
        
                                  Johann Beer
                          Die kurzweiligen Sommer-Täge
   oder ausführliche Historia, in welcher umständlich erzählet wird, wie eine
vertraute adelige Gesellschaft sich in heisser Sommerszeit zusammengetan und wie
 sie solche in Aufstossung mancherlei Abenteuer und anderer merkwürdiger Zufälle
                    kurzweilig und erspriesslich hingebracht.
  Zum allgemeinen Nutzen und Gebrauch des teutschen Lesers entworfen, auch mit
               saubern Kupfern gezieret, an den Tag gegeben durch
                                        
                            Wolffgang von Willenhag
                                        
                         Oberösterreichischen von Adel.
       Notwendiger Unterricht und allgemeiner Eingang zur folgenden Histori
Es war heisser Sommer, und die heftigen Sonnenstrahlen entzogen viele Menschen
von ihren Geschäften. Der Wandersmann musste sich öfters unter die schattigten
Bäume setzen und den meisten Teil seiner Reise lechzend zubringen. Der Schnitter
hatte keine andere Labung als das Wasser, welches, von Schweisse gesammelt, ihm
über die Backen abrollete, und die man sonsten bei den Büchern studierend fand,
sah man anjetzo in den Wäldern ihre Zeit müssig zubringen. In solchem
Sommerwetter vergesellschafteten sich etliche von Adel, ihr Leben auf das
fröhlichste zuzubringen. Und damit diejenige, von denen hier soll gehandelt
werden, nach ihren Namen und angebornen Affecten nicht verborgen sein, wollen
wir sie gleichsam zum Vorgeschmack hier abbilden.
    So heisset demnach der erste Gottfrid, ein Junger von Adel und mit allen
diesen Eigenschaften gezieret, die von einem Edelmann können gefordert werden.
Er war ein einiger Erb aller Verlassenschaft seiner seligen Eltern, und ob er
wohl zuweilen scheinen liess, als wäre er verliebt, benahm er doch vielen diese
Mutmassung durch seine sonderliche Andacht, die er zu einem einsamen Leben trug.
Er hat die Feder ehe als den Degen in die Hand genommen und war wohl beredet in
den Sachen, die zum gemeinen Besten taugten.
    Der andere, welcher Friderich heisset, ist von Geburt ein Schott, hat aber
wenig Teutsche an der Redlichkeit angetroffen, die seinesgleichens gewesen. Er
war die Andacht selbst und doch dabei sehr verliebt, also dass beides bei ihm in
gleicher Waagschal stehet, ein solcher Mann, den billig alle Völker zu ihrem
Bürger erwählen. Er ist unter die Allerandächtigsten im Lande gezählet worden.
Ob er auch gleich verehlichet und mitten in der Welt lebte, hat er doch allezeit
diejenige Funken bei sich in dem Herzen geheget, die unter seiner geistlichen
Asche ohne Unterlass hervorgeschimmert haben.
    Der dritte wird Dietrich genennet. Er ist zwar ein Armer, aber Redlicher vom
Adel, der sich in der Welt ziemlich herumgetan und ein sonderlicher Liebhaber
vom Reisen war. Seine Person ist niemanden vedriesslich als denjenigen, welche
die teutsche Redlichkeit hassen. Viel Schulen haben ihn zum Discipul gehabt, und
die Bauern, so er unter sich hatte, sind niemalen mit einer unbilligen Steuer
beleget worden.
    Den vierten heisset man Philipp von Oberstein. Ein Mensch von überaus
kurzweiligem Humor, welcher schwerlich weiss, was die Melancholei sei. Er hat
allezeit mehr auf einen Hofals Schulmann gehalten, und seine Frau hat eine
glückliche Heirat getan, weil sie beide einerlei Sinn hatten.
    Der fünfte wird genannt Wilhelm von Abstorff, einer unter diesen, die den
Titul der alten Teutschen auf die Nachkommen fortpflanzen und solchen in dem
Werke erweisen. Ein Mann von guten Mitteln, aber doch nicht allzu freigebig
dabei, doch also, dass man ihn mit keinem Recht geizig nennen kann.
    Dem sechsten kommt der Name Sempronio zu. Er ist ein Liebhaber der Waffen,
unter welchen er auch seiner Fortun nachstrebte. Sonsten ein Mensch, der auch
den allerverdrüsslichsten Sauertöpfen nicht beschwerlich war.
    Der siebente ist ein leiblicher Bruder Herren Gottfridens und heisset
Christoph. Und diese beide, gleichwie sie an äusserlichen Lineamenten nicht viel
unähnlich sahen, also stimmten sie auch an innerlichen Gemütsgaben wohl überein.
Doch war in dem letztern eine mehrere Lust zu reisen.
    Der achte war mein alter Vater Alexander, und wenn es hier vonnöten wäre,
denjenigen nachzufolgen, die eine Gloria in Aufzeichnung ihres Herkommens
suchen, so könnte ich dessen Ursprung von etlich hundert Jahren her leichtlich
beweisen. Aber damit ich meine eigene Grossachtung vor dem geneigten Leser nicht
anfangs vedriesslich mache, will ich, als Autor dieser Schrift, nur bloss
vermelden, dass er nunmehr ein erlebter Mann und allgemach nahe bei neunzig
Jahren war.
    Der neunte war ein Advocat aus der Stadt Ollingen, der das Recht niemalen
besser verstund, als wenn er Unrecht tun sollte, sonst eines schmarutzerhaftigen
Geistes. In Compagnien nicht gar zu höflich und trefflich disponiert, aufgezogen
zu werden.
    Der zehente bin ich in Person, welchem dieses Werk, ob es wohl ring und
schlecht zu beschreiben, aufgetragen worden. Mein Name heisset Wolffgang von
Willenhag.
    Und dieses lasse sich also der geneigte Leser zu einem Vorschmack dienen,
nach welchem ihm das Licht desto besser aufgehen wird. Es sind zwar hierinnen
keine künstliche Revolutionen und Auflösungen zu finden, doch was geschrieben
ist, ist vielmehr zu einem Angedenken unserer Nachkommen entworfen worden, auf
dass sie auch solche Freundschaft unter-und gegeneinander pflegten, gleichwie wir
gepflogen haben. Denn in guter Eintracht wächset das Land, und nimmt eines jeden
Vermögen reichlich zu, da sich hingegen im Groll, Feindschaft, Hass und
Widerwillen alles zerreisset und verlieret. Deswegen spannen wir dazumal ein Band
sicherer Vertraulichkeit, und dadurch haben wir uns nicht allein ein liebliches
Leben, sondern unseren Feinden eine Furcht verursachet.
    Was sonsten vor Personen hin und wieder mit unterlaufen, derer Namen sind
nicht vonnöten, dass sie hier zum Überfluss angezeichnet werden. Und ob der oder
jener ledig oder verehlichet gewesen, wird der Text geben. Nur ist zu wissen,
dass der erste Schluss dahin gezielet, damit die Gesellschaft eine Reise vornehmen
möchte. Aber weil die Sonne sowohl als andere Angelegenheiten dazu verhinderlich
waren, meinten etliche, man sollte in schattichten Lauberhütten die Zeit mit
lieblicher Musik zubringen, aber dazu würden gar zu viel Unkosten erfordert. Wir
folgten auch anfänglich diesem Schluss und kamen öfters in dem Grünen zusammen,
weil unsere Schlösser nicht gar zu weit auseinander gestreuet waren; aber man
fand endlich des Kopfes Unvermögen, weil durch solche Schwelgereien nicht allein
die Kräfte geschwächet, sondern noch dazu viel nötige Hausgeschäfte verabsaumet
wurden. Unterweilen brachten wir die Zeit mit Ritterspielen zu, aber es wollte
auch nicht auslangen, weil den Pferden der Curs höchst schädlich war. Letztlich
wurde der Ausspruch gemacht, die zeitliche Freude auf eine Zeit aus dem Herzen
zu bannen, indem sich die meisten entschlossen, in die kühle und schattige
Wälder zu gehen, auch in solchen zu versuchen, wie das einsiedlerische Leben
schmeckte. Zu solchem Vornehmen brachte sie der fromme Friderich, von welchem
zuvor gemeldet, dass er unter die Andächtigste im ganzen Land gezählet worden.
Darum machte man sich zu guter Letze bei einer stattlichen Musik und
hauptsächlichen Mahlzeit auf dem Schloss Herren Philippens zu Oberstein noch
einmal rechtschaffen fröhlich, und nach solcher Zusammenkunft verteilte sich
diese adelige Gesellschaft allentalben in die umliegende Wälder. Ist also
dieser kurze Vorbericht die erste Pforte, durch welche ich zu dem Hauptwerk
schreite.
    Ich will auch hiemit, was meine Beschreibung und diesen Fleiss betrifft, der
löblichen Compagnie zu Ehren gar gern und willig verrichtet, aber sie sowohl als
den geneigten Leser, dem dieses Buch in die Hand kommt, freundlich gebeten
haben, alles mit einem reinen Gemüt aufzunehmen. Ich hab ein Korb voll Obst
beisammen, und unter solchem ist gewiss ein oder andere faule Birn. Ich will sie
aber gleichwohl keinem vorlegen. Will er sichs selbst zueignen, so ist der
Fehler sein. Expressam sæpe imaginem nostram in alienis personis videmus: Wir
sehen oft unser eigen Lob und Schand an andern Personen. Was ich aber
geschrieben habe, ist niemandem zum Schimpf geschehen, habe auch zuweilen gar
mit einem gelinden Faden genähet, da ich wohl einen grossen Strick hätte brauchen
sollen. Was ich durchaus discurriere, gebe ich vor keine allgemeine Lebensregeln
aus, sondern nur vor gewisse Meinungen, die damalen unter uns vorgelaufen sind.
Man muss doch in diesen betrübten Zeiten auch ein solches Buch haben, das
zugleich fröhlich machet und unschädlich ist: denn eine schädliche Lust ist
allerdings verboten, und solche Schriften, durch welche unschuldige Gemüter
geärgert werden, gehören vielmehr ins Feuer als in die Hände der Menschen.
    Es ist demnach alles mit einer gebührenden Bescheidenheit aufgezeichnet und
so viel hierinnen angemerkt worden, als man von der Geschicht hat merken und
behalten können. Und ob schon nach Inhalt des Texts auch zuweilen die Schüler
haben concipieren müssen, habe ich doch solches Concept in meinen Stilum
übergetragen, nit dass es besser wäre gewesen, sondern damit ich nicht zweierlei
Essen in einer Schüssel auftrüge. Was sonsten diesem und jenem vor eine Untugend
beigemessen worden, ist niemandem präjudicierlich, man weiss wohl, dass das
Unkraut auch in den allerherrlichsten Gärten wachse und dass sich das Gold oft
mit Kot und Unflat vermischen muss. Der Sonnenhimmel hat auch seine
Finsternussen, und die allerhellsten Flüsse werden zuweilen trübe: also geht es
auch unter den Menschen verwechselt her, wie dessen folgende Histori genugsames
Zeugnus ist, die ich zwar mit keiner zierlichen Beredsamkeit ausgearbeitet,
sondern sie also beschrieben habe, dass sie von allen kann verstanden werden.
 
                                  Erstes Buch
                                  I. Capitul.
   Wie und wo sie sich in den Wäldern hin verteilt haben, als sie Einsiedler
                                   geworden.
Bis daher ist erzählet worden, wie und auf was vor eine Art sich unsere geführte
Lebensart belaufen, auch was es mit einem und dem andern unter unser
Gesellschaft vor einen Anfang seines Zustandes genommen. Nunmehr aber bin ich
beflissen, dasjenige zu entwerfen, was uns nach dem Abscheiden des Friderichs
begegnet ist. Derselbe hat verstandenermassen in uns allen eine sonderliche
Frucht seiner heilsamen Vermahnung unterlassen, vermittelst welcher wir in uns
selbst gegangen und alle das Elend zu betrachten angefangen haben, welches dem
Menschen von seiner Wiegen an zu begegnen pfleget. Und weil wir aus Ursach
dessen ganz andere Menschen geworden, als stelleten wir unsere Lebensart auf
eine andere Weise an, welche von der vorigen um ein merkliches entschieden war.
Etliche begaben sich halb rauschig, etliche voll Kopfschmerzen, andere aber noch
halb voll Schlafes aus dem Schloss Oberstein, alle aber mit einem ernstlichen
Vorsatz, das wilde Wesen zu quittieren und eine andere Lebensbahn einzutreten.
Derowegen machte ich auch an meinem Ort gute Anstalt, dem Friderich zu folgen,
und weil ich in meiner Meinung von seinen Gründen der wahren und nötigen Busse
nicht entschieden war, sah ich vor gut an, demselben auch in der Lebensart
nachzuähnen und ein einsiedlerisches Leben zu führen.
    Es sind auch die meisten unter einem solchen Vorsatz abgeschieden, und weil
unsere Weiber bei guter Vernunft, auch im Gewissen trefflich überzeugt waren,
bekamen wir um so viel desto bessere Gelegenheit, uns ihnen auf eine Zeitlang zu
entziehen, damit wir denjenigen Gütern, welche ewig sind, nachtrachten und uns
in einer wahren Andacht eines besseren Glückes möchten teilhaftig machen. Diese
Resolution ward allerseits als ein löblicher Entschluss beliebet und eben in der
Stunde eingegangen, als wir voneinander Abschied genommen. Philipp begab sich
nächst seiner Wohnung in ein liebliches Wäldlein, darinnen ihm die Vögel mit
ihrer angenehmen Stimme seine meiste Zeit versüssten. Christoph und sein Bruder
Gottfrid geselleten sich zusammen in einen weit ausgebreiteten Tannenwald, in
welchem sie ihre Hüttlein an einem rauschenden Bächlein, doch ziemlich
entschieden, aufbaueten. Dietrich aber entielt sich in einem absonderlichen
Wald, darinnen er den zeitlichen Eitelkeiten ganz abgesaget hatte.
    Mein Vater Alexander war in Betrachtung seines hohen Alters und der Kräfte
Unvermögen ohnedem genugsam gekreuziget, weil er der Welt als ein erlebter
Witwer nunmehr lange abgesaget und seinen heiligen Betrachtungen bis daher
fleissig nachgehangen hatte. Doch vermahneten wir ihn, dass, nachdem er das
Vermögen, die Welt zu lieben, verloren, er zugleich den Willen, solche ferner zu
lieben, hinweglegen und von sich werfen solle. Also lebte er auf seinem
einschichtigen Schlösslein unter lauter andächtigen Schriften und reizete durch
sein gutes Beispiel zugleich all sein Hausgesind zur Andacht an, welches in
guter Ordnung von ihm unterhalten worden.
    Mich anbetreffend, war ich keineswegs willens, mich in eine grosse Wüstenei,
in ein Gebirg oder Waldholz zu begeben, denn ich hatte nunmehr genugsam gehört,
wie einsam und widerwärtig eine solche Lebensart auszustehen sei, und dass die
wahre Frommkeit nicht in Verwechslung der Örter, sondern vielmehr in Veränderung
des Gemütes bestünde. Derowegen erkieste ich vor diesmal, gleich meinem Vater
auf dem Schloss zu bleiben und meine einsame Wohnung in einem achteckichten
Türmlein aufzurichten, von daraus ich nicht allein das ganze Schlösslein, sondern
noch darzu eine ziemliche Revier in der Welt herumsehen konnte.
    Solchergestalten bauete man meine Hütte unter den Turmknopf bei den obersten
Fenstern, und meine Sophia verschloss sich in einem kleinen Stüblein auf der
anderen Schlossseite, also dass wir weder miteinander reden oder aneinander sehen
konnten. Und damit es desto friedsamer unter uns zuginge, wigten wir einen
verbuhlten Schreiber hinweg, welcher sich kurz vorhero mit der Köchin zu weit in
die Schrift gewaget hatte. Das andere Gesind war zur fleissigen Arbeit und
Aufsicht angefrischet und der Beschliesserin alle Notwendigkeiten anvertrauet,
derer man in einem solchen Zustand nicht gänzlich kann entoben und entübriget
sein. Auf eine solche Art wurde ich gleich anfangs innen, was vor eine grosse
Vergnügung es sei, sein eigener Herr zu sein und von allem Welttumult
abgesondert leben können.
    Ach, wie angenehm war mir meine Klause in dem Türmlein gegen allen diesen
Gebäuen, die ich ehedessen hin und wieder in der Welt gesehen hatte! Wie nutzbar
war mir die Einsamkeit gegen allen diesen Gesellschaften, derer ich zuvor bald
in dieser, bald in jener Zusammenkunft gepflogen! Die Baumrinden, mit welchen
ich mein Kämmerlein überdecken lassen, waren mir viel angenehmer als der
herrlichste Marmor, mit welchem die Wundergebäue dieser Welt zu prangen pflegen.
Mein kleines Glöcklein, durch welches ich das Zeichen zum Gebet gab, war mir in
meinen Ohren viel ein angenehmerer Resonanz als die allerherrlichste Musik,
welche nur mit Üppigkeit angehöret wird. Mein langer Mönchsrock, welchen ich mir
zu meinem Vorhaben verfertigen lassen, war mir weit angenehmer als die
allerkostbaresten Kleider, derer man sich nur mit Sorg und guter Vorsichtigkeit
gebrauchen kann. Die Bücher dieneten mir weit besser als die Spielkarte, und
statt der Würfel ergriff ich mein Paternoster, dadurch mir innerlicher und
äusserlicher Gewinn viel mehr als durch jene zugestossen ist. Statt der häufigen
und vor gepflogenen Spaziergänge und Tänze, kniete ich auf meine Knie, und da
ich zu vor viel tausend Stunden mit unnützem Geschwätze zugebracht habe, betete
ich dermalen desto eiferiger und trug herzliches Leid über alle meine begangene
Fehler, die ein Weltmann in der Welt schwerlich entfliehen kann. Ich kann zwar
keinesweges sagen, noch viel weniger von mir ausgeben, dass ich fromm und
vollkommen gewesen, denn von einer so liederlichen Gleisnerei habe ich mir
niemalen traumen lassen, aber gleichwohl muss ich bekennen, dass ich durch dieses
Mittel weit von der vorigen Bahne abgewichen und mich selber in dem Gewissen
in viel eine grössere Ruhe gesetzet habe. Ich weiss wohl und ist mir mehr als zu
bekannt, dass dem Menschen in seinem ganzen Leben ohne Unterlass grosse
Sündenflecken ankleben, aber gleichwohl habe ich auch erfahren, dass er durch
eine fleissige Aufsicht sich weit von dem Haufen derjenigen entscheiden kann, die
mit vollen Sprüngen zu der Höllen eilen. Hat also derjenige, der das Gute, ob er
schon nicht kann, dennoch recht vollkommentlich verbringen will, einen
sonderlichen Vorteil vor einem ruchlosen Sünder, dem Himmel angenehm zu sein,
weil er dessen Willen und Begehren so eifrig zu folgen verlanget.
    Und dannenhero war es auch mein höchster Fleiss, nicht sowohl mein Haus und
Wohnung als das Gemüt zu verändern. Ich wurf zwar meine gewöhnliche Kleider von
mir, aber noch viel mehr meine Affecten, die ich zu der gottlosen Welt getragen
habe. Ich verliess verstandenermassen meine Wohnstube, aber viel mehr die
unordentlichen Begierden, so bis dahero sich in mir, gleich als in ihrem
gewöhnlichen Sitzplatz, aufgehalten und eingenisteit hatten. Aber darumben ward
ich doch nicht vollkommen, sondern nur in mir selber glückseliger und
vergnügter, weil ich alle solche irdische Eitelkeiten mit einem klugen und
büssenden Auge zu übersehen vermochte.
    Viel Menschen suchen an einem anderen Ort zu sein, aber sie sollten vielmehr
wünschen, andere Menschen zu sein, weil an der Verwechslung des Ortes nichts
oder wenig, alles aber an der innerlichen Bekehrung gelegen, durch welche man
zum Guten eilet.
    Gleichwie man aber zu einem vorgenommenen Wege, den man in der Welt reisen
will, einen erfahrnen Wegweiser haben muss, der die Strassen, die Wege und andere
Angelegenheiten wohl erfahren hat, also muss man auch in einem solchen
vorgesetzten Ziel gewisse Mittel ergreifen, dadurch man zu seinem Zweck gelangen
kann. Ich meine, dass man entweder lebendige oder tote Anweiser habe, die zu
einem solchen Vornehmen tauglich sind. In Klöstern ist es der Gebrauch, dass
derjenige, so den Orden eingetreten, zugleich einen Anweiser zu allen diesen
Handlungen habe, dazu er muss vermittelst der Reguln gewiesen werden. Ein Pferd
wird von dem vorsichtigen Reiter, ein Schiff von dem klugen Schiffer regiert,
damit das vorige zu seiner Schul komme und dieses nicht ohnversehens an eine
Klippe anstösset. Aus diesen Gleichnissen ist abzunehmen, dass das Leben, wo es
solle gut und ohne merklichen Anstoss hinausgeführet werden, müsse zugleich haben
einen solchen Führer und Regenten, durch welchen es von diesem und jenem
gefährlichen Weg abgehalten wird.
    Ich liess mir demnach zu einem solchen Geleitsmanne meine Bücher als stumme
Wegweiser dienen und behülflich sein, in der Hoffnung, dass, ob sie wohl stumm
und gestorben, dannoch mit ihren lebendig hinterlassenen Lehren kräftig genug
wären, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden und uns zugleich einen solchen
Faden an die Hand zu geben, vermittelst welchen wir aus dem Irrgarten dieser
allgemeinen und zeitlichen Verdriesslichkeiten wunderlich hinausgeleitet möchten
werden.
    Zu Ende dessen musste mein Knecht Wastel (dem ich mein Mastvieh, Schafe und
Schweine samt den Pferden und anderem zahmen Geflügel in seine Hut und Aufsehen
übergeben hatte) etliche Körbe voll Bücher von einem nächstgelegenen Kloster in
mein Schloss überbringen, welche mir von dem Abt desselben Convents auf ein
Interim sind geliehen und aus der Bibliotek abgefolget worden. Über solche
Bücher überreichte ich einen Schein und versprach, zeit währenden Gebrauches
alle Wochen fünfzig Pfund Fleisch samt zwanzig Kannen Weins in das Kloster zu
spendieren. Dannenhero bekam ich bald diesen, bald einen andern Mönch von daraus
zu mir, welche die Zeit mit allerlei geistlichen Übungen zubrachten. Unterweilen
ging ich auch hinüber, Messe zu hören, und ob der Weg schon etwas weit und
abgelegen war, hatte ich doch daselber alle sattsame Lust und Vergnügung, und
es war den Mönchen nichts leiders, als dass ich so frühzeitig geheiratet, sonsten
hätten sie mich ohne allen Zweifel zu einem Mitglied des Convents angenommen.
Aber sie sagten hinwiederum, dass nicht das Kloster, sondern vielmehr ein
eiferige Andacht einen perfecten Mönch mache, und dass ein Weltmann, der in der
zeitlichen Verachtung begriffen ist, viel ein bessers Leben führe als ein
solcher Mönch, der zwar die Welt äusserlich geflohen, nichtsdestoweniger aber
diejenigen Affecten noch nicht verlassen hätte, mit welchen er derselben
innerlich zugetan wäre.
    Diese Lehren stimmten mit meinem vorigen Grunde trefflich überein, dass
nämlich nicht der Ort oder das Kleid, sondern das Leben fromm und ehrbar mache,
und dass man zu Ausrottung der Laster viel ein ander Instrument als eine rauhe
Mönchskappe vonnöten habe. Wo aber das Wesen mit dem Kleide übereins kommet, da
ist es um so viel höher zu schätzen, je seltener es in diesem Weltgetümmel
anzutreffen ist. Die Absonderung von menschlicher Gesellschaft, die Ausziehung
der niedlichen Kleider und die Kasteiung des Fleisches ist zwar zu allen
Tugenden ein guter und tauglicher Vorschub, aber es ist doch nicht der rechte
Grund, darauf unsere Seligkeit beruhet. Darum müssen wir unser Leben nicht
sowohl von aussen als von innen reinigen und in wahrer Demut nicht auf einen
solchen Grund bauen, der bald umfallen kann, sondern vielmehr sehen auf ein
solch Fundament, daran all unser Heil und Segen hanget, welches ist ein
unablässliches Vertrauen zu dem Himmel, und alsdann werden sich alle Tugenden
vollkommen bei uns einfinden, wenn wir denselben unaufhörlich werden
nachgestrebet haben.
 
