
        
                  Heinrich Anshelm von Ziegler und Kliphausen
                               Asiatische Banise
                             Die Asiatische Banise /
                                      Oder
                        Das blutig - doch mutige Pegu /
  Dessen hohe Reichs-Sonne bei geendigtem letztern Jahr-Hundert an dem Xemindo
erbärmlichst unter - an dem Balacin aber erfreulichst wieder auffgehet. Welchem
sich die merkwürdigen und erschrecklichen Veränderungen der benachbarten Reiche
     Ava, Arcan, Martabane, Siam und Prom, anmutigst beigesellen. Alles in
        historischer / und mit dem Mantel einer annehmlichen Helden- und
Liebes-Geschichte bedeckten Warheit beruhende. Diesem füget sich bei eine / aus
     Italiänischer in Deutsch-gebundene Mund-Art / übersetzte Opera / oder
                       Teatralische Handlung / bennenet:
                              Die listige Rache /
                                      oder
                            Der Tapffere Heraclius.
                         Auffgesetzet von H.A.v.Z.U.K.
 
          Dem durchlauchtigsten Fürsten und Herrn, Hn. Johann Georgen
                             Erb-Prinzen der Chur,
                                        
                                      und
                                        
     Herzogen zu Sachsen, Jülich, Cleve und Berg, Land-Grafen in Türingen,
  Markgrafen zu Meissen, auch Ober- und Nieder-Lausnitz, Gefürsteten Grafen zu
Henneberg, Grafen zu der Mark, Ravensberg und Barby, Herrn zu Ravenstein. Meinem
                               Gnädigsten Herrn.
                         Durchlauchtigst-grosser Prinz!
Ein himmelhoher Geist,
Den das Verhängnis hat zur Majestät geboren,
Den selbst der Sternen-Prinz ein Bild der Götter heisst,
Den Gott zum Abila des Regiments erkoren:
Der wird durch Müh und Kunst der Menschen nicht erweckt.
Die hohe Bildungskraft der Mutter aller Sachen,
Hat diesen Helden-Stern bestimmt und angesteckt,
Eh man den zarten Leib sieht in den Windeln lachen.
Zeigt uns nun die Geburt der Seelen kleinen Sitz,
So spielt die Tugendglut bereit mit tausend Flammen.
Auch in der Wiegen strahlt der Sinnen hoher Blitz,
Und jeder spricht: So muss ein Held von Helden stammen.
Wenn jetzt des Löwen Frucht so Nacht als Mutter bricht,
So schauet man mit Lust die nassen Locken schütteln,
Wodurch er Mut und Art der Löwen stellt ans Licht.
Alcides lässet sich noch in der Wiege rütteln,
So reisst er mit Lust den Schlangenbalg entzwei.
Eh die bemühte Kunst das Gold durch Schmelzen scheidet,
So blitzet dessen Glanz durch Schlacken, Erzt und Blei.
Es strahlt der Diamant, eh ihn der Künstler schneidet.
Und also sieht man die Fürsten-Rose blühn,
Wenn Blatt und Farbe sich noch in der Knospe zeigt:
Wie sich Verstand und Geist von Kindheit auf bemühn,
Bis Jahr und Weisheit selbst den Atlas übersteigt.
Alsdenn lässt Julius auf einem Erdenball
Mit Buch und Schwerte sich in beiden Händen, schauen1.
Durch welche Stützen wird der Prinzen hoher Fall
Verhindert, und das Land lässt sich in Friede bauen.
Es muss der blanke Stahl, der Waffen heller Glanz,
Der Prinzen Anker sein, des Fürsten Hoheit schützen.
Helm, Schwert und Stückenknall, erwirbt den Siegeskranz,
Und ein gerechter Krieg kann mehr als Friede nützen,
Der sich nur voll Verdacht in unsre Grenzen spielt.
Doch wird so Strahl als Stahl vergebens sich bemühen,
Wo nicht Gesetz und Rat der Waffen Hitze kühlt;
Und wo nicht Kunst und Recht im Fürsten-Garten blühen.
Wenn Weisheit und Verstand das kluge Schwert regiert,
So kann Tiberius die frechen Feinde schlagen2.
Wenn Weisheit und Verstand des Prinzen Scheitel ziert,
So muss auch blosse Furcht die Welt in Harnisch jagen:
Ob gleich Philippus' Fuss Madrid niemals verlässt3.
Und also kann ein Prinz auch in dem Zimmer siegen,
Ihn führt des Ruhmes Schiff nach Nord, Ost, Süd und West.
Vor seines Namens Blitz muss Feind und Neid erliegen.
Ein Prinz der sich der See des Herrschens anvertraut,
Und der Gelehrten Schar zu Ruderknechten wählet,
Der schifft mit Ruhm, wo man des Herculs Säulen schaut,
Und hat den sichern Port der Ehren nie verfehlet.
Durchlauchtigst-grosser Prinz! Hier schweiget Reim und Kiel,
Weil dessen Armut sich zu viel hat unternommen;
Er will mehr, als er schreibt! er schreibt nicht, wie er will,
Und seine Ohnmacht ruft: Demostenem lasst kommen!
Er unterwindet sich ein kronenfähigs Bild,
Und göttergleichen Geist, in etwas vorzustellen:
Den Pallas mit der Milch der Weisheit hat erfüllt,
Dem sich die Tapferkeit als Freund will beigesellen.
Des Vaters Heldenart, der Mutter Tugendglut,
Hat sich genau in dir, du grosser Prinz, verbunden.
Es quillt, es flammt, es brennt, das teure Sachsenblut,
Das sich zum viertenmal hat rühmlichst eingefunden,
Im Namen, welcher längst mit diamantner Schrift,
Den Sternen einverleibt. So kann ein Held nicht sterben,
Wenn Gott, Natur und Er ein solches Denkmal stift,
Das in gevierdter4 Zahl die Tugend pflegt zu erben.
Es jauchzt das frohe Land, der treue Untertan
Lässt sich mit Nektarkost der süssen Hoffnung speisen:
Die hohe Raute sei befreit vom Todeszahn,
Weil noch der werte Stock kann Prinz und Zweige weisen.
Minervens heller Schild wirft einen Wunder-Strahl,
Auf das Palladium, das unser Sachsen kennet:
Weil ein so grosser Prinz in der gelehrten Zahl,
Mehr als ein Phosphorus am Tugend-Himmel brennet.
Bellona leget sich den Blitz der Waffen an,
Und will durch Heldenart dem Prinzen sich vermählen.
Denn weil des dritten Ruhm besiegt der Sternen Bahn,
So kann unmöglich es ihr bei dem vierten fehlen.
Selbst Cypris, welche ward aus Flut und Salz gezeugt,
Kömmt auf der Cimber-See in Muscheln hergefahren,
(Weil sich Magnet und Held stets nach dem Norden neigt:)
Und ist bemüht nach Wunsch ein hohes Paar zu paaren.
So wird von Gott und Welt ein grosser Prinz geliebt,
Den Weisheit und Verstand, und Tapferkeit bezieren.
Dem selbst der gelbe Neid dies holde Zeugnis gibt:
Man könne nichts, als Gnad und Sanftmut an Ihm spüren.
Dass nun Banise sich darf in das Heiligtum,
Und den geweihten Ort der irdschen Gotteit wagen:
Dies schafft, Durchlauchtigster! Dein hoher Gnaden-Ruhm.
Denn wie die ferne Welt muss rühmen, loben, sagen!
Dass gegen Sklaven auch Dein Gnaden-Öle flammt,
Der Sanftmut Ampel brennt: So lehrt mich Ruhm und Güte,
Dass schlechter Weihrauch nicht von Göttern wird verdammt:
Drum nah ich mich getrost mit demutsvollem Schritte.
Es senket sich mein Knie vor Deinen Altar hin.
Banise fleht: Lass sie durch gnädiges Beschützen,
Vor Missgunst sicher sein. Ach lasse zum Gewinn
Der Augen Gnaden-Strahl auf mich, mich Ärmste, blitzen.
Schau nicht die Würdigkeit des schlechten Werkgens an,
Die Unvollkommenheit hat solches auferzogen.
Der Sonnen Majestät zeucht von der Erdenbahn
Den Dunst, und schafft daraus die schönsten Regenbogen:
Und ein Durchlauchter Blick vergöttert Werk und Kiel,
Das seinem Wesen nach nur Finsternis verdienet.
Zwar Neid und Einwurf spricht: Es sei nur allzu viel.
Banise habe sich hierdurch zu viel erkühnet:
Dass ihr geringes Blatt die Sternen übersteigt,
Zu grossen Prinzen tritt, in schlechtem deutschen Kleide,
Vor denen Svada sich, als überwunden, neigt:
So führt die Hoffnung doch mich zu der süssen Weide:
Dass zwar der Sonnen Glanz der Zedern Pracht anblickt,
Und hohe Tannen meist das holde Licht geniessen:
Doch wird ein niedrig Reis zugleich dadurch erquickt,
Wenn ihrer Strahlen Macht den ganzen Wald umschliessen.
Das perlenreiche Meer verschmähet keinen Fluss,
Der doch nur Wasser zinst, in seine Schoss zu nehmen.
Korint entschuldiget den wohlgemeinten Schluss,
Philippi grossen Sohn, als Bürger aufzunehmen;
Mit diesem: dass sie nie erwähntes Bürgerrecht,
Als nur dem Hercules, jemanden angetragen.
Hier unterfänget sich ein untertängster Knecht,
Mit bessrer Folgerung und Grunde dies zu sagen:
Man habe ja vor mir kein Opfer noch gesehn,
Das sich nach Würden Dir, Durchlauchtigster, vergleichet.
Und also wirst Du nicht dies wenige verschmähn,
Was Dir Dein Sklave hier in Demut überreicht:
Weil grosse Prinzen oft nur Wasser hat vergnügt,
Das eine treue Hand geschöpft. Ja selbst mein Herze,
Das mehr als diese Schrift zu Deinen Füssen liegt,
Zündt dieses Opfer an, als eine treue Kerze,
Die nach Vermögen wünscht, gleich andern, vor Dein Heil,
In Untertänigkeit zu sterben und zu brennen,
Wird mir ein Funken nun von Deiner Huld zuteil:
So werd ich bis zur Gruft mich untertänigst nennen
                           Eurer Chur-Prinzl. Durchl.
Leipzig den 16. Augusti
    An. 1688.
                                                            Treu-gehorsamst- und
                                                       demütigst-ergebner Knecht
                                                                    H.A.v.Z.u.K.
 
                                    Fussnoten
1 cum lemmate: Ex utroque Caesar.
2 Tacit. lib. 2. Annal.
3 Saav. Embl. 84.
4 Virtutes quatuor Cardinales.
 
                      Nach Standes-Gebühr Geehrter Leser!
Endlich erkühnet sich meine Asiatische Banise, als eine unzeitige Frucht
seichter Lippen, unter der Presse hervorzuwagen, und sich auf dem Schauplatz der
schrift-ekeln Welt vorzustellen; der angenehmen Hoffnung lebende: dass,
ungeachtet vieler Missgünstigen, (derer ich eine ziemliche Bataillon wider den
Jenghien Bassa ins Feld stellen wollt,) welche nicht ermangeln werden, diese
Blätter durch alle Prädicamenta durchzuziehen, sich dennoch viel honette Gemüter
finden werden, die dieses mein wohlmeinendes Unterfangen mehr loben als
schelten, und aus dem Willen erkennen werden: was ich mir wünschte, in der Tat
würklich zu leisten. Ich kann mich zwar mit der Unwissenheit nicht
entschuldigen, was vor ein gefährliches Unternehmen es sei, sich der
scrupuleusen Welt durch Schriften zu offenbaren, angesehen solche ohnedies mit
so vielen gelehrten Sachen in allen Wissenschaften dermassen angefüllet, ja
überhäufet ist, dass fast keine Verbesserung zu hoffen: Dennoch wird diese
Indianische Prinzessin verhoffentlich passieret werden, wenn sie ganz gerne
bekennet, dass sie keinen locum in denen Actis Eruditorum meritire; zugleich aber
beweglichst bittet, sie mit einem ungleichen Judicio Otiosorum zu verschonen;
angesehen sie sich nur in einem schlechten deutschen Kleide, nicht aber im
Harnisch, wodurch sie einige Begierde zu fechten andeuten möchte, vorstellet. In
solcher Blödigkeit hat sie sich billig unter die mächtigen Schutzflügel des
Durchlauchtigsten Chur-Prinzens zu Sachsen, dessen berühmte Sanftmut und hohe
Gütigkeit auch in Asien erschollen, demütigst begeben, und um gnädigste
Beschirmung wider alle Pfeile der giftigen Missgunst fussfällig geflehet.
    Hier sollte ich nun ferner bemühet leben, alle besorgende Einwürfe, welche
ich bereits anzuhören bemüssiget worden, gründlich zu widerlegen: bevoraus die
catonianische Meinung, ob wären die Romainen schlechterdings unnütze Schriften:
Allein ich verlasse mich auf die Gütigkeit des geneigten Lesers, und übergehe
alles mit Stillschweigen. Denen ungegründeten Hassern aber der Heldenschriften,
und andern Übelgesinneten rate ich dienstfreundlich, dieses geringfügige
Werkgen, welches sich nur als eine unwürdige Aufwärterin der
heutig-vortrefflichen Romainen aufgeführet, beiseite zu legen, und ein
nützlicher Buch nach seiner Caprice zu ergreifen, aus welchem er beweisen könne:
Dicatur in eo, quod non dictum sit prius. Den Inhalt der wenigen Blätter
belangende, so sind es mehrenteils wahrhaftige Begebenheiten, welche sich zu
Ende des funfzehenhunderten Seculi bei der grausamen Veränderung des Königreichs
Pegu und dessen angrenzenden Reichen zugetragen haben: Wobei zugleich ein
wohlgesinnter Leser die wundersamen Gewohnheiten und Gebräuche der Barbarischen
Asiater, bei Heiraten, Begräbnissen und Krönungen, welche ich, nebst der
historischen Wahrheit, mit Fleiss aus denen gelehrten Schriften des nie genung
gepriesenen Francisci, Saarens, Schultzens und Balby Reisebeschreibungen, Rogeri
Heidentum, Rossens Religionen und andern curieusen Schriften colligieret,
verhoffentlich nicht sonder Anmut bemerken wird. Und wie ich mich möglichst
beflissen, alle unartige und ärgerliche Redensarten äusserst zu meiden, auch
niemanden mit Fleiss zu touchieren, (es sei denn, dass sich jemand getroffen
fände, da ich versichere, es sei von ungefähr geschehen) also verhoffe um so
viel eher, aller übeln Meinung entübriget zu bleiben.
    Des Styli und eingestreueten Barbarismi wegen werde ich verhoffentlich zu
perdonnieren sein, wenn ich sage: dass ich hierinnen den eigentlichen Endzweck
der Romanen, die deutsche Sprache zu erheben, nicht so genau beobachtet habe:
weil ich mich viel zu wenig erachtet, unserer werten Muttersprache den wenigsten
Zierat durch mich zu erteilen: Zudem auch der Inhalt sich mehr einer
historischen Beschreibung, als Heldengedichte gleichet: Dahero ich durch
vergebene Bemühung die Armut meiner Zunge nicht verraten, sondern mich
durchgehends einer leichten und gewöhnlichen Redensart bedienen wollen. Sollte
aber dem geehrten Leser die Vollkommenheit deutscher Sprache zu sehen belieben,
so wird ehestens der unvergleichliche Arminius nebst seiner Durchlauchtigsten
Tusnelda des weit berühmten und vortrefflichen Daniel Caspar von Lohensteins
sein Verlangen sattsam stillen.
    En fin; Ich bitte nochmals, diese Schrift nicht nach Würden, sondern nach
dem wohlgemeinten Absehen de meliori zu judicieren, und mir durch geneigtes
Aufnehmen meiner Banisen fernere Gelegenheit geben: dass ich künftig meine
Dankbarkeit hiervor noch durch zwei unterschiedene Bemühungen der strebenden
Feder, welche durch ihre Benamungen: Helden-Liebe der Schrift, und Diarium
Historico-Poëticum, den Inhalt sollen zu verstehen geben, kühnlich darzulegen,
möge Ursach haben. Denen übeldeutenden Momis und Zoilis aber setze ich den
Wahlspruch eines hohen Ordens wohlbedächtig entgegen:
                          Honni soit, qui mal y pense.
                                      VALE
 
                             Der Asiatischen Banise
                                  erstes Buch
»Blitz, Donner und Hagel, als die rächenden Werkzeuge des gerechten Himmels,
zerschmettere den Pracht deiner goldbedeckten Türme, und die Rache der Götter
verzehre alle Besitzer der Stadt: welche den Untergang des Königlichen Hauses
befördert, oder nicht solchen nach äusserstem Vermögen, auch mit Darsetzung ihres
Blutes, gebührend verhindert haben. Wollten die Götter! es könnten meine Augen
zu donnerschwangern Wolken, und diese meine Tränen zu grausamen Sündfluten
werden: Ich wollte mit tausend Keulen, als ein Feuerwerk rechtmässigen Zorns,
nach dem Herzen des vermaledeiten Blutundes werfen, und dessen gewiss nicht
verfehlen: Ja, es sollte alsobald dieser Tyranne, samt seinem götter-und
menschenverhassten Anhange, überschwemmet und hingerissen werden: dass nichts, als
ein verächtliches Andenken überbliebe. Doch, ach! wie irre ich? Was rede ich?
Sollte wohl solche Rache ohne Unterscheid und ohne einiges Bedenken vollzogen
werden? wo bliebe denn die überirdische Banise? um derentwillen einig und allein
der Himmel noch die abscheulichste Strafe über Pegu zurücke hält, und welche das
gütige Verhängnis noch sonder Zweifel von dem ganzen Kaiserlichen Stamme wird
übrig, ach! wer weiss? ob nicht in der Hand eines grausamen Besitzers, gelassen
haben: um so viel mehr die geschlagenen Gemüter der fast entseelten treuen
Untertanen wieder aufzurichten, und zu erinnern: es sei noch ein Stern
vorhanden, welcher leicht wiederum zu einer Sonne werden könnte: wenn man ihm
aus jetziger Finsternis zu seinem vorigen Glanze verhülfe. Auf! derowegen, Prinz
von Ava! erinnere dich desjenigen, womit du Banisen verpflichtet bist, und
wisse: dass du die glückselige Besitzung einer so himmlischen Schönheit nicht
eher würdig geniessen kannst, du habest dich dann durch würkliche Rache an ihren
Feinden sattsam um sie verdient gemacht.
    Ach! aber, was schwärmest du noch weiter, unglückseliger Prinz! Erinnerst du
dich nicht, dass du zwar ein König vom Stande, doch nicht vom Lande, bist? Ein
ohnmächtiger Prinz, welchen das Leben seines unbarmherzigen Vaters aller Mittel
beraubet hat, seine innigstgeliebteste Banise von Schande und Tod mächtigst zu
befreien. Ich wünsche mir den Tod, wenn ich bedenke, wie ich ihr in jetzigem
Zustande nicht mehr, als einer ihrer geringsten Sklaven, zu raten oder zu helfen
vermag: und wie hingegen auch der wenigste Verzug zu ihrem und meinem höchsten
Nachteil geraten kann. Jedoch, kann ich ihr nicht mit meinem Leben dienen: so
soll sie doch mein Tod von dem Tyrannen befreien. Ich will in die Burg, mich
mitten unter die Feinde wagen, ja sobald ich mich dem Mordkönige dermassen
genähret habe, dass ich ihn werde erreichen können, diese meine Faust mit seinem
mörderischen Blute färben, und seinen schwarzen Geist, als ein höllisches
Rachopfer, der brennenden Finsternis zuschicken.« Mit solchen verzweifelten
Worten liess sich Balacin vernehmen: als ihm bei aufgehender Sonne der Glanz
derer auf der kaiserlichen Burg mit purem Golde gedeckten Türme die Augen
blendete, und er von einem Hügel die grosse und prächtige Stadt Pegu übersehen
konnte: nachdem er die ganze Nacht durch, bloss allein von tausend widerwärtigen
Gedanken begleitet, geritten, und sein ermüdetes Pferd in die Weide geschlagen,
sich aber selbst, um seine ruhbedürftige Glieder in dem betauten Grase zu
erquicken, auf seinen Mantel geleget hatte. Allein bei Endigung der letzten
Worte ersah er drei verwegene Bramaner, mit entblössten Säbeln, aus einem
Strauche hervorgesprungen kommen, welche ihn sofort mit entsetzlichen Gebärden
anschrien: »Und du bist der einige Verräter, welchem das rechtmässige Verfahren
unseres mächtigsten Kaisers missfallen, und sich, als ein Sklave, in Fesseln
rächen will? Halt, dein Kopf soll uns tausend Pesos gelten!« Sofort wurde
Balacin von ihnen ohne ferneres Wortwechseln überfallen, dass er kaum
aufspringen, und den ins Gras gelegten Säbel ergreifen konnte. Weil sich aber zu
allem Unglücke sein Riemen über das Gefässe geschlungen hatte, vermochte ihn
Balacin nicht auf den ersten Zug zu entblössen: dahero er von dem einem Bösewicht
einen ziemlichen Hieb in die linke Schulter bekam, dass sein himmelblauer Rock in
kurzer Zeit mit Blute gefärbet war. Doch der Himmel, welcher diesen tapfern
Prinzen noch zu etwas Grössern aufbehalten, als dass er von so schnöder Faust
liederlich verderben sollte, gab Gnade, dass er bald seines Säbels mächtig ward,
und im andern Streich den Täter so ungestüm an den Hals zeichnete, dass er gleich
zur Erden stürzte. Hierauf ersah der Prinz sein Vorteil, und sprang, um den
Rücken zu versichern, an einen Baum: Da sich denn diese Schelmen über den Tod
ihres Mitgesellen dermassen ereiferten, dass sie gleichsam als blind und rasend
einzulaufen sich bemüheten. Dahero sich auch einer den vorgehaltenen Säbel des
Prinzen unter der linken Brust dermassen einlief, dass er tot davon niedersank,
und den vorgesetzten Streich nicht vollziehen konnte. Es würde aber unseren
Balacin noch ein grösserer Unfall betroffen haben, wenn nicht das Verhängnis
selbst vor ihm den Streich ausgenommen hätte. Denn als er den Säbel nicht so
geschwinde, wie es die Not erfoderte, aus dem Leibe des Eingelaufenen ziehen
konnte, versuchte der dritte durch einem grausamen Hieb, den Tod seiner
Kameraden zu rächen, und holte demnach aus allen Kräften aus, dem Prinzen den
Kopf zu spalten: welches ihm auch richtig gelungen wäre, wenn nicht ein treuer
und überhangender Ast den Streich aufgefangen hätte. Denn als der Mörder vor
Raserei den Ast nicht bemerkte, hieb er so grimmig hinein, dass er nicht allein
den Säbel musste stecken lassen: sondern auch, als Balacin hiedurch seinen Säbel
wieder zu gewinnen, Zeit bekam, von selben einen schweren Streich in die Achsel
empfing, dass er sofort, wo er nicht den andern beiden gleich werden wollte, das
Reissaus spielen musste: wiewohl er leicht würde einzuholen gewesen sein, wann
nicht Balacin sowohl wegen der fernen Reise, als auch ziemlichen Verwundung
dermassen ermüdet, dass er vor Ohnmacht in das Gras niedersank, und sich in
ziemlicher Weile nicht zu entsinnen wusste, in was vor elenden Zustand und
gefährlichem Orte er wäre.
    Als nun der verwundete Prinz fast bei einer Stunde ganz entkräftet gelegen
hatte, erholte er sich endlich in etwas wiederum, und bemerkte von fernen einige
redende Stimmen. Dahero er sich nicht unbillig eines fernern Überfalls besorgte,
und deswegen einen sichern Ort, allwo er nur etliche Stunden der höchst
benötigten Ruhe pflegen, und sodann des Himmels Schickung mit Geduld erwarten
könnte, zu suchen bedacht war. In solcher Entschliessung bemühte er sich zu
erheben. Als er sich aber kaum auf einen Schenkel steuerte, fiel er vor grosser
Schwachheit, so ihm der grosse Verlust des Geblütes verursachte, wieder dahin.
Weil aber die Stimmen sich näherten, versuchte er sein äusserstes, auf allen
Vieren diesen gefährlichen Platz zu verlassen: indem er sich befürchtete, der
Entrissene möchte ein grösseres Unglück über ihn herbeiführen: Derowegen kroch er
voller Mattigkeit und Furcht bei dreihundert Schritte fort, bis er an einen
breiten Fluss gelangte, welcher ihm Hoffnung und Flucht benahm. Nachdem er aber
ein starkes Geräusche hinter sich vernahm, entschloss er, sich dem sandichten
Ufer anzuvertrauen: welches, ob es zwar ziemlich erhöhet war, dennoch etliche
Schritte breit truckenen Sand unter sich zeigete, und von einigen Bäumen
beschattet wurde. Dannenhero er sich, so viel seine Schwachheit zuliess, sanfte
am Ufer herunterliess, allwo ihm das Glücke eine weite Höhle unter den Wurzeln
der Bäume, die das reissende Wasser unterwaschen hatte, darbot, sich derer in
dieser Gefahr zu bedienen. Welche angenehme Gelegenheit er willigst ergriff, und
sich nach Vermögen eilends darein verbarg: indem er bereits einige Personen auf
dem hohen Ufer also reden hörte: »Hätten wir unser Vorhaben eine Stunde eher
beschleunigt, wir hätten den fremden Vogel auf Stücken zerreissen können.
Immittelst lasset uns fleissig suchen, wer weiss, ob nicht der Fund die Mühe
belohnet.« Welchem der andere antwortete: »Er kann nicht ferne von hier sein:
weil er gleichfalls sein Teil bekam, dass er unmöglich weite Springe wird haben
machen können. Unterdessen lasset uns unsere entseelte Kameraden dem Ufer dieses
Flusses anbefehlen, derselbe mag sie bei anwachsendem Wasser hinführen, wo ihr
Grab bestimmet ist. Bekommen wir aber den mörderischen Verräter, so soll er
ihnen ein grausames Schlachtopfer werden.« Hiemit stürzten sie die zwei vom
Prinzen entleibte Körper vom Ufer auf den Sand, dass sie gleich vor die Höhle zu
liegen kamen, und gingen mit harten Bedrohungen davon. Solches sah und hörte
Balacin alles an. Weil ihn aber die Wunde sehr schmerzte, und er des Schlafes
sehr benötiget war: als riss er den Saum von seinem japanischen Rocke, verhüllte
die Wunde, so viel möglichen, dass nur das Geblüt gestillet wurde, wickelte sich
in den Mantel, welchen er nebst den Säbel wohl bedachtsam mit sich genommen
hatte, und schlief also vor höchster Mattigkeit ein. In solcher Ruhe verharrete
er bis an späten Abend, da bereits der Mond mit vollem Lichte aufgegangen war,
vermittelst dessen er das Silber des rauschenden Flusses, und zugleich die zwei
Leichen auf dem Sande ersehen konnte. Hier kann sich ein furchtsames Herze die
entsetzlichsten Vorstellungen einbilden, welche auch der Herzhaftigkeit selbst
eine Furcht einzujagen vermögen: Einesteils quälte den Prinzen die Wunde, und
zugleich der Hunger, welchen er in zweien Tagen durch stetes Reisen und Fasten
erwecket hatte. Andernteils sah er sich von der Nacht, die ein Schrecken an
sich selber ist, an einem so unbekannten schrecklichen Orte überfallen. Die
vor der Höhle liegende, und mit Schand und Blut besudelten Körper aber, deren
jeder so ein grässliches Gesichte zeigete, als ob er drohete, sich auch im Tode
an dem Prinzen noch zu rächen, vermehrten das natürliche Entsetzen. Ja was noch
abscheulicher war, so befand er neben sich in der Höhle unterschiedene andere
Leichen, welche vor zwei Wochen der tyrannische Chaumigrem bei dem jämmerlichen
Blutbade in Pegu in den angelaufenen Fluss werfen lassen, und sodann das Wasser
in diese Höhle geführet hatte, worinnen sie nach getrocknetem Ufer waren liegen
blieben: und schiene es, als ob ein totes Element diesen Blutund an
Barmherzigkeit übertreffen, und die Toten mit einem Begräbnis versehen wollen.
In solcher abscheulichen Totengesellschaft befand sich nun der armselige Prinz:
Wiewohl solches seinen Augen wegen der Finsternis wohl würde verborgen geblieben
sein, wenn er nicht, als er seinen Säbel zu suchen bemühet war, und also um sich
greifende, statt des Säbels, bald eine eiskalte Hand, bald einen Kopf voll Haare
und andere bereits vermoderte Menschenglieder in die Hand bekommen hätte:
welches ihm dermassen entsetzlich vorkam, dass er fast seiner Schmerzen vergass,
und nach ergriffenen Säbel und Mantel auf allen Vieren sich eilend nach dem
Ausgang der Höhlen begab: allda er sich, um seinen elenden Zustand recht zu
betrachten, und mit sich zu Rate zu gehen, was und wie er ferner seine Sache
anstellen, und wohin er sich bei so eiteler Nacht wenden wollte, auf seinen
zusammengerollten Mantel setzte. Denn in der furchtsamen Höhlen die ganze Nacht
zu bleiben, wollte er lieber den Tod erwählen: zumal der Mond den Untergang
dräuete. Ihr Götter, hub er bei sich selber an, so müssen mich auch durch euer
ungerechtes Schicksal die Toten verfolgen und ängstigen, nachdem die Lebendigen
euren Befehl, mich in das Grab zu stürzen, nicht vollbringen können. Ist dieses
die Ruhe, deren ihr mich durch euren Priester zu Pandior versichern lassen? Doch
sollte mir dieses Elend eine Erfüllung euer Zusage sein: wenn ich nur wüsste, dass
hiedurch der himmlischen Banise im geringsten geholfen würde. Ja, könnte ich
ihre Befreiung und Sicherheit befördern: ich wollte mich gern, als ein Toter,
diesem Toten beigesellen. Verhassten Götter! Ich sehe es wohl, dass ihr meinen
Untergang beschlossen habt: ich bitte euch aber um euer vermeinten Gerechtigkeit
willen, ihr wollet mein Leben versparen, bis die erzürnten Bramaner mich
zerfleischen, und ihren von mir ermordeten König an mir rächen werden: damit ich
also durch meinen Tod der englischen Banisen einen erspriesslichen Dienst leisten
könne.
    Unter solchen Sterbensgedanken wurde unser Prinz von einem herabspringenden
Tiger nicht wenig erschrecket, welches die Leichen gewittert, und alsobald aufs
grausamste in die Körper hineinfrass. Solchem aber zuzusehen, erachtete der Prinz
nicht vor ratsam, aus Furcht, es möchte die Toten verlassen, und die Lebendigen
suchen. Dannenhero wagte er's getrost, als er seinen Vortel an dem heisshungrigen
Tiere, welches bloss auf seine Speise Achtung gab, ersah, und wollte ihm mit
entblösstem Säbel einen spaltenden Streich über das Haupt versetzen: verfehlte
aber solches zu besserm Glücke, und hieb ihm die rechte Tatze, welche es in das
Fleisch eingeschlagen hatte, glatt hinweg: dass es also, indem es nach ihm zu
springen vermeinte, auf die Seite fiel, und er es nach vielen Hieben und Stichen
vollends hinrichten konnte. Solches erkennete Balacin als ein gutes Vorzeichen,
worüber er ein innerliches Vergnügen empfand, und in diese Worte herausbrach:
»Verzeihet mir, gütigsten Götter! wo mir etwa allzu grosse Ungeduld solche Worte
abgedrungen, welche zu eurer Beleidigung gereichen können. Denn wo Schmerz und
Verzweifelung den Sitz nehmen: da muss Geduld und Vernunft öfter hintan stehen.
Schauet vielmehr mein Elend, und lasset ab, königliches Blut zu verfolgen, und
mich ferner zu quälen. Lasset das bereits vergossene Blut von Pegu genung sein,
die Glut eures allzufeurigen Zornes auszulöschen, und machet mich zu einem
Werkzeuge, wodurch Pegu gerettet, der Kaiser gerochen, und die Prinzessin
erlöset werde. Ja lasset dieses Tiger ein beglücktes Vorbild sein: dass auch der
Tyranne durch meine Faust auf solche Art fallen müsse. Voritzo aber zeigt mir
verirrten Prinzen Weg und Steg, wie ich aus dieser Mördergrube meinen Fuss
ziehen, und wohin ich mich, meinen Vorsatz glücklich zu vollstrecken, wenden
möge.« Ehe er aber solche andachtsvolle Seufzer endigte, hörte er abermal einen
Laut redender Personen über sich. Und ob ihm solches gleich anfangs einen
Schrecken beibrachte, hielt er sich doch, so weit es die Sicherheit erlaubte,
ausser der Höhle, um desto besser alle Reden zu bemerken: welche er denn in
folgenden Worten vernahm: »Und auf wen sollte sich wohl unsere Hoffnung gründen?
Der Kaiser ist tot: die Prinzessin ist verloren: der Prinz von Ava kann, und
sein Vater der König will uns nicht helfen, indem er vermeint zu schwach zu
sein; nicht bedenkende, dass eine gerechte Sache und des Himmels Beistand mehr
als zehen Armeen auszurichten vermögen.« - »Mein Vater«, fiel ihm der andere in
die Rede, »regierten nur die Götter den Prinzen von Ava, dass er seiner Pflicht
gegen unsere Prinzessin ingedenk wäre, und sich ingeheim zu uns verfügte: ich
versichere, es würden so viel tausend treue Peguaner, welche ihr Blut und
Vermögen, zur Rache ihres unschuldigst ermordeten Kaisers, willigst aufzuopfern
bereit sein, auf seine Seite treten, dass er keiner anderen Hülfe benötigt sein
würde.« - »Ich weiss nicht, mein Sohn«, hub der erstere an, »was ich mir vor
Gedanken von dem Prinzen fassen soll? Ich habe bereits vor sechzehen Tagen einen
schleunigen Bericht von dem jämmerlichen Zustande des Kaiserlichen Hauses und
der äussersten Gefahr seiner Prinzessin nach Ava abgesendet, welchen er auch, wie
ich vernehme, richtig erhalten, und gleichwohl sieht und höret man nichts von
seiner Verrichtung, da doch jedweder Augenblick der trostlosen Prinzessin den
endlichen Untergang drohet. Jedoch wird er seine edele Pflicht bedenken, und auf
grausamste Rache bedacht sein.« Hierüber erseufzete der Prinz so tief, dass sie
auch solches auf dem Ufer vernehmen konnten, welches ihnen eine entsetzende
Verwunderung verursachte, und dem Talemon diese Worte herauslockte: »Ich halte
davor, dass auch die stummen Bäume durch solche Tyrannei beweget werden, und ihr
Mitleiden durch deutliche Seufzer zu verstehen geben wollen.« Als aber der Prinz
solches Seufzen wiederholete, konnte sich Talemon nicht entalten, weil er eine
notleidende Person in der Nähe vermutete, etwas lauter zu forschen, ob jemand
vorhanden, welcher Hülfe benötiget wäre. Auf solche Nachfrage entschloss sich
Balacin, welcher solches vor eine göttliche Schickung annahm, zu antworten, und
sagte: »Wer ihr auch seid, von Göttern oder Menschen an diesen Ort begleitet,
erbarmet euch über eine Person, derer Gemüte verwundet, und der Leib beschädiget
ist.« Ponnedro, also nennete sich der jüngere, ward durch solche Stimme dermassen
bewegt, dass er sich alsobald am Ufer herunterliess, und heftigst erschrak, als er
bei Mondenschein die toten Körper und das niedergehauene Tiger erblickte. Der
Prinz aber ermunterte ihn mit diesen Worten: »Entsetzet Euch nicht, mein Freund,
vor diesem hässlichen Anblick. Diese zwei entseelten Mörder haben nach meinem
Leben unverschuldeterweise getrachtet: der Schutz des Himmels aber hat sie der
Schärfe meines Säbels übergeben, wiewohl ich zugleich einen Teil meines Geblütes
ihrer Mordbegier aufopfern müssen. Weil ich denn nun schon so lange an diesem
einsamen Orte, von allen Menschen entfernt und in meinem Blute hier liegen
müssen, da ohne Zweifel diese Höhle mein Grab sein würde, so bitte ich Euch um
des Himmels willen, wo Ihr ja von dem Anhange des tyrannischen Kaisers seid,
durchstosset mein Herz, und befreit Leib und Gemüte von Qual und Schmerzen. Seid
Ihr aber aus dem Geschlechte der Menschen und aufrichtige Peguaner, so erbarmet
Euch über den, welchen der bekümmerte Prinz von Ava an alle getreue Peguaner zu
ihrem Besten abgeschicket hat.« - »Von wem?« fragte Ponnedro ganz begierig. »Vom
Prinzen Balacin«, antwortete er selbst, »welcher, seine geliebte Prinzessin zu
retten, sich bald in Person einstellen wird.« - »Ach!« rief Ponnedro seufzende,
»zum Rächen, aber nicht zum Retten.« - »Wieso?« fragte der bestürzte Prinz, »ist
Banise bereit geschändet, oder vielleicht gar tot?« - »Es ist jetzt nicht Zeit,
hiervon zu reden«, antwortete Talemon. »Begebet Euch nur mit uns nach jenem
Schloss, und geniesst allda benötigte Ruhe und Speise: Morgen soll Euch alles
zur Gnüge entdecket werden.« Ob nun zwar solche Ungewissheit unserm Prinzen
höchst beschwerlich vorkam, so folgete er ihnen doch endlich mit sachten
Schritten, bis in das nahegelegene Schloss, da sie ihn nach geschehenen Eintritt
durch eine hohe Wendelstiege, welche ihm wegen der Wunde schmerzlich zu steigen
war, in ein finsteres Gemach führeten, auch ihn, sobald er hineingetreten,
verliessen, und die Türe hinter ihm zuschlossen. Hier war der Prinz abermal in
tausend Sorgen und Ängsten, und wusste nicht, ob er Freunden oder Feinden sich
vertrauet hatte. Das Gemach schiene ganz schwarz zu sein, und nach eröffnetem
Fenster sah er einen steilen Felsen hinunter, dessen Tal voller Bäume und
Sträucher stund, darinnen einige Wölfe entsetzlich heuleten, welche unangenehme
Musik etliche Eulen mit ihrem Sterbegeschrei vermehreten, dass unserem Prinzen
die Haare zu Berge stunden, und nicht anders vermeinte, er wäre aus einer
Mördergrube ins Grab geraten. Als er nun in solcher Furcht und Sorge fast zwei
Stunden verharret, kam ein alter Mann mit einer Laternen hinein, welcher ihn mit
folgenden Worten seiner Angst entledigte: »Verzeihet mir, mein Freund, dass ich
Euch so lange einsam gelassen, und nicht sowohl Euren Magen mit Speise, als auch
den müden Leib mit einem geruhigen Lager, versehen habe. Inmittelst lasset mich
Eure Wunde gebührend auswaschen und verbinden, nehmet ein wenig Speise zu Euch,
und ruhet sodann ohne Furcht und Bekümmernis.« - »Die Götter verlohnen es Euch«,
antwortete der Prinz, »dass Ihr so sorgfältig vor meine Gesundheit und Beruhigung
seid. Inzwischen wollte ich wünschen, Euren Namen zu wissen: angesehen mir die
Sprache vorkömmt, als ob ich die Person kennen würde, wenn ich sie bei mehrern
Lichte betrachten sollte.« - »Es ist Euch solches nicht nötig zu wissen«,
widerredete der Alte. »Ich will mich schon offenbaren, wenn ich das Glücke haben
werde, den werten Prinz von Ava in Person zu bedienen.« Mit diesen Worten langte
er das Licht hervor, und erleuchtete durch zwei angezündete Lampen das ganze
Gemach; vermittelst deren der Prinz den Alten völlig erkannte, und ihm ganz
entzückt um den Hals fiel. »Ach Talemon!« rief er, »mein allerwertester Talemon!
wie wohl hat mich der Himmel versorget, dass er mich zu Euch geführet hat!« Der
alte Talemon erschrak anfangs heftig hierüber, endlich aber, wie er den Prinzen
sah, fiel er vor ihm nieder, und küsste dessen Knie, sagende: »O ihr Götter! was
vor eines Glückes würdiget ihr mich? Ist es möglich, Durchlauchtigster Prinz,
dass es Seine hohe Person ist? oder wollen mich nur die Geister äffen, und meine
Augen betrügen?« Der Prinz, welcher sich wegen seiner Wunde allzu heftig beweget
hatte, ermahnte ihn, solche Freud- und Ehrenbezeugungen zu versparen, bis zu
gelegner Zeit: Und weil er wusste, dass er sich auf die Wundenkur wohl verstund,
bat er vor allen Dingen, nach der Wunde zu sehen, und ihn zu verbinden. Welches
Talemon fleissig verrichtete, und als er den Prinzen mit Speis und Trank sattsam
erquicket, bereitete er ihm ein solches Lager, worauf er besser, als in der
Totenhöhle, ruhen konnte: wünschte ihm sodann eine gute Nacht, und begab sich
auch zur Ruhe.
    Es wurde aber kaum die Annäherung der Sonnen durch einige Lichtstrahlen
bemerket, als der muntere Talemon ihr zuvorkam, das Lager verliess, und sich in
seinen Garten verfügte, allda aufs fleissigste zu sorgen: wie so ein hoher Gast
würdig und sicher möchte bewirtet, bevoraus aber ihm der schmerzliche Verlust
seiner Prinzessin auf solche Art hinterbracht werden, dass noch einige Hoffnung
die Verzweiflung hindern könne. Wegen der Sicherheit nun, hielt er vor ratsam,
bei dem Vorgeben eines Hofjunkers von Ava zu beruhen: das andere aber wollte er
bei erster Nachfrage mit zweifelhafter Rede beantworten, bis völlige Besserung
seiner Wunde sich verspüren liesse. Als aber währenden Nachsinnens das angenehme
Welt-Auge in dem springenden Wasser eines in dem Garten stehenden Kunstbrunnens
artige Vorstellungen machte, und solches den Talemon erinnerte, nachzusehen, ob
den Prinzen der Schlaf verlassen, und ob er was benötiget wäre: eilte er
zuvörderst seiner Frauen, der Hassana, zu, und ermahnte sie, etwas von einem
Frühstücke zu verfertigen, welches zugleich stärkte und sättigte: weil sich der
gestrig-späte Gast etwas übel auf befände. Da denn gedachte Hassana teils aus
angeborenem weiblichen Vorwitze, teils aus Antrieb ihrer Pflegetochter Lorangy,
nicht unterliess, fleissigst nachzuforschen: Wer doch erwähnter Gast sein müsste?
Welche er aber mit der im Garten ersonnenen Antwort befriedigte. Hierauf ging er
ganz leise nach des Prinzen Zimmer, und eröffnete die Türe in möglichster
Stille: in willens, die annoch brennenden Nachtlampen ihres Amtes zu erlassen,
und auszulöschen. Als er nun unfern dem Lager kam, bemerkte er, dass sich des
Prinzen Mund bewegte, auch, nach etlichen tief geholten Seufzern, diese Worte im
Schlafe vorbrachte: »Banise muss auch im Tode leben, und ich sterbe lebendig.«
Worauf er ganz sanfte wieder eingeschlafen schien. Indem aber Talemon durch
eilende Unvorsichtigkeit eine Lampe herunterstiess, wachte der Prinz über solchem
Getöse auf, und wünschte, sobald er den Talemon erblickte, ihm einen beglückten
Morgen, zugleich dankende, dass er ihn von einem schweren Traume entlediget
hätte, welcher ihn nicht unbillig bekümmerte, und ein schmerzliches Nachdenken
verursachte. Talemon war begierig, solchen Traum zu wissen: dannenhero solchen
Balacin folgendergestalt erzählete: »Es ist mir die unvergleichliche Banise vor
wenig Stunden erschienen: Da ich bemerkte, wie sie mir mit tränenden Augen und
ringenden Händen zuwinkte, und mich, weil sie mit vielen grimmigen Elefanten
umgeben war, gleichsam um schleunige Hülfe aufs beweglichste anflehete. Als ich
mich nun bemühete die Elefanten mit viel schmeichelnden Worten und vorhaltenden
Futter zu besänftigen: erwischte ich die Prinzessin bei der Hand, und schien es,
als ob wir durch eine sanfte Luft denen Elefanten aus den Augen geführet würden.
So hoch mich nun diese vermeinte Besitzung vergnügte, so heftig ward ich
bestürzt, als mich dauchte: wie mir durch eine starke Flamme die Prinzessin von
der Hand geraubet würde. Da ich ihr nun mit kläglichen Gebärden nachfolgete, und
sie wehmütigst suchte, erblickte ich sie zwar wiederum: musste aber mit
bekümmerten Augen ansehen, wie mich ein breiter Fluss verhinderte, zu ihr zu
kommen. Und ob ich mich gleich bemühte, solchen zu überschwimmen, so wurde ich
doch von vielen entsetzlichen Krokodilen zurücke gehalten, welche mir mit
aufgesperrten Rachen den Tod dräueten. In solcher Angst habt ihr mich nun
erwecket, und mich schleunigster Andacht erinnert, die erzürnten Götter
anzuflehen, dass sie alle üble Deutung verhindern, und mich mit erwünschter Hülfe
beseligen wollen. Aber, ach mein Talemon, entdecket mir doch aufrichtig, in was
vor einem Zustande ich meine werte Prinzessin wissen soll?« Talemon entfärbte
sich, und erinnerte mit kurzen Worten, vorietzo nur seiner Gesundheit zu
pflegen, und den vorhin matten Leib durch übriges Sorgen nicht ferner zu
schwächen. Solches aber betrübte den Prinzen um so viel mehr, dass er im Bette
auffuhr, und mit kläglicher Stimme fragte: »Talemon! Ich beschwere Euch bei dem
Geiste der ohne Zweifel entseelten Banise, saget mir: Ist die Prinzessin tot
oder lebendig?« Welche Worte von einer solchen hervorscheinenden Verzweiflung
begleitet worden, dass sich Talemon kaum erholen, und also beantworten konnte:
»Ei was tot! Hat es doch dem Prinzen diesen Augenblick geträumet, dass Banise
noch lebet; und solcher Traum gibet meiner Wissenschaft Beifall, ein mehrers zu
wissen, ist vor diesmal nicht nötig: es sei dann: dass einige Grossmut die
Empfindlichkeit dämpfe.« - »Lebet nur Banise noch«, widerredete Balacin, »so
herrschet eine grossmütige Hoffnung, und dieser feste Entschluss in mir, sie mit
meinem Blute zu retten und zu rächen.« - »Ein solcher Vorsatz ist Ruhms würdig!«
war Talemons Gegenrede, »denn ich muss bekennen: wir leben alle so weit in der
Ungewissheit, dass wir zwar, leider, wissen, und mit Augen angesehen haben, wie
das ganze Kaiserliche Haus von Pegu, nebst dem Kaiser Xemindo, erbärmlich
hingerichtet worden: allein, ob die Prinzessin sich in der Zahl der Lebendigen
oder Toten befinde; solches beruhet in der angenehmen Hoffnung: dass die Götter
viel zu gnädig sind, ein solches Bild der Vollkommenheit verderben zu lassen.
Inzwischen sorge Er nur vor seine Gesundheit, vertraue den Göttern, und wisse,
dass sie auch vom Tode erretten können. Es wird noch heute mein Sohn, welcher aus
tyrannischer Heuchelei Oberhofmeister des Kaiserlichen Frauenzimmers ist, und
mich diesen Nachmittag besuchen wird, bessere Nachricht hiervon geben können.«
    Auf solche Worte blieb der Prinz ganz unbeweglich liegen, und liess durch die
geschlossenen Augen einige Tränen hervor fliessen, welche den Talemon bewegten,
ihn noch ferner aufzumuntern: »Durchlauchtigster Prinz! Es hat mich Selbter
vorhin bei dem Geiste der Banise beschworen, ihr Leben oder Tod zu entdecken.
Was hindert aber mich: dass ich dessen zweifelmütige Seele gleichfalls bei dem,
annoch in dem schönen Leibe wohnenden Geiste der überirdischen Prinzessin
beschwere: sich allen schädlichen Kummers zu entschlagen, Leib und Gemüte heilen
zu lassen, und alsdenn auf ihre Rache und Rettung bedacht zu sein. Ich bin
versichert, die Götter werden uns inzwischen mit so gewünschter Nachricht
erfreuen: dass wir die grösste Ursache haben werden, ihnen vor den süssen Lohn
unserer Mühe gnugsam zu danken.« Solches Einreden vermochte den Prinzen so weit,
dass er versprach, bis zu gewisserer Nachricht von ihrem Zustande, sein Gemüte zu
beruhigen, und inzwischen mit Geduld den Ausgang der besten Hoffnung zu
erwarten. Nach sotanem Versprechen lösete Talemon das Band der Wunden auf, und
ersah mit Vergnügen, wie sich solche so wohl gesetzet und gereiniget hatte:
Dahero tat er ein wenig Sand von dem Wundsteine1 aus Peru in die Wunde, gab ihm
auch hiervon etwas in warmen Wein ein, und band den Schaden, mit Versicherung,
in acht Tagen völlige Bewegung zu erlauben, wieder zu.
    Nach dieser Verbindung wurden einige stärkende Sachen von der Hassana und
ihrer Pflegetochter überbracht, welche den Prinzen, als einen ihres Standes
empfingen: Hassana aber stellete sich über ihre Gewohnheit sehr freundlich an;
ob sie gleich sonsten, als des Talemons vierte Ehefrau, durch steten Widersinn
ihrem alten Eheherrn die allgemeine Lehre gab: Es sei nichts gefährlicher, als
eine oft wiederholte Ehe; weil man notwendig sich einmal verbrennen müsse, wann
man die Flamme zu oft versuchen will. Lorangy liess sich hingegen den ersten
Anblick des Prinzen dermassen entzünden: dass man die Buchstaben der Liebe ganz
deutlich in ihren Augen lesen kunnte. Allermassen sie sich sehr geschäftiget um
den Prinzen erwiese, und sich angenehm zu machen, dergestalt bemühete, dass es
dem Prinzen leicht war, etwas mehrers, als eine häusliche Aufwartung daraus
abzunehmen. Sie war sonst von gemeiner Schönheit, mehr lang und stark, als wohl
gewachsen, blasser Farbe, verliebter Augen, etwa 24 Jahre alt, und endlich einer
standesgleichen Liebe noch wohl würdig: Ausser, dass man einigen Mangel, des sonst
dem Frauenzimmer anständigen Verstandes, an ihr verspürte: indem sie die Flammen
ihrer Begierde durchaus nicht verbergen, noch sich in allzu heftiger
Liebesbezeugung mässigen kunnte. Und solches liess sie auch hier dermassen merken,
dass es schiene, als ob sie durch des Prinzen Gestalt ganz bezaubert wäre.
Dennoch aber liess sie hierinnen einen Funken ihres Verstandes, in Urteilen der
Liebe, so weit blicken, wenn man saget, dass sie in der Wahl ihrer Liebe nicht
geirret habe. Denn, zu geschweigen des hohen und ihr unbewussten Standes, so war
er eine wohlgewachsene, mehr lang als kurze Person. Sein Haupt war mit
kastanienbraunen und von der Natur gelockten Haaren umgeben. Er hatte schöne
grosse und graulichtblaue Augen, woraus nichts als Anmut und ein hoher Verstand
blitzte. Dem schönen, wiewohl jetzt etwas blassen Munde, stund ein freundliches
Lachen und Reden über die Massen wohl an; und aus der wohlgestalteten, in der
Mitte etwas erhabenen Nase, kunnte man dessen Grossmütigkeit erkennen. Seine
freie und ungezwungene Anständigkeit der Gebärden wollte immer seines Standes
Verräter sein. In summa: Leib, Verstand und Gemüte war mit einer solchen
Vollkommenheit begabet, dass seine Person die Abbildung eines vollständigen
Prinzens sattsam vorstellen kunnte. In solche Leibes- und Gemütsgaben war nun
Lorangy nicht unbillig verliebt, und hatte hierinnen mit einer Prinzessin etwas
Gemeines, dass sie gleichfalls ihre Liebe, wiewohl mit Unterscheid des Irrtums,
einem Prinzen widmen wollte. Dieser Irrtum verleitete sie so weit, dass sie, ihre
Aufwartsamkeit zu bezeugen, durch öfters Zurechteziehen des Hauptküssens sich
dermassen zu ihm bückte, dass es schiene, als ob sie ihre Lippen auf des Prinzen
Mund legen, und ihn gar küssen wollte. Allein der Prinz, welcher das Kleinod
beliebter Keuschheit seiner Tugendkrone angeheftet, und jederzeit vor allen
unordentlichen Begierden merklichen Abscheu getragen hatte, wurde hierüber
dermassen ungeduldig, dass er fast seines Zustandes vergessen, und eine
Verschonung anbefohlen hätte: wann nicht indem die Ankunft des Ponnedro wäre
berichtet worden, worüber Hassana und Lorangy das Zimmer verliessen. Talemon aber
ging seinem Sohne entgegen, vermeldete ihm des Prinzen Anwesenheit, und führte
ihn hinein: da er sich alsobald dem Prinzen ehrerbietig nahete, die Hand
küssete, und also anredete: »Durchlauchtigster Prinz! Die Freude über Dero hohen
Gegenwart und die innigste Begierde, vor Dero Königliches Wohlsein zu sterben,
halten einen angenehmen Wettestreit in mir. Inmittelst zwinget mich meine
Pflicht, gehorsamst aufzuwarten, um gnädigsten Befehl, worinnen ich dienen soll,
anzunehmen.« - »Wertester Ponnedro«, antwortete der Prinz, »es ist mir leid, dass
Ihr mich nicht in dem Stande findet, worinnen ich Eure bekannte Treue vergelten,
und solche nach Würden belohnen könnte. Ich will aber inzwischen hoffen: es
werde die fremde Herrschaft, oder vielmehr Tyrannei nicht etwan auch Euer Gemüte
entfremdet, noch verändert haben.« - »Allergnädigster Herr«, widerredete
Ponnedro, »wann ich nicht wüsste, dass ich in meinem Zustande, wegen in Händen
habenden Gelegenheit, mehr, als sonsten, dienen könnte: so wollte ich von Stund
an mein Amt ablegen, mit eigener Faust den tyrannischen Chaumigrem aufopfern,
und mich in Dero Schutz und Dienste begeben. Auf solche Art aber versichere ich,
bei Verlust des Ewigen Niba2: dass dieser jetzige Dienst, welchen ich dem
Tyrannen leisten muss, zur Gelegenheit ärgster Rache, wegen so vielen vergossenen
Bluts, angesehen sei.« - »Ich zweifele nicht an Eurer Treue, werter Freund«, war
des Prinzen Gegenrede: »allein die wunderliche Anstalt Eures Kaisers befremdet
mich nicht wenig, dass er gleichwohl denen geborenen Peguanern, welche er durch
grausamste Blutstürz- und Verwüstung ihres Vaterlandes zum tötlichen Hass wider
sich gereizet hat, dennoch solche Ehrenämter, und zwar gleichsam mit denselben
den Schlüssel seines Lebens und Vergnügung anvertrauet.« - »Solches darf sich
mein Prinz gar nicht befremden lassen«, gab ihm Talemon hiervon Nachricht, »denn
nachdem der Blutund von Brama ganz Pegu eingenommen, den kaiserlichen Stamm
grausam ausgerottet, und alle Grossen des Reiches mehrenteils umgebracht und
verstossen hatte: wie dann auch ich den Schlüssel, als bekannter
Reichs-Schatzmeister, ablegen, und mich in diesen einsamen Stand begeben müssen,
bloss den Göttern dankende, dass mir das Leben und dieser Auf- und Unterhalt zur
Beute gelassen worden: so kunnte er sich leicht die Rechnung machen, sein Name
würde allen Peguanern ein Hass, und seine Person ein Fluch sein. Über solche
vergällte Gemüter aber glücklich zu herrschen, hielte er vor ratsam, durch eine
und andere Wohltat die abgewendeten Herzen sich wiederum zuzuneigen: weswegen er
dann zuvörderst allentalben, ob sich gleich niemand einiges Verbrechens
schuldig wusste, eine allgemeine Verzeihung ausrufen liess. Über das berufte er
die Söhne der entleibten und verstossenen Väter nach Hofe, teilte die vornehmsten
Ehrenämter unter sie aus, und stellete sich gegen jedweden dermassen freundlich
an, als ob er niemals einig Wasser betrübet hätte. Auf solche Art nun ist auch
mein Sohn zu dieser hohen Ehre gelanget, dass er Oberhofmeister über das
kaiserliche Frauenzimmer geworden ist. Und, o wollten die Götter! die Prinzessin
Banise wäre unter seiner Hand, sie würde bald ihren Prinzen küssen, und sollte
noch einmal so viel Blut vergossen werden.« - »Ach schmerzliches Erinnern!« rief
Balacin, »jammervolles Andenken! treuester Ponnedro, lebet Banise? Oder heisset
mich ihr Tod sterben?« - »Nicht sterben, gnädigster Herr!« antwortete Ponnedro,
»sondern rächen.« - »Denn - weh mir!« fiel ihm der Prinz in die Rede, »Banise
ist tot. So machet denn, o ihr grimmigen Götter, doch ein Ende, einen vorhin
halb entseelten Menschen mit fernerer Qual zu belegen. Nunmehro soll mich auch
nichts abhalten können, mir selber das allgemeine Ende alles Unglücks zuzufügen.
Entdecket mir nur zuvor mit kurzen Worten, auf welche Art mir die himmlische
Banise im Tode vorgegangen sei, damit ich desto beherzter sterben, und ihr
folgen könne.« - »Gnädigster Herr!« fuhr Ponnedro fort, »Sie lassen sich so
wenig Worte nicht in solche Verzweifelung stürzen, indem es ja noch nicht klar,
dass die Prinzessin tot ist. Und sollte ja das grausame Verhängnis so
unbarmherzig verfahren haben, so würde des Prinzen Tod dem Feinde mehr zur
Ergötzlichkeit, als zur Rache dienen. Sollte sie aber, mehrer Vermutung nach,
noch am Leben sein, wen würde alsdenn dessen Todesfall am empfindlichsten
betreffen, als die armselige Prinzessin?« - »Ihr haltet mich nur umsonst mit
vergebenen Worten auf«, antwortete der verzweifelnde Prinz. »Verhindert mich nur
nicht, derjenigen nachzufolgen, welche mir den Tod süsse macht. Ich sterbe, und
befehle den Göttern die Rache.« Hiermit sprang er als Rasender von dem Lager
auf, in willens, sich des an der Wand hangenden Säbels zu bemächtigen und den
eingebildeten Tod sich selbst zu beschleunigen. Sie fielen ihm aber alsbald in
die Armen und brachten ihn mit grosser Mühe wieder ins Bette, da ihn der alte
Talemon etwas härter anreden musste: »Wie? vormals tapferer Prinz«, sagte er,
»ist es möglich, dass ein zweifelhafter Zufall den sonst grossmütigen Geist
besiegen könne? Eine solche Verzweifelung stehet nur niedrigen Gemütern an. Wer
zum Szepter geboren ist, der muss sich über keinen Unfall ändern: Und
Grossmütigkeit ist der Prinzen höchste Zierde. Dahero muss man auch in diesem Fall
den Mut nicht sinken lassen, sondern sich auf die Hoffnung eines Bessern
gründen. Heisst dieses dem vorigen nachleben, als Er seiner Prinzessin
versprach, Sein ihr gewidmetes Leben zu ihrem Besten möglichst zu erhalten? Wie
wird solches ins künftige bei ihr zu verantworten sein, wenn sie wird
Rechenschaft der Liebe fodern?« - »Grausame Verhinderer meiner Ruhe!« hub
endlich der Prinz an, »so wollet ihr mir denn verwehren, die geschworne Treu bis
in den Tod zu beobachten?« - »Nicht wir«, antwortete Ponnedro, »sondern die
Pflicht, gnädigster Herr, womit Er der Prinzessin verbunden, hält Ihm die Hand
zurücke. Diese Verzweiflung hat die Ungewissheit zum Grunde, und möchte eine
Mutter schmerzlichster Reue auch nach dem Tode sein. Ich sage ja nicht: die
Prinzessin sei tot; sondern nur: dass man nicht wisse, wie, oder wo ihr Zustand
und Aufentalt sei. Solches nun zu erkundigen, und sie zu retten, ist ein
tapferes Herz und kluger Geist höchst vonnöten. Ein verzweifelter Mut aber, ja
ein toter Prinz, wird sie noch heftiger betrüben, und gewiss in den jetzt
ungewissen Tod stürzen. Auf derowegen, tapferer Prinz! Er verbanne allen
Zweifel-Mut und traue sicherlich denen Göttern: so wird gewiss dessen Hoffnung
von ihnen mit einem erwünschten Ausgang beseliget werden.« - »Ihr tröstet mich
mit erdichteten Worten«, wendete der sorgsame Prinz ein, »und wollet mir es nur
verhehlen, was das ungütige Schicksal an Banisen verübet hat: Hiedurch aber
vermehret Ihr nur meine Qual, und ich schwere Euch: Ihr sollet alsdenn viel
zuwenig sein, meinen Tod zu verhindern.« »Durchlauchtigster Prinz!« war des
Ponnedro fernere Gegenrede. »Sie geben Dero hohen Vernunft nur noch so viel
Raum, und glauben denen Worten, welche von Dero ergebensten Diener ohne einigen
Verdacht der Unwahrheit vorgebracht werden. Ich schwere bei der vorbittenden
Kraft des Fotoko3, dass weder mir noch fast einigen Menschen in Pegu bekannt sei,
wo die Prinzessin hingekommen, ob sie lebendig oder tot, gefangen oder entgangen
sein? Man sah wohl ein entalsetes Weibsbild bei drei Stunden auf dem Markte
liegen, welches von dem Abaxar und allen Soldaten vor die entseelte Prinzessin
ausgegeben ward: Alleine, wen nur die Natur mit einiger Vernunft begabet hatte,
der kunnte aus den stärkern Gliedmassen leicht abnehmen, dass ein sklavischer
Körper in der Prinzessin Kleidung stecken müsste. Solches Vorgeben wurde nun von
einigen Unverständigen vor bekannt angenommen: Hierdurch aber sind wir in einen
kummerhaften Zweifel versetzet, dass wir nicht wissen, wo unsere Prinzessin
geblieben sei, und ob man sie unter den Toten oder Lebendigen suchen solle; die
starke Mutmassung aber ihres Lebens dienet uns zum Troste, und eine tapfere
Hoffnung versichert uns gewisser Erlangung des verlornen Kleinods.« - »Ach,
treuesten Freunde«, sagte hierauf der Prinz, »diesen Schaden kann fast kein
Pflaster, weder der Geduld noch Hoffnung heilen. Denn in der Liebe muss man stets
das Schlimmeste hoffen, und alsdenn den Göttern danken, wann das Beste
erfolget.« - »Und wenn alle Welt verzagte«, hub endlich Talemon an, »so muss doch
ein Prinz nicht kleinmütig werden, sondern er soll auch sogar alles Unglück eher
überwinden als fliehen. Es behalte derowegen mein Prinz auch in diesem Fall ein
beständiges tapferes Gemüte, und lasse sich von den Drohungen künftigen Unfalls
nicht abschrecken: denn unterweilen heben uns die Wellen aus einem sinkenden
Schiffe, und werfen uns in ein anders, welches glücklich in Hafen lendet. Ja
einem solchen Herzen ist der Himmel günstig, und lässet nicht geschehen, dass es
in seiner Hoffnung zuschanden werde. Derowegen, so bilde man sich gewiss ein, die
Prinzessin sei annoch im Leben, und bemühe sich äusserst, ihren Zustand zu
erforschen. Nach dessen Erfahrung ein kluger Geist und tapfere Faust viel
verrichten kann; ja es wird unfehlbar die Eroberung dieser Schönen alle Bemühung
versüssen, und sotane Beständigkeit belohnen. Hätten aber ja die Götter es über
das unschuldige Blut verhangen, dass sie auch durch diesen Kaisermörder gefallen
sei, so soll nicht nur der Prinz, sondern auch ich und mein Sohn, getrost ihr im
Tode nachfolgen, jedoch nicht eher, bis jeder seine Faust mit dem mörderischen
Blute des Tyrannen besprützet habe. Worzu ich nicht nur meinen Arm, sondern auch
mein altes Haupt willig darstrecken will.« - »Eure Klugheit«, erholte sich
Balacin, »trautester Talemon! ist kräftig, auch die toten Steine zu bewegen, und
spüre ich hieraus nicht sowohl Euren Verstand, als Eure gegen mich tragende
Treue. So versichere ich Euch denn, Eurer Lehre gemäss mich zu verhalten,
geduldig zu leiden, getrost zu hoffen, und aller Widerwärtigkeit mit tapferem
Mute entgegenzugehen. Inzwischen ratet nur, auf was Art und Weise man hinter das
Geheimnis der verborgenen Prinzessin kommen möge?« - »Hierzu kann uns niemand
dienlicher sein«, antwortete Ponnedro, »als Abaxar, Oberhauptmann der
Kaiserlichen Leibwacht, welcher den grausamen Befehl an der Prinzessin
vollziehen müssen. Dieser Abaxar nun soll, der heimlichen Sage nach, etwas
Höhers als er sich ausgibt, und bei den Zerstörungen so vieler Reiche,
unbekannterweise gefangen worden sein, sich aber klüglich verbergen, und durch
sein Wohlverhalten in des Chaumigrem Gnade und zu dieser Ehrenstelle gelanget
sein. Wie nun aber der heimliche Groll, vielleicht wegen Beraubung seines
Vermögens und schmerzlicher Hinrichtung der hohen Seinigen, billig annoch im
Herzen schwebt: Also wird er auch in geheim auf möglichste Rache nebst uns
bedacht sein. Auf meinen Zweck aber zu kommen: so hat erwähnter Abaxar jederzeit
eine sonderbare Freundschaft zu mir gesucht, welchen ich mit heimlicher
Vergnügung an ihm auch öfters mit mir heraus genommen, und in meines Vaters
Bekanntschaft gebracht. Inzwischen lassen wir uns nicht das geringste von der
Mutmassung seines hohen Standes merken, sondern machen uns gleichsam ganz
vertraulich und gemein mit ihm, sogar, dass wir auch bereits etwas von der Liebe
zwischen der Prinzessin von Pegu und dem Prinzen von Ava gegen ihn erwähnet
haben: Welches er sehr merksam angehöret, und ein heftiges Mitleiden hierüber
spüren lassen. Diesen Abaxar will ich morgen heraus vermögen, und ihm bedeuten,
es sei ein Vornehmer vom Avanischen Hofe in geheim ankommen, um einige Gewissheit
von der Prinzessin Zustande einzuziehen. In welcher Meinung man ihn so weit
erhalten kann, dass er auch ungescheuet in dieses Zimmer darf geführet, und von
dieser Sache, so viel als nötig, mit ihm geredet werden.« - »Diesen Vorschlag«,
sagte Balacin ganz freudig, »haben Euch ohne Zweifel die Götter eingegeben, und
kann ich kaum das morgende Licht erwarten: weil ich gleichsam einen Schritt
Ungewisser Furcht und angenehmer Hoffnung in meinem Gemüte verspüre, worinnen es
scheinet, als ob das letztere den Sieg erhalten würde. So geht demnach unter
dem Schutz der Götter, lasset Euch mein Anliegen befohlen sein, und seid
versichert, Ava sei noch mächtig genug, Eure mühsame Treue sattsam zu
vergelten.« Worauf denn Ponnedro ehrerbietigst Abschied nahm, und sich wieder
nach Hofe verfügte. Der alte Talemon aber wollte sich inzwischen um fernere
Aufwartung bemühen, und nahm einen Abtritt, weil er nunmehro den Prinzen
vollkommen beruhiget sah.
    Nach dessen Entfernung schauete Balacin mit höchstem Verdruss die Hassana und
Lorangy das Zimmer betreten, welche sich dann ganz freimütig zu ihm naheten, und
ihm mit vielerlei Fragen verdriesslich fielen. Die Lorangy aber schiene dermassen
von der Liebe überwunden zu sein, dass ihr öfters die hellen Tränen von den
Wangen abrolleten. Endlich erkühnete sich Hassana nach dessen Stand und Vermögen
zu forschen, und zu fragen: Ob auch in Ava der Adel berühmt sei? und von welchem
Geschlechte er sich rühme? nebst angehängter Versicherung, es würde zu eigenem
Glücke dienen, wann er sich hierinnen offenherzig erwiese. Der Prinz antwortete
hierauf: »Ich erkenne so unverdientes Anerbieten mit verpflichtetem Danke, sehe
aber hieraus weder vor Sie, noch vor mich, kein Glücke, ob Sie schon wissen
sollten, dass Dero Herr aus sonderbarer Barmherzigkeit einen unbeglückten
Hofbedienten von Ava aufgenommen hat, welchen mehr das Glücke, als einiger Stand
oder Reichtum befördert hat. Und diese Wohltat werden Ihm die Götter vergelten,
weil ich ausser meiner wenigen Besoldung nichts im Vermögen habe, mich würklich
dankbar zu erweisen.« - »Ich muss gestehen«, hub hierauf Lorangy an, »dass ich das
Verhängnis selbst nicht wenig beneide, indem es Euch nicht so viel Glücke als
Schönheit erteilet hat. Jedoch versichert Euch, dass Ihr hier, nach überstandenem
Sturm, in dem Hafen Eurer Wohlfahrt angelanget seid.« Balacin stellete sich, als
ob diese Reden zu hoch vor ihm wären, und sprach: »Mein ganzes Glücke beruhet in
der Hoffnung, und die Hoffnung im Tode.« - »Ein solcher Mensch«, wendete Hassana
ein, »darf in dem Frühling seiner Jahre nicht vom Winter reden, welches vielmehr
einem verzweifelten, als tapfern Gemüte anstehet.« - »Und mein Freund«, setzte
Lorangy dazu, »versichert Euch nochmals, dass, ob Euch gleich das Glücke hasset,
dennoch die Menschen lieben.« - »Wie sollten mich die Menschen lieben«,
versetzte der Prinz, »da sie doch die Quellen meines Unglücks sind.« - »Ich
schwere«, widerredete Lorangy, »dass ich Euch allen Menschen, ja dem Verhängnis
selbst zu Trutze, meiner Liebe würdigen will.« - »Wer in die Sonne sieht«,
antwortete Balacin, »der blendet seine Augen: und wer den Schluss des Himmels
hemmen will, der stürzet sich ins Verderben.« - »Einfältiger Mensch!« vertrat
Hassana der Lorangy Stelle, »der gewiss sehr jung aus der Liebesschule entlaufen
ist. Freilich ist es ein grosses Unglück, wer die Sonne seines Glückes nicht
erkennen kann. Inzwischen lasset Euch bedeuten, und wisset, dass gegenwärtige
meine Pflegetochter, welche bereits vornehme Bemühungen um ihre Huld unkräftig
gemacht hat, dennoch anitzo freiwillig entschlossen ist, den Anker Eurer
Gewogenheit in das Meer ihrer Gegenliebe versenken zu lassen. Ich sichere Euch,
dass alsdenn Euer Wohlfahrts-Schiff durch lauter Glücks- und Liebes-Winde soll
fortgetrieben werden.« Der sich einfältig stellende Balacin versetzte hierauf:
»Nachdem ich zweimal unglücklich zur See gewesen bin, so stellet mir ietzo
jedweder Gedanke einen Schiffbruch vor.« - »Alberes Geschöpfe«, fuhr die
ungeduldige Lorangy heraus, »wie hat sich doch Schönheit mit Einfalt so unrecht
vermählen können? Ich liebe Euch, und begehre, wiederum von Euch geliebt zu
werden.« - »Dies erfordern die Götter«, fuhr Balacin in seiner verstellten
Einfalt fort, »dass ich sie beiderseits, als meine Wohltäterinnen lieben soll.« -
»So ist Euch auch«, sagte Lorangy, »der Unterscheid der Liebe allerdings bewusst.
Ich vermeine -« Bei diesen Worten kam Talemon wieder zurücke, und ersah aus des
Prinzen verwirretem Gesichte, dass ihm die Gegenwart seines Frauenzimmers nicht
allzu angenehm mochte gewesen sein. Hierinnen ward er um ein grosses bestärket,
als ihn der Prinz fragte: warum er seine Wiederkunft so verzögert hätte: Welches
er sofort beantwortete: »Die natürliche Liebe, und die äusserste Not eines armen
Menschen, welcher in dem Strome bereits mit Tod und Wellen kämpfte, hat mich
angetrieben, ihn retten zu lassen: welche Bemühung solchen Verzug verursachet
hat.« »So werden wir also«, fing die vor Zorn glühende Hassana an, »zwei
undankbare Fremdlinge unter unserm Dache haben. Indessen komme, Lorangy, und
lasse uns bedacht sein, zu erweisen, wie eine verachtete Liebe tödlichen Hass
bringen könne.« Nach welchen Drohworten sie sich eilends aus dem Zimmer begaben,
und die Tür mit solchem Ungestüm hinter sich zuschmissen, dass es wäre zu
wünschen gewesen, es hätten damals aller bösen Weiber Kopfe dazwischen
gestecket.
    Wie sich nun Balacin dieser beschwerlichen Gesellschaft entlediget sah,
fragte er den Talemon, ob ihm die errettete Person ganz unkenntlich sei. »Mehr
als zu bekannt, gnädiger Herr!« antworteteTalemon. »Es ist der getreue Scandor,
welcher bald sein Leben im Wasser verloren hätte.« - »Wer? Scandor?« fragte der
sich verwundernde Prinz. »Was sollte doch wohl seine Ankunft bedeuten, indem ich
ihm ja befohlen, Ava nicht eher zu verlassen, er habe denn gewisse Nachricht von
mir, wo ich mich öffentlich aufhielte. Dass er aber von hier einige Gewissheit
haben sollte, solches scheinet unmöglich zu sein.« »Ich weiss nicht«, antwortete
Talemon, »was ihn hieher bewogen habe. Dass er aber den Prinzen hier suchen
sollte, ist nicht zu vermuten. Indessen will ich ihn wohl warten, und zu sich
selber kommen lassen: sonder Zweifel ist seine Ankunft nicht ohne wichtige
Ursachen.« - »Seid doch bedacht«, erinnerte ihn Balacin, »dass er wieder zurecht,
und zu mir ins Zimmer, ohne einige Nachricht meiner Gegenwart, gebracht werde.«
Solches fleissig ins Werk zu richten, liess sich Talemon bald angelegen sein: Und
als er den Scandor sattsam getrocknet, erquicket, und ganz ermuntert hatte, nahm
er ihn bei der Hand, und führte ihn in des Prinzen Zimmer, in welchem er kaum
etliche Schritte fortgesetzet, und den Prinzen auf dem Bette ersehen hatte, als
er mit vollem Schreien zurücke sprang: »O ihr Götter«, rief er, »errettet mich
von diesem Zauberorte. Talemon, Ihr alter Hexenmeister, Ihr verblendet meine
Augen.« Mit welchen Worten er zur Tür hinausreissen wollte. Als ihn aber Talemon
beim Arme zurücke hielte, und ihm der Prinz zuredete, kam er endlich mit
zitterndem Fusse wieder zurücke, wiewohl ihn das zauberische Misstrauen noch nicht
allerdings verlassen hatte: indem er Talemon stets ansah, und zu ihm sagte:
»Talemon, ich beschwere Euch bei den sieben Elementen, eröffnet mir meine Augen,
oder gewähret mir meinen Prinzen und Herrn in leibhaftiger Gestalt.« - »So
nähert Euch nur«, antwortete Talemon, »und fühlet, ob nicht dieser Zaubergeist
Fleisch und Bein habe.« Als ihm nun der Prinz ferner zurief, fiel er auf die
Knie, küsste ihm die Hand, und sprach: »Ach gnädigster Herr! ist es möglich, dass
ich Sie hier, und zwar in solchem bettlägerigen Zustande antreffen soll. Ich bin
noch nicht allerdings versichert, ob ich etwan träume oder sonst eine andere
Person in Dero Gleichheit antreffe.« - »Nein, nein! mein Scandor!« redete ihm
der Prinz ein, »ich bin es freilich selber, und muss beklagen, dass, da ich in
eifrigster Bemühung, meine Prinzessin auszuforschen, leben sollte, ich hier mit
verwundetem Leibe und kranken Gemüte des Lagers hüten muss. Was bedeutet aber
deine unanbefohlene Herkunft? Ist etwan zu Hause noch was mehr vorgefallen,
welches mein Elend vergrössern könnte?« - »Gnädigster Herr!« antwortete Scandor,
»meine Verrichtung ist von solcher Wichtigkeit, dass ich um Erlaubnis bitten muss,
mich ein wenig verschnieben zu lassen. Denn gewiss, ich bin in solcher Gefahr
gewesen, dass ich nunmehr glaube, ich sei von den Göttern zu einem luftigen Tode
versehen; weil sie mich vor diesmal nicht den Klauen der furchtsamen
Wassernymphen übergeben wollen. Versichert, ich sah bereit ein Haufen
schuppigte Posten unter dem Wasser laufen, welche die Fische zusammenberufen,
und auf eine Mahlzeit einladen sollten, wobei ich das vornehmste Gerichte hätte
sein müssen. Wie nahe mir nun der Tod müsse gewesen sein, ist hieraus
abzunehmen, wenn ich sage: dass ich schon wie die Hechte auf dem Rücken zu
schwimmen begunte: welches denn meinen Glauben bestärkte, dass ich kein
Frauenzimmer sei, als welches von der schamhaftigen Natur bei dergleichen nassen
Fällen dazu versehen, dass sie jederzeit dem Wasser den Vörderteil des Leibes
gönnen, und auf dem Gesichte schwimmen müssen. Kurz: ob ich gleich die
Beschaffenheit meiner Todesangst, und drauf erfolgenden Rettung, welche ich den
Göttern und dem ehrlichen Talemon zu danken habe, ausführlicher erzählen wollte,
so ist es mir doch unmöglich; weil mich damals mein wasserscheuer Geist ganz
verlassen hatte, und sich erst wieder einstellte, als ich bereits hier auf dem
Schloss in truckener Wärme lag, da ich denn alle Menschen vor Fische ansah,
nicht anders meinende: ich läge noch in der feuchten Herberge, und sollte jetzt
den Braten meines Lebens anschneiden lassen. Nachdem ich mich aber ganz
unangebissen fühle, so bin ich nun nichts mehr besorget, als um mein Pferd,
welches mich in dies Unglück gebracht, und hernach leichtfertigerweise verlassen
hat.« Bei diesen Worten wurde ihm angedeutet, sein Pferd sei in den Schlosshof
gelaufen kommen, wäre bereits wohl eingestallet, und brächte man hier das
Felleisen, welches ziemlich benetzt, nur noch an einen Riemen gehangen hätte.
Dieser Bericht stellte den Scandor in höchste Vergnügung, dass er auch sein Pferd
nicht sattsam loben konnte, und vorgab: dies Pferd sei unschätzbar, denn wenn es
seinen Herrn verlöre, so fragte es so lange nach, bis es ihn wieder gefunden
hätte. Hierauf eröffnete er das Felleisen, langete einige Briefe hervor, und
überreichte sie dem Prinzen mit folgenden Worten: »Allergnädigster Herr! hier
nehmen Sie, von der Hand Ihres geringsten Dieners, zwei Königreiche an.« »Was
schwärmest du?« antwortete Balacin. »Ich halte das Sprichwort wird wahr an dir:
Alle Freier, Narren und Trunkene sind reich.« - »Nein«, widerredete Scandor,
»der Inhalt dieser Briefe wird mich solchen Verdachts entledigen.« Welchen zu
vernehmen, der Prinz ganz begierig das Paquet erbrach, in dem ersten Briefe die
Unterschrift seiner geliebten Fräulein Schwester Higvanama ersah, und mit
sonderbarer Regung folgenden Inhalt daraus las:
    Durchlauchtigster Prinz!
    Ich weiss nicht, ob ich in meinem Gemüte einer übermässigen Freude, oder
Traurigkeit, den Vorzog gönnen soll? Angesehen mich zu diesem kindliches
Andenken, zu jenem aber schwesterliche Zuneigung, verbindet. Weil aber der
väterlichen Liebe von den Göttern anbefohlen ist, die Wohlfahrt ihrer Kinder
genau zu beobachten; solcher Vorsorge aber, ich Unglückselige, mich nie von
meinem Vater rühmen können: als achte ich davor, es sei mir von den Göttern wohl
erlaubet, mich mehr über den nunmehro blühenden Wohlstand meines innigst
geliebtesten Prinzens, als Bruders, zu erfreuen: als jenes zu betauren, und
alles Leid mit unserm unartigen Vater zu verscharren. Denn wie das
unerforschliche Verhängnis, als ein unfehlbarer Augapfel der Gotteit, nicht
jederzeit seinen diamantenen Schluss, denen Menschen durch Blitz und Sturm,
sondern auch öfters durch erfreuliche Sonnenblicke will zu verstehen geben; also
hat es demselben auch vor ietzo beliebet, auf einer Seiten den Tron von Ava in
einen Sarg, und dessen Krone in einen Cypressenkranz zu verwandeln; ich will
sagen: I. Maj. unsern Herrn Vater durch einen schleunigen Todesfall, vor kurzer
Zeit, aus dieser Welt in die unsichtbare Höhe zu erheben: andernteils aber, die
Krone von Ava durch rechtmässige Folge auf das Haupt des Erbprinzens zu setzen,
welcher denn von allen getreuen Avanern mit höchstem Verlangen erwartet, das
starke Regimentsruder aber inmittelst durch meine schwache Hand, zu Verhütung
alles unordentlichen Wesens, so lange geführet wird, bis mich der tapfere Arm zu
künftiger Majestät, durch erwünschte Gegenwart, dessen überhebet.
    Wie törlich es auch gehandelt sei, ich will nicht sagen, von einem Vater,
sondern insgemein von uns sterblichen Menschen, wenn wir uns unterfangen wollen,
den unwidertreiblichen Schluss des Himmels ohnmächtig zu hintertreiben, solches
wird aus Beigelegtem leicht zu ermessen sein. Denn E.L. sollen wissen, dass kurz
vor I.M. des Königes Tode einige Abgesandte aus Aracan Audienz gesuchet, und
auch erhalten, deren Verrichtung aber dermassen geheim gehalten worden, dass weder
ich, noch die Reichsräte, nicht das geringste davon erforschen können. Nachdem
aber die Götter den König, als einen grossen Stein vieler Verhinderungen unsers
Glückes, aus dem Wege geräumet, so ist deren Verrichtung in dem Königl. Cabinet
gefunden und eröffnet worden, welches auch sofort, als eine sonderbare Glücks-
und Freudenpost durch unsern treuen Scandor hiemit überschicket wird: mit
unmassgeblicher Bitte, sich schleunigst nach Ava zu erheben, die väterliche Krone
aufzusetzen, und die andere nicht zu versäumen. Inmittelst habe ich sofort
einige Gesandte nach Aracan gesendet, selbtes Reich bei wohlgefassten Gedanken zu
erhalten, sie des Prinzen zu versichern, und das Beste vor uns an selbigem Hofe
zu beobachten: welches alles vor die Wohlfahrt meines innigst geliebtesten
Bruders geschiehet, von dessen treuergebenster Schwester
                                                  Higvanama, Prinzessin von Ava.
    »Ihr Götter!« hub der Prinz an, »wie versuchet ihr mich, und setzet mich in
einen sorgsamen Zweifel, ob ich euch danken, oder wegen Verzugs so langsamer
Hülfe, schelten soll? Als ich mit mächtiger Hand den Fall des Königl. Baums von
Pegu, auf welchem mein Vergnügen blühte, verhindern und erhalten sollte, wurde
mir der Arm durch meinen unbarmherzigen Vater dermassen verkürzet, dass ich nur
von weiten mit nassen Augen zusehen, und mein Schicksal verfluchen musste.
Anjetzo aber, o wunderliche Götter! seid ihr allzu freigebig, und gebt mir ein
gedoppeltes Schwert in die Hand, da ich dasjenige verloren, was ich mehr als
ganz Asien schätze. Inmittelst soll mir dieses das Geheimnis wegen der Krone von
Aracan besser entdecken.« Mit welchen Worten er auch dieses Siegel erbrach, und
zuvörderst den Titul ersah:
    Dem Hochmächtigsten König und Herrn, Dacosem, Hn. von dem Güldenen Hause,
    Besitzer des Roten Elefantens und Beherrscher des grossen Reichs Ava!
    Grossmächtigster König, Gnäd. Herr!
    Die mächtige Hand, welche Kronen stürzet, und Szepter zerbricht, welche den
Fürsten auf den Tron setzet, und gekrönte Häupter in den Sarg leget, hat auch,
leider! an unserm Purpur erwiesen, wie leicht dessen hohe Röte in eine blasse
Totenfarbe, und dessen Gewand in einen Sterbekittel könne verwandelt werden.
Denn als verwichenen Neumonden jetzigen Jahrs4 Pramadi unser allermächtigster
König und Herr Vedam, König von Aracan und Boaxam, Herr von dem Güldenen Hause,
und von dem Weissen Elefanten, Besitzer über alle grossen Reiche in Bengala etc.
als eine mühsame Reichssonne in dem Staatshimmel unsers Reichs und geheimen Rats
öffentlich erschien, durch seinen kräftigen Einfluss und Gegenwart die Gemüter
der Ratenden beseelte, und alles zu kräftiger Würkung zu bringen bemühet war:
Als welches eine der vornehmsten Tugenden gekrönter Häupter ist: so überfiel
unsere Augen eine dermassen heftige Finsternis, welche wir noch mit Blute
beweinen: indem das blosse Verhängnis durch einen gählichen Schlag I.M. des
Lebens und uns alles Trostes und Hoffnung beraubte.
    Wie nun der tötliche Abgang eines so gütigen und ruhmswürdigen Hauptes
billig vor eine hohe Strafe der Götter zu achten: so danken wir doch der
erzürneten Gotteit, dass sie uns noch mit der angenehmen Hoffnung und Willkür
beseliget, als ein Wahlreich den schmerzlichen Verlust durch ein anderes gütiges
Haupt zu ersetzen. Und dass wir in solcher Wahl nicht fehlen mögen, hat bereits
auf unsere Verordnung und eigenen Antrieb jedweder treuer Untertaner den
gnädigen Himmel sehnlich angeflehet, und den Göttern geopfert. Dass nun auch
solches Gebet erhöret worden sei, schliessen wir feste hieraus, wenn unser
einmütiger Sinn und Wahlstimmen auf den Durchlauchtigsten Erbprinzen von Ava,
Prinz Nautier Balacin gefallen, welcher durch seine unschätzbare Tugenden und
Tapferkeit sich in allen Gemütern der Aracaner dermassen befestiget hat, dass auch
nur dessen hoher Ruhm jedweden begierig gemacht hat, unter der Regierung und
Schutz eines so tapfern Prinzens zu leben, und die Krone von Aracan auf sein
Haupt zu setzen. Wann denn sotaner hohen Zuversicht die Ermangelung einigen
Königlichen Erbens beifället; als ergehet an I.K.M. unser und des ganzen Reichs
untertänigst-gehorsamstes Flehen und Bitten, Sie geruhen gnädigst, Dero
hocherwähnten Prinzen unserm Staatskörper zu einem hohen Haupte zu vergönnen,
unsern Tron mit Dero Königl. Geblüte zu besetzen, und uns durch schleunige
Gegenwart unserer künftigen Majestät beglückt zu machen.
    Grossmächtigster König, wir versichern I.M. mit unverfälschtem Herzen, dass
ein jeder, auch von den geringsten Untertanen des Reichs, begierig ist, sein Gut
und Blut vor die Wohlfahrt des preiswürdigsten Prinzens aufzusetzen; und werden
sich einer vor alle, und alle vor einen gegen denselben mit verpflichtestem
Gehorsam und Respekt dermassen zu erweisen wissen, wie es die Würde dieses Reichs
und das Königliche Blut erfordert: Ja wir werden uns auch beglückt achten, wann
wir unsere Dankbarkeit vor ein so wertes Pfand gegen das Reich Ava durch eine
angenehme Verbündnis in der Tat werden erweisen können: Wie wir uns denn
unausgesetzt bezeigen werden, als E. und unserer künftigen K.M.
untertänigst-gehorsamste
                               Reichsrat und Stände des mächtigen Reichs Aracan.
    »Wunderliche Götter«, hub der Prinz seufzende an, »mit einer Hand setzet ihr
mir zwei Kronen auf, und mit der andern raubet ihr mir die dritte, welches die
Krone meines Lebens, und dannenhero jenen weit vorzuziehen ist. Allein, ich
versichere euch, eure Schmeichelei ist viel zu wenig, dass sie den anderweitigen
Verlust im geringsten ersetzen, oder mich von eifrigster Nachforschung meiner
Prinzessin abhalten könnte. Denn jenes ohne dieses ist mir eine gesalzene Speise
ohne Trank. Ja ich werde mich keiner Krone anmassen, vielweniger mich euch mit
dem geringsten Danke verpflichtet achten, bis ich in einer Hand den Szepter, mit
der andern meine Prinzessin zum Trone führen könne. Geschiehet dieses nicht, so
soll der Sarg mein Tron, und das Grab mein Königreich werden.« »Gnädigster
Herr«, redete ihm hier Talemon ein, »es ist allzu ein unzeitiger Verdacht, wo
nicht ein Trutz, womit man die gütigen Götter beleget, und erzürnet: ja es ist
ein Zeichen merklicher Ungeduld, welche das Herz betrübet, und alle gute
Anschläge verstöret. Geduld ist die linke Hand der Tapferkeit, welche endlich
von der rechten mit einem erwünschten Ausgange bekrönet wird. Billig sind I.M.
den Göttern tausendfachen Dank schuldig, dass Sie nunmehro so ansehnliche Mittel
erlanget, entweder die Prinzessin mit mächtiger Hand zu retten, oder mit
grausamster Art zu rächen.« - »Wer Geld hat«, fiel ihm Scandor in die Rede,
»kann leicht Schätze suchen, und wer viel Hunde hat, kann leicht Hasen fangen.
Mit zwei- oder dreimal hunderttausend Mann lässt sich noch wohl ein Wild
ausspüren und fangen, welches den Jäger vergnügen, und seine Einbildung
befriedigen kann.« - »Ach zu spät, zu spät, mein Scandor«, antwortete ihm der
Prinz, »wo ein Wild in der Hunde Gewalt ohne einen Retter verfällt, da ist
Hoffnung und Leben verloren.« - »Wenn aber«, wendete Scandor ein, »das Wild nur
unter solche Hunde gerät, welche mehr rahmen, als gefänglich sein, so lasset
sich das Leder noch wohl gebrauchen.« - »Du redest mir zu hoch«, sagte der
Prinz, »inmittelst wollen wir noch einige Tage zusehen, auf deine Abfertigung
bedacht sein, und der Götter Hülfe erwarten.«
    Nach Endigung dieser Worte liess sich Ponnedro mit dem Abaxar bei dem Prinzen
anmelden, wiewohl dieser in der Unwissenheit wegen des Prinzen Person gelassen
ward; weil ihm auch der Prinz, in Bedeutung eines Bedienten vor dem Prinz
Balacin sehr gelobet worden, verfügte er sich alsbald nach geschehenem Eintritt
zu ihm, und redete ihn folgender Gestalt an: »Mein Freund, ich trage sonderes
Mitleiden, sowohl vor Eure Person, welche mir durch gegenwärtige Freunde
sonderlich gerühmet worden, als auch vornehmlich wegen Eures Prinzens, welcher
wohl eines bessern Glückes nebst seiner liebsten Prinzessin wäre würdig gewesen,
wenn nicht der Himmel bisweilen auch so gar die Tugend unverschonet liesse.« Der
Prinz sah sofort etwas Hohes aus des Abaxars Angesicht, und antwortete ihm ganz
beweglich: »Ich sage Dank, mein Herr Oberhauptmann, für sotanes Mitleiden,
welches ich gegen meinen Prinzen werde hoch zu rühmen wissen. Wo ja aber noch
einige Seele in diesem Reich vorhanden ist, welche sich des armen Prinzen
trostlosen Zustand einigermassen zu Herzen gehen lässet, so versichere ich, es
werde solches nicht nur der Himmel zu vergelten, sondern auch mein Prinz, als
ein nunmehro mächtiger Beherrscher zweier Königreiche, dermassen zu erwidern
wissen, wie es ein solcher verdienet hat, welcher das schmerzliche Verlangen
seines Herzens, durch Entdeckung möglichster Wissenschaft, von dem Leben oder
Tode der Prinzessin, in etwas besänftigen wird.« - »Wie?« redete Ponnedro ein,
»ist der König von Ava tot?« - »Ja«, antwortete Scandor, »nicht nur tot, sondern
der Prinz Balacin ist auch gekrönter König von Ava und Aracan, welches letztere
Reich bei gleichfalls tödlichem Hintritt ihres Königes, unsern Prinzen zur Krone
ver- und erlanget hat.« - »Weh dir, grausamer Chaumigrem«, hub Abaxar an,
»nunmehro dürfte die gerechte Rache des Himmels aufwachen, und das unschuldig
vergossene Blut auf deinen Kopf kommen. Und ob ich gleich ein gezwungener Diener
von diesem Tyrannen bin, so wisset doch, mein Freund, dass mich die Rache zum
Sklaven, und die Not zum Knechte gemacht hat. Ja ich versichere Euch bei dem
Qviay Vogarem5, als mächtigen Beschützer der Bedrängten, dass ich mich wollte
glückselig schätzen unter dem tapferen Prinzen von Ava wider diesen Blutund zu
fechten, und mein Leben zu Dienst der schönen Prinzessin von Pegu aufzuopfern.
Könnte ich nun so beglückt sein, eine und die andere angenehme Nachricht von dem
Leben dieses lobwürdigen Prinzen und Prinzessin zu vernehmen, so würde ich
alsdenn auch nicht ermangeln, so viel als möglich, beizutragen, was zu des
Prinzen Vergnügung gereichen möchte.« Welche Worte den Prinzen ganz aus sich
selber brachten, dass er fast seine Verstellung vergessen, und sich selbst
verraten, wann nicht Talemon sich alsbald begriffen, und gesagt hätte: »Den
Anfang hiervon wird Scandor am besten verrichten können, welches denn bei diesen
ohnedies müssigen Stunden mit Dero allerseits Erlaubnis gar füglich geschehen
kann.« Als nun solches von allen beliebet ward, setzten sie sich um des Prinzen
Bette herum, und Scandor fing folgender Gestalt an zu erzählen:
         Lebensgeschichte Prinz Balacins und der Prinzessin Higvanama.
Es wird niemand so gar ein Fremdling in den asiatischen Begebenheiten sein, dem
nicht die mehr tadel-als lobwürdige Regierung des Königs von Ava, Dacosem meines
Prinzens Herr Vater, in etwas bekannt sein wird; bevoraus, wie er eine grosse
Ursache des jämmerlichen Untergangs von Pegu gewesen sei. Dieser Dacosem hatte
eine Tochter des Königes von Bengala zur Gemahlin, mit welcher er zwei Prinzen
und eine Prinzessin zeugete, wovon der älteste Prinz gleichfalls den Namen
seines Herrn Vaters, Dacosem, führete; der jüngere, als mein gebietender Herr,
Balacin, die Prinzessin aber Higvanama genennet ward. Weil er nun gerne für
jedem Prinzen eine Krone gewünschet hätte, Ava aber nicht zulänglich sein
wollte: als warf er ein sehnsüchtiges Auge auf das Reich Pegu, welches sein
leiblicher Bruder, als Kaiser beherrschete, und nach dessen Tode den
unglückseligen Prinzen Xemindo, als einigen Erben und Besitzer des grossen Reichs
Pegu, hinterlassen hatte. Solches stach nun unsern alten Dacosem gewaltig in die
Augen, und wollte das Siammische Recht einführen, kraft dessen kein Sohn
succedieren könne, so lange ein Bruder verhanden wäre. Weswegen er denn auch der
Krönung zu Pegu nicht beiwohnen, vielweniger die Lehenspflicht gleich andern
Lehenkönigen ablegen, noch einige Lieferung der Präsenten erstatten wollte,
welches er doch zuvor seinem Bruder getan, angesehen Ava jederzeit ein Lehn von
Pegu gewesen. Überdas liesse er auch den Jubelenhandel sperren, und ganz nichts
in Pegu abfolgen. Solches alles wollte dem Xemindo nicht anständig sein:
Dannenhero er alsobald Gelegenheit suchte, dem alten Herrn Vetter im Harnisch
eine Visite zu geben, liess seine Armee zusammenrücken, und zog mit dreimal
hunderttausend Mann nach den Grenzen von Ava, indem er es vor viel besser
hielte, sein Pferd an einen Fremden, als eignen Zaum, zu binden. Dacosem verliess
sich inzwischen auf eine heimliche Verbündnis, die er mit etlichen hohen
Bedienten von Pegu aufgerichtet, besonders mit dem Xenimbrun, Vicekönig von
Brama, welcher auch ingeheim seinen Bruder Chaumigrem, mit etliche tausend Mann
nach Ava geschickt hatte: Und ob solches zwar eine gar unzulängliche Hülfe wider
so einen mächtigen Feind war, dennoch war unser alter Dacosem dermassen hierüber
vergnügt, dass er dem Chaumigrem nicht gnugsam Ehre zu erweisen vermochte. Kurz
hierauf lief die schreckende Post zu Ava ein, es habe Xemindo mit einer
gewaltigen Armee die Grenzen bereits auf zwanzig Meilen überschritten, und
dürfte wohl sein Hauptquartier in Ava nehmen wollen. Worüber Dacosem heftig
erschrak, die Armee eilend zusammenzog, und den ältern Prinz Dacosem hierüber
zum Feldmarschall setzte, jedoch sollte Chaumigrem über alles ein wachendes Auge
haben. Mein Prinz war damals im 15. Jahre, und achtete es sich vor die höchste
Schande, eine solche Gelegenheit, wobei er die Probe seiner Tapferkeit ablegen
könnte, zu versäumen. Derowegen hielt er inständig bei dem Herrn Vater an, dass
er ihn endlich mit diesen selbstschmeichelnden Worten entliess: »Nun, so zeuch
hin, mein Sohn, und hilf deinem Bruder eine Krone erwerben, damit du die von Ava
nicht teilen dürfest.« Untergab ihn auch sofort gleichfalls der Aufsicht des
Chaumigrems, welcher diesen künftigen Stein des Anstosses gewiss bei dieser guten
Gelegenheit würde aus dem Wege geräumet haben, wenn er das Bevorstehende gewusst
hätte. Chaumigrem, und zwar eben dieser jetzige Kaiser und Tyrann von Pegu,
begab sich hierauf mit unsern zweien Prinzen nach der Armee, und rückte
schleunigst ins Feld, weil Xemindo nur noch acht Meilen von Ava stund. Hier
durften sie nun nicht lange den Feind suchen, und weiss ich am besten, wie mir
damals zumute war, als der ich unter meines Prinzen Leibwacht ein Hellebardierer
war. Denn wir Soldaten vermeinten, uns noch etliche Wochen vor unserm Ende
lustig zu machen, und uns des Landes zu erkundigen, wo es am besten zu fressen
und zu saufen wäre: Allein wir waren kaum zwei Tage marschieret, so kamen unsere
Leute parteienweise gelaufen, als wenn das Gras unter ihnen brenne, und
berichteten mit tiefen Atemholen, der Feind stünde nur noch eine Meile von uns.
Welches uns ganz unglaublich, vorkommen wäre, wenn nicht fast ein jeder ein
blutig Zeugnis vorgelegt hätte. Solches lernte unsere Herren Generales ein wenig
behutsamer sein, dass sie sich nunmehr auf Kundschaft legten, und die Armee
besser zusammenzogen: denn es lagen damals wohl noch tausend Mann um Ava herum,
die erst auf das Gewehr warteten, welches von Malboa aus dem Zeughause sollte
gebracht werden. Ich vergass nun aller Gedanken, und hätte man mich mögen
hundertmal Scandor nennen, so hätte ich nicht gewusst, ob es ein Mannesname
gewesen, oder ob es mich anginge? Ja, ich wünschte wohl herzlich, gar ein
Mädchen zu sein, so dörfte es noch eher ohne sonderliches Blutvergiessen
ablaufen. Denn ich meinte, wunder was es vor eine herrliche Sache um das
Soldatenleben sei! Allein ich hatte mein Tage noch keinen Feind gesehen, und
zitterte schon, als ich ihn nur nennen hörte. Inmittelst kam mein Prinz auf
einen schönen kastanienbraunen Hengste dahergerennt, und unterstund sich uns
allen ein Herze einzusprechen, gleich als wäre er längst bei der Erfahrung in
die Schule gangen. Die Angst vermehrte sich aber um ein grosses, als das Geschrei
kam, der Feind käme in voller Schlachtordnung angezogen, und wollte es auf ein
Haupttreffen ankommen lassen. Da erhub sich nun ein grausames Getümmel, es wurde
überall Lärmen geblasen, und geschlagen, die Generalspersonen rennten bald hie
bald dort hin, und schrien, dass sie ganz schwarz wurden, da sie sich doch selbst
nicht hörten. Der Feind hatte auch einige Feldstücke auf einen Hügel gepflanzet,
und begrüsste uns mit etlichen Salven, dass uns Hören und Sehen verging. Und hier
verliess mich nun die Courage auf einmal, dass ich auf der Stelle umkehrte, und
mich zur Bagage begeben wollte. Allein ich wurde hierüber so ungestüm zur Rede
gesetzet, dass mein Rücken geschworen hätte, es kämen einige Pillen vom Berge
geflogen. Ob es nun zwar nur ein verkehrtes Gewehre war, so presste es mir doch,
weil ich meine Herzhaftigkeit nicht bekennen wollte, diese in der Eil ersonnene
Entschuldigung aus, ich wollte nur den Musterschreiber mein Testament aufsetzen
lassen, weil ich doch wohl sehe, es müsste gestorben sein: ich wurde aber beim
Arme so ungestüm wieder in das Glied geführet, dass ich anfing, meinen Geist den
Göttern zu befehlen. Was nun das grösste Versehen von unserm neuen Feldherrn war,
so waren alle Stücke zurücke blieben, mit dem Befehl, erst inner vier Tagen zu
folgen, weil man wegen übler Kundschaft den Feind nicht so nahe vermutet hatte.
Inmittelst vermehrten sich die feindlichen Stücke dermassen, dass es schien, als
sollte Himmel und Erden einfallen. Und dieses Schiessen verursachte, dass wir
unsern Vorteil und das geraume Feld verlassen, und uns auf tausend Schritte
zurücke ziehen mussten: Bei welchem Rückmarsche ich herzlich erfreuet wurde, in
Meinung, es würde so bis in Ava hinein währen, da ich denn gewiss nicht der
letzte zum Tore wollte gewesen sein, und freute ich mich schon, wie mich meine
liebe Mutter aus dem gefährlichen Kriege so sehnlich empfangen würde. Allein wie
ich das entsetzliche Wort hörte: Setzt euch, schliesst die Glieder! macht das
Gewehr fertig! so vermeinte ich nicht anders, es hätten mich zehen Kugeln
getroffen: ja ich kunnte mein Gewehr nicht mehr regieren, und war dermassen
verwirret, dass ich meinen Prinzen, welcher voller Feuer vor unserm Haufen
hielte, ganz ängstlich fragte: »Gnädiger Herr, sollen wir auch Feuer geben?« da
wir doch nichts als Spiesse und Säbel hatten: Welches denn unsern Prinzen zu
heftigem Lachen bewegte, worüber ich mich öfters gewundert, dass er bei solcher
Gelegenheit, da auch wohl die grössten Helden zum erstenmal gezittert, habe
lachen können. Mit solcher Frage hatte ich meinen Nebenkameraden gleichfalls
dermassen irre gemacht, dass er mich um einen Spanner ansprach, da wir doch
gleiche Gewehr hatten. Meine Person aber zu verlassen, so erhub sich erst das
Treffen durch kleine Haufen, da bald dieser, bald jener, unten lag, bis es
endlich zur vollkommenen Schlacht ausbrach, und mein Prinz kaum die Zeit
erwarten kunnte, dass er angreifen sollte. Wir wurden aber, ehe wir uns versahn,
selbst angegriffen; denn Chaumigrem tat den Angriff mit der Reuterei, und wurde
sofort von der Menge des Feindes geschlagen. Als ihn nun Prinz Dacosem mit den
Elefanten gebührend sekundierte, füget es das Unglücke, dass diese beiden
Vettern, Xemindo und Dacosem einander selbst begegneten, und einen Streit um die
Krone Pegu persönlich antraten. Erst brauchten sie Rohr und Pfeile
gegeneinander, worinnen sich Xemindo aber von dem Dacosem weit überlegen sah;
und dannenhero sein Schwert, welches ihm der Stadtalter von Goa, Luigi di Taida
verehret hatte, entblösste, dass also ein ernstes Faustgefechte unter ihnen
entstund, da inzwischen die Elefanten, welche diese königliche Fechter trugen,
gleichfalls nicht feierten, sondern einander feindselig zusetzten, bis des
Xemindo Elefante einen Zahn verlor, und daher voller Grimm und Schmerzen auf den
andern einstürmte. Wodurch Xemindo Gelegenheit bekam, unserm Prinzen einen
tödlichen Stoss zu versetzen, und ihm zugleich des Lebens, und aller Hoffnung zur
Krone, zu berauben. Dacosem stürzte nicht so geschwinde vom Elefanten, als der
flüchtige Soldate dem Feinde den Rücken zukehrte, gleichsam als wenn mit ihrem
Prinzen auch ihre Tapferkeit gute Nacht gäbe; da sie doch vielmehr durch solchen
kläglichen Fall hätten zu grausamster Rache sollen angetrieben werden. Allein da
half kein Rufen, Bitten, Drohen noch Schlagen, sondern ein jeder rannte, als ob
ein Wettlaufen nach Ava angestellet wäre. Hierdurch nun wurde der ganze Schwarm
vom Feinde auf unsern Hals gezogen; und ich muss gewiss sagen, wir hielten uns zu
Fuss dermassen, dass die Reuter einen weiten Vorsprung taten, ehe der Feind ohne
Verhindernis nachhauen konnte. Hier erzeigte nun unser Prinz Balacin ungemeine
Proben seiner künftigen Tapferkeit, und machte mich hierdurch so beherzt, dass,
als ich nur warm worden, ich dermassen grausam um mich hieb und stach, dass ich
mich noch über meine damalige Tapferkeit verwundere. Endlich aber, als der Feind
uns allzu heftig zusetzte, trennte er unsere Glieder, und wir gerieten dermassen
ins Handgemenge, dass wir oft nicht wussten, ob wir Feind oder Freund trafen. Ich
meinesteils hielt mich so viel möglich, bei meinem Prinzen, da mir denn das
gütige Glücke die erste und schöne Gelegenheit gab, mich bei demselben in
sonderbare Gnade zu setzen. Denn es kam ein grosser baumstarker Indianer
gelaufen, und versetzte dem Pferde meines Prinzen mit einem Spiesse einen
dermassen gewaltigen Stoss, dass es sofort übern Haufen, und meinem Prinzen auf den
Leib fiel; weil nun von so heftigem Stosse der schafft am Spiesse zerbrochen, als
griff der ungeschickte Kerl zum Säbel, und wollte hier auch den letzten Zweig
des königlichen Stammes abhauen. Allein es beseligten mich die Götter mit einer
tapfern Begierde, meinem Prinzen, sobald ich das Pferd fallen, und den Feind mit
blossem Säbel über ihm sah, schleunigst beizuspringen; ich sprang über etliche
Leichen weg, und kam gleich zurechte, als der Indianer den Säbel aufgehoben, und
den Streich recht auf des Prinzen Hals gerichtet hatte. Hier ergriff ich nun
meinen Spiess zu beiden Händen, und stiess ihn dem feindlichen Gesellen unter den
rechten Arm, welchen er aufgehoben hatte, hinein, dass er den Säbel entfallen
liess, niederstürzte, und die schwarze Seele samt dem Blute ausblasen musste. Weil
nun hier nicht lange zu säumen war, so riss ich den Prinzen unter dem Pferde
hervor, worüber mir ein plumper Kerl einen ziemlichen Streich über den linken
Arm versetzte, dass ich mich sattsam prüfen konnte, ob ich auch mein eigen Blut
sehen könnte. Inzwischen ward der Prinz auf ein ander Pferd, und aus dem
Gedränge gebracht. Nachdem aber der Feind uns weit überlegen war, und die
Reuterei nebst dem Feldmarschall Chaumigrem uns durch die Flucht verlassen
hatten, so waren wir ohne Anführer, daher denn ein jeder seine Füsse um Rat
fragte, und sich so viel möglich, dem feindlichen Säbel zu entfliehen, bemühete.
Ich selbst vermeinte an ermeldter Heldentat gnugsam verrichtet zu haben, sah
mich derowegen nach meinen Prinzen um, und eilte ihm dermassen nach, dass ich
nicht wusste, ob Feind oder Freund hinter mir war. Nach einer Stunde erreichte
ich einen Wald, und schätze mich nunmehro sicher zu sein, satzte mich nieder,
und verband meine Wunden, so gut ich konnte. Als ich aber von weiten ein starkes
Getümmel vernahm, hielte ich ferner nicht vor ratsam, mich noch einmal in die
Gefahr zu begeben, dahero ich mich auf den Weg machte, und des andern Tages ganz
matt und kraftlos vor den Toren zu Ava anlangte, woselbst ich vieler meiner
Kameraden antraf, welche durch die Flucht ihr Leben gerettet hatten. Es kamen
auch deren noch stündlich zu ganzen Truppen in voller Unordnung gelaufen, von
denen man das Ende der Schlacht, und den grossen Verlust der unsrigen, gnugsam
vernehmen kunnte. In summa, die Schlacht war verloren, dreiundzwanzigtausend der
Unsrigen wurden vermisst, und es war alles in höchsten Sorgen und Furcht, wenn
der Feind kommen, und uns gar in Ava besuchen möchte. Welches denn auch gewiss
geschehen wäre, wenn nicht in währender Schlacht dem Kaiser von Pegu die
gefährliche Nachricht wäre hinterbracht worden, was massen dessen Stadtverweser
in Brama, vorerwähnter Xenimbrun, in dessen Abwesen sich einen grossen Anhang
gemacht, Brama eingenommen, und jetzt in vollem Marsche nach Pegu begriffen
wäre, um sich daselbst zum höchsten Haupte des grossen Reichs zu machen, welchen
fernern Verlauf Sie beiderseits besser wissen werden, als wir, die wir damals
noch genug an den eigenen Wunden zu heilen hatten. Ich fahre nur fort in unsern
eignen Angelegenheiten, die sich nach solchem Verlust erzählter Schlacht ferner
ereigneten. Chaumigrem war fast mit den ersten in die Stadt gekommen, und hatte
persönlich diese leidige Nachricht dem Könige hinterbracht, welcher hierüber
dermassen bestürzt worden, dass er sofort die Stadt verlassen, und sich nach
Malbao begeben wollen, wann ihn nicht Chaumigrem getröstet, und durch
schriftlichen Beweis versichert hätte: es könne der Kaiser von Pegu solchen Sieg
nicht verfolgen, indem sein Bruder Xenimbrun bereits Brama zum Abfall bewegt,
erobert, und die Hand nach der völligen Krone ausgestrecket hätte, welche zu
retten, er notwendig sich eilend zurücke wenden, und die Glut seines eigenen
Hauses dämpfen müsse. Solches sein Vorbringen ward durch fernere Kundschaft
bestätiget, welche den schleunigen Rückmarsch des Feindes, und dass er gleichwie
in voller Flucht die Grenzen von Ava verlassen hätte, voller Freuden
verkündigte. Hiedurch nun machte sich Chaumigrem zu einem Abgotte bei dem
Könige; und welcher zuvor durch Unverstand den Kronerben und die Schlacht
verloren hatte, dieser musste anjetzo der einzige Erhalter des Königreichs
genennet werden. Und gewiss, wo einige Verräterei kann gut gesprochen werden, so
waren diese zwei ungerechte Brüder rechte Schutzengel des Königs Dacosem, ausser
deren Hülfe er gewiss einen strengen Lehnsherrn an dem Xemindo würde gefunden
haben, angesehen Ava so gut als verloren schien, und nicht die geringste Anstalt
zu einiger Gegenwehr zu spüren war.
    Hier mag nun Chaumigrem in dem Schosse des Königs ruhen, und ich will etwas
von mir gedenken, in was vor Angst ich abermal des dritten Tages nach der
Schlacht geriet, als mir angedeutet ward, ich sollte nebst andern vor unserm
Befehlshaber erscheinen, und zuvörderst meinen Namen von mir geben.
    Ich vermeinte nun nicht anders, denn es würde die gewöhnliche Kriegsstrafe
an mir wegen meines Ausreissens verübet, und ich mit einem schimpflichen
Luftarreste beleget werden; wiewohl ich stets daran gedachte, wo es ja an ein
Henken ginge, so müsste notwendig der Rang beobachtet, und unser Feldherr
Chaumigrem, welcher zum ersten das Feld scheute, oben an logiert werden, alsdenn
wollte ich mich gerne neben ihm aufknüpfen, und auch im Tode eine dermassen hohe
Miene blicken lassen, dass mich jedweder Fremder vor einen Unterfeldherrn
angesehen und respektieren müsste. Mit solchen selbstschmeichelnden Todesgedanken
verfügte ich mich nach dem hohen Markte, allwo ich den ganzen Rest von der
überbliebenen Leibwacht meines Prinzens ohne Gewehr antraf, da doch keiner dem
andern die Ursache ihrer Zusammenkunft zu sagen wusste; wiewohl einige ihre
Einbildung vor gewisse Wahrheit ausgeben wollten, sie wären von dem Chaumigrem
angegeben, als hätten sie nicht allerdings ihre Pflicht in währendem Treffen
beobachtet, deswegen denn Kriegsrecht über sie sollte gehalten werden. Solches
vermehrte meine vorhin dem Chaumigrem gehässige Gedanken dermassen, dass ich zum
öftern diesen Seufzer zu den Göttern in geheim abschickte:
Ihr Götter! soll ich unverhofft
Mein Leben schliessen in der Luft;
So soll mich dieser Tod nicht kränken,
Lasst Chaumigrem nur bei mir henken.
    Wegen der Andacht aber, erblickte ich mit sonderlicher Gemütsänderung meinen
Prinzen, welcher in gelbem Habit, als der gewöhnlichen Indianischen Trauerfarbe
um dessen Herrn Bruder, auf einem schönen Rappen daher gesprenget kam, und sich
vor unsern Trupp setzte, da er denn alsobald begierig sagte: Es sollte
derjenige, welchem er bei vorgegangenem Treffen sein Leben zu danken hätte,
ungescheut hervor treten, und fernerer gnädiger Verordnung gewärtig sein.
Solches vernahm ich mit freudigster Bestürzung, und weil mich mein Gewissen
versicherte, ich hätte hierdurch keine henkens- sondern beschenkenswürdige Tat
begangen, als masste ich mich einer sonderbaren Herzhaftigkeit an, und trat mit
einem, meiner Einbildung nach, sonderbar-heroischen Gesichte hervor, sagende:
»Durchlauchtigster Prinz, dass ich zu Rettung Dero hohen Lebens ein unwürdiges
Werkzeug gewesen, solches ist vielmehr der gütigen Schickung unserer Götter,
welche meine Faust regieret, als etwa meinem geringschätzigen Vermögen
zuzuschreiben.« Hierauf fragte mein Prinz mit einer ganz gnädigen Miene nach
meinem Namen und Stande, welche Frage ich mit kurzem Berichte vergnügte: »Man
nennet mich Scandor, und bin aus dem alten adelichen Geschlechte der Frenojamer
entsprungen, es wohnet mein Vater nicht unfern von Ava, welcher mich denn nach
Landes Art bestmöglichst erzogen hat. Als er aber nach sechsjährigem
Witberstande sich mit der falschen Einbildung geschwängert befande: es könne
dessen Wirtschaft ohne einen weiblichen Befehlshaber nicht sattsam versorget
werden: so verknüpfte er sich mit dem gefährlichen Liebesbande der edeln Jugend,
und legte eine glühende Kohle in sein Ehbette, unbesorgt, ob nicht der Schnee
seiner grauen Haare bei solcher Glut schmelzen, oder gar fremde Nachtsteiger den
Wachsstock ihrer Begierde bei diesem vermeinten Eigentum anzünden möchten. Kurz,
er nahm eine junge Dame von 17 Jahren, welche ihn beherrschte und mich
verfolgte. Ob mich nun zwar mein Vater, als sein einiges Kind, der väterlichen
Huld sattsam geniessen liess, so würde ich doch deren durch stetes Verleumden bald
beraubet: denn, indem sie wohl wusste, wie wohl es der Katzen tue, wenn man ihren
Rücken streicht; also brachte sie endlich durch vieles Liebkosen zuwege, dass
eine eingebildete Vergnügung, die väterliche Liebe, und mich in Krieg verjagte.
Worinnen ich nun unter Dero Befehl bei sechsunddreissig Monaten gestanden, mein
Zug und Wache wohl versehen, und mich als ein getreuer und rechtschaffener
Soldate jederzeit verhalten habe. Bitte sodann untertänigst, mein gnädigster
Herr zu verbleiben.« Solche Freimütigkeit gefiel meinem Prinzen über die Massen,
und als er zugleich mein Wohlverhalten aus dem Munde meiner Offizierer vernahm,
war es ihm um so viel desto angenehmer, dass ich von gutem unverfälschten Adel
war. Dannenhero er denn mich mit einhelliger Bewilligung meiner Kameraden zum
Hauptmann der sämtlichen Kompanie vorstellete, und mir unwürdigst die hohe Gnade
antat, dass ich als Hof- und Kammerjunker auch bei Hofe einen freien Zutritt
haben möchte. Ob ich mich nun wohl äusserst entschuldigte, und mein Unvermögen
vorschützte, wie ich mich, bevoraus in das gefährliche Hofleben, nicht würde zu
schicken wissen, so war es doch alles vergebene Bemühung, indem mir mein Prinz
zu gehorsamen auferlegte, auch sofort eine anständige Summa Geldes auszahlen
liess, wodurch ich mich bestens auskleiden, Bediente annehmen, und mich als einen
unschuldigen Hofmann aufführen kunnte. Vor solche unvermutete hohe Gnade, liess
ich es zwar an untertänigster Danksagung nicht ermangeln, und kunnte ich mich in
meine Hauptmannsstelle noch ziemlich finden, zumalen ich und mein Lieutenant
erfahrne Soldaten waren. Allein, was den Hof anlangte, da muss ich bis diese
Stunde noch ein Schüler bleiben; am allermeisten hütete ich mich vor der
gemeinen Hofpest, ungemessener Einbildung, und befliss mich, durch anständige
Demut, mir jedermann, er mochte ein Hof- oder Landmann sein, zu verpflichten;
aus Ursachen, weil ich nicht unbillig besorgte, es möchte diese ungemeine
Gnadensonne einen schädlichen Nebel des Neides über mein Haupt zusammenziehen,
und ich etwan in solcher Finsternis auf dem schlüpferichen Eise der Herrengnade
gar fallen. So ich mir nun durch unnützen Hochmut jedermann verhasst gemacht
hätte, so würde ich in solchem Fall von den Höhern verstossen, und von den
Geringern wohlverdientermassen wiederum verachtet werden. In summa, ich ward über
alles Verhoffen ein vornehmer Kriegsbedienter, und wider meinen Willen ein
Hofmann. Es kam mir aber die sonderliche Gnade meines Prinzen trefflich zu
statten, indem er mich gar zu seinem Vertrauten machte, weil ihm meine
Verschwiegenheit und lustiger Humor trefflich wohl gefiel, wodurch meine Fehler
bedecket, und der Mangel ersetzet wurde.
    Ich überkam auch einen freien Zutritt von allem denjenigen ein leibhaftiger
Zeuge zu sein, was ich ferner erzählen werde. Chaumigrem befestigte sich
inzwischen dermassen in der königlichen Gnade, dass Prinz Dacosem gar leicht
vergessen ward, gleichsam als ob er in Chaumigrems Person wiederum lebendig
worden wäre, ja er wurde in gewissen Dingen auch gar meinem Prinzen vorgezogen,
angesehen sich Dacosem in der väterlichen Liebe ohne dies gar wohl zu mässigen
wusste, wie er solches sattsam gegen die Prinzessin Higvanama, die er doch
jederzeit sein liebstes Kind zu nennen pflegte, merken liess. Diese Prinzessin
war nun so wohl am Stande als an Schönheit und Tugend die Krone in ganz Ava,
ihres Alters im siebzehnten Jahre, und von so angenehmen Wesen, dass Nherandi,
Königlicher Erbprinz aus Siam, gewiss hierinnen nicht irrete, als er vor einer
Jahresfrist unsern Hof besuchende sich durch sie fesseln lassen und es vor ein
hohes Glücke achtete, als er ihre Gegenhuld und den väterlichen Willen voller
Vergnügung mit sich nach Siam nehmen kunnte. Welche Liebes-Vollziehung auch
bereits geschehen wäre, wenn nicht erwähnte Kriegsflamme solches verhindert
hätte, zumal weil Xemindo und Higvero, König in Siam, in genauem Bündnis
stunden. Chaumigrem, welcher die Gewalt hatte, auch unangemeldet in das
königliche Cabinet zu gehen, nahm sich ebenfalls einsten die Freiheit, in den
königlichen Lustgarten zu gehen, und ob zwar der Gärtner ihm hierinnen nicht
bald willfahren wollte, mit Vermelden, es sei die Prinzessin hineingegangen und
hätte, um ihre Einsamkeit zu suchen, auch sogar ihr Frauen-Zimmer in den äussern
Garten-Zimmern hinterlassen; so wurde doch dessen ungeachtet der treue Gärtner
vor seine Nachricht mit dem Prügel belohnet und der Garten mit Gewalt eröffnet.
Welchen Tumult die Prinzessin wegen Grösse des Gartens nicht vernehmen können.
Als nun der ungeschickte Chaumigrem in den Garten gekommen und die Prinzessin
nicht gesehen, ist er getrost nach denen begrünten Galerien hingegangen, gleich
als ob er durch seine Gegenwart der Prinzessin eine sonderbare Freude erwecken
würde. Und ist dessen unverschämtes Wesen um so viel mehr hieraus abzunehmen,
indem er die Prinzessin sein Tage nicht gesehen hatte. Sobald er sich der
Galerie genähert, höret er von weiten eine Laute spielen, welches er vor die
Prinzessin erachtet, und sich dannenhero ganz unvermerkt dermassen hinan
verfüget, dass er jedes Wort vernehmen, auch Dero Gebärden seitwärts genau
bemerken können, als sie gleich mit entzückender Anmut und Stimme folgende Arie
durch die Luft nach ihrem geliebtesten Prinzen Nherandi seufzende abgeschickt
und in die Laute, welche sie von einem Portugiesen wunderwohl gelernet, absunge:
                                       1.
Mein Hoffen stirbt, mein Kummer lebt,
Der Anker meiner Ruh ist nun zerbrochen,
Mein Schicksal, das bein Sternen schwebt,
Hat wider mich dies Urtel ausgesprochen:
Der Liebe süsser Scherz
Soll fesseln zwar dein Herz,
Doch ferne Huld bringt zweifelvollen Schmerz.
                                       2.
Ich bin vergnügt und unvergnügt,
Wenn ich an jenen Blick und Blitz gedenke,
Durch den mein Herze ward besiegt:
Um welchen ich Abwesende mich kränke.
Zwar meine Liebespflicht
Erinnert mich und spricht:
Wo Liebe blüht, da wächst kein Zweifel nicht.
                                       3.
Doch meine Lieb ist allzu zart;
Das Auge kann ein Staub empfindlich rühren.
Die Furcht ist reiner Herzen Art:
Ein fremder Blick kann oft den Geist verführen.
Das Leben wird versüsst,
Wo man beisammen ist,
Und Gegenwart die holden Lippen küsst.
                                       4.
Indessen soll die treue Glut
Bis in das Grab in meinem Herzen brennen;
Wo dir mein Fürchten Unrecht tut,
So wirst du doch hieraus mein Feuer kennen.
Die Hoffnung soll allein
Nunmehr mein Zucker sein,
Ich weiss: Der Himmel wird mich bald erfreun.
    Bei diesen Worten sprang Chaumigrem mehr mit närrischen als unanständigen
Gebärden hervor und schrie mit vollem Halse: »Chaumigrem stellt sich ein!«
lachte auch hierauf mit vollem Halse dermassen, als ob er die artigste Sache
vorgebracht hätte. Hierauf stund er stille, und sah die Prinzessin mit solchen
Blicken an, dass sie vielmehr Ursache hierüber zu lachen als zu erschrecken
gehabt hätte. Die Prinzessin aber erschrak, dass ihr die Laute ins Gras fiel, und
sie ganz unbeweglich sitzen bliebe, bis endlich Chaumigrem in diese Worte
herausbrach: »Schönste Prinzessin, Sie vergebe mir, dass ich mir die Ehre der
ersten Aufwartung selber genommen und Ihr deutlich zu verstehen gebe, wie hoch
es mich erfreuen würde, wenn der Inhalt dieses Liedes auf mich gerichtet wäre.«
Als sich nun die Prinzessin wieder in etwas erholte, antwortete sie mit zornigen
Blicken: »Herr Graf, wer hat Ihm die Kühnheit erlaubet, der sich auch königliche
Personen wider meinen Willen nicht unterfangen dürfen?« Chaumigrem, welcher
sich, weiss nicht was, vor ein freundlich Gesichte eingebildet hatte, angesehen
er noch nicht mit so hohem Frauenzimmer umgegangen war, erschrak anfangs
hierüber; jedoch antwortete er alsobald mit sonderbarem Übermute: »Wem des
Königlichen Herrn Vaters Cabinet und Herze unverschlossen ist, der darf auch
dessen Tochter ungescheuet besuchen.« - »Entfernet Euch, unverschämter Graf«,
sagte sie mit erhitztem Gemüte, »und wisset, dass die väterliche Gnade der
Tochter zu keinem Nachteil gereichen kann.« Mit diesen Worten verwies sie den
bestürzten Chaumigrem, welcher sich dessen nimmermehr versehen, sondern vielmehr
in der Einbildung gelebet, es müsste jedermann seine Gunst vor eine Gnade
schätzen. In solchen Gedanken stellete er sich zugleich die anmutigen Gebärden
und verwunderliche Schönheit, welche er währenden Singens sattsam betrachtet,
vor Augen, und befand sich dermassen gerühret, dass er nicht anders als rasende zu
sein schiene, wann er betrachtete, wie ihm so etwas Angenehmes verwundet und
zugleich verstossen hatte. Und dass ich nicht irre, so können meine Herren
unschwer hieraus abnehmen, wie ewig es wunder gewesen sei, dass sich ein solcher
barbarischer Mensch durch so kurzes Anschauen habe entzünden lassen, wann ich
ihre Person nach meinem schlechten Verstande möglichst beschreibe: Sie war einer
anständigen Länge, sehr wohl gewachsen, ihr Haupt war mit kohlschwarzen
natürlichen Locken bedecket, wie denn auch die Zierat ihrer grossen Augen durch
schmale Augbraunen um ein grosses vermehret ward. Die reine Haut gab die blauen
Adern lieblich zu erkennen, zudem waren die rosengleichen Wangen gleichsam
beschämt gegen die etwas erhabenen korallenfarbene Lippen, unter welchen sich
ein wohlgebildetes Kinn, schneeweisser Hals, und (ach ich werde selbst verliebt)
alabasterne Berge der Liebe anmutigst zeigeten. Die Hände waren dermassen
beschaffen, dass wer sie mit den artigen Fingern so künstlich auf der Laute
spielen sah, nicht anders, als selbte zu küssen, wünschen konnte. Mit einem
Worte, ausser der Prinzessin Banise getraue ich nicht in ganz Asia ihr Gleichnis
zu finden. Solche Schönheit ward durch einen Gold in Blau gewürkten Rock
trefflich erhaben, zumal die Diamanten häufig durch die schwarzen Locken
blitzten, und auch wohl leblose Blumen hiedurch konnten bewegt werden. Allein
was vor reizende Ursachen zu einiger Gegenliebe an den Chaumigrem zu finden
waren, das werden meine Herren, welche ihn täglich sehen, besser im frischen
Gedächtnis haben, als ich von langer Zeit herzählen kann. Weil er sich aber doch
könnte geändert haben, so muss ich nur dessen damalige Gestalt beschreiben: Er
war ganz klein von Person, und hatte der Rücken mit dem Schenkel einen Vergleich
getroffen, sie wollten einander in der Krümme nichts nachgeben. Sein bis an den
Gürtel reichendes und braunrotes Haar war hingegen so aufrichtig, schlecht und
gerecht, als wenn es auf einen Fiedelbogen gespannet, und statt des Harzes mit
Speck bestrichen wäre, welches einen trefflichen Widerglanz bei der Sonne gab.
Der Kopf war von einer ungewöhnlichen Grösse, jedoch das Gesichte lang und
schmal, sehr hager und mit einer solchen grossen Nase besetzt, dass es schien, als
ob der Kopf ein kleiner Anhang von der Nase wäre, welche noch darzu durch so
eine unanständige Krümme verstellt war, dass sie wie ein Säbel, dessen Spitze
gleich auf die Unter-Lippe traf, über dem Maule hing; die Augen stunden tief im
Kopfe, deren Augäpfel man vor den überhangenden roten Augbrauen nicht wohl
erkennen konnte: von welcher Farbe auch ein dünner Bart um die angelweite Lippen
gesäet stund: und wundert mich nur, dass ihn die Prinzessin nicht von fernen
merken können, indem sein Atem so durchdringende war, dass er den Feind gar wohl
damit aus dem Felde hätte jagen können, wenn er nicht mit den Stücken
geräuchert, und den Stank dadurch vertrieben hätte. Von was vor hohen Farben er
müsse gewesen sein, ist hieraus zu schliessen: dass, weil er gleich in die
Hoftrauer, und zwar in Schwarz-Gelb gekleidet war, man das Kleid nicht von
dessen Haut unterscheiden konnte: in summa, es war ein recht Krokodil der Liebe
und eine Missgeburt der Affektion. Was tät aber der verliebte Bucephalus ferner?
Er ging die Galerie etlichemal auf und ab, und wusste nicht, ob Zorn oder Scham
die Oberhand behalten sollte. Endlich tröstete er sich doch wiederum und
vermeinte, er hätte es vor diesmal nicht recht angefangen, sie wäre vielleicht
mehr über die Verstörung ihrer verliebten Gedanken als über dessen Gegenwart
erzürnt gewesen. Derowegen wollte er die Entdeckung seiner Liebe zu anderer Zeit
besser anbringen. Worüber er dermassen entzückt schien, dass er sich allbereit in
verliebten Mienen übte, und in dem Grase seltsame Stellungen machte, bis er sich
endlich einem gewissen Baume nahte, welcher aus Mexico dahin versetzet war und
Qvamochtil6 genennet wird. Dieser Baum ist an allen Ästen und Zweigen, wie auch
an dem ganzen Stamme mit Stacheln besetzet, welche Stacheln, wenn man sie
anrühret oder drücket, mit solcher Gewalt und Krachen herausplatzen, als würden
sie aus einem Geschoss getrieben. Diesen Baum nun stellte sich diese vor Liebe
blinde Seele nicht anders vor, als hätte er durch neue Liebesanschläge seine
Higvanama dahin gebracht, dass er völlige Gewalt sie zu umarmen, ja gar zu küssen
hätte: Dannenhero drückte er seine finstere Augen zu und umfing erwähnten Baum
mit solcher Brunst, dass es nicht zu verwundern war, wenn sich auch ein lebloses
Holz vor ihm entsatzte und durch heftiges Krachen und Stechen ihm zu verstehen
gab, mit was vor Anmut er mit seinem Liebesvortrage bei der Prinzessin würde
ferner empfangen werden. Der Schrecken und Schmerz zwang ihn, hierauf etliche
Schritte zurücke zu springen, und heftig auf den Gärtner zu schelten, gleichsam
als ob er der Natur gebieten könnte, wie sie der verliebten Narren schonen
sollte. Nachdem er aber gleichsam aus einen Traume ermuntert schien, ging er von
diesem empfindlichen Holze weg und legte sich in den Schatten eines andern
Baumes, um sein verliebtes Elend in genauere Betrachtung zu ziehen; allein auch
hier wurden seine Gedanken durch das Anschauen empfindlichst verstöret: denn es
hatte ihm sein wahrsagendes Verhängnis abermal unter den in Ava gleichfalls
unbekannten Baum Hoitzmamaxalli7, oder auf deutsch den horntragenden Baum,
geführet. Dieser Baum ist mit Blättern gleich den Tamarinden belaubet, mit
gelben Blumen überzogen, und lasset sowohl an den Ästen als auch am Stamme
häufige Hörner, welche allerdings den Ochsenhörnern gleichen, hervorgehen; wie
solches ferner ein gelehrter Europäer von unsern Gewächsen beschreibet. Hier
erzürnte sich Chaumigrem dermassen aufs neue, dass er gehlings aufsprang, und mit
dem Säbel alle unschuldige Hörner, die er erlangen konnte, mit diesen erhitzen
Worten herunterhieb:
So will ich die Räuber, die Diebe belohnen,
Die meiner mit Hörnern nicht wollen verschonen.
Ich schwere: wo etwan dergleichen geschicht:
So sei man versichert, ich leide das nicht.
    Nach solcher entsetzlichen Hörner-Schlacht steckte er den müden Säbel ein,
und ging mit solchen gravitätischen Schritten nach der Gartentüre zu, als ob er
dem Actäon ein Horn abgerannt hätte, dass auch ein Gärtnerjunge, welcher
versteckterweise solches alles gesehen, gehöret und hernach meinem Prinzen
erzählt, sich nicht entalten können, überlaut zu lachen. Als er nun zur
Gartentüre ausgetreten, ersähe er noch ein hinterstelliges Mägdgen von der
Prinzessin Frauenzimmer, welche er zu sich berufte und ihr einen schönen Rubin
verehrte, mit Bitte, ihn ihrer Prinzessin bestens zu befehlen, und sie seiner
innigsten Liebe zu versichern, welches Geschenke dieses Mägdgen begierigst
annahm, und ihm mit diesen Worten dankte: Hievor versichere ich Ihn meiner
Gegenliebe. Welche Worte er aber ganz unrecht verstand. Folgenden Tages liess ihn
der König zur Tafel ersuchen, welches er aber durch den Vorwand einiger
Unpässlichkeit abschlug, wodurch der König sich dermassen betrübt erzeigte, als ob
die ganze Wohlfahrt von Ava an einem Faden hinge, ja mein Prinz sagte
öffentlich, er hätte über den Tod seines Sohnes Dacosem nach der Schlacht nicht
solches Leidwesen, als über die verstellte Krankheit dieses Menschen, spüren
lassen. Wie denn allsofort zwei königliche Leibärzte sich zu ihm verfügen, und
die Beschaffenheit des zugestossenen Unfalls genau untersuchen müssen, nebst
angehängter Versicherung, sollte auch die Hälfte der Krone dessen Gesundheit
wiederbringen können, es sollte nicht gesparet werden. Solches gnädige
Anerbieten machete sich Chaumigrem bald zunutze und fertigte die Ärzte wiederum
ab, liess vor die hohe königliche Gnade untertänigsten Dank abstatten und
zugleich berichten, es würde alle angewandte Arznei vergeblich sein, solange das
Gemüte mit Schwachheit behaftet wäre, welches niemand, denn I. Maj. heilen
könnte. Inmittelst erstaunte der ganze Hof über die ungemessene Gnade, derer ein
solcher unwürdiger Mensch genoss. Der Prinz sah sich in väterlicher Gnade hintan
gesetzt, die Prinzessin musste gleiches besorgen, die Grossen des Hofes, wollten
sie sich anders befestiget wissen, mussten ihm fast königliche Ehre erweisen: ja
sogar die Reichsräte mussten seinem Eingeben den Vorzug gönnen, dass auch viel
vermeinten, es gehe durch übernatürliche Kunst zu. Mein Prinz aber besuchte
indessen die Prinzessin Higvanama fleissig, welche voller Betrübnis über die
sparsame Nachricht von ihrem geliebten Prinzen Nherandi war, also, dass mein
Prinz gnungsam zu trösten hatte, ob er wohl zur Zeit nicht viel von diesem
Leiden empfunden. Eines Tages ward mir durch einen unbekannten Lakaien ein
Schreiben eingehändiget, mit fleissiger Bitte, solches schleunigst der Prinzessin
zu überantworten, worüber ich höchst erfreuet ward, nicht anders vermeinende,
denn ich werde die Prinzessin mit einer angenehmen Post von ihrem Prinzen
erfreuen. Weswegen ich mich denn sofort nach Hofe und in das Frauenzimmer-Gemach
verfügte, durch welches ich um ein gnädiges Gehör bei der Prinzessin anhalten
liess, weil ich einige, verhoffentlich angenehme Verrichtungen abzulegen hätte.
Ich ward hierauf alsbald in dero Zimmer erfodert, allwohin ich mich verfügte,
und mein Kompliment, so viel, als von einem halbjährigen Hofmann konnte erfodert
werden, vorbrachte, zugleich auch ermeldten Brief mit tiefster Reverenz
überreichte, nebst dem Berichte: es sei mir selbter von einem unbekannten
Menschen überantwortet worden, solches gebührende zu bestellen, und hoffe ich,
hierdurch mich in dero Gnade zu setzen. Die Prinzessin nahm solches mit gnädiger
Hand und ganz erfreutem Gesichte von mir an, trat an ein Fenster und erbrach
dieses. Allein, da sie etwas hiervon gelesen, o ihr Götter, in was vor
Bestürzung und Erstaunen geriet ich, als die Prinzessin den Brief anspie, zur
Erden warf und mit Füssen trat, zugleich aber mich mit diesen freundlichen Worten
anredete: »Und du, verfluchter Hund, darfst dich unterfangen, mir von einer
ewig-verbannten Person solche Sachen einzuhändigen, welche würdig wären, mit dem
Henker beantwortet zu werden. Hiervon sollte gewiss an dir der Anfang gemacht
werden, wenn ich nicht des Prinzen verschonte. Immittelst lasse dich nicht
gelüsten, vor meinem Angesicht mehr zu erscheinen, sonsten soll dein Kopf auf
dem Rumpfe wackeln.« Nach welchen harten Worten sie sich in ihr Kabinett begab,
und mich ganz ausser mir selber liess. Ich hielte es hierauf nicht vor ratsam,
vor der Höhle einer erzürnten Löwin länger zu verziehen, sondern verliess das
Zimmer, und ging mit so leisen Tritten vom Schloss als wie ein Pfau, welcher
seine Füsse betrachtet hat. Ja ich sah mich immer fleissig um, ob nicht einer von
der löblichen Büttel-Gesellschaft mich zurücke und auf einen Trunk
Eisenkraut-Wein laden würde. Nachdem ich aber ungehindert das Schloss auf dem
Rücken hatte, begegnete mir zu allem Glücke der Vogel, von welchem ich den Brief
empfangen hatte; denselben setzte ich alsobald zur Rede, wer sein Herr wäre?
Worauf er mir ganz trotzig antwortete, er wäre sein eigen Herr. Hierauf
erwischte ich meinen Stock und sagte: so mag dein Herr der ärgste Schelm sein;
und mit diesen Worten schlug ich aus allen Kräften auf ihn zu, dass er lauter
Luftsprünge tat, und in solcher Angst kein Wort mehr als Chaumigrem, aufbringen
konnte. Hieraus merkte ich schon, in welcher Münze dieses Geld geschlagen war,
ich stellte mich aber, als wüsste oder verstünde ich ihm nichts, und sagte bei
Endigung dieses Stock-Balletts zu ihm: »Sage deinem Herrn, er sei wer er wolle,
die Prinzessin wollte ihm durch den Henker antworten, und dich neben ihn
aufknüpfen lassen.« Ich aber begab mich zu meinem Prinzen, wartete ihm auf, und
stellte mich höchst betrübt an, dessen Ursache der Prinz auf vieles Fragen nicht
erfahren konnte, bis er mir bei Vermeidung seiner Ungnade auferlegte, ich sollte
es ihm entdecken. Darauf fasste ich einen Mut, und brachte es auf das bewegligste
vor, wie mich einer von des Chaumigrem Leuten, den ich nicht gekennet, so
schändlich betrogen, indem er mir einen Brief an die Prinzessin eingehändiget
hätte, und weil ich nicht anders vermeint, er würde in geheim von India kommen
sein, weil sonst alle Posten von Siam geleget waren, so hätte ich ein angenehmes
Botenbrot zu erhaschen verhofft, und erzählte ferner den ganzen Verlauf, mit
angehängter Bitte, in solcher Unschuld mein gnädiger Herr zu sein und mich
sotaner unverdienten Ungnade bei der Prinzessin zu entledigen. Weil ich nun auch
in der höchsten Angst gleichwohl so bedächtig gewesen, und den Brief, welchen
die Prinzessin weggeworfen, wieder aufgehoben und eingestecket hatte; als
übergab ich das unglückliche Papier meinem Prinzen, welcher mich sofort vor
unschuldig hielt, weil der Titel in siammischer, der Inhalt aber in peguanischer
Sprache gestellet war, und las er folgende Worte der Überschrift:
Der Durchlauchtigsten, unvergleichlichen Sonnen in Ava, Higvanama, Prinzessin
des Grossmächtigsten Königes, Dacosem, Beherrscherin der Liebe und einigem
Leitsterne meiner Seelen. Cito.
    Der Inhalt klappte ganz verwirret, und zwar dergestalt:
    Schönste Prinzessin!
    Ich weiss nicht, ob ich die Götter, als den Ursprung Ihrer überirdischen
Schönheit, oder Dero angenehmen Geist, welcher mich durch anmutigste Gebärden
versteinerte, die Quelle meines Jammers nennen, und mich über Ihre Grausamkeit
beschweren soll. Ich will nicht gesund hier in meinem Siechenbette liegen, wo
ich nicht bei Henkerholen geschworen hätte, als ich Sie im Garten lautenieren
sah, es wäre ein Gespenst, indem unmöglich solche Entzückungen von einem blossen
Menschen herrühren können. Prinzessin, ich will versinken, wo ich nicht von
derselben Stunde an bei mir beschlossen, selbte mit meiner Liebe zu beseligen.
Ich versichere Sie, dass Himmel und Hölle, meinen Vorsatz zu stören, viel zu
ohnmächtig sind. Durch mich soll Ihr Haupt erhöhet und Sie glückselig werden.
Sie befehle nur, schönster Rubin meines verliebten Herzens, welches von denen
neuen, dem Reich Pegu unterworfenen Königreichen Ihr am besten anstehet, so will
ich als ein Blitz mich dahin begeben, die Städte verbrennen, das Land verwüsten,
und die Krone desselben Reiches zu Dero Füssen legen; denn ich versichere, ob
zwar Venus mir im Gesichte sitzet, so herrschet doch Mars im Herzen. Ich liege
hier als ein armer Wurm aus blossem Erschrecken vor Dero verstelltem Eifer, mit
welchem Sie mir bei erster von den Göttern versehenen Zusammenkunft im Garten so
entsetzlich vorkam. Die Zuentbietung aber Ihrer Gnade und Versicherung Ihrer
Liebe wird meine Gesundheit eher befördern als das stärkste Vomitiv der
königlichen Leibärzte. Es reisst mich heftig im linken Schenkel, wobei sich auch
ein Durchfall befindet; allein Ihre Huld kann mich heilen, und allen Schmerzen
vertreiben. - Was den Willen Ihres Königlichen Herrn und Vaters anbelanget,
davor lassen Sie mich sorgen. Es wird ihm die höchste Freude und Ihr die grösste
Ehre sein, wenn man Sie eine Gemahlin des allgemeinen Erlösers und Siegesfürsten
von Ava begrüssen wird. Adieu, meine künftige Vergnügung; und wo es nicht
abzulegen, so wird Dero persönliche Besuchung in meiner Schwachheit vor ein
sonderbares Liebeszeichen von mir erkennet werden.
Dero
                                                                 liebenswürdiger
                                                                     Chaumigrem.
    Mein Prinz wusste nicht, ob er lachen oder sich hierüber erzürnen sollte,
doch bezwang er sich insoweit, dass er in diese Worte herausbrach: »Es hat der
Hochmut, Unverstand und Grobheit ein Verbündnis in diesem Menschen gemacht, das
Reich Ava, mich und mein Fräulein Schwester aufs empfindlichste zu beleidigen.
Weil es aber scheinet, es habe der Hochmut den höchsten Gipfel seiner
Vollkommenheit erreichet, und Hoffart gemeiniglich vorm Fall kömmt, so lasse ich
mich trösten, dass dessen Untergang vor der Türe ruhet, und dieser muss erfolgen,
sollte er auch durch meine Hand befördert werden. Du aber, Scandor, bist
unschuldig, und lasse es dir zur Warnung dienen, dass du bei Hofe nicht allem
Vorgebrachten glaubest und trauest, viel weniger solches ohne genauste
Untersuchung denen Höhern hinterbringest. Ich will inmittelst auf deine
Aussöhnung bedacht sein, und kannst du mir nur in einer halben Stunde folgen,
bis ich dich werde erfodern lassen.« Vor solche Gnade stattete ich
verpflichtetsten Dank ab, und verharrete nach diesem bis zu der vom Prinzen
anbefohlnen Zeit in dem Zimmer. Hier überlegte ich nun den ganzen Handel in
meiner Einfalt, und liess es mir zu sonderbarem Troste dienen, dass ich nicht der
Ungeschickteste an unserm Hofe allein war, sondern an Unverstand und
Unhöflichkeit von dem Königlichen Augapfel weit übertroffen wurde. Denn meine
Staats-Faute rührte aus einer Unwissenheit, welche noch zu entschuldigen war,
jene aber aus einem unverantwortlichen Hochmute her: und also hatte ich, wie im
Ausreissen, also auch in der Unhöflichkeit einen treuen Kameraden an dem
Chaumigrem. In solchen Gedanken war fast eine Stunde verflossen, da ich mich
meines Prinzens Befehl erinnerte, aufs schleunigste nach Hofe zu eilen, allwo
ich mit flüchtigem Gesichte erfahren musste, dass bereits einige Nachfrage nach
mir geschehen wäre, welche auch indem wiederholet und ich in der Prinzessin
Zimmer berufen ward, dahin ich mich mit zitterndem Fusse begab und bei dem ersten
Hintritt mit einem kläglichen Fussfall um Verzeihung meines Fehlers anhielt. Die
Prinzessin aber befahl mir mit diesen trostreichen Worten aufzustehen: »Es hat
bereits Ihr Liebden der Prinz deine Unschuld mir sattsam vor Augen gestellet,
als soll hiemit meine Ungnade gegen dich aufgehoben sein, jedoch mit ernster
Verwarnung, dich künftig in Überantwortung solcher Briefe besser in acht zu
nehmen, und zum wenigsten den Boten so lange anzuhalten, bis er wiederum
gebührend abgefertiget werde.« Hier schüttete ich nun wiederum einen ganzen Sack
voll Dankkomplimenten aus, die ich nach meinem Vermögen vor so hohen Personen zu
verantworten getraute, und versicherte, ich hätte den schlimmen Boten, als ich
ihn wieder angetroffen, dermassen abgefertiget, dass sein Herr leichtlich hieraus
würde abgenommen haben, wenn man den Sack schlüge, so meinte man den Esel. Indem
nun mein Prinz, welchem ich vor so gnädige Vorsorge meiner Versöhnung demütigst
die Hand küsste, der Prinzessin zu Gefallen noch einen und andern Einfall von mir
herauslocken wollte, so liess sich Mangostan, Oberkammerherr des Königs bei der
Prinzessin als ein Abgeordneter von dero Herrn Vater anmelden, welcher alsobald
vorgelassen und von der Prinzessin bei dem Eingange mit geziemender
Anständigkeit empfangen ward. Und als dergleichen auch von dem Prinzen
verrichtet war, brachte Mangostan sofort das königliche Ansinnen vor: Wie dass
nämlich Königl. Maj. die Prinzessin könig- und väterlicher Gnade versichern
liesse, welche sie auch um ein grosses vermehren würde, wenn sie dem Chaumigrem,
als welchem das ganze Königliche Haus hoch verpflichtet wäre, einen freien
Zutritt und Besuchung erlauben wollte. Über welches die Prinzessin sich dermassen
entsetzte, dass sie etliche Schritte zurücke wich und mit etwas harter Stimme
antwortete: »Wie nun? hat der König, mein Herr Vater, vergessen, dass ich eines
Königs Tochter und eines Königlichen Erbprinzens versprochene Braut bin, und
will er mir zu Schimpfe unsers hohen Hauses zumuten, mich mit einem solchen
Schandfleck der Natur gemein zu machen, welcher vielmehr Schimpf als Ehre
verdienet hat. Die Schlacht hat er durch Unerfahrenheit verloren, durch üble
Aufsicht hat er das Reich seines Kronprinzens beraubet, und wo ja Verräterei
einiger Verbindlichkeit würdig ist, so hat man solches vielmehr seinem Bruder
Xenimbrun, als ihm zu danken. Doch er habe sich so hoch verdient gemacht, als er
wolle, so ist er doch noch lange nicht würdig genung, eine Königliche Prinzessin
zu bedienen.« - »Durchlauchtigste Prinzessin«, widerredete Mangostan, »die
königliche Gnade ersetzet dessen Unwürdigkeit.« - »Doch ohne Nachteil des
Königlichen Hauses«, fuhr die Prinzessin fort, »ich frage Euch, mein Herr
Mangostan, auf Euer Ehre und Pflichten, ob mir eine solche Erniedrigung
anständig oder zu raten sei. Nicht zielet hier mein Absehen auf dessen Stand,
als welcher an und vor sich selbst öfters ein würdiger Anfang zur Krone gewesen:
Untugend aber kann auch den königlichen Tron erniedrigen. Und diese hat
gleichsam ihren Sitz in dem Chaumigrem erwählet, in ihm, sage ich, halten alle
Laster ihre gewöhnliche Zusammenkunft, wie solches der ganze Hof, ich will nicht
sagen, das ganze Reich, einhellig bezeugen würde, wo anders ohne Scheu dürfte
geredet werden. Dass sich nun I.M. mein Herr Vater, ich weiss nicht wodurch, die
Augen verblenden lassen, das ist Mitleidens würdig: dass aber sehende Augen auch
verdunkelt werden sollen, solches ist Jammerns wert und läuft wider meine Natur.
Endlich so sei auch Chaumigrem, wer er wolle, ich will ihn in unverdienten
Würden lassen, so ist es doch gemeinem Frauenzimmer eine unanständige und
nachteilige Sache, wenn sie, indem die rechte versprochen, mit der linken Hand
fremde Besuchungen annehmen. Nun aber werden die Finsternissen der Sonnen viel
genauer durch das Fernglas der politischen Welt bemerket, als etwan eines
gemeinen Sterns: wieviel mehr würde diese verhasste Gemeinschaft von mir im
ganzen Reiche beredet, und durch das geschwätzige Gerüchte mit vielen
Vermehrungen meinem verlobten Prinzen zu Ohren gebracht werden. Als wollet ihr
nur I.M. meinen kindlichen Gruss und Respekt vermelden, und selbten zugleich
untertänigst ersuchen, die Ehre seines Kindes dem Verlangen eines Fremden nicht
nachzusetzen, sondern vielmehr mir von dergleichen väterlich abzuraten.« - »Dass
diese Antwort«, sagte Mangostan hierauf, »eine falsche Auslegung einigen
Ungehorsams bei Dero Herrn Vater verursachen möchte, solches befürchte ich gar
sehr. Sollte es aber in Gnaden vermerket werden, so wäre wohl unmassgeblich zu
raten, man liesse bei sotaner Beschaffenheit eine Verstellung die eigenen
Affekten in etwas beherrschen und erlaubte, dem Befehl des Herrn Vaters zu
Ehren, eine kurze Besuchung; welche doch so eingerichtet werden könnte, dass
Chaumigrem solche nicht mehr verlangen würde, wenn er weniger Vergnügen, als er
suchet, gefunden hätte.« - »Und kein verständiger Mensch«, redete hier mein
Prinz ein, »wird Euch in keinem Verdacht einiger Gewogenheit gegen dem
Chaumigrem haben, welcher dessen Gestalt, Tun und Wesen nur in etwas weiss.«
Hierüber schien die Prinzessin etwas besänftiget zu sein und sagte: »Wer Tugend
liebt, der muss auch den falschen Schein der Laster meiden: kann ich aber
hierdurch I.M. dem Herrn Vater einigen Gefallen erweisen, und mein geliebter
Herr Bruder will mir hierin treulichst raten, so soll dem verhassten Menschen
eine kurze Gegenwart erlaubet sein.« Nach welcher Einwilligung Mangostan sofort
seinen Abschied und Abtritt nahm, die Prinzessin aber fiel meinem Prinzen
beweglich um den Hals und sagte: »Sehet, allerwertester Herr Bruder, in was vor
Hochachtung Eure Person bei mir beruhet, dass ein blosses Einreden mehr bei mir
gilt als ein königlicher Befehl. Denn bloss Eurem Einrat gemäss habe ich solche
gefährliche Besuchung nachgegeben; ich lebe aber der schwesterlichen Zuversicht,
es werde mich Prinz Balacin nicht verlassen, sondern unvermerkt von allem dem,
was bei dieser gezwungenen Zusammenkunft vorgehen möchte, ein gegenwärtiger
Zeuge sein.« Mein Prinz antwortete mit sonderbarer Bewegung: »Liebste Schwester,
wisset, dass mein Leben an Eurer Seele hanget, und dass meine Ehre und Euer Ruhm
genau zusammen verknüpfet sind; dannenhero versichere ich, dass ich ganz gerne
diesem beiwohnen wollte, wenn ich nicht befürchtete, er dürfte meine Abwesenheit
mit in die Bedingungen setzen wollen.« - »Dass sich Chaumigrem hierüber nicht zu
beschweren habe«, widerredete die Prinzessin, »so sollen diese Tapeten
verhindern, dass er Euch nicht sehen könne. Sollte ich mich aber von seiner
bekannten Unhöflichkeit allzu sehr beleidiget finden, so wird mein geliebtester
Bruder bei Anhörung des Wortes es ist genung vernehmen können, wie nötig dessen
Gegenwart und die Verstörung unsers Gesprächs sei.« - »Ich gehorsame als ein
treuer Bruder«, antwortete der Prinz, »und verpflichte mich durch dieses
brüderliche Zeichen eines ungefärbten Herzens.« Worauf sie mit diesem Verlass,
dass des Chaumigrems Ankunft beizeiten sollte verständiget werden, einander
küssende verliessen. Als wir unser Zimmer beschritten, musste ich von meinem
Prinzen eine strafende Lehre annehmen, dass es sich nämlich nicht gezieme, bei
den Höhern sich lange aufzuhalten, wenn sie in einen und andern notwendigen
Unterredungen begriffen wären, sondern gebührenden Abtritt zu nehmen: es würde
sich auch solche Erklärung dieses Hofe-Texts um ein ziemliches verlängert haben,
wenn nicht unterschiedliche Vornehme des Hofes ihre Aufwartung bei dem Prinzen
abgeleget hätten; bei derer Ankunft ich alsobald nach des Prinzens Lehre meinen
Abtritt nehmen wollte, er rufte mich aber zurücke und erinnerte mich, ich sollte
meinen Gehorsam bis zu nötiger Zeit versparen. Hier erfuhr ich nun den Zustand
des Chaumigrems umständlich, und wie er von dem Könige selbst besuchet worden,
welches gewiss eine solche Gnade, dass sie ihm wegen seiner Unwürdigkeit von
jedweden musste missgönnet werden. Bei dieser Besuchung nun hat sich der listige
Fuchs sehr krank angestellt, und mit vielen Worten bezeuget, wie er viel
geruhiger sterben wollte, wenn er nur dem Könige noch einige angenehme Dienste
erweisen, und seinen Vorsatz bewerkstelligen könnte, indem er sich feste
vorgesetzet, einige tausend Mann bei I.M. auszubitten, und bei itziger
Verwirrung in Pegu in das Reich Andesa einzufallen, selbtes wegen heimlichen
Verständnisses leicht zu erobern, und dessen Krone zu freier Willkür I.M. zu
überliefern. Solches waren nun dem Könige heftige Stacheln des Ehrgeizes
gewesen, dass er hierüber ganz vergnügt den Chaumigrem umarmet, und mit diesen
verpflichteten Worten den Zweck seines Verlangens berühret hat. »Allerwertester
Chaumigrem, einige Grundsäule dieses Reichs, nimmermehr werden die gütigen
Götter dieses zulassen, dass ich eines solchen Freundes durch den Tod sollte
beraubet werden, an welchem der Ruhm meiner Krone hanget. Ich bitte Euch um des
Gottes der Ewigkeit willen, entdecket mir Euern Gemütskummer, damit selbter
geheilet und der Leib erhalten werde. Ich schwere Euch bei dem Gott der tausend
Götter, die Hälfte meines Reichs soll zu Eurer Arznei angewendet werden. Lasset
Euch derowegen raten und helfen, werdet gesund, vollführet Euer tapferes
Vorhaben, und versichert Euch, dass ich mich alsdenn um ein kronenwürdiges Gemahl
vor Euch bewerben will.« Hierdurch wurde Chaumigrem dermassen gerühret, dass er
ganz ausser sich selbst war, und durch viele Ermunterungen des Königes kaum
konnte dazu gebracht werden, dass er mit tiefen Seufzen herausbrach: »Ach wäre
ich mit dieser Hoffnung beseliget, ich dürfte mit versicherter Gunst einer
kronwürdigen Gemahlin meinen Säbel ausziehen und mir eine Krone erobern, so wäre
mein Gemüte beruhiget, und meine Tapferkeit sollte mich ihrer bald würdig
machen.« Diese dunkele Worte konnten dem Könige noch keinen Verstand eröffnen,
weswegen er denn begierigst nachforschte: »Wie? tapferer Chaumigrem, ist etwan
eine verborgene Liebe, die Euer Gemüte fesselt; entdecket sie uns ungescheuet,
es soll Euch geraten werden, und sollte alle Welt ihre Hülfe versagen.«
Chaumigrem sah den König sehnlichst an, und sagte mit schwacher Stimme: »Ach!
Ihr. Majest. zwingen mich nicht hierzu, indem Sie selber mir diejenige Arznei
versagen werden, die mich bloss dem Tode entreissen kann.« Der König sass hierüber
in bestürzten Gedanken, und wusste nicht, ob er schweigen, oder ob er in seinem
Anhalten fortfahren sollte? Endlich brach er in diese nachdrückliche Worte
heraus: »Chaumigrem entdecket Euer Anliegen! Euch soll geholfen werden, und
sollte auch mein Kind zum Opfer dienen.« Diese Rede stürzte den Chaumigrem von
dem Lager zu des Königs Füssen, welche er umfasste und mit innigstem Seufzen diese
Worte entfallen liess: »Ach, gnädigster Herr, mein Blut ist viel zu wenig, ein
solches gnädiges Anerbieten auch nur im geringsten dankbar zu erkennen. I.M.
sind der rechte Arzt, und aus ihrem geheiligten Munde fleusst die rechte Arznei
meiner Seelen. Higvanama, ach! Higvanama, ist die Feindin meiner Ruhe, in ihren
Augen ruhet mein Tod und Leben. Grossmächtigster König und Herr, ich geniesse
unwürdigst Dero überflüssige Gnade; allein ohne der Prinzessin Gunst ist mir
dieser Zucker nur Galle, und Dero versagte Huld wird mich bald aus I.M. Augen
rücken. Derowegen hanget mein Wohl und Weh an I.M. Lippen, Sie bitten, ermahnen,
Sie befehlen, so wird Higvanama, will sie anders den Ruhm kindlichen Gehorsams
haben, folgen, und mich in das Paradies erwünschter Vergnügung versetzen.« Bei
dieser Entdeckung liess der König einige Bestürzung merken, demnach hub er den
Chaumigrem sanfte von der Erden und sagte zu ihm: »Ihr begehret etwas Hartes,
trauter Chaumigrem, ja Ihr verlanget etwas, welches in meinen Kräften nicht mehr
stehet. Higvanama ist nicht mehr in dem Zustande, worinnen sie ihr Herze einem
andern schenken könne: mit einem Worte, Higvanama ist eine verlobte Braut des
Prinzen von Siam.« - »Wie? gnädigster König und Herr«, redete hier Chaumigrem
ein, »wollten Sie wohl ein so wertes Kind Ihrem Feinde gönnen? Stehet nicht Siam
mit Pegu im Bunde und sollten nicht viel tausend Siammer unter des Xemindo
Anführung wider I.M. Wohlfahrt gestritten haben? Solches ist von einer
königlichen Weisheit nicht zu vermuten.« »Chaumigrem hat recht«, widerredete der
König, »allein durch jener Bund lässet Higvanama ihren Bund nicht brechen.« -
»Hierzu lassen Sie mich raten«, antwortete Chaumigrem, »und befehlen nur vermöge
könig- und väterlicher Gewalt, dass mir bei der Prinzessin ein freier Zutritt
erlaubet werde, so will ich bald erweisen, dass das leichtsinnige Frauenzimmer
entferntes Metall nicht achte, wenn sie nahes Gold merken. Und alsdenn nach
erworbener Gunst soll Higvanama nicht eher mein Lager betreten, sie habe denn
zuvor einen königlichen Tron bestiegen.« - »Es sei also«, endigte der König
diese Besuchung, »bemühet Euch besten Fleisses, sie zu gewinnen, an meiner Gnade
und Einwilligung soll nichts ermangeln.« Worauf er bemeldten Mangostan sofort
befehlichet hatte, der Prinzessin das Vorerzählte zu hinterbringen. Wenig Tage
darauf erhielt mein Prinz durch eigene Post unterschiedene Briefe aus Siam von
dem Prinzen Nherandi, welchem zugleich ein mit güldenem Leder überzogenes Paquet
beigefüget und die Überschrift an die Prinzessin Higvanama gestellet war.
Hierdurch ward mein Prinz höchlich erfreuet, weil er wohl wusste, was vor
ungemeine Freude er bei seinem inniggeliebten Fräulein erwecken würde. Er
schickte mich sofort nach der Prinzessin, um ihr seine Ankunft zu hinterbringen,
welche sich im Garten finden und den Prinzen dahin ersuchen liess. Weil nun mein
Prinz keinen Zeugen dieser Zusammenkunft verlangete, so nahm er mich, als seinen
unwürdigstvertrauten Diener, nur allein mit sich und verfügte sich alsobald in
den Garten, woselbst ihn die Prinzessin mit einem dermassen anmutigen Kusse
bewillkommete, dass mir auch nur durch blosses Gedenken der Mund voll Wasser
läuft. Denn gewiss, ihre Schönheit hatte sich an diesem Tage um ein hohes
vermehret, gleichsam als ob ihr die angenehme Zeitung von ihrem Prinzen ahnte.
Sie hatte sich in Grün und Silber gekleidet, und waren jederzeit die schwarzen
Locken mit Diamanten reichlich durchflochten: also dass ihre Pracht einen
ungemeinen Wettstreit mit dero blitzenden Augen verursachten. In summa,
dergleichen Schönheit war mir damals noch nie vorgekommen, dass ich öfters dem
Chaumigrem recht gab, wann nur auch seinerseits etwas Würdiges wäre vorhanden
gewesen. Allein wieder auf ihre Person zu kommen, so merkte sie bald aus des
Prinzens munterm Gesichte, dass sein Herze etwas Angenehmes vorzubringen hätte,
derowegen ihr erstes Nachforschen war, was den Prinzen zu solchem muntern Wesen
veranlassen möchte. Welches er mit lachendem Munde beantwortete: »Ein Postillon
der Liebe wird ja nicht sauer aussehen.« - »Was vor ein Postillon?« fragte die
Prinzessin ganz begierig, »ich vermeine nicht, dass Scandor sich wieder wird
einen Brief haben einschwatzen lassen.« - »Nein, meine Herzensschwester«,
widerredete der Prinz, »sondern Ihr sollt Eure Liebe verändern.« - »Was?
verändern?« antwortete sie ängstig; »nicht eher, bis die Götter mein Leben in
den Tod verwandeln.« - »Chaumigrem«, wollte der Prinz fortfahren. »Was,
Chaumigrem?« fiel ihm die Prinzessin in die Rede; »quälet mich ja nicht mit
diesem ewig verhasseten Namen, sondern entdecket doch, worinnen die Veränderung
meiner Liebe bestehen soll.« - »Hierinnen soll sie bestehen«, antwortete der
Prinz, »dass sich Eure zweifelhafte Furcht in gewisse Zuversicht verwandeln, und
die Versicherung des Geliebten Euch hierzu verbinden soll.« - »Ach wertester
Bruder«, bat sie seufzende, »quälet doch mein vorhin geplagtes Gemüte nicht
ferner, sondern erkläret mir Eure dunkele Reden, welche mich mehr verwirren als
unterrichten.« Auf welches bewegliche Ersuchen sich mein Prinz nicht länger
entalten kunnte, ihr das vergüldete Paquetgen, welches ich unter meinem langen
Oberrocke verborgen trug, zu überreichen: Welches bei Lesung der Überschrift
eine solche Bestürzung und Freude in ihr verursachte, dass die Farbe der Wangen
sich nach der Stirn zogen, und also dem ganzen Gesichte eine angenehme Röte
verursachte. Endlich erbrach sie das völlige Paquet mit bebender Hand und las
zuvörderst folgende Zeilen ab:
    Durchlauchtigste Prinzessin!
    Die höchste Freude, schönste Higvanama! so mir Zeit meines Lebens begegnet,
ist, dass ich Sie gesehen: Die tiefste Traurigkeit aber, dass ich Sie nicht mehr
sehe. Zu Ava ist alle meine Lust verblieben, statt deren ich hier in India
tausend Verdruss erdulden und empfindlichst empfinden muss, wie der schmerzliche
Verlust einer angenehmen Sache die Freude einer steten Gegenwart weit
übertreffe. Jedoch versichere ich, dass ein einiger Gedanken an Sie mir mehr
Anmut weder alles Unglück in der Welt Betrübnis zufügen könne. Ja eben die
jetzige Stunde, da mich Ihre Abwesenheit kränket, wollte ich mit den
allerzärtsten Schosskindern des Glückes nicht vertauschen. Diese beherzte
Entschliessung, bei so wichtiger Ursache zu trauren, überredet mich, dass Ihre
Rede nicht falsch gewesen, als Sie sagte: Sie hätte mir Ihr Herz gegeben. Denn
gewiss, daferne ich kein anders als das meinige hätte, würden mich so viel
widrige Anstösse leicht überwinden. Sonder Einbusse der Wahrheit: Es ist wohl ein
seltsamer Zufall, an einer einzigen Person, alles, was die Welt Schönes hat,
antreffen, dieselbe zugleich schauen und liebgewinnen: ihrer auch ja sobald, als
man in ihre Liebe kommen, wiederum verlustig werden. In gleichem Augenblicke
sein Glücke lachen und weinen, scheinen und verschwinden sehen und in solcher
Zeitkürze beides zu jauchzen und klagen befugt sein. Dieses sind die Gedanken,
womit ich die schmerzende Abwesenheit mir etlichermassen versüsse, und herzlich
wünsche, durch Dero englische Gegenwart alles Andenkens überhoben zu sein.
Inmittelst wird die unschätzbare Higvanama ihre beschworene Treue ebenfalls auf
den Fels der Beständigkeit gebauet haben, als wie ich seeleninnigst versichere,
dass ich sei bis in die Gruft Dero ewiggetreuester
                                                       Nherandi, Prinz von Siam.
    Durch welche Versicherungen sich dieses glückselige Blatt unzählige Küsse
von diesem schönen Munde zuzog, und ward ihr Vergnügen um ein merkliches
vermehret, als ihr der Prinz, welcher indessen das Paquet durchsuchte, eine
darinnen gefundene Arie überreichte, welche sie, weiln deren Melodie darzu
gesetzet war, mit entzückender Stimme folgendergestalt zu meines Prinzens
sonderbarer Vergnügung absange:
                                       1.
Mein Schicksal nähret mich mit Flammen,
Und raubt das Öl der reinen Glut,
Es will mich sonder Schuld verdammen,
Und presset manche Perlenflut
Aus dem entfernten Augenpaar,
Das mir ein Brand und dir ein Zunder war.
                                       2.
Der Himmel scheint mir selbst zuwider,
Ob gleich sein Einfluss mich beseelt,
Er leget meine Hoffnung nieder
Und hat den Schmerzen mir verhehlt.
Der auf so zuckersüsse Lust,
Ganz unverdient quält mein und deine Brust.
                                       3.
Was sonsten Aug und Ohr entzücket,
Der Anmut holder Liebesscherz,
Bleibt wohl von mir unangeblicket,
Es glänzt mein Stern nur nordenwärts.
Solang ich dessen bin beraubt,
Hab ich dem Herzen keine Lust erlaubt.
                                       4.
Will ich in Wäldern mich bemühen,
Zu suchen meiner Seelen Ruh,
So seh ich deinen Namen blühen:
Es winkt mir Higvanama zu,
Und ist den Bäumen eingeprägt,
Durch meine Hand wird dieser Schmerz erregt.
                                       5.
Das schnelle Rauschen heller Flüsse,
Hat meinen Geist zwar oft ergötzt,
Itzt mehrt es nur die Tränengüsse,
Wenn meinen Fuss das Ufer netzt,
Es ruft der Wiesen bunter Klee:
Entfernung bringt Verliebten grösstes Weh.
                                       6.
Indessen soll mich ewig zieren
Die Krone der Beständigkeit.
Man soll der Palmen Wachstum spüren,
Durch schwere Last entfernter Zeit.
Und meine Grabschrift soll dies Sein:
Die reinste Glut bedecket dieser Stein.
    Nach abgesungener Arie zog der Prinz ein güldenes mit grossen Perlen
gleichsam überschneietes Schmuckkästgen hervor, welches die Prinzessin wegen
verborgener Kunsteröffnung kaum aufzumachen wusste, bis ein grosser Saphir,
welcher unter den Perlen hervorspielete, sanfte geschoben ward, da das Kästgen
zu ihrem grossen Erschrecken jähling aufsprang, und ihr erlaubte, ein paar
Armbänder mit wunder-spielenden Diamanten herauszunehmen, nebst einem
peguanischen Hauptschmucke, dessen Blitz und Pracht fast königliche Würde zu
übertreffen schiene. Was aber der Prinzessin am angenehmsten war, das war des
Prinzen von Siam Bildnis in einer mit kostbaren Diamanten versetzten Kapsul,
welche auf beiden Seiten sehr artig geätzet, und auf dem Deckel dieses
Sinnenbild vorgestellt war: Es zeigte sich bei trüber Nacht eine Sonnenwende,
welche ihren Blumenkopf nach der Erden hing, über ihr liess sich durch die Wolken
ein Stern blicken, nebst dieser Überschrift:
                            Ich hasse fremdes Licht.
Ausserhalb an den Boden aber hatte des Künstlers Hand einen fliegenden Pfeil
vorgebildet, welcher sich gleichsam vor Müdigkeit nach der Erden senkete, mit
dieser Beischrift:
                          Weil mir das Ziel gebricht.
    Als nun dieses alles von der Prinzessin eine geraume Zeit ganz entzückt
betrachtet worden, brach sie endlich in diese Worte heraus:
    »Treuester Nherandi, wertester Prinz! verzeihe mir das bisweilen geschöpfte
Misstrauen wegen deiner beständigen Liebe, worzu mich dein so langes
Stillschweigen veranlasst. Doch wen die Liebe mit gleichen Fesseln beleget hat,
der wird wissen, wie die grösste Furcht mit der treuesten Liebe verbunden sein.
Die Götter wissen es, mit was Sorgen ich die Ruhe gesuchet, und mit was Kummer
ich jederzeit das Licht der Sonnen aufgehen gesehen.« - »Ihr seid allzu besorgt
gewesen«, redete hier der Prinz ein, »indem die beschuldigte Wankelmut sich mehr
bei dem Frauenzimmer als denen standhaften Mannsbildern verspüren lässt. Und
hätte Prinz Nherandi mit mehrerm Recht einiges Misstrauen schöpfen können, dessen
er doch mit keinem Worte gedenkt.« - »Ach schweiget, Herzensbruder«, antwortete
die Prinzessin, »das Frauenzimmer und die Liebe ist ein zartes Wesen, und wollen
auch dahero zärtlich mit sich umgegangen wissen. Was aber zart ist, das
erfordert desto mehr Aufsicht, auch sich vor dem geringsten Fehler zu hüten, ja
ich wollte sonder Mühe behaupten, dass das Frauenzimmer im Lieben viel
vollkommener sei als das männliche Geschlechte. Denn ein Mannsbild bildet sich
ein, es sei ihm in der Ferne alles erlaubet, und achtet sich eine Sonne zu sein,
von welcher auch andere Sterne ohne einige Verminderung Licht und Vergnügung
schöpfen könnten. Ein Frauenbild hingegen bemühet sich auch in der Ferne, durch
einsames Wesen erst recht beliebt bei dem Geliebten zu machen, und achtet jeden
Blick vor einen Ehebruch. Ja wenn ein leichtsinniges Mannsherz abwesende seinen
Hunger auf fremden Lippen sättiget, so lassen wir indessen unsere Seelen Durst
leiden, da es doch ihnen ebenso wohl anstünde, dass sie solche unberührte Lippen,
wie sie von denen hinterlassenen Liebsten erfordern, mit zurücke brächten. Und
weil dieses eine allgemeine und bekannte Sache ist, so ist uns ein sorgsamer
Argwohn nicht zu verdenken.« - »Ich gebe es zu«, antwortete der Prinz, »dass des
Frauenzimmers Geblüte mit mehr Flammen begeistert und dahero desto verliebter.«
- »Nicht verliebter, mein Bruder«, fiel ihm hier Higvanama in die Rede, »sondern
nur reiner und vollkommener in der Liebe. Denn wie die Liebe einen Unterscheid
kennet, und sich gleichsam in zwo Strassen teilt, deren eine zur Tugend, die
andere aber zur Unreinigkeit und Lastern leitet. Also gebe ich es gar gerne zu,
dass wir auf der erstern etwas emsiger fortwandeln. Denn die Liebe ist eine
Schwachheit des Gemütes, und also von schwachen Werkzeugen keine Stärke zu
vermuten. Inzwischen bestehet doch unser Ruhm hierinnen, dass wir eher fähig
sind, uns der Lasterstrasse zu entschlagen, als die Mannsbilder, deren sich fast
keiner rühmen kann, dass er nie die verbotenen Wege der Liebe gewandelt habe.« -
»Den Unterscheid der Liebe«, beantwortete mein Prinz, »wisset Ihr sehr wohl zu
nennen, aber der Unterscheid der Liebhabenden wird gar hintan gesetzet. Denn
sowenig dies letztere von den Männern ein gewisser Schluss ist, sowenig wird man
sich bereden lassen, es sei jedwes Frauenzimmer sonnenrein, da sie doch
jederzeit dem Monden zu vergleichen sei, welchem von den Sternkündigern viel
Flecken beigeleget werden. Ja es liesse sich dieser Satz gar leichte durch
häufige Exempel umstossen, wenn nicht das geschwätzige Gerüchte auch öfters in
der Prinzen Cabinete nachfolgte. Man schauet ja hin und wieder viel schöne
Bilder, welche der Himmel mit sattsamen Verstande begabet, dass sie die Liebe
wohl zu unterscheiden wissen: dennoch sieht man sie viel begieriger den
Nebenweg der Liebe laufen, als jemals ein Mann tun kann. Wer locket aber die
unschuldigen Männerherzen mehr auf solchen Weg, als eben diese Sirenen? Und kann
man also das Frauenzimmer nicht so gar engelrein abbilden, als sie es haben
wollen, und sich vorstellen.« - »Bei den Rosen sind Dornen«, fing die Prinzessin
hierauf an, »ja auch die Sternen sind nicht von gestirnten Missgeburten befreit:
Wie sollten sich nicht auch öfters Teufel denen reinen Geistern beigesellen und
vor Engel ausgeben. So auch alle engelrein wären, so würde Keuschheit keine
seltsame Tugend, sondern ein gemeines Wesen genennet werden. Freilich ist es zu
beklagen, ja mit blutigen Tränen zu beweinen, dass unser asiatisches Frauenzimmer
fast mehr Kometen als reine Sterne blicken lässet; da eine bereits durch das
Band der Liebe gebundene Venus den Wechsel dermassen liebt, dass öfters die
sämtlichen Planeten nicht gnugsam sind, sie durch ihren Einfluss zu stillen. Und
brennet ja noch wo ein reines Licht, welches sich keine Lasterwolke will
schwärzen lassen, so heissen dessen Strahlen einfältig, und muss öfters von den
andern einen verdriesslichen Gegenschein erdulden. Wenn aber ein solcher Stern
Raum und Gelegenheit bekommt, mit den Strahlen reiner Liebe zu spielen, alsdenn
ist meine Meinung erfüllet, dass dessen Glanz und Beständigkeit viel heftiger,
reiner und vollkommener sei als des vornehmsten Planetens der wechselliebenden
Mannsbilder.« - »Ich muss«, erwiderte der Prinz, »Beifall geben, weil meine
Meinung auch vor bekannt angenommen wird; und schliesse selbst, dass ein
tugendhaftes Frauenzimmer die reine Pflicht der Liebe viel genauer beobachtet
als einig Mannsbild, weiln sich solche jederzeit mehr Freiheit anmassen. Indessen
verbeut uns die Ermangelung eines unparteiischen Richters fernern Streit, es
wäre denn, dass Scandor durch kurze Eröffnung seiner Gedanken den Ausschlag der
Sachen täte.« - »Gnädigster Herr«, fielen meine Worte, »bei dieser Materie haben
die Gedanken mehr Freiheit als die Worte, dass es also viel sicherer ist, zu
schweigen, als sich bei dem rachgierigen Frauenzimmer durch unzeitiges Urteilen
in verhasste Gefahr zu setzen. Zudem bin ich so alber, dass ich die Liebe nur nach
ihrem Namen, nicht aber nach ihrem Wesen kenne. Ja sie würde mir ganz unbekannt
sein, wenn ich nicht die kurze Zeit, in welcher ich Dero hohe Gnade genossen,
solche Dinge gesehen, dass ich nicht weiss, ob man die Liebe einen Engel oder eine
Missgeburt nennen soll.« - »Die einfältige Wahrheit ist die beste«, redete mir
die Prinzessin ein, »so rede demnach deines Herzens Meinung ohne einige
Besorgung, von dem Unterschied der Liebe.« - »Durchlauchtigste Prinzessin«,
erwiderte ich, »Sie haben diese wichtige Sache schon dermassen wohl entschieden,
dass mein geringes Erachten ein tadelhafter Überfluss sein würde. Damit ich aber
nicht einiges Ungehorsams dürfte bezüchtiget werden, so gestehe ich gar gerne,
dass ich keiner andern Meinung bisher gewesen, als die Liebe sei ein vollkommenes
Laster, weil ich aller Orten keine andere Wirkung verspüret, als dass sie lediges
Frauenzimmer vor der Zeit in Ehestand gebracht, oder auch verheiratete Personen
dahin veranlasst, dass sie stets bemühet gewesen, eines dem andern ein härmicht
Schmach-Altar aufzubauen, und dergleichen tausendfältige Greuel mehr, welche
auch von der Einfalt selbst verfluchet werden. Wenn ich nun nachgefraget, wo
solches alles herrühre, so ist mir geantwortet worden: Von der Liebe. Ja diese
Liebe hat sogar eine neue Sprache erfunden, wie die Beutelschneider, denn wenn
ich sah, wie öfters sich die Lippen verirreten, und nach fremder Luft
schnappeten, oder wie man durch Winken, Händedrücken, auch wohl gar durch
brünstiges Umfangen einander Geheimnisse offenbarete, so nennete man dies
Freundlichkeit, wohlanständige Gebärden; welche sich aber dessen entielten, die
wurden einfältig und unverständig genennet; ja was die Priester unserer Götter
öffentlich vor Ehebruch schelten, das wird durchgehends eine Galanterie
geheissen. In summa, die Liebe wäre mir ewig verhasst geblieben, wenn ich nicht an
Ihrer Hoheit nunmehr den Unterschied selber bemerken könnte, wie rein und
unverfälscht ihr Liebes-Weihrauch, welchen Sie Ihrem Prinzen angezündet haben,
gegen den andern hässlichen Brunst-Opfern hervorleuchte.« Ich wäre hierinnen
fortgefahren, wann nicht ein Gärtner eilend wäre gelaufen kommen, und die
verdrüssliche Ankunft des Chaumigrems angekündiget hätte, wie er alsobald
unangemeldet seinen Eintritt in den Garten nehmen wollen, weilen er in den
Gedanken stehe, die Prinzessin abermals allein anzutreffen. Solches aber habe
der Gärtner durch Schliessung des Gartentores verhindert, und solches zuvor
gehorsamst hinterbringen wollen. So hoch nun die Prinzessin zuvor erfreuet und
vergnüget war, so bestürzt schiene sie hierüber zu sein, dass sie sich fast
anfangs nicht erholen kunnte, endlich meinen Prinzen ersuchte, ihr zu raten, ob
sie ihrer widrigen Neigung folgen, und ihm allen Zutritt verwehren, oder dem
königlichen Befehl nachleben, und seine verhasste Gegenwart auf kurze Zeit
vertragen sollte. Mein Prinz aber riet ihr, sich einer klugen Verstellung
anzumassen, durch kaltsinniges Bezeigen ihn von fernerer Besuchung abzuschrecken,
und also dem Willen des Königlichen Herrn Vaters ein Genügen zu tun. »Allein
wird nicht hierdurch«, wendete die Prinzessin vor, »mein Prinz abwesend
beleidiget?« - »Mitnichten«, antwortete der Prinz, »sondern Ihr werdet vielmehr
hiedurch zuwege bringen, dass auch die Feinde von Eurer Beständigkeit werden
zeugen, und Eure Liebe rühmen müssen.« - »So sei es denn«, entschloss sie sich
hierauf, »immittelst werde ich mich auf den Beistand eines tapfern Prinzens und
treuen Bruders zu verlassen wissen, wenn ja der unverschämte Mensch die Grenzen
gebührender Ehrerbietung überschreiten wollte, denn man weiss nicht, worzu einen
der Hochmut öfters verleitet. Auf derowegen mein Geist! und hilf mir sowohl
dieses Untier bestreiten, als auch den Sturm verhassten Anbringens ritterlich
abschlagen. Du aber«, befahl sie dem Gärtner, »eröffne das Tor, und vermelde
unsere Einsamkeit.« Worauf sich der Prinz nebst mir in eine dichtbelaubte
Galerie begab, die Prinzessin aber verfügte sich nach einem Springbrunnen,
welcher unferne von uns spielte, so, dass wir nicht allein die Gebärden genau
bemerken, sondern auch ihre Worte wohl verstehen konnten. Das übrige
Frauenzimmer ward, wie zuvor, befehlichet, ihre Vergnügung bei den Blumen zu
suchen. Nach weniger Zeit sahen wir den Chaumigrem mit hohen Tritten seinen
Eintritt nehmen, da er sich denn alsbald nach der Prinzessin wendete, und sich
derselben mit solcher Ehrerbietung nahte, dass es schien, als ob er mit der Nase
an die Erde gewachsen wäre, weil jedweder Schritt mit einer tiefen Neigung
begleitet wurde. Die Prinzessin aber hatte sich auf den Fuss des Springbrunnens
gesetzet, und stellte sich, als ob sich ihre Gedanken in das Lustspiel der
springenden Flut dermassen vertiefet hätten, dass sie sonst nichts mehr beobachten
könnte; deswegen sie den Kopf auf ihren Arm lehnte, und ganz unbeweglich sitzen
blieb, ob sich gleich Chaumigrem dermassen genähert hatte, dass er sie auch
allbereit anzureden begunnte. Da wir denn das Gespräche folgendergestalt gar
wohl vernehmen konnten, und zwar waren dieses des Chaumigrems erste Worte: »Wie
so einsam und betrübt, schönste Prinzessin?« - »Wer von vergnügten Gedanken
begleitet wird«, antwortete sie hierauf, »der ist nicht einsam, und die
Vergnügung verstattet keine Traurigkeit.« - »Dennoch«, erwiderte er, »lässet
sich einiges Betrübnis gar deutlich aus Dero englischem Angesichte lesen.« - »Wo
ja«, sagte sie, »einiges Betrübnis vorhanden, so wird die Ursache billig dem
zugeschrieben werden, welcher mich in solchen angenehmen Gedanken verstöret.«
Chaumigrem fuhr fort: »Das wollen die Götter nicht, dass ich ein Zerstörer der
Anmut sein sollte; vielmehr wollte ich wünschen, dass ich sotane vergnügte
Gedanken verursachen, und mich in Dero verliebtes Andenken einschliessen könnte.«
Higvanama erwiderte: »Weil keine Vergnügung so vollkommen ist, welche nicht von
einiger Unlust begleitet werde, so kann Er leicht auch in meine Gedanken
kommen.« Chaumigrem gab zurücke: »Solches wird mich mehr vergnügen, als ein
Paradies, und solches Andenken übertrifft die Hoheit des Himmels.« Hier hätte
sich mein Prinz fast durch Lachen verraten, indem die verliebte Einfalt nicht
verstund, wohin die Unlust zielte. Immittelst fuhr Chaumigrem fort: »Es wird
aber, schönste Prinzessin, meine untertänigste Aufwartung nicht übel gedeutet
werden, wenn ich vor allen andern, als ein genau verbundner Freund und Diener
dieses Hofs, zu allererst mein sonderbares Beileid wegen des Unfalls, welcher
Dero hohe Person am meisten betrifft, schuldigst zu bezeugen, bemühet lebe.« -
»Was vor einen Unfall?« fragete die Prinzessin ganz begierig: »Ich will nicht
hoffen, dass der Herr Graf noch darzu ein Unglücksbote sein wird.« - »Ehe ich der
erste Anbringer«, erwiderte Chaumigrem, »eines noch unbewussten Trauerfalls sein
wollte, so will ich lieber schweigen, und diese verhasste Zeitung zu überbringen,
einem andern gönnen.« - »Hierdurch aber«, hörten wir die Prinzessin reden,
»werde ich um so viel mehr beleidiget, nachdem ich durch Selbten in kummerhaften
Zweifel, und durch dessen nunmehro unzeitiges Stillschweigen in sorgsame
Ungewissheit versetzet werde.« - »So soll Dero Befehl«, antwortete Chaumigrem,
»gehorsamst vollzogen werden, wenn ich durch denselben gezwungen berichte, wie
vor zweien Tagen ein Kurier aus Siam die betrübte Zeitung von tödlichem Hintritt
des tapfern Prinzens Nherandi gebracht, und hierdurch sowohl Dero Königl. Herr
Vater als auch der ganze Hof in sonderbares Leidwesen gestürzet worden.« - »Und
dieses«, fragte die Prinzessin mit flüchtigen Augen und erblassten Lippen,
»sollte mir mein Herr Vater verschwiegen haben?« - »Solches wird I.M.«, hörten
wir Chaumigrem erwidern, »klüglich verbergen und zu gelegener Zeit erst
hinterbringen wollen, damit Dero Gemüt durch allzu geschwinde Nachricht nicht zu
heftig betrübt werde. Ich beklage mein Unglück, dass ich solche Vorsichtigkeit
unterbrechen und der erste Trauerbote sein müssen, welches Dero strenger Befehl
verursachet hat. Inmittelst, weil ich weiss, dass durch diesen Verlust ein
ziemlich Anteil Ihres Herzens verloren gangen, als bin ich kommen, mein
ungefärbtes Beileid zu bezeugen, und seelen-innigst zu wünschen, dass die Götter
doch diesen erblassten Stern durch eine Sonne ersetzen wollen.«
    Hier wurde mein Prinz anfangs selbst in etwas bestürzt, als er aber sich
erholte, und die Umstände genau überlegte, so konnte er sich nicht gnungsam über
die Arglistigkeit dieses verliebten Feindes verwundern, und erwarteten wir mit
Verlangen, wie solche erdichtete Zeitung von der Prinzessin würde aufgenommen
werden. Diese nun konnte sich anfangs allerdings nicht begreifen, indem auch nur
die blosse Erinnerung von ihrem geliebten Prinzen mächtig gnung war, sie in
betrübtes Nachsinnen zu setzen. Derohalben sass sie eine Weile mit
niedergeschlagenen Augen ganz unbeweglich, ausser dass man einige
wangen-abrollende Tränen verspüren konnte. Wie aber ihre himmlische Schönheit
mit einem vollkommenen Verstande jederzeit vermählet war, also merkte die kluge
Prinzessin alsbald, worauf solch listiges Vorbringen zielte, dannenhero sie sich
im Gemüte, nicht aber in betrübten Gebärden fassete, und sich anstellete, als ob
sie allem vollkommenen Glauben zustellte, auch ganz wehmütig fragte: »Mein Herr
Graf, Er betrübe mich nicht ohn Ursach, sondern entdecke mir die Wahrheit.« -
»Durchlauchtigste Prinzessin«, erwiderte Chaumigrem, »die Götter wollen das
nicht zugeben, dass ich Dero hohe Person durch einige Unwahrheit beleidigen
sollte. Inmittelst wünsche ich, dass mein Vorbringen durch bald ausbrechende
Hoftrauer nicht möge bekräftiget, und der betrübte Fall allzu wahr erfunden
werden. Und weil man einen Zweifel in meine Worte setzen will, so sollen diese
Zeilen von dem sterbenden Prinzen zwar stumme Zeugen meiner Wahrheit, zugleich
aber eine herbe Vermehrung Ihres Betrübnisses sein.« Mit welchen Worten er einen
Brief hervorzog, den er ausgab, als hätte ihn solchen der Kurier mitgebracht,
und er ihn von dem Könige erhalten. Wie wir aber hernach erfahren, so hatte
Chaumigrem einen von dem Prinzen Nherandi erlassenen Geheimschreiber auf seine
Seite durch Geld gebracht, welcher sich unterstanden, des Prinzen Hand
nachzumalen, und diesen Brief zu verfertigen. Die Prinzessin kunnte sich anfangs
wiederum in die listige Verwirrung nicht finden, angesehen sie auf den
Titelblatte einige Gleichheit von ihres Prinzen Schreibart erblickte, da sie ihn
denn mit zitternder Hand erbrach, und diese Worte daraus las:
    Schönste Prinzessin!
    Es scheinet, als ob mich der Himmel nicht würdig gnung achten wollte,
künftiges eine solche überirdische Schönheit in Dero englischen Person zu
besitzen: dannenhero er mir nicht allein durch harte Schwachheit meine Gestalt
entzogen, sondern auch gleich den sterbensbegierigen Geist zu sich abfordern
will. Mit kurzem: ich sterbe, und nehme durch ein bereit gebrochenes Adieu
entfernten Abschied von der liebgewesenen Higvanama. Weil nun der Todeszwang
unsere Liebe trennet, so wird sie nach angeborner Klugheit meine kalte Stelle
durch einen würdigen Nachfolger zu ersetzen und mich lebenslang in Dero guten
Andenken zu erhalten wissen als
                                 Der Prinzessin von Ava treu gewesenen Nherandi.
    Zugleich war diese Abschieds-Arie beigefüget:
                                       1.
Ich sterbe;
Weil das Verhängnis spricht:
Dass diese Glut verderbe,
So lesche Flamm und Licht.
Ich sterbe.
                                       2.
Ich sterbe.
Des Lebens Balsam schwindt,
Die Gruft ist Tron und Erbe,
Der Adern Quell gerinnt.
Ich sterbe.
                                       3.
Ich sterbe.
Hier kommt der letzte Kuss.
Es schmeckt das Scheiden herbe,
Wann man sich trennen muss.
Ich sterbe.
                                       4.
Ich sterbe.
Nun hast du freie Macht,
Die ich wie du erwerbe.
Prinzessin gute Nacht.
Ich sterbe.
    Solche scheinbare Vorstellung hätte ein leichtgläubiges Gemüte leicht
besiegen können, wenn nicht die Prinzessin ihre kluge Vernunft zu Rate gezogen,
und ihres Prinzen wahrhafte Handschrift gegen diesen betrugvollen Zeilen
gehalten hätte: da sie nicht allein einigen Unterscheid der Hand, sondern auch
die ungleiche Zeit bemerkte, indem der falsche Brief fast acht Tage älter war
als das letztere mit vorerwähnten Liebesgeschenken begleitete Schreiben. Ob nun
zwar die Prinzessin durch sotanes vernünftiges Nachsinnen augenscheinlich
erkennen kunnte, wie arglistig Chaumigrem sie zu hintergehen suchte, so kunnte
sie sich doch nicht zwingen, dass sie bei so traurigem Andenken, ob sie es gleich
falsch befand, dennoch mit einigen Tränen ihre reine Liebe zu erkennen gab,
welche ihr aber zu angenommener Verstellung, also ob sie es glaubte, artig
zustatten kommen: dahero sie in diese betrübte Worte herausbrach: »Unglückliche
Higvanama! verlassene Prinzessin! so musst du denn nur allein das Ziel der
unbarmherzigen Götter sein, nach welchem sie alle Pfeile des Unglücks richten,
und schlägt nur ihr Blitz immer auf eine Stelle? Grausames Verhängnis! wie
verwandelst du die Krone meiner Hoffnung in einen Zypressenkranz, wenn mein
wertster Prinz statt wohlverdienten Purpurs in einen Sterbeküttel gehüllet wird.
Ach Nherandi, mein Leben! Nherandi mein Licht! du Seele meiner Seelen! Es
schweben meine Lebensgeister schon um deinen Schatten, weil mein Lebensschiff
notwendig scheitern muss, nachdem du als mein Anker zerbrochen bist. Doch ach!
Liebster Prinz! was beweget dich zu diesem Zweifelmut, dass du mir die Freiheit
nach deinem Tode erlauben willst, deine kalte Stelle mit einem andern zu
ersetzen? Nein, nein, englischer Prinz, wahre Liebe trotzet den Tod, und ihre
Fackel brennet auch in dem Sarge; ja die Liebe ist das ewig währende Feuer,
welches viel Kunstverständige anzuzünden sich vergebens bemühet haben. Die
Liebe, welche die Götter mit den Menschen und die Erde mit dem Himmel verbunden
hat, wird zwar durch des Todes Pfeil verwundet, aber nicht getötet, ihre Glut
wird nicht ausgelöscht, es mögen auch die Winde der sterbenden Zufälle rasen,
wie sie immer wollen. Derowegen soll auch dir, nunmehro unsterblicher Prinz,
meine unsterbliche Liebe gewidmet, und dieser irdische Leib ein ewiges Opfer der
göttlichen Keuschheit sein und verbleiben. Ja ich will meine Gelübde vor einen
brennenden Deweta8 leisten, dass meine Seele in unverrückter Treue deine Seele
begleiten, und mein Leib, bis zu gesetztem Lebensziel in steter Einsamkeit sein
Auge vor fremder Liebe bewahren soll.« Diese Worte waren lauter stachlichte
Dornen in Chaumigrems Herzen, also dass man seinen Verdruss aus dem finstern
Angesichte leichte erkennen konnte, wiewohl er solche Gemütsbewegungen möglichst
zu verbergen trachtete, und der Prinzessin mit diesen Worten einzureden sich
unterfing: »Wie schönste Prinzessin? soll die Sonne Ihres berühmten Verstandes
in einem toten Meere untergehen? und will Sie das Licht hoher Vernunft bei den
Sterbenden anzünden? Nein, das verstattet Dero weltbekannte Tugend nimmermehr,
und Dero Vernunft, welche als ein Bleimass jedes Meer zu ergründen vermag, rät
Ihr viel ein anders, als dass Sie sollte eine tote Liebe lebendiger Anmut
vorziehen. Denn es würde der Himmel statt verhoffter Belohnung der Treue eine
scharfe Rechnung wegen anvertrauten Schatzes sotaner Schönheit fodern, wenn Sie
dessen Wert gleich ungenützten Eisen durch den Rost verzehren liesse. Vergrabne
Schätze und ein Quell, welcher in den Sand versinket, wird von dürftigen Händen
und durstigen Lippen verflucht, weil sie denen Menschen ihren von dem Himmel
gewidmeten Nutzen verweigern.« Wir mussten uns gleichwohl über diese Reden des
Chaumigrems höchlich verwundern, wenn wir sonst dessen vorgedachte Reden und
ungeschickte Schriften dargegen hielten, deren Unförmlichkeit wir einer heftigen
Liebeswürkung zuschreiben mussten. Denn wo die Liebe raset, da strauchelt der
Verstand, ja der klügste Mann wird zum Narren. Von dieser Verwunderung aber
zogen uns der Prinzessin Worte bald ab, als wir sie so reden hörten: »Diese
Gründe sind viel zu schwach, den festen Vorsatz zu hindern, denn wohl dem,
welcher seine Klugheit in dem Sarge suchet, und das Gold seines Verstandes auf
den Probierstein der Sterblichkeit streichet. Gewiss aus dieser Mitternacht
scheinet die Sonne, und wer in dieser Lebens-See seine Augen stets nach der
Bahre richtet, dem muss die Tugend wie ein heller Pharos leuchten. Zudem achte
ich davor, dass wie die Götter unserm Leben nur ein Ziel, nämlich den Tod, also
auch das Verhängnis unserer Liebe nur ein Ziel gesetzet habe: welches, so es uns
der Himmel aus den Augen rücket, wir dennoch im Herzen behalten, und die völlige
Geniessung bis ins ewige Niba versparen, uns aber desselben inmittelst durch
keine fremde Wahl unwürdig zeigen, noch dem in das gestirnte Buch des Himmels
eingeschriebenen Ratschluss widerstreben sollen. Denn wo einmal reine Liebe durch
den Tod betrübet wird, da ist die Keuschheit der beste Schatz in der Welt, und
alle Liebe ist alsdenn nur ein Irrwisch, dessen Glanz von unreinen Seelen
entspringet.« - »Durchlauchtigste Prinzessin«, erwiderte Chaumigrem, »Sie
geneusst zwar des Nektars der Liebe, aber nur aus einem leeren Becher: Sie kann
zwar das Wesen der Liebe in etwas vormalen, worinnen sie aber bestehe, solches
weiss Sie nicht zu sagen. Derowegen lasse Sie die Toten ihre Toten begraben, Sie
aber, als eine Gleichheit der vollkommensten Göttin, liebe die Lebenden und
versichere sich, wo Sie einmal auf die rechte Spur der Liebe geraten, Sie den
Wegweiser küssen werde.« - »Mit Prinz Nheranden«, antwortete die Prinzessin,
»fällt mein Stern ins Grab, und ausser diesem Lichte erwähle ich die Finsternis,
ja mein Geist soll nunmehro nur mit seinem eignen Schatten buhlen. Meine Seele
soll aus seiner Asche Lust schöpfen, und sein Tod soll alles, was in mir Liebe
heisst, vertilgen. Denn wo Herz und Luft trübe ist, da wird Sonne und Brunst
dunkel.« - »Nicht so, durchlauchte Higvanama«, redete Chaumigrem ferner ein, »wo
Sterne schwinden, da geht die Sonne auf, und Nherandi Anmut ist hundert Seelen
eingepflanzet, welche sich ebensowohl Ihrer Liebe würdig machen können. Der
Himmel selbst zählet Sie nunmehro durch den Mund des sterbenden Prinzen los von
aller Pflicht, wodurch sich verliebte Herzen verbinden, und ist schon vergnügt,
über die zweijährige Beständigkeit, welche Sie Ihrem noch lebenden Prinzen
erwiesen hat, ja er will Sie nunmehro durch einen angenehmen Liebeswechsel
bekrönen, wo nicht verbessern. Denn wie die Sonne bald diesen bald jenen Stern
küsset, und sich auch der Mond bemühet, durch öftere Veränderung seiner Gestalt
dem Himmel durch sein einfaches Licht keinen Ekel zu erwecken; also glaube Sie
nur, überirdische Prinzessin, dass keine grössere Anmut, denn in dem Wechsel der
Liebe, gefunden werde.« - »Der Sonnen«, widerlegte die Prinzessin, »schreibet
man Finsternissen zu, und dem Monden legt man Flecken bei; eine keusche Seele
aber soll bedenken, dass sie ein Spiegel der reinen Gotteit sei, welcher sich
durch kein lüstern Auge beflecken lasse. Ich aber bin dem Prinzen Nherandi mit
Leib und Geist bis in die dunkele Gruft verpflichtet: und wie ich bis daher in
keuscher Liebe und reiner Anmut seiner Person beständig geblieben; also soll
auch hinfort in der rauhen Schale der Einsamkeit die Keuschheitsperle gezeuget
und ernähret werden, bis mich der Tod, als das Ende der Natur, dem
unvergleichlichen Nherandi, der Unsterblichkeit nach, beigesellet.«
    Bis hierher hatte die Prinzessin ihre verstellte Person so wohl gespielet,
dass wir selbst nicht wussten, ob es Ernst oder Scherz, indem sie solche Worte mit
so anmutiger Traurigkeit vorbrachte, dass man fast zu einigem Mitleiden beweget
wurde. So artig sie nun ihren falschen Beifall vorzubringen wusste, so künstlich
entdeckte Chaumigrem seine Herzenmeinung, dass, wem nicht seine Anschläge zuvor
bekannt waren, bisher unmöglich aus seinen Reden etwas Gewisses schlüssen
konnte, bis endlich die verliebte Ungeduld hervorbrach, und er sich mit
folgenden Worten etwas deutlicher, wo nicht allzu deutlich, zu erkennen gab:
»Das Verhängnis aber«, sagte er, »und Dero Königlicher Herr Vater befiehlt, Sie
soll lieben.« - »Ich weiss zwar wohl«, versetzte die Prinzessin, »wie man den
Schluss des Himmels verehren soll: allein hier kann ich keinen Befehl noch Anlass
zur Liebe vermerken, wenn er mir dasjenige, was ich lieben soll, raubet, und
dadurch das Gesetze der Liebe aufhebet. Mein Herr Vater aber kann mir hierinnen
nicht befehlen, weil seine Krone dem Verhängnisse und sein Szepter der Liebe
selbst unterworfen ist. Zudem lässet sich meine Liebe durch keinen Befehl
zwingen, solange kein liebenswürdiger Nherandi vorhanden ist, welchem ich doch
ein freiwilliges Liebesopfer bringen würde.« - »Ist gleich kein Nherandi
vorhanden«, brach endlich Chaumigrem heraus, »so ist doch noch wohl der tapfere
Chaumigrem einer Prinzessin würdig.« Ob sie sich nun zwar über solche
Freimütigkeit nicht wenig entrüstete, so fasste sie sich doch möglichst und
beantwortete es glimpflich mit diesen Worten: »Es sei Chaumigrem, wer Er wolle,
so wird doch Nherandi, dessen Tapferkeit mir weit besser bekannt, ewig mein Herz
besitzen: dem erwähnten tapfern Chaumigrem aber will ich sein anderwertiges
Vergnügen nicht missgönnen.« Hierauf nun liesse Chaumigrem seiner grosssprechenden
Hochmut den Zügel völlig schiessen, als er mit veränderter Stimme herausfuhr:
»Und diese Vergnügung wird Sie ihm auch gönnen müssen. Dem tapfern Chaumigrem,
welcher durch seinen Bruder neun Kronen bestreiten lässt, um sie auf sein Haupt
zu setzen und alsdenn von allen denjenigen Rache zu fodern, welche anjetzt seine
Liebe kaltsinnig hintan setzen. Ja ich, ich bin die rechte Hand und die Stütze
dieses Königreichs, vor mir zitterte Xemindo, und als ich ihm nur den Rücken,
geschweige das Angesichte kehrte, ward er feldflüchtig. Ich habe in dem Blute
der Feinde bis an die Knie gestanden, und mein Arm erstarrte über der
Niedermetzelung so vieler kühner Peguaner, derer öfters ihrer Fünfe zugleich die
grausame Würkung eines Lanzenstosses von mir empfunden haben. Die Stückkugeln,
welche gleich denen Mücken im Sommer haufenweise durch meine Haare flogen,
ermunterten meinen vorhin heroischen Geist zu desto grösserer Tapferkeit: und wo
ich nur meine blitzende Augen hinwendete, da fleheten mich die kniende Feinde
mit Tränen um ihr Leben an; ja ich glaube nicht, dass ein Winkel auf Erden sei,
in welchem nicht mein Name erschollen, und aufs glorwürdigste angebetet werde.
Sogar, dass ich befürchte, man möchte Abgötterei mit mir treiben, und mein Bild
statt eines Kriegsgottes anbeten: dieses allein, welches noch wie nichts gegen
dem, was ich verschweige, zu rechnen, ist mehr als würdig, dass sotane ungemeine
Tapferkeit mit würklicher Gegenhuld einer Prinzessin, vor dero Wohlfahrt sie
angewendet worden, belohnet werde.« - »Der Herr Graf entrüste sich nur nicht«,
antwortete ihm die Prinzessin mit verächtlichem Gesichte, »indem ich erzählter
Tapferkeit ganz unwissend bin, auch niemals von dem tapfern Chaumigrem etwas
gehöret habe, ausser, als unsere unglückselige Truppen verwichener Zeit von dem
Xemindo durch üble Anführung ihres mir unbewussten Feldherrns geschlagen worden,
und sich haufenweise vor diese Festung reterierten, da ersah ich unter andern
feldflüchtigen einen in ganzvergüldten Harnisch versteckten Reuter daherrennen,
welchem Furcht und Schrecken aus den Augen sah, zumal er in der Angst die
Sturmhaube verloren hatte; diesen liesse ich mir vor einen Chaumigrem bedeuten:
dass es aber der tapfere Chaumigrem gewesen sei, solches kann ich nicht glauben.«
- »Den soll der Blitz rühren«, fuhr er im Zorn heraus, »welcher mich so übel
angedeutet, und wollte mir die Prinzessin dessen Namen kundig machen, so schwere
ich, er sollte durch einen Streich meines mächtigen Säbels in tausend Stücke
zergliedert werden. Allein auf den Zweck unsers Vorhabens endlich zu kommen, so
wisse Sie, Prinzessin, dass des Königlichen Herrn Vaters ernstlicher Wille und
Befehl ist, die Stelle des verblichenen Prinzen von Siam mit meiner der Liebe
nicht unfähigen Person zu ersetzen, und Ihr Herze dem zu widmen, welcher Sie
künftig als ein mächtiger König wird zu lieben wissen.«
    »Hochmütige Einfalt!« erwiderte die Prinzessin, »auch sklavische Gemüter
suchen im Lieben ihre Freiheit, und ich als eine freigeborne Königliche
Prinzessin soll mich zwingen lassen, einen Sklaven der Laster zu lieben?
Unverschämter Graf, schämet Euch in Euer Herze, dass Ihr Euch unterstehet, mit so
handgreiflichen Lügen mir den Tod meines geliebten Prinzen einzubilden, von
welchem ich doch vor zwei Stunden erst schriftliche Versicherung seines Lebens
und beständiger Liebe erhalten: Dass Ihr also notwendig mit Eurem erdichteten
Vorgeben zuschanden werden müsst.« Welche Worte sie mit Vorzeigung des rechten
Briefes begleitete und den Chaumigrem nicht wenig schamrot machte. Wie aber den
Hochmut gemeiniglich eine unverschämte Tollkühnheit begleitet, also sagte er
ganz verzweifelt: »Prinz Nherandi sei tot oder lebendig, so will ich doch das
Wort des Königes von Ava erfüllet wissen, welcher mir versprochen, seine Tochter
solle mich lieben. Widrigenfalls soll dieses Land durch meine Waffen
überschwemmet, und alles Frauenzimmer in ganz Ava meiner verachteten Liebe
aufgeopfert werden. Ja das Königliche Blut soll lange nicht kräftig genung sein,
meine Rache nur im minsten zu kühlen, Prinz Nherandi aber soll im glühenden Ofen
seinen unzeitigen Eintrag der Liebe bereuen.« Hier kunnte mein Prinz kaum die
Losung von der Prinzessin erwarten, als er solche freche Drohworte anhören
musste: Jedennoch hielt ihn der Prinzessin Antwort noch etwas zurücke, welche wir
folgendergestalt höreten: »Hütet Euch, Herr Graf, und missbrauchet nicht meine
Geduld: Denn ob zwar Eure Vermessenheit was anders verdienet hätte, so gibet man
Euch doch noch Bedenkzeit, die rasende Begierde zu dämpfen, sonsten wird man
Euch lehren, mit königlichen Personen gebührend umzugehen.« - »Auch die ganze
Welt ist zu wenig«, fuhr er ganz rasend fort, »meine Liebe zu hindern: Und meine
Macht zu bezeugen, so raube ich diesen Kuss mit Gewalt von Ihren Lippen.« Worauf
er die Prinzessin höchst vermessen anfiel, dass sie kaum diese Worte: »Es ist
genung, Prinz Balacin!« schreien kunnte. Allein, ehe sie noch solche
Losungsworte geendiget hatte, war mein Prinz dem Chaumigrem schon auf dem Halse
und stiess ihn mit der Hand so unsanfte von der Prinzessin hinweg, dass er
gestreckt auf den Rücken fiel, und sich lange nicht besinnen kunnte, was vor ein
Zufall ihn zu dieser Niederlage gezwungen hatte. Endlich, als er meinen Prinzen
erkannte, sprang er wiederum auf, und fuhr ihn mit diesen Worten an: »Verwegener
Prinz, diese Schmach soll Euch gereuen, und indem Ihr den Augapfel Eures Vaters
beleidiget, und mich an meiner vorgesetzten Vergnügung verhindert, so schwere
ich bei allen Furien, mich an Euch und der unempfindlichen Higvanama zu rächen.
Zu erweisen aber, was Chaumigrem gelte und vermöge, so sollen Götter und
Menschen mich nicht an meinem Vorsatze hindern.« Nach welchen Worten er wiederum
als rasende auf die Prinzessin zulief, und schiene es, als wollte er zu Sturme
laufen, nicht weiss ich, ob er die Prinzessin küssen oder sich gar an ihr
vergreifen wollte. Dieser Sturm aber wurde ihm hässlich abgeschlagen, denn mein
Prinz antwortete ihm kurz, und sagte: »Du unverschämter Cujon bist meines Säbels
nicht würdig«; womit er ihm zugleich mit der Hand ein solches accidens in das
Angesichte warf, dass die Nase durch solchen Aderschlag eine blutige
Empfindlichkeit zu erkennen gab. Hierauf sprang Chaumigrem zurücke, entblösete
seinen Säbel und rief seinen Leuten zu, welches sechs verwegne Kerle waren, sie
sollten zuhauen, und ihres Herrn Ehre retten. Diese kühne Gesellen nun durften
sich unterstehen, nebst ihrem Herrn mit gesamter Hand auf einen Königlichen
Prinzen in seiner Burg und väterlichen Residenz mit blossen Säbeln einzustürmen.
Weswegen denn mein Prinz gleichfalls gezwungen wurde, seinen Säbel zu zücken,
dem ich mich treulich beigesellte, und also unser zwei sich gegen sieben in
einen ungleichen Kampf einliessen. Wie nun mein Prinz durch seine Tapferkeit sich
des einen Feindes durch einen Gurgelhieb entledigte, und einen andern durch
Beraubung der rechten Hand zum Gefechte untüchtig machte, also dummelte ich mich
auch rechtschaffen unter diesen Schelmen herum, und gedachte, haben dich die
Götter in verwichener Schlacht unter so viel tausend Feinden erhalten, so werden
dich auch diese wenige nicht fressen. Welches mir auch dermassen glückte, dass ich
dem einen, welcher heftig auf mich los ging, mit dem blanken Linial einen
solchen roten Strich über das Gesichte zog, dass er vor Blut nicht mehr sehen
kunnte, und fast tot zur Erden fiel: wiewohl ich von einem andern hier über die
linke Hand zur Rache gezeichnet wurde, welches mich, wiewohl zu spät, lehrete,
ich sollte, wann es an ein Hauen ginge, nicht die linke Hand vorwerfen, sonst
würde man auf den Schild geklopft. Chaumigrem hielte sich indessen frisch hinter
seinen Leuten, seine Tapferkeit durch heftiges Zuschreien ersetzende. Und ob
zwar sowohl der Prinz als ich bemühet waren, dem Haupte dieses Streits eine
verdiente Schlappe anzuhängen, so wusste er doch so behende hinter seinen
Vorfechtern herumzuspringen, dass man geschworen hätte, er gäbe einen Seiltänzer
ab. Währenden Kampfes war das Frauenzimmer nach dem Gartentore gelaufen, und
hatte die Burgwache herzugerufen, von welcher denn in zwanzig Mann stark bald
herzu eileten, und mit verkehrtem Gewehr uns dermassen entsetzten, dass Chaumigrem
und seine Leute im Augenblicke ihre Säbel verloren, und sich ungeachtet vieles
Widerredens gefangen geben mussten: Da sie denn der Prinz in den Turm bis auf
fernere Verordnung zu führen befahl. Wie sich nun Chaumigrem ganz Ava zu Feinden
gemacht hatte; also empfand er auch bei dieser Gelegenheit den wirklichen Hass
der Soldaten, indem fast jeder Schritt mit einem Rippenstoss begleitet ward.
Allein, was wunder? Chaumigrem war unter so unanständiger Begleitung kaum
hundert Schritte von dem Garten gelanget, so kamen über fünfzig bewährte Mann,
welche auf des Königs Befehl nicht allein den Chaumigrem mit seinem Anhange auf
freien Fuss stellten, sondern auch die Wacht dargegen in gefängliche Haft
einzogen. Wie heftig solches meinen Prinzen verdross, und wie unbillig solches
von einem Vater, ja von einem Monarchen verfahren war, dieses überlasse ich Dero
reiferem Nachdenken. Was wollten wir tun? Wir mussten an der trockenen Rache,
welche Chaumigrem von der Wache empfangen hatte, vergnüget sein, und mein Prinz
verfügte sich voller Verdruss nach seinem Zimmer. Morgens darauf wurden sofort
die Reichsräte berufen, als ob ein grosser Feind vorhanden wäre, welchen der
König den gestrigen Streit entdecket hatte, mit Begehren, erspriesslichen Rat zu
erteilen, auf was Art und Weise solche Uneinigkeit möchte beigeleget, und der
Prinz mit Chaumigrem versöhnet werden. Chaumigrem hatte dieses kaum erfahren, so
war er ungescheut vor den König und die Räte getreten, hatte mit hochtrabenden
Worten und vielen Unwahrheiten die Ursache gestrigen Kampfes vorgebracht, und
gebeten, weilen ihm der erwiesene Schimpf unmöglich zu ertragen wäre, man wollte
ihm erlauben, seine Sache wider den Prinz durch einen Zweikampf auszuführen. Ob
nun zwar die sämtlichen Räte diesem unanständigen Begehren durchaus
widersprachen, so war doch die rasende Gewogenheit gegen dem verhassten
Chaumigrem in des Königs Herzen dermassen eingewurzelt, dass er sich nicht
enblödete, das Leben seines einigen Erbprinzens und die Wohlfahrt des ganzen
Reichs auf die Spitze zu setzen und an einen stockfremdem Menschen zu wagen:
deswegen ihm denn der König Vollmacht erteilete, seine Sache nach eigenem
Begehren auszuführen.
    Noch selbigen Tages wurde meinem Prinzen von diesem verwegenen Menschen
durch einen Bramaner folgende Ausforderung eingehändiget:
    Prinz von Ava!
    Wo Eure Faust so tapfer den Säbel zu führen, als verwegen einen Feldherrn zu
beschimpfen ist, so werdet Ihr Euch morgen frühe vor dem Schlosstore ohne andere
Waffen als Säbel und Schild einfinden, und allda der grausamsten Rache von
meiner Hand gewärtig sein. Solches geschiehet auf Königlichen Befehl und
Erlaubnis, und es erwartet Euer
                                                                     Chaumigrem.
    »Verfluchte Raserei! Unartiger Vater!« redete der Prinz hierauf zu sich
selbst, »ist dieses wohl jemals in ganz Asien erhöret worden, dass ein
Königlicher Prinz auch in dem Schosse seines Vaters vor Schimpf und Überfall
nicht könne gesichert sein, ja dass ein geborner König einem fremden und
nichtswürdigen Menschen blutige Rechenschaft von eigner Hand geben soll? Blitz
und Schwefel auf deinen verdammten Kopf, du frevelhafter Bösewicht! Ich kenne
bereits die Zuneigung der getreuen Avaner, welche auf mein blosses Winken viel
eher bei tausenden ihr Leben aufopfern als einen Blutstropfen von mir nehmen
lassen würden. Diese will ich dir vorstellen, und von diesen magst du deine
vermeinte Rache nehmen. Doch nein! Sollte mir dieses wohl anständig sein, mich
fremder Hülfe zu bedienen, und zwar gegen einen solchen Feind, dessen Tapferkeit
in den Füssen und der Mut auf der Zungen beruhet. Weil ihn denn mein Vater würdig
erkennet, mit einem Prinzen zu fechten, so sei es denn. Gehe demnach hin«,
wendete er sich zu dem Bramaner, »und sage deinem närrischen Herrn, ich wolle
mir endlich die Mühe nehmen, und ihm um meines Vaters willen die Ehre gönnen,
dass er von meiner Faust sterbe, ob er wohl des Henkers Bemühung verdienet
hätte.« Folgenden Morgen verfügte sich mein Prinz nebst mir ganz allein nach dem
bestimmten Platz, hatte einen viol-braunen Rock, seinen Verdruss anzudeuten,
angezogen, und eine rote Feldbinde darüber gebunden. An der Seiten hing ihm ein
mit Türkoissen reichlich versetzter Säbel, und den linken Arm beschwerte ein
hell polierter Schild. Als wir uns dem Platze genähert hatten, sahen wir den
blutdürstigen Vater an einem Fenster liegen, welcher bei widrigem Erfolg sich
gar wohl getraute, den blutigen Tod seines Sohnes mit anzuschauen. Es war ein
Kreis von zweitausend bewährten Soldaten geschlossen, welches mehr auf die
Sicherheit des Chaumigrems als Beschützung des Prinzens angesehen war. Bei
unserer Ankunft wurde der Kreis geöffnet, und wir ehrerbietig eingelassen, alles
aber ging mit so einer ungemeinen Stille zu, als wenn jedes vor Verlangen nach
der Sachen Ausgang verstummet wäre. Wir funden noch keinen Feind vor uns, dahero
denn der Prinz voller Bitterung fragte: wo denn der künftige Erbe von Ava
bliebe? er würde gewiss bei dem Könige zuvor ein Frühstück einnehmen, damit er
desto bessere Kräfte habe, den Avanischen Stamm auszurotten. Nachdem man aber
angedeutet, man hätte noch keine Nachricht von seiner Ankunft, setzte sich mein
Prinz auf die blosse Erde, und erwartete voll brennenden Zorns seines Feindes. Es
vergingen inzwischen mehr als zwei Stunden, dass man nichts Feindseliges merkte
noch sah. Endlich nach so vergeblichen Harren, kam ein kleiner Mohr in den
Kreis gelaufen, welcher dem Prinzen ein Briefgen einhändigte, dieses Inhalts:
    Prinz!
    Nachdem uns die gütigen Götter in einen solchen Zustand gesetzt, dass wir
nicht vor nötig erachten, durch einen Zweikampf unsere Person, woran nunmehro
der halben Welt viel gelegen, in einige Gefahr zu setzen: Als wollet Ihr Euch
nur kurze Zeit gedulden, da wir als ein Blitz Euch heimsuchen, und durch viel
hunderttausend Säbel den angetanen Schimpf und Verachtung an Euch und Eurer
stolzen Schwester grausamst rächen wollen. Gegeben Ava, im ersten Jahr unserer
Regierung, an einem Succerawaram.
                                                    Chaumigrem, König von Brama.
    An den König aber hatte er zugleich einige Zeilen eingeliefert, welche wir
hernach folgenden Inhalts gewesen zu sein erfuhren:
    Grossmächtiger König und Herr!
    Der unvermutete Todesfall unsers Bruders Xenimbrun rufet uns eilend von
hinnen zu der Bramanischen Krone, welche uns durch wohlgelegten Grund unsers
Bruders auch bald den Tron von Pegu verspricht. Nun wären wir zwar Eu. Lb. vor
bisher genossene Freundschaft ziemlich verbunden, wenn Sie nicht Dero eigene
Kinder einiger Vergeltung unfähig machten: massen wir uns vielmehr feste
vorgesetzet, den von Prinz Balacin erlittenen Schimpf dermassen zu rächen, dass
auch das Kind in Mutterleibe den Tag beweinen soll, an welchem mich die
eigensinnige Higvanama verachtet hat, und ist uns nur leid, dass wir E.L.
hierdurch beleidigen sollen. Wir sind deswegen heute früh auf bestellter Post
nach Brama gangen, und wird Prinz Balacin vergebens der Ehre, mit uns zu
streiten, erwarten, Ava am Succerawaram.
                                                    Chaumigrem, König von Brama.
    »Wie?« hub mein Prinz überlaut an, als er dieses gelesen, »ist nun so
geschwinde aus einem Bärenhäuter ein König worden? Doch hat ein verzagter Tyrann
oft besser Glücke als das tapferste Gemüte. Inzwischen wird mir ein jedweder
braver und treuer Avaner das Zeugnis geben, dass ich mehr getan, als mir
gebühret, des Feindes erwartet, und mit ihm zu schlagen begierig gewesen bin.«
Hierauf erhub sich von allen Anwesenden ein Freudengeschrei und tausendfaches
Glückwünschen, ja es fehlete nicht viel, dass nicht einige Schmachreden wider den
alten König geflogen wären, wenn sich nicht mein Prinz eiligst in sein Zimmer,
von dar aber nach der Prinzessin begeben hätte, welche ihn mit unglaublicher
Freude und schwesterlicher Liebe empfing, dass ich nicht weiss, ob die Liebe unter
Geschwistern höher steigen könne, als welche itziger Zeit dermassen erfroren, dass
fremde Personen ihre Liebe viel hitziger als Brüder und Schwestern erzeigen, ja
wo heutiges Tages drei Geschwister sind, so bemühet sich das dritte, wie es die
andern zwei ineinander hetzen möge. Allein wieder auf unsere Erzählung zu
kommen, so ward dieser Triumph bald wieder in ein Trauren verkehret, denn es war
Chaumigrem dem Könige dermassen ans Herze gewachsen, dass er vermeinte, unsinnig
zu werden, als er aus vorerwähntem Briefe seinen Abzug vernommen. Und dieses
wirkete eine solche Raserei in ihm, dass er alsobald meinem Prinzen andeuten
liess, er sollte Hof und Reich ein ganzes Jahr lang meiden, die Prinzessin aber
sollte sich gleiche Zeit des väterlichen Angesichtes entalten. Ob nun zwar die
Reichsräte, wie auch der ganze Hof heftig hierwider waren, ja es sich gar zu
einem Aufruhr schicken wollte, so drang doch königliche Gewalt durch, und dieser
harte Befehl ward dem königlichen Geschwister hinterbracht. Worauf mein Prinz
ganz bestürzt antwortete: »Wie? ist denn sogar alle Liebe und Gnade in dem
väterlichen Herzen des Königes erloschen, dass er auch die Wohlfahrt seiner
Kinder hintan setzen, und sich durch deren Verlust einen ungewissen Feind
versöhnen will. Ha Tyranne! verhasster Vater, welch Tiger jagt seine Jungen von
sich? oder welcher Drache verlässt seine Frucht? und mein Vater will mich als
einigen Erben seiner Krone, ja, als sein erstes Pfand der Liebe, ohne einige
Ursache in fremdes Elend jagen? Jedoch die Tugend findet überall ihr Vaterland,
und mein Vater ist viel zu schwach, ob er gleich ein mächtiger König ist, das
Absehen des Himmels zu hintertreiben. Ich verlasse dieses Reich, nicht aber die
Hoffnung, mich einst meinen verleumderischen Feinden auf dem Tron von Ava
erschrecklich zu zeigen. Und wie mir der ganze Hof das ungeheuchelte Zeugnis
geben kann, dass ich niemals im geringsten die Grenze kindlichen Gehorsams gegen
meinen Herrn Vater überschritten habe; also will ich auch zum Überflusse durch
diesen meinen Abschied erweisen, wie begierig ich sei, väterlichen Befehl zu
erfüllen, um durch solchen Gehorsam mir die Götter geneigt zu machen.«
    Die betrübte Higvanama war indessen in eine Ohnmacht gesunken, also dass sie
mein Prinz nebenst ihrem Frauenzimmer kaum wiederum ermuntern kunnten.
»Unglückliche Higvanama«, hub sie endlich nach langem Stillschweigen an, »so
sollst du nun die andere Hälfte meines Herzens vollend verlieren, nachdem du das
eine Teil fast zwei Jahr entbehren müssen. Soll ich den, welcher nicht mein
Bruder, sondern mehr als mein Vater gewesen, von mir scheiden lassen? Worzu
nützet mir denn mein Leben? Grausamer Vater! sind denn alle Wolken leer, und
heget ihre Finsternis keinen Blitz mehr in sich, solche Greueltat zu rächen?
Doch will ich mich nicht durch Ungeduld verführen lassen, der Götter Gesetze
wegen kindlichen Gehorsams zu beleidigen: sondern mein reines Blut soll den
harten Fehler des Vaters versöhnen, und ein Dolch soll der bedrängten Seele
freie Luft machen, dass sie ungescheut um ihren liebsten Nherandi und wertesten
Balacin schweben möge. Ja ich schwere, Herzensbruder, dass die erste Stunde Eures
Verlusts die letzte meines Lebens sein soll.« - »Nein, liebste Schwester«,
redete ihr mein Prinz ein, »dies ist nicht die rechte Bahn, worauf wir wandeln
sollen. Ich meinesteils achte dieses vor ein geringes, dass mir das verhasseste
Anschauen dieses Hofes benommen wird, ob mich zwar die schwesterliche
Abwesenheit heftig schmerzen wird. Inzwischen bin ich versichert, dass der gütige
Himmel zu seiner Zeit alles ändern, und die jetzt verwirreten Sachen in
erwünschten Stand versetzen werde.« Worauf sie etwas besänftiget zu sein
schiene, und von ihrem Frauenzimmer ein silbern Kästgen foderte, nach dessen
Aufschliessung sie dem Prinzen drei überaus kostbare Kleinodien mit diesen Worten
überreichte: »Trautster Bruder, nehmet hier von Eurer ewigtreuen Schwester ein
geringes Andenken herzlicher Liebe, und verübelt mir es nicht, dass ich mich so
geschwinde in Euren Abzug schicken lerne, weil mir gleichsam mein Geist ins Ohr
saget, es werde künftiges Glücke uns voller Vergnügung wieder vereinigen. Ziehet
hin, gedenket an mich! die Götter begleiten Euch.« Mein Prinz konnte sich gleich
ihr der Tränen nicht entalten, daher er ihr vor sotanes Andenken mit einem
herzlichen Kuss dankte, und zugleich nassen Abschied nahm. Weil nun auch die Zeit
uns des Scheidens erinnert, als werde ich das übrige, doch mit Dero Erlaubnis,
bis morgen versparen, da ich noch seltsamere und verwirrtere Zufälle erzählen
will. -
    Abaxar dankte höflich vor so geneigte Mühwaltung, und bezeigete sonderbare
Vergnügung über dieser Erzählung, dannenhero er versprach, morgendes Tages, wo
es anders seine Verrichtungen zuliessen, wieder zu erscheinen, und mit hohem
Verlangen das übrige anzuhören. Nach genommenem Abschiede liess sich der Prinz
nochmaln verbinden, genoss ein wenig Speise und legte sich vollend zur Ruhe.
Tages darauf, als Talemon seiner Gewohnheit nach bei aufgehender Sonne seinen
Garten besuchen und vor seines hohen Gastes Wohlfahrt sorgen wollte, vernahm er
ein hartes Wortgespräch zweier Weibespersonen, dannenhero er dem Schall folgete,
und seine Frau und Pflegetochter folgendergestalt reden hörte: »Was?« sagte
Hassana, »soll man sich in seinem eignen Hause von den fremden Lumpenhunden
verachten lassen? Du siehest es ja vor Augen, wie verächtlich er dich hält, und
wie wenig mein Versprechen bei ihm gilt.« - »Frau Mutter«, erwiderte Lorangy,
»die Liebe ist wie ein Tiger, welcher sich eher durch Glimpf als mit gewaltsamen
Fesseln bändigen lässt. Sie wird mit gelinden Säften am ersten eingeflösset. Die
Zeit wird und kann alles ändern. Ein Pfahl wird nicht auf einen Stoss in die Erde
gebracht, also wird sich der liebe Mensch meine verliebte Not wohl endlich
lassen zu Herzen gehen.« - »So wolltest du wohl«, versetzte Hassana, »dem
weiblichen Geschlechte zu ewigem Schimpfe um Gegenhuld bittliche Ansuchung tun?
Pfui schäme dich! Das Bitten und Flehen kömmt den Mannsbildern zu. Und ob wir
noch so verliebt in unsern Herzen sein, so sollen wir uns doch stellen, als ob
wir unempfindlich wären. Hierdurch erfahren wir, ob es eine beständige oder
Flatterliebe sei. Ist es auf Beständigkeit angesehen, und hat sich einer einen
Narren an dir gefressen, so entläuft er dir nicht, und du kannst ihn endlich,
nach solcher Probe, den Zweck seines Verlangens wohl erreichen lassen; ist es
aber nach heutiger Weltart nur auf eine kurze Wollust angefangen, so wird er
nach sotaner verstellten Weigerung bald ablassen und dich überall vor die
Keuschheit selber ausschreien, ob du es gleich am wenigsten bist. Und dieses
ist eine notwendige Regul vor uns Frauenzimmer, welches Profession von der Liebe
zu machen suchet, die du auch in acht nehmen musst.« - »Frau Mutter«, antwortete
Lorangy, »ich begehre zwar keine Profession von der Liebe zu machen, welches
sonst gar eine verdächtige Art zu reden ist, allein, dass ich nicht sollte
verliebt sein, wenn mir das Verhängnis ein feines Gesichte in den Weg stellet,
das kann ich nicht leugnen. Und eben dieser junge Fremdling, er sei, wer er sei,
hat mich dermassen verwundet, dass ich fürchte, wo nicht das Pflaster ehlicher
Liebe darauf geleget wird, es dörfte auf eine verbotene Kur nauslaufen.« - »Wer
die Tochter haben will«, setzte ihr Hassana entgegen, »der halte es mit der
Mutter; nachdem aber dieses nicht geschiehet, und mir jederzeit das
verächtlichste Gesichte zugekehret wird, als wirst du zu wenig sein, meinen
Vorsatz zu hindern. Ich will noch heute nach Hofe laufen, und meinen Alten
verraten, dass er verdächtige Fremdlinge aus Ava beherberget: hierdurch räche ich
meine Schmach, und kann mit Gelegenheit auch meines Alten loswerden.« - »Ach
Frau Mutter«, fiel ihr Lorangy ganz unbeweglich in die Rede, »wo Ihre Adern
einen Blutstropfen in sich hegen, welcher mir nur etwas gewogen ist, so erbarme
Sie sich der armen Lorangy, welche sich lebendig verscharren und ihr Elend auch
nach dem Tode bejammern würde. Sie weiss ja selbst, wie stark das süsse Gift der
Liebe sei, und hat deren Würkung sowohl gegen den bewussten Hofjunker als auch
den portugiesischen Kammerdiener sattsam empfunden. Ach so trage Sie doch auch
Mitleiden mit meiner Jugend, und gedenke, dass mich die Götter rächen, Sie auch
im Alter mit verliebten Herzen belegen und dabei unglücklich machen können. Denn
mein endlicher Vorsatz ist, entweder zu sterben, oder meine Liebe zu
vollführen.« - »Du kannst nach dem Herzen greifen«, fing die Alte endlich an,
»und ich gestehe es gerne, dass ich mich durch das süsse Andenken voriger Liebe
ganz verjüngt befinde. Ich gebe dir Beifall, und verspreche dir, kraft meiner
alten Liebe, möglichen Beistand. Nur siehe zu, dass du nicht alleine liebest,
sondern audi geliebt werdest, wovon du doch noch nicht das geringste Zeichen
abnehmen können.« - »Ach ja, liebe Frau Mutter«, tröstete sich Lorangy, »ich
habe es sattsam verspüret, dass sein Gemüte durch meine Anmut so sehr als der
Leib verwundet sei. Massen er alsobald, als er mich nur erblickte, tief seufzete,
und mir ganz sanfte die Hand druckte.« - »Ein verliebtes Herze«, widerredete die
Alte, »hält jeden Sonnenblick vor einen Sommertag; allein nimm dich in acht, und
wisse, dass ich dich aus Erfahrung lehren könne. Der flüchtige Merkur ist öfters
denen Männern ins Herze geprägt. Das Gegenwärtige küssen sie, und das Entfernte
meinen sie. So alber sind wir teils; wenn wir einer guten Miene gewahr werden,
so bilden wir uns ein, es sind lauter Stricke, welche uns und sie verbinden. Ein
falscher Schwur ist uns so gewiss als tausend Eide. Ein gemaltes Fünkgen kann uns
in volle Flammen setzen, dass wir auf den Hochzeitsschmuck bedacht sein, ehe noch
von einiger Bewilligung geredet worden, wir werden öfters vor der Zeit allzu
treuherzig, und lassen uns fangen, ehe der Jäger auf die Jagd zeucht. Ja, was
das ärgste, den ersten Betrug, der uns mitgespielet worden, nennen wir einen
Zufall, den andern ein Unglück und lassen kaum den dritten vor eine Warnung
gelten. Ich bin zum höchsten Leidwesen mehr als sechsmal dergestalt angelaufen,
dass man mit mir wie mit einem versalzenen Brei umgegangen, welchen jeder, wenn
er ein paar Löffel davon genossen, stehen lassen.« Hier wollte der alte Talemon
nicht länger zuhören, sondern ging seufzende davon, begab sich aber bald nach
des Prinzen Zimmer, den er wachende befand, und nach dem Zustande seiner
Gesundheit forschete, welche denn nach dieser Ruhe merklich zuzunehmen schien.
Als er auch nach der Wunde sah, befand er dieselbe dermassen, dass er seinen
Hausmitteln eine sonderbare Kraft zuschreiben musste. Worauf er den Prinzen
ferner anredete: »Gnädigster Herr, wo jemals der Rat eines alten und treuen
Dieners gegolten hat, so bitte ich nicht übel zu deuten, wenn ich, nicht ohne
Ursache erinnere, sich gegen meine Frau ehrerbietig und gegen meine
Pflegetochter verliebt anzustellen: widrigenfalls stehet uns ein grosser Unfall
vor.« - »Wie?« antwortete der Prinz, »sollte ich mich wohl auf solche
unverantwortliche Art und Weise an meiner himmlischen Banisen versündigen? Das
sei ferne!« - »So sind wir des Todes«, widerredte Talemon, »denn die Götter
haben die Sünden meiner Jugend durch meine itzige Ehe gerochen. Ich habe mit
Entsetzen angehöret, wie meine Frau entschlossen, des Prinzen Anwesenheit, ob
zwar in unbekannter Person, dem Kaiser zu entdecken, welches Vorhaben aber meine
Pflegetochter durch vorgeschützte Liebe hintertrieben, jedoch mit diesem
Bedinge, wenn sie in ihrer Liebe gegen den Prinzen glücklich wäre.« - »Der
Himmel wird ja«, hub der Prinz hierauf an, »einmal müde werden, mich zu
verfolgen, und nicht auch schwache Weibesbilder wider mich erwecken. Ich glaube
...« Hiemit traten Hassana und Lorangy hinein, wodurch der Prinz so erschrecket
ward, dass ihm der Angstschweiss ausbrach. Talemon aber wurde zu mehrem Unglücke
von seiner Frauen benachrichtiget, es sei jemand aus Pegu angelanget, der ihn
sprechen wollte. Weswegen er durch seinen Abschied den Prinz voller Angst
hinterliess, welcher ihn beweglich bat, den faulen Scandor aufzuwecken und ihm zu
befehlen, schleunigst aufzuwarten. Als nun dies ehrbare Frauenzimmer solche
erwünschte Gelegenheit, ihre Liebesgeschäfte vollend auszuführen, ersah,
bediente sich die Alte deren bald mit diesen Worten: »Mein Freund, wie habt Ihr
heinte geruhet, hat Euch nicht etwa ein guter Traum, durch Verstellung einer
Person, welche meiner Tochter ähnlich sieht, empfindlicher gemacht?« Der Prinz
konnte sich kaum fassen, diese närrische Frage zu beantworten, dahero er zuvor
eine kurze Bedenkzeit nahm und endlich sagte: »Mein unbeglückter Zustand
erlaubet nicht, mir etwas Angenehmes einzubilden, vielweniger vorzustellen.
Inzwischen habe ich hohe Ursache, der werten Frau Mutter, als welche
Ehrenbenamung sie billig um mich verdienet, untertänigst zu danken vor die
unverdiente Gnade und Wohltat, welche ich unwürdigst unter Dero Dache geniesse,
und trage das Vertrauen zu Dero Güte, Sie werde die Erwiderung bis zu künftiger
Gelegenheit ausgesetzt verbleiben lassen.« Hierdurch vermeinte nun der bedrängte
Prinz sie auf andere Reden zu führen, und die verdriesslichen Liebeserinnerungen
zu hintertreiben; allein durch diese Liebkosungen, welche der Prinz mit einer
sonderbaren Anmut vorzubringen wusste, wurde die Alte viel freimütiger und die
Jüngere desto verliebter. Dahero die Hassana Anlass nahm, folgendergestalt zu
antworten: »Werter Freund und lieber Sohn! Ihr tut ganz wohl, dass Ihr einige
Erkenntlichkeiten gegen Eure Wohltäter verspüren lasset, und sind wir auch
allerseits begierig, nicht allein Euch alle Annehmlichkeit zu erweisen, sondern
auch gar in unsere Freundschaft auf- und anzunehmen, wenn Ihr nur nicht Euch
selbst in Lichten stehen, noch uns durch Ungehorsam betrüben, und zu widrigen
Gedanken bringen wollet.« - »Da sein die Götter vor!« versetzte der Prinz, »dass
ich mich sotaner Wohltat durch vorsätzliche Fehler unwürdig machen sollte:
sondern ich würde mich vielmehr beglückt achten, wenn mir wegen jetzigen
Unvermögens einiger Anlass zu würklicher Vergeltung, an die Hand gegeben würde.«
Diese Worte setzten unsere verliebte Lorangy in solche Vergnügung, dass sie sich
nicht entalten konnte, des Prinzen Hand zu fassen, und ihre Brunst durch
ziemliches Drücken sattsam an den Tag zu legen. Endlich als ihre Liebe und Glut
gleichsam aus den Augen brannten, löste sie ihre Zunge und redete den Prinzen
an: »Wollten die Götter, diese Worte hätten ihren Ursprung aus einem verliebten
Herzen genommen, so würdet Ihr glückselig und ich vergnüget sein! Gewiss, das
Glücke selbst gibet Euch Anlass, Euer bestes zu bedenken. Denn hier, ich bin zu
schwach, es zu verhehlen, brennet Lorangy, und ihr Gemüte erwählet Euch zu ihrem
Abgott, dem sie Weihrauch ergebenster Liebe begierig anzuzünden verlanget.
Erwäget demnach den Brand meiner Seelen, und bedenket die Pflicht, womit jedes
Mannesbild dem Frauenzimmer verbunden ist.« Der Prinz hatte sich sotaner freien
Erklärung nimmermehr versehen, derowegen er sich um so viel weniger in solcher
Eil auf eine geschickte Antwort bedenken konnte, bis ihm endlich diese Ausflucht
einfiel: »Schönstes Fräulein! ich kann kaum gläuben, dass sich Dero Tugend so
tief erniedrigen, und eine unwürdige Person mit Ihrer Liebe beseligen sollte.
Immittelst wird zwar diese hohe Gnade mit unsterblichem Danke von mir erkennet;
allein ich beklage zugleich mein Unglück, dass mich eine anderwärtige Verbindung
in Ava sotaner Liebe unfähig machet.« - »Wer sich in die Zeit schicket«, vertrat
Hassana der Lorangen Stelle, »der wird vor klug geachtet, und wo das Verhängnis
die Hand im Spiele hat, da muss man sich in die Zeit schicken. Mein Freund, Ihr
müsst gedenken, dass Ihr jetzt in Pegu und nicht in Ava seid. In Pegu, sage ich,
wo Euer Glück und Unglück blühen kann. Zwar meine Tochter hat sich ziemlich weit
vergangen, dass sie, als ein Frauenzimmer, ganz verkehrterweise ihre Liebe selbst
verraten, und sich einem fremden Mannesbilde gleichsam angetragen: Allein die
heftige Würkung der Liebe und die feste Hoffnung, zu Euch, dass Ihr dieses viel
eher vor eine wahre Probe ungefärbter Huld als einige Leichtsinnigkeit erkennen
werdet, entschuldiget sie und verspricht uns eine gewierige Erkenntlichkeit von
Eurer Person.« - »Ich sehe meine Wohlfahrt blühen«, erwiderte mein Prinz, »wenn
mich nicht ein teurer Eid, welchen ich meiner Geliebten in Ava getan, zurücke
hielte.« - »Dass man«, versetzte Hassana, »Eide tut und Gelübde hält, ist ganz
rühmlich, wenn es nur in unserm Vermögen stehet, solche zu halten. Allein die
Liebe lässt sich weder durch Eid noch Gesetze binden. Und wo sonst ein jeder
bemühet leben soll, Treu und Glauben zu halten, so ist es ihm doch in
Liebessachen erlaubet, auch mit Eiden zu spielen.« - »Welcher Aberglaube«,
antwortete hierauf der Prinz, »hat Ihnen dies eingepflanzet, dass man im Lieben
das Gewissen hintansetzen solle? Gewiss, wo das Garn der Liebe nicht aus reiner
Unschuldsseide gesponnen wird, da fressen sich unfehlbar die Motten des Unglücks
ein. Drum stellet man dieses Fallbrett nur vergebens auf.« Hierüber wurde die
Alte ganz ungeduldig, wo nicht erzürnt, indem sie sich vernehmen liess: »So
achtet Ihr dieses vor ein Unglücke, wenn Euch diejenige, welche bereits viel
Stürme der Liebe abgeschlagen, Ihrer Huld würdiget. Und da Euer jetziger Zustand
es doch erfodert, dass Ihr Euch um beständige Freundschaft bewerbet, so dürft Ihr
noch eine entfernte Ungewissheit gegenwärtiger Schönheit vorziehen: Pfui, schämet
Euch solcher Undankbarkeit! Besinnet Euch demnach in kurzem eines bessern, oder
wisset, dass verschmähete Liebe Hass und Tod im Köcher führe.« Mit diesen Worten
verliess sie das Zimmer, und liess ihre Pflegetochter ganz allein bei dem Prinzen.
Hier suchte nun Lorangy alle möglichste Liebesreizungen hervor, welche nur ein
Frauenzimmer angenehm und ein Mannsherze empfindlich machen können: die Augen
schienen gleichsam als gebrochen, und die ungemeine Röte ihrer Wangen verriet
den starken Brand ihrer Seelen, welcher in dem Geblüte steckte und die
sichtbaren Adern auf Stirn und Brust in die Höhe triebe. Die Armen zitterten,
und die Knie senkten sich zur Erden, auf welchen sie des Prinzen Hand fasste, und
ihn durch diese bewegliche Rede ganz aus sich selbst setzte: »Ach allerschönster
und ohne Zweifel von den Göttern mir zugewidmeter Engel! Wie lange soll doch die
verlassene Lorangy den Frühling ihrer Jahre mit Seufzen zubringen? Wenn wird mir
doch die längst gewünschte Ruhe durch deine Gegengunst gewähret werden? Es ist
ja unmöglich, dass den Tempel dieser Schönheit ein steinerner Abgott besitzen
könne! Den Marmel bezwinget der Regen, und der Diamant wird durch solches
schlechtes Blut erweichet; dein Herze aber will sich einem Ambosse vergleichen,
welcher sich nur durch Schläge verhärtet: je mehr nun mein Herze klopfet, je
eiserner wirst du. Ach unglückselige Lorangy! so muss dich dein eigen Feuer
verzehren. Ich brenne, ach, ich brenne! und wo du, mein Augentrost, mir keine
Rettung widerfahren lässt, so muss ich das Land der Toten betreten. Mein Herze
schwitzet Blut, und meine Augen sind nasse Zeugen, dass Lorangy ohne Gegenliebe
sterben müsse. Schau doch, du Abgott meines Herzens, wie mich die milden Götter
auch nicht sogar aller Liebe unwürdig gemacht haben. Sind gleich meine Augen
keine Sonne zu nennen, so lassen sie sich dodi noch wohl denen Sternen
vergleichen. Meine zwar blasse Wangen zeugen eine gemässigte Glut an, welche
durch kein fremdes Öl soll genähret werden. Die Lippen werden durch öfters
Küssen den Scharlach übertreffen, und meine Haare haben wohl eher verliebte
Seelen gefesselt; ja diese Brust bezeuget, dass die Götter meinen Leib zu keinem
wilden Manne versehen haben. Willst du nun den reinen Trieb der Natur hemmen?
Wie, willst du deine Augen von mir wenden? Lasse mich doch das Ziel deines
Anschauens sein, schaue doch, wie mein Herze kochet, und meine Seele nach dem
Labsal lechzet, welches aus deiner Anmut quillt. Ich will dir, mein Engel, die
Hände unterlegen, ja meine Seele soll sich dir aufopfern. Ich wünsche, dass noch
hundert Herzen in mir wären, so sollten sie alle in Liebe gegen dich zerrinnen
und sich in deine Seele einflössen. Ach willst du mich durch Schweigen betrüben,
unempfindliche Seele? Die toten Felsen antworten ja denen Fragenden durch ein
Echo, und du willst mich Trostlose keiner Antwort würdigen.« Der Prinz lag
hierüber fast wie entzückt, und wusste sich aus solcher Verwirrung ganz nicht zu
finden. Einesteils wunderte er sich über ihre ungemeine Heftigkeit der Liebe,
welche sie zu dieser Kühnheit veranlassete, ihre Gedanken so ungescheut zu
offenbaren, und mit verliebten Gebärden vorzutragen, als ob sie längst bei der
Liebe wäre in die Schule gegangen. Andernteils fühlte er einiges Mitleiden, und
wünschte ihr auf solche Art geholfen zu sein, womit ihr gedienet, und sein
Gewissen nicht beflecket, vielweniger sein hoher Stand benachteiliget werden
möchte. Wie sie nun nach eigener Erinnerung nicht so gar ungestalt war, dass
nicht ein leichter Vogel an diesem Leime hätte können kleben bleiben, zumal sich
ihr eine ungewöhnliche Anmut beigesellte, so war sich über unsers Prinzen
ungemeine Tugend um so vielmehr zu verwundern, dass er sich so klüglich bezwingen
konnte, nicht allzu verliebt anstellen und auch ihr nicht alle Hoffnung benehmen
wollte. Derohalben er ihr denn einen freundlichen Blick und diese Antwort
erteilte: »Werteste Lorangy, ich bin der Liebe nicht würdig, womit Ihr mir
unverdient zugetan seid, und erblickt hieraus nicht ungefähr einige Schickung
der Götter: weswegen ich denn törlich handelte, wenn ich diesem allzuheftig
widerstreben wollte, zumal ich nicht leugnen kann, dass sich durch Eure Anmut hin
und wieder einige Funken der Gegenliebe in mir entzündet haben, welche gewiss zu
ihrer Vollkommenheit gelangen möchten, wo es anders der Götter Wille ist, so man
nur solche Liebesglut durch das Öl der Vorsicht, ich will nicht sagen,
Vollziehung keuscher Liebe treulich unterhält. Denn ich sichere, dass ich
Euretalben eine solche Schönheit verlassen müsste, welche sich mit der Euren gar
leicht in einen Wettstreit einlassen könnte. Diese nun hintan zu setzen und Eure
Liebe zu erfüllen, erfodert Klugheit, damit nicht vor der Zeit solches in Ava
kund, und wir an unserer Liebe verhindert würden. So ist denn vor allen Dingen
nötig, dass vor itzo auch der geringste Verdacht, welchen unsere einsame
Zusammenkunft nicht unbillig erwecken kann, vermieden werde. Dannenhero erwartet
der Zeit, meidet mein Zimmer, liebt in der Stille, und versichert Euch, dass den
Schluss des Himmels nichts zu hintertreiben vermöge.« - »Ach armselige Lorangy«,
antwortete sie darauf mit tränenden Augen und ringenden Händen, »so hast du das
Todesurteil aus dem Munde desjenigen vernehmen müssen, von dem du das Leben
gehoffet hast. Wehe mir, ich bin verloren! Ach ich kenne allzuwohl den Verzug
kaltsinniger Herzen, welche die Zeit zum Mantel ihres Hasses gebrauchen, zumal
jedweder Verzug denen Verliebten eine Höllenpein ist. Man weiss ja der Liebe
Macht, wie sie tausend Mittel habe, ihr Recht zu beschleunigen; hingegen, wo ihr
nicht geraten wird, so ist sie auch fähig, unsern Geist zu verkürzen.« Diese auf
Verzweiflung zielenden Worte pressten unserm Prinzen einen Angstschweiss nach dem
andern aus. Endlich fand er sich doch gezwungen, ihr Begehren etwas genauer zu
untersuchen und zu sagen: »Liebste Lorangy! Ihr werdet hieraus ein sattsames
Zeugnüs meiner Liebe gegen Euch verspüren, wenn ich billige Vorsorge vor Eure
Ehre trage und mich befürchte, so jemand uns alleine antreffe, es möchte Euch
nicht wenig Nachteil bringen. Und weil mir Euer Begehren noch nicht allerdings
bekannt ist, auch in so kurzer Zeit mich nicht darauf werde entschliessen können,
so entdecket mir Euren Vorschlag in aller Kürze, und erwartet alsdenn in einigen
Tagen mein reiferes Bedenken hierüber, welches gewiss zu Eurer Vergnügung
ausschlagen soll.« - »Es ist zu spät«, antwortete Lorangy hierauf, »an einigen
Aufschub zu gedenken, wo nicht zugleich mein Leben mit der Sonne untergehen
soll. Denn sehet meinen festen Vorsatz, sollte ich ja unglücklich in meiner
Liebe sein, so soll dieses Messer meine Brust durchgraben, und die Rache soll
mit meinem Blute angeschrieben werden. Heget Ihr aber einen Blutstropfen in
Euch, welcher mich Eurem Vorgeben nach etwas liebt, und geht Euer Vorwand,
wegen einiges Verdachts unserer offenen Zusammenkunft von Herzen, so beschwere
ich Euch bei allen Göttern, dass Ihr mir erlaubet, heinte noch bei nächtlicher
Zeit, wenn alles in der Ruhe liegt, Euch durch Hülfe des Hauptschlüssels zu
besuchen, und den letzten Spruch meines Lebens oder Todes von Euren Lippen zu
holen.« Niemals war der Prinz in grössern Ängsten gewesen, zudem ihr nunmehro
statt der Liebe die Verzweifelung aus den Augen sah. Dannenhero musste er sich
in dieser Not zu etwas entschliessen und zu ihr sagen: »Sehet, beständige
Lorangy, dass Ihr kein Misstrauen in mich setzen dürfet, so will ich morgen zur
Nacht Eurer in diesem Zimmer erwarten, weil diese Nacht Talemon bei mir zu
bleiben versprochen; allein Ihr müsst mir angeloben, ohne Licht zu erscheinen,
nicht viel zu reden und Euch, so viel als möglich, stille zu verhalten, damit
nicht jemand sotane verdächtige Zusammenkunft merken möge.« Wodurch die
verzweifelte Lorangy ganz wieder zu sich selbst kam, alles getreulich zu halten
versprach, und mit einem Kusse, welchen der Prinz unmöglich verwehren konnte,
endlichen Abschied nahm. Nach ihrem Abtritt stellte sich Scandor ein, und
erwiese durch sein mattes Wesen, dass er noch nicht allerdings ausgeschlafen
hätte, weswegen ihm denn der Prinz einigen Verweis gab. Er aber wendete zu
seiner Entschuldigung vor, dass er die überflüssigen Feuchtigkeiten, welche er im
Flusse eingeschlucket, noch nicht verdauen könnte, welche ihm denn öfters den
Kopf so beschwerten, dass er notwendig schlafen müsste, wollte er anders bei
unverrückter Vernunft bleiben. Nach wenig Stunden stellte sich Abaxar
versprochenermassen gleichfalls wieder ein, mit dem Bericht, dass sich der Kaiser
in ein nahe bei Pegu gelegenes Holz auf die Jagd begeben, und ihn fernerer
Aufwartung überhoben hätte. Als sich nun auch nachgehends Talemon und Ponedro
einfunden, ersuchte der begierige Abaxar den Prinzen ganz freundlich, seinem
Bedienten anzubefehlen, dass er doch die angenehme Lebensbegebenheiten des
Prinzen von Ava fortsetzen, und durch dessen Erzählung sein Gemüte vergnügen
möchte; weil er ein sonderliches Verlangen den Anfang der Liebe zwischen dem
Prinzen und der Banisen zu vernehmen trüge. Ob nun zwar solches dem Prinzen
schwer vorkam, solchen Erinnerungen, welche ihm nichts anders als ein trauriges
Andenken verursachen konnten, beizuwohnen: dennoch wollte er dem Abaxar, als
einer vermutlich hohen Person nicht gerne entfallen, sondern befahl dem Scandor,
seinem Begehren nachzuleben, und alles, was ihm wissend wäre, zu erzählen.
Demnach setzte er sich abermals etwas abseits und erzählte die
 
     Lieb- und Lebensgeschichte Prinz Balacins und der Prinzessin Banisen.
Wir sind gestern bei dem traurigen Abschiede des Prinzen von seiner geliebten
Fräulein Schwester, der Prinzessin Higvanama geblieben: Nun wenden wir uns zu
unserer Zurüstung und Abreise von Ava. Mein Prinz, als welcher meiner Treue und
Herzhaftigkeit sattsam versichert war, erwählte mich aus sonderbaren Gnaden vor
allen andern zu seiner Bedienung und zugleich nur fünf wohlgesetzte Klepper zur
Reise, nebst zwei Reitknechten, welche er alle wohl ausrüstete, sich aber liess
er ein kostbar indianisch Kleid verfertigen, welches ich hernach bei Erzählung
von dessen Gebrauch beschreiben will. Das vornehmste Bedenken bei unserer Reise,
war die Frage, wohin? Und ob ich gleich meinem Prinzen fast alle Winkel der Welt
her erzählte, so war ihm doch kein Ort gelegen, in welchem er sattsames
Vergnügen zu haben vermeinte. Seine meiste Begierde stund dahin, sich in
Kriegsdienste einzulassen; es war aber damals in Asien eine solche friedsame
Zeit, dass ein Soldate gar nicht fortkommen kunnte. Und unsertwegen wollte auch
niemand einen Krieg anfangen. »Wollten die Götter!« hub der Prinz an, »der
unruhige Chaumigrem liesse sich in einigen Krieg mit seinen Nachbarn ein, so
hätte ich erwünschte Gelegenheit, die an meinem Herrn Vater begangene Zauberei
zu rächen.« Was aber nun anzufangen? Hierauf gaben mir sonder Zweifel die Götter
in Sinn, dem zweifelhaften Prinzen folgenden guten Rat zu erteilen: »Gnädigster
Herr«, sagte ich, »man soll zwar in allen Dingen die Vernunft fleissig zu Rate
ziehen; allein wo diese nicht zulänglich ist, da ist wohl der beste Weg, den Rat
der Götter anzuflehen. Wollen wir nun unsers Vorhabens gewiss sein, so wäre meine
unvorgreifliche Meinung, wir erwähleten uns einen gewissen Götzentempel in oder
ausser Landes, verrichteten allda unsere Andacht, und erwarteten so denn eines
göttlichen Ausspruchs, nach welchem wir am sichersten unsere Reise anstellen
können.« Dieses Eingeben gefiel dem Prinzen sehr wohl, dannenhero wir morgenden
Tages noch vor aufgehender Sonnen unsere Reise antraten, mit dem Vorsatz, uns
gegen Mittag zu wenden und den ersten Tempel zu besuchen. Als wir nun nach
dreitägiger Reise den wegen seines Götzentempels berühmten Grenzflecken Pandior
erlanget hatten, entschloss mein Prinz, hier zu verziehen, und den fernern Weg
bei den Göttern zu erforschen. Ich musste mich sofort nach dem obersten Talipon
oder Priester begeben, dessen Behausung mir unfern des Tempels gewiesen wurde.
Daselbst klopfte ich sachte an, erschrak aber über alle massen, als die Tür nur
durch blosses Anrühren mit einem starken Knalle aufsprang, und ich eine düstere
Stimme vernahm:
Ein Frommer darf die Schwelle überschreiten:
Wer unrein ist, entferne sich beizeiten.
    Diese Worte machten mich so bestürzt, dass ich kürzlich mein ganzes Leben
durchlief, ob ich mich einiger Todsünde schuldig wüsste. Jedennoch dachte ich, wo
du nur von lauter Frommen willst besucht sein, so wirst du selten in menschliche
Gesellschaft kommen dürfen. Ich sah nichts als lauter Finsternis in dem Hause,
bis ich endlich von fernen ein Licht schimmern sah; da befahl ich mich den
Göttern, ginge getrost hinein, und führte mich ein langer Gang zu einem Zimmer,
welches offen stund, und von dreien angezündeten Lampen erleuchtet wurde. Als
ich in dieses hintrat, sah ich mir einen langen Mann entgegenkommen, welcher
weder auf dem Kopfe noch im Angesichte einiges Härlein hatte, sondern ganz kahl
beschoren war, und kleidete ihn ein langer, mit roter Erde gefärbter Rock,
dessen Ärmel auf die Füsse hingen. Diesen hielte ich nun nicht unbillig vor den
rechten Priester, derowegen ich mich einiger Andacht anmassete, und mich ganz
demütig vor ihm niederwarf, bis er mich anredete: »Du, der du unsere Gotteit
ehrest, entdecke ungescheut dein Anliegen.« Worüber ich mir alsobald ein Herze
fassete, und ihm antwortete: »Du grosser Talipon der unsterblichen Gotteit, lass
es dir gefallen, dass einige verirrete Fremdlinge aus fernen Landen durch deinen
Mund den rechten Weg und Zweck ihres Vorhabens erfahren mögen: Hievor soll den
Göttern so Andacht als Opfer gewähret werden.« Hierüber fing er überlaut an zu
lachen, dass ich nicht wusste, wie ich mich dabei verhalten sollte. Endlich
richtete er mich auf, und fertigte mich mit diesen Worten ab: »Gehe hin mein
Sohn, und entdecke deinem Herrn, dem Prinzen Balacin von Ava, dass er törlich
handele, wo er sich vor der allwissenden Gotteit verbergen wolle. Vermelde ihm
ferner, dass, wie wir hier die Gotteit des Apalita9, als einen mächtigen
Beistand der Reisenden verehren, also würde um so viel eher sein Verlangen
erfüllet werden. Inmittelst soll er mässig und nüchtern um Mitternacht nur
selbander erscheinen und sich auf Gebet und Opfer gefasst machen.« Ich wusste
nicht, wie mir geschahe, als ich den Prinzen nennen hörte, und furchte mich
nicht wenig, er möchte auch meine Gedanken erraten; denn ich gedachte, das hat
dir wohl der Teufel gesagt. Hier säumte ich nicht lange, sondern verfügte mich
alsbald zu dem Prinzen, welcher durch diese Nachricht nicht wenig erfreuet wurde
und kaum die Mitternacht erwarten kunnte. Als nun das helle Mondenlicht mitten
am Himmel stund, und sich jedwedere Seele zur Ruhe begeben hatte, verfügte sich
der Prinz in aller Stille nach der Varelle oder Tempel Apalitä. Dieses war nun
von aussen ein steinern Gebäude, wie ein Turm gebauet, auf dessen Spitze ein
küpferner Apfel ruhete: Sonst schiene sie auswendig gleichsam auf Blätterart
vergüldet, und mit Eisenwerk wohl versehen. Indem wir dieses betrachteten, kam
der Talipon, welcher die Varelle eröffnete, und uns mit gebührender Andacht
hineinzutreten befahl. Als wir hineingetreten, war es anfangs stockfinster
darinnen, es wurde aber der ganze Tempel durch ein verborgenes Feuer gleichsam
im Augenblicke dermassen erhellet, dass wir nicht wussten, wie uns geschach. Dieser
Tempel nun war inwendig rund und ganz vergüldet, dass auch der Widerschein des
Lichtes unsere Augen blendete. Gegen den Aufgang stund ein erhabener Altar, auf
diesem aber der Gott Apalita, in der Grösse und Gestalt eines Menschen, von purem
Golde, welcher auf dem Haupte mit einer Krone und vielen Edelgesteinen häufig
gezieret war. An der Stirne sass ihm ein Rubin, so gross als eine Pflaume, und zu
beiden Seiten hingen sehr schöne Saphire. Um den Leib, von der linken Schulter
an bis zu der linken Hüfte, war er mit einem güldenen, und mit vielen
Edelgesteinen besetzten Gehenke umgeben. Vor dieser prächtigen Gotteit fielen
wir andächtig nieder, und verrichteten unser Gebet, bis der Priester den Prinzen
aufforderte, ihn zum Opfer ermahnete, und bei dem Arme einige Stufen hinauf zum
Altar begleitete. Daselbst legte der Prinz mit tiefer Ehrerbietung eines von den
kostbaren Kleinodien, welches ihm die Prinzessin Higvanama mitgegeben, auf den
Altar: Worüber sich das ganze Bild heftig erschütterte, und zugleich eine lichte
Flamme aus dem Altar hervorschluge, welches der Priester vor ein gnädiges
Wohlgefallen ausdeutete. Hierauf führte er den Prinzen dreimal um den Altar und
nach diesem zu einem an der Seite des Altars stehenden Bette, in welches er ihn
legte, er selbst aber fiel vor dem Altar nieder, und verrichtete mit vielen
Murmeln und wunderlichen Gebärden seine Andacht. Indessen musste ich kniende
verharren, welches mich sehr sauer ankam. Als nun der Talipon sein Gebet
verrichtet hatte, langete er unter dem Altar eine Schachtel hervor, und färbete
daraus des Prinzen Angesichte, wodurch er so verstellet war, dass nicht nur die
Farbe, sondern auch sogar die Gesichtslinien verändert schienen, und ich ihn
nicht zu erkennen vermochte. Nach diesem gab er ihm eine Wurzel in den Mund, von
welcher der Prinz ganz unempfindlich ward, und in einen tiefen Schlaf fiel.
Hernach legte er einen weissen Zettul auf den Altar, erlaubte mir aufzustehen,
und mich auf den Fuss des Altars zu setzen. Nach welchem der Priester gleichsam
als tot darniederfiel, und ohne einzige Bewegung liegenblieb. Hier begunnten mir
die Haare zu Berge zu stehen, und ein kalter Schauer überlief meinen ganzen
Leib, denn zudem, dass mein Prinz feste schlief, der Priester aber tot zu sein
schiene, verwandelte sich auch vorerwähntes Licht in eine solche Finsternis, dass
ich nichts als eine kleine blaue Flamme auf dem Altar hin und her fahren sah.
Was mir damals vor wunderliche Gedanken einkamen, würde mir schwerfallen zu
erzählen. Denn weil ich diesem Gottesdienste niemals beigewohnt, hielte ich
alles vor Zauberei, und trug nur Sorge vor meinen Prinzen, welchen ich gerne
aufgewecket hätte, wenn mich nicht des Priesters Verbot, dass ich mich nicht von
der Stelle rücken sollte, hiervon abgehalten hätte. Als nun diese furchtsame
Stille, meinem Bedünken nach, mehr als eine Stunde gewähret hatte, erschreckte
mich aufs heftigste ein starker Knall, als ob es ein Donnerschlag wäre. Worauf
es in der ganzen Varelle wieder so helle als zuvor ward. Der Abgott schütterte
sich abermal, dass die Erde unter mir zu beben schiene, und zugleich richtete
sich der Priester auf, welcher sich nach dem Prinzen verfügte, ihn durch blosses
Anrühren aufweckte, und beiden ein Stillschweigen auferlegte. Ich schwere, dass
ich damals nicht wusste, ob es der Prinz war, so hatte ihn der Talipon
verstellet. Als er ihn aber mit einigen Blättern wieder abriebe, ersah ich mit
Freuden die vorige Gestalt meines Herrns. Hierauf nahm der Priester den Zettul
vom Altar, legte ihn zusammen, und übergab ihm denselben nebenst zwei Schachteln
und diesen Worten: »Die gnädige Gotteit hat deine Andacht und reichliches Opfer
angesehen: so gehe denn hin in Frieden. Dieser Zettul, welchen du bei
untergehendem Monden lesen sollst, wird dir Weg und Steg zeigen und dir
offenbaren, was du zu wissen verlangest. Die zwei Schachteln aber händigen dir
zugleich durch mich die milden Götter ein, aus deren einer du dich verbergen,
aus der andern aber wiederkommen kannst. Solche bewahre aufs beste, denn es
kommt die Zeit, da du durch Verstellung Liebe und Reich zu erhalten suchen
möchtest.« Darauf fielen wir nochmals nieder, und verfügten uns alsdenn eilende
nach unserer Behausung. Was nun hierbei das verdriesslichste war, so durften wir
vor Untergange des Monden kein Wort gegeneinander reden, wiewohl ich in des
Prinzen Gesichte einiges Vergnügen und sehnliches Verlangen ersah, ich aber
kunnte nichts als brummen, bis endlich gegen den Morgen der Mond gute Nacht gab:
Da denn der Prinz zum ersten das Stillschweigen brach: »O ihr Götter!« hub er
an, »ist es euer Ernst, oder beliebet euch so mit uns sterblichen Menschen zu
scherzen? Ich weiss nicht, ob ihr durch Verstörung meiner Ruhe meinen Vorwitz
bestrafen, oder meine Andacht belohnen wollet. Denn, ach Himmel! was vor eine
überirdische Schönheit hat sich denen Gemütsaugen im Schlafe vorgestellt: Ihr
blosses Anschauen hat mich entgeistert, und das Andenken setzet meine Seele in
empfindlichste Flammen. Ach getreuester Scandor, wo dieses nur ein blosser Traum
ohne erfüllende Bedeutung gewesen ist, so gestehe ich gar gerne, dass ich keinen
Augenblick länger zu leben, sondern nur in das schöne Niba aufgenommen zu werden
begehre, allwo sich ausser allem Zweifel diese göttergleiche Schönheit aufhalten
muss, und ich nur durch stetes Anschauen mich zu vergnügen wünsche.« -
»Gnädigster Herr«, redete ich hier ein, »Träume sind Schatten, und ein kluger
Geist achtet ihre Anmut nichts, wie auch ihr Schrecken keine Furcht in uns
erwecken soll.« - »Ach schweig, unverständiger Scandor«, verwies mir der Prinz,
»ein anders ist eine Phantasie, welche aus einem besorgten Herzen ihren Ursprung
nimmt, und die Geister verführet; ein anders ist hingegen eine göttliche
Offenbarung. Denn diese vorgestellte Anmut hat mir im Schlafe etwas mehrers
eingepräget, als dass ich sie wachende so bald vergessen sollte. Ja ich schwere,
dieses Bild soll mir nimmermehr aus meinem Herzen gerissen werden. Ich will alle
Ecken der Welt durchreisen, und die Schönheit suchen. Bin ich hierinnen
unglücklich, so will ich sie doch im Himmel antreffen.« Als ich des Prinzen
starke Einbildung merkete, erkannte ich meinen Fehler, dass man solchen Herrn
nicht allzu sehr Widerpart halten soll: Derowegen ich ihm endlich Beifall gab,
und nur erinnerte, den Ausspruch der Gotteit aus dem Zettul zu ersehen,
vielleicht liess sich erwünschte Nachricht hiervon finden. Diesem zufolge nahm er
den Zettul mit begierigen Händen hervor, und las daraus die mit güldenen
Buchstaben gesetzte Schrift:
Zeuch hin, betrübter Prinz, dir winket Pegu zu,
Errette deinen Feind aus seines Feindes Händen:
Es wird ein fremdes Bild so Aug als Liebe blenden:
Doch endlich findet man die eingebildte Ruh.
Schau! Dein Vergnügen liegt in Schrecken, Furcht und Ketten:
Drei Kronen müssen erst die vierte Krone retten.
Das Opfer krönet dich als einen Talipu.
    »O wundervolles Geheimnis!« rief der Prinz: »Aus diesen Worten blühet meine
Hoffnung, dass ich meine Schönheit in Pegu finden werde. Auf, auf, Scandor! lass
uns fort eilen, denn die Götter weisen uns selbst den Weg zu unserem Glücke.«
Allein dieses wollte mir nicht in Kopf, dass, da ich die ganze Nacht gewachet,
und in Furcht und Sorgen zugebracht hatte, ich so ungeruhet mich auf das Pferd
werfen, und dem in einen Schatten verliebten Prinzen folgen sollte. Derowegen
ich mich entschuldigte und bat, nur ein paar Stunden auszuruhen, und also denn
die Reise anzutreten, welches auch endlich beliebet ward. Als uns nun das
aufgehende Sonnenlicht erinnerte, unsere Reise zu bewerkstelligen, war der Prinz
der erste, welcher sein Lager verliess, und die Pferde fertigzumachen befahl. Wir
begaben uns ingesamt auf die Reise, und mussten uns wohl in acht nehmen, weil wir
ein ziemlich Teil des Reichs Brama, worinnen Chaumigrem als König regierte,
durchreisen mussten, ehe wir die Grenzen von Pegu erreichen kunnten. Wie uns nun
auf dieser vierzehentägigen Reise nichts Sonderliches begegnete, welches ich
einiger Erzählung würdig achte, also wurden wir nicht wenig erfreuet, da wir von
einer kleinen Höhe die prächtige Stadt Pegu erblickten. Und solches war auch
höchst vonnöten, dass sich die Reise endigte, weil unsere Pferde die Begierde
unsers verliebten Prinzen sattsam empfunden, indem sie abgemattet waren, dass sie
sich fast mit uns zur Ruhe legen wollten. Als wir etwan tausend Schritte
fortgeritten waren, verloren wir Pegu aus unserm Gesichte, und gelangten in das
bekannte Tigerholz, welches lustige Wäldlein öfters die Könige von Pegu auf die
Jagd locket. Wir hatten solches kaum erreichet, so vernahmen wir von fernen ein
starkes Schreien und zugleich ein Getümmel, als ob ein harter Streit vorginge.
Wie nun meines Prinzen Tapferkeit bisweilen auf einen Vorwitz hinauslief; also
wendete er sich gleich ungeachtet meines Widerratens nach dem Schalle dieses
Getümmels, da wir denn nach kurzer Zeit einen ungleichen Kampf zu Gesichte
bekamen. Denn es hatten sich drei indianische Ritter zu Fusse an einen dicken
Baum, um ihren Rücken in Sicherheit zu haben, gelehnet, vor ihnen lagen über
zwanzig Leichen und tote Pferde, welche ihnen noch zur Brustwehre wider
funfzehen verwegene Räuber zu Pferde dienen mussten. Es schiene, als ob es in
kurzer Zeit mit diesem Kampfe zu Ende laufen möchte, wo denen drei bedrängten
Rittern nicht eilende Hülfe widerführe, massen sie nicht allein verwundet,
sondern auch weit übermannet waren. Mein Prinz hielte sich alsobald
verpflichtet, denen Notleidenden beizuspringen, dahero er in Eil abpacken und
sich die auf alle Fälle mitgenommene Sturmhaube reichen liess. Wie er nun
jederzeit unter seinem langen Rocke mit einem leichten Brustarnische verwahret
war; also hing er an den linken Arm seinen Schild, und in die rechte Faust nahm
er eine scharfe Lanze, welche er jederzeit mit sich führen liess, uns andern aber
befahl er abzusteigen, die Pferde anzubinden, und mit unserm Gewehr getrost zu
folgen. »Halt, ihr verwegene Räuber«, schrie sie der Prinz noch von weitem an,
»ist das rittermässig gefochten, wenn die Menge ihrer Gewalt missbraucht?« Auf
diese Worte kamen als im Blitz ihrer drei auf den Prinzen angerannt, und weil
sie nur blosse Säbel in der Hand führten, so fasste der Prinz mit der Lanzen den
einen so wohl, dass er im Augenblick hinter dem Pferde lage, und sich im Sande
krümmte. Weil aber die andern beide herzueilten, und der Prinz nicht Platz
hatte, wegen Müdigkeit des Pferdes sich mit der Lanze zu wenden, musste er sie
fahren lassen, und den Säbel ergreifen. Was hier vorerwähnte Sturmhaube vor
Dienste leistete, wiese die tief eingehauene Narbe in dem Stahl sattsam aus. Ich
lief alsobald nach dem gefälleten Räuber, zog ihm die Lanze aus dem Leibe, und
bemühte mich so lange, bis ich noch einen von meines Prinzen Bestreitern
herunterlangte, welchem ich denn unter dem rechten Arm so wohl einfuhr, dass das
Eisen oben am Halse auf der linken Achsel wieder ausging, und er sich gleich
seinem Kameraden im Sande zu Tode sturbe. Indessen wurde der Prinz mit dem
dritten durch einen Säbelstoss auch fertig, dass er die Lanze wieder zur Hand
nehmen, und nach dem rechten Kampfplatze eilen konnte, allwo sich bereits die
Zahl der wenigen vermindert hatte, indem gleich einer zu Boden fiel, als mein
Prinz dessen Tod durch einen grausamen Lanzenstoss rächete, und sich mitten unter
diesen feindseligen Haufen einmengete. Weil nun dessen Pferd von einer so fernen
Reise sehr müde war, und darzu eine tiefe Halswunde empfangen hatte; als war es
hohe Zeit, dass ich mit unsern beiden Dienern herzu eilete. Diese waren nun auch
in keiner übeln Schule gewesen, und konnten mit ihren Wurfspiessen dermassen wohl
zurechte kommen, dass nicht allein der Prinz, welcher mit dem Pferde stürzte,
glücklich errettet, sondern auch ihrer drei mit dem Leben bezahlen mussten.
Indessen hatten sich die beiden Ritter am Baume, von welchem sich der Streit
abgezogen, in etwas erholet, wiewohl das Blut an etlichen Orten hervorrieselte,
und fingen dessen ungeachtet nach äusserstem Vermögen wiederum an, uns
beizustehen. Weil wir ihnen nun an der Zahl fast gleich waren, an Tapferkeit
aber sie weit übertrafen, so muss ich zwar bekennen, dass die Räuber ganz
verzweifelt fochten, und durch ihre Wut sattsam bezeigeten, wieviel ihnen an dem
Tode der beiden Ritter gelegen war. Nachdem aber einer nach dem andern
herunterstürzte, so nahmen endlich die übrigen fünfe die Flucht, welche zu
verfolgen die Pferde zu matt, und unsere Kräfte zu schwach waren. Sobald nun
dieser gefährliche Kampf geendiget und man vor allen fernern feindlichen
Anfällen gesichert war, sank einer von den zwei überbliebenen Rittern wegen
heftiger Verwundung in Ohnmacht, der andere aber, aus welchem man wegen seines
majestätischen Ansehens, kostbaren Kleidung, und den mit Smaragden reichlich
versetzten Säbel etwas Vornehmes schliessen kunnte, fiel auf seine Knie, und
dankte den Göttern vor diese wunderbare Errettung, inzwischen dass wir den in
Ohnmacht gesunkenen wieder in etwas ermuntert, und so viel möglich zurechte
gebracht hatten. Hierauf trat jetzt ermeldter Ritter zu meinen Prinzen, und
umfing ihn mit höchst anständigen Gebärden und diesen Worten: »Nächst denen
Göttern so danke ich auch Euch, tapferer Fremdling, dass Ihr Euch durch die
verborgene Hand der Gotteit so willig zu einem kräftigen Werkzeuge meiner
Errettung habet wollen gebrauchen lassen. Eurer Tapferkeit bin ich mein Leben
schuldig, und ausser Euerer Hülfe hätte ich ohne Zweifel ein Todesopfer dieser
Verräter werden müssen. So entdecket mir demnach Euer Suchen in diesem Lande,
weil ich doch an Euerer Kleidung sehe, dass Euch Pegu nicht gezeuget habe, saget
mir kühnlich, womit Euch kann gedienet werden, es soll alles geschehen, was Eure
Vergnügung erfüllen kann.« Mein Prinz begegnete ihm mit nicht minderer
Höflichkeit, und antwortete: »Tapferer Ritter, es würde einiger Beistand
unvonnöten gewesen sein, wenn nicht öfters die Tugend der Menge weichen müsste.
Und weil mich denn die gütigen Götter zu so erwünschter Gelegenheit hergeführet,
so ist ihre Gnade um so viel grösser, als mein Verdienst desto geringer. Wo ja
aber meine wenige Hülfe in einige Betrachtung gezogen wird, so bitte ich nichts
mehr, als mich in beharrliche Gewogenheit einzuschliessen, mich an dem
Kaiserlichen Hofe in Pegu bekannt zu machen, und zu entdecken, wenn meine
schwache Faust zu Diensten gestanden habe?« - »Dieses alles«, erwiderte jener,
»ist viel zu wenig, Eure treue Dienste, die Ihr in Beschützung meines Lebens
angewendet habet, nur in etwas zu belohnen: doch den Anfang einiger Dankbarkeit
durch Willfahrung Eurer geringen Bitte zu machen, so wisset, dass Ihr eine solche
Heldentat verrichtet habet, wovor Euch der Kaiserliche Hof auf ewig verbunden
ist. Wisset demnach, dass als der Kaiser öfterer Gewohnheit nach, diesen Wald als
ein Liebhaber der Jagd durchstrichen, und zwar nur in weniger Gesellschaft von
acht Personen, welche hier gestreckt liegen, und als treue Leute ihr Leben vor
ihren König aufgesetzet haben, sich etliche zwanzig verwegene Räuber unterstehen
dürfen, den Kaiser samt seinen Leuten verräterischerweise zu überfallen, und
sich äusserst zu bemühen, durch den Tod des Xemindo ihren verdammten Zweck zu
erreichen. Wie aber die Götter ihre Hand meist über die Gekrönten haben, also
habet Ihr durch Eure Mannheit den Kaiser von Pegu in meiner Person vom Tode
errettet, und ihn aufs neue geboren. Damit ich nun meine Dankbarkeit nach Würden
könne spüren lassen, so entdecket mir gleichfalls Euren Namen und Zustand; ich
schwere bei der Krone dieses Reichs, Eure jetzt verübte Tat soll Euch mit einem
Königreiche belohnet werden.« Wie wir über diesen Bericht teils erschreckt,
teils erfreuet wurden, ist leicht zu erachten, und bildete sich mein Prinz
damals feste ein, der Götter Ausspruch wollte hier bereits den Anfang seiner
Erfüllung machen, in welcher sie so fortfahren würden, bis er die Braut und das
Glücke in Armen hätte, indem wir von der Prinzessin von Pegu vor längst viel
gehöret hatten. Allein wie schlecht diese Meinung eingetroffen, solches müssen
wir noch anitzo mit Tränen beklagen. Doch wieder auf voriges zu kommen, so warf
sich der Prinz nebst uns, als er vernahm, dass es der Kaiser selbst wäre,
alsobald ehrerbietigst zu dessen Füssen und antwortete: »Grossmächtigster Kaiser
und Herr, ich bitte demütigst, unsere Unwissenheit vor eine gnungsame
Entschuldigung gelten zu lassen, dass wir nicht sofort unsern alleruntertänigsten
Respekt besser in acht genommen haben: inmittelst sehe ich, dass dieses ein
blosses Werk der Götter sei, wenn meine geringschätzige Hand den grössten
Monarchen der Welt vom Tod und Verräterei errettet hat. Ich begehre dennoch
nichts als bloss die hohe Kaiserliche Gnade. Und wie mich E.M. in der Person
Pantoja, eines Sohnes des Erbfürsten in Tannassery und Vasallen des Königs in
Siam, wissen sollen; also versichere seeleninnigst, dass ich es mir vor das
grösste Glücke in der Welt rechnen würde, wenn ich vor Dero hohe Wohlfahrt mein
Leben aufopfern sollte.« - »So sind wir Bundsgenossen«, erwiderte der König,
»und bin Euch mit desto grösserer Gnade gewogen, weil aber fernerer Überfall zu
besorgen sein möchte, so lasset uns diesen unglücklichen Ort verlassen, und in
bessere Sicherheit begeben.« Indem nun des Kaisers Pferde bei diesem Kampfe alle
geblieben waren, so befahl er uns, unsere Pferde herbeizubringen, wovon er dem
Kaiser mit höflichen Worten eines anbot, und sich auf das andere setzte, deme
wir zu Fusse nachfolgten. Ehe die Diener aber diesen Befehl verrichteten, sah
mein Prinz, dass sich noch einer von den Räubern regte, weil nun der Kaiser noch
selbst nicht wusste, wo diese Verräterei herrührete, so verfügte er sich zu
demselben, und kehrete ihn um, setzte ihn auch die Lanze an die Brust, und
stellete sich, als wollte er ihn vollend hinrichten. Herz und Haupt aber war
noch frisch, derowegen hub er unvermutet an zu reden: »Haltet inne«, rufte er,
»und höret zuerst mein letztes Bekenntnis mit geneigten Ohren an, weil doch
nicht eher meine Seele diesen Körper verlassen kann, sie habe denn zuvor
entdecket, was vor ein Befehl mich in dies Unglücke gestürzet habe.« Auf diese
Worte eilte der Kaiser ganz begierig herbei, und redete ihn selber an: »So sage
denn, du boshaftiger Räuber, welch Mordbefehl hat dich zu dieser Verwegenheit
angetrieben? Verschweige ja nichts, denn ausser diesem soll dein Leben bis zu
grausamster Marter verschonet werden, welches annoch einige Gnade zu hoffen
hat.« Der Räuber entsetzte sich heftig über den harten Anspruch des Kaisers, und
brach in diese Klage heraus: »Ach wehe mir! Verflucht sei die Stunde, da ich
mich zu diesem Morde verleiten lassen. Ich bitte E.M. um aller Götter willen,
diese unverantwortliche Beleidigung einer sterbenden Seelen zu verzeihen. Ich
und diese meine Mitgesellen, deren die meisten ihren allzu gelinden Lohn
empfangen, sind geborne Bramaner, und durch Befehl unsers grausamen Chaumigrems,
welcher jedem hundert Bizen10 Goldes zu geben versprochen, darzu veranlasst
worden, dass wir I.M. als Deren öftere und einsame Besuchung dieses Waldes
verkundschaftet war, hier verwarten, und um das Leben bringen sollten. Wie ich
nun hierüber eine herzliche Reue trage, also sterbe ich nun vergnügt, nachdem
ich diesen bösen Anschlag rückgängig und E.M. noch am Leben schaue.« Nach
welcher Bekenntnis ihm der Prinz die Lanze durchs Herze stiess, wiewohl es der
König lieber gesehen, dass man durch sein Leben ein mehrers aus ihm gebracht
hätte. Dieses Schelmstücke des Chaumigrems verursachte nun eine gemeine
Verwunderung und Fluch, und wir eileten ohne ferneres Säumen nach Pegu: da uns
denn, sobald wir den Wald auf den Rücken hatten, bei zweitausend Mann
entgegenkamen, weil bereits einiges Gerüchte in der Stadt erschollen, als ob der
Kaiser in Gefahr wäre. Hiedurch waren wir in volle Sicherheit gesetzet, und
zogen unter tausend frohlockenden Zurufen der Peguaner in die Stadt ein,
woselbst alsobald auf hohen Befehl meinem Prinzen ein schöner Palast nächst dem
Schloss eingeräumet ward, welchen wir auch sofort bezogen, und darinnen einen
ungemeinen Überfluss an kostbaren Hausrat und aller Bequemlichkeit antrafen. Noch
selbten Abend ward eine Leibwacht von fünfzig Mann vor unsere Türe gestellet,
welche in zwei Reihen sich längstin auf die Erden setzten, und ihre Rüstung vor
sich auf Stangen hingen. Ingleichen erschienen zwölf königliche Bediente in
langen weissen Röcken mit göldnen Binden, welche königlichen Befehl hatten,
unsern Prinzen zu bedienen. An Speise und Trank fehlte es auch nicht, und lebten
wir in so erwünschtem Zustande, dass wir es ewig begehrten. Folgenden Morgen
übersendete der Kaiser unserm Prinzen zehn schöne Pferde, so gut sie nach
hiesiger Landesart unter den besten kunnten ausgelesen werden, nebst zweien
grossen und wohl geputzten Elefanten, um, wie er zugleich vermelden liess, den
geringsten Verlust des Pferdes in etwas zu ersetzen. Diesen waren zugleich
gnungsame Wärter und Futter beigefüget, welche der König als leibeigen mitgab.
Das beste aber, welches ein Kämmerling überbrachte, waren tausend Bizen güldene
Münze, dass sich also der Prinz sehr wohl und standesmässig aufführen konnte.
Inmittelst verlangte der Prinz sehr nach Hofe, wohin aber ohne kaiserlichen
Befehl niemand kommen durfte, und musste in diesem Verlangen auch mein Prinz drei
Tage verharren, nach deren Verfliessung ihm endlich angedeutet ward, der Kaiser
verlange ihn zu sehen. Da wir denn nicht säumten, sondern uns alsofort in das
Schloss begaben, und weil mich der Prinz vor einen vornehmen Edelmann aus
Tannassery ausgegeben hatte, so durfte ich bei solcher Gelegenheit allentalben
gegenwärtig sein. Als wir unter die fördersten Bogen des Eingangs gelanget
waren, hörten wir zwölf silberne Trompeten blasen, welches ein Zeichen war, dass
es nunmehr dem Kaiser gelegen sei, Verhör zu erteilen. Derowegen wir uns in den
inneren Hof verfügten, und einige Stufen nach dem hohen Saal geführet worden.
Dieser Ort war ziemlich weit und hoch, über die Massen schön vergoldet, und
himmelblau gemalet. Er sass auf einem mit Edelgesteinen versetzten Trone, sein
Haupt ward von einer vierfachen Krone bedecket, eine jede Krone aber ruhete auf
besonderen Stänglein, und stellte dannenhero eine ziemliche Höhe vor. Auf der
rechten Hand sass der Erbprinz Xemin, und auf der linken stunden einige hohe
Bedienten, worunter auch gegenwärtiger Herr Talemon als damaliger
Reichs-Schatzmeister war. Als wir nach Gebrauch mit dreimaligem Fussfall unsere
Ehrerbietung verrichtet, rufte der Kaiser meinen Prinz zu sich, reichte ihm die
Hand zum Kusse, und befahl ihm, auf die oberste Staffel des Trones zu sitzen,
worauf er eine weitläuftige Rede an die sämtliche Anwesenden hielt, meines
Prinzen Tapferkeit gewaltig herausstrich, und ihnen allerseits zu Gemüte
führete, was vor Dank man ihm schuldig wäre: Nach kurzer Antwort aber meines
Prinzens erhub sich der Kaiser von dem Tron, nahm den Prinzen bei der Hand, und
führte ihn in ein geheimes Zimmer, welchen niemand als Prinz Xemin folgen
durfte. Hier hatte ihn nun der Kaiser, wie mir der Prinz hernach alles
ausführlich erzählte, abermals mit beweglichen Worten angeredet: »Mein wertster
Pantoja, ich weiss es nicht allein, sondern habe es auch sattsam erfahren, wie
verbindlich Ihr Euch gemacht habet: ja ich weiss es mehr als wohl, dass die
Dankbarkeit der Tugend beste Zierde sei, und wo diese den Szepter führet, da
könne nichts als Segen und Wohlfahrt blühen. Dass nun diese Tugend den Ruhm eines
gekrönten Hauptes um ein grosses vermehre, solches will ich allerdings an Euch
erfüllet wissen.« Nach welcher Rede er an eine Türe geklopfet hatte, aus welcher
sofort eine schöne Prinzessin, von unterschiedenen Frauenzimmer begleitet,
gekommen war, welche der Kaiser bei der Hand genommen, und dem Prinzen mit
diesen Worten zugeführet hatte: »Hier nehmet, tapferer Fürst, dieses Kleinod
unseres Hofes, von meiner Hand, als ein hohes Zeugnis wahrer Dankbarkeit: und
wie das Königreich Cambaya Tannassery um ein grosses übertrifft, so nehmet es mit
dieser Prinzessin zu einem Heiratgut an; jedoch dass Ihr unserm Reiche
einverleibet und getreu verbleiben möget. Der Himmel segne Euch, und die Götter
verleihen, dass durch beiderseitige Erkenntlichkeit ein stetes Wohlergehen
blühe.« Mein Prinz hatte hier nicht gewusst, ob ihm abermals träumte, oder ob es
in der Wahrheit so geschehe, und weil er sich nicht alsobald fassen können, hat
er sich auf die Knie gesetzet, und geantwortet: »Es ist zu viel, Grossmächtigster
Kaiser und Herr, es ist zu viel, dass diese Schuldigkeit, wozu mich meine Pflicht
und der Götter Vorsehung getrieben hat, zugleich mit einer Krone und einer so
schönen Prinzessin, meinesteils unwürdigst, soll belohnet werden. Und weil ich
nicht geschickt bin, mich bei solcher Eil in ein so grosses Glücke zu finden; als
bitte ich E.M. in Untertänigkeit, mir einige Tage Frist zu erlauben, worinnen
ich mich besser fassen, und dieses hohe Gnadengeschenke mit gebührender
Erkenntlichkeit annehmen könne.« - »So einen hohen Dienst Ihr mir erwiesen«,
waren des Kaisers Gegenworte gewesen, »so einen grossen Gefallen werdet Ihr mir
auch erzeigen, wenn Ihr diese meine dankbare Gnade alsofort gebührend erkennet,
und von meiner Hand annehmet.« Worauf sich mein Prinz nicht ferner zu
widersprechen getrauet, dannenhero er, nicht wissende, wie ihm geschähe, sich
der Prinzessin genähert, ihre Hand geküsset, und sie kurz angeredet: »So nehme
ich dann dieses hohe Glücke von der Hand eines so grossen Monarchens mit Freuden
an, und wie ich nicht zweifele, es werde Dero Schönheit sich dem Kaiserlichen
Willen gleichförmig erzeigen, also befehle ich mich in Dero Gunst und E.M.
Gnade«, welche Worte sie mit nichts als einigen Tränen beantwortet, und auf des
Xemindo Befehl ihn mit ihrem Bildnis beschenket hatte, Prinz Xemin aber hatte
das Zimmer gar verlassen. Mittages mussten wir bei der Tafel bleiben, wobei sich
auch Prinz Zarang von Tangu befand, welcher sich eine geraume Zeit an diesem
Hofe aufgehalten, dessen Ursache bei folgender Erzählung soll erwähnet werden.
Als ich nun in oberwähntem Verhörsaal eine geraume Zeit aufgewartet, sah ich
endlich meinen Prinzen mit ganz verwirreten Gesichte wieder in den Saal treten,
welches mich denn nicht wenig verwunderte, vielmehr aber betrübte. Wir wurden
aber bald hierauf in ein ander Zimmer geführet, in welchem die Tafel, in etwas
von der Erden erhöhet, gedecket war, und befand sich Xemin und vorerwähnter
Zarang, Prinz von Tangu, darinnen. Dieser letztere stellete sich sehr freundlich
gegen meinen Prinzen an, wünschete ihm Glücke, sowohl wegen der Errettung, als
auch der reichlichen Belohnung. So angenehm sich aber Zarang zutat, so murrisch
stellete sich hingegen Xemin, also, dass er auch meinen Prinzen nicht einigen
Wortes würdigte, sondern seine Verachtung merklich bezeigete. Worein wir uns
ganz nicht zu finden wussten, und meinte ich nicht anders, er zürnete, dass man
seinen Herrn Vater errettet, und ihm die Hoffnung zur Krone geraubet hätte. In
solche Verwirrung wurde ich noch tiefer gestürzet, als der Kaiser vorige
Prinzessin bei der Hand ins Zimmer begleitete, und sie meinem Prinzen zuführete.
Welches mich vollends in tiefste Verwunderung setzte, weil ich noch nicht wusste,
was vorgegangen war. Der Prinz sah bestürzt aus, sie aber verriet ihr
Missvergnügen durch häufige Zähren, bis wir endlich nach morgenländischer Art auf
kostbare Teppichte uns zur Tafel niedersetzten, wobei ich gleichfalls meinen
Rang unten an beobachtete. Dieses war nun eine seltsame Mahlzeit, wobei mehr
Gemütsbewegungen als Speisen zu sehen waren: wiewohl auch an diesen ein
sattsamer Überfluss vorhanden. Der Kaiser sah stets meinen Prinzen und die
Prinzessin, welche beieinander sassen, mit bekümmerten Augen an, mein Herr sass
voller betrübten Gedanken, die Prinzessin vergoss mehr Tränen, als sie Speise zu
sich nahm, und Xemin, welcher der Prinzessin gegenüber sass, gab sein sonderbares
Anliegen durch stetes Seufzen zu erkennen. Ja wenn nicht Zarang, welcher am
vergnügtesten zu sein schien, ein und das andere Mal meinen Prinzen aufzumuntern
gesucht hätte, so wäre alles in solcher Stille zugegangen, weder bei so einer
vornehmen Gesellschaft nicht zu vermuten gewesen. Ich hingegen, als aller Dinge
unwissende, sah diesem Schauspiel voller Verwunderung zu, und hat mich der Weg
von Pandior bis nach Pegu nicht so verlanget, als ich damals das Ende der
Mahlzeit wünschte, um meinen Prinzen bald alleine zu sprechen, in Hoffnung, er
würde mir diesen Zweifelsknoten auflösen. Sobald nun die Tafel aufgehoben,
schützte mein Prinz einige Unpässlichkeit vor, und verfügte sich ohne einige
Weitläuftigkeit nach seinem Palast. Sobald er das Zimmer betreten, warf er Säbel
und Rock von sich, und ging eine geraume Zeit voller Gedanken auf und ab, dass
ich mich also nicht erkühnen durfte, ihn durch einiges begieriges Nachfragen zu
beunruhigen, bis er endlich von sich selbst anfing zu reden: »O ihr betrüglichen
Götter«, hub er an zu klagen, »ist dieses die vorgestellte Schönheit, die Ihr
nur im Traume zu zeigen, nicht aber im Leben darzustellen vermöget. Ist dieses
die schöne Tochter des Königs Xemindo, von dero überirdischen Schönheit das
Gerüchte fast ganz Asien begierig gemacht hat, sie zu sehen? O so darf sich
meine Schwester vor beglückt achten, dass sie dieser gar gerne den Lorbeer aus
der Hand reisst. Hättet Ihr nicht meinen Geist durch eine träumende Schönheit
verunruhiget, so hätte ich einfältig geliebt, und mich glückselig geachtet, dass
ich so bald eine Braut mit einem Königreich überkäme: ja ich hätte nicht gewusst,
worin die wahre Schönheit bestünde. Allein, nachdem es mir unmöglich fällt, das
in dem Tempel zu Pandior erschienene Bild aus meinem Herzen zu reissen, so ist es
mir auch unmöglich, etwas anders zu lieben, was nicht jene vollkommene
Gleichheit meinen Augen vorstellet. Auf derowegen, mein Scandor, hier ist nicht
länger Zeit zu warten, weil der Götter Rat auf was anders zielen muss, welches zu
suchen und anzutreffen, mein Geist nicht eher, denn in dem Grabe, ruhen wird.«
Dieses war mir nun eine ganz unangenehme Zeitung, indem ich mich auch in meinem
Vaterlande nicht zu verbessern wusste. Derowegen forschete ich erst, was in dem
innern Zimmer vorgegangen war, wornach ich denn mein Einreden richtete.
»Gnädigster Herr«, sagte ich, »wie können Sie sich den Schatten eines Traums so
feste einbilden? Vielleicht haben die Götter durch die träumende Schönheit,
welche dieser Prinzessin abgehet, das anhangende Heiratsgut, als das Königreich
Cambaya, bedeuten wollen: angesehen eine Krone in aller Menschen Augen das
schönste Gesichte wegsticht. Denn jene ist beständig und mächtig genung, sich
selbst zu erhalten, diese aber kann durch ein geringes Fieber verzehret werden.
Zudem muss ich doch auch gestehen, dass diese Prinzessin, meiner Einfalt nach,
noch wohl liebenswürdig sei.« - »Ach«, antwortete der betrübte Prinz, welcher
sich indessen auf das Bette geworfen hatte, »sie ist nur ein Schatten gegen
jenem Traume. Denn wie jener alabasterne Stirne durch die lichten Locken um ein
grosses erhaben ward: also missfallen mir an dieser nicht wenig die rötlich
scheinenden Haare, welche nicht selten einen bösen Sinn verraten. Und wie jenes
Angesichte durch eine runde Gestalt seine anmutige Vollkommenheit darstellete,
also überschreitet dieses durch einige Länge die Grenzen der Schönheit. Ihre
Augen sind zwar mehr schwarz als blau, jedoch sind sie nur wie ausgelöschte
Kohlen, bei denen sich kein Schwefel der Liebe entzünden kann. Ihre Lippen sind
zwar Korallen, doch ohne Magnet, und ihre Wangen ein mit Rosen allzu häufig
überstreutes Feld. In summa, es missfället mir etwas an ihr, welches ich selber
nicht verstehe noch sagen kann. Ihre Freundlichkeit ist mir zuwider, und ihr
Schönstes kommt mir verdriesslich vor, ob ich sie gleich nur kurze Zeit
betrachten können. Weswegen ich denn lieber alle Kronen entbehren, ja sterben,
ehe ich mir das Heiratsband zu einer Sklavenkette machen will.« Diesem kräftigen
Einwurfe und festem Vorsatze befand ich mich damals zu schwach, gnugsam zu
widerstehen: Dahero es mir sehr gelegen war, als sich der General Rangustan, und
gegenwärtiger Herr Talemon, damaliger Reichs-Schatzmeister, anmeldeten, welche
der Prinz alsobald vor sich liess. Dieser Rangustan war nun eben derjenige
Ritter, welchem wir nebst dem Xemindo das Leben erhalten hatten, dahero er noch
den Arm in einer Binde tragen musste, und sich an unterschiedenen Fleischwunden
nicht allerdings wohlauf befand. Dieser legte bald anfangs eine Danksagung vor
erwähnte Lebensrettung ab, und erhub abermals meines Prinzen Tapferkeit bis an
den Himmel, dass ihm auch endlich der Prinz hierinnen Einhalt tun musste. Der Herr
Talemon aber besuchte uns amtshalber, indem ihm unsere Verpflegung von dem
Kaiser anbefohlen war. Und weil er bei währender Aufwartung über der Mahlzeit
die sonderbare Verwirrung meines Prinzen gleichfalls bemerket hatte, so ware er
begierig, dessen Ursache zu vernehmen, welches ihm aber der Prinz nicht eher
entdeckte, bis Rangustan nach Hofe erfordert und Talemon also bei uns allein
gelassen wurde. Dieser kunnte sich nun nicht entalten, alsobald den Prinzen
anzureden: »Wie? nunmehro König von Cambaya, kann ein so mächtiges Königreich
und so eine schöne Braut nicht mächtig genung sein, ein betrübtes Gemüte
aufzurichten? Oder ist hieraus unsers grossmächtigsten Kaisers Dankbarkeit noch
nicht genug zu spüren?« Mein Prinz hörete diese verweisliche Frage mit
geduldigen Ohren an, beantwortete sie aber dergestalt: »Mein Herr Schatzmeister,
ich erkenne mich freilich dieser Prinzessin unwürdig, und hätte mich dessen
nimmermehr versehen, dass ich durch meine geringe Dienste nicht sowohl einen
königlichen Tron besteigen als auch eines so grossen Monarchens Eidam werden
sollte. Allein, saget mir von Grund Eures Herzens, ob mein Betrübnis zu tadeln
sei, wenn ich keine Gegenliebe verspüre, und von dem Kronprinzen mit scheelen
Augen angesehen werde? Wie nun solcher Liebeszwang nur jederzeit Wermut im Munde
und Ekel im Herzen mit sich führen wird; also scheinen mir aus des Prinzen
Gesichte lauter gefährliche Kometen, deren Bedeutung erst nach des Herrn Vaters
Tode auf meinen Kopf fallen möchte.« Talemon verspürte des Prinzen Irrtum,
jedoch wollte er sich nach Art kluger Hofeleute nicht allzu geschwinde bloss
geben, sondern hub einen weitläufigen Diskurs von der Landschaft Tannassery an,
also, dass mein Prinz genung zu tun hatte, gebührende Antwort zu geben. Denn weil
er in seiner Jugend Siam durchreiset und sich auch einige Zeit an dem Hofe zu
Tannassery aufgehalten hatte, so wusste er mehr zu fragen, als mein Prinz zu
antworten. Ja als Talemon fortfuhre, nach der Stammlinie der tannasserischen
Regenten zu forschen, gab mir der Prinz einen Wink, diesen Diskurs zu
unterbrechen. Ich sass selber wie ein Feuer, und wusste in der Angst nichts zu
sagen, als dass ich fragte: Ob der Herr Schatzmeister auch eine feine Gemahlin
hätte? »Wie kommt dem Herrn diese Frage im Sinn?« antwortete er lächelnde: »Ich
will nicht hoffen, dass diese Frage einige Bedeutung nach sich ziehen werde.«
Nach diesem verliess er mich, und wendete sich wieder zum Prinzen, welcher sich
schlafende anstellte. Als er aber nach einer halben Stunde die Augen wieder
aufschlug, verfolgte ihn Talemon mit dieser Rede: »Gnädigster Herr, Sie
verzeihen meinen Vorwitz, welcher vielleicht zu Ihrem Besten angesehen ist. Ja
ich sage, dass es Dero eigne Wohlfahrt erfordert, mich in die Zahl derer
Vertrauten Diener aufzunehmen. Sie vermerken es demnach in hohen Gnaden, wenn
ich zwar aus Deren angebornen Majastät eine hohe Person mutmasse: allein dass Sie
ein Prinz aus Tannassery sein sollten, solches Dero Wissenschaft verneinen, und
mir heimlichen Beifall geben lasse. Denn mir einig und allein an diesem Hofe ist
bekannt, wie der letzte unglückliche Prinz Pantoja in Tannassery von seiner
boshaften Stiefmutter mit Gift vergeben worden, in Meinung, ihrem sechsjährigen
Sohne den Tron vorzubehalten, welcher aber nach zwei Jahren im Tode folgete,
und also der ganze Stamm, bis auf den alten Vater, mit welchem auch die Hoffnung
zu einigen Erben zu Grabe geht, abgegangen ist. Dahero so unmöglich, als Sie
nun ein Prinz von Tannassery sein können, so gewiss und unfehlbar schliesse ich,
dass Sie aus wichtigen Ursachen an diesem Hofe Ihren hohen Stand verdecken, und
sich unbekannterweise aufhalten wollen. Wie nun solches bisweilen eine kluge
Staatsvorsicht erfodert; also ist es zugleich hochnötig, sich ingeheim
aufrichtige Freunde zu schaffen, welche aus Erfahrung in deren Angelegenheiten
mit Rat und Tat dienen, und Ihre Anschläge erspriesslich befördern können. Wollen
nun E.M. in meine wenige Person, welche bereits in königlichen Diensten
zweiunddreissig Jahr getreu gewesen, einiges Vertrauen setzen, so gelobe ich
alle, jedoch meinem Kaiser unschädliche Treue und Aufrichtigkeit. Ja, ich
beschwere bei allen Göttern, und verspreche an Eides statt, nicht allein Dero
Stand in geheim zu halten, sondern auch E.M. in itzigem verwirrten Zustande
dermassen treulich beizustehen, und solche Geheimnisse zu entdecken, welche sie
hochnotwendig wissen müssen, dass ich mich dessen lebenslang um E.M. werde zu
erfreuen haben.« Hier fand sich nun der Prinz dermassen betreten, dass er teils
anfangs verstummte, teils auch sich über die Klugheit Talemons verwundern musste,
und indem er sein hohes Beteuren hörte, auch jederzeit eine sonderbare Zuneigung
gegen diesen Mann in sich verspüret hatte, so brach er endlich in diese Worte
heraus: »Weil ich mich denn durch Eure Klugheit verraten sehe, so traue ich
Eurer Aufrichtigkeit. Wisset demnach, dass ich ein Kronprinz aus Ava bin, welchen
die Grausamkeit des Vaters und die Bosheit des Bramanischen Königes Chaumigrens,
welcher sich eine geraume Zeit an selbtem Hofe aufgehalten, gezwungen hat, sein
Glücke durch Verstellung anderwärts zu suchen, und wie mir die Götter zu Pandior
nach Pegu geraten und mir allda meine Vergnügung versprochen; so bin ich nicht
wenig bestürzt, wenn ich deren Ausspruch auf widrige Art erfüllet sehe. Denn Ihr
sollt ferner wissen, nunmehro vertrauter Talemon, dass ich mein Vergnügen nicht
in Land und Leuten suche, als welches mir die Götter nach meines Vaters Tode an
dem mächtigen Königreiche Ava sattsam stillen werden: sondern es haben mir die
Götter in dem Tempel Pandior eine Schönheit im Traum vorgestellt, und mich
solche zu suchen angereizet, dass ich mir nicht getraue, länger diese
Zeitlichkeit zu geniessen, wo nicht eine Gleichheit dieses nächtlichen Gesichtes
sich von mir finden lässt.« - »Grossmächtigster Prinz«, antwortete Talemon hierauf
ehrerbietigst, »ich erkenne Ihren Irrtum, und merke Ihr Missvergnügen: so haben
Sie sich denn die Hälfte geraten, indem Sie mir den wahren Zustand Ihrer hohen
Person entdecket. Die Prinzessin nun, womit unser Kaiser seine Dankbarkeit zu
bezeigen vermeint hat, ist nicht dessen Tochter, wie der Prinz in den irrsamen
Gedanken stehet, sondern eine Prinzessin von Saavady, welches Land als ein
Lehnreich von Pegu verwichener Jahre der Tyrann von Brama, als des Chaumigrems
Bruder, mit tausenddreihundert Schiffen zu Wasser belagert, eingenommen, den
König gefangen, und diese Prinzessin verjaget, welche sodann ihre Zuflucht zu
unserm Hofe genommen, und sich einige Zeit als eine Gespielin der
durchlauchtigsten Banisen, Erbprinzessin von Pegu, hier aufgehalten hat.« Diesen
Bericht hörte mein Prinz mit aufmerksamen Ohren an, und wurde begierig, durch
vieles Fragen alle Umstände zu wissen. »So ist dieses nicht die schöne
Prinzessin von Pegu, von welcher ganz Asien zu sagen weiss?« - »Nein, diese ist
es nicht«, antwortete Talemon, »ja hier unter der Rose, sie ist nicht ein
Schatten gegen jenem Lichte zu rechnen: und weil sie sich gar selten sehen
lässet, ausser wenn es der Kaiser ihr Herr Vater befiehlet; so hat es auch heute
gefehlet, dass sie nicht bei der Tafel erschienen.« Hier musste nun Talemon ihre
ganze Gestalt beschreiben, welches den Prinzen in solche vergnügte Verwunderung
setzte, dass er überlaut ausrief: »O ihr gütigen Götter, vergebet mir das in Euch
gesetzte Misstrauen, welches die Ungeduld, als aller Verliebten stete
Begleiterin, in mir verursachet hat. Diese, ach ja diese Schönheit ist es, an
welcher ihr Eure Bildungskunst erweisen, und mit Eurem Meisterstücke gegen mich
prangen wollen. Wie artig wisset Ihr Eure Worte zu erfüllen? Es wird ein fremdes
Bild so Aug als Liebe blenden, lautete der verdeckte Ausspruch, ach so lasset
doch auch das folgende seine glückliche Erfüllung erreichen, wenn ihr
versprechet, ich sollte endlich die Ruhe finden. Allein«, fuhr er fort den
Talemon zu fragen, »wie dass sich denn der Prinz Xemin so widersinnisch
anstellet, wie wird denn derselbe durch mich beleidiget?« - »Hierunter stecket«,
antwortete Talemon, »ein sonderbares Geheimnis. Denn erwähnter Prinz hat sich in
die Prinzessin von Saavady unsterblich verliebet, und geht mit dem festen
Vorsatz schwanger, sie dermaleins auf den Tron von Pegu neben sich zu setzen,
welchem aber der Wille des Herrn Vaters durchaus nicht beipflichtet, weil sie
vors erste eine Vasallin von Pegu ist, vors andere, sich Pegu mit Siam durch
eine Heirat des Prinzens mit der Prinzessin Fylane verbinden soll. Dieses
gedenket nun der Kaiser klüglich hintertrieben zu haben, wenn er die Prinzessin
von Saavady anderwärts vermählet, und dem Sohne alle Hoffnung, sie zu erlangen,
raubet.« - »Wie?« fragte mein Prinz, »sollte sie wohl so törlich handeln, und
den Tron von Pegu ausschlagen? Warum stellet sie sich denn so betrübt an, da
sie weder mich noch den Verlust des Prinzen von Pegu beweinet?« - »Die Gemüter
der Menschen«, erwiderte Talemon, »sind unterschiedlich, indem manches die Liebe
Krön und Tron vorzeucht. Und dieses tut fast die Prinzessin von Saavady, indem
sie sich vergnügter einbildet, den geringen Tron von Tangu zu besitzen, weil
die Person des Prinzen Zarang ihre Augen und Herz dermassen eingenommen, dass sich
auch die ganze Welt vergebens bemühen würde, sie von dieser Liebe abzuziehen.
Wiewohl ihre Unempfindlichkeit gegen dem Xemin sattsam gerochen wird, indem sie
gleichfalls von dem Zarang keiner Gegenliebe gewürdiget wird.« - »Und was
verhindert«, fragte mein Prinz ferner, »denn den Zarang an solcher Gegenliebe?«
- »Die schöne Prinzessin von Pegu«, antwortete Talemon. Über welchen Worten mein
Prinz dermassen erschrak, dass er ganz aus sich selber zu sein schiene, und würde
er eine neue Klage angestimmet haben, wenn nicht Talemon fortgefahren, und ihn
getröstet hätte. »Er liebt sie heftig«, sagte er: »so unglücklich aber Prinz
Xemin gegen die Prinzessin von Saavady, und hingegen diese gegen den Prinz
Zarang ist; so unglücklich, ja weit unglücklicher ist Zarang gegen unsere
Prinzessin Banise. Denn ob ihm gleich die Gnade und Gewogenheit unsers Kaisers
nicht wenig zustatten kömmt, so ist doch ihr nicht sowohl seine Person als auch
seine viele Untugenden, die er durch Hochmut, Ruhmrätigkeit, vieles Saufen und
auch kundbare Unzucht öfters merken lässt, dermassen zuwider, dass sie lieber eine
Schlange als dessen Gegenwart erdulden kann: wiewohl sie der väterliche Befehl
zwinget, sich von ihm bedienen zu lassen. Sie wendet zwar vor, weil Tangu auch
ein Lehnreich von Pegu wäre, warum sie weniger als ihr Bruder Prinz Xemin,
sollte geachtet sein, welchem die Liebe gegen die Prinzessin von Saavady
deswegen untersaget würde, weil sie eine Vasallin wäre. Nun wäre ja Zarang auch
ein Vasall: warum würde es ihr denn nicht erlaubet, sich dem Kaiserlichen Willen
gleichfalls gemäss zu bezeigen? Allein der Kaiser schützet solche Staatsursachen
vor, welche auf eine blosse Zuneigung gegen den Zarang auslaufen, dass auf solche
Masse die arme Prinzessin nicht wenig gequälet wird. Und also haben Sie das ganze
Rätsel unsers verliebten Hofes aufgelöset, nach welchem sich denn mein Prinz
richten, und sich meiner wenigen, doch getreuen Dienste dabei versichern kann.«
- »Ist das nicht ein verwirrtes Liebesspiel?« hub mein Prinz hierauf an, »da so
viel Personen lieben, zugleich hassen, und doch keines vergnüget wird. Ja was
verwunderlicher, so werde ich auch in dieses Spiel mit eingeflochten: helfet
derowegen, ihr gütigen Götter, dass ich in diesem Kampfe den besten Kranz
davontrage! Inmittelst werdet Ihr, mein wertester Talemon, bedacht leben, alles,
was vorgehet, mir genau zu hinterbringen. Ich versichere Euch völlige Gnade und
reiche Belohnung.« Nach einigen Tagen ward uns von dem Kaiser Erlaubnis
zugeschicket, unsere Vergnügung in dem kaiserlichen Lustgarten zu suchen,
welches denn meinem Prinzen sehr angenehm war, weil er von dem Talemon berichtet
ward, dass die Prinzessinnen denselben öfters besuchten. Dannenhero, als wir
eines Tages verständiget worden, dass sich Xemindo mit denen Prinzessinnen im
Garten befinden würde, legte mein Prinz einen von grünem Atlas mit Golde
reichlich durchwürkten Rock an, setzte einen künstlich gewundenen Bund, an
welchen einige Federn von dem Sinesischen Sonnenvogel durch ein kostbares
Kleinod geheftet waren, auf sein Haupt: der rechten Brust hing er der Prinzessin
von Saavady Bildnis an und seinen mit Diamanten reichlich versetzten Säbel
vermittelst einer güldenen Ketten um den Leib, welches ihn dermassen ansehnlich
machte, dass es anders unmöglich war, ein Frauenzimmer musste sich in ihm
verlieben. Hierauf verfügeten wir uns nach dem Garten, welcher zur Seiten des
Schlosses in drei Teile abgeteilet war. Die erste Abteilung stellete einen
gewaltig schönen Baumgarten vor, welcher einem anmutigen Lustwalde nicht
unähnlich war, in dessen Mitten gab es einen Teich, auf welchem Schwanen, Reiher
und Enten herumschwammen. Die andere Abteilung bestund in einem Zier-und
Lustgarten, in demselben war alles anzutreffen, was die Natur und Kunst
hervorzubringen fähig war. Hier sprang ein künstliches Wasser, dort blühete ein
rares Gewächse, und war alles in so verwunderliche Ordnung eingeteilet, dass ich
nicht glaube, dass seinesgleichen in Asien mehr sei. Welches denn um so viel mehr
zu bejammern, dass dieser herrliche und recht königliche Lustgarten sonder
Zweifel bei verwichenen allgemeinen Landverderben wird zerstöret worden sein.
Das dritte Teil dieses Gartens war mit einer hohen Mauer abgesondert, hinter
welchem einige fremde Tiere aufbehalten wurden. Als wir nun den Baumgarten
betreten, und dessen zierliche Pflanzung der Bäume betrachteten, indem immer
eine Reihe Pomeranzen-, Liemonien-, Dattel- und Ölbäume, nebst andern fremden
Gewächsen, wechselweise gesetzt waren, so hörten wir zur Seiten eine Person
singen, welche durch ihre beweg- und klägliche Stimme ihr heftiges Leiden
sattsam zu erkennen gab, da wir bei Annäherung folgende Worte vernahmen:
                                       1.
Gute Nacht, ihr harten Sinnen,
Gute Nacht, du Felsenherz.
Soll mein Hoffnungswachs zerrinnen?
Ist mein Lieben nur dein Scherz?
Ei so will ich dir beizeiten
Eine gute Nacht andeuten.
                                       2.
Diamanten müssen springen,
Wenn sie schlechtes Bocksblut kühlt:
Und ein Tiger lässt sich zwingen,
Dass er mit dem Menschen spielt.
Hier muss Diamant und Tiger
Dich erkennen als Besieger.
                                       3.
Stahl muss weichen, Gold muss fliessen,
Wenn es nur die Glut beseelt:
Und durch öfteres Begiessen
Wird der Stein gleich ausgehöhlt.
Aber du willst dich erweisen,
mehr zu sein als Stein und Eisen.
                                       4.
Du verachtest meine Tränen,
Du verlachest meine Treu:
Ich darf niemals fast erwähnen,
Wie mein Geist entzündet sei.
Also können selbst die Zeiten
Nicht den harten Sinn bestreiten.
                                       5.
Wider das Verhängnis leben,
Ist den Menschen nicht erlaubt:
Harte Eichen widerstreben,
Bis der Blitz die Härte raubt.
Darum hüte dich, du Schöne,
Dass die Reue dich nicht kröne.
                                       6.
Zwar ich will dich gerne gönnen,
Dem, dem du dich zugedacht:
Wirst du dich verbessern können,
Sag ich willig gute Nacht!
Doch wenn es dich wird gereuen,
Wird der Himmel mich erfreuen.
    Welche letztere Worte von einem tiefen Seufzer begleitet, und wir in
sorgsames Nachdenken versetzet wurden: Wer doch immer solche Abschiedsgedanken
hegete. Solches aber zu erfahren, und aufzupassen, hätte uns mögen vor einigen
Vorwitz ausgedeutet, und als Fremden verübelt werden, dahero wir uns so fort
zurücke und nach dem innern Garten begaben, und weil kurz hernach Prinz Xemin
hinter uns folgete, so mutmassten wir bald, dass er die betrübte Stimme müsse
gewesen sein. Weswegen denn mein Prinz sagte: »Armseliger Prinz, ich meinesteils
wünsche dir von Herzen die Vergnügung, welche du in Besitzung der Prinzessin von
Saavady zu haben vermeinest, ich schwere dir, keinen Eintrag zu tun, sondern
würde mich vielmehr beglückt und verpflichtet achten, wenn ich durch dich einer
solchen verdriesslichen Liebe überhoben würde.« Unter diesen Reden gelangeten wir
in den Lustgarten, worinnen unsere Augen so viel zu sehen vor uns fanden, dass
wir vermeinten in ein irdisch Paradies zu kommen. Wir sahen niemand in dem
Garten, mutmasseten doch, dass sie sich wohl vor der Sonnenhitze in denen
bedeckten Spaziergängen aufhalten würden. Als wir aber fast die Mitten, allwo
ein herrliches Lustaus stund, erreichet hatten, wurden wir die Prinzessin von
Saavady hinter uns gewahr, welche wir im Vorbeigehen wegen vieler Aufmerksamkeit
übersahn, und weil sich Prinz Xemin bereits bei ihr eingefunden, so wollte mein
Prinz nicht erst wieder umkehren, sondern stellte sich an, als sähe er sie
nicht, dahero wir uns je mehr und mehr unter die erhabenen Gewächse begaben,
hinter welchen wir sie, sie aber nicht uns, bemerken kunnten. Hier sah ich nun
mit Lust, mein Prinz aber mit sonderbarem Mitleiden zu, wie sich der arme Xemin
vergebens bemühte, ihre Gunst nur durch ein geringes Zeichen zu erlangen. Ihre
Augen waren von ihm abgewandt, und ob er sie gleich stets mit Reden zu
unterhalten schien, so erhielte er doch keine Antwort, sondern sie stellete
sich, als ob sie mehr Achtung auf die Blumen als seine Worte gäbe, dahero sie
denn nur durch Singen ihre vertiefte Gedanken zu erkennen gab. Als sie sich aber
uns näherten, verfügten wir uns weiter nach einem langen und offenen
Spaziergang, welchen wir auszugehen erwählten. Wir hatten kaum zehn Schritte
fortgesetzt, so erhub sich ein heftiges Geschrei hinter einem kleinen
Rosengebüsche, in kurzem aber sahen wir zur Seiten den Kaiser und den Prinzen
Zarang nebst unterschiedenen Frauenzimmer voller Schrecken und Angst laufen, dass
wir also nicht wenig erschraken, indem wir keine Ursache solcher ängstlichen
Flucht sahen oder wussten. Wir wollten gleichfalls umkehren, und dem Kaiser
entgegeneilen, ihm auf allen Notfall beizustehen, siehe, o wunderliches
Schicksal des Himmels! so lief uns die schönste Schönheit voller Angst und
Schreien entgegen, weil sie ein grausames Pantertier, welches aus
Nachlässigkeit des Tiergartners durch ein Gatter gerissen, und also in den
Lustgarten kommen war, verfolgte. Mein Prinz wäre entzückt stehengeblieben, wenn
ich ihn nicht eilend erinnert hätte, die Prinzessin in so augenscheinlicher
Lebensgefahr zu retten. Worauf sich mein Prinz ermunterte, und ihr mit blossem
Säbel entgegeneilte. Wie er denn zu hoher Zeit ankam, indem das grimmige Tier
bereits die Tatze hinten in ihren Rock eingeschlagen, und zur Erden zu reissen
bemühet war. Der Prinz wusste in der Angst nicht, ob er hauen oder stechen
sollte, derowegen er einen Stoss nach dem Tiere führete, welcher in ein Auge
geriet, und ihm so heftig schmerzte, dass es die Prinzessin verliess, um diesen
Stoss an meinem Prinzen zu rächen, und ihn so grausam anfiel, dass es ihn den Bund
vom Kopfe riss. Ich lief demnach auch herbei, meinen Herrn zu retten, ehe ich
aber herzukam, hatte er ihm bereits durch einen gewaltigen Hieb das Haupt
gespalten, dass es tot zur Erden stürzte. Indessen lag die schöne Blume, die
Prinzessin, sage ich, in dem Grase in einer tiefen Ohnmacht, dahero mein Prinz
alsobald den blutigen Säbel wegwarf, und sich neben sie auf die Knie setzte,
auch durch sanftes Schütteln sie zu ermuntern trachtete. Hier lag nun die Rose,
welche alle Schönheit des Gartens übertraf, mein Prinz verwendete kein Auge von
ihr, und sagte heimlich: »Dies ist der Götter Schönheit, die sie mir zu Pandior
gewiesen.« Endlich hätte es nicht viel gemangelt, dass nicht der Prinz neben sie
ins grüne Gras gesunken wäre, so sehr hatte ihn Liebe, Verwunder- und Bestürzung
eingenommen. Endlich eilte der Kaiser, Zarang und das Frauenzimmer ganz
erschrocken herbei, und vermeinten nicht anders, weil der Schweiss des Panters
hin und wieder das Gras gefärbet, die Prinzessin sei bereits erwürget, und nur
ihr Tod gerochen worden; dannenhero sich ein solches Zetergeschrei erhub, dass es
weit erschallete. Xemindo fiel neben sie nieder, Prinz Zarang stund als ein
Stock, Xemin und die Fr. v. Saavady kamen endlich auch dazu, mein Prinz sass
unbeweglich, und hatte seine Augen an ihre Wangen geheftet, ja das Frauenzimmer
beweinte sie als tot, und ich glaube, dieses unnötige Trauergeschrei hätte noch
nicht seine Endschaft erreicht, wenn ich ihnen nicht den ganzen Verlauf
berichtet hätte, wie die Prinzessin nur vom Erschrecknis in eine Ohnmacht
geraten, und ganz unbeschädiget wäre, worauf sie sich allerseits wieder zu
fassen begunnten. Der Kaiserliche Herr Vater hub sie mit tränenden Augen auf,
und legte sie meinem Prinzen in die Schoss, welcher dahero noch entzückter und
mehr einem Bilde als einem Menschen gleich wurde. Als sie nun mit köstlichem
Balsam bestrichen, und durch frisches Wasser etwas erquicket war, schlug sie die
holdseligen Augen auf, und wusste nicht, wo sie war. Endlich, als sie sich etwas
mächtiger befand, richtete sie sich vollend auf, und setzte alle Anwesenden in
eine ungemeine Freude. Prinz Zarang aber liess seine Eifersucht aus den Augen
blicken, da es ihm doch ebensowohl freigestanden, sich auf dergleichen Art um
die Prinzessin verdient zu machen, wenn es seine furchtsame Tapferkeit
zugelassen hätte. Nachdem es sich nun völlig mit der Prinzessin gebessert hatte,
betrachteten sie insgesamt den grausamen Panter, welcher auch noch im Tode
entsetzlich war, weswegen sich denn der Kaiser zu meinem Prinzen wendete, und
ihn mit der freundlichsten Umarmung also anredete: »Allerwertester Pantoja, so
haben Euch denn die Götter hergeschicket, mein Leben zu erhalten, und dieses
mein liebstes Kind mir aufs neue wieder zu schenken? wodurch Ihr mich zu freier
Bekenntnis zwinget, dass, ob mir zwar die Götter ausser der Unsterblichkeit alles
möglich zu machen, erlaubet, mir es dennoch an vollkommener Dankbarkeit
ermangeln will, womit ich Euch diese unvergleichlichen Heldendienste sattsam
belohnen könne. So nehmet denn von mir diesen Kuss, und von der Prinzessin Banise
als ein Zeichen höchster Dankbegierigkeit an: ja weil ich nichts ersinnen kann,
womit Pegu seine Erkenntlichkeit könne dartun, so soll Euch eine freie Bitte
erlaubet, und solche auch mit der Hälfte meiner Krone gewähret werden.« Nach
diesem eröffnete die himmlische Banise ihre Rosenlippen, und sagte zu meinem
Prinzen: »Tapferer Pantoja! ob ich mich zwar nicht wenig beschämt finde, dass ich
einem fremden Mannsbilde in den Armen befunden worden, so wird doch solche Scham
durch Euer hohes Verdienst gänzlich getilget, und wie ich Euch lebenslang vor
meinen Erlöser halten werde, also habet Ihr Euch auch aller anständigen Gnade
von mir zu versichern.« Diese Zuckerworte wurfen meinen Prinzen zu der Erden,
dass er mit den verliebtesten Gebärden den Saum ihres Rockes küsste, und mit
schwacher Stimme antwortete: »Grossmächtigster Kaiser! Überirdische Prinzessin!
Ich als ein geringes Werkzeug der Götter, bin viel zu unwürdig sotaner hohen
Gnade, womit mich Dero hohe Freigebigkeit überschüttet. Ich habe getan, was
meine Pflicht erfodert, und worzu mich der innerliche Trieb, in Dero Diensten zu
sterben, anführet. Ich bitte nichts mehr als ein gnädiges Auge und freien
Zutritt, so wird mir jederzeit die Wohlfahrt dieses hohen Hauses auf meine Seele
gebunden sein.« Worauf ihm die Prinzessin ihre Hand zum Kusse, als ein Zeichen
hoher Gnade, darreichte, und nebst dem Kaiser den Garten verliess. Von dieser
Stunde warf Zarang einen tödlichen, doch unverschuldeten Hass auf meinen Prinzen,
und verlor sich bald hernach zugleich aus dem Garten. Prinz Xemin aber, nebst
der Prinzessin von Saavady und dem andern Frauenzimmer, blieben zurücke, und
wollten bei den Blumen ihre geängsteten Kräfte wieder erholen: als mein Prinz
voller Gedanken sich nach einer Galerie begab, in welcher er seiner Liebe völlig
den Zaum wollte schiessen lassen, daher ich ihn denn nicht verstören, sondern
allein lassen wollte. Ich ging indessen gleichfalls meinem Willen nach, und
betrachtete das peguanische Frauenzimmer, welches mich zu sich rief, und mich in
ihre beliebte Gesellschaft mit aufnahm. So angenehm mir nun dieses war, so
verdriesslich hingegen fiel mir die Gaukelei, welche sie als Lustspiele zu ihrer
Zeitvertreibung anfingen, und mich hierzu mit einschlossen, bis mich endlich
eine von diesem Frauenzimmer erledigte. Diese, weil ich nicht übel gekleidet,
auch noch sonst ansehnlich gnung war, hatte sich vielleicht vorgenommen, einen
Fuchs der Liebe nach mir zu schiessen, dannenhero sie mich bei der Hand ergriff,
und unter dem Vorwand, dass sie erwähnten Spielens auch überdrüssig sei, mich zu
einem und andern Lustbrunnen führte. Währenden Gehens führte sie allerhand Reden
gegen mich, welche aber alle auf eine Nachforschung wegen eigentlichen Zustandes
meines Prinzen hinausliefen: als ich aber meinem Bedünken nach auf alle Fragen
richtig geantwortet hatte, fragte sie zuletzt auch nach meiner Beschaffenheit.
Hier zog ich nun mein grosses Messer hervor, und schnitt solche Luftstreiche von
meinem vornehmen Adel, stattlichem Vermögen und grosser Gnade meines Prinzen, dass
sich das Wasser in denen Springbrunnen hätte hemmen mögen. Sie hörte mit
sonderbarer Vergnügung zu, und erzählte mir zugleich aus eigner Bewegnis ihren
Zustand mit solchen reichen Umständen, dass fast alles mit dem meinigen
übereintraf, und ich leicht merken kunnte, wie Speck und Butter zusammen kommen
wären. Der Endzweck ihres Diskurses aber lief auf eine Liebe zwischen uns beiden
hohen Personen hinaus; indem sie sich nicht scheute, zu sagen, wie sie den
ersten Augenblick, als sie mich gesehen, eine Gelübde getan, mich ihrer Liebe
würdig zu machen. Ob mir nun zwar nichts weniger in Sinn gekommen war, als dass
ich eine solche hässliche Schönheit lieben sollte: so dauchte es mich doch sehr
erspriesslich vor meinen Prinzen zu sein, wenn ich mich mit jemand von seiner
geliebten Prinzessin Frauenzimmer bekannt machte. Denn, sie nicht zu lieben, war
dieses die Ursache, dass es zu beklagen ist, wenn die verliebtesten Herzen öfters
mit den hässlichsten Angesichtern begabet sein. Sie war endlich dem Wachstum nach
gut gnung: allein wie ihr Gesichte vermittelst breiter überhangender Stirne und
spitzigen Kinnes einen rechten Triangel machte; also war sie so unvergleichlich
mager, dass ich vermeint hätte, es wäre unmöglich, dass sie vom Fleisch und Blut
einige Anfechtung haben sollte. Ja ihr Angesichte hätte einen Maler zu
Vollkommenheit seiner Kunst verhelfen können, angesehen er die Vertiefungen aus
denen Gruben ihrer gedörrten Wangen, die Schattierung aber aus ihren Farben, da
sich Gelbe in Schwarzbraun verlor, sattsam lernen können. Durch Beschreibung des
übrigen will ich meinen hochgeehrten Zuhörern keinen Ekel erwecken. Das beste an
ihr war, dass sie bei der Prinzessin Banise sehr wohl gelitten und in sonderbaren
Gnaden stund. Welches mich denn auch veranlasste, sie meiner Gegenliebe zu
versichern, wodurch sie mir eines und anders von ihrer Prinzessin entdeckte, und
zwar, wie sie so sehr mit der verdriesslichen Liebe des Zarangs geplaget würde,
nach deren Erlösung sie täglich seufzete. Nach diesen Unterredungen sahen wir
uns nach unsern Höhern um, da wir denn niemanden als den Prinzen Xemin voller
Gedanken bemerkten, von welchem sich die Prinzessin von Saavady verloren hatte:
endlich kam auch mein Prinz wieder hervor, welcher auf den Xemin zuging. Ich
verliess meine neue Liebe, und wendete mich nach meinem Herrn, welchen ich den
Prinz Xemin also anreden hörte: »Wie so betrübt? gnädigster Herr, ist dieser
schöne Garten nicht so fähig, Ihre Gedanken zu befriedigen?« Worauf aber Xemin
ein höhnisches und zugleich saures Gesichte machte, auch diese unanständige
Gegenantwort erteilte: »Es ist vor einen Fremdling zu viel, sich um unsere
Gedanken zu bekümmern.« Ob nun zwar mein Prinz solcher Antwort nicht sonders
gewohnt war, so wusste er sich doch klüglich in die Zeit zu schicken, dahero er
denn ganz glimpflich versetzte: »Wenn aber sotaner Kummer aus ergebenstem Gemüte
und wohlmeinender Aufrichtigkeit seinen Ursprung nimmt, so kann solcher nicht
verübelt werden.« Worauf ihm der Prinz den Rücken zukehren, und nur mit dieser
kurzen Antwort: »Verunruhiget uns nicht ferner, und schweiget«, abfertigen
wollte. Dieses empfand aber mein Prinz nicht wenig, wendete sich ihm nach, und
redete ihn ferner an: »Ich weiss nicht, mein Prinz, wie ich so gar unverdient in
Dessen Ungnade geraten bin? Wie mir nun solche ganz unerträglich fällt, also
bitte gehorsamst, so einige Verleumdung mich angegeben, mir solches in Gnaden zu
offenbaren, und alsdenn meine gerechte Verteidigung gütigst anzuhören.« - »Keine
Verleumdung«, erwiderte Xemin, »sondern Ihr selbst reizet mich zu diesem Zorne,
denn Ihr sollt wissen, dass solange die Prinzessin von Saavady in Eurem Herzen
und auf der Brust hänget, ich mich äusserst bemühen werde, Euren Untergang zu
befördern. Wollet Ihr nun meiner Gewogenheit teilhaftig sein, so verbannet diese
Prinzessin aus Eurem Herzen, und gebet mir das Bildnis, welches Euch der Kaiser,
mein Herr Vater, gegeben hat, wieder, so sollet Ihr Euch alsdenn über mich zu
beschweren keine Ursach haben.« Hier sah mein Prinz die Worte des Talemons
erfüllet, dass Xemin von dieser Saavaderin gefesselt sei: weil er aber zuvor aus
seinem Singen verstanden, als wenn er selbst diese Liebe verlassen wollte, so
hätte er sich nimmermehr eingebildet, dass dessen Gunst noch so feste an ihr
kleben sollte. Mein Prinz antwortete demnach: »Ob ich zwar nicht sagen will, dass
ich die Prinzessin von Saavady aus meinem Herzen verbannen wollte: so befinde
ich es meiner Ehre doch nicht vor ratsam, das Bildnis, welches mir von der Hand
eines so grossen Kaisers anvertrauet worden, schlechterdings hinzugeben: bitte
dannenhero, meinen Gehorsam auf andere Art zu probieren.« - »Ich rate«,
antwortete Xemin dräuende, »dass Ihr mein Begehren ohne ferneres Weigern
erfüllet, widrigen Falles wird Euch die Schärfe meines Säbels bessern Gehorsam
lehren.« Hierdurch ward nun das Band der Geduld bei meinem Prinzen fast
zerrissen: jedoch wollte er es noch mit Worten versuchen, ob er den Xemin auf
andere Gedanken bringen möchte, indem er sich befurchte, sowohl den Kaiser als
die Prinzessin höchst zu beleidigen, so er sich einiger Tätlichkeit wider diesen
Prinzen unterfinge, dannenhero sagte er: »Prinz von Pegu, erinnert Euch Eures
Standes, und lasset Euch die Liebe zu keiner unanständigen Tat verleiten: denn
Ihr sollt wissen, dass Ihr eine Person vor Euch habet, welche Euch an hohem
Stande, weniger am Herzen, ein Haar breit weichet. Sehet hier ist das Bildnis«,
welches er zugleich von der Brust nahm, »welches zwar mit keiner sonderlichen
Andacht von mir verehret wird: solange aber ein warmer Blutstropfen in mir
schwebet, soll es mir durch keine Gewalt entfremdet werden. Denn ein edles
Gemüte und tapfere Faust lässt sich nichts nehmen.« Xemin knirschte hierauf mit
den Zähnen, und sagte: »Ha! verwegener Mensch, darfst du dich unterstehen, einen
gebornen Erbprinzen von Pegu zu trutzen? Ob ich nun zwar gnugsame Mittel hätte,
dich auf andere Art abzustrafen, so will ich doch der unvergleichlichen
Prinzessin von Saavady zu Ehren, mir die Mühe der Strafe selbst nehmen, und
erweisen, dass du dieses Bildnisses nicht würdig seist. Indessen soll es an
diesem Rosenstocke unserm Kampfe zusehen, und dem siegenden Teile zur Belohnung
zufallen.« Dieses bewilligte mein Prinz alsbald, und hing es an einen unfern
einer Galerie stehenden Rosenstock. Kaum hatte er dieses verrichtet, so stürmte
Xemin bereits mit entblössten Säbel auf ihn ein, dass sich mein Prinz genötiget
befand, tapfere Gegenwehre zu tun. Hier kämpften nun zwei so grosse Prinzen aus
ganz widriger Regung: meines Prinzen Säbel regierte die Ehrsucht, dem Xemin aber
die Liebe, und beide kämpften um ein Bildnis, welches jener nicht wollte, und
dieser nicht sollte lieben. Endlich, als sie einander allzu heftigen Ernst
erwiesen, und die zunehmende Verbitterung einen übeln Ausgang weissagte, wobei
allem Ansehen nach Xemin seine allzu treue Liebe mit seinem Blute würde
versiegelt haben; so sprang unversehens die Prinzessin von Saavady aus der
Galerie hervor, hinter deren Verdeckung sie den Ursprung dieses Kampfes
angehöret, und alles bemerket hatte, riss ihr Bildnis von dem Rosenstocke,
steckte es ein, und sprach mit verächtlichen Gebärden: »Haltet ein, unbesonnene
Prinzen, ihr bemühet euch vergebens um eine Sache, worzu keiner berechtiget,
noch das geringste davon enträumet worden ist. Sparet euer Blut, bis ihr bessere
Gewissheit von euer Liebe habet, und seid versichert, dass keiner von euch beiden
mich zu lieben fähig sein soll.« Hiermit verbarg sie sich im Augenblick
wiederum, und hinterliess der streitenden Partei ein verwirrtes Nachsehen. Die
Prinzen senkten die Spitzen ihrer Säbel zur Erden, und sahen einander beschämt
an: endlich brach Xemin zum ersten das Stillschweigen, und schrie ihr gleichsam
nach: »Fahre hin du stolze Seele! und wisse, dass dein Verfahren rühmlich sei,
indem du dich derjenigen Liebe, derer du nicht würdig bist, selbst entäusserst.
Verflucht sein demnach die verlornen Stunden, die ich in Bemühung, deine nunmehr
verhasste Gegengunst zu erwerben, vergebens angewendet habe. Euch aber, an Leib
und Gemüte tapferer Pantoja, bin ich ewig verpflichtet, dass Ihr mich zu rechtem
Erkenntnis meines verliebten Irrtums gebracht habt. Ich erkenne Eure Tugend,
noch mehr Eure Klugheit, dass Ihr Euch nicht habt durch diese Sirene fangen
lassen. Verzeihet mir demnach meinen Fehler, und versichert Euch, dass künftige
Freundschaft von nun an diese Beleidigung ersetzen soll.« Mit welchen Worten er
den Säbel wegwarf, und meinen Prinzen freundlich umarmete. Mein Prinz bezeigete
hingegen sein versöhntes Herz und freundschaftbegieriges Gemüte mit den
verpflichtetsten Worten, und wurden also die vertrautesten Freunde. Welches
recht wunderlich zu sehen war, dass zwei verbitterte Herzen, deren jedes des
andern Tod suchte, gleichsam im Augenblicke einander küssten, und sich zu
genauster Freundschaft verbunden. Nachdem sich nun diese neue Herzensfreunde
sattsam umarmet hatten, forderte Xemin eine Gelübde von meinem Prinzen, der
Prinzessin von Saavady auf ewig zu vergessen, auch sich nimmermehr um ihre Liebe
zu bewerben, welches denn mein Prinz mit willigen Herzen einging, und es aufs
höchste beteuerte, sie nimmermehr zu lieben. Und hiemit nahmen sie Abschied von
einander. Wir verfügten uns alsobald wieder nach unserm Palast, allda überlegte
mein Prinz allererst die wunderlichen Zufälle, welche er innerhalb etlicher
Stunden gehabt. Indem ich ihn zugleich etlichermassen entkleidete, vermisste er
seiner Fräulein Schwester, der Higvanama Bildnis, welches sie ihm bereits vor
etlichen Jahren gegeben, und er stets am Halse zu tragen pflegte. Hierüber
bekümmerte sich mein Prinz nicht wenig, bevoraus, weil hinter der kleinen Platte
des Bildes gezeichnet stund: zu stetem Andenken ihrem wertesten Bruder, Balacin,
Prinzen von Ava. Higvanama. Welches, dass es ihn verraten würde, er nicht
unbillig besorgete. Die Vergnügung aber, welche er über Erkenntnis seiner von
den Göttern vorgezeigten Prinzessin empfand, hiess ihn dieses Kummers bald
vergessen, und in diese Worte herausbrechen: »O angenehmstes Verhängnis!
beglückter Tag, an welchem mir die Sonne meines Lebens aufs neue aufgegangen
ist. Nunmehro bin ich genesen, und die wahrhaftigen Götter haben mein Hoffen
gesegnet. Ach überirdische Schönheit! deren Glanz die Sterne übertrifft, und
sich durch kein Gleichnis beschreiben lässt! Es erhellet nur eine Sonne den
Himmel, und die Erde heget nur einen Phönix; also ist nur eine Gotteit in
Asien, welche anbetenswürdig ist: so lasset mich demnach, o ihr Götter, ihr
Priester werden.« Ich musste hierinne in allem meinem Prinzen Beifall geben: denn
gewiss, ich glaube, dass derjenige eine vergebene Arbeit tun würde, welcher in
Asien sich eine gleiche Schönheit auszusuchen bemühen wollte. Ich selbst wurde
ganz verblendet, als nach überstandner Ohnmacht der Purpur wiederum ihre Wange
bekleidete: ja es kam mir fast unglaublich vor, dass eine solche Schönheit von
sterblichen Menschen könne gezeuget werden. Ihre Gebärden hatten so ein hohes
und majestätisches Ansehen, dass man sie unmöglich, ohne in hohen Ehren zu
halten, und sich über dieselbe zu verwundern, ansehen konnte. Sie hatte ein so
freies und leutseliges Wesen, dass, ungeachtet ihrer mit einspielenden
Ernstaftigkeit, die sie stets im Gesichte behielte, in allen ihren Reden und
Tun nichts als lauter Freundlichkeit und höchste Anmut zu spüren war. Die Sonnen
ihrer Augen spielten mit solchen Blitzen, wodurch auch stählerne Herzen wie
Wachs zerfliessen mussten. Und wenn sie die schwarzen Augäpfel nur einmal
umwendete, so mussten alle Herzen brennen, und die Seelen, welche sie nur
anschaueten, in volle Flamme gesetzet werden. Ihre lockichten Haare, welche um
ihr Haupt gleichsam mit Wellen spielten, waren etwas dunkler als weiss, und
dienten zu rechten Stricken, einen Prinzen in das Garn der Dienstbarkeit
einzuschlingen. Ihre Lippen, welche einen etwas aufgeworfenen Mund bildeten,
beschämten die schönsten Korallen, und bedeckten die wohlgesetzte Reihen der
Zähne, welche die orientalischen Perlen verdunkelten: ob man sie zwar sowohl in
Reden als in Lachen wenig konnte zu sehen bekommen. Die Wangen stellten ein
angenehmes Paradies vor, in welchem Rosen und Lilien zierlich untereinander
blüheten, ja die Liebe schiene sich selbst auf dieser weichen Rosensaat zu
weiden. Die wohlgesetzte Nase vermehrte die Proportion des schönen und runden
Angesichts um ein grosses. Der mehr lang als kurze Hals, welchen der Adern
subtiles Wesen zierlichst durchflochte, war nebst der andern Farbe ihrer Haut,
so weit es die Wohlanständigkeit zu sehen erlaubte, so wunderschön, dass ich
nicht glaube, dass auch der kälteste Winter ihrer Purpurröte, welche sich mit der
schneeweissen Farbe artlich vermischte, einigen Abbruch tun könnte. Ihre
wohlgebildeten Hände luden durch ihre zarte Finger und weisse Haut jedweden Mund
zu einem demütigen Handküssen: und dass ich den geballten Schnee mit
Stillschweigen übergehe, so darf ich an die übrigen Teile des Leibes, welche
doch meinen unwürdigen Augen verborgen blieben, nicht einmal gedenken, wo ich
mir nicht selbst die grösste Qual verursachen will. Dieses war nun ein ziemlicher
Gegensatz, wenn ich meine verliebte Eswara betrachtete. Endlich so schien es,
als ob sie sich wenig um einigen Zierat oder Schmuck bekümmerte, indem sie sich
nicht allzu köstlich gekleidet, sondern ihren wohlgewachsenen Leib einem
gleichfalls grün und güldenen Leibrocke, wie mein Prinz aus wunderlicher
Schickung trug, anvertrauet hatte, ausser dass durch die Haare einige blitzende
Diamanten spielten: ja ihre natürliche Schönheit war ihr grösster Schmuck, nicht
zwar, dass, wenn sie angeputzt gewesen, nicht alles über die Massen wohl
angestanden, wo nicht gar ihre Schönheit vermehret hätte; sondern sie verliess
sich auf ihre schöne Bildung, und begehrte nichts von der Kunst zu entlehnen. In
der Geschichterzählung aber fortzufahren, so stellte sich der ehrliche Herr
Talemon zu rechter Zeit wieder bei uns ein, und brachte zur erfreulichen
Zeitung, dass Prinz Zarang, wegen seiner Zaghaftigkeit, die er bei vorgegangener
Gefahr erwiesen, ziemlich aus des Königes Gnade gefallen, indem er in der Flucht
gleichsam der erste gewesen, und sowohl den Kaiser als seine geliebte Prinzessin
im Stiche gelassen: hingegen wäre Prinz Pantoja am ganzen Hofe beliebt, und von
ihm etwas Grösseres gemutmasset, auch würde von allen davor gehalten, dass sein
Suchen an diesem Hofe etwas Sonderliches hinter sich haben müsste, weil er sich
so sehr bemühete, sich aufs äusserste um das Kaiserliche Haus verdient zu machen.
Und schiene es, als ob die Götter mit im Spiele wären, dass er sein Gesuchtes
finden, und den Zweck seiner Liebe vor andern erreichen dürfte. Über diesen
Trostworten fiele mein Prinz dem Talemon um den Hals, und küsste ihn vor lauter
Freuden, sagende: »Wertster und vertrautester Talemon! Euch habe ich es zu
danken, dass ich mich wegen Eurer getreuen Nachricht in alle Fälle schicken, und
mein bestes beobachten können: und diese Treue will ich auch mit meinem Blute
vergelten. Fahret nur fort, und stehet mir ferner mit gutem Rate bei, ob es
ratsam, dass ich meinen rechten Stand entdecke, oder ob solches noch zur Zeit zu
verschweigen sei?« - »Es ist besser«, riete Talemon, »noch zur Zeit zu
schweigen: es wäre denn, dass uns der Name von Tannassery wegen Ungleichheit
gegen dieses Kaiserliche Haus nachteilig wäre, oder sonst eine andere
Gelegenheit hierzu veranlasse. Genung ist es, dass Ihr Euch dem Kaiser
verbindlich und die Prinzessin geneigt gemachet habet, welches alles einen
glücklichen Fort- und Ausgang unsers verliebten Vorhabens bedeutet.« Ich hätte
diesem länger zugehöret, wenn ich nicht durch einen kleinen Mohren wäre nach
Hofe berufen worden. Da ich denn bald merkte, dass meine schöne Eswara mich würde
fodern lassen: hierinnen befand ich mich auch nicht betrogen, denn indem mich
dieser kleine Mohr durch die Schlosspforte nach einer Stiegen und dieselbe
hinaufführte, fiele mir die Eswara um den Hals, und versetzte mir einen solchen
Kuss, welcher noch durch blosses Andenken einen Aufstoss bei mir verursachet: denn
weil ihr viel Heimlichkeiten der Liebe in dem Magen mochten verfaulet sein, so
empfand ich aus ihrem Halse einen solchen Geruch, welcher auch die Japoneser11
zum Abfall hätte zwingen können. Hierüber erschrak ich nun nicht wenig, sie aber
lachte so freundlich, dass man den wenigen Vorrat ihrer Zähne gar deutlich sehen
kunnte, welche einer alten Mauer mit Schiessscharten nicht unähnlich schienen.
Ich stellte mich so freundlich, wie eine tote Katze, welche noch bei ihrem
Abschiede die Zähne weiset, und erfreute mich über ihrer Gegenwart, fragte auch
zugleich nach ihrem Begehren, welches in nichts als einem herzlichen Verlangen
mich zu sehen bestund: endlich führte sie mich in ein sauber Zimmer, und setzte
sich neben mich auf ein niedriges Bette. Da sich denn, wie bei Verliebten
pfleget, hunderterlei Gelegenheit zu reden fand: unter andern fragte sie nach
meinem Prinzen, welchen ich in Einsamkeit verlassen zu haben berichtete. Sie
fragte ferner, ob mein Prinz nicht ein Bildnis vermissete? Hierüber errötete
ich, und schwieg stille. Sie aber fuhr fort, und sagte: »Verberget es nur nicht
vor mir, mein Engel!« und bei diesen Worten versetzte sie mir wieder einen
solchen Schmatz, dass mir Hören, Sehen und Riechen verging, und mir der
balsamierte Geifer ins Maul lief. Ich liess es meinem Prinzen zum besten so dabei
bewenden, als ich sie ferner reden hörte: »Ich will es Euch im Vertrauen, doch
bei angelobten Stillschweigen vertrauen, dass eine von unsern Kammerjungfern im
Grase ein Bildnis einer schönen Prinzessin gefunden, dessen Verlust sie alle
Euerm Herrn zuschreiben: dieses Bildnis hat sie bald meiner Prinzessin
überbracht, welche aus einiger dabei gestellten Schrift etwas anders von Eurem
Herrn urteilt, und dahero gerne Gewissheit davon haben möchte.« Hier raffte ich
nun meinen Prinz zusammen, und zwang mich äusserst, sie über Vermögen zu
karessieren: ich nahm sie in die Arme, und redete sie ganz liebäuglende an:
»Allerschönster Engel!« sagte ich mit höchster Unwahrheit, »ich erkenne dieses
als eine Probe ungefärbter Liebe, dass mich mein Kind solcher Geheimnisse
würdiget, woran mir und unserer Liebe viel gelegen ist: Sie entdecke mir doch
ferner, ob auch meinem Herrn einige Gefahr hieraus zuwachsen könne, wenn ja über
Verhoffen dies Bild ein Verräter wäre.« - »Ei Possen! Was Gefahr?« erwiderte
Eswara, »meine Prinzessin, (ich beschwere Euch aber bei unserer Liebe, solches
auch Eurem Herrn nicht zu entdecken) wünschet, dass Ihr Lebenserretter eine
solche Person wäre, wie es das Bildnis fast zeuget, alsdenn hoffet sie von dem
verhassten Zarang wie von dem Panter erlöset zu werden: ja ich wollte schweren,
ihm alle Gegenliebe zu verschaffen.« Wie angenehm mir dieses zu hören war, so
herzlich wünschte ich, dass es mein Prinz bald wüsste. Ob ich nun zwar gerne
fortgefahren und noch ein mehrers aus ihr gebracht hätte, so liess sie sich doch
die Liebe zu sehr einnehmen, welche sie ganz auf andere und mir höchstwidrige
Reden brachte, dass ich nicht wusste, was sie eigentlich hierunter verstehen
wollte, jedoch ihr Absehen von weiten wohl merkte, also dass ich wünschte, aus
lauterm Abscheu wiederum bei meinem Prinzen zu sein. Wie ich nun in solchen
Ängsten war, begab sie sich ungefähr an ein Fenster, tat einen lauten Schrei,
und erschreckte mich aufs äusserste, als sie sagte: »Da schlage der Henker drein,
hier kömmt mein Teufel.« Ich fragte sie nun ängstlich, wer es denn wäre? da
entdeckte sie mir, es wäre ihr Mann, welcher Oberelefantenwärter wäre. Und also
erfuhr ich, dass mein lieber Engel eine verheirate Person sein, welches mich
teils erfreute, teils bekümmerte. Darauf sagte sie: »Hier ist nicht lange
Wartens, verberget Euch um des Himmels Willen, sonst bin ich des Todes.« Wiese
mir auch hierauf einen mit einem Teppich bis auf den Boden bedeckten Schrank,
unter dessen hohlen Fuss ich mich verstecken sollte. Auf solches bewegliche
Zureden, da sie mir gar Todesgefahr vor Augen stellete, liess ich mich endlich
bewegen, und verbarg mich auf allen Vieren unter diesen Teppich. Ich hatte mich
kaum eingelagert, so kam der gute Mann zur Türe hinein, welcher sie alsobald
anfuhr, und sagte: »Du altfränkische Kuppelhure, wo hast du den fremden Kerlen
hingesteckt, welchen dir der kleine Mohr zu deiner Leichtfertigkeit herholen
müssen. Sag es bald, oder du und dein Bösewicht sollt meinen Elefanten zu einem
Futter dienen.« Wie mir da das Herze klopfte, lasse ich einen andern davon
urteilen, welcher sein Gewissen in diesem Fall mehr als ich beschweret befindet.
»Was«, hub sie ganz trotzig an, »siehestu mich vor eine solche gemeine Person
an, welche sich von der Strassen andere Leute zur ihrer Bedienung würde holen
lassen, als ob ich nicht Aufwartung von den Hofleuten zu Hause gnung hätte?
Derowegen so siehe zu, ob du auch deine Reden verantworten kannst, und gedenke,
dass ich dich so geschwinde wieder von deinem Elefantendienste bringen könne, als
ich dich dazu gebracht habe.« Er aber wollte mit dieser Entschuldigung nicht
zufrieden sein, sondern sagte: »Deines Redens ungeachtet, so muss ich doch sehen,
wer mir meinen Hausfrieden stören will. Es ist heutiges Tages eine verdächtige
Sache, um eine Frau, welche weiss, dass zwei Steine besser mahlen als einer«: und
nach diesen Worten begunnte er überall herumzusuchen. Währenden Suchens nun
wusste Eswara vor Angst nicht, was sie tun sollte: und weil hin und wieder einige
Jagdhunde auf dem Boden lagen, welche in ihrer Unschuld ihrer Ruhe pflegten,
nahm sie einen Stecken, und wollte sie aus dem Zimmer jagen, ob sie zwar dessen
keine Ursache wusste. Die Hunde aber furchten sich ihre Bequemlichkeit zu
verlieren, und wollten nicht aus dem Zimmer, sondern suchten hier und da, die
Winkel zu ihrer Sicherheit. Endlich wollte sich auch ein grosser Reckel, welcher
scheckicht war, unter den Teppich, worunter ich stak, verbergen: als er aber
etwas Lebendiges, welches seiner Art unähnlich war, vermerkte, hub das Rabenaas
an zu bellen, und setzte mich in die äusserste Herzensangst. Ob ihn nun zwar
Eswara suchte abzutreiben, liess er doch nicht ab, sondern brachte die andern
Hunde zugleich mit an, dass sie insgesamt mit Bellen und Turnieren meinen Posten
bestürmten, auch endlich den Teppich mit ihren Zähnen anfielen, herunterrissen,
und also meine arme Gestalt entdeckten. Hier sass ich nun, wie eine Gans über den
Eiern, und wusste nicht, ob ich beten oder fluchen sollte. »Siehe da«, fing
endlich der Mann an, »Herr Schwager, hat Er in meinem Teiche fischen wollen, und
lässt sich selber fangen? sucht Er mich zu einen Hirschen zu machen, und die
Hunde sehen Ihn vor einen Hasen an? nur hervor, die Elefanten sollen ein artig
Ballett mit Euch tanzen.« Ich wusste hierauf nichts zu antworten, denn ob ich
gleich ein gut Gewissen hatte, so war doch der äusserliche Schein verraten, und
hätte ich mich nicht ihr zufolge verkriechen sollen. Endlich als ich sah, dass
es nur ein kleines und dürres Männchen war, so vermeinte ich, noch wohl mit ihm
auszukommen, begab mich demnach aus meinem Lager hervor, und machte mich zum
Abzuge fertig. Weil ich aber merkte, dass er nach seinen Knechten rufen wollte,
welche mich leicht hätten einholen können, so fasste ich eine kurze und gute
Resolution, nahm den heruntergerissenen Teppich, überfiel hiemit das kleine gute
Männchen, und wickelte ihn so feste hinein, dass er ohne der Frauen Hülfe
unmöglich wieder heraus konnte. Hiemit sprang ich nach dem Ausgange des Zimmers,
und nahm meinen Abschied so flüchtig, als ob mich noch die verräterischen Hunde
verfolgten, bis ich unsern Palast glücklich wiederum erreichte. Wie das liebe
Paar ferner miteinander ausgekommen ist, solches habe ich nicht erfahren. Sobald
ich nun wieder bei meinem Prinzen angelanget, erzählte ich ihm die artige
Begebenheit, nach allen Umständen, welche er denn heftig belachte, und innigst
vergnügt befande, als ich ihm auch das entdeckte, was mir Eswara von der
Prinzessin wegen des Bildnisses vertrauet hatte. Dahero sich mein Prinz feste
einbildete, er sässe bereits dem Glücke im Schosse, und könnte unmöglich
herausfallen. Weil wir auch auf morgenden Tag von dem Kaiser zu einem
Schiffeste, welches sie Sapan Donon nennten, eingeladen wurden, so konnte mein
Prinz kaum den Morgen erwarten, nicht sowohl die Pracht des Kaisers, als
bevoraus die sonnengleiche Banise seinen Augen vorzustellen. Der erwünschte
Morgen brach an, da sich denn mein Prinz auf das beste herausschmückte, und
seinen kostbaren und unvergleichlichen Sinesischen Rock anlegte: dieser war von
einem sonderlichen Zeuge, in welchen die wunderschönen Federn des Königesvogel
aus Sina künstlich eingewürket waren, welche wegen ihrer bunten Schön- und
Seltenheit dem Golde weit vorgezogen werden, die Knöpfe darauf waren von
gediegenem Golde, deren jeden ein grosser Diamant zuspjetzte. Vorn herunter über
die Länge des Rocks gingen auf jedweder Seite einer Querhand breit geschlagene
und mit künstlichen Gelenken versehene Goldplatten, welche dermassen reichlich
mit Diamanten versetzet waren, dass man sie fast ohne Verletzung der Augen nicht
ansehen konnte. Ein asiatischer und auf sonderbare Art gewundener Bund bedeckte
sein Haupt, woran das von Higvanama mitgegebene Kleinod hing, und an dem Säbel
konnte man gleichfalls vor den häufigen Diamanten fast nicht erkennen, von was
vor Materie das Gefäss und die Scheide gemacht wäre: also dass dieser königliche
Schmuck meinen Prinzen sattsam verriet, er sei etwas Höhers als eines kleinen
Königs aus Tannassery Sohn. In solcher Pracht setzten wir uns zu Pferde, und
begaben uns vor die Stadt, allda an dem Flusse des Kaiser zu erwarten, und
dessen prächtigen Aufzug anzusehen. Was hier vor ein Zulauf des Volks war, als
wir durch die Stadt ritten, ist nicht zu beschreiben, und konnte ich mir
einbilden, dass dieses Volk entweder mich oder meinen Prinzen bewunderten. Als
wir nun eine halbe Stunde vor der Stadt bei dem Flusse angelanget waren, sahen
wir ein gross Teil des Wassers mit kleinen Schiffen bedecket, welche meistenteils
vergoldet, und mit vielen bunten Flaggen und Segeln von Atlas gezieret waren,
das denn ein vortrefflich schönes Ansehen machte, indem zugleich die Sonne
diesen Aufzug mit anschaute. Vor allen andern fiel das grosse Königsschiff in die
Augen, welches des Kaisers Herr Vater noch hatte machen lassen. Dieses war aus-
und inwendig reichlich und stark vergoldet, und mit so vielem künstlichen Blum-
und Schnitzwerke ausgezieret, dass wir uns nicht gnungsam darüber verwundern
konnten. Die Segel waren von rot und gelben Damast, alle Stricke aber von roter
Seide mit Golde durchflochten. Es war ziemlich lang, jedoch etwas enger, als es
sonst proportionhalber hätte sein sollen. Auf jeder Seite waren
hundertundfünfzig Ruder, welche hinunter bis an die Breite stark verguldet
waren. Die Ruderer sassen auf beiden Seiten, und übten sich indessen mit vielen
Hin- und Widerfahren, bis zu des Kaisers Ankunft. Ein jeder hatte ein besonder
kurzes Ruder in der Hand, mit welchem sie das Wasser fein zugleich an sich zu
ziehen, und dem Schiffe dermassen geschwinde fortzuhelfen wussten, dass fast kein
Pfeil geschwinder fliegen kann, zumal keiner sein Ruder eher aus dem Wasser hub,
als der andere, welches denn eine sonder- und wunderbare Augenlust war. In der
Mitten stund ein verdecktes Häusgen, mit unterschiedenen Fenstern gezieret, und
hatte einen ziemlichen Umfang. Als wir dieser Lust eine Weile zugesehen, hörten
wir durch das ferne Getümmel und Blasen der Trompeten, dass der Kaiser ankäme,
dannenhero sich alles im Augenblick in Ordnung begab, und solche Ankunft
erwartete. Wir blieben am Ufer unfern des grossen Schiffs halten, jedoch dass wir
keine Hinderung verursachten. Nach weniger Zeitverfliessung erblickten wir den
Vorzug, welcher in drei Ordnungen bestand, und zwar in der ersten die mit den
Lanzen, nachmals die Schützen mit Feuerröhren und dann die mit Schwertern und
Schilden; mitten zwischen diesen Haufen gingen einige gewappnete Elefanten.
Hinter dieser Ordnung folgete Prinz Xemin auf einen schönen schwarzbraunen
Hengste mit verwunderlicher Pracht, worauf die vornehmsten Herren des Reichs und
Hofes, ingleichen alle Kriegsobersten und Hauptleute in schöner Ordnung zogen.
Nach diesem gingen zwei rote Elefanten mit Gold und Seiden reichlich gezieret,
denen vier weisse folgeten, welche mit Gold und Edelgesteinen fast bedeckt waren.
Diese hatten über jeden Zahn ein Futteral von gediegenen Golde, dichte mit
Rubinen versetzt, welches ihnen ein prächtiges Ansehen machte. Hierauf kam der
Kaiser selbst auf einem erhabenen und aus einem Stücke gemachten Triumphwagen
mit einem kostbaren und ganz vergüldeten Himmel. Dieser Wagen ward von acht
schönen Hermelinen gezogen, deren Zeug Carmosin und Gold war, neben den Pferden
gingen viel Hauptleute, welche Stricke in den Händen hatten, und sich
anstellten, als ob sie den Wagen ziehen hülfen. Sein Haupt ward von keiner
Krone, sondern mit grossen Perlen eines unschätzbaren Wertes bedecket. Auf jeder
Seiten hing ein Rubin, bis an die Ohren, deren Grösse jeder zwei Datteln
übertraf. Es hing ihm auch eine Schnure der köstlichen Edelgesteine von dem
Halse bis an den Gürtel, deren Glanz die Augen blendete. Der vielen Rubinen,
Diamanten, Smaragden und Saphirn zu geschweigen, die er hin und wieder an sich
truge. Neben ihm sass statt der Kaiserlichen Gemahlin, welche vor zwei Jahren
gestorben, das unschätzbare Kleinod Asiens, die himmlische Banise, welche sich
ihrer Gewohnheit nach nicht sonderlich ausgeschmücket, sondern nur einen
schneeweissen Rock angeleget hatte, welcher, wie auch die fliegenden Locken mit
einigen vortrefflichen Diamanten beworfen war, deren Blitz aber gegen ihre Augen
und englischer Gestalt gleichsam zu verdunklen schiene. Hinter diesen kam auf
einem gleichfalls kostbaren Wagen die Prinzessin von Saavady gefahren, deren
Seite Prinz Zarang von Tangu besass; und kunnte man des Zarangs Missvergnügen und
der Prinzessin beängstigte Liebe beiden aus den Augen lesen. Diesen folgete das
übrige Frauenzimmer nach, unter welchen ich die holdselige Eswara erblickte,
welche mich seufzende anblickte, nicht weiss ich, ob sie hierdurch ihre Liebe
oder ihre Strafe von dem Manne, welche ich ihr herzlich gönnete, andeuten
wollte. Zuletzt beschlossen zweihundert Soldaten zu Fusse den ganzen Aufzug.
Dieser Zug ging nun gleich auf das prächtige Schiff zu, wenn aber die Vördersten
an das Ufer kamen, schwenkten sie sich nach der rechten Hand von dem Wasser ab,
dass also die hintersten bis auf den Kaiser an den Fluss gelangen kunnten. Als nun
Prinz Xemin meinen Herrn ersah, stieg er von dem Pferde, welches mein Prinz
gleichfalls tat, und sich recht brüderlich umarmeten, bis der Kaiser ankam,
welchen der Prinz mit zur Erde geschlagenem Angesichte gleichsam anbetete. Wie
ihn der Kaiser zuwinkte, verfügte er sich an den Wagen, und küssete sein Hand.
Die Prinzessin Banise verwendete indessen kein Auge von meinem Prinzen, welches
ich genau bemerkte, und liess solche Blicke schiessen, die etwas Feuriges
anzudeuten schienen, wiewohl sie sich so angenehm hierinnen zu mässigen wusste,
dass man billig nur mutmassen durfte. Der Kaiser erlaubte zugleich meinem Prinzen,
das königliche Schiff zu betreten, und sollte er die Prinzessin von Saavady
hineinbegleiten. Welchen Befehl mein Prinz gehorsam verrichten musste, und war es
gut, dass Xemin solches mit anhörte, sonst hätte er wähnen mögen, mein Prinz wäre
meineidig worden. Sobald der Kaiser vom Wagen gestiegen, fielen alle Anwesende
nieder, huben die Hände dreimal empor, und küsseten die Erde, welches die
gewöhnliche Ehre eines Kaisers von Pegu ist. Hierauf begab sich der Xemindo
vermittelst eines kleinen Schiffes nach dem Hauptschiffe, welchen Prinz Xemin
nebst der Banisen begleiteten. Mein Prinz aber führete die Prinzessin von
Saavady, welches ihm Zarang gerne erlaubte, in einem Schiffe, worein sich Zarang
nebst mir gleichfalls begab, und geschah diese Überfahrt auf unserm Schiffe mit
solcher Stille, dass, wenn der Wind so stille gewesen wäre, wir unmöglich
anstossen können. Als wir nun allerseits das grosse Schiff betreten, auch alle
Anwesenden sich in die andern Schiffe begeben hatten, so fuhren wir unter dem
Schalle vieler Trompeten und anderer unzählicher Instrumenten freudigst dahin
und nach Macaon, allwo dieses Schiff-Fest jährlich begangen wird. Gegen den
Abend bekamen wir erwähnte Stadt zu Gesichte, welche eine ziemliche Festung zu
sein schiene: Und als wir uns derselben genähert hatten, empfing sie uns
dermassen mit Stücken, dass sich der Fluss gleichsam von dem schrecklichen Knallen
schwellte, und man eine geraume Zeit die Stadt vor heftigem Dampfe nicht sehen
kunnte. Nachdem wtir aber angeländet, wurden wir mit grossem Freudengeschrei des
Volkes angenommen, und sofort ein jeder in der Stadt angewiesen, wo er bis zu
folgendem Morgen seine Bequemlichkeit haben sollte: Dahin wir uns denn
verfügten, und also mein Prinz auch nur des blossen Ansehens von seiner
Prinzessin wenig genoss. Folgenden Morgen begaben wir uns nach dem Palast des
Kaisers, welcher, wie fast alles andere, gleichfalls aus- und inwendig mit Golde
gezieret, und mit lustigen Gärten umgeben war. Aus diesem Palaste verfügten sich
alle hohe Personen nach einem andern, welcher an dem Fluss gebauet war, in
welchem der Kaiser nebst denen Prinzessinen sich an die Fenster begaben, und
diesem Schiffs-Feste zusah. Solches bestund nun hierinnen, dass alle Vornehme
des Hofes, und wem es beliebte, auf den kleinen Schiffen die Wette renneten, da
denn ein jeder selbander das Ruder regieren musste. Wer nun zum ersten an den
Palast unter des Kaisers Fenster kam, der trug den Preis davon, und bekam von
der Prinzessin Banise einen güldenen Kranz, die nächsten aber einen silbernen
und so fort an. Welche aber zurücke blieben, die wurden ziemlich durchgezogen,
der letzte aber hatte von dem sämtlichen Frauenzimmer ein blosses Tuch zu
gewarten. Solchen güldenen Kranz von der schönen Prinzessin Hand zu erlangen,
bewegte meinen Prinz, dass er sich unterfing, diesem Wettstreite beizuwohnen,
welches dem Kaiser sehr wohl gefiel, und dannenhero die andern Prinzen ihm
nachfolgeten, deren jeder sich ein Schiff erwählte. Mein Prinz nahm mich zu
sich, und ermahnte mich zu äusserster Darstreckung meiner Kräfte, mit Versprechen
dreissig Bizen Goldes, wo wir den Preis erlangten: Und legte er einen andern Rock
an, ich aber warf meinen gar weg, um desto geschickter zum Rudern zu sein. Als
wir uns nun alle zu Schiffe begaben, und eine gleiche Linie quer über den Strom
gemacht hatten, wurde das Zeichen mit vierundzwanzig silbernen Trompeten
gegeben. Was nun da vor eine ängstliche Bemühung auf allen Seiten zu sehen war,
solches ist unbeschreiblich, wiewohl mich meine heftige Arbeit nicht viel
umsehen liess. Ob uns nun zwar etliche Schiffe fast bei zwanzig Schritten zuvor
gekommen waren, so schickten es doch die gütigen Götter, dass sie aneinander
fuhren, und sich dermassen verwirreten, dass wir Zeit genung hatten, seitaus zu
fahren, und einen weiten Vorsprung zu nehmen, welcher uns denn dermassen
zustatten kam, dass der Hinterstelligen Bemühung nur vergebens war, und wir ganz
glücklich unter der Prinzessin Banisen Fenster zuerst ankamen, welche mein Prinz
mit einer tiefen Neigung beehrte. Der nächste hinter uns war Prinz Xemin, nach
diesem aber Prinz Zarang, welcher vor Verdruss ganz blind zu sein schiene, und
mit solcher Gewalt an die vorgesetzten Zielpfäle anlief, dass er rücklings ins
Wasser fiel, und mit Mühe musste errettet werden: Welches denn die Prinzessin von
Saavady dermassen erschreckte, dass wir einen lauten Schrei von ihr hören kunnten.
Als nun alle Schiffe angelanget, stiegen die Prinzen ans Land, die übrigen
Schiffe aber wiederholten ihr Rennen noch zu unterschiedenen Malen. Die Prinzen
legten sich allerseits an, und verfügten sich nach dem Kaiser, um die
ausgestellten Preise zu empfangen, jedoch mit ungleicher Vergnügung: Denn als
mein Prinz mit einem güldenen, Prinz Xemin aber mit einem silbernen Kranze von
der schönen Hand der Prinzessin Banisen gekrönet ward, erhielte Zarang nur von
der Hand der Saavaderin einen gläsernen Blumentopf mit Blumen gefüllet, welchen
er zwar annahm, jedoch denselben, gleich ob es aus Versehen geschehen, unachtsam
auf die Erden fallen liess, dass er in tausend Stücken zerbrach: wordurch er sein
Missvergnügen sattsam zu verstehen gab. Nach diesen wendete er sich bald zu der
Prinzessin Banise, welche dessen Rede, so viel ich anmerkte, jederzeit mit einer
Röte und ganz verdriesslich scheinende beantwortete. Mein Prinz stund von ferne,
und sah mit tiefster Seelenempfindung zu; ja so ofte nun Zarang ihre Hand zum
Munde führete, sie zu küssen, so ofte empfand sein Herz einen tödlichen Stich.
Endlich erblickte ich an der Prinzessin das verlorne Bildnis der Higvanama,
welches sie auf ihre linke Brust geheftet hatte. Dieses entdeckte ich sobald bei
erster Gelegenheit meinem Prinzen, worüber er sich nicht wenig entfärbet, jedoch
nach Art der Verliebten alles zu seinem Besten ausdeutete. Inzwischen wurde
alles zu einem kaiserlichen Panquete angeschicket, welches auf einem grossen
Saale, der fast mit Kristall überzogen war, sollte gehalten werden. Wir wurden
in kurzem durch der Trompeten Schall zur Mahlzeit berufen, und musste auf
kaiserlichen Befehl mein Prinz wiederum die Prinzessin von Saavady nach dem Saal
begleiten, welches er endlich so weit willig verrichtete, als er nun sah, dass
die Prinzessin Banise nicht von dem Zarang, sondern von ihrem Bruder den Xemin
geführet wurde. Welches ein Zeichen kaiserlicher Ungnade gegen den Zarang war,
dessen Ursache uns Talemon schon entdecket hatte. Wir wurden auf den mit
kostbaren Tapeten belegten Boden zur Tafel gesetzet, und zwar oben der Kaiser,
einige Schritte von dessen linken Hand sass die Prinzessin Banise, neben ihr aber
wurde doch Zarang gesetzt, um meines Erachtens ihn nicht allzu sehr vor den Kopf
zu stossen, welche beliebte Stelle er auch mit sonderbarem Hochmut einnahm, und
meinem Prinzen nichts als verächtliche und sauere Blicke mitteilte. Zur rechten
Hand des Kaisers wurde der Kronprinz Xemin, neben den die Prinzessin Saavady und
alsdenn mein Prinz gesetzet, welchen auf beiden Seiten eine ziemliche Reihe der
vornehmsten Herren folgeten. Ob ich nun zwar auch an diese Tafel genötiget
wurde, so wollte doch ich lieber meinem Prinz aufwarten, um desto genauer alles
zu bemerken, welches mir endlich zugelassen ward. Bei dieser Mahlzeit nun wurde
die herrlichste Musik gehöret, welche sich chorweise an unterschiedenen Ecken
vernehmen liess: So stelleten sich auch nach hiesiger Landesart unterschiedene
Tänzerinnen und Possenspieler ein, damit alle Sinnen wohl ergötzet würden. Der
Schirasser Wein, welcher jährlich in ziemlicher Menge aus Persien nach Hofe
verschrieben wird, ginge ziemlich stark herum, und erhitzte sowohl die Köpfe,
als die Gemüter. Es war aber nichts geschäftiger als die Augen der schönsten
Banisen und meines Prinzen, welche einander unzählig Mal im Anschauen
begegneten, und sich hierdurch jederzeit beschämt zurücke und niederschlugen.
Unser verliebter Zarang aber liess sich den Wein dermassen schmecken, dass
hierdurch, ungeachtet voriger Beschämung, seine Liebe gleichsam wieder
aufgewärmet ward, also dass er der schönen Prinzessin sehr beschwerlich fiele,
indem er ihr entweder, ob sie gleich der Speise geniessen wollte, die Hände
raubte, oder ihre Achseln mit seinem Kopfe beschwerte, und was dergleichen
verliebte Possen durch trunkene Liebe mehr begangen werden. Ja endlich schüttete
er ihr gar ein Geschirre mit Wein auf den Hals, wodurch er bei der Prinzessin
ein erschrockenes, bei dem Kaiser ein saures Gesichte, bei meinem Prinzen aber
ein heimliches Frohlocken erweckte. Damit nun die allgemeine Freude durch diese
Grobheit nicht möchte verstöret werden, so wurde es endlich in ein
Stillschweigen hiervon verwandelt.
    Wie aber nichts vergänglicher ist, als die Weltfreude und Ergötzlichkeit des
Zeitlichen: also würde man dieses auch gerne nachgegeben haben, wenn die Zeit
nur noch zur Zeit die Vollziehung dieser kaiserlichen Lust erlaubet hätte. Denn,
als der Kaiser in voller Majestät seine Pracht erwiese, und seine Vergnügung
durch alle ersinnliche Ergötzlichkeit, welche das Glücke einem solchen Monarchen
gönnet, suchte, ja niemand von den Anwesenden an einige Hinderung gedachte,
siehe, so kam ein Kurier aus Pegu, welcher einen andern aus dem Königreich
Martabane und zugleich diese erschreckliche und betrübte Zeitung mitbrachte, dass
Chaumigrem, König von Brama, unverwarnter Sache selbtes Reich mit einer
gewaltigen Armee überzogen, die Hauptstadt Martabane durch Verräterei erobert,
und den Königlichen Stamm erbärmlich umgebracht hätte. Weil nun der erwürgete
König Chambainha ein Eidam des Kaisers war, indem er sich die älteste Prinzessin
von Pegu vor sieben Jahren vermählen lassen: als wurde der ganze Hof hierüber
ungemein bestürzt. Die Musik schwieg im Augenblick stille, alle Tänzer wurden
abgeschaffet, und ein jeder liess sein herzliches Beileid aus den Augen blicken.
Ausser dem Kaiser sah man eine ungemeine Grossmütigkeit an, welcher auch den
Überbringer dieser unglücklichen Post vor sich kommen, und sich den Verlauf des
kurzen, doch jämmerlichen Krieges vor unsern Ohren erzählen liess.
    »Eur. Majest.« hub er an, »gehorsamste Folge zu leisten, so berichte in
Untertänigkeit, dass ich ein geborner Martabaner und treuer Untertaner meines
liebgewesenen Königs bin, welcher mich auch seine königliche Gnade sattsam
empfinden lassen, indem er mich gewürdiget, einen Haufen von dreitausend Mann zu
Ross zu kommandieren. Dahero ich denn so unglücklich gewesen, dass ich alles mit
meinen Augen ansehen müssen, worüber mein Herze noch blutet. E.M. wird es
sattsam bekannt sein, wie der Hauptrebelle Chaumigrem, eingebildeter König von
Brama, jederzeit einen tödlichen Hass gegen I. Maj. getragen wegen tapferer
Bestrafung, womit I.M. Dero gerechteste Rache an seinem gleichfalls rebellischen
Bruder ausgeführet, und ihm den verdienten Lohn bei dieser Stadt Macao vor einem
Jahre erteilet. Solche Niederlage hat nun diesen Blutund aus seinen Winkeln
wieder hervorgezogen, dessen Frevel sich nicht allein unterstanden, den
unrechtmässigen Besitz von dem Reiche Brama als ein Erbrecht und Kronfolge zu
behaupten, sondern auch gar mit Bedrohung vermeinter Rache sich an dem Heil.
Haupte I.M. zu vergreifen. Weiln er aber sich nicht getraute, Dero gerechteste
Waffen, oder die Peguanische Tapferkeit zu versuchen; als wollte er an dem
Schwächern seine Grausamkeit ausüben, um nicht sowohl sich an diesem hohen
Kaiserlichen Hause wegen naher Anverwandtschaft meiner entseelten Königin zu
rächen, als auch seine Macht zu verstärken: Deswegen er einige Zeit her
unterschiedene höchstunbillige Forderungen an das Reich Martabane getan, welche
ihm allemal grossmütig von unserm tapfern und eines bessern Glückes würdigen
Könige abgeschlagen worden. Dahero der Tyranne durch solche Verweigerung sich
wohl berechtigt erachtete, einen unvermuteten Krieg anzufangen. Ich sage recht,
unvermutet, indem wir des feindlichen Einfalles nicht eher gewahr worden, als
bis es das flüchtige Landvolk in unsern Festungen mit Schaden bekräftigte, dass
der Feind in vollem Anzuge sei. Es wurde so bald bei finsterer Nacht eilender
Befehl an alle Kriegshäupter gesendet, unverzüglich mit ihren Truppen sich nach
der Hauptstadt Martabane zu begeben, und sich da zusammenzuziehen, weil man doch
wohl sah, dass der grausamen Macht des Feindes, welche in viermal hunderttausend
bewehrter Mann bestund, nicht zu widerstehen war; dannenhero man das ganze Land
musste preisgeben, und den Ausgang dieser schnellen Fehde auf einen Hauptstreich
ankommen lassen. Unsere Völker rückten zwar in möglichster Eil herbei, und
formierten ein schönes Lager von achtzigtausend Mann. Allein was war diese
geringe Macht gegen des Feindes wütende Gewalt; denn dieser kam als eine
rauschende Flut daher, und zog auf das Herz des Reichs, will sagen auf Martabane
an. Dessen Grausamkeit kunnten wir nun in der Königlichen Burg bei Nachtzeit mit
feurigen Buchstaben an dem Himmel lesen, indem man über hundert Feuer zählte,
mit welcher der Tyranne seine Wut gegen die verlassenen Hütten der armen
Martabaner ausliess. Sobald der Morgen angebrochen, begab sich unser
heldenmütiger König selbst ins Lager, nachdem er Stadt und Burg wohl besetzt,
und seine Gemahlin und Kinder denen Göttern anbefohlen hatte. Er stellete uns
sofort wegen Annäherung des Feindes klüglich ins Feld, und dehnete unsere
Schlachtordnung dermassen weit aus, dass es schiene, als ob wir dem Feinde allen
Vorteil benommen hätten. Um den Mittag sah man den Feind von ferne als einen
grossen Wald mit einem dicken Staube daherrauschen, welcher uns auch mit einem
erschröcklichen Geschrei dermassen anfiel, als ob er gesonnen wäre, uns auf
einmal zu verschlingen. Allein wir empfingen ihn dergestalt, dass wir in kurzen
Meister des Feldes waren, indem er wegen allzugrosser Unordnung bald das Feld
räumete. So hoch uns nun dieses erfreute, so sehr wurden wir erschrecket, als
wir durch unsere Kundschaft benachrichtiget wurden, es wären nur die Vortruppen
in fünfzigtausend Mann stark von uns geschlagen worden. Zudem hatten wir bei
diesem blutigen Anfange bei zehntausend Mann eingebüsst, da hingegen auch bei
fünfundzwanzigtausend feindliche Leichen das Feld bedeckten. Nach diesem Siege
rückten wir wieder in unser Lager, um des Feindes Vorhaben folgenden Morgen zu
erwarten. Dieser kam abermals mit der völligen Macht angezogen, und griff uns
dergestalt auf allen Seiten an, dass innerhalb drei Stunden, ungeachtet äussersten
Widerstandes, fast alle niedergemacht, unser König gefangen, und kaum
dreitausend der unsrigen in die Stadt entkommen waren. Was dieses vor eine
entsetzliche und grausame Schlacht gewesen, kann E. Maj. hieraus abnehmen, wenn
ich berichte, dass der Feind wegen Menge der Toten in fünf Tagen sich nicht der
Stadt nähern können, obgleich täglich ihrem Bericht nach sechstausend Mann die
Toten einscharren müssen. Als die Walstatt in etwas geräumet, und der Feind
truckenen Fuss setzen kunnte, hub er sobald eine ernste Belagerung an, welche
aber in nichts als in einem stetswährenden Sturm bestund, indem er sechs Tage
und Nächte jedwedes Mal mit fünfzigtausend Mann grausam stürmen liess. Ob wir nun
zwar unser wertes Haupt verloren hatten, und in des Feindes Hand wussten, so
liessen wir doch nichts von unserer Treue und Tapferkeit erwinden, womit wir uns
unserm verlornen Könige noch verbunden zu sein erachteten, indem wir jeden Sturm
dermassen ritterlich abschlugen, dass die Wälle vom feindlichen Blute überall
gefärbet waren, und der Feind wegen dessen Schlipferigkeit keinen festen Fuss
mehr setzen kunnte. Was wir nun durch unsere Tapferkeit wider solche Gewalt
erhalten, dieses verloren wir durch ewig verdammte Verräterei, in einer Nacht,
dessen Urheber bloss dem gerechten Himmel bekannt ist. Denn als der Feind seinen
Kopf grausam zerstossen, und doch nicht viel damit ausgerichtet hatte, liess er
endlich von diesem sechstägigen Sturme abblasen, und führte die ziemlich
geschwächte Armee zurücke. Worauf wir voller Freuden uns auch zur nötigen Ruhe
begaben; wiewohl wir durch fleissige Wachten alle Posten wohl besetzet liessen.
Als wir aber am sichersten zu sein vermeinten, erscholle das erschreckliche
Geschrei, der Feind sei schon in der Stadt, und sei durch das Wassertor
hineingedrungen. Ob nun zwar ein jeder nach den Waffen griff, so war es doch
vergebens, weil Schrecken und Finsternis uns verwehrete, zusammenzukommen, und
also mussten wir ganz zerstreuet des traurigen Morgens erwarten. Dieser war kaum
angebrochen, so erhub sich ein solch grausames Wüten, Würgen und Niederhauen,
dergleichen in Asien wohl nie mag geschehen sein. Ein Teil, und zwar die
wenigsten, worunter auch mich das Glück oder vielmehr das Unglück schloss, wurden
gefangengenommen: ein Teil flohe der Königlichen Burg zu, wiewohl zu höchstem
Unglück des Königlichen Hauses, denn der Feind drang sich zugleich mit hinein,
und verfuhr doch weit gelinder, dass er der Königin, ihrer Kinder, des sämtlichen
Frauenzimmers und einiger grossen Herren verschonete, und sie nur gefänglich
annahm. Wie nun diesen wütenden Hunden ihre Faust an dem bluttriefenden Schwerte
fast erstarrete, huben sie an, die herrliche und schöne Stadt niederzureissen in
willens, sie der Erden gleich zu machen, welchem der mit schweren Ketten belegte
König mit blutendem Herzen zusehen musste. Was ich aber zuvor von einiger
Gelindigkeit gegen die im Schloss hohen Gefangene gemeldet, solches war nur ein
kleiner Aufschub ihrer verteufelten Tyrannei zu nennen. Denn als auch die andere
Nacht verschwunden, sah man die Sonne ganz blutig aufgehen, und schiene
dermassen traurig zu sein, gleichsam als ob sie sich selbst betrübte, eine solche
nie erhörte Grausamkeit mit anzuschauen. Nachdem wir wenigen Gefangene in das
Feld gestellet worden, sah man dreitausend Mann mit Spiessen und Musketen
daherkommen, welche hundertvierzig kernschöne Weibesbilder, derer jedesmal vier
und viere zusammengebunden waren, unter sich führeten, bei jedweder Kuppel aber
ging einer von den bramanischen Priestern oder Talegrepos, welche sie trösten,
und einen Mut zum Sterben machen sollten. Unter solchen betrübten Haufen
leuchtete die schöne Nhai Canato als eine Sonne unter den Sternen hervor, welche
jetzt in dem Totenmeere untergehen sollte. Und weil sie von so hohem kaiserlichen
Stamme entsprossen war, so schiene es, als ob der Tyranne ihr auch im Tode
einige schuldige Ehre erweisen wollte, indem zwölf Türhüter mit silbernen Kolben
auf den Achseln vor ihr hertraten. Zur Seiten wurden ihre vier Kinder, als zwei
Prinzen und zwei Prinzessinnen von so viel Männern auf Pferden geführet. Das
übrige Frauenzimmer war alles von hohem Stande, und der Martabanischen Fürsten
Weiber und Töchter, deren Gesichter alle dermassen schöne waren, dass sie unter
den abscheulichen Haufen ihrer Führer und Henkersknechte wie die Sonnenstrahlen
unter den schwarzen Wolken hervorleuchteten. Man erblickte an ihnen das zärteste
Wesen, und spielten die vor Angst erblasseten Rosen ihrer Wangen noch mit
solcher Anmut, dass auch die Steine hierdurch hätten sollen erweichet werden,
angesehen alle zwischen funfzehen und fünfundzwanzig Jahren ihrer Jugend mit
einer schmerzlichen Todesart verwechseln mussten. Dieser vor Augen stehende
schmähliche Tod und erbärmliche Unbilligkeit pressete einen Seufzer und
Zetergeschrei nach dem andern heraus, worbei diese schwache doch holdselige
Kreaturen fast jedesmal in eine Ohnmacht fielen. Ob nun zwar viel andere Weiber,
welche ihnen das Geleite gaben, ihnen allerhand Stärkungen und Konfekt
reicheten, so kunnten und wollten sie doch nichts kosten, sintemal die
Bitterkeit des Todes alle Süssigkeit in Wermut verwandelte. Hinter diesem
armseligen Frauenzimmer folgeten sechzig Grepos oder gemeine Priester, je zwei
nach einander, welche mit niedergeschlagenen Angesichtern in ihren Büchern
lasen, und zum öfteren riefen: Herr, der du von keinem andern weder von dir
selber das Wesen hast, richte unsere Werke, damit sie deiner Gerechtigkeit
gefallen mögen. Worauf andere antworteten: Herr, verleihe, dass dieses also
geschehe, auf dass wir die reichen Gaben deiner Verheissung wegen unserer Sünden
nicht verlieren.
    Was nun das erbärmlichste Ansehen gab, das waren vierhundert kleine Kinder,
welche hinter den Priestern in einer langen Reihe daher liefen: Diese waren
unterwärts des Leibes ganz bloss, hatten Stricke um ihre Hälsgen und weisse
brennende Wachskerzen in ihren Händen. Darauf marchierte die bramanische Wache
mit Spiessen und Musketen: Diesemnach folgten hundert Elefanten, und überdas eine
grosse Menge Volks zu Ross und zu Fuss, dass also zweitausend Reuter, zehentausend
Fussvolk und zweihundert Elefanten diese betrübte Ausführung begleiteten, des
übrigen Volkes aber war keine Zahl. Mit diesem ansehnlichen Aufzuge gingen diese
könig- und fürstliche Engel, welche einer glückseligen Unsterblichkeit würdig
gewesen, durch das Feld nach dem erschrecklichen Richtplatz zu, allwo
einundzwanzig Galgen ihrer erwarteten. Sobald man daselbst angelanget, machten
sich zu Pferde etliche Herolden hervor, welche überlaut ausruften:
Jedermänniglichen sei dies Bluturteil kund, welches der lebendige Gott verhängt,
der da will, dass gegenwärtige hundertundvierzig Frauen sterben, und in die Luft
geworfen werden sollen: Alldieweil aus ihrem Rat und Anstiften ihre Männer und
Väter rebellieret haben. Dieses wurde nun vorgeschützet, weil der Blutund das
Königreich Martabane als ein Lehnreich von Brama wissen, und uns zu Vasallen
haben wollte. Dieses Urteil war kaum ausgeschrien, so erhub sich von den
Gerichtsbeamten und Henkersknechten ein so abscheu- und düsterlich Geschrei, dass
einem die Haare zu Berge stunden: Und hiermit griffen die Henker die
Verurteilten an. Was man nun hier vor ein jämmerliches Schreien und Weinen
anhören, und vor herzbrechende Gebärden sehen musste, wie sie einander um den
Hals fielen, und mit tausend Tränen voneinander Abschied nahmen, solches wird
mir niemand verübeln, wenn ich, als der ich es mit angesehen, vor übriger Wehmut
fast nicht mehr reden kann.« Zugleich hemmeten ihn auch die Tränen die Rede, dass
er eine ziemliche Weile schweigen musste, und wir ihme fast alle Gesellschaft
leisteten, ausser der Kaiser, welchem man nur dann und wann einen Tropfen
abfallen sah. Als sich nun dieser betrübte Unglücksbote in etwas wieder
erholte, fuhr er also fort:
    »Unsere werte Königin steuerte sich inzwischen auf eine alte Frau, und war
vor unaussprechlichen Betrübnis schon mehr als halb tot. Ehe die andern aber
sich von den unbarmherzigen Henkern wegschleppen liessen, wollte gleichwohl eine
von diesen armseligen Damen im Namen ihrer aller der Königin zuvor noch die
untertänige Ehrenpflicht erzeigen, und die letzte gute Nacht sagen. Derowegen
sie sie denn auf folgende Art, wiewohl mit schwacher und kläglicher Stimme,
anredete: Durchlauchtigste Frau! Nachdem wir anjetzt in dem Stande demütiger
Sklavinnen zu der betrübten Wohnung des Todes hintreten, so tröstet ihr, als die
schöne Rosenkrone unserer Häupter, uns mit Eurem anmutigen Gesichte, auf dass wir
mit desto leichtern Kummer diesen geängsteten Leib verlassen, und vor der
mächtigen Hand des gerechten Richters erscheinen, zu dem wir um unendliche Rache
dieser uns angetanen unbilligen Schmach mit betränten Augen schreien wollen. Die
hochbeängstigte Königin antwortete hierauf erstlich mit einem kläglichen Blick
und einem solchen Angesichte, darein der Tod allbereit den ersten Entwurf seiner
Gestalt gemacht hatte, hernach mit folgender leisen Stimme: Nehmet nicht so bald
Abschied, liebste Schwestern, sondern helfet mir vor diese kleine Kinder tragen.
Aber das liessen die eilenden Scharfrichter, die mit ihrem Könige die
Barmherzigkeit gemein hatten, nicht zu, welche unter wehmütigsten Ach und Weh,
Winseln und Rachgeschrei alle diese schöne Leute erwischten, und ohn einiges
Verschonen sie an zwanzig Galgen erbärmlichst aufhenketen, und zwar an jedweden
sieben, was aber noch das Ärgste war, so wurden sie bei den Füssen aufgehenkt,
weswegen sie denn unter schmerzlichem Seufzen erst in einer Stunde in ihrem Blut
erstickt waren. Hiernächst galt es der Königin, welche von vier Frauen nach dem
Galgen geführet ward, daran sie mit grössester Herzensqual ihre Kinder sollte
zappeln sehen, welches ihr weit mehr als der eigene Tod zu Herzen ging. Der
Rolimmunay, als ein grosser Heiliger, redete ihr fleissig zu, wie sie den Tod
unerschrocken leiden sollte. Indessen foderte sie ein wenig Wasser, nahm es in
den Mund, und sprützte es über ihre vier Kinder, deren jedes sie nacheinander
auf die Arme nahm, ihnen einen Abschiedskuss nach dem andern auf den Mund druckte
mit so inbrünstiger Bewegung, dass einem Tiger davon die Augen hätten übergehen
mögen. Endlich brach sie in folgende Klagworte heraus: Ach meine Kinder, die ich
aufs neue in dem Eingeweide meiner Seelen geboren, wie wollte ich mich so hoch
beglücket achten, wann mir erlaubet wäre, euer Leben durch einen tausendfachen
Tod zu erkaufen! Alsdenn würde ich alle Furcht, darinnen ihr mich und ich euch
sehe, verlassen, und von diesen grausamen Henkern den Tod so willig erwarten,
als gerne ich werde vor dem Herrn aller Dinge in der Ruhe seiner himmlischen
Wohnung erscheinen.
    Dies gesagt, liess die betrübte Königin ihre Augen auf den Nachrichter
schiessen, welcher allbereit die zwei kleinen Prinzen gebunden hatte, und sagte
zu ihm: Sei nicht so unbarmherzig, dass du meine Kinder vor meinen Augen
umbringest. Richte mich erst hin, und schlage mir die letzte Gunst nicht ab, die
mein sterbender Mund von dir begehret. Mit diesen Worten risse sie die Kinder
wieder zu sich, umfing, drückte und herzete sie, und gab ihnen tausend
Scheidungsküsse, so lange, bis sich der gütige Himmel selbst über sie erbarmete,
und ihre Seele und Atem benahm, ehe sie den Henkersstrick fühlete. Also sank sie
unter den Händen der Frauen, auf welche sie sich steurete, tot darnieder. Wie
der Henker dieses erblickete, sprang er behende hinzu, raffte und henkete sie
geschwinde auf, hernach die vier andern Frauen, und endlich zu ihrer Rechten die
zwei jungen Prinzen, zur Linken aber die zwei kleinen Prinzessinen.«
    Hier sank zugleich die Prinzessin Banise über der traurigen Erzählung des
schmerzlichen Todes ihrer Frauen Schwester in eine starke Ohnmacht, also, dass
sie fast nicht wieder zu ermuntern war, und sie dannenhero in ein ander Zimmer
musste getragen werden. Die Tränen häufeten sich auch bei allen Zuhörenden
dermassen, dass man statt vorigen Jauchzens und Musizierens nichts als Klagen und
weinendes Kluchzen vernahm, welches denn eine erbärmliche Veränderung des
menschlichen Zustandes war. Der grossmütige Kaiser aber fuhr fort zu fragen, wie
es ferner und bevoraus mit dem Könige abgelaufen sei? wovon er folgenden Bericht
erstattete: »Dieses erbärmliche Mordspiel erweckete in Freund und Feinden ein
ungemeines Trauren, welches endlich in eine Verbitterung und Aufruhr ausschlagen
wollte, indem Chambainha, der ein Sohn und rechtmässiger Erbprinz des Reiches
Brama war, dessen Herr Vater nach eignem hohen Bewusst durch des Tyrannen vorigen
Bruder, den Xenimbrun gleichfalls des Reiches und Lebens beraubet worden.
Derowegen wachte die alte und natürliche Liebe der Bramaner gegen ihren
rechtmässigen Herrn in etwas wiederum auf, und liess es sich allerdings zu einem
gefährlichen Aufruhr an. Hierzu half nicht wenig das grausame Zeter- und
Klaggeschrei der unglaublichen zuschauenden Menge, wovon auch die Erde
erzitterte, und kam es so weit, dass hundertzwanzigtausend Mann ins Feld rückten,
und sich der Tyrann in die Burg begeben musste; wiewohl dieser löbliche Eifer
bald wiederum erkaltete, und mit der einbrechenden Nacht gänzlich gestillet
ward. Unter diesem schändlich erwürgeten Frauenzimmer sind drei Jungfern
gewesen, die das Mordkind vorhin zu heiraten begehret gehabt; weil er aber
damals noch in dem gräflichen Stande von ihren Eltern abschlägige Antwort
bekommen, hat er seine grausame Liebe mit dem Stricke gerochen.
    Zu Verhütung aber ferneren Aufstandes liess der tückische Hund dem gefangenen
Könige noch in derselbigen Nacht einen schweren Stein an den Hals henken, und in
das tiefe Meer werfen, in welcher jämmerlichen Todesart ihm noch sechzig
vornehme Herren, welche alle der erwürgeten Frauen Väter, Männer und Brüder
waren, betrübte Gesellschaft leisteten. Dieses ist nun der blutige und
tränenwürdige Untergang unsers hochpreislichen Kön. Hauses, wowider wir armen
Leute nichts ferner vermögen, als den gerechten Himmel und E.M. mächtigste
Waffen um brennende Rache und Hülfe anzurufen.«
    Hiermit endigte der Mensch seine traurige Erzählung, woraus der höchst
betrübte Kaiser die Hände ineinanderschlug, und mit Seufzen sagte: »Wie
unerforschlich ist doch der Schluss des Himmels? Diesem schenkt er einen
Lorbeerkranz, und jenem einen Henkerstrick. Hier hebet er einen empor, und dort
stürzet er den andern zur Hölle. O Himmel! wie hat es deine Gerechtigkeit
zulassen können, dass der Gerechte untergangen, und der Gottlose erhaben ist? Dass
sich der Szepter in einen blutigen Mörderstahl, der Tron in einen schwarzen
Sarg und die Krone in ein Rad des wandelbaren Glücks verwandelt hat? Ach Nhai
Canato, meine werte Tochter! haben mich die Götter deswegen mit dir beschenket,
dass sie mich auf diese harte Probe stellen wollen, wenn ich mein liebstes Kind
soll am Galgen sterben sehen? Möchte nicht das tapferste Gemüte weichmütig
gemacht werden, wenn es sein Fleisch und Blut unter des Henkers Hand wissen
soll! O unerträgliches Leid! O Schmerz, welchem kein Schmerz zu vergleichen!
Vermaledeiter Wüterich! Verdammter Chaumigrem! Ist dieses jemals erhöret worden,
dass man gegen zarte Weibspersonen so abscheulich verfahren hat? Verdammter Hund!
kunnte dich nicht die Schönheit, welche auch Tiger bezwinget, überwinden? kunnte
dich das jämmerliche Schreien und Weinen der zarten Angesichter nicht bewegen?
ja, kunnte nicht die Unschuld der kleinen Kinder und ihr königlicher Stamm
einiges Mitleiden in dir erwecken? Gewiss, die Götter sind bisweilen allzu
ungerecht gegen uns Menschen, indem sie einer solchen Greueltat, wovon die Sonne
errötet, ohne Empfindlichkeit zusehen können. Ach mein Kind, mein Trost! mein
Anker, welcher mir zu einer Schiffbruchs-Klippe wird! Ach dass ich doch mit dir
in die Erden sollte verscharret sein, weil mir nunmehro das Leben doch nur ein
steter Tod sein wird.« - »Grossmächtigster Kaiser«, redete ihm hier mein Prinz
ein, »dieser hohe Trauerfall, welcher Dero Herz verwundet, betrübet meine Seele,
und Ihr Jammer ist meine Qual. Derowegen wird mir erlaubet sein, zu sagen, nicht
allein, wie man dem Verhängnis sich geduldig unterwerfen, sondern auch wie man
das unschuldige Blut aufs grausamste an dem verdammten Mörder rächen möge.
Hierzu aber dienet ein übriges Klagen und Trauren am wenigsten, welches dem
Feinde vielmehr zur Ergötzung dienet, wenn er sieht, wie er uns auf das
empfindlichste gerühret habe. Zwar die Götter haben denen Menschen eine
sonderbare Liebe gegen ihre Kinder eingepflanzet, also dass ihnen nichts
empfindlichers als deren Verlust widerfahren kann. Allein auch ein wildes Tier
greift den Räuber seiner Jungen beherzt an, und versäumt durch übrige Wehmut
keine Gelegenheit, sich zu rächen. So nehmen denn E.M. Dero gerechteste Waffen
zur Hand, als das beste Mittel, welches die Götter zur Rache geschaffen,
vergiessen statt übriger Tränen das schwarze Blut der Feinde, und ruhen nicht
eher, bis des Mörders Kopf in einem Mörsel zerstossen, und die verhassten
Anstifter dieser Mordtat denen Entseelten ein blutiges Rachopfer sein mögen.« -
»Ach trautester Pantoja«, erwiderte der Kaiser, »Ihr habt recht, doch wie bald
kann der fehlen, welchen die Götter nach Eurem eignen Geständnis auf das
empfindlichste angreifen. Hierdurch muss auch ein Amboss, geschweige ein
menschliches Herze, gekrümmet und weich gemacht werden, wo der Unglückshammer so
gar harte hinschlägt.« - »Die Glut der Rache«, versetzte mein Prinz, »kann alles
wieder gerade machen, und diese Wunden können nicht anders denn mit dem Blute
des Tyrannen geheilet werden. Ich schwere es bei der ewigen Gotteit, dass, wo
mir nicht durch einen Fall das Leben verkürzet wird, ich dermaleinst noch mit
eigner Hand die grausamste Rache von diesem Frauenmörder nehmen will.« Zarang
hatte bisher ganz unbeweglich gesessen, und kein Zeichen einiges Beileides von
sich spüren lassen. Inmittelst weil sein Reich mit Brama grenzte, und er daher
nicht wenig zur Rache beitragen kunnte, so wollte er hier im Trüben fischen, und
sich diesen Jammerfall so weit zu nutz machen, dass er nunmehro den vorhin
beängsteten Kaiser zwingen wollte, ihm die Prinzessin Banise nicht allein selbst
anzutragen, sondern auch würklich zu überliefern. Welches alles er sattsam zu
erkennen gab, wenn er sich nicht scheute, den Todfeind von Pegu ins Angesicht
des Kaisers zu rühmen und zu sagen: »Dieses Ungewitter habe ich nicht allein
längst über Martabane zuvor gesehen, sondern sehe es auch bereits über Pegu
herrauschen, wo nicht durch Klugheit und angrenzende Verbindung diesem Übel
beizeiten begegnet wird. Chaumigrem ist ein kluger König, vorsichtig in
Anschlägen und beglückt als tapfer in deren Ausführung. Es hätten sich E. Maj.
vielmehr bemühen sollen, vorlängst diesen heldenmütigen Nachbar zu einem Freund
und Bundsverwandten zu machen, so hätte er vielleicht nicht Ursache gehabt, sich
so grausam zu rächen.« Diese Worte mochten den Kaiser gnung durchs Herze
schneiden; weil er aber solches klüglich zu verbergen wusste, als antwortete er
ganz glimpflich, jedoch mit einer ernstaften Majestät: »Und dieses konnte uns
geraten werden, uns mit einem Hauptrebellen, welcher das unsrige boshafterweise
an sich gebracht, und unrechtmässig besitzet, noch in Freundschaft und Bündnis
einzulassen. Nimmermehr soll dieses von einem grossmütigen Herzen erhöret werden,
dass es Freundschaft bei einem Drachen und Arznei bei einer Spinne suchen soll.
Und ob auch diese Freundschaft gut wäre, wiewohl einem versöhnten Feinde
nimmermehr zu trauen ist, so lässet es doch die göttliche Gerechtigkeit nicht
zu, dass wir durch Hülfe der Feinde unsern Zweck erlangen: vielmehr wird uns der
Himmel strafen, wenn wir einem so weltkündigen Aufruhr durch die Finger sehen
wollten.« - »Man muss strafen, wenn man kann, und nicht wenn man will«,
antwortete Zarang ganz höhnisch, und weil er denn nicht aufhörete, die
Tapferkeit und Grossmut des unwürdigen Chaumigrems auf das höchste
herauszustreichen, und hierdurch den betrübten Xemindo noch mehr schmerzlichst
beleidigen; als kunnte mein Prinz sich nicht entalten, ihm folgenden Einwurf zu
tun: »Es müsste sich«, sagte er, »denn der mörderische Chaumigrem in kurzer Zeit
so sehr verändert haben, indem ich sonst mit meinen Augen gesehen, wie das
Sprüchwort wahr sei: Die grössesten Tyrannen sind die verzagtesten Herzen. Denn
als er in Ava von dem Prinzen selbiges Reiches eine derbe Ohrfeige bekam, so
brauchte er zwar sechs Vorfechter, die gebührende Rache aber ist er demselben
bis jetzo schuldig geblieben. Und ob sich zwar auf dessen Ausfoderung der Prinz
anerbot, persönliche Rache von sich nehmen zu lassen, und sich dannenhero an
bestimmten Ort zu angesetzter Zeit verfügete, so war doch Chaumigrem wie ein
Hase bei der Drummel durchgegangen, dass also ganz Ava ein schlechtes Herz und
geringe Tapferkeit in dem Chaumigrem urteilte.« - »Wer weiss«, verteidigte ihn
Zarang ferner, »was ihn vor wichtiges Bedenken hiervon abgehalten, zudem beruhet
auch nicht die Tapferkeit in einem solchen Privatgefechte, sondern verdunkelt
vielmehr den Glanz unserer Herzhaftigkeit, weil sonst mancher Musketierer ehe
den Titul eines Tapfern, als eine Generalsperson verdienen würde, Ursach, weil
sich jener öfterer vor der Spitze gezeiget, und mit seinesgleichen einen
Zweikampf gewaget als dieser. Alleine die wahre Tapferkeit lasset sich in
herzhaftiger Klugheit eines Feldherrn und tapferer Ausführung eines
heldenmütigen Anschlages spüren. Und dass solche Chaumigrem sattsam besitze,
indem er die Eroberung eines ganzen Königreichs so herzhaft in kurzer Zeit zu
Ende gebracht, solches wird kein Verständiger leugnen können.« Diese Reden
machten meinem Prinzen die Stirn ziemlich warm, jedoch wollte er dessen fernere
Erklärung hören, indem er sagte: »So es ja einem solchen Prahler nicht zu viel
ist, eine Ohrfeige zu verschmerzen, und die Tapferkeit bloss in dem Felde zu
erkennen ist, so muss ich als ein lebendiger Zeuge gestehen, dass keine verzagtere
Memme, als eben der Chaumigrem kann gefunden werden. Denn als er im Treffen vor
Ava die Armee als unwürdiger Feldherr wider S. Maj. von Pegu anführete, und
durch seine Unwissenheit den Kronprinzen auf die Schlachtbank lieferte, so war
er der erste, welcher durch unnötige Flucht das ganze Heer in Unordnung und zu
einer schädlichen Nachfolge brachte. Dass nun diese jetzt schleunige Eroberung
geschehen, solches ist nicht ihm, sondern zuvörderst denen erzürneten Göttern,
welche ihn als eine züchtigende Rute gebrauchen, hernach aber der
unbeschreiblichen Menge, womit er einen so kleinen Haufen bekriegete,
zuzuschreiben. Und wo ja ein unredlicher Überfall eine Tapferkeit zu nennen ist,
so ist traun! Chaumigrem der Tapferste in ganz Asien. So aber auch dieses nicht
wäre, sondern er hätte durch rechtmässige Gewalt und eigene Tapferkeit diesen
Sieg erhalten, wie es doch nichts weniger ist, so verdunkelt doch der unerhörte
Mord an dem unschuldigen Frauenzimmer solches alles dermassen, dass er vielmehr
den Titul eines unehrlichen Mörders und schändlichen Blutundes, als eines
tapfern Soldatens verdienet hat; worinnen mir gewiss auch ein jedwedes tapferes
Gemüte wird müssen Beifall geben.« - »Gemach, gemach«, hub Zarang ganz entrüstet
an zu antworten, »Ihr seid gewiss in einer üblen Schule erzogen worden, dass Ihr
nicht bescheidener von hohen Häuptern zu reden wisset. Und weil Euch die
Verantwortung Eurer Reden zu schwerfallen möchte, als hielte ich Euer Schweigen
vor sehr nötig.« Worüber sich denn mein Prinz dermassen ereiferte, dass ich nur
immer sah, wenn er nach dem Säbel greifen würde; hiervon hielte ihn aber so
weit die hohe Gegenwart des Kaisers ab, dass er nur dieses sagte: »Verflucht sei
derjenige, welcher die betrübte Majestät durch Erhebung ihrer Feinde noch ferner
beleidiget. Und weil Ihr der erste seid, der mir das Schweigen aufleget, so will
ich meine Meinung von dem unredlichen Chaumigrem gegen Euch behaupten. Seid Ihr
nun ein ehrlicher Prinz, welcher sich mit keinem Rebellen gemein zu machen
begehret, so werdet Ihr mir morgen zu Pegu mit eigener Faust Rechenschaft von
Euren Worten geben: Wohin ich Euch denn mit I. Maj. Vergünstigung zu einem
Säbelkampf auf Leib und Leben will ausgefodert haben.« Weil sich denn Zarang
ungeachtet des Kaisers an meinem Prinzen auf der Stelle vergreifen wollte, als
gebot ihm Xemindo Friede mit diesen Worten: »Verwegener Prinz, wie lange sollen
wir Euren Hochmut anhören, und wenn werdet Ihr aufhören, uns empfindlichst zu
beleidigen? Behauptet demnach morgen Eure Sache, oder meidet unsern Hof.« Womit
Zarang den Saal verliess. Wir aber nebst dem Kaiser begaben uns alsofort sämtlich
zu Pferde, und ritten ungeachtet der einbrechenden Nacht nach Pegu. Zugleich
bemerkten wir an dem heitern Himmel einen entsetzlichen Kometstern, welcher
seinen Strahl recht über Pegu stellete, worüber sowohl der Kaiser als auch wir
uns nicht wenig entsetzten. Wie wir um Mitternacht vor Pegu anlangeten, und zu
dem Tore einritten, stürzete der Kaiser auf ebener Erde, ob wir gleich Schritt
vor Schritt ritten, mit dem Pferde, dass ihm das Blut häufig zur Nase herausfloss,
welches denn alles von uns übel gedeutet, und leider! allzuwahr erfüllet worden.
Als der Morgen angebrochen, und die Sonne bereits einige Stunden die Stadt Pegu
beleuchtet hatte, verfügte sich mein Prinz abermals, wie in Ava, bloss mit Säbel
und Schild versehen an den Ort, welcher unfern des Schlosses auf einem grünen
Platze mit Palisaden umschränket war. Der Kaiser selbst sah durch ein verborgen
Fenster zu, und die Menge der Zuschauer verwehrete uns fast den Eintritt. Nach
Verfliessung einer halben Stunde meldete sich ein baumstarker Ritter an, und
begehrte in den Schranken eingelassen zu werden, welches ihm aber abgeschlagen
ward, und musste er sein Anbringen ausser dem Platze sagen, welches hierinne
bestunde: Weil sein gnädiger Herr, als der Prinz von Tangu nicht vor ratsam
erachtet hätte, sich persönlich in die Gefahr zu begeben, deren er sich wegen
kaiserlicher Ungnade besorgete: gleichwohl aber die verwegene Ausforderung nicht
ungeahndet hätte können hingehen lassen: als wäre er zugegen, seines Prinzen
Ehre zu schützen, und zu erweisen, dass seine Sache gerecht sei. Sobald dieses
der Kaiser erfuhr, liess er meinem Prinzen zuentbieten, weil der rechte Gegner
nicht erschiene, so wäre es demnach ganz unnötig, sich mit einem andern
einzulassen. Welches aber mein Prinz durchaus nicht eingehen wollte, sondern
vorwendete: Er wollte des Kaisers Hoheit und seine Ehre gegen jedweden
handhaben, derowegen er in Untertänigkeit bäte, ihm zu erlauben, die Sache
auszuführen, welches ihm endlich zugelassen ward. Und also trat dieser schwarze
Ritter hinein, welcher einen Schild an dem linken Arm führete, womit sich mein
Prinz ganz hätte bedecken können. Der Säbel war gleichfalls von so ungleicher
Länge, dass sich mancher würde bedacht haben, ehe er seinem Feinde einen solchen
Vorteil eingeräumet hätte. Dessen ungeachtet verliess sich mein Prinz auf seine
Hurtigkeit und gerechte Sache. Diesem nach sah er seinen Feind mit einem
ernstaften Lachen überzwerch an, und nachdem er vermeinte, dass es Zeit sei, ihn
anzugreifen, ging er mit starken Schritten, geraden Leibe und funkelnden Augen
auf ihn los, und schlug dergestalt auf ihn zu, dass er bald seinen Fehler wegen
Übereilung merkete, und sich dannenhero in etwas zurücke zog. Jener hingegen
veränderte vor Zorn seine ganze Gestalt, und stellete sich, als ob er meinem
Prinzen durch blosse Gebärden einen Schrecken einjagen wollte. Das Feuer stieg
ihm ins Gesichte, die Haare stunden gen Berge, die Stirne runzelte sich
zusammen, und alle seine Adern bläheten sich auf, bald schnaubete er vor Grimm,
bald hielt er den Atem zurück, und bisse die Zähne so grausam zusammen, dass ihm
der Jäscht die Lippen bedeckte; ja er führte solche gewaltige Streiche auf
meinen Prinzen, dass ich jedesmal besorgte, er würde ihn mitten von einander
hauen. Und empfand also mein Prinz sattsam, was er vor einen starken Feind vor
sich habe, welchem nichts als die Geschwindigkeit mangelte. Mein Prinz brachte
inzwischen das erste Versehen reichlich wieder ein, indem er seinen Feind sich
satt arbeiten liess: hingegen nahm er alle Hiebe, teils durch seine Hurtigkeit,
teils durch seinen stählernen und spiegelglatten Schild aus, indem er bald in
die Höhe sprang, bald sich zusammen schmiegete, nachdem es die Notdurft seiner
Sicherheit erforderte. Endlich musste mein Prinz besorgen, es möchte seinem
Feinde unter so vielen Streichen einer geraten, wodurch er wohl gar den Sieg
verlieren dürfte; als begunnte er ihm etwas näher einzurücken, und indem jener
einen starken Streich nach dem Kopfe führte, warf mein Prinz den Schild vor, und
tat zugleich einen gewaltigen Hieb, welcher auch so wohl geriete, dass des
Feindes rechtes Knie ganz gespalten ward. Und dieses war höchstnötig, indem ihm
der feindliche Streich den Arm dermassen erschellt hatte, dass er den Schild
fallen zu lassen gezwungen ward. Als nun der starke Gegener zur Erden stürzte,
schäumete er vor Eifer wie ein wildes Schwein. Mein Prinz aber säumete nicht,
sondern ergriff den Schild hurtig, stürmete, weil jener keine Gnade begehrete,
desto mutiger auf ihn ein, und versetzte ihm unterschiedene Wunden, deren aber
keine ihn wehrlos machen kunnte, bis ihm endlich ein kräftiger Streich durch das
Haupt fuhr, wodurch er Geist und Säbel verlor, und also meinem Prinzen der
völlige Sieg zuteil ward. Hierüber entstund nun ein solches allgemeines
Jubelgeschrei, als ob hierdurch Chaumigrem selbst erlegt wäre. Ja, die Peguaner
verehrten meinen Prinzen mit so häufigen und wunderlichen Gebärden, dass wir kaum
das Schloss erreichen kunnten. Ich musste des Entleibten Schild und Säbel hinter
meinem Herrn hertragen, welcher alsobald vor den Kaiser gelassen wurde, dem es
mein Prinz mit diesen kurzen Worten zun Füssen legte: »So müssen alle Feinde des
Reiches Pegu gestürzet werden!« Xemindo umhalsete ihn aufs brünstigste, und
führte ihn abermals in ein besonder Zimmer, dass ich wieder nichts zu sehen noch
zu hören bekam, bis mir der Prinz sein zugestossenes Glück erzählte.
    »Allerwertester Pantoja«, hatte ihn der Kaiser angeredet, »es scheinet, als
ob die Götter diesem Reiche zum besten etwas Sonderliches durch Euch beschlossen
hätten, indem wir Euch so viel Gutes zu danken haben, dass es am Vermögen fehlet,
solches mit würklicher Vergeltung zu ersetzen. Und ob wir zwar vermeint, Euch
durch Zuführung der Prinzessin von Saavady einige Vergnügungen zu verschaffen,
so befinden wir doch, dass es scheinet, als ob deren Annehmung mehr eine
Höflichkeit, als wahre Liebe verursachet habe. Derowegen sind wir nicht wenig
bekümmert, indem wir nicht wissen, auf was Art Euch könne einige Vergeltung
angenehm gemacht werden, woran uns denn gleichfalls die Unwissenheit Eures
wahren Zustandes merklich verhindert. Denn Ihr sollt wissen, dass wir Euch nicht
vor einen Prinzen aus Tannassery halten, sondern vor einen Prinzen des Reichs
Ava, welches ein von Euch verlornes Bildnis bekräftiget. Derowegen entdecket uns
ungescheuet, ob wir in unserer Mutmassung irren oder nicht. Lasset Euch dieses
nicht abschrecken, dass uns Euer Vater ziemlich zuwider, ich will nicht sagen,
ein Nahrungsöl gegenwärtiger Rebellion gewesen, sondern versichert Euch, dass Ihr
die Fehler Eures Herrn Vaters reichlich ersetzet habet. Dannenhero dürfte Euch
diese Offenbarung ein grosses zu Eurer Vergnügung beitragen.« Ob nun zwar mein
Prinz hierüber sehr bestürzt worden, so hatten ihn doch die letzteren
Versicherungen wiederum aufgerichtet, dass er sich entschlossen, des Kaisers
Worten zu trauen, und sich folgendergestalt zu offenbaren: »Grossmächtigster
Kaiser und Herr! wenn ich Dero hohen Gnade und unvergleichlichen Tugend nicht
versichert wäre, dass sie die Missetat eines ungerechten Vaters die Unschuld
eines Kindes nicht würden entgelten lassen, so trüge ich billiges Bedenken, mich
demjenigen zu offenbaren, welcher die Rache in Händen hat. Nachdem ich mich aber
verpflichte, nicht allein nach äusserstem Vermögen die väterliche Scharte
wiederum auszuwetzen, sondern auch vor die hohe Wohlfahrt dieses Kaiserlichen
Hauses mein Leben aufzusetzen, so lebe ich der festen Zuversicht, es werde Dero
Kaiserliche Gnade nicht vermindert werden, ob ich schon bekenne, dass ich
wahrhaftig ein Prinz, und zwar der nächste zur Krone von Ava bin, welchen ein
unbarmherziger Vater vertrieben, und die gütigen Götter seine Vergnügung in Pegu
zu suchen geraten haben.« Der Kaiser hatte meinen Prinzen durch einiges
Stillschweigen etwas bekümmert, jedoch durch folgendes Anreden bald wieder
ermuntert: »Wertester Prinz! wahr ist es, Euer Vater hat uns nicht wenig
betrübet, ja er hat sich nicht als ein naher Vetter und Blutsfreund, sondern als
ein geschworner Todfeind gegen uns erwiesen, welches uns aber jedoch keinesweges
verhindert, Euch mit aller Gnade und Wohltat zu überschütten; angesehen Ihr den
harten Fehler Eures Vaters mit reichem Wucher ersetzet, und uns dahero nicht
allein zu einer allgemeinen Verzeihung, sondern auch zu einer genauern
Verbindung bewogen habet. Denn Euch soll es ganz Ava zu danken haben, dass es
künftig von aller Botmässigkeit des Peguanischen Trons befreit, die höchste und
unbeschränkte Gewalt allein haben, und dessen Könige niemand als die Götter vor
ihre Oberherren erkennen sollen. Ja Eure hohen Verdienste bewegen uns auch, Euer
mutmassliches Absehen gutzuheissen, und durch ein festes Liebesband Pegu und Ava
zu verbinden, wodurch der alte Hass getilget, und beide Reiche in blühendem
Wohlstande erhalten werden sollen. Sehet, mein Prinz, und saget, ob wir
erkenntlicher sein könnten, indem wir unser Liebstes, ja unser Fleisch und Blut,
das Opfer eines dankbegierigen Herzens sein lassen, in Hoffnung, das Reich Pegu
werde Eurem tapfern Arme noch künftigen Wohlstand zu danken haben.« Diese Worte
hatten meinen Prinzen dermassen aus sich selbst gesetzet, und entzücket, dass er
nicht gewusst, wie ihm geschähe, oder womit er seine innerste Herzensvergnügung
sattsam ausdrücken möchte. Endlich war er vor dem Kaiser niedergefallen, hatte
dessen Knie umfasset, geküsset, und mit schwacher Stimme geantwortet:
»Allergnädigster Kaiser und Herr, dessen Tugend und Gütigkeit höher ist, als sie
von mir kann erkennet oder begriffen werden! Ich weiss nicht, ob mich die Götter
abermals durch einen süssen Traum vergnügen, oder das im Tempel zu Pandior
angenehme Schlafgesichte erst erfüllen wollen. Denn E. Majest. sollen wissen,
dass, ehe ich noch das werte Pegu gesehen, ich zuvor die Götter zu Pandior
sehnlichst um den Ausgang meiner Reise zu zeigen, ersuchet, dass sie mir die
vortreffliche Gestalt der überirdischen Prinzessin von Pegu im Schlafe gezeiget,
mich aber bis auf diese Stunde in verwirreten Nachdenken gelassen haben. Sollte
ich nun nach Dero hohen Worten dieses unerforschlichen Glückes fähig werden,
womit könnte ich alsdenn diese unaussprechliche Gnade im geringsten erwidern?
Denn ob ich auch ein tausendfaches Leben vor jedweden Peguaner, geschweige vor
E. Maj. aufsetzte, so reichete es doch noch lange nicht an dem schönen
Verdienst, welchen mir E. Majest. zuerkennen. Ich opfere mich demnach mit Leib
und Gemüte und allem, was mir die Götter jetzt und künftig gönnen werden, zu
ewigen Diensten vor E. Majest. und dessen Kaiserlichen Hauses Wohlergehen. Und
ob ich mich zwar eines solchen himmlischen Schatzes im geringsten nicht würdig
erkenne, so flehet doch mein verlangendes Herz um gnädigste Erfüllung Dero hohen
Versprechens.« - »Haben wir hier den rechten Zweck getroffen«, hatte der Kaiser
lächelnde geantwortet, »und kunnte die Prinzessin von Saavady nicht solchen Dank
herauspressen? Inmittelst verziehet hier, und verberget Euch hinter diese
Tapeten, wir wollen die Prinzessin herrufen lassen, da Ihr denn unsern Vortrag
und ihren Entschluss selbst mit anhören könnet.« Diesem zu gehorsamster Folge
hatte sich der Prinz verstecket, und in kurzem durch einen kleinen Ritz der
Tapete diese Sonne in dem Zimmer aufgehen sehen, welche der Kaiser bei der Hand
an ein Fenster geführet, und sie mit lauter Stimme, also, dass es mein Prinz
sattsam verstehen können, angeredet hatte: »Liebste Tochter, Ihr werdet meine
väterliche Gewogenheit und Gnade bisher sattsam verspüret, und daraus erkennet
haben, wie ich jederzeit als ein treuer Vater vor Eure Wohlfahrt gesorget, um
Euch zu vergnügen, damit ich nicht solchen Schmerzen als an der Königin von
Martabane erleben möge, wovor mich die gütigen Götter in Gnaden behüten wollen!
Nachdem es aber an dem, dass Ihr wohl wisset, wie beharrlich Euch Zarang, der
Prinz oder vielmehr König von Tangu, bishero bedienet, und Eure Liebe gesuchet
hat. Diesemnach hat er auch noch heute bei mir, als Eurem Vater, inständigste
Ansuchung um Vollziehung dieser Liebe tun lassen. Weil nun der betrübte Zustand
unsers Reiches und die androhende Gefahr des Feindes erfordert, sich der
Freundschaft des Hauses von Tangu zu versichern; als habe ich den Gesandten
nicht anders, denn mit einem willfährigen Entschluss abfertigen können. Diesem
Euch nun gleichförmig zu bezeigen, ist mein Begehren, und werdet Ihr hiedurch
ein merkliches Zeichen kindlichen Gehorsams spüren lassen.« Die Prinzessin war
hiedurch ganz erstaunet und erblasset, also, dass sie auch die Wand fassen und
sich daran lehnen müssen, da sie denn eine gute Weile kein Wort geredet, sondern
sich nur bemühet, durch bewegliches Ansehen den Herrn Vater zu einigem Mitleiden
zu bewegen. Als sie aber der Herr Vater zu entschliessender Antwort angemahnet,
war sie endlich gar vor ihm auf die Knie gesunken, hatte dessen Hand mit Tränen
geküsset, und endlich also geantwortet: »Allergnädigster Herr und Vater! ich
weiss wohl, dass sich mein kindlicher Gehorsam bis ins Grab erstrecken soll, ja
ich bin bereit, solchen mit meinem Blute zu bestätigen: allein, wo dessen Herze
einen väterlichen Blutstropfen gegen mich heget, wo ein fussfälliges Kind
erbarmungswert ist, wo meine Tränen einen Marmel erweichen können, ja wo meine
Seufzer den väterlichen Geist nur etwas bewegen können, so bitte ich, so flehe
ich, mich eher zu einem Opfer als zu einer Braut des Zarangs zu bestellen, ich
will eher seinen Säbel als seine Lippen küssen, weil mich der Tod mehr als sein
Purpur ergötzen soll.« - »Was hat ihn Euch aber so verhasst gemacht?« hatte der
Kaiser gefragt. »Ach, E.M.«, war ihre Antwort gewesen, »erwägen doch, ob dieser
zu lieben sei, welcher sich gleich denen Bestien fast stündlich in ärgsten
Lastern besudelt, und seine Brunst täglich durch frischen Wechsel zu kühlen
trachtet. Sein Hochmut verwandelt sich öfters in Grobheit, und kann hierdurch
auch der gemeinsten Seelen einen Ekel erwecken. Ja es missfället mir dessen ganze
Person dermassen, dass ich spüre, wie dieser Hass durch einen Einfluss des Himmels
entspringet, welchem ich nicht widerstehen kann noch will. So bin ich demnach
versichert, es werde dessen väterliches Herz ein gehorsamstes Kind nicht so
empfindlich betrüben, sondern vielmehr wissen, dass er mehr Schmerzen an mir als
an meiner entseelten Schwester erleben würde.« - »Und gleichwohl«, hatte der
Kaiser erwidert, »weiss ich Euch nicht besser zu versorgen. Wir sind zwar
allerseits dem Pantoja sehr verpflichtet, allein das kleine Tannassery ist Euch
nicht anständig, und dass ein König von Siam eine freie Prinzessin beherrschen
solle, solches ist uns nachteilig.« - »Derowegen entlediget mich meines Kummers,
gnädigster Herr Vater«, hatte sie versetzet, »so es ja die Götter beschlossen
hätten, dass meine Blumen nicht in der Knospe verblühen, noch in dem Grabe
verwelken sollen, so ist doch dieses gegen selbten mein geheimer und freier
Entschluss, eher den Prinzen aus Tannassery in einer belaubten Hütte als den
Zarang auf einer Königlichen Burg zu lieben. Denn er ist ja der, welcher
verhütet, dass ich nicht zu einer unzeitigen Waise geworden, er ist es, der mein
Leben errettet, und unsere Ehre gegen den verhassten Zarang verteidigt hat.
Zudem bin ich versichert, dass er einer höhern Ankunft ist, als er vorgibet; und
liebe ich das Bildnis seiner Fräulein Schwester, welches mir das Glück in die
Hand geführet, herzlich, also dass ich hieraus einen hohen Bruder urteile. Ich
rufe diese stumme Tapeten zu Zeugen an, dass ob ich zwar dem Pantoja nicht mit
Liebe, dennoch mit einer sondern Zuneigung aus einem verborgenen Antrieb zugetan
bin.« - »Weil Ihr denn«, war des Kaisers Erwiderung gewesen, »die stummen
Tapeten zu Zeugen Eurer Liebe anrufet, so mögen sie auch antworten. Ich werde
Euch etwas verlassen, und befehle Euch, denen Tapeten gütige Antwort zu
erteilen.« In welcher Verwirrung er sowohl die Prinzessin als den verborgenen
Prinzen gelassen hatte, der in solcher Angst gewesen, dass er bekennete, es sei
vor seinem Feinde zu erscheinen ein Kinderspiel zu achten, gegen diesem, da man
einer Person begegnen soll, derer Mund unser Tod und Leben auf der Zunge führet.
In solchem Zweifel nun hat die schöne Prinzessin vermeint, sie wäre in
sicherster Einsamkeit. Dannenhero sie ihren Gedanken den Zügel ziemlich schiessen
lassen, und durch ihre Rede mit sich selbst dem Prinz noch etwas Bedenkzeit
gelassen. »Verwirreter Zustand!« hatte sie der Prinz reden hören, »in welchen
mich mein Herr Vater versetzet hat. Einerseits betrübet er mich mit dem
unanständigen Zarang, andernteils hat mich dessen Mund mit dem tapfern und
unfehlbaren Prinzen von Ava erfreuet, welchen zu lieben mir die Tugend
befiehlet. Was soll ich aber aus des Herrn Vater dunkeln Worten nehmen? Ich
werde mich ja nicht in leblose Tapeten verlieben sollen? Doch, wie ich sie
vormals zu Zeugen angerufen, so kann ich es ihrer Verschwiegenheit wohl
entdecken, dass mich noch der Prinz von Ava von der verdriesslichen Liebe des
Zarangs befreien soll. Zu diesem Entschluss treibet mich, ihr Götter wisset's,
keine geile Brunst, sondern die Tugend und die Not. Denn wie ich die Rosen der
Wollust jederzeit aus dem Garten meines Herzens gereuet; also habe ich hingegen
die Lilien der Keuschheit hinein gepflanzet. Will ich nun diese zu einem reinen
Opfer widmen, so zwinget mich die Not und zugleich ein innerlicher Trieb, einen
tugendhaften Pantoja, statt des lastervollen Zarangs zu einem keuschen Gärtner
zu erwählen, welcher ...« Diese Worte, wie sie meinen Prinzen entzückt, also
hatten sie ihn auch ganz beherzt gemacht, dass er sich endlich erkühnet, als den
Gärtner vorzustellen. Über dessen Erscheinung die Prinzessin dermassen
erschrocken, dass sie einen lauten Schrei getan, und nach dem Fenster gelaufen
war. Als nun Schrecken und Scham die schöne Purpurfarbe ihrer Wangen um ein
grosses vermehrte, und ein anmutiges Zeugnis ihrer züchtigen Schamhaftigkeit
gegeben, oder vielmehr angedeutet hatten, dass der Prinz noch dermaleins ihre
Vollkommenheit und keusches Herze als die edelsten Schätze der triumphierenden
Natur für lieb- und leibeigen besitzen würde, also war mein Prinz eine gute
Weile mit seinen Augen an den ihrigen geheftet verblieben, deren Magnet als zwei
hellfunkelnde Nordsterne ihn ganz an sich gezogen hatten. Endlich aber hatte
doch mein Prinz auf den Knien das Stillschweigen zuerst gebrochen, und gesagt:
»Schönste Prinzessin! Die Götter sind meine Zeugen, dass mich nicht einiger
Vorwitz, noch allzu wenige Hochachtung gegen Dero himmlische Person zu dieser
Kühnheit verleitet, wenn ich so frei Dero Einsamkeit verstöre, und mich
unterfange, so ungescheut den durch Ihre Gegenwart geheiligten Ort zu betreten.
Der gnädigste Befehl von Ihr. Maj. Dero Herrn Vater ist hierinne die Richtschnur
meines untertänigsten Gehorsams gewesen. Sollte ich aber wegen allzu genauer
Beobachtung dieses angenehmen Befehls gesündiget, und durch diese Verwegenheit
Dero Tugend zu sehr beleidiget haben, so will ich diesen Fehler auch mit meinem
Blute büssen.« Die Prinzessin hatte hierauf eine ziemliche Weile stille
geschwiegen, und dadurch meinen Prinzen abermals nicht wenig bekümmert gemacht,
endlich aber doch folgendergestalt geantwortet: »Tapferer Pantoja! wann ich mich
nicht wegen Errettung meines Lebens Euch verpflichtet wüsste, und Euch nicht
kaiserliche Gnade dieses Unterfangen verstattet hätte, so müsste ich bekennen,
dass dieses ein höchst strafbares Beginnen wäre, wodurch Ihr Euch unterstündet,
meine Tugend und Geduld auf eine harte Probe zu setzen. Nachdem aber dieses mein
Herr Vater sonder Zweifel wohl wird überleget haben, und ich also mein übriges
Bedenken nur hintan setzen muss: So soll Euch nicht allein dieses vergeben,
sondern auch erlaubet sein, demjenigen, was mein Herr Vater Euch befohlen hat,
nachzukommen.« Weiln nun mein Prinz in den Gedanken gestanden hatte, es würde
der Kaiser bereits diese wichtige Sache mit ihrer Genehmhaltung abgehandelt
haben, als war er um so viel desto beherzter zu Entdeckung seines schmerzlichen
Anliegens geworden, indem er gesagt: »Durchlauchtigste Prinzessin! Dero hohe
Erlaubnis zwinget mich zu einer Bekenntnis, welche ich sonst wohl verschwiegen,
und in mein Grab mitgenommen hätte. Ich bekenne aber mein Unvermögen, dass ich zu
schwach, will nicht sagen, zu blöde sei, etwas zu entdecken, wodurch ich bis in
Himmel könne erhaben, auch bis zur Höllen gestürzet werden, es wäre denn, dass
eine nochmalige Versicherung aus Dero holdseligen Munde mich so weit stärkte, es
sollte nicht sowohl erlaubt, als auch gnädigst aufgenommen werden.« - »Ich
beschwere Euch, Prinz Pantoja«, hatte sie hierauf geantwortet, »dass Ihr Euch
frei entdecket, und mich glückselig machet, wenn ich durch einige Hülfe in Eurem
Anliegen die Pflicht meiner Dankbarkeit in etwas bezeugen könne.« Hier, sagte
mir mein Prinz, wäre er mit solcher Bangigkeit des Herzens befallen worden, als
immermehr ein Mensch in letzten Zügen erfahren könnte. Er hätte sein Vornehmen
bei sich auf tausenderlei Art überleget, und doch geschlossen, es müsste bei
diesem Entschlusse verbleiben. Nachdem er aber nach einem so mühsamen Streite
sich ohne Zweifel würde sehr betrübet haben, wenn er so gute Gelegenheit, welche
er zeit seines Lebens nicht wieder erlangen möchte, aus blosser Blödigkeit sollte
aus den Händen haben gehen lassen, als hat er dieser gefährlichen Nachfolge mit
diesen endlichen Worten zuvorkommen wollen: »Hochwerteste Prinzessin! Weiln ich
es mir denn vor die höchste Ehre schätze, meine Pflicht jederzeit durch
gehorsame Folge zu bezeugen: So breche demnach die Kette meiner schwachen Zunge,
und bekenne aus innersten Grunde seines Herzens, dass Balacin, Prinz von Ava,
bereits mit dem einen Fusse das Grab berühre, wo ihn nicht die überirdische
Leutseligkeit der himmlischen Banisen vom Tode errettet. Denn wie die Sonne auch
abwesende würket, und man den unsichtbaren Göttern die meisten Opfer gewähret,
also schwere ich, dass mich Dero Schönheit auch in der Ferne verwundet, und die
Strahlen Ihrer Tugend entzündet haben. Die Begierden haben durch Dero hohes Lob
auch von weiten als ein Zunder Glut gefangen, welche aber nunmehro durch den
Blitz gegenwärtiger Kraft vollkommene Flammen zeigen. Hemmet Sie nun nicht,
unvergleichliche Banise, diese Brunst, und lässet die brennende Sonne sich nicht
in ein güldenes Licht süsser Gegenhuld verwandeln, so muss Balacin zu Asche
werden. Ich erkühne mich nunmehro ungescheut zu sagen: Ich bin verliebt. Banise
ist die Sonne, ich Ihre Wende: Sie ist mein Nordstern, ich Ihr Magnet. Schönste
Vollkommenheit! mein glühendes Herz zündet Ihr den Weihrauch reinester Liebe an,
und ich schwere, auch mein getreues Leben aufzuopfern. Weil nun der Götter
Tempel dem offenstehet, welcher Sie zu verehren suchet: so eröffne Sie demnach
Ihr himmlisches Heiligtum der Seelen, und verschmähe nicht das flammende Opfer
Ihres ewig gewidmeten Balacins.« Die Prinzessin hatte hier durch ihr sonderbares
Erröten sattsam zu verstehen gegeben, dass sie sotaner Liebesentdeckung nicht
vermuten gewesen; nachdem sie aber sonder Zweifel wohl bedacht gehabt, wie sie
sich selbst unwissende verraten habe, so hat sie endlich durch folgende Antwort
meinen Prinzen in nicht geringe Vergnügung gesetzet: »Es ist etwas
Ungewöhnliches, dass sich eine Prinzessin, welche die Liebe fast noch nicht zu
nennen weiss, sollte so bald gefangen geben, und ganz Asien wird mich eines
Fehltritts beschuldigen, wenn ich einem fremden Prinzen auf erstes Ansuchen die
Hand reichte: Als würde Prinz Balacin den Ruhm sonderbarer Klugheit verdienen,
so Er die Flammen seiner Liebe mit Geduld mässigte, und mit dieser Versicherung
vergnügt lebte, dass die Götter mit der Zeit Sein Verlangen wohl erfüllen
werden.« Wie nun der Prinz mit Vergnügung ersehen, dass seine Liebe nicht übel
aufgenommen würde, so hat er um so viel beherzter solchen guten Anfang verfolget
und gesaget: »Allerschönste Prinzessin! diese Worte leget zwar Dero keusche
Tugend in Ihren Mund, und gibet Ihr den Rat, sich als eine Sonne der
Vollkommenheit vor allen Finsternissen einiger Nachrede zu hüten. Allein es ist
ein grosser Irrtum, wo man meinen Brand eine jählinge Glut nennen will. Die
Flammen haben mir vorlängst die Götter selbst angezündet, und von derselben Zeit
an brenne ich, ja jeder Tag hat meinem Schmerzen frisch Öl eingeflösst. Ich habe
Ihrer Schönheit schon vorlängst einen Tempel in meinem Herzen gebauet, welches
mich erst diese glückselige Stunde entdecken heisst. Zudem wird mir Dero eigene
hohe Vernunft beglückt zustatten kommen, wenn Sie erwägt, mit was aufrichtigem
Herzen und Darstellung meines Lebens ich mich vor die hohe Wohlfahrt dieses
Hohen Hauses bemühet, und wie auch durch fernern Verzug dem Zarang könnte
Gelegenheit zur Ausführung verzweifelter Anschläge gegeben werden: Ja ich will
nichts sagen von dem drohenden Chaumigrem. Sollen nun diese Vernunftschlüsse
etwas gelten, ach so erfreue Sie doch den vor Liebe fast entseelten Balacin mit
einer solchen Entschliessung, woraus eine allseitige Vergnügung entspringen
könnte.« - »Es ist unnötig«, hatte hierauf die Prinzessin etwas freimütiger
versetzet, »meine Glut zu verbergen, wovon Balacin bereits die Flammen sattsam
gespüret hat. Ich merke der Götter gütiges Verhängnis, welches mir heimlich
befiehlet, denjenigen zu lieben, welcher sich verpflichtet hat: und, einer
unanständigen Liebe vorzukommen, so sei ihm hiermit dasjenige zur Dankbarkeit
gewidmet, was Er selbst dem grossen Panter aus den Klauen, und dem Tode aus dem
Rachen gerissen hat.«
    Wie hier dem Prinzen, als sie ihm zugleich die Lilienhand zum Kusse
überreichet hat, müsse zumute gewesen sein, solches überlasse ich andern, welche
diese Vergnügung empfunden haben, zu reiferm Nachdenken. Gnug, wenn ich des
Prinzen Worte erzähle, dass ihm vor Freuden Hören und Sehen vergangen, und er
ihre Hand an seinen Mund drückende fast unbeweglich sitzen blieben, bis endlich
der Kaiser das Zimmer wiederum betreten, und die Prinzessin gefraget: Was die
Tapeten beschlossen hätten? Da denn endlich der Prinz wieder zu sich selbst
gekommen, und die Beantwortung durch folgende Worte auf sich genommen hatte: »E.
Maj. überhoher Verstand hat freilich die Stummen redend gemacht und mich in
dieser Stunde auf den höchsten Gipfel des angenehmsten Glückes gestellet:
Dannenhero bitte ich in tiefster Demut, das höchste angenehme Werk, wie es
erwünscht angefangen worden, also auch gnädigst zu vollziehen, und durch Dero
väterliches Machtwort völlig zu bestärken.« Hierauf hatte der Kaiser die
Prinzessin bei der Hand genommen, sie dem Prinzen zugeführet, und mit diesen
Worten übergeben: »So überreichen wir Euch demnach, Prinz von Ava, den letzten
Anteil unsers Herzens, und versichern Euch, dass wir nicht fähig sind, etwas
Höhers und Angenehmers zur Bezeugung unsers dankbegierigen Gemütes zu schenken.
Erkennet's demnach vor ein sonderliches Gnadengeschenke, und erwidert solches
mit treuer Aufrichtigkeit und möglichstem Beistande wider unsere Feinde. Wir
haben uns um Euretwillen einen nicht geringen Feind an dem Prinzen von Tangu
gemacht, welches denn bei jetzig weit aussehenden Zeiten eine geringe
Staatsklugheit ist; Eure bekannte Tapferkeit aber verspricht uns, solchen
Verlust reichlich zu ersetzen. Die Götter beseligen Euren verliebten Vorsatz,
und erfüllen Eure Herzen mit angenehmster Lust! Der Himmel lasse aus diesem
Sonnenschein nimmer einen schädlichen Blitz fahren, und verwandele alle Kometen
in Glückssterne! Wie nun das Küssen der Kern, ja die Seele der Liebe ist; also
versiegelt diesen heiligen Bund mit einem festen und süssen Kusse.« Wie gehorsam
diesem angenehmen Befehl mein Prinz nachgelebet, ist hieraus abzunehmen, wenn
sich dieser einfache Kuss dermassen vielmal verdoppelt hat, dass man fast neue
Ziffern erdenken müssen, wenn man sie alle hätte nachzählen sollen. Hierbei aber
hatten die Götter abermals ein Vorzeichen künftiger blutigen Trennung geben
wollen, indem der Prinzessin, als sie dero Herrn Vater, statt kindlicher
Danksagung, die Hand küssen wollen, drei Blutstropfen unversehens aus der Nasen
auf des Kaisers Rock geschossen, worüber sie sich allerseits nicht wenig
betrübet, und sotane angenehme Zusammenkunft zu meines Prinzen hohen
Missvergnügen desto eher geendiget hatten. Sobald wir nun unser Quartier
betreten, machte mich mein Prinz zu seinem Liebesvertrauten, und erzählte mir
mit höchstem Vergnügen, wie weit die gütigen Götter ihren Ausspruch erfüllet
hätten. Diesemnach dauchte meinen Prinzen dieser Hof ein Himmel zu sein, in
welchem nichts denn sein ewiges Wohl ohne einiges Verhindern wohnen müsste. Die
Vergnügung sah ihm aus den Augen, und jedwede Gebärde stellete ein
Liebeszeichen vor. Ja seine Liebe konnte so wenig ruhen als ein zartes Kind,
welches nicht schlafen, noch sonder Tränen allein bleiben kann. Seine Gedanken
und Reden mochten vor den Leuten herumschweifen, so weit sie immer wollten: Der
Mittelpunkt ihres Zieles blieb doch allezeit die schöne Banise. Ihr Name war ihm
ein Zucker in Ohren, und gemeiniglich bei dem andern oder dritten Worte fuhr er
ihm aus dem Munde. Sein Herze wohnete mehr in ihr als in unserm Palaste, sogar,
dass allerdings Wildfremde ohne Mühe daraus urteilen kunnten, wie heftig
verliebet und empfindlich verwundet er sei. In solcher innigsten Vergnügung
bildete er sich öfters ein, es wäre nur ein Traum, welcher durch ein
unangenehmes Aufwachen verschwinden, und ihn in vorige bekümmerte Nachforschung
versetzen würde, angesehen ihm fast ebenso im Tempel zu Pandior zumute gewesen.
Ja, er hielte es manchmal vor eine Unmöglichkeit, dass es ihr ernst gewesen sei,
und er sich einige gewisse Hoffnung hierauf machen dürfte, welches gleichsam
fähig wäre, auch die Götter zu vergnügen. In solchem verliebten Zweifel
entschloss er sich einsten, ihr eine schriftliche Versicherung abzufordern,
wodurch er sich jederzeit in seiner Hoffnung befestigen, und allen Zweifel-Mut
durch öfteres Überlesen verjagen könnte. Dannenhero stellete er mir eine
verschlossne Schrift zu, welche mir doch vorhero zu lesen erlaubet war, in
welcher er nicht allein seine innigste Liebe wiederholte, und um dero Gegenliebe
anhielte, sondern auch, weil er vermeinte, es könnte nicht fehlen, solch hohes
Glücke würde ihm von vielen beneidet, und dahero durch heimlich Verleumdung bei
seiner Prinzessin verhasst gemacht werden, beweglichst um Beständigkeit anhielte,
und letztens eine schriftliche Versicherung ihrer Gegenhuld verlangete. Meinem
wenigen Behalt nach flossen ohngefähr diese gebundene Worte:
Hier kömmt ein kleiner Brief, durch Liebe stilisieret,
Und legt sich, schönstes Kind, zu deinen Füssen hin,
Ich schwere, dass dies Blatt nichts Falsches in sich führet,
Besondern jedes Wort umschränkt der treuste Sinn.
Der Wörter schlechte Pracht entspringt aus frommen Kiele,
Die Dinte schreibt zwar schwarz, doch ist das Herze weiss.
Er setzet reine Treu sich nur zum keuschen Ziele,
Kurz: Dessen Absehn ist ein grünes Myrtenreis.
Bewundre nicht, mein Kind, mein allzu kühnes Schreiben,
Den Ausspruch hat ja selbst dein schöner Mund getan,
Es stünde bloss bei mir, untreu und treu zu bleiben;
Drum nehm ich billig mich des holden Urteils an.
Dein reines Tugendgold beleget mich mit Ketten,
Und deiner Schönheit Macht schliesst mich in Fessel ein,
Woraus mich nichts als nur der blasse Tod soll retten,
Und die Erlösung soll bloss in dem Grabe sein.
Erlaube, Engelsbild, dich nunmehr frei zu lieben,
Dem, der sein ganzes Sich dir aufgeopfert hat.
Ein heimlich Schicksal hat mich zu dir her getrieben,
Und meine Freiheit hemmt des Himmels hoher Rat.
Willst du nun, schönstes Kind, die reine Glut verdammen,
Und will dein harter Sinn dem Schicksal widerstehn?
So straft der Himmel dich mit gleichen Liebesflammen,
Denn seiner Rache kann kein Sterblicher entgehn.
Ach lasse meine Glut dir nicht zuwider fallen,
Mein Engel, gönne mir geliebte Gegenhuld.
Ich sichre, sonder Ruhm, mein Lieben soll vor allen
Des Vorzugs fähig sein wie bei Metallen Gold.
Will gleich der gelbe Molch des Neides mich beflecken,
Stürmt gleich ein Nattermaul mit Lügen auf mich ein:
Doch soll das Silberkleid der Unschuld mich bedecken,
Und die Beständigkeit soll ihre Schande sein.
Nicht traue, schönes Bild, verdammten Lästertücken,
Nur glaube, was mein Mund so heilig dir verspricht:
Lass ferner nun kein Netz des Zweifels dich berücken,
So lieb ich deinen Geist, bis mir das Herze bricht.
Was will ich aber viel von meinem Feuer sagen?
Wer weiss, ob Gegenteil auch etwas Flammen hegt.
Die Fessel werden nur vielleicht von mir getragen,
Da sie hingegen doch das Gold der Freiheit trägt.
Jedennoch will ich nicht so etwas Übels hoffen,
Ob sollte Grausamkeit mit Schönheit sein vermählt.
Denn hat des Himmels Schluss mit Liebe mich getroffen,
So trau ich seiner Gunst, er hab auch dich erwählt.
Darum erlaube mir, mich deinen Knecht zu nennen,
Nimm an das treue Herz, das sich dir eigen gibt.
Und lasse Gegenhuld mit gleicher Flamme brennen,
So wisse, dass die Glut selbst Stern und Himmel liebt.
Will mich nun deine Gunst ins Buch der Liebe schreiben:
Ach so erfreue mich durch eine Gegenschrift.
Und lasse bis ins Grab, mich dein, dich meine bleiben:
So hat der Himmel selbst dies Liebeswerk gestift.
    Dieses zu überbringen wurde ich befehliget, worzu ich durch Hülfe meiner
alten Liebe, der Eswara, auch leicht gelangete, welche mir in kurzem wiederum
eine kleine versiegelte Schrift einhändigte, solche meinem Prinzen statt
erwünschter Antwort zurücke zu bringen. Dieses verrichtete ich eiligst, und
erfreute meinen Prinzen hierdurch aufs höchste, welcher es sobald erbrach, und
fast jedes Wort mit einem Kuss beehrte. Den kurzen Inhalt erfuhr ich hernach
folgendergestalt:
Ein Brief von deiner Hand erfreuet und betrübet,
Die, deren Geist und Herz von dir ja Flammen fängt:
Die, welche dich fast mehr als ihre Seele liebt,
Und ihrer Sinnen Schiff nach deinen Augen lenkt.
Ich bin erfreut, wenn mir dein Kiel von Liebe schreibet,
Betrübt, wenn Zweifelmut fast jede Silbe rührt:
Da doch die Zuversicht des Liebens Zucker bleibet:
Wie dass denn Balacin mich auf die Probe führt?
Jedoch die Liebe ist ein etwas zartes Wesen,
Ist sie gleich Erz: Die Furcht macht sie zur Märzenblum.
Genug, wenn Balacin soll diese Worte lesen:
Banis ist ihm verpflicht als Schatz und Eigentum.
    Und dieses wiederholete er zum öftern dermassen, dass er fast aus sich
selber zu sein schiene: Ich halte auch darvor, er wäre in solcher Verzückung
noch länger verharret, wenn ihm nicht die Ankunft des Talemons verstöret hätte.
Dieser brachte die leidige Zeitung, wie der Tyranne Chaumigrem dem Kaiser einen
Krieg, und den Tod seines Bruders Xenimbruns zu rächen, angekündiget hätte;
gleich als ob ein König, so er einen seiner Untertanen, überwiesenen Aufruhrs
wegen, abgestrafet, einem andern hiervon Rechenschaft zu geben, verbunden wäre.
Derohalben wurde mein Prinz zugleich durch diesen in den geheimen Kriegsrat
erfordert, da er seine verliebte Gedanken ändern, und dem Talemon folgen musste,
welches er auch willigst verrichtete, und alle Gelegenheit suchte, sich dieses
herrlichen Kleinods von Pegu recht würdig zu machen. Weil ich nun befehligt war,
im Palast zu verbleiben, als vertrieb ich meine Zeit sehr wohl durch das
Fenster, indem ich des Talemons Vorbringen durch einen starken Tumult nicht
wenig bestärket sah. Denn was vor Getümmel von Soldaten, Pferden und Elefanten
auf denen Gassen und dem Markte war, solches ist unbeschreiblich; und sah ich
über zwanzig Läufer mit offenen Befehlen aus dem Schloss laufen, welche die
weit entlegene Armee zusammenberufen sollten. Ja es war eine solche Verwirrung,
dass ich nicht anders meinte, der Feind hätte schon Pegu berennet, da er doch
noch über siebenzig Meilen von dannen war. Als ich diesem Wesen bei zwei Stunden
zugesehen, kam mein Prinz ganz tiefsinnig wieder nach Hause, und kunnte ich in
langer Zeit nichts von ihm erfahren, bis er mir endlich nur dieses eröffnete,
dass wir in drei Tagen eiligst aufbrechen, und uns wieder nach Ava wenden würden.
Welches mich heftig erschreckete, und in die falsche Meinung setzte, es hätte
irgend Zarang meinem Prinzen einen Stein ins Brett geworfen, und seine Liebe
verhindert. Endlich aber erfuhr ich, dass meinem Prinzen in dem Kriegsrat wäre
zugemutet worden, weil man sich durch Vergebung der Prinzessin auf Seiten gegen
Tangu in nicht wenige Unsicherheit gesetzet, hingegen durch diese Heirat die
Krone Ava dem Reiche Pegu hoch verbunden gemacht hätte; als sollte sich mein
Prinz persönlich nach Ava verfügen, seinem Herrn Vater diese Bindung
hinterbringen, und um wirklichen Beistand wider den rebellischen Chaumigrem
anhalten. Hingegen sollte der König von Ava aller Lehnpflicht erlassen, und mit
der unumschränkten Gewalt eines Reichs erfreuet werden. Wie nun teils meinem
Prinzen die Begierde dieses Kaiserliche Haus zu retten, teils die innigste Liebe
und der schleunige Verlust so angenehmster Gegenwart sonderlich anfochte, und
mit einem Worte Ehre und Liebe einen heftigen Wettstreit in ihm verursachten; so
liess er doch endlich der Ehre die Oberhand, in Betrachtung, dass solche seiner
Liebe einen grossen Vorteil verschaffen könne. Inmittelst gebrauchte er diese
wenige Zeit dermassen, dass ich, ausser gegen die Nachtzeit, indem dass ich mit
Einpacken und möglichster Zubereitung zu bevorstehender Reise beschäftiget war,
meinen Prinzen nie zu sehen bekam. Dannenhero ich auch von diesen verliebten
Zusammenkünften keine Nachricht erteilen kann: Genung, wenn ich sage, dass dieses
hohe Paar mit so reiner und brünstiger Liebe begeistert gewesen, als es dero
beiderseitige Tugend und Schönheit immermehr erfodern können. Nunmehro aber
brach das betrübte Licht an, da sich die Herzen trennen, und ein trauriger
Abschied die Gemüte empfindlichst rühren sollte. Es waren auf Kaiserlichen
Befehl dreihundert tapfere Reuter nebst gnugsamen Pferden und Reisekasten uns
zugeordnet, welche einesteils bereits vor der Pforte uns aufwarteten. Dannenhero
mein Prinz mit schwerem Herzen das Lager verliess, sich ankleidete, und sofort
nach Hofe verfügte, woselbst er zuvörderst von dem Kaiser gebührenden Abschied
genommen, welchem ich gleichfalls nicht beigewohnt, und dahero von meines
Prinzen geheimen Verrichtungen nichts sagen kann. Nach diesem verfügte er sich
nach dem Frauenzimmer, und erlaubte mir unwürdigst, diesem traurigen Abschiede
persönlich beizuwohnen. Wir wurden alsobald in der Prinzessin Zimmer
eingelassen, welche wir auf einem Stuhle in solcher erbärmlichen Gestalt vor uns
sitzend fanden, dass die Unbarmherzigkeit selbst zu einigem Mitleiden hätte
müssen beweget werden. Die schönen Haare waren zu Felde geschlagen, ein
dunkelgelber Atlas verhüllte den schönen Leib, und gab zugleich die innerste
Traurigkeit ihres Herzens zu erkennen. Die häufigen Tränen schienen einen Teil
der vorigen Anmut weggeschwemmet zu haben, und das englische Haupt war von der
linken Hand als einer Marmorsäule unterstützet. Durch solchen traurigen Anblick
ward mein Prinz dermassen gerühret, dass er nichts weiter vermochte, als sich vor
ihr auf die Knie zu setzen, und dero rechte Hand eine geraume Zeit an den Mund
zu drücken, gleichsam als ob diese Wehmut ein Stillschweigen verursachte.
Endlich nach etwas getrockneten Wangen stiess sie mit halbgebrochener Stimme
diese klägliche Worte heraus: »So stehet es denn, o grausames Verhängnis! nicht
zu ändern, dass ich dasjenige, was meine Seele seinem eigenen Leben vorzeucht, so
schleunig entbehren soll? Und ist der Schluss unwidertreiblich, dass sich mein
Herze teilen, ja meine Seele sich selbst verlassen muss? Mein Herze bricht mir,
die Augen verdunkeln, und ich finde mich nicht geschickt, diesen Verlust
lebendig zu ertragen.« Ein ferneres vorzubringen verboten ihr die häufigen
Tränen, bis sich der Prinz in etwas erholete, und beweglichst antwortete:
»Liebste, werteste, schönste Prinzessin! Ihre Tränen sind meine Wehmut, und Dero
Klage betrübet mich bis in den Tod, ja was meinen Augen an Wasser gebricht, das
ersetzet mein Herze durch Blut. Ich soll scheiden, ja ich muss scheiden! weil
mich unsere Feinde zwingen. Ich sage recht unsere Feinde, weil ich sie künftig
vor keine andere als auch meine erkennen werde, indem auch ihr Blut viel zu
schwach ist, meine beständige Liebe zu hintertreiben. Ich muss scheiden! aber,
ach ihr Götter! nicht auf ewig! Und wo ich mich eines Trostes von meiner schönen
Prinzessin versichern darf, so geruhe Sie doch, diese Tränen, welche mein Herze
durchdringen, zu mässigen, und durch überflüssige Traurigkeit mich nicht sterben
zu lassen.« - »Grausamer Prinz!« erwiderte sie wehmütigst, »Ihr redet wider Euch
selbst, dass Ihr meine Tränen verhindern, und mir nicht erlauben wollet, solches
schmerzliche Scheiden schmerzlichst zu bejammern. Denn diese Tränen sind die
besten Zeugen ungefärbter Treue, und wo Ihr diese zu hemmen suchet, so verbietet
Ihr mir, Euch zu lieben.« - »Ich bin«, versetzte mein Prinz, »auserwählte
Prinzessin! bis in das Grab hiervor verpflichtet, es würde mich aber mehr
erfreuen, wenn mein Abzug mit grösserer Herzhaftigkeit als Wehmut ertragen würde,
jedoch ohne einigen Abgang unserer geschwornen Liebe. Zudem, liebste Prinzessin!
was wollte Sie denn tun, wenn Sie mich vor sich in einem Sarge liegen sehen, und
mir die letzte Pflicht erweisen sollte?« Allein hiedurch wurde die betrübte
Prinzessin empfindlichst gerühret, dass sie mit lauter Tränen sagte: »Ach
unbarmherziger Prinz! womit dräuet Ihr mir, und mit was vor unglückseliger
Vorbedeutung wollet Ihr mein Elend und Jammer vermehren? Ich weiss ohnedies
nicht, was es ist, das eine so sonderbare Traurigkeit in meinem Herzen erwecket,
und mir ein Unglück vorbildet, welches ich noch zur Zeit nicht begreifen kann.
Sollte es nun ja an ein Sterben gehen, so werde ich viel eher dem Tode zum
Schlachtopfer dienen müssen, als Ihr, der Ihr Euch in die Sicherheit begebet,
und gar leicht Eurer getreuen Prinzessin bei der Wiederkunft als einer Leichen
den letzten Kuss gewähren dürfet.« Hiedurch hatte sich die Prinzessin sattsam an
dem Prinzen gerochen, indem er sich häufiger Tränen nicht ferner entalten
kunnte, wiewohl er sich nicht wenig schämete, und selbe zu verbergen suchte.
»Worzu dienet es«, hub er nach einigem Stillschweigen an, »uns selber zu
fernerer Betrübnis Anlass zu geben, da wir doch bereits in solchen Schmerzen
versetzet worden, dass er ausser dem Tode unmöglich kann vergrössert werden. Ich
bin vielmehr kommen, weil mir das Verhängnis, Dero Kaiserlicher Herr Vater, die
Wohlfahrt dieses Reichs, ja meine Liebe, womit ich mich der schönsten Seelen in
der Welt verpflichtet weiss, es so befiehlet, demjenigen auf eine Zeitlang den
Abschiedskuss zu erteilen, welches ich ausser diesem nicht eher denn mit dem Leben
entbehren würde. Mit der gewissen Versicherung, dass, wie die Hoffnung das einige
Labsal aller Schmerzen ist, also auch eine glückliche Wiederkunft uns itzige
Wehmut ziemlich verweisen werde, dass wir nicht besser unser Vertrauen gegen die
Götter, durch grössere Standhaftigkeit erwiesen haben. Über das soll dieser
Abschied und diese Abwesenheit ein vollkommenes Zeugnis unserer innigsten Liebe
sein: Ob mir zwar jedwede Minute zu einem Jahre geraten, und lauter ungeduldiges
Sehnen nach der Wiedersehung meines Augentrostes gebären wird. Lebet wohl! Gute
Nacht!« Die betrübte Prinzessin wollte den Prinzen noch nicht verlassen, sondern
verfolgte ihre wehmütige Klage mit diesen Worten: »Ach verziehet, mein Prinz und
gönnet noch eine Viertelstunde Eure Gegenwart derjenigen, welche vor Wehmut fast
zu sterben vermeint. Denn ich versichere, das schärfste Messer würde mit
geringerem Schmerzen mein Herze durchschneiden als das schmerzhafte Wort Lebet
wohl! Und kein Donnerschlag würde in meinen Ohren härter erschallen als die
unverhoffte gute Nacht!« Mein Prinz, welcher möglichst eilte, diesen traurigen
Abschied zu endigen, und sich selbst vor Betrübnis nicht zu lassen wusste, küsste
ihre Hand mit tränenden Munde, und sagte: »Ach schönste und werteste Prinzessin!
Sie glaube, dass kein Gift meine Seele so quälen, noch keine Galle mir so bitter
sein kann als dieses Scheiden: Wie aber derjenige, welcher an den süssen Port
seiner Liebe glücklich anländen will, die Grossmut zu einem steten Kompass haben
muss; also bilde ich mir ein, dass, wo ich einer so vortrefflichen Schönheit, wie
ich in Dero englischen Person angetroffen, würdigst geniessen will, ich mich
allem Unglück grossmütigst widersetzen, standhaft widerstehen, durch alle
Widerwärtigkeit dringen, und doch endlich in Dero Arme kommen müsse. So begreife
Sie sich demnach, und lasse die vorgebildete Freude, welche bei ehestem
Wiedersehen unsere Herzen beseligen wird, itzigen Wehmutskummer übertreffen, so
wird Sie sehen, wie eine grossmütige Hoffnung das Unglück selber trotzen könne.«
Hierdurch schiene die Prinzessin etwas besänftiget zu sein, dahero sie denn
meinen Prinzen anmutigst küssete, und mit beweglichsten Worten den letzten
Abschied nahm: »So fahret wohl, mein Prinz, mein Engel, mein Leben, fahret wohl!
und bedenket, dass Ihr etwas hinter Euch gelassen, welches sich durch langes
Absein selbst verzehren würde. Fahre wohl, liebster Schatz, den mich die Liebe
du zu nennen zwinget! Fahre wohl, weil es doch muss geschieden sein. Die Götter
führen und begleiten dich! Es müsse lauter Sicherheit auf allen Wegen wachsen,
wo du nur deinen matten Fuss hinsetzen wirst! Wo du dein Haupt hinlegest, da
umschatte dich der Götter Schutz! Ja es müssen alle deine Tritte zu Rosen
werden! Fahre wohl!« Welches letztere Wort sie mit einem brünstigen Kuss auf des
Prinzen Lippen versiegelte. Wodurch denn mein Prinz gezwungen ward, dies kurze
Adieu dazu zu setzen: »So lebe demnach auch wohl, unschätzbarer Engel! und
vergiss nicht desjenigen, dessen innigste Liebe auch in der Aschen brennen wird.
Gute Nacht, liebste Banise! lebe wohl, schönste Prinzessin! Ich scheide dem
Leibe nach von Pegu, und hinterlasse dir doch mein Herze zu einem unverfälschtem
Liebespfande. Versichre dich, dass mein Schatten, ja mein Geist Tag und Nacht
dich begleiten, und um dich schweben werde. Lebe wohl! Der Himmel lasse dich
gesund, bis ich dieses Zimmer wieder fröhlich beschritten, und die Rosen auf
deinen Lippen brechen könne. Lebe wohl!« Wie nun der Schluss durch unzähliche
Küsse gemacht, und mein Prinz mit einigen kostbaren Kleinodien, wie auch ich mit
einem Saphirringe beschenket wurde, so eilte mein Prinz gleichsam ganz daumelnde
aus dem Zimmer, und begab sich nach dem Palast, allwo unterschiedene Grosse vom
Hofe aufwarteten, um von meinem Prinzen gebührenden Abschied zu nehmen, welche
er aber ganz kurz und voller Gedanken beurlaubete, sich nebst uns allen zu
Pferde begab, und in vollem Galopp mit tränenden Augen Pegu verliess. Und dieses
ist auch leider! das letztemal gewesen, dass sie mein Prinz gesehen. - Hier
wendete sich der Prinz um, und hätte sich in sotaner schmerzlichen Erinnerung
fast verraten, indem er seinen Augen nicht mehr zu gebieten vermochte,
dannenhero Scandor seine Erzählung möglichst verkürzte, und sie durch folgende
Worte endigte:
    Nachdem wir nun nach einiger Zeit glücklich in Ava angelanget, so bildete
sich mein Prinz nichts fester ein, denn er würde ein angenehmer Gast sein, und
durch gutes Vorbringen sich Königlicher und Väterlicher Gnade wiederum würdig
machen. Wie denn auch in der ganzen Stadt eine ungemeine Freude über unsere
Ankunft entstund. Allein was uns zum ersten ein übles Zeichen gab, war, dass
nicht allein niemand bei dem Prinzen eine Willkommensbesuchung ablegen durfte,
sondern auch sogar keine Verordnung, unsere mitgebrachte Geleitsvölker zu
verpflegen, erteilet wurde, welche zwar von den Inwohnern willig und gerne
aufgenommen, und von ihnen reichlich versorget wurden. Nach zwei Tagen, als wir
etwas ausgeruhet hatten, liess sich der Prinz bei dem Herrn Vater endlich
anmelden, welcher auch den Oberreichsschenken abfertigte, und anstatt einer
väterlichen Bewillkommung ihn mit einem harten Verweis wegen Übertretung des
Gebots, inner Jahr und Tag nicht wieder zu kommen, ansehen liess. Ob nun zwar
mein Prinz die Ursache seiner Wiederkunft beweglichst vortragen liess, und alles
dasjenige tat, was einem tapfern Prinzen und treuen Liebhaber gebührte; so
handelte doch der König so unbesonnen, und liess uns anbefehlen, uns so lange,
ohne jemands Besuchung innezuhalten, bis zum Königlichen Befehl ein Gnügen
geschehen, und das Jahr verflossen sei. Ja, wir sahen unser Haus mit zweihundert
Mann umringet, welche uns ungescheuet bewachen, und allen Ausgang verwehren
mussten. Wie nun meinem Prinzen damals zumute war, solches ist daraus abzunehmen,
dass er sich gänzlich vorsetzte, mit blossem Säbel auszufallen, und durch solche
Gewalt die Wache so lange zu zwingen, bis sie ihn niedermachete. Welches ich
aber vernünftig widerriet, in Betrachtung, dass die Wache nicht nach dessen Tode,
sondern nach der Person trachten würde, wodurch denn der ohnedies rasende König
zu noch grösserer Unbesonnenheit möchte angetrieben, und durch sein ferneres
Unglück die arme Prinzessin wohl gar in Tod gestürzet werden. Also sassen wir nun
zwei Monat lang, dass uns auch alle Zusammenkunft mit der Prinzessin Higvanama
verwehret wurde. Endlich lief die grausame und blutige Zeitung ein, wie
inzwischen Chaumigrem ganz Pegu erobert, und den Kaiserlichen Stamm ausgerottet
habe. Was ich nach diesem mit dem Prinzen ausgestanden, ist unbeschreiblich,
indem ich ihn zwei Tage fast stets ohnmächtig unter meinen Händen gehabt habe,
und da dessen elender Zustand nach Hofe berichtet ward, kam endlich Befehl, die
Wache sollte uns verlassen, und der Prinz auf freien Fuss gestellet sein. Ob uns
nun zwar diese Befreiung nunmehr viel zu langsam zustatten kam, so erholte sich
doch mein Prinz in etwas. Und wie er sich in seinem grössten Leidwesen jederzeit
des göttlichen Ausspruchs zu Pandior fest getröstete, und es vor unmöglich
hielte, dass die Götter einem Tyrannen erlauben würden, solches ihr Ebenbild zu
töten; so befehligte er gegenwärtigen seinen vornehmen Bedienten nach Pegu zu
eilen, und in geheim der Sachen wahre Beschaffenheit zu erkundigen, bevoraus, ob
seine werte Prinzessin noch lebte, wiewohl er mit lauter verzweifelten
Anschlägen zu Rate ging. Vor vierzehen Tagen aber schickten es die gütigen
Götter, dass, als der König Dacosem die Prinzessin Higvanama seine Tochter,
ungeachtet sie dem Prinzen von Siam versprochen, dennoch an einen ihr ganz
unanständigen Fürsten aus Ava mit Gewalt verheiraten wollte, und deswegen der
ersten Zusammenkunft, wobei sonder Zweifel die Vollziehung dieses Zwanges
geschehen sollen, beiwohnte, der alte König sich in dem Trunke heftig
übernommen, und folgenden Morgens tot im Bette gefunden worden. Hierdurch wurde
nun die Prinzessin Higvanama erlöset, und mein Prinz ein gewaltiger Monarche.
Und wäre zu wünschen, die gütigen Götter hätten irgendwo die schöne Banise vor
meinen Prinzen aufbehalten: Angesehen ihm zugleich das Reich Aracan durch
Hintritt des Königs zugefallen, und er nunmehro dem Peguanischen Blutunde
sattsam gewachsen ist, seine Prinzessin mit viel hunderttausend Säbeln mächtigst
zu erlösen.
 
                                    Fussnoten
1 Ist ein schwarzer Fels, mit weissen Steinen untermenget, in der Landschaft de
los Conchucos: Welcher alle Wunden, wenn er klein zerstossen gebrauchet wird, am
Menschen und Viehe heilet. Besiehe ferner hiervon Francisci Kunst- und
Sittenspiegel p. 258.
2 Die Peguaner glauben drei Örter nach diesem Leben: als nämlich: den Ort der
Pein und Marter, den Ort der fleischlichen Wollust, und den Ort der Seligkeit,
welchen sie Niba nennen. Wer nun in das ewige Niba kommen wolle: der müsse
zuerst vorermeldete Örter besuchen und ausstehen. Roger. Heidentum. pag. 775,
776.
3 Fotoko ist ein Abgott in Pegu, von gemischten Erz gegossen. Dieser Abgott hat,
ihrer Meinung nach, den höchsten Gott, Duma, durch sonderbare Vorbitte dahin
vermocht, dass allen Seelen, weldie an die dunkeln Örter verwiesen waren, Gnade
widerfahren ist. Roger. Heident. p. 795.
4 Roger, p. 128
5 Roger, p. 813 [der Gott des Beistands].
6 Francisci Staats-Garten. p. 812.
7 Francisci Staats-Garten. p. 812.
8 Dewetaes heisst bei denen asiatischen Völkern Götter, und halten sie das Feuer
auch vor einen Deweta, bei welchem sie ihre Eide ablegen und schweren. Roger.
Heidentum. p. 184.
9 Von diesem Apalita siehe Roger. Heidentum p. 795.
10 Ein Bizen wieget zwei Pfund, fünf Unzen Gold, Venedischen Gewichts.
11 Von den grausamen Martern der Christen zu Japon besiehe Francisci Kunst- und
Sitten-Spiegel p. 1148.
 
                      Der Asiatischen Banise anderes Buch
Hiermit beschlosse Scandor seine Erzählung: Abaxar aber erseufzete tief, und
sagte: »Gewiss, ich empfinde ein innigstes Mitleiden gegen den tapfern Prinzen
Balacin, welcher traun eines bessern Glückes würdig gewesen, nachdem ihn aber
die Götter mit einer doppelten Krone beschenket, so wird er vielleicht desto
eher alles zugestossenen Ungemachs, wo nicht gar der bereits vor verloren
geachteten Prinzessin vergessen, und sich nach anderwärtiger Vergnügung umsehen
können.« - »Ihr irret, wertester Freund«, fiel ihm Balacin ins Wort, »denn ihr
sollt wissen, dass sich der Prinz gänzlich entschlossen, ausser der Prinzessin
Kron und Szepter zu verlassen, durch eigenhändige Rache an dem Tyrannen seinen
Tod zu suchen, und also seiner Banisen im Tode zu folgen.« - »Das wollen die
Götter nicht«, erwiderte Abaxar, »dass ein so tapferer Prinz sterben sollte; und
will ich gerne mein Möglichstes beitragen, zu erforschen, ob die Prinzessin noch
am Leben sei. Ja wer weiss, ob ich nicht die erspriesslichste Nachricht hiervon
erteilen könnte.« - »Ja freilich«, versetzte Talemon, »denn eben der Herr
Oberhauptmann wird wissen, wie er dem grausamen Mordbefehle des Kaisers
nachgelebet habe.« Abaxar errötete über diesen Worten, jedoch erholte er sich
bald wiederum, und sagte: »So sei es denn, ich will zu dieses unbekannten
Prinzens Vergnügung, welche ich bereits in meinem Herzen hochachte, meine
Wissenschaft, ja mein ganzes Vermögen beitragen. Und weil es heute zu späte, und
mein Amt mich zur Aufwartung rufet, so werde ich morgen nach Möglichkeit
wiederum aufwarten, und gewiss nicht unangenehme Dinge offenbaren, weil ich
versichert bin, dass ich bei vertrauten Freunden mein Herze wohl ausschütten
möge.« Mit diesen Worten nahm er freundlichen Abschied, und hinterliess den
Prinzen in tausend Gedanken, indem er aus des Abaxar Reden sich viel Gutes
wahrsagete.
    Als sie nun alle bis auf den Scandor des Prinzen Zimmer verlassen hatten,
und der Prinz eine ziemliche Weile des Abaxars Worte bei sich überleget hatte,
fiel ihm die mit der Lorangy gehaltene Abrede ein, welche ihn denn ganz von
vorigen Gedanken abzog, und in kummerhaftes Nachdenken versetzte, wie er sich
doch dieses nachteiligen Versprechens ohne Gefahr entledigen möchte. Endlich
nach vielen Ratschlägen fiel ihm ein, ob nicht Scandor ins Mittel treten, und
dieser Sache durch eine Heirat erwünscht abhelfen könne. Solches ihm nun
vorzubringen, befahl er dem Scandor, sich vor das Bette zu setzen, und durch
einigen Wortwechsel den Verdruss seiner Gedanken zu stören, da ihn denn der Prinz
sofort anredete: »Mein Scandor, wir befinden uns beiderseits am fremden Orte und
dazu in Feindeslande, da wir nichts mehrers als guter und wahrer Freunde
benötiget sein. Nun halte ich davor, es sei keine höhere Freundschaft als die
eheliche, worzu du leichte gelangen, und mir und dir dadurch in allen
bevorstehenden Zufällen beförderlich sein könntest.« - »Gnädigster Herr«,
erwiderte Scandor, »ich weiss nicht, wie Sie auf diese Gedanken geraten. Wenn mir
nicht Dero hoher Sinn bekannt wäre, so wollte ich meinen, Ihr Rat ginge dahin,
ich sollte mir einen Nagel einschlagen, woran Sie bisweilen ihren Hauptbund
hängen könnten.« - »Nein«, versetzte der Prinz, »mein Scandor, es hat gar nicht
diese tadelhafte Meinung, sondern ich bin bedacht, dir zu raten, und mir zu
helfen auf eine solche Art, welche ein gutes Absehen hat, derowegen wirst du die
Sache wohl überlegen, und dich aller Gnade dabei von mir versichern.« -
»Gnädigster Herr«, war des Scandors Antwort, »die Zeiten sind gefährlich, und
die vielen Beispiele gekrönter Häupter schrecken mich von dem Verlangen solcher
Würde. Sollte ich nun meines bissgen Korns halben eine eigene Mühle bauen, so
fürchte ich immer, es möchten die Nachbarn fremde Gedreide aufschütten, und wild
Wasser meine Räder treiben. Dieses halte ich nun nicht vor ratsam, ob ich mir
zwar in allem zu gehorsamen vorgenommen habe.« - »Närrischer Mensch«, redete ihm
der Prinz ein, »eine übele Meinung kann ja nicht allen nachteilig sein, indem
eine Schwalbe keinen Sommer machet. Vielmehr wirst du dir zu Gemüte führen, was
vor tägliche Anmut ein schönes Weibsbild sei, und wie dir alle Morgen, wenn du
erwachest, gleichsam die Sonne im Bette aufgehet: denn die Schönheit ist ja ein
Brunn der Wollust, aus welchem die Augen Vergnügung und das Herze lauter Anmut
schöpfet. Wie solltest denn du der einzige sein, welcher diese Himmelskost mit
ekeln Lippen verachten wollte?« - »Ganz recht«, antwortete Scandor, »die
Schönheit ist freilich ein solcher Gast, welchem viel tausend Opfer der
lüsternden Augen gewidmet werden. Allein wo ich mich auch diese betören liesse,
wer ersetzte mir denn den Schaden, wenn ein Fieber oder Pocken oder hundert
andere Zufälle das feine Fleckgen verderbten, und mir hernach diese Bett-Sonne
eine stete Finsternis vorstellete? Zudem ist es ein wurmstichig Wesen um die
Schönheit, denn wie die schönsten Kirschen am meisten von den Vogeln verfolget,
und, wo sie nicht stets durch ein fleissiges Auge bewachet, gar leicht angebissen
werden; also befürchte ich auch, man möchte mir in diesem Fall nichts Neues
machen, sondern mich gleichfalls mit einem Türkischen Bunde zieren, wie die
Ochsen tragen, denn schöne Weiber sind Irrwische, die verführen die Leute bei
Tag und Nacht.« - »Du bist einem Tiere zu vergleichen, welches seine langen
Ohren vor Hörner ansiehet«, war des Prinzen ferneres Einreden; »so ja aber eine
ungewisse Furcht solche Anmut in dir verbannet, so nimm dir eine etwas
ungestalte, welche dir vor übriger Besuchung sattsame Sicherheit schaffen wird.«
- »Auch dieses lässt sich hören, gnädigster Herr«, erwiderte Scandor, »denn eine
hässliche Frau ist wie ein Fleischerstock, welcher nicht gestohlen wird, ob er
gleich Tag und Nacht vor der Türe steht. Allein hierdurch tue ich mir selbst das
grösseste Unrecht, indem ich mir solche Ware gekauft hätte, welche andere Leute
verachtet haben, und müsste ich eine solche Larve stets vor mir sehen, da ich des
Küssens vor Ekel nicht gedenken will. Ich achte mich aber auch deswegen nicht
allzu sicher; denn wie ein ungestalter Leib öfters ein unartiges Gemüte, und ein
hässliches Gesichte mehrenteils ein verliebtes Herze andeutet, so müsste ich
besorgen, zumal wenn ich sie unmöglich lieben könnte, es möchte sich doch wohl
ein niedriges Gemüte in meine Freundschaft eindringen, und sollte es auch mir
zum Verdruss geschehen.« - »Ich gebe dir endlich hierinnen Beifall«, verlängerte
der Prinz diese Unterredung; »diesem aber nun vorzukommen, so heirate eine
Wittbe, welche nicht allein ihren Verstand durch die Jahre erreichet, sondern
auch bereits die Jugendhitze abgekühlet hat, denn es heisst: die alten, die
besten.« - »So wäre es eben«, versetzte Scandor, »als wenn der gute Morgen zur
Mitternacht käme. Denn wo sich die Ungleichheit des Alters befindet, da will
gemeiniglich das Alter die Jugend beherrschen. Dies träfe mir nun sehr schlimm
ein, dass ich meine jungen Tage einer Alten verpflichten, und meine bisher
unbefleckte Jugend in solche Gefahr verbotener Gerichte setzen sollte, wenn mir
irgend zu Hause, wie es nicht anders sein könnte, für der schlechten Hauskost
ekelte. Nein, davor bedanke ich mich. Geiz, Argwohn, Eifer, Zank, sind die
täglichen Speisen, welche eine alte Frau ihrem jungen Manne vorsetzet. Die
Zufriedenheit des Gemüts ist des Menschen sein grösster Reichtum; diese aber
würde ich schwerlich bei solcher Heirat antreffen. Sonderlich würde mich dieses
am meisten schmerzen, wenn mir bei Hochzeiten, Spazierfahrten und dergleichen
Zusammenkünften andere Männer meines Alters mit ihren schönen jungen Weibergen
begegneten, und ich käme da mit meinem alten verdriesslichen Müttergen von
sechzig Jahren aufgezogen, vor deren Eifersucht ich keine Schönheit anblicken
dürfte. Es ist ein widerwärtiges Ding um einen bösen Kauf, denn die Ware rückt
ihrem Herrn allzeit seine Torheit auf. Kann man sich aber ja woran eine
stetswährende Reu erkaufen, so geschieht's gewisslich durch eine ungleiche
Heirat, welche einem seine Unbedachtsamkeit bei Tag und Nacht, Tisch und Bette,
in Stube und Kammer, im Hause und auf der Gasse fürwirft und vor Augen stellet.
Zudem ist ein solches Weib wie das viertägige Fieber, welches man nicht eher,
denn im Tode loswird. Denn ob man gleich denken sollte, ein altes Weib könne
wegen ihres Alters unmöglich lange leben, so begehre ich doch diesem nicht zu
trauen, denn die alten Weiber haben gar ein zähes Leder, und geben uns oft eher,
als wir ihnen, das Geleite zum Grabe. Dass es nun auch eine Wittbe dazu sein
soll, darauf antworte ich nichts als dieses: Eine Jungfer, wie ich will: Eine
Wittbe, wie sie will, und die schon zwei Männer gehabt hat: Hüte dich, mein
Pferd schlägt dich.« - »Du bist allzu nachdenklich«, war des Prinzen Widerrede,
»und weil ich auch hierinnen deiner Meinung nicht so gar entfallen kann, so gebe
ich es zu, und riete dir vielmehr, ein fein junges Mädgen, welches sich durch
eine stille Frömmigkeit beliebt machen kann, zu deiner Ehe auszusuchen.« - »Und
dieses schiene mir nicht sonderlich entgegen zu sein«, antwortete Scandor, »wenn
nur nicht dieser Verdruss mit unterliefe, dass ich erst etliche Jahre gleichsam
ihr Hofmeister sein, und sie ziehen müsste, da ich doch noch in der Ungewissheit
lebte, wie diese Zucht geriete. Sonst ist wohl eine Jungfer, oder Fräulein, wie
sie heutiges Tages wollen getauft sein, am besten zu heiraten, welche man am
leichtesten erlangen kann, weiln sich jedweder Vater nichts daran zu erhalten
getrauet, indem sie unter die Sachen gehören, wovon das Recht saget: Quae
servando servari non possunt. Jedennoch ist auch, ein allzu stilles Wesen oder
Frömmigkeit nicht allemal zu loben, angesehen solches von andern vor eine
Einfalt und Blödigkeit ausgeleget wird, und ist auch solches nicht jederzeit dem
Manne anständig, welcher bisweilen durch einige Beredsamkeit seines lieben
Weibes nicht wenig ergetzet wird; vielweniger aber ist solcher Stille jederzeit
zu trauen. Denn zudem, dass nach dem bekannten Sprüchwort stille Wasser tief zu
sein pflegen: so treten sie öfters in der stillesten Weise darneben, und
verhoffen, der Mann werde solchen Fehltritt in das Register ihrer Einfalt
eintragen, ob er gleich hernach die Feder über das Ohre stecken müsste. Ja ich
will hier nicht behaupten, dass ein Frauenzimmer, es sei so still oder so fromm,
als man es nur wünschen möge, sich doch bisweilen unterstehe, nach dem Regiment
zu streben, und des Szepters zu gebrauchen, sonderlich wenn Kammer-Sachen
auszutragen sein. Erlaubet man ihr nun solches, so verwehnet man sie, tut man es
nicht, so darf sie einem wohl vorwerfen, man habe sie nicht lieb, und zwinget
uns durch ihre verstellte Traurigkeit, dass man sie zu ergötzen wiederum
herrschen lässt. Denn wer ein Weib nimmt, der bilde sich nur ein, sie werde das
Regiment haben, es geschehe gleich heimlich, mit Gewalt, oder bittweise. Und
also ist auch selbst in der Frömmigkeit und Jugend keine Sicherheit zu finden.«
- »So suche dir eine muntere und beschwatzte«, riet ihm der Prinz ferner. »Da
käme ich recht an«, widerredete es Scandor, »dass ich mir eine klügere, als ich
selbst wäre, beigesellete. Die könnte mich zu einer Gemse machen, welche ihre
eigene Hörner nicht sehen kann. Allzu munter ist fast wilde, und ein zu hurtiges
Pferd wirft seinen Reuter leicht ab, womit mir nicht sonderlich gedienet wäre.
Die Beredsamkeit stehet zwar einem Frauenzimmer gar fein an, solange sie nicht
mit dem Missbrauch Schwesterschaft machet, indem sie öfters nicht fähig sind,
durch beredte Umschweife ihre heimliche Liebe zu entdecken, ja wohl gar dunkele
Worte, Zeit und Ort verbotener Zusammenkünfte zu benennen, dass der arme Mann
dabei sitzet, und mit hörenden Ohren taub sein muss. Merket er auch gleich durch
angeborne Klugheit etwas davon, so weiss doch ihre arglistige Zunge solche Worte
vorzubringen, wodurch dessen Verstand verdunkelt, und er in den Wahn gesetzet
wird, er habe seinen keuschen Schatz auch durch den geringsten Argwohn
beleidiget. In solcher irrsamen Meinung wird er keine Zusammenkunft ohne seine
Hausehre besuchen, welche sich denn solcher Gelegenheit sehr wohl zu bedienen
weiss, bevoraus, wo sie auf diesem Wein-Meer ein anständiges Schiff bemerket,
welches seinen Anker in fremden Grund zu werfen suchet. Da wird sie den
trunkenen Mann durch tausend verschmitzte Liebkosungen dahin zu bereden wissen,
wie er seiner Gesundheit schonen, den Trunk meiden, und sich zur Ruhe begeben
sollte, sie würde, wenn ihn der Schlaf überfallen, schleunige Gesellschaft
leisten. Sobald nun der treuherzige Mann folget, und sich durch solche
sirenische Worte in Schlaf bringen lässet, so träumet ihm denn nicht unbillig,
als wäre seine Frau zur Taube worden, welche sich unter lauter Stossvögeln
befände, solche aber zu retten verhinderten ihn die vielen Hauptbeschwerungen.
Wenn er aber erwachet, so zwinget ihn die Unwissenheit an dieser gewissen
Wahrheit zu zweifeln. Ich will hier gleichfalls nicht desjenigen Missbrauchs der
Beredsamkeit gedenken, wodurch dem Manne öfters grosse Feindschaft auf den Hals
gezogen wird, wenn ein solcher ungezäumter Mund fast keinen Menschen vor dem
Fenster kann unberedet vorbeipassieren lassen: und solches vor eine treffliche
Art der galanten Welt achtet, wenn sie von dieser und jener Person fast jede
Gebärde, Rede und Kleidung durchzuhecheln weiss, und sich in allen Stücken vor
viel vollkommener schätzet, obgleich das Schwarze von dem Weissen redet. Also
werde ich auch verhoffentlich in diesem Stücke Beifall erlangen.« - »Dem sei wie
ihm wolle«, tat ihm der Prinz Einhalt, »sie sei nun alt, verliebt, hässlich,
krumm oder lahm, so werden doch alle Gebrechen durch Geld verbessert. Geld
machet den Mann, und wer dieses hat, der darf reden, wann andere schweigen
müssen. Weil du nun so gar furchtsam bist, so wüsste ich dir nicht besser zu
raten, denn dass du eine reiche Frau heiratest. Denn gerät sie dir, so ist das
Glücke doppelt, schlägt dir aber deine Hoffnung an ihrer Person fehl, so kannst
du dich doch an ihrem Gelde erholen, und alles Vergnügen darinnen finden.« -
»Jawohl, gnädigster Herr«, beantwortete solches Scandor, »ein reiches Weib ist
leicht zu ernähren. Zudem ist dieses eine Grundregul der heutigen Welt, dass ein
Pfund Gold im Heiraten einen Zentner Tugend überwiegen muss: aber wehe dem, der
ein Weib aus Liebe zum Gelde und nicht zur Person nimmt. Denn zu geschweigen,
wie oft ein solches geiziges Auge durch den Nebel des prahlenden Vorwendens
verblendet wird, dass er zwar den Sack bekömmt, wie es aber ums Geld stehe,
hernach mit seinem Schaden erfähret; so ist die Ehe doch schon halb verdorben,
obgleich Geld die Menge vorhanden ist. Denn ein Pferd, welches seine Stärke
weiss, lässet sich keinen Menschen zäumen: und eine Frau, welche ihr Vermögen
kennet, wird viel weniger einem Mann einer Spannen breit einräumen, wodurch er
sich als Herr bezeugen könne: Also wird er mit dem ersten Hochzeittage, wo nicht
eher, sein Sklaventum betreten, und ein steter Befehl wird die Richtschnur
seines Lebens sein. Ja es wäre besser, ein Mann ohne Geld, als so viel Geld ohne
Mann zu sein. Hier würde ich recht erfahren, dass das Weiberregiment die älteste
Monarchie sei, und hier würde ich alles vorerzählte Ungemach auf einmal tragen
müssen. Nein, da behüten die Götter!« - »Du wunderlicher Mensch«, wollte ihn der
Prinz ferner bereden, »so jedweder das Heiraten in solche genaue Betrachtung
ziehen wollte, so müsste die Welt untergehen. Denn nachdem ich dir fast alle
Beschaffenheiten des Frauenzimmers vor-, du sie aber insgesamt ausgeschlagen, so
ist nichts mehr vor dich übrig, als eine Arme, welche durch Armut gezwungen
wird, dich zu lieben, dir zu dienen, und sich als ein treues Weib in allen
Stücken zu verhalten. Diese wird dir verhoffentlich am besten anständig sein.« -
»Wo Mangel und Armut Hochzeit machen«, wendete Scandor ein, »da ist Hunger das
erste Kind. Wo nun der Mann arm ist, und die Frau kein Geld hat, da kann
unmöglich eine gewünschte Ehe erfolgen. Denn ist sie gleich schöne, so heisst es:
von der Schönheit isset man nicht. Ist sie fromm und tugendhaft: darauf lehnet
mir kein Mensch einen Bissen Brot. Ist sie gleich häuslich, so haben wir nichts,
woran sie ihre gute Wirtschaft erweisen könne. In summa, die Sache läuft auf ein
verzweifeltes Wesen hinaus, da der Mann zu einem Widder worden, welchem die
Hörner vor die Augen gewachsen sind, und er sie doch nicht davor halten muss:
welches das grösste Elend vorgebildet.« - »Du redest nicht anders«, fiel ihm der
Prinz ein, »als ob du bereits in einem und dem andern bei der Erfahrung in die
Schule gegangen wärest.« - »Ob ich gleich«, versetzte Scandor, »den Göttern sei
Dank! solches noch nie erfahren, so versichere ich doch, dass dergleichen häufig
in der Welt vorgehet, und würde ein jedweder Mensch, dem ich es erzählen würde,
noch ein mehrers beizutragen wissen. In summa, ein Weib ist ein notwendiges
Übel, eine natürliche Anfechtung, eine einheimische Gefahr, und ein lustiger
Schade.« - »So dir ja alle diese Vorschläge«, hub endlich der Prinz an, »so gar
zuwider sind, so möchte ich gerne wissen, ob du hierinnen auch einen Entschluss
fassen könntest, wenn ich solches als eine Probe deiner Treue gegen mich von dir
erforderte.« Scandor wurde hierüber ganz flüchtig, endlich erholte er sich aber
mit diesen Worten: »Gnädiger Herr, mein Vorsatz ist zwar jederzeit gewesen, den
Kranz meiner Jugend mit in das Grab zu nehmen: Wo aber einige Treue gegen einen
so grossen Herrn durch eine geringe Heirat kann bewiesen werden, so wollte ich
mich wohl unterfangen, das älteste, hässlichste, boshaftigste und ärmste Weib in
ganz Asien aufzusuchen, und mich dadurch den Göttern so weit angenehm zu machen,
dass sie nach diesem Leben meiner gewiss verschonen würden, weil ich die Hölle
sattsam auf Erden gehabt hätte.« Dem Prinzen gefiel dieser Entschluss sehr wohl,
dahero er dem Scandor die Hand reichete, und sagte: »Siehe da, mein Scandor, ich
verspreche dir zehentausend Pesos zum Heiratsgute, wenn du die Tochter hiesiges
Hauses zu deinem künftigen Ehegemahl erwählest.« Scandor küsste zwar des Prinzen
Hand, doch wusste er sich in langer Zeit nicht zu fassen, indem er antwortete:
»Ich würde auch dieses vor eine geringe Probe meiner Treue und mich vor ein sehr
grosses Geschenke untertänigst verpflichtet achten, wenn ich nur einige
Gelegenheit erlangen könnte. Denn ich habe ein sonderliches Gespräche vernommen,
worinnen ich der Lorangy unrechte Liebe sattsam verstanden: Sie liebt eine
Person, welche ihre Liebe vor sehr ungereimt halten wird. Ja ich habe dabei
hören müssen, wie die alte Hassana einen Anschlag durch einen verdammten
Liebestrunk machen dürfen, welches ich aber gebührend werde zu entdecken
wissen.« - »Ich kenne schon die Person«, erwiderte der Prinz, »indem mich die
Lorangy lange mit ihrer verhassten Liebe gequälet hat. Du sollst aber wissen,
mein Scandor, dass ich noch heute ganz verzweifelt gewesen, und wollte ich nicht
etwas Ärgers besorgen, so habe ich ihr versprechen müssen, morgen auf die Nacht
ihr zu erlauben, mich zu besuchen. Wie mir nun solche Besuchung höchst
unanständig ist; also wirst du dir durch treuen Rat einen noch gnädigern Herrn
an mir machen.« - »Gar recht, gnädiger Herr«, antwortete Scandor, »dieses war
der Lorangy Einwenden auf der alten Hassana verzweifelten Anschlag, dass sie
Erlaubnis hätte, morgen zu Nacht dessen Zimmer zu besuchen. Worüber sich die
Alte nicht wenig erfreut anstellte, und vermeinte, wenn dieses geschähe, so
hätte sie in ihrer Liebe völligen Sieg erlanget. Denn sie sollte sich nur
bemühen, dass ihr ein Teil des Lagers eingeräumet würde, so wollte sie bald mit
einem Talegrepen hinter ihr her sein, und sie beiderseits im Bette auf ewig
verbinden lassen. Dass nun mein gnädigster Herr versichert sei, ich wollte mich
auch an die Stelle Ihres Todes legen, so ist dies mein fester Entschluss,
morgende Nacht der Lorangy hier zu erwarten, und Ihre Stelle zu vertreten. Es
laufe nun ab, wie es wolle, so lassen Sie mich nur vor das übrige sorgen.« -
»Treuester Scandor«, versetzte der Prinz, »ist dies möglich, dass du mir zuliebe
deine Wohlfahrt hintansetzen willst?« - »Ja, gnädigster Herr«, antwortete
Scandor, »ich bin bereit vor Sie zu sterben, geschweige ein solches Glücke und
Reichtum anzunehmen.« - »Nun so sei es denn«, war des Prinzen letzte Antwort,
»ich versichere dich aller Gnade und reicher Belohnung. Inmittelst wirst du
diese Nacht bei mir verharren, und den Morgen erwarten.« Nach geendigter Rede
und alsdenn genossener Speise begab sich der Prinz zur Ruhe, und verlangete mit
Schmerzen nach dem anbrechenden Tage, um von dem Abaxar fernere Nachricht seines
Lebens und Sterbens zu erhalten. Dieser stellete sich nun folgenden Tages früh
wiederum ein, mit dem Bericht, dass sich der Kaiser in geheimen Rat verfüget
hätte, und verhoffte er, selben ganzen Tag von aller Aufwartung befreit zu
sein. Diesemnach liess der Prinz ebenfalls den alten Talemon erfodern, welchen
Scandor folgendergestalt anreden musste: »Ich habe gestern und vorgestern Dero
Ohren mit meiner unförmlichen Erzählung nicht wenig belästiget: Nun wollte ich
wünschen, von dem Herrn Talemon fernere Nachricht zu erhalten, wie es nach
unserem Abzuge zu Pegu ergangen, und auf was Art ein so schleuniger Untergang
dieses mächtigen Reiches erfolget sei. Diesem nach wird der Herr Oberhauptmann
diese ganze Erzählung beschliessen, und uns mit erfreulicher Nachricht von der
Prinzessin an die Hand gehen.« Wie nun dieser Vortrag allerseits vor bekannt
angenommen ward, so setzte sich jeder an den vorigen Ort, und Talemon hub seine
Erzählung folgendergestalt an:
  Tod und Untergang des unglückseligen Kaisers Xemindo samt dessen Prinzen und
                                 ganzem Reich.
Ich unterfange mich einer Sache, welche ich sonder Vergiessung häufiger Tränen
nicht auszuführen getraue. Ehe und bevor ich aber diesen letztern ob zwar kurzen
doch blutigen Krieg erzähle, so muss ich zuvörderst mit wenigem gedenken, was
unsern verblichenen Kaiser und Herrn zurücke gehalten, dass er den mächtigen Sieg
vor Ava nicht verfolgen, viel weniger Ava belägern können.
    So ist nun zu wissen, dass, ehe noch dieser Krieg zwischen uns und dem Könige
Dacosem anginge, sich nicht wenig Verräterei in unserm Reiche ereignete: wiewohl
Xemindo glücklich war, dass er noch vor dem Feldzuge die meisten Verräter
ertappet, und nach Verdienst abstrafen konnte; unglücklich aber zugleich, dass
ihm der grösste Verräter unentdecket verblieb. Dieses war nun Xenimbrun, jetzigen
Tyrannens leiblicher Bruder, welchen der Kaiser aus sonderbaren Gnaden zum
Stadtalter in Brama gemacht hatte. Dieser untreue Hund wusste seine Sachen
dermassen klug und heimlich zu führen, dass er unvermerkt diese beide nahe
Vettern, unsern Kaiser und den König von Ava, ineinanderhetzte, und also er
einzig und allein der rechte Urheber des Krieges zwischen Pegu und Ava, welchen
Scandor vorgestern erzählet, gewesen ist. Solches blieb fast dem ganzen Reich
Pegu verborgen, und ob er gleich seinen Bruder Chaumigrem mit sechstausend Mann
in geheim dem Könige von Ava zu Hülfe schickte, so war doch deren Zug nicht
anders bemerket, als sollten sie unserm Kaiser bei dem Feldzuge zu Diensten
stehen. Sobald aber unser Xemindo mit einer tapfern Armee dieses Reich
verlassen, und das feindliche Land betreten hatte, so liess die Verräterei gar
bald an dem Xeminbrun ihre Klauen merken. Inner acht Tagen rief ihn ganz Brama
vor einen König aus, und die rebellischen Bramaner zogen ihm mit Haufen zu, dass
er mit fünfmal hunderttausend Mann sich unterstehen durfte, in das Reich Pegu
würklich einzufallen, sich nicht anders als der ärgste Feind anzustellen, und
Macao zu belägern, welchen Ort er einbekam, gegen selben einen ganzen Tag die
rasende Hand seiner Soldaten wüten, und alsdenn sich ihm die Überbliebenen als
einem Kaiser von Pegu die Huldigung leisten liess. Prinz Xemin, welchem indessen
der Kaiser das Reich zu verwalten hinterlassen hatte, wurde nebst uns allen
nicht wenig bestürzt, zumalen der Feind sich an die Hauptstadt zu machen
drohete. Wir schickten einen Kurier nach dem andern nach der Hauptarmee, wir
kunnten aber alle drei Wochen keine Antwort erhalten, dass wir uns also in
äussersten Nöten befunden, zumal als wir endlich die feindlichen Haufen vor
unsern Mauern sahen. Prinz Xemin tat, was einem tapfern Prinzen zustunde, und
ging mit sechzigtausend Mann dem Feind entgegen, welche aber sehr übel
zugerichtet, das Tor von Pegu wieder suchten: Dannenhero möglichste Anstalt zur
äussersten Gegenwehr das nötigste war. In zwei Tagen sahen wir uns vollkommen
belagert, also, dass auf drei Seiten niemand weder aus noch ein kommen kunnte.
Der rebellische Xenimbrun liess uns alsobald auffordern, der Anbringer aber wurde
mit einem Stricke bedrohet, wo er wiederkäme. Welches wir an dem Westen-Tor
durch einen grausamen Sturm bald empfunden, dass solches den Tyrannen heftig
musste verdrossen haben. Wie nun dieser Sturm ritterlich abgeschlagen wurde, liess
er gegen Süden noch viel grausamer anlaufen, welcher von Mittage, bis tief in
die Nacht bei Mondenschein währete. Aber auch dieser Anlauf war vergebens, und
schien es, dass sich der Feind heftig hierdurch mochte abgemattet haben. Tages
darauf gegen Abend erhielten wir die fröhliche Zeitung, dass nicht allein unser
Kaiser einen herrlichen Sieg wider Ava erhalten, selbigen Kronprinz mit eigner
Hand entleibet, sondern auch mit der sämtlichen Armee im Begriff wäre, uns zu
entsetzen. Und weil auf den dritten Tag sie sich wohl getrauten, völlig
anzunähern, als sollten drei Stück-Schüsse die Losung sein, nach welchem Xemindo
den Feind im Rücken angreifen wollte, und sollten wir alsdenn durch einen
starken Ausfall auch das Unsrige dabei tun. Wie sicher der Feind hierbei
gewesen, und wie übel Kundschaft er müsse gehabt haben, kunnten wir leicht
hieraus schliessen, dass, als er zwei Tage ausgeruhet, er den Tag, an welchem wir
Entsatz hofften, einen Hauptsturm vorzunehmen gesonnen war. Und dieses
bewerkstelligte er sofort durch einen ungemeinen Anlauf, welcher uns nicht wenig
bestürzt machte, angesehen wir noch nichts von unserer Armee sahen und wir
gleichwohl ziemlich geschwächet waren. Ja es schiene, als ob der Feind bei dem
Westen-Tore den Meister spielen würde, weswegen sich denn Prinz Xemin mit
zweitausend tapfern Soldaten persönlich dahin verfügte, und den Feind ritterlich
zurücke hielte. Endlich sahen wir die Stürmenden plötzlich zurücke weichen, und
hörten zugleich die fröhlichen Losungs-Kartaunen knallen: worauf sich der Feind
von der Stadt zurücke zog, und ins Freie stellete. Prinz Xemin säumete
gleichfalls nicht, und lase funfzehentausend Mann der bravesten Leute aus, liess
die verschütteten Tore eröffnen, und, als sich die Hauptarmee in völliges
Treffen eingelassen, fiel er wie ein Löwe zum Süden-Tore hinaus, und ging dem
Feinde in den Rücken. Wie grausam auf beiden Seiten gefochten wurde, massen wir
von den Türmen und Mauren besorgte Zuschauer waren, ist nicht zu beschreiben.
Endlich gegen den Abend sahen wir des Xeminbruns Hauptfahne fallen, nach welchem
in kurzen der Feind auszureissen begunnte. Sobald wir nun den Feind in voller
Flucht sahen, wurden alle Tore eröffnet, und was nur beritten war, dem
flüchtigen Feinde nachgeschicket, bis endlich nach völligem Siege die
untergehende Sonne den Abzug bedeutete. Folgendes Tages wurde Beute gemachet und
die gebliebene Körper beerdiget, deren man feindlicher Seiten auf
hundertunddreissigtausend Mann zählete, da wir kaum fünfundvierzigtausend
vermissten. Des andern Tages zog unser sieghafter Kaiser in herrlichstem Triumph
als ein doppelter Überwinder in die Stadt, und zierte diesen Einzug vor andern
der Elefant, auf welchem der Erbprinz von Ava, Dacosem, gesessen, als er von dem
Xemindo entleibet worden. Dieses Tier, welches merkwürdig, ging ganz traurig
herein, liess den Schnabel bis zur Erden hängen, und vergoss ordentliche Tränen,
wie ein Mensch, ja es hat in funfzehen Tagen nicht das geringste fressen wollen.
Noch angenehmer und herrlicher war des Erzrebellen Xeminbruns auf eine Lanze
gestecktes Haupt, welches ihm in der Schlacht abgehauen worden. Und mit dem
Leben dieses Verräters endigte sich auch dieser Krieg, bis auf die Ankunft des
Chaumigrems, welcher Ava verlassen, und sich vor einen König in Brama aufwarf,
worzu wir wegen geschwächter Armee eine Zeitlang stille sein mussten, weil wir
nicht wussten, was wir uns gegen Ava zu versehen hatten. Dieses währete auch so
lange, bis der jämmerliche Martabanische Krieg vorging, und noch in Gegenwart
Prinz Balacins der Krieg wider Brama von uns erneuert wurde.
    Wie nun damals erwähnter Prinz Balacin Pegu verlassen, und was sich nach
diesem zugetragen, solches wird nunmehr der vornehmste Zweck meiner Erzählung
sein. Was die Prinzessin anbelanget, so hat man sie nach des Prinzen Abzuge fast
nie zu sehen bekommen, sondern sie hat sich stets in stiller Einsamkeit
aufgehalten, und das bevorstehende Unglück gleichsam zuvor beweinet. Der Kaiser
immittelst, als ein tapferer Herr, war mit nichts als Kriegssachen beschäftiget,
und hatte inner vierzehen Tagen eine Armee von sechsmal hunderttausend Mann
wieder beisammen, welche er vor der Stadt täglich mustern liess. Als auch die
schreckliche Zeitung eingelaufen, Chaumigrem sei mit neunmal hunderttausend Mann
bereits in Pegu eingebrochen, beschloss der Kaiser, dem Feinde beherzt
entgegenzugehen. Dannenhero besetzte er die Stadt aufs beste, liess die
Prinzessin, welche höchst kläglichen Abschied nahm, zurücke, der Prinz aber
musste mit zu Felde gehen, und verliess uns also zwischen Furcht und Hoffnung. Dass
ich es nun kurz mache, innerhalb vier Tagen erfuhren wir die jämmerliche
Zeitung, dass eine grausame blutige Schlacht zwischen beiden Heeren vorgegangen,
worinnen die unsrigen notwendig der Menge weichen müssen, der Prinz sei
geblieben, und der Kaiser gar verloren worden. Was solches vor eine Bestürzung
durch die ganze Stadt verursachte, ist nicht zu sagen. Das Geschrei so vieler
tausend Seelen verursachte fast einen Widerschall bis an die Wolken, ein jedes
suchte sich zu verbergen, und sah doch keinen Feind. Die Reichsräte
versammleten sich alle in der Burg, um einen erspriesslichen Rat zu suchen, wie
doch solchem verwirretem Zustande abzuhelfen sei. Allein Furcht und Angst hatten
ihre Zungen gebunden, und ihre Herzen gefesselt, dass es schiene, als ob sie
Stillschweigens halben wären zusammen kommen. Ja was uns am meisten verwirrete,
das war der Unterfeldherr Qvendu, dem der Kaiser die Stadt anvertrauet hatte.
Dieser wollte niemals mit seiner Sprache heraus, und die Verräterei blitzte ihm
aus den schelmischen Augen. In solchem Zustande kam ein Bramaner mit einer
weissen Fahne vor die Stadt, und forderte solche im Namen des Chaumigrems auf,
mit Bedrohung, wo man ihm die Stadt nicht ohne Bedingung alsbald eröffnen, den
Kaiserlichen Schatz und Frauenzimmer völlig aushändigen, und ihn als Kaiser von
Pegu annehmen würde, so sollte kein Stein auf dem andern gelassen, und auch des
Kindes in Mutterleibe nicht verschonet werden. Hier war nun guter Rat seltsam.
Ein Teil schrie, das andere, und zwar die meisten, wollten die Tore geöffnet
haben, und schien es auch endlich, ob würde der verräterische Qvendu mit seinem
Anhange die Oberhand behalten. Hierauf entstund auf der Burg unter dem
Frauenzimmer das jämmerlichste Schreien und Wehklagen, ja die Prinzessin war
fast nicht zu ermuntern, so heftig setzten ihr die Ohnmachten zu, und kunnte ich
mich unmöglich länger bei ihnen aufhalten, derowegen ich mich auf den Schlossturm
begab, um eine sichtliche Kundschaft von dem Feinde einzuziehen. Solche erhielt
ich mehr als zuviel, indem ich, so weit meine Augen sahen, kein Feld, sondern
eitel Elefanten, Pferde, Wagen, Gezelter und Soldaten sah: Und weil wegen
innerlicher Unruhe die Stadt noch nicht eröffnet war, so liess Chaumigrem alle
Anstalt zu einer grausamen Belägerung machen. Weil aber dem Feind unsere
Verwirrung sattsam bekannt war, als unterstund er sich, uns durch Schrecken zu
erobern, welches ihm auch gar wohl gelunge. Denn er liess die völligen Stücke,
welche er in grosser Anzahl mit sich führte, und von vielen Elefanten und Püffeln
gezogen wurden, in einer langen Reihe vor das Osten-Tor pflanzen, und zugleich
die ganze Armee teils in eine Schlacht-, teils in eine Sturm-Ordnung stellen.
Hierauf hatte der Tyranne befohlen, alle Trummeln und Pauken zu rühren, und zu
schlagen, ingleichen mussten die Trompeten, Hörner und Pfeifen insgesamt mit
einstimmen. Die ganze Armee erhub ein entsetzliches Feldgeschrei, und die
Stücken wurden alle zugleich wider die Stadt gelöset, dass es schiene, als ob
Himmel und Erden ineinanderfallen wollte. Als nun ein jämmerliches Wehgeschrei
durch die ganze Stadt mit einstimmete, so kann ich nicht glauben, dass etwas
Entsetzlichers und Erschrecklichers könne gehöret oder gesehen werden, davon
auch den tapfersten Helden die Haare hätten müssen zu Berge stehen. Das Herz in
meinem Leibe schlug nicht so sehr vor Angst und Entsetzen, als der starke Turm
von dem grausamen Knallen des Geschützes erschütterte, und das himmelschallende
Geschrei betäubte mir fast die Ohren. Noch unter währendem Feldgeschrei sah ich
leider! den Feind ganz schwarz durch die Tore eindringen, und sich in die Gassen
verteilen: wiewohl dieser Einbruch bald verhindert wurde, weil der Tyranne die
Stadt nicht wollte plündern lassen: Dannenhero geschahe nichts ferner, als dass
ein Oberster mit zweitausend Mann nach der Burg sich begab, und das Kaiserliche
Frauenzimmer nebenst der Prinzessin Banise und derer von Saavady gefangennahm.
Solchem Jammer begehrte ich nicht beizuwohnen, indem meine Gegenwart doch nicht
die geringste Gewalt aufzuhalten vermochte: Dannenhero blieb ich auf dem Turme
sitzen, bis gegen den Abend, da ich mich sachte herunterbegab, in Meinung, mich
unter dem gemeinen Volke zu verbergen. Allein ich hatte kaum die unterste
Staffel berühret, so wurde ich von einer Schildwache erkannt, und sofort von
andern gefangen angenommen. Ob ich mich nun zwar zu verleugnen suchte, so war
ich doch schon durch andere Gefangene verraten, dannenhero ich auf Befehl des
Obersten nach der Prinzessin Zimmer geführet wurde, um sie zu trösten, weil sie
aus Verzweifelung ihren Tod suchte. Diese fand ich unter dem andern Frauenzimmer
wie eine Sonne unter den Sternen, welche fast unterzugehen schiene. Das Herze
wollte mir brechen, als ich ihre Schenkel und Armen mit güldenen Fesseln und
Ketten musste beleget sehen, da hingegen die Prinzessin von Saavady nur silberne
trug, das übrige vornehme Frauenzimmer aber alles war mit seidenen Stricken
gebunden. Als ich mich der Prinzessin genahet, schlug sie ihre Augen auf, sah
mich mit erbärmlichsten Blicken an, und sagte mit halbgebrochenen Worten: »Ach
Talemon, erbarmet Euch Eurer vorhin gebietenden Prinzessin, und stosset einen
Dolch in meine Brust, um die beängstigte Seele von bevorstehender Schmach zu
erretten, welche sich mein Herz erschrecklicher als einen hundertfachen Tod
vorstellet.« Ich wusste hierauf vor Schmerzen nichts als diese trostlose Worte zu
sagen: »Durchlauchtigste Prinzessin! Man suchet umsonst Hülfe bei einem
halbtoten Menschen, indem ich selbst Henker und Säbel küssen wollte, wenn nur
der Tod vor fernern betrübten Anblicken meine Augen schliessen wollte.« - »Ach
verfluchte Tyrannei!« fuhr die Prinzessin unter tausend Tränen fort, »da man
auch die Aufentaltung des Lebens zur neuen Folter machet, und uns verhindert zu
sterben, wodurch wir unsere Ruhe suchen. Allein, das ist mein Trost, dass die
Seele tausend Ausgänge weiss, diesen sterblichen Leib zu verlassen: Und weil ich
weiss, dass Ihr die Vollziehung meines Vorsatzes erleben werdet, so bemühet Euch
möglichst, meinem liebsten Prinzen die letzte gute Nacht aus meinem sterbenden
Munde zu überbringen, und ihn zu versichern, dass die Blume meiner Keuschheit und
Liebe gegen ihn auch in dem Grabe Wurzel fasse.« Als meine feindseligen
Begleiter sahen, dass ich statt Trostes sie nur mehr betrübte, führten sie mich
wieder hinweg; und weil der Oberste erfahren, dass ich Reichs-Schatzmeister wäre,
so befahl er mir im Namen seines Königs, die Schlüssel und ein richtiges
Verzeichnis aller Schätze von mir zu stellen. Ob ich nun zwar meine Pflicht
vorschützte, so half es doch nichts, sondern man drohete mir mit grausamster
Pein, dannenhero ich vermeldete, wie sowohl die Schlüssel als das weitläuftige
Schatzverzeichnis in solchem Tumult wäre verloren gangen, sie würden wohl den
gewöhnlichen Handschlüssel der Soldaten bei sich führen, und sich begnügen
lassen, wenn ich die Behältnisse des Schatzes anzeigete. Womit sie denn sehr
wohl vergnüget waren, als ich ihnen nur etliche Gewölber wiese, und die
unterirdische Schatzgrüfte in meiner Pflicht beruhen liess. Nach diesem wurde mir
erlaubet, frei in der Burg herumzugehen, jedoch hatte die Wache Befehl, mich
nicht vor das Burgtor zu lassen. Ingleichen wurde mir auch alle Besuchung der
Prinzessin untersaget, dass ich sie also das letztemal gesprochen. Indessen
kunnte ich alles bemerken und erfahren, was in und ausser der Burg vorging.
Endlich wurde mir doch erlaubet, unter gnugsamer Aufsicht den königlichen Einzug
des Chaumigrems mit anzuschauen. Dieses geschahe erst nach zweien Tagen, da er
morgens vor die Stadt kam. Bei dem Osten-Tore, welches sonst Cabanbainhe
genennet wird, empfingen ihn sechstausend Priester der zwölf Sekten, so in
diesem Königreiche zu finden sind. Einer unter ihnen, namens Capizundo, täte das
Wort, und redete ihn also an: »Gelobet und gesegnet sei der Herr, der wahrlich
von jedermann davor müsse erkannt, und dessen heilige Werke, die durch seine
göttliche Hände geschehen, müssen durch die Klarheit der Nacht bezeuget werden.
Gelobet sei er, dass ihm durch die Werke der unendlichen Macht, die ihm angenehm
sind, beliebet hat, Euch über alle Könige, die auf Erden herrschen, zu erheben.
Und dieweil wir davor halten, Ihr seid sein Mitgenoss, so bitten wir, dass Ihr der
Sünden, die wir wider Euch begangen, nicht mehr gedenket, damit Eure betrübte
Untertanen auf die Zusage, so sie von E.M. erwarten, sich können
zufriedengeben.« Darauf knieten fünftausend Grepos zur Erden, baten ihn
gleichfalls mit erhabenen Händen um Verzeihung, und redeten ihn mit verwirreter
Stimme an: »Herr und König, verleihet Friede und Verzeihung wegen des begangenen
Übels uns und allem Volke in diesem Königreiche Pegu, damit sie aus Furcht ihrer
Missetaten, die sie öffentlich vor Euch bekennen, nicht verunruhiget werden.«
Der König schien über solche Demut ganz vergnügt, und versprach ihnen die
Verzeihung eidlich bei dem Haupte des heiligen Qviay Novandels. Auf diese Zusage
fiel alles Volk aufs Angesicht zur Erden und schrien: »Gott gebe Euch lange
Jahre Glück, Eure Feinde zu überwinden, damit Ihr derselben Häupter unter Eure
Füsste treten möget.«
    Wie schmerzlich mir diese Worte der schmeichelnden Pfaffen und des
unbeständigen Volkes durch das Herze gingen, solches kann sich ein jeder treuer
Diener, welcher begierig ist, vor seinen Herrn zu sterben, leichtlich
vorstellen. Ja hier sah man ein rechtes Beispiel des wankenden Pöbels, wie
wenig sich auf dero beständige Treue zu verlassen sei. Den, welchem sie zuvor
als ihrem rechtmässigen Kaiser fast göttliche Ehre erwiesen hatten, verfluchten
sie anietzo, einem Tyrannen zuliebe, welcher doch sowohl ein Untertan als sie
alle war. Sie gaben dieses als Sünde und Verbrechen an, dass sie ihrem Kaiser,
Eid und Pflichten gemäss, gehorsam und getreu gewesen, und erröteten nicht, vor
des Blutundes Ohren öffentlich zu rufen: »Verflucht sei Xemindo, welcher uns zu
solchem Ungehorsam verleitet.« Ihre Wangen färbeten sich nicht einmal über diese
lasterhafte Liebkosung, weil die Schandflecke alle zusammentrafen, und keinem
eine absonderliche Röte anstrichen: Hergegen weil die Beschimpfung unzerteilet
allein auf eine Person angesehen war, so wurde auch das innerste Mark der Seelen
viel durchdringlicher angegriffen. Ja so Ehre als Schamhaftigkeit schiene aus
ihren Herzen verbannet zu sein; und sah man hier den Unterscheid hoher und
niedriger Gemüter, weil jene viel eher sterben würden, als sich ihrer Unschuld
schuldig geben.
    Ich fahre nun fort, mit kurzem das fernere Beginnen dieses neuen Kaisers und
gewaltsamen Blutundes zu beschreiben: Denn als jetzt erzählte scheltenswürdige
Schmeicheleien vorbei waren, ward zu einem Freudenzeichen auf allerhand
Instrumenten gespielet, und der Grepos Capizundo setzte dem Chaumigrem eine
kostbare Krone von Gold und Edelgesteinen aufs Haupt in Gestalt einer
Bischofsmütze, welche sie aus dem Regalienzimmer geraubet, und, welches mir die
Götter zeugen müssen, nicht aus meiner Hand empfangen haben, wie mir zwar
zugemutet ward. In dieser Krone begab er sich mit hochmütigen Gebärden, welche
eine Majestät vorstellen sollten, auf einen grossen Elefanten, der mit Golde
gewaffnet war, rings um ihn her gingen vierzig Trabanten mit grossen silbernen
Keulen. Vor sich her liess er allen Raub der Elefanten und Wagen samt dem Bildnis
des überwundenen Xemindo, welches erbärmlich anzusehen, und an eine dicke
eiserne Kette gebunden war, neben vierzig Fahnen, die auf der Erden vor ihm
hergeschleppet worden, führen. Alle seine Hofleute und Bedienten folgeten zu
Fusse, und trugen vergüldete Säbeln auf den Achseln. Hinter diesen kam die
Leibwache von sechstausend Pferden und dreitausend streitbaren Elefanten mit
fremden Türmen, ingleichen viel andere Leute mehr zu Ross und Fuss in unzählicher
Menge.
    Nach diesem blieb er siebenundzwanzig Tage in der Stadt, und liess
unterdessen die übrigen Festungen, die es noch mit dem Xemindo hielten, und noch
nichts von dessen Überwindung wussten, erobern. Ingleichen schrieb er viel
höfliche Briefe an die Inwohner solcher Festungen, nennete sie bisweilen Kinder
seiner Seelen, und verziehe ihnen alles, was sie wider ihn begangen, gleichsam
als ob sie an Beobachtung ihres Eides und geschwornen Treue eine grosse Sünde
begangen hätten. Diese verschmitzte Höflichkeit betrog alle Städte, Stände und
Fürstentümer, dass sie sich nacheinander ihm ergaben. In währender Zeit aber,
welches hoch zu verwundern, besuchte er niemal das gefangene Frauenzimmer, viel
weniger liess er die Prinzessin oder jemand davon vor sich kommen, welche
inzwischen, wie ich vernahm, in steter Traurigkeit verharrete. Währender Zeit
unterliess er auch nicht, den entflohenen Xemindo durch viele ausgeschickte
Reuter aufzusuchen: und diese Spürhunde funden endlich, ach leider! den
unglückseligen Kaiser an einem Orte, Fauclen genannt, und brachten ihn mit
grossen Freuden vor den Tyrannen, welcher den, der ihn gefunden, alsobald zu
einem Herrn von dreissigtausend Dukaten Einkommens machte. Diesen ergriffenen
Kaiser führeten sie an Hals und Händen mit eisernen Fesseln und Ketten beleget
vor den hochmütigen Überwinder, welcher den armen Prinzen sofort mit diesen
höhnischen Worten anredete: »Seid mir willkommen, Kaiser von Pegu! Ihr möget
diese Erde wohl küssen, die Ihr hier sehet, denn ich versichre Euch, dass ich
allbereit meine Füsse darauf gesetzet habe, daraus zu spüren, wie günstig ich
Euch sei, weil ich Euch eine Ehre erweise, deren Ihr Euch wohl nimmermehr
vermutet habt, dass Ihr nämlich die Erde küssen dürfet, welche ich betreten
habe.« Als aber hierauf der trübselige Xemindo die Augen nur stets niederschlug,
und ganz keine Antwort gab, fuhr der sieghafte Blutund fort, ihn ferner zu
verspotten: »Was ist das?« sagte er, »erschrickst du darüber, dass du dich in
solchen Ehren siehest, oder wie soll ich's verstehen, dass du mir so gar nicht
auf meine Frage antwortest?« Solche schimpfliche Reden gingen endlich dem
hochbekümmerten Xemindo dermassen zu Herzen, dass er sich nicht entalten kunnte,
folgendergestalt zu antworten: »Wann«, sagte er, »die Wolken des Himmels, die
Sonne, der Mond und andere Gestirne, welche ihre zum Dienst des Menschen von
Gott gewidmete Pflicht nicht mit Worten, sondern die reichen Schätze der hohen
Allmacht durch schreckliches Donnern und Blitzen natürlicherweise verkündigen
und erklären, denen, die mich hier, in diesem Zustande, worinnen ich vor dich
gebracht worden, sehen, ja wann sie, wie ich, die innerliche Betrübnis und den
grossen Schmerzen könnten andeuten, den anitzo meine Seele fühlet, so würden sie
vor mich antworten, und die Ursache anmelden, warum ich bei gegenwärtiger
Beschaffenheit, darein mich meine Sünden gesetzet, so stumm befunden werde. Und
gleich wie du von dem, was ich rede, als mein Gegenpart und Feind nicht urteilen
kannst, also schätze ich mich nicht vor verpflichtet, dir dermassen zu antworten,
wie ich sonst wohl vor dem grossen Herrn des Himmels, der mich ohne Zweifel mit
grösserer Gnade und Barmherzigkeit ansehen würde, tun wollte. Inzwischen soll
doch mein unschuldiges Recht dich besiegen, obgleich mein Leib auf der Folter
liegt.« Nach diesen Worten sank er nieder, fiel zur Erden auf sein Angesicht,
und bat zweimal nacheinander um ein wenig Wasser. Dieses ihm nun zu gewähren und
sein Herzeleid desto mehr zu vergrössern, befahl der verfluchte Tyrann, dass ihm
solches Wasser die schöne Prinzessin Banise selbst bringen sollte. Das Herze
blutete mir noch, wenn ich mir die betrübte Gestalt dieses schönen Fräuleins in
Gedanken vorstelle, welche zwischen einigen Henkersknechten ein Geschirr voll
Wasser mit gefesselten Händen und sachten Schritten brachte. Sobald sie aber
hinzukam, fiel sie vor ihm nieder, umarmete ihren lieben Herrn Vater mit
kindlicher Inbrünstigkeit, küssete dreimal sein Angesicht, und sprach mit
tränenden Augen und benetzten Wangen: »Ach Herr Vater! mein Herr! mein König!
ich bitte um der getreusten Liebe willen, die ich allezeit zu Ihm getragen, und
Er gleichfalls gegen mir dessen gehorsamstes Kind hat: Er lasse sich doch
gefallen, mich also mitzunehmen, wie ich hier in Seinen Armen liege, damit ich
Ihn bei diesem traurigen Gange mit einem kalten Trunk Wasser labe, weiln mir die
Welt verweigert, auf andre Art meine schuldige Kindespflicht zu erweisen.«
Dieses alles geschahe auf dem Markte in Anschauung vieler tausend Menschen,
immittelst, dass sich der Tyranne in etwas von diesem traurigen Anblick entfernet
hatte, vielleicht befürchtende, es möchte einige Wehmut den grausamen Vorsatz
besiegen. Auf vorerwähnte Trauerworte wollte Xemindo der Prinzessin antworten,
er vermochte aber nicht, solches zu bewerkstelligen, indem ihn hieran die grosse
väterliche Liebe verhinderte, und dermassen von herzlichem Betrübnis übernommen
ward, dass er in eine tiefe Ohnmacht fiel, und eine geraume Zeit darinnen
verharrete. Worüber etliche grosse Herren, wie auch ich selbst, weil wir zugegen
waren, dermassen beweget worden, dass uns aus natürlichem Mitleiden die Tränen in
die Augen stiegen. Aber wir wussten nicht, dass uns das Unglück am nächsten war,
denn der Tyrann nahm solches auch von fernen in acht, und weil wir alle aus Pegu
waren, deutete er unsere Tränen anders aus, und befahl, ohne alle Gnade und
Verlierung einiger Zeit, uns die Köpfe herunterzuschlagen. Ob wir nun zwar
insgesamt aufs beweglichste hiervor baten, und unsere Unschuld bezeugeten, so
wurde doch keines einigen andern als meine Einwendung angenommen, indem ich
vorgab: Mein Leben würde Sr. Majest. viel erspriesslicher sein, als mein Tod,
indem die völlige Nachricht der Kaiserlichen Schätze bei mir beruhete. Und
dieses zwang mir die Todesfurcht aus, indem ich über vorige noch andere Schätze
entdeckte, welche ich sonst wohl würde verschwiegen haben. Jedoch tröstete ich
mich damit, dass es nicht alle, viel weniger die besten waren. Ob ich nun zwar
wiederum entlediget ward, so mussten doch die andern, welche nur das geringste
Zeichen ihres Beileids von sich blicken lassen, insgesamt dem Säbel herhalten,
nachdem sie der Blutund zuvor mit grausamen Gebärden angeredet: »Weil Ihr mit
Eurem Kaiser Xemindo so grosses Mitleiden habt, so spazieret ein wenig voraus,
und bestellet ihm das Quartier, da er euch denn die jetzt bezeigte Gewogenheit
reichlich vergelten wird.« Dieses Mordspiel war kaum geendiget, so verdoppelte
sich des Wüterichs Grausamkeit dermassen, dass er zur Stunde befahl, die
holdselige Prinzessin, das getreue Kind, auf dem Rücken ihres Vaters, den sie
umhalsete, niederzusäbeln. Welches wahrlich mehr als eine bestialische Wut und
abscheuliche Grausamkeit war, dass dieser unmenschliche Tyrann und greuliche
Unhold, die menschliche, von der Natur selbst eingepflanzte, Treue und
Liebesneigungen so unmenschlicherweise verhindern wollte. Dieser grausame Befehl
betraf nun gleich gegenwärtigen Herrn Hauptmann, welcher sich nicht säumen
durfte, solches zu vollziehen, dannenhero er mit blossem Säbel und zehen Mann von
der Leibwache sich an den betrübten Ort verfügte. Hier verging uns nun allen
Hören und Gesicht, und wendete jedwedes die Augen ab, ein solches unerhörtes und
der Natur zuwider scheinendes Urteil vollziehen zu sehen. Kurz, wir bemerkten
nichts mehrers, als dass die Prinzessin aus unsern Augen kam, da wir alle
vermeinten, sie habe bereits den unbarmherzigen Stahl geküsset: wiewohl wir
eines andern verständiget worden, als bei seiner Wiederkunft ihn Chaumigrem mit
rauhen Worten anfuhr, und fragte, warum er nicht seinen Befehl auf öffentlichem
Markte alsobald vollzogen hätte? »Was Sie befohlen«, antwortete er, »ist bereits
geschehen. Inmittelst habe ich nicht sonder Bedacht solches in meinem Hause
vollziehen lassen, weil ich besorget, es möchte die Gemüter der Peguaner allzu
heftig bewegen.« Ob nun zwar der Tyranne sein Missvergnügen ferner wollte zu
verstehen geben, so schiene er doch wieder begütiget zu sein, als der entalsete
Körper in seiner gewöhnlichen Kleidung auf offenen Markte vor jedermanns Augen
hingeworfen ward. Welcher erschreckliche Anblick die bestürzten Peguaner
dermassen bewegte, dass sie, um ihre Betrübnis zu verbergen, sich im Augenblick
verloren, und man keinen Menschen aus Pegu mehr auf dem Markte ersehen kunnte.
Xemindo aber ward unterdessen in ein hartes Gefängnis geführet, und stark
bewachet. Folgenden Morgen wurde in allen Strassen ausgerufen, das Volk sollte
sich herbeifinden, anzusehen die tödliche Ausführung des unglückseligen Xemindo,
vormaligen Kaisers zu Pegu. Solches liess der Tyrann deswegen tun, damit ihnen
die Einwohner, wenn sie jetzo den Xemindo sterben sehen, hinfüro keine Hoffnung
machen dürften, ihn zum Kaiser wiederum zu verlangen, sintemal ihm wohl bewusst,
dass sie, ungeachtet öffentlicher Schmeichelei, dennoch im Herzen solches
wünschten: Angesehen Xemindo sehr wohl und löblich regieret hatte; hingegen war
dieser ein Ausländer, welcher einen solchen Tyrannen zum Bruder gehabt hatte,
der fast keinen Tag hingehen lassen, an welchem er nicht bis funfzehenhundert
Menschen erwürget hätte: manchmal war auch diese Zahl auf vier- bis fünftausend
gestiegen, dass sie um der allerliederlichsten Ursache willen ihre Köpfe lassen
müssen. Diesen Morgen liess der Tyrann mich vor sich fodern, und begehrte von mir
eine aufrichtige Bekenntnis aller bewussten Schätze, darbei er mir grosse Gnade
versprach, widrigenfalls aber, wo ich das geringste verschwiege, mir den ärgsten
Tod drohete. Diesem nun zufolge tat ich was ich kunnte, weil ich doch die
Schickung des Himmels vor Augen sah, und niemanden wusste, dem ich sie zum
besten verschweigen sollte, jedoch habe ich meinem Gewissen zwei unterirdische
und mehr als königliche Schätze vorbehalten, welche ich dem Prinzen von Ava, wo
die Götter ihre Gnade hierzu verleihen wollen, zugedacht habe. Nach diesem
stellete mir der Tyrann freie Wahl, ob ich seine Gnade ferner bei Hofe suchen
oder mich auf mein Landschloss hieher begeben wollte: welches letztere mir denn
eine der fröhlichsten Zeitungen zu vernehmen war, und es sofort mit hohem Danke
annahm. Wiewohl ich nicht sonder Sorgen meinen Sohn zurücke lassen musste,
welchen, wie bewusst, hernach Chaumigrem zum Hofemeister über das Frauenzimmer
gesetzt hatte. Unter dessen Hand auch die Prinzessin von Saavady nebst vielen
andern getan worden. Auf den allerunglückseligsten Xemindo aber wieder zu
kommen, so ward selbiger ungefähr um zehn Uhr aus dem Kerker herfürgeholet,
wobei ich folgende Ordnung bemerkte: Vor ihm her marschierten durch die Gassen,
da man ihn durchbringen sollte, vierzig Reuter, die in ihren Händen Lanzen
führeten, um das Volk auf die Seite zu schaffen. Hinter diesen kamen ebensoviel
mit blossen Schwertern in der Hand, welche überlaut ausruften: das Volk, welches
nicht zu zählen war, sollte Platz machen. Nach denen kamen funfzehenhundert
Büchsenschützen, mit brennenden Lunden, welche man Tixe Lakoo, oder Vorläufer
des königlichen Zorns, zu nennen pfleget: Hierauf sah man hundertundsechzig
Elefanten mit ihren Türmen auf den Rücken, welche alle mit seidenen Teppichen
behangen waren. Dieser gingen fünfe nebeneinander, und machten zweiunddreissig
Glieder. Hinter denen folgeten funfzig Mann, ebenfalls fünfe im Gliede, zu
Pferde, welche schwarze blutige Fahnen trugen, und mit starker Stimme ausriefen:
dass diese Elende, die des Hungers Sklaven und durch Missgunst des Glücks stets
verfolget würden, hören sollten den Ruf und Geschrei des mächtigen Zornarms, so
wider diejenige exequieret würde, die ihren Kaiser erzürnet, damit das Schrecken
der auferlegten Strafe ihrem Gedächtnisse tief eingewurzelt bleibe. Nach diesen
Herolden folgeten funfzehenhundert andere mit roten Kleidern, welches ihnen ein
schreckliches Ansehen gab. Diese sprachen auf den Klang von fünf Glöcklein,
womit sie gar geschwinde klingelten, nachfolgende Worte mit einer so traurigen
Stimme, dass die, so es hörten, zum Weinen beweget wurden: »Dieses strenge
Gerichte wird geheget durch den lebendigen Gott, den Herrn aller Wahrheit und
des heiligen Leibes, daran die Haare unserer Häupter die Füsse sind, derselbe
will, dass man töten soll den Xemindo, welcher sich dem grossen Könige von Brama
widersetzet, und dessen Staat und Recht angefochten hat.« Auf solches Ausrufen
antwortete ein gewisser Haufe Volks, so im Gedränge vor der ganzen Menge
herlief, dass einem das Herz davor erzitterte: Ohne alle Barmherzigkeit müsse
derjenige sterben, der eine solche Sünde begangen hat. Folgends marschierten
fünfhundert Bramaner zu Pferde und nach denselben wiederum so viel zu Fusse,
unter welchen etliche in ihren Händen blosse Degen und Schilde führeten, die
andern aber mit Panzern und Brustarnischen versehen waren. Mitten unter diesen
erblickte man den betrübten Xemindo, welcher auf einer magern, nichts werten
verschmachteten Schindmähre sass, und den Scharfrichter, auf dessen Achseln sich
seine Hände steuren mussten, hinter sich hatte. Dieser armselige Prinz hatte ein
so zerrissenes und zerlumpetes Bettelkleid an, dass ihm allentalben die Haut
dadurch schien. Über das trug er zu grösserer Verspottung eine stroherne Krone,
welche auswendig mit Muschelschalen, so auf einen blauen Faden gezogen, wie auch
das eiserne Halsband statt der Perlen besetzet war. Ob man ihn nun gleich in so
schmählicher Gestalt darstellete, und sein Gesichte fast keinem lebendigen
Menschen mehr ähnlich sah, so leuchtete doch aus seinen Augen, wenn er
dieselben emporhub, ein majestätischer Blick herfür, der von seiner
Beschaffenheit und hohen Stande ein sattsames Zeugnis gab, wie sehr ihn auch das
Unglück und die Tyrannei seines Feindes verstellet hatte: Und in seinen Blicken
liess sich eine besondere mit Majestät vermengte Sanftmut spüren, welche alle
diejenigen, so ihn ansahen, zum Weinen bewegte. Rings um diese Leibwacht, damit
er umgeben war, ritten tausend Mann zu Pferde, mit vielen Elefanten untermenget.
Dergestalt passierte der gesamte Aufzug durch die zwölf vornehmsten Strassen der
Stadt, woselbst eine unzählbare Menge Volks gleichsam gepfropft
aufeinanderstund, und gelangete endlich auf eben die Strasse, allwo er vor
etlichen Wochen in unbeschreiblicher Pracht wider diesen Tyrannen aus- und zu
Felde gezogen. O wunderliches Verhängnis! O veränderliches Glück! O
spiegelglattes Eis der Herrschaft! da sich die Krone in einem Cypressenkranz und
der Szepter in einen blutigen Mörderstahl verwandelt. Hier sehen wir, wie
vergebens wir arme Menschen bemühet sind, wenn wir uns unterstehen, den Schluss
zu meiden, welchen das Verhängnis in das Himmelsbuch mit solchen Ziffern, welche
nur die Götter verstehen, eingeschrieben hat. Dieser, welcher vor kurzen Tagen
als ein Überwinder in Hoffnung auszog, seinen Feind zu suchen, der hat ihn allzu
zeitig gefunden, und muss als ein Sklave in Fesseln einherziehen. Auf dessen Wink
vorhin viel tausend Augen warteten, der hat jetzo nicht Macht, einem Buben zu
befehlen: Ja welche ihn zuvor als einen Gott anbeteten, diese sahen ihn mit
halberöffneten Augen ohne einige Ehrerbietung an. Doch wollen wir zu dem Ende
dieser Schmach schreiten, weil es mir die Wehmut nicht länger erlaubet, dieses
Elend auch nur in Gedanken anzuschauen. Die grösste Schmach, so ihm angetan ward,
und wohl am meisten, ja ärger als der Tod selbst, kränken mochte, war ein
unverschämter Backenstreich, so ihm ein schlimmer Henkersknecht versetzte. Denn
als sich Xemindo mit einem Portugiesen in ein Gespräch eingelassen, und unter
andern Worten diese fallen liess: »Ich muss gestehen, wann es Gott gefiele, möchte
ich jetzo noch eine Stunde leben, um zu bekennen die Vortrefflichkeit des
Glaubens, welchem ihr andern zugetan seid. Dann nachdem ich vormals davon habe
reden hören, so ist euer Gott allein der wahre, und alle andere Götter sind
Lügner.« Ob nun zwar solche Rede nicht wenig harte lautete, so hatte doch
niemand diesem verdammten Bösewichte, einem Henkersknechte, die Macht gegeben,
hierinnen Richter zu sein, noch diesem betrübten Herrn mehr zu betrüben, indem
er ihm eine so harte Maulschelle auf Anhörung dieser Worte gab, dass ihm das Blut
zu der Nasen herausstürzte, welches höchst erbärmlich anzusehen war an einem,
der noch vor drei Wochen einer von den mächtigsten Königen in der ganzen Welt
und ein Beherrscher über so viel hunderttausend Seelen war: Der grossmütige
Kaiser aber vertrug solches mit höchster Geduld, indem er nur diese Worte drauf
sagte: »Mein Freund, lass mich mit diesem Blute Nutzen schaffen, auf dass dir
nichts abgehe, sondern du mein Fleisch darin backen und rösten könnest.« Unter
soviel tausend verkehrten Gemütern aber hielt sich doch noch ein tapferes Herze
auf, welches ungeachtet eiferigster Nachforschung bis itzo unerkannt, sein Name
aber in das Buch der getreuen Helden eingetragen verblieben ist. Dieser kunnte
die dem vorhin unbeglückten Xemindo angetane Beleidigung durchaus nicht
vertragen: dannenhero er als ein Blitz aus dem Haufen hervorbrach, und den
frechen Henkersbuben mit einem Wurfspiess durch und durch rannte, dass der Spiess
in ihm stecken blieb, und er tot zu des Xemindo Füssen fiel. So geschwinde diese
Rache vollzogen war, so hurtig wusste sich dieser treue Rächer wiederum unter dem
Haufen zu verbergen, dass alle angewandte Mühe, ihn aufzusuchen, nur vergebens
war. Diese Tat war des elenden Herrns letzte Vergnügung auf dieser Welt, welche
ihn dermassen bewegte, dass er einige Tränen fallen liess, und sagte: »Tapfere
Seele, wer du auch seist, wollten die Götter, es wäre allen meinen Untertanen
gleiche Treue und Tapferkeit eingepflanzet gewesen, es sollte mich dieser Jammer
nicht betroffen haben. Inmittelst hast du verdienet, dass du mit ewigen Lorbeeren
gekrönet werdest.« Hiermit führte man ihn weiter fort, bis an den Gerichtsplatz,
da ihn das Leben so zu verlassen schien, dass er fast auf nichts mehr Achtung
gab. Zuletzt stieg er auf eine hohe Gerichtsbühne hinauf, die für ihn
insonderheit gebauet war, und der Chirca oder Obergerichtsvorsteher las ihm
überlaut von einem hohen Stuhl sein Urteil vor, dieses kurzen Inhalts: »Der
lebendige Gott unserer Häupter, der grosse Herr über die Kronen, befiehlet, dass
Xemindo soll hingerichtet werden als ein Zerrütter der Völker auf Erden, Mörder
des Xeminbruns und Todfeind des Volkes von Brama.« Nach solchem Ausspruch gab er
mit der Hand ein Zeichen, worauf der Henker alsobald das Haupt in einem Streiche
wegschlug, welches er dem Volke zeigete, und den Leib in acht Stücke zerteilete.
Das Eingeweide und die übrigen innern Teile des Leibes legte man ganz besonders
und allein, und bedeckte sie mit einem gelben Tuche. Also liess man den
zerschnittenen Leib bis zu der Sonnen Untergang liegen, da sie denn eine
unsägliche Menge Volks besah bis um drei Uhr nachmittage. Nachmals, als sich
das Volk satt gesehen, und das Getümmel ein wenig gestillet, auch zu dem Ende
etliche gewisse Personen zu Pferde dem Volke bei hoher Strafe stille zu sein
geboten, da ward mit einem Glöcklein fünfmal nacheinander geläutet, auf welches
Zeichen zwölf Männer in schwarzen mit Blut besudelten Röcken, mit verhülleten
Angesichtern und silbernen Kolben auf ihren Schultern aus einem hierzu
absonderlich zugerichteten hölzern Hause, so ungefähr fünf oder sechs Schritte
von dem Blutgerüste stund, hervortraten. Denen folgeten zwölf heidnische
Oberpriester oder Talegrepos, nächst diesen erschien des Tyrannen Vetter,
Pocasser, ein dem Ansehen nach hundertjähriger Greis, eben, wie alle die andern,
in gelben Trauerhabit. Rings um ihn her gingen zwölf kleine Kinder, die gar
köstliche Kleider und zierliche Beile auf den Achseln trugen. Wie dieser Alte an
den Ort, wo der zerstückte Körper lag, kommen, kniete er dreimal nacheinander zu
der Erden, und redete wegen seines Vetters, des Königs von Brama, den
gemetzelten Körper mit ehrerbietig scheinenden, doch recht höhnischen Worten an:
»O du heiliges Fleisch«, sagte er, »lobwürdigstes Blut! ich bitte dich, vernimm
die Rede meines Mundes mit geneigten Ohren, auf dass die in dieser Welt an dir
verübte Missetat möge ausgesöhnet werden. Dein Bruder Oretenau Chaumigrem, Prinz
von Brama, lässet durch mich, deinen Sklaven, dich bitten, im Fall er dich
beleidiget, so wollest du ihm solches, ehe dann er von dieser Welt scheidet,
verzeihen, hingegen alle seine Königreiche in Besitz nehmen; massen er dir
solchen Titul darüber abtritt, und davon nicht das geringste zu behalten
gewillet ist. Durch mich, seinen Sklaven, bezeuget er, diese seine Übergabe
geschehe freiwillig, damit die Klage nicht vor Gottes Ohren gelangen möge,
welchen du etwan droben im Himmel wider ihn anstrengen möchtest. Hiernächst
verheisset er, die dir zugefügte Unbilligkeit solchergestalt zu büssen, dass er auf
der Pilgerfahrt dieses zeitlichen Lebens über dieses dein Reich Pegu nur Wächter
und Hauptmann sein, und selbiges von dir zu Lehen empfangen wolle. Wie er dann
dir hiermit den Eid der Treue leistet, dem, was du ihm aus dem Himmel wirst
gebieten, jederzeit auf Erden getreulich nachzuleben, und zwar mit dieser
Bedingung, dass du ihm mögest zu seinem Unterhalt von allen dem, was von den
Zöllen einkömmt, nur Almosen reichen, weil ihm sehr wohl bewusst, dass ihm anderer
Gestalt die Besitzung des Reiches nicht erlaubet ist, die Meni Grepos auch
sonsten weder dreinwilligen noch ihm in seiner letzten Stunde die Sünden
vergeben werden.« Hierauf vertrat einer aus den fürnehmsten Priestern des
Entleibten Stelle, und trieben gleichsam wie ein Gaukelspiel mit dem toten
Körper, indem er diese Antwort erteilte: »Nachdem du deine Misshandlung bereuest,
und in gegenwärtiger öffentlicher Versammlung mir Abbitte tust; wohlan! so sei
dir hiermit alle Verzeihung von mir gerne und willig erteilet, und als dem
künftigen Hirten meiner Herde dieses mein Königreich überlassen, mit angehängter
Bedingung, dass du dein beschwornes Versprechen unverbrüchlich haltest:
widrigenfalls würde solches eine so schwere Sünde sein, als legest du jetzt, ohne
Erlaubnis des Himmels, aufs neue Hand an mich.«
    Wie der Pfaffe diese Worte geendiget, hub alles Volk frohlockende an zu
schreien: »Gott verleihe solches!« Inzwischen verfügte sich der Pfaffe nach dem
hohen Stuhl, von welchem zuvor das Bluturteil war verlesen worden, und rief dem
Volke ferner also zu: »Schenket mir zur Nahrung meiner Seelen einen Teil der
Tränen eurer Augen um der angenehmen Zeitung willen, die ich euch verkündige,
dass nämlich hinfüro dieses Land nach Gottes Willen soll unserm Kaiser Chaumigrem
verbleiben, und er solches nimmermehr wiedererstatten dürfe: dannenhero ihr, als
fromme und getreue Knechte, wohl befugt seid, hierüber euch fröhlich zu
bezeigen.« Hierauf schrie der gesamte Haufe mit erschrecklicher Stimme: »Gelobet
seist du Herr!« Nach allen geendigten Heucheleien und Spottreden trugen die
Priester die Stücke des zerteilten Leibes mit grosser Ehrerbietung von dem
Trauergerüste hinab zu einem von köstlichem Holze gemachten Feuer, wurfen alles
Fleisch mit dem Eingeweide hinein, und liessen es brennen, würgeten viel Hammel
und andere Tiere zum Opfer, dem hingerichteten Kaiser zu Ehren. Dieses Feuer
brannte die ganze Nacht durch bis an den hellen Morgen, da sie die überbliebene
Asche des verzehrten Leichnams in eine silberne Kiste sammleten, mit einer sehr
grossen Anzahl Leichenbegleiter, von mehr denn zehntausend Priestern in den
Tempel unsers Abgottes, des Gottes der tausend Götter genannt, trugen, und allda
in einer vergüldeten Kapelle in ein sehr prächtiges Grab beisetzeten. Und dieses
war das jämmerliche Ende dieses lobwürdigsten Kaisers, welchen nicht sowohl
seine Schuld als das ungütige Verhängnis gestürzet hat. Als ich nun dieses alles
mit trockenen Augen und blutenden Herzen mit anschauen müssen, suchte ich
Erlaubnis, der versprochenen Gnade zu geniessen, und mich hieher auf mein
Landschloss zu begeben, allda ich in willens war, das bedrängte Herze zu
entledigen, und meinem entseelten Kaiser ein tägliches Tränenopfer zu gewähren.
Allein ich fand mich sehr betrogen, indem mir der Tyrann andeutete, ich müsste
noch einen Feldzug mittun, und ein Zuschauer seiner Gerechtigkeit sein. Was mir
dieses vor eine erschreckliche Post war, ist leicht zu ermessen, und durfte ich
mich nicht erkühnen, meine Bitte zu wiederholen. Kurz: die Armee wurde
zusammengenommen, und der Zug ward gleich auf Prom eingerichtet. In selbten
Reiche herrschte eine Königin als Vormünderin ihres dreizehnjährigen Prinzens,
nachdem ihr Herr, der König, verstorben, und der älteste Kronprinz verloren war,
dass niemand noch diese Stunde weiss, wo er hinkommen. Weil nun damals der Herr
Oberhauptmann auf Befehl zurücke bleiben, und die Burg besetzen musste, als kann
ich selbten, weil er nicht zugegen gewesen, zugleich eine und die andere
Nachricht von diesem Zuge erteilen. Unsere Armee bestund in 700000 Mann und 1200
Schiffen, mit welcher entsetzlichen Macht wir inner vierzehn Tagen vor der Stadt
Prom anlangeten, und alsobald eine würkliche Belagerung zu Wasser und Lande aufs
grausamste angestellet, das Schloss aber fünf ganzer Tage entsetzlich beschossen
ward. Des sechsten Tages sandte die Königin einen mehr als hundertjährigen
Talegrepos mit einem köstlichen Geschenke heraus, dem sie auch volle Macht,
einen Frieden zu schliessen, mitgegeben hatte. Dieser überreichte von seiner
Königin dem Tyrannen ein demütiges Schreiben, folgenden Inhalts:
Grosser und mächtiger Herr, welcher in dem Hause des Glückes mehr begünstiget
wird als alle Könige des ganzen Erdbodens. Kraft von äusserster Stärke, Wachstum
des gesalzenen Meeres, dahinein alle andere kleine Bäche fliessen. Schild, voll
von schönen Bildsprüchen, Besitzer des allergrössten Staats, in dessen Tron
seine Füsse ruhen, mit einer höchstverwunderlichen Majestät.
    Ich armes Weib, Nhay Nivolan, Regentin und Vormünderin meines unmündigen
Sohnes, werfe mich vor Euch mit tränenden Augen nieder und mit solcher
Ehrerbietung, die man Euch zu geben schuldig ist; demütigst bittende, Ihr wollet
doch wider meine Schwachheit den Säbel nicht in die Hand nehmen, zumal Ihr
wisset, dass ich nur ein Weib, das ausser den Tränen keine andere Waffen hat,
womit ich das zugefügte Leid Gott klagen könne, dessen göttlicher Natur es gemäss
ist, dass er durch seine Barmherzigkeit den Menschen zu Hülfe komme: vor dem sich
auch die, welche in dem tiefen Hause des Rauches wohnen, fürchten, und vor einem
so mächtigen Herrn erzittern müssen. Ich bitte, und beschwere Euch, dass Ihr mir
das meinige nicht nehmet, in Betrachtung, dass solches, wie Ihr wisset, ein so
geringes ist, dass Ihr durch dessen Besitz nicht grösser, noch durch die
Entbehrung geringer werden könnet. Gleichwie im Gegenteil, daferne Ihr Euch
gegen mich barmherzig erzeiget, eine solche gnädige Handlung Euch ein so grosses
Ansehen bringen könne, dass allerdings die kleinen Säuglinge von den weissen
Brüsten ihrer Mutter ablassen, und Euch mit den reinen Lippen ihrer Unschuld
loben werden. Zudem werden alle Einwohner meines Landes als auch die Fremden an
diese mir erwiesene Gnade gedenken, ich selbst will es auf alle Begräbnisse der
Toten stechen und graben lassen, auf dass nicht allein die Lebendigen, sondern
auch die Toten Euch danken mögen wegen einer Sache, die ich so inständig und in
tiefster Demut von Euch bitte. Der heilige Avemlachim, der Euch dieses Schreiben
überliefert, so ich selber geschrieben, hat vollkommene Gewalt, im Namen meines
unmündigen Sohnes mit Euch zu handeln, und alles, was billig sein wird, zu
schliessen: auch sogar wegen des Tributs und Huldigung, welchen Ihr uns
aufzulegen belieben werdet, und das mit solcher Bedingung, dass Euch hingegen
möge gefallen, uns in dem Besitz unseres Hauses zu lassen, damit wir in
versicherter Wahrheit unsere Kinder auferziehen, und die Frucht von unserer
Arbeit zur Nahrung und Unterhalt der armen Untertanen dieses elenden Fleckens,
welche Euch dienen werden, einsammlen, und ich samt ihnen in demütigster
Ehrerbietung in allen Euch beliebenden Sachen uns gebrauchen lassen mögen.
                                                                   Nhay Nivolan.
    Diese bewegliche Zeilen las der Tyranne zwar, nahm die Geschenke an, und
bewilligte einen Stillstand, bis alles geschlossen wäre: Dessen ungeachtet aber
liess er doch rings umher alles verwüsten, und die Inwohner niederhauen. Daher
der alte Priester seine Falschheit leicht merken kunnte, und deswegen um
Erlaubnis anhielte, wieder in die Stadt zu kehren, welches ihm, nachdem er sich
fünf Tage im Lager aufgehalten, vergönnet ward, mit der Anforderung an die
Königin, dass sie ihm ihre Schätze, Untertanen und Königreich abtreten, hingegen
dieser Verlust durch ein ander Mittel ersetzet werden sollte. Welches aber der
Königin nicht anständig sein mochte, indem sie lange verzog, sich hierauf zu
erklären, sondern vielmehr alle Anstalt zu möglichster Gegenwehr machte. Wie der
Tyranne dieses sah, dass er vergeblich auf eine Antwort wartete, stärkete er
sein Lager, liess eine grosse Anzahl Sturmleitern verfertigen, und seinen Soldaten
andeuten, dass sie sich inner drei Tagen zum Sturme fertighalten sollten. Wie nun
alles in Bereitschaft war, wurden die Mauren mit solchem abscheulichen Geschrei
bestürmet, dass es schiene, als wenn Himmel und Erde ineinandergemenget wäre: ja
der Streit war so grausam, dass in kurzer Zeit die Luft voll heller Flammen, der
Erdboden aber von dem Blut der Erschlagenen ganz durchweichet war, wobei der
Blitz der Schwerter und Spiesse stets die Augen blendete, welches dermassen
grausam anzusehen war, dass ich vermeinte, in Ohnmacht zu sinken. Mein Gebet war
inzwischen stets zu den Göttern gerichtet, dass sie der bedrängten Stadt
beistehen, und sie aus der Hand dieses Tyrannen erretten möchten, welches auch
vor dieses Mal gnädigst erhöret wurde. Denn als dieser Sturm sechs Stunden lang
gewähret hatte, und der Blutund vernahm, dass sich die Festung so tapfer wehrte,
hingegen die Seinigen ganz abgemattet wurden, so liess er die Stürmenden durch
hundertundzwanzigtausend Mann der besten Leute ablösen, welche den Sturm
erneuern mussten. Dieser andere Anfall währete bis in die Nacht, ehe zum Abzuge
geblasen wurde, ungeachtet vielen Einratens. Er wütete, ja rasete fast vor
Verdruss, dass ihm sein Vorhaben sollte rückgängig gemacht werden. Denn er hatte
geschworen, er wollte entweder diese Nacht innerhalb der Mauer schlafen, oder es
sollten alle Hauptleute, welche nicht verwundet wären, ihre Köpfe springen
lassen. Dessen aber ungeachtet, ob sich gleich der Sturm bis zwei Stunden nach
Mitternacht, gleich als der Mond diesem Blutwesen sein Licht entziehen wollte,
verzog, so musste doch der fruchtlose Streit geendiget, und das Zeichen zum
Abzuge gegeben werden. Dieser Sturm hatte vierundzwanzigtausend Mann unserseits
gefressen, und befunden sich noch über diese dreissigtausend hart verwundet,
deren wegen übler Wartung noch viel draufgingen. Solches verursachte eine starke
Pest in unserm Lager, dass über achtzigtausend Mann hinfielen, welche alle denen
Vögeln zur Speise hingeworfen worden. Wie nun der Tyrann betrachtete, dass ihn
dieser Sturm so teuer angekommen, wollte er seine Leute solchergestalt nicht
mehr wagen, sondern liess eine hohe Batterie aufwerfen, die zwei Klaftern höher
als die Stadtmauer war. Auf diese liess er achtzig Kanonen führen, mit welchen er
innerhalb neun Tagen den mehrern Teil der Stadt zugrunde schoss, und der
Überläufer Bericht nach vierzehntausend Mann in der Stadt umbrachte. Dieses
mochte wohl der armen Königin allen Mut vollend benehmen, insonderheit weil wir
Kundschaft hatten, dass nur noch sechstausend gesunder Leute zu ihren Diensten
stünden. Darum hatte sie ihren Rat versammelt, in welchem sie beschlossen, sich
mit dem Öle aus der Lampen des Gottes der Feldschlachten, Qviay Nirandel zu
salben, sich demselben zu befehlen, und die schädliche Batterie anzugreifen, mit
dem festen Vorsatz, entweder zu siegen oder zu sterben. Zum Obersten hatte sie
ihren Vetter den Manica Votau erwählet. Diesen Ratschlag empfunden wir in der
Tat mehr als zu heftig: Denn als wir auf vorige Nachricht uns der Sicherheit
allzusehr anvertrauten, ja, der Name des Feindes jedweden verächtlich fiel, und
dannenhero nicht allein die Wachten übel bestellet, sondern auch fast alle in
der Ruhe begraben waren: so fiel erwähnter Manica mit den sechstausend Mann, bei
finsterer Nacht durch zwei Pforten auf erwähnte Batterie aus. Was nun hier vor
eine Verwirrung war, das ist unmöglich zu sagen. Es wurde zwar alsobald Lärmen
im ganzen Lager, und die verwirreten Haufen nach Möglichkeit in der Finsternis
zusammengezogen: Allein weil sich der Feind in zwei Teile geteilet, und gleich
auf das königliche Gezelt zueilete, so war die Verwirrung desto grösser, weil
kein Hauptmann wusste, wo er seine Leute anführen, oder wem er widerstehen
sollte. Der Chaumigrem selbst war in blossen Schlafkleidern zu Pferde kommen, und
schrie auf seine Leute, sich wohl zu verhalten, da man doch weder Feind noch
Freund kannte. Niemand sah seinen Feind eher, bis er ihn fühlte, und tot vor
ihm niedersank. Mit einem Wort, dieser nächtliche Einfall war so erschrecklich,
dass er an Grausamkeit vorigen Sturm zu übertreffen schien. Die Erde erbebete
unter meinen Füssen wegen des heftigen Getümmels so vieler tausend Mann und
Pferde: Das Geschrei schallte bis in die finstern Wolken hinein, und das Winseln
und Wehklagen der Sterbenden, welche so unvermutlich fallen mussten, durchdrang
dem, der es anhörte, Seel und Mark. Solches Entsetzen wurde nicht wenig
vermehret, als das Elefantenlager in Brand geriet, wodurch nicht allein die
Elefanten das Feuer scheuten und ausrissen, sondern auch die Unordnung um ein
grosses vermehrten, indem sie mit erschrecklichem Gebrülle herumraseten, und
alles, was ihnen vorkam, mit ihren Rüsseln und Füssen zermalmeten und zertraten.
Hier mussten wir nun einen neuen Krieg mit den Elefanten anheben, und sie fällen,
wie man kunnte. Dieser Brand aber öffnete uns allererst die Augen, indem wir den
Feind schon auf der grossen Batterie fleissig arbeiten sahen, welcher nicht allein
die Stücken schon alle vernagelt hatte, sondern auch bereits selbe zu schleifen
begunnte. Worauf sich alles zusammenzog, um den rasenden Feind abzutreiben:
Allein sie stritten gesamter Hand so tapfer, ja ganz verzweifelt, dass sie die
Ankommenden der Unsrigen alsobald in die Flucht schlugen, und so lange die
andern aufhielten, bis die Batterie in Grund niedergerissen, und alle Stücke
verderbet waren. Nach welcher Heldentat sie sich fechtende zurücke und wieder in
die Stadt begaben, da sie doch nicht mehr als siebenhundert Mann verloren
hatten. Hingegen war unser Tyranne selbst mit einer Lanze in die Schulter
verwundet, der oberste Feldherr Xoram war geblieben und mit funfzehentausend
Mann. Ja was noch mehr, sie hatten achtundert Bramaner und vierzig Elefanten
gefangen mit in die Stadt genommen. Dieser Verlust schmerzte den Chaumigrem
dermassen, dass er solchen kurzum den Hauptleuten beimessen wollte, und alle
diejenigen, welche damals die Wache gehabt hatten, in zweitausend Mann,
niederhauen liess. Auf dieses Nacht-Stücke hielten sich die Belägerten zehen
ganzer Tage stille, und liessen uns Zeit, wohl zu bedenken, was vor eine
gefährliche Sache es um die Sicherheit im Kriege sei, wie man seinen Feind nicht
verachten solle, und wie alle Macht und Gewalt seine umschränkte Masse habe. Denn
alle Verachtung bringt Sicherheit, Sicherheit Gefahr, und diese den Tod. Ja die
Verachtung des Feindes ist eine Vorläuferin der Niederlage, welches wir vor
diesmal mit unserm Blute bezeugen kunnten. Wo aber Gefahr von aussen und
Verräterei von innen blitzet, da muss auch die stärkeste Festung ihre Tore
eröffnen. Dieses empfand auch die tapfere Stadt Prom. Denn es wurde die Festung
sowohl zu Krieges- als Friedenszeiten von vier Hauptleuten regieret, deren einer
liess sich entweder die Furcht oder sein schelmisches Herz bereden, dass er sich
mit unserm Tyrannen in heimliche Handlung einliess, und versprach, die Stadt zu
überliefern, wo er in seinem Amte friedlich gelassen, niemand von den seinigen
beschädiget, und über das zu einem Stattalter von Anseda, im Königreich Pegu
gelegen, gemacht würde. Welches ihm alles versprochen ward. Hingegen machte
dieser Bösewicht seine Verräterei werkstellig, und eröffnete drei Stunden nach
Mitternacht die Pforten. Worauf der Tyranne solche Grausamkeit erwies, wie er in
dergleichen Fällen zu tun gewohnet war. Die Stadt wurde geschleifet, die
Inwohner ausgerottet, und niemand verschonet. Die Königin mit ihrem
minderjährigen Prinzen wurde gefangen, ihre Schätze geraubet, die Kirchen und
andere herrliche Häuser auf den Grund niedergerissen, und was einige Tyrannei
bedeuten kunnte, wurde nicht unterlassen. Ja alles geschahe mit solcher
Grausamkeit, dass es ihm kein Mensch einbilden kann, er habe es denn mit seinen
Augen wie ich angesehen. Denn der Blutund wollte wegen Verlust so vieler Völker
fast vor Zorn zerbersten, und sich dannenhero durch Verübung solcher Greuel
rächen. Nach diesem blutigen Untergang der Stadt zog er im Triumph durch die auf
seinen Befehl eröffnete Mauer. Sobald er in des jungen Königs Hof kam, liess er
sich als einen König von Prom krönen, und den jungen Prinzen, welchen er des
Reiches beraubet, so lange die Krönung währete, auf den Knien liegen. Dieser
betrübte Prinz hub seine Hände empor, als wollte er einen Gott anbeten, schlug
auch oftmalen sein Haupt zur Erden, und küssete dem Tyrannen die Füsse, welcher
ihn doch jederzeit verächtlich zurücke stiess. Hernach stieg er auf eine
Schaubühne, von welcher man einen grossen Markt übersehen konnte, und befahl, dass
man alle kleine Kinder, so auf den Gassen hin und wider in ihrem Blute lagen,
zusammentragen, auf Stücken zerhauen, solches zarte Fleisch mit Reis und Gras
vermengen, und seinen Elefanten zur Speise vorwerfen sollte. Ingleichen brachte
man darnach auf den Schall der Trommeln und Trompeten mehr als hundert Pferde,
die alle mit gevierteilten Männern und Weibern beladen waren, diese liess er
ebenmässig kleinhacken, und in ein dazu gemachtes Feuer werfen. So höre demnach
auf, du Mordkind der Höllen, und lass ab, die Schandhände ferner im Blute zu
waschen! Doch nein! je mehr eine Bestie Menschenblut genossen, je begieriger
wird sie, dessen noch mehr zu verschlingen! Dieses verdammte Mordaas liess auch
die Königin herbeibringen, welches eine Dame von sechsunddreissig Jahren, weisser
und schöner Gestalt war, welche, wie ich mich berichten lassen, des Tyrannen
Bruder Xeminbrun, als er nur noch Stattalter gewesen, von ihrem Herrn Vater,
dem Könige von Ava, gleichwie Chaumigrem die holdselige Higvanama, zur Ehe
begehren dürfen: Wie aber dazumal der König von Ava bei besserer Vernunft gegen
seine Kinder gewesen, also hat er sie ihm auch abgeschlagen. Solche verjährte
Schmach nun seines Bruders, als auch seine eigene Korbschande an der Prinzessin
Higvanama zu rächen, liess er, dass ich diesen Jammer mit flüchtigen Worten
beschreibe, dieses schöne Bild ausziehen, durch die ganze Stadt führen, bis aufs
Blut geisseln, und endlich durch allerhand Marter erbärmlich hinrichten; was aber
noch unerhörter war, so liess er den jungen Prinzen lebendig an den entseelten
Körper seiner Frau Mutter binden, mit Steinen beschweren, und also ins Wasser
werfen. Den folgenden Tag beschloss er dieses Mordspiel durch Hinrichtung
dreihundert Edelleute, welche er an Pfäle binden, und gleichfalls in den Strom
werfen liess. Dem Verräter hielt er zwar sein Wort, und bestätigte ihn in der
verlangten Stattalterschaft, nahm ihn auch bei dem Aufbruch nach Pegu mit sich;
als wir aber unterwegens in der Festung Meleitay angelanget, liess er ihm den
verräterischen Kopf vor die Füsse legen, welches wohl die einige lobwürdige
Verrichtung seines ganzen Lebens war; oder es lehrte ihm vielmehr die bekannte
Regel: Die Verräterei solle man lieben, und den Verräter hassen, hierinnen, wie
man solche Vögel belohnen müsse. Nach diesem zog er in grossem Triumphe wieder
zurücke und in Pegu ein, welchen zu beschreiben ich vor unnötig achte; ich aber
erhielt endlich Erlaubnis, mich, nachdem meine Augen vor so vielen Blutvergiessen
fast brechen wollten, hieher auf diese Landwohnung zu begeben, und solche
blutige Begebenheiten bis ins Grab zu beweinen. Indessen habe ich die empfundene
Wehmut fast niemals sonderlich erwähnet, angesehen keine Zunge noch Feder fähig
ist, solchen Jammer, welchen ich innerlich erdulden müssen, auch nur im
geringsten auszudrücken. Sollte ich nun hierbei etwas vergessen, oder mein Herr
Abaxar wegen der Prinzessin etwas Erspriessliches zu erinnern haben; so werde ich
mich nicht allein gerne weisen lassen, sondern auch mit innigstem
Seelenverlangen einige erwünschte Nachricht von unserer englischen Prinzessin
anhören.
    Solches nun zu beantworten, nahm Abaxar folgendergestalt auf sich: »Mein
Herr Talemon! ich nebst diesen werten Fremdlingen erkennen uns verpflichtet vor
die sonderbare Mühwaltung, die Er in trauriger Erzählung dieser blutigen
Begebenheiten angewendet, indessen erkenne ich die sonder- und wunderbaren
Gerichte der strengen Gotteit sattsam in Untergang des Königreichs Prom. Ich
beseufze der Königin Tod, und beweine des Prinzen Fall: Die Götter werden es
künftig zu schicken wissen, dass dieses uralte Stammreich wieder durch einen
rechtmässigen Tronbesitzer dermaleinst beherrschet werde. Was aber die
Prinzessin von Pegu anbelanget, welche ich freilich zu erwürgen grausamen Befehl
empfing, so will ich aus heimlicher Hochachtung des werten Prinzen von Ava diese
erfreuliche Nachricht erteilen, in zuversichtlicher Hoffnung, es werde dieses
mein Vorbringen in Dero Herzen begraben sein, vielweniger deswegen durch sie mir
eine tödliche Ungelegenheit zugezogen werden. Sobald, sage ich, als ich den
Befehl vernommen, wie bereits Talemon erzählet, verfügte ich mich sofort mit
entblösstem Säbel, durch einen blutigen Streich die holde Seele von der mir
annoch unbekannten schönen Wohnung zu trennen. Aber, ach Himmel! indem ich meine
Faust zum Schlage aufhub, sah mich dieses englische Bild mit einem so anmutigen
und beweglichen Blicke an, dass ich, gleichsam vom Blitze gerührt, erstarret, und
mit aufgehobener Hand vor ihr stehen blieb. Ihre durchdringende Schönheit und
die benetzten Rosenwangen verwundeten mich weit mehr, als ich ihr zu tun
gedachte: und ich liess mich alsobald durch meine Gedanken überreden, auch durch
meinen Tod ihr Leben zu erhalten. Was sollte ich hierbei tun?« Kaum kunnte
Abaxar diese Worte endigen, so erhub sich in dem Schloss ein ungemeines
Getümmel, welches unsere redende Gesellschaft nicht wenig erschreckte.
Dannenhero Scandor sich sofort aus dem Zimmer begab, dessen Ursache zu
erforschen. Worauf er alsobald mit der leidigen Nachricht zurücke kam: Es sei
das ganze Schloss mit Soldaten umsetzet, ohne dass man wüsste, was ihr Begehren
wäre. Der Prinz, nicht anders meinende, denn es sei auf ihn gemünzt, und dem
Chaumigrem verraten worden, sprang aus dem Bette, warf seinen Japanischen Rock
um sich, und gürtete seinen Säbel mit diesen Worten um sich: »So soll der
Blutund nimmermehr die Seele des lebendigen Prinzen von Ava in seine Gewalt
bekommen, und dieser Säbel soll mir einen blutigen Tod von meinen Feinden
erzwingen.« Welche unbedachte Worte dem Abaxar die Augen eröffneten, dass er den
Prinzen sehen und erkennen kunnte, dannenhero er ihn also anredete:
»Durchlauchtigster Prinz, ich bitte mit kurzem um Vergebung wegen unterlassener
Ehrerbietigkeit gegen Dero hohe Person, worinnen mich meine Unwissenheit
entschuldigen wird. Inzwischen schwere ich bei allen Göttern, dass ich mich eher
in Stücken zerreissen als ein Haar von Dero Haupte krümmen lassen will. Was nun
Ihre Foderung sei, will ich persönlich vernehmen.« Nach welchen Worten er das
Zimmer verliess, und sich herunter zu den Soldaten verfügte. Sobald er sich aber
denselben genähert hatte, trat ein Hauptmann hinzu, und foderte den Säbel von
ihm im Namen des Kaisers, bei dessen Überlieferung der unglückselige Abaxar in
Ketten und Fesseln geschlossen, und also nach Pegu geführt ward. Weil nun
Talemon von erwähntem Hauptmann versichert wurde, er hätte keinen ferneren
Befehl, etwas von ihm zu fodern, als legte sich zwar das Schrecken bei allen,
das Mitleiden aber mit dem Abaxar wurde sowohl bei dem Prinzen als sämtlichen
heftig hiedurch erwecket: Noch mehr wurde in dem Prinzen ein grosses Verlangen,
die Ursache erwähnter Gefangenschaft zu wissen, entzündet: Und wie er sich durch
letztere unausgeführte Erzählung des Abaxars nicht wenig getröstet befand; also
bildete er sich nunmehr feste ein, seine geliebte Prinzessin sei noch im Leben.
    Warum aber Abaxar so unvermutet die Fessel küssen müssen, solches soll
hernach weitläuftig entdecket werden: inzwischen wenden wir uns zu der
verliebten Lorangy und dem geängsteten Prinzen. Die Sonne begunnte bereits ein
Teil ihrer Strahlen in die See zu verbergen, als die Glut der Lorangy erst
rechte Flammen fing, welche durch Herannäherung der Zeit, in welcher sie den
erwünschten Ausgang ihrer Liebe verhoffte, ungemein vermehret wurden. Die alte
Hassana hatte bereits zwei Pfaffen in ihrer Kammer verborgen, und Lorangy kunnte
kaum die Stunde erwarten, in welcher sie den Fuss in das Lager ihres geliebten
Fremdlings setzen sollte. Jedwede Minute dauchte ihr ein Monat zu sein, und alle
Augenblick sah sie durchs Fenster, wenn die Nacht, als eine Schutzgöttin der
Verliebten, anbrechen würde. Der Prinz quälte sich indessen mit Furcht und
Hoffnung aufs äusserste, mit Furcht, wie sein Anschlag mit Lorangy ablaufen, mit
Hoffnung, dass des Abaxars Gefängnis etwas Gutes bedeuten würde. Wegen dieses
wusste ihm Talemon sattsamen Trost einzusprechen, wegen jenes aber war Scandor so
beherzt, dass er dem Prinzen auf hundert Arten einen Mut machte, und ihn
versicherte, es sollte nach eigenem Verlangen ablaufen. Indessen dass sich der
Prinz mit Talemon unterredete, verfügte sich Scandor nach dem Frauenzimmer, zu
sehen, ob er von ihren fernern Anschlägen nichts erfahren könnte. Hier war nun
Scandor ein höchst angenehmer Gast, Lorangy wusste ihn seines Herrn wegen
dergestalt zu liebkosen, dass er sich im Ernst bestrickt fand, und sich heimlich
vor glückselig achtete, wenn er ein Besitzer dieser Freundlichkeit sein könnte.
Endlich war nun das bisher verhasste Tageslicht gänzlich verschwunden, und die
Finsternis versprach gnugsame Sicherheit zu ihrem Anschlage. Weil nun die
listige Hassana besorgete, Scandor dürfte, weil er nächst an des Prinzen Zimmer
lag, allzu sachte schlafen, und dahero einige Verhinderung verursachen, so musste
Lorangy den besten und stärksten Wein in geheim hervorlangen, und solchen dem
Scandor vorsetzen, in Meinung, er würde durch dessen häufige Geniessung in desto
stärkern Schlaf versenket werden. Da sich denn Lorangy erkühnte, seines Herrn
Gesundheit ihm fleissig zuzutrinken, und ob sie sich zwar allezeit die Hälfte
verschonte, so schien es doch, als ob sie sich vorgenommen, den Wein um guten
Mut zu bevorstehendem Werke anzusprechen. Wie nun der Wein ein sonderbarer
Liebesbalsam ist, also verspürte man hier auch nicht wenig dessen starke
Würkung; indem Scandor sich dermassen entzündet befand, dass er fast die
Trunkenheit seine Zunge übermeistern lassen, bis er endlich an den Prinzen
gedachte, und sich nach dessen Zimmer verfügte. Dieser erschrak nicht wenig, als
er den Scandor daumeln sah, und sich daher einen üblen Ausgang wahrsagte: als
er aber vernommen, wer ihn so fleissig zum Trunke ermahnet hätte, merkte er bald
ihre Arglistigkeit. Unterdessen hielt er den trunkenen Scandor noch eine ganze
Stunde auf, in Meinung, ihn durch die Zeit ein wenig den Rausch zu vermindern,
welches auch nicht vergebens war, und kam Scandor ziemlich wieder zu sich
selber; worauf ihn der Prinz mit bekümmerten Herzen verliess, und ihn beweglich
ermahnete, bei Vermeidung ewiger Ungnade, die Sache nicht zu verderben, noch
durch Unvorsichtigkeit einen übeln Ausgang zu verursachen. Welches Scandor feste
angelobete, und sich sehr vergnügt stellete. Die lauschende Lorangy hatte den
Prinzen kaum des Scandors Gemach betreten hören, und das ausgelöschte Licht in
dem Zimmer bemerket, so lief sie mit vollen Freudensprüngen nach der Frau
Kuppelmutter, welche sie entkleidete, und wie eine Braut, welche ihrem Bräutigam
zu erster Entblümung soll zugeführet werden, ganz weiss anzog. Inmittelst
schickte sich der nunmehr recht verliebte Scandor voller süssen Hoffnung und
angenehmer Gedanken, auch zur Ruhe, machte sein Lager zurechte, und weil er
solches zum Häupten etwas niedrig befand, legte er des Prinzen Japanischen Rock
unter den Kopf, leschte die Lampe aus, und legte sich in der Götter Namen
nieder, denen er, jedoch mit schwacher Stimme, folgendes Nachtliedgen opferte:
                                       1.
Hier kömmt Scandor, der Götter Affenspiel,
Und leget sich nieder;
Der jenen Tag ins tiefe Wasser fiel,
Der singet jetzt Lieder,
Und preiset der Götter verborgene Macht,
Dass sie ihn an den weichen Ort gebracht.
                                       2.
Hier liegt Scandor, doch nicht mehr in der Flut,
Und träget Verlangen,
Dass jenes Kind, zu stillen seine Glut,
Bald komme gegangen.
Es zappelt das Herze des Leibes an mir,
Und wünschet stets: ach wär ich bald bei dir.
                                       3.
Hier ruht Scandor, und weiss von keiner Ruh,
Ihn quälet das Plätzgen.
Sobald er drückt die matten Augen zu,
So küsst er sein Schätzgen.
Wenn aber das Schlafen die Augen verlässt,
So find ich nichts, als nur ein leeres Nest.
                                       4.
Hier weint Scandor um seine Jungferschaft
Mit lachendem Munde.
Er opfert dir der Jugend erste Kraft
Nach heiligem Bunde,
Er sorget und zweifelt, und wünschet dabei:
Dass, gleich wie er, Lorangy Jungfer sei.
                                       5.
Hier singt Scandor und ruft die Götter an,
Doch seiner zu schonen,
Dass er der Last nicht werde zugetan,
Unsichtbarer Kronen.
Er hat ja das Naschen sein Tage verhöhnt,
Darum so bleibt er billig ungekrönt.
                                       6.
Doch fleht Scandor: wo ich ja sonder Schuld
Den Orden soll mehren,
So gebt mir doch, ihr Götter, nur Geduld,
Auch andern zu lehren:
Dass jetzo die Hülfe der ehlichen Müh
Genennet wird: Es sei Galanterie.
                                       7.
Nun ruft Scandor: Lorangy komm, mein Schatz,
Und lass dich betrügen.
Ich mache dir im Herz und Lager Platz,
Mich an dich zu schmiegen.
So wird man, wirst du mich nicht heinte verschmähn,
In Jahresfrist drei junge Narren sehen.
    Worüber endlich Scandor mit einem tiefen Seufzer einschlief. Der Prinz hörte
dieses mit inniglichen Lachen, und wartete mit Verlangen, wenn Lorangy kommen,
und wie sie ihre Sachen angreifen würde, da er unterdessen keinen Schlaf in
seine Augen kommen liess. Diese kam erst nach Verfliessung einer Stunde in ihrem
weissen Nachtabit, eröffnete die Tür in aller Stille, und stellete sich zu den
Füssen des schlafenden Scandors, welcher seine sanfte Ruhe durch ein heftiges
Schnarchen zu verstehen gab. Wie nun eine heftige Liebe von steter Ungeduld
begleitet wird, also begehrte sie nicht sein Aufwachen zu erwarten, sondern
fühlte mit der Hand nach dessen Kopfe, um ihn durch einen Kuss zu ermuntern. Als
er aber durch solches Berühren erwachte, und der Wein den Wirbel noch nicht
allerdings verlassen hatte, kunnte er sich in der Eil nicht entsinnen, wo er
wäre, oder wo er läge? Und als er die weisse Gestalt der Lorangy vor sich sah,
auch zugleich die Hälfte der Spangen von dem zum Haupte gelegten Japanischen
Rocke sich in seinen Haaren dermassen feste verwickelt hatten, dass, wenn er sich
aufrichten wollte, ihn die Schwere des Rockes wieder niederzog; so meinte er
nicht anders, er sei mit Gespenstern umgeben, und der Teufel habe ihn schon beim
Kopfe. In welcher Meinung er sich nicht wenig bestärket fand, als er besanne,
wie er sich nicht so gar auf guten Wegen befände. Dahero er durch ein starkes
Schreien sein Schrecken dermassen bezeugte, dass ihn die ebenfalls erschrockene
Lorangy kaum befriedigen kunnte. In was vor Angst nun der Prinz hierdurch
gesetzet ward, ist unschwer zu vermuten: Angesehen der unbesonnene Scandor gar
leicht das ganze Wesen verderben, und sich selbst bei der Lorangy hätte verraten
können. Die verwirrete Lorangy aber fiel ihm endlich um den Hals, hielt ihm den
schreienden Mund mit beiden Händen zu, und verhinderte hiedurch selbst die
benötigte Erkenntlichkeit, bis endlich Scandor wieder zu sich selber kam, und
über sein Erschrecken erschrak, auch sich sofort fasste, und seine geliebte
Lorangy in aller Stille umarmete. Diese ersuchte ihn bald anfangs wegen
vorgeschützter Nachtkälte um einen kleinen Raum in dessen Lager, welches Scandor
abermals in möglichster Stille zuliess, auch, so er gleich zu reden gezwungen
ward, solches ganz sachte verrichtete, dass unmöglich ein Unterscheid der Stimme
kunnte bemerket werden. Mit einem Worte, Scandor bemühete sich äusserst, den
vorigen Fehler einzubringen, indem er auch nicht unterliess, die Haare, welche
ziemlich von dem Prinzen unterschieden waren, unter eine Schlafmütze zu zwingen,
und also durch Hülfe der Dunkelheit sich in allem dem Prinzen gleichförmig zu
machen. Kaum hatte er dieses verrichtet, und sich wiederum nach Bequemlichkeit
gelagert, so eröffnete sich die Türe, durch welche die alte Hassana zuerst mit
einer blinden Leuchte hineintrat, hinter ihr folgeten zwei Pfaffen, und nach
diesen schlossen zwei gewaffnete Kerlen mit blossen Schwertern in der Hand den
Reihen, welche die Türe hinter sich zumachten. Scandor sah dieses alles mit
zitterndem Herzen an, und wünschete sich weit darvon, denn er vermeinte, wo er
sich den Priestern zeigen sollte, so würde es sonder Zweifel über die unrechte
Person ausgehen. Lorangy aber, als sie dessen Furcht merkete, tröstete ihn auf
das anmutigste, mit angehängter Nachricht, dass, wo er nur in der Frau Mutter
Begehren und in ihre Liebe willigen würde, er ausser aller Gefahr sei. Der
besorgte Scandor steckte den Kopf unter die Oberdecke, und versicherte mit
leiser Stimme die Lorangy, er sehe wohl den Ausgang der Sachen, und wäre er zu
allem erbötig und bereit, er böte um der Götter willen, ihm nicht mit der
Leuchte zu nahen, noch ihn zu einiger sichtlichen Vorstellung zu veranlassen,
indem er sonst vor Scham sterben müsste, ja er würde das Gewähren dieser ersten
Bitte vor ein unfehlbares Zeichen ihrer Liebe erkennen. Als nun die Lorangy
sah, dass er befürchtetermassen sich ihrer Liebe nicht heftiger widersetzte, so
war sie hierüber ungemein vergnügt, versprach ihm solches mit einem Kuss, und
erwartete der Frau Mutter Annäherung mit Verlangen, welche sich mit der Leuchte
vor das Bette begab, und solche eröffnet hätte, wenn nicht die Lorangy durch
stetes Bedeuten gewinket hätte, dass die Sache nach Wunsch liefe, und man bei
dieser dunkeln Zusammenkunft keines Lichtes benötiget wäre. Hassana setzte zwar
endlich die Leuchte beiseite, jedennoch trat sie mit einer angemassten
Ernstaftigkeit und Unwissenheit vor das Bette zu ihren Füssen, und sagte: »Siehe
da, du schönes Paar, lasset ihr euch hier als die Kinder der Finsternis
betreten, und darf sich so ein Fremdling erkühnen, mein Haus zu entehren? Ist
dieses der Dank vor bisher erwiesene Wohltat und Beherbergung? Und du lüsterne
Seele, Lorangy, stehet das einem Fräulein wohl an, sich bei Nachtzeit zu fremden
Mannsbildern zu legen, und dir und uns allen einen solchen Schandfleck in unser
Geschlecht zu machen? Pfui! schämet euch beiderseits in eure Herzen! Ihr hättet
verdienet, dass ich euch anjetzo erwürgen, und zu einem Schauspiel morgen zu dem
Fenster heraushenken liesse, ja ich hätte Ursache, wunderlich mit euch zu
verfahren, wenn ich den Eifer über die Vernunft herrschen liesse: In Betrachtung
aber eurer zarten Jugend, welche sich die Wollust wie ein weiches Wachs leicht
einprägen lässet, und der Leitung ihrer hitzigen Begierden blind hinfolget, wie
auch der starken Liebe, welche jederzeit eine Schwachheit des Gemütes und ein
Fehler der Jugend gewesen ist; so trage ich vielmehr ein sonderbares Mitleiden
mit euch, und bin anjetzo bemühet, nicht allein vor Schimpf und Schande euch zu
bewahren, sondern auch den Anfang eurer Liebe durch priesterliche Hand zu
vollziehen, und euch auf ewig zu verbinden. Werdet ihr solche meine mütterliche
Vorsorge mit gebührendem Dank erkennen, euren Willen ohne einige Ausflucht dem
meinigen gleichförmig machen, und augenblicks den Schandfleck eurer Ehre durch
die geistliche Hand abwaschen lassen, so sollt ihr mehr als mütterliche Gnade
geniessen, und eurer Wohlfahrt kein Ende sehen. Sollte aber dieses sonnenhelle
Verbrechen etwan mit einiger Beschönigung oder Ausflucht zu bemänteln gesuchet,
oder auch meinem festen und wohlgemeinten Entschluss im geringsten widersprochen
werden; so schwere ich bei allen Furien, diese Schande soll mit eurem Blute
durch diese Schwerter getilget und gebüsst sein.« Auf welche Worte sich zu
jedweder Seite des Bettes ein Pfaffe und einer mit einem blossen Schwerte begab,
die Hassana aber fuhr in ihrer Rede fort, und fragte gleichsam die Lorangy
zuerst um ihre Bewilligung. »Lorangy«, sagte sie, »mein jederzeit lieb gewesenes
und gehorsames Kind! Entdecke mir ungescheuet, ob du es gestehest, dass du dich
die Liebe betören, und zu dieser nächtlichen und verdächtigen Zusammenkunft hast
verleiten lassen: und ob du dich bei mir wieder auszusöhnen entschlossen seist,
durch ein rechtmässiges Eheverbündnis deine Ehre zu retten?« - »Ja, von Herzen«,
antwortete Lorangy. Hierauf wendete sie sich zu dem Scandor, welcher sich
verstelleterweise aus Furcht der blossen Schwertern fast ganz unter die Oberdecke
verborgen hatte, damit ja kein Zeichen eines Verdachts möchte erblickt werden,
und redete ihn gleichfalls an: »Noch zur Zeit werter Fremdling! erkennet Ihr
gleichfalls Euer Verbrechen und die gegen dieses Haus erwiesene Undankbarkeit.
Wollet Ihr aber auch dieses Laster ersetzen, Euch der Ehre unserer berühmten
Freundschaft teilhaftig, und dieses mein liebstes Kind durch priesterliche Hand
verbündlich machen, so soll alles in Vergessen gestellet, und Eure Bewilligung
durch ein deutliches Jawort von Euch erwartet sein.« Welches Scandor mit einem
leisen Ja beantwortete, und zwar so leise, dass gleichsam Lorangy der Widerschall
sein, es unter dem Bette hervorholen, und der Mutter völlig entdecken musste. Auf
diese gewünschte Erklärung hiess sie die Bewaffneten einen Abtritt nehmen, sie
aber setzte sich auf einen Stuhl, und weil sie sonder Zweifel zuvor auf
glücklichen Fortgang dieser Heirat allzuviel Bescheid getan, so gab sie das
übrige durch die Querpforte ihrer weiblichen Beredsamkeit in ziemlicher Menge
wieder von sich, angesehen sie ohnedies eine ziemliche Liebhaberin übriges
Trunkes war. Die Pfaffen, welche gleichfalls ihre nasse Freigebigkeit mochten
genossen haben, daumelten hin und wider, also, dass Scandor von diesen wohl wäre
unerkennet blieben, wenn er nicht ein scharfes Auge von der Lorangy befürchtet
hätte. Weil aber auch diese vor Liebe blind zu sein schiene, so hatte er
destoweniger Sorge wegen seiner Erkenntnis vonnöten. Inmittelst befahl die
erleichterte Frau Mutter denen Pfaffen ihr Amt zu verrichten, und sich nichts
verhindern zu lassen. Welches sie auch sofort bewerkstelligten, und mitten in
dem Zimmer ein kleines Feuer zubereiteten, welches Homam genennet, und vom Holze
des Baums Rawasitton angezündet wird. Dieses Feuer ist ein Zeuge der Ehe, über
welches die Pfaffen einige Gebete sprachen. Hernach nahm jedweder Bramin oder
Pfaffe drei Hände voll Reis, und gaben sie dem Scandor und der Lorangy, welche
solchen einander auf ihre Häupter werfen mussten, welches denn dem Scandor
trefflich ungelegen war, weil er sich vor dem Widerschein des angezündeten
Feuers als vor einem Verräter fürchtete. Nach dieser Verrichtung mussten sie die
Füsse aus dem Bette strecken, und solche von dem Pfaffen waschen lassen, worzu
Hassana, als der Braut Mutter, Wasser aufgoss. Hierauf nahm Hassana der Lorangy
Hand, und legte sie dem Scandor in seine Hand mit diesen Worten: »Ich habe
weiter nichts mehr mit dir zu tun, und übergebe sie Euch.« Worauf beide Hände
von einem Pfaffen durch ein Schnürgen, woran ein güldenes Haupt eines Abgottes
war, welches Tali genennet wird, zusammengebunden wurde. Dieses Tali oder
Schnürgen nun machet, sobald der Knoten zu ist, das Band der Ehe feste, und
ausser diesem Tali ist die Ehe unkräftig. Als hierauf noch einiger Segen und
Glückwunsch über beiderseits neue Eheleute gesprochen worden, leschten sie das
Feuer wieder aus, und verliessen diese beide in einsamer Finsternis, welche wir
auch in ihrer Folgerung ein Weilgen nicht verstören wollen.
    Hassana vermeinte nun durch ihre Klugheit den Kranz von allen listigen
Weibern davonzutragen, und bildete sich ein, als ob sie einen grossen Fisch
gefangen hätte, begab sich in solcher Einbildung zu Bette, und erwartete mit
halbschlafenden Augen des anbrechenden Morgens. Der Prinz aber, welcher jedes
Wort deutlich vernehmen können, dankete den Göttern innigst, dass sie diese
Gefahr so gnädig abgewendet, und die listige Verstellung mit erwünschtem
Fortgange beseliget hätten: bat auch zugleich um einen glücklichen Ausgang der
Sache, und legte sich auf des Scandors Lager zur Ruhe. Kaum hatte die Morgenröte
den Aufgang der Sonnen verkündiget, so verliess Hassana ihr Lager, weckte ihren
Liebsten, wie auch die entschlafenen Pfaffen und andere, soviel ihrer in dem
Schloss waren, auf, und foderte sie in ein Zimmer zusammen, welche wegen grossen
Verlangens, ihr Vorhaben zu erfahren, willigst erschienen. Hier entdeckte sie
nun dem Talemon und andern ihre nächtliche Verrichtung mit sonderbaren Worten:
»Liebster Ehschatz«, sagte sie, »sämtliche Anwesende! Dass der beste Kern
höchster Weisheit nicht allzeit bei klugen Männern, sondern vielmehr in dem
Gehirne vernünftiger Weiber beruhe, solches muss ich, sonder Ruhm durch meine
eigene Person beweisen. Ich entröte mich nicht zu sagen, dass, wo hundert Männer
nicht zu raten vermögen, da sei eine einzige Frau klug genug, ihren Zweifel
durch erspriesslichen Beirat und Anschlag sattsam aufzulösen. Diesemnach muss ich
euch nur klagen, wie sich unsere Lorangy, welche sonst jederzeit ein Spiegel der
Keuschheit und ein Ebenbild meiner Tugend gewesen, gleichwohl sich auf das Eis
der Liebe gewaget, und darauf nicht wenig geglitten, nämlich sie hat sich die
annehmliche Gestalt unsers fremden Gastes dermassen gefallen lassen, dass sie sich
nicht gescheuet, hinter mein Wissen und Willen ihre Liebe demselben bei
nächtlicher Weile zu offenbaren, und ihn auf seinem Lager heunte zu besuchen.
Dass nun diese Zusammenkunft ohne einigen Nachteil ihrer Ehren sollte abgelaufen
sein, solches wird kein Verständiger, geschweige dieser, welcher die Macht der
Liebe empfunden, davorhalten. Was war nun hierbei zu tun? Ein hitziger Mannskopf
würde alsobald mit Eisen und Stahl solche heimliche Liebe bestraft haben, weil
er in Eil kein ander Mittel, die Ehre seines Hauses zu retten, würde gewusst
haben. Was tat aber die kluge Hassana? Sie nahm den von den Göttern verliehenen
Verstand zusammen, schickte bald nach diesen zwei ehrwürdigen Braminen, und
begab sich in aller Stille nebst gegenwärtigen zwei Hausknechten, welche mit
blossen Schwertern benötigte Furcht einjagen mussten, nach dem Schlafzimmer. Hier
fanden wir nun das liebe Paar in eingebildeter Vergnügung gar sanfte ruhen, und
weil sie sich dermassen betreten sahen, so fleheten sie mich um Gnade an, und
übergaben alles meinem Willen. Wie nun dieser Ehrenverlust nicht anders denn
durch eheliches Verbündnis kunnte ersetzet werden, als liess ich sie sofort durch
das heilige Tali binden, und sie alsdenn als rechte Ehleute das Recht der Liebe
vollziehen. Dass auch diesem also sei, und es auf begebenden Fall an nötigen
Zeugen dieser Heirat nicht ermangele, so werden nicht allein gegenwärtige
Braminen und Hausknechte, als lebendige Zeugen sich jederzeit erkennen: sondern
ihr werdet euch allerseits belieben lassen, mir zu folgen, und die Wahrheit
meiner Worte aus dem Augenschein erkennen.« Talemon wusste nicht, ob er wachte
oder schliefe, oder ob seine Frau gar mit einiger Zauberei umginge. »Wie?« sagte
er bei sich selbst, »sollte sich der so tugendhafte Prinz so schändlich
vergangen haben? oder ist er gar durch einige Gewalt beleidiget und gezwungen
worden, welches mir doch seine bekannte Herzhaftigkeit und ungezwungene Grossmut
gewaltig widerspricht.« Solches nun desto gewisser in Erfahrung zu ziehen, so
verfügte er sich mit seiner Frauen und sämtlichen Anwesenden nach des Prinzen
Zimmer, in welches sie unverhindert hineintraten. Wie Scandor damals mochte
zumute sein, als er sollte erkannt werden, solches ist nicht wohl fürzustellen,
als wer etwan auf fast gleiche Art jemals ertappet worden. Weil aber die
verhangenen Fenster den Einbruch des Morgenlichts noch ziemlich verhinderten, so
wurde er nicht alsobald erkennet. »Guten Morgen«, hub die alte Hassana an, »was
hat dem Herrn Sohne geträumet? vielleicht vom Kriege. Wie ist aber derselbe
abgelaufen? und welchem Teile soll man den Sieg zuschreiben?« »Werteste Frau
Mutter«, erkühnete sich endlich Scandor zu antworten, »ich bin überwunden, teils
durch Vergnügung: teils durch allzugrosse Gütigkeit derselben, dass sie mich eines
so angenehmen Glückes haben wollen fähig, und mich hiervor ewig verpflichtet
machen«. Weil nun ihr die Stimme etwas veränderlich vorkam, als befahl sie, die
Fenster zu eröffnen, wodurch denn der neue Bräutigam von allen vor den Scandor
erkennet und angesehen wurde. Hier lag nun der ehrliche Scandor und wendete sich
mit verliebten Augen nach seiner vertrauten Lorangy, welche aber vor grossem
Erschrecken, sobald sie ihn recht angeschauet, in blossem Hemde aus dem Bette
sprang, und sich hinter einige Tapeten versteckete. Hassana war dermassen
bestürzt, dass sie sich ohn einiges Wortsprechen auf den Stuhl, vor welchem noch
ihre Gegenwart zu verspüren war, niedersetzte, und eine geraume Zeit mit starren
Augen sitzen blieb. Talemon begab sich zu dem Scandor, und setzte ihn zur Rede,
was ihn bewogen hätte, ein solches nachteiliges Gaukelspiel anzufangen? Dieser
entdeckte ihm hierauf heimlich die ganze Sache, vom Anfange bis zum Ende,
wodurch er ganz begütiget ward, und sich zu seiner Frauen mit diesen Worten
wendete: »Ist dieses nun der treffliche Beweis weiblicher Klugheit? und sind
dieses die Früchte deines überklugen Anschlages, dass du dich mit sehenden Augen
verblenden lassen? Von dieser Weisheit halte ich nicht viel, besondern ich würde
dich vor viel gescheiter achten, wenn du zu geschehenen Sachen das Beste reden,
und dich klüglich begreifen würdest, dass nichts von den Göttern ohngefähr
geschehe. Zudem ist auch dieser Mensch unserer Pflegetochter wohl würdig, als
welcher ihr am Geschlechte und Stande nichts nachgibet, am Vermögen aber weit
vorgehet. So fasse dich demnach, und gönne ihm sein Glücke, welches du ihm
selbst zugeführet, und er mit Dank erkennet.« Inmittelst hatte sich Scandor
unvermerket in des Prinzen Japanischen Rock geworfen, also, dass er bekleidet
aufstehen kunnte, dannenhero er sich sofort nach der Hassana wendete, und vor
ihr auf die Knie mit folgenden Worten fiel: »Werteste Frau Mutter! wo jemals ein
gehorsamster Sohn von einer gütigen Mutter was erlangen können, so bitte ich
inständigst, mir dasjenige, was mir die Götter nicht missgönnen, zu erlauben, und
versichert zu leben, dass ich lebenslang diejenige Hand, welche mir meine
innigstgeliebte Lorangy zugeführet und übergeben, ehrerbietigst küssen werde.« -
»Was zugeführet?« fuhr ihn Hassana an, »Ihr werdet mich vor eine Kupplerin
ausschreien.« - »Nein, liebste Frau Mutter«, versetzte Scandor, »sondern die
Götter haben sie mir durch ein gütiges Verhängnis zugeführet. Ich bitte aber
nichts mehr, als Dero heintige Bekräftigung nicht allein gültig, sondern auch
stetswährend und geneigt verbleiben zu lassen.« Womit er zugleich ihre Hand
küssete, und, weil sie sah, dass es nicht zu ändern stund, sich endlich durch
solche Schmeicheleien bewegen liess, dass sie aufstund, und sagte: »Der Götter
Wille sei mein Wille; verhaltet Euch nur, wie sich's geziemet, so soll mir auch
dieser Irrtum gefallen.« Nach welchen Worten sie der Lorangy ihre Kleider hinter
die Tapeten brachte: und als sie ingeheim mit ihr geredet, und verstanden, dass
sie endlich wohl zufrieden wäre, weil sie es vor eine sonderliche Schickung des
Himmels hielte, angesehen alle persönliche Liebe eine Einbildung wäre, derer
Würkung doch auf eine Gleichheit hinausliefe: so brachte sie sie endlich hervor,
führte sie mit häufiger Schamröte zu dem Scandor, und übergab sie ihm nochmals
mit den freundlichsten Worten, welcher sie auch mit verpflichtesten Dank annahm.
Als nun der Prinz mit erfreuetem Herzen den guten Ausgang mit anhörte, so wagte
er sich endlich hervor, und setzte die Hassana und Lorangy fast in eine neue
Bestürzung durch den Eintritt ins Zimmer, welche ihn anzureden nicht vermochten.
Der Prinz aber kam ihnen zuvor, und sagte: »Werteste Freundinnen, Sie werden
keinen Widerwillen wegen vorgegangenen Irrtums auf mich werfen, welchen ich,
weil ich bereits verheiratet, mit gutem Vorbedacht also angestellet. Damit Sie
aber ein Zeichen meiner sonderlichen Vergnügung über diese getroffene Heirat von
mir sehen mögen, so werden sie dieses wenige mit erkenntlichem Herzen von mir
annehmen, und sich dabei versichern, dass dieses Verbindnis gewiss zu allseitiger
Vergnügung ausschlagen wird!« Womit er zugleich einen schönen Ring der Lorangy
an den Finger steckte, der Hassanen aber ein zierliches Kleinod überreichete,
worüber sie noch bestürzter wurden, und etwas Vornehmes aus dessen Person wegen
sotaner Freigebigkeit schlossen, dahero sie beiderseits vor Scham kein Wort
vorbringen kunnten, weil sie wohl wussten, dass der Prinz um ihren Anschlag
vollkommene Wissenschaft hatte. Talemon vertrat hierauf ihre Stelle mit
gebührendem Danke: Scandor aber führete seine neue Liebste voller Vergnügung aus
dem Zimmer, und verliessen den Prinzen.
    Von dieser verwirreten Hochzeit wenden wir unsere Augen nach dem hart
gefangenen Abaxar, welcher bei seiner Ankunft in Pegu in ein tiefes Gefängnis
geleget ward. Dessen Ursach nun genauer zu erkundigen, sich Talemon nach Pegu
verfügte, und daselbst umständlichen Bericht von seinem Sohne empfing; solches
verhielt sich aber folgendergestalt: Wie Abaxar vorerzähltermassen sich die
Schönheit der Prinzessin dermassen hatte bezaubern lassen, dass er nicht allein
gleichsam vor ihr erstarret, sondern auch den Mordbefehl an ihr eigenhändig zu
vollziehen nicht vermocht, so fasste er in der Eil einen kurzen Entschluss,
wendete vor, es sei allzu schändlich, eine kaiserliche Prinzessin vor den Augen
der noch nicht gekühlten peguanischen Gemüter hinzurichten, und befahl, sie in
sein nächstgelegenes Haus zu führen, und in dem innern Hofe den Befehl an ihr zu
vollstrecken. Sobald sie dessen Haus betreten, liess Abaxar eine Sklavin in ihrer
Lebensgrösse herzuführen, welche der Prinzessin Kleider anlegen, und den Kopf im
Augenblick verlieren musste: den Körper aber dieser unglückseligen Sklavin liess
er ohne Kopf auf offenen Markt hinwerfen, welchen jedermann vor die entseelte
Prinzessin hielte: Die Prinzessin wurde immittelst in einem geheimen Zimmer
verwahret, bis die Götter einige Sicherheit verleihen würden, sie an einen
unbesorgten Ort zu führen. Erwähnte Sklavin aber hatte noch eine Schwester im
Leben, welcher der Tod ihrer so nahen Freundin dermassen zu Herzen ging, dass sie
der Prinzessin daher entsprossene Lebensrettung wenig oder gar nichts
beherzigte, ob sie gleich nicht allein von dem Abaxar freigesprochen, sondern
auch ansehnlich deswegen beschenket worden. Weil nun unter des Tyrannen
Frauenzimmer ein Fräulein von Anseda dem Abaxar mit ungemeiner Liebe zugetan
war, und doch nicht das geringste Zeichen einiger Gegenliebe geniessen kunnte, so
war ohnedies ihre halbverzweifelte Liebe auf eine harte Rache bedacht gewesen.
Hierzu bekam sie erwünschte Gelegenheit, als sie durch den verräterischen Mund
der Sklavin das Leben und den Aufentalt der Prinzessin Banise vernahm, und gab
sie derselben einig und allein die Hinderung ihrer Liebe schuld: weswegen sie
denn solches alsobald dem Rolim entdeckete, und dadurch sich sattsam zu rächen
verhoffte. Dieses schlug ihr auch nicht fehl, indem es der Rolim auf eine
sonderbare Art vorzubringen wusste, wodurch die Verräterin verborgen bliebe. Denn
wie die grössten Tyrannen jederzeit mit der grössten Furcht umgeben sind, und sie
auch ein rauschendes Blatt in den Argwohn einiger Drohung ziehen: also war auch
Chaumigrem hierinnen nicht wenig sorgsam. Dannenhero suchte er sich nach so
grausamen Mordtaten wiederum beliebt zu machen, bevoraus war er begierig, die
Gemüter zu erforschen, und was vor Urteile insgemein über sein Beginnen gefället
würden. Solches verhoffte er zum Teil aus dem Ponnedro, welchen er sich
vermeinte verbündlich gemacht zu haben, zu erfahren, und liess ihn eben an diesem
Tage, an welchem Abaxar den Prinz Balacin besuchte, in den hohen Rat, in welchem
sich zugleich der Rolim, und der bramanische Feldherr Martong befand, erfodern,
gegen welche Chaumigrem seine Tyrannei mit weitläuftigen prächtigen Worten zu
beschönen, und die Ursache solcher blutigen Staatsbefestigung zu entdecken
wusste. »Wir meinen«, hub er an, »dass, wo unsere Wohlfahrtslilien am besten
blühen sollen, man notwendig die Felder mit des Feindes Blute düngen, und wo wir
unser Reich befestigen wollen, man die Stufen zum Trone durch feindliche
Leichen bauen müsse. Dieser vom Blut annoch rauchende Säbel«, womit er zugleich
seine Hand an den Säbel legte, »gibet der tapfern Faust sattsames Zeugnis, wie
erwünscht nunmehro das Verlangen eines tron- und kronbegierigen Herzens von ihr
erfüllet sei. Brama nennet uns seinen Erbherrn, Pegu küsset uns als Überwinder,
Siam und Ava erzittern vor diesem siegreichen Stahl, ja ganz Indien windet
bereits Lorbeerkränze, uns als einen Beherrscher ganz Asiens fussfällig zu
beehren, sobald nur unser mächtiger Fuss die Grenzen berühren wird. Solchen
herrlichen Sieg nun hat unsere Tapferkeit, die Sicherheit aber und Erhaltung des
eroberten Trons die höchstbenötigte Unbarmherzigkeit zuwege gebracht. Denn
euch, o ihr Götter, danken wir billig, dass ihr unser Herze von Stahl und unsere
Seele unempfindlich erschaffen habet. Gewiss, die Bestrafung des Reiches
Martabane, die rechtmässige Ausrottung des peguanischen Stammes und die letztere
Rache an der Stadt Prom ist uns die schönste Augenlust und das Wehklagen der
Alten ein erfreulicher Spott gewesen. Ja es kunnte uns auch sogar nicht die
Schönheit so vieler Weiber und Jungfrauen, vielweniger das Winseln und Schreien
der kleinen Kinder bewegen, dass wir uns vielmehr die Beschleunigung ihres Todes
deswegen gereuen lassen, weil wir unsern Augen die Vergnügung an ihrer Qual
allzu geschwinde entzogen hätten. Welches wahrlich eine recht königliche Grossmut
zu nennen ist. Diese Staatsregul hat uns der Himmel eingepflanzet, dass man eine
Krone zu erwerben, oder einen Tron zu erhalten, seine Zähne in das väterliche
Herze setzen, und auch der mütterlichen Brust nicht verschonen müsse. Ja, seine
Hände in der Brüder Blut zu waschen, sei eine erspriessliche Notwendigkeit. Hier
muss man die Barmherzigkeit bei den Tigern suchen, und die Gnade bei unsern
Nachbarn, den Batacchi1, entlehnen. Mord, Brand, Galgen, Spiess und Schwert sind
die besten Tronstützen. Ein toter Hund und ein entseelter Feind haben gleiche
Macht zu beleidigen. Jedoch, werte Getreuen! sollt ihr nicht wähnen, als ob
dieser Ruhm rechtmässiger Rache etwan aus einem allgemeinen Hass gegen dieses
Reich Pegu seinen Ursprung nähme: Nein, keinesweges; sondern wir wissen uns gar
wohl zu bescheiden, dass bei anfangender neuen Regierung eine durchgehende
Gütigkeit erfordert werde, welches wir auch ziemlich vermeinen erwiesen zu
haben, wenn wir viel eingeborne Peguaner, in Beförderungen hoher Ämter, andern
vorgezogen, ja unter andern Euch, Ponnedro, unser liebstes Frauenzimmer
anvertrauet haben. Lasset Euch dieses bewegen, die angehende Sonne anzubeten,
und der untergangenen zu vergessen: so soll unser Gnadenstrahl das Reich Pegu in
erwünschten Wohlstand und Frieden setzen. Inmittelst eröffnet uns doch freimütig
Eure Meinung, ob wir das Schwert auf einige andere Art hätten führen können oder
sollen? und ob uns nicht der Titul eines edlen und grossmütigen Überwinders mit
Recht gebühre?« Diese gefährliche Frage zu beantworten, sollte nun Ponnedro auf
sich nehmen, welcher sich aber mit diesen kurzen Worten loszuwickeln vermeinte:
»Unüberwindlichster Monarche! Geringe Sterne können nicht von der Sonnen ein
Urteil fällen, und denen Menschen ist es nicht erlaubt, die Götter zu tadeln.«
Allein er fand sich ziemlich betrogen, indem ihm Chaumigrem noch ferner mit
diesen Worten zusetzte: »Durch bessere Entdeckung Eures Gemüts geschiehet unserm
Befehl ein Genügen.« Ponnedro war zeit seines Lebens nicht in grössern Ängsten
gewesen, und weil er sich nicht hierauf unverfänglich zu antworten getraute, so
versuchte er nochmal durch eine demütige Entschuldigung, sich zu entledigen,
indem er sagte: »Die untertänigste Pflicht, welche mir verbeut, einige unzeitige
Meinungen beizubringen, wird meinen Ungehorsam entschuldigen, und meine
schuldigste Ehrerbietung leget mir den Finger auf den Mund.« Aber auch dieses
wurde nicht angenommen, sondern vielmehr Chaumigrem zu diesen harten Worten
veranlasst: »Ihr werdet durch Euer ferneres Verweigern unser gnädiges Begehren
in einen zornigen Befehl verwandeln. Denn wir begehren ausdrücklich von Euch zu
vernehmen, was Ihr und das Reich Pegu von unserm Verfahren vor Gedanken und
Meinungen schöpft. Wir versichern Euch, es soll alles in Gnaden aufgenommen
werden.« Als nun Ponnedro solchen Ernst sah, und wohl wusste, wie wenig mit dem
Tyrannen zu scherzen wäre; so fassete er endlich einen Mut, und gab folgende
Antwort: »Grossmächtigster Kaiser und Herr! Der Götter Gerechtigkeit ist
unerforschlich, und also bemühet man sich nur vergebens, dem Geheimnisse des
wundervollen Schicksals nachzugrübeln: warum es dem grossen Gott der tausend
Götter gefallen hat, den so alten und mächtigen Kaiserstamm von Pegu in den Sand
eines blutigen Vergessens zu verscharren, und die Stelle des verblassten Sternes
mit einem hellen und tapfern Jove zu ersetzen. Gleichsam des Reichs Gedanken zu
eröffnen; so ist zwar solches wegen bekannter Unwissenheit ein unmögliches
Wesen, indessen aber zwinget mich doch schuldigster Gehorsam, dies, was die
aufrichtige Mutmassung erlaubet, kürzlich anzudeuten. Wir Peguaner haben
jederzeit das Gebot der Götter, welches uns anbefiehlet, die vorgesetzte
Obrigkeit zu ehren und zu lieben, in hohen Ehren und genauer Beobachtung
gehalten. Dahero wir denn auch der blutig untergegangenen Sonnen die nächste
Ehre nach den Göttern gewidmet, und unser Gut und Blut vor Dero Wohlfahrt
dargestrecket haben. Nachdem es aber den Göttern beliebet hat, diesen
Staatshorizont durch ein ander hohes Licht zu erleuchten, so können wir nicht
anders, wo wir wahre Nachbarn der Weisheit sein wollen, verfahren, als dass wir
der genossenen Wärme im besten gedenken, und die aufgehende Strahlen anbeten,
zuversichtlichster Hoffnung lebende, unsere hohe und neue Reichssonne werde uns
dermassen zu bestrahlen wissen, dass wir mehr Ursache, Dero erwärmende Sanftmut zu
rühmen, als über allzu grosse Hitze zu klagen haben werden.« Welche wohlgesetzte
Meinung dem Chaumigrem sehr wohlgefiel, und zwar dermassen, dass er den Ponnedro
auf die Achseln klopfte, und zu ihm sagte: »Wir lassen uns dieses gnädigst
gefallen, und werden dieses Reich jederzeit mit reichlichen Gnadenstrahlen zu
erhellen wissen, solange uns kein Nebel des Ungehorsams oder Widerspenstigkeit
zu einiger Finsternis Gelegenheit geben wird. Inzwischen«, fuhr der
wissensbegierige Chaumigrem fort, »möchten wir wissen, weil wir gleichwohl bei
Eroberung dieses Reichs keinen Umgang nehmen können, uns des Schwerts und Feuers
sowohl gegen Herr als Untertan zu bedienen, ob nicht etwan dieses bei dem Volke
einen Hass wider uns möchte verursachet haben, und ob wir auch ein
zuversichtliches Vertrauen in Fall der Not in sie setzen dürften.« Ponnedro
hatte bereits einen Mut gefasset, dannenhero er auch bald mit dieser Antwort
fertig war: »Gn. Herr und Kaiser! Es weiss schon ein jeder, wenn sich grosse
Herren raufen, dass die Untertanen ihre Haare darzu hergeben müssen, und wenn
gekrönte Häupter Nüsse aufbeissen wollen, so muss es mit den Zähnen der Untertanen
geschehen.« Auch diese Antwort wurde von dem Chaumigrem gnädig angenommen,
wiewohl er nichts mehr als dieses darauf antwortete: »Wir verstehen schon Eure
Meinung.« Von diesem nun kam er mit dem Rolim zu reden, und begehrte auch seine
Meinung hierüber zu vernehmen, wenn er ihn also anredete: »Alter Vater, Ihr
werdet als ein gewidmeter Oberpriester der Gotteit dieses Reiches uns
aufrichtigst entdecken, worinnen wir zu viel oder zu wenig getan, und welcher
Grund zu den Säulen dieses Trons zu erwählen sei?« Diese weit aussehende Frage
zu beantworten, wollte anfangs der Rolim in einiges Bedenken ziehen, jedoch liess
er sich endlich mit diesen etwas weitschweifigen Reden vernehmen: »Ich wünschte
zwar«, sagte er, »mit der Beantwortung dieser hochwichtigen Frage verschont zu
bleiben, angesehen solche besser im Staatscabinet als in der Sakristei kann und
soll erörtert werden; zumal auch ein geistlicher Rat in politischen, ich will
nicht sagen geistlichen Sachen, bei unsern Höflingen mehr Spott und Verachtung
als schuldige Folge nach sich ziehet: Jedoch mein Gewissen zu befreien, so muss
ich meine Gedanken ungescheut eröffnen, und bekennen, dass E.M. nichts anders
denn eine feurige Rute der Götter sei, womit dieses Reich um seiner Sünden
willen heimgesuchet, und der unglückselige Stamm des Xemindo gänzlich
ausgerottet worden. Solches nun wolle E.M. ja nicht eigner Macht noch Tapferkeit
zuschreiben, sondern vielmehr wissen, dass Gott und das Verhängnis dieses Schwert
oder Rute als mächtige Hände regieren. Die Worte in dem abgefasseten Urteil zu
Martabae, welche sagen: Jedermänniglichen sei kund dies Bluturteil, welches der
lebendige Gott verhänget; entdecken öffentlich, wer es sei, der diese grausame
Schlachten Eurer Hand erlaubet. Xemindo würde sich gewiss bei vorigem Zustande
nichts haben nehmen lassen: Und schiene es vor menschlichen Augen unmöglich zu
sein, dass er durch die anfangs schwach scheinende Waffen von Brama dermassen
sollte gestürzet, ausgerottet, und so reichs- als lebens-verlustig gemacht
werden. Xemindo, ja Xemindo, das unglückselige Beispiel aller Regenten, ist der
Spiegel, welchen die Zeit und das Verhängnis E.M. vorhalten, sich darinnen wohl
zu besehen, und zu bedenken: das Glück sei eine Tochter des Schicksals, um
welche man zwar freien, nicht aber sich vermählen könne. Denn wer die ewige
Beweglichkeit der Winde stillen, den Monden mit der Hand begreifen, und das
wandelbare Glück zum Stande bringen will, der tut einerlei und verlorne Arbeit.
Zudem ist keine Art des Glückes dem Unbestande mehr unterworfen, als die
gekrönte Glückseligkeit, wo eine gählinge Erhöhung vorhanden, auf welche
gemeiniglich eine gähe Stürzung erfolget. Ihr. Maj. stellen sich zu einem klugen
Sinnenbilde vor Augen das Tier Hyaena oder Vielfrass, welches an den Totenbeinen
naget, unversehens aber von einem grausamen Drachen ergriffen und verschlungen
wird, welchen Drachen zuletzt der Himmel durch einen Strahl verzehret: so werden
Sie nach angeborner Scharfsinnigkeit in Deutung leicht zu erraten, und sich vor
deren Erfüllung weislich zu hüten wissen: Soll nun solches klüglich ins Werk
gerichtet werden, so muss man weder eine durchgehende Dienstbarkeit, viel weniger
eine völlige Freiheit einführen. Vor allen Dingen muss man zusehen, dass man sich
weder verhasst noch verächtlich mache. Den Hass kann man von sich lehnen, wenn man
die angefangene Strengigkeit in eine schleunige Gnade und Güte verwandelt, die
Gemüter durch allerhand Wohltaten an sich ziehet, und der Untertanen Schweiss und
Blut nicht allzu begierig an sich saugt, sondern vielmehr ihnen einen Teil
erlässt. Für der Verachtung aber kann man sich hüten, wenn man männiglich zu
verstehen gibet, wie dass man sich diesfalls weder verführen noch betrügen lasse,
sondern vielmehr in Ratschlägen verständig und in Vollziehung wichtiger Sachen
beständig sei.«
    Welche etwas freimütige Rede den Chaumigrem einigermassen verdross, und
dannenhero es auf widrige Art auslegte, sagende: »Wohl! Eure Meinung pflichtet
der unsrigen bei, und weil uns die Götter einmal zur Rute dieses Reichs erkoren,
so wollen wir unser Strafamt auch redlich verrichten, solange dieser Arm den
kalten Stahl in der Peguaner Blute erwärmen kann.« - »Durchaus ist dieses meine
Meinung nicht«, erwiderte der Rolim, »sondern es ist vielmehr den Göttern zu
danken, dass sie nunmehr die völlige Eroberung dieses Reichs durch Dero Armen
glücklich vollbringen lassen. Und nachdem der Xemindische Stamm durch völlige
Ausrottung sattsam gezüchtiget worden, so ist fortin der Götter ernstlicher
Befehl, nach so grausamer Bestrafung des Hirtens der armen Schafe zu verschonen.
Worüber wollen denn I.M. das Szepter führen, wenn Sie sich selbst der Untertanen
berauben, und das Schwert in eignen Adern wüten lassen wollen. Alle
Herrschaften, darinnen man allzuviel Schärfe brauchet, bestehen nicht lange.
Denn welchen man zuviel fürchten soll, den hasset man, und welchen man schon
hasset, der sollte viel lieber tot denn lebendig sein. Wo Recht ist, da muss auch
Gnade sein: Diese beiden zieren einen Monarchen, wie Sonn und Mond den blauen
Himmel, und hierdurch kann er nur den Göttern am nächsten kommen.« - »Verflucht
sei aber die allzu grosse Gütigkeit«, erwiderte Chaumigrem ganz zornig, »welche
den eignen Fall befördern kann. So schneide und brenne man denn so lange, bis
der Staatskörper frisch Geblüte von sich gibet.« - »Beide müssen gemässiget
sein«, wollte ihn der Rolim besänftigen, »doch hat die Gnade den Vorzug, wo etwa
ein Überfluss sollte begangen werden. Zudem ist auch ein Regente an die Gesetze
gebunden, dass er nicht allentalben frei zu verfahren hat.« Durch welche Worte
sich Chaumigrem ziemlich beleidiget fand, und dannenhero seine Ungeduld deutlich
merken liess. »Vermaledeiet sei das Gesetze«, hub er an, »welches die Macht eines
freien Königes einzuschränken sich bemühet. Ratio status ist die einzige
Richtschnur grosser Herren, und hat die Gerechtigkeit zur Stiefschwester.« Der
Rolim wollte jedennoch sein geistliches Ansehen behaupten, und hielt ihm
ungescheut das Widerspiel. »Dem gekrönten Haupte«, fuhr er ferner fort, »stehet
es sehr wohl an, wenn es seinen Szepter nach dem Winke der Gesetze und Rechten
führet. Denn, wo sich ein Reich in beglücktem Wohlstande befinden soll, so muss
Herr und Untertanen denen Rechten verpflichtet sein, obzwar jedes in
umschränkter Masse. Ratio status aber ist hingegen die verdammte Ratgeberin, dass
man weder Vater noch Mutter, weder Kinder noch Geschwister, weder Treu noch
Glauben, weder göttliches noch weltliches Gesetze verschonet, sondern durch
List, Falschheit und Tyrannei alle Rechte unterdrucket, die Untertanen ins Elend
stürzet, sich aber selbst ein erschreckliches Ende auf den Hals zeucht.« - »Was
Rechte? Was Treu und Glauben?« endigte Chaumigrem diese Rede, welche ihm gar
nicht anständig war; »wenn wir durch solche Gelegenheit dem Volke das Schwert in
die Hand geben, uns den Hals zu brechen, so seid Ihr alsdenn viel zu
unvermögend, uns zu helfen: Darum antwortet nach unserm Willen.« Hier nahm sich
nun der Rolim Gelegenheit, die von der Fräulein von Anseda entdeckte
Heimlichkeit zu hinterbringen, welches er aber auf dunkele Art vorzubringen
bemühet war, indem er sagte: »Weil denn I. Maj. um die Sicherheit Ihres Staats
allzu sehr bekümmert sein, und Sie ein treues Beiraten von meiner politischen
Unvermögenheit erfodern, so sehe ich wohl aus dem Lichte eines reifern
Nachdenkens, nachdem durch der Götter Verhängnis der ganze männliche Stamm von
Xemindo dermassen seinen Untergang empfunden, dass auch nicht ein einiger mehr
vorhanden sei, auf welchen das unwillige Volk einig Absehen haben könnte, wie es
höchst vonnöten sei, sich auch durch den Tod eines Frauenzimmers den Weg zur
vollkommenen Sicherheit zu bahnen.« Weil nun diese Rede dem Chaumigrem zu dunkel
schien, als begehrte er eine deutlichere Erklärung hiervon, welches jedoch der
Rolim nicht viel klärer von sich gab. »Ich meine«, sagte er, »des Xemindo Stamm
muss auch in dem weiblichen Geschlechte nicht verschonet werden. Denn die
Prinzessin, welche bei Lebenszeit rechtmässigen Anspruch zur Krone haben, auch
durch ihre Gegenwart die Gemüter des Volkes an sich ziehen kann, muss dennoch,
ihrer Schönheit ungeachtet, ein Opfer der Unbarmherzigkeit und des Todes sein.«
Als nun Chaumigrem hierüber ziemlich ungeduldig wurde, und ihm anbefahl, seine
Geduld nicht länger zu missbrauchen, so brach er endlich mit diesen Worten
heraus: »Getreue Räte sind eines Fürsten Ferngläser, wodurch er dasjenige in
Erfahrung und zu Gesichte bekömmt, was sonsten wohl seinen Augen verborgen
bliebe. So wisse demnach I.M., dass das Fräulein Banise, des Xemindo jüngste
Prinzessin, über welche doch ein tödlicher Spruch geschehen, annoch im Leben und
in dieser Stadt heimlich verborgen sei.« - »Das wollen die Götter nicht!« hub
der entrüstete Chaumigrem an, »dass sich einige Kreatur unterstehen sollte,
unserm Befehl im geringsten einigen Abbruch zu tun. Entdecket uns alsobald bei
Eurem Gewissen, wer sich durch dieses frevele Beginnen als ein Feind des Kaisers
erzeiget.« - »Es ist mir«, entdeckte der Rolim ferner, »mit des Abaxars
Untergange nicht gedienet: ich hätte auch solches bei einem ewigen
Stillschweigen bewenden lassen, wenn mich nicht mein Gewissen und die hohe
Treue, womit ich Ihr. Maj. verpflichtet bin, hierzu angetrieben hätte, dass ich
gezwungen sagen muss: Abaxar ist der Prinzessin Lebenserhalter.« Hierüber
entrüstete sich nun Chaumigrem dermassen, dass er fast zu rasen schiene: »Wo ist
die Bestie?« rief er voller Wut, »wo ist der Erzverräter? Alsobald, Martong,
schaffet ihn bei Verlust Eures Kopfes nach Verfliessung einer Stunden hieher.«
Worauf er sich in das innere Zimmer begab, dem Rolim, Ponnedro und andern aber
anbefahl, bis auf des Abaxars Ankunft zu verziehen. Hier sendete nun Martong
vierhundert Mann nach dem Schloss des Talemons, und liess den Abaxar gemessenem
Befehl nach in Ketten und Banden herzuholen: welcher auch nach verflossenen
Stunden angemeldet, und vor des Tyrannen Augen gebracht wurde. »Du schelmischer
Verräter!« fuhr ihn Chaumigrem an, sobald er ihn nur ansichtig wurde, »ist nicht
der Befehl an dich ergangen, die Tochter des bestraften Xemindo gleichfalls
hinzurichten?« - »E.M. Befehl«, antwortete Abaxar mit unerschrockenem
Angesichte, »ist so schleunig von mir vollzogen worden, dass ich mit eigner Hand
den Säbel durch den Alabasterhals schluge. Zudem ist ja der entauptete Körper
von so viel tausend Augen öffentlich beschauet, und die tote Prinzessin
bejammert worden! dass ich also dieses Vorgebrachte mit Recht eine geistliche
Unwahrheit nennen kann.« Der Rolim redete ihm zu, und sagte: »Abaxar, gebet der
Wahrheit die Ehre, und gestehet es beizeiten, vielleicht kann durch eine reuige
Bekenntnis die Pforte der kaiserlichen Gnade noch eröffnet werden.« - »Alsbald
entdecke«, wütete Chaumigrem ferner, »du verteufelter Bösewicht, auf was vor
eine Verräterei der so boshaftige Verzug meines Befehls sein schlimmes Absehen
habe, damit du alsdenn noch die Ehre haben kannst, von kaiserlicher Hand
niedergesäbelt zu werden.« Als sich nun Abaxar dermassen betreten, und von dem
Rolim verraten sah, hielte er ferners Leugnen nur vor unnötig, dannenhero er
mit tapfermütigen und ernsten Worten dieses Bekenntnis vorbrachte: »Meinen Tod
werden die Götter an dir verdammten Pfaffen rächen: Vor das unschuldige Blut der
unvergleichlichen Prinzessin aber zu büssen, scheinet auch die Hölle mit aller
ihrer Qual zu wenig vor dich zu sein. So sollen demnach I. Maj. ein freimütiges
Bekenntnis von mir zu gewarten haben, und wissen, dass ihre Lebenserhaltung mir
die Betrachtung ihrer überirdischen Schönheit abgezwungen. Ihre blitzende Augen
zerschmelzeten die Schärfe des Säbels, und ihre ungemeine Anmut raubeten mir
alle Kräfte, den Befehl zu vollziehen. Derowegen ich einer Sklavin von meinen
Leuten das Leben nehmen, und sie statt der Prinzessin auf den Markt werfen
lassen. Sie aber habe ich in meinem Hause unter dem Schutz der Götter verborgen
gehalten, aus keinen andern Ursachen, als ihr schönes Leben zu erhalten, und
verhoffentlich mich selbst bei Ihrer Majestät dadurch angenehm zu machen. Ich
bin willig, auf japonische2 Art meinen Bauch vor Ihr. Maj. Augen eigenhändig
aufzuschneiden, woferne nur solches zu Erhaltung dieser Schönen einigen Beitrag
tun kann.« Chaumigrem wollte vor rasendem Zorne fast zerbersten, und fehlete
nicht viel, er hätte den Abaxar im Zimmer niedergesäbelt, wo ihm nicht der Rolim
vernünftigen Einhalt getan hätte. Inmittelst liess er seinen Grimm durch folgende
Worte und grausamen Befehl ausdünsten: »Dass nicht alsobald tausend Henker
erscheinen, und dir verfluchten Hund den verdammten Lohn durch Pech und Schwefel
erteilen. Darfst du vermaledeiter Erdwurm dich dessen unterstehen, dem strengen
Befehl unserer geheiligten Majestät boshaftig zu widerstreben? Ein Tod ist viel
zu wenig auf dieses Verbrechen, du sollst hundert Arten davon empfinden.
Alsobald lasset ihn noch härter mit Ketten und Banden belegen, und ihn in dem
abscheulichsten Gefängnisse das grausamste Endurteil seines Lebens erwarten.
Nach diesem verfüget euch eilend mit gewaffneter Hand nach des Verräters Hause,
und lasset keinen Hund drinnen leben. Vor allen Dingen zerreisset die junge
Natter und den giftigen Überrest des Xemindischen Ottergezüchts in tausend
Stücke, den Kopf bringt uns zum Zeugnis eines bessern Gehorsams hieher.«
Welches der Unterfeldherr Marton zu verrichten auf sich nehmen musste. Und so
ward der unglückselige und getreue Abaxar in das grausamste Gefängnis
hingeführet, welches alles, ja die vor Augen schwebende grausame Todesart ihm
nicht so zu Herzen ging als der jämmerliche Untergang der schönen Prinzessin. Er
versuchte den Martong auf unterschiedene Art zu einiger Barmherzigkeit zu
bewegen, und bemühete sich äusserst, die Vollstreckung des grausamen Befehls nur
noch in etwas aufzuziehen, ob nicht die Götter des Tyrannen Herze erweichen
möchten, dass er sie nur zuvor zu sehen begehrte. Allein Martong spiegelte sich
an des Abaxars Fall, und eilte sonder einige Antwort mit ihm ins Gefängnis. Dem
Ponnedro drang der Banisen Tod durch das Herze, und als sich niemand ausser dem
Rolim, mehr bei dem Chaumigrem befand, kunnte er sich unmöglich entalten, der
armseligen Prinzessin durch einige Vorbitte zustatten zu kommen, und sollte es
auch sein Leben kosten. Dannenhero er sich auch mit demütigsten Gebärden
näherte, und den Tyrannen also anredete: »E.M. erlauben Ihrem geringsten Diener,
dieses wenige beizutragen, dass ich aus blosser Liebe zur Wahrheit und mit
verpflichtetem Herzen sagen dürfe, es sei zwar das kaiserliche mir unwürdigst
anvertrauete Frauenzimmer ein Himmel voller Sternen: Allein durch den Tod der
unvergleichlichen Banisen würde die Sonne untergehen.« Chaumigrem stund hierauf
etwas in Gedanken, und ein tiefes Nachdenken schien seine Zunge zu binden.
Endlich antwortete er dem Ponnedro, sagende: »Hütet Euch, Ponnedro, dass dieses
Vorbringen nicht aus einer alten Gewogenheit gegen vorige Herrschaft herrühre,
sonsten werden wir Euch dem Xemindo zur Aufwartung in jenes Leben nachschicken.«
- »Mein Kopf soll der Zungen Vorwitz bezahlen«, war Ponnedro mit der Antwort
bald fertig, »wenn nicht I.M. eine dreifache Erfüllung meiner Worte in den
schönen Augen erblicken wird.« Der Rolim gab indessen mit einigem Kopfschütteln
sein Missvergnügen zu verstehen, sogar, dass er endlich in diese Worte
herausbrach: »Getreue Räte sollen den Ärzten gleichen, welche dem Kranken nicht
alles, was ihm beliebt, sondern was dessen Gesundheit befördert, darreichen
sollen. Dieser Rat aber des Ponnedro scheinet verdächtig, ja höchst gefährlich
zu sein. I.M. lassen um der Götter willen die Vernunft hier gelten, und
bedenken, dass der Vorwitz, die vermeinte Schönheit zu sehen, einen solchen
strengen Gift mit sich führe, welcher durch die Augen in das Herz dringen und
die ganze Majestät verderben kann. Denn durch das Anschauen beherrschen die
schwachen Weibsbilder die stärksten Männer, ihr Flehen und Bitten sind Gebote,
ihre Tränen wilde Wasser, welche den Damm des besten Vorsatzes durchdringen, und
ihre Seufzer sind Sturmwinde, denen auch der unbeweglichste Colossus nicht
widerstehen kann. Die Augen sind die Verräter unserer Freiheit. Es ist ein
kurzes Ding um einen Augenblick, hat aber ein langes und gefährliches Aussehen,
wenn es zur Unzeit geschicht. Zu geschweigen, wie unanständig es einem so grossen
Prinzen sei, wenn er zwar viel Völker, nicht aber sein Gemüte beherrschen könne.
So lassen denn E.M. den Wurm in der Ferne töten, ehe er in der Nähe verletzen
kann.« Nach diesen Worten schiene Chaumigrem im Herzen gleichsam mit sich selbst
zu kämpfen, und die Begierden hielten mit der Ehrsucht einen gewaltigen Streit,
wodurch denn Ponnedro in grösste Angst versetzet ward, weil er nicht unbillig
besorgete, des Rolims vielvermögender Ein- und Blutrat möchte die Oberhand
erhalten. Endlich trugen doch die Begierden den Sieg davon, welchen er durch
diese Worte zu verstehen gab: »Gleichwohl müssen wir erfahren, ob Ponnedro die
Wahrheit gesaget habe. Eilet derowegen, Ponnedro, ehe ihre Hinrichtung unsern
Befehl erfüllet hat, und lasset sie angesichts hieherbringen.« Dem Ponnedro
hätte kein angenehmer Befehl auferleget werden können: Dannenhero er fussfällig
vor so gnädiges Aufnehmen seiner Worte dankete, und in vollen Sprüngen seinen
Gehorsam erwies. Der Rolim aber fand sich hierdurch nicht wenig beleidiget,
dannenhero er mit diesen Worten seinen Abtritt nahm: »So nehme ich gebührenden
Urlaub von E.M., indem ich kein Zeuge derjenigen Torheit sein mag, welche ein
Weibsbild in eines Kaisers Gemüte erwecken kann. Ich erinnere aber zuletzt, nur
wohl zu bedenken: je schöner der Molch, je stärker und gefährlicher sei auch der
Gift.« Nach dessen Abschied sich Chaumigrem ganz einsam befand. In solcher
Einsamkeit verneuerte er vorigen Begierdenskampf, und überlegte des Rolims
Warnung aufs genaueste, pflichtete auch selbtem, soweit es die Staatsklugheit
erfoderte, willig bei; sobald es aber an die Vorstellung ihrer Schönheit kam, so
hiess es nach jenes gelehrten Poetens wahren Beschreibung:
Wahr ist's, die Schönheit ist Achillens Spiess und Schwert
Die einen Telephus verletzt und wieder heilet,
Die Schönheit ist ein Gift, das tötet und ernährt,
Ein Blitz, der Ruhe stört, und Unmut doch zerteilt,
Ein Brand, der Städte tilgt, und Länder doch erhält,
Ein Pfeil, der Wunden macht, und gleichwohl Lust erwecket,
Durch sie ward Troja Graus, doch Rom das Haupt der Welt:
Ein Wein, der Wermut ist, und doch wie Zucker schmecket.
    »Ja freilich«, hub er endlich zu sich selbst an, »treuester Rolim, sollte
dein Rat mit beiden Händen ergriffen werden, wenn nicht bereits ein gefährlicher
Augenschein das vorhin felsengleiche Herz dermassen eingenommen hätte, dass Ehre
und Liebe schon damals einen harten Kampfplatz in meiner Seelen hielten. Die
Götter wissen es, wie mir zumute war, als ich den tödlichen Ausspruch über
dieses Bild ergehen liesse, welches mich auch von ferne mit seinen Strahlen
entzündete, und durch seine Blicke mehr beleidigte, als einem Monarchen zu
erdulden anständig ist. Doch erhielt die Ehre damals den Sieg, und wollten die
Götter, der treulose Abaxar hätte sein unzeitiges Erbarmen eingestellet, so wäre
ihre Seele zur Ruhe und mein Geist in unwissender Vergnügung geblieben. Allein,
da ich sie, als die einige Unruhe meiner Seelen, noch am Leben wissen soll, so
fürchte ich sehr, es möchte die Liebe den Lorbeer und ihre Schönheit den
Siegeskranz über einen Monarchen davontragen. Jedoch wird auch die engelgleiche
Prinzessin den Vortrag meiner Liebe mit willigem Herzen annehmen? Wird sie auch
demjenigen einen holden Blick gönnen, welchen sie im Herzen als einen Mörder
ihres Vaters und einen Henker aller ihrer Verwandten, ja als einen ge-schwornen
Feind ihres Geschlechts ansiehet? wird sie mich auch einiger Gegenliebe
würdigen, oder nur ihr Ohr zu Entdeckung meiner Flammen erteilen. Ach
schwerlich! Denn die Natur geht aller Liebe vor. Halt derowegen inne, tapferer
Chaumigrem! was willst du deine Gunst einer verfluchten und abgesagten Feindin
widmen, und einem Krokodile schmeicheln? Was willst du deinen Tron durch eine
so verhasste Brunst beflecken? Es heget ja dieses grosse Reich so viel schöne
Sterne, welche es sich vor das höchste Glücke schätzen, wenn sie sich bei meinen
Strahlen wärmen, und von meiner Sonnen ihr Licht empfangen dürfen. Doch ach,
vergebene Worte! so wollte ich reden, wenn ich sie nie gesehen hätte. Sobald ich
mir in etwas die von ferne nur erblickte Rosenwangen, die ob zwar benetzten,
doch voller Anmut blitzende Augen, den wohlgesetzten Leib, mit einem Worte, die
vollkommenste Schönheit, vorstelle; so werde ich gleichsam vom Blitze gerühret,
und der tödliche Befehl verwandelt sich in lauter süsse Liebes- und Lebensworte.
So tadle denn ganz Brama und Pegu diese Flammen: Gnug, dass ich tue, was mir
gefällt, und dass ich in einem solchen Stande lebe, welcher von andern keine
Erklärung leidet. Allein, wohin? Chaumigrem! wohin? wo bleibet die Ehre? wo
bleibet deine Sicherheit? wo bleibet des Reiches Nutzen, welchem die Wollust
billig weichen muss? Durch der Prinzessin Erhebung kriegen die missgünstigen
Peguaner Luft und Gelegenheit, ihr böses Absehen zu bewerkstelligen, und sich
des bramanischen Jochs zu entledigen. Zudem ist bereits Gift und Hass in ihrem
Herzen gegen mich durch grausames Verfahren gegen ihr Haus ohne allen Zweifel
dermassen tief eingewurzelt, dass ich sie und einen gereizten Drachen mit gleicher
Sicherheit umfassen werde. Doch nein! von einer schönen Seelen ist dieses nicht
zu vermuten. Banise wird sich bekehren. Denn die Liebe ist mächtig genung, allen
Vorsatz des Frauenzimmers einzureissen. Und also, o ihr Götter, wird Chaumigrem
gequälet. Schauet, wie Furcht, Liebe und Ehre in meiner Brust kämpfen, weil ich
den rechten Zweck verfehlet habe. Doch soll die Liebe die Oberhand behalten.
Banise soll leben! Was leben? ihr Leben ist mein Tod, ihre Liebe mein Untergang.
Ihre Gegenwart aber soll hierinnen den Ausschlag geben. Bezwinge dich derowegen,
du sonst unüberwindliches Herze, und lasse mehr Grausamkeit als Liebe gegen
diese Sirene spüren.«
    Nach so langem Seelenstreite wurde ihm die Ankunft der Prinzessin bedeutet,
welche auf dessen Befehl sofort in das Zimmer von dem Martong und Ponnedro
begleitet wurde, da denn ihre Anmut und Schönheit, so langen Leidwesens
ungeachtet, annoch, wo nicht vermehret, doch in seiner Vollkommenheit zu sein
schiene. Die häufig fliessenden Tränen vermochten nichts von ihrer Wangenzierde
wegzuschwemmen, und ihr holdseliges Wesen setzte den Chaumigrem in eine so tiefe
Betrachtung, dass er sie eine geraume Zeit nicht anzureden vermochte. »So muss
Sie, schöne Feindin«, fing er endlich an, »diejenige sein, welche durch Ihr
Leben meinem Willen widerstehet.« Die Prinzessin hingegen bemühete sich aufs
äusserste, durch heftigste Zornblicke sich nicht allein ihm verhasst zu machen,
sondern auch durch viele Scheltworte den Tyrannen dahin zu zwingen, dass er an
ihr den Todesbefehl möge vollziehen lassen. »Weder den Göttern«, hub sie
tränende an, »noch dir, du blutbegieriger Tyrann, viel weniger dem Abaxar,
welcher mir wider meinen Willen das Leben gefristet, erkenne ich mich mit dem
wenigsten Danke verpflichtet. Denn ich schätze dieses vor die höchste Strafe der
Götter, dass ich mit meinen Augen den Verräter meines Vaterlandes, den Henker
meiner Freunde und den Mörder meines Landesleute sehen, mich aber nicht nach
Wunsche an ihm rächen soll. Hätte der Himmel doch noch jetzo dem Ponnedro das
härteste Unglücke unterwegens begegnen lassen, ehe er den Todesstreich auf mich
zurücke ziehen kunnte: so wäre ich höchst vergnügt gestorben, und könnte dich
bereits in der Ewigkeit nebst meinen werten Eltern bei den Göttern als einen
Tyrannen anklagen, und sie um grausamste Rache wider dich anrufen.« - »Sie
bemühet sich vergebens«, erwiderte Chaumigrem mit bereits entflammten Herzen,
»holdselige Prinzessin, durch Ihre harte Worte mich zu einiger Ungeduld oder
Zorn zu bewegen. Sie geusst vielmehr Öl in das bereits lodernde Liebesfeuer,
indem auch diese Entrüstung Ihre Anmut um ein grosses vermehret.« - »Ach wollten
die Götter«, fuhr die ungeduldige Banise fort, »ich könnte eine lebendige Hölle
vorstellen, so wollte ich mich glückselig schätzen, wenn ich durch deinen
Untergang, du Blutund, die süsse Selbstrache befördern könnte.« Allein weder
diese noch andere Schmähworte waren mächtig genung, seine Glut zu dämpfen,
welcher sich nunmehr auf das empfindlichste gerühret befand, und sich feste
entschlossen hatte, ihrer Liebe in kurzem durch Bitten oder Gewalt, teilhaftig
zu werden. Dannenhero er ihr eine kurze Bedenkzeit mit diesen Worten erteilete:
»Weibliche Gemüter sind leicht in Harnisch zu jagen. Ich habe aber gute
Hoffnung, der Abend werde mir gewähren, was der Morgen verweigert hat. Ich will
Ihr sechs Tage Bedenkzeit erlauben, sowohl der ersten Hitze einige Ausflucht zu
gönnen, als auch wohl zu überlegen, ob nach verschwundener Hoffnung aller Hülfe
des Kaisers Hass oder Liebe zu wählen sei. Inzwischen binden wir Euch, Ponnedro,
die Schöne auf Eure Seele, lasset das schönste Zimmer zu ihrer Wohnung und
königliche Aufwartung zu ihrem Dienste bestellen. Nach sechs Tagen hoffen wir
dasjenige gutwillig zu geniessen, was sie jetzt vermeint, uns nimmermehr zu
erlauben: denn die Zeit kann alles ändern.« Mit welchen Worten er ihnen den
Rücken zukehrete, und das Zimmer verliess. Ponnedro nahm hierauf die vertraute
Aufsicht mit Freuden an, tröstete die Prinzessin mit den beweglichsten Worten,
und suchte ein solches Zimmer auf der Burg zu ihrer Bequemlichkeit aus, welches
nicht allein unterschiedene Ausgänge hatte, sondern auch zu Ausführung eines und
des andern Anschlages sehr bequem war.
    Die schöne Prinzessin hatte kaum das Zimmer als ein freies Gefängnis
betreten, so hatte sie Ponnedro mit Hinterlassung seines Dolches etwas
verlassen, in welcher Einsamkeit sie denn ihrer Wehmut den Zügel völlig schiessen
liess, und den Dolch aus übeln Vorsatz in ihre Hand nahm: »So muss ich euch«,
redete sie mit benetzten Lippen, »o ihr werteste Seelen meiner Anverwandten,
auch wider meinen Willen die ewige Glückseligkeit missgönnen, als die ihr bereits
in der gestirneten Ewigkeit eure vollkommene Vernügung erreichet, mich aber,
mich Elende, in der Angstgrube dieser Welt, der Himmel weiss, zu was noch vor
Unglücke hinterlassen habt. Ach hätte ich doch zugleich der bekümmerten Seelen
durch einen verborgenen Dolch einen roten Ausgang gesucht, als mir der Tyranne,
nicht zwar aus Barmherzigkeit, sondern zu Vermehrung meiner Herzensqual,
erlaubte, den ohnmächtigen Geist meines sterbenden Vaters durch ein Glas Wasser
zu erquicken: so wäre ich an dem Ort der Ruhe, und dürfte keiner fernern Raserei
eines Tyrannens gewärtig sein, und es hätte sich meine kindliche Pflicht auch im
Tode dem väterlichen Geist beigesellet. O ich Verlassene! ach ich Elende! die
ihr höchstes Glücke in einem schleunigen Tode suchen muss. Auf derowegen,
bedrängte Banise! das wundersame Verhängnis gibet mir nicht ohngefähr diesen
Dolch in die Hand. Lasse dich die Todeslarve nicht schrecken. Blöden Augen ekelt
nur vor dem Tode, und verwähnte Lippen wollen nicht Aloe kosten. Ich sehe doch
wohl, dass der Himmel keine fremde Hand mit meinem Blute besprützen will: so
danke ich ihm um so viel desto mehr, dass er dennoch meiner Faust und diesem
dienstfertigen Stahl die Macht überlassen hat, den Kerker des geängsteten Leibes
zu eröffnen, und die gequälte Seele in erwünschte Freiheit zu setzen. So komme
denn, du edler Dolch, und sei das Werkzeug einer tapfermütigen Erlösung: denn
ein rühmlicher Tod ist doch die beste Bahn zu unserer Freiheit.« Nach welchen
Worten sie ihre Brust aufriss, und durch einen tödlichen Stoss sich des Lebens
berauben wollte. Ponnedro aber trat gleich, als gerufen, zur Türe hinein, und
wie er ihr verzweifeltes Vorhaben bemerkte, sprang er hinzu, und begriff ihre
Faust, mit welcher sie bereits den Dolch zum Stosse gefasst hatte. »Sie halte
zurücke, gnädigste Prinzessin«, schrie er ihr zu, »denn Grossmut und
Verzweifelung können nicht in einer Seele beisammen wohnen. Sie lasse die
Vernunft herrschen, und verbanne solche unanständige Todesgedanken. Denn sein
eigner Henker werden, und des Feindes verschonen ist eine Frucht der Torheit«;
womit er ihr den Dolch aus der Hand und wieder zu sich nahm. »Wie, untreuer
Ponnedro«, sah sie ihn mit zornigen Augen über die Achseln an, »kannst du wohl
deine rechtmässige Erbprinzessin geschändet sehen? hat nicht mein Vater um dich
und dein Geschlechte so viel verdienet, dass du seiner Tochter viel eher
beförder- als hinderlich fallen sollst.« - »Eben durch diese Verhinderung«,
erwiderte Ponnedro, »belieben Sie meine Treue zu erkennen, mit was vor Pflichten
ich Ihr als dem letzten Zweige des um ganz Pegu höchst verdienten Stammes noch
verbunden lebe. Denn Ihr Todesfall würde dem Tyrannen eine schlechte Rache,
vielmehr eine herzliche Freude sein, wenn nunmehro sein Verlangen erfüllet, und
er sich in völliger Sicherheit sehen würde. Des Elefanten Fall erdrücket seinen
Feind zugleich mit: hier aber würde das letzte Licht und einige Hoffnung des
ganzen Reichs verleschen, da doch nicht der geringste Feind durch Ihren Tod
untergehen würde.« - »Wo soviel tausend Männerhände«, war ihr Einwenden, »nichts
auszurichten vermögen, da kann billig eine schwache Weiberfaust nichts anders
tun als vor Wehmut den Dolch in eigene Brust begraben.« - »O unbesonnener
Zweifel«, versetzte Ponnedro, »welcher aus einer verwirreten Seelen entspringet:
gleichsam, als wenn dies etwas Unerhörtes wäre, dass ein schwach Weibesbild mehr
als tausend Männerherzen verrichtet hätte. Sie versichere sich, dass, wo Erd und
Hölle nicht vermag, bloss die List eines Frauenzimmers auch selbst die
Unmöglichkeit überwinden könne.« - »Diese Reden verwirren mich viel mehr«,
antwortete Banise, »als dass sie mir einigen Unterricht geben sollten. Ich weiss
nicht, ob es möglich sei, einige Hoffnung zur Rache und Tron schöpfen zu
dürfen, und ob es auch ratsam sei, einem feindlichen Bedienten zu trauen.«
Dieses Misstrauen merkende bemühete sich Ponnedro eifrigst, ihr solches zu
benehmen: »Es müsse mich«, schwur er, »die Gotteit mit ewiger Strafe belegen,
wo einige Schlange der Untreu in meinem Herzen wohnet! Sie wolle es, gebietende
Prinzessin, vielmehr vor eine unfehlbare Schickung der Götter achten, dass der
Kaiser mich als eine höchst verdächtige Person mit solchen wichtigen
Verrichtungen beleget, wodurch sich leicht erwünschte Gelegenheit ereignen
könnte, dem Reiche zu helfen, und das Kaiserliche Blut zu rächen.« - »Ich
beschwere Euch bei der Zukunft unserer fünften3 Gotteit«, redete ihn gleichsam
erwachende Banise an, »dass Ihr Euch zu dieser unerlässlichen Sünde ja nicht
verleiten lasset, eine vorhin höchst unglückselige Prinzessin noch ferner zu
betrüben, sondern, wo Euch der Himmel mit dem geringsten Mitleiden beseliget
hat, so erteilet mir einen erspriesslichen Rat, wie ich Leben und Ehre retten,
und meine Sicherheit in den Armen meines geliebten Prinzens von Ava suchen und
finden möge.« - »Wo die Gefahr zu Pferde sitzet«, redete Ponnedro ferner, »da
muss guter Rat freilich nicht auf Stelzen gehen. Weil sich aber dieses
hochwichtige Werk nicht erzwingen lässet, so wird eine kluge Verstellung einen
erwünschten Anfang machen. Sie haben sattsam verspüret, wie entzündet der Kaiser
durch Dero Schönheit sei.« - »Solches bedünket mich ein Traum«, redete Banise
ein. Ponnedro bedeutete sie aber bald sagende: »Die allzu grosse Wehmut und
Rachgier haben Ihre Augen verdunkelt, dass Sie solches nicht beobachten können.
Sie setzen aber kein Misstrauen in mein Vorbringen, und wissen, dass solches Feuer
gleichfalls von dem gütigen Verhängnis der Götter herstamme. Sie lasse demnach
alle übrige Härtigkeit gegen dem Kaiser fahren, und stelle sich gegen ihn
dermassen an, dass er mehr Ursache zur Liebe als Grausamkeit haben möge.« - »Dies
scheinet aber gefährlich«, wendete die besorgte Prinzessin ein, »denn sollte der
Tyrann meine Verstellung vor bekannt annehmen, so würde er zu völliger Geniessung
der Liebe eilen, bei deren Verweigerung aber wohl gar sich einiger Notzucht
unterfangen dürfen, so würde ich doch alsdenn mit befleckter Seele sterben, da
ich anitzo denen Göttern einen reinen Geist opfern könnte.« - »Göttliche Hülfe
und eigener Verstand«, erwiderte Ponnedro, »muss hierinnen den besten Rat
erteilen, wie man auf alle Weise und Wege der Sachen Aufschub zuwege bringen,
und des Kaisers Hitze mit erdachten Scheingründen, wo nicht leschen, doch
aufhalten möge.« - »Ich nehme solches endlich an«, war der besänftigten
Prinzessin Gegenrede, »und bitte die Gotteit, dass sie dem schweren und
wichtigen Vorhaben ein erwünschtes Ende geben wolle. Inmittelst soll die
Verweigerung der Liebe ausser der Ehe die erste Ablehnung der Hitze sein.«
Welches ihm Ponnedro sehr wohl gefallen liess, und ihr einen sonderbaren Trost
erteilte. »Doch«, redete Ponnedro noch ferner, »habe ich noch eines und zwar
etwas Nötiges zu erinnern, welches eine starke Mitwirkung zu erwünschter
Vollziehung des ganzen Werkes sein könnte; nämlich, dass sie bei dem Kaiser
bemühet lebe, bei erster Gelegenheit Gnade, Erlassung und vorigen Ehrenstand vor
den um Ihr Leben gefangenen Abaxar auszuwürken.« - »Ich werde auch hierinnen
nichts ermangeln lassen«, antwortete Banise. Worauf endlich Ponnedro sie nicht
länger aufhalten wollte und sagte: »Grossmütige Prinzessin! weil ich Dero
tapferes Entschliessen wider alle Fälle mit Freuden vernehme; so schliesse ich
nicht allein der Götter Gegenwart und dahero glücklichen Erfolg hieraus, sondern
ich kann Ihr auch nicht ferner verhehlen, was massen der treue Prinz Balacin
bereits sich auf des Talemons Schloss eingefunden, um sowohl vor Dero Wohlfahrt
zu sorgen, als auch vornehmlich Sie aus der Hand dieses Wüterichs zu erlösen. Er
ist nunmehro ein mächtiger König, weil sein Herr Vater gestorben, und ihm auch
die Krone von Aracan zugefallen. Ob er Sie nun zwar mit gewaffneter Hand
mächtigst befreien könnte, so will er doch zuvor durch eine bequeme List sich
Ihrer Person versichern, und alsdenn der Rache wider diesen Tyrannen freien Lauf
lassen.« - »Hilf Himmel! traumet mir?« hub die erfreuete Prinzessin an, »ich
weiss nicht, ob ich wache? Trautester Ponnedro, sollte es wohl möglich sein, dass
mir in so trüber Nacht des Unglücks ein solches Licht des Heils an meinem
Prinzen aufgehen sollte? Doch, ach! sollte es wohl ein vergebner Trost sein?« -
»Der Himmel strafe mich nicht«, versicherte Ponnedro, »mit solcher Verwegenheit,
dass ich Sie durch einige Unwahrheit beleidigen sollte. Er ist verhanden, und
wird sein Leben wagen, Sie in veränderter Gestalt zu küssen.« - »Nun schmelzet
mein Herze«, fuhr Banise fort, »und die Seele krieget Flügel, ja ich vergöttere
mich ganz, dass ich meinen Prinzen, meinen Schutzengel, so nahe wissen soll. Du
wirst demnach, treuester Ponnedro, selbtem eine kleine Schrift überbringen, und
dir meine Wohlfahrt nebst ihm treulich anbefohlen sein lassen.« Nachdem sie nun
solche verfertiget, und dem Ponnedro überreichet, nahm er ehrerbietigsten
Abschied, machte alle benötigte Anstalt zu ihrer Bedienung, und suchte
Gelegenheit, auf etliche Stunden den Prinzen zu besuchen. Welches ihm auch die
Abwesenheit des Chaumigrems erlaubte, und er sich sofort auf einem flüchtigen
Klepper nach seines Vaters Wohnung begab. Sobald er daselbst abgestiegen,
verfügte er sich ohne andere Besuchung nach des Prinzen Zimmer, welchen er auf
einem Stuhle, seinen Vater vor ihm sitzen und den Scandor neben ihm stehend
fand. Ponnedro hatte kaum die Schwelle betreten, so rufte ihm der Prinz mit
wehmütiger Stimme entgegen: »Ach Ponnedro! soll ich sterben oder leben?« - »Wo
eine schöne Prinzessin lebet«, antwortete Ponnedro, »da darf ein geliebter Prinz
an keinen Tod gedenken.« - »Haltet mich nicht auf«, fuhr der betrübte Prinz
fort, »und entdecket es mit besserm Grunde als Talemon, welcher besorgliche
Unwissenheit aus Pegu überbracht hat, was ich zu hoffen habe.« Ponnedro
erwiderte: »Die Prinzessin lebet, und der Prinz soll auch leben. Sie lebet, und
zwar in vermeintem Wohlstande; allein der geringste Zeitverlust kann sie
unglücklich machen. Dieser Brief von ihrer Hand wird meinen Worten nötige
Erklärung tun.« Womit er den von der Prinzessin anvertrauten Brief ehrerbietigst
überreichte. Sobald er nun aus der Überschrift seiner Prinzessin wahre
Schreibart erkennete, küssete er solche Zeilen inbrünstig, und sagte: »Ach
angenehmste Zeilen, deren Schrift nicht irdische Augen, sondern Sonnen zu lesen
würdig sind. Dieses Pfand bekräftiget, was mir der güldene Ponnedro gesaget hat.
Wohlan, es sei gewaget, ich erbreche den Brief, um bei diesem Zucker der Galle
nicht zu entwohnen.« Worauf er das Siegel eröffnete, und folgende Worte daraus
las:
    Wertester Prinz!
    Dessen nahe Gegenwart ist die Ursache meines Lebens, ausser welcher ich
bereits die Gruft erkieset hätte. Indessen bin ich vergnüget, wenn mein
englischer Prinz in solchem Zustande lebet, wie es meine Wohlfahrt erfordert, ob
mich gleich die eiserne Hand des wilden Unglücks fast erdrücken will. Wo mich
vor Verlauf des vierten Tages eine kluge Hand befreit, so werde ich erweisen
können, wie kein Unglück die Pfeiler der Liebe einzuäschern vermocht habe. Ausser
diesem werde ich zwar sterben, jedoch eine unbefleckte Seele und unverbrüchliche
Treue mit ins Grab nehmen. Lebet wohl, und errettet diejenige, welche einen Fuss
im Sarge und ihr Herze bei ihrem Prinzen hat.
                                                                         Banise.
    »Wehe mir!« rief der seufzende Prinz, »die Zeit ist zu kurz, und ich bin
verloren! Ach! so ist denn kein beständiger Sonnenschein mehr zu hoffen, und muss
ein jeder Stern zum Kometen werden? Zwar derjenige sollte sich wohl vor keinem
Ungewitter mehr fürchten, welchen der ungütige Himmel schon öfters durch harte
Blitze versehret, und betrübet hat: Allein wo er zugleich mit den Keulen seines
Zorns spielet, da muss auch der festeste Grund erzittern.« - »Wie so
zweifelhaftig? Gnädigster Herr«, redete ihm Talemon ein, »der Zweifel ist kein
Zeichen eines grossmütigen Herzens. Bei so gestalten Sachen muss man den Göttern
vor der Prinzessin Leben danken, sie aber nicht durch Ungeduld erzürnen. Hier
aber muss man Geduld und Grossmut herrschen lassen. Jene erleichtert das Unglücke,
diese aber ist der Anfang aller wichtigsten Dinge, durch welche auch die
Unmöglichkeit selbst bekrieget und besieget wird.« - »Das Glücke ist rund«,
vollführte Ponnedro diese Rede, »und gewinnet öfters das Ansehen, als wenn alles
verloren, und kein Mittel, dem Übel zu begegnen, mehr vorhanden wäre. Wenn man
aber desselben Umstände grossmütigst betrachtete, so verkehret es sich öfters
dergestalt, dass, gleich wie es zuvorhero den Untergang gedräuet, es hernachmals
zu unserm Besten ausschlägt, darum nur getrost, solange ein Patient den
geringsten Atem noch von sich spüren lässet, solange hat ein beherzter Arzt noch
Hoffnung zu des Menschen Leben. Ein kluger Rat und behender Anschlag kann der
schweresten Sache, und also auch hier, am besten raten.« - »Aber verschonet mich
mit vergebener Hoffnung«, fiel ihm der in diesem Fall etwas kleinmütige Prinz in
die Rede, »denn sie in so kurzer Zeit mit Gewalt zu erretten, lässet die
Unmöglichkeit nicht zu, weil viel hunderttausend Mann hierzu erfodert werden.
List scheinet zu gefährlich, weil deren misslingender Ausgang nur ihren und viel
anderer Unschuldigen Tod befördern möchte. Den Chaumigrem aber zu einer
gütlichen Abfolge zu behandeln, ist so vergebliche Arbeit, als ob wir einen
Mohren zu waschen, und unser ewiges Gedächtnis in die See zu schreiben bemühet
wären. Die Bedingung aber, welche sich der Tyranne nach verflossenen vier Tagen
vorbehalten hat, möchte ich doch gerne wissen.« Ponnedro erstattete folgenden
Bericht: »Die durchdringende Schönheit der Prinzessin hat auch dieses Tigerherz
bezwungen, dannenhero er von dem Gift eingesogener Liebe fast zu börsten
vermeint. Und weil sich bei erster Zusammenkunft die Prinzessin
vorsichtigerweise sehr ungebärdig stellete, als hat er ihr fünf Tage Bedenkzeit
eingeräumet, nach deren Verfliessung er sonder Zweifel seine heftige Liebe
verfolgen dürfte, wo nicht der Götter Hülfe eine gewünschte Errettung
verschaffet. Dem Bedrängten aber zu helfen, hat der Himmel mehr als ein Mittel.
Zwar einige Gewalt durch unsere schwache Hand anitzo vorzunehmen, ist eine
Arbeit der Kaninchen, eine Löwenhöhle zu stürmen: den Blutund zu einiger Güte
zu bewegen, scheinet gleichfalls Diamanten mit Finger zu zerreiben: eine von dem
Himmel gesegnete List aber hat öfters Stahl in Gold verkehret.« - »Ich bin
unschlüssig«, redete Talemon ein, »welcher Meinung ich beipflichten soll. Einige
Gewalt vorzunehmen, solches ist nur mit Stillschweigen zu übergehen: durch List
sie diesen Raubklauen zu entführen, scheinet eine Sache zu sein, welche fast dem
Verhängnis trotzet, worzu uns einige Ungewissheit den Segen des Himmels
verweigert. Den sichersten Weg schätze ich hierinnen zu sein, wenn man sich
bemühete, durch verstellete Schriften, als ob sie aus Ava kämen, dem Wüterich
mit beweglichen Gründen die Unschuld der Prinzessin vor Augen zu stellen, und um
deren Erlassung und Abfolge freundlich anzuhalten.« - »O blosser Schatten
vergebener Hoffnung!« widerlegte es der Prinz, »welchen bei voriger Grausamkeit
weder das bewegliche Flehen der Alten, das jämmerliche Zurufen der angenehmsten
Schönheiten, noch das erbärmliche Schreien der kleinen Kinder, in summa, das
unbeschreibliche Mordelend so vieler tausend unschuldigen Menschen nicht im
geringsten zu bewegen, noch einige Seele zu erretten vermocht, den wird viel
weniger ein toter Buchstabe zu einiger Vernunft noch Erbarmung bringen. Nein,
nein, wir würden hier nur Pfeiler in die See bauen, und bei der Natter Gunst
suchen. Viel sicherer und tapferer wird dieses sein, dass ich mich in die Burg
und so nahe an den Blutund verfüge, dass diese Hand seine mörderische Brust
erreichen kann. Alsdenn will ich einen scharfen Dolch in das lastervolle Herze
stossen, und hernach auch des grausamsten Todes gewärtig sein, wenn nur aus
meinem Blute die Wohlfahrtsrose der Prinzessin blühet.« - »Dieser Anschlag ist
zu hitzig«, erwiderte Ponnedro, »ich will nicht sagen, verzweifelt. Denn sollte
gleich des Tyrannen Tod erfolgen, so wäre doch dessen Anhang durch den Verlust
ihres Hauptes noch lange nicht so unkräftig gemacht, dass nicht vielmehr die
Prinzessin zugleich in andere und noch viel grausamere Hände geraten könnte. So
wäre der Prinz verloren, dessen mächtige Reiche verwaiset, und der Prinzessin
nichts geholfen. Inmittelst«, wendete er sich zum Scandor, »habe ich aus vorigen
Erzählungen nicht einen unebenen Verstand geurteilet, welcher bei so gählingen
Fällen billig mit in den Rat gezogen wird. Kann selbter nun einen erspriesslichen
Beitrag tun, so wird er sich dem Prinzen gnädig, uns aber verbindlich machen.«
Scandor zückete die Achseln, und näherte sich mit diesen Worten: »Wo solche
Galeeren das Meer der Weisheit beschiffen, da muss mein Jagdschiffgen des
Unverstandes billig die Segel streichen«. - »Wo aber«, versetzte ihm Talemon,
»die Galeeren auf verborgene Klippen stossen, da müssen sie scheitern: ein
Jagdschiff aber streichet über hin.« - »Ich kann es nicht leugnen«, fiel der
Prinz in die Rede, »dass ich öfters in andern obzwar nicht so wichtigen
Geschäften, einen nicht undienlichen Rat von dir vernommen. Zudem muss man in
wichtigen Vorhaben sich mehr als eines Rats bedienen: so dir nun die Götter
einen Einfall verleihen, so melde ihn ungescheut.« - »Gnädigster Herr«,
antwortete Scandor, »ich habe bereits meine fünf Sinnen auf das Rataus meines
Gehirns zusammengefordert, und mit ihnen wohl überleget: ob hier List oder
Gewalt den Vorzug haben könne. So haben sie mir insgesamt meine Torheit ziemlich
verwiesen, dass ich des Wortes Gewalt auch nur erwähnet habe. Denn obzwar nicht
zu leugnen, dass Ava und Aracan mit vereinigter Macht gar leicht den Tyrannen
auch zu einer fussfälligen Abbitte zwingen könnten: so möchte ich doch gerne den
Mantel, auf welchem eine so mächtige Armee inner drei bis vier Tagen sollte
hergeführet werden, noch vor der Hinfahrt meiner Seele sehen. Wir aber
insgesamt, und ob ich gleich meine Frau zur Gehülfin mitnehme, sind viel zu
schwach, auch nur das vörderste Burgpförtgen zu eröffnen. Und wenn ein
Elefantenjunge Wer da? rufte, so möchten wir uns immer wieder zu Hause wünschen.
Derjenige aber, welcher das Wort List im Munde führete, der schiene bessern
Beifall zu überkommen. Die List, sage ich, wird hier mehr als alle unsere Gewalt
ausrichten. Solche kann nicht anders denn durch eine kluge Entführung ausgeübet
werden, welche mein gnädigster Herr ganz leichte selbst bewerkstelligen kann. Ja
es kann selbter ungescheut die Prinzessin in Person sprechen, küssen, und
erwünschte Abrede nehmen, wie, wenn und wohin sie folgen soll?« - »Scandor
schwärmest du?« redete ihm der Prinz ein, »scherze nicht, sondern schweige
vielmehr.« - »Hier ist keines Scherzes zu gedenken«, erwiderte Scandor, »und
wird mir jedweder Beifall geben, wenn ich den Sack meiner Anschläge nur werde
ausgeschüttet haben. Es beliebe doch der Prinz mit seinen Gedanken zurücke nach
Pandior zu laufen, und des Priesters Worte zu holen, als wir die Gotteit des
Apalita um Rat in unserer Reise ersuchten.« - »Auch dieses ist uns ohne dein
Erinnern bewusst«, sagte der Prinz. »Wissen Sie auch«, fuhr Scandor fort, »wie
uns der Talipon zwei Schachteln mitgab.« - »Worzu dienet diese Erinnerung«,
redete ihm der Prinz abermal ein, »du suchest nur deine Bosheit in der
Weitläuftigkeit zu verbergen.« - »Es ist zu erbarmen«, hub Scandor hierauf an,
»dass wir Menschen in göttlichen Sachen, ob sie gleich unsere höchste Wohlfahrt
befördern können, so gar nachlässig sein. Die letztern Zeilen, welche ich von
der Prinzessin überbrachte, werden dem Gedächtnisse weit besser eingepflanzet
sein, als der treue und höchst erspriessliche Rat der sorgfältigen Götter. Damit
aber gegenwärtige Herren nach etwas deutlichern Bericht mir desto eher
beipflichten können: so werden sie wohl in meiner vorigen Erzählung, als ich der
Besuchung des Tempels zu Pandior erwähnte, sich zu entsinnen wissen, wie ich bei
Abfertigung des Priesters zweier Schachteln gedachte, welche er uns mit diesen
Worten überreichte: Diese zwei Schachteln händigen dir die Götter ein, aus deren
einer du dich verbergen, aus der andern wiederkommen kannst. Diese bewahre aufs
beste, denn es kömmt die Zeit, da du durch Verstellung Liebe und Reich zu
erhalten suchen wirst. Sollte nun nicht die benennte Zeit jetzt vorhanden sein,
in welcher Liebe und Reich in Gefahr stehet, und wir Ursache hätten, durch List
und Verstellung solches zu erhalten. Ich habe den Prinzen verstellet gesehen,
dass ich ihn selbst nicht erkannt habe. Sollte er nun nicht vermittelst solcher
Farbe die Prinzessin besuchen, und alles nach Willen bewerkstelligen können?« -
»Diesen Rat«, war des Ponnedro Einrede, »schätze ich vor einen Einfluss des
gütigen Himmels, und halte ich dieses Mittel vor so kräftig, als wenn ich
bereits die schöne Prinzessin voller Freiheit ihren geliebten Prinzen küssen
sähe.« Inzwischen holte Scandor die eine Schachtel herzu, und verstellete den
Prinzen in kurzem dermassen, dass sie fast den Scandor vor einen Zauberer
ausschreien wollten. Als er aber dem Prinzen vermittelst der Blätter aus der
andern Schachtel seine vorige Gestalt wiedergegeben hatte, zogen sie solches in
höchste Verwunderung. Der Prinz lobte des Scandors kluges Einraten über die
Massen, und versprach ihm solche Gnade, als er sich immer wünschen kunnte. »Mein
liebster Scandor«, redete ihn der Prinz an, »es scheinet, als wenn die Götter
durch dich redeten, indem du nicht allein durch diese Erinnerung meinem
Gedächtnis zu Hülfe kommen bist, sondern auch einen erwünschten Anfang zu unserm
Vorhaben gemacht hast. So gebrauche dich denn des himmlischen Einflusses zu
meinem Besten noch ferner, und ersinne eine kluge Art, wie man die Prinzessin
beizeiten errette.« - »Auch dieses wird sich wohl tun lassen«, antwortete
Scandor, »und wird die Zeit die beste Ratgeberin sein. Man mache sich indessen
auf gute und flüchtige Pferde gefasst, und lebe bedacht, auf was vor Art man sie
unvermerkt aus ihrem Zimmer nach der Tigerpforte bringe.« - »Dies scheinet ein
schweres Unterfangen zu sein«, wendete Ponnedro ein, »weil eine doppelte Wache
vor der Türe, welche zur Freiheit helfen könnte, gesetzet ist.« - »Was wäre dies
vor eine List«, erwiderte Scandor, »wenn man nicht tausend Augen betrügen
könnte. Es fället mir gleich diesen Augenblick etwas Bessers ein, welchem ich
fleissiger nachdenken, und alsdenn, wenn es vollkommen ausgearbeitet ist, völlig
entdecken will.« - »Wohlan! liebster Scandor«, ermunterte ihn der Prinz, »eine
königliche Gnade wird deine Treue vergelten. Inmittelst wertester Ponnedro,
werdet Ihr mir behülflich sein, dass ich die Prinzessin würklich zu sehen
bekomme. Der gegebene Anschlag wird alle Mühe erleichtern.« - »Ganz wohl«,
erwiderte Ponnedro, »solches wird aber nicht eher, als übermorgen geschehen
können, weil sie der Kaiser zu fleissig besuchet. Damit wir aber bessere Zeit
gewinnen, so soll die Prinzessin noch um einige Tage Aufschub anhalten: alsdenn
werden die Götter unser Vorhaben mit erwünschtem Segen beseligen.«
    Nach welchen Worten Ponnedro zugleich Abschied nahm, sich wieder nach der
Burg zu seiner anvertrauten Prinzessin verfügte, und sie durch erteilte
Nachricht ihrer Abrede in höchste Freude setzte. Weiln aber die Prinzessin von
Saavady, das Fräulein von Anseda, und etlich ander Frauenzimmer ihr als
Gespielinnen zugeordnet waren, so war dem Prinzen eine Verstellung um so viel
desto nötiger: dannenhero er sich nebst dem Scandor entschloss, sich bei
verstelltem Angesichte als Portugiesen anzukleiden, und mit allerhand Waren sich
auf der Burg bei dem Frauenzimmer anzugeben. Welcher Anschlag zugleich dem
Ponnedro durch den Talemon hinterbracht wurde, welcher es der Prinzessin
entdeckte, und sie dadurch ein herzliches Verlangen trug, diesem Portugiesen was
abzukaufen. Talemon müsste zugleich vor etliche tausend Dukaten Wert kostbare
Waren einkaufen, welche in zwei Kauffässgen eingeschlagen, und hernach von dem
Prinzen und Scandor getragen wurden. Als nun der angenehme, doch sorgsame Tag
erschienen, strichen sich der Prinz und Scandor mit oft erwähnter Farbe sowohl
das Gesichte als Hände und Haare aufs fleissigste an, legten ihre dazu bestellte
portugiesische Kleidung an, hingen jeder ein Fässgen auf den Rücken, und traten
also in der Hassanen Zimmer, welche sich heftig zu erzürnen begunnte, dass solche
fremde Gesellen sich so unverschämterweise erkühnen dürften, ihr Gemach zu
betreten. Ob nun zwar Scandor ihr einige Waren anbot, so konnte sie ihn doch
nicht erkennen, sondern schalt und schmähte aufs heftigste. Scandor wollte sie
noch besser auf die Probe setzen, sagende: er hätte eine vortreffliche
Gallentinktur, welche gleich nach dem Gebrauch eine böse Frau besänftigen
könnte. Allein hiedurch hätte Scandor sich bald in Ungelegenheit gesetzet, indem
sie vor Zorn viel weniger sehen oder ihn erkennen konnte, sondern sie schrie auf
ihre Knechte um Hülfe, welche sich auch sofort mit ziemlichen Prügeln in der
Hand dienstfertig einstellten, und ihrer Frauen in so vermeinter Gefahr
beistehen wollten. Der Prinz hatte sich beizeiten wieder entfernet, und Scandor
befand sich alleine in solcher Gefahr, dass die Knechte bereits fühlten, ob es
sein eigen Haar wäre, weil er aber zu seinem Glücke einige Blätter bei sich
hatte, womit er sich in höchster Eil und unter ziemlicher Verhinderung der
groben Gehülfen etwas abreiben, und seine Gestalt einigermassen entdecken konnte:
so schrie er, weil er den Ernst fühlte, er sei ja vom Hause, und hätte sich nur
verkleidet. Als nun Hassana den Knechten innezuhalten befahl, erkannte sie ihn
endlich, und liess ihn mit fernern Zusprechen verschonen. Lorangy aber, welche
inzwischen auch war herbeigekommen, wollte es noch nicht glauben, dass dies ihr
lieber Scandor wäre, bis er sich des Anstrichs gänzlich befreite, und eine
ungemeine Verwunderung verursachte, womit er sich doch so hässlich verstellen
könnte. Denn dieses scharfe Wesen verzog sogar alle Gesichtsbildungen, dass sich,
nebst der Farbe auch die Ähnlichkeit verlor. Als nun ein Gelächter darauf
erfolgte, begab sich Scandor wieder nach dem Prinzen, welcher ihn nicht wenig
wegen empfangener Handehre auslachte: nachdem er sich aber wiederum verstellet,
gingen sie miteinander der Stadt zu, und verfügten sich alsofort vor die Burg.
Scandor wollte gleich zugehen, allein er wäre abermals unter unbarmherzige
Fäuste geraten, wenn nicht Ponnedro dazugekommen wäre, welcher der Wache Ruhe
gebot. Der Prinz redete den Ponnedro alsobald auf portugiesisch an, ihm doch zu
einem guten Handel behülflich zu sein, er wollte es mit einer Dankbarkeit zu
erwidern wissen. Ponnedro sah sie beiderseits an, und erkennte sie zwar an
ihren Stimmen, die Personen aber deuchteten ihn unmöglich diejenigen zu sein,
welche sie sein sollten. Solcher Zweifel verursachte ein langes Stillschweigen
und eine genauere Betrachtung bei dem Ponnedro; je fleissiger er sie aber
anschaute, je weniger konnte er die geringste Mutmassung nehmen, dass es der Prinz
sein sollte. Diesen Zweifel ihm nun zu benehmen, redete ihn der Prinz ferner an:
»Mein Herr, er zweifle nicht an guter Ware, er hat mir auf Talemons Schloss
wohl eher was davon abgekauft.« Wodurch sich endlich Ponnedro bereden liess, dass
er nicht ferner zweifelte, sondern sie etwas verziehen liess. Ponnedro verfügte
sich alsbald zu der Prinzessin, und deutete ihr in geheim des Prinzen Gegenwart,
nebst beigefügtem Unterricht, dass sie sich die ganz unerkenntliche Verstellung
nichts irren lassen, besondern den, welcher sich des Redens entalten würde, vor
ihren geliebten Prinz erkennen sollte. Die Prinzessin entdeckte es alsobald dem
sämtlichen Frauenzimmer, wie einige Portugiesen mit seltsamen Waren vorhanden
wären, welche sie zu feilem Kaufe antragen liessen: so ihnen nun was zu kaufen
beliebte, so sollten sie eingelassen werden. Wie nun hierauf eine allseitige
Bewilligung erfolgte, ging Ponnedro hin, sie heraufzuholen. Als er sich aber mit
seinen Portugiesen dem Zimmer genähert hatte, vernahmen sie mit höchstem
Schrecken, wie dass Chaumigrem gegenwärtig wäre: welcher zwar dieser Tage eine
Lustreise vorgenommen, solche aber unversehens eingestellt und in eine verliebte
Besuchung verwandelt hatte. Ponnedro verbarg den Prinzen alsobald zwischen eine
gedoppelte Wand, welche ihm wegen ihrer Schwäche alle im Zimmer gesprochene
Worte zu seinem Schmerzen zu hören erlaubte. Er aber, Ponnedro, verfügte sich
gleichsam zur Aufwartung ins Zimmer, und sah, wie das sämtliche Frauenzimmer
entwichen war. Wie nun die Prinzessin unwissende nicht ferne von der Wand,
welche ihren Prinzen bedeckte, in tiefsten Trauergedanken auf einem Stuhle sass,
so ging Chaumigrem anfangs sonder einige Anrede eine geraume Zeit in dero Zimmer
auf und ab, endlich aber verfügte er sich nach der Prinzessin, und redete sie
mit diesen freundlichen Worten an: »Wie so betrübt, meine Schöne, wenn werden
uns die benetzten Wangen trockene Rosen und die traurigen Augen fröhliche Sonnen
gewähren?« - »Wenn der Himmel sein Ziel«, antwortete die betrübte Banise, »und
mein Elend seine Endschaft wird erreichet haben.« Chaumigrem erwiderte: »Denen
Monarchen hat der Himmel auch die Macht erteilet, dass sie ein ungütiges
Verhängnis verbessern, und die Betrübten erfreuen können.« - »Ich weiss nicht«,
versetzte Banise, »ob bei so unersetzlichen Schaden und Betrübnis ein so
kräftiges Pflaster möge gefunden werden, welches mein Herz heilen, und mich
vergnügen könne.« - »Ich sichere Sie«, fuhr Chaumigrem fort, »dass die Sonne
Ihres Glückes anjetzo am höchsten stehe, und Sie sich im Paradies befinden soll,
wo Ihr nur nicht vor eignem Wohlstande ekelt.« - »Solch Paradies«, war ihre
Gegenrede, »kann mir von dessen Hand nicht anders als durch einen schleunigen
Tod gewähret werden. Denn wo man einen Wald auszurotten bedacht ist, da pflegt
man keiner jungen Stämme zu verschonen: und wo man sich einen geschwornen
Todfeind von Vater und Mutter nennet, da wird auch eine unglückliche Tochter den
Anteil solchen Hasses empfinden müssen.« - »Ach schönste Banise«, hub hierauf
der grausam Verliebte an, »Sie quäle nicht meine Seele mit dergleichen
Vorwürfen. Ich gestehe es, dass ich Dero Schönheit durch solche von der
Staatssucht abgezwungene Grausamkeit höchst beleidiget habe. Ich versichere mich
aber, es werde eine so gütige Seele den schönen Leib besitzen, welche bei
verspürter Reue alle Misshandlungen vergessen, und mit angenehmster Erfüllung
meines Wunsches beseligen wird.« Bis hieher hatte der lauschende Prinz mit
einiger Vergnügung zugehöret, wiewohl die Prinzessin ihm seine Grausamkeit
vorgehalten. Als er aber von einer angenehmen Erfüllung schwatzen hörte, so
schien es, als ob der Verdruss seinen Einzug bei ihm hielte, dannenhero hörte er
mit sonderbaren Aufmerken die fragende Banise also ferner reden: »Wo ja in
dieser Welt noch etwas zu finden wäre, womit ein gefesseltes Frauenzimmer einen
solchen Monarchen, welchem die Vergnügung selbst zu Fusse fällt, vergnügen könne,
so wüsste ich doch nicht, worinnen solche Erfüllung beruhen sollte?« - »O
beliebte Frage! O schwere Antwort!« fielen Chaumigrems Worte dem Prinzen in die
Ohren; »der, welcher niemals die höchste Gefahr gescheuet, träget anjetzo ein
furchtsames Bedenken, einem schwachen Weibesbilde seine Liebe zu entdecken, ich
will nicht sagen, ihn zu lieben anzubefehlen. Mit einem Worte: Chaumigrem
brennet, und erkieset Banisens Liebe zu Kühlung seiner Flammen.« - »Der jetzige
Stand«, war der Prinzessin Einwenden, »meine Niedrigkeit ist viel zuwenig,
dessen Hoheit zu vergnügen.« - »Mein Glanz«, beantwortete er solches, »kann den
vorgewendeten Schatten zur Sonnen machen.« - »Eingewurzelter Hass verbannet die
Liebe«, wendete sie ferner ein. Chaumigrem antwortete: »In meiner Seele
herrschet Brunst und Flamme, welcher allen Hass nunmehro verzehret hat.« Die
bedrängte Banise suchte alles hervor, was nur einzuwerfen möglich war, sich der
verhasseten Liebe zu entledigen, und ihm zu erweisen, wie unmöglich es sei, ihn
zu lieben. Dannenhero fuhr sie fort, und sagte: »Es lässet auch mein
durchdringendes Betrübnis nicht zu, dessen begierige Seele durch einen
fröhlichen Blick zu ergötzen, weil ich meine Augen zu steten Tränen gewidmet
habe.« Allein diese Worte waren viel zu schwach, den heissen Vorsatz im
geringsten zu stören, deswegen er ihr auch bald mit dieser Antwort begegnete:
»Schönstes Kind! Salzicht Wasser beflecket die Schönheit. Etwas Vergangenes und
Unwiederbringliches aber zu beweinen, ist ein Zeichen nicht wohl überlegter
Klugheit, Sie erfreue sich vielmehr, wann Ihr der grosse Beherrscher des grössten
Teils von Indien seinen Purpur anzeucht, und Ihr sein Herz opfert.« - »Der
grösste Rebell und Blutund in Indien«, hub der ungeduldige Prinz in geheim gegen
dem Scandor an, »welcher seinen Purpur in unschuldigem Blute gefärbet hat. Ehe
du aber dein Herz opferst, muss zuvor meines geopfert sein.« Er hätte noch mehr
geredet, wenn ihn nicht der Prinzessin Stimme zu fernerm Aufmerken angemahnet
hätte: »Zudem«, sagte sie, »ist ja die kaiserliche Burg vorhin ein Himmel, mit
schönsten Sonnen bezieret, deren jede mich als einen geringen Stern verdunkelt.
Einem solchen Herrn aber müssen gestirnte Kerzen und nicht schlechte Irrlichter
zu Bette leuchten.« - »Sich selbst zu verachten«, widerlegte ihr Chaumigrem auch
dieses, »ist eine Art der Demut: Wer nicht Ihre Schönheit als ein vollkommenes
Wesen betrachtet, den muss die Natur der Augen beraubet haben. Ach keine, keine
reichet Ihr den Schatten, dieser Himmel wird nur durch Sie erhellet. Ich erkenne
mehr als zu wohl, wie der fruchtreiche Herbst Ihre Brust und der anmutige
Frühling Ihre Lippen beseelet. Weil sich auch der Sommer in völliger Pracht auf
den Rosenwangen zeigt: wie kann doch der verdriessliche Winter im Herzen wohnen.
Ich sichere, dass tausend Sonnen Ihrer Schönheit fussfällig werden müssen.« - »Es
ist bedenkenswürdig«, redete ihm die Prinzessin ganz sittsam ein, »schlechtes
Glas vor Diamanten zu erwählen. Welches I.M. wohl zu überlegen belieben, damit
die Vernunft nicht einst dies vor Torheit schelten möge, was jetzt die
Übereilung vor Vergnügung hält.« Hier meinte der Prinz, es habe sich die
Prinzessin zu weit vergangen, dass sie, obzwar sehr dunkel, ihm bereits einige
Hoffnung zur Liebe gemacht, gleichsam als ob sie nach reifer Überlegung des
Werks ihn einiger Huld vergewisserte. Allein die kluge Banise wusste wohl, wie
man einen Tiger zähmen, und sich bei Gelegenheit dessen Klauen entreissen sollte.
Chaumigrem fuhr unterdessen fort, und sagte: »Die Sache ist mehr als wohl
erwogen. Ihre Schönheit ist mir schon dermassen ins Herze gepfropft, dass auch der
grösste Sturm diese Wurzel nicht versehren kann: Ach! so betrübe Sie uns doch
nicht ferner durch ungegründete Einwürfe. So schöne Augen, Lippen und Brüste
haben die Götter gewiss nicht umsonst erschaffen: sondern vielmehr, dass sie nur
würdig sein sollen, ein königliches Herz zu vergnügen. Ach! so schaue doch,
englische Seele, wie mein Angesicht glühet, und wie mein Geist nach den Rosen
lechzet, welche auf Ihren Lippen blühen. Ja diese Liebe ist so heftig, dass auch
fernerer Verzug meinen Tod beschleunigen kann.« - »Wie sollte sich diejenige«,
setzte sie solcher Liebesversicherung entgegen, »ungefärbter Liebe bereden
lassen, deren Entseelung doch so heftig verlanget, und derjenige mit Ketten und
Tod beleget wird, welcher mein Leben erhalten hat.« - »Ach wollten die Götter!«
antwortete der begierige Chaumigrem, »die himmlische Banise wollte die
abgezielte Befreiung des Abaxars vor eine wahre Probe meiner brünstigen Liebe
erkennen: so sollte Abaxar diese Stunde zu Ihren Füssen fussfällig vor seine
Erlösung danken.« - »I.M. werden mich«, hub sie hierauf an, »durch solche
Wohltat an meinen Wohltäter sonderlich erfreuen, und mir Ursache geben, Dero
verliebten Vorbringen einigermassen beizupflichten.« Diese weitläuftige
Versicherung setzte den Chaumigrem in sotanes Vergnügen, dass er alsobald dem
Ponnedro zurufte, und sagte: »So eilet denn, Ponnedro, nach äusserstem Vermögen:
Eröffnet Gefängnis und Ketten, und stellet den Abaxar nach Befehl der Prinzessin
auf freien Fuss.« Welches gehorsamst zu verrichten, Ponnedro das Zimmer verliess,
und durch solche Einsamkeit ihm Gelegenheit gab, von der Prinzessin mit diesen
Worten einen Kuss zu begehren: »Hievor«, sagte er, »begehre ich nichts mehr, als
durch einen Kuss das Honig Ihrer Lippen zu kosten.« - »Es ist genung«, sagte der
ungeduldige Prinz, und wollte zugleich diese Angststelle verlassen: Scandor aber
hielt ihn zurücke, sagende: »Gnäd. Herr, wir sind nicht in dem Garten zu Ava, da
wir den verwegenen Chaumigrem mit Ohrfeigen abfertigen können: sondern wir sind
arme Portugiesen, welche so lange, als man nicht mit Gewalt nach der Ware
greifet, in der Güte handeln müssen.« Der Prinz liess sich endlich begütigen, als
er der Prinzessin abschlägige Antwort vernahm: »I.M. entalten sich annoch allzu
hitziger Übereilung: indem zu Bezeugung wahrer Liebe mehr als eine Probe
erfodert wird. Inmittelst beklage ich doch, dass diese gnädigste Willfahrung noch
lange nicht den Zweck begehrter Gnade erreichet habe: indem Abaxar der einzige
Erhalter meines Lebens, vielmehr mich undankbar zu heissen, und zu verfluchen,
als mir einigen Dank abzustatten, Ursache hat, weil die Beraubung seiner
Ehrenstelle ihn viel schmerzlicher, als Kerker und Tod vorkommen wird.« - »So
lebe denn Abaxar in vorigen Ehren«, erwiderte der willfährtige Chaumigrem,
»meine Ungnade soll den betreffen, welcher sich einigen Vorwurfs erkühnen wird.«
Die besorgete Banise gab ihren Zweifel folgendes zu erkennen, indem sie sagte:
»Das kaiserliche Versprechen ist ein Zucker im Munde, dessen Erfüllung aber
erfreuet das Herze.« Solchen wusste Chaumigrem durch hohe Beteurung bald
abzulehnen. »Bei dem Leben der unsichtbaren Gotteit«, schwur er, »und der
geheiligten Krone von Brama, soll Abaxar noch heute bei unserer Tafel
erscheinen, und vorigen Ehrenstand völlig wiederum bekleiden. Nunmehro aber wird
Sie ja, schönster Abgott meines Herzens, erlauben, dass ich meiner Vergnügung in
etwas den Zügel schiessen lasse, und den süssen Tau Ihrer Lippen berühre.« Womit
er sich abermal, sie zu küssen, näherte. »Nun ist es Zeit«, sagte der
empfindliche Prinz, »nimmermehr lasse ich meine Prinzessin auch nur zu einem
Kusse nötigen.« - »Gnädigster Herr«, tät ihm Scandor Einhalt, »wir werden durch
solche Kleinigkeiten den Hauptzweck verrücken. Gesetzt auch, es liefe ein Kuss
mit unter, so wackelt deswegen ja nichts flugs der Kranz.« - »Das ist ein Wahn
des Pöfels«, antwortete der Prinz: »eine keusche Liebe aber soll auch im
geringsten unbefleckt sein.« Hier legte ihnen auch diesesmal der Prinzessin
ferneres Reden ein Stillschweigen auf. »I.M. lassen sich die Geduld
besänftigen«, hörten sie sie reden. »Denn ob ich gleich dieses zu rühmen höchst
Ursache habe, dass I.M. das vermeinte Gold meiner Schönheit höher schätzen, als
es würdig ist, und so gnädigst in mein Begehren gewilliget haben, so werde ich
zwar meinen Geist hiervor zu dessen Dienst widmen, jedoch nur so weit, als es
Tugend und Vernunft erlauben.« Welche ungleiche Weigerung aber dem Chaumigrem
fast einigen Verdruss erwecken wollte, den er auch durch diese Worte sattsam zu
verstehen gab: »Fürsten ist alles erlaubet, weil ihre Fehle der Purpur bedeckt.
Jedoch weiss ich nicht, was ein so kaltsinniges Bezeigen vor eine Bedeutung nach
sich ziehen soll. Ich wünsche des Aufzugs entübriget zu sein.« Dahero die
Prinzessin in nicht geringen Ängsten sich befande, und fast nicht mehr Worte
ersinnen kunnte, wodurch sie weder dem Tyrannen zur Ungeduld noch dem Prinzen zu
einigem Misstrauen Anlass geben möchte: Ihr kluger Verstand aber legte ihr
folgende Worte in den Mund: »Grossmächtigster Kaiser und Herr, die Götter wissen
es, dass die Verweigerung solcher Liebe aus keinem Vorsatz viel weniger
Verachtung entspringet, als die ich vielmehr ein so hohes Glücke mit beiden
Händen ergreife, und ihn, nachdem mich die Götter aller Hoffnung beraubet, und
mich Verlassene trostlos gemacht haben, im Herzen Schatz und Herr heisse, weil
ich es, dem Verhängnis ferner zu widerstreben, vor höchst unbillig achte. Es
wissen aber I. Maj,. dass doch gleichwohl mein Ursprung mit kaiserlichen Ahnen
glänzet, und mein Vater Kronen trug. Ob ihn nun gleich das Verhängnis deren
beraubete, so ist er doch als ein Kaiser dem Geblüte nach gestorben, und hat
mich Elende als eine kaiserliche Tochter hinterlassen. So erwägen demnach I.
Maj. ob es mir anständig und Ihm rühmlich sei, dass ich als Fürstin sklavische
Laster begehen, und mich als eine Hure unterwerfen sollte, die doch nur Ehre als
ihren Brautschatz und Tugend vor ihr Reichtum hält. Meine Wehmut verdoppelt
sich, wenn ich mir dessen Ansinnen zu Gemüte ziehe. Ein verborgener Trieb
entzündet mich, das muss ich gestehen, und ein innerlicher Zug heisset mich
lieben, das kann ich nicht leugnen. Allein auf so verdammliche und Prinzessinnen
unanständige Art der Liebe mich beflecken zu lassen, solche verhindere der
Himmel durch meinen Tod, welchen ich selbst zu befördern beherzt genug bin.« Den
Chaumigrem verlangete heftig, die eigentliche Meinung ihrer Rede zu vernehmen,
und warf ihr diese verpflichte Worte ein: »Ich sterbe vor Verlangen, bald zu
vernehmen, wohin doch Dero weitläuftige Reden zielen. Auch mein Leben soll zu
Ihrem Opfer dienen.« Welche gnädige Versicherung sie sich bald ferner nütze zu
machen wusste, und ihre Rede verfolgete: »Ist ja«, sagte sie, »des Kaisers Liebe
so brünstig und dessen Vorgeben kein Fallbrett erdichteter Brunst, so beliebe er
zu entdecken: Warum er uns nicht durch den Tempel ins Bette führet. Oder
deutlicher zu sagen: Warum machet er sich nicht meiner durch ordentliche
Vermählung teilhaftig? Bin ich ihm zu hässlich? Warum beschweret er sich denn,
dass ihn meine Schönheit entzünde? Bin ich ihm zu arm? so hat er sich meines
Heiratsguts bereits selbst angemasset. Dass also diese Heirat und meine
rechtmässige Wiedererstattung eine Versöhnung der Götter wegen allzu harter
Grausamkeit sein könnte: wodurch das Reich in Ruhe und dessen Person durch
solche Eroberung der Gemüter in erwünschte Sicherheit gesetzet würde. Ist nun
solcher Vortrag, welcher aus einer verliebten Seele entspringet, angenehm und
beliebt: so sollen alsdenn dem Kaiser, die ersten Rosen meiner Liebe zu sammlen,
mit Freuden erlaubet sein. Sollte aber dessen Zweck auf andere und mir höchst
nachteilige Art zu erlangen gesuchet werden; so wird zwar der Kaiser mein Herze,
nicht aber den Willen brechen, mir zwar mein Leben, aber nicht die Ehre rauben
können.« Soviel Worte, soviel Schwerter jagte sie dem Prinzen durch das Herze,
welcher sich vor Eifersucht nicht mehr bergen kunnte. »Ha«, knirschte er mit den
Zähnen bei sich selbst, »ungetreue Banise! sollte es möglich sein, dass du noch
ein Herze zu verschenken hättest. Auf Balacin, stürme in das Gemach hinein, und
opfere den Tyrannen zur Rache ihres Meineides vor ihren Augen.« In welchem
verzweifelten Vorsatz er sich hervorzubegeben gesinnet war. Scandor aber zog ihn
bei dem Ärmel abermals zurücke: »Sie bedenken doch«, sagte er, »ihren Zustand,
und erwägen des Ponnedro Worte, welcher diese Reden der Prinzessin eingeflösset
hat, um den Tyrannen in einen süssen Liebesschlaf zu wiegen, damit er durch süsse
Hoffnung bewogen ihr noch einige Frist erteile.« Der Prinz erkannte bald seinen
Fehler, und strafte sich selbst mit diesen Worten: »Schäme dich, unbesonnener
Balacin, die himmelreinen Flammen deiner Prinzessin durch falsches Misstrauen zu
schwärzen. Die Eifersucht, welche auch Lilien beflecket, hat mich zu dieser
Torheit verleitet, und diese ist ein Trieb höchster Liebe.« Weil nun diese
Entrüstung nicht so gar ohne alles Gepolter abgehen kunnte, als hatte
Chaumigrem, solches zu bemerken, seine Rede unterbrochen, jedoch hub er bald
wiederum an, der Prinzessin vorgebrachte Rede zu beantworten: »Ich schäme mich«,
sagte er, »unbewusster Kälte bei so heftigen Liebesflammen, und rühme Ihre
Tugend, welche mich um so viel mehr entzündet, dass ich entschlossen, noch diesen
Tag den Grundstein Ihrer Wohlfahrt und meiner Vergnügung durch braminische Hand
zu legen, damit nicht mein loderndes Herze solches Versehen durch die Pein
langer Geduld büssen müsse.«
    Wie nun die Prinzessin durch diese Worte in höchste Bestürzung gesetzet
wurde, so kunnte sie sich lange Zeit nicht fassen, auch diesen Sturm der
eilfertigen Liebe abzuschlagen. Dennoch siegete ihr Verstand, und ein kluges
Vorwenden kühlete diese Hitze in etwas. »So wisse demnach, mein Herr«,
verlängerte sie diese Unterredung mit verstellten Liebesgebärden, »und wo es mir
nunmehr erlaubet, zu sagen: Mein Schatz! dass mein entflammtes Herze ganz
entzückt den Weihrauch beliebter Gegenliebe auf den Altar seiner Seelen streuet,
und sich diese Glut in mir nicht länger verbergen lässet. Sie schläget zu Mund
und Augen heraus, weil mein Geist von Liebe und Lust gleichsam überschwemmet
wird.« Diese Worte erregten einen neuen Streit des Zweifels und der Eifersucht
in des Prinzen Seele, welcher sich in diese Verstellung durchaus nicht zu
schicken wusste, und dahero vor Ungeduld zu börsten meinte: Doch wurde er auf
vorige und bessere Gedanken wiederum gebracht, als er der Prinzessin Meinung
durch Fortsetzung ihrer Rede vernahm. »Mir fället zwar«, fuhr sie ferner fort,
»jedweder Verzug hierinnen aufs schmerzlichste, und wünsche sotane
Liebesbeschleunigung aufs heftigste; ich muss aber hierbei die Geduld in etwas
gelten lassen, welche mir billig diesen Einwurf tut: Ich würde mir, wenn ich
bereits, da der väterliche Körper vor wenig Tagen noch Blut geschwitzet, in das
Brautbette steigen wollte, bei allem Volke einen Hass und von der Welt ein
ungleiches Urteil verursachen. So beliebe denn, mein Augentrost, unsere heftige
Liebe mit einiger Geduld zu bekrönen. Denn die Liebe ist von Natur feurig, drum
soll man auch mit ihr wie mit dem Feuer behutsam umgehen.« - »Wer allezeit«, war
die ungeduldige Gegenantwort, »in der glatten Welt seine Schritte nach der
Schnur einrichten will, der darf nur das Gehen gar einstellen. Diese Furcht ist
nur vergebens: denn alles, was gekrönten Häuptern beliebet, das haben die Götter
erlaubet. Wer aber darf sich unterfangen, ihr Verfahren zu beurteilen.« - »Die
ganze Welt sieht auf einen Fürsten«, redete ihm Banise ferner ein, »und
schreibet man nur die Finsternissen der Sonnen auf, wenn man gleich die
Verleschung gemeiner Lichter mit Stillschweigen übergehet.« - »Ach mein Engel!«
hub der entflammte Chaumigrem an, »Verzug ist Höllenpein. Entweder ich muss
sterben, oder mein Recht der Liebe an der unvergleichlichen Banise ausführen,
und solches sollen auch die Geister der Höllen nicht hintertreiben können.« -
»Eben diese Flammen«, antwortete die beängstigte Banise, »quälen mein Herze, und
ich bin nicht weniger begierig, unsere Liebe vollkommen zu machen. Es gönne mir
aber mein Herr und Schatz nur noch drei Tage Frist, worinnen ich mich recht
fassen könne, sowohl dem Volke die wahre Beschaffenheit meiner Verheiratung
gebührend beizubringen, als auch dieses hohe Glücke mit bedachtsamer Seelen und
brennenden Herzen zu umfassen.« Diese so angenehme Worte besiegten endlich den
verliebten Willen, dass er einwilligte, und sagte: »Ob zwar diese dreitägige
Frist eine dreitägige Höllenqual verursachen wird, so will ich doch auch
hierinnen dem Befehl meiner Göttin nachleben, und die unfehlbare Vergnügung
alsdenn erwarten. Inmittelst lebe Sie bemühet, wie Sie alle unnötige Traurigkeit
verbannen, und Ihren Ergebenen mit fröhlichen Armen und lachenden Lippen
umfangen möge.« Worauf er mit einem Handkuss die Prinzessin und das Zimmer zu
grosser Freude des Prinzen verliess, welcher fast vor Verlangen sterben wollte,
mit der Prinzessin gleiche Unterredung zu pflegen. »Ja, ja, vergnüge dich nur in
Gedanken«, redete Banise ihm nach, »die Götter sollen dir statt meiner einen
Schatten in die Arme gewähren. Ach aber, der kalte Schweiss befällt meine
Glieder, wenn ich an die Kürze der Zeit und an die heftige Brunst des Tyrannen
gedenke. Ach Ponnedro«, redete sie den gleich eintretenden Ponnedro an, »in
dreien Tagen muss ich sterben oder erlöset sein.« - »Nicht sterben, nicht
sterben, gnädigste Prinzessin«, antwortete Ponnedro, »der Himmel kann oft in
einem Augenblicke mehr gewähren, als man in vielen Jahren kaum gehoffet hat.
Inmittelst wird es selbter nicht entgegenfallen, den beliebten Portugiesen
einzulassen.« Welches sie von Herzen bewilligte, und Ponnedro den Prinzen
hereinführte. Dieser fiel alsbald bei seinem Eintritt aus innigster Bewegung vor
der Prinzessin nieder, ihre Hand zu küssen, welche sie ihm aber anfangs
verweigerte, und nicht glauben wollte, dass dieses der verstellte Prinz sei.
Endlich aber auf Zureden des Ponnedro und einige Versicherung des Prinzens,
stellete sie ihnen Glauben bei, und liess es geschehen, dass er ihre Hand mit
tränenden Augen küssete, und sie also anredete: »Ach, innigst geliebteste
Prinzessin! so soll ich Sie in solchem Zustande antreffen, welchen mein Herz
längst mit blutigen Tränen beweinet, und mich gezwungen hat, aus herzlicher
Liebe Szepter und Krone zu verlassen, und mich in diese geringe Tracht zu
verbergen, um meine hohe Braut nicht allein zu sehen, sondern auch mit meinem
Blute zu erlösen.« Er hätte ferner geredet, wenn ihn nicht des sämtlichen
Frauenzimmers Ankunft aufzustehen, und seine Worte abzubrechen gezwungen hätte.
Scandor redete alsbald mit veränderter Stimme die Ankommenden an, und ermahnete
sie, ihnen abzukaufen: »Sehet da, schöne Fräule«, sagte er, und legte zugleich
seinen Kram aus, »kaufet etwas von schönen frischen Waren, welche wir erst mit
Leib- und Lebensgefahr aus Europa geholt, und solche gerne vornehmen Händen
gönnen wollten. Diese Point d'Espagne kömmt von Paris aus Sachsen, und ist
dermassen wohl genäht, dass man Flöhe darin fangen könnte. Sie kostet dreissig
Dukaten, und wird um fünfzig gelassen.« - »Närrischer Mensch«, redete ihn die
Fräulein von Anseda an, »man wird ja nicht mehr geben, als das Bieten fordert.«
- »Überkluges Fräulein«, antwortete Scandor, »fünfzig Taler sind ja weniger als
dreissig Dukaten.« - »Nein, wie gefällt Ihr Euch«, sagte sie und schwieg mit
beschämten Wagen darauf stille. Scandor aber redete fort: »Sie gönnen uns Ihr
Geld vor andern, und versichern sich, dass in ganz Pegu wir die besten Waren bei
uns führen. Hier sind treffliche Saphire, womit man sich ein gehässiges Gemüte
verbinden kann. Gnädiges Fräulein«, redete er die Prinzessin von Saavady an:
»Sie kaufen was davon, lassen Ihr Bildnis darein fassen, und geben es derjenigen
Person, die Sie zu lieben gedenken: ich will die ganze Ware verloren haben, wo
er Sie nicht dermassen liebgewinnen wird, als Sie es fast selbst nicht zu tun
vermöchten.« Die Prinzessin fand sich in etwas getroffen, dahero eine anmutige
Röte ihre Stirn bezog, nachdem sie es aber vor eine ohngefähre Rede hielte,
wollte sie sich dieses Anerbieten zunutze machen, und sagte: »Ich nehme den Ruhm
Eurer Ware vor bekannt an, und verspreche Euch vor jedes Stücke tausend Dukaten,
so sie diese Wirkung erreichen, dass mich derjenige, welchem ich sie geben werde,
lieben müsse.« - »Ja gnädiges Fräulein!« antwortete Scandor, »was ich gesagt
habe, das wird geschehen: Nämlich dass die geschenkten Saphire, nicht aber Dero
Person, werden geliebt werden. Können Sie sich aber zugleich einige Gegenliebe
damit erkaufen, so ist meine Ware desto ruhmswürdiger.« - »Das ist was
Herziges«, antwortete das Fräulein, und überging alles übrige mit einem
verbitterten Stillschweigen. Scandor aber redete noch ferner: »Schönes
Frauenzimmer, Sie treten herzu, und kaufen, weil der Markt noch währet, denn
solche Ware wird Ihnen gewiss nicht alle Tage vor Augen kommen. Sie wählen sich
was aus, und versichern sich, dass ich ohne Geld mit mir handeln lasse.« Sobald
er dieses gesagt, trat eine vorwitzige Dame aus dem Frauenzimmer hervor, und
ergriff ein Paar Ohrgehenke, sagende: »Weil man hier ohne Geld handeln darf, so
werden mir diese Ohrgehenke trefflich anständig sein.« Scandor aber nahm sie ihr
mit diesen Worten wieder: »Bei dem Handel verlange ich freilich kein Geld.
Allein ich befürchte, mein Fräulein möchte bei der Bezahlung, da ich alsdenn
erst Geld haben muss, einen leeren Beutel haben.« Wodurch sie sich nicht wenig
beleidiget fand, und sich wieder unter die andern verbarg. Endlich wollte auch
die gelbe Eswara an dem Scandor zum Ritter werden, und die öftere Beschämung auf
einmal rächen. Dannenhero nahm sie einen persianischen Teppicht zur Hand, besah
ihn und sprach: »Die Nummer ist von Ardebil, und das Gemachte von Pegu.« Scandor
aber verursachte ein jählinges Stillschweigen bei ihr, als er ihr antwortete:
»Sie hat recht, meine Frau, der Teppicht ist von Pegu, aber nicht aus Ihrem
Zimmer, sonst hätten ihn die Hunde zerrissen.« Wie wunderlich sich die drei
Farben schwarz, rot und gelbe vermischten, solches kunnte man in Eswara Gesichte
bemerken, als sie den Teppicht ganz sachte niederlegte, und sich nicht mehr
sehen liess. Hierdurch nun hatte sich Scandor fast alle verschlagen, dass sie ihn
ganz allein stehen liessen. Doch er lockete sie ziemlich wieder herbei, als er
sich rühmete, eine sonderbare europäische Schminke zu haben, womit alle
verfallene Schönheit wieder zu bringen, ja das Alter fast zu verjüngern wäre.
Hier wurde Scandor von allen ausser der Prinzessin von Saavady, welche sich an
eigner Schönheit vergnügen kunnte, und der Eswara, die sich aus Scham nicht
wollte sehen lassen, gleichsam belagert. Scandor aber hielte sie eine lange
Weile durch vieles Rühmen von dieser Schönheitssalbe auf. »Ja«, sagte er,
»dieses herrliche Öl ist von so vortrefflicher Tugend, dass auch nur ein Tropfen
davon nicht nur dem Gesichte seine Rosen, und den Händen ihre Lilien, sondern
auch dem ganzen Leibe seinen befleckten Marmor wiederum ganz rein und zart
ersetzen kann. Die finnichten Wangen, küpfernen Nasen und runzlichte Stirnen
weiss es dermassen zu verändern, dass sich die Schönheit selbst über ihr Ebenbild
verwundern muss. Es reiniget alle triefende Augen, und so man es alle Abend drei
Stunden vor der Sonnen Aufgang fein trocken in einem Löffel Wein einnimmt, so
würde der hundertste schweren, diese Jungfer, oder Fräulein wollte ich sagen,
hätte sein Tage keinen übelriechenden Atem gehabt. In summa, es ist das fünfte
Wesen der Schönheit, und wer solches hat, der besitzet einen trefflichen
Schatz.« Das sämtliche Frauenzimmer bat ihn hierauf mit den beweglichsten
Worten, doch eine Einteilung zu machen, damit jedwede etliche Tropfen davon
bekommen möchte. Ein Teil lief nach dem Geldbeutel, in Hoffnung, die andern zu
übersetzen, damit sie den meisten Teil bekäme. Andere traten vor die Spiegel,
und examinierten ihre Schönheit, welcher Ort des Angesichts der Schönheit am
meisten benötiget wäre. Ja etliche baten gar den Scandor in geheim, dieses Öl
ihnen doch nur allein zu gönnen: Denn sonst würde es ja keine Seltsamkeit nach
sich ziehen, wenn jedwede mit einem glatten Spiegel aufgezogen käme. Endlich
versammleten sie sich insgesamt wieder um den Scandor, und ermahneten ihn
eifrigst, ihnen solches Öl zu zeigen, und vor ihr Geld zu überlassen. Als er
aber ihren Eifer sah, bat er sie, ihm zuvor diese wenige Frage zu beantworten:
Ob dieses nicht eine unverantwortliche Sünde gegen die Götter, und eine grosse
Torheit vor den Menschen wäre, wenn sich ein vorhin von dem Himmel mit Schönheit
sattsam begabtes Angesichte durch die Kunst noch schöner zu machen unterstünde,
welches sie alle zugleich bejaheten. »Nun weiss ich«, fuhr er fort, »dass nicht
eine von mir leiden würde, dass ich sie hässlich nennete, sondern jedwede wird
sich eine eingebildete Schönheit beilegen, und sollte es auch der arme Spiegel
entgelten, dass dessen falsches Glas das sonst wohlgebildete Gesichte
verstellete. Nachdem Sie ja nun alle schöne sein, so begehen Sie, laut eigenen
Geständnis, eine grosse Torheit und Sünde, dass Sie die Götter meistern, und sich
verbessern wollen. Dannenhero Ihnen auch dieses Öl ein Überfluss sein würde.« Mit
welchen Worten er wieder einzupacken begunnte. Das begierige Frauenzimmer aber
rief ihm zu, er sollte ihnen nur das Öl verkaufen, sie müssten es freilich
gestehen, dass sie das Armut der Schönheit sehr drückte, dahero sollte er ihrer
Dürftigkeit mit dem Öl zustatten kommen. Scandor lachte, und sagte: »Hätte ich
das, was Sie selbst bekennen, zuvor gesagt, ich glaube, man hätte mir einen
gnädigen Staubbesen erteilet, da mir denn gewiss die Hässlichsten den ersten
Streich geben sollen. Nun aber sage ich, dass es viel eine grössere Narrheit ist,
die Götter, welche uns durch hässliche Gestalt nicht allen Augen, wegen bewusster
innerlichen Lüsternheit, wollen beliebt machen, zu trotzen, und das verstellete
Wesen unserer Haut durch einige Kunst zu beschönen. So wenig ein Elefant auf dem
Seile tanzen, und ein alt Weib ihre Haut wie eine Schlange abstreifen, und sich
verjüngern kann: so wenig, ja so unmöglich ist es auch, dass ein greulich
Gesichte schön gemacht werden könne. Es geht zwar an, dass man die Haut
müllermässig bestreuet, und die Lippen nebst den Wangen mit roter Narrensalbe und
Krebsscheren beschmieret: Allein zu dem, dass es nach wenigen Stunden
verschwindet, und eine viel hässlichere Larve, als sie die Natur erfordert,
darstellet: so ist es auch eine allzu augenscheinliche Sache, welche den Leuten
gar zu leichte in die Augen und hernach nicht unbillig auf die Zunge fällt. Wäre
also mein wohlgemeinter Rat, man behielte seine Gestalt, und dankete den
Göttern, dass sie uns nicht blind oder schielende werden lassen: wohl erwägende,
dass aus einem geschminkten Angesichte nichts Gewissers als ein falsches und
lasterbegieriges Herze zu schliessen sei. Was aber mein köstliches Schminköl
anbelanget, so habe ich dessen Beschreibung in einem Buche, welches ich noch von
meiner Grossmutter Schwester Sohnstochter bekommen habe, gelesen: Sobald ich nun
in Europa komme, will ich fleissig darnach fragen, und durch dessen Überbringen
Dero allerseitiges Vergnügen stillen.« Was vor Ehrentitul nun dem Scandor seine
Haare einpuderten, das empfunden die geduldigen Ohren am besten. Diese hiess ihn
einen Narren, jene einen Bärenhäuter, und die dritte wollte ihn gar ins Loch
stecken lassen. Bis sich ihm endlich die Prinzessin von Saavady wiederum
näherte, und einige Saphire an sich erhandelte. Währenden dieses wunderlichen
Handels hatte sich die Prinzessin mit dem verstellten Prinzen in ihr innerstes
Cabinet begeben unter dem Vorwand, ihm einige Diamanten zu zeigen, von deren Art
er ihr noch unterschiedene schaffen sollte. Sobald sie solches betreten, und
nicht mehr an des Prinzen Person zweifelte, redete sie ihn alsobald an: »Ach
mein wertester Prinz! die Zeit ist kurz, und die Sache, wovon ich reden soll,
ist wichtig: Derowegen ich denn nicht gesonnen bin, Ihn durch viel
Versicherungen meiner sattsam bekannten Liebe aufzuhalten. Ich sage dies, dass
ich durch verstelltes Liebkosen den Tyrannen auf drei Tage gezähmet, in welcher
kurzen Zeit Er seine Banise retten oder sterben lassen muss. Er entdecke mir nur
ungescheut, ob es möglich sei, meine Erlösung auf einige Art vorzunehmen. Hat
Ihn aber das Verhängnis aller Mittel beraubet, mich Trostlose aus der Hand
meines Verfolgers zu retten, so erlaube Er mir, dass ich hier vor seinen Augen
mit desto grösserm Mute sterbe, damit Er mein Zeuge meiner unbefleckten Liebe und
beständigen Treue sein, und mir den Ruhm mit in das Grab geben müsse: Eine jede
keusche Seele müsse mein Beispiel lieben.« - »Nein, schönste Prinzessin!«
antwortete der Prinz, »es ist nicht nötig, den Stahl auf eigene Brust zu kehren:
sondern viel besser, wenn solcher bei vorfallender Not zu Rettung Ihrer Ehren
wider den Tyrannen gewendet würde. Jedoch wird dieses äusserste Mittel
verhorffentlich nicht zu ergreifen sein, weil uns die Götter noch nicht allen
Beistand versaget haben. Die Erlösung beruhet in der Flucht, und Ihr Glücke
grünet in fremder Luft. Doch fürchte ich, es werde die rauhe Wüste Dero zarten
Füssen sehr beschwerlich vorkommen, und die gewohnte Gemächligkeit wird sich
einem schnellen Rosse nicht füglich anvertrauen lassen.« - »Ach schweige Er«,
antwortete die halberfreute Prinzessin, »hier ist nicht nach dem Willen zu
fragen, sondern es heisst: Ich muss. Ich folge, wo man mich hinführet. Ich will
mit Ihm die verbrannten Mohren besuchen, ja auch die kalten Nordländer, wo sich
die weissen Bären aufhalten, nicht ausschlagen, denn sollte mich gleich der
Himmel zu ihrer Kost versehen haben, so würde ich doch viel sanfter in Seiner
Schoss sterben, als hier in verhasstem Purpur leben.« - »Allerschönste Prinzessin!
Treuste Seele!« versetzte der entzückte Prinz, »ist es wohl möglich, dass eine
vollkommene Schönheit auch eine vollkommene Tugend beseelet. So wisse Sie denn,
mein Engel! dass es nötig sein wird, sich auf einen starken Schlaftrunk gefasst zu
machen, welcher auf benennte Zeit des Feindes Brunst in einen harten Schlaf
verwandeln kann. Dessen Kleidung kann so-denn das scharfsichtige Auge der Wache
leicht betriegen: und wenn Sie die sogenannte Tigerpforte glücklich erreichet
hat, so werden uns einige flüchtige Rosse aus dieser Gefahr entführen, und ein
beglückter Ausgang wird unsere Mühe krönen. Diese saure Reise wird mich Ihr und
Sie mir verbinden, die Not wird unser Stab und die Liebe unser Licht sein: bis
wir die Grenzen von Ava erreichen, und alsdenn dem Tyrannen Trutz bieten
können.« - »Wohl! Liebster Schatz«, erwiderte Banise, »ich nehme dieses schwere
Werk willigst auf mich, und weil Behutsamkeit das meiste hiebei tun muss, so
werde ich und Er solches mit dem Ponnedro noch fleissiger überlegen. Ich wünsche
von Herzen, schon in der grössten Wüsten zu sein. Adieu! Mein Engel! auf zwei
Tage. Wir müssen anjetzo durch Eilen dem Verdachte vorkommen, und uns wieder
denen andern beigesellen.« Worauf sie ihn küssende beurlaubte und gleichsam mit
ihm handelnde wieder in das Zimmer trat. Als nun Scandor wieder eingepacket
hatte, verliessen die verliebten Portugiesen das Zimmer nebst der Burg, und
begaben sich eilends nach des Talemons Schloss, allwo er dem Talemon alles
entdeckte, was die letzte Abrede mit der Prinzessin gewesen, und wie eine
schleunige Flucht das äusserste Mittel ihrer Erlösung wäre. Dannenhero als die
Sache nochmals in Gegenwart des Ponnedro wohl überleget wurde, machte der Prinz
alle Anstalt zu dieser flüchtigen Reise. Er kaufte sechs persianische Klepper,
welche sich mit den Hirschen in einen Wettlauf einlassen dürfen: deren drei
sollten vor der Tigerpforte zum ersten Aufsitze bereitstehen, die andern drei
aber sollten vier Meilen von Pegu an einem gewissen Ort aufwarten, damit durch
Abwechselung die Flucht beschleuniget würde. Was sonst hierzu nötig war, musste
Scandor fleissig herbeischaffen, die eingekauften Waren aber schenkte der Prinz
der Hassanen und Lorangen, welche über solche Freigebigkeit so bestürzt wurden,
dass sie eine mündliche Danksagung zu tun unfähig waren.
    Hierauf kam nun der von dem Chaumigrem längst erwünschte Tag, an welchem er
sich feste einbildete, diejenige Vergnügung zu geniessen, derer er sich einig und
allein nur würdig schätzte. Es verdross ihn nichts heftiger, als dass er nicht
auch der Sonnen zu befehlen hatte, um ihr alsdenn zu gebieten, desto geschwinder
zu laufen, und den Tag zu endigen. Ja er konnte nicht die hereinbrechende
Finsternis erwarten, sonder seine Prinzessin zu sehen. Er verfügte sich in ihr
Zimmer, und forschete, an welchem Orte sie das Tali verlangete. Weiln sie aber
diese bramische Verknüpfung nicht ratsam dauchte, so wendete sie vor, eine
engere Verbündnis liesse ihr Zustand noch nicht zu: inmittelst würde dennoch ihr
Zimmer dem Kaiser offenstehen. Welches dem Chaumigrem um so viel angenehmer zu
hören war, und mit heftiger Zwanggeduld die Nacht erwartete. Der Prinz säumete
seines Ortes hingegen auch nicht, alle benötigte Anstalt zu machen, damit ja
nichts in einem so wichtigen Werke versehen würde. Dies einige Hindernis wollte
noch die Sache schwer machen, wie nämlich die Tigerpforte zu eröffnen sei.
Hierzu fand sich nun die erwünschte Gelegenheit, dass die Braminen oder Priester,
welche den Kaiser mit der Prinzessin verknüpfen sollen, nicht durch das Burgtor,
sondern durch erwähnte Pforte sollten eingelassen werden: zu welchem Ende solche
eröffnet ward.
    Nachdem aber nach widrigem Entschluss solchen zurücke zu bleiben anbefohlen
ward, wurde auch diese Pforte wieder zu schliessen ins Vergessen gestellet:
welches der Prinz als eine besondere Schickung der Götter aufnahm, und sich
einen erwünschten Ausgang versprach. Sobald nun die Nacht durch ihre
Schattendecke alle Sicherheit versprach, begab sich der Prinz sonder Verweilen
mit den bestellten Pferden vor die Pforte, Chaumigrem hingegen bemühte sich,
gleichfalls vor der Liebespforte anzuklopfen: Dannenhero er auch, sich ganz
sicher schätzende, die Wachten zu vermindern gebot. Banise hatte indessen das in
ganz Indien bekannte Kraut Dutroa4 in Wein abgekocht, dasselbe als einen
lieblichen Trank zubereitet, und stellete solchen in einem güldenen Geschirre
zum Dienste des Kaisers vor sich. Chaumigrem ging voller vergnügten Hoffnung dem
Zimmer seiner Geliebten zu, welche er auch ziemlich wohlgemut vor sich fand. Sie
stellete sich sehr freundlich an, und setzte ihn in solche Flamme, welche ihr
fast schädlicher als erspriesslich hätte sein mögen. »Allerschönster Engel«,
redete er sie an, »ist dieses die angenehmste Stunde, worinnen Ihr Glücke und
meine Vergnügung blühen soll, so lasse Sie ja keinen Zeitblick vorbeigehen, in
das Paradies der Wollust zu schreiten.« - »Weil es die Wunderhand«, antwortete
sie, »der Götter also füget, mich dem kaiserlichen Willen zu unterwerfen, so
werde ich gehorsamst folgen. Nachdem ich mir aber durch die Hand des Leibarztes
einen Gesundheitstrank zubereiten lassen, welchen ich jetzt geniessen, und auf
dessen Gebrauch eine Stunde ruhen soll, so werden I.M. wohl erlauben, dass ich
nur noch eine Stunde Zeit dessen Begehren unterbreche.« Der ungeduldige und vor
Liebe fast blinde Chaumigrem ergriff sofort den Becher mit diesen Worten: »Die
Gesundheit wird um ein grosses befördert werden, so ich es selbst auf Dero
Wohlergehen austrinke, und hingegen unserer Flamme keinen Aufschub gönne.«
Worauf er diesen Trank begierigst in sich schüttete: auch sich sobald erheben,
und die Rosen der Wollust suchen wollte: aber im Augenblick erreichte der Trank
seine Würkung. Er sank wieder zurücke, lachte eine kurze Zeit, und geriet
endlich in einen solchen tiefen Schlaf, dass er mehr tot als lebendig zu sein
schiene. Die Prinzessin, solches ersehende, verliess eilend ihren Sitz, wickelte
etwas von Kleinodien zusammen, zog dem unempfindlichen Liebhaber seinen langen
Rock aus und sich an, setzte dessen Schlafbund auf, und vergass nichts, was sie
als den rechten Kaiser konnte vorstellig machen. Hierauf trat sie beherzt aus
dem Zimmer, wiewohl sie das Angesichte möglichst verbarg. Die Wache tät ihr als
dem Kaiser mit niedergeschlagenen Häuptern tiefe Ehrerbietung, welches sie an
benötigter Aufmerksamkeit desto mehr verhinderte: Sie aber ging mit langsamen
Schritten nach dem kaiserlichen Zimmer. Sobald sie die Wache aus den Augen
verlor, wendete sie sich nach einer kurzen Stiegen, welche sie auf eine lange
Galerie leitete. Als sie diese ungehindert geendiget, führte sie der Weg
zwischen etlichen Mauern gerade der Tigerpforten zu, welche zu erreichen, sie
ihre Schritte verdoppelte, und ihren geliebten Prinzen fröhlichst vor derselben
antraf. Der Prinz konnte sich vor Freuden nicht fassen, viel weniger einbilden,
dass es seine werte Prinzessin wäre. Scandor aber ermahnte ihn, sich nicht zu
säumen, viel weniger an ihrer Person zu zweifeln: sondern sollte sie nur
angreifen, so würde er an ihrem Fleisch und Blute wohl fühlen, dass es kein Geist
wäre. Dannenhero stieg sie selbst ohne weitläuftiges Reden frisch zu Pferde, und
trat also im Namen der Götter die gefährliche Flucht mit Vergnügen an. Indessen
reise nur hin, du vergnügtes doch unglückliches Paar, reise getrost! bilde dir
aber nicht ein, dass die hurtigen Schenkel deiner Rosse schneller denn das
Unglück sei, welches doch geschwinden Luchsen vorläuft. Ziehet hin, der Himmel
begleite euch, und zeige euch die rechte Bahn: doch verfehlet nicht der rechten
Strasse. Indem nun der schlaftrunkene Chaumigrem die ganze Nacht in höchster
Unempfindlichkeit zugebracht, und die Würkung des Krauts seine Endschaft
erreichet hatte, begunnte er endlich bei hoher Sonnen die Augen aufzuschlagen.
Er wusste aber noch nicht, ob er wachte oder noch träumte? Entkleidet sah er
sich, Banise hatte sich seinen Augen entzogen, eine allgemeine Stille nahm das
Zimmer ein: ja er stellete sich gar einige Bezauberung vor. Endlich verliess er
seinen Ruhplatz, hing einen Weiberrock um sich, und rufte auf die Wache: statt
deren sich aber Ponnedro gehorsamst einstellte, und nach dessen Verlangen
forschete. »Wo ist die Prinzessin?«, fragte er ganz bestürzt. »Deren Gegenwart«,
antwortete Ponnedro, »wird I. Maj. sattsam empfunden haben.« - »Scherzet nicht,
Ponnedro«, widerredete Chaumigrem, »sondern saget alsbald, wo die Zauberin sei.«
- »I. Majest. haben mich heunte meiner Aufsicht überhoben«, versetzte Ponnedro,
»und so folgbar auch fernerer Verantwortung. Ich habe sie I. Majest. in die
Armen geliefert, vor das übrige werden Sie selbst gesorget haben.« - »Sie hat
mich bezaubert«, fuhr der Kaiser fort, »und mich durch einen Trunk aller Sinnen
beraubet. Auf! durchsuchet alle Zimmer, und verschonet auch das nahliegende
Frauenzimmer nicht.« Allein, es war alles Suchen vergebens, die Prinzessin
irrete bereits in Wäldern herum. Die Wache berichtete, wie sie ausser dem Kaiser
niemand aus dem Zimmer gehen sehen, aus welchen Umständen er den Betrug zu
merken begunnte: Endlich auch hieran gar nicht mehr zweifelte, als ihm die
Eröffnung der Tigerpforte hinterbracht wurde. Hier verwandelte sich dessen Grimm
in eine Raserei: »Blitz, Brand, Schwefel, Blei und hundert Henker sollen diese
Schmach rächen«, rief er, ganz wütende in dem Gemach herumlaufende, »und ihr
alle sollt es mit euren Hälsen bezahlen, dass ihr dieses Höllenkind entreissen
lassen. O verfluchte Falschheit! o verdammte Arglist! ein schwaches Weibesbild
darf sich erkühnen, einen so mächtigen Kaiser schimpflichst zu entkleiden, und
indem er nach ihr greift, ihm den blossen Schatten zu gewähren. O Rolim, Rolim!
hätte Chaumigrem gefolget, so wäre der Kaiser unbeschimpfet blieben. Ach
freilich kann ein schlimmer Stamm keine gute Zweige tragen: vermaledeiet sei die
Hand, welche auch die Wurzel verschonet hat.«
    Nach welchen Worten er halb bloss nach seinem Gemach lief, und in solcher Wut
seinen Säbel holte, welchen auch sofort etliche von der Wacht tödlich empfinden
mussten. Ponnedro hatte sich so weit unsichtbar gemachet, und also sollte das
unschuldige Frauenzimmer die blutige Reihe treffen: welche sich aber aufs beste
verriegelten, und also dem ersten Zorne entgingen: wiewohl hernach über fünfzig
Weiber über die Klinge springen mussten. Als aber der Feldherr Martong, der
Rolim, und einige andere hohe Personen sich einfunden, und den wütenden
Chaumigrem möglichst besänftigten: befahl er alsobald, es sollten zweitausend
der Bestberittenen aufsitzen, der flüchtigen Prinzessin nachsetzen, und sie tot
oder lebendig liefern. Welcher aber ohne sie sich einiges Rückkehrens
unterstehen würde, der sollte den Verlust seines Kopfes empfinden.
    Wir wollen aber einen kleinen Vorsprung tun, und unseren verliebten
Flüchtlingen in etwas nachgehen. Diese befunden sich nun in einem bekümmerten
Zustande: indem die Dunkelheit der Nacht ihnen die Strasse geraubet hatte: und da
sie sich gegen den Morgen wenden sollen, waren sie gegen Mitternacht auf einen
unbekannten Weg geraten. Als ihnen aber der anbrechende Morgenschimmer ihren
Irrtum entdeckte, wendete sich zwar der Prinz der Morgenröte entgegen: allein
hierdurch hatten sie sowohl den frischen Pferdewechsel verfehlet als auch ihre
Rosse bereits sehr abgemattet. Eine breite Strasse führte sie in einen dicken
Wald, welchen sie gleich aus vor sich nahmen: Und als sie fast den Mittag
erreichet, siehe da befanden sie sich, zu ihrem höchsten Leidwesen, in dem
bekannten Tigerholze, welches der Prinz aus dem Orte, wo er vorm Jahre den
unglückseligen Xemindo vom Tode errettet, leicht bemerkete. »Wehe uns«, rief die
Prinzessin, »die Götter haben noch was Grosses über uns verhangen.« Welche Worte
sie kaum geendiget hatte, so hörten sie die Menge der schallenden Waldhörner,
gleichsam als ob sie ein Wild zu fangen ausgezogen wären. Der Prinz wählete sich
sofort einen ungebahnten Weg, und befahl dem Scandor, mit der Prinzessin frisch
nachzufolgen: Welches Scandor zwar aus allen Kräften zu tun sich bemühete,
allein die Mattigkeit der Pferde wollte ihnen fast allen Dienst aufkündigen.
»Ach Scandor«, rief die Prinzessin, »wir sind des Todes!« als sie bereits von
fernen über zwanzig Reiter erblickte. Und damit ihr Unstern ja desto heller
scheinen möchte, so stürzte zugleich der Prinzessin Pferd, dermassen, dass sich
Scandor nicht unbillig eines grossen Schadens, welchen die Prinzessin möchte
empfunden haben, besorgete. Der Prinz nichts anders meinende, denn sie folgeten
ihm hurtig nach, eilete, so sehr sein Pferd vermochte, und sah sich auch nicht
einmal um, bis er sie ganz aus dem Gesichte verloren hatte. Unterdessen sass die
erschrockene und trostlose Prinzessin auf den harten Baumwurzeln, und sah ihre
Verfolger von weitem sich herannähern. Scandor wusste sich auch nicht zu raten,
dannenhero liess er sein Pferd laufen, und setzte sich zur Prinzessin sagende:
»Ich kann mir nicht weiterhelfen. Hier wollen wir sitzen bleiben, und uns vor
zwei Hasen ausgeben: weil es nun im Gehege ist, so werden sie uns wohl
ungebrühet lassen.« - »Ach scherzet nicht«, sagte die fast ohnmächtige
Prinzessin, »sondern gebet mir Euren Säbel her, damit ich die geängstete Seele
befreien, und dem Tyrannen nichts als einen blutigen Körper gewähren könne. Ach
ich armseliges Kind, warum bin ich doch geboren worden, nachdem ich aus einem
Unglück ins andere fallen, und doch den Tod nirgends finden soll. Mein Prinz hat
mich verlassen, meinen Feind sehe ich vor Augen, alle Flucht ist mir benommen,
und keine Seele nimmt sich meiner an. O dass doch mein Elend die stummen Bäume
bewegen könnte, dass sie mich in ihre Gesellschaft aufnähmen, und augenblicks in
einen Lorbeerbaum, gleich der Daphne, verwandelten, so wollte ich mich selbst
mit Lorbeerblättern krönen und über die Keuschheit triumphieren.«
    Indessen waren die feindseligen Verfolger fast herbeigekommen, welche voller
Freuden abstiegen, und sie sonder einiges Wortsprechen beiderseits
gefangennahmen. Scandor hatte zwar schlechte Lust hierzu, und wollte die
benötigte Ruhe vorschützen; allein eine stärkere Hand warf ihn mit Gewalt auf
sein Pferd, und also wurde die höchst unglückselige Prinzessin zurücke und unter
dem Zulauf vieler tausend Personen in Pegu eingeführet. Der eilfertige Prinz
sah sich endlich nach seiner folgenden Liebe um, und ersah ihren Verlust mit
höchstem Schrecken: Er wandte bald ein, und eilte seinem Hufschlage nach
zurücke; allein, je weiter er sich rückwärts begab, je näher sah er sich dem
verhassten Pegu, die Prinzessin aber zu erlangen, war eine Unmöglichkeit, weil
sie bereits von tausend gewaffneten Händen umgeben war. Weil nun das Pferd sehr
müde war, stieg er ab, band es an, und dursuchte zu Fusse das ganze Holz, ob er
nicht dasjenige antreffen könnte, was er mit grosser Sorgfalt bis hieher gebracht
hatte. Er wendete seine Augen allentalben umher, er gab durch Schreien und
Pfeifen vielfältiges Bedeuten: allein ein trauriger Widerschall jagete Stimme
und Hoffnung zurücke. Weil er auch niemand von den Verfolgern mehr verspürte, so
schloss er schmerzlichst, sie müsse in ihre Raubklauen geraten sein. Hier wollte
Verzweiflung und Grossmut einen gefährlichen Wettstreit in seiner Seele antreten:
»Wie, nachlässiger Balacin!« sagte er zu sich selbst, »ist wohl dieser
schmerzliche Verlust jemand anders beizumessen, als dir? haben dir die Götter
deswegen ein so wertes Kleinod überantwortet, dass du es aus deinen Augen lassen,
und nur auf eigene Sicherheit bedacht sein solltest? o verfluchtes Schicksal!
bin ich denn nur allein das Ziel, nach welchem das Unglückswetter alle seine
Keile richtet? O verhasstes Sonnenlicht, kunntest du uns nicht einen Teil deiner
Strahlen diese Nacht verleihen, damit wir nicht auf diesen Irrweg und in solche
Wehmut geraten dürfen? ach wehe mir! ich bin die einige Ursache, dass Banise
verloren ist. Allein, sollte auch dein Arm so mächtig gewesen sein, deine
Prinzessin aus der Hand so viel Jäger zu erretten? jedoch hättest du zu
Bezeugung deiner wahren Liebe dein Blut vor ihren Augen aufopfern, und vor ihre
Wohlfahrt sterben sollen. Was wäre ihr aber mit meinem Tode gedienet gewesen,
wenn sie hingegen im Leben dem Tyrannen in Armen und von aller Welt verlassen
geblieben wäre. Auf derowegen mein Geist, und erkenne diese Verblendung vor eine
Schickung der Götter, welche dein Leben vor die Prinzessin sparen wollen. Denn
gewiss, lebendig hätten auch die Höllengeister sie nicht sollen aus meinen Armen
reissen: nachdem ich mich aber in der Freiheit und in dem Zustande befinde, dass,
wo kluge List fehlschläget, ich solche durch tapfere Gewalt ersetzen könne: so
will ich keinen Augenblick säumen, die von dem Himmel geschenkten Szepter
ergreifen, ganz Pegu mit Blut und Brand überschwemmen, und mich nicht eher
versöhnen lassen, bis die himmlische Banise mit unbeflecktem Leibe und Gemüte
meiner Macht überliefert wird. Die Götter stehen dir werteste Banise, indessen
bei, verhindern des Tyrannen unkeusche Anschläge, und beschützen dein Leben!«
Mit welchen Worten er sich wieder zu Pferde und nach dem Orte der geruheten
Klepper begab, vermittelst derer er in möglichster Eil den geradesten Weg nach
Ava fortsetzte. Wie wird aber die eines bessern Glückes würdige Banise in Pegu
empfangen? Schlecht genung. Chaumigrem hatte indessen den Rolim nicht von sich
kommen lassen, welchem fortin bessere Folge zu leisten, er sich gänzlich
entschlossen. Sobald nun die Gefangenschaft der Prinzessin angekündiget ward,
wurde er höchst erfreuet, und ersuchte den Rolim um treuen Rat, was er mit
dieser flüchtigen Natter, wie er sie nennete, vornehmen sollte? »I.M. erfordern
abermal«, antwortete der Rolim, »ein ungefärbtes Beiraten, welches vielleicht
wiederum mit ungleichen Gnaden möchte angenommen werden. Ich trage zwar
sonderbares Mitleiden mit Dessen entflammten Gemüte, welches das heftige Wesen
der Liebe ganz eingenommen: jedoch sorge ich auch zugleich vor Ihr Heil. So
schlagen I.M. doch dessen Rat nicht so gar in Wind, welchen die Erfahrung längst
als redlich geprüfet hat: ja der auch seines Blutes vor Dero Wohlfahrt nicht
schonen würde. Ich weiss mich zwar von allen grossen Gütern arm, in diesem aber
reich, dass niemals mein Herz das Gift der Wollust geschmecket habe. Denn die
Liebe ist eine Phantasie und ungewisser Zweck. Es fühlet zwar ein jeder ihren
ätnagleichen Brand, jedoch weiss sie keiner mit ihrem Namen recht zu nennen. Sie
ist blind, und dennoch sieht sie schärfer als ein Luchs. Sie bauet ihren Tron
in den Herzen, und ist doch ein unbegreifliches Wesen. Ich weiss auch gar wohl,
dass sich die Liebe durch Klugheit nicht binden lasse. Denn ein Vogel sieht den
Leim, und die Mücke das Licht, dennoch lässt sich jener kirren, und diese
verbrennet sich selber, das schnelle Rehe schauet das Garn, und der Schiffer
kennet die Fahrt der ankerlosen See: Doch kann jenes das Sehen nicht klug, noch
diesen die Gefahr verzagt machen. So rennet auch der, der da liebt, sichtbar in
das Verderben, indem er nur zwei Hafen vor sich sieht, entweder die Wollust
oder den Tod. Wie nun diesen zu meiden, jene allerdings zu fliehen ist, also
sichere, dass nichts mehr schädlich, als die Wollust den Gemütern. Gegen die
geharnischten Armeen darf sich unser Alter nicht so auf Gegenwehr gefasst machen,
als gegen die Wollust, welche, uns in ihr Garn zu locken, mit süssen Körnern
streuet. Sie winket uns mit Engelaugen, und gewähret uns den Abgrund der Höllen.
Wer nun sotane Wollust überwindet, der tut mehr, als wer seinen Feind in den
Siegeswagen einspannet; indem Hercules eine weit grössere Heldentat beginge, da
er beim Scheidewege die Tugend erwählete, und die Wollust verliess, als er an
Riesen, Schlangen und Löwen erwiesen hat. Nun diese Tugend müssen auch Ihr. Maj.
erkiesen, wo Sie Ihren Namen dem Sonnenzirkel wollen einverleibet wissen. Eine
Hand voll Ehre überwieget tausend Zentner Wollust. Sie lassen diese Schönheit
durch den Tod verstellen, so wird die Vergessenheit eine erwünschte Ruhe
wiederbringen. Denn es ist hohe Zeit, dass man den Tiger erwürge, wenn er die
Klauen in unsere Kleider einsetzet, ehe er uns mit den Zähnen vollend
zerfleische.« - »So sei es denn«, antwortete Chaumigrem, »lasset das schöne
Untier eintreten, und den Todesspruch aus unserm Munde anhören.« Welches sobald
erfolgete, und trat dies schöne Bild unter der unbarmherzigen Last eiserner
Ketten nebst dem Scandor vor das grausame Gesichte des Kaisers. »Wie so
flüchtig? Schöne Zauberin!« redete er sie mit verächtlichen Augen an. »Wie so
grausam? Blutdurstiger Tyrann!« erwiderte die Prinzessin. »Ich verfluche meine
Unbedachtsamkeit, dass ich nicht statt des unschädlichen Krauts Dutroa den
stärkesten Gift in den Trank eingemischet habe, so hätte ich mich gerochen, und
dürfte nicht diese sklavische Ketten tragen.« - »So hat die Schlange noch nicht
ihr Gift verloren?« redete ihr Chaumigrem ein. »Lasset doch sehen, ob so ein
heldenmütiges Herz die giftige Brust besitze. Die Todesqual soll diese Stimme
bald verändern.« - »Dies eben such ich«, erwiderte die Prinzessin, »denn du
verfluchter Hund sollt wissen, dass ich dir zu Trutz mein Leben verachte. Reiche
mir nur einen Dolch her, so sollstu sehen, wie beherzt mein Blut diese Ketten
bespritzen soll.« - »Rasende Banise«, versetzte er, »so lässest du dich eine
tadelhafte Verzweiflung dermassen beherrschen, dass du die Gruft dem Trone und
ein Henkerbeil dem Szepter, ja die grausamste Marter einer kaiserlichen Liebe
vorzeuchst? Bedenke dich wohl, unbesonnene Prinzessin, und wisse, dass
verschmähete Gunst Hass und Tod bringe.« - »Wohl!« antwortete Banise, »lasse nur
deine zunftmässige Gesellschaft, die Henkersbuben ankommen! lasse sie Pech und
Schwefel herbringen, und siedendes Öl über den ganzen Leib fliessen. Ja, du
kannst zu deiner Lust selbst zugreifen, und mir das Mark aus den Beinen pressen,
doch wisse, dass ich weit lieber geschmolzen Erz als deine Lippen küssen will.« -
»Führet die rasende Seele beiseite«, befahl Chaumigrem, »und gönnet ihr wenige
Stunden, wieder zu sich selbst zu kommen.« Sobald nun dieses geschehen, redete
er den Rolim an: »Ich weiss nicht, ob dies zauberische Bild mich auf natürliche
Art entzündet hat: Denn ob ich mir zwar die Beschleunigung ihres Todes auch
durch meine Hand vorgenommen, so erstarrete doch mein Arm, und das Herze bebete,
als ich nur einen Blick auf sie geworfen. Ihr steinhartes Herze und verbitterte
Worte sollen mich wohl bewegen, auch die Unschuld selbst zu ermorden: allein
auch unter den trüben Wolken ihres Gesichtes drang ein solcher Anmutsblitz in
mein Herze, dass ich fast entgeistert schiene. Ach grausame Banise! welche ein
arimaspischer Wolf mit Gift und Blute muss gesäuget haben. Ihr kaltes Herze muss
auch das Eis aus Zembla übertreffen, weil mein heisses Bitten weder vormals, noch
mein flammendes Begehren jetzund zu schmelzen vermochte. Ratet derowegen,
treuester Rolim, ratet, wie der Kaiser zu retten, und seine brennende Unruhe zu
stillen sei.« Diesen alten Greis, den Rolim, hatte nun, ich weiss nicht was vor
eine heimliche Regung betroffen, dass, indem er die Banise noch niemals gesehen,
viel weniger dero Schönheit in einige Betrachtung gezogen, er fast mit dem
Kaiser in gleiches Fieber zu geraten schiene: Dannenhero er alle Gedanken ihres
Todes vergass, und bloss auf ihre Erhaltung bedacht war. »Weil denn I.M.«,
antwortete er dem Chaumigrem, »sich so gar nicht getrauen den Fesseln der Liebe
zu entgehen, ja bereits solchen Verlust dem Leben gleich achten: so will ich
mich auch hierinnen als ein treuer Diener erweisen, und mich bemühen, die
verstockte Prinzessin durch mein Ansehen und Beredsamkeit so weit zu vermögen,
dass sie endlich vernunftmässig sich des Kaisers Liebe erwählet, und den
eingewurzelten Hass durch eine beständige Liebe vertilgen lasse. Vergönnet's mir
nur I.M. so getraue ich mir wohl, ihr die Liebespillen erwünscht einzubringen.
Angesehen sie nur noch ein Kind ist, das noch in Schalen stecket, und ein Baum,
auf welchem der Kützel noch nie geblühet hat. Ich aber will ihr schon durch süsse
Lehren die Knospen auftun.« - »Ach wertester Vater«, umarmete ihn Chaumigrem,
»auf Euch beruhet das Heil meiner Seelen. Tut, was Ihr saget, und versichert
Euch, wo Ihr diese Schöne besieget, so soll mir zwar Banise in Armen, der Rolim
aber im Herzen liegen.« - »Ich wünsche«, sagte der Rolim hierauf, »so beglückt
als mühsam zu sein.« Womit er zugleich sich nach dem Zimmer verfügte, worinnen
die armselige Banise gefangen sass: sobald er aber solches betrat, befahl er im
Namen des Kaisers, sie aller Ketten zu entledigen, worauf er die weinende
Prinzessin anredete: »Schönste Prinzessin! sie hemme den Lauf Ihrer Tränen, und
versichere sich, dass Sie, wenn Sie will, ein Paradies hier schmecken könne. Ich
komme hier als eine Biene, welche Klee suchet, und vor ihren Kaiser sorget,
dessen Mund so sehr nach Ihr lechzet. Der Blitz Ihrer Augen hat ihn entzündet,
und ich sehe selbst, wie anmutig der Scharlach Ihren Mund und der Purpur Ihre
Wangen decket. Hier brennet lebendiger Schnee, und dort quillt Zinnober: Und
diese Schönheit ist würdig, einen Kaiser zu vergnügen.« - »Ehrwürdigster Vater«,
erwiderte die Prinzessin, »ich betaure, dass Ihr mich mit blöden Augen ansehet:
nachdem ich aber Eures hohen Verstandes sattsam vergewissert bin, so bitte ich
wehmütigst, doch der gesunden Vernunft einigen Platz einzuräumen, und zu
erwägen, ob es möglich sei, den Mörder der Seinigen, und den Räuber seines
Vaterlandes mit verliebten Augen noch anzusehen. Wäre dieses nicht ein Zeichen
höchster Leichtsinnigkeit, ja ein vollkommenes Merkmal eines lasterhaften und
geilen Gemütes, wenn ich mich die Lippen, welche kurz zuvor das Todesurtel über
meinen Vater ausgesprochen, küssen, und die Hand, welche noch von dem warmen
Blute der lieben Meinigen rauchet, berühren liesse.« - »Es ist zwar wohl getan«,
fiel ihr der Rolim in die Rede, »und höchstlöblich, den Tod der Seinigen zu
betrauren, ja auch, wenn uns die Götter die Gewalt verliehen, solchen aufs
grausamste zu rächen. Wo aber dieses ermangelt, so sehen wir daraus, wie sich
der Himmel die Rache selbst vorbehalten, und wir unvermögende Menschen uns
indessen gebührend in die Zeit schicken sollen. Dieses ist eine Art der grössten
Klugheit, und würde sich hiedurch die Prinzessin einen Kranz ewigen Ruhmes
winden: wenn sie allen Hass bei diesem unveränderlichen Zustande hintansetzte,
und sich durch Einwilligung in des Kaisers verliebtes Begehren gleichsam in den
väterlichen Tron einsetzte.« - »Wertster Rolim«, war der Prinzessin Gegenrede:
»dieses ist eine Staats- aber keine Tugendregul. Mich würde ich zwar
einigermassen vergnügen, wo ja dies eine Vergnügung zu nennen ist, wenn uns
jedweder Tritt ein blutiges Andenken der werten Eltern vorstellet: hingegen aber
würde ich mir auch zugleich ein solches Schandmal bei allen Völkern anbrennen,
welches meinen Ruhm verfinsterte, und meine Tugend begrübe, denn die Tugend kann
uns nur vergöttern, und solange ich diese im Herzen fühle, ist mir Tron und
Kron verhasst.« - »Ja wenn uns auch«, bemühte sich der Rolim ferner, »ausser
diesem unsere Freiheit und Leben erlaubet würde, dass wir unser Leben in stiller
Einsamkeit zubringen, und nicht vielmehr Marter und Tod, welches der Kaiser
dräuet, ausstehen dürften.« - »Auch dieser«, versetzte Banise, »jaget mir keinen
Schrecken ein, denn die Eigenschaft der Tugend gleicht den Palmen, welche durch
die unterdrückende Last nur desto kräftiger werden. Sturm, Unglück und Herzeleid
ist die beste Lust der Tugend, Angst ist ihre Mutter und Elend ihre Amme. Ja
alle ihr Schmuck bestehet in Tränen, Blut und Asche. Es schneide und brenne der
Tyranne, wie er will, so werde ich doch durch Stahl und Feuer so rein als Gold
und Diamant werden.« - »Ich muss Ihren engelhohen Sinn rühmen«, erwiderte der
Rolim, »und mich über Dero Standhaftigkeit verwundern. Allein je höher ich
solches schätze und rühme: je grössers Mitleiden muss ich mit Dero Untergang
haben. Ihre Tugend muss ein Rolim loben, und Dero Schönheit ein Kaiser lieben: So
erbarme Sie sich doch über sich selbst, und lösche nicht selbst die herrliche
Fackel Ihres Lebens vor der Zeit aus. Sie beraube doch nicht ganz Asien einer
solchen Schönheit, womit die übrigen Teile der Welt schwerlich prangen können.
Sie rate sich selbst, und zähme den Löwen durch Sanftmut und Liebe.« - »Ach
trautester Rolim«, antwortete sie mit entzückenden Gebärden, »redet mir nicht
ferner vergebens ein. Ich kann, ich soll, ich will den Chaumigrem nicht lieben:
sondern wo ja mein Trutz büssen, und die Schuld meiner natürlichen Liebespflicht
den Tod verdienet hat, so soll mein unentweiheter Leib mit Freuden die
schärfesten Säbel färben. Wollet Ihr aber Euch, als ein Vater, über diejenige
erbarmen, welche Euch vor des Kaisers Herze und ihren Engel hält, werdet Ihr,
sage ich, nach Vermögen dem Kaiser die schwärmende Begierden vernünftig
ausreden, so soll Euch mein Herze ewig verpflichtet sein, und der Himmel wird
Euch vor solchen heiligen Dienst ewiges Heil zulegen.« - »Mein Kind«, hub der
halbentzündete Rolim an, »dies ist eine Bitte, welche von der Unmöglichkeit
besieget wird. Denn wer sich des Kaisers Brunst zu dämpfen unterstehen will, der
geusst nur Öl ins Feuer und Wasser auf glühende Steine. Doch weil ich Ihre
Wohlfahrt der meinen gleich schätze, so will ich tun, was mein Vermögen erlauben
wird, ja ich will auch mit meiner Gefahr vor Sie handeln, und reden, was mir
Beredsamkeit und List eingeben wird. Jedennoch stehet es nicht zu raten, dass man
blosserdings alle Liebe dem Kaiser versage, sondern ein so wichtiges Werk der
Zeit anbefehle. Solche aber zu gewinnen, so wende man eine Gelübde vor, wie Sie
nicht eher in des Kaisers Begehren einwilligen könne, sie haben denn den
jämmerlichen Verlust der Ihrigen sechs Monat in dem Tempel Conqviay des Gottes
der Tausend Götter, wo Ihres Vaters Gebeine ruhen, beweinet: So nun Ihr Wille
meinem wohlmeinenden Rate beipflichtet, so eile ich, den Kaiser hierzu zu
bereden.« Solches war der Prinzessin, welche aus keuscher Einfalt des alten
Rolims Absehen nicht merkte, höchst angenehm: weil bei solchem Erfolg ihr Prinz
Zeit und Raum bekäme, sie mit Gewalt zu erlösen: Der Tempel aber stund ihr so
weit wohl an, weil sie in selbtem vor dem Kaiser wohl versichert war, indem
solchen niemand ausser dem Rolim betreten durfte. Inzwischen war dem Chaumigrem
des Scandors Gesichte ziemlichermassen bekannt vorgekommen: dannenhero er solchen
in dem innern Burghofe vor sich bringen liess, und ihn sobald vor den Scandor
erkannte. »Siehe da!« redete er ihn an, »du sauberer Vogel deines Herrn! führet
dich die Rache in unsere Gewalt! Entdecke alsobald, aus wessen Antrieb du diesen
Menschenraub zu begehen dich unterstanden hast.« Scandor antwortete beherzt:
»Ich bin ein Diener meines Herrn, dem nicht nachzugrübeln gebühret, ob der
Befehl seines Herrn recht oder unrecht sei. Ich gehorsame, und wenn er mir
befohlen hätte, die Burg zu stürmen, so wäre ich mit der Nase wider die Mauer
gelaufen, und hätte ich ein blutiges Zeichen meines Gehorsams sollen zurücke
bringen.« - »So hat es dir dein Herr befohlen?« redete Chaumigrem weiter: »Wo
ist aber derselbe?« - »Er ist heute«, antwortete Scandor, »auf der Post
vorbeigegangen, und hat mich mit dem Felleisen zurücke gelassen.« - »Dein Prinz
ist selbst zugegen gewesen?« fragte er ganz verwundernde, »und hat wohl selbst
diesen Raub begehen helfen? Warum hat er uns aber nicht die Ehre seiner
Gegenwart gönnen wollen?« fragte er ferner mit höhnischen Gebärden. »Weil der
Postillion nicht warten wollte«, erwiderte Scandor; »er wird sich aber eine
eigene Mühe machen, I. Maj. zu besuchen, welches in kurzem geschehen dürfte.« -
»Indessen«, versetzte Chaumigrem, »sollst du vor der Stadt in freier Luft deines
Herrn erwarten, indem wir dich dem Stricke anvertrauen wollen.« - »Von der Hand
eines Kaisers zu sterben«, war Scandors Einrede, »achte ich vor eine grosse Ehre:
und durch mich werden hernach auch die Raben von des Kaisers Gnade zeugen
können.« Worauf ihn der Kaiser wieder an seinen Ort zu führen befahl.
    Sobald Chaumigrem sein Zimmer betrat, wartete ihm der Rolim bereits auf,
welchen er alsbald anredete: »Was bringt Ihr uns, mein Rolim, Vergnügung oder
Pein?« - »Die Zeit kann alles ändern«, antwortete der Rolim, »ein Baum fällt
nicht durch einen Schlag.« - »So lässet sich«, hub der Kaiser an, »das
Felsenherze nicht bewegen, o Himmel! und schlägt sie des Kaisers Liebe trotzig
in Wind?« - »Nein!« versetzte der Rolim, »sie rühmet diejenigen selig, welche
einen solchen Kaiser zu lieben fähig sind.« - »So stösset sie denn«, fragte er
ferner, »solche Seligkeit mit Füssen von sich: Ist das möglich, dass sich ein
grosser Fürst von einem schwachen Weibesbilde soll abhenkern lassen? Des Nachts
lässet sich ihr zauberisch Bild im Traume umarmen: Des Tages knie ich als ein
Sklave seufzende vor ihr, und dennoch kann ich durch solche Höllenpein nicht
ihre Gunst erlangen. Soll ich denn nun ihrentwegen unvergnügt sterben?« -
»Grossmächtigster Kaiser«, bemühete sich der Rolim, ihm einzureden, »Holz, das
bald Feuer fängt, hält nicht lange Kohlen. Der Hundsstern, welcher fast die
halbe Welt durch Hitze verzehret, hat nicht lange Frist zu brennen. So hoffe ich
auch, es werde Zeit, Witz und Vernunft den gählingen Seelenbrand in E. Maj.
leschen. Ich muss es selber gestehen: auch schlechte Blumen gefallen bisweilen
Augen: Allein, wo ich urteilen kann, so stehet Banise dem Chaumigrem nicht an.«
- »Ach leider!« seufzete der Trostlose, »dies ist kein Pflaster vor meine
Wunden. Die Seife der Verachtung ist zu wenig, ihr Bildnis aus meinem Herzen zu
tilgen. Wie mag Euch doch nun die Göttin verächtlich vorkommen, welche Euch
zuvor durch den ersten Anblick zu einem Beifall meiner Liebe bewegen kunnte.« -
Der Rolim erwiderte: »Des Menschen Vorwitz fällt bisweilen auf nichtswürdige
Dinge: und ein geringes Licht, welches man zuerst ersiehet, kann unsere Augen
verblenden. Nachdem ich aber ihre Schönheit etwas genauer betrachtet: so schwere
ich, dass ihre Schönheit bei weitem nicht so vollkommen ist, als sie sich im
ersten Anblick vorstellete. Die Augen sind zwar schöne, doch ohne Strahlen,
welche ein Herz entzünden sollen. Ihre Lippen scheinen mehr von einer Einfalt
als Anmut beseelet zu sein. Die Brüste sind zwar Schneeberge, jedoch ohne
Flammen. Die Wangen sind mit einer unanständigen Röte beschränket, und ihre
ganze Gestalt versichert uns, es wäre leicht eine grössere Schönheit anderswo zu
finden.« - »Ach schweiget, Rolim!« redete ihm der Kaiser ein, »denn auch dieses,
was Ihr als Mängel aufsetzet, entzükket meine Augen am meisten: denn Ihr, als
ein Feind der Wollust, wisset nicht von der Schönheit zu urteilen. Was vor ein
grausames Verhängnis aber hat mir dieses Liebesgift eingeflösset, dass ich brennen
und verbrennen muss? Auf derowegen! ich will erweisen, dass Zwang und Tod eine
verachte Liebe begleiten.« - »Weil denn«, hielt ihn der Rolim auf, »I. Maj.
ausser ihrer Liebe zu sterben vermeinen: so habe ich mit gutem Vorbedacht anfangs
ihre endliche Bewilligung verschweigen wollen. Nachdem aber keine andere Arznei
als ihre Gegenhuld hier anschlagen will! so wisse I. Maj. dass sie sich nunmehr
entschlossen, dem Verhängnisse, welches ihr selbst zuwider scheinet, nicht
ferner zu widerstreben, sondern den Kaiser ihrer Liebe würdig zu schätzen. Sie
verbannet allen Hass, und will den Kaiser als ihren Eheschatz willig küssen. Weil
aber das bittere Andenken der ertöteten Freunde stete Wehmut in ihr kochet, und
ihre verborgene Glut noch stets zurücke hält, so bittet sie um der Liebe willen,
womit ihr der Kaiser zugetan zu sein vorgibet, ihr doch nur zu erlauben, dass sie
der Natur und kindlichen Liebe gemäss die Ihrigen sechs Monat lang beweinen, und
dann hernach mit desto fähigerm Geiste Ihr. Maj. lieben und vergnügen könne.« -
»Einfältiger Rolim«, stellete ihm Chaumigrem entgegen, »ist Euer Verstand zu
wenig, den Sinn dieser Arglistigen zu erforschen? Könnet Ihr nicht merken, was
vor einen Gift diese Schlange unter dieser sechsmonatlichen Trauerzeit verborgen
hält? die uns in sechs Tagen hintergangen, und schimpflich betrogen hat, wird in
sechs Monaten noch eine weit grössere List bewerkstelligen, und die Klugheit
selbst übermeistern können«. - »Nein! I.M.«, versetzte der Rolim, »diesen
Argwohn uns allen zu benehmen, bittet sie um Erlaubnis, ihre Trauerzeit in dem
mir anvertrauten Tempel des Gottes der Tausend Götter zuzubringen, aus welchem
sie nicht eher, denn in des Kaisers Armen schreiten will. I.M. überlegen es
wohl. Es ist ein billiges Begehren, wodurch ihr Gewissen befriediget, und der
Kaiser vergnüget werden kann. Ausser diesem ist sie gänzlich entschlossen, sich
selbst durch den Tod eine ewige Trauerzeit und hierdurch I.M. eine stete Wehmut
zu verschaffen.« - »Wer will sie aber mir«, fragte der besorgte Chaumigrem,
»hernach in die Arme liefern? Oder wer will mich ihrer Liebe versichern, dass
nicht ein abermaliger Betrug, welcher den ersten übertreffen möchte, darunter
verborgen sei.« - »Derselbe Bürge«, antwortete der Rolim, »will ich sein. Der
wohlverwahrte Tempel und die stete Einsamkeit verbietet ihr alle Flucht, und
machet mich so kühne, dass ich verspreche, sie selbst in I.M. Bette zu liefern,
und sie mit Segen zu belegen. Hierdurch werden I.M. erweisen, wie Sie mächtig
genung sind, Ihre Begierden zu beherrschen, die Prinzessin aber wird dieses zu
desto grösserer Gegenliebe verbindlich machen.« - »So sei es denn«, entschloss
sich der Kaiser, »Rolim, ich binde sie auf Eure Seele: und wisset, dass Ihr mir
mit Eurer Heiligkeit und Leben davor haften sollet. Lasset sie aber alsobald in
den Tempel begleiten, damit sie nicht durch frisches Anschauen das Feuer meines
Verlangens noch heftiger entzünde. Ihren Mitgefangenen aber sei zu wahrer
Bezeugung meiner gegen sie tragenden Huld zugleich die Freiheit geschenket.« Wie
nun der erfreuete Rolim untertänigst im Namen der Prinzessin gedanket, verfügte
er sich sobald zu der Prinzessin, hinterbrachte ihr seine beglückte Verrichtung,
und führete sie mit ihrer Vergnügung in seinen Tempel, allwo sie in ein Zimmer,
welches fast einer Kapellen ähnlichte, eingeleget, und ihr niemand als die
Eswara zugegeben wurde. In dieser Zelle wollen wir sie eine Zeitlang ihren
elenden Zustand beweinen lassen, und inmittelst unser Gemüte nach Ava senden.
    Scandor hatte seine Freiheit kaum erlanget, so verliess er Pegu, und eilte
seinem Prinzen nach, welchen er zu Ava glücklich antraf, und durch die
sechsmonatliche Frist vor die Prinzessin höchst erfreute. Weil ihm nun die Zeit
sehr edel zu sein dauchte, und jedwede Stunde höher denn Gold schätzte: als
berufte er in aller Eil den Reichsrat und vornehmsten des Reichs gen Hofe:
welche, in Meinung ihren Prinz zu krönen, sich allerseits gehorsamst
einstelleten. Sobald sie aber in einem grossen Saal versammelt waren, hielt er in
Person eine weitläuftige und wohlgesetzte Rede an sie, in welcher er ihnen die
viel und unbillig zugefügte Schmach, so er von seinem Vater und so folgbar als
ein Vertriebener an fremden Orten erdulden müssen, beweglichst vorstellete: Und
wie er sich jedennoch eiferigst bemühet, den kindlichen Gehorsam jederzeit zu
beobachten: Weswegen ihn auch die Götter gesegnet, dass er nicht allein die Krone
von Ava aufsetzen, sondern auch den Tron von Aracan besteigen könnte. Weil er
sich aber zu schwach, wo nicht zu untüchtig befände, zwei solche mächtige Völker
zu beherrschen, welche beiderseits eine stete Gegenwart erfoderten: als wäre er
mit ihrer allerseitiger Genehmhaltung gewilliget, sein Frl. Schwester, als eine
ihres hohen Verstandes wegen, wohlbekannte Prinzessin, ihnen als Königin
vorzustellen, indem Ava, als ein Erbreich gar wohl ein weibliches Oberhaupt
erdulden könnte. Solches würde er nicht allein gnädigst zu erkennen wissen,
sondern auch das Wahlreich Aracan dermassen mit Ava verknüpfen, dass sie in stetem
Wohlstande leben könnten, und sich vor keiner auswärtigen Gefahr fürchten
dürften. Weil nun die Prinzessin durchgehends fast beliebt und in sonderbarer
Hochachtung war, so baten sie um wenige Stunden Bedenkzeit, weil sich gleichwohl
einige unruhige Köpfe da widersetzten: welches ihnen auch bewilliget ward.
Nachdem aber die meisten Stimmen dem Prinz beifielen, so erfolgete endlich eine
allgemeine Bewilligung, welche sie sofort dem Prinzen zu sonderbarer Vergnügung
hinterbringen liessen. Der Prinz verfügte sich in der Prinzessin Gemach und bote
ihr mit brüderlicher Inbrünstigkeit die Krone von Ava an, welche sich hierüber
nicht wenig entsetzet, und sich kaum kunnte bereden lassen: dass ein Bruder auch
mit Kronen so freigebig sein könnte. Als er aber sie völlig bedeutete, sie auch
durch einige Abgeordnete von den Reichsständen zur Krone ersuchet ward: wusste
sie sich nicht dankbar gnug gegen dem Prinzen anzustellen. Folgenden Morgen
wurde ein hohes Gerüste auf dem Marktplatz aufgerichtet, welches mit
golddurchwürkten Teppichten häufig behänget war. Auf diesem lag die Krone unter
einem Himmel auf einem Tische. Um neun Uhr kam der Prinz, führete die Prinzessin
bei der Hand, und wurde von allen Grossen des Hofes und Reiches wie auch vielem
Frauenzimmer begleitet. Sobald sie das Gerüste erreichet und bestiegen hatten,
fragte der Prinz die gesamten Reichsstände zu dreien Malen, ob sie zufrieden
wären, dass die Prinzessin Higvanama als ihre Erbkönigin gekrönet würde. Als nun
hierauf ein überall schallendes Ja erfolgte: nahm der Prinz die Krone mit eigner
Hand, und setzte sie der Prinzessin mit diesen Worten auf: »So setze ich dir
denn, werteste Schwester, die Krone von Ava im Namen der Götter auf: Und zwar
erstlich als ein Königliches Regierungszeichen, welches Sie jederzeit Ihres
hohen Amtes erinnern: Vors andere als ein brüderliches Liebeszeichen, wobei sie
jederzeit ihres treuergebensten Bruders gedenken soll.« Als nun alle übliche
Krönungsgebräuche dabei vorgegangen: erhub sich ein ungemeines Freudengeschrei
unter dem ganzen Volke, und wurden drei Tage hierauf in höchsten Freuden
gefeiert. Sobald auch der Prinz alles in gute Ordnung und Verfassung seiner
Fräulein Schwester zum besten gesetzet, verliess er stillschweigende Ava, und
begab sich nach Aracan, allwo er mit unsäglichen Frohlocken des sämtlichen
Volkes empfangen ward: als welches vorlängst nach einem rechtmässigen Könige
geseufzet: weil es der schweren Regierungsart einiger Reichsräte ganz
überdrüssig war.
    Sobald er nun von den anwesenden Reichsräten und sämtlichen Volke gebührend
empfangen worden: begab er sich sofort nach der königlichen Burg. Und nachdem
der Vortrag wegen Annehmung der Krone geschehen: wurde solches von dem Prinzen
gnädigst und willigst angenommen: dannenhero gleichfalls nach wenig Tagen zur
Krönung geschritten wurde, zu welcher alle Untertanen des Reichs, sowohl Männer
als Weiber, welche über sechzehn Jahre waren, erscheinen mussten. Da man denn das
Volk zu Wasser und Lande häufig herzukommen sah. Alle Grossen erschienen in
ihrem prächtigsten Habit, mit köstlichen Schiffen, Dienern und Sklaven so, dass
die Menge nicht zu zählen war. Als nun der Tag der Krönung endlich erschienen,
sah man vor dem königlichen Schloss, welches mitten in der Stadt liegt, alle
Plätze gekehret und geschmücket und mit hocherhabenen Schaubühnen gezieret. Eine
grosse Menge Soldaten stunden im Gewehre, um alle Unordnung zu verhindern, damit
der König von allen möchte gesehen werden. Endlich kam Se. Königl. Maj. unter
dem Schalle der Trompeten, Schalmeien, Pauken und Trommeln aus seinem Palast auf
einem weissen Elefanten geritten, bekleidet mit den köstlichsten asiatischen
Kleidern, mit Perlen, Kleinodien und unschätzbaren Edelgesteinen gezieret.
Seinen Türkischen Bund überdeckete eine königliche Krone, welches seine Majestät
prächtig vermehrete. Er sass in einem Gezelte, welches auf den Rücken des
Elefanten erbauet war: auf dessen Genicke ein aracanischer Edelmann sass, welcher
die ungeheuere Bestie regierte. Dieser Elefant war mit köstlichen und gestickten
Decken behangen, und ging abgerichtetermassen mit langsamen Schritten fort: damit
er dieses grossen Königes Ehre und Herrlichkeit an diesem Tage vergrössern möchte.
Über dem Haupte des Königes wurde durch einige Edelleute ein überaus kostbarer
Sonnenschirm getragen: Viel ansehnliche Staatsleute aber, nebst einigen
aracanischen Helden gingen mit ihren Waffen zu Fusse um den König. Worauf ein
vornehmer Mohrenprinz nebst dem grössten Sicken5 des Reichs auf einem köstlich
gezierten Elefanten mit vielen Dienern und Trabanten folgeten. Nach diesem
ritten Mann für Mann, alle hohe Personen des Königreichs ordentlich nacheinander
auf Elefanten, und wurden gleichfalls von Spielleuten, Dienern und Beiläufern
begleitet. Niemals hat man eine grössere Pracht an Kleidern, Gold, Silber und
Edelgesteinen als zu der Zeit gesehen, ja meine Feder ist zu schwach, diesen
majestätischen und unvergleichlichen königlichen Aufzug der Gebühr nach zu
beschreiben. Hier sah man Säbel, Hellebarden, Lanzen, Pfeile, Bogen, Assagyen
und dergleichen Gewehr in unbeschreiblicher Menge. Die Sonnenschirme, Fahnen und
Wimpel, wodurch der Aufzug herrlicher gemacht ward, nebst den musikalischen
Instrumenten waren unzählbar. Die aracanischen Talpooys oder Priester nebst den
Musikanten schlossen den Reihen. Die Mauern des königlichen Palasts, Märkte und
Strassen nach dem Schloss zu sah man an beiden Seiten mit tapfern Soldaten, in
Lieberei und in weisse Baumwollen-Leinwand gekleidet, mit blossen Säbeln, Picken
und Assagyen in den Händen, besetzet, damit der königliche Aufzug ohne
verhinderliche Unordnung geendiget werden möchte. Auf solche Weise zog der König
durch alle fürnehme Strassen und Plätze der grossen Hauptstadt Aracan, so, dass er
von viel tausend Menschen zugleich könnte gesehen werden. Worauf er auf einer
mit Golde fast bedeckten Bühne die Krone empfing, und ihm von den Untertanen der
Eid der Treue abgeleget wurde, welches von allen Ecken mit grossem Frohlocken und
vermischtem Geschrei geschahe. Als dieses verrichtet, wurden unter dem Klange
der Pfeifen, Trompeten und Pauken alle Stücke auf den Stadt- und Schlossmauren
gelöset: zugleich sah man allerhand Kunst- und Freudenfeuer, worinnen die
Aracaner alle ostindische Völker übertreffen, angezündet und in die Luft
fliegen: welcher Aufzug endlich mit abermaliger Lösung der Stücken geendiget
wurde. Diese Krönung war kaum geendiget, so bemühte er sich, wie in Ava, alle
Unordnungen genau zu untersuchen und abzuschaffen, die gekränkten Gesetze zu
verbessern, und durch Erlassung der schweren Anlagen sich die Gemüter des Volks
zu verbinden. Bevoraus hub er die zwei harten Gewohnheiten der regierenden
Könige gänzlich auf: kraft deren sich ein König nur alle fünf Jahr einmal von
seinen Untertanen durfte sehen lassen: ingleichen, dass er seine Schwester
ehligen musste: Ursache, weil Adams Sohn auch seine Schwester zum Weibe genommen
habe. Und nachdem auch die heilsame Vorsorge rühmlichst vollbracht worden,
schrieb er eine allgemeine Zusammenkunft der Reichsstände aus. Als nun diese
häufig gehorsamst erschienen, und begierig waren, ihres neuen Königs und Herrn
Ansinnen zu erfahren, liess er sie alle in den vördern Schlossplatz
zusammenkommen: der König aber stellete sich an einen etwas erhabenen Ort, von
welchem er wohl kunnte gesehen und gehöret werden, und redete sie
folgendergestalt an: »Getreueste Reichs-Sassen: Wie Wir Eure sonderbare
Zuneigung aus der an Uns vollzogenen Wahl sattsam erkennet haben: Also
versprechen Wir Uns zuversichtlich eine durchgehende reine Treu und untertänigen
Gehorsam von euch: Versichern Uns auch zugleich dabei, dass ihr, wie es getreuen
Untertanen gebühret, vor die Wohlfahrt eures Oberherrn und dessen Schmach zu
rächen, euer Gut und Blut nicht verschonen würdet: welches Wir jederzeit
gnädigst zu erkennen, und gleiches von euch zu leisten wissen werden. In solcher
Zuversicht können Wir euch nicht bergen, was massen annoch bei Leben Unsers Herrn
Vaters, mildesten Andenkens, Wir nicht allein von dem damaligen Grafen
Chaumigrem, jetzigen Tyrannen von Pegu, zu unterschiedenen Malen empfindlichst
beleidigt, ja von Unserm väterlichen Hofe gar verjaget worden: sondern auch, wie
Wir Uns mit des grossmächtigen Kaisers Xemindo in Pegu Fräulein Tochter, der
Prinzessin Banise würklich verlobet haben: welche, als eine Uns rechtmässig
versprochene Braut, erwähnter Tyrann, aus unkeuschen Trieb, zurücke hält, und
sich des ganzen Reichs Pegu, dessen Krone Wir Uns nunmehro vermittelst dieser
hohen Heirat anzumassen haben, gewaltsamerweise bemächtiget hat. Wir wollen
dieses zu eurer reifern Erwägung überlassen, wie nötig es sei, nach dem
bekannten Sprichworte beizeiten zu löschen, wenn des Nachbars Haus brennet. Denn
dieser herrschsüchtige Tyrann will nach einer allgemeinen Monarchie über ganz
Asien streben, und wird so folgbar nicht unterlassen, auch dieses Reich mit
seinen Raubklauen anzutasten. Weil nun dieses alles solche dringende
Beweg-Ursachen sind, welche nicht sowohl zu Beschirm- als würklicher Bekriegung
dieses allgemeinen Feindes zwingende Anleitung geben: Als fragen Wir euch,
tapfere Aracaner! ob ihr den Angriff eines so mächtigen Feindes mit lässigen
Händen erwarten, euch beraubet, eure Weiber geschändet und die Kinder vor euren
Augen denen Elefanten zur Speise hingeworfen sehen: oder solchem vielmehr
tapfermutig vorkommen, und den Feind in seinem eignen Lager aufsuchen wollet.
Begehret ihr nun die Früchte des edlen Friedens vollkommen zu geniessen, so
könnet ihr euch deren nicht anders als durch eine Tapferkeit, welche im Kriege
blühet, teilhaftig machen. Denn um des Friedens willen wird das Schwert
geführet, und ein öffentlicher Krieg ist besser als ein besorglicher Frieden, ja
ein verdächtig- und mächtiger Nachbar ist schlimmer als ein offenbarer Feind.
Wie Wir Uns aber wohl zu bescheiden wissen, was vor eine schwere Sache um den
Anfang eines Krieges, und wie solcher zwar in der Menschen, der Ausgang aber
desselben in der Götter Händen sei: So haben Wir solches mit gutem Vorbedacht
und reifer Überlegung, zuförderst mit Zuziehung derjenigen, welche ihr Vaterland
und Ehre höher, als sich selbst lieben, vornehmen, und euch hieherbescheiden
wollen: Sowohl Uns eures getreuen Beistandes zu versichern, als auch euren Rat,
wie und auf was Weise solche schwere Sache anzufangen, mit gnädigen Ohren
anzuhören.« Wie nun eine stündige Unterredung der Sicken und des sämtlichen
Adels wegen dieser Wichtigkeit gehalten worden, antwortete im Namen ihrer aller
Ko-rangerim, ein Vetter des vorigen Königes und vornehmste Fürst unter den
Reichsständen.
    »Grossmächtigster König von Aracan, Tipara, Chacomas, Jangoma, und Bengalen,
Herr von Pegu! Wir in tiefster Untertänigkeit treuergebenste Stände und
Untertanen dieses Reichs, statten gegen Ew. Königl. Majest.
demütigst-gehorsamsten Dank ab, nicht sowohl vor die bereits gnädigst erwiesene
reichsväterliche Vorsorge in Erhalt- und Verbesserung unserer Grundgesetze und
dahersprossenden heiligen Gerechtigkeit: sondern auch vor jetztermeldte
höchst-rühmliche Sorgfalt, dieses unser wertes Vaterland vor den Mordklauen
unsers verdächtigen Nachbars mächtigst zu beschirmen: auch das Reich Pegu,
welches die Götter nebst dessen Prinzessin Ewr. Maj. von Rechts wegen gewidmet,
mit dieser Krone zu vereinbaren. Wann wir nun denn wohl wissen, und mit
gellenden Ohren die Grausamkeit des wütenden Chau-migrems gehöret, wie er Brama
mit Aufruhr behauptet, Martabane geschleifet, Pegu verwüstet, Prom zerstöret,
und wie gewisse Zeitung einläuft, seine unrechtsvolle Faust auch nach Siam
ausgestrecket: so erinnern wir uns zugleich unserer untertänigen Pflicht und
Gehorsam, womit wir in aller Treue I. Maj. verbunden: Kraft dessen wir Gut und
Blut, Leib und Leben vor Dero hohe Wohlfahrt und unser liebes Vaterland
aufsetzen sollen. Weil aber nach I. Maj. eigenen Geständnis ein Krieg von uns
angefangen, nicht aber nach Willen geendiget werden kann, und derjenige, welcher
den Harnisch anlegt, sich so wenig rühmen soll, als der, welcher ihn ablegt: so
tun I.M. höchst-löblich, dass Sie nächst den Göttern auch Ihre getreuste Stände
zu Rate ziehen wollen. Wie nun diese solches nochmals mit untertänigsten Danke
erkennen: also sind sie bereit, vor I. Maj. und ihres lieben Vaterlandes
Wohlfahrt ihr Äusserstes dranzusetzen, und ihren Säbel nicht anders, als nach
erlangten Siegen, mit Ruhm und Ehren wieder einzustecken. Bitten aber zugleich
in Untertänigkeit, Ihren treugemeinten Rat so weit gelten und Dero Waffen desto
gerechter zu machen, durch eine ansehnliche Gesandtschaft sowohl die Prinzessin
als Dero Erbreich Pegu in höflicher Güte abfordern zu lassen. Will solches
alsdenn der Tyrann abschlagen, und uns durch solche unrechtmässige Verweigerung
ein billiges Nachdenken verursachen, so heben wir das Recht auf und den Säbel an
unserer Seiten, welcher alsdenn den mächtigen König von Aracan und den von Brama
tapfer entscheiden soll.«
    Solches rühmliche Entschliessen vergnügte den König dermassen, dass er nicht
unterlassen konnte, mit freimütigen Worten ihre treue Tapferkeit öffentlich zu
erheben, und sie höchster Gnade zu versichern. »Und wie Wir Uns«, beschloss er,
»eurer wohlbedächtigtes Einraten gnädigst gefallen lassen: so übergeben Wir euch
zu fernerem Bedenken, wie notwendig es sei, die Waffen zu ergreifen, ehe noch
der Krieg angefangen wird. Dahero es sehr nötig sein wird, sich in volle
Verfassung zu setzen, damit im Fall der Weigerung durch diese Gesandtschaft der
Krieg zugleich angekündigt, und sofort der Feind in seinem Lande angegriffen
werde«, welches ingleichen von den gesamten Ständen beliebet, und ein gewisser
Ausschuss erwählet wurde: durch welche die Art und Weise, Geld, Volk, Lebens- und
alle zum Kriege gehörige Mittel sollten herbei- und angeschaffet werden.
    Als nun dieses alles zu des Königs höchster Vergnügung ausgeschlagen war,
und er sich in eigner hoher Person vor solche treue Zuneigung bedanket hatte,
fragte er sie insgesamt nochmals mit diesen Worten: »So ist es, getreuste und
tapfere Aracaner, eure ernstliche Meinung, euch bei erfolgender Weigerung als
Feinde des Chaumigrems zu erklären?« Worauf der sämtliche Adel ihre Säbel
entblössten, und mit einmütiger Stimme: »Es lebe unser grossmächtigster König
Balacin, und alle seine Feinde müssen durch diese Säbel sterben!« ihre
Einwilligung bezeugeten.
    Folgende Tage wurde mit lauter Kriegs-Bereitschaften zugebracht, und auf
alle Plätze der Stadt rote Blutfahnen ausgestecket. Der König selbst versäumte
niemals persönlich dem Kriegsrate beizuwohnen: und wurden vor allen Dingen die
Gesandten erwählet, welche nach Pegu gehen, und selbiges Reich nebst der
Prinzessin von des Chaumigrems Händen fodern, widrigenfalls ihm sobald den Krieg
ankündigen sollten. Zu welcher schweren Verrichtung vorerwähnter Korangerim
erwählet, und ihm Karangeri, der dritte Reichsrat, zugegeben wurde. Welche
sofort ihre Abfertigung erhielten, und den Chaumigrem vor der belagerten Stadt
Odia suchen mussten: woselbst wir sie bald anzutreffen vermeinen.
    Inmittelst versicherte sich der König der Portugiesen, welche sich in Aracan
wohnhaftig gemacht, als deren Tapferkeit ihm wohl bewusst. Ingleichen wurde in
höchster Eil eine unsägliche Menge Pferde aus Pegu und Bengala verschrieben,
weil deren fast keine in Aracan zu finden sein. Die Elefanten wurden gerüstet,
die Völker zusammengezogen, und um ein grosses vermehret, und, in summa, nichts
unterlassen, was zu einem weit aussehenden Kriege wider einen mächtigen Feind
nötig war.
    Wir verlassen auf kurze Zeit das waffenbemühete Aracan, und schicken die
Feder nach Pegu, welches gleichfalls mit seinem Kaiser auch die friedensvolle
Zeiten verloren hatte. Denn, wie herrschsüchtige Gemüter von keiner Vergnügung
wissen: indem ihre Begierden sich keine gewisse Grenzen vorschreiben lassen, und
dahero wie der Krebs stets weiter um sich fressen: also war auch Chaumigrem noch
nicht vergnügt, dass er aus einem dürftigen Grafen ein gekrönter Kaiser worden,
sondern ganz Pegu war dem weiten Rachen seines Landhungers kaum ein Frühstücke.
Dahero er ein lüsternes Auge auf seine Nachbarschaft herum warf, und Siam zum
ersten Bissen erwählete unter dem Vorwand politischer Betrachtung, dass die Menge
seiner Soldaten immerdar in der Übung zu halten wären, damit ihre Tapferkeit
nicht verwelke, oder der Müssiggang ihnen Anlass zu einiger Aufruhr gebe.
Diesemnach ersonne er eine bequeme Gelegenheit, unter dem Schein einigen
Rechtens den König von Siam zu bekriegen. Es liessen sich nämlich unterschiedene
Könige in Asien damals Herren des Weissen Elefanten schelten, als nämlich der
König von Bengala, Ava, Aracan, Siam und auch Pegu. Der Besitzer aber des weissen
Elefantens war damals König Higvero in Siam, welcher sich dieses Tituls allein
mit Recht anmassen kunnte. Solchen aber, als ein Zeichen höchster Gewalt, wollte
ihm Chaumigrem nicht verstatten: sondern unterstund sich wohl gar, durch eine
uralte, doch falsche Zeitrechnung das Reich Siam als ein lehnbares Stücke von
Pegu anzugeben. Dannenhero sendete er sofort eine unansehnliche Gesandtschaft
nach Siam ab, und begehrte von dem Könige Higvero, nicht sowohl ihm alsbald den
weissen Elefanten auszuhändigen und zu überschicken, sondern auch sich als ein
Vasall von Pegu mit Lehnspflichten einzustellen. Wie ungereimt und höchst
unbillig solches Anfordern dem Könige in Siam nun vorkam, so fertigte er doch
diese schlechte Gesandten mit einer abschlägigen, doch ganz höflich- und
wohlgegründeten Antwort wiederum ab.
    Nach welcher Verweigerung sich Chaumigrem sattsam berechtiget erachtete,
Siam mit Gewalt zu bekriegen und sich unterwürfig zu machen. Dahero er denn eine
entsetzliche Macht von zwölfmal6 hunderttausend Mann in kurzer Zeit
zusammenbrachte. Solche bestunden nun aus zweimal hunderttausend zu Pferde, die
übrigen aber alle zu Fusse, welche in drei Teile gesondert waren. Die ersten, in
hundertundfunfzigtausend stark, waren mit Musketen, welche so gut als in Europa,
versehen: zweimal hunderttausend trugen Lanzen von vollen und starken Rohren,
welche oben mit einem spitzigen Eisen beschlagen waren: Die übrigen führten nur
Schild und Schwert: Solche Schwerter waren dreiviertel Ellen lang, ein Querhand
breit und ohne Spitzen, das Gefäss gleichete denen Cortelassen, und schnitten nur
auf einer Seiten, die Schilde aber waren drei Hände breit und sechse lang, von
gedoppeltem Leder gemacht, und mit einer hellen und schwarzen Mixtur, Archiran
genannt, gehärtet. Von welcher Materie auch ihre Sturmhüte, welche allerdings
den europäischen gleichen, gemacht waren. Das Geschütz liess er meistens zurücke,
weil er einen sonderlichen Abgang an hierzu geschickten Personen verspürte,
indem er sich die Portugiesen durch Verhinderung ihres Handels ganz abspenstig
gemacht hatte. Dahero nur hundertundzwanzig gross- und kleine Stücke mitzugeben
befehligt waren, welche von grossen lichtblauen und an Grösse den Elefanten fast
gleichenden Büffeln gezogen worden. Solche vertraute er etlichen gewissen Mohren
von Bendala, welchen doch als Fremden wenig zu trauen war. An denen Elefanten
vermerkte er den grössten Mangel, weil ihm die meisten und streitbarsten vor Prom
in dem verzweifelten Ausfalle draufgangen waren, also, dass er deren nicht mehr
denn achtundert Stücke kunnte mit zu Felde nehmen. Weil er aber künftig deren
mehr benötiget zu sein erachtete, als stellete er noch vor dem Aufbruche eine
grosse Elefantenjagd an, wobei alle Feldherrn und Kriegsobersten der ganzen Armee
erscheinen mussten. Diese Jagd aber war folgendergestalt angestellet:
    In der neuen Stadt Pegu war auf einem geraumen Platze bei dem Tor ein weiter
Schranken, mit starken hölzernen Säulen eingefasset, zwischen welchen ein Mensch
den Elefanten leicht entwischen, nicht aber von ihm verfolgt werden kunnte.
Hierauf wurden zweihundert Elefantenweiblein, welche zu dieser Jagd abgerichtet,
und auch das Anreden verstunden, herausgeführet, und in einen grossen Wald
welcher drei Meilen von Pegu gelegen und mit wilden Elefanten gleichsam besetzet
ist, gelassen. Diese Weiblein wurden zuvor an gewissen Orten mit einem besondern
Öl bestrichen, welches durch starken Geruch die wilden an sich zu locken
pfleget. Sobald nun die Elefanten durch solches Öl zur Begierde gereizet waren,
begunnten sie sich häufig denen Weiblein zu nähern. Diese aber, als schon
abgerichtet, wichen gleichsam vor ihnen der Stadt zu, da jene in solcher Brunst
als blind folgeten, und keinen Menschen scheueten, ob selbte gleich haufenweise
die Weiblein anmahneten, was sie tun sollten. Nachdem sich indessen die
Elefanten vermehreten, und jedwedes Weiblein einen Begleiter hatte, wurde dem
Volke eine Zeichen mit Jagdhörnern gegeben, sich zurücke zu halten, um die
Elefanten an ihrer Heimführung nicht zu hindern. Als die wilden Elefanten an das
Tor gelangeten, begunnten sie alle zu stutzen: gleichsam als wenn sie es zuvor
überlegen wollten, ob es ratsam sei, dass sie ferner folgeten. Endlich aber
liessen sie sich doch ihre Begierden verleiten, und gingen in Hoffnung, wohl
wieder einen Ausgang zu finden, mit langsamen Schritten bis in die
verschlossenen Schranken hinten nach. Wie sie nun sämtlich in den Schranken
waren, wurden die Gatter durch darzu verordnete Leute hinter ihnen
niedergelassen, und also aller Ausgang verwehret. Die Weiblein verfügten sich
wiederum in ihre Stände, und wurden gleichfalls von den Jägern mit Falltüren
verschlossen. Sobald sie sich nun von den Weiblein verlassen sahen, merkten sie
erst, wie sie gefangen, und ihrer Freiheit beraubet waren: Dahero sie denn
grausam anfingen zu wüten, und alle ihre Stärke zu versuchen, ob sie sich
kunnten mit Gewalt einen Ausgang machen: da denn die Jäger und andere Leute Zeit
hatten, sich aus den Schranken zu machen, wo sie nicht den rachgierigen
Elefanten ein blutiges Opfer ihrer Freiheit werden wollten, indem sie solchen
bis an die Säulen nachliefen, und wenn sie nicht nachfolgen kunnten, so grimmig
in die dicken Pfosten einhieben, dass die Zähne zerbrachen. Endlich huben sie
insgesamt an zu heulen, weinen und wehklagen, und sich nicht anders als
höchstbekümmerte Menschen anzustellen, welches bei drei Stunden währete, und mit
sonderbarer Anmut und Mitleiden anzusehen und zu hören war. Als sie aber
dermassen ermüdet, dass ihnen der Schweiss über den ganzen Leib herablief, steckten
sie ihre Rüssel in die Erde, und brachten alsdenn eine solche Menge Wasser aus
dem Leibe hervor, dass sie mit ihren Sprützen alle um den Schranken stehende
Zuschauer häufig benetzten, welches denn denen Jägern, welche sich beizeiten
entfernet, das grösseste Gelächter verursachte. Nachdem man sie nun gleich den
Zahmen einsperren wollte, wurden die Weiblein wieder herausgelassen, welche die
Wilden aufs neue brünstig machen und sie zum Folgen anreizen mussten. Diese
abgerichtete Weiblein gingen bald wieder in ihre Stände, und wurden aus
denselben wieder in andere gelassen. Die folgenden Wilden aber mussten sich in
solchen versperren lassen, und also vollend gefangengeben. Diese Stände waren
nicht grösser, als dass eben ein solches Tier nur füglich Raum haben kunnte. In
denselben wurden sie angebunden, da sie vor Traurigkeit in fünf Tagen weder
essen noch trinken wollten, bis sie ganz matt und endlich gleich den andern zahm
wurden. Welches geschwinde Zahmwerden mehrenteils daher rührt, weil kein Tier in
der Welt zu finden, welches dem Menschen am Verstande so ein Nachbar, und dessen
Rede so wohl zu verstehen fähig wäre. Ja es hat das Ansehen, als mangele ihm
nichts, denn die Rede. Dieses Tier nun ist das nützlichste Wesen der asiatischen
Kriege, indem vier starke Männer in voller Rüstung sich darauf entalten, und
mit ihren Lanzen, Musketen und Bogen dem Feinde gewaltigen Abbruch tun können.
Hingegen ist ihre Haut so dicke, dass sie keine Kugel noch Pfeil durchdringen
kann, ausser bei den Schläfen und Augen, woselbst sie leicht zu beschädigen sind.
Wie nun diese Elefantenjagd denen lüsternen Welterzen, die sich durch das
Geilheitsöl gleichfalls betören lassen, und ihren Sirenen, welche von dem Teufel
in den Wald dieser Welt ausgelassen worden, in den Schranken der Unzucht, ja
endlich gar in den engen Höllenstall, woselbst die Falltür der Ewigkeit allen
Rückweg verweigert, blind folgen, ein feines Vorspiel zeigt: also wenden wir
unser Gemüte auf die Blutjagd, welche Chaumigrem in Siam anzustellen
beschlossen, und dahero seinen Aufbruch beschleuniget.
    Er wollte zuförderst die Prinzessin Banise noch einmal im Tempel besuchen,
und einen Abschiedskuss holen: welches aber der Rolim, teils durch vorgeschützte
Heiligkeit des Ortes, teils durch andere kluge Bewegungen, zu der Prinzessin
höchstem Vergnügen hintertrieb. Als nun der Tag zum Aufbrechen erschienen, begab
sich Chaumigrem gleichsam im Triumphe auf einem mit Gold und Edelgesteinen
bedeckten Elefanten, ein blosses Schwert in der Hand haltende, aus der Stadt:
sobald er sich aber dem Lager, vor welchem die ganze Armee auf Anordnung des
Feldherrn Martong in voller Schlachtordnung hielt, genähert hatte, wurde er mit
einem solchen Feldgeschrei empfangen, dass die Erde bebete. Endlich, als diese
Ordnung wieder zertrennet, und jeder zum Fortzuge fertig war, wurde das Zeichen
mit den Trompeten gegeben: worauf sie nach eingeteilter Ordnung zu marschieren
begunnten. Den Vorzug hatte Soudras, der bramische Feldherr, mit dreissigtausend
zu Pferde und siebenzigtausend zu Fuss. Den Mittelzug führete Chaumigrem selbst,
vorher zogen dreissigtausend Mann mit Lanzen, denen folgeten die Elefanten, und
hinter denen der Tyrann, welchen Abaxar mit der Leibwacht und viel andere
Fürsten und Grossen begleiteten. Darauf kam Bartrouherri, Oberster über die
Stücke, als General-Feldzeugmeister, seiner Geburt nach ein Mohr aus Bandala,
welcher sich das Geschütze und die darzugehörigen Munitionwagen in verwirreter
Ordnung nachführen liess. Hinter den Stücken kamen fünfunddreissigtausend zu Rosse
und alsdenn achtmal hunderttausend Mann zu Fusse, welche wiederum mit
fünfunddreissigtausend Reutern beschlossen wurden. Endlich fol-gete der Nachzug,
welchen der Feldherr Martong führete, und in hundertundfunfzigtausend zu Fusse
und funfzigtausend zu Pferde bestund, bei welchen die sämtliche Bagage, in viel
tausend mit Büffeln bespannten Wagen bestehende, sich aufhielt. Mit dieser
erschrecklichen Macht zog er denen Grenzen von Siam zu, und zwar in so guter
Ordnung, dass allezeit die Haufen, so des ersten Tages vorangezogen, des andern
Tages folgen und die letzten sein mussten.
    Als er aber die feindlichen Grenzen erreichet, liess er unterschiedliche
Haufen zu Pferde in das Land vorangehen, und alles mit Mord und Brand erfüllen.
Martong, als sie noch drei Tagereisen von der Hauptstadt Odia waren, ward mit
zweimal hunderttausend Mann befehlichet, den Vorzug zu nehmen, und den König von
Siam zur Übergabe aufzufordern, welches auch dieser gehorsamst verrichtete, und
so schleunig vor Odia anlangte, ehe noch das flüchtige Landvolk einige gewisse
Nachricht von dem Anzuge des Feindes berichten können. Wie sich nun König
Higvero eines schweren Krieges mit Pegu besorget hatte, so war zwar bereits
gleichfalls alles in Waffen, und solche Anstalt gemacht, als es die Kürze der
Zeit erlaubte: Weil aber ein so geschwinder Einfall ohne vorhergehende
Kriegsankündigung von Seiten Siams nicht vermutet worden, als waren die Siammer
gar nicht gefasst, dem Feinde im Felde zu begegnen: Und ob zwar Nherandi bei
hundertundachtzigtausend Mann zusammengebracht, und vor die Stadt gezogen hatte,
so waren sie doch der peguanischen Macht bei weitem nicht gewachsen. Mit dieser
ungleichlichen Macht hatte Prinz Nherandi unfern der Stadt ein Lager geschlagen
in dem Begriff, noch mehr Völker an sich zu ziehen, und alsdenn den Feind auch
von den Grenzen abzuhalten. Allein Martong kam denen Siammern zuvor, und so er
fleissige Kundschaft auf den Feind geleget hätte, so hätte er die Siammer, welche
aus Sicherheit die Wachten gleichfalls mässig bestellet hielten, gar leicht
überrumpeln, und sie in die Pfanne hauen können. Dieses siammische Lager aber
wurde ihm nicht eher als durch einige Vortruppen entdecket, welche jedoch
bereits von den Siammern ersehen, und als Feinde erkennet waren. Dahero Prinz
Nherandi die Augen öffnete, und durch fleissige Kundschaft den Zustand des
Feindes erfuhr. Martong stutzte hierauf, und erkannte seinen Fehler, weil es
aber nicht zu ändern war, und er vernahm, wie der Prinz Nherandi persönlich das
Lager kommandierte, schickte er einen hochmütigen Bramaner, mit zwanzig Pferden
begleitet, nach dem Lager, solches und ganz Siam im Namen seines Kaisers
aufzufordern. Als solcher vor dem Lager angelanget, und den Prinzen zu sprechen
begehrte: liess er ihn in einem Gezelte, nahe bei dem Eingange des Lagers, damit
der Bramaner die Beschaffenheit des Lagers nicht genauer betrachten konnte, vor
sich: Dieser, sobald ihm das Gezelt bedeutet worden, sprang er vom Pferde, und
befahl seinen Leuten, in dem Lager seiner zu warten: Er aber begab sich mit
hochtrabenden Schritten nach dem Gezelt, in welchem er den Prinzen nebst
unterschiedenen hohen Kriegshäuptern stehende fand. Er trat sonder grosse
Ehrerbietung hinein, und fing mit bedecktem Haupte an zu reden: »Ich, als ein
Abgeordneter des allgemeinen Überwinders und Kaisers von Pegu, erscheine vor dem
Prinzen Nherandi von Siam, und begehre im Namen meines Oberhaupts zu wissen, ob
die bisher erlaubte Gnadenzeit von dem Könige Higvero zu Betrachtung seiner
Wohlfahrt und Erinnerung seiner Pflicht sei angewendet worden. Diesem nach so
fordere ich im Namen des Höchsten und Grossmächtigsten der ganzen Welt, Oretenan
Chaumigrems, Kaisers in Pegu und Brama, Königes aller Könige, den König Higvero,
die Stadt Odia und ganz Siam auf: dass sie sich mit Leib, Weib, Gut, Blut und
Kindern ihm ergeben, und sich ohne fernern Zwang als gehorsame und
pflichtschuldige Untertanen ihm unterwerfen. Wird nun Higvero sich mit seiner
Gemahlin und Kindern und mit ihm ganz Odia alsobald zu Fusse aufmachen, den
weissen Elefanten an der Hand zuführen, und dem anziehenden Grimme des Kaisers
durch einen Fussfall begegnen: so soll dieses Land und Stadt mit angedroheter
Verwüstung verschonet, und Higvero als ein Vasall König bleiben. Bei dessen
Verweigerung aber, so sollt ihr wissen, dass erwähnter Kaiser mit einer so
entsetzlichen Macht im Anzuge ist, dass auch dessen Rosse das um Odia fliessende
Wasser auszusaufen vermögen, wodurch das Volk trocknes Fusses gehen, und die
Stadt einnehmen kann. Alsdenn soll der König sterben, und seine Kinder in die
Fessel geschlagen werden. Alles was nur lebet, soll dem Säbel herhalten, und die
Kinder sollen in dem Blute ihrer Eltern ersaufen. Kein Stein soll auf dem andern
liegen bleiben, und die Glut soll ein rauchendes Merkmal kaiserlichen Zorns aus
der Stadt machen. So fertige man mich denn bald ab, durch ja oder nein, indem
uns solches gleichgültig sein wird.« Der Prinz wollte vor Ungeduld zerspringen,
und so es ihm die Wohlständigkeit des Krieges erlaubet hätte, so wollte er ihm
das trotzige Wort mit dem Säbel vorm Maule wegschneiden. Er fertigte ihn aber,
ihn nur nicht mehr anzusehen, mit dieser rauhen Antwort ab: »Du verwegener Kerl,
ich glaube dein Tyranne habe unter seiner ganzen Armee keinen unhöflichern und
grobern finden können, welcher an Büffel und nicht an Menschen, geschweige an
königliche Personen, sollte abgeschicket werden. Die Rache aber von dir zu
nehmen, soll ins freie Feld gesparet werden. Inzwischen sage deinem Kaiser, dass
er nicht als ein König, sondern als ein Tyrann und Meuchelmörder gehandelt habe,
indem er unverwarnter Sache ohne einziges rechtmässiges Befügnis ein freies
Reich, welches ihm nichts als Pulver, Blei und Säbel schuldig ist, anzugreifen
sich unterstehet. Indessen soll er nur herannahen, und den Lohn seiner Tyrannei
von der Götter Hand empfangen.« Welcher grossmütigen Antwort sich der Bramaner
nicht versehen hätte, dannenhero er mit verächtlichen, doch grausamen Gesichte
sich unterstund zu drohen: »So werde ich mir bei meinem Kaiser die Gnade
ausbitten, dass ich mit diesem meinem Säbel Euch in Stükken zerhauen dürfe.« Mit
welchen Worten er zugleich die Hand an den Säbel legte, und halb auszog: nicht
weiss ich, ob nur damit zu drohen oder sich gar einer Tätlichkeit zu unterfangen.
Hier dauchte es dem Prinzen sattsam Zeit zu sein, seinem Eifer freien Zaum zu
lassen, dannenhero er mit entblösstem Säbel auf den Bramaner zusprang, und so
einen gewaltigen Streich nach dessen Halse führete, dass der Kopf nur noch an
etlichen Adern und der Haut behangen blieb, womit er tot zur Erden stürzte. Der
Prinz aber befahl, ihn aus dem Zelte zu schleppen, und seinen Leuten zu
übergeben, mit angehängter Verwarnung, sich alsobald aus dem Lager zu packen
oder gleichen Verlusts ihrer Köpfe gewärtig sein. Welche sich denn nicht
säumeten, den Körper auf ein Pferd legten, und sich sporenstreichs zurücke nach
ihren Völkern begaben.
    Wie sich nun der Prinz den auf diesen Blitz erfolgenden Donnerschlag leicht
einbilden kunnte: als entschloss er sich mit Genehmhaltung der sämtlichen
Kriegsobersten, dem Feinde zu begegnen, und ihn anzugreifen, ehe die Macht des
Kaisers heranrückete: Worauf das ganze Lager aufgeboten, und die Völker ins
freie Feld geführet, zugleich alles in Schlachtordnung gestellet, und dem Feinde
mit langsamen Zuge ent-gegengerücket wurde. Als sie sich aber etwan auf
zweitausend Schritte einem grossen Walde genähert hatten, sahen sie den Feind
durch das Gebüsche wie eine wilde Flut dahergerauschet kommen. Der Prinz befahl,
alsobald stillezuhalten, und verbesserte die Ordnung nach Gelegenheit des Ortes,
und indem er vermerkte, dass der Feind fast über die Hälfte das freie Feld
erreichet hatte, befahl er dem siammischen Feldherrn Padukko, mit fünfzigtausend
Mann loszubrechen, welches er auch willigst verrichtete, und in den noch nicht
recht gestellten Feind dermassen einstürmete, als ob er den Sieg allein
darvontragen wollte. Welcher Anfall ihm auch so weit glückte, dass er den Feind
bis an den Wald zurücke schlug, und ihn die Erschlagenen fast verhinderten,
weichende den Feind zu verfolgen. Weil sich aber der Feind auf allen Seiten aus
dem Walde ins Lichte begab, so fehlete nicht viel, Padukko wäre mit den Seinigen
umringet und niedergesäbelt worden, indem er sich aus hitzigem Grimm so weit mit
dem Feinde eingelassen hatte, dass ihm bei herannahender Macht des Feindes aller
Rückweg benommen war. Solchem nun vorzukommen, zumaln sich der Feind aus dem
Walde sehr verstärkete, brach der Prinz endlich mit der gesamten Macht los, da
denn Padukko gar zeitlich Luft bekam, und sich aufs neue widersetzen kunnte. Der
Prinz erwies sich ungemein tapfer, und ein jedweder Siammer bemühete sich
eifrigst, einem solchen heldenmütigen Vorgänger beherzt nachzufolgen: zudem
kunnte sich auch wegen Enge des Ortes der Feind nicht wenden, noch einigen
Vorteil des Raumes gewinnen. Derowegen erfolgte desselben endliche Niederlage,
die sich ungemein würde vergrössert haben, wenn nicht der Wald ein gross Teil der
feindlichen Peguaner bedecket hätte: welche, sobald sie den Verlust des Feldes
von ihren weichenden Kameraden verstanden, sich alsobald auf die Flucht begaben,
und also denen Geschlagenen gnugsamen Raum zur flüchtigen Folge machten. Ob nun
zwar der hitzige Prinz den Feind zu verfolgen, eiferigst riete; so wollte doch
solches der vorsichtige Padukko nicht gestatten, sondern hielt vor ratsam, sich
an dem erhaltenen Siege begnügen zu lassen: weil man nicht wüsste, wie stark der
Feind noch sein, oder sich wohl gar in einen Hinterhalt setzen, und das durch
Tapferkeit erhaltene Feld im Walde durch List wieder abjagen möchte. Ja man wäre
noch nicht durch gewisse Kundschaft versichert, wie weit die Hauptarmee entlegen
wäre, welcher man durch hitzige Nachfolge leicht in die Hände geraten könnte,
und also den Sieg mit gedoppelten Verlust bezahlen müsste. Zudem wäre es nötig,
die wenigen Völker zu sparen, bis sie bei anderer Gelegenheit dem Feinde sichern
und bessern Abbruch tun könnten. Als nun solcher Rat von allen Kriegsobersten
gebilliget, auch endlich von dem Prinzen beliebet ward; so wurden die
Nachsetzenden zurücke, die übrigen aber zusammenberufen: Und nachdem man den
Feind genungsam geschlagen, und vor ihm gesichert zu sein vermeinte, wurde die
Hälfte der Armee wieder in Schlachtordnung gestellet, um dem Feinde gebührend zu
begegnen, welcher sich etwa unvermutet widersetzen oder verstärket haben, und
also noch einmal sein Heil versuchen möchte: Der andern Hälfte wurde zu plündern
erlaubet, jedoch, dass die Beute alsdenn gleich geteilet werden sollte. Hiebei
nun wurden über dreiundachtzigtausend tote Peguaner gezählet, da doch der Prinz
nicht über sechzehntausend vermissete. Dass also dieses ein ansehnlicher Sieg
würde gewesen sein, wenn der Verlust sowohl die Hauptarmee als nur den Vorzug
betroffen hätte.
    Nach gehaltener Plünderung zog sich die ganze Armee zurücke ins Lager, allwo
die Beute geteilet, und hernach das Lager geschleifet ward, damit sich der
herannahende Feind dessen nicht zu einigem Vorteil bedienen möchte. Die Völker
aber wurden alle in die Stadt geführet, weil ausser denen fünfzigtausend Bürgern,
welche auf ihre eigene Kosten in Kriegszeiten dem Könige dienen, und ihre Stadt
beschirmen müssen, keine andere Besatzung vorhanden war. Welche wir indessen
alle Anstalt zur äussersten Gegenwehr machen lassen, und statt des blitzenden
Säbels den flüchtigen Martong mit unserer Feder verfolgen wollen.
    Wie nun Chaumigrem nur noch eine halbe Tagereise zurücke, und des Padukko
Mutmassung nicht vergebens war: Also erreichten die flüchtigen Peguaner gar
zeitig ihre Sicherheit, und setzten durch das blutige Zeugnis ihres Verlusts die
ganze Armee in nicht geringes Schrecken, den Chaumigrem aber in solches Wüten,
dass er alsobald den ersten Anbringer mit eigener Hand niedersäbelte. Den
Feldherrn Martong liess er unverhörter Sache in Ketten und Banden schlagen, und
also höchst schimpflich der Armee nachführen: welches ihm hernach mehr
geschadet, als wenn die ganze Armee geschlagen wäre. Die übrigen Peguaner,
welche dem Siammischen Säbel durch die Flucht entgangen waren, mussten
gleichfalls ihren sonst tapferen Feldherrn hinter der Armee ohne Gewehr
begleiten, und aus dem gefährlichen Vorzuge in den schimpflichsten Nachzug
geraten. In solchem Grimme beschleunigte der Tyrann seinen Anzug auf Odia, und
schwur, solche Niederlage aufs grausamste zu rächen. Der Feldherr Soudras musste
deswegen mit siebenzigtausend Reutern vorausgehen, und die Stadt dermassen
berennen, dass er alle Pässe und Wege verlegte, und was ausser der Stadt war,
gefangennahm; zwei Tage darauf folgte die ganze Armee nach, welche Chaumigrem
angesichts der Festung in eine zierliche Ordnung stellete, und sich nach diesem
in Person die Befestigung der Stadt zu erkundigen erkühnete. Die Stadt Odia nun,
auch India, von teils gar Siam genannt, liegt zehen Meilen von dem Meer in einer
schönen Fläche, eine treffliche Handelsstadt, und wird von dem Flusse Menan,
welcher seinen Ursprung aus dem berühmten See Chyamay nimmet, der über hundert
Meilen das Land durchströmt, und sich unweit Odia ins Meer ergeusst als eine
Insul umflossen, dessen Breite auf jeder Seite zwei Rohrschüsse breit. Sie ist
ohngefähr drei französische Meilen im Umkreis, und leget ihrem Feinde eine
starke Mauer entgegen, welche nach alter Art mit trefflichen Bollwerken versehen
ist. Das königliche Schloss ist mit einer Mauer von der Stadt abgesondert, jedoch
innerhalb der Stadt, und ist wegen seiner Pracht ein asiatisches Wunderwerk zu
nennen. Erwähnter Fluss Menan durchschlängelt die Stadt zu acht Malen, und
schaffet hierdurch selbter sowohl ein zier- als nützliches Ansehen, welches
durch tausend Götzentempel trefflich vermehret wird.
    Als nun der Chaumigrem alles genau in Augenschein genommen, und die meiste
Verhinderung durch den Strom des Flusses gespüret hatte, liess er zuförderst ein
weites und geraumes Lager abstechen, in welchem sich die Armee füglich
entalten, und einer so langwierig scheinenden Belagerung abwarten könnte. Weil
er aber die Stadt auf beiden Seiten anzugreifen vor nötig erachtete, so liess er
den Soudras mit fünfmal hunderttausend Mann auf die andere Seite übersetzen.
Ingleichen wurden zehentausend Mann befehlichet, den Strom aufwärts zu gehen,
alle Schiffe und Fahrzeug anzuhalten, und solche herunter nach der Stadt zu
treiben: Welches auch so wohl glückte, dass über tausendsechshundert allerhand
Fahrzeug, worunter nicht wenig beladene Kaufschiffe, aufgetrieben worden. Solche
liess er ausladen, hingegen meistens mit Sand, Erd und Steinen füllen, und an die
seichtesten Örter des Flusses vor die Stadt führen, da sie alle versenket, und
der Lauf des Stromes merklich verhindert wurde. Ob nun zwar die aus Siam heftig
bei dieser Arbeit mit ihrem Geschütze auf den Feind losdonnerten, so geschahe
den Peguanern der wenigste Schaden, weil zu dieser Verrichtung lauter gefangene
Siammer, welche bei dem Einfall auf dem Lande weggenommen, gebraucht wurden,
welche meistenteils jämmerlich ersaufen mussten. Durch diese Hemmung nun des
Stroms wurde der Fluss nicht wenig aufgeschwellet, also dass er den Soudras mit
Verlust etlicher tausend Mann aus seinem Lager trieb, und er mit höchster Mühe
und Gefahr sich wieder herüber und in das etwas höher gelegene Lager diesseits
verfügen musste. Inzwischen wurden unterschiedene Geschützstellungen verfertiget,
von welchen sowohl das Schloss als auch vornehmlich die Schiffe, welche in den
innern Einflüssen der Stadt lagen, Tag und Nacht heftig, wiewohl wegen
Unerfahrenheit der Mohren, meistenteils fruchtlos beschossen wurden. Zu völliger
Ausfüllung des Stroms wurde gleichfalls weder Mühe noch Fleiss gespart: indem
täglich über zweihunderttausend Mann Sand, Steine, Holz und andere füllende
Materien herzuschaffen, und in den Fluss werfen mussten, wodurch endlich ein Damm
von tausend Schritten breit durch den Fluss bis an die Mauer der Stadt hinan
gemacht, der Strom ganz auf die andere Seite gedämmet, und daselbst alles weit
und breit überschwemmet wurde. Die Siammer feireten zwar indessen nicht, sondern
taten durch ungeheures Schiessen als auch unterschiedene Ausfälle zu Wasser bei
der Nacht merklichen Abbruch: Allein sie waren zu schwach, einer solchen Menge
zu widerstehen: denn wo einer von dem Feinde blieb, da wurde sobald dessen
Stelle durch zwei bis drei frische Soldaten ersetzet: und konnten sie also
solches Werk nicht verhindern, bis es zu seiner Vollkommenheit gelanget, und bis
an ihre Mauren geführet war.
    Mit wie vielen Blute nun dieses neue Werk eingeweiht wurde, ist leicht
hieraus zu schliessen, weil die Siammer alle ihre Macht dranstecketen, sowohl den
Damm an ihrem Ufer wegzureissen, als auch dem Feinde allen Überzug und die daher
rührende Gelegenheit des Stürmens zu verwehren: hingegen sparte Chaumigrem keine
Völker, den Damm zu behaupten, und die Siammer dermassen einzuschliessen, dass sie
ihm nicht ferne verhinderlich sein könnten. Ob er nun zwar unsäglich viel Volk
hierbei verlor, indem der Damm von beiden Seiten der Stadt mit Stücken konnte
bestrichen werden: so erhielt doch endlich die Menge die Oberhand, und mussten
die Siammer nicht allein weichen, sondern auch zusehen, wie der Feind ihnen
unter die Stücken kam, und sich auf dem festen Lande vor der Stadt eingrub: Als
nun der Tyrann seinen blutigen Zweck erreichet, machte er alle Anstalt, die
Stadt mit Sturme anzugreifen: weil ihn hieran kein Graben verhinderte.
Dannenhero liess er viele Sturmbretter zurichten, welche dermassen verfertiget
waren, dass sie auf Rädern an die Mauern gebracht werden, und darauf sechs Mann
nebeneinander laufen kunnten. Diesen ersten Sturm liess er von
hundertundfunfzigtausend Mann anlaufen, jedoch dermassen, dass nur jederzeit
funzigtausend Mann liefen, die andern aber ausruheten, und diese alsdenn
entsetzten. Hierbei mussten die bestellten Mohren mit ihrem Geschütz gleichfalls
heftig auf die Stadt schiessen: welche aber, entweder aus Unwissenheit, oder mit
Vorsatz, den Ihrigen mehr hinder- als förderlich waren, indem sie die Stücke
alle zu niedrig richteten, und die Kugeln ziemlichen Raum unter den stürmenden
Peguanern machten. Weil sich nun zugleich die Siammer unbeschreiblich wehreten,
indem sie nicht allein auf der Mauer wie Mauern stunden, sondern auch durch
häufig gestreute Fussangeln den Feind merklich verhinderten und beschädigten: als
musste endlich nach siebenstündigen Gefechte Chaumigrem zum Abzuge blasen lassen.
Die meiste Verhinderung in diesem Sturm war der listige Anschlag des Padukko
gewesen, indem er das Öl und Fett zusammenbringen, schmelzen, und solches häufig
auf die angelegte Sturmbretter schütten lassen. Hierdurch wurden solche dermassen
schlipfrich und glatt, dass kein fester Fuss daraufzusetzen war, sondern der
anlaufende Feind gleiten und fallen musste. Welcher fiel, der verfiel zugleich in
den Tod: indem ihnen nichts als rollende Balken, Steine, heiss Wasser, Kugeln und
Pfeile entgegenkamen, die wenigsten aber erlangten die Ehre, dass sie kunnten mit
dem Säbel von der Mauer abgehalten werden.
    Chaumigrem vermeinte zu bersten, als ihm sein so wohl ersonnener Anschlag zu
Wasser wurde, und wusste nicht, wen er beschuldigen sollte. Weil er aber unter
der ganzen Armee kein nützlicher Haupt als den Martong wusste: so brachte solches
diesem die Erlösung, vorige Gnade und Ehrenstand. Solches nahm dieser mit
verstellter Freude und Dienstverpflichtung an, doch liess er die allen edelen
Gemütern angeborne Rache wegen unverdienter Schmach in seinem Herzen glimmen:
Weil aber solche hier brennen zu lassen keine Gelegenheit vorhanden; als liess er
solche noch zur Zeit in der Asche ruhen, und verrichtete alles, was einem
tapfern Soldaten anständig war. Ob nun zwar hin und wider einige Stürme
verrichtet wurden, so erwiese doch das Kriegsglücke, wie es den Siammern nicht
so gar ungeneigt wäre: indem die Peguaner jederzeit die Mauern mit ihrem Blute
färben, und dennoch weichen mussten. Ingleichen erwiesen die Siammer sonderlich
ihre Tapferkeit in unterschiedenen Ausfällen, unter welchen insonderheit ein
nächtlicher Ausfall zu rühmen. Denn indem der Feind bemühet war, unferne der
Mauer eine solche Erhöhung zu verfertigen, von welcher er gleichsam auch die
Strassen der Stadt mit Musketen und Pfeilen bestreichen könnte: Und dannenhero
eine grosse Menge der arbeitenden Soldaten sich Tag und Nacht dabei aufhalten
mussten: erkühnte sich Prinz Nherandi dieses Werk in Person zu stören, dahero
auch Zeit ihrer Arbeit kein Stück auf sie gelöset wurde. Tages vorhero aber
wurde alles Geschütz auf denselben Ort gerichtet, und der Prinz erwählete sich
dreitausend Reuter und fünftausend Fussvolk. Als nun die Finsternis Stadt und
Lager bedecket hatte, und sich die Wolken von den vielen Wachfeuern erröteten,
begab sich der Prinz in aller Stille mit den Reutern aus der Stadt, das Fussvolk
aber verlegte er hinter sich an einen Passweg nach der Stadt. Nachdem er etwan
auf etliche hundert Schritte sich dem sichern Feinde genähert hatte, gab er ein
gewiss Losungszeichen denen in der Stadt, worauf die von allen Seiten des Tages
gerichtete Stücke auf den Feind gelöset worden, da denn der Feind nicht unbillig
einem gestöreten Bienenschwarm zu vergleichen war: massen ein jeder in verwirrten
Schrecken hin und her lief, und sich doch in die Ursach des Schreckens nicht
finden konnte, obgleich die tödlichen Pillen eine ziemliche Menge in den ewigen
Schlaf geleget hatten. Der Prinz liess ihnen nicht viel Bedenkzeit, sondern
stürmete dermassen in sie hinein, dass sie nicht wussten, wider wen sie ihre
Gegenwehr richten, oder sich schliessen sollten. Das Schwert des hitzigen Prinzen
wütete indessen immer fort, der Feind aber hielt endlich die Flucht vor eine
Notwendigkeit, welches, sobald es der Prinz merkte, liess er die Fussvölker
zugleich anrücken, und in die Laufgräben einfallen: wodurch der Feind in
allgemeine Flucht nach dem Damme gebracht wurde, den der Prinz mit der Reuterei
dermassen verfolgete, dass derer viel in das Wasser gesprengt und ersäuft worden.
Das Fussvolk aber arbeitete indessen fleissig an der Niederreissung vorerwähnter
Erhöhung und Laufgräben, zogen etliche Stücke mit sich nach der Stadt, die
übrigen aber wussten sie auf Eingeben der Portugiesen meisterlich zu vernageln
und zu verderben. In solchem Lärmen wurde das ganze Lager jenseit des Dammes
munter, und sobald Chaumigrem den gefährlichen Zustand seiner Völker vernommen,
schickte er ihnen zehentausend Reuter entgegen und zu Hülfe, welche denn mitten
aus dem Damme den Lauf der siegenden Waffen hemmeten, dannenhero der Prinz vor
diesmal genug Ehre eingeleget zu haben vermeinte, und sich dergestalt zurücke zu
ziehen wusste, dass der Feind leichtlich sehen konnte, wie er mit unüberwundenem
Gemüte das Feld räumete. Dieser frische Entsatz aber drängte doch den Prinzen
dermassen, dass es höchstnötig war, den Stand des verlegten Fussvolks zu erreichen,
welche alsobald den verfolgenden Feind durch eine nachdrückliche Salve zurücke
hielten, der auch, weil er im Finstern die Stärke der Siammer nicht wissen
konnte, stutzte, und sich in das vor der Stadt verlassene Lager begab, bis
solches wiederum besetzet, und mit aller Notdurft vor ferneren Ausfällen und
Bedeckung vor dem Geschütze, welchen Fehler sie mit ihren Schaden bemerket,
versehen war. Wäre nun dieser Ausfall sowohl bei Tage mit dergleichen
glücklichen Erfolg geschehen, dass der Prinz mit einer grössern Macht hätte können
entsetzet werden, so hätte es einen gefährlichen Wettstreit um die Eroberung des
Dammes setzen dürfen.
    Hier wollen wir gleichfalls die bedrängten Siammer im Blut und Dampf
verlassen, und nach Pegu eilen, um die einsame Prinzessin in ihrem Tempel zu
besuchen, welche ausser dem Rolim und der Eswara niemand um sich, diese letztere
aber, um so viel mehr Freiheit hatte, dass sie im Tempel aus und ein und andern
Verrichtungen nachgehen durfte. Die Prinzessin nun achtete sich in solcher
einsamen Sicherheit über die Massen vergnügt, und vermeinte, an dem Chaumigrem
ihren grössten Feind verloren, hingegen an dem Rolim ihren besten Freund gefunden
zu haben. Was aber das Absehen der Freundschaft des Rolims bishero gewesen,
solches konnte sie mit neuer Bestürzung aus des Rolims verliebter Bezeigung und
folgenden Reden leichtlich ermessen. Denn, als Chaumigrem den Zug nach Siam
bereits vor einigen Wochen angetreten, verfügte sich der Rolim in Abwesenheit
der Eswara einsmals zu der Prinzessin in ungewöhnlichem Schmucke, und redete sie
mit verliebten Augen und Herzen folgendergestalt an:
    »Schönste Prinzessin! Dero Schönheit zwinget mich zu reden, und die Pflicht,
womit Sie mir wegen Befreiung der Gewalt verbunden, befiehlet Ihr, mich geneigt
anzuhören. Ihre Schönheit, sage ich, zwinget mich, diejenige vor selig zu
preisen, welche Gott in die zarte Seide geschickter Glieder eingehüllet hat:
weil Ihr durchdringender Blitz auch nicht der Götter verschonet, und dahero ihre
Priester derselben opfern müssen. Ihre Schönheit, sage ich nochmals, welche als
ein Meisterstücke des Himmels den Kaiser gefesselt, und den Priester gebunden
hat, glänzet prächtiger als Diana in dem gestirnten Reiche, und kein Sterblicher
kann Ihre blitzende Augen vertragen. Der Schnee Ihrer Wangen machet den Alabast
zunichte, Ihr kluger Mund besieget Korallen, und Ihr Haar beschämet die
Morgenröte. Die lilienzarten Hände wünschen die Götter zu küssen, und indem ein
verliebter Wind die Segel meiner Sinnen auf das unbeschiffte Meer Ihrer
Marmelbrust hintreibt, so erblicke ich gleichsam die Venus in zweien Muscheln
schwimmen, wo lauter Anmutsmilch um die Rubinen gerinnet. Das Uhrwerk der
geraden Schenkel zieret den diamantnen Rock, und der ganze Tempelschmuck wird
durch den wohlgewölbten Leib verhöhnet: kurz: der ganze Erdkreis erstaunet über
solchen Wundergaben, und preiset denjenigen selig, welchen ein solcher Engel
labet, und welcher den Hafen seiner Vergnügung bei solcher Schönheit findet. Was
ist denn nun Wunder, dass meine Heiligkeit derjenigen verliebt zu Fusse fällt,
welcher die Götter selbst ihre Opfer widmen. Sie wird mir erlauben, schönstes
Kind, dass ich die Maske verdeckter Worte ablege, und öffentlich bekenne, wie ich
der Gotteit Priester und zugleich ein Opferknecht Ihrer überirdischen Schönheit
sei. Wie Sie mich nun als den Grundstein Ihrer Wohlfahrt wohl zu betrachten hat;
also versehe ich mich geneigter Gegenhuld und erwünschter Vergnügung von Ihrer
Güte, versichernde, dass Sie diese Dankbarkeit zu einem Engel machen werde.« Die
Prinzessin, welche nicht wusste, ob Scherz oder Ernst diese Rede begleitete,
blieb anfangs unbeweglich sitzen, und sah den alten verliebten Pfaffen mit
verwunderungsvollen Augen und Gemüte an. »Ich weiss nicht«, war endlich ihre
Antwort, »heiligster Vater: ob dieses bei meinem jetzigen betrübten Zustande zu
loben oder zu schelten ist: dass man eine vorhin bekümmerte Prinzessin auf eine
so scharfe Probe ihrer Tugend zu setzen sich bemühet, welche mich doch jederzeit
auch in Todesgefahr begleitet hat. Jedoch dieser harten Probe ungeachtet, so
versichere ich Euch, dass mich meine Tugend sattsam lehret, wie weit ich Euer
heiliges Amt verehren, und Eure ehrwürdige Person als meinen Erlöser und Vater
lieben soll.« Dem Rolim war diese ungleiche Auslegung nicht anständig, und
vermeinte dannenhero, er habe seine Liebe allzu dunkel vorgestellt, daher er
sich etwas freier und deutlicher herauszulassen entschloss. »Englische Banise!«
sagte er, »es ist keine Probe Ihrer Tugend, sondern Ihrer Dankbarkeit. Es ist
kein verstellter Scherz, sondern ein verliebter Ernst, welcher mich bei
Betrachtung Ihrer himmlischen Schönheit zwinget, meines Amts und Alters
ungeachtet meine Brunst zu entdecken, und frei zu bekennen: dass Banisens
Schönheit das heilige Ansehen dermassen verblendet hat, dass er nunmehr ein
fremder Priester eines verborgenen Heiligtums zu sein begehret. Prinzessin! ich
liebe Sie, und wo die Rose Ihres Wohlstandes blühen soll, so wisse Sie, dass
solche auf den Grund meiner Liebe müsse gepflanzet werden. Ich lodere, ich
brenne, ich sterbe: wo nicht die unvergleichliche Schönheit denjenigen in ihre
Arme nimmt, welche ihn magnetischerweise an sich zeucht.« Wie er nun solches mit
so verliebtem Eifer, als immer mehr von der jüngsten Glut zu hoffen, vorbrachte,
zweifelte die Prinzessin nicht mehr an dessen wahrhaftiger Verliebung, dahero
sie um soviel bestürzter war, weil sie wohl wusste, in was Ansehen der Rolim
sowohl bei dem Kaiser als gesamten Volk stunde, und wie er leicht ihr Schande
und Tod zuwege bringen könnte: dahero sie abermal ihre Beredsamkeit hervorsuchen
musste: und um ihre Schönheit auszureden anfangs sich unterstunde: »Ehrwürdigster
Vater«, redete sie ihm ein, »ich will nicht hoffen, dass ein blödes Auge werde
Ursache haben, sich über meine unschuldige Gestalt zu beschweren. Wollte aber ja
ein Funken der Schönheit, dessen Vorgeben nach, an mir zu erblicken sein: so ist
solcher vielmehr von den Göttern als eine Tugendfackel, nicht aber als ein
Irrwisch geiler Lüste angezündet worden; worbei wir ihre Allmacht, nicht aber
unsere Brunst, betrachten sollen. Zudem muss die Schönheit mit der Tugend feste
verknüpfet sein, und ihr Licht wie der Mond von der Sonnen empfangen: ausser
diesem ist sie nur ein stummer Betrug und ein Leitstern zu den Sünden, ja ein
rechtes Aas, welches nur den Raubvogeln gefällt, und Raben an sich locket. Schön
und fromm sein, stehet selten beieinander, und die Tugend trifft nicht allezeit
mit der Gestalt überein; diejenigen irren aber sehr weit, welche ein
wohlgebildetes Gesichte ohne Tugend unter die Schönheit rechnen, die doch nur
ein Komet zu nennen ist, dessen Strauss jederzeit auf ein neues Unheil deutet; ja
ein Abgott, welchem statt Weihrauchs stinkend Harz angezündet wird. Zudem
beruhet die Schönheit mehr in einer blossen Einbildung als wahren Beschaffenheit,
denn was einem jeden gefällt, das nennet er schön: und ich versichere Euch, dass
ihrer viel dasjenige, was Ihr an mir lobwürdig schätzet, aufs höchste tadeln
würden. So sei es demnach ferne, dass sich Eure heilige Weisheit durch Einbildung
und falsches Wesen sollte verblenden lassen. Ich will hier nicht gedenken der
ungemeinen Veränderung, womit die Schönheit am meisten stets bedrohet wird. Bald
wird sie durch das scharfe Schwert der Sorgen, bald durch die Sichel der Zeiten,
endlich wohl gar durch den grimmigen Pfeil des Todes dermassen bestritten und
verstellet, dass man in kurzem ein allgemeiner Ekel der verliebten Welt muss
genennet werden. Kurz: ich stelle Euch ihre Vergänglichkeit und eigentliches
Wesen mit jenem singenden Europäer also vor:
Was ist sie? als der Zeit gemeines Gaukelspiel,
Nichts als ein kurzer Wahn, ein Ungewisse Ware,
Die auf uns selber stirbt, und uns gebraucht zur Bahre,
Ein Zeug, der unser Haut nicht Farbe halten will.
Kein reines Spiegelglas kriegt eher böse Flecken,
Kein Stern lässt sich so bald die trüben Wolken decken:
Kein ungelegter Schnee verstäubt und schmilzt so leicht.
Ein Blitz wird nicht so bald vergehen und verstreichen,
Und so geschwinde wird die Rose nicht erbleichen,
Als Schönheit der Gestalt aus unsern Augen weicht.
    Und werdet Ihr, ehrwürdiger Vater, Eurer hohen Vernunft so viel Raum
erteilen, dass keine unanständige Phantasie bei Euch Platz gewinnen könne. Ich
werde Euch jederzeit mit solcher Liebe zugetan verbleiben, als es Eure Würde und
meine Tugend erfodert und erlaubet.« Der alte Schimmelkopf war über den
schlechten Fortgang seiner Liebe höchst missvergnüget, welches er mit vielen
Kopfschütteln zu erkennen gab. »Sie irret, Prinzessin«, war dessen Gegenrede,
»wenn Sie sich verachten, und mir die scharfen Augen meiner Vernunft mit dem
Schleier der Einbildung verbinden will. Ich wünschte zwar, dass Ihre Schönheit
niemals in meine Augen, viel weniger ins Herze kommen wäre: Nachdem es aber der
Himmel so gefüget, dass Sie unter meiner Hand den Tempel bewohnet, so erkenne ich
es vor eine Schickung der Götter, durch deren Verhängnis ich Sie vor einen Engel
halten muss, welcher Verlangen im Gemüte, Entsetzen in den Augen und Begierde im
Herzen erwecket. So widerstrebe Sie nun nicht dem Schlusse der Gotteit, welche
keine weltliche Person Ihrer Schönheit würdig achtet, sondern will, dass der
oberste Priester des Heiligtums die Erstlinge Ihrer Blumen brechen soll, und ihm
hierdurch, ein fleischliches Jubeljahr auszuschreiben, gar wohl erlaubet sei.«
Durch solche Freiheit seiner Reden befand sich zwar die keusche Prinzessin
dermassen gerühret, dass sie bei höherer Gewalt solchen Frevel auch mit dem Tode
würde gerochen haben: Weil sie aber die Not als Tugend musste gelten lassen, so
befliss sie sich ferner einer gezwungenen Freundlichkeit, in Hoffnung, ihn von
solchem verhassten Vorsatz durch kluges Einwenden abwendig zu machen. Dahero sie
sich durch folgende Worte ferner bemühete: »Heiliger Vater! Wie schicket sich
dieses zusammen, ein Rolim der reinen Gotteit und zugleich ein Priester
unreiner Liebe zu sein? Wird nicht das ganze Heiligtum beflecket, wenn geile
Brunst im Herzen sitzet? Die Götter erfodern zu ihrem Dienste nicht nur reine
Hände, sondern auch keusche Herzen: ich aber würde mich ewiger Verdammnis würdig
schätzen, wenn durch mich die Götter sollten beleidiget und erzürnet werden.« -
»Ach schlechter Einwurf«, antwortete der Rolim hierauf, »so müssten Opfer, welche
von den Göttern geschaffen, und durch der Priester Hand geopfert werden, den
Göttern auch ein Greuel sein: und der Wein ist deswegen denen Weltlichen
verboten, weil er nur allein von den Priestern getrunken zu werden würdig ist.
Sollte nun deswegen die Heiligkeit der Götter vermindert werden, wenn ihr
Priester eine von der Gotteit erschaffene Schönheit, welche an sich selbst ein
Heiligtum und Ebenbild der Götter ist, vor andern nicht sowohl ihrer Lust als
bevoraus denen Göttern, welchen sie dienen, aufopferten. Das sei ferne. Zudem
weiss man die Macht der Liebe, welche Tempel und Altar hintansetzet, und sich
weder an Gesetze noch Heiligtum binden lässet. Es haben mich Rabbinen
versichert, dass vor langen Zeiten ein König in Palästina7, welcher an Weisheit
die Weisheit selbst zu übertreffen geschienen, viel Gold aus diesen Landen,
welche vorhin Ophir geheissen, abholen lassen. Dieser weise König, ob er gleich
an Heiligkeit dem jüdischen Hohenpriester vorgegangen, so habe er sich durch die
Liebe auch im hohen Alter dermassen fesseln lassen, dass er die Gotteit
hintangesetzet, und die Schönheit zu seinem Abgott erwählet hat. Sollte der
Gebrauch einer Schönheit denen Priestern unzulässig sein, so würde sich es der
Samorin in Calicut vor keine so grosse Ehre halten, wenn der vornehmste Bramin
seine Gemahlin eines andächtigen Beischlafes würdiget8. Wer wollte es demnach
mir tadeln, wenn ich auf dem Eise, wo vorhin weise Könige gar gefallen sind, nur
ein wenig gleite. So koste Sie doch den Zucker meiner würdigen Liebe, und
versichere sich, dass, wo ja dieses ein Versehen zu nennen ist, solches viel
leichter bei den Göttern, wieder zu versöhnen sei, als wenn Sie sich ein
Weltauge anblicken liesse.« Hier hätte nun die Prinzessin lieber ihren Verdruss in
etwas merken lassen, dannenhero sie nicht unterlassen wollte, ihm durch
Vorhaltung seines Alters sein ungereimtes Beginnen zu verweisen. »Es sei nun,
alter Vater«, hub sie an, »Eure Liebe Ernst oder Scherz, verboten oder erlaubet,
so werdet Ihr Euch doch wohl zu bescheiden wissen, dass derjenige, welcher sein
beschneites Haupt noch mit Venusmyrten zu bekränzen suchet, nur Feuer in den
Schnee und im Winter Rosen suchet. Und wie sich ein bleierner Liebespfeil der
Alten gar nicht nach dem güldnen Ziel grünender Jugend richten lässet; also weiss
ich nicht, ob ich zuviel rede, wenn ich sage: es verdiene meine Jugend ein
grösseres Mitleiden, als dass man sie mit einem nach dem Grabe schmeckenden Kusse
quälen wollte. Weil ich mir auch lebenslang die Lehre, wie man das Alter in
Ehren halten solle, wohl beibringen lassen, so erachte ich nicht vor ratsam,
denjenigen wie einen Bräutigam zu lieben, welcher meiner Jugend besser vor einen
ehrwürdigen Vater dienen kann. Die Liebe der Alten ist mit Recht ein kalter
Brand zu nennen, welcher zugleich gefährlich und verdriesslich ist, und schicket
sich vorgesagtermassen wie ein zerbrochener Pfeil zum Ziele. Ob ich nun zwar
dieses nicht zu einiger Beleidigung des ehrwürdigen Alters will beigebracht
haben: so wird doch mein Vater die Unmöglichkeit unserer Liebe hieraus leicht
schliessen können.« Der alte Rolim vermeinte über solchen Vorwurf zu börsten,
jedoch machte er sich dennoch Hoffnung, seinen Zweck zu erlangen, wenn er ihr
auch diesen Einwurf, welchen er längst vermutet, widerlegte. »Ist dieses«,
antwortete er hierauf, »ein Zeichen der bisher gerühmten Tugend, dass Sie eine
leichtsinnige Jugend dem klugen Alter vorziehen will: und belieben Ihr nur die
jungen Jahre, welche durch ein glattes Maul und weissrötliche Haut ihr schlechtes
Alter und noch schlechtere Vernunft andeuten? Gewiss, ein schrecklicher Irrtum!
Was ist doch flüchtiger weder diese Blumen-Lust, deren man nach etlichen
Küss-Monaten bald genug, mit den Jahren aber soviel als itzund von mir hat. Diese
Narzissen aber meines Haupts sind etwas tiefer in die Erden gewachsen, mit
königlichen Namen beschrieben, und sind zu dem Kranze ihrer vorigen Würde und
Wohlfahrt höchst nötig. Sie sei versichert, dass durch diese Liebe der höchste
Grad des Glückes sich Ihr zueignen wird, und Sie wird es dem Himmel danken, dass
Sie sich so wohl durch mich beraten hat. Durch mich, sage ich, der ich meines
hohen Amtes und Ansehens zu geschweigen, die ganze Welt gesehen, Frost und
Hitze, Gutes und Böses ausgestanden, dessen Leben ein Auszug vieler Erfahrung,
und der recht mit Vernunft zu lieben weiss. Es sollte mich sehr jammern, wenn
eine solche Schönheit einem jungen Lecker sollte zuteil werden, der nach Art der
heutigen Jugend seine blinde Lust büssen, und alsdenn Sie nicht ferner zu
verehren wissen sollte. Denn die Liebe zwischen jungen Leuten ist wie die süssen
Schleckereien, deren man bald einen Ekel isset, indem sie anfangs zwar wohl
schmecken, und doch weder den Leib nähren, noch die Gesundheit erhalten können.
Alt und jung das speiset am besten, und schicket sich fein aufeinander wie nach
dem Essen das Konfekt. Denn der Alten Tun bleibet doch auf Beständigkeit
gerichtet, und wissen ihre Sache klüglicher anzugreifen weder ein junger
Klügling. Die Ratschläge der Alten unterstützen die Wohlfahrt ganzer Länder und
Kronen, warum nicht auch das Glück und Gedeihen einer jungen Prinzessin? Alter
Soldaten Kriegsrat verrichtet mehr weder die Spiesse und Säbel junger Waghälse.
Ein alter Fechter behält allemal noch einen Streich zurücke. Darum soll man sich
zu den Alten halten, und von ihnen lernen. Wer sich bessern will, muss mit einem
umgehen, der besser und klüger ist weder er, denn von seinesgleichen hat man
sich geringer Besserung zu getrösten. Zudem ist auch mein weisses Haar kein
gewisser unfehlbarer Beweis des Alters, angesehen es vielen in der Natur ist,
dass sie zeitig grau werden. Mich betreffende, hat mich die Sorge meines schweren
Amtes mit solchem Schnee überstreuet. Sollten aber auch die Jahre hieran schuld
sein, so hoffe ich vielmehr, Sie werde es sich ein grosse Ehre und Triumph
schätzen, dass sich auch die weissen Greisen den Netzen Ihrer Anmut und Huld
willig darstellen und gefangengeben, da man doch sonst insgemein davorhält: Ein
alter Fuchs sei übel zu fangen. Und also kann ich es nicht länger verbergen,
öffentlich zu bekennen, wie das Eis meiner Jahre vor der Sonnen Ihrer Schönheit
ganz zerschmolzen, und was für Unruhe mir die Liebe durch Sie erwecke in den
Zeiten, darinnen mir freilich die Ruhe am nötigsten wäre. Mit einem Worte: ich
bin verliebt, und weiss auf diesen Schaden kein ander Pflaster, als diejenige
selbst, so mich verwundet hat. Darum entschliesse Sie sich, meine Schöne zu Ihrem
Besten, meinem Verlangen und unser beider Vergnügen gemäss.« - »Schämet Euch!«
wollte hier die halberzürnete Prinzessin ihm begegnen, als die verstellete
Eswara die Tür des Zimmers eröffnete: Indem solche nun den Rolim er-blickete,
wollte sie wieder zurücke gehen, die Prinzessin aber rufte ihr zu, sie sollte im
Zimmer bleiben, dahero sie mit verhülltem Gesichte hineintrat, und durch ihre
Gegenwart die fernere Unterredung verstörete, dass der Rolim ganz missvergnügt
sich in den äussersten Tempel begab. Ich sage hier nicht ohne Ursach, die
verstellte Eswara, weil solches nicht Eswara, sondern Zarang der Prinz von Tangu
war. Denn dieser Prinz hatte sich der Liebe gegen die Prinzessin Banise so wenig
begeben, dass er vielmehr nach fleissig erhaltener Kundschaft sich in geheim nach
Pegu verfügte, und sich allda äusserst bemühete, nur die Prinzessin persönlich zu
sprechen. Und nachdem er eigentliche Nachricht von ihrem betrübten Zustande und
einsamen Aufentalt erhielte, so versicherte er sich selbst, es werde ihm
nunmehro die Prinzessin willig folgen, und ihre Liebe würde ihm statt der
Dankbarkeit vor solche Erlösung aufgeopfert werden. So hoch ihn aber die
sonderbare Heiligkeit des Tempels, welcher, damit ihn kein fremder Fuss berühre,
jederzeit mit tausend Mann nach Anzahl der Götter bewachet wurde, erschreckte,
so sehr erfreuete ihn die Aufwartung der bekannten Eswara, welche leicht zu
sprechen war, weil sie täglich vorerzähltermassen im Tempel aus und ein gehen
durfte. Diese nun, als er ihr sein herzliches Verlangen, die Prinzessin zu
sehen, entdecket hatte, wusste ihm anfangs die Gefahr dermassen vorzustellen, dass
er fast der Unmöglichkeit einen Platz in seinem Herzen eingeräumet hätte: Sobald
aber Zarang durch einige Saphire und einen Beutel voll Golde seinen Worten zu
Hülfe kam, so veränderte auch Eswara ihre Sprache, und bezeigte, wie durch einen
güldnen Schlüssel auch die Felsen zu eröffnen wären. Dannenhero, als sie einen
Tag Bedenkzeit gebeten hatte, gab sie endlich diesen listigen Anschlag, er
sollte sich in ihre Kleider verbergen, und also durch ihre Gestalt mit
verhülltem Gesichte, womit sie bereits zu dem Ende unterschiedene Mal durch die
Wache aus und eingegangen, die Wächter verblenden, könnte er alsdenn der
Prinzessin Zimmer, welches sie ihm wohl bedeutete, glücklich erreichen, so würde
er wohl zu reden wissen, was ihm Zeit und Liebe in den Mund legen würde. Dieses
wurde sofort von dem verliebten Prinzen beliebet, dannenhero er alle benötigte
Anstalt zu einem schleunigen Abzuge machte, sich in der Eswara Kleider warf, und
in solcher Gestalt dem Tempel zueilte. Nachdem er nun glücklich und unerkennet
durch die Wache gekommen, ging er mit gleichen Schritten durch den Tempel nach
der bedeuteten Türe, allwo er denn nach deren Eröffnung, wie vorerwähnet, den
Rolim zu seinem höchsten Erschrecken unvermutet antraf. Nachdem aber der Rolim
das Zimmer verlassen, fassete Zarang ein Herze, und gab sich mit entblössetem
Gesichte der Prinzessin zu erkennen. Welche hierdurch aufs neue in solche
Bestürzung geriet, dass sie vor Angst und Entsetzen nicht zu reden vermochte:
dahero er das Stillschweigen zuerst brach, sich vor ihr auf die Knie setzte, und
sie folgendergestalt anredete: »Allerschönste Prinzessin! wo jemals ein bis in
den Tod getreuer Sklave von seinem Halsherrn wegen einigen Verbrechens Gnade und
Verzeihung zu gewarten hat: so werde ich mich deren anitzo auch billig aus Dero
holdseligen Munde zu getrösten haben. Kein Vorwitz, sondern die inbrünstige
Liebe, welche alle Gefahr, auch den Tod, verachtet, und die getreueste Vorsorge,
welche ich zu der Zeit, da Ehre und Leben der schönsten Prinzessin auf der
Spitze ruhet, vor Sie trage, haben mich in diese Kleider und vor Dero englisches
Angesicht zur Erden geworfen. Ich bin kommen, Sie, werteste Banise, aus der Hand
eines grausamen Wüterichs zu erretten, und mich derjenigen Liebe, um welche ich
längst so sehnlich geseufzet, dadurch vollkommen würdig zu machen. So erteile
Sie demnach Ihrem gewidmeten Knechte einen beliebten Blick, und ermuntere ihn
durch Ihre Liebe, dass er das angenehme Werk Ihrer Befreiung desto beherzter und
geschwinder antrete.« Die Prinzessin konnte sich hierauf nicht entschliessen, ob
sie ihn mit harten oder sanften Worten von diesem gefährlichen, teils
verhasseten Vorsatz ableiten sollte: doch, in Betrachtung, dass sein Vorbringen
nicht so gar übel gegründet, und er sich gleichwohl um ihrentwillen in solche
Gefahr des Lebens begeben hatte, erachtete sie es vor billicher zu sein, ihn mit
freundlichen Worten abzumahnen, dahero sie zu ihm sagte: »Mein Prinz von Tangu!
Wo ich mich nicht einiger Undankbarkeit schuldig erkennen will, so muss ich's
gestehen, dass ich Euch nicht wenig verpflichtet bin, indem Ihr auch mit Gefahr
Eures Lebens und Hintansetzung Eures Reichs so treulich auf meine Freiheit
bedacht seid. Nachdem aber die Götter schon einmal ihr Missfallen über selbst
genommener Freiheit erwiesen, und mich dadurch angemahnet, ihrer rechten Hülfe
zu erwarten: als bin ich des festen Entschlusses, denen Göttern gehorsame Folge
zu leisten, und mich so lange in dem Kerker zu schmiegen, bis sie mir selbst Tor
und Riegel eröffnen, und mir die güldene Krone der Freiheit aufsetzen werden.«
Zarang, welcher sich nichts weniger als dieser Weigerung versehen, erstaunte
ganz hierüber, und wollte durch scharfes Ansehen ihren Ernst oder Scherz
erkundigen. Als er aber in ihrem unveränderten Angesichte lauter Ernst
verspürte, kunnte er sich nicht entalten, sie ferner zu der Flucht zu bereden.
    »Wie? Schönste Banise«, sagte er! »ist dieses möglich, dass von einer
freigebornen Seelen ein beschlossener Raum der edlen Freiheit sollte vorgezogen
werden? Der Adler sehnet sich nach der unbeschränkten Luft, und der Löwe seufzet
in dem Käfichte: Wie sollte denn Sie die Freiheit, welche alle Schätze der Welt
besieget, und sich Ihr anträgt, so leichtsinnig ausschlagen? Sie reize doch
nicht die Götter durch solch verzweifeltes Entschliessen wider sich, und bedenke,
dass, wie sie niemals unmittelbar sich denen Menschen hülfbar erweisen, also sie
auch mich zu einem Werkzeuge Ihrer Wohlfahrt und Freiheit ausersehen haben. Die
Götter, sage ich, haben auch mich hierzu durch gewisse Mittel angetrieben,
nämlich durch die Liebe, welche wie ein Chamäleon alle Farben annimmt, wenn sie
nur dem Geliebten hierdurch zu raten weiss. Ach so verspiele Sie doch keine Zeit,
und befördere die angebotene Flucht.« - »Es ist zu gefährlich«, wendete die
Prinzessin ein, »ja ein Werk der Unmöglichkeit.« - »Keine Unmöglichkeit«, war
Zarangs Gegenrede, »denn den Göttern und der Liebe ist nichts unmöglich. Ich
habe bereits solche Anstalt zur Flucht gemacht, dass uns auch ein schnelles Tiger
nicht einholen soll. Hier verberge Sie sich in Eswarens entlehnte Kleider, und
gehe ungescheuet mit verhülleten Gesichte durch die Wache. Ich will inzwischen
mit diesem Dolche den alten Rolim zu einem tödlichen Stillschweigen nötigen,
mich gleichfalls der heiligen Kleidung bedienen, und unter dem Schutz der
Gotteit getrost folgen.« - »O verzweifelter Anschlag!« antwortete die
Prinzessin hierauf, »sollen die Götter solche Flucht segnen, so muss kein
geweihtes Blut die Bahne besprützen. Dem sei aber wie ihm wolle, und ob alles
nach Wunsch hinausliefe, so ist doch das Lösegeld vor solche Freiheit allzu
kostbar, indem ich meine Keuschheit hier retten, und anderswo einbüssen soll.
Sollte aber gleich das Absehen auf ein reineres Verbündnis gerichtet sein, so
stehet doch dieses im Wege, dass ich mich nicht mehr vergeben, noch meine Liebe
teilen könne. Dannenhero will ich viel lieber in Geduld anderwärtige Hülfe
erwarten: Der Prinz von Tangu aber wird vergnügt sein, wenn ich mich selbtem mit
solchen Danke vor diese Vorsorge verpflichtet achte, als es Ehre und Tugend
zulässet.« Dem Zarang war mit Danksagung alleine nicht sonders gedienet,
dannenhero er seinen Zweck ganz verrücket sah. »Unempfindlichste Prinzessin!«
redete er sie ferner an, »so können denn auch die Zeiten und das Unglück, welche
sonsten Erzt und Marmor bezwingen, Ihr Herze nicht entsteinern? Ist denn meine
Liebe so gar verhasst, dass sie nur jederzeit mit verstopftem Ohr und stählernem
Gemüte soll angenommen werden? O so weiss ich nicht, ob ich mich der Wehmut
ergeben oder die Götter um Rache anflehen soll? Gewiss, eine solche Härte kann
nicht unbestrafet bleiben, indem der Himmel selbst mit mir Mitleiden haben, und
Ihr dermaleinst solches Unrecht empfindlichst vorstellen wird.« Die Prinzessin
empfand auf dieses bewegliche Vorbringen, welches sie nicht anders, als auf
Tugend gegründet zu sein vermeinte, fast einiges Mitleiden, daher sie ihn mit
diesen Worten tröstete: »Mein Prinz, ich wollte Euch gerne ein Beileid gönnen,
wenn ich nicht auch nur durch solches ein anderweitiges Band verletzte. Jedoch
wo Ihr Euch keine törichte Liebe blenden lassen, noch die Grenzen einiger
Ehrbarkeit überschreiten wollet, so wird Euch meine Höflichkeit niemals ein
keusches Unterreden auch bei bessern Zeiten einen höflichen Scherz versagen. Ja
ich schenke Euch als eine Freundin meine Gunst, wornach Ihr so ein heftiges
Verlangen traget.« Zarang deutete dieses alles zu seinem Besten aus, und setzte
sich selbst in lauter Vergnügung: ja er kunnte sich nicht entalten, ihre Hand
zu küssen, welches sie ihm endlich auch erlaubte, in Hoffnung, ihn durch solche
linde Pflaster zu heilen, und zu gesunder Vernunft zu bringen. Allein diese
erlaubete Freiheit wurde in geilem Verstande von ihm angenommen, und er
unterliess nicht, seine verhasste Funke durch folgende Worte zu verraten: »Ich
küsse Ihre Klugheit, schönster Engel, und den wohlbedachten Schluss, welchen Sie
gnädigst gegen mich gefasset. Weil aber die Rosen ohne Mitteilung ihres Geruchs
und der erstickte Ambra wenig Nutzen schaffen: so wird Sie mir, gütigste Banise,
nicht verüblen, wenn ich um ein würkliches Merkmal Ihrer Huld von Ihren Lippen
bitte. Denn wie kann ein zartes Kind der Mutter Liebe versichert sein, wenn sie
nicht dasselbe bisweilen küssen wollte?« Die Prinzessin fand sich hierdurch
nicht wenig beleidiget, jedoch verbarg sie noch ihr Missvergnügen, und sagte nur
dieses zu ihm: »Haltet Eure Lust im Zaum, und verstattet Eurer Begierde doch
nicht so den Zügel, indem Ihr wissen sollet, dass ich bereits so gut als
vermählet bin.« - »Das ist ganz unschädlich«, verriet er seine unzüchtige
Gedanken ferner, »denn es können viel Schwane in einem Flusse baden, da doch
dessen Flut im wenigsten gemindert wird.« - »Bezäumet Eure Lippen«, redete ihm
die Prinzessin mit etwas härterer Stimme ein, »und gebet Euch nicht so gar bloss.
Mich wundert, dass Ihr Euch durch törichte Brunst auf solche tolle Reden
verleiten lasset.« - »Heisst dieses toll«, versetzte Zarang, »was uns die Natur
befiehlet?« - »Die Natur«, erwiderte Banise, »will nicht, dass man die Ehe
zerrütten soll.« - »Die Ehe bleibet unzertrennet«, war Zarangs Einwenden, »ob
man gleich andere liebt.« - »Wehe dem«, antwortete Banise, »welcher durch
solche Liebe Ärgernis verursachet.« - »Ei, die Liebe ist vielerlei«, wollte sich
Zarang rechtfertigen, »man muss in den Grenzen bleiben.« - »Ja«, erwiderte
Banise, »wer auf die Grenzen kömmt, der will sich auch ins Land wagen.« -
»Dieser Einwurf tut mir nichts«, fing endlich Zarang an, »gnug, dass ich Sie
lieben, und dasjenige mit Gewalt nehmen muss, was Sie mir so lange vorentalten
hat.« Mit welchen Worten er mehr als halb verzweifelt nach einem Kusse
schnappte. Die Prinzessin aber stiess ihn mit diesen Worten zurück:
»Unverschämter Prinz! welcher Wahnwitz verblendet Euch, dass Ihr Euch würklich
unterstehen dürfet, eine versprochene Braut, ich will nicht sagen, kaiserliche
Prinzessin, mit verbotener Liebe zu beleidigen.« Zarang besann sich zwar sobald,
und wollte diesen Fehler mit Worten büssen, indem er sagte: »Schönste Göttin, Sie
verzeihe dem ...« - »Ja wenn ich Göttin wäre«, fiel sie ihm in die Rede, »so
wollte ich Blitz und Blei auf Eure Verwegenheit regnen lassen, und das
unzüchtige Herze in tausend Stücke zerreissen.« - »So fahret denn hin, ergrimmte
Prinzessin«, antwortete der beleidigte Zarang, »in Eurer stolzen Meinung, jedoch
sollet Ihr noch sattsam erfahren, was eine verzweifelte Liebe im Schilde führe.«
Welche harte Worte und starke Reden den Rolim bewegten, sich wiederum in das
Zimmer zu verfügen: Da er denn alsobald die falsche Eswara erkennete, und solche
aufzufangen, die Wache herbeirufen wollte: Zarang aber war ihm zu hurtig, indem
er zuerst die Tür erreichte, und solche von aussen verriegelte, dass er in solcher
Verstellung ungehindert wieder nach Hause gelangete, wiewohl er sich einiger
Gefahr besorgete, und Pegu noch selbigen Tages verliess. Inzwischen wollte sich
Eswara, als welche des unglücklichen Ausschlages noch unberichtet war, wieder zu
der Prinzessin begeben, welche zuerst die verriegelte Tür eröffnete: sobald sie
aber der Rolim ansichtig wurde, verwies er ihr diese Verräterei mit heftigen
Scheltworten, liess sie alsbald gefangennehmen, und als sie ohne Zwang ein freies
Bekenntnis tat, wurde sie, indem sie durch fremden Tritt die Heiligkeit des
Tempels entweihet, jämmerlich gesäbelt. Der Prinzessin aber wurden nunmehro zwei
beeidigte Frauen zugegeben. In welcher Einsamkeit wir sie nach diesen zwei
heftigen Liebesstürmen wollen ruhen lassen, und mit unserer Feder einen Rückflug
nach dem Lager vor Odia nehmen, allwo wir die aracanischen Gesandten vor uns
finden werden.
    Diese hatten sich einige Tage zuvorhero gebührend bei dem Chaumigrem
anmelden lassen, welcher ihnen mit dieser Antwort begegnet war: Es sollte ihm
angenehm sein, wenn sie lebendige Zeugen der grausamen Rache, welche er von dem
Könige in Siam nehmen würde, sein wollten. Inmittelst, als sich erwähnte
Gesandten dem Lager genähert hatten, schickte ihnen Chaumigrem einige Grossen mit
dreitausend Pferden entgegen und liess sie sehr prächtig in das Lager begleiten.
Die Gesandten sassen auf zwei wohlgeputzten Elefanten, welche ihnen gleichfalls
entgegengeschicket waren: Ihre eigene Begleitung aber, welche aus
hundertundvierzig Aracanern bestünde, musste vor den Gesandten herreiten. Bei
solchem Einzüge liess Chaumigrem alle Stücke lösen, und mit Blasen der Trompeten
ein grausames Feldgeschrei ertönen: zugleich aber auch aussprengen: Es liesse der
König von Aracan einen Bund wider Siam und alle bramanische Feinde durch diese
Gesandten antragen: um, wie er hoffte, die Siammer desto eher zur Übergabe zu
zwingen. Als nun die Gesandten in ein herrliches Gezelt eingelagert, und ihre
Leute um sie herum verleget waren, liess sie Chaumigrem alsobald durch den
Feldherrn Martong willkommen heissen, auch noch selbten Abend königlich bewirten.
Wobei sich viel Grossen des Reichs von Pegu als auch Kriegeshäupter einfunden,
welche Befehl hatten, sowohl durch starkes Zutrinken als auch sonsten sich
äusserst zu bemühen, damit sie noch vor der Audienz die Ursache ihrer Ankunft
erfahren möchten. Weil man aber zu dieser Gesandtschaft die Klügsten des Reichs
genommen hatte, ihren Leuten auch bei Strafe des schmerzlichsten Todes alle
verdächtige Gemeinschaft mit den Peguanern verboten war: als war ein jeder
vergebens bemühet, auch nur ein Wort hiervon zu erschnappen. Die Gesandten
hielten indessen um schleuniges Gehör an: welche aber über acht Tage aufgehalten
wurden, ohne dass man ihnen die geringste Hoffnung zu einiger Audienz gab. Denn
Chaumigrem vermeinte, Odia zuvor zu erobern, dahero er mit grausamer Gewalt
diese Zeit über fast Tag und Nacht stürmen liess: weil aber die tapfern Siammer
fast unüberwindlich zu sein schienen, mussten die Stürmenden jederzeit mit
blutigem Verlust die Mauern verlassen. Als nun die Zeit denen Gesandten allzu
lange fallen wollte, hielten sie noch einmal um Gehör an, mit Bedrohung, sie
würden sonst ihre Verrichtung schriftlich hinterlassen, und wieder davonziehen
müssen. Worauf sich endlich Chaumigrem entschloss, ihnen einen Tag, sie zu hören,
anzuberaumen. Weil er aber des festen Vorsatzes war, die Stadt angesichts der
aracanischen Gesandten zu erobern, und sich dadurch in ein schreckliches Ansehen
bei ihnen zu setzen: liess er Tages zuvor noch einen entsetzlichen Sturm auf die
Festung wagen, in welchem es schien, nicht als ob er willens wäre, im Triumphe
hineinzureiten, sondern auf einem ganzen Strom von Blute hineinzuschiffen. Er
trieb selbst mit entblösstem Säbel die Seinigen zum Sturme, und hieb zuweilen vor
Grimm die Weichenden mit eigner Hand nieder. Es schien, als wollte er diesmal
die Stadt erobern, sollte gleich alles darüber zu Boden sinken, und er
vermittelst einer Brücken von lauter Leichen über die Mauern schreiten. Allein,
zu geschweigen der innerlichen klugen Gegenbefestigung, womit sie ihre Mauern
mehr als verdoppelt hatten, so erwiesen sich die Belagerten dergestalt, gleich
als ob ihnen der Platz wie einer Schnecken die Schale angewachsen wäre. Ihre
Mauern speiten Dampf und Feuer von sich, und die Schützen aus Tannassery gaben
aus ihren gewisszielenden Röhren einen Bleiregen nach dem andern so häufig, dass
die Feinde von ihrem eignen Blute durch und durch genetzt wurden. Den grössten
Verlust in diesem Sturme musste Abaxar an seinem Orte, der ihm mit zehentausend
Mann zu behaupten angewiesen war, empfinden. Denn als dieser mutige Held in
Angesicht des Tyrannen sich unter die Fördersten stellte, auch am ersten die
Höhe der Mauer erreichte, und mit eigner Faust ein peguanisch Fähnlein
draufsteckte, welchem die andern frisch nachfolgeten: gaben die listigen Siammer
willig die Flucht, und lockten den Feind bei fünftausend stark, welche in voller
Hoffnung des eroberten Sieges hinter ihnen eindrangen. Nachdem es aber die
Belagerten Zeit dauchte: liessen sie vermittelst einiger Abschnitte starke und
verborgene Gegatter vorschiessen, wodurch die Hintersten an der Nachfolge
verhindert, die Fördersten aber gänzlich abgeschnitten wurden. Worauf es denn an
ein greuliches Metzeln ging, also, dass nur Abaxar mit ungefähr fünfzig Mann
gefangen und lebendig erhalten wurde. Die Ausgeschlossenen aber wurden teils
zwischen den Mauern niedergemacht, teils über die Mauern dermassen wieder zurücke
gejaget, dass sie in Hoffnung, ihr Leben zu retten, Hals und Bein brachen. Also
hatte endlich auch dieser blutige Sturm, welcher über dreiundzwanzigtausend Mann
gefressen hatte, nach zehen Stunden ein auf Seiten der Belägerer unglückliches
Ende. Jedoch konnte diese rote Flut bei dem Chaumigrem den Willen, Odia weiter
mit Macht zu versuchen, nicht auslöschen: sondern je mehr sich das Glücke, oder
vielmehr die Streitbarkeit der Belägerten, mit tapferster Gegenwehr bezeigete;
desto verstockter beharrete er in seiner Eigensinnigkeit: ja je grössern Schaden
ihm der mutige Feind zufügte; je heisser entbrannte in ihm die Begierde, sich zu
rächen. Ehe er aber was weiters wider Odia vornehmen liess, wollte er zuvor die
aracanischen Gesandten abfertigen, damit sie nicht fernere Zeugen seines
blutigen Verlusts sein möchten: dannenhero er sie abermals auf wohlgezierten
Elefanten herzuholen, und alles auf das prächtigste anstellen liess. Über
fünfzigtausend Mann der Bestbewehrtesten mussten in vielfacher langen Ordnung von
des Kaisers, bis an der Gesandten Gewalt stehen, durch welche die Aracaner
durchziehen mussten. Nachdem sie etwan zweihundert Schritte von diesem Gezelte,
welches wie eine kleine Festung von dem Lager abgesondert, und mit aufgeworfener
Erde umschanzet war, angelanget, begaben sie sich von den Elefanten herunter,
und gingen mit ihren Leuten unter Begleitung derjenigen, welche sie abholen
müssen, bis an den vordersten Eingang; bei welchem vier Personen stunden, die
jeden Gesandten bei den Armen fassten, und sie solchergestalt mit Zurücklassung
der andern Aracaner vor den Kaiser führten. Dieser sass nun auf einem erhabenen
und mit Golde reichlich gezierten Trone in einer vollen Kriegsrüstung: auf
beiden Seiten stunden vierundzwanzig der vornehmsten Kriegshäupter, zu dessen
Füssen aber sassen unterschiedene Reichs- und Kriegsräte. Den Tron umgaben
zweihundert Trabanten mit silbernen Kolben. Die Decke aber des Gezeltes war von
blauen Goldenstück, in welches Sonne, Mond und Sterne künstlich eingewirket
waren: und die übrige Pracht schien mehr ein königlicher Hof als ein Feldlager
zu sein. Sobald nun die Gesandten nach dreimaliger Ehrbezeigung sich dem Trone
naheten, wurden sie ermahnet, mit bedecktem Angesichte auf den Knien ihre
Werbung vorzubringen, welches sie aber durchaus nicht eingehen wollten, sondern
Korangerim fing alsobald folgendergestalt an zu reden:
    »Dass man, o König von Brama, niemals mit demjenigen, welches uns die Götter
an Stand und Vermögen erteilen, vergnügt und zufrieden sei, solches ist eine
allgemeine Würkung verderbter Natur, welche zu Bedeckung ihrer Schanden
jederzeit den geflickten Mantel des verdammlichen Ratio Status entlehnen muss.
Und wie uns dessen Xenimbrun, voriger Stattalter von Brama, ein klares
Beweistum gibet; also sehen wir anitzo in des Chaumigrems Person einen frischen
Nachfolger. Nun sind wir nicht deswegen von unserm grossmächtigsten Könige und
Herrn der Reiche von Aracan abgesendet, dass wir die gewaltsame Eroberung von
Brama und Martabane untersuchen sollen: ob solche durch einiges Recht oder blosse
Herrschsucht, oder, welches am füglichsten zu sagen, aus unerforschlichem
Verhängnis der erzürnten Götter geschehen sei, welches wir an seinen Ort und zu
des Überwinders künftiger Verantwortung vor der Gotteit gestellet sein lassen:
sondern es zwinget unser hohes Oberhaupt ein rechtmässiges Mitleiden und die
heilige Gerechtigkeit, uns seine Diener, gnugsam bevollmächtigte Gesandten, an
den König von Brama abzufertigen, und die gefangene Prinzessin Banise als eine
versprochene Braut des grossen Königs von Aracan nebst ihren, durch unberechtigte
Gewalt eroberten Erbreichen von Pegu aus seiner Hand unversehret wieder
abzufodern. Wird nun diesem billigen Begehren Chaumigrem gebührend nachleben,
die Prinzessin unter sicherm Geleite unbeleidigt nebst dem bisher gewaltsam
besessenen Reiche Pegu abtreten und ausantworten: so soll ihm das Königreich
Brama und Martabane willig gelassen, und alle wohlverschuldete Rache wegen des
unschuldigen Blutes Xemindo wider ihm gänzlich eingestellet verbleiben. Bei
unbefugter Verweigerung aber wird das Schwert ein unparteiischer Richter sein,
und die Rache wird Brama bis an das äusserste Teil der Erden verfolgen.«
Chaumigrem verstellte seine Gebärden über dieser Anforderung dermassen, dass man
den funkenden Grimm gleichsam aus den Augen blitzen sah. Ob nun zwar dem
bramanischen Oberkriegsrat die Beantwortung im Namen des Kaiser gebühret hätte,
selbter auch bereits durch Aufstehen sich hierzu geschickt machte: so konnte
doch der ergrimmte Chaumigrem seine Geduld nicht so weit verlängern, sondern
antwortete den Gesandten selbst mit grauser Stimme: »Es ist zwar etwas
Unerhörtes, einem freien Kaiser, welchen man das Haupt der Erden nennet, unter
den glänzenden Waffen seiner siegreichen Macht mit solchen unbesonnenen
Forderungen beschwerlich zu fallen: angesehen der König von Aracan vielmehr mein
Schwert als ein Vasall küssen, und nicht damit drohen sollte: dannenhero auch
Ihr wegen Eurer Verwegenheit desselben Schärfe zuerst erfahren solltet: weil uns
aber das allgemeine Recht der Gesandten, und die Jugend Eures Königs vorbittlich
in die Armen fällt, und den wohlverdienten Streich zurücke zeucht, so ziehet
ohne einiges Verweilen wieder hin, beschreibet ihm unsere Gewalt, und
hinterbringet ihm unsern Zorn, welcher ihn, wo nicht Bekehrung erfolget, wie
Siam treffen dürfte. Inmittelst soll er vergnügt leben, dass er Aracan unter
unserm Schutz und Lehnrechte geruhig besitzen möge. Die Prinzessin soll ihm
auch, sobald wir Pegu im Triumph erreichet haben, übersendet werden, jedoch
nicht eher, bis auch die Stallbuben ihre Lust sattsam mit ihr gebüsst haben:
alsdenn soll sie in einem Hurenkleide ihrem Bräutigam willig überliefert werden.
So entfernet euch denn angesichts aus Gezelt und Lager, und wisset, dass auch die
Macht des Himmels unsern Vorsatz nicht ändern soll.« Als nun die Gesandten diese
wohl vermutete Antwort mit verdriesslichen Ohren angehöret, trat endlich
Korangerim ohne einige Weitläufigkeit oder Ehrerbietung hervor, und redete den
Chaumigrem folgendergestalt an: »Weil demnach euch, ihr vom unschuldigen Blute
triefende Bramaner, nicht mit dem edlen Frieden gedienet ist: so raubet, mordet,
schändet, senget und brennet nach eurem Belieben und Wohlgefallen: Es sei aber
euch und eurem Könige hiermit von wegen und im Namen des grossmächtigsten Königs
Balacin und seiner sämtlichen Reiche ein öffentlicher und blutiger Krieg
angekündiget, in welchem ihr euer unrechtmässiges Vorentalten und Blutvergiessen
in eignem Blute büssen sollet.« Nach welchen Worten beide Gesandten ihre vorhin
mit Blut gefärbte Säbel entblössten, und solche in aller Gegenwart vor den Tron
hinwurfen, sich auch alsobald aus dem Gezelte begaben, nach schleunigen
Einpacken das Lager verliessen, und ihre Rückreise wieder antraten. Chaumigrem
wollte fast rasend werden, und so er nicht von den Seinigen aufgehalten worden,
so hätten die Gesandten den Friedensbruch mit ihrem Blute bestätigen müssen.
    Es hatten erwähnte Gesandten kaum die Tore zu Aracan erreichet, so wusste
bereits jedwedes Kind von dem Kriege wider Pegu zu lallen: ja auch die schwachen
Weibesbilder wollten ihr Leben vor die gefangene Prinzessin aufopfern, und die
Felder um Aracan wurden in kurzem mit Waffen bedecket: indem die Wachsamkeit des
tapfern Königs und die unermüdete Treue der gehorsamen Untertanen die Zeit
dermassen edel machten, dass es schien, als ob die Götter selbst Hand anlegten. In
welchem Eifer wir die bemühten Aracaner in etwas wollen beharren lassen, und
wieder zurücke nach Siam laufen.
    Nachdem nun zwei ganzer Monat unter stetem Gefechte verstrichen, und sich
die Peguaner an Odia ziemlich das Maul zerfallen hatten: Chaumigrem auch ein
gefährliches Wetter von Aracan her besorgte: als fing die Ungeduld an, ihn zu
erhitzen, dass er desto heftiger auf die gewaltsame Eroberung drang, je ferner
die Hoffnung war. Inzwischen machten sich die tapfern Siammer zu möglichster
Gegenwehr gefasset, weil sie sich wohl einbilden konnten, dass ein oft
wiederholter Schlag allzeit gefährlicher würde. Es wurde aber, indem ganz Odia
mit Dampf und Blut erfüllet und umringet war, auch das Königliche Haus zu
mehrerm Leidwesen mit einer hohen Trauerwolke verdunkelt: indem unversehens die
Seele der jüngsten Prinzessin von Siam, Salagramma, ihren Leib und die
beängstigte Burg verlassen hatte. Welche Entseelung dem Könige, besondern der
Königin, als ihres einig wertesten Kindes, höchst schmerzlich fiel. Weil sich
demnach bei deren Verbrennung sonderliche Zufälle ereigneten, welche bei
folgender Geschichtserzählung nötig zu wissen sind: als wird der günstige Leser
ein geduldiges Auge nachgesetzter Leichbestattung vergönnen, und hieraus die
heidnischen Gebräuche der asiatischen Indianer ersehen. Sobald die Sonne ihre
Strahlen dieser Trauerhandlung gewidmet hatte, sähe man auf dem weiten Platz vor
dem Schloss fünf hohe und von starken Mastbäumen aufgerichtete Türme, von
welchen der mittelste etwan dreissig, die andern aber, welche ins Gevierte um den
mittlern herumstunden, zwanzig Klaftern hoch waren. Diese waren alle dermassen
künstlich gebauet, und mit Gold und gemaltem Laubwerke so artig gezieret, dass es
allen Anschauenden Lust und Verwunderung brachte. In der Mitten des grössern
Turms stund ein mit Gold und Edelgesteinen fast bedeckter Altar, sechs Fuss hoch
von der Erden, auf welchen die entseelte Prinzessin in einem von feinem Golde
daumensdicken Sarge gesetzet war: worinnen sie nicht lang, sondern gleichsam mit
gefaltenen Händen und nach dem Himmel gerichteten Angesichte betende und
aufgerichtet sass: Ihr Haupt bedeckte eine köstliche güldene Krone: und die
übrige Kleidung war von güldenen Ketten und diamantnen Kleinodien recht
königlich zusammengefüget: also dass man aus dem Leichenschmuck die Liebe der
Eltern sattsam spüren konnte. Hierauf kamen die vornehmsten Mandarins nebst
ihren Frauen in ganz weisser Kleidung, nur von feiner Leinwand, welche weder
durch Gold oder andern Zierat beleget war. Diese bestreueten nun die Verstorbene
mit den traurigsten Gebärden, als welches die letzte Ehre, mit eigener Hand voll
Blumen und andern köstlichen Räuchwerk. Nach diesem wurde die Leiche von dem
Altar genommen, und auf einen erhabenen Tron oder vielmehr Triumphwagen mit
Golde überzogen, gebracht, und daselbst allen Grossen des Reichs gewiesen. Auf
welches Erblicken alle vornehme Frauen auf das jämmerlichste zu heulen und
schreien begunnten, und dadurch ihre empfindlichste Traurigkeit möglichst zu
erkennen gaben. Nach diesem Wehklagen wurde der Tron von einigen Staatsmännern
ganz langsam nach dem Orte, wo die Leiche dem Feuer sollte geopfert werden,
hingezogen: welchen obgemeldete Mandarinen und Frauen in guter Ordnung betrübt
folgeten. Zuförderst ritte Prinz Nherandi auf einem schönen jungen Elefanten in
ganz Weiss gekleidet, sein Angesichte entdeckte eine tiefe Traurigkeit, die
brennenden Augen aber verrieten bald die feurige Begierde, sich wieder auf die
Mauern und dem Feinde beherzt entgegenzustellen. Nebenst ihm ritten auf beiden
Seiten zwei vornehme junge Mandarinen auf Elefanten, deren jeder wie auch der
Prinz, einen langen seidenen Flor, welcher an den Sarg angemacht war, gleichsam
als ob sie den Tron zögen, in der Hand hatten. Zu jeder Seiten des Wagens oder
Trons gingen vierzehen königliche Kinder zu Fuss, gleichfalls in weisse Leinwand
gekleidet, deren jedwedes einen grünen Zweig in der Hand trug, und durch
bitterliches Weinen ihr Betrübnis mit niedergeschlagenen Augen sattsam
bezeigeten. Auf dem Wege, welchen diese Trauergesellschaft durchwandeln musste,
waren zu beiden Seiten etwa zwanzig Klaftern voneinander, unterschiedliche
Schaubühnen aufgerichtet, auf welchen die Mandarinen vom gemeinen Staat sassen,
und jederzeit, sobald die Leiche vor sie kam, eine grosse Menge allerhand Kleider
unter das gemeine Volk auswurfen. Andere streueten Pomeranzen, deren teils mit
Ticols9 teils mit Maser10 gefüllet waren, wodurch so ein heftiger Zulauf des
Volkes entstünde, dass durch den grossen Gedrang acht Personen der königlichen
Leiche gleichgemacht worden. Nachdem sie nun vor dem Traueraltar angelanget,
wurde die Leiche unter einer beweglichen Musik von vielerlei Instrumenten durch
die grössesten Mandarinen vom Wagen abgehoben, und mit tiefster Ehrerbietigkeit
auf den Altar gesetzet. Die Leiche aber wurde mit viel Sandel- und Agorholze
umlegt, und zugleich vielerlei Räuchwerk an Spezereien, wohlriechenden Kräutern
und Balsam geworfen. Worauf sich die königlichen Kinder nebst den Mandarinen
wendeten, und wieder nach dem königlichen Schloss begaben. Die Frauen aber
blieben bei der Leiche, weil solche noch zwei Tage ohne Flammen stehen sollte.
Diese sassen Tag und Nacht um den Altar herum mit so lautem Klaggeschrei und
Weinen, dass sich zu verwundern war, wie sich ein Frauenzimmer wider ihren
Willen, angesehen es den wenigsten ums Herze war, zu solcher Wehmut zwingen, und
so kläglich gebärden kunnte. Wiewohl sie auch hierzu sich nicht wenig genötiget
befanden: Denn es waren gewisse Weiber bestellet, welche diejenigen, welche
nicht gnugsam weineten, mit Stricken dermassen zuschlugen, dass sie öfters vor
Schmerzen wahrhaftig schreien und weinen mussten. Neben erwähnten kostbaren
Türmen war eine treffliche Schaubühne etwas davon aufgerichtet, mit sehr dicken
und vergüldten Papier bedecket, auf welcher die grössesten Pfaffen des Reichs und
rund umher auf Tonnelen noch andere in unglaublicher Menge sassen, die insgesamt
ihr Gebet vor die Verstorbene verrichteten. Aus andern zwanzig Türmen aber,
welche von Bambus sehr zierlich erhöhet, mit starken vergüldeten Papier, gleich
der Schaubühne, bekleidet und in einer Ordnung nebeneinandergesetzet waren,
wurden beide Abende, nach Untergange der Sonne bis an den Morgen, köstliche
Feuerwerke angestecket. Alle diese Zurüstungen nun und deren Unkosten beliefen
sich auf fünftausend Catti-Siams11 Silber ohne die güldenen und silbernen
Bilder, worunter zwei ganz güldene, fünftehalb Fuss hoch und zwei daumendicke
waren: welche zu Ehren der verstorbenen Prinzessin in dem Haupttempel des Reichs
als ein künftiger Raub des Feindes aufgesetzet wurden. Nach verflossenen zweien
Tagen wurde die endliche Verbrennung des Leichnams mit grossem Gepränge unter dem
Klange vieler Instrumenten vorgenommen, da denn der König mit eigner Hand durch
eine Fackel den Brand anzündete: wodurch nicht allein der kostbare Schmuck,
sondern auch der güldne Sarg verbrennet, und zunichte gemacht wurde. Welches ein
klägliches Vorspiel des in etlichen Tagen erfolgenden Jammer-Brandes der ganzen
Stadt war. Hierbei begab sich nun dieser merkwürdige Fall, dass man, indem nach
verloschenem Brande die Asche und überbliebenen Gebeine in einen güldenen Krug
zur Beisetzung gesammlet worden, ein Stücke blutiges Fleisch in der Grösse eines
Kinderhauptes ganz unversehret liegen fand. Worüber der König, welcher abermals
mit eigener Hand die Gebeine zu Bezeugung väterlicher Liebe sammlen helfen,
heftig erschrak, und den dabeistehenden Sabartibam um sein Bedünken fragte, was
dieses bedeutete? Sabartibam, welcher dieses vor eine Zauberei hielt, wollte
nichts anders sagen, als S.M. würden die Bedeutung wohl selbst leichtlich
ermessen können. Der König schien vor Schrecken ganz aus sich selbst zu sein,
und sagte: »Nun befinde ich in der Tat, dasjenige wahrhaftig zu sein, woran ich
lange gezweifelt habe, nämlich, dass meine Tochter mit Gift vergeben sei, und
rufet mich dieses rohe Fleisch noch um blutige Rache an.« Worauf er sich
alsobald ins Schloss verfügte, und noch dieselbe Nacht alles Frauenzimmer,
welches der Prinzessin bei Leben aufgewartet, gefänglich einziehen liess: Der
folgende Tag ward gleichfalls mit Gefangennehmung aller derjenigen, welche auch
bereits vor einem Jahre nur mit der Prinzessin umgegangen waren, zugebracht.
Hierauf sähe man ein abermaliges jämmerliches Vorspiel der blutigfolgenden
Eroberung. Denn der König blieb dabei, seine Tochter sei durch Gift hingerichtet
worden, ohne dass man die wenigste Gewissheit hievon haben, oder jemand
beschuldigen kunnte. Solches aber genauer zu erforschen, wurde diese grausame
und betrügliche Untersuchung ins Werk gestellet. Der König liess unterschiedene
Mandarinen und Herren unter dem Vorwand wichtiger Beratschlagung nach Hofe
rufen: als sie aber erschienen, alle ins Gefängnis werfen, wodurch viel
unschuldige und meistens grosse Personen, sowohl Männer als Frauen, in die Haft
gerieten. In dem Schlosszwinger wurden hierauf etliche seichte Löcher zwanzig Fuss
weit ins Gevierte gemacht, und voll Holzkohlen gelegt, welche durch hierzu
bestellete Soldaten angefeuret wurden. Die Beklagten führte man mit gebundenen
Armen herbei, welche man nicht eher losmachte, bis sie in den verschlossenen
Kreis der Soldaten eingetreten waren. Nach diesem setzte man ihren Schenkel in
ein Gefäss heiss Wasser, damit die Härte der Fusssohlen weich gemacht würde,
welches etliche Sklaven mit Messern abschaben mussten. Wie nun dieses geschehen,
wurden sie von einigen Pfaffen zu einer freiwilligen Bekenntnis angemahnt; weil
sie aber solches beständig leugneten, wurden sie beschworen, und den Soldaten
übergeben. Diese zwungen nun die armen Menschen mit blossen, und zuvor bis aufs
Blut geschabten Füssen über die in voller Glut liegenden Kohlen zu laufen: nach
welchem heissen Laufe man jedwedem die Füsse besah, welche nun verletzt waren,
die wurden vor schuldig gehalten, und wiederum gebunden. Es war aber kein
einiger, welcher unverletzt geblieben war, obgleich deren ein Teil mit
verwunderlicher Geschwindigkeit durch das Feuer flohen. Etliche fielen gar
darein, kunnten sie nun herauskriechen, so waren sie zwar vom Feuer, nicht aber
vom Tode errettet, blieben sie aber liegen, so mochten sie jämmerlich verderben:
indem keinem bei hoher Strafe einige Handreichung zu tun, erlaubet war: dass auf
solche Weise unterschiedene lebendig braten, und verbrennen mussten. Unferne
hiervon stunden etliche Elefanten, welche in Siam jederzeit des Henkers Stelle
vertreten müssen. Welche nun, und zwar alle, vor schuldig erkennet worden, die
band man an einen Pfahl, und legte sie vor die Elefanten. Wenn nun der Elefant
an einen dieser bedeutenden Missetäter angeführet ward, ging er etliche Mal mit
grausamen Brüllen um ihn herum, edlich fassete er ihn mit dem Rüssel, warf ihn
mit Gewalt in die Höhe, und fing ihn mit den scharfen Zähnen durch den Leib
wieder auf, von welchen er den Körper schüttelte, und mit den ungeheuren Tappen
dermassen zertrat, dass ihm das Eingeweide heraussprang. Die zerschmetterten
Körper wurden nach einer grossen Gruben geschleifet, und da hineingeworfen. Weil
sich nun die Zahl der so jämmerlich hingerichteten Personen merklich vermehrete,
als wurde der Boden überall von dem häufigen Menschenblute dermassen gefärbet und
glatt gemachet, dass auch die henkermässigen Elefanten keinen gewissen Tritt mehr
tun kunnten. Dieses war nun die gemeine Strafe. Die andern mussten noch
schmerzlichere Todesarten empfinden, denn ein Teil wurde auf dem Wege, wo man am
meisten zu gehen pflegte, in die Erde bis an den Hals eingegraben, und ein
jedweder, der vorüberging, musste sie bei Leibesstrafe anspeien. Unterdessen
durfte sie niemand töten, viel weniger ihnen einen Trank Wasser reichen, oder
die geringste Güte tun, bis diese armseligen Menschen, von der Sonnen halb
gebraten, vor Durst verschmachteten. Tausendmal baten sie um die grosse Gnade
ihres Todes. Allein die Tyrannei hatte ihre Ohren verstopfet, und mussten also
über tausend Personen erbärmlich umkommen. Man hielte davor, diese Tyrannei des
Königs wäre nicht sowohl auf die Giftmischer als auf den Adel angesehen, weil
dem Pöbel ein grosser Gefallen geschahe, und sich dadurch der König freiere Hand
machte. Ob nun gleich der Prinz Nherandi aufs beweglichste seinen Herrn Vater
von solcher Tyrannei abzuführen trachtete, mit Vorstellung, wie man solche
Blutvergiessen wider den Feind versparen sollte, und wie leicht man den allbereit
entbrannten Zorn der Götter zu äusserstem Untergang des Reichs noch heftiger
vermehren könnte; allein der tugendhafte Prinz wurde mit einer so unangenehmen
Antwort abgefertiget, dass er sich entschloss, Tag und Nacht auf der Mauer zu
bleiben. So stecke demnach, grausamer Higvero, dein Mordmesser wieder ein, und
bedenke, dass die Rache dieses unschuldigen Bluts bereits vor dem Tore ruhe. Was
sage ich ruhe? vielmehr wache, weil der Feind bereits den Säbel auf deinen Hals
wetzet, und in wenig Tagen eine solche Rache vollstrecken wird, dergleichen in
Asien niemals erhöret worden. Doch ich rede mit Steinen, ja ich giesse nur Öl ins
Feuer, welche Flamme auch die unschuldige Prinzessin Fylane betreffen sollte.
Diese war des Königs leibliche, doch von der ersten Gemahlin erzielte Tochter,
eine leibliche Schwester des tapfern Prinzen Nherandi, und musste jederzeit den
gewöhnlichen Hass ihrer Stiefmutter, als jetzigen Königin, sattsam empfinden. Wie
aber dergleichen Personen allgemeine Probiersteine kindlicher Geduld zu sein
pflegen: und diese Wurzeln insgemein allen Saft väterlicher Gunst denen
Nebenzweigen zu entziehen trachten: Also musste auch hier die fromme Prinzessin
unschuldig entgelten, was der Tod an ihrer Stiefschwester verübet hatte. Hierzu
kam nun die verliebte Rache vorerwähnten Sabartibams, welcher als ein vornehmer
Reichsfürst ehemals sich um ihre Liebe beworben, derselben aber nicht teilhaftig
werden können: Weil er denn dieses vor eine erwünschte Gelegenheit, seine
vergebene Liebe zu rächen, hielt, verfügte er sich sofort zu der Königin mit
diesem fälschlichen Berichte: Er habe noch bei Lebzeiten der Verstorbenen, die
Prinzessin Fylane sich zu unterschiedenen Malen beklagen hören, wie die jüngere
Prinzessin nicht allein mehr Ehre und Liebe von dem königlichen Herrn Vater als
sie genösse, sondern auch sie hierdurch nicht in geringe Verachtung durchgehends
gesetzet würde: Dahero sie ein Auge aus dem Kopfe verlieren wollte, wenn dieser
Hinderungs-Stein ihres Ansehens aus dem Wege geräumet wäre. Aus welchen
verdächtigen Worten leichtlich eine verdächtige Folge könnte geschlossen werden.
Die Königin empfing, als ein guter Zunder, diese Funken gar bald, und
vertröstete, ein grosses Feuer hieraus zu machen: Dahero sie sich in das Gemach
des betrübten Königs mit zerstreueten Haaren und tränenden Augen begab, und ihm
diese erdichtete Mutmassung dermassen scheinbar vorbrachte, dass es nicht allein
der König glaubete, sondern auch ohne Betrachtung seines Fleisches und Blutes,
viel weniger ihres hohen Standes, befahl, die unglückselige Prinzessin mit
silbernen Ketten zu binden, und nebst ihrem Frauenzimmer zur Feuerprobe zu
führen. Diese Zornglut wusste die arge Stiefmutter dergestalt zu unterhalten, dass
sie um ein grosses vermehret wurde, als sie ferner vorbrachte: Die Prinzessin
Fylane habe bei Ausführung der Entseelten jederzeit gelächelt, obgleich ganz
Odia sein Beileid durch Tränen bezeuget hätte. Woran doch nicht ein lasterhafter
Vorsatz, sondern ihre angeborne holdselige Freundlichkeit schuld war. Zu
verwundern ist es, wie sich ein väterliches Herze durch fremdes Fleisch sein
eigenes Geblüte könne lassen verhasst machen: Allein hier musste die Verwunderung
den Finger auf den Mund legen, weil öfters, obzwar ein ehrlicher, doch
unordentlicher Begierdensrauch die Flamme natürlicher Liebe ersticket. Hier
hatte nun eine boshafte Stiefmutter den Zweck ihres Hasses erreichet, und der
scheltenswürdige Sabartibam erblödete nicht, seine unbefugte Rache auch mit so
zarten Blute zu kühlen. Der Tag hatte kaum dem ungewissenhaften Vater die Ruhe
verstöret, so befahl er, die betrübte Prinzessin nebst ihrem Frauenzimmer
vorerzähltermassen durch das Feuer zu leiten: Und damit ja keine Unbarmherzigkeit
unterlassen würde, so hielt die ungerechte Königin beweglich an, dem Sabartibam
die Vollziehung dieses grausamen Befehls aufzutragen: worein der verblendete
König bald willigte, und jener diese Verrichtung mit Freuden auf sich nahm.
Wiewohl solches alles in solcher Stille vorgenommen ward, dass Prinz Nherandi
nicht das geringste davon erfuhr. Nachdem aber dieses zarte Bild durch das Feuer
getrieben worden, befand man, wie leicht zu erachten, die Schenkel erbärmlich
zugerichtet und verbrennet: Das andere Frauenzimmer, obgleich keines
unbeschädiget davonkam, wurde doch vor unschuldig erkläret, und losgelassen: Die
Prinzessin ward sofort dem hohen Gerichte der alten Mandarinen vorgestellt,
welche ihr mit Bedrohung ärgster Marter zuredeten, wie sie diese schändliche Tat
in der Güte bekennen, und hernach die Beschleunigung des Rechtens gewärtig sein
sollte.
    Die trostlose Fylane vermochte vor häufigen Tränen kein Wort vorzubringen,
und schmerzte sie nicht so sehr das Feuer, als die grausame Schmach, welche ihr
aus verbitterten Hasse einer vergälleten Stiefmutter und gehässigen Liebhabers
unschuldigst zugefüget worden. »Gerechte Götter!« hub sie endlich mit
wehmütigster Stimme und gen Himmel gerichteten nassen Augen an, »die ihr Herzen
und Gemüter zu erforschen pfleget, zählet diese meine Tränen, und lasset euch
meine Seufzer, welche ihren Ursprung aus meiner Seele nehmen, befohlen sein.
Schauet, wie diese Burg ein Schauplatz geworden ist, wo man nichts als Unschuld
verbrennen sieht. Gerechter Himmel! höre meine Wehmut, weil mir das stumme Leid
Rede und Zunge bindet. Die brennende Glut hat den Leib noch lange nicht so
schmerzlich als die schwarze Flamme der Verleumdung mein Herze berühret, denn wo
dieses Feuer in den Palästen brennet, da muss auch das güldene Bild der Unschuld
schmelzen. Ob ich nun zwar vor dem heiligen Angesichte der Götter und eurer
Gegenwart, o ihr Richter, mich auch der geringsten Missetat nicht schuldig geben
kann, auch ausser einer erbosten Stiefmutter und einem verbitterten Liebhaber
niemand wider mir, doch nunmehro das Leben ein Ekel und Verdruss sein: Dannenhero
ich mich viel lieber zu dieser ungeschehenen Tat freiwillig bekennen, und den
darauf gesetzten Tod geduldig leiden will. Ich gestehe diesen Mord, und bitte
nun nichts mehr als um die Beschleunigung meines Todes, damit ich nur nicht der
Welt zu Spotte länger leben dürfe.« Durch diese Rede wurden viele der alten
Mandarinen so sehr zum Mitleiden bewogen, dass wo ihnen nicht des Königs Grimm
vor Augen gestanden hätte, sie leichtlich Mittel zu der Prinzessin Erlösung
würden gefunden haben. Doch die Furcht kehrete ihre Herzen von diesem guten
Vorsatz ab: und hinterbrachten sie dem Könige ihre freiwillige Bekenntnis. Wie
solches der tyrannische Vater vernommen, befahl er alsobald dem Sabartibam,
einen Holzstoss zubereiten zu lassen, auf welchem die trübselige Fylane ihre
Unschuld auch in der Glut bewähren sollte. Des Königes Befehl war nicht so bald
geschehen, so waren inner wenig Stunden auf Anordnung der Königin alle
Zubereitungen fertig, und wurde mit ihrer Hinrichtung um soviel desto mehr
geeilet: weil das Geschrei kam, wie der Feind einen allgemeinen Hauptsturm
wollte anlaufen lassen. Diese Verbrennung nun desto ansehnlicher zu machen,
befahl die vermeinte väterliche Gnade, den Abaxar nebst funfzig Mitgefangenen
bei dem Feuer zu opfern, und sie ihr nach heidnischer Meinung zur Aufwartung in
jene Welt nachzuschicken. Welche denn noch eher als die Prinzessin zu dem
Holzstosse hingeschleppet wurden. In kurzem sähe man die betrübte Prinzessin
zwischen vier Frauensbildern mit vielen Soldaten umgeben aus dem Schloss unter
schweren Ketten in so erbärmlicher Gestalt geführet kommen, dass auch die Steine
zu Mitleiden hätten sollen beweget werden: Der König aber war von seiner
schmeichelnden Gemahlin dermassen eingenommen, dass er auch nicht erblödete, den
Tod dieses seinen schönen Kindes in Person anzusehen: dannenhero er sich nebst
der Gemahlin auf einen unfern gesetzten kleinen Tron verfügte, diesen Jammer
unempfindlichst mit anzusehen. Sabartibam vertrat indessen die Stelle eines
fleissigen Henkers, indem er sowohl alle Anstalt zum Opfer der Gefangenen, als
auch zum Brande, mit eifrigster Bemühung machte.
    Als nun die barbarische Stiefmutter die Prinzessin in jämmerlichsten
Anblicke ihren Tod erwarten sah: wurde sie zu noch grösserer Grausamkeit, durch
ihr böses Gemüte, angefeuert, dass sie auch sagen durfte: »Weil diese Mörderin
meinem Kinde auch nicht die Ruhe ihres Fleisches in der Asche gönnen wollen,
also, dass sonder Zweifel aus Zauberei ein Stücke in seinem Blute liegen müssen:
so ist es höchst billig, dass man sie zwinge, sich ebenfalls ein solches Stücke
Fleisch aus ihrem Leibe mit eigner Hand zu schneiden, und ins Feuer zu werfen.«
Wie solches die vorhin elende Prinzessin hörte, befiel sie ein rechtmässiger
Grimm, welcher ihr diese Worte in den Mund legte: »Ha, blutbegierige Bestie! du
bist zwar eine Henkerin meines Leibes, aber doch noch viel zuwenig, meinen
Willen zu zwingen, oder mein Gemüte zu beherrschen. Die erschreckliche Schlange
des höllischen Rauchhauses wird deine Dräuung an dir erfüllen, und dich statt
meines Vaters mit schwarzen Geistern vermählen. Ob ich nun zwar von aller Welt
verlassen bin, und mir derjenige, welcher mir das Leben gegeben, statt dessen
den Tod gewähret: so will ich doch auch sterbende die väterliche Hand küssen,
und die kindliche Liebe nicht im geringsten beleidigen. Dieser wangenabrollende
Angstschweiss aber soll ein herber Zeuge meiner reinen Unschuld sein: ja meine
Unschuld soll siegen, und Mutter und Henker verlachen, wenn schon mein
unbeflecktes Blut in dem Feuer zischen wird. Ihm, wertster Herr Vater, wünsche
ich, dass die Götter diese Tat vergessen, und die Rache von Dessen Haupt abwenden
wollen. Ich sterbe als ein unschuldig gehorsames Kind. Dir aber, allerliebster
Bruder Nherandi, der du noch meinen Tod erst mit innigstem Jammer erfahren
sollst, sage ich die letzte gute Nacht, und schicke dir durch die Luft den
letzten Abschiedskuss.« Mit welchen Worten sie sich zu dem heissen Antritt
bequemen wollte. Es war aber unmöglich, dass hier die Natur auch sollte zur
Stiefmutter werden: indem endlich dem Könige die Tränen aus den Augen drangen,
und das brechende Herze diese Worte unter einem tiefen Seufzer herausstiess:
»Ach! wollten die Götter, es unterstünde sich jemand deine Unschuld zu
behaupten, so wollte ich leicht zum Beifall zu bewegen sein.« Da ihn denn
zugleich ein heftiger Angstschweiss überfiel: obzwar das mörderische Höllenkind
Sabartibam bereits den Stoss anzuzünden begunnte, befahl doch der König, noch
etwas innezuhalten. Währenden diesen Trauerspiels stand nun Abaxar unfern des
königlichen Trones in Ketten und Banden, und hatte über der Schönheit der
Prinzessin, welche wie ein Licht, welches jetzt zu löschen beginnt, die meisten
Strahlen von sich warf, fast seines eigenen Todes vergessen. Sein Heldenmut
konnte sich nicht zwingen, wehmütige Tränen über den erbärmlichen Anblick der
Fylane zu unterlassen: und hätte er gerne einen hundertfachen Tod erduldet, wenn
solcher nur das Leben der schönen Prinzessin hätte retten mögen. Weil er nun so
nahe dem Trone stund, dass er das seufzende Verlangen des Königs gar wohl
vernehmen konnte: so ermunterte er sich dermassen, dass er durch heftiges
Schwirren seiner Ketten alle Anwesende zum Aufmerken bewog: dahero er nach
sotaner Stille sich gegen den König wendete, und ihn also anredete: »Die Götter
haben meine Ohren eröffnet, dass ich den Wunsch, welcher aus einem mitleidigen
Vaterherzen gequollen, wohl vernehmen können. Weil ich denn dieser schönen
Prinzessin ihrer Unschuld wohl versichert bin, so hindert mich die betrügliche
Feuerprobe gar nichts, dass, weil andere Mittel völligern Beweises anjetzo
gebrechen, ich erbötig bin, unter Bedeckung eines Schildes mit einem festen
Stabe in der Hand, ihre unfehlbare Unschuld wider einen jedweden, er sei
bewaffnet wie er wolle, behaupten und verteidigen will.«
    Ob nun zwar die Königin viel Einwendens machen wollte; so war doch dieser
Vortrag dem Könige angenehm, und Sabartibam wollte vor Eifer bersten, dass er
sich in seiner blutigen Rache sollte verhindert sehen, weil ihm aber Abaxars
Erbieten sehr verächtlich vorkam, und solches einzugehen, vor ein leichtes
Entschliessen hielt: als erbot er sich nur mit einem Säbel in der Hand dem Abaxar
zu begegnen. Dannenhero zu jedermanns Vergnügen Abaxar sobald aller Ketten
benommen, auf freien Fuss gestellet und mit begehrten schlechten Waffen versehen
ward. Die Prinzessin stund inzwischen als in einem Traum, und konnte sich nicht
einbilden, dass einiger Mensch gütiger als ein Vater sein sollte, jedoch bedung
sich Abaxar zuvor dieses aus, dass sein Sieg die Prinzessin gänzlich befreien,
und die ihr zugedachte Glut des erlegeten Feindes Körper verzehren sollte.
Welches auch sofort von dem Könige bewilliget, und den Mandarinen, als vorigen
Richtern, beschworen ward: Sabartibam schäumete inzwischen wie ein Eber, und
weil es sich in etwas vorzog, hieb er vor Ungeduld und Zorn in den Holzstoss.
Abaxar aber verliess sich auf die Hülfe der Götter und auf seine ungemeine
Stärke, welche die Grösse des Leibes weit übertraf. Alle Anwesende schickten
ingeheim ihre Seufzer vor den Abaxar himmelan: und niemand ausser der
lasterhaften Königin wollte auch nur mit einem erspriesslichen Wunsche dem
Sabartibam beistehen. Hierauf nun stellete sich Abaxar in ein bequemes Lager
gegen seinen Feind, welcher ihn alsobald im ersten Streich voneinanderzuspalten
vermeinte, und mit solcher Ungestüm auf ihn einstürmte, dass man auch die Bosheit
der Königin an des Abaxars Schilde erkennen konnte: indem sie ingeheim einen
solchen losen Schild reichen lassen, welcher auf den andern Streich dem Säbel
weichen und zerspringen musste: dannenhero Abaxar nicht ratsam erachtete, viel
Federlesens zu machen, sondern einen Streich auf den Rücken, welcher doch
flächlings geriet, auszuhalten, dahero er mit gebücktem Leibe den vor Zorn
rasenden Sabartibam dermassen unterlief, dass er mit ihm übern Haufen fiel. Hier
hatte Abaxar den Sieg bereit in Händen, indem er mit der linken Hand des
Sabartibams Faust, worinnen er den Säbel hielt, begriff, mit der rechten ihm
aber dermassen die Gurgel beklemmte, dass ihm der Atem und alle Kraft entging, und
er also auch leicht den Säbel ihm auswinden konnte, womit er ihm im Augenblick
über die Gurgel fuhr, und mit einem Schnitte ihn vollend des Lebens beraubte,
worauf er ihm das Haupt heruntersäbelte, und solches auf den Knien vor der
Prinzessin Füsse legete.
    Es war kaum verrichtet, so war die Luft von einem allgemeinen
Freudengeschrei des jauchzenden Volkes erfüllet, zugleich aber stürmete Prinz
Nherandi, welcher dieses spät erfahren, mit dreissigtausend Mann auf den Platz,
um seine geliebte Schwester zu retten; hätte aber der tapfere Abaxar nicht ihren
Tod auf diese Art hintertrieben, so würde der Prinz allzu spät angelanget sein:
welcher mit gleichen Schritten auf die Prinzessin zueilete, ihr die Ketten
abnehmen, und sie unter der Verwahrung der treuen Völker liess. Nach diesem
vergass er ziemlich seiner kindlichen Ehrerbietung, indem er sich nach dem Könige
und seiner Gemahlin mit diesen Worten umwendete: »Unartiger Vater! verdammete
Stiefmutter! Ist dieses in ganz Asien erhöret worden, dass man aus vergälltem
Angeben eines unverschämten Weibes sein eigen Fleisch und Blut, ich will nicht
sagen königliche Prinzessin, dem Henker überantwortet, und sich nicht anders
gebärdet, als ob man in grösster Sicherheit lebte, da man nur in eignen Adern
nach Belieben wüten möchte. Pfui der Schande! welches auch von den
Menschenfressern nicht wird gebilliget werden, als welche die feindlichen Körper
fressen, der ihrigen aber verschonen. Kommet nur mit mir auf die Mauern, und
schauet, wie der Feind den Säbel wetzet, und die Zähne auf uns blöcket, so wird
Euch der Blutdurst leicht vergehen. Ich muss mit diesen tapfern Leuten Tag und
Nacht in Hitze und Frost unter den sausenden Kugeln und Pfeilen ohne Speise und
Ruhe zubringen, und unsere Seelen dem Feinde vor die Stadt opfern: Ihr aber
hingegen wollet auch den Feind an Grausamkeit übertreffen, und da nur der Feind
gegen Feinde kämpfet, so verschonet Ihr auch der Freunde nicht. Ich habe
allbereit den Stifter dieses Mordspiels erfahren«, sähe er die Königin mit
ergrimmten Augen an, »und wo ich nicht meines Hauses und meines Säbels, welchen
ich nicht mit eines so vermaledeiten Weibes Blute beflecken will, verschonte, so
sollte die Schmach meiner Schwester mit Eurem Blute abgewaschen werden.« Worauf
der König nebst ihr aus Scham des blöden Gewissens alsobald den Platz verliessen:
Abaxar aber erzählete dem Prinzen alle Begebenheit umständlich, worauf der
Körper des Sabartibams dem Volke übergeben ward, welcher in tausend Stücke
zerhackt, auf den Holzstoss geworfen, und zu Pulver verbrennet wurde: die
Prinzessin aber wurde unter der Hand des Abaxars in einem Palast von fünfhundert
Mann bewacht, damit ihr ferner nichts Übels begegnen möchte. Welche Zeit denn
Abaxar dermassen wohl anwendete, dass Fylane wünschte, Abaxar möchte zu Kronen
geboren, und also ihrer Liebe würdig sein. Kurz, Abaxar hatte sich so weit
blossgegeben, dass die Prinzessin Gelegenheit verlangte, in allem des Abaxars
keuschen Begehren nachzuleben, welche verliebte Reden vorzubringen der enge Raum
untersaget, und der begierige Leser wohl selbst wissen wird, was er vor Worte in
dergleichen Begebenheiten gebrauchen wollte.
    Wir lassen nun unsere Feder abermals zum Überläufer werden, welcher sich aus
der Stadt in des Feindes Lager begibt. Diesen treffen wir nach einer
zwölftägigen Ruhe in einem muntern Zustande an, und Chaumigrem flammte vor
Begier nach schleuniger Eroberung: welche Hoffnung ihn auch nicht fehlen liess.
Denn keine Stadt in der Welt kann ihren Wällen und Mauren, wären sie auch gleich
von lauter Eisen, so viel zutrauen, dass sie der Unüberwindlichkeit vergewissert
wäre: zumal wenn sie von keinem Entsatze weiss, und ihr entweder alle Zufuhr
benommen ist, oder ein ehrsüchtiger und blutdürstiger Tyrann, der Menschenblut
und Wasser in gleichen Preis stellet, ihr mit grosser Gewalt zusetzet, und mit
seiner Menge allen Widerstand übertrutzen kann. Denn Chaumigrem wollte viel
lieber seine Armee weder seine Entschliessung zuschanden gehen lassen. Sein Leben
und Wille galt ihm gleich viel, und darum aller seiner Völker Köpfe desto
weniger. Zu dem Ende foderte er alle seine Generals, Oberste und Hauptleute
zusammen, und gab ihnen zu verstehen: Wie dieser Ort ihm so feste an das Herze
geknüpft wäre, dass er viel lieber sterben, nur nicht mit Schimpf davon abweichen
wollte. Darum stehe ein vor allemal der Entschluss unumstösslich: noch einen
Hauptsturm zu wagen, und darinnen sein Leben entweder heldenmütig aufzuopfern,
oder anders nicht denn mit Triumph in die Stadt einzuziehen. Niemand durfte
diesem brüllenden Löwen widersprechen; aus Furcht, die Sprache gar drüber zu
verlieren. Dahero sie bald dareinwilligten, und nur einen Tag Frist baten: nach
welchen sie ihre äusserste Kräfte zu endlicher Eroberung der Stadt anwenden
wollten. Worauf alles, was nur Bogen und Säbel zu führen vermochten, sich zum
Sturme gefasst machen musste.
    Als nun der blutige Tag angebrochen, an welchem es schien, ob wollten die
Götter wegen des nächst-unschuldig-vergossenen Bluts Rache von Odia fodern:
musste sich die ganze Armee in Schlachtordnung stellen, welche Chaumigrem in
eigner Person zu Pferderings um besichtigte. Hierauf forderte er abermals alle
Kriegshäupter in einen Kreis zusammen, und redete sie mit diesen Worten an: »Ihr
meine Feldherren, Obersten, Hauptleute und alle andere, welche die Götter unter
meinen Gehorsam gesetzet haben! Gedenket nicht, dass ich heute diesen Sturm
endigen werde, ehe und bevor dieser hartnäckigte Ort erobert worden. Ich bin
hier mit dieser grossen Armee, entweder zu siegen, oder zu sterben; und ihr alle
sollt auch gleichen Entschluss fassen. Ich bin entschlossen, die Obersten und
Hauptleute, so ihre Pflicht nicht beobachten werden, mit eigner Hand zu
erwürgen: die geringern aber durch sich selbst oder durch die Feinde töten zu
lassen, und alsdenn hernach mich selbst meines Lebens zu berauben: damit man
nicht sagen könne: Chaumigrem sei von andern überwunden worden. Denn es findet
zwar derjenige, welcher in guten Werken stirbet, alles wohl nach seinem Tode
bestellet: aber der, welcher vor seinem Feinde umkömmt, wird noch viel
glückseliger in dem Niba sein. Ihr meine Väter (also nenne ich die Alten), und
ihr meine Brüder, die ihr meiner Jahre und aus einerlei Zeuge mit mir gemacht
seid! lasset uns ein Werk verrichten, welches dem Qviay Gvatur, unsern grossen
Kriegsgott, verbinden möge, dass er bei den Göttern unser Vorsprecher sei, und
vor alle dermaleinst sagen könne: Dieses sind die Helden, die vor den grossen
Ruhm der peguanischen Gotteit gestritten haben. Auch dass man in unserm
Vaterlande von uns reden möge, dass wir, um in der andern Welt Ruhe zu erlangen,
keine Unruhe in dieser Welt gescheuet haben. Hierzu aber zu gelangen, ist nötig,
dass man arbeite, und keine Gefahr fürchte. Und warum solltet ihr euch fürchten?
Ich glaube nicht, dass jemand von euch so verzagt sei. Sollte ich sehen, dass
einer oder der andere nicht willig an den Streit geht, so will ich denselben
mit eigner Hand niedersäbeln.«
    Wie nun alle Umherstehende solches anhöreten, rührten sie mit der Hand die
Erde an, und antworteten einhellig: Sie wären bereit, den Willen Sr. Majest. zu
vollbringen. Worauf das gesamte Fussvolk, soviel auf dem festen Lande zwischen
der Stadt und dem Flusse Raum hatten, von den beiden Feldherren Martong und
Soudras über den breiten Damm geführet wurde, denen Chaumigrem selbst,
ungeachtet des grausamen Schiessens aus der Stadt mit der Reuterei nachfolgete,
und jedwedem Obersten seinen Posten, wo er anlaufen sollte, anwiese; also, dass
die Stadt an allen Orten zugleich sollte angegriffen werden. Das Fussvolk aber
wurde von allen Seiten mit der Reuterei umringet, welche sich im Fall der Not
auch zum Absteigen musste gefasst halten. Wie nun währender Stellung die
Belagerten unsäglichen Schaden durch Schiessen zufügten, und ein Blitz nach dem
andern ganze Glieder wegschlug, so eilte Chaumigrem um soviel desto mehr, und
befahl, die Losung mit dem gesamten Geschütze zu geben, welches denn mit einem
vielfältigen Donnerschlage den schrecklichen Anfang machte, dessen Grausamkeit
durch das Blasen und Rühren der sämtlichen Feldspiele wie auch das entsetzliche
Geschrei der Anlaufenden dermassen vermehret wurde, dass es schien, als ob die
Luft zu enge werden wollte, ein solches Getöne zu ertragen.
    Hier geschahe nun ein solcher Sturm, dergleichen man in den asiatischen
Geschichten nicht leichtlich finden wird. Es ging alles mit so unglaublicher
Gewalt zu, dass es schien, als wollte alles in den ersten verwirrten Klumpen der
Welt zerfallen, und das Unterste oben gekehret werden. Die Luft wurde anfangs
von einem Pfeilregen ganz verdunkelt, jedoch aber durch den Blitz der Musketen
und Stücke bald dermassen erleuchtet, dass die blanken Säbel überall einen roten
Schimmer von sich gaben. Wiewohl endlich der heftige Dampf Stadt und Volk dem
Gesichte der Zuschauenden entzog, da man nichts mehr als das Geschrei der
Fechtenden und das jämmerliche Wehklagen der Sterbenden hören kunnte.
    Chaumigrem rennte inzwischen als unsinnig auf einem schwarzen Hengste herum,
und unterliess nichts, was einem siegsbegierigen Haupte anstund. Hier trieb er
die Hintersten mit scharfen Worten und strengen Ermahnungen an die Mauer: dort
hieb er die Weichenden eigenhändig nieder, und wütete bisweilen dermassen, als ob
er sich selbst bekriegen wollte. Die Stirne runzelte sich bis in die Augen, die
Haare sträubten sich, die Nasenlöcher wurden weit und gross, und die Lippen
geschwollen vor Eifer. Er knirschte mit den Zähnen, und schnaubte wie ein
ergrimmter Löwe. Seine Stimme, so heftig und durchdringende sie zuvor gewesen,
so rauh und heiser ward sie endlich, dass sie vielmal keinen Laut mehr geben
wollte; und wenn er gleich etliche Worte zusammenbrachte, so stammelte doch die
Zunge dermassen, dass er nur halb gebrochene Worte vorbrachte: ja er wusste zuletzt
selbst nicht, was er vor Zorn redete, als er die Seinigen an unterschiedenen
Orten hässlich geputzt weichen sah, welche er aber jedoch sobald durch frische
entsetzen liess. Endlich wurde der tapfere Prinz Nherandi durch eine Lanze in die
rechte Brust gefährlich verwundet, der kühne Feldherr Padukko aber wurde
gleichfalls durch harte Verwundung zum Fechten untüchtig gemacht: dahero sich
der Prinz in der Fylanen Palast führen liess, woselbst ihnen der verliebte Abaxar
alle Sicherheit versprach.
    Nachdem nun ein Portugiese die unerfahrnen Stückmeister des Chaumigrems
gegen hohe Besoldung gelehret hatte, wie sie nicht allein das Geschütze wohl
stellen, sondern auch die glühenden Kugeln gebrauchen sollten, auch zur Probe
die in der Stadt liegenden Schiffe in Brand schoss: so entfiel endlich denen
ermüdeten Siammern dermassen der Mut, dass sie die Kronen ihrer Fahnen gegen den
Feind senken, und sich ergeben wollten. Allein die erbitterten Peguaner stellten
sich hierzu taub und blind, und nachdem die Siammer aus Ermangelung ihrer
Häupter zu weichen begunnten, wurde endlich Odia auf allen Seiten mit stürmender
Hand erobert. Hier sollte ich zwar Feder und Zunge eines Beredten entlehnen, den
Jammer der eroberten Stadt zu beschreiben; es wird aber gnug sein, wenn ich
sage: dass alle Arten der Grausamkeit damals in Odia zu sehen waren.
    König Higvero flüchtete mit seiner Gemahlin in das Schloss, als aber auch
durch dieses die gewaltsame Hand des ergrimmten Soldaten brach: ergriffen sie
beide einen Giftbecher, trunken solchen ohne Weitläuftigkeit aus, und sturben
nebeneinander; dass sie also erstarret von den Soldaten gefunden, ihre Körper
aber von ihnen nicht im geringsten beleidigt wurden. Was aber von Silber und
Gold anzutreffen war, solches musste alles der Raubsucht zu Ergötzlichkeit ihrer
gehabten Mühe dienen. Und also starb dieser mächtige König durch Gift, welcher
nur aus blossem Argwohn des Gifts über tausend unschuldige Seelen hingerichtet
hatte, und aus giftiger Mutmassung seines eigenen Geblütes nicht verschonen
wollte. Diejenige aber, welche aus giftigem Hasse andere zu stürzen suchte,
musste durch einen Giftkelch Leben und Laster endigen, und ein blasses Zeugnis
der göttlichen Rache gegen alle ungerechte Stiefmütter sein, welches uns diese
Warnung hinterlässt:
Gott zahlet zwar nicht täglich aus:
Doch ist er keinem je was schuldig blieben,
Sein langsam Zorn drückt gar in Graus,
Und sein Gemerk ist in Metall geschrieben.
    Inmittelst begunnte sich das Feuer der in Brand geschossenen Schiffe heftig
zu mehren: denn es brannten über sechzig Schiffe, welche, ob sie wohl mitten im
Wasser stunden, dennoch einen ganzen Haufen Flammen bis an die Wolken von sich
gaben. Diese Flammen, so durch einen starken Wind fortgetrieben wurden, wendeten
sich gegen die Stadt, und sah man dieselben im Augenblicke von einem Ort zum
andern fahren. Denn es flogen die Seile und alle Segel der Schiffe brennende in
der Luft, und fielen funkenweise auf alle umliegende Häuser. Weil nun der
siegende Feind mit Morden, Rauben und Schänden alle Hände voll zu tun hatte, die
erschrockenen und besiegten Siammer aber nur auf vergebene Lebensrettung und
deswegen auf kein Löschen bedacht waren: so nahm die Glut dermassen zu, dass auch
selbst die ergrimmten Feinde darüber stutzen mussten. Mitten unter diesen
helleuchtenden Flammen stieg ein dicker Rauch hervor, welcher wegen seiner
Dunkelheit den Schrecken dieses schrecklichen Brandes noch heftiger vermehrte,
und weil die grosse Menge der Funken wie ein feuriger Hagel oder Schnee auf die
Stadt wieder herabfiele, so war solches desto entsetzlicher anzusehen, ja der
Rauch überzog die Stadt zu unterschiedenen Malen dermassen, dass sich der helle
Tag in eine abscheuliche Mitternacht versteckte; und indem sich die Sonne ganz
unter den dickschwarzen Dampf verbarg, so schien es, als wenn die Nacht etliche
Stunden zu früh eingebrochen wäre. Niemand hätte wissen können, wohin er fliehen
sollen, wenn nicht bisweilen die Flamme durch den Rauch geschlagen, und das
erbärmliche Wehklagen der Verbrennenden die andern gewarnt hätte, zurücke zu
bleiben. Begaben sich aber die guten Leute an einen von der Flamme noch
unberühreten Ort, so funden sie das fressende Schwert, welches gleichfalls so
grausam wütete, als ob das Feuer mit lauter Menschenblute sollte gelöschet
werden. Unterweilen fielen die Giebel der Häuser über die Gassen, und
verscharrten die Menschen in einem glühenden Grabe. Oftmals fielen die Häuser
einwärts, und schien die Flamme begraben zu sein, welche aber doch hiedurch nur
mehr Nahrung bekam, desto erschrecklicher wieder hervorzubrechen. Die Riegel und
Balken krachten und sprungen dergestalt voneinander, dass Boden und Wände
herunter und über einen Haufen fielen. Zuweilen zündete ein brennendes Haus das
neben ihm stehende unten oder in der Mitten an. Hier stürzten ganze Dächer
herunter, dort kamen brennende Stücke mit einem harten Winde in die Gassen
geflogen: anderswo erschütterte der Grund vom Falle der niederstürzenden Türme.
Ja man würde diese greuliche Schläge, dieses abscheuliche Donnern und Poltern,
Knistern und Knastern noch viel mehr und weiter gehöret haben, wenn nicht
solches das Mord-und Zettergeschrei der Jungen und Alten, so teils die Flammen,
teils den Säbel fühlten, gedämpfet hätte. Die Feder würde endlich ermüden, den
Jammer auf allen Seiten zu beschreiben: denn was die Flamme verschonet, das
wurde von den unbarmherzigen Bramanern mit Mord und Totschlag dermassen erfüllet,
dass das Blut durch die trockenen Gassen gleichsam strömte. Hier sah man die
Körper der Alten und Jungen auf entsetzliche Weise hingerichtet in ihrem Blute
liegen, und kunnte man fast keinen Fuss fortsetzen, dass man nicht auf Leichen
wandelte: ja die Gassen schienen mit abgehauenen Köpfen, Armen, Schenkeln und
halbgebratenen Leibern gepflastert zu sein. Dort klebte noch an den Mauren das
versprützte Gehirn der unschuldigen Kinder, welche die verteufelten Überwinder
zerschmettert hatten, und die Säuglinge lagen noch den erwürgten Müttern an
ihren kalten Brüsten, saugeten statt Milch das geronnene Blut in sich, und
lalleten, winselten und schrien so erbärmlich, dass die Steine darüber hätten
springen mögen.
    Nun verlor sich der Tag, aber nicht die entsetzliche Glut, welche ihre
Grausamkeit erst recht zu erkennen gab. Denn auch die höchsten und
weitentlegensten Berge dadurch so helle gemacht wurden, dass man sie bei
finsterer Nacht deutlich erkennen kunnte, und der Himmel war mit einer
feuerroten Morgenröte ganz bedecket. Denn die erschreckliche Menge der
Feuerflammen, so sich von vielen niederstürzenden Orten erhuben, weniger oder
mehr, nachdem sie eine Materie, so sie unterhielte, antrafen, schienen wegen des
starken Windes, welcher dieselbe umtriebe, und von dem sie bisweilen
zusammengeblasen, bald wieder voneinander gestöbert wurden, als ob sie
miteinander um die Ehre stritten, welche unter ihnen am meisten die Stadt
verderben und beschädigen könnte. Man sah auch mitten in den Flammen noch
einige Häuser und Kirchen, die dem Feuer einigen Widerstand taten, und gleichsam
um ihre Rettung erbärmlichst fleheten, weil man ihrer Schönheit und
unvermeidlichen Untergangs wegen das höchste Mitleiden mit ihnen haben musste.
Mit einem Worte: Dieses erschreckliche Element des Feuers legte drei Teile der
herrlichen Stadt in die heisse Asche: Welches denn so ein erbärmlicher Anblick
war, dass sich niemand eines grausenden Mitleidens entalten kunnte.
    Endlich ergriff gegen den Morgen die unersättliche Flamme auch das
königliche Schloss; da denn niemals die Flamme greulicher geflackert hatte, als
da allhier die hohen Türme lichterloh brannten. Es schiene, als wenn der Brand
sich über die Wolken erheben, und dem Himmel drohen wollte. Welches so
erschrecklich anzusehen war, dass endlich das stählerne Herz des Chaumigrems
schmelzen musste: Dannenhero er durch allgemeinen Ruf der Trompeten bei Leib- und
Lebensstrafe alles fernere Würgen oder Beleidigen verbieten liess. Welchem Verbot
so schleunig nachgelebet wurde, dass in einer Stunde fast kein feindseliger Arm
in ganz Odia mehr zu sehen war: und sich nunmehr das arme überbliebene Volk
sicher in dem unversehrten Teile der Stadt aufhalten kunnte, weil ausser
denjenigen, welche Tor und Mauer besetzet hielten, alle ins Feld rücken mussten.
Hierauf wurden sechzigtausend Mann befehligt, den Brand zu leschen: welche
dieses mit solcher Geschwindigkeit verrichteten, dass inner zwei Stunden keine
Flamme mehr zu sehen war, weil die Stadt, wie vorerwähnt von achtmaliger
Durchströmung des Flusses Menan gnungsam mit Wasser versehen war, und die
Leschenden zugleich solchen Eifer erwiesen, dass das Feuer über funfzehenhundert
seiner Verhinderer frass. Die Burg wurde die Hälfte noch erhalten, und zugleich
die zwei Leichen des Königes Higvero und seiner Gemahlin. Nachdem sich nun nach
unersetzlichem Verlust Mord und Brand geleget hatte, war Chaumigrem darauf
bedacht, wie er alles in möglichster Eil in gute Ordnung setzen, und dem
androhenden Wetter von Aracan begegnen möchte.
    Weil aber der verwundete Prinz Nherandi nebst der Prinzessin Fylane durch
treue Aufsicht des Abaxars sowohl von dem Grimm der Feinde als auch der wütenden
Flamme glücklich errettet, und noch vor dem Brande in Sicherheit ausser der Stadt
gebracht worden: so mussten sich diese unglückselige Personen dem widrigen
Verhängnisse nur geduldig bequemen, und sich als Gefangene dem Überwinder
ergeben: welches, so Nherandi bei vollständigen Kräften gewesen, nimmermehr
geschehen wäre. Hierauf liess der Tyrann eine allgemeine Verzeihung und Gnade
ausrufen, wodurch er die versteckten Siammer wieder herbeibrachte, von welchen
er sich, als ein König von Siam, krönen liess. Zuvor aber hielten die
grundgetreuen Siammer beweglich um Erlaubnis an, ihrem entseelten Könige die
letzte Ehre zu bezeugen, und nach siammischen Gebrauch zu verbrennen. Welche
Treue dem Tyrannen sehr wohl gefiel, und dahero solches desto leichter zugab.
    In kurzem versammleten sich hierauf etliche tausend Priester, welche
beschlossen: man sollte ohne fernere Gebräuche den Leichnam des Königes, weil
die Königin bereits ohne Weitläuftigkeit die Glut empfangen, beizeiten
verbrennen, ehe solcher durch das eingenommene Gift allzusehr angegriffen, und
zu einiger Fäulnis gebracht würde: Denn, wofern dergleichen geschehen sollte, so
würde die Seele laut ihrer Lehre nicht selig werden. Darum richteten sie einen
Haufen von allerhand wohlriechenden Holze auf, legten den Körper drauf, steckten
das Holz mit Feuer an, und verbrennten solchen also unter erbärmlichen Heulen
und Wehklagen des Volkes. Hernach wurde die Asche in einen silbernen Kasten
getan, in ein, nach Möglichkeit ihres Zustandes wohlgeziertes Schiff gesetzet,
und unter Begleitung von vierzig Seroos oder Schiffen, die voller Talegrepos
waren, den Fluss abwärts geführet. Darzu kamen noch viel andere von dem Brande
überbliebene Schiffe, alle mit Volk und Stücken besetzet. Weil auch ihr
vornehmster Tempel von der Glut errettet worden: als kunnten sie über hundert
Barken noch mit ihren Abgöttern besetzen, deren teils wie Schlangen, Krokodile,
Löwen, Tiger, Kröten, Fledermäuse, Vögel, Böcke, Hunde, Katzen, Elefanten,
Geier, Habichte, Raben und andere Tiere anzusehen, und alle so wohl gemacht
waren, als ob sie lebeten. Dieser Götzen Gesichter waren alle in der Trauer mit
Seide bedecket. In einem andern grossen Schiffe aber sah man den König aller
Abgötter, die Schwelg-Schlange des tiefen Rauchhauses. Dieses Götzenbild hatte
die Gestalt einer erschrecklichen Schlangen, so dicke als ein grosses Fass und in
neun Ringe geschlungen, mehr denn hundert Spannen lang, mit emporhaltendem
Kopfe. Aus den Augen, Kehlen und Brust kamen schreckliche Feuerflammen hervor,
also dass sich jedermann vor diesem Ungeheuer entsetzen musste.
    Darneben war auf einem Gerüste, so drei Klaftern hoch, und köstlich gebauet
war, ein sehr schöner fünfjähriger Knabe mit Perlen, güldenen Ketten und
köstlichen Edelgesteinen, welche noch aus dem verborgenen Schatze des Heiligtums
waren, ganz bedecket, und mit Flügeln und Haaren von Golde wie die gemalten
Engel bezieret. Dies Kind hatte einen kostbaren Säbel in der Hand, damit
anzudeuten, als ob es ein Engel vom Himmel wäre, den Gott gesandt hätte, diese
grosse Menge der Teufel zu fangen, damit sie nicht des Königes Seele raubten, ehe
sie in ihre obere Ruhestatt käme. Als nun alle diese Schiffe in ihrer Ordnung
bei einer Pagode namens Quiay Poutar kamen, stiegen sie ans Land, und nahmen
zugleich die königliche Asche, nebst allen Götzenbildern und dem Knaben mit sich
heraus. Darauf zündeten sie alle diese Bilder an, und machten ein so grausames
Getöse mit Stücken, Glocken, Trommeln und Trompeten, dass es schiene, als ob sie
das Getümmele des Sturmes wieder vorstellig machen wollten. Da nun die Flamme
aufging, war es anders nicht, als eine wahrhaftige Hölle anzusehen, und wurden
in kurzer Zeit alle Bilder, Schiffe und was sonst drinne war, ganz eingeäschert.
Also musste das Feuer sowohl der Stadt als dem Könige allentalben zu Grabe
leuchten, und wollte fast eine allgemeine Gegenwart bei den Siammern gewinnen.
    Nachdem nun dieses alles verrichtet war, begaben sie sich zu Fusse wieder
zurücke in ihre noch stehende Häuser: da sie den folgenden ganzen Tag mit
geschlossenen Türen und Fenstern innen blieben, und durfte sich niemand
öffentlich sehen lassen ausser etliche arme Leute, die bei nächtlicher Weile mit
ungewöhnlichen Heulen und Weheklagen ein Almosen begehrten. Folgenden Tages
öffneten sie wiederum Tür und Fenster samt ihren übrigen mit Tapezereien
möglichst gezierten Pagoden, vor welchen Tafeln mit allerhand Rauchwerke
aufgerichtet waren. Hernach kamen sonderliche Männer zu Pferde, in weissen Damast
gekleidet, auf allen Strassen, und ruften nach dem Klange eines absonderlichen
Saitenspiels folgende Worte öffentlich aus: »O ihr betrübten Inwohner des
Königreichs Siam, die ihr, die harte Zornhand Gottes sattsam erfahren! Merket,
merket auf dasjenige, was man euch von Gottes wegen ansagt, und preiset alle
seinen heiligen Namen mit reinen und demütigen Herzen: Denn die Werke seiner
göttlichen Gerechtigkeit sind gross. Legt euer Leid ab, kommt aus euren Wohnungen
hervor, darinnen ihr verschlossen seid, und lobsinget von der Gütigkeit eures
Gottes, dieweil er euch einen neuen König gegeben hat, der ihn fürchtet und ein
Freund der Armen ist.« Als nun diese Ermahnung geschehen, hörte man viel
Saitenspiele sonderbarer Personen, die zu Pferde sassen, und in weissen Atlas
gekleidet waren. Darauf alle Umstehende mit zur Erde geschlagenen Angesichte,
erhabenen Händen und weinender Stimme riefen: »Wir stellen die Engel des Herrn
zu unsern Anwalten, dass sie stets den Herrn vor uns preisen.« Alsdenn gingen
alle Siammer aus ihren Häusern hervor, mit verstelleten Freuden gleichsam
tanzende, auf die Kirche Qviay Fanarel oder des Freudengottes zu, woselbst sie
einen süssen Geruch räucherten: Die Armen aber opferten Früchte, Reis und anders,
zu Unterhaltung der Priester. Als nun diesen Tag zugleich der König gekrönet
war, liess er sich durch die ganze Stadt in grosser Pracht sehen, wornach er sich
ins Lager begab.
    Nachdem nun durch eine schreckende Post aus Pegu die gewisse Nachricht
einlief, wie dass der König von Aracan mit einer gewaltigen Armee im Anzuge sei,
sowohl das Reich Pegu als auch die gefangene Prinzessin Banise durch gewaffnete
Hand dem Chaumigrem abzufordern; als stellete er schleunige Musterung an, und
befand, dass diese Belagerung über dreimal hunderttausend zu Fusse und
funfzigtausend zu Rosse der Seinigen gefressen hatte: wiewohl in der Stadt auch
über zweimal hunderttausend Seelen, welche Schwert und Feuer aufgerieben,
vermisset worden. Dessen ungeachtet erlaubete er nur der Armee drei Tage
auszuruhen, alsdenn sie sich zum Rückzuge nach Pegu sollten gefasst machen.
    Soudras aber wurde alsobald voran nach Brama geschicket, eine neue Armee
zuzurichten, und solche nach Pegu zu führen. Prinz Nherandi aber nebst der
Prinzessin wurden noch als Gefangene unter der Hand des Abaxars verwahret:
welcher sie denn dermassen wohl zu verhalten wusste, dass sie keinen grösseren
Freund hätten finden können. Und dies war der kranke Prinz auch höchst
benötiget, weil sich seine Wunde sehr gefährlich anliess, durch fleissige Vorsorge
aber des Abaxars und getreue Wartung der Prinzessin bald zur Besserung gebracht
ward. Doch schmerzte ihn diese Seelenwunde noch heftiger, da er den vierten Tag
sein Königreich mit dem Rücken als gefangener Sklav ansehen, und sein Vaterland
verlassen musste. Die Hoffnung aber, welche ihm schleunige Erlösung versprach,
tröstete ihn so weit, dass er nicht eher bis ausser Siam auf die Gelegenheit
seiner Flucht bedacht war. Inzwischen wusste Abaxar seine ingeheim verlobte
Fylane dermassen zu bedienen, und wohl in acht zu nehmen, dass sie sich auch in
ihrem Gefängnis glückselig schätzte, und mitten in ihrem Unglücke vergnügter
denn zuvor im väterlichen Schloss und Schosse war.
 
                                    Fussnoten
1 Im Königreich Dacin sind Völker, Batacchi genennet, welche Menschenfleisch
fressen, die ihre alte Eltern schlachten, und nebst denen erbetenen Nachbarn
verzehren. Der König braucht sie anstatt der Henker, welche den armen Sünder
totschlagen, Hände und Füsse abhauen, mit Salz und Pfeffer bestreuen, und also
auffressen. Balby, pag. 97.
2 Ist bei den Japonern eine Art der Lebensstrafe, welche sich es vor eine grosse
Gnade und Ehre halten, wann sie sich selbst mit einem Messer den Bauch
kreuzweise aufschneiden dürfen. Je beherzter sich nun einer hierinnen bezeiget,
je grösseren Ruhm hat er davon. Happel, Rel. Cur. Tom. I, p. 118.
3 Die Peguaner glauben: die Welt sei allbereit von vier Göttern regieret worden,
welche alle dahin wären: der fünfte Gott sei aber noch nicht angekommen, nach
dessen Hintritt die ganze Welt verbrennen werde. Alex. Ross. p. 141.
4 Dutroa wächst als ein gemeines Kraut in Ostindien auf dem Felde, wann man
dasselbe in Getränke oder Speise einnimmt, so verändert sich der Mensch, dass er
entweder einschläft, oder sich närrisch stellt, da er nichts sehen, erkennen
oder verstehen kann, es geschehe auch in seiner Gegenwart, was es wolle. Welches
zwölf bis vierundzwanzig Stunden währt, ehe der Mensch wieder zu sich selbst
kömmt, es sei denn, dass man ihm die Füsse bald mit kalten Wasser wasche. Dessen
bedienen sich öfters die unkeuschen Weiber in Ostindien, vermittelst dessen sie
angesichts ihrer Männer die unsichtbare Schmach pfropfen. Linschott [Linschoten,
Navigatio ac Itinerarium, Hagae Comitis 1599] part. 4 c. 7.
5 Sicken sind Reichs-Räte. Vid. Scultet. Reisebeschreibung pag. 95.
6 Balby setzet gar funfzehnmal hunderttausend Mann.
7 E. Franzisci. Trauer-Saal dritter Teil p. 998.
8 Aloysius Cadamastus cap. 71. Navigat. ad terras ignotas.
9 Ein Ticols ist ein Stück fein Silber von ein und Drittel Gülden.
10 Maser gilt halb soviel.
11 Fünftausend Catti machen sechstausendmal tausend Gülden.
 
                      Der Asiatischen Banise drittes Buch
Dass vorige Post aus Pegu mit der Wahrheit allerdings übereinstimmig gewesen,
solches erhellet sattsam hieraus, als Chaumigrem bereits das Königreich
Martabane, durch welches er seinen Rückzug nehmen musste, mit aracanischen
Truppen erfüllet, und alle Pässe besetzet fand: Indem Balacin mit fünfmal
hunderttausend Mann in Chaumigrems Abwesen in Pegu eingefallen war, und weil das
Land ganz von Waffen entblösset, bereits unterschiedene Festungen und Städte ohne
einigen Widerstand eingenommen hatte. Und so Balacin noch vor des Chaumigrems
Ankunft alsobald vor die Hauptstadt Pegu gerücket wäre, so hätte eine schleunige
Eroberung ihme gar leicht den Siegeskranz über ganz Pegu erteilen mögen. Wie
aber das gütigste Haupt auch nicht von Verrätern verschonet bleibet, also war es
auch hier ergangen, indem von unterschiedenen Staatsbedienten eiferigst
widerraten worden, dass man nicht alsobald das Herz angreifen, sondern nur alle
Adern verrennen sollte, so würde es von sich selbst verbluten. Welchem unseligen
Rate Balacin folgete, und den Feldherrn Chatigan mit hunderttausend Mann durch
Pegu in Martabane einbrechen liess, welchem sofort auch die Hauptstadt Martabane
ohne Schwertstreich zufiel, und dahero Chaumigrem einen schweren Durchzug haben
sollte. Allein der listige Fuchs nahm einen Umweg, und eilete nach äusserstem
Vermögen auf Pegu zu. Welches, als es Balacin erfuhr, ihm erst die Augen
eröffnete, und dannenhero der völlige Zug der aracanischen Armee, obzwar viel zu
spät, nach Pegu eingerichtet ward. Denn Chaumigrem war ihnen bereits zwei Tage
zuvorgekommen, und hatte ihnen den festen Pass Abdiara vor der Nase
abgeschnitten. Welches ein grosses Versehen des Chatigans gewesen, dass er über
den Pass Abdiara Pegu vorbeigegangen, solchen Pass unbesetzet, und also dem Feinde
ledig stehenlassen. Welches alles endlich dem König Balacin solchen Verdruss
erweckte, dass er fünfzehen verdächtige Häupter gefänglich einziehen, und auf die
Folter bringen liess: da sie denn insgesamt die starke Würkung des bramanischen
Goldes vorschützeten, und sich dahero wegen solcher Gelbsucht die Hauptader am
Halse mussten schlagen lassen. Dessen ungeachtet überwand der königliche Grossmut
des Balacins alle Beschwerlichkeiten, und setzte sich vor, seine Anschläge nicht
mehr auf die Vielheit der Ratenden, sondern nur auf wenig Getreue zu gründen.
    Inmittelst beging Scandor eine sonderbare Heldentat: denn indem ihm sein
König auf sein bittliches Ansuchen zweitausend Freireuter untergeben, damit dem
Feinde allen Abbruch nach eignem Belieben möglichst zu tun; so ging er jederzeit
mit diesen untergebenen Reutern voraus, und war nicht unglücklich, sowohl in
Kundschaften als auch in Einbringung vieler Gefangenen. Unter andern erhielt er
von einigen Gefangenen gewisse Nachricht, was massen dreihundert mit Pulver
beladene Wägen unter Begleitung sechstausend Mann von Macaon nach Pegu in
wenigen Tagen sollten geführet werden. Auf diese machte er alsobald einen
Anschlag, und weil er bei dem Schloss des alten Talemons durch den sonst
verhinderlichen Fluss vor diesem mit eigner Gefahr einen Furt erfunden hatte: als
ging er nach drei Tagen bei anbrechendem Abend mit seinem Haufen dahin, und weil
die grosse Dürre den Fluss noch seichter gemacht hatte: so setzte er glücklich
hindurch: Und wie ihm Weg und Steg wohl bekannt war, worzu der Mond sein Licht
reichlich erteilte, also rückte er in das oft erwähnte Tigerholz, weil er sich
wegen des nah gelegenen Feldlagers vor Pegu im freien Felde sehen zu lassen,
nicht getrauete. Als er nun an die Macaonische Strasse gelanget, und mitten in
dem Walde eine geraume Wiese antraf, stellete er sich auf derselben, weil der
Weg gleich über den grünen Weg ging. Indessen lief die Gewissheit ein, wie dass
der Feind in vollem Anzuge wäre, weilen sich bereits die Vortruppen merken
liessen. Dannenhero verteilete er seine Leute in drei Haufen, und versteckte sie
an drei Orten im Gehölze mit gegebenem Befehl, wie sie sich verhalten, und in
gewisser Ordnung angreifen sollten. In kurzen darauf kam der Vorzug des Feindes
zum Vorschein, und weil die Wagen noch etwas zurückblieben, setzten sie sich in
viertausend stark auf diesem Platze, in willens den Weg zu versichern, bis die
Wagen hindurch wären. Als nun diese herbeikamen, brach Scandor mit siebenhundert
Pferden hervor, und setzte mit grässlichem Geschrei unter die sichern Peguaner,
welche dahero sich anfangs ziemlich trennen liessen: nachdem sie aber die
ungleiche Macht vermerkten, setzten sie sich bald wieder, und nötigten den
Scandor, dass er ihnen den andern Haufen musste in der Seiten einbrechen lassen,
wodurch der Feind ganz verwirret ward, und nicht wusste, wie er sich wenden, oder
wider wen er fechten sollte. Endlich hatte Scandor die sämtlichen Trompeter zu
dem letzten Haufen gestellet, welche alle zugleich blasende dem Feinde in den
Rücken einfielen, und diesen zeigte erst der Feind sein Misstrauen, dass er sich
in die Flucht begab. Inmittelst säbelte Scandor tapfer hinter ihnen drein, und
verjagte sie so weit, als es Nacht und Sicherheit erlaubte. Hierauf packte er
die Wagen an, welche alle mit Büffeln bespannet waren: und weil es schon um
Mitternacht, liess er sie so geschwinde, als diese Tiere kunnten fortgetrieben
werden, nach obbemeldetem Furte treiben. Er aber ging mit zwölfhundert, Pferden,
nachdem er mehr nicht, denn hundertundsechsundfunfzig Mann verloren, hinter
ihnen her, um sie zu bedecken. Also kam er glücklich wieder über den Fluss: und
war diese verwegene Tat dem Glücke zuzuschreiben, dass er sich mit so wenig
Köpfen unter eine solche herumliegende Armee wagen, und eine so langsame Beute
wegführen durfte, da er doch in vier Meilen keinen Rückenhalt oder Entsatz zu
hoffen hatte. Balacin, als er gegen Mittag seinen Scandor mit der Beute ankommen
sah, verwunderte sich über alle Massen wegen solcher Kühnheit, und rühmte seine
Tapferkeit. Nachdem aber das Pulver abgeladen war, befanden sich über fünfzig
Wagen mit Golde beladen, welches gleich dem Pulver in Tonnen eingeschlagen war,
und über zwei Millionen betrug. Der König selbst wurde nicht wenig hierüber
erfreuet, und schenkte dem Scandor und seinen Leuten fünf Wagen voll Goldes
hiervon: wodurch sie dermassen aufgemuntert wurden, dass sie lieber alsobald noch
einen Streich gewaget hätten, wenn es der Schlaf, welchen sie vierzig Stunden in
steter Bemühung entraten müssen, zugelassen hätte.
    Nach wenig Tagen wurde durch abermalige Gefangene, welche Scandor
eingebracht, vor gewiss berichtet, dass Chaumigrem mit siebenmal hunderttausend
Mann zu Ross und Fuss und viertausend Elefanten über den Pass Abdiara ginge, in
willens, die Aracaner mit Gewalt anzugreifen. Welches fast ein allgemeines
Schrecken verursacht hätte, wenn nicht Balacin als ein kluges Haupt die Zahl des
Feindes alsobald um ein grosses vermindern lassen. Indessen war dem Könige von
Aracan nicht allerdings wohl zumute, weil er sich in allem nicht über viermal
hunderttausend Mann stark wusste, da hingegen der Feind fast mit gedoppelter
Macht im Anzuge war. Wie dem allen aber, so achtete er doch seine gerechte Sache
viel höher als noch eine Armee, dannenhero er sofort mit den vornehmsten
Kriegshäuptern zu Rate ging, und mit denselben feste beschloss, dem Feinde keinen
Fussbreit zu weichen. Weil aber bisweilen eine kluge List den grössten Sieg
erlanget, also war des weisen Korangerims Rat allen sehr angenehm: indem er mit
vielen Beweisgründen darlegte, wie nötig es sei, bei so ungleicher Menge sich
der List zu bedienen, und dem Feinde einen solchen Schrecken einzujagen, wodurch
seine Ordnung getrennet, und die Menge durch Furcht zur Flucht gebracht werde.
Denn, sagte er, mit offenbarer Gewalt durch den Feind brechen, und ihn aus dem
Felde zu treiben, sich bemühen kann ein jedweder tapferer Soldate: aber mit
Vorteil und ohne sonderliches Volk-Verlieren das Feld erhalten ist der klügsten
Kriegshäupter Eigenschaft. In einer Viertelstunde richtet ein verschmitzter
General oft mehr aus weder ein tollkühner Wagehals im ganzen Jahre. Wer seines
Feindes Trutz sich zu einem zweifelhaften Treffen verleiten lässet, da ihm der
Sieg durch einen nähern Weg könnte zuteil werden, der ist, als ein Verächter des
Sieges, der Überwindung nicht wert, und hat, so es hernach misslinget, nicht dem
Glücke, sondern seiner Tollkühnheit die Schuld beizumessen. Verstand und
Geschwindigkeit tun, wie in allen Sachen, also auch im Kriege das beste. Was
viel tausend Geharnischte verloren haben, das gewinnet eine einzige Erfindung
zuweilen im Augenblick wieder. Solches nun auch hier zu bewerkstelligen, riet er
ferner, sei zum schädlichen Schrecken und schreckenden Schaden keine bequemere
Sache als das blitzende Pulver, dessen man anjetzo durch Scandors Tapferkeit
einen grossen Überfluss hätte. Solches sollte man an einen gewissen Ort verbergen,
wo man vermeinte, dass der Feind ansetzen würde. So nun solches alsdenn durch ein
laufendes Feuer angestecket würde, so könnte der darauf erfolgende Schlag leicht
die halbe Unordnung setzen, und der Sieg auch durch blosses Schrecken erhalten
werden.
    Dieser Anschlag wurde allerseits beliebet, und hierzu schleunige Anstalt
gemacht. Es war aber ein sehr grosses und weites Feld, welches nicht zu übersehen
war: Auf demselben nahm Balacin vor Ankunft des Feindes den bequemsten Platz
ein. Nachdem man aber leicht wissen kunnte, woher der Feind kommen, und wohin er
sich setzen und stellen würde, so wurde an einem ebenen Orte eine grosse
Eröffnung, sechshundert Schritte lang, hundertundfunfzig Schritte breit: und
etwa drei Ellen tief in die Erde gemacht, dieselbe mit dem eroberten Pulver
ziemlich stark überschüttet, hernach aber mit Erde, Stein und Rasen dermassen
wiederum erfüllet und bedecket, und man fast keine Spur, viel weniger einigen
Argwohn, merken kunnte. Aus dieser Grube ging eine mit Zunder angefüllte Röhre
unter der Erden bis in das aracanische Lager, welche dermassen verwahret war, dass
sie kein Getümmel zu zerrütten vermochte.
    Inmittelst, nachdem sattsame Kundschaft von des Feindes mächtigem Anzuge
eingelaufen war, wurde bei Leib- und Lebensstrafe bei der Armee verboten, weder
auf Partei zu gehen, noch sich zu weit zu wagen, damit niemand gefangen, und
dieser Anschlag des lauschenden Pulvers verraten würde. Damit aber solches noch
weniger Verdacht geben möchte, dehnete Balacin seine Schlachtordnung so weit
aus, dass die Pulvergrube von der aracanischen Reuterei ganz bedecket wurde, und
zwar aus diesen Ursachen: Weil oftmals der Feind die Elefanten, welches Tier die
Pferde nicht vertragen können, gegen die Reuterei wendet, so würden die
feindlichen Elefanten die grösste Unordnung verursachen, wenn das Pulver unter
sie geriete: welches hernach der Ausgang bekräftigte, dass dieses sehr wohl
ausgesonnen wäre.
    Nachdem nun Balacin diesen Vorteil hatte, dass er das Feld meistenteils vor
dem Feinde einnehmen, und es sich nach Belieben bequem machen kunnte: so führte
er die sämtliche Armee aus dem Lager, und stellete sie mit Beirat des erfahrenen
Korangerims und tapfern Ragoa, aracanischen Unterfeldherrns, dermassen, dass es
nur anfangs eine allgemeine Einteilung der Völker zu sein schiene, welche sowohl
im Fall der Not in vollkommener Ordnung fechten als auch bei beobachtetem
Vorhaben des Feindes ohne Unordnung getrennet, und verändert werden kunnte.
    Als nun die Sonne fast die Höhe des Himmels erreichet hatte, sah man
ostenwärts von Abdiara her einen dermassen grossen Staub aufsteigen, dass er fast
die Wolken zu bedecken schiene, welches denn ein unfehlbares Zeichen des
feindlichen Anzugs war: Dannenhero denn ein allgemeiner Lärmen entstund, und
sich jedweder an seinen Ort verfügte. Balacin, nebst einigen hohen
Generalspersonen liess sich eifrigst angelegen sein, alle Unordnung zu verhüten,
dannenhero er vermittelst einiger frischen Pferde, die ganze Armee durchrennete,
und jedwedem Haufen, so viel es Zeit und Gelegenheit erlaubete, einen tapferen
Mut zusprach: welche insgesamt durch ein starkes Waffengeräusche und
Feldgeschrei ihre Begierden zum Fechten anzeigten. Weil auch einige Tage zuvor
bereits aller Vorteil abgesehen, und viel Geschützerhöhungen verfertiget waren,
so wurden die Stücken, deren eine grosse Anzahl, alsobald aufgeführet: Und weil
solche durch lauter erfahrne Portugiesen gehandhabet wurden, so waren sie den
ungeschickten Mohren des Chaumigrems weit überlegen. Wiewohl Chaumigrem kein
Geschütze mitgenommen hatte, indem er vermeinte, die Aracaner nur so trucken
aufzureiben. Alleine er wurde den Betrug seiner Meinung bald innen, als er von
dem aracanischen Geschützdonner bei erster Annäherung dermassen empfangen wurde,
dass die Verwirrung des linken Flügels die schädliche Wirkung durch zeitiges
Flüchten bald verraten hätte.
    Inmittelst hatte sich die feindliche Ordnung in zwei gespjetzte Flügel
geteilet, gleichsam als ob sie die Aracaner umringen gesonnen wären, also dass
der Kern von auserlesenen Bramanern in gevierter Ordnung das Mittel hielten, bei
welchen sich Chaumigrem in Person befand. Die Reuterei aber erstreckte sich auf
beiden Flügeln, dass sie obgemeldtermassen einer Scheren gleicheten, und waren die
Elefanten dem rechten Flügel zugegeben.
    Korangerim, welcher vorhin ein tapferer Feldherr gewesen, wegen Schwachheit
des Alters aber nicht mehr fechten kunnte, merkte gar bald des Feindes
Arglistigkeit, wie er sich auf seine Macht verliesse, und sie gleichsam mit
aufgesperreten Rachen zu verschlingen trachtete. Diesem nun vorzukommen wurde in
Eile die aracanische Ordnung ganz verändert, und mussten sich die Flügel, welche
in Reuterei, mit untermengtem Fussvolke bestunden, weit ausdehnen. Das Mittel der
Armee aber spitzte sich in Form eines Kegels vornen zu, und zielete gleichsam
auf des Feindes Trennung. Damit auch vorerwähntergestalt der Feind möchte sicher
gemacht, und auf die Falle gelocket werden, so wurden zwar die fördersten
Haufen, alle in einer Gleichheit über die Pulvergrube gestellet, jedoch hinter
jedweden eine solche genügsame Weite gelassen, auf welcher sie sich bei
verstelltem Weichen wieder setzen, und an die hintersten in einer Linie
schliessen kunnten. Wie nun die aracanische Reuterei meist auf den linken Flügel
unter Anführung des Ragoa gestellet war; also vermeinte ihnen Chaumigrem einen
gewaltigen Rang abzulaufen, wenn er ihnen die Elefanten entgegensetzte.
    Als nun also beide Heere in voller Schlachtordnung gegeneinanderhielten,
setzte sich Balacin in einem blau- und güldenen Kürass auf einen schönen
apfelgrauen Hengst, und wählete sich zu seinem Leibschutz sechshundert tapfere
Aracaner und vierhundert handfeste Portugiesen, deren letzteren noch etliche
Tausend bei der Armee waren, und denen wilden Aracanern heldenmässig vortraten.
Weil sich nun der Feind säumete, den Angriff zu tun, indem er wegen
abscheulicher Menge nicht so hurtig sich stellen kunnte: so liess Balacin
nochmals die gesamten Kriegshäupter vor sich fodern, und redete sie in
geschlossenem Kreise vor der Schlacht also an:
    »Tapfere Helden! Unverzagte Herzen! Dieses ist der Tag, welcher uns mit der
einen Hand Tod und Schande, mit der andern Ehr und Leben darbietet, und uns die
freie Wahl lässt, nach welchem wir greifen wollen. Weil ich denn des festen
Vertrauens lebe, es werde dieses jenem von euch allen vorgezogen werden: so
erweiset euch demnach heute als solche Leute, welche ihre Ehre dem Leben gleich
achten, und den Siegeskranz mit eigenem Blute zu bepurpurn begierig sein. Wir
haben einen mächtigen Feind vor uns, dessen Krieg in Mordlust beruhet, die
Ursache aber des Krieges ist mit grausamster Ungerechtigkeit erfüllet. Hingegen
führet die Gerechtigkeit unser Schwert mit eigner Hand. Ist nun diese auf
unserer Seiten, wie wir alle mit dessen gewisser Versicherung den Säbel
entblössen können, so haben wir gewisslich von den Göttern Hülfe und Beistand zu
hoffen. Und wo diese hülfreiche Hand anlegen, da kann weder Himmel noch Erde,
weder die Gewalt der Menschen, noch die Stärke der Elefanten etwas ausrichten.
Denn der, so ihnen das Wesen gegeben, kann auch ihnen die Macht benehmen.
    
    So saget demnach euren Unterhabenden, dass sie sich nicht vor der Menge der
Feinde entsetzen sollen. Denn die Menge der Waffen versichert nicht das Herze,
sondern eine gerechte Sache, tapferer Entschluss und die göttliche Gnade. Führet
ihnen zu Gemüte die Tapferkeit ihrer Vorfahren, und wie sie sich an den ererbten
Siegeszeichen und Ruhm ihrer Voreltern nicht sollen begnügen lassen, sondern
vielmehr bedacht sein, ihnen heute gleich zu werden, wo nicht zu übertreffen.
Stellet ihnen vor den Verlust des heutigen Tages: Denn sollten wir durch
unnötige Zaghaftigkeit dem Feinde weichen, ja ihm gar den Sieg durch allzu grosse
Liebe unsers Lebens in die Hände spielen, so wird es doch nur vergebens sein,
dem feindlichen Schwerte zu entfliehen, und es würde scheinen, als ob dieser
Platz nicht so gut mit Ehren zu sterben wäre als jener, den man erst durch
schändliche Flucht erreichet hätte. Der blutbegierige Tyrann würde sie bis in
ihre Hütten verfolgen, selbige über ihren Köpfen anzünden, ihre Weiber vor ihren
Augen schänden, und die Kinder an den Wänden zerschmettern: ja ein schmerzlicher
Tod würde das Ende ihres Jammers, und die höchste Schande die Frucht ihrer
Flucht sein. Hingegen bildet ihnen ein den unbeschreiblichen Nutzen heutiger
Siegeserlangung. Auf diesen Stunden beruhet Ehre und Wohlfahrt des ganzen Reichs
Aracan. Dieser Sieg machet uns ein so mächtiges Reich unterwürfig, welches sich
wohl ehemals gelüsten lassen, den Szepter von Aracan zu entwenden, und einen
sklavischen Tribut von uns zu fodern. Reichtum und Vermögen werden uns die
entseelten Feinde so reichlich mitteilen, dass die Armut auch bei dem Ärmsten ein
Fremdling sein wird. Die Sicherheit wird uns wieder nach Hause begleiten, und,
nachdem wir von den Unsrigen mit Freuden empfangen worden, uns in unsern
Wohnungen bewachen. Was aber über dies alles geht, ist die unsterbliche Ehre,
für welche ganze Asien zu enge sein wird: Ja, nachdem ihr mit den immergrünenden
Blättern ewigen Ruhms bezieret worden, wird euch solcher auf seinen Flügeln
weiterführen, als wo sich der weisse Bär im Schnee wälzet. Ich will euch
insgesamt dermassen vorgehen, dass ihr sehen sollet, wie auch ein gekröntes Haupt
sein Leben nichts achte, wenn es an die Ehre geht. Folget mir nach, fechtet
ritterlich und wisset: dass dieses Feld ein Schauplatz unserer Ehren sein wird.«
    Dies gesagt, verfügten sich alle Obersten und Hauptleute jedweder nach
seinem Truppe, und hinterbrachten diese tapfermütige Rede den Ihrigen, welche
hierüber ein abermaliges Feldgeschrei zu Bezeugung ihrer Tapferkeit dergestalt
erschallen liessen, dass auch die über der Armee fliegenden Vogel ganz betäubt als
tot herniederfielen. Hierauf begunnten die aracanischen Stückkugeln dermassen
sich unter die Feinde zu wagen, dass ganze Glieder aus den hintersten
hervorrückten, und die Stellen der Erschlagenen wieder füllen mussten. Dannenhero
erachtete Chaumigrem nicht vor ratsam, länger unter dieser donnernden Gefahr zu
stehen, indem die Portugiesen, so gewiss in ihrer tödlichen Kunst waren, dass
jedwede Kugel von der Höhe bei den Köpfen der Fördersten anschlug, und bis zu
den Füssen der Hintersten durchdrang, wodurch ein unsäglicher Verlust der Völker
entstund, und eine endliche Unordnung zu besorgen war. Welchem vorzukommen,
Chaumigrem Befehl erteilte, mit dem linken Flügel den Feind anzugreifen. Welches
auch sobald willigst verrichtet ward, denn sich die Peguaner erklärten, lieber
zu sterben als länger unter den Stücken zu stehen. Weil aber der rechte Flügel
auf aracanischer Seiten häufig mit bengalischen Rohrschützen durchflochten: so
liefen die Peguaner auf einen heftigen Stumpf, dass sie bald die Hitze ihres
Anfalles erkalten liessen, und sich nach der ersten Salve zum Weichen bequemten.
Nachdem sie aber von den Aracanern unverfolgt blieben, setzten sie sich wieder,
so gut sie konnten, wiewohl die Spitze des Flügels ziemlich abgebrochen schien.
    Als nun Chaumigrem sah, dass er auf dieser Seiten nicht viel auszurichten
vermochte, befahl er, den rechten Flügel nebst den Elefanten anzuführen, worauf
es denn etwas hitziger auf beiden Teilen herging, indem der linke aracanische
Flügel seinem rechten die Ehre, den Feind zum Weichen zu bringen, nicht allein
gönnen wollte. Allein die Wut der Elefanten trieb sie endlich zurücke, also dass
sie nicht allein weichen, sondern auch mit zehentausend Lanzen verstärket werden
mussten. Weil denn bei diesem Verlauf der vorgewichene peguanische Flügel
wiederum ansetzen kunnte, als wichen die Aracaner mit Fleiss, welchen Balacin mit
dem corpo folgete, um sich jederzeit in gleicher Linie zu halten. Chaumigrem
verstund dieses Weichen unrecht, und legte es vor eine Furcht aus, dahero er mit
der ganzen Macht nachzudrücken begunnte. Weil auch die Elefanten,
verlangtermassen, das Pulverfeld betreten hatten, so wurde dem Zunder im Lager
beizeiten Feuer gegeben: nachdem aber solcher etwas zu langsam eingerichtet war,
als mussten demnach die Aracaner eine grausame Gewalt, wo nicht gar die Gefahr
des Feldverlusts, ausstehen. Denn nachdem Chaumigrem mit der gesamten Macht als
eine Flut daherrauschte, und so nahe an die Aracaner rückte, dass sie einander
nunmehro fast mit den Händen erreichten, konnte es nicht anders sein, denn dass
sie die Säbel zur Hand nahmen, und durch solches Handgemenge ein grausames
Blutvergiessen erregeten.
    Hier föchte nun Mann vor Mann, und hielten einander die Spitze des Säbels
und der Lanze ins Gesichte. Es war keiner auf beiden Seiten so verzaget, der
sich dessen hätte entschlagen können, sondern es musste sich ein jeder, auch
wider Willen, seiner Haut wehren. Am schärfsten aber ging es auf dem linken
Flügel aracanischer Seiten her: indem die wilden Elefanten die Reuterei fast
verjaget hatten; daher Balacin die Portugiesen eilende nebst die Bengaler
stellete, welche die Reuter wiederum zum Stande brachten. Nach diesem erhub sich
nun auf allen Seiten das blutigste Gefechte, und fochten alle mit unverwendetem
Fusse Hand gegen Hand, als ob jedweder einen absonderlichen Kampf anzugehen
hätte. Es konnte keiner seinen Platz verändern, er machte sich denn durch den
Tod seines Feindes einen Raum, da er doch nicht weiter als nur einen Schritt
fortsetzen konnte, so fand er einen frischen Feind vor sich. Es konnten auch die
Verwundeten nicht aus dem Treffen weichen, weil sie den Feind von vornen, und
die Ihrigen von hinten her hatten, welche ihnen zugleich auf allen Seiten zu
Halse waren. Balacin ging allein ungemein tapfer vor, indem er allentalben wie
ein Blitz durchbrach, und so grimmig um sich hieb und stach, dass ihm ein jeder
willigen Platz machte. Deme dann die Portugiesen ungescheuet folgeten, und sich
gleichfalls sattsamen Raum macheten. Ob sich nun zwar ein jeder Aracaner so
tapfer erwies, dass ein jedweder, wo er stand, niederfiel, und dem Feinde keinen
Schritt einräumete: so dürften doch endlich die Elefanten mit ihren Rüsseln den
Sieg zu sich gerissen haben: Indem keine Rohrkugel auf dem harten Felle haften
wollte: dannenhero die Portugiesen alles Geschütze auf diesen unvernünftigen
Feind richten mussten; welches ungemeine Wirkung tat, und einig und allein den
Sieg auf feindlicher Seite verhinderte. Denn wenn so eine Hauptpille ein solches
Tier schnellete, so liess es sich nicht mehr regieren, sondern kehrete mit grösser
Ungestüm zurücke, und begab sich ins freie Feld, da es niederfiel und starb: bis
endlich die Glut des glimmenden Zunders erwünschtermassen das Pulver erreichte,
welches sich im Augenblick über und über entzündete, und mit einem so
entsetzlichen Knallen und Donnerschlage hervorbrach, dass das Erschüttern der
Erde einem ziemlichen Erdbeben nicht ungleich war. Da sah man mit
erschrecklicher Verwunderung die ungeheuren Elefanten in der Luft fliegen,
welche nebst denen Steinen und anderer Rüstung nicht wieder an ihren Ort,
sondern auf ihr eigen Volk zurücke fielen, und deren sehr viel erschlugen. Der
grausame Dampf überzog das ganze Heer des Chaumigrems wie eine Wolke, dass keiner
den andern sehen kunnte. Und dieser einige Schlag schlug auch dem Chaumigrem den
bereits in Händen habenden Sieg aus der Faust. Denn zu geschweigen der
schrecklichen Verwirrung, so die Elefanten verursachten, welche sich alsobald
zerstreuten, alles, was ihnen vorkam, zertraten, und in den zur Seiten gelegenen
Wald liefen, woselbst sie die Türme an den Bäumen zu Stücken zerbrachen, und die
Soldaten, so darinnen sassen, zu Boden warfen: so überfiel auch die ganze Armee
des Chaumigrems, welche den Ursprung dieses, aus der Erden entstehenden
Donnerwetters nicht wussten, ein so allgemeines Schrecken, dass sie Hand und Herze
sinken liessen, und ein jeder seine Sicherheit in der Flucht zu suchen trachtete.
Hierdurch bekamen die Aracaner bald gewonnen Spiel, und fielen den Feind noch
viel grimmiger an: diese verteidigten sich zwar noch etwas mit der Faust,
endlich aber erwählten sie insgesamt bei jetztsinkender Sonne die Flucht, und
hinterliessen den sieghaften Aracanern das Feld.
    Der erfreuete Balacin verfolgete sie mit aller Macht, bis an den Pass
Abdiara, allwo erst der Feind die grösste Niederlage leiden musste: weil die
Flüchtenden nicht alle zugleich durchdringen konnten, und die Hintersten
notwendig in der Aracaner Hände verfielen. Was nun geborne Peguaner waren, deren
wurden so viel, als bei solcher Gelegenheit geschehen kann, gefangen angenommen:
die Bramaner aber mussten ohne Unterscheid dem Säbel herhalten; worüber die
Aracaner endlich so ermüdeten, dass ihnen die Faust am Säbel erstarrete: weil
solches Metzeln bis nach Mitternacht zu Untergang des Monden währete, welcher
durch seine Entfernung allen Unterscheid zwischen Feinden und Freunden benahm,
und ihnen einen Stillstand bis zu anbrechendem Morgenlichte auferlegte.
    Sobald nun die Morgenröte über die fernentlegene Berge spielete, so war weit
und breit ausser den Fussstapfen nichts von dem Feinde zu ersehen, weil er den
nächtlichen Schatten fleissig zu Hülfe genommen hatte: Worauf Abdiara ohne
einigen Widerstand eingenommen und besetzet wurde. Hier liess nun Balacin die
ermüdete Reuterei ausruhen, und erwartete mit Schmerzen den Nachzug der
Fussvölker, welche sich mit Beutemachen und Aufhaschung der Elefanten etwas
verspätet hatten. Denn Korangerim befahl ihnen, sich der Elefanten zu
bemächtigen: Von denen sie aber keinen einigen würden bekommen haben, wenn ihnen
nicht einer von denen Gefangenen darinnen wäre behülflich gewesen, und zwar
dermassen, dass sie über fünfhundert Stück fingen, welche Korangerim mitnahm, und
den König dahin beredete, dass er von dem an jederzeit solche Tiere im Kriege
gebrauchete.
    Nach diesem herrlichen Siege hielt Balacin nicht vor ratsam, dem
geschlagenen Feinde viel Zeit zu lassen: sondern hielt alsobald nach
vierundzwanzigstündiger Ruhe eine Generalmusterung, in welcher er
zweiundfunfzigtausend zu Ross und hundertundfünfunddreissigtausend zu Fusse
vermissete: Dass also dieser Siegeskranz viel blutige Dornen zeigete, ehe er sich
die Rose der völligen Überwindung abbrechen liess. Der Feinde wurden über
zweihundertundvierzigtausend auf der Walstatt gezählt: und bei
hundertundachtzigtausend verloren in der Flucht ihr Leben, ohne die Gefangenen,
deren sich über funfzigtausend Peguaner freiwillig unterstelleten, und das
aracanische Heer auf zweihundertunddreiundsechzigtausend Mann verstärketen. Weil
solche Macht aber noch lange nicht zulänglich war, eine solche Hauptbelagerung,
wie Pegu erfoderte, vorzunehmen: so wurde eilend zurücke nach Aracan gesendet,
um sowohl diese freudige Siegespost denen daselbst sich befindenden Reichsräten
und Ständen zu hinterbringen, als auch noch hundertundfunfzigtausend benötigte
Mannschaft abzufodern, welche ihren Zug eiligst nach Pegu einrichten sollten.
Indessen ginge Scandor mit seinen Freireutern bis an das feindliche Lager vor
Pegu, welches er in solche Verwirrung brachte, als ob die ganze Macht der Feinde
vorhanden wäre: indem bereits ein solcher Schrecken ihre Gemüter beseelet hatte,
dass auch der blosse Name Balacin eine durchgehende Furcht erweckte. Als sie aber
endlich die Schwachheit des Scandors merkten, so hatte er hohe Zeit, wieder
seinen Abtritt zu nehmen, weil sie ihm sonst etwas Übels zugedacht hatten.
Nachdem sie sich aber, ihn zu verfolgen, nicht getrauten, kam er endlich mit
ziemlicher Beute davon.
    Sobald nun Scandor dieses berichtete, dass der Feind vor der Stadt ein
Feldlager geschlagen hätte: musste alsobald Ragoa mit dreissigtausend zu Ross und
fünfzigtausend zu Fusse bei eiteler Nacht aufbrechen, und dem feindlichen Lager
zuziehen, Balacin aber folgete mit dem Geschütze und der ganzen Macht hernach.
    Ragoa sähe bei aufgehender Sonnen das Lager von fernen liegen, welches sich
von Pegu an bis an einen grossen Wald erstreckte, dannenhero er sich auf die
linke Hand nach dem Walde schlug, wodurch er ganz verdeckt bis fast an das Lager
kam. Sobald aber die peguanischen Wachen, indem sie seiner ansichtig worden,
Lärmen machten: tät auch Ragoa zugleich den Angriff mit zwanzigtausend Mann.
Weil nun der Feind vermeinte, es wäre nur abermals so eine verlorne Partie wie
zuvor Scandor gewesen: So begunnten sie sich anfangs tapfer zu wehren, und
wollten durchaus keinen Eintritt in ihr Lager verstatten: in welcher Sicherheit
und Meinung auch das meiste Lager verblieb, und nur einige tausend Mann zur
Gegenwehr stelleten. Nachdem sich aber die übrige Macht der Aracaner, sowohl
Reuter als Fussvolk, aus dem Walde hervorbegab, und sich in dem weiten Felde weit
ausdehnte, auch das Fussvolk zugleich das Lager bestürmte; entstund ein Geschrei,
der Feind stünde mit der ganzen Macht vorm Lager. Weil nun Furcht und Schrecken
annoch alle Gemüter beherrschte: so erhub sich abermal ein allgemeines Flüchten
nach der Stadt; und, indem niemand das Lager zu beschützen, bedacht war, so kam
es die Aracaner leicht an, solches mit stürmender Hand zu erobern, da sich denn
ein solches Metzeln und Würgen von neuen erhub, dass das ganze Lager mit Blute
befeuchtet wurde: indem über hundertundzwanzigtausend Mann die Stadt nicht
erreichen konnten: Also war die mächtige Armee von siebenhunderttausend Mann in
wenig Tagen zerschmolzen.
    Als nun gegen den Mittag Balacin mit der übrigen Armee nachfolgete: sahen
erst die Peguaner und Bramaner mit Schmerzen ihren Irrtum: dahero sie sich teils
vor Scham, teils vor Grimm nicht zu lassen wussten, und bald anfangs mit starken
Ausfällen sich zu rächen suchten. Hier fanden nun die Aracaner ein
wohlbestelltes Lager: da sie nicht allein zu dessen Befestigung keine Hand
ferner anlegen noch sich um einige Lebensmittel bekümmern durften; sondern auch
mit so reicher Beute versehen wurden, dass es schien, als ob die Stadt ihren
Überfluss dem Lager anvertrauet hätte. Balacin, als er sah, wie die göttliche
Rache sich wider den Chaumigrem zu ermuntern schiene, fasste dahero einen
tapfermütigen Entschluss, der aracanischen Hülfe unerwartet, eine würkliche
Belagerung anzufangen. Dannenhero er das Lager gegen die Stadt gebührend
erweitern, auch sofort Pegu von der Mitternacht- und Abendseite berennen liess.
    Es wird aber nötig sein, die Stadt Pegu kürzlich zu entwerfen: solche ist
nun in zwei Teile geteilet, deren das eine die alte, das andere Teil die neue
Stadt benennet wird. Die alte stimmet den Gebäuden nach mit dem Namen überein,
welche sehr alt, weitläuftig und gross sind, jedoch ohne einige sonderliche
Befestigung. Die neue aber, welche auch wegen des kaiserlichen Sitzes die
vornehmste ist, lieget an einem der allerlustigsten Orte, unter dem sechzehnten
Grad, und zwar gegen Mitternacht. Sie ist in das Gevierte gebauet, und mit einer
sehr starken Mauer umfangen, durch welche vier Tore gehen, also dass jedwede
Seite gegen Osten, Westen, Süden und Norden ein Tor zeigt. Diese Mauer wird von
einem sehr breiten und tiefen Wassergraben umgeben, welcher durch die Krokodile
so unsicher gemacht wird, dass dem Ufer niemals zu trauen ist: Indem solche
ungeheure Tiere sich zu dreissig Schuhen lang darinnen aufhalten, da fast kein
Tag vergehet, dass nicht einige Menschen von ihnen gefressen werden. Dennoch
werden solche Bestien von diesen törichten Leuten so hochgehalten, dass sie nicht
im geringsten beleidiget, sondern noch dazu verehret werden, weil sie glauben,
welcher Mensch von einem Krokodil erwürget würde, dessen Seele führe von Mund
auf gen Himmel. Es sind diese Tiere so arglistig, dass, wenn die Leute des Tages
mit ihren Geschirren kommen Wasser zu schöpfen, sie sich unter den Schilf
verbergen, die Armseligen alsdenn bei den Füssen oder Händen erwischen, und sie
also mit sich unter das Wasser schleppen: da sie solche Körper in ihre Höhlen
tragen, und nicht eher verzehren, bis sie ganz verfaulet und vermodert sind;
denen Elefanten aber, welche täglich in diesem Wasser baden, tun sie nichts,
weil sie sich vor ihrer Grösse entsetzen. Die kaiserliche Burg stehet mitten in
der Stadt, und ist gleichsam eine sonderliche Festung, mit Gräben und zwei Toren
von der Stadt abgesondert: ausser dass ein langer steinerner und gewölbter Gang
bis an die Süden-Mauer der Stadt geht, und sich daselbst durch die so genannte
Tigerpforte einen Ausgang machet.
    Balacin bemühete sich indessen mit den vornehmsten Kriegeshäuptern
fleissigst, alles aufs genaueste zu erkundigen: wie stark die Mauern, Türme und
Tore wären? wie man die heimlichen Ausfälle entdecken, sich davor versichern;
und wie man das Lager vor des Feindes Geschütze bedecken könne? Ob die Gräben
morastig oder kieslig, und wie solche von dem Ungeziefer der Krokodile zu
reinigen wären? Ingleichen, ob man die Schwäche oder Stärke der Mauer zuerst
angreifen solle? Ob die Brustwehren von Stein, Erde oder Holz, und was mehr
dergleichen nötiges Bedenken in solchen Fällen erfodert wird: indem Balacin wohl
wusste, dass eine Festung zu erobern und einzunehmen, mehr auf der Gewalt und
Geschicklichkeit, als auf dem Glücke beruhe: ja, er hatte es bereit mehr als zu
reiflich erwogen, und sich diese Rechnung beizeiten gemacht: dass Pegu zu
belägern, und sich dessen zu bemächtigen, ein solches Vorhaben sei, das ihm viel
Mühe, Unkosten und blutige Arbeit verursachen würde: welche grosse
Beschwerlichkeiten er alle mit standhaftem Entschluss, wohl gefasstem Rat, reifem
Gemüte und gnugsamer Stärke überwinden musste, wo er anders die Ehrenpalmen
seines Sieges zu vollkommenem Wachstum bringen, und sich die schöne Banise zur
Belohnung seiner mühsamen Tapferkeit zueignen wollte.
    Indem nun das ganze Lager im Begriff war, der Belagerung einen würklichen
Anfang zu machen: Entstund an der Mittagsseite in der alten Stadt Pegu ein
heftiger Lärmen, welcher auch sofort das ganze Lager in die Waffen brachte,
indem eine starke Armee zu Ross und Fuss der alten Stadt zuzog: Ohne, dass es Feind
noch Freund wusste, ob es Feind oder Freund wäre? Sobald aber dieses unbekannte
Kriegesheer sich der alten Stadt näherte: bestürmete es solche dermassen, dass man
dieselbe in einer Stunde mit Mord und Brand erfüllet sah. Folgenden Tages
befestigten diese fremde Sieger, zu jedermanns Verwunderung, die alte Stadt auf
solche Art, dass man ihren Sinn, Pegu gleichfalls zu belägern, leichte daraus
abnehmen kunnte. Dem Könige Balacin war nicht allerdings wohl zumute, indem er
sich gegen Pegu noch lange nicht stark genung befand: Sonst hätte er Alt-Pegu
wohl selbst zuvor weggenommen; sollte er nun etwan einen gefährlichen Nachbar an
die Seite bekommen, so hielt er sich viel zu schwach, seine Macht zu teilen;
dannenhero er den aracanischen Hülfsvölkern Adlersflügel anwünschte.
    Wer nun diese unersuchte Mitgehülfen waren, solches wurde dem besorgten
Balacin bald durch einige Abgeordnete von selbigem Heer entdeckt. Diese legeten
folgende Werbung ab: Es liesse nämlich Prinz Zarang von Tangu sich erkundigen:
aus welcher Macht, oder aus was Ursachen sich Balacin unterfangen hätte, den
Kaiser von Pegu zu bekriegen? da er doch wohl wüsste, wie er sich zuvor hätte
bemühen sollen, ihn, als einen alten Feind, zu dämpfen, und alsdenn unverhindert
das Verlangte zu suchen. Nun wüsste er sich zwar wohl zu entsinnen,
welchergestalt sich Balacin bei dem blühenden Wohlstande des Xemindischen Hauses
einige vergebene Gedanken wegen der Prinzessin Banise machen dürfen: welche, dass
sie möchten erloschen sein, und er sich nicht etwan ihrentwegen mit einer
solchen Macht vor Pegu bemühet habe, er gänzlich verhoffete: indem erwähnte
Prinzessin der einzige Magnet wäre, welcher das Eisen seiner Waffen vor diese
Stadt gezogen hätte, des festen Vorsatzes, entweder zu sterben, oder sie zu
erwerben. Sollte aber ja, über Verhoffen, diese das ungerechte Absehen der
aracanischen Warfen sein: so wäre er zwar mächtig genug, sie mit Gewalt von
solchem Vorhaben abzuhalten; und zu lehren, wie die Liebe keine Nebenbuhler
leide; weil aber hieraus dem Feinde ein grosser Vorteil erwachsen dürfte: so
würde ein Zweikampf diese Sache am besten entscheiden. Dannenhero fodere er
Balacinen zwischen beide Armeen in voller Rüstung auf Leib und Leben aus, da
denn der Fall des Überwundenen dem andern den Sieg und die Prinzessin überlassen
und zuerkennen sollte.
    Balacin nahm solches auf eine Stunde Bedenkzeit an, und weil er nicht vor
ratsam hielt, weder diesen verzweifelten Vorschlag einzugehen, noch ihn durch
harte Antwort bei so schwachen Zustande der Armee Anlass zu einigem gefährlichen
Unternehmen zu geben, als liess er ihm wider zu entbieten: Dass es vors erste
denen Waffen an ihrem Ruhme ziemlich nachteilig wäre, so man solche bloss um
eines Frauenzimmers willen wider den Feind gebrauchte: Dahero liesse er den Prinz
von Tangu versichern, dass ihn ausser diesem noch viel höhere Ursachen
hiehergetrieben hätten, welche ihm zu entdecken, er vor bedenklich hielte. Was
die Ausforderung anlangete, so würde er keine Ursache an seiner Tapferkeit zu
zweifeln, sondern wohl erfahren haben, wie er dessen Abgeordneten in Pegu mit
eigener Hand des Zweikampfes gewürdiget, und ihm begegnet hätte. Vorjetzo aber
wäre er in dem Zustande, da er nicht anders, denn sich mit etliche
hunderttausend Mann im Felde herumzuschlagen, gewohnet wäre. Wegen der
Prinzessin, so könnte er nicht leugnen, wenn er die Stadt eroberte, dass er sich
dieselbe Beute vermöge der Kriegsraison zueignen würde. Würden aber die Götter
dem Prinzen von Tangu hierinnen den Vorzug gönnen, so möchte er sich gleichfalls
ihrer anmassen.
    Ob nun zwar diese tapfermütige Antwort dem Zarang nicht allerdings anständig
war; so liess er sich doch den falschen Vorschlag belieben, dass derjenige,
welcher die Stadt zuerst eroberte, auch die Prinzessin unter die Beute zählen
sollte.
    Hier wollen wir diese zwei Löwen den Tiger bestreiten lassen, und uns nach
dem Prinzen Nherandi umsehen, wo dieser in solcher Unruhe geblieben sei?
Erwähnter Prinz war in währendem Herauszuge nach Pegu völlig gesund worden,
dahero ihm denn seine Gefangenschaft desto beschwerlicher fiel, und, nachdem er
von der Prinzessin, seiner Schwester, und dem treuen Hüter Abaxar abgesondert
war, welche nach Pegu in die Burg zur Verwahrung geschicket worden: so war ihm
dieses eine unerträgliche Seelenpein, also gleichsam, durch die Augen der
Wächter gebunden, den Feinden seines Reiches zu folgen. Dannenhero er sich
äusserst bemühete, einen und andern, dem seine Obsicht anvertrauet war, auf seine
Seite zu bringen: Welches ihm endlich, weil zumal bei solcher Kriegsverwirrung
nicht sonderliche Achtung mehr auf ihn gegeben wurde, auch gelunge, dass er durch
vieles Versprechen vier Bramaner bewegte, mit ihm durch und nach Siam zu gehen.
Sie verwandelten demnach ihre Kleider, und verliessen noch auf den martabanischen
Grenzen gegen Pegu das bramanische Lager. Weil nun, wie vorerwähnet, Martaban
bereits durch den aracanischen Feldherrn meistens erobert und besetzet war: als
funde der Prinz bald seine Sicherheit, indem er sich dem Chatigan zu erkennen
gab, und von demselben freudigst an- und aufgenommen wurde. Von hier aus sendete
er alsobald geheime Boten nach Odia und andern siammischen Orten, denen er seine
Freiheit hinterbringen, und sie ihrer Pflicht und Treue erinnern liess. Wo sie
nun das bramanische Joch vom Halse werfen, und ihn, als rechtmässigen Erben, vor
ihren König erkennen und annehmen wollten: so wollte er in kurzer Zeit mit
dreissigtausend Mann erscheinen und den väterlichen Erbsitz mit Gewalt und durch
ihre Hülfe behaupten. Denen Siammern war dieses ein angenehmer Ton in ihren
Ohren, deswegen sie ihrem Prinzen tausend freudige Willkommungen
entgegenschickten, und um Beschleunigung der versprochenen Gegenwart beweglichst
anhielten. Ja ihre Freude kunnten sie so wenig bergen, dass es bald die von dem
Chaumigrem hinterlassene Besatzungen merkten, und sich dahero nichts Gutes
träumen liessen, weil durch das ganze Reich nur hunderttausend Mann verteilt
waren, welche wider diese Flut der erbitterten Siammer ein viel zu schwacher
Damm waren. Nherandi säumete hierauf nicht, sondern ging mit zwanzigtausend
Aracanern, welche ihm Chatigan untergab, auf Siam zu: sobald er aber nur die
Grenzen erreichet hatte, erregete sich ein solcher Zu- und Auflauf, dass er sich
in wenig Tagen mit zweimal hunderttausend Mann umgeben sah. Mit dieser Macht
rückte er vor alle Städte des Reichs Siam, die er auch alle eröffnet, und vom
Feinde entlediget fand, weil die Besatzungen entwichen, und sich gar verlaufen
hatten.
    Das einige Odia wollte sich sperren, indem Chaumigrem fünfunddreissigtausend
Bramaner hineingeleget hatte, weil er den Peguanern nicht allerdings trauen
durfte. Nachdem aber Nherandi ihnen heftig drohen liess, die Bürgerschaft sich
auch zu einem allgemeinen Auflauf wider die fremde Besatzung rüstete: als nahmen
sie einen Akkord willig an, wodurch sie sich bei dem heiligen Feuer verpflichten
mussten, in Jahr und Tag ihrem Herrn wider keinen Feind zu dienen, sondern sich
geraden Fusses nach ihrem Vaterlande und darinnen zur Ruhe zu begeben. Worauf
diese Besatzung aus und Nherandi mit unbeschreiblichem Jauchzen und Frohlocken
des Volkes einzog: Da er sich denn alsobald krönen liess, nachdem er innerhalb
zehen Tagen das ganze Reich fast ohne Schwertschlag wiederum erobert hatte.
Nachdem nun auch die gewisse Zeitung von dem angefangenen Kriege zwischen Pegu
und Aracan einlief: so rüstete sich König Nherandi in Eil, denen Aracanern mit
einer fliegenden Armee von hundertundfunfzigtausend Mann zu Hülfe zu gehen, und
sich hierdurch an dem Chaumigrem zu rächen. Zu welchem Ende eilends etliche
tausend Wagen angeschaffet wurden, alles, was zu einem fliegenden Lager nötig
wäre, zu verführen. Er nahm nicht mehr denn dreissig Stücke Geschütz mit sich,
und das königliche Rüstaus in Odia, welches der Brand noch verschonet hatte,
musste eine grosse Menge Röhre, Schilde, Pfeile, Bogen und Säbel hervorgeben. An
Pulver mangelte es auch nicht; weil hierzulande der Salpeter wohlfeil ist, also
dass die Siammer kein Kriegszeug von entlegenen Orten herbeizuschaffen nötig
haben, sondern andern noch wohl aushelfen können. Hierbei haben sie männliche
und tapfere Herzen, sind nicht tollkühn, sondern sehr arglistig auf Parteien,
dabei zwar etwas langsam, doch vorsichtig in Feldzügen und Schlachten.
    Indem nun also halb Asien in erschrecklichen Kriegsflammen stunde, welche
der gottlose Chaumigrem mit seiner verdammten Regiersucht angezündet hatte,
hielte es die junge Königin von Ava vor ein Zeichen grosser Undankbarkeit, wenn
sie nicht bei solcher Gelegenheit ihr erkenntliches Gemüte gegen ihren wertesten
Bruder Balacin würklich erzeigete: Dannenhero sie sich gleichfalls mit einem
leichten Heer von dreissigtausend zu Rosse und siebenzigtausend zu Fusse gefasst
machte, das Lager vor Pegu zu verstärken. Weil nun die Entlegenheit ihr zu eilen
gebot, als säumete sie sich nicht, in eigener Person aufzubrechen und den
geraden Zug südwärts nach Pegu zu nehmen. Welche wir auf dem Wege verlassen und
sie bald in Ketten und Banden finden wollen: nachdem wir zuvor die peguanischen
Mauren übersprungen, und den verliebten Zustand des Chaumigrems und Rolims
betrachtet haben.
    Es begunnte Chaumigrem allgemach gegen die Prinzessin zu erkalten, weil ihn
teils der Rolim von dero Anschauen beweglichst und arglistig abgehalten, dass
also die Zeit ihr Bildnis aus seinem Herzen ziemlich vertilget hatte: teils weil
der schmerzliche Verlust der Schlacht sein Gemüte dermassen eingenommen hatte,
dass die Liebe vor Verdruss fast keinen Platz mehr darinnen finden kunnte. Wie
aber der ungerechte Neid dasjenige, was er nicht haben kann, auch andern nicht
gönnen will: also war er eifrigst dahin bemühet, sie um das Leben zu bringen;
welches aber der Rolim jederzeit kräftigst hintertrieb, in der Hoffnung lebende,
es werde endlich die Prinzessin seine Treue erkennen, und solche mit würklicher
Liebesgeniessung belohnen. In welcher Meinung er sich abermals zu der Prinzessin
verfügte, und sein abermaliges Ansuchen etwas schärfer wiederholte.
    »Prinzessin«, sagte er, »es ist nun nicht mehr Zeit, sich mit eingebildeter
Keuschheit und vermeinter Tugend zu beschirmen, sondern Sie muss einmal die Augen
eröffnen, und denjenigen, welcher Ihre Schande und Tod verhindert, mit
verliebten Blicken betrachten. Der Kaiser hat seine Liebe in tödlichen Hass
verwandelt, und so mein Ansehen nicht im Wege stünde, so hätte er Sie längst in
tausend Stücke zerfleischen lassen. Will Sie nun einem schmählichen Tode
entgehen, so bequeme Sie sich meinem verliebeten Willen, und wisse, dass das
grüne Holz von dem dürren leichter könne entzündet werden als von
seinesgleichen. Sie befördere Ihre Wohlfahrt, rette Ihr Leben, und stille mein
Verlangen!« Weil er nun dieses mit sehr frechen und nachdenklichen Gebärden
vorbrachte, so wurde die Prinzessin durch innerlichen Tugendeifer dergestalt zu
heftigem Zorne bewegt, dass sie solches unverschämte Ansinnen mit diesen harten
Worten beantwortete: »Schäme dich ins Herz, du alter stinkender Geilheits-Bock!
Sollen die Götter durch deine unzüchtige Scheinheiligkeit dermassen beleidiget
werden? O so schlage doch der Blitz deinen grauen Schädel entzwei! Ist dieses
wohl jemals von einem solchen alten Bufiess, geschweige einem geweiheten
Oberpriester der Gotteit, erhöret worden? darum schweige, und beunruhige mich
nicht ferner! denn du und der Kaiser sollt wissen, dass ich eher mein Eingeweide
um einen glühenden Pfahl will winden, ja mich lebendig in einen Ameishaufen
verscharren lassen, ehe ich das geringste, was Zucht und Tugend beleidiget,
eurem vermaledeiten Willen einräumen will. Sollte ja aber der Kaiser mit Gewalt
meinen Willen zu brechen suchen, so soll dieses Messer meine Seele von aller
Schande befreien, und meinen toten Körper eurer Tyrannei hinterlassen.« - »O
unbesonnenes Weibesbild!« antwortete der Rolim mit verzweifelten Gebärden, »so
bist du denn, du schwaches Wesen, dermassen verblendet, dass du auch deine
Ohnmacht nicht erkennen kannst! Missbrauche derowegen meiner Geduld nicht ferner,
oder ich will dir zeigen, was vor eine begeisterte Kraft in meinen Armen und
Lenden stecke.« Worüber sich die Prinzessin dermassen ereiferte, dass ihr die
Tränen aus den Augen drungen, und ihn mit diesen Worten bedrohete: »Entferne
dich, du unzüchtiger Hund! oder dieses Messer soll dich lehren, wie du einer
kaiserlichen Prinzessin begegnen sollst.« - »Verzweifelte Tat!« hub der Rolim
an, »darf sich wohl ein sterblicher Mensch unterstehen, auf einen geheiligten
Oberpriester das Messer zu zücken? Diese Freveltat muss mit der Ehre bezahlet
werden.« Worauf er sie ganz verwegen anfiel, ihre beiden Armen begriff, und
seine alten Kräfte dermassen gebrauchte, dass sie seiner Stärke weichen, und zur
Erden fallen musste. Ob sie nun zwar in solchen Ängsten beweglich um Hülfe rufte,
so war doch der Ort von allen Menschenohren dermassen entfernet, dass sie ohne
eigene Hülfe ungezweifelt den schmerzlichen Verlust ihrer Ehre würde haben
erdulden müssen. Als er aber zu Vollziehung seines verdammten Willens notwendig
die eine Hand befreien musste, bekam sie Gelegenheit das Messer in die befreite
Faust zu nehmen, welches der Rolim vor rasender Brunst nicht merkte. Mit diesem
fuhr sie ihm unter der rechten Brust hinein, dass die Spitze im Herzen
steckenblieb, und er fast im Augenblick mit dem Blute die schwarze Seele von
sich stiess.
    Hier sähe nun zwar die Prinzessin ihre Ehre gerettet, der Leib aber sollte
dieses büssen. Denn als kurz nach verbrachter Ehrenrettung die zugegebenen Frauen
in das Zimmer traten, und den Rolim in seinem Blute, die Prinzessin auch damit
ganz bespritzet stehen sahen, fingen sie ein entsetzliches Zetergeschrei an, und
liefen in der Stadt als unsinnig herum, den Mord ihres grossen Rolims allen zu
verkündigen. Worauf allentalben ein solch Getümmel entstunde, als ob der Feind
bereits die Mauren überstiegen hätte. Es versammleten sich alsobald viel tausend
Menschen um den Tempel herum, also dass die von Chaumigrem dahin geschickte
Reichsräte, die Sache zu untersuchen, kaum durchzudringen vermochten.
    Als nun diese den blutigen Körper des Rolims erblickten, und zugleich die
Prinzessin mit unerschrockenem und ernstaftem Angesichte auf einem Stuhle
sitzen sahen, hub der erste alsobald an zu reden: »Welches Unmensch hat sich
unterstehen dürfen, dieses heilige Blut zu vergiessen? Keine menschliche, viel
weniger eine Weiberhand, hat diese Greueltat verrichten können. Gewiss, ein
hundertfacher Tod wird viel zu wenig sein, dieses grausame Verbrechen nur im
wenigsten zu büssen.« - »Ein tausendfacher Tod«, fiel ihm hier die Prinzessin in
die Rede, »soll mir erträglicher sein als der geringste Verlust meiner Ehre.
Forschet nur nicht lange nach dem Täter: Denn hier ist die Faust und das Messer,
mit welchem kein heiliger Priester, sondern ein Ehrenschänder und alter
Bösewicht nach Verdienst ist abgestrafet worden. Denn Ihr sollt wissen, dass auch
der Kaiser, so er sich solcher Gewalttat, wie dieser alte abgestochene Bock,
unterfangen hätte, nichts anders als Tod und Stich von mir sollte zu gewarten
haben.« - »O höchste Verzweifelung!« war des andern Rede, »o abscheuliche
Verblendung! die dir keine guten Götter können beigebracht haben, dass eine so
heilige Liebe sollte des Todes würdig sein. Doch wirst du deine Torheit bald mit
Blut beweinen müssen.« Worauf der Körper des Rolims aufgehoben, und in die
Vorhalle des Tempels gesetzet; die Prinzessin aber dermassen mit Ketten
beschweret wurde, dass sie unter solcher Last kaum fortzuschreiten vermochte, und
in ein besonder Gefängnis geführet.
    In was vor Würden nun die Person des Rolims bei den Peguanern müsse gewesen
sein, solches ist leicht aus den prächtigen Umständen der Verbrennung und Wahl
eines neuen Rolims zu ermessen. Chaumigrem machte selbst in Person alle Anstalt
zu folgendem Leichbegängnis, und die vom Blute gesauberte Leiche wurde auf eine
erhabene Bühne geleget, welche mitten auf dem Markte darzu aufgerichtet, mit
Flor bekleidet, und mit drei Himmeln von geblümten Atlas bedecket war. In der
Mitten sah man einen Tron, zu dem man auf zwölf Staffeln steigen musste,
welcher wie ein Grab zugerichtet, und mit vielen Gold und Edelgesteinen bezieret
war. Aussen herum stunden viel silberne Leuchter und Feuerpfannen, darinnen man
allerlei Räuchwerk brannte, weil der Leichnam wegen grosser Hitze bereit zu
riechen begunnte. Solcher wurde die ganze Nacht von sechstausend Pfaffen, als
Bicos, Grepos, Menigrepos, Taligrepos und Guimons bewacht, welche ein
unaussprechliches Wehklagen verführeten.
    Zwo Stunden nach Mitternacht kam aus der Kirchen Quiay Figrau, das ist des
Gottes der Sonnenstäublein, ein Reihen, von mehr denn fünfhundert nacketen
Kindern, welche an dem Halse und mitten um den Leib mit Stricken und Ketten
gebunden waren. Auf ihren Häuptern trug jedes ein Bündlein Holz und in der Hand
ein Messer, sungen auch zugleich in zweien Choren einen so traurigen Ton, dass
sich die Zuhörer des Weinens nicht wohl entalten kunnten. Unterdessen sprach
einer von den beiden Choren: »Du, der du die Güter des Himmels besitzest, lass
uns nicht als Gefangene in dieser Pilgramschaft!« Darauf ihm der andere Chor
antwortete: »Auf dass wir uns mit dir in den Gütern des Herrn erfreuen!« Darnach
fielen sie alle vor dem Gerüste, auf welchem die Leiche stund, nieder, und ein
Grepos, der über hundert Jahr alt war, kniete zugleich, hub seine Hände gen
Himmel, und tat im Namen dieser Kinder einen Vortrag. Darauf ihm ein ander
Grepos im Namen des Verstorbenen also antwortete: »Dieweil es Gott beliebet,
mich durch seinen heiligen Willen aus der Erden zu erschaffen: so hat es ihm
auch gefallen, mich wieder zu Erde werden zu lassen. Ich befehle euch, meine
Kinder! dass ihr diejenige Stunde fürchtet, in welcher uns die Hand des Herrn in
die Waagschale seiner Gerechtigkeit stellet.« Worauf alle andere mit grossem
Geschrei antworteten: »Der höchste Herr, der in der Sonnen herrschet, wolle
nicht ansehen unsere Werke, auf dass wir von der Strafe des Todes erlöset
werden!«
    Nachdem nun diese kleine Kinder abgezogen waren, kamen andere von zehen bis
zwölf Jahren, mit langen Röcken von weissen Atlas angetan, welche mit güldenen
Ketten an den Füssen und vielen köstlichen Kleinodien um den Hals beleget waren.
Diese, da sie dem Entseelten grosse Ehrerbietung erwiesen hatten, gingen sie
rings um das Grab herum, und fochten mir blossen Säbeln: gleichsam als ob sie
Teufel vertreiben wollten. Wobei sie zugleich überlaut sprachen: »Weichet ihr
Verfluchten in den Abgrund des Rauchhauses, allda ihr zu einer ewigen Strafe
ohne Aufhören sterben, und doch nimmermehr ersterben werdet können, damit ihr
das strenge Gerichte des hohen Herrns bezahlen müsst.« Darauf gingen sie ab,
nachdem sie mit einem starken Geheule so viel zu verstehen gegeben hatten, wie
dass nunmehro die Leiche von der Teufel Gewalt, die vorhin von ihnen belagert
gewesen, allerdings erlöset und befreit wäre.
    Alsdenn folgten sechsundzwanzig von den vornehmsten Taligrepos, so alle über
achtzig Jahr alt, und in violbraunen Damask gekleidet waren, denen zwölf
Türhüter mit silbernen Kolben vortraten. Da nun diese das Grab zum viertenmal
mit grosser Ehrerbietung beräuchert hatten, fielen sie alle auf ihre Angesichter
zur Erden nieder, und redete einer von ihnen den entleibten Rolim also an:
»Wofern die Wolken des Himmels unser Betrübnis den Tieren des Landes sagen
könnten, so würden diese gewisslich ihre Weide verlassen, und uns sowohl deinen
gewaltsamen Tod als auch unsere äusserste Wehmut beweinen helfen. Oder sie würden
dich, o Herr, bitten, dass wir mit dir in dieses traurige Haus eingehen möchten,
da wir dich nun alle sehen, und doch von dir nicht gesehen werden: Dieweil wir
nämlich einer so grossen Gnade nicht würdig sind. Damit aber das Volk in dir
getröstet werden möge, ehe denn das Grab deinen Leichnam vor uns verbirget: So
zeige uns zuvor die ruhige Freudigkeit und die annehmliche Vergnügung deiner
Ruhe, damit sie alle aus dem schweren Schlafe, darein sie die Finsternissen des
Fleisches verwickeln, aufgewecket werden, und wir elende Menschen eine Anreizung
bekommen, dir nachzufolgen, und dich in unserm letzten Atem des Lebens in dem
fröhlichen Hause der Sonnen zu sehen.« Hierauf antwortete alles Volks mit grossem
Schreien: »Der Herr beweise uns diese Gnade!«
    Folgends machten die zwölf Trabanten mit ihren Kolben einen Weg durch das
drängende Volk: Worauf man aus einem Hause zur rechten Seiten des
Leichengerüstes vierundzwanzig köstlich gekleidete Jünglinge hervorkommen sah,
die gleichfalls viel Gold und Edelgesteine um den Hals trugen: Welche, als sie
in zwei Reihen vor dem Grabe niedergekniet waren, sehr lieblich musizierten, und
sungen ihrer zween drein, denen stets fünf andere antworteten: Welches denn alle
Umstehende zu häufigen Tränen bewog, sogar, dass etliche von den Vornehmsten sich
grosse Gewalt antaten, und mit den Köpfen wider die Staffeln des Gerüsts liefen.
Was noch erschrecklicher war, so opferten sich sechs junge Grepos von Adel
selbst auf, und soffen aus einem güldenen Geschirr, das auf der Tafel stund,
einen sonderbaren gelben Saft, welches ein so starker Gift war, dass sie von
Stund an tot zur Erden niederfielen. Durch diese Tat wurden diese
Teufels-Märtyrer unter die Heiligen gezählet, und wegen solcher Glückseligkeit
noch sehr geneidet. Ihre Leiber aber nahm man alsobald, und verbrannte sie in
einem von köstlichem Holze angelegten Feuer.
    Des andern Morgens entblösste man den Trauertron, und wurden die köstlichen
Stücke von demselben abgenommen: die Himmel aber samt den Tapezereien und
Fähnlein blieben dabei: Und alsdenn steckten sie mit lautem Schreien, vielen
Seufzen und klingendem Saitenspiele das Feuer im Trauergezelte an, besprengten
es auch zum öftern mit wohlriechenden Feuchtigkeiten, bis sich das verbrannte
Fleisch in Asche verwandelte. Also wurde der tote Rolim durch Feuer verzehret,
und welcher in der Brunst gestorben, der musste in der Glut sein Begräbnis
finden. Der Kaiser und alle Grossen vom Hofe wurfen unterdessen viel güldene
Stücke und köstliche Kleinodien ins Feuer, welche samt den Leichnam und Gebeinen
verbrannten.
    Folgenden Tages früh, da die Asche zu kühlen begunnte, kam Chaumigrem samt
allen Grossen wieder an den Ort der verbrennten Leiche in einer Ordnung mit allen
Grepos einhergegangen, unter denen hundertunddreissig mit silbernen Rauchfässern
und vierzehen mit güldenen Bischofshüten versehen waren. Sie hatten lange
Kleider von gelber Seide an: Die andern aber, siebzehntausend an der Zahl
(woraus die Grösse der Stadt zu ermessen), waren mit gelben Daft und leinwandnen
Oberröcken bekleidet. Da sie nun alle an erstbesagte Brandstelle gekommen, stieg
ein alter Taligrepos auf einen erhabenen Stuhl, und hielt eine weitläuftige Rede
an das Volk, deren Anfang in einer Lobrede des Verstorbenen bestund, darinnen
sein Leben gewaltig herausgestrichen ward: Um denen Europäern nichts
nachzugeben, noch ihnen den Ruhm allein zu lassen, dass nur sie ihre Toten im
Tode zu erheben, und mit verschonter Wahrheit mehr im Grabe zu versprechen
wissen, als das Leben gewähret hat. Hernach kam er von den Kaisern zu reden,
darunter er die guten rühmte, die bösen aber greulich lästerte. Wobei er denen
Untertanen dermassen das Wort redete, dass Chaumigrem bei der Asche des Rolims
schwur, sofern ihn die Götter diesmal aus seiner Feinde Hand erretteten, so
wollte er mit solcher Güte regieren, dass ganz Pegu ihm ein ewiges Leben wünschen
sollte.
    Hierauf sammlete man die Asche zusammen, und teilte sie, als ein grosses
Heiligtum, in vierzehen güldene Becken, davon Chaumigrem selbst eines auf sein
Haupt setzte, die übrigen trugen die vornehmsten Grepos. Die Asche wurde in
angefangener Ordnung unweit von dannen in die schöne Kirche Qviay Doco, oder zum
Gott der Betrübten auf Erden, in ein Grab, das nächst bei der Erden gemacht war,
gebracht, und allda beigesetzet. Solches Grab wurde nachmals mit zwei silbernen
und einem küpfernen Gegitter eingefasset, und hing man an drei eiserne Stangen,
so quer über die Kirche gingen, zweiundvierzig silberne Lampen, eine jede von
zehen bis zwölf Lichtern, an silbernen Ketten auf. Die Staffeln aber, welche in
das Grab gingen, wurden mit sechsunddreissig Kästlein voll Rauchwerks, von
Aloe-Holz, Benzoin und Ambra besetzt. Mit dieser Beisetzung wurde der ganze Tag
zugebracht, und liess man gegen den Abend viel Vogel, welche man mehr als in
dreitausend Käfichten dahin gebracht hatte, los: Sintemal die Peguaner
davorhalten, es wären so viel Seelen der Verstorbenen, welche in die Leiber
dieser Vogel gefahren, und bis daher darinnen aufbehalten worden. Diese sollten
nun, nachdem sie freigelassen, des Rolims Seele in jenem Leben bedienen, und ihr
Gesellschaft leisten. Überdies teilte man viel Almosen unter die Armen aus, bis
indessen die Nacht herbeikam, da sich denn Chaumigrem wieder in die Burg
verfügte, das Volk aber sich nach und nach verlor, und also dieser traurigen
Handlung ein Ende gemacht wurde.
    Tages darauf liess der Kaiser allen Priestern anbefehlen, die Wahl eines
neuen Rolims in ihr Gebet zu schliessen, zu welcher er neunzig Grepos erwählte.
Als aber diese über solcher Wahl nicht einig werden kunnten, verminderte er
solche Zahl bis auf neune, welche inner vierundzwanzig Stunden einen
achzigjährigen Mann namens Mouchan aus der Stadt Digum mit einhelliger Stimme
zum Rolim ernenneten. Chaumigrem schiene über dieser Wahl höchst erfreuet zu
sein, dahero er denn sobald seinen Stiefbruder nebst dem grössten Adel nach
seiner Behausung schickte, und ihn abholen liesse, welchen er vor dem Tempel des
Gottes der Tausend Götter entgegenkam, sich vor ihm neigte, und dreimal die Erde
küssete: Der neue Rolim aber hub ihn von der Erden auf, und rührte mit der Hand
des Kaisers Haupt an, welches er sich vor die grösste Ehre achtete, indem er ihm
zugleich, als er kniete, dreimal auf das Haupt blies, da denn alles Volk zur
Erden fiel. Darauf setzte man den neuen Rolim auf einen güldenen und mit
kostbaren Perlen besetzten Stuhl, und trug ihn nach dem Tempel zu. Rings um ihn
her gingen zwölf Kinder in gelben Atlas gekleidet mit Hüten von geblümten Zeuge,
und führeten güldene Szepter in ihren Händen. Vor und hinter ihm folgten alle
anwesende Herren des Reichs, unter dem Klange vieler Saitenspiele, der Kaiser
schätzte es sich vor eine Ehre, dass er zu Fusse neben ihm hergehen durfte.
    Als er nun an den Tempel gelanget war, durfte er vor grosser Heiligkeit die
Erde nicht mit den Füssen berühren, sondern Chaumigrem trug ihn selbst auf seinen
Rücken bis in den Tempel, allda ein herrliches Gezelt von gelben Atlas
aufgerichtet war. Nachdem er sich nun daselbst auf einem kleinen güldenen Bette
niedergelassen, stellete er sich, als ob er tot wäre: Da denn alle Grepos,
nachdem ein Glöcklein zum drittenmal geklungen, vor sich zur Erden niederfielen,
und also bei einer halben Stunde liegen blieben: Die Umstehenden aber hielten
zum Zeugnis ihrer Traurigkeit die Hände vor die Augen, und sprachen überlaut:
»Herr, rufe diesen deinen Diener wiederum zu einem neuen Leben, damit wir einen
haben, der für uns bitte.« Darauf nahmen sie ihn, wickelten ihn in ein Stück
gelben Atlas, und brachten ihn mit einem traurigen Gesange zu Grabe, da sie denn
ihn, nachdem sie dreimal um den Tempel gegangen, in das hiezu gemachte, mit
schwarzen Flor bedeckte, und mit Totenköpfen umgebene Grab hinunterliessen.
Alsdenn sprachen sie etliche Gebete, und zogen eine grossen Glocke an, welcher
alle Glocken in der Stadt antworteten, dass von solchem Getöne die Gassen
erbebeten. Nachdem dieses Geläute aufgehöret, stiegen zwei Taligrepos von hohem
Ansehen und in ihrem Gesetze wohlerfahrene Männer auf zween mit türkischen
Teppichen köstlich bekleidete Stühle, und erklärten von denselben dem Volke, was
diese Gebräuche vor heimliche Deutungen bei sich führeten: Zugleich täten sie
einen weitläufigen Bericht, von dem unglücklichen Tode des alten und Erwählung
des neuen Rolims, dessen Tugenden und Eigenschaften sie vortrefflich zu rühmen
wussten. Da nun die vorige grosse Glocke abermal angezogen ward, stiegen sie
herunter, stiessen ihre Stühle um, und verbrannten sie.
    Nachdem alles wieder stille worden, sah man aus der nächsten Kirche einen
grossen Umgang von lauter kleinen Kindern, so alle zum Beweis ihrer Unschuld in
weissen Daft gekleidet waren, hervorkommen, welche viel Kleinodien um den Hals,
güldene Ketten an den Füssen, vergoldete Wachskerzen in den Händen und mit Gold
und Edelgesteinen reichlich besetzte Hüte auf ihren Häuptern trugen. Mitten
innen sähe man einen Kasten, mit einem güldenen Stücke bedecket und ringsumher
mit viel güldnen Rauchfässern behangen, welche einen lieblichen Geruch von sich
streueten. Dieser Kasten wurde von zwölf Kindern getragen, die andern Kinder
aber spieleten auf allerhand Saitenspielen, und baten Gott, dass er doch diesen
Verstorbenen zu einem neuen Leben auferwecken wolle. Als sie nun an denjenigen
Ort kamen, da der Rolim lag, satzten sie den Kasten nieder, und da der Deckel
abgenommen wurde, stieg ein kleiner Knabe von sieben Jahren ganz nackend heraus,
welcher von hinten dermassen mit Gold und Edelgesteinen bedecket war, dass man
seinen blossen Leib fast nicht sehen kunnte. Er hatte Flügel von Golde, und eine
köstliche Krone auf dem Haupte. Diejenigen, so um ihn her stunden, knieten
alsobald nieder, und riefen: »O du Engel, der du um unserer Seligkeit willen vom
Himmel gesandt bist, bitte für uns, wenn du dich zu rechter Zeit wieder in den
Himmel verfügest.« Der Kaiser selbst nahm dieses Kind mit grosser Ehrerbietung
auf seine Armen, und brachte es zur Seiten des Grabes, allda solches, indem alle
auf ihren Knien lagen, und die Priester den Rolim schon zum fünften Male
beräuchert hatten, den Totscheinenden also anredete: »Du, der du in Sünden und
Unreinigkeit des Fleisches empfangen bist! Gott sendet mich, dir anzudeuten, dass
du dich zu einem neuen Leben erwecken, welches ihm angenehm sei, und jederzeit
die Strafe seiner mächtigen Hand vor Augen haben sollest, damit du in dem
letztem Atem deines Lebens nicht strauchelst, wie die Kinder der Welt; und dass
du von Stund an aufstehest, weil es von dem Grössten der Grössten also beschlossen
ist. Folge mir! Folge mir! Folge mir!« Worauf Chaumigrem dieses Kind wieder auf
seine Arme nahm, der Rolim aber stund ganz verzücket auf, fiel dem Kinde zu
Fusse, und sprach: »Ich nehme diese neue Gnade von der Hand des Herrn an, und
verpflichte mich, dass ich bis in den Tod ein Vorbild der Demut, und der
Geringste unter den Seinigen sein werde: damit die Menschen der Erden nicht in
dem Überflusse vergehen.« Alsdenn wurde abermal eine Glocke gezogen, auf deren
Schall zum andernmal alles Volk niederfiel, und sprach: »Gesegnet seist du Herr
um so einer grossen Gnade willen!« Hier erschalleten nun wiederum alle Glocken,
die Stücken aber wurden um die ganze Stadt scharf auf den Feind gelöset, dass die
Mauern erschütterten.
    Nach Verrichtung alles desjenigen wurde der Rolim in den neuen Stuhl
gesetzet, und von den vornehmsten Herrn in die kaiserliche Burg getragen. Der
Kaiser folgete abermals zu Fusse nach. Solche Demut und Andacht hatte ihn die Not
gelehret, und trug einen köstlichen Hauer auf der Achsel. Als er diese Nacht in
der Burg geruhet, wurde er in gestriger Gestalt, doch ohne des Kaisers
Gegenwart, auf den Markt getragen, allda er von vielen Menigrepos, welche in
steter Einsamkeit leben, empfangen wurde. Diese nun, über etliche Tausend stark,
gingen mit blossen Füssen daher, und hatten schwarze Matten um den Leib zum
Beweis, dass sie die Welt ganz verachteten. Sie trugen Hirnschalen und Totenbeine
auf dem Haupte, dicke Stricke um den Hals, und hatten ihre Angesichter mit Kote
beschmieret. An ihren Stirnen war diese Schrift angeheftet: »Kot! Kot! siehe
nicht an deine Niedrigkeit, sondern auf die Vergeltung, die Gott denenjenigen
versprochen hat, welche sich demütigen, ihm zu dienen.« Diese wurden nun von dem
Rolim sehr freundlich empfangen, worauf sie alle niederfielen, und einer von
ihnen mit strengen Anblicke den Rolim also anredete: »Derjenige, von dem du nun
so grosse Gnade empfangen, dass du der Oberste über alle diejenigen worden bist,
die auf Erden wohnen, gebe, dass du so fromm und heilig lebest, damit ihm alle
deine Werke angenehm sein mögen. Gleichwie die Unschuld derjenigen Kinder,
welche schweigen, wenn ihnen die Mutter ihre Brust darreicht.« Darauf die andern
alle mit einer düstern Stimme und lautem Geschrei antworteten: »Das gebe der
hohe Herr, durch seine mächtige Hand!«
    Als er nun in dieser Gesellschaft fortzog, kam er an denjenigen Ort, wo des
verstorbenen Rolims Asche beigesetzet war. Da neigete er sein Angesichte zur
Erden, und redete mit einer kläglichen Stimme gleichsam den Entseelten
folgendergestalt an: »Derjenige, so über der Sterne Schönheit herrschet, mach
mich würdig, dass ich Euer Sklave sein möge, damit ich in dem Hause der Sonnen,
darinnen Ihr Euch jetzt belustiget, zu einem Fuss-Hader der Sonnen werden möge.
Denn solchermassen werde ich so zu einem köstlichen Diamante werden, mit welchem
aller Welt Reichtum nicht wird zu vergleichen sein.« Die Menigrepos antworteten
hierauf: »Masiran fatypan«, das ist, Gott gebe es: Diesem nach nahm er eine
Kette, die auf dem Grabe lag, als ein köstliches Heiligtum um seinen Hals, und
schenkete zu einem Almosen sechs silberne Lampen, zwei Rauchfässer und sieben
Stücke violbraunen Damast: Da er nun von diesem Grabe in seinen Palast gekommen
war, warf er etliche Hände voll Reis zum Fenster hinaus, der von dem knienden
Volke mit offenen Händen aufgefangen wurde. Nachdem also auch dieses Werk,
welches in die drei Stunden gewähret hatte, geendigt war, läutete man zum
dritten Male die grosse Glocke, und wurde also die Wahl beschlossen.
    Hierauf wurde der neue Rolim zum erstenmal in den Reichsrat nach Hofe
berufen, in welchem alsobald Chaumigrem diese Sache abzuhandeln vorlegte:
Welchergestalt der grausame Mord des vorigen Rolims an der Prinzessin sattsam
abzustrafen sei, damit nicht die bereits heftig erzürneten Götter zu endlichem
Verderben des Reichs möchten angereizet werden. Welches zu beantworten der
Rolim, wegen erstabender Stimme, willig auf sich nahm, und mit beweglichen
Worten den elenden Zustand des Reichs vorstellig machte: Ingleichen, wie die
Gotteit, durch bisher verübte grausame Tyrannei dermassen beleidiget worden
wäre, dass der Untergang des Reichs nicht unbillig zu besorgen stünde. Bevoraus
schiene es, als ob der grosse Gott des Krieges Corcovita seinen Zorn am
heftigsten über Pegu ausschütten wollte, indem die vorhin so glückseligen Waffen
des Kaisers anjetzo nicht allein das Reich Siam, Martabane und die Schlacht bei
Abdiara verloren hätten, sondern sich auch dermassen in einer Stadt müssten
einschliessen lassen, dass sich der Kaiser nicht mehr einer unbeschränkten Gewalt
rühmen könnte. Solche Zornglut nun zu dämpfen, würde das Blut einer unbefleckten
Keuschheit am angenehmsten sein: welche aber allentalben zu finden, ein so
schweres Werk sei, als ob man weisse Tiger suchen wollte. Nachdem nun die
Prinzessin ihre Ehre und Keuschheit so grausam verteidigt hätte: so wäre
hieraus ihr reines Wesen zu schliessen, und würde dahero ein solches unbeflecktes
Blut als ein Opfer die unfehlbare Versöhnung auswürken. Diese Worte waren kaum
den blutschäumenden Lippen des grausamen Rolims entfallen, so schrien sie alle:
Diese Meinung hätte einen göttlichen Ursprung, und wurde die schöne Prinzessin
von allen als ein reines Opfer des Gottes Corcovita beliebet und erwählet.
    Der Rolim liess alsobald durch einen Grepos der unglückseligen Prinzessin
ihren Opfertod ankündigen, und darzu einweihen, nebst der Bedeutung, wie sie
sich hierzu geschickt, und würdig machen solle, vor die Wohlfahrt ihres
Vaterlandes ihr Blut zu vergiessen: Zu welcher Bereitung ihr einundzwanzig Tage
Zeit eingeräumet worden. Welche Ankündigung sie mit standhaftem Gemüte und mit
diesen Worten aufnahm: »Gar wohl! ich werde mit Freuden sterben, wenn die Ehre
mein Leichenschmuck und die Tugend mein Grabstein sein soll«. Worauf sie in ein
sonderes Zimmer geführet, und daselbst aufs beste in acht genommen wurde, in
welchem sie ihre Zeit mit Fasten, Beten und Weinen zubrachte, und sich als ein
unschuldiges Opfer mit verwunderlicher Andacht selbst einweihete.
    Dieses Opfer wird dem Kriegsgott Corcovita jährlich dermassen geleistet, dass
in den Kirchen reine Jungfrauen ernähret werden, die sich zu einem versprochenen
Opfer müssen aufbehalten lassen, welche in solcher Hochachtung leben, dass, wenn
sie ihre Eltern oder Freunde besuchen, alles mit grosser Ehrerbietung und Anbeten
geschehen muss, indem sie ihre Töchter als heilige und himmlische Menschen
bittlich ersuchen, sie wollen doch ihrer eingedenk verbleiben, wenn sie vor
ihrem grossen Gott erscheinen würden. Darum bringen sie ihnen auch allerhand
Speise und andere Dinge zum Opfer mit. Zu dem Opfer aber nimmt man nun auf den
gefälligen Tag eine von diesen geweiheten Jungfern, welche von den Palpas oder
Kriegspriestern halb nackend auf einen Marmelstein, der vor dem Altar des
Abgottes stehet, gesetzet wird; und wenn sowohl der Jungfrau als dem Abgotte
gnugsam mit Weihrauch geräuchert worden, so erwürgen sie solche in Beisein ihrer
Eltern: Welche fleissig Achtung geben, ob sie auch recht tot sei, damit sie nicht
eine zweifache Marter ausstehen dürfe. Hierauf schneiden sie mit einem Steine,
welcher so scharf als ein Schermesser ist, den erwürgeten Leichnam auf, reissen
das Herze heraus, werfen es dem Abgott ins Angesichte, und verbrennen es; welche
Asche sie hernach mit Wasser anfeuchten, und den Abgott damit besprengen: Das
übrige aber von dem Körper wird mit wohlriechendem Holze verbrannt. An etlichen
Orten wird das Fleisch gar von den Priestern gefressen.
    Ein solches jämmerliches Opfer sollte auch dieses tugendhafte Wunderbild der
Schönheit werden: Worzu sie sich auch dermassen wohl zu bereiten wusste, als ob
sie künftig ihrem geliebten Prinzen die Rosen ihrer Zucht opfern sollte. In
welcher Andacht wir sie eine geraume Zeit nicht verstören, und einen Flug wieder
über die Mauern in die feindlichen Läger tun wollen.
    Diese waren nun aufs eifrigste bemühet, sich der Mauer zu nähern, und einen
bequemen Grund zu verfertigen, worauf man fussen, und einen Sturm antreten
könnte. Bevoraus liess sich Zarang solches am heftigsten angelegen sein, und Tag
und Nacht so gewaltig auf die Stadt losdonnern, als wollte er sie bloss mit dem
Geschütze erobern. Er war aber zugleich durch unermüdeten Fleiss der Tanguter
dermassen über den Graben gerücket, dass er sich bereits unterstehen durfte,
zuweilen anlaufen zu lassen, und tat ihm hierinnen der Damm, welcher auf der
Mittagsseite von der Stadt durch den Graben bis in das Feld ging, nicht wenigen
Vorteil: indem die Peguaner denselben nicht gnugsam besetzt hatten. Unserm
Balacin war indessen nicht wohl bei der Sache, indem er vor Ankunft der
aracanischen Völker sich nichts unterfangen kunnte, auch nicht wollte. Dahero er
sich ganz stille in seinem Lager verhielt, damit die Belagerten ihre Macht wider
das tangutische Lager wenden, und des Zarangs wütendes Vorhaben desto besser
dämpfen könnten. Ja er sah mit Lust zu, wie sich Zarang schwächte; dahero er
sich eine gewisse Rechnung machen kunnte, wie er auf begebenden Fall beiden
gewachsen sein könnte, dass ihm doch die beste Beute bliebe.
    Inzwischen hatte sich Higvanama durch schleunigen Marsch dermassen genähert,
dass sie verhoffte, in wenig Tagen ihren werten Bruder in dem Lager vor Pegu zu
küssen, und ihre Dankbarkeit mit hunderttausend tapferen Leuten abzustatten. Vor
welcher eingebildeten Freude sie fast nicht zu ruhen vermochte, und dannenhero
durch starke Tagereisen die Völker nicht wenig ermüdete. Hier aber werden wir
ein abermaliges Beispiel der Unvollkommenheit menschlicher Freude vor uns sehen.
Denn als sie bereits durch einigen Umweg die verhasseten Grenzen von Brama
hinter sich geleget, und zu Carpa ihr Lager geschlagen hatte, von welchem Ort
sie nur eine Tagereise bis nach Pegu zu zählen wusste: Da überlegte sie mit
tausend Freuden, wie sie durch eine Verstellung das aracanische Lager
erschrecken, und sich hernach mit beliebter Anmut zu erkennen geben wollte. Nach
welchem Entschluss sie dem Mangostan, ihrem erwählten Feldherrn, Befehl erteilte,
wie er die Völker etwas ausruhen lassen sollte, weil sie erst des andern Tages
bei Abendzeit das Lager vor Pegu erreichen wollte. Dieses alles aber war dem
bramanischen Feldherrn, Soudras, welchen Chaumigrem bereits von Siam aus nach
Brama, um mehr Volk zu pressen, geschicket hatte, verräterischerweise durch
einen Mohren entdecket: Worauf er alsobald mit dreimal hunderttausend Mann ihr
auf dem Fusse nachging, und sie bei Carpa in aller Sicherheit ohne sonderlich
bestellte Wachten antraf. Weil ihm denn nun auch die Nacht zustatten kommen
wollte, liess er bei scheidender Dunkelheit das schlafende Lager mit einem
erschrecklichen Anfalle dergestalt aufwecken, dass viel Köpfe verloren gingen,
ehe sie die Augen eröffneten. Ob nun wohl alsobald durch das ganze Lager Lärmen
ward, und sich jeder nach Möglichkeit zur Wehre stellete, so war es doch wegen
der Unordnung und der zerteilten Kräfte unmöglich, dem Feinde einigen Widerstand
zu tun. Ja die erschrockenen Avaner wussten nicht einmal, wer ihr Feind wäre.
Higvanama selbst sprang in Schlafkleidern auf ihr gewöhnliches Leibross, einen
schönen persianischen Hermelin, und bezeigete sich bei solcher Gefahr aller
weiblichen Natur zuwider als eine ungemeine Heldin, indem sie etliche tausend
Mann an sich zog, und dem nächsten Einbruch der Feinde dergestalt begegnete, dass
sie alsbald auf flüchtige Gedanken gerieten, und die Avaner bereit, weil ihnen
des Feindes weit überlegene Macht unbewusst war, ein Siegesgeschrei erschallen
liessen, in Meinung, als ob es nur eine starke Partei gewesen. Als ihnen aber
Soudras mit funfzigtausend der Bestbewehrtesten begegnete, verkehrten sich diese
Palmen in Zypressen, und die treuen Avaner wurden ungeachtet ihrer
unbeschreiblichen Gegenwehr, weil sie durchaus ihre Königin nicht verlassen
wollten, dermassen niedergemetzelt, dass Higvanama sich kaum mit dreihundert Mann
umgeben sähe, als sie auf ihre eigene Flucht bedacht war. Allein diese Gedanken
waren zu spät, indem nicht allein Mangostan mit der übrigen Armee bereits auf
flüchtigem Wege begriffen, und das ganze Lager verloren war, sondern Soudras,
als er des Hauptes Gegenwart vergewissert, stürmete dergestalt auf ihr ein, dass
er sie, nachdem ihr der treulose Säbel, mit welchem sie eigenhändig
unterschiedene erleget, vor der Faust abgesprungen, selbst gefangen bekam:
welchem sie sich auch ergeben musste. Die schöne Königin wurde bald asiatischen
Gebrauch nach mit Ketten beleget, und auf einen Elefanten gesetzet, von welchem
sie mit tränenden Augen die bis in Tod getreuen Avaner entkleiden, plündern, und
aller Kostbarkeiten berauben sehen musste.
    Hier sass nun die armselige Königin gebunden, welche vor wenig Tagen ein
grosses Reich beherrschte, und noch vor etlichen Stunden hunderttausend Köpfe zu
ihrem Wink stehen hatte. Ja die sich nicht sattsam an der süssen Hoffnung
vergnügen kunnte, wenn sie ihren liebsten Bruder mit einem schwesterlichen
herzgetreuen Kusse umfassen würde, die muss sich jetzt als Sklavin in die Arme
ihres Feindes werfen, und die prächtige Last, will sagen, silberne Fessel,
küssen. Doch, grossmütige Higvanama! lasse nur die Geduld des Geistes Pflaster
werden, und wisse, dass du in kurzem das Verhängnis loben und rühmen wirst.
    Denn was geschicht? Die Schickung der Götter führet indessen den Prinz
Nherandi, nunmehro König in Siam, mit seiner oberwähnten Macht gewünscht heran.
Indem er aber seinen Zug gleich auf Pegu zuzunehmen entschlossen ist, befindet
er sich wegen Aufschwellung des Flusses, welcher die Schiffahrt nach Macoa
befördert, dermassen verhindert, dass er drei Meilen nordwärts, dem Fluss entgegen,
und bei dem Pass Abdiara, bei welchem vormals die unglückliche Schlacht des
Chaumigrems geschehen, und mit Aracanern wohl besetzet war, übergehen musste.
Denn ob zwar Pegu diesseits des Hauptstroms gelegen war, so hinderte doch ein
aufgeschwellter Arm hiervon des Nherandi Überzug, also dass er notwendig diesen
Umweg nahm. Hier liess Nherandi die Völker sich einen Tag erfrischen, und besah
die Walstatt, worauf sich Balacin einen so herrlich- und blutigen Sieg vor
weniger Zeit erhalten hatte: Da er sich denn nicht genung über die wunderliche
List des Korangerims und der entsetzlichen Gewalt des Pulvers verwundern kunnte.
    Indem er aber nebst dem Feldherrn Padukko (welcher bei Eroberung von Odia
sich in einem Priesterkleide unter den Geistlichen entalten) diesen mit Blut
gedüngeten Kirchhof besichtigte, und sich alles genau von einigen Aracanern
erzählen und bedeuten liess, werden sie von fernen einiger flüchtiger Reuter
gewahr, welche sich endlich dermassen vermehrten, dass sie einer kleinen Armee
nicht unähnlich schienen. Nherandi verliess alsofort den Platz, und liess in Eil
zu Pferde blasen: Padukko aber liess gleichfalls Lärmen schlagen, als ob ein
feindlicher Einbruch zu besorgen wäre, also dass die siammische Armee in kurzem
in freiem Felde, und zum Schlagen fertig stund. Als nun die flüchtigen Avaner
der siammischen Schlachtordnung gewahr wurden, erschraken sie noch heftiger, und
begunnten auf der Seite durchzugehen. Welche Furcht aber Nherandi bald merkte,
und ihnen einige reitende Truppen nachschickte, welche sich erkundigen mussten,
was sie vor Volk wären? Da endlich die leidige Zeitung zurücke gebracht wurde,
dass es flüchtige Völker von der geschlagenen Armee der Königin von Ava wären,
und wie sie ihnen in der Gewalt des Feindes gefänglich nachfolgete.
    Als nun Mangostan nach erfreulicher Erkenntnis des Königes von Siam alles
umständlich entdeckte, wie hinterlistig sie von den Bramanern wären überfallen
worden, ergrimmete Nherandi aufs heftigste, und befahl dem Mangostan, die
Flüchtigen aufzusammlen, und sie in eine absonderliche Ordnung zu stellen.
Welches denn auch so wohl anging, dass sich die siammische Armee folgenden Tag
mit fünfundsechzigtausend Avanern verstärket sähe, aus welchen man den Verlust
leicht abnehmen kann. Mit dieser wohlgefassten Macht ginge Nherandi dem Soudras
beherzt entgegen, jedoch richtete er den Zug sehr langsam ein, weil ihm doch der
Feind begegnen musste. Ja er hätte seiner wohl gar erwarten, und die Seinigen
ausruhen lassen können, so es Eifer und Liebesverlangen gestattet hätte. Hier
durfte er nun seinen Feind nicht lange suchen: Indem ihm gegen den Mittag
bereits dessen Vortruppen begegneten, welche Padukko alsobald übern Haufen warf,
und dahin zwang, dass der Nachzug des Feindes aus ihrem Blute seine Ankunft
ersehen kunnte. Soudras, als sonst ein tapferer Soldat, merkte wohl, was ihm vor
eine Nuss zu beissen würde vorgeleget werden, jedennoch erwählete er einen
ehrlichen Tod statt schändlicher Flucht, zu welcher er sich auch nicht
beursachet sah, weil er im vorigen Treffen über zwanzigtausend Mann nicht
eingebüsst hatte. Nur bekümmerte ihn dieses, dass es mehrenteils junge Leute und
noch Schüler im Kriege waren, die er wider diesen wohlversuchten Feind anführen
sollte. Weil es nun schiene, als ob ihm die Siammer nicht viel Zeit lassen
würden, so stellete er in möglichster Eil die Seinigen in Ordnung, der
gefangenen Higvanama aber ordnete er tausend alte Bramaner zu Fusse zu, mit
hartem Befehl, ohne die Königin nicht vor seinem Angesichte zu erscheinen.
Nherandi hingegen vergesellte sich mit dem Mangostan, und nahm gleichfalls
tausend handfeste Siammer zu Pferde zu sich, überliess dem Padukko die völlige
Anordnung, und setzte sich vor, nicht eher zu ruhen, bis er seine
innigstgeliebteste Higvanama, welche er in zweien Jahren nicht gesehen, erlöset
hätte. Er selbst tät mit seinem Haufen auf der rechten Seiten des Feindes den
Angriff, welchem die Avaner tapfer folgeten, und nachdem sich die Bramaner
gleichfalls erwiesen, wie sie nicht ungerochen fallen wollten, entstund ein so
blutiges Gefechte, als ob jedweder den Tod suchte.
    Nherandi rasete gleichsam unter den Bramanern herum, und suchte diejenige
mit Schmerzen, um derer willen ihm auch sein Leben geringschätzig war. Statt
ihrer aber begegnete ihm, zu eignem Unglücke, der bemühete Soudras, welcher
gleich einen frischen Haufen an den Feind führen wollte. Nherandi erkennete ihn
alsofort, und als sich Soudras gleich wenden wollte, schrie er ihn an: »Halt
stand, du Fräuleinräuber! und gib meinem Säbel Rechenschaft, wohin du die
Königin von Ava geführet hast?« - »Ich bin kein Räuber«, antwortete Soudras,
»sondern ein rechtschaffener Soldate, welcher alle Feinde seines Kaisers ohne
Unterscheid verfolget.« - »Du seist wer du wollest«, erwiderte der ergrimmte
Nherandi, »so fodere ich sie doch von deinen Händen.« Nach welchen Worten er wie
ein Blitz auf ihn einstürmete, und den Soudras zu einer ernsten Gegenwehr bereit
fand. Allhier nun zitterte die Erde unter den Füssen ihrer Rosse, und schiene,
als ob sie der Staub, welcher sich haufenweise um sie erhub, ganz bedecken
wollte. Nherandi führte bald anfangs einen so starken Streich nach des Soudras
Haupt, dass er ihm den vorwerfenden Schild ganz entzwei spaltete: Hingegen traf
ihn Soudras so gefährlich auf den Helm, dass er ihm ein Stücke vom Federbusche
weg hieb, und fast taumelnde machte. In solcher schädlichen Bemühung verharreten
sie dermassen, dass ihre Pferde atemlos, und von dem warmen Schaum ganz weiss
wurden.
    Weil sich nun Nherandi schämete, dass ihm sein Feind solchen unvermuteten
Widerstand tat, so gebrauchte er sich neben seiner Stärke diese List, und
stellete sich, als wollte er abermals nach des Soudras Kopfe schnellen: Indem
nun Soudras den zerteilten Schild vorwarf, um sich zu bedecken, versetzte ihm
Nherandi eine tiefe Wunde in die linke Schulter, dass das Blut häufig die Waffen
färbete. Ob nun zwar dieser Streich nicht allerdings unvergolten blieb, indem
Nherandi in die rechte Seite eine ziemliche Fleischwunde empfing, so betraf doch
den Soudras dieser Unfall, dass sein Pferd über etliche tote Körper strauchelte:
Als er ihm aber allzu geschwinde helfen wollte, rückte er es gar übern Haufen.
Sobald nun Soudras fiel, drückten die bisher zuschauenden Bramaner los, und
wollten ihren Feldherrn erretten. Allein die Siammer wollten ihrem Könige den
Sieg nicht nehmen lassen, dahero sie sich bald einmischeten, und ein solches
hitziges Gefechte anfingen, als ob hiedurch der Streit zwischen beiden Armeen
sollte geschlichtet werden. Nachdem aber die Bramaner zu weichen begunnten,
Sprüngen einige Siamer von den Pferden, nahmen den fast ohnmächtigen Soudras
gefangen, und führten ihn aus dem Gedränge hinter die Armeen.
    Sobald Soudras weggeführet war, so schiene es, als ob ein grosser Baum
gefallen wäre, durch welchen alle Bäume, so unter und neben ihm gestanden,
niedergeschlagen würden: Denn es bemühete sich jedweder Bramaner, denen Feinden
ihr Gesichte zu entziehen, und diese unglückliche Stätte zu verlassen. Welches
sich denn Padukko sehr wohl zunütze zu machen wusste, mit der ganzen Macht auf
die Weichenden losging, und den linken Flügel von dem Mittel trennete, wodurch
das ganze feindliche Heer auf die Flucht gebracht wurde, welche Mangostan mit
vierzigtausend Reutern verfolgen musste. Der linke Flügel aber, so da greulich
eingebüsst hatte, war dermassen umringet, dass sie alle ihr Gewehr wegwarfen, und
um Quartier ruften: welches ihnen auch Nherandi alsobald erteilete. Denn er, als
ein tapferer, doch bescheidener Held, begehrte nicht, wider wehrlose Leute zu
fechten. Ja ob es gleich mitten in dem hitzigen Gefechte das Ansehen hatte, als
ob er für Grausamkeit wüte und tobe, und dass sein Grimm durch nichts als Blut
und Tod könne gestillet werden: so ist doch gewiss, dass sich niemand des Sieges
mässiger zu gebrauchen wusste als er, indem er keinesweges übermütiger wurde,
also, dass man wohl sagen kunnte: Er habe seinem Zorne die Waffen genommen,
sobald er seinen Feind wehrlos gemacht.
    Unter diesem Haufen befand sich nun die fast entzückte Higvanama, welche auf
ihre Erlösung mit Freuden wartete, und nichts anders vermeinte, als dass Balacin
ihr so erwünscht zu Hülfe erschienen sei. Ob sie auch gleich lauter Siammer um
sich sah, welche sie der unanständigen Pracht befreieten, so stund sie doch in
den Gedanken, solche Völker wären nur von dem Balacin ihrer Tapferkeit wegen
angenommen, oder Nherandi habe sie ihm zu Hülfe geschicket. In solcher
Überlegung näherte sich Nherandi, und sprang, ungeachtet der schmerzenden Wunde,
hurtig vom Pferde: Welchem die Prinzessin mit offenen Armen entgegeneilte, und
ihn, weil die bereits eingebrochene Abenddämmerung ihr die eigentliche
Erkenntnis verhinderte, als einen lieben Bruder inbrünstig und mit diesen Worten
küssete: »Ach trautester Seelenbruder! so setzet Ihr mir nun die Krone von Ava
noch einmal auf? Ja, was noch weit höher zu schätzen ist, so schenket Ihr mir
die güldene Freiheit? Ihr erlöset mich aus feindlicher, und bindet mich mit
freundlicher Hand dermassen, dass ich auch mein Leben zu einem würdigen
Schuldopfer viel zuwenig achte. Doch nehmet die treuen Küsse von schwesterlichen
Lippen, als wahre Zeugen an, dass ich mich von einem werten Bruder überwunden
erkenne, und mich in diesen angenehmen Liebesfesseln als eine Sklavin ewiger
Treue Euch ergebe.« Nherandi merkte zwar wohl den beliebten Irrtum, jedoch weil
ihm die Zuckerspeise von ihren Lippen so wohl schmeckte, so trug er Verlangen,
noch länger Tafel zu halten, und wollte sich noch ferner vor einen lieben Bruder
küssen lassen. Indem er aber besorgte, es werde seine Sprache den Prinzen von
Siam vorstellen, so wollte er zuvor, ehe er sich durch Reden verriet, noch
einige Küsse ernten, welches er mit so höchster Entzückung bewerkstelligte, dass
er sich diese Stunde vor den Glückseligsten der Welt achtete, weil er diese
Früchte ewig sammlen sollte.
    Die unschuldige Prinzessin wollte dem verliebten Bruder die dankbaren Lippen
nicht entziehen, indem sie sich ihm viel zu verbunden schätzte; endlich aber
brach er sein vergnügtes Stillschweigen, und sagte: »Allerwerteste Higvanama!
Ich bin ...« Hier sprang die erschrockene Prinzessin mit lautem Schreien
zurücke, und wusste nicht, wo sie sich vor Scham lassen sollte? Der Prinz aber
verfolgete seine Rede, und sagte: »Ob ich zwar nicht, schönste Prinzessin, ein
Bruder bin, so wird Sie doch verhoffentlich die Ehre und das Glücke Ihrer
Erlösung einem Prinzen nicht missgönnen, welcher so lange Zeit die geschworne
Treue heiligst beobachtet, und seine Liebe diesen Tag mit seinem Blute, wo nicht
mit seinem Tode versiegelt hat.« Mit welchen Worten er in eine tiefe Ohnmacht
hinsank: weil durch heftige Gemütsbewegung sich die Seitenwunde dergestalt
eröffnet hatte, dass das Blut häufig hervorrieselte, und ihm durch überflüssigen
Ausgang die Lebensgeister entzog. Hier bedachte sich Higvanama nicht lange, ob
sie Liebe oder Scham sollte herrschen lassen, sondern diese musste jener weichen,
indem sie mit zitternden Armen und weinenden Augen ihren Prinzen aufzurichten
sich bemühete, auf die Erden setzte, und ihn gar auf ihre Schoss legte: Da denn
sobald die Leibärzte und Feldscherer herbeigeholet, und der halbtote Nherandi
wieder zu sich selbst gebracht ward, wobei doch die linde Hand und die angenehme
Lagerstatt sonder Zweifel die grösste Würkung taten, und alle andere Stärkungen
weit übertrafen.
    Wie er nun endlich die Augen eröffnete, und seine Higvanama beweglichst
anschaute, gleichsam als ob er einiges Mitleiden von ihr foderte, gewährete sie
ihm solches reichlich durch häufige Tränen und folgende Worte: »Wie? Mein
erwählter Prinz! will Er sterben, da die Seinige zu leben anfänget? Will Er
diejenige so schleunig wieder verlassen, die eine zweijährige Höllenpein durch
Abwesenheit ausstehen müssen? Ach so wäre ich ja weit glückseliger, wenn ich
mich auch mit einem Dolche unter den dicksten Haufen der ergrimmeten Feinde
gewaget, und einen rühmlichen Tod von ihrer gereizten Hand empfangen hätte,
damit die späte Nachwelt sagen könnte: Higvanama hat durch Tapferkeit und nicht
durch Wehmut ihr Leben verloren. Denn Er nehme dieses, als ein wahres Zeugnis
grösster Liebe von meinen betrübten Lippen an: Dass die erste Stunde seines Todes
die letzte meines Lebens sein soll.« Worauf sie sich vor reiner Glut nicht
entalten kunnte, in Gegenwart aller Umstehenden, ihm einen sanften Kuss zu
erteilen: Welcher das kräftigste Seelenlabsal war, wordurch sich der Geist
dergestalt ermunterte, dass er sich aufrichten, und ein gedoppeltes Echo
vorstellen wollte, so aber die Ärzte widerrieten, und ihn in Begleitung der
Prinzessin nach einem auf der Walstatt aufgerichteten Gezelte führen liessen,
woselbst er sich sofort zur Ruhe begab. Die Prinzessin aber liess neben solches
noch ein Gezelt vor sich und ihr Frauenzimmer aufschlagen, weil sie
wohlständigkeitalber ihn diese Nacht verlassen musste.
    Das grosse Weltauge hatte kaum das blutige Feld bestrahlet, so war die
muntere Higvanama schon bemühet, ihres Prinzen Ruhe zu erforschen, welcher denn
durch Versicherung erholter Kräfte ihr sorgendes Verlangen stillete. Weil sie
nun auf den verfolgenden Mangostan warteten, so erlaubte ihnen die Zeit sattsam,
eine verliebte Erinnerung des vergangenen Leid-und Freudenwechsels gegeneinander
anzustellen, und sich nach verzogenem Ungewitter an der Liebessonne, wie
Keuschentflammte pflegen, wiederum zu wärmen und zu ergötzen: Woran sie aber
nach einigen Stunden durch den zurückkommenden Mangastan verhindert worden, da
denn die Häupter eine allgemeine Plünderung erlaubten. Nach dieser wurde der Zug
wieder zurück nach Abdiara eingerichtet: Mangostan aber musste mit seinen müden
Völkern einen Tag stille liegen, und den Nachzug halten.
    Folgenden Tages gelangeten sie mit sinkender Sonne vor dem aracanischen
Lager an, und verursachten, weil sie die eroberten Fahnen in denen fördersten
Haufen führen liessen, einen heftigen Lärmen durch das ganze Lager: zumal Balacin
bereits einige Nachricht von des Soudras Anzuge bekommen hatte. Als sie nun von
der äussersten Wache erblickt, und alsbald vor Feinde erkennet wurden, gaben
alle Schildwachten durch das Lager Feuer, worauf alle Wachten rundum ins Gewehr
kamen: Die Völker zu Ross und Fuss wurden sofort in Ordnung gestellet, die Gassen
und Eingänge mit Wagen geschlossen, und das Geschütze sah den vermeinten Feind
mit offenen Rachen an. Wie aber Nherandi solchen Ernst sah, liess er sich
begnügen, und dem Könige von Aracan durch einige Trompeter ihre Ankunft
verständigen. Welchen aber Balacin nicht trauen, sondern die Stifter dieses
Lärmens selbst sehen wollte; indem er sich nicht unbillig eines martialischen
Betrugs befürchtete. Weswegen denn Nherandi nebst der Higvanama und etwan
funfzig Pferden auf tausend Schritte vorausritt, denen Balacin in gleicher
Anzahl begegnete.
    Als sie nun einander erkennet hatten, sprungen sie allerseits, einander zu
bewillkommen, von den Pferden: Und will ich hier der Feder ein Stillschweigen
auferlegen, weil sie, alle Vergnügungen, Freundschaftsküsse und herzliche Worte
vorzustellen, nur ihre Unvermögenheit verraten würde. Genung, dass ich sage: Sie
zogen höchst vergnügt und voller Freuden in das Lager, und wurden mit
Losbrennung der Stücke, erschallendem Feldspiele und durchgehendem
Freudengeschrei dermassen herrlich empfangen, dass gleichsam die Wolken einen
fröhlichen Widerschall ertönen liessen.
    Die Siammer aber und Avaner mussten diese Nacht den Himmel ihr Gezelte sein
lassen, bis sie folgenden Tag ihr Lager dem aracanischen anhängig machen, und
die Morgenseite bis an die alte Stadt gegen Mittag einnehmen kunnten. Weil nun
auf solche Art die täglich erwartende aracanischen Hülfsvölker wegen Mangel des
Raums im Rücken des Lagers würden bleiben müssen, so wurde einhellig
beschlossen, dem Prinzen von Tangu einen Abzug raten zu lassen: widrigenfalls
würde man ihm mit Gewalt zu verstehen geben, wie zwei Hunde an einem Knochen
sich durchaus nicht vertragen könnten. Diesem aber kam eine sonder- und
wunderbare Begebenheit durch die Prinzessin von Savaady zuvor, von welcher bald
fernerer Bericht erstattet werden soll.
    Was nun die Fortsetzung der Belagerung anbelanget, so hatte Balacin aus
bereits erwähnten Ursachen bisher keine sonderliche Gewalt gegen die Stadt
verspüren lassen, ausser dass man sich der Stärke der Mauer durch das Geschütze
ein wenig erkundiget, und zugleich die Zeit mit Wegfangung der schädlichen
Krokodile aus dem Graben zugebracht hatte. Denn diese Tiere waren dermassen
gefährlich, dass sie sich auch erkühnen durften, manchen guten Kerl von dem Lande
wegzuholen, und auch die Schildwachen anzugreifen. Derowegen Korangerim abermals
eine nutzbare List ersonne, sie gleich den Walfischen zu fangen. Er liess starke
eiserne Haken machen, welche an lange und dicke Seile befestiget waren. Weil nun
dieses Ungeziefer verfaultes Fleisch vor seine beste Speise hielt, so wurden
solche Äser, deren es in Lägern gnugsam gibet, an den Haken, und also ins Wasser
geworfen. Ehe fast solcher Köder das Wasser erreichet, so war es schon neben dem
Haken von einem solchen ungeheuren Tiere verschlucket, worauf denn alsobald
vierzig bis funfzig starke Männer an dem Seile ziehen, und dies widerstrebende
Tier auf das Land zwingen mussten: Da es endlich, jedoch nicht ohne Gefahr und
Mühe auf den Rücken gebracht, und durch den Unterleib ertötet wurde. Denn das
schuppichte Rückenfell verachtete alle Waffen, und waren die Kugeln nur wie
Spreu. Durch diese Mittel wurden über achtzig solche Tiere erleget, und in die
Erde verscharret. Ingleichen wussten sich auch die Portugiesen in ihrer Kunst an
diesen unvernünftigen Feinden meisterlich zu üben, indem sie mit den
Feldstücken, sobald sich ein solches Tier jenseit dem Ufer blicken liess, solche
so wohl zu erreichen wussten, dass sie einen grossen Gestank nach ihrem Tode über
das Wasser zur Rache schickten.
    Der grösste Verlust, welchen Balacin sonderlich bedauerte, war, dass der
tapfere Scandor in einem Ausfalle gefänglich in die Stadt gezogen worden. Denn
als er seine Lorangy von Talemons Schloss ins Lager abgeholet, und sie nach so
langer Zeit das erstemal wiederum gesehen hatte, wurde er ihr so schleunig
geraubet, dass die Kriegsbedienten gnungsam an ihr zu trösten hatten.
    Nherandi aber wusste hierinnen wohl zu raten, indem er den gefangenen Soudras
vorstellete, welcher alsobald ungeachtet der Ungleichheit eines Feldherrns gegen
einen Befehlshaber der Freireuter gegen den Scandor auszuwechseln beschlossen
ward, und dem Chaumigrem ein angenehmer Wechsel war, indem er den Scandor wegen
seiner lustigen Einfälle als einen blossen Narren betrachtete: worinnen er sich
aber sehr betrog. Denn obgleich bisweilen ein lustiger Geist seine geschickten
Einfälle in Gesellschaft anzubringen sich bemühet, so kann doch wohl Scherz und
Klugheit beisammenstehen, dass er also nur von der unverständigen Welt vor
närrisch gehalten wird. Dieses zu behaupten, war des Scandors Ankunft dem
Hauptzwecke dieser Belagerung nötiger, als ob Chaumigrem selbst gefangen wäre.
Denn er brachte den gefährlichen Zustand der Prinzessin mit sich, und wie nur
noch vierzehen Tage zwischen ihrem Leben und Tode wäre. Als sich nun Balacin
hierüber äusserst entsetzte, und in die tiefste Sinnenverwirrung geriet, wurde er
doch bald wiederum durch einen Brief, welchen Abaxar dem Scandor in geheim
einhändigen lassen, und durch folgenden Inhalt merklich aufgerichtet:
    Grossmächtigster König und Herr!
    Ich schätze mich beglücket, dass ich die Zeit erlebet habe, worinnen ich Eur.
Majest. und der unvergleichlichen Banisen angenehme und höchst erspriessliche
Dienste leisten kann. Banise soll sterben! ja was noch erschrecklicher ist,
Banise soll dem Teufel geopfert sein. Allein mein Blut soll eher vergossen als
ihr nur eine Ader verletzet werden. Weil ich nun in diesem Vorsatze durch höhere
Hand gestärket werde, so soll die Art und Weise dieses gefährlichen Anschlages
künftig bei dem Norden-Tore durch einen bepfeilten Brief entdecket werden.
Inzwischen unterlassen Eur. Majest. nichts, was eine schleunige Eroberung
gewähren kann, welches noch sicherer als unsere Anschläge scheinet. Ich
versichere meine Treue, und bin
                                                                    Eur. Majest.
                                                             Gewidmester Diener.
    Die Unterschrift war mit Fleiss aussen gelassen worden.
    Diesem Berichte gemäss war nun Abaxar mit dem Feldherrn Martong in
vertrauliche Bekanntschaft geraten, als bei welchem der in Siam vom Chaumigrem
angetane Schimpf nunmehro zu bluten begunnte, und weil diese Rachbegier durch
ein billiges Mitleiden gegen die schöne Banise merklich vergrössert wurde: So
waren sie beiderseits bemühet, noch mehrere Freunde zu ihrem Beistande sich in
geheim zu verbinden: welches die Götter dermassen segneten, dass sie sich inner
drei Tagen einen starken Anhang, wiewohl in höchster Geheim, machten.
    Nach Verlesung aber erwähnten Briefes wurde alsobald im Kriegsrat
beschlossen, die Stadt mit allem Ernst anzugreifen, und weder Gut noch Blut zu
sparen: Zu welchem Vorsatz die hohen Häupter durch den fröhlichen Bericht des
Anzuges der aracanischen Hülfe desto heftiger angefeuert wurden. Alsobald ging
Befehl, zu Erfüllung der Graben alle benötigte Anstalt zu machen, welches so
fleissig ins Werk gerichtet wurde, dass man innerhalb acht Tagen trockenes Fusses
an die Mauern gelangen kunnte. Denn es wurde von soviel tausend Händen das nahe
gelegene Holz fast gänzlich ausgerottet, mit unsäglicher Mühe und Gefahr in die
Gräben geworfen, und alsdenn mit Sand, Erden und Steinen aufs beste erfüllet,
welches denn manchen Kopf kostete: Indem ein Kugelregen nach dem andern von den
Mauern blitzte. Dessen ungeachtet, kunnte doch diese Arbeit durch keine Gewalt
hintertrieben werden, indem durch kluge Anstalt des Korangerims solche
Blendungen gemachet wurden, dahinter die Arbeitenden ohne Gefahr fortfahren
kunnten. Währender Bemühung der Aracaner sahen sie eines Tages Alt-Pegu in
vollem Brande stehen, welches die Tanguter verlassen und sich in aller Stille
unsichtbar gemacht hatten, dessen Ursache niemand zu erraten vermochte, und mit
Ungewissheit von jedermann verwundert wurde.
    Die Ursache und Beschaffenheit aber dieses schleunigen Abzugs war die
beständig brennende Liebe der Prinzessin von Savaady gegen den unerkenntlichen
Prinzen Zarang. Diese, ob sie zwar wohl wusste, dass er nicht ihrentwegen vor Pegu
so hart anklopfte, war doch auf alle Weise bedacht, wie sie ihren geliebten,
doch harten Prinzen nur noch einmal sehen, und durch bewegliches Vorhalten ihrer
Liebe einiges Feuer in ihm anzünden möchte, worzu sie sich gewisse Hoffnung
gemacht hatte. Solches nun am füglichsten ins Werk zu richten, nahm sie einen
verzweifelten Entschluss, entweder in ihrer Liebe glücklich zu sein, oder zu
sterben. Da sie denn vornehmlich dahin trachtete, wie sie nur einen Brief in des
Zarangs Hände sicher liefern könnte. Die Gelegenheit aber des Schlosses benahm
ihr alle Hoffnung hierzu, indem die Burg nicht allein, wie vorgemeldet, mitten
in der Stadt lag, sondern auch jederzeit mit einer starken und genauen Wacht
besetzet war. Aus diesem nun zu kommen, ersanne sie diese List, und wendete vor,
sie könnte mit der stolzen Prinzessin von Siam, welche Ponnedro durch Einräumung
eines bequemen Zimmers zu ihrer Nachbarin gemacht hatte, sich nicht allerdings
vertragen; indem sie gleichsam unter den Ketten einige Hochmut gegen sie spüren
liesse, und nicht bedächte, dass sie das Unglück in gleichen Stand gesetzet hätte.
Als nun diese Klage vor dem Chaumigrem kam, erlaubte er der Prinzessin von
Savaady, die Burg zu verlassen, und sich eine Wohnung in der Stadt nach eignem
Belieben, jedoch unter gnugsamer Wacht, zu erwählen. Welches ihr die
erfreulichste Gnade von der Welt war, und sich sofort ein Haus an der Mauer
gegen das tangutische Lager erwählete, welches, weil es den Geistlichen zustund,
vor der Gefahr des feindlichen Geschützes aus Gütigkeit des Zarangs gnugsam
gesichert war. Von diesem Hause kunnte sie Alt-Pegu und das ganze Lager
übersehen, und ihr Vorhaben um so viel bequemer vollziehen. Sie entschloss sich
demnach, diesen Vogel durch solche Beeren zu kirren, welche er verlangte, ich
will sagen, ihm mit verstellter Hand einen Brief im Namen derjenigen, welche er
wahrhaftig liebete und suchte, zuzuschicken, und folgenden Inhalts einzurichten:
    Mein Prinz!
    Ich empfinde die Strafe der Götter allzu sehr, womit sie meine
Hartnäckigkeit, die ich Eurer treuen Liebe jederzeit erwiesen, rächen wollen:
und zwar dergestalt, dass es scheinet, als ob der Trost menschlicher Hülfe
allgemach verschwinden wollte. Ich habe zwar durch eigenhändige Hülfe meine
Keuschheit wider den unverschämten Rolim genugsam verteidigt: Hingegen bringt
mir dieses den Tod, und ich soll zu einem grausamen Opfer der erzürneten
Gotteit in wenig Tagen dienen. Eure getreue Waffen scheinen die Götter fast
stumpf zu machen, und der Prinz von Aracan bezeiget durch seinen schläfrigen
Ernst, dass er der Gefahr weichen, seine Liebe hintansetzen, und seine Ohnmacht
bekennen müsste. In solchem Zustande sollte ich mich zwar scheuen und schämen,
nunmehro denjenigen um Rettung anzuflehen, welchen ich im beglückten Wohlstande
nicht eines geneigten Blickes würdigen wollen. Eure tugendhafte Beständigkeit
aber versichert mich einer unveränderlichen Liebe, welche die Fehler alle
bedecken, und ins Vergessen stellen wird: Ja dieses Vertrauen machet mich so
kühne, dass ich eine Probe Eurer Treue von Euch fordern darf, ob solche Liebe
auch auf Bestand gegründet sei? Denn Ihr sollt wissen, tapferer Prinz, dass
folgende Mitternacht Euch der Feind durch einen scharfen Ausfall besuchen wird:
Weil ich denn meinen Tod auf bessere Art als durch schmähliches Aufopfern zu
suchen, entschlossen bin; als habe ich die Treue der Wache dergestalt an mich
erkauft, dass sie mich in männlicher Kleidung in ihre Gesellschaft auf-, und in
diesem Ausfall mitnehmen wollen. Ist nun Eure Liebe ungefärbet, und Euch mit
meiner Gegenhuld und deren vollkommenen Geniessung etwas gedienet: so bedeutet
mir durch ein aufgestecktes Tuch, an welchen Ort ich mich, sobald ich in meine
Freiheit geraten, wenden, und Eurer liebreichen Hülfe gewärtig sein soll. Die
Götter segnen unsern Anschlag, und ich ersterbe
                                                                      Eure treue
                                                    Banise, Prinzessin von Pegu.
    Diesen Brief wickelte sie um einen Pfeil, und schoss ihn über den Graben
gegen das Lager, welcher angesichts ihrer von einigen Soldaten aufgehoben, und
unwissende warum? zu ihren vorgesetzten Häuptern gebracht wurde, durch deren
Hand es vor den Prinzen gelangete, welcher nach Verlesung dessen, der
leichtgläubigen Liebe allzuviel Raum erteilte, und den Brief unzähligmal
küssete. Der Befehl ging alsbald dahin, ein weisses Tuch auf der linken Hand des
Ausfalles zu stecken, und sich im übrigen durchgehends auf einen schleunigen
Aufbruch gefasst zu machen: Weil er die Schalen dem Könige von Aracan gerne
gönnen wollte, wenn er nur den Kern genossen hätte. Ob nun zwar solches
jedermann höchst verwunderlich vorkam, so durfte sich doch niemand erkühnen,
nach der Ursache zu fragen: Sondern des Prinzen Befehl: Ich will, erfoderte
einen gleichlautenden Gegenhall: Ich will.
    Die Prinzessin von Savaady hatte das Zeichen weisser Treue kaum fliegen
gesehen, so wurde sie mit innigsten Freuden dermassen überschüttet, dass sie an
den ungewissen Ausschlag des verzweifelten Unterfangens nicht zu gedenken
vermochte. Demnach forderte sie drei Soldaten von ihrer Wache zu sich ins
Zimmer, und redete sie dergestalt an: »Tapfere Männer! Ich glaube, dass eure
Grossmut auch jederzeit mit einem billigen Mitleiden gegen ein unglückseliges
Frauenzimmer wird vergesellschaftet sein. Mit einem Frauenzimmer, welches den
Tod suchet, und ihr in meiner Person vor euch sehet. Wann mir denn die Tyrannei
des Kaisers auch zu sterben verweigert, so ist mir das Leben um so vielmehr
verhasst, und wünsche ich nichts mehr, als eure Glückseligkeit, die ihr gnugsame
Gelegenheit habet, solches mit einem rühmlichen Tode zu verwechseln. Schenket
mir demnach ein Teil solcher Glückseligkeit! Erbarmet euch über mich, und nehmet
mich künftige Nacht bei gesetztem Ausfall in eure Gesellschaft, so soll dieses
alles, was ihr hier an Kostbarkeiten schauet, als eine verdiente Erbschaft vor
euer Mitleiden euch anheim fallen.«
    Ob nun zwar diese Worte nicht sonderliches Beileid in diesen rostigen Herzen
zu erwecken schienen, so waren doch die stummen Zungen des verhandenen Goldes
und Edelgesteine dermassen beredt, dass eine schleunige Bewilligung der begehrten
Sache einen erwünschten Ausschlag gab. Die Nacht, auch endlich die Mitternacht
rückte herbei, da sich die beherzte Prinzessin in gemeine Soldatenkleider warf,
ihre Haare in eine Sturmhaube zwang, und sich in solcher Verstellung denen
andern, welche sich zum Ausfalle bereits zusammengezogen hatten, getrost
beigesellete. Die Pforte des heimlichen Ausfalles war kaum eröffnet, so drang
sie mit den fördersten hindurch, und gelangte glücklich über den Graben. Als
aber auf gegebene Nachricht der Prinzessin die Ausfallenden hässlich empfangen
wurden, und es sich gefährlich anliess, dass die Ausgefallenen gänzlich
abgeschnitten wurden, so vermeinte die Prinzessin von Savaady nicht ratsam zu
sein, der nächtlichen Gefahr länger beizuwohnen, welches auch ihr Absehen nicht
gewesen, sondern sie schlug sich alsbald auf die linke Hand nach dem
aufgesteckten Zeichen, woselbst sie eine zierliche Sänfte ihrer wartende fand,
worein sie sich geschwind setzte, und von tausend Reutern begleitet dahinflog.
Wie nun der Ausfall auf seiten der Belagerer glücklich abgelaufen war, und
Zarang die angenehme Nachricht erhielte, wie die vermeinte Banise bereits in
Sicherheit gebracht wäre, schiene er so vergnügt zu sein, als ob ihm das ganze
Reich Pegu zugefallen wäre. Er selbst machte alle Anstalt zu einem sichern
Aufbruch, und folgte auf den Tag mit fünfhundert leichten Reutern nebst einigen
hohen Generalspersonen der werten Beute nach, welche er aber, weil er mit ihr zu
eilen befohlen, erst des dritten Tages an den martabanischen Grenzen erreichte.
    Er hatte kaum die reisende Sänfte von fernen erblickt, so gab die Liebe
ihm, und er dem Pferde dermassen die Sporen, dass er sie in kurzem einholte, und
stille zu halten befahl. Weil nun Zarang ein kostbares Frauenkleid in die Sänfte
legen lassen, so hatte sich dessen die Prinzessin wohl zu bedienen gewusst und
angelegt.
    Als nun einige vornehme Kriegshäupter, welche ermeldtermassen den eilenden
Prinzen begleiteten, die Sänfte umgeben hatten, und mit Schmerzen diejenige zu
sehen verlangten, um derer willen ganz Pegu in Waffen war, auch der Prinz selbst
vor verliebter Ungeduld den Verzug nicht erwarten kunnte: so stieg endlich die
nunmehro höchst beängstigte Prinzessin mit bebendem Fusse und zitterndem Herzen
hervor, und warf sich alsobald mit diesen kläglichen Worten vor des Prinzen
Füsse: »Ach mein Prinz! erbarmet Euch über ein schwaches Wesen, welches der Macht
äusserster Liebe nicht zu widerstehen vermocht. Sehet, hier lieget eine
Prinzessin, welche sich Euch und der Liebe gefangengibet, und Leben oder Tod von
Eurer Hand und Lippen erwartet. Ach verzeihet, verzeihet! Wertester Prinz! der
grundgetreuen Prinzessin von Savaady den ruhmswürdigen Betrug, womit sie Euch zu
gewinnen, und sich zu retten vermeint. Lasset Euch doch meine Tränen erweichen,
und diese heisse Flut das zaubernde Bildnis der Prinzessin von Pegu aus dem
Herzen tilgen, welche Euch selbst durch die Unmöglichkeit vorentalten wird.
Betrachtet doch mit gesündern Vernunftsaugen die fussfällige Savaadianerin, wie
ihre Gestalt wohl ehemals fähig gewesen, auch kaiserliche Prinzen zu bestricken,
und wie öfters der seufzende Prinz von Pegu bloss um Eurentwillen von mir
verstossen worden. Ach gönnet mir doch die beliebten Strahlen Eurer Augen, und
lasset Euch diese unsterbliche Treue zu der geringsten Gegenliebe bewegen.«
    Zarang kunnte sich nicht entschliessen, ob er diese Begebenheit vor einen
Traum, oder als ein wahrhaftiges Begeben halten sollte. Er sah sie mit starren
Augen an, schlug die Hände ineinander, und eine verbitterte Betrachtung hemmete
seine Zunge. Endlich als er an der Gewissheit dieses Betruges nicht mehr
zweifelte, redete er sie mit grimmigster Verstellung an: »Ha! verteufelte und
betrugsvolle Sirene! Bilde dir nur nicht ein, dass dein schmeichlendes Vorbringen
meine Zornrache verhindern werde. Diese Schmach und dieser unverantwortliche
Schimpf, den du mir durch verdammte List vor allen Völkern erwiesen hast, kann
auch mit deinem Blute nicht versöhnet werden; und sollst du auf dieser Stelle
der himmlischen Banisen ein unwürdiges Opfer werden.« Worauf er den Säbel
entblösste, und ihre treue Liebe mit einem blutigen Zuge würde belohnet haben,
wenn nicht erwähnte Anwesende ihm in die Arme gefallen, und ihm das wunderliche
Verhängnis und die ungemeine Beständigkeit der getreuen Prinzessin beweglichst
vor Augen gestellet hätten. Als sie nun den beharrlichen Hass vermerkte, und sich
aller Hoffnung beraubet sah, liess sie der Verzweifelung den völligen Zügel
schiessen, entblössete ihre Brust, und fassete einen verborgenen Dolch mit diesen
Worten zur Hand: »So schaue demnach, unbarmherziger Tyranne, wie dieses
versprjetzte Blut auf ewig um Rache wider dich schreien, und dein unerweichliches
Herze Tag und Nacht vor den Göttern verklagen soll. Rühme dich nicht, diamantene
Seele! dass dich eine Prinzessin bis in den Tod geliebt, und um dieser Liebe
willen ihre Brust durchbohret habe: Denn dieser Stich wird mir durchs Herze, dir
aber durch die Seele dringen, mir kurze Schmerzen und dir ewige Qual
verschaffen: Weil dich mein blutiger Geist auch bis ans Ende der Welt verfolgen,
stündlich vor deinen Augen schweben, und dir deine Grausamkeit vorrücken soll.«
Worauf sie den Stoss zu vollziehen vermeinte, welches aber die Hand eines
wohlmeinenden Soldatens verhinderte.
    Als sie nun der Prinz in so beweglicher Gestalt vor sich knien sah, die
Albasterhaut der eröffneten Brust betrachtete, und einer sonderbaren Anmut in
dem gewiss liebenswürdigen Wangenfelde gewahr wurde: brach ihm endlich das Herz,
dass er diese seltsame Beständigkeit erkennete, den Säbel wegwarf, und sie mit
diesen Worten aufhub. »Ich gebe mich gefangen, schönste Prinzessin, und bekenne,
dass ich dieser Schönheit und Liebe nicht würdig bin, womit mich die gütige
Schickung der Götter beseligen will. Treueste Seele! Sie wende den Dolch auf
dieses mein unerkenntliches Herze, und vollstrecke die wohlverdiente Rache auf
meiner Brust. Ich habe geirret, und dem Schluss des Himmels widerstrebet; darum
danke ich der ewigen Gotteit, dass sie mich in diesem Augenblick zur Erkenntnis
gebracht hat: bei welcher Gotteit ich denn, in Gegenwart dieser Getreuen, will
geschworen haben: dass die Prinzessin von Savaady die Krone von Tangu vor ihre
Beständigkeit, und mein Herz als ein stetes Dank- und Sühnopfer ewiger Liebe
soll zu gewarten haben.«
    Worauf er sie inbrünstig küssete, und sie unter freiem Himmel vor allen
Augen zur Königin von Tangu und seine liebwerte Gemahlin erklärete: Darüber die
Prinzessin dermassen vergnüget ward, dass sie gleichfalls eine öffentliche
Danksagung auf den Knien wegen so erwünschten Ausgangs ihrer Liebe zu den
Göttern und ihrem Prinzen abschickte. Als auch die sämtliche Armee, welche sich
auf sechsundzwanzigtausend Mann vor Pegu vermindert hatte, angelanget, führte er
sie im Triumphe in Tangu ein, liess sie krönen, und sich königlich beilegen. Da
sie denn lange Jahre in grösster Zufriedenheit und Vergnügung beisammen gelebet,
und unterschiedene tapfere Zeugen ihrer Liebe erzielet haben.
    Denen Poeten aber wurde hierdurch Anlass gegeben, allen beständigen und
keusch verliebten Seelen diesen Trost- und Lobspruch der Beständigkeit zu
erteilen:
Beständigkeit besteht, obschon die Erde kracht,
Und durch die schwarze Nacht entbrannte Strahlen dringen:
Ein treuer Sinn lässt sich nicht Blitz noch Donner zwingen:
Die feste Liebe bleibt, wenn schon die stolze See
Den grunderbosten Schaum bis an die Sterne schmeisset,
Und Segel, Mast und Baum in Salz und Wasser reisst,
Sie dringt durch Sturm und Wind, durch Abgrund und durch Höh,
Bis endlich Gott zu rechter Zeit
Selbst krönet die Beständigkeit.
    Wir lassen hier den vergnügten Zarang den savaadischen Gürtel lösen, und
verfügen uns wieder in das aracanische Lager vor Pegu, woselbst wir statt
lieblicher Küsse donnernde Kartaunen spielen, und statt der Myrten die Mauren
von Pegu mit blutigen Zypressen umgeben schauen. Denn Tages nach des Prinzen von
Tangu Abzuge kam die erwünschte Hülfe aus Aracan glücklich an, welche die
getreuen Stände des Reichs mit funfzigtausend Mann vermehret, und also zweimal
hunderttausend auserlesene Mannschaft ihrem Könige zugeschickt hatten. Diese
bezogen sofort das alte Lager, die Prinzen aber nahmen die alte Stadt ein, und
machten sich solche zu einem bequemern Aufentalt, weil der Brand ein Teil
verschonet hatte: Jedoch hofften sie bald in Neu-Pegu bessere Bequemlichkeiten
zu haben. Weil nun die Tanguter die Bahn zum Stürmen sehr wohl gemacht hatten,
so liess der erhitzte Balacin fast keinen Tag vergehen, an welchem er nicht in
eigener Person die Völker zum Stürmen antrieb, wiewohl ihre Mühe hierinnen
nichts anders ausrichtete, als dass sie ihren Ruhm mit roten Buchstaben denen
Mauern einverleibten. Das Geschütze musste Tag und Nacht blitzen, die
unbeweglichen Mauern zu bewegen, dass sie doch einen freien Eintritt erlauben
wollten. Allein die verzweifelte Tapferkeit der Bramaner und die stete Gegenwart
des beängstigten Chaumigrems machten alle gewaltsame Anschläge fruchtlos.
    Als aber die Zeit bis auf drei Tage verflossen, da die schöne Prinzessin den
rauhen Opferstein betreten sollte, fand man in dem Norden-Lager einen mit Papier
umwundenen Pfeil, welcher alsbald dem Balacin eingehändiget wurde. Diesen
entwickelte er mit zitternder Hand, weil er die Schreibart des Abaxars wohl
kennete, und las folgendes daraus:
    Allergnädigster König und Herr.
    Jetzund setzet die liebreiche Prinzessin einen Fuss ins Grab, und der Strick,
welcher ihren Schwanenhals henkermässig umschlingen soll, ist verfertiget. Ihre
stumme Gefahr aber und das herzliche Mitleiden heisset uns eilen, und auf
mächtige Rettungsmittel bedacht sein, weil sie aus der Hand eines mächtigen
Feindes soll errettet werden. In dreien Tagen wird das blutige Opfer vollzogen,
und die Lösung aller Stücken wird alsdenn den traurigen Bericht erstatten, wie
die tugendhafteste Seele den schönsten Leib verlassen habe. Doch trauen Ihro
Majestät den Göttern und dem getreuen Abaxar, und versichern sich, dass nebst dem
General Martong und Ponnedro über siebenzigtausend Peguaner in diesem
Staatskörper ein gefährliches Geschwüre sind, welches, wo es aufbrechen sollte,
dem Chaumigrem den unfehlbaren Tod gewähren wird. Ihro Majestät Gegenwart in
unbekannter, und, nach des Ponnedro Bericht, portugiesischer Gestalt, würde das
Werk erwünscht befördern helfen: Welche zu erlangen ich Ew. Majestät morgen um
sechs Uhr in einem Ausfalle als gefangen abholen wollte, wenn Sie durch rote
Kleidung sich erkenntlich machen werden. Die Anordnung des alsdenn notwendigen
Hauptsturms wird der bekannten Tapferkeit des Prinzen von Siam wohl
anzuvertrauen sein. Ich schliesse und erwarte.
    Jedwedes Wort bedauchte dem Prinzen ein Donnerschlag zu sein, weil aber Zeit
und Not keinen Verzug verstattete, als liess der angstvolle Balacin noch selbe
Stunde Higvanama, Nherandi, Padukko, Korangerim, Mangostan und Ragoa zu sich
erfordern, und begehrte, ihre ratsame Meinung über dieses wichtige Begehren des
Abaxars zu vernehmen. Ob sie zwar nun alle widriges Sinnes waren, und sich nicht
ohne guten Vorbedacht gar einer listigen Verräterei besorgeten: so trauete doch
Balacin der durch Scandorn versicherten Aufrichtigkeit des Abaxars, und
entschloss sich, diesem Begehren nachzuleben. Als sie ihm nun solches nicht zu
widerraten vermochten, bewilligten sie endlich darein, und wurde nunmehr die Art
und Weise eines allgemeinen Hauptsturmes zur Gnüge abgehandelt.
    Balacin erwählte sich seinen getreuen Scandor zum Gefährten dieses
bedenklichen Unterfangens, und als die Morgenröte kaum angebrochen, verstellten
sie sich gewohntermassen mit den Farbeblättern, dass sie von jedermann vor
unerkenntlich gehalten wurden. Indem sie sich aber der Higvanama zum Scherz
zeigen wollten, kam der Bericht, wie sich der Feind durch einen Ausfall
eingestellet, und sich sehr feindselig erzeigte: Dannenhero Balacin einen guten
Panzer unter dem Rock legte, eine Sturmhaube aufsetzte, und sich also nebst dem
Scandor in roter Kleidung unter die Fechtenden einmischte. Weil nun Abaxar
diesen Ausfall in Person kommandierte, so befahl er seinen Leuten, diese zwei
Rotröcke, welche greulich hauseten, anzupacken und aufzufangen, welches die
Verstellten, als ob sie ihres Gewehres beraubet wären, endlich geschehen, und
sich gefangen in die Stadt führen liessen: da sie denn Abaxar vor zwei
portugiesische Hauptleute ausgab, und unter Vorwand eines starken Lösegeldes,
sie dermassen zu verwahren wusste, dass wegen Menge der Gefangenen sie des andern
Tages leicht zu vergessen waren.
    Worauf Abaxar unterschiedene geheime Zusammenkünfte anstellete, welchen
Ponnedro und Martong beiwohneten, und sich daselbst mit einem Eide verbunden,
die Prinzessin von diesem grausamen Tode zu befreien, und den tyrannischen
Chaumigrem zu stürzen. Damit nun Balacin unvermerkt dem Opfer beiwohnen könnte,
so wurde beschlossen, den Rolim durch Geschenke dahin zu bewegen, dass er ihn
unter die Zahl der Palpas oder Talipous aufnähme: weil nun der jüngste Priester
jederzeit das Opfer erwürgen müsste, als würde Leben und Tod der Geliebten desto
freier in seiner Hand beruhen.
    Nachdem nun auch Balacin den göttlichen Ausspruch zu Pandior bei sich wohl
überlegte, wie alle Begebenheiten mit demselben so wohl übereingestimmet, wie er
den Kaiser Xemindo, als damaligen Feind von Ava, aus seines Feindes Chaumigrems
Händen errettet, wie das fremde Bild der Prinzessin von Savaady ihn verblendet,
endlich doch eine vergebene und eingebildete Ruhe seiner Liebe in der Banise
gefunden hätte. Wie ferner seine Prinzessin, als sein einiges Vergnügen, in
Ketten, in Schrecken und Furcht des Todes läge: wie drei Kronen, Ava, Aracan und
Siam, die Krone von Pegu zu erretten bemühet wären: wie, sage ich, alles dieses
so genau erfüllet worden, dass nichts ermangele, ohne dass ihn das Opfer als einen
Talipou oder Priester kröne. Weil nun dieser Anschlag hierauf zielte, als wurde
Balacin im Gemüte dermassen gestärket, dass er feste davor hielt, es könnte zu
endlicher Erfüllung der göttlichen Wahrheit nicht anders denn beglückt
ausschlagen: dahero er um so viel freudiger einwilligte, und dem Abaxar ein
kostbares Kleinod einhändigte, um dadurch bei dem Rolim eine Priesterstelle zu
erkaufen.
    Abaxar verfügte sich sofort nach dem Rolim, und bedeutete ihn, wie dass er
einen nahen Anverwandten habe, welchem die Götter in währender Belagerung auf
sonderbare Art das Leben erhalten hätten, dahero er ein Gelübde getan, zur
schuldigen Dankbarkeit sein übriges Leben zum Dienste der Gotteit, und zwar,
weil er ein Soldate gewesen, des Carcovitä zu widmen, und darinnen zuzubringen.
Weil aber der Rolim kommendes Opfer vorschützete, welche Verrichtung sich der
itzige jüngste Priester, weil es ihn zu einer grössern Würde fähig machte, nicht
würde nehmen lassen, und ihn dahero ersuchte, nach dem Opfertage sein Begehren
zu wiederholen, da ihm willigst sollte gewillfahret werden: So musste Abaxar eine
andere Beredsamkeit hervorsuchen, und ihn durch die güldene Zunge des Kleinods,
welches der vermeinte Freund als eine Beute in Siam sollte erobert haben, dahin
bereden, dass er versprach, sein Ansehn hiedurch zu behaupten, und diesem neuen
Priester zu Verrichtung dieses Opfers behülflich zu sein. Abaxar nahm solches zu
Danke an, und hinterbrachte dem Balacin den glücklichen Fortgang ihrer Sachen
mit Freuden: Nur beklagten sie, dass der betrübten Prinzessin wegen allzu starker
Wache auch nicht ein Wink von ihrer vorhabenden Erlösung erteilet werden kunnte.
Diesemnach führte Abaxar den Prinzen zu dem Rolim, gegen den er sich dermassen
fromm und heilig zu bezeigen wusste, dass der Rolim den äusserlichen Schein vor den
andern Priestern hoch zu rühmen wusste, und er sodann mit gewöhnlichen Gebräuchen
zum Opferpriester in dem Tempel Corcovitä eingeweiht, auch ihm zugleich der
Opferstrick nebst dem steinern Messer zu bevorstehendem Opfer eingehändiget
wurde: worüber sein Gemüte sich dermassen bewegte, dass es auch der Rolim merkte;
weil er es aber vor eine Zagheit hielte, so sprach er ihm auf gut henkerisch ein
Herze ein. Und hiermit endigte das schwindende Sonnenlicht auch diesen Tag,
welchen die trostlose Banise ihren letzten zu sein erachtete. Balacin aber
vermochte die ganze Nacht keinen Schlaf in seine Augen zu bringen, sondern es
schwebete nur die gefesselte Prinzessin in seinem Gemüte und die bekümmerten
Gedanken, wie es mit dieser gewaltsamen Erlösung ablaufen würde, verstatteten
ihm keine Ruhe.
    Endlich zeigete sich das Licht, an welchem das letzte Blut vor die Wohlfahrt
des peguanischen Kaisertums sollte vergossen werden. Ganz Pegu erseufzete
ingeheim, sooft es sich das traurige Schlachtopfer ihrer Erbprinzessin vor Augen
stellete, und dieser Tag schiene einer der berühmtesten in den asiatischen
Geschichtbüchern zu sein. Weil nun dieses Opfer des Morgens musste verrichtet
werden, so war die kaiserliche Missgeburt des Chaumigrems in Person bemühet,
alles aufs prächtigste in solcher Ordnung anzustellen, wie es die Würde des
sonderbaren Opfers erfoderte. Er war willens, alle Gassen mit gedoppelter
Mannschaft zu besetzen, und sich dadurch zugleich eine sichere Augenlust zu
schaffen: Allein der geschäftige Feind zwang ihn, dass er statt der Gassen die
Mauren wohl besetzen musste; weil sich das ganze Lager regete, und angesichts der
Belagerten sich zu einem allgemeinen Sturm rüstete.
    Nherandi erwiese sich hier als ein ungemeiner Kriegesstern, welcher seine
Gegenwart auf allen Seiten strahlen liess, und sich denen Feinden als ein
blutbedeutender Komete zeigete. Er ordnete in eigener Person den Sturm an, und
legte eine gewaltige Probe seiner Kriegserfahrenheit hierinnen ab. Auf die
Norden-Seite stellte er die erste Armee der Aracaner, welche er selbst
anzuführen vornahm. Gegen Morgen setzte sich die heldengleiche Higvanama vor,
dieselbe Seite mit ihren Avanern zu bestürmen, zu welchen noch dreissigtausend
Aracaner stossen mussten, weil sie in der Carpanischen Schlacht sehr vermindert
waren. Vom Abende her dräuete Padukko mit seinen Siammern entweder zu siegen
oder zu sterben: Mangostan aber wurde denen neuen Hülfsvölkern aus Aracan
vorgestellt, um mit ihnen sein Heil an der Mittagsseite zu versuchen. Weil nun
Mangostan auf dieser Seite den Vorteil wegen besagten Dammes hatte und die
Mitternachtsseite gleichfalls eine ziemliche Öffnung zeigete, so wurde das
Geschütze nur von Osten und Westen her, als grausame Ungewitter, gegen die Stadt
gerichtet, und alles dermassen wohl angeordnet, dass zu einer schleunigen
Eroberung nichts mehr als der Angriff konnte erfodert werden, obgleich von innen
alle Hülfleistung wäre versaget worden.
    Als nun bei angebrochenen Frühstunden die Glocken zu bevorstehendem
Festopfer angezogen wurden, und ihr trauriger Schall die Annährung der
Todesgefahr einer hohen Person ausser der Stadt verkündigte, wurden zur Stunde
die Völker aus allen vier Lagern gegen die Stadt in schönster Ordnung
angeführet, da jedes Lager etliche tausend hohe Leitern, auf welchen drei
Personen nebeneinander anlaufen kunnten, vor sich hertragen liess, welches die
von den Siammern gefangene Bramaner verrichten mussten zur Rache wegen
gleichfalls missbrauchter Hülfe der armen Siammer vor Odia in Versenkung der
Schiffe. In solcher Gestalt warteten sie mit höchstem Verlangen auf das
versprochene Zeichen, und gaben ihre Begierde zu fechten durch ein öfteres
Feldgeschrei sattsam zu erkennen, wiewohl sie über drei Stunden mit höchster
Ungeduld hierauf warten mussten, indem Chaumigrem diese wichtige Sache mit grösser
Vorsicht vorzunehmen vermeinte, und zuförderst alle möglichste Anstalt zu
Beschirmung der Stadt machte, auch bei Lebensstrafe allen Peguanern und
Inwohnern der Stadt verboten wurde, sich nicht auf der Gassen, viel weniger bei
dem Opfer sehen zu lassen.
    Den Tempel des Corcovitä musste Abaxar mit viertausend Mann in dreifacher
Reihe umziehen lassen, und die Reuterei wurde in allen Gassen verteilt. Der
Rolim war inzwischen gleichfalls aufs äusserste bemühet, den Tempel herrlichst zu
zieren, und weil die armselige Prinzessin diese tyrannische Gnade erlanget, dass
sie, wie es ein ungewöhnliches Opfer, auch die Opfergebräuche in etwas
verändern, und nach ihrem Belieben einrichten möchte, so wurde eine herrliche
Musik darbei angestellet, und nichts unterlassen, was ein kaiserliches Opfer
zieren konnte.
    Der Tempel war länglich-rund mit vergüldetem Erz bedecket, und hatte zwölf
Türen mit polierter Arbeit. Inwendig war er mit weissem Marmel durchaus gesetzet,
und so künstlich ineinandergefüget, dass es schien, als ob der ganze Tempel nur
aus einem Stück gehauen wäre. Die Fenster waren von dem schönsten Kristall
gemacht, durch welche der Tag mit vermehrtem Lichte hineindrang, und doch den
Augen nicht schädlich war. Der Boden war mit bunten Jaspis gepflastert, und
rings um den Tempel stunden hundert alabasterne Säulen. An dem Ende des Tempels
gegen Morgen sah man den Kriegesgötzen Corcovita in einer erschrecklichen, ja
teuflischen Gestalt. Der Leib war wie ein Mensch gebildet, ingleichen die Hände,
deren rechte er auf der Brust, die linke auf dem linken Knie liegen hatte, weil
er sitzende vorgestellt war. Das Angesicht gleichte einem alten Mann mit grossen
Hörnern, zwischen welchen noch zwei kleinere sassen. Die Füsse waren auf Bocksart
bereitet, und zwei Flügel hingen auf dem Rücken. Das erhabene Gestelle, worauf
er sass, war von grünen Jaspis, mit ausgegrabener und erhobner Arbeit von Golde,
aufs künst- und köstlichste gezieret. Vor diesem Gestelle oder Altar stund nun
der bunte Marmel, auf welchem das abscheuliche Opfer verrichtet wurde. Etwan
zwanzig Schritte dem Abgott gegenüber war ein von sechs Staffeln erhöhter Tron,
mit gestickten Teppichten behangen, auf welchem das tyrannische Mordkind
Chaumigrem sitzen, und seine Augenweide an dem jämmerlichen Tode der
unschuldigen Prinzessin sehen wollte.
    Zwo Stunden nach der Sonnen Aufgang verfügte sich Chaumigrem, von vielen
grossen Staats- und Kriegshäuptern begleitet, auf einem Elefanten nach dem
Tempel, allwo Abaxar mit dreissig Trabanten, welche silberne Barten führten, den
Tron umgeben mussten, auf welchen er sich, nachdem er eine und andere Anstalt
selbst betrachtet hatte, mit grösstem Hochmut setzte, weil er des festen Glaubens
war, durch dieses Opfer würde Corcovita versöhnet, der Feind fast ohne Waffen
verjaget, und sein Tron durch dieses Blut befestiget werden.
    Als sich nun der Rolim nebst neunzig Priestern gleichfalls eingestellet
hatte, wurden zum letztenmal die Glocken angezogen, auf deren Getöne die
hitzigen Aracaner alsobald angelaufen wären, wenn sie nicht Nherandi durch
ernstes Befehlen hiervon abgehalten hätte, da sie denn wie ergrimmte Tiger die
besetzte Mauren ansahen, und von denselben gleiches Blickes gewürdiget wurden.
Nach dem Klang der Glocken aber wurde die Prinzessin Banise unter Begleitung
hundert Pfaffen nach dem Tempel zugeführet. Sie war königlich gezieret, und zu
Bezeugung ihrer Reinigkeit in ganz weissem Atlas gekleidet; eine Krone von Perlen
bezierte das zu Feld geschlagene Lockenhaar, und ein diamantner Gürtel umgab die
wohlgesetzten Lenden. Füsse und Hände waren mit starken güldenen Ketten
gefesselt, und in solcher traurigen Pracht kam sie in den Tempel. Balacin stund
bei dem Opfersteine, und stellte sich sehr geschäftig, ja recht blutbegierig an;
sobald ihm aber das schöne Opfer in die Augen strahlte, fiel ihm Strick und
Messer aus der Hand, ja er hatte vonnöten alle seine Grossmut und tapfern Geister
zusammenzufordern, damit er in gleichem Wesen bleiben, und zu Ausführung dieser
wichtigen Sache gnugsam geschickt sein möchte. Die Priester stellten sich in
einer langen Reihe auf beiden Seiten des Abgotts, da denn der Rolim mit einem
güldenen, die andern aber mit silbernen Rauchfässern dergestalt dem Abgott zu
Ehren zu räuchern begunnten, dass der ganze Tempel mit wohlriechendem Dampf
erfüllet wurde.
    Währenden Räucherns fing eine sanfte und durchdringende Musik von fernen an
zu spielen, in welche nachfolgende Arie, auf der Prinzessin Begehren, welche sie
selbst gesetzet hatte, mit traurig-beweglichsten Stimmen abgesungen wurde:
                                       1.
Sollen nun die grünen Jahre,
Und der Unschuld Perlenkleid
Auf die schwarze Totenbahre,
In die dunkle Ewigkeit?
Soll mein Blut die Erde färben?
Soll Banise nicht mehr sein,
Und so jämmerlich verderben?
Himmel das ist Seelenpein!
                                       2.
Meine Jugend heisst mich hoffen,
Weil die vollen Rosen stehn:
Und mein Fuss betritt die Stufen,
Welche nach dem Grabe gehn.
Stern und Himmel ruft vergebens:
Suche Flammen in dem Schnee,
Weil die Sonne meines Lebens
Sinket in die Totensee.
                                       3.
Statt verhoffter Liebesblicke
Küsset mich der blasse Tod,
Und der Tugend bestes Glücke
Ist nur Jammer, Angst und Not.
Gold und Kronen sollt ich erben,
Ja ein Kind der Götter sein.
Aber, ach! so soll ich sterben!
Und betreten Gruft und Stein.
                                       4.
Doch getrost! das Licht der Tugend
Blitzet auch durch Tod und Nacht.
Es ist Schönheit, Stand und Jugend,
Was den Tod dir bitter macht.
Dieses sind nur falsche Sterne,
Und ein Glanz der Eitelkeit:
Spreu und Schalen sonder Kerne,
Welche schwinden mit der Zeit.
                                       5.
Tugend kann den Tod versüssen,
Hoffnung zuckert Gallen ein.
Weil wir alle sterben müssen,
Will ich nicht die letzte sein.
Es wird meine reine Seele
Reisen durch die Sterblichkeit,
Und entgehn des Grabes Höhle
Zur gestirnten Ewigkeit.
                                       6.
Zwar mein Prinz wird sich betrüben,
Weil mein Fall die Liebe stört:
Doch ein keuschgesinntes Lieben
Wird durch keinen Tod versehrt.
Ihre zarte Wurzel dringet
Auch bis in die kalte Gruft:
Wenn sich Geist und Seele schwinget
Durch die blaugewölkte Luft.
                                       7.
Nun, die Zeit befiehlt zu scheiden,
Und mein Stundenglas zerbricht.
Ich soll Tod und Messer leiden,
Es verdunkelt Aug und Licht.
Dieses ist die letzte Stunde.
So vergeht der Jugend Pracht!
Wort und Silb erstirbt im Munde:
Welt und Prinz zu guter Nacht!
    Diesem allem hörte die grossmütige Prinzessin ganz beherzt und mit einem
solchen Angesichte zu, in welchem man statt der Furcht eine ernstafte
Freundlichkeit und solche Anmut erblickte, welche die Steine zu durchdringen
schien. Der sonst unbewegliche Prinz konnte sich der Tränen nicht entalten,
indem er kein Auge von der Prinzessin wendete. Ja, er wünschte, dass nur bald die
Zeit verflossen, und die Stunde des Opferwechsels vorhanden wäre. Nach
geendigtem Singen wurden die Ketten von dem schönen Opferlämmgen abgenommen, und
unter stetem Räuchern des Rolims vor dem Abgott geführet, von welchem sie ihr
englisches Angesichte ab- und dem Chaumigrem, nebst allen Anwesenden zuwendete,
da sie zugleich mit ungemeiner Herzhaftigkeit und unerschrockener Stimme
folgende Rede vom Tode hielt:
                Trauer- und Abschiedsrede der Sterbenden Banise
    »So ja etwas Erschreck- und Entsetzliches kann oder mag genennt werden,
wovor die Helden zittern, die Starken beben, und die Tyrannen erschrecken; ja wo
etwas zu finden ist, welches die Gottlosen von der Sünde noch etwas zurücke
halten kann, so ist es gewiss das blasse Reich des Todes und dessen
furchterweckende Betrachtung. Der Tod, sage ich, das erschrecklichste alles
Schrecklichen, welcher alles zerbricht, was seinen Ursprung von der Erde nimmt,
und was nur die Geburt an die Sonne stellt; welchen auch die wilden Tiere und
giftigste Schlangen zu scheuen pflegen, und die menschliche Natur vor ihren
grössten Feind erkennet, wider den sie bei allen Ärzten Entsatz und diesen
abscheulichen Grabeswurm möglichst abzuhalten sucht. Ja der Tod, welcher mir
jetzt die eiskalte Hand reichet, ihm auf einer blutigen Bahn zu folgen. Gewiss,
wenn wir den Tod mit unsern Vernunftsaugen etwas genauer betrachten, so scheinet
es, als ob unserer Natur allzu, grosse Gewalt angetan würde, und die erzürnte
Gotteit denen Menschen etwas auferleget hätte, welches menschlicher Schwachheit
zu ertragen unmöglich wäre. Allein, so wir den Kern kosten, und die Schalen
verwerfen, so befinden wir, dass unsere grösste Glückseligkeit im Tode beruhe. Es
würde uns das gallenbittere Leben noch viel herber schmecken, so wir kein Ende
unserer Not, viel weniger eine Verbesserung wüssten. Nicht wolle jemand wähnen,
als ob mich die Not lernte das Leben verachten, weil ich den Tod vor Augen sehe,
und mir selbten, als eine Sache, welche nicht zu ändern, süsse vorzustellen mich
bemühete. Nein, keineswegs; sondern ich versichere, dass ich mich in der
Todesbetrachtung mehr als im Spiegel lebenslang beschauet habe, indem ich ein
wahrer Zeuge des Glücks und Unglücks bin.
    Ich meines Orts halte davor, dass der allgemeine Wunsch einiger
Lebensverlängerung bloss aus einer unzeitigen Liebe des Lebens herrühre, welche
sodann den Tod verhasst macht, und denselben auf das greulichste vorbildet; so
wir aber den Ursprung solcher Liebe untersuchen wollen, so wird die Quelle aus
dem Irdischen entspringen. Was aber irdisch sei, solches sehen und erfahren wir
in unserm irdischgesinnten Leben täglich. Bilden wir uns ein, die höchste
Glückseligkeit beruhe in Kron und Tron, und der Szepter könne nur unser Leben
versüssen, so betrügen wir uns heftig. Denn, ach! dass es nur die Welt glauben
wollte! jede Krone und Fürstenhut ist ein Joch, dessen Gold schwerer als Blei zu
ertragen ist. Die Diamanten sind spitzige Pfriemen, welche gekrönten Häuptern
ihre Ruhe verstören; die Perlen bedeuten Tränen, und die schütternden Rubinen
sind geronnen Blut, welches öfters aus den Adern des gekrönten Knechts
hervorquillet. Weh mir, dass ich meinen Herrn Vater zu einem kläglichen Beispiel
vorstellen muss! Suchen wir unsere Lebensversüssung an den Höfen der Prinzen, so
begeben wir uns zur Herbstzeit auf eine See, welche uns durch verborgene Klippen
und Sandbänke einen täglichen Schiffbruch dräuet. Ja die Vergnügung ist nirgend
weniger denn hier zu finden, weil stetes Misstrauen und Furcht jedweden Schritt
begleiten: Und rühmet sich gleich einer in dem Schoss der Gnaden zu sitzen, so
kann doch ein unzeitiges Wort oder Gebärde tausend Donnerkeile aus dieser
Gnadenwolke ziehen, welche sein Glücke im Augenblick zerschmettern. Hier weinet
oft das Auge bei lachendem Herzen, und ein Todfeind schmücket sich mit
Freundschafts-Larven; ja die Liebe des Nächsten wird zu Hofe ein Ungeheuer, und
diese Tochter der Natur ein Missgeburt der Welt. Hier muss man allen Blicken einen
Kappzaum anlegen, demjenigen am meisten heucheln, welcher uns am meisten
unterdrückt, und auch die schändlichsten Gebrechen als Tugenden ausstreichen,
dass also, da wir oft die grössten Sklaven sein, wir uns doch aus stolzer
Einbildung Herren zu sein bedünken. Vielweniger kann und soll uns Reichtum als
die güldene Folterbank des Gemüts, noch einig scheinbares Glücke oder Ehre das
Leben dermassen beliebt machen, dass wir den Tod sogar hassen, und ein ewiges
Leben dieser Zeitlichkeit wünschen sollten. Es muss jeder bekennen, dass er sich
öfters über die Länge der Zeit beschweren müsse, und dahero bemühet er sich,
solche nach Möglichkeit zu vertreiben, ja gleichsam zu verjagen, und bekennet
also auch wider seinen Willen den Verdruss der Zeitlichkeit.
    Nun dieser Fessel, womit das Gemüte an das Irdische sich verbindet, ist
meine Seele gleichfalls ganz befreit, und küsse ich vielmehr dieses güldene
Licht, an welchem ich das Joch der Eitelkeit ablegen, und mich denen Sternen
beigesellen soll: Ja ich achte das eitele Wesen dieser Welt nicht mehr einiger
Gedanken würdig. Denn wer wohl schlafen will, der muss auch die Kleider ablegen,
und wer wohl zu sterben verlanget, der lege das Irdische von sich. Der Tod ist
nicht so schrecklich, als man sich einbildet, und wer sich davor fürchtet, oder
die Verlängerung des Lebens allzu heftig suchet, der muss gottlos sein, dass er
Ursach hat, sich vor der Verdammnis zu fürchten; dasjenige Leben aber, welches
stets in solcher Todesfurcht und Gewissensangst umgeben, ist kein Leben, sondern
nur eine Marter zu nennen. Wohl sterben ist nichts anders, als der Gefahr, übel
zu leben, und fernern Unglück entfliehen, und doch empfinden ihrer viel den
grössten Abscheu von der Trennung des Leibes und der Seelen: ich aber will
beherzt eine böse Stunde vor ein gutes Jahr, und einen wenigen Schmerz vor eine
ewige Freude ausstehen. Und also sterbe ich mit höchsten Vergnügen, weil mich
die Tugend lehret, wie man sich bezwingen, und durch den Tod dahin kommen müsse,
wo ein beperlter Rock der Ewigkeit meine Schultern bedecken wird.
    Wird gleich der Draht meiner zarten Jugend zerschnitten, und bleibet Kron
und Szepter zurücke, so wird doch meine Seele in dem glänzenden Niba auch Sonne
und Sternen an Klarheit übertreffen. Muss gleich der artige Bau meiner Glieder
zerbrechen, und der Purpur meiner Wangen und Lippen mit Totenfarben bestrichen
werden, so bin ich doch versichert, dass an meinem Geiste solcher Verlust wird
tausendfach ersetzet werden. Ich weiss zwar, dass viel getreue Herzen ihre Tränen
mit meinem Blute vermischen wollten, wenn nicht ein Damm ihrer Grausamkeit ihren
Lauf hemmete: Allein glaubt, dass mir dieser Trauerstein angenehmer weder der
Tron zu sein bedünket: und wäre es demnach ganz unnötig, dass ihr meine Asche
mit eurer Wehmut beflecken wolltet. Ein von Lastern befreiter Geist lässet sich
den Tod nicht schrecken, denn dieser kömmt nur blöden Augen hässlich vor, und
verwähnte Lippen wollen nicht Wermut schmecken. So erkenne ich mich demnach dem
Kaiser höchst verpflichtet, indem er mir hierdurch eine solche Gunst bezeiget,
dass ich seine vorige Schattenliebe anitzo vor eine helle Sonne erkennen muss:
Wenn er mir durch den Tod ein solches Geschenke erteilet, welches mich weit mehr
als keine irdische Liebe vergnüget. Ich werde in kurzem mit verneuerten Lippen
die besten Freunde küssen, und ich sehe bereits, wertester Herr Vater, sein mit
tausend Sternen beflammtes Angesichte durch die blaue Luft glänzen. Ich schaue
im Geist, wie mir die liebste Frau Mutter aus der Ewigkeit zuwinket, und mich
mit lächlendem Munde ihrer Vergnügung versichert. Ach seligste Schwester! die du
auf unerhörte Art am Galgen ersticken müssen, ich sehe ganz entzückt, wie um
deinen Hals, statt des verdammten Henkerstrickes Diamanten, und deine vier
kleine Todeszeugen, wie die Morgensterne um dir schimmern. Ja, liebsten Freunde!
ich erblicke schon mit sterblichen Augen vergötterte Gestalt, und wie ihr Arme
und Hände ausstrecket, mich zu euch zu ziehen.
    Ach aber! was vor ein Angstschweiss befället meine bereits erkalteten
Glieder, und welche Wehmut heisset mich die letzten Tränen vergiessen? Mein Herze
schwitzet Blut, und ein bleicher Jammer bestürmet mein Gemüte. Allein, nicht
mein sterbendes Unglück, nicht der Verlust von Kron und Szepter, oder dass ich
den Purpur mit einem Sterbekittel vertauschen soll, verursachet diese Schmerzen;
sondern das empfindlichste Andenken meines liebwertesten Prinzen Balacins
beunruhiget meine Seele. Ach liebster Prinz! in was vor eine Tränensee wird dein
Herz verschlagen werden, wenn diese Trauerpost in deinen Ohren erschallen wird:
Deine Banise, dein Schatz, ja deine versprochene Braut ist tot, und ihr getreues
Blut klebet noch in Pegu an dem Opfersteine. Nunmehro wirst du nicht mehr die
Zuckerfrucht reiner Küsse von meinen Lippen ernten können, und der Frühling
unserer keuschen Liebe hat sich in einen kalten Todeswinter verwandelt, welcher
einen fruchtgeniessenden Herbst nicht eher, als in den Sternenauen verspricht.
Ach getreuester Balacin! wie wird dein Herz klopfen, und deine Grossmut mit
Tränen überschwemmet werden, wenn man dir nach erfolgter Eroberung den geringen
Rest meines verbrennten Leibes in einem engen Geschirre zeigen wird: In noch
tiefere Traurigkeit und Mitleiden aber wirst du versetzet werden, wenn du
erfahren wirst, wie ich meine dir geschworne Treue bis in den Tod unbefleckt
erhalten, und unserer Liebe eine keusche Seele aufgeopfert habe. So lebe demnach
wohl, erwähltes Herze! lebe wohl, und empfange diesen Abschiedskuss durch die
Luft. Ich sichere dich, die Flamme soll nicht so heftig meinen Leib umfangen,
als wie meine Asche in der Beständigkeit gegen dich noch glühen soll. Ja wenn
sich das Wort im Blute netzen, und der Tod auch das Lallen verbieten wird, so
sollen doch die Seufzer noch häufig nach dem Himmel und zu dir fliegen. Gute
Nacht, mein Prinz! der Himmel segne deine Waffen, und gönne dir so viel gute
Jahre, als ich böse Stunden habe zählen müssen. Gute Nacht! Meine zu
bevorstehendem Todeskampfe benötigte Grossmut verbeut mir, ferner an dich zu
gedenken, und erlaubet mir, nur noch einmal zu sagen: Die letzte gute Nacht!
    Indessen getrost, mein Geist! und lasse dich nichts irren, ob dich gleich
ein zitterndes Grauen anfechten, und dir die Vernunft deine Jugend und das
letzte Anschauen der Welt vorstellen will. Gedenke, es müsse sein, der Himmel
habe es also beschlossen, dass dein reines Blut ein roter Zeuge der Keuschheit
sein solle. Wer heute stirbt, der darf nicht morgen sterben. Nun gute Nacht!
Zeit und Wehmut erlaubet nicht ferner die Tugend zu rühmen, und das Leben zu
verachten. Ich sage: Gute Nacht! weil ich die lange Todesnacht antreten, und
mich euren Augen auf ewig entziehen soll. Es ist genung, ich bin vergnügt, wenn
ich weiss, dass, ob ich gleich vergehe, dennoch mein Name bleiben werde. So komme
denn, angenehmer Tod! und vermähle mich mit dir. Du himmlische Gotteit aber lass
dir meinen Geist zu geheiligter Hand befohlen sein, und lasse ihn statt jetziger
Galle die süsse Himmelskost schmecken. Lasse ihn bald dahin gelangen, wo er das
gestirnte Heer viel tausend Meilen unter sich sehen, und alle Tyrannei und
Eitelkeiten dieser Welt getrost verlachen kann. Verwechsele meine Kummerdornen
mit einer rosensanften Luft, und bekröne mein Haupt mit einer Sternenkrone, so
werde ich mit Lust sterben, wenn alle Welt mir diese Grabschrift stellen wird:
                    Weil Banise Tod und Laster besieget hat,
                so ist sie eine Nachbarin der Sonnen geworden.«
    Nach welchen Worten sie sich mit etwas erblasseten Wangen und wankendem Fusse
dem traurigen Opfersteine näherte, und allda des mörderischen Strickes mit
bereits geschlossenen Augen erwartete. Balacin aber stund unbeweglich vor ihr,
und schiene, als ob er vor Zorn, Wehmut und Liebe ganz versteinert wäre. Ob ihn
nun zwar der Rolim zu unterschiedenen Malen seines Amtes erinnerte, so verzog er
doch dermassen, dass ihm endlich Chaumigrem selbst zurufte: »Es ist dein
unzeitiges Erbarmen vergebens: Verrichte dein Amt, und vermeide deine Strafe.« -
»Du wirst des Mordens besser gewohnt sein«, antwortete der ergrimmete Prinz,
»grausamer Blutund: Derowegen so komme nur selbst her, und verrichte dieses
henkermässige Opfer.« Worauf er alsobald in möglichster Eil mit denen bei sich
habenden Blättern sich erkenntlich machte, welches aber weder die halbtote
Prinzessin, noch der vor Zorn rasende Chaumigrem bemerkete. Die Pfaffen aber,
welche diese Veränderung sahen, schlugen alle die Hände über den Kopf zusammen,
und schrien alle mit grässlicher Stimme: »Verräterei! Verräterei! Verräterei!«
Welches Geschrei den Kaiser dermassen verwirret machte, dass er dessen Bedeutung
nicht merkete, sondern im Grimm von Trone aufsprang, nach dem Prinzen lief, und
ihm den Strick aus der Hand reissen wollte, in willens, die Prinzessin mit
eigener Hand zu erwürgen. Balacin aber kam ihm hurtig zuvor, und warf ihm selbst
den Strick um den Hals, risse ihn zu Boden, und versetzte ihm mit dem scharfen
Opfersteine und diesen Worten einen tödlichen Stoss in die linke Brust: »Siehe du
Blutund! So muss man den Teufeln, und nicht den Göttern opfern!« Chaumigrem aber
konnte vor Schrecken nichts als das widerschallende Wort Verräterei vorbringen.
    Wie nun solches die anwesenden Bramaner ersahn, stürmeten sie einmütig mit
blossen Säbeln auf den Prinzen. Abaxar aber, welcher sowohl die Trabanten, als
auch die um den Tempel gestellten Völker zu seinem Wink bereit wusste, täte den
rachgierigen Bramanern einen blutigen Einhalt, und entstund ein so hartes
Gefechte in dem Tempel, dass das Blut auf dem glatten Jaspisboden stromweise
dahinflosse: ja die göttliche Rache schickte es dermassen, dass der tödlich
verwundete Chaumigrem, welcher sich so ofte mit unschuldigem Blute besudelt,
sich in dem häufigen Blute brüllende herumwälzen, und mit Ach und Weh seinen
schwarzen Geist der flammenden Hölle zuschicken musste. Der Prinz ergriff
indessen die ganz erstarrete Prinzessin, und setzte sie auf den erhöheten Altar
des Abgottes, damit ihr der allentalben wütende Säbel nicht einiges Leid
zufügen möchte. Hierauf drungen die äussersten Völker mit grossem Geschrei: »Es
lebe Prinzessin Banise!« in den Tempel, und hieben im Grimm alles nieder, was
nur eine bramanische Ader regte: wodurch der Tempelstreit seine Endschaft
erreichte.
    Indem aber, vorerwähntermassen, die Prinzessin ihre Trauerrede geendiget
hatte, und das Opfer indem verrichtet werden sollte, so war bereits das Zeichen
zu Lösung der Stücke gegeben, welche denn um die ganze Stadt mit so
entsetzlichem Donner gelöset wurden, dass Häuser und Tempel erbebeten. Solcher
Knall hatte sich kaum in den Lüften verloren, so wurde von der Ost- und
Westen-Seite so grimmig geantwortet, dass auf beiden Seiten eine
dreissigklafteriche Eröffnung die grausame Würkung zeigete. Nach diesem ginge der
Sturm auf allen Seiten dergestalt an, dass es schiene, als ob sich die Menschen
unterstehen wollten, den Himmel mit der Erden zu vereinigen. Die Bramaner
fochten als verzweifelte Leute, und die Stürmenden wollten von nichts als
Sterben oder Siegen hören. Die Toten verhinderten die Lebendigen, und das
schlüpferige Blut verursachte denen Anlaufenden ein gefährliches Gleiten. Als
aber der tapfere Abaxar die erste Probe seiner Treue abgeleget, überliess er dem
Prinzen zu Beschirmung der Prinzessin tausend Mann: Eintausend Mann mussten in
allen Gassen ausrufen: »Es lebe die Prinzessin Banise!« Auf welches aus allen
Häusern ein hunderttausendfaches Echo erfolgete. Mit zweitausend Mann eilte er
dem Norden-Tore zu, allwo er bereits den General Martong mit denen Bramanern
wegen Behauptung des Tores in vollem Kampf begriffen fand: da er als ein Blitz
durchdrunge, und das Tor mit Gewalt aufhauen liess. Solches war kaum eröffnet, so
drungen die Aracaner als eine dicke Wolke hinein, und erfülleten alle Gassen mit
Blut und Tode, jedoch wurden die Häuser verschonet. Nherandi kam mit den
fördersten hinein, und traf auf dem Markte den Padukko mit den Siammern zu
höchster Verwunderung an, welcher auf seiner Seiten die Mauren mit Gewalt
erstiegen hatte. Worauf denn inner zwei Stunden alles über und über ging, und
wurde, was nur einen bramanischen Namen führete, niedergehauen.
    Wo lassen wir aber die entzückte Banise, nebst ihrem höchst vergnügten
Prinzen? Diese kunnte sich durchaus nicht fassen noch begreifen, sondern die
Todesangst wollte sie überreden, sie habe bereits den Tod überstanden, und habe
sie die Gesellschaft ihres Prinzen in dem Niba angetroffen. Als indessen das
blutige Getümmel in etwas gestillet, und sie einigermassen, gleichsam aus einer
tiefen Ohnmacht, wieder zu sich selber kommen war; fiel sie vor dem Altar zu des
Prinzen Füssen, und sagte mit schwacher und beweglichster Stimme zu ihm: »Ach
englischer Balacin! lebe ich, oder bin ich tot? Schlafe ich? Träumet mir? Oder
sind dieses solche Begebenheiten, die sich noch in der unterirdischen Welt
zutragen? Ach ist es möglich, dass ich durch deine Hand aus der Gewalt des Todes
gerissen worden? Betören mich meine Augen, dass ich den Mörder meiner Eltern, den
Feind meiner Keuschheit und den nach meinem Blute dürstenden Tyrannen in seinem
Blute vor mir liegen sehe? Wie können sich denn die Dörner so geschwinde in
Rosen, und die Hölle in ein Paradies verwandeln? Ich küsse die hülfreiche Hand,
und bin, wie vor, bereit, mein Blut vor diese Treue zu vergiessen. Ach könnte ich
doch mein Herz aus dem Leibe reissen, und solches als ein freudiges Dankopfer vor
deinen Augen verbrennen. Statt dessen aber sei dir, wertester Engel! Geist,
Leib, Hand, Mund, Brust und Liebe hiervor aufgeopfert.« Balacin hub sie von der
Erden, und antwortete: »Allerschönste Prinzessin! Sie erhebe nicht mein
schwaches Verrichten allzu hoch, weil die Stärke von den Göttern entsprossen,
und ich ohnedies Dero Wohlfahrt mit meinem Blute verbunden bin. Ich erstaune
selbst über der plötz- und glücklichen Veränderung, worinnen die Gotteit ihre
mächtige Hand im Spiele hat, und merke ich aus dem Getümmel, dass auch die Stadt
bereits in unserer Hand sei.«
    Indem sie aber noch ein und anders, ihre Vergnügung zu bezeugen,
vorbrachten, traten Nherandi und Higvanama, nebst andern hohen Personen in ihren
blutbesprützten Rüstungen in den Tempel. Was nun hier vor Empfang- und
Glückwünschungen vorgingen, ja wie sich die beide Prinzessinnen, Banise und
Higvanama, welche das erstemal einander kennenlernten, so inbrünstig und mit
vielen Tränen einander umarmeten, solches würde dieses enge Papier der
wohlständigen Kürze berauben, und vielmehr einen Ekel erwecken. Weil aber dieser
schöne Tempel nunmehro gleich einer Mördergrube voll Blut und Leichen lag, und
diesen Vergnügungen einen abscheulichen Gegenstand hielt: als verliesse diese
hohe Gesellschaft den entweihten Tempel, und verfügten sich nach der gleichfalls
eroberten Burg.
    Als nun zugleich von denen Generalen ein allgemeiner Stillstand der Waffen
in der Stadt geboten und denen Soldaten die Gassen, nicht aber die Häuser zu
plündern erlaubet worden, so war die Stadt mit Aracanern besetzt, die übrigen
Völker aber wurden wiederum in die Läger geführet, und ihnen reichliche
Verpflegung, welche ein treuer Soidate auch verdienet, verschaffet. Zu Hofe aber
wurde fleissig Rat gehalten, wie aller fernem Verwirrung abzuhelfen, und alles in
vorig erwünschten Zustand zu setzen wäre. Weil demnach durch hohe Vermählung der
Prinzessin Banise die königliche Krone des Reichs Pegu auf des Königs von Aracan
Haupt gesetzet werden musste; als wurde durch vier Herolden unter dem Schall der
Trompeten und Pauken in der Stadt folgendes ausgerufen:
    »Demnach es durch die gütige Schickung der Gotteit und Tapferkeit des
grossmächtigsten Königes von Aracan nebst dessen hohen Bundesverwandten dahin
gediehen, dass unsere allergnädigste Erbprinzessin vom Tode und dieses bisher
unbeglückte Kaisertum Pegu aus der gewaltsamen Hand des tyrannischen Chaumigrems
glücklich errettet worden: so geziemet zuförderst jedwedem getreuen Peguaner,
den Göttern, dem Ursprunge unsers Heils, fussfälligen Dank abzustatten. Denn ihr
sollt wissen, dass nunmehro der allgemeine Feind der Natur, der schädliche Krieg,
gänzlich soll aufgehoben, und der edle Friede eingeführet werden. Heute sollen
sich alle Säbel in Pflugscharen, die Spiesse in Eggen und die Lanzen in
Weinpfähle verkehren. Der Friede soll unsere Mauren besitzen, und die Sicherheit
soll vor jedem Hause ihre Fahne aufstecken. Nun soll der Pflug getrieben, Handel
und Wandel fortgesetzet, und die Handwerke vor die Hand genommen werden. Was
vergraben und verborgen gewesen ist, soll herfürgezogen werden, und durch alle
Hände gehen. Die Felder sollen fruchtbar gemacht, die Städte gezieret, und mit
Reichtum erfüllet werden. Die bishero schweigenden Gesetze und die schlafende
Gerechtigkeit soll hingegen ihr Schwert wiederum ergreifen, und nur die Laster
bekriegen. Die Väter, welche bishero wider den Lauf der Natur ihre Kinder
begraben haben, sollen nunmehro von ihren Kindern in Frieden zu Ruhe gebracht
werden. Der Adel soll nunmehro vor dem gemeinen Volke erkennet, alle Verwirrung
abgetan, und alles in friedliche Ordnung gesetzet werden. Es soll auch zugleich
eine allgemeine Verzeihung gegen diejenigen, welche sich allszusehr nach dem
Laufe der Zeiten gerichtet, und wider ihre Pflicht sich mit Worten oder Werken
an unserer allergnädigsten Erbprinzessin oder dero hohen Eltern, mildesten
Andenkens, vergriffen haben, ergehen, und solches Verbrechen tot und ab sein,
auch dessen nimmermehr gedacht werden: wofern ein künftiges gehorsames
Wohlverhalten diese Fehler zu büssen bemühet sein wird. Weil nun alle diese edle
Früchte des Friedens uns von der Hand des tapfern und unüberwindlichen
königlichen Heldens von Aracan mit Darsetzung seines Gutes und Mutes erteilet
worden; als hat unsere durchlauchtigste Erbprinzessin solche allgemeine Wohltat
statt unser dermassen zu erkennen gewusst, dass sie ihre Liebe und sich selbst ihm
hiervor ergeben und aufgeopfert: Also und dergestalt dass aus diesem edlen
Friedenswerke zugleich eine höchst-er-spriessliche Vermählung entspringet, und
den Tron unsers allergnädigsten Kaisers Xemindo mit einem höchst-anständigen
Regierungshaupte nunmehro besetzet worden: welcher diesen Frieden nicht allein
erworben hat, sondern auch mächtigst erhalten wird. Zu dessen Krönung inner drei
Tagen soll geschritten werden. Friede! Friede! Friede!«
    Welches mit einem widerschallenden Freudengeschrei allentalben beantwortet
wurde, indem man in allen Ecken und Winkeln rufen hörte: »Es lebe der
unüberwindliche Kaiser Balacin mit seiner unvergleichlichen Banisen!«
    Unterdessen versammleten sich alle Fürsten des Reichs, und weil sie noch vor
der Krönung alles, was sie zu suchen oder zu erinnern hatten, vorbringen mussten,
so wurde solche noch einige Tage verschoben. Nachdem aber Balacin unter andern
fürstlichen Tugenden vornehmlich die Dankbarkeit beobachten wollte, so liess er
den Martong und Abaxar vor sich kommen, und gab ihnen freie Wahl, sich vor ihre
unersetzliche Treue eine freie Gnade zu erwählen, wodurch sie sich vor ihre Mühe
vergnügt befinden könnten: Worauf denn Martong untertänigste Ansuchung tat, dass
er das aufrührische Reich Brama mit zweimal hunderttausend Mann züchtigen, und
im Namen Ihrer Majestät von Pegu einnehmen dürfte; da er denn, so ihm die
Stattalterschaft anvertrauet, seine Pflicht besser als Xenimbrun in acht nehmen
würde. Welches ihm sofort mit Darreichung einer güldenen Ketten, woran ein
schweres Kleinod von Diamanten hing, bewilliget wurde. Abaxar aber trat mit
höherm Ansehen hervor und sagte: »Weil es mir denn erlaubet ist, meine schuldige
Mühwaltung mir gleichsam selbst zu vergelten, so begehre ich weder Gold noch
Kleinod, weder Macht noch Reichtum, sondern etwas, welches uns die Götter in die
Armen werfen, wenn sie uns vergnügen wollen. Ich bitte um dasjenige, was ich mit
Darsetzung meines Lebens erworben habe, und mich mit Einwilligung des Geschenkes
wohl berechtiget dazu finde. Ja ich bitte, grossmächtigster Kaiser und Herr, Sie
geruhen gnädigst, bei dem Könige von Siam vorzubitten, dass er es sich gefallen
lasse, wenn die schöne Prinzessin Fylane mein Verlangen stillet, und der Lohn
meiner Treue wird.« Worauf er etwas stille schwieg, und allen hohen Anwesenden
ein stillschweigendes Verwundern wegen solcher kühnen Bitte verursachete. Er
aber fuhr fort, und sagte: »Durchlauchtigste Gesellschaft! Sie tadeln nicht zu
zeitig mein hohes Begehren, sondern wissen, dass ich nicht mehr Abaxar, ein
Bedienter eines unwürdigen Tyrannen, sondern der unglückselige und verloren
geschätzte Prinz Palekin von Prom bin, welchen das Unglück gezwungen hat, unter
einem Tyrannen mehr Liebe und Freundschaft als einer boshaften Stiefmutter zu
suchen: Wiewohl solches, den Göttern sei Dank, erspriesslich geraten, und zu
meinem Besten angeschlagen ist. Damit sie nun meines Vorbringens desto besser
gesichert sein mögen, so will ich mich durch das von der Natur eingeprägte
Schwertzeichen rechtfertigen.« Worauf er seinen rechten Arm entblössete, und ein
Mal, wie ein Schwert gestaltet, aufwiese. Weil auch von diesem Schwertmal nach
der Geburt dieses Prinzen ganz Asien erfüllet, und solches jedermann bekannt
war, also wurde desto weniger an der Gewissheit seines Herkommens gezweifelt,
dannenhero er in seiner Rede fortfuhr: »Wie mich nun«, sagte er, »das gütige
Verhängnis auch zu Kronen geboren hat; also verhoffe ich, dieser schönen
Belohnung nicht so gar unfähig zu sein. Es ist Ihnen ohne mein Erinnern bekannt,
wie mich der Hass meiner Stiefmutter, Nhay Nivolan, welche ihrem Sohne die Krone
von Prom aufzusetzen bedacht war, dermassen verfolgete, dass ich meines Lebens
nicht versichert war: Worzu noch dieses kam, dass diesen Hass eine ungewöhnliche
Ungnade des Vaters begleitete, welcher mich nicht wohl mehr vor seinen Augen
erdulden kunnte. Weil ich mich nun täglich einer Giftmischung besorgen musste, so
hielte ich mein Leben vor eine Beute, welches zu erretten ich mein Vaterland gar
verliess. Ich wandte mich hierauf nadi Martabane, allwo ich mich über fünf Jahre
als ein Graf aufgehalten, und in solcher Zeit solche verwunderliche Zufälle
erfahren müssen, welche zu erzählen einige Tage Zeit darzu erfordert würden. Als
nun der allgemeine Untergang von Martabane erfolgete, so habe ich mich zwar als
ein Haupt über zehentausend Mann wider den Chaumigrem nach solcher Kraft und
Vermögen, die mir die Götter verliehen, tapfer gebrauchen lassen: Weil es aber
schiene, als ob dieses Reiches Fall in einem höhern Rat beschlossen worden, so
habe auch ich damals nebst vielen andern erliegen, und mich gefangengeben
müssen. Nachdem nun Chaumigrem, ich weiss nicht was vor sonderbares, aus meiner
Bemühung in der Schlacht bemerket, so wurde er mir wider seine Gewohnheit
dermassen geneigt, dass er mir nicht nur die Freiheit schenkte, sondern auch
einige Völker anvertrauete; und weil er mein ferneres Wohlverhalten sah, so
untergab er mir gar seine Leibwache. Wodurch er mir denn die gewünschte
Gelegenheit erteilte, der durchlauchtigsten Banisen und diesem Reiche einige
angenehme Dienste zu erweisen. Weil denn nun die langsame, doch gerechte Rache
des Himmels die Krone von Prom der kronsüchtigen Stiefmutter entrissen, als wird
die hohe Gerechtigkeit des gekrönten Oberhauptes von Pegu solche inskünftige
wohl zu vergeben wissen, damit ein verjagter Prinz wiederum das rechtmässige Erbe
erlangen möge. Darf ich nun der in meinem Herzen unschätzbaren Prinzessin von
Siam die verbundene Hand küssen, so achte ich meine Mühe allzu reichlich
belohnet, und das bisherige Elend dergestalt ersetzet zu sein, dass ich die
himmlische Schickung mit ewigen Dankopfern verehren werde.«
    Balacin, Higvanama und Nherandi nebst allen Grossen erstarreten gleichsam
über diesem Vorbringen, und weil eine stete Mutmassung die Gemüter bishero
gefesselt hatte, dass Abaxar von höherer Art entsprossen sein müsste, auch das
bewusste Schwertmal dieses bekräftigte; so wurde solches von allen vor beglaubt
und wahrhaftig angenommen, und der nunmehrige Palekin als ein königlicher Prinz
beehret und empfangen. Nherandi aber holte seine Schwester, die Prinzessin
Fylane, unvermerkt herbei, führete sie bei der Hand ins Zimmer und dem Prinzen
von Prom mit diesen Worten zu: »Weil es demnach billig ist, tapferer Prinz, dass
man die Tapferkeit nach Verdienst belohne, so will ich nicht erst bemühet sein,
dasjenige, was diesen Ehrennamen verdienet, von Euch anzuführen, indem es auch
bereits die lallenden Kinder in Pegu zu rühmen wissen; sondern Euch hiermit den
verlangten Dankpreis, welchen Ihr bereit in Siam mit Darsetzung Eures Lebens
Euch zugeeignet habt, von treuer Hand überreichet und geschenket haben. Der
Himmel befestige dieses Band, und lasse die Rosen Eurer tugendhaften Liebe
blühen, bis sie ein später Reif des Todes zum Welken zwinget.« Balacin legte
diese Worte bei: »Und weil mir, wertester Prinz! durch Euren getreuen Beistand
ein Kaisertum, ja was noch mehr ist, eine unvergleichliche Liebe zuteil worden,
so empfanget von meiner Hand die Krone von Prom, welche Ihr und Eure Nachkommen
zu ewigen Lehn von mir tragen sollet. Der Himmel lasse den Tau seines Segens auf
Eure Liebesverbindung fliessen, und erwecke solche Zweige durch Euch, welche dem
tapfern Stamme allerdings nacharten.« - »So werde auch ich mich«, redete
Higvanama, »als eine Blume in den Kranz der Dankbarkeit einwinden lassen, weil
ich diejenige Freundschaft, so mein allerwertester Bruder genossen, vor mein
Anteil anrechne. Und nachdem mich nun der gütige Himmel gnugsam gesegnet hat,
wenn er mir meinen liebsten Prinzen Nherandi, und so folgbar die siammische
Krone geschenket hat; so begehre und verlange ich ein mehrers nicht, und setze
Euch hiermit die Krone von Ava, als ein angrenzendes Reich, welches Ihr besser
als das entlegene Siam schützen könnet, auf Euer Haupt, wünschende, dass der
Himmel selbst Eure Flammen stärken, und sie durch keinen Schmerzenswind
bestürmen lassen wolle.« Worauf ihm die Prinzessin Banise eine kostbare Krone
aufsetzete, und Palekin nicht wusste, was er vor Freuden sagen, oder vor Worte zu
einiger Dankabstattung vorbringen sollte, bis ihn seine geliebte Fylane mit
einer wohlgesetzten Dankrede vertrat, und sich diese hochvergnügte Gesellschaft
zur Tafel erhub.
    Nach aufgehobener Tafel liess sich der alte Talemon anmelden, welchem Balacin
bis an die Tür des Gemachs entgegenging. Dieser bat die hohe Gesellschaft, eine
kleine Mühe sich nicht verdriessen zu lassen, und ihme nachzufolgen, welchen Gang
er ihnen wohl bezahlen wollte. Jedoch wollte er niemanden mehr erlauben
mitzugehen ausser Balacin, Nherandi, Palekin, Banisen, Higvanama und Fylanen. Da
er sie denn vermittelst einer Lampen funfzig Staffeln unter den Burgturm und zu
einer wohlverwahrten Türe führete, welche zu eröffnen, sie insgesamt Hand
anlegen mussten. Nach deren Eröffnung sie in zwei unterirdische Gewölber
eintraten, worinnen sie aber wegen Tunkelheit nichts erkennen kunnten. Weil aber
Talemon eine Flasche Öl mitgenommen, so zündete er zwanzig grosse, und ganz
güldene Lampen an, vermittelst deren ihnen allein ein solcher Schatz von Gold
und Edelgesteinen in die Augen blitzte, dass sie es vor Zauberei hielten, und
sich nicht zu begreifen vermochten. Endlich hub der alte Talemon an, und sagte:
»Sehet, allergnädigster Kaiser und Herr! sehet und beschauet das würkliche Pfand
meiner untertänigsten Treue! Nehmet, durchlauchtigste Banise, diese reiche
Erbschaft Eures erblasseten Herrn Vaters von der Hand eines alten und bis in den
Tod getreuen Dieners, welcher lieber sterben als diesen Schatz den Raubklauen
des Chaumigrems entdecken wollen. Hiedurch wird die erschöpfte Reichskammer
keinen Mangel klagen dürfen. Ich aber begehre nichts hiervor als Dero hohe Gnade
und eine geruhige Lebensbeschliessung.«
    Worauf ihm Banise aufs holdseligste dankete, Balacin aber ihn nebst seinem
Sohn Ponnedro nach reichlicher Beschenkung in ihrem Schatz- und Hofmeisteramt
bestätigte: und nachdem sie mit erstaunender Verwunderung alles betrachtet
hatten, Balacin auch denen Anwesenden unschätzbare Verehrungen tat, verliessen
sie diese verborgene Kostbarkeiten. Banise aber befahl, eine Million Goldes zu
vermünzen, und unter die Armen zu verteilen.
    Folgenden Tages wurde mit gewöhnlicher Pracht der kluge Korangerim als Rolim
erwählet, weil der vorige in dem Tempelgefechte nebst sechzig Pfaffen
niedergehauen worden. Scandor aber bekleidete den Platz eines Oberhauptmanns
über die kaiserliche Leibwache, und wurde jedermann, welcher sich durch Treue
und Tapferkeit verdient gemacht, nach Würden beschenket, und mit Ehrenämtern
versehen.
    Endlich brach der Tag der Krönung an, welche in freiem Felde zwischen den
Lagern angestellet wurde: Dahin sich alle Prinzen, nebst der ganzen Hofstadt
verfügten. Der neue Rolim brachte den Prinzen Balacin nebst der Prinzessin
Banisen auf eine hohe Schaubühne, von Steinen aufgerichtet, auf welche man über
eine Brücke, mit aschenfarbenen Tuche bedecket, gehen musste. Hierauf rufte einer
von denen Reichsräten überlaut: »Itzo erfordere es die Not und des Reiches
Bestes, wiederum ein neues Haupt zu erwählen.« dabei zeigte er dem Volke eine
grosse Keule mit drei glänzenden Spitzen, und hub solche empor, das Volk aber
hielt sich hierbei ganz stille. Darauf offenbarte er, wer zu erwählen sei? und
stellete ihnen zugleich den Prinzen vor, welcher auf einen Stein treten musste.
Da denn erwähnter Reichsrat noch ferner dessen Rechtmässigkeit zur Krone
erklärte, seine Tugenden nach Verdienst erhub, und zugleich begehrte: Wer etwas
dawider einzuwenden hätte, der solle sich gestellen. Das Volk aber schrie
hingegen: »Gott hat ihn gesegnet, und zu unserm Kaiser erkoren.« Worauf sich
eine ungemeine Stille bei einer Viertelstunde lang ereignete, um zu erwarten, ob
jemand etwas zu klagen habe. Nach dieser Stille fingen alle Läger an mit
Trompeten, Pauken und Schalmeien zu spielen. Worauf der Rolim dem Balacin eine
bleierne Krone aufsetzte, ein Beil in die Hand gab, und zugleich einen weissen
Mantel, welcher reichlich mit Gold und Perlen gestickt war, umlegte; und ihn
folgendergestalt anredete:
    »Sehet nunmehro, grossmächtigster Kaiser! worzu Euch das getreue Volk von
Pegu erwählet hat, und was sie Euch vor ein hohes Pfand, nämlich ihre
Erbprinzessin und Krone anvertrauen. So nehmet zugleich diese Lehren meines
Mundes als das kostbarste Geschenke mit geneigtem Herzen an. Urteilet alles, wie
es an sich selber ist, und vermindert oder vermehret keinesweges durch Zuneigung
die Gerechtigkeit, dessen Euch dieses Beil erinnert. Lasset den Zorn niemals die
Vernunft beherrschen: denn der Zorn ist eine Motte, welche den Purpur verderbet.
Fliehet den Neid als einen selbst-eigenen Mörder, weil dieser mitnichten einem
Fürsten anstehet, sondern nur ein Laster niedriger Gemüter ist. Im Reden seid
vorsichtig, denn die Zunge ist ein Werkzeug, wodurch das Gemüte erkennet wird;
ja der Fürsten Worte sollen, weil sie von jedem erwogen werden, zuförderst wohl
auf der Waageschale der Bedachtsamkeit abgewogen sein. Die Lügen bemühet Euch
durch fleissige Erforschung der Wahrheit an das Licht zu bringen, und den Lügner
zu beschämen. Haltet dieses vor gewiss, dass die Laster eines Fürsten mit tausend
Augen bemerket werden: Ja der Vorwitz ist das Fern- wo nicht Vergrösserungsglas,
wodurch auch die geringsten Finsternisse der Regierungs-Sterne aufgezeichnet
werden. Denn was sind die Fürsten anders als irdische Planeten, in welchen sich
die göttliche Sonne der Gerechtigkeit zur Regierung des Erdbodens ausbreitet?
Den guten Namen haltet höher, als das Leben, denn dieser ist eine Fackel, welche
auch im Tode brennet. Sehet zu, ob Euer Tun und Lassen mit der Voreltern
ruhmbaren Verfahren übereinstimme, und so gleich solches sich befände, so sollt
Ihr Euch doch bemühen, Euch auch über diese durch die zwei Flügel der Tugend und
Tapferkeit zu schwingen. Gedenket, dass Euch diese Krone von der Hand des
höchsten Gottes erteilet werde, und dass Ihr auch solche den Nachkommen
hinterlassen müsst. Erinnert Euch, dass der Szepter ein gutes, zugleich aber
auch ein betrügliches Wesen sei. Vor allen Dingen aber befestiget Eure Majestät
durch die Gesetze mit Gerechtigkeit: Denn das Gesetze ist eine schweigende
Majestät, und die Majestät ein redendes Gesetze. Diesem allen nun soll die
Gottseligkeit, wie das Gold dem Silber, vorgehen: Denn in derselbigen bestehet
des Reiches Feste und die Hoffnung aller Siege. Fället Euch etwas Ungemeines und
Schweres vor, so beratet Euch mit den Gelehrten, und verachtet solche nicht:
Denn die Weisheit ist des Reichs Anker und ein Kompass der Fürsten. Nimmt aber
diese Tugend ab, da lieget die Seele der Regierung in letzten Zügen. Ja durch
diese werdet Ihr die Krone und das Ansehen erhalten. Im Glück und Unglück seid
unveränderlich: Denn wer mit dem Glücke sein Gemüte ändert, der bekennet, dass er
dessen nicht würdig sei: sondern hoffet und harret, so wird Euch aus den Dornen
der Widerwärtigkeit eine Rose des Glückes blühen: und so Ihr aus zweien Übeln
das beste erwählet, so werdet Ihr mit allen Winden fahren. Bemühet Euch, dass Ihr
von allen geliebt und gefürchtet werdet: Denn die Liebe der Untertanen ist die
beste Festung und die Furcht eine Stütze der Majestät. Die geheimen Anschläge
Eures Herzens vertrauet Euch allein, und lernet die Klugheit von der Schlange,
welche durch öftere Wendung ihren Lauf unwissende macht. Verlasset Euch nicht
allzusehr auf Eure Majestät, sondern gedenket allezeit, dass Ihr könnet
hintergangen werden. Denn ein Mensch ist das unbeständigste Tier, welchem
niemals zu trauen. Ja ein Hofmann schreibet die Wohltaten in Wachs, die Schmach
in Marmel, und was er andern Gutes erwiesen, in Erz. Daher schlafet unter Euren
Leuten mit offenen Augen, weil sich oft die Heuchelei unter den Mantel der
Tugend verstecket. Liebet getreue Räte, und befördert die alten: Denn ein Fürst,
welcher soviel reden und hören muss, sollte billig von lauter Augen und Ohren
zusammengesetzet sein. Weil nun aber solches nicht sein kann, so ist es nötig,
dass er sich anderer gebrauche. So Ihr was mit Recht zu erlangen suchet, so
brauchet Rat und Waffen, und betrachtet stets, dass, wo die Reiche nicht
vermehret werden, solche abnehmen. Wenn Ihr nun etwas mit gutem Bedacht
beschlossen habet, so sehet zu, dass das Ende mit dem Anfange wohl
übereinstimmet, und vollziehet solches in möglichster Eil. Beschweret die
getreuen Untertanen nicht mit allzu grossen Auflagen, und bedenket, dass dieses
kein Hirte, sondern ein Tyranne ist, welcher sich nur selbst weidet, und den
armen Schafen das Futter entzeucht. Handel und Wandel erhaltet als die Angeln
des Reiches, in welchem die Tür des Reichtums auf- und zugehet; und wie solcher
durch Friede am besten unterhalten wird, also suchet selbigen durch Stahl oder
Gold, und fanget keinen Krieg an, als nur den Frieden zu erlangen, welches denn
öfters mehr durch Rat als Waffen geschiehet. Endlich gedenket, dass, wo Ihr
diesem meinen wohlmeinenden Einraten Folge leistet, ein stetes Wohlergehen und
ewiger Nachruhm solchen Gehorsam bekrönen wird.«
    Nach dieser Rede brachte man ihm ein Gefässe von Smaragd, darinnen die Asche
des ersten Kaisers von Pegu war, worüber er schweren musste, diesem allen
nachzukommen. Hierauf ward ihm die bleierne Krone nebst dem Mantel abgenommen,
und die Prinzesin Banise setzte ihm mit eigner Hand ein Bonnet von
carmesingolden Stück, mit einem güldnen Kranz, und einer mit Edelgesteinen
besetzten Spitzen vornenan, auf das Haupt. Ferner legte ihm der Rolim einen
türkischen Rock mit weissen Hasenfellen gefüttert um, wobei er ihn erinnerte, wie
solches Futter die gebührende Aufrichtigkeit seines Lebens vorbildete. Ja, wie
die bleierne Krone Mass und Gewichte in allen Dingen zu halten erinnere: also
ziele der Stein, worauf er gestanden, auf die Beständigkeit seines Tuns. Die
Aschenfarbe aber stellete ihm seinen Tod vor Augen, und dass er sich im Leben
einen ewigen Namen machen solle. Hierauf führeten ihn drei Fürsten ins Lager,
allwo dieser neue Kaiser speisen wollte. Der Falcada aber, als unterster
Reichsrat, ginge vor ihm in einem weissen Kleide her, und hatte ein gülden Beil
in der Hand, wobei er stets rufte: »Gott, und nicht das Volk hat ihn erwählet.«
Wo nun der Kaiser vorbeiging, fielen alle zur Erden: die andern aber küsseten
einander zu Bezeugung ihrer Freude die Achseln. Auf dem Felde und um das Lager
stunden viele bunte Hütten, in welchen Tafeln zugerichtet waren, worauf das Volk
speisete. Denn alles Volk wurde auf des Kaisers Unkosten gespeiset, und nahmen
einen unglaublichen Platz ein, wiewohl dennoch alles mit guter Art um Ordnung
zuginge.
    Nach diesem allen entschlossen sich die Kaiser-und Königlich-Verlobten, weil
ihre Liebe mit lauter Waffen umgeben gewesen, und sie mit so vielem Blute
bestätiget und erhalten worden, so wollten sie auch insgesamt solche unter den
Waffen vollziehen. Dannenhero in dem Norden-Lager die prächtigste Anstalt zu
diesem dreifachen Beilager gemachet, und vier königliche Gezelte aufgeschlagen
wurden, unter deren einem sie das Tali empfangen sollten, in denen andern aber
sollte das fünfte Wesen der Liebe geschehen. Solches alles wurde auch mit
unbeschreiblicher Pracht und Herrlichkeit vollzogen.
    Als nun die späte Nacht einen Aufbot zur allgemeinen Ruhe und diesem
freudenvollen Tage ein sehnliches Ende machte, begaben sich der Kaiser Balacin
mit der Prinzessin Banise von Pegu; Nherandi, König von Siam, mit der Prinzessin
Higvanama von Ava; und Palekin, König von Prom, mit der Prinzessin Fylanen von
Siam in ihre Ruhgezelter: Worinnen die mit so vielen Dornen bisher verwahrte
Rosen mit grösster Vergnügung gebrochen, und alles Ungemach mit einem süssen
Achgeschrei der leidenden Prinzessinen erwünscht geendiget wurde.
    Indessen waren die muntern Generalspersonen Padukko, Mangostan, Martong,
Ragoa und andere bemühet, wie sie diese bemühete Helden durch eine anmutige
Schuldigkeit beehren möchten: welches sie denn gar artig durch eine wohlgesetzte
Nachtmusik bewerkstelligten, indem sie durch solche einen Streit zwischen der
Venus und dem Kriegsgotte vorstellig machten, und dahero die musikalische
Ordnung dermassen einteilten, dass jene, auf Seiten der Liebesgöttin, in Lauten,
Harfen und andern anmutigen Saitenspielen nebst einer lieblichen Stimme von
zwölf portugiesischen Knaben: diese aber auf seiten des Kriegsgottes in
Trompeten, Pauken und andern Feldspielen nebst einer rauhen doch angenehmen
Stimme von zwölf erwachsenen Portugiesen, bestunde.
    Als nun der Mond um Mitternacht die silbernen Hörner einzog und den
nächtlichen Schatten völlige Gewalt einräumete, sah man anstatt dessen Lager
und Feld mit viel tausend hellen Pechfackeln erleuchtet: worauf Trompeten und
Pauken ein luftschallendes Freuden- und Siegeszeichen ertönen, das gesamte Lager
aber ein solches Feldgeschrei erschallen liessen, dass bei der stillen Nachtluft
die Berge durch einen gedoppelten Widerschall ihr Mitvergnügen mit grösster Anmut
bezeugeten, welchen ein erfreulicher Stückendonner dermassen antwortete, dass man
vermeinte, es würde anjetzt die Luft viel schärfer und freudiger davon
durchdrungen, als wenn jeder Knall Mord und Totschlag bedeutete. Wodurch die
müden Verliebten, wie leicht zu erachten, von der bedürftigen Ruhe ganz wieder
ermuntert wurden, den anmutigen Siegesstreit der Liebesgöttin mit dem Mavors
desto aufmerksamer zu bemerken.
    Als nun hierauf die Saitenspiele abwechselten, hörte man den Kriegsgott
unter dem Schall gedämpfter Trompeten folgendergestalt singen:
                                     MARS.
Viktoria! so sieget Helm und Stahl:
Es liegt der Feind gestreckt zu meinen Füssen.
Es steht entzückt der Sternen blasse Zahl:
Diana neigt sich, meine Faust zu küssen.
Der Himmel beehrt mich mit blitzenden Keilen,
Weil schwirrende Säbel die Lüfte zerteilen.
    Hierauf tat ihm der Venus Anhang unter der Saitenanmut folgenden Einhalt.
                                     VENUS.
Viktoria! so sieget meine Hand:
Es muss der Feind zu meinen Füssen fallen.
Die Fessel sind ein zartes Liebesband,
Und Blicke sind die stärksten Feuerballen.
Wodurch ich in diesem vergnügenden Kriege
Selbst Prinzen und Götter und Sklaven besiege.
                                     MARS.
Triumph! Triumph! der Feind gibt schnöde Flucht.
Es tritt mein Fuss auf warme Feindesleichen.
Gold, Ehr und Furcht ist meines Sieges Frucht,
Die Hölle muss erschrecken, fallen, weichen:
Vor Mörsern und blitzenden Donnerkartaunen,
Wenn Mauern zerspringen, und Wolken erstaunen.
                                     VENUS.
Triumph! Triumph! der Feind küsst meinen Fuss:
Ein weicher Tron muss meine Walstatt werden.
Oft fällt ein Held durch einen Wechselkuss,
Es fesseln ihn anmutige Gebärden:
Denn reizende Lippen und blitzende Sterne
Besiegen die Helden auch öfters von ferne.
                                     MARS.
Verweg'nes Weib! schau diesen blanken Stahl.
Erschrickst du nicht vor meiner Waffen Schimmer?
Es ist mein Ruhm durch blasser Helden Zahl
Erhöht bis an das blaue Sternenzimmer.
Entweiche! sonst möchte mein zornig Erhitzen
Auf deine Verwegenheit krachen und blitzen.
                                     VENUS.
Verweg'nes Haupt! schau diese Marmorbrust,
Erstaunst du nicht vor diesen Mundrubinen?
Es ist dir ja mehr als zu wohl bewusst,
Wie deine Schar der Helden mich bedienen.
Entweiche! sonst möchten die Rosen der Wangen
Dich endlich, als Fessel der Liebe, selbst fangen.
                                     MARS.
So schaue denn der Waffen strenge Macht!
Entblösset bald der Säbel krumme Menge.
Hört, wie bereit der Stücken Donner kracht:
Senkt auf den Feind der Piken scharfe Länge.
Lasst Kugeln, Granaten, Schwert, Pfeile, Musketen
Die kämpfende Feinde zerschmettern und töten.
                                     VENUS.
So schaue denn der Liebe starke Kraft!
Ihr Augen spielt mit tausend Reizungsflammen.
Du Rosenmund, ihr Purpurwangen schafft,
Dass jede Glut von eurer Glut muss stammen.
Erhebt euch ihr Ballen, mit euren Korallen:
So müssen auch Prinzen zu Fusse mir fallen.
                                     MARS.
Ich bin besiegt! Hier liegt das Schwert.
Ach, Venus, ach! lass Gnade widerfahren!
Weil mir dein Blitz durch Seel und Adern fährt.
Es kann sich wohl ein Held mit Liebe paaren.
Ich küsse die Venus, und liebe die Waffen,
Ich wache zu Felde, im Lager zu schlafen.
                                     VENUS.
Io! Triumph! Die Venus hat gesiegt.
Ein jeder Prinz muss mir dies Zeugnis geben,
Der jetzund selbst in meinen Armen liegt,
Wo Kuss und Lust und süsse Seufzer schweben:
Ich könne Prinz, Helden und Götter besiegen,
Weil Mavors sich selber in Ketten muss schmiegen.
    Endlich stimmten beide Chöre mit grössester Anmut zusammen, und sungen
folgende letzte Verse:
                                MARS UND VENUS.
Ruhe, du Kleeblatt der tapfersten Helden!
Ruhet und schlafet, ihr habet gesiegt!
Wenn ihr erwachet, so sollt ihr vermelden,
Ob euch mehr Venus, mehr Mavors vergnügt.
Schenket uns Früchte des nächtlichen Sieges,
Weil euch nicht störet das Schrecken des Krieges.
                                       2.
Himmel, erteile den flammenden Segen!
Hör uns als Knechte der Schlafenden an!
Lasse den Segen in kurzem sich regen:
Stürze, was Liebenden schädlich sein kann.
Lasse den Nordstern sich nimmer betrüben,
Wenn sich die Prinzen in Kronen verlieben.
    Im Augenblick endigte sich die volle Musik, und erhub sich gleich auf kluge
Anordnung in allen Lagern eine solche Stille, als von soviel tausend Menschen
nicht leicht kunnte vermutet werden: damit die stille Ruhe desto eher in den
hohen Gezeltern ihren Eintritt nehmen, und unsere Helden und Heldinnen in
sanften Schlaf bringen könnte.
    Als nun folgenden Morgen unsere erwähnte Liebeshelden bei später Sonnen die
weiche Walstatt verlassen hatten, warteten die Portugiesen untertänigst auf: und
weil ihnen ein freier Handel durch das ganze Reich zugelassen worden, baten sie
um allergnädigste Erlaubnis, ihre Dankbarkeit durch eine teatralische Handlung,
nach europäischer Art, in der Burg vorstellen zu lassen: worzu sie nach
gnädigster Bewilligung die hohen Personen insgesamt einluden, welche sich
dannenhero aus dem Lager nach der Burg erhuben, und allentalben mit unsäglichem
Freudengeschrei auf- und angenommen wurden. Nach gehaltener Mittagstafel
verfügten sie sich sämtlich nach dem hohen Saal, allwo die Portugiesen einen
prächtigkostbaren Schauplatz aufgerichtet hatten, auf welchem sie mit höchster
Vergnügung aller Anwesenden, angesehen solches etwas Unerhörtes in Asien,
 
                                      Die
                          Handlung der listigen Rache,
                                      Oder
           Den Tapfern Heraclium, folgendermassen vorstellig machten.
                       Die Personen des Schauspiels waren
Heraclius, Sohn des Heracleonas, verliebt in Teodosiam.
Phocas, Tyrann zu Konstantinopel.
Mauritius, der von Phoca gefangene Kaiser.
Teodosia, eine von dem Kaiser Martiano entsprossene Prinzessin, verliebt in
    Heraclium, und in einem geheimen Orte auf der konstantinopolitanischen Burg
    sich aufhaltende.
Honoria, des Kaisers Mauritii Tochter, verliebt in den Prinz Siroë.
Siroe, ältester Prinz des persischen Monarchens Cosroës.
Emilianus, des Phocas Favorit.
Priscus, des Heraclii Vetter und vertrauter Freund.
Arconte, ein persianischer Fürst und Untertan des Königs Cosroës, in Gestalt
    eines Schäfers.
Aspasia, der Teodosia alte Säugamme.
Idreno, der Honoria Diener.
 Die Verwandlungen des kunstreichen Schauplatzes stellen sich folgendergestalt
                                      vor:
                            In der ersten Abhandlung
Die kaiserliche Stadt Konstantinopel.
Der Teodosia Zimmer.
Ein grosses Feld, mit sehr vielen Leichen erfüllet, nebst etlichen aus dem
    benachbarten Gebürge entspringenden Wasserbächen.
Des Phocas Gemach, in Gestalt eines Himmels.
                            In der andern Abhandlung
Ein Hirtenhäuslein mit einem Gepüsche.
Eine Grotte, nebst einer Fontaine, aus welcher man den Palast mit einer
    kostbaren Stiege sieht.
Ein Gefängnis an dem Meere, nebst einem alten und hohen Turme.
Ein Lustwald an dem Strande des Euxinischen Meers, nebst einer Höhle auf der
    einen Seite, und einem verschlossenen Hirtenhäuslein in der Ferne.
                           In der dritten Abhandlung
Die kaiserliche Burg.
Ein Lustgarten mit Statuen und Fontainen.
Des Kaisers Constantini warmes Bad, mit wasserspritzenden Bildern.
Der kaiserliche Saal.
     Ingleichen stelleten sie zwei schauwürdige Ballette vor, als nämlich:
Der erdichteten Götter, und
Der Jäger mit allerhand wilden Tieren.
 
                            [Der ersten Abhandlung]
                               [Erster Auftritt.]
    Wie sich nun der gnugsam erhellete Schauplatz öffnete, stellete solcher in
einem künstlichen Perspektiv die kaiserliche Stadt Konstantinopel mit grösster
Anmut vor. Indessen, dass sich alle Augen und Gemüter in ihren lustigen Prospekt
ergötzeten; wurde die Applikation dieser ferneren Handlung, auf des Reichs Pegu
vergangenen Zustand, folgendermassen in eine höchstbewegliche Musik abgesungen:
                                       1.
Morderfülltes Pegu weine,
Doch, statt Tränen, lauter Blut,
Weil auch selbst die harten Steine
Fühlen deines Henkers Wut.
Deine schöne Morgenröte
Schwärzt ein blutiger Komete.
Xemindo, dein Gemach
Füllt Weh und Ach!
                                       2.
Blasse Fürstengeister irren,
Durch die blutbesprjetzte Stadt,
Und die Totenfessel schwirren,
Wo ein Prinz gewohnet hat.
Frauen, welche Kronen erben,
Müssen an dem Galgen sterben.
Die Kinder folgen nach.
Mord, weh und ach!
                                       3.
Letzter Zweig von Pegens Stamme,
Lass dich krönen die Geduld.
Dämpfe die verdammte Flamme
Durch der Tugend keusches Gold.
Durch dich soll noch Pegu blühen,
Weil sich Prinz und Himmel mühen.
Chaumigrem! dir folgt nach
Mord, weh und ach!
    Nach geendigter Musik erschiene Phocas auf einem mit Elefanten bespanneten
Triumphswagen, umgeben mit dem römischen Kriegsheere, unter dem Schalle der
Trompeten und Pauken. Emilianus liess den gefesselten Kaiser Mauritium hinter ihm
herführen, da sich denn Phocas mit einer hochmütigen Bassstimme folgendergestalt
singende vernehmen liess:
So liegt Mauritius besiegt zu meinen Füssen.
Nun wird das Glücke selbst mein Schwert bedienen müssen.
Ich rühme mich zu sein, mehr als ein irdisch Gott:
Weil ich um meinen Tron in Asche, Staub und Kot
Fussfällig liegen schau, besiegte Völkerscharen,
Die meiner Majestät vorhin zuwider waren.
Schreibt meinen Namen bald ins Buch der Götter ein,
Denn alle Welt soll mir mit Opfern zinsbar sein.
Besiegtes Asien! du musst gelehret werden:
Dass Jupiter ein Gott des Himmels, ich der Erden.
So musst du demutsvoll berühren meinen Fuss,
Weil mich dein harter Sinn, als Gott verehren muss.
Es schallet mein Triumph durch Pauken und Trompeten,
Bis zu der blauen Burg, da sich die Sterne röten.
Denn hab ich Asien zur Sklavin mir gemacht,
So hat der Götterschluss auch dies mir zugedacht:
Dass meiner Scheitel Glanz der römsche Lorbeer ziere,
Und auch der Römer Volk erstaunende verspüre:
Es müsse Mavors selbst hier vorgebildet sein,
Wo man des Phocas Bild ätzt Erz und Marmel ein.
Dies Eisen-Labyrint führt dich ins Haus der Sklaven.
Dich trakisch Ungeheur: Mich in den Siegeshafen.
Dein krummer Rücken muss mein Siegesbogen sein.
So fähret im Triumph Augustus wieder ein.
                               Zweiter Auftritt.
                                        
Zu jetzterwähnten Personen kommen Heraclius und Priscus in Fesseln geschlossen.
HERACLIUS im verborgnen.
    Ihr Götter, was ist dies?
PRISCUS.
    Ach was ist hier vorhanden?
MAURITIUS.
    Weil ich mich wider Gott zu kämpfen unterstanden,
    Den tollen Riesen gleich; so schickt sein blitzend Arm
    Auf mich den Donnerkeil. Ach Himmel dich erbarm!
    Du Himmelskönig bist gerecht, und dein Gerichte.
PHOCAS von dem Wagen steigende, und auf den Mauritium tretende.
    So wird der Feinde Rat durch meine Macht zunichte.
    Der wider mich zuvor so Schwert als Schild ergriff,
    Und den verdammten Stahl auf mich vergebens schliff;
    Der liegt nunmehr besiegt, entkrönt zu meinen Füssen;
    Denn wer Gott Jupitern beleidigt, der soll wissen,
    Dass ihn nach Billigkeit verdienter Donner trifft.
MAURITIUS.
    Treuloser Hund! nicht du hast diesen Sieg gestift:
    Die blinde Göttin nur hat mich dir übergeben,
    Die vieler Prinzen Haupt, wenn sie bein Sternen schweben,
    Vom Gipfel ihrer Macht in tiefsten Abgrund stürzt,
    Die eben hat auch mir so Tron als Ziel verkürzt.
PHOCAS.
    Darf der Verräter noch verdammte Wort ausschütten?
    Kann dies die Gegenwart des Kaisers nicht verhüten?
    Auf, ihr Trabanten auf! ergreift den Frevler bald,
    Und übergebet ihn der Bestien Gewalt.
EMILIANUS.
    Hier muss die Billigkeit sich selbst gefangengeben,
    Dass, welchen stets besass in seinem ganzen Leben
    Die ärgste Grausamkeit, er auf des Charons Kahn
    Ach hingerissen wird durch grimmer Löwen Zahn.
HERACLIUS.
    Kann dies Heraclius auch wohl geschehen lassen?
    Soll so ein grosser Prinz durch Bestien erblassen?
    Halt inne, Wüterich! und hemme deinen Zorn.
    Wo deine Seele ja zur Grausamkeit geborn,
    Dass nichts als Mord und Blut dein Henkerherz kann speisen,
    So kehre wider mich dein grimmig Mördereisen.
    Nur lass dies edle Haupt des Kaisers unversehrt.
    Das du Tyranne selbst, als Sklave hast verehrt.
MAURITIUS.
    Vergönne, tapfrer Freund, alleine mir zu sterben,
    Es soll mein Blut allein das düstre Grabmal färben.
PHOCAS.
    Wer bist du toller Mensch, der andre treten will,
    Und sich aus falschem Wahn selbst kürzt sein Lebensziel.
HERACLIUS.
    Mein Unglück wollte mich in freiem Felde strafen.
    Mein Freisein ward umschränkt durch fremde Macht der Waffen.
    Kurz: es sei dir genug: ich bin des Phocas Feind.
PHOCAS.
    Dass nicht bald Strick und Stahl die frevle Zung umzäunt!
    Wir haben keinen so verzweifelt reden hören.
    Geschwinde, wer uns will als Gott und Kaiser ehren,
    Und wer sich nennt getreu, der werfe diesen Hund
    Vor Löw und Tiger hin, dass der verdammte Mund
    Bald müsse nach Verdienst so Gift als Seel ausblasen.
    Denn weil dies schöne Paar in gleichen Lastern rasen:
    So treffe billig sie auch gleiche Straf und Pein,
    Und ihr Gelücke soll im Tode gleiche sein.
    Indem Mauritius von den Soldaten ergriffen, zugleich auch Heraclius zu dem
bestimmten Tode sollte geführet werden, fiel Priscus dem Phocas zu Fusse, (also
redende.)
PRISCUS.
    Halt, grosser Kaiser, halt den Mordbefehl zurücke!
    Schau, dieses zarte Kind verdient ein besser Glücke.
    Denn Eure Majestät soll wissen, dass dies Bild,
    Das sich in diese Last des Helmes hat verhüllt,
    Des Kaisers Tochter sei. Ein Rest von denen Zweigen
    Mauritii, der sich hier muss in Ketten beugen.
PHOCAS Heraclium betrachtende.
    Wie? Träumt mir wachende? Soll dies wohl möglich sein?
    Ach ja! mich blendet schon der schönheitsvolle Schein?
    Wie huldreich glänzet sie in diesem hellen Stahle,
    Mein Herz entzündet sich von ihrer Augen Strahle.
    Wohlan! Mauritium begrabe dieser Turm,
    An dessen Grunde sich kühlt ab der Wellen Sturm,
    Befreiet dieses Bild von Ketten, Band und Eisen,
    Und lasst sie in der Burg ins beste Zimmer weisen.
    Du aber, schönes Kind, indessen sei bemüht,
    Dass lauter Anmuts-Klee auf Lipp' und Wangen blüht.
 
                               Dritter Auftritt.
                                        
                  Heraclius, Priscus, die Soldaten von ferne.
PRISCUS.
    Gib nach, vertrauter Freund! und lass dich Fräulein nennen,
    Verleugne dein Geschlecht: dass Atropos nicht trennen
    So Leib als Seele kann.
HERACLIUS.
    Das ist nicht wohlbedacht.
    Soll ich ein Sklave sein der weichen Weibertracht?
PRISCUS.
    Wer sich mit Purpur will der wahren Weisheit schmücken,
    Der lebe nur bemüht, sich in die Zeit zu schicken.
    Weil Phocas unzuchtsvoll in dich entzündet ist,
    Wie leichte kann's geschehn, dass dich die Freiheit küsst.
HERACLIUS.
    Soll dieses ja die Bahn zu meinem Glücke brechen,
    So folg ich deinem Rat. Der Himmel wird mich rächen.
    Ich lege Stahl und Last der schweren Waffen ab,
    Und folge dem Kristall, der mir Gesetze gab,
    Wie das zerstreute Haar in Ordnung sei zu bringen:
    Die Schminke soll mich jetzt zu einer Farbe zwingen
    Die selbst die Liebe liebt. Es soll, wie sich's gebührt,
    Statt Helmes, Haar und Haupt mit Blumen sein geziert.
    Doch hat Heraclius sich gleich verstellen müssen:
    Muss gleich ein Weiberrock ein Männerherz umschliessen:
    So zeigt dennoch stets mein frisches Angesicht:
    Es ändre sich das Kleid, jedoch das Herze nicht.
                         Heraclius sang folgendermassen.
                                       1.
Ob Hercul schon, der grosse Wunderheld,
In eine Frau aus Liebe sich verstellt,
Und Omphalen den Rocken hilft umwinden:
Doch wird man ihn stets einen Hercul finden.
                                       2.
Es mag sich auch Achillens Tapferkeit
Aus Liebesbrunst verhülln ins Weiberkleid:
Doch dieses wird sein Ansehn nicht vertreiben:
Achilles wird wohl ein Achilles bleiben.
                               Vierter Auftritt.
                                        
                             Der Teodosia Zimmer.
      Teodosia mit einem Dolche in der Hand, Aspasia sie zurückhaltende.
THEODOSIA.
    Lasst mich! ich habe mir zu sterben vorgenommen.
    Denn heute stirbt das Reich. Der letzte Tag ist kommen.
    Mein Abgott ist nun hin, erstarret und erblasst:
    Nun hat mein blasser Geist auch weder Ruh noch Rast,
    Bis er durch Dolch und Tod sich gleichfalls wird ererben
    Das Elisäer Feld. Lasst mich! ich will nun sterben.
ASPASIA.
    Prinzessin! Fräulein! ach! was dient der Zweifelmut?
    Sie denke, wie ein Stoss dem Fleisch oft wehe tut.
    Mein Kind, Sie fasse sich, und lasse sich bedeuten,
    Sie lasse Witz und Geist die Traurigkeit bestreiten,
    Und werfe von sich hin, so Dolch, als Tod und Grab.
    Sie truckne, Engelsbild, die schönen Augen ab.
    Sie lege sich zurecht den Schatz verwirrter Haare,
    Der durch die sanfte Luft vorhin zerstreuet ware:
    Man schaut, wie Lock und Gold mit angenehmster Lust,
    Sich scherzend hat gesellt zur schneegebürgten Brust.
    Wir armen Menschen sind ohndem von kurzem Leben,
    Man darf nicht erst durch Trotz den Parzen Anlass geben.
THEODOSIA.
    Weil mit Heraclio mein Hoffen ganz verschwindt,
    Weil ich kein Herze mehr in meinen Brüsten find,
    Und er, mein Schatz, ist tot, so end ich auch mein Quälen:
    Ich will mich ihm, mein Licht, auch sterbende vermählen.
    Mich soll der Seufzerwind durch Letens Wasser ziehn,
    Und meine Treue soll in Gruft und Grabe blühn.
    Es soll die reine Brust so Blut als Treue färben.
    Lasst mich!
ASPASIA.
    Sie halte doch!
THEODOSIA.
    Lasst mich! ich will nun sterben!
 
                               Fünfter Auftritt.
                                        
                         Teodosia Aspasia, Emilianus.
EMILIANUS ihr den Dolch aus der Hand reissende.
    Halt inne, schönstes Bild! zurücke Dolch und Hand!
    Es ist der schwache Zorn vergebens angewandt,
    Zu töten diese Brust. Hier muss der Tod selbst weichen:
    Wo man voll Anmut spürt, der Schönheit Liebeszeichen.
ASPASIA.
    Wie zu gelegner Zeit kömmt dieser Kavalier?
THEODOSIA.
    Raubt man gleich diesen Dolch, so fehlet es doch mir
    An tausend Mitteln nicht, das düstre Grab zu finden.
EMILIANUS.
    Sie lasse Furcht und Angst, und allen Zweifel schwinden.
    Sie trockne den Kristall der schönen Augen ab,
    Der Ihres Herzens Schmerz ein nasses Zeugnis gab.
    Der grösseste Monarch, von Ost, West, Süd und Norden,
    Ist Ihrer Anmut Knecht, der Schönheit Sklave worden,
    Weil er Ihr Fadengold des Hauptes höher hält,
    Als selbst das Kaisertum, mehr als die halbe Welt.
ASPASIA.
    Hier muss Prinzessin bald der Schmerz verbannet werden.
    Was kann beglückter sein, als Kaiserin auf Erden?
    Gewiss, wo Phocas nur Aspasien begehrt:
    So sei ihm heute noch die Jungferschaft gewährt.
THEODOSIA.
    Nein! Nein! Bemüht Euch nicht. Das Schmeicheln ist verloren.
    Ich habe meine Treu der Aschen auch geschworen.
    Weil meine Liebespflicht nicht hemmt der Todesraub:
    So acht ich Szepter, Krön und Kaisertum als Staub.
EMILIANUS.
    Weil Kronen des Geblüts die güldnen Haare zieren:
    So lässet ein Monarch die Glut der Liebe spüren.
    Der sonst auch Königen nur zu gebieten pflegt:
    Wünscht heute noch zu sehn, was diese Flamm erregt.
ASPASIA.
    Die Haare des Gelücks zu fassen, müht sich jeder.
    Sie greife zu: es fleugt, und kömmt nicht morgen wieder.
THEODOSIA vor sich.
    Mein Herze, sag es mir: Worzu entschliess ich mich?
    Ist dieser Ratschluss auch vor oder wider dich?
    Es heisst verstellte List mich ganz entzündet stellen:
    So fährt nach Rach und Wunsch mein Mörder zu der Höllen.
                                    Zu Emil.
    Vermelde, tapfrer Held, dem Kaiser meine Hold,
    Versichre ihn dabei, dass seiner Liebe Sold
    Mein Herze selber sei. Es such ihn zu vergnügen:
    Es sei besiegt: weil er den Erdkreis kann besiegen.
EMILIANUS.
    Ich eile, was ich kann, bald in der Burg zu sein,
    Mit dieser Liebespost den Kaiser zu erfreun.
    Sie komm, und lasse nichts an Huld und Anmut fehlen.
    Verzug und Warten pflegt die Liebenden zu quälen.
ASPASIA.
    Wohlan! so sei durch Lachen volle Lust,
    Der Mundrubin erhöht. Die Marmorbrust
    Die vormals oft, gleich als entgeistert, schiene,
    Sei unverhofft die schönste Freudenbühne.
    Sie hasse, was unter die Toten man zählt,
    Weil lebende Seelen Cupido nur wählt.
 
                               Sechster Auftritt.
THEODOSIA.
    So wird dein Schatten recht, mein Schatz, durch mich gerochen,
    Und meine Treue wird im minsten nicht gebrochen:
    Wenn unter Ros' und Klee, so Dorn als Natter steckt,
    Und wenn ein Zuckermund die Gall im Herzen deckt.
    Man soll die Lippen zwar als einen Himmel nennen:
    Im Herzen aber soll Glut, Rach und Hölle brennen.
    Bereite dich demnach, du angsterfülltes Herz,
    Verwandle Tod und Stich in einen Liebesscherz.
    Lass deine Freundlichkeit zu einer Larve dienen,
    Und dein Gesichte spieln mit holden Einfaltsmienen.
    Alsdenn ergreift die Hand den rachbeflammten Stahl,
    Und schickt den Mörder hin in Acherontens Tal.
    Der Liebeshimmel pflegt sich öfters zu verkehren
    In Wolken, welche Blitz und Donnerkeil gewähren.
    So sterbe denn der Hund, der mir das Leben raubt,
    Der nur bei jedem Blick, Blut, Tod und Morden schnaubt.
    Dies, sag ich, zu vollziehn, soll nur mein Herze brennen.
    Der Anmut Paradies soll man mein Antlitz nennen:
    Bald aber soll die Glut in Blut verkehret sein,
    Und ich will höllengleich die Rach als Feuer spein.
 
                              Siebender Auftritt.
                                        
Ein grosses Feld, erfüllet mit sehr vielen Leichen des geschlagenen Kriegsheeres
       des Kaisers Mauritii, nebst etlichen, aus dem benachbarten Gebirge
                         entspringenden Wasserbächlein.
  Honoria, als ein Soldat. Siroë, in Gestalt eines Mohren, liegende, unter dem
              Haufen der getöteten und halbtoten Soldaten. Idreno.
HONORIA singende.
                                       1.
Blinde Göttin! Falsches Glücke!
Die du stehst auf Ball und Flut:
Wofern deine Mördertücke
Quälen will mein Herz und Blut:
So wirst du Blitz, Pfeil und Degen,
Nur umsonst auf mich bewegen.
                                       2.
Rase, tolle Göttin! rase!
Dräue mir mit Angst und Not:
Du bist eine Wasser-Blase.
Ich verlache Pein und Tod.
Ja auch unter tausend Leichen,
Will ich deinem Trutz nicht weichen.
IDRENO kömmt gelaufen.
    Flieht, flieht, Prinzessin, flieht! die Völker sind geschlagen,
    Und wo Ihr Euch verweilt, so muss man Euch beklagen,
    Wenn Bisanz Sklaverei Euch in die Fessel schlägt.
    Flieht! wo Ihr Furcht und Scheu vor Phocas Rasen hegt.
    Von fernen hör ich schon der Waffen Mordgetümmel.
HONORIA.
    Wohin verberg ich mich? Ach rette mich, o Himmel!
    Wir sind vergebens nur auf unsre Flucht bedacht,
    Weil Waffen und Soldat uns überall bewacht.
    Ach wertster Siroë! den ich und Pers' anbeten,
    Als Erben ihrer Kron! ach sollt ich nur betreten
    Dein königliches Schloss. Es müssten Ross und Mann,
    So viel der schnell' Euphrat benetzt umgrenzen kann,
    Bald ungesäumt, und zwar zu meinen Diensten stehen.
    Sie müssten auf den Wink vor mich zu Felde gehen,
    Es müsste Schild und Schwert den Feind zur Rache ziehn.
IDRENO.
    Wo man der Tyrannei des Schicksals will entfliehn,
    So müssen wir Verstand und alle Sinnen schärfen,
    Das wohlbekannte Kleid und Waffen von uns werfen.
    Es dient zu unsrer Flucht, nichts als ein fremdes Kleid.
    Den Anfang mach ich selbst. Hier ist nicht Wartenszeit.
HONORIA.
    So will ich Schwert und Schild mit Tränen von mir legen,
    Bei dieser Heldenschar, die bloss um meinetwegen
    Verloren Geist und Blut. So rat ich meiner Flucht,
    Dass mich in fremder Tracht kein Feind als Feindin sucht.
IDRENO.
    Prinzessin, Schaut Sie hier den toten Mohren liegen,
    Es kann in dieser Flucht uns dessen Rock vergnügen.
HONORIA.
    Dass man sich alsobald dem braunen Mohren nah.
IDRENO.
    Er dient recht wohl vor sie.
                          Idreno will ihn entkleiden.
SIROE.
    Honor', Honoria!
HONORIA.
    Hilf Himmel, was ist dies? Wie, dass ich mich entfärbe?
    Wer ruft mir ohnmachtsvoll?
SIROE.
    Honoria! ich sterbe.
HONORIA.
    Ein halbverbrochnes Wort nennt meinen Namen hier.
    Die Stimme lautet schwach. Wie ist es? Träumet mir?
IDRENO.
    Auch Ihre Gegenwart, Prinzessin, kann das Leben
    Und Lebensgeister selbst den Toten wiedergeben.
    Hier dieser, welchen uns Ägypten sehen liess,
    Ist, dessen schwarzer Mund die Sterbenswort ausblies.
    Sie schau, wie sich der Geist entreisst den Liebesketten.
HONORIA.
    Es heischt die Frömmigkeit, die Sterbenden zu retten.
SIROE.
    Barmherz'ger Kriegesheld! du seist auch, wer du seist:
    Wofern der Himmel dir die Gnade noch erweist,
    Honoriam zu sehn, Honoriam die Schöne,
    So sprich: dass Siroën die Ewigkeit bekröne,
    Und dass in dieser Schlacht, der, der sie mehr geliebt,
    Als selbst sein eigen Sich, den treuen Geist aufgibt.
HONORIA.
    Was wollt ihr Götter doch noch über mich beschliessen?
    Wer tat dir Fall und Tod des Siroë zu wissen?
    Er schweigt. Erweck ihn doch, er ist in Schlaf versenkt.
IDRENO.
    Er hat die Stimme schon der andern Welt geschenkt.
HONORIA.
    Hol eilend Wasser her aus jenem roten Bache,
    Versuch es, wie du kannst: Gib Rat zu dieser Sache,
    Wie man den schwachen Geist, der durch die Lippen dringt,
    In seinen schwarzen Sitz des Körpers wiederbringt.
    Ach! ist mein Trost, mein Schatz, mein Abgott nun verblichen?
    Ist nun mein Leben selbst von dieser Welt gewichen,
    So eilt mein Hoffnungsschiff dem Todeshafen zu,
    Und meine Seele sucht der Elisäer Ruh.
    Es kann das Schicksal mir nichts Härteres versetzen.
IDRENO.
    Jetzt will ich sein Gesicht mit frischem Wasser netzen.
SIROE.
    Wer ruft mich in die Welt? Wer bringt den Geist in mich?
IDRENO.
    Was Wunder seh ich hier? der Mohr verändert sich,
    Der Rabe wird ein Schwan. Hier will sich was verhehlen.
HONORIA.
    O Himmel! seh ich nicht den Abgott meiner Seelen?
    Der seiner Wangen Licht mit fremden Wolken deckt.
    Und mir die höchste Lust mit dieser List erweckt.
SIROE.
    Honoria!
HONORIA.
    Mein Schatz! Ach was muss ich erblicken?
    Ein höchst verdammter Pfeil.
IDRENO.
    Ich will mich eilend schicken,
    Zu ziehn den krummen Stahl aus der verwundten Schoss.
    Prinzessin, seid erfreut, der Schade ist nicht gross.
HONORIA.
    Mein Seelgen!
SIROE.
    Wertstes Herz!
HONORIA.
    Schatz, lasse dich umfassen.
SIROE.
    Dich, Göttin, wird mein Arm auf ewig nicht verlassen.
IDRENO.
    Man hört der Waffen Klang, es nähert sich der Streit:
    Verspart das Küssen nur bis zu gelegner Zeit.
    In jenem Walde lässt sich Rauch und Hütte spüren,
    Allwo ein Schäfer wohnt. Dahin will ich Sie führen:
    Da wird man Euch, mein Prinz, ein schlechtes Lager streun,
    Und diese schöne Hand wird Eure Ärztin sein.
    Die wird den Schaden wohl in Schoss und Herzen heilen.
HONORIA.
    Er lehne sich auf mich, mein Schatz, wir müssen eilen.
SIROE.
    Du meiner Hoffnung Zweck! Wie selig ist der Tag,
    Da ich in deinen Schoss mein Herze senken mag!
    Die Wund' ist schon geheilt: Mein Lieben ist beglücket.
HONORIA.
    Weil es der Himmel hat, mein Engel so geschicket,
    Dass mich dein Arm umfasst, dass mich dein Herz umschliesst
    So sag ich: dass mich heut das grösste Glücke küsst.
 
                                Achter Auftritt.
                                        
       Des Kaisers Gemach stellet sich in der Gestalt eines Himmels vor.
HERACLIUS als ein Frauenzimmer.
    Es muss der blinde Gott den Aufzug selbst belachen,
    Wenn ich aus Männerhaar muss Weiberlocken machen:
    Die in dem Herzen Peitsch' und Skorpionen sein.
    Hüll ich gleich meinen Leib in Frauenkleider ein:
    Muss sich mein Angesicht gleich einer Venus stellen;
    So soll ein jeder doch dies Urteil von mir fällen:
    Ich sei den Kräften nach, ein andrer Kriegesgott.
    Mars wohn' in meiner Brust. Ich wünsche mir den Tod!
    Was träumt mir? Bin ich klug? Cupido selbst verlachet
    Die Wehmutstränen, wenn er uns entzündet machet,
    Zugleich ganz unbeglückt. Die Straf ist allzu scharf:
    Dass ein vermummtes Kleid mein Freisein fesseln darf.
    Jedoch erwecket dies die allerschärfsten Plagen,
    Und mein entflammtes Herz muss dieses nur beklagen:
    Dass Teodosia ihr Sonnenpaar entzeucht,
    Und aus den Augen mir, nicht aus dem Herzen weicht.
    Du kleiner Liebesprinz! bei dem man Hülfe findet:
    Besänftige die Brunst, die meine Seel empfindet.
    Verwunde doch zugleich den schönen Gegenteil;
    Wo nicht, so mache mich von Lieb und Hoffen heil.
    Jedoch wenn ich nur darf die holden Lippen küssen,
    Wird Teodosia mich zu belohnen wissen.
    Wenn ihr Verletzen wird der Seelen Zucker sein,
    So schreib ich mich ins Buch der Höchstbeglückten ein,
    Wo mich der süsse Blitz erwünschter Liebe rühret.
                             Teodosia erscheinet.
    Was vor ein holder Strahl wird aber hier gespüret,
    Der dieses Dach erhellt? ich seh das Sternenpaar.
    Was Sternen? Es ist die, die meine Sonne war.
    Schaut ihren Fürstengang, wie sie die Schenkel reget,
    Wie majestätisch sie der Schritte Wechsel träget.
    Ihr Gold beschämet selbst der Morgenröte Pracht,
    Und ihrer Wangen Schnee hat mich entzückt gemacht.
    Was vor ein neuer Stern geht aber ihr zur Seiten?
    Was vor ein Unstern muss wohl meinen Schatz begleiten?
    Hier will ich merksam sein. Besorgte Liebe sieht
    Mehr, als wenn Argos sich mit tausend Augen müht.
 
                               Neunter Auftritt.
                                        
            Teodosia, Emilianus, Aspasia, Heraclius im verborgenen.
THEODOSIA.
    Ein kurzer Hoffnungsglanz durchstrahlet jetzt mein Herze.
    Doch ach! vergebne Lust! Ich hoffe zwar, mein Schmerze,
    Den würde selbst die Zeit in Nektarkost verkehren:
    Der Himmel aber weiss, ob er dies wird gewähren.
    Denn ob mich schon der Tod des Lebens überhübe,
    Dass ich mich endlich selbst in Trän' und Flut begrübe:
    So würde doch kein Mensch in gleichem Jammer stehn.
    Kurz: mein verliebter Geist muss jämmerlich vergehn.
EMILIANUS.
    Sie schau den Himmel an, und die vermummte Stärke
    Des griech'schen Jupiters. Sie nehme diese Werke
    Der Kunst, als Wunder an. Hier wird die Majestät
    Des grossen Kaisers bald, als eine Morgenröt,
    Bei tausend Ampeln sich in Gold und Purpur zeigen,
    Und als ein grosser Gott aus diesen Wolken steigen.
    Prinzessin, heute wird Ihr Glücke vorgestellt:
    Wenn Ihr das grosse Reich der Welt zu Fusse fällt.
    Der Kaiser küsset Sie, sein Herze steht Ihr offen.
HERACLIUS vor sich.
    Die Treue wird verletzt, was soll ich ferner hoffen?
ASPASIA.
    Prinzessin Sie gesteh, ob nicht viel besser ist
    Ein solch Vergnügen, als wenn man die Toten küsst.
THEODOSIA.
    Welch ein erleuchte Flamm erhellt den Scheiterhaufen?
    Ich will dem Phoca selbst entgegen willig laufen.
HERACLIUS.
    Betrügende Siren!
THEODOSIA.
    Es weiss der grosse Gott,
    Wie ihn mein Herze hasst. Mich dringt so List als Not.
ASPASIA.
    Es müssen Lilien um ihre Schläfe grünen!
    Das kaiserliche Bett umstreu ich mit Jesminen.
HERACLIUS.
    Ich will im Phlegeton die Fackeln zünden an:
    Dass ich dem schönen Paar zu Bette leuchten kann
    Als eine Furie. Es sollen Feuerschlangen,
    Statt Rosen, Dorn und Blitz, so Bett als Haupt umfangen.
ASPASIA.
    Durch welchen Donner wird die hohe Burg erfüllt?
    Die Wolken öffnen sich.
THEODOSIA.
    Was vor ein Wunderbild?
 
                               Zehender Auftritt.
                                        
  Der Himmel eröffnet sich unter Donner und Blitzen, allwo in der Gestalt des
 Jupiters auf einer helleuchtenden Wolken Phocas erscheinet, umgeben mit vielen
 erdichteten Göttern, welche sich auf unterschiedlichen Lust-Gerüsten durch den
                         ganzen Schauplatz ausbreiten.
        Phocas, Teodosia, Emilianus, Aspasia, Heraclius im verborgenen.
PHOCAS sang in der Luft folgendes.
                                       1.
    Ihr Sterblichen! erschrecket nicht
    Ob meinem donnerschwangern Licht!
    Schaut, Jupiter, den tausend Götter küssen,
    Will jetzund euch auf diesem Platz begrüssen.
                                       2.
    Setzt alsobald Altäre auf!
    Bringt Opfer mit geschwinden Lauf!
    Steckt Weihrauch an! Pflanzt güldne Lorbeerreiser
    Weil euch bestrahlt der Kaiser aller Kaiser
HERACLIUS.
    Es hat die Hoffart mehr als menschlich zugenommen.
    Des Kaisers Torheit ist aufs allerhöchste kommen.
    Er sei selbst Jupiter! Dies bildet er sich ein:
    Doch das Gehirn will nicht Minervens Ursprung sein.
PHOCAS sich auf die Erde lassende, und sich der Teodosia nahende.
    Des Donners Kraft verschwindt: Die rauhen winde schweigen:
    Der heitre Himmel will sein blaues Antlitz zeigen.
    Schau, wie auf meinen Wink der Blitz zu folgen weiss:
    Komm, Juno, komm, mein Schatz! Komm her zu mir, und schleuss
    Mich deiner Seelen ein.
HERACLIUS.
    Mein Herze will zerspringen.
THEODOSIA.
    Dass deiner Strahlen Macht mein Herze kann durchdringen:
    Versichert dich mein Mund. Ich folge dir mein Schatz!
HERACLIUS.
    Hierzu verschwiegen sein, ist ein verdammter Satz.
PHOCAS.
    Komm, lass den Zucker-Tau von deinen Lippen fliessen
    Auf meinen matten Mund.
HERACLIUS.
    Eh soll der Tod dich küssen.
EMILIANUS.
    Der Zufall ist beglückt, der Fürsten auch erfreut.
ASPASIA.
    Und wo die Liebe herrscht, da ist die schönste Zeit.
PHOCAS.
    Ach Göttin! eile doch, dich in den Arm zu legen,
    Der mehr als mächtig ist, die Götter zu bewegen.
    Itzt hat das Glücke sich zur Sklavin dir gemacht,
    Und unter deinen Fuss die Kugel selbst gebracht.
 
                               Eilfter Auftritt.
                                        
Indem Phocas die Teodosia umfassen und küssen will, fällt ihm Heraclius in die
                                     Armen.
                             Vorerwähnte Personen.
HERACLIUS.
    Halt, grosser Kaiser! dies kann nimmermehr geschehen;
    Und diesen Greuel soll mein Auge nicht ersehen:
    Dass eine griech'sche Frau den Kaisertron besteigt,
    Die sich bald Helena, bald wie Megæra zeigt.
THEODOSIA.
    Wie? will sich schon der Schlaf mit meinen Augen gatten?
    Was hemmt mir das Gesicht? es ist ein Traum, ein Schatten!
ASPASIA.
    Wie? bin ich auch recht klug?
HERACLIUS.
    Mich nimmt der Kaiser ein:
    Ich weiss, er lässet mich des Vorzugs fähig sein:
    Mich, die ich Tochter bin des Kaisers, und von Ahnen,
    Die sich nicht durften erst den Weg zur Krone bahnen.
THEODOSIA.
    O Himmel! dieses ist Heraclius mein Schatz,
ASPASIA.
    Ihr Labsal.
PHOCAS.
    Schönstes Kind! Sie gebe fernern Platz
    Der Klugheit, welche Sie pflag vormals zu bekrönen.
THEODOSIA.
    Beherrscher dieser Welt! Es soll mich nicht verhöhnen:
    Wenn mir gleich dieses Bild so Herz als Kaiser raubt.
    Ich muss gestehn, nachdem mir ist zu sehn erlaubt,
    Wie Morgenröt und Sonn im Antlitz sich vermählen:
    Dass sie auch würdig sei, als Kaiserin zu wählen.
EMILIANUS.
    Beliebte Höflichkeit!
ASPASIA.
    Die nicht vermutet ward.
PHOCAS.
    Es ist vonnöten: dass ihr Klang und Trauern spart.
    Es soll euch beiderseits des Kaisers Liebe weiden.
HERACLIUS.
    Es kann so Lieb' als Tron nicht Nebenbuhler leiden.
PHOCAS.
    Was das Verhängnis will, und was mein Wollen spricht:
    Dies wisset, dass es auch kein Donner nicht zerbricht.
    Ich will mich jetzo recht als Jupiter erzeigen:
    Mein göldner Regen soll die Danaen besteigen,
    Und Letens glatte Schoss küss ich gleich einem Schwan;
    So sind sie wohl vergnügt. Herbei, Emilian!
EMILIANUS.
    Mein Kaiser!
PHOCAS.
    Lasse sie, Göttinnen unsrer Zeiten,
    Ins Kaisers Zimmer bald aufs prächtigste begleiten.
    Ihr schönen Augen ihr! stellt alles Trauren ein:
    Heut wird des Kaisers Herz um euch zerteilt sein.
ASPASIA.
    Nun ist es Zeit, dass ich die schlaffe Brust entschnüre,
    Und zeige, wie auch ich recht weisse Schenkel führe.
    Denn weil er alle ja zu seiner Lust begehrt,
    So ist vielleicht vor mich ein Plätzgen auch geleert.
 
                               Zwölfter Auftritt.
PHOCAS singt folgende Worte.
                                       1.
    Jede Nymphe, jede Göttin, bleibet meine Lust und Freude,
    Jedes Antlitz, jede Brüste, werden meiner Augen Weide.
    Ich bin gleichsam eine Motte, die bei jedem Licht sich findt,
    Und ein Phönix, dessen Asche wird von aller Glut entzündt.
                                       2.
    Es kann mein verliebtes Herze einem Proteus sich vergleichen,
    Welcher jeder zu gefallen an sich nimmt der Liebe Zeichen.
    Doch es bringt Ruhm und Ehre, wenn bald die, bald jene labt,
    Weil der nackte Liebesschütze auch mit Flügeln ist begabt.
   Hierauf wird diese Abhandlung mit einem zierlichen Ballet von acht Göttern
                                  beschlossen.
                             Der andern Abhandlung
                                Erster Auftritt.
                                        
                     Ein Hirtenhäusgen mit einem Gepüsche.
                       Arconte in Gestalt eines Schäfers.
ARCONTE.
    Ihr schönen Tannen ihr! ihr holden Wälderriesen!
    Die ihr das Altertum durch hundert Jahr erwiesen:
    Ihr seid von dem, was sonst die Seelen quält, befreit.
    Bei güldnen Dächern wohnt nur Laster, Hass und Neid.
    Beliebte Einsamkeit! Indem die Sorgen schwinden,
    So kann mein Herze mehr Vergnügung bei dir finden;
    Als in der Perser Burg, wo meiner Jugend Lauf
    Und Freiheit ganz verdarb. Hier blüht sie wieder auf.
    Ach, Cosroës, Tyrann! dass nicht die Sonn' errötet!
    Du hast mir meinen Sohn aus Mordbegier getötet.
    Der Vater, welcher doch das minste nicht getan,
    Muss in das Elend ziehn. Ach Cosroës Tyrann!
    Allein, was vor ein Glanz der Waffen wird gespüret,
    Um diesen Wald, den doch Bellona nie berühret.
    Die Sicherheit wohnt selbst in diesem tunkeln Hain,
    Doch hinter diesem Strauch will ich verborgen sein.
                              Er verstecket sich.
 
                               Zweiter Auftritt.
                                        
        Siroe geführet von der Honoria. Idreno. Arconte im verborgenen.
SIROE.
    Es scheint zwar deine Hand, die selbst den Schnee besieget,
    Ein kaltes Eis zu sein, doch wärmet und vergnüget
    Sie mehr als Flamm und Glut; weil sie zurücke rief
    Die Seele, welche schon mit Charons Nachen lief
    Ins Elisäer Feld. Mein Leben ward erstattet:
    Als sie mich wie ein Licht des Prometeus umschattet.
ARCONTE.
    Ihr Götter, was ist dies? Der Persen ältster Prinz,
    Zugleich ein Frauenbild. Ja, wahrlich, ja, sie sind's.
HONORIA.
    Nunmehro bin ich ganz mir selbst geraubet worden:
    Durch Fessel deiner Haar tret ich in Frauenorden.
    Doch solche Bande hat mein Herze stets begehrt:
    Drum wird ihm billig auch der holde Wunsch gewährt.
    Und dies Gefängnis schafft in mir so grosse Freuden,
    Als fast die Unschuld selbst in Ketten könnte leiden.
ARCONTE.
    In Wahrheit, ja, er ist's: ich kenne sein Gesicht:
    Ich kenne die Gestalt. Arconte, säume nicht!
    Wohlan! ich will anjetzt gerechte Rach' ausüben,
    Weil ihn der Himmel selbst zur Strafe hergetrieben.
IDRENO.
    Herr, geht nicht ferner fort. Ein Schäfer kömmt herbei,
    Der diesen Wald bewohnt. Wer weiss es, wer er sei?
 
                               Dritter Auftritt.
                                        
                        Arconte, vorerwähnete Personen.
ARCONTE.
    Und welch Gestirne führt euch her, ihr Martis-Söhne,
    Allwo man nie gehört der Waffen Mordgetöne?
HONORIA.
    Sei gutes Muts mein Freund! du bleibest unversehrt.
    Durch diese Waffen wird die Ruhe nicht gestört.
SIROE.
    Es hat der dicke Wald uns Weg und Steg benommen,
    So, dass wir ganz verirrt in dieses Grüne kommen.
ARCONTE.
    Mein Herr, begebt Euch nur in jenes kleine Haus,
    Und ziehet ungesäumt die schweren Waffen aus.
                                    Abseits.
    So kann ich besser Euch die Letzte Ölung geben.
HONORIA.
    Es deckt oft grober Sand die weinerfüllten Reben:
    Und einen hohen Geist verbirgt geringe Tracht.
ARCONTE.
    Wo nicht mein Aug' umwölkt des Irrtums falsche Nacht,
    So hab ich Ihn, mein Herr, gesehen bei dem König
    Der Persen, auf der Burg.
SIROE.
    Er kennet mich ein wenig.
ARCONTE.
    Ich bin des Cosroës geborner Untertan,
    Und komm ganz unversehns bei diesen Wäldern an,
    Vom Vaterland entfernt. Hier kann ich frei regieren,
    Mich selbst und meine Schaf. Hier lässt sich alles spüren,
    Was uns ergötzt. Ja selbst der Himmel ist geneigt.
HONORIA.
    So hat denn diesen Mann das Persen-Land gezeugt?
IDRENO.
    Des Himmels Schicksal hat ihn zu uns her geschicket.
SIROE.
    Ich bin des Königs Sohn; und schätzte mich beglücket:
    Wenn ich aus diesem Wald dahin geleitet wär,
    Allwo der Tiger-Strom benetzt der Parten Heer.
ARCONTE.
    Es reget sein Befehl die Schenkel und die Sinnen.
    Sobald die Sonne wird der Welt ihr Auge gönnen:
    Dass nur das Licht erlaubt zu sehen auf den Weg:
    So soll Euch Mund und Hand bedeuten Weg und Steg.
    Indessen will Euch jetzt so Ruh als Schlaf gebühren:
    Ein unbekannte Bahn soll Euch schon morgen führen
    In Euer Königreich.
                                    Abseits.
    Es wird von mir gemeint,
    Des Todes finstres Land.
SIROE.
    Ihr seid mein bester Freund.
 
                               Vierter Auftritt.
                                        
                            Siroe, Honoria, Arconte.
IDRENO.
    Mein Schäfer, lasst uns gehn, doch nicht auf sanfte Decken,
    Die uns Ägypten schenkt. Nein, nein, wir müssen strecken
    Der Glieder matte Last auf Gras und Kieselstein,
    Und ein verworrner Strauch muss unsre Decke sein.
                             Er geht in die Hütte.
HONORIA.
    Die Armut muss mir selbst bei dir zu Zucker werden.
SIROE.
    So komme denn, mein Schatz, und Engel dieser Erden.
HONORIA.
    Nimm du nur, holdes Licht, den Vortritt in das Haus,
    Ich folge willigst nach. Nun schlag ich alles aus.
    Es mag das Glücke mir so Kron als Tron entreissen:
    Durch euch ihr Augenpaar, kann ich glückselig heissen.
              Hierauf singen beide im Hineingehen folgende Verse.
                                       1.
Grosse Venus, sei geneigt,
Weil sich eine Ruhstatt zeigt,
Die auf kräuterreichen Küssen,
Uns die Schmerzen soll versüssen.
                                       2.
Dieser Pfeil ist ja beliebt,
Der im Tod das Leben gibt;
Und zugleich, indem er kränket,
Auch ein heilsam Pflaster schenket.
                               Fünfter Auftritt.
                                        
Eine unterirdische Grotte, nebst einer Fontaine, woraus man den Palast mit einer
                            kostbaren Stiege sieht.
                          Teodosia, Aspasia hernach.
THEODOSIA.
    Du feuchtes Felsen-Kind! du angenehmer Bach!
    Der gleichsam uns entwirft ein allzeit nasses Ach!
    Der, wenn sein Silber stets zermalmet zwischen Steinen,
    Aus Beifall traurig ist, vor Wehmut scheint zu weinen.
    Verbirg auf kurze Zeit dein fliessendes Kristall,
    Dort hinter jenen Strauch. Hör an der Seufzer Schall,
    Und meiner Seelen Schmerz, mein angsterfülltes Stöhnen,
    Dein kläglichs Lispeln sei vermischt mit meinen Tränen.
ASPASIA.
    Will sie ohn Unterlass Ihr eigner Henker sein?
    Und stellt Sie nimmermehr das herbe Klagen ein?
THEODOSIA.
    So soll ich, Ärmste, nicht genungsam Ursach haben,
    Zu seufzen? Ja ich muss in Tränen mich begraben,
    Als eine, welche liebt, und nur den Schatten küsst
    Von dem, der allbereit, als Schatz verblichen ist.
    Ich schau in fremder Art zwar annoch sein Gesichte.
ASPASIA.
    Es stehet der Vernunft die Kümmernis im Lichte.
    Das Schicksal und der Stahl hat seinen Fall gestift:
    Und wer den Totenfluss schon einmal überschifft,
    Der kehret in das Reich des Lebens nicht zurücke.
THEODOSIA.
    Ich kenne mehr als wohl der Augen holde Blicke.
ASPASIA.
    Ei, ei, was glaubt Sie? Gesetzt, es wäre dies
    Ihr Schatz Heraclius: Er würde sich gewiss
    In dieser weichen Tracht so schimpflich nicht verstellen,
    Vielweniger als Braut zum Kaiser sich gesellen.
THEODOSIA.
    In welches Labyrint hat sich mein Geist verirrt?
    Dies Wunder hat mich ganz bestürzet und verwirrt.
    Es kann Cupidens Hand nicht soviel Pfeile zimmern,
    Nicht kann die heitre Nacht mit soviel Sternen schimmern,
    Die See zählt nicht soviel des Sandes, als mein Geist
    Nur Schmerzen hegt.
ASPASIA.
    Sie schau: wie sich Ihr Phoebus weist.
 
                               Sechster Auftritt.
                                        
                 Teodosia, Aspasia, Heraclius jedes vor sich.
HERACLIUS.
    Dort ist die Untreu selbst.
THEODOSIA.
    Mein Abgott lässt sich sehen.
HERACLIUS.
    Ihr Sternen! warum lasst ihr dieses doch geschehen,
    Dass mir dies harte Bild so wohl gefallen muss,
    Indem sie von mir nimmt den rauhen Abschiedskuss.
THEODOSIA.
    Wo mich ein Irrtum nicht der schwachen Augen blendet,
    So hat Heraclius sein holdes Licht gewendet
    Auf meine Finsternis. Ach ja! sein schwarzer Schein
    Der Augen, bildet mir zwei helle Sonnen ein.
HERACLIUS.
    Sie schaut mich emsig an. Die Untreu kann gewähren,
    Dass sie sich muss in Stein, als überzeugt verkehren,
ASPASIA.
    Sie fass Ihr einen Mut. Was hat Sie so erschreckt?
    Des Herzens Meinung sei nur kühnlich ihm entdeckt.
THEODOSIA.
    Diana wolle mir der Liebe Waffen leihen!
    Sie, schönste Dame, wird mir hochgeneigt verzeihen:
    Dass sich mit ihrer Zier mein Augenschein verbindt.
    Ihr himmlisch Antlitz hat den süssen Wahn entzündt:
    Es sei das hohe Bild der Seelen überblieben,
    Das Teodosia auch in der Gruft muss lieben.
HERACLIUS.
    Sirene voll Betrug! Es ist mir wohl bekannt,
    Wie Teodosia dem Kaiser sich verband.
    Und also scheint es nun: Der alte Liebesorden,
    Die vorbeseelte Glut sei Dampf und Nebel worden.
THEODOSIA.
    Ach nein!
HERACLIUS.
    Ach nein! gewiss, sein unverworfner Geist
    Beeifert aus der Gruft, was Phocas jetzt geneusst.
    Und darum wird er auch sich als Megæra stellen,
    Wenn er erscheinen wird mit Fackeln aus der Höllen.
    Wenn als ein Schatten er sie stets verfolgen muss,
    Zu rächen seine Treu.
THEODOSIA.
    Dies ist Heraclius!
    Heraclius, mein Licht! Mein Herz! lass dich versöhnen.
HERACLIUS.
    Was schwärmt, was redet Sie? Will man mich noch verhöhnen?
    Bin ich Heraclius, der sich der ganzen Welt
    Hat rühmlichst dargetan, als wie ein Kriegesheld,
    Der Ihrentwegen pflag grossmütig zu verachten
    Gefährlichkeit und Tod in so viel grossen Schlachten,
    Warum verändert Sie so schleunig Herz und Treu?
    Sie schone mich vielmehr mit solcher Heuchelei.
THEODOSIA.
    Ach höre mich doch an!
HERACLIUS.
    Ich halte das vor Sünde.
    Sie mache, dass zugleich so Lieb' als Namen schwinde
    Des Phocas.
THEODOSIA.
    Hör doch, ach höre, meine Sonn!
ASPASIA.
    Seht, wie das Herze brennt gleich einem Acheron.
HERACLIUS.
    Sie wisse, dass sie noch ein mehrers hat verschuldet,
    Und dass die Liebe nicht die Nebenbuhlschaft duldet.
    Ein klares Beispiel wird am Himmel selbst gespürt:
    Wo eine Sonne nur, ein Jupiter regiert.
                              Er geht zornig ab.
 
                              Siebender Auftritt.
                                        
                     Phocas, Teodosia, Heraclius, Aspasia.
 Die kaiserlichen Trabanten, Phocas dem Heraclio begegnende, nimmt ihn bei der
                                     Hand.
PHOCAS.
    Ihr Augen, die ihr sonst von holden Flammen glimmet,
    Wie kömmt es, dass ihr euch anjetzt so sehr ergrimmet?
    Wie dass dein Sonnenlicht sich in Kometen kehrt?
    Kann, wo sich Lieb und Glut im Angesichte nährt,
    Auch eine Seele sich mit Grausamkeit vermählen?
THEODOSIA.
    Was vor ein neuer Schmerz wird meine Sinnen quälen?
HERACLIUS.
    Gerechter Zorn entspringt aus einem edlen Mut.
    Ich sichre, dass mein Herz zu diesem nimmer ruht,
    Dass meines Kaisers Huld sich andre Schönheit wählet.
PHOCAS.
    Beliebte Eifersucht!
THEODOSIA.
    So sei Ihm die vermählet,
    Grossmächtigster Monarch! Ich überlasse sie.
PHOCAS.
    Ich bitte, schönes Bild, Sie spare diese Müh.
    Sie spare diese Müh, mich ferner zu verbinden,
    Des Kaisers Klugheit soll ein sanftes Mittel finden:
    Das ein beliebtes Band auf Eure Wunden sei.
    Ich muss es zwar gestehn: Der Wollust kühler Weg
    Kühlt mich zu häufig ab. Der Liebesnektar quillet
    Zu häufig. Meine Brunst wird über Durst gestillet.
    Der Sternen holde Schar stellt sich gedoppelt ein,
    Um unsre Majestät.
                                 Zum Heraclio.
    Sie meide Qual und Schein
    Was ihre Seele kränkt. Sie lasse sich begnügen,
    Wenn sie als Herrscherin den Phocas kann besiegen,
    Der seine Fessel küsst. Sie gebe sich zur Ruh,
    Mir, als Alcides, kömmt ja dieses billig zu:
    Dass von sie beiden ich Ompheden mir erwähle,
    Und mir die andre selbst, als Iole vermähle.
ASPASIA.
    Wie dass sich Phocas mehr als Hercules vermisst?
    Denn wo er voller Brunst fast jede Schönheit küsst,
    Wo er mit allen will die süsse Arbeit teilen,
    So braucht er wahrlich mehr, als tausend guter Keulen.
PHOCAS.
    Die Sorge sei verbannt, weil heute Juno lacht;
    Die Anstalt werde bald zu einer Jagd gemacht,
    Wo das Euxiner-Meer mit seinen blauen Wellen
    Des Waldes Ufer netzt. Ich will das Wild selbst fällen.
    Dort sollt, ihr Schönen, mich, als Jägerinnen lehrn,
    Ob mehr ein schönes Aug, als Waffen, kann versehrn.
    Es wird Diana selbst der Waffen Anmut schärfen,
    Und ein beliebtes Wild dem Jäger unterwerfen.
HERACLIUS.
    Dies wird der Seelen Gift, statt Liebeszucker streun.
THEODOSIA.
    Und diesem Herzen wird die Wollust Marter sein.
PHOCAS.
    Ich bin vergnügt: Nun folgt ihr holden Nymphen beide.
HERACLIUS.
    Wir eilen allerseits und gehen hin zum Leide.
THEODOSIA.
    Wir eilen allerseits und gehen hin zum Leide.
PHOCAS.
    Wir eilen allerseits und gehen hin zum Freude.
 
                                Achter Auftritt.
                                        
                               Phocas, Emilianus.
EMILIANUS.
    Unüberwindlichster! wir müssen eilend schaun,
    Das zitternde Gebäu des Reiches aufzubaun.
    Ägypten hat das Schwert auf unsern Hals geschliffen,
    Es hat der Waffen Last aus Liebe schon ergriffen?
    Aus Liebe, die es stets Mauritio geschenkt.
    Die Not erfodert es, dass man die Waffen lenkt
    Auf Nilens Wunderstrom. Man dämpft die Krokodile,
    Durch eilende Gewalt bei ungeschwelltem Nile.
    Der Kaiser schaffe nur, dass der Tyranne stirbt,
    Und dass sein Anker gleich dem Lebensschiff verdirbt.
PHOCAS.
    Wir wollen diese Brunst in erster Flamm erstecken.
    So sterbe Mauritz denn! Lasst ihm den Schluss entdecken
    Durch Henker, Beil und Blut. Jedoch weil mich entzündt
    Honoria mein Licht: Honoria sein Kind:
    So werde mein Befehl, den Vater auf die Bahre
    Zu bringen, bald vollbracht: Doch, dass sie nichts erfahre,
    Lass im Gefängnisturm durch der Trabanten Hand,
    Gleich, als von ungefähr, erwecken Flamm und Brand.
    So mag der Bösewicht in Asche sich verkehren;
    Und dem Vulcano sich zum Opfer selbst gewähren.
    Es sterbe, wer mich Gott und Herr nicht nennen will!
    Er sei der Luft geschenkt zu ihrem Gaukelspiel.
                                   Er singet.
    Lass immer, tolles Glück, dein Rasen auf mich gehn!
    Ja lass den Himmel selbst in vollen Flammen stehn!
    Du wirst, o Närrin, dich nur selber hier betören:
    Denn mich als einen Gott kann keine Macht versehren.
 
                               Neunter Auftritt.
                                        
    Ein Gefängnis nebst einem Vorhäusgen, bei welchem zwischen grausamen und
              spitzigen Felsen in dem Meere ein alter Turm stehet.
    Der gefesselte, und von den Soldaten ausser dem Turme bewahrte Mauritius,
                     Emilianus, so kurz hernach erscheinet.
MAURITIUS.
    So will der Marmor-Schluss des Schicksals nicht verschonen
    Auch keine Majestät; und stürzt es auch die Kronen?
    So geht's! wo nur das Glück als Herrscherin regiert:
    Wo man zum Grunde nur die blinde Kugel führt.
    Wer seiner Flügel Macht will allzu hoch ausbreiten,
    Der fällt gefährlicher und kann viel eher gleiten,
    Als der, der mehr vergnügt auf fester Erden wohnt,
    Die Zedern rührt der Blitz, wenn er die Sträucher schont.
    Die Ketten, welche mich zur Strafe müssen drücken:
    In welche sich, ach Schmerz! mein schwacher Fuss muss schicken:
    Die schreiben in den Sand die nachgesetzte Schrift,
    Die mich, und insgesamt gekrönte Häupter trifft:
    Es ist des Glückes Art die Änderung zu lieben:
    Es hat sich keinem noch als Eigentum verschrieben.
    Wer sich des Morgens schaut bekrönt, und obenan,
    Der wisse dass sich viel vor abends ändern kann.
EMILIANUS.
    Trabanten! es ist Zeit, die Stunden sind verflossen.
    Er hat bereits genung der frischen Luft genossen.
    Geht, führt ihn wieder hin, wo er die Fessel küsst,
    Und seid bemüht, dass ihr den Turm ja wohl verschliesst.
MAURITIUS.
    So ist, o Himmel! mir nicht so viel Erde blieben
    Von meinem Kaisertum, worauf ich nur verschnieben,
    Worauf mein matter Fuss ein wenig ruhen darf.
    Ihr Götter, tötet mich! das Urteil ist zu scharf.
                          Er wird in den Turm geführt.
EMILIANUS.
    Geht, eilt ihr Henker, fort! erfüllet eure Hände
    Mit Fackeln, Pech und Glut, ergreifet Schwefelbrände,
    Und steckt den alten Turm mit schnellen Flammen an,
    Bis man die Asche nur davon erkennen kann.
    Dies Feuer soll zugleich Mauritium begraben,
    Die Asche soll der Wind zu seinem Spiele haben.
    Denn wer mir Dampf und Rauch in seinem Herzen hegt:
    Der ist auch würdig, dass er Glut zu Lohne trägt.
                           Er singet folgendermassen.
                                       1.
Paläste sind ein rechtes Meer,
Wo stets die tollen Wetter rasen.
Wo das pechschwarze Neides-Heer,
Und tausend Unglücks-Winde blasen.
Es bilde sich nur keiner ein,
Allhier im sichern Port zu sein.
                                       2.
Wer dieser See, wenn ihre Flut
Am allerschönsten spielt und schimmert,
Zu schnell vertrauet Seel und Gut,
Dem wird die Bahre stracks gezimmert.
Hier, hier sieht man Charybden stehn,
Wo Kronen auch zugrunde gehn.
                               Zehender Auftritt.
                                        
                       Der Turm stehet in voller Flamme.
  Der in der Mitten des Turms stehende, und sich ins Meer stürzende Mauritius.
MAURITIUS.
    Weil Himmel Erd und Welt sich wider den verschworen,
    Den selbst das Elend hat zum Ungelück geboren:
    So gönn, o Jupiter des Meeres, mir die See!
    Dass sie zu Hülfe mir den Flammen widersteh.
                      Er stürzet sich vom Turme ins Meer.
 
                               Eilfter Auftritt.
                                        
                            Nächtliche Begebenheit.
  Ein Lustwald an dem Ufer des Euxinischen Meeres, nebst einer Höhle auf einer
         Seiten, und einem verschlossenen Hirtenhäuslein in der Ferne.
                  Arconte mit einem blossen Dolche in der Hand.
ARCONTE.
    Alecto! Furie! du Göttin schwarzer Höllen!
    Du wollest deinen Zorn den Geistern beigesellen;
    Die mir Plutonis Reich zur Rach' und Hülfe schickt:
    Du, die du Schlangen mir ins Herze hast gedrückt.
    Hier meint  Siroë der Ruhe zu geniessen:
    Doch soll er schlafende sein faules Blut vergiessen.
    Eröffne seine Brust! auf meine rechte Faust!
    Stoss zu! sei unverzagt! wie aber, dass mir graust?
    Ein unbekannte Macht hat mich mir selbst genommen.
    Wohin bistu durch Zorn Arconte doch gekommen?
    Was denk und tu ich doch? der dir sein Leben traut,
    Und der auf deine Treu, mehr als auf Felsen baut,
    Dein Prinz, dein König soll so Blut als Geist verlieren,
    Durch deine Mörderhand? der Himmel wolle rühren
    Den morderfüllten Sinn! er lasse nimmermehr
    Die grause Tat geschehn, dass dieses Blut-Gewehr
    Ein unschuldvolles Herz im Schlafe soll durchgraben:
    Und dass derjenige sollt einen Namen haben,
    Den selbst der Himmel hasst. Sollt ich Verräter sein,
    Der Scheitel, Haupt und Haar sonst kränzt in Lorbeern ein?
                            Er wirft den Dolch weg.
    Weg! weg! entferne dich, vermaledeites Eisen!
    Es ist des Schicksals Spruch: Du sollst dich nicht erweisen,
    Als eine Dienerin verdammter Grausamkeit,
    Denn tapfern Seelen ist auch übles Wollen leid;
    Sie können nimmermehr unedle Laster üben.
    Allein, wen hat doch mehr der Himmel hergetrieben?
    Die, welche Waffen trug, hüllt sich in schlechte Tracht,
    Als eine Schäferin. Wer hätte dies gedacht?
 
                               Zwölfter Auftritt.
                                        
                     Honoria, bekleidet als eine Schäferin.
ARCONTE.
    Die Morgenröte beginnet zu schimmern.
HONORIA.
    Die Morgenröte glänzt mit lichten Rosenhaaren.
    Der Sonnenwagen kömmt von Ganges hergefahren:
    Mit der verschwundnen Nacht schläft das Gestirne ein.
    Die Nachtigall erwacht, und will beschäftigt sein,
    Das neue Tageslicht aufs schönste zu begrüssen;
    Ich, die ich mich anjetzt aus Not verhüllen müssen,
    In dieses schlechte Kleid, will meinen hohen Stand
    Verbergen: dass er sei dem Sieger unbekannt.
    Wo wird man aber nun den alten Schäfer spüren?
    Es ist sehr hohe Zeit uns in die Burg zu führen,
    Wo Haupt und König wohnt.
ARCONTE.
    Sie schau, ich bin bereit,
    Der sich zu Ihrem Dienst aufwärtigst anerbeut.
    Doch was vor ein Geschrei betäubet mein Gehöre,
    Mich dünkt, als wenn es sich je mehr und mehr vermehre.
    Der Hunde Bellen stimmt mit ein. Es nähert sich,
    Dass auch der Wald erschallt.
HONORIA.
    Was seh, o Himmel, ich?
 
                             Dreizehender Auftritt.
                                        
  Phocas mit einer Menge Jäger umgeben, verfolget mit einem Spiesse in der Hand
                              einen grossen Bären.
                Honoria, Arconte, Idreno, so hernach erscheinet.
PHOCAS den Bär tötende.
    Dein Rasen ist umsonst! du Bestie musst sterben,
    Es soll dein roter Schweiss die grüne Erde färben.
    Du hast dich meinem Stahl vergebens widersetzt:
    Besondern dich vielmehr zur Strafe selbst verletzt;
    Allein was blendet mich bei früher Morgenröte
    Ein schönes Ungeheur? Indem ich Bären töte,
    So fället mir ins Garn ein so beliebtes Wild,
    Das noch viel schöner ist, als das gestirnte Bild.
ARCONTE.
    Hier dienet keine Flucht, man muss die List erwählen.
PHOCAS.
    Wie kann die Liebe sich dem Augenblitz vermählen!
    Und wer ist dieses Bild?
ARCONTE.
    Ach Herr, sie ist mein Kind.
PHOCAS.
    Ei was? du alter Narr! das Alter macht dich blind.
    Sie hat als Göttin sich gelassen von dem Trone
    Des Himmels, dass sie hier in diesen Wäldern wohne.
HONORIA.
    Ihr Götter! wo er mich erkennt, so ist's geschehn!
PHOCAS.
    Ein solches Licht muss Wald und Finsternis verschmähn.
    Ich will: dass alle Welt so Opfer als Altäre
    Auf diamanten Tron der Göttin hier gewähre.
HONORIA.
    So hoher Ehren ist ein Schäferkind nicht wert,
    Die dieses rauhe Holz zur Wohnung nur begehrt.
PHOCAS.
    Es kann mein hohes Wort Sie Sternen gleich erheben.
IDRENO kömmt.
    Ich elendsvoller Mensch, was werd ich hier erleben?
    Dies ist der Kaiser selbst. Was soll ich ferner tun?
ARCONTE.
    Durchlauchtigster Monarch! Er wolle doch geruhn,
    In Gnaden mir dies Kind, den Anteil meines Leibes,
    Des Vaters Augentrost, die Blume meines Weibes,
    Zu gönnen: dass sie mir die Augenlider schleusst:
    Wenn Lachesis den fast verzehrten Faden reisst.
PHOCAS.
    Ich bin Gott Jupiter! du kannst nicht Vater bleiben.
    Du wirst des Kaisers Wort vergebens hintertreiben.
    Trabanten! alsobald begleitet ins Gemach
    Des Kaisers, dieses Kind.
IDRENO.
    Mein Schmerz ist tausendfach.
PHOCAS.
    Ihr schönen Augen ihr, wo Blitz und Liebe strahlet,
    Die ihr der Liebe Sold mit Anmutsblicken zahlet.
    Wenn euch zu küssen mir einmal erlaubt wird sein;
    So fähret Phocas leicht in Wollust-Hafen ein.
                                  Er geht ab.
IDRENO.
    Ich unbeglückter Mensch, mein Leben muss verschwinden:
    Weil wider diesen Fall sich lässt kein Mittel finden.
    Es ist zu unverhofft.
HONORIA.
    Wo werd ich hingeführt?
    Ihr Götter! wo mein Herz sein ander Sich verliert:
    So leb ich ohne Seel, so sterb ich sonder Leben.
                              Sie wird abgeführt.
IDRENO.
    Ich muss vor grosser Angst dem Tode mich ergeben.
ARCONTE.
    Ich eile, dass es nur bald Siroë erfahr,
IDRENO.
    Statt Laufens wünsch ich mir das schnellste Flügelpaar.
 
                             Vierzehender Auftritt.
                                        
                       Siroe kömmt aus dem Hirtenhäusgen.
                         Idreno und Arconte von weiten.
SIROE.
    Wenn Phaëton erwacht, muss sich das Gold der Sternen,
    Und Lunens Silberhorn verblassen und entfernen.
    Allein Cupido stellt mir Stern und Augen vor,
    Vor welchen Phoebus selbst so Glut als Glanz verlor.
    Ein Strahl von meiner Sonn kann jenes Licht beschämen:
    Dass es beschämte Flucht muss hintern Wolken nehmen.
    Begierde meiner Brust! ach wärst du eilend da!
    Wo find ich dich, mein Schatz! komm, komm, Honoria!
    Entdecke doch, mein Licht, dein liebliches Gesichte,
    Und mache jenen Glanz Aurorens selbst zunichte,
    Durch deine Gegenwart. Die schönen Augen sind's,
    Wornach mein Herze lechzt.
 
                             Funfzehender Auftritt.
SIROË, ARCONTE, IDRENO.
    Ach weh, mein wertster Prinz!
IDRENO.
    Ach Herr, Honoriam hat Phocas weggeraubet.
SIROE.
    Wie? traum ich wachende? wird dies auch wohl geglaubet?
    Wie? bleibt sie ohne mich? ich folge was ich kann,
    Und greife Phocam selbst gleich einem Tiger an.
    Ich will auf diesem Platz mit Zähnen ihn zerreissen,
    Den räuberischen Hund. Doch, ach! was soll dies heissen?
    Mein Rasen ist umsonst! der Schmerz verblendet mich.
    Ich bin nicht bei mir selbst. Ach Phocas, schäme dich!
ARCONTE.
    Das Leben hab ich ihm schon einmal wieder geben,
    Nun will ich ihm zugleich auf seinen Tron erheben.
    Es wird ein grosser Mut durch keine Raserei
    Des Glückes unterdrückt: Es riet mir Huld und Treu;
    Die ihm mein Herze schenkt: Dass Phocas dieses glaubte,
    Es sei Honoria mein Kind, das er mir raubte,
    Und dass ich Vater sei. So führt er sie davon.
    Was schadet's? Wenn Ihr Euch auch nennet meinen Sohn.
    So könnet Ihr durch mich in schlechtem Hirtenkleide
    Gar bald in Bysanz sein.
IDRENO.
    Ich sterbe fast vor Freude!
    Wenn der verdammte Hund durch solche kluge List
    Sich wird betrogen schaun: Wenn er den Schatten küsst.
SIROE.
    Ach Hoffnung, lass mich nicht! lass mich die Sonne schauen!
    Kann ich so Gold als Haar auf den beblümten Auen
    Der Wangen nur ersehn, so mag mein Lebenslicht
    In stetem Kerker sein. Ach Hoffnung, lass mich nicht!
 
                             Sechzehender Auftritt.
                                        
                              Teodosia, Aspasia.
    Es ziehen sich allentalben schwarze Wolken zusammen, welche den Himmel
                                 überschatten.
THEODOSIA.
    Wie Wanderwolken Dampf den Himmel finster machet,
    Und seine Sonne raubt, obgleich Aurora lachet,
    Wenn Licht und Tag erscheint: so wird durch Angst und Schmerz
    In tiefste Nacht gestürzt das vor vergnügte Herz.
ASPASIA.
    Man wird, Prinzessin, sich vergebens nur bemühen,
    Der regenschwangern Luft im Walde zu entfliehen.
                            Es wetterleuchtet stark.
    Ihr Götter! welcher Blitz steigt osten-wärts empor,
    Es stellet Flamm und Glut fast eine Hölle vor.
THEODOSIA.
    Hier unter diesem Baum und blättervollen Eichen,
    Als derer Gipfel fast die Wolken kann erreichen,
    Soll unsre Zuflucht sein. Ihr grüner Arm beschützt,
    Wenngleich des Himmels Grimm auf Erden kracht und blitzt.
 Sie flüchten sich unter eine Eiche, worauf unter Windesbrausen und Blitzen ein
                           starkes Donnerwetter kam.
 
                            Siebenzehender Auftritt.
                                        
      Heraclius mit einem Wurfpfeile in der Hand, dem Wetter entfliehende.
             Teodosia und Aspasia im verborgenen unter der Eiche.
HERACLIUS.
    Ihr Furien der Luft! ihr Winde hemmt das Wüten!
    Verschont den grünen Kreis der Erden zu beschütten
    Mit strenger Glut und Flut. In dieser Höhlen muss,
    Dem Wetter ich entfliehn.
ASPASIA.
    Dies ist Heraclius.
THEODOSIA.
    Ach meine Sonn ist dies! schau doch die Winde schweigen,
    Sobald die Blicke sich der holden Augen zeigen.
    Es glänzt das Himmelblau, die schwarze Wolke weicht,
    Sobald mein Abgott nur den dunkeln Wald erleucht.
                          Der Himmel kläret sich aus.
 
                             Achtzehender Auftritt.
                                        
           Heraclius, Mauritius, Honoria und Aspasia im verborgenen.
       Heraclius verfolget Mauritium, so aus einer Höhle gekrochen kömmt.
HERACLIUS.
    Halt Bestie! du wirst vergebens dich bemühen,
    Der Faust und meinem Zorn dich flüchtig zu entziehen.
    Ihr Himmel, was ist dies?
MAURITIUS.
    Halt an, Amazonin!
    Erbarm dich! weil ich alt und unglückselig bin.
HERACLIUS.
    Dies ist Mauritius. Wie ist Er doch entkommen,
    Aus Turm und Finsternis? Wer hat Ihm abgenommen
    Der Ketten kalte Last?
MAURITIUS.
    Du seist auch, wer du seist,
    Ob man dich Jägerin gleich dieser Wälder heisst:
    Betrachte meinen Stand, des Schicksals Wunderfälle,
    Wie grausam es sich auch gekrönten Häuptern stelle.
    Mir, den so Reich als Welt vor Gott und Kaiser hielt,
    Mir, dessen starke Faust hat Ost und West erfüllt,
    Mir, dessen blosser Wink den stärksten Feind erschrecket:
    Bleibt so viel Sandes nicht, der meine Asch bedecket.
HERACLIUS.
    Mein nasses Augensalz bejammert diesen Fall.
ASPASIA.
    O Himmel! dieser ist des Glückes Wunderball!
HERACLIUS.
    Glorwürdigster Monarch! muss dies mein Aug' ersehen,
    Dass der Tyrannen Macht die Majestäten schmähen,
    Und unterdrücken darf. Verkehrtes Gaukelspiel!
    Des Unglücks Raserei wählt Kaiser auch zum Ziel.
    Ich bin Heraclius.
THEODOSIA.
    Nun wird mein Geist erquicket.
HERACLIUS.
    Ob mich mein Kaiser gleich in Weibertracht erblickt:
    So hat sich doch mein Mut in minsten nicht gelegt.
    Weil aber jetzt Sein Knecht ein gross Verlangen trägt,
    Zu wissen, auf was Art Sein Fuss die Freiheit büsset,
    So sag Er: wie Er jetzt die schnelle Flucht begrüsset.
MAURITIUS.
    Mit was vor Lust umfass ich Seine rechte Hand,
    Eh Atropos zerstickt mein schwaches Lebensband.
    Denn diese Hand hat selbst der Himmel auserkoren
    Zu rächen meine Schmach. Mein Freisein ward geboren
    Durch angestellte Glut, die jenen Turm ergriff.
    Worin mein matter Leib in Kett und Banden schlief.
    Es meinte Phocas mich durch Flammen zu verderben:
    Was sollt ich Ärmster tun? so jämmerlich zu sterben,
    Entsetzte sich mein Geist. Es rief Verzweifelung,
    Dass ich mich rettete durch einen hohen Sprung,
    In die begraste See. Hier kunnt ich recht verspüren
    Der Götter hohe Gunst. Die Wellen mussten führen
    Mich jenem Ufer zu. Ich war ganz nass und feucht,
    Und habe fast entseelt hier diese Höll erreicht.
    Allein mein Ende wird des Lebens nun verspüret,
    Indem die Seele schon die blassen Lippen rühret:
    Drum, eh sie noch ergreift des Todes kalter Zahn
    So nehm Er dies Geschenk von einem Bettler an
    Der vorhin Kaiser hiess.
     Er gibet ihm das, aus seiner Brust hervorgezogene kaiserliche Siegel.
HERACLIUS.
    Dies ist der Kaiser Siegel.
MAURITIUS.
    Ich sichere, dies sei der rechte Wohlfahrts-Hügel,
    Auf welchem Er sich bald erhöht als Kaiser schaut:
    Denn heute wird Ihm Tron und Hoheit anvertraut.
    Es ist des Himmels Schluss, der Götter ihr Geschicke:
    Dies Zeichen hemmt die Flucht der Völker: bringt zurücke
    Mein ganz zerstreutes Heer. So fahr ich freudigst hin.
THEODOSIA.
    Wo dieser Kaiser wird, so werd ich Kaiserin.
HERACLIUS.
    Mein Kaiser, König, Herr! Er wolle sich bequemen,
    Und die behörte Ruh in meinen Armen nehmen.
    Hilf Himmel! er verblasst! er atmet! ach er stirbt!
ASPASIA.
    Ist dies die süsse Frucht, die uns der Tron erwirbt.
THEODOSIA.
    Ich wollte mich bereit zu seiner Hülfe finden:
    Wenn Furcht und Zweifelmut nur nicht im Wege stünden.
HERACLIUS.
    Wo führt mein schwacher Arm die werte Leiche hin?
    Weil ich von Wach und Feind im Wald umgeben bin.
    Indessen soll den Leib die dunkle Höhle decken:
    Bis bessere Mittel wird so Glück als Zeit erwecken,
    Die letzte Totenpflicht nach Würden ihm zu tun:
    Denn welcher Kronen trug soll auch als Kaiser ruhn.
                       Er leget die Leiche in die Höhle.
THEODOSIA.
    O harter Schicksalsschluss! elende Trauerbühnen!
    Es muss ein enger Ort zum Leichentopfe dienen
    Der Aschen, die zuvor in Purpur musste blühn,
    Und der die weite Weh fast allzu enge schien.
HERACLIUS aus der Höhe gehende.
    Nun lasse dir mein Herz zu neuen Heldentaten,
    Des Kaisers letztes Wort und dieses Siegel raten.
    So Waffen, Blitz als Schwert soll meine Speise sein:
    So fährt Heraclius in Port der Ehren ein.
                           Er singet folgendermassen.
                                       1.
Auf! meine Sinnen, auf! hurtig zum Streiten!
Marspiter muss euch durch Schwerter erhöhn,
Und in den Tempel der Ehren begleiten!
Wo tausend Lorbeern und Palmen stets stehn.
Jetzt müsse Himmel und Erden erschallen,
Durch der Bellonen höchst-rühmliches Knallen.
                                       2.
Waffne, Gradivus, mein eifriges Herze,
Lege mir selber den Panzer jetzt an:
Dass der Tyranne mit grausamsten Schmerze,
Falle durch mich in Proserpinens Kahn.
Auf meine Sinnen! auf hurtig zum Kämpfen!
Lasst uns den Wütrich zerschmettern und dämpfen.
                             Neunzehender Auftritt.
                                        
                              Teodosia, Aspasia.
THEODOSIA.
    Betrübtes Augenlicht! die Sonne holder Freuden
    Klärt deinen Himmel aus. Es schwindet alles Leiden,
    So Marter, Pein als Schmerz: indem ich wieder fand
    Die Schönheit, welche mich Heracliusio verband.
ASPASIA.
    Prinzessin, muss Sie nicht den Beifall selbst erheben,
    Dass ein begrautes Haupt den besten Rat kann geben:
    Denn Sie bedenke doch: Hätt ein verdammter Stahl
    Den schönen Leib entseelt: so wäre Sie der Zahl
    Der Geister einverleibt; die als Gespenster irren,
    Durch Hölle, Luft und Welt, wo Kröt' und Schlangen girren.
    Sie hätte Huld und Glanz des Schatzes nie erblickt,
    Und seine Gegenwart war ewig abgestrickt.
    Wer nicht beständig ist, der wird sich nicht erquicken:
    Beständigkeit allein kann jeden Geist beglücken.
                      Hierauf singet Teodosia folgendes.
                                       1.
Sei nun zufrieden, o mein beklemmtes Herz!
Lass von dir fliehen den eisenharten Schmerz:
Dein unbewegliches Verlangen
Wird nun den süssen Lohn empfangen.
                                       2.
Denn eine Seele, die nur um Hülfe ruft,
Lässt Venus niemals versinken in der Gruft.
Sie reisst sie aus allen Nöten,
Und kehrt in Sonnen die Kometen.
                                       3.
Sobald ich werde empfinden dieses Glück,
Und mich nicht fesseln mehr wird der Sorgenstrick:
So will, mein Engel! mit viel Küssen,
Ich dir die bittre Zeit versüssen.
                                       4.
Kurz: meine Seele, es bleibet doch dabei;
Dass treue Liebe der schönste Sieger sei.
Und dass in Demant sei geschrieben:
Wer Lorbeern sucht, muss ewig lieben.
   Hierauf ward mit einem zierlichen Jäger-Ballet auch diese andere Handlung
                                  beschlossen.
 
                             Der dritten Abhandlung
                                Erster Auftritt.
                                        
                             Die kaiserliche Burg.
                                    Phocas.
PHOCAS.
    Lass, Venus, deinen Rat, des Zweifels mich entbinden,
    Drei Scheiterhaufen sind's, die meine Seel entzünden.
    Drei Spitzen senken sich in Brust und Herzen ein,
    Und von drei Grazien muss ich gefesselt sein.
    Und dennoch weiss sich nicht mein Herze zu entschliessen,
    Welch Götterbild ich soll von diesen dreien küssen,
    Und welches Haupt noch soll bekrönen Lieb und Tron;
    So scheint die Liebe mir zu sein ein Gerion,
    Der mit drei Köpfen spielt, mich desto mehr zu plagen.
    Allein ich Törichter! was hab ich wohl zu klagen?
    Muss nicht dies grosse Reich mir zu Gebote stehn?
    Wenn nur der Kaiser winkt, so kann mir nichts entgehn.
    Es strahlt mein Kaisertum mit so viel schönen Augen,
    Dass nur der Kaiser darf so Lust als Liebe saugen,
    Aus Wangen, Brust und Schoss, wo, wie und wenn er will?
    Befehl und letzter Zwang ist seiner Bitte Ziel.
    Doch schaut: die Schönheit will hier ihren Eintritt nehmen:
    Die selbst die Göttin kann von Amatunt beschämen;
    Die sich ins Finsternis der Wälder hat gewagt;
    Und derer Augenblitz den Jäger selbst erjagt.
 
                               Zweiter Auftritt.
                                        
                    Honoria, als eine Prinzessin bekleidet.
                        Phocas, die Pagen und Trabanten.
HONORIA.
    So ist mein Hoffnungslicht verdunkelt, ja verschwunden!
    Mein schon entgeistert Herz zählt grause Totenstunden.
    Die Glut Cupidinis verzehret meine Treu.
PHOCAS.
    Ach Sie verstelle nicht der Wangen holden Mai
    In eine Winternacht. Ich kann das Glücke binden:
    Sie kann ein festes Rad durch mich am selbten finden,
    Dass Sie zum Trone hebt.
HONORIA.
    Ich wäre mehr erfreut:
    Wenn mein verwirrtes Haar mit Blumen wär umstreut,
    Womit mein Vaterland als Edelsteinen pranget:
    Als wenn des Purpurs Last um meine Schultern hanget.
PHOCAS.
    Dass einen Bauerngeist ein schöner Leib umgibt,
    Der schlechte Blumen mehr, als Kaiserkronen liebt:
    Scheint wider die Natur. Doch, zeugten sie gleich Wälder,
    So werde Sie geführt in kaiserliche Felder,
    Wo Blum' und Gartenlust, Geruch und Aug' ergötzt:
    Und wo die Silberflut den reinen Marmor netzt.
    Aus deren Tränen kann Sie meine Lieb erkennen,
    Und sich als Schülerin des stummen Wassers nennen:
    Wenn Sie ersehen wird zu angestellter Zeit,
    Mit Anmut und Verdruss, den Kunst- und Wasser-Streit:
    Wie das zerteilte Nass sich muss beschliessen lassen,
    Wie es sich muss im Schoss des rauhen Steines fassen,
    Und wie die stete Flut die härtsten Steine zwingt,
    Dass eine Tränensee durch Ritz und Marmor dringt.
                                  Er geht ab.
HONORIA.
    Vermaledeiter Hund! du findest dich betrogen:
    Ich bin dem Tigertier weit mehr als dir gewogen.
    Wie man dies Wasser sieht, lebendig, klar und rein,
    So werd' ich allzeit keusch und unbeflecket sein.
    Der Himmel mag auf mich so Blitz als Keile schicken:
    Jedoch Beständigkeit soll stets mein Herze schmücken.
    Wenn Phocas voller Brunst einst wird zu scheitern gehn:
    So wird bei Siroën mein Haupt bekrönet stehn.
 
                               Dritter Auftritt.
                                        
                              Heraclius. Priscus.
HERACLIUS.
    Die Sphæra meines Glücks ist dieses runde Wesen:
    Mein schwacher Zustand ist durch dieses Gold genesen.
    Das Schicksal ist versöhnt: es soll so Reich als Land,
    Durch mich gesetzet sein in vorbeglückten Stand.
    Nimm hin, vertrauter Freund! dies kaiserliche Zeichen:
    Das ich von dem empfing, der jetzo wollt' erbleichen:
    Und als Monarche starb; ob er gleich Bettler schien.
    Verfüge dich alsbald mit diesem Siegel hin;
    Wo Constantinus sich mit den zerstreuten Scharen,
    Der Götter Schickung nach, mit Flucht und Furcht muss paaren.
    Vermeld ihm: Wo er bald das Volk in Waffen stellt,
    Und sie von Flucht und Furcht erwünscht zurücke hält;
    Dass er mir Hülfe leist, und zwar in höchster Eile:
    So werd ein grosses Teil des Reiches ihm zuteile.
PRISCUS.
    Ein Rentier, welches fast den Morgenwind besiegt,
    Und dessen schneller Lauf die Luft fast überwiegt,
    Das soll mich an den Ort der treuen Völker bringen:
    Ihr Himmel, lasset Wunsch und Taten wohl gelingen!
HERACLIUS.
    Nun wird mein rechter Grimm in vollen Flammen stehn,
    Wodurch der Wüterich höchst schmerzlich soll vergehn.
    Wohlan! es ist nicht Zeit hier lange zu verbleiben;
    Man muss dies Ungeheur aus Reich und Welt vertreiben.
                             Teodosia von fernen.
    Doch welche Schönheit hat die Sinnen mir verstrickt?
    Welch Anmutsstrahl hat Geist und Seele fast entzückt?
    Schaut! Teodosia! soll ich mich ihr entdecken?
    Nein! nein! wer selber pflegt die Treue zu beflecken,
    Dem wird nach Billigkeit gebrochen Lieb und Huld.
    Ach aber, sollt ich nicht nach ihrer Augen Gold,
    Als Adler fliegen zu? Nein, nein, die Liebe leget
    An Herz und Schenkel Blei . ...
 
                               Vierter Auftritt.
                                        
                Teodosia. Heraclius. Emilianus im verborgenen.
THEODOSIA.
    ...Wo sich das Auge reget,
    Das wie ein heller Stern im Schönheitshimmel sitzt,
    Da schaut mein Herze, wie ein reiner Pharos blitzt
    Von ferne, welcher ihm in Liebes-Hafen winket.
    Dem Herzen, welches gleich Leandren fast versinket,
    In einer Tränensee. Schaut, was mein Geist begehrt,
    Das wird durch diesen Blitz nach Wunsche mir gewährt.
HERACLIUS.
    Ich mühe mich verstellt, die Falsche zu verachten.
THEODOSIA.
    Ihr Götter! soll ich denn nur jederzeit betrachten
    Mit Schmerzen und Verdruss das schöne Augenpaar,
    Durch deren Blitz mein Geist oft wie entgeistert war?
    Ihr holden Lichter ihr lasst eure Strahlen schiessen
    Auf mein halbtotes Herz. Wo nicht, so sollt ihr wissen,
    Dass mein gewisser Tod durch gleiche Straf und Pein,
    Euch kränken soll.
HERACLIUS.
    Mein Geist soll unbeweglich sein.
    Bemühe dich, mein Herz, die Marter zu ertragen.
THEODOSIA.
    Ach welche Grausamkeit!
HERACLIUS.
    Welch Schmerzen! welche Plagen!
THEODOSIA Heraclium hinten beim Rocke fassende.
    Ach mein Heraclius! mein Schatz! erbarme dich!
    Verbanne Zorn und Hass! Komm, komm, umfasse mich!
    Ach neige dich zu mir! ich falle vor dir nieder,
    Und bitte: gib mir das geraubte Herze wieder.
HERACLIUS.
    Schaut! wie die Circe noch so künstlich heucheln kann.
THEODOSIA.
    Mein Schatz! Aurora stieg auf ihre Rosenbahn,
    Dictinna war bereits vor jener Pracht erblichen,
    Als ich ihm heimlich war im Walde nachgeschlichen:
    Da sah ich voller Lust, wie er sich unverzagt
    Das grosse Kaisertum durch Jagen hat erjagt.
HERACLIUS.
    Ich bin nunmehr entdeckt durch ihre Liebesflammen.
    Ich muss Verdacht und Zorn als Überfluss verdammen:
    Weil ich durch Eifersucht in Nacht und Irrtum fiel,
    Als ich der Majestät unrechtes Liebesziel
    Auf sie gerichtet sah. Die Treue war verschwunden,
    Und Teodosia schien anderwärts verbunden.
THEODOSIA.
    Wie kann Heraclius so höchst empfindlich sein?
    Ich schwere: Wort und Huld war ein verstellter Schein,
    Wodurch ich dermaleinst Tyrannen wollte stürzen,
    Und Phocas' Leben selbst zu meiner Rache kürzen.
EMILIANUS im verborgenen.
    Der Himmel hat mich selbst an diesen Ort gestellt:
    Dass sein Gesalbter nicht durch schwache Weiber fällt.
HERACLIUS.
    So soll die tapfre Faust geschärfte Waffen tragen,
    Auf Phocas' schwarze Brust. Ich selber will mich wagen.
EMILIANUS.
    Ich will Alcides sein, so stirbt die Schlangenart.
HERACLIUS.
    Zu einer Heldentat wird keine Zeit gespart!
    Indessen lasse dich, du schönster Engel, küssen,
    Lass deine zarte Hand durch meine Faust umschliessen:
    Das Schicksal schenket dir das Kleinod dieser Welt,
    Und hat dir Kron und Tron im neuen Rom bestellt.
                                  Er geht ab.
EMILIANUS.
    Schaut diese Bestien! Hört die verfluchten Weiber!
    Noch heute soll man sehn, wie die verhassten Leiber
    In einer See voll Blut zugrunde sollen gehn.
    Wer kann der Majestät des Kaisers widerstehn?
                                  Er geht ab.
                               Teodosia singet.
    Nun fürcht ich ferner nichts Cupidens Liebesstrahl:
    Ich küsse seinen Pfeil, sein sanftes Wundenmal.
    Auf, Teodosia! wofern du recht willst küssen:
    So musst dich alsbald in strenge Waffen schliessen.
 
                               Fünfter Auftritt.
                                        
                  Ein Lustgarten mit Statuen und Wasserfällen.
                                    Phocas.
PHOCAS.
    Hier, wo des Frühlings Hand den Winter überwindet,
    Wo Flora ihren Kranz von tausend Blumen bindet,
    Wo nasses Silber rauscht durch das begrünte Gras:
    Daselbst kömmt Phocas hin, von Liebe matt und lass.
    Cupido leitet mich zu diesen düstern Zweigen
    Die sich zu meiner Lust als einen Schatten zeigen.
    O angenehmste Luft, die du dich jetzt bewegst,
    Und voller Anmut stets die güldnen Federn regst!
    Erzähle mein Qual dem unentflammten Herzen,
    Das mich entzündet hat. Sprich, dass ich sie mit Schmerzen
    Anbete, bis ins Grab. Doch was vor sanfte Ruh
    Schliess Aug' und Sinnen mir durch stilles Rauschen zu?
                        Er setzet sich zu einem Brunnen.
    Komm, komm, du süsser Schlaf, begrabe meine Sorgen,
    Streu deine Federn aus, und lasse doch bis morgen
    Die schweren Seufzer ruhn. Komm, Morpheus, drücke mir
    Die müden Augen zu, und schaffe, dass sich hier
    Mein Licht und Augentrost im Traume mir erzeige.
                               Er schlummert ein.
 
                               Sechster Auftritt.
                                        
      Der schlafende Phocas. Mauritii Geist mit einem Schwert in der Hand.
MAURITIUS.
    Schläfst du, gottloser Hund! nicht denke, dass ich schweige,
    Weil die Gerechtigkeit des höchsten Gottes wacht:
    Schau an, wie über dir die Rache blitzt und kracht.
    Du wirst den strengen Pfeil der Strafe nicht vermeiden:
    In deinem Blute sollst du Tod und Marter leiden.
    Ich bin ein blasser Geist, der Feuer, Zorn und Stahl
    In beiden Fäusten trägt. Der dich mit ärgster Qual,
    So lang als Atropos dir noch das Leben gönnet,
    Belegen wird. Ja wenn sich Leib und Seele trennet,
    So will ich in der Gruft auch dir ein Teufel sein,
    Wenn sich dein Mordgeist senkt in schwefelvolle Pein.
    So, so wird nach Verdienst der Himmel auf dich blitzen:
    So wirst du voller Angst im Schwefelpfuhle schwitzen.
    Ermuntre, Mörder, dich! Auf, auf, die Rache flammt!
    Du bist mit Leib und Seel in Ewigkeit verdammt.
PHOCAS.
    Wer störet meine Ruh? Wer bist du, Geist der Höllen?
    Was vor ein Urteil darfst du über Phocam fällen?
    Wie? was verkündigst du, dass Phocas sterben muss?
    Was? soll mein Reich vergehn?
MAURITIUS.
    Ich bin Mauritius,
    Der als ein Schattenbild wird ewig um dich schweben,
    Der dich verfolgen will, so lange du wirst leben.
    Noch heute scharrt man dich Tyrannen in die Gruft.
PHOCAS.
    Pack dich, du Ungeheur, in deine Totenkluft!
    Wo nicht, so will ich dir so Strass' als Wege weisen.
          Er will nach dem Geiste stechen, welcher aber verschwindet.
 
                              Siebender Auftritt.
                                        
                                Honoria. Phocas.
HONORIA dem Kaiser begegnende.
    Nur wende, Grausamer, auf mich dein Mördereisen.
    Durchstosse meine Brust.
PHOCAS.
    Der Himmel wolle nicht,
    Dass dieser Stahl auf dich, mein Engel, sei gericht.
    Ich will auf bessere Art dir Brust und Schoss verletzen,
    Und dich und mich vergnügt in volle Flammen setzen.
                              Er will sie umarmen.
HONORIA.
    Weg! weg! Verfluchter Hund!
PHOCAS.
    O hochverdammter Wahn!
    Itzt schaue, was ein Prinz nach seinem Willen kann.
                           Er will sie überwältigen.
 
                                Achter Auftritt.
                                        
                          Phocas. Honoria. Emilianus.
EMILIANUS.
    Unüberwindlichster! Es müssen Schwert und Waffen
    Verräterei und List bald nach Verdienste strafen.
HONORIA.
    Fleuch, fleuch, Honoria! Halt dich nicht länger auf!
                                Sie läuft davon.
PHOCAS.
    Unfreundliche, wohin? Halt! hemme deinen Lauf!
    Allein die Grausame will mich im minsten hören.
    Und du hast dich erkühnt des Kaisers Lust zu stören?
    Vor diesen Frevel soll dein Kopf und Leben stehn.
EMILIANUS reicht dem Phocas kniende das Schwert.
    Mit Freuden will ich hin ins Land der Toten gehn,
    Und von des Kaisers Hand, als höchst beglückt erkalten,
    Woferne durch mein Blut die Krone wird erhalten.
PHOCAS.
    Wer darf sich unterstehn, auf diese Heldenbrust,
    Zu schärfen sein Gewehr? Ist dir es denn bewusst?
EMILIANUS.
    Selbst Teodosia benebenst der Honoren,
    Die haben auf Sein Haupt untreulich sich verschworen.
    Es ist noch diesen Tag des Kaisers Tod bestimmt.
PHOCAS.
    Das Rasen fürcht ich nicht, das nur von Weibern kömmt,
    Lass bald Honoriam die warmen Bäder schauen,
    Die Constantinus liess höchst prächtig auferbauen:
    Da will ich mich vergnügt auf ihren Lippen mühn,
    Und meine Rache soll auf Schoss und Brüsten glühn.
EMILIANUS.
    Ich eile, solches bald gehorsamst zu erfüllen:
PHOCAS.
    Nun mag sich Phoebus in die Schoss der Tetis hüllen:
    In kalten Wassern brennt die stärkste Liebesglut.
    Noch heute will ich sehn, wie Lieben sanfte tut.
 
                               Neunter Auftritt.
                                        
           Teodosia in Harnisch und Waffen singet folgendergestalt.
                                       1.
Wundert euch nicht, dass ich Waffen ergriffen:
Dass sich der Helm meiner Scheitel vermählt:
Dass ich die Klinge ganz grimmig geschliffen:
Dass ich den Harnisch vor Atlas erwählt.
Nicht nur Gradivus führt Donner und Keile,
Sondern auch Cypripor tödliche Pfeile.
                                       2.
Um meinen Engel mich recht zu verbinden:
Um meine Liebe zu bringen ans Licht:
Muss sich der Panzer um meine Brust winden,
Und der Stahl sei meinen Armen verpflicht.
Hurtig, mein Herze, du wirst triumphieren,
Weil dich Dione und Marspiter zieren.
                                       3.
Auf! auf! zun Waffen! der Blutund muss sterben!
Auf! auf! zun Waffen! Hier stehet der Held.
Dieses Schwert soll mir die Krone erwerben,
Welche mehr glänzt als Diespiters Zelt.
Lass dich, Heraclius, nur nicht verlangen:
Phocas soll bald seine Strafe empfangen.
                               Zehender Auftritt.
                                        
                              Teodosia. Aspasia.
ASPASIA.
    Wo hat der Liebesschwarm sie endlich hingeführet,
    Dass sie statt Purpurs Pracht, Schwert, Helm und Kürass zieret?
    Mich deucht: Cupido kann durch schöner Augen Brand,
    Durch einen holden, Blick, durch eine Lilienhand,
    Weit grössere Taten tun, mehr Herzen überwinden:
    Als wenn ein ganzes Heer sich lässt im Felde finden.
    Gewiss: ein schwarzes Licht, ein schönes Wangenfeld,
    Bezwinget Helden auch, und fesselt alle Welt.
THEODOSIA.
    Ich habe mir zur Lust den Panzer umgeleget:
    Wozu Constantius, mein Bruder, mich beweget:
    Mein Bruder, dessen Wink die ganze Kriegesmacht,
    Von Ponto und Bityn zu folgen ist bedacht.
    Von diesem sollst du dies durch diese Zeilen wissen:
    Dass, eh die Sonne noch wird Gold und Wellen küssen,
    Er in die Kaiserburg eindringen und den Tron
    Durch mich besetzen will. So blüht die Kaiserkron,
    Und Teodosia kömmt unverhofft zum Reiche.
    Noch heute siehst du mich gekrönet oder Leiche.
ASPASIA.
    Gewiss, der Anschlag zielt auf tödliche Gefahr:
    Und wird der Kaiser sie in dieser Tracht gewahr.
    So dürfte Mord und Tod den Vorwitz schwerlich büssen.
THEODOSIA.
    Verstellte List soll ihn leicht zu betrügen wissen.
    Ich sage Scherz und Lust wirft mich in dieses Kleid,
    Zu fühlen durch die Last der Waffen Unterscheid.
    Jedoch, wer lässt sich hier in Hirtenkleidern finden?
 
                               Eilfter Auftritt.
                                        
       Teodosia. Aspasia. Arconte. Siroe. Idreno als Schäfer bekleidet.
THEODOSIA.
    Sagt mir, welch Schicksal heisst Euch dieses unterwinden:
    Dass Ihr so ungescheut betretet diese Bahn?
ARCONTE.
    Ich bin ein bäurischer und armer alter Mann:
    Ein Vater jener Magd, aus deren holden Augen
    Monarchen öfters auch den Liebesnektar saugen.
    Durch deren Blick das Herz dem Phocas ward gerührt.
    Dass er mir dieses Kind im Walde hat entführt.
ASPASIA.
    So wird man Euch gewiss des Mädgens Vater nennen,
    Durch deren Schönheit selbst der Kaiser musste brennen.
ARCONTE.
    Ach tapfrer Kriegesheld! Erbarmt Euch meiner Not,
    Und schaffet, dass ich noch, eh mich der blasse Tod
    In seine Klauen fasst, mein Kind zu sehen kriege,
    Und vor dem Ende mich nur noch einmal vergnüge.
THEODOSIA.
    Mein Freund, du hast dich nicht vergebens herbemüht:
    Weil deine Tochter man hier gleich erscheinen sieht.
IDRENO.
    Sie ist's, ich kenne sie.
ARCONTE.
    O süsse Freudenstunden!
SIROE.
    Nun hab ich meinen Schatz erfreulichst wieder funden.
THEODOSIA.
    Komm fort, Aspasia!
ASPASIA.
    Ich folge diese Bahn,
    Weil öfters der Verzug uns schmerzlich schaden kann.
THEODOSIA.
    Ermuntre dich mein Herz! du wirst dich bald erfreun,
    Weil Phocas will ein Knecht der Bauermägde sein,
    Und als ein geiler Bock bedienet schlechte Ziegen:
    So wird mein Arm wohl auch die Bestie besiegen.
 
                               Zwölfter Auftritt.
                                        
                        Honoria. Siroe. Arconte. Idreno.
HONORIA.
    Mein König, Prinz und Schatz!
SIROE.
    Mein Engel, Herz und Leben!
HONORIA.
    Mein Arm umfasset Ihn.
SIROE.
    Mein Herz muss Sie umgeben.
HONORIA.
    Durch deine Gegenwart wird mir der Schmerz versüsst.
SIROE.
    Ich lebe höchstbeglückt, wenn mich mein Engel küsst.
ARCONTE.
    Die Ohnmacht schmecket wohl, wo man solch Labsal findet.
IDRENO.
    Ich sichre, dass ein Kuss die Ohnmacht überwindet.
ARCONTE.
    Allein was seh ich dort?
IDRENO.
    Weh uns, der Kaiser kömmt!
ARCONTE.
    Au weh! nun sind wir hin.
 
                             Dreizehender Auftritt.
                                        
           Jetzt ermeldte Personen. Phocas, die Pagen und Trabanten.
PHOCAS.
    Euch ist der Tod bestimmt:
    Weil ihr in Gegenwart des Kaisers Frevel übet.
ARCONTE.
    Wo Ihre Majestät noch diese Schöne liebt,
    So wird ihr Vater auch noch in Genaden sein.
    Und dies ist Adimir, mein Sohn.
PHOCAS.
    Ich geh es ein,
    Dass er als Bruder darf der Schwester Lippen küssen,
    Allein, wer dieses sei, dass will ich gleichfalls wissen.
IDRENO.
    Was sag' ich?
ARCONTE.
    Dieser ist Dorilbo, auch mein Sohn,
    Der jüngste meiner Frucht, der Liebe süsser Lohn.
PHOCAS.
    So könnt ihr beiden euch nur in die Burg erheben.
    Du Alter sollst verziehn.
ARCONTE.
    Was wird's, o Himmel, geben?
HONORIA.
    Was soll mein Hoffen sein?
IDRENO.
    Kommt Prinz!
SIROE.
    Ach soll ich gehn?
    Ja, ja mein Schweigen soll das Reden überhöhn.
    Die Augen sollen statt der stillen Zunge lallen,
    Und eine Tränenbach soll statt der Worte fallen.
PHOCAS.
    Mein Schäfer, wisse dies, dass meiner Majestät
    Das höchste Glücke selbst zu steten Dienste steht,
    Und das Verhängnis richt in meinen starken Händen.
    Ich kann den Erdenkreis nur nach Belieben wenden.
    Und dennoch ist dein Kind zu meinen Seufzern taub:
    Sie achtet meine Huld, die göttlich ist, wie Staub.
    Du aber schaffe: dass sie sich sofort bequeme,
    Und diese Brunst mit Lust von einem Kaiser nehme.
    Wo nicht, so soll sie bald, eh noch die Nacht bricht ein,
    Bei meiner Statuen ein blutig Opfer sein.
                                 Er geht weg.
 
                             Vierzehender Auftritt.
                                        
                               Arconte. Honoria.
HONORIA.
    Und warum blitzet nicht des Himmels strenge Rache?
    Verzeucht noch Jupiter von seinem Sternendache,
    Mit Donner, Flamm und Glut zu spielen auf den Hund,
    Der Ehr' und Leben raubt, die Seele mir verwundt.
ARCONTE.
    Es kann die Grossmut oft den grössten Sturm besiegen,
    Und Sie, Prinzessin, kann sich selbst und uns vergnügen:
    Ein Stoss von Ihrer Hand kann dieses Reich befrein,
    Und unser Leben wird als neu geboren sein.
    Sie berge Zorn und Hass, und zwinge die Gebärden:
    Bis Sie von Phocas wird voll Brunst umarmet werden:
    Alsdenn so küsse er den Tod an Ihrer Statt.
HONORIA.
    Hier ist die Grausamkeit der allerbeste Rat.
                             Hierauf sang sie also.
                                       1.
Wohlan! wohlan! der Schluss ist festgemacht:
Dies Untier soll durch meine Faust vergehn.
Der Wütrich fall ins Grabes schwarze Nacht.
Mich aber soll der Keuschheit Lilj' erhöhn!
                                       2.
Mein Siroë! mein Engel und mein Kind!
Versichre dich, der Himmel wird uns rächen.
Versichre dich: ich sei recht treu gesinnt,
Und dass kein Sturm wird meine Flammen schwächen.
                             Funfzehender Auftritt.
                                        
Des Kaisers Constantini warmes Bad mit Vorhäusgen und wasserspritzenden Statuis.
                             Emilianus. Heraclius.
EMILIANUS.
    Sie schaue, schönes Bild, des Marmels hohe Stärke,
    Auf welchem prächtigst ruhn der Künste Wunderwerke.
    Dort steht ein altes Bild, hier springt die Silberflut.
    In einem Alabast, und kühlet Lust und Mut.
    Man hört des Wassers Fall mit feuchter Stimme klagen.
HERACLIUS.
    Der himmelgleiche Bau lässt dieses von sich sagen:
    Dass er nur Torheit sei. Der hoffartsvolle Witz,
    Der Menschen bauet viel, und denkt, weil jeder Blitz
    Den Augen näher fällt dem furchterfüllten Grabe:
    Dass er durch diesen Bau sich nun verewigt habe.
 
                             Sechzehender Auftritt.
                                        
                         Emilianus, Heraclius, Phocas.
EMILIANUS.
    Der grosse Kaiser kömmt!
HERACLIUS.
    Ihr Götter! steht mir bei.
PHOCAS.
    Mein Abgott!
HERACLIUS.
    Ihm, mein Herr, steht nunmehr alles frei.
    Mein Kaiser darf nunmehr ein holdes Urteil fällen.
EMILIANUS.
    Wie kann Verräterei sich doch so freundlich stellen!
PHOCAS.
    Geh bald, Emilian! die Pforten zu versehn,
    Mit Waffen sonder Zahl.
HERACLIUS.
    Was wird mir nun geschehn?
PHOCAS.
    Du wirst, mein Engel, dich nunmehro bald entkleiden,
    Und deinen Kaiser hier auf tausend Rosen weiden.
    Hier wo Kristallen selbst vor Liebe fliessend sein.
HERACLIUS.
    Ihr Götter! stellet euch zur Hülfe schleunig ein.
PHOCAS.
    Wie? was verweilet Sie mein Wollen zu erfüllen?
HERACLIUS.
    Mein Fürst, Er wolle doch sich gnädigst lassen stillen:
    Bis Nacht und Schatten wird den Himmel überziehn:
    Alsdenn so will ich mich aufs äusserste bemühn,
    Des Kaisers steife Brunst im Lager abzukühlen.
PHOCAS.
    Auf ferneren Verzug wird Sie vergebens zielen.
HERACLIUS.
    Nun fehlet treuer Rat.
PHOCAS.
    Sie mach, Sie mache fort.
HERACLIUS.
    Dass ich gehorsam sei, befiehlt des Kaisers Wort.
    Es müsse dieses Kleid den zarten Leib verlassen.
               Hier warf sie ein Teil der Frauenkleider von sich.
    Damit mein nackter Arm ihn besser kann umfassen.
PHOCAS.
    Wohl! wohl! so komme denn, du Göttin dieser Zeit!
    Lass mich in deinem Schoss erregen Lust und Streit.
Heraclius lässt den Rock fallen, worunter er ganz gewaffnet erschien, seine Hand
auf des Phocas Mund legte, und mit der andern ein verborgenes Schwert entblösste,
                                    sagende.
HERACLIUS.
    Du musst, verfluchter Hund, von meinen Händen sterben!
    Ich bin Heraclius, der Tron und Kron zu erben
    Vom Himmel ist bestimmt. Der Mörder ist gefällt!
    Wie aber ist es nun, Heraclius, bestellt?
    Des Bades Pforten sind bewahret mit Soldaten.
    Doch soll mir dieses Schwert zur Flucht und Sache raten.
    Nur frisch, mein Geist! wo man Gefahr vor Augen schaut:
    Da hat der Tapferkeit vorm Tode nie gegraut.
 
                            Siebenzehender Auftritt.
                                        
             Teodosia kämpfende mit Emiliano. Priscus. Heraclius.
THEODOSIA.
    Ergib dich meiner Hand!
PRISCUS.
    Du Bestie! musst weichen.
EMILIANUS.
    Ich bin besiegt, hier ist mein Schwert, das Siegeszeichen.
HERACLIUS.
    Ihr Götter! was ist dies?
THEODOSIA.
    Wie steht's? ist
    Phocas tot?
HERACLIUS.
    Ja, ja, nunmehro ist verschwunden alle Not.
    Der unzuchtsvolle Hund musst' in den Wässern sterben.
THEODOSIA.
    Mich dünkt, ich seh' ihn schon Tarpejens Lorbeern erben,
    Die voller Ehrsucht nun auf seinem Haupte stehn,
    Um ihn, Heraclius, nach Würden zu erhöhn.
HERACLIUS.
    Und auf was Art bin ich durch Sie erlöset worden?
THEODOSIA.
    Es ging so schwer nicht her die Mörder zu ermorden.
    Denn als Constantius der unbezwungne Held,
    Der, dem die Tapferkeit fast selbst zu Fusse fällt,
    Mit seiner Waffen Macht durch Erd und Kluft gedrungen,
    Und mir in dieser Not zu Hülfe beigesprungen:
    So drang er neben mir, und Priscum durch das Tor,
    Und schaffte, dass die Wacht so Blut als Mut verlor.
    Nachdem nun dieser Ort durch unser Schwert erfüllet
    Mit vielen Leichen ist: Emilian gestillet,
    Und überwunden war: so ward das Tor gesprengt:
    Und so hab' ich, mein Schatz! das Leben ihm geschenkt.
HERACLIUS.
    Wo muss man billich dich ins Siegesbuch einschreiben.
THEODOSIA.
    Dich oben in die Zahl der Helden einverleiben.
HERACLIUS.
    Und also küss' ich dich, als ein' erworbne Braut.
THEODOSIA.
    Weil dich als Bräutigam mein Aug' und Herze schaut.
HERACLIUS.
    Nun küss' ich diese Brust, durch die ich überwinde.
THEODOSIA.
    Nun küss' ich diesen Mund, durch den ich Leben finde.
HERACLIUS.
    O freudenvolles Licht! o höchstbeglückter Tag!
    Daran sich unser Herz höchstrühmlich freuen mag.
THEODOSIA.
    O freudenvolles Licht! o höchstbeglückter Tag!
    Daran sich unser Herz höchstrühmlich freuen mag.
                       Sie gehen, einander umarmende ab.
 
                             Achtzehender Auftritt.
                                        
                                Honoria. Siroe.
HONORIA.
    Auf! was verweilet Er? Ich will mein Blut vergiessen:
    Eh, dass mich Phocas soll in seine Arme schliessen.
    Es treffe meine Brust ein tötliches Gewehr.
    Ich sterbe mehr vergnügt. Auf! was verweilet Er?
SIROE.
    Ihr Götter! sollt' ich wohl die holde Brust verwunden?
    In welcher nichts mein Geist als Anmut hat gefunden.
    Es hat, mein Engel, mich Megæra nicht gesäugt,
    Viel weniger hat mich ein Tigertier gezeugt.
HONORIA.
    So will Er mich der Glut des Phocas übergeben?
SIROE.
    Nein! Ihr Beständigsein kann diesem widerstreben.
HONORIA.
    Ich werde mich umsonst durch Schmeichelei bemühn,
    Aus des Tyrannen Brust Begierd' und Brunst zu ziehn.
SIROE.
    So ist, o Himmel! nun dein Siroë verdorben!
HONORIA.
    Wer als ein Opfer nur der Ehren ist gestorben,
    Dem schenket Fama selbst den Kranz der Ewigkeit,
    Und seines Namens Licht verdunkelt keine Zeit.
SIROE.
    So Lieb als Eifersucht, was wollt ihr mir erlauben?
    Soll ich Geist, Seel' und Licht dem schönen Engel rauben?
    Nein, nein, mein Herze, nein! der Donner schmettre den,
    Der dir mit Vorsatz lässt das minste Leid geschehn!
 
                             Neunzehender Auftritt.
                                        
               Honoria. Siroe. Idreno. Arconte. Aspasia hernach.
IDRENO.
    Der Himmel, Luft und See und Erde soll sich freuen.
    Die halbe Welt erschallt durch starkes Jubelschreien.
ARCONTE.
    Durchlauchter Prinz, es wird der Himmel selbst erfüllt,
    Durch eine Heldentat, die allen Kummer stillt.
    Es hat Heraclius höchst rühmlich sich gerochen,
    Weil er den geilen Wanst des Phocas durchgestochen,
    Den Leib entseelet hat.
HONORIA.
    Ist der Tyranne tot?
SIROE.
    O freudenreiche Post! nun hat es keine Not.
ASPASIA.
    Jetzt jauchzt, jetzt springet man, jetzt muss man fröhlich lachen,
    Weil mit dem Kaiser will mein Fräulein Hochzeit machen;
    Und weil man Überfluss auf allen Ecken schaut,
    So lauf ich mitten durch, als eine Nebenbraut.
HONORIA.
    Wir haben diese Post mit Freuden angenommen.
IDRENO.
    Man sieht Heraclium schon im Triumphe kommen.
ARCONTE.
    Man hört des Kaisers Ruhm durch der Trompeten Schall.
SIROE.
    Und dass er doppelt sei, bezeigt der Widerhall.
       Hier ward eine Musik nebst einer Symphonie von Trompeten gehöret.
 
                       Zwanzigster und letzter Auftritt.
                                        
                 Heraclius und Teodosia in kaiserlichen Habit.
                                Honoria. Siroe.
      Arconte. Idreno. Aspasia. Eine grosse Menge griechisch- und römischer
             Cavalliere, Hauptleute, Pagen, Trabanten und Soldaten.
                        Das ganze Chor stimmet folgenden
                                Glückwunsch an.
    Es leb Heraclius! Er leb! er leb! er lebe!
    Dass Teodosia sich stets nebst ihm erhebe!
HERACLIUS.
    Ihr, Teodosia, gebührt die Kaiserkrone,
THEODOSIA.
    Und Er, mein Kaiser, ist höchst würdig, dass ihm lohne
    Ein güldner Sternenkranz. Denn was die Tugend gibt,
    Ist wert, dass man es mehr als Kaiserkronen liebt.
HONORIA.
    Grossmächtigster Monarch! Hier liegt zu Seinen Füssen,
    Die, die Mauritium als Tochter konnte küssen.
    Die von des Kaisers Hand mit Tränen was begehrt,
    Das mich glückselig macht, den Kaiser nicht beschwert.
HERACLIUS.
    Sie bitte, was Sie will, ich will es Ihr versprechen,
    Und sollt es auch den Tron, und Kron und Szepter schwächen.
HONORIA.
    Hier dieser, den Er jetzt als einen Hirten sieht,
    Hat als ein Erbprinz sich aus Persen herbemüht,
    Der Walstatt Trauerfeld entdeckte mir sein Leben,
    Als fast die Seele schien am Gaumen nur zu kleben:
    Da hab ich ihm beglückt die Geister wiederbracht,
    Hingegen hat er mich so weit beglückt gemacht,
    Durch einen Wunderfall, dass er mich innigst liebt,
    Und nebst dem Herzen mir auch seine Krone gibet.
ASPASIA.
    Der Ausgang ist erfreut.
ARCONTE.
    Glückselig der Beschluss.
SIROE.
    Verzeihe, grosser Fürst! Was ich jetzt bitten muss:
    Dass uns erlaubet sei, die Herzen zu verbinden,
    Wenn man die Fackeln wird zu Hymens Fest anzünden:
    Wenn jetzt Heraclius mit Teodosia
    Beglückt erfüllen wird das längst versprochene Ja.
HERACLIUS.
    Schaut wie der Himmel spielt! Er lässt das minste fehlen.
    Was unsern Geist vergnügt. Er lasse sich vermählen,
    Mein Prinz! Honoriam an Seine werte Hand.
    Sein Haupt bekröne stets so Palm' als Diamant.
HONORIA.
    So leb' ich Ihm, mein Schatz! zu steter Treu verbunden.
SIROE.
    So sei um unser Haupt ein Myrtenkranz gewunden.
                              Sie küssen einander.
HERACLIUS.
    Mein Schatz und Kaiserin! Sie schaue doch beliebt,
    Wie jene Sonne lacht, und tausend Küsse gibt,
    Weil dieses Sternenpaar so Glut als Lust geniessen:
    So lässt Sie billig auch die holden Strahlen schiessen
    Auf mein entflammtes Herz. So schwindet Furcht und Nacht,
    Und alles hat die Gunst des Himmels wohlgemacht.
                             Beide singen zusammen.
    Glück zu! Glüdt zu! so siegt Beständigkeit!
    So kann Cupido uns den Ehrenkranz bereiten!
    So können wir mit Ruhm in Hymens Bette schreiten,
    Und legen an das schöne Purpurkleid.
THEODOSIA.
    Heraclius! mein Abgott! sei gegrüsst!
    So lange Titan wird durch Luft und Wolken gehen,
    Wird Teodosia dir stets zu Diensten stehen.
    Heraclius! mein Abgott! sei geküsst!
HONORIA.
    Mein Siroë! mein Engel! sei gegrüsst!
    So lange Venus wird den güldnen Pol erhöhen,
    Wird auch Honoria dir stets zu Diensten stehen.
    Mein Siroë! mein Engel, sei geküsst!
                             Diese beide zusammen.
    Io! Triumph! nun ist das Labsal da!
    Nun können wir vergnügt die Hochzeitlieder singen.
    Wohl diesen, die den Sturm des Unglücks stets bezwingen:
    Wie Teodos und die Honoria!
                    Alle Anwesenden singen zu dreien Malen.
    Es leb Heraclius und Teodosia!
    Zugleich auch Siroë mit der Honoria!
 Und mit diesem vollstimmigen Glückwunsche endigte sich dieses wohlabgelaufene
                                  Schauspiel.
    Nach geendigter Vorstellung, worüber sich alle höchst vergnügt erzeigeten,
eileten alle Zuschauende zur Ruhe.
    Folgende Zeiten aber erinnerten unsere Gekrönten, dass jedes Reich seines
Hauptes Gegenwart hoch vonnöten hätte; dahero das schmerzliche Wort Scheiden auf
die Bahn gebracht wurde. Als nun jede Armee nochmaln gemustert, und durchgehends
reichlich beschenket worden: nahmen diese kaiser- und königliche Personen mit
beweglichsten Worten, brünstigen Umarmungen, grössten Versicherungen ewiger
Freundschaft und tränenden Augen voneinander Abschied, und zog jedweder König
mit seiner so teuer erworbenen Gemahlin und bei sich habenden Völkern unter
dreimaliger Lösung aller Stücken um Pegu nach seinem Reiche: Den tapfern Balacin
bei seiner schönen Banisen als einen mächtigen Kaiser und beglückten Kaiserin in
höchster Vergnügung hinterlassende: welche das Reich Aracan dem Kaisertum Pegu,
jedoch als ein freies Reich, einverleibten, und dem Himmel lebenslang danketen
vor ein so erwünschtes
                                      ENDE
 
    