er die Nach-Wehen einer unglückseeligen
Heirat, mehr als zu sehr im Kopffe fühlete. Seinen Kummer auf einige Zeit zu
vertreiben, schenckte ich ihm verschiedene feine Sachen von ziemlichen Wert,
seiner Frauen aber, um ihre Galanterie vollkommen zu machen, eine Italiänische
Uhr und Tabatiere. Von meinem Vater, konnte mir dieser mein ältester Bruder so
viel Nachricht geben, dass derselbe gleich nach dem gehabten Unglücke in ein
Römisch-Catolisches Ländgen geflüchtet, sich daselbst in ein Hospital gekaufft,
allwo er gut Essen und Trincken, auch gute Verpflegung gehabt, dahero von seinen
Kindern nichts verlanget, sondern denselben noch etliche 30. Tlr. zurück
geschickt; es wäre aber derselbe vor ohngefähr zwei Jahren gestorben. Mein
jüngster Bruder hätte durch Vorschub guter Leute studiret, aber nur biss an den
Hals, indem er sich auf Universitäten, in der besten Zeit, auf die faule Seite
gelegt, und die Stipendia, so er verstudiren sollen, durch die Gurgel gejagt,
jedoch sässe derselbe voritzo ganz wohl, indem er in der nächsten Stadt eine
gebrechliche Wittbe geheiratet, die ihm einen Sekretarien-Titul gekaufft, nur
dass sie mit solcher Manier sich auch in vornehmer Tracht sehen lassen dürffte.
Endlich erfuhr ich, dass meine älteste Schwester als Vieh-Magd, und die jüngste
als Mädgen auf einem Edel-Hofe dieneten. Diese beiden letztern jammerten mich am
meisten, weswegen ich ihnen einen Boten schickte, und sie zu mir ruffen liess.
Es war in Wahrheit Schade, dass diese beiden armen Tiere bisher so verächtlich
leben müssen, denn sie sahen nicht hässlich aus, derowegen befahl ich ihnen, sich
so bald, als möglich, Dienst-los zu machen, gab einer jeden 50. Tlr. davor sie
sich saubere Bürgerliche Kleider anschaffen, und in der nächsten Stadt bei guten
Leuten in die Kost verdingen sollten, biss sich anständige Männer vor sie fänden,
da ich denn einer jeden 300. Tlr. zur Ausstattung zu geben, auch mitlerweile
das Kost-Geld und andere Bedürffnisse zu zahlen versprach. Man kann leicht
erachten, dass beide hierüber ungemein froh gewesen, und es währete nicht lange,
so heiratete die Aelteste einen Bader, und die Jüngste einen Gewürtz-Cramer,
empfingen auch von mir die versprochenen Ehe-Gelder. Weil ich aber doch auch
meinen jüngsten Bruder gern sehen und sprechen wollte, reisete ich zu ihm, traff
ihn aber nicht als einen Gelehrten, sondern als einen schmutzigen Brau-Knecht
an, jedoch er warff sich bald in weisse Wäsche und in einen seidenen
Schlaff-Rock, und empfing mich nunmehro erstlich recht brüderlich, dergleichen
die Frau Schwägerin auch tat, jedoch ihre Freundlichkeit nachhero erstlich
recht blicken liess, da ich einige Italiänische Sachen von nicht geringen Werte
zum Geschencke überreichte. Dieserwegen eröffnete sich nun ihr holdseeliger Mund
dergestalt, dass, wenn man hinein sah, man sich die Rudera eines abgebrandten
Dorffs ganz eigentlich vorstellen konnte, weil sie sich die Kronen von den
Zähnen fast alle abgebissen, jedoch, wie ich nachhero gewahr wurde, noch
ziemlich keiffen konnte. Ich hielt mich, weil ich meine Schwestern, mir Antwort
dahin zu bringen, bestellet hatte, etliche Tage bei meinem Bruder auf, und wurde
von ihm und seiner Frauen ganz wohl tractiret; allein, da ich kaum 3. oder 4.
Tage da gewesen, hörete ich, wenn ich nur den Rücken gewendet, dass sie sich, um
der geringsten Ursache willen, aufs heftigste mit einander zanckten, hergegen
konnte das alte Murmel-Tier, so bald jemand darzu kam, so freundlich tun, als
ein Ohr Wurm, und ihrem Manne sehr viel Respect erweisen, da doch derselbe ein
würcklicher Sclave von ihr war. In meinen Ohren klung nichts ärgerlicher, als
wenn sie früh Morgens, wenn ich noch im Bette lag, oder auch sonsten des Tages
über, zum öfftern, bald diese, bald jene Commando-Wörter von sich hören liess:
e.g. Herr Sekretarius! geht doch hin, und gebt den Schweinen; Herr Sekretarius!
hänget den Käse-Korb wieder auf; Herr Sekretarius! hackt doch etliche
Scheiter-Holtz; Herr Sekretarius! sehet zu, ob etwa die Kuh gekalbet hat; Herr
Sekretarius! befühlt die Hüner, ich stecke im Teige; Herr Sekretarius! gebt dem
Mädgen vor einen halben Weiss-Pfennig steiffen Käse, und ja nicht mehr, als 3.
Klitsche; etc. etc. Ja, ich sage es noch einmal, wenn ich diese Ordres hörte,
hätte ich vomiren mögen, und gedachte meines Bruders wegen: Du armer Hanss! hast
du auch gefreiet? Eines Tages, da ich mit meinem Bruder, welcher im Walde Holtz
besehen wollte, Spatzieren ging, fragte ich denselben unter andern, ob er auch
sonst vergnügt in seinem Ehestande lebte? Ach! (erseuffzete er) wenn ich gewust
hätte, was ich nachhero erfahren, so wollte zehnmahl lieber eine Musquete auf die
Schulter genommen, und meinen Puckel dem Corporal alle Woche ein paar mahl
hingehalten haben, denn ich bin durch mein Heiraten zum allerunglückseeligsten
Menschen gemacht. Mit schönen Kleidern behängt mich meine Frau, so, wie etwa ein
grosser Herr seinem Leib-Hengste ein kostbar Zeug auflegen lässt, um Staat darmit
zu machen, aber ich darff nirgends damit hingehen, wo sie nicht darbei ist,
ausgenommen in die Kirche, und auch dahin nicht einmal, wenn ihr der Kopff
nicht recht stehet, denn sie spricht gleich: ich ginge nicht in die Kirche,
GOttes Wort zu hören, sondern mich nur nach schönern Weibern und Jungfern
umzusehen. Macht mir ein ander Frauenzimmer etwa ein höflich Compliment, und ich
ziehe meinen Hut dargegen wieder ab, fängt sie alsofort zu brummen an: Ja ja!
Die kennest du auch schon besser, und hättest sie lieber als mich, sehet nur,
wie das Canaillen-Pack vor meinen sichtlichen Augen mit einander charmiren kann;
I, denckt doch! dass ich nicht ein Narre wäre, und mich hinlegte und stürbe, und
dich singen liesse:
Die Alte verliess mir diss steinerne Haus,
Die Junge guckt mit mir zum Fenster hinaus.
Ja, bestuhlgängele dich nicht, Parissgen, in 50. Jahren wirst du mich noch nicht
los, auf 1. Jahr magst du mich wohl genommen, aber nicht gesehen haben, wie viel
Nullen dabei stehen. Hundert Jahr gedencke ich alt zu werden, dir zum Schure, du
Nack - - - -! Denn ich habe dich aus einem verdorbenen Studenten zum
rechtschaffenen Manne gemacht, und dir zwar eins von meinen besten Häusern
zuschreiben lassen, aber das ist auch das beste, dass ich mir noch ein
Cläuselchen dabei ausbedungen und vorbehalten, es also in Zukunft doch noch
halten kann wie ich will. etc. etc. Solche und dergleichen Reden (fuhr mein
Bruder fort) muss ich fast täglich von ihr anhören und einfressen, weswegen mir
alle Bissen, so ich einschlucke, zu Gift und Galle werden, und mich nur
wundert, wie es zugehen muss, dass ich doch immer dicker und fetter werde, und
zwar zu meinem grösten Verdrusse. Was ich vor Quaal von ihren Kindern und
einigen nächsten Freunden ausstehen muss, davon will ich, jetzo nichts gedencken,
auch noch andere vorgefallene Sachen und Geschichte biss auf andere Zeit
verschweigen, und dir, allerliebster Bruder! nur so viel im Vertrauen sagen, dass
ich diese Sklaverei und den Spott der Leute, (dessentwegen ich mich fast in
keiner honetten Compagnie darff sehen lassen,) so lange mit Gedult ertragen
will, biss ich nur erstlich den Leichen-Stein gefunden, worunter meiner Frauen
ihr Mammon begraben liegt. Diesen will ich so dann bald auferwecken, lebendig
machen, und mit mir in alle Welt führen.
    Ich redete meinen Bruder zu, von dergleichen Gedancken abzustehen, des
ruhigen Lebens und guten Auskommens wegen, sein flüchtiges Geblüte zu
besänftigen, und mit Gedult auf die Aenderung des Himmels zu warten; allein, er
schwieg stille, und ich bedaurete ihn in meinem Hertzen, dass ein altes böses
Weib, denselben in der besten Blüte seiner Jahre erhascht, und an statt ihrer
Meinung noch glücklich, dennoch zum unglücklichen und unvergnügten Menschen
gemacht hatte.
    Nachdem aber meine Schwestern da gewesen, und mir berichtet, wie sie bereits
andere in ihren bisherigen Dienst gestellet, und nunmehro im Begriff wären, ihre
eigene Wirtschaft bei einer gewissen alten Wittbe zu führen, ich ihnen beiden
hierzu auch noch 50. Tlr. baar Geld gegeben hatte, nahm ich bald von meinem
Bruder Abschied, überliess ihm seinen Verhängnisse, mit dem hertzlichen Wunsche,
dass er künftig vergnügter leben möchte, reisete auf die Residentz unsers
Landes-Herrn zu, und trat meinen Dienst bei Demselben an. Das Hof-Leben begunte
mir gar bald besser zu gefallen, als immer von einem Orte zum andern zu reisen,
zumahlen da ich einen sehr gnädigen Herrn, wenig Dienste, richtige Besoldung,
einen vortrefflichen Tisch und starcke Accidentien hatte, derowegen beschloss
ich, Zeit-Lebens allda zu bleiben, getreu zu dienen, jedoch, auf dem Fall der
Veränderung, eine gute Heirat zu treffen, und mein Capital, welches, ohne die
Meublen, annoch in 3000. Tlr. bestunde, nebst den zu hoffen habenden
Heirats-Geldern, an ein eigen Haus, Feld und dergleichen zu legen, auch sonsten
etwa einen vorteilhaften Verkehr anzufangen. So bald meine kaum aufgekäumten
guten Freunde dieses merckten, schlugen sie mir verschiedene Partieen von
Jungfern und Wittfrauen von 2. 3. 4. 5. biss 10000. Tlr. reich, vor, allein,
wenn ich es bei dieser oder jener recht untersuchte, so war überall ein Nisi
darbei. Endlich fiel mir ohngefähr ein Frauenzimmer in die Augen, welche, weil
ich hörete, dass sie noch ungebunden wäre, mein Hertz auf einmal ganz besonders
an sich zohe, denn sie war, wiewohl etwas starck und fett von Leibe und
Gesichte, aber sehr proportionirlich gestaltet, und überhaupt mit einer schönen
und zarten Haut überzogen. Bei fernerer Erkundigung, dieser Person wegen, erfuhr
ich: dass sie zwar keine Eltern mehr, aber doch 4000. Tlr. baares Geld auf
Zinsen aussen stehen hätte, bei ihrer seeligen Mutter Schwester als eine Tochter
im Hause gehalten, und dermahleins auch noch etwas von derselben erben würde.
Ferner sagte man mir, dass, ohngeacht sie kaum 20. Jahr alt, doch schon mehr als
noch einmal so viel Freier bei ihr gewesen, worunter einige in grossen Aemtern
sässen, allein, sie wollte durchaus nicht ehe heiraten, biss sich einer fände,
den sie rechtschaffen lieben könnte, er möchte reich oder arm, auch nur
mittelmässigen Standes sein, wenn er nur etwas zu erwerben vermögend, damit sie
ihr vergnügliches Auskommen, eine liebreiche Ehe und keine Schande von ihm haben
möchte. Ubrigens wäre sie sehr stilles Gemüts, eine Feindin der Wollust und des
überflüssigen Staats, versäumete hingegen fast keine eintzige Kirche.
    Das wäre ein Weibgen vor mich; (gedachte ich in meinem Hertzen, als man mir
dieses sagte, und an einigen Orten confirmirte) derowegen suchte alle
Gelegenheit, diese Schöne zu sprechen zu kriegen, allein, es hielt schwer, und
noch schwerer auszuforschen, ob ihr meine Person zum Ehe-Manne anständig, am
allerschwersten aber ging es zu, sie biss dahin zu bringen, dass sie sich
ordentlich und öffentlich mit mir verlobte; unsere Hochzeit aber musste ein und
anderer wichtiger Umstände wegen noch etwa auf ein Viertel Jahr hinaus
verschoben werden. Jedoch, gleich nachdem das Verlöbnis gewesen, gönnete mir die
alte Frau Muhme etwas mehr als sonsten Freiheit, meine Liebste zu besuchen,
ausgenommen, wenn ich etwas spät vom Schloss kam, wollte sie mich durchaus nicht
zu ihr einlassen. Endlich liess sich meine Liebste, welche ihre eigene Stube und
Cammer hatte, dahin erbitten, dass sie mir einen Nach-Schlüssel zur Hinter-Tür
des Hauses machen liess, da ich denn im Stalle erstlich zwei Treppen hoch in die
Höhe steigen, über einen langen Boden hin- und so dann erstlich wieder eine
Treppe herunter schleichen musste, ehe ich in ihre Stube kommen konnte.
Solchergestalt passirete ich manche nächtliche Stunde mit meiner Liebste in
Geheim, muss aber gestehen, dass sie sich gegen mich ungemein keusch und
tugendhaft stellete, indem sie mir, ausser den Küssen, nicht die allergeringste
Liebes-Freiheit erlaubte, auch sich hoch verschwur, bei dieser Art zu
verbleiben, biss wir wirklich mit einander copulirt wären. Derowegen verschonete
ich dieselbe mit fernern Versuchungen, und gratulirte mich im Hertzen, dass ich
eine solche keusche und züchtige Liebste hätte. Eines Tages befahl mir mein
Herr, mich zu einer Reise anzuschicken, von welcher ich vielleicht in 2. biss 3.
Wochen nicht wieder zurück kommen möchte, derowegen nahm ich mit allem Fleisse
auf 4. Wochen von meiner Liebste Abschied, um, meiner Meinung nach, ihre Freude
zu vergrössern, wenn ich unvermutet zeitiger zurück käme, allein, meine
Verrichtungen lieffen dergestalt glücklich, dass ich schon in der zwölfften
Nacht, jedoch ziemlich späte, zurück kam, denn es war nicht anders, als wenn
mich ein starcker Wind fort triebe, welches ich der heftigen Liebe zu meiner
Braut Schuld gab, auch keine Minute versäumete, ihr selbst die erste Nachricht
von meiner glücklichen Zurückkunft zu bringen. Nachdem ich aber die Hinter-Tür
geöffnet, und, nach der Treppe zu schleichen wollte, sah ich, dass 2.
Weibs-Personen, mit einer Laterne auf den Stall zugegangen kamen, weswegen ich
eilete, und mich in der Geschwindigkeit hinter die halb mit Bretern verschlagene
Boden-Treppe verkroch, auch sehr bewunderte, was diese noch so späte allhier zu
suchen hätten, da ich sonsten um selbige Zeit, niemahls einen Menschen mehr
munter gefunden, als meine Liebste ganz alleine. Indem kam die Magd mit der
Laterne, ingleichen eine Frau, die etwas unter dem Mantel hatte, in den Stall
getreten, welche letztere, da sie beide an die Hinter-Tür kamen, ganz leise zu
sprechen anfing: »Gertrute! wartet, und leuchtet her, ich muss erstlich noch
einmal darnach sehen.« Hiermit setzte die Frau einen unter dem Mantel habenden
Hebe-Korb auf den Boden, nahm ein darüber gedecktes Tuch ab, mitin konnte ich
zwischen den Bretern hindurch sehen, dass ein kleines, allem Ansehen nach,
neugebohrnes Kind in dem Korbe lag, von welchem die Frau sprach: »Ach! das
kleine Würmchen schläfft sanfte, es würde mich ewig jammern, wenn es umkommen
sollte, denn es sieht gar zu schön aus, eben als wenn es Jungfer Charlottchen
aus den Augen geschnitten wäre.« »Ja, (sagte die Magd lachend) es hat sich
nunmehro noch was zu jungfern; nun heist es sch - - - in die Jungferschaft.«
»Ha! Possen! (replicirte die Frau) weiss es doch kein Mensche, als wir unter uns,
und zum grösten Glücke ist auch eben ihr Bräutigam, Monsieur Horn, verreiset.
Ach! macht nur, (regte die Magd an) dass ihr fort kommet, ehe es zu späte wird,
und wartet ja meiner hier bei der Laterne, biss ich auch wieder zurück komme.«
Hierauf gingen beide hinaus auf die Strasse, machten die Tür hinter sich zu,
und liessen die Laterne im Stalle brennend stehen. Wie mir bei dieser Geschichte
zu Mute gewesen, mag ein jeder selbst bedencken, denn es waren kaum 4. Monat,
da ich meine liebste Charlotte zum ersten mahle von ferne gesehen hatte.
Erstlich wollte ich bald hinter den Weibs-Bildern herlauffen, da ich aber
bedachte, dass sie das Kind nur weg- jedoch nicht ums Leben bringen wollten,
resolvirte mich, unter der Treppe stecken zu bleiben, um anzuhören, was diese
beiden nach ihrer Zurückkunft weiter sprechen würden. Lange durffte ich nicht
warten, denn erstlich kam die Frau, und noch keine halbe Stunde hernach die Magd
zurück, welche, so bald sie den Stall zugeschlossen, zur Frauen sagte: »GOtt Lob
u. Danck, es ist schon gefunden und aufgehoben, eine Blitz-Kröte, ein Junge, der
einen Herrn mit der Fackel heim leuchtete, ward den Korb am ersten gewahr,
deckte ihn auf, und machte Lerm, worauf so gleich noch 5. biss 6. Leute darzu
kamen, welche es wieder warm zudeckten, biss es von den Gerichts-Personen
aufgehoben und fortgetragen wurde. Nun haben wir unser Trinck-Geld redlich
verdient, und ein gut Gewissen dabei behalten, unser Charlottchen aber muss
hinführo doch vor Jungfer passiren, biss sie Monsieur Horn zur Frau macht.« »Bei
mir (sagte die Frau,) soll es wohl verschwiegen bleiben, denn ich will meinen
Eyd nicht brechen, den ich der Frau N. und Charlottchen geschworen habe. Und ich
auch nicht, sagte die Magd;« Worauf beide mit der Laterne nach dem Vorder-Hause
zu gingen, ich aber schlich mich auch sachte fort, in das Quartier, welches ich
mir in der Stadt gemietet hatte. Folgenden Morgens war die ganze Stadt voll,
dass auf dem Marckte, am Wege nach dem Spring-Brunnen zu, in vergangener Nacht
ein Findel-Kind wäre aufgenommen worden, ich verwunderte mich so wohl mit
darüber, als andere Leute; es kam viel unschuldiges Frauenzimmer darüber in
Verdacht, allein, ich glaube, es wussten wenig Manns-Personen in der Stadt das,
was ich wusste, wie ich denn auch nachhero auf eine wunderbare Art erfahren, wer
eigentlich Vater zu diesem Findlinge gewesen. Unterdessen war mein erster Gang
auf das Schloss, um meinem Herrn von meinen Verrichtungen Rapport abzustatten, er
war damit vergnügt, weiln ich aber in vergangener Nacht vor Chagrin kein Auge
zugetan, zudem auf der Reise mich ziemlich strapaziret hatte, sagte der Herr
gleich zu mir: Euch ist nicht wohl, man sieht es an eurer blassen Farbe; dieses
machte ich mir so fort zu Nutze, gab vor, ich hätte unterwegs einen kleinen
Sturtz mit dem Pferde getan, solches zwar anfänglich nichts geachtet, aber
nunmehro müste ein starckes Stechen in der Brust empfinden. Bei so gestalten
Sachen befahl mir mein Herr, nach Hause zu eilen, und nicht ehe wieder
auszugehen, biss ich vollkommen restituiret wäre. Demnach begab ich mich in mein
Logis, legte mich zu Bette, und stellete mich wirklich kräncker, als ich war,
um zur Lust abzuwarten, was meine bisherige Liebste angeben würde, zu welcher
ich meinen Jungen abschickte, derselben meine kränckliche Zurückkunft melden
und darbei vernehmen liess, ob sie sich noch bei guten Wohlsein befände. Die alte
Frau Muhme nimmt meinen Jungen gleich auf die Seite, und spricht unter einer
ängstlichen Stellung: Ach, das GOTT erbarm, mein Sohn! wir haben es leider!
schon gehöret, dass euer Herr unglücklich gewesen, und mit dem Pferde gestürtzt
ist; weil aber meine arme Charlotte auch seit etlichen Tagen fast todt-kranck
gewesen, so halte vor das beste, dass wir ihr gar nichts darvon sagen, sondern
viel lieber tun, als ob euer Herr noch gar nicht wieder gekommen wäre, damit
sie nicht etwa aus Schrecken wieder in die vorige Kranckheit verfällt;
unterdessen wünsche ich eurem Herrn baldige Besserung, dass er sie selbst
besuchen kann, und ich glaube, dass sie alsdenn alle beide auf einmal wieder
gesund werden, wenn sie nur erstlich einander wieder gesehen haben.
    So listig konnte das verzweiffelte Weibes-Volck seine Streiche spielen, mich
zu übertölpeln, allein, es war ein Glück, dass mich der Himmel noch zu rechter
Zeit hinter solche Bosheiten kommen lassen. Indessen schwieg ich mit allem
Fleisse noch eine Zeit lang stille, um der Jungfer Wöchnerin in den ersten Tagen
kein Schrecken einzujagen, und sie etwa um ihre Gesundheit, oder gar um ihr
keusches Leben zu bringen; die Complimenten-Träger aber gingen täglich ab und
zu, und endlich empfing ich von der Madame Charlotte ein also lautendes
Schreiben:
                           Mein allerliebster Schatz!
Heute ist mir erstlich gesagt worden, dass Ihr bereits vor 14. Tagen von der
Reise zurück gekommen und unglücklich gewesen seid. Hätte man mir solches gleich
zu wissen getan, so wäre ich bei meinen damahligen Zustande auf der Stelle des
Todes gewesen, weil, wie ihr schon überzeugt seid, ich euch mehr liebe, als mein
eigenes Leben, und glaube, dass, wenn man es recht untersucht, sich finden wird,
dass ich mit euch wegen der Sympatie, so sich zwischen unsern Hertzen und Seelen
findet, zu einer Zeit und Stunde kranck worden bin. Jedoch, da man mir itzo
schmeichelt, dass Ihr halb wieder genesen, und euch schon an dem Fenster sehen
lasset, stellen sich auch meine Kräffte allmählig ein, ja! wenn ich nicht von
meiner Frau Muhme abgehalten würde, so wagte ich es, euch zu besuchen, es möchte
mir auch gehen, wie es wollte. Jedoch, da solches nicht geschehen darff, wünsche
ich desto sehnlicher eure vollkommene Genesung, damit ich, euch ehester Tages zu
umarmen, das Vergnügen haben möge. Die ich mit aller beständigen Treue biss ins
Grab beharre
                                      Eure
                                                                   Charlotte ...
    Verfluchte Schlange! ists denn doch dein würcklicher Ernst, mich zu
betören? Nein, das soll nicht geschehen, sondern ich will dir bald andere
Gedancken beibringen. So gedachte ich bei mir selbst, liess aber der vor der Tür
wartenden Magd sagen, dass sie, nebst meinem Compliment an ihre Jungfer,
derselben melden sollte, wie ich ihr diesen Mittag auch schrifftlich zu antworten
willens wäre. Dieses geschahe, denn ich nahm mein Schreib-Zeug, und setzte
folgende Zeilen an dieselbe zur Antwort auf:
                                    Madame!
Und wenn ich auch ihres Geschlechts wäre, so würde mich doch nicht überzeugt
wissen, dass ich, vor ohngefähr 3. Viertel-Jahren, so viel Liebes-Confect
eingenommen, mit ihnen per Sympatiam zu gleicher Zeit und Stunde kranck davon
zu werden, und dem Publico einen bejammerns-würdigen Fündling hinsetzen zu
lassen. Jedoch ich gratulire Ihnen zur glücklichen Niederkunft, bedaure, dass
sie mich etliche Wochen daher (wo es anders wahr ist) geliebt haben, und bitte,
Sie wollen sich dessfalls keine fernere Mühe geben, weil ich, ohngeacht ich Ihrer
Fruchtbarkeit schon im Voraus versichert bin, dennoch einen starcken Eckel bei
mir verspüre, mit einem Frauenzimmer solches Schlages ins Ehe-Bette zu steigen.
Meine Kranckheit ist so gefährlich nicht gewesen, sondern ich hätte Dieselbe
gleich in der ersten Stunde nach meiner Zurückkunft, ohngeacht es schon
ziemlich späte war, ohnfehlbar besucht, befürchtete aber, die Wehen zurück zu
treiben, und, weil ich mit dem Amte der Hebe-Mütter nicht umzugehen weiss, etwa
meinen Hut einzubüssen. Demnach ist nichts übrig, als dass ich Ihnen einen
frölichen Kirchgang wünsche, und den Verlöbnis-Ring, nebst andern Sachen, so Sie
mir auf die Treue gegeben, zurück sende, auch was ich Ihnen dargegen gegeben,
wieder abfordere, und beharre
                                     Madame
                                                       vôtre obeissant Serviteur
                                                                      P.W. Horn.
    Es mochte aber doch noch zu frühzeitig gewesen sein, dem zarten Bilde
dergleichen Schrecken zu machen, denn sie hat meinen Brief kaum gelesen, als sie
in Ohnmacht sinckt, so, dass die Frau Muhme und Magd viel Mühe haben, sie wieder
zu sich selbst zu bringen. Diese letztere gerät in den Verdacht, als ob sie
sich durch Geschencke verleiten lassen, mir das Geheimnis zu offenbahren, weil
sie aber ihre Unschuld mit grausamen Eydschwüren bekräfftiget, erraten sie
endlich fast die Wahrheit, wie ich nehmlich im Hause gewesen sein, und das
ganze Spiel selbst mir angehöret haben müste. Eben dieses gestund ich der alten
Frau Muhme, welche noch selbigen Abends selbst auf meine Stube kam, ohne alles
Bedencken ganz offenhertzig; gab derselben auch den Schlüssel zu ihrer
Hinter-Tür, weil mir dieser nun nichts mehr nütze war. Ohngeacht mir aber
dieselbe meine der Charlotten geschenckte Sachen, von kleinesten biss zum
grösten, wieder brachte, liess ich mich doch verlauten, dass ich wegen des
vorgehabten Betrugs und bösen Streichs, den sie mir spielen wollen, meinen Hohn
schon auf andere Art rächen wollte; weswegen die Alte Himmel-hoch bat, die
unglückseelige Charlotte nicht weiter zu kräncken, und vor aller Welt auf eine
dreifache Art zu prostituiren. Allein, ich stellete mich, als ob es mein
würcklicher Ernst wäre, biss sie es endlich auf vielfältig wiederholtes Bitten so
weit brachte, dass ich mir mit 500. Talern das Maul stopffen liess, und sie nicht
zu beschimpffen, teuer angelobte. Hiermit hatte meine ganze Liebes-Begebenheit
mit Charlotten ein Ende, ich habe sie auch niemahls wieder mit Augen gesehen,
wohl aber vernommen, dass sie bald hernach weit hinweg gezogen, wegen unseres
Verlöbnis aber musste es heissen, ich hätte ihr anfänglich versprochen, meinen
Dienst bei Hose zu quittiren, und ein ander Amt anzunehmen, weil mich aber
dieses nachhero gereuet, und ich nicht Wort gehalten, so hätte sie auch nicht
Wort halten wollen, demnach wären wir in Streit geraten, und hätten einander
den ganzen Handel aufgesagt. Alle Menschen glaubten dieses, und kein eintziges
wäre auf die Gedancken geraten, dass die von aussen so keusch, züchtig, fromm
und Gottesfürchtig scheinende Charlotte ein Jungfer-Kindgen bekommen, und
dasselbe wegsetzen lassen.
    Kaum waren mir die verdriesslichen Grillen wegen dieser unglückseligen
Liebes-Begebenheit aus dem Kopffe gekommen, als ich mich von frischen in eine
16. jährige schöne Jungfrau verliebte, die zwar von vornehmen Eltern erzeugt
war, jedoch kaum 4. biss 500. Tlr. im Vermögen hatte, wiewohl mich dieses
letztere gar nicht abschreckte, mit derselben eine vergnügte Ehe zu führen,
indem sie sehr wohl erzogen war, und ich mich erinnerte, dass es eben nicht
ratsam sei, im Heiraten allezeit auf vieles Geld zu sehen. Allem Ansehen nach
liebte sie mich recht von Hertzen, hatte aber doch einen Schalck im Nacken,
denn, ohngeacht ihrer Jugend, war sie schon bemühet, sich im verbotenen
Liebes-Spiel zu exerciren. Eines Tages, da ihre Eltern verreiset waren, kam ich
Mittags zu einer Stunde, da man sich meiner wohl am allerwenigsten vermutete,
in ihr Haus, fand aber die Jungfer nicht zu Hause, sondern die Köchin sagte, sie
würde ohnfehlbar zu einer benachbarten Jungfer Nähen gegangen sein, weil sie
diesen Mittag bei Tische davon geredet; ging auch gleich fort, dieselbe zu
ruffen, mitlerweile ich ein wenig hinter in Garten spazieren sollte. Demnach war
sonst niemand bei mir, als meiner Liebsten jüngster Bruder, ein Knabe von etwa
6. Jahren, welcher mich, weil ihn fast täglich mit Zucker-Werck, Gelde und
andern Sachen beschenckte, sehr liebte. Dieser Knabe fing von freien Stücken an:
»Ich weiss es wohl besser, wo meine Schwester ist, aber ich darff es nicht sagen,
gehen sie nur in den Garten, sie wird bald auch hinein kommen.« Ich gab dem
Knaben ein Stück Geld, und bat, er sollte mir nur sagen, wo sie wäre, ich wollte
ihn nicht verraten. Hierauf eröffnete er mir in kindischen und einfältigen
Vertrauen, dass sie sich mit seines Herrn Vaters Schreiber, oben in dessen Cammer
geschlichen und verschlossen hätte. Das war mir genung; demnach schickte ich den
Knaben fort zum Zucker-Becker, ich aber schlich, noch ehe die Köchin wieder kam,
ganz leise, ohne dass ich eine Maus verstöhren mögen, hinauf vor des Schreibers
Cammer, weil ich im ganzen Hause schon ziemlich Bescheid wusste. Zu meinem
Glücke war ein grosses Taffel-Blat in der Ecke aufgelähnet, hinter welches ich
mich steckte, und weil die Cammer nur mit Bretern verschlagen war, alles sehr
genau hören konnte, was darinnen vorging. An dem vielfältigen Seufzen, Stöhnen,
Aechtzen und Rasseln des Bettes, konnte man leicht abnehmen, dass ein paar
Personen mit einander kämpfften, endlich wurde es etwas stiller, indem beide
verschnaubten, doch bald darauf hörete ich, unter oft wiederholten Klatschen
der Küsse, folgendes ganz leise Gespräch: Er, der Schreiber: Ach! mein
allerliebstes Liessgen, ich dencke immer, es wird nun die längste Zeit mit
unserer Liebe gewähret haben, wenn dich aber nun der Cammer-Diener Horn von mir
gerissen hat, werden dir seine Caressen weit besser schmecken, und du wirst gar
nicht mehr daran gedencken, dass ich nun bald drittehalb Jahr so manches
Vergnügen mit dir gehabt habe. Sie, meine Liebste: Liebster Schatz! wenn du mir
an meinen Bräutigam, Horn, gedenckest, möchte ich allezeit bitterlich weinen.
Wolte der Himmel! dass ich nicht unter der Gewalt meiner Eltern stünde, so sollte
nimmermehr ein anderer an meine Seite kommen, als Du, ich werde auch nimmermehr
jemanden recht lieben können, als dich allein, denn die erste Liebe ist doch die
heftigste und beständigste, derowegen wird mir es mein zukünftiger Mann
nimmermehr so zu Dancke machen können, als wie du es mir nun, nicht allein seit
drittalb Jahren, sondern noch länger her gemacht hast. Weist du nicht - - - Er:
Ich weiss es wohl, aber damahls spieleten wir nur wie die Kinder, und nunmehro,
da wir kaum recht klug geworden sind, werden wir auf ewig von einander gerissen.
Sie: Das will ich nicht hoffen, mein Engel, bedencke doch: mein künftiger Mann
wird manchen Tag und manche liebe Nacht nicht zu Hause sein, indem er bei seiner
itzigen Bedienung auch gar öffters auf etliche Wochen verreisen muss, ich
verspreche dir mit Hand und Hertzen, dich bei solcher schönen Gelegenheit,
allezeit heimlich zu mir und dir manchen schönen Taler zukommen zu lassen. Das
20. Ducaten-Stücke aber, welches mir Horn geschenckt, und ich dir heute wieder
geschenckt habe, must du ja behutsam verwechseln, damit es nicht offenbar wird.
Lass dir gegen meine Hochzeit ein neues Kleid und andere schöne Sachen darvor
machen, damit ich an meinem traurigen Ehren-Tage nur meine Freude an dir sehen
kann. Er: Das soll alles geschehen, aber auch das würde meine gröste Freude auf
der Welt sein, wenn du mir erlaubtest, deinem Horne in Geheim Hörner
aufzusetzen, denn weil ich dem Kerle deinetwegen so gramm bin, als dem - - - so
könnte ich mich nicht besser, als auf solche Art, an ihm rächen. Sie: Was ich dir
versprochen habe, will ich redlich halten, unterdessen haben wir in diesen Hause
nur noch 5. Wochen Zeit, mit einander zu spielen, aber spiele mir ja nicht grob,
damit - - - Er: Ach! das weist du ja schon, mein Hertzens-Engel, dass ich redlich
bin, komm, ich will dir noch eine Probe davon geben: Sie: Ach! du kanst ja wohl
nicht mehr - trincken: Er: Das will ich dir zeigen, mein Schatz! und zwar auf
Mons. Horns Ungesundheit.
    Hiermit musste der Liebes-Becher von frischen herhalten, und es ist leicht zu
erachten, dass ich nicht allein dieser, sondern auch der angehörten empfindlichen
Reden wegen zwar vielen Gift eingeschlungen, aber doch, weil noch immer stille
dabei gestanden, eine ungemeine Contenençe gehabt haben müsse. Allein selbige,
so wohl als das Vergnügen der Verliebten, wurde von der Köchin gestöhret, indem
dieselbe ihrer Jungfer mit vollem Halse ruffte, weswegen selbige eiligst auf-
und unter diesen Worten aus der Cammer sprung: Dass dir der Hencker in den Rachen
führe, was gilts, der verfluchte Horn wird gekommen sein, mein Engel, bleib ja
oben, damit niemand merckt, dass du zu Hause bist, ich will meine Dinge schon
machen. Der Schreiber versprach, Gehorsam zu leisten, umarmete und küssete sie
noch recht veste vor der Cammer-Tür, so, dass beide ganz blind und ausser sich
selbst zu sein schienen. Indem sprang ich hervor, und sagte: Mademoiselle! sie
können nur hier bleiben, denn Horn wird sie nicht ferner in ihren
Liebes-Vergnügen stöhren; aber, mein Freund! (redete ich den Schreiber an) ehe
ihr mir die zugedachten Hörner aufsetzet, muss ich euch erstlich etliche selbst
wachsend machen. Unter diesen Worten schlug ich ihn etliche mahl mit dem
Spanischen-Rohre über den Kopff, der Kerl aber, welcher doch vor 2. Pfennige
Courage im Leibe haben mochte, holete seinen annoch ganz neuen Degen, und ging
damit auf mich los hieb mir auch einen Aufschlag vom Rocke herunter; allein, auf
meinem ersten Hieb, blieb ihm die rechte Hand nur an einer eintzigen Flechse
hangen, weswegen er sich dieselbe wenig Tage hernach musste ablösen lassen. Meine
Jungfer Braut hatte sich unsichtbar gemacht, also ging ich auch nach Hause,
schrieb die ganze Speciem facti auf, und schickte selbige, am dritten Tage dem
zurück gekommenen Herrn Schwieger-Vater, vel quasi, zu; Bedanckte mich auch
dabei ganz freundlich vor seine Jungfer scil. Tochter. Der Mann war redlich,
bejammerte sein Unglück und meinen Chagrin, ersetzte mir alles, was ich der
Tochter geschenckt, und bat inständig, nicht um ihrent-sondern um seiner
Renommée wegen, diese Sache nicht weiter kundbar zu machen. Wie ich nun ein
würckliches Mitleiden, wegen seiner ungeratenen Tochter, mit ihm hatte, so
versprach ihm, reinen Mund zu halten, und erfuhr von ihm selbst, dass er dieselbe
bald hernach an einen solchen Ort gebracht, wo sie so gut, als in einem
Spinn-Hause, verwahrt war; der Schreiber aber hatte sich, noch eh er völlig curi
rt, auf und darvon gemacht.
    Nunmehro, hätte man dencken sollen, müste mir der Appetit zum Heiraten
ziemlich vergangen sein, und es war mir auch wirklich fast so zu Mute; aber
ich fiel aufs neue in das Netz der Liebe, und zwar bei einer 34. jährigen wohl
gebildeten Wittbe, deren erster Mann ein vornehmer Bürger gewesen war: Sie hatte
kein Kind, mehr als 12000. Tlr. wert im Vermögen, und sich vor 4. Jahren mit
einem Gelehrten wiederum versprochen, den ich Bambo nennen will. Es hatte aber
dieser Bambo verschiedene liederliche Streiche angefangen, und unter andern eine
Magd zur Frau gemacht, welches ihm zwar niemand nachsagen durffte, allein,
besagte Wittbe hatte dieserwegen einen Eckel vor seine Person geschöpfft, und
wegen annulirung ihres Verlöbnis schon einige Zeit mit ihm im Processe gelegen,
weswegen sie sich einsmahls auf einem Ehren-Gelacke, da ich sie vor andern
bürgerlichen Frauenzimmer besonders bedienete, an mich addressirte, und
versprach, dass, wenn ich es dahin bringen könnte, dass der Landes-Herr in ihrer
Prozess-Sache, ihr zum Vorteil, einen Macht-Spruch täte, und sie von dem
liederlichen Bambo absolvirte, sie 200. Tlr. ad pias causas und mir 200. Tlr.
Discretion geben wollte. Ich stellete ihr vor, wie mir nicht bange wäre, den
Macht-Spruch zu ihrem Vergnügen auszuwürcken, allein, die mir zugedachten 200.
Tlr. könnte sie ersparen, wenn sie mich nehmlich an des Bambo Stelle zu ihrem
Schatze erwählen wollte. Sie warff solchen meinen manierlichen Liebes-Antrag eben
nicht weit von sich, und gab zur Resolution: ich sollte nur erstlich die
Haupt-Sache ausmachen, wenn es sodann mein Ernst bliebe, sie zu heiraten, und
sie mir nicht etwa schon zu alt oder sonsten zu schlecht wäre, würde sich alles
bald schicken können. Demnach ging ich an meinen Herrn, und brachte dieser
Wittbe Affaire sehr plausible vor, da nun Derselbe merckte, dass mir selbst daran
gelegen wäre, und mein Wohlstand dadurch auf vesten Fuss gesetzt werden könnte,
erhielt die Wittbe, was sie verlangte, bot mir zwar die 200. Tlr. an, weil ich
mich aber dieselben zu nehmen weigerte, sondern ihre eigene Person im rechten
Ernst verlangte, erlaubte sie mir, als ihren neuen Freier, den täglichen
Zutritt, und wir wurden in weniger Zeit dergestalt bekandt mit einander, dass es
nur an mir fehlete, noch vor der Copulation würckliche Ehe-Leute zu sein. Weil
wir aber wegen der bevorstehenden Fasten-Zeit selbige biss nach Ostern
verschieben mussten, so redete ich inzwischen von einem ordentlichen Verlöbnisse,
denn mir war bange, dass etwa ein reicherer als ich, kommen, und mich ausstechen
möchte; allein, sie gab zur Antwort: Mein Schatz! wir sind ja beide nun schon
verlobt, und wo das nicht genung ist, so können wir uns alle Tage und Nächte so
vest, als wir wollen, verknüpffen und verloben; was wollen wir den Leuten ein
Maul-Gesperre machen? Lass uns doch lieber Hochzeit und Verlöbnis zusammen
machen. Ich musste also damit zufrieden sein, und, ohngeachtet, dass ich wohl
merckte, dass sie bei ihren itzigen Jahren dennoch sehr geil und wollüstig wäre,
indem sie mir den Haupt-Genuss der Liebe fast immerdar entgegen trug, und ganz
betrübt wurde, wenn ich nicht anbeissen wollte, so schrieb ich es doch dem zu,
dass sie vielleicht an meiner Person etwas Liebens-würdigers gefunden, als an dem
Bambo und andern Freiern. Unterdessen war ich bemühet, ihre Brunst mit
freundlichen moralischen Worten zu stillen, womit ihr aber so wenig, als mir,
mit der Unzucht gedienet war, denn weil ich bis dahin meine Keuschheit rein
erhalten, und kein Frauenzimmer auf der Welt in Unehren berühret hatte, so war
ich auch nunmehro desto eigensinniger, und wollte vor Priesterlicher Copulation
nicht auf der Hochzeit schmausen. Unter der Zeit merckt Bambo, wie die Kreite
bei Hofe, wegen der Witt-Frau, meiner und seiner, geschrieben hat, stösst
derowegen die schimpfflichsten Reden in einer honetten Compagnie gegen mich aus,
und da ich ihn deswegen besprechen liess, forderte er mich des dritten Tages, mit
einem blancken Degen auf die Grantze, um ihme, (wie er gesprochen) vor die, an
ihm begangene Filouterie Satisfaction zu geben. Ich war gleich parat darzu,
weiln es aber, bekandter massen, bei Hofe entsetzlich viel Posten-Träger gibt,
war dieses bevorstehende Duell so gleich Brüh-siedend-heiss meinem Herrn zu Ohren
gebracht worden, welcher mir bei seiner Ungnade verbot, dem Bambo vor der
Klinge zu stehen, hergegen befahl er mir, gleich Augenblicklich eine Reise in
Geld-Affairen nach F. anzutreten, und nicht eher wieder zu kommen, biss ich
alles, was in meiner schrifftlichen Instruction stünde, ausgerichtet hätte, und
mitbringen könnte. Bei so gestalten Sachen würde mich nun ein jeder vernünftiger
Mensch leichtlich excusirt gehalten haben, wenn ich dem Bambo nicht gekommen
wäre; doch ich war toll, und vermeinte, meine ganze Ehre und Renommée würde
caducirt werden, wenn ich demselben mein Versprechen nicht hielte, und weil ich
ohnedem auf den Fecht-Bödens in Franckreich und Italien, auch sonsten aus der
würcklichen und ernstaften Erfahrung so viel gelernt zu haben gläubte, diesen
prahlhaften Eisenfresser behörige Abfertigung zu geben, ritte ich, ohne von
meiner Liebsten Abschied zu nehmen, (weil mir selbiges expresse verboten war)
mit einem zugegebenen Reut-Knechte, nach Westen zu, wendete mich aber bald gegen
Norden, nach der Gräntzé und Orte, wo mich Bambo hin bestellet hatte, traf
denselben zu gesetzter Zeit an, und fertigte ihn mit einer gewaltigen Blessur in
seinen rechten Arm hurtig ab, setzte hierauf meine Reise recht vergnügt und
eiligst nach F. fort. Mein Herr hatte mir so viel Arbeit aufgegeben, dass ich
erstlich in der 8ten Woche wieder zurück kommen konnte. An statt nun meinen
Rapport bei dem Herrn selbst abzustatten, wurde ich an den Ober-Hofmeister
verwiesen, welches mir gleich bedencklich fiel, jedoch ich gehorsamete, legte
meine Rechnung ab, überlieferte alles mitgebrachte Gut, und erhielt das Lob von
Demselben, dass ich meine Sachen wohl ausgerichtet hätte. Dem allen ohngeacht,
(sagte der Ober-Hofmeister letztlich) haben mein Herr dennoch eine Ungnade auf
ihn geworffen, indem er, Dero expressen Befehle zuwider, sich dennoch mit dem
liederlichen Bambo in ein Duell eingelassen, lassen ihme derowegen itzo durch
mich auf 4. Wochen den Hof verbieten, binnen welcher Zeit sich mein Herr
seinetwegen weiter resolviren werden. Ich machte, ohne eintziges Wort zu sagen,
ein tieffes Compliment, und ging in mein Logis, wollte auch selbigen Abend noch
meine Liebste besuchen, allein, sie war nicht zu Hause, oder liess sich
verläugnen. Hergegen kam ein guter Freund zu mir, und erzählete solche Sachen,
worüber ich Maul und Nase aufsperrete. Mein Freund! (sprach er:) eure so
genannte Liebste ist ein wunderlich Weib, ihr waret kaum 8. oder 10. Tage weg,
so liess sie den Bambo holen, ihm eine eigene Stube in ihrem Hause zurechte
machen, und denselben vor ihr Geld, an der Blessur, die ihr ihm beigebracht,
völlig curiren. Ich (fuhr dieser mein Freund fort) kam eines Tages zu ihr, und
fragte, was denn wohl ihr Liebster, Mons. Horn, darzu sagen würde, dass sie den
Bambo so wohl aufgenommen hätte? Ey! gab sie mir zur Antwort, was geht mich
Horn an, er hat nicht einmal Abschied von mir genommen, ehe er von hier
weggereiset ist, ausserdem habe ich an ihm gemerckt, dass er zwar mein Geld und
Gut, aber meine Person nicht æstimirt, denn er hat sich allezeit bei mir
aufgeführt, nicht als ein Liebhaber, sondern als ein verschnippelter Stroh-
Verlöbnis habe ich niemahls mit ihm gehalten, darum kann er mir auch nichts
anhaben, es wäre denn, dass ich ihm die ehemahls versprochenen 200. Tlr. geben
müste, die kann er vielleicht kriegen, wenn er höflich ist, und weiter nichts.
Bambo liebt mich doch als eine rechtschaffene Manns-Person, nicht allein um
meines Gutes, sondern um der Person willen, ist er gleich ein bissgen liederlich,
so caressirt er mich doch recht eiffrig; er muss viel vertun, ehe er meine
jährlichen Interessen vertut, und kann sich auch wohl noch ändern, wenn ich ihm
gute Worte gebe. Uber alles dieses hätte ich mir doch ein schwer Gewissen machen
müssen, wenn ich ihn verlassen hätte, da ich mich einmal ehrlich, redlich und
christlich mit ihm verlobt gehabt; es haben böse Leute zwischen uns gesteckt,
nunmehro aber, da ich erfahren, dass er sein Blut aus Liebe vergossen, und sich
mit dem Cammer-Diener Horn meinetwegen auf Leib und Leben geschlagen hat, habe
ich ihn noch tausend mahl lieber, als sonsten. etc. etc.
    So viel waren ohngefähr der Worte, welche mir mein guter Freund aus dem
Munde meiner vermeintlichen Liebste erzählete. Ich gab ihm zur Antwort: Gantz
wohl, das geile Weib mag sich mit ihrem liederlichen Bambo divertiren, wie sie
will, aber die 200. Tlr. will ich par tout haben. Die will ich euch (versetzte
mein Freund,) morgen schaffen, wenn ihr versprechen wollet, an dieser Frau
weiter nichts zu fordern. Ich ging den Handel ein, und bekam gleich Tages darauf
bemeldte 200. Tlr. worgegen ich schrifftlich quittirte, und mich obligirte, an
dieser Frauen Person und Gütern fernerhin nichts zu fordern. Um aber meine
Verachtung gegen dieselbe zu bezeigen, schenckte ich die 200. Tlr. ins
Hospital, zu desto besserer Verpflegung der alten Weiber, welches ihr, wie ich
vernommen, am meisten verdrossen hatte.
    Unterdessen ward es Stadt-kündig, dass ich bei Hofe in Ungnade gefallen wäre,
worüber sich wohl niemand mehr als Bambo freuete, in allen Compagnien aufs
schändlichste von mir redete, mich aus seiner Frauen Munde nur einen
verschnippelten Stroh-Mann nennete, sich damit breit machte, dass er mich bei der
Frauen ausgestochen, und dennoch den Platz behalten, zwar gestehen müste, dass
ich ihme einmal eine Blessur angebracht, doch wünschte: dass er mich nur noch
ein eintzig mahl vor der Klinge haben möchte, um seinen Hohn nachdrücklich zu
rächen. Diese und dergleichen Reden führete er so lange, biss ich endlich einmal
ohngefähr darzu kam, und ihm ein paar tüchtige Maulschellen gab, weswegen er
mich, weil er den Degen daselbst nicht ziehen durffte, und mit der Faust wenig
Ehre einzulegen glaubte, zum andern mahle auf den vorigen Tummel-Platz forderte,
es sollte gleich, wie vorhero, auf den 3ten Tag geschehen, allein, ich liess ihm
sagen: Ein solcher Bärenheuter, wie er, müste wohl biss den 9ten Tag auf
Satisfaction warten. Mittlerweile waren meine 4. Straf-Wochen biss auf wenig Tage
verflossen; weswegen mich der Ober-Hofmeister zu sich ruffen liess, und mir unter
den Fuss gab, bei dem Herrn, in einem untertänigsten Memorial, um gäntzliche
Vergebung meines begangenen Fehlers anzuhalten. Ohngeacht ich nun dieses
baldigst zu tun versprach, so wollte doch vorhero den Bambo erstlich noch
einmal abfertigen; da mir aber das Hertze im voraus sagte: dass dieses Duell
nicht so mager als das vorige abgehen würde, schaffte ich, ausser den meisten
und besten Sachen, so ich nicht bei mir führen konnte, das übrige an sichern Ort,
verliess mein Logis guten Teils ledig, tat, als ob ich mit meinem Jungen
Spatziren reuten wollte, kam aber am 9ten Tage früh Morgens mit dem Bambo auf dem
erwähnten Gräntz-Platze zusammen, fand ihn nebst seinem Secundanten in guter
Verfassung, weil aber ich keinen Secundanten bei mir hatte, musste jener
angeloben, auf 20. Schritte von uns zu bleiben, oder gewärtig zu sein, dass ihn
mein so genandter Junge, der schon ein Pursche von 21. Jahren war, mit den parat
haltenden Pistolen auf den Kopff schösse. Jedoch der Secundant war ein ehrlicher
Kerl, und hielt sein Wort, hergegen ging mir Bambo, der eine gar zu starcke
Dosin von Courage-Wasser oder Fusel zu sich genommen haben mochte, ganz
desperat zu Leibe, ich parirte nur, und liess ihn recht müde werden, er verlangte
Ruhe, ich gönnete sie ihm, mit der Warnung, nicht so desperat zu tun,
widrigenfals ich nicht darvor könnte, wenn er bei seinen öfftern Blossgeben an
statt des Arms einen Stoss in die Brust bekäme. Allein, er sagte mit einer
hönischen Mine: Es hat mich Zeit-Lebens noch kein Hunds - - mit der Klinge auf
die Brust gestossen. Das war genung gesagt, bei solchen Umständen meine Galle
überlauffend zu machen, weswegen ich ihm keine fernere Ruhe gönnete, sondern
gleich im ersten Gange einen Stoss unter der Wartze der Brust beibrachte, mit den
Worten: Jetzt tut es ein ehrlicher Kerl zum ersten mahle. Das ist wahr, (sagte
er) ich habe genung, und muss daran sterben. Er reichte mir hierauf die Hand, und
bat ihm, zu vergeben, dass er mich ohnnötiger Weise forcirt hätte, dem
Secundanten trug er den Abschieds-Gruss an seine Liebste auf, mit der Expression,
dass sie Schuld an seinem Tode wäre, befahl seine Seele GOTT, und verschied; ich
aber setzte mich zu Pferde, und ritt mit meinem Purschen immer weiter nach
abgelegenen Ländern zu, war auch nicht eher ruhig, biss ich über die Holländische
Gräntze kam. Jedoch, was will ich von Ruhe sagen, bei mir wollte sich ganz und
gar keine Ruhe einfinden, denn es war immer, als wenn der Schatten oder Geist,
des von mir erstochenen Bambo, um mich schwebte, und mich so wohl Tages als
Nachts in meiner Ruhe stöhrete, ohngeacht er selbst mehr Ursach an seinem Tode
war, als ich. Hätte ich, sprach ich bei mir selbst, mich nach keinem Weibe
umgesehen, so könnte der vergnügtesten Menschen einer auf der Welt sein, denn ich
hatte selbst feine Mittel, einen austräglichen Dienst und gnädigen Herrn, so
aber bin bloss des Frauenzimmers wegen, um die beiden letztern Stück gebracht,
derowegen will auch nunmehro, dieses gefährliche Geschlecht zu vermeiden, nicht
mehr im Lande bleiben, sondern zu Schiffe gehen, vielleicht ist mir das Glück so
günstig, dass ich einmal ein Admiral werde. Dieses waren meine damahligen
Gedancken, um aber wieder gutes Muts zu werden, nahm mir vor, die berühmtesten
Städte in diesem Lande zu besehen, liess mich ein Stück Geld nicht gereuen,
sondern reisete mit meinem Diener von einer Stadt zur andern, fand vieles so mir
wohl gefiel, und endlich, weil ich meine Touren mit Fleiss also eingerichtet,
nahm ich den Weg nach Amsterdam, um von dannen eine Reise nach Ost-Indien zu
tun. Weil ich nun sehr curieux war, und jedes Orts alles merkwürdige
aufschrieb, so gingen fast 4. Wochen hin, ehe ich in dieser volckreichen und
grossen Stadt herum kam.
    Eines Tages, da ich vor der Börse stund, und mich an diesem kostbarn Gebäude
nicht satt sehen konnte, zupffte mich jemand beim Ermel, und da ich mich umsah,
war es mein jüngster Bruder, über dessen Dasein ich mich fast zu Tode
verwunderte, nachhero aber von ihm erfuhr, dass er endlich seiner Frauen altes
Taler-Loch gefunden, die meisten heraus genommen, und weil er es nicht länger
bei ihr ausstehen können, hierher gereiset wäre, um nach Ost-Indien zu gehen. So
bald er hörete, dass eben dieses mein Vorsatz wäre, war er ungemein erfreuet, wir
schossen demnach unsere Gelder zusammen, legten dieselben an taugliche Waaren,
engagirten uns bei der Ost-Indischen Compagnie, und gingen als Kauff-Leute mit
zu Schiffe, und nach Ost-Indien, erworben bei der ersten Reise ein ziemlich
Stück Geld, allein, weil wir Brüder, uns im Handel nicht wohl vertragen konten,
teilten wir unsern Erwerb christlich, und schieden in Friede von einander, da
denn einer nach Ost- und der andere nach West-Indien ging. Mein Bruder, welchen
ich nachhero zwei mahl wieder gesprochen, war so glücklich geworden, in wenig
Jahren ein eigenes Schiff und anderweitiges Vermögen zu erwerben, allein mit mir
wollte es nicht fort, denn wenn mir gleich das Glück nach vieler sauren Mühe und
Arbeit etwa ein ziemliches Capital zugewendet, so verlohr doch bald hier, bald
dort etwas darvon, und endlich war ich auf der Retour aus West-Indien so
unglücklich, alles mein Gut durch Schiff-Bruch zu verliehren, danckte aber doch
dem Himmel, vor meine wunderbare Lebens-Erhaltung, und war froh, dass ich nach 3.
tägigen herumschwimmen in der See, von einem Spanischen Schiffe aufgenommen, und
mit nach Spanien gebracht wurde. So viel Geld hatte noch in meinen Kleidern bei
mir, dass ich zurück nach Holland zähren konnte, allwo ich mehr nicht als 1000.
Tlr. an einem sichern Orte zu suchen wusste, nahm derowegen selbige auf, und
ging aufs neue nach West-Indien, allwo ich das Glück hatte, mit Mons.
Wolffgangen in Bekandtschaft zu geraten, indem wir vielen Verkehr mit einander
hatten, und ich nichts bedaurete, als dass es sich schon damahls nicht schicken
wollte, mit ihm in Compagnie zu reisen, indem mir sein ganzes Wesen über alle
massen gefiel. Jedoch, was sich damahls nicht schicken wollte, musste sich nach
der Zeit, da ich noch einmal so unglücklich gewesen, fast um alles das Meinige
zu kommen, dennoch schicken, weil ich nunmehro als ein armer Schöps, mich zu
gratuliren hatte, dass ich von ihm, als ein Frei-Beuter, mit aufgenommen wurde.
Er selbst, Herr Wolffgang, hat etliche mahl allhier umständlich erzählet, wie es
ihm auf der ersten Reise, so ich mit ihm tat, ergangen, wie er von dem
boshaften Jean le Grand und seinem Anhange, zu derselben Zeit, da ich eben sehr
kranck auf dem Schiffe darnieder lag, tractiret worden, und wie man ihn zu
verderben, an diese Felsen-Insul ausgesetzt, mitin sein kostbares Gut benebst
dem Schiffe abgestohlen; weswegen ich nicht vor nötig halte, solches zu
wiederholen. Genug, der Himmel hat es ihm und den Felsenburgern zum Vergnügen
mit Fleiss also geschickt; die Verräter aber bekamen ihre gerechte Straffe,
indem sie, als das Schiff, ohnweit der Insul Madagascar, zerscheiterte, mit
ihrem Rädelsführer dem Jean le Grand jämmerlich ersauffen mussten, wiewohl auch
viel Unschuldige ihr Leben darbei einbüsseten, und ich, nebst drei andern, nur
allein Gelegenheit fanden, uns zu retten, auch einige Zeit hernach wiederum nach
Holland, jedoch ziemlich von Gütern entblösset, zu kommen. Solchergestalt trieb
mich die Not darzu, den Quartiermeisters-Dienst auf einen Kauffartei-Schiffe
nach Batavia anzunehmen; allein, eben noch zu rechter Zeit kam mein wertester
Herr Wolffgang in gutem Wohlstande und starck bemittelt wieder zum Vorscheine,
weswegen ich sogleich einen andern Quartier-Meister an meine Stelle schaffte,
und mich bei dem Herrn Capitain Wolffgang engagirte, weil er mir ganz besondere
Vorteile versprach, auch zu dem Ende, wie ich merckte, meine Treu und Fleiss auf
verschiedene Proben setzte, die, nachdem ich sie redlich überstanden, mich bei
ihm in vollkommenen Credit setzten, und solchergestalt bekam nicht geringe
Hoffnung, unter dessen Commando mein Glück aufs neue zu machen. Ja das Vertrauen
zu ihm, war bei mir grösser als zu meinem leiblichen Bruder, denn ohngeacht mein
Bruder abermals mit starcken Profite aus Ost-Indien zurück kam, mir, nach
Vernehmung meiner Unglücks-Fälle, ein gut Stück Geld und verschiedene Vorteile
anbot, wenn ich mit ihm zu reisen mich resolviren wollte, so konnte es doch nicht
in meinen Kopff bringen, unter seinem, als meines jüngsten Bruders Commando zu
stehen, ich nahm auch, ausser einigen Raritäten, keine andern Geschencke von ihm
an, weil mir Herrn Wolffgangs Generositée bereits so viel an baaren Gelde und
andern Dingen zugewendet, dass mich zu einer neuen Reise vollkommen hätte equippi
ren können. Ja eben dieser mein besonderer Wohltäter hat mich bekandter massen
in den Stand gesetzt, worinnen ich mich voritzo befinde. Ich hätte ihnen, meine
Herrn, zwar eine viel weitläufftigere Beschreibung von meinen Reisen zur See
machen können, allein, weil ich sehe, dass der Tag bereits zu den Fenstern herein
bricht, muss ich wohl vor dieses mahl den Schluss machen, damit wir wenigstens nur
noch ein paar Stunden ruhen können.
    Hiermit war des Capitain Horns Lebens-Geschichts-Erzählung zum Ende, und ich
nahm denselben mit in mein Logis, allwo wir, ohne seine und meine Liebste in der
Ruhe zu stöhren, uns in einer besondern Cammer schlaffen legten. In folgenden
Tagen wurden noch mehrere Conferentzen gehalten, und endlich beschlossen: dass
der Capitain Horn dieses 1733ste Jahr noch bei uns aushalten, im Januario des
1734sten aber, von uns ab- und nochmahls nach Europa seegeln sollte. Er liess sich
solches endlich gefallen, und wir deliberirten inzwischen über die schrifftliche
Instruction, so ihm mit auf die Reise gegeben werden sollte. Die Haupt-Stücke,
welche er mitzubringen und zu besorgen hatte, waren: 1.) Eine vollkommene Buch-
und Kupffer-Druckerei, nebst allem Zubehör von Sachen und Personen, als nehmlich
Buchdrucker, Setzer, Schrifft-Giesser, Form-Schneider, Kupfferstecher,
Kupffer-Drucker und dergleichen. 2.) Verschiedene Medicamenta und Chymische
Præparata. 3.) Wollen- und Flächsen-Tuch, auch Wolle und Flachs, so annoch
unverarbeitet. 4.) Noch mehr Pferde-Rind- und Schaaf-Vieh, und zwar so viel, als
nur davon fortzubringen. 5.) Solte er sich an gelehrte Leute addressiren, um zu
vernehmen, ob die in den Heiden-Tempel gefundenen Schrifften ausgelegt werden
könten, wo nicht, die Taffeln benebst etwa ein paar Pfund Goldes bei ihnen zu
lassen, und noch 10. Pfund zur Discretion vor diejenigen zum Gratial zu
versprechen, welche sich bemühen wollten, das Geheimnis in diesen Schrifften
auszufinden, als worzu sie biss 10 Jahr Zeit haben sollten, indem wir nicht
gesonnen wären, unter 10. Jahren wieder eine Fahrt nach Europa anzustellen. 6.)
Wenn er, der Capitain Horn, auf den Gedancken verharrete, nach seiner
glücklichen Zurückkunft auf dieser Insul bei uns zu bleiben, müste er
hauptsächlich dahin bedacht sein, einen getreuen und redlichen Menschen in
Pflicht zu nehmen, der das Schiff, nach der Wiederankunft und Ausladung
allhier, nachdem es von uns mit sattsamen Proviant versorgt, so gleich mit den
darauf befindlichen Personen, welche wir nicht bei uns zu haben verlangten,
wieder abführen sollte. etc. etc.
    Die übrigen Puncte, weil sie nicht eben allzu wichtig, halte vor unnötig zu
melden, und den Lesern damit vedriesslich zu fallen, genung, weil wir sattsame
Bedenck-Zeit hatten, so vergassen wir auch, unseres Erachtens, gar nichts, was
zu Verbesserung unseres Staats annoch nötig war, verliessen uns im übrigen auf
des Capitain Horns selbst eigenen guten Verstand, indem dieser gescheute Kopff
binnen der Zeit, als er bei uns gewesen, sich bereits manche Marque in seine
Schreib-Taffel gemacht, woran es uns nehmlich in diesen und jenen Stücken noch
fehlete.
    Unterdessen lieff uns die Zeit, ich weiss nicht wie, geschwind unter den
Händen weg, weswegen gleich nach Martini Anstalt gemacht wurde, des Capitain
Horns Schiff mit Rosinen, Reiss und andern Felsenburgischen Früchten, auch
überflüssigen Lebens-Mitteln zu beladen, seine Leute, ingleichen die Portugiesen
bekamen einer wie der andere, von Häupten biss zum Füssen gedoppelte neue Montur,
nebst 6. Anzügen weisser Wäsche und andern Bedürffnissen, ausser ihrem
ordentlichen Lohne aber, ein jeglicher 3. Pfund gediegenes Goldes, und die
Officiers 4. Pfund, welches mancher wohl nicht erworben, wenn er gleich als
Matrose binnen der Zeit in Ost-Indien oder auf der See herum geschwermet hätte.
Anbei wurde ihnen gesagt, dass, wenn sie sich auf der Fahrt nach Europa wohl
hielten, der Capitain Horn ihnen sodann die eingeladenen Rosinen und Reiss Preis
geben würde. Alle diese Leute waren wohl zufrieden, und hielten nach hertzlicher
Dancksagung ein Freuden-Fest. Die Fässer und Kisten, worinnen die kostbarsten
Sachen, zu Bestreitung aller Kosten vor den Capitain Horn, eingepackt waren,
stunden auch schon parat, sollten aber nicht ehe als biss auf die letzte
eingeschifft werden. In Summa, es war vor den Christ-Feiertagen zu des Capitains
Abreise alles in vollkommen fertigen Stande, so, dass wir die nach einander
folgenden Fest-Tage andächtig und vergnügt hinbringen konten, wie denn auch den
Klein-Felsenburgern ein Priester hinüber geschickt wurde, um ihnen bei dieser
heiligen Zeit das Wort GOttes zu predigen, und den darunter befindlichen
Evangelischen das Heilige Abendmahl zu reichen. Sonderlich liessen sich in der
Neu-Jahrs-Nacht die Stücken, Paucken und Trompeten tapffer hören, und Montags
und Dienstags drauf, als den 4ten und 5ten Januarii, wurden auf dem grünen
Taffel-Platze vor alle Insulaner, zum Abschieds-Schmause des Capitains Horn, ein
herrliches Tractament gegeben, bei welchen er, von allen insgesammt Abschied
nahm, und von den auf der Insul befindlichen Europäern mit vielen Briefen und
Paqueten beschweret wurde, um selbige an ihre in Europa befindlichen Freunde
mitzunehmen, welches er gern und willig zu tun versprach, und 2. Kisten damit
anzufüllen hatte. Weiln er nun den 7. Jan. in Person zu Schiffe zu gehen und
abzuseegeln gesonnen war, auch darzu alles veranstaltet hatte, so nahm er Tags
vorhero von seiner Liebste, dem Alt-Vater, Aeltesten und andern speciellesten
Freunden, bei mir aber zuletzt Abschied, weil verabredet war, ihm diese meine
fortgesetzte Geschichts-Beschreibung der Felsenburger, ganz auf die letzte
Stunde mitzugeben. Welche ich denn hiermit beschliesse, und wohl glaube, dass
sich einige finden und sagen werden, ich hätte mich bei einer Sache zu lange,
bei der andern zu kurtz aufgehalten, und manches zu melden, gar vergessen; was
aber das letzte anbelanget, so werden diejenigen, so ich nicht berühret, wohl
von schlechter Wichtigkeit und nicht besonders merckwürdig sein, und wegen der
erstern habe es vor dissmahl nach meinem eigenen Belieben gehalten, hätte zwar
eins und das andere verbessern können, indem keine Sache so gut, dass sie nicht
verbessert werden könnte; allein, ich kann versichern, dass auch andere wichtigere
Geschäffte mir nicht erlauben wollen, dieser Neben-Sache wegen allzu viele Zeit
zu verlieren, zumahlen, da ich weder Lob, noch Danck, noch Gewinst darvor
verlange. Habe ich nicht genung geschrieben, so habe ich doch etwas geschrieben,
und wie müste man tun, wenn ich gar nichts von unsern Zustande geschrieben
hätte? Nicht wahr, es würde deswegen doch an Historien-Büchern kein Mangel sein?
Ob hinfüro noch mehr von den Felsenburgischen Geschichten zum Vorscheine kommen
möchte, daran zweiffele fast sehr, wenigstens würde es wohl unter 10. Jahren
nicht geschehen, und wenn wir alle noch so lange lebten und gesund blieben; denn
es dürffte vor der Zeit wohl kein Schiff von Felsenburg wiederum nach Europa
abgehen. Unterdessen empfehle ich einen jeden, der diese meine Fortsetzung und
vorherigen Schrifften zu lesen bekömmt, so wohl als alle andere Menschen, der
Göttlichen Obhut, und verbleibe, ohngeacht ich sehr weit von Deutschland wohne,
dennoch
                                                           der redliche Deutsche
                                                                Eberhard Julius.
                                      * *
                                       *
    Ein mehrers, als was bisher gemeldet worden, habe ich, Gisander, in Mons.
Eberhard Julii Manuscripto nicht gefunden, will aber dennoch kund machen, was
ich dieser Geschichte wegen nachhero weiter in Erfahrung gebracht. Demnach bekam
ich im Februario 1735. ein Schreiben von Herrn H.W. aus Hamburg, in welchem er
mich invitirte, gegen Ostern bei ihm zu sein, weil der Capitain Horn um selbige
Zeit ohnfehlbar bei ihm eintreffen, und mich gern selbst sehen und sprechen
wollte. Weil ich nun versichert war, dass ich diese Reise nicht umsonst tun
würde, setzte ich mich zu rechter Zeit auf die geschwinde Post, und kam 14. Tage
vor Ostern in des Herrn H.W. Behausung an, welcher mich sehr wohl aufnahm, der
Capitain Horn aber stellete sich erstlich 8. Tage nach Ostern ein, war sehr
erfreut, mich zu sehen, und gab mir das unverdiente Lob, dass ich die zwei ersten
Teile der Felsenburgischen Geschichte, welche er schon in A.* und D.* zu lesen
bekommen, ganz wohl besorgt und ausgefertiget hätte, weswegen er nunmehro,
empfangener Ordre gemäss, mir nebst einem Honorario auch den dritten und letzten
Teil einhändigen, darbei nicht zweiffeln wollte, dass ich denselben eben so wohl,
als die beiden erstern, besorgen würde, doch bat er sich aus, dass ich ihm
dieses des Eberhard Julii Manuscript erstlich vorlesen sollte. Dieses geschahe,
denn wir nahmen einige Abende hintereinander immer 3. biss 4. Stunden darzu,
discurirten dazwischen, da ich denn von dem Capitain Horn vieler Dinge wegen
besser verständiget wurde, endlich aber, als wir hiermit fertig, tal der
Capitain dem Herrn H.W. und mir folgende Erzählung:
    Am 7. Jan. des abgewichenen 1734sten Jahres ging ich von Felsenburg ab und
zu Schiffe, fand auf selbigen alles in bester Ordnung, so, dass ich den 8. dito
mit anbrechenden Tage bei gutem Winde und Wetter von dannen seegeln konnte,
nachdem ich mit 12. Canonen-Schüssen nochmahligen Abschied genommen, das Glück
auf die Reise! aus ihren Canonen aber annoch hören konnte, da ich schon etliche
Meilen von dannen war. Noch niemahls habe ich eine geruhigere Fahrt gehabt, als
dieses mahl, weil es aber zuweilen gar zu langsam ging, bin ich erstlich zu Ende
des May-Monats im Texel eingelauffen. Nachdem ich nun die Portugiesen, so ich
mitgeführet, bereits an dem Ufer ihres Vaterlandes ausgesetzt, versprach ich
meinen Leuten alles dasjenige zu halten, was ihnen annoch in Felsenburg
versprochen worden, sie mussten mir aber ihren getanen Eyd wiederholen, dass sie
von allen unsern Begebenheiten in Holland nicht viel Plauderens und grosses
Wesen machen wollten. Hierauf brachte ich, vermittelst einer guten Summa Geldes,
alles in solche gute Ordnung und Richtigkeit, dass ich mein Volck und Bagage frei
und sicher ausschiffen durffte, nahm auch mein Logis abermals in Amsterdam bei
Herrn G.v.B. welcher mich mit sehr grossen Freuden-Bezeugungen empfing. Nachdem
nun das Schiffs-Volck wohl befriediget war, liess ich alles von mir, mit der
Erklärung, dass, wer von ihnen Lust hätte, noch eine Reise mit mir zu tun, nach
Ostern 1735. in Amsterdam bei Herrn G.v.B. oder wenn ich gegenwärtig, sich bei
mir selbst melden könnte; mitin behielt nur die 9. Freigelassenen zur Bedienung
bei mir. Mein erstes war, dass ich mich nach meinem Bruder erkundigte und erfuhr,
dass derselbe bereits auf der Retour aus West-Indien begriffen wäre, weswegen ich
ihm zu Gefallen noch so lange in Amsterdam zu bleiben beschloss, biss er sich
einstellete, jedoch meine Zeit nicht müssig daselbst zubrachte, sondern immer
nach gerade Anstalten machte, dasjenige anzuschaffen und wohl auszurichten, was
mir committiret war. Endlich zu Ausgange des Augusti kam mein Bruder, und wusste
vor Freuden nicht, was er sagen sollte, dass er mich allhier frisch und gesund
antraff, denn bei meiner letztern Anwesenheit in Europa war er nicht
gegenwärtig, sondern ebenfalls in West-Indien gewesen. Er führete mich aufs
erste in sein Logis, und entdeckte mir offenhertzig, wie glücklich er bisher
auf verschiedenen Reisen gewesen, so, dass er nunmehro ein Capital von etliche
20000. Tlr. beisammen, vor wenig Jahren aber seiner Frauen, das ihr entwendete
Geld cum Interesse, einen jeden seiner Geschwister aber 1000. Tlr. durch
Wechsel übermacht hätte. Nunmehro wäre er gesonnen, in Holland auf einem guten
Orte sich zur Ruhe zu setzen, und von seinen Interessen zu leben, denn zu seinem
alten Weibe, welches ihn so schändlich tractiret hätte, könnte er sich unmöglich
wieder begeben; im übrigen meinte er, ich sollte ihm nur offenhertzig sagen,
womit er mir helffen und dienen könnte, indem er bereit sei, auch die Helffte
seines Vermögens mit mir zu teilen. Diese seine Redlichkeit und brüderliche
Liebe gefiel mir ungemein von ihm, weswegen ich ihm liebreich umarmete, und zur
Antwort gab: Mein liebster Bruder! ich bin von Hertzen erfreuet, dass euch der
Himmel gesegnet und mit zeitlichen Gütern vergnüget hat, aus allen Umständen,
und sonderlich dem brüderlichen Anerbieten, vermercke, dass ihr dem Geitze nicht
ergeben seid, vor meine Person aber dancke ich vor euren guten Willen, denn der
Himmel hat mich seit der Zeit auch gesegnet, und ich will euch, ohne meinen
geringsten Schaden, noch 2. mahl 20000. Tlr. zu den Eurigen geben, damit ihr
euch, wenn ihr ja nicht wieder in unser Vaterland zu kehren gesonnen, ein feines
Land-Gut erkauffen, und euer Leben darauf ruhig zubringen könnet; allein,
dargegen wollte mir dieses ausbitten, dass ihr nur noch eine eintzige Reise zur
See mit mir tun, und mich auch erstlich zur Ruhe bringen möchtet. Mein Bruder
hörete bei Vernehmung solcher Reden hoch auf, versprach aber endlich, mir alles
zu Gefallen zu tun, was ich nur von ihm verlangen und ihm möglich zu verrichten
sein würde. Es ist wohl gut, mein Bruder, sprach ich, allein, ohngeacht ihr mein
leiblicher Bruder seid, so ist mir doch, eines geleisteten teuren Eydes wegen,
nicht erlaubt, euch einige sonderbare Begebenheiten zu eröffnen, es wäre denn
Sache, dass ihr mir ebenfalls, gewisser Puncte wegen, auf einige Zeit den Eyd der
Treue und Verschwiegenheit zu præstiren, euch entschliessen köntet. Wie er sich
nun dessen gegen mich, als seinen leiblichen und ältern Bruder, gar nicht
weigerte, so führete ich ihn hierauf in mein Logis, allwo er nicht allein das
Geheimnis, so viel als ihm nehmlich davon zu wissen nötig war, von mir erfuhr,
sondern auch meine Schätze zu sehen bekam, worüber er nicht wenig erstaunete.
Ich gab ihm demnach im voraus so viel, als ich ihm versprochen hatte, schickte,
15000. Tlr. par Wechsel nach Franckfurt am Mayn, welche meine 3. übrigen
Geschwister daselbst heben und sich darein teilen sollten, überliess diesem
meinem jüngsten Bruder nebst dem Herrn G.v.B. in Amsterdam einen grossen Teil
von Besorgung meiner Affairen, und reisete, nachdem ich auch alle mit bekommene
Briefe und Paquete wohl bestellet hatte, nach D. zu dem Handels-Manne, welcher
des Herrn Franz Martin Julii seiner seeligen Ehe-Frauen Bruders-Sohn war,
brachte demselben von seinen Felsenburgischen Befreundten nicht allein
verschiedene kostbare Geschencke, sondern auch Briefe und Siegel mit, dass ihm
das Julische Haus, Gewölbe in Summa alles mit einander, was er ihrentwegen zu
verwalten hätte, auf erb- und eigentümlich geschenckt sein sollte. Man kann
leicht erachten, dass ich, bei so gestalten Sachen, diesem jungen Manne kein
unangenehmer Gast gewesen sein müsse, und gewiss, er hat sich meiner Affairen
wegen viel Mühe mit Reisen und dergleichen gegeben, auch mir die Bekandtschaft
vieler Grund-Gelehrten Leute zuwege gebracht, dem ohngeacht konnte ich weder
hier, noch da, noch dort jemand finden, der sich die auf den Taffeln befindliche
Heiden-Schrifft zu lesen und zu erklären unterstund, derowegen sah ich mich
genötiget, selbige gegen einen Revers, in den Händen eines sehr reichen und
Grund-gelehrten grossen Mannes zu überlassen, welcher mir, vor die zwei Pfund
Goldes, so ich ihm zur Discretion gab, versprach, dieselben an die vornehmsten
Societäten der Künste und Wissenschaften in Europa zu übersenden, und von Zeit
zu Zeit seinen Rapport an den Kauffmann in D. ingleichen an Herrn G.v.B. in
Amsterdam, und auch an Herrn H.W. in Hamburg abzustatten, weswegen ich denn die
10. Pfund Goldes Gratial gegen einen Revers bei dem Kauffmanne in D. liess,
welcher zugleich Vollmacht bekam, den glücklichen Ausleger derselben Schrifft
damit zu belohnen, die Taffeln einzulösen, und biss sie von den Felsenburgern
abgefordert würden, bei sich zu behalten. Wegen der Buch- und Kupffer-Druckerei,
aller dazu erforderlichen Leute und Materialien, hat, wie die letztern Briefe
von Herrn G.v.B. und meinem Bruder aus Amsterdam lauten, auch schon alles seine
vollkommene Richtigkeit, weswegen ich glaube, dass an den andern geringern Sachen
auch nichts versäumt sein und ermangeln wird. Und also werde ich mich hier in
Hamburg nicht lange aufhalten, sondern meine Reise nach Amsterdam beschleunigen,
um, was ja etwa noch fehlen möchte, vollends selbst zu besorgen, und circa
Johannis-Tag, meine Heim-Reise nach Felsenburg anzustellen; denn ich werde auf
meinem und auf meines Bruders Schiffe, eine starcke Ladung haben, wenn mich aber
mein Bruder auf der Insul Klein-Felsenburg, mit allen meinen Waaren ausgesetzt,
soll er, bereits genommener Abrede nach, auch die Personen, so auf meinem
Schiffe gedienet, auf das Seinige nehmen, selbiges mit lauter Felsenburgischen
Victualien beladen, und in GOttes Nahmen wieder zurück nach Europa fahren.
    So viel hat mir der Capitain Horn von seinen Umständen eröffnet, er tracti
rte nachhero noch verschiedene Sachen mit dem Herrn H.W. um welche ich mich eben
nicht zu bekümmern hatte, indem ich ein gutes Honorarium vor meine Reise-Kosten
und alles von ihm bekommen. Gern wäre ich mit demselben nach Amsterdam gereiset,
und hätte die Schiffe und alle Anstalten selbst in Augenschein genommen, indem
er mir allen Aufwand und Versäumnis gedoppelt zu bezahlen versprach, allein, ein
wichtiger Umstand, den ich eben nicht melden will, verhinderte mich an dieser
Reise, die ich zu anderer Zeit, auch vor mein eigen Geld, mit Lust getan haben
würde. Demnach reisete der Capitain mit dem Herrn H.W. ohne mich, fort, der
letztere aber hat mich nachhero schrifftlich berichtet, dass der Capitain, bei
seiner Ankunft in Amsterdam, alles zu seinen grösten Vergnügen in vollkommenen
Stande angetroffen, und am 4ten Julii des jetzt lauffenden 1735sten Jahres nebst
seinem Bruder mit 2. Schiffen aus dem Texel gelauffen sei. Demnach machte ich
mich, wenn mir meine ordinairen Geschäffte einige müssige Stunden vergönneten,
auch an die Arbeit, und brachte eben noch zu rechter Zeit
              Die Felsenburgische Geschichts-Beschreibung zu ENDE.
 
                                    Fussnoten
1 Hier hat Mons. Eberhard, vielleicht aus besondern Ursachen, die ich, Gisander,
vollkommen zu erraten, mir eben nicht getraue, etwas kurtz und verblümt von der
Sache geschrieben, denn als ich, nachdem mich der Capitain Horn, da er glücklich
in Europa angeländet, zu sich kommen lassen, eines Abends in Vorlesung des
Manuscripts auf diese Passage kam, sagte er, der Capitain Horn, selbst im
Vertrauen zu mir: »Hier ist Eberhard mit dem Flederwische drüber her gefahren,
und hat nicht so anfrichtig als sonst geschrieben, denn ich versichere euch,
mein Herr! dass in der einen Cammer ein, unschätzbarer Schatz von Gold-Klumpen,
Gold-Scheiben, Gold-Stangen, Diamanten und andern kostbaren Steinen, gefunden
und so wohl als die Götzen-Bilder nach Gross-Felsenburg geschafft worden. Wenn
ich (fuhr der Capitain Horn gegen mich fort) mich nicht bereits vollkommen in
die angenehme Lebens-Art der Felsenburger verliebt, auch mir ein überaus schönes
Bild daselbst zur künftigen Ehe-Gattin auserwählt, mich mit ihr versprochen,
und die gröste Lust gehabt, meine übrige Lebens-Zeit auf dieser Insul
zuzubringen; würde ich ohnfehlbar meinen Teil von diesen unter der Erde
gefundenen Schätzen gefordert haben. So aber dachte ich: was ist dir Gold, Geld
und Gut nütze, da du nicht in Europa, sondern allhier verbleiben wilst? zudem,
so haben sie mir mehr Gold und Geld mitgegeben, als ich verlangt und nötig
habe. Aber das ist wahr, dass die Felsenburger Königreiche kauffen und baar
bezahlen könten, wenn sie feil wären.« Ich gab ihm hierauf zu verstehen: wie
mich wunderte, dass bei diesen gefundenen Schätzen gar keines Silber-Zeugs, auch
keines gemüntzten Geldes erwehnt würde; worauf er versicherte, dass weder
Silber-Werck noch Müntze, sondern nur bloss Gold und Edle-Steine gefunden worden.
Weil nun ich, Gisander, mich nicht verbindlich gemacht, unser beider besonderes
Gespräche zu verschweigen, als habe mir kein Bedencken genommen, dem geneigten
Leser, um die Geschicht desto deutlicher zu machen, das nötigste zu offenbaren.
 
                      Wunderliche FATA einiger See-Fahrer,
                                        
                                Vierdter Teil,
                                      oder:
                                  fortgesetzte
                                        
                   Geschichts-Beschreibung der Felsenburger;
                                        
 Worinnen nicht allein derselben jetziger Zustand seit Alberti Julii I.-Ableben
  biss auf heutige Zeit mit aufrichtiger Feder gemeldet, sondern auch eine ganz
 besondere und Verwunderungs-würdige Lebens-Geschichte einer Persisch-Candahari
                         schen Prinzessin Mirazamanda,
Die fast ein Haupt-Stück der Felsenburgischen Geschichte ausmacht, zugleich mit
                               beigefüget worden:
     Zuerst entworffen von Mons. Eberhard Julio, Curieusen Lesern aber zum
  vermutlichen Gemüts-Vergnügen ausgefertigt, auch par Commission dem Druck
                                 übergeben von
                                   GISANDERN.
                                    Vorrede.
                                 Festina lente!
Man muss in keinem Stück sich leichtlich übereilen;
Eil schadet öffters mehr, als klügliches Verweilen.
                                Geneigter Leser!
Das hier angeführte lateinische Dicterium mögen sich, meines Erachtens, die bei
den Gebrüder Hn. See-Capitains Horn, so wohl Sen. als Jun. zur Parole,
Loosungs-Worte, Feldgeschrei, wie man die Sache etwa zu nennen pflegt, oder wohl
gar zu ihrem Haupt-Symbolo und Gedenck-Spruche, ehe sie noch am 4. Jul. des
1735ten Jahres von Amsterdam aus durch den Texel abgelauffen, erwehlet haben.
    Ich meines Orts verdencke die beiden Herrn Brüder dieserwegen gar im
geringsten nicht, denn sie konten damahls mit Freuden ausruffen:
Acti labores jucundi!
Nach glücklich wohl vollbrachten Sachen,
Kan man sich gute Stunden machen.
    Sie haben es auch redlich getan, so wie man in nachfolgenden Blättern von
ihnen lesen kann. Wie lange sich aber der Capitain Horn. Jun. auf seiner
Zurück-Reise von Felsenburg, und absonderlich bei dem Gouverneur zu St. Jago
verweilet, kann ich eben so genau nicht sagen, weilen derselbe niemahls so treu
und offenhertzig gegen mich gewesen, als ehedem sein Bruder, der Capitain Horn
Sen.
    Jedoch, wie ich aus gewissen Umständen vermuten können, so mag der
Aufentalt bei seiner Braut ohngefähr ein halbes Jahr lang, auch wohl etwas
drüber gewesen sein; indem er sich bei derselben lieber verweilen, als übereilen
wollen.
    Dieses Vergnügen missgönne ich ihm ganz und gar nicht, mir aber hat er damit
und solchergestalt von Zeit zu Zeit öfftern nicht geringen Verdruss verursacht,
indem ich schon seit 3. biss 4. Jahren daher mit mehr als 100. Briefen, um die
Fortsetzung der Felsenburgischen Geschichte heraus zu schaffen, bombardiret
worden; der mündlichen Attaqen zu geschweigen. Ja, ich habe mich so gar immer
befürchten müssen,dass allzu ungedultigen Neubegierigen mir die Fenster
einwerffen, oder gar das Haus stürmen möchten, wenn ich länger damit zurück
hielte; zumahlen, da zum öfftern ein falsches Gerüchte ausgesprengt worden, als
ob der Capitain Horn bereits angekommen wäre, mitin es nur an meiner Caprice,
Bequemlichkeit oder resp. Faulheit läge, diejenigen, denen etwas daran gelegen,
zu vergnügen.
    Wie nun aber ich in diesem Stücke meine Unschuld ganz besonders erweisslich
zu machen, im Stande bin, so versichere dabei, dass mir des Capitain Horns
überlanges Aussenbleiben zum öfftern selbst die Galle dergestalt in den Magen
getrieben, so dass ich dem Apotecker vor Absorbentia, Præcipitantia und andere
Hudeleien, womit ich mich sonsten sehr gern verschont sehen mag, manchen schönen
Batzen zuwenden müssen.
    Nun er aber da ist, habe ich ihm Seiten meiner, seine Fehler vergeben, wie
er denn mir die meinigen auch vergeben, anbei vor meine Mühe und Reise-Kosten so
viel zurück gelassen, dass ich ganz wohl damit zufrieden sein kann.
    Demnach hoffe, es werden meine resp. Geehrtesten Leser auch vor diesesmahl
mit mir zufrieden sein, und diesen vierdten und letzten Teil der
Felsenburgischen Geschichte so gütig und geneigt, als die 3. vorhergegangenen
auf und annehmen. Wenn mein Stilus von einem oder dem andern nicht so rein,
lauter und fliessend erachtet werden sollte, wie es heutiges Tages die Mode mit
sich bringt, ersuche dienstfreundlich, mir vor diesesmahl in die Gelegenheit zu
sehen, weilen viele beschwerliche Reisen, Unpässlichkeiten und sonsten andere
Sorten vom Verdrusse, die eilende Feder zuweilen irrig gemacht. Unterdessen
hoffe doch in der Haupt-Sache ein völliges Genügen geleistet zu haben, worbei
verspreche, das, was etwa versehen sein möchte, so GOtt Leben und Gesundheit
verleihet, in den andern Herausgaben zu verbessern. Unterdessen, da seit 2. biss
3. Jahr daher so wohl an den Herausgeber, als Verleger verschiedene Briefe, auch
so gar von weit entferneten Orten eingelauffen, welche nicht selten ein starckes
Porto verursachet; als werden die Herrn Patroni und Gönner der Felsenburger
respective dienstfreundlich ersuchet, in Zukunft Dero Briefe franco
einzusenden. Wormit mich zu geneigtem Wohlwollen empfehle und beharre,
                                                                Geneigter Leser,
                                                                            Dein
        Raptim
    an der Wilde
den 2. Dec. 1742.
                                                               Dienstergebenster
                                                                       Gisander.
 
              Wunderliche FATA einiger Seefahrer. Vierdter Teil.
       Geliebteste und allerwerteste Bluts- und Muts-Freunde in Europa!
Nachdem Ihnen ich, Eberhard Julius, durch den Capitain Horn versichern lassen,
wo es anders möglich wäre, und die Gelegenheit etwa nicht gäntzlich benommen
würde, alles, was seit meiner 3. vorhergehenden Relationen, (welche seit einigen
Jahren daher, wie ich vernommen habe, in Europa im Druck erschienen, und einiges
Aufsehen verursacht) auf diesen beiden Insuln Gross- und Klein-Felsenburg sich
merckwürdiges und besonders zugetragen, aufs fördersamste und aufrichtigste zu
melden; Als habe hiermit mein Wort halten wollen, in guter Hoffnung, dass
Uberbringer dieses, nachdem er seine Sachen wohl ausgerichtet, glücklich bei
Ihnen anlangen werde.
    Kaum hatte ich meinen Vorsatz unsern Regenten, Alberto II. den grauen
Häuptern und Aeltesten, wie auch den Herrn Geistlichen und andern guten Freunden
gemeldet, als ich ersucht wurde, den Anfang gegenwärtigen meines vierdten
Berichts, mit folgender Addresse zu machen:
    Wir, Albertus Julius der andere, der Zeit erblicher Regent, der beiden von
Gott ganz besonders gesegneten Insuln, Gross- und Klein-Felsenburg, die
Aeltesten, grauen Häupter, die Ehrwürdige Geistlichkeit, welche mit mir über
unser Volck regieren, entbieten unsern geliebtesten und allerwertesten
Freunden in Europa unsern dienst-freund-brüderlichen Gruss, nebst Anwünschung
alles Seelen- und Leibes-Vergnügens und Wohlergehens. Dergleichen Grüsse und
Wünsche erfolgen auch von allen andern löblichen und ansehnlichen Personen
beiderlei Geschlechts, bis auf die Säuglinge, welche noch nicht wissen und
verstehen, was vor teure und werte Freunde sie in Europa haben, die weit
vornehmer sind, als wir, denn wir schätzen uns ganz geringe und einander alle
gleich, beobachten doch aber, nicht allein aus der heil. Schrifft, sondern bloss
aus dem Lichte der Natur die Gebote: Ehre, dem die Ehre gebühret; Gehorsam, dem
Gehorsam gebühret, und dieses um guter Ordnung wegen. Wir werden uns insgesammt
ungemein erfreuen, wenn wir von unsern Abgeschickten, deren glückliche
Zurückkunft wir täglich mit grösten Verlangen erwarten, erfahren werden, dass es
unsern geliebtesten und allerwertesten Freunden in Europa noch wohl gehe,
bedauern anbei diejenigen, die etwa Not und Mangel leiden möchten, wünschen
wohl aus getreuem Hertzen, Gelegenheit zu haben, Ihnen von unserm Uberflusse
nach Notdurfft etwas abgeben zu können. Denn GOtt gibt uns jährlich und
täglich, ja stündlich mehr, als wir wert sind und zur Leibes Nahrung und
Notdurfft gebrauchen; weswegen sollten wir also dermassen unchristlich sein, und
unsern Uberfluss den Bedürfftigen nicht gönnen, zumahlen denen, die unsere
Freunde sind, und unsern Geschlechts-Nahmen führen. Wolte GOtt! es schickte
sich, ein ordentliches Commercium mit ihnen zu stifften; Die Weite des Weges
sollte solches Seiten unserer nicht verhindern, vielleicht würde manchen
Notleidenden und Bedürfftigen besser geraten sein. Da aber dieses bei jetzigen
schlimmen Zeiten und gefährlichen Welt-Händeln, wie uns berichtet worden, eher
zu wünschen, als zu hoffen stehet, so können wir weiter nichts tun, als dass wir
vor sie beten, und sie der der guten, milden und barmhertzigen Hand GOttes des
Allmächtigen empfehlen. Wir verhoffen, sie werden dergleichen auch vor uns tun,
ohngeachtet wir vorjetzo noch ziemlicher maassen in Ruhe sitzen, und von keiner
befondern Bekümmernis wissen, ausgenommen, was die Sorgen anbetrifft, die wir
wegen unserer Verreiseten haben.
    Wie gesagt, wir wissen (GOtt sei davor gelobt) weder von Not, Kranckheiten,
Hunger, Kummer und andern Land-Plagen zum Teil wenig, zum Teil gar nichts zu
sagen, und die wohlverdienten Straffen unserer Sünden empfinden wir von dem
barmhertzigen, liebreichen Vater im Himmel weit gelinder, als wir fast vermuten
könten, indem wir wissen, wie sein Zorn und seine strenge Gerechtigkeit öffters,
auch über die von den Menschen unerkannten Sünden sich zu zeigen pflegt.
    Nun, der Herr segne und behüte Sie und uns, wir empfehlen uns Ihnen vom
grösten bis zum kleinesten, vom ältesten bis zum jüngsten zu Dero geneigten
Wohlwollen und guter Freundschaft, ohngeachtet, da wir eine so entsetzliche
Weite über Meer von einander wohnen. Doch den GOtt, den Sie anbeten, den beten
wir allhier auch an, und verehren denselben eben so wohl, als wie Sie, wo nicht
mit Ubereinstimmung aller christlichen Ceremonien, jedoch in unsern christlichen
Hertzen. Also kann die Sympatie dennoch ihr Wesen und Würckung beständig
zwischen Ihnen und uns ausüben.
    Wir schicken Ihnen etwas weniges von den Gütern und Früchten unsers Landes,
welches sie nicht verschmähen, sondern sich christ-brüderlich darein teilen,
vornemlich aber die Aermsten unter Ihnen nach proportion, gedoppelt oder
dreifach besorgen wollen.
    Unserer geliebtesten und allerwertesten Bluts- und Muts-Freunde in Europa
verbleiben wir Felsenburger allerseits, so lange noch einer von uns lebt und
Otem hat, getreue Freunde und Diener.
Gegeben auf meinem
ordentlichen Wohn-
hause Albertsburg
genannt, im Jahr
Christi 1740. den 3.
Tag des Monats
Februarii.
                                                      (L.S.) Albertus Julius II.
    Unter diesem Nahmen unterschrieben sich weit mehr als 100. Personen
beiderlei Geschlechts, nicht allein Europäische Einkömmlinge, sondern auch
eingebohrne Felsenburger.
    Wir warteten demnach mit Schmertzen auf die Zurückkunft des Capitains Horn,
als welcher uns versprochen hatte, mit zweien Schiffen zurück zu kommen, und
sein Neben-Schiff, nachdem es ausgeladen, dargegen eine andere Ladung
eingenommen; so bald es uns gefällig, zurück nach Europa zu schicken, er aber
wollte erlaubter und abgeredter maassen bei uns verbleiben.
    Allein es stürtzten sich noch unzählige Eymer Wasser aus unserer
Felsenburgischen grossen See hinunter in das wilde Meer, ehe wir das Vergnügen
hatten, unsern lieben Capitain Horn mit seinen beiden Schiffen wieder zu sehen.
So trugen sich auch binnen der Zeit viele seltsame Begebenheiten und
Wunder-Dinge zu, welche ich weiter unten, nach Möglichkeit in bester Ordnung
erzählen werde.
    Voritzo aber will vorerst nur so viel melden, dass, als ich eines Abends,
ohngefähr um 10. Uhr auf meinem Ober-Stübgen an einem Fenster gegen Norden zu,
stund, allwo ich den besondern Stand des Gestirns zu damahliger Jahrs-Zeit
beobachten wollte, gewahr wurde, dass gerade in der Nord-Gegend eine schwartze
dicke Wolcke aus der See, bis an den Himmel, erstlich in Gestalt einer Pyramide
herauf stieg, binnen weniger Zeit aber sich dergestalt ausbreitete, dass alle
Sterne bis an den Polar-Stern, mitin die ganze Helffte des Horizonts, bedeckt
und ganz und gar verdunckelt wurde. Dieses währte bis dreiviertel auf 12. Uhr,
so, dass wie ich schon gesagt, die jenseitige Himmels-Gegend so schwartz als eine
Kohle anzusehen war, die andere Helffte nach Süden zu, zeigte sich hergegen,
klar und helle; mitin hatten wir gegen Norden zu, den allerfürchterlichsten,
gegen Süden aber, den allercharmantesten Anblick, indem wir mit gröstem
Vergnügen die hellgläntzenden Sterne am blauen Himmel über unseren Häuptern
erblickten. Wunderbar liess es, dass der Polar-Stern gleichsam als ein
Gräntz-Stein, oder Scheide-Wand, zwischen Licht und Finsternis anzusehen war. Es
ging also am Himmels-Gewölbe, zwischen Licht und Finsternis, ein etwas dunckel
grauer Strich, von Osten bis Westen hindurch, welches mit einiger Erstaunung
anzusehen war.
    Wir gedachten immer, die Schwärtze würde sich weiter ausbreiten, und in die
Helligkeit gegen Süden zu hineindringen, mitin den ganzen Horizont schwartz
machen; allein es geschah nicht; sondern die Schwärtze zog sich, da es gegen 1.
Uhr kam, allmählig nach Norden zurücke, und wurde es in der Tieffe dergestalt
schwartz, als ich nicht beschreiben kann. Gleich da meine Uhr ein Viertel auf 2.
schlug, erblickte ich mit grössesten Entsetzen: dass sich mitten in der dicksten
Finsternis ein ordentliches Feuer-Rad, in Grösse (unserm Augenmasse nach) eines
der allergrösten Mühl-Räder præsentirte, welches dergestalt schnell herum lief,
als ob es durch die Kunst eines Feuerwerckers also gemacht, und mit besondern
Fleisse dahin gestellet wäre.
    Meine Frau, die ganz alleine bei mir war, und ich sahen dieses Wunder-Ding
mit gröster Verwunderung an, indem ich aber in die andere Stube gegangen war, um
nach der Uhr zu sehen, läufft sie gleichfalls davon, und wecket Mons. von Blac,
nebst andern getreuen Nachbarn, welche schon im tiefsten Schlafe gelegen.
Demnach kamen ihrer sehr viele herzu, da sie aber von allem dem, was vorgegangen
war, nicht das geringste observirt hatten, so verwunderten sie sich um so viel
desto mehr über das, was ich Ihnen in möglichster Kürtze erzählte, noch weit
mehr aber über dasjenige, was sie mit ihren sichtlichen Augen vor sich sahen,
nämlich das Feuer-Rad, als welches noch beständig mit der grösten Hefftigkeit um
und um lief.
    Meine Freunde gaben mir einen starcken Verweis, darum, dass ich sie nicht
eher geweckt hätte; das ganze Wunderspiel zeitiger mit ansehen zu können;
allein ich entschuldigte mich damit, dass ich nicht vermeint, wie die Schwärtze
so lange anhalten würde, vielweniger hätte mir träumen lassen, dass ein so
künstliches und bewundernswürdiges Feuer-Rad zum Vorschein kommen sollte.
    Wir sahen demnach dem schnellen Lauffe dieses Feuer-Rades noch etliche
Minuten zu, und wurden mittlerweile gewahr, dass es zum öfftern Raqueten oder
sogenannte Schwärmer von sich warf, fernerhin aber sprungen fast binnen einer
halben Minute jederzeit ordentlich runde Feuer-Kugeln herab, welche dem Ansehen
nach, zum Teil als 12. 16. bis 24. pfündige Canonen-Kugeln zu achten waren, in
die See fielen, und sich wohl eine halbe Minute lang darinnen herum tummelten,
endlich aber verschwunden; ob aber bei ihnen Crepirung dieselben einen Knall von
sich gegeben, kann ich so eigentlich nicht sagen, indem unsere Ohren sich auf
eine so gewaltige Weite nicht eingerichtet befanden.
    Nach Verlauff einer halben Stunde, kamen aus dem Feuer-Rade entsetzlich
viele Feuer-Flammen in der Gestalt natürlicher Schlangen heraus gesprungen, ihre
Farbe war teils grün, gelb, rot, schwartz, blau und teils gesprenckelt. Diese
stürtzten sich mit aller Gewalt in die See hinein, und schienen zum Teil auf
einmal zu versincken, allein wir bemerckten, dass sehr viele von ihnen wieder
empor kamen, und als eine blass rötliche Fackel, so wie in Europa die Irrwische,
auf der See herum tantzten, nachhero aber, da sie mehr als 1000. Funcken von
sich geworffen, in die Tieffe versuncken.
    Mittlerweile warf dennoch binnen dieser Zeit das Feuer-Rad allerlei Sorten
von Feuer-Kugeln von sich, die sich nicht anders aufführeten, als die
vorgemeldten. Ehe man sich es versah, kam auf einmal ein ganz Geschwader der
bemeldten Feuer-Schlangen, welche ich über mehr als 1000. schätzte, aus dem
Feuer-Rade heraus geflogen, sie waren, wie schon gesagt, von allerhand Farben,
stürtzten sich in die See hinein, und es hatte das Ansehen, als ob sie mit
einander Krieg führeten, und sich bissen. Jedoch diese Rencontre währete nicht
länger, als ohngefehr 6. Minuten, wornach sie auf einmal plötzlich
verschwanden, und zwar in einem Tempo, als wenn viele Lichter auf einmal
verlöscht werden.
    Leichtlich ists zu erachten, dass man seinem Augenmasse bei einer so
gewaltigen Weite nicht alzuwohl trauen kann, doch schätzte ich das Revier auf der
Ober-Fläche der See, allwo sie die artigsten Täntze und Colloraturen machten,
wenigstens im Umfange von 10. deutscher Meilen. Wir wurden hierüber alle in eine
erstaunende Verwunderung versetzt, und wird mir erlaubt sein zu sagen, dass in
der ganzen Welt schwerlich ein Printz oder andere Puissance wird anzutreffen
sein, welcher vor die, vielleicht übermässig angewandten Kosten, dergleichen
Wasser- und Feuer-Werck zu sehen bekommen; als uns die Natur vor dissmahl umsonst
vorstellete, jedoch zu unserm allergrössten Schrecken.
    Mittlerweile aber, wie gemeldet, die feurigen Schlangen auf der Ober-Fläche
ihre Colloraturen machten, und die Feuer-Kugeln wechselsweise nach einander in
die See hinein purtzelten, bemerckten wir, dass das Feuer-Rad weit feuerröter
wurde, jedoch nach und nach immer enger und enger zusammen ruckte, so dass es
bald hernach viel kleiner wurde, seine vorige Gestalt verlohr, sich als eine der
allergrösten Bomben, und zwar mit aufgesetzten Zunder præsentirte. Wir waren
sehr aufmercksam über diese Veränderung, nachdem aber etwa 4. bis. 5. Minuten
verlauffen, crepirte diese unsern Gemüts- und Leibes-Augen vorgelegte Bombe in
einem Augenblicke, spye noch viele Feuer-Klumpen und Sterne von allerhand Farben
von sich, und versunck hernach in die See, mitin hatte das ganze Feuerwerck
seine Endschaft erreicht, so dass weiter nichts als eine Egyptische Finsternis
in der ganzen Gegend zu betrachten war. Indem aber gemeldte Feuer-Kugel oder
Bombe crepirte, höreten unser aller Ohren nicht allein einen entsetzlichen
Knall, sondern wir vermerckten auch ein erschröckliches Erdbeben, so, dass wir
alle, wie wir stunden, und lagen, fast über einer Querhand hoch in die Höhe
gehoben und erschüttert wurden. Als ich in meine Schreib-Stube kam, fand ich das
Schreibzeug, Bier-Krug und andere Dinge, so auf dem Tische stunden, umgekehrt,
teils auch auf dem Boden zerbrochen liegen. Die Tabulettgen hiengen zwar noch
an den Wänden, allein die meisten Gläser, Tee-Tassen und dergleichen Porcellain
Zeug waren herunter gefallen und zerbrochen, bei welchen Kleinigkeiten ich mich
aber nicht lange aufhielte, sondern nach der Wohnstube zu eilete, allwo ich
meine liebe Frau, die in Ohnmacht gesuncken war, auf dem Bette liegend antraf;
da ich aber sah, dass viele vertraute Freunde und Freundinnen um sie herum
waren, lief ich mit Mons. von Blac, nebst etlichen unserer Bedienten hinunter
auf den Platz, allwo 2. Canonen stunden, die 16. pfündige Kugeln schossen, diese
lösete ich in der Geschwindigkeit eine nach der andern, ehe eine Minute
verstrich, nicht etwa aus Frevel, sondern aus keiner andern Ursache, als die
Einwohner herbei zu locken und ihnen vorzustellen, in was vor Gefahr und Not
wir uns befänden, und zwar einer so wohl als der andere. Vor allen Dingen musste
mein Famulus aufs eiligste nach der Alberts-Burg lauffen, um dem Regenten zu
rapportiren, was vorgegangen wäre, und was wir observiret hätten. Es war dieser
mein Famulus ein geschickter Pursche von 18. Jahren, und richtete seine Sachen
wohl aus, kam bald zurück, und referirte uns, dass auf der Alberts-Burg weder
Albertus selbst, noch jemand anders, weder von der Schwärtze am Himmel, noch von
dem curieusen Feuerwercke das geringste gesehen, sondern sie hätten alle wohl
und sanfte geschlaffen, bis sie von dem Erdbeben, welches sie eben so heftig
als wir empfunden, aufgeweckt worden.
    Etwa eine Stunde nach dem Knall der zwei Canonen versammleten sich nach und
nach, etliche 100. Menschen beiderlei Geschlechts, aus allen Pflantz-Städten,
auf dem Platze bei der Kirche und am Fusse der Alberts-Burg, welche alle
einstimmig aussagten: dass sie zwar das Erdbeben in eben der Gewalt verspühret
hätten, als wir, allein von der Schwärtze am Himmel und dem Feuerwerck wollte
niemand nichts wissen, bis endlich diejenigen abgelöseten Wächter kamen, welche
in verwichener Nacht auf den höchsten Klippen in ihren Schilderhäusern, bei den
Canonen Schildwacht gehalten. Diese wussten wegen der Schwärtze und des
Feuerwercks alles so accurat auszusagen, als wir es mit unsern Augen gesehen
hatten.
    Indem wir nun hiervon mancherlei Gespräche unter einander hielten, empfanden
wir binnen ohngefähr 3. Minuten, 3. gewaltige Stösse vom Erdbeben und zwar
dergestalt heftig, dass sich auch die Glocken auf dem Kirch-Turme von selber
rühreten, und ihren Laut von sich gaben. Die allermeisten unter uns aber,
sonderlich die Weiber und Kinder waren aus Schrecken zu Boden gefallen, und
blieben also auch auf der Erden liegen. Ich selbst konnte mich nicht halten,
sondern musste gleich bei dem ersten Stose zu Boden sincken.
    Noch etwa eine Stunde hernach empfanden wir abermals binnen 3. Minuten 3.
heftige Stösse, so dass wir befürchteten, es würden alle Gebäude auf der ganzen
Insul umgefallen sein, allein GOtt hatte dieses Unglück gnädig verhütet, wie ich
in meiner fernern Erzählung melden werde.
    In solchem Zustande, nämlich auf der Erden liegend, brachten wir noch eine
gute Zeitlang zu, binnen welcher Zeit sich nicht allein der Regent, sondern, wie
ich sicher glaube, fast alle übrigen Einwohner der Insul, vom gröster bis zum
kleinesten, bei uns als dem grössesten Hauffen, versammleten, als zu welchem
sich auch die drei Herren Geistlichen verfügten.
    Endlich wurde der Himmel nach und nach helle und klar, und dergestallt mit
himmelblauer Farbe bemahlt, dass sich unsere erschrockenen Hertzen einiger
maassen zu erhohlen schienen; mit der aufsteigenden Sönne aber begunte auch
unsere Grossmut nach und nach aufzusteigen, zumahlen, da wir nichts weiter von
einiger Erd-Erschütterung verspüreten. Die Seiger-Glocke liess 9. hellklingende
Schläge von sich hören, worüber wir uns ungemein erfreueten, da wir vorhero in
Furchten gestanden, es würde die Uhr gäntzlich ruinirt sein. Demnach stund unser
Regent, Albertus II. welcher in Wahrheit ein würdiger Nachfolger seines sel.
Vaters, Alberti I. ist, so wohl in dem, was die Gottesfurcht, als auch die
politische Klugheit und andere Tugenden anbetrifft, von der Erden auf. Es tat
aber derselbe an uns alle, die wir um ihn wie die Schaafe herum lagen, ex
tempore folgende Rede:
                       Meine Kinder, Brüder und Freunde!
Es haben zwar von euch nur einige gesehen und gehöret, was vor besondere grosse
Wunder-Zeichen in vergangener Nacht geschehen; Alle aber haben wir empfunden,
was uns der Allmächtige GOtt im Himmel, durch das erstaunliche Erdbeben, vor ein
grausames Schrecken eingejagt, dergleichen Erdbeben wohl, so lange die Welt
gestanden, auf dieser Insul nicht geschehen sein mag.
    Mein in GOtt ruhender Vater hat mir, da ich sein ältester Sohn bin, sehr
viele mal erzählet, dass er Zeit seines Aufentalts auf dieser Insul zu
verschiedenen mahlen Erderschütterungen verspüret, welche aber doch leidlich
gewesen, und ich selbst, habe seit den Jahren meiner Jugend bis hierher
verschiedene Erdbeben mit vielen Schrecken, Furcht und Erstaunen bemerckt;
jedoch ein solches, wie es sich in verwichener Nacht empfinden lassen, noch
niemahls. Es kann sein, dass der Allmächtige GOtt diese Insul zerreissen, und in
die Tieffe des Meeres versencken, mitin uns alle verderben will, und zwar um
unserer Sünden willen. Wolten wir gleich sagen, wir tun wenig oder keine Sünde,
1) Wir fürchten und lieben GOtt. 2) Wir fluchen und lästern nicht so, wie man
wohl höret, dass es bei andern Nationen eine gemeine Mode ist. 3) Wir heiligen
den Feiertag, besuchen auch auser dem fleissig die Kirche, und gehen ordentlich
zum heil. Abendmahle. 4) Wir lieben, fürchten und gehorsamen unsern
Vorgesetzten, Lehrern und Eltern. 5) Man hat noch nie erhört, dass auf unserer
Insul eins das andere boshafter Weise beschädigt, verwundet oder wohl gar todt
geschlagen hätte. 6) Auch ist noch nie erhört, dass unter uns, die wir alle eines
Geblüts und Geschlechts sind, Unkeuschheit wäre verspüret worden. 7) Wer kann
auftreten und sagen, dass diesem oder jenem etwas, auch so gar das geringste,
heimlicher Weise gestohlen und entwendet worden? 8) Von Lügen, Verraten und
Affterreden gegen einander wissen wir nichts, weil wir keine Ursache darzu
haben, und uns bis auf den Tod ins Hertze hinein schämen müsten, wenn, da die
Lügen an Tag kämen, wir wie Butter an der Sonne bestünden. 9) Keiner unter uns
begehret seines Nächsten Haus, Gut noch Erbe, oder sucht selbiges unter diesem
oder jenem Scheine an sich zu ziehen und zu bringen, weilen ein jeder unter uns
so beqvemlich lebt, als er nur immer zu leben wünschen kann, und wenn ja etwa
dieses oder jenes zu Verbesserung seiner Beqvemlichkeit ermangeln sollte, so sind
mehr als 100. Hände und Füsse da, die ihm, ohne Belohnung zu fordern, zu
Diensten stehen. 10) So hat man auch bis auf diese Stunde kein eintziges
Exempel, dass das zehende Gebot GOttes, so wie es in Luteri Catechismo ausgelegt
ist, von jemanden übertreten worden; denn wir haben ja nicht die geringste
Ursache darzu, weilen sich ein jeder nach seinem Appetite wohl beraten, zu dem,
wenn wir auch die heil. Schrifft bei Seite legten, so könten wir doch so gut,
als die blinden Heiden, die von GOtt nichts wissen, wohl erkennen, dass dieses
unter einer menschlichen Gesellschaft ein schändliches Laster sei. Da zumahlen
unsre Herrn Geistlichen uns, den, den Heiden unbekannten GOtt, nach ihrer
menschlichen Möglichkeit und durch die Krafft des heil. Geistes erleuchtete
Gelehrsamkeit und Beredtsamkeit von einer Zeit zur andern bekannter machen, auch
den Rat GOttes wegen unserer Seligkeit wöchentlich nicht einmal, sondern
etliche mahl vortragen.
    Meine Kinder, Brüder und Freunde! was ich itzo gesagt habe, das habe ich
allen auf dieser Insul lebenden menschlichen Kreaturen gesagt. Ich habe nicht
bloss aus meinem, sondern aus eurer aller Munde geredet, führe euch aber dieses
zu Gemüte, dass, wenn wir in Betracht des obgemeldeten sagen wollten: Wir hätten
keine Sünde, so verführeten wir uns selbst, und die Wahrheit wäre nicht in uns.
Denn alles dieses obgemeldte ist wohl gut und aller Ehren wert, aber, aber!
alles dieses ist doch auch noch lange nicht hinlänglich, die Seligkeit zu
erwerben, sondern es gehöret noch ein weit mehreres darzu, welches unsere
Seelsorger besser und deutlicher, als ich Ungelehrter, mit meiner schwachen
Zunge vortragen können. Unterdessen, da ich vor wenig Nächten, wie ich
festiglich glaube, und dessen in meinem Hertzen versichert bin, einen göttlichen
Traum gehabt, den ich bei nächster Gelegenheit offenbahren, und unsere Herrn
Geistlichen und andere Gelehrte und kluge Leute darüber will urteilen lassen,
so hoffe, es soll vor dissmahl weiter keine Not mit uns haben; Derowegen habt
guten Mut, und lasset uns beisammen bleiben, bis die Glocke 12. geschlagen hat.
Wer mit Speise und Tranck nicht versorgt ist, kann in mein Haus gehen, allwo vor
uns alle gnugsamer Vorrat vorhanden ist, und sich sättigen, auch den Seinigen
zur Notdurfft, so viel er tragen kann, mit herunter bringen. Wir werden nicht
sterben, sondern leben, und des HERRN Werck verkündigen, und nach überstandener
Furcht und Schrecken unsern GOtt zu loben und zu preisen die gröste Ursache
haben. Ich weiss es aus gewissen Umständen ganz gewiss, denn ich bin nicht allein
als euer aller Vater, sondern auch als euer Prophet zu betrachten. Gebt Achtung!
es wird binnen jetzo und etwa einer Viertels-Stunde sich eine ganz gelinde
Erd-Erschütterung spüren lassen, aber dieserhalb erschrecket und fürchtet euch
nicht, sondern heiliget GOtt den HErrn in euren Hertzen. Ist dieses vorbei, so
werden wir Ruhe haben. Sagt mir, was wollen wir anders anfangen? Hätten wir auch
Flügel wie Tauben und Flügel der Morgenröte, dass wir flöhen und zusähen, wo wir
etwa blieben? Ja hätten wir auch 100. Seegel-fertige Schiffe, worauf wir uns mit
unsern besten Sachen einzuschiffen, und einen andern Ort unsers Aufentalts
suchen wollten? Was will das helffen? Der Hand des Allmächtigen können wir nicht
entrinnen, wenn sie uns, wie ich doch nicht hoffe, verderben will. Also ist es
besser, wir bleiben hier beisammen, und warten mit christlicher Geduld und
Gelassenheit ab das, was der Himmel fernerweit über uns verhängt hat.
Unterdessen seid so gut, und stimmet mit mir das Lied an: Wo soll ich fliehen
hin etc.
    Nachdem der Regent und wir alle dieses Lied mit gröster Hertzens-Andacht
kaum ausgesungen, verspüreten wir eine kleine Erd-Erschütterung, die doch allen
denen, die auf der Erden lagen, nicht anders vorkam, als ob sie gewieget würden.
Es währete dieselbe kaum 5. bis 6. Minuten, worauf alles stille war.
    Nach diesem stund Albertus wieder auf, und redete mit heroischen Geiste und
Munde folgendes: Nun getrost und unverzagt, meine Lieben! Der Geist des HErrn
sagt es mir, dass nunmehro alles vorbei sei, sollte GOtt aber dennoch ein
Straf-Gericht über uns beschlossen haben; wohlan so lasset uns lieber in die
Hände des HErrn fallen, als in die Hände der Menschen. (Worauf er mit diesen
Worten zielete, will ich weiter unten melden.) Hierauf stimmete er seines Vaters
auserlesenes Hertzens-Lied an: Es woll uns GOtt genädig sein etc.
    Nachdem wir dieses insgesammt ausgesungen, fieng die Sonne am
blau-gewölckten Himmel dergestalt zu brennen an, dass wir auf dem freien Platze
nicht länger vor Hitze zu bleiben wussten, weswegen wir uns nach schattigten
Oertern umsahn, und sämmtlich nach der Alberts-Raumer Alleè spatzireten.
Hierbei bewunderte ich, dass unter so vielen 100. Personen kein eintziges weder
Hunger noch Durst klagte, vielweniger sich bemühen wollte nach der Alberts-Burg
zu gehen, und Speise und Tranck zu holen.
    Wie wir uns nun in besagter Alberts-Raumer Alleè auf beiden Seiten rangirt
und gelagert hatten, trat Herr Mag. Schmelzer Sen. den ich wohl mit Recht unsern
Bischoff nennen kann, auf einen etwas erhabenen kleinen Hügel, breitete seine
Hände aus gen Himmel, und intonirte mit seiner penetranten Bass-Stimme diese
Worte:
        HErr, hilff uns, sonst versincken und verderben wir!
Hierauf antwortete das Chor der musicalischen Vocalisten, welchem es schon
    unterwegs vorgesagt war, also:
        Da die Elenden riefen, hörete der HErr, und half ihnen aus allen ihren
            Nöten.
Auf dieses intonirte Herr Mag. Schmeltzer wieder diese Worte:
        GOTT spricht: Ich bin der HERR dein GOtt, wandele für mich und sei
            fromm: Ruffe mich an in der Zeit der Not, so will ich dich
            erretten, und du solt mich preisen.
Die Antwort des Chori Musici war diese:
        Verlass mich nicht, HErr, mein GOtt! sei nicht ferne von mir. Eile mir
            beizustehen, HErr, meine Hülffe!
    Hernach zog Hr. Mag. Schmeltzer seine Hand-Bibel hervor, welche er, wie ich
bemerckt, beständig in seiner rechten Rock-Tasche bei sich führete, schlug
dieselbe auf, und lass uns den 85. Psalm vor. Er hat mich nach der Zeit teuer
versichert, dass er sich ein ganz ander Dictum aus dem Buche der Weissheit
erwählet gehabt, dasselbe zu erklären, und uns daraus zu trösten, allein, da er
im ersten Aufschlage den 85. Psalm erblickt, habe er diesen zum Grunde seiner
Rede genommen, weil ihm derselbe sehr omineus vorgekommen wäre.
    Viele, so diese meine Geschichts-Beschreibung lesen, möchten vielleicht zu
commode sein, etwa die Bibel erstlich herbei bringen zu lassen, derowegen will
sie dieser Mühe überheben, und den ganzen Psalm der Kinder Korah, welcher unter
den Davidischen der 85ste ist, so gleich mit hersetzen, es lautet derselbe also:
HErr, der du bist vormahls gnädig gewesen deinem Lande, und hast die Gefangenen
Jacob erlöset.
    Der du die Missetat vormahls vergeben hast alle deinem Volcke, und alle
ihre Sünde bedeckt, Sela!
    Der du vormahls hast allen deinen Zorn aufgehaben, und dich gewendet von dem
Grimme deines Zorns.
    Tröste uns, GOtt, unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns.
    Wilt du denn ewiglich zürnen über uns, und deinen Zorn gehen lassen immer
für und für?
    Wilt du uns denn nicht wieder erqvicken, dass sich dein Volck über dir freuen
möge?
    HErr, erzeige uns deine Gnade, und hilff uns!
    Ach! dass ich hören sollte, dass GOtt der HErr redete, dass er Friede zusagte
seinem Volcke, und seinen Heiligen, auf dass sie nicht auf eine Torheit
geraten.
    Doch ist ja seine Hülffe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande
Ehre wohne.
    Dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.
    Dass Treue auf der Erden wachse, und Gerechtigkeit vom Himmel schaue.
    Dass uns auch der HErr Gutes tue, damit unser Land sein Gewächs gebe.
    Dass Gerechtigkeit dennoch für ihm bleibe, und im Schwange gehe.
    Nach Ablesung dieses Psalms, machte Hr. Mag. Schmeltzer eine weitläufftige
Erzählung, der uns und unsern Vorfahren, vornehmlich auf dieser schönen
fruchtbaren Insul, ganz besonders erwiesenen Gnade GOttes, ermahnete uns anbei,
dass wir uns derselben Erinnerung niemahls sollten aus dem Hertzen kommen lassen,
auch beständig unser Vertrauen auf den allmächtigen, barmhertzigen Vater im
Himmel setzen, als worzu uns die bisherigen Begebenheiten ganz besonders
erweckten. Ferner, (sagte er:) dass GOtt, wie er vestiglich glaubte, laut des
verlesenen Psalms seinen Gläubigen mit seiner Hülffe nahe sei, und uns also vor
dissmahl noch nicht werde verderben lassen. Unterrichtete zuletzt, dass des Landes
Wohlstand, der in Gottesfurcht und in Fruchtbarkeit der Erden bestünde, auch in
fleissigen Vollbringen dessen, was einem jeden nach seinem Stande und Beruffe
zukäme, als worein sich ein jeder nächst GOtt, gutwilliger Weise selbst gesetzt,
sonderlich wenn Liebe, Friede und Gerechtigkeit bei einander wohneten, gab
darbei zu vernehmen, dass 1000. und mehr grosse und kleine Erd-Teile auf dieser
Welt wären, worinnen die Einwohner die besondern Gnaden-Gaben GOttes nicht
sattsam erkennen wollten. Letzlich überführete er uns, so zu sagen, dass wir
Felsenburger vor 1000. andern die glückseligste und vergnügteste Gesellschaft
wären, mitin uns auch vor allen andern Menschen distinguiren müsten, um dem
Allmächtigen immer gefälliger zu werden, damit er uns nicht zerstreue oder
gäntzlich verderbe, dieses aber könnte nicht anders geschehen, als durch ein
wahres Christentum.
    Nach vollendeten Sermon, stimmete er die Lieder an:
O Ewigkeit, du Donner-Wort etc.
Ich armer Mensch, ich armer Sünder etc.
Nimm von uns, HErr, du treuer GOtt etc.
CHriste, du Lamm GOttes etc.
Als Herr Mag. Schmeltzer noch ein kurtzes Gebet aus dem Hertzen getan, sunge er
folgende Worte ab:
        Sei nun wieder zufrieden, meine Seele, denn der HErr tut dir Guts.
Des musicalischen Chori Antwort erschallete also:
    Lobe den HErrn, meine Seele! Ich will den HErrn loben, so lange ich lebe,
        und meinem GOtt lobsingen, so lange ich hie bin, Amen!
    Zu diesen heiligen Gedancken veranlassete unsern lieben Hn. M. Schmeltzern,
wie ich glaubte, der kleine Sprüh- und so genannte Sonnen-Regen, denn
ohngeachtet die Sonne noch in völliger Glut stunde, und uns ihre Strahlen fast
gedoppelt zuschickte, so bedünckte es uns doch, als ob uns ein angenehmer Tau
erqvickte, derowegen giengen sehr viele von unserer Gesellschaft ausserhalb, und
liessen sich mutwilliger Weise Pfütze-nass beregnen. Die kühlen Lüfftgen
erquickten uns, der heftig brennenden Sonne, wie es das Ansehen hatte, zum
Trotze, unterdessen kam doch dem Regenten, welcher noch nüchtern war, eine
kleine Schwachheit an; Er bekannte solches selbst, sagte aber, dass ihm nicht
sein eigener Hunger noch Durst plagete, sondern ihm nur des Volcks jammerte,
vornemlich der unmündigen Kinder, welche ihm sehr nahe giengen.
    Derowegen gaben sich sogleich 50. der stärcksten Männer und auch gleich 50.
der stärcksten Weiber an, welche Erlaubnis baten, auf die Alberts-Burg zu
gehen, und Proviant zu holen. Es wurde ihnen mit gröstem Vergnügen erlaubt, und
sie kamen fast ehe man es sich vermuten können, starck beladen wieder, indem
sie Brod, Butter, Käse, geräucherte grosse Fische, Schincken, Würste, Wein,
Bier, Milch und dergleichen, in Körben, Säcken, und auf Hand-Tragen herbei
brachten. Ausser diesen hatten sich viele Einwohner aus den nächst gelegenen
Pflantz-Städten mit gröster Geschwindigkeit auf den Marsch begeben, und aus
ihren Häusern die besten Victualien geholet, welche sie herbei brachten; also
war eine erstaunliche Menge an Speise und allerlei Geträncke vorhanden, so dass
wir alle, die wir beisammen teils auf der Erde lagen, teils sassen, viele Tage
davon hätten leben können.
    Die Aeltesten und Geschicktesten unter uns, machten sich ein Vergnügen
daraus, die Lebens-Mittel hie und da unter das Volck auszuteilen. Nach
gehaltener Mahlzeit schien die liebe Sonne dergestalt erqvickend und erwärmend,
dass viele Appetit bekamen, unter den schattigen Bäumen eine liebliche und
angenehme Mittags-Ruhe zu halten.
    Da sich aber der Tag zu neigen begunte, und die Sonne vor dissmahl sich im
Meer zu verbergen eilete, liess der Regent allen und jeden Familien melden; wie
er gerne sähe, wenn sich ein jedes unter sein Dach verfügte, weilen doch weiter
hoffentlich nichts erschreckendes zu befürchten wäre; Allein, es wollte keine
lebendige Seele vom Platze weichen, sondern sie baten sich fast einstimmig aus,
dass ihnen noch eine Bet-Stunde gehalten, und der Abend-Seegen von dem Priestern
möchte gegeben werden, worauf sie vor dissmahl ihre Nacht-Ruhe unter freien
Himmel halten wollten.
    Der Regent und wir alle hatten unsere Freude über diese Resolution des
Volcks, der erstere aber befahl, dass etliche starcke Männer 300 Pech- und 150
Wachs-Fackeln von der Burg holen sollten, welchem Befehle denn so gleich
gehorsamet wurde, und die Männer kamen fast eher mit den Fackeln von der Burg
zurücke, als die Dämmerung anbrach, also wurden auf beiden Seiten der Alleè in
gewisser Weite von einander Pech-Fackeln gepflantzt, um den Regenten, graue
Häupter und übrige Personen von Distinction, die wir alle in einem ovalen Creise
sassen, brannten Wachs-Fackeln. So bald dieselben angezündet waren, trat Hr. M.
Schmeltzer Jun. auf, und sunge folgende Worte ab: Psalm 40.
    HErr, mein GOtt! wie gross sind deine Wunder, und deine Gedancken, die du an
        uns beweisest, dir ist nichts gleich. Ich will sie verkündigen, und
        davon sagen, wiewohl sie nicht zu zählen sind.
Hierauf antworteten die musicalischen Vocalisten: Ps.40, v. 14.
    Lass dirs gefallen, HErr, dass du mich errettest, eile, HErr, mir zu helffen.
Nach diesem wurde der Choral gesungen:
    Wär GOtt nicht mit uns diese Zeit etc.
Und Hr. M. Schmeltzer verlass aus seiner Hand-Bibel, aus dem 6. Cap. des
Propheten Jesaiä folgende Verse:
    Und ich hörete die Stimme des HErrn, dass er sprach: Wen soll ich senden? Wer
will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hie bin ich, sende mich. Und er sprach:
Gehe hin, und sprich zu diesem Volcke: Hörets, und verstehets nicht, sehets, und
merckets nicht. Verstocke das Hertz dieses Volcks, und lass ihre Ohren dicke
sein, und blende ihre Augen, dass sie nicht sehen mit ihren Augen, noch hören mit
ihren Ohren, noch verstehen mit ihren Hertzen, und sich bekehren. Ich aber
sprach: HErr, wie lange? Er sprach: bis dass die Städte wüste werden, ihre
Einwohner und Häuser ohne Leute, und das Feld ganz wüste liege. Denn der HErr
wird die Leute ferne wegtun, dass das Land sehr verlassen wird. Doch soll noch
das zehende Teil darinnen übrig bleiben, denn es wird weggeführet und verheeret
werden, wie eine Eiche und Linde, welche den Stamm haben, obwohl die Blätter
abgestossen werden. Ein heiliger Saame wird solcher Stamm sein.
    Ich muss bei dieser Gelegenheit melden, dass Hr. M. Schmeltzer Jun. im Lehren
und Predigen weit eifferiger und hitziger ist, als sein Hr. Bruder, und Hr.
Herrmann, welche letztern beide alles mit Sanftmut, Leutseligkeit und
Gelassenheit vortragen. Jener aber pocht und dringet gemeiniglich mit Gewalt und
durchaus auf wahre Busse und Glauben an Christum. Er straffet auch die
allergeringsten Fehler und Verbrechen, die unter uns vorgehen, aufs
allerschärffste, inmittelst kann man nicht müde werden ihm zu zuhören, weilen er
mit seiner etwas lispelnden Zunge 100. Worte vor eines vorzubringen weiss.
    Vor dieses mahl stellete er uns mit Centner schweren Worten vor: Ein
unbussfertiges, und den Christen höchst schädliches Leben, als worauf endlich dem
Texte nach die gäntzliche Verstockung und Verstossung durch das gerechte
Gerichte GOttes erfolgte. Dieses tat er anfänglich mit gröstem Eiffer, hernach
aber gab er mit mehrerer Sanftmut und Leutseligkeit zu vernehmen: wie GOtt der
HErr dennoch immer unter denen bösen und unartigen Welt-Kindern seine Heiligen
und Auserwählten hätte, führete dabei nicht nur verschiedene Exempel aus der
Heil. Schrifft, sondern auch aus der Ecclesiastischen und Politischen Historie,
nachheriger Zeiten an, beschloss endlich seinen Sermon mit diesen Worten: dass, wo
wir nicht erleben wollten, dass es uns eben so, wie den unartigen Kindern Israel
und Juda ergehen sollte, wir in beständiger Büssfertigkeit leben müsten, als
welches allein das beste Mittel sei, dem erzürnten, gerechten GOtte in die Arme
zu fallen, und die Straf-Rute aus seiner Hand zu winden etc.
    Hierauf tat er ein andächtig Gebet aus dem Hertzen, und stimmete den
Choral an:
                     GOtt, man lobt dich in der Stille etc.
und nachdem noch einige Abend-Lieder gesungen waren, legte sich ein jeder, so
wie er in seiner Kleidung war, im Grase zur Ruhe. Der Regent aber, die grauen
Häupter, die Herrn Geistlichen, und andere mehr, welche das Regiments-Ruder mit
führen halffen, blieben noch munter und beratschlagten: ob es nicht löblich,
christlich und billig wäre, wenn wir, da doch nunmehro aller Sturm und Schrecken
vorbei, gleich morgendes Tages ein solennes Danck-Fest in unserem GOttes-Hause
anstelleten; Allein, ein und anderer Ursachen wegen wurde beliebt, dieses
solenne Danck-Fest bis auf nächst-künftigen Sonntag zu verschieben.
    Früh Morgens, so bald die hellgläntzende Sonne unsern Horizont bestrahlete,
liessen sich etwas von ferne 2. Trompeter mit ihren Trompeten hören, welche alle
7. Verse des Chorals: Aus meines Hertzens-Grunde etc. ausbliesen, und damit Gross
und Klein aus dem Schlaffe erweckten. Wie nun alles munter und wach war, trat
Hr. Herrmann auf, und intonirte folgendes:
    Israel, hoffe auf den HErrn, denn bei dem HErrn ist die Gnade und viel
        Erlösung bei ihm.
    Hierauf antwortete das musicalische Chor:
        Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.
    Nachdem das Morgen-Gebet von Hn. Herrmann vorgesprochen worden, wurde das
Lied gesungen:
                        Aus meines Hertzens-Grunde etc.
    Sodann hielt er einen ungemein erbaulichen Sermon über den 125. Psalm,
welcher also lautet:
    Die auf den HErrn hoffen, werden nicht fallen, sondern ewig bleiben, wie der
Berg Zion.
    Um Jerusalem her sind Berge, und der HErr ist um sein Volck her, von nun an
bis in Ewigkeit.
    Er applicirte diesen Psalm auf eine ungemein tröstliche, liebreiche und
lebhafte Art, auf unsere Gegend und Umstände, wusste dabei zu sagen: wie GOtt
seine Gläubigen in ihrer Hoffnung nicht fallen liesse, oder zugäbe, dass sie
darinnen betrogen würden, sondern ohngeachtet aller gefährlichen Umstände und
Irrwege sie dennoch endlich erlangten, was sie geglaubt, und im Vertrauen auf
ihn gehoffet hätten.
    Nach vollendetem GOttesdienste wurde dem sämmtl. Volcke beim Frühstück
angedeutet, dass sie alle vom Grösten bis zum Kleinesten, auf den
nächstkünftigen Sonntag, so bald der dritte Canonen-Schuss von der Burg
geschehen, sich in unserm GOttes-Hause einfinden möchten, weilen ein solennes
Danck-Fest sollte gehalten werden; Vorjetzo aber könnte ein jedes, ohne Furcht und
Zaghaftigkeit, sondern in guter Zuversicht, Hoffnung und Vertrauen auf GOtt,
seine Wohnung suchen, und die gewöhnliche Arbeit nach Vermögen verrichten,
weilen allem Ansehen nach, keine fernere Gefahr mehr zu besorgen wäre etc.
    Also sah man nach Verlauf einer Stunde, wie sich das Volck aus einander und
in verschiedene Hauffen oder Corps zerteilete, die nach ihren Pflantz-Städten
und Wohnungen zu spatzireten. Den Regenten convoyirten wir übrigen auf seine
Burg, und liessen ihn daselbst in Gesellschaft der grauen Häupter und der Hrn.
Geistlichen. Unserer einige aber, die am curieusesten waren zu besichtigen, was
doch wohl durch das Erdbeben auf der ganzen Insul vor Schaden verursacht
worden, beredeten uns unter einander, dass eine Partie Rechts, die andere aber
Lincks um die Burg patrouilliren, die Pflantz-Städte visitiren, und alles aufs
genaueste anmercken sollte, am dritten Tage wollten wir insgesammt einander auf
der Alberts-Burg wieder antreffen.
    Dieses wurde vollbracht, und am dritten Tage rapportirten wir dem Regenten,
grauen Häuptern, Priestern und andern versammleten guten Freunden dieses:
    1) Dass nicht einmal ein Hüner-Stall, geschweige denn ein Haus oder Scheure
auf der ganzen Insul sonderlich beschädigt, vielweniger gestürtzt worden. Doch
wäre überall an denen Fenstern ein grosser Schade geschehen, indem die meisten
Scheiben zersplittert wären, auch mancher fast gar kein ganz Fenster mehr im
Hause hätte.
    2) Hergegen wäre es ein rechtes Wunderwerck zu nennen: dass in der Glas-Hütte
und in dem Glas-Magazin, als worinnen ein gewaltiger Vorrat von allerhand
Sorten Gläsern, Glas-Taffeln und Scheiben befindlich, nicht ein eintziger
Splitter oder Scherbel zu finden, sondern alles noch ganz und unversehrt. Der
Factor und andere Glas-Leute hätten gemeldet, dass wir allzusammen auf der
ganzen Insul das Erdbeben nicht heftiger könten empfunden haben, als sie es
empfunden; wäre also diese Erhaltung des Glases vor ein rechtes Wunder zu
achten.
    3) Aber unsere guten ehrlichen Töpffer wollten sich fast nicht trösten
lassen, da sie von ihrem ansehnlichen Vorrate von allerlei Sorten
Töpffer-Geschirre, kaum den 4ten Teil, wohl aber Scherbel genug aufzuweisen
hätten; über dieses so wären die Eingänge zu den Ton-Gruben verfallen und
eingestürtzt, jedoch versicherten sie, uns vom annoch vorrätigen Tone, Töpffe,
Schüsseln und dergleichen wohl noch auf ein halb Jahr lang zu verschaffen, da
man denn mittlerweile, wenn sie nur Gehülffen bekämen, die Ton-Gruben wieder
aufräumen könnte.
    4) Diejenigen, so am nächsten an der grossen See wohnen, hätten referirt,
dass schon Tages vorhero, ehe sie das Erdbeben verspüret, sie in der
Mittags-Stunde gewahr worden, dass eine grosse Menge der schönsten und
vortrefflichsten Fische von allerhand Gattung, deren etliche über 6. 8. und noch
mehr Pfund gewogen, abgestanden, und die Bäuche auf dem Wasser in die Höhe
gekehret. Etliche der besten, an welchen sie noch einiges Leben verspüret,
hätten sie geschlachtet und gegessen, die übrigen aber, (so viel sie mit ihren
Hamen fangen können) weilen ihnen die Sache bedencklich vorgekommen, und sich
fast ein Eckel bei ihnen erregen wollen, in den Fluss geworffen, weilen sie
befürchtet, es möchten etwa auf den Eckel Kranckheiten erfolgen.
    5) Zu bewundern wäre, dass auf dem GOttes-Acker nicht ein eintziger
Leichen-Stein umgefallen, auch an den Pyramiden nicht das geringste beschädigt,
doch an der Nord-Seite wäre ein Stück Mauer, ohngefehr 4. oder 5. Ruten lang,
eingeschossen.
    6) In unserer Kirche fänden sich 19. Orgel-Pfeiffen, teils auf dem
Orgel-Chor liegend, teils aber waren bis herunter aufs Pflaster gefallen,
sonsten aber wäre in der Kirche nichts beschädiget, ausgenommen, dass die Fenster
eine starcke Ausbesserung brauchten.
    7) Eben also sähe es auf der Albertus-Burg aus, weilen wenig ganze Fenster
darinnen anzutreffen, sonsten aber bemerckte man darinnen keinen besondern
Schaden, als in einem unterirrdischen Gewölbe, und oben im Bogen desselben einen
starcken Riss, so dass man wohl mit dem Arme hinauf in die Höhe fahren könnte, es
ging derselbe oben im Bogen von Norden gegen Süden zu.
    8) Ein und andere kleine Schäden, die hie und da in den Pflantz-Städten
bemerckt worden, belohneten sich kaum der Mühe, dass man davon redete.
    9) Eins wäre noch merckwürdig, dass eins von unsern allergrösten
Saltz-Gewölbern oder Gruben eingeschossen wäre, welches uns aber keinen Schaden,
sondern vielmehr Vorteil brächte, immassen dadurch die Mühe auf eine Zeitlang
erleichtert würde, das Saltz auszuhauen.
    Dieses waren also die Haupt-Stücke unseres Rapports, worauf sich ein jeder
bei dem Regenten und grauen Häuptern beuhrlaubte, und seine ordentliche Wohnung
suchte, allwo wir insgesammt in ungestöhrter Ruhe blieben, und ein jeder das
seinige verrichtete.
    Nächstfolgenden Sonntag, etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen, lösete
ich binnen drei viertel Stunden 3. Canonen, eine nach der andern. Hierauf
begaben sich unsere Hn. Musici auf dem Turm, und sungen unter Trompetenund
Paucken-Schall den Choral ab: Nun lob, mein Seel, den Herren etc.
    Es war von der Alberts-Burg herunter ungemein charmant anzusehen, wie die
Felsenburgischen Einwohner, alt und jung, von allen Seiten daher gezogen kamen
wie die Bienen. Da man nun bemerkte, dass die allermeisten schon zur Stelle
waren, wurde mit allen Glocken geläutet. (Hierbei muss melden, dass wir gleich
nach der Abreise des Capitains Horn, eine vortrefflich grosse und schöne Glocke
gegossen, welcher das Glück ohne unsere Kunst und Geschicklichkeit und über
unser Vermuten den tieffsten Ton C. inspirirt, und zwar dergestalt
wohlklingend, dass ein jeder seine Freude daran haben musste, sie wurde nicht alle
Sonntage, sondern nur alle hohe Fest-Tage geläutet, jedoch wurden ein und alle
Tage, und zwar früh Morgens um 6, Mittags um 12, und wieder Abends um 6. Uhr,
jedes mahl drei Schläge, zur Ermunterung zum Gebet, von derselben gehöret.)
    So bald unser Regent in seinem Trage-Sessel herunter gebracht worden, und
seine gewöhnliche Stelle in Besitz genommen hatte, wurde erstlich gesungen:
Komm, heiliger Geist etc.
    Hernach trat Hr. M. Schmeltzer vor den Altar, und verrichtete die Kirchen-
Ceremonien, wie sonsten gebräuchlich. An statt der Epistel verlass er das 41.
Cap. des Propheten Jesaiä, und an statt des ordentlichen Sonntags-Evangelii den
107. Psalm, als welcher auch vor dissmahl der Text zur Predigt war. Vor der
Predigt musicirten unsere Herrn Musici folgende
                                    CANTATA.
                                     Aria.
Bebet nicht mehr, Fels und Erde,
Denn der Himmel ist uns hold,
Schaut der Sonnen schönstes Gold!
GOtt erbarmt sich seiner Heerde:
Denn sie will nun Busse tun,
Demnach lasst uns sanfte ruhn.
Bebet nicht mehr, Fels und Erde,
Denn der Himmel ist uns hold.
                                   Recitativ.
GOtt Lob! dass wir nach überstandnen Schrecken
Diss unser GOttes-Haus mit Freuden wieder sehn.
GOtt hat bisher scharf gedroht;
Warum? wir haben sein Gebot
So vielmahl übertreten.
Ach! last uns Busse tun,
Und nicht im Sünden-Schlaffe ruhn;
Ein jeder lasse sich erwecken,
Aus Hertzens-Grund'
Mit Zung' und Mund
Zu singen und zu beten.
                             Dictum. Ps. 94, v. 18.
    Ich sprach: mein Fuss hat gestrauchelt, aber deine Gnade, HErr, erhielt mich.
Ich hatte viel Bekümmernis in meinem Hertzen, aber deine Tröstungen ergötzten
meine Seele.
                                    Choral.
Darum auf GOtt will hoffen ich,
Auf mein Verdienst nicht bauen.
Auf ihn mein Hertz soll lassen sich
Und seiner Güte trauen,
Die mir zusagt sein wertes Wort,
Das ist mein Trost und treuer Hort,
Dess will ich allzeit harren.
                                   Recitativ.
GOtt! wenn wir gleich von allen Sünden rein,
Auch reiner als der Mond
Von Flecken sollten sein,
So müsten wir doch frei gestehn,
Dass du uns bis auf diesen Tag verschont:
Denn Jung' und Alt
Die fehlen alle mannigfalt.
Doch aus Barmhertzigkeit
Hast du uns nicht gleich nach Verdienst gelohnt,
Vielmehr zu unserm Wohlergehn
Uns durch die Finger oft gesehn.
Bleib ferner unser GOtt,
Du starcker Zebaot,
So hat es mit uns keine Not.
                                     Aria.
Was können wir vor Opffer bringen
Dir, der du uns erschaffen hast,
Und oft erlöss't aus mancher Last?
Wir dancken, loben, beten, singen,
Gold, Weirauch, Myrrhen sind zwar da,
Und zwar in grosser Menge,
Doch, deine Kinder wissen ja,
Dass dieses eitele Gepränge
Dir nicht gefällt, die Hertzen eintzig und allein
O Vater! dir die angenehmsten Opffer sein.
                                   Recitativ.
Nimm unsre Hertzen hin,
Und lass sie bei dir schweben,
Hernach dort in der Seeligkeit
In süssester Zufriedenheit
Aufs neue wieder leben:
Wir sagen dir Lob, Preis und Danck,
Und singen diesen Lobgesang.
                           Dictum. Psalm. 96, v. 11.
    Himmel freue dich, und Erde sei frölich, das Meer brause, und was drinnen
ist. Das Feld sei frölich, und alles was darauf ist, und lasset rühmen alle
Bäume im Walde. Für dem HErrn, denn er kömmt zu richten das Erdreich. Er wird
den Erdboden richten mit Gerechtigkeit, und die Völcker mit seiner Wahrheit.
                                    Choral.
Unter deinen Schirmen
Bin ich für den Stürmen
Aller Feinde frei.
Lass den Satan wittern,
Lass den Feind erbittern,
Mir steht JEsus bei.
Ob es jetzt gleich kracht und blitzt?
Ob gleich Sünd und Hölle schröcken?
JEsus will mich decken.
Trotz, dem alten Drachen,
Trotz, des Todes-Rachen,
Trotz, der Furcht darzu!
Tobe Welt und springe,
Ich steh hier und singe
In gar sichrer Ruh:
GOttes Macht hält mich in Acht,
Erd und Abgrund muss verstummen,
Ob sie noch so brummen.
    Diese ungemein wohl componirte Cantata ergötzte die ganze Gemeine, mich
aber delectirte am allermeisten das erste Wort: Bebet, welches der Componist so
artig ausgedrückt hatte, dass es unvergleichlich und nicht anders als ein kleines
Erdbeben zu betrachten war, denn die bereits reparirte Orgel, die Violons,
Fleutes-traverses, Fagotts, und dergleichen Instrumente, machten so ein artiges
Beben, dass man sich darüber vergnügen musste, wie denn auch in der ersten Aria zu
einigen Zeilen und Worten die Violinen Pizzicato gespielet wurden. Kurtz! es
nahm sich diese Cantata ungemein wohl aus.
    Zwischen der Predigt, welche Hr. M. Schmeltzer Sen. ablegte, wurde der
Choral abgesungen: Ach GOtt! sehr schrecklich ist dein Grimm etc. Nach
abgelegter Predigt intonirte Herr Mag. Schmeltzer vor dem Altare das Te Deum
laudamus &c. welches unter Trompeten- und Paucken-Schall abgesungen wurde,
auch wurden bei den gewöhnlichen Absätzen, jedes mahl 6. auf der Burg stehende
Canonen gelöset, die sich auf einmal hören liessen.
    Als der GOttes-Dienst vor dieses mahl in der Kirche vollbracht war, wurde
nochmahls mit allen Glocken, 3. Pulse hinter einander her geläutet, worauf sich
Trompeten und Paucken vom Turme herunter lustig hören liessen, und darauf
wurden die Melodeien der Lieder: Nun lob mein Seel den Herren etc. und Es woll
uns GOtt genädig sein etc. mit Zincken und Posaunen abgeblasen.
    Alles kribbelte und wibbelte um die Kirche herum von grossen und kleinen
menschlichen Kreaturen, so dass man seine Lust bloss an den Kindern sah, welche
zwar ihre Freude und Lustbarkeit, aber keine Bosheit bezeigten. Mittlerweile, da
wir diese Lust hatten, wurde eine Canone abgefeuert, und darauf mit Trompeten
und Paucken zur Tafel geruffen. Es wusste ein jeder unter uns schon seinen Platz,
entweder auf der Burg bei dem Regenten, oder auf Hr. Wolffgangs grünen
Grase-Tafel-Platze, allwo ein jeder Stamm seine besondere Tafel hatte, welche
Tafeln nunmehro aber, da sich die Stämme ziemlich vermehret, fast zu klein
werden wollten, derowegen mussten einige sich bei andern einflicken. Es verfügte
sich alles Volck in der schönsten Ordnung dahin, weilen nun schon 3. Tage vorher
alle Anstalten zur Speisung und Tränckung des Volcks gemacht waren, so setzten
sich nach gesprochenem Tisch-Gebet Jung und Alt nieder, hernach wurden so gleich
die Speisen aufgetragen, als nämlich:
    1) eine delicate Suppe von Fleisch-Brühe Schild-Kröten Eyern, und dem
kostbarsten Gewürtze gemacht.
    2) Allerlei gekochtes, wildes Flügelwerck mit Reiss und Gewürtz, denn NB. das
zahme Europæische Flügelwerck spareten wir dennoch noch immer, ohngeachtet wir
damahls schon eine gewaltige Menge von Puter-Hühnern, Haus-Hühnern, Gänsen,
Endten, Tauben, etc. hatten.
    3) Gekochtes Hirsch-Fleisch mit Wurtzeln, die dem Geschmacke nach, weit
delicater sind, als die Pastinacken- Haber- Petersilien- und Zucker-Wurtzeln in
Europa.
    4) Allerlei Sorten von Fischen, worbei vor diejenigen, welche sie nicht gern
bloss aus dem Saltze zu essen beliebten, eine delicate Palm-Sects-Brühe zugleich
mit hingesetzt wurde.
    5) Wurde auf jede Tafel, nachdem dieselbe starck war, ein am Spiesse
gebratenes Rehe, ingleichen eine ganz gebratene wilde Ziege, auch dieser Braten
wohl zwei, aufgesetzt, nebst allerhand Sorten von Sallaten und eingemachten
sauer und süsser Früchte.
    6) Hatten unsere Köche noch ein gehacktes ungemein wohlschmeckendes
Fleisch-Gerichte zubereitet, und dieses fand fast noch mehr Liebhaber, als alle
vorhergehende Speisen.
    7) An statt des Confects kamen ganze Körbe voll von allerhand Arten der
edelsten Baum- und Garten-Früchte, wie auch etliche grosse Kuchen, und eine
ziemliche Menge kleines Butter- und Schmaltz-Gebackenes.
    Bei allen diesen Tractamenten war kein Mangel am Weine, und zwar vom
allerbesten, wie er auf der Insul wuchs, noch weit weniger war Mangel am Biere.
    Ich hatte meine besondere Freude über das Volck, und war dieserwegen ganz
heimlich von des Regenten Tische geschlichen, um diese starcken Heerden nur
speisen zu sehen.
    Die Herren Geistlichen hatten unter einander verabredet, selbigen Nachmittag
keine Kirche zu halten, sondern das Volck einmal recht mit Appetit speisen zu
lassen. Dieses wurde bei allen Tischen dem Volcke verkündiget, jedoch dabei
auch: dass Morgen früh etwa eine Stunde nach Aufgang der Sonnen eine Bet-Stunde
in der Kirche sollte gehalten werden, da sich denn die andächtigen und GOttes
Wort liebenden Hertzen, nach ihrem Belieben einfinden könten, so bald das
Zeichen durch einen Canonen-Schuss gegeben worden.
    Da man merckte, dass sich die Sonne zum Untergange neigen wollte, nahmen nicht
allein diejenigen, welche auf der Burg bei dem Regenten gespeiset, sondern auch
das ganze Volck Abschied, und sagten Danck vor erwiesene Wohltat, welches man
an aller ihren frölichen Geberden, Bücken und Hände-Klatschen abmercken konnte.
Indem sich nun die Stämme in ihre Hauffen verteilt, liessen sich Trompeten,
Paucken und andere musicalische Instrumente Wechselsweise hören, worüber sich
die Abreisenden ungemein freuen mochten, welches wir daraus schlossen, da sie
immer einmal über das andere die Arme in die Höhe reckten, und mit den Händen
klatschten, welches, wie wir so von weiten nach sehen konten, auch die
kleinesten Kinder taten. Ich, der ich meine Lust an der Artollerie habe,
wünschte ihnen mit noch 12. Canonen- Schüssen eine glückliche Reise und geruhige
Nacht.
    Des andern Morgens früh nach getanen Canonen-Schusse, sah man das Volck
von allen Strassen her schon wieder zusammen kommen, und glaube ich, dass wenige
aussen geblieben waren, denn die Kirche war fast voll. Herr Mag. Schmeltzer Jun.
liess etliche Morgen-Lieder singen, betete hernach vor der ganzen Gemeine den
Morgen-Seegen, und verlass hierauf aus dem 1. Cap. des Propheten Hoseä, den 10.
und 11. Vers, welche also lauten:
    Es wird aber die Zahl der Kinder Israel sein, wie Sand am Meer, den man
weder messen noch zählen kann. Und soll geschehen an den Orte, da man zu ihnen
gesagt hat: Ihr seid nicht mein Volck, wird man zu ihnen sagen: O ihr Kinder des
lebendigen GOttes. Denn es werden die Kinder Juda und die Kinder Israel zu
Hauffen kommen, und werden sich mit einander an ein Haupt halten, und aus dem
Lande herauf ziehen, denn der Tag Israel wird ein grosser Tag sein.
    Als er nun über diese Worte eine ungemein erbauliche und trostreiche Rede
gehalten, wurden noch einige Berufs-Lieder gesungen, worauf er den Seegen
sprach, und zum Schlusse das Lied singen liess:
                      Wunderlich ist GOttes Schicken etc.
    Nach geendigtem Gottes-Dienste zogen unsere lieben Leutchen alle
Heerden-weiss wieder fort, ein jedes nach seiner Pflantz-Stadt, suchte seine
Wohnung, und machte sich an die Arbeit, erstlich dasjenige auszubessern, was ihm
etwa durch das Erdbeben beschädiget war, wieder herzustellen, und hernach an die
Feld-oder andere Beruffs-Arbeit. Wir andere verfügten uns gleichfalls in unsere
Häuser, und nahmen die Schul-Arbeit, auch was ein jeder sonsten sich und der
ganzen Gemeine zum Nutzen vornehmen konnte, aufs neue vor die Hand. Es war um
wenig Wochen zu tun, so fand man alles, und so gar die eingefallene Mauer am
GOttes-Acker, wieder vollenkommen reparirt.
    Endlich kam der Tag heran, der uns Insulaner alle miteinander von Hertzen
frölich machte, es war nämlich der- da wir früh Morgens um 4. Uhr 3. Canonen
lösen höreten, und zwar unsers Bedünckens auf der See gegen Norden zu, nach
accuraten Verlauf einer halben Stunde höreten wir wieder 3. und endlich
nochmahls nach Verlauf einer halben Stunde, abermals 6. Canonen-Schüsse, dieses
war die Losung, so wir mit dem Capitain Horn verabredet hatten, und dieses
wussten alle Schildwachten, derowegen feuerten die Schildwächter, so auf der
Davids-Räumer Höhe stunden, 2. Canonen ab, worauf Capitain Horn, gleich nach
einander, und zwar kaum binnen einer halben Minute 12 Canonen lösen, und so bald
als wieder geladen war, die ganze Ladung geben liess. Dieses war das Haupt-
Signal, derowegen wurde ihm aus allen unsern Stücken, die so wohl auf den Höhen,
als auf der Alberts-Burg stunden, kurtz nach einander, zu 3. mahlen geantwortet.
Ich war viel zu ungeduldig abzuwarten, um zu hören, ob denn der Capitain Horn
wirklich da wäre; derowegen encouragirte nicht nur Mons. von Blac, sondern noch
verschiedene andere, mit mir auf die Davids-Raumer Felsen-Spitze zu gehen. Sie
taten solches mit Plaisier, und wir nahmen unsere allergrösten und grossen
Perspective mit, durch welche wir mit grösten Vergnügen 2. Schiffe in See, etwa
einen Canonen-Schuss weit, von einander liegen, und unsere Flaggen so schöne
darauf weddeln sahen, dass man dieselben, ohngeachtet der Weite, dennoch wohl
hätte abmahlen können, denn beide Schiffe lagen wenigstens noch 3. Meilen hinter
den Sand-Bäncken.
    Da wir nun bemerkten, dass alles richtig wäre, taten wir von der Insul alle
Minuten von einander 2. Canonen-Schüsse von der Davids-Raumer Höhe, welche der
Capitain Horn allezeit accurat beantwortete. Mir aber wurde jedennoch die Zeit
viel zu lang, dieses abzulauren, derowegen liess im Canale das Wasser schützen
und bemühete mich um gute Freunde, und Freiwillige, die mit mir hinunter
stiegen, und die 3. Boote besetzen sollten. Denn NB. wir hatten ausser dem alten
Boote, nur vor weniger Zeit 2. vortrefflich starcke neue Boote verfertiget, in
welchen es sich mit Lust fahren liess, womit wir denn unsern Freunden entgegen
rudern wollten. Ey! was bekam ich nicht vor Zulauff? weit ärger, als ein auf
Werbung liegender Officier, allein wir teilten uns dergestalt ein, dass in
jedes Boot nur 20. Personen zu sitzen kamen. Es musste in der grösten
Geschwindigkeit eine starcke Portion der auserlesensten Victualien, dass beste
Obstwerck nebst dem trefflichsten Weine und andern annehmlichen Geträncke,
zusammen getragen, und durch die Felsen-Höle herunter, und an Boord der Boote
gebracht werden. Niemahls hat man wohl Leute hurtiger, heftiger und
geschicklicher können arbeiten sehen, als vor diessmahl unsere Leute, denn sie
tantzten und sprungen bei ihrer tragenden Last, ob sie gleich manchen ziemlich
schwer zu tragen zu sein schiene. Man kann nicht glauben, in was vor
Geschwindigkeit alles eingeschifft war, derowegen fuhren wir, indem die
Schildwächter von der Höhe 2. Canonen über unsern Häuptern löseten, mit
möglichster Behutsamkeit nach den Sand-Bäncken und auf die 2. fremden Schiffe
zu. Capitain Horn beantwortete diese 2. Canonen-Schüsse mir 4. wir aber konten
wegen contrairen Windes und wegen der gefährlichen Sand-Bäncke die 2. Schiffe
nicht eher erreichen, als bis gegen Abend, indem von unserm Booten immer eins
ums andere auf den Sand-Bäncken sitzen zu bleiben Lust bezeigte.
    Es ist mir unmöglich, die Freudens-Bezeugungen auszudrücken, welche bei der
ersten Bewillkommung, zwischen uns und den Capitain Horn benebst seinem Bruder,
welcher noch vor Nachts glücklich auf Capitains Horns Schiffe eintraf,
vorgiengen. Wir hatten vermeint, ihnen ein Laabsal mit zu bringen, und zwar nur
zum Anbisse, allein wir fanden alles delicater und besser bei ihnen, sonderlich
an Canari Sect und Confituren. So bald die Nacht völlig eingetreten, und es uns
fast Schlaffens-Zeit zu sein bedünckte, liessen beide Capitains die völlige Lage
ihrer Canonen von beiden Schiffen geben, worauf ihnen von der Insul zu 2. mahlen
mit allen Canonen geantwortet wurde, und dieses hatte die Bedeutung des Wunsches
zu einer geruhigen Nacht. Ohngeacht aber zu vermuten gewesen wäre, dass nicht
allein wir, sondern vielmehr die Ankommenden sehr ermüdet sein würden, so wollten
doch Capitain Horn und dessen Bruder sich durchaus zu keiner Nacht-Ruhe bereden
lassen, sondern wir blieben die ganze Nacht munter, und hielten bei einem guten
Glase Canari-Sect die angenehmsten Gespräche bis gegen Morgen, da wir den Caffe
herbei kommen sahen. So bald die Sonne aufgieng, boten beide Capitains mit
einer Salve, aus allen ihren Canonen, den Felsen-Bürgern einen guten Morgen, und
diese bedanckten sich ebenfalls mit einer general-Salve, aus allen ihrem
Geschütz. Hierauf, nachdem wir gefrühstückt, nahmen wir den Capitain Horn allein
mit uns auf unsere Boote, und brachten ihn auf die Insul, wir wollten seinem
Bruder zugleich auch mit haben, allein er protestirte darwieder, und gab zu
vernehmen, wie es sich ganz und gar nicht schickte, oder Manier sei, dass beide
Capitains zugleich von beiden Schiffen giengen, und das Commando fremden Leuten
überliessen. Wir mussten ihm dieses eingestehen, versprachen aber, die
allereiligsten Anstalten zu machen, denselben bald nachholen zu können.
    Indem wir abfuhren, wurden 6. Canonen gelöset, welche die Felsenburger
beantworteten, und unter währender Fahrt, wurden alle 3. Minuten 3. abgefeuert,
welche die Felsen-Burger auch beantworteten, um zu zeigen, dass ihnen es am
Pulver auch nicht fehlete, und wir haben in der Tat auch einen ziemlich
starcken Vorrat von Pulver in unsern Magazinen, deren eins auf der
Alberts-Burg, das andere in Christophs-und das dritte in Simons-Raum befindlich.
    So bald wir durch den Felsen-Gang auf der Insul angelanget, fanden wir
daselbst einen mit 4. Pferden bespanneten schönen neuen Jagd-Wagen, worein sich
der Capitain Horn, Mons. von Blac, Mons. Litzberg und ich setzten, indem wir nun
eingestiegen waren, und fortfahren wollten, tat eine ausgestellete Schild-Wacht
einen Flinten-Schuss, worauf so gleich fast in einem Nu! alle Canonen auf der
ganzen Insul abgefeuert wurden, welches die auswendigen auf den Schiffen
beantworteten. Da wir auf der Burg ausstiegen, wurden abermals alle Canonen
gelöset, und von den auswärtigen darauf Antwort mit ihren ganzen Lagen
erteilet.
    Wir kamen eben noch zur rechten Stunde zur Mittags-Mahlzeit, weswegen der
Capitain Horn nur vorerst eine kurtze Visite beim Regenten ablegte, demselben
die Hand zu küssen, hernach sich zur Taffel führen liess; als an welcher sich die
grauen Häupter, die Herrn Geistlichen und andere Honoratiores eingefunden
hatten. Bei der Taffel wurde wenig geredet, zumahlen da eine douçe Taffel-Music
gemacht wurde, welcher wir alle mit Vergnügen zuhöreten; nachdem die Taffel aber
abgehoben, das Danck-Gebet gesprochen, und ein jeder an seinen behörigen Platz,
der Regent solchen aber oben an der Taffel genommen, setzte sich der Capitain
Horn vor der Taffel dem Regenten gegen über, und fieng diese Rede zu halten an:
                                 Meine Herren!
             Auch allerseits werteste Freunde und geneigte Gönner!
    Wenn ich sage, dass das Glück mit uns Menschen wie mit Bällen spielet, so
wird mich hoffentlich niemand Lügen straffen können. Ich vor meine Person, habe
dieses leider! von meiner Jugend an mehr als allzu empfindlich erfahren, und es
werden sich auf dieser Insul unter unsern werten Freunden nicht wenige finden,
welche dieserwegen mit mir einstimmig sind. Ich will aber diesen Satz, um die
Zeit nicht zu verderben, vorjetzo eben nicht weitläufftig ausführen, sondern nur
in aller möglichsten Kürtze, bis auf eine andere Zeit rapportiren, wie das Glück
mit mir gespielet hat, seit dem ich die letztere Reise von hier nach Europa
angetreten habe. Uber die Fatalitæten auf der Hinreise will ich mich eben nicht
beklagen, denn dieselben vor einen unerschrockenen und unverzagten Mann, vor dem
ich mich ohne eiteln Ruhm mit Recht ausgeben kann, viel zu geringschätzig,
zumahlen da keine besondere Todes-Gefahren vor Augen geschwebt, sondern mit Wind
und Wetter ziemlicher Maassen favorisirt hat. Ich muss demnach sagen, dass ich zu
gesetzter Zeit glücklich in Amsterdam angelanget, auch die mir, von hier aus
aufgetragene Commissiones vermittelst göttlicher Hülffe und unermüdeten Fleiss,
meines selbst eigenen so wohl, als meiner getreuen Beihülffe, glücklich
ausgerichtet, wie ich mich denn dessfalls bald zu legitimiren verhoffe.
    Ich will aber doch erweisslich machen, dass nichts wandelbarer sei, als das
Glück: denn da ich am-- von Amsterdam wieder abgelauffen war, und zwei der
besten Peloten mit mir genommen, auf die ich mich vollkommen verliess, blieb ich
im Texel plötzlich und unverhofft mit meinem Schiffe auf einer gefährlichen
Sand-Banck sitzen, und meinem Bruder wäre es bei einer Haare eben also gegangen,
allein ihm wurde noch in der Geschwindigkeit geholffen, dass er Flott ward, ich
aber musste 3. ganzer Tage und Nächte pausiren, ehe mir geholffen, und ich
wieder Flott gemacht werden konnte.
    Dieses schien mir schon im voraus ein böses Omen zu sein, allein, da Wind
und Wetter noch gut, seegelten wir mit ziemlich getrosten Hertzen nach den
Portugiesischen Küsten zu, konten aber dieselben nicht erreichen, ehe uns ein
heftiger Sturm sehr gewaltig zusetzte, derowegen mussten wir GOtt im Himmel
dancken, dass wir mit Kummer, Not und gröster Gefahr in den Hafen zu Lissabon
einlauffen konten, denn es ist bekannter Maassen der Lissabonische Hafen ein sehr
gefährlicher Hafen, wir traffen in selbigem 2. Holländische Ost-Indien-Fahrer
an, die wohl montirt waren, so wohl mit Geschütze als Volcke. Erstlich sahen
wir, nachdem wir gute Freundschaft mit den Holländern gemacht hatten, uns
genötiget, den Sturm abzuwarten, worüber wir 14. Tage müssig zubringen mussten,
am 15. Tage aber lieffen wir aus, die Ost-Indien-Fahrer giengen voraus, und zwar
dergestalt schnell, dass wir ihnen fast nicht folgen konten. Am 4. Tage nach
unserer Abfahrt bekamen wir sie erstlich wieder in die Augen, und zwar in der
Gegend der grünen Insulen, ersahn aber auch zugleich 3. Corsaren, die auf uns
zu eileten, weswegen wir Not-Schüsse taten, um die Holländer zurück zu ruffen,
diese aber hatten taube Ohren, und zaueten sich über Hals und Kopff, dass sie uns
nur aus dem Gesichte kommen möchten, weswegen ich nicht ohne Ursach glaube, ja
fast in meinem Hertzen überzeugt bin, dass damahls eine kleine Verräterei
darhinter stack.
    Wir bemerckten, dass die Corsaren ungemein starcke Schiffe hätten, auch mit
Volck und Geschütz wohl besorgt wären, derowegen begunte uns bange zu werden,
allein wir beschlossen doch, bis auf den letzten Mann Stand zu halten, und uns
unserer Haut zu wehren.
    Die Corsaren schickten uns 2. von ihren Officiers in einem Boote entgegen,
welche durch einen bei sich habenden Trompeter das Signal geben liessen, dass sie
mit uns Sprache halten wollten, derowegen liessen wir einen Officier an Boord
kommen, welcher uns zu vernehmen gab, wir sollten Seegel streichen, und uns ihnen
gutwillig ergeben, wiedrigenfalls sie uns mit der heftigsten Forçe attaquiren
würden. Wir zeigten ihnen unsere Holländischen Pässe, und führeten ihnen zu
Gemüte, dass ja die Holländer mit allen Barbarischen Republiquen in Friede und
Freundschaft lebten, dahero es ja wider alles Völcker-Recht wäre, wenn sie uns
attaquirten. Allein der Kerl, welcher in Wahrheit einem Barbar weit ähnlicher
sah, als eine Kuh einem Ochsen, gab zur Antwort: Sie fragten viel nach den
Holländern, denn sie wären von vielen Jahren her Frei-Beuter, hätten ihre Pässe
nicht allein von einer, sondern von 3. Republiquen, und nähmen alles weg, was
sie bezwingen könten, derowegen sollten wir uns nur nicht lange weigern, sonsten
würden wir in der Geschwindigkeit attaquirt, und Feuer auf uns gegeben werden.
Aber ich und alle mein Volck, das eine unsägliche Courage hatte, bezeigten kein
Gehör darzu, sondern sagten, wir wollten uns wehren 2. gegen drei, weswegen die
2. Abgeschickten wieder zurück nach ihren Schiffen fuhren, die ihnen mit gröster
Forçe entgegen seegelten. Wenn uns der Wind nur in etwas günstiger gewesen wäre,
so hätten wir noch die Hoffnung gehabt, ihnen zu entkommen, allein vor dissmahl
meinte es der Wind nicht gar zu gut mit uns, derowegen sahen wir uns gezwungen
zu laviren, erblickten aber vorige 2. Abgesandte mit ihrem Trompeter nochmahls,
die so schnell, als sie nur immer konten, auf uns los ruderten, der eine rief
uns, da er noch eine ziemliche Weite von uns war, mit grässlicher Stimme
entgegen: Wollet ihr drei Tonnen Goldes zahlen, so könnet ihr in Friede fahren,
wohin ihr wollet, wo nicht, so geben wir Feuer. Ich hielt mit meinen Officiers
auf dem Oberdeck Schiffs-Rat, und tat ihnen den Vorschlag, dass ich den Barbarn
1. Tonnen Goldes bieten wollte, um nur die Bestien los zu werden, da aber dieses
etliche meiner Leute höreten, fiengen sie gleich an zu murmeln, und der Lerm auf
meinem Schiffe wurde immer grösser, weswegen ich fragte: was das zu bedeuten
hätte? Hierauf traten etliche verwegene Matrosen und Schiffs-Soldaten mir ganz
dreuste unter die Augen, und sagte einer von ihnen ohngefähr diese Worte: Ey!
mit Permission, Herr Capitain, was ist das vor Manier? meint  ihr, dass ihr feige
Memmen unter eurem Commando habt, lasset der Bestien etliche 100. sein, wir
wollen, ob unserer gleich nicht halb, oder des 4. Teils so viel wären, uns
dennoch, ehe wir einen Deut geben, wehren bis auf den letzten Mann.
    Kinder! ( gab ich zur Antwort,) was bekümmere ich mich um eine Tonne Goldes,
die will ich gern aus meiner eigenen Kiste geben, ohne dass einer von euch mir
Zubusse tun, oder ihm etwas an seiner Gage decourtirt werden soll, denn was
wäre es, wenn ich mich mit ihnen in ein Gefechte einliesse? Ihr sehet ja, dass
sie uns überlegen sind, und sollte ich nur einen eintzigen Mann von euch
verlieren, wenn es auch der schwächste und geringste unter euch wäre, so sollte
mich doch dieser weit mehr dauern, als eine Tonne Goldes, denn ich weiss, dass mir
GOtt gute und lauter auserlesene Leute unter mein Commando bescheret hat, darum
folget mir, und last mich dissmahl walten.
    Mit diesen Vortrage erwarb ich mir die Liebe meines Volcks, welches sich
zwar zufrieden zu geben schien, allein es waren doch noch etliche 20. darunter,
welche noch immer murmelten, woran ich mich aber nicht kehrete, sondern den
Barbaren sagen liess, dass ich ihnen einer Tonne Goldes Wert an Gold und Silber
geben wollte, wenn sie uns weiter unvexiret liessen, denn man merckte doch wohl,
dass sie nur ohne Ordre, vor sich eine Frei-Beuter-Zehrung forderten, und zwar
wider alle Raison, weilen die Holländer mit allen Republiquen sonsten in Friede
lebten.
    Der Bösewicht seegelte mit seinem Cameraden und Trompeter wieder fort,
nachdem er den Verlass genommen, er wollte seinem Commandeur unsere Resolution zu
vernehmen geben, so gleich wieder zurück kommen, und uns Antwort bringen,
mittlerweile sollten wir aber nur 3. Tonnen Goldes Wert an Gold und Silber
zusammen packen, denn er zweifelte gar sehr, dass sich ihr Commandeur mit einer
eintzigen lumpichten Tonne Goldes vor 2. so schöne Schiffe würde abspeisen
lassen etc.
    Ich suchte aus meinen Kisten so viel Gold und Silberwerck zusammen, als eine
Tonne Goldes ohngefähr des Werts damit zu bezahlen, und noch wohl überflüssig
hinlänglich war, kehrete mich im übrigen nicht daran, ob meine Officiers und
Gemeinen gleich darüber brummeten, als wie die Bären.
    Es währete nicht lange, so kam der Barbar wieder zurücke, und meldete: sein
Commandeur hätte gesagt, es sollten und müsten 3. Tonnen Goldes sein, und wenn
wir uns dessen weigerten, auch nur ein Lot Gold daran fehlen liessen, sollten
wir uns nur gefast machen, entweder in den Grund geschossen, oder aufs
grausamste tractirt zu werden.
    Ich liess ihn an Boord und auf das Oberdeck kommen, so dann einen Sack, der
mit ungeprägten und auch mit geprägten Gold und Silber angefüllet war, aus
meiner Cajüte langen, denselben auf eine Wage legen, und zeigte denselben dem
Barbarn, welcher die Sachen, so ausgeschüttet und wieder in den Sack hinein
getan wurden, alle besah, und dabei über einen Zahn lachte: weilen aber die
Canaille das Gewichte so gut verstund, als wir selber, sagte er, jedoch nicht
mit allzu barbarischer Stimme: Wohl gut, meine Herrn! dieses möchte alles
ohngefehr wohl eine Tonne Goldes wert sein, allein wo sind die andern zwei,
denn unser Commandeur geht nicht von 3. Tonnen Goldes ab, und wo ihr mir die
nicht gebet, so verlange ich die eine auch nicht, sondern will leer wieder
zurück fahren, aber dieses sage ich euch zum voraus, und warne euch noch als ein
guter Freund, gebt mir noch die zwei Tonnen Goldes, wo nicht? so werdet ihr
kurtz nachhero, so bald ich nur auf meinem Schiffe angelanget bin, einen
schweren Stand kriegen.
    Ich war wahrhaftig gesonnen, diesen verdammten Hunden von meinetwegen noch
2. Tonnen Goldes zu geben, ehe ich mich in die Gefahr gäbe, und einen oder
etliche von meinen schönen und trefflichen Leuten verlöhre, allein, da meine
Leute diese meine Resolution merckten, und sich anstelleten, als ob sie
sämmtlich rebelliren wollten, mir meine Zaghaftigkeit in den piquantesten
Terminis vorwarffen, und sagten: wenn ich mich gegen diese Canaillen, ohne das
alleräuserste zu wagen, submittiren würde, sie lieber unsere beiden Schiffe in
die Lufft sprengen wollten; denn wenn sie nicht als Helden sterben sollten, so
wollten sie doch als desperate Leute sterben, und das könnte ich ihnen nicht
wehren. Kurtz: ich musste mich damahls in die Zeit schicken, und nachgeben.
    Meine Herren! auch liebsten Gönner und Freunde! (so setzte Capitain Horn
seine Rede weiter gegen den Regenten und uns fort,) Sie glauben mir sicherlich,
dass mir damahls bei dieser gefährlichen Sache nicht wohl zu Mute war. GOtt ist
mein lebendiger Zeuge, dass ich Courage genug im Hertzen hatte, mit den Barbaren
eins zu wagen, und mein Bruder war fast noch toller als ich, denn er wollte die
beiden Herren Abgesandten und den Trompeter mit sammt dem Boote durchaus in den
Grund schiessen, und ich hatte zu steuren und zu wehren gnug, dass es nicht
geschahe. Herr Wolffgang wird mir Zeugnis geben, dass ich unter seinem Commando
mich niemahls zaghaft aufgeführet, wie ich denn, welches er nicht anders sagen
wird, manchen Verweis von ihm bekommen, wenn ich zu viel hazardirte, oder zum
öfftern meine eigene Person den grösten Gefährlichkeiten ohne dringende Not
exponirte. Mein Bruder hat zwar das See-Handwerck noch lange nicht so lange
getrieben, als ich, allein, ich kann Ihnen von ihm versichern, dass er nicht
allein eine vollkommene Courage im Hertzen führet, sondern sich auch im
See-Wesen schon vortrefflich habilitirt hat, weilen er die Matesin ex
fundamento verstehet; so, dass ich mich nicht schämen will zu sagen, dass ich zu
vielen mahlen mit grossem Plaisir Lehren von ihm angenommen, ohngeachtet er weit
junger, und nicht des zehnten Teils so viel in der Welt erfahren, als ich.
    Wie gesagt, es kränckte mich ungemein, dass mir meine Zaghaftigkeit
vorgeworffen wurde, da ich doch die allerredlichste Intention von der Welt
hatte, und lieber eine Million, als mein schönes Volck verloren hätte, über
alles dieses aber musste ja viel weiter dencken, nämlich an meine liebe Insul
Felsenburg, von wannen ich ja die allerwichstigsten Commissiones hatte, und zu
deren Dienste ich mich auf der Reise befand, mitin leichtlich etwas von meiner
besten Equipage verlieren können, eben dieserwegen hieng ich mein Hertze nicht
an Gold und Silber, indem ich wusste, dass, ob ich 3. Feder-Spulen oder 3. Tonnen
Goldes bei solchen Umständen eingebüsst hätte, die Aeltesten und Einwohner
alhier mir solches nicht verarget, sondern dieser Umstände wegen uns allen den
Schaden gedoppelt ersetzt hätten, weilen ja Gold, Silber, Perlen und dergleichen
nicht so rar bei uns sind. Da ich mich aber nur mit wenigen Worten verlauten
liess, dass man doch den Barbaren die 3. Tonnen Goldes immer hingeben möchte,
damit wir nur vom Flecke kämen, wollte mein Volck toll und rasend werden, auch
mein Bruder, der nicht wusste, dass ich mehr auf meinem Hertzen und Gewissen
hatte, als er selbst, sah mich scheel und sauer über die Achsel an.
    Wir sahen uns aber balde gemüssigt, unsern Zwietracht bei Seite zu setzen,
denn so bald die abgeschickten Barbaren bei den Ihrigen angekommen, bemerckten
wir, dass sie mit ihren Schiffen ganz andere Wendungen machten, und gerades
Weges auf uns zu seegelten. Wir konten ihnen, so zu sagen, gleich an den Augen
absehen, was sie haben wollten, derowegen setzten wir uns mit beiden Schiffen in
die beste Positur, denn die Canonen waren schon alle scharff geladen, und die
Mannschaft, so zum Feuer-geben und Fechten beordert, stund mit freudigem Mute
da, erwartete auch den Feind recht mit Lachen.
    So bald die Barbaren ihren Vorteil ersahn, machten sie aus allen ihren
drei Schiffen ein entsetzliches Feuer auf uns, welches aber doch unsern starcken
Schiffen wenigen Schaden tat, ohngeachtet sie keine kleine Canonen-Kugeln
führeten. Unsere Leute hingegen waren noch geschwinder als der Wind, die Löcher
zu verstopffen und auszubessern. Wir gaben ihnen aus beiden Schiffen auch 2.
Salven, die wohl anschlugen, der Haupt-Spas aber war dieser, dass mein Bruder,
der so wohl als ich drei mittelmässige Feuer-Mörser auf seinem Schiffe hatte, die
erste Bombe, als ein guter Feuerwercker, durch seine matematische
Kunst-Erfahrenheit, ungemein glücklich in das eine Barbarische Schiff spielte,
welche, indem sie accurat aufs Oberdeck fiel, eine artige Menuet aufspielete,
wornach die Barbaren ungemein desperat zu tantzen anfiengen, es hat diese Bombe,
da sie crepirt, 9. Personen lædirt, 3. auf der Stelle ins Reich der Todten
geschickt, und 6. gefährlich blessirt, deren (wie wir nachhero erfahren,) noch
4. an ihren Wunden sterben müssen. Mit der andern Bombe aber ging es meinem
Bruder nicht so glücklich, denn sie fiel zu tieff gegen die äuserste Wand des
Schiffs, hatte aber doch nicht allein die Wand starck beschädigt, sondern auch
einen Barbar tod geschlagen, und 2. blessirt.
    Mir wollte es mit meinen Bomben-spielen nicht recht wohl angehen, denn
ohngeachtet mir mein Bruder alle Vorteile gewiesen, so spielete ich doch die 2.
ersten zu hoch über die Barbarischen Schiffe hin, welche in der See crepirten,
und den Feinden wenigen Schaden verursachten; mit der dritten aber war ich
glücklicher, indem dieselbe in ein offenstehendes Pulver-Fass gefallen war, und
vielen Lerm und Schaden verursacht, auch 6. getödtet, und 4. blessirt hatte.
Meines Bruders dritte Bombe aber war die beste, denn sie fiel auf das noch
unbeschädigte Oberdeck des dritten feindlichen Schiffes, und machte einen
solchen Lermen darin, dass die Barbaren nicht wussten, wo sie hin sollten, denn es
waren, wie wir nachhero erfahren, 5. getödtet, und 8. von ihnen blessirt worden.
    Uber diese Begebenheiten wollten die Barbaren rasend werden, rückten demnach
unter beständigen canoniren mit völliger Forçe näher auf uns zu, wir aber
blieben ihnen auch nichts schuldig, sondern machten aus unsern Canonen ein
continuirliches Feuer, (denn die Mörser wollten ihre Dienste nicht mehr tun,
weilen der Feind schon zu nahe war, dem wir mit Fehl-Schüssen nicht gern ein
Gelächter verursachen wollten) bis sie so nahe kamen, dass wir einander mit
Flinten-Kugeln erreichen konten. Der Feind schoss mit gezogenen Röhren heftig
auf uns los, wir aber schickten ihm die Kugeln aus unsern Mastricher-Musquetier-
Flinten dergestalt häuffig zu, dass er sich darüber verwunderte, allein es war
eben nicht zu verwundern, denn ich hatte lauter lustige Leute, die sich unter
einander selbst exercirten, und mit ihren Flinten, wegen der geschwinden Ladung,
eher 3. Schuss tun konten, als die Barbaren nur einen.
    Ich ging vom Oberdeck herunter in meine Cajüte, und liess mir durch meine
Bedienten 2. Buch angefeuchtetes weisses Papier auf die Brust binden, und eben
so viel auf den Bauch, ging hierauf wieder hinauf aufs Oberdeck, und
commandirte: dass 1500. gefüllete Granaden aufs Oberdeck, jedoch an einen sichern
Ort gebracht werden sollten, indem wir deren vielleicht bedürfftig sein möchten,
denn ich muss ihnen sagen: dass ich nebst den 6. mittelmässigen Feuer-Mörsern 12000
Stück Hand-Granaden hatte giessen lassen, welche ich unten im Schiffe mit dem
Ballast vermengte, und nicht mehr als etliche 100. füllen liess. Meine
Lieutenants, die nicht allein das Artollerie-Wesen unten im Schiffe wohl
besorgt, hatten nebst andern wohlgemachten Anstalten auch diejenigen, welche
sich zum Feuer-geben und Fechten freiwillig dargestellet, bereits behörig
rangirt. Sie stunden also auf dem Oberdeck in schönster Ordnung, und da ich sie
sah, erfreuete ich mich, trat vor die Fronte, und sagte nur so viel:
                                 Meine Brüder!
    Ich habe vernommen, dass, wo nicht alle, doch viele unter euch sich die
Einbildung machen, als ob ich ein Kerl wäre, der wenig oder gar keine Courage im
Leibe hätte. Allein meine Brüder! ihr irret euch sehr; was ich bishero getan
habe, ist ganz und gar keiner Zaghaftigkeit zuzuschreiben, sondern ich muss
bedencken, was ich vor meinen Obern und GOtt im Himmel hauptsächlich
verantworten kann, welches alles ich euch deutlicher erklären will, wenn wir mit
göttlicher Hülffe gesieget haben. Haltet euch so behertzt, als wie ich mich
zeigen werde, so soll es hoffentlich keine Not haben, denn ich will euch
commandiren wider allen Gebrauch im blossen Hembde. GOtt gebe uns Glück und
Sieg! haltet euch tapffer! (Ich hatte mir ein Hirsch-ledernes Collet angezogen,
einen 3: queer Finger breiten Pallasch an der Seite, mit dem ich besser umgehen
konnte, als mit einem Türckischen Säbel, und 2. Paar der schönsten Pistolen im
Gurte stecken.) Darum sprach ich ferner: Gebt alle Achtung auf mich, ich will
der vorderste sein, und wenn ich nicht avancire, so gebe ich dem nächsten, der
hinter mir ist, die Erlaubnis, mich mit dem Fusse fort zu stossen. Hier werffe
ich mein Hirsch-ledern Collet zu euren Füssen, ihr sehet, dass ich einen leichten
Brust-Harnisch und einen ganzen Pantzer bei mir habe, ihr sehet dass ich mir 4.
Buch Lösch-Pappier habe zum Spas auf den Leib und Brust binden lassen, aber auch
alles dieses werffe ich zu euren Füssen, und entblösse meinen Leib bis unter die
Arme, damit ihr sehet, dass ich unverzagt bin, euch im blossen Hembde zu
commandiren, und mich bloss auf GOttes Hülffe und Schutz zu verlassen. Ich bitte
nochmahls: GOTT gebe uns Glück und Sieg! haltet euch wohl, und so, wie ich mich
zu verhalten verhoffe, bis dass ich falle, in solchem Fall denn mein Nächster das
Commando übernehmen wird. Lieben Brüder! haltet euch wohl, denn ihr wisset, dass
ich euch von diesem See-Gefechte abzuhalten gesucht habe. Ich hoffe demnach,
GOtt wird uns Glück und Sieg geben, wenn wir nur tapffer sind im Schiessen und
Fechten. Allons! in GOttes Nahmen.
    So bald ich ausgeredet, fieng alles mein Volck, da es mich im blossen Hembde
über den Bein-Kleidern mit dem Pallasch in der rechten, und mit einer
aufgezogenen Pistol in der lincken Hand, vor der Fronte vor sich stehen sah,
mit vollem Halse zu ruffen an: Vivat, Vivat, Capitain Horn! und dieses zu dreien
mahlen. Hierauf wurde von beiden Schiffen eine gewaltige gedoppelte Salve auf
die Barbarn gegeben. Diese wurden dadurch dergestalt erbittert, dass sie in
unvermuteter Geschwindigkeit uns aufs nächste kamen, auch ihr bestes Schiff
sich an das meinige hieng, und diese Feinde mich nicht allein mit Schiess-sondern
auch mit dem Seiten-Gewehr zu delogiren suchten.
    Man sollte nicht meinen wie klug, hertzhaft und hurtig die Barbaren sind,
denn sie wussten in aller Geschwindigkeit, vermittelst starcker Haacken,
verschiedene Leitern an unsern Boord zu werffen, und daran hinauf zu klettern
wie die Katzen. Ich stund in der vordersten Reihe in der Mitten, und hatte 12.
der hertzhaftesten Leute zu meiner rechten, und eben so viel zu meiner lincken
Hand, welches, so zu sagen, meine Leib-Guarde war, 1. guten Schritt aber hinter
mir war die andere Reihe der resolutesten Mannschaft, und hinter dieser noch
die 3te Reihe tapfferer Leute, noch hinter diesen drei Reihen aber die Reserve,
und auf beiden Seiten die Granadiers, welche die Feinde mit ihren beständigen
Granaden-Werffen gewaltig ängstigeten.
    Das Verhängnis fügte es eben so wunderbar, dass derjenige Barbar, welchem ich
kurtz vorhero das Gold und Silberwerck zuwägen lassen, gerade vor mir seine
Leiter angeworffen, und mir mit blancken Säbel in der Faust entgegen gestiegen
kam. Ich liess ihn passiren bis auf die öberste Stuffe, indem er aber bemühet war
über Boord zu schreiten, war ich erstlich zweifelhaft, ob ich ihm mit dem
Pistol das Lebens-Licht ausblasen, oder ihn mit meinem Pallasch den Kopff
spalten wollte. Jedoch, da ich befürchtete, das Pistol möchte etwa versagen, so
verliess ich mich auf meinen Pallasch (denn wie meine Herrn wissen, so bin ich
Lincks und Rechts so wohl mit schiessenden, als Seiten-Gewehr, auch ist ihnen
meine natürliche Stärcke der Glieder durch viele gemachte Proben bekannt.)
    So bald er über Boord gestiegen, hohlte er mit seinem Säbel aus, mir einen
tödlichen Streich zu geben, allein, ich danckte damahls GOtt, dass mir meine
Fechtmeisters in Italien und andern Ländern das pariren gelernet hatten,
derowegen schlug ich in grössester Geschwindigkeit nicht allein seinen Säbel
aus, dass er zu seinen Füssen fiel, sondern versetzte ihm, aus allen meinen
Leibes-Kräfften, einen solchen gewaltigen Hieb über den Kopff, dass ihm beide
Teile auf den Schultern lagen.
    Man sollte wohl meinen, ich machte Wind, um mich nur gross zu machen, allein,
auf meinem Schiffe sind noch mehr als 50. Personen gegenwärtig, die es mit ihren
Augen gesehen haben.
    Acht bis zwölff anderen, die eben diese Leiter herauf geklettert kamen, und
sich auf meinem Schiffe divertiren wollten, ging es, wo nicht auf gleiche Art,
jedoch so, dass sie entweder durch meinen Pallasch oder Pistolen ins Reich der
Todten geschickt wurden. Meine Leute folgten meinem Exempel, und fochten,
nachdem sie sich dann und wann verschossen hatten, mit ihren Säbeln, wie die
Löwen, so dass mancher Barbar herunter in die See purtzeln musste, ehe er über
Boord gestiegen war, mancher aber, der sich glucklich geschätzt, den Boord mit
seinen Händen betastet und überstiegen zu haben, den Augenblick seine ewige
Schlaf-Stätte fand.
    Mittlerweile ging das canoniren von beiden Seiten aufs allerheftigste
fort, so lange bis die Dämmerung eintrat, und man kaum die Finger vor den Augen
mehr zählen konnte. Da aber das Klettern der Feinde noch nicht aufhören wollte, so
hörete auch unsere Gegenwehr mit Schiessen aus Canonen und Flinten um so viel
desto weniger auf, und es musste in der Dämmerung noch mancher Barbar See-Wasser
sauffen lernen, oder nolens volens versincken.
    Endlich, da der Himmel sehr schwartz wurde, liess sich ein feindlicher
Trompeter hören, welcher mit 2. Deputirten auf einem Boote sass, worinnen viel
Pech-Fackeln brannten. Da nun die Feinde zu canoniren aufhöreten, hielten wir
auch inne, brannten aber auf beiden Schiffen viel 100. Fackeln und Lichter an.
Der Deputirten Antrag war dieser: dass, weil ihr Commandeur seine Courage mit der
unsrigen auf eine Wage gelegt, und befunden, dass wir auf beiden Seiten tapffere
Leute wären, so möchten wir Stillstand machen, bis der Tag anbräche; wollten wir
ihm aber doch noch die einzige Tonne Goldes geben, so könten wir, so bald es uns
beliebte, ohne fernere Sorge unter Seegel gehen, und er wäre bereit uns einen
Pass zu geben, dass wir auf unserer Reise von allen seinen Cameraden, die der
Frei-Beuterei ergeben, von hieraus bis nach dem Cap unangefochten bleiben
sollten.
    Meine Leute, so bald sie dieses vernommen hatten, wollten abermals weder vom
Stillstande noch Geld geben hören, und wurden nochmahls aufstützig, ich aber
liess den Abgeschickten in Gegenwart aller meiner Leute durch einen Dollmetscher
so viel sagen: Höret! ihr habet euch aufgeführet gegen uns als See-Räuber und
Bettler, wider alle Billigkeit und Verträglichkeit, die zwischen der Republic
Holland und den Barbarischen Republiquen, ist. Wir begehren keinen Stillstand,
sondern weil das Spiel doch einmal angefangen ist, so wollen wir uns wehren bis
auf den letzten Mann. Welleicht läst GOtt noch einen oder wohl mehr übrig und
lebendig von uns nach Holland kommen, so soll die Untreue der räuberischen
Nationen schon urgirt und gerochen werden, es treffe auch, wen es treffe. Ich
habe nur einen Todten und 2. Blessirte auf meinem Schiffe, welches mir sehr
schmertzlich fällt, rechnet aber nach, wie viel ihr habt, und zwar binnen so
wenig Stunden, rechnet auch nach, wie viel Pulver ihr vergeblich verschossen
habt, und glaubt sicherlich, dass wir vielleicht noch einen guten Teil mehr
Pulver und Kugeln im Vorrat haben, als ihr, und euch zur Not vor baar Geld
noch etwas zu Kauffen geben könten. An eures Commandeurs Pass wollen wir alle,
bis auf den geringsten Mann, den Podex wischen, und uns gegen Diebe und Räuber
mit göttlicher Hülffe doch wohl durchfechten. Wir wollen abseegeln, wenn es uns
beliebt, und so ihr ferner einen Schuss auf uns tut, sollen 10. dargegen folgen.
Das ist euer Bescheid.
    Meine Leute waren über diesen Bescheid dermassen erfreuet, dass sie um mich
herum sprungen, wie die Tantz-Meisters, da aber einige unter denselben gewahr
wurden, dass mein Hembde voller Blut war (indem ich etwa einen Fingers-langen
Hieb, kurtz unter dem Gelencke des obersten lincken Achselbeins, empfangen
hatte, den ich doch eben nicht æstimirte) lieffen sie gleich dahin, rufften den
Schiffs-Barbier, welcher mich verbinden sollte, brachten auch einen Sessel,
worauf sie mich mit aller Gewalt zum Niedersetzen zwungen. Ja! einige waren so
lose, dass sie die Trompeter und den Paucker herzu holeten, um mir währender Zeit
des Verbindens die Schmertzen zu vertreiben. Ja, sie wollten mit aller Gewalt
haben, es sollten die Canonen dabei gelöset werden, allein, ich verbot es bei
Straffe. Mittlerweile kam mein Bruder, der auch eine Kugel in die lincke Hüffte,
und einen Hieb über das Cranium bekommen hatte, jedoch bereits verbunden war,
ohn geruffen, um zu sehen, was ich und meine Leute machten, und mir zu
rapportiren, wie es ihm und den Seinigen ergangen. Er rapportirte also: dass er
38. todte Barbaren auf seinem Schiffe liegen hätte und 14. starck blessirte,
denn die Barbaren ohngeachtet vermittelst der Sturm-Leitern heftig auf ihn
gestürmet, zählete er doch nicht mehr, als 3. Todte und 5. Blessirte auf seiner
Seite.
    Demnach war ich auf meinem Schiffe dennoch in etwas glücklicher, indem ich
nicht mehr, als 1. Todten und 2. Blessirte und 42. Barbaren teils ganz todt,
teils tödtlich blessirt, liegen hatte; denn meine Leute hatten sich
unvergleichlich wohl gehalten, da ein jeder eine Flinte, 1. Paar Pistolen und
einen Säbel an der Seite führete. Wie viel aber der Feinde von ihren
Sturm-Leitern herunter geschossen worden, so bald sie ihre Köpffe nur blicken
lassen, und ihr Glück in der See zwischen den Schiffen gemacht, kann ich eben so
wenig richtig melden, als mein Bruder, welcher ebenfalls observirt, dass deren
eine ziemliche Anzahl rückwärts herunter gepurtzelt wären.
    Mein Bruder hielt sich nach genommener Abrede, wie wir uns gegen den Tag
aufführen wollten, nicht gar zu lange bei mir auf, sondern kehrete zurück auf
sein Schiff. Weilen er aber diesen Abend ganz besonders aufgeräumt war, so liess
er etliche 100. Raqueten steigen, doch nicht gegen die Feinde, sondern nach
beiden Seiten ihrer Schiffe zu, auch warf er Wasser-Kegel und dergleichen in die
See, und liess Trompeten und Paucken herrlich erschallen, worinnen ihm von den
meinigen tapffer geantwortet wurde. Diss war ein Lust-Spiel den Feinden zum
Schure, als welche sich so stille hielten, wie die Mäuse, weswegen wir
gedachten, alle Fähde hätte nun ein Ende, allein, da wir mit anbrechendem Tage
unsers Weges fortseegeln wollten, und zwar en faveur eines dicken Nebels, wurden
dieses unsere Feinde dennoch gewahr, und fiengen von neuen heftig an, auf uns
zu canoniren, da wir ihnen denn auch nichts schuldig blieben, bald hernach
bekamen sie, ohngeacht des dicken Nebels, dennoch aufs neue Lust, ihre
Sturm-Leitern an unsere Schiffe zu werffen, taten auch solches mit besondern
Grimm, allein, es waren ihrer, ehe die Sonne aufgieng, auf meinen Schiffe schon
18. und auf meines Bruders Schiffe 13. teils niedergehauen, teils
niedergeschossen worden.
    Endlich beredeten mein Bruder und ich, uns mit gesammter Macht und zusammen
gesetzten Kräfften auf das mittelste feindliche Schiff zu zielen, und zu
versuchen, ob wir solches in Grund schiessen könten. Unsere Mühe schien nach
Verfluss einer Stunde nicht ganz vergeblich zu sein, sondern wir hatten gute
Hoffnung, unsern Zweck zu erreichen.
    Binnen der Zeit kam von hinten zu eine fremde Chalouppe an mein Schiff,
welches mit einiger Mannschaft besetzt war, von welchen einer der
ansehnlichsten mit mir zu sprechen verlangte. Ich liess ihn zu mir auf mein
Schiff bitten, und er hatte sich nicht lange nötigen lassen, da denn sein
erstes war, dass er fragte: was wir vor Lands-Leute wären, was wir vor hätten,
auch was unsere Feinde vor Leute wären? ich antwortete ihm in seiner Sprache,
dass wir 3. See-Räuber vor uns hätten, welche uns zu plündern und in Grund zu
schiessen droheten, wir hätten schon gestern bis in die späte Nacht mit ihnen zu
tun gehabt, und uns tapffer gewehret, auch eine ziemliche Anzahl der Barbaren
getödtet, allein, sie wären uns, allem Ansehen nach, dennoch bis hieher
überlegen, und hätten nur vor wenig Stunden aufs neue angefangen uns zu
bestürmen, vorietzo wären wir im Begriff, das mittelste feindliche Schiff in
Grund zu schiessen, hätten auch gute Hoffnung darzu, indem wir alle unsere
Canonen aus beiden Schiffen darauf gerichtet, und bemerckten, dass das feindliche
Schiff schon ziemlich leck geschossen sei. Im übrigen so wären wir mehrenteils
Holländer, die nach Ost-Indien gehen wollten. Ey, ei! sagte der Portugiese, die
Holländer sind unsere lieben Brüder, haltet euch nur noch tapffer, ehe 1. oder
2. Stunden vergehen, will ich euch 2. tüchtige Portugiesische Schiffe, worauf
tapffere Soldaten sind, zur Hülffe anhero bringen. Lebet und haltet euch wohl,
ich muss eilen, dass ich bald wieder zu euch komme.
    Es war uns nicht anders ums Hertze, als wenn uns GOtt einen Engel vom Himmel
zum Troste zugeschickt hätte, derowegen verdoppelte sich unsere Courage,
dergestalt, dass es noch manchem Barbar den Hals kostete, so sahen wir auch mit
Vergnügen, dass das mittelste feindliche Schiff, so zu sagen, in letzten Zügen
lag, denn unsere Canonen hatten es recht jämmerlich durchbohrt, auch bemerckten
wir, dass der Feind auf dem Oberteil dieses ihres Schiffes nach gerade immer
weniger und weniger wurden, woraus wir schlossen, dass alles zur Pumpe beruffen
sei.
    Endlich aber wider alles Vermuten wollte dieses feindliche Schiff sich
umwenden, und die Flucht nehmen, es ging aber dergestallt matt und merode, dass
man nicht zweiffeln durffte, wie es tödliche Blessuren haben müsse. Aber, indem
wir uns umsahn, kamen 2. der schönsten und festesten Portugiesischen Schiffe,
welche sich zwischen mich und meinen Bruder einlegten, und in unerhörter
Geschwindigkeit ihre Canonen auf die Barbaren löseten, ehe sie noch ein Wort mit
uns gesprochen hatten. Auf unsern beiden Schiffen liessen sich Trompeten und
Paucken tapffer hören, denen die Portugiesen Wechselsweise antworteten. Den
Feinden aber vergieng der Mut auf einmal plötzlich, indem sich keiner mehr auf
eine Sturm-Leiter wagen wollte, auch wenig Schüsse mehr von ihren Schiffen
gehöret wurden. Das mittelste Schiff aber wollte doch mit guter Manier fort
hincken, allein, die Portugiesen und wir gedachten: nicht also! sondern jagten
ihm nach, ereileten und erstiegen dasselbe ohne besonderes Blutvergiessen.
Hernach kam die Reihe an die 2. andern feindlichen Schiffe, die wir binnen etwa
einer Zeit von 3. Stunden nach einem etwas härtern Kampffe glücklich erstiegen,
und alle darauf befindliche Mannschaft in Fesseln legen liessen.
    Wir schossen demnach unter Trompeten- und Paucken-Schall, auf allen
Schiffen, so gar auch aus den feindlichen Canonen, mit grösten Freuden Victoria,
und zwar zu dreien mahlen. Hernach brachten wir den Patienten, nämlich das
mittelste Schiff, zwischen die 2. übrigen Barbarischen, schickten einige von
unserer Mannschaft auf ein jegliches Barbarisches Schiff, und liessen im
Gegenteil eben so viel Barbaren auf unsere und der Portugiesen Schiffe
überkommen. Meine Leute strapazirten die Räuber auf eine sehr heftige Att,
welches ich ihnen nicht verdencken konnte, indem sie doch, (Schertz bei Seit
gesetzt) nachdem wir es aufs genaueste ausgerechnet, 128. Cameraden, teils auf
meinem, teils auf meines Bruders Schiffe so schändlicher Weise einbüssen und
vermissen mussten. Denn NB. es frass die Eroberung der Schiffe in etwas mehr
Volck, als die Gegenwehr gegen die Stürmenden. Jedoch ich redete meinen Leuten
zu, und bat dieselben, sie möchten sich aufführen, als Christen, und nicht
barbarisch verfahren, damit auch die Barbaren sähen und spüreten, was vor ein
gewaltiger Unterscheid zwischen der Aufführung eines Christen und eines Heiden
sei. Hiemit täte man nicht allein unserm Heilande einen Dienst, sondern es
könne auch möglich sein, dass diese unsere Christliche Aufführung manchem Armen,
in der Barbarei unschuldig gefangen sitzenden Christen-Sclaven, wohl zu statten
kommen möchte, wenn die Barbaren, als Feinde des Creutzes Christi, erkannt
hätten, dass wir ganz andere Leute von Conduite wären, als sie selbst.
Unterdessen sollten sie dieselben zwar zu strenger und sauerer Arbeit anhalten,
jedoch, so viel ein Mensch, in Ansehung seiner Leibes-Constitution, ertragen
könnte. Vollauf zu essen zu trincken sollten sie den Feinden geben, und keinem,
wenn er etwas versehen, blutrünstig, vielweniger braun und blau, oder wohl gar
Arme und Beine entzwei schlagen. Damit wir unsern Christen-Nahmen nicht
verlöhren, und uns in die Rotte der Barbaren einschreiben liessen etc. Nachdem
ich dieses in Deutscher Sprache geredet, so redete ich es auch in
Portugiesischer: denn nicht allein mein Bruder, benebst vielen seiner Leute,
sondern auch die Portugiesischen Capitains mit den meisten ihrer Leute höreten
meinen Vortrag an, und es schiene ihnen allen derselbe sehr wohl zu gefallen,
allein, da wir eben nicht vor ratsam ansahen, uns in dieser fatalen Gegend
länger aufzuhalten, zogen wir in schönster Ordnung fort, um die grünen Insuln zu
erreichen und unsere gemachte Beute zu teilen. Andern Tages, etwa eine Stunde
vor Untergang der Sonnen, erreichten wir eine derselben, und wurffen in einen
schönen Hafen Ancker. Die Insul hiess St. Jago mit Nahmen, und die Stadt, so dem
Hafen am nächsten lag, eben also. So bald der Tag anbrach, ritten 2. Officiers
der Unsern und eben so viel der Portugiesen in die Stadt, und erkundigten sich,
wo der Gouverneur der Insul anzutreffen wäre. Sie traffen ihn an, es war ein
complaisanter Mann, und nachdem so wohl die Unserigen, als auch die Portugiesen
ihm eine weitläufftige Erzehlung getan, wie es uns auf beiden Seiten ergangen,
anbei gebeten, es möchte derselbe uns erlauben, dass wir unsere beschädigten
Schiffe allhier ausbessern, und unter seinem Schutze, von den Einwohnern
ungestöhrt, unsere gemachte Beute teilen möchten, so sagte er mit gröster
Freundlichkeit: Alle meine lieben Brüder! gebraucht alle eure beste
Beqvemlichkeit, euch soll niemand beunruhigen, und ich will euch nur vor erst
50. Mann zur Salva-Guarde mitgeben, saget aber, dass ich eure Capitains, so wohl
Portugiesen als Holländer, gar sehr bitten liesse, mir, wo möglich, noch
heutigen Tages die Ehre ihres Zuspruchs zu geben. Unsere Officiers konten nicht
vom Wunder genug sagen, wie complaisant sie der Gouverneur, der ein
ansehnlicher, liebreicher Mann wäre, tractirt hätte, sie nicht allein bei der
Mittags-Mahlzeit wohl bewirtet, sondern auch in einer propern Chaise mit Convoy
von 1. Capitain 1. Lieutenant, Fähndrich und 50. Gemeinen, bis hieher an das
Ufer fahren lassen. Wir liessen die Ober-Officiers des Gouverneurs auf unser
Schiff bitten, und schickten ihnen dieserwegen ein Boot, mit welchem sie so fort
zu uns kamen. Wir setzten ihnen das Beste vor, das wir in der Geschwindigkeit,
gestalten Umständen nach, finden konten; denen Unter-Officiers aber schickten
wir jedwedem 1 Gulden und den Gemeinen einen halben Gulden, nebst so viel Wein
und Brandtewein, dass man glaubte, sie hätten wohl 3. Tage daran satt haben
können, über dieses wurden ihnen auch starcke Portions von geräuchertem und
eingesaltztem Fleisch, geräucherten und eingesaltzten Fischen, auch allerhand
Früchten zugeschickt. Mein Lieutenant hatte die Commission, der Insulaner-Militz
dieses Præsent zu überbringen; (denn meines Bruders Lieutenant war diesen Morgen
erschossen worden). Als nun mein Lieutenant zurücke kam, konnte er nicht gnugsam
erzählen, wie erfreut die Insulaner-Militz über dieses Præsent gewesen, ja es
hätte ihm einer um den andern, so wohl Unter-Officiers als Gemeine, die Hände
geküsset, und immer dabei geschryen: Vivant! die Holländer! O! was sind die
Holländer vor brave und wackere Leute! unsere Brüder, Vivant, Vivant, Vivant!
die Holländer!
    Wir hatten unser besonderes Vergnügen hierüber, da wir aber mit des
Gouverneurs Officiers noch etwa 2. Stunden tüchtig gebechert hatten, und zwar
den delicatesten Canari-Sect, auch beim Gesundheit-trincken immer 6. Canonen
abfeuern lassen, NB. bei der Gesundheit des Königs von Portugall, des Königs von
Spanien und der General-Staaten von Holland, aber allezeit 12; des Gouverneurs
dieser Insul nur 8. Canonen abgefeuert wurden, so bemerckten wir, dass die
Insulanischen Officiers ziemlich begeistert waren, wir zogen derowegen unsere
guten mittelmässigen Kleider an, setzten uns mit ihnen in eine Chalouppe, und
fuhren also die 4. Schiff-Capitains, denn jeder 6. Mann zur Bedienung mit sich
nahm, mit den Insul. Officiers nebst 6. Trompetern und 2. Pauckern, dem Lande
zu, nachdem wir uns mit den Insulaner- zum öfftern gehertzt und geküsset hatten.
    So bald wir ans Land gestiegen waren, wurde von allen unsern 7. Schiffen
eine Salve, und zwar von jedweden aus 12. Canonen gegeben, wovon die ganze
Insul zu erschüttern schien. Der Insulanischen Militz verursachte dieses eine
besondere Freude. Ihre Officiers verfügten sich so gleich zu ihren Leuten,
welche parade machen, und aus ihrem Hand-Gewehr 3. mahl Salve geben mussten.
Worauf unsere Schiffe jedesmahl noch eine Salve von 12. Canonen hören liessen.
Hierauf setzten wir 4. Capitains uns in einen parat stehenden kostbaren Wagen,
und liessen uns nach der Burg des Gouverneurs fahren, allwo 2. Compagnien
Granadiers mit aufgesteckten Bajonetten stunden, salutirten und ihr Gewehr
præsentirten, anbei Trommeln und Pfeiffen sich lustig hören liessen; auch liess
der Commendant, uns zur Bewillkommung und zu Ehren, dreimal 24. Canonen von den
Wällen lösen, denn er wohnete auf einer prächtigen Citadelle. Vor dem äusersten
Tore hielten wir stille, und traffen daselbst 2. Fouriers und 16. Bedienten an,
die seine Livree trugen. Wir machten uns fertig abzusteigen, allein einer von
denen Fouriers kam zu uns, und sagte: wir möchten noch sitzen bleiben, und bis
auf den innern Platz fahren, denn der Gouverneur hätte befohlen, dass man uns bis
vor das Portal der grossen Treppen fahren, und daselbst sollte absteigen lassen.
Dieses geschahe, und der Gouverneur, der 6. Cavaliers nebst noch vielen
Bedienten hinter sich hatte, war so complaisant, bis unten an die letzte Stuffe
der Treppe uns entgegen zu kommen und zu bewillkommen.
    Es war ohngefähr um 6. Uhr des Abends, als wir bei ihm eintraffen, und er
führete uns alle 4. Capitains in ein recht propres und in Warheit, recht
Fürstliches Zimmer, liess vorerst in aller Geschwindigkeit einen Tisch, der mit
Caffeè besetzt, und noch einen andern Tisch, auf welchem viele Bouteillen mit
Wein angefüllet, nebst vielen Schalen voller Eis, auch vielen Schalen von
allerlei Confituren beladen, gegen uns übersetzen, und nötigte uns, von allen
dem zu nehmen, was nach unserm Appetite uns von seinen Bedienten vorgesetzt
wurde; anbei nur dreuste zu fordern, von welcher Sorte Wein, einem oder dem
andern zu trincken beliebte. Uns war vorerst mit nichts bessers, als einem
Schälchen Caffeè gedient, und da wir nun deren etliche getruncken hatten, redete
ich zu ihm in Portugiesischer Sprache diese Worte:
                             Hochgebietender Herr!
    Dieselben werden von unsern Abgeschickten vielleicht vorläuffig vernommen
haben, was uns seit ein paar Tagen passiret ist, derowegen will Ew. Hochgeb. mit
einer weitläufftigern Erzählung unserer Fatalitäten nicht beschwerlich fallen,
bis, da Sie es ja verlangen sollten, auf eine andere Zeit. Unterdessen bitten wir
ganz gehorsamst uns Dero Schutz aus, damit wir von den Einwohnern dieser Insul
in Friede und Ruhe leben, unsere Schiffe ausbessern, und unser erbeutetes Gut
unter einander redlich teilen können. Wir werden uns, so lange wir hier sind,
als honette Leute aufführen, und vor unserer Abseegelung, wo uns anders Schutz
und Hülffe nicht versagt wird, unsere Erkäntlichkeit reellement zeigen so wohl
gegen Hohe, als Geringere nach proportion; weilen uns von unsern getreuen
Freunden, den mit uns angelandeten Portugiesen, gesagt worden, dass der
Gouverneur dieser Insul einer der heroischen und redlichsten Menschen in der
Welt wäre. Derowegen begeben wir uns unter Ew. Hochgebietl. Schutz, und sorgen
weiter vor nichts, als Ihnen unsere Ergebenheit und Dienstgeflissenheit zu
zeigen.
    Auf dieses antwortete der Gouverneur in der Geschwindigkeit also:
                      Meine wertesten Brüder und Freunde!
    Es erfordert nicht allein die Christen-Pflicht, sondern auch meine besondere
Pflicht und Schuldigkeit, den Hülffs-bedürfftigen, nach aller menschlichen
Möglichkeit, Hülffe und Schutz angedeihen zu lassen, warum sollte ich es denn an
euch nicht tun, die ich, wegen der genauen Allianz, in diesem Stücke alle vor
meine Brüder und Freunde erkennen will und muss. Ich habe eine besondere Freude
gehabt über das, was mir euer Abgesandte erzählt, nunmehro aber ist meine Freude
vollkommen, da ich höre, dass ihr die Barbaren vollkommen besiegt, und ihre
Schiffe benebst den Gefangenen in meinem Hafen liegen habt: Traget keine Sorge,
es soll euch keiner entwischen, denn ich will so gleich Ordre stellen, dass sich
eines von meinen Kriegs-Schiffen vor den Eingang des Hafens legen soll. (und
nachdem er diese Worte gesprochen, rief er sogleich einen von seinen Officiers,
und gab ihm die Ordre, dass er eines von den besten Kriegs-Schiffen, sich vor den
Mund des Hafens zu legen, commandiren sollte.) Im übrigen aber, meine Brüder,
Herrn und Freunde! wollte ich wohl morgen frühe die Compagnie, so ich zu
Besetzung des Ufers euch zugesendet, mit 2. Compagnien ablösen lassen, allein
ich sehe gar nicht, worzu es nötig ist, weilen ihr alhier so sicher seid, als
wenn ihr zu Hause wäret, denn meine Soldatesque und Land-Leute habe ich
dergestalt im Zaume, dass sie mir auf einen Winck gehorsamen müssen. Ich bin
ihnen nach Beschaffenheit der Sachen gelinde und scharff. Kleine Sotisen lasse
ich mit kleinen Straffen büssen, bei groben aber erzeige ich mich, der Justitz
gemäss, desto schärffer, und sonderlich stehet den Ehebrechern, Mördern und
Dieben so gleich Galgen und Rad zu Dienste. Allein ich kann sagen, dass ich binnen
12. Jahren (als so lange ich allhier Gouverneur gewesen) nicht mehr als 3.
Executionen habe müssen verrichten lassen. Meine Vorfahren sind Geitz-Hälse und
Leute-Schinder gewesen, um sich so wohl an den Einheimischen als, bei guter
Gelegenheit, an den Fremden zu bereichern. Aber so ein Mann bin ich nicht,
sondern bedencke GOtt und mein Gewissen, weilen ich weiss, dass ich am jüngsten
Tage viel zu verantworten habe. Ich weiss nicht, ob es ihnen bekannt ist, dass die
Gouverneurs auf dieser Insul alle drei Jahr abgewechselt werden; allein man hat
mich binnen 12. Jahren nicht abgewechselt, und wenn auch die Abwechselung morgen
geschähe, so habe ich GOTT zum Freunde, und kann mit gutem Gewissen meine
Rechnungen ablegen, auch von meiner Conduite und allen andern Actionen seit 12.
Jahren her, Rede und Antwort geben. Die Liebe meiner Untertanen habe ich mir
dadurch erworben, dass ich sie niemahls gedrängt und durch Execution erpressen
lassen, was sie mir zu zahlen schuldig gewesen, vielmehr manchen durch die
Finger gesehen, und nach proportion seiner Armut, offtermahlen mehr, als die
Helffte geschenckt, wessentwegen ich mich getrauete, wenn ich mich im Walde oder
Felde verirret hätte, es sei bei Tage oder Nacht, in eines jeden mir begegnenden
Untertanen Schoss, ob es auch der geringste wäre, sanft und sicher zu
schlaffen. Ausser diesen allen gefället dieses meinen Untertanen
unvergleichlich wohl, dass ich eine scharffe Zucht unter meiner Soldatesque
halte, deren ich 3000. regulirte Mannschaft, ohne die Land-Militz, unter meinem
Commando habe. Meine Soldaten haben mich alle lieb und wert, weilen ich ihnen
ihr Brod und Geld richtiger austeilen lasse, als meine Vorfahren seitero
getan. Ich bin ein Mann, der, weil er bedenckt, dass ihm GOtt eine honorable
Charge, auch Geld und Gut nach seinem Stande zum Uberfluss gegeben, das Suum
cuique wohl observirt. Mein einziges Vergnügen ist dieses, wenn ich mercke, dass
ich und meine Familie sich gesund befinden, hernach mein Amt behörig verrichten,
und den Armen Gutes tun kann, als deren Freund ich im höchsten grade bin, denn
ich bemercke, dass die Armen mir viel Seegen ins Haus beten, ohngeacht ich schon
so viel habe, mich und die Meinigen zu versorgen bis an mein Ende, und
vielleicht auch noch etwas übrig zu lassen verhoffe etc.
    Nachdem er eine Zeit lang mit Reden inne gehalten, sagte ich zu meinem
Bruder, der mir an der Seite stund, in deutscher Sprache, nur diese wenigen
Worte: Bruder! solchen Glauben habe ich in Israel nicht funden! So gleich fieng
der Gouverneur mit Lächeln zu sagen an: Meine Herren! ich kann auch etwas deutsch
verstehen, und so ziemlich reden, weilen ich mich nicht länger als 2 Jahr in
Deutschland aufgehalten, und darinnen die admirablesten Leut von der Welt
angetroffen habe. Sie geben sich zwar vor Holländer aus, allein daran zweiffele
ich, sondern glaube vielmehr, dass sie in Deutschland gezogen und geboren sind,
weilen ich dieses nicht allein an ihren dialecto, sondern auch aus ihrer beider
ganzen Aufführung wohl beobachte. Wir beiden Brüder stutzeten ziemlich, da man
unsere Sprache verstund, der Gouverneur aber hub an zu lächeln, und sagte: Ey!
weg mit dem Wasser, wo es beliebig, wollen wir ein gut Glas Wein trincken, und
zwar vom allerbesten Canari. Kaum hatte er seinen Bedienten einen Winck gegeben,
als diese einen angefülleten Pocal mit Weine, der ziemlich gross war, aufsetzten.
Der Gouverneur fieng an: Meine Herren! auf gute Gesundheit und Glück unser
aller, die wir einander allhier lebendig sehen, derer Potentaten Gesundheit
gienge zwar vor, allein, wir wissen nicht, ob dieser oder jener noch lebet:
Vivamus! Indem er nun den Pocal ansetzte, wurden sogleich auf den Wällen 12.
Canonen gelöset und dieses wurde continuiret, bis der Gesundheits-Pocal herum
gegangen war.
    Wenige Zeit hernach, wurde durch 6. Trompeter und 1. Paucker zur Tafel
geblasen und geschlagen, weswegen der Gouverneur denn sehr nötigte uns nicht
länger zu versäumen, sondern unserer Führerin zu folgen. Dieses war seine
Gemahlin, eine Dame von ohngefähr 40. Jahren, sah aber noch sehr schön aus, wir
giengen demnach auf sie zu, und hatten die Ehre, sowohl ihr, als ihren beiden
schönen Töchtern, die Hände zu küssen, allein, sie waren alle, der Landes-Art
nach, so gefällig, einem jeden von uns den Mund darzubieten, und einen derben
Kuss darauf zu empfangen. Hierauf ging des Gouverneurs Gemahlin voran, ein
General führete die älteste, und ein Obrister die jüngste von ihren schönen
Töchtern; sodann folgten Paarweise, die Portugiesischen Capitains, und hinter
denselben ich und mein Bruder im Paare, nach uns zählete ich noch accurat 20.
Paar Cavaliers und Officiers. Nachdem ein Page das gewöhnliche Gebet vor Tische
in lateinischer Sprache gesprochen, wurden die Speisen vorgelegt. Ich will mich
aber bei Beschreibung der Gerichte, deren mancherlei Abwechselungen und
delicater Zurichtung, eben nicht aufhalten, sondern nur so viel sagen, dass diese
Tafel, einer aufs delicateste besetzten Fürstlichen Tafel nichts nachgab. Wir
Fremden wurden von dem Gouverneur, seiner Gemahlin und ihren schönen Töchtern
beständig aufs complaisanteste und liebreichste zum speisen genötiget, und
plötzlich liess sich in einem Neben-Zimmer, dessen 2. Türen so gleich eröffnet
wurden, die aller angenehmste Tafel-Musique, auf Italiänische Art, hören. Die
Abwechselungen der Concerten, Ouverturen und dergleichen musicalischen Händel,
fielen ganz unvergleichlich in die Ohren, und dieses währete über eine ganze
Stunde, so dann wurden lauter goldene Becher und ein grosser mit Diamanten und
Rubinen besetzter goldener Pocal herbei gebracht, welcher wenigstens 3. bis
vierdtehalb Pfund schwer war, und da fast über ein Maas hinein ging, diesen
nahm der Gouverneur, stund an der Tafel auf, und sagte: Auf gute Gesundheit und
Glück unserer angekommenen lieben Gäste, so wohl Holländer als Portugiesen. Es
stund alles auf, was bei der Tafel sass, indem liessen sich Trompeten und Paucken
lustig hören, und es wurden dabei 12. Canonen abgefeuert. Er tranck den Pocal
nicht ganz aus, sondern so viel, als ihm beliebte, machte ein Compliment gegen
uns, und sagte: Meine Herren! nehmen Sie nicht ungütig, dass ich mein besonderes
Ceremoniel observire, denn ich trincke nicht mehr, als mir schmeckt, und ich
meiner Meinung nach vertragen kann, forçire auch niemanden zum Truncke, sondern
lasse nach Appetite einem jeden seinen Willen.
    Hierauf setzten wir uns nieder, indes kam ein Page, welcher den Pocal
wegnahm, den übrigen Wein in einen grossen silbernen Schwenck-Kessel schüttete,
den Pocal wieder ausspülte, und denselben des Gouverneurs Gemahlin præsentirte,
die so gut mit machte, als der beste Cavalier. Die Dame trunck es ihrer ältesten
Tochter, und diese ihrer Schwester zu, und war hierbei zu bemercken: dass, so
oft eine Person an der Taffel den Pocal ausgetruncken, ein Page kam, der den
noch übrig darinnen befindlichen Wein in den silbernen Schwenck-Kessel goss, den
Pocal mit Wasser ausspülete, wieder voll Wein schenckte, und ihn demjenigen,
welchem es zugetruncken war, auf einer goldenen Schaale præsentirte, auch darbei
credentzte. So gienges von oben an bis unten aus.
    Meinem Bruder war seiner Haupt-Wunde wegen bei Tische nicht allzu wohl,
welches ich wohl merckte, indem er sich zum öftern im Gesichte veränderte,
allein, weil er ein Löwen-Hertz im Leibe hat, so verbiss er seine Schmertzen, und
liess sich nichts merken, weswegen ich auch stille schwieg. Unterdessen war des
Gouverneurs älteste Tochter, so neben mir sass, dieses gewahr worden, neigte sich
also zu mir, und sagte: Mein Herr! wie kommt mir euer Herr Bruder vor? er
verwandelt sich öfters im Gesichte. Es wäre kein Wunder, Gnädiges Fräulein, (gab
ich zur Antwort) wenn er sich zuweilen im Gesichte verwandelte, denn er hat
gestern Abend einen gewaltigen Hieb über den Hirnschädel, und eine Kugel in die
lincke Hüffte bekommen; Allein, er wird daran nicht sterben. So bald ich
ausgeredet, liess das Fräulein einige Tränen fallen; worauf sie von ihrer Frau
Mutter befragt wurde, was sie weinete, und was sie mit mir gesprochen hätte? Sie
erzählete alles bona fide, da denn die Dame meinen Bruder inständig bat,
aufzustehen, und sich in ein anderes Zimmer führen zu lassen, wo er seiner
Gesundheit pflegen, und der Ruhe geniessen könnte; Allein der Kerl liess sich
weder durch das Frauenzimmer, noch durch den Gouverneur und andere Wohlwollende
darzu erbitten, sondern blieb sitzen, wie ein Ast.
    Ich aber rufte einen Pagen auf die Seite, und verabredete mit ihm, dass er
mir den grossen Pocal voll einschencken, und darbei befehlen möchte, dass unter
währenden Trincken, auf Gesundheit des Herrn Gouverneurs dieser Insul etc.
allezeit 12. Canonen sollten gelöset werden. Das Herrchen war fix, kam bald
wieder zurück, und gab zu vernehmen, dass alles wohl bestellet wäre, brachte mir
auch zugleich den Pocal, auf einem goldenen Credentz-Teller, mit welchem ich in
die Höhe trat, und mit lauter Stimme sagte: Vivant Ihro Excell. der Herr
Gouverneur dieser Insul, nebst Dero hohen Familie! Kaum hatte ich den Pocal
angesetzt zum Trincken, als sich 12. Canonen nebst Trompeten und Paucken auf
einmal hören liessen, und dieses ging, (nachdem ich gezeigt, dass ich den Pocal
ganz ausgeleeret, und diesesmahl dem Schwenck-Kessel nichts gegönnet hatte)
rund um. Ich bemerckte, dass der Gouverneur, seine Gemahlin und Kinder über mein
Verfahren schmuntzelten, denn ich konnte ihnen allen ins Gesichte sehen,
ohngeachtet der Gouverneur mit seinen 2. Söhnen ganz zu unterst an der Tafel
sass; Es war also ein artiges Kleeblat, oben die Mutter mit den Töchtern und
unten der Vater mit zwei Söhnen. Nachdem der Pocal herum war, stimmete der
Gouverneur aus den kleinen Bechern erstlich noch Privat-Gesundheiten an, und
zwar vor alle Personen, die sich an der Tafel befanden, bei einer jeden wurden
aber nur 3. Canonen gelöset. Wir sassen also so lange bis über Mitternacht an
der Tafel, und mein Bruder hatte sich wohl gehalten bis auf den letzten Mann.
    Nach aufgehobener Tafel sah sich ein jeder nach seiner Ruhe-Stelle um, mich
und meinen Bruder aber, welcher etwas blass aussah, begleiteten der Gouverneur,
dessen Gemahlin, Töchter und Söhne bis hinauf in das obere Stockwerck, allwo uns
zwei Zimmer angewiesen wurden, welche Communication mit einander hatten. Es
trieb sie, wie die Dame sagte, nichts darzu an, als die Curiositeè, um meines
Bruders Haupt-Wunde verbinden zu sehen. Wiewohl uns nun die Dame einen Artzt
vorgeschlagen, dessen Kunst sie ungemein rühmete; so wollten wir doch unsere
Schiffs-Barbier (welches in Wahrheit geschickte Männer waren, und noch gute
Leute unter sich zu ihren Diensten hatten) nicht eifersüchtig machen, weilen wir
bedachten, dass wir vielleicht ihre Hülffe in Zukunft weiter möchten nötig
haben. Da nun meines Bruders Schiffs-Barbier die Deckel und Pflaster von der
Haupt-Wunde abgenommen, war dieses eben nicht allzu appetitlich anzusehen,
zumahlen, da um die Fingers-lange Wunde herum alles Haupt-Haar mit dem
Scheer-Messer abgenommen war. Der Gouverneur und dessen Gemahlin wollten sich bei
so gestalten Sachen, und zumahlen, da er noch eine Kugel im dicken Beine stecken
hatte, bald des Todes über meines Bruders Mut und Hertzhaftigkeit verwundern.
Die Söhne sahen die Wunde auch mit Erstaunen an, da aber die Töchter gleichfalls
herzu traten, und dieselbe betrachteten, sanck die älteste ganz unvermutet in
Ohnmacht dahin, weswegen man sie nur vorerst auf das, nicht weit davon stehende
Bette legte, und sie mit Schlag-Wasser und flüchtigen Spiritu nach Verlauf einer
viertel Stunde wieder zu sich selber brachte. Wir beiden Brüder bezeigten unsere
hertzliche Compassion und Exquisen wegen dieses Zufalls, allein die Frau Mama
sagte mit lachendem Munde: Das Närrichen hätte können davon bleiben, denn sie
weiss, dass sie nicht einmal eine Gans oder Huhn kann abschlachten sehen. Nachdem
aber mein Bruder verbunden, ersuchte mich der Gouverneur, ich möchte ihm den
Gefallen erweisen, und meine Arm-Wunde ebenfalls in ihrer Gegenwart verbinden
lassen; ich deprecirte zwar solches, weilen es sich in Gegenwart hohen
Frauenzimmers nicht schickte, allein, da er nicht nachliess, mich zu bitten, und
ich sonsten wusste, dass ich so weiss und reine an meinem Leibe, als ein Fisch, so
entblössete ich meinen Arm und Brust, und liess mich verbinden. Sie verwunderten
sich, dass ich, bei der Fingers-langen Wunde, doch den Arm noch so gut brauchen
könnte, allein ich sagte ihnen, wie ich gar keine Schmertzen oder besondere
Incommoditee dabei verspürete, sondern dieselbe en bagatell estimirte, indem ich
deren weit gefährlichere aufzuzeigen hätte.
    Wahrhaftig, (sagte des Gouverneurs Gemahlin,) meine Herren! eure Haut muss
von Bleche, das Fleisch von Eisen, und die Knochen von Stahl sein, wenn ihr
dergleichen Blessuren so en bagatell tractiret. Der Gouverneur fiel ihr ins
Wort, und sagte zu mir: Nein, meine Herren! das ist keine Sache oder Rat,
sondern ich werde euch beide nicht ehe aus meinem Hause lassen, bis ihr
vollkommen curirt seid. Wir danckten vor dessen gütiges Anerbieten, und baten
uns aus, nur erstlich den morgenden Tag, wenn es erlaubt wäre, allhier auf
seiner Burg abzuwarten. Hierauf wurde die älteste Fräulein aufgenommen, und
erinnert, dass sie sich in ihr Zimmer begeben sollte. Sie stund demnach auf, und
nahm Abschied von uns. Mein Bruder bezeugte ihr nochmahls seine hertzliche
Compassion, wegen des ihr begegneten unvermuteten Zufalls, und machte sich so
dreuste, ihr 3. mahl die Hand und 3. mahl den Mund derb zu küssen, worauf der
Gouverneur mit allen den Seinigen uns eine geruhige Nacht wünschete, und sich
hinunter zu ihren Gästen begaben, mit denen sie, wie man hörete, noch 2. gute
Stunden discourirten und becherten. Bald nach ihrem Hinweggehen, kamen 2. alte
Matronen und 2. Pagen zu unserer Bedienung, welche noch ein Compliment von ihrer
Herrschaft brachten, und sagten, dass sie befehligt wären, diese Nacht bei uns
zuzubringen und zu bewachen; Derowegen dürfften wir nur kühnlich fordern, was
unser Hertz begehrete, indem uns von ihrer Herrschaft wegen, alles zu Diensten
stünde.
    Ich liess meinen Bruder in diesem Zimmer, und suchte mein Bette in dem
Neben-Zimmer, da denn ein jeder von uns den Schiffs-Barbier, 2. Schiffs-Soldaten
und, wie schon gemeldet, die 2. alten Matronen und die 2. Pagen zu Wächtern bei
sich hatte. Ehe wir aber noch eingeschlaffen waren, kamen die 2. Portugiesischen
Capitains nochmahls zu uns, um uns ihr Beileid zu bezeugen, und eine angenehme
Nacht-Ruhe anzuwünschen, welches sie denn mit der grösten Freundschaft und
Zärtlichkeit taten, ja wir erkannten sie vor recht redliche Leute. Früh Morgens,
so bald es helle ward, beredeten wir beiden Brüder uns, und schickten zwei von
unsern Bedienten an meinen Lieutenant, dass er so gut sein möchte, unsere
Kleider- und Wäsch-Kisten eröfnen, und vor einen jeden von uns, ein rotes mit
Silber- und ein blaues mit Golde bordirtes Kleid nebst etlichen Anzügen weisser
Wäsche, ingleichen etliche Paar seidener Strümpffe von verschiedenen Farben,
auch 2. rote, 2. blaue und 2. weisse Feder-Hüte in Mantel-Säcke möchte
einpacken, und auf 2. Maul-Tieren anhero bringen lassen; weilen wir, da wir
einige Incommodität an unsern Wunden verspürt, uns noch wohl etwa 3. bis 4. Tage
bei dem genereusen Gouverneur aufhalten möchten. Im übrigen lautete die Ordre,
die ich eigenhändig schrieb, noch so: dass er auf beiden Schiffen, nebst seinen
Subalternen alles wohl beobachten möchte, weil wir unser Vertrauen gäntzlich auf
seine vortrefliche Conduite und Geschicklichkeit gesetzt hätten etc.
    Unsere Bedienten giengen noch vor Aufgange der Sonnen fort, und kamen viel
eher zurück, als wir uns dessen vermuteten, brachten auch alles auf den
Maul-Tieren mit, was wir verlangt hatten, benebst dem schrifftlichen Rapport
des Lieutenants, worinnen er meldete: dass auf beiden Schiffen alles noch sehr
wohl stünde; und das Volck, welches er aufs beste verpflegte, indem er wohl
wüste, dass wir beiden Capitains, zumahlen bei dergleichen Umständen, keine
Menageurs wären, bezeigte sich lustig und guter Dinge. Die meisten Patienten
wären ausser Gefahr, jedoch in verwichener Nacht auf meinem Schiffe 1. auf
meines Bruders Schiffe aber 2. Mann gestorben, welche er auf Breter binden, und
unter 3. mahliger Lösung des Hand-Gewehrs, der See übergeben lassen.
    Wir waren mit unsers Lieutenants Conduite zuftieden, indem er auch in der
Tat ein gescheuter und geschickter Officier, anbei eine vollenkommene Courage
hatte.
    Mittlerweile hatte unsere Frau Wohltäterin, welcher die Leutseeligkeit aus
den Augen leuchtete uns eine starcke Portion Chocolade herauf geschickt, liess
anbei fragen, ob uns auch mit Teè, oder Caffeè, oder sonsten etwas zum
Frühstück gedienet wäre? allein wir deprecirten alles andere, und liessen zurück
melden, dass wir mit diesem delicaten Frühstück uns behelffen wollten bis zur
Mittags-Mahlzeit. Indem wir beide Chocolade trancken, kamen nebst denen
Portugiesischen Capitains 2. Cavaliers des Gouverneurs, welche im Nahmen des
Gouverneurs und seiner ganzen Familie uns den Morgen-Gruss brachten, und sich um
die Beschaffenheit unserer beider Gesundheit erkundigten. Wir liessen unter
währenden Gegen-Compliment dieselben etliche Tassen Chocolade mit uns trincken,
discourirten hernach von einem und andern, worbei ich gestehen muss, dass wir die
beiden Cavaliers vor gelehrte, rafinirte Cavaliers erkannten. Sie hielten sich
aber nicht länger bei und auf, bis die Chocolade ausgetruncken war, und eileten,
ihrem Principal unser Gegen-Compliment zu überbringen. Bald hernach kam eine
alte Matrone, welche im Nahmen der Gouverneurin fragte: ob uns etwa beliebig,
alleine auf unsern Zimmern zu speisen, oder ob wir zur ordentlichen Tafel kommen
wollten? welches letztere sie mit Vergnügen und weit lieber sähe, zumahlen sich
noch einige Gäste mehr eingefunden. Wir liessen zurück melden, dass, da wir uns
wegen so unvergleichlicher guter Wartung und Verpflegung, fast halb curirt
befänden, wir lieber en Compagnie, als alleine speisen wollten, wenn wir nur
nicht zu befürchten hätten, dass wir als Patienten, der ganzen Gesellschaft
einen Eckel verursachen möchten. Die Alte ging mit diesem Bescheide fort, und
brachte von ihrer Frauen zurück, dass wir nicht eigensinnig sein, sondern zur
Tafel kommen sollten, so bald als geblasen würde, worzu wir noch etwa eine halbe
Stunde Zeit hätten. Demnach liessen wir uns durch unsere Bedienten aufs
propreste in Blau mit einem Hute, worauf eine rote Feder, ankleiden, und
discourirten hernach unter dem Spazieren-gehen in dem Zimmer von ein und andern
wichtigen Affairen, so lange bis uns Trompeten und Paucken zur Tafel citirten,
da wir denn, ein jeder 2. von unsern propre montirten Laquais hinter sich
habend, in das Tafel-Zimmer mit goldenen Degen und Stock eintraten, erstlich ein
Compliment en generell, hernach aber en speciellement machten. Wir bemerckten,
dass sich die Gesellschaft auf die 10. Personen, so wohl männliches als
weibliches Geschlechts verstärckt hatte, demnach wurde des angekommenen
Frauenzimmers wegen, deren ihrer 6. waren, eine kleine Veränderung des Ranges
gegen gestern gemacht. Ehe wir uns noch zu Tische setzten, winckte uns beiden
Brüdern die Frau Gouvernantin; wir stelleten uns vor sie, da sie denn sagte: Ey!
sind das Patienten? Ich glaube, wenn jetzo ein Barbar ihnen entgegen käme, mit
seinem besten Säbel, sie zögen dennoch die Fuchteln, und bohreten ihm das Hertz
im Leibe durch. Ich antwortete: Madame! dass wir noch so ziemlich vigoreus vor
Ihnen erschienen, haben wir nichts anders zu dancken, als Dero Gnade, die Befehl
gegeben, uns aufs beste zu pflegen und zu warten. Wir machten anbei ein tieffes
Compliment vor die Dame, küsseten ihr die Hand und Mund, und setzten uns so, wie
die andern, zur Tafel. Hierbei ging es weit delicater und kostbarer zu als
gestern, ja ich lüge nicht, wenn ich sage, dass die Tractamenten mehr als
Fürstlich waren, hierbei wurde der Pocal und die kleinen güldenen Becher auch
nicht müssig gelassen, und darbei das Pulver in den Canonen ganz und gar nicht
menagirt, welches mich am allermeisten dauerte, sonsten aber delectirte mich
nichts mehr, als die unvergleichliche Italiänische Tafel-Musique. Es ging aber
ganz fein und lustig auch bei der Tafel zu, und zwar, wie man in Europa zu
sagen pflegt, von Boben-Tal.
    Mittlerweile erhub sich ein Streit über der Tafel, um zu wissen wie viel Uhr
es wohl accurat sei? der Gouverneur selbst hatte eine kostbare Uhr, und seine
Cavaliers und Officiers führeten auch Uhren bei sich, nach Proportion ihrer
Güte, sie zeigten ihre Uhren alle auf, gewiss zu erfahren, wie hoch es wohl etwa
an der Zeit sein möchte; endlich kam die Reihe an uns, und die Portugiesischen
Capitains, welche ihre Uhren auch aufzeigten und bekanten, dass es etliche
Minuten auf 3. Nachmittags wäre, aber der Gouverneur wolle damit nicht zufrieden
sein, sondern statuirte, dass es vollkommen 3. Uhr wäre. Mein Bruder trat auf,
und sagte: Meine Herren! ich bin ein geringer Matematicus, und ein rechter
Uhren-Narre, führe also mehrenteils 2. 3. bis 4. Uhren bei mir; grif demnach in
die Ficke, und langte seine Haupt-Uhr, in deren Gehäuse unten eine Magnet-Nadel
gesetzt war, heraus, und sagte: Dieses ist meine Haupt-Uhr, schlecht von
Ansehen, aber tüchtig vom Verstande, denn es müste die Sonne nicht richtig
gehen, wenn diese meine Uhr nicht richtig gienge, nach welcher sich alle meine
andern Uhren, deren ich noch viele kostbare und schlechte habe, zu richten
pflegen. Demnach ging diese Haupt-Uhr um die ganze Tafel herum, wurde auch von
jeden besichtiget und bewundert; Da diese Uhr aber an ihren Mann zurücke kam,
brachte derselbe eine dem Ansehen nach weit kostbarere güldene Repetir-Uhr
hervor, die bis 300. Tlr. wert, indem sie starck mit Diamanten und andern
Edelgesteinen besetzt war. Diese ging auch um die Tafel herum, und wurde von
einem jeden bewundert, bis sie auch wieder an ihren Mann kam. Unterdessen mochte
das älteste Fräulein des Gouverneurs, ein Auge auf diese Uhr geworffen haben,
weswegen sie meinen Bruder bat, seine Stelle zu verändern, und sich an ihre
Seite zu setzen, um ihr die Vorteile bei einer Repetir-Uhr zu zeigen, denn sie
hätte zwar viel hundert Uhren gesehen, aber noch keine rechte Repetir-Uhr. Mein
Bruder gehorsamte ihren Bitten, setzte sich neben sie, machte die Uhr aus
einander, und zeigte ihr alle Hand-Griffe und Vorteile, immittelst liess er noch
2. Uhren um die Tafel herum gehen, welche wegen ihrer Schönheit und Accuratesse
von allen bewundert wurden. Das Fräulein machte sich eine ungemeine Freude
daraus, dass sie in kurtzer Zeit so fix repetiren gelernet, præsentirte aber
meinem Bruder auf einem goldenen Teller die Uhr wieder zurück; Allein dieser war
damahls so genereux, dass er sich weigerte, die Uhr wieder zurück zu nehmen,
sondern sagte, weilen er vermerckt, dass das gnädige Fräulein einiges Vergnügen
an dieser Kleinigkeit gefunden, so offerire er die Uhr Deroselben zum Præsent
und geneigten Andencken seiner wenigen Person. Denn er hätte noch ein Paar
dergleichen, und noch einige geringere in seiner Kiste. Sie richtete sich in
etwas in die Höhe, und sagte, mit einer charmanten Mine, nicht mehr als diese
Worte: Mein Herr, ich dancke vor dieses kostbare Præsent; Ich will mich
revangiren.
    Eben also ging es diesen Abend noch meinem Bruder, mit einer goldenen, mit
Diamanten und andern edlen Steinen besetzten Tabattiere, welche er eben diesem
Fräulein darreichte, um eine Prise daraus zu nehmen, da aber diese auf dem im
Deckel befindlichen Bilde sah, dass ein Matrose vor einer schönen Dame auf den
Knien lag, und ihr sein Hertz mit wundersamen Geberden præsentirte, wollte sie
sich fast schäckig darüber lachen, weswegen mein Bruder ihr auch diese Dose
schenckte. Nachdem aber der Uhr- ein Ende gewonnen, und mein Bruder alle seine
Uhren (ausgenommen die kostbare) wieder in der Ficke hatte, wurde abermals
Tafel-Musique gemacht, und dabei noch wohl eine gute Stunde tüchtig gebechert.
Worauf die Tafel abgehoben, weggesetzt, und Anstalt zum Tantzen gemacht wurde.
Der Gouverneur selbst machte mit seiner Gemahlin den Anfang, nötigte hernach
uns übrigen, dass wir folgen sollten, welches denn auch von vielen geschahe,
allein ich befürchtete mich, zumalen wegen des vielen getrunckenen Weins, meine
Arm-Wunde zu erhitzen; liess derowegen das Tantzen bleiben. Mein Bruder aber war
so toll, und forderte das älteste Fräulein des Gouverneurs zum Tantze auf, diese
aber sagte (wie ich denn ganz nahe dabei stund, und alle Worte hören konnte) so
viel zu ihm: mein Herr! vergebet mir, dass ich euch vor diesesmahl den Tantz
abschlage, indem ich euren Zustand weiss, und mich Zeit Lebens nicht zufrieden
geben könnte, wenn ihr eure Wunden erhjetztet, und in Gefahr lieffet. Ich werde
auch mit keinem andern tantzen, sondern mich mit Kopff-Schmertzen entschuldigen.
Lieber wollte ich euch noch heute Schuh und Stiefeln putzen, als mit euch
tantzen, denn ich habe viel zu viel Vorsorge und Nachsinnen wegen eurer
Gesundheit. Ich will mich zu eurem Herrn Bruder setzen, mit ihm ein gut
Gespräche halten, und darbei dem Tantze zusehen, weil derselbe, wie ich mercke,
auch keinen Appetit zum Tantzen hat. Also kam mein Bruder zu uns, setzte sich
neben das Fräulein, so dass wir sie recht in der Mitten hatten, und führeten ein
lustiges Gespräch. Es kamen ihrer viele, die das Fräulein zum Tantze auffordern
wollten, allein sie schützte Kopf-Schmertzen vor, nahm auch, da es gegen 10. Uhr
kam, von uns Abschied, und begab sich zur Ruhe. Da das Schwärmen jedoch kein
Ende nehmen wollte, wurden wir es auch überdrüssig, und schlichen auf unsere
Zimmer, befahlen aber einem Pagen, dem Herrn Gouverneur und dessen Gemahlin
unsern Respect zu vermelden, mit gehorsamster Bitte uns nicht ungnädig zu
vermercken, dass wir stillschweigend fortgeschlichen wären, indem uns die
Schmertzen unserer Wunden zum Verbinden angetrieben hätten. Der übrigen
Compagnie aber, sollte er gleichfalls unser dienstlich Compliment machen.
    Nachdem wit auf unsern Zimmern angelanget, kam dieser Page bald hinter uns
her, und brachte das Nacht-Compliment von seiner Herrschaft, ihm folgten 2.
Laquais, welche die Abschencke, die in einer grossen güldenen Kanne voll Wein
und einer grossen Schaale voll allerlei Confituren bestund, auf unsere Tafel
setzten. Nach diesen kamen abermals 2. Pagen und 2. alte Matronen zu unserer
Bedienung, allein wir hielten uns dissmahl nicht lange auf, sondern legten uns,
nachdem wir verbunden waren, bald zu Bette, wurden aber dennoch noch nicht zur
Ruhe gelassen, indem uns ein paar Stunden darauf die Musicanten eine admirable
Abend-Musique vor den Türen unserer Zimmer brachten, welche fast eine halbe
Stunde währete. Wir delectirten uns daran, und schlieffen darüber ein. Früh
Morgens, so bald es Tag war, schrieb ich eine Ordre an meinen Lieutenant: vor
uns deiden Brüder, aus den Kleider-Kisten jedem ein grünes mit goldenen Espagnen
bordirtes Kleid, noch einige Anziehe-Wäsche, 500. Raqueten, 500. gefüllete
Granaden, und 2- bis 3000. kleine Schwärmer, 200. Wasser-Kegel und 500.
Lust-Kugeln zu schicken, auch unser beider Leib-Büchsen, Flinten und Pistolen,
item 2. Feuer-Mörser und 24. gefüllete Bomben, anbei 12. Granadiers, und zwar
die geschicktesten. Im übrigen bäten wir accuraten Rapport aus, hätten vorjetzo
weiter nichts zu commandiren, indem wir wohl wüsten, dass er das Commando schon
vor sich selbst aufs beste verstünde, weswegen wir alles seiner berühmten
Conduite überliessen etc.
    Hiermit schickten wir abermals 2. von unsern Bedienten nach unsern Schiffen
fort, bekamen Teè, Caffeè und Chocolade von unserer Wohltäterin geschickt,
worbei sich die 2. Portugiesischen Capitains, als welche uns recht brüderlich
liebten, nebst 2. Cavaliers des Gouverneurs waren, die uns das Morgen-Compliment
brachten, wovon der eine zurücke ging, und unser Gegen-Compliment ablegte,
jedoch bald zurück kam, und mit uns tranck, denn ein jeder konnte nach Belieben
trincken, was er wollte. Wir hielten unter einander lauter politische Gespräche,
bis ein Page ansagte: dass binnen etwa einer halben Stunde würde zur Tafel citirt
werden. Demnach retirirten sich die Capitains und Officiers, wir aber liessen
uns ankleiden, und zwar in Rot mit Silber bordirt, worzu wir jeder einen Hut
mit weisser Feder aufsetzten, und, so bald zur Tafel geschlagen worden, uns
gehöriges Orts meldeten, nachdem uns zwei Officiers zu allem Uberflusse
abgeruffen hatten. Es ging bei derselben eben so in floribus zu, als gestern
und ehegestern, nur vermisseten wir darbei die älteste Tochter des Gouverneurs,
von welcher mir die Mama sagte, dass sie einige Kopff-Schmertzen verspürete,
welcher Zufall aber doch wohl bald würde überhin gehen. Ich spürete ganz genau,
dass sich mein Bruder dieserwegen einigermassen alterirte, und schloss aus
gewissen Merckmahlen, dass unter diesen 2. Leuten eine Sympatie haselirte. Er
konnte weder essen noch trincken, sondern sass immer in Gedancken, bis man ihn mit
Gewalt anredete. Er excusirte seine Melancholie damit, dass ihm seine Wunde in
der Hüffte einige Schmertzen verursachte, weswegen er dieselbe gleich morgendes
Tages, entweder mit dem Kugel-Zieher heraus ziehen, oder mit dem Messer wollte
heraus schneiden lassen. Hierbei merckte ich, dass wir bei den liebreichsten und
redlichsten Leuten von der Welt wären: denn es schien, als ob ein jedes an
seinen Schmertzen Teil nehmen wollte, und führeten sich alle, ohngeachtet die
schönste Musique gemacht wurde, auch Trompeten und Paucken, nebst den Canonen
wechselsweise schwermeten, dergestalt niedergeschlagen auf, als ob ihnen selbst
ein Unglück begegnet wäre. Jedoch mein Bruder, da er dieses merckte, zwang sich
mit aller Macht zu einer etwas munteren Aufführung. Inmittelst, noch ehe die
Tafel aufgehoben wurde, kamen unsere Bediente, und brachten von meinem
Lieutenant folgendes Rapport-Schreiben zurück.
                                 Meisseigneurs!
    Deroselben Ordre ist mir heute früh um 8. Uhr wohl worden, weswegen ich
keine Minute versäumt, derselben gehörige Parition zu leisten, übersende demnach
zu schuldigster Folgleistung:
    2. Mortieurs
    24. gefüllete Bomben
    500. gefüllete Granaden
    500. Raqueten grosse, mittelmässige und kleine
    3000. kleine und grosse Schwärmer
    200. Wasser-Kegel
    200. Lust-Kugeln
    2. Büchsen
    2. Flinten
    4. Paar Pistolen, anbei
    12. Mann der auserlesensten Grenadiers, die ich vor die besten halte. Mir
träumet, dass Messeigneurs ein kleines Feuer-Werck spielen wollen, worzu ich
gratulire, und so oft ich einen Mortieur abfeuren höre, 12. Canonen auf unsern
Schiffen werde lösen lassen, weil wir mit dem Barbarischen Pulver, wie ich fast
nicht gemeint, noch einen wichtigen Vorrat von Pulver haben.
    Anbei folgen die verlangten 2. Kleider mit goldenen Espagnen bordirt, wie
auch 2. mit Espagnen bordirte Hüte, 2. Paar Perlen-farbene Strümpfe und noch
etliche Anziehe-Wäsche.
    Auf unsern Schiffen stehet, GOtt Lob! alles wohl: denn unsere Patienten
bessern sich, und ist seit meinem letztern Rapport keiner gestorben, wohl aber
noch 2. blessirte Barbaren, die ich ohne Gesang und Klang habe in die See
werffen lassen. Hergegen habe ich den Cörper meines lieben Cameraden, des
erschossenen Lieutenants noch zu unterst im Schiffe auf dem Ballast liegen, in
Hoffnung, dass sie demselben ein ehrlich Begräbnis auf dem Lande procuriren
werden. Ubrigens, in Erwartung fernerer Ordre, beharre mir
schuldigst-gehorsamsten Respect
                                  Messeigneurs
                                    le votre
                                                                  F.H. Dimbourg.
    P.S. Meine Herren sollen bei Dero Zurückkunft keinen Abgang an Raqueten,
Schwärmern, Wasser-Kegeln, Lauff-Kugeln und dergleichen spüren, denn ich will
binnen der Zeit den Abgang ersetzen, weil ohnedem ich und unsere Leute müssige
Stunden haben.
    Ich gab diese Rapports-Schrifft meinem Bruder zu lesen, ging hernach
hinnunter an die Tafel, und bat den Gouverneur: ob es mit dessen gütiger
Erlaubnis geschehen könnte, dass wir unseren seel. Cameraden mit militairischen
Ehren-Bezeigungen auf dem Lande begrüben, zumahlen, da er ein guter Christ und
eifferiger Catolic gewesen, mitin der geweiheten Erde wohl würdig wäre?
    Ey! was hör ich, mein Herr! (sagte der Gouverneur) ist der Verblichene ein
Catolic gewesen, so will ich ihn in die Haupt-Kirche begraben lassen. Ich
bringe Ew. Hochgebl. keine Lügen vor, (antwortete ich) denn dass er ein eiffriger
Catolic gewesen, kann ich mit seinem Lebens-Lauffe, den er selbst eigenhändig,
wenig Tage vor seinem Tode schrifftlich aufgesetzt, ingleichen auch aus vielen
andern seinen Scripturen, Catolischen Büchern, Pater noster und Scapulier,
welches alles er beständig bei sich geführt, erweisslich machen. Hierauf sagte
der Gouverneur, ich traue eurer Redlichkeit noch weit mehr, als dieses zu. Ich
bitte aber, lasset euren Todten nur noch 3. Tage auf dem Ballast liegen, denn es
kann ihm bei jetziger Witterung keine Fäulung angehen. Sorget weder vor Sarg,
Todten-Kleid, noch etwas anders, was zu einer propren Beerdigung eines Officiers
gehört, der auf dem Helden-Bette sein Leben rühmlich eingebüsst hat, sondern
gönnet mir die Ehre, dass ich alles besorge und veranstalte; Von heute an
gerechnet, soll der Leichen-Conduct auf den 4. Tag vor sich gehen, und Tages
vorhero, auf meine Parole, alles in Ordnung sein. Hiermit stund der Gouverneur
von der Tafel auf, und gab einem seiner Officiers einen Winck, dass er ihm folgen
sollte. Er ging mit ihm an ein Fenster, und plauderte fast auf eine halbe Stunde
mit ihm.
    Unterdessen ging ich mit meinem Bruder auch etwas abseits, und beredeten
uns, wie wir es mit dem Feuer-Wercke halten wollten; Er sagte: wenn ein und
anderes passirt, so will ich meine Dinge gleich nach der Abend-Tafel, die doch
auf unser Bitten nicht lange währen muss, schon machen. Als der Gouverneur wieder
an die Tafel kam, sagte er: Meine Herren! tragen sie kein Leid noch Sorge mehr
vor ihren Todten, sondern überlassen alle Sorge mir ganz allein; hergegen
bitte, sie wollen sich etwas lustiger erzeigen, als bishero. Ich aber sagte ihm
heimlich ins Ohr: ob er mir und meinem Bruder gütigst erlauben wollte, diesen
Abend, so bald es finster worden, ein kleines Feuer-Spiel, auf der, unsern
Fenstern gleich gegen über liegenden kleinen See, zu præsentiren, mein Bruder,
der aussen geblieben war, machte schon alle Præparatoria darzu, nur liess er
inständig bitten, dass die Abend-Tafel etwas kürtzer, als sonst gewöhnlich,
möchte abgebrochen werden, damit wir von der dunckeln und finstern Zeit
profitiren möchten. Der Gouverneur lächelte, und sagte: Meine Brüder! gebrauchet
alle Beqvemlichkeit bei mir, ich werde mir ein besonderes Vergnügen machen über
das Feuer-Spiel, und wo es euch gefällig, etliche 100. Pech-Fackeln an das Ufer
setzen lassen. Ich will auch so gleich Ordre erteilen, dass die 8. kleinen
Lust-Schiffe benebst den Boötchen und Kähnen in Ordnung gestellet werden.
    Nach aufgehobener Tafel wurde getantzt, da denn unverhoft mein Bruder und
die krancke Fräul. fast zu gleicher Zeit zum Vorscheine kamen, allein diese
letztere liess sich von niemanden zum Tantzen bewegen, also tantzten sie alle
beide und ich auch nicht, mein Bruder retirirte sich bald wieder, indem er mit
seiner Feuerwerckerei noch nicht vollkommen fertig war, auch die Raqueten-Stöcke
noch nicht alle beisammen hatte; Allein er schien mir weit munterer, als
vorhero, nachdem er seinen Aug-Apffel wieder zu sehen bekommen hatte. Eine
Stunde vor der Dämmerung wurde auf der Tafel angerichtet, allein es ging
dissmahl kurtz ab, wiewohlen alles im Uberflusse vorhanden war.
    Da nun mein Bruder sein Feuer-Spiel und alles, was wegen der Fahrzeuge zu
besorgen war, in Ordnung gebracht, nahm er mich und die Portugiesischen
Capitains mit hinunter an den Teich oder kleine See, denn es war ein gewaltig
grosser Teich, setzten uns in ein artiges, vestes und commodes Schiff, nahmen
die 2 Mortiers und Bomben mit hinein und löseten unter Trompeten- und
Paucken-Schall anfänglich 2 Mortiers, welche 2 Bomben in die See warffen, die
sich ziemlich dariñen herum tummelten und endlich crepirten, zu gleicher Zeit
hörete man auf der Citadelle 12 Canonen-Schüsse, auf welche unsere, in dem Hafen
liegende Schiffe in gleicher Anzahl antworteten. Hierauf mussten die Granadiers
ihre Granaden aufs Land werffen. Nach diesen liess mein Bruder 24. der
schweresten Raqueten steigen, welche sich dergestalt wohl hielten, dass nicht nur
alle Zuschauer, sondern auch der Gouverneur selbst, ihr Vergnügen daran sahen,
denn die meisten schaueten oben aus den Fenstern der Burg heraus. Da dieses
vorbei, warf mein Bruder abermals 2. Bomben aufs ebene Land, welche sich
wunderlich begunten, und wie man früh Morgens sah, ehe sie crepirt, gewaltig
tieffe Löcher in die Erde gewühlet, ja rechte Kessels gemacht hatten. Es wurde
ihm auf seine 2. Mörser von den Wällen der Citadelle und von unsern Schiffen,
von jeder Seite mit 12. Canonen geantwortet. Darauf warf er 50. Wasser-Kegel in
das Wasser, liess dabei 50. der grösten Schwärmer in die Luft spielen. Da die
Wasser-Kegel versuncken, warf er 50. Lust-Kugeln von allen Seiten des Schiffs,
und spielete darauf noch 2. Bomben ins Wasser, worauf ihm von der Citadelle und
von unsern Schiffen von jeder Seite mit 12. Canonen geantwortet wurde.
    Also fuhr er fort, Raqueten steigen, Granaden werffen, Schwärmer in die Luft
fliegen zu lassen, Wasser-Kegel und Lust-Kugeln auszuwerffen, und von Zeit zu
Zeit 2. Mortiers zu lösen, da er denn die Bomben bald aufs Land, bald aufs
Wasser fliegen liess. Dieses währete so lange, bis er des Dinges überdrüssig
wurde, und da er nicht viel Vorrat mehr hatte, alles kunter bund durch einander
hergehen liess, zuletzt aber mit 4. Bomben, die er kurtz nach einander spielte,
der ganzen Sache ein Ende machte, und anhören musste, dass ihm so wohl die
Citadelle mit 24. und unsere im Hafen liegende Schiffe auch mit 24. Canon
en-Schüssen eine gute Nacht wünschten. Als wir alle insgesamt zurück ins
Tafel-Zimmer auf der Burg kamen, fanden wir einen schönen Caffeè, Bisquit und
hernach ein Glas Canari-Sect, wir wollten uns aber nicht dabei aufhalten, jedoch,
da uns der Gouverneur allzu starck nötigte, und sagte: Meine Herren! ihr habt
mir diesen Abend ein Divertissement gemacht, dessen gleichen ich, so lange ich
auf dieser Insul wohne, nicht gehabt, auch haben sich meine ganze Familie und
meine wertesten Gäste unaussprechlich darüber ergötzt; darum erlaubet mir,
meine Herren! dass ich auf diesem grossen Teiche, oder so zu sagen, kleinen See,
euch sämmtlich wieder zu divertiren, eine Fischerei anstelle, und euch insgesamt
bitte, derselben beizuwohnen, und zwar Morgen gleich nach der Mittags-Tafel.
Unterdessen wollen wir unter einem guten Gespräch noch eins in bona pace ex
poculo hilaritatis trincken, und uns hernach zur Ruhe begeben. Wir liessen uns
alle bereden, ich bemerckte aber, dass mein Bruder und sein Fräulein sich an das
abgelegenste Fenster begaben, und daselbst die vertraulichsten Gespräche mit
einander führeten.
    Wir giengen also lange nach Mitternacht zur Ruhe. Früh Morgens bekamen wir
unser Deputat al' ordinaire an Teè, Caffeè und Chocolade, auch die gewöhnlichen
Visiten, und erschienen hernach im grünen Habit bei der Tafel. Es ging alles
darbei ordentlich und pompeus zu, jedoch währete die Tafel dissmahl nicht so
lange, als sonsten, weil wir die Fischerei vor uns hatten. Der Gouverneur war
diesen Tag ungemein aufgeräumet, und sagte: Nun, meine Herren! tut mir das
Plaisir, mit an die Fischerei zu gehen, ich wette darauf, dass wir vor Nachts,
vor mehr als 8000. Mann, der besten grossen und Speise Fische fangen wollen, und
davon soll die in unserm Hafen liegende Soldatesque ihren Anteil haben, auf
unser aller Gesundheit die Fische zu verzehren, und wenn meine Rede nicht
eintrifft, so will ich ihnen 4. von meinen besten Ochsen darzu schlachten
lassen.
    Demnach begaben wir uns hinunter an das Ufer, und setzten uns in die
Lust-Schiffe und Kähne, ich bemerckte aber unter allen andern dieses Curiositeé,
dass mein Bruder mit seinem Leit-Sterne, nämlich des Gouverneurs ältesten
Fräulein in einem kleinen Lust-Schiffe nebst einer alten Matrone, ganz alleine
zu sitzen kam. Die Fischerei ging unter Trompeten-und Paucken-Schall mit mehr
als 300. Fischern, ohne die Handlangers, trefflich von statten, so, dass wir, ehe
es dämmerig ward, aufhören mussten, von wegen der grossen Menge. Es war, wie
gesagt, eine erstaunliche Menge Fische, weswegen der Gouverneur erstlich die
allerbesten zu seiner Tafel auslesen liess, die übrigen aber noch vor Nachts in
grossen Fisch-Fässern unsern Leuten an den Strand zuschickte. Wir mussten
gestehen, dass dieses eine Fisch-Portion vor mehr als 16000. Mann wäre, dem
ohngeachtet liess der Gouverneur 4. der fettesten Ochsen hinter den Fisch-Wagens
hertreiben, und machte unsern Leuten ein Præsent damit. Wir fanden auf dem
Tafel-Zimmer noch einen herrlichen Caffeè, und nachdem dieser mit Appetit
genossen, nahmen wir vor dissmahl allesammt Abschied von einander, und begaben
uns zur Ruhe. Früh Morgens stund mein Bruder wider seine Gewohnheit sehr früh
auf, und sagte zu mir: dass, weil es ein gar allzu angenehmer Tag wäre, er sich
ein wenig in dem Lust Garten mit Spatzierengehen divertiren wollte, um der
angenehmen Morgen-Lufft zu geniessen. Ich hatte nichts darwieder einzuwenden, da
mir aber die Sache verdächtig vorkam, schlich ich nach Verlauf einer guten
Stunde ihm nach, und fand mein Brüderchen mit seiner Amasia in einer dick
belaubten Hütte sitzen. Ich sah, dass sie einander hertzten und küsseten, auch
sich dergestalt mit den Armen zusammen geschlossen hatten, als ob sie ewig also
sitzen bleiben wollten. Erstlich ging ich wieder zurück auf etliche Schritte,
trat aber bald zu ihnen hinein, und bot ihnen einen guten Morgen. Hierauf sagte
ich: Kinderchen, ich habe von ferne gesehen, dass ihr einen hertzhaften
Morgen-Seegen mit einander gebetet, es ist mir lieb, dass ihr einander lieb habt,
allein führet euch behutsam auf, und macht das Spiel nicht zu bund, damit es die
Eltern und andere Aufsehers nicht gewahr werden, ich aber will euch nicht
verraten.
    Das Fräulein wurde so rot, als ein Stück Blut, kam aber auf mich zu, und
küssete mir erstlich die Hand, hernach den Mund, worauf ich mich gedoppelt
revangirte; Mein Bruder aber sagte in deutscher Sprache zu mir: Mein Bruder! ihr
hättet mit gröster Renommeè noch eine Stunde schlaffen, und mich in meinem
Vergnügen ungestöhrt lassen können.
    Gebt euch zufrieden, mein Bruder! (gab ich ihm zur Antwort,) ich will ganz
und gar nicht ein Stöhrer eures Vergnügens sein, sondern ich sage nur so viel,
bedenckt, wo wir uns aufhalten, und geht behutsam; auf dem Zimmer wollen wir
von dieser Begebenheit ein mehrers mit einander sprechen.
    Hierauf traten wir aus der Hütte heraus, nahmen das Fräulein in die Mitte,
und giengen noch eine Zeit lang im Garten herum spaziren, bis wir bemerckten,
dass im Hause alles munter war, da denn das Fräulein, nachdem sie uns beide
geküsset, im Garten zurück blieb, wir aber begaben uns auf unsere Zimmer, und
traffen daselbst schon die Portugiesischen Capitains und 2. Cavaliers des
Gouverneurs an, welche bereits den Anfang gemacht hatten, sich jeder nach seinem
Belieben mit Teè, Caffeè und Chocolade tractiren zu lassen, da wir denn mit
machten, und ihnen erzähleten, dass wir wohl 2. Stunden lang der angenehmen
Morgen-Lufft genossen. Wir divertirten uns mit allerhand Gesprächen, bis
Trompeten und Paucken zur Tafel citirten, da wir beiden Brüder denn, nachdem wir
unter währender Zeit uns ankleiden lassen, also bald, da ein Page kam, und uns
zur Tafel invitirte, insgesammt hinunter spatzierten. Es ging bei der Tafel so
zu, als es vorhero gewöhnlich gewesen, nur dass die Tafel eher, als sonst
gebräuchlich war, aufgehoben wurde, denn der Gouverneur hatte uns zum Plaisir
einen Tier-Streit anstellen lassen. Wir sahen demselben mit grösten Vergnügen
zu. Erstlich wurden in die gemachten Schrancken ein wilder Ochse und ein Löwe
gelassen, welche beide einen heftigen Kampf über eine Stunde lang mit einander
hatten, der in Wahrheit sehr curieus anzusehen war; endlich überwand der Löwe,
und zerriss den Ochsen. Hierauf wurde ein anderer frischer Ochse in die
Schrancken gelassen, welcher sich sehr grossmütig und tapffer aufführete;
nachdem er erst hingegangen, und seinen zerfleischten Mitbruder etliche mahl
beschnuppert hatte, trat er den Kampf mit dem Löwen an, der sich zwar tapffer
wehrete, allein, weilen ihm wegen des vorigen Kampfs die Kräfte schon ziemlicher
maassen verschwunden, sah der Ochse seinen Vorteil ab, und stiess dem Löwen
seine beiden Hörner mit der allergrösten Gewalt dergestalt in den Bauch, dass ihm
das Eingeweide heraus drung, und auf die Erde fiel. Als der Ochse dieses sah,
wendete er sich um, ging auf dem ganzen Platze herum, und brüllete ganz
erschröcklich, woraus man schliessen konnte, dass er Victoria! ruffte; Allein
seine Grossmut wurde bald gedemütigt, indem 3. der allergrösten Hunde zu ihm
in die Schrancken gelassen wurden, welche ihm dergestalt zusetzten, dass er
endlich matt ward, und darnieder fiel, doch hatte er vorhero erst einen Hund
getödtet, den andern tödlich blessirt, der dritte Hund aber blieb gesund und
frisch, ohngeachtet er dem Ochsen heftig zugesetzt hatte.
    Nach diesem wurden 2. Leoparden und 4. wilde Esel in die Schrancken
gelassen, da man sich denn über die wunderlichen Fechter-Sprünge der letztern
fast hätte mögen schäckig lachen. Sie gaben den Leoparden manche tüchtige
Schläge, (denn sie waren beschlagen) an die Köpfe, Brüste und Bäuche, allein sie
wurden binnen einer Stunde dennoch von den Leoparden in kurtz und kleine Stücken
zerrissen. Hierauf wurden 4. Bären in die Schrancken gelassen, welche ebenfals
wunderliche Täntze machten, und sich über eine Stunde lang tapffer wehreten,
allein es half ihre Gegenwehr nichts, sondern sie wurden von den Leoparden
zerrissen, die aber, indem sie von den Bären viele Bisse bekommen, ganz
ohnmächtig zu Boden suncken. Demnach wurde ein Tyger und 2. wilde Pferde, die
wohl beschlagen waren, in die Schrancken getrieben, allein es verlief keine
Stunde, da der Tyger alle beide Pferde zu Tode gebissen hatte, ohngeachtet sie
sich heldenmütig gewehret, und dem Tyger unzählige Schläge mit ihren Hufeisen
beigebracht, wovon derselbe so wohl, als die Leoparden, ohnmächtig zu Boden
sanck und liegen blieb.
    Hierauf wurden 24. Hunde, von verschiedener Grösse, nebst einer gewaltigen
Anzahl von Affen, Füchsen, wilden Katzen, und noch andern kleinern Tieren, in
die Schrancken gebracht; demnach entstund eine solche Kater-Jagd, dass wir uns
alle vor Lachen hätten ausschütten mögen. Endlich nahm das Spiel ein Ende,
nachdem nicht mehr als 3. Hunde, ein alter Affe und 2. wilde Katzen noch auf dem
Platze lebendig zu sehen waren. Wir begaben uns demnach zur Tafel, schwärmeten
noch bis gegen Mitternacht unter Trompeten- und Paucken-Schall beim Canari-Sect,
und begaben uns hernach sämmtlich zur Ruhe.
    Folgenden Tages lebten wir noch herrlich und in Freuden, aber des nächst
folgenden nahmen so wohl wir Brüder, als die Portugiesischen Capitains, in aller
Frühe von dem Gouverneur und seiner Familie, auch allen noch anwesenden Gästen
Abschied, und begaben uns auf die Reise nach unsern Schiffen, weil wir beiden
Brüder vorschützten, dass wir eine und andere wichtige Verrichtungen und
sonderlich wegen des Leichen-Conducts hätten. Es hatte aber der liebreiche
Gouverneur das Project zum Leichen-Conduct also gemacht:
    1.) Die Gymnasiasten mit vorgetragenem Creutz und Fahnen.
    2.) Die Studenten.
    3.) Die ordinirte Clerisei.
    4.) 1. Regiment Insulanischer Cavallerie.
    5.) 1. Regiment Insulanischer Infanterie.
    6.) Portugiesen, so viel als beliebig.
    7.) Holländer, so viel als beliebig.
    8.) Eine Insulanische Granadier-Compagnie.
    9.) Der Leichen-Wagen, bei dem 6. Marschälle hergehen.
    10.) Eine Insulanische Granadier-Compagnie.
    11.) Portugiesen, so viel als beliebig.
    12.) Holländer, so viel als beliebig.
    13.) 1. Regiment Insulanischer Infanterie.
    14.) 1. Regiment Insulanischer Cavallerie.
    15.) Der Gouverneur dieser Insul in einem Trauer- Wagen mit 6. Pferden
        bespañt.
    16.) Zwölf mit 4. Pferden bespannete Trauer-Wagens, worinnen Insulanische
        Officiers und Cavaliers sitzen.
    17.) 1. Insulanisch Regiment Infanterie.
    18.) 1. Insulanisch Regiment Cavallerie.
    Mein Bruder und ich betrachteten wohl, dass dieses ein prächtiges
Leich-Begängniss werden würde, und wir uns par generositee nicht verdrüssen
lassen dürfften, etwas daran zu spendiren, zumahlen da mancher General nicht so
pompeus, als unser Lieutenant beerdiget würde. Allein mein Bruder und ich
machten uns dieserwegen wenig Sorgen, sondern bedachten, dass es besser sei, uns
auf dieser Insul genereus aufzuführen, als den Barbaren 1. oder 3. Tonnen Goldes
hin zu geben, oder wohl gar in Furchten zu schweben, von ihnen rein
ausgeplündert und massacrirt zu werden. Demnach beredeten wir uns 3. mit spec.
Tlr. und eben so viel mit Gulden angefüllete Kisten zu eröffnen, um den
Insulanischen Officiers und Gemeinen vor erst einen kleinen Recompens zu geben.
    Wir gelangten gegen Abend unter Escorte einer Insulanischen Esquadron
Dragoner auf unsern Schiffen an, und bald darauf schickte der Gouverneur den
Sarg, das Todten-Kleid und andern Zubehör nebst 2000. Pech-Fackeln, denn er
hatte sich anders resolvirt, und wollte, damit es desto prächtiger liesse, dass
die Leiche erst Abends, wann es finster geworden, in der Stadt vor der
Haupt-Kirche anlangen sollte. Der Sarg war von Cedern-Holtze, mit ungemein
artigen, schönen Stücken von Bildhauer-Arbeit von aussen gezieret, inwendig aber
mit roten Sammet ausgeschlagen, und das Haupt-Küssen war Himmelblau, das
Todten-Kleid aber von weissen Atlas, starck mit goldenen Tressen besetzt. Wir
hielten die ganze Nacht hindurch Schiffs-Rat, und besorgten alles, was noch in
Ordnung zu bringen war. Früh Morgens wurde die Leiche im Sarge, der 12.
verguldete Rincken hatte, am Ufer auf einem Parade-Bette ausgesetzt, und um den
Sarg herum sehr viele Mayen in die Erde gepflantzet, auch 12. Schiffs-Jungen
commandirt, welche die Fliegen von der Leiche hinweg weddeln mussten. Des Tages
über machten wir unsern Leuten ein Wohlleben, und gaben ihnen das beste Essen
und Trincken, da es aber ohngefähr um 2. Uhr Mittags war, kam der Gouverneur mit
etlichen seiner Officiers in vielen Wagens zu uns gefahren. Weilen wir nun einen
Prophetischen Geist gehabt, und gleich in der Frühe 12. grosse Zelter
aufschlagen, auch gnugsame Stühle und Tische hinein setzen lassen; so stiegen
alle ab, und begaben sich, nachdem sie die Leiche und das Parade-Bette, worunter
rote Lackens ausgebreitet waren, und welche am Ufer stund, wohl betrachtet
hatten, in die Zelter. Der gütige Gouverneur, welcher die Redlichkeit selber
war, sagte zu mir: Meine lieben Brüder! wenn ihr mir einen eintzigen Gefallen
tun wollet, so setzet mir und meinem Comitat heute nichts vor, als ein gut Glas
Wein und Bisquit, denn es ist heute nicht de tempore, dass wir schmausen, aber
wenn ihr erstlich auf meinem Schloss völlig ausgeheilet seid, so will ich mir
einen Tag ausbitten, euch zu beschmausen, weilen ich weiss, dass ihr keine
Hungerleider seid, und da wollen wir uns recht lustig machen.
    Wir versprachen dem Gouverneur, seiner Ordre, und zwar bei dermahligen
Umständen, Gehorsam zu leisten, liessen aber doch bei dem aller delicatesten
Canari-Sect, nicht allein Bisquit sondern auch allerhand Confituren, ingleichen
wild und zahm kalt Gebratenes, der besten geräucherten und gebratenen Fische,
auch eingemachte und uneingemachte allerlei Früchte im Uberfluss bringen, woran
sich unsere Gäste vor dissmahl so wohl delectirten, als ob sie alle an des
Gouverneurs Tafel gesessen hätten. Im übrigen, da ein jeder nach seinem Appetite
von diesem oder jenem nahm, was ihm beliebte, ging alles stille zu, bis gegen
Untergang der Sonnen; da denn der Gouverneur, indem er einen Canonen-Schuss von
seiner Citadelle hörete, mich und meinen Bruder zu sich ruffte, und sagte:
Kinder! ich habe die Losung gehöret, meine Leute werden abgeredter maassen bald
kommen, derowegen macht Anstalten zum Leichen-Conduct.
    Indem kam die schwartze Guarde, nämlich die Geistlichkeit mit ihrem Creutz
und Fahnen angezogen, und lagerte sich seitwärts, rechter Hand. Wir schickten
ihnen ein Fass Canari-Sect und allerlei Erfrischungen zu, mein Bruder aber gab
seinem Fähndriche 1. Sack der mit ganzen Pistoletten, 1. Sack mit halben
Pistoletten, 1. Sack mit spec. Talern, und etliche Säcke die mit Gulden
angefüllet waren, zur Verteilung unter die Geistlichen, demnach bekamen die
vornehmsten Geistlichen, nach ihrem Character, teils 3. teils 2. teils 1.
ganze Pistolette.
    Die Gymnasiasten, jeder 1. spec. Taler.
    Die Studenten, jeder 1. halbe Pistolette.
    Hierauf kam das Cavallerie-Regiment, welches sich lincker Seits postirte,
und zwar ohne Musique, welchem ebenfalls etliche Fässer Wein zugeschickt wurden,
und mein Bruder liess einem jedem Reuter 1. spec. Taler, einem Unter-Officier
aber 2. spec. Taler einhändigen. Die Ober-Officiers aber bekamen vorjetzo
nichts; folgendes Tages hingegen der Obriste 10. ganze Pistoletten, der
Obriste-Lieutenant 8. der Major 6. ein jeder Rittmeister 4. ein jeder Lieutenant
und Cornet nur 3. ganze Pistoletten, die jedem in einem Billet versiegelt
zugeschickt wurden.
    Bald hernach kam das Infanterie-Regiment, bei welchem die Austeilung des
Geldes eben also geschahe, als bei dem Cavallerie-Regimente.
    Endlich ruckten 2. Insulanische Granadier-Compagnien an, welche eben das
Præsent bekamen, als die Cavallerie und Infanterie.
    Mein Bruder gab sich selbst die Mühe, die Leute von unsern Schiffen zu
langen, und in Ordnung zu bringen, da er denn 120. Mann von seinem, und eben so
viel von meinem Schiffe brachte, und dieselben nach der gemachten Disposition
rangirte und einteilete.
    So bald die Sonne Abschied genommen, erinnerte der gütige Gouverneur, dass es
nunmehro Zeit wäre, den Leichen-Conduct anzufangen, demnach wurde nach seiner
gemachten Disposition die Leiche erstlich auf den Leichen-Wagen gesetzt, bei
welchem auf beiden Seiten 12. Insulanische Ober-Officiers und eben so viel
Unter-Officiers hergiengen. So bald die Clerisei und die Miliz in Ordnung
gebracht, wurde eine auf dem Lande stehende Canone gelöset, welches das Signal
war; hierauf wurden von unsern und den Portugiesischen Schiffen 24. Canonen
abgebrannt, worauf von der Citadelle mit 24. Canonen geantwortet wurde, und alle
Mannschaft, so Infanterie als Cavallerie, gaben eine general-Salve. Sodann
ging der March fort. Die Clerisei sung recht charmante Lieder, und es ging
alles ganz douçement, weilen die Trompeter der Cavallerie die Serdinen
eingesteckt und die Paucker so wohl als die infanterischen Tambours, ihre
Trommeln gedämpfft hatten. Wir kamen also ohngefähr um 9. Uhr Abends vor dem
Stadt-Tore an, da denn auf der Citadelle 24. Canonen gelöset, von unsern
Schiffen aber mit eben so vielen geantwortet wurde.
    Als wir vor der Haupt-Kirche anlangten, wurden abermals 24. Canonen
gelöset, da denn unsere Schiffe, mit eben so vielen repondirten. Es wurde in
dieser Kirche über eine halbe Stunde lang ungemein schön figurirt und musicirt,
welches mir wohl ins Gehör fiel; hernach trat ein Probst auf, welcher dem
Verstorbenen eine gelehrte und admirable Leichen-Predigt hielt. Nach diesem war
wieder Musique und die Seel-Messe gelesen, hernach eine Parentation in
lateinischer Sprache gehalten; worauf denn nochmahls Musique gemacht, und die
Leiche in die Grufft gebracht wurde, da denn auf gegebenes Signal, abermals 24.
Canonen von der Citadelle, und eben so viel von unsern im Hafen liegenden
Schiffen zu hören; worauf alle Cavalleristen und Infanteristen zu 3. mahlen
Salve gaben.
    Endlich machten die Herrn Geistlichen den Schluss, mit ihren Todten-Gesängen,
weswegen wir auf des Gouverneurs Bitten, uns in dessen Behausung begaben, und
unsere Mannschaft wieder zurück marchiren liessen, nachdem noch 24. Canon
en-Schüsse von der Citadelle, und eben so viel von unsern Schiffen gehöret, auch
so wohl von der Cavallerie als Infanterie drei Salven gegeben worden.
    In des Gouverneurs Behausung traffen wir eine wohl besetzte Taffel an,
welcher wir uns ohngeachtet es schon über Mitternacht war, bedieneten, jedoch
nicht länger dabei sitzen blieben, als bis gegen Tages-Anbruch, da denn wir
beiden Brüder und die Portugiesischen Capitains von dem Gouverneur, seiner
Familie und allen noch anwesenden Gästen Abschied nahmen, und uns Reisefertig
nach unsern Schiffen machten.
    Der allzu gütige Gouverneur wollte uns durchaus nicht von sich lassen,
sondern nötigte uns beiden Brüder, nur noch so lange bei ihm zu bleiben, bis
wir vollkommen curirt wären; da wir ihm aber vorstelleten, dass nicht allein
einige kleine Desordres auf unsern Schiffen passirten, hiernächst wir auch wegen
der gefangenen Barbaren und erbeuteten Guter Disposition machen müsten; liess er
uns endlich passiren, und in einer Chaise, die mit 6. Pferden bespannet war,
fortbringen, worbei wir 2. Compagnien Reuter, und die ordinaire Infanterie-
Wache, welche am Strande abzulösen pflegte, zur Escorte hatten.
    Wir gelangeten also, nachdem wir alle bei dem Gouverneur noch ziemlich
gebechert hatten, gegen Abend auf unsern Schiffen an, und fanden alles in
behöriger Ordnung, denn mein Lieutenant war in Wahrheit ein rechter Mann.
    Des andern Tages liessen wir die Portugiesischen Capitains ruffen, um mit
uns auf die Barbarischen Schiffe zu gehen, und die Beute zu teilen. Sie kamen;
und da fanden wir auf allen dreien Schiffen, 2. und eine halbe Million an
geprägten gold- und silbernen allerlei Müntz-Sorten. Hiernächst 3. und einen
halben Centner Gold-Barren. Ferner an gutem gediehenen, wie auch andern bereits
verarbeiteten Silber 8. Centner und etliche Pfund. Noch ferner:
    86. Ballen Scharlach auch sonsten allerlei couleurtes Tuch, und zwar von den
allerfeinsten Sorten.
    102. Ballen schlechteres Tuch von allerhand Couleuren.
    216. Ballen allerlei Sorten Türckischer Zeuge, als Gold- und Silber-Mor,
Damast, Attlas, Daffent, Cattun und dergleichen.
    Von andern Kleinigkeiten, als mancherlei Schiffs-Geräte, Kleidungs-Stücken,
Leinewand, so wohl feine als schlechtere, die sonderlich zum Seegel-Tuch
brauchbar, will keine weitläufftige Specification machen, indem wir diesen
Plunder alle, (wie hernachmahls geschahe, in 2. Hauffen teilten, und darum
loseten) noch ferner erbeuteten wir:
    96. teils metallene, teils eiserne Canonen.
    640. Centner gut Pulver.
    Stück- und Flinten-Kugeln eine grosse Menge, die wir zu zählen uns nicht
einmal die Mühe nahmen, sondern dieselben auf Hauffen wurffen.
    500. Kisten von allerlei Sorten Zucker.
    400. Centner Caffee-Bohnen.
    600. Centner Tee de bois und andere Arten von Tee.
    An Victualien, als nämlich an Zwieback, Brod, geräucherten und
eingesaltzenen Fleische, geräucherten und eingesaltzenen Fischen, Reiss, auch
allerlei andern Geträyde, Butter, Käse und dergleichen, fanden wir eine solche
Menge, dergleichen wir uns auf diesen 3. Räuber-Schiffen nimmermehr vermutet
hätten. Ingleichen geriet uns eine starcke Anzahl Wein-Fässer, die mit den
aller delicatesten, mittelmässigen auch schlechteren Sorten von Weinen angefüllet
waren; weiter, eine Entsetzens-würdige Menge vollgefüllter Brandteweins-Fässer
in die Hände, weilen die Barbaren den Brandtewein unmenschlich starck trincken.
    Endlich traffen wir noch an: 316. Stück gute brauchbare Büchsen und Flinten,
600. Paar Pistolen und noch eine stärckere Anzahl neuer und noch ungebrauchter
Säbel.
    Ich will mich (fuhr der Capitain Horn in seiner Rede fort) mit Meldung aller
geringschätzigen Sachen, wie ich schon gesagt, Ihnen nicht vedriesslich machen,
und nur so viel sagen, dass wir alles, was etwa noch Geldes wert war in 2.
gleiche Hauffen teilten, und mit denen Portugiesen darum loseten.
    An Gefangenen hatten wir 486. Mann, und sie gestunden selbst, dass sie ohne
die Blessirten, eine starcke Anzahl ihrer Cameraden eingebüsst hätten, nicht so
wohl die auf ihren Schiffen, sondern hauptsächlich die von den Sturm-Leitern
oder Stegen herunter geschossen, auch auf unsern Schiffen massacrirt worden.
    Hiernächst fanden wir auf allen 3. feindlichen Schiffen 37. gefangene
Christen-Sclaven, u. zwar ihrer 4. weiblichen, und die übrigen männlichen
Geschlechts. Die meisten Männer waren an die Ruder-Bäncke geschlossen; die
übrigen aber mussten unten im Schiffe die allerbeschwerlichste Arbeit verrichten.
Hergegen wussten die 4. Frauenzimmer, welches eine Christliche Schiffs-Capitains
Frau mit ihrer 16. jährigen Tochter und zweien Mägdgens waren, eben nicht
sonderlich sich über die Barbaren und deren Aufführung zu beschweren, denn sie
hätten ihnen, wenn man sie nach Gibraltar liefern würde, 40000. Tlr. vor ihre
Freiheit zu zahlen versprochen, und diese, nämlich die Barbaren, hätten ihnen
auch solches so bald als es möglich wäre, angelobet; allein dieser Streit mit
uns, hätte sie von solchem Wege abgekehret. Sonsten war die ietzt erwähnte Dame
eines Englischen Schiff-Capitains Frau, der von den Barbaren in einem
See-Gefechte erschossen worden, sie aber hätte sich, nachdem ihr alles Geld und
Gut abgenommen worden, solcher Gestalt nebst ihrem Sohne, Tochter, und
Aufwärterinnen bei den Räubern in die Sklaverei begeben müssen.
    Ich nahm die Dame auf die Seite, redete heimlich mit ihr, und eröffnete
derselben aufrichtig, dass wir, wie sie vielleicht glaubte, nicht nach
Ost-Indien, sondern nach einer gesegneten Insul zuseegelten, allwo sie viele von
ihren Landes-Leuten antreffen würde, und sich, wo es beliebig, so wohl als ihre
Tochter und Mägde, Standesmässig daselbst verheiraten könten. Im übrigen
brauchten sie weder Geld, noch Gut, noch Kleider, weil sie auf besagter Insul
alles im grösten Uberflusse anträffen. Die Dame nahm diesen Vorschlag mit
Vergnügen an, und bat mich inständig, wenn es zur Teilung käme, sie mit den
Ihrigen doch ja nicht unter die Portugiesen geraten zu lassen, sondern mit uns
zu führen, weil sie uns vor redliche Leute ansähen, und gern bis an das Ende der
Welt folgen wollten. Solten wir aber so glücklich sein, sie nach Ost-Indien, oder
nach Gibraltar, oder gar nach Engelland zu bringen so wollte sie mit freudigen
Hertzen vor sich und die 3. Ihrigen zu Erlangung ihrer völligen Freiheit 40000.
Tlr. an uns zahlen. Ich sagte nur so viel, sie sollten sich nur um kein Geld
bekümmern, sondern, wenn es ihnen auf der Insul nicht zu bleiben gefiele, wo wir
hinseegelten, so könten sie wohl bald wieder zurück nach Engelland gebracht
werden, indem wir uns vor diessmahl nicht lange auf besagter unserer Insul
aufhalten würden.
    Hiermit waren sie zufrieden, wir aber fiengen mit den Portugiesen zu teilen
an, liessen zum Geschencke vor den Gouverneur folgende Stücke ans Land und zum
Teil unter die Zelter bringen:
    1.) 2. der schönsten eisernen und 2. der schönsten metallenen Canonen.
    2.) 100. Centner Pulver.
    3.) Canonen- und Flinten-Kugeln in der stärcksten Menge.
    4.) 100. Stück Büchsen und Flinten.
    5.) 200. Paar Pistolen.
    6.) 200. Stück Türckische Säbel.
    7.) 20. Ballen Scharlach und andere der feinsten und kostbarsten Tücher.
    8.) 20. Ballen etwas geringere Tücher, verschiedener Farben.
    9.) 20. Ballen von allerlei Sorten Türckischer Zeuge, als Gold- und
        Silber-Mor, Atlas, Damast, Daffent, Cattun und dergleichen.
    10.) 100. Kisten Zucker, von allerlei Sorten.
    11.) 100. Centner Caffee-Bohnen.
    12.) 100. Centner allerlei Sorten von Tee.
    13.) 12. Fässer Canari-Sect und eben so viel Fässer, die mit andern guten
        Weinen angefüllet waren.
    14.) 24. Fässer Brandtewein.
    Dieses waren die Haupt-Stücke, welche wir dem Gouverneur und seiner Familie
zu verehren beschlossen hatten. Hierbei waren noch 6. der schönsten Türckischen
Pferde und 50. Türcken-Sclaven.
    Wir hielten davor, dass dieses doch ein ziemlich ansehnliches Geschencke und
Zeugnis unserer Redlichkeit vor die uns erwiesene Ehre und gute Bewirtung sein
möchte; Von unserm erbeuteten Gelde, Gold und Silber aber viel Prahlens zu
machen, hielten wir nicht vor ratsam, sondern teilten solches unter einander
in der Stille.
    Bis an den Abend des dritten Tages wurde also mit der Teilung und Losung
über die Güter zugebracht, und ein jedes an seinen gehörigen Ort in die Schiffe
gebracht. Nachdem wir um die 2. gesunden Schiffe auch geloset, wovon das eine
von den Portugiesen, das andere aber von meinem und meines Bruders Volcke
besetzt wurde, liessen wir das blessirte Schiff dem Gouverneur zum Geschencke da
liegen, denn es war uns doch eben nichts nütze, er aber konnte es sich mit
leichten Kosten ausbessern lassen.
    Mein Bruder und ich bekamen 218. gefangene Barbaren auf unsere Schiffe,
allein wir waren nicht gesonnen, diese Unfläter zu behalten, sondern nicht
weiter als bis aufs Cap. mit zu führen, hernach selbige an den nächsten den
liebsten, es seien Holländer oder Engelländer, zu verkauffen.
    Denen bisher gefangen gewesenen Christen-Sclaven wurde so wohl von uns, als
den Portugiesen ihre völlige Freiheit angekündiget, derowegen meldeten sich zu
erst die 4. Frauenzimmer bei uns, hernach noch erstlich ein feiner Mensch,
welcher unter den Dänen als Schiffs-Lieutenant gedienet hatte. Mein Bruder
fragte mich um Rat, ob ich es vor genehm hielte, diesen Menschen, welcher von
guten Ansehen wäre, und sehr wohl raisonirte, an die Stelle seines erschossenen
Schiff-Lieutenants zu setzen, da ich nun nichts darwieder einzuwenden hatte,
trug er dem Dänen, welches aber ein gebohrner Sachse war, die Lieutenants Charge
an, welcher dieselbe mit dem allergrösten Vergnügen annahm, und sich so gleich
in Eyd und Pflicht nehmen liess. Als auch dieses geschehen, wurde die von den
Barbaren eroberte Beute nach Proportion unter unser Volck geteilet, dergestalt,
dass ein jeder wohl damit zufrieden war, und wir niemanden murren höreten.
    Folgenden Tages wurde Anstallt gemacht, den Gouverneur und dessen Familie
nebst seinem Comitat am Strande unter unsern grösten Gezelten zu bewirten, auch
dieserwegen eine grosse Küche von Bretern, deren wir schon eine grosse Menge zu
Ausbesserung unserer Schiffe liegen hatten, in gröster Geschwindigkeit
aufgeschlagen.
    Demnach musste mein Lieutenant nach der Citadelle zu reuten, und den
Gouverneur nebst seiner ganzen Familie zu uns zu Gaste laden, anbei vernehmen,
welchen Tag er uns die Ehre seines Zuspruchs gönnen wollte, damit wir uns einiger
maassen darnach richten könten.
    Als der Lieutenant zurück kam, brachte er zur Antwort, dass der Gouverneur
benebst den Seinigen gleich Ubermorgen uns eine freundliche Visite geben wollten;
derowegen rufften wir von unsern und den Portugiesischen Schiffen alle zusammen,
die sich aufs Schlachten, Braten, Kochen, Backen Zurichtung des Confects und
dergleichen verstunden, zusammen, brachten auch wild und zahm Fleisch, wie nicht
weniger die delicatesten Sorten von Fischen, so wohl aus der See, als aus den
auf der Insul befindlichen Teichen und Bächen in gröster Menge herbei, indem der
Gouverneur meinen Leuten Erlaubnis geben lassen, auf der ganzen Insul herum,
sich so viel Wild zu schiessen, und so viel Fische zu fangen, als sie nur immer
verzehren könten, indem an allen beiden gnugsamer Uberfluss vorhanden wäre.
    Am bestimmten Tage hielt der Gouverneur sein Wort, kam mit seiner Gemahlin,
Töchtern und Söhnen in leichten offenen Wagens. Hinter welchen auch noch 6.
zugemachte Wagens, in welchen sich Frauenzimmer befand, die Officiers und
Cavaliers aber kamen zu Pferde. Dieses geschahe ohngefähr um 11. Uhr.
    Ich hatte unter 6. Zeltern, deren Wände in die Höhe gezogen waren, grosse
Taffeln aufrichten lassen, an deren jeder bis 30. Personen sitzen konten,
allein, es wurden kaum 4. Taffeln recht völlig besetzt.
    So bald wir den Gouverneur nebst seinem Gefolge ankommen sahen, wurden auf
unsern Schiffen zu erst 50. Canonen gelöset, unsere und die Portugiesische
Mannschaft aber, die am Ufer postirt stunde, gab aus dem Hand-Gewehr eine
herrliche und accurate Salve. Da der Gouverneur nebst den Seinigen ausstiegen,
wurden zum andern mahle 50. Canonen abgefeuert, auch die zweite Salve aus
Musqueten gegeben, und als wir uns nach vielen gewechselten Complimenten zu
Tische setzten, die dritte Salve aus Canonen und Musqueten gegeben, worauf denn
jedesmahl von der Citadelle geantwortet wurde.
    Es ist die Wahrheit, dass wir sehr propre tractirten, denn die Abwechselung
der Speisen war ganz unvergleich, so, dass so wohl der Gouverneur, als seine
Gemahlin sich höchlich darüber verwunderten, und zu vernehmen gaben, wie sie
nimmermehr vermeint, dass See-Leute alles so accurat und delicat einrichten
könten. Wir entschuldigten uns mit unserer Schwachheit, solche hohe Personen,
zumahlen im freien Felde, nicht nach guten Willen und Vermögen tractiren zu
können, baten also dissmahl den guten Willen vor die Tat anzunehmen. Immittelst
ging der Gesundheits-und Freuden-Pocal lustig herum, wobei die Canonen tapffer
gelöset wurden, und die Paucken und Trompeten liessen sich aufs tapfferste
hören. Der Gouverneur, seine Gemahlin und deren Kinder bezeigten sich ungemein
vergnügt, und die Gouverneurin so wohl, als ihr Gemahl, contestirten hoch und
teuer, dass sie seit vielen Jahren her keine Mahlzeit mit grösserem Vergnügen
eingenommen hätten, worinnen ihre Töchter und Söhne mit einstimmeten.
    Wir sassen bis 4. oder 5. Uhr bei Taffel, da denn der Gouverneur sich
ausbat, dass wir ihm, weil er des Sitzens überdrüssig, unsere Schiffe zu
besichtigen Erlaubnis geben möchten. Demnach führeten wir die ganze Svite
hinunter in die Schiffe, worbei wir den Gouverneur den Antrag taten: ob ihm mit
dem Barbarischen blessirten Schiffe gedient sei, weil es ein sehr schönes,
starckes Schiff wäre, nur aber einiger Ausbesserung von nöten hätte, indem es
von uns ziemlich durchlöchert worden, welches alles aber bald ausgebessert
werden könnte; wir aber, indem wir keine ledige Schiffe mehr brauchten, sondern
uns dieselben nur zur Last gereichten, wollten keine Mühe und Arbeit daran
wenden, vielweniger die edle Zeit verspielen, und uns an unserer weitern Reise
versäumen, sondern es Sr. Excell. umsonst zurücke lassen. Der Gouverneur
visitirte selbst das ganze blessirte Schiff, und sagte: Meine Brüder! das ist
noch ein vortrefflich schönes und starckes Schiff, wollet ihr mir dasselbe hier
lassen, so tut ihr mir einen Gefallen, denn es ist noch lange nicht tödlich
blessiirt, aber umsonst verlange ich es nicht, sondern will mich um den Preis
schon mit euch vergleichen, und sogleich Anstallten machen lassen, dasselbe
auszubessern, denn ich verhoffe es noch tüchtig und wichtig zu nutzen. Wir
sagten, Se. Excell. möchten nur gleich Dero Leuten Ordre geben, das Schiff
auszubessern, im übrigen wollten wir schon darüber mit einander eins werden.
    Ohngefähr 3. Stunden hatten wir alle mit Besichtigung der Schiffe zu
gebracht, da denn nicht allein der Gouverneur, sondern auch alle Insulanische
Officiers unsere gemachte gute Ordnung, die starcke Besatzung, benebst der
Artollerie und Vorrat von Hand-Gewehr aufs heftigste bewunderten, indem sie,
wie sie sagten, nimmermehr vermeint, dass die Schiffe solche erstaunliche Lasten
tragen könten, denn die unzähligen Kisten, Kasten und Ballen fielen ihnen in die
Augen. Also sagte der Gouverneur noch: Meine Brüder! ich sehe, dass ihr reiche
Leute seid, und es besser habt als ich, der Himmel behüte euch nur vor Sturm und
andern Unglücke, damit ihr den Hafen eures Vergnügens glücklich erreicht.
    Es mochte ohngefähr Abends um 7. Uhr sein, als wir wieder aus den Schiffen
herauf stiegen, und da höreten wir die Canonen so wohl auf unsern Schiffen
tapffer sausen, worauf die Musqueterie und Feld-Musique sich ebenfalls hören
liess.
    So bald wir also ans Land gestiegen, wurden die 4. Canonen abgefeuret,
welche wir dem Gouverneur zum Geschencke bestimmt hatten, und um dieselben herum
stunden die 50. Barbarischen Sclaven, die er ebenfalls haben sollte. Ich hatte
die Ehre, ihm beiderlei zum Geschenck zu præsentiren, worüber er stutzte, die
Canonen erstlich, und hernach die Barbaren besichtigte, und sagte: Meine Brüder!
ich verlange kein Geschenck von euch, aber die Canonen will ich behalten vor
einen billigen Preis an baaren Gelde, indem ich noch einige brauche, und die
Sclaven, wenn ihr sie nicht selber braucht, will ich auch behalten, aber ich
nehme dieselben nicht anders an, als vor baar Geld, und zahle euch durch die
Banck Mann vor Mann, vor jeden 20. Taler, könnet ihr noch mehrere missen, so
will ich euch dieselben ebenfalls abhandeln, und mit baarem Gelde bezahlen,denn
ich kann nicht läugnen, dass ich mit Barbarischen Sclaven handele, und dieselben
nach den West-Indischen Insuln hin verkauffe. Wir beredeten uns erstlich mit den
Portugiesischen Capitains, welche sich eben so geneigt finden liessen, auch ihre
Sclaven dem Gouverneur, Mann vor Mann a 20. spec. Taler zu überlassen, weilen
sie ebenfalls Bedencken trugen, die Canaillen weiter mit sich zu nehmen. Demnach
wurde der Handel so gleich geschlossen, alle Barbarische Sclaven herbei
gebracht, welche der Gouverneur in Augenschein nahm, und dieselben unter einer
starcken Escorte auf die Citadelle führen liess, uns allen aber die Versicherung
gab, dass er uns das Geld vor die Sclaven gleich morgenden Tages wollte auszahlen
lassen. Dieses alles aber war noch nicht genug, sondern weil es noch schön und
helle Wetter war, führeten wir den Gouverneur unter die Zelter, worinnen die ihm
bestimmten Waaren stunden, die wir ihm zum Geschencke zugedacht. Ich hatte
abermals die Ehre, im Nahmen unser aller ihm dieses zu præsentiren, und zu
bitten, dass er mit diesem geringen Geschencke zur Erkäntlichkeit vor die uns
erzeigte Ehre, Liebe und Wohltaten ad interim dasselbe vor sich und seine hohe
Familie, geneigt auf und annehmen möchte: Der Gouverneur schien ganz erstaunt
zu sein über die Vielheit der schönen Sachen, sonderlich aber war das
Frauenzimmer ganz ausser sich selbst, als sie die kostbaren Tücher, gold- und
silberne, auch andere Sorten Türckischer und Europæischer, so wohl sammetner,
seidener, baumwollener, wöllener und leinener Zeuge in die Augen bekamen.
    Wie gesagt, der Gouverneur und alle die Seinigen schienen ganz bestürtzt;
derowegen sagte ich nochmahls zu ihm: Ew. Excell. werden die Gnade vor uns
allerseits haben, und diese Kleinigkeiten zum Præsent von uns anzunehmen
geruhen.
    Ey was! meine Brüder, (sagte der Gouverneur hierauf) ihr müsst mich
ohnfehlbar vor einen Mann ansehen, dessen beste Tugend der Geitz und Wucher sei.
Aber, nein! nicht also! dieses wäre als ein Præsent vor einen König oder andern
grossen Fürsten zu rechnen, darum will ich euch nur so viel sagen, dass mir
vieles von euren schönen Waaren und andern Sachen anstehet, darff ich also
bitten, so erlaubt mir das Auslesen unter allem dem, was mir gefällig, damit ich
die Sachen Morgen mit Wagens kann abholen lassen. So bald wir des Preises wegen
einig worden, soll auch die baare Zahlung parat da liegen. Ich sprach, Ew.
Excell. erlauben mir zu sagen, dass wir alle keine Kauffleute sind, die etwas zu
verhandeln hätten, sondern es ist dieses alles als ein kleines Præsent vor
genossene Ehre, Liebe und Güte zu betrachten, sollten wir aber so unglücklich
sein von Ihnen und Dero hohen Familie damit verschmähet zu werden, so haben wir
4. Capitains uns einmütig verschworen, alle diese Sachen in die See werffen zu
lassen, weilen wir ausser diesem dennoch gnugsamen Vorrat behalten.
    Als der Gouverneur unsern harten Ernst sah, sagte er: Gebt euch zu frieden,
meine Brüder! und ärgert euch nicht, ich will Morgen früh alles abholen lassen,
aber unter keiner andern Condition als dieser, dass ihr mir mit Hand und Munde
versprecht, nur wenigstens noch 4. Monate bei mir auf meinem Schloss zu
bleiben, da ich euch denn nach meinem besten Vermögen will warten und pflegen
lassen, auch eure Leute sollen keine Not leiden, denn meine Wälder stehen ihnen
offen, da können sie so viel Wildpret schiessen, als sie verzehren können. Ich
glaube nicht, dass sie das Wildpret vertilgen werden, weil dessen in gröster
Menge vorhanden ist. Auch stehen ihnen alle Teiche, Flüsse und Bäche offen,
worinnen sie fischen können, und ich glaube auch nicht, dass sie die Fische auf
dieser Insul vertilgen werden, zumahlen, da im Haafen und in der See alles von
Fischen wimmelt. Anbei können sie sich eine Lust machen, und am Ufer und an den
Sand-Bäncken Schildkröten fangen, aus deren Eyern und ihrem Fleische ich mir
eine besondere Delicatesse mache, so wohl als aus den See-Krebsen, ingleichen
See-Kälbern, die allhier um dieser Insul herum in erstaunlicher Grösse und Menge
anzutreffen sind. Uber dieses alles soll euren Leuten alle 3. Tage eine
proportionirliche Menge von Rind-Schöpss- und Schweine-Vieh zu getrieben werden,
welches sie selbst schlachten mögen, an Brod, Butter, Käse, Saltz, Gewürtze und
dergleichen sollen sie auch keinen Mangel leiden. Wein und Brandtewein, nebst
Toback, wird sich auch zur Notdurfft vor sie finden.
    Dem Gouverneur gab ich, nachdem ich mich mit den andern Capitains
besprochen, dieses zur Antwort, dass Sr. Excell. nur erstlich Ordre stellen
möchten, die allerlei Sachen von hier ab, und auf Dero Citadelle bringen zu
lassen, da wir denn Morgen, oder Ubermorgen fernere Abrede unter einander nehmen
wollten. Mittlerweile gab ich das Zeichen, dass erstlich des Gouverneurs auf dem
Platze stehende 4. Canonen abgefeuert, und die Trompeter und Paucker uns zu den
Taffeln ruffen sollten.
    Von unsern Schiffen wurden also 50. Canonen gelöset, worauf die von der
Citadelle antworteten. Der Gouverneur, da er die Taffel-Zelter ansah, und
erblickte, dass alles schon zum Speisen parat war, sagte: »Meine Brüder! eure
Complaisance erstreckt sich gar zu weit, es begiñet dunckel zu werden, derowegen
will ich mich mit den Meinigen nach Hause verfügen, in Erwartung der Ehre, euch
Morgen um Mittags-Zeit bei mir zu sehen«; Jedoch auf unablässiges Bitten liess er
sich dennoch aufhalten, und setzte sich so wohl, als alle anderen zur Taffel,
bei welcher wir abermals lucker lebten, und unsern eigenen güldenen und
silbernen Pocals und Bechern wenig Ruhe liessen, indem wir bemerckten, dass der
Gouverneur nichts lieber tranck, als Canari-Sect, dessen wir ihm und allen den
Seinigen genugsam vorsetzen konten, weil wir so viele Fässer von den Barbaren
erbeutet hatten. Alle seine Officiers und Cavaliers schlugen nicht schlimm bei,
sondern waren, so zu sagen, rechte Helden im Sauffen.
    Wie nun unter beständigen Donnern der Canonen und Musqueten, auch
unaufhörlicher Feld-Musique, endlich die recht dunckele Nacht herein brach, so
hatte mein Bruder schon Anstallten gemacht, dass an der Rhede und auf dem schönen
grünen Platze, mehr als 4000. Pech-Fackeln und Schiff-Laternen angezündet
wurden, welche er dergestalt artig rangirt, dass sie eine Ansehens-würdige
Illumination machten. Der Gouverneur und alle Anwesende bezeigten ihr Vergnügen
darüber, und bald hernach kam mein Bruder selbst, bat unsere sämtlichen Gäste,
mit ihm an den Strand zu spazieren, um auf der See ein kleines Feuerwerck
anzünden zu sehen. Demnach, und da wir ohnedem schon völlig abgespeiset, folgten
ihm der Gouverneur und wir andern alle, bis auf den letzten Mann.
    Es ist wahr, mein Bruder, mein Lieutenant und viele von unsern Leuten, die
sehr gute Feuerwercker waren, hatten sich Tag und Nacht viel Mühe gemacht, ein
Feuerwerck in der Geschwindigkeit zum Stande zu bringen, welches Sehenswürdig
war.
    Also wurden erstlich von den Schiffen 50. Canonen gelöset, und 6. Bomben aus
den Feuer-Mörsern weit in die See hinaus gespielet. Hernach liess mein Bruder 6.
kleine Bootchens in die See lauffen, auf deren jeden einem des Gouverneurs,
dessen Gemahlin, Töchter und Söhne Nahmen, den Initial-Buchstaben nach,
Wechselsweise in rot und blauen Feuer, über einem Feuer-Rade brannten, welches
beständig herum lief. Anbei bemerckte ich die Schalckhaftigkeit meines Bruders,
da er seiner Amasia Nahmen im grünen Feuer brennen liess, auch das Feuer-Rad zu
unterst mit grünem Feuer vorstellete, welches immer einen Schwärmer nach dem
andern von sich warff. Es war dieses in Wahrheit fast ein rechtes Kunststück zu
nennen, sonderlich wegen des grünen Feuers, welches den Gouverneur und alle
dermassen ergötzte, dass sie bekannten, Zeitlebens dergleichen nicht gesehen zu
haben. Indem nun diese brennenden Nahmen sehr lustig anzusehen, in der See durch
einander herlieffen, liess mein Bruder ein grösser Boot in die See gehen, worauf
unter einer grossen Krone, die im Goldgelben Feuer brannte, die Buchstaben
VIVANT im Leibfarbenen Feuer sich præsentirten; Unten aber im Boote brannte ein
sehr grosses Feuer-Rad im grünen. Hierbei wurden mehr als 300. Raqueten gen
Himmel gespielet, ohne die vielen Schwärmer, so aus den Händen geworffen wurden,
und dabei Wechselsweise 100. Canonen auf den Schiffen gelöset, auch gab die
Musqueterie zu dreien mahlen Salve, worauf die von der Citadelle antworteten,
wir konten aber vor der Feld-Musique das Schiessen nur in etwas hören. Dieser
Lust folgte eine andere, indem mein Bruder unterschiedliche Sorten von
Feuerwerckers-Possen, (als wovon ich eben vor meine Person kein grosser
Liebhaber bin) noch in die See spielen liess, als Feuerspeiende Drachen, Fisch-
Machinen, Feuer-Schlangen, Wasser-Kegel, Lust-Kugeln und dergleichen, welches
alles von den Zuschauern besonders bewundert wurde, ohngeachtet ich mir, wie
schon gesagt, vor meine Person nichts daraus machte, denn mein Bruder und ich
stimmen ohne dem in unser Temperamenten zwar in etwas, jedoch nicht vollkommen
überein.
    Dieses Feuerwerck währete also bis gegen den Tag, als es ohngefehr 2. bis 3.
Uhr war. Da es nun zum Ende, wurden abermals 50. Canonen von unsern Schiffen
gelöset, 6. Bomben in die See gespielet, und von der Musqueterie 3. mahl Feuer
gegeben. Hiermit hatte die Comoedie ein Ende, und wir begaben uns zurück unter
die Zelter, da denn bestellter Massen glüender Wein, Chocolade, Caffée und Tée
in gröstem Uberflusse anzutreffen war, und es durffte ein jedes sich nur an
dieselbige Taffel begeben, oder fordern, was nach seinem Appetite war. Nächst
dem waren auch Taffeln anzutreffen, worauf kalter Wein, allerlei kalt
Gebratenes, Bisquit, Confituren, Obst und dergleichen stunden, welches alles
sich unsere lieben Gäste, einer vor dem andern, wohl zu Nutze machten.
    Indem die Sonne aufgieng (bei welcher Gelegenheit wir allezeit die Art
hatten, von jedem Schiffe 3. Canonen lösen zu lassen, worbei sich die Feld-
Musique weidlich hören liess) trat der Gouverneur auf, und sagte mit lauter
Stimme: »Alle meine Lieben! ich bin ein Mann von 64. Jahren, und habe bekannter
Massen, wo nicht die ganze, jedoch bei nahe die halbe Welt durchreiset,
sonderlich hat es mir in denen Europæischen Königreichen und Ländern über alle
Massen wohl gefallen, und ich kann nicht läugnen, dass ich daselbst zum öfftern
vor weniges Geld zuweilen viel Vergnügen gefunden, sonderlich in Deutschland;
Allein, wenn ich sagen sollte, dass ich Zeit meines Lebens einen vergnügtern Tag
und eine vergnügtere Nacht gehabt, als die ich nunmehro seit fast 24. Stunden
zurück gelegt habe, so müste ich es lügen, und ich mercke an euch allen, dass ihr
vergnügt seid, sonderlich, da uns die Herren Deutschen und Portugiesen fast
Fürstlich tractiret, und mit einem so kostbaren Feuerwercke beehret haben. Ich
vor meine Person will vorjetzo nichts mehr, als grossen Danck sagen, und in
Erwartung, dass sie längstens Morgen Nachmittags in meinem Hause erscheinen
werden, mich gegen ihre Höflichkeit aufs möglichste zu revangiren suchen.«
    Hierauf, da der Gouverneur noch sagte, dass er Müdigkeit halber nicht länger
bei uns bleiben könnte, nahmen wir mit vielen Hertzen und Küssen den
liebreichsten Abschied von einander, unsere Gäste setzten sich auf ihre Wagens
und Pferde, und reiseten, nachdem eine Salve aus 50. Canonen von unsern Schiffen
gegeben, nach der Citadelle zu. Ohngeachtet nun der Gouverneur seine gewöhnliche
Escorte bei sich hatte, so taten wir und die Portugiesen ihn dennoch die Ehre
an, und liessen ihn mit 200. Grenadiers bis vor sein Schloss convoyren. Da wir
denn bald hernach 50. Canonen von der Citadelle lösen höreten, worauf wir
Antwort gaben; Unsere Grenadiers aber kamen erstlich in 3. Stunden zurück, indem
sie der Gouverneur mit Wein, Brandtewein und Bisquit dergestalt begeistern
lassen, dass viele unter ihnen taumelten.
    Wir alle suchten auf einige Stunden die Ruhe, und hatten unsern Leuten Ordre
hinterlassen, dass, wenn des Gouverneurs Wagens kämen, sie ihnen alle ihm
zugedachte Sachen sollten aufpacken helffen, und nachdem wir ohngefähr 4. Stunden
geschlaffen hatten, befanden wir, dass schon ziemliche Lasten auf die Citadelle
gebracht worden.
    Des folgenden Morgens machten wir noch eine und andere Anstallten auf unsern
Schiffen, wobei die Portugiesen zu vernehmen gaben, dass sie nicht gesonnen
wären, sich länger auf dieser Insul aufzuhalten, ohngeachtet es ihnen bei dem
wackern Gouverneur sehr wohl gefiele, sondern sie sähen sich genötiget zu
eilen, weilen ihr starcker Vorteil und Nutzen darauf beruhete, da ohnedem ihre
Schiffe, die eben nicht so grossen Schaden gelitten, bereits fast vollkommen
ausgebessert wären. Demnach wollten sie in GOttes Nahmen bei ersten günstigen
Winde abseegeln, und uns GOtt befehlen, weil sie uns aus zweierlei Ursachen
nicht zumuten könten, weiter mit ihnen in Compagnie zu fahren, sondern wir
sollten uns ja Zeit zu Ausbesserung unserer Schiffe nehmen, weil wir eine noch
viel gefährlichere und weitere Reise vor uns hätten, als sie. Hergegen erboten
sie sich auf eine recht liebreiche Art, die gefangen gewesenen Christen-Sclaven,
welche mit ihnen nach Europa zu seegeln Lust hätten, nicht allein franck und
frei bis nach Portugall mit zu nehmen, sondern auch unterweges sie mit der
besten Schiffs-Kost zu accommodiren, über dieses einem jeden Christen, der mit
ihnen nach Europa reisen wollte, 100. Ducaten und ein gut Stück Tuch nebst anderm
Zubehör zur Kleidung zu geben versprachen. Nicht etwa in der Absicht, dass sie
ihnen dienstbar sein, oder die Schiffs-Arbeit sollten mit verrichten helffen;
Nein! keinesweges, es sei denn zur Zeit der Not, wenn ein jeder Hand mit
anzulegen verbunden wäre.
    Mein Bruder und ich lobten der Portugiesen Generositée, und versprachen,
unsern gefangen gewesenen Mit-Christen gedoppelt so viel zum Geschencke auf die
Reise mit zu geben.
    Demnach liessen wir die in Freiheit gesetzten Christen alle vor uns kommen,
deren denn 4. Frauenzimmer und noch 36. Manns-Personen waren. Ich kündigte ihnen
die Generositée der Herren Portugiesen, und mein und meines Bruders Erbieten an;
worüber sie sich alle ungemein erfreut bezeigten. Hierauf trat die Dame zu mir,
und sagte in Gegenwart aller: Mein Herr! ich habe von Dero Leuten vernommen, dass
sie nach dem Vorgebürge der guten Hoffnung zu seegeln; Ich bitte gehorsamst,
mich arme betrübte Wittbe um wenigstens bis dahin mit zu nehmen, weilen ich
verhoffe, dass ich daselbst Engelländische, oder doch wenigstens Holländische
Schiffe antreffen werde, deren mich eines aus Commiseration auf eine in den
Ost-Indischen Gewässern gelegene Insul vielleicht mitnehmen möchte, denn ich kann
nicht läugnen, dass ich wenig in Mitteln habe; dancke aber doch dem Himmel, dass
er so gnädig gewesen, mir zu vergönnen, dass ich mitten in dem Treffen mit den
Barbaren unsere Pässe, Wechsel-Briefe, Obligationes und dergleichen listiger
Weise erretten können; sonsten aber habe von allem unsern Gelde, Gut und
Kleidern nichts behalten, als einige Jubelen, Ringe und Gold- die doch ingesamt
keine 5. oder 6000. Tlr. wert sind, komme ich aber glücklich auf die Insul,
allwo mein seliger Mann eine starcke Forderung hat, so wird mir und den Meinigen
schon geholffen sein, ich will den übrigen Rest meines Lebens auf dieser Insul
beschliessen, und mich, so lange meine Augen offen stehen, niemahls wieder auf
die See wagen, viellieber mein in Engelland noch habendes Vermögen im Stiche
lassen, wenn meine Verwandten so unbarmhertzig sein sollten, mir selbiges nicht
mit guter Gelegenheit nachzuschicken.
    Madame! (gab ich zur Antwort) ich verhoffe sie mit den Ihrigen, so GOTT
will, glücklich auf das Cap. zu bringen, da sie denn ihre Messures weiter nach
Belieben nehmen können. Sie haben sich bei mir einer franck und freien Fahrt zu
getrösten, nur bitte mit der Schiffs-Kost und Commoditée, so gut ich dieselbe
nur immer besorgen kann, gütigst vorlieb zu nehmen. Auch soll ihnen das kleine
Geschenck an Gelde und Meubles angedeihen, welches so wohl die Herren
Portugiesen, als wir, den in Freiheit gesetzten Christen von uns noch vor
unserer Abfahrt zu gewarten haben. Mittlerweile ist ihnen erlaubt, sich von den
besten Tüchern, Zeugen von allerlei Sorten, auch Leinewand und andern Sachen, so
sie bedürffen, nach eigenem Belieben zur Kleidung auszulesen und zu behalten.
    Die Dame winckte den Ihrigen, welche bei sie traten, und uns ihre
Danckbarkeit mit den höflichsten Complimenten und weinenden Augen abstatteten.
    Ihr Sohn war ein wohlgewachsener artiger Mensch von etwa 21. Jahren, der
etwas in literis, sonderlich aber in der Matesi getan hatte, derowegen liess
ich mich nicht lange bitten, ihn mit zu nehmen.
    Hierauf stelleten sich die übrigen Freigelassenen Christen-Sclaven en front,
die meisten unter ihnen sehneten sich nach Europa. Wir examinirten in aller
Kürtze einen jeden, was vor ein Lands-Mann, von was vor Profession, und was
sonsten sein Stand und Wesen wäre? Da sich denn befand, dass sich
                    1) Ein Gürtler-Meister,
                    2) Ein Buchdrucker-Gesell,
                    3) Ein Pulver-Müller,
                    4) Ein Salpeter-Sieder,
                    5) Ein Büchsen-Macher unter ihnen angaben, als welche von
selber austraten, und uns inständig baten, sie auf den Cours nach Ost-Indien
mitzunehmen, und wenigstens aufs Cap. zu bringen, weilen sie noch keine Lust
hätten, so bald nach ihren Vater-Ländern zurück zu kehren, sondern sich noch
etwas versuchen wollten.
    Mir kam dieses recht a propos, derowegen sagte ich ihnen, dass sie ihre
Equipage in Ordnung bringen, und sich parat halten sollten, nächsten Tags mit uns
ab zu seegeln, immittelst möchten sie sich von dem Mittel-Tuche, Leder zu Hosen,
Leinewand und allen dem, was zu Ausstafirung ihrer Kleidung von nöten, nach
Belieben und nach Notdurfft auslesen, das versprochene Geld und Geschenck aber
vor unserer Abreise ebenfalls richtig gezahlt bekommen.
    Wer war erfreuter, als diese Europæische Manns-Personen? Jedoch das
Vergnügen des Frauenzimmers erzeigte sich dennoch weit grösser, welche sehr
bittlich ersuchten, je eher je lieber Sorge zu tragen, dass wir zu Schiffe
giengen.
    Wir sprachen allen und jeden, die mit uns fahren wollten, freundlich und
tröstlich zu, liessen sie auch mit den besten Speisen und Wein alltäglich tracti
ren. Demnach behielten die Hn. Portugiesen nur noch 27. gefangen gewesene
Christen-Sclaven, welche sie auf ihr redliches Wort, jedoch nicht weiter, als
bis in den ersten Portugiesischen Hafen zu schaffen nochmahls teuer
versicherten.
    Folgenden Morgens taten wir die Reise nach der Citadelle zum Gouverneur,
und nahmen meinen Lieutenant, wie auch meines Bruders Fähndrich mit uns, weilen
diese beiden redlichen Officiers bis hieher noch das wenigste von unsern
gehabten Lustbarkeiten genossen hatten. Das Commando über unsere beiden Schiffe
überliessen wir immittelst meines Bruders neu angenommenen Lieutenante und
meinem Fähndriche, und in Hoffnung, dass, da sie beide, uns getreue Unter-
Officiers und Leute unter sich hatten, reiseten wir ohne besondere Sorge mit
Plaisir fort, bestelleten aber, dass uns so wohl bei Tags als Nacht-Zeit
wenigstens alle 4. Stunden, von allem, was so wohl auf den Schiffen, als sonsten
veränderliches passirte, der allergenauste Rapport durch 1. Unter-Officier und
2. Mann abgestattet werden sollte.
    Wir gelangeten noch 2. Stunden vor Taffels-Zeit bei dem Gouverneur an, mit
dem und dessen Familie wir vorhero ein freundliches Gespräche hielten, in
welchem der Gouverneur vorbrachte, was Massen er doch hoffen wollte, uns gestern
abgeredter Massen noch etliche Monate bei ihm zu sehen; Allein die
Portugiesischen Capitains deprecirten solches, und brachten allzu trifftige
Ursachen hervor, weswegen sie sich vor dissmahl nicht länger aufhalten könten,
weilen ihr gröster Schimpff und Schaden darunter versirte, wenn sie über die
Gebühr aussen blieben, und nicht nach ihrem Lande trachteten. Also liess sich der
Gouverneur endlich bewegen, und erlaubte ihnen auf ihr inständiges Bitten, mit
nächsten favorablen Winde abzuseegeln. Mit euch aber, meine Brüder! (sprach er
zu mir und meinem Bruder,) darf es so eilig nicht zugehen, denn allem Ansehen
nach, braucht ihr noch einige Wochen Zeit, eure sehr zerlästerten Schiffe
auszuflicken, wo ihr anders keine gefährliche Fahrt haben wollet.
    Wir beiden gaben zur Antwort, dass unsere Leute ihre Hände keinesweges in die
Ficke stecken, noch auf der faulen Banck liegen sollten, sondern wir hofften mit
den Herren Portugiesen, wo nicht zugleich seegelfertig zu sein, doch ihnen aufs
eiligste nach zu folgen, und zwar auf unserer Strasse, weil wir zweierlei Wege
vor uns hätten. Es wird sich schon geben, (sagte der Gouverneur im Schertze)
Wind und Wetter wird mir dissmahl schon gehorchen, denn ich gebe mich halb und
halb vor einen Wettermacher aus, mittlerweile wollen wir noch eine Zeitlang
lustig mit einander leben, auch weder Speisen, Geträncke, Musique, noch Pulver
verschonen.
    Bei diesen Worten meldete sich mein Bruder, und sagte: Ew. Excell. werden
einiger Massen an mir abgemercket haben, dass ich ein Ertz-Pulver-Verderber bin,
doch will gehorsamst gebeten haben, von nun an des edlen Pulvers einiger Massen
zu verschonen, indem ich, wenn wir ja noch etliche Tage oder Wochen beisammen
bleiben sollten, mit Dero gnädigen Erlaubnis noch ein oder ein Paar bessere
Feuerwercker, als die letzteren gewesen, zu præsentiren gesonnen bin.
    Wohl gut, mein Bruder! (sagte der Gouverneur) es soll von heute an das
Pulver menagirt werden, weilen mir selber deucht, dass der Freuden-Becher unter
Musique, Trompeten und Paucken-Schall eben so gut schmeckt, als unter dem Donner
der Canonen.
    Wir giengen demnach zur Taffel, die sehr köstlich zubereitet war, da denn
beim Gesundheit-Trincken kein eintziger Canonen-Schuss gehöret wurde, als Abends,
wenn die Sonne untergieng, da denn 3. Canonen von der Citadelle abgebrannt, und
von unsern Schiffen mit eben so vielen geantwortet wurde.
    Bis gegen Mitternacht wurde noch mancher schöner Pocal und Becher unter
Trompeten und Paucken-Schall, auch anderer instrumental Musique ausgeleeret,
weil der Gouverneur und die Seinigen sich alle ungemein lustig bezeigeten, auch
wir unserer Seits keine Schlaf-Mützen repræsentirten. Endlich ward Schicht
gemacht, und wir beiden Brüder bezogen wieder unser vormahliges Zimmer.
    Hernachmahls ging alles ganz ordentlich, jedoch mit täglicher Veränderung
der Lustbarkeiten zu, denn einen Tag giengen wir auf die Jagd, den andern auf
die Fischerei, den dritten schossen wir einen grossen höltzernen Vogel von der
aufgerichteten Vogel-Stange herunter, den vierdten Tag schossen wir mit Büchsen,
Flinten, auch teils mit Pistolen nach den aufgesetzten Scheiben, den fünften
sahen wir aus den Fenstern dem Kampff der wilden Tiere unter einander zu, den
sechsten fuhren wir Abends in den kleinen Lust-Schiffen auf der See herum, dabei
mein Bruder doch sein Wort nicht hielte, und das Pulver sparete, indem er immer
nach einander eine ziemliche Menge Raqueten steigen, auch eine Anzahl kleinere
Schwärmer aus den Händen werffen, oder aus Pistolen und Flinten in die Lufft
schiessen liess, den siebenden Tag fuhren oder ritten wir aufs Land, und besahen
bald diesen bald jenen Mayerhof, allwo wir allezeit herrlich tractiret wurden,
den achten Tag war Ball und Masquerade, den neundten Tag wurde uns eine Comoedie
von den Studenten und Gymnasiasten vorgestellt, die wir Fremden allezeit
reichlich beschenckten. Kurtz: Es fället mir fast unmöglich, alle Veränderungen
der Lustbarkeiten zu beschreiben, und es wurde kein eintziger Tag ausgesetzt, da
nicht eine neue Lust gemacht wurde, ausgenommen, die Sonn-und Fest-Tage, an
welchen alles sehr devot und andächtig zugieng, und ohngeacht wir Protestanten
zu sein gar nicht läugneten, so gefiel doch dem Gouverneur und seiner Familie,
dass wir und unsere Officiers ihre Kirche fleissig besuchten, aber jedennoch, wie
devot wir uns auch anstelleten, niemahls eine Ceremonie mitmachten, die unserer
protestantischen Religion zuwider war, und wir verspüreten nicht, dass ihnen
diese oder jene Nachlässigkeit verdross, sondern sie liessen uns in
Glaubens-Sachen immer zu frieden, und disputirten davon wenig oder gar nichts.
    Unsere subalternen Officiers löseten einander alle Tage ordentlich ab, so,
dass sie einen Tag bei uns und bei der Lust mit waren, am andern Tage aber das
Cammando auf den Schiffen führeten, welche mehrenteils alle 3. oder 4. Tage von
mir oder meinem Bruder Wechselsweise visitirt wurden, um die Liebe unseres
Volcks gegen uns zu erhalten.
    Allein, meine Herren (sagte hier der Capitain Horn weiter zu uns
Felsenburgern) ich bemercke, dass ich in der ersten Hitze eine allzu lange Orati
on, oder Berichts-Erstattung meiner Anhero-Reise Ihnen abgeleget. Mir ist die
Zeit darbei nicht lang worden, und bin auch des Redens wegen nicht so müde, als
sie vielleicht des Zuhörens sind; doch, da ich sehe, dass die Demmerung herein
tritt, will mit Dero gütigen Erlaubnis vorjetzo in meiner Erzählung Abbruch
tun, und das übrige bis Morgen versparen. Der Regente und alle Anwesenden,
sonderl. ich, hätten ihm noch gern eine oder etliche Stunden zugehöret, und
lieber die Abend-Mahlzeit entbehren wollen; allein es wäre wider alle Billigkeit
gewesen, ihm noch ein mehreres Reden zu zumuten. Derowegen sagte der Regente:
Mein Sohn Horn! Ihr habt euch, ohngeachtet ihr gesessen, dennoch mit Reden eine
schwerere Arbeit verrichtet, als mancher Holtzhauer, derowegen lasset uns ein
wenig speisen, und nach gehaltener Abend-Bet-Stunde zur Ruhe begeben, mit der
Verabredung, dass wir Morgen G.G. in den Früh-Stunden beim Tée einander so, wie
wir hier versammelt sind, wieder sehen, und die Fortsetzung eurer
Reise-Geschicht anhören wollen. Vorjetzo nehmet auf heute mit einem mündlichen
Dancke von mir vorlieb, bis auf weitern Bescheid.
    Demnach wurde die Taffel angerichtet, bei welcher alles ganz stille
zugieng, ausgenommen, dass die Herrn Musicanten eine douçe Taffel-Musique
machten, und damit wohl noch eine gute Stunde nach abgehabener Taffel
fortfuhren, bis endlich, nachdem wir noch etwa eine halbe Stunde auf dem grünen
Platze bei schöner Witterung und hellem Monden-Schein uns eine Bewegung gemacht,
damit sich das Essen setzen möchte, worbei die Musicanten auf dem Berge mit
einer angenehmen Abend-Musique sich beständig hören liessen, das Signal zur
Bet-Stunde durch einen Cartaunen-Schuss gegeben wurde. Wir versamleten uns also
insgesamt auf dem grossen Saal vor des Regentens Zimmer, und warteten daselbst
die Abend-Andacht ab, worauf ein jeder, nach gewechselten Complimenten zur guten
Nacht, seine Ruhe-Stätte suchte.
    Des folgenden Tages, da Kirch-Tag war, fanden wir uns alle, wie wir gestern
versammelt gewesen waren, in des Regentens Zimmer ein, und truncken mit ihm
nicht nur den Tée, sondern auch ein jeder nach seinem Belieben, ein oder mehr
Gläser Frantz-Brandtewein, bis die Cartaune abgefeuret, und die Glocken zum
Kirchengehen die Einladung taten.
    Das Volck versammlete sich häuffig in der Kirche, weswegen wir uns auch
nicht versäumeten, unsere Stellen zu begleiten.
    Herr Mag. Schmeltzer Jun. tat eine schöne Wochen-Predigt, und zu Ende
derselben fügte er der Christl. Gemeinde folgendes zu wissen:
        »Demnach der allmächtige und barmhertzige GOtt unsern lieben Freund und
        Bruder, Hrn. Capitain Philipp Wilhelm Horn, nebst seinem Geleite, nach
        einer überstandenen gefährlichen und beschwerlichen Reise glücklich und
        vergnügt, zu unserer aller, allergrösten Freude, auf diese unsere liebe
        Insul zurück geführet; Als erfordert unsere Pflicht und Schuldigkeit,
        dem Allmächtigen vor die ganz besondere Wohltat, die er uns abermals
        hiermit erzeigt, auch einen ganz besondern Danck abzustatten. Wie nun
        unsere Obern und die Geistlichen beschlossen haben dieserwegen ein
        solennes Danck-Fest auf nechst-künftigen Sonntag anzustellen; als wird
        Ew. Christlichen Liebe und Gemeinden solches zum Voraus von der Cantzel
        hiermit öffentlich verkündiget, damit sie sich darnach achten, und zu
        rechter Zeit, wiewohl vor dissmahl etwas früher, nach der gewöhnlichen
        Lösung mir 2. Stück-Schüssen und Läutung der Glocken, in dem
        GOttes-Hause einfinden wollen. Mit Proviant sich zu belästigen, hat
        niemand nötig, indem unser guter Regente und Vater so wohl, als die
        andern Obern schon Anstallten gemacht haben, auf diesen Tag alle
        Einwohner der Insul notdürfftig zu speisen und zu träncken. Wir sind,
        meine Lieben! unserm GOtte einen ganz ausserordentlichen Danck schuldig
        vor seine unschätzbare Gnade, die er dieser Insul abermals wiederfahren
        und geniessen lässet, zumahlen, da er uns vor weniger Zeit in Furcht und
        Schrecken gesetzet hat. Da wir nun sehen, meine Lieben, dass GOtt nicht
        immer oder ewiglich zürnet, sondern sein Wort hält, ja, da wir erfahren
        haben, dass sein Zorn nur eine kleine Weile über uns gewähret hat, so
        lasset uns mit demütigen und danckbaren Hertzen ingesamt vor ihn
        treten. GOtt bereite unser aller Hertzen zur ihm gefälligen Andacht,
        durch die Krafft des heiligen Geistes, in unsers HErrn und Heilandes
        JEsu Christi Nahmen, Amen!«
    Als der Gottesdienst in der Kirche zum Ende war, und wir auf dem grünen
Platze etwas stille stunden, worbei der Capitain Horn der vorderste war, hätte
man sein blaues Wunder sehen sollen, wie unsere Leute, alt und jung, ja Kinder,
die kaum 2. bis 3. Jahr alt waren, um ihn herum gelauffen kamen; die Alten
küsseten ihm Stirne, Backen und Mund, und wenn die jüngern und kleinern Kinder
sahen, dass sie nicht an ihn hinauf reichen konten, so küsseten sie ihm die
Hände, auch so gar die Kleider, welches Ceremoniel ihnen kein Mensch auf der
Welt gezeiget und vorgemacht hatte, sondern sie tatens aus unschuldiger
einfältiger Liebe.
    Dieses währete, bis wir zur Taffel geruffen wurden, nach deren Abtragung
Capitain Horn seine Reise-Erzählung folgender Massen fortsetzte:
          Meine Herrn, auch allerwerteste Brüder, Gönner und Freunde!
    Ich habe gestern, wo mir recht ist, in dem Periodo abgebrochen, was Massen
wir von dem Gouverneur der grünen Insuln, der seine Residenz und eine wichtige
Festung auf einer Insul, S. Jago genannt, hatte, so herrlich tractiret worden;
Die andern grünen Insuln hatte er fast rings umher um diese seine Residenz-Insul
liegen. Es waren importante Insuln in selbiger Gegend, auf welchen die gütige
Natur alles hervorbrachte und darreichte, was der Mensch nur immer verlangen
konnte.
    Ehe ich aber weiter gehe, so muss melden, dass die Herren Portugiesen des
kostbaren Tractaments überdrüssig wurden, und mit aller Gewalt zu ihrer
Abseegelung Anstalt machten.
    Der Gouverneur bat sie zwar sehr, noch eine Zeitlang bei ihm zu verharren,
allein, sie vermassen sich hoch und teuer, dass es ihnen ohnmöglich, ja höchst
gefährlich wäre, länger zu bleiben, demnach erlaubte endlich der Gouverneur, dass
sie mit nächstem favorablen Winde in GOttes Nahmen abfahren möchten.
    Dieses geschahe also, nachdem sie 2. Monate und etliche Tage geschmauset
hatten.
    Als es sich nun zu einem günstigen Winde vor sie anliess, machten sie sich an
den Gouverneur, und sprachen: Dass nunmehro ihres Bleibens nicht länger, als etwa
3. Tage noch sei, baten zugleich den Gouverneur, seine Familie und Officiers,
auch uns beiden Brüder zum Valet-Schmause, auf das gröste von ihren Schiffen.
Der Gouverneur, welcher kein Kost-Verächter war, bestimmte also von heute an den
3ten Tag, da er denn mit allen den Seinigen auf ihren Schiffen erscheinen wollte.
    Wie nun der 3te Tag eintrat, traten auch wir sämtlich gebetenen Gäste in dem
grösten Portugiesischen Schiffe ein; Jedoch muss zu melden nicht vergessen, dass,
so bald sie uns ankommen sahen, alle Canonen so wohl von den unserigen, als den
Portugiesischen Schiffen gelöset wurden, denn sie hatten uns freundlich darum
ansprechen lassen, unsere Canonen zu ihrem Dienste nochmahls zum Valet mit zu
gebrauchen; wollten auch das Pulver darzu hergeben, allein wir waren viel zu
grossmütig bei dieser Kleinigkeit, indem wir Uberfluss an Pulver hatten.
    Ich muss den Portugiesen nachsagen, dass sie uns sehr propre tractirten, denn
sie setzten uns die aller delicatesten Speisen vor. Fleisch-Speisen, Fischwerck
und Geflügel von vielerlei Art war alles im Uberfluss da, ingleichen an
Gebackenes, Confituren und dergleichen spürete man keinen Mangel, absonderlich
war die öfftere Veränderung der Speisen zu bewundern, als welches Kunststück wir
bei ihnen nicht gesucht hätten. Hierbei war der beste Canarien-Sect unter vielen
andern köstlichen Weinen das vornehmste Geträncke, in welchem die Gesundheiten
unter Trompeten und Paucken-Schall häuffig getruncken wurden.
    Der Schmauss währete bis zum Untergang der Sonnen, ja fast bis zu
einbrechender Nacht, da denn der Gouverneur, alles fernern heftigen Nötigens
ohngeachtet, Aufbruch machte, und seine Dancksagung bei den Portugiesischen
Capitains abstattete, anbei dieselben inständig ersuchte, sich folgenden
Morgens, so früh als es nur immer möglich sein könnte, auf seiner Burg ein
zufinden, weilen er gesonnen wäre, auch noch ein kleines Valet-Schmäussgen zu
geben.
    Es wollten zwar die Portugiesen hierein erstlich ganz und gar nicht
willigen, sondern sperreten sich heftig dargegen, allein da der Gouverneur
sagte, wie er sie Zeit seines Lebens nicht vor rechtschaffene brave Leute
erkennete, daferne sie ihm diese letzte Bitte nicht gewähreten, indem es ja
nicht nur vom Ceremoniel erfordert würde, erstlich nochmahls auf seiner Burg
einzusprechen, und Abschied zu nehmen, nachhero aber auf ihren Schiffen den
Valet-Becher zu trincken, denn er versicherte ihnen hoch und teuer, dass er,
weilen sie doch so gar allzusehr eileten, nicht länger, als den morgenden Tag
aufhalten, des folgenden Tages aber ihrer Abfahrt mit betrübten Augen nachsehen
wollte, so lange bis sie ihm aus den Augen verschwänden. Uber alles dieses hätte
er noch vieles in Geheim mit ihnen zu reden, welches der Portugiesischen Nation
und auch dem Gouverneur selbst zu ganz besonderm Nutzen und Vorteil gereichen
könnte. Wie nun die Portugiesen dieses vernahmen, versprachen sie ihm auf
redliche Parole, dass sie folgenden Morgens mit den allerfrühsten auf der Burg
sich einfinden wollten. Demnach reisete der Gouverneur nebst allen den Seinigen
nach seiner Burg zu, und wir beiden Brüder wurden von dem Gouverneur und den
Seinigen fast forcirt, auch mit dahin zu gehen.
    Es war also schon um die Zeit des Aufgangs der Sonnen, als wir die Burg
erreichten, immittelst wurde von beiden Seiten noch immer beständig scharf
canonirt, jedoch wir legten uns alle auf einige Stunden zur Ruhe. Die
Portugiesen hielten ihr Wort redlich, und stelleten sich bei früher Tags-Zeit
bei uns ein, da denn nicht lange hernach auf der Burg alles munter und wach
wurde, demnach mochten wir auf der Burg wohl ein gut Stück länger geschlaffen
haben, als die Herren Portugiesen.
    Dieses Tages liess der Gouverneur in Wahrheit abermals ein recht fürstlich
Tractament zurichten: Denn die Taffeln waren dergestalt mit den allerbesten
Sorten von leckerhaften Speisen besetzt, dass man immer vermeinen sollen, es
würden dieselben brechen. Von Wein und andern Geträncke verschiedener Sorten war
ein solcher Uberfluss zu sehen, so dass es das Ansehen gewann, als ob sich die
Gefässe immer von sich selber wieder voll fülleten.
    Bei allen dem sassen wir in die 4. bis 5. Stunden an der Taffel, jedoch mehr
beweglichen Machinen, als Menschen ähnlich, indem von den allzuhäuffigen
Speise-Gerichten die wenigsten etwas rechts geniessen konten, zumahlen, da uns
allen noch die Portugiesische gestrige Mahlzeit noch in dem Leibe stack. Demnach
wurde mehr getruncken, als gespeiset, denn es verfolgte immer ein Pocal den
andern, und zwar unter Trompeten und Paucken-Schall, auch Lösung der Canonen, so
wohl von der Burg, als von unsern Schiffen. Wie nun dieses gegen des Gouverneurs
Wort lief, dass wir nämlich das Pulver schonen wollten; so sagte derselbe; Ey was!
Schade vor das Pulver, meine Brüder! ich habe nicht allein in den Magazins
dessen im Uberflusse, sondern kann auch einen Tag und alle Tage mehr Pulver
mahlen lassen. Einmahl vor allemahl, heute wollen und müssen wir einmal noch
frölich und lustig beisammen sein, weil wir nicht wissen, ob wir einandern so
bald, oder wohl gar nicht wieder sehen möchten, denn ich bin ein alter Mann, der
dem Tode starck entgegen geht.
    Wir alle wünschten dem ehrlichen Manne ein noch langes und vergnügtes Leben,
weilen er Alters halber noch viele Jahre leben könnte. Er schien über unsere
Wünsche vergnügt zu sein, nach aufgehabener Tafel aber gab er den
Portugiesischen Capitains, wie auch mir und meinem Bruder einen Winck, ihm in
ein Ober-Zimmer zu folgen. Mitten in diesem tappezirten Zimmer stund eine lange
Taffel, die mit einer roten Sammet-Decke beleget war, welche Decke der
Gouverneur durch 2. Pagen abnehmen liess, worauf sich unsern Augen folgendes
præsentirte:
1.) 2. saubere Degen, deren Gefässe so wohl, als die Schnallen am Gehencke,
    häuffig mit Brillanten und andern Edel-Gesteinen besetzt waren.
2.) 2. vortrefflich schöne Spanische-Röhre, deren Knöpffe ebenfalls mit
    Brillanten und andern Edel- besetzt waren.
3.) 24. Stück grosse güldene Taffel-Schüsseln.
4.) 24. Stück etwas kleinere oder Mittel-Schüsseln, die ebenfalls von Golde
    getrieben waren.
5.) 4. Dutzent goldene Teller.
6.) 4. Dutzent goldene ordinaire Löffel.
7.) 2. ziemlich grosse güldene Pocale, die da sehr starck mit Brillanten und
    andern edlen Steinen besetzt waren.
8.) 2. Dutzent goldene Becher von verschiedener Grösse, welche sehr bequemlich
    beim Speisen zu gebrauchen.
9.) 48. Stück ziemlich grosse aus feinem Silber getriebene Schüsseln.
10.) 48. Stück aus feinem Silber getriebene Mittel Schüsseln.
11.) 4. Dutzent silberne Teller.
12.) 4. Dutzent silberne Löffel.
13.) 4. Dutzent silberne Becher von verschiedener Grösse.
14. 15.) 2. Uhrwercke und Compasse mit güldenen Gehäusen, und starck mit Steinen
    besetzt, worinnen zu oberst die Magnet-Nadel befindlich.
    Auf einer dabei stehenden Neben-Taffel befanden sich noch verschiedene
güldene und silberne Gefässe, und zwar alles gedoppelt, als nämlich Lavors,
Commoditæten und unzählige andere Sorten, welches wir allerseits bewunderten.
Nachdem wir uns aber satt daran gesehen hatten, er griff der Gouverneur die
beiden Portugiesischen Capitains bei den Händen, und sagte zu ihnen: Sehet hier,
meine werten und lieben Brüder! das soll das geringe Geschencke sein, welches
ihr von mir auf die Reise empfanget, verschmähet dasselbe nicht, sondern teilt
euch brüderlich darein, und gedenckt meiner und der Meinigen im Besten, so oft
ihr auch das gerinste Stücklein darvon braucht.
    Die Capitains erschracken darüber, und wollten sich durchaus nicht
entschliessen, auch das geringste davon anzunehmen, sondern brachten unzähliche
Entschuldigungen vor, die sie verhinderten, an einem solchen über königlichem
Geschencke einigen Teil zu nehmen; Allein der Gouverneur sagte, indem er sie
hertzlich küssete: Meine Brüder! macht kein Wunder, und verschmähet mich nicht,
sonsten werde ich auch so trotzig werden, als ihr euch ausgabet, da wir zu erst
zusammen gekommen sind, und da ihr mich dergestalt reichlich beschenckt habt,
ist das Meinige eine kleine Kleinigkeit dargegen zu rechnen.
    Indem fassete er die beiden Portugiesen bei den Händen, und sagte: Seid so
gütig, mir zu folgen, meine Brüder! um zu sehen, was mein Frauenzimmer vor euch
zu rechte gelegt hat, und zwar in diesem besondern Zimmer; Da er aber mich und
meinen Bruder auch anfassete, um zu sehen, was passirte, so traffen wir in dem
Neben-Zimmer einen erstaunlichen Kram von allerlei Arten weisser Wäsche an.
Nächst diesen zwei kostbare, damastene, mit Golde bordirte Schlaf-Röcke und
andere Nacht-Kleider. In Summa, wir hatten allerseits Ursache, über die Menge
der kostbarn Wäsche so wohl, als über die andern Sachen zu erstaunen.
    Demnach stelleten sich die beiden Portugiesen gedoppelt beschämt, beklagten
sich auch darüber so wohl bei dem Gouverneur, als bei dessen Frauenzimmer in
recht wehmütigen Geberden und Stellungen, welcher erstere, nämlich der
Gouverneur, denn zu beiden sagte: So wahr ich lebe, meine Lieben! so lange als
ihr hier bei mir gewesen seid, habe ich keine unvergnügte Stunde, geschweige
denn einen unvergnügten Tag gehabt, als nunmehro diese Stunde, da wir Abschied
von einander nehmen müssen. Wolte GOtt! wir hätten Zeit-Lebens beisammen bleiben
können, da aber dieses eine unmögliche Sache, so kränckt mir und den Meinigen in
der Seele nichts mehr, als dass ihr so eigensinnig oder hochmütig sein wollet,
die geringen Gegen-Geschencke gegen die eurigen, welche weit reichlicher
gewesen, als die unserigen, von uns anzunehmen. Die nun die Portugiesen
erweisslich machten, dass Dero Geschencke allzu kostbar, und zwar von beiden
Seiten, gegen das wenige, was sie von uns empfangen hätten, ohne die allzu
vielen Gefälligkeiten und Gnaden-Bezeugungen zu rechnen, die wir von Tage zu
Tage von Ihnen genossen; so fieng der Gouverneur endlich also zu reden an: Meine
lieben Brüder! Gold und Silber habe ich im Uberflusse, so wohl als die Meinigen,
die wenig Wäsch- und Kleidungs-Stücke herbei gebracht haben. Wir bitten demnach
alle aus einem Munde, uns nicht zu verschmähen, sondern dieses wenige zum
geneigten Andencken, nicht aber als ein Geschenck anzunehmen, wiedrigenfalls
will in eurer aller Gegenwart einen teuren Schwur tun, dass alle die Sachen
noch vor eurer Abfahrt in die See geworffen werden sollen, und zwar, wo dieselbe
am tieffsten ist.
    Der Streit währete noch eine ziemliche Zeitlang, endlich aber, nachdem der
Gouverneur, seine Gemahlin, Töchter und Söhne die Portugiesen nochmahls alle
zärtlich umarmet und geküsset, gaben sich diese überwunden, und gewiss, das
Abschied-nehmen kam allen so bitter an, dass die meisten, eins wie das andere,
die heissen Tränen fallen liessen.
    Folgendes Tages in aller Frühe liess der Gouverneur alle verschenkten Sachen
auf der Portugiesen Schiffe schaffen, und zwar durch seine eigenen getreusten
Leute, denen wir alle, nach eingenommenem Frühstück, in Chaisen auf dem Fusse
nachfolgten, und auf den Schiffen ankamen, allwo die Portugiesen sich ungemein
erfreueten, dass sie einen günstigen Wind fanden, mitin sich in möglichster Eile
vollends einschifften, und nach nochmahligem genommenen zärtlichen Abschiede und
Valet-Truncke am Strande ihre Ancker lichteten, die Seegel aufzogen, und unter
einem entsetzlichen Donnern der Canonen so wohl von ihren, als unsern Schiffen,
ingleichen von der Citadelle, als und darvon fuhren. Der Gouverneur blieb mit
den Seinigen so lange am Strande stehen, und winckte beständig mit dem Hute,
bis sie uns aus den Augen verschwanden, worauf wir insgesamt zurück auf die Burg
fuhren, indem er uns durchaus nicht aus den Augen wollte kommen lassen.
    Als wir auf der Burg angelanget, sagte er zu uns beiden Brüdern: Nun, meine
wertesten Brüder! ihr werdet von der Güte sein, und die euch angewiesenen
Zimmer beziehen, als dergleichen keine bessern in meinem Hause anzutreffen sind,
auch alles kühnlich fordern, was zu eurer Bequemlichkeit gereicht, denn
wahrhaftig, ich liebe euch als Brüder, meine Gemahlin macht in der Liebe zu
ihren Kindern und gegen euch nicht den allergeringsten Unterscheid, und meine
Kinder erzeigen sich nicht anders, als ob ihr ihre allernächsten Anverwandten
wäret. Woher aber eine solche Liebe entstanden, solches ist eine ganz andere
Frage, welche ich jedoch nicht anders beantworten kann, als wie ich vollkommen
der Meinung bin, dass dieselbe ganz heimlich in der Natur steckt, und von uns
Menschen nicht gnugsam erforschet werden kann. Mit einem Worte, ich halte
dergleichen Liebe vor eine vollkommene Sympatie oder Ubereinstimmung der
Hertzen und Gemüter, es mögen aber die Herren Philosophi nach ihrem besten
Vermögen untersuchen, wie es damit zugehet? wo es steckt? wenn sichs anfänget?
wenn es aufhöret? und dergleichen, kurtz: ich sage nur dieses, dass ich in dieser
Sache keinen Grund finden kann. Ihr habt gesehen, meine Brüder! dass ich und die
Meinigen den beiden Portugiesischen Capitains nach unserm besten Vermögen alle
mögliche Gefälligkeit und Höflichkeit geniessen lassen, weiln ich ihnen
nachrühmen muss, dass sie artige Leute, und darzu unserer Römisch-Catolischen-
Religion zugetan waren, da hingegen ihr, wie ich von euch vernommen habe,
Protestanten seind.
    Unterdessen wollte wünschen, dass die lieben Portugiesen noch bei uns
geblieben wären, bis auf eine andere Zeit, doch, da sie einmal fort sind, so
wünsche ihnen GOttes Geleite, und bin nur von Grunde meiner Seelen erfreuet, dass
ich euch, meine Lieben noch eine Zeitlang bei uns sehen soll. Nun aber sagt mir,
meine Herren! wie es zugehet, dass die Liebe von unsern Seiten nicht auf unsere
Glaubens-Genossen, sondern auf die Protestanten gefallen? Es sollten sich zwar
wohl bei unserer Religion einige finden, welche dessfalls bei diesem oder jenem
einen Gewissens-Scrupel erregen, oder erzwingen möchten; Allein bei mir und den
Meinigen werden sie ihren Zweck nicht erreichen, denn unser Wahlspruch ist
dieser: Wir lieben die Tugend, und lassen jedennoch die Religion in ihren
gebührlichen hohen Würden. Nachdem wir noch eine gute Zeitlang von dieser Materi
e pro und contra disputirt hatten, bezogen mein Bruder und ich unsere
angewiesenen Zimmer, und lebten darauf dergestallt ruhig und vergnügt mit dem
wohltätigen Gouverneur und den Seinigen, dass ich, ausgenommen, was Felsenburg
anbelanget, nicht leicht an einem Orte mehr Vergnügen auf dieser Welt gehabt.
    So bald der Gouverneur und die Seinigen das Wort von uns beiden heraus
gelockt, ja, so zu sagen, erzwungen hatten, wie wir wenigstens noch 2. Monate
bei ihnen bleiben wollten; war das ganze Haus voller Freuden, damit wir aber
eine Haupt-Veränderung unserer Gemüter empfinden möchten, stellete der
Gouverneur eine general-Visitation der unter seinem Commando stehenden Insuln
an, und lude uns darzu ein. Es wurden auch so gleich Anstalten zur Abfahrt
gemacht, indem er gesonnen, seine ganze Familie mit sich zu führen, bis auf den
ältesten Sohn und jüngste Töchter, als welche beide gute Wirtschaft führen
sollten. Wir beiden Brüder konten ohne besondere Sorgen die Reise mit antreten,
weiln wir versichert waren, dass wir getreue Subalternen und Unter-Officiers so
wohl, als auch Volontairs und Gemeine hatten; Lauter Leute, die nicht zu
verbessern waren.
    Wie demnach die aufs kostbarste und zierlichste ausgerüstete ungemein
bequemliche Fregatte, welche von einem Kriegs-Schiffe begleitet wurde, im Hafen
der Insul St. Jago anlangete, setzten wir uns in dieselbe, und fuhren mit des
Gouverneurs Suite unter einer starcken Bedeckung und unter Lösung der Canonen
von dannen, worbei zu mercken, dass uns der Gouverneur erlaubte, 12. Mann
Granadiers von unsern Leuten, wie auch ausser diesen, dass er allen unsern
Volontairs die Freiheit gab, in der Suite uns zur besondern Bedeckung mit zu
reisen. Wir fuhren also zuerst auf die Insuln St. Luciæ und Nicolai, als in
welchen beiden der Gouverneur unvergleichliche Fortifications und Schlösser zu
seiner Bequemlichkeit anlegen lassen, weil sie die grösten waren unter denen
noch übrigen etwas kleinern Insuln, welche doch aber alle sehr fruchtbar, und
der Gouverneur auch in der aller kleinesten Insul ein Abtrits-Haus oder Pallais
vor sich hatte.
    Wir bewunderten, indem er auf einer jeden Insul Gerichte hielt, (da denn die
Untertanen vor seinem Richter-Stuhle erscheinen mussten) dessen ganz besondere
Conduite und Liebe zur Gerechtigkeit, wovon ich unzählige merckwürdige Exempel
vorbringen wollte, wenn es vor jetzo Zeit darvon wäre. Uns zu Gefallen liess er
hie und da bald auf dieser, bald auf jener Insul ein Corps seiner Trouppen
entweder von regulirten, oder von Land-Militz zusammen ziehen, welche er selbst
aufs schärffste musterte und exerciren liess, worbei ich gestehen muss, dass
derselbe Mann rechte brave Soldaten unter sich hatte.
    Von allerhand sonderbaren und wunderbaren Geschichten, welche wir auf dieser
oder jener Insul erfahren, will ich vor dissmahl, beliebter Kürtze wegen, so
wenig erwähnen, als von der Natur, Art und Weise dieser grünen Insulaner, viel
weniger von dem Ceremoniel und anderer Lebens-Art, auch Freudens-Bezeugungen,
bei Anwesenheit ihres Gouverneurs, und was sie ihm vor Geschencke zu bringen
pflegen. Hergegen kann ich nicht anders sagen, als dass wir auf diesen Insuln
wegen der vielfältigen Veränderungen ungemeines Vergnügen fanden, endlich aber,
da wir schon fast einen ganzen Monat von St. Jago, als der Residenz des
Gouverneurs, hinweg gewesen, gaben wir demselben zu vernehmen, was Massen, da
nun fast ein Monat von unserer angelobten Zeit des Dableibens verflossen, Sr.
Excell. die Gnade haben möchten, es dahin zu verfügen, dass wir beiden Brüder nur
auf einem Jagd-Schiffgen nach St. Jago gebracht werden möchten, weiln wir uns
nicht getraueten, länger von unsern Schiffen abwesend zu bleiben, sondern
nunmehro in beständigen Aengsten und Sorgen schweben müsten, weilen bekannter
Massen unsere Subalternen das See-Hand-Werck noch nicht gar zu vollkommen
verstünden, uns aber an einer tüchtigen Reparatur unserer Schiffe das
allermeiste gelegen wäre etc. Es ist gut, meine Brüder! (sagte hierauf der
Gouverneur) dass ihr mich erinnert, wir wollen insgesamt von hinnen seegeln,
damit wir bei Zeiten zu Hause kommen, denn ich kann wohl sagen, dass mir kein
Bissen besser schmeckt, als in meiner Burg.
    Demnach besuchte der Gouverneur nur noch 5. oder 6. kleine Insuln, welches
binnen wenig Tagen geschehen war, worauf wir insgesamt den Rückweg nach St. Jago
nahmen, und weiln wir die Zurückkunft durch ein Post-Schiff melden lassen, so
hatten des Gouverneurs Leute kaum unsere Flaggen auf den Schiffen wehen sehen,
als so gleich ein grausames Donnern der Constabler auf der Citadelle, und auch
zu gleicher Zeit von unsern Schiffen gehöret wurde, weswegen wir uns nicht lange
mit Rudern verweilten, sondern machten, dass wir den letzten Abend des
abgelauffenen Monats bei guter Zeit glücklich und gesund auf St. Jago
anlangeten.
    Von den vielen Complimenten, welche auf beiden Seiten, zwischen den
Einheimischen und Verreiset-gewesenen, gewechselt wurden, will ich gar nichts
gedencken, sondern nur so viel sagen: dass die wertesten Zurückgebliebenen, so
zu sagen, ganz ausser sich selbst waren, da sie uns alle, besonders aber ihren
teuresten und wertesten Herrn Vater, glücklich und gesund wieder zurück kommen
sahen, und ihn mit Vergnügen umarmen konten.
    Unserer beiden Brüder erste Sorge war: die Schiffe in Augenschein zu nehmen,
und zu erfahren, ob unsere Leute auch ihren besten Fleiss angewendet, dass wir uns
zum baldigen Abseegeln Hoffnung machen könten. Wesswegen wir uns denn bei dem
Gouverneur und seiner Familie auf einige Tage beurlaubten; nach Verlauff
derselben aber, da wir auf unsern Schiffen alles nach unserm Wunsche und Willen
verfertiget und zugerichtet antraffen, so, dass wir uns in vollkommenem
Seegelfertigen Stande befanden, mitin nur bloss auf günstigen Wind warteten,
unsere Abfahrt zu beschleunigen; als kehreten wir erstlich nochmahls zurück auf
die Burg, und liessen es uns die noch übrigen Tage der angelobten Zeit unsers
Dableibens im täglichen Wohlleben dergestalt gefallen, wie es der Gouverneur und
die Seinigen gern sehen und haben wollten.
    Ich habe, wo mir recht ist, schon gestern einen kleinen Anfang gemacht, von
der Liebes-Begebenheit zwischen meinem Bruder und des Gouverneurs ältesten
Tochter etwas zu erwähnen; Derowegen will voritzo darinnen fortfahren, weilen es
ohnedem eine Begebenheit, welche guten Teils mit zu unserer Haupt-Historie
gehöret.
    Es hatte demnach, binnen der Zeit, die wir mit Visitation der umliegenden
Insuln zubrachten, mein Bruder vollends Gelegenheit gefunden, sich in dem
Hertzen dieses Frauenzimmers vollkommen feste zu setzen, ohne weiter hinaus zu
dencken, wie dieses Gewerbe etwa ablauffen könnte oder würde. Wie denn, meines
Erachtens, die Verliebten zwar 9. mahl klug zu nennen, aber doch im Gegenteil
oft 10. ja mehr mahl toll, oder wenigstens einfältig in ihren Actionen befunden
werden.
    Mein Bruder war seit dem, dass wir auf den kleinen Insuln herum geschwärmet
oder geschmauset hatten, ganz dräuste mit seiner Amasia worden, da doch solches
bei damahligen Umständen, um so viel mehr hätte unterdruckt werden sollen, wenn
man anders die Klugheit beobachten wollen.
    Wie nun dieses Frauenzimmer ihn vor allen andern Manns-Personen distingui
rte, so fiel ihre Liebes-Kranckheit allen Leuten auf einmal in die Augen, ja,
mein Bruder und diese seine Erwählte trieben es so toll mit Hertzen, Küssen und
andern Liebkosungen, dass es auch so gar den Eltern gefährlich vorzukommen
schiene, ihnen beiden fernerhin zu trauen. Meinen Credit hatten sie alle beide
gleich bei Anfang ihres Commercii, so bald ich nämlich dessen innen geworden,
vollkommen verloren. Ich stellete meinem Bruder zuweilen, wenn wir uns in der
Einsamkeit, ohne andere Gesellschaft befanden, Himmel und Hölle vor, um ihn von
der mir und ihm höchst fatalen Liebe abzugewöhnen, allein, ich predigte tauben
Ohren, denn er antwortete mir zum öfftern kaum darauf, und wenn er ja allenfalls
zum Stande zu bringen war, mit hochtrabenden und törichten, zum öfftern auch
lächerlichen Redens-Arten und Minen, welche mich zu vielen mahlen nicht wenig
verdrossen; allein ich hielt ihm, als einem verliebten Hasen, oder wohl gar
etwas mehr, sehr viel zu gute, bewunderte aber anbei nichts, als dieses, dass der
Gouverneur so wohl, als seine Gemahlin, das Hertzen, Lecken und Küssen dieser
zweien Verliebten, es mochte auch bei was vor Gelegenheit sein, als es nur immer
wollte, noch immer so mit gelassenen Augen ansahen, und nicht eine eintzige
scheele Mine darzu machten. Hergegen machten mein Bruder und ich einander immer
desto scheelere Minen, welches den andern Anwesenden zwar bedencklich vorkam,
jedoch es musste unter dem Vorwande durchgehen, dass wir eine und andere
Streit-und Zwistigkeiten gehabt, und dieselben noch nicht völlig beigelegt
hätten.
    Allein es war die ganze Sache in Wahrheit kein Schertz oder Spas zwischen
uns Brüdern, denn eines Abends, als sich mein Bruder, meinen Gedancken nach,
etwas allzu frei gegen seine Amasiam beim Tantze aufgeführet hatte, bemerckte
ich, dass ein paar Insulanis. Officiers von nicht geringem Stande und Würden,
sich über ihn höhnisch aufhielten, weswegen ich meinen Bruder bei Seite zohe,
ihm seine verliebte Torheit vorrückte, und freundlich ermahnete, sich klüger
und gescheuter aufzuführen, damit ich und alle die Unsrigen nicht etwa mit der
Zeit Ursache hätten, ihm unsere Verunglückung eintzig und allein zu zuschreiben.
    Meines Bruders Antwort war diese: Bruder! ihr redet vor dieses mahl, wie ein
Kind, da ihr doch euch dessen schämen soltet, weilen ihr viel älter seid, als
ich, allein tut mir den Gefallen, und kommet früh Morgens um die Zeit des
Aufgangs der Sonnen zu mir hinunter in eine, euch selber beliebige Sommer-Läube
des grösten Lust-Gartens, vielleicht bringt ihr in der freien Lufft
vernünftigere Dinge vor, als voritzo.
    Wir sahen einander diesen Abend ferner und weiter nicht an, als über die
Achseln, und folgenden Morgens begab ich mich abgeredter Massen hinunter in die
eine Sommer-Läube, in völliger Kleidung mit Stock und Degen, traf auch meinen
Bruder und zwar ebenfalls in Stock und Degen darinnen an. Zuerst hielt ich ihm
eine ganz sanftmütige Gesetz-Predigt, nachhero aber wurde unser Wortwechsel
etwas hitziger und heftiger, und zwar dergestalt, dass meinem Bruder die Galle
auf einmal überlief, weil ich ihm, seiner Meinung nach, etwas gar zu
empfindliche Stichel-Reden gegeben haben sollte; und eben dieserwegen sprang er
zur Lauber-Hütte hinaus, entblössete seinen Degen, und brachte mir, der ich ihm
ebenfalls mit entblösseten Degen entgegen ging, einen Affections-Stich durch
den rechten Arm über dem Ellbogen bei, welcher jedoch nicht viel zu bedeuten
hatte; Er aber, mein Bruder, so bald er mein Blut lauffen sah, fassete seinen
Degen bei der Spitze, und præsentirte mir diesen seinen Degen mit den Worten:
Hier, mein allerliebster Bruder! entlediget euch mit diesem meinen eigenem
Seiten-Gewehr eines unartigen Menschen, der nicht würdig ist, euer Bruder
genennet zu werden. Allein ich nahm den Degen von ihm, und warf denselben in die
Erde, meinen Bruder aber umarmete ich mit Tränen unter diesen Worten: Nein,
mein Bruder! GOtt lasse ferne von uns sein, dass einer von uns ein Cain werde.
Wir hielten also unter Vergiessung heisser Tränen einander eine lange Zeit
umarmet, bis wir endlich befürchteten, dass jemand darzu komen möchte; Er, mein
Bruder aber verband mir, so bald wir auf unser Zimmer kamen, meine Wunde selbst,
und wir schätzten es noch vor ein Glücke, dass niemand darzu gekommen war, und
uns gesehen hatte. Wir hielten auf dem Zimmer, weil wir von niemanden verstöhret
wurden, noch ein langes und breites Gespräch von dieser blutigen Begebenheit,
und endlich liess sich mein Bruder vor mich auf die Knie nieder, und bat mich,
ihm seinen selbst also genannten Fehler und Unbesonnenheit zu vergeben, und zwar
unter Vergiessung häuffiger Tränen, ja er sagte: wie dass er sich Zeit Lebens
nicht zu frieden geben könnte, wenn ich ihm nicht einen teuren Eyd schwüre,
nimmermehr wieder daran zu gedencken, welchen Eyd ich ihm denn auch so gleich
auf der Stelle leistete, kräfftig tröstete, und damit völlig wieder vergnügte,
worauf er eine ganz andere Lebens-Art zu führen versprach, und vor allen Dingen
meinen getreuen brüderlichen Vermahnungen in allem Folge zu leisten, sich
verbindlich machte.
    Ich war erfreut über meines Bruders Bekehrung und Busse, jedoch flössete ich
ihm die Lehren ein: dass er sich ja nicht eben sauertöpfisch oder sonsten
mürrisch anstellen möchte, sondern immerhin lustig und guter Dinge sein könnte,
absonderlich des Frauenzimmers wegen, damit dieselben seine so jählinge
Veränderung nicht merckten, und diesen oder jenen Verdacht auf uns legten.
    Er versprach mir in allen Stücken zu folgen, und zwar mit einem teuren
Eyde, hielt auch sein Wort redlich, und brach sonderlich von dem allzu öfftern
Hertzen und Küssen ziemlich ab, weilen er vermerckte, dass ich dergleichen nicht
gern leiden mochte.
    Jedoch einige Tage nach dieser Begebenheit bat mich der Gouverneur, mit ihm
in einen Garten zu spazieren. Indem nun nicht vermeinte, er würde von etwas
anders zu sprechen anfangen, als von unserer baldigen Abreise, weiln so wohl
ich, als mein Bruder, uns verlauten lassen, dass wir dieselbe nicht lange mehr
aufzuschieben gesonnen wären; so musste ich mit Erstaunen hören, dass der
Gouverneur, nachdem er mich in eine Grotte geführet, auch neben sich nieder zu
setzen gebeten, gegen mich ganz unverhofft also zu reden anfieng: Höret mir zu,
mein Herr, Freund und Bruder! Ich, als ein Mann, der nichts als Aufrichtigkeit,
Treue und Redlichkeit liebt, will euch ein Geheimnis eröffnen, wovon niemand
ausser meiner Frauen, bis auf diese Stunde das geringste weiss. So wohl ich, als
meine Frau haben bemerckt, dass euer Herr Bruder und meine älteste Tochter von
der Zeit an, da ihr bei uns angekommen, Wechselsweise ihre Augen auf einander
geworffen; ja! ich muss mich schämen, zu sagen, dass meine älteste Tochter recht
heftig am so genannten Liebes-Fieber laborirt, und dabei nicht geringe
Passiones ausstehet. Ich habe zwar gedacht, diesem Ubel abzuhelffen, und sie an
einen Standesmässigen Liebsten zu verheiraten, allein sie ist seit der Zeit, dass
sie mannbar, auch dergestalt eigensinnig worden, dass sie (ohne eitlen Ruhm zu
melden) mehr als 16. bis 18. Freiern den Korb gegeben, ohngeachtet wir
beiderseits Eltern ungemein gern gesehen, wenn sie sich diesen oder jenen
erwählen wollen; Aber! sie bleibt bei einerlei Sprache, und sagt: was Massen sie
gesonnen, lieber in ein Kloster zu gehen, und eine Nonne zu werden, als einen
Mann zu nehmen, der nicht allein vom Gesichte und ganzen Wesen dergestalt
beschaffen wäre, dass sie ihn vollkommen zu lieben sich anheischig machen könnte;
Käme einer dergleichen vor ihrem 24sten Jahre, so möchte es gut sein; wo nicht?
so wollte sie vielleicht noch vor ihrem 24sten sich im Kloster einkleiden lassen,
denn das Probe-Jahr hat sie schon ausgestanden, und ist nunmehro erst 22. Jahr
alt.
    Ich sehe, (fuhr der Gouverneur in seinen Reden zu mir fort,) dass ihr eure
Farbe verwandelt, mein Herr! aber alles, was ich itzo gesagt habe, ist die pur
lautere Wahrheit, denn meine älteste Tochter hat ein vor allemahl den Schwur
getan, dass, wenn es ihr misslingen sollte, den jüngsten Capitain Horn zum Manne
zu kriegen, sie Zeit Lebens mit keiner Manns-Person mehr Umgang pflegen,
vielweniger sich fernerweit um alle Manns-Personen in der Welt bekümmern wollte,
denn dieses wäre eintzig und allein diejenige Manns-Person, welcher nicht nur in
seinem Gesichte, sondern auch in seiner ganzen Aufführung und Conduite alles an
sich hätte, was sie bewegen könnte, ihn vollkommen, aufrichtig und getreu zu
lieben. Solte es ihr aber bei diesem ihr vielleicht vom Himmel zugesendeten
Liebsten dennoch misslingen, so wäre sie gäntzlich entschlossen, ihr übriges
Leben im Kloster zuzubringen, und keine 4. Wochen Bedenck-Zeit weiter deswegen
zu nehmen. Nun, mein Herr und Bruder! was Rats, was sind eure Gedancken bei
diesen verwirrten Umständen? Was wird euer Hr. Bruder darzu sagen, wenn ihr ihm
dieses erzählt, als warum ich inständig bitte, und solches als ein besonderes
Zeichen der Freundschaft gegen mich und die Meinigen erkennen will, damit ich
nur erfahre, was eure und seine Gedancken bei dieser Sache sind. Signor! (gab
ich ihm zur Antwort) meine eigene Gedancken will ich Ihnen so fort in
Vertraulichkeit eröffnen, und so viel sagen, dass meinem Bruder zwar ein Glück
vorstünde, dessen er wegen seiner Person nimmermehr würdig wäre; wo ich mich
anders auf Dero Vortrag sicher zu verlassen weiss, stehen bei der ganzen Sache
nicht mehr als zwo Haupt-Puncte im Wege: dass nämlich mein Bruder so wohl, als
ich, vors erste kein gebohrner von Adel ist; vors andere, wird ihnen die
Protestantische Religion, der wir ergeben sind, und diese letztere zu changiren
dürffte bei meinem Bruder sehr schwer hergehen, weilen er keines
wanckelmütigen, sondern ungemein beständigen Gemüts ist; vors dritte, so wird
derselbe einzuwenden haben, dass er, als ein armer See-Capitain, mit seinem
wenigen Vermögen viel zu unwürdig ist, eine solche hohe und mit allen Leibes-
und Glücks-Gütern reichlich versehene Braut zu heben etc.
    Ehe ich noch vollkommen ausgeredet hatte, klatschte der Gouverneur in die
Hände, sprang auf, und führete mich in dem Garten herum spazieren; Unter diesem
währenden Spazieren-gehen redete er weiter also: Ich schwöre es euch, mein
Bruder! bei Gott und allen Heiligen, als ein eifriger Christ, heilig zu, dass ich
eure Gedancken, Ausflüchte, Einwendungen und Entschuldigungen fast in meinen
Hertzen zum Voraus erraten, unterdessen will ich euch so viel sagen, dass ich
einen blossen See-Capitain in meinen Augen und Hertzen weit höher schätze, als
die vornehmsten Grandes und andere Edel-Leute, die so wohl in Portugal, als
Spanien, als auch anderer Orten anzutreffen sein mögen.
    Was den zweiten Punct anbelanget, nämlich von wegen der Religion, so wäre es
freilich besser getan, wenn euer Herr Bruder changirte, und die
Römisch-Catolische Religion annähme, denn es dürffte schwer fallen, ihn wegen
der Inquisition aller Orten Sicherheit zu verschaffen, jedoch halte ich vor
ratsam, vorhero an Ihro Päbstl. Heiligkeit sich zu wenden, und ihm von
Deroselben einen Frei-Brief wegen der Religion auszuwürcken, denn ihr sollet
noch dieses wissen, dass ich das Gouverno auf dieser Insul mit ihm, als meinem
Eydame, teilen, und ihm eine besondere Residenz, die er sich auf dieser oder
jener, ihm selbst-beliebigen Insul erwählen mag, von mir aber eingeräumt und
bestätigt erhalten und bekommen soll, und dieses alles mit Vergünstigung der
Höhern, welche mir selbige schon längstens gegeben; aber meine Söhne werden wohl
schwerlich lange bei mir bleiben, sondern ihr Brod anderer höheren Orten zu
finden wissen.
    Was nun den dritten Punct anbetrifft, so hat sich euer Herr Bruder ganz und
gar um keinen Braut-Schatz oder andere zeitlichen Güter zu bekümmern, denn mein
gesammletes Gold und Silber dürffte nächst göttlicher Hülffe hinlänglich sein,
mich und die Meinigen auf lange Jahre mit Gütern zu besorgen, und wenn meine
Familie auch noch 10. mahl stärcker wäre, so würde sie doch nicht im Stande
sein, alles zu vertun, weilen ich nicht läugnen kann, dass ich eine ziemliche
Menge Kostbarkeiten an unterirrdischen Orten stehen habe, die nicht leicht zu
finden sind, jedoch ich gewöhne dieserwegen keines von meinen Kindern dahin, dass
es auf Reichtum trotzen, hergegen fein ordentlich und Standesmässig leben soll.
Besinnet euch wohl, meine Herrn und Brüder! ob es klug getan wäre, dergleichen
Partie auszuschlagen, welche einem oder dem andern so bald wohl nicht wieder
vorstossen möchte.
    Nachdem nun der Gouverneur zu reden aufgehöret hatte, sprach ich: Ich muss
Ew. Excell. bekennen, dass ich Dero Reden recht mit Bestürtzung angehöret, indem
ich mich selbst nicht in das grosse Glück zu finden weiss, welches meinem Bruder
bevorstehet, und woran ich als sein getreuer Bruder allerdings den grösten Teil
mit zu nehmen Ursache habe, wo anders Ew. Excell. nicht etwa mit Dero Dienern zu
schertzen belieben. Weiln aber dieser mein Bruder eine von den Haupt-Personen
bei dieser Geschichte ist, so werde ich mir gehorsamst ausbitten, ihm vorhero
einige Eröffnung von diesem seinen Glücke zu tun, da er sich denn nicht säumen
wird, eine firme Erklärung von sich zu geben.
    Kaum hatte ich diese Worte geendet, als noch verschiedene Personen aus dem
Hause auf uns zugegangen kamen, weswegen der Gouverneur, indem er mich embrassi
rte, nur noch so viel Zeit nehmen konnte, diese wenigen Worte zu sagen: Es ist
gut, mein Bruder! ich erwarte Dero beiderseitigen Versicherungen, entweder heute
Abends noch in meinen Zimmer, oder, so es gefällig, morgen früh auf dieser
Stelle zu vernehmen.
    Demnach schieden wir auf dieses mahl von einander. Meinen Bruder traf ich
auf seinem Zimmer bei einem grossen Historien-Buche sitzend an, fragte ihn
derowegen: Was sitzet ihr so traurig da, mein Bruder? es scheinet, ihr wollt
Calender machen lernen, oder auspunctiren, ob wir auch guten Wind und Wetter auf
unserer Reise haben werden. Nichts weniger als dieses, (gab er zur Antwort,)
denn ich überlasse mich und mein Schicksal dem Himmel, derowegen mag Wind und
Wetter immerhin so beschaffen sein, wie es will, gut oder böse, es gilt mir
alles gleich viel.
    Ich versetzte weiter; Es ist mir schon bekannt, mein Bruder! dass ihr von
Jugend auf keinen niederträchtigen, sondern heroischen Sinn gehabt habt; allein
nunmehro möchte ich eurem Nativität-Steller fast den grösten Beifall geben, da
er sagte: Dass es nur an euch läge (und zwar an eurem Eigensinne,) eine der
vornehmsten und glücklichsten Manns-Personen auf der Welt, und zwar durch
Heiraten zu werden.
    Hierüber fieng mein Bruder überlaut an zu lachen, und sagte: Ich hoffe
nicht, mein Bruder! dass heute der 1. April oder ein dergleichen Fest-Tag ist,
jedoch ihr wisset, dass ich gern mit mir schertzen lasse, derowegen so saget mir
doch in aller brüderlichen Aufrichtigkeit, wo ich anders dieselbe durch meine
gottlose und unbillige Aufführung und Gewissen-loses Verfahren gegen euch nicht
gäntzlich verschertzt habe, ohne Zeit-Verlust, was vor ein Geist euch heute zu
mir führet, und euch begeistert hat, dergleichen Redens-Arten gegen mich zu
führen?
    Ehe wir aber weiter reden, (sprach er ferner) will mir erstlich eine
Bouteillle Canari-Sect langen lassen, damit ich euch desto besser vernehmen kann,
denn ich kann nicht läugnen, dass mich ungemein dürstet. So bald die Bouteillle
angekommen war und wir ein paar Becher daraus getruncken, eröffnete ich ihm das
Geheimnis, welches mir der Gouverneur anvertraut hatte, auf Treu und Glauben,
liess auch vorerst lieber davon etwas aussen, als dass ich etwas hinzugesetzt
hätte. Ihm kamen dennoch alle diese Dinge nicht anders, als gewisse Dörffer vor,
so, dass ich ihm nichts verüblen könnte, wenn er etwa bei diesem und jenem einigen
Zweiffel hegte.
    Endlich aber machte er mir, so zu sagen, eine und andere Difficultäten, bei
diesem oder jenem Puncte, sonderlich in puncto Religionis, indem er, wie er
dasmahl sagte, um eines Weibes, ja, um aller Welt Güter willen sich nicht
überwinden könnte, seine Religion, darinnen er von Jugend auf gelebt, zu
verläugnen. Ich bat ihn, in diesem Stücke piano zu gehen, und erstlich
abzuwarten, was der Gouverneur dessfalls mit ihm handeln würde, mitlerweile aber
auch ja das Kind mit dem Bade nicht auszuschütten, sich wohl in Acht zu nehmen
wissen würde, damit uns allen die ganze Historie keinen Verdruss oder Unfug zu
Wege brächte.
    Da nun uns beiden Brüder der Gouverneur auf Morgen früh in den Garten
hinunter zu sich einladen liess, und zwar ohne andere Gesellschaft, weiln nur er
und seine Gemahlin benebst der ältesten Tochter ganz allein beisammen sein
würden; als verabsäumeten wir nicht, bei diesen hohen Personen zu erscheinen,
welche wir bei einer Tasse Caffée antraffen, und aufs liebreichste genötiget
wurden, bei ihnen Platz zu nehmen. Es gab einen kleinen Spas, denn der
Gouverneur, welcher Achtung darauf gegeben, dass mein Bruder der Fräulein keinen
Kuss gegeben, sagte mit hellen Lachen: Wie nun, Kinder! wollet ihr nun erstlich
anfangen gegen einander blöde oder schamhaftig zu tun?
    Nichtsweniger, als dieses, mein allerwertester Herr Vater! gab das Fräulein
hierauf zur Antwort; sondern der Fehler liegt an mir, weil ich hätte eher
aufstehen sollen, als der angekommene Gast. Wie nun dieses, welches sie mit
einer besondern artigen Mine und Stellung vorbrachte, bei uns allen ohne Lachen
nicht abgieng, so liess endlich der Gouverneur mich und meinen Bruder auf die
Seite ruffen, und wiederholte seinen gestrigen Vortrag nochmahls. Meines Bruders
Erklärung war also diese: wie er nicht läugnen könnte, dass gegenwärtige seine
Geliebte, sein Hertz und Seele dergestalt eingenommen und gefesselt hätte, dass
er ohne sie sich nicht ferner lange mehr zu leben getrauete; ja er wolle eher in
das tieffste Meer springen, als die Hertzens-Quaal erdulten, ohne sie zu leben.
Was den Punct der Religion anbeträffe; dieser könne leicht abgehandelt und
verglichen werden, indem er gesonnen, sich so viel als möglich, zum Ziele zu
legen, allein seiner ihm angebohrnen Religion so gleich abzusagen, wäre voritzo
sein Werck ganz und gar nicht. Was im übrigen die gnädigen Erklärungen des
Herrn Gouverneurs anbelangete, so wäre zwar dieses und jenes dabei auszusetzen
oder zu erinnern; indem er kein Kerl wäre, der nach hohen Ehren und Würden
strebte, sondern mit seinem Stande zufrieden wäre, und sich mit derjenigen Ehre
begnügen liesse, welche er sich zum öfftern mit Vergiessung seines Bluts
erworben; auch wäre ihm mit grossen Reichtümern und Schätzen gar im geringsten
nicht gedienet, sondern bloss nur eintzig und allein mit der geliebten Person,
indem er Reichtümer und Kostbarkeiten satt und zur Gnüge, hoffentlich auf
Lebens-Zeit hätte, da seines Bruders Freigebigkeit ihn in den Stand gesetzt, dass
er zu Hause ein geruhiges, honettes und stilles Leben führen könne, mitin eben
nicht ferner nötig habe, sich in der Welt herum zu strapaziren.
    Dieses waren nun lauter Worte, die mir dem Klange und Laute nach wohl
einiger Massen den Kitzel in Ohren erregen sollten, allein ich trauete dem
Land-Frieden so gar sehr eben nicht, weiln mir das immerwährende Gegitzschere
und die beständigen Ohrenbläsereien verdächtig vorkamen, und endlich wurde ich
nach einer etlich tägigen unpassionirten Aufführung durch ein Schlüsselloch
gewahr, dass mein lieber Bruder in einem wohl darzu zubereiteten Zimmer bei
angezündeten Wachs-Kertzen, vor einen kleinen Altar niederkniete, seiner bishero
gehabten Religion in optima forma, und zwar in Gegenwart verschiedener Personen
beiderlei Geschlechts abschwur, hergegen die Römisch-Catolische Religion
annahm, und sich darüber einsegnen liess.
    Nichts hat mich Zeit meines Lebens ärger verdrossen, als dass er diese seine
Sachen so heimlich tractirt, da ich doch in keinem Stücke seinen Willen zu
zwingen mir schon längstens vorgesetzt hatte, wie nun aber dieses geschehen, so
konnte ich leichtlich daraus schliessen, dass er alle andern Puncte müsse
eingegangen sein, die ihm von dem Gouverneur und seiner Gemahlin vorgelegt
worden. Jedoch, da er mir von seiner Religions-Veränderung nicht das geringste
meldete, liess ich mich auch gar nichts mercken, dass ich etwas davon wüste,
inzwischen aber war mir auf einmal alle Lust vergangen, länger auf dieser Insul
und bei diesen gefährlichen Leuten zu bleiben, derowegen schrieb ich an meinen
Lieutenant folgendes Billet:
                                 Mon Cavalier!
    Da ich bei meiner letztern Anwesenheit alles wohl befunden, als bitte, Sorge
zu tragen, dass solches im behörigen Stande erhalten werde, denn weilen ich des
hiesigen Lebens müde, satt und überdrüssig bin, so dürffte unsere Abseegelung
vielleicht viel eher erfolgen, als man vermeint gehabt. Gewisser Ursachen wegen,
komme er Morgen früh, wenn die erste Canone gelöset wird, mir mit 100. Granadie
ren auf dem Wege nach der Burg zu entgegen, lasse sich aber gegen niemanden
nichts mercken, sondern tue nur, als ob er vor sein eigen Plaisir mit denselben
spazieren gehen, und dieselben exerciren wollte. Mündlich ein mehrers, ich
beharre
                                                                    Mon Cavalier
                                                                        le votre
                                                                      P.W. Horn.
    Dieses Billet überschickte ich ihm also gegen Abend durch meinen getreuen
Bedienten, welcher noch vor Nachts wieder zurück kam, und mir von dem Lieutenant
e zur Antwort brachte: wie ich vor nichts Sorge tragen sollte, indem er meiner
Ordre aufs allergenauste nachkommen wollte. Wir brachten hierauf fast die ganze
Nacht mit Tantzen, Springen und andern Lustbarkeiten zu, so bald aber der Tag
anzubrechen begunte, machte ich mich in aller Stille auf die Beine, und trat den
Weg nach unsern Schiffen an, so dass, wie nachhero erfahren, weder mein Bruder,
noch sonsten jemand im Hause meinen heimlichen Aufbruch gewahr worden.
    Meinem Bruder konnte derselbe um so viel desto weniger Verdacht erwecken,
weilen ich mir schon voriges Tages verlauten lassen, die Schiffe selbst zu
visitiren; als demnach der Lieutenant mir, abgeredter Massen, mit seinen 100.
Granadiers auf halben Wege begegnete, so kehrete ich in gröster Eile mit ihnen
um, nach den Schiffen zu, liess mich aber weiter gegen niemanden das geringste
mercken, dass ich mich heimlich von der Burg hinweg geschlichen hätte. Drei Tage
liess mein Bruder verstreichen, ehe er sich um mich bekümmerte, am 4ten Tage aber
kam er selbst, und führete sich ungemein freundlich und höflich gegen mich auf,
besah auch das Stück Arbeit, welches ich mittlerweile zu verrichten besorgt
hatte, welches ihm sehr wohl gefiel, nachhero aber wollte er mich bereden, wieder
mit ihm auf die Burg zu kehren, allein ich schützte eine kleine Unpässlichkeit
vor, die mich abhielte, dem Hrn. Gouverneur und den Seinigen beschwerlich zu
fallen, sondern ich wollte erstlich noch ein paar Tage auf den Schiffen bleiben,
eine und andere Artzeneien gebrauchen, mich pflegen, und eine strengere Diæt
führen, als bishero, indem ich wohl merckte, dass mir vermittelst der allzu
öfftern Debauchen allerhand verdrüssliche Zufälle zugezogen, wenn ich demnach
mich wieder völlig auscurirt, so würde keinen Tag verweilen, dem Herrn
Gouverneur und den Seinigen meine gehorsamste Aufwartung zu machen.
    Mein Bruder mochte nun hierbei dencken, was er wollte, so liess ich mir doch
alles gleich viel gelten, und war vergnügt, dass nach Verlauf nach weniger Tage
wir uns im vollkommenen Stande befunden abzuseegeln. Binnen dieser Zeit besuchte
mich mein Bruder sehr fleissig, konnte aber mit allen seinen glatten Worten nicht
von mir erlangen, nochmahls wieder mit ihm auf die Burg zu kehren, sondern ich
danckte dem Himmel, dass ich mich auf unsern Schiffen in Freiheit und ohne
besondere Furcht befand.
    Endlich, da ich nicht zu bewegen war, nochmahls auf die Burg zu kommen, liess
der Gouverneur melden, dass, wenn ich ja allenfalls nicht kommen wollte, er mich
gleich morgenden Tages mit seiner ganzen Familie besuchen, jedoch keine
Ungelegenheit, sonderlich wegen der Speisen, verursachen wollte.
    Ich liess zurück melden, wie mir Dero gütiger Zuspruch von Hertzen angenehm
sein sollte, nur bäte vor mir, als einem Patienten, keinen Abscheu zu tragen,
sondern gütigst mit mir vorlieb zu nehmen, was sich in der Eile finden würde,
indem ich keine tödliche Kranckheit hätte, sondern vielleicht bald restituirt zu
sein verhoffte. Also kam das ganze Heer gleich andern Tages benebst meinem
Bruder, und machten ein ziemlich Loch in meine Victualien, so wohl, was die
Speisen, als das Geträncke anbetraf, denn ich konnte ohngeacht der geschwinden
Eile dennoch so viel zu Wege bringen, und zwar von den auserlesensten Delicatess
en, dass sie wohl zu frieden sein konten.
    Der Gouverneur so wohl, als alle die Seinigen liessen es sich, dem Ansehen
nach, gut schmecken, und machten sich insgesamt rechtschaffen lustig, bis der
helle Tag anbrach, da aber beim Abschied-nehmen ich dennoch nicht zu gewinnen
war, ihnen das Geleite auf ihre Burg zu geben, so sagte der Gouverneur zu mir:
Ich sollte fast auf den Gedancken geraten, mein Bruder! dass unter dieser eurer
so heftigen Weigerung etwas anders verborgen, als eine verstellte Kranckheit,
jedoch, da wir so lange gute Freunde unter einander gewesen sind, so lasset uns
nur zum wenigsten das Ende gut machen, denn so ist alles gut. Dieses einzige
bitte ich mir noch von euch aus, dass ihr nicht etwa heimlich ohne nochmahligen
Abschied von uns zu nehmen abseegelt, denn dieses würde mich grausam kräncken;
da ich aber nun sehe, dass ihr vollkommen seegelfertig seid, so will ich euch
wider euren Willen nicht länger bei mir zu bleiben nötigen, bitte derowegen nur
noch 3. Tage mit euren Schiffen im Hafen liegen zu bleiben, ich werde diese 3.
Tage bei euch zubringen, und die Stunde abwarten, wenn ihr von dannen seegelt.
Mit einem Worte, tut mir den Gefallen, meine Brüder! und bleibt noch 3. Tage,
denn ihr habt an mir den allerredlichsten Mann in der ganzen Welt. Wie nun mein
Bruder und ich ihm dieses versprochen hatten, sagte er noch, ich werde zwar
erstlich noch einmal in meine Burg fahren, nachhero aber die meiste Zeit bei
euch auf den Schiffen zubringen, und hiermit setzte er sich auf den Wagen, und
fuhr nach seiner Burg zu.
    Etwa 2. Stunden über Mittag kamen aus der Burg 8. Wagen auf uns zu gefahren,
und ehe es Nacht wurde, noch 8. Wagen, bei denen sich zugleich der Gouverneur
befand, und zu vernehmen gab, dass er gern einmal auf dem Schiffe zu schlaffen
Lust hatte. Demnach wurde so gleich ein kostbar Bette vor ihn zu rechte gemacht.
Morgens früh wurden wir gewahr, dass noch mehr beladene Wagens angerücket waren,
und zwar in allen 24. was darinnen befindlich war, konten wir aber nicht eher
erraten, bis der Gouverneur ausgeschlaffen hatte, und beim Caffée-trincken
sagte: Meine Brüder! ich weiss, dass eure Lebens-Mittel binnen der Zeit, da ihr
auf dieser Insul gewesen, ziemlicher Massen werden abgenommen haben, derowegen
habe von meinem Uberflusse vielleicht etwa euren Mangel ergäntzen und ersetzen
wollen. Nehmet es freundlich an, meine Brüder! deñ des Volcks ist viel, so ihr
mit euch führet, die Reise aber, wie ich vernehme, noch ziemlich weit, derowegen
wird euch dieses, was ich euch aus gutem Gemüte und Hertzen gebe, ohnfehlbar
wohl zu statten kommen, weilen auf der zehenden Insul in dieser Gegend keine
tüchtige Lebens-Mittel anzutreffen sind, und wenn man dieselben auch gedoppelt
und dreifach bezahlen wollte. Uns kam dieser Vortrag trefflich zu statten, indem
wir allerdings noch einen guten Teil Proviant brauchten, so aber fanden wir
eine soche Menge von allerlei geräuchertem und eingepöckeltem Fleische,
geräucherten auch eingesaltzenen Fischen, eingemachten und auch frischen
Obstwerck, eingemachte Kohl- und Wurtzel-Speisen, vielerlei Sorten Getreide in
Körnern, ohne einer entsetzlichen Menge Zwieback, ausgenommen der vielen
Wein-Fässer, die wir uns fast nicht einmal alle mit fort zu bringen getraueten,
da wir ohnedem selbst noch eine grosse Menge von allerhand Weinen, Brandtewein
und andern starcken Geträncken vorrätig hatten. Ich liess alle diese Sachen
durch unsere Schiffs-Schreiber aufschreiben, und vor erst nur oben hin durch die
Banck taxiren, da denn eine ziemliche Summa von etlichen 1000. Talern heraus
kam, welche ich heraus zu geben mit Freuden schlüssig wurde; Allein, da der
Gouverneur vernahm, dass wir zwar den Proviant vor baare Bezahlung, keinesweges
aber als eine Reuter-Zehrung mitzunehmen gesonnen, als schien er im rechten
Ernste böse zu werden, dass wir seine Willfährigkeit, die ihm doch keinen Schaden
brächte, verschmähen wollten, und sagte ganz vedriesslich, wie er alles auf der
Welt von guten Freunden vertragen könnte, ausgenommen den Hochmut. Derowegen
mussten wir uns fast gezwungner Weise gefallen lassen, allen diesen grossen
Vorrat durch seine Leute in unsere Schiffe zu bringen. Des folgenden Tages kam
die Gouvernantin mit ihren Töchtern und Söhnen, uns zu guter Letzt nochmahls zu
besuchen, weil sie vorgab, sie könne sonsten ohnmöglich meinen eigensinnigen
Kopff mit gelassenem Gemüte von sich fahren sehen. Nachdem wir aber die
Mittags-Mahlzeit eingenommen, und in unsern Cajüten ein und anderes suchen
wollten, wurden wir gewahr, dass die Gouvernantin binnen der Zeit, da wir bei
Tische gesessen, den Heiligen Christ agiret, und einem jeden eine Beschehrung
zum freundlichen Andencken mit auf die Reise zu nehmen, hingelegt. Diese
Beschehrung bestund in eben denjenigen Stücken, welche man den Portugiesen mit
auf die Reise gegeben, nur mit dem Unterschiede, dass wir beide ausser den
kostbaren Degen und Stöcken, was das Gold- und Silber-Geschirre anbelangete,
jeder auf seine Partie noch einmal so viel bekam, als die Portugiesen bekommen
hatten, und dieses war auch an der Wäsche und Kleidungs-Stücken zu bemercken.
Wie nun dieses allzu- und überaus kostbare Geschenck uns beiden Brüder vollends
in äuserstes Erstaunen brachte, zumahlen, da wir nicht wussten, wie wir uns in
der Geschwindigkeit revangiren wollten, als wurde meinem Bruder selber bange,
wegen dieser so ganz und gar nicht erwarteten Höflichkeit, jedoch um meine und
seine Ehre zu retten, besanne ich mich endlich, dass ich noch eine mittelmässige
Kiste stehen hatte, in welcher ungemeine Kostbarkeiten und Galanterien,
sonderlich vor Frauenzimmer, aufgehaben worden, diese eröffnete ich, und langete
einen Schatz heraus, der mehr als 2. Tonnen Goldes am Werte betrug. Ich zeigte
meinen Bruder denselben, weilen er dergleichen Tänteleien bei mir sehr selten zu
sehen bekommen, jedoch es schiene, als ob ihm diese Sachen gar sehr wohl
gefielen, weswegen er zu mir sprach: Bruder! wenn ihr auch dieses noch dran
spendiren wollet, worwider ich denn nichts einzuwenden habe, so dächte ich, wir
hätten unsere Zeche allhier wohl teuer genug bezahlt, und wenn wir auch
Fürsten-Kinder wären. Er hatte in diesem Stück meines Sinnes viel, und redete
allerdings wohl die klare Wahrheit, allein, ihn vollkommen treuhertzig zu
machen, war meine Gegenrede diese: Wir müssen nicht alles nach dem Werte taxi
ren, was wir allhier empfangen und genossen haben, sondern das meiste vor die
viele gemachte Ungelegenheit und dargegen genossene viele Lust und Höflichkeit
rechnen, denn ich zweiffele sehr, dass ich mich Zeit meines Lebens wieder so
lustig machen werde, als allhier auf dieser Insul geschehen. Inzwischen werdet
ihr mir den Gefallen erweisen, und dem Gouverneur, seiner Gemahlin und Kinder
diese Galanterie-Waare als Kleinigkeiten in eurem und meinem Nahmen zur
schuldigen Danckbarkeit überreichen, und dieses wird sich nicht besser schicken,
als nach der Abend-Taffel, die wir droben am Strande zu uns nehmen wollen.
    Gewiss, ich hätte meinem Bruder keine angenehmere Commission, als diese,
auftragen können, und er richtete dieselbe, so bald wir abgespeiset mit gröster
Geschicklichkeit aus, erweckte aber damit so wohl bei dem Gouverneur, als den
Seinigen ein nicht geringes Erstaunen. Jedoch noch langen Nötigen liessen sie
sich endlich gefallen, alles anzunehmen, mit dem Vorbehalt, sich dessfalls zur
ander Zeit hinlänglich zu revangiren.
    Nach eingenommener Abend-Mahlzeit sagte der Gouverneur: Wohlan, meine
Brüder! da es mir so wohl bei euch gefället, und dergestalt wohlgefallen hat, so
lange ihr bei mir gewesen, als werde diese Nacht nicht von euch weichen, sondern
noch diese letzte Nacht bei euch bleiben, und eins mit euch trincken, bis ihr
Morgen, geliebts GOtt, mit aufgehender Sonne eure Seegel aufziehet, inzwischen
freue ich mich von Hertzen darüber, dass ihr guten erwünschten Wind habt.
    Demnach war alles Volck, so wohl unsere See- als des Gouverneurs Leute, die
ganze Nacht hindurch höchst vergnügt, ja der Gouverneur wurde dergestalt
lustig, dass er mit seiner Gemahlin und Töchtern, bei dem Scheine etl. 1000.
Lichtern und Fackeln, im grünen Grase ein Täntzgen anhub, worinnen auch wir ihm
folgten, mitin die ganze Nacht also zubrachten, bis der Tag anzubrechen
begunte. So bald die Sonne ihre Strahlen über die See herauf, unserm Ufer
entgegen schickte, wurde eine Salve von 50. Canonen gegeben, hierauf aber war
eine grosse Stille, welche jedoch von der Besatzung auf der Citadelle
unterbrochen wurde, als welche auch 50. Canonen lösete. Da dieses vorbei
truncken wir zu guter Letzt noch einen Caffée mit einander, und hielten ein gut
Gespräch darbei, da ich denn bemerckte, dass der Gouverneur und die Seinigen viel
aufrichtiger und redlicher waren, als ich bishero vermeint hatte, denn seit
etlichen Tagen hatte ich mir ihrentwegen einen und andern vergeblichen Kummer
gemacht, welcher doch nun guten Teils vorbei war, derowegen ging es nun
erstlich an ein umarmen und küssen, beim Abschiede, worbei sich denn auch auf
beiden Seiten nicht wenig Tränen zeigten, als aber das andere Signal zu Schiffe
zu gehen gegeben wurde, begleiteten wir erstlich den Gouverneur und die Seinigen
zu ihren Wagens, wir aber begaben uns ohne fernern Aufentalt auf unsere
Schiffe, liessen, nachdem die Ancker schon gelichtet waren, so fort die Seegel
aufspannen, nochmahls 50. Canonen abfeuren, und fuhren in GOttes Nahmen von
dannen.
    Wir bemerckten durch Fern-Gläser, dass der Gouverneur benebst den Seinigen
wieder aus den Wagens heraus gestiegen waren, und sich an das Ufer gestellet
hatten, allwo alle insgesamt, so wohl männlichen als weiblichen Geschlechts,
noch allerlei freundliche Complimenten machten, da aber der Wind scharff in
unsere Segel blies, nahmen wir durch Sprach-Röhre nochmahls mündlichen Abschied
von ihnen, und verschwanden hierauf in gröster Geschwindigkeit, unter
beständigen Canoniren, (denn der Gouverneur hatte uns reichlich mit
Schiess-Pulver versorgt,) aus ihren Augen, weilen aber der Wind hinter uns
hergieng, so höreten wir das Canoniren von der Citadelle bis in die späte Nacht.
    Mein Bruder hielt sich in seinem Schiffe ganz stille, und gab vor, dass ihm
die letztere kleine Debauchen mehr Unfug, ja fast eine würckliche Unpässlichkeit
zugezogen, allein ich konnte bald mercken, dass er am Liebes-Fieber kranck läge,
indem ihm die Abschieds-Gedancken vielleicht nicht aus dem Kopffe heraus wollten;
ob ich ihn nun schon zum öfftern besuchte, so wollte ihn doch keinesweges
kräncken, sondern nahm mich unserer Sachen um so viel desto mehr, und als
möglich war, ganz alleine an. Jedoch nach Verlauf weniger Tage hatten wir eben
nicht Ursach an die Liebe, sondern vielmehr an das Leben zu gedencke, weilen ein
heftiger Sturm über uns kam, der jedoch nicht länger, als 3. Tage u. 2. Nächte
währete. Ich kann nicht anders sagen, als dass sich unsere Leute recht heldenmässig
gegen Sturm, Wind und Wetter setzten, und zwar vom Grösten bis zum Kleinesten,
weilen wir sie beständig zur Tapfferkeit anreitzeten, auser dem aber Speise und
Tranck einem jeden gaben, wovon und wie viel er beliebte. Demnach spüreten wir
zwar dass der heftige Sturm sich legte, höreten aber auf etliche Meilen von uns
ein starckes Canoniren in der See, welches von Morgen bis fast gegen Abend
währete, und endlich, da wir schon mit anbrechendem Abend an Ort und Stelle
dieses Streits kamen, erfuhren wir, dass ein Engelisches Kauffartei-Schiff von
zweien See-Räubern genommen zu werden in gröster Gefahr stunde. Mein Bruder so
wohl, als ich entschlossen uns bei so gestallten Sachen dem Engelländer, als
unserm halben Landes-Manne und Religions-Verwandten bestmöglichst zu Hülffe zu
kommen, in Betrachtung, dass es uns vor nicht allzulanger Zeit auch wohl
gedeuchtet, da uns die Portugiesen gegen die Barbaren zu Hülffe gekommen waren.
Demnach nahmen wir den Engelländer, welcher schon sehr beschädigt war, in die
Mitte, und setzten dergestalt verzweiffelt gegen die See-Räuber an, dass das
Spiel bald ein ander Ansehen gewann, denn unsere Leute feureten unvergleichlich
und geschwinde, auser unsern wohl montirten Canonen aber taten die Feuer-Mörser
das allerbeste bei der Sache, und machten die See-Räuber dergestalt bestürtzt,
dass sie weder aus noch ein wussten, ja man merckte bald, dass sie es nicht gern
zum Handgemenge wollten kommen lassen, im Gegenteil die Köpffe mit guter Manier
aus der Schlinge zu ziehen suchten; Allein, das war unser Werck nicht, sondern
es hiess damahls: Friss Vogel, oder stirb! und da auch einer von ihnen Mine wachen
wollte, den Wind zu fassen, und das weiteste Ende zu suchen, wurde ihm bald
vorgebeuget, mitin beide genötiget, sich in darauf folgender Nacht auf Gnade
und Ungnade zu ergeben, denn es war ihnen, allem Ansehen nach, ferner unmöglich,
unser Feuer auszustehen. Wir taten ihnen den Vorschlag, entweder mit uns nach
dem Cap, oder nach der Insul St. Helena zu seegeln, allein es gefiel ihnen
beides nicht, weilen sie so wohl an einem, als dem andern Orte sich einer
scharffen Züchtigung befürchten mochten. Hergegen baten sie uns nur inständig,
ihnen den Gefallen zu erweisen, und mit ihnen auf eine kleine unbewohnte Insul
zu seegeln, die wenige Meilen von hier entfernet läge, daselbst wollten sie sich
auf eine raisonable Art und Weise mit uns abfinden, und um weiter nichts höher
bitten, als dass sie ihre Schiffe, Canonen und klein Gewehr behalten dürfften,
ingleichen eine zulängliche Menge von Amunition. Was aber ihre Waaren, Schätze
und Barschaften anbelangete, so wollten sie uns dieselben auf Treu und Glauben
ausliefern, indem sie dergleichen Zeug in der Kürtze wieder erlangen könten,
wenn sie nur wohl beschifft und wohl bewehrt bleiben.
    Mein Bruder wollte durchaus erstlich nicht daran, dass man den
Christen-Feinden Canonen, Gewehr, Pulver und dergleichen zur Beschädigung
unserer Mit-Christen lassen, sondern dieses alles lieber in den Abgrund
versencken sollte; Allein, da die See-Räuber gar allzu sehr kläglich taten, über
dieses uns auf ihre Art einen teuren Eyd schwuren, an Gold, Silber und Waaren
wenigstens des Werts vor 3. Millionen Taler auf unsere Schiffe zu liefern, um
uns darein zu teilen, der Engels-Mann auch vor das allerratsamste hielte, nur
immer zu nehmen, was wir von ihnen kriegen könten, und dieses Schelmen-Pack
lauffen zu lassen, indem sie ja doch nicht mehr im Stande wären, uns zu
beschädigen; so gab ich endlich meinen Willen auch darein, dass sie die Canonen,
Gewehr, die Helffte der Ammunition, und dergleichen zum Kriegs- gehörige Zeug
behalten sollten, hergegen mussten sie uns gleich auf offenbarer See ausliefern,
was sie uns, dem Werte nach, versprochen hatten, welches denn von ihnen ohne
ferneres Murren geschahe, und mussten wir gestehen, dass sie in diesem Stücke
redlich handelten, ja über das bestimmte Quantum noch eine und andere treffliche
Sachen uns, so zu sagen, noch zum Geschencke anboten; allein, um ihnen zu
zeigen, dass wir nicht so hungrig, wie sie, und nur je eher je lieber von ihnen
hinweg zu kommen wünschten, liessen wir ein vieles zurücke in ihren Händen, das
wir noch wohl hätten mitnehmen und gebrauchen können.
    Ich glaube, die armen Räuber mochten wohl recht froh sein, dass sie noch so
mit dem blauen Auge darvon gekommen, hielten sich auch nicht lange mehr vor
unsern Augen auf, sondern gaben ihren Schiffen die vollen Seegel, ohnfehlbar
nach einer ihnen wohlbekannten Räuber-Insul zu, wir hergegen, da wir eine kleine
unbewohnte Insul antraffen, auf welcher sich ein schönes frisches Wasser befand,
beschlossen daselbst, um nach dem ausgestandenen Sturm und Schrecken, nach
Gutbefinden, vor Ancker liegen zu bleiben, und in etwas auszuruhen, bei welcher
Gelegenheit wir denn unsere gemachte Beute mit dem Engels-Manne redlich
teilten, und zwar vermittelst des Looses, er aber war so freigebig, und gab
uns beiden Brüdern noch zur schuldigen Danckbarkeit vor geleisteten Beistand von
seinem Teile einem jeden 3. Pfund gediehen Gold, welches wir fast gezwungener
Weise ihm zum geneigten Andencken dieser Begebenheit, annehmen mussten.
    Schon bei Passirung der Linie war ich mit meinem Bruder in etwas uneinig
worden, ob wir uns nach den Brasilischen Küsten zu schlagen wollten, oder nicht:
da ich mir einbildete, einen näherern, sicherern und bequemern Weg nach der
Insul Felsenburg gefunden zu haben. Weilen nun mein Bruder nicht leicht gewohnt
war, mir zu wiedersprechen, zumahlen, da ich ihm im Vertrauen entdeckte, dass
ich, wo es nur immer möglich wäre, aus gewissen Ursachen, das Cap. nicht gern
mit unsern Schiffen berühren möchte, als liess er sich auch dieses gefallen,
allein der Himmel mochte es vielleicht nicht also haben wollen, sondern der
Engels-Mann musste uns, fast wider unsern Willen, zum Wegweiser auf die Insul St.
Helena dienen; jedoch hatten wir eine unvergleichlich schöne, stille Fahrt, und
erreichten bemeldte Insul recht, ehe wir uns derselben vermuteten. Der
Engels-Mann rühmte unsere Tapfferkeit, die wir bei seinem Entsatz bezeigt, gegen
seine Lands-Leute ganz ungemein, weswegen uns dieselben alle ersinnliche Ehre
antaten; endlich aber, nachdem wir uns nur 4. Wochen auf der Insul St. Helena
aufgehalten, unsere Schiffe aufs neue ergäntzt, und mit allen Bedürffnissen
versorgt, seegelten wir ab, indem ich von nun an und von dar aus mich nunmehro
wohl ganz allein nach Felsenburg zu finden getrauete, meines Bruders
Haupt-Vergnügen war inmittelst dieses: dass uns der Himmel mit der Räuber ihrem
Gute so reichlich gesegnet, da wir schon wieder ein vieles erworben von
demjenigen, was wir auf der Insul St. Jago im Stiche gelassen hatten.
    Wie ich nun eines Tages meinen Bruder wider seine bisherige Gewohnheit ganz
unbetrübt und bei recht guter Laune antraf, so fragte ich ihn erstlich um seine
Religions-Veränderung, welches er mir endlich gestunde; was die Heirat aber und
vor sich selbst anbeträffe, hätte er geschworen, dass, wenn er lebte und gesund
bliebe, er längstens binnen den 2. bestimmten Jahren wieder kommen wollte; sollte
aber ich, als sein Bruder, nach völlig verrichteten Geschäfften ihn zeitiger
missen können, so würde er keinen Augenblick vorbei streichen lassen, sich auf
St. Jago einzustellen, indem er sich nun nicht mehr länger zu leben getrauete,
bis die Heirat vollzogen wäre. Ich gratulirte ihm im Voraus darzu, und
versprach alles anzuwenden, was mir nur immer möglich wäre, damit er nicht
aufgehalten werden sollte.
    Nach der Zeit, und zwar bis auf diese Stunde hieher, hat er sich ganz
ausserordentlich dienstfertig gegen mich auf geführet, auch mich immer einer
Mühe und Arbeit nach der andern überheben wollen, allein ich bedanckte mich
dessfalls zum öfftern vor seine Höflichkeit und gute Meinung, die er vor mich
hegte, anbei solle er nicht glauben, dass ich ein Freund der Bequemlichkeit und
Feind der Arbeit wäre, hergegen beobachten, dass meine Leute, wenn sie sähen, dass
ich selbst mit Hand anlegte, zehenmahl fleissiger wären, als wohl gewöhnlich,
welches denn auch die klare Wahrheit war.
    Mittlerweile seegelten wir auf dieser angenehmen Strasse, bei gutem Winde
und Wetter, mit gröstem Vergnügen fort, und kann ich nicht sagen, dass uns eins
oder das andere Verdrüssliche begegnete, ausgenommen die gräulich vielen
Meer-Wunder und Meer-Tiere, welche uns dann und wann beunruhigen wollten,
allein, da meine Leute nur ihren Spas und Spott darmit trieben, und viele
derselben ertödteten, gab ich ihnen zu vernehmen, dass es mir eben nicht
allzuwohl gefiele, wenn sie sich mit diesen unvernünftigen Kreaturen in einen
Kampff einliessen, und ob ich schon nicht abergläubig wäre, so könnte ihnen
dennoch versichern, dass mir und meinem Geleite zum öfftern, nach Kränckung
dieser Dinger, das gröste Unheil wiederfahren, als dessen Propheten oder
Wahrsager sie gemeiniglich zum Voraus wären. Demnach könten sie zwar mit den
See-Hunden, See-Löwen, See-Pferden, See-Kälbern und dergleichen mehr so umgehen,
wie sie selber wollten, weil diese zum Teil zur Speise dieneten, vor allen
Dingen aber sollten sie sich hüten, ein Meer-Wunder zu touchiren, welches nur ein
eintziges Merckmahl, entweder ganz menschlicher, oder wenigstens
Affens-Gestalt, an sich hätte, als worauf, wie ich selber erfahren, zum
öfftern üble Folgerungen entstanden wären. Wie nun unsere Leute vernahmen, dass
ich keinen besondern Wohlgefallen an dergleichen Wasser-Jagd hatte, so stelleten
sie dieselbe nach und nach ein, lieferten aber doch erstlich, nicht selten
manchen schönen See-Löwen, See-Pferde, See-Hunde, See-Kälber und dergleichen.
    Bald nach dieser Lust entstund eine andere, da wir bemerckten, dass die
Nächte fast noch einmal so schwartz und dunckel wurden, als gewöhnlich,
zumahlen, da wir doch, obschon nur noch in etwas, Mondenschein hatten; Ich liess
mich dieses ganz und gar nicht befremden, weilen sich dergleichen wohl zum
öfftern vor oder nach einem gehabten Sturme zu zutragen pfleget. Meine Leute
aber stelleten sich einstmahl ohngefähr um die Mitternacht-Stunde dergestalt
wunderlich an, als ob sie den Koller hätten, oder denselben kriegen wollten; Als
ich nun nach der Ursach ihres heftigen Gelächters fragte: führeten sie mich auf
das Oberdeck des Schiffs, und zeigten mir, mit ihrer grösten Verwunderung ganze
Regimenter und Esquadrons auf der offenbaren See herum hüpffend, springend und
tantzend. Die wenigsten wollten mir Glauben beimessen, dass keine Sache
natürlicher sein könne, als diese, indem vielleicht die See in selbiger Gegend
gegen das andere See-Wasser ausserordentlich saltzig wäre, oder sonsten
vielleicht was zähes und schleimiges in sich hätte.
    Demnach war einer, und zwar ein alter wohlversuchter See-Mann dermassen
behertzt und frevel, dass er auf einen grossen Irrwisch, den er vor einen
commandirenden Officier der Irrwische ansehen und ausgeben wollte, sein Gewehr
lösete, denselben auch, dem Scheine nach, dermassen wohl traf, dass er sich
schleunig untertauchte, und wie wir alle glaubten, versincken musste.
    Indem ich ihn nun vor dem Schusse gewarnet hatte, solche Possen bleiben zu
lassen, so gab es ein ziemlich starckes Gelächter, als gleich nach geschehenem
Schusse oben vom Mastbaume herunter eine ziemlich starcke Stenge ihm vor die
Füsse fiel, so dass er noch Ursach hatte, dem Himmel zu dancken, welcher
abgewendet, dass sie ihm nicht auf den Kopf gefallen, und etwa gar ein Loch
hinein geschlagen. Demnach gab es abermals etwas zu lachen, denn seine Camerad
en hiessen ihn nicht anders als den Irrwisch-Schiesser. Als aber mein Bruder,
der zu mir und auf mein Schiff gekommen, sich selber über die Irrwische zu
ärgern schien, sprach ich: stille, mein Bruder! wir wollen bald keinen Irrwisch
mehr sehen: Derowegen liess ich, nicht etwa aus Frevel, sondern zu Reinigung der
Lufft, mit Canonen Feuer unter die Irrwische geben, welche denn binnen einer
halben Minute Schaarenweise verschwunden, oder sich in die See versenckten.
    Fernerweit kann ich eben nicht sagen, dass uns fatal zu sein scheinende
Begebenheiten zugestossen wären, sondern wir hatten, wie schon gemeldet, eine
stille und geruhige Fahrt. Zwar wollten einige von unsern Leuten die Mäuler
hängen, weilen sie gemercket hatten, dass wir das Cap. vorbei geseegelt wären,
und sie nicht dahin gebracht hätten; Allein ich stopffte ihnen allen die Mäuler
mit wenig Worten, die also lauteten: »Ihr habt mir nunmehro schon eine ziemliche
Zeit daher die Ehre gegeben, unter meinem Cammando mit mir zu fahren; wer was
auszusetzen hat an mir und meiner Aufführung, der tue es noch bei Zeiten, und
lasse sich in soweit dienen, dass ich die Wege zur See vielleicht wohl besser
weiss, als einer unter uns allen. Ich bin auf der Fahrt, mich glücklich und
vergnügt zu machen, welches alle, die bei mir sind, zugleich mit geniessen
sollen, denn ehe einer von uns ja verderben sollte, so will ich der erste sein.
Es kömmt auf wenige Tage an, so werdet ihr vielleicht erfahren, dass euch der
Capitain Horn nicht übel, sondern wohl geführet hat, und ihm vor seine Mühe und
Arbeit Danck wissen.« Hierauf schryen alle meine Leute mit vollem Halse! Vivat!
Vivat! Capitain Horn, unser Vater.
    Der Himmel gab, dass mir wenig Tage hernach alle Zeichen in die Augen fielen,
welchergestalt wir nicht weit mehr von dem geehrtesten und liebsten Felsenburg
wären, darum liess ich allen Kummer und Sorge verschwinden, bin auch, wie ihnen
bekañt, in so weit glücklich und vergnügt vor der Insul angekommen. Wie es nun
meine Hochgebietende Herren, Freunde und Gönner fernerweit zu verordnen belieben
wollen, solches will ich mir, sonderlich wegen Ausladung der Schiffe, alle
Stunden gefallen lassen, voritzo aber bis auf Dero Befehl und Verordnung meine
Reise-Geschichte in so weit, wiewohl nicht gäntzlich zum Schlusse bringen, indem
ich auf eine andere Zeit ein weitmehrers zu melden mich schuldig erkenne.
    Solchemnach machte der Capitain Horn abermals einen Abschnitt, seiner,
obschon noch nicht völlig geendigten Reise-Geschichte, und wurde dieserwegen
nicht allein von dem Regenten, Aeltesten, Herrn Geistlichen, sondern auch von
uns allen nochmahls aufs freundlichste complimentirt und bewillkommet. Nachhero
aber, da vor dissmahl eben der ganze obrigkeitliche und geistliche Stand
versammelt waren, wurde vor allererst beratschlaget, wie es mit Ausladung der
Waaren und Sachen, ingleichen mit der Ausschiffung der fremden Völcker wohl von
ohngefähr zu halten sei?
    Wie nun der Capitain Horn von allen, so zusagen, fast einstimmig ersucht
wurde, seine Meinung dessfalls am ersten von sich zu geben, weilen man von seiner
besondern Treu und Liebe zu uns vollkommen überzeugt wäre, dass er keinen andern,
als guten Ratschlag erteilen würde; als öffnete derselbe seinen Mund, und
sagte: Meine Hochgebietende allerseits hoch- und wertgeschätzte Gönner und
Freunde! Ihnen nicht vorzuschreiben, so halte ich es nicht vor ratsam, sondern
vielmehr vor ein wichtiges Staats-Versehen, wenn man die fremden Völcker, die
bishero unter meinem und meines Bruders Commando gestanden, ohngeachtet
dieselben grösten Teils so ziemlicher Massen civilisirt, und in Ordnung
gebracht sind, auf die Insul Gross-Felsenburg wollte kommen lassen. Nein! ich
hielte, jedoch ohnmassgeblich darvor, dass man dieselben bei dieser vortrefflichen
Witterung auf der Insul Klein-Felsenburg unter Zeltern und Laub-Hütten campiren
liesse, so wie wir solches wohl ehemahls andern fremden Völckern erlaubet haben.
Auch müste ihren Officiern auferlegt werden, diese Leute fleissig in Acht zu
nehmen, und dieserwegen keinen Tag oder Nacht lang von ihnen zu bleiben,
ausgenommen, wenn sie specielle Erlaubnis hätten, sich dann und wann einige Tage
in Gross-Felsenburg aufzuhalten. Ob sie meinem Bruder vergönnen wollten, bei uns
zu bleiben, damit wir ihn stetig in Augen hätten, und auf sein Tun und Lassen
Achtung geben könten, solches stellete in dero Belieben, sonsten wäre ich wohl
gesonnen, ihn Woche um Woche oder alle 3. oder 4. Tage auf Klein-Felsenburg
ordentlich abzulösen, und allen Verdacht zu vermeiden, bei den Leuten so wohl
als er zu bleiben. Inzwischen zweiffelte nicht, dass man beschliessen werde, dass
Volck mit hinlänglichen und notdürfftigen Lebens-Mitteln zu versorgen, so wie
wir denn wohl ehermahlen Blut-fremden getan, die uns gar nichts angegangen. Was
die Ausschiffung des Volcks und der mitgebrachten Sachen anbelanget, ist mein
Vorschlag, dass dieselbe je eher je lieber vor sich gehe, indem ich befürchten
muss, dass sonsten an einen und andern kostbaren Sachen, ein fernerer Schade
geschehen möchte etc.
    Wie nun dieser getane Vorschlag nicht nur dem Regenten, sondern auch allen
andern Mit-Regenten vollkommen wohlgefiel, so wurde beschlossen, keine Zeit noch
Stunde mehr zu verabsäumen, sondern erstlich das Volck auf die kleine Insul, und
den meisten Teil der mitgebrachten Sachen erst an den Fuss unsers Felsens zu
schaffen, allwo, weiln ohnedem die See um selbige Zeit sehr weit zurück
gewichen, Platz genug vor dieselben vorhanden zu sein geschätzt wurde.
    Nächstfolgenden Tages, da Kirch-Tag war, wurden im Herausgehen aus der
Kirche 300. Mann von unsern Leuten, nämlich die besten und stärcksten
Felsenburger ausgelesen, welche zu Ausschiffung der Sachen Hand mit anlegen
sollten; hierauf setzte sich der Capitain Horn nebst mir und vielen ansehnlichen
Felsenburgern in Boote, und fuhren hinüber zu den Schiffen, da denn Capitain
Horn seinem Bruder so gleich den Antrag tät, dass, weilen auf der grossen Insul
nicht so viel Raum und Platz anzutreffen, dem Volcke genugsame Bequemlichkeit
zur Verpflegung zu verschaffen, als woll er sich gefallen lassen, dasselbe auf
die kleinere Insul zu führen, fernerweit aber vor nichts Sorge tragen, indem
allhier mehr der Uberfluss, als Mangel regiere.
    Der jüngere Capitain Horn liess sich alles gefallen, was ihm sein Bruder
zumutete, und derowegen richteten beide Schiffe ihre Seegel nach der kleinen
Insul, erreichten auch dieselbe noch, ehe es Nacht wurde. Folgenden Morgens
stiegen sie also mit dem Allerfrühsten in eben demjenigen Haafen aus, allwo vor
einiger Zeit einige Portugiesen als Gäste ausgestiegen waren, ja diese Leute
erwähleten sich auch eben den lustigen Platz zu ihrem Lager-Platze, den sich
damahls die Portugiesen darzu erwählt hatten, indem wir noch die Rudera ihrer
gehabten Hütten und Feuerstädten daselbst antraffen. Ich kann nicht gnugsam
sagen, wie fleissig sie sich insgesamt anstelleten, ihre Hütten in Ordnung zu
bringen, und es war immer einer mehr, als der andere beschäfftiget, seinen
Nachbar wegen seiner Hütte so wohl an Zierlichkeit, als Bequemlichkeit zu
übertreffen. Da das Volck nun vollends sah, was ihm vor eine erstaunliche Menge
Speise-Vorrat, Wein, Brandtewein etc. zugeführet wurde, wussten die wenigsten zu
sagen, was sie mit allen diesen guten Sachen, auch grösten Teils herrlichsten
Delicatessen anfangen sollten, indem es zu viel vor sie, und nur einigen ihrer
besten Freunde in ihrem Vaterlande, oder hie oder da, etwas weniges von diesem
ihren Uberflusse wünschten. Demnach hatten diese guten Leute dererjenigen
Gedancken, so auf der Insul Gross-Felsenburg leben, gar sehr viel; Jedoch die
guten Leute bei ihrer gemachten Einrichtung und zu guter Ordnung abzielenden
Arbeit nicht zu stöhren, oder ihnen wenigstens verhinderlich darinnen zu sein,
als blieben wir vor dieses erste mahl nur 3. oder 4. Tage bei ihnen, und fuhren
darauf nach Gross-Felsenburg los, als wohin wir die beiden Capitains Horn vorerst
alle beide mit uns nahmen, ingleichen des ältesten Capitains Schiffs-Fähndrich
und des jüngern Capitains Lieutenant, den übrigen beiden zurückbleibenden
subalternen Officiers wurde mitlerweile das Commando über die Völcker, so sich
bereits völlig einquartirt hatten, aufgetragen.
    Es sperreten so wohl mein Bruder, als die bei ihm befindlichen Officiers die
Augen ganz entsetzlich auf, als ihnen, nachdem sie durch den hohlen Felsen-Weg
herauf stiegen, und zwar bei der angenehmsten Zeit und Witterung, ohngefähr 1.
oder 2. Stunden nach Aufgang der Sonnen, der ganze Prospect von unserer grossen
Insul plötzlich und auf einmal in die Augen fiel. Mein Bruder, der auf einen
kleinen Hügel von ohngefähr zu stehen kam, war fast in vielen Minuten nicht von
der Stelle zu bringen, doch endlich, da er sich besonnen hatte, wo er sich
befände, sagte, indem er die Hände über dem Kopffe zusammen schlug, nur so viel:
Du, mein GOtt! du hast mich doch seit meiner Kindheit an unzählig viele schöne
Landschaften in mehr als einem Welt-Teile sehen lassen, aber dergleichen
Gegend habe ich noch nie gesehen, die ohne allem Zweiffel ihres gleichen in der
ganzen Welt nicht hat. Die bei ihm stehenden Officiers gaben ihm in diesem
Stücke den allergrösten Beifall, worbei sie mehr als einmal darzu schwuren;
Indem aber bereits einige, teils mit zahmgemachten Hirschen, teils mit den
schönsten Pferden bespanneten Staats- Carossen gegen uns angerückt waren, als
bestiegen wir dieselben. In der 1ten Chaise sass der Capitain Horn Sen. an meiner
Seite; in der 2ten dessen Bruder bei dem Capitain Wolffgang, in der 3ten der
SchiffsLieutenant bei Mons. Litzbergen, in der 4ten der Schiffs-Fähndrich bei M.
v. Blac; diesen Chaisen folgeten noch verschiedene andere dergleichen, worinnen
sich auch einige der so genannten Vornehmsten dieser Insul befanden, ingleichen
waren etliche zu Pferde, wenigstens hundert Mann, die den Schluss machten. In
dieser Ordnung fuhren wir nach der Alberts-Burg zu, denn es ist vorjetzo gegen
sonsten ganz anders, so, dass man gleich auf dem Berge vor der grossen Burg-Tür
absteigen kann.
    Nachdem uns 6. graue Häupter zur Bewillkommung entgegen geschickt waren,
stiegen wir die Treppe hinauf, und traffen daselbst auf einem grossen Saale,
(denn es ist zu wissen, dass Zeit währender, des Capitain Horns, Abwesenheit
nicht allein dieser Saal, sondern fast das ganze Gebäude, Alberts-Burg genannt,
abermals ungemein vergrössert und verbessert worden) den Regenten oben an einer
oval-runden Taffel auf einem etwas erhabnern Stule sitzend an, als diejenigen
hatten, die um ihn herum sassen, und dieses waren bekannter Massen die grauen
Häupter und Vorsteher der Gemeinden in den Pflantz-Städten. Zur rechten und
lincken Seiten dieser oval-Taffel, oben neben dem Stule des Regenten, befanden
sich noch 2. etwas kleinere runde oval-Taffeln, an welcher jeden 4. Herrn
Geistliche sassen, und zwar in ordinairen Sächsischen Priester-Habit, denn
unsere Herrn Geistlichen hatten sich nur vor etwa 2. Jahren einen neuen
Amts-Gehülffen erwehlet, und denselben nach heiligem Gebrauche ordinirt, damit
er das Werck des HErrn nebst ihnen nach der Ordnung unsers Heils unermüdet
forttreiben könnte, weilen allem Ansehen nach denen dreien alten und ersten die
geistliche Arbeit in die Länge allzu sauer werden wollte. Jedoch hiervon weiter
unten ein mehreres. Sonsten aber liess sich die Verwunderung aus meines Bruders
so wohl, als der mit ihm gekomenen Officiers Augen nicht undeutlich lesen, die
sie über die grossen grauen Bärte und Eis-grauen Haupt-Haare hegten.
    Es sassen demnach, wie schon gemeldet, diese venerablen Männer in der
Rundung um den Regenten herum, und zwar alle in schwartzer Kleidung, auf
Stühlen, die mit roten weichen Wild-Leder überzogen waren, endlich aber, da die
Fremden sich vor ihnen geneiget, trat der Regente auf seinem Stuhle in etwas in
die Höhe, und redete dieselben selbst zu erst also an:
               Meine Herren, auch wertesten Freunde und Gönner!
    Dieselben treffen hier an diesem Orte Leute an, welche von den so genannten
Complimenten, oder wie die Sachen sonsten Nahmen haben mögen, so wenig wissen,
als von dem äuserlichen Pracht in Kleidung und von andern Welt Gepränge, so
vielleiche an andern Orten in der Welt vorgehen mag; sondern sie finden, wie ich
sage, an uns Leute, die in ihrer gottesfürchtigen Einfalt leben, mit unserm
geringen Stande und wenigem Vermögen vollkommen zufrieden sind. Wir machen uns
allerseits eine ganz besondere Freude, Sie werteste Herren und Freunde! nach
einer (wie wir von unserm lieben Capitain Horn dem Aeltern bereits in etwas
vernommen haben) beschwerlichen und verdriesslichen Reise glücklich bei uns
zusehen, wünschen uns anbei nichts mehr, als dieses, dass Sie uns im Stande
finden mögen, Ihnen nach Würden ein und anderes Vergnügen zu machen; Jedoch,
weilen wir ohnfehlbar das Glück haben werden, Dieselben noch eine gute Zeitlang
bei uns zu sehen, um vollkommen auszurasten, als werden sich vielleicht binnen
dieser Zeit, mit Hülffe des Himmels, Mittel finden, Ihnen unsere Wohlgewogenheit
und Erkänntlichkeit zu zeigen, zumahlen, da wir vernommen, dass Sie auf der
ganzen Fahrt und vor einige uns mitgebrachte Sachen viele Sorge getragen. Wir
bitten nochmahls allerseits, Sie belieben es sich bei uns wohlgefallen zu
lassen, und mit möglichst guter Bewirtung vorlieb zu nehmen.
    Da nun der Regente ausgeredet, und sich wieder hingesetzt hatte, redete mein
Bruder also:
                     Hochgebietende, Hochgeehrteste Herren!
    Es hat uns mein Bruder, sonderlich auf der Rück-Reise, 1000. fach viel Gutes
von Ihnen und dieser ganzen hochgeschätzten Republique erzählet, sonderlich
aber, dass die Gottesfurcht, Gerechtigkeit, Friede, Liebe, Treue, Redlichkeit,
Aufrichtigkeit und andere unvergleichliche Tugenden mehr an keinem Orte in der
Welt in grösserer Vollkommenheit anzutreffen, als auf dieser glückseligen Insul,
derowegen schätzen so wohl ich, als meine gegenwärtigen Herren und Collegen es
uns vor ein besonderes Glück und Vergnügen, Dero Grund und Boden betreten zu
haben, und mit Ew. Hochgebietenden unsern Hochgeehrtesten Herren bekannt zu
werden. Was wir sonsten auf der ganzen Fahrt getan, als absonderlich gut
Commando unter unserm Volcke zu halten, hiernächst die uns anvertrauten Sachen
bestmöglichst bewahren zu helffen, ist unsere Schuldigkeit gewesen, und protesti
ren wir hierbei vor alle Erkenntlichkeit, weilen wir von meinem Bruder bereits
ein sattsames Honorarium bekommen, und werden wir, wenn uns ja erlaubt sein
sollte, eine kurtze Zeit hier zu bleiben, uns bestmöglichst hüten, einige
Ungelegenheit zu machen, damit wir Dero allerseits gute Meinung von uns nicht
verschertzen.
    Nachdem diese Reden gehalten worden, giengen mein Bruder und die beiden
Officiers erstlich zum Regenten, welchen sie umarmeten und küsseten, und denn
ferner zu allen, die da gegenwärtig waren, mit denen sie es gleichfalls also
hielten, worauf an verschiedenen grossen Taffeln gespeist, und dabei ein
freundliches Gespräch mit abwechselnder sanfter Taffel-Musique gehöret wurde.
Folgende Tage über liessen sich die Fremden von den Unsrigen auf der Insul in
allen Pflantz-Städten herum spazieren führen, da sie denn viele
Merckwürdigkeiten und Seltenheiten ungemein bewundert, endlich aber, da Capitain
Horn Sen. das Commando und die Visitation auf der kleinen Insul zum ersten mahle
auf eine Woche übernehmen wollte, reiseten nebst dem Regenten die meisten von den
grauen Häuptern und Vorstehern auch mit, ingleichen blieben die Herrn
Geistlichen nicht zurücke, ja es folgten ihnen auch eine ziemliche Anzahl
Gross-Felsenburger, so dass unsere Insul in langer Zeit nicht so leer von Leuten
gewesen, als damahls. Wie nun der Capitain Horn Jun. voraus gegangen, um uns zu
empfangen, als wurden, so bald wir aus den Booten stiegen, 50. Canonen gelöset,
nachhero aber von der in Ordnung gestelleten Mannschaft eine 3. mahlige Salve
gegeben.
    Wir bewunderten, dass unsere Gäste binnen so wenig Tagen alles nach ihrer
schönsten und besten Bequemlichkeit eingerichtet, indem sie nicht nur so viele
zierliche Hütten erbauet, sondern auch auf verschiedenen grünen Plätzen, 12. bis
16. Taffeln von Bauholtz und Bretern aufgerichtet, so, dass wir sie mit gröster
Lust nach ihrem Appetite daran speisen sahen. Nachdem sie sich wohl gesättiget,
und auch den Wein und Brandtewein darbei, nach eines jeden Belieben, nicht
vergessen, verteileten sie sich in Hauffen, und fiengen allerhand Lust-Spiele
an, deren einige so possirlich heraus kamen, dass sich der Regente und die grauen
Häupter, ja so gar unsere Herrn Geistlichen zuweilen fast nicht satt lachen
konten, denn die wenigsten von ihnen hatten Zeit ihres Lebens nicht gesehen, was
vor aufgeräumte und lustige Leute sonderlich die Boots-Knechte sind.
    Nachdem wir uns aber 3. ganzer Tage bei ihnen aufgehalten, und dabei
bemerckt, wie artig und künstlich ihre Jagden und Fischereien angestellet waren,
kehreten wir insgesamt wieder zurück nach Gross Felsenburg, und nahmen in den
Booten, welche abermals frische Lebens-Mittel vor unsere Gäste mitgebracht
hatten, eine starcke Ladung von den Waaren und Sachen, so uns Capitain Horn aus
Europa mitgebracht hatte, mit uns, um selbige an Ort und Stelle zu bringen,
hierbei befanden sich auch die von den Barbaren erlöseten Christen-Sclaven,
deren schon gedacht worden. Weilen nun unserm Frauenzimmer die Wittbe des
Englischen Schiff-Capitains vor allen andern in die Augen fiel, als rejetzten sie
mich an, sie zu bitten, uns ihren Lebens-Lauff zu erzählen, demnach wagte ich
es, und fand die Dame dergestalt gefällig, willig und bereit darzu, als ich mir
kaum eingebildet hätte: denn sie machte den Anfang ihrer Lebens-Geschichte in
Gegenwart unserer meisten und vornehmsten Frauens-Bilder alsobald mit diesen
Worten:
    Mich Unglückselige hat der Himmel zu Londen in Engeland lassen zur Welt
geboren werden, in welchem Jahre aber kann vorjetzo selbst nicht mehr sagen:
denn die Ursache dessen wird sich am Ende finden, weilen mir unter andern
richtigen Urkunden auch mein Geburts-Schein verloren gegangen. Unterdessen bin
ich aus einer guten adelichen Familie, Harrison benahmt, entsprungen. Mein Vater
war, so viel ich von meinen Kinder-Jahren annoch dencken kann, Schloss-Haupt-Mann
eines der Königlichen Schlösser, nicht allzuweit von Londen gelegen, und ich
habe nachhero vernommen, dass er diese Charge ganzer 10. bis 12. Jahr geführet,
endlich aber dieselbe wegen einer ihm begegneten fatalen Begebenheit
niedergelegt, und sich mit meiner Mutter und seinen Kindern nach Londen begeben,
um daselbst noch ruhiger und vergnügter zu leben, als er seinen Gedancken nach
bishero gelebt hätte, weiln es ihm an Mitteln ganz und gar nicht fehlete, uns
zu ernähren, indem er nicht nur vor sich ein ziemlich starckes Vermögen gehabt,
sondern auch dasselbe durch die Heirat mit meiner Mutter um ein wichtiges
vermehret. Uber dieses alles ist mein Vater im Actien-Handel dergestalt
glücklich gewesen, dass er sich die schönsten und austräglichsten Ritter-Güter
hätte kauffen können, wenn er nur gewollt hätte; Allein er mag, wie mir meine
seel. Mutter zum öfftern erzählet hat, wohl mehr als einerlei, jedoch eben nicht
gar allzu löbliche Ursachen gehabt haben, ein solches nicht zu tun, vielmehr
hat er sich auf das verzweiffelte Spielen und Wetten gelegt, und ist dadurch dem
Banquerout mehr als einmal sehr nahe gewesen, jedoch das Glück im Spielen und
Wetten, hauptsächlich aber der Actien-Handel hat ihm nach und nach doch immer
dergestalt wohlgewollt, und ihm das, was er vorhero verloren gehabt, gedoppelt
und dreifach wieder zugeführet, so dass es noch hohe Zeit gewesen wäre, eine
andere und bessere Lebens-Art anzufangen; Allein an dessen Statt fängt er an den
Trunck zu lieben, und zwar den Brandtewein, auf eine gatz excessive Art, welches
alles doch möchte hingegangen sein, wenn er nur dann und wann sich bereden
lassen, den Rausch auszuschlaffen; jedoch dieses war sein Werck nicht, sondern,
wenn er den Kopff voll gehabt, war er in die Spiel-Häuser gegangen, hatte um
geringer Ursachen wegen mit diesem oder jenem Händel angefangen, da denn fast
keine Woche verstrichen, dass er nicht blessirt nach Hause gekommen wäre,
entweder mit dem Degen, oder mit der Kugel. Wiewohl er nun auch manchen blessi
rt, mitin seinen Hohn einsmahls gnugsam gerochen zu haben vermeint, so redete
ihm doch meine Mutter aufs allerbeweglichste zu, vom scharffen Spielen und
Wetten, hauptsächlich aber von dem leidigen Truncke abzustehen, allein sie hatte
eine lange Zeit tauben Ohren geprediget; Doch endlich ändert mein Vater seine
Lebens-Art plötzlich, und stehet so wohl vom Truncke, als vom Spielen ab, sucht
auch keine andere, als honette, douçe Compagnien, weswegen meine Mutter so froh
wird, als ob sie ihn zum zweiten mahle geheiratet hätte. Allein, diese ihre
grosse Freude währete nicht länger, als bis ihr von einer vertrauten Freundin in
gröstem Geheim vertraut wurde, dass ihr Mann, nämlich mein Vater, sich an ein
lüderliches Frantzösisches Comoedianten WeibsStücke gehenckt, welche ihn
dergestalt eingenommen, dass er ohne dieselbe fast nicht zu leben wüste; ja, er
wendete nicht geringe Geld-Summen an dieses Luder, und hätte demselben in einer
gewissen Vorstadt ein kostbares Logis gemietet, um sie vor sich allein zu
behalten, wäre aber in diesem Stücke nicht nur zum öfftern schändlich betrogen
worden, sondern hätte auch bereits mit vielen Cavaliers, dieser Canaille wegen,
Händel gehabt, und nur vor wenig Tagen einen gewissen Frantzösisches Cavalier in
der rechten Seite der Brust fast durch und durch gestochen, so dass es misslich um
des Blessirten sein Leben gestanden, worbei noch das gröste Glück, dass der
Blessirte kein Engeländer, sondern ein gebohrner Franzose wäre. Wie gesagt,
meiner seeligen Mutter Kummer und Sorgen und der Verdruss über die erhaltene
Nachricht von meines Vaters neuer Lebens-Art, die ihr, als einer ziemlich
ehrgeitzigen Dame, fast mehr als alles vorhergehende zu schmertzen schien,
verursachten, dass sie ganz plötzlich in eine schwere Kranckheit fiel, so dass
wir alle an ihrem Leben zu zweiffeln anfiengen, zumahlen, da sie sich nicht nur
täglich, sondern oft stündlich im rechten Ernste nach dem Tode sehnete. Als
mein Vater sie in ihrer Kranckheit einstmahls zu besuchen kam, und ihr diese und
jene Medicamenta recommendirte, gab ihm die Mutter zur Antwort: Macht euch nur
keine Mühe mit euren Medicamenten, denn sie werden mir nichts helffen, sondern
die ungebührliche Liebe zu eurer schändlichen Comoedianten-Hure wird mich mit
nächsten ins Grab stürtzen, sodann habt ihr Freiheit, euch um ihr zu
vereheligen, weilen ich ohnedem mercke, dass ich euren Augen nicht mehr gefalle.
Wie wehmütig nun auch meine Mutter diese ihre Worte vorgebracht hatte, so liess
sich mein Vater doch dadurch nicht erweichen, sondern sagte mit einem höhnischen
Gelächter: Man merckte wohl, dass sie grosse Hitze hätte, und sehr starck
phantasirte, derowegen sollte man ihr nur noch etliche mahl nach einander eine
Ader öffnen, so würde sich das Phantasiren vielleicht bald verlieren. Gehet mir,
(gab meine Mutter hierauf zur Antwort) vor meinen Augen weg! denn dieses ist
eine Cur, die ihr ohnfehlbar von eurer Französischen Canaille werdet gelernet
haben etc. Mit solchen und dergleichen Reden, die mir und allen, so zugegen
waren, selbst zu Hertzen giengen, kränckten sich meine lieben Eltern von einer
Zeit zur andern, jedoch es geschahe bald, dass wir unsern Vater nicht so oft
wieder zusehen bekamen, weswegen wir anfänglich nicht wussten, ob er lebendig
oder todt wäre. Jedoch, nachdem er sich in ganzer 16. Wochen nicht blicken
lassen, erhielten wir eine, wiewohl unsichere und ungegründete Nachricht, dass er
mit nach West-Indien geseegelt wäre, worüber meine Mutter ganz froh wurde, nur
darum, dass er auf solche Art von der Canaille losgekommen wäre, denn an Geld und
Gütern fehlete es uns zur selbigen Zeit ganz und gar im geringsten nicht,
anbei hatte sie die Hoffnung, dass, wenn er glücklich und gesund wieder zurück
käme, er wenigstens etliche 1000. Taler an Gold und Silber mit sich bringen
würde; Allein diese Hoffnung fiel in den Brunnen, da wir nach der Zeit um so
viel desto gewisser versichert wurden, wie sich mein Vater noch beständig in
Londen aufhielte, und zwar an einem ganz abgelegenen Orte, von daraus aber,
einmal wie immer seine Frantzösin so wohl bei Tage, als bei Nacht besuchte.
Demnach aber meine Mutter in sichere Erfahrung gebracht, wo eigentlich sein
Logis wäre, warff sie sich eines Abends in Manns-Kleider, und liess sich durch
einen getreuen Menschen dahin bringen. Sie ist so glücklich, meinen Vater zu
Hause anzutreffen, weswegen sie in sein Zimmer geht, sich zu seinen Füssen
wirfft, und um alles dessen, was heilig ist, bittet, mit ihr in unser Logis
zurück zu kehren, auch fernerhin als ein getreuer Ehemann ihr und seinen Kindern
beizuwohnen, auch alles vorgegangene in Vergessenheit zu stellen etc. An statt
aber, dass sich meines Vaters Hertz hätte sollen erweichen lassen, karbatscht er
sie Gottes-jämmerlich in dem Zimmer herum, und läst sie durch seinen Bedienten
die Treppe hinunter werffen, den Leuten aber weiss machen, als ob er eine falsche
Visite von einem Spitzbuben bekommen, der ihn vielleicht um eine oder andere
Kostbarkeiten beschnellen wollen.
    
    Solchergestalt kam meine Mutter in erbärmlichem Zustande zurück nach Hause,
und wusste sich weder zu raten noch zu helffen, indem sie sich das wichtigste
Bedencken nahm, diese ganze Begebenheit vor die Obrigkeit kommen zu lassen.
    Noch ehe aber hätten wir uns des Himmels-Einfall versehen, als bei so
gestalten Sachen unsern Vater in dieser Welt wieder mit Augen zu erblicken;
Allein er kam, da wir eben damahls seiner am wenigsten gedachten, einstmahls in
der Mitternachts-Stunde auf einer Post-Chaise gefahren, gab ein Zeichen mit
pfeiffen von sich, und rief, dass man ihm aufmachen sollte. Wie wir nun seine
Stimme wohl kañten, wurde ihm so gleich aufgemacht, da wir denn höreten, dass
mehr als eine Person die Stiegen herauf gestolpert kamen, weswegen denn meine
Mutter so gleich in jede Hand einen Leuchter mit einem grossen Wachs-Lichtenahm,
gegen die Tür des Zimmers zugieng, um selbige zu eröffnen, und zu sehen, was
auf dem Vor-Saale passirte. Ich, die ich gleichfalls ein Licht in jede Hand
genommen, folgte ihr auf dem Fusse nach, und erblickte meinen Vater in
Lebens-Grösse, auch in seiner gewöhnlichen Kleidung, bemerckte aber anbei ganz
klar und deutlich, dass er einen blossen Degen mitten in der Brust stecken hatte,
dessen Gefässe vorne auf der Hertz-Grube fast Spannenlang heraus ragete,
ingleichen bemerckte ich, dass das Blut sehr starck aus der Brust und am Leibe
hinunter floss. Zu verwundern ist es demnach, dass ich vor Schrecken nicht so
gleich augenblicklich zu Boden gesuncken bin, weiln mir noch auser dem die
hinter ihm stehenden 2. langen, weissen Geister, oder Gespenster, die einen
grossen schwartzen Reise-Couffre zwischen sich trugen, einen erstaunlichen
Anblick verursachten. So wahr der Himmel über mir lebt und schwebt, ich kann
nicht wissen, woher ich in selbiger Stunde alle Hertzhaftigkeit muss herbekommen
haben, und glaube dieserwegen vollkommen, dass mich ein Engel GOttes recht
übernatürlicher Weise muss gestärckt haben, denn meine Mutter hatte kaum meinen
Vater oder dessen Gespenst in die Augen gefasset gehabt, als sie, wie sie sich
nachhero wohl zu besinnen wusste, augenblicklich wie ein Mehl-Sack umgesuncken
war. Ja, was noch mehr? ich fassete mir so gar ein Hertze, meinen Vater
anzureden, und mich in ein kurtz Gespräch mit ihm einzulassen; allein, indem ich
die Worte auf der Zunge hatte, kam er mir mit Reden zuvor, und sagte gegen uns
beide: Nun habt ihr nach eurem Wunsche, mich noch einmal gesehen in dieser
Welt, denn ich bin bereits an einem andern Orte, als in der zeitlichen Welt.
Nehmet ohne Bedencken, was vor euch allhier auf dem Saale stehen bleibt;
gedencket meiner im Besten, und lebet wohl!
    Unter diesen letzten Worten löscheten alle unsere Lichter aus, auch sogar
die, so ordentlicher Weise auf dem Saale zu brennen pflegten, jedoch bemerckten
wir zu gleicher Zeit, dass das ganze Gesichte oder Gauckelspiel des Satans eben
so geschwind und hurtig verschwand, als man ein Licht oder zwei auszublasen, und
dasselbe zu verlöschen pflegt; blieb also nichts davon übrig, als ein blosser
Schatten eines schwartzen Reise-Couffers, welchen wir nicht länger anzusehen
würdigten, sondern uns in unsere Zimmer zurück begaben, allwo wir alles, was
Atem hatte, im allertiefsten Schlafe fanden. Meine Mutter war fast auf allen
Vieren hinein gekrochen, ich aber nur froh, dass ich sie erstlich mit Kummer und
Not auf ein Faul-Bette bringen konnte.
    Den übrigen Teil der Nacht brachte ich noch in gröster Verwirrung zu, da
ich aber meine Mutter gegen Morgen in ziemlichen gesundem Zustande antraf, gab
sich mein Hertz doch einiger Massen zufrieden, ja, ich bemerckte in demselben,
dass es gedoppelte Courage bekam. So bald ich recht zu unterscheiden mir
zugetrauete, was schwartz oder weiss wäre, nahm ich zu allem Uberflusse noch 2.
Wachs-Lichter in meine Hände, ging nochmahls zum Zimmer ganz allein hinaus auf
den Saal, allwo ich denn ohnfern vor unseres Zimmers Tür den vorhero schon
erblickten schwartzen Reise-Couffre erblickte. Weiln nun der helle Tag bereits
angebrochen, auch die Sonne schon aufgegangen war, so nahm ich mir (ich weiss
selbst nicht, aus was Krafft) die eigene Hertzhaftigkeit, den schwartzen
Couffre in unser Zimmer zu tragen, an welchen meine liebe Mutter nicht die
geringste Hand anlegen wollte, sondern auch gebot, dass man dieses Teuffels-Ding
sollte stehen lassen, bis zum wenigsten der Seegen darüber wäre gesprochen
worden.
    Ich schickte zu einem mir wohl bekannten religieusen Geistlichen, und
erzehlete ihm die ganze Geschichte und Gesichte, so uns in voriger Nacht
begegnet und erschienen war. Dieser nahm sich kein Gewissen, nachdem er sein
Christlich Bedencken darüber gegeben, auch den Seegen über den Couffre zu
sprechen. Worauf wir denn sogleich nach einem Schlösser schickten, und den
Couffre eröffnen liessen, worinnen sich 6000 Taler teils an baarem Gelde
teils Gold, teils Silber-Müntzen befanden, nebst noch mehr als einmal so viel
an Wechsel-Briefen und Actien Zetteln, wobei ein Memorial lag, welches meine
Mutter, so bald ich dasselbe mit grossem Bedacht gelesen, wieder zu sich nahm,
und in 1000 Stücken zerriss.
    Das gröste Wunder war bei dieser Sache, dass, ohngeachtet der Couffre binnen
24. Stunden fast zu Staub und Asche worden, jedennoch die Brieffschaften
darinnen unversehrt geblieben waren, mitin hatten wir noch ein schönes Capital
einzuheben, welches zum Teil vielleicht auch noch viele Weitläuftigkeiten,
unserm Bedüncken nach, verursachen möchte.
    Jedoch die eigentliche und Haupt-Sache war diese: zu erfahren, ob unser
Vater noch am Leben, oder bereits todt wäre; derowegen schickte erstlich meine
Mutter verschiedene Kundschaffer aus, und als sie binnen wenig Tagen durch
getreue Leute mit schweren Kosten endlich so viel vernommen, als was, so zu
sagen, in ihren Kram dienete, warff sie sich abermals in Manns-Kleider liess 2
von unsern Bedienten nach unserer ordinairen Livree ganz neu kleiden, und begab
sich mit ihnen mehrenteils bei Nachts-Zeit auf den Weg, bat darbei uns zurück
im Logis bleibenden, jederzeit ein andächtiges Gebet vor ihre Person gen Himmel
zu schicken.
    Mir war angst und bange, meine Mutter von uns gehen zu sehen, jedoch, da ich
mich endlich begriff, und bedachte, dass sie nicht allein einen durchdringenden
Verstand, sondern auch dabei ein Manns- ja ein recht Löwen-Hertz im Leibe hätte,
setzte ich mein Vertrauen auf die göttliche Hülffe, und liess sie unter vielen
1000. Glückwünschungen so wohl, als Vergiessung häufiger Tränen hingehen, wohin
es ihr selbst beliebte, zumahlen, da sie alle Abende wieder zu kommen, und uns
zu besuchen versprach.
    Es verstrichen demnach nicht mehr, als 8. oder 10. Tage, als sie das erste
mahl zurück kam, und uns die traurige Nachricht brachte, dass mein lieber Vater
von einem Frantz- Manne, den er bei seiner Maitresse angetroffen, so zu sagen,
meuchelmörderischer Weise ermordet, wessentwegen auch der Mörder so gleich in
gefängliche Hafft gebracht worden; Hergegen lebte die Maitresse lustig und guter
Dinge, und sähe sich nur bloss allein nach unserm Vater um, ob derselbe den
Geld-Sack bald schickte, oder selber mit sich brächte. Es hatte meine Mutter
diese Nachricht nicht allein in des Vaters, sondern auch so gar in der Maitresse
Logis mit vielen Umständen vernommen, sich aber an beiden Orten ganz und gar
nicht darvor ausgegeben, als ob ihr sonderlich viel daran gelegen wäre. Der
Maitresse Schönheit konnte sie nicht gnugsam beschreiben, zweiffelte aber sehr,
ob selbige nicht etwa eine falsche Schmincke wäre, dem ohngeachtet schwur sie in
der ersten Hitze, ihren Hohn auch so gar mit Darstellung ihres Lebens zu rächen,
und nicht eher zu ruchen, biss die Canaille entleibt wäre.
    Ich bat den Himmel mit bittern Tränen, meiner Mutter diese Gedancken zu
benehmen, allein mein Gebet wurde in diesem Stücke dissmahl nicht erhöret, denn
wenig Tage hernach kam ihr der Rummel auf einmal wieder an, derowegen zohe sie
abermals eins von meines Vaters käñtlichen Kleidern an, die ihr sehr wohl
passeten, wie sie denn in allen Stücken eine sehr grosse Gleichheit mit seiner
Person hatte; ausser dem steckte sie einen Degen mit einer geschliffenen Klinge
an die Seite, und noch über dieses in jede Tasche 2. Taschen-Pufferte, oder
Terterols. Wie sie sich nun dergestalt bloss in meinem alleintzigen Beisein wohl
besorgt, rief sie zwei von unsern getreuen Laqueien, befahl ihnen, ihr zu
folgen, und sie nicht aus den Augen zu lassen, hergegen, wo es die äuserste Not
erforderte, getreulichen Beistand zu leisten, indem es ihr Schade nicht sein,
sondern ein jeder von ihnen vor diesen Weg 100 Ducaten zur Recreation haben
sollte. Auf dieses umarmete sie mich, die ich an einem Fenster stunde, und
Tränen vergoss, mit diesen Worten: Gebt euch zufrieden, meine liebste Tochter!
und lasset mich nur immer in meiner gerechten Sache unter eurem Gebete
fortgehen, denn die Gefahr, darein ich mich itzo begebe, um eures Vaters Tod, so
viel als mir nur immer möglich ist, zu rächen, wird vielleicht so gross nicht
sein, als ihr euch dieselbe vorstellet, und ich hoffe, wo ich anders glücklich
bin, noch vor Mitternachts-Zeit schon wieder bei euch zu sein.
    Wie nun diese letztern Worte meine Tränen einiger Massen hemmeten, so liess
ich sie unter dem Schutze des Allmächtigen, in Begleitung der beiden Laqueien
fortgehen, blieb aber am Fenster stehen, und mit Vergiessung vieler Tränen
abzusehen, was erstlich auf der Strasse vorgehen möchte, hernachmahls aber ihre
Zurückkunft abzuwarten, worbei ich denn dergestalt fleissig betete, als ich wohl
sonsten zum öfftern in vielen Jahren nicht getan, indem es mir fast ein
unerträglicher Schmertz sein und heissen wollte: Vater und Mutter binnen so
kurtzer Zeit auf einmal zu verlieren.
    Jedoch dieser wurde ziemlicher Massen gelindert, da ich meine liebe Mutter
ohngefehr zwischen 10 und 11 Uhren des Nachts nebst ihren beiden Laqueien zurück
kommen sah. Sie machte die Tür des Zimmers ohne langes Verweilen auf, und
fragte nichts mehr, als dieses: Meine Tochter! wenn ihr Caffée habet, so gebet
mir und diesen Leuten etliche Schälchen zu trincken, lasset uns auch ein gut
Glas Rosoli holen, denn das Glück hat meine Faust gesegnet und geführet, dass ich
ein so gutes, ja fast noch bessers Meister-Stück gemacht, als die Iudit bei dem
Holoferne.
    Indem ich nun darnach fragte, welcher Gestalt ihre Verrichtungen abgelauffen
wären, erstattete der eine Laquei mir folgenden Bericht: Nachdem wir unten im
Hause, wo die Conquette logirte, angelangt, und ein paar oder mehr Boutell
en-Weins vor unsern Herrn gefordert, säumete die Wirtin nicht lange, uns
dieselben zu bringen, worauf so wohl der so genannte unser Herr, als wir Diener
den Wein versuchten, auch uns etwas zur Kost reichen liessen; Indem wir uns aber
hierauf etwas bei Seite begaben, liess sich unser so genannter Herr mit der Frau
Wirtin in ein vertrauliches Gespräche ein, und mochte wohl nach und nach so
viel aus ihrem treuhertzigen Hertzen erforschet haben, dass die Frantzösische
Comoediantin, wornach er gefragt, bereits in ihrem Bette versorgt sei, und zwar
mit demjenigen Frantzösischen Cavalier, der ihrentwegen nur vor wenig Tagen
einen andern Cavalier erstochen hätte. Ob nun gleich der Entleibte ein
Engeländer von Geburt, so sähe man doch wohl, dass Geld und Gold alles
niederdrückte, indem der Frantzose bereits Pardon erhalten. Ohngeachtet, dass
sich unser gebietende Frau, zumahlen, da sie Manns-Kleider am Leibe anhatte,
ziemlich zu verstellen wusste, so merckten wir beiden Bedienten doch bald, was
passirte, zumahlen, da unsere Frau die Wirtin vermittelst eines Geschencks a 3.
Guineen ganz vollkommen treuhertzig machte, und dieselbe inständig bat, ihn nur
hinauf in das Zimmer zu führen, wo beide Frantzosen schliefen, indem er ein
recht vertrauter Freund von allen beiden sei, indem er so gut Frantzösisch als
Englisch parliren könnte. Die Wirtin liess sich also ohne ferneres Bedencken, und
in Betrachtung der schönen Gold-Stücke, deren sie vielleicht noch mehr zu
fischen verhoffte, dahin bewegen, dass sie uns alle 3. in das Zimmer hinauf
führete, allwo beide verliebte Frantzösische Seelen im Bette angetroffen wurden,
und einander umarmten, auch sich keines Bösen befahreten, bis ihr mein Herr oder
Frau, wie ich sagen mag, seinen geschliffenen Degen zwischen beiden Brüsten
ganz sanfte hindurch bohrete, da sie denn der Wirtin rieff und dieselbe
fragte: was im Hause und hier oben vorgienge. Nichts, Madame, antwortete die
Wirtin) schlafet nur ganz ruhig, denn ich bin selber da.
    Mir kam so wohl über die Frage, als über die Antwort dieser beiden Personen,
ein hertzliches stilles Lachen an, doch, da ich merckte, dass sich der Franzose
rührete und umwenden wollte, stiess ich meinen Cameraden in die Seite, um auf
allen Fall unsere Pistolen parat zu halten, weilen man bereits das Blut unter
dem Bette hervor lauffen sah. Mein Herr wollte zwar der Wirtin mit 6. Guinees
ein Stillschweigen auferlegen, allein diese wollte sich nicht weiter treuhertzig
machen lassen, sondern durchaus nach der Wache schicken. Demnach begaben wir uns
erstlich an die Fenster, um frische Lufft zu schöpffen, wurden aber gewahr, dass
sich eine gewaltige Menge vom Pöbel in selbiger Gegend versammlete, fragten
demnach die Wirtin, was der Lerm auf der Strasse zu bedeuten hätte? worauf sie
zur Antwort gab? Meine Herrn! dieser Lerm geht nicht uns, sondern die
Zoll-Bedienten an, welches nichts ungewöhnliches ist, wird sich aber mit Anbruch
des Tages wohl legen. Indem wir nun die Frau Wirtin in allen Stücken ganz
höflich und freundlich sahen, begaben wir uns wieder hinunter in das Haus, und
forderten 3 Bouteillen Wein, nebst etwas Zubehör, welches alles die immer
liebreicher scheinende Frau Wirtin sogleich brachte, und sich mit unsern so
genannten Herrn in ein vertrauliches Gespräch einliess, welches wir beiden Diener
nicht verstehen konten.
    Ich will euch, fiel hier meine Mutter dem Laquay in die Rede, dasselbe
allerseits dergestalt noch vorsagen, als es gehalten worden: denn erstlich
fragte die Wirtin, wie es möglich gewesen, dass ich ein so wunderschönes
Frauenzimmer hätte in ihrer besten Ruh entleiben können? worauf ich derselben
zur Antwort gab: Madame! es laufft allerdings wider mein Naturell, einen guten
Hund, geschweige denn ein Frauenzimmer zu tödten, weilen ich, wie sie sehen
können, selber dieses Geschlechts bin, allein diese Frantzosen-Hure hat mir
erstlich meinen Mann verführet, und zum Ehebruche verleitet, hiernächst mich und
meine Kinder um gewaltige Geld-Summen gebracht, aber alles dieses möchte noch
hingegangen sein, wenn sie mir nur diesen Tort nicht angetan, und meinen
Ehemann, der von den Vornehmsten des Englischen Adels herstammet, durch ihren
Beischläffer, so viel ich vernommen, auch so gar meuchelmörderischer Weise um
sein noch ziemlich junges Leben bringen lassen. Es hat mir (sprach ich ferner zu
der Wirtin) hier in ihrem Hause an weiter nichts gefehlt, als an der Zeit und
Gelegenheit, allein ich hoffe, dass mir der Himmel doch noch diesen mörderischen
Frantzosen in die Hände führen wird, da ich denn nicht fackeln werde, ihm durch
meine eigene Faust das Lebens-Licht auszublasen, und meinen Mann zu besuchen, in
das Reich der Todten zu schicken, sollte ich auch gleich meinen Kopff auf dem
Chavotte müssen fliegen lassen, so mache ich mir dennoch eben so wenig daraus,
als ob ich zehen Köpffe hätte. Hierauf sagte die Wirtin ganz heimlich und
vertraulich: Madame! ich habe genug gehört, kann aber nicht gar viel darzu sagen,
unterdessen, weiln ich ihnen zu Gefallen, noch nicht nach der Wache geschickt,
und die Sache melden lassen, so folget meinem getreuen Rate, und mischet euch
noch bei guter Zeit mitten unter den Pöbel, wessentwegen euch denn auch meine
Haus-Türe nicht soll abgeschlossen werden.
    Nachdem ich der Frau Wirtin vor dieses gute Erbieten einen Kuss auf gute
Landsmännische Manier versetzt, war mir noch einmal so wohl ums Hertze, als
vorhero, befahl auch derselben, meinen beiden Leuten auf mein Conto noch so viel
zu trincken zu geben, als sie nur immer beliebten, weiln ich alles bezahlen
wollte; als zu dem Ende ich ihr der Wirtin noch 3. Guinees in die Hand drückte,
und meine Leute nach meiner Pfeiffe stimmete, Wie nun der helle lichte Tag
bereits angebrochen war, als kam der Monsieur Franzmann die Treppe herunter
spatzieret, und ging in einen kleinen hinter dem Hause gelegenen Lust-Garten,
um sich daselbst zu divertiren, ich folgte ihm auf dem Fusse nach, und wunderte
mich über weiter nichts mehr, als dass er keinen Verdacht weder auf meine Person,
Kleidung, noch sonstes etwas legte. Wir waren aber kaum etliche 20. Schritte
zwischen den Blumen-Beeten herum spaziert, als ich mir gefallen liess, einige
der schönsten Blumen, die nach meinen Appetite waren, abzupflücken, worüber sich
der Franzose mit allerhand anzüglichen Reden verlauten liess, dass dieses keine
Manier, sondern eine Anzeigung eines schlechten Verstandes und geringer
Höflichkeit sei, so kam es unter uns bald zu hässlichen Schimpff-Worten, und
obgleich die darbei stehende Wirtin, fernern Streit zu verhüten, sich
erklärete, wie sie sich aus dergleichen Kleinigkeiten nichts machte, sondern
dieselben allen ihren Gästen, welche Belieben darzu trügen, Preis gäbe, so wollte
der Franzose sich jedennoch nicht zufrieden geben, sondern schimpffete immer
noch heftiger auf mich los, da ich ihm denn mit Worten gleichfalls nichts
schuldig blieb. Er aber zog seinen Degen, ging mir damit in einem breiten Wege
sehr hitzig zu Leibe, ich hergegen war gelassen, und ging anfänglich sehr
behutsam mit Ausparirung seiner Stösse, da er mir aber endlich immer
gefährlicher zu Leibe ging, versetzte ich ihm oben einen Stoss durch die rechte
Brust, dem noch einer folgte, welcher vermutlich durch sein Hertze ging, indem
er mit den Worten, die auf deutsch, ich habe genug, heissen, wie ein Baum
umfiel, und fast gar kein Zeichen des Lebens wehr von sich gab. Nunmehro begunte
mir erstlich recht sehr bange zu werden, wie es mir ergehen würde, allein die
Wirtin, die entweder aus Mittleiden, weil sie wusste, dass ich ein Frauenzimmer
war, oder vielleicht aus ihren eigennützigen Ursachen durch diesen Zufall ganz
bestürtzt worden, kam mit sachten Schritten auf mich zugegangen, und sagte:
Meine Freundin! Ihr habt euch ritterlich genug gehalten, derowegen seid auf eure
Flucht bedacht, denn mir ist mit eurem Schaden und Unglück nicht gedienet.
Hiermit öffnete mir die gute Frau die Hinter-Tür des Gärtgens, wodurch sie mich
hinaus liess, da ich ihr denn noch 3. Guinees in die Hand druckte, und bat, dahin
besorgt zu sein, dass auch meine 2. Bedienten mir bald nachfolgen könten. Dieses
zu bewerckstelligen, lief sie selber vor ins Haus, und brachte zu meiner
grösten Freude meine Bedienten geführet, welche denn so wohl als ich von ihr
hinaus gelassen wurden, da wir uns denn alle 3. gar bald erstlich unter den
Pöbel verteileten, jedoch auch gar bald einander wieder antraffen, und keinen
Augenblick Zeit versäumeten, euch, meine liebe Tochter, heimzusuchen, weilen wir
alle wohl wissen, dass ihr Zeit unserer Abwesenheit euch tausend Kummer und
Sorgen werdet gemacht haben.
    GOtt sei ewig gelobt! (sprach ich zu meiner Mutter) dass er ihre Person bei
diesem gefährlichen Handel so väterlich behütet hat, dieser ist mein lebendiger
Zeuge, dass meine Augen Zeit ihrer Abwesenheit gar nicht sind trocken worden; und
dieser wolle fernerweit unser Beistand sein, denn wir haben meines Erachtens
noch viel schwere Berge zu übersteigen vor uns.
    Indem nun meine Mutter und ich, so wohl bei Tage als bei Nachts-Zeit, mit
sorgsamen Gedancken beschaftiget waren, weiln mir keinen Schluss fassen konten,
an wen wir uns wegen unserer Forderungen addressiren wollten, führete endlich der
Himmel unverhofft eine Person in unser Logis, welche wir beide recht als einen
Engel bewillkommeten.
    Es war diese Person Mons. Barlei, ein junger Lord, der schon in meinem 13ten
Jahre, da mein Vater noch Schloss-Hauptmann gewesen, bei meinen beiden Eltern
angehalten, mich als diese ihre Tochter an keinen andern Menschen zu
verheiraten, als an ihn. Wie nun meine Eltern ihm zur Antwort erteilet, dass es
noch viel zu frühzeitig mit ihrer Tochter sei, dieselbe zu verheiraten, er aber
wohl schwerlich, von wegen seiner eigenen Jahre, Standes und grossen Vermögens,
nicht leicht vor ratsam befinden würde, auf dieselbe zu warten, weilen er
mittler Zeit, als diese vollkommen aufgewachsen wäre; 10. ja mehr weit
profitablere Partien im Heiraten antreffen könnte. Demnach solle er sich eine
Sache, die ihm vielleicht bald hernach, als er seinen Zweck erreicht, gereuen
könnte, viel lieber aus den Gedancken schlagen, so könne er vergnügt und wir alle
ohne Sorgen leben.
    Allein dieser mein Liebhaber, welchen ich, zu mahlen bei unsern offtmahligen
verwirrten Haus-Sachen, jederzeit treu und redlich erfunden, hatte sich damahls
und auch in folgender Zeit an alle dergleichen ihm verdriesslichen Abfertigungen
wenig gekehret, sondern war mir eine Zeit, wie die andere getreu und beständig
geblieben, und zwar, ohne dass ich einen besondern Wohlgefallen darüber
empfunden: Denn ich fürchtete mich schon von meiner Jugend an ganz entsetzlich
vor dem Heiraten, weilen mir der so genannte Englische Wahrsager, und zwar der
Uralte, nicht viel Guts in der Helffte meiner Jahre zu geniessen vorher gesagt
hatte. Um aber meine Geschichte nicht weitläufftig zu machen, so will nur so
viel sagen: dass dieser Mons. Barlei noch bei Leb-Zeiten meines Vaters, ehe
derselbe in die letztern Verdriesslichkeiten geraten, zum öfftern in Londen zu
uns gekommen, und die ehemahlige Bekanntschaft erneuert, nachhero aber nur sehr
sparsame Visiten bei uns abgelegt, weilen er wohl gemerckt, dass es nicht allzu
gut um unsere Wirtschaft stünde; da ihm aber unsere Fatalitäten zu Ohren
kamen, kam er, so zu sagen, als ein von GOtt gesandter heiliger Engel, und
brachte uns zu allererst die besondere Nachricht: dass die Entleibung der
Französin so wohl als auch des Franzosen nicht allein in der ganzen Stadt,
sondern auch bereits bei Hofe ruchtbar worden, indem die Wirtin und Domestiquen
des Logis, worinnen die Französische Comoediantin logirt, alles umständlich
erzählen, und endlich bekräfftigen müssen, jedoch hätten Ihro Majestät der König
selbst sich dergestalt allergnädigst verlauten lassen: Man müsse bei der
angegebenen Deliquentin, zumahlen, da sie eine gebohrne vornehme Engeländerin
wäre, die Sache recht wohl untersuchen, indem Allerhöchst-Dieselben vor diessmahl
gewisser Ursachen und Umstände wegen lieber Gnade als recht ergehen zu lassen,
gesonnen wären etc.
    Dieses war nun schon ein ziemlich starcker Trost vor mich und meine Mutter,
den uns dieser Freund zum ersten mahle brachte, allein der ehrliche Mensch
dienete uns in weit mehrern Stücken, denn da ihm meine Mutter das Geheimnis
wegen unserer starcken Schuld-Forderungen entdeckte, war seine erste Anfrage
diese: Ob er, wenn er auch nur die Helffte davon ausgeklagt, auch mich zur
Gemahlin haben sollte? welches denn meine Mutter und auch ich ihm mit Hand und
Mund versprachen. Demnach war Barlei vollkommen wohl mit uns zufrieden, und liess
sich unsere Geschäffte dergestalt angelegen sein, dass er weder Tag noch Nacht
Ruhe hatte, bis er, versprochener Massen, die Helffte unserer Forderungen
ausgeklagt, und noch ein weit mehreres, welches alles er denn zu meiner Mutter
sichern Händen lieferte. Hierauf drunge er auf das Beilager mit meiner Person,
ohngeachtet ich ihn nun an meine Mutter verwiese, indem dieselbe, obgleich etwas
älter, jedoch weit schöner und reicher, als ich wäre, so wollte doch mein Barlei
auch hiervon nichts hören, sondern sagte nur soviel: Kurtz, ich liebe eure
Person eintzig und allein auf der Welt, und setzte gegen euch Printzessinnen
zurücke, wenn sie mich auch haben wollten, aus was Ursachen aber ich euch liebe,
solches ist mir ohnmöglich zu sagen.
    Sich zu einer Heirat zu entschliessen, mag wohl eine solche Sache sein, die
dem Menschen vorhero lange im Kopffe herum gehen muss; allein bei unsern
damahligen Umständen erforderte es allerdings wohl die Not, mich nicht länger
zu weigern, zumahlen, da mir meine Mutter und mein Liebster fast keine Stunde
mehr, zur weitern Bedenck-Zeit vergönnen wollten.
    Demnach wurden wir endlich, fast ehe es mir gefällig war des Handels
vollkommen einig, und celebrirten unser Beilager, ohne gewöhnliches unnötiges
Gepränge, hatten auch niemanden auser meiner Mutter dabei, als 12. Herrn und
Frauen aus Londen, die wir noch vor unsere besten Freunde schätzten.
    Nachdem nun auch dieses geschehen, und vorbei war, wir beide neugebackenen
Eheleute auch kaum 4. Wochen vergnügt beisammen gelebt hatten, kam eines Abends
mein Barlei sehr starck verwundet nach Hause, indem er zu sagen wusste: wie er
einiger Massen recht unter die Mörder gefallen, und dergestalt von ihnen
zugerichtet worden, dass er vielleicht seinen Geist dieserwegen aufgeben müste.
    Es waren eben zwei Englische Kauff-Leute bei uns, welche einige Geld-Summen
vor uns zahleten, und dem Herrn von Barlei das Verständnis ziemlicher Massen
eröffneten, indem sie ihm sagten: dass dieses sein Unglück von niemanden anders
herrührte, als von einem gewissen Mäckler, den man noch zur Zeit nicht in die
Gülde der Kauffmañschaft einnehmen wollen, und mit dessen Tochter der Herr von
Barlei sich zu vermählen vor einiger Zeit, auch ihm ein Schiff nach Ost-Indien
auf dessen Verlag zu führen, anheischig gemacht, nachhero aber das Wort nicht
gehalten, ohngeachtet der Mäckler gesonnen gewesen, vor ihn und seine Gemahlin,
als dessen Tochter 20000 Gulden in Banco, so zu sagen, als zum Heirats-Gute
einschreiben zu lassen. Mein Barlei befand sich einiger Massen in seinen
Gewissen betroffen, sagte aber dieses: Mein Unglück mag herrühren, wo es immer
wolle, jedennoch werde ich nicht verzagen, weilen, nächst GOtt, meine
Redlichkeit und mein noch (wiewohl eben nicht so gar sehr starckes) Vermögen mir
durchhelffen muss. Kurtz: ich verlasse mich auf den Himmel, meine Jugend und
meine Tapferkeit. Wenn sie (sagte der eine und älteste Kauffmann,) das
Principium haben, so kann es ihnen nicht fehlen; unterdessen, weilen wir beide
einen guten Schiffs-Capitain notig haben und zwar eine Person von Condition,
indem wir in Compagnie ein vollkommen wohl ausgerüstetes Schiff liegen haben,
welches nach Ost-Indien geführet werden soll, als haben wir das besondere
Vertrauen zu Ew. Herrl. dieselben zu unsern Schiffs-Capitain anzunehmen, in
Hoffnung, dass sie unsern Nutzen und Vorteil aufs best-möglichste besorgen
werden, und hiervor lassen wir ihnen gleich morgendes Tages, oder, wenn es
gefällig, ausser dem Ordinario alsofort 6000. Fl. in Banco schreiben.
    Mein Barlei wollte sich anfänglich nicht entschliessen, mit diesen Leuten
etwas zu tun zu haben, indem er nicht allein seine noch allzu neue Heirat,
sondern auch seine schlechte Erfahrung im See-Wesen vorschützte, jedoch alles
dieses und noch mehrere Entschuldigungen wollten bei diesen Capitalisten nichts
gelten, sondern sie trilleten ihn so lange, bis er einen Contract mit ihnen
schloss, der zumahlen vor mich, nächst dem vor meine Mutter, ja alle die
Meinigen, ungemein raisonable und profitable abgefasset war.
    Aber ich verfluche fast noch die Stunde, da dieses geschehen ist, denn
dieser Contract hat mich um meinen lieben Mann gebracht. Er hatte, nachdem er
sich einmal engagirt, wenig Zeit zu versäumen, zu Schiffe zu gehen,
wessentwegen auch meine Mutter und ich unsere Maass-Regeln darnach nehmen und
einrichten mussten, jedoch schon gemeldte zwei redliche Kaufleute, als meines
Mannes Principalen, halffen uns, was die Geld-Affairen anbelangete, binnen wenig
Tagen aus allen unsern Nöten, indem wir das allermeiste Geld eincassirten, das
übrige aber im Banco schreiben liessen.
    Endlich rückte der strenge Tag heran, da ich mit meinem Manne unter Seegel
zu gehen, uns beide nicht länger entbrechen konten, derowegen machten wir noch
eine kurtze Disposition, nach gehaltener fernerer Verabredung auf alle Fälle mit
unserer lieben Mutter, und traten nachhero unsere Reise in Gottes Nahmen an,
waren auch so glücklich in der Gegend des grünen Vorgebürges anzulangen, ohne
vom Sturm und Wetter befallen zu werden, bis uns endlich 3. Barbarische Schiffe
auf einmal überfielen, und mit alleräusersten Gewalt zum Treffen zwungen. Zwar
hätte ich fast glauben sollen, wir hätten ihnen noch bei guter Zeit entkommen
können, zumahlen, da sie meinen Gedancken nach, eine ziemlich billige Forderung
an uns taten, allein mein Mann war, wenn ich es deutlich sagen soll, damahls
wohl ein wenig zu hitzig, und hielt mit behertztem Mute Stand, ohngeachtet er
sich weit übermannet sah, und eben dieses hat ihm sein, mir sehr kostbares
Leben, gekostet, indem ihm eine Canonen-Kugel den Kopff abgerissen. Ich geriet
demnach in die Barbarische Sklaverei, zusamt allen den Meinigen, habe es aber
den beiden Herrn Capitains Horn zu dancken, dass sie uns nebst vielen andern
Christen-Slcaven erlöset, wiewohl ich den Barbaren eben nicht nachsagen kann, dass
sie mir und den Meinigen viel Uberlast getan hätten, allein dieses hatte seine
besondere Ursachen, indem ich ihnen nicht allein eine ziemlich starcke Summa
Ranzion-Gelder so gleich versichert und verschrieben, sondern ein weit mehrers
zu tun versprach, wenn sie uns wohl tractirten, und je eher je lieber nach
Engeland, oder wenigstens nach Gibraltar lieferten; Allem wir haben, GOtt sei
gedanckt, ihnen keinen Flitter geben dürffen, weilen es uns von unsern tapffern
und freigebigen, teuren Erlösern durchaus verboten wurde, ihnen auch nur das
geringste zu zeigen, geschweige denn zu geben. Anbei muss die edle Tugend der
Grossmut und Freigebigkeit zu rühmen nicht vergessen, welche nicht allein die
beiden nie genug gepriesenen Capitains Horn, sondern auch 2. Portugiesische
Capitains in unserm damahligen betrübten und verwirrten Zustande allen erlöseten
Christen-Sclaven, vornemlich aber auch mir und den Meinigen erwiesen. Der Himmel
vergelte es ihnen, und seegne sie alle auf Lebens-Zeit. Dieses muss ich aber noch
melden, dass die Portugiesen so gütig waren, und versprachen, mich mit allem
meinem Zubehör und Haabseeligkeiten frei und franck in den ersten Englischen
Capital-Hafen zu liefern; Allein wie gern ich das Land und die Stadt meiner
Geburt vor meinem Ende wohl noch einmal sehen mögen, so hatte ich doch in
meinem Hertzen einen besondern Wiederwillen gegen die Portugiesen, nicht so wohl
vor ihre Personen (denn es waren in Wahrheit 2 artige Cavaliers von Person und
Ansehen) aber ich fand etwas an ihnen, das mir nicht gefiel, und welches ich
itzo nicht sagen kann oder will. Derowegen addressirte ich mich an unsern Haupt-
Commandeur, den ältesten Capitain Horn, und bat ihn gewisser Ursachen wegen,
weil ihm die Treue und Redlichkeit gegen seinen bedrängten Nächsten, recht aus
den Augen leuchtete, aufs allerwehmütigste, mich nicht in die Hände der
Portugiesen kommen zu lassen, sondern mir die Gefälligkeit zu erweisen, und mich
so wohl als meinen Zubehör aufs Vorgebürge der guten Hoffnung mit sich zu
nehmen, von dannen ich mich denn schon weiter nach einer gewissen Ost-Indischen
Insul zu kommen getrauete, allwo mein seeliger Mann im Nahmen seiner Principalen
ungemein starcke Geld-Posten einzuheben, auch dessfalls ein Blanquet zur
Vollmacht bekommen, welches er mir unter seinen Schrifften hinterlassen hatte.
Es versprach mir jetzt gemeldter Capitain Horn zwar, mich um weiter nichts zu
bekümmern, sondern versicherte mich mit nächsten, so bald es nur möglich wäre,
auf das Cap zu bringen, allein in diesem Stücke muss ich ihn, wiewohl mit
frölichem und vergnügtem Hertzen einer Unwahrheit beschuldigen, indem er mich an
Statt des Möhrischen Vorgebürges an diesen angenehmen Ort gebracht, allwo ich
den Himmel, oder so zu sagen, nur eine der besten Haupt-Cammern des Himmels auf
dem Erdboden angetroffen, und mich nunmehro Zeit meines Lebens von dieser
glückseeligen Insul nicht wünschen will, wenn einer von den vornehmsten
Einwohnern derselben, mir nur das Glück gönnen will, mich als eine Magd, oder
Kinder-Frau bei sich zu behalten, denn ich bin, ohne eitlen Ruhm zu melden,
geschickt, nicht nur die saubersten Sachen mit der Neh-Nadel zu verfertigen,
sondern weiss auch mit Spitzen-machen, Weben, Spinnen und Stricken ganz wohl
umzugehen, bin auch sonsten allerhand andere Haus- und Küchen-Arbeit von Jugend
auf gewohnt. Mein allerbester Trost ist dieser, dass ich meine liebe Mutter
versorgt weiss, weilen ich derselben nebst meinen kleinern Geschwister ein
solches Capital zurück gelassen, welches sie, als eine gute Wirtin wohl
schwerlich Zeit-Lebens mit ihren Kindern verzehren wird, und wenn sie sich auch
in künftiger Zeit zur andern Heirat bequemete, indem sie noch eine wohl
ansehnliche vigoreuse Frau, und fast noch in ihren beste Jahren ist. Kurtz zu
sagen: Ich werde mich weiter weder um mein Vaterland so wenig, als um die ganze
Welt bekümmern, wenn ich nur, wie schon gemeldet, die gütige Erlaubnis erhalten,
auf dieser glückseeligen Insul und unter dem Zusammenhange der ungeheuchelten
auserlesensten Frauen mein mühseeliges Leben zu enden.
    Wie nun hiermit auch die Madame Barlei den ersten Teil ihrer
Lebens-Geschichte endete, jedoch dabei meldete, dass sie viele zur
Haupt-Geschicht nicht eben allerdings gehörige Weitläufftigkeiten bis auf eine
andere Zeit versparen wollte, so steckte unser Insulanisches Frauenzimmer
erstlich die Köpffe ziemlich zusammen, endlich aber wurde der Madame de Blac,
als einer Lands-Männin der Madame de Barlei, ingleichen des Herrn Mag.
Schmeltzers Sen. Frau Liebste aufgetragen, dieser Dame wegen bei dem Regenten
und Mit-Regenten Vorstellungen zu tun, damit alles fein ordentlich zugehen
möchte. Diese beide nahmen die Commission mit Vergnügen auf sich, kamen auch,
weilen sie eben die grauen Häupter, Vorsteher und Herrn Geistlichen bei dem
Regenten versammelt angetroffen, noch vor Verlauf zweier Stunden wieder, und
brachten vor die Madame von Barlei diesen erwünschten Bescheid zurück: »Dass der
Madame von Barlei vollkommene Erlaubnis erteilet wäre, im Nahmen der
hochheiligen Dreifaltigkeit auf dieser Insul bei uns zu bleiben, so lange es ihr
gefällig wäre. Auser dem sollte sie von dieser Stunde an, vor keine Einkömlingin,
etwa angesehen und gehalten werden, im Gegenteil aber alles Recht geniessen,
dessen sich die Gross-Felsenburger zu erfreuen hätten, so wohl als ob sie auf
dieser Insul geboren und erzogen wäre; wie sie denn ein jeder von uns, er sei
männliches oder weibliches Geschlechts, dergestalt achten und halten sollte, als
ob sie eines jeden leibliche Schwester wäre etc.«
    Dieser Bescheid verursachte in dem Hertzen unserer Frauenzimmer eine
ungemeine Freude, als welche die neu eingenommene Schwester Wechselweise
dermassen umarmten, hertzten und küsseten, dass es fast zu verwundern, wie diese
solche übermässige Liebkosungen ausstehen konnte.
    Da nun Mons. Litzberg und andere mehr das Frauenzimmer so auserordentlich
lustig sahen, wurden dieselben auf einen grossen Saal geführet, und ihnen
daselbst eine unvergleichliche Vocal- und Instrumental Musique gemacht, denn ich
kann ohne eitle Prahlerei teuer versichern, dass sich unsere Felsenburgischen
Musici, so wohl Vocal- als Instrumentalisten seit wenig Jahren in der Musique
dergestalt gebessert, dass viele unter ihnen manchen so genannten Virtuosen in
Europa beschämen sollten, woraus denn abzunehmen, dass der Natur, wie man spüret,
fast alles möglich ist, zumahlen, wenn Lust und Liebe zu einer Sache bei einem
tüchtigen Subjecto vorhanden sind. Demnach weilen zumahlen von unserm
Frauenzimmer immer Wechselsweise die schönsten und auserlesensten moralischen
Cantaten, auch andere Arten von Composition abgesungen wurden, ging die Nacht
darüber hin, und der Tag begunte schon anzubrechen, ehe wir uns dessen versahn;
doch fand sich niemand unter uns allen, der die gehabte Lust und das Vergnügen
bereuete, welches wir in abgewichener Nacht genossen hatten.
    Des folgenden Morgens, da sich die Aeltesten und Vorsteher, so wohl als auch
die Hrn. Geistlichen beim Regenten auf der Alberts-Burg zum Tée eingefunden,
schickte der Regente auch an uns übrigen, vom so genannten engern Ausschusse,
und liess uns auf den Tée zu sich bitten, indem er mit einem und andern etwas
notwendiges zu sprechen hätte; demnach säumeten wir nicht, uns bei ihm
einzustellen. Es folgten also dem Capitain Wolffgange und mir noch viele andere,
als Mons. de Blac, Litzberg und andre Einkömmlinge, auch kam der Capitain Horn
Sen. als wenn er geruffen wäre, und berichtete, wie er gestern abermals eine
Visitation der von ihm mitgebrachten Leute angestellet, und dieselben in voller
Lust und Vergnügen angetroffen, woraus zu schliessen, dass ihnen die Lebens-Art
auf der kleinen Insul eben nicht übel gefallen müste.
    Der Regente und alle Beisitzer lobten seinen Fleiss in Besorgung unseres
Besten, und gaben anbei zu vernehmen, wie sie allerseits nicht wüsten, womit sie
ihm eine rechte angenehme Gegen-Gefälligkeit erweisen könten. Alles, was,
(versetzte hierauf der Capitain Horn Sen.) ich bis auf diese Stunde zum Nutzen
und Wohlstande dieser Insul Felsenburg nach meinem wenigen Vermögen etwa
beigetragen habe, solches hat diejenige Schuldigkeit erfordert, worzu ich mich
gleich von Anfange unserer Bekanntschaft anheischig und verbindlich gemacht,
auch so gar des allerkleinesten Kindes Bestes, nach meiner menschlichen
Möglichkeit zu befördern; derowegen haben meine allerseits höchst- und
hochgeehrteste Herren, Obern, Freunde und Brüder, sich nicht die geringste Mühe
zu geben Ursach, mir einige Gegen-Gefälligkeiten zu erweisen, es sei denn, dass
dieselben allerseits meinem lieben Freunde und Bruder, Eberhard Julio,
einstimmig auferlegen wollten, mir eine umständliche Nachricht zu geben von allen
dem, was seit meiner Abwesenheit auf dieser Insul und was darzu behörig ist,
vorgegangen.
    Wie nun so wohl der Regente, als die andern alle mich, Eberhard Julium,
inständig baten, des Capitains Verlangen zu erfüllen, als fieng ich die
Fortsetzung dessen, was ich ihm bereits gemeldet, folgender Gestalt an:
    Ich zweiffele fast, mein wertester Freund und Bruder, dass ihr nach eurer
letztern Abreise von uns kaum etwa die Linie erreicht habt, als wir wegen des
beständigen Sturm-Wetters eurentwegen sehr besorgt waren, und um so viel desto
fleissiger vor euch und eure Reise-Geferten beteten, weiln ein beständiger
Nord-Wind dergestalt tobte, als man sich seit langer Zeit nicht zu entsinnen
wusste, es währete derselbe mit seinem Wüten fast bis in die dritte Woche, und
wir bekamen dadurch von Tage zu Tage ein erstaunliches Stück Arbeit, weilen die
Wellen alle Nächte dergestalt viel von zerscheiterten Schiffen auf unsere
Sand-Bäncke und an den Fuss unsers Felsens geführet, dass wir immer mehr und mehr
aufzuräumen bekamen, ja, mit wenig Worten zu sagen: unserer bevorstehenden
Arbeit kein Ende sahen; Jedennoch liessen wir uns endlich dieselbe anzutreten
nicht verdrüssen, sondern es machte sich Alt und Jung von beiderlei Geschlechte
mit gröstem Eifer daran, da wir denn die auserlesensten, besten und kostbarsten
Sachen immer nach und nach in die Höhe auf die Insul brachten; das Mittel-Gut
und Waaren verschiedener Sorten aber, so wir nicht eben allzu höchstnötig
brauchten, brachten wir unten in die Klüffte des Felsens, und weilen die Menge
des Holtzes von zerscheiterten Schiffen dergestalt gross war, dass wir selbiges
bald unmöglich alles auf die Insul bringen konten, so liessen wir vieles liegen,
wo es lag, hergegen wurde so wohl bei Tags als Nachts-Zeit unten am Fusse des
Felsens auch eine ganz erstaunliche Menge verbrannt, weilen es wegen des
heftig tobenden Nord-Windes eine so grimmige Kälte war, dass wir des Feuers
nicht wohl entbehren konten. Es ist nicht zu läugnen, dass wir um diese Zeit
entsetzliche Schätze an Gold, Silber, Perlen, Edelgesteinen von mancherlei
Sorten auffischeten, und auf die Insul schafften; was nun die Pack-Fässer,
Ballen und verwahrten Kisten anbelangete, so bedeckten wir damit das Land vor
Davids- und Alberts-Raum bis zur Burg des Regenten, dergestalt, dass fast kein
Apffel dazwischen auf die Erde fallen konnte. Demnach hatten unsere Obern zu
steuren und zu wehren gnug, um das Volck von der Arbeit abwendig zu machen,
weilen wir ja alles dessen im grösten Uberflusse hätten, was sie mit so
blutsaurem Schweisse herauf brächten. Unter der Zeit war Mons. Plagern und
seinen Mit-Gehülffen die Lust angekommen, Glocken zu giessen, und zwar aus
dieser Ursache, weilen sich in einem Teile unserer Ertz-Gebürge ein so
vortreffliches Metall befände, welches sich unvergleichlich schön zum
Glocken-giessen schickte, wie sie denn auch 6. schöne Glocken gegossen, deren
zum Teil einige noch unaufgehenckt zu sehen sind. Da diese Giesserei ihnen so
wohl von statten gegangen, versuchten sie auch Canonen von verschiedener Grösse
zu giessen, in welchen sie so glücklich, jä fast noch glücklicher waren, als im
Glocken-giessen, indem sie 12. unvergleichliche Canonen von verschiedener Grösse
zu Wege brachten, ingleichen 8. Feuer-Mörser, um Bomben daraus werffen zu
können, auch gossen sie eine gewaltige Quantität Kugeln von verschiedener
Grösse. Das Bomben-giessen, welches doch eine schlechte Kunst zu sein scheinet,
wollte ihnen anfänglich gar nicht gelingen, jedoch da ein eintziger unter den
Künstlern plötzlich hinter den Vorteil kam, gossen sie binnen 14. Tagen mehr
als 2000. Bomben, ebenfalls von verschiedenem Gewichte oder Grösse. Wir brachten
also die neu gegossenen Canonen zum Teil ins Zeughaus, zum Teil aber oben auf
die Höhen, bei die Schilder-Häuser, und nahmen die alten genug gebrauchten davor
mit zurück herunter, wie denn die Feuer-Mörser auch nach 3. Gegenden zu
eingeteilet wurden, ausgenommen 2. welche auf der Alberts-Burg liegen blieben.
Bei jeglicher Station wurde eine hinlängliche Menge Bomben und Kugeln hingelegt,
nicht anders, als ob wir uns eines feindlichen Angriffs und Belagerung zu
besorgen hätten. Unterdessen sperreten alle Felsenburgische Einwohner, fast die
Mäuler und Nasen auf, als sie uns die Probe mit den Bomben nach der kleinen
Insul hin, ingleichen gegen Norden nach den Sand-Bäncken zu, machen sahen, wie
wir denn auch verschiedene zur Lust in die offenbare See spieleten, und darinnen
versincken liessen. Es hatten weder der Regente, noch unsere Aeltesten,
ingleichen die Herrn Geistlichen sonsten keine besondere Wissenschaft von der
Bomben-Spielerei, als was sie etwa aus Büchern gelesen, jedoch will ich es Zeit
meines Lebens nicht vergessen, dass Herr Mag. Schmeltzer Sen. eines Abends, da er
Mons. Plagern von ohngefähr antraf, also zu ihm redete: Mein Bruder! eure Kunst
ist Lobens- und Rühmens wert, allein GOtt verhüte, dass wir nicht erleben,
selbige anders, als zur Lust und gegen keine Feinde zu gebrauchen. Ich sage noch
einmal, GOtt verhüte dieses, denn in meinem Lande, wenn die jungen Knaben mit
Drommeln und Gewehr das so genannte Soldaten-Spiel zu spielen anfangen, machen
sich die Alten so gleich sorgsame Gedancken wegen eines bevorstehenden Krieges.
Wie wir nun Herrn Mag. Schmeltzern, weilen wir in unsern Jugend-Jahren ebenfalls
dergleichen erfahren, und zwar, dass zum öfftern ein blutiger Krieg darauf
erfolgt, wohl Recht gaben, so hätten wir unsers Ort eben doch noch keine Ursach,
uns sorgsame Gedancken wegen eines Kriegs zu machen, zumahlen, da wir uns
täglich ja stündlich im Stande befänden, unsern Feinden Wiederstand zu tun.
Wohl gut, mein Bruder! (gab Hr. M. Schmeltzer darauf zur Antwort) Felsenburg ist
mit recht eine Capital-Vestung zu nennen, aber nur ewig Schade, dass sie nicht
mit Ketten am Himmel hanget, auch habe ich an der Garnison ganz und gar nichts
auszusetzen, weilen dieselbe aus lauter tapffern Leuten bestehet, so wohl
männliches als weibliches Geschlechts, allein, wenn Verräterei und List mit ins
Spiel kömmt, so hat man nicht ein, sondern viele Exempel, dass auch die
allervestesten Berg-Schlösser sind überrumpelt und erobert worden.
    Ich kann nicht anders sagen und glauben, als dass Herr Mag. Schmeltzer damahls
gegen mich und viele andere noch bei mir stehende dessfalls einen rechten
Propheten-Geist gehabt, denn was darauf erfolgte, will ich bald vollends
erzählen, vorjetzo aber nur so viel sagen, dass wir wenig Tage hernach dieses
Gespräch, wie man zu sagen pflegt, bald wieder verschwatzten, und fast gar nicht
weiter daran gedachten, sondern unser Gebet und Arbeit, wie sonst gewöhnlich,
verrichteten, im übrigen den lieben GOtt walten liessen.
    Nachdem aber das bisherige grausame Sturm-Wetter sich gäntzlich gelegt, und
wir eine ganz stille Lufft, zwischen Westen und Norden daher streichend,
empfanden, so besänftigten sich auch unsere Gemüter wieder, zumahlen, da wir
uns nach so entsetzlichen Stürmen eines angenehmen Frühlings und darauf
folgenden ebenmässig lieblichen Sommers getrösteten. Wir hatten diese Hoffnung
ganz und gar nicht umsonst, indem es die alles erquickende Sonne, dem gemeinen
Sprichworte nach, dergestalt gut mit uns meinte, dass wir dem Allerhöchsten, vor
dieses grosse Wunder-Geschöpffe, auch dessen Krafft und Würckung zu loben und zu
preisen, in unsern Seelen ermuntert wurden, und recht darnach lieffen,
sonderlich die Kinder, welche sich eine besondere Freude daraus machten, wann
sie die Sonne konten auf- und niedergehen sehen. Bei solcher Gelegenheit
bemerckten wir nach etlichen Tagen, dass allezeit früh, wenn sich die Sonne aus
dem Ost-Meer erhub, um uns mit ihren holden Strahlen zu ergötzen ein gewaltiger
Schwarm grosser Vögel, die noch etwas, ja ein sehr vieles grösser, als die
wilden Endten waren, von der Gegend zwischen West-Nord daher gezogen kamen, und
ihren Flug nach dem Süd-Pol über unsere Insul hinnahmen.
    Anfänglich, oder in den ersten 20. bis 30. Tagen bemerckten wir, dass
dieselben nur in eintzelnen Schaaren geflogen kamen, deren Zahl ohngefähr von
etliche 100. starck sein mochte, weilen dieselben zu zählen, eine fast
unmögliche Sache zu sein schien, jedoch sahen wir, dass eine jede Schaar
derselben, ihre Abteilung und Einteilung ungemein wohl observirte, wie denn
auch eine jede solche Schaar ihre besondern Führer hatte, welche gemeiniglich
als ein Kleeblat voraus gezogen kamen, und etwas grösser und wichtiger zu sein
schienen, als die hinter ihnen folgenden gemeinen Vögel, jedoch sah man
klärlich, dass einige, welche ihre besondern subdivisiones führten, ebenfalls
etwas grösser von Gestalt waren, welche Gestalt man aber wegen der gewaltigen
Höhe mit dem Gesichte auch nicht einmal mit den Fern-Gläsern genau in Obacht
nehmen konnte. Wie nun nach Verlauf beinahe eines ganzen Monats die Schaaren,
deren wir einige über 1000. Stück starck schätzten, sich alle Morgen und Abende
bei Auf- und Niedergange der Sonnen immer näher und näher an einander schlossen,
so verdunckelten sie die Lufft und den Himmel dergestalt, dass wir, wenn die
Haupt-Armée gezogen kam, auch noch bei hellem lichten Tage weder schreiben noch
lesen konten, sondern in einer würcklichen Demmerung zu sitzen uns mussten
gefallen lassen. Da die von mir so genannte Haupt-Armée über unsern Horizont
fort passirt war, kamen in etlichen Tagen hernach nur einzelne Schaaren gezogen,
welche meines Erachtens eine so genannte kleine Arrier-Guarde vorstellen sollten.
Wie nun mir der unordentliche Appetit gleich vom Anfange dieses Vogel-Zuges
angekommen war, dererselben einen oder etliche zu schiessen, so ärgerte mich
aber dabei nur dieses, dass sie sich mir zu dem Schusse in der Lufft nicht in
etwas niedersencken, geschweige denn sich gar auf den Erdboden niederlassen
wollten, vielmehr ihre Sicherheit in der ihnen, nach ihrem Geruch und Geschmack
temperirten Lufft fort und fort suchten. Auser dem fanden sich einige
Abergläubige, die da gern wollten läuten hören, aber noch nicht alle wussten, wo
unsere Glocken hiengen, zumahlen die letztern neuen und sehr wohlgeratenen
Glocken noch nicht einmal alle aufgezogen, und an gehörigen Ort und Stelle
gebracht waren. Wie nun aber gemeiniglich ein Aberglaube den andern zu Hülffe
rufft, die Geister der Menschen zu verwirren, so wurde mir auch von den Obern
und Hn. Geistlichen sehr verübelt, wenn ich den so genannten Frevel begehen, und
nur einen eintzigen von diesen fremden Vögeln zu schiessen, mich unterfangen
würde, indem dieses eine Sache wäre, die uns allen zum allergrösten Schaden und
Verderben gereichen könnte.
    Was dieser Sache wegen, ob nämlich bei solchen fürchterlichen Zeiten, so
wohl dieser Art Vögel, als Verkündiger göttlicher Straff-Gerichte vorsetzlicher
und freveler Weise todt zu schiessen, billig, christlich und ratsam sei? unter
uns nachhero vor öfftere ordentliche so genannte Disputationes gehalten worden,
will ich vorjetzo nicht eben weitläufftig melden, sondern nur einen jeden
fragen: ob, wenn uns GOtt Heuschrecken, Frösche, Kröten und anderes Ungeziefer,
von vielerlei Arten, zum Schrecken und Züchtigung zuschickt, wir uns ein
besonderes Gewissen machen sollten, eine solche Heuschrecke, Maus, Ratte Kröte,
Schlange, oder was es sonsten vor eine Art von Plage-Geistern sein möchte, zu
ertreten, zu erspiessen, zu verbrennen, oder auf allerhand anderer Manier, um
ihr uns schädlich scheinendes Leben zu bringen.
    Ich kann nicht leugnen, dass mir die Herrn Teologi in den meisten Stücken
ziemlicher Massen überlegen waren, welches ganz und gar nicht zu verwundern
ist, indem ich mich beides vor einen schlechten Philosophum, und noch
schlechtern Physicum auszugeben die vollenkommenste Ursache habe.
    Dieses aber sei vor dissmahl bei Seite gesetzt, denn ich will nichts anders
reden, als die Wahrheit, wie es mir nämlich damahls nicht anders erging, als wie
unserer Ur-Gross-Mutter der Eva im Paradiese, welche nicht eher Friede und Ruhe
zu haben vermeinte, bis sie den verbotenen Apffel im Munde, oder wohl ganz und
gar im Leibe hatte; Ohngeachtet ich nun kein Frauenzimmer, sondern bekannter
Massen eine Manns-Person bin, so erstreckte sich die Lüsternheit doch dergestalt
einiger Massen über meine gesunde Vernunft, dass ich weder Tag noch Nacht ruhen
noch rasten konnte, bis ich mir, meiner Einbildung nach, das eintzige Vergnügen
geschafft einen solchen Vogel in meinen Händen zu haben und zu rupffen. Demnach
liess ich 3. leichte Stückgen-Geschütz, die ich mit Cartetschen laden konnte,
unten an den Fuss unsers Berges bringen, eben so viel pflantzte ich auf die
Alberts- und noch so viel auf die Davids-Raumer-Höhe, bestellete mir auch
getreue Leute und Anhänger, die vermittelst ganz leichter Boote, die Vögel,
wenn ich deren ja allenfalls einige treffen sollte, aus der See sogleich herauf
langen möchten.
    Dieses alles aber stellete ich in gröster Geheimnis an, damit die Aeltern
von unserm Vorhaben nichts erfahren sollten, indem es ihnen zu wissen ohne dem
dieses mahl eben nicht nötig zu sein schiene. Auch muss ich nicht zu melden
vergessen, dass der Capitain Wolffgang, Mons. Blac und Mons. Litzberg eben
dergleichen leichte Stücke, woraus man vortreffliche Cartetschen schiessen
konnte, auf einige Sand-Bäncke pflantzen lassen, sich so wohl als ich, und zwar
abgeredeter Massen, selbst mit einiger Mannschaft dahin begeben hatten; demnach
wollten wir auf beiden Seiten unser Glück erwarten, ob es nämlich denen, die oben
auf dem Felsen stunden, oder denen, so unten auf den Sand-Bäncken sich befänden,
am allergeneigtesten sich erzeigen wollte.
    Wir, die wir die oberste Nummer auf dem Felsen genommen hatten, gaben zwar
so wohl Achtung auf die Ankunft der Vögel, mussten aber geschehen lassen, dass
die unten auf den Sand-Bäncken glücklicher waren, als wir, indem nach Losszündung
dreier Geschütze eine ungezählte Anzahl von Vögeln gefallen, von denen sie uns
aber nicht mehr als 11. Stück, und zwar gleich mit Aufgang der Sonnen herauf
schickten, um uns, so zu sagen, zu braviren, dass wir nicht auch Feuer gegeben,
und etwas getroffen hätten.
    Mir war nur lieb, dass ich einen, oder etliche von dieser Art Vögeln zu sehen
bekam, indem mich, wie schon gemeldet, weit mehr darnach gelüstert, als einer
auf schwerem Fusse gehenden Frau; Jedoch, wir, auf dem Felsen Laurende, waren
dennoch auch so glücklich, in 4. Schüssen so viele herunter zu schiessen, dass
davon 6. Stück aufgefischt, und zu uns gebracht werden konten.
    Nun war mein sehnliches Verlangen zwar in diesem Stücke gestillet, allein
ich konnte mich dennoch nicht eher zufrieden geben, bis ich diese Vögel, mit
Beihülffe Mons. Cramers und anderer, erstlich von aussen sehr bedachtsam
gerupfft, nachhero von innen recht nach der Kunst anatomiret hatte. Da wir denn
befanden, dass sie alle, einer so wohl als der andere, (NB. Hier muss ich melden,
dass meine Consorten und ich auf dem Felsen so glücklich gewesen, einen so
genannten Officier oder Anführer des Heers zu treffen) eine feuerfarbene Krone
oder Feder-Fusch auf den Häuptern trugen, denn hierinnen war so wohl bei den
grossen als kleinen kein Unterscheid. Nächst dem hatten dieselben einen aus dem
Kopfe heraus ragenden Schnabel, so wie fast eine Gans bei uns zu haben pflegt,
nur um ein gut Teil länger, in welchem Schnabel inwendig eine Art von Zähnen
befindlich, welche mit den Zähnen oder Kienbacken der Hechte eine grosse
Gleichheit haben. Auf beiden Seiten der Kienbacken unter den Augen sah man zwei
recht zierliche und auch recht sehr scharffe kleine Schwerdterchen hervor gehen,
welche sie so schnell bewegen konten, als man ein Scheer-Messer in seiner
Schaale und Angel zu bewegen pflegt. Der Hals zeigte sich bund, als: grün, gelb,
rötlich und blaulich durch einander vermischt. Die Brust Aschfarbe und der
Bauch mit lauter schönen weissen Federn bewachsen. In den Flügeln fanden sich
die schönsten Spulen, die man sehr wohl zu Schreibe-Federn gebrauchen konnte, und
der Schwantz machte so wohl, als die Flügel eine ungemeine Parade, wenn
dieselben ausgebreitet wurden, indem die Federn so wohl im Schwantze als in den
Flügeln in recht artiger Verwechselung stunden, nämlich rot, grün, gelb, blau
etc. so dass wir unser Vergnügen daran hatten, dieselben, ohne ihnen die Haare
abzustreiffen, zum Gedächtnis dieser Sache, mit gröster Behutsamkeit
aufzutrocknen und zu verwahren.
    Wie glücklich nun aber unsere Vogelschiesserei auch abgelauffen war, so
mussten wir uns doch alle gefallen lassen, von unsern Obern und Aeltesten einen
kleinen Wischer oder Verweis einzunehmen, denn ob sie die besondern Vögel gleich
mit gröster Verwunderung betrachteten, und deren Zierlichkeit nicht gnugsam
rühmen konten, so blieben sie doch bei dem Aberglauben, dass es weit besser wäre
getan gewesen, wenn wir alle dieselben ungestöhrt hätten ihres Weges ziehen,
und sie ihr vorgesetztes Ziel erreichen lassen, zumahlen, da es eine Art von
Vögeln, die uns sehr wenig, oder wohl gar keinen Schaden, weder an den
Feld-Früchten, noch Wohnungen verursachen können. Wir Vogel-Schützen aber
liessen alles dieses zu einem Ohre hinein, und zum andern wieder heraus gehen,
wurden auch, ich weiss selbst nicht warum, immer hitziger auf das
Kriegs-Handwerck.
    Demnach legte Monsieur Plager noch eine ganz neue Fabrique an, allerhand
Hand-Gewehr zu verfertigen, als worzu er in einem Tage mehr als 20. Gesellen und
Lehr-Pursche zu übernehmen bekam indem diese alle ganz besondere Lust zu
dergleichen Profession bezeigten, und sich recht darzu drungen. Auch wurde das
Mörser, Bomben, Granaden und Kugel- von mancherlei Grösse, vom gemeldten
Monsieur Plagern und seinen Gehülffen, auch zum öfftern so gar bei Nachts-Zeit
fortgesetzt um einen recht wichtigen Vorrat herbei zu schaffen, und wenn man
ihn fragte: worzu ein so starcker Uberfluss dienen sollte? gab er gemeiniglich zur
Antwort: Ists noch kein Danck, dass ich unsere Zeughäuser anfülle? was wir nicht
brauchen, können vielleicht wohl unsere Kinder und Nachkommen nötig haben, denn
man kann nicht wissen, wie sich die Zeiten ändern, ists nicht eher, so geschichts
vielleicht nach unserm Tode.
    Solcher Gestalt wurden binnen weniger Zeit unsere Zeughäuser dergestalt
angefüllet, dass fast kein Platz und Raum mehr vorhanden war, wo das grobe
Geschütz stehen sollten, ja, es war kein leerer Haacken oder Nagel anzutreffen,
an dem nicht eine Büchse, Flinte, Pistole etc. Palläsche und andere dergleichen
Gerätschaft hieng, wie es denn bis diese Stunde noch also beschaffen und
anzutreffen ist.
    Endlich aber wurde die martialische Arbeit bei Seite gesetzt, hergegen
bemühete sich ein jeder Hauswirt, alles das, was ihm in seinem Hause, Gärten
und Feldern zu Schaden gekommen, wieder in behörige Ordnung zu bringen, damit
wir den Frühling und Sommer desto vergnügter leben könten, da man zu sagen
pflegt: nach vorher getaner Arbeit ist gut ruhen.
    Allein der Höchste hatte vor diesesmahl, nach seinem gnädigen Wohlgefallen,
und zwar noch deutlicher zu sagen, wohl ehe unserer Sünden wegen, in seinem
Zorne beschlossen, unsere stoltze Ruh abermals zu stöhren, und uns zu zeigen,
dass er als der Allmächtige über uns lebte, und nach seinem Gefallen mit uns
umgehen könne, wie er nur immer selber wolle.
    Dieses konten wir zu allererst aus dem Berichte eines
Davids-Raumer-Schild-Wächters bemercken, als welcher zu vernehmen gab, dass man
nun schon seit 2 bis 3. Tagen her in der Gegend der Sand-Bäncke ein Schiff herum
irren sehen, weilen es aber keine Not-Schüsse getan, so hätte auch er
Bedencken getragen, auf der Insul Lerm zu machen, zumahlen, da gedachtes Schiff
nur ein und andere Waaren aufgefischt. Capitain Wolffgang, ich und noch
verschiedene andere mehr bestiegen derowegen die allerhöchste Davids-Raumer
Klippe, und wurden so gleich gewahr, dass es eine leichte Fregatte wäre, von
welcher wir zwar die gelben Flaggen, keines wegs aber die darein gemahlten
Wappen weder mit unsern Fern-Gläsern, viel weniger mit den blossen Augen
eigentlich zu erkennen vermögend waren. Indem wir nun diese Fregatte immer
zwischen den Sand-Bäncken herum treiben sahen, und nicht wussten, was solches zu
bedeuten hatte, kamen wir derselben mit unserer Höflichkeit zuvor, und löseten 2
Canonen, zum Zeichen, dass Menschen auf diesem Felsen vorhanden wären, welche,
wenn sich vielleicht Notleidende darinnen befänden, ihnen zu Hülffe kommen
könten. Es wurde uns demnach so gleich mit 3 Canonen-Schüssen geantwortet, und
ein Boot von derselben ausgesetzt, worinnen sich 3. Männer befanden, die
allerhand Zeichen von sich gaben, dass sie gern Sprache mit uns halten möchten.
    Demnach setzten sich Herr Wolffgang, ich und noch ein Mann auch in eine
Chalouppe, und fuhren ihnen auf den halben Weg entgegen, da sie denn ganz
sanfte ruderten, und uns zu vernehmen gaben, wie sie Portugiesen, und im
verwichenen Sturme verunglückt, auch in solchen elenden Zustand geraten wären,
dass sich nur noch ohngefehr bis 30. gesunde Leute unter ihnen befänden, baten
demnach, wenn wir, wie es das Ansehen hätte, Christen-Leute wären, ihnen die
Barmhertzigkeit zu erzeigen, und sie aufzunehmen, auch mit Speisen und Geträncke
zu erquicken, wovor sie uns denn gern alles ihr noch übriges weniges Vermögen
zustellen wollten. Hierauf erteileten wir ihnen zur Antwort: dass wir nicht
allein gute Christen, sondern auch bereit und willig wären, sie nach unserm
besten Vermögen, ohne einiges Entgeld gern mit allen Bedürffnissen zu erquicken,
nur aber dieses einzige bäten wir uns aus, nicht zu begehren sie in unsere
Hütten zu führen, weiln wir nicht wissen könten, ob sie etwa eine böse
ansteckende Seuche oder Kranckheit von der weiten Reise mit anhero brächten;
jedoch sollten sie uns auf eine ohnweit von hier gelegene kleine lustige Insul
folgen, sich auf derselben vortrefflich fruchtbarn Lande, nach ihrer
Bequemlichkeit, Hütten bauen, im übrigen aber vor weiter nichts im geringsten
Sorge tragen, weilen ihnen noch vor Nachts; vor erst ein hinlänglicher Vorrat
von den besten Lebens-Mitteln vor noch einmal so viel Personen, als sie
angäben, bis auf weitern Bescheid, sollte zugeschickt werden. Es schien dieses
ein unvergleichlich angenehmer Ton in den Ohren dieser Leute zu sein, indem sie
sich in allergröster Geschwindigkeit, uns zu folgen fertig machten, da wir sie
denn gar bald nach der Insul Klein-Felsenburg hinüber brachten, ihnen die
Stellen anwiesen, wo ehedem ihre Landes-Leute sich wohl gepflegt, und eine
ziemliche Zeit darauf zugebracht hätten, worbei wir vernahmen, dass einige unter
ihnen hiervon schon einige Wissenschaft haben wollten, oder sich zum wenigsten
dessen berühmten; allein wir liessen dieses, um alle unnötige
Weitläufftigkeiten zu vermeiden, vor diesesmal an seinen gehörigen Ort gestellet
sein, wiederholten nach getaner Anweisung nochmahls unser Versprechen, ihnen
bestmöglichst hülffliche Hand zu leisten, als worvon sie noch heute die Würckung
vor Mitternachts empfinden sollten, schieden darauf von ihnen, und seegelten nach
Gross-Felsenburg zu, nachdem wir solchergestalt wirklich ein neues Lazeret in
Klein-Felsenburg angelegt, welches aus 1 Capitain, 1 Subaltern, 53 Unter-
Officiers und Gemeinen bestunde, ohne etliche Personen, Weiber u. Kinder, auch
allerlei liederlichen Gesindels. Demnach sahen wir nun wohl, dass uns die Hrn
Gäste ihre Liste ziemlicher Massen falsch gemacht hatten, indem wir solcher
Gestalt viel mehr zur Fütterung antraffen, als sie angegeben, allein wir liessen
es auch darauf nicht ankommen, zumahlen wir wussten, dass unsere Obern nicht so
gar genau mit Lebens-Mitteln, auch so gar gegen die Heiden waren.
    Dem Regenten und allen Wohlgesinneten gefiel es bei unserer Zurückkunft
ganz ungemein, dass wir barmhertzige Samariters agirt, und diese Bedrängten in
so weit an- und aufgenommen hätten; demnach wurde der Befehl gegeben, diesen
Bedrängten beizuspringen, und sie aufs aller bestmöglichste zu versorgen.
    Der Felsenburgischen Art nach, seinem Nächsten nach menschlichen, geschweige
denn Christlichen Vermögen, wohl zutun, wurde ganz und gar im geringsten
nichts gesparet, diese neu-angekommenen Gäste zu bewirten und zu verpflegen;
ja, in Wahrheit, es wurde ihnen so gleich ohne den geringsten Zeit-Verlust, eine
so starcke Menge, und zwar von unsern allerbesten Speisen und Geträncke auf 3.
Booten zugeführet, worbei sich denn auch verschiedene Sorten von Delicatessen
oder Lecker-Bissgen eingemachte Sachen, Obst und dergleichen vor die Krancken zum
Labsale befanden.
    Sie nahmen anfänglich alles mit bewundernswürdiger Danckbarkeit an, pflegten
und warteten sich bei der angenehmsten Witterung aufs allerbeste, wobei denn
auch unsere Felsenburgischen Herrn Chirurgo-Medici ein ziemliches Stücke Arbeit
fanden, weilen sich viele gefährliche Patienten unter ihnen hervor taten,
vornemlich aber der Capitain der Fregatte, welcher an einer so genannten
Galanterie-Kranckheit aufs heftigste laborirte. Jedoch nicht allein dieser,
sondern auch alle die andern, (so dass nicht ein eintziger von ihnen crepirte)
wurden binnen kurtzer Zeit, und ehe sie es selbst vermeint hätten, vollkommen
glücklich curirt und gesund hergestellet, so, dass sie nach Verlauf eines Monats
herum hüpften, wie die Lämmer. Nun hätte zwar der Artzt den bekannten Vers aus
dem Juvenali hersagen können:
        Ingratus labor, quem præmia nulla sequuntur;
    allein er schwieg stille darzu, dieweilen er weder Geld noch Gold vonnöten
    hatte oder brauchen konnte; wir andern Felsenburger aber konten und mussten
    nach weniger Zeit diese Worte ausruffen:
        Ingrato homine terra nihil pejus creat.
    als welche zu untersuchen, ich auch so gar einem vernünftigen Heiden anheim
    gebe.
    Allein, bei der Haupt-Sache zu bleiben, so passirte abermals wenig Tage
hierauf ein besonderer Streich, denn da, wio gesagt, die Herren Portugiesen sich
alles sehr wohl gefallen lassen, indem wir dieselben, ja recht über die Gebühr
tractirten, rapportirte der Schild-Wächter, der auf Davids-Raum stunde, dass ihm
in dem engen Wege nach der See hinunter in verwichenen Mitternachts-Stunden
etwas begegnet hätte, welches, wie er vorhero vielmahl gehöret, einen Laut von
einer Menschen Stimme von sich hören lassen, nachhero einigemahl etliche
unvernehmliche Worte geredet, worauf er dieses Ding, welches er vor ein Untier
gehalten, indem es ihm als auf allen Vieren entgegen gekrochen vorgekommen wäre,
auch nicht anders gekruntzet hätte, als eine Sau, zu verschiedenen mahlen in
allen ihm bekannten Sprachen, mit den Worten: Wer da? wer bist du? gib dich zu
erkennen, oder ich schiesse dich auf den Kopf, angeruffen hätte, weilen er aber
weiter keine Menschen-Stimme, noch Antwort, sondern nur ein beständiges
Schweins-Gruntzen vernommen, so wäre ihm, zumahlen bei solcher fürchterlichen
Zeit endlich bange worden, hätte Feuer auf das Untier gegeben, als welches er
bei dem Glantze der Sterne nur in etwas vor sich weblen gesehen. Er hoffe (sagte
der Schildwächter ferner) in diesem Stück seiner ihm gegebenen Ordre
nachgekommen zu sein, und verlange weitere Untersuchung dieser Sache.
    Wir untersuchten, so bald der helle lichte Sonnenschein angebrochen, die
Sache etwas genauer, und fanden den Erschossenen, etliche 20. bis 30. Schritt im
ausgehauenen engen Wege liegen; Bei noch fernerer Nachsuchung entdeckten wir 2
verunglückte Manns-Personen in leinenen Kitteln, bloss mit Seiten-Gewehr und
Pistolen versehen, zwischen den Klippen und Felsen-Rissen steckend, und
vermeinten anfänglich nicht anders, als dass sie Hals und Beine gestürtzt und
zerbrochen hätten, allein, da wir ihnen heraus und in die Höhe halffen, erholten
sie sich bald wieder, der Blessirte aber, welcher solcher Gestalt fast
blindlings durch den Unterleib getroffen war, musste auf der Stelle seinen Geist
aufgeben, jedoch wir gaben uns die Mühe, ihn so säuberlich als möglich, hinunter
auf die Insul zu schaffen, als wohin wir auch die beiden lebendigen Gefangenen
mitnahmen, und dieselben anfänglich in aller Güte ausforscheten, was sie denn
wohl immer mehr bewogen hätte, sich an solche gefährliche Örter und
unersteiglichen Klippen zu begeben? da sie denn, und sonderlich der Blessirte so
gleich in den ersten Verhören bekannten: dass sie alle 3. würckliche Spions
wären, welche diese Insul einer gewissen Potenz verraten, und in die Hände
spielen sollten. Wir redeten ihnen sehr freundlich und gütig zu, um damit den
Verdacht zu benehmen, als ob wir ihnen etwa Leid zufügen, und das
Spions-Trinck-Geld geben wollten, machten uns auch bis dahin keine kümmerlichen
Sorgen, sondern verpflegten sie aufs beste, liessen uns auch ganz und gar
nichts von allen dem mercken, was in diesen Tagen vorgegangen wäre;
    Allein die Gestalten verwandelten sich unverhofft gar anders, indem wir nach
etlichen Tagen 3. wohl ausgerüstete Kriegs-Schiffe gegen unserer Insul
Gross-Felsenburg liegen und laviren sahen. Sie dreheten und wendeten sich darauf
bald hier, bald dort hin, als ob sie vielleicht etwa gesonnen wären, die Strasse
nach Ost-Indien zu suchen. Da wir dieselben nun ebenfalls vor Portugiesische
Schiffe ansahen, und eben nicht vor ratsam hielten, ihnen mit unserer
Höflichkeit entgegen zu kommen, zumahlen da wir bemerckten, dass alles stille
zuging, und wir von ihnen mit nichts begrüsset wurden, so hielten wir uns auch
so stille, wie die Mäuse.
    Endlich am dritten Tage, nachdem sie lange genug vergeblich herumgewebelt,
taten sie 3. Canonen-Schüsse, um vielleicht Menschen zu sich zu locken, allein
wir hielten uns noch einige Tage ganz stille, bis ihre zweite Canonade so viel
bei uns würckte, dass wir ihnen behörig antworteten, auch ihnen eine Chalouppe
entgegen schickten, worinnen sich Herr Wolffgang, Mons. de Blac und noch eine
gewisse Person nebst mir befanden.
    Der Capitain des vordersten Portugiesischen Schiffs liess uns salutiren, und
da er die Parole von sich gegeben, ein freies und aufrichtiges Gespräch mit uns
zu halten, auf seinem Schiffe bewillkommen, und zwar unter vielen
Ehren-Bezeugungen, worauf er uns in seine besondere Cajüte einzusteigen bat, als
welche fast Königlich ausgezieret, wie denn auch er der Capitain selbst ein sehr
ansehnlicher und ziemlich hochtrabend- scheinender Mann war.
    Nachdem uns die Erlaubnis gegeben worden, sein Schiff zu besichtigen, fanden
wir alles darinnen sehr herrlich, kostbar und dergestalt magnifique zugerichtet,
dass keiner von uns ein dergleichen Reise-Schiff jemahls gesehen zuhaben sich
rühmen konnte.
    So bald wir von der Taffel gekommen, welche sehr unvergleichlich wohl
bestellet war, bat er uns zu bleiben, und eine und andere Vorstellungen von
gröster Wichtigkeit anzuhören. Indem wir nun alle sehr neugierig waren, solche
Wichtigkeiten zu vernehmen, als begaben wir uns, nach vielen gewechselten
Complimenten, abermals in seine Cajüte, allwo der Herr Capitain sich auf einen
etwas erhabenen Commode-Stul setzte, jedoch so höflich war, uns Felsenburgern
auch Stüle setzen zu lassen, welche wir denn ohne allzu vieles Nötigen in
Besitz nahmen, worauf derselbe in Portugiesischer Sprache, (ohne zu fragen, ob
wir dieselbe auch alle verstünden) folgende Anrede an uns tat:
                        Meine lieben Herren und Freunde!
    Ich bin einer von den vornehmsten Schiff-Capitains Sr. Königl.
Portugiesischen Majestät, und zwar, wie man zu sagen pflegt, einer vom ersten
Range. Vorjetzo bin ich im Begriff, mich mit einer starcken und sehr reich
beladenen Flotte nach Europa zurück zu begeben, allwo sich dermahlen Ihro
Königl. Majestät nebst Dero Hofstadt befinden und aufhalten. Auf dieser meiner
Reise oder Fahrt nun, habe ich, ohngeachtet ich viel ältere Commandeurs, als ich
bin, über mir habe, die ganz besondere Commission bekommen, die Insuln und
Republiquen Gross- und Klein-Felsenburg, so wie man dieselben zu nennen pflegt,
erstlich mit der allergrösten Gelindigkeit und Güte; im Verweigerungs-Fall aber,
mir der grösten Strengigkeit und Schärffe unter Ihro Majestät, meines
allergnädigsten Königs und Herrn Ober-Herrschaft und Botmässigkeit zu bringen,
und Dero Ihnen von dem Himmel verliehenen Gerechtsame, die Ihnen vor allen
andern Puissancen, es seien dieselben auch, wer sie nur immer wollen, ganz
alleine von Rechtswegen zustehet, eignet und gebühret, vollkommene Genugtuung
zu leisten, inzwischen aber, so viel als immer möglich sein will, alles
vergeblich zu vergiessende Menschen-Blut zu verhüten. Wenn nun ich, meine Herren
und Freunde! vor meine Person heilig und teuer versichern kann, dass sie keinen
bessern Schutz-Herrn, als meinen allergnädigsten König, erhalten werden, und
wenn sie auch alle Potenzen, ja so gar die Barbarischen Nationen darum
ansprächen: als will hoffen, es werden sich dieselben in Güte weisen lassen, und
mich erstlich dero Örter des Aufentalts besser besehen, hernach, wenn es zum
fernern Accord kömmt, mit einer proportionirlichen Guarnison dieselben einnehmen
lassen, unter der teuren Versicherung, dass ihnen allen kein Leides
wiederfahren, sondern sie unter dem Schutz Sr. Portugiesischen Majestät
jederzeit in Ruhe und Friede leben sollen.
    Alles dieses höreten wir Felsenburger mit aufmercksamen Ohren an, stutzten
aber jedennoch ziemlicher Massen über diesen Antrag und Vorschlag, allein ich
schlich unter dem Schatten der Dunckelheit auf die Seite, um am ersten derjenige
zu sein, welcher diese ganz besondere Neuigkeit nach Gross-Felsenburg
überbrächte, liess mich also in einem ganz kleinen Nachen, und zwar mit gröster
Lebens-Gefahr, zur Mitternachts Zeit dahin bringen, welches gewisser Massen fast
ein Frevel von mir zu nennen war, denn ich hätte dieses eben nicht Ursach
gehabt, weilen meine Consorten nächstfolgenden Vormittags unter Lösung der
Stücken wieder zu uns zurück gebracht wurden, denn Herr Wolffgang hatte vor
diesesmahl ein recht Meisterstück seiner Kunst erwiesen, und nach seiner
berühmten Erfahrenheit den Portugiesischen Capitain, welcher meine Abwesenheit
auch nicht einmal gewahr worden war, im Canari-Sect vollends dergestalt
begeistert, dass er sich alles das, was er ihm vorgesagt, aufs beste gefallen
lassen. Die letztere Verabredung und Versicherung des Herrn Wolffgangs war diese
gewesen, dass wir uns 3. Tage Bedenck-Zeit ausbäten, nachhero schrifftliche oder
mündliche Antwort von uns geben wollten. Wir waren froh, dass wir die Unserigen
wieder bei uns sahen, immassen uns mit den 2. Gefangenen wenig oder gar nichts
gedienet war; Derowegen wurde Rat gehalten, was dem Capitain wohl ohngefehr zu
antworten wäre, wie es nun eben nicht diensam schien, demselben durch einen
Abgeordneten eine mündliche Antwort erteilen zu lassen, als wurde folgendes
Schreiben an Sr. Majestät den König von Portugall abgefasset:
                Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster Monarch!
    Deiner, von dem allerhöchsten GOtt geheiligten, mit unaussprechlicher Macht
und Gewalt ausgerüsteten, auch mit überschwenglichen Reichtümern gesegneten,
ja, so zu sagen, überschütteten, Olorwürdigsten Majest. entbieten wir armen,
einfältigen einwohner der so genannten Insul Felsenburg, welche von der heutiges
Tages im Schwange gehenden Staats-Klugheit wenig oder gar nichts wissen oder
verstehen, vom Aeltesten bis zum Jüngsten, vom Grösten bis zum Kleinesten, auch
so gar die Säuglinge in unserer Vormundschaft, unsern alleruntertänigsten
Gruss; tragen anbei Deiner Majestät wehmütigst und demütigst vor, dass wir als
arme, einfältige Leute leben, und mit fremden Nationen sehr geringen, ja fast
ganz und gar keinen Handel, Wandel, und Verkehr treiben, ausgenommen, was uns
zuweilen bishero zu unserer allerhöchsten und alleräusersten Bedürffniss zum
Teil fast unumgänglich nötig zu sein geschienen. Wir sind Leute, die von
unserm wenigen Feld-Garten-Bau und möglichster Hand-Arbeit leben, und uns davon
ernähren müssen, weilen es der Himmel nach dem Tode unserer Vorfahren,
vielleicht aus besondern Ursachen, dahin abgepasset und abgemessen, dass das Land
nur seine wenigen Einwohner nach Notdurfft versorgen solle, derowegen haben wir
wenig übrig, und sollte auch ja etwas übrig sein, so sind wir als gute
Protestantische Christen jederzeit bereit, den letzten Bissen mit unsern
notleidenden Nächsten zu teilen, und so gar aus dem Munde zu nehmen. Im
übrigen haben wir keine Zufuhre von Geträyde und andern Früchten, welche wir
auch eben so gar sehr notdürfftig nicht brauchen, und uns zur Zeit der Not mit
Kräutern, Wurtzeln und Fischen aus der See behelffen, zumahlen, wenn das
Fleischwerck welches ganz rar ist, unserm Appetite gemäss, nicht zulänglich sein
will.
    Unsere Vorfahren haben diese von der gütigen Natur mit Felsen und Klippen
ohne dem bevestigte Insul, mit tausendfacher Mühe und Arbeit noch etwas mehr
bevestiget, weilen sie wegen der Barbarischen See-Räuber in beständigen Sorgen
geschwebet, die uns, als Christen-Leute, mit unsern Kindern vielleicht vertilgen
und ausrotten möchten; Allein wir können eben nicht sagen, dass wir nach dem
Ableben unserer Vor-Eltern besondere Attaquen von den Barbaren, vielweniger von
den Christen, als unsern Glaubens-Genossen, gehabt, indem sie vielleicht
Bedencken getragen, uns armes Häuflein in seiner stillen Ruhe zu stöhren, da sie
bei uns wenig oder nichts, das sich der Mühe belohnete, zu finden vermutet, als
nebst dem wenigen Hausrat und Kleidern, unser Leib und Leben.
    Hiermit ist Dir ohn allen Zweiffel, o Unüberwindlichster Monarch! ganz und
gar nichts gedienet, weilen wir von Fremden, auch so gar von Barbaren erfahren,
dass Du ein mächtiger Beherrscher vieler ganzer Königreiche, Fürstentümer und
anderer Landschaften in allen 4. Teilen der Welt bist.
    Vorjetzo aber finden wir uns gemüssigt, Dir aufs beweglichste vorzustellen,
dass einer von Deinen allervortrefflichsten See-Capitains, und zwar, wie er sich
ausgibt, einer vom ersten Range, Nahmens Don Juan de Silves, sich ins Angesicht
unserer Insul mit 3. der allerbesten KriegsSchiffe und einer Fregatte gelegt,
anbei verlangt, dass sich die Republique Felsenburg, (worvor wir arme Sünder, da
wir viel zu ohnmächtig sind, dergleichen hohen Titul zu führen) benebst den
beiden Insuln Gross- und Klein-Felsenburg, ohne alles fernere Verweigern, unter
die absolute Gewalt und Schutz Deiner Majestät begeben sollten, da wir doch bis
auf diese Stunde keinen andern Schutz Herrn vonnöten gehabt, als den
allmächtigen GOtt im Himmel, mit weltlichen Schutz-Herrn aber uns einzulassen,
nicht die allergeringste Ursache von Wichtigkeit absehen, weiln wir unter GOttes
Schutz Ruhe, Friede und Sicherheit genug geniessen können, wenn uns der
Allmächtige dieses alles, so wie bishero zum alleröfftern geschehen, nicht durch
erschröckliche Erdbeben, Sturm-Winde, erstaunliche Gewitter und anderes Ungemach
verbittert, welches wir alles mit der grösten Gedult und Gelassenheit erlitten,
ertragen, und erdultet, in Betrachtung dessen, dass uns ein weltlicher
Schutz-Herr, welcher dennoch gegen GOtt ein blosser Mensch ist, um so viel desto
weniger von diesen Gefährlichkeiten befreien oder schützen könne.
    Warum woltest Du also, Grossmächtigster König und Herr! die armen, elenden
und einfältigen Felsenburger, durch Ungerechtigkeit, Verräterei und List
dererjenigen, die sich vielleicht mehr bei uns zu finden einbilden, als wir in
unserm wenigen Vermögen haben, ihrem Geitze oder Eigennutze damit ein Genügen zu
leisten suchen, und sich eine besondere Ehre und Freude daraus machen,
unschuldiges Menschen-Blut zu vergiessen.
    Warum woltest Du also, Du Gerechtigkeit liebender König und Herr! zu geben,
dass man uns verderben sollte? da wir Dir so wenig als unsere Vorfahren
Zeit-Lebens das allergeringste zu Leide getan, vielmehr allen denen, die sich
seit vielen Jahren daher vor Portugiesen ausgegeben, wenn sie nämlich etwa hier
oder da auf der See verunglückt, alle möglichsten Gefälligkeiten und
Dienstleistungen erwiesen.
    Wir erkennen Dich ja, o König, wie wir schon gemeldet, vor den
allermächtigsten Beherrscher so vieler Königreiche, Fürstentümer und Staaten in
allen 4. Teilen der Welt, und schätzen uns nicht würdig zu sein, den Staub von
Deinen Schuhen abzuwischen, derowegen gönne uns den bishero genossenen Frieden
und einfältige Ruhe noch fernerweit. Geruhe demnach dem tapfern Capitain Don
Juan de Silves, als welcher uns dermahlen bereits mit Feuer und Schwerdt
gedrohet hat, wenn wir ihn nicht in unsere Hütten aufnehmen wollten?
allergnädigsten und ernstlichen Befehl zu erteilen, uns hinführo unbehelliget
zu lassen, damit wir die wenigen Gaben unsers GOttes nicht in Kummer und Sorge
zu geniessen Ursach haben. Und eben dergleichen Ordre wollest Du,
Grossmächtigster, an alle andere dergleichen Deine allerhöchst- bestallten See-
Officianten ergehen lassen, damit wir den Nahmen der edlen Portugiesischen
Nation hinführo nicht als einen feindseeligen Nahmen erkennen müssen, sondern
fernerweit geneigt erhalten werden, sie als unsere guten Freunde und
Gräntz-Nachbarn zur See zu erkennen, auch ihnen im Notfall ferner Gutes zu
tun.
    Wie nun, wie uns gesagt worden, bei Dir, Du Grossmächtigster König, ungemein
viele Leutseeligkeit anzutreffen ist, so getrösten wir armen, elenden und
einfältigen Leute uns desto leichterer Erhörung unsers Bittens, wünschen Dir ein
glückseeliges und langwährendes Regiment und Leben, zum Troste vieler
Bedrängten, die sich hie und da auf Deinen Schutz und Hülffe, auch in den
allerentferntesten Ländern verlassen. Der GOtt Zebaot segne Dich und Dein
allerhöchstes Königliches Haus, mit allerlei geistlichen und leiblichen Seegen,
damit man sagen möge, Du seist der Gesegnete des HErrn unsers GOttes. Wir aber
verharren allerseits vom Aeltesten bis zum Jüngsten, vom Grösten bis zum
Kleinesten
 Allerdurchlauchtigster, Grossmächtigster König, Allergnädigster Fürst und Herr!
                                Deiner Majestät
                                                               Dienstgehorsamste
                                                           Die Einwohner auf der
                                                               Insul Felsenburg.
    Dieser Brief, wie einfältig er auch von mir entworffen und gesetzt war, denn
NB. es sollte derselbe ohnedem nicht allzu hochtrabend oder spitzig heraus
kommen, wurde von allen Insulanern approbirt, und von Alberto Julio II. auch
XII. Aeltesten unterschrieben und besiegelt, und zwei Abschrifften davon
genommen, davon wir die eine in unser Archiv beilegen, die andere aber dem
Portugiesischen Capitain zu seiner Nachricht in die Tasche geben wollten.
    Die accordirten 3. Tage waren also unter dieser Arbeit, nämlich des
Ratschlagens und Schreibens, verstrichen, weilen nun dem Portugiesischen
Capitain vielleicht die Zeit zu lang zu werden begunte, als liess er am 4ten Tage
gleich früh mit Aufgang der Sonnen 3. Canonen abfeuren, wir beantworteten
dieselben auf behörige Art und Weise, wurden aber bald nachhero von der
Davids-Raumer-Höhe gewahr, dass von den 3. Kriegs-Schiffen eine Chalouppe gegen
unsere Insul hergeseegelt kam, in welcher 2. Trompeter sassen, die immerzu in
ihre Trompeten stiessen, und sich lustig hören liessen, auser denenselben aber
erblickte man in eben dieser Chalouppe noch etliche 20. Manns-Personen, welche
alle weisse Fähnlein in ihren Händen führeten, und damit wedelten, welches wir
als ein Zeichen des Friedens erkannten, und derowegen in allergröster
Geschwindigkeit Anstalt machten, der so genannten feindlichen Chalouppe auf eben
die Art, nämlich mit 2. Trompetern und einiger Mannschaft, die gleichfalls
weisse Fähnlein in den Händen führeten zu begegnen, da mittlerweile von den
Portugiesischen Schiffen immer ein Lufft-Schuss nach dem andern gen Himmel
getan, und von unsern Felsen-Höhen beantwortet wurde. Unserer Seits waren
abermals eingestiegen Herr Wolffgang, Mons. de Blac und ich, weilen wir 3. der
Portugiesischen Sprache am mächtigsten waren.
    Der Capitain liess uns zu Ehren bei unserer Ankunft an seinem Schiffe eine
starcke Salve geben, nötigte uns nach getanem Aussteigen so gleich in seine
Cajüte, und gab die Cavalier-Parole von sich, dass wir bei ihm so sicher und
geruhiges Hertzens sein könten, als ob wir unter unsern eignen Dächern wohneten:
wie wir nun versicherten, dass wir alle nicht das geringste Misstrauen in seine
Redlichkeit setzten, so liess er uns an der Taffel, wo er mit seinen andern
vornehmsten Officiers gewöhnlich zu speisen pflegte, den obersten Platz
einnehmen, welches wir denn halb gezwungener Weise tun mussten. Die Tractamenten
waren vor einen See-Oficier mehr als zu kostbar, nur beklagte er sich über
Mangel an frischem Fleische, und sonderlich Wildpret, als wovon er ein ganz
auserordentlicher Liebhaber wäre. Diesem Mangel, (gab hierauf der Capitain
Wolffgang zur Antwort,) wird leichtlich abzuhelffen sein, wenn sie uns auf die
Insul Klein-Felsenburg zu folgen belieben, allwo sich ihre bisherigen Krancken
befunden, die aber vielleicht wegen unserer bestmöglichsten Wartung und
Verpflegung nunmehro keine Kranckheiten mehr an sich spüren werden, weilen sie
Ziegen-Fleisch, Wildpret und die allerbesten Fische, so wohl aus der See, als
aus den süssen Flüssen im grösten Uberflusse vorrätig haben, des Flügelwercks,
der Schildkröten und anderer See-Kreaturen, als womit sich mancher ehrlichen
See-Mann zu gewissen Zeiten schon was zu Gute tun, ja sich zum öfftern ein
rechtes Labsaal daraus machen kann, nicht zu gedencken. Sie haben wohl recht,
mein Herr! sprach hierauf der Portugiesische Capitain, denn sie wissens aus der
Erfahrung, unterdessen, ob uns nun gleich die Leute von der Fregatte so gar viel
eben nicht angehen, so möchte sie doch wohl sehen und sprechen.
    Es beruhet nur auf ihrem Befehle, versetzte Herr Wolffgang, so können wir
gleich morgenden Tages dahin abseegeln, weilen es eine ganz kurtze Reise ist.
Nein, mein Herr! (replicirte der Portugiese,) sie erlauben mir, dass ich mich
einer gewissen Ursache wegen, und da ich eine ganz besondere Medicin nur noch
auf 4. bis 5. Tage zu gebrauchen habe, wenigstens auf so lange Zeit in meinem
Apartement inne halte, und vollends auscurire. Bei diesen Worten gab ich zu
vernehmen, dass wir ja Zeit genug darzu hätten, die Insul Klein-Felsenburg vor
allererst in Augenschein zu nehmen, und uns dieserwegen eben nicht übereilen
dürfften, zumahlen da man nicht wüste, wie die Krancken daselbst ihre
Wirtschaft trieben, und ob sie nicht vielleicht Hütten gebauet hätten, die
auch den Gesundesten einen Eckel und Abscheu verursachen könten, derowegen wäre
mein bester Rat, mich mit einem Boote vorhero nach Hause zu schicken, um
daselbst ein paar grosse geraumliche Zelter, nebst Erfrischungen und andern zur
Bequemlichkeit dienenden Sachen dahin zu schaffen. Ich, als der Jüngste unter
meinen mitgekommenen Herrn Collegen, wollte diese Mühwaltung gern auf mich
nehmen, in Hoffnung, dass auf Gross-Felsenburgischer nachhero alles besser,
ordentlicher und kostbarer hergehen würde, als auf dieser kleinen, miserablen,
und ohne dem durch die Krancken eckelhaft gemachten Insul.
    So war der Fuchs, der uns zu überlistigen vermeinte, selber gefangen,
denn er erklärete sich, ohne ferneres Bedencken, dass mein Rat der beste wäre,
und es käme eben auf die 4. oder 6. Tage nicht an, da er denn im Stande zu sein
verhoffte, sich aller Orten, wo man ihn hin verlangte, hinzubegeben. Nachhero
wurde starck gebechert, wobei wir Felsenburger uns zu wundern Ursach hatten, dass
wir den delicatesten Canari Sect so wohl als die andern stärcksten Weine, deren
Sorten ein jeder nach seinen Appetite kühnlich fordern durffte, noch weit besser
vertragen konten, als die Herrn Portugiesen selbst, deren Element dieselben fast
jedoch zu sein schienen. Hierbei entstund denn ein liebreiches Gespräch, indem
die Herrn Portugiesen, und sonderlich Don Juan de Silves, uns bloss allein darum
verschiedene Liebkosungen erwiesen, weilen wir die Portugiesische Sprache so
rein, ja fast noch reiner redeten, als sie selbst, da doch ich vor meine Person
weder das A.B.C. noch das Buchstabieren in Portugall gelernet. Herrn Wolffgangen
wurde von allen Anwesenden mit gröster Ausmercksamkeit zugehöret, da er eines
und anderes Stücke seiner Lebens-Geschichte erzählete; ja, ich glaube, die Herrn
Portugiesen hätten uns wohl noch in 6. Tagen und 6. Nächten nicht von sich
gelassen, wenn nicht Herr Wolffgang endlich, da es ihm Zeit zu sein dünckte, mit
gröster Bescheidenheit von seinem Gespräche abgebrochen hätte, und zwar unter
dem Politischen Vorwande einer empfindlichen Brust-Beschwerung, worbei er aber
versprach, das Ubrige in Zukunft zu melden, weilen wir doch wohl noch etliche
Tage dürfften beisammen bleiben.
    Mittlerweile, da wir aus der Portugiesen Gesprächen und heimlichen
Ohren-Pflispern mehr als zu viel geschlossen, wie ihre Kreite schriebe, und was
sie mit uns in Willens hätten, waren wir alle auch ohnbemühet, uns diese Figuren
in aller Stille hinter die Ohren zu zeichnen, machten demnach, da wir mehr, als
3. mahl 24. Stunden bei ihnen zugebracht, freundschaftlichen Aufbruch, um uns
wieder nach Hause zu begeben, welches Don Juan willig erlaubte, und versprach,
uns mit allen Ehren- Bezeugungen abseegeln zu lassen, jedennoch war er in der
Betrunckenheit so neubegierig zu fragen: Wessen sich unsere Aeltesten und Obern
auf seinen Vortrag entschlossen hätten? und ob sie geneigt wären, sich Sr.
Königl. Portugiesischen Majestät zu unterwerffen, oder nicht? widrigenfalls er
ganz andere Mittel anzuwenden, sich noch bei guten Zeiten genötiget sähe. Wir
gaben ihm hierauf einstimmig zur Antwort, wie wir keinesweges Zweiffel trügen,
dass die Sache nach seinem Vergnügen lauffen würde, unterdessen, da wir 3.
Abgeordnete nichts weiter vernommen, als dass sie sich schrifftlich an Ihro
Königl. Majestät gewendet, und wir über dieses keine fernere Vollmacht bei uns
hätten, als wollten wir die Vornehmsten von unsern Aeltesten dahin bereden, ihre
Erklärung auf der Insul Klein-Felsenburg vor erst selber mündlich von sich zu
geben, bis die Sache verglichen würde, und zum Schlusse käme.
    Wer war froher, als wir alle 3. da wir unter Trompeten und Paucken-Schall,
auch Lösung der Canonen, unbeschädigt und in guter Musse nach Hause rudern
durfften, doch hätte bald vergessen zu sagen, dass Don Juan de Silves noch die
Verabredung mit uns nahm, dass, so bald er 3. Bomben in die Lufft würde springen,
oder, wie man spricht, darinnen crepiren lassen, wir uns nicht säumen sollten,
uns auf die Reise nach der Insul Klein-Felsenburg zu begeben, weilen dieses das
Signal sein sollte, dass er eben um dieselbe Zeit dahin abführe, da er sich den
Weg dahin schon ohne Wegweiser zu finden getrauete; wir sollten ihm aber ja! (wie
er hinterher uns sagen liess,) keine Nase drehen, sonsten würde es uns zur sauren
Suppe gereichen.
    Wenn ich damahls nicht mehr Courage im Leibe gehabt hätte, als eben jetzo,
so wäre mir fast ein bissgen bange bei der Sache worden, allein, da ich eine und
andere Umstände in Erwegung zog, ward mir das Hertze im Leibe so gross, als eine
2. pfündige Jesmin-Oels-Bouteille oder Büchse, derowegen nahm meine Liebsten und
Allergetreuesten zu mir, als welche sich, nachdem sie der Sachen Beschaffenheit
erfahren, meinem Commando ganz freiwillig unterwarffen, auch sich ganz und gar
nicht wollten abweisen lassen, ohngeachtet Knaben von 15. 16. bis 18. und wenig
mehr Jahren darunter befindlich waren, die aber sonderlich mit dem
Hand-Schiess-Gewehr unvergleichlich wohl umzugehen wussten: Jedoch, da ich ohne
dem zum Voraus wohl wusste, dass es mit unsern Feinden nicht würde zum Handgemenge
kommen, machte ich mir nur einen heimlichen Spas und Lust daraus.
    Ausser diesen hatte sich ein starckes Regiment Frauenzimmer zusammen
geschlagen, so wohl Weiber als Jungfrauen, welches die Madame de Blac als
Obristin commandirte, und ihre wohl ausgesuchten Subalternen um und neben sich
hatte. Es war dieses in meinen Ohren erstlich eine lächerliche Historie,
ohngeachtet meine eigene Frau, da sie vielleicht Zeit-Lebens keinen todten Hund
gesehen, einen Hauptmanns-Platz erworben, um eine ganze Compagnie von 200. und
mehr Frauenzimmern anzuführen. Wie gesagt, es kam nicht allein mir, sondern auch
vielen andern recht lächerrlich vor, solches von diesen Amazoninnen zu hören; die
aber, so bald sie dieses gemerckt, dass wir uns über sie aufhielten, um so viel
desto hitziger und begieriger wurden, ihren Willen vor dissmahl zu haben,
weswegen man denn binnen wenig Tagen das ganze Regiment Frauenzimmer in artiger
und sehr netter Forme vor sich stehen sah.
    Ihr Ober-Kleid war von leichten Zeuge, und zwar himmelblau, gefärbter
gedoppelter Leinewand, oder, wie man es nennen will, Barchent, mit gelben
Schnüren; das Camisol aber rosenfarbe, mit weissen Schnüren verbrähmt, und der
Schurtz eben so, wie in Deutschland ein gewöhnlicher Läuffer-Schurtz, nebst den
Bein-Kleidern, vom weissen Barchent, und mit gelben Schnüren bordirt. Auch
hatten sie sich rote lederne Stiefeln machen lassen, worüber ich mich ganz
besonders wunderte, dass sie dieselben binnen so kurtzer Frist fertig kriegen
können, indem sie dieselben, wie ich nachhero erfahren, selbst verfertigen
helffen, und weder Tag noch Nacht gefeiert, bis die ganze Montur vollkommen
fertig gewesen. Zur Bedeckung des Haupts hatte eine jede eine hohe Mütze auf,
welche mit denen in Deutschland und anderer Orten üblichen Granadier-Mützen,
oder, besser zu sagen, Abts-Mützen eine starcke Gleichheit hatten, ohngeachtet
sie dergleichen Tracht, Zeit ihres Lebens, niemahls gesehen.
    Allein, mein wertester Hr. Bruder kann ja leichtlich nachsinnen, dass unsere
Hn. Europæischen Landes-Leute diese ganze Comoedie angestifftet, und ich schäme
mich nur vorjetzo diejenigen mit Nahmen zu nennen, welche vielleicht die
Haupt-Ursächer davon mögen gewesen sein. Mit dem allen aber war es eine
unvergleichliche Lust, dieses wohlansehnliche Regiment zu Fuss, (und NB. nicht zu
Pferde) in Parade stehen zu sehen, denn erstlich guckten gemeiniglich unter der
schwartzen Haube, oder so genannten Granadier-Mütze ein paar charmante Augen
hervor, welche, dem Ansehen nach, rechte feurige Pfeile in sich führeten, um
ihren Feind damit zu verletzen. Das eintzige, was ich an ihnen auszusetzen
hatte, war dieses, dass sie keine schwartzen grossen Schnurr-Bärter führeten;
Allein diesen Fehler ersetzte entweder ein Alabasterweisses, oder bräunliches
Angesichte wie ich denn angemerckt, dass auf dieser Insul die Blondinen und
Brunetten einander an der Zahl um ein sehr weniges überlegen sein mögen.
    Jedoch unsere neugebackenen Amazoninnen noch weiter zu beschreiben, so hätte
ich wohl aus Neugierigkeit bei einer jedweden die Anfrage tun mögen: ob sie
nach Art der alten Amazonen sich auch wohl wollten entschliessen, eine jede ihre
lincke Brust abschneiden zu lassen? weilen aber befürchtete, dass sie mir eine
spitzige Antwort geben und etwa sagen möchten, dass sie keine Amazoninnen nach
der alten Art wären, indem sie keinen Schild zu führen brauchten, der ihnen zum
Schutze ihrer Brust etwa nötig sein, und mir noch fernere verdrüssliche Reden
geben möchten, so liess ich die Sache gut sein. Unterdessen führeten sie
tödtliche Waffen, denn es hatte eine jede in ihrer rechten Hand einen leichten
Wurff-Spiess, wie nicht weniger einen leichten Pallasch an der lincken Hüffte
hangen, in dessen ledernem Bauch-Gurte eine kleine Pistole stack; Uber die
lincke Schulter bis auf die rechte Hüffte herunter sah man einen 3.
Finger-breiten Riemen herab lauffen, an welchem, wie man das Ding in Deutschland
zu nennen pflegt, eine gätliche Patron-Tasche hieng, worinnen 12.
Pistol-Patronen und 6. gätliche gefüllete Granaden stacken, auch hatte eine jede
ihre brennende Lunte an der Brust, so wie es gebräuchlich ist, in einem
Futterale hangend. Kurtz zu sagen: Fast alles unser Frauenzimmer hatten sich
vollenkommen als Granadiers armirt. Wer ihnen die Waffen, als nämlich die
kleinem Palläsche, kleinen Pistolen, Wurff-Spiesse oder Piquen verfertigen
lassen, will ich eben nicht sagen, nur wunderte mich dieses, dass nicht allein
die völlige Montur, sondern auch das Leder-Werck und anderes Zubehör in solcher
Geschwindigkeit verfertiget werden können; aber da mochte wohl das Sprichwort
eintreffen: Viel Hände machen Ende. Denn, wie gesagt, ich habe nach dem
vernommen, dass alles daran gearbeitet, was nur Hände und Finger gehabt, auch so
gar die kleinen Mägdleins, die kaum eine Neh-Nadel zu regieren wissen.
    Viele von unsern Europæischen Mit-Brüdern hatten sich die Mühe gegeben,
dieses unser Frauenzimmer-Granadier-Regiment, welches über 600. Köpffe starck
war, auch so gar des Nachts bei den Scheine angezündeter Fackeln, ordentlicher
Weise auf Europæische Art zu exerciren, und zwar in Führung des Pallasches und
Wurff-Spiesses, Ladung und Gebrauchung der Pistolen, Werffung der Granaden und
dergleichen, auch so gar ferner in Wendungen und andern üblichen Exercitiis
dergestalt zu perfectioniren, dass wohl nirgendwo ein Frauenzimmer anzutreffen
sein möchte, welches eine Hand-Granade mit grösserer Geschicklichkeit und
Geschwindigkeit werffen könnte, als ein Felsenburgisches, ja die kleinen Mägdlein
wissen schon ziemlicher Massen damit umzugehen.
    Endlich kam es zur Musterung dieses Helden-Regiments, welches sich auf dem
grossen Platze unter der Alberts-Burg und der Kirche in Parade gestellet hatte.
Es war dieses Regiment in 3. Bataillons eingeteilet, deren jedes Bataillon
seine besondere Fahne führete, als nämlich das Erste eine blaue; das Andere eine
rosenfarbene und das Dritte eine weisse Fahne. In eine jede dieser Fahnen hatte
unser berühmter Herr Kunst- Mahler zur Devise die Insul Gross-Felsenburg mit
ihren fast bis an den Himmel reichenden Felsen-Spitzen gemahlet, mit der
Uberschrifft:
                            Sie ist vest gegründet.
                             Und der Unterschrifft:
                           GOTT ist bei ihr drinnen.
    Mir zum wenigsten gefiel diese Invention ungemein wohl, und fast noch
besser, als das ganze Gemählde, welches zwar sehr wohl geraten war, jedoch
seiner Kunst gemäss, weit schöner und zierlicher würde heraus kommen sein, wenn
die Zeit darzu nicht allzu kurtz gewesen wäre.
    Unterdessen begegnete mir ein possierlicher Streich: Denn da ich mit Herr
Wolffgangen, Mons. de Blac, Mons. Litzbergen und andern speciellen Freunden
mehr, vor der Fronte dieses erstaunens-würdigen Regiments auf und nieder
spatziren ging, fragte mich Herr Wolffgang mit lachendem Munde dieses: Nun,
mein Herr! was düncket euch bei diesen fürchterlichen Leuten? und wie kommen sie
euch vor? Sie kommen mir (gab ich zur Antwort) nicht anders vor, als diejenigen
bund gekleideten Personen, welche in Deutschland, Holland und anderer Orten
mehr, den Hn. Zuschauern eine Lust machen, und denen man, wie ihnen nicht
unbekannt, Arlequins, Jean Potage, Scharmuzgen, und noch mehrere Affections-
Nahmen beizulegen pflegt.
    Kaum hatten einige nur von dem so genannten grimmigen Tieren diese Worte
von mir aussprechen hören, als es immer eine der andern ins Ohr sagte, worauf
denn in gröster Geschwindigkeit unter allen dreien Bataillons erstlich ein
sanftes Gemurmele, bald hernach aber, so zu sagen, fast eine kleine Rebellion
entstund, worauf sich meine Geferten und Freunde der Sache etwas genauer
erkundigten, und erfuhren, dass das Frauenzimmer durch meine Reden, die ich so
hin in den Wind fliegen lassen, sich insgesamt aufs allerhöchste beleidiget
befände, und dieserwegen durchaus eine hinlängliche Satisfaction verlangte.
    Indem wir nun alle hertzlich darüber lachen mussten, so trat die Madame de
Blac vor die Fronte, und proponirte eben dieses in weitläufftigen Terminis, mit
dem Zusatze, dass das sämtliche Frauenzimmer sich nicht eher zufrieden geben
könnte, bis es Satisfaction, und zwar nach dieserhalb gehaltenem Krigs-Rechte
erhalten hätte, widrigenfalls wären sie gewilliget, alle vor einen Mann zu
stehen, und sich mit gesamter Hand selber Satisfaction zu verschaffen.
    Der Regente, einige Aeltesten und andere guten Freunde waren inzwischen
herbei gekommen, und hatten den Vortrag der so betitulten Frau Obristen mit
angehöret, da ihr denn der Regente, welcher so wohl als die andern, nachdem sie
die ganze Ursache des Streits vernommen, so, wie wir, dergestalt lachen mussten,
dass wir alle, so zu sagen, die Bäuche halten mussten; ja der Regente, als ein
besonders ernstafter Mann, hat nachhero selber bekennet, dass er sich nicht
zu entsinnen wisse, Zeit seines ganzen Lebens so viel gelacht zu haben, als
über diese lustige Begebenheit. Es nahm aber nachhero der Regente das Wort
selbst auf sich, und gab der Frau Obristin dieses zur Antwort: Meine allerseits
liebwertesten Engels-Kinder! es ist allerdings an dem, dass sich mein Vetter,
Eberhard Julius, recht sehr mit Worten gegen euch vergangen hat, und ob er es
auch gleich so böse nicht gemeint zu haben vorwenden möchte, so ist es doch
billig und recht, dass er dieserwegen, dem Kriegs-Rechte gemäss, abgestrafft
werden müsse, es sei denn, dass ihr euch dieserhalb in der Güte mit ihm
vertrüget: denn das ist keine Sache oder Mode, dass man diejenigen, welche ihr
Blut und Leben vor das Beste des Vaterlandes aufzuopffern sich ohngeruffen und
ganz freiwillig darstellen, höhnischer Weise durchziehen oder schrauben wollte.
Dass ihr, lieben Engels-Kinder! aber gesonnen, alle vor einen Mann zu stehen, um
euch mit gesamter Hand Satisfaction zu verschaffen, ist eine zweideutige
Redens-Art, und möchte viele Weitläufftigkeiten und Verdriesslichkeiten nach sich
ziehen; demnach ist mein getreuer Rat dieser, dass ihr die Sache auf den Spruch
des Kriegs-Rechts ankommen lasset, als zu welchem ihr die Personen nach eurem
eigenen Belieben erwählen möget.
    Das Frauenzimmer war ungemein erfreuet über diesen Ausspruch des Regenten,
nicht anders, als ob bereits eine Bataille geliefert, und der Sieg darinnen
erhalten wäre. Demnach stöhrete ich meine speciellen guten Freunde an, dem
Frauenzimmer unter den Fuss zu geben, dass sie 6. Personen aus ihrem Mittel
erwählen sollten, welche einstimmig darauf dringen möchten, dass ich, Eberhard
Julius, erstlich dem honorablen Frauenzimmer vor der Fronte eine billige Abbitte
und Ehren-Erklärung tun, an Statt höherer Leibes- und Lebens-Straffe aber, nur
bloss durch alle 3. Bataillons 12. mahl durch ihre Strumpf-Bänder lauffen sollte,
ohngeachtet nach militairischer Art, von Rechtswegen Spitz Ruten darzu
erfordert würden.
    Wie es angegeben war, so lief es auch ab, denn nachdem nicht allein 6.
Deputirte von dem Frauenzimmer, sondern auch 6. Personen von unsern Aeltesten
mein Urteil nach des löblichen Frauenzimmers Verlangen abgefasset, so schickte
mich in die Zeit, und machte mich fertig, meine Straffe zu leiden. Ein solcher
possierlicher Streich ist wohl nie passirt, so lange Felsenburg gestanden, es sei
denn, dass die Affen zu den Zeiten unserer Felsenburgischen ersten Eltern noch
törichtere Streiche gemacht hätten, welche jedoch mit denenjenigen nicht in
Vergleichung zu ziehen sind, welche die vernünftigen Menschen zuweilen wohl zu
spielen pflegen. Unterdessen war dieses eins kleine Lust vor uns, worbei, meines
Wissens, ganz und gar nichts sündliches mit unterlief, es müste denn dieses uns
zur Sünde gerechnet werden, dass wir bei dieser kleinen Comoedie gar allzuviel
lachten, und zwar die Alten so wohl, als die Kinder, und dass ich ferner, nachdem
ich meine Straffe ausgestanden, noch einmal repassirte, und jedem
Frauenzimmerlichen Granadier von oben an bis unten ans Ende einen keuschen Kuss
gab, und zwar diesen noch zum Uberfluss der schuldigen Danckbarkeit vor gnädige
Straffe, welcher Kuss mir denn von den allermeisten wieder zurück gegeben wurde,
so, dass wir fast einen halben Tag mit diesem Lust- (oder wie unsere Feinde
vielleicht wohl sagen möchten) Narren-Spiele zubrachten.
    Allein es ist bekannt, dass der Himmel seinen Kindern, wenn sie sonsten
aufrichtig und fromm wandeln, eine zulässige oder mittelmässige Lust ganz und gar
nicht missgönnet, wovon wir sehr viele Exempel in heil. Schrifft finden und
nachschlagen können.
    In Abrede will ich nicht sein, dass wir dieses Possen-Spiel bei damahligen
Umständen und gefährlich scheinenden Zeiten wohl hätten können bleiben lassen,
zumahlen, da immer einer dem andern hätte in die Ohren sagen mögen: Hannibal
ante Portas!
    Jedoch einmal war es geschehen, derowegen giengen wir in den folgenden
Tagen desto fleissiger in die Kirche, beteten auch zu Hause weit andächtiger, als
vor derselben Zeit, und verrichteten darbei unsere Arbeit, ein jeder nach seiner
Notdurfft, Bequemlichkeit und Wohlgefallen: Deñ ich kann bis dato nicht sagen,
dass ich auf unserer Insul einen recht faulen Menschen zu suchen und zu finden
wüste, als wovor dem Allmächtigen gedanckt sei, der den Menschen zur Arbeit
erschaffen, so wie den Vogel zum fliegen.
    Mittlerweile schlich immer ein Tag und eine Nacht nach der andern dahin,
ohne dass sich die Hrn. Portugiesen weder mit Bomben, noch Canonen-Schüssen
meldeten und hören liessen, weswegen wir auf die Gedancken gerieten, es würden
dieselben vielleicht in aller Stille abgeseegelt sein, und ihren Lauf anders
wohin genommen haben, jedoch die Davids- und Alberts-Raumer Schildwachten
versicherten, dass sie sich nicht allein noch alle 3. bei den Sand-Bäncken
aufhielten, sondern es wäre auch seit ehegestern noch ein Schiff zu ihnen
gestossen, welches jedoch nicht gar so gross zu sein schiene, als die 3.
Kriegs-Schiffe, jedoch etwas wichtiger, als ihre Fregatte, welche in
Klein-Felsenburg läge.
    Diesen Rapport bekamen wir eben an einem Sonnabende Abends, weswegen unsere
Aeltesten vor ratsam halten wollten, gleich morgendes Tages in einer Chalouppe
etliche Deputirte an den Don Juan de Silves mit einigen Erfrischungen
abzusenden, ihn complimentiren zu lassen, sich dessen Gesundheits-Zustandes
wegen zu erkundigen, um hauptsächlich zu erfahren, ob er noch lebte, oder tod
sei, und was er etwa fernerweit unserer Sachen wegen angeben und vortragen
möchte. Wie nun dieserhalb die ganze Nacht hindurch hin und her geratschlaget
wurde, so fielen doch die allermeisten Stimmen wider und entgegen den Rat der
Aeltesten aus, so dass vor diesesmahl die erste Haupt-Werwirrung auf dieser Insul
vorgieng, und wir Europæer, oder so genannten Einkömmlinge, selbst genug zu tun
fanden, das Felsenburgische wallende Geblüte zu besänftigen, indem so wohl
Männer, Weiber, als Kinder dem Himmel angelobten, lieber sich tod schlagen zu
lassen, und in ihrem eignen Blute zu ersticken, als sich den Portugiesen zu
unterwerffen, hergegen wollten sie sich alle wehren bis auf den letzten
Bluts-Tropfen, und ihren Feind beschädigen, so lange sie nur noch die geringsten
Kräffte hätten, und ein warmer Atem in ihrer Brust sich spüren liesse. Hierbei
muss ich bekennen, dass sich unser Frauenzimmer weit desperater aufführete, als
die Männer selbst; ja, die kleinesten Kinder, wenn sie nur den Nahmen Portugiese
nennen höreten, spyen gegen die Erde, als welches, meines Wissens, ihnen niemand
weiss- oder vorgemacht hatte, sondern es schiene, als ob dieser Widerwillen ihnen
schon im Geblüte und in der Natur stäcke.
    Da nun aber, wie ich bereits gemeldet, vor diesesmahl der Rat uñ die
Verordnung unserer Aeltesten nicht allein verworffen wurde, sondern sich auch
ein jeder, er mochte ein Einheimischer, oder Einkömmling sein, aufs heftigste
und äuserste entschuldigte und wehrete, noch einmal die Ambassade zu dem Don
Juan anzutreten, als musste solcher Gestalt der Streit von selber aufhören;
Derowegen beschlossen wir, uns stille und ruhig zu halten, den
Klein-Felsenburgern aber nicht das geringste mehr von Lebens-Mitteln zu
schicken, weiln wir so wohl sie, als alle andere Portugiesen von nun an vor
unsere offenbaren und abgesagten Feinde zu erkennen die gröste Ursache hätten,
zumahlen, da wir nachrechnen könten, dass sie wenigstens noch so viel Vorrat von
den Victualien haben müsten, welche wir ihnen seitero zu verschiedenen mahlen
zugeschickt hätten, 3. bis 4. Wochen, ja viel länger davon zu zehren, hierbei
daureten uns zwar eben nicht die Klein-Felsenburgischen Fische so gar sehr, um
so viel desto mehr aber das vortreffliche Wildpret, weilen bekannter Massen die
allerbesten Auer-Ochsen, Hirsche, Rehe, wilde Schweine und dergleichen von
ungemeiner Grösse in dasigen Wäldern herum spazieren; Allein, wie wir nachhero
verspüret, ist der Verlust sehr geringe gewesen, und hat vielleicht der Himmel
nicht zugeben wollen, dass die Portugiesen unser Wildpret vertilgen sollen.
    Jedoch in der Geschichts-Erzählung ordentlich fort zu fahren, so giengen
wir, nachdem die fatale Nacht verschwunden war, am Vormittage des darauf
folgenden Sonntags in die Kirche, um den Gottesdienst abzuwarten, worbei zu
gedencken, dass wir damahls, wie doch sonsten gewöhnlich, keine Cartaune
abfeuerten, um das Volck zur Kirche zu ruffen, sondern es richtete sich dasselbe
nach der Zeit und nach dem Läuten der Glocken, kam auch in so häuffiger Menge
herzu gelauffen, so dass, wie man in Deutschland zu sagen pflegt, die Kirche
gekribbelte und gewibbelte voll war. Ja ich glaube, dass damahls keine eintzige
Seele aus der Kirche geblieben ist, ausgenommen einige wenige Krancken, die
nicht zu Fusse fortkommen können, und sich auf andere Art fortbringen zulassen,
Bedencken getragen.
    Im gemeinen Sprichworte pflegt man zu sagen: Wo GOtt eine Kirche bauet, so
bauet der Satan seine Capelle darneben. Dieses konten wir daraus bemercken, denn
unter der Zeit, da nach vollbrachter Kirchen- der Christliche Glaube,
gewöhnlicher Art nach, abgesungen wurde, liess unser Feind, Don Juan, von seinen
Schiffen die 3. abgeredten Bomben springen. Worbei unter einem jeden Verse
dieses Liedes, wie wir alle insgesamt mit besondern Nachsinnen in Acht genommen
haben, auch der Knall einer Bombe zuhören und zu vernehmen war. Und dieses ist
gewiss und wahrhaftig kein ohngefährer Zufall zu nennen, sondern gute Christen
hatten ihre besondern Gedancken darbei, da es so accurat zutraf, dass das Lied:
Wir gläuben all an einen GOtt etc. eben 3. Verse haben musste, und wir auch nicht
mehr, als 3. Schreck-Schüsse hören durfften, nicht anders, als wenn dieserwegen
ein besonderes Zeichen gegeben wäre.
    Die ganze Christliche Gemeine schien zwar anfänglich einiger Massen in
ihrer Andacht beunruhigt u. gestöhrt zu werden, allein, der unvergleichliche
Herr M. Schmeltzer erfand solgeich ein Mittel, die beunruhigten und allenfalls
ängstlichen Gemüter zu besänftigen, und wieder in Ordnung zu bringen, indem er
sogleich, nachdem wir den dritten Bomben-Knall vernommen, den Choral von der
Cantzel herunter intonirte: JEsus, meine Freud etc. Wie nun die ganze
Christliche Gemeine dieses Lied in der grösten Andacht absunge, so
beschäfftigten sich auch unsere Herren Musicanten mit Zincken und Posaunen, der
Andacht einen desto grössern Eindruck, oder, so zu sagen, Nachdruck zu geben;
Nachhero aber setzte er vor diesesmahl das ordentliche SonntagsEvangelium bei
Seite, und erwählete sich an Statt dessen den 35. Psalm, welcher also lautete:
    HErr! hadere mit meinen Haderern, streite wider meine Bestreiter. Ergreiffe
den Schild und Waffen, und mache dich auf, mir zu helffen. Zücke den Spiess, und
schütze mich wider meine Verfolger. Sprich zu meiner Seelen: Ich bin deine
Hülffe. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach meiner Seelen
stehen, es müssen zurücke kehren, und zu Schanden werden, die mir übel wollen.
Sie müssen werden, wie Spreu vor dem Winde, und der Engel des HErrn stosse sie
weg. Ihr Weg müsse finster und schlüpfferig werden, und der Engel des HErrn
verfolge sie. Denn sie haben mir ohne Ursach gestellet ihre Netze, zu verderben,
und haben ohne Ursach meiner Seelen Gruben zugerichtet. Er müsse unversehens
überfallen werden, und sein Netze, das er gestellet hat, müsse ihn fahen, und
müsse darinnen überfallen werden; Aber meine Seele müsse sich freuen des HErrn,
und frölich sein auf seine Hülffe etc.
    Ich bin nicht im Stande diesen Psalm bis ans Ende her zu recitiren, weilen
mir das Gedächtnis in dem Stücke, was ich in der Jugend gelernet, nummehro seine
Dienste ziemlicher Massen versagen will, derowegen ist derselbe nachzuschlagen,
da sich denn finden wird, dass sich alle Zeilen, ja fast alle Worte desselben auf
unsere damahligen Umstände dergestalt schicken, als ob der Königliche Prophet
David unsere Umstände und Beschaffenheit zu seiner Lebens-Zeit lange voraus
gesehen hätte. Nach der Predigt wurde das Te Deum laudamus unter Paucken und
Trompeten-Schall, auch abwechselnden Zincken und Posaunen-Klange abgesungen,
mitin vor dissmahl der vormittägliche Gottesdienst geendiget.
    Durch alle diese Veranstaltungen, zumahlen, da die Herren Musicanten die
Melodeien dieser 3. Lieder, als:
Wär GOtt nicht mit uns diese Zeit etc.
Ein veste Burg ist unser GOtt etc.
Es woll uns GOtt genädig sein etc.
vom Turme unter Läutung der Glocken abbliesen; machten sie einen noch fernern
Eindruck in die Gemüter, wodurch denn das sämtliche Volck, so wohl Männer,
Weiber als Kinder, ungemein ergötzt wurden, sich Hauffenweise auf dem Platze vor
der Kirche und unter der Alberts Burg versammleten und stehen blieben, da denn
der Regente alle Anwesenden vom Grösten bis zum Kleinesten speisen und träncken
liess. In der Nachmittags-Predigt hatte Herr Mag. Schmeltzer Jun. nur diese
wenigen Worte zum Texte seiner Predigt erwählet: Fürchte dich nicht, du kleine
Heerde etc. und sprach uns allen einen grossmütigen Trost zu, weswegen wir alle
ohne besondere Bangigkeit aus einander giengen. Folgenden Montags früh gleich
bei Aufgang der Sonne, liess Don Juan abermals, nachdem es die ganze Nacht
ganz stille gewesen, 3. Bomben gegen unsere Insul in die See spielen, allein
wir regten und bewegten uns nicht, bis wir endlich abermals eine Chalouppe mit
2. Trompeten und einiger Mannschaft, die alle weisse Fähnlein in den Händen
führeten, gewahr wurden, die so schnell, als nur immer möglich war, auf unsere
Insul zugefahren kamen; Allein wir taten derselben nicht einmal die Ehre an,
ordentlicher Weise zu begegnen, sondern es begaben sich nur Herr Wolfgang, Mons.
de Blac und ich mit einer Bedeckung von 50. Mann der auserlesensten tapffersten
Leute durch den Wasser-Gang hinunter an das Ufer der See, welche 50. Mann aber
sich in den Wasser-Gange verborgen halten mussten. Wir pflantzten ebenfalls 3.
weisse Fahnen in die Erde, da denn die Chalouppe anländete, aus welcher 3.
vornehme Officiers herauf gestiegen kamen, und erstlich in hochtrabenden Worten
anfragten: Warum wir nicht Parole gehalten hätten, uns bei dem Don Juan de
Silves auf der Insul Klein-Felsenburg einzufinden?
    Hierauf antworteten wir mit ganz gelassenen Worten: dass wir einfältigen
Leute nicht gewust hätten, wie wir daran wären, indem uns eine Zeit von 4. bis
6. Tagen bestimmt gewesen, welche aber verlauffen, und noch etwas drüber, ehe
wir sein Signal mit dem Bomben gehöret, weiln nun dieses eben unter der Zeit
unseres Gottesdienstes geschehen, und wir auch anderer Ursachen wegen, nicht
wohl abkommen können, so hätte ein solches vor dissmahl bis auf eine andere Zeit
unterbleiben müssen. Zum andern wurde von ihnen gefragt: ob wir uns denn nun
wirklich resolvirt hätten, die allerhöchste Protection Ihro Königl. Majestät
von Portugall anzunehmen? worauf ihn zur kaltsinnigen Antwort gegeben wurde:
hiervon könten wir eben itzo nicht viel reden, weiln wir keine besondere
Vollmacht darzu hätten, unterdessen wäre allhier ein alleruntertänigstes
Schreiben an Ihro Königl. Portugiesischen Majestät vorhanden, und zugleich die
Copia oder Abschrifft desselben vor den Don Juan de Silves, als andere, welche
solches zu lesen beliebten. Zum dritten waren die 3. Herren so treuhertzig zu
begehren, dass wir sie hinauf auf unsere Insul führen sollten, um ihnen unsere
Lebens-Art und andere Anstalten zu zeigen; welches, wenn es nicht geschähe, der
Don Juan vor den allergrösten Affront aufnehmen würde.
    Aber dieses war vollends eine Sache, die uns anzunehmen eben nicht gar zu
vorteilhaft zu sein schiene; derowegen sagten wir ihnen allen 3. zur Antwort,
wasmassen es allerhand Ursachen wegen, unser Werck ganz und gar nicht sei,
fremde Personen, geschweige denn solche, die uns mit lauter Feindseligkeiten
bedroheten, in unsere Hütten zu führen, und derowegen könten sie sich nur in
aller Güte zurück begeben. Hierbei aber wurde ihnen ein Præsent von 2.
lebendigen Auer-Ochsen, 2. lebendigen überaus grossen Hirschen, und andern
lebendigen Tieren gemacht, nebst einem oder etlichen Fässern des besten Canari
en-Sects, auch anderer delicaten Weine, Confituren, Obst und dergleichen. Allein
es schien, als ob die Herren Portugiesen unsere Gaben verschmähen wollten, indem
sie mit aller Gewalt darauf drungen, dass sie eher nichts anzunehmen gewillet,
bis sie den Zustand und Verfassung unserer Insul aufs genaueste betrachtet und
untersucht hätten. So bald ihne nun dieses rotunde abgeschlagen wurde, wollte der
Ansehnlichste unter den 3. Vornehmsten, aus einem höhern Tone zu reden anfangen,
indem er sagte: Was nicht in Güte zu erlangen stünde, müste man mit Gewalt zu
erhalten suchen, denn sie ja als vernünftige Menschen doch wohl endlich mit der
Zeit die Schlüssel, Tore, Türen und Pforten zu diesem Neste finden würden,
welches seinen Gedancken nach, doch wohl nicht etwa vor ein verwünschtes und
verzaubertes Schloss oder Burg zu halten sei. Wir mussten diese Torheit fast
wider unsern Willen belachen, jedoch der hitzige Herr gab nur einen Winck mit
dem rechten Arme, worauf augenblicklich, ohngefähr 30. bis 40. mit Ober und
Unter-Gewehr wohl versehene Männer aus der Chalouppe ins Wasser heraus sprungen,
wie die Wasser-Hunde, und sich zu uns an das Land begaben. Wir hielten dieses
vor einen unbesonnenen, unnötigen und desperaten Streich, da sie sich aber,
nachdem sie festen Fuss gefasset, so zu sagen, in vollkommene Schlacht-Ordnung
stelleten, gab Herr Wolffgang auch ein Zeichen von sich, da denn unsere 50. Mann
der allertapffersten und freiwilligen Junggesellen aus der Felsen-Klufft, die
man bis jetzo ihm zu Ehren noch den Wolffgangischen Wasser-Fall zu nennen
pflegt, in allerschönster Ordnung, ebenfalls mit Ober- und Unter-Gewehr wohl
versehen, heraus rückten, und sich darstelleten, den Feinden die Spitze zu
bieten. Ich will eben das uralte Sprichwort nicht missbrauchen, und sagen, dass
die Herren Feinde einen rechten terrorem Panicum bekamen, da sie unsere
Verfassungen und Anstalten sahen. Dem allen ohngeacht aber war der hitzige Herr
subaltern-Officier dennoch so desperat, Feuer auf uns und unsere Leute geben zu
lassen; da denn Herr Wolffgang bei der ersten Salve eine Kugel in den lincken
Arm, ich eine dergleichen in die rechte Hüffte und Mons. de Blac ebenfalls eine
Kugel in die lincke Schulter bekamen. Von unsern Leuten schiene es anfänglich,
als ob ihrer zwei auf dem Platze wären tod geschossen worden, indem sie zu Boden
fielen, da der eine in die Brust, und der andere in den Unterleib sehr
gefährliche Kugeln bekommen hatten, allein der Himmel und die Kunst unsers nie
genug zu rühmenden Chirurgi, Mons. Kramers, hat geholffen, dass sie alle beide
noch am Leben geblieben, und frisch und gesund sein. Herr Wolffgang hat es mir
und andern mehr teuer zugeschworen, dass, ohngeachtet er vielen hitzigen Treffen
und Scharmützeln so wohl zu Lande, als zur See beigewohnt, er dennoch niemahls
Leute von mehrerer Hertzhaftigkeit gesehen: Denn das Schiessen wollte ja fast
kein Ende nehmen, und wir wunderten uns nur darüber, wo sie auf diesesmahl alle
Patronen herbekommen hätten. Auser dem hatten wir auf unserer Seite nur noch 5.
Blessirte, die aber nur ganz leichte Wunden hatten, und ihr Gewehr dem allen
ohngeacht beständig fortbrauchten. Ja es wurde immer ein kleines Heck-Feuer, wie
man es sonsten zu nennen pflegt, nach dem andern gemacht, da wir denn klärlich
bemerckten, dass auf feindlicher Seite 10 Mause-tode und 9 Blessirte auf der
Stelle vorhanden waren, welche sie in gröster Eile auf ihre Rücken nahmen,
zurück ins Wasser sprungen, und dieselben in ihre Chalouppe trugen. Es war ein
artiger Spas, da eben zur selben Zeit, da dieses geschahe, eine ganze Bataillon
von unsern Frauenzimmerlichen Granadier-Regimente durch den Wolffgangischen
Wasser-Fall herunter marchirt kam, um uns in der Gefahr-schwebenden armen
Männern aus getreuem Hertzen aufs bestmöglichste zu Hülffe zu kommen. Ich will
und kann nicht sagen, was dieser Anblick vollends den Feinden vor ein besonderes
Schrecken einjagte, zumahlen, da sie die ungewöhnliche Montur derselben in
Betrachtung zohen.
    Unsere Granadiers aber führeten sich eben nicht auf, als wie die
Zieper-Katzen, sondern sie mussten in gröster Geschwindigkeit ihre Granaden
dergestalt accurat zu werffen, dass nicht alle viele durch das Wasser badende
Feinde, sondern auch noch weit mehrere in der feindlichen Chalouppe teils
getödtet, teils heftig blessirt wurden. Unaussprechlich war die
Geschwindigkeit unserer Feinde, welche sie gebrauchten, um nur von unserm Ufer
hinweg zu kommen, da wir denn, weiln uns mit Vergiessung vieles Menschen-Bluts
eben nicht gedient, uns in so weit an der Ehre begnügen, und den überwundenen
Feind fernerweit ohngestört fortrudern liessen.
    Was Don Juan de Silves in der ersten Hitze bei der Zurückkunft seiner
Leute, welche ziemlicher Massen mit blutigen Köpffen anzusehen waren, gesagt
haben mag, möchte ich wohl wissen, jedoch mit wem hat er sich wohl sonderlich
zancken mögen, da seine beiden commandirenden hitzigen Herrn subalternen
Officiers tödlich verwundet waren, und wie man vernommen, nachhero bald ins
Reich der Toden gereiset sind.
    Wir unterdessen schlichen uns ganz sanft und stille durch den Wasser-Fall
wieder auf unsere Insul hinauf, eben als wenn wir kein Wasser betrübet hätten,
sobald wir aber oben auf der Höhe angelanget waren, vergönneten wir der
Wasser-Flut wieder ihren strengen Fall und Sturtz, und bekümmerten uns vor
dissmahl weiter um keine Feinde.
    Gewöhnlicher Massen werden sonsten in andern Ländern die Sieger, welche
ihren Feind bezwungen, oder doch zurück geschlagen, im Triumphe eingeführet;
allein dergleichen hochspringende Gemüter hatten wir armen Felsenburger auf
keinerlei Art und Weise, sondern, so bald wir zurück kamen, war das allererste,
dass man uns in die Kirche führete, da wir uns insgesamt, ohngeachtet unsrer
annoch blutenden Wunden, mit Freuden und Vergnügen da hinein begaben, allwo die
ganze Christliche Gemeine in erstaunlicher Menge versamlet war.
    Herr Mag. Schmeltzer Sen. liess erstlich den Choral singen: Du Friede-Fürst,
HErr JEsu Christ etc. hernach hielt er einen nicht eben allzu langen Sermon, in
welchem er unsere Geschichte mit der Maccabäer Begebenheiten unvergleichlich
wohl zusammen reimete, nachhero aber aus Psalm am 37. vers. 37. den Schluss damit
machte: Bleibe fromm und halte dich recht, denn solchen wird es zu letzt wohl
gehen; Die Ubertreter aber werden vertilget mit einander, und die Gottlosen
werden zuletzt ausgerottet. Aber der HErr hilfft den Gerechten, der ist ihre
Stärcke in der Not. Und der HErr wird ihnen beistehen, und wird sie von den
Gottlosen erretten, und ihnen helffen, denn sie trauen auf ihn.
    Nach diesem Sermon, worinnen er sonderlich das auf beiden Seiten unschuldig
vergossene Blut mit fast weinenden Augen bedauerte, wie denn wir Streiter selbst
keinen Wohlgefallen daran hatten, sondern nach vollbrachter Sache einem jeden
von unsern Feinden auch den kleinsten vergossenen Bluts-Tropffen gern wieder mit
einem Lot Golde zurück in den Leib gekaufft hätten, wenn es anders möglich
gewesen wäre: denn unsere Nation ist, bekannter Massen, eben so barbarisch
nicht, sondern vielmehr christlich gesinnet, da sie es aber nicht anders haben
wollen, als mochten sie auch mit demjenigen vorlieb nehmen, was ihnen von
GOttes- und Rechtswegen wiederfahren war. Hierbei aber kann ich nicht sagen, dass
nur einem eintzigen Felsenburger das Hertze, wie man sonsten zu reden pflegt, in
die Kniekehlen gesuncken war. Nein! im Gegenteil waren so wohl Manns-Personen,
als das Frauenzimmer recht begierig, bald noch ein Scharmützelgen zu wagen;
Jedoch, da Hr. Mag. Schmeltzer zum Schlusse dieser ausserordentlichen Betstunde
oder Kirchen-Andacht noch das bekannte christliche Kirchen Lied.
GOtt, der Friede hat gegeben,
Lass den Frieden ob uns schweben etc.
absingen lassen, begaben sich alle und jede nach Hause in ihre Wohnstädte, da
denn wir und die andern Verwundeten desselben am allermeisten vonnöten hatten.
    Die darauf folgende Nacht war alles sehr stille; jedoch, weiln einem
schlaffenden Feinde eben so sonderlich viel nicht zu trauen ist, besetzten wir
unsere Posten, so wohl auf den Gebürgen, als in der Ebene drei und vierfach, ich
aber, weiln ich wegen der Schmertzen an meiner empfangenen Wunde ohne dem wenig
Ruhe noch Rast zu finden verhoffte, begab mich auf die höchsten Felsen Spitzen
bei die Davids-Raumer-Schildwächter, da ich denn gleich mit Anbruch des Tages
gewahr wurde, dass nicht allein die 3. grossen Kriegs-Schiffe, sondern auch noch
ein Schiff, benebst der elenden Fregatte, die bishero bei Klein-Felsenburg
gelegen, weit näher an unsere Insul Gross-Felsenburg heran gerückt waren, und dem
Scheine nach nur absehen wollten, wo etwa der Wind herkäme; Allein es zeigte sich
bald anders: denn der Don Juan, welcher vielleicht mehr Feuer im Kopffe, als im
Hertzen hatte, machte den Anfang, uns auf eine ganz erstaunenswürdige Art zu
bombardiren und zu canoniren; Jedoch! wir hatten ja die gröste Ursach, diese
seine Torheit hertzinniglich zu belachen und zu verspotten, indem nicht mehr,
als eine eintzige Bombe, deren er doch wohl 3. bis 400. gegen uns spielen
liesse, auf unsere Insul herunter gekollert kam, welche jedoch nicht den
allergeringsten Schaden verursachte, ausgenommen, dass dieselbe ein kleines
Fleckgen Grase-Land umwühlete, worüber wir und unsere Kinder eine ganz
besondere Freude hatten. Wie unsers Orts sassen ganz stille, so wohl als wie
unser Felsen, der alle Bomben und Canonen-Kugeln mit lachendem Mute von sich
abwiese. Jedoch endlich, nachdem das Bombardiren und Canoniren ganzer 2. mahl
24. Stunden unaufhörlich gewähret, riss bei Ms. Plagern und mir der Gedult-Faden
entzwei, weswegen wir nicht allein aus unsern neugegossenen Mörsern etliche 50.
Bomben ihnen entgegen spieleten, jedoch listiger Weise mit allem Fleisse bald
seitwärts, bald über ihre Schiffe hin: Damit sie aber ja allenfalls nicht
vermeinen sollten, als ob es uns am Pulver fehlete, so hatten wir eine ganz
besondere Art von Bomben, die mit Schwärmern, Lust-Kugeln und dergleichen
Feuerwerckers-Possen angefüllet waren, welche wir ihnen sehr geschicklich zum
Zeitvertreibe in ihre Schiffe zu werffen wussten, um ihnen auch damit zu zeigen,
dass es unser Ernst eben nicht sei, sie tödlich zu verletzen, sondern nur ein
kleines Lust-Spiel mit ihnen zu haben. Auser dem wurde fast alle Abend, so zu
sagen, zu unserer eigenen Lust und Vertreibung der unruhigen Gedancken, oder
Grillen, (wie man dieselben sonsten zu nennen pflegt) immer ein kleines lustiges
Feuer-Werck nach dem andern den Herren Feinden entgegen præsentirt, worbei wir
uns auch nicht scheueten, zu gewissen Zeiten und Stunden nach Beschaffenheit der
Sachen unsere Cartaunen, Canonen und Mörser abzufeuern, weiln wir uns nebst
göttlicher Hülffe bis zu der Zeit noch in der Verfassung befanden, allen unsern
Feinden die Spitze zu bieten, es möchten dieselben auch gleich Christen, oder
Barbaren sein.
    Endlich kam Don Juan in so weit zum Verstande, dass er das erschröckliche
Bombardiren und Canoniren einstellete, indem er vielleicht selbst absehen
mochte, dass damit gegen uns nichts im geringsten auszurichten wäre, da wir ihm
fast nur zum Spase, unzählige Bomben und Canonen-Kugeln entgegen spieleten, die
Lust-Feure, so wir ihnen und uns nach unserer Bequemlichkeit machten, will ich
darbei ausnehmen, weilen es zur Haupt-Sache eben nicht zu dienen scheinet,
sondern nur so viel sagen: dass, nachdem noch einige Tage verstrichen waren, der
Don Juan de Silves in einem kleinen Boote einen abermahligen Trompeter an uns
schickte, und von uns verlangte, dass 3. Personen der Unsern als Deputirte auf
die grosse Sand-Banck zu ihm kommen möchten, indem er in eigener Person mit
ihnen Sprache zu halten gewillet sei, und dieserwegen ihnen auf Treu und Glauben
alle vollkommene Sicherheit wegen ihrer Ehre und Lebens verspräche, wie er denn
auch nicht mehr, als 3. Personen zu seiner Bedeckung mit sich bringen würde, und
zwar, allen bösen Verdacht zu vermeiden, ohne alles tödliche Gewehr: Hiernächst
wäre er gesonnen, nach Kriegs-Gebrauch, Geisseln mit uns zu vertauschen, indem
er 3. von seinen vornehmsten Officiers in unsere Verwahrung liefern wollte, wenn
wir ihm dargegen 3. Mann von unsern Aeltesten oder Befehlshabern auf sein Schiff
hinüber zu schicken uns entschliessen könten, als welche er keinesweges wie
Gefangene, sondern als gute Freunde und Bruder halten, und nach seinem
allerbesten Vermögen aufs herrlichste und kostbarste wollte verpflegen lassen.
    Nachdem ich, der ich unten am Fusse unsers Felsens mit einigen guten
Freunden spatziren herum gegangen war, und das mündliche Compliment des
Trompeters angenommen hatte, (welches unser Feind ihm in den Mund gelegt) musste
ich in meinem Gedancken die Geschicklichkeit und sonsten überaus artige Person
dieses Trompeters bewundern, weswegen seinem Principal eben nicht zu verargen
war, dass er ihm unter seiner eigenen Hand und Siegel ein Blanquet, ohngefehr in
folgenden Worten mitgegeben:
    Diesem meinem Leib-Trompeter und Vorzeigern dieses Schreibens ist in allen
Stücken und in allen seinen Worten ein vollkommener Glaube beizumessen, eben als
ob ich dieselben selbst aus meinem eigenen Munde gesprochen hätte, und zwar
Cavalier-Parole etc.
                                                             Don Juan de Silves.
    Der Mons. Trompeter aber bekam gestallten Sachen nach vor diesesmahl nichts
weiter zur Antwort, als dass sein Principal Morgen, so gleich mit dem Aufgange
der Sonne, Antwort haben sollte.
    Nunmehro war bei uns abermals guter Rat teuer, derowegen brachten wir die
ganze darauf folgende Nacht zu, diesen zu finden. Endlich wurde beschlossen,
uns auf alle Fälle in behörige Ordnung zu setzen, worauf denn Mons. Wolfgang,
Mons de Blac und ich abermals fort mussten, um das Wort zu führen; Hierbei aber
wurden uns 3. Personen von den Aeltesten mit hinzu gegeben, weilen wir uns
wiedrigenfalls weigerten, vom Flecke zu gehen, indem man ja nicht verlangen
könnte, dass wir 3. Einkömmlinge uns allein allen Gefährlichkeiten unterwerffen,
und so zu sagen, unsere Seele in der blossen Hand tragen sollten, zumahlen, da
unsere Leibes-Wunden, die wir in dem letztern Treffen empfangen, noch kaum zur
Helffte geheilet wären etc.
    Diese Vorstellungen, welche von uns dreien mit redlichem und aufrichtigem
Hertzen und Munde geschahen, erreichten ihren Zweck in allen Felsenburgischen
Gemütern, so viel auch deren nur immer um und neben uns waren, welches die
Liebes-Tränen, die so wohl von den Aeltesten, als Jüngern vergossen wurden,
klärlich bezeugeten. Demnach ging mit anbrechenden Tage die Reise fort, da wir
denn den Don Juan bereits mit sein je schwachen Begleitung auf der grösten
Sand-Banck angeländet erblickten, und gewahr wurden, dass sie bei einem
angemachten Feuer auf ausgebreiteten Teppichen ein Schälchen Caffée truncken,
indem die Sonne eben im Aufgange begriffen war. Ehe ich weiter rede, will ich
vorerst noch dieses melden, dass uns dreien Deputirten, als nämlich Herr
Wolffgangen, Mons. de Blac und mir, nicht nur von dem Regenten, sondern auch von
den Aeltesten und Vorstehern unserer Gemeinden, eine schrifftliche vielfach
unterschriebene und besiegelte ausführlich und deutliche Vollmacht mitgegeben,
und in derselben gemeldet wurde, dass alles NB was wir 3. schliessen, verabreden
und handeln würden, eben so gut verabredet, erkannt und geschlossen zu sein
gehalten und geachtet werden sollte, als ob alle Felsenburgischen Einwohner, vom
Aeltesten bis zum Jüngsten, und vom Grösten bis zum Kleinesten, selbst zugegen
wären, und vor ihre Wohlfahrt redeten, welche sie vor diesesmahl bloss allein,
nechst dem Vertrauen auf göttlichen Schutz und Hülffe, unserer Treue,
Redlichkeit, Klugheit und Erfahrenheit gäntzlich anheim gestellet hätten.
    Hierbei muss ich den geheimen besondern Haupt-Punct zu melden nicht
vergessen: wie nämlich uns auch dieser delicate Punct einzugehen erlaubt war,
den Don Juan mit so viel Begleitern, als uns etwa nicht gar allzu nachteilig
scheinen möchte, auf die Insul herauf zu führen; alldieweilen wir uns eben kein
besonderes Bedencken dabei nehmen durfften, weilen uns die Portugiesen jedennoch
nicht mit Gewalt verderben könten, und wenn sie auch mit der allerstärcksten
Flotte gegen uns überlägen, denn wir hätten ja die klaren Exempel davon nunmehro
schon zur Gnüge erfahren. Ich meines Teils hatte das allerwenigste hierwider
einzuwenden, zumahlen, da ich an allen meinen Fingern abzählen konnte, dass eine
ungewöhnlich stärckere Macht darzu erfordert würde, die Insul Gross-Felsenburg
mit Gewalt der Waffen einzunehmen. Um aber in der Geschichts-Erzählung ohne
fernern Umschweiff fortzufahren, so muss versichern, dass, so bald wir bei der
Sand-Banck angeländet, uns der Don Juan also gleich, nachdem er von den
Teppichen aufgesprungen war, ohne Begleitung nur eines eintzigen Dieners
entgegen gegangen, erstlich Herrn Wolffgangen, hernach die andern mitgekommenen
Felsenburger aufs allerfreundlichste umarmete, und bat, ihn bei jetzigen
Umständen nicht zu verschmähen, sondern ein Schälchen Caffée, vor das Nüchterne
mit ihm zu trincken, und zwar auf dem Sande. Wir liessen uns eben nicht lange
nötigen, indem wir befürchteten, dass er es sonsten übel nehmen, oder aber gar
einen unbilligen Verdacht auf uns legen möchte; demnach truncken wir ein jeder
etliche Schälchen bei einer Pfeiffe Toback, nachhero aber nach Belieben auch
einige Gläsergen des allerbesten Frantz-Brandteweins, da denn Don Juan de Silves
mit lächelndem Munde zu sagen anfieng: Meine Herren! ich habe eure Conduite von
vielen See-Fahrern rühmen hören, allein, das hätte ich mir fast nicht träumen
lassen, dass ihr mein letzteres an euch abgeschicktes Commando dergestalt
feindseelig abgefertiget, wie mir denn dieserwegen die Grillen noch im Kopffe
herum gehen, zumahlen, da euch seitero, kein ordentlicher Streit oder Krieg
angekündiget worden, sondern wir sind ja nur zu euch gekommen, als gute Freunde
und Brüder, in Hoffnung dessen, dass ihr die Ober-Herrschaft und den Schutz
meines Königs annehmen würdet; so aber fangt ihr den Krieg unbedachtsamer Weise
von euch selber an.
    Keineswegs, mon Patron! (gab hierauf Herr Wolffgang zur Antwort) haben wir
Streit und Krieg von uns selber angefangen, denn wir sind ein friedliebendes
Völcklein; da aber wider alles Vermuten und Verhoffen unter unsere Leute, die
uns gefolgt waren, um nur zu sehen, wo wir hin wollten, und wie es uns etwa gehen
möchte, so gleich Feuer gegeben wurde, als wie unter die Hunde, so haben
dieselben auch einiger Massen ihre Hertzhaftigkeit gezeigt, welche dieserwegen
zu bedauern, weilen sie den Ihrigen in etwas zum Schaden mag gereicht sein. Ich
kann ihnen (redete Herr Wolffgang weiter) heilig versichern, dass unsere
Felsenburger, ohngeachtet sie von Jugend auf, so zu sagen, ganz einfältig
auferzogen worden, dennoch Hertzen in ihren Cörpern haben, wie die Löwen und
Tyger, inmassen sie sich bloss auf GOtt, ihre gerechte Sache, gutes Gewissen und
sonsten angebohrne natürliche Freiheit verlassen, anbei sich eher auf der Stelle
tod schlagen liessen, als nur einen Fuss zurücke zöhen, um den Schein von sich zu
geben, als ob sie ihren Feinden nachgeben oder weichen wollten. Ich will hiervon
weiter nicht viel Redens machen, damit es nicht etwa als eine bei gewissen
Völckern gebräuchliche Rodomontade oder Prahlerei heraus kommen möchte.
    Der Himmel ist mein Zeuge, (versetzte auf dieses Don Juan de Silves,) dass
ich meinen Leuten nicht mit dem geringsten Worte Befehl gegeben,
Feindseligkeiten zu gebrauchen, geschweige denn mit dem Feuer-geben den Anfang
zu machen, da aber die Anführer derselben bereits an ihren Wunden gestorben
sind, als kann ich sie weiter nicht dieserhalb zur Rede setzen.
    Hierwider haben wir (war meine Gegen-Rede) ganz und gar nichts einzuwenden,
allein, was sollte denn aber das darauf erfolgende heftige Bombardiren und
Canoniren wohl etwa zu bedeuten haben? vielleicht uns Felsenburgern etwa ein
besonderes Schrecken einzujagen, oder uns sonsten in Verzweiffelung zu bringen?
wenn dieses ihre Gedancken gewesen sind, so haben sie sich ganz entsetzlich
geirret, denn wir sind bis auf diese Stunde noch nicht anders gesinnet, als eine
gewisse Art einer noch jetzo florirenden Nation, welche sich vor nichts
heftiger, als vor dem Einfall des Himmels zu fürchten pflegt, auser dem aber
die übrigen Feinde und Verfolger, zum Teil, en bagatell tractiret. Uns dauret
nichts, meine Herren! (so redete ich weiter) als die heftige Mühe und Arbeit,
die sie angewendet haben, uns zum bombardiren und zu canoniren, ausgenommen
noch, das viele Pulver, welches sie vergeblicher Weise verschossen und verplatzt
haben. Wir haben zwar auch gegen sie viel Pulver verschossen und verplatzt,
sonderlich bei den Feuerwerckergen, die unsere lustigen Knaben und Junggesellen
zuweilen gespielet, allein, dieses ist unser allergeringster Schade, da wir des
Schiess-Pulvers fast so viel haben, als des Sandes am Meere, und je mehrern
Abgang, um so viel desto grössern Zuwachs desselben verspüren.
    Don Juan nebst den Seinigen horchte hoch auf, da sie mich also reden
höreten, unterdessen aber, da wir mit einander auf der Sand-Banck herumspazieren
giengen, hatte er Befehl gegeben, etwas zu einer guten Mahlzeit dienliches von
seinem Schiffe herüber zu bringen. Ob nun schon dieses alles mehrenteils in
kalter Küche bestund, so kam es doch unsern hungrigen Magens eben annoch zu
rechter Zeit, zumahlen, da etliche Fässlein des besten Canari-Sects zugleich
mitkamen, und wir uns an demselben hertzlich labeten; worbei sich Don Juan
dergestalt freundlich, lustig und aufgeräumt aufführete, als wenn er Zeit seines
Lebens nichts feindseeliges gegen uns verhängen, vielweniger eine, und zwar die
allererste Bombe auf die Insul Gross-Felsenburg werffen lassen.
    Nachhero, da wir uns wieder nach orientalischer Art auf die Teppiche
niedergelassen, ging der Freuden-Becher unter einem friedlich-jedoch auch
ernstaften Gespräche dergestalt hurtig herum, dass die Nacht darüber
eingebrochen war, ehe wir uns deren vermuteten; Jedoch Don Juan, der sehr
lustig und aufgeräumt zu sein schien, wollte uns wegen der Gefahr eines
gekommenen Sturm-Windes nicht von sich lassen, sondern bat, was er bitten konnte,
nur erstlich den Tag abzuwarten, und vor allen andern Dingen bloss seine Person
nebst zweien Bedienten, oder wenigstens einem, auf unsere Insul mitzunehmen, da
er denn seiner Religion nach, bei GOtt und allen seinen Heiligen, Ertz- und
andern Engeln etc. unter freuem Himmel mit aufgereckter rechter Hand, einen
freiwilligen so genannten leiblichen Eydschwur tat, nicht zu uns zu kommen, als
ein Feind oder Spion, sondern als ein aufrichtiger, ehrlicher, guter Freund, der
uns und die Unserigen gern möchte besser kennen lernen, anbei verspräche, dass er
von jetziger Stunde an, so wohl bei Sr. Majestät, dem Könige in Portugall, als
sonsten, so viel als nämlich in seinem Vermögen stünde, unser Bestes und zu
unserer Wohlfahrt gereichendes suchen wolle, und dieses bloss allein zur
Vertilgung und Vergessung des Schreckens, welches er uns auf Anstifften
ungetreuer Leute, die ihn schändlicher Weise hintergangen und betrogen hätten,
zuzufügen gemeinet gewesen. Wie nun solcher Gestalt der Don Juan sich mit Worten
und teuren Versicherungen über alle Massen aufrichtig gezeuger, als wurden nach
einer kurtzen fernern Verabredung die Geisseln unter beiden streitigen Partien
gewechselt, da denn 3. von unsern Alt-Vätern mit ihren grauen Bärtern hinüber
auf sein Schiff, an Statt derselben aber 3. seiner vornehmsten Officiers von
dannen zu uns zurück gebracht wurden, worauf wir so gleich die Reise mit den Don
Juan, zweien seiner Bedienten und den jetzt gemeldten 3. Officiers, als so
genannten Geisseln, antraten.
    So bald wir am Fusse des Felsens angeländet und ausgestiegen waren, sagte
Don Juan: Nun so gönnet mir doch einmal die Lust, meine Freunde! zu erfahren,
ob ich von mir selbst den Eintritt oder den Aufgang auf eure Insul finden kann.
Wir mussten aber hertzlich lachen, da er die allergefährlichsten Fusssteige, auf
welchen ganz und gar nicht fortzukommen, wohl aber man mit leichter Mühe Hals
und Beine brechen konnte, zwar sehr behutsam suchte, jedoch jederzeit gewahr
werden musste, dass seine Mühe vergeblich zu sein schien. Unterdessen war er mehr
als 10. bis 12. mahl vor dem so genannten Wolffgangischen Wasserfalle hin und
her vorbei spatzirt, da aber die Flut eben im allerwildesten Falle und Sturtze
da heraus gerauschet kam, als schien es ihm freilich wohl unmöglich zu sein,
sich darauf zu besinnen, dass eben dieses die Haupt-Pforte wäre, derowegen gaben
wir unsern auf den Höhen stehenden Schildwächtern das gewöhnliche Zeichen, die
Schleusen zu mitin den Gang trocken zu machen, welches in gröster
Geschwindigkeit geschahe, da wir denn alle trockenes Fusses hinauf spatzirten,
den Don Juan aber, welchen wir nebst den Seinigen zwischen uns hatten, in die
allergröste Bestürtzung und Verwirrung geraten sahen, woraus sie sich nicht ehe
recht wieder erholeten, bis wir sie oben an das Tages-Licht und auf das Land
brachten. Wir traffen gleich oben 3. leichte Chaisen an, deren jede mit 6. der
allergrösten, jedoch ungemein zahm gemachten Hirschen bespannet war, worein sich
die mitgebrachten Fremden setzten, und auser diesen waren unsere Freunde noch
mit einigen andern Chaisen herbei gerückt, die aber nur mit wohlgewachsenen
Pferden bespannet, worein sie uns nahmen, und also nach einer kurtzen Verweilung
mit uns auf die Alberts-Burg zufuhren, allwo auf dem grossen Saale Don Juan, wie
auch seine bei sich habenden Officiers, so gleich vor den Regenten und die
Aeltesten zum Gehör gebracht wurden, und viele Zeichen einer ganz besondern
Bewunderung von sich blicken liessen. Sie wurden nachhero aufs allerkostbarste
von uns mit Speisen und Geträncke bewirtet, auch wurden ihnen die vornehmsten
und zierlichsten Zimmer zu ihrer Bequemlichkeit eingeräumet, anbei die Erlaubnis
gegeben, alles auf unserer Insul in Augenschein zu nehmen, als womit sie denn
einige Tage zubrachten, und wie sie selber sagten, sich fast nicht satt sehen
könten, weilen sie sich dergleichen Anstalten und Verfassungen nimmermehr hätten
träumen lassen, so wie sie dieselben nämlich auf der von aussen so rauhe
scheinenden Felsen-Insul angetroffen hätten.
    Es war gewiss so wohl auf unserer, als der Portugiesen Seite ein
merckwürdiges Exempel zu nehmen, wie veränderlich die Hertzen und Gemüter der
sterblichen Menschen sich in einen und anderen Begebenheiten, sonderlich aber
Glücks- und Unglücks-Fällen aufzuführen oder zu verhalten pflegen: Denn
diejenigen, welche wir kurtze Zeit vorhero vor unsere abgesagten Tod-Feinde
gehalten, ihnen auch dergestalt, wie man zu sagen pflegt, Spinnenfeind gewesen,
so dass wir sie nur immer alle Augenblicke anspeien mögen; eben diese wurden
nunmehro von uns aufs allerliebreichste und freundlichste tractiret, nicht
anders, als ob sie schon lange Zeit unsere guten Freunde gewesen, sondern auch
immerfort bei uns zu bleiben, sich möchten gefallen lassen. Anderer Seits gab
der Don Juan sich in so weit bloss: Meine Herren und Freunde! ich schwöre zu
GOtt, dass ich allhier in diesem kleinem Stückgen des Erd-Kreises angetroffen
habe, was vielleicht in der ganzen Welt im so kurtzen Begriff aller
Annehmlichkeiten nicht zu finden und anzutreffen ist. Ich vor meine Person müste
mir das gröste Gewissen daraus machen, wenn ich zugeben sollte, dass man euch
ferner beunruhigte. Nein! ich halte vielmehr davor, dass man alles dieses, was
wir gehöret und gesehen haben, vorhero Sr. Portugiesischen Majestät aufs
allergenaueste vortragen müsse, als welche keinen weltlichen Fürsten über sich
haben, der die Gerechtigkeit mehr lieben sollte, wie jetzt gemeldete Sr. Königl.
Majestät. Wie gesagt, von mir und den Meinigen sollet ihr und die Eurigen nicht
im allergeringsten mehr beunruhiget werden, bis auf Ihro Majestät fernerweitige
allergnädigste Verordnung. Anbei wollte euch wohl den treuhertzigen Rat geben,
eine Deputation von euren Leuten an Sr. König Majestät abzuschicken, um euren
Zustand selber vorzustellen; Inzwischen, da ich sehe, höre und weiss, dass ihr
einen starcken Uberfluss an Lebens-Mitteln und Schiess-Pulver habt, so will euch
angesprochen haben, uns eine zulängliche Menge desselben vor billigmässige baare
Bezahlung zu überlassen. Dieses wurde dem Don Juan so gleich versprochen, und
zwar, so viel wir uns nur dessen zu entraten getraueten, ganz ohne Geld,
weilen, wie sie wahrgenommen, wir auf unserer Insul keinen Handel noch Wandel
trieben, mitin auch kein Geld vonnöten hätten. Im übrigen wurden auch die im
Lazarete auf der Insul Klein-Felsenburg aufs frische und neue mit fast
überflüssigen Lebens-Mitteln besorgt, ja die Herren Portugiesen wussten ihre
Schiffe dergestalt voll zu pfropffen, dass, so zu sagen, fast kein Ey mehr Raum
darinnen haben konnte. So wurden auch die 2. Gefangenen, welche gleich anfänglich
fast den Hals, als Spions gebrochen, jedoch wieder curirt waren, wieder zurück
gegeben, der dritte aber, welcher von dem Davids-Raumer Schildwächter war
erschossen worden, blieb an der Mauer unsers GOttes-Ackers ungestöhrt begraben
liegen.
    So bald demnach die Herren Portugiesen empfangen, was sie verlangt hatten,
wurden auch die beiderseitigen bisherigen Geisseln wieder gegen einander
ausgewechselt, da wir denn unsere lieben Alt-Väter mit so viel desto grössern
Freuden auf unserer Insul zurück bewillkommeten, als wir sahen, dass alle
Portugiesen sich immer alle nach Gerade auf ihre Schiffe begaben, da sie uns
denn melden liessen, wie sie nur auf den ersten favorablen Wind warteten, um
ohne längeres Verweilen unter Seegel zu gehen, derowegen sich unsere Deputirten
auch aufs eiligste fertig machen möchten, wenn sie annoch gesonnen wären, mit
nach Europa an den Königlichen Hof in ihrer Gesellschaft mit zu reisen; Allein
dem Trompeter, welcher dieses Einladungs-Compliment brachte, wurde zur Antwort
gegeben: dass wir dem Don Juan de Silves und seinem Geleite eine glückliche Reise
wünscheten, weiln sich aber unsere Deputirten noch nicht in der Verfassung
befänden, vor dissmahl mit ihnen zu reisen; wir auch einer und anderer Ursachen
wegen uns noch ein besonderes Bedencken nähmen, dieserhalb zu übereilen, als
möchten sie nur unter dem Geleite des Himmels voraus seegeln, weil ihnen die
Unserigen zu rechter Zeit auf zweien leichten Schiffen nachfolgen sollten, auch
sie vielleicht einholen könten, ehe sie den Europæischen Grund und Boden
erreichten.
    Es mochte wohl denen guten Hrn. Portugiesen einiger Massen verdriessen, dass
wir sie, so zu sagen, bis auf die letzte Stunde, unserer Deputirten wegen, bei
der Nase herum geführet: Allein, was war daraus zu machen? zumahlen, da es eine
unverbotene Sache ist, so wohl List mit List, als Gewalt mit Gewalt zu
vertreiben. Unterdessen flanquirten sie noch einige Tage um die Gegend der
Sand-Bäncke herum, da wir aber weiter nichts mehr mit ihnen zu schaffen hatten,
auch ferner keine Antwort von uns geben wollten, und wenn sie auch alle Tage 15.
Trompeter an uns schickten, so beobachten wir ihr Hin- und Herweddeln noch
einige Tage in ruhiger Gelassenheit, ohne auf unserer Insul einen Laut von uns
zu geben. Jedoch es trug sich bald hernach eines Morgens bei Aufgang der Sonnen
auch etwas zu, wovon uns in der abgewichenen Nacht nichts geträumet hatte, denn
es stelleten sich zwei Kriegs-Schiffe dem dritten, als des Don Juans
Haupt-Schiffe in behöriger Weite entgegen, und fiengen dergestalt auf dasselbe
zu canoniren an, dass man bald gewahr wurde, wie dieses kein Schertz, sondern des
Don Juans Schiff sich in der grösten Not befände, zu sincken, und dieses
heftige Canoniren währete bis die Nacht einzubrechen begunte, als wir aber bei
aufgehender Sonne, nämlich des nächst darauf folgenden Tages uns abermals nach
den Portugiesischen Schiffen umsahn, so waren dieselben insgesamt in der
ausserordentlich stockfinstern Nacht verschwunden, so dass man auch nicht einmal
einen Span-Holtzes mehr auf der See herum treiben sah. Wir wussten, wie gesagt,
uns anfänglich keine Vorstellung in unsern Gedancken zu machen, was dieses zu
bedeuten hätte, ob es ein bloses Gauckel-Spiel, oder Spiegelfechten wäre? oder,
ob etwan die Portugiesen von einer Barbarischen, oder andern Nation im Ernste
angegriffen, und zum Welchen gezwungen worden? Allein, kurtz: hier halff kein
Kopffzerbrechens, und ihnen etwa ein leichtes Jagd-Schiff nachzusenden, um zu
erfahren, wo sie hin gekommen wären, schiene eben kein Rat zu sein, ohngeachtet
sich, sonderlich von unseren tapfferen mannbaren Junggesellen verschiedene
Wage-Hälse angaben, die nur Wunderswegen wissen möchten, wo sie geblieben wären,
und ob sie sich etwa noch in den nähesten Gewässern aufhielten; so wollten wir es
ihnen dennoch nicht zugeben, indem wir alle eine recht hertzliche Freude darüber
hatten, dass unsere Feinde entwischet waren, wie die Katzen von den
Tauben-Schlägen. Einmahl vor allemahl, da sie fort und hinweg waren, wünschten
wir ihnen zwar Glück auf die Reise, ihre Personen aber sobald nicht wider zu
sehen; Jedoch, was den Don Juan anbelanget, so hatte seine wohlgeartete
Aufführung ihm, ohngeachtet er uns anfänglich zu verderben schien, dennoch bei
den Felsenburgern ein ziemlich gutes Lob zurücke gelassen; Ja, ich kann sagen,
dass der ziemlich starcke Vorrat an Lebens-Mitteln und andern Bedürffnissen,
welche wir den Portugiesen zukommen lassen, und zwar ohne die geringste
Bezahlung, dennoch ihnen, als fast zu sagen ihren Feinden nicht einmal
missgegönnet wurde, sondern etliche unserer Leute pflegten zu sagen: Lasset diese
Hunger-Därme alle Jahr zweimahl kommen, und gebet ihnen so viel, dass sie die
Rachen füllen können, nur aber sollen sie kein vergebliches Lerm machen, kein
unschuldiges Blut vergiessen keine frommen und redlichen Leute tod machen, und
uns nebst unsern Kindern in die Sklaverei zu bringen drohen. Wo nicht? so wollen
wir bald die Örter suchen, wo der Gift begraben liegt, und ihnen an Statt der
Lebens-Mittel Gift geben etc. Diese und dergleichen Redens-Arten flossen aus
vielen missvergnügten Hertzen, sonderlich der Weiber und schon ziemlich
verständigen Kinder, welche wir aber mit lachendem Mute auf bessere Gedancken
zu bringen suchten, indem wir ihnen vorstelleten, dass unsere Feinde so bald wohl
nicht wiederkommen möchten, weilen sie es vieleicht sich selbst vor eine
Grobheit auslegen dürfften, wenn sie einem gutwilligen Wirte gar zu oft
Ungelegenheit machten.
    Nunmehro aber, da aller Krieg und Kriegs-Geschrei vorbei war, machte sich
ein jeder nach vollbrachtem Gottesdienste wieder an seine ordentliche Arbeit,
hauptsächlich aber die annoch in Stroh und Hülsen befindlichen Feld-Früchte, als
Reiss und andere Sorten von Geträyde, zu gute zu bringen, um nicht allein den
Abgang in unsern eigenen Wirtschaften, sondern vornemlich auch den Mangel in
denen ziemlich ausgeleerten Magazinen wieder zu ersetzen, und anbei zu bringen,
was verloren gegangen war; da denn Alt und Jung, Gross und Klein alle Kräffte
daran streckten, so dass wir binnen weniger Zeit fast ganz und gar im geringsten
nicht spüreten, was Massen wir so viele hungerige Gäste gehabt, die ein weit
mehrers mit sich fort geschleppt, als sie bei uns verzehret hätten. Demnach gab
sich das Volck vollends auf einmal zufrieden.
    Eines Abends aber, da ich mit andern bei mir befindlichen guten Freunden die
Höhen und Wacht-Posten von Alberts- und Davids-Raum, auch noch weiter hin nach
West- und West-Süden zu, visitirte, wurden wir auf der Insul Klein-Felsenburg
ein sehr grosses, ziemlich starck und helle brennendes Feuer gewahr, dessen
Flammen und Rauch einmal über das andere bei damahligen stillem Wetter bis zu
den Wolcken gen Himmel in die Höhe stiegen, und sich durch einander herschlugen,
so, dass es zum öfftern ganz fürchterlich anzusehen war. Wie ich nun dieses
abermals vor etwas besonders neues erkannte, so sagten einige Schild-Wächter,
dass dieses ganz und gar nichts neues wäre, indem sie dieses Feuer, seit dem
Abzuge der Portugiesen, bei dunckeln Nächten schon zu mehrern mahlen gesehen,
weilen sie aber davor gehalten, als ob sich etwa Schwefel- oder Salpeter-Löcher
aufgetan, und von selbst entzündet hätten, so wäre es von ihnen nicht
gewürdiget worden, selbiges anzuzeigen, um damit nicht etwa unsern Einwohnern
ein vergebliches Schrecken zu verursachen, als welche ohne dem bishero Schrecken
und Verdruss genug gehabt. Ein eintziger aber unter den Schild-Wächtern sagte
dennoch, wie ihm die Sache einiger Massen verdächtig vorkäme, indem er von Natur
unter andern 100. ja 1000. Menschen ein solches scharffes Gesicht hätte, dass er
sonderlich bei der allerdunckelsten Nacht, ohne Fern-Glas, oder Perspectiv, so
helle sehen könnte, wie man zu sagen pflegte, als ein Luchs; und derowegen wäre
ihm nicht einmal, sondern etliche mahl vor seine Augen gekommen, wie einige
Personen um das Feuer herum wandelten, als ob sie mit einander redeten, es
möchten nun Geister oder Gespenster sein, darum wolle er sich eben nicht so sehr
bekümmern. Indem wir nun so bei ihm stunden, und seinen Reden zuhöreten,
versicherte er, bei seinem guten Gewissen, dass er wenigstens 4. bis 5. Personen
um das Feuer herum spazieren sähe, da sich denn bald einige funden, die ihm
Beifall gaben, die ganze Sache aber vor ein blosses Schatten-Spiel hielten,
welches durch das Feuer und den Rauch verursacht würde.
    Dem mochte nun aber sein, wie ihm wollte, so brachte mir dieses Gesichte eine
schlaflose Nacht zu Wege, und ich beschloss bei mir, ehe in kein Bette zu kommen,
oder geruhig zu schlaffen, bis ich in Klein-Felsenburg auf der Stelle gewesen,
wo wir ohngefehr das grosse Feuer brennen sehen, welches denn auch bis gegen
Anbruch des Tages fort brannte und rauchte. So bald viele von meinen besten
Freunden, und über dieses etliche 30. hertzhafte Junggesellen, oder, so zu
sagen, Wage-Hälse meinen Vorsatz und Entschluss vernommen, versammleten sie sich
gleich um mich herum wie die Bienen, und verlangten mit hinüber zu fahren, da
denn gleich mit Aufgang der Sonnen, 2. der besten und schönsten Boote in
allergröster Geschwindigkeit zu rechte gemacht und ausgerüstet wurden; wobei wir
alle unser Oder- und Unter-Gewehr nebst Pulver und Blei, auch Lebens-Mitteln, so
viel wir nur in so heftiger Eile finden konten, mit uns nahmen, und also
fortruderten, auch noch Vormittags auf Klein-Felsenburg anlandeten.
    Nachdem wir in der ordentlichen Bay angelanget und ans Land gestiegen,
erfanden wir nach Verlauf etwa einer halben Stunde sogleich den Platz, allwo das
beschriebene Feuer noch beständig fort brannte, jedoch zu unserm ersten
Schrecken erblickten wir schon von ferne, dass 4. Personen darbei sassen, welche
jedoch, so bald sie uns mit Gewehr auf sich zukommen sahen, augenblicklich
aufsprungen, und uns auf Händen und Füssen, über die 50. Schritte daher,
entgegen gekrochen kamen. Da wir dieselben nun so gleich vor Portugiesen
erkannten, und zwar vor einige dererjenigen, welche schon eine Zeit daher in
unserm so genannten Lazarete gelegen hatten, so nahmen wir unsere Flinten
verdeckt unter den lincken Arm, mit der rechten Hand aber winckten wir ihnen,
näher zu kommen. Worauf sie auf ihre Füsse traten, und flehentlich baten, ihres
Lebens zu verschonen, weilen sie vor die vielfältige genossene Gnade, Güte und
Barmhertzigkeit, welche wir ihnen erzeigt hätten, weder uns noch den Unserigen,
so wie ihre unerkänntlichen Lands-Leute, auch nicht den allergeringsten Schaden
jemahls zugefügt, ja weder Flinten noch Pistolen gegen uns losgebrannt hätten.
Das kann sein, meine Freunde! aber auch nicht sein (gab ich ihnen hierauf zur
Antwort) dem sei aber, wie ihm wolle, so will ich doch nur fragen, wer euch den
Befehl oder die Erlaubnis gegeben hat, auf dieser Insul zu bleiben, da ihr doch
curiret, und gesunde Leute seid, die ihren Lands-Leuten wohl hätten folgen
können. Auf diese meine Rede gab mir ein ganz seiner sehr vernünftig
scheinender Mensch, welcher eine Sergeanten-Stelle bekleidet, so viel zur
Antwort: Mein grossgünstiger Herr und Gönner! ich bemercke, dass dieselben in
einer irrigen Meinung stehen, indem sie etwa glauben, wir wären entweder aus
eigenem Antriebe zurück gebliebene faule Leute, um vielleicht noch fernerweit
gute Bissen und Bequemlichkeit zu geniessen; oder sie haben wohl auch die
Gedancken von uns, dass wir Spions, Land- und Leute- Verräter oder Spitzbuben
wären, so, wie einige andere von unserer Nation sich aufgeführet, und demnach
ungestrafft darvon gekommen sind. Woferne dieselben diesen letztern Glauben oder
Meinung von uns hegen sollten, so sind wir alle 4. Mann erbötig, gleich nieder zu
knien, und eine Kugel entweder durch den Kopff, oder durch das Hertz von ihnen
zu erwarten, denn unser 5ter Camerad ist von uns gegangen, um etwa eine oder ein
paar wilde Ziegen zu schiessen, von mehrern Menschen oder wissen wir auf dieser
kleinen Insul weiter nichts.
    Ich redete ihm nochmahls in sein Gewissen, uns ja nicht etwa zu betrügen,
oder Lügen vorzuschwatzen, wiedrigenfalls aber, da wir gewahr würden, dass ein
Hinterhalt auf uns lauren möchte, er der erste sein müste, den wir ins Reich der
Todten schickten. Indem kam ihr 5ter Camerad, und brachte 2. wilde Ziegen, die
er geschossen hatte, hinter sich hergeschleppt, liess aber dieselben gleich auf
derselben Stelle, wo er stund, liegen, und legte seine Flinte darneben, kam
darauf, und kniete ebenfalls auch neben seine 4. Cameraden nieder; allein, wir
konten dieses gar nicht lange ansehen, sondern reichten ihnen die Hände, und
hiessen sie von der Erden aufstehen, hergegen zwischen uns auf etliche
zugehauene Bau-Stücke niedersetzen, anbei aber uns zu berichten, was es nicht
allein mit ihren 5 Personen, sondern auch mit dem Verwunderungswürdigen Abzuge
ihrer Lands-Leute vor eine Beschaffenheit hätte?
    Hierauf fieng erstgemeldter Sergeant, nachdem wir uns alle in ordentlicher
Gestalt um ihn herum gesetzt, seine Reden recht mit Bedacht zu vernehmen, also
an: Wenn Don Juan de Silves gewust hätte, dass diejenigen Officiers von unsern
Leuten, welche er mit sich auf die Insul Gross-Felsenburg nahm, um dieselbe zu
besichtigen, seine heimlichen abgesagten, so zu sagen, fast geschwornen
Tod-Feinde waren, würde er ihnen wohl nicht leicht vergönnet haben, auf diese
jetzt bemeldte Insul zu kommen; Ja, ich sage nochmahls, wenn Don Juan dieses
gewust hätte, so wohl als die allermeisten von seinen Untergebenen, so lebte er
vielleicht noch jetzo. Was? (rief ich nicht allein dem Sergeanten, sondern auch
seinen Leuten recht im Schrecken entgegen) ist Don Juan todt? Nicht anders, mein
Herr! (antwortete der Sergeant) und sein Cörper liegt kaum 2. bis 300. Schritte
von dieser Stätte, worauf wir jetzo sitzen, begraben, wie aber dieses
zugegangen, will ihnen vorjetzo bis auf eine andere Zeit nur in aller Kürtze zu
wissen tun. So bald als unser Trompeter von den Felsenburgern die Antwort
zurück gebracht: welcher Gestalt sie sich anders resolvirt, ihre Deputirten
nicht mit uns fortschicken, sondern dieselben bis auf eine andere Zeit und
Gelegenheit annoch zurück behalten, nachhero schon mit eigenen Schiffen nach
Europa senden wollten, und wie die Worte etwa ferner lauten mochten etc. da sie
uns, wie es denn genommen oder ausgelegt wurde, ganz spitziger und höhnischer
Weise eine glückliche Abfahrt und Reise wünschten, auch vielleicht bald
nachzukommen versprachen, und was dergleichen Redens-Arten mehr waren, die ich
nicht alle von Wort zu Wort behalten können, sondern nur die Haupt-Sache, so den
grösten Lerm verursachte.
    Diesen Lermen machten hauptsächlich die aus der Insul mit gewesenen Officier
s, indem sie die Commandeurs der andern 2. Kriegs-Schiffe unter dem Vorwande
gegen den Don Juan aufwiegelten, dass alles dieses eine schändliche Verräterei
sei, die er mit den Felsenburgern abgedroschen, als zu deren Ober-Haupte, oder
wenigstens Vice-Könige, er sich ohnfehlbar vor seine Person selber
aufzuwerffen gesonnen, indem er sich zum öfftern verlauten lassen, dass ihm diese
Insul allein lieber sein sollte, als manches kleines Königreich, ingleichen
bürdeten sie ihm auf, dass er sich mit dem wenigen Proviant und Schiess-Pulver
abspeisen lassen, und nicht darauf gedrungen hätte, dass ihm die Felsenburger
mehrere Kostbarkeiten an Gold, Silber, Perlen und dergleichen zinsen müssen,
indem es schon längst durch verschiedene Spions verraten worden, dass sie einen
sehr starcken Vorrat von dergleichen Sachen im Vermögen hätten; doch würde er
vielleicht die unschätzbaren Diamanten und andern edlen Gesteine, die sie ihm
hie und da heimlich zugesteckt, wohl schwerlich zeigen. In Summa: es erhellete
klärlich aus allen Umständen, dass Don Juan aus gewissen Absichten, die ihm vor
seine eigene Person selbst etwa zum besondern Vorteil gereichen können, die
Felsenburger begnadiget, und der Königlichen Ordre nicht behörig nachgelebt
hätte, wiedrigenfalls man diese Insul wohl erobern können, und wenn dieselbe
noch 10. mahl stärcker bevestiget und besetzt gewesen wäre.
    So bald nun diese falschen Beschuldigungen dem Don Juan zu Ohren kamen, liess
er die Commandeurs der andern beiden Kriegs-Schiffe, ingleichen alle übrigen
vornehmen See-Officiers zu sich auf sein, als das Haupt-Schiff beruffen, um mit
ihnen See- oder Schiffs-Rat zu halten, und sich sonderlich wegen der ihm
aufgebürdeten schweren Verbrechen zu entschuldigen.
    Seine Feinde und Verfolger kamen hierüber zusammen, und der heftige Streit
mit Worten währete viele Stunden, ja fast die ganze Nacht hindurch, da denn Don
Juan de Silves, welchem seine Feinde nichts erweisslich machen, vielweniger ihn
mit Worten überwinden konten, ihre Degens auf ihn zogen, und diesen wackern
Commandeur mit etliche 20. Wunden ermordeten, wie wir denn solche ganz
eigentlich gezählet haben. So bald aber dieselben ihn tod sahen, und bemerckten,
dass dieserwegen eine Rebellion auf seinem als dem Haupt-Schiffe entstehen, die
sich vielleicht wohl weiter noch auf die andern Schiffe ausbreiten möchte, gaben
sie so gleich Befehl als die andern beiden Schiffe, auf das Haupt-Schiff los zu
canoniren, und solches, wo möglich, in den Grund zu bohren. Wie wir, als des Don
Juans überbliebene Getreuen, dieses kaum pfeiffen hören, warffen sich unser 12.
Mann in das gröste Boot, nahmen auch den verblichenen Cörper des Don Juan mit
hinein, indem wir gesonnen waren, denselben auf einer der höchsten Sand-Bäncke
zu begraben; Allein der Himmel fügte es ganz anders, indem unser Boot auf einer
verborgenen Klippe umstürtzte, so dass von unsern Cameraden ihrer 7. ersoffen,
mitin bei dem todten Cörper nicht mehr, als wir 5. Mann übrig blieben, worauf
uns ein sanfter Wind, an statt, wie wir erstlich vermeinten, nach den
Sand-Bäncken zufuhr, und durch die Gnade und Barmhertzigkeit des Himmels, zwar
wider alles unser Vermuten, an das Ufer dieser Insul trieb. Als welche Insul
wir denn mit den allergrösten Freuden so gleich erkañten, einen bequemen Ort zum
Anländen fanden, und unsere Leiche, als des im Leben liebgewesenen Commandeurs,
Don Juan de Silves, mit ungemeiner Mühe und Arbeit zu Lande brachten, dieselbe
nach Soldaten-Art ehrlich begruben, und einen grossen Stein-Hauffen auf das Grab
machten, wie denn, meine Herren! selbiges sogleich nach ihrem Belieben in
Augenschein nehmen können, auch, so es gefällig, den Cörper können ausgraben,
und durch einen Chirurgum besichtigen lassen, denn es kann dieser Cörper, weilen
er so nahe an der See, und zwar im schönsten kühlen Sande stehet, binnen so
kurtzer Zeit nicht vermodert oder angefaulet sein. Sonsten aber kann man den Don
Juan de Silves an den 3. starcken Narben, die ihm, wie ihnen bekannt, von 3.
wichtigen Verwundungen übrig geblieben, gar leicht erkennen, ausgenommen des
grossen braunen Muttermahls, welches er an seinem lincken Backen hat. Dieses
sage ich darum, wenn sie ja zweiffeln sollten, dass dieses der rechte angegebene
Cörper wäre. Sonsten aber möchten sich meine Herren vielleicht auch wohl darüber
verwundern, wo nämlich wir 5. Personen 5. Flinten, so viel Palläsche, Bajonetts
und dergleichen anderes Gewehr hergenommen hätten, da doch unsere 7. Cameraden
ersoffen, und ihr Gewehr wohl nicht würden zurück gelassen haben; allein, wenn
sie sich bemühen wollen, mit nach unserm Boote zu gehen, welches uns durch des
Himmels Fügung anhero gebracht, so werden sie gleich finden, dass wir Recht
haben: denn dieses ist eines von der besten Portugiesischen Art, da man in den
hohlen Seiten-Wänden des Boots verschiedene Stücke, Ober und Unter-Gewehr,
Pulver, Blei und dergleichen verbergen kann, wie wir denn von diesem allen einen
noch höchst notdürfftigen Vorrat haben; so werden sie denn daraus ferner
beobachten, dass alles dieses ganz natürlich zugehet.
    Nunmehro (so redete der Sergeant ferner) bitten wir uns bei unsern
Hochgebietenden Herren dero mächtigen Schutz aus, und zwar in Erwegung dessen,
dass uns der Himmel so wunderbarer Weise wieder anhero auf diese ihnen zuständige
Insul geführet hat. Auf ihre grosse Insul verlangen wir nicht einmal unsere
Füsse zu setzen, um des Verdachts entübriget zu sein, als ob wir etwa Spions
oder Landes-Verräter wären, als welches der Himmel wollte lassen ferne von uns
sein. Kurtz: wir sind froh, dass wir von unsern Landes-Leuten mit guter Manier
abgekommen sind, weilen uns deren Lebens-Art selber nicht länger anständig
ist, darum wollen wir uns eine geruhigere Lebens-Art erwählen, und um unsere
Nahrungs-Mittel zu verdienen, lieber so lange arbeiten, bis uns der Tod der
Arbeit entlediget. Unterdessen sind wir, wie sie sehen, alle noch gesunde,
frische und starcke Leute, deren der Aelteste etwa von 53. der Jüngste aber von
etliche 30. Jahren sein. Wir sind alle geschickt zu Zubereitung des Holtzes,
sonderlich dessen, was zum Schiff- und Häuser-Bau erfordert wird, ausser diesem
können wir ja in den Saltz- und Ertz-Gebürgen arbeiten, wenn uns ja unsere
Herren dasjenige Brod gönnen wollen, welches wir nicht etwa, so wie vorhero als
Faulläntzer, sondern mit ihrer allermöglichsten Hand-Arbeit zu verdienen
gedencken.
    Meine Freunde! (gab ich ihnen hierauf zur Antwort) nehmet mir nicht übel,
dass ich euch dessen, was diese letztere Sache anbelanget, keinen gründlichen
Entschluss erteilen kann, indem ein solches unsern Aeltesten und Befehlshabern
erstlich muss vorgetragen werden. So viel aber will ich euch versprechen, dass,
wenn ihr GOtt fürchtet, getreu und redlich, keinesweges aber etwa verräterisch
oder tückisch an uns handelt, so könnet ihr arbeiten nach eurem eigenen
Belieben, so viel als ihr vermeint, was etwa zu desto besserer Erhaltung eurer
Gesundheit möchte dienlich sein. Unterdessen möget ihr auch arbeiten, oder ganz
und gar nichts tun, als eurer Ruhe pflegen, so soll euch doch von Zeit zu Zeit,
und zwar im Uberflusse, so viel an Kost und Wein zugeführet werden, dass ihr
nicht zu klagen Ursache haben sollet. Auser dem habt ihr ja die schönsten
grossen und auch kleinern Vögel, die wilden Ziegen und noch vielmehr gutes
Wildpret, worbei wir uns aber ausbitten, so wohl das Rot- als Schwartz-Wildpret
ein wenig behutsam zu tractiren, weiln wir unsre Freude daran haben. Hergegen
werdet ihr auser denen grösten Schildkröten und andern Meer-Tieren, welche man
nebst den allervortrefflichsten Fischen zur Speise gebraucht, den stärcksten
Vorrat ohne besondere Mühe antreffen, und euch dieselben, der Veränderung der
Speisen wegen, zu Nutze machen können. Hiernächst wollen wir euch allerhand
Handwercks-Zeug, als grosse und kleinere Sägen, grosse und kleine Holtz-Aexte
und Hand-Beile, ingleichen Hacken, Picken, Schauffeln, Spaden und dergleichen,
so viel, als nötig zu sein scheinet, zuschicken, als wormit ihr euch eurer
Bequemlichkeit nach, diese oder jene Bewegung zu Erhaltung der Gesundheit, nicht
aber zur Schwächung des Leibes machen könnet, denn dieses verlangen wir nicht,
weiln wir keine Tagelöhner nötig haben, sondern unsere selbst eigene Tagelöhner
nach eines jeden Vermögen sind.
    Nachdem nun diese guten Leute, welche bis dato noch alle lebendig, lustig
und guter Dinge anzutreffen sind, diesen Vortrag von mir angehöret, schienen sie
von Hertzen darüber erfreuet zu sein, und wollten uns allen die Hände küssen,
allein wir schenckten ihnen diese unnötige Höflichkeit, liessen uns aber doch
aus Neubegierde zu des Don Juans Grabmahle führen, wobei sie denn fragten: ob
wir dasselbe wollten eröffnen lassen, um seinen Cörper in Augenschein zu nehmen?
da sie sich denn mit etlichen mit Eisen beschlagenen Rudern so gleich darüber
hermachen, und dasselbe aufgraben wollten; Allein wir sagten ihnen, dass dieses
nur unterbleiben könnte, indem wir ihrer Redlichkeit traueten, und den Cörper
nicht in seiner Ruhe stöhren wollten. Hierauf lasen wir Felsenburger allen unsern
noch bei uns habenden Proviant zusammen, worunter etliche Flaschen Wein
befindlich, die sich einige durstige Seelen auf die Reise füllen lassen; wie
aber unser eigener Hunger und Durst schon ziemlich gestillet war, und wir binnen
wenig Stunden wieder in unsern Wohnungen zu sein uns vorstelleten, so liessen
wir alles dieses unsern neuangekommenen Gästen zurück, die sich denn, wie sie
hernach sagten, eine sehr kostbare Abend-Mahlzeit davon zubereitet, welche sie
aber nicht alle verzehren können, sondern noch sehr viel bis auf den andern Tag
übrig behalten hätten.
    Demnach nahmen wir auf dissmahl Abschied von ihnen, nebst der Versicherung,
dass wir als Ubermorgen ganz gewiss wieder zu ihnen kommen wollten, da sie uns
denn in aller Frühe mit ihrem Boote bis an den Absatz unsers Felsens entgegen
fahren könten. Und dieses war der Verlass, wir aber kamen noch bei guter Zeit
nach Hause, so, dass noch Zeit genug übrig war, vor Schlafen-gehen dem Regenten
und einigen bei ihm versammleten Mit-Regenten einen ausführlichen Rapport von
unserer Reise und vorgefallenen Verrichtungen abzustatten.
    Hier traf nun anfänglich wohl recht das gewöhnliche Sprüchwort ein: Laudatur
ab his, culpatur ab illis; wie nämlich eine Sache zuweilen von diesem gelobt,
von einem andern über getadelt oder verachtet wird; sonderlich musste sich zuerst
der gute Eberhard Julius ziemlicher Massen durchhecheln lassen, dass er abermals
5. neue Stipendiaten, oder wie man sie sonst anderer Orten zu nennen pflegt,
Sanct Marx-Brüder gewonnen hatte. Jedoch, nachdem ich meinen Mund auch
aufgetan, und mich in dieser meiner gerechten Sache bestmöglichst verantwortet
hatte, auch meine mitgewesene liebe Hn. Brüder u. guten Freunde aufs kräfftigste
vor mich redeten, so wurde nach etwas genauerer Untersuchung der
Sachen-Beschaffenheit mir zuvörderst und allen andern Mitgewesenen das Lob und
der Ruhm beigelegt, dass wir unsere Dinge unvergleichlich wohl gemacht hätten,
zur Straffe aber dessen, dass wir alles so wohl besorgt, sollten wir auch
fernerweit darauf bedacht sein, dass uns diese Leute nicht etwa mit der Zeit
fatal werden, und wohl gar der Insul Gross-Felsenburg einen Stoss geben möchten
etc. Hierbei wurde uns auch die Sorge vor ihre Verpflegung und alles dessen, was
sonsten dabei vonnöten sein möchte, aufgetragen, damit man sehen könne, wie
sich diese Leute (welche meine besten Freunde im Schertze nur die Eberhardische
Colonie zu nennen pflegten) von Zeit zu Zeit anliessen. Sonsten hätte ich zur
Verteidigung dieser sehr redlich und aufrichtig scheinenden Leute, die, wie wir
hernach erfuhren, nicht alle gebohrne Portugiesen waren, noch ein vieles
beibringen können, unter welchen mir sonderlich der Sergeant sehr wohl gefiel,
als welcher sich vor einen gebohrnen Edelmann ausgab, und sich Don Francisco del
Rio nennete, auch nebst dem Spanischen sehr gut Latein redete; allein, es
erforderte eben die Not noch nicht, dass ich sie zu frühzeitig lobte, weiln ich
dass feste Vertrauen zu ihnen hatte, dass sie sich durch ihre gute Aufführung bald
selber Lob und Ruhm erwerben würden. Demnach sorgte nur davor, ihnen mein Wort
zu halten, und bestimmten Tages wieder bei ihnen zu sein. Meine mitgereiseten
lieben Brüder, Vettern und Freunde nahmen in der Tat grossen Teil an diesen
meinen ohnbesonnenen Sorgen, mitin wurden in geschwinder Eile 3. Boote
ausgerüstet, und nicht allein mit Lebens-Mitteln sondern auch mit den
allernötigsten Stücken, welche zur guten Wirtschaft gehören, beladen. Als
einige Stück Feder-Betten, etliche Matrazzen von verschiedener Grösse, Kessel,
eiserne Töpffe, Tiegel, Pfannen, Schüsseln, Teller, Löffel, und anderes
Küchen-Geräte, alles nach seiner Art, teils von Messing, teils von Eisen und
so fort, worbei eine erstaunliche Menge Töpffer-Zeug von verschiedener Art zum
Gebrauche in die Küche befindlich.
    Was die Haupt-Stücke unserer Verehrung aber anbelanget, so mochten es wohl
diese heissen, dass ein jeder ein so genanntes Feier- oder Sontags-Kleid, darbei
auch ein von etwas gröbern Tuche, oder gemeines Werckel-Tags-Kleid bekam, welche
beide vollständig nach Felsenburgischer Mode gemacht waren, auser diesem bekam
jedweder noch 2. paar Wild-Lederne Beinkleider, auch Schue, Stiefeln u.
Strümpffe 3. und 4. fach. Unser Frauenzimmer, deren mancher sonsten ein
Zwirns-Faden an das Hertze gewachsen war, wollte seine Freigebigkeit (ich weiss
selber nicht warum?) auch auf einmal zum Vorscheine kommen, und dero Lichter
leichten lassen, denn sie beschenckten meine so genannte Colonie, jeden mit 12.
Unter-und eben so vielen etwas feinern Ober-Hemden, Halstüchern, Servietten,
Handtüchern, Schnupftüchern und andern dergleichen Kleinigkeiten, worbei aber
auch die schönsten Bett-Überzüge und Bett-Tücher waren, des übrigen Hausrats
ganz und gar nicht zu gedencken. Ja, ich wundere mich bis diese Stunde noch
fast halb tod, dass unser Frauenzimmer ihrem zarten Hertzelein damahls
dergleichen so gar gewaltige Stösse geben können; Allein die Wahrheit zu
bekennen, so haben sie, dem gemeinen Sprichworte nach, nichts weiter getan, als
Speck-Seiten nach Bratwürsten zu werffen. Jedoch umgekehrt: denn ich bin ja
lange noch nicht fertig mit erzählen; hätte mir aber selber nicht eingebildet,
dass alle diese unsere geringen Geschencke, durch die Gelegenheit, hauptsächlich
aber durch die Vorsorge der Himmels-Güte, bei eben dieser Leute Anwesenheit so
reichlich sollte ersetzt werden.
    Jedoch, kurtz zu sagen: so sahen wir unserer Stipendiaten Boot, welches man
wohl eine der besten Chalouppen nennen mochte, zu bestimmter Zeit angerudert
kommen, weswegen wir uns denn auch so gleich mit unserer verabredeten Equipage
fertig machten, solches nicht lange aufzuhalten, da mir denn dieses am
allerlächerrlichsten vorkam, dass der liebe Töpfer und Bruder Schreiner, in
unsäglicher Eile fast das halbe Schiff mit seinem auserlesensten
Töpfer-Geschirre anfüllen liess, so, dass wir ihn noch bitten mussten, den
mehresten Teil wieder zurück zu nehmen, und vor uns aufzubehalten, zumahlen, da
noch andere Handwercks-Leute, als Böttcher, Tischer, so wohl auch die Künstler,
ihre Gaben herbei brachten, und zwar dergestalt reichlich, als ob eine Colonie
von etliche 100. Mann vorhanden wäre.
    So bald wir aber unsere Sachen alle in beste Ordnung gebracht, fuhren wir
mit unsern in der Chalouppe befindlichen Gästen, ohne fernere Weitläufftigkeiten
zu machen, nach der Insul Klein-Felsenburg zu, allwo wir unsere Herren Liebhaber
alle 5. bei ihrer sich selbst gemachten Taffel antraffen, worbei ich bemerckte,
dass sie erstlich eine gute See-Krebs-Eyer-Suppe, die sehr wohl gewürtzt war,
hatten; hernach zum andern Gerichte, ein recht unvergleichlich schönes, mit
einer gewissen Wurtzel gekochtes Auer-Ochsen-Fleisch; zum dritten Gerichte
hatten sie gekochte kleine ungemein wohl schmeckende Vögel, die noch einmal so
gross waren, als in Deutschland die Tauben, aber weit angenehmer schmeckten; zum
vierdten Gerichte erschienen zwei ganz gebratene Schmal-Tierlein, anbei 2.
desto grössere gebratene wilde Schweine, worbei allerlei Sallat in Menge, indem
man weder in Klein- noch Gross-Felsenburg, in Betrachtung der Cocos- und andrer
Bäume, deren letztern Arten den delicatesten Oel, so wie die erstern Früchte,
Sauer und Süsse, von sich geben, auch demjenigen, der es recht verstehet und zu
gebrauchen weiss, verschiedene Veränderungen seinem Geschmacke nach beibringen
können.
    Wir sahen also wohl, dass es diesen guten Leuten, um sich recht zu laben,
bloss an Wein und Confect fehlete. Da sie aber aus treuhertziger Liebe und
Freundschaft uns zu Gästen geladen, wir auch dieselben nicht verschmähet,
sondern von allen ihren Gerichten mitgenossen hatten; so liessen wir vorerst nur
nach dem ersten Appetite so viel aus unsern Booten herbei bringen, dass wir alle
insgesamt satt und zur Gnüge daran hatten.
    Unser Medico-Chirurgus, Herr Cramer, war aus dem besondern Antriebe mit uns
gefahren, um zu erforschen, ob uns etwa die Portugiesen einen falschen an Statt
des Don Juan Cörper in die Erde gescharret, und ein Grabmahl darüber gemacht,
mitin uns listiger Weise hintergangen hätten; derowegen wollte er das Grab
baldigst eröffnet haben, diesen Cörper, den er im Leben sehr wohl gekennet, auch
denselben unter seiner Cur gehabt, aufs allerbedächtigste zu besichtigen, und
wenn er auch schon halb verfault sein sollte. Wir baten ihn aber, unsere Lust
nicht zu stöhren, zumahlen, da wir ohne dem gern abwarten wollten, wie sich die
5. Leute beginnen würden, wenn sie unsere Geschencke empfiengen, die eben zur
selben Zeit von den Booten bereits des mehrersten Teils herbei gebracht waren.
    Ich will nichts von der Freude sagen, welche diese Leute bezeugten, da sie
sahen, was ihnen zugebracht und gewidmet war, denn dieses ist mir eine
unmögliche Sache; jedoch, da sie alles besehen hatten, sagten wir ihnen, dass sie
nur auf heute alles bei Seite bringen, und sich einen lustigen Mut machen
möchten bis Morgen, da sie denn alles nach ihren eigenem Belieben in behörige
Ordnung stellen könten, indem wir noch einen, oder wohl noch 2. Tage bei ihnen
zu bleiben gesonnen wären, um ihre neuen Anstalten in Augenschein zu nehmen. Die
Leute folgten unserm Rate, und ohngeachtet, dass sie den allerbesten Wein und
auch anderes starcke Geträncke vor sich zu geniessen im grösten Uberflusse
sahen, so mussten wir uns doch über ihre besondere Mässigkeit, so wohl im Essen
als Trincken, ganz ungemein verwunderen; Demnach begaben sie sich bald bei
einbrechender Nacht ein jeder an seinen Ort zur Ruhe.
    Hierbei muss ich melden, dass sich auf dieser Insul sehr artige Tierlein, und
zwar in weit grösserer Menge befanden, als auf der grossen Insul, welchen unser
Frauenzimmer den Nahmen Minions beigeleget hatte. Diese Tierlein waren etwas
grösser, als einer der allerstärcksten Hasen, hatten ein Schlos-Schleierweisses
Fell, gefrässig wie die Marter, und waren sehr schnell auf ihren 4 Füssen, hatten
auch die besondere Art an sich, dass sie kein Pulver auch nur von ferne riechen
konten und wenn nur ein eintziger Schuss in ihrer Gegend, allwo vielleicht ein
besonderes Kraut, welches ihrem Appetite convenable war, wachsen mochte,
geschahe; so stoben sie alle, wie ein Blitz darvon, und kamen wohl in etlichen
Tagen nicht wieder auf denselben Platz. Im übrigen waren ihre Bälge so sein als
Zobel-Bälge, oder die in Europa so genannten Wiesel-Fellchen.
    Was tut man nicht, um dem Frauenzimmer eine Lust zu machen? derowegen, da
die Portugiesen meldeten, dass diese obwohl kleine Tiere, die sie nicht einmal
zu fangen, viel weniger zu tödten gesonnen wären, ihnen dennoch vielen Schaden
und Verdruss verursachten, weilen sie weit ärger wären, als die Füchse, Hunde,
Katzen und dergleichen naschhafte Tiere, indem sie ihnen nicht ein- sondern
etlichemahl, ohne sich vor dem Feuer zu scheuen, die Bratens von den Spiessen
gefressen, so bald es nur demmerig wäre worden. Solchergestalt baten wir die
Portugiesen, uns nur in allergröster Geschwindigkeit eine kleine Laub-Hütte etwa
auf 2. oder 3. Personen auszubauen, weilen wir eine besondere Art von Schlingen
bei uns hätten, worinnen sich wenigstens einige derselbigen fangen müsten.
Dieses mit den Schlingen war zwar wohl richtig, allein wir hatten, da wir
vernommen, dass die Dinger kein Pulver riechen könten, wir auch ohnedem wohl
wussten, dass es eben nicht ratsam sei, bei Nachts-Zeit, zumahlen, einer so
geringen Ursache wegen, eine Büchse oder Flinte abzubrennen, so liessen wir
etliche Wind-Büchsen aus unsern Booten langen, deren wir sonsten gewöhnlicher
Massen etliche bei uns zu führen pflegten, nur bloss zur Lust, etwa dann und wann
einen Vogel damit zu schiessen.
    Des darauf folgenden Tages liessen unsere Gäste erstlich ihr recht
vollkommenes Vergnügen über, alle die guten Sachen spüren, die wir ihnen
mitgebracht hatten, ja einige waren schon beschäfftiget, sich gleich mit Sägen,
Aexten, Beilen, Picken und Hacken etc. an die Arbeit zu machen, worvon wir sie
aber abhielten, indem ihnen so wohl als uns dieser Tag noch ein Tag des
Müssiggangs und Wohllebens sein sollte. Unterdessen war die schon gedachte grüne
Laub-Hütte, welche Mons. Litzberg und ich vor uns aufzubauen bestellet, noch
eher fertig, als wir uns deren versahn, welches uns denn anreitzete, sogleich
alle unsere Gerätschaft in Ordnung zu bringen; demnach schliechen Mons.
Litzberg, Mons. Cramer und ich, also 3. Personen, in diese Laub-Hütte, es hatte
keiner aber, den wenigen Proviant ausgenommen, weiter nichts bei sich, als
etliche Schlingen und seine Wind-Büchse. Die Dinger nahmen es als unvernünftige
Tiere nicht so bald gewahr, dass wir auf sie laureten, derowegen wurden ihrer 3.
erstlich in Schlingen gefangen, 2. aber mit den Wind-Büchsen tod geschossen, so,
dass sie auf dem Platze liegen blieben; Allein die andern Herren Minions, als
ihre Cameraden, oder Bluts-Freunde, ergriffen von der Stunde an das
Hasen-Panier, was Massen wir denn binnen weniger Zeit, (weilen diese Tiere
ohnfehlbar Blut gerochen, des Handels inne worden und wohl so bald nicht wieder
zu kommen gedachten,) auch uns vor diesesmahl mit unsern 7. Sachen in unsere
Hütten zurück begaben, unter der Verabredung, dass wir uns diese und dergleichen
Lust noch ein- oder etlichemahl machen wollten.
    Es wurde so wohl von unsern Gästen, als andern noch anwesenden
Felsenburgischen Freunden bewundert, dass wir so glücklich gewesen waren,
dergleichen Helden-Taten getan zu haben; Wir aber, nachdem ein jeder noch ein
gut Glas Wein getruncken, sahen uns nach der Ruhe-Stätte unserer ermüdeten
Glieder um, und da wir dieselben gefunden, streckten wir dieselben, welche
ziemlich erkältet waren, darauf aus, ohne uns weiter um die Minions zu
bekümmern, als diejenigen, welche wir gefället, und bereits in sichere
Verwahrung gegeben hatten.
    Es machte dieses ein grosses Aufsehen unter den 5. Portugiesen, indem sie
heilig versicherten, dass sie diesen Tieren auf allerhand listige Art
nachgetrachtet, ihnen Fallen und Schlingen gestellet, auch öffters mit Pfeilen
nach ihnen geschossen, allein sie wären jederzeit unglücklich und ihre Mühe
vergebens gewesen, derowegen begaben wir schon gemeldte 3. Personen uns in der
darauf folgenden Nacht zum andernmahle in die Laub-Hütte, in Hoffnung, dass wir
noch mehr Minions, erlegen, und mit deren Bälgen unserm Frauenzimmer ein Præsent
machen wollten.
    Allein bei dieser Gelegenheit widerfuhr uns eine Erstaunens-würdige
Begebenheit, denn da Mons. Litzberg, Mons. Cramer und ich, auf kleinen Klötzern
neben einander sassen, und unsere Augen über die See, nach der Insul
Gross-Felsenburg hingewandt hatten, kam, ehe wir uns deren vermuteten, eine
erstlich dick scheinende Wolcke aus dem Meere, in Gestalt einer runden Kugel,
auf das Ufer herauf gekollert, welche sich denn immer näher und näher nach
unserer Hütte zu zukollern schien; allein wenige Minuten hernach verwandelte
sich diese Wolcke in die Gestalt eines Mannes, der ein blutrotes Kleid
anzuhaben schien, wie wir denn dieses bei dem hellgläntzenden Mondenschein, der,
so zu sagen, fast die Nacht zum Tage machte, aufs allergenaueste beobachten
konten; indem aber unsere Lauber-Hütte dem Grabmahle des Don Juan de Silves
dergestalt nahe entgegen gelegen, dass man wohl mit einer Pistolen-Kugel in den
Stein-Hauffen hätte schiessen können, so wurden wir mit fast noch grössern
Erstaunen gewahr, dass aus jetzt gemeldten Stein-Hauffen ein dicker schwartzer
Nebel aufstieg, welcher sich doch binnen wenig Minuten immer dichter zusammen
zog, und endlich ebenfalls in die Gestalt einer Manns-Person verwandelte, die
ein gleichförmiges blutrotes Kleid, mit der schon gemeldten aus der See
gekommenen Person am Leibe zu tragen schien, denn wir konten bei dem
unvergleichlichen Mondenschein alles aufs allergenauste unterscheiden; Allein
wir wurden fast ganz auser uns selbst gesetzt, da beide blutrot gekleidete
Personen einander begegneten, und zu dreien mahlen um den Steinhauffen, oder des
Don Juans Grab-Stätte herum giengen. Mir zum wenigsten stunden alle Haare zu
Berge, und ich fieng vor Schrecken schon einiger Massen zu zittern und zu bebern
an, dergleichen meinen Herrn Consorten, wie sie mir nach der Zeit bekennet,
ebenfalls wiederfahren ist. Allein was geschahe? nachdem diese beiden
Gespenster, oder Geister, 3. mahl um den Stein-Hauffen herum gegangen, machten
sie ihre Wendung so, als ob sie auf unsere Hütte zu spazieren wollten, da denn
unsere Angst und Furcht, wie leichtlich zu erachten, sich nicht um ein geringes
vermehrete, jedoch wir blieben ganz stille sitzen, auser dem, dass wir unsere
Schnupfftücher heraus zogen, und vor Mund und Nase hielten. Inmittelst fiel uns
dieses als etwas recht erschröckliches in die Ohren, dass bei ihrer ersten
Begegnung, der Geist des Don Juans mit einer grässlichen und dumffigten Stimme
dem Angekommenen also entgegen rief: Wer da? Wer bist du?
    Hierauf anwortete der Angekommene ebenfalls mit einer grässlichen und heisern
Stimme.
    Ich bin der Geist des Lemelié, eines in seinem Leben sehr berühmten
See-Capitains, von welchem die Felsenburger viel werden zu sagen wissen, indem
er sein Andencken bei ihnen verewiget hat, so dass seines Nahmens Gedächtnis
nimmermehr ersterben wird. Weilen ich nun im Reiche der Todten dein Schicksaal
und einen guten Teil deiner Begebenheiten so wohl, als den Ort deines
Begräbnisses erfahren, so habe, weil wir beide fast einerlei Verhängnis auf
Erden gehabt, der meiner Nation angebohrnen Höflichkeit nach, mir eine
Schuldigkeit daraus gemacht, aus meiner Grufft herüber zu dir zu kommen, und
mich einer und anderer Sachen wegen mit dir zu unterreden.
    Wem sollte wohl die Haut nicht schaudern, wenn er dergleichen Worte hörte,
die wir alle insgesamt ganz deutlich hören und vernehmen konten, zumahlen, da
dieselben von einem verfluchten und verdamten Geiste ausgesprochen wurden?
Jedoch, da wir vermeinten, sie würden uns näher kommen, sahen wir, dass sie sich
anders bedachten, und vor unserer Laub-Hütte ganz sachte vorbei spazierten, da
wir denn vernahmen, dass der erste, nämlich des Don Juans Geist, im währenden
Gehen also redete:
    Ich habe schon in meinem Leben viel von deinen seltsamen Begebenheiten
erfahren, und bedaure nur, dass wir beide nicht zu einer Zeit gelebet haben, und
einander kennen sollen. Im übrigen habe ich nicht geringe Ursache, dir eine und
andere wichtige Geheimnisse zu eröffnen, und deiner Verschwiegenheit
anzuvertrauen; nicht aber auf dieser elenden Insul allein, sondern ich will über
3. Tage in der Mitternachts-Stunde bei deiner Grab-Stätte erscheinen, und mich
mit dir ganz allein, ohne Beisein weder Menschen noch Geister, besprechen.
    Hierauf schien es, als wenn diese verfluchten Geister einander die Hände
reichten, und weiter zusammen fort spazierten, bis in das Feuer-Loch, welches
unsere Portugiesen sich zum Kochen und Braten gemacht, in welchem sie sich denn
etlichemahl bald lincks, bald rechts herum dreheten, hernach aber nach dem
Gebürge zugiengen, und in der Gegend des grossen Berges aus unsern Augen
verschwanden; wir höreten zwar alle drei, jedoch nur in etwas, dass sie weiter
mit einander redeten, konten aber wegen der Ferne nichts eigentliches verstehen,
doch bemerckten wir, dass sie zum öfftern mit den Füssen auf den Erdboden
stiessen, auch bald gegen das Gebürge, bald in das Feuer-Loch, bald in andere
Gegenden mit Fingern zeigten.
    Wie nun aber nicht allein die fürchterlichen Mitternachts-Stunden
verschwunden waren, sondern sich auch schon einige Vorläuffer des Tags-Lichts
blicken liessen, so bekamen wir gedoppelten Mut, und suchten unsere
Ruhe-Stätte, nachdem wir in dieser schreckhaften Nacht noch 5. so genannte
Minions in den aufgestellten Schlingen gefangen hatten, die wir mit zu den
vorigen legten, im übrigen aber keinem Menschen etwas davon sagten, was uns in
abgewichener Nacht erschienen wäre.
    Auch dieses angebrochenen Tages mussten sich die Portugiesischen Gäste annoch
in unserer Gegenwart lustig machen, da wir ihnen denn von den besten Speisen und
Geträncken alles im Uberflusse se zukommen liessen. Was ihnen die gröste Freude
machte, waren die Kleidungs-Bett- und weisser Wäsche-Stücke, den übrigen
Hausrat aber hatten sie in aller Geschwindigkeit dergestalt ordentlich rangirt,
dass wir vor dissmahl an ihrer Einrichtung eben nichts auszusetzen hatten, jedoch
ihnen in einem und andern Stücken, besserer Ordnung wegen, guten Rat und
Anweisung gaben.
    Mittlerweile aber, zumahlen, da wir des fernerweitigen Minions-Schiessens
überdrüssig waren, gaben wir unsern Gästen noch allerhand gute Lehren, und
stelleten Ordres, wie sich dieselben hinkünftig auch auser unserer Gegenwart
verhalten und aufführen sollten, mit dem Versprechen, dass wir bei Beobachtung
ihrer guten Aufführung ihnen alle nur ersinnliche Gefälligkeiten erweisen
wollten, da sie denn ihre Treue und Redlichkeit mit ohnabgeforderten feierlichen
Eydschwüren von selber abstatteten, worauf wir abermals von ihnen hinweg und
nach Hause zu ruderten, die Unserigen auch, nachdem wir ihnen die Conduite der
Portugiesen, der Wahrheit gemäss, aufs beste vorgemacht hatten, ziemlich beruhigt
zu sein antraffen. Von der Begebenheit aber, der aus 3. oft gemeldten Personen
erschienenen Gespenster, sagten wir vor dissmahl niemanden auch das geringste
Wort, ausgenommen den Hrn. Geistlichen, welche sich ungemein darüber
verwunderten, da sie aber höreten, dass ich die Zeit und Stunden abpassen wollte,
wenn des Don Juans Geist dem Lemelié, seinem Versprechen gemäss, eine Gegen-Visit
e geben würde, so wollten mir anfänglich die Hrn. Geistlichen ein solches aufs
allervertraulichste widerraten, und nicht zugeben, sich fernerweit in ein
solches Satans-Spiel zu mischen, sondern rieten um selbige Zeit viel lieber ein
andächtiges Gebet vor mich selbst und alle Insulaner gen Himel zu schicken;
Allein hier traf bei mir das Sprichwort wohl recht ein: Nitimur in vetitum
semper cupimusque negata. Das heist so viel, dass wir Menschen gemeiniglich am
allerliebsten dasjenige tun, was uns verboten oder untersagt ist. Mitin wurde
ich in meiner Neubegierde nur immer hitziger gemacht, und da Mons. Litzberg und
Mons. Cramer auch Schwans-Federn, oder, besser zu sagen, Hasen-Hertzen bekommen
hatten, und mir auf meine freundliche Anfrage: ob sie sich mit mir zu der
bewussten Zeit auf den Gottes-Acker an des Lemelié Schand-Seule wagen wollten?
eine kaltsinnige abschlägige Antwort gaben, liess ich mich weiter gegen niemanden
das geringstemercken, erwehlete mit aber in aller Stille in meinem Hertzen 2
wohlbekannte Felsenburgische Männer, die mir wohl ohngefehr an Jahren gleich
waren, und von denen ich versichert war, dass sie eine vollkommene
Hertzhaftigkeit besässen, auch sich weder vor Gespenstern, noch dem Satan
selber, vielweniger vor Menschen scheueten, weilen ich von ihrer
Hertzhaftigkeit nicht eine, sondern etliche Proben erfahren. Diesen beiden
Brüdern vertrauete ich das ganze Geheimnis in aller Stille, eröffnete ihnen
mein Vorhaben, und brauchte nicht viel Worte zu verlieren, als sie sich sogleich
dergestalt erkläreten: sie wollten niemanden nichts von der Sache sagen, hergegen
sich GOtt befehlen, fleissig beten, und mitgehen, wo ich sie hinführete; da sie
mich denn in der Mitten behalten, jedoch pro forma nur, ihr Ober- und
Unter-Gewehr mit sich tragen wollten; Ich versprach dergleichen zu tun,
ohngeachtet ich wohl wusste, dass bei solchen Begebenheiten weder Ober- noch
Unter-Gewehr viel nützen kann; Nachhero aber wurde verabredet, zu welcher Zeit
und Stunde und auf welcher gewissen Stelle wir alle dreie einander antreffen
wollten. Demnach hatte ich weiter nichts auf meinem Hertzen, als mich mit guter
Manier von meiner Frauen abzuschleichen, weilen ich bereits merckte, dass eine
und andere Weiber-Klatschereien entstanden waren; allein dieses ging ganz gut
an, indem mich der Regente zur Abend-Mahlzeit zu sich bitten liess, welches ich
denn nicht absagen wollte, sondern mit meinem Vertrauten (an andern Orten werden
solche Personen Bedienten genennet) der bekannter Massen ein recht sehr artiger
Felsenburgischer Jüngling war, immer nach der Alberts-Burg zugieng. Jedoch, da
ich meine Gelegenheit ersah, und vermutete, dass, da ich etwa allzu lange und
über die, mit meinen Wagehälsen abgeredete Stunde, versäumen möchte, welche mit
dem Glocken-Schlage der toten Stunde, (so bald die grösste Glocken-Uhr dieselbe
angezeiget hätte, bestimmt war,) so machte ich mit besagten meinem Vertrauten
lincks um, marchirte mit ihm gerades Weges nach dem Gottes-Acker zu, da ich
denn, weil ich auf der bestimmten Stelle meine vertrauten Freunde abgeredter
Massen antraf, noch fernere Abrede nahm, dass ich mich an des verfluchten Lemelié
Schand-Seule postiren wollte; sie aber möchten sich darum vergleichen, welcher
unter ihnen bei den beiden Pyramiden Alberti Julii I. und der Concordiæ als
unseren Ur-Eltern, ihnen zu Ehren, Schildwacht halten wollte, indem wir
solchergestalt alle 3. nur auf wenige Schritte von einander entfernet wären, und
bei jetzigem vortreflichen Mondenscheine, einer dem andern fast das weisse im
Auge erkennen könnte, wessentwegen wir denn auch ganz und gar keine Ursache uns
zu fürchten hätten, zumahlen, da wir uns insgesamt in den Schutz unsers
allmächtigen GOttes befohlen, als welcher den Satan dergestalt binden könnte, dass
er uns, die wir als getauffte Christen ohne dem die Herrschaft über den Satan
und sein ganzes höllisches Heer hätten, auch nicht die kleineste Haar unsers
Haupts zu krümmen vermögend sei.
    Nun weiss ich mich zwar, als ein guter Christ, sehr wohl zu bescheiden, dass
GOtt seinen Schutz und Schirm nur denjenigen versprochen, die auf ihren
Berufs-Wegen bleiben und nicht etwa extra vagiren; wie mir den dieses von unsern
Herrn Geistlichen nachdrücklich genug vorgestellt wurde; Allein diese Sache
hatte ganz eine andere Beschaffenheit, wovon ich eben jetzo nicht viel Worte
machen will, weilen sonsten befürchten müste, dass einer oder anderer
Blödsinniger unter uns vielleicht auf die Gedancken geraten möchte, ich wäre
etwa eben um dieselbe Zeit ein FanaticusManiacus oder gar Delirante gewesen; es
dienet inzwischen demjenigen, der etwa so dencken möchte, zur freundlichen
Nachricht, dass er von seinen Gedancken betrogen wird; Was ich aber ausgestanden
habe um dieselbe Zeit, so wohl bei täglicher als nächtlicher Weile, und was ich
vor Anfechtungen und Streit mit solchen Gegnern gehabt, die unsichtbar und zum
Teil nicht zu nennen sind, davon will ich auch nichts sagen, als nur dieses,
dass meine redliche Meinung war, mein Leib und Leben dem Vaterlande, dem grossen
GOtt aber meine Seele aufzuopffern.
    Keinen fernern Umschweiff aber in meiner Erzehlung zumachen, so melde, dass
wir 3. geschworne Brüder einander zu bestimmter Zeit am ebenfalls bestimmten
Orte antraffen, weswegen ich meinem lieben Vertrauten das consilium abcundi gab,
allein, er war in der Philosophie doch so weit gekommen, zu erwegen, dass es
jetzo keine Zeit sei, mich, den er aus getreuen Hertzen vor vielen andern
liebte, im Stiche zulassen, ohngeachtet er sah, dass ich 2. meiner
allergetreusten Freunde bei mir hatte.
    Aber weiter: wir machten unsere Sache ganz ordentlich, ich bekletterte ohne
besonderes Grauen den Stein-Hauffen, der um des Lemelié Schand-Seule herum
liegt, und lähnete mich auch so gar nach dem ich mich niedergesetzt, mit dem
Rücken ganz genau an gemeldete Schand-Säule, (welches ich nun wohl hätte können
bleiben lassen); Aber der Centner meiner damaligen Hertzhaftigkeit oder
Courage, wie man das Ding heutiges Tages zu nennen pflegt, (und welches Wort die
Herrn Europæer mit herüber gebracht) wug zu derselben Zeit vielmehr Pfunde, als
nach Rechnungen hier und dar ausgemacht ist, die doch, wie ich gehöret, auch hie
uñ da ziemlicher Massen falliren, oder wenigstens eine starcke Confusion im
Handel und Wandel verursachen.
    Weilen aber alle diese Ausschweiffungen zur Erzehlung der Haupt-Geschichte
wenig dienen, so melde weiter, dass, nachdem ein jeder von uns seinen erwehlten
Posten wohl besetzt, endlich die Seiger-Glocken die 12te Stunde anzeigten; da
denn, so bald die allergröste Repetir-Glocke kaum ausgebrummet hatte der Geist
des Don Juans in eben der Gestalt erschien, als ich denselben schon vorhero
gesehen hatte; führete aber so wohl in seinem Rachen und Händen solche Dinger,
die Feuer-Funcken von sich sprüheten, worvor sich meine Person jedoch ganz und
gar im geringsten nicht fürchtete, weilen mir die Feuerwerckerei eben nicht so
gar sehr unbekannt (obschon nicht die höllische). Unter den Steinen, worauf ich
sass, fieng es zu beben an, ja es kollerten ihrer viele ohnangerührt von dem
Hügel hinunter. Hierauf stieg der Geist des Lemelié allmählig aus seiner Grufft
empor, und bewillkommete, wie ich bemerckte, seinen angekommenen Gast, mit ganz
besonderer Zärtlichkeit; von ihren Worten aber, die sie bei der ersten
Zusammenkunft mit einander wechselten, schweben mir noch diese hauptsächlich im
Gedächtnisse:
    Don Juans Geist: Ich halte mein Wort, dich zu besuchen, es sollte mir aber
Leid sein, wenn ich dich in deiner Ruhe stöhrete:
    Hierauf antwortete der
    Geist des Lemelié: Ich bin über deinen Zuspruch mit einem solchen Vergnügen
überschüttet, als nur immermehr ein Geist empfinden kann, und wovon die
Sterblichen ganz und gar nichts wissen, oder empfinden können; Allein! (sprach
der verdammte Geist) wir wollen noch ein mehreres mit einander reden, darum
folge mir nach.
    Demnach fasseten sich beide Geister-Personen an die Hände, und giengen in
den grossen Garten, allwo sie unter beständigem Gespräch nicht anders taten,
als ob es in der schönsten Frühlings-Zeit gewesen wäre.
    Meine Geferten folgten mir getreulich auf dem Fusse nach, und haben mit
angehöret, was diese verfluchten Geister vor erstaunliche Worte mit einander
gewechselt; Sie haben auch ihre Aussage nach der Zeit redlich getan, und
dieselbe recht mit einem cörperlichen Eyde bekräfftiget, wovon ich itzo, da ich
doch noch vielmahl gehöret und verstanden, als sie, eben keine weitläufftige
Wiederholung tun will, weil es schon in unser Archiv ad Acta gebracht ist.
    Ich fahre nun aber in der Geschichts-Erzehlung weiter fort, und berichte,
(weilen ich wegen Anwesenheit vieler unverständigen und unmündigen auch
supersticiösen Leutchen kein besonders Lerm stifften will, bis der Ausgang so
gar bis auf die späten Nachkommen zeigt,) dass Eberhard Julius sich so wohl
gegen GOtt, als Menschen vollkommen redlich aufgeführet, und jederzeit bei der
Verantwortung wohl zu bestehen getrauet.
    Als die beiden vermaledeieten Geister nun vor der Alberts-Burg stunden,
sagte der Geist des Lemelié: Dieses ist der verfluchte Hügel, welcher, wie man
höret, nunmehro eine Burg genennet wird, unter welchem ich in einem Gewölbe bin
umgebracht, und in das Reich der Todten geschickt worden.
    Nachdem er nun noch viele erschreckliche Worte, ja die grässlichsten GOttes
Lästerungen ausgestossen, welche auch nur nachzusagen, ein Christe billig Scheu
tragen muss, worbei uns allen die Haut schauderte und die Haare zu Berge stunden:
giengen die Verfluchten weiter herunter, und blieben der Kirche, oder unserm
Haupt-gemeinschaftlichen-GOttes-Hause gegen über stehen, worbei ich vor meine
Person aber nur so viel sagen, dass ich zwar ein Gemurmele mit Worten unter ihnen
vernommen, nicht aber berichten kann, worinnen diese Worte eigentlich bestanden,
als welche mir durch einen fatalen Nord- vor meinen Ohren hinweg gewehet wurden,
geschweige denn das ganze Gespräch.
    Mittlerweile, da eben ein Sonn- und zugleich ein Fest-Tag eingefallen war,
wurde bei Anbruch des Tages die erste Losung mit einem Cartaunen Schusse von
der Alberts-Burg gegeben, um den Insulanern gewöhnlicher Massen, ein solches
anzudeuten, da denn in selbiger Minute die verdammten Geister vor unsern Augen
gleich auf der Stelle vor der Kirche verschwanden. Worauf wir Wagehälse erstlich
einander noch einmal ansahen, hernach aber noch vor der Kirche zu Herr M.
Schmeltzern, sodann auch zu dem Regenten uns verfügten, und ihnen alles
erzehleten, was wir gehöret und gesehen hatten; anbei baten: dieserwegen der
Gemeine nicht sogleich die Ohren zu füllen, worinnen sie uns, sonderlich der
Schwachen und Blödsinnigen wegen, auch den grösten Beifall gaben, so, dass die
allerwenigsten von unsern Insulanern gewahrt wurden, was sich vor eine
sonderbare Begebenheit mit uns zugetragen.
    Wenige Tage hernach verfügte ich mich mit Mons. Litzbergen, Mons. Cramern,
meinen zweien in der Gefahr gehabten Beiständen, hiernechst in Gesellschaft
noch mehrerer hertzhafter Leute, abermals in 2. Booten hinüber auf die Insul
Klein-Felsenburg, um zu vernehmen, was etwa allda inzwischen vorgegangen wäre.
Unsere Gäste waren recht ungemein erfreuet, uns wieder zu sehen, und da wir
ihnen noch eine und andere Notwendigkeiten und Bedürffnissen mitbrachten,
beklagten sie sich mit recht traurigen Geberden darüber, dass wir sie mit allzu
vielen Wohltaten fast überhäufften. Da wir aber weiter nach ihrem Zustande und
Lebens-Art fragten, konten sie nicht von Wunder genug sagen, was ihnen vor
seltsame Streiche passirten, denn ohngeachtet sie bei Tage ganz vergnügt und
ruhig lebten, inmassen allezeit ihrer 4 arbeiteten, der 5te aber Wechselsweise
die Küche, den Fischfang und dergleichen besorgen müste, so würden sie des
Nachts um so viel desto heftiger gehudelt, nicht allein von den verzweiffelten
Affen und so genannten Minions, als welche ihnen alles Töpffer-Geschirre und
andere zerbrechliche Sachen in tausend Stücken schmissen, oder öffters weit von
der Stelle hinweg schleppten, so, dass sie immer zu, bald dieses bald jenes
Hausrats-Stück mit gröster Mühe zu suchen, mitin die Zeit zu versäumen, und
sich darbei zu ärgern gemüssigt wären. Nun hätten sie sich zwar seit kurtzem so
wohl vor den Affen, als auch den Minions ziemlicher Massen Friede geschafft,
indem sie sehr öffters Feuer auf sie gegeben, und sehr viele erlegt, auch viele
in aufgestelleten Fallen, Schlingen, gemachten Löchern, woraus sie, wenn sie
einmal drinnen, nicht leicht wieder heraus kommen könten, lebendig gefangen;
Allein dieses wäre das allergeringste, indem sie, einer wie der andere, nicht
allein bei Nachts, sondern auch zum öftern bei hellem-lichten Tage von
unsichtbaren Geistern oder Gespenstern gequälet und geknippen würden, als worvon
sie noch itzo die braunen und blauen Flecke an Armen und Beinen, ja am ganzen
Leibe aufzuweisen hätten, welches alles sie bishero mit ziemlicher Gelassenheit
erdultet hätten, in die Länge aber ein solches Teufels-Spiel nicht vertragen,
sondern dem Teufel zum Trotze schon andere Mittel vorkehren wollten, worzu ihnen
nur noch eine und andere Sachen von ganz geringem Werte fehleten, welche sie
aber nicht bei sich hätten, vielweniger auf dieser Insul finden könten.
    Wie wir nun fragten, was denn dieses eigentlich vor Sachen wären, und ob man
nicht vielleicht Rat schaffen könnte, dieselben herbei zu schaffen? so winckte
Don Rio dem gegen ihm übersitzenden 53. jährigen Manne, der Vincentius genennet
wurde, nur mit den Augen, da denn derselbe mit ihm zugleich aufstunde, und beide
sich etliche Schritte weit von uns entferneten, jedoch Don Rio kam zurück, und
bat Mons. Litzbergen, Mons. Cramern und mich, nur auf etliche Schritte mit ihnen
Lustwandeln zu gehen, um ein und andere Worte von ihm und seinen Geferten
anzuhören.
    Wir stunden also alle 3. auf, und wandelten mit den vorbemeldeten zweien des
geraden Weges auf dem angenehmen grünen Rasen nach dem Geburge zu, da denn
unterwegs Mons. Vincentius von ohngefehr also zu uns zu reden anfieng: Meine
Herren! Sie halten mich 53. bis 54. jährigen Mann zwar vor einen Portugiesen,
allein die Wahrheit zu bekennen, welches ich auch erweisslich machen kann, so bin
ich ein gebohrner Spanier. Von meiner Geburt und Auferziehung, auch wess Standes
meine Eltern gewesen, will voritzo, da es zu weitläufftig fallen möchte, wenig
oder gar nichts, sondern nur so viel melden: dass ich schon in meinem 12ten Jahre
mit einem gewissen Cavalier, der ein Sohn des allervornehmsten Grand d'Espagne
war, auf eine ihnen vielleicht allen wohlbekannte Spanische Universität zog, um
demselben als ein so genannter Page aufzuwarten. Es war in so weit dieses eine
ganz gute Sache vor mich, da ich mich bei der Gelegenheit wohl auch in literis
solcher Massen perfectioniren können, dass ich etwa einmal mit der Zeit, unter
der damaligen verwirrten Regierung mein Conto hätte zu suchen gewust; Allein
mein Herr war ein wüster und wilder Kopff, schob alle guten Bücher und
Wissenschaften bei Seite, und erwehlete sich dagegen nichts anders zu seinem
Vergnügen, als nebst dem Frauenzimmer, die Magiam, oder die so genañte
Schwartze-Kunst, verwendete auch darauf, auser der edlen Zeit zu gebrauchen, als
die er wohl hätte nützlicher anwenden können, entsetzlich starcke Geld-Summen,
indem er jederzeit die allerberühmtesten Zauberer und Schwartz-Künstler aus
allen Reichen der Welt zu sich kommen liess, und dieselben zum öfftern recht
Königlich bewirtete, auch über alle Gebühr kostbar beschenckte. Er erreichte
zwar hierdurch seinen vorgesetzten Zweck, indem er es in der Magia, oder so
genañten Schwartz-Künstlerei, ungemein hoch brachte, weiln er aber nicht allein
einen, sondern vielleicht wohl 3. oder mehr hochtrabende Spanische Geister in
seinem Cörper haben mochte, so setzte er nicht allein, wie gesagt, alles andere,
sondern auch GOtt, alle seine Heiligen, ja sein ganzes Christentum wider
besser Wissen und Gewissen zurücke, und machte sich eben zu der Zeit, da er es
aufs allerhöchste gebracht zu haben vermeinte, dergestalt jämmerlich und
erbärmlich unglücklich, dass, so oft ich nur noch daran gedencke, mir alle Haare
auf dem Kopfe zu Berge stehen. Es war aber hieran nichts Schuld, als sein
eigenes hochtrabendes, unbedachtsames, zuweilen recht einer halben Raserei
gleichendes unchristliches Verfahren, weswegen denn ganz und gar nicht zu
verwundern, dass der barmhertzige und langmütige GOtt endlich des Erbarmens und
seiner Langmut müde wurde, seine Gnaden-Hand von ihm abzohe, und ihn den Klauen
des Satans überliess.
    Ich vor meine Person, weilen ich bei damahligen Zeiten einen eben nicht
allzu ungelehrigen Kopff hatte, positirte bei der Gelegenheit ein vieles, deñ
ich erlernete das Geister-Bannen, Geister-Beschweren und viele andere
Kunst-Stücke zwar aus dem Grunde, versuchte auch solches nicht einsondern sehr
viele mahl, allein es kam eine Zeit, da ich an GOtt, seine Heiligen und meine
eigene Seele zu gedencken anfing, ohngeachtet mir alles, was ich nur
vorgenommen, nach Wunsche ergangen und abgelauffen war; Da ich aber niemahls ein
recht ruhiges Hertze oder Gewissen in mir verspürete, als begab ich mich zu
einem wohlbekannten vornehmen Geistl. welchem ich mein Anliegen entdeckte, auch
von ihm Trost und Rat zur Gnüge bekam, indem er mir vorsagte, dass ich die Kunst
zwar wohl beibehalten könnte, weilen es eine ganz edle Kunst u. Wissenschaft
wäre; nur aber würde ein gutes Christentum und hiernechst eine gute gesunde
Vernunft darzu erfordert. Diese Lehren waren in Wahrheit nicht zu verwerffen;
weiln ich aber, ohngeachtet ich noch ein junger wollüstiger Kerl war, ich weiss
selber nicht warum, einen heimlichen Abscheu vor dieser Kunst bekam, da ich
doch in einem und andern Stücken mich wohl einiger Massen hätte können glücklich
machen, als suchte mein Vergnügen unter dem Soldaten-Leben, bekam auch bald
Dienste beim Leib-Regiment des Königs, als Sergeant. Etliche Monate liess ich mir
diese Dienste gefallen, hernach aber, da ich bemerckte, dass das Glücke mit mir
nur, wie mit einem leichten Feder-Balle, auf dem Lande zu spielen gesonnen,
drehete ich meinen Kopff auf die andere Seite, und nahm Dienste unter den
See-Leuten, habe auch verschiedene Fahrten nach Ost- und West-Indien mitgetan,
auch dieses und jenes, sonderlich mit Beihülffe meiner Kunst und Wissenschaft,
erfahren; Allein die Zeit will es vorjetzo nicht leiden, ihnen, meine Herren,
etwas ausführlichers davon wissend zu machen. Derowegen will solches mit dero
gütigen Erlaubnis bis auf eine andere Zeit versparen, hergegen unsern Herrn
Wohltätern ein Geheimnis und solche Sachen eröffnen, woran weit mehr gelegen
ist.
    Sie sind, (sprach Vincentius zu Mons. Litzbergen, Mons. Cramern und mir)
meine Herren! wie ich meinem einfältigen Verstande nach vermute, ohnfehlbar
weder die ältesten, noch jüngsten Befehlshaber unter ihrer ganzen Familie;
allein, ohne sie in das Angesicht zu rühmen, so halte davor, dass ohne euch der
andern Ruhm zu verdunckeln, eure Personen vor vielen andern die klügsten und
geschicktesten sein, welche zu kennen ich die Ehre nicht habe. Demnach, weil
mich ein von Gott gesandter guter weisser Geist antreibt, und mir keine Ruhe
läst, bis ich ihnen, wie er spricht, dasjenige Geheimnis offenbarer, woran so
vielen 100. ja 1000. und noch mehr Menschen gelegen, so will ich es auch auf
mein gutes christliches Gewissen tun; lassen sie sich nur vorhero erstlich von
dem dritten Manne erzählen, was uns seit ihrer letztern Abfahrt betrachtens
würdiges begegnet ist, welches mit allen schon erzehlten Kleinigkeiten in so
weit keine Gemeinschaft haben mag. Demnach rufften so wohl Don Rio, als
Vicentius ihre Cameraden herbei, und sagten zu ihnen, dass sie auf ihr gut
Gewissen aussagen sollten, was ihnen seit unserer Abfahrt vor hauptsächliche
Streiche begegnet wären; da dann so viel heraus kam, dass, als sie gleich andern
Tages nach unserer Abfahrt Feuer in ihrem Feuer-Loche, oder, besser zu sagen,
Feuer-Heerde angemacht, ihre Töpffe mit dem Fleische und Gemüse angesetzt, auch
die Braten ordentlicher Weise an die Spiesse gesteckt, kaum aber nur etwa 10.
Schritte von dannen gegangen, sich, da sie sich umgesehen, der Erdboden unter
dem Feuer-Loche, ja noch viel weiter herum dergestalt erhoben und erschüttert,
dass sie nicht anders vermeint, es würde alles in das Feuer und in die Asche
geworffen sein, weswegen sie sich schon nach dem Behältnisse der trockenen
Speisen umgesehen, weilen der Zweiffel bei ihnen entstanden, dass sie diesen
Mittag etwa Warmes möchten zu geniessen bekommen; allein, da sie sich nach etwa
2. Minuten nochmahls umgesehen, wären sie gewahr worden, dass weder ein
Feuer-Brand, noch ein Topff verrückt oder verwahrloset, vielweniger die Braten
beschädigt worden, demnach hätten sie ihren Heiss-Hunger zu stillen, keine
fernern Weitläufftigkeiten gemacht, sondern aufgetragen, und ohne Sorge, mit
Appetite gespeiset, unter währenden Speisen aber, ohngeachtet sie doch ihr
Tisch-Gebet verrichtet, wäre der Satan dennoch geschäfftig gewesen, indem
Angesichts ihrer, auf etliche Schritte herum, mehr als 20. bis 30. grosse
Maulwurffs-Hauffen aufgeworffen worden, die aber die gewöhnlichen
Maulwurffs-Hauffen um ein gewaltiges übertroffen, da sie ohngefehr wohl noch 4
mahl grösser wären, als die sonst gewöhnlichen Maulwurffs-Hauffen, welche man
noch bis diese Stunde in Augenschein nehmen könnte. Bei der Abend-Mahlzeit wäre
ihnen, wie sie sagten, ein gleiches wiederfahren, mit dem Zusatze, dass sie vor
den so genannten Minions fast keinen Bissen-Brod in den Mund stecken können,
sondern immer einen Dolch, oder wenigstens Messer in der Hand haben müsten, um
sich dieser vermaledeieten Türe erwehren zu können, als welche sie einer und
anderer Umstände wegen, vor verdammte Seelen und Plage-Geister der Menschen
hielten.
    Wir hätten fast über die Einfalt unserer Gäste lachen mögen, allein
Vincentius gab uns einen Winck, ihm nebst dem Don Rio zu folgen: da er denn, als
wir uns etwa auf die 50. bis 100. Schritte von der übrigen Gesellschaft
abgewendet zu uns 3 Felsenburgern, die wir ganz allein auf einem bequemen
Platze bei ihm stehen blieben, seinen Spruch also anfieng (ohne dass wir gewahr
wurden, dass er uns in einen Circkel runden Creiss geführet): Ihr Herren! Ihr
wisset nicht, worauf wir jetzo stehen und vermeint vielleicht, dass wir auf
einem blosem Grase-Lande stünden; allein, weit gefehlt, denn diese Insul hat
nicht allein einen güldenen Grund und Boden, sondern auch über dieses so viele
Schätze und Kostbarkeiten in sich dergleichen die besten Europæischen
Königreiche aufzuweisen ganz unvermögend sind. Ich sage weiter nichts, als
dieses, dass in dem gegen uns über liegenden Gebürge, sonderlich aber in dem
Grunde des grossen Berges nur allein so viele Reichtümer stecken, welche weder
Portugall, noch Spanien an sich zu kauffen im Stande sind; Allein, meine Herren!
(redete er ferner) ob ihr gleich noch zur Zeit nicht hintergangen, oder betrogen
seid, so könnte es doch vielleicht in aller Kürtze geschehen, wenn nicht der
allmächtige GOtt ein besonderes Auge auf euch hat, denn ich bin in meinem
Christentume so weit erfahren, dass derselbe Allmächtige heute bei Tage keine
auserordentlichen Wunder mehr tut, sondern es auf der Menschen eigene Conduite
ankommen lässet, ob sie seinem vorgeschriebenen Gesetze folgen wollen, oder
nicht. Nun aber will euch Herren Felsenburgern nur so viel im Vertrauen sagen,
dass ihr viel Feinde habt, und zwar eures guten und geruhigen Lebens halber, wer
aber dieselben sind, solche will voritzo eben nicht alle mit Nahmen nennen,
jedoch die Herrn H.-- nicht verschweigen, die schon seit einigen Jahren her,
ziemlicher Massen nach euch geangelt haben, jedoch eure ganz besondere
Vorsichtigkeit hat alle ihre Anschläge, ohngeachtet, dass sie alle eure Umstände,
euren Reichtum und, so zu sagen, den Bissen, den ihr in den Mund steckt, und
den Tropffen, den ihr aus euren Bechern trinckt, auf das allergenaueste wissen,
bis hieher zu nichte gemacht. Wie es zugehet, dass ihr bei diesem und jenem so
verraten seid, will ich eben jetzo nicht sagen, denn das ist res altioris
indaginis; Dieses aber kann ich im allergröstem Vertrauen sagen, dass zwei
verdammte-Geister gegen euch gedungen worden, so wohl euch, als uns armen 5.
ehrlichen Kerls zu verderben, allein, ihr ganzes Vernehmen soll ihnen
fehlschlagen. Ich weiss gewiss, dass ihr diese verdamten Geister nicht allein hier
auf dieser kleinen Insul, sondern auch auf Gross-Felsenburg in blutroter
Kleidung gesehen habt, ich habe sie auch gesehen, und will sie euch wieder
vorstellen, so bald die Mitternachts-Stunden heran nahen, da sie denn vermöge
meiner Kunst, auf Händen und Füssen zu mir gekrochen kommen, und auf alle meine
Fragen richtige Antwort geben sollen, wo dieses nicht geschicht, so will ich sie
in eurer Gegenwart mit einer Knoten-Peitsche tractiren, wie die Hunde. Diese
Curiosität abzuwarten, habt ihr weiter nichts zu tun, als dass ihr in meinem
gemachten Circkel, ohne viele Worte mit einander zu reden, ganz stille sitzen
bleibt, und euch auch so wenig, als nur immer möglich, bewegt, bis ich euch die
Erlaubnis, mit Neigung meines Haupts, gebe. Ich setze alle meinen vollkommenen
Teil der Seligkeit, die mir nicht entgehen kann, daran; ja ich will mich lieber
von dem Teufel lebendig in den Lüfften wegführen und zerreissen lassen, als dass
nur einem, von euch allen, eine Haare gekrümmet werden sollte.
    Wie denn dergleichen Leute solche harte und heftige Constelationes ohne
    Bedencken sehr vielfältig zu gebrauchen pflegen.
    Bei diesen Centner- schweren Worten sahen Mons. Litzberg, Mons. Cramer und
ich einander ziemlicher Massen in die Augen, redeten auch erstlich ein wenig
heimlich unter uns; Diese beiden aber wollten anfänglich ganz und gar nicht
einstimmen, im Circkel zu bleiben, weilen es ihnen, wiewohl schon ehermahlen
geschehen, an der Hertzhaftigkeit fehlete, mir aber gab ein guter Geist ein,
dass ich auf der Stelle bleiben, mein andächtiges Gebet zu GOtt verrichten, und
mich weiter vor nichts fürchten sollte. Derowegen fassete ich mir, vor mich
selbst allein, einen frischen Mut, ging hin zu dem so genannten
Teufels-Banner, und sagte zu ihm: Don Vincentio! wir haben noch nicht vollkommen
satt gespeiset, wäre es nicht Sache, dass wir um die Mitternachts-Stunden,
nachdem wir das Unserige genossen, wieder anhero kämen, und sähen, was sodann
passirte? Nein, meine Herren! (gab er zur Antwort wenn sie sich nicht selber im
Lichten stehen wollen, so bleiben sie auf ihren Stellen sitzen: Wein und Confect
ist genug da, ihren Appetit zu vergnügen, wo sie aber weggehen, sind nicht
allein alle meine Anstalten vergeblich gemacht, sondern so wohl sie, als alle
Felsenburger, können darunter den allergrösten Schaden leiden, welcher vorjetzo
gar leichtlich zu verhüten ist wenn sie nur da bleiben, und meiner Treu und
Redlichkeit trauen.
    Endlich begunte doch bei meinen Herren Geferten der Puls aufs frische zu
schlagen, da sie, zumahlen bei allen Umständen, die sie nachhero in etwas weiter
überlegt, ganz vernünftig schliessen konten, mir, ohngeachtet ich der Jüngste
unter ihnen war, vor diesesmahl zu folgen, und bei mir zu bleiben; zumahlen, da
sie zum öfftern von dem Vincentio die Worte aussprachen höreten, dass er uns
allen kein teurer und kostbarer Pfand entgegen stellen könnte und wollte, als
seinen Leib und Seele, im Fall nur einem eintzigen von uns die geringste Haare
am Leibe gekrümmet oder beleidiget würde.
    Also blieben wir alle drei nebst dem Don Rio im Circkel sitzen, truncken ein
Glas Wein, und speiseten etwas von kalten Gebratens, wie auch Confect, welches
alles uns der gute Vincentius procurirt hatte, erwarteten aber zum Teil mit
unruhigen Hertzen die Mitternachts-Stunde.
    So bald dieselbe heranzunahen begunte, legte sich auch eine solche
Finsternis und Dunckelheit auf den Erdboden nieder, die ich mit gröstem Rechte
fast grösser, als die ehemahlige Egyptische Finsternis gewesen, nennen möchte,
indem wir weder Himmel, Mond, noch Sterne über uns sahen, vor uns aber nicht im
Stande waren, unsere 5. Finger an den Händen zu zehlen; Jedoch es währete nur
eine kurtze Zeit, und nicht länger, als etwa 1. Viertel-Stunde, worauf, da wir
uns umsahn, in der ganzen Gegend alles helle war: Denn Vincentius hatte durch
seine Cemeraden hie und dar, und zwar auf mehr als 100. Schritte von uns, um uns
herum viele Fackeln und Wind-Lichter setzen lassen, und zwar, wie wir nachhero
gewahr wurden, auch in einem Circkel- runden Creise, anbei gemeldete seine
Cameraden dahin beredet, dass sie uns allen zu Gefallen einmal hie und da
Schildwacht halten, auch alle Vorbeigehende mit gröster Freundlich- und
Höflichkeit dahin bereden möchten, vor diesesmahl einen andern Weg zu nehmen, um
uns nicht zu stöhren, weilen ganz ausserordentlich geheime Sachen unter uns
tractiret würden.
    Bald hernach sah man zwar keine dicke Finsternis mehr, jedennoch aber einen
ziemlich dicken Nebel um uns herum, so, dass wir den Schein der Fackeln von
ferne, mit genauer Not, kaum erkennen konten; in unserm Creise aber, worinnen
wir drei Felsenburger, als Mons. Litzberg, Cramer und ich, nebst dem Don Rio und
der Haupt-Person, Don Vincentio, sassen, wurde auf einmal alles so klar, als
wie gewöhnlicher Massen am lichten-hellen Tage. Ich bewunderte, dass, da meine
sehr kostbare goldene Repetir-Uhr, als welche ich bekannter Massen beständig bei
mir zu führen pflege, kaum ihre hellklingende Schläge von sich hören lassen,
sogleich ein ziemlich starcker Würbel-Wind entstunde, welcher manchem einen
kleinen Schauer verursachte, jedoch Vincentius, der im Centro des Circkels auf
einen Klotze sass, rief uns allen mit lauter Stimme zu: dass wir uns an nichts
kehren, sondern nur unsere Augen nach Norden zu wenden sollten. Wie wir ihm nun
in diesem Stücke folgten, so erblickten wir mit gröster Verwunderung, teils
aber auch ziemlichen Erschrecken, dass die beiden Gespenster: nämlich Don Juan de
Silves und Lemelié, daher spaziert kamen, u. zwar mit ganz langsamen Spanischen
Schritten, nicht anders, als ob sie, wie es heut zu Tage genennet wird, ihre
Cour etwa bei Hofe machen, und einem grossen Potentaten aufwarten wollten; So
bald sie aber sich dem äusersten unsers Circkels naheten, stund Vincentius von
seinem Klotze auf, und schlug mit seiner, in der rechten Hand habenden
Zauber-Rute den Tact auf eine recht possierliche Art, dergestalt, dass sie 3.
mahl um unsern Creiss herum tantzen mussten, worauf er ihnen zwar erlaubte, etwas
langsamer zu gehen, allein, wie wir bemerckten, so hielt er diese blutrot
gekleideten geschwornen Brüder dergestalt mit der Zauber-Rute unter seiner
Zucht, so, dass sich keiner unterstehen durffte, auch nur eines Fingersbreit über
den ab- und ausgestochenen Rand unsers Circkels zu schreiten.
    Endlich citirete er sie alle beide zu ihm hinein in den Circkel zu kommen,
den engern Circkel aber, welcher um seinen Sessel geschlossen war, ja nicht zu
berühren widrigenfalls er sie alle zwei auf eine solche empfindliche Art
züchtigen wollte, dergleichen wohl viele 1000. Geister nicht ausgestanden, und
welche Art der Züchtigung, woferne sie anders noch vernünftige Geister wären,
ihnen nicht unbekannt sein könnte. Demnach kamen beide auf Händen und Füssen
gekrochen, bis an den engern Circkel, worinnen er, Vincentius, auf einem runden
Klotze sass, sie nahmen sich aber ungemein in Acht, den engern Circkel auch so
gar nicht einmal mit den Händen zu überschreiten. Als er nun ihren Gehorsam
sah, tat er mehr als 20. Fragen an sie, und bedrohete sie abermals mit der
allerschärffsten Geister-Züchtigung, wenn sie ihm nicht aufrichtige Antwort
darauf gäben.
        Wir Felsenburger haben alle diese Fragen, und die darauf erfolgten
        Antworten, bald hernach, da dieselben noch im frischen Gedächtnisse
        waren, und wir über dieses nicht allein den Don Rio, sondern auch den
        Vincentium baten, uns einzuhelffen, wenn wir etwa dieses oder jenes
        vergessen hätten, in unsere bei uns führenden Schreib-Taffeln
        eingezeichnet, aus welchen es hernach weiter protcollirt, und zu den
        übrigen dieser Sache angehenden Acten gebracht, mitin in unser Archiv
        gelegt worden.
    Nachdem aber dieses Verhör vorbei, entstunde abermals ein, jedoch ganz
gelinder Würbel-Wind, welcher einen recht angenehmen und lieblichen Geruch mit
sich brachte, so dass, an Statt darüber zu erschrecken, wir uns vielmehr
erquickten; Indem wir aber unsere Augen von neuen aufschlugen, sahen wir noch
eine andere Geister-Person im Circkel herum wandeln, welche ein hell gläntzendes
goldfarbenes Kleid an sich hatte. Vincentius redete demnach den Geist des
Lemelié also an: Kennest du diesen, oder nicht? Ja, ich kenne ihn, (gab der
Geist des Lemelié zur Antwort,) es ist Carl Franz von Leuwens Geist, welchen ich
meuchelmörderischer Weise ins Reich der Todten geschickt habe. Hiervor must du,
(sagte Vincentius,) auch noch in dieser Stunde und auf diesem Platze eine kleine
wohlverdiente Züchtigung leiden. Demnach nahm Vincentius seine Zauber-Rute, und
peitschete damit dergestalt auf den Geist des Lemelié zu, dass derselbe zu Boden
fiel, und sich wie ein Aaal auf dem Grase herum weltzete, ja er winselte nicht
allein wie ein Hund, sondern mit einer weit grässlichern Stimme, so, dass uns
allen fast die Haut zu schaudern begunte; Der Geist des Don Juans aber ging
mittlerweile im Circkel spaziren herum, so lange, bis Vincentius, ohngefehr nach
Verfluss einer halben Viertel-Stunde, seine Zauber-Rute in die Höhe gen Himmel
reckte, da denn nicht allein des Lemelié und Don Juans, sondern auch des van
Leuwens Geister unvermutet vor unsern Augen verschwanden, hergegen præsentirten
sich, an statt derselben, zwei weiss-gekleidete Personen oder Machinen; da denn
Vincentius fragte: Nun, meine Herren Felsenburger, kennet ihr diese beiden
Personen? Wie ist uns möglich, (gab ich ihm zur Antwort) dieselben zu kennen,
indem sie dergestalt verkappt und verschleiert sind. Es sind (sprach er hierauf)
eure Ur-Eltern, Albertus I. und Concordia, mit denen ihr euch, nach Belieben, in
ein Gespräch einlassen könnet.
    Da uns allen dreien aber sehr missfällig war, dass er diese seligen Personen
in ihrer Ruhe gestöhret, als wünschten wir nunmehro wieder von dieser Stelle
hinweg, und in unsern Hütten bei der andern Gesellschaft zu sein, liessen aber
unsere Gedancken dem Zauberer ganz und gar nicht mercken, sondern stelleten uns
vielmehr an, als ob wir durch seine Kunst ungemein vergnügt worden, weilen wir
aber dergleichen Sachen nicht so wohl, als er gewohnt, und über dieses solchen
fürchterlichen Schau-Spielen Zeit Lebens noch niemahls beigewohnt, so wäre nicht
zu läugnen, dass wir aus Furcht und Schrecken einiger Massen schwach und ermüdet
worden, wessentwegen denn der beste Rat wäre, dass wir uns zur Ruhe begäben, und
unsere annoch übrige Verabredung bis auf Morgen verspareten.
    Vincentius, der, wie ihm zum Ruhme nachzusagen ist, viel Verstand bei aller
seiner Geschicklichkeit besass, nahm diese Sache vor bekannt an, und, nachdem er
uns gefragt: ob wir noch etwa einen oder andern Geist von solchen Personen, die
uns angiengen, oder mit welchen wir etwas zu schaffen gehabt, zum Beschlusse vor
uns sehen wollten, so wäre er noch bereit, uns zu dienen; wir aber baten ihn,
alles dieses, bis auf eine andere Nacht, zu versparen, demnach gab er seinen
Portugiesischen Cameraden ein vielleicht abgeredetes Zeichen, worauf denn diese
sogleich mit brennenden Fackeln und Wind-Lichtern uns entgegen kamen, wir alle
aber von dem guten Vincentio bis an unsere Schlaf-Stätte begleitet wurden.
    Vor meine Person kann ich wohl sagen, dass ich nicht leicht in meinem Leben
unruhiger mein Lager gesucht, um auf demselben einige Ruhe zu finden, weilen
mein Kopf von allen dem, was ich gehöret und gesehen hatte, dergestalt mit
Grillen, Sorgen, und Bekümmernissen angeschwängert war, so, dass ich nicht die
geringste Ruhe finden konnte, ich mochte mich auch lincks, oder rechts auf meinem
Lager umwenden und kehren. An diese Nacht will ich Zeit meines ganzen Lebens
gedencken, so lange, als nur meine Augen offen stehen, ich will aber von
demjenigen, was ich in derselben eintzig und allein gehöret und gesehen habe,
voritzo weiter nichts melden, jedoch habe aus Antrieb meines zarten Gewissens
auch alles dieses der Geistlichkeit und dem Regenten getreulich offenbaret,
ohngeachtet solches nicht einmal nötig gehabt. Weilen nun ganz und gar keinen
Zweiffel trage, dass auch dieses bona fide wird ad Acta gebracht sein, so möchte
es mir vielleicht vor eine Gross-Prahlerei ausgelegt werden, wenn ich hier von
fernerweit viele Worte machen wollte.
    Kurtz: des Tages, nach der merckwürdigen Nacht, erschütterte sich die Insul
Klein-Felsenburg einiger Massen, weswegen ich den Vincentium besuchte, und ihn
fragte: ob dieses etwa Böses, oder Gutes zu bedeuten hätte? Er gab mir zur
Antwort, dass diese kleine Erd-Erschütterung eine ungemeine gute Bedeutung vor
uns Felsenburger mit sich brächte, die Haupt-Sache aber wäre diese: dass wir die
vermaledeiten Cörper des Don Juan und des Lemelié von beiden Insuln wegschaffen,
und dieselben dergestalt in Asche verwandeln müsten, dass auch nicht der
kleineste Knochen mehr von ihnen zu finden sei; worauf sich denn die Aspecten zu
unserer Ruhe und Frieden bald besser zeigen würden.
    Es stellete mir Vincentius diese Sache dergestalt nach drücklich vor, dass
ich mich bewegen liess, nur vorerst einen sehr kurtzen Bericht an den Regenten u.
an die Geistlichen von unsern bisherigen Begebenheiten zu machen; hierbei aber
war die Haupt-Sache diese, dass sie den verfluchten Cörper des Lemelié sollten aus
graben lassen, alle seine Knochen, auch nicht den allerkleinesten zu versehen,
in einen kleinen Nachen auf Schwefel, Pech, Pulver, Hanff, Werg und dergleichen
Feuerfangende Waaren legen, und denselben mit einer starcken Quantität des
besten Feuerhaltenden Holtzes bedecken, hernach den Nachen, oder das kleine
Bootgen nur nach den Sand-Bäncken zu stossen-möchten.
    Mir aber bat ich aus, eine ziemliche Quantität von Pulver, Schwefel, Pech
und dergleichen zu übersenden, indem ich mit dem Cörper des Don Juan ein
gleiches zu tun gesonnen, und ihn in lichterlohen Flammen der offenbaren See
anvertrauen wollte. Damit aber beides zu gleicher Zeit geschehen könnte, bat mir
noch dieses aus, dass sie mir von der Insul Gross-Felsenburg nur etwa eine
Viertel-Stunde vor der bestimmten Zeit und Stunde ein Signal durch einen
Cartaunen-Schuss geben möchten, damit ich mich darnach richten könnte. Mit diesem
Berichte und Verlangen schickte ich 12. Mann, worunter meine Allergetreusten
befindlich, in einem Boote sogleich nach der Insul Gross-Felsenburg hinüber, die
denn des andern Tages, gegen Abend, ohne dass ich mich einer solchen
Geschwindigkeit versehen, glücklich zurücke kamen, und alles, ja noch mehr mit
sich zurücke brachten, als ich und meine bei mir befindlichen werten Freunde,
verlangt hatten. Demnach wurde in gröster Geschwindigkeit erstlich der Cörper
des Don Juan ausgegraben, besichtiget und nachhero mit demselben Sarge, welchem
ihm seine Lands-Leute von alten Schiffs-Bretern zusammen gehefftet, in einen
grossen Kahn ooer Nachen gebracht, da denn in, bei und neben dem Sarge lauter
Feuerfangende Materien, als Pulver, Schwefel, Pech, Hanff, Stroh, Werg, und
dergleichen Zeug gelegt ward. Wir brachten also dieses abscheuliche Cadaver mit
gröster Mühe hinunter in die Mündung des Flusses, da denn Vincentius auftrat,
und sagte: Meine Freunde! ich bin zum Zeitvertreibe mit zur Leiche gegangen, und
habe gesehen, dass ihr Mühe und Arbeit genug mit dem Cörper eures Feindes gehabt,
nunmehro aber lasset mich ganz alleine schalten und walten.
    Wenige Minuten hernach höreten wir den Cartaunen-Knall von der Insul
Gross-Felsenburg erschallen, als welcher das Signal war, dass unsere Obern und
Freunde eben um selbige Zeit den Cörper des vermaledeieten Lemelié von sich
fortschaffen, und der offenbaren See anvertrauen wollten.
    Demnach entstunde so gleich ein unvermuteter heftiger Würbel-Wind, welcher
den Nachen oder Kahn, als Vincentius hie und da Feuer hinein gelegt, ganz
schnell fort und in die offenbare See nach den Sand-Bäncken zuführete. Es war
dieses, wenigstens in meinen Augen, ein ganz possierliches Schau-Spiel, indem
immer eine Raquete, Schwärmer und dergleichen Zeug in die Lufft flogen, doch kann
nicht läugnen, dass dennoch wegen des todten Cörpers einiger Abscheu mit
unterlieff; allein es währete kaum eine halbe Stunde, als wir den Nachen,
nachdem er sich vielemahl in der See herum getummelt, in lichten lohen Flammen
brennen, und endlich versincken sahen.
    Wir wollten also nach abgewarteter Tragoedie zurück gehen, um uns in unsern
Hütten der Ruhe zu bedienen; doch Vincentius hat, dass wir wenigstens noch eine
halbe Stunde verharren, und wohl in Obacht nehmen sollten, was etwa weiter möchte
vorgehen. Blos ihm zu Gefallen blieben wir also noch da, und sahen, dass ein
grässliches Monstrum, wie mir etwa die allergrösten Arten von Wallfischen von
andern beschrieben worden, gerades Weges auf unsere Bucht zugeschwommen kam!
welches aus seinem Rachen und Nasenlöchern nicht allein die fürchterlichsten
Wasser-Ströme, sondern auch feurige Funcken und Flammen aussprützte.
    Fürchtet euch nicht, meine Freunde! (sprach hier Vincentius) denn dieses
Ungeheuer will mit mir allein zu tun haben. Und in dem er diese Worte
aussprach, warff er sich, so, wie er da gegangen und gestanden war, mit völliger
Kleidung in den Fluss, und schwumme dem Meer-Wunder entgegen.
    Mir wurde bei dieser Verwegenheit zwar angst und bange, jedoch, da ihm
niemand weder zunoch abgeraten hatte, diese gefehrliche Schwimmerei anzutreten,
als überliess ihn seinem Schicksale, da wir denn bei der finstern Nacht, indem
sich der Mond unter eine schwartze Wolcke verborgen, so viel gewahr wurden, dass
unser Vincentius, nach einem heftigen Streite mit dem Meer-Wunder, von
demselben unter Donner, Blitz, Hagel, ja dem grausamsten Sturm-Wetter
aufgeschnappt und verschlungen wurde, mitin den Sieg über dasselbe nicht
erhalten können, sondern den Kürtzern ziehen müssen.
    Ich glaube nicht, dass einer unter uns allen gewesen, dem bei dieser
Begebenheit nicht so wohl, als mir selber, die Haare zu Berge gestanden und
alle Glieder des Leibes gezittert hätten; und eben dieserwegen beschlossen wir
des anbrechenden Tages zu erwarten, ehe wir uns nach unsern Obdache und
Lager-Stätten verfügen wollten. Dieses geschahe, nachdem die Sonne aufgegangen
war, und alles Ungewitter vertrieben hatte; Als wir nun unterweges das klägliche
Schicksal des Vincentii überlegt und bedauert, so traffen wir denselben in
seiner Hütte gesund und frisch an, und zwar in der Verfassung, dass er seine
Kleider und Schuhe ausbesserte. Anfänglich entsetzten wir uns über seine Person,
indem wir zum Teil wirklich auf die Gedancken geraten, als ob er vom bösen
Feinde wäre weggeführet worden; jedoch Vincentius, so bald er dergleichen
Gedancken von uns vernommen, fieng überlaut zu lachen an, und sagte: Nein, meine
Freunde! ihr müsst meiner Kunst und Geschicklichkeit ein mehreres zutrauen
lernen: denn dieses, was ich mit dem Meer-Wunder vorgehabt, ist ein bloses
Schatten-Spiel gewesen, von nun an aber, sollet ihr erstlich rechte Wunder-Dinge
sehen, hören und erfahren, die nicht allein euch, sondern auch wohl euren späten
Nachkommen zum Nutzen gereichen können.
    Mittlerzeit, da er diese und noch weit mehrere Worte, seiner gewöhnlichen
Beredsamkeit nach, vorgebracht hatte, unsere Magens aber, weiln es bald
Mittags-Zeit war, nach denen im Feuer-Loche befindlichen Fleisch-Töpffen,
Gemüsen und andern guten Gerichten vom Gebratens und Fischen entgegen delleten,
so wurde unsere Hoffnung auf einmal, allem Ansehen nach, zu nichte gemacht,
indem sich aus dem Feuer-Loche ein ziemlich hoher Hügel auftürmete, der, wie
wir uns nicht anders einbilden konten, in kurtzer Zeit alles Gesottene und
Gebratene in die Asche verschütten würde; Jedoch, je mehr sich einige unter uns
darüber missvergnügt bezeigten, desto mehr fieng Vincentius darüber zu lachen an,
und ehe wir uns umsahn, war nicht allein der Hügel verschwunden, und das
Feuer-Loch in seiner gewöhnlichen Ordnung, sondern wir sahen auch, dass auf dem
grünen Rasen etliche Tücher aufgedeckt, Teller und alles zurechte gelegt waren,
was sonsten zum Tisch-Zeuge gehöret. Demnach speiseten wir unter wunderlichen
Gedancken, doch mit noch so ziemlichen Appetite, zumahlen, da wir sahen, dass um
und neben uns herum viele ganz frische Hauffen aus der Erde aufgeworffen
wurden, die doch sehr weit grösser waren, als die gewöhnlichen
Maulwürffer-Hauffen.
    Wie nun Vincentius dieserwegen unsere Erstaunung und Verwandelung gewahr
wurde: sagte er: meine Freunde! kehret euch an alles dieses nicht, sondern ein
jeder speise nur seinem Appetite nach so viel, als er vertragen, und sich
Kräffte in den Cörper schaffen kann: Denn so bald die Sonne untergangen ist,
müssen wir alle insgesamt zu graben, zu schauffeln und zu hacken anfangen.
    Wie nun also die Sonne untergegangen, und die erste Dunckelheit der Nacht
eingetreten war, zeigte sich nicht allein in dem Feuer-Loche, sondern auch über
den aufgeworffenen Hügeln lichterlohe Flammen, und zwar, wenn ich es ja recht
beschreiben soll, dergestalt, als wenn man Spiritum Vini darauf und darüber
gegossen, und selbigen angezündet hätte: denn die Flammen waren alle
gelb-grün-blau- und rötlich unter einander vermischt Vincentius nahm also,
nachdem er uns allen einen hertzhaften Mut eingesprochen, und sein Handwercks
Zeug, als Hacke, Schauffel, Spaten und dergleichen aufgefasset, erstlich den
geraden Weg nach dem Feuer-Loche zu, als welches um allerfürchterlichsten zu
brennen schien. Wir, so viel unserer waren, folgten ihm Paarweise nach, trugen
und schleppten auch das Handwercks-Zeug, so gut wir konten; So bald aber dieser
unser Führer, Vincentius, an das Feuer-Loch gekommen war, und dasselbe
untersucht hatte; sprach er: Meine Freunde; hier ist vorjetzo noch nichts zu
tun, so lange bis die Mitternachts-Stunde da ist; unterdessen aber folget mir
und meinem Rate, und nehme ein jeder, so wie ich, einen kleinen Hügel vor sich,
und wenn unsere Arbeit nicht bezahlet wird, will ich mir binnen 3. Tagen
selber, einen Scheiter-Hauffen machen, mich darauf setzen, und mit Pulver,
Schwefel und Pech verbrennen. Allein dieserwegen hat sich niemand Sorge zu
machen, denn der Himmel ist mit im Spiele, als welcher durch mich geringen
Menschen euer Glück, Reichtum und Wohlstand zu befördern gewillet ist.
    Ich will eben nicht sagen, wie mir vor meine Person bei dieser Begebenheit
um die Lunge und Leber zu Mute war, jedoch zu zeigen, dass ich kein Hasen-Hertz
hätte, mitin auch andere nicht gern feige machen wollte, als nahm ich, da ich
erblickte, dass Vincentius den Anfang machte, auch meine Schauffel, Spaten, und
grub bei dem Scheine der vielen angesteckten Fackeln, da ohnedem es noch sehr
Mond-und Stern-helle war, eine Urnam, oder so genannten heidnischen Todten-Topf,
aus der ganz lockern Erde heraus. Indem ich mir aber in meinen Gedancken darauf
ganz viel einzubilden getrauete, so wurde um und neben mir gewahr, dass meine
andern Mit-Geferten eben dergleichen Dinger aus den kleinen Hügeln (oder wie ich
dieselben vorhero genennet, Maulwürffer-Hauffen) zum Vorscheine brachten. Vor
meine Person habe nicht mehr als 9. derselben Stück ausgegraben; jedoch da
Vincentius das abgeredete Zeichen von sich hören liess, dass wir uns alle
insgesamt wieder bei ihm versammlen sollten, machte ich auch meiner Arbeit vor
dissmahl ein Ende, und ging mit an die Haupt-Arbeit, welche in Ausgrabung des
Feuer-Loches bestund.
    Hier hätte man sein Wunder sehen sollen, welcher Gestalt sich die artigen
Tiergens, die wir nur immer sofort Minions nenneten, auf das allerkräfftigste
bemüheten, uns in unserer Arbeit zu verhindern, wie denn auch allerhand andere
Gespenster, als Feuerspeiende Drachen, feurige Schlangen und dergleichen
Ungeziefer ebenfalls auf uns zu gegangen, geflogen und gekrochen kamen, welche
aber alle, so bald Vincentius nur seinen Zauber-Stab aufhub, augenblicklich
zurücke wichen, oder auf der Stelle ohnmächtig liegen blieben.
    Endlich, da meine Taschen-Schlag-Uhr die vollkommene Mitternachts-Stunde mit
12 Schlägen angezeigt, geschahe ein gewaltiger Donnerschlag, worüber wir
insgesamt erstaunete, allein, da wir die Sache recht betrachteten, so war uns
hierdurch alle unsere Mühe und Arbeit erleichtert, denn es hatte sich in dem
Feuer Loche eine Machine über 2 Ellen hoch von selber aus der Erde empor
gehoben, welche Vincentius so wohl, als die ausgegrabenen Urnen mit seiner
Wünschel-Rute berührete, uns aber bat, nur stille und ruhig zu sein, des Tages
zu erwarten, inzwischen aber etwas von stärckenden Geträncke zu uns zu nehmen,
denn es hätte auf diesesmahl nunmehro alles seine vollkommene Richtigkeit.
    Sehr selten bin ich wohl in meinem ganzen Leben nach dem Anbruche des Tages
begieriger gewesen, als eben diesesmahl; da aber derselbe endlich erfolgte, so,
dass einer dem andern das Weisse in den Augen erkennen konnte, giengen wir vor
allererst in der ganzen Gegend herum spaziren, und zehleten, dass wir 53 Urnen
oder Todten-Töpfe ausgegraben hatten; Es waren dieselben von verschiedener
Grösse, teils steinerne, teils küpferne, teils silberne; güldene aber nur 2
nicht allzu grosse. Auf deren Deckeln befanden sich eben dergleichen
Zeichnungen, wie ich schon ehemahlen gemeldet und abgerissen, nur aber bei
diesem oder jenem mit einer oder anderen Veränderung der Charactern. Wer Lust
und Belieben hat dieselben noch vor sich abzuzeichnen, kann es alle Tage tun,
indem wir sie mit hieher gebracht haben, ich aber sage vorjetzo nur so viel,
dass, nachdem wir alle diese Urnen vor unsere Hütten getragen, und in Ordnung
gestellet hatten, Vincentius uns einen Winck gab, mit ihm zu gehen, und die
Machine genauer zu betrachten, die sich in dem Feuer-Loche erhoben hatte.
Demnach befand sich, dass es ein silberner, mit vielen Zierraten und Charactern
versehener, ordentlicher Todten-Sarg, dessen Länge 4 Ellen, die Breite oben zum
Häupten 2 und 1 halbe Ellen, unten zum Füssen aber nach Proportion etwas
schmäler zugelauffen war.
    Nachdem wir nun auf Anregung des Vincentii den Sarg-Deckel, und zwar mit
ziemlicher Mühe, auf- und abgehoben, erblickten unsere Augen 2 Cörper darinnen,
neben einander liegend, welche dergestalt gelegt zu sein schienen, als ob sie
einander umarmeten. Ihre Gesichter zeigten sich nicht grässlich, wie etwa sonsten
Leichen-Gesichter auszusehen pflegen, indem, wie ich aus vielen Umständen
spürete, beide Cörper einbalsamirt sein mochten, von den Kleidungsstücken aber
war wenig zu sehen, weilen dieselben ziemlicher Massen vermodert, jedoch ich
hatte das Glück, aus einem gewissen Zeichen zu bemercken, dass sie alle beide in
Purpur-Kleidern möchten sein beerdiget worden; wie denn auch beide ganz
zierliche güldene kleine Kronen auf ihren Häuptern trugen, die mit den
kostbarsten Diamanten und andern Edelsteinen besetzt waren.
    Wir allerseits nahmen uns ein nicht unbilliges Bedencken, diese Cörper
fernerweit zu beunruhigen, zumahlen, da wir befürchteten, dass dieselben etwa
entzwei brechen, oder gar zerfallen möchten, giengen also insgesamt um den Sarg
herum, wie, dem gemeinen Sprichworte nach, die Katzen um den heissen Brei,
befanden aber dennoch bei einiger weiterer Untersuchung, dass dieselben auf
lauter geprägten Gold-und Silber-Müntzen vielerlei Gepräges lagen und mit den
auserlesensten orientalischen Perlen überschüttet waren.
    Wir 3. der ansehnlichsten Felsenburger, wie man uns damahls nennete, gaben
demnach dem ganzen Volcke so wohl die Urnen, als den silbernen Sarg zum Preise,
baten uns aber nur dieses darbei aus, dass sie ja die Cörper und Gebeine
verschonen, nicht beschimpffen, sondern in Ehren halten, sonsten alles Geld,
Gold, Silber und Perlen heraus nehmen, und unter sich teilen möchten; Allein,
nachdem alles, wie es war, ganzer 3. Tage und Nächte also stehen geblieben,
verspüreten wir, dass weder ein Fremder, geschweige denn ein Felsenburger sich an
dem allergeringsten vergriffen, auch nicht einmal eine Perle heimlicher Weise
zu sich genommen hätte. Die Ursache dessen ist leicht zu erraten, weilen unsere
Felsenburger Gold, Silber, Perlen, Edelgesteine und dergleichen Sachen vor gar
nichts besonders halten, da ihnen dieselben wenig oder gar nichts nützen, und
bewust, dass wir bereits im Uberflusse damit versorgt sind. Als wir aber den
Vincentium und seine Geferten darum ansprachen, dass sie vor ihre allerseitige
Bemühungen und uns erzeigte Gefälligkeiten sich der Billigkeit gemäss bezahlt
machen, und das Beste von den gefundenen Schätzen auslesen möchten; so giengen
die Portugiesen über 100. Schritt von uns hinweg, und unterredeten sich fast
über eine halbe Stunde lang mit einander, da sie aber wieder zurück kamen, bat
Vincentius, dass wir Felsenburger uns um ihn herum setzen, und seine Reden
anhören möchten.
    Da es nun eben zu keiner fürchterlichen Zeit und Stunde war, indem die Sonne
mitten am Himmel stund die, weilen keine eintzige trübe Wolcke zu sehen, uns
recht ungemein erquickte, so nahmen wir uns um so viel desto weniger Bedencken,
seinem Bitten zu gehorsamen, da er denn folgende Worte vorbrachte: Meine lieben
Herren und Freunde! ich bin in meinem Hertzen durch viele Merckmahle dahin
überredet, dass die meisten unter euch mich vielleicht vor einen Ertz-Zauberer
oder Hexen-Meister ansehen und halten; Allein, ich bin keiner von beiden,
sondern bei allem dem, was heilig ist, beteuere ich, auf meiner
Seelen-Seligkeit, dass mich die allerhöchste Macht angetrieben, euch einen und
andere Dienste zu leisten, und mir anbei dero allerkräfftigsten Schutz und
Beistand versprochen; als wovon ich vor dissmahl nicht viel reden und prahlen
will.
    Kurtz: ich habe bis auf diese Stunde getreulich so viel bei euch
ausgerichtet, als mir bis hieher befohlen ist wovon ihr denn verhoffentlich
sattsame Zeugnisse haben werdet; zumahlen, da mir auch die unterirrdischen und
verfluchten Geister nicht widerstehen, vielweniger mich in meinem Vorhaben
verhindern können. Nunmehro aber, da ihr von einer Belohnung meiner euch
geleisteten getreuen Dienste zu reden anfanget, möchte mich dasselbe fast
verdriessen, weiln ich nicht eigennützig bin, auch vor meine gehabte Mühe nicht
die allerkleineste Perle verlange. Meine Cameraden, mit denen ich mich vor
kurzer Zeit besprochen, sind eben dieses Sinnes. Die Ursache aber ist diese:
weiln ihr uns eine Zeit dahero auf das allerkostbarste und herrlichste tractirt
habt, und, wie ihr sagt, uns den Aufentalt auf dieser Insul, nebst
notdürfftiger Verpflegung zu reichen und zu vergönnen noch fernerhin gesonnen.
Demnach nehmet so wohl den Sarg, als die Urnen mit hinüber auf die grosse Insul,
um euren Freunden ein Vergnügen damit zu stifften, vergesset unserer darbei auch
nicht mit Zuführung einer und anderer leckerhaften Speisen und Geträncke, als
worvon wir ganz besondere Liebhaber sind; Folget meinem Rate, und fahret
gleich Morgen früh mit Aufgange der Sonnen zu euren Freunden hin, und bringt
ihnen alles das, was wir gefunden haben, doch dieses ist ein bloses Kinder-Spiel
gegen diejenigen Schätze zu rechnen, welche ich binnen wenig Tagen noch zu
finden, oder wenigstens euch anzuweisen verhoffe. Nur aber bitte ich mir dieses
aus, dass wenigstens 10. bis 12. Mann der hertzhaftesten Männer oder
Junggesellen bei mir bleiben, um mit ihnen das Gebürge, sonderlich aber den
grossen Berg durchzustreichen und zu besichtigen, da ihr denn, wenn ihr etwa
binnen 8. oder 14. Tagen wieder anhero zu kommen euch bemühen woltet, ohnfehlbar
weit mehrere Neuigkeiten, als bishero vorgefallen, erfahren werdet, und zwar zu
eurem eigenen allergrösten Nutzen.
    Die Felsenburger hatten den Vincentium kaum ausreden lassen, als sogleich
nicht nur 10. oder 12. sondern noch viel mehrere, so wohl Männer als
Junggesellen, heraus traten, und sich als Freiwillige angaben, bei dem Vincentio
zu bleiben, mitlerweile wir die gefundenen Sachen hinüber auf die grosse Insul
zu den Unserigen schaffen, und so bald, als möglich, wieder zurück kommen
sollten. Nachdem nun Vincentius mich und meine beiden Herren Beistände ersucht,
mit ihm annoch vorhero in etwas spatziren zu gehen, inmassen er uns noch viele
wichtige Dinge zu offenbaren hätte, als folgten wir ihm nach, und erfuhren
solche Geheimnisse aus seinem Hertzen und Munde, von welchen wir uns vorhero
keine Vorstellung machen können; weiln aber voritzo, gewisser Ursachen wegen,
ein billiges Bedencken trage, dieselben zu wiederholen, so verweise einen jeden
treugesinneten Felsenburger an unser ordentlich Archiv, (als worinnen die
dessfalls unsere damahlige getane Aussage protocolliret worden, um seine
Curiositée zu vergnügen, weiln ein solches keinem Treu-meinenden zum Lesen
abgeschlagen wird.
    Gleich des darauf folgenden Tages machten wir uns reisefertig, um mit unsern
Booten fort zu rudern; welches denn auch geschahe, nachdem wir nicht allein den
silbernen Sarg, sondern auch alle 53 Urnen eingeschifft, von den Portugiesen,
unter Versprechung baldiger Zurückkunft, Abschied genommen, und bei ihnen 12
Mann der hertzhaftesten Felsenburger da gelassen hatten. Es ist leicht zu
erachten, dass die Unserigen über unsere glückliche Zurückkunft eine besondere
Freude, wie auch über die mitgebrachten Antiquitäten eine ausnehmende
Verwunderung gehabt; Nachdem aber dieser letztern wegen verschiedene
Zusammenkünfte von den Aeltesten und der Geistlichkeit gehalten worden, wurde
endlich beschlossen, von allen diesen Sachen fernerweit nichts anzurühren,
sondern dieselben, (weiln wir nicht wüsten, ob es Christen oder Heiden,
wenigstens Menschen gewesen, die an den allerhöchsten GOtt geglaubet hätten)
zwar nicht auf unsern ordentlichen Gottes-Acker, viel weniger in unsere Kirche
zu bringen; sondern es sollte hinter unserm Kirch-Turme, als welches Plätzgen
sich wohl darzu schickte, ein besonderes Gewölbe angemauert, und alle diese
Sachen, so wohl der Sarg als die Urnen hinein gesetzt, auch wohl verwahret
werden, damit nicht etwa Unmündige und Unverständige sich daran vergreiffen
möchten. Dieser Schluss und Verordnung gefiel mir zwar gewisser Massen wohl,
allein, die angebohrne Curiositée protestirte darwider, indem ich gern weiter
und besser untersuchen wollte, was etwa hie und ha, so wohl in dem Sarge, als in
den Urnen versteckt sein möchte, denn ob mir zwar an Golde, Silber Diamanten,
Perlen und andern Edelgesteinen so wenig, als an meinem Hute gelegen, den ich
noch jetzo auf dem Kopfe trage; so reitzeten mich doch eine und andere
erblickten Müntz-Sorten an, meiner Neigung vor dissmahl Folge zu leisten, und das
abergläubige Sprichwort: Man solle die Todten nicht berauben etc. gewisser
Massen hinten an zu setzen.
    So bald ich demnach meine Gedancken den mir allervertrautesten Freunden, die
ich eben itzo mit Namen zu nennen Bedencken trage, fanden sich ihrer 6. die
nicht allein mit mir einerlei Meinung hegten, sondern sich auch, nachdem das
gemauerte Gewölbe fertig, und der Sarg so wohl als die Urnen in bester Forme
hinein gebracht waren, wenig Tage hernach, und zwar nicht etwa um die
Mitternachts-Stunden-Zeit, sondern ganz früh Morgens mit aufgehender Sonne,
zugleich mit mir in das Gewölbe begaben, da wir gewiss, bei noch darzu
angezündeten Wachs-Kertzen, unserer Neugierigkeit ein sehr starckes Vergnügen
leisteten, denn wir fanden unter den gold- und silbernen grossen Medaillen
einige Stück, deren Zeichnungen diese waren: wie der Welt-Heiland Christus am
Creutze hieng wieder andere, da die Mutter GOttes Maria das Christ Kind auf dem
Arme trug; anderer so genannter Schaustücke oder Medaillen, auf welchen die
Bildnisse der heiligen Aposteln und Evangelisten mit leserlichen Umschrifften
befindlich, zu geschweigen, wie ich denn auch von dem zur übrigen Politischen
Historie einschlagenden Müntzen itzo gar nichts reden will, weilen ein solches
mir ohnedem zu weitläufftig und verdriesslich fällt, ein jeder Curiosus aber
dieselben in unserm Archiv und Biblioteque alltäglich zu sehen bekommen kann.
    So bald demnach alles dieses in möglichster Stille nach meinem Wunsche zum
Stande gebracht, wir auch erfahren, auf was vor Art die Unserigen den verdamten
Cörper des Lemelié von sich geschafft, hatte ich weder Ruh noch Rast, bis ich
wieder eine abermahlige Reise nach der Insul Klein-Felsenburg antreten konnte.
Und diese geschahe ohne fernere weitläufftige Uberlegung wenige Tage hernach in
Begleitung vieler der allervertrautesten und sonst hertzhaften Freunde. Vor die
Klein-Felsenburger nahmen wir also auf 3 Booten abermals einen starcken Vorrat
von Lebens-Mitteln, und zwar der allerbesten und leckerhaftesten, welche so
wohl den Unserigen als unsern Gästen, die uns einer so wohl als der andere mit
ausgereckten Armen zur Bewillkommung entgegen gelauffen kamen, ein nicht
geringes Vergnügen erweckten. Wir fanden alle noch gesund, frisch und lustig,
so, dass man ihnen keinen Hunger, Kummer, oder Not ansah, denn sie hatten sich
binnen der Zeit mit Essen und Trincken wohl gepflegt, waren zum öfftern
Lustwandeln gegangen, und hatten auser den vorigen, die wir schon mitgenommen,
noch 19 herrlich schöne Urnen ausgegraben, ingleichen die Minions vertilgt, von
welchen sie mehr als 100 Bälge aufzeigten, sonsten aber war ihnen ganz und gar
nichts schreckhaftes oder wiederwärtiges begegnet. Nachdem wir nun 2. Tage
ausgeruhet, und uns die niedlichsten Speisen und Geträncke wohl bekommen lassen,
trat Vincentius auf, und sagte: So zu leben ist keine Kunst, meine Herren und
Freunde! allein, ich halte nicht vor ratsam, dass wir so länger auf der
Bärenhaut liegen, darum wollen wir, wenn es euch gefällig ist, uns eine Bewegung
machen, denn es hat mir in verwichener Nacht ein guter weisser Geist angedeutet,
dass unser Gang nicht vergeblich sein soll, vielmehr würden wir etwas ganz
besonders neues antreffen.
    Wie wir nun insgesamt der Faulheit eben so sehr nicht ergeben, als wurde
verabredet und beschlossen, eine Reise nach dem grossen Gebürge, (NB. welches
auf dem Grund-Risse dieser Insul Klein-Felsenburg pag. 452 im andern Teile mit
N. bezeichnet) vorzunehmen, da denn Vincentius mit seiner Wünschel-Rute eine
und andere Probe zu machen versprach. Ob nun gleich einem jeden frei gestellet
war, entweder mitzugehen, oder in den Hütten bei unsern Sachen zu bleiben, so
war doch kein eintziger, der zurück zu bleiben Lust bezeigte, sondern sie
giengen alle mit, und zwar früh Morgens mit Anbruche des Tages, da sich denn ein
jeder mit Proviant und Gewehr aufs beste versorgte, und auser diesem allen
führeten wir auch noch viele Picken, Hacken, Aexte, Schauffeln und Spaten mit
uns.
    Als wir nun das Gebürge bei Untergang der Sonnen erreicht, machten wir am
Fusse desselben etliche Feuer an, lagerten uns um dieselben herum, und brachten
dieselbe Nacht unter allerhand guten Gesprächen ungemein vergnügt und ruhig zu,
bis der Tag wieder angebrochen war, da wir denn dem Vincentio, nach verrichtetem
Morgen-Gebet, weiter in und auf das Gebürge folgten.
    Zeit meines Lebens habe ich keine grössern Wunderdinge (ich verstehe nämlich
solche, welche der Sage nach, bloss in der Natur stecken sollen) verrichten
sehen, als Vincentius mit seinen Wünschel-Ruten verrichtete: Denn er hatte
auser seinem gewöhnlichen Zauber-Stabe nicht nur eine, sondern mancherlei Arten
von Wünschel-Ruten bei sich, und zwar, wie er sagte, nach den mancherlei Arten
der Metallen und Mineralien zugerichtet. Wie gesagt, es war bewundernswürdig,
wie wir denn alle, die dabei gewesen, und es mit angesehen haben, ein solches
bezeugen werden: Denn die Ruten sprungen zum öfftern ganz schnell in die Höhe,
zur andern Zeit aber blieben sie auf dem Boden dergestalt feste kleben, so, dass
Vincentius dieselben mit der allergrösten Gewalt wieder an sich ziehen musste. Wo
nun ein vorteilhafter Platz war, liess er alsobald durch unsere Leute ein
Spannen-tieffes Loch einhauen, und zum Wahrzeichen einen behauenen Stein hinein
setzen, deren jeden er selbst vermittelst bei sich habender Stein-Meissel mit
Ziffern und allerhand Charactern bezeichnete. Es war mit gröster Lust anzusehen,
wie sauer es sich unsere bei uns habenden Leute mit der Arbeit werden liessen,
dergestalt, dass sie sich kaum Zeit zum Essen und Trincken nehmen wollten, anbei
auch, wie man zu sagen pflegt, wie die Braten schwitzten, denn die
unvergleichlich grossen Ertz-Stuffen, welche zum Teil Gold, Silber, Kupfer und
andere Metaillen in sich hielten, fielen uns allen dergestalt entzückend in die
Augen, dass wir uns nicht satt daran sehen konten, zumahlen, wenn nach ihrer
Abwaschung die Strahlen der Sonne darauf fielen. Solchergestalt arbeiteten wir
alle insgesamt die Wochen, oder so genannten Werckel-Tage immer mit glücklichem
und vergnügtem Fortgange unsers angefangenen Wercks fort, so lange, bis der
Sonntag heran nahete, da denn beschlossen wurde, alle Arbeit stehen und liegen
zu lassen, GOtt zu Ehren aber den Sabbat oder Sonntag, ein jeder nach seiner
Religion, heiligen und feiern wollte.
    Vincentius liess sich vernehmen, wie er nicht vermeint, dass wir so gar sehr
gewissenhafte Christen wären, unterdessen aber wäre es löblich, billig und
recht, vor allen Dingen dem allerhöchsten GOtte, als dem Geber aller Güter,
Lob, Danck und Preis zu bringen, und um fernern Beistand anzuflehen.
    Demnach giengen etliche der Unserigen auf die Fischerei aus, um etwas
tüchtiges zu fangen, weilen vielleicht unsere Lebens-Mittel vor so viele
Personen nicht hinlänglich sein möchten; brachten auch noch vor Einbruch des
Sonnabends-Abends, eine gewaltige Menge der auserlesensten delicatesten Fische
von allerhand Gattung, die wir auf Kohlen braten liessen, weiln kein Geschirr,
auch nicht gnugsames Saltz vorhanden war, dieselben zu kochen. Jedoch Vincentius
schaffte bald Rat, indem er sagte: wem es am Saltze fehlet, der nehme nur diese
meine Wünschel-Rute, und folge derselben so lange nach, bis sie ihm von sich
selber aus der Hand springet, da sich denn zeigen wird, dass auf derselben
Stelle, wo sie niederfällt und liegen bleibt, das allervortrefflichste und
gesundeste Saltz sich finden wird, von welchem oberhalb nur einer Hand hoch, die
darüber liegende Erde, Staub oder Steine dürffen abgeräumet werden.
    Ohngeachtet nun der Saltz-Mangel eben so gar sehr gross nicht war, indem der
annoch bei uns habende Vorrat wohl noch zur Not auf 3. bis 4. Tage hinreichend
gewesen: so war doch ich so gar sehr neugierig, dieses Experiment mit der
Wunschel-Rute zu machen; bat also den Vincentium, mir diese Wünschel-Rute
anzuvertrauen, und anbei die Vorteile zu zeigen, wie man mit derselben umgehen
müste? da er denn sagte: Mein Herr! ihr habt weiter nichts zu tun, als die
Rute vor euch in der Hand zutragen, und dabei zum öfftern die Worte
auszusprechen: Sal sursum folget ihr nur so lange nach, als sie sich in eurer
Hand regt, mitin, so zu sagen, den Weg zeigt, wohin ihr wandeln sollet, wenn
die Rute aber springt und liegen bleibt, so scharret das oberste auf, alsdann
werdet ihr Saltz in Menge finden.
    Demnach, zumahlen da die vorgesprochenen zwei Worte mir eben nicht
verfänglich vorkamen, begab ich mich nebst 3. Felsenburgischen Geferten, welche
Säcke bei sich führeten, auf den Weg, und empfand erstlich in Wahrheit, dass sich
die Rute in meinen Händen sehr öffters regte und bewegte, bis sie endlich, da
wir ohngefehr 4. bis 500. Schritte nach der kleinen See zu, fortgewandert, auf
einmal ganz plötzlich aus meiner Hand sprung, und auf einem kiesigen Erdreich
liegen blieb. Meine Geferten und ich machten uns also an die Arbeit (um zu
erfahren, ob wir belogen oder betrogen wären) und kratzten in möglichster
Geschwindigkeit, auch so gar mit den blosen Händen, die oberste Erde, Kiess und
Steine weg, da wir denn, weiln nach dem Untergange des Sonnen-Cörpers es noch
ziemlich helle war, so viel sehen konten, dass sich die feineste weisse Materie
erhub, welche wir dem Geschmacke nach, sogleich vor das allerbeste Saltz
erkannten, unsere 3. Säcke damit anfülleten, die Stätte und Gegend wohl
bezeichneten, und uns hernach wieder zu der übrigen Gesellschaft begaben.
Vincentius machte die erste Probe mit diesem unsern gefundenen Saltze, indem er
vor sich allein verschiedene grosse, mittelmässige und kleine Fische gebraten,
und dieselben starck damit würtzete, ja fast über die Gebühr, um uns nur den
Argwohn zu benehmen, als ob dieses Saltz etwa ein gifftiges Saltz wäre; allein
es ist es nicht, sondern wir haben nach der Zeit befunden, dass diese und noch
mehrere herum liegende Saltz-Gruben das allerbeste und kostbareste Saltz in sich
führen.
    Nachdem wir aber damahls uns alle wohl gesättiget, und um die angemachten
Feuer herum gelagert, der Ruhe zu erwarten, höreten wir ohngefähr in der
Mitternachts-Stunde eine Stimme zu dreien verschiedenen mahlen dergestalt starck
ruffen, als ob dieselbe durch ein Sprach-Rohr redete, und zwar, so kam der
Schall aus dem gegen uns über liegenden hohen Berge, die Worte aber waren diese:
Vincent, Allah! Dio. Wie nun ich bemerckte, dass Vincentius munter war, so fragte
ich ihn, als ich die Stimme zum dritten mahle ruffen, und noch etliche mehrere
Worte aussprechen hörete: was dieses zu bedeuten hätte? Hierauf trat er auf, und
rief etliche mahl mit lauter Stimme Allah! Allah! Dio. Wendete sich hernach
wieder zu mir, und sagte: Mein Herr! diese Stimme kömmt aus dem Heiden-Tempel
unter dem grossen hohen Berge, welchen ihr, wie ich vernommen, schon vor einiger
Zeit zerstöhret habt, allein dieses soll uns nicht irren, Morgen, so GOtt will,
gleich mit anbrechendem Tage uns auf die Füsse zu machen, und unsern
christlichen Gottesdienst in diesem ehemahliger Heiden-Tempel zu verrichten, wir
werden auch, wie ich euch ganz gewiss versichern kann, keine Gespenster oder
Geister darinnen antreffen, sondern nur drei menschliche lebendige Personen.
    Ich meines Orts brachte vor Grillen wegen dieser neuenn Begebenheit den
wenigen übrigen Teil der Nacht ohne allen Schlaf zu; so bald aber der Himmel zu
grauen anfieng, machte ich nicht allein den Vincentium, sondern auch alle meine
Freunde munter, da wir denn nach gesprochenem Morgen-Gebet uns abermals auf die
Reise, nach dem grossen Berge O zu, begaben. Die meisten unter uns wussten in
selbiger Gegend von vorigen Zeiten her noch guten Bescheid, und eben dieserwegen
fiel uns der Weg eben so gar sehr verdriesslich nicht. Kurtz: nach dem wir den
grossen Wald glücklich passiret, gelangeten wir in den Mittags-Stunden alle
gesund und frisch am O Berge an, fanden auch bald die Wege, in den so genannten
Heiden-Tempel zu gelangen. Vincentius ging voran, und sprach uns immer guten
Mut zu, weiln im Tempel alles stockfinster war; jedoch es wurde auf einmal
heller-lichter Tag darinnen, so, dass wir sehen konten, wir sich 3. lebendige
Menschen in einen Winckel verkrochen hauen, die aber auf die Anrede des
Vincentii sogleich hervor traten, und eben so seltsame Complimenten gegen uns
machten, als ihre Kleidungen beschaffen waren. Ehe wir was weiteres vornehmen,
meine Freunde! (sagte Vincentius allhier) wollen wir erstlich ein jeder nach
seiner Religion unsere Andacht verrichten; welches denn auch geschahe. Als
dieses vorbei war, trat die älteste Person von diesen dreien hervor, und redete
ihn, ich möchte fast sagen in einer kauderwellischen Sprache, wovon ich aber
doch sehr viel verstehen konnte, erstlich ohngefehr mit folgenden Worten an: Ihr
Herren! meinem Bedüncken nach, muss ich euch vor Christen erkennen, welches ich
daraus schliesse, weil ihr das Zeichen des heiligen Creutzes so oft vor eure
Brüste und Stirnen macht.
    Da ich nun weiss, dass die Christen barmhertzige Leute sind, so erbarmet euch
doch einer armen von aller Welt verlassenen Persianischen vornehmen Prinzessin,
deren Wart-Frau ich bin, und dieses bei uns stehende Mägdgen ist ihre Bediente.
Es ist die Prinzessin zwar nicht arm an zeitlichen Gütern, nämlich an Gold,
Silber, Perlen und Juwelen, als welche Schätze an sichern Orten verwahrt liegen;
allein sie ist dennoch arm, weilen sie darum verfolgt wird, dass sie keine
Feuer-Anbeterin werden, sondern eine rechte Christin bleiben will; da sie sich
bloss allein in das Christentum und in den wahren allein seligmachenden Glauben
verliebt hat, auch durch keinen Marter-Zwang sich davon abtreiben zu lassen
gesonnen ist. Vincentius gab hierauf zur Antwort: wie er diese Sache erstlich
mit seinen Geferten überlegen müsste, inzwischen möchten sie nur erstlich alle
drei aus dieser Höhle heraus, und an das Tages-Licht kommen, damit wir einander
recht in die Augen sehen, und fernerweitige Worte wechseln könten. Sie leisteten
also Gehorsam, und folgten uns heraus in die freie Lufft, da wir uns denn alle
nicht genugsam über die besondere Schönheit der Persianischen Prinzessin
verwundern konten, die, ob sie gleich eine Brunette ist, wenig Blondinen gegen
sich hat, welche sie an der actigen Gesichts-Bildung übertreffen sollten. Zum
guten Glücke hatten einige von meinen Freunden noch ein paar Bouteillen Canari
-Sect nebst etwas Confect und andern eingemachten Sachen bei sich, derowegen
langete ein jeder hervor, was er hatte, um nur diesen furchtsamen und
verdüsterten Seelen oder Cörpern einen frischen Mut zuwege zu bringen. Sie
nahmen alles an, was man ihnen reichte, führeten sich aber sehr schamhaftig und
mässig im Essen und Trincken auf, endlich aber wurde ich gewahr, dass die Furcht
nach und nach bei allen, dreien verschwande, und ihre Geister wieder lebendig zu
werden schienen, welches uns allen denn ganz sehr angenehm war.
    Indem wir aber allgemach von unserer Rückreise zu reden anfiengen, zumahlen,
da der Proviant mehr ab- als zunahm, so zog Vincentius nebst andern guten
Freunden auch mich auf die Seite, und stellete vor, dass, weilen wir einmal doch
da wären, er aber versichern könnte, dass noch weit wichtigere Sachen zu unserm
Nutzen abgehandelt werden könten, wenn wir uns nur wenigstens noch eine ganze
Woche in dieser Gegend aufhielten; so höreten wir vorhero erstlich dessen
deutlichere Erklärungen an, und da wir vieles darinnen fanden, welches unserm
Hertzen wohl gefiel, so wurde gleich in der Geschwindigkeit beschlossen, noch
einen Sonntag in dieser Gegend abzuwarten, um zu erfahren, ob des Vincentii
Versprechungen und Künste fernerweit so gut eintreffen und wohl ablauffen
würden, als wir eine Zeit daher von ihm bereits durch viele Proben vergewissert
waren.
    Demnach wurden ohne ferneres Bedencken 20. der hertzhaftesten und
hurtigsten Felsenburgischen Männer und Junggesellen nach unsern Hütten
geschickt, um Proviant und was uns sonsten etwa mangelte, so bald als immer
möglich, herbei zu schaffen. Wie nun dieselben diese Strapaze mit Lust
angetreten hatten, so sahen wir sie am Abende des dritten Tages nach ihrem
Weggehen glücklich und wohl beladen zurückkommen: Denn sie hatten sich
Trage-Bahren gemacht, auf welchen sie alles, was unser Hertz begehren konnte, im
Uberflusse herbei brachten, ja, sie wollten nicht einmal eingestehen, dass ihnen
diese Reise sauer angekommen wäre, indem sie lauter Zeitkürtzende Gespräche
unter sich geführet, bei der Tragungs-Last aber immer einer den andern nicht mit
Verdruss, sondern mit gröster Lust abgelöset hätte.
    Vor allen Dingen aber muss ich die besondere Begebenheit zu melden nicht
vergessen, welche des Abends vor der Zurückkunft unserer Ausgeschickten
vorgieng: Denn, da ich mit der Prinzessin und ihrer Wart-Frau, die sich Anna
nennete, bei der kühlen angenehmen Abend-Lufft auf etwa 100. Schritt weit vom
Berge und der übrigen Gesellschaft Lustwandeln ging, traffen wir unterwegs
einen grossen ausgehauenen viereckigten Stein an, vor welchem die Prinzessin
erstlich wohl eine Minute lang stehen blieb, hernach aber sich auf denselben
niedersetzte, und so wohl mir, als der Anna mit Worten und Zeichen zu vernehmen
gab, dass wir beide uns neben sie setzen sollten; wie nun dieses geschehen, und
wir die Prinzessin also in der Mitte hatten, rieff diese ihrer Bedientin, welche
auch nicht weit von uns entfernet war, da wir denn sahen, dass das Mägdgen dem
Ruffe augenblicklich gehorsamete, und sich hinter der Prinzessin Rücken auf die
Knie niederliess, und zwar ganz stillschweigend, ohne sich mit den Händen, oder
sonsten mit dem Leibe zu bewegen.
    Mirzamanda, (dieses ist der Nahme der Persianischen Prinzessin) fieng an, in
einer verdorbenen und vermischten Sprache folgendes mit mir zu reden: (doch
weilen die allermeisten Worte Holländisch auch zum Teil Lateinisch waren, so
konnte ich vorerst doch nur so viel verstehen, dass sie mich dieses fragte) Mein
Herr! es hat mir meine Anna sehr viel von den Christen, ihrem Christentume, und
sonderlich von einem gekreuztigten Heilande vorgeschwatzt, welcher alle Sünder,
wenn sie sich nur im wahren Glauben an sein Verdienst zu ihm wendeten, nicht nur
zeitlich, sondern häuptsächlich ewig selig und glücklich machen wollte und könnte.
Darum bitte ich gehorsamst, mir zu eröffnen, ob ich in diesem Stücke vollkommen
recht berichtet, oder nur etwa bei der Nase herum geführet bin?
    Allerwerteste Prinzessin (gab ich ihr zur Antwort) Sie sind von der Frau
Anna nicht im allergeringsten belogen noch betrogen worden, sondern es hat
dieselbe einen vortrefflichen guten Grund zu Dero wahren Christentum gelegt;
der gekreuztigte Heiland, als wahrhafter GOtt und Mensch, wird, wenn Sie ihn
fleissig anruffen, verleihen, dass Sie nicht allein hier auf dieser Welt
glücklich, hauptsächlich aber nach Ihrem Tode, im Himmel ewig selig werden.
Jedoch, weil bei unsern jetzigen Umständen von dieser wichtigen Sache, zumahlen
wegen Kürtze der Zeit, nicht viel gründliches gesprochen und überlegt werden
kann; so verlassen Sie sich in diesem Ihren christlichen Glauben nur auf unsere
christliche Vorsorge und Beihülffe, als womit Sie nicht betrogen, sondern durch
den gekreuztigten Heiland gesegnet werden sollen.
    Ich merckte, dass diese meine Worte der Mirzamanda sehr wohl gefielen, indem
sie solches mit freudigen Geberden zu erkennen gab, auch mir so gar die Hand
küssen wollte; allein diese Höflichkeit schien mir, vor eine Prinzessin etwas gar
zu sehr niederträchtig, da sie sich doch sonsten gegen jederman sehr demütig
und gelassen aufführete, als worzu sie ohnfehlbar durch die Betrachtung ihres
damahligen Zustandes angetrieben wurde. Hergegen küssete ich ihr die Hände zu
vielenmahlen, und gab in zusammen gestoppelten halb Holländischen, halb
Lateinischen Worten derselben so viel zu vernehmen, dass sie getrost und gutes
Muts sein möchte, weilen wir vor ihr Wohlsein alle möglichste Sorge, und zwar
vom heutigen Tage an, aufrichtig tragen wollen, damit sie sich binnen kurtzer
Zeit darüber zu erfreuen Ursach haben könnte.
    Kaum hatte ich diese letztere Rede vollendet, so kam ein schöner grosser
Löwe mit sachten Schritten auf uns zu gegangen, weswegen ich meine bei mir
habende Flinte zur Hand nahm, als mit welcher ich unter währenden Lustwandeln
etliche Vögel von den Bäumen herunter geschossen, und worüber die Prinzessin ein
besonderes Vergnügen bezeugt hatte; machte mich also fertig, daferne der Löwe
näher käme, Feuer auf denselben zu geben; So bald aber Mirzamanda diese meine
Anstalten merckte, und sah, fiel sie mir zum Füssen, und sagte: Ach nein, mein
Herr! unterlasset, dieses schöne Tier zu tödten, denn es ist, ob es gleich ein
wehrhafter Löwe ist, von seiner allerzärtesten Jugend an, so zu sagen, mein
Schoss-Hündlein gewesen, er beleidiget auch niemanden anders, als diejenigen, so
meine Person beleidigen oder verletzen wollen, denn ich habe diesen Löwen ganz
allein auferzogen, und dieserwegen hat er sich auch nicht gescheuet, mir über
die See bis an diesen Ort nachzufolgen.
    Ich liess diese Geschichts-Erzehlung anfänglich auf ihrer Wahrheit oder
Unwahrheit beruhen, doch ohngeachtet die Prinzessin selbige auf eine ganz
angenehme Art vorbrachte, so hatte ich noch immer einen heimlichen Grauen und
Abscheu, so lange ich den Löwen um uns herum wandeln sah, endlich aber, da sie
ihn ruffte, kam er ganz kleinmütig zu ihren Füssen gekrochen, küssete ihr
alsobald die Hände, welches er denn auf ihrem Befehl, auch mir und der Frau Anna
tun musste, hernach weltzete er sich etlichemahl auf der Erde herum, und legte
sich darauf zu ihren Füssen, blieb auch so lange stille liegen, bis wir alle
drei aufstunden, und uns weiter hin nach den Feuern begaben, allwo sich unsere
übrige Gesellschaft zum Genuss der Abend-Mahlzeit versammelt hatte. Es war
manchem und mir selbst einiger Massen lächerrlich anzusehen, dass die Prinzessin
den Löwen an ihren zusammen geknüpften Strümpfe-Bändern mit sich geführet
brachte, anbei aber zu bewundern, dass sich kein eintziger Mensch vor dieser
grimmigen und grausamen Art der Tiere so gar besonders scheuete und entsetzte,
da doch sonsten eine blose Löwen-Haut so wohl Menschen als Tieren, jedoch einem
vor dem andern, einiger Massen Furcht und Schrecken einzujagen pflegt. Bei
dieser meiner Verwunderung tat ich die heimliche Frage an den Vincentium: was
wohl von diesem Löwen zu halten sei, und ob es ein würcklicher natürlicher Löwe,
oder nur eine blose Machine wäre, mit welcher die Geister ihr Spiel trieben?
Hierauf gab uns Vincentius diese Antwort: Ich will nimmermehr auf dieser Welt
glücklich werden, wenn dieses nicht ein würcklicher und natürlicher Löwe ist,
mit dem zwar in Persien die bösen Geister allerhand Gauckel-Spiele getrieben
haben; Jedoch dieses alles ist vorbei, und geht uns allhier nichts an. Genug,
wenn ich euch dieses nochmahls hoch und teuer versichere, dass es ein bloser
natürlicher Löwe, allein, durch die kluge und behutsame Auferziehung seiner
Prinzessin dahin gebracht ist, dass er fast mehr Verstand, als mancher Mensch im
Gehirne hat.
    Nachdem nun Vincentius mir alles, was er von dem Löwen gesagt, noch mit
vielen Eyd-Schwüren beteuert, verschwand nicht allein bei mir aller Argwohn und
Misstrauen, sondern auch die Furcht vor dieser wilden Bestie, ja! ich gewann den
Löwen dergestalt lieb, dass ich fast nirgends hingehen konnte, wenn ich den Löwen
nicht bei mir sah, als woraus sich die Mirzamanda ein besonderes Vergnügen
machte. Jedoch auf das vorige zu kommen, so war doch zu bewundern, dass dieser
Löwe, als er uns zum erstenmahle mit der Prinzessin bei der Abend-Mahlzeit
besuchte, sich hinter seine Gebieterin stellete, und derselben also aufwartete,
wie bei uns die abgerichteten Hunde aufzuwarten pflegen; nach diesem legte er
sich vor ihr nieder, seinen Kopff in ihren Schoss, und liess sich von ihr
speisen, hierauf ging er weiter von einem zum andern, und wer ihm einen rechten
wohlschmeckenden Bissen zu verschlingen gab, dem leckte er nicht allein die
Hände, sondern auch zum öfftern das Gesichte, welches denn zu verschiedenen
mahlen bei uns, zu einer heftigen Verwunderung und vielen Lachen Anlass gab.
Kurtz: der Löwe führete sich dergestalt artig auf, dass ihn ein jeder von uns
liebte, und in besondern Ehren hielt.
    Nachdem wir abgeredeter Massen noch die Woche daselbst zugebracht, in den
Werckel-Tagen manchen sauren Schweiss-Tropfen vergossen, da uns Vincentius nicht
allein in dem Heiden-Tempel, sondern auch in den neben liegenden Grotten
dergestalt viel Arbeit angewiesen, dass wir von Morgen an bis zur Abends-Zeit
alle Hände voll zu tun fanden, worbei aber niemand saul oder vedriesslich wurde,
weilen wir mit offenen Augen betrachten konten, wie unsere Mühe von Zeit zu Zeit
100. (ja ich lüge nicht, wenn ich sage, 1000, sach) belohnet war; so beschlossen
wir noch den einen Sonntag abzuwarten, und des darauf folgenden Tages nach
unsern Hütten zu kehren. Es wurde also bemeldter Sonntag ohne Arbeit, sondern in
gutem Vergnügen zugebracht, weiln wir uns hauptsächlich die von unsern Leuten
aus dem Hütten abgeholten Speisen und Weine wohl schmecken liessen, ausser
diesen aber war noch ein ganz besonderes Gerichte von einer Art ungemein
grosser, wie auch mittelmässiger und kleiner Fische, welche unsere Leute lebendig
herbei gebracht hatten, und die alle, in Wahrheit gegen andere Arten von Fischen
einen ganz besondern Geschmack hatten; es waren aber diese Fische in der
Klein-Felsenburgischen grossen See und den daraus fliessenden kleinen Ströhmen
und Bächen gefangen worden. Auser diesem allen wurde ich mit besondern Vergnügen
gewahr, dass alle unsere Leute, so wohl Römisch-Catolische, als Protestanten,
sich in jeglicher Gesellschafts-Sorte auf die Seite begaben, und den
Gottesdienst, ein jeder nach seiner Weise, verrichteten.
    Desto schreckhafter aber kam mir und allen Anwesenden die Tragoedie vor,
die bald hernach der Satan spielete, und welche ich etwas umständlich vortragen
will. Als demnach die Prinzessin, ihre Wart-Frau Anna, ich und noch einige
meiner vertrautesten Felsenburgischen Freunde gegen Untergang der Sonnen bei der
ganz ungemein angenehmen Witterung einen Spaziergang nach einem kleinen
Gebüsche zu nahmen, so traffen wir unter Weges den Stein an, dessen ich schon
gedacht, derowegen verlangte Mirzamanda, Müdigkeit halber, ein wenig auf
demselben auszuruhen, setzte sich also zwischen mir und der Anna auf demselben
nieder, unsere übrigen Geferten lagerten sich auf dem schönen grünen Grase-Boden
um uns herum, der Löwe kam, legte seinen Kopf seiner Gebieterin in den Schoss,
Hadscha aber, als der Prinzessin Aufwarte-Mägdgen, fiel abermals hinter ihrer
Gebieterin auf die Knie nieder, hub ihre Augen beständig gen Himmel und nach dem
grossen Berge zu, als welcher letztere sonderlich den Augen aller Anwesenden
einen bewunderns-würdigen Anblick verursachte, weilen die matten Strahlen der
untergehenden Sonne und die aufsteigende, allerhandfärbige Abendröte denselben,
allem Ansehen nach, fast als einen Spiegel zu gebrauchen schienen. Indem sich
aber die Sonne kaum gäntzlich verkrochen hatte, liess es auf dem Berge nicht
anders zu sein, als ob ein helles lichterlohes Feuer auf dessen allerobersten
Gipfel brennete, ja, man sah so gar Funcken heraus und gen Himmel fliegen, eben
als ob dieser Berg es andern Feuerspeienden Bergen, als dem Aetna, Vesuvius und
deren gleichen mehr, auf einmal nachtun wollte; Jedoch die allermeisten unter
uns waren der Meinung, dass es kein würckliches natürliches Feuer, sondern ein
bloses Blendwerck wäre, welches von den Sonnen-Strahlen und der Abendröte
gemacht würde. Hadscha aber gab uns binnen wenig Minuten ganz etwas anders zu
erfahren, denn sie sprunge plötzlich von der Erden auf, und tat etliche
dergestalt hellkungende Schreie, welche in denen Gebürgen ein grässliches Echo
verursachten, so, dass wir alle in ein nicht geringes Entsetzen gebracht wurden.
Hierauf lieff sie, die Hadscha, noch schneller als ein Hirsch über 500. Schritte
weit von uns nach dem Berge zu; Anna bat sich aus, es möchten 2. oder 3. dreuste
Manns-Personen mit ihr gehen, um dieses törichte Mensch wieder zurück zu holen,
und hierinnen wurde ihr sogleich gewillfahret: denn es fanden sich ohne unsern
Befehl und Willen nicht nur 2. oder 3. sondern 8. bis 10. dreuste Felsenburger,
welche mit der Anna der Hadscha nacheileten. Diese Nacheilenden mochten aber
wohl kaum den halben Weg nach dem grossen Berge zu zurück gelegt haben, als
Vincentius ganz tiefsinnig gegen uns, die wir noch bei der Prinzessin
versammelt waren, anspatziert kam. Ich rieff ihn zu mir, ein Glas Canari-Sect
Bescheid zu tun, und da er kam, so erzehlete ich ihm, was uns begegnet wäre,
vornemlich aber die Geschichte mit der Hadscha, als welcher wir vor kurtzer
Frist Boten nachgeschickt hätten. Eurer aller Mühe (sprach hierauf Vincentius)
wird vor diesesmahl wohl vergebens sein, weilen der Satan, dem diese Hadscha,
als eine Anbeterin des Feuers und Ertz-Verächterin des Christlichen Glaubens von
Jugend auf, bis auf diesen heutigen Tag, gedienet, vor kurtzer Zeit den Hals
gebrochen, welches ich, so weit es auch euch zu sein vorkömmt, dennoch ohne
Perspectiv mit meiner leiblichen Augen gesehen habe.
    Man kann leicht glauben, dass uns diese Worte des Vincentii ein nicht geringes
Schrecken verursachten: jedoch, da wir doch abwarten wollten, was die
Nachgeeileten uns vor einen Bericht erstatten würden, so machten wir Feuer an,
uns zu wärmen, weilen es allmählig gar zu kühle zu werden begunte; durfften aber
besagten Nachgeeileten nicht länger, als noch etwa 2. Stunden entgegen sehen, da
denn dieselben benebst der Frau Anna gesund und frisch zurück kamen. Ihr Bericht
war dieser: dass sie die Hadscha noch ganz unten am Fusse des grossen Berges
angetroffen, da sie denn Frau Anna, mit ganz freundlichen Worten bereden
wollen, wieder mit ihnen zurück und zu ihrer Prinzessin zu kehren; allein
Hadscha hätte sich fast ganz rasend angestellet, wäre immer fort geeilet,
worbei sie diese Worte ausgestossen: Hebet euch weg von mir! lasset mich gehen!
ich will, soll und muss heute meine Andacht verrichten, denn dieses ist eben der
Tag meines Heils. Wie man nun, (so lautete der Bericht ferner) gesehen und
gespüret, dass weder der Frau Anna, vielweniger der andern Zureden, etwas bei
dieser verzweiffelten Person fruchten wollen, so hätte man ihr endlich ihren
garstigen Willen gelassen, da sie denn eine sehr steile Klippe hinauf, und zwar
einem ziemlich grossen Feuer entgegen geklettert, jedoch, ehe sie noch die
Spitze derselben vollkommen überstiegen, wäre, nachdem man einen lauten Schrei
von ihr gehöret, ihr Cörper von etlichen schwartzen Personen, die man nicht
unbillig vor böse Geister halten könnte, herunter in die Tieffe gestürtzt worden,
allwo er noch läge, und nach Gutbefinden aufzuheben und nach Gefallen beerdigt
werden könnte.
    Wie nun Mirzamanda diese Begebenheit so wohl aus ihrer Frau Annen, als
unserer Felsenburger Munde in allen Stücken übereintreffend vernommen, sagte
sie: Meine Freunde! lasset den verfluchten Teufels-Braten liegen, wo er liegt,
und würdiget ihn keines Begräbnisses, sondern gönnet ihn denjenigen, so ihn den
Hals zerbrochen, oder den wilden Tieren und Vögeln zur Speise, denn Hadscha ist
von ihrer Jugend an eine Ertz-Feindin und Spötterin der Christin und ihres
Glaubens gewesen.
    Vincentius war noch zugegen, und stimmete der Prinzessin Meinung in allem
bei; wie es nämlich nicht nötig wäre, dass wir uns fernerweit um den
unglückseligen Cörper der Hadscha bemühen, oder uns dieserwegen sollten von
unsern anderweitigen Geschäfften abhalten lassen; fragte anbei, ob wir auch aus
dieser geringen Begebenheit nicht erkenneten, dass er ein aufrichtiger Freund,
Beförderer und Wahrsager unsers Glücks und Wohlergehens wäre?
    Demnach wurde von der Stunde an alle Anstalt gemacht, uns in Ordnung zu
bringen, um mit anbrechenden Tage die Rückreise nach unsern Hütten anzutreten,
welches denn auch geschahe, nachdem sich vorhero in der Nacht weiter niemand
mehr um den Cörper der Hadscha bekümmert, mitin bekamen wir des dritten Tage,
weilen wir uns aus gewissen Ursachen im Gehen eben nicht übereilen wollten,
glücklich bei und in unsern Hütten an, da denn noch alles richtig und
wohlbestelt befunden wurde.
    Mittlerweile passirre mir ein artiger Streich, denn, da ich kaum in die
allerdickste Waldung dieser Gegend eingetreten war; begegnete mir einer der
allergrösten Hirsche, so, wie ich derselben einen nur immer Zeit meines Lebens
gesehen, ohngeachtet ich nun sonsten ein grosser Verteidiger des Wildprets,
zumahlen dessen bin, was zur Zucht dienet, so fiel mir doch dieser schöne Hirsch
wegen seiner besondern Grösse dergestalt in die Augen, (weil ich wusste, dass er
in den Klein-Felsenburgischen Waldungen noch vielmehr Brüder seines gleichen
hatte) dass ich der Mirzamanden Hand fahren liess, als welche sich bis dahin von
mir an der Hand führen lassen, hergegen meine auf der Schulter hangende,
gezogene Büchse ergriff, und aus derselben diesem starcken Tiere eine Kugel in
den Leib schickte, weilen aber diese Kugel nicht das rechte Fleckgen getroffen,
sondern nur einen Streif-Schuss gemacht, als kam der Hirsch in der grösten
Geschwindigkeit auf mich zugesprungen, und wollte mir im Ernste zu Leibe gehen;
Doch, da der Löwe dieses sah, oder merckte, riss er das Band entzwei, woran ihm
Mirzamanda neben sich herleitete, und sprunge dem Hirsche ebenfalls in gröster
Geschwindigkeit entgegen, machte auch kurtze Arbeit mit dem Hirsche, indem er
demselben die Gurgel abgebissen, so, dass der gute Hirsch augenblicklich zu Boden
sincken musste; er, der Löwe, aber vergriff sich weiter nicht an diesem seinem
vermeinten Feinde, leckte auch, wie ich wohl bemerckte, nicht einen Tropffen
Blut oder Schweiss von demselben auf, sondern kam ganz langsam wieder zurück,
legte sich erstlich zu seiner Gebieterin Füssen, leckte ihr nachhero die Hände,
liess sich auch in aller Gelassenheit wieder anbinden und führen; wir aber
liessen uns nebst unsern Geferten die Mühe nicht verdriessen, dieses
vortreffliche Küchen-Stück, mit in unsere Hütten zu tragen, da wir denn dasselbe
alle wohl nutzen konten, indem wir beschlossen hatten, noch 3. Tage, als
Rast-Tage, allda zu halten, des 4ten Tages aber in aller Frühe nach
Gross-Felsenburg abzuseegeln.
    Binnen diesen 3. Tagen, da wir unsern Mäulern auch eben keine Stief-Väter
und Stief-Mütter waren, versuchten wir, uns manche Lust mit dem Löwen zu machen,
indem wir denselben in einen wohl verzäuten Garten einsperreten, darbei
allerhand Arten von Tieren, als wilde Ziegen, wilde Schweine, junge Reh-Böcke,
auch einiges Flügelwerck, Gänse, Endten, Turckische Hähne und Hühner etc. zu
demselben hinein jagten; allein er trieb zwar seine Kurtzweile mit allen diesen
Tieren, tödtete aber keine, bis wir 2. Reh-Böcke, 4 Schweine und 6 wilde Ziegen
auf die Köpffe schossen; da er denn, weilen er vielleicht merckte, dass man ihn
nur vexirte, die angeschossenen Stücke zwar beroch, hernach aber dieselben
weiter ohnbeschädigt auf ihren Plätzen liegen liess. Als er nun keinen Ausgang
finden konnte, eröffnete er sich, mit Ausreissung 3. oder 4. Staqueten, selbst
eine Tür, so, dass er eben zur Abend-Mahlzeit bei seiner Gebieterin eintraff,
sich vor derselben niederlegte, zur Lust etlichemahl auf dem Erdboden herum
weltzete, und hernach allerhand andere Possen machte.
    Nun muss ich mit Wahrheit bekennen und sagen, dass ich mein Lebtage nicht
geglaubt hätte, was Menschen-Hände, wenn sie gleich lustig und guter Dinge sind,
ausrichten können: denn am 3ten Abende unserer verflossenen 3 Rast-Tage war
schon unsere völlige Ladung vorhanden, und diese bestunde in den auserlesensten
grössesten Ertz-Stuffen, die Vincentius in dem so genannten grossen Gebürge N.
bloss zur Probe aushauen lassen, von dem übrigen, was wir noch in dem
Heiden-Tempel gefunden, will ich vorjetzo nicht viel Reden oder Worte machen,
glaube aber, dass es demjenigen, was wir bereits vor Olims- Zeiten aus eben
diesem Heiden-Tempel erworben, wenig nachgeben wird; ja, ich sollte fast meinen,
dass wir in gewissen Stücken weit mehrere Kostbarkeiten und Schätze, und zwar mit
eben so grosser, ja wohl noch weit grösserer Lebens-Gefahr erobert hätten, als
unsere Vorgänger.
    Jedoch ich will alles dieses vorjetzo bei Seite gestellet sein lassen, und
nur so viel melden, dass, nachdem wir mit den Portugiesen, sonderlich aber mit
dem Vincentio, zur Nachts-Zeit ein ganz geheimes Gespräch gehalten, Morgens
frühe, mit voller Ladung von ihnen abruderten, unter dem Versprechen, sie alle
wohl zu bedencken, und binnen 6. oder 8. Tagen unsere bei ihnen zurücklassenden
Landes-Leute, deren 20. an der Zahl waren, wieder abzulösen. Es waren diese 20
Mann, die wir also dazumahl auf der Insul Klein-Felsen burg zurück liessen, mit
wenig Worten zu sagen: Leute, von vollkommener Hertzhaftigkeit; und uns
geleitete der Himmel nebst der Persianischen Prinzessin, ihrer Frau Anna und dem
Löwen, glücklich bis auf die Insul Gross-Felsenburg.
    Was da abermals vor ein Aufsehen entstunde, davon will gar nicht viel
reden; Die mitgebrachten Sachen aber machten bei den Manns-Personen noch lange
nicht so viel Wunder, als bei unserm Frauenzimmer die 2. auf eine so seltsame
Art gekleidete Weibs-Personen, der Löwe aber brachte zu Anfangs in allen Augen
so wohl Verwunderung, als Schrecken zu Wege, welches letztere aber binnen wenig
Tagen gäntzlich verschwunde, indem die Insulaner des Löwens gar bald gewohnt
wurden, als welchen die Prinzessin zuweilen frei herum spatziren liess, zu andern
Zeiten aber, auch hie oder da anbunde, da denn auch so gar die Kinder, so kaum
lauffen konten, sich um den Löwen herum versammleten, welcher auf das
allerpossierlichste mit ihnen spielete, und ihnen die Gesichter, Hände und Füsse
leckte.
    Unser Frauenzimmer war vor allererst dahin besorgt gewesen, die angekommenen
beiden Gäste in reinliche Kleidung und Wäsche zu werffen, hatten denenselben
also verschiedenes von dergleichen Sachen vorgelegt; da aber Anna zu vernehmen
gegeben, wie sie dergleichen schöne Sachen nicht eher anlegen würden, als bis
sie sich alle beide in den Abend-Stunden in dem nächst vorbei fliessenden Flusse
würden gebadet und gewaschen haben, so machten unser Frauenzimmer gleich andere
Anstalten, indem sie eine Bad-Stube heitzen liessen, da denn die Prinzessin
nebst der Anna hinein geführet wurden, um ihre Bequemlichkeit in der Wärme mit
warmen Wasser und andern Zubehör darinnen zu finden und zu gebrauchen. Demnach
kam die Prinzessin gleich des andern Morgens in einem Felsenburgischen
Festtäglichen Frauenzimmer-Habite aufgezogen, und ihre darunter hervor
leuchtende ganz besondere Schönheit wurde von jedermänniglich bewundert,
ohngeachtet sie aber etwas hohes nicht allein in ihren Kohl-Pechschwartzen
Augen, sondern auch in allen ihren Minen und Geberden an sich hatte, und man aus
allen ihren Gesichts Zügen und ganzem Wesen sogleich urteilen konnte, dass sie
von hoher Herkunft sein müsse, so musste man sich dennoch auch über ihre
Gelassenheit, Sanftmut und stilles Wesen, welches sich bei verschiedenen
Begebenheiten zeigte, ungemein verwundern; jedoch bei lustigen Begebenheiten
wusste sie ihre Rolle auch zu spielen, und sich nicht etwa mürrisch,
sauertöpffisch oder einfältig aufzuführen, so, wie viele schwartzen, braunen und
weissen Frauenzimmer, sonderlich in Deutschland sich zu vielenmahlen
belachens-würdig und hässlich vergalloppiren, wenn ihnen nicht alles sogleich
nach ihren Köpfen geht, eben, als wenn an einer Person allein so gar allzu viel
gelegen wäre etc.
    Allein, wie gesagt, in allen diesen Stücken zeigte Mirzamanda eine ganz
andere Aufführung, die ich wohl mit Recht Fürstlich nennen kann, und hiermit
erwarb sie sich in der Geschwindigkeit die Liebe aller Insulaner, vom Grösten
bis zum Kleinesten, beiderlei Geschlechts, zumahlen, da man sah, dass der
Regente, als ein dem hunderten Jahre entgegen reisender Mann, diese Prinzessin
in besondern Ehren hielt, da dieselbe an seiner Taffel ihm allezeit zur rechten
Hand sitzen musste, zu seiner lincken aber sass mehrenteils die Frau Mag.
Schmeltzerin Sen. jedoch in diesem Stücke, um eine die andere etwa nicht
verdriesslich zu machen, wechselten die lieben Weibergen gar öffters mit einander
um.
    Von nun an aber war die Haupt-Sache diese, dass so wohl die Mirzamanda, als
ihre Anna zum wahrhaften Christentume unterrichtet und angeführet wurden,
weswegen sich denn die Herren Geistlichen Tag vor Tag hierzu mit gröstem Ernste
und Eifer bereit und willig finden liessen, so, dass so wohl die Mirzamanda, als
ihre Anna binnen 3. bis 4. Wochen-Zeit Verlauf dahin gebracht wurden, dass man
ihnen das Hochwürdige heilige Abendmahl ohne Bedencken und mit gutem Gewissen
reichen konnte, welches sie denn auch des nechsten Sonntags empfiengen.
    Wie nun unser Frauenzimmer zu dieser beider fremden Sünder Bekehrung ein
nicht geringes beigetragen, indem sie beständig geistliche und christliche
Gespräche mit ihnen führeten, so lerneten bei solcher Gelegenheit eine so wohl,
als die andere, binnen einer fast unglaublichen kurtzen Frist, nicht allein
unsere Felsenburgische Sprache vollkommen verstehen, sondern auch ziemlicher
Massen reden; jedoch, was das letztere anbelangete, so musste man der alten Anna
vor dissmahl in diesem Stücke den Preis zuerkennen, dass sie viel deutlicher,
geschwinder und hurtiger ausreden konnte, als die Prinzessin, der, weilen sie
zugleich in etwas schnarrete und lispelte, welches doch sonsten ganz angenehm
zu hören war, unsere Sprache anfänglich etwas schwer fallen wollte, nunmehro aber
redet sie dieselbe so deutlich und gut, als eine gebohrne und gezogene
Felsenburgerin nur immer tun kann.
    Hierbei aber muss ich zu melden nicht vergessen, dass ich nach dem Verlauff
auf der den Klein-Felsenburgern bestimmten 8. Tage, mich abermals mit
verschiedenen vertrauten Freunden, worunter sonderlich Herr Mag. Schmeltzer Jun.
befindlich, auch 60. Mann der resolutesten Felsenburger, so wohl Männer als
Junggesellen, in 3. Booten auf die Insul Klein-Felsenburg verfügte, und unsern
daselbst zurück gelassenen Freunden nicht nur Lebens-Mittel im Uberflusse,
sondern auch die allerbesten Erfrischungen zuführete, welche guten Freunde uns
denn mit einem ausserordentlichen Vergnügen bewillkommeten: erstlich ihre Arbeit
vorzeigten, die sie binnen der Zeit verrichtet hatten, welche in etliche 1000.
Centnern der allerkostbarsten ausgehauenen Ertz-Stuffen bestunden, die alle von
nicht geringer, sondern fast solcher erstaunlicher Grösse, so, dass wir zu
zweiffeln begunten, ob es auch würde möglich sein, dieselben in die Boote zu
bringen; allein es ging durch saure Bemühung endlich, da es zum Treffen kam,
doch an. Ohngeachter aber der Freude, welche die Unserigen so wohl, als die
Portugiesen über untere glückliche Zurückkunft bezeugten, wollten sie sich doch
von ihrer Arbeit nicht abhalten lassen, sondern waren dergestalt erpicht darauf,
als ob der Himmel und die Seligkeit damit zu verdienen wäre. Wie nun dieses Herr
Mag. Schmeltzer Jun. merckte, so war er zwar so neubegierig, das grosse Gebürge,
wie auch den grossen Berg, und den darinnen befindlichen uralten Heiden-Tempel
mit zu untersuchen und eigentlich zu betrachten; allein eben dieses verleitete
ihn dahin, dass er uns allen, so viel nur unserer waren, alle Morgen, bei
Aufgange der Sonnen Mittags und Abends aber nach der genossenen Mahlzeit eine
andächtige Betstunde hielte, so, dass wir jedes Tages 3. Betstunden abzuwarten
hatten, woran sich die 5. Portugiesen dergestalt ergötzten, dass sie wünschten,
unserer Religion zu sein, indem sie durch des Herrn Mag. Schmeltzers
hertzbrechende Worte und hauptsächlich durch die Krafft des Heiligen Geistes
inniglich gerühret wurden.
    Da diese 5. Mann nun eine brennende Begierde gegen Herrn Mag. Schmeltzern
spüren liessen, um, sie in unsern Glaubens-Articuln des Christentums vollkommen
zu unterrichten, als nahm er sich nicht allein in denen darauf folgenden Tagen
die grosse Mühe, etliche Stunden in dieser Arbeit mit ihnen im Sitzen zu
zubringen, sondern er ging auch sehr öffters mit ihnen spaziren; brachte ihnen
also binnen kurtzer Frist die Glaubens-Articul unserer Felsenburgischen
Protestantischen Religion dergestalt bei dass ihnen, nach ihrem heftigen
Verlangen, auf beschehene Beichte und Absolution, das Hochwurdige Abendmahl
gereicht wurde, als worbei sich keiner andächtiger zeigte, als der gute
Vincentius, dessen Augen man fast niemahls ohne Tränen sah; wie ich aber noch
bis diese Stunde vernommen, so erkennet Herr Mag. Schmeltzer den Vincentium vor
einen bekehrten Sünder und aufrichtigen guten Christen, indem er denselben,
sonderlich seiner Künste wegen, anfänglich zwar recht sehr scharff zugesetzt,
endlich aber befunden, dass die meisten derselben erlaubte und in der
vernünftigen Philosophie ganz wohl gegründete Sachen wären, die dem
Christentume, wenn sonsten keine Bosheit darbei wäre, keinen Schaden tun
könten.
    Binnen der Zeit nun, die wir uns selbst bestimmt hatten, auf Klein-Felsenburg
zu verharren, schickten uns unsere Freunde von Gross-Felsenburg zu dreien mahlen
überflüssige Lebens-Mittel zu, und die Mannschaft lösete einander ohne Befehl,
sondern recht gutwilliger Weise ab. Also konten wir recht vergnügt leben,
zumahlen, da wir unsern Seelen-Sorger, als offtgemeldten Herrn Mag. Schmeltzern,
so zu sagen, als einen Feld-Prediger bei uns hatten. Mittlerweile aber begab
sich ein wunderlicher Streich, denn da dreien dreusten Felsenburgern, welche mit
dabei gewesen, die Hadscha zurück zu holen, die unordentliche Lust angekommen,
um zu sehen, ob deren Cörper annoch auf selbiger Stelle läge, oder ob der Satan
denselben etwa anders wohin geführet hätte, so sahen sie (ihrem Berichte nach)
den Cörper noch auf derselben Stelle liegen, wo sie denselben zum letztenmahle
liegen sehen, wurden aber gewahr, dass 5. oder 6. Kohlschwartze Vögel, fast in
der Grösse einer Gans, auf demselben sassen, und ihm die Kleider vom Gerippe
abrissen; diese schwartzen Vögel bissen sich selber unter einander, indem sie
die Kleidungs-Stücke abrissen, und einander aus den Mäulern zerreten, wenn nun
aber einer oder der andere ein gut Kleidungs-Stück, oder Lappen erhascht,
schwung er sich damit in die Lufft, da denn die andern gleich aufflogen, und ihn
so lange verfolgten, bis er den Lappen wieder zur Erden musste fallen lassen.
Wir, (sagten unsere Reverenten ferner) bekamen zwar einen ziemlichen Abscheu vor
diesem schändlichen Schauspiele, jedoch, da einer von uns im währenden Gehen auf
einen solchen Lappen, und zwar ganz von ohngefehr, trat, den ein Vogel aus der
Lufft hatte fallen lassen, so fühlete er unter seinen Schuhsolen etwas hartes,
weswegen er weiter nachsuchte, und ein ganzes Bündlein der vortrefflichsten
Diamanten und anderer Edelgesteine darinnen fand, welche man, weiln es noch
heller-lichter Tag war, mehr als zu genau erkennen konnte, zumahlen uns
dergleichen Sachen nicht so gar unbekannt sind; Wie wir aber sahen, dass immer
ein Vogel nach dem andern seinen Lappen wegen Verfolgung seiner Mit-Brüder
herunter auf die Erde musste fallen lassen, so gaben wir etwas besser Achtung auf
die Vögel, sonderlich aber auf die Lappen, so herunter fielen, da wir denn einen
jeglichen mit Diamanten und Edelgesteinen beschweret befanden. Dieses reizte
uns an, zurück zu dem Cörper zu gehen, ohngeachtet derselbe schon einen ziemlich
übeln Geruch unsern Nasen-Löchern eingeflösset hatte; Allein wir kehreten uns
daran eben so gar viel nicht, sondern waren nur beschäfftiget, das Uberbleibsel
von den Kleidungs-Stücken uns zu zueignen, den Cörper aber in GOttes Gewalt
liegen zu lassen, und dieses geschahe, ehe die Sonne sich noch ganz völlig von
unserem Horizonte zurück gezogen. Wie wir nun das hatten, was wir haben wollten,
nämlich der Hadscha noch übrigen Kleidungs-Stücke, die wir ziemlich schwer zu
tragen befanden, begaben wir uns auf den Weg nach unsern Hütten, um die
Gesellschaft zu suchen. Es machte uns zwar, (ohnfehlbar ein böser Geist)
unterweges allerhand Firlefanzereien vor; allein wir verspotteten ihn mit Beten
und Singen.
    Nachdem nun diese unsere Felsenburgischen hertzhaften Mit-Brüder ihre
redliche Aussage getan, und wir sie wohl gespeiset und getränckt hatten,
warffen wir ihre mitgebrachten Lappen, wohl zusammen gebunden und verwahrt, in
das allernächst bei uns vorbei rauschende Bächlein, und liessen dieselben bis
andern Tages nach der Mittags-Stunde, nachdem wir alle mit gröstem Appetite
gespeiset hatten, darinnen herum schwimmen; nachhero aber nahmen wir diese
Lappen heraus, und fanden einen kleinen Schatz von Diamanten und andern der
kostbarsten Edelgesteinen darinnen, als wormit sich nicht allein die Mahlzeit,
sondern auch ihr hertzhafter Gang vielfältig bezahlt befand.
    Da aber der Monat zu Ende gelauffen, und unsere Gross-Felsenburger zum 4ten
mahle uns alles in Menge zuschickten, was wir nur verlangen mochten, so waren
doch noch viele Sachen abzuhandeln, welche Herr Mag. Schmeltzer reifflich
überlegte, sich aber vor seine Person selbst anheischig machte, den
Neu-bekehrten zu Gefallen annoch eine Zeitlang auf dieser Insul zu verharren.
Demnach fasseten wir einen baldigen Entschluss, und fuhren, als wir uns abermals
mit den auserlesensten Ertz-Stuffen fast über die Gebühr beladen, nach unsrer
Heimat zu, gelangeten auch glücklich daselbst an.
    Mich und noch andere mehr wollte es fast verdriessen, dass man unsere
mitgebrachten Sachen vor ganz gering-schätzig und unbedürfftig hielte, weiln
wir Ertz, Silber und Gold genug auf unserer grossen Insul hätten; Mein, da Mons.
Plager darzu kam, und die Worte fliegen liess: Verachtet nicht, meine Freunde!
den besondern Segen des HErrn, welcher zuweilen reich machet ohne besondere
Mühe; Sehet nicht allein auf diese, sondern in die zukünftigen Zeiten; ich aber
(sagte er weiter) will, wenn es mir erlaubt ist, mir nechsten hinüber kommen,
und mit Beihülffe des berühmren Vincentii ein Hütten-Werck anlegen, damit wir
unsere Schätze zu Gute bringen können, denn was will nicht brauchen, bedürffen
vielleicht unsere Kinder und Nachkommen; wurden unsere Hertzen ziemlicher Massen
wieder beruhiget.
    Wie ich nun meine erste Aufwartung bei meiner lieben Ehefrau machte, so
erzehlete mir dieselbe, dass sie in den unansehnlichen Kleidungs-Stücken der
Mirzamanda und der Anna, als welche Kleidungs-Stücke sie dem sämtlichen
Felsenburgischen Frauenzimmer, so zu sagen, Preis gegeben, eine gewaltige Menge
der auserlesensten und kostbarsten Diamanten und anderer sehr raren
Edelgesteinen gefunden, so, dass man sich billig verwundern musste, wie diese
beiden Leute, indem sie eine solche Last getragen, jedennoch dabei herum gehen
und stehen können. Hierauf liess ich mich zur Mirzamanda führen, und erzehlete
derselben in Gegenwart vieler Anwesenden, sonderlich aber des meisten
Felsenburgischen Frauenzimmers, was uns nur vor kurtzem annoch wegen des Cörpers
ihrer Hadscha begegnet und sich zugetragen hätte; brachte ihr auch Diamanten und
anderen Edelgesteine mit, welche wir aus der Hadscha Kleidungs- erbeutet. Allein
Mirzamanda sagte darauf: Mein Herr! es ist dennoch gut, dass nur das meiste und
beste bei dieser Bestie gefunden worden, ich bitte aber inständig, man wolle
sich um ihren vermaledeieten Cörper nicht weiter bemühen, sondern denselben den
bösen Geistern und den Raben zur Speise überlassen, weiln derselbe keines
bessern Schicksals würdig ist. Die Diamanten und andern Steine aber, welche, ob
sie gleich von Rechtswegen mit zukämen, verlange nicht wieder, sondern man lege
sie zu den andern, welche in meiner und der Anna Kleidung gefunden worden, und
tue sie hin, wo man will, denn mir ist doch vor jetzo dergleichen Zeug nichts
nütze, sollten sich aber meine Umstände verändern und verbessern, so will ich
auch schon diejenigen Örter wieder zu finden wissen, wo von mir und der Anna
ein 100. mahl mehreres verscharret worden.
    Wir legten also alle diese kostbaren Kleinodien, Diamanten und andere
Edelgesteine in ein besonderes Kästlein, darbei auch eine auf Pergament
geschriebene Schrifft hinein, bezeichneten und versiegelten das Kästlein, worauf
es mit dem darauf geschriebenen Nahmen MIRZAMANDA in die Schatz-Cammer des
Regenten zur Verwahrung hingesetzt wurde.
    Da nun aber fast alle Insulaner so neugierig waren, die Lebens-Geschichte
dieser Prinzessin zu wissen, so nahm mir kein besonderes Bedencken, sie darum
anzureden, und zu bitten, uns dieselbe zu erzählen. Sie war mit gröstem
Vergnügen so gleich willig und bereit darzu, zumahlen, da sie eben aus der
Kirche gekommen, worbei ich gedencken muss, dass sie sich ungemein andächtig bei
dem Gottesdienste aufführete, und sonderlich unter der Predigt, die sie schon
der Aussprache nach, fast vollkommen verstehen konnte, zu vielenmahlen Tränen
vergoss, und ihre Hände runge, vornemlich aber, wenn nach der Predigt der Segen
vor dem Altare gesprochen wurde, da sie denn gemeiniglich heisse Tränen fallen
liess. Auf mein Bitten aber, wegen Erzehlung ihres Lebens-Lauffs, gab sie mir
folgende Worte zu vernehmen: Mein Herr! ihr höret und wisset, dass ich eine
unförmliche und sehr schwere Ausrede habe, welcher Fehler an meiner Zunge liegt,
weiln ich vielleicht schon in meiner Jugend daran verwahrloset worden, oder die
Natur etwa einen mercklichen Fehler an mir stifften wollen; Derowegen habet die
Güte, und redet der Anna zu, dass sie euch meine Begebenheit erzehle, denn diese
hat nicht allein eine weit beredtere Zunge, als ich, sondern wird auch alles vom
Anfange an, bis auf diesen Tag, was meine Geschichte anbelanget, besser
vorzubringen wissen, als ich selbst zu tun vermögend wäre, da ich mich meiner
Kinder-Jahren nicht so gar sonderlich mehr zurück erinnern kann; Jedoch will ich
ihr, wenn sie ja dann und wann etwas vergessen oder übergehen sollte, schon
einzuhelffen, und sie auf dem rechten Wege der Geschichte fort zu bringen
wissen.
    Als demnach die Frau Anna dieserwegen angesprochen worden, liess sie sich
gleich bereit und willig darzu finden, sagte aber zum voraus: wenn ich die
 
     Lebens-Geschichte der Persianischen Prinzessin Mirzamanda aus Candahar
recht gründlich erzählen soll, so werden mir meine allerwertesten Zuhörer nicht
übel beuten, dass ich mich genötiget sehe, um dieselbe desto deutlicher
vorzutragen, mit erzehlung meiner eigenen Lebens-Geschichte den Anfang zu
machen. Es halten demnach zwar weine allerwertesten Freunde, wie ich vernehme,
mich vor eine gebohrne Holländerin, weil nur die Holländische Sprache unter
allen andern Sprachen am besten vom Munde geht, denn meine angebohrne
Mutter-Sprache habe fast ganz und gar verlernet, ich will ihnen aber aufrichtig
sagen: dass ich eine gebohrne Deutsche und aus dem Fürstentum Halberstadt
gebürtig bin, in welchem meine Eltern zu damahligen Zeiten, als ich geboren
worden, (welches denn vor etwa 46. bis 48. Jahren geschehen sein mag, denn ich
weiss das Jahr und den Tag meiner Geburt so eigentlich nicht) ein adeliches
Ritter-Gut gepachtet gehabt, und sich, wie ich nachhero von andern vernommen,
anfänglich einige Jahre hin bei dieser Pachterei sehr wohl befunden; Zu meiner
Eltern Unglück aber streifften zur selbigen Zeit eine gewisse Art Leute nicht
nur in diesem, sondern auch vielen angrentzenden Ländern herum, welche
Ziegeuners, auch Tatars genennet wurden, sich aber nächst dem Bettel-Stabe, mit
Wahrsagen, Zeichen-deuten und allerlei lusen Händeln, hauptsächlich aber mit
Rauben und Stehlen nähreten; da denn meine Eltern zu verschiedenen mahlen von
diesem Raub-Gesindel recht empfindlich bestohlen wurden. Wie nun von der hohen
Obrigkeit ein sehr strenger Befehl ergieng, dieses Volck, als Vogelfreigemachte
Leute zu erkennen, und deren so viel, als man nur habhaft werden könnte,
entweder gleich auf dem Platze zu tödten, oder dieselben in die Gefängnisse zu
verschaffen; als liess sich mein Vater aus Verbitterung gegen dieses Volck oder
Leute, nebst andern mehr, Tag und Nacht äuserst angelegen sein, die Zigeuner
oder Tatarn auf das allerheftigste zu verfolgen, derowegen, als er ihnen fast
alle Tage nachgesetzt, ihrer 3. auf die Köpffe geschossen, und 6. oder 8. in die
Gefängnisse geliefert, mussten wir mit Schmertzen erfahren, dass wenige Nächte
hernach unser Haus in vollen Flammen stund, und aus dem Grunde abbrandte. Dieses
hätte noch hingehen mögen, allein die Tatern mochten unter sich beschlossen
haben, meinen Vater noch weit empfindlicher zu kräncken, derowegen, als sie wahr
genommen, dass mein Vater seine 2. Kinder, nämlich mich und meinen 16. jährigen
Bruder, in ein ohnweit von unserm Hofe gelegenes Bauer-Haus brachte, damit wir
uns daselbst von dem gehabten Schrecken erholen, und vor fernerer Gefahr
beschützt und gesichert sein möchten, fielen sogleich 10. bis 12. der
grimmigsten Tatarn in dieses kleine Bauer-Häuslein ein, kriegten so wohl mich,
als meinen Bruder bei den Kollern, banden unsere Hände und Füsse mit Stricken,
und schleppten uns, nachdem wir lange genug um Hülffe geschryen, weiter aber
keine andere Hülffe herbei kommen sahen, als 2. alte Weiber und 3. Kinder,
hinten durch den Garten auf das freie Feld hinaus, allwo sie uns beiden die
Mäuler mir Tüchern zustopften, damit wir nicht ferner Hülffe schreien möchten.
Hierauf, da sich, wie wir beobachteten, eine ganze Compagnie halb zu Pferde und
halb zu Fusse auf dem Platze versammelt hatte, banden sie uns auf Pferde, und
reiseten in schneller Eile mit uns von dannen, blieben aber, wie ich bemerckte,
niemahls in der geraden Strasse, sondern nahmen allerhand Umwege, bis wir
endlich, nachdem unterwegs noch viele Tatars zu uns gestossen, auch wir des
darauf erfolgten Tages unsere Sicherheit in den allerdunckelsten Gebüschen
gesunden, in der auf selbigen Tag folgenden sehr finstern Nacht das so genannte
Gotteslager vor der Stadt Wolffenbüttel erreichten, allwo sich, wie ich
bemerckte, unsere Gesellschaft in 3. Gastöfe verteilete, und die Abrede unter
einander nahm, dass wir morgen mit anbrechendem Tage auf Braunschweig zu reisen
wollten.
    Wir armen beiden Geschwister konten zwar wohl freilich das uns zugestossene
Unglück niemanden anders, als unserm leiblichen Vater Schuld geben, weiln er in
Verfolgung der Tatarn gar allzu hitzig gewesen; jedoch hier war weiter nichts zu
tun, als dass wir uns mit Gedult in unser Verhängnis schickten, und vor unsere
Eltern beteten. Inmittelst wurden wir von unsern Tatarn im Gastofezum - - aufs
allerherrlichste und kostbarste bewirtet und verpflegt, hatten unsere besondere
Stube und Cammer, worinnen 2. wohlgemachte Betten stunden, und einen
Tatar-Jungen, wie auch ein Tatar-Mägdgen zu unserer Bedienung, es wurde uns aber
bei Verlust unseres Lebens anbefohlen, mit den Wirts-Leuten kein eintziges Wort
zu reden, viel weniger ihnen, oder jemand anders unsern Zustand zu klagen;
woferne wir aber stille und klug leben wollten, so sollten wir unser Glück nicht
übersehen können. Weiln wir nun, aus Furcht unser Leben einzubüssen, dem
strengen Befehle gehorsameten, so kam gleich des dritten Morgens ein Schneider
mit seiner Frau, welcher meinem Bruder und mir das Maass zu neuen Kleidern nahm,
ingleichen kam ein Schuster, welcher mir und meinem Bruder das Auslesen unter
seiner Waare gab, deren er einen starcken Vorrat in 2. Körben herbei bringen
liess, da denn ich mir 3. Paar Pantoffeln und Schuhe, mein Bruder aber sich eben
so viel auslesen musste. Binnen zweien Tagen stellete sich der Schneider wieder
ein, und brachte vor meinen Bruder ein rotes Scharlachenes sauberes Kleid,
dessen Camisol und Bein-Kleider starck mit goldenen Tressen bordirt waren;
Nächst diesem noch ein anderes grünes Kleid, dessen Camisol und Bein-Kleider mit
Silber bordirt, ausser diesen beiden aber noch ein Strapazier-Kleid.
    Ich vor meine Person bekam gleichfalls 2 ganz neue Kleider, rot und grün,
und über diese noch ein Altags Kleid zum Strapazieren, alles nach der neuesten
Mode gemacht, da hingegen mein Bruder noch 2. ganz neue Schlaf Röcke bekam,
nämlich einen damastenen und einen etwas schlechtern zur Strapaze. Auser diesem
empfieng mein Bruder einen Degen mit einem silbernen Griffe und zubehörigem
Gehange, ein sauber beschlagenes Spanisches Rohr, 2. bordirte Hüte, Peruquen
und sonsten alles, was vonnöten ist, einen Cavalier aus die Parade zu stellen.
So wurde uns auch weisse Wäsche, und zwar die allerfeineste mit darunter, 6.
sach gereicht. Wir armen Kinder wussten uns, wie man leicht erachten kann, in
unser Schicksal nicht zu finden, vielweniger dasjenige zu begreiffen, was der
Himmel mit uns vorhatte, anbei kränckten wir uns über weiter nichts so sehr, als
dass wir mit allen donen Leuten so zu uns kamen, und mit uns handelten, kein
eintzig Wort sprechen durfften, denn unsere bestellte Aufseher gaben noch viel
ärger auf unsere Augen und Mäuler Achtung, als wie die Schiess-Hunde zu tun
pflegen. Die Tatars liessen uns eines Abends sagen, dass wir beide Geschwister
uns folgenden Morgen auf das allersauberste ankleiden sollten, weiln sie doch
gern sehen möchten, was sie vor Kreaturen bei sich führeten, wie nun zu dem Ende
etliche Aufwärter und Bediente früh Morgens, und zwar fast vor Anbruch des Tages
zu uns kamen, und uns weckten, auch von den Füssen an bis auf die Häupter
bedieneten, so sahen wir uns recht gezwungener Massen, ehe etwas weiters darauf
erfolgen möchte, dem gnädigen Befehle Gehorsam zu leisten, liessen uns also,
alle beide heraus schniegeln und putzen, wie man sagt, die Ochsen. Nachdem es
nun gemeldet worden, dass wir in Gala-Habit befindlich wären, kamen 4. der
ältesten Tatarischen Manns-Personen, und eben so viel alte Weiber die ich in
meinen Gedancken vor Hexen und Zauberinnen erkannte, als worinnen ich mich
vielleicht auch nicht betrogen habe, und nahmen uns beide in Augenschein,
bezeigten auch ihr Vergnügen auf eine seltsame Art, nur aber dieses war so wohl
meinem Bruder, als mir zuwider, ja es gereichte uns fast zum Eckel, dass sie uns
so gar sehr öffters umhalseten und küsseren. »Sehet ihr nun, ihr lieben Kinder!
(sagte die eine alte Hexe) dass wir euch glücklich gemacht haben? aber dieses ist
noch nichts gegen das, was euch noch beschehret und zugedacht ist. Folget nur
uns, so kann es euch nicht fehlen, vor allen Dingen aber haltet die Mäuler zu,
und plaudert nichts von demjenigen aus, was ihr etwa gesehen und gehöret habt.«
    Wir hatten hierauf beiderseits die besondere Gnade, dass uns die ältesten und
vornehmsten Tatarn vor diesesmahl an ihre Taffel zogen, welche recht Fürstlich
angerichtet war; in folgenden Tagen aber wurde uns nur in unserer Stube der
Tisch gedeckt, und es speiseten allezeit 3. Tatarische Mannes- auch eben so
viele alte Weibs-Personen mir uns, jedoch die Speisen und Geträncke waren
Mittags und Abends allezeit herrlich und kostbar, ja, wir durfften nur kühnlich
fordern, was wir etwa sonsten besonderes verlangeten, so war alles in
möglichster Geschwindigkeit herbei geschafft. Meinem Bruder, welcher ohngeachtet
er noch ein einfältiger Knabe war, kamen die spitzfindigen Gedancken in den
Kopf, dass er von einer alten Tatars-Frau begehrte, ihm zum Zeitvertreibe einige
geistliche Protestantische Bücher zu verschaffen, um sich darinnen in seinem
Christentume zu üben, worbei er ihr versprach, dass sie das erste und beste
Gold-Stück, welches er bald zu empfangen verhoffte, von ihm zur Danckbarkeit
haben sollte. Nein, mein Sohn! (versetzte hierauf die alte Hexe, indem sie einen
grossen Beutel mit Gold-Stücken heraus zohe, und vor meinen Bruder auf den Tisch
legte) ich brauche eure Gold-Stücken nicht, leset euch aber nebst eurer
Schwester hier so viel von dem Meinigen aus, als ihr etwa zu eurer Lust zu
gebrauchen gedenckt, denn ich weiss gewiss, dass die Zeit nicht weit entfernt ist,
da ihr mir diese Gold-Stücke gedoppelt und dreifach wieder bezahlen werdet, ihr
möget auch nehmen, so viel ihr nur wollet. Protestantische Bücher aber will ich
euch gleich holen lassen, und sonderlich die Deutsche Bibel, nebst zwei Geber-
und Gesang Büchern. Mein Bruder und ich stutzten über dieser alten Hexe Reden,
es wollte aber keines von uns beiden sich an ihrem Geld-Beutel vergreiffen,
weswegen sie ungedultig zu werden schien, den Geld-Beutel ausschüttete, und uns
12. halbe Pistoletten zuzehlete, auch sogleich einen Pasch-Würffel nebst einer
Spiel-Karte herbei brachte, und sagte: Nun, meine Kinder, spielet um diese
Rechen-Pfennige, ich will doch meine Lust haben, zu sehen, wer unter euch beiden
dieselben zusammen bringen und gewinnen wird, und wer sie gewinnet, dem follen
sie alle von mir geschenckt sein.
    Wir armen Gefangenen spieleten zwar beiderseits mit schweren Hertzen einige
Spiele, so wohl nach unserer annoch kindischen Art mit Karten und Würffeln, da
denn die alte Hexe sehr genau auf eines jeden Glück und Unglück Achtung gab,
endlich aber, da fast über 2. bis 3. Stunden mit dem Spielen zugebracht waren,
kamen die Bücher angezogen, als nämlich nicht allein die Bibel, sondern auch
andere vortreffliche Protestantische Bücher, alle in saubere Bande eingebunden,
und verguldet auf dem Schnitt, weswegen wir uns die Spiel-Gedancken aus dem
Hertzen und Köpffen verjagten, und uns uber die Bücher hermachten. Ohngeachtet
nun mein lieber Bruder alles zusammen gebracht, mitin der Alten ihre 12. halben
Pistoletten wieder zuzehlete, so wollte diese doch dieselben gar nicht annehmen,
sondern sagte: Hebet diese Dinger auf, meine Kinder! bis euch die Lust zum
Spielen wieder ankömmt.
    Solchergestalt verlieffen 6. bis 8. Wochen, da wir alle Tage wohl lebten,
von den alten Tatarn oder Zigeunern aber sehr selten einige zu sehen bekamen,
als dass wir etwa dann und wann von zweien oder dreien besucht wurden, die uns
denn allezeit die grösten Liebkosungen erwiesen, wormit uns aber wenig gedienet
war, denn wir hätten weit lieber gesehen, dass man uns unsere Freiheit gegeben,
da uns denn nicht verdriesslich fallen sollen, den Rückweg zu unsern Eltern mit
dem Bettel-Stabe zu suchen.
    Endlich wurden wir, nachdem die Stunde unserer Erlösung herangenahet, in den
Mitternachts-Stunden von den Tatarn in unserm Schlaffe gestöhret und aufgeweckt,
mit dem Andeuten, dass wir uns in aller Eile ankleiden und fertig machen sollten,
mit ihnen nach Braunschweig zu reisen, damit wir diese grosse schöne Stadt auch
zu sehen bekämen. Niemand war hurtiger und vergnügter, als mein Bruder und ich,
indem wir dieses höreten, da uns an Veränderung der Lufft gar viel gelegen, und
wir die Hoffnung hatten, dass sich bei der Gelegenheit auch unsere Umstände
vielleicht ändern könten. Wir fanden uns demnach bald auf dem Platze ein, und
bemerckten, dass 6. bis 8. zugemachte Kutschen daselbst befindlich, in deren eine
wir alle beide steigen mussten, auser diesen aber sahen wir etliche 20. Mann zu
Pferde, worunter viele waren, die die kostbarsten Kleider und schönstes
Pferde-Zeug führeten. Es giengen also, nachdem wir ein gestiegen waren, die
Kutschen in der allerschnellesten Eile über Stöck und Steine, bis wir fruh
Morgens bei Aufgang der Sonnen einen an der Strasse liegenden grossen Gast-Hof
erreichten, in welchem wir beide sahen, dass wir uns nicht mehr unter Tatarn,
sondern vielmehr unter den vornehmsten Cavaliers und Dames befanden, welche sich
alle auf das allerpropreste angekleidet, auch von dem Wirte und allen den
Seinigen aufs demütigste empfangen, und auf das allerkostbarste tractiret
wurden. Meines Behalts hielten wir uns eben nicht gar zu lange in diesem
Gast-Hofe auf, ich kann aber auch nicht sagen, wie und wenn wir von dannen
abgefahren sind, vielweniger, was mir und meinem Bruder zugestossen war, denn
wir konten am Müd- und Mattigkeit kaum stehen, vielweniger ein Auge offen
halten. Unterdessen, da wir uns nach einiger Zeit einiger Massen ermuntert
hatten, erfuhren wir von den Wirts-Leuten, dass wir uns in Braunschweig
befänden, und dass alle unsere Geferten, so wohl männliches als weibliches
Geschlechts, in die Gefängnisse gebracht wären, auch meistenteils in Ketten und
Banden sässen. Nachdem wir nun dieses Schicksal mit Schrecken vernommen, und
nach unserer Einfalt einiger Massen überlegt, kamen die Gerichts-Diener, und
holeten auch mich und meinen Bruder, nebst allen bei uns habenden Sachen ab, als
welche uns doch noch von den Tatern waren zurück gelassen worden. Man legte uns
alle beide augenblicklich in Ketten und Banden, und wir wurden auf schwere und
scharffe Articul befragt, wie wir aber in allen Stücken die reine lautere
Wahrheit aussagten, so wurde erstlich in unser Vaterland geschrieben, um zu
erfahren, ob wir auch in allen Stücken richtig wären; wie nun dieserhalb vor uns
gute und gewünschte Briefe zurück kamen, so wurden wir zwei armen Sünder zwar
frei gesprochen, allein es schmertzte uns doch nicht wenig, dass wir ganzer 14.
Tage unschuldiger Weise in Ketten und Banden sitzen müssen. Jedoch in
Betrachtung dieser und aller unserer Umstände, war die Obrigkeit so barmhertzig,
uns nicht allein alle Bagage zu lassen, die uns von den Tatarn geschenckt
worden, sondern es bekamen noch über dieses mein Bruder und ich ein jedes 100.
spec. Ducaten ausgezahlt, mit der Verwarnung, dass wir uns je ehe je lieber aus
dem Staube machen, und unsere Personen in weitere Sicherheit bringen möchten,
womit wir uns endlich noch so ziemlich befriediget befanden.
    Allein, es wird ihnen vielleicht nicht entgegen sein, wenn ich melde, dass,
wie wir hernach erfahren, sich unsere Taters durch die Tore ganz listiger
Weise eingeschlichen, indem sie die Nahmen unbekannter Cavaliers, ja gar
Gräflicher Personen angenommen; Es war aber dieses sehr frühzeitig offenbar, sie
aber vor Spitzbuben, Räuber. Diebe, Mörder und dergleichen erkannt worden, wie
denn wenig Tage hernach ihrer etliche nach andern Städten ausgeliefert worden,
allwo sie ihren verdienten Lohn mit Schwerd-Streich, Hängen, Rädern und
dergleichen nach kurtzen Processen empfangen. Noch muss ich melden, dass, nachdem
sie befragt worden, was sie denn hätten mit uns beiden Geschwistern anfangen
wollen? ihre Aussage diese gewesen: dass sie uns alle beide nach Amsterdam führen
wollen, um uns an 2. Türckische See-Räuber, die sich unter verdeckten Nahmen
daselbst aufhielten, und ihre guten Freunde wären, zu verkauffen, um vor unsere
Personen ein gut Stück-Geld zu erhalten, sonderlich vor meine Person / weilen
ich zu derselben Zeit noch nicht mannbar, sondern ohngefehr nur 14. Jahr alt
war. Hierbei hatten sich, nachdem sie dieses alles auf der Folter bekannt, sehr
viele Briefe gefunden, die sie mit den Türckischen See-Räubern in Amsterdam
gewechselt. Nun hielt sich damahls ein Evangelisch-Luterischer Kauffmann in
Braunschweig auf, welcher sein Haupt-Contoir in Amsterdam hatte, dieser wurde
geruffen, und ihm die Briefe gezeigt, als in welchen grausame Bosheiten und
andere der Handelschaft sehr nachteilige Sachen zu lesen waren. Der Kauffmann
machte sich eine grosse Freude daraus, dass er hinter dieses Geheimnis gekommnen
war, demnach aber sogleich fertig, auf das allereiligste nach Amsterdam zu
reisen. Wie nun aber dieser redliche Mann meine und meines Bruders Umstände
erfahren, liess er uns zu sich kommen, und sagte: Meine Kinder! ich habe von
euren betrübten Umständen viel erfahren; allein verzaget nicht, sondern
vertrauet auf GOtt und auf mich, denn ich will euch alle beide an Kindes-Statt
auf und annehmen, mit mir nach Amsterdam führen, ohne dass es euch das geringste
kosten soll, daselbst aber, so lange ihr fromm, getreu und redlich seid, euer
Glück nechst göttlicher Hülffe dergestalt machen, als ihr dasselbe bei euren
leiblichen Eltern und Freunden wohl Zeit eures Lebens nimmermehr finden werdet.
    Meinem Bruder und mir kam dieser ansehnliche, schöne und liebreiche Mann
nicht anders vor, als ein uns vom Himmel zugeschickter heiliger Engel GOttes,
weswegen wir uns kein langes Bedencken nahmen, mit ihm zu reisen, sondern ihm
die Hände unter Vergiessung vieler Freuden-Tränen küsseten, auch wenig Tage
hernach mit ihm die Reise nach Amsterdam antraten, die wir in gewöhnlicher Zeit
zurück legten, und gesund und frisch daselbst anlangten. Unser Versorger hielt
uns bei allen Gelegenheiten nicht anders, als ob wir seine leiblichen Kinder
wären, aber es war ein bejammerns-würdiger, ja, fast unersetzlicher Schade vor
uns, dass dieser redliche Mann kaum 6. oder 8. Wochen nach unserer Ankunft,
nachdem er, wie ich sicher glaube, von seinem bösen Weibe und dann auch den
häuffigen Schuldnern einen allzugrossen Teil von Gift und Galle einschlingen
müssen, sich auf das Krancken-Bette legte, und binnen 3. Tagen gesund und tod
war.
    Dergestalt hatte sich die Sonne unseres Glücks auf einmal wieder unter die
trüben Wolcken versteckt, denn unsers Wohltäters Eheweib, welches der
Geitz-Teufel ganz und gar besessen hatte, wollte uns nicht einmal das Unserige
heraus geben, geschweige denn das, was uns ihr verstorbener Mann in seinem
Testament vermacht hatte, als welches sich auf 800. Holländische Gulden belieff;
Jedoch der Priester an der Evangelisch-Luterischen Kirche in Amsterdam war so
gütig, vor uns zu sorgen, so, dass wir nicht allein das Unserige, sondern auch
die ererbten 800. Fl. ausgezahlt bekamen. Nun hiess es: wo weiter hin? Allein, da
wir zu sorgen kaum angefangen hatten, hatte der Himmel schon vollkommen für uns
gesorgt, indem der Priester mich in sein Haus nahm, um seiner Frauen
aufzuwarten, die ebenfalls eine gebohrne Deutsche war, und sich ungemein
liebreich gegen mich erzeigte; meinen Bruder aber brachte eben dieser wackere
Priester bei einen Rechts-Gelehrten oder Procurator, indem mein Bruder die
Feder, so wohl in Lateinischer als Deutscher Sprache, schon ganz geschicklich
führen konnte, vor der Holländischen Sprache aber war ihm so wenig bange, als
mir, weilen diese einem Deutschen zu lernen gar nicht schwer fällt.
    Demnach waren wir alle beide abermals versorgt, denn mein Bruder sagte mir,
so oft wir zusammen kamen, dass er die beste Zeit hätte, und bei jetzigen Jahren
sich kein besseres Glück wünschen möchte. Mit mir hatte es eben dergleichen
Beschaffenheit, denn ich wurde von meiner Frau Pastorin nicht etwa als Magd,
sondern als eine leibliche Schwester, ja fast so gut, als ihr eigen Kind
gehalten. Das allerschönste und vortrefflichste bei der ganzen Sache war
dieses, dass mich der Priester täglich fast vom Morgen bis in die Nacht im
Christentum herum tummelte, und dergestalt fest darinnen setzte, dass ich einem
jeden von unsern Protestantischen Glaubens-Articuln vollkommene Rede und Antwort
zu geben mich noch jetzo im Stande befinde. O Himmel! hätte ich doch nur diese
guten Tage und Zeiten in stiller Gemüts-Ruhe ertragen können! aber so liess ich
mich den Satan verblenden, der es dahin brachte, dass ich mich mit einem Schiffs-
Officier, welches ein ungemein schöner Mensch war, auch etliche 1000. Fl. wert
aufzuweisen hatte, ehrlich verlobte, und darbei versprach, die Reise nach
Ost-Indien mit ihm anzutreten, welches alles er denn durch seine ganz
ausserordentliche Schmeicheleien, indem er ein gebohrner Franzose war, so weit
brachte, jedoch, GOtt sei noch jetzo davor Danck gesagt, niemahls den Zweck in
Erlangung seiner wollüstigen Absichten bei mir erreichen konnte, sondern ich
speisete ihn jederzeit damit ab, dass ich mich vorjetzo nicht weiter mit ihm
einlassen würde, bis ich sähe, wo meines Bleibens wäre. Er führete sich demnach,
als er meinen harten Ernst vermerckte, jederzeit sehr vernünftig auf, da aber
die Zeit kam, dass er unter Seegel gehen sollte, tat er mir solches zu wissen.
Wie ich nun zwar noch Zeit genug übrig gehabt hätte, mich anders zu besinnen,
und mein ihm getanes Versprechen zurück zu ruffen, so weiss dennoch bis diese
Stunde nicht eigentlich, wie mir zur selben Zeit zu Mute war, ja ich glaube
sicherlich, es musste mich dieser Mensch bezaubert haben, dass ich nicht von ihm
ablassen konnte, packte derowegen bei nächtlicher Weile alle meine Habseligkeiten
ein, und begab mich damit zu meinem Liebsten, ohne vorhero Abschied weder von
meiner Herrschaft, noch von meinem Bruder zu nehmen.
    Es war mein Liebster ungemein erfreut, dass ich mein Wort gehalten hatte, und
zu ihm gekommen, denn seinem Sagen nach, war ihm die Zeit schon allzu lang
worden; wir giengen auch bald darauf unter Seegel, und nahmen die ordentliche
Strasse nach Ost-Indien zu, allein Sturm, Wetter und Wind kehreten sich nicht an
unsere vorgesetzte Ordnung, sondern unterbrachen dieselbe bald, indem sie uns
von der ordentlichen Ost-Indischen Strasse bald ab, bald nach ihren wütenden
Wellen hin und her, und endlich ganz auser der ordentlichen Strasse, an die
Persianischen Küsten trieben, jedoch, ehe wir dieselben erreichten,
zerscheiterten alle unsere 3. Schiffe, die damahls mit einander in Compagnie
reiseten. Ich hatte nicht allein den jämmerlichen Anblick, meinen vor wenig
Tagen angetrauten Mann von einem Schiffs-Stücke herunter zu stürtzen, und
ertrincken zu sehen, sondern musste mir auch gefallen lassen, dass ich von unsern
besten Sachen kaum den 4ten Teil zu Lande bringen und retten konnte; Allein es
halff mir auch dieses nichts, denn die Herren Persianer, welche schon von ferne
gesehen hatten, was in dasiger Gegend vorgangen war, führeten sich nicht allein
so unhöflich auf, alles das, so wir doch schon zu Lande gebracht, als ob es ihr
Eigentum wäre, hinweg zu nehmen, sondern auch mich, nebst noch 3. andern jungen
Europæern in die Sklaverei zu führen.
    O! wie winselte, seuffzete und weinen ich unterweges, auf der ziemlich
langen Strasse bis nach Candahar, und beklagte also nunmehr erst viel zu spät,
dass ich nicht bei meinen lieben Priesters-Leuten in Amsterdam geblieben wäre,
wenn ich aber nun vollends an meinen lieben Bruder gedachte, als welcher ein
besser Teil, als ich, erwehlt hatte, so wollten sich meine Tränen-Quellen fast
durch nichts verstopfen lassen. Die 16. Persianer, die des Fürsten von Candahar
Untertanen waren, und uns 4. Arrestanten zwischen sich inne führeten, bezeugten
sich inzwischen ganz höflich und freundlich gegen uns, machten nicht allein
kurtze Tage-Reisen von 2. bis 3. Deutscher Meilen, sondern verpflegten uns auch
unterwegs, wo nur etwas zu bekommen war, mit den allerbesten Speisen und
Geträncke, gaben uns auch mehr des besten Persianischen Weins zu trincken, als
Wasser, welches wir nur verstohlner Weise trincken mussten. Nachdem wie aber (die
Rast-Tage mit eingeschlossen) fast einen ganzen Monat auf der Reise zugebracht,
gelangeten wir endlich auf einem Lust-Schloss des Fürsten von Candahar an,
welcher eben damahls auf demselben nebst seiner Gemahlin residirte. Er bezeigte
ein besonderes Vergnügen über die jungen wohlgewachsenen Europæer, mich aber
stellete er seiner Gemahlin vor, die, als sie durch einen Dollmetscher von mir
vernommen, wer ich sei, und wie meine Umstände beschaffen wären? mir so gleich
die gnädige Erklärung tat: ich sollte mich beruhigen, und vor gar nichts sorgen,
sondern in ihren Diensten bleiben, da sie denn auf das allermöglichste und beste
vor mein Wohlergehen sorgen wollte.
    Es war diese Dame eine unvergleichlich schöne und liebreiche Fürstin, ja,
fast eben so schön, als ihre dermahlen sich auf dieser Insul befindende Tochter
Mirzamanda. Wie ich nun dieser Fürstin Leutselig-und Gütigkeit wegen sogleich
des ersten Tages überführet wurde, indem sie ganz und gar kein demütiges
Bezeigen von mir erdulten wollte, so gewann ich dieselbe recht von Hertzen lieb,
sie aber machte mich in wenig Tagen wirklich zu ihrer Haus-Hosmeisterin,
nachdem der Fürst, ihr Gemahl, denen 3. mitgebrachten wohlgewachsenen Europæern
unter seiner Leib-Guarde Officiers-Plätze gegeben, und dieselben vorhero recht
reichlich beschenkt, auch mir ein Geschencke an Gold- und Silber-Werck
zuschickte, das wenigstens 500. Holländische Gulden wert zu schätzen war. Bei
dem allen aber blieb der Neid und die Verfolgung des übrigen Fürstlichen
Frauenzimmers nicht lange aussen, indem sie sahen, dass ich in vielen Stücken ein
Vor-Recht vor ihnen hatte, auch mehr befehlen durffte, als diese oder jene.
Jedoch ich betete fleissig, verrichtete alles mir anvertraute mit der grösten
Treue und Redlichkeit, bemühete mich im übrigen, auf alle mögliche, aufrichtige
und wohl erlaubte Art, mir die Gunst und Gnade meiner Herrschaft, durch
Leistung getreuer Dienste, zu zuwenden. Hierinnen fehlete ich denn auch nicht,
sondern der Dollmetscher, welcher ein gebohrner Holländer, Protestantischer
Religion war, versicherte mich dessen zum öfftern, welches ich auch ohne dem,
daraus abmercken konnte, da mich so wohl der Fürst, als die Fürstin von Zeit zu
Zeit mit den kostbarsten Geschencken fast überhäufften.
    Niemand stund mir mehr im Wege, als 2. verfluchte Persianische Weiber,
welche Anbeterinnen des Feuers waren, und der Fürstin die Schwartzkünstlerei
lernen sollten, worzu sie ein ganz besonderes Belieben trug, es auch binnen
weniger Zeit sehr weit darinnen brachte, so, dass sie manchen lustigen Possen
anstifften konnte. Unter andern kam dem Fürsten einsmahls an, bei dem
allerschönsten Sommer-Wetter spazieren zu fahren, da aber die Fürstin nicht
mitfahren wollte, sondern sich damit entschuldigte: dass es binnen wenig Stunden
gewaltig zu regnen anfangen würde; wollte sich der Fürst von dieser Spazier-Fahrt
dennoch nicht abhalten lassen, sondern nahm ein gewisses Fräulein, auf welches
er vor vielen andern ganz besonders viel hielte, zu sich auf den offenen Wagen,
weswegen die Fürstin, vielleicht aus Eifersucht, sprach: »Fahret nur hin, aber
nicht gar zu weit, denn ich will euch bald dergestalt baden, dass ihr bald zurück
kommen, und euch trocknen sollet.«
    Der Fürst war also kaum eine halbe Stunde Weges fortgefahren, als die
Fürstin allen ihren Bedienten, so viel deren nur zugegen waren befahl, dass ein
jedes ein mit Wasser angefülletes Geschirr herbei bringen sollte, und zwar je
grosser, je besser. Wir gehorsameten demnach alle ihrem Befehle, und brachten
eine gewaltige Anzahl grosser und kleiner mit Wasser angefülleter Geschirre,
setzten dieselben auf den Platz, so wie sie nach einander folgten, hin, da denn
die Fürstin sprach »wir sollten es alle so machen, so wie sie es machte.« Hierauf
trat sie vor das allergröste Wasser-Fass, sprengete mit beiden Händen das Wasser
heraus, und gen Himmel zu; Wir taten alle dergleichen, und nachdem die Gefässe
3. mahl wieder voll gefüllet worden, und alles Wasser heraus gesprenget war,
sagte sie: »Nun höret auf, meine Kinder! denn sonsten möchten wir die beiden
Verliebten wohl gar ersäuffen, ein jeder gehe nun nur hin, und tue sich in
Küche und Keller nach seinem Appetite etwas zu gute, denn auf Heute ist euch von
mir alles vergönnet und erlaubt.«
    Es befand sich keiner unter allen Hof-Bedienten, so wohl männlichen als
weiblichen Geschlechts, der sich diesen letztern Befehl der Fürstin deutlicher
erklären zu lassen gesonnen gewesen, sondern es ging ein jeder hin, und tat
sich emmahl was rechts zu gute, der liebe Fürst aber nebst seiner Fräulein kamen
erstlich nach Verlauffe zweier Stunden zurück, und sahen beide aus, wie die
gebadeten Katzen, worüber die Fürstin ein heftiges Hohn-Gelächter aufschlug,
allein, da der Fürst vielleicht bemercken mochte, dass er sich in etwas gegen
seine Gemahlin vergangen hätte, machte er vor dieses mahl aus der ganzen Sache
einen höflichen Spas oder Schertz, und liess sich auf das kalte Bad in eine warme
Bad-Stube bringen, auch darinnen gut pflegen, käm aber dennoch so wohl als seine
Fräulein in dreien Tagen nicht ordentlicher Weise zur Taffel, vielweniger in der
Fürstin, als seiner Gemahlin, Zimmer.
    Als dieser Streich kaum vergessen war, begab sich bald eine andere
Geschichte: Denn da der Fürst eine grosse Jagd angestellet, liess derselbe bei
seiner Gemahlin anfragen ob es ihr beliebte, mit ihm in einem offenen Wagen zu
fahren, um diese Jagd-Lust mit anzusehen? Hierauf liess die Furstin zur Antwort
melden, wie sie bereit und willig darzu sei, indessen sähe sie lieber, wenn ihr
Herr Gemahl die Fräulein N. zu sich auf seinen Jagd-Wagen nähme, da sie denn mit
ihrem Frauenzimmer seinem Jagd-Wagen nachfolgen wollte, und zwar in einem
zugemachten Wagen. Es wurde demnach die Fräulein N. genötiget, mit dem Fürsten
auf seinem Jagd-Wagen zu fahren, es liess aber diese zurück melden, wie sie es
vor eine besondere Gnade erkennen würde, wenn sie die Erlaubnis erhielte, dass
sie vor diesesmahl der Jagd zu Pferde reutend beiwohnen dürffte. Demnach wurde
ihr der Wille gelassen, sie erschien also zu Pferde, der Fürst aber mir dem
Jagd-Wagen, auf welchem er einen Cavalier an seine Seite genommen, die Fürstin
hingegen in einem zugemachten Wagen, in welchem ich und noch 2. Frauenzimmer,
als ihre Vertrauten bei ihr fassen. Wie nun die Fräulein M. im vollen Gallop auf
uns zugeritten kam, so wurde sie von der Fürstin angeruffen und gefragt: Warum
sie sich nicht besserer Bequemlichkeit gebraucht, und sich zu dem Fürsten in den
Jagd-Wagen gesetzt, dem Cavalier hergegen das Pferd zum Reuten überlassen hätte?
Hierauf gab das Fräulein ganz höhnisch zur Antwort: Ich fürchte mich vor diesem
Jagd-Wagen, weilen besorge, dass ich etwa noch einmal möchte gebadet werden;
will also lieber reuten, denn so schiesst das Wasser desto geschwinder vom
Cörper ab. »Warte! warte! (sagte die Fürstin zu uns, die wir bei ihr in dem
Wagen sassen) ich will dich reuten lernen, gebt nur Achtung, meine Lieben! was
vor eine artige Reuterei vorgehen soll.« Hierauf nahm die Jagd ihren Anfang, und
es wurde viel Wildpret erlegt, jedoch die Fräulein N. welche sich ganz
besonders angelegen sein liess, ihre Künste sehen zu lassen, und derowegen ihr
Pferd auf das heftigste strapazirte, stürtzte unvermutet mit demselben, so,
dass sie auf der Erden liegen blieb, ehe ihr nun die herzu eilenden Jäger noch zu
Hülffe kommen konten, kam ein entsetzlich grosser Bär aus dem Gebüsche hervor
gesprungen, kroch mit seinem dicken Kopffe dem Fräulein zwischen die Beine, und
huckte sie dergestalt auf seinen Rücken, dass sie ordentlicher Weise auf ihm
reuten musste, und also trug sie dieser grosse Bär erstlich über 300. Schritte
weit fort, ging auch nicht etwa langsam oder bedachtsam, so, wie andere Bären
zu gehen pflegen, sondern er eilete nicht anders, als wenn jemand mit einer
Knoten-Peitsche hinter ihm drein wäre. Die Fürstin hätte vor Lachen fast
zerbersten mögen, als sie dieses Schau Spiel sah, und rief immer zum Wagen
heraus: Reut zu! Reut zu! Im Gegenteil waren nicht allein der Fürst, sondern
auch alle Jäger dergestalt in ein Schrecken geraten, dass sie nicht wussten, was
sie tun sollten, denn Feuer auf den Bär zu geben, oder mit Pfeilen nach ihm zu
schiessen, schien ihnen gar kein Rat zu sein, weilen sie noch leichter das
liebe Fräulein, als den Bär verwunden, oder gar tödten können. Derowegen machten
sie ein grässliches Geschrei, und bliesen in ihre Jagd-Hörner, allein, je öffters
sie dieses wiederholten, je besser sich der Bär auf das Lauffen begab, eben als
wenn er die Sporn bekäme. Endlich aber, nachdem der Bär seine Reuterin accurat
1000. halbe Manns-Schritte getragen hatte, warff er sie ab, liess sie liegen, und
begab sich wieder in den dicken Wald hinein.
    Nun lieff, was Beine hatte, um zu erfahren, ob das gute Fräulein N. noch
lebte, oder sich zu Tode geritten hätte, allein wir traffen sie zwar noch
lebendig, jedoch in einer starcken Ohnmacht liegend an, weswegen sie in unsern
Wagen getragen, mit starcken Gewässern und Balsamen fast halb gebadet, und
endlich sehr schwach und kranck nach Hause gebracht wurde.
    Eben dieser Fräulein begegnete einige Zeit hernach noch ein reckt
possierlicher Streich, und zwar dergestalt: Der Fürst, welcher einige Officiers
und vornehme von Adel beiderlei Geschlechts zu sich eingeladen, beredete
dieselben gegen Untergang der Sonnen, da die allerangenehmste Witterung war, mit
ihm und seiner Gemahlin Lustwandeln zu gehen, wie sie nun einen besonders grünen
Platz antraffen, so befahl der Fürst, dass einige der kostbarsten Erfrischungen
herbei gebracht werden sollten, ingleichen etliche Sofa, wie nicht weniger einige
Teppiche, um sich darauf nieder zu lassen.
    Als nun dem Befehle gehorsamet worden, setzte der Fürst selbst der Fräulein
N. einen Sofa zu seiner lincken Hand, weilen seine Gemahlin ihm bereits zur
rechten sass; allein das Fräulein drehete sich erstlich eine lange Weile um den
ihr gesetzten Sofa herum, und schlich sich endlich mit guter Art gar davon
hinweg. Da sie wieder zurück kam, nötigte sie der Fürst nochmahls, sich neben
ihn zu setzen, da die übrigen Gäste fast Circkel-rund um ihn und seine Gemahlin
herum sassen und lagen, jedoch das eigensinnige Fräulein verschmähete den Sofa
abermals, weswegen der Fürst einen kostbaren Türckischen Teppich zu seinen
Füssen ausbreitete, ein Polster darauf legte, und sie bat, dass sie bei ihm
möchte sitzen bleiben; aber, wie gesagt, der Eigensinn dieser Fräulein wollte
auch dieses nicht zulassen, sondern sie nahm ihr Schnupf-Tuch heraus, breitete
dasselbe über einen frisch aufgeworffenen Maulwurffs-Hauffen, und sagte dabei:
dieses soll mein Platz sein, worauf ich sitzen will. Die Fürstin fieng hierüber
ganz hertzlich zu lachen an, und sagte: »Liebe Fräulein! auf ihrem Platze
möchte ich wohl nicht sitzen, denn ich traue den Maulwürffen nicht gar allzu
viel zu.« Hierauf gab das Fräulein zur Antwort: »Wenn Maulwürffe drinnen sind,
und etwas mit mir zu tun haben wollen, so mögen sie heraus kommen, und sich
zeigen.« Nach diesen ausgesprochenen Worten schlich sich die Fürstin auf wenige
Minuten bei Seite, und da ich ihr nachfolgte, bemerckte ich, dass sie sich ein
etwa Fingers-langes Pflöckgen von einem grünen Busche abschnitt, und eben dieses
Pflöckgen practicirte, (die Fürstin,) mit guter Art und in möglichster
Geschwindigkeit in den unter der Fräulein Schnupf-Tuche bedeckten
Maulwurffs-Hauffen, da denn, ehe 3. Minuten vergiengen, immer ein Maulwurff nach
dem andern unter dem Schnupf-Tuche hervor gekrochen kam, und der Fräulein unter
den Kleidungen hinauf lauffen wollte, worüber denn das gute Fräulein heftig zu
schreien und zu kreischen anfieng. Es wurden aber endlich der Maulwürffe so
viel, die in dem Creise, den wir geschlossen hatten, herum lieffen, dass man sie
fast nicht mehr zählen konnte, darbei war lustig anzusehen, dass, wenn mit einer
Spitz-Rute oder Stabe nach ihnen geschlagen wurde, sich diese Art von
Maulwürffen augenblicklich in die Lufft erhoben, und wie die Fleder-Mäuse davon
flogen. Es war dieses nun zwar ein Haupt-Spas, allein das gute Fräulein hatte
sich dennoch über die Maulwürffe dergestalt erschreckt und verwandelt, dass sie
viele Tage das Bette hüten musste; man bekam sie auch gar nicht zu sehen, bis auf
den Tag, da unsers Fürsten Geburts-Tag in gröster Pracht gefeiert wurde, da sie
denn in einem besondern Haupt-Schmucke erschien, welcher von Stroh geflochten
war, auf die Art, wie in Deutchland und Holland die Schaub- oder Regen-Hute
gemacht sind, es hatte aber dieser Haupt-Schmuck die Gestalt eines sehr grossen
runden Hutes, auf welchem eine ebenfalls von Stroh geflochtene Krone bevestiget
war, im übrigen war diese Kopff-Machine mit Reiher- und andern Federn, auch
Bändern von allerhand Farben, dergestalt ausgezieret, dass man sich billig über
diesen Aufsatz verwundern, ich auch selbst bekennen musste, dass er recht niedlich
war, und dem Fräulein ungemein wohl anstunde. Die Fürstin aber, so bald sie das
Fräulein in einem solchen Aufputze sah, hätte sogleich vor Gift und Galle
bersten mogen, ja sie biss nicht selten recht die Zähne aus Bosheit zusammen,
weilen sie sich wegen der Stroh Krone und den bunten Federn und Bändern eine
ganz wiederwärtige und verdriessliche Vorstellung in ihren Gedancken machte,
zumahlen, da sie eine ungemein eifersüchtige Dame war.
    Mittlerweile erschien das Fräulein N. mit diesem ihrem Haupt-Putze bei der
Taffel, und der Fürst liess sich durch Stellungen und Worte so viel vernehmen,
dass ihm noch niemahls, weil er gelebt, ein Aufputz eines Frauenzimmers besser
gefallen und vergnügt hätte, als dieser, weswegen er denn sogleich nach
aufgehobener Taffel der Fräulein ein kostbares mit Jubelen besetztes Hals-Band,
ingleichen ein paar dergleichen Arm-Bänder und einen Diamantenen Ring von
grossem Werte verehrete.
    Nun ist leicht zu erachten, dass dergleichen Beginnen bei der Fürstin eben
kein besonderes gutes Geblüte müsse verursacht haben; Allein sie wusste ihre
Gemüts-Bewegungen, um die Lust des Fürsten und aller seiner Bedienten nicht zu
stöhren, vor diesesmahl dergestalt klüglich zu verbergen, dass man dei ihr eben
keine sonderliche Veränderung merckte.
    Es begab sich aber an eben diesem Tage noch etwas ganz besonderes, denn da
wir alle, so viel unserer nur bei Hofe waren, durch eine lange Allée spazierten,
an deren Ende eine von Marmor-Steinen erbauete Capelle befindlich, in welcher
die Andacht verrichtet, und vor das fernere Glück und Leben des Fürsten geopfert
werden sollte; so führete der Fürst zu erst seine Gemahlin an der Hand, der
Ober-Hofmeister aber die Fräulein von N. und das andere Frauenzimmer wurde dem
Stande nach von Cavaliers oder Personen ihres gleichen der Capelle zugeführet,
so, dass alles Paar-weise ging. Wie wir aber das Ende der Allée erreicht, auf
einem grossen grünen Platze, etwa eine Viertel-Stunde stehen blieben, und
erwarteten, bis uns von, den Dervis der Eintritt angekündiget werden sollte,
sahen wir in der Lufft über uns einen grossen Geier daher geflogen kommen,
welcher sich erstlich etliche Minuten in der Lufft herum schwenckte, nachhero
aber, wie ein Blitz, hernieder fuhr, und der Fräulein von N. den Feder-Hut
zusamt der Stroh-Krone vom Haupte riss, auch selbige in gröster Geschwindigkeit
in die Lufft führete, seinen Flug aber nach dem Indianischen Meere zu nahm,
mitin gar bald aus unsern Augen verschwand.
    Ohngeachtet nun das Fräulein sich über diesen Possen sehr bestürtzt und
vedriesslich erzeigte, indem sie mit blosem Haupte in die Capelle gehen und
opffern musste, so hätte doch dieser Possen noch hingehen mögen, und leicht
verschmertzt werden können, wenn nicht ein anderer noch weit hässlicherer Possen
darauf erfolget wäre; denn da sie aus der Capelle auf dem Rückwege begriffen
war, senckte sich ein fürchterlicher Drache fast bis zu ihrem Haupte hernieder,
und besalbete sie mit Kuh-Miste dergestalt, dass sie nicht aus den Augen sehen
konnte, wie denn auch ihr Führer nicht verschonet blieb, sondern einen ziemlichen
Teil Küh-Mist auf seinem Haupte und Kleidern aufzuweisen hatte.
    Diese Begebenheit hatte sich die gute Fräulein dergestalt zu Gemüte
gezogen, dass sie in eine tödliche Kranckheit verfiel, so, dass an ihrem Aufkommen
gezweiffelt wurde, jedoch nach Verkauff einiger Wochen liess sie sich zwar wieder
öffentlich sehen, begab sich aber bald auf die Reise nach ihren Eltern, da man
denn nach der Zeit die Fürstin noch einmal so vergnügt als vorhero sah,
ohngeachtet der Fürst, unter dem Vorwande den bevorstehenden den Feldzug gegen
den Myriwegs besorgen zu helffen, ebenfalls eine Reise, wie er sagte, nach
Ispahan antrat, und zu baldiger Zurückkunft schlechte Hoffnung machte.
    So bald als nun der Fürst fort war, zog die Fürstin, als eine sehr kluge und
vernünftige Frau, ihre Hofhaltung fast bis über die Helffte in die Enge,
danckte auch viele Bedienten ab, denen sie eben nicht sonderlich gewogen war,
was aber sonsten ihren Kleider-Staat, die Taffel und das übrige anbelangete, so
kam dennoch alles Fürstlich heraus, denn sie lebte propre und delicat, liess auch
ihren Bedienten nichts ermangeln, sondern gab denenselben zum öfftern fast
überflüssig, was sie vonnöten hatten. Sonsten aber hatte sie wenigen Zuspruch
von hohen Personen, als welches ihr denn eben nicht ungelegen war, unterdessen
kam doch bisweilen ein Fest-Tag, da sie sich mit ihren Cavaliers und Dames
vergnügte, sonsten aber war ihr Haupt-Vergnügen der Garten-Bau und dann und wann
die Tagd, auser diesen aber lebte sie in ihrem Schloss sehr stille und ruhig,
und war mehr und öffterer in ihren Zimmern, als auser demselben anzutreffen.
    Bei solcher Gelegenheit hatte ich zum öfftern das Glück, ganze halbe Tage
bei ihr zu zubringen, und zwar ganz allein in ihrem Zimmer, da wir denn die
Zeit mit allerlei nützlichen Gesprächen zubrachten. Wie ich aber mich versichert
sah, dass sie eine ganz besondere Gunst und Gnade vor vielen andern, auch so
gar vor ihren Landes-Leuten, auf mich geworffen, und gerne sah, wenn ich
dreuste und offenhertzig mir ihr redete, mir auch niemahls etwas übel nahm, wie
sie mir denn dieses alles in Holländischer Sprache, welche sie zu der Zeit nur
noch verstümmelt redete, zum öfftern sehr liebreich zu vernehmen gab, so nahm
mir vor, es zu wagen, ihr einen besondern Vortrag zu tun.
    Demnach stämmete ich einstmahls, als ich ganz alleine bei ihr im Zimmer
war, einen Arm unter den Kopf, und liess etliche Tränen aus meinen Augen fallen,
denn sie hatte mir vorhero ganz offenhertzig viel von ihren Glücks- und
Unglücks-Fallen erzählt. Wie nun die Fürstin mich fragte: warum ich Tränen
vergösse? und wer mir etwas zu Leide getan hätte? gab ich sogleich zur Antwort:
mir hat niemand das geringste zu Leide getan, diese Tränen aber, die ich jetzo
fallen lasse, fliessen aus einem Jammer-vollen Hertzen und mitleidenden Augen,
beklage anbei nichts mehr, als dieses, dass Ew. Durchl. nicht das Glück haben,
eine Christin zu sein, da sich denn Dieselben in vielen Stücken weit besser
fassen und trösten würden.
    Was? (fuhr hierauf die Fürstin als halb erzürnt auf) wer hat euch gesagt,
dass ich keine Christin wäre? fraget den Jacob, den Keller-Meister, der wird mir
Zeugnis geben, dass ich eine getauffte Christin bin, und das heilige Abendmahl
von einem Holländischen Protestantischen Schiffs-Prediger schon dreimal
empfangen habe, nach der Zeit aber haben sich meine Umstände dergestalt
verändert, dass ich dieser grossen Glückseligkeit bis hieher nicht wieder
teilhaftig werden können.
    Ich fiel demnach vor der Fürstin nieder auf die Knie, küssete vor Freuden
den Saum ihres Kleides, und weinete dabei recht bitterlich, worauf sie mich in
die Höhe hub, und mir mehr als 10. Küsse gab, aber dabei befahl, dass ich gleich
von Stunde an zu dem Keller-Meister Jacob (den sie meinen Landesmann hiess, weil
er ihr Dollmetscher in Holländischer und andern Sprachen war) hingehen, und
ihres Christentums wegen mich weiter bei ihm erkundigen, diese folgende Nacht
aber bei ihr in ihrem Zimmer bleiben sollte.
    Dieser Jacob erzehlete mir nun, nachdem ich ihm den Befehl von unserer
Fürstin überbracht, rechte Wunder-Dinge von dieser Fürstin, welche ich
nachzusagen mich zwar wohl im Stande befinde, allein es möchte vielleicht die
Geschichte dadurch allzu weitläufftig gemacht werden, darum will aus dessen
Munde nur kürtzlich so viel melden, dass diese Fürstin, als eine Prinzessin eines
benachbarten grossen Fürsten, zwar als eine Heidin geboren, und als eine
Anbeterin des Feuers erzogen worden, allein der Himmel hätte sie durch besondere
Wege, da sie ohngefehr 12. bis 13. Jahr alt gewesen, auf ein Holländisches
Schiff geführet, welches sie, aller Persianer Art nach, so wohl von aussen als
von innen mit gröster Verwunderung beschauet, und sich auf das alleräuserste
darüber vergnügt, jedoch über alles weiter nichts mehr, als über den andächtigen
Gottesdienst der Christen, weswegen sie denn gleich gebeten, dass man die Güte
haben, und sie mit nach Holland nehmen mochte, und war ganz heimlich, weiln sie
Gold und Juwelen zu Bezahlung ihrer Reise-Kosten zur billigen Genüge herbei
bringen wollte; Allein, da man ihr die Gefahr vorgestellt, welche aus dieser
Sache, wenn man ihr gleich sonsten gern willfahren wollte, entstehen könnte, indem
es vielleicht aller auf dem Schiffe befindlicher Menschen Leben auser dem
Verlust der Güter kosten könnte, so hätte sie sich nur ausgebeten, dass man sie
zu einer Christin machen möchte. Wie nun der Prediger ihr gemeldet, dass dieses
eine Sache, die so leicht nicht angienge, indem sie erstlich getaufft, hernach
in den Christlichen Glaubens-Articuln unterrichtet werden müste, so wäre sie
zwar davon gegangen, jedoch, nachdem sie sich bei ihren getreuen Wald-Leuten
etliche Tage verborgen aufgehalten, wieder zurück auf das Schiff gekommen, allwo
sie die heilige Tauffe und nach hinlänglichem Unterricht wegen der Christlichen
Glaubens-Articul, auch zum erstenmahle das heilige Abendmahl, selbiges auch nach
der Zeit noch 2. mahl empfangen, indem sich das Schiff noch etliche Monate in
selbigem Hafen aufgehalten, jedoch, weiln vielleicht eine Verräterei bei der
ganzen Sache vorgegangen, indem die Prinzessin nach der Zeit nicht wieder zum
Vorscheine gekommen wäre, welches aber seine andern ganz besondern Ursachen
gehabt hätte, so wären die Holländer zwar in gröster Gefahr gewesen, unglücklich
gemacht zu werden, allein die Sache hätte sich endlich noch verschlichen,
nachdem auf allen ausländischen Schiffen die schärffste Visitation der
Prinzessin wegen geschehen, welche Prinzessin denn von ihrem damaligen Liebsten,
als dem jetzigen Fürsten von Candahar, gewisser Ursachen wegen, wäre auf die
Seite gebracht, und auf ein bestes Schloss in Verwahrung gesetzt worden.
    Jacob erzehlete mir binnen wenig Stunden noch viele seltsame Begebenheiten
dieser Fürstin wegen, die ich aber vorjetzo verschweigen, und nur dieses melden
will, dass die Fürstin, nachdem sie ihren Gemahl schon geheiratet, ihm, dem
Jacob, zum öfftern im Vertrauen gesagt, wie sie sich auf dieser Welt nichts mehr
wünschte: als nur noch ein eintzigmahl getaufft zu werden, und auch das heilige
Abendmahl nur noch ein eintzigmahl zu geniessen, worauf sie gern und willig
sterben, und ihre Seele dem gekreuztigten Christo anbefehlen wollte, weilen ihr
Zeit ihres Lebens nicht besser zu Mute und ums Hertze gewesen, als da sie
getaufft worden und das heilige Abendmahl empfangen hätte. In diesem Stücke nun
hätte er, nämlich der Jacob, seinem wenigen Verstande nach, zwar ihr vielen
Unterricht gegeben, was nicht allein vor ein Unterscheid zwischen den beiden
Sakramenten, nämlich der heiligen Tauffe und des heiligen Abendmahls wäre, indem
die Christen nur ein eintzigmahl getaufft zu werden brauchten, nachhero aber als
bussfertige Sünder das heilige Abendmahl, so oft als sie ihr Gewissen drückte,
verlangen und geniessen könten; inmittelst aber käme es bloserdings auf den
wahren seligmachenden Glauben an Christum und dessen Verdienst an, wenn man die
Seligkeit erlangen wollte. Wie nun Jacob bezeugte, dass er ihr, als ein
einfältiger Protestantischer Christ nicht mehr, als so viel beibringen können,
so hätte sich die Fürstin doch jederzeit dergestalt eifrig und er picht darauf
erwiesen, dass er sich darüber verwundern müssen. Derowegen bat er mich, auf den
kleinen Grund, den er in der Fürstin Hertzen und Gewissen geleget, ferner fort
zu bauen, vor allen Dingen aber dahin bedacht zu sein, dass sie die Persianischen
2. Zauber-Weiber, als Anbeterinnen des Feuers, mit guter Art von sich schaffte,
da wir denn allebeide nebst noch einer dritten Person binnen kurtzer Zeit eine
rechte gute Christin aus ihr machen wollten.
    Demnach hatte mir Jacob bei meiner ersten Besuchung zur Zeit mehr als genug
gesagt. Als ich demnach zu behöriger Stunde mich bei meiner Fürstin einstellete,
und dieselbe auskleiden helffen, befahl sie mir, da die andern weggiengen, noch
etwas zu verweilen, indem sie noch ein und andere Haus-Geschäffte mit mir zu
überlegen hätte; allein, es war weit gefehlt, denn so bald die andern fort
waren, fiengen wir ein christliches Gespräch an, da sie mich denn zu allererst
fragte: ob ich mit dem Jacob ihrentwegen gesprochen, und da ich solches mit Ja
beantwortete, führete sie mich in ihr geheimes Zimmer, und brachte nicht allein
eine Holländische Bibel, sondern auch noch mehrere Protestantische Bücher, alle
sehr sauber eingebunden, herbei, und sagte: Diese Bücher verwahre ich besser,
als alle meine Kleinodien und Schätze, weiln ich in Gegenwart anderer Personen
darinnen zu lesen mich nicht getrauen darff, derowegen muss zum öfftern die
Mitternachts-Stunden mit zu Hülffe nehmen, nur ungestöhrt und ganz alleine zu
sein; Nunmehro aber (sagte sie weiter) habe ich keine Furcht mehr, denn wenn ich
ja darüber betroffen werden sollte, so will ich sagen, dass es eure Bücher wären,
die ich nur bisweilen zum Zeitvertreibe durchblätterte. Inmittelst werde mich,
da ihr nun bei mir seid, eiferiger, als jemahls, bemühen, mich im wahren
Christentume zu üben, um eine vollkommene Christin zu werden, denn ich will
durchaus nicht als eine Heidin sterben, nach meinem Tode aber, wenn es meine
Feinde erfahren haben, mögen sie mit meinem Cörper machen, was sie wollen.
    Dieser Vorsatz und die übrige Aufführung der Fürstin strengeten mich dahin
an, dass ich mein Leib und Leben gern und willig vor sie gelassen hätte;
unterdessen fiössete ich ihr aber immer bei guter Laune diejenigen Lehren ein,
welche mir mein lieber Amsterdamer Priester in das Hertz und in den Kopf gesetzt
hatte, welche denn immerzu bei ihr Statt funden; nur aber hatte ich zu bedauern,
dass mir die Persianischen Zauber-Weiber immerzu in den Weg traten, und
gemeiniglich dasjenige verderbten, was ich, als eine einfältige Christin, in der
Fürstin Hertzen gesäet und gepstantzet hatte.
    Wenige Nächte darauf, nachdem die Persianischen Zauberinnen der Fürstin fast
nicht von der Seigte gekommen, liess mich dieselbe ziemlich späte zu sich ruffen,
da sie mir denn treuhertzig offenbarete, dass ein gewisser benachtbarter Pr. - -
bei Gelegenheit des Abwesens ihres Mannes dasjenige zu erhaschen suchte, warum
er sich schon seit einiger Zeit viele vergebliche Mühe gegeben. Derowegen sollte
ich doch bei ihr bleiben, und nur mit ansehen, wie sie diesen verliebten
Ehebrecher abfertigen wollte, möchte aber nur sagen, in was vor Gestalt er vor
uns erscheinen sollte, ob: als ein Ochse, Löwe, Bär, Hirsch, oder anderes wildes
Tier, oder als ein Vogel von dieser oder jener Art? da sie denn sich mit ihrer
Kunst sogleich nach mir richten, und ihren Liebhaber, den sie aber nimmermehr
lieben wollte, sogleich in der Mitternachts-Stunde zur Stelle schaffen wollte.
Ohngeachtet ich nun die Fürstin hierbei ganz inständigst bat, diese Possen,
zumahlen in Abwesenheit ihres Herrn Gemahls, bleiben zu lassen, so liess sie doch
nicht ab, mich zu quälen, bis ich, (da sie sich hoch und teuer verschworen, dass
mir nicht das geringste Leid wiederfahren sollte) endlich sagte: Ey! so lassen
Sie ihn in der Gestalt eines Papagoyen kommen, damit sie doch nur etwas mit ihm
sprechen können. Worauf sie mir zur Antwort gab: Versteckt euch hinter die
Tapeten, und wartet nur eine eintzige halbe Stunde, so soll er da sein. Ihrem
Befehle gehorsamete ich, und versteckte mich hinter die Tapeten, ward auch
gewahr, dass, nachdem sie ein grosses Fenster eröffnet, und selbst noch etliche
Wachs-Lichter angezündet hatte, ein Papagoy zum Fenster herein gehüpft kam, und
sich fein säuberlich auf der Fürstin Nacht-Tisch setzte, auch ohngenötiget
allerlei Arten von Confituren in seinen krummen Schnabel nahm, und dieselben
verschlunge, ja er entblödete sich nicht, nachdem ihm die Fürstin eine ziemlich
grosse silberne Schaale voll Wein eingeschenckt, erstl. hertzhaft zu trincken,
hernach sich darinnen zu baden. Ich vor meine Person konnte mich des lauten
Lachens fast nicht mehr entalten, da aber der Papagoy und die Fürstin mit
einander zu schwatzen anfiengen, spitzte ich die Ohren, und hörete ganz lustige
Begebenhetten, hielt mich aber so still, als nur immer möglich war, bis der
Papagoy in die Schaale hackte, mitlerweile auch noch viele Stücke Confect zu
sich genommen hatte, da ihm denn die Fürstin die Schaale noch einmal voll
schenckte, woraus er sich erst dicke und satt soff, hernachmahls zum andernmahle
badete, sodann auf der Fürstin weiss gemachtes Bette zuflog, und dasselbe
ziemlicher Massen verunreinigte; allein die Fürstin nahm sogleich ihren weissen
Stab klopffte damit 3. mahl auf den Tisch, da denn der Papagoy sogleich, wie
eine Taube zum Fenster hinaus flog, weiln er zumahlen vielleicht mein Husten
hinter den Tapeten mochte vernommen haben.
    Wie gefiel euch diese Begebenheit? (fragte mich die Fürstin) Ich konnte nun
nicht anders sagen, als dass ich über den Papagoy und dessen Aufführung hätte
hertzlich lachen müssen. Ihr habt wohl recht, (redete die Fürstin weiter)
gewisser Ursachen wegen hätte ich ihn wohl einiger Massen züchtigen sollen,
allein es mag ihm vor diesesmahl geschenckt sein, doch Morgen Nachmittags sollet
ihr eure Lust sehen, wie ich die geilen Böcke und brünstigen Hirsche züchtigen
kann und will: Denn es haben so wohl der Jazzan, als der Arab-Ogli, als welche
ihr alle beide wohl kennet, mich dahero fast täglich mit unkeuschen Briefen
gequälet, und verlangt, dass ich ihnen einen geheimen Zutritt und gehorsamste
Aufwartung bei mir zu machen vergönnen möchte. Um nun diese geilen Ehren-Diebe
los zu werden, so habe sie auf Morgen beide zu einer gewissen Stunde in das im
grossen Garten befindliche Lust-Haus bestellet, als in welchem ich mich zu einer
bestimmter Stunde wollte antreffen lassen, es weiss aber keiner von des andern
Suchen und Verlangen, ohngeachtet sie beide auf einerlei Schand-Wegen gehen.
Wenn sie nun kommen, so sollet ihr, meine liebe Anna, eure Lust sehen, wie ich
diese Bösewichter bezahlen will.
    Demnach begab sich die Fürstin des andern Tages gleich nach der
Mittags-Mahlzeit in das Lust-Haus des grossen Baum-Gartens, und lockte zugleich
12. bis 16. grosse, mittelmässige und kleine Hunde hinter sich her, die sie alle
zusammen in das unterste grosse Zimmer des Lust-Hauses einsperrete, die Fürstin
aber ging mit mir höher hinauf, allwo wir denn einige herbei geschafte
Erfrischungen zu uns nahmen, und die Ankunft der Herren Liebhaber abwarten
wollten, ihnen auch unter vielen Schertz-Worten beständig entgegen sahen. Wie nun
der Fürstin die Zeit etwas zu lang zu werden begunte, so ging sie selber hin,
und machte die grosse Hinter-Tür des Baum-Gartens auf, worbei ich bemerckte,
dass sie viele kleine Pflöckgen schnitzte, und dieselben nicht allein bei der
Tür-Swelle, sonden auch hie und da in die Erde einschlug.
    Endlich kam sie zu mir in das obere Zimmer herauf zurück, befahl, dass Caffée
vor sie zubereitet werden sollte; wie nun dieses aber schon geschehen war, so
tranck sie etliche Tassen, und gab unterdessen beständig Achtung auf die Tür,
worauf wir denn gar bald einen ungemein grossen Hirsch, der ein vortreffliches
Geweihe auf seinem Kopfe trug, eintreten sahen. Sehet, liebe Anna! sagte die
Fürstin, das ist der Arab-Ogli; aber lasset ihn nur näher kommen, bis der Bock
Jazzan auch eingetreten ist. Dieses geschahe nun nach Verlauff ewta einer
Stunde, da den Jazzan, so bald er nur die Tür-Schwelle überschritte, sich
sogleich in einen Stein-Bock verwandelte. Beide Tiere machten sich einander
entgegen, u. es schien mir nicht anders, als ob sie ordentlicher Weise mit
einander Sprache hielten. Jedoch die Fürstin vergönnete ihnen nicht lange Zeit,
sondern ging hinunter in das unterste Zimmer, wo die Hunde eingesperret waren,
tipfte jeden Hund mit ihrem weissen Stabe auf den Kopf, und liess nachhero die
Hunde auf einmal alle heraus, da denn im Garten eine solche Kater-Jagt
entstunde, dass ich, die ich oben an einem kleinen Gatter-Fenster sass, mich fast
hätte mögen zum Narren lachen. Diese Jagd währete fast über 2. Stunden, bis so
wohl der Hirsch und der Stein-Bock, als die Hunde ganz abgemattet und ermüdet
auf dem Platze liegen blieben. Endlich aber, nachdem so wohl der Hirsch, als der
Stein-Bock ihren Rückweg genommen, kamen auch die Hunde, nachdem ihnen die
Fürstin ein Zeichen mit einem Jagd-Hörnlein gegeben, ganz unbeschädigt zurück,
so wohl wie ihr gesagtes Wild denn ebenfalls unverletzt geblieben, und sich auf
ihre Strassen begeben hatte.
    Diese Jagd mag ich wohl den Haupt-Spas nennen, welchen ich jemahls in meiner
ganzen Lebens-Zeit gehabt, ja, ich hatte mich wirklich über das Springen des
Hirsches und des Stein-Bocks dergestalt zu Schande gelacht, dass ich es nachhero
fast in 8. Tagen nicht verwinden konnte.
    Dergleichen lustige Streiche spielete die Fürstin in nachfolgenden Tagen und
Zeiten noch viel mehrere, die ich aber vorjetzo eben nicht auf das Tapet bringen
will, weilen meine Geschichts Erzehlung sonsten gar zu weitläufftig werden
möchte; da ich sie aber eines Abends in gröster Andacht bei der Bibel und andern
christlichen Büchern sitzend antraff, und die Fürstin mich fragte: »Nun, meine
liebe Anna! wie hat euch meine bisherige Aufführung gefallen?« so gab ich ihr
zur Antwort: Ungemein wohl, gnädigste Fürstin, allein wie stimmer Christus und
Belial zusammen? Sie wollen eine getauffte Christin sein, und heissen, und
treiben doch so viele Wercke, woran der Satan den grösten Teil hat, das
Christentum aber Gefahr läufft. Ich schlug ihr hier auch das Capitel in der
Bibel auf, worinnen gemeldter Spruch, benebst der ganzen Geschichte zu lesen
ist, und hielt ihr dabei eine kleine Buss- und Gesetz-Predigt, wie ich dieselbe
von meinem lieben Amsterdamer Priester sehr öffters gehöret hatte, da sie denn
auf einmal angelobte, diese Zauber-Possen hinführo bei Seite zu legen und die
Schwartz-Künstlerinnen unter einem guten Vorwande, mit reichlichen Geschencken
begabt, von sich zu schaffen. Dieses gelobte sie mir mit Tränen an, hielt auch
ihr Wort, denn die Persianischen Zauber-Weiber und Anbeterinnen des Feuers
wurden mit guter Manier fortgeschickt, worauf sich denn die Fürstin zu meinem
allergrösten Vergnügen angelegen sein liess, das Christentum auf das
allerfleissigste auszuüben, nach der Zeit aber den Jacob nebst seiner Frau, die
ebenfalls eine Protestantin war, und mich zu ihren Vertrauten erwehlete.
    Demnach machten wir binnen wenig Wochen, unserer Einfalt nach, aus der
Fürstin eine rechte gute Christin denn sie lebte dergestalt ordentlich und
stille, dass an ihrem ganzen Lebens-Wandel nichts auszusetzen war. Ihr Vergnügen
aber suchte sie zu gewissen Zeiten auf der Jagd und bei dem Garten-Bau, als
worinnen ich ihr zur Verbesserung desselben verschiedene Anweisungen gab, die
ihr nicht allein sehr wohl gefielen, sondern sie spürete auch gar bald die Lust
und den Nutzen davon.
    Unvermutet kam der Fürst, ihr Gemahl, von Ispahan zurück, bezeigte sich
ungemein vergnügt, seine Gemahlin in so gutem Wohlstande und besserer Verfassung
anzutreffen, brachte auch derselben recht ungemein kostbare Geschencke mit; ja
auch die allergeringsten Bedienten wurden von ihm sehr reichlich beschenckt. Er
hielt sich damahls 2. ganzer Jahre in seiner Residentz bei seiner Gemahlin auf,
und binnen dieser Zeit wurde gegenwärtige Prinzessin Mirzamanda von meiner
werten Fürstin zur Welt gebracht. Als nun jetzt gemeldter Fürstin die
Geburts-Schmertzen ankamen, und zwar in einem mitten im Walde gelegnen grossen
Jagd-Hause, verlangte sie mit aller Gewalt, dass ich bei ihr bleiben sollte; ob
ich nun zwar vorschützte: wie ich eine Frau wäre, die wohl einen Mann, aber doch
niemahls ein Kind gehabt hätte, mich also zu dergleichen Begebenheiten ganz und
gar nicht schickte, so musste doch der Fürstin Wille erfüllet werden, und ich
fast gezwungener Weise, um nicht etwa die Ungnade des Fürsten zu verdienen, bei
der Fürstin bleiben, welche ganz heimlicher Weise nach dem Jacob und seiner
Frau schickte, und dieselben zu sich beruffen liess. Nachdem nun Jacob nebst
seiner Frauen in denen Mitternachts-Stunden sich bei ihr eingestellet, liess sie
diese beiden sogleich zu sich in ihr Zimmer kommen als in welchem ich mich ganz
allein zu ihrer Aufwartung befand, nahm das kaum vor 48. Stunden glücklich zur
Welt gebohrne Kind aus der Wiege heraus, gab es mir auf die Arme, und sprach:
Ich beschwöre euch alle 3. Personen bei dem allmächtigen GOtte und der ganzen
Hochheiligen Dreifaltigkeit, dass ihr drei Personen mir dieses mein neugebohrnes
Kind, auf Christi Blut und Gerechtigkeit, nach Christlicher Art und Weise
tauffen sollet, und dessen Tauff-Zeugen werden wollet, indem ich durchaus nicht
haben will, dass diese meine Tochter als eine Anbeterin des Feuers, der Sonne,
Mond, Sterne, oder anderer Getzen soll auferzogen werden.
    Hierauf nahm ich die kleine Mirzamanda mit uns in ein kleines Neben-Zimmer,
allwo sie Jacob nach heiligem Gebrauche tauffte, und ihr den Nahmen Christiana
beilegte, den Heiden zu Gefallen nenneten wir sie aber jedennoch immer noch
Mirzamanda, und zwar aus Furcht.
    Mitlerweile war keins von den Heiden das geringste von dieser Begebenheit
gewahr worden, und die Fürstin beschenkte den Jacob und seine Frau ungemein
reichlich, nachdem ich ihr meinen Bericht wegen der glücklich abgelauffenen
Tauffe abgestattet hatte. Ich hatte das Glück, Kinder-Frau bei dieser jungen
artigen Prinzessin zu werden, und hatte 3. Kinder-Mägde unter meinem Befehle,
die das Kind nach meiner Verordnung auf das allerbeste und behutsamste warten
und pflegen mussten.
    Der Fürst hatte eine ungemeine Freude bei dem Anblicke dieser seiner schönen
Tochter, allein er konnte dieselbe nicht lange geniessen, indem er abermals nach
Ispahan zu reisen sich gezwungen sah, da er denn länger aussen blieb, als wir
gedachten, endlich aber plötzlich zurücke kam, und die unangenehme Zeitung
mitbrachte: Was Massen es alle Umstände nicht anders erforderten, als dass er
selbste mit zu Felde, und dem Feinde entgegen gehen müste. Demnach wurde sein
Feld- und Kriegs-Gerätschaft gleich in geschwinder Eille zu rechte gemacht;
die Fürstin aber wollte damahls sich nicht aus dem Siñe reden lassen, ihrem
Gemahle zu folgen, ohngeachtet sie ihr säugendes Kind hatte, welches kaum ein
und ein halb Jahr alt war, ihr Gemahl auch ihr selber aufs beweglichste
zusprach, nur dissmal noch mit ihrem Kinde zu Hause zu bleiben, weiln sie sich
ganz und gar keiner Gefahr zu besorge hätte; Allein, weiln sie so gesinnet war,
dass ihr der Wille, der einmal in das Hertz und Kopf gestiegen war, durchaus
erfüllet werden musste, so hatte sie ehe keine Ruhe, bis man ihre
Feld-Reise-Gerätschaft auch zu rechte machte, da sie denn ihrem Gemahle, so zu
sagen, auf dem Fusse nachfolgte, ich aber benebst der kleinen Prinzessin mussten
auch mitreisen. Die Reise zwar war eben nicht allzu beschwerlich, indem wir
abwechselten, und uns bald in Wagens, bald auf Camele oder Elephanten setzten,
nach Gefallen aber in Sänften konten tragen lassen; allein es gefiel mir
dennoch nicht, hergegen stellete sich die junge Prinzessin dergestalt lustig und
munter dabei an, als ob sie zum Reisen geboren wäre. Es ging aber in diesem
Feld-Zuge sehr scharff her, und vor uns am allerschärffesten: denn da unsere
Völcker eines Morgens von den Feinden geschlagen und zerstreuet worden, kamen
von den Unseringen viele um den Wagen herum, worinnen die Fürstin und die kleine
Prinzessin fassen, die ich auf meinem Schoss und in meinen Armen hatte, welche
uns insgesamt warneten, ja nicht weiter zu fahren, woferne wir nicht ein Raub
der Feinde sein wollten, die gleich hinter ihnen wären; gaben anbei den Rat, dass
wir lieber aussteigen, und uns in dem dicken Gebüsche verbergen sollten. Die
erschrockene und beängstigte Fürstin, nachdem sie auf ihr Fragen: ob ihr Gemahl
noch lebte, berichtet worden, dass er noch gesund sei, und sich dem Feinde immer
noch tapfer wiedersetzte, fassete den jählingen Schluss, aus dem Wagen zu
steigen, und sich in das dicke Gebüsche zu begeben. Indem sie nun ausstieg,
befahl sie mir, ihr mit dem Kinde auf dem Fusse nachzufolgen, auch eine Flasche
Wein, nebst der eingepackten kalten Küche und etwas Confect hinter ihr
herzutragen, indem sie recht sehr durstig und hungrig wäre. Ich machte mich
sogleich fertig, ihr zu folgen, und traff die gute Fürstin auf einem grossen
Steine unter einem grünen Strauche sitzend an, gab ihr ihre liebe Tochter in die
Arme, welche sie sogleich an ihre Brust legte, ich aber liess mich unter dem
Steine zu ihren Füssen vieder, und legte mein Haupt in ihren Schoss. Kaum war
dieses geschehen, da ein schneller Pfeil aus dem gegen über stehenden Gebüsche
heraus geflogen kam, und accurat über meinem Haupte in der Fürstin schöne Brust
fuhr, so, dass ich fast vom Haupte bis zu den Füssen mit ihrem Fürsten-Blute
gefärbt, ja recht eingetränckt wurde, denn sie war ein sehr vollblütiges
Frauenzimmer.
    Das allerjämmerlichste Spectacul, dergleichen ich Zeit meines Lebens
niemahls mit Augen gesehen, und worbei mir selber das Hertz im Leibe recht
blutete, fiel mir dergestalt empfindlich, dass ich von einer würcklichen Ohnmacht
befallen wurde, zumahlen, da ich, indem ich meine Augen noch in etwas empor hub,
beobachtete, dass die kleine ebenfalls mit Blut befärbte Mirzamanda mit beiden
Händen, und zwar aus äusersten Kräfften, beschäfftiget war, den Pfeil aus ihrer
Mutter Brust heraus zu reissen, weswegen ich denn vollends in eine so starcke
Ohnmacht geriet, dass ich von meinen Sinnen nicht wusste, und weder sehen noch
horen konnte.
    Jedoch nach Verlauff etwa einer halben Stunde, begunten sich meine Geister
in etwas wieder zu ermuntern, da ich denn gewahr wurde, dass nicht allein der
Fürstin, sondern auch meine, ja so gar der kleinen Prinzessin Kleider
ausgesucht, jedoch aber, wieder hingeworffen wurden. Ihrer 4. von den Feinden
aber hatten die besondere Gefälligkeit, den schönen Cörper der Fürstin auf
etliche mit ihren Säbeln abgehauene grüne Reiser auf ein grünes Plätzgen zu
legen, und denselben mit noch mehr grünen Laub-Reisern zu bedecken, und zwar
sehr starck. Dieses gefiel mir in so weit ganz wohl, da aber einer von den
Feinden kam, und mir das Kind aus den Armen riss, auch mit demselben davon
eilete, folgte ich ihm auf dem Fusse nach; Es begegneten mir zwar einige
feindliche Soldaten, welche sich über meinen seltsamen blutigen Habit
verwunderten, jedoch mich ohngehindert gehen liessen, so, dass ich beobachten
konnte, in welche Hütte das Kind getragen wurde. So bald ich demnach dieses
gewahr worden, machte ich mich ganz dreuste in die Hütte hinnein, indem ich
mich darauf verliess, dass ich noch ungemeine kostbare Kleinodien, Diamanten, und
andere Edelgesteine, oben in dem Neste meiner Haare, unter der Haube, verborgen
hatte, als worauf sich vermutlich unsere Plünderer nicht mochten besonnen
haben. Wie ich nun die Sache weiter untersuchte, so befand es sich, dass meine
Prinzessin in die Hütte einer feindlichen Officiers-Frau geraten, deren Mann
von mittelmässigem Range war, so bald mich aber das kleine Ding nur zu sehen
bekam, hörete es nicht auf zu ruffen: Ah, mi Anna! Ah, mi Anna! Die Leute
verwunderten sich ungemein über den Verstand dieses Kindes, wollten also unter
der Hand von mir erforschen, wem dieses Kind zugehörete; jedoch, da ich in
vielen Tagen nicht vom Hinterteile einer Henne gespeiset hatte, müste mich ein
törichter Geist regiert haben, wenn ich gesagt hätte: dass diss die eintzige
Prinzessin des Fürsten von Candahar wäre. Nein! das tat Frau Anna nicht,
sondern, weilen ich befürchtete, dass man vielleicht ein etwa allzu starckes
Löse-Geld vor diese kleine Prinzessin fordern möchte, so sagte ich, sie wäre die
Tochter eines Obristen von der Reuterei, welcher, wie ich schon vernommen, im
letzteren Treffen geblieben, ihre Mutter aber nachhero durch einen unvermuteten
Pfeil-Schuss getödet worden.
    Zu meinem Glück liess sich ein Jude im Lager erblicken, da ich denn bei
Nachts-Zeit mein Nest aufmachte, und 3. Diamanten von ziemlichem Wert heraus
langte, diese 3. Diamanten nehete ich sogleich in meinen lincken Ermel, trennete
hernach in Gegenwart aller Anwesenden und des Juden dieselben wieder heraus, und
sagte: Dieses ist es alles, was ich und mein Kind von der Plünderung übrig
behalten haben; der Jude aber verliebte sich sogleich in die Diamanten, und
bezahlete mir dieselben noch so ziemlich, dergestalt, dass ich nicht allein von
selbigem Gelde unsere Zehrungs-Kosten bei der Officiers-Frau, sondern auch
diejenigen voraus bezahlen konnte, die mich von da an bis Candahar zu begleiten,
sich von selber angaben, welchen ich noch dreimal so viel zu geben versprach,
als ich ihnen schon gegeben hatte, woferne sie uns nur glücklich hin, nach
Candahar, brächten.
    Der Himmel halff, dass wir diese beschwerliche Reise nach vielen zurück
gelegten Tagen und Nächten glücklich überstunden, indem kein Fuhrwerck zu
bekommen war, und ich mit dem Kinde zu Fusse nicht wohl fortkommen konnte. Den
Fürsten traffen wir zu Hause an, und er stellete sich über den Verlust seiner
Liebste, nachdem ich ihm alle Begebenheiten recht umständlich erzählt, fast
untröstlich an, doch bemerckte ich, dass die Fräulein von N. in wenig Tagen
wieder bei Hofe zum Vorscheine kam, weilen aber dieses mich nichts angieng, als
war meine Haupt-Sache die Prinzessin, welche der Herr Vater als seinen
Aug-Apfel liebte, auf das allerbeste zu warten und zu pflegen; wie nun der Fürst
nicht allein meine Treue und Fleiss, sondern auch die besondere, ja ganz
ungemeine Liebe, welche seine eintzige Tochter gegen mich hegte, in Betrachtung
zog, so gab er dieser seiner Tochter einen eigenen Pallast ein, bestellete mich
zur Hofmeisterin und Pflegerin über dieselbe, wie auch noch mehrere Bediente,
und richtete im übrigen die Hofstadt dieser kleinen Tochter dergestalt ein, dass
ich dieselbe mit einem Worte, Fürstlich nennen will.
    Bei meiner kleinen untergebenen Prinzessin versäumete ich also nichts, ihr
das Christentum sogleich in der zarten Jugend einzuflössen, weswegen ich denn,
so viel als nur immer möglich war, die Heidnische Bedienung von ihr abhielt und
zurücke trieb, hergegen den Jacob nebst seiner Frauen, und noch einer am Hofe
befindlichen Protestantischen Christin an mich zog, mit deren Beihülffe ich ihr
nicht allein die Holländische Sprache so ziemlicher Massen reden lernete,
hauptsächlich aber im Christentume unermüdet unterrichtete, denn Jacob war ein
Mann, der, so zu sagen, fast einen Priester und Prediger vorstellen konnte.
Demnach erlernete die Prinzessin immer nach und nach die auserlesensten
christlichen Gebete und Psalmen auswendig sprechen, mit Singung ein- oder
anderer geistreicher Lieder durffte es sehr selten wagen, weilen die Heiden
sogleich die Ohren darüber spitzeten, unterdessen lehrete ihr Jacob das Lesen,
Schreiben und Rechnen, wobei sie denn ihren ungemeinen Verstand zu unserm
Vergnügen dergestalt blicken liess, dass wir in eine erstaunliche Verwunderung
darüber gerieten. Unter allen Tugenden aber, welche diese Prinzessin gleich in
ihrer zarten Jugend von sich blicken und spüren liess, war die Verschwiegenheit
wohl eine von den vornehmsten Haupt-Tugenden: denn sie hatte dergestalt reinen
Mund zu halten gelernet, dass sie alles dasjenige, was ihr auszusagen verboten
wurde, bei sich behielt, eben als wenn es in einen Stein eingegossen wäre.
    Der Fürst wohnete nicht allein allen Feldzügen bei damahligen schweren
Kriegen in eigener Person bei, und kam offtermahls sehr starck verwundet zurück,
so bald er aber nur halwege ausgeheilet war, nahm er immer eine weite Reise nach
der andern vor, so, dass wir uns seiner Gegenwart wenig zu erfreuen hatten.
    Mittlerweile lieffen die Jahre eines nach dem andern dahin, und Mirzamanda
wurde endlich mannbar, da denn der Fürst, als er einstmahls plötzlich wieder von
Ispahan zurück kam, sich über ihre schöne Person und ganze Aufführung ungemein
erfreuete. Er beschenckte nicht allein mich, sondern auch alle Bedienten
dergestalt reichlich, dass wir fast darüber erstauneten, rühmte und lobete anbei
unsern Fleiss und Bemühung wegen guter Auferziehung seiner eintzigen liebsten
Tochter über alle Massen, und versicherte uns seiner fernern beständigen Gnade.
    Meine Person bildete sich vor allen andern so wohl auf das beigelegte Lob,
als wegen der empfangenen kostbaren Geschencke nicht wenig ein, und sah mit
Vergnügen, dass der Fürst mit seiner eintzigen liebsten Tochter auf das
allerzärtlichste, und zwar bei allen Gelegenheiten umgieng.
    Allein, das Spiel bekam binnen wenig Wochen ein ganz anderes Ansehen, denn,
nachdem der Fürst seine Prinzessin nicht allein sehr öffters mit sich auf die
Jagd, sondern auch zu andern Lustbarkeiten genommen, wollte er sie bei gewissen
Fest-Tagen auch dahin zwingen, seinem Abgötter-Dienste mit beizuwohnen, und
sonderlich das Feuer und die Sonne, Mond und Sterne anzubeten; wie sich nun die
Prinzessin dessen in vielen Stücken geweigert hatte, seinen Willen zu
gehorsamen, so wurde der Fürst zornig, so wohl über die Prinzessin, als mich,
und liess uns alle beide in unsern Zimmern mit davor gestellten Wachten
gefänglich verwahren, nachdem er zu der Prinzessin diese Worte gesprochen: »Wo
ich mich nicht irre, so wirst du ganz gewiss eine Christin sein, und ich will
darhinter kommen, wer dich darzu gemacht hat, denn das Christentum hat deine
Mutter um ihr annoch sehr junges Leben gebracht.«
    Anfänglich wurde mir angst und bange, jedoch, da ich mich mit der Prinzessin
in einem Zimmer befand, welches nur durch eine leichte Tapeten-Wand in etwas
unterschieden war, wir auch die kostbarsten Speisen und Geträncke, ingleichen
sonsten alles, was wir verlangten, im Uberflusse bekamen, fassete ich mir auf
einmal einen Mut, in Hoffnung, wenn auch die ganze Sache heraus käme, und
bloss auf mich allein geschoben würde, mir der Hals dennoch dieserwegen eben
nicht könnte gebrochen werden, es wäre denn, dass Gewalt vor Recht gienge. Jedoch
meine Sorgen und Bangigkeiten waren dessfalls vergebens, denn der Fürst gewöhnete
sich bald an, dass er alle Abende zur Prinzessin kam, und das Schach-Spiel mit
ihr spielete, als in welchem Spiele sie ungemein fertig und glücklich war. Bei
dieser Gelegenheit aber hatte der Satan sein Spiel, und verleitete den Fürsten
dahin, dass er seiner leiblichen Tochter Unzucht zumutete, derselben auch unter
den grösten Schmeicheleien und grossen Versprechungen seine heftige Liebe
antrug, und um die Erfüllung seines Willens auf das allersehnlichste anhielt.
Wie ich nun über diese Begebenheit recht erstaunete, so fand mich doch bald auf
das allerkräfftigste getröstet, da ich vernahm (denn ich konnte durch ein
verborgenes Schau-Loch alles sehen und hören, was in der Prinzessin Zimmer
vorgieng) dass sie die Versuchungen ihres Vaters, vornemlich aber des Teufels,
mit einem heldenmütigen Geiste von sich abschlug. Was Massen sie den
christlichen Glauben angenommen, bekennete sie freimütig und darbei dieses, dass
sie niemand sonsten mehr und heftiger darzu verleitet hätte, als ihre
unglücklicher Weise verstorbene leibliche Mutter, und der auch noch in ihrem
Tode zu Gefallen wollte sie eine Christin bleiben, bis an ihr Ende, man möchte
auch mit ihr machen, was man nur immer wollte, indem sie gewiss glaubte, dass ihre
Mutter, die eines zwar schmertzlichen Todes gestorben, dennoch aber ganz gewiss
in der seligen Ewigkeit sich befinden müsse; weilen dieselbe, so lange bis ihr
der letzte Atem ausgegangen, immer die beiden Worte: JEsus! CHristus!
ausgeruffen, und eben dieses wäre ja der Mann, der alle Menschen, die an ihn
glaubten, selig machen könnte.
    In diesem Stück begieng die Prinzessin keine Lügen, denn so bald der Pfeil
der verstorbenen Fürstin in die Brust fuhr, rief sie gleich zu dreien mahlen
JEsus! JEsus! Christus! und wiederhohlete diese Worte so lange, bis ihr der
letzte Atem entgieng, dannenhero ich diese Fürstin eben nicht gäntzlich
verdammen kann, zumahlen, da ihre übrige Lebens-Art in allen Stücken sehr wohl
eingerichtet war, ausgenommen, was die Possen-Spielereien aus der Schwartzen-
anbetrifft, weswegen, wenn ich ihr dann und wann wohl öffters das Gewissen
rührete, sie mir aber zur Antwort gab: Ihr sehet ja, liebe Anna! das dieses nur
ein Narren-Werck und Gauckel-Spielerei ist, womit ich zwar einen und den andern
zuweilen am Leibe, jedoch niemahls gefährlich, geschweige denn an der Seele
beleidige, mitin, da das allermeiste von meinen Künsten und Wissenschaften
natürlich zugehet, ich aber mit den bösen Geistern ganz und gar keine
Gemeinschaft habe, so kann dieses eben nicht allzu sehr wider das Christentum
streiten. Jedoch (sagte sie denn öffters im rechten Ernste) ich kann ja alle
diese Narrens-Possen ohne besondern Hertzens-Zwang bleiben lassen.
    Damit ich aber in meiner Geschichts-Erzehlung den Krebs-Gang vermeide, und
nicht wieder auf das schon vorhin gemeldete gerate, so will nur dieses weiter
berichten; dass der Fürst über die tapfermütigen und hertzhaften Worte, die
seine Tochter in gröstem Eifer vorbrachte, dergestalt in Zorn gebracht wurde,
dass er plötzlich von seinem Sofa aufstund, und sich von dannen, nach seinem
Zimmer begab, ohne, wie er sonsten zu tun pflegte, der Prinzessin einen Kuss auf
eine geruhige Nacht zugeben. Mir fieng schon, ehe ich mich noch zu Bette legte,
etwas Ubels zu träumen an, doch, da ich mich hingelegt hatte, kam die
Prinzessin, scharrete sich bei mir ein, und klagte mit weinenden Augen die nie
erhörten Versuchungen ihres leiblichen Vaters, welchen sie zwar entgegen
gesetzt, dass dieses, was er von ihr verlangte, eine so wohl bei Christen,
Heiden, Juden, ja auch bei den allerungezogensten Völckern, eine verdamte und
verfluchte Sache sei, allein, er bliebe immerzu auf diesem Vorurteile bestehen:
»dass, wer den Baum gepflantzet hätte, der habe auch das Recht, die ersten
Früchte davon zugeniessen etc.« Wie ich nun aber vollkommen überzeugt wurde, dass
die Prinzessin einen recht gräulichen Abscheu vor diesem Laster, nämlich der
Unzucht, hauptsächlich aber der Blutschande hatte, so stärckte ich dieselbe in
ihrem Glauben, und zeigte ihr nach meiner Einfalt, dass dieses eine allen
göttlichen, weltlichen und natürlichen Gesetzen und Rechten platterdings zuwider
lauffende Sache sei. Wesswegen sie mir auch mit heissen Tränen angelobt, sich
auf solche Art nimmermehr betören zu lassen, sondern in diesem Stück ihrem
Vater jederzeit den alleräusersten Wiederstand zu tun, und wenn es auch ihr
Leben kosten sollte.
    Folgenden Morgens wurde Mirzamanda befehliget, sich in schneller Eile
anzukleiden, und zu rechte zu machen, weilen sie mit dem Fürsten, ihrem Herrn
Vater, ausfahren sollte. Sie gehorsamete, nahm Abschied von mir, und ihre Fahrt
ging nach einem uralten Heiden-Tempel zu, bei welchem ein solenner Götterdienst
und Opferung angestellet war, die Prinzessin aber liess sich in keinem Stücke,
weder durch gute, noch durch Droh-Worte des Fürsten, dahin bewegen, auch nur die
geringste Ceremonie mit zu machen, sondern sie führete sich, so wie ich, ganz
stille und gelassen darbei auf, wollte auch nicht einmal etwas von der
Heidnischen Opfer-Mahlzeit geniessen, indem sie sich aus gewissen Ursachen ein
Gewissen darüber machte.
    Noch selbigen Abends, da der Fürst kaum nach Hause gekommen war, kam er
alsobald in der Prinzessin Zimmer herauf gegangen, und stellete seine Tochter
recht sehr scharff zur Rede, und zwar um dessentwegen, dass sie nicht alles
mitgemacht, und sich so bezeigt, wie er selber getan hätte; Die Prinzessin gab
hierauf ganz freimütig zur Antwort: Mein Vater und Fürst! du wollest mir alles
das, was ich des vergangenen Tages verfehlet, zu Gnaden halten, und mir
dieserhalb Vergebung angedeihen lassen. Denn mir, als einer getaufften Christin,
ist nicht erlaubt, auch den geringsten Götzen-Dienst zu begehen, vielweniger den
Götzen zu opfern, oder von der dieserwegen von den Heiden angestelleten Mahlzeit
etwas zu geniessen, wie mich denn die heilige Schrifft dieses lehret, zumahlen,
da ich in meiner heiligen Tauffe durch den Mund und Zungen meiner 3.
Tauff-Zeugen, dem Teufel so wohl, als allen seinem Werck und Wesen gäntzlich
abgesagt, anbei mich verbindlich gemacht, weiter an nichts zu glauben als an die
hochheilige Dreifaltigkeit, nämlich, Vater, Sohn und heiligen Geist; ferner aber
meine Lebens-Art so einzurichten, wie sie mir in der heiligen Bibel, als dem
wahren Worte GOttes, vorgeschrieben ist.
    So bist du denn schon getaufft? (fragte der erzürnte Fürst weiter:) Ja, mein
Fürst und Vater! (versetzte ihm die Prinzessin) ich bin getaufft im Nahmen der
Hochheiligen Dreifaltigkeit, anbei auf CHristi Blut und Gerechtigkeit. Wer hat
dich getaufft? (fragte der Fürst noch ferner) Das hat Jacob getan, und zwar auf
ausdrücklichem Befehl meiner seligen Mutter (erwiederte die Prinzessin) und eben
dieser Jacob, nebst seiner Frauen, und meiner Anna, als meiner Pflege-Mutter,
die mir bis hieher viel Gutes erwiesen, sind die Zeugen meiner christlichen
heiligen Tauffe.
    Uber diese verwegenen und dreusten Reden wurde der Fürst dergestalt
verdriesslich, dass er abermals ganz zornig von seinem Sofa aufsprung, weiter
kein Wort sagte, sondern stillschweigend davon ging. Da uns aber des andern
Tages die Mittags-Mahlzeit, welche in einer Schüssel voll mit Wasser gekochtem
Reiss und etwas Brod und Wasser bestunde, durch die Bedienten herbei gebracht
wurde, erfuhren wir von ihnen, dass der Fürst gestern Abend noch ganz spät den
Jacob und seine Frau in Ketten und Banden schliessen, auch in ein wohl
verwahrtes Gefängnis legen lassen. Bei so gestalten Sachen hatten ich und meine
Mirzamanda keine besonders geruhige Nacht, zumahlen die Abend-Mahlzeit eben
nicht besser, als die Mittags-Mahlzeit gewesen war; jedoch es fanden sich unter
den Bedienten noch etliche Getreue, welche uns nicht allein alles, was wir
bedurfften, und zwar auf mancherlei listige Art zuschaften, sondern auch von
allem dem, was bei Hofe vorgieng, Nachricht brachten.
    Des Fürsten Zorn, da er seine eintzige Tochter, so zu sagen, mit blosem
Wasser und Brod gespeiset, verschwand aber binnen 3. Tagen, da er denn ganz
freundlich kam, und sie zu einem neuen Schach-Spiele mit ihm zu spielen
nötigte; von den alten Geschichten und Begebenheiten gedachte er gar nichts,
endlich aber fragte er, wo denn die Anna wäre? wie nun die Prinzessin
antwortete: dass dieselbe in einem Neben-Zimmer vielleicht schon schlieffe, so
fieng er abermals an, seine Gemüts-Regungen bei der favorablen Nacht-Zeit zu
Tage zu legen, und die Prinzessin dahin zu verleiten, seinen geilen Begierden
Gehör zu geben, um sogleich seinen Willen zu erfüllen; Allein, die hertzhafte
Prinzessin stund auch diesen Kampf mit himmlischer Hülffe ritterlich aus, bis er
sie nach noch vielen gebrauchten Schmeicheleien endlich mit gröstem Ungestüm
beängstigte, und das, was er in Güte nicht erhalten konnte, nunmehro mit
stürmender Faust zu erobern trachtete. Der Prinzessin Hülffe-ruffen war
vergebens, indem ich mich scheuete, ihr, wegen der vor unserer Tür stehenden
Wache, zu Hülffe zu kommen; derowegen hörete ich nur noch dieses, dass die
Prinzessin sagte: Wäre es doch kein Wunder, wenn sich der Cörper meiner seligen
Mutter noch in der Erden umwendete, und ein Donner-Wetter erregte, welches einen
so gottlosen Vater und mich unschuldige Tochter sogleich im Augenblicke
verderbete! die ich durchaus keine Hure, vielweniger eine Blutschänderin werden,
sondern lieber als eine Christin leben und sterben will.
    Kaum hatta Mirzamanda diese Worte (bei deren Anhörung mir die Haare fast zu
Berge stunden) ausgeredet, da sogleich ein entsetzlicher Donnerschlag geschahe,
und 2. Donner-Keile in unserm Zimmer aus einem Winckel und Ecke in die andere
lieffen, auch dergestalt im Zimmer herum schwärmeten, dass wir insgesamt
gedachten, dieses wäre die letzte Stunde unseres Lebens. Als aber nach Verlauff
etwa einer haben Stunde, Blitz Donner, Hagel, Regen und ein grausamer Sturm-Wind
sich nicht mehr hören, sehen, noch spüren liessen, wurden wir zwar einiger
Massen wieder lebendig, befanden aber, dass der Fürst auf dem Faul-Bettgen
ohnmächtig ausgestreckt lag, dessen Leib-Hund aber, welcher unter dem Tische
lag, war dergestalt von den herum schweiffenden Donner-Keilen verletzt worden,
dass er nicht auf den Beinen stehen konnte, sondern so zugerichtet, dass er hinweg
getragen werden musste, wie denn dieser sein Leib-Hund auch wenige Stunden nach
dieser Begebenheit verreckte. Der Fürst hingegen wurde, nachdem wir ihn mit
starcken Gewässern und Balsamen wieder zu sich selber gebracht, auf eigenes
Verlangen in sein Schlaf-Gemach geführet.
    Mir war gleich nicht wohl bei der Sache, indem ich gedachte, dass der ohne
dem zornige und erschrockene Fürst uns das Bad würde austragen lassen; da wir
aber gedachten, dass er vielleicht so bald nicht wiederkommen würde, kam er
sogleich des zweiten Vormittags darauf, und brachte den Jacob nebst seiner
Frauen mit, da er denn zu seiner Tochter sagte: »Siehe! diese habe ich noch
deinetwegen begnadigt, du solt mir aber durchaus keine Christin bleiben, weilen
ich etwas ganz anderes zu meinem und deinem Nutzen mit dir vorhabe, und wenn du
mir nicht folgen wilst, so kostet es dir dein Leben.«
    Als er dieses gesagt, musste sogleich ein Scheerer herein in das Zimmer
treten, welcher der Prinzessin alle ihre schönen schwartzen Haare von dem Haupte
abschneiden und abscheeren musste. Sie hielt gedultig stille, wie ein Lamm, da
aber dieses geschehen, trat eine verfluchte alte Persianische
Schwartzkünstlerin, die ich sehr wohl kannte, in das Zimmer herein, welche in
jeder Hand ein Bügel-Eisen hatte, welche alle beide fast halb glüend zu sein
schienen.
    Demnach sagte der Fürst zu seiner Tochter: Siehe! weil du wider mein Wissen
und Willen mir Wasser getaufft bist, so will ich dich nunmehro zu meinem
Vergnügen mit Feuer tauffen lassen. Hierauf gab er der alten verfluchten Bestie
einen Winck, und sagte öffentlich, dass sie ihr Amt redlich verrichten, sich an
nichts kehren, und seine Tochter gar im geringsten nicht verschonen sollte.
Demnach fieng das verfluchte Weib der Prinzessin Kopf dergestalt mit dem halb
glüenden Eisen zu bügeln an, dass ich fast darüber in Ohnmacht gesuncken wäre,
zumahlen, da die Prinzessin unter währenden Bügeln 3. laute Schreie tat.
Jedoch, weil sie einen recht heldenmütigen Geist hatte, so erhohlete sie sich
bald wieder, wir aber sahen in der Kürtze auf dem Kopfe verschiedene ziemlich
grosse Brand-Blasen auflauffen, weswegen wir ihr denn ihre Haube aufsetzen
wollten; allein, sie wollte es durchaus nicht leiden, sondern stund im blosen
Kopfe auf, ging auf ihren Herrn Vater zu, und küssete ihm die Hand. Dieser
sprach zu ihr: Siehe, meine Tochter! nun bist du mit Feuer getaufft, und diese
Feuer-Tauffe, ob sie dir gleich etwas schmertzlich gewesen, soll dir doch wohl
besser geraten und nutzen, als die schlechte Wasser-Tauffe. Hierauf versetzte
die hertzhafte Prinzessin: Ich habe die Hoffnung zu meinem Erlöser, JEsu
CHristo, dass mir diese marterhafte Feuer-Tauffe an meiner Seelen-Seligkeit
nicht schaden, sondern er mich, vermöge seines Wortes, durch die Wasser-Tauffe
und den wahren Glauben an ihn, den ich in meinem Hertzen hege, nach meinem Tode
zu sich in sein Paradiess nehmen werde.
    Man sah es dem Fürsten an seinen Augen an, dass er über diese Antwort seiner
Tochter vor Zorn, Gift und Galle fast hätte platzen und bersten mögen, jedoch
er ging ganz stillschweigend fort, und wie wir aus den Fenstern sehen konten,
in dem Blumen-Garten in tieffen Gedancken spatziren herum.
    Wenige Stunden nach dieser Begebenheit, da meine Augen noch lange nicht
trocken waren, wurden uns beiden so viel der besten Speisen und Wein zugebracht,
dass sich mehr als 10. Personen damit sättigen können. Wir verschmäheten
dieselben nicht, sondern gaben alles unsern Aufwärtern und der Wache-Preis, da
aber ein Artzt ankam, und sich meldete, die Prinzessin an ihrem Brand-Schaden zu
verbinden, wiese sie denselben mit den Worten ab: diese Tauffe, wenn sie nicht
ganz und gar vom Teufel wäre, müste wohl von sich selbst den zurückgelassenen
Schaden heilen; sie wusste aber wohl, dass ich noch eine ziemliche grosse Büchse
voll Brand-Salbe stehen hatte, welche ich übrig behalten, da ich mir kurtz
vorhero mit heissem Wasser den ganzen Schenckel verbrandt.
    In nachfolgenden Tagen wurden uns ebenfalls die besten Speisen und Geträncke
zugeschickt, worbei wir erfuhren, dass der Fürst abermals eine weite Reise,
(ohne Zweifel aus Gewissens-Angst) angetreten, jedoch hinterlassen hätte, uns
Zeit seiner Abwesenheit auf das allerschärffste zu bewachen, bis er nach seiner
Zurückkunft andere Mittel ausfinden würde.
    Die Prinzessin war froh, da sie erfuhr, dass ihr tyrannischer Vater
weggereiset wäre, noch weit vergnügter aber wurde sie, als eines Abends der
getreue Jacob nebst seiner Frauen in unser Zimmer eingetreten kamen, als welche
die Schild-Wächter mit Gelde so wohl, als mit Wein-Flaschen bestochen hatten.
Wir hielten insgesamt ein vertrauliches Gespräch mit einander, da er sich denn
gegen uns erklärete, dass, weilen in dem Haupt-Hafen dieses Reichs einige
Holländische Schiffe vor Ancker lägen, er seine Barschaften zusammen nehmen,
und nebst seiner Frau nach Europa überschiffen wollte, indem er schon einige
Anstalten darzu gemacht, wären nun wir zum mitreisen geneigt, so wollte ersehen,
dass er uns mit fortelffen könnte: denn er merckte wohl, dass es so wohl vor die
Prinzessin, als vor mich höchst gefährlich wäre, länger allhier zu bleiben,
vorjetzo aber könne er uns als ein Wein-Händler wohl fortelffen. Man sagt
sonsten im gemeinen Sprichworte: Wer gerne tantzt, dem ist leichte gepfiffen,
und dieses traff bei mir ein, denn ich kann nicht läugnen, dass ich mich hertzlich
nach Europa sehnete, und vielleicht wieder in mein Vaterland zu kommen
verhoffte, indem ich einen ziemlichen Schatz an Kleinodien, Diamanten und andern
kostbaren Edelgesteinen gesammlet, welchen ich meistenteils der Freigebigkeit
meiner seligen Fürsten zu dancken hatte. Wie nun die Prinzessin diesen meinen
Entschluss gewahr wurde, fiel sie mir zu Füssen, und bat mich mit heissen
Tränen, sie mit nach Europa unter die Christen zu nehmen, denn sie wollte sich
und mich mit Kostbarkeiten dergestalt beladen, dass wir alle beide schwer und
sauer genug daran zu tragen haben sollten. Ohngeachtet ich nun dieses Vornehmen
der Prinzessin als ein allerhöchst gefährliches Werck vorstellete, indem es
erstlich sehr schwer halten würde, durch die Wachen zu kommen, vor das andere,
wenn man uns auf der Flucht ertappte, unser Leben in der allergrösten Gefahr
stünde, so liess sie sich doch von ihrem Vorhaben nicht abwendig machen. Als wir
demnach 3. Tage und Nächte auf unsern Knien gelegen, und GOtt mit heissen
Tränen gebeten, dass er unsere Flucht befördern, und uns glücklich Europa
bringen möchte, so wagte es die Prinzessin, und gab zweien Heidnischen Mägden
eine wichtige Geld- dass sie mit uns ihre Kleider vertauschten, indem die
Prinzessin vorgab, dass sie, um nur an die frische Lufft zu kommen, eine
Wallfahrt auf 3. Tage nach dem uralten Heiden-Tempel tun, und hernach wieder
zurück kommen wollte. Es war dieses allerdings ein recht verzweiffelter Anschlag
und Vorhaben zu nennen, allein da Jacob auch die Wache nicht nur mit Gelde,
sondern auch mit vielen Wein-Flaschen abermals bestochen, ja alle unsere
Wächter mit dem besten Weine dergestalt begeistert hatte, dass sie fast von ihren
Sinnen nicht wussten, kamen wir in den Mitternachts-Stunden glücklich durch die
Wache und zum Schloss hinaus. Jedennoch hatte der Satan sein Spiel, dass wir des
rechten Weges, den uns Jacob abgezeichnet hatte, auf welchem wir ihn und seine
Frau antreffen sollten, verfehleten, uns in einem dicken Gebüsche verirreten, und
endlich folgenden Morgens durch die Jäger des Arab-Ogli gefunden, erkannt, und
als Gefangene auf das Schloss ihres Herrn gebracht wurden.
    Demnach gerieten so wohl ich, als die Prinzessin in die alleräuserste
Verzweiffelung, weilen wir wohl wussten, dass dieser Arab-Ogli vor einiger Zeit
ein unglückseliger Buhler der Fürstin gewesen. Wie ich nun aber am allerbesten
ausreden konnte, auf was Art ihn dieselbe abgefertiget hatte, so wurde mir desto
banger um das Hertze, ja ich vermeinte nicht anders, als dass wir unsern
baldigen Tod, wenigstens aber ein sehr schweres Gefängnis würden zu hoffen
haben; Allein, das Schicksal fügte es ganz anders, denn ob ich zwar in dem
Letzteren nicht gefehlt, indem uns Arab-Ogli auf eins seiner vestesten Schlösser
brachte, so liess er doch die Prinzessin, nachdem er ihrer Person wegen
vollkommene Kundschaft eingezogen, auf das allerbeste verpflegen, worbei denn
ich auch eben keine Not litte.
    Wenige Tage hernach schickte Arab Ogli zwei ganz vernünftige Weiber an die
Prinzessin, welche ihr ganz höflich und geschickt vorzutragen wussten, wie sich
dieselbe ja nicht einbilden sollte, dass sie eine solche Gefangene wäre,
vermittelst deren er, der Arab Ogli, da er mit dem Fürsten von Candahar in
einigem Streite und Wiederwillen lebte, etwa seinen Hohn oder Schimpff zu rächen
gesonnen wäre. Nein! keineswegs; derowegen sollte sie nur gutes Muts sein, und
alles fordern und befehlen, womit ihr gedienet werden könnte, denn Arab-Ogli
würde gegen Abend selber kommen, sie zu besuchen, bei solcher Gelegenheit aber
sich deutlicher gegen sie, die Prinzessin, erklären.
    Ob nun schon diese letztere so wohl, als ich, wünschten, uns lieber in dem
wilden Walde, oder in einer Wüstenei zu befinden, als mit dem Feinde des Fürsten
von Candahar fernerweit etwas zutun zu haben, so sahen wir uns doch halb
gezwungener Weise gemüssigt, in die Zeit zu schicken, und ihm den Zutritt zu
vergönnen, als welchen wir ihm, wenn wir es bei dem Lichte betrachteten, ohnedem
nicht verwehren konten, indem wir uns ja in seiner Gewalt befanden.
    Demnach kam Arab Ogli Abends nach der Taffel, da wir in unserm Zimmer
bereits die Wachs-Kertzen angezündet hatten, und weilen er die Prinzessin bei
ihrem Nacht-Tische sitzend, und in einem geistlichen Buche lesend antraff, so
warff er sich gleich augenblicklich zu ihren Füssen hin, und redete dieselbe
meines Behalts ohngefehr mit folgenden Worten an: »Prinzessin Mirzamanda! ihr
stehet in der falschen Einbildung, als ob ihr meine Gefangene wäret; allein
hierinnen irret ihr euch viel zu sehr, denn weilen ihr die Königin und
Beherrscherin meines Hertzens, so bin ich im Gegenteil eurer Gefangener, ja
euer alleruntertänigster Sclave, und zwar von der Stunde an, da ich das Glück
gehabt, eure Anbetens-würdige Person, als das vollkommene, ja noch weit schönere
Ebenbild eurer gestorbenen Mutter zu erblicken. Glaubet ja nicht, dass ich Schuld
bin an eurer so genannten Gefangenschaft, oder es meinen Jägern anbefohlen
habe, euch aufzuheben, und zu mir zu führen. Nein! ich beteuere nochmahls bei
dem Zeugnis aller Götter und allen dem, was heilig über und um uns heist, dass
ich ein solches nicht getan: da aber das Glück eure Person unverhoffter Weise
in meine Verwahrung geführet, so sehe ich solches als eine gute Vorbedeutung an,
durch diese eure Person mit eurem Durchl. Vater, dem Fürsten von Candahar, bald
vollkommen vereinigt zu werden, und zwar durch eine glückselige Vermählung
zwischen euch und mir.«
    Mirzamanda schickte sich damahls, meinen Gedancken nach, ziemlicher Massen
in die Zeit, indem dieselbe den Arab-Ogli von der Erden aufzohe, und ihm eine
und andere kleine Schmeicheleien erwiese, auf die Haupt-Sache aber gab sie zu
diesem erstenmahle eine fast ganz spröde heraus kommende Antwort; jedoch, der
in sie allzu heftig verliebte Ogli vermeinte vielleicht, dass sie es nach und
nach schon etwas näher geben würde. Demnach besuchte er sie nicht nur auf das
allerfleissigste, sondern versuchte auch durch die allerkostbarsten Geschencke,
vortrefflichste Bewirtung und allerhand Schmeicheleien sie dahin zu bewegen,
ihn zu lieben; ja, er liess aus unserm Zimmer 2. Felder ausschlagen, und 2.
Treppen anlegen, vermittelst deren wir, und zwar durch die eine oben hinauf in
eine grosse Gallerie steigen, und uns aus den vielen Fenstern weit und breit
umsehen, mitin frische Lufft schöffen könten. Aufer dieser oben hinaus
lauffenden Treppe, wurde noch eins andere in die Tieffe angelegt, wobei er uns
die Freiheit gab, so oft als es uns nur immer gefällig wäre, hinunter in den
grossen Baum- und Lust-Garten zu steigen, in welchem Garten denn auch
verschiedene wilde Tiere, als Löwen, Leoparden, Tygertiere und dergleichen
andere wilde Bestien mehr in ordentlichen vor sie erbaueten Gehäusen aufbehalten
wurden, ohne diese unbeschreibliche Menge der grossen und kleinen Vögel von
allerhand Arten. Zuweilen, wenn Arab-Ogli selber in das Lust-Haus kam,
worinnen sich die Prinzessin befand, liess sich in etwas von ferne bald eine
sanfte, bald aber eine starcke Musique hören. An den herrlichsten Erfrischungen
war kein Mangel, vielmehr der gröste Uberfluss, und mit wenig Worten zu sagen, so
suchte sich Arab-Ogli der Prinzessin auf alle nur ersinnliche Art dergestallt
gefällig zu machen, dass sie ihm ihr Hertz schencken, und zu ihrem zukünftigen
Ehe-Gemahl erwählen sollte; Allein die Prinzessin wurde bei allen seinen
Liebkosungen und Schmeicheleien von einer Zeit zur andern immer unempfindlicher,
ja, sie konnte den Arab-Ogli fast nicht mehr vor ihren Augen sehen. Endlich
besonne sich dieser noch auf ein Mittel, um sie zur Liebe zu reitzen, indem er
die besten Comoedianten bestellete, welche auf der Gallerie die verliebtesten
Schau-Spiele spielen mussten, da denn nicht allein die Prinzessin, sondern auch
ich, ohne von jemanden gesehen zu werden, alles was vorgestellt wurde,
beobachten konnte. Da aber auch dieses nichts bei der Prinzessin verfangen wollte,
im Gegenteil sie diese Narrens-Possen nach wenig Tagen gar nicht mehr anzusehen
würdigte, wurde Arab-Ogli endlich verdriesslich, ja, so zu sagen, gäntzlich in
den Harnisch gejagt, weswegen er der Mirzamanda nachhero, so oft er sie
besuchte, nicht halb so freundlich begegnete, als vorhero. Bald darauf legte er
derselben einige Briefschaften vor, welche ihr Vater, als der Fürst von
Candahar, (seinem Sagen nach) eigenhändig sollte geschrieben haben, und in
welchen Briefen Mirzamanden von ihrem Vater anbefohlen wurde, das Beilager mit
dem Arab-Ogli, als seinem neuen werten Freunde, und liebsten Schwieger-Sohne,
auf das allereiligste zu vollziehen, indem er bald selber kommen und sie
besuchen wollte; Allein Mirzamanda merckte den Betrug und die List, weilen sie
ihres Vaters Hand und Siegel besser kannte; weswegen sie sich gegen den
Arab-Ogli nochmahls weigerte, dem väterlichen Befehle zu gehorsamen, sondern es
so lange anstehen zu lassen versprach, bis ihr Vater selber käme, und ihr das
Wort in den Mund gäbe.
    Hiermit war dem Fasse der Boden eingestossen, denn Arab-Ogli ging nur nach
der Türe des Zimmers, und murmelte viele Worte mit der davor stehenden Wache,
welche wir aber nicht alle vernehmen konten, bis endlich etwa eine Stunde
hernach der Fürst von Candahar, als der Prinzessin Vater, in unser Zimmer herein
gebracht wurde; jedoch in einer sehr jämmerlichen Gestalt, und über dieses alles
noch, dass er eiserne Ketten und Banden an Armen und Beinen trug. Hier sollte nun
die Ehe-Stifftung geschlossen werden; allein, nachdem die Prinssessin eine kleine
Ohnmacht überstanden, sagte sie so wohl zu ihrem Vater, als dem Arab-Ogli, dass
sie viel lieber des allerbittersten Todes sterben, als des Arab-Ogli Gemahlin
werden wollte.
    Der Fürst, ihr Vater, versetzte hierauf: »Siehe, meine Tochter! wir sind
unter die Hände unserer Feinde geraten, ob uns die Götter wieder daraus
erretten wollen, solches müssen wir abwarten; ich aber, als Vater, zwinge dich
zu keiner unanständigen Heirat, sondern überlasse dir dessfalls deinen eigenen
Willen, weilen ich versichert bin, dass es dir am Verstande nicht fehlet.«
    Arab-Ogli mochte sich zwar über diese Worte nicht wenig ärgern, allein er
ging nochmahls zum Zimmer hinaus, und redete mit der darvor stehenden Wache,
kam auch bald wieder zurück, und etwa eine 4tel Stunde hernach wurde der Fürst
von der Wache mit seinen tragenden Ketten abgefordert und zurück geführet. In
den Mitternachts-Stunden kam Ogli abermals in der Prinzessin Zimmer, und suchte
dieselbe mit den allerglättesten Worten zu seiner Liebe zu bewegen; da aber
dieses geschehen, zumahlen, da sie ihren Vater in Ketten und Banden gehen und
hinweg führen sehen, so war sie fast in eine kleine Raserei geraten,
dergestalt, dass sie dem Arab Ogli die schändlichsten Reden anzuhören gab.
Dieser, ohngeachtet man meinen sollen, er würde sich zur Ruhe begeben, und
Mirzamanden auf dissmahl zu Frieden lassen, unterstunde sich dennoch derselben
auf das allerheftigste zuzusetzen, ja! seine Geilheit trieb ihn so weit, sie
mit Gewalt darzu zu zwingen, auch alle Kräffte daran streckte, seinen
verfluchten Zweck zu erreichen, allein Mirzamanda wehrete sich auch dergestalt,
dass ich mich nur verwundern musste, wo sie die Stärcke und Kräffte herbekam, sich
diesem starcken Manne zu widersetzen. Endlich ruffte sie mich um Hülffe an,
allein ich war kaum durch die halb eröffnete Tür in ihr Zimmer hinein getreten,
als mich Arab-Ogli mit gröster Gewalt zu Boden warff, so, dass ich die Beine in
die Höhe kehren musste, und mich weiter fast nicht besinnen konnte; doch hörete
ich noch so viel, dass er zur Prinzessin sagte: »Siehe! weil du meinen Willen
nicht erfüllen wilt, so will ich deinen Vater vor deinen Augen erwürgen lassen.«
    Mit Endigung dieser Worte ergriff er die Prinzessin in der Mitte des Leibes,
stiess die Tür auf, so auf den grossen Saal ging, und trug dieselbe dadurch
hinaus. Ich war einiger Massen wieder zu mich selbst gekommen, derowegen folgte
ich ihnen auf dem Fusse nach, bis auf den grossen Saal, da ich denn so viel
vernahm, dass Arab-Ogli denen daselbst befindlichen Wächtern befahl, dass sie
seinen Befehl, ohne einen Augenblick zu versäumen, ausrichten sollten.
    Demnach wurde sogleich der gute Fürst herbei gebracht, ihm in der
Geschwindigkeit eine Schnur um den Hals geworffen, und er damit erdrosselt, so,
dass er sich auf dem Boden, ohne einen Laut von sich zu geben, zu Tode zappeln
musste. Hergegen machte Mirzamanda ein desto grösser Geschrei, hielt sich aber
auf diesem unglückseligen Platze nicht lange auf, sondern eilete in ihr Zimmer
zurück. Was halff aber dieses? denn Arab-Ogli folgte ihr auf dem Fusse nach,
warff sie abermals mit der grösten Gewalt nieder, drohete ihr auch mit einem
entblöseten Dolche, sie damit zu erstechen, woferne sie sich nur im
allergeringsten ferner wiedersetzen würde. Jedoch die behertzte Mirzamanda runge
dem Ehren-Schänder den Dolch glücklich aus den Händen heraus, und versetzte ihm
in gröster Geschwindigkeit 8. bis 10. Stiche in die Brust und in den Unterleib,
so, dass er gar bald darnieder sanck, und seinen Geist aufgab.
    Ich hätte sogleich in Ohnmacht sincken mögen, da ich durch mein Gucke-Loch
diese jämmerliche Mord-Geschichte mit ansah, allein der Prinzessin
erstaunliches Zeter- und Mord-Geschrei trieb nicht allein diese zurück, sondern
lockte auch etliche Mann von der Wache herbei, welche sogleich die Tür
eintraten, um zu sehen, was vorgienge. Wie nun diese Mannschaft sah,
welchergestalt sich ihr Herr auf dem Boden in seinem Blute herum weltzete,
lieffen sogleich einige derselben zurück, um diese Begebenheit der Schwester des
Arab-Ogli zu berichten: denn es hatte dieser geile Herr weder Frau, noch Kinder,
sondern sich schon eine lange Zeit daher mit Huren beholffen. Gemeldte Schwester
des Arab-Ogli blieb erstlich eine lange Weile stehen, als ob sie versteinert
wäre, nachdem sie dieses Spectacul erblickt hatte; endlich aber tat sie ihren
Mund auf, und sagte: »Prinzessin Mirzamanda! welcher böse Geist hat euch
verleitet, diesen meinen Bruder, als einen regierenden Fürsten, auf so grausame
Art zu ermorden? Mirzamanda gab hierauf zur Antwort: Ich habe einen
vermaledeieten Nachsteller und Räuber meiner Ehre, welche aber der Himmel mir
bis hieher dennoch erhalten hat, mit seinem eigenen Dolche ermordet, und zwar
ohne andere Beihülffe, mit meiner eigenen Faust; ob er ein regierender Fürst,
oder euer Bruder sei, darum bekümmere ich mich wenig, weilen ich, als eine
gebohrne Prinzessin wegen dieser meiner begangenen Tat hauptsächlich niemanden
anders, als dem Dreieinigen GOtte, und zwar als eine getauffte Christin, Rede
und Antwort zu geben, mich schuldig zu sein, versichert halte.«
    Die Schwester des Arab-Ogli erholete sich einiger Massen wieder von dem
gehabten Schrecken, führete sich, nachdem sie etwas Wein und Confect zu sich
genommen hatte, ungemein liebreich und artig gegen Mirzamanden auf, ersuchte
auch dieselbe, ihr noch in ein ander Neben-Zimmer zu folgen. Diese tat es, und
ich hörete, dass beide in Geheim bis zu Aufgang der Sonnen ein recht
vertrauliches Gespräch unter einander führeten; So bald aber solchergestalt der
Tag angebrochen war, kamen viele Männer mit Gewehr in unser Zimmer herein
getreten, die Mirzamanden und mich in eiserne Ketten und Banden schliessen
liessen, hernachmahls in ein wohlverwahrtes Gewölbe brachten, welches gleich
unter unserm Zimmer und unter der Treppe war, durch welche wir in den Garten
hinab steigen konten. So bald wir in diesem seltsamen Behältnisse angelanget,
sprach ich zu meiner Prinzessin: Nunmehro wird uns wohl unser letzteres Brod
schon gebacken sein; Diese aber gab ganz freimütig zur Antwort: Glaubet es
nicht, meine liebe Anna! wir werden nicht sterben, sondern leben bleiben müssen,
um des HErrn Werck zu verkündigen.
    Mittlerweile liess uns die Schwester des Arab-Ogli mit den allerbesten
Speisen und Geträncken versehen, welche allemahl credentzt wurden, damit wir uns
nicht etwa einen Eckel oder gar die Einbildung machen möchten, als ob etwa Gift
darinnen befindlich wäre, ja, die Prinzessin offenbarete mir das ganze
Gespräch, welches sie mit der Schwester ihres Feindes gehalten, und weilen diese
nunmehro die regierende Fürstin wäre, so wollten wir unverzagt und gutes Muts
sein, zumahlen, da sie gewiss versichert worden, dass es nicht ihr Vater, sondern
ein anderer Missetäter, von der Gestalt des Fürsten von Candahar gewesen sei,
welchen Arab-Ogli bloss ihr, der Prinzessin, zum Schrecken erdrosseln lassen. Ich
liess mir vor meine Person alles vorschwatzen, so viel sie nur immer wollte,
unterdessen aber wurde wenige Tage hernach Mirzamanda vor ein peinliches
Hals-Gerichte auf den grossen Saal gefordert, auf das allerschärffste ausgefragt
und verhört; worauf ihr, als einer Mörderin des regierenden Fürsten, das Urteil
dermassen ausgesprochen wurde: dass sie auf einem 12. Ellen hohen
Scheiter-Hauffen lebendig verbrand werden sollte.
    Nach angehörtem Urteil hielt Mirzamanda in Persianischer Sprache eine Rede,
die bald eine Stunde lang währete: denn es waren mehr als 5. bis 600. Menschen
auf dem Saale versammelt, jedoch ging erstlich alles ganz stille zu; nachhero
aber tat diese ihre bewegliche Rede unter so vielen Personen verschiedene recht
Bewunderns-würdige Würckungen: denn manche fiengen zu heulen und zu schreien an;
manche schlugen die Hände über den Köpffen zusammen, klatschten auch wohl
darbei; noch manche stampfften mit den Füssen auf die Erde, und spyen nach der
Decke und den Wänden des Saales zu. Demnach wusste Mirzamanda so wenig, als ich,
zu begreiffen, was wir uns unsers fernern Schicksals wegen zu getrösten hätten.
Jedoch die nunmehro regierende Fürstin liess uns beide durch eine sichere Wache
in unser voriges Zimmer begleiten, folgte auch bald nach, und unterredete sich
abermals mit Mirzamanden, bis der Tag fast anbrechen wollte. Aus ihren Reden
vernahm ich so viel, dass der Fürstin der Tod ihres gottlosen Bruders eben nicht
allzu nahe ging, denn sie tröstete Mirzamanden auf das allerliebreichste, und
sagte zuletzt: Es wird zwar vor euren Augen gleich morgendes Tages ein
Scheiter-Hauffen gemacht werden, allein darauf sollet ihr, meine Schwester! so
wenig kommen, als eure Frau, die ihr bei euch habt, sondern ich muss nur einigen
meiner missvergnügten Untertanen einen blauen Dunst vor die Augen machen; an
eurer Stelle aber will ich zwei Mordbrennerinnen auf den Scheiter-Hauffen
bringen, und verbrennen lassen; Ihr hingegen sollet durch mich zu gehöriger Zeit
in Sicherheit gebracht werden, weil ich die Christen weit mehr liebe, als die
Heiden.
    Leichtlich ist es zu erachten, dass, da nach dem Abgange der Fürstin wir
unsere Ruhe suchten, selbige jedoch keinesweges geniessen konten, vielmehr die
wenigen Schlaf-Zeits-Stunden mit tausend sorgsamen Grillen hinbrachten, indem
wir uns auf der Fürstin, als einer Heidnischen Prinzessin, Wort eben so sehr
nicht verlassen konten, mitin zwischen Furcht des Todes und des Lebens
schwebeten und zwar auf eine solche jämmerliche und schmertzhafte Art, nämlich
auf einem Scheiter-Hauffen verbrannt zu werden. Allein wir wendeten uns mit
einem andächtigen Gebete zu dem Allmächtigen, damit er dieser Heidnischen
Fürstin Hertz regieren, und unser Leben erhalten wolle. Dieses Gebet wurde
erhöret; Denn ohngeachtet wir mit dem allergrösten Schrecken den abscheulich
hohen Scheiter-Hauffen aufrichten sahen, so wurden wir doch bald getröstet,
weilen die Fürstin in unser Zimmer kam, und Mirzamanden verschiedene Kleinodien
von hohem Werte einhändigte, anbei sagte: »Nehmet dieses wenige, meine
werteste Schwester! auf den Notfall mit auf die Reise, denn ich habe euch zwei
Pilgrims-Kleider machen lassen, auch schon zwei Mägde bestellet, welche mit
zweien Körben, die mit Lebens Mitteln angefüllet sind, euch die richtige Strasse
zur Clause des frommen und heiligen Einsiedlers Urbani zeigen sollen; welcher
heilige Mann, wenn ihr nur einen Gruss an ihn von mir bringt, alles mögliche
anwenden wird, euch in Sicherheit zu schaffen. Derowegen haltet euch bereit und
reisefertig: denn ich will euch selbst in der Mitternachts-Stunde abholen, und
durch die kleine Hinter-Tür des grossen Gartens führen, allwo die beiden Mägde
eurer warten sollen; Haltet euch also nicht auf, sondern setzt eure Reise in
möglichster Geschwindigkeit fort, denn gleich mit Anbruch des Tages wird der
Scheiter-Hauffen angezündet werden, der dem Mordbrennerinnen, keines Weges aber
vor euch zur Bestraffung, auf meinen Befehl, aufgeführet worden.«
    Nachdem die Fürstin unser Zimmer verlassen, fielen Mirzamanda und ich auf
unsere Knie nieder, und wiederholeten das Gebet zu dem allmächtigen GOtt,
welches denn auch erhöret wurde: Denn die Fürstin kam in der
Mitternachts-Stunde, nahm von Mirzamanden unter sehr vielen Küssen den
allerzärtlichsten Abschied, und führete uns beide in eigener Person in
Begleitung zweier Mägde durch den grossen Garten zur Hinter-Tür hinaus, allwo
wir andere 2. Mägde, die Körbe aufgehuckt hatten, antraffen, und mit denselben,
nach nochmahls genommenem zärtlichen Abschiede von der Fürstin, unsere Reise
antraten, und zwar dem Scheine einiger Fackeln, so hie und da am Wege
aufgestellet waren, entgegen eileten, so lange bis der Tag anzubrechen begunte,
da wir denn bald ein grosses Feuer-Zeichen am Himmel gewahr wurden, und daraus
nicht anders urteilen konten, als dass selbiges von dem angezündeten
Scheiter-Hauffen herrührete, weiln sich solches eben über selbiger Gegend
zeigte. Wir wünschten also denen Mordbreñerinnen eine glückliche Himmelfahrt,
und setzten unsern Weg durch einen grossen dicken Wald auf das allereiligste
fort, welchen wir nach getanen zweien starcken Tage-Reisen endlich nur von
ferne noch hinter unserm Rücken liegen sahen. Die beiden Mägde, welche die Körbe
mit den Lebens-Mitteln trugen, stelleten sich ermüdeter an, als Mirzamanda und
ich, weswegen, da diese Prinzessin vermerckte, wie die faulen Mägde eben keine
besondere Lust bezeigten, weiter mit uns zu gehen, einer jeden Magd einen
diamantenen Ring nebst 2. Händen voll allerlei güldener und silberner
Müntz-Sorten gab, und sie damit umzukehren beurlaubte; jedoch mussten sie uns den
meisten Teil der Lebens Mittel zurück lassen, als welche wir selber, so gut
wir nur immer konten, in unsere langen Pilgrims-Kleider einpackten.
    Ob nun schon der fürchterliche dicke Wald glücklich von uns zurück gelegt
war, und wir unsern fernern Weg nach dem grossen Gebürge zu nahmen, als welches
Gebürge, so zu sagen die Gräntz-Scheidung des Gross-Mogulischen-Gebiets ist; so
gerieten wir binnen 4. Tagen, jedoch ganz ohnvermerckt, in eine weit grössere
Gefahr, nämlich in eine ganze Sand-See, welche wir kaum übersehen konten, und
zum öfftern bis über die Knie darinnen baden mussten. Mein Rat war, umzukehren,
und uns viellieber wieder in den dicken Wald zu begeben, allwo wir doch einige
frische Wasser Bächlein, ingleichen gute Kräuter und Wurtzeln zu unserer Nahrung
antreffen könten, indem unsere Lebens-Mittel auf die Neige gehen wollten; Allein
Mirzamanda war nicht zurück zu bringen, sondern badete immer im Sande fort, bis
wir endlich die Haut von unsern Schenckeln dergestalt abziehen konten, als ob
dieselbe mit siedenden Wasser verbrandt wäre. Ja, wir konten bei Tags-Zeit auf
dem Sande, wegen grosser Hitze, weder stehend noch liegend, die geringste Rast
noch Ruhe geniessen, bis wir endlich, nachdem wir wohl gezehlet, dass es seit
unserer Abreise schon 12. mahl Nacht worden, und die Sonne darauf wieder hervor
gekommen war, in diesem Sand-Meere auf eine kleine so genannte Insul gerieten,
die uns nicht allein ein halb verwelcktes grünes Gras, sondern auch eine hell-
und klare Wasser-Quelle vor Augen stellete, als mit welchem letztern uns am
allermeisten gedienet war, weilen der Durst fast noch unerträglicher, als der
Hunger werden wollte; ja sich muss es nur bekennen, dass wir zu dreien
verschiedenen mahlen, ehe wir gäntzlich verschmachten wollten, eine jede ihr
eigenes Wasser aus einer bei uns habenden güldenen Schaale getruncken. Wir
hielten auf dieser kleinen Insul, nach meiner Rechnung, über zwei mahl 24.
Stunden Rast, labten uns aus der Quelle, und zogen hernach die dicksten
Gras-Stauden aus der Erde, bissen die Wurtzeln mit gröstem Appetite davon ab,
und fülleten damit unsere beiden hungrigen Magen, legten uns hierauf bei
eintreten der Nacht zur Ruhe, und schlieffen bis zu Aufgang der Sonnen
dergestalt vergnügt und unbesorgt, als ob wir uns in einem fürstlichen Zimmer
und in den allerschönsten Betten befänden, auch von einer getreuen Wache wohl
verwahret würden.
    Da wir nur solcher Gestalt wohl ausgeruhet, und uns recht erquickt und
gelabet hatten, brachten wir noch einen halben Tag zu, um die besten Wurtzeln
und grünen Stauden, die uns wegen ihrer Unschädlichkeit wohl bekannt waren,
auszuziehen, und dieselben in Vorsorge wegen des etwa künftig herannahenden
Hungers zu verwahren. Auch fülleten wir jede von den zwei ledigen Flaschen,
worinnen vor der Zeit Wein gewesen war, vorjetzo mit Wasser, aus der schönen
klaren Quelle, begaben uns also mit diesem Proviant von neuen auf die Reise nach
dem Gebürge zu.
    Vier ganzer Tage mussten wir noch im Sande baden, ehe unsere Füsse ein
vestes Land finden konten, und mittlerweile kam uns unser Proviant an Kräutern,
Wurtzeln und Wasser recht herrlich wohl zu statten, indem wir sonsten wegen der
fast unerträglichen Hitze ohnfehlbar hätten verschmachten müssen. So bald wir
aber am Abende des 4ten Tages ein vestes Land gefunden, erblickte wir auch auf
einer Berges-Höhe ein hellbrennendes Feuer: weswegen wir, der uns gemachten
Beschreibung nach, dieses Werck nicht etwa vor ein Heidnisches Feuer, sondern
als die Einsiedlerei des frommen Einsiedlers Urbani einbildeten, und in
Gedancken vorstelleten; welche letztern uns denn, wie wir hernach erfahren, auch
nicht betrogen hatten; Allein es war uns der grossen Mattigkeit wegen ganz
unmöglich, die Höhe des Berges, auf welchem das Feuer noch immerfort brandte, zu
erklettern, weswegen wir denn an der Mitte desselben liegen blieben, in einen
tieffen Schlaf verfielen, und nicht ehe, als durch den Anblick der aufgehenden
Sonne ermuntert wurden. Demnach kletterten wir beide matte und ermüdete Personen
mit Händen und Füssen den Berg vollends hinauf, sahen das angemachte Feuer
annoch brennen, fanden aber in der Clause oder Hütte weder Hund, noch Menschen,
bis wir um die Clause herum giengen, und einen Mann mit einem grossen weissen
Barte (der ihm fast bis an die Gürtel-Stätte reichte) antraffen, welcher
beschäfftigt war, mit einer Schauffel und Hacke ein tieffes Grab in die Erde zu
machen.
    Wir beteten zu GOtt, kreuztigten und segneten uns alle beide, giengen
hierauf ganz dreuste auf den alten Greiss zu, und fragten ihn: warum er es sich
so sauer werden liesse, ein solches tieffes Loch in die Erde zu graben, indem
wir wohl sähen, dass er sehr bei solcher Arbeit schwitzte, dieser Berg aber
vielleicht wohl zu hoch sei, um etwa einen Brunnen zum Wasser-Schöpffen darauf,
einzugraben.
    Hierauf öffnete der alte Greiss seinen Mund, und sagte zu mir: Liebe
Schwester in Christo, dem Welt Heilande, erzeige mir den Gefallen, und wische
mir den Schweiss von meinem Angesichte ab, sodann will ich ferner mit euch reden,
weiln ich wohl weiss, dass deine Gefertin die Prinzessin Mirzamanda von Candahar,
und du ihre Pflege-Mutter bist.
    Ich erstaunete ziemlicher Massen über die Worte dieses Mannes, jedoch, da er
den Nahmen Christi nur einmal genennet, hielt ich ihn dennoch vor keinen Heiden
oder Anbeter des Feuers und anderer Götzen; machte mir derowegen kein Gewissen,
ihm den Schweiss aus seinem Angesichte mit einem reinen weissen Tüchlein
abzuwischen; Mirzamanda aber ging inzwischen etwas auf die Seite, kam jedoch
bald wieder zurück, da sich denn der Greiss auf eine grüne Grase-Banck
niederliess, und also zu uns redete: »Ihr glaubt, meine lieben Kinder! dass ich
etwa einen Brunnen graben will, um jederzeit frisches Wasser zu haben, allein
dieses fehlet mir nicht, weiln etwa nur 20 bis 30 Schritte hinter dieser meiner
Clause das allervortrefflichste Wasser aus einem kieselharten Felsen mir
entgegen gesprungen kömmt, Ich will euch aber dieses sagen, dass das Loch,
welches ich seit gestern und heute ausgegraben, mein Grab bedeuten soll. Meinen
Geferten habe ich bereits vor einem halben Jahre begraben, weiln derselbe eines
natürlichen und sanften Todes gestorben war; Mir aber hat der Himmel wissen
lassen, dass ich durch die Hände einer verfolgten Christlichen Prinzessin
entweder beerdigt werden, oder dieselbe aus diesem Reiche in die Christenheit
schaffen sollte. Nun habe ich euch allen beiden schon seit etlichen Tagen daher
mit sonderbarem Verlangen entgegen gesehen: denn ich weiss alle eure Umstände und
Geschichte, welche mir in meinem grossen Spiegel gezeigt worden, so oft ich
denselben vor mich gesetzt. Mittlerweile aber, da ich eure beschwerliche Reise
gesehen, hat mir der Himmel offenbaret, dass ich zwar mein Grab machen, jedoch
binnen Jahres-Frist noch nicht sterben, sondern nach Verlauff einiger Zeit mit
euch eine Wallfahrt nach der Insul Ceilon, zu dem Grabe Adams, als unsers
allerersten Vaters, tun soll, allda werden wir sodann ein Holländisches Schiff
antreffen, dessen Patron auf Befehl einer höhern Macht uns einnehmen, und in die
Christenheit führen wird, (denn ihr könnet mir sicher glauben, dass ich ein so
genannter natürlicher Sohn eines grossen Europæischen Printzen bin, nachdem aber
dieser mein Vater gestorben, bin ich vor nunmehro 112. Jahren durch seine
hinterlassenen Erben aus meinem Vaterlande vertrieben worden, und habe mich
wunderlicher Weise in der Welt herum getummelt, so wohl zu Lande, als zu Wasser.
Endlich nach vielen ausgestandenen Drangsalen und Gefährlichkeiten liess mich als
einen Römisch Catolischen Christen gelüsten, den Franciscaner-Münchs-Orden
anzunehmen, da es denn nachhero mein Schicksal dergestalt gefügt, dass ich, nebst
noch 2. anderen meiner Mit-Brüder in dieses Königreich Persien geraten, allwo
wir unsern äusersten Fleiss anwendeten, die Heiden zu dem wahren GOtte der
Christen zubekehren, hergegen von der Abgötterei und sonderlich von der Anbetung
des Feuers abwendig zu machen; allein, da die Heiden dieses unser Vorhaben
vernahmen taten sie uns allen dreien nicht allein die gröste Schmach und
Schande, sondern auch zum öfftern sehr viele Marter an, und endlich wurde unser
dritter Mann von den Heiden gar zu Tode geschlagen; weswegen wir armen
erschrockenen zwei übrig gebliebenen Brüder uns eiligst auf die Flucht begaben,
um, sonderlich bei damahligen schweren Kriegs-Zeiten, ihren Händen zu entrinnen,
da uns denn der Himmel auf dieses Gebürge führete, welches, ob es gleich von
aussen sehr fürchterlich, wüste und wilde zu sein scheinet, jedennoch von innen
ganz angenehm und lustig ist. Derowegen baueten wir beide geschworne Brüder
sogleich eine Clause auf diese Stätte, unter welcher aber 4 in Stein gearbeitete
Keller befindlich sind, und lebten in den ersten Jahren sehr schlecht und elend,
nämlich von blosen Kräutern, Wurtzeln und wilden unschmackhaften Früchten,
worbei uns die vortreffliche Wasser-Quelle sehr wohl zu statten kam; nach der
Zeit aber haben sich aus einigen, in dem jenseitigen Gross-Mogulschen Gebiete
gelegenen kleinen Städten und Dörffern immerzu Leute bei uns eingefunden, weiln
wir alle beide die Gaben hatten, zu weissagen, Krancke gesund zu machen, auch
dann und wann einige besondere Wunder zu tun. Also sind wir nachhero von diesen
Leuten nicht allein mit guten Speisen und Geträncken versorgt, sondern auch mit
allerhand Arten von Geschencken fast überhäufft worden, bis endlich, wie ich
schon gemeldet, mein Mit-Bruder ohngefehr vor einem halben Jahre gestorben, und
von mir begraben ist. Nunmehro habe ich einen stumm und taub gebohrnen Mann zu
meiner Bedienung, welcher mich wöchentlich 2. oder 3. mahl besucht, und
zusiehet, ob ich auch noch lebe. Dieser bringt mir alles zu, was ich zur
höchsten Notdurfft brauche, und ohngeachtet er taub und stumm ist, so verstehet
er doch an den Zeichen, so ich ihm gebe, alles auf das allergenaueste, was ich
von ihm haben will, als wovon ihr die Proben sehen sollet, denn er wird heute,
oder längstens Morgen gewiss kommen, und mir frischen Proviant bringen.«
    Nachdem der alte Greiss diese seine Rede vollendet, nötigte er uns beide nur
ihm in seine Clause zu kommen, und als wir ihm gefolgt, Mirzamanda aber etwas
bekümert und traurig aussah, sprach er zu derselben: »Ich weiss es, Prinzessin,
dass ihr vor jetzo um eures Vaters wegen bekümmert und traurig seid; allein
sorget vor ihn nicht, denn ich will euch gleich zeigen, dass er noch wohl, gesund
und lustig lebt.«
    Hierauf stieg er hinunter in einen Keller, und brachte ein grosses, rundes,
klar und hell geschliffenes-Glas herauf, welches über 2. Spannen hoch, in der
Mitte aber über 3. Finger dicke war. Dieses Glas setzte er vor Mirzamanden auf
den Tisch nieder, hieng ein weisses Tuch an die gegen über stehende Wand,
schrieb der Prinzessin Nahmen und etliche Characters mit Kreite vor derselben
auf den Tisch, da wir denn mit gröster Verwunderung sahen, wie sich auf dem
weissen Tuche der Fürst von Candahar mit der oft genannten Fräulein von N. auf
einem Jagd-Wagen sitzend, dergestalt ordentlich zeigten, als ob beide mit einem
Mahler-Pinsel abgeschildert wären. Dergleichen Proben machte er auf Verlangen
der Mirzamanda noch einige, tat auch weiter nichts mehr bei der ganzen Sache,
als dass er dann und wann die Characters und Zeichen mit der Kreite veränderte.
Endlich, da wir diese Lust über 2. Stunden gehabt, sprach er: »Nun, meine
Kinder! will ich euch meinen taub und stumm gebohrnen Aufwärter vorstellen, gebt
wohl Achtung darauf, ob derselbe nicht, ehe es Morgen Mittag wird, in eben der
Gestalt, als ihr ihn jetzo sehen werdet, vor euren Augen erscheinen soll, denn
ich will noch 3. Characters mehr darzu machen, damit er mir nicht über die
Mittags-Stunde aussen bleiben darff. Habt Acht! ob mein Frantz nicht kommen, und
mich besorgen wird, denn ich habe ihn, ohngeachtet er taub und stumm ist,
dennoch dem heiligen Francisco zu Ehren getaufft, ihm auch durch Zeichen sehr
viele christliche Lehren und Einbildungen vom Christentume beigebracht, und
also ist dieser mein getreuer Frantz kein Heide, sondern ein guter Christ.«
    Wie nun Mirzamanda und ich durch die grosse Crystalle sahen, dass sich an der
weissen Wand ein Mann zeigte, welcher einen ziemlich grossen Korb auf dem Rücken
trug, über welchen auch ein langer Queer-Sack gelegt war, und er auser dem noch
in der einen Hand einen ledernen Schlauch, in der andern aber ein Fisch-Netz
hatte, worinnen sich lebendige Fische und Krebse befanden, so wurden wir über
diesen Mann, der ein graues Kleid und einen schönen Persianischen Hut auf
seinem Hauptem blicken liess, fast zum hertzlichen Lachen bewogen.
    Da nun Urbanus dieses gewahr wurde, fieng er, als ein ganz freundlicher
Mann, den sein silberfarbener Bart ganz und gar nicht verstellete, indem die
hochroten Wangen sehr fein darunter hervor schimmerten, selber mit zu lachen
an, und sagte: Sehet, meine lieben Schwestern! dieses ist die Gestalt meines
Frantzens, in welcher er sich Morgen bei guter Zeit darstellen wird. Ihr aber
werdet diesen Abend bei einer Flasche Wein mit kalter Küche mit mir vorlieb
nehmen müssen, weilen ich heute keine warmen Speisen habe kochen können.
    Ohne ferneres Reden stieg er abermals auf einer andern Treppe in die Tieffe
hinunter, und brachte nach und nach das schönste Brat-Werck von allerlei Fleisch
und Fischen, anbei Citronen, Capern, Limonien und andere eingemachte Sachen an
statt des Zugemüses und Salats herauf, hiernächst 4. solche vortreffliche
Cocos-Nüsse, dergleichen ich von Grösse Zeit meines Lebens nie gesehen habe, und
woran wir beide uns ungemein labten. Urbanus bezeigte sein Vergnügen auf
vielerlei Art, da er sah, dass wir uns seine Tractamenten so wohl schmecken
liessen, langete derowegen 3. Flaschen von dem allerangenehmsten Palmen-Sect
herbei, und nötigte uns jederzeit auf das allerheftigste, ihm Bescheid im
Trincken zu tun. Wir führeten uns aber hierbei sehr behutsam auf, weiln uns
dieser Wein etwas stärcker, als andere geringere Weine zu sein, vorkommen wollte.
Wie wir uns aber mit Speisen und Geträncken genugsam gesättiget hatten, räumete
Urbanus selber alles vom Tische ab, brachte hergegen das Bild des
gekreuztigten Heilandes nebst noch mehr als 12. bis 16. andern Bildern, die alle
wie kleine Statuen von lautern Golde gegossen waren, setzte diese Statuen alle
nach ihrer Ordnung auf den Tisch, fiel nieder auf die Knie, und verrichtete sein
christliches Tisch- und Abend-Gebet in Persianischer Sprache. Da wir nun höreten
und verstunden, dass er lauter heilige, andächtige und christliche Worte
vorbrachte, liessen wir uns gleichfalls neben ihn auf die Knie nieder, und
beteten zu GOtt, eine jede nach ihres Hertzens-Andacht und Anliegen. Nach
Verlauff etwa einer guten Stunde richtete sich Urbanus und auch wir beiden
wieder in die Höhe, er aber sagte: »Nun, meine Schwestern! will ich euch ein
Stück meines Lebens-Wandels erzählen.«
    Er tat dieses, und weiln weder die Prinzessin, noch ich, so gar besondere
Lust zum Schlaffe hatten: als höreten wir ihm mit Vergnügen zu, indem er, so zu
sagen, rechte Wunder-Geschichte vorbrachte, bis der Tag fast anzubrechen schien,
denn weiln er uns etliche Persianische Decken und Polster aufgebreitet hatte, so
schlieffen wir bei ihm weit ruhiger als auf der Sand-Insul.
    Kaum war die Sonne aufgegangen, da Urbanus, wie wir mit unsern noch halb
schläffrigen Augen gewahr wurden, alle seine güldenen Bilder um den
gekreuztigten Heiland herum setzte, sich mit dem heiligen Creutze vielmahl
segnete, und hernach sein Morgen-Gebet kniend verrichtete, dergleichen auch wir
beide nach unserer Art und Andacht zugleich mit taten. Als dieses geschehen,
ging Urbanus zur Clause hinaus, blieb über eine gute Stunde lang aussen, und
brachte endlich einen ziemlich grossen Kessel voll gekochten Caffee nebst einem
Hute Zucker unter seinem Arme herein getragen. Wie genossen ein vieles von
diesem edlen Geträncke, und zwar mit gröstem Appetite, aus güldenen Schalen,
worauf er uns ein anderes starckes Geträncke darreichte, um das Caffee-Wasser,
seinem Sagen nach, damit nieder zu schlagen, welches er selber erstlich
etliche mahl credentzete. Nachdem wir nun auch von diesem etwas zu uns genommen,
ging Urbanus an sein Schau-Fenster, rief Mirzamanden und mich, und sagte zu uns:
»Gucket mir zur Liebe doch alle beide hinaus, ob ihr etwa die Person besser mit
euren jungen, als ich mit meinen alten Augen erkennen möchtet, welche auf meine
Clause daher zugegangen kömmt!« Als wir nun beiderseits hinaus guckten, sahen
wir gleich, dass es der Frantz in Leibs- und Lebens-Grösse, auch in allen Stücken
so beschaffen war, wie er sich gestern im Kleinen an der weissen Wand
dargestellet hatte. Derowegen riefen die Prinzessin und ich fast zu gleicher
Zeit: Lieber Vater, diese Person ist ohnfehlbar euer Frantz. »Ja! er ist es,«
(gab Urbanus zur Antwort) »aber lasset ihn näher kommen.« Wenige Minuten hernach
kam also der Frantz, welchen Urbanus erstlich in die untersten Keller führete,
allwo er seine Sachen abpacken, und ihm von allen Dingen durch Zeichen seinen
Bericht abstatten musste. Wir sahen dieses alles wohl mit an, konten aber aus
ihrer beider Zeichen-Sprache nicht das geringste verstehen, wurden jedoch
gewahr, dass Frantz in seinem Korbe das beste und schönste Fleisch von allerlei
Art, nebst Fischen, Krebsen und noch viel mehreren Lebens-Mitteln mitbrachte,
auch jegliches an gehörigen Ort und Stelle zu schaffen wusste.
    Demnach hatten wir folgendes Abends eine recht Fürstliche Mahlzeit zu
verzehren. Nach deren Einnehmung verrichtete Urbanus abermahl seinen
Gottesdienst, und erzehlete hernach der Prinzessin und mir noch ein Stück von
seinem Lebens-Lauffe, welches alles ich dergestalt in mein Gedächtnis gefasset,
dass ich es ihm, so zu sagen, von Punct zu Puncte nach erzählen wollte, wenn es
anders die Zeit litte.
    Andern Tages meldete uns Urbanus, dass er seinen Frantz nochmahls
fortgeschickt, und dieser würde erstlich in 6 Tagen zurück kommen; mittlerweile
aber, da er eine abermahlige himmlische Offenbahrung gehabt, wollten wir uns zu
unserer Reise nach der Insul Ceilon geschickt machen, indem wir, laut der
himmlischen Offenbahrung, wenige Zeit zu versäumen hätten, wenn wir unser Glück
daselbst machen, und auf einem christlichen Schiffe nach Europa oder in die
Christenheit wollten gebracht werden. Wir bezeigten uns willig und bereit darzu,
mussten ihm aber alle Tage fleissig kochen, sieden und braten helffen, welche
Arbeit wir denn mit Lust verrichteten, indem hiermit etwas Guts in unsere
ausgehungerte Magen kam, auch die vortrefflichsten Weine, dergleichen Frantz
einen ganzen Korb voll Flaschen mit gebracht hatte, unsere Glieder erqvickten.
    Solchergestalt liessen wir es uns bei diesem Einsiedler, der gewisser
maassen besser, als mancher grosser Fürst lebte, ungemein wohl gefallen, indem
wir gut Essen und Trincken hatten, auch uns keiner besondern Gefahr besorgen
durfften, anbei einer stillen Gemüts-Ruhe genossen, und zwar zu Besänftigung
der Angst und Quaal, die wir beiderseits seit einiger Zeit ausgestanden hatten.
    Frantz kam am Abende des 6ten Tages fast noch stärcker, als vormahls, recht
wie ein Esel beladen, wieder zurücke, und brachte auser den vielen
Lebens-Mitteln 2 ganz neue Pilgrims-Kleider mit, nämlich eins vor sich und eins
vor Urbanum. Hierauf führete uns Urbanus bei Nachts-Zeit in seine
unterirrdischen Gewölber, da wir denn einen erstaunlichen Vorrat von allerhand
schönen Sachen, nebst vielen güldenen und silbernen Geschirren, auch eine
ziemliche Menge Diamanten und Kleinodien antraffen, welche letztern er mir und
der Prinzessin darreichte, um dieselben, so wie er selber tat, in unsere
Pilgrims-Kleider einzunähen.
    Wie nun dieses geschehen, und unsere Kleider, in welchen ohne dem viel
dergleichen Zeug schon stack, ziemlich beschweret worden, mussten wir beide ihm
die güldenen und silbernen Geschirre so wohl, als das Uberbleibsel von
Kostbarkeiten und andern teuren Sachen, ingleichen das gemüntzte Gold- und
Silber-Geld bis an sein gemachtes Grab tragen helffen; welches alles von ihm in
das Grab geworffen, und dasselbe mit unserer Behülffe, zugescharret, und der
Erden gleich gemacht wurde.
    Als dieses vollbracht, ging er dreimal um den Platz des zugescharreten
Grabes im Creise herum, murmelte viele Worte und Sprüche her, die wir nicht
verstehen konten, mit dem spitzigen Stabe aber, den er in der Hand hatte,
zeichnete er 9. Characters oder Buchstaben, die uns unbekannt waren, in die
Erde, sprung hernach viele mahl auf dem zugescharreten Grabe herum, und bat
uns, dass wir dergleichen tun sollten, worinnen wir ihm denn auch Folge
leisteten, also recht tapffer auf dem Grabe herum sprungen. Hierauf befahl er
uns, noch etwas zu verrichten, welches ich aus Schamhaftigkeit eben nicht melden
will; Allein wir erfülleten auch in diesem Stücke seinen Willen, worauf er uns
denn zurück in seine Clause führete, und nachdem wir unser Nacht-Gebet
ordentlicher Weise zu GOtt verrichtet, sich dieser Worte vernehmen liess: »Nun
habe ich mit eurer Beihülffe einen solchen Talisman gemacht, den mir gewiss kein
Heidnischer Wahrsager, Zeichen-Deuter, Schatz-Gräber, oder, er sei auch, wer er
nur immer sei, auflösen wird, und wenn er gleich die 3. obersten höllischen
Geister zu seiner Beihülffe anruffte: denn der Kasten, worinn die Kleinodien,
wie auch die güldenen und silbernen Münzen befindlich, ist mit dem wahrhaften
Siegel des allerweisesten Königes Salomonis versiegelt, als vor welchen alle
bösen Geister erzittern, und sich schleunig zurück begeben müssen. Es soll aber,
(sprach er ferner) dieser Schatz, welcher, wie ihr gesehen habt, eines ziemlich
starcken Wertes ist, vor euch Prinzessin Mirzamanda verwahrt und aufgehoben
sein, weiln ich den Heiden diese Kostbarkeiten (worunter sich kein Stäublein
ungerechtes, sondern alles auf redliche Art und Weise erworbenen Guts befindet)
durchaus nicht gönnen will: Wenn ihr denselben nicht braucht, so bin ich damit
sehr wohl zufrieden, denn ich lese an eurer Stirne geschrieben, dass ihr
längstens binnen 2 oder 3 Jahren auf dieser Welt euren vollkommenen Glücks- und
Ruhe-Stand finden werdet. Nehmet hin aus meiner Hand diesen Schlüssel, welchen
ihr auf das aller behutsamste zu verwahren habt, so bald dieser Schlüssel von
euch oder von einem durch euch Abgeordneten, nur auf das Grab gelegt wird, soll
sich solches von selber auftun, und alle Kostbarkeiten in die Höhe heben.
    Nach Endigung dieser Worte überreichte er Mirzamanden ein ungemein kostbares
goldenes mit Diamanten, Rubinen und andern raren Edelgesteinen versetztes, sehr
sauber ausgearbeitetes Kruzifix, welches ganz bequemlich auf der Brust zu
tragen war, wickelte dasselbe in ein Stücke Pergament, auf welches er vorhero
noch verschiedene Characters und Buchstaben mahlete, hüllete solches alles in
weisses Wachs ein, und sagte nur noch dieses: Hier habt ihr, was ihr haben
sollet, und was euch auf diessmahl von der Güte des Himmels beschehret ist.«
    Demnach küssete Mirzamanda unserm Wohltäter die Hand, welches sie denn
ihrem hohen Stande ohnbeschadet, zumahlen in Betrachtung der grossen ererbten
Schätze, ganz wohl tun konnte. Immittelst war der getreue Frantz von allem dem,
was vorgegangen war, ganz und gar nichts inne worden, und da wir nachhero
Urbanum fragten: wo denn sein Frantz hingekommen wäre, weilen wir denselben
nicht sähen? so gab er uns zur Antwort: bekümmert euch nur um nichts! denn
Frantz wird zu rechter Zeit nebst 2. mit Lebens-Mitteln beladenen Maul-Tieren
bei uns erscheinen, inzwischen machet euch nur dergestalt fertig zur Reise, dass
wir nicht mutwilliger Weise die edle Zeit versäumen, um an gehörigen Ort und
Stelle zu kommen.
    Wir leisteten ihm Gehorsam, und da Frantz am dritten Tage mit zweien wohl
beladenen Maul-Tieren erschien, wurden die Sachen in gröster Geschwindigkeit
umgepackt, und wir reiseten also, gleich bei Aufgange der Sonne, aus der Clause
heraus, nämlich Urbanus, Mirzamanda, ich und Frantz, welcher die 2. starck
bepackten Maul-Tiere leitete.
    Unsere Strasse nahmen wir durch das Gross-Mogulsche Gebiete, nach dem
äusersten Hafen zu, in welchem wir vielleicht ein Schiff anzutreffen verhofften,
das nach Ceilon überseegelte, oder wenn alle Stricke rissen, ein solches Schiff
vor Geld mieten könten: denn wir hatten ja alle 3. so viel Kleinodien und
Edelsteine bei uns, dass wir noch wohl ein eigenes Schiff hätten davon bezahlen
können.
    Unterdessen kamen wir, nach einer 2. monatlichen Reise zu Fuss, welche
jedoch, da wir nach unserm Vergnügen reiseten, und die Tage-Reisen indem
dieselben nach Belieben eingerichtet wurden, uns gar nicht beschwerlich fielen,
endlich glücklich in der Stadt und dem Hafen Cambaja an. Wie wir nun unterwegs
von niemanden den geringsten gefährlichen Anstoss gehabt, indem alle die, so uns
begegneten, und gefragt: wo wir hin wollten? zur Antwort bekamen; dass wir heilige
Pilger wären, und das Grab Adams auf der Insul Ceilon besuchen wollten; uns in
Friede und Freundschaft fortwandern liessen, auch nicht einmal unsere
Maul-Tiere antasteten, so waren wir desto freudiger. Hierbei bemerckten wir,
dass alle Einwohner dieses Landes vor den alten graubärtigen Urbanum eine ganz
besondere Hochachtung bezeigten; ob er sich nun dieselbe durch seine Künste und
Wissenschaften zu Wege gebracht, oder ob es ordentlicher und natürlicher Weise
zugegangen, davon kann ich eben so genau nicht Rede und Antwort geben.
Unterdessen brachte uns der graue ansehnliche Bart vor diesesmahl glücklich
durch, indem er bis in Cambaja hinein beständig vor uns hergieng.
    In jetztgedachtem Cambaja traffen wir gleich in der ersten Herberge einen
Mann an, der fast eben eben einen so langen Bart trug, als unser Urbanus. So
bald nun dieser Mann unsern Urbanum kaum erblickt, kam er also gleich auf ihn
zugegangen, umarmete und küssete ihn. Darauf giengen beide hinaus in den Garten
spazieren herum, und unterredeten sich wohl 2. gute Stunden ganz alleine mit
einander. Endlich kam unser Urbanus wieder zu uns, liess eine gute Mahlzeit vor
uns zubereiten, nach deren Genuss er die Prinzessin und mich auch in den Garten
führete, und dieses sagte: »Meine Schwestern! es ist dieser Mann, von dem ihr
gesehen, dass er mich gehertzet und geküsset hat, zwar ein Jude; aber glaubt mir
dieses: ob er gleich ein Jude, mit dem ich schon seit etlichen 30. bis 40.
Jahren gehandelt und zu schaffen gehabt, er dennoch, ohngeachtet er nicht
unseres christlichen Glaubens, ein uns von GOtt zugeschickter heiliger Engel
ist, der uns glücklich auf die Insul Ceilon und noch weiter befördern wird.«
    Dem Urbano glaubten wir alles, was er uns vorsagte, und traueten seiner
fernern Vorsorge, worinnen wir uns auch nicht im geringsten betrogen fanden:
Denn eben dieser Jude, welchem Urbanus vielleicht etliche kostbare Kleinodien
mochte zugesteckt haben; verschafte uns allen, von dem Calif oder obersten
Befehlshaber Frei-Pässe, so dass wir, nachdem wir uns noch etliche Wochen in
Cambaja aufgehalten, ohngehindert auf einem Mogulschen Schiffe, in Begleitung
des Juden, nach der Insul Ceilon abseegeln konten.
    Wir hatten eine rechte vergnügte Fahrt, und traffen daselbst viele
christliche Schiffe an, weilen aber Urbanus auf dieser Insul viele seiner
Glaubens-Brüder antraff, so liess er es sich mit deren Beihülffe auf das
alleräuserste angelegen sein, die daselbstigen Heiden zum christlichen Glauben
zu bereden; Sie waren auch anfänglich sehr glücklich, indem sich über 80.
Heidnische Familien zum christlichen Glauben wendeten; Allein, die Sache kam
bald heraus, derowegen wurden die Christen aufs grimmigste verfolgt, und deren
mehr als 100. getödtet, worbei denn unser lieber Urbanus sein so hoch gebrachtes
liebes Leben auch mit einbüssen musste. Mirzamanda so wohl, als ich haben seinen
jämmerlichen Tod mit bittern Tränen beweinet, jedoch eine höhere Gewalt
regierete des alten Juden Hertze dergestalt, dass er uns auch dasiges Orts nicht
allein den kräfftigsten Schutz verschafte, sondern auch Mirzamanden, mich, den
Frantz und den Löwen, als welcher Letztere zu unser allergrösten Verwunderung
und Erstaunen, nachdem er, wie wir nicht anders vermuten konten, sein Behältnis
in Candahar durchbrochen, die Spur bis zu des Urbani Clause glücklich gefunden,
(wobei wir nichts bedauerten, als dass er sich nicht eher bei uns eingestellet,
da wir von des Arab-Ogli Jägern gefangen, und ferner auf dessen Schloss gebracht
worden, da denn gewiss ein starckes Blutvergiessen und Zerreissung unserer Feinde
würde entstanden sein) auf ein Holländisches Schiff verdunge. Der Jude bekam
dabei eine nicht geringe Anzahl von Kleinodien und andern Edelgesteinen in
seinen Juden-Beutel. Ehe wir noch zu Schiffe giengen, kam das Weibes-Stück
Hadscha, welche vor Mirzamand en einen Fussfall tat, und dieselbe mit Tränen
bat, sie mit sich zu führen. Ob nun schon Mirzamanda wusste, dass Hadscha eine
Heidin, Anbeterin des Feuers und anderer Götzen war so liess sie sich durch ihre
demütige Stellung doch dahin bewegen, dass sie dieses Mensch, welches ihr von
Jugend auf, sonsten in andern Stücken, viele getreue Dienste getan, mit sich zu
nehmen beschloss, und dieserwegen dem Schiffs-Patrone einen schönen Diamantenen
Ring gab, in Hoffnung, dieses liederliche Weibes-Stücke mit der Zeit und
Gelegenheit zum christlichen Glauben zu bringen; Allein, wir fanden bald bei
ihr, dass sie die allerwenigste Lust zum Christentume hatte, um so viel desto
mehr dauerte uns aber, dass der gute Frantz, welcher doch viele Merckmahle, ein
Christ zu sein, von sich gab elendiglich an der See-Kranckheit sterben musste,
weswegen er, nachdem wir seinen Pilger-Habit ihm ausgezogen und zu uns genommen,
(als welcher mit Kleinodien und Edelgesteinen ziemlicher Maassen beschweret war)
sein Begräbnis in der See finden musste. Uns aber trieb nachhero ein stürmender
Würbel-Wind immer aus einer Ecke in die andere, und schlug uns um viele kleine
Insuln lincks und rechts herum, wir konten aber niemahls zu Lande kommen blieben
hergegen zum öfftern auf Sand-Bäncken sitzen, und stiessen nicht selten an
verborgene Klippen, bis wir endlich, nachdem wir viele Wochen herum geschwärmet,
an einer unbekannten Insul, die, wie ich nunmehro weiss, Klein-Felsenburg
genennet wird, mit Schiff und Geschirre zu scheitern giengen, da denn, weil es
schon finster war fast der meiste Teil unserer Mannschaft ersoffe; Mirzamanda
aber, ich und die Hadscha waren doch so glücklich, das Ufer zu erlangen,
ohngeachtet uns die Kleider dieses mahl sehr beschwerlich fielen: denn wir
halten der Hadscha des Frantzens Pilger-Kleid angezogen, welches eben so schwer
war, als die unserigen. Jedoch nachdem wir nur erstlich einen grünen Platz
gefunden, auch die Vorsorge des Himmels uns eine ziemliche Menge von
Lebens-Mitteln aus dem zerscheiterten Schiffe zuführete, so beschlossen wir
gleich, der See nicht weiter zu trauen, und wenn auch das Schiff schon
ausgebessert würde, sondern viel lieber an diesem schönen Orte von Kräutern,
Wurtzeln und allerlei Baum-Früchten uns so lange zu ernähren, bis der Himmel
sich unserer erbarmte, und Gelegenheit zu einem bessern Zustande an die Hand
gäbe.
    Der Himmel hat uns nicht fallen lassen, denn wir fanden unvermuteter Weise
die Felsen-Schlufft, durch welche wir alle 3. benebst dem Löwen auf Händen und
Füssen hinauf krochen, weiter habe ich vorjetzo nichts zu sagen, denn die Herrn
Felsenburger wissen ausser dem schon besser, wie? wann? wo? und welcher Gestalt
sie uns angetroffen haben.
    Dieses eintzige aber will ich nur noch melden, dass der ehrliche Jude Rabbi
Moses, wie er sich nennete, mit seinem silberfarbenen ansehnlichen Barte, auch
so wohl wie andere ohnbärtige zugleich mit ersauffen musste. Es ging so wohl
Mirzamanden, als mir sein Unglück sehr nahe, weilen er uns auf der Reise viele
Gefälligkeiten erwiesen, sonderlich aber auf der Insul Ceilon, denn er führete
uns, weil wir des Urbani Reden nach, eine grosse Begierde bezeugten, des Adams
Grab zu sehen, (welche Glückseligkeit aber der gute Urbanus nicht erleben
können) an dem Fusse eines Berges welcher in der Landschaft Matura liegt.
Hieselbst fanden wir ein in einem Felsen gehauenes Begräbnis, und in selbigem
einen Leichen-Stein, auf welchem diese Characters, oder unbekannten Buchstaben,
zu sehen, wie mir denn der Jude dieselben mit gröstem Fleiss vermittelst einer
Reiss-Feder, sehr geschicklich abgezeichnet hat, und wovor ich ihm zur
Gegengefälligkeit ein kleines Geschencke gab. Dessen Zeichnung ist also diese:
Wir giengen also mit dem Abrisse dieser 25. Charact ers und unbekannten
Buchstaben so wohl zu allen Christlichen, als Heidnischen Gelehrten, und boten
ihnen Geschencke an, um unsere Begierden mit Auslegung derselben zu stillen,
allein, unter allen, die sich damahls von beiderlei Art annoch auf dieser Insul
aufhielten, befand sich keiner, der uns in diesem Stücke vergnügen wollen;
sondern sie bekannten alle einmütig, dass die Bedeutung derselben bis auf diesen
Tag nicht hätte können erforschet werden. Unterdessen sagen die Einwohner dieser
Insul vor gewiss: dass der erste erschaffene Mensch Adam in diesem Begräbnisse
begraben läge. Der Stein ist 14. Fuss lang, 5. Fuss breit u. andertalb Elle
dicke, sehr glatt und dergestalt gläntzend, als ob er polirt wäre. Zur Seiten
dieses Begräbnisses sieht man 5. steinerne Pfeiler. An dem Haupt-Ende des
Leichen-Steins stehet ein anderer aufgerichteter Stein, jedoch nicht so schön
und sein, sondern etwas gröber und sandiger, als der, den ich schon beschrieben,
sein Ansehen ist recht unvergleichlich zu nennen, indem er von allerlei Arten
der Farben, durchwachsen und recht bewunderns würdig geflammet, so wie manche
Sorten von Marmor-Steinen sich zu finden pflegen. Dieses Steins Grösse, Dicke
und Breite trifft mit des erst gemeldten in allen Stücken überein. Es ist aber
derselbe Stein ohne Gemählde, Zierraten, Characters, oder Buchstaben, und
stehet von dem ersten 6. Fuss ab. Demnach ist der ganze Inbegriff von dieser
Grab-Städte 36. Fuss.
    Hinter diesem Steine stehet eine in Stein gehauene Lampe mit einer
brennenden Materie, ohne, dass weiter etwas darf hinein getan werden, doch
scheinet der Docht jederzeit, als ob er voller Oel wäre. Etwa 4. oder 5.
deutscher Meilen von dar liegt noch ein sehr hoher spitziger Berg, der dem
Ansehen nach einem spitzigen Turme gleichet, auf dessen Gipffel ist eine kleine
Ebene, und auf selbigem Platze sieht man eine Fussstapffe, deren Länge
andertalb Fuss. Die Einwohner sagen hierbei, es solle Adam seinen Fuss auf dieser
Stelle eingedruckt haben; jedoch eben diese Einwohner sind in diesem Stücke
nicht einerlei Glaubens, weilen einige wollen, es sei einer von ihren
Heidnischen Priestern, Bourdau genannt, von ihren Vorfahren zum Könige über sie
erwählet worden; und gemeldter Bourdau wäre gewohnt gewesen, sein Gebet auf
diesem Brrge zu verrichten, worauf er eines Tages lebendig gen Himmel gefahren,
oder von den Göttern hinauf gezogen worden. Bei solcher Aufziehung nun habe er
diese Fussstapfen zu seinem Angedenken zurück gelassen. Der Christen Glaube bei
dieser Geschichte ist aber ganz anders beschaffen, als welche davor halten, und
aus alten Uhrkunden versichern wollen: es habe der Teuffel diesen Bourdau, als
einen Ertz-verfluchten Götzen-Knecht, leibhaftiger Weise gehohlet, und von der
allerhöchsten Felsen- herunter gestürtzt, da denn seine Cameraden, nämlich die
andern Götzen-Knechte und Priester, gar leicht eine solche Fussstapfen
einarbeiten, nachhero aber dem einfältigen Volcke vorschwatzen können, als ob
Bourdau lebendig gen Himmel gefahren wäre, und dieses Wahrzeichen zurück
gelassen hätte, denn die Ceilonier sind, meines Erachtens, ein sehr tummes
Volck, sonderlich aber in Glaubens-Sachen.
    Unterdessen aber sind sie doch von ihren Götzen-Priestern noch ferner in so
weit verführet oder verblendet worden, dass sie gewiss glauben: dieser gen Himmel
gefahrne Bourdau wolle und könne auch ihre Seelen in den Himmel nach sich
ziehen, und dieselben zur ewigen Seligkeit bringen. Ja! sie beten ihn mit der
grösten Andacht an, und halten diesen Teufels-Braten recht vor ihren Halb-Gott;
wie denn ihm zu Ehren alljährlich, nach der Christen Zeit-Rechnung, den 9. Tag
des Monats Aprilis ein grosses Fest, mit dem sie zugleich ihr neues Jahr
anfangen, angestellet wird, welches Fest Mirzamanda und ich etliche Tage lang in
gröster Stille und Behutsamkeit mit abgewartet haben.
    Es finden sich bei diesem Feste unter andern Arten von Heiden auch viele
Mohren zusammen, welche alle den gen Himmel gefahrnen König Bourdau anbeten, und
ihm ihre Opffer bringen. Sonsten aber wird dieser Berg die Adams-Pagua genennet,
und ist unter demselben eine grosse fürchterliche Höhle, worinnen sich ihrem
Vorgeben nach, noch viele Heiligtümer befinden sollen; es wird aber kein
Fremder leichtlich in diese Höhle gelassen, wenn er nicht einen sehr guten
Freund unter den Götzen-Priestern zu seinem Führer hat, welche Pfaffen sich aber
durch wenige Gold-Stücke gar bald erkauffen lassen, alle belachenswürdige
Geheimnisse zu zeigen, welche in der Höhle befindlich sind.
    Sonsten muss ich noch dieses vorbringen, wie ich zwar die Persianer vor sehr
grobe Heiden und Abgötter erkenne; allein es werden dieselben von den Einwohnern
der Insul Ceilon noch um ein vieles übertroffen, indem, wie ich davor halte,
dieselben von ihren Götzen-Priestern gewaltig verblendet, vielleicht auch wohl
gar bezaubert sind. Denn sie glauben endlich wohl, dass ein GOtt sein müsse, der
Himmel und Erden erschaffen hätte, auch den Menschen auf der Welt viel Gutes
angedeihen liesse; diesen aber anzubeten, wollen sie sich nicht die geringste
Mühe geben. Im Gegenteil beten sie den Teufel täglich an, und sagen, dass, wenn
sie diesen, von dem alles Böse käme, nicht allezeit demütig entgegen giengen,
würde er sie insgesammt bald vertilgen und umbringen. Und dieses ist der Glaube
dieser verblendeten, betörten und vielleicht bezauberten Menschen, weswegen
Mirzamanda und ich dem allmächtigen GOtt auf den Knien danckten, als uns die
Zeit unserer Abfährt von dem Juden angekündiget wurde.
    Hiermit aber will ich, (redete die Anna noch weiter) vor dieses mahl den
Bericht von dem bisherigen Lebens-Lauffe meiner Prinzessin und meines selbst
eigenen beschliessen, indem ich doch die Haupt-Sachen vorgebracht, die andern
Neben-Dinge aber, worinnen sich noch viele Merckwürdigkeiten, befinden, benebst
der Erzehlung des Persianischen schweren Krieges, werde bis auf eine andere Zeit
versparen, weilen doch mir so wohl, als meiner Prinzessin das Glück angeboten
worden, dass wir bis zu fernerer Verfügung des Himmels auf dieser glückseeligen
Insul Gross-Felsenburg bleiben, und in sicherer Ruhe leben sollten. Wir dancken
demnach, da wir bei so vielen frommen, guttätigen, lieben Leuten, so zu sagen,
den Himmel auf Erden gefunden, der gnädigen Vorsorge des Allerhöchsten, und
wünschen weiter nichts mehr, als dass wir nur noch eine eintzige Reise auf das
Mogulisch-Persische Sand-Gebürge tun möchten, um des Urbani Grab zu eröffnen,
die darinnen befindlichen Schätze heraus zu nehmen, und dieselben anhero zu
bringen. Unterdessen muss ich doch glauben, dass Urbanus, ohngeachtet er mit
vielen verborgenen Künsten und Wissenschaften umgegangen, auch dieselben
jederzeit bis an sein unglückseliges Ende glücklich durchgeführet, ein besonders
guter Christ und heiliger Mann gewesen sein müsse, weilen sein Seegen und seine
Propheceiung solcher gestalt wider unser Hoffen und Vermuten, ja nach unserer
Hertzen Wünschen, so glücklich gewürckt und eingetroffen hat.
    Mir Eberhard Julio wurde von den Geistlichen und Aeltesten anbefohlen, der
Prinzessin Mirzamanda, die wir nunmehro aber auf unserer ganzen Insul bloss
Prinzessin Christiana nennen, dieses zu melden: wie sie sich weder um den Mogul,
noch um den zukünftigen Schach in Persien ganz und gar nichts mehr zu
bekümmern hätten, und die Gedancken wegen ihrer verborgenen Schätze nur aus dem
Sinne schlagen sollten, weilen wir dergleichen Plunder im grösten Uberflusse
besässen; unterdessen könnte doch mit der Zeit wohl Rat darzu werden, dieselben
mit guter Manier abzuhohlen. Mittlerweilen aber sollten sie alle beide in
sicherer Gemüts-Ruhe so lange bei uns bleiben, auch vor nichts sorgen, bis uns
der Himmel insgesammt verderbte, welches doch nicht zu hoffen stünde, wenn wir
als fromme Christen ihm vertraueten, und fleissig beteten. Wie ich nun diese aus
der Frau Anna Holländischem Munde getane Geschichts-Erzehlung, so zu sagen, vom
Munde aus, in deutsche Ubersetzung gebracht, beruhigten sich alle beide
dergestalt, dass wir alle insgesammt sonderlich unsere Freude über ihren
andächtigen Gottesdienst und frommen, stillen, christlichen Lebens-Wandel haben
mussten. Ja, ich glaube, (jedoch dieses anheute noch im Vertrauen gesprochen) dass
unser Regente, Albertus Julius II. dem der Tod vor etlichen Wochen seine
liebwerteste Ehegemahlin geraubt hat, vielleicht aus dieser schönen Prinzessin,
dem Beispiel des Königs David zu Folge, eine Abisag von Sunem machen werde,
wovon im 1. Capitel des 1. Buchs von den Königen gleich zu Anfange desselben im
1. 2. 3. und 4. Versicul ein mehreres zu lesen ist. Unterdessen, wenn es ja
dahin kommen sollte, so weiss ich gewiss, dass auf der ganzen Insul sich keine
lebendige Seele finden wird, die hierwider etwas einzuwenden hätte, weilen der
Prinzessin Christiana holdseelige und liebreiche Aufführung, derselben die Gunst
und Gewogenheit auch so gar der kleinesten Kinder zu Wege gebracht. Mit dem
Regenten aber kann sie bereits dergestalt vertraulich und schmeichelhaft
umgehen, dass er sich seinen alten grauen Bart von niemanden lieber auskämmen und
zu rechte machen läst, als von der Christiana, die ihm dieses am allerbesten zu
Dancke machen kann, und es auch recht mit Lust tut.
    Von unsern Haupt-Geschichten aber noch ferner etwas zu melden, so ist zu
wissen, dass wir um selbige Zeit in jeder Pflantzstadt eine kleine neue Kirche,
wie auch ein Schul-Haus vor die Jugend zu erbauen den Anfang machten. Demnach
wurden auch die hierzu behörigen Priester ordinirt, und die Schul-Diener wohl
bestellet, und zwar alle von unsern eingebohrnen Felsenburgern, welches in
Wahrheit Leute sind, die manchen Europæischen so genannten Geistlichen oder
Teologis, was Glauben, Lehre und Leben anbelanget, keiner Haare breit
nachgeben, sondern vielmehr vielen die Spitze bieten sollen, ohngeachtet sie
niemahls auf eine so genannte Universität gekommen, sondern nur von unsern 3.
Geistlichen, hernach auch von uns andern in diesen und jenen Künsten und
Wissenschaften, sonderlich aber in allerlei Sprachen unterrichtet worden;
Allein, hierbei habe ich hauptsächlich bemerckt, was ein unermüdeter Fleiss in
Lesung guter Bücher, und über dieses alles die Gabe des heiligen Geistes würcken
und ausrichten kann. Unterdessen ist unsere Haupt-Kirche auf dem Platze unter der
Alberts-Burg, wie ihr mein lieber Capitain Horn sehet, annoch in ihren vorigen
Ehren und Würden, ja noch in weit besserm Stande, als ihr dieselbe vor eurer
Abreise gesehen, und es wird der Gottesdienst so wohl Sonn- als Fest-Tags, nach
wie vor, darinnen gehalten, auch jederzeit das Signal mit einem Cartaun
en-Schusse und Läutung der Glocken gegeben, da sich denn ein jedes nach seinem
Belieben einstellen kann. Denen Krancken, Müden und Matten aber wird gar nicht
verarget, wenn sie zu Hause bleiben, und den Gottesdienst in ihrer
Pflantzstadts-Kirche abwarten.
    Hierbei muss ich gedencken, dass ich nunmehro unsere Pflantzstädte, mit
gröstem Rechte, Städte nennen kann: denn ihr, mein lieber Bruder Horn! habet
dieselben nur noch als kleine Dörffer verlassen; aber gebt euch einmal die
Mühe, dieselben nunmehro recht genau zu betrachten, so werdet ihr mir Beifall
geben, dass es lauter schöne Städte sind, indem sich die Einwohner derselben,
binnen eurer Abwesenheit, die Auferbauung der saubersten und bequemlichsten
Häuser auf das allerfleissigste so wohl bei Tage, als bei Nachts-Zeit dergestalt
angelegen sein lassen, dass wir zum öfftern die gröste Mühe gehabt, sie davon zu
verhindern, um den Feld-Wein- und Garten-Bau solcher gestalt nicht in
Vergessenheit gestellet zu sehen.
    Jedoch unsere lieben Brüder, Schwestern und Freunde liessen sich, als recht
vernünftige Leute, dergestalt weisen, dass auch hieran nichts versäumet wurde;
weswegen denn auch her allmächtige GOtt so barmhertzig und gnädig war, dass er
uns ein solches fruchtbares Jahr beschehrete, dergleichen unsere Vorfahren, seit
dem GOtt selbst den Grund-Stein zu dieser Insul geleget, und ihnen ihren
Aufentalt darauf vergönnet, so lange als sie auf selbiger gelebt, noch niemahls
gehabt. Wie wir denn solches aus den Jahr-Büchern, Zeit-Rechnungen und andern
alten Uhrkunden, die sich so wohl von dem alten Don Cyrillo, als vom Alberto
Julio I. herschreiben, wohl beobachten können.
    Kurtz: ich will mit wenig Worten nur so viel sagen, dass der allmächtige GOTT
in diesem Jahre so wohl bei dem Feld- als Wein- und Garten-Baue, ein Hundert in
etliche Tausend verwandelte, dergestalt, dass wir recht darüber erstauneten,
weilen wir nicht wussten, wo wir mit unserm Seegen überall hin sollten, und
dieserwegen noch verschiedene Vorrats-Häuser aufbauen, auch noch viele Keller
eingraben mussten, um den kostbaren Wein, dergleichen wir auf dieser Insul noch
niemahls gehabt, nicht verderben zu lassen; bei welcher Gelegenheit denn die
Fassbinder, deren so genannte Innung sich bereits starck vermehret, ein ziemlich
Stückgen Arbeit bekamen.
    Mittlerweile, da alles, was sich auf der Insul nur regen konnte, vom Grösten
bis zum Kleinesten, mit der allerfleissigsten Arbeit beschäfftiget war, beredeten
Mons. Plager, Litzberg, Cramer und ich, nebst andern guten Freunden uns unter
einander, die Fahrten nach der Insul Klein-Felsenburg aufs neue fortzusetzen, um
zu sehen, was unsere daselbst zurück gelassenen Brüder benebst den Portugiesen
vor gut Garn spönnen.
    Demnach traten wir diese Fahrten wöchentlich 2. bis 3. mahl an, brachten den
dasigen allezeit die besten Lebens-Mittel mit, und traffen dieselben jedes mahl
lustig und aufgeräumt, auch in der schönsten Ordnung an, indem sie von Zeit zu
Zeit dermasen überflüssig zugeführt bekommen hatten, dass sie weder über Mangel,
Not, noch Hunger klagen konten. Vincentius schien vor Freuden ganz auser sich
selbst zu sein, als er uns zum ersten mahle wieder erblickte, ja, er wusste seine
Hochachtung gegen uns nicht gnugsam an den Tag zu legen, dergleichen seine
Cameraden auch taten. Wie wir sie nun mit starckem Geträncke, so wohl von
allerlei Weinen, als andern Sorten, recht ungemein gelabet hatten, sie uns
hergegen viele niedliche Speisen vorgesetzt, die wir mit dem grösten Appetite zu
uns genommen, so führeten sie uns alle insgesammt heraus auf den Platz, und
zeigten uns ihre Stücken-Arbeit, welche in etliche 150. Silber- und Goldhältigen
Ertz-Stuffen bestund, da denn manche der grösten Stuffen über die 20. bis 30.
Centner am Gewichte zu schätzen war, worbei uns denn jammerte, dass wir dieselben
nachmahls zerschlagen, und in kleinere Stücken bringen sollten, weilen aber des
Zeuges in der Menge da war, so machten wir uns auch daraus nicht eben allzu
viel.
    Wir wurden aber weiter geführet, und uns gezeiget, dass die Portugiesen mit
Beihülffe unserer Felsenburger 2. grosse und 3. etwas kleinere wohl
ausgearbeitete Fahrzeuge verfertiget, an welchen nichts fehlete, als hie und da
ein und anderes eiserne Beschläge, ohngeachtet alles mit blossem Holtz- und
Pflöcker-Werck dergestalt bevestiget war, dass man fast keine eiserne Beschläge
dabei vonnöten hatte, mitin diese Fahrzeuge vor rechte Kunst- und
Meister-Stücke bei den Seefahrern erkennen musste. Hierbei aber bekam ich gegen
die Portugiesen einen üblen Verdacht, konnte auch denenselben nicht verbergen,
sondern sagte ihnen frei in die Angesichter, dass dieses vielleicht die Fahrzeuge
sein würden, mit welchen sie bei guter Gelegenheit von hier abseegeln und uns
verraten wollten. Aber es jammerte und gereuete mich bald, dass ich mein Hertz so
geschwinde gegen sie offenbaret hatte: denn sie fielen, nachdem sie sich nur
etliche Minuten lang mit einander unterredet hatten, sogleich auf ihre Knie vor
uns nieder, da denn Vincentius das Wort führete, und also redete: »Meine Herren!
ohngeachtet alles vorhergegangenen verspüren wir doch, dass ihr uns vor Schelme,
Diebe und Verräter erkennet, da wir doch die allerredlichsten Leute von der
Welt sind, so lieber als eure Knechte, ja, so zu sagen, Sclaven sterben wollen,
ehe wir gegen unsere Wohltäter eine neue Verräterei anzustifften gesinnet
wären. Weil ihr uns demnach nicht trauet, so schiesst uns alle 5. lieber auf
die Köpfe, oder in die Hertzen, damit ihr von euren Sorgen, wir 5. aber von
allem Missvergnügen, welches uns etwa noch künftig zustossen könnte, entlediget,
sein.«
    Indem nun alle 5. ihre blossen Köpffe darzeigten, auch so gar die Kleider
von den Ober-Leibern abrissen, kam mir ein solches Grauen an, dass ich fast in
Ohnmacht gesuncken wäre; allein, weil ich an der ganzen Sache die meiste Schuld
zu haben sehr wohl erkannte, und meine Ubereilung in Worten mir zu Gemüte zog,
so hub ich erstlich den Vincentium, hernach seine andern Cameraden von der Erden
auf, umarmete und küssete einen jeden, mit der Bedeutung, dass sie mir meine
Reden, die ich teils aus Schertz, teils aus Ubereilung ausgesprochen, nicht
gleich so übel hätten aufnehmen sollen. Worauf denn der Friede und das Vertrauen
zwischen uns bei den Teilen binnen einer Stunde hergestellte wurde, zumahlen,
da die Portugiesen, ohngefordert, ihre Hände gen Himmel huben, und der heiligen
Dreifaltigkeit, nebst allen Heiligen und Engeln GOttes, einen leiblichen Eyd
zuschwuren: dass sie es treu, redlich und aufrichtig mit uns Felsenburgern
meinten, auch weder Verräterei, Betrug, noch Dieberei im Sinne hätten. Demnach
wurde von uns allen hoch geschmauset, und binnen 3. Tagen alle mühsame Arbeit
bei Seite gesetzt, hergegen lebten wir in gröster Vertraulichkeit, lustig und
guter Dinge. Als aber dieses Freuden-Fest vorbei war, ging ein jeder wieder an
seine beliebige Arbeit, nämlich in die Stein- und Ertz-Brüche, oder noch mehr
Bau-Holtz zuzurichten, dessen wir doch schon eine gewaltige Menge antraffen, uns
also fast halb zu Tode verwunderten, wie diese Hand voll Männer, in so weniger
Zeit dergleichen sauere und schwere Arbeit verrichten können. Allein, es war
dieses Schuld daran, dass sie nicht gezwungener Weise, sondern bloss nach eigenem
Gefallen arbeiten durfften, auch dabei sich rechtschaffen etwas zu Gute tun,
und ihres Leides mit den besten Speisen und Geträncken pflegen und warten
konten.
    Nachhero schickten wir beständig, fast immer über den 3ten, oder 4ten Tag
zwei, auch wohl 3. Boote mit voller Ladung, die in Gold- und Silber-haltigen
Ertz-Stuffen, auch vielen Stücken des allersaubersten Bau-Holtzes, zur Rarität
der Arbeit wegen, bestunde, nach der grossen Insul, worgegen uns unsere Leute
jederzeit bei ihrer Zurückkunft die besten Lebens-Mittel, und alles dasjenige,
was wir sonsten notdürfftig brauchten, mitbrachten.
    Mittlerweile, da Mons. Plager dem Vincentio sein Vorhaben eröfnet, wie er
nämlich gesonnen wäre, auf dieser kleinen Insul ein tüchtiges Schmeltz- und
Hütten-Werck anzulegen, um die Mineralien und Metallen zu Gute zu bringen: so
machte sich Vincentius eine ungemeine Freude darüber, und sagte, dass, wenn er
nur von Zeit zu Zeit 20. starcke Männer zu seinen Gehülfen bekäme, er dieses
Werck binnen Zeit von 2. Monaten in vollkommenen Stand bringen wollte; wenn sich
nicht nur unter seinen Cameraden ihrer 2. befänden, die um das Schmeltz- und
Hütten-Wesen guten Bescheid wüsten, sondern er auch hörete und spürete, dass
einige unter den Felsenburgern hiervon schon sehr starck unterrichtet wären.
Unterdessen brachte er in Vorschlag, dass sich zu dieser ganzen Sache kein
beqvemerer und besserer Ort fände, als der unter den O.-Berge befindliche so
genannte Heiden-Tempel und dessen rund herum liegende Gegend. Demnach besuchten
wir diesen Tempel nachmahls mit ihm, und höreten mit gröster Verwunderung dessen
deutlichere Erklärung und Anweisung an. Mons. Plager ergötzte sich vor uns allen
andern auf das allermeiste darüber, und sprach mit lauter Stime: Ja, Don Vincent
hat in allen Stücken vollkommen Recht, wir müssen ihm gehorsamen und Folge
leisten, wenn wir anders unser vorhabendes Werck zu glücklichem Stande bringen
wollen.
    Wenn ihr den Glauben habt, mein Herr! (versetzte hierauf Vincentius) so
sollet ihr nach und nach grössere Wunder-Dinge sehen. Hierauf machte er eine und
andere Proben mit seinen bei sich habenden Wünschel-Ruten, ingleichen mit dem
Kunst-Stabe, überliess auch einem und andern die Freiheit verschiedene Proben
damit zu machen, worüber wir denn alle vor Verwunderung fast aus uns selbst
gesetzt wurden; da wir nämlich sahen, dass diese Dinger so sonderbare Würckungen
taten.
    Wie dieses Vincentius merckte, sagte er: Meine Herrn! ihr verwundert euch
zwar über diese kleinen Begebenheiten, allein sie finden ihre Stelle bloss in der
magia naturali, denn ihr sehet und höret, dass ich weder Characters mache, noch
den Nahmen des Dreieinigen GOttes unnützlich führe, am allerwenigsten aber eine
Geister Beschwerung darbei vonnöten habe; derowegen halte ich davor, dass einem
jeden guten Christen, der mit seinem GOtt wohl stehet, es eine ganz wohl
erlaubte Sache sei, dergleichen Proben zu machen, denn die Erde ist des HErrn
und was darinnen ist etc.
    Nachdem wir dergleichen nachdenckliche und christliche Reden von dem
Vincentio vernommen, wurde von uns also gleich beschlossen, seinem Rat und
Angeben in allen Stücken zu folgen, und keinen Tag zu verabsäumen, den
Hütten-Bau anzufangen, weswegen denn nicht allein Mons. Plager die
Geschicktesten und Klügsten von seinen Gehülfen auf diese kleine Insul herüber
zu kommen verschrieb; sondern wir andern besonnen uns ebenfalls auf die
tüchtigsten Männer, welche sich zu diesem Bauwercke wohl etwa am besten schicken
möchten, um gleichfalls mit herüber zu kommen. Da sich nun diese, und zwar in
noch stärckerer Anzahl, als wir verlangt, eingefunden hatten, wurde der Bau in
GOttes Nahmen angefangen, und noch, ehe 2. Monate völlig verlauffen, alles zu
unserer grösten Freude und Vergnügen in vollkommenesten Stande gesehen. Zu
diesem neuen Wercke nun, welches in der Tat recht ergötzend war, fanden sich
binnen kurtzer Zeit ungemein viele Liebhaber und Mitarbeiter ein, ja, wenn wir
allen hätten den Willen lassen wollen, so wäre ihnen darbei der Feld-Wein- und
Garten-Bau, wie auch ihr ganzes Haus-Wesen zum Eckel worden; Allein man musste
solcher Gestalt auf andere Mittel bedacht sein, die meisten hiervon abzulencken,
da wir von Gold, Silber, Kupfer und andern Metallen und Mineralien keine Speise
nehmen konten. Jedoch blieben immer von Zeit zu Zeit, abwechselend, 20. bis 30.
Hütten-Leute bei dem Vincentio, und brachten in weniger Zeit eine ansehnliche
Ausbeute zum Vorscheine, welches unsere Aeltesten kaum glauben wollten; da aber
dieses Ding so gut ging, wurden nachhero auf der Insul Gross-Felsenburg auch 2.
dergleichen Schmeltz-Hütten gebauet, u. zwar die eine in Roberts- und die andere
in Jacobs-Raum, welche eine Zeit daher ebenfalls unsäglich kostbare Ausbeute
gebracht.
    Allein unsere Schmeltzhütten-Lust ist den allermeisten unter uns schon
vergangen. Es ist zwar eine ungemein schöne Augenweide, wenn man so viele
Gold-Silber-Kupfer-Zinn-Blei-Scheiben etc. nebst andern Mineralien vor sich
liegen sieht, denn wir haben benebst Mons. Plagern und Mons. Litzbergen noch
verschiedene sehr geschickte Marck-Scheider unter uns, allein, worzu dienet uns
dieses alles weiter, als, wie schon gesagt, nur zur blossen Augenweide, und dass
wir die Wunder GOttes dabei betrachten; dieses aber können wir bei so vielen
1000. Blumen, Weinstöcken, Garten- und Feld-Früchten ebenfalls weit geruhiger
tun, und ohne besonderen Schweiss und Mühe die Wunder GOttes daran bemercken.
Denn da wir insgesammt bis diese Stunde noch nicht gesonnen sind, mit fremden
Nationen einen ordentlichen Handel, Wandel und Verkehr aufzurichten, so hilfft
uns ja alles Metall, Perlen und anderes kostbares Zeug ganz und gar nichts.
    Das aber ist unsere Freude und Vergnügen:
    1.) Dass unser GOttes-Kirchen- und Schul-Dienst, so wohl als das Haus- Wesen
auf das allervernünftigste und christlichste bestellet und eingerichtet ist.
    2.) Dass der allmächtige GOtt unsern Feld-Wein-und Garten-Bau jederzeit sehr
reichlich, ja öffters fast überflüssig segnet.
    3.) Dass uns GOtt von der Hand unserer Feinde errettet, und seine Flügel über
uns gebreitet, weswegen denn von den Obern beliebt worden, dass wir hinführo
nebst unsern Nachkommen jedesmahl um die Zeit des Jahrs, so lange als die
Belagerung gewähret, mit mässigem Fasten und desto fleissigern Beten zubringen
wollen.
    4.) Dass uns GOtt in dem grausamen Erdbeben nach seiner Gnade alle lebendig
erhalten, so dass auch kein Hund oder anderes Stück Vieh dabei verunglücke ist,
weswegen denn auch alle Jahre auf diesen Tag noch ein besonderer grosser
Buss-Bet- und Fast-Tag angestellet worden.
    5.) Dass GOtt das Wild in den Wäldern, ingleichen die wilden Ziegen,
hauptsächlich aber die aus Europa angekommenen Tiere von allerhand Arten, so
wohl vierfüssige als geflügelte, dergestalt wohl gedeihen lässet, dass wir uns
darüber verwundern müssen, wie sich denn binnen etlichen Jahren daher alles gar
gewaltig vermehret hat: Denn ihr werdet wohl schwerlich einen Haus-Wirt finden,
der nicht seine Ställe über und über voll Rind-Schaaf- und Schweine-Viehe hätte.
Von Flügel-Werck, als Türckischen- und Europæischen Haus-Hühnern, Schwanen,
Gänsen, Endten, Tauben und dergleichen zahmen Flügelwerck will ich nicht einmal
etwas sagen: denn dasselbe hat sich dergestalt erstaunlich vermehrt, dass die
meisten ihr Glück und Ruhe nicht erkennen können, sondern sich, ohngeachtet sie
volles Futter haben, aus blossem Frevel zu Feldflüchtern machen. Aus den Gänsen
werden wilde Gänse, und die Endten muss man sehr wohl hüten, wenn sie nicht durch
die Wasser-Fälle in See gehen sollen. Eben also verhält es sich mit dem Rind-und
Schweine-Vieh: denn man darf denselben nur eine scheele Mine machen, so laufft
es gleich darvon, und sucht seine vermeintliche Besserung in der Wildnis,
weswegen unser Tier-Garten bei Simons-Raum dergestalt voll angelauffen ist, dass
wir fast alle Woche ertödtete Tiere darinnen finden, die von ihrem stärckern
Gegenteil ermordet worden, welche denn von den Einwohnern, sobald diese solches
gewahr werden, in den Ausfluss der kleinen See geschmissen werden. Die Pferde,
Esel und Cameele, deren letztern Gattung wir nach eurer Zeit 3. Stück bekommen,
nämlich, 1. Männlein und 2. Weiblein, haben haben sich zu unsrer Lust und Nutzen
auch schon unvergleichlich vermehret, demnach fehlet uns weiter nichts, als ein
Paar Elephanten, wovon wir gern Zucht haben möchten, der Löwe, den die Prinzessin
Christiana mit sich gebracht, wird seines gleichen vermutlich schon in dem
Roberts-Raumer ungeheuer dicken Walde gefunden haben; wie wir denn ganz genau
angemerckt, dass sich in diesem Walde nicht allein Löwen, sondern auch Leoparden,
Tieger-Tiere, Bären und andere reissende Tiere aufhalten; welche wir aber
lieber vertilgen, als zugeben wollen, dass sie sich vermehren möchten, es sei
denn, dass sich einige zu unserer Lust so gewöhnen liessen, wie die Prinzessin
Christiana ihren Löwen gewöhnet hat, welches denn, wie ich glaube, durch
Vorsicht, Geschicklichkeit und Kunst eine ganz natürliche Sache sein kann, und
ohne alle Zauberei zugehen wird. Das Affen-Geschlecht haben wir bei nahe ganz
und gar vertilget, bis auf einige, die uns als Knechte und Mägde dienen, und
sich ziemlich getreu und redlich aufführen; jedoch spüren wir, dass sich dennoch
einige dieses Affen-Geschlechts in den wilden Wäldern, und sonderlich bei den
Cocos-Bäumen aufhalten, welche aber Vogelfrei gemacht sind, so dass sie von einem
jeden, der sie antrifft, auf die Köpffe geschossen werden, indem sie uns allzu
vielen Schaden an den Feld- und Baum-Früchten tun.
    Nun sollte ich zwar, mein wertester Herr Bruder und Capitain Horn! eine
ausführliche Beschreibung von unsern Künstlern und Handwercks-Leuten machen; da
ich aber nicht zweifele, ihr werdet dieselben nicht verschmähen, sondern einem
jeden die besondere Ehre geben, ihn in seiner Behausung und Werckstätte selbst
zu besuchen, als möchte dieses wohl überflüssig sein. Derowegen will nur so viel
sagen: dass ihr bei einem jeden alles weit verbesserter finden werdet, als ihr
denselben verlassen habt. Unsere Buchdruckerei geht recht galant, mit 6.
Pressen und darzu gehörigen Leuten, indem nicht allein die Herrn Geistlichen,
sondern auch einige andere unter uns, vornemlich der Jugend zum Besten, von Zeit
zu Zeit viele gute Bücher und kleine Tractätlein darinnen drucken lassen,
worüber sich denn, zumahlen, da alles umsonst ausgeteilet wird, so wohl die
Alten, als die Jungen erfreuen. Man hat dieserwegen vor ratsam befunden, noch
eine neue Pappier Mühle anzurichten, welche so wohl, als die erste in sehr gutem
Stande ist, nur dieses ist der eintzige Possen hierbei, dass es dann und wann an
Lumpen fehlen will. Nächst derselben sind hie, und da noch 6. bis 8. neue Mahl-
oder Geträyde-Mühlen erbauet worden, um einen und andern Einwohnern die müssigen
und sauern Wege zu ersparen. Bei andern Handwercks-Leuten, die ihr alle wohl
kennet, werdet ihr einen solchen Vorrat von ihren gemachten Waaren antreffen,
worüber ihr vermutlich erstaunen müsst; wie diese Leute bei ihrer sauern Haus-
und Feld-Arbeit in denen abgebrochenen Stunden ein so vieles zu Wege bringen
können; eben als wenn sie sich gemüssigt sähen, mit ihren Waaren, so wie die
Handwercks-Leute in Deutschland und anderer Orten, zu Marckte zu ziehen. Jedoch
dieser Vorrat ist sehr gut, indem wir gesonnen sind, von jeder Art unsern
Europæischen Freunden und Brüdern etwas zuzuschicken, welche sich aus diesen
Kleinigkeiten doch wohl eine Rarität machen, und einiges Vergnügen darüber
empfinden werden.
    Der Capitain Horn sagte also: Ich habe vor dieses mahl genung gehöret, mein
wertester Bruder und Freund! allein ich werde mir ausbitten, gleich morgendes
Tages, und zwar gewisser Ursachen wegen, in Begleitung meines Bruders, die
Pflantzstädte zu durchstreichen, und sonderlich die Künstler und Handwerker zu
besuchen.
    Wie ihm nun dieses so gleich von dem Regenten frei gestellet wurde, liessen
wir der Beqvemlichkeit wegen, alsobald etliche mit Hirschen bespannete leichte
Wagen herbei rücken, und fiengen in Alberts-Raum an, Herrn Cramern zu besuchen,
den wir in gutem Vergnügen antraffen, und ihn derowegen vollends recht lustig
machten. Er bewirtete uns, obgleich unsere Compagnie ziemlich starck war, recht
herrlich, bewegte uns auch dahin, über Nacht bei ihm zu bleiben, und Morgens
früh seine angelegte Pferde- und Esels-Stuterei benebst seinen andern Anstalten
wegen der Vieh-Zucht, in Augenschein zu nehmen. Wir fanden dessfalls alles
solcher gestalt klug und künstlich eingerichtet, dass sich die beiden Capitains
Horn nicht gnugsam darüber verwundern konten, denn er hatte in einem ziemlich
weitläufftigen Bezirck, an Pferden, Eseln, Maul-Tieren, Rind-Rieh und
dergleichen alles in eine solche Ordnung gebracht, dass von jeder Art, Jung und
Alt ein jedes sein besonderes Behältnis hatte.
    Von dar reiseten wir nach Davids-Raum, und traffen unsern lieben Bruder
Töpffer eben in der Arbeit an, dass er mit seinen Gehülffen auf einmal 4
Töpfer-Oefen gehejetzt und angezündet hatte. Wir wollten ihn nicht verschmähen,
weiln er uns nach der Felsenburgischen Art aufs beste bewirtete, liessen uns
also auch bewegen, eine Nacht bei ihm zu bleiben, da denn früh Morgens unsere
fernere Reise, auf Stephans-Jacobs-und Johannis-Raum zugieng, auf welcher Reise
denn den jungen Capitain Horn nichts mehr ergötzte, als die unterwegs
angetroffene Glas-Hütte, in welcher wir uns 2. Tage aufhielten; hernach unsern
Weg um die grosse See herum weiter auf Christophs-Roberts-Christians- und
Simons-Raum fortsetzten, mitin also nach Verlauf 14. Tagen, da wir das ganze
Land durchstrichen, wieder glücklich auf der Alberts-Burg anlangten, und
vielerlei gute und böse Begebenheiten, aber auch viele besondere Curiositæten in
Erfahrung gebracht hatten.
    Nachdem nun diese Reise geschehen war, regte sich Capitain Horn Sen. in
geheim am ersten, mit der Bitte: dass wir seinen Bruder, so bald als es nur immer
möglich, wieder fortschaffen sollten, worauf er denn ohne fernern Anstand mit
seiner auf hiesiger Insul verlobten Braut Hochzeit machen wolle. Da wir nun
merckten, dass dieses sein harter Ernst wäre, so wurden sogleich Anstalten darzu
gemacht, und dem jüngern Capitain Horn so wohl, als seinen Leuten angekündiget,
dass sie sich zur Rück-Reise fertig machen möchten. Es ging dieses dem jüngern
Capitain Horn sehr nahe, indem ihm, nachdem er unsere Lebens-Art und ganzes
Wesen betrachtet, vielleicht gereuen mochte, dass er seinem Protestantischen
Glauben abgeschworen, und hergegen die Römisch-Catolische Religion erwehlet
hatte, wie er denn gegen seinen ältern Bruder sich nicht undeutlich erkläret,
dass er wieder umsatteln und zurücke kehren wollte. Da aber dieses der ältere
Capitain Horn mit unsern Herren Geistlichen wohl überlegte, fiel endlich der
Schluss da hinaus, dass man mit diesem wanckenden Rohre in solchem Stücke nichts
weiter zu tun haben wollte; sondern man solle ihm nur so viel beibringen, dass er
bei seinem neuerwehlten wahren christlichen Glauben bleiben, fromm und
gottesfürchtig leben, niemanden mutwilliger Weise beleidigen möchte, und sich
dergestalt der ewigen Seeligkeit versichern könnte; Wir aber wollten ihm eine
honorable mit vielen Reichtümern begleitete Abfertigung geben, jedoch hinführo
nichts weiter mit ihm zu tun haben.
    Wie dieses der Capitain Horn Jun. hörete, so war es nicht anders, als ob er
von einem Schlag-Flusse gerühret würde, da aber der Capitain Wolfgang denselben
in ein besonderes Zimmer führete, ihm zum Geschenck 3. Centner Gold, 6. Centner
Silber, 12. Centner Kupffer-Platten, ingleichen ein ziemliches Maas voll Perlen,
nebst einigen kostbaren Kleinodien, vor seine unsertwegen gehabte Mühe, anwiese
und darreichte, setzte sich dieser gute Mensch in eine weit bessere Verfassung,
und machte etwas freundlichere Geberden, zumahlen, da ihm sein älterer Bruder
seinen ganzen Anteil von allem dem, was auf dem Schiffe befindlich, es möchte
Nahmen haben, wie es wollte, erb- und eigentümlich schenckte; als vor welche
Freigebigkeit der Capitain Horn Jun. dennoch so höflich war, seinem ältern
Bruder die Hand zu küssen. Dieser aber dargegen umarmete und küssete ihn etliche
mahl auf den Mund, liess auch dabei viele heisse Tränen aus seinen Augen fallen,
welches alle Umstehenden wohl bemerckten. Anbei redete er diese Worte: »Mein
Bruder! reiset glücklich, und bleibt gesegnet hier zeitlich und dort ewiglich.«
    Horn Jun. antwortete hierauf: »Mein Bruder! ich habe mich in vielen Stücken,
die euch wohl bekannt sind, sonderlich in einem eintzigen Stücke, welches, wie
ihr wohl wisset, eure Person allein anbetroffen, auf das schändlichste gegen
euch vergangen und versündiget; darum vergebt mir, wo ihr anders wollet, dass
ich, es sei hier oder da, frölich sterben soll, meine gegen euch begangene
Sünden in Gegenwart dieser redlichen Zeugen, auf dieser Stelle.« Horn Sen.
versetzte hierauf: »Mein Bruder! das weiss ich wohl, dass ihr euch in vielen
Stücken an GOtt versündiget habt, was aber das Meinige anbelanget, so sind euch
alle eure gegen mich begangenen Fehler und Ubereilungen so wohl aus
christlicher, als brüderlicher Liebe, schon längstens vergeben und vergessen;
ich will meines Teils auch wünschen, nimmermehr wieder daran zu gedencken. Ihr
seid ein Mann, der, so zu sagen, 3. Hertzen im Leibe hat, das weiss ich gewiss,
indem ich euch auf der schärfften Probe gehabt, und dieselben mit meinen eigenen
Augen gesehen habe. Bewahret nur aber eure Seele in Zukunft besser, als
bishero, und seid nicht wie ein wanckendes Rohr, (sonderlich in Glaubens-Sachen)
welches der Wind hin und her wehet. Unterdessen weil eure Abreise ohne dem so
gar allzu eilig nicht vonnöten, so habt ihr die Erlaubnis von dem Regenten und
allen andern Befehlshabern, euch noch so lange allhier zu verweilen, bis ich mit
meiner verlobten Braut-Hochzeit gehalten habe, als woraus ich mir ein ganz
besonderes Vergnügen schöpffen, euch, wenn dieses vorbei, dem Schutze des
Allerhöchsten befehlen, nachhero aber eine glückliche Reise wünschen werde.«
    Alle Anwesende wurden insgesammt zugleich mit recht wehmütig gemacht, als
wir das Hertzbrechende Beginnen dieser zweien Brüder noch fernerweit mit
anhöreten, und sahen, welches denn nicht allein in blossen Worten bestund,
sondern sie umarmeten, hertzeten und küsseten sich dergestalt freund-brüderlich,
als ob sie Zeit ihres Lebens einander nicht gesprochen oder gesehen hätten, auch
wohl vielleicht niemahls wieder zusammen kommen möchten.
    Hierauf wurden die allerersinnlichsten Anstalten zu des Capitain Horns Sen.
Hochzeit-Feste gemacht, welches gut Befehl der Obern vor dissmahl als ein
besonderes Fest 6. Tage lang von den Insulanern in allen Pflantzstädten mit zu
feiern angeordnet war. dabei aber blieb es noch nicht, sondern es wurden alle
unsere Cartaunen Canonen und Feuer-Mörser auf den Berg um die Alberts-Burg
herum gesetzt, bis auf 2. Cartaunen, 6. Canonen und drei Feuer-Mörser, die wir
nach der Insul Klein-Felsenburg hinüber führeten, um, dass unsere dasigen Freunde
und Brüder bei dem Gesundheit-Trincken damit antworten könten. Hierbei bekamen
sie auch 300 Stück gefüllete Bomben, ingleichen unzehlige Stücken von Raqueten,
Schwärmern, Feuer-Kugeln u. andern Zeuge; Unsere Feld-Wachten auf den Höhen aber
wurden zu derselben Zeit an teils Orten verdoppelt, auch mehreres Geschütz und
Gewehr hinauf zu ihnen gebracht, worbei an Pulver, Blei und andern Dingen gar
kein Mangel zu spüren war, indem wir uns gewisser Ursachen wegen, eben damahls
einer neuen Verräterei zu besorgen, einige Merckmahle hatten.
    Wie nun aber der zum Hochzeit-Feste des Capitain Horns Sen. bestimmte Tag
anbrach, wurden sogleich alle Cartaunen und Canonen, so viel deren nur auf der
Alberts-Burg, so wohl als auf den Gebürgen befindlich waren, abgefeuert, worauf
uns denn allemahl nicht allein von der Insul Klein-Felsenburg, sondern auch von
des Capitain Horns Schiffen, welche noch beständig zwischen den Sand-Bäncken vor
Anker lagen, richtige Rede uñ Antwort gegeben wurde. Ich gebrauchte mich vorhero
der List, den jungen Capitain Horn, als den ich sehr lieb gewonnen, und zwar um
ganz besonderer Ursachen wegen, wieder herüber auf unsere grosse Insul zu
führen, jedoch alles ohne Wissen und Willen seines Bruders, in ganz anderer
Felsenburgischer Kleidung, um nur die Copulation seines Bruders nebst andern
Solennitäten mit anzusehen.
    Mitin wurde der liebe Capitain Horn Sen. zum ersten mahle mit seiner
verlobten Braut Johanna Margareta, Andreä Robert Julii Tochter in Roberts-Raum,
die mit meiner Ehe-Frau Geschwister-Kind ist, von Hrn. Mag. Schmeltzern, als
unserm so genannten Bischoffe, nach verrichteten Gottesdienste ordentlicher
Weise copuliret, oder, wie man es auf deutsch heisset, zusammen gegeben. Ich
will von den Texten und Compositionen der Kirchen-Musique, die vor und nach der
Copulation gemacht wurde, um alle Weitläuftigkeit zu vermeiden, vorietzo gar
nichts melden, weilen bekannt, dass sich sonderlich in Deutschland weit bessere
Poëten und Componisten befinden, die uns arme einfältige Felsenburger, wenn ich
die Partituren zugleich mit übersendete, vielleicht nur auslachen möchten.
    Zum Trau-Sermon hatte sich Herr Mag. Schmeltzer Sen. den 80. Psalm Davids,
als den Grund seiner Rede erwehlet, absonderlich wusste er den 10ten Versicul: Du
hast vor ihm die Bahne gebrochen, und hast ihn lassen einwurtzeln, dass er das
Land erfüllet hat etc. ungemein artig auf die beiden Capitains Wolfgang und
Horn, zu appliciren. Wesswegen denn der alte Capitain Wolffgang viele
Freuden-Tränen fallen liess, nachhero aber, als wir ihn darum befragten: warum
er geweinet hätte? gab er zur Antwort: Ihr wisset alle insgesammt, Alt und Jung,
dass ich ein Mann bin, der kein Weibervielweniger Hasen-Hertz im Leibe, sich
auch, ohne eitlen Ruhm zu melden, bei den Felsenburgern ziemlicher maassen wohl
verdient gemacht hat. Die Tränen, welche ich unter den beweglichen
Vorstellungen des Herrn Mag. Schmeltzers fallen lassen, sind keine
Crocodills-Tränen, sondern hertzliche Freuden-Tränen, weil ich an dem Glücke
und der Ehre, die dem Capitain Horn heute begegnet und noch ferner begegnen
wird, den allergrösten Teil zu nehmen einige Ursache habe. Mein Wunsch ist also
dieser: GOtt segne die Felsenburger! den Capitain Horn nebst seiner Ehegenossin
und mich benebst den Meinigen! so sind wir alle gesegnet, und ich bin der
vergnügteste Mensch auf dieser Welt, so lange als mir GOtt noch mein Leben
fristet.
    Nachdem nun solchergestalt der GOttesdienst geendiget, und das Te Deum
laudamus, unter Trompeten- und Paucken-Schall, auch bei gewissen Absätzen,
gewöhnlicher maassen, die Stücken gelöset worden; so giengen wir alle insgesamt
recht ungemein vergnügt aus dem GOttes-Hause, nach der Alberts-Burg zu, mussten
uns aber dabei verwundern, dass die Kinder die Wege überall mit grünem Grase und
den schönsten Blumen bestreuet, auch einem jeden vorbeigehenden einen schönen
Blumen-Straus darreichten; ja ich glaube, dass dazumahl kein Kind, das nur
lauffen können, zurück geblieben ist. Auf der Alberts-Burg war nicht allein die
Braut-Tafel, sondern auch in andern Zimmern verschiedene Tafeln gesetzt, über
dieses auf der ordentlichen Speise-Stelle vollauf angerichtet; allein das Volck
verlief sich wider Vermuten unter dem Abblasen der Chorale: Nun dancket alle
GOtt etc. Ein veste Burg ist unser GOtt etc. und Es woll uns GOtt genädig sein
etc. worbei denn die Cartaunen und Canonen zu vielen mahlen abgefeuret wurden,
und worauf so wohl die Klein-Felsenburger, als das auf des Capitain Horns
Schiffen befindliche Commando zu antworten nichts schuldig blieben, die denn
auch insgesammt vollauf besorget waren.
    Unterdessen war es ein artiger Streich, dass der Prinzessin Christiana Löwe,
sich seit einiger Zeit gäntzlich verloren hatte, und auf der ganzen Insul, wie
fleissig wir auch nachsuchen liessen, nicht anzutreffen war; Doch endlich sahen
wir aus den Fenstern von der Alberts-Burg, wie er mit einer artigen jungen
Löwin, die er sich ohnfehlbar aus dem Roberts-Raumer Forste gehohlet, über die
Christians-Raumer-Brücke mit langsamen Schritten herüber spatzieret kam. Nun
waren wir zwar wohl gewohnt worden, dass dieser Löwe dann und wann etliche Tage
aussen geblieben, und nicht in seine Behausung gekommen war: denn wir hatten ihm
zwischen den Palmen-Bäumen gegen Alberts Raum zu, ein eigenes 12. Ellen hohes,
auch nach Proportion der Weite geräumliches höltzernes Haus bauen lassen, und
zwar von dem allerstärcksten und vestesten Holtze und Bolen, wie denn auch auf
50. Schritt herum alles mit starcken Pallisaden umpflantzt war. In dieses
Gehäuse und dessen Umzirck führete also der Löwe seine Gemahlin, mit der er
vielleicht schon vor einiger Zeit mochte Beilager gehalten haben. Wir liessen
ihnen Heu und Stroh hinein werffen, und wurden gewahr, dass sich alle beide recht
beqveme Lagerstädten davon zu rechte machten; auch liessen wir in den Vorhof
viele alte und junge wilde Ziegen, Schweine, junge Rehe und dergleichen 4-füssige
Tiere zu ihnen hinein lauffen, so wohl auch Türckische Hähne, Hühner, Pfauen
und anderes Flügel-Werck. Allein die Löwen konten sich mit denenselben allen
ungemein wohl vertragen, und beleidigten auch das allerkleineste Stück nicht mit
einer scheelen Mine, sondern sie waren zufrieden mit ihrer Speise, die ihnen
alle Morgen zugeworffen wurde: diese bestund in etlichen Kleien-Brodten,
hiernächst in vielen Stücken von verdorbenen, eingesaltzenen, oder geräucherten
Fleischwerck und Fischen. Anbei trugen ihnen die Einwohner alltäglich ganze
Lasten von den besten Garten-Kräutern, Früchten und Wurtzeln zu, woran sich
beide Löwen, dem Ansehen nach, fast noch mehr labten, als an den trockenen
Speisen. Vor das Geträncke hatten wir nicht Ursach zu sorgen, indem in dem
Löwen-Revier 3. frische Brunn-Quellen anzutreffen waren, woraus sie ihren Durst
nach eigenem Belieben löschen konnten. Etliche Tage hernach aber trug sich eine
besonders artige Begebenheit zu: denn weiln ein recht grosser Indianischer
Puter-Hahn mit seinem allzu offtern Kaudern sich gar allzu sehr mausig machte,
der Löwin dieses Geschrei aber vielleicht zuwider sein mochte; so riss sie den
Hahn uhrplötzlich in viele Stücken liess aber dieselben auf dem freien Platze
liegen, und leckte nicht einmal einen Tropffen Blut davon auf, geschweige denn,
dass sie einen Bissen seines Fleisches verschlungen hätte. Dem alten Löwen
hingegen mochte diese Mordtat missfallen, weswegen er seine Gemahlin mit dem
Pfoten dergestalt abstraffte, dass alle Zuschauer, darüber zum hertzlichen Lachen
bewogen wurden. Man musste sich aber über das demütige Bezeugen der Löwin so
wohl, als über das behutsame Verfahren des alten Löwen, welches er im Zuschlagen
brauchte, ganz ungemein verwundern.
    Hierauf bemerckten wir, dass die Löwin beständig seitwärts ging, und ihrem
Gemahl immerzu scheele Minen machte; nicht, wie sonst gewöhnlich, an seiner
Seite speisete, auch nicht einmal aus einer Quelle mit ihm tranck, sondern sich
immer eine besondere Quelle suchte.
    Dieses unter den beiden Löwen entstandene Missvergnügen währete viele Tage;
Jedoch die Prinzessin Christiana war so behertzt, dass sie die beiden Löwen in
ihrer Wohnung und Revier besuchte. Wie nun bei derselben kein Wiederraten
verfangen wollte, (um sich diesen grimmigen und reissenden Tieren nicht entgegen
zu stellen) so stunden vielen unter uns die Haare zu Berge, da wir dieselbe in
den Vorhoff des Löwen-Hauses eintreten sahen; Allein der alte Löwe kam ihr
sogleich entgegen gelauffen, warff sich zu ihren Füssen, küssete ihr die Hände,
weltzerte sich aus Freuden zu vielen mahlen auf dem Platze herum, ja! er war so
verwegen, sich auf die Hinter-Pfoten zu setzen, mit den Vorder-Pfoten aber die
Prinzessin auf das allerfreundlichste zu umarmen, und ihr das Angesicht zu
belecken.
    Kaum hatte die Löwin dergleichen Complimente gesehen, als sie dieselben auf
eben die Art und Weise recht possierlich und liebreich nachmachte, worüber allen
Zuschauern ein Grauen und Schrecken ankam; allein, nachdem sich die Prinzessin in
dem Gehäuse und Vorhofe über 2. Stunden lang mit beiden Löwen ergötzt, der
schönen jungen Löwin aber etliche Stücke Confect zur Speise dargereicht (als
welches dieselbe mit besonderm Appetite zu sich nahm) so kam unsere Prinzessin
Christiana vergnügt und unbeschädiget zurück auf die Burg.
    Nachdem auf diese besondere Begebenheit etwa 6. oder 8. Wochen verflossen,
höreten wir in einer stockfinstern Nacht ein entsetzliches Brüllen beider Löwen,
welches fast bis zum Aufgange der Sonne immer abwechselend fort wühtete. Die
Behertztesten unter uns giengen mit Ober- und Unter-Gewehr hin, um zu erfahren,
ob etwa eine Verräterei unter Handen, oder was den Löwen allen beiden sonsten
zugestossen wäre; allein wir höreten weiter nichts, als in dem Löwen-Hause zu
etlichen mahlen ein Winseln und Wehklagen mit untermischten Brüllen, weswegen
wir denn auf die Gedancken gerieten, dass diese beiden Ehe-Gatten, die
vielleicht nicht recht mit einander zufrieden sein möchten, sich wohl etwa gar
umbringen wollten, mitin uns denn nicht weiter um sie bekümmerten, sondern ihnen
ihre Sache zu eigener Ausmachung überliessen.
    Es befand sich aber diese ganze Sache weit anders, als wir uns dieselbe
eingebildet hatten: denn da die Prinzessin Christiana gleich, nachdem sie
gefrühstückt hatte, sich in das Löwen-Haus begab, traf sie darinnen 3.
neugebohrne junge Löwen, nämlich 1. Männlein und 2. Fräulein darinnen an, die
mit sich umgehen liessen, so, wie man sonsten mit jungen Hunden und Katzen
umzugehen pflegt. Wie wir nun auch über diese Vermehrung der Tiere zum Teil
eine ganz besondere Freude empfanden, als wurden den alten so wohl, wie den
jungen Löwen die besten Lecker-Speisen zugebracht, worbei wir dieses bemerckten,
dass ihnen der Wein besser zu Halse ging, als das klare Quell-Wasser. Es sind
die kleinen Löwgen rechte Liebens-würdige Tiere, wir aber sind dennoch
gesonnen, so bald als sie der Mutter-Milch entbehren können, dieselben auf die
Insul Klein-Felsenburg hinüber zu schaffen, allwo sie sich denn zugleich auf
eine Zeitlang ferner vermehren können, zumahlen, da es uns eine kleine Mühe
kostet, solche Tiere nach unserm Gefallen zu vertilgen.
    Nunmehro aber, mein wertester Freund und Bruder, Herr Capitain Horn! werde
ich hoffentlich, als euer aufrichtiger Eberhard Julius, nach eurem Begehren,
euch das, was seit eurem Wegsein hauptsächliches vorgegangen, getreulich zu
erzählen, ein ziemliches Genüge geleistet haben: denn die Kleinigkeiten werden
euch nach und nach schon von unserm Frauenzimmer berichtet werden, deren einige,
ein weit besseres Gedächtnis, als ich haben.
    Wie nun Capitain Horn vor diessmahl mit mir vollkommen zufrieden war, und
sich vielfältig gegen mich bedanckt hatte, so taten wir erstlich noch einige
Reisen nach Klein-Felsenburg hinüber, nahmen jedesmahl viele Metallen und
Mineralien mit zurück, hatten auch das Schiffs-Volck in vollkommene Ordnung und
Verfassung zur Rück-Reise nach Europa gebracht; da denn ein jeder vom Grösten
bis zum Kleinesten, dergestalt reichlich mit Gold, Silber und Kleider-Werck
beschenckt wurde, dass alle insgesammt ihr vollkommenes Vergnügen darüber
bezeugten, absonderlich aber die 5. Portugiesen, welche alles gedoppelt und 3.
fach bekamen, indem sie sich unter einander beredet, die Rück-Reise nach ihrem
Vaterlande mit dem Capitain Horn Jun. auch mit anzutreten, woran wir ihnen denn
eben nicht verhinderlich sein wollten, sondern vielmehr ganz gerne sahen, dass
wir sie mit guter Art los wurden, jedoch schwuren sie uns bei dem
Abschiednehmen, ohne unser Verlangen, ein jeder einen leiblichen Eyd, unserer
allezeit im besten zu gedencken, und weder hie, noch da etwas auszuplaudern,
welches etwa zu unserm Schaden und Nachteil gereichen könnte.
    Demnach wurde des Capitain Horns Jun. Schiff mit Reiss Rosinen und andern
Lebens-Mitteln, (die Kostbarkeiten und Felsenburgischen Raritäten ausgenomen)
dergestalt voll geladen, so, dass es kein Wunder gewesen, wenn dasselbe so gleich
auf der Stelle versuncken wäre; ja, ich glaube sicher und gewiss, dass um selbige
Zeit schwerlich ein reicherer Schiffs-Capitain weit und breit auf der offenbaren
See anzutreffen gewesen, als unser Capitain Horn Jun. indem der allermeiste
Teil der Ladung sein Eigentum ist, so dass er damit schalten und walten kann,
wie er nur immer will, jedoch haben wir alle das Vertrauen zu seiner
Redlichkeit, dass er nicht allein diesen meinen 4ten Teil des Berichts von den
Felsenburgischen Geschichten, sondern auch alle ihm anvertraute Briefe und
Geschencke, an gehörige Orte bestellen wird.
    Es ging demnach derselbe um die bestimmte Zeit, da sich ein geneigter Wind
vor seine Seegel erhub, ohne fernern Aufentalt mit allem seinen Volcke in
vollen Vergnügen zu Schiffe; jedoch war der letzte Abschied des Capitain Horns
Jun. den er nicht allein bei seinem Bruder, sondern auch dem Regenten, Aeltesten
und Vorstehern der Gemeinden, kurtz, von allen Insulanern nahm, dergestalt
zärtlich und beweglich anzusehen, dass sich weder Alte noch Junge der Tränen
entalten konten, deren denn auf beiden Teilen viele 1000. vergossen wurden.
    Er fuhr mit Aufgang der Sonne ab, derowegen ist unser Wunsch und Gebet zu
GOtt, dass ihm derselbe die Glücks-Sonne in seinem ganzen Leben nicht wolle
untergehen lassen. Auf unsern Höhen liessen sich Paucken, Trompeten und
allerhand andere musicalische Instrumente hören, worbei denn aus denen Canonen
imer eine scharffe Ladung nach der andern gegeben, auch etliche Bomben in die
See gespielet wurden; worauf er wie wir wohl vernehmen konten, bis zur
Mitternachts-Stunde beständig antwortete, endlich aber war von dem Schiffe bei
anbrechendem Tage nichts weiter zu sehen, weswegen wir alle, ihm und seinen bei
sich habenden Leuten, nochmahls unter Abfeurung der Canonen Glück auf die Reise
wünscheten, und ein jeder von uns sich nach seiner Wohnung verfügte.
    So viel ist es, meine wertesten Freunde und Leser, als ich, Gisander, aus
des Herrn Eberhard Julii Manuscript zusammen stoppeln können, welches nicht
allein sehr zergliedert, sondern über dies dessen Schreib-Art ziemlich verweset
ist; ob das See-Wasser, oder Lufft daran Schuld, kann ich nicht sagen;
unterdessen haben wir doch noch das Meiste und Beste von dem Verfolge der
Felsenburgischen Geschichts-Beschreibung überkommen. Ich vor meine Person habe
das Glück und die Ehre gehabt, den Herrn Capitain Horn Jun. nicht allein in
Hamburg, bei Herrn H.W.W. sondern nachhero auch in Amsterdam bei dem Herrn
G.v.B. als unsern allervertrautesten Correspondenten anzutreffen, und von ihm
noch viele Betrachtens-würdige Begebenheiten erfahren, welche ihm aber nach zu
erzählen, meine Schrifft vielleicht allzu weitläufftig machen würde.
    Wiewohlen ich nun denselben mit guten Winde von Amsterdam aus abseegeln
gesehen, so kann ich doch nicht vor gewiss sagen, ob er seinen Cours zu seiner
Braut auf die Insul St. Jago, oder in sein Vaterland, oder wohl gar wieder
zurück auf die Insul Gross-Felsenburg genommen, weilen ich aus seinen Reden
niemahls recht klug werden können, da er in vielen Stücken sehr heimlich war.
Unterdessen da er mir doch viele wichtige Sachen, und sonderlich verschiedene
Scripturen hinterlassen, mit der Vollmacht, dass ich Ordre-mässig, mich damit
verhalten, die Schrifften aber immerhin, so viel deren auch wären, oder noch
eingehen sollten, erbrechen und eröffnen möchte; so will ich meinen geehrtesten
Lesern und Gönnern aus einem von gelehrter Hand erhaltenen, an die Herrn
Felsenburger addressirten Briefe, als eine Zugabe dieses 4ten Teils der
See-Fahrer, so viel seiten meiner verantwortlich ist, und man auf beiden Seiten
nicht verstösset, mitteilen, in Hoffnung, dass die allermeisten Leser sonderlich
an Erklärung, der unbekannten Characteren, welche im 3ten Teile pag. 297.
anzutreffen sind, ein besonderes Vergnügen finden werden. Den übrigen Rest des
Briefes zu publiciren, trägt man des besondern Inhalts wegen Bedencken, bis auf
des Regenten und derer Aeltesten fernerweitige Ordre. Demnach lautet die
Aufschrifft des Briefes an die Felsenburger also:
Dem Ehrwürdigen Alt-Vater, Hrn. Alberto Julio II. Regenten auf der Insul zu
    Gross-Felsenburg; ingleichen den Teuersten und Vorstehern der Pflantzstädte;
    Nicht weniger auch denen übrigen Senatoribus und Räten des Felsenburgischen
    Regierungs-Collegii; Wie auch der sämmtlichen auserwehlten Heerde JEsu
    CHristi mit ihren würdigen und sorgfältigen Seelen-Hirten:
    Meinen allerseits Hochgeehrtesten und Geehrtesten Herrn Gönnern, unbekannten
        guten Freunden und in CHristo hertzlich geliebten Brüdern
                                                                Gross-Felsenburg.
NB. Die Erklärung der Characteren aber, zeigt sich von Wort zu Wort folgender
maassen:
    - - - - - Vorjetzo habe ich euch, aus eiferigen Triebe, denen gottseligen
Felsenburgern mit meinen wenigen Wissenschaften zu dienen, eine besondere,
vermutlich nicht unangenehme Nachricht zu vermelden.
    
    Es wird euch annoch erinnerlich sein, dass bei der merckwürdigen Entdeckung
derer Heidnischen Antiquitäten auf Klein Felsenburg, auch zugleich
unterschiedliche Urnen gefunden worden, deren Deckel mit Characteribus
bezeichnet gewesen, und den Inhalt dererselben in Europa zu erfahren gesucht.
Die übrigen Characteres sind mir nicht zu Gesichte kommen, unterstehe mich auch
nicht, solche zu erklären, weilen mit stechonagraphischen Figuren mich zu
bemühen, niemals meine Sache gewesen. Weilen aber dieses chymische Figuren sind,
und solche mit der alten Heidnischen Götter-Historie überein kommen, deren
Scribenten mehrenteils hermerische Philosophi gewesen; Ich aber mich auch
rühmen kann, in Chymicis und Alchymicis viele Geheimnisse der Natur durch GOttes
Gnade und meinen unermüdeten Fleiss entdecket zu haben, die etwa denen lieben
Felsenburgern zu besserer Etabilirung ihrer Wirtschaft dereinst mitteilen
könnte: Als habe auch dieser Characteren wegen einen Versuch getan.
    Zuförderst erwegte mit allem Fleiss, was der liebe Herr Mag. Schmeltzer für
Gedancken darüber gehabt, und befand, dass er allerdings die Sache wohl erraten:
Denn die Characteres stellen weiter nicht anders vor, als ihre sämtlichen
Götter. Sonne und Mond waren bereits von Herrn Mag. Schmeltzern entdecket, was
aber die andern Figuren für Götter vorstellen sollten, konnte ich noch zur Zeit
nicht wissen.
    Endlich zehlete ich die Characteres, so waren derselben dreizehen. Dadurch
hatte ich nun den völligen Schlüssel erlanget. Es fiel mir sogleich ein, dass
dieses die im Tempel gefundenen Götter sein müsten. Und es traf richtig ein.
    Um nun eigentlich aus denen Figuren dieser Götter ihre besonderen
Eigenschaften ausfindig zu machen; so setzte ich erst zum Grunde meiner
Untersuchung vor aus, dass der Heidnische Götzendienst nichts anders gewesen, als
ein purer Naturalismus, und haben sie durch ihren Gott lediglich die Natur
verstanden.
    Die erste Figur stund mitten im Tempel auf einem runden Altar, und war eine
runde goldene Sonnen-Kugel, statt derer Strahlen aber lauter köstliche Diamanten
und andere blitzende Edelgesteine sich allentalben zeigten, und beidenen
angebrannten Fackeln lauter feurige Strahlen hervor schossen, absonderlich, wenn
vermittelst des künstlichen Uhrwercks diese Kugel ihren Sonnenartigen Lauff und
Betragung circa Centrum mit ungemeiner Geschwindigkeit verrichtete. Dieses Bild
stellete nun vor, die aus der Sonnen als dem männlichen Principio des
allgemeinen chaoti schen Saamens ausfliesende erste männliche Saamens-Krafft der
alles hervor bringenden und fruchtbar machenden Natur. Diese alles hervor
bringende Natur ist nun, recht deutlich zu sagen, der allgemeine Archæus und
Weltgeist, oder Saamens-Krafft, daraus alle Dinge entstanden, und aus dreien
Principiis bestehet, nämlich Sol, Luna und Mercurius, oder nach teosophischer
Art zu reden, Feuer, Licht und Geist, oder wie der teosophische Jünger Johannes
1. Joh. 5, v. 8. diese drei Principia auf Erden nennet, Geist, das ist Feuer,
Wasser, das ist Licht, und Blut, das ist Geist. Johannes nennet aber dieses
letzte Principium Blut, weilen, wenn dieses gedoppelte mercurialische männliche
und weibliche Principium im grossen philosophischen Wercke mit einander
vereiniget, und solchen wiedergebährenden Samen in einen lebendigen göldischen
Leib einführet, sie mit einander vereiniget, coaguliret und figiret, so wird
daraus eine blutrot-ölichte Tinctur oder der Lapis philosophorum.
    Das andere Bild war das Bild des Mondens, und stund oben ex opposito des
Eingangs dieses ist bekannt, denn es wird die Diana genennet. Sie ist eine
Jägerin, die den brünstigen Hirschen begierig nachsetzet, das ist, sie als das
weibliche Saamens-Principium hungert gewaltig nach dem männlichen feurigen
Saamens-Principio aus der Sonne, unter dem Bilde eines brünstigen und brennenden
Hirsches vorgestellt. Gleichwie nun der männliche Saame, welcher aus der Sonnen
durch ihre schnelle Bewegung in lauter feurigen, brennenden, hitzigen, nitrosi
schen Saamens-Kräfften ausstrahlet, und solche über die ganze Welt ausstreuet,
auch lauter Leben und Activitäten ist; die Welt aber vielmehr verbrennen müste,
als dass sie sollte erhalten werden können; So musste ein Gegenteiliges, ohne alle
Activität seiendes kaltes, feuchtes, salinisches, weibliches Saamens-Principium,
aus den aus dem Monde ausfliessenden weiblichen Saamen darzu kommen, das die
Hitze des männlichen Saamens temperirte. Denn der männliche Saame, der wegen
Ermangelung eines frischen erquickenden Wassers immer in einem hitzigen,
feurigen Triebe ist, suchet seine grosse brennende Hitze in dem weiblichen
wässerichten Saamen des Mondes zu temperiren. Dannenhero attrahiret er begierig
seine Feuchtigkeit. Hergegen sucht der kalte und wässerichte weibliche Saamen,
aus Mangel des Feuers, die hitzigen männlichen Saamens-Kräffte aus der Sonne an
sich zu ziehen. Daraus, nämlich aus dieser Vermischung derer zwei feindseligen
Principien, entstehet eine leibliche fermentirende Wärme, durch welche die
doppelte Saamens-Krafft, aus Wasser und Geist bestehend, in eine Activität
gebracht wird. Dadurch hernach diejenige Kreatur, darinnen dieser Geist sich
erhitzet, und zur fermentirenden Activität aufgebracht wird, in eine
Fermentation, zuletzt aber in eine völlige Putrefaction sich auflöset, seine
erste Form verliehret, und die drei Principia des Saamens in die Freiheit setzt,
eine neue Kreatur aus sich hervor zu bringen. Also bestehet denn der Saame aller
Dinge in einem männlichen und weiblichen, oder sulphurischen und salinischen
Saamen, und heisset mit einem Wort Nitrum und Sal oder Geist und Wasser. Aus
diesen beiden Principiis wird alles geboren im Reiche der Natur und Gnaden.
Denn auch da wird der neue Mensch wiedergebohren aus Wasser und Geist Joh. 3.
nämlich aus der geistlichen Feuers-Krafft des Vaters, und aus der
geistlich-wässerigen Lichts-Krafft des Sohnes. Daher auch der Sohn der
Weibs-Saame genennet wird, und nicht anders als von einem Triebe ohne Zutuung
des Mannes konnte geboren werden. Wir sehen auch hieraus, wie die Schönheit und
Lieblichkeit aller Kreatur lediglich in einer gleichen Vermischung zweier
wiederwärtigen Dinge, als Licht und Finsternis, Feuer und Wasser, bitter,
scharff, herbe und süsse, temperirend und lieblich bestehet.
    Der dritte Götze mag wohl die für alle ihre Kreaturen sorgende und wachende
Natur sein, welches der Nacht-Eulen-Kopff mit einem Auge bedeutet. Denn ein Auge
sieht viel schärffer als zweie. Bald hätte ich das beste an dieser hieroglyphi
schen Figur vergessen. Denn dieses Auge stund im Centro eines dreieckigten
Eulen-Kopffs, welcher dreieckigte Kopff die drei Principia philosophica der
Natur anzeigt. Ist also der Verstand dieser: Die wachsame Natur schicket
unendliche Ausflüsse einer unermüdeten Sorgfalt und Hülffe denen notleidenden
Kreaturen zu. Weilen aber dieses auch gleichsam zwischen denen dreien Principiis
eingeschlossen ist, so gibt dieses zu verstehen, dass alle drei Principia
gleichsam die Quellen sind, daraus solche Ausflüsse hergeleitet, und in dem
eintzigen Auge der wachsamen Natur gleichsam concentriret werden. Dass es aber
ein Eulen-Kopff ist, deutet abermahl die Wachsamkeit an, indem dieser Vogel eben
deswegen der Minerva geheiliget ist, weil er des Nachts so munter ist, welches
sich zum Nachtstudieren überaus wohl schicket. Es hat gleichsam der Archæus ein
allsehendes Auge in seinem Hause. Er ist wie ein geschickter Hausswirt, der
hinten und forn ist, und alsobald sieht, was fehlet, damit dasselbe wieder
ersetzet werde; Also auch der Archæus, der ist alsobald bei allen notleidenden
Gliedern mit seiner Hülffe da. Hat das Haupt Schmertzen, so stopffet er die
Quelle, indem er die übrigen Speisen auf das geschwindeste aus dem Magen
auszuführen sucht, die da eine Jährung im Magen intendiret, mitin schon zu
dunsten angefangen. Da denn diese Dünste nach dem Kopffe steigen, und eben die
Schmertzen causiren. Welche aber sobald aufhören, so bald die im Magen fermentir
ende materia peccans abgeführet ist. Man sehe nur zum Exempel das sorgfältige
Verhalten des Archæi, wenn allerlei Unreinigkeiten in seine Werckstatt kommen,
sonderlich wenn der Magen mit Galle überladen wird. Weil nun diese Galle alle
sein gutes Ferment im Magen verderbt; um die Stärcke des Archæi aber dadurch
seine meisten kräfftigsten Würckungen im menschlichen Leibe eine feurige Hitze
befördert (wie denn die Hitze ohne dem dem menschlichen Leibe convenable) also
weiss er sich auch damit am allerbesten wider seinen eindringenden Feind zu
defendiren. Denn die Unreinigkeiten, so im Magen entstehen, sind ein dickes,
irrdisches, schleimiges Wesen, welches capable ist, alle fermentirende Hitze im
Magen zu tilgen. Daher wir auch sehen, wenn solche dicke irrdische
Unreinigkeiten im Magen überhand nehmen, dem Menschen über den ganzen Leib ein
Schauer herfähret. Daraus denn der Mensch zu urteilen pflegt, dass er ein kaltes
Fieber bekomme. Dass aber diese kalte Schauern sich bei dem Menschen äusern,
kommt daher, weil der Archæus, so bald er seine Werckstatt verunruhiget sieht,
alsobald verdrossen wird, sein Amt nicht mehr verrichtet, und dem notleidenden
Gliede die nötige Hülffe nicht mehr zuschicket, so nimmt freilich die febrili
sche Kälte überhand. Das Schaudern aber entstehet von dem schwachen Widerstande
des Archæi. So bald aber der Archæus sich ein wenig erhohlet, geht er seinem
Feinde entgegen, und suchet dadurch ihn auszutreiben, wenn er die ganze
menschliche Machine in Hitze und Brand stecket. Darum folgt gemeiniglich auf die
Kälte eine Hitze. Hält nun die Hitze länger an, als die Kälte, so ists ein
Anzeichen, dass der Archæus noch starck genug sei, seinen Feind zu überstehen.
Woferne aber die Hitze abnimmt, so ists ein Zeichen, dass der Archæus aus seiner
Herberge bald Abschied nehmen werde. Die Kranckheit ist zwar so gewaltig nicht
mehr, daher unverständige Medici meinen, der Patiente bekomme Ruhe; Aber eben
daraus erkennet ein kluger Medicus, dass die Kranckheit zum Ende gelanget. Je
empfindlicher die Hitze oder der Brand der Krancken ist, je stärcker kann man sie
zu sein urteilen. Und destomehr ist auch Hoffnung zur Genesung. Weil man daraus
sieht, dass der Archæus seine Sorge und Wachsamkeit für den menschlichen Cörper
noch nicht abgeleget. Denn diese feurige Wut rühret vom Archæo des Lebens her,
wenn er in Harnisch gebracht worden entweder von einer ungesehren den ersten
Schaden verursachenden Materie, oder von einem vermeinten Anzeigen, dass der Sitz
des Lebens, oder sonst ein naher mit demselben sympatisirenden Teile, entweder
durch einen bössartigen Dampff und Dunst, oder durch einige traurige
Gemüts-Bewegungen Not leide, welche durch ihre tyrannischen Eindrückungen den
Sitz des Lebens als seinen eigentümlichen uhrsprünglichen Wohnplatz
beunruhiget, maassen, die Seele und das Leben uhrsprünglich an einerlei Orte
ihren Sitz haben. Der lebendige Archæus ist gleichsam der Vulcanus im Menschen,
der die Wärme des Lebens seine ganze Lebens-Zeit über erwecket und erhält, und
der bei guten gesunden Tagen in guter Ordnung und vernünftig handelt; hergegen,
wenn er in Unordnung gebracht worden, gleichsam rasend wird.
    Der vierdte Götze ist ein ergrimmter Mensch, der etwas mit einer Keule
zerschlagen will. Und dieses stellet nunmehro den rasenden Archæum kat' exoxhn
vor, oder die den Missbrauch der Kreaturen rächende Natur. Diese Eigenschaft des
Archæi erweckt allerdings das unordentliche Leben eines Menschen, der mit
Fressen und Sauffen und allerlei Wollüsten in sich hinein stürmet, auch durch
allerlei Affecten, Sorge, Furcht, Bekümmernis, dem Archæo eine widrige
Empfindung eindrücket. Und weil er durch diese Empfindung meldet, dass sein Sitz
und Wohnplatz nicht im Stande ist, diese belästigende Idee zu ertragen; So wird
er gewaltig erbittert, setzt wegen dieses entweder wahrhaftigen, oder durch die
Ideen causir ten vermeintlichen und eingebildeten Ubels alles in Feuer und
Brand, und verursacht einen erbärmlichen Zustand, der von sich selbst wesentlich
ist. Denn das Sprichwort ist wahr: nemo læditur, nisi a se ipso.
    Das fünfte Bild ist ein Mensch mit einem Hunde-Kopffe, und zeigt an die das
einschleichende Verderben der Kreatur stets bewachende Natur. Wie ein Hund das
Haus bewahret und billet, wenn ein Dieb einbrechen will; Also ist der Archæus
stets wachsam, dass bei Imbibirung der Nahrung nichts unreines oder überflüssiges
in die Kreatur eingeführet werde. Denn dieses wird sie alsobald in der
Fermentation von dem guten und reinen Chylo abscheiden, und durch allerlei
Ausgänge der Excretion, als per sudorem urinam, sedes, ausführen. Ja, wenn der
Mensch selbst durch überflüssige Geniessung der Speisen und Geträncke die
Werckstatt des Archæi verunreiniget; So wird der Archæus in seinen Grimm
aufgebracht, verläst seine ordentliche Würckung, und das Bellen dieses wütenden
Hundes kann man ja äuserlich wohl mercken aus der entstehenden grossen Hitze,
item aus allerhand gefährlichen Symptomatibus, als Ohnmachten, Hertz-Klopffen,
äuserlich gifftigen Geschwüren u.s.w.
    Das sechste Bild ist die Figur eines aufgerichteten sitzenden Ochsens.
Gleichwie nun der Ochse arbeitsam ist; also wird dadurch die für ihre Kreaturen
stets sorgende und arbeitende Natur angezeiget. Welches aus dem vorhergehenden
gnugsam zu ersehen, dass wir also nicht nötig haben, uns hierbei länger
aufzuhalten.
    Das siebende Bild ist der Neptunus, wessen Character auf dem Steine durch
die dreizinckigte Gabel angedeutet wird. Da nun der Neptunus ein Gott des
Wassers ist; so stellet dieses Bild vor die für den Uberfluss, Reinigkeit und
Gesundheit des Wassers sorgende Natur. Keine eintzige Kreatur kann das Wasser
entbehren, denn hierinnen ist verborgen ein balsamisches Lebens-Saltz, ein
männlicher und weiblicher Saame, daraus alle Dinge ihre Speise des Lebens
nehmen. Und wo dieses Saltz nicht darinnen ist, so wird auch die beste Speise
tumm, todt, und unfruchtbar. Wie CHristus selbst sagt, Matt. 5, v. 13. Wo das
Saltz tumm wird, nämlich, das balsamische Lebens-Saltz, Nitrum und Sal, womit
soll man saltzen? Es ist hinfort zu nichts nütze, denn dass man es hinaus
schütte, und lasse es die Leute zertreten. Insgemein ist in einer grossen
Quantität Wassers, die wir trincken, gar ein klein weniges Lebens-Saltz
befindlich. Welches man sehen kann, wenn man das putreficirte Wasser abrauchen,
und im Keller zu Crystallen anschiessen läst, so wird man finden, dass das
männliche Saltz das Nitrum sich in Crystallen in die Höhe begeben; auf dem Boden
aber lieget ein braunes Saltz, welches, wenn es wohl ausgeglüet, solviret,
filtriret und coaguliret, seine schöne Weisse wie ein gemeines Saltz zeigt. Und
das ist der weibliche Teil unserer gesaltzenen Lebens Speise. Weil nun also der
meiste Teil Wasser ist, so die Natur nicht annimmt, sondern wieder von sich
läst; So sehen wir ja durch dieses Scheiden des Wassers von dem balsamischen
Geiste, wie immer die sorgfältige Natur bekümmert ist, dass ein gnugsamer Vorrat
Wassers da sei für alle Kreaturen. Also der balsamische himmlische Lebens-Geist
aus der Sonne ist sehr feurig, und hat das wenigste Wasser, doch seine
beständige Agitation, macht doch endlich diesen feurigen Samens-Geist etwas
dicker und schwerer, dass er sich herab sencket in die Region der Lufft, und
dieses, was sich aus dem Himmel mit der Lufft vereiniget, ist ein Excrement, und
heist ein subtiles Wasser. Diese Lufft nun scheidet sich wieder von ihrem
überflüssigen Wasser, und schicket es dem dicken Wasser zu, da es denn im Regen,
Schnee, check u.s.f. bald in die See fället, als den grossen Schatz-Kasten
des Wassers, bald von denen Animalien in denen Speisen genossen wird, die
Animalien scheiden wieder ihr überflüssiges Wasser ab, und schicken es der Erden
zu, davon sich denn alle Kräuter, Bäume und Gewächse ernähren. Das übrige Wasser
geht ad centrum terræ und ernähret und bringt zur Vollkommenheit alle Minerali
en und Metallen. Wie wenig nun der balsamische Lebens-Geist aus diesem Wasser in
die Metalle zu ihrer Erhaltung eingeht, können wir leicht sehen aus der grossen
Menge des Wassers, die die Natur in denen Bergen von denen Metallen abscheidet.
Man sehe nur an, was für eine unzehlige Menge Wasser und Quellen aus denen
Bergen hervor kommt, dass, wenn man alle Berge in der Welt zusammen rechnen
wollte, man zu zehlen aufhören müste. Daraus genugsam zu sehen ist, wie
sorgfältig die Natur für einen hinlänglichen Wasser-Vorrat jederzeit gewesen
und auch noch sei.
    Das achte Bild stellet vor die den männlichen Saamen zur Vollkomenheit
bringende Natur. Um der Ursache willen hat dieses Bild allerlei besondere
hieroglyphische Figuren. Das männliche Glied unten am Bilde deutet auf die
feurige und brünstige Begierde des allgemeinen Archæi oder Welt-Geistes,
Kreaturen zu produciren; der Löwen-Kopff mit denen Krallen stellet vor dieses
doppelten chaotischen Saamens-Geistes alles zerfressende, corrumpirende und per
Fermentationem & Putrefactionem zerstöhrende Natur. Denn es muss allezeit bei
einer neuen Geburt eine Zerstöhrung und Putrefaction vorher gehen. Man muss erst
das alte Haus einreissen, allen Schutt und faul Holtz weg schaffen, und alsdenn
sind die noch guten wesentlichen Teile des Hauses, welche der Schutt gefangen
hielte, dass sie nicht konten zu einem neuen Bau gebraucht werden, von diesen
Banden los. Diese wesentlichen Teile nun sind das gute Holtz und Steine, welche
man nun ohne Mühe nehmen, und zum neuen Hause anwenden kann. Der Unter-Leib
dieses Bild es hat gerade über der männlichen Schaam eine Frosch-Gestalt. Der
Frosch bestehet aus einem wässerigen weiblichen Element, und bedeutet also den
weiblichen Saamen, der unter der männlichen Rute eben mangelt, die denn dadurch
sich verhindert sieht, etwas vollkommenes für sich selbst zu produciren. Von
diesem weiblichen Saamens-Principio wird hernach unten noch weiter gehandelt
werden. Dieser männliche Saame hat seinen Ursprung, wie wir oben gemeldet, aus
der Sonne, die solche feurige Saamens-Krafft durch eine stete Bewegung circa
Centrum ausstrahlet, und in die ganze Welt ausstreuet. Und werden diese
Saamens-Kräffte der Himmel genennet. Dieses ist nun ein grosses Meer, mit
unzehlig viel solchen feurigen lebendig-machenden, alles erhitzenden Particulis
angefüllet. Weil sie nun das allersubtilste Feuer sind, so sind sie auch das
allerkräftigste, beweglichste Leben, fangen durch solche Bewegung an, sich unter
einander zu erhitzen, kommen darüber in Fermentation, und ihre subtilen
Lebens-Geister werden dadurch dicke gemacht, und fallen wegen ihrer Schwere
herab in die Lufft-Region, als den andern Teil des männlichen Saamens. Hier hat
nun dieser Luft-Saame, nachdem er durch den täglichen Zufluss aus dem Himmel
immer feuriger wild, alsdenn Hitze genug, in dieser Region sich von neuen in die
Agitation bringen zu lassen. Daraus endlich eine Fermention und Verdickung
entstehet, dass er in einem Nebel, Dunst und Dampff, zuletzt in einem Tau herab
sincket, und in procinctu stehet, sich in die Frosch-Gestalt des weiblichen
Saamens-Principii, nämlich des Wassers, vermittelst eines Regen, Schnees, u.s.w.
herab zu stürtzen: Davon beim weiblichen Saamens-Principio ein mehreres wird zu
melden sein.
    Das neundte Bild ist die bekannte Ceres, welches vorstellet die alle
hervorgebrachten Kreaturen mit einer lieblichen Gestalt, Schönheit, Geruch und
Geschmack auszierende Natur. Diese Auszierung gibt nun allein der männliche
Saame, als in dessen Feuer die rechte wahrhaftige sulphurische Tinctur ist, die
allen Kreaturen einen lieblichen Geruch, Geschmack und Farbe gibt, nachdem der
weibliche Saamen in einem Subjecto stärcken als im andern. Dannenhero riechen,
schmecken und blühen die aromatischen Sonnen-Kräuter viel kräfftiger, als die
flüchtig-hitzigen und temperirten gewesen, und diese noch kräfftiger, als die
wässerigen, ja diese haben nicht einmal einen Geruch. Wir können demnach daraus
erkennen, warum der Lapis philosophorum alle andern Dinge an Geschmack, Geruch,
schöner Farbe und mächtiger Krafft übertrifft, nämlich weil das weibliche
Principium durch die starcke Fixation ganz in sein Innerstes hinein gekehret,
mitin diese Tinctur durch und durch nichts anders ist als der lauterste und
subtilste astralische, der durch vielfältiges imbibiren und kochen in die
allerhöchste Plusquamperfection gebracht, und nun ein fixes, feuerbeständiges,
durchsichtiges, crystallinisches Rubin-Glas, rot wie Blut, süsse wie Zucker,
und wohlriechender als Ambra, mitin zu einer höchst vollkommensten Medicin auf
Metallen bereitet worden. NB. Hier mag Herr Plager diese und mehr Passagen wohl
attendiren. Sie klingen ganz gewiss philosophischer, als die Discourse seines
Eliä Artissä und übrigen Gran-Goldmachers-Professorum ihre subtilen
Weissheits-Lehren. Er bitte aber GOtt, dass mir eine Gelegenheit, Zeit und Musse
von ihm geschenckt werde; so habe nicht in Abrede, als ein Gast mich eine
Zeitlang in dem angenehmen Felsenburg aufzuhalten. Da er denn andere Dinge sehen
soll, die er gewiss sein Lebe-Tage zu sehen die Gnade nicht gehabt. Ich muss
hertzlich lachen über die seltsame Auslegung des Spruchs Hiobs, und sie haben
sich damit bei dem wahren Eliä Artissä verraten, dass Herr Plager und sein
Præceptor nicht viel gewust. Gantz gewiss hatte der Mann damahls Willens, Herrn
Plagern etwas zu offenbahren; Weil er aber zur Unzeit mit seinem Anagrammate
heraus ruckte, so hielte er hinterm Berge, und wurde darüber ganz rot. Ohne
Zweifel deutete diese Röte bei dem Manne eine Bestürtzung an, dass es leicht
hätte geschehen können, sich durch unzeitige Offenbahrung an GOtt zu
versündigen. Will er ja etwas tüchtiges in diesem Anagrammate tun, so muss er
vielmehr auf den und anagrammatisiren, der aber nicht das gemeine und ist,
sondern ein regenerirtes philosophisches und , welches aber nicht ehe kann zur
Regeneration gebracht werden, als bis das gemeine und , so er zu erst in die
Hände nehmen muss, auf eine philosophische Weise, in seine erste materiam remotam
gebracht ist, da es denn zwar mineralisch, aber doch ad regnum minerale noch
nicht specificiret ist. Kurtz: es ist eine sche Gur, darzu muss und gemacht
werden. Kennet er die, so ist er auf dem rechten Wege. Hier habe ich viel
offenbaret, er dancke GOtt dafür, bete fleissig und studiere. Doch wieder ad rem.
    Das zehende Bild stellet einen Affen vor, in seiner gewöhnlichen sitzenden
Natur. Wie nun dieses Tier überaus dienstfertig ist, auch alles nachtut, was
man ihm vormacht; also zeigt dieses Bild an die dienstfertige und der
notleidenden Kreatur zu Hülffe kommende Natur. Wenn der Mensch eine Wunde hat,
so sammlet der Archæus alsobald allerlei balsamische Lebens-Kräffte aus sich
selbst zusammen, und bringt sie an den verwundeten Ort, ja er schickt auch einen
stärckern Brand und Hitze dahin, um diesen Ort wider alle gefährlichen Zufälle
zu defendiren, und die Heilung dadurch desto mehr zu befördern. Wenn ferner der
Mensch durch üble Diæt viel Unreinigkeiten in die reine Werckstatt des Archæi
eingeführt, oder wenn auch nur durch die heftigen Affecten des Menschen eine
Idee eines scheinenden Wiederwärtigen und Bösen dem Archæo imprimiret wird, so
wird er, wie oben gemeldet, wütend und voller Grimm, und ruiniret seine ganze
Werkstatt, setzt sie in Feuer und Brand, und richtet daselbst einen recht
erbärmlichen Zustand an. Wenn man aber diesem erzürnten Affen nur einen schönen
Apffel vorwirfft, das ist, wenn man ihm eine wohl ausgekochte fix und
feuerbeständige Quint-essenz vorhält und zu kosten gibt, so schmecket er just
diejenige Speise, die mit ihm einerlei Natur ist, und womit er auch seine
krancke Kreaturen speiset und stärcket. Dadurch wird er nun nicht nur begütiget,
sondern auch noch dazu ganz lustig und munter gemacht, dass er wieder seine
Arbeit in seiner Werckstatt anfängt, und alle Unreinigkeit per locos excretionis
ausführet. So dienstfertig ist die gütige Natur, ob wir sie gleich erzürnet. Und
gleichwie wir den Apffel diesem erzürnten Affen vorgeworffen, und ihn dadurch
wieder besänftiget; also tut er solches uns gleich nach, und wirfft eben diesen
Apffel, nämlich die balsamische Tinctur, dem krancken Gliede wieder vor, dass es
dadurch gestärckt und gesund werde.
    NB. Hier, bei der angezeigten Weise, wie ein Hermeticus die Kranckheiten zu
curiren pflegt, da er nämlich nicht selbst der Medicus sein will, denn das ist
die Natur, und nach derselben GOtt, sondern der Medicus ist nur ein Diener der
Natur, und wenn die Natur oder der Archæus in seiner Werckstatt in Unordnung
kommen, und sich nicht helffen kann, so reicht der Minister naturæ alsobald
derselben diejenige Artzenei, womit sie sonst gleichfalls ihre krancken
Patienten zu curiren pfleget. Dadurch wird der Archæus auf einmal gestärcket,
dass er hernach schon selbst im Stande ist, seinen Patienten zu Hülffe zu kommen.
Aber ich muss hertzlich lachen über die Medicos mechanicos, die, ob gleich GOtt
spricht: Ich bin der Herr dein Artzt, dennoch par tout selbst der Artzt sein
wollen. Und weil sie der Natur ihre Art zu curiren nicht wissen, sondern meinen,
der Archæus treibe das Böse hinaus per Mechanismum, wie man mit dem Besem eine
Stube auskehrt. Da mag man denn billig fragen, wie wird sie sich aber dieser
bösen Schein-Ideen entledigen, die sie sich per Impression gemacht? Was braucht
man da für einen Besem dazu? Eine Magen-Bürste ist gewiss hierzu zu grob, und
allzu mechanisch. Ach! in der Natur treiben keine mechanische Gewichte von
grosser Schwere die Kranckheit aus; sondern in der Natur bewegt nur eine kleine
subtile Lichtes-Krafft das wiederwärtige Böse viel stärcker, als das schwerste
Pondus in der Matematique. Ich habe vorhin gesagt, die Sonne strahle lauter
solche Lichts-Kräffte aus. Und weil sie sich denn circa centrum ab occidente
versus orientem bewegt, so bewegen sich denn auch alle ihre Lichts-Kräfte mit
dahin. Weil nun alle schweren Cörper, als unsere Erde und andere Planeten in
diesen solarischen Lichts-Kräfften gleichsam schwimmen, eben wie eine Kugel in
der See; so folget notwendig, dass, weil alle Lichts-Kräfte sich per circulum ab
occidente versus orientem drehen, alsdenn auch unsere Erde und dergleichen mehr
par Compagnie eben den Weg mit fort müssen. Tut dieses der grosse Welt-Archæus
die Sonne, warum soll es denn nicht auch unser Archæus tun können in unserer
kleinen Machine? So curiren wir denn weit glücklicher und gewisser durch eine
Medicin, die mit unzählig tausend Radiis sulphureo-solaribus angefüllet ist.
Davon auch nur den Stein in Spiritum Vini geweicht, dass ihm so gar auch am
Gewichte nichts abgehet, bloss durch seine einstrahlende geistliche Krafft den
Spiritum Vini medicinisch machet. Nun wieder zur Sache.
    Das eilfte Bild ist das weibliche Saamens-Principium, und zeigt an die den
männlichen mit dem weiblichen Saamen vereinigende und solche mit einer
lebendigen Saamens-Kraft des männlichen Principii prægnirende Natur. Das zeigt
unten die Signatur des weiblichen Gliedes gegen die Signatur des männlichen
Gliedes, die uns genungsam anzeigt, wie begierig der kalte weibliche Saame nach
dem feurigen männlichen Saamen seinen Mund auftut, um solchen in sich als in
einer Matricem einzuschliessen. Welches gleichfals so zu mercken da die Diana
sich gleichsam in eine solche Positur leget, als wollte sie auf den brünstigen
Hirsch des feurigen mäñlichen Saamens mit höchster Begierde zufliegen. Welches
gleichfals anzeigt, wie begierig die weibliche allgemeine Saamens-Quelle des
Mondes nach der feurigen allgemeinen Saamens Quelle der Sonne sich bezeigt, also
dass der Mond alle diese solarische, feurige Influentien attrahiret, in ihre
Natur verwandelt, und nach und nach selbst ganz feurig wird, und geschickt ist,
eine neue Kreatur hervor zu bringen, nämlich den allgemeinen chaotischen Saamen
im Wasser, Nitrum und Sal, gleichwie nun der männliche Saame eine corrumpirende
Krafft hat, indem er alles verbrennt und austrocknet; also hat auch der
weibliche Saame eine corrumpirende Krafft, indem er durch ihre überflüssige
Aquosität alles faulend machet. Diese corrumpirende Krafft wird an dem Bilde im
Tempel angezeigt dadurch, dass dieser Götze ein Kind verschlingt. Was ich nun
esse, das verwandele ich in meine Natur. Wenn nun eine Sache mit allzu vielen
wässerigen Principiis imprægniret wird, so faults und wird zu lauter Wasser. Man
probire es mit einem eingesaltzenen Fleische, stelle das Fleisch also, dass das
Saltz-Wasser davon ablauffen, und die Lufft dazu kommen kann. Man werffe Saltz
darauf, so viel man will, weil es ein wässeriges Saltz ist, so muss es doch
verfaulen. Weil nun dieser weibliche mit dem männlichen imprægnirte Saame
gleichwohl immer nach mehrern dergleichen hungert; so werden dadurch die
Lebens-Geister im Saamen zu einer Activität und Leben aufgewecket, fangen an zu
wachsen und aufzuschwellen, dass sich endlich zuletzt der Saame zu einer dicken,
ölichten, incluosen Saamens-Gur zeitiget. Und das ist materia prima remota,
woraus alle Kreaturen durch beständige lmbibition einer neuen Saamens-Gur
endlich zur Vollkommenheit komen. Welches auch ein Haupt-Pünctgen in der hermeti
schen Philosophie ist. Gewiss diese Heiden in Klein-Felsenburg müssen grosse
erfahrne Philosophi gewesen sein. Diese durch vielfältige Imbibition causirte
wachsende Krafft wird an dem Bilde vorgestellt unter dem Nabel mit 6. Zitzen,
dadurch die Natur ihre Kinder gleichsam als an vielen Brüsten reichlich säuget,
und damit ihren Wachstum befördert. Dieser weibliche Saame wird aber nun also
mit dem männlichen vereiniget: Es ist nämlich bekannt, dass diese beiden Saamen
gegen einander sehr hungrig sind. Dannenhero ziehet immer eines das andere
begierig an sich. Wenn demnach Tau, Nebel, Dampf und Dunst in der untern warmen
und schon dickern Region der Luft noch mehr fermentiret wird, so verdickt er
sich endlich, und fället in Regen, check, Schnee u.s.w. herab, teils in die
grosse Welt-See, als die grosse Vorrats-Kammer alles Wassers, teils auf die
Erde, dadurch alles wächst und fruchtbar wird, auch unzehlige Vegetabilien
kommen, die Animalia hergegen auch ihre Nahrung davon nehmen. Das übrige geht
centrum terræ. Daraus es wieder als ein corrosivischer Central-Dunst in die Höhe
steiget, sich immer ie mehr und mehr verdicket, und in Mineralia & Metalla
zeitiget. Das übrige Wasser aber, das die Natur in den Bergen abscheidet, bricht
an denenselben in Seen und Flüssen in grosser Menge aus, davon etliche ganz
süsse sind, andere durch saltzigte Gebürge streichen, und zu Saltz-Quellen
werden, noch andere durch victriolische, alaunische, martialische, venerische
Gänge gehen, daraus unterschiedliche Sauer-Brunnen, warme Bäder u.s.f. zu Tage
ausgehen.
    Das zwölfte Bild ist der Mercurius. Dieses ist nebst der Sonne und Mond das
dritte Saamens-Principium, kommt aber in der philosophischen Arbeit nicht zum
Vorschein. Denn der Philosophus hat beständig nur zwei Principia in Händen,
nämlich Sonne und Mond, männlichen und weiblichen Saamen, Sulphur und Saltz,
Feuer und Licht, Acidum und Alcali; In beiden aber ist das dritte verborgen, als
sein Geist und Leben, das nicht wohl ohne gänzliche Destruction des Saamens von
einander geschieden werden kann. In dem männlichen Saamen ist es ein hitziger,
feuriger, brennender und treibender Geist; in dem weiblichen Saamen ist es ein
wässericht-saltzigter, gelinder und temperirter Geist. Wenn nun diese beiden
Geister in denen beiden Principiis mit einander vereiniget werden, so heists
Mercurius duplicatus, so führen sie ihren vereinigten Saamen desto kräftiger in
die unvollkommene Metallen ein, verwandeln sie in ihre Natur, nämlich in einen
sulphurischen Saltz-Leib, und jemehr dieser sulphurische Saltz-Stein mit neuem
Mercurio duplicato wieder aufgelöst, coagulirt und figiret, auch zur höchsten
Glasigkeit und durchsichtig-crystallinischen Rubin-Röte figiret wird, also dass
es zu einer plusquam-perfecten Figität und Maturität gebracht wird; Je höher es
nachgehends andere unvollkommene Metallen in das schönste Gold tingiret. Dieser
Geist ist doppelt, darum hat auch der Mercurius gedoppelte Flügel, und am Stabe
eine gedoppelte Schlange. Wie auch hier der Stab Mercurii durch gedoppelte
Queer-Striche solches anzeiget.
    Das dreizehende ist eine gekrümmte Schlange, die mit dem Schwantze auf einer
Kugel stehet. Wie nun eine Schlange durch die kleineste Ritzen durchschlupfen
kann; also stellet dieses Bild vor die die kleinesten, verborgensten Winckel der
Kreaturen durchsuchende und von aller Unreinigkeit befreiende Natur. Gleichwie
nun der Archæus durchaus nichts in seiner Werckstatt dultet; also empfindet er
nun alsobald den geringsten Schnitt oder andere kleine Læsiones an denen
Gliedern, schickt sogleich eine genungsame balsamische Hitze zu Heilung dieses
Gliedes dahin. Welches aus der grossen Feurigkeit und Hitze, wie auch aus der
roten Gestalt des verwundeten Teils gnugsam zu sehen, dass da hier mehr und
überflüssiges Blut schon abgeführet worden, als sonst wäre nötig gewesen. Dieses
wäre nun, meine Hochgeehrteste Herrn, was ich euch aus wohlmeinenden Hertzen
eröffnen wollen.
    Nun erlaubet mir auch zu sagen - - - - etc. Indem ich Gisander nun verhoffe,
es werden die Herrn Felsenburger mit der mir ausgetragenen Ausarbeitung ihrer
Geschichts-Beschreibung, die ich in meinen Nebenstunden mit vielem Vergnügen
bestmöglichst verrichtet, zufrieden sein; so dancke ihnen allen vor das
reichliche Honorarium, welches sie mir ihrer besondern Generosite nach angedeien
lassen. Meine deutschen Lands-Leute werden mir vermutlich dasselbige gönnen,
weilen gewiss weiss, dass viele derselben sehr begierig sind, die Felsenburgischen
Geschichte zu lesen; da aber vieler Umstände und Ursachen wegen wohl dieserhalb
so bald nichts weiter zu Marckte gebracht werden dürffte, so mache nun mit
gröstem Plaisir des vierdten und letzten Teils
                                     ENDE.
 
    