                                  II. Capitul.
                      Betrachtet die Lust der Einsamkeit.
Diese Lehren nahm ich teils aus dem Kloster, teils auch von mir selber, und
wie ich zuvor gemeldet, so taten die unterschiedlichen Schriften der Geistlichen
nicht ein geringes, sowohl was meine einsame Zeitvertreibung als die
Gemütserbauung betrifft. Ich liess mir aber unter andern herrlichen Büchern
absonderlich wohl gefallen des andächtigen Tomas a Kempis sein Büchlein von der
Nachfolgung Christi, welches, ob es gleich nicht von Gold, dennoch viel
kostbarer als das Gold und alle Schätze der Welt ist. Ich hielt solches Büchlein
nicht allein deswegen so hoch, weil es mir von dem Abten in dem Kloster vor
allen andern so sehr gelobet worden, sondern weil ich in demselben einen solchen
Weg angetroffen, auf welchem man nicht irren kann. Alle Wort dieser Schrift
waren mir süsser denn Honig, und ich lernete daraus von Tag zu Tag, ja von Stund
zur Stund, die Eitelkeiten dieser vergänglichen Erden mehr und mehr kennen und
dieselben auch vorsichtig fliehen.
    Das zwanzigste Capitul des Ersten Buches liess ich mir absonderlich zum
Leitstern dienen, weil es handelt von der wahren Einsamkeit, und dass es dem
Menschen sehr nötig sei, sich zuweilen selbst zu prüfen, wie und wo er lebe, dass
es nicht genug sei, den Händeln der Welt und seinen äusserlichen Geschäften
obliegen, sondern dass man vor allen Dingen das Herz wohl reinige und sein
Gewissen zufriedenstelle. Denn es ist sehr nützlich, dass der Mensch, er sei, wer
er wolle, zuweilen eine gelegene Stunde suche, allein zu sein und von allen
diesen Guttaten mit sich selber zu discurrieren anfange, welche er die Zeit
seines Lebens von Gott und guten Freunden genossen habe. Man soll billig in der
Einsamkeit solche Materien und Schriften durchlesen, die vielmehr in dem
Menschen eine Andacht als Verwunderung auswirken können. Wenn man nur will, so
hat man Zeit genug, von den zeitlichen Eitelkeiten entäussert, solchen Gedanken
vollkommen nachzugehen. Die Heiligen selber haben alle Gesellschaft der
Menschen, wo sie gekonnt und vermocht, geflohen und haben ihre Lust alleine
gesucht, GOTT den Allmächtigen im Verborgnen anzurufen. Dahero sprach jener:
Sooft ich unter den Menschen gewesen, bin ich allzeit ein wenigerer Mensch
zurückgegangen. Dieses erfahren wir gar oft, wenn wir nämlich unter- und
miteinander bald von diesem, bald von jenem Märlein schwätzen. Denn es ist viel
leichter, ganz und gar schweigen, als sich in solchen Unterredungen alles
Fehlers entalten können, und es ist weit sicherer, zu Hause verborgen zu sein,
als sich unter dem Volk vor Unglück wohl zu beschirmen. Wer dannenhero
geistlichen Sachen obliegen will, dem ist nötig, dass er sich, so viel er kann,
von allen solchen Gelegenheiten entziehe und entalte, die ihm können an der
Seelen schädlich sein. Niemand kann in dieser Welt sicherer erscheinen, als
welcher gern verborgen lieget. Niemand redet sicherer als derjenige, so gerne
schweiget. Und niemand führt eine bessere Zucht, als der sich der Zucht selber
unterwürfig machet.
    Es kann sich kein Mensch recht vollkommen freuen, es sei denn, dass er das
Zeugnis eines guten Gewissens in sich fühle. Aber nichtsdestoweniger so ist doch
die Freude der Gewissenhaften und Frommen allezeit mit Tränen und einer billigen
Furcht gegen GOTT vermischet. Und es ist genugsam bekannt, dass auch die heiligen
Leute jederzeit in voller Demut gestanden, ob sie gleich bei sich selber grosse
Gnad von oben herab gespüret haben. Hingegen ist das Frohsein der Gottlosen eine
solche Sicherheit, die vielmehr aus einer angemassten Hoffart und Übermut
entspringet, und diese Sicherheit findet sich endlich an dem Ende und Ausgang
durch sich selber betrogen und hinter das Licht geführt. Dahero hast du
Ursache, dir nimmermehr eine gewisse Sicherheit zu versprechen, ob du gleich bei
dir selbst meinst, dass du ein frommer Einsiedler, Mönch oder Waldbruder seist.
    Es ist oftermals geschehen, dass diejenige, auf welche die Welt viel gehalten
hat, gefallen sind wegen des grossen Vertrauens, so sie auf ihre eigene Tugenden
gesetzet haben. Dannenhero ist es vielen Menschen, ja den meisten unter uns viel
nützlicher, dass wir mancherlei Anfechtungen und Widerwärtigkeit haben, auf dass
wir nicht zu sicher und frei werden und also wie die Pfauen die Federn
auseinanderbreiten. Oh, wer so klug wäre und nimmermehr einer zeitlichen Freude
verlangte! wer sich auch aller Weltändel entalten könnte! wahrhaftig, dieser
würde allezeit ein unverletztes Gewissen behalten. Oh, wer da alle eitle Sorgen
von seinem Herzen abschneiden könnte! und nur allein himmlischen und heilsamen
Gedanken obläge! dieser würde seine Hoffnung ganz in Gott setzen und grossen
Fried samt einer steten Ruhe geniessen.
    Derjenige Mensch ist nicht würdig eines himmlischen Trostes, welcher nicht
in einer steten Reue über seine Sünden begriffen ist. Wenn du willst von Herzen
über deine Sünden büssen, so gehe in dein Kämmerlein und schliesse aus alles
Weltgetümmel. Du wirst in deiner Klausen finden, was du ausser derselben bald
verlieren kannst. Ein solcher einsamer Ort, in welchem man stets wohnet, wird
dem Gemüt sehr angenehm und süsse, aber wo man ihn nicht gross achtet, so gibt er
statt des Honigs nichts als bittern Verdruss und Widerwillen. Wenn du im Anfang
deiner Bekehrung eine solche Wohnung mit deinem Gebet fleissig bewohnen wirst, so
wird sie dir hernachmals eine angenehme Freundin und Entalterin deines Lebens
sein.
    Es ist ohne Streit, dass man in stiller Ruhe die Seele mit grosser Andacht
ernähren kann. In einer solchen Einsamkeit kommt man viel leichter zum Verstand
der göttlichen Schrift, und dorten kann man auch unverhindert beweinen alle
Sünden, über welche wir so sehr betrübet werden. Und also werden wir dem Himmel
viel näher zugetan, je weiter wir von der Erden entfernet leben. Wer sich
derohalben von seinen Bekannten und Freunden äussert, der wird sich zu GOTT
nähern und seine Engel zu Gesellschaftern kriegen; denn es ist viel besser, dass
man auf sich und sein Heil Achtung gebe, als dass man mit Vergessung sein selbst
grosse und unvergleichliche Heldentaten verrichte. Es ist einem geistlichen
Menschen sehr löblich, dass er selten ausgehe, dass er fliehe, von andern gesehen
zu werden, und dass er auch einen Scheu trage, die Weltmenschen zu sehen.
    Was hilft dichs, du elender Mensch, dass du etwas siehest, was du doch nicht
geniessen kannst? Die Welt vergehet, und all ihre Lüsten verschwinden. Du hast
unterweilen eine Lust, spazierenzugehen, aber wenn ein kurzes Stündlein vorüber
ist, was hast du anders davon und was trägst du zurück als ein schweres Herz und
zerstreuetes Gemüt? Ein fröhlicher Ausgang zeucht gar oft einen traurigen
Rückweg nach sich, und ein kurzweiliger Abend macht oftermalen einen mühsamen
Morgen. Also geht alle fleischliche Lust überaus lieblich ein, aber am Ausgang
martert und peiniget sie als eine unleidentliche Folter. Und was kannst du
anderwärts sehen, das du nicht in deiner Einsamkeit sehen kannst? Siehe über
dich gegen dem Himmel, hebe das Gesicht auf die Erden und betrachte alle
Elementen, da hast du alles, was du sehen kannst, denn aus diesem ist alles
geschaffen.
    Und was verhoffest du wohl zu sehen, das in der Welt möge beständig sein? Du
bildest dir vielleicht ein, dich an solchen Sachen zu sättigen, aber du wirst
nimmermehr zu einem solchen Endzweck gereichen. Wenn du gleich alle Sachen hier
vor dir sähest, was wäre es denn anderst als eitles Wesen? Hebe deine Augen
vielmehr auf zu Gott in die Höhe und bete zu ihm, dass er dir verzeihe deine
grosse Sünden und Missetat. Lasse du den eitlen Menschen das Eitle, du aber
betrachte mehr solche Sachen, daran dein ewiges Heil gelegen ist. Schliesse deine
Tür zu und rufe zu dir deinen geliebten Bräutigam Christum. Mit diesem bleibe in
deiner Klausen, weil du anderwärtig keine solche Ruhe finden kannst. Wäre
mancher nicht ausgegangen, sondern bei seiner Andacht zu Hause geblieben, hätte
er ohne allen Zweifel nicht so manchfältigem Unglück unterliegen dörfen. Denn so
sehr von der Neugierigkeit die Ohren ergetzet werden, so sehr wird öfters, ja
viel heftiger, das Herz gemartert.
    Alle diese Worte las ich in oberwähntem zwanzigsten Capitul des frommen
Canonici Regularis Tomas a Kempis, welche ich, wie auch das ganze Werklein, zu
meinem besseren Gebrauch und Zeitvertreib aus dem Lateinischen in die teutsche
Sprache übersatzte, mit welchem ich fast in die acht Wochen umging. Und also
täten auch die andere Gesellschafter, die doch nicht allerdings unterlassen
konnten, ihren Zustand durch Schreiben zu berichten, denn wir hielten einen
Ordinari-Boten, welcher, zwar nicht so oft, als vormals geschehen, jedennoch zu
gewissen Zeiten, unsere Briefe hin und wider trug, in welchen wir meistenteils
aufgezeichnet, was wir lasen, was wir schrieben oder was wir sonsten vor
Betrachtungen vorgenommen. So schickten wir auch einander ein Buch da-, das
andere dortin und hielten unser sonderlich Diarium, darinnen zu ersehen war,
wie einer und der andere sein Leben vollführte. Philipp schrieb ein Buch von der
Ewigkeit, ich einen Tractat von der Gemütsruhe. Christoph, als ein in der Revier
wohlerfahrner Mensch, machte eine Landkarte über unsere Landschaft. Dietrich
schrieb ein Buch von den alten Rittern und ihren Gebräuchen; unsere Weiber aber
näheten zum Teil in der Teppichtnaht oder auch andere Tücher, zum Teil schrieben
sie Kochbücher, gleich als wäre den Einsiedlern so viel an den kostbaren und
wohl zugerichteten Tafelspeisen gelegen. Die Frau Philippin klöppelte Spitzen,
gleich als hätte sie ihrem Herren grosse Überschläge davon machen müssen. Also
bekamen wir, wider unsern eigenen Willen, über die Weiber und ihren
vorgenommenen Zeitvertreib zu lachen, und Philipp konnte noch nicht allerdings
die Schnacken und Grillen fahrenlassen, denen er von Natur zugeneigt war; so
stackten ihm auch die alte Possen noch häufig in dem Kopf, und ich muss es
gestehen, dass ich unter allen anderen seine Briefe sehr ungern gelesen, weil sie
mich entweder noch der begangenen Stücklein erinnert oder sonsten in meiner
Andacht, bald da, bald dorten, verstöret haben.
 
                                 III. Capitul.
 Wunderlicher Streich, auf Wolffgangs Schloss vorgegangen, als Philipp aus dem
                                   Sack sah.
Es vermahnete nichtsdestominder einer den andern zur Frommheit, dazu wir uns den
Friderich zum guten Exempel dienen liessen. Dieser ging alle Monat in dem Land
herum und besah jeden in dem Stand, darinnen wir dazumal lebten. Er verwunderte
sich über unsere gute gefasste Resolution und sagte viel von seinen Anfechtungen,
die er in dem ruinierten Kloster - allwo er seine Wohnung hatte - von Gespensten
erdulden müsste. Seine Haut war ihm am ganzen Leib zusammengeschrumpelt, weil er,
seinem Vorgeben nach, die ganze Zeit seiner Einsiedlerei kein Fleisch noch
warmen Bissen gegessen hatte. Darum freuete er sich allezeit, auf unsere
Schlösser zu kommen, weil uns, ob wir schon ein einsames Leben führten, an dem
Maulfutter dennoch nichts abging. Ich bin niemalen des Willens gewesen, mich so
knochenhaftig mit Fasten auszudörren, denn ich weiss wohl, dass eine stete
Mässigkeit dem Leib und Geist viel besser tut als eine solche Fasten, auf welche
man sich unmenschlicher Weise überschwemmet, oder aber ein solches Hungerleiden,
dadurch man sich selbst verderbt und die Natur zunichte macht.
    »Nein,« sprach ich, »Bruder Friderich, ein solcher Heiliger bin ich nicht,
wills auch nicht werden, ich halte vielmehr auf das Fasten, wenn nämlich das
Gemüt von allen übeln Affecten fastet und ruhet, als ob ich meinen Leib wie
einen Zaunstecken auströcknen solle. Abstinentia a cupidine, ab ira & odio
proximi, a persecutione inimicorum nostrorum, die gefällt mir wohl, und auf
diese halte ich sehr viel, ob ich schon nicht leugne, dass ein äusserliches Fasten
all diese Andacht und löbliches Vornehmen merklich befördert.« - »Es ist wahr,«
sprach Friderich, »und ich bin hierinnen einer gleichen Meinung, aber ich muss
wohl, wenn ich gleich nicht will, weil meines Orts weder Küche noch Keller,
weder Koch noch Beck, noch sonst irgendein Mensch wohnhaft ist, der mir Essen
bringen oder sonsten an die Hand gehen könnte. Darum gehe ich selbst bettlen
aus, und das Brot, so ich in meinem Sacke sammle, ist das beste Essen, so ich
mit Wasser und unterweilen mit Milch abkoche, davon ich mich sättigen muss. Ich
bin willens, meine übrige Geldmittel in ein Kloster zu vermachen, damit ich aufs
wenigste von daraus wochentlich mit Essen und Trinken versehen werde, weil es
mein Magen länger nicht ertragen kann.« Zu diesem Vorhaben gab ich ihm guten
Anschlag, und damit wurde mir das Mittagmahl durch einen dazu bestellten Knecht
auf den Turm gebracht, wobei er seinen Mantel ablegte und sich zu mir an mein
Tischlein satzte.
    Er lobte meine Gelegenheit und Wohnung samt meiner guten Lebensart, weil ich
in dem Turm in einem hübschen Stüblein sass, da er hingegen in einer grausamen
und unsicheren Wüstenei sein Leben zubringen müsste. »Du hast«, sprach er zu mir,
»eine treffliche hübsche Gelegenheit, sowohl auf dein Hauswirtschaft als auf
dich selber Achtung zu geben, dein Turm, darinnen du hie ganz sicher sitzest,
beschützet dich nicht allein vom Regen und Wind, sondern gibt dir auch
Gelegenheit, allentalben auf die Strassen hinauszusehen. Deine Speiskammer ist
wohl gespicket, und dein Keller ist voll Wein und Bier. Du bist nicht weit von
Gesellschaft der geistlichen Leute und hast Schriften genug, deine Zeit zu
passieren. Aber ich muss hingegen Miserere schmelzen, auf mich regnen und
schneien lassen. Der Wind wirft mir fast alle Abend mein Dach ein, und muss noch
darzu auf blosser Erde schlafen. Wenn ich essen will, so ist der Brotsack,
welchen ich hier hangen habe, mein Vorratsgewölbe, daraus muss ich essen, was mir
unter die Hand kommt. Will ich trinken, so heisst es: gehe, Bruder Friderich, und
trage dein Maul zum Wasserkrug, und damit ist alle meine Hofhaltung beschrieben.
Du hast allhier lieblich singende Vögelein hangen, so dir die Zeit verkürzen
können, aber in meiner Spelunken hecken die Nachteulen und Fledermäuse, dass ich
oft nicht weiss, vor welchem Ungeziefer ich mich am meisten vorsehen soll.
Sommerszeit plagt mich die Hitze, winterszeit die Kälte, und habe mich genug in
acht zu nehmen, dass nicht eine alte und von dem Wetter durchlöcherte Mauer auf
meinen Kopf fället. Und gleichwohl schaffet diese Lebensart in mir keine
gänzliche Abschaffung meiner Begierden, und man dörfte mir ein weniges geben, so
änderte ich mein Leben in einen dergleichen Zustand, wie du anitzo lebest, weil
ich genugsam verspüre, dass das Fasten nicht allein genug sei, zur vollkommenen
Glückseligkeit zu gelangen, sondern dass unsere Frommkeit vielmehr von dem Herzen
als von den Leibesgliedern erfodert wird.«
    Dieses redete er mit einem freundlichen Gespräche nebenst einem guten
Gläslein Vigerner Wein, welcher, weil er ihm etwas Ungewöhnliches war, ihn
dergestalten einnahm, dass er folgends herausbeichtete, wie ihm eigentlich in der
ganzen Sache ums Herz war. Ich hatte ein Paar gebratener Hühner und einen guten
Karpfen nebenst einem Hasen auftragen lassen, dabei er sich ziemlich
ausfütterte, weil er, seinem eigenen Bekenntnis nach, wohl in einem halben Jahr
nicht so stattlich tractieret worden. »Es war mein Absehen durchaus nicht,«
sprach er, »dass ihr euch alle, wie ich aus gewissen Ursachen getan habe, in
Einsiedlers und Klausners Röcke verstecken sollet, noch viel weniger, dass ihr
euch wie die Mönche so sehr versperren und von der Welt absondern sollet, dieses
habe ich durchaus nicht gesuchet. Und es bestehet auch in diesem Leben nicht das
Wesen eines Christen allein, sondern, wie du vorhin löblich gedacht hast,
vielmehr in Ausreutung der Laster, welche man aus dem innern Herzensgrund
ausreissen und hinwegwerfen muss. Dieses Leben ist nur darzu tauglich, damit man,
von der Welt desto weniger angefochten, seinen eigenen Gedanken desto besser
abwarten kann, und was wollte endlich daraus werden, wenn wir alle wollten
Einsiedler und Eremiten abgeben?
    Darum ist es meine endliche Resolution und Entschluss, mein bisher geführtes
Leben mit einer Verehlichung zu verwechslen und gleich wie du mich auf einen
Edelhof zu setzen, daselber nichts als die Wohlfahrt meiner Seelen zu
betrachten. Wir sind darum nicht heiliger, ob wir gleich einsamer als andere
Menschen sind, und wer nicht absonderlich zu einer solchen Lebensart geboren,
kann sie schwerlich, ja fast ohne grosse Widerwärtigkeit nicht ertragen. Ihr habt
zwar alle an diesem Vornehmen nicht übelgetan, aber mein Rat wäre, dass ihr eure
Eremiterei nicht allzu lange fortführet, weil man euch nicht allein dadurch
allentalben im Lande auslachen, sondern noch darzu Lückenhocker nennen würde,
die erst nach dem zehenten Jahr ihrer Verehlichung hätten wollen ins Kloster
gehen.«
    Diese und noch mehr andere Einwürfe des Friderichs waren nicht zu verwerfen
und dannenhero gar wohl anzuhören, denn in Betrachtung, dass ein fleissiger
Weltmann sowohl als der einsamste Mönch die Seligkeit erlangen kann, so er
seines Berufes fleissig abwartet, wäre es freilich besser gewesen, dass wir statt
der grauen Einsiedlersröcke einen guten Harnisch angezogen hätten und dem Feind,
so dazumal unsere Provinz anfiel, mit gewaffneter Hand entgegengegangen wären.
Darumben machten wir einen andern Entwurf unsers Lebens und entschlossen uns
zugleich, denselben allen zu offenbaren, denen daran gelegen war.
    Mit einer solchen Abrede nahm Friderich nach verrichteter Mahlzeit seinen
Abschied, willens, die andern aus der Gesellschaft zu besuchen und ein
Gleichmässiges mit ihnen abzureden, zwischen welcher Zeit ich mit Verlangen auf
ihre Resolution gewartet, wie ich denn mit keinem Fuss von dem Turm, noch viel
weniger zu meiner Frauen gekommen bin, bis ich mich endlich entschloss, ihr den
getanen Vortrag wegen des Friderichs zu eröffnen. Wir redeten eins und anders,
und da wir am besten von der Sache handelten, sahen wir den Friderich, welcher
indessen vierzehen Tage in dem Land herumgeterminiert war, mit seinem schweren
Sacke beladen, über das Feld wieder hereingehen. »Ist nicht dieses«, sprach
meine Frau, »der Friderich?« Ich sagte ja, und dass wir ihn desto genauer
erkennen möchten, gebrauchten wir uns eines grossen Tubi, dadurch man fast auf
vier Meil Weges die Uhr hat erkennen können.
    Dieses Instrument war in meinem Turm meine einzige irdische Ergetzung, weil
ich dadurch bald zu diesem, bald zu jenem Fenster ausgesehen und die hin und
wider reisende Menschen betrachtet habe.
    Hiermit kam Friderich zum Tor eingegangen, und weil ich mich noch vor seiner
Ankunft wieder in den Turm begeben, hörte ich ihn allgemach die Treppe
heraufsteigen und an meinem Glöcklein läuten. Ich eröffnete meine Klausen, und
nachdem er mich gegrüsset, bat er um Erlaubnis, seinen Sack, welcher ziemlich
angefüllt und dannenhero trefflich schwer war, an die Wand zu hängen, welches
ihm ohnedem gern vergönnet war. Allein seine Höflichkeit, die ihm von
Kindesbeinen an gemein gewesen, verursachte alle solche unnötige Complimenten,
die er gegen mir, als seinem aufrichtigen und wohlbekannten Freund, wohl hätte
unterlassen mögen. Er erzählete mir hierauf, wo er gewesen und was der Ausschlag
seiner Reise mit sich brächte. Zwischen diesen Reden, aus welchen ich noch
nichts Gewisses schliessen können, zog er von allen guten Freunden, absonderlich
aber von meinem Vater und Bruder Philippen etliche Briefe hervor, die ich, in
Beisein seiner, aufbrach und mit Verlangen durchlas. Gottfrid, Christoph und
Dietrich waren willig genug, den getanen Vertrag des Friderichs einzugehen, aber
Philipp war mit allen Umständen nicht darzu zu bewegen. Ich sage dieses im
Ernst, schrieb er, wer mich ausser der Einsiedlerskappe sieht, der heisse mich
einen Schelmen.
    Dieses waren seine mit eigener Hand geschriebene Wort, die ich als ein
Zeichen und Gewissheit seiner absonderlichen Standhaftigkeit auslegen musste.
»Mich wundert,« sprach ich zu Friderichen, »dass Philipp in diesem Vorsatz so
unbeweglich ist, alle seine Briefe, so er bis anhero geschrieben, haben viel
anders als dieser ausgesehen, und ich habe billig Ursach, mich heftig zu
schämen, dass er mich in diesem Stücke übertrifft.« - »Nein, nein,« sprach eine
Stimme in dem Zimmer, »du darfst dich nicht schämen.« Mit diesen Worten schwieg
es still, und weil mich Friderich vor vierzehen Tagen wegen allerlei Gespensten,
so ihn zu plagen pflegten, recht furchtsam gemachet, glaubte ich, es wäre
vielleicht eines mit ihm auf mein Schloss gekommen. Als er aber mich ganz
erblassen sah, fing er ein wenig an zu schmunzeln, welches er sonst keinesweges
zu tun gewohnet war. Ich fragte ihn, ob er die Stimme auch gehört hätte oder
nicht? »Nein,« sprach die Stimme wieder, »er hat mich nicht gehört.« Damit wurde
ich ganz bestürzet, stund auf und wollte die Tür aufmachen. Als ich aber an den
Bettelsack kam, fing sich etwas an in demselben zu regen und sprach: »Bruder,
bleibe da, oder ich beisse dich in die Finger!« Ich sprang vor Schrecken jähling
zurücke, aber bald darauf guckte der ehrliche Bruder Philipp mit dem Kopfe
hervor, und ich dachte, mich über dieses Stücklein krank zu lachen. Denn
Friderich hat ihn in seinem Sacke, daran er so überaus schwer getragen, an den
Nagel gehangen, und also bin ich nicht allein zum glücklichen Salve abscheulich
betrogen, sondern noch wacker darzu von meiner Frauen, dem Friderich und Bruder
Philippen ausgelachet worden.
 
                                  IV. Capitul.
 Sempronio schickt Wein auf das Schloss. Herr Friderich resolviert sich zu einem
                                 andern Leben.
Diese Verwandlung, gleichwie sie arglistig ausgesonnen war, als ergetzten wir
uns auch ziemlich darüber, und mich wunderte nicht unbillig, warum Friderich,
der doch sonsten von allen dergleichen Gaukeleien einen ziemlichen Ekel
getragen, sich dennoch gefallen lassen, mich auf eine solche Weis hinter das
Licht zu führen. Deswegen satzten wir uns nieder, und damit mir der eingenommene
Schrecken nicht übel bekommen möchte, verschafte ich ein gutes Glas Wein
nebenst einer grossen Schal voll Mandelkern, dabei wir allerlei Gesundheiten
herumgejaget. »Bruder,« sagte ich zu Philippen, »nach Laut deines Briefes bist
du ein Schelm, denn ich und wir alle sehen dich anitzo ausser deinem
Einsiedlersrock.« - »Mich wundert,« sprach Philipp, »dass du vor grosser Furcht
dennoch so viel hast merken können, ich will auch lieber ein Schelm als noch
länger so in einer rauhen und filzigen Kutten stecken, in welcher man voll Kot
und Läuse wird. Ich habe zwar in derselben ein andächtig Buch aufgesetzet, aber
sobald ich drei Zeilen geschrieben hatte, musste ich mich wieder eine gute
Viertelstund im Buckel krauen. Ich glaube nicht, dass so viel Totschläge in
Teutschland geschehen sind, als ich diesen Sommer nur allein in meiner
Mönchskutte begangen habe.« Aber Friderich wies uns seinen Vorteil, dessen er
sich in Abwendung desselben Ungeziefers gebraucht hatte, indem er unter seinem
rauhen Schipperstuch ein Hemd mit weissem Wachs ausgedichtet auf dem blossen Leibe
trug, und also ist er wider dieselbigen Feinde, mit welchen Herr Philipp ohne
Unterlass zu scharmitzieren gehabt, sicher und befreit gewesen.
Indem wir noch miteinander redeten und wegen unsers Vornehmen beschäftiget
waren, fuhr ein grosser Wagen zum Schloss herein, dabei mir ein Bot folgendes
Schreiben einlieferte, welches also hiess: Monsieur mon frère! Ich lebe in keinem
Zweifel, dass Deine angefangene Andacht noch in guten Terminis stehe, wie ich
denn nichts Liebers als ein solches Leben wünschen wollte, wenn es meine häufige
Haussorgen gestatten wollten. Doch hoffe ich sowohl als Du, in den Himmel zu
kommen, und indem Du an dem Paternoster klaubest, bin ich mit meiner Schaufel
beschäftiget. Was der Feind vor Vorteil in unseren Landen eingenommen, wird Dir
zweifelsohne genugsam bekannt sein. Wenn Du fleissig betest, so will ich indessen
fleissig arbeiten und sehen, wie dem Land am besten geholfen werde. Du hast
genugsame Gelegenheit, den übeln Zustand des Vaterlandes zu betrachten, denn Du
sitzest, wie ich höre, in einem hohen Turm, von daraus Du eine ziemliche Ecke
wie Hans Guck in die Welt aussehen kannst. Ein anderer armer Teufel muss seine
junge Haut daran strecken, zu Pferde sitzen und dem Feind die Spitze bieten, Du
aber sitzest indessen auf dem Turm und siehest die Schlachtordnung im
Kupferstich an. Damit Dir nun die Zeit indessen nicht zu schwer noch langweilig
falle, will ich Dir hiermit zwei Fass von meinem besten Canari-Seck verehret
haben. Erstlich: weil ich weiss, dass Du ein grosser Liebhaber dieses Getränkes
bist. Vors ander: weil ich wegen der weit ins Land streifenden Parteien mit
meinen Victualien nicht gar zu sicher und feste sitze. Vermerke dieses im besten
und trinke mit Bruder Philippen meine Gesundheit. Vale.
                                          Dein getreuer und unveränderter Freund
                                                                      Sempronio.
»Sehet,« sagte Philipp, »das ist noch ein Kerl von einem brüderlichen
Erkenntnis. Der weiss, womit den Pfaffen am besten geholfen ist, nämlich: mit
einem guten und frischen Trunk Wein. Wohlan, Bruder, lasse geschwind aufspunden,
der Bot soll seinem Herren ein lebendiges Zeugnis zurücke bringen, dass wir
seinen Befelch fleissig vollzogen haben.« Damit schickte ich um meinen Binder
oder Böttger, und als dieser beschäftiget war, den Spund zu eröffnen, sprangen
die Reife an beiden Fässern entzwei, und als wir meinten, der Wein wäre
verschüttet und verloren, kamen aus denselben hervorgekrochen Monsieur
Sempronio, mein Vater Alexander, Bruder Gottfrid, Christoph und der ehrliche
Dietrich mit zweien Weibern. All mein Lebtag hätte mir nichts so Wunderliches
begegnen können, ja, ich hätte mir nichts weniger als eine solche Abenteuer
eingebildet, die der Friderich auf diesen Tag mit allen diesen Leuten bei mir
auf dem Schloss angestellet hatte. »Du bist«, sagte ich zu ihm, »ein
arglistiger Kopf, und unter diesem Pfaffenmantel stecken viel Schelmenstücklein
verborgen.« Die andern bekräftigten solches mit vielen Umständen, und wir hatten
genug zu tun, dass wir einander wegen abgefallenen Leibes noch kennen mochten.
Dietrich, so ein dicke Sackpfeife er sonst war, hatte doch am Fleische ziemlich
hinabgezehret, weil er nach seiner Aussage in dem Wald etliche Wochen versuchet,
wie sich die Baumwurzeln saugen und etliche Waldkräuter essen liessen.
    Nicht anders hatten es Gottfrid und sein Bruder Christoph an ihrem Ort
versuchet, welche so spitznasicht aussahen, dass man hätte Krammetsvögel an ihren
Nasen braten können. Aber viel elender war das arme Frauenzimmer zugerichtet,
und weil jede das elendeste Leben wollte geführt haben, hat mans gar vielen
angesehen, dass sie sich mit spanischer Kreide angestrichen hatten. Hiermit
verfügten wir uns in dem Schloss in ein grössers Zimmer, allwo wir weiter
miteinander verabredeten, was ich und der Friderich bis daher miteinander
abgedroschen hatten.
    »Wir sind,« sprach er, »werte Herren Brüder und Schwestern, um keiner andern
Ursache willen allhier kommen, als unser Leben in etwas zu ändern. Wir wollen,
wie ihr zum Teil wisset, zwar das geistliche Kleid, aber mitnichten das
geistliche und recht christliche Herz hinweglegen, mit welchem wir bis dahero
unser menschliches Elend betrachtet und beseufzet haben.
    Der Mensch ist ein Tier, zur Gesellschaft geschaffen, und solches wird
vielmehr uns adeligen Leuten anstehen, weil wir, als eine Fackel, dem anderen
Pöbel zu leuchten vorgesetzet sind. Es ist gar gut, dass man sich den äusserlichen
Weltsorgen zuweilen entziehe, damit man desto gefasster an einem einsamen Orte
seine innerliche Angelegenheiten beherzigen kann. Aber es ist darumben nicht
nötig, alle äusserliche Gesellschaft auf ewig zu fliehen, sondern nur auf eine
Zeit seiner Amtsgeschäfte sich so weit zu entäussern, damit man dieselbe nicht
gar verlasse oder auf die faule Seite setze.
    Solches ist meine Meinung niemalen gewesen, als ich euch zu einem muntern
Leben angefrischet habe. Ihr habt auch keine Ursach gehabt, meiner Lebensart
nachzugehen, wenn ihr betrachtet, dass es eure Umstände durchaus nicht zulassen,
mit mir ein gleichmässiges Leben zu führen. Ich will anitzo geschweigen von der
Gemütsneigung, die ihr vielleicht mit mir ganz ungemein habet. Ihr seid meistens
verehlicht, ich bin ledig; ihr seid lustigen Humors, ich hingegen einer ganz
einsamen Complexion und finde nichtsdestoweniger in mir allgemach eine andere
Neigung, die ich euch bald offenbaren werde.
    Ihr sehet es ohne meiner Beweisung, wie harte Lebenstage ich in der Wüsten
ausstehen muss und wie schmale Bisslein es in meiner Küche setzet. Ich habe zwar
vermeint und bin der Hoffnung gewesen, in einem solchen Leben zur vollkommenen
Verachtung der Welt und zu einem recht himmlischen Leben zu gelangen, und in
dieser Meinung habt ihr ohne allen Zweifel eure Kleider verwechselt, die
Wohnungen verlassen und euch voneinander in die Wälder geschieden. Aber ich
spüre genugsam aus der Erfahrung, dass nicht die Veränderung des Orts oder der
Luft, sondern vielmehr die Veränderung des sündlichen und fleischlichen Willens
glückselig mache. Das Kleid heisset mich wohl einen Geistlichen, ob ich aber ein
solcher genennet zu werden würdig bin, das muss das Herz bekräftigen. Liegt also
die Geistlichkeit in dem Herzen und nicht in dem Kleid. Dieses sage ich euch,
auf dass ihr wisset, dass unter einem schmutzigen Hausrock sowohl ein guter und
frommer Mann als in einer Mönchskutte kann verborgen sein. Ich verachte dadurch
das Leben der heiligen Einsiedel keinesweges, wenn man aber betrachtet, warum
sie und warum wir uns vor der Welt verbergen, so finden sich zwei merkliche
Unterschied: sie mussten es tun wegen grosser Verfolgung der heidnischen Kaiser,
wir tun es darum, auf dass wir die Gelegenheit, öfter zu sündigen, meiden
möchten. Es ist etwas, aber was tauget es endlich, wenn wir die Sache bei dem
Licht besehen. Wir fliehen hin, wo wir wollen, so laufen wir doch nicht aus der
Welt und tragen einmal wie allemal unser sündliches Fleisch mit uns, und solang
wir dieses nicht ablegen, solang legen wir auch unsere Unart nicht ab. Etliche
geben in dem Land vor, wir hätten uns vielmehr aus Zagheit wegen des Feindes als
aus einer bewegenden Andacht der Welt entzogen, damit wir, wie Herrn Sempronio
sein Brief lautet, wenn andere dem Feind die Spitze bieten, hinter dem Ofen
sitzen und die Schlachtordnung im Kupferstich betrachten könnten. Dieser
schändliche Ruf, ob er wohl nur den schändlichen Lästermäulern gemein ist, ist
er uns doch allerdings nachteilig, weil die Welt so häufig nach der Lügen
schnappet. Ich bin demnach entschlossen, meine bisher geführte Einsiedlerei auf
diesen Tag zu schliessen, meinen vorigen Habit wieder anzuziehen, aber mitnichten
das Herz hinweg zu tun, welches ich, soviel ich gekonnt, in aller Geduld wohl
ausgehärtet habe. Ich will mir, gleichwie ihr getan, eine Liebste suchen und
mein Leben so vollführen, wie es einem, der sich ein Mitglied einer so
ansehnlichen Gesellschaft nennen darf, wohl anständig ist. Seid ihr demnach wie
ich gesinnet, so tut ein Gleichmässiges, wenn ihr nochmals von mir erinnert
werdet, dass ein frommes Leben nicht sowohl in dem Kleid als in dem Herzen muss
geheget werden.«
    Diese kurz abgelegte Rede des Friderichs bekräftigten wir alle mit einem
deutlichen Ja, und ist nicht zu sagen, wie günstig ihm unsere Weiber geworden,
nicht sowohl, weil er sich zu heiraten resolviert, sondern vielmehr, weil er
durch seinen Vergleich sie wieder an unsere Seite gebracht hatte, derer sie
nunmehr schon lange entbehren müssen.
 
                                  V. Capitul.
 Herr Gottfridens Gärtner macht eine Musik vorm Schloss; sie discurrieren vom
                             Stadt- und Feldleben.
Demnach unterhielten wir uns mit allerlei angenehmen Gesprächen, und weil das
Frauenzimmer etwas vorwitzig war, begehrten sie gleich anfangs, dass jeder unter
uns sein bis daher geführtes geistliches Leben mit wenigen Umständen auf das
kürzeste, so er mochte, erzählete, damit sie erfahren könnten, wie es einem oder
dem andern bis daher gegangen hätte. Weil sich nun Friderich dort und dar wegen
seiner gesehenen Gespensten und andern Abenteuren ziemlich angegeben, als wurde
dieses Begehren nicht unbillig beliebet, weil man durch diese Erzählung
gleichsam ein neues Band zu wirken suchte, durch welches die alt gepflogene
Freundschaft unter uns aufs neue möchte aufgerichtet und zusammengeknüpfet
werden.
    Also deckte man die Tafel, bei welcher dazumal viel angenehmere Discurs als
sonsten vorgelaufen sind. Man redete von nichts, als wie verdriesslich die
Einsamkeit sei, und war keiner unter uns, welcher nicht seine Meinung bald vor,
bald wider dieselbe beigetragen hatte. Dazumal ging ein Geiger und Sackpfeifer
auf der Strasse vorbei, welchen etliche volle Bauernlümmel aus der Dorfschenke
nachfolgeten, uns aber kamen diese Instrumenten so seltsam und wunderlich vor,
gleich als kämen wir erst aus Ostindien an, und deswegen eilete man zu den
Fenstern, und hat nicht viel gefehlet, so hätten wir sie heraufgerufen und uns
bei dieser Zusammenkunft das Lied Wie lang bin ich nicht bei dir gewest vor
unsere Weiber aufspielen lassen. Weil es aber Friderichen annoch zu frühe
gedünkte, mussten sie uns solches Lied darunten auf der Strasse zehenmal
aneinander aufblasen, zu welchem Philipp auf meiner Bassgeige das Fundament
aushielt. Wir legten einen Taler zusammen, dem Bauergesindlein ihre Musik zu
bezahlen, aber als wir solchen in einem Papier eingewickelt hinunterwurfen,
schickten sie ihn wieder samt einem grossen Beutel voll Geld zurück, und zwar
durch das Fenster in unser Zimmer. Es hing ein Brief an dem Beutel, und als man
beides eröffnete, fanden wir in dem Säckel mehr denn sechshundert Ducaten, im
Brief aber, der an Gottfrid lautete, folgende Wort:
    Pfeifer Sack Gärtner. Schreiber geigt, Bogen fiedelt ihr auch, die zwei
Mägde Kopfnüss auf dem Schloss, die Feder will nicht schreiben, gut Invention
Leich-Carmen, nun werdet ihr wohl wissen, wer wir sind.
    Wir lasen den Zettul wohl zehenmal durch, ehe wir unter die rechte Auslegung
geraten konnten. Endlich fand es Gottfrid aus Erkenntnis der Hand. »Es ist«,
sprach er, »niemand anderst als der Gärtner und mein Schreiber, welchen ich bis
dahero die Aufsicht in meinem Schloss übergeben habe. Die Schelmen haben sich
verkleidet und machen uns wider Verhoffen eine angenehme Kurzweil.« Damit
brachte man die Kerl herauf, und die anderen, die wir vor volle Bauernkerl
angesehen hatten, waren niemand anderst als ebendiejenige Studenten, die
ehedessen so lustig aufgefiedelt hatten. Diese waren gekommen, nachdem sie
gehört, dass wir heutiges Tages auf hiesigem Schloss würden eine allgemeine
Zusammenkunft anstellen, uns mit ihren Instrumenten eine neue Ergetzlichkeit zu
verursachen, die wir auf so viel und mannigfaltig ausgestandenes und erlittenes
Ungemach höchst vonnöten hatten.
    Die Schüler gaben vor, dass sie zu solcher Zusammenkunft von Herrn Philippen,
welcher mit Friderichen durch ihre Stadt gereiset, wären bedinget und mit Geld
bestellet worden, so war auch der Gärtner und Schreiber des Gottfrids mit ihrer
Jahrrechnung angekommen und waren also willens, über alle ihre Einnahme und
Ausgabe richtige Verantwortung zu tun, wie sie denn zum besseren Behuf ihrer
Sachen, und dass Gottfrid desto weniger auf die Defecten bedacht sein möchte, mit
obbeschriebenem Beutel voll Ducaten präambuliert hatten.
    Man sah endlich beides vor gut an, weil wir aber nicht willens waren, einen
grossen Lärmen und Tumult, wie wir wohl ehedessen getan haben, anzufangen,
sondern nur in bona caritate & cara bonitate so miteinander bei einem guten
Gläslein Wein mit fröhlicher Conversation die Zeit zu passieren, als mussten die
Studenten ihre Geigen mit Schnopfservetten verbinden, und die keine hatten,
satzten Kämme oder Schlüssel auf den Geigensattel, und also hatten wir von der
stillen Musik gedoppelte Lust. Erstlich, dass es uns die Ohren nicht voll
turnierte, vors ander, dass wir bei derselben von allerlei Sachen gar
verständlich und wohl vernehmlich discurrieren konnten, da man doch sonsten mit
allen Kräften einander in die Ohren schreien muss, gleich als rufte man die Wache
aus. Sie hatten in den Ränzen die Mäntel und ihre Kleider mitgebracht, darum
entkleideten sie sich in einem Gewölbe, und strich uns also die Zeit auf ihren
Geigen noch so geschwinde hinweg. Solchergestalten vertrieben wir diesen Tag in
höchstem Vergnügen, und ist nicht zu sagen, wie sehr wir uns in dieser
unverhofften, doch durch Herrn Friderich recht klug angestellten Zusammenkunft
untereinander ergetzet haben.
    Man beschloss noch diesen Abend, drei Tage auf'm Schloss zu bleiben und
alsdann wiederum zurücke zu reisen. In dieser Zeit mussten die Schüler oder, wie
sie lieber wollen geheissen sein, die Studenten bei uns bleiben, weil sie nicht
allein mit der Geige, sondern auch mit dem Maulleder wakker umspringen konnten.
Bald musste dieser von diesem, bald jener von jenem erzählen, bald hetzten wir
sie mit einer Frage aneinander, darob sie sich wie die Katzen zerzankten und
zerhaderten. Einer disputierte pro, der andere contra, und was noch das
Allerlächerrlichste war, so behaupteten ihrer zwei das Falsum, nicht darum, weil
sie es nicht besser wussten, sondern weil etliches Frauenzimmer auf ihrer Seite
war. Daraus konnten wir genugsam abnehmen, was vor verliebte Donnerdieb die
Schüler sein und wie schröcklich sie vom Cupidine mit der Mistgabel verletzet
waren. Man disputierte unter anderm auch, welches besser wäre, in einer Stadt
oder auf dem Land zu leben. Da sagte der erste, in der Stadt, denn da hätte man
nicht allein gute Gelegenheit zu täglicher Conversation, sondern könnte noch
darzu durch hin und wider laufende Novellen den ganzen Statum Mundi erfahren. So
wäre auch in dergleichen Orten guter Respect, dahingegen die Bauern auf dem
Dorfe sich lange besinnen, ob sie vor einem Edelmann den Hut abziehen wollten
oder nicht. Man könnte auch allda sich nicht allein mit allerlei kostbarem Zeug
bald versehen, sondern hätte auch gute Ursach, sich in Kleidern sehen zu lassen,
welche auf den Dörfern oftermals im Kleiderkasten hangen und von Motten und
Staube müssten verzehret und aufgefressen werden und was dergleichen Umstände
unzählig waren; und diesem stimmte das Frauenzimmer bei, weil sie, von Natur zum
Stolz und Hochmut geboren, gern von den Leuten gesehen und in ihrem Habit
verwundert werden wollen. So halten sie auch viel auf Conversation und zuweil
auch mit solchen Leuten, von welchen man nichts Gutes zu hoffen hat, welches wir
zwar von unsern Weibern, derer Treue uns mehr als zu viel bekannt war,
keinesweges zu befürchten hatten, jedennoch, a potiori fit denominatio, und
weilen es die meisten also zu machen pflegen, so müssen es hernachmals die
Unschuldigen mit entgelten.
    Andere behaupteten im Gegenteil, wie lustig es sei, auf dem Felde zu wohnen
und daselbst seinen Geschäften nachzugehen. Viel Schwätzen verderbte, sagten
sie, nur gute Sitten, und wo viel Wort wären, da wären gemeiniglich auch viel
Sünden, wäre also die in Städten gelobte und gepriesene Conversation nur eine
giftige Seuche, dadurch mancher eine solche Dosin einnehme, davon er hernachmals
nicht [nur] den Leib, sondern auch die Seele aufopfern müsste. Wenn einer dem
andern gern in die Haare wollte, so wäre dieses die angenehmste Gelegenheit,
einander die Meinung zu sagen, und also sei es viel, ja weit besser, auf einem
einschichtigen Dörflein alleine sitzen und statt dem steten und unablässlichen
Gezänke den Waldvögeln zuzuhören. Denn gäbe es gleich in Städten keinen Zank
oder andern Widerwillen, so käme doch bald dieser, bald jener zu schwätzen von
seinem ausgeliehenen Capital, der andere von seinen ungetreuen Freunden, der
dritte von der schlechten Zucht der Obrigkeit, der vierte von seiner
Haushaltung, der fünfte von seinem Kaufen und Verkaufen, der sechste von den
Kriegszuständen. Da wären viel Wort und wenig Nutzen, und wenn mancher zwölf
Stunden von dergleichen Sachen geredet hätte, so wüsste er doch die dreizehente
nit, was es wäre. Und also wäre die Zeit geistlicherweise nit allein verloren
und übel angewendet, sondern auch unverantwortlich verschwendet. Die Zeitungen
und Novellen anbetreffend, wären solche meistenteils erlogen und erdichtet,
indem sich oftermals vier Schreiber zusammensatzten, und welcher unter ihnen die
beste Lüge erdichten könnte, der müsste auch die Zeitungen schreiben, und wenn ja
an denselben so viel gelegen wär, so könnte man solche sowohl auf den
allerabgelegensten Dörfern als in den volkreichesten Städten haben. Die
Kleiderpracht anbetreffend, wäre solche vor und an sich selbst eine grosse Sünd
und Üppigkeit, weil sich da immer einer vor dem andern will heraus- und
hervortun; kleideten sich dannenhero ihrer viel nicht aus Not, sondern dem
andern zu Trutz, und dannenhero würde anitzo das Stück Geld, das man billiger
zur Auferbauung eines Spitals oder Unterhaltung der Klöster und Kirchen anwenden
sollte, in ein Lumpenkleid verstecket, welches etwan so lange als eine
Spinngewebe an einem Fensterstock hielte. So müsste man über dieses in einer
Stadt die Woche zehen Taler verzehren, ehe man auf dem Dorfe zwei vonnöten
hätte, denn wenn einen gleich nicht hungerte, so müsste er doch propter Rationem
Status alles voll und wohl an den Spiess stecken lassen. Es wäre zwar wahr, dass
man in Städten zu viel und mancherlei Gastereien geladen und berufen würde,
allein solche Gastgebot wären nur Ursachen, dass man wieder eine dergleichen
anstellen und sich in grosse Unkosten stecken müsste. Man wüsste über dieses wohl,
dass Fortunatus mit seinem Säckel schon lange tot sei, und also liesse sichs
vernünftig schliessen, dass man auf das Geld fleissig achtgeben müsse, damit
solches nicht vor der Zeit verschwände. Es wäre bekannt, was aurum volatile vor
ein Ding sei, dannenhero wäre es viel leichter, solches auf den Dörfern als in
grossen Städten zu conservieren und im Säckel zu behalten.
    Andere Ursachen wollte man vor diesmal verschweigen, die einen dort und dar
in grossen Zusammenkünften ums Geld bringen könnten. Mancher verspielte in zwei
Stunden all sein Geldlein, welches hernach sein Weib und Kinder ein halbes Jahr
empfinden müssen. Dannenhero wäre es weit tauglicher und ratsamer, auf der
Einsamkeit und in der Feldluft zu leben, weil man daselbst das Seine nicht
allein besser zu Rat halten, sondern noch darzu das Gemüt von vielen Passionibus
und Eitelkeiten entfernet und rein behalten könnte.
 
                                  VI. Capitul.
     Friderich macht endlich den Ausspruch, welcher etliche Handlungen der
                     eingebildeten Stadtlümmel durchziehet.
Es ist wahr, sprach endlich ein jeder, dass das Feldleben einer andern
eingebildeten Herrlichkeit weit vorzuziehen ist. Die Ursachen, welchen einen
oder den andern darzu bewegen können, sind unterschiedlich, also sind auch in
uns die Wirkungen unterschiedlich. »Es ist ein Grosses,« sprach Friderich, »wer
sein eigener Herr sein kann, und diese Freiheit ziehet eine solche Vergnügung
nach sich, welche tausend wünschen, aber kaum einer unter allen erhalten noch
geniessen kann. Man lässet jedem seine Gründe. Dieser ist lieber bei Hof, dieser
lieber in einer Stadt und jener lieber auf dem Dorfe. Wenn der Pfaff am
Kalenberg in unserer Gesellschaft wäre, so würde er sagen: Viel Köpf, viel Sinn!
Aber doch bleibt es wahr und gewiss, dass in der Einsamkeit viel Laster, die in
grossen Städten vorzulaufen pflegen, geflohen werden. Grosse Städte, grosse Sünden,
und weit davon ist gut vor dem Schuss. O wieviel haben liederlicherweise ins Gras
gebissen, die sich gar zu grossen Gesellschaften vertrauet haben! Wie mancher
musste seine Brust den Nachtschwärmern aufopfern, der mit grossem Nutz und Ruhm
hätte können vor das Vaterland sterben! Wieviel sind im Trunk gestorben und ohn
allen Zweifel mit Stiefel und Sporn in Nobis-Krug hineingefahren! Wie mancher
Vater würde noch leben, wenn sein Kind nicht unversehens und wider Verhoffen in
liederliche Gesellschaft geraten und in derselben zugleich verraten und verkauft
wäre worden! Wer in der Einsamkeit sitzet, der hat nicht zu befürchten, dass ihm
von seinem Nachbar die Fenster eingeworfen werden. Man hält zwar die Ehr und
Lust, derer man in grossen Städten oder wohl auch auf dem Hofe zu geniessen hat,
vor eine sonderbare Glückseligkeit. Aber ob sie gleich auf eine Zeitlang zu
ergetzen pflegen, so findet man doch im endlichen Ausgang eine grosse Marter
aller dieser Dinge, die man sich zuvor nit eingebildet hat. Dieses Übel
entspringet von der Falschheit der bis in Abgrund der Höllen verderbten Welt.
    Man gibt anitzo, absonderlich zu Hofe, nicht mehr aneinander die Hände, dass
man dadurch sein aufrichtiges und ergebenes Gemüt will zu verstehen geben,
sondern nur in der Meinung, dass einer dem andern die Hand samt dem Arme gar vom
Leibe herunterreissen möchte. Und warum kommen anitzo so närrische Reverenz und
Passalemanges auf? Nicht, dass man dadurch eine wahre Ehrerbietung einander
erweisen, sondern vielmehr einen heimlichen Pickling stechen kann. Man springet
geschwinde vom Pferd, eilet in Stiefel und Sporn, was er laufen und eilen kann,
gegen einem, so gegen ihm gegangen kommet, ziehet schon von ferne den Hut vom
Kopf, nicht darum, dass er ihm durch dieses eine Ehre zu erweisen willens wäre,
sondern nur, dass er ihm solchen zwischen die Ohren werfen dörfte. Alsdann machet
er sich gar hinzu und neiget sich mit Haupt und Hand bis auf die Erde, nicht
deswegen, dass er seine untertänige Schuldigkeit, wie er wohl spricht, möge zu
verstehen geben, sondern nur darum, dass er viel lieber wollte und im Herzen
wünschte (wohin er seine linke Hand leget), dass dieser, welchen er grüsset, eben
in der Stelle möchte verscharret und begraben liegen, wohin er mit der rechten
Hand deutet. Sehet,« sagte Friderich weiter, »so treibt es die heutige
Schalkwelt. O bleibet in euren Nestern sitzen! Lasset Hof Hof und Städte Städte
sein! Ich finde genugsam, was ich in meiner Einsiedlerei vor häufige
Anfechtungen habe, was würde erst daraus werden, wenn ich in eine grosse Stadt
kommen sollte? Nein, si qua sede sedes, das ist besser vor mich, unter Bauern
geblieben, so schlagen mich die Bürger nicht tot. Ich habe genugsam erfahren,
was Hofleben ist. Ein Stück Brot, das mir der Landmann backet, schmecket mir in
der Einsamkeit besser als der köstlichste Hofbraten, an welchem man die Finger,
ehe man sichs versiehet, verbrennt. Machen gleich die Bauern keine grosse
Ceremonien gegen mir, so mache ich auch keine gegen ihnen. Und wo will
unsereiner mehr Ehr und Respect als eben auf den Dörfern erwerben? In Städten
kommt bald da, bald dort ein junger Monsieur in seinen Kleidern wie eine grosse
Windmühl daher gespaziert, der hat das Herz, sich zu besinnen, ob er vor einen
Alten vom Adel den Hut rucken will oder nicht. Hingegen weiss ich auf dem Dorfe
keiner solchen Gelegenheit zu begegnen, die mich bei mir selber in Widerwillen
bringen kann.
    Was heutzutage nur eine brotlose Kunst zu treiben anfänget, das will in
Städten flugs ein Edelmann, ein Freiherr, ein Graf sein. Diese wollen alles, und
wir Geborne von Adel sollen nichts gelten, und wenn man ihre Eltern
hervorfischet, so ist ihr Vater ein Federfechter und der Grossvater ein Leinweber
gewesen. Damit ist des jungen Gelbschnabels sein Stammregister verfertiget. Wird
ihnen ein Brief zugeschrieben, auf dessen Obschrift das Wort Wohledel vergessen
worden, da runzeln sie die Haut auf die Stirn dermassen zusammen, dass man ihnen
kaum die Nase sehen kann. Mancher hat einen zwei Klafter langen Bratspiess
anhängen, und damit geht er eine Gasse hinauf, die ander wieder hinunter;
sieht etwan ein Frauenzimmer, an welcher auch nicht gar viel Übriges noch
Besonders ist, zum Erker oder Fenster aus, da macht der junge Domine ein so
künstliches Reverenz, dass er darüber in eine Pfütze tritt und seinen
papagoischen Habit mit tausend Flecken bespritzet. Anderer Narrheiten will ich
geschweigen, mit welchen die Gemüter derjenigen angeflammet werden, welche,
nachdem sie ein und andere Weibsperson gegen sich kommen sehen, alsobald
anfangen, eine fremde Sprache oder sonsten solche Sachen zu reden, die weder
diejenige, so in ihrer Gesellschaft, noch auch der, so sie vorbringet,
verstehet. Manchem geht es gar, wie ich einmals zu Cöln gehört. Daselbst kam ein
französischer Offizier zu einer solchen jungen Bursche, und weil diese recht auf
die französische Art gekleidet war, redete ihn der Franzos französisch an. Der
junge Bachant nickte den Kopf, damit zu verstehen gebend, dass ers nicht
verstünde. Auf solches gedachte der Obriste, er wäre vielleicht ein teutscher
Studiosus, und redete Latein. Aber er verstund dieses so wenig als das vorige.
Ha, sprach der Obriste darauf, Hut Franzos, Wammes Franzos, Hosen Franzos,
Strumpf Franzos, Schuh Franzos, Degen Franzos, Handschuh Franzos, Parüque
Franzos, Maul- Hunds- etc. Damit hatte der neue Monsieur seinen richtigen
Taufnamen, nämlich: er war ein Hunds- etc., der nur die französische Kleider,
nicht aber solche Qualitäten an sich hatte, die ihn hätten des Kleides würdig
machen können. Eine solche Löwenhaut ziehen heutzutage noch viel über ihre
Eselsohren. Vestimentum habent, re carent. Wo man in derer hochgelehrten Narren
ihre Declination hineinsiehet, so heisset es überall: Vocativo caret, es ist
nämlich nichts hinter ihnen als Prahlerei, als Maulmachen, als Grosstun, und wenn
sie von einem oder anderem admiriert werden, so wollen sie flugs adelig
getractieret sein. Wenn sie fünfmal auf dem Fechtboden gewesen, so sind sie
schon willens, sich mit ihrer sechsen herumzuschmeissen. Wenn sie mit dem
Fechtmeister so tief in die Schrift gekommen, dass sie ihn Bruder heissen dörfen,
da sind sie alsdann unüberwindlich, da kann ihnen kein Mensch keinen Stoss mehr
anbringen, ha, man hat sich vorzusehen, dass sie einem die Zähne nicht aus dem
Maul und die Augen nicht aus dem Kopfe herausstossen.
    Und wenn ich dieses Übel nur allein betrachte, so ist es wichtig genug, dass
man solche affenteuerliche Gesellschaften und Gelegenheiten meide, durch die man
vielmehr geärgert als gebessert wird. Unsere Kinder lernens darnach ingleichen,
da will keiner dem andern einen Schritt weichen, keiner vor dem andern den Hut
um einen Augenblick ehe vom Kopfe rücken, keiner dem andern den ersten bonus
dies oder bonus vesper bieten, sondern will jeder das præ vor sich alleine
haben, und wenns darzu kommet, so heissen uns die Flegel, noch wohl darzu kahle
Schüfte, lausige Hutzelfresser und dergleichen. Darum meide man solche
Gelegenheiten, so hat man nicht Ursach, sich über solche grosse
Unbescheidenheiten zu ereifern und das Herz im Leibe abzufressen. Die Welt ist
ein saurer Apfel, wer darein beissen muss, dem werden die Zähne bald stumpf
werden.
    Die Einsamkeit ist noch das höchste Kleinod und vor dem Stadtleben um ein
merkliches zu loben. Da sitzet man in seinem Zimmer, sieht anstatt der
Gassenstutzer seine Ochsen in dem Schlosshofe herumgehen, anstatt der häufigen
Gassenlümmel sieht man die Esel Säcke in die Mühle tragen. Anstatt der
Nachtmusiken, welche häufig in den Städten vorzugehen pflegen, höret man den
Hirten auf dem Felde mit seiner Sackpfeife spielen, welches, ob es schon keinen
so angenehmen Ton gibt, gibt es doch bessere Bratwürste und Schweinskeulen.
Anstatt der Zeitungen, dass man uns in Städten viel von grossen Potentaten und
Königen dahersaget, höret man in dem Feldleben bald diese, bald eine andere
Magd, die erzählet, wieviel die Schweinsmutter Junge geworfen, wieviel sie der
Woche junge Kälber bekommen und welche Hühner auf einer guten Brut sitzen. Der
Torwärter saget uns von den Tauben, um wieviel Paar sie sich in einer Woche
vermehret haben, wieviel Krammetsvögel er in seinem Torhäuslein gefangen und was
sonsten dort und dar vor Leute auf der Strasse vorübergereiset sind. Bald meldet
er einen Bauern an, der seine Gefäll, sein Steuer, seine Rent und Zinsen
auszuzahlen willens ist. Diese Zeitungen, ihr Herren, spicken den Säckel, die
andern leeren ihn nur aus. Diese machen mich reich, jene arm; von diesen habe
ich zu fressen, von jenen muss ich hungern, es wäre denn, dass man Papier fressen
könnte, wie Herren Philippens seine Windhunde, als ihnen sein Page in dem
Fleischbraten etliche Stücke eingewickelt in Rachen steckte, davon sie
hernachmals das ganze Zimmer perfumiert haben. Darum lasset uns aus solchem
Schwarm auf das Feld fliehen und uns hinter einem hübschen grünen Busch und
angenehmen Gesträusse hervorgucken, das tut sanfter und besser, als wenn man in
den Städten stets vor dem Spiegel stehen und bald an den Haaren, bald an den
Bändern aufputzen und zurechtstellen muss. Man sieht zwar in grossen Städten
hübsche und herrliche Einzüge auf Pferden und Wägen, aber wenn man im Gegenteil
betrachtet, was vor eine angenehme Lust es ist, seine Leut und Knechte bald mit
einem Wagen voll Kraut, bald mit einem Wagen voll Rüben, bald wieder mit einem
Fuder Heu in das Schloss fahren sehen, das übertrifft alle Ergetzung, die man aus
Betrachtung solcher Solennitäten schöpfet. So bleibt es demnach darbei, dass das
Feldleben vor jenem zu erwählen sei, weil darinnen eine grössere Ruh, ein
steterer Fried, eine bessere Andacht, eine emsigere Betrachtung seiner selbst
und endlich auch den Seinen ein grösserer Nutze kann geschaffet und zuwege
gebracht werden.«
 
                                 VII. Capitul.
  Friderich erzählet seine Eremiterei, sieht vielerlei Gespenster; sein alter
                       Mönch wird vom Bauern erschlagen.
Dieses Feldlob Herren Friderichs hatten wir allerseits grosse Ursach zu
bekräftigen. Oh, wie mancher wäre ohne Verdriesslichkeit und könnte als ein
Freiherr auf seine eigene Hand leben, wenn er den Städten oder auch dem Hofwesen
nicht gar zu viel getrauet hätte. »Du hast recht,« sprachen wir zu Herrn
Friderich, »die Schulfüchse mögen auch dazu sagen und argumentieren, was sie
wollen. Es folget nicht, was das Frauenzimmer lobt, das müsse notwendig
lobenswert sein. Denn wenn dieses anginge, so möchten sie auch einen
Saupfifferling loben, an welchem so gar nichts Gutes ist, dass man auch den
Teufel damit zu vergleichen pfleget. Und auf eine solche Manier hebte man den
häufigen Disputat vor diesmal auf, indem man bei hereinbrechender und allzu
hitziger Zeit entschlossen war, ein lüftiges Zimmer zu erwählen und in
demselbigen alle die Lebensläufe anzuhören, so einem jeden insonderheit unter
uns seit dem letzten Abscheiden betroffen hatten. Zu Ende dessen satzten wir die
vier Studenten mit Dinten und Feder versehen an eine beigestellte Tafel, damit
einer um den andern in Protocollierung der erzählenden Personen beflissen sein
möchte. Den Gärtner aber und den Schreiber schickte Gottfrid mit einem guten
Recompens wiederum zurück, weil sie solchen durch ihren absonderlichen
angewandten Fleiss wohl verdienet und mit ihrer guten Haushaltung ihm ein
merkliches ersparet und verbessert hatten.
    Nachdem man sich nun wegen des Anfangs zur solchen Erzählung nicht wohl
vergleichen können, wurde die Sache mit Würfeln zum Ausgang befördert, und weil
Herr Friderich das wenigste geworfen, war er der erste, welcher den andern die
Pforte eröffnen und seine Zustände erzählen sollte. Er fing demnach, als sich
die Gesellschaft sowohl als die Concipienten an ihren bestimmten Ort
niedergelassen, folgends an, sehr deutlich und vernehmlich zu erzählen.
    Der Eifer wider die häufigen Laster und der Widerwillen dieser zeitlichen
Eitelkeiten waren genugsame Mittel, mich der Gemeinschaft der Menschen zu
entziehen. Ich habe oft nach einem frommen Leben geseufzet, aber solches
keinesweges unter dem allgemeinen Weltgetümmel antreffen können, so sehr ich
auch darum mich bearbeitet habe. Die Angst, welche ich deswegen meistenteils zur
Nachtzeit, wenn ich auf meinem Lager erwachet bin, in meinem Herzen empfunden,
ist unmöglich, dass sie hier sattsam könnte entworfen werden. Ich fand in meinem
Gewissen, wenn ich auf einer solchen gefährlichen Bahn fortwandeln würde, dass
ich allem Ansehen nach mit vollem Lauf der Höllen zueilete. Darum quälete ich
mich so lange, bis ich willens wurde, der Welt nicht allein von innen, sondern
auch von aussen, wie ich getan habe, zu entfliehen und ihre Netze zu zerreissen.
Ihr wisset wohl, dass ich dazumal in die Einsiedelei gegangen und daselber
einen grossen Mönchsrock über meine Schultern geworfen habe, nun aber will ich
euch berichten, was mir zeit solches Lebens an dem Ort sowohl als sonsten
zugestossen ist.
    Den Tag, als ich mich entschlossen, die rauhe Kutte anzuziehen, hatte ich
wohl tausenderlei Grillen. Ich ging morgens in den Gedanken herum, gleich einem
Menschen, der keinen Verstand hat, und erstach, wie Kaiser Domitianus getan, die
an der Wand hin und wieder sitzende Mücken und Fliegen. Bald gedachte ich, in
Krieg zu gehen und meinen adeligen Schild mit der Feinde Blut zu färben, damit
mein Ruhm in meinem Vaterland desto grösser würde und der Priester in meiner
Leichenpredigt eine mehrere Materiam finde, mich und meine löbliche Handlungen
vor der Gemeine herauszustreichen. Aber, gedachte ich wieder, wer weiss, wo du
stirbest und auf was vor eine Art du umkommst, und wie bald ist es geschehen,
dass so leicht deine Feinde mit deinen Beinen als du mit den ihrigen die Birne
und Äpfel von den Bäumen wirfest! Also liess ich mich von meinen eigenen Gedanken
unermesslich peinigen und quälen, bis ich endlich mein vorgenommenes Werk einging
und mich in ein tiefes Tal verfügte, darinnen ich bis anhero gelebet habe.
    Ich traf daselbst einen alten Priester an, welcher noch allein von allen den
Mönchen überblieben war, welche ehedessen in diesem Kloster gewohnet haben. Er
sagte, dass der Brand und die starke Giftseuche, so ehedessen daselbst heftigen
Schaden getan, das Kloster aller seiner Inwohner beraubt hätten, und weil er
meiner als ein alter Mann wohl vonnöten hatte, gab er mir in Hoffnung meines
guten Beistandes allen tauglichen Rat, wie und auf was vor eine Art ich mein
eremitisches Leben anfangen, fort- und ausführen sollte. Ich habe bei demselben
in aller Zufriedenheit und grosser Vergnügung gelebet, weil er mich nicht allein
mit guter Speise, sondern mit köstlichem Getränke wohl versehen hat. So sehr ich
allen eitlen Sorgen abgesagt, so stach mich doch der Vorwitz und das Verlangen,
zu wissen, wovon ihm solcher Vorrat herkäme, indem ich keinen Menschen länger
denn vierzehen Tage bei ihm gesehen habe. Aber ich merkte durch meine heimliche
Nachsicht, dass er unter einem grossen Steinhaufen mit vielem Geld rasselte,
dadurch er zuwege gebracht, dass ihn ein bestallter Bauersmann alle Monat aus
nächstgelegener Stadt mit allerlei Proviant reichlich versehen. Unsere Wohnung
hatten wir in einem dunklen und finstern Gewölbe, darinnen nur ein kleines
Fensterlein, mit einem dichten eisernen Gitter verwahret, eingehauen war.
    Dannenhero mussten wir auch am Tage Licht brennen, weil sich wegen
vorliegendem Gemäuer der Tag nicht genugsam hineinwerfen konnte.
    Dieses Ort, gleichwie es, wie ihr wohl denken könnet, an sich selbst grausam
und widerig gewesen, als hatte ich trefflich Mühe, daselbst bei dem alten
Graubart zu gewohnen, welcher sich doch in allen seinen Handlungen gegen mir als
ein Vater erwiesen hat. Er war zu alt, seiner Ordnung gemäss betteln zu gehen,
darumben verrichtete ich das Werk anstatt seiner, auf dass ich sowohl Brot
sammlen als meinen jungen Leib in etwas bewegen möchte, welches er zu tun wegen
seines hohen Alters nicht vermochte. Also bin ich das Land aus und ein gegangen,
und ob ich gleich kein Erdmesser bin, verpflichte ich mich doch, eine so
perfecte Landkarte auf das Papier zu reissen, als sich wohl jemand einbilden
möchte. Diese Art kam mir, nach meinem vorigen Zustand, sehr beschwerlich, wenn
ich mit meinem grossen Bettelsack bald da-, bald dortin gehen und allerlei
Beschwernissen ausstehen musste. Aber es hiess Patientia, mein lieber Bruder, und
half nichts, so sehr mich auch die Brocken in dem Sacke auf die Schultern
drückten.
    So war mir über dieses alles nichts so zuwider, als die mannigfältige
Gespensten zu sehen, die uns in dem alten und ruinierten Kloster fast alle Abend
erschienen sind. Bald sahen wir eine Procession mit vielen Feuerfackeln und
anderen Wachslichtern unser Gewölb vorbeigehen, bald kam eine Leiche und
dergleichen, daraus leichtlich abzunehmen ist, wie uns beiden bei einem solchen
Spectacul mag zumut gewesen sein. Das Gepolter und Tumultuieren unter den
Steinen und des Hin- und Widerwerfens waren wir so gewohnet, dass wirs endlich
gar nicht mehr achteten. Der Bauer, so uns das Essen brachte, war einsmal so
sehr von einem solchen Rumorgeist erschrecket, dass er sich hinfort nicht mehr
getrauet, bei uns über Nacht zu verbleiben. Es war so unsicher, dass wir abends
schwerlich ausser dem Gewölbe gehen dorften. Wie unzähligmal es mir das Licht
ausgeblasen, ist nicht zu beschreiben, nur dieses einzige zu gedenken, dass es
uns oft alle beide in dem Schlaf auf einen hohen Steinhaufen hinaufgetragen,
davon wir mit Gefahr des Lebens wieder herabsteigen müssen. Zuweilen hörten wir
heulen, zuweilen weinen, zuweil einen andern Tumult an dem Ort, wo ehedessen die
Kirche gestanden, und es geschah nicht selten, dass wir dorten einen Priester
Messe halten sahen.
    Einsmals kam ich bei heisser Sonnen am hellen Mittag mit meinem gesammleten
Brot nach Hause, und als ich an die Pforte kam, fand ich daselbst einen Mann von
ziemlich langer Statur in einem halben Harnisch sitzen. Sein Haupt war voll
Blut, und führte unter seinem Arm ein blosses Schwert, mit gleichem Schweiss
besprenget. Ich erschrak über diese unverhoffte Gestalt, und weil ich ihn vor
einen Soldaten hielt, der etwan in einem Scharmützel wäre verletzet worden,
fragte ich ihn um seinen Zustand. Wie seid Ihr, sprach ich, an diesen Ort
geraten und was machet Ihr hie in dieser Einöde, da ausser mir sonst wenig
Menschen wohnen? Er schwieg still und seufzete mit einer solchen Bangigkeit,
davon mir allgemach anfingen die Augen aufzugehen, denn er fing dergestalten an,
in die Höhe aufzuwachsen, dass sein Haupt weit über den Kirchturm hinaus stund.
Ich wich vor Schrecken zurück, und in solchem verschwand er mir unter Augen und
liess mich in unbeschreiblicher Furcht weit von der Stelle im Felde stehen.
Nichtsdestoweniger eilete ich in das Kloster und verschwieg gegen dem Alten, was
ich gesehen hatte, weil ich noch voll Schrecken und Zittern war. Indem ich nun
beschäftiget war, das Feuer anzumachen und bei demselben unsere Abendmahlzeit zu
kochen, kommt jemand vor das Gewölb und klopft an. Ich wollte in der erst nicht
trauen, weil es aber öfters geschah, ging ich endlich hin und fand eine ziemlich
alte Frauensperson draussen stehen, welche auf eine sehr altfränkische Art
gekleidet war. Sie sagte kein Wort, sondern überreichte mir ein grosses Buch, und
sobald ich solches in die Hand gekriegt, verschwand die Frau, und ich hatte
einen grossen Totenkopf in den Armen. Aus diesem Exempel könnet ihr euch sattsam
einbilden, wie ein kurzweiliges Leben ich in diesem Tal geführet habe.
    Des andern Morgen ging ich weit in dem Lande herum, und als ich abends
wieder nach Hause kam, fand ich meinen alten Mitbruder tot in dem Hof und mit
vielen Wunden verwundet unter den Steinen liegen. Ich erblickte ihn erstlich nur
bei einem Bein und Zippel des Mönchrockes, als ich ihn aber hervorgezogen,
ergriff mich Furcht, Schrecken und Erbarmen zugleich, welches ich ob diesem
Spectacul zu fühlen höchst Ursach hatte. Was war da zu tun, oder was konnte ich
mir anders einbilden, als wäre er vielleicht von einer eingefallenen Mauer
niedergeschlagen worden? Aber die Wunden waren allem Ansehen nach nicht von
Steinen, sondern mit Säbel oder Degen gehauen worden, darum liess ich nach, zu
zweifeln, sondern wandte mich vielmehr zu demjenigen Haufen Stein, darunter ich
zuvor den alten Eremiten hatte Geld zählen hören, weil ich, ob es schon meinem
geistlichen Stand nicht anständig wäre, dennoch viel aufs Geld gehalten. Aber es
war fort und weder Heller noch Pfennig an diesem Ort, da ich doch einen so
grossen Vorrat zu finden gehofft hatte. Darum konnte ich auch leichtlich
argwohnen, dass dieser Einsiedler niemanden anders als gewissen Räubern unter die
Hände geraten, die vielleicht um diesen verborgenen Schatz einzige Wissenschaft
getragen. Andernteils gedachte ich wieder auf den Proviantbauern, und weil man
demselbigen Volk ohnedem alle Schalkheit zuschreibet, bildete ich mir bald ein
und sprach zu mir selber: Hui, dass der Teufel den Bauern geritten und ihn zu
einer solchen Tat verleitet hat? Und ob ich wohl dazumal nicht hinter die
gewisse Begebenheit gelangen mochte, entschloss ich mich doch, so lange in diesem
Ort zu entalten, bis ich von demselben, welcher nach seiner gepflogenen
Gewohnheit über drei Tage gewiss ankommen musste, einzigen Rat erhalten, was nun
mit mir am tauglichsten zu tun wäre.
    Ich stackte mich also voll Furcht und Elend in einen andern abgelegenen
Winkel und blieb drei Tage und Nächte voll Angst und Zittern in dem Kloster,
weil ich immer in Sorgen stund, die Räuber dörften, in Meinung eines mehrern zu
geniessen, noch einmal anklopfen. Dannenhero verwahrte ich meinen Zugang in das
neue Loch mit grossen Steinen, darinnen mich auch der beste Spürhund nicht
leichtlich würde gerochen haben. Als sich aber nichts anmelden wollte, ging ich
den dritten Tag aufs Feld, in Meinung, unserem Bauern entgegenzukommen, aber
sein Ausbleiben machte in mir endlich die Meinung zur Gewissheit, die ich wegen
seines Mordes und der Plünderung bis dahero, obwohlen noch ungewiss, getragen
hatte.
    Dazumal fing ich erst an, die Untreue der Welt und ihren Geiz zu beweinen,
und es ist nicht zu zweifeln, dass ich mich über dem erbärmlichen Tod dieses
frommen Mönchs recht kümmerlich und schmerzlich betrübet habe, weil er mein
einziger Freund gewesen, der mir in dieser Welt noch zum Trost gelebet hat.«
 
                                 VIII. Capitul.
    Er kommt zu einem Kurzweiligen vom Adel. Der Totschläger wird wunderlich
                                   offenbar.
»Ich könnt euch leichtlich zu Gemüte führen, in was vor einem elenden Zustande
meine Sachen dazumal gestanden und wie mit einer grossen Furcht in dieser
abscheulichen Spelunken mein mühsames Leben zubringen müssen.
    Meine Nahrung war dahin, mein bester Freund erschlagen, und was ich am
meisten bedauret, ist gewesen, dass ich ihn so schlecht und ohne grossem Gepränge,
dessen er wohl wert gewesen, habe begraben und unter einen Haufen Kalk und
Ziegel scharren müssen. So entstund über dieses in mir eine ziemliche Furcht,
dass, wenn man es an umliegenden Orten erführe, mich ohne allen Zweifel eine
unrechtmässige Anklage betreffen möchte, darum waren meine häufigen Sorgen solche
Begleiter, die ich auf keinem Ort noch Wege von mir abweisen konnte.
    Endlich gab ich mich geduldig darein und achtete es für ein geringes, ob ich
gleich wie mein Mitbruder stürbe und erschlagen würde, wenn ich nur eben an dem
Ort, da er lag, ruhen könnte, weil er in mir gegen sich eine solche Liebesflamme
angezündet, die keiner Verlöschung unterworfen war. Und es ist gewiss, dass ich
annoch ein sehnliches Verlangen nach seiner Person trage, vielleicht würde er
mir in allem Vornehmen einen solchen Rat erteilen, der zu meinem Besten
gereichen würde. Aber ich musste solches mehr beseufzen als hoffen, gleichwie ich
auch dazumal getan, als ich mich zwar unterweilen an ebendiesem ruinierten Ort
aufgehalten, aber doch die meiste Zeit mit meinem Bettelsack hin und wider in
dem Lande zugebracht habe.
    Einsmals nahm ich, wie man zu sagen pfleget, meinen saccum per pakum &
nakum, damit wanderte ich zum Tempel hinaus und in der Welt so lange herum, bis
ich endlich über dem Gebirg zu einem Edelhof geriet, darinnen ein überaus
Kurzweiliger vom Adel sich aufgehalten. Man wies mir den Weg bis vors Tor, weil
er den Einwohnern des Dorfes öfters befohlen, alle Fremde, die etwan diese
Strasse vorbeireisen, hineinzuweisen, indem er aus fremder Leute Conversation
eine sonderliche Ergötzlichkeit geschöpfet. Als ich an das Tor kam, musste ich
wider meine sonst angeborne Gewohnheit heftig lachen und mich über allerlei
lächerliche Sachen höchst verwundern, die er allda an dem Tor hatte annageln und
an der Schlossmauer abmalen lassen. Nebenst einem Schweinskopf waren zwei grosse
rote Strümpfe angeheftet, und auf der Seite hing ein Katzenkopf mit einer
Tabakspfeife, samt noch viel andern ungereimten Dingen.
    Ober dem Tor stunden nächst einem Turm etliche von Holz geschnitzte Fechter,
und wenn sich nur das geringste Lüftlein erhebte, so schlugen sie mit ihren
Dusacken einander auf die Köpfe, dass es klatschte. Die Gemälde, weil sie in
grosser Anzahl allhier anzutreffen waren, konnte ich unmöglich alle im
Vorbeigehen betrachten, und mir als einem Geistlichen stund nicht wohl an, mich
in Ansehung solcher Narrenpossen lange zu verweilen.
    Kam also in den Schlosshof, allwo mich der Edelmann [empfing], so gleich
etliche Spielleute dingte, auf künftigen Sonntage in seinem Garten bei einer
Comoedia, die er wollte spielen lassen, aufzuwarten. Siehe da, sprach er zu sich
selbst, als er mich erblickte, wieder ein angenehmer Gast. Aber was ist dieses
vor ein wunderlicher Habit? Ihr seid kein Capuziner, denn sie gehen nicht
allein, so seid Ihr auch kein Jesuit, denn sie gehen schwarz, und ob Ihr gleich
zwei Füsse habt, so seid Ihr doch kein Barfüsser, darum sagt mir, vor was soll ich
Euch halten? - Mein Herr, sagte ich, ich bin zwar derer keines, wie Ihr selbst
zweifelt, aber ich führe ein härteres Leben als mancher unter diesen benannten
Ordensbrüdern, denn ich bin ein von aller menschlichen Gesellschaft entäusserter
Mensch und lebe als ein Einsiedler in einer einsamen Wüstenei, allwo ich meiner
Andacht abwarte.
    Ha, ha, sagte er, seid Ihr ein Einsiedler? Sehet da, das ist mir lieb, mit
Euch in Bekanntschaft zu geraten, mein, wo seid Ihr her? - Ich bin, sagte ich,
über dem Gebirg herüber, allwo ich in einem tiefen Tal meine Klausen besitze und
mich mit Bettelgehen behelfe. - Wie ich sehe, sprach er, so ists nicht anders,
denn Ihr tut, was Ihr saget, aber wäre Euchs wohl lieb, wenn ich Euch einen Sack
voll geräuchertes Fleisch und noch zehen Taler darzu schenkte? Ich sagte, dass
mir dadurch kein geringer Dienst geschähe, und also versprach er mirs bei der
Hand und führte mich mit sich in seine Stube, weil er gleich zu dem Abendessen
gehen wollte. Er hiess mich daselbst an den Tisch sitzen und erst wacker füttern,
alsdann sollte ich unbeschwert meinen Lebenslauf erzählen, und wie ich meine
Zeit in der Einsiedelei zu verbringen pflegte. Darum schoppte ich meinen
ausgehungerten Magen tapfer voll und ass mich einmal recht satt, weil alles auf
das wohlgeschmackichste zugerichtet war.
    Seine Frau und Kinder sahen mich und meinen Habit mit Verwunderung an, und
wenn der Edelmann zu seinem kleinen Söhnlein sprach, dass ich der Knecht Ruprecht
wäre, der ihn in den Sack stecken wollte, so fing der Knab abscheulich an zu
weinen und zu heulen.
    So hat sich auch der Schlossschreiber so sehr in meinen Aufzug vernarret, dass
er mich ohn allen Zweifel vor ein neues Tier aus Etiopien gehalten. Damit fing
ich an zu erzählen, wie und auf was Weis ich in diesen Stand geraten, ich
meldete aber nichts von meinem Adel, hintansetzend all diejenigen Geschichten,
die mir ehedessen unter unser Gesellschaft begegnet sind, sondern ich tat
vielmehr eine zugelassene Lüge und fand weit einen andern Umschweif, meiner
Sache eine gute und taugliche Farb anzustreichen.
    Als ich nun solche Erzählung fast in einer guten Stunde continuieret, fiel
mir bei der grosse Schmerzen, welchen ich über dem unschuldigen Mord meines alten
Einsiedlers trug. In diesem Vortrag seufzete ich öfters von Herzen, und der
Edelmann merkte wohl, dass mich ein heftiges Übel quälete. Weil er aber, wie er
hernach bekennet, geglaubet, als geschehe mein heftiges Seufzen und Wehklagen
wegen eines angezogenen Busskleides oder Filicium, hat er, um die Ursach dessen
zu forschen, vor diesmal innengehalten.
    Endlich kam ich damit hervor, und als ich ihm umständliche Erklärung getan,
wie und auf was Weise ich meinen Mitbruder gefunden und dass ich, meiner
Mutmassung nach, entweder etliche Räuber oder den Bauern, so uns die Victualien
gebracht, vor den Täter hielte, fragte er mich, ob ich nicht wüsste, wo der Bauer
wäre haussätzig gewesen. Ich verneinte es, weil ich in meinem Kloster so still
und eingezogen war, dass ich es vor eine über die Massen grosse Sünde gehalten, um
solche Sachen zu fragen, an welchen mir nichts gelegen, und dannenhero konnte
ich nicht wissen, wo oder in welchem Dorf der Bauer gewohnet hatte.
    Es ist wahr, sprach der Edelmann, dieser Casus, wenn man ihn umständlich
betrachtet, lässt sich nicht anders urteilen, als dass er von dem Bauern, so euch
verproviantieret, begangen worden. Denn mutmasslich hat er gewusst oder vielleicht
ein- und andersmal gesehen, wo der alte Einsiedel das Geld hernimmt.
    Dadurch ist er hernach bewogen worden, seinen Vorteil in Eurem Absein zu
ergreifen und ihm seine Axt zwischen die Ohren zu schmeissen. Aber holla! würdet
Ihr den Bauern wohl kennen, so er Euch unter Augen käme? - Warum das nicht,
sagte ich, er hat sich oft bei uns eingefunden und ist mir mehr denn wohl von
Gesicht bekannt.
    Hiermit stund er von dem Tische auf, rufte mich hinter den Ofen und sprach
heimlich in mein Ohr: Der Bauer, auf welchen Ihr und ich den Argwohn geworfen,
ist allem Ansehen nach mein Wirt in diesem Dorf. Damit klopfte er mich auf die
Achsel und sprach weiter: Er ist neulich eben über das Gebirg herübergekommen.
Weil er einen ziemlichen Schatz von allerhand alten Sorten mit sich brachte,
pachtete er meine Schenke, die hier nächst bei dem Schloss liegt. Er ist in
allen Sachen so verzagt, und sooft ich ihn vor mir habe rufen lassen, ist er als
ein blasses Tuch erschienen.
    Ich kann kaum ein Wort mit ihm reden, so zittert er an Händ und Füssen und
sieht sich allentalben um, gleich als hätte er mehr denn zehen Feinde, die ihm
nach dem Leben trachteten, zu fürchten. - Ihr werdet, sprach ich hierauf zu dem
Edelmann, ein grosses Stück Eurer belobten Tugend sehen lassen, so Ihr diesen
Missetäter, wenn es anders ist, mit einer vorsichtigen Klugheit in das Garn
krieget.
    Der Edelmann hiess darauf alsobald in dem Dorfe einen Tanz ausrufen, und weil
ich ein wenig geigen kann, so musste ich auch dazumal zum bessern Behuf unsers
vorgenommenen Werkes eine Fiedel ergreifen, weil mich der Edelmann in einen
grossen Mantel verdecken und also nach dem äusserlichen Ansehen vor dem Wirt
verbergen wollte. Nach diesem satzten wir uns wieder an den Tisch, allwo ich
voll Verlangen, den Täter zu sehen, der Edelmann aber voll Wunder wegen meiner
getanen Relation so lange verharret, bis der Kerl, so zum Tanz allbereit
angesagt hatte, wiederum zurücke gekommen.
    Diese Gewohnheit, einen Tanz auszurufen, war, wie er mir erzählete, seine
gemeineste Kurzweil, absonderlich aber, wenn er im rechten Laun war, weswegen
dann die Bauern häufig zugelaufen kamen, weil da jeder nach seiner eigenen
Freiheit und Gutdünken leben dorfte.
    Es kam eine grosse Anzahl in die Hofstube, daselbst ihrer Freude einen Anfang
zu machen, und ich sah mit Schrecken und Erstaunen in der Person des Wirts
ebendenjenigen Bauern, so uns ehedessen in der Klausen das Essen gebracht und
unsere Notdurft eingekauft hatte. Er ists, sprach ich in verstellter Kleidung zu
dem Edelmann ins Ohr. Damit liess er ihn greifen, und also zerfloss die Freude so
bald, als schnell sie sich zuvor angesponnen hatte.
    Dem armen Tropfen erwachte das Gewissen um so viel desto eher, weil es noch
niemalen geruhet hatte, ihm seine frevle Schand- und Mordtat vorzuwerfen. Er
bekannte noch vorhero, ehe man ihn gefraget hatte, und als er mich unter Augen
kriegte, rufte er schon um Gnad und Barmherzigkeit. Er wollte zu seiner
Erledigung das meiste Geld, welches er unter dem Steinhaufen genommen, wieder
herschaffen, aber hie half kein Flehen noch Bitten, sondern er wurde an allen
vieren geschlossen und dem Landgericht als ein Mörder zu dero scharfen Justiz
eingehändiget und übergeben. Kurz darauf ist er mit glühenden Zangen gezwicket
und von unten auf gerädert worden, welchen Lohn er mehr als wohl verdienet hat.
    Das Geld, welches man noch in grosser Quantität bei ihm gefunden, ist den
Capitalien eines Armenhauses einverleibet worden. Und kurz darauf bin ich wieder
in meine vorige Wohnung mit des Edelmanns grosser und reicher Beschenkung
angelanget, allwo ich auch meist unter Betrachtung himmlischer Sachen meine Zeit
bis dahero zugebracht habe. Wir haben daroben versprochen, unser Leben mit
kurzen Umständen zu entwerfen, darumen will ich mit diesem Exempel euch allen
vorgegangen, nicht aber vorgeschrieben, sondern nur das gesetzte Ziel hiermit
erfüllet und also meine ganze Histori geschlossen haben.«
 
                                  IX. Capitul.
Gottfrid erzählet seine Eremiterei, sein Bruder Christoph tut Meldung von seiner
 grossen Langweil, macht eine Landkarte in dem Wald. Mit was Dietrich seine Zeit
         passiert. Sempronio stellet vor, wie es ihm indessen gegangen.
Die Ordnung, welche uns zur ferneren Erzählung verbunden, traf bald diesen, bald
jenen. Aber weil keiner unter uns allen eine solche Rede wie Herr Friderich tun
konnte, als hatten die übrige drei Schüler wenig zu notieren, was etwan einem
oder dem andern in seiner Einsiedlerei möchte begegnet sein. Nichtsdestoweniger
fing Gottfrid an und erzählte, wie wunderlich ihm seine Pfafferei angestanden.
»Ich bin«, sagte er, »all mein Leben lang nit so melancholisch als in dem Wald
gewesen.
    Nun kann ich mir sattsam einbilden, wie es dem ehrlichen Bruder Friderich
gegangen, als er in der Wildnis ganz alleine gesessen und seine Zeit ohne allen
Zweifel in Sorgen und Furchten hingebracht hat. Meine grösste Ergetzlichkeit war,
dass ich in dem vorbeistreichenden Bächlein zuweilen mit dem Angel, zuweilen mit
einem kleinen Netzlein die Forellen herausfischte, welche ich mir doch
hernachmals weder sieden noch braten konnte, taugten mir also die Fische
vielmehr zur Verkürzung der verdriesslichen Stunden als zur Sättigung meines
hungrigen Magens. Das Essen, so mir von meinem Schloss gebracht wurde, war
meistenteils kalt, also genoss ich kaum halben Teil, das übrige wurf ich in das
Bächlein, worinnen sich die allerherrlichsten Fische, dasselbe zu verzehren,
zusammensammleten.
    Dieses war also mein erstes Mittel, die Zeit zu vertreiben, das andere
suchte ich in Durchlesung der alten Legenden, in welchem Buch von
unterschiedlichen Heiligen und frommen Eremiten gehandelt wird, wie fleissig und
emsig sie in abgelegenen Wäldern ihrer Andacht abgewartet haben. Dieses trieb
ich fast täglich, und wenn ich morgens ein Capitul daraus las, so dachte ich den
folgenden Tag reiflich nach, wie ich auch ein dergleichen Leben anstellen und
vollbringen könnte. Aber es fehlete an meinem Willen und Vermögen um ein
merkliches, darum liess ich die Hoffnung ziemlich sinken, eine solche
Vollkommenheit zu erlangen. Insonderheit wenn ich an meine alte Schelmenstücke
zurück gedachte, die ich da und dorten und absonderlich in meiner Jugend
begangen hatte. Nichtsdestominder habe ich doch das Buch nicht ein-, sondern
etlichmal durchlesen, also dass ich von einer jeden Histori wollte Rede und
Antwort geben. Ich musste mich billig verwundern, dass ihrer etliche die Welt
dergestalten gehasset, dass sie einen grossen Ekel an allen zeitlichen Gütern
getragen, sich in die Wildnis begeben und darinnen ihr Leben in höchster
Dürftigkeit zugebracht haben. Durch das Exempel solcher Leute wurde ich in mir
selber aufgemuntert, einzige Gewalt auszustehen, aber ich war zu allem
Vornehmen zu schwach und nachlässig, weil ich einer so scharfen Disciplin ganz
ungewohnet gewesen. Meinesteils halte ich vor gewiss, dass derjenige, so ein
hartes und strenges Leben zu führen willens ist, zu demselben von Jugend auf
durch fleissige Übung müsse tauglich gemachet werden. Denn zu einem solchen Leben
gehören harte Knochen, und wer der guten Bisslein gewohnt ist, ist nicht
leichtlich zu Haberstroh zu gewöhnen. So wollte mir auch das Wasser auf den Wein
durchaus nicht schmecken, und in summa, ich bin in der Einsiedlerei nichts
wenigers als ein Einsiedler gewesen, weil ich stets zurück in die Welt
gewünschet und nach meinem vorigen Zustand unablässlich geseufzet habe. Dieses
sei also das Final von meiner Erzählung, weil euch die anderen Zustände, die
einem einsamen Menschen begegnen, als erfahrnen Meistern ohnedem zur Genüge
bekannt sind; überlasse also die Zeit einem andern, damit er sich derselben in
seiner geschicktern Erzählung gebrauchen kann.«
    Nach diesem wurde wieder mit den Würfeln geworfen, durch welchen Wurf sein
Bruder Christoph zur Erzählung kam, welcher, gleichwie er, mit wenigen Umständen
seinen Zustand entworfen. »Ich will«, sagte er, »gar mit einem geringen Pinsel
dasjenige abmalen, was mir zeit meiner Einsamkeit in dem Walde begegnet. Es ist
mir mancher Tag länger denn sonsten ein Monat vorgekommen, und wäre mir ohne
allen Zweifel unmöglich gewesen, nur vierzehen Tage in einem solchen Wandel
auszudauern, wenn ich nicht von Jugend auf mit dem Waidwesen hätte umspringen
und also die Zeit noch ziemlich in dem Forst hätte passieren können. Nebenst den
Schleifen, in denen ich Hasen und Hühner zur Genüge gefangen, stallte ich auch
den Wölfen und Füchsen. Den Tag brachte ich oberzähltermassen mit dem Waidwesen,
die Nacht aber mit Ausmessung dieser Provinz und Landschaft zu, welche ich auch,
als ich euch hier weisen werde, nach seinem ordentlichen Zirkul ausgeteilet und
auf das Papier gebracht habe. Das übrige, was ich sonsten getan, habet ihr aus
dem unter uns aufgezeichneten Diario oder Tagebuch genugsam zu sehen. Wenn ich
die Langweil betrachte, derer ein einsamer Mensch, der ohnedem nicht gerne
Grillen fänget, unterworfen sein muss, so ist sie eine unbeschreibliche Pein,
nicht allein dem Geist, sondern auch dem Leib, wie ich denn, ob ich gleich des
Waldes von Natur gewohnet war, dennoch am ganzen Leib verfallen und vom Fleische
gekommen bin.«
    Nach dieser Erzählung wurde wieder geworfen, und traf die Ordnung den Herren
Dietrich, welcher mit einem grossen Seufzer seine Worte hervorfoderte. »O meine
Zunge,« sagte er, »du bist zu wenig, all das Ungemach auszusprechen, darinnen du
und ich bis dahero gestecket haben. Zwar meine vielfältig begangene Bosheit
hatte eine solche Buss höchst vonnöten, ohne welcher ich sonsten vielleicht in
eine grössere Seelengefahr gekommen wäre. Ihr wisset und ist euch insgesamt
bekannt, wie bitter die Wurzeln zu geniessen sind, und weil ich aus grossem
Verlangen, den alten Eremiten gleich zu werden, mich, gleichwie sie getan,
unterstund, dieselben aus der Erde zu graben, ist es fast nit zu glauben, wie
schrecklichen Schmerzen ich in meinem Magen darüber empfunden habe. Ich ward
anfangs so betrübt in meinem Herzen, dass ich oftermals in die halbe Nacht
weinete. Dazumal gedachte ich zurück an unsere gepflogene Fröhlichkeiten und
verwunderte mich, wie sich der Mensch selbst so gram werden und sich so gar
ausdermassen übel halten könnte. O Dietrich, sagte ich zu mir selber, nur fort
mit dieser Lebensart, fahre fort, fahre fort. Aber dieser Antrieb machte mir
zugleich einen Ekel, welchen ich ob den Sachen trug, die ich mir zu tun doch
gänzlich vorgesetzt hatte. Endlich fing ich an, meine Zeit mit Bücherschreiben
hinzubringen. Ich nahm mir vor, die alten Rittergeschichten zu beschreiben, und
weil ich in solchen trefflich belesen, konnte ichs gar wohl in das Werk richten.
Zuweilen brachte ich in Erweiterung meiner Zellen zu, welche ziemlich
durchlöchert war. Unterweilen geigte ich auf meiner Violin, dass es in dem Wald
schallete, und konnte mich trefflich an dem Echo ergetzen, welches von einem
unweit entlegenen Felsen zurückfiel. Die Lieder, so ich abends bei meinem
Öllicht aufgesetzet, sang ich meistenteils des Morgens zum Fenster aus, und
alsdann ging ich meinen Weg da-, den andern dortin spazieren, wie ich denn nach
Ausweisung des Tagbuches in unterschiedliche Dörfer gekommen, in welchen ich von
meinen eigenen Untertanen ganz unkenntlich Brot und Eier gesammlet habe.
Meinesteils achtete ichs zwar nicht gar gross, ob ich auch gleich hinfüro all
mein Lebenstage in der Wildnis zubringen sollte, denn ich habe es wider
Verhoffen schon in etwas gewohnet, weil ich dieses Leben am Anfang mit aller
Gewalt angefangen und meinen Willen durchaus gebrochen habe. Die Gewohnheit, ob
man sie wohl vor unüberwindlich schätzet, kann doch wieder mit der Gewohnheit
überwältiget werden. Consuetudo consuetudine vincitur, aber es muss ein starkes
Leder sein, aus welchem man der verderbten Natur einen Zaum machen will. Dieses
sei also meine Relation aus der Wüsten, die ich zwar viel länger hinausführen
könnte, wenn eurer nicht so viel vorhanden wären, die ich auch gerne hören
wollte. Bitte demnach, was meine ungeschickte Zunge versehen, dasselbe mit einem
günstigen Auge zu übersehen, weil ich keinesweges zweifle, dass dieser Fehler
durch die Wohlberedsamkeit meines Nachfolgers gänzlich wird erwidert und
ersetzet werden.«
    »Du machest ein schreckliches Compliment«, sprach Philipp, und nachdem er
mit mir und Sempronio geworfen hatte, traf diesen letzten die Ordnung, welcher,
als ein fein studierter und höflicher Mensch, mit wenigem darstellte, wie es ihm
seit unseres letztern Abscheidens aus dem Bauerndorf, darinnen er Hochzeit
gemacht hätte, gegangen wär. »Ob ich schon«, fing er an, »mit euch kein gleiches
Leben geführet, so lege ich nichtsdestoweniger eine gleiche Erzählung ab. Euer
Leben ist verstandenermassen meistenteils langweilig und meines ist nicht gar
lustig gewesen. Statt eurer Langweil hatte ich meine sonderliche Haussorgen und
andere Widerwärtigkeiten, die sich nicht sowohl erzählen als beherzigen lassen.
Ihr sehet, dass ich annoch in der Trauer gehe, darum habt ihr genugsam zu
betrachten, wie heftig mich das Absterben meines ersten Söhnleins gequälet hat.
Diese Betrübnis hat eure einsiedlerische Grillen weit übertroffen, und ich bin
dadurch in mir und meinem Herzen vielleicht viel mehr als ihr in euren rauhen
Kleidern gedemütigt worden. Die widerwärtige Streitsachen mit meinen Processen
machten mir mehr Sorgen, als euch die Einsamkeit verursachen können. Es wäre mir
besser gewesen, ich hätte gefastet, als dass ich, von dem und jenem Zustand
übereilet, mit Zorn und Widerwillen mein Bisslein Brot genossen. Ihr könnt
unmöglich solchen Kummer ausgestanden haben als ich, da mir mein Meierhof samt
allem Vieh und entaltenem Getreide im Feuer und lichter Lohe aufgegangen. Gelt,
ihr Herren, ich bin ein anderer Kreuzbruder als ihr? Ob ich schon ein sammetes
Röcklein und eine Taffetosen am Leib getragen, ihr hingegen mit härinen
Kleidern überzogen waret, so peinigte mich doch dieses alles noch mehr in dem
Gemüt, als euch die harte und zum Teil härine Stricke gepeiniget haben. Ihr
dörft keinesweges glauben, dass ich dazumal froh gewesen bin, als mir das
hochgewachsene Wasser all meine Heuschober auf den Wiesen davonführte. Viel
weniger habe ich gelachet, als mir der grosse Wetterschaden achtzehn Hufen Landes
in Grund und Boden verderbet und niedergeschlagen hat. Ein fleissiger Hausmann,
wie ihr wohl wisset, hat auch seine Pein und vielleicht eine viel grössere als
mancher Mönch in seinem Kloster, dem sein Essen täglich vorgesetzet wird. Wer um
sein Stücklein Brot sorgen muss, hat keine geringe Lection zu studieren, darum
bin ich erfreuet, dass Herr Bruder Friderich in dieser Erkenntnis so weit kommen,
seine Einsamkeit dermalen zu verlassen und ein fleissiger Hauswirt zu werden. Mit
diesem will ich zwar meine Rede, nicht aber die grosse Dienstfertigkeit
schliessen, mit welcher ich jedem insonderheit zugetan bin.«
    Man griff nach diesem abermal zu den Würfeln, und die Ordnung betraf meinen
Vater Alexander, welcher, weil sein Zustand ohnedem genugsam bekannt war, vor
dieses Mal mit seiner Erzählung bis zu einem anderen Discurs verschonet blieb.
Darumen musste der Sequens, als Herr Philipp, an die Reihe, welcher sein Leben
mit so lächerlichen Umständen entworfen, dass einer nach seiner Art mit Lust
hätte bei ihm wohnen und ein guter Eremit sein können.
 
                                  X. Capitul.
Philipp erzählet seinen Zustand; fällt ins Wasser. Ein Jungfrau kommt zu seiner
 Klause. Wie es ihm mit dem Tabuletkrämer gegangen. Sein Schaffjung lobt unter
                              allen die Dorotee.
»Ich habe«, sagte er, »keine grosse Speculationes gemacht, wie oder auf was Art
ich mein Leben anfangen, fort- oder ausführen wollte. Dennoch ging es mir in dem
Wald contrapunct hintereinander. Mein Häuslein stund auf einem abhängigen
Felsen, unter welchem ein tiefer Bach hinrann. Diese Gelegenheit taugte mir zum
guten Bau, denn ich klebte meine Bretter auf den Berg und machte das heimliche
Gemach recta den Felsen auf das Wasser herunter, damit mir das unheilige
Rauchwerk keine grosse Ungelegenheit verursachen möchte.« - »Pfui,« sagten
hierauf die Frauen, »Herr Philipp fänget allgemach an, die alte Glocke zu
läuten.« »Was?« sprach er, »was vor eine alte Glocke? Ja, ihr lieben Kinder, ich
glaube, es sei mich die Lust teuer genug angekommen, denn als ich einsmals in
voller Postur auf diesem neuen Gebäude sass, kann es sein, dass es mit den
Klammnägeln nicht gar zu feste ist versehen worden, fiel also samt dem ganzen
Werk hinunter in den Fluss und hatte genug zu tun, dass ich nicht gar ersoffen
bin, weil ich mich wegen der auf mich liegenden Bretter weder hier-noch dortin
habe wenden können. Endlich kam ich heraus und stund an dem Ufer wie ein nasser
Hund, der den Prügel geholet. Was konnte ich machen? Ich stieg den Berg wieder
hinan und trücknete mich daselbst, so gut ich konnte, an der Sonnen. Wegen des
Ortes grosser Einsamkeit scheuete ich mich nicht, meine Kutte vom blossen Leibe
abzuziehen und also ganz nackicht unter freiem Himmel zu sitzen, weil es zumalen
trefflich warm und ein überaus angenehmer Tag war. Mein Gehäuse, so allgemach
den Bach hinunterschwamm, kam mir von ferne nicht viel anders als eine Galliote
vor, und ich musste selbst darüber lachen, dass ich als Schiffpatron so
unvorsichtig wäre von ihr heruntergeschossen worden. Schwimme hin, sagte ich, du
wackeres Orlochsschiff, ins grosse Weltmeer und grüsse alle wackere Herings- und
Stockfischsköpfe. Deinen Segel will ich anitzo an der Sonne trücken, und
hernachmals will ich dir zu letzten Ehren unter demselben, nämlich meinem Rock,
streichen lassen. Damit breitete ich den Habit auf zweien Stangen auseinander
und klopfte ihn mit einem kleinen Stäblein wacker aus, weil sich allgemach viel
Läuse in demselben zu sammlen angefangen hatten.
    Indem ich so am besten mit meiner Arbeit beschäftiget ward, ritt eine
Weibsperson, so sich in dem Wald verirret hatte, den Hügel herauf, voll Seufzen
und Weinen. Sie drückte ihre Augen in ein Schnupfsalvet, ich konnte mich aber
nichtsdestoweniger vor ihr nicht so geschwinde verbergen, noch mich in meinen
Rock verstecken, dass sie mich nicht mit Schrecken und Entsetzung erblickt
hätte. Das Pferd fing an, heftig zu wiehren, ich aber kroch, soviel mir möglich,
hinter meinen Habit und guckte, wie ich in dem Bettelsack Herrn Friderichs
getan, nur mit dem Kopf hervor. Sie wollte sich, weiss nicht, aus Scham oder
Furcht, augenblicklich zurückwenden, als ich sie anredete, wo sie hergekommen
und was sie in dem Wald suchte. Ach, sagte sie endlich, nach lang wiederholtem
Fragen, ich suche hierinnen nichts als die rechte Strasse, aus dem Wald zu
gelangen. Auf diese Antwort hiess ich sie so lange unter dem Berg halten, bis ich
mich würde angezogen haben, und als solches geschehen, ging ich mit ihr nicht
allein den Wald, sondern noch ein langes Feldweges hinaus, allwo ich sie auf
eine Strasse geleitet, die gegen mein Schloss ging. Auf diesem Weg, sagte ich zu
ihr, werdet Ihr auf das Schloss Oberstein kommen, welches zwei hohe Türmer hat.
Die Dächer sind mit grünen Ziegeln gedeckt, und so Ihr allda anlanget, so saget,
dass Ihr bei dem Einsiedel Philippus gewesen, welcher Euch dahin beschieden und
zugleich dem Torwärter befohlen hätte, Euch nach dem Ort hinzuweisen, dahin Euch
Euer Verlangen träget.
    Ihr dörft nicht zweifeln, dass ich von diesem überaus schönen Fräulein alles
ausgefragt habe, wie sie in den Wald gekommen und was die Ursach ihrer
Einsamkeit wäre, aber sie wollte durchaus mit keiner Erklärung an den Tag,
sondern gab vielmehr vor, dass einem Einsiedler an einer solchen Erzählung, wie
sie tun müsste, weniger als nichts gelegen wäre, und strafte also gleichsam
meinen Vorwitz, solche Sachen zu erforschen, daraus mir kein Nutzen entspringen
konnte. Nichtsdestoweniger merkte ich aus allen Umständen so viel, dass sie aus
einem vornehmen Haus müsste entsprossen und geboren sein, weil sie solches aus
allen ihren Gebärden merklich spüren liess. Ich habe nach diesem, und zwar erst
vor acht Tagen, nach meiner Heimkunft zu Oberstein von dem Torwärter erfahren,
dass sie mit vier Dienern in blauer Liverei, welche ihr auf der Strasse
nachgesetzet, den andern Tag nach ihrer Ankunft wäre eingeholet und wieder
zurücke geführet worden. Die Ursach aber und die eigentliche Geschicht hätte er
so wenig als ich erfahren können, ohne dass ihm die Jungfer einen feinen Ducaten
zu seinem Trankgelde zurückgelassen.
    Sonsten verbrachte ich die Zeit, über welche ihr so sehr geklagt, dass sie
euch so langweilig gewesen, meist mit Vogelfangen zu. Wenn ich nachtszeit den
Kuckuck oder die Nachteulen jauchzen hörte, so jauchzete ich auch in meiner
Zelle, dass es taugte. In summa, wie die Vögel pfiffen, so pfiff ich auch, wie
sie schrien, so schrie ich hinwider und hatte noch wohl das Herz, ihnen mit
meiner Flinte den Stimmstock umzuwerfen. Ihr saget viel von eurem harten Lager
und Fasttägen. Aber ich weiss keine grosse Meldung davon zu tun, weil ich von
meinem Schloss das Beste zu fressen und trinken bekommen. So hatte ich auch
mein bestes Bette in dem Wald, konnte also meine Zeit gar vergnüglich passieren
und stund oft erst auf, wenn die Sonne schon halben Lauf vollendet hatte.
    Also vertrieb ich die Zeit. Morgens verrichtete ich eine Viertelstunde meine
Preces. Darnach ging ich in den Wald mit meinem Blasrohr oder auch wohl mit dem
Pallester, den Vögeln nach. Unterweilen schoss ich auch einen Hasen, zog also
wunderlich in dem Wald herum, dass billig einer über meinen Aufzug hätte lachen
sollen. Denn ich war wie ein Tartar, der seinen grossen Bogen auf dem Rücken
hängen hat. Nebenst diesem hatte ich auf der anderen Seite in einem gestrickten
Säcklein die Leimkugeln. Auf der anderen Seite hing mir meine Flinte an einem
ledernen Riemen, und in der Hand trug ich das Blasrohr, und also könnet ihr euch
meine damalige Gestalt genugsam aus meiner Erzählung vorbilden, wie einen
wunderlichen Aufzug ich gehabt müsse haben. Zuweilen hatte ich anstatt der
Pfaffenmütze meinen grünen Jägerhut auf, und also strich ich so lang herum, bis
mir mein Schaffjung das Essen in einem grossen Korb gebracht.
    Einsmals kam ein Tabulet-Krämer in den Wald, und als er mich erblickt,
eilete er dergestalten wieder zurück, dass er, weil ihm sein Kram zu schwer
werden wollte, solchen von dem Halse wurf, damit er desto ungehinderter mich,
als welchen er für einen Waldgeist gehalten, fliehen möchte. Ich habe ihn mit
Gewalt wieder auf den Rückweg bereden müssen, und ob er gleich endlich seinen
Kram wieder an den Hals gehangen, konnte er doch die Meinung nicht gar
verschwinden lassen, die er wegen meiner gefasst hatte, denn er eilete, was er
mochte, von mir hinweg und sah sich öfter denn zwanzigmal zurück. Letztlich
schoss ich ihm, als einem verzagten Hasen, noch etliche Kugeln auf sein ledern
Wammes, darüber er zu heulen angefangen wie ein alter Wolf.
    Mit dieser Lust ging ich nach Haus in meine Zelle, daselbst meine gebratene
Hühner, Artischocken, gesottene Hechte, Forellen und sonsten ein gut gebacken
Stück Essen zu verzehren. Und ob ich euchs gleich nicht sagte, so würdet ihr
mirs doch ohne allen Zweifel genugsam an dem Schnabel anmerken, wie fleissig ich
mein Gläslein Wein und einen guten Suff Bier zu mir genommen habe. Nur die
einzige lausige Kutte machte mir die grösste Überlast, bis ich endlich
resolvierte, ein gut Hemd darunter anzuziehen; aber mein Weib, welches gar zu
eine eiferige Madam war, schlug mirs in allen Gnaden ab und liess mir davor
vermelden, dass ich für diejenigen Schläge, die ich ihr dort und dar aus
Mutwillen und ohne Ursach gegeben, fein sauber büssen und mich zur Pönitenz von
den Läusen solle kitzeln und stechen lassen.« Über dieses wurde eine gute Weile
unter uns gelachet, bis er weiter in seiner Erzählung, und zwar also, fortfuhr:
»Wenn ich mich nun in meiner Zelle genugsam gefüttert hatte, musste mir der
Schaffjung indessen erzählen, wie es auf dem Schloss stünde und was das Gesind
Guts machte, aber der Schelm lobte niemand mehr als die Viehmagd, wie fleissig
sie ihrem of ficio bubulco abwartete und wie früh sie aufstünde, das Vieh zu
füttern, daraus ich beiläufig wohl abnehmen konnte, wie verliebt der Schelm in
die Dorotee sein müsste, wie ich denn bald darauf erfahren, dass sie der Mauskopf
unrechtmässigerweise beschlafen und also dem grossen Lob der Viehmagd ein
ziemliches Loch gemacht hatte. Wenn nun der Schaffjung mit seinem leeren Korb
und Geschirr wieder zurückging, satzte ich mich, zu schreiben mein Buch, welches
noch das beste Stück ist, so ich zeit meiner Einsiedlerei getan und verrichtet
habe. Denn vielleicht findet sich einer darüber, der eine gute Frucht daraus
ziehet. Und ob ich gleich grosse Streiche mit meinem Leben in dem Walde hätte tun
wollen, so wars mir doch unmöglich, meinen Humor in einen andern Model zu
giessen. Jedennoch wurde ich um ein merkliches gebessert, und die Frucht, so ich
aus meiner Einsamkeit mit mir trage, ist nicht gänzlich zu verwerfen. Ich weiss
am besten, ihr Herren, wo mich der Schuch drücket. Rechtschaffen gelebet, seinem
Nächsten Guts getan und sein Gewissen vor wissentlichen Sünden rein behalten,
darinnen stehet die wahre Vollkommenheit. Ein Gläslein Wein mit einem guten
Freund auszupoculieren, ist keine Sünde, wenn man nur der Sachen, wie wir
sonsten pflegten, nicht gar zu viel tut. Ich habe einen Geist, den der
Tausendste nicht hat, und wie ich gesinnet bin, das wisset ihr am besten, die
ihr die meiste Zeit eures Lebens um mich gewesen seid.«
    »Nun wird es Zeit sein, dass du«, sprach er zu mir, »und hernach auch das
Frauenzimmer ihre Relation ablegen, alsdann wollen wir anrichten lassen und
unsere Zeit mit anderen Sachen vertreiben.«
 
                                  XI. Capitul.
            Discurrieret von dem Unterscheid satirischer Schriften.
Das Frauenzimmer wie auch ich machten es nicht gar lange, weil es nunmehr fast
Zeit zu essen war. Jedennoch erzähleten wir alle, so gut wir vermochten, unsere
Begebenheiten. Ich war ihr Anführer, darum brachte ich alle das auf die Bahn,
dessen ich vorhin im ersten Capitul dieses Buches gedacht habe. Als solches
vollendet war, kam die Frau Philippin auf die Bahn, welche es ihrem Herren in
dem Fasten und Kasteiung des Leibes weit bevorgetan hatte.
    Die Frau Herren Gottfridens wollte viel Irrwische und andere Geister gesehen
haben. Frau Sempronin hatte etliche Bücher durchlesen, und meine Gemahlin
rühmete sich ihrer fleissigen Teppichtnaht. Also erzählete eine dies, die andere
das, welches ich darumen hier nicht in richtiger Ordnung beschreiben kann, weil
die Studenten, als verliebte Donnerschelmen, sich an der Erzählung des löblichen
Frauenzimmers dergestalten vernarret und vergaffet, dass sie in Aufzeichnung des
Protocolls bald hier, bald dort einen merklichen Fleck aussen und zurücke
gelassen haben. Ist also die Schuld der Concipienten und nit meine, weil ich die
Erzählungen von ihnen hernachmals abgeschrieben, die sie aus dem Mund auf das
Papier getragen haben. Denn weil mir von unserem löblichen Collegio die
Beschreibung dieser Histori ist übergeben worden, habe ich dort und dar
zusammengetragen und also die Geschicht nach ihrer Ordnung so viel einrichten
müssen, wie ich gekonnt, und nicht, wie ich wohl billig gesollt habe. Denn bei
dergleichen Zusammenkünften redet man viel, das man hernach leichtlich wieder
vergisset, und so ich mir alle Abend nicht gewisse Locos communes darüber
aufgesetzet hätte, zweifle ich gänzlich, ob ich wäre gewachsen gewesen, diese
Arbeit, so gering und schlecht sie auch ist, hinauszuführen, indem es meine
erste Schrift ist, die ich all mein Lebtag in den Druck gegeben, und also noch
derjenigen Vorteil nit recht habhaft bin, derer sich sonst die Bücherschreiber
insgemein zu bedienen wissen. Doch will ich in diesem Werk tun, so viel mir
möglich ist, und mir angelegen sein lassen, nit weit von der Hauptmaterie
abzuweichen, weil ich solche ohne grossen Umschweif bis zum vollen Beschluss
dieses Verlaufes auszuführen willens bin.
    Wir satzten uns demnach zu Tische, und die Studenten wurden in meiner
Küchenstube a parte tractiert, weil sie uns, gleichwie sie zuvor getan hatten,
auf Geigen und bei der Tafel eine stille Musik machen mussten. Sooft sie ein
Stücklein oder zwei aufgestrichen hatten, pflegte einer um den andern etwas von
seinem Schulwesen zu erzählen, in welcher Verrichtung sie meistenteils ihre
Præceptores abscheulich durch die Hechel gezogen haben. Aber Herr Friderich
hielt ihnen solches Vornehmen nit für gut, weil man, wie er sagte, nach der
christlichen Bescheidenheit vielmehr den Fehler seines Nächsten zu- als
aufdecken solle. »Man ist schuldig,« sagte er, »allen Menschen, absonderlich
aber denen, unter derer Information wir gesessen und gleichsam die Milch der
Weisheit von ihnen gesogen haben, alles Gute nachzureden, weil wir, nach der
Vermahnung des gelehrten Aristotelis, die Præceptores gleich den Eltern, ja
etlichermassen noch höher als dieselben verehren sollen. Denn die Eltern haben
uns nur das Leben gegeben, jene aber lehren und unterrichten uns, wie wir das
Leben, welches wir von den Eltern empfangen, glückselig und mit gutem Ruhm
zubringen sollen. Dieses«, sagte Herr Friderich, »ist die erste Schuldigkeit.
Die andere bestehet in dem, dass man keinem Geistlichen, er lebe auch, wie er
will, nichts Schlimmes nachrede noch nachschreibe, denn sie haben ihre Richter.
Wer etwas wider eine solche Person zu klagen oder zu tadeln hat, der gehe zu
seinem Obern, dieser ist gesetzet, jenen zu corrigieren. Es stehet schändlich,
wenn man solchen Leuten übel nachredet, von welchen wir müssen absolvieret
werden. Oftermalen scheinet etwas in unsern Augen hässlich, das doch an sich
selbst löblich ist. Und ein tadelhafter Mensch findet leichtlich Gelegenheit,
seinen Nächsten auch in der allerunschuldigsten Sache abscheulich durch die
Hechel zu ziehen. Wie es manchem bekommet, lehret der Ausgang. Vors dritte lasse
man das Rataus und das Regiment unangetastet, denn, wo Obrigkeit ist, die ist
von Gott, sündiget sie, so sündiget sie Gott und nicht uns Menschen, der wird
sie auch strafen. Dieses sind drei Notwendigkeiten, die ein junger Mensch wohl
lernen muss, so er nicht in Ungelegenheit und zu Schaden kommen will.
    Und wer lebt unter uns allen oder welcher«, sprach er zu den Studenten, »ist
unter euch vieren, der nicht solche Fauten begangen hat, um welcher willen man
ihn wieder wacker durch die Hechel und alle Prædicamenta herdurchziehen könnte?
meint ihr nicht, dass mir etliche Sachen von euch bekannt sind, derer ihr euch
selbst schämen müsst? Wie wäre es, wenn ihr einen andern ein Dieb heisset, und
ihr hättet den Galgen selber verdienet? Wie wäre es, wenn ihr andere Hurer
hiesset, und ihr wäret selber die ärgsten Ehebrecher? Ach, liebe Gesellen,
greifet in euren Busen, ihr seid Krebse; wollet ihr nun, dass andere Leute nicht
den Ruckweg laufen sollen, so geht ihnen mit einem guten Exempel vor und laufet
voran. I præ, gehe vor, mein lieber Censor, gehe vor!
    Ihr richtet andere Leute höhnisch aus, und wenn ihr an dero Stell wäret, so
würdet ihr erst Fauten begehen, darüber man nicht allein eine Scarteque, sondern
ganze Comödien schreiben könnte. Darum bleibt es wahr und bei den Worten des
hocherleuchteten Tomas von Kempis, wenn er schreibet, dass wir Menschen die
kleinen Fehler unsers Nächstens allezeit mit scharfem Gesichte anschauen, unsere
grosse Laster aber im Gegenteil mit zugeschlossenen Augen betrachten.«
    Diese Rede Herrn Friderichs nahmen die Studenten mit guter Bescheidenheit
an, wenn sie bald darauf nicht allein seine Vermahnung höchlich lobten und
herausstrichen, sondern noch über dieses und gleichsam zum Überfluss behaupteten,
dass es zwar nicht gar recht getan sei, seinen Nächsten ohne Unterschied der
Zeit, des Orts und des Standes höhnisch abzuwürzen, aber gleichwohl wäre es
höchst nötig und nützlich, die Lumpenfehler, welche ohnedem keiner öffentlichen
Strafe unterworfen wären, dann und wann mit einer satirischen Spitzrute
abzustäupen, doch, dass es also geschehe, damit man in dieses nützliche Confect
nicht zu viel Essig, das ist, nit zu viel von solchen Sachen einmischte, dadurch
man denjenigen, den man zu bessern suchet, nur zorniger und böser machet. »Denn
es ist dem Menschen gut,« sagten sie weiter, »dass er zuweilen, von seinen
eigenen Schandflecken beschämet, zur Demut sich niederlasse und durch dieses
Mittel gleichsam seine Federn, die er sonst gleich einem Pfauen auszubreiten
gewohnet ist, niederzulassen ermahnet werde. Ein solcher Satyr war die helle
Sonne, als sie dem hochflüchtigen Icarus seine Wachsfedern zerschmolzen und ihn,
wie billig, grausamerweis in das Meer gestürzet hat, allwo er die Hitze seines
Hochmuts mit häufigem Wasser abzukühlen genugsame Gelegenheit gehabt. So werden
auch vors andere solche Fauten und Exorbitanzien nicht zur Strafe derjenigen,
welche sie begangen, sondern vielmehr zum Abscheu derjenigen erzählet, die sich
vielleicht dermaleins in ebendiese Fussstapfen würden verleiten lassen, worinnen
solche Grillhansen allgemach herumspazieret sind. Solche Satiren sind nicht
allein höchst zulässig, sondern bringen grossen Nutzen in das gemeine Wesen,
dadurch man vielen Leuten aus den Mäulern kommet. Und was ist herrlicher, als
wenn man noch heutzutage von Rom redet, wie klug ihre Mauren beschützet und wie
mit einer vorsichtigen Geschicklichkeit ihre Bürger regiert worden? Was ist aber
im Gegenspiel abenteuerlicher, als wenn man anfänget zu erzählen von einem
abgeschmackten Hirschauer Possen? Solche ungesalzene Köpfe gibt es noch
allentalben, darum ist es nötig, dass man sie in etwas abpinsele und sie durch
Erzählung ihrer eigenen Taten zum Erkenntnus ihrer Unvollkommenheit bringe und
leite.
    Man lieset mit Lust in den Historien, dass etliche Weibsbilder, sich selbst
feind zu werden und dieser Welt keine Ärgernus zu verursachen, ihre eigene
Gesichter und reizende Gestalten beschändelt und mit allerlei fressenden Wassern
ihr Antlitz bemakelt haben. Ein solch beissendes Wasser ist eine satirische
Strafschrift, wenn sie aus einer bescheidenen und unpassionierten Feder
herfliesset, die billig an dem Wert dem Gold weit vorzuziehen ist. Aber man muss
nichtsdestominder zum grossen Verdruss sehen, dass die gestrafte Laster sich
dadurch nicht niederlegen, sondern gleich den stolzen Meereswellen bei einem
grossen Winde gegen die Wolken steigen, davon sie aber nichts als einen
plötzlichen Fall gegen den Abgrund zu gewarten haben, allwo sie sich auch
endlich verbergen und von ihrem Toben nachlassen müssen. Surgunt in altum, ut
lapsu graviori ruant. Die Laster erheben sich zwar wohl mit den stolzen Wellen,
sie sausen, sie brausen, werden wütend und tobend, aber sie können
nichtsdestoweniger in der Höhe, dahin sie sich mit Gewalt schwingen, nicht
bestehen, sondern müssen gleich den Wellen wieder in den Abgrund eilen und
daselber untereinander ihre eingebildete Gewalt und Herrlichkeit ablegen.«
Dieses redeten die Studenten bei der Tafel, zwischen welchem wir allerlei
Gesundheiten herumgehen liessen. Insonderheit aber wünschten wir Herrn
Friderichen bei vorstehendem Abschied viel Glück und Heil zu einer gesegneten
Ehe, weil an dieser Glückseligkeit, nämlich sich wohl zu verehlichen, ein
merkliches Stück dieser zeitlichen Vergnügung zu finden ist.
    »Ich will«, sprach er, »kein langer Hosenbrüter noch Hagestolz sein, wie es
dergleichen heutzutage allentalben gibt die sich lieber ein Ohr abschneiden als
zu einer Heirat wollen raten lassen. Sie suchen bald da, bald dort, und wenn man
sie fragt, warum sie nit heiraten, schützen sie die schlimme Zeit vor. Aber sie
müssen lange leben, ehe sie die rechte Zeit erwarten, weil die Welt nicht
besser, sondern immer schlimmer wird. Also nehmen auch die Zeiten ab, und ich
halte es vor eine grosse Glückseligkeit, wer in der schlimmen Zeit einen solchen
Freund haben kann, dem er seine Not und Anliegen samt andern Zuständen herzlich
vertrauen darf. Denn in der guten braucht ers nicht.«
 
                                 XII. Capitul.
     Kurzweiliges Bauernduell auf dem Schloss Herrn Wilhelmens von Abstorff.
Darnach verliessen wir aneinander, und nahm jeder seinen Abschied an seinen Ort,
das vorige Hauswesen aufs neue wieder anzutreten, von welchem wir uns schon
lange zum Teil in die Wälder, zum Teil an ander einsame Örter abgesondert
hatten. Es wurde allgemach sehr warm, und die Sonne brannte heftig, als mich
Herr Friderich ersuchte, ihm vor diesmal auf sein Gut Gesellschaft zu leisten,
damit ich ihm daselber in Anrichtung seines neuen Hauswesens behülflich sein
und sonsten mit allerhand Ratschlägen an die Hand gehen möchte, wie ein und
anderer Hausvorteil, derer er in seiner Einsiedlerei bis daher ziemlich
vergessen hatte, am füglichsten möchte unterhanden genommen werden. Absonderlich
aber fragte er mich wegen seiner bevorstehenden Heirat um guten und getreuen
Rat, weil er sich in diesem Werke nicht wohl trauete, auf seinen Kopf alleine zu
bauen. Und als er mir auf der Reise nach seinem Schlösslein seine Meinung
eröffnete, hielten wir allerlei Unterredungen, sein Interesse wegen dieser Sache
betreffend. Er sagte, dass er seine Inclination auf ein Fräulein einer adeligen
Wittibe geworfen, welche ihm auf einem Schloss in dieser Revier, als er
daselber betteln gewesen, überaus wohl gefallen und ihm also das Herz in einem
Augenblick genommen hätte. »Sie ist«, sagte er, »eine überaus schöne Dam,
dergleichen ich noch wenig, so weit und ferne ich auch in der Welt herumgereiset
bin, unter Augen bekommen. Sie ist nicht stolz noch eingebildet, viel weniger
eine Klatscherin, wie leider heutzutage allentalben anzutreffen sind. Ihr Humor
ist gar emsig und sittsam, und sooft ich auf das Schloss kam, welches nicht
selten geschah, habe ich sie allezeit über gewissen Gebetbüchern gefunden, aus
welchen sie ihre Ruhe gesuchet. Und damit mir dieser Vogel nicht vor der Zeit
abgefangen, noch mir unversehens aus dem Netze getrieben werde, so ist es nötig,
dass ich zeitlich zu dem Werk schreite, denn es heisset: tardi venere bubulci, und
wo ich die Gelegenheit versaumte, dörfte sie einem in die Arme geraten, an
welchem sein Leben lang kein gutes Haar gewesen. Er ist der bekannte Bartel auf
der Heide, dessen begangene Possen und Finanzen, weil sie weltkündig sind, dir
nicht können verborgen sein. Er sucht viel mehr ihr Geld als ihre Affection,
weil er sonsten kein Mittel im ganzen Land übrig weiss, sich seinen grossen
Schulden zu entreissen. Dieser Tag wäre zu kurz,« sagte Herr Friderich weiter,
»dir alle Causen zu erzählen, vermittelst welcher er sie nach seiner Pfeife
locken wollen, aber es ist gewiss, dass wir noch endlich in die Haare geraten
dörften, weil zwei Hunde an einem Beine, nach dem bekannten Sprüchwort, nicht
einig sein können, zumalen ich auch zum Überfluss weiss, dass er der Dam nur zum
Verdruss und Widerwillen aufwartet.«
    Diese Erzählung des Friderichs vermehrte ich mit meiner Unterredung, und
weil ich sah, dass dieser Handel ohne Widerwillen der zweien Liebhaber nit
ablaufen könnte, als riet ich ihm, dass er dem Bartel auf der Heide, dessen
Unbescheidenheit allzu bekannt war, keine Ursache gebe, an ihn zu kommen, wäre
es aber Sache, dass der Bartel, dessen er sonsten meisterlich gewohnt war,
selbst anbeissen würde, so solle er sehen, wie er am füglichsten mit ihm auf eine
Wiese oder hinter einen Eichenbusch käme, daselbst ihre Fuchteln miteinander zu
messen und zu sehen, wie er ihm den besten Stoss in die Seite oder sonsten wo
anbrächte.
    In einem solchen Gespräche kamen wir vor ein adeliges Haus, welches mitten
in einem fischreichen Teiche gebauen war. Es solle in demselben, wie wir auf der
Strasse berichtet worden, ein überaus Kurzweiliger vom Adel, und zwar ein Witwer,
wohnen, der ehedessen im Felde einen Rittmeister agiert und dem Vaterland grosse
Dienste erwiesen hatte. Ehe dass wir noch vor das Tor geritten, kamen etliche
Bauern mit Windhunden gegangen, welchen er auf einem Lichtschimmel nachfolgete.
Er hatte zwei Jäger bei sich und war vor diesmal auf der Hasenhatze gewesen,
seine Zeit zu verkürzen und, wie er sagte, zugleich seine Küche zu spicken. Die
Freundlichkeit, die uns dieser Edelmann auf der Strasse erwiesen, ist nicht
genugsam zu rühmen. Aber viel wunderlicher seine reale Gutwilligkeit, mit der er
uns als Unbekannte in seinem Hause getractiert. Er brachte noch selbigen Abends
einen Sackpfeifer, und weil er Bauernkerl in Turm sitzen hatte, die sich
vergangener Tagen miteinander auf einer Hochzeit gezanket, konnte er sie mit
keiner grossen Execution ansehen, darum erdachte er ein Mittel, uns durch ihre
Bestrafung zugleich eine Kurzweil zu verursachen.
    Liess sie demnach vor uns an den Tisch bringen, und sprach er zu ihnen: »Ihr
müsst wissen, dass ihr neulich ziemlich über die Schnure gehauen und auf einer
solchen Zusammenkunft Händel angefangen habet, die ihr wegen der Präsenz des
Ehrwürdigen Herrn Pfaffens und seines Caplans billig hättet sollen unterwegen
lassen. Nun aber sind gegenwärtige Herren Gerichtsverwalter und Schöpsen (hiemit
wies er mit einem Reverenz auf uns beide) allhie versammelt, euch durch mich das
Urteil, welches wegen eures Frevels auf der hohen Schul gesprochen worden,
anzudeuten. So soll euch allen der Staupbesen gegeben werden, wenn nicht meine
einlaufende Gnad das Beste bei der Sache getan hätte. Darum habe ich euch, als
meinen Untertanen, das Urteil in etwas gelindert, und ist die ganze Sache
dermalen dabei geblieben, dass ihr euch hier zu dreien Malen mit Fäusten Paar und
Paar aneinander herumschmeissen und zu jedem Gange eine gute Viertelstund
zubringen sollet.«
    Mit diesem Anspruch waren die Bauernknechte trefflich zufrieden und fingen
schon an, jeder sein rotes Wammes zu eröffnen, damit sie im Gefechte desto
besser Atem schöpfen und einer dem andern stärkere Knübelfinger versetzen
möchte. Wir mussten über die wunderliche Anstalt des kurzweiligen Besitzers viel
mehr als über der Bauern ihren Mutwillen lachen, welchen sie absonderlich
darinnen verspüren liessen, indem sie wie die Katzen einander in die Haare
gefallen. Wir hatten zu tun, dass sie die Becher nicht von der Tafel
hinunterstiessen, sooft sie aber unserer Stellage zu nahe kamen, schmiss sie der
Besitzer mit seinem spanischen Rohr wacker zwischen die Ohren, davon sie viel
mehr als von ihren Ohrfeigen zu bluten angefangen.
    Indem dieser Bauernscharmützel continuierte, musste der Sackpfeifer und noch
ein anderer Narr, der auf der Ziter kratzte, Lärmen darzu aufspielen, und diese
Lust pflegte dieser Edelmann nach Aussag seiner Leute so oft, als er ein
dergleichen Pack ins Gefängnis kriegte. Es ist nicht zu beschreiben, wie
unterschiedliche Gaukelpossen dieser vom Adel angefangen, uns dadurch einzige
Ergötzung zu verursachen. Nebenst diesem Bauernscharmützel, darinnen ihrer
etliche ziemliche Pumpusbirn davongetragen, liess er auch etliche Kettenhund und
Katzen aneinander in dem Zimmer herumbeissen, und es hat wenig gefehlet, dass ihm
die Katzen nicht alle Fenster in der Stube ausgestossen haben.
    Dieselbige Nacht regnete es, wie man mit Schäffern gosse, und weil er uns in
eine Kammer logiert, nächst welcher ein grosses Waldgebüsche stund, ruheten wir
unter dem sanften Gemurmel der Regentropfen und unter dem darzu spielenden Wind
recht sanfte und stackten unter der Decke nichts als ein halbes Ohr hervor,
dadurch dem lieblichen Resonanz desto besser zuzuhören. Des andern Morgens
stunden wir etwas spät auf, denn weilen es wegen trüb überzogenen Himmels wie
auch wegen der umstehenden dichten Bäume in der Kammer etwas finster und dunkel
war, konnten wir uns nicht leichtlich in den Tag finden, zumalen die Schlossuhr
zweimal aneinander bald zwölf, bald wieder eine andere Ziffer geschlagen. Weil
wir aber aus dem starken Hin- und Widergehen des Schlossgesindes wohl abnehmen
können, dass es nunmehr hohe Zeit wäre, sich aus dem Fedrigen herauszuheben,
stunden wir endlich auf und waren gleich angekleidet, als der Schlossherr, mit
Namen Wilhelmen von Abstorff, zu uns kam, aus Meinung, wir wären heimlich durch-
und ohne Abschied davongegangen.
    »Ich habe mir«, sprach er, »weit ein anders eingebildet, als ich vor Augen
sehe. Es ist mir öfters widerfahren, dass meine Herren Gäste in occulta qualitate
davongewischet sind, aus Furcht, sie möchten allzusehr von mir besoffen werden,
aber ich habe demselbigen Gebrauch lange resigniert. Heute«, sagte er weiter,
»stehet eine Fischerei in meinem Teiche vor, und so lange werde ich der Herren
ihre Pferde verarrestieren, bis Sie mir solche mit Ihrer angenehmen Gesellschaft
haben verrichten helfen.«
    Wir bedankten uns seiner Höflichkeit, vorgebend, dass wir allgemach schon
eine überflüssige Ehre und Gutwilligkeit genossen, deswegen wären wir fertig,
unseren Weg, der sich noch auf ein ziemliches erstreckte, weiter zu suchen und
die angenehme Gelegenheit zu erwarten, all seine ungemeine Affection mit
gleichmässigen oder andern Diensten zu erwidern. Er aber liess uns nicht vom Hals,
sondern verschwur sich hoch und teuer, vor vollzogener Fischerei keinen ausser
sein Gehege zu lassen. Deswegen resolvierten wir uns endlich, bis dahin zu
verziehen und seiner angenehmen Freundschaft ferner zu geniessen, weil wir
ohnedem nichts Hauptsächliches durch eine solche Zeit zu versaumen hatten.
    Hiermit ward er wohl zufrieden und führete uns gegen seinem Teich über eine
grosse Wiese, allwo wir ein Schifflein bestiegen und den Fischern zusahn, wie
sie ihre Netze hineinsenkten und wieder an sich zogen. »Hier«, sprach Herr
Wilhelm von Abstorff, »geniesse ich die grösste Gemütsruhe unter der Sonnen. Wenn
ich, so wie ich anjetzo tue, auf dem Wasser herumfahre, bin ich quitt und frei
von allen Anläufen und andern Ungelegenheiten. Es kommt kein Bauer zu mir, der
mich mit einer langen Klage gegen seinem Nachbar verdriesslich macht, so fraget
mich nicht leichtlich einer um den Weg. Die Bettler klopfen an einem solchen Ort
um kein Almosen an, und hat kein Mensch das Herz, mich allhier auf den
Kampfplatz zu fordern. Die Herrschaft lässet mir hier zu keiner Kopfsteuer
ansagen, so bitten mich auch meine Nachbarn auf dem Teiche nicht zu Gevatter
noch einer Hochzeit. Darum sitze ich oftmals einen halben Tag in den
allerangenehmsten Gedanken allhier auf dem Schifflein und fahre bald zu
demselbigen Gesträusse hinunter und also dann wieder zu diesem Baumlein herauf,
unterweilen fange ich mit meinem Grundangel die fettesten Karpfen, und wenn es
anfängt Abend zu werden, eile ich heim und lasse mir das Gefangene mit Essig
hübsch blau absieden oder auch eine gute Brühe mit Pfefferkuchen darüber
zubereiten, und also geniesse ich dieses Teiches viel mehr als sonst ein grosser
Herr seines herrlichen Palasts, in welchem es wenig Freude, aber stets viel zu
flicken abgibt.«
 
                                  Anderes Buch
                                  I. Capitul.
  Wolffgang und Friderich treffen zu Abstorff bei Herrn Wilhelm einen schönen
      Altar an. Was Bartel auf der Heide vor ein sauberer Vogel gewesen.
Diese Wasserlust genossen wir auf dem Fischteiche, unter währender Arbeit der
fleissigen Fischer, mit guter Vergnügung und mussten uns zugleich über die
wunderliche Lebensart Herrn Wilhelmens von Abstorff verwundern, welcher zu
seiner Gemütsruhe vor allen andern diesen einsamen Teiche erkieset und auf
demselben seinen Gedanken Audienz zu geben gewohnet war. Nachdem er in dieser
Verrichtung etliche Stunden mit grossem Nutzen hingebracht, führte er uns auf
seinem Kobelwagen wieder in das Schlösslein, in welchem wir uns miteinander bei
einem guten Stuck Karpfen recht lustig machten. Er schätzte unsere Freundschaft
so hoch, dass er durchaus unsere Brüderschaft verlangte, dannenhero schätzten wir
uns in diesem Fall recht glückselig, mit diesem wackern Cavalier in so gute
Bekanntschaft zu geraten, derer wir hernach, nach Ausweisung dieses Tractats,
mit sonderlichem Content, mehr denn tausendfältig genossen haben. Denn dazumal
waren die Brüderschaften noch etwas Sonderliches und dahero nicht so gemein wie
heutzutage. Man hat solche dazumal vor ein unauflösliches Band einer herzlichen
Vereinigung geheissen, da sich die Duzbrüder nicht sowohl mit Worten als mit dem
Werk zusammen verbunden und vereiniget haben. Und man hatte auch damals,
meistens aber in unserer Landschaft, drei hauptsächliche Punkten, welche wahre
brüderliche Freunde mit- und untereinander eingehen mussten. Als erstlich, dass
sich jeder seines Orts auf einen recht christlichen, ehrlich- und lobwürdigen
Tugendwandel beflissen und sich in seinem Leben also erzeigen soll, damit er das
Zeugnis eines frommen Christens von allen Menschen davontragen möchte. Vors
andere soll und musste er sich verbinden, seinem brüderlichen Freund, dafern er
ihm in Nöten und andern Unglücksfällen rechtmässig beistehen könnte, behülfliche
Hand zu leisten. Vors dritte war jeder seines Orts verbunden, seinen Bruder von
allen solchen Fehlern abzuhalten und abzumahnen, die ihm zum Übel und Nachteil
ausschlagen möchten.
    Diese drei Punkten, welche erheblich genug sind, eine wahre Freundschaft zu
hegen und zu gründen, gingen wir auch vor diesmal untereinander einmütig ein,
und wir versprachen Herrn Wilhelmen über dieses, uns bei ehester Zusammenkunft
unserer Gesellschaft dahin zu bewerben, damit er als ein wohlanständiges Glied
in die Compagnie möchte mit eingebracht und also unser Orden verstärket werden.
    Er war dessen überaus wohl zufrieden und versprach gleich anfangs, dass er
sich mit einem guten Schmaus bei uns insgesamt trefflich wollte sehen lassen.
Wie er mir denn insonderheit, um dieses Vorhaben schleunigst zu befördern, eine
schöne Büchse mit acht Zügen, auf dem schafft mit künstlich geschnittenem Beine
eingeleget, verehret hat. Dem Friderich aber präsentierte er eine Halsuhre,
welche ehedessen ein grosser Fürst im Lande solle gebraucht haben. Also wurden
wir durch seine aufrichtige Guterzigkeit und recht teutsche Treue gezwungen,
diesen Tage auf dem Schloss auszuhalten und dann erst des andern Morgens unsern
Wege weiter zu suchen.
    Nach verrichtetem Mittagessen gingen wir in seine Schlosskapelle, die an
einem einsamen Ort nicht weit vom Wassergraben stund, daselber den Altar samt
andern entaltenen Sachen zu besichtigen, weil Friderich an dergleichen Altertum
grosse Vergnügung suchte. Die Grabschriften, welche wir alldorten angetroffen,
waren meistens auf diejenigen gerichtet, die ehedessen in diesem adeligen
Freischloss gesessen hatten. Daraus wir wohl abnehmen konnten, dass er aus einem
sehr alten Geschlechte müsse entsprossen sein. Unter andern wies er uns auf
einem Altare ein überaus schönes Bildnis einer Jungfrauen, und »vermeint ihr,«
sprach er, »wessen dieses Bildnis sei?« Wir sahns in der erste vor die Cecilia,
hernach aber, als wir etwas genauer hinzugetreten, vor die heilige Barbara an,
weil hinter ihr im Dunkeln ein Rad gemalet war, mit welchem Zeichen sie sonst
insgemein pflegt abgemalen und vorgestellt zu werden. »Es ist«, sprach
Friderich, »allem Ansehen nach die heilige Jungfer Barbara, von welcher man in
den Legenden lieset, dass sie wegen ihres angenommenen christlichen Glaubens von
ihrem eigenen Vater, der meines Bedünkens ein heidnischer Richter war, erstlich
mit dem Rad ist gestossen, nachdem aber solches in Stücke gegangen, mit dem
Schwert ist hingerichtet worden.« - »Es ist dem also,« antwortete Herr Wilhelm,
»aber wie gefällt den Herren Brüdern diese Gestalt und Proportion des Leibes?« -
»Sie ist«, sagte ich, »überaus schön gestellet, und man muss gestehen, dass der
Maler durch seine Kunst in der Vollkommenheit die Natur überstiegen habe.« -
»Ja,« sagte er, »es scheinet zwar also, aber die Wahrheit zu gestehen, so ist
dieses Bildnis, wie es die Herren vor Augen sehen, ein Conterfei einer adeligen
Jungfrauen, welche hier in unseren Landen wohnet. Sie ist eine einzige Tochter
einer reichen Witwe und hat nur noch einen Bruder, welcher dermalen auf einer
Universität sich entältet und dem Studieren oblieget.« - »Ich muss mich
verwundern,« sagte Friderich, welcher zugleich im Gesichte ganz entfärbet
worden, »wie diese Contrafactur an diesen Ort gekommen und aus was Ursach man
einen Altar damit bezieren wollen. Der Sache ist zwar an sich selbst dadurch
nichts benommen, denn ob die heilige Jungfrau Barbara auf diese oder eine andere
jungfräuliche Gestalt gemalen oder geschildert werde, daran ist der Andacht
desjenigen wenig benommen, welcher, sie zu verehren, anher kniet und sein
Wachslichtlein vor derselben anstecket. Aber wie ist dieses Bild zu solchem
Aestim gekommen, und wer hat es hereingebracht?«
    »Die Gelegenheit,« sprach Wilhelm, »vermittelst welcher dieses herrliche und
wohlgetroffene Stück in diese Kapelle gekommen, will ich kürzlich erzählen.« Als
solches Herr Wilhelm geredet, gab Friderich ganz beflissen auf seine fernere
Worte Achtung, denn dieses Conterfei war kein anders als die Copie seiner so
herzlich geliebten adeligen Dame, von welcher er mir wegen seiner Inclination
auf der Reise so viel erzählet und gelobet hatte. Ich wusste es zwar dazumal noch
nicht, und ob mir wohl die Verwechslung seiner Farbe ein mehrers Nachdenken
verursachen können, liess ichs doch an seinen Ort bewenden, weil er ein sehr
schöner und subtiler Mensch war, daher seine zarte Complexion leichtlich einer
solchen Veränderung ohne zufällige Dinge mochte unterworfen sein.
    »Es wohnet«, erzählte Herr Wilhelm weiter fort, »ein Edelmann lediges
Standes drei Meil Weges von hier in einem abgebrannten Haus, welches er von
allen seinen Gütern, derer ehedessen viel zu seinem Erbe gezählet worden, noch
einzig und alleine übrigbehalten. Man zweifelt, ob sich ein Dachfähnlein im
grossen Sturmwetter so oft herumdrehen kann, als oft er seinen Sinn und Mut
verwechselt. Er weiss von nichts weniger als von seinem Glauben Rechenschaft zu
geben, aber die Nachbarschaft aneinander zu hetzen und sie von einem Prozess in
den andern zu führen, ist er ein abgerichteter Lauer und Tausendkünstler. Wenn
ihr ihn noch nicht kennet, so habt ihr aufs wenigste vom Bartel auf der Heide
reden gehört, welchem mein gegebenes Lob billig zukommet. Eben der Teiche,
welchen ich heute morgens gefischet, ist seinem Vater zugestanden, und dass ich
mich mit dem unruhigen Kopf nur ohne gerichtlichen Prozess entalten kann,
erzeige ich ihm wider sein Verdienen noch allen nachbarlichen Willen, weil ich
sonst kein Mittel ersehe, mit ihm in behaglichem Frieden zu bleiben.
    Dieser Bartel auf der Heide ist der Fundator dieses Altars, und sind etwan
acht Wochen verstrichen, als er solches von ebendemjenigen Schloss zu mir
gebracht, wo diese Dame ihren Wohnsitz hat. Bruder, sagte er zu mir, ich bin
unglücklich in meiner Liebe. Diejenige Jungfer, so ich willens war, im Original
mit mir zu bringen, muss ich leider in der Copie herumführen. Ich kam auf das
Schloss, sie durch Beistand etlicher Knechte ihrer Mutter zu entführen, aber sie
mag Wind davon bekommen haben, denn sie war in keinem Teil des Schlosses mehr zu
finden, und war also nur mein einziges Mittel, mich an diesem Conterfei zu
ergetzen, welches ich billig so hoch schätze, dass es an einen solchen Ort
gesetzet werde, allwo sie die Person und Bildnis einer heiligen Jungfrau
präsentieren soll. Diese Wort redete Herr Bartel mit bestürztem Gemüte hier auf
meinem Schlösslein und beredete mich, wie er denn ein meisterlicher
Zungendrescher ist, mit allerlei Umständen endlich dahin, dass ich nicht allein
einen Maler dieses Rad und andere Figuren noch darzumalen, sondern auch, wie ihr
sehet, gar einen Altar daraus formieren lassen. Und seitdem dieses geschehen,
kommet er gemeiniglich die Woche zwei- oder dreimal auf seinem Schimmel
hiehergeritten und ergetzet sich etliche Stunden durch blosses Ansehen an dem
Bilde, dass ihn alle diejenigen Leute für höchst andächtig halten müssen, die
nichts um den Betrug wissen.
    Wenn etwas an ihm wäre, das man loben könnte, so wäre sein Exzess, welchen er
in diesem blinden Liebeseifer begangen, ihm noch in etwas zugute zu halten,
demnach er aber ein Mensch von verrückter Stirn ist und all dasjenige, was er
anfängt, einen schlimmen Ausgang nimmet, wird er nicht allein von der adeligen
Jungfer, sondern auch von allen unsersgleichens billig geflohen und gehasset.
    Er ist sonsten ein Mensch, der auf nichts, als seinen Nächsten um das Seine
zu bringen, studieret. Mit Betrug leget er sich zu Bette, mit Betrug stehet er
wieder auf, und er ist keinem Volk auf Erden so affectionieret und zugetan als
den Advocaten, weil [er] seine ganze irdische Freude-ob er eine ewige glaubt
oder nicht, das weiss ich nicht - nur in der blossen Zanksucht suchet. Ihr werdet
bei ihm viel Spielkarten finden, ja, er hat derer so viel beisammen gehabt, dass
man gar gewiss weiss, wie er nur allein mit den alten zerrissenen Blättern eine
warme Stube machen können. Einsmals ist ihm wegen einer geliebten Jungfer ein
Zahn ausgeschlagen worden, denselben Zahn trägt er in Silber eingefasset
allentalben bei sich, und wer zu ihm auf sein Haus kommet, der muss aus dem
Willkomm, worein er diesen Zahn wirft, etliche Mass Bier aussaufen, oder er
kommet durch die Weigerung dessen in unverhoffte Ungelegenheit, wie ihrer
etliche viel Lieder davon zu singen wissen.
    Er hat noch einen alten Weinberg, der trägt ihm jährlich so viel, dass er
dreissig bis vierzig Eimer vors Geld ausschenken kann, und es darf einer nur den
Abend drei Groschen anstehen lassen, so schickt er ihm des andern Morgens schon
einen Mahnzettul ins Haus. Seine ganze Bibliotek bestehet in achtundfunfzig
Calendern, die sein seliger Herr Vater, der ein stattlicher und wohlvorsichtiger
Cavalier war, als ein fleissiger Haushalter die Zeit seines Hausstandes
zusammengesammelt und aufeinandergenähet hat. Dieselbigen Calender leget er
denen, so ihn besuchen, vor die Nase, damit sie sich in denselben umsehen
können, was etwan vor diesem für Zeiten gewesen und was das Korn gegolten habe.
    Einsmals schickte er sie zum Buchbinder, dass er einen neuen Überzug darzu
verfertigen sollte; aber der Bauer, welchem er diese seine ganze Bibliotek in
die Stadt zu tragen anvertrauet hatte, verlor einen auf der Strasse. Davor musste
er ihm acht von dem Hagelwetter eingeschlagene Fenster am Schlösslein reparieren
und ausflicken lassen, weil der Bauer keinen andern, der mit dem Jahr des
verlornen übereintraf, in allen Buchläden zu Kauf bekommen können. Wenn ein
Fremder durch sein Dorf reiset, so lässet er sie von den Jungen mit Kot und
Drecke werfen. Dadurch machet er seinen eigenen Profit zunichte, weil fast kein
Mensch, der um die Leichtfertigkeit Kundschaft hat, hindurchreiset.«
 
                                  II. Capitul.
Ein Organist bettelt auf dem Schloss. Wunderlicher Einzug zu Abstorff. Sie hören
                 in der Nacht einzigen Tumult an dem Schlosstor.
Diese und noch mehr andere Stücklein erzählete uns Herr Wilhelm von dem saubern
Bartel auf der Heide, die nicht wert sind, dass man in Beschreibung ihrer
Nichtigkeit die Folge der Histori dieses Werkes auf die Seiten setze. »Die
Welt«, sprach Friderich, »ist mit ihren Inwohnern wunderlich, man findet Leute
mit vollem Zaum nach solchen Lastern eilen, daran andere von Natur einen Ekel
haben. Denn gleichwie ...« Indem er, so wie er sonst pflegte, fortreden wollte,
kam ein alter Mann mit einem eisgrauen Bart vor die Tür der Kapellen, und Herr
Wilhelm war auf den Torwärter ungehalten, dass er einen Fremden, wie dieser war,
ohne Anmeldung hatte zum Schloss eingehen lassen. »Wer seid Ihr?« sagte er
darauf zu ihm, »und was machet Ihr hier vor der Kapelle?« - »Ich bin,«
antwortete der Alte, »wie Ihr aus gegenwärtigem Clavichordio wohl abnehmen
könnet, ein armer und nunmehr ganz verlassener ut, re, mi, fa, soll, la, muss, dem
Himmel und ehrlichen Leuten sei es geklaget, mein Bisslein Brot taliter qualiter,
tam supra quam infra in dem Land herum suchen und sehen, wo etwan eine Suppe für
mich gesotten oder ein Stücklein Fleisch gekochet sei. Ehedessen, da die langen
Noten noch im Schwang gingen und das laufende Teufelszeug noch nicht im Gebrauch
war, da galt unsereiner auch etwas, aber seitdem der Teufel die Signor Si und
dergleichen Gesindlein aus dem verfluchten Welschland herausgeschlagen, die den
Teutschen das Geld abstehlen und, wenn sie sich bereichert und genug
eingesammlet haben, wie die Katzen vom Speck wiederum davonwischen, da gelte ich
armer Knisterbart und meinesgleichens nichts mehr. Wo ich ehedessen gesungen und
aufgespielet habe, da muss ich anitzo pausieren, die neuen Coloraturen und Fugen,
die gelten allein, und in welchem Gesang man keine solche durcheinander findet,
das muss auch nicht gut sein. Wo ich also ein Kirchlein oder Kapelle sehe, es sei
gleich in der Stadt, auf einem Dorfe oder Schloss, da gehe ich gleich zu,
entweder darinnen bei gefügter Gelegenheit mit meinem Clavichordi aufzuwarten,
denn ich bin ein Organist und ehedessen über dem Gebirg ein Schulmeister zu
Weireck gewesen, allwo mich auch ein solcher krummfüssigter Parlate Con Noi aus
dem Sattel gehoben und mir wie ein Schelm mein Stücklein Brot vor dem Maul
abgeschnitten hat.
    Seht, Ihr Herren, das kränket mich, habe fünf kleine Kinder und kein Weib,
so ist es auch in dem Land ziemlich teuer zehren, muss also so lang herum
utremifasolieren, bis es besser wird. Die Bauern, die anitzo allentalben
rebellisch werden, machen auch grosse Uneinigkeit, und so weiss ich bei meiner
Treu nicht, wo ich, als ein erlebter Mann, mit meiner Hudelei mich noch endlich
hinwenden soll. Haben nun meine hoch- und wohledle Herren ein anständiges
Dienstlein vor mich, bitte ich, mir solches vor einem anderen Lumpenhund zu
gönnen. Was ein anderer mit der Kunst tut, das will ich mit meiner Andacht
ersetzen. Ist es aber umsonst und dermalen vor mich keine vacierende Stelle
vorhanden, wie ich denn allgemach schon in dem Schloss gehöret habe, so bitte
ich nichtsdestoweniger, meine hochedle und respective grosse Patronen wollen Ihre
freigebige Hand, die noch niemalen den Dürftigen ein Almosen mitzuteilen ermüdet
worden, auch gegen mir armen, alten, verlassenen Organisten auftun und zum
Respect dieser hohen und weltgepriesenen Kunst mir mit einem kleinen Viatico
nach Ihrem Belieben willfahren, damit ich mich weitertragen und meiner ferneren
Beförderung nacheilen kann. Meines Orts werde alle Occasion an die Hand nehmen,
derselben hohen Munificenz mit einem, obwohl unvermögenden, jedennoch
dankbegierigen Herzen und Gemüte die Zeit meines wenigen Lebens in
Untertänigkeit zu erkennen.«
    Mit diesen Worten machte der Organist ein grosses Reverenz und legte zugleich
sein Clavichordium von den Schultern, welches er an zweien grossen Riemen bis
dahero am Halse gehangen hatte.
    »Ihr habt Eure Lection hübsch gelernet,« sprach Herr Wilhelm, »wie
dergleichen Vaganten alle können, die in dem Lande herumfahren und zum Schimpf
ihrer erlernten Profession fast vor allen Türen betteln. Sobald ihr zwei oder
drei Griffe auf dem Clavier könnet, so gebt ihr Narren euch für Virtuosen aus
und betrüget die Leute mit eurem Geschwätz. Ich will ein Schelm sein, wenn Ihr,
wie Ihr saget, zu Weireck seid Schulmeister gewesen. Ich bin daselbst sowohl als
allhier bekannt und habe fast alle Kirchendiener zum öftern unter Augen gehabt,
darunter ich Euch niemalen gesehen.«
    »Ja,« sprach der Organist, »ich war die meiste Zeit krank und laborierte am
Podagra, dass es also nicht recht mit mir fort wollte.« - »Das muss sein,« sprach
Wilhelm, »und ich glaube es gern, dass Ihr das Podagra habet, darum werden die
Fundamenta, die Ihr in der Musik haben sollet, sehr seichte und schlecht sein.«
Auf dieses fing ich an und fragte ihn, wieviel er Ton statuierte. »Ach, lieber
Herr,« gab er mir zur Antwort, »das habe ich schon lange aus dem Gedächtnis
gelassen, gedenket, ein Mensch wie ich, der so continuierlich krank lieget, kann
von solchen Sachen wenig behalten.« - »Wie resolvieret Ihr denn«, fragte ich
weiter, »die falsche Quint?« Damit schwang er sein Instrument wieder an den
Hals, sah sich ein wenig um und lief, was er konnte, gegen das Schlosstor. Es war
nicht anders, als stünde auf offenem Felde ein Has auf, wie schnell wir den
Bachanten mit unseren Stäben verfolget. Er aber eilete dermassen, dass er nicht
allein sein Clavichordium, sondern noch darzu seinen angehefteten Bart auf der
Strasse verloren, dadurch wir leichtlich mutmassen können, dass es entweder ein
angestellter Poss vom Philippen oder aber ein heimlicher Spion gewesen, welcher
das Land unter einer fremden Person und Gestalt durchzuwandern pfleget.
    Man satzte ihm mit zweien reitenden Knechten eilfertig nach, aber der Fuchs
wusste ohne allen Zweifel mehr Löcher als eines, darum war er vor dasmal
unmöglich einzuholen. Wir aber bekümmerten uns endlich nicht gar viel darum,
sondern nahmen unsere Abendmahlzeit mit gutem Appetit zu uns, nach welcher wir
mit unserem neuen Bruder bei einer Pfeife Tobak ein fröhliches Gespräche
angefangen, in welchem er uns weiter erzählet, was für ein ehrbarer Schafhund
der vorbenannte Bartel auf der Heide wäre. Friderich aber, welcher mir,
absonderlich wegen des Altars, allerlei ins Ohr vertrauet, war allem Ansehen
nach über vorgetane Erzählung Herren Wilhelmens sehr bestürzet. Wir hielten auch
endlich dafür, dass dieser Organist wohl gar der Bartel auf der Heide dörfte
gewesen sein.
    Indem wir so miteinander redeten und mit einem guten Glas Bier die Hitze des
Tobaks temperierten, erschien in dem Schlosshof ein plötzlicher Feuerglanz. Ich
und Friderich erschraken nit unbillig, denn jeder unter uns hielt es für eine
schädliche Flamme, die sich aus einer verdeckten Asche oder sonsten durch ein
Unglück hervorgeschwungen hätte. Dieses zu argwohnen, hatten wir wegen des
weggelaufenen Spionens grosse Ursach und wären ohne allen Zweifel noch mehr
erschrocken, so uns Wilhelm mit seinem freundlichen Anlächeln nicht ein anders
zu verstehen gegeben. »Es ist gottlob kein Brand noch anders schädliches Feuer,«
sprach er, »und was ihr hie sehet, ist die gewöhnliche Ehre, mit welcher ich
alle diejenigen zu bewillkommen pflege, die ich das erste Mal auf meinem
Schloss zu bewirten gewürdiget werde. Ich sollte zwar, wie es meine höchste
Schuldigkeit erfordert, euch mit einem sonderlichen Freudenfeuer oder
wohlgesetztem Feuerwerk beehren, indessen aber, weil es mein eingepflanzter
Humor so erfordert, soll dieses vor diesmal nur ein Zeichen meines guten Willens
sein.«
    Indem er so redete, kamen mehr denn zweihundert Bauernjungen, jeder mit
einer Pechfackel in der Rechten und in der Linken eine Pfeife tragend, mit
welcher jeder sein eigen Liedlein pfiff. Vornen an ritt ein grosser Bauernflegel
mit lauter Fuchsschwänzen behangen, welcher mit seiner grossen Schalmeien der
gesamten Bauermusik præludierte. Er sass rückwärts auf einem Esel, und also musste
ihm, anstatt des Zaumes, der Schwanz zu einem Leitseil dienen. Die Jungen gingen
Paar und Paar in der Ordnung, und nachdem sie den Hof dreimal mit grossem
Gelächter der Zusehenden herumgegangen, marschierten sie eben in der Ordnung
wieder ab, in welcher sie gekommen sind.
    Diese Kurzweil, ob sie wohl etwas lächerrlich war, kostete doch nicht so viel
als ein grosses und unnötiges Gepränge, welches oftermalen nicht sowohl zur Ehre
der Herrschaft als zum Verderb der Untertanen gereichet. Und hatten vielleicht
eine mehrere Ergetzlichkeit als von einem grossen und unnötigen Aufzug des grossen
Moguls, darob man nur die Augen zum Geldgeiz aufsperren kann. Wir aber
ergetzeten durch diese Kurzweil unsere Gemüter und vergassen dadurch der Grillen,
die uns da und dorten eingenommen hatten.
    Es fiel auf solches ein grosser Regen ein, sonst hätte er seine übrige
Feuer-Raquet, die er meisterlich zu schlagen wusste, in der Luft angefeuret,
dannenhero waren wir vielmehr beflissen, zur Nachtruhe zu gelangen und in der
vorigen Kammer der gestrigen Ergetzlichkeit von den rauschenden Baumblättern zu
geniessen, welche uns unter einem sehr angenehmen Gemurmel eingeschläfert haben.
    Und weil wir gegen Herrn Wilhelmen diese grosse Vergnügung so heftig gelobet,
wollte er uns auch vor dieses Mal Gesellschaft in der Nacht leisten, weil wir
durch den ganzen Tag seine stete Beiwohner gewesen. Wir legten uns demnach alle
drei in eine Kammer, ein jeder in ein absonderliches Bette. Wir beide aber
hätten lieber gesehen, dass Herr Wilhelm diese Freundschaft vor dasmal
aufgeschoben hätte, weil wir dadurch verhindert worden, unserer eigenen
Angelegenheiten wegen der Braut nachzuforschen, davon Herr Wilhelm dermalen noch
nichts wusste, dass sie Herr Friderich so heftig und ohne Vergleichnis liebte.
Dannenhero machten wir aus der Not eine Tugend, und indem wir mit ihm allerlei
Gespräche pflegten, schliefen wir unter währendem Regen und Sturmwind ein.
    Wir hatten etwan eine oder aufs meiste zwei Stunden geschlafen, als ein
grosses Geschrei vor unsere Kammer, allwo die Landstrasse zwischen den in die
Ordnung gepflanzten Bäumen durchging, entstanden, und weil wir uns alle drei,
aus dem ersten Schlafe erwachend, nicht darein zu finden wussten, bildete sich
jeder die Gefahr zum grössten ein. Es war aber dieser Tumult nichts anders als
ein heftiges Rufen eines Menschen, der an dem Schlosstor mit einem Steine
anklopfte und daselbst den Torwärter, ober dessen Logament wir schliefen, um den
nächsten Weg einer bekannten Stadt fragte.
 
                                 III. Capitul.
Friderich und Wolffgang kommen in unverhofftes Gefängnis, hören ober sich einen
    wunderseltsamen Discurs. Endlich hilft ihnen ein Bettler aus dem Traum.
Des andern Morgens, ob es gleich wegen annoch instehenden Wind- und Regenwetters
etwas widrig war, hebten wir uns doch beizeiten aus dem Lager und verstunden von
dem Torwärter, dass die vorige Person ein Diener mit einer blauen Liverei
gewesen, der nebenst einer anderen Person, die er wegen Entfernung und ihrer
Verdeckung nicht wohl zu Gesicht bringen können, nach dem richtigen Landwege
gefraget hatten.
    Mit diesem Bescheid liess Herr Wilhelm ein gutes Frühstücke zubereiten, und
als wir uns nach demselben bei dem Schlossgesind mit einem Trankgeld, bei Herrn
Wilhelmen aber mit unseren gewöhnlichen Complimenten abgefunden, ritten wir
unter grossen Wachshüten und dergleichen Mänteln im tiefen Kot zum Schloss aus.
    Wir hatten wegen lang gepflogener Unterredung in der Kammer etwas zu wenig
geschlafen, und weil wir über dieses bei dem Frühstücke zu tief in den
Wermutwein gebissen, bekamen wir guten Appetit, auf den Pferden einzuschlummern
und all sachte die Strasse, welche nach unserm Bedünken nicht irren liess, vor uns
zu reiten, mit diesem Beding, dass einer um den andern beflissen sein sollte,
damit wir den rechten Pfad nicht verlieren möchten.
    Also verhülleten wir uns in die grosse Mäntel, dass uns einer von ferne viel
ehe für grosse Braupfannen als Edelleute sollte angesehen haben, schliefen auch
in so lieblichem Geräusche der angeschossenen Bächlein sanft ein und liessen die
Pferde hingehen, wohin sie der Weg trug.
    In dieser angenehmen und ruhigen Bewegung ritten wir aus hernachmaliger
Erfahrung einen ziemlich weiten Weg und vergassen beide der getanen Parola, dass
einer um den andern sich wolle wachend auf der Strasse finden lassen.
    Es ist dannenhero unmöglich zu erzählen, wer oder was uns auf diesem
schlafenden Ritt aufgestossen sei, zumalen wir mit unsern Träumen und anderen
Phantasien auf solcher Reise genugsam zu handeln hatten. Da wir aber erwachten,
fanden wir uns beide mit Schrecken an Eisen und Fessel geschlossen.
    Friderich sah mich und ich sah ihn wieder an. Wir wollten den Schlaf aus den
Augen wischen, aber die weit auseinandergeschlossenen Arme verhinderten, dass wir
nicht allein dieses unterlassen, sondern noch darzu alle Hoffnung auf die Seite
setzen mussten, einer dem andern behülfliche Hand zu leisten. Ich stund auf
dieser, er auf jener Seite des Gewölbes, welches etwan von einem solchen
Fensterlein wie seine Einsiedlerei erleuchtet worden. »Ich bin«, sprach er, »die
Zeit meines Lebens nicht so bestürzet gewesen als anitzo, und ob ich auch alle
meine Vernunft zusammen gebiete, weiss ich doch keinesweges, durch was für einen
Zustand wir in solches Übel geraten.« Es ist gewiss, dass uns beiden diese Sache
viel abenteuerlicher als der wunderbareste Traum vorgekommen, weil wir uns, so
viel und mannigfaltig auch unsere Mutmassung fiel, dennoch in keine Gewissheit zu
finden noch viel weniger einen Entschluss fassen konnten.
    Indem wir so mit tausend Grillen und Sorgen umfangen waren, erhörten wir
ober uns zwei Personen miteinander auf und ab spazieren, und weil die Decke
dieses Gewölbes nur mit schlechten Brettern bedecket war, verstunden wir durch
solchen Boden alle Worte, die sie miteinander redeten. »Ach,« sagte eine
Weibsperson, »was ist doch dieser Schlossherr für ein wackerer Edelmann, der sich
meine Angelegenheit so trefflich lässet zu Herzen gehen. O Justin! nun bin ich
schon so lange von der Gefahr sicher, bis sich das Wetter ändern wird. Seid
vorsichtig und klug, damit Ihr Euch in Offenbarung meines Geschlechtes noch
Namens nit verplumpet, und wo Ihr sehet, dass mir etwas übel anstehet, so
unterrichtet mich dessen, denn ein Weibsbild in einem Mannskleide ist nicht
gewohnet, die Natur wie ein Aff den Maler nachzupinseln. Ich habe zwar Ursach
und bin zu einer solchen Verkleidung, wie Ihr wohl wisset, gezwungen worden,
weil ich kein anderes Mittel erfinden können, der grossen Nachstellung des
Bösewichts zu entgehen. Endlich gehe ich noch ins Kloster und gebe dieser
Landschaft samt allen meinen Gütern Valet.«
    »Es ist wahr,« sagte hierauf eine andere Stimm, welche ohne allen Zweifel
des Justins sein musste, »mein allerschönstes Fräulein, dass der Besitzer dieses
Schlosses ein recht höflicher und wohlqualificierter Cavalier sei. Er ist allem
Ansehen nach klug genug, Euch mit einem guten Rat an die Hand zu gehen, aber
dieses achte ich zum nötigsten, dass Ihr Euch vor ihm aufs wenigst so lang
verborgen haltet, bis Ihr von Haus aus ein mehrers erfahret.« - »Ich soll«,
sagte die vorige wieder, »diesen Menschen einmal, weiss aber nit, wo oder an
welchem Ort, gesehen haben. Und es ist gut, dass wir hie in der Einsamkeit einen
solchen Kopf angetroffen, dem wir uns mit unseren Angelegenheiten sicher
vertrauen können, darum, wie ich zuvor gesaget, so lernet schweigen und hütet
Euch, unvorsichtig meinen Namen zu offenbaren. Ich werde allezeit Fidius heissen,
bis ich ein anders zu erfahren habe.« - »Ich will tun,« sagte der andere darauf,
»was Ihr mir befehlet und meine Schuldigkeit heischet.«
    »Ach,« sagte Friderich, »was müssen wir hören? Wir verhofften, durch die
gehörte Rede aus unserem tiefen Zweifel zu gelangen, und fallen immer weiter
hinein. Diese Personen, so allem Ansehen nach fremd sind und verdeckte Sachen
spielen, heissen den Besitzer dieses Schlosses einen rechtschaffenen und
bescheidenen Cavalier. Oh, dass wir einen solchen an diesem Ort auch Ursach zu
loben hätten! Aber wir müssen uns vielmehr über eine solche Grausamkeit
verwundern als betrüben, weil wir keine Ursache wissen, noch uns sonsten einer
Schuld überführet befinden, die genug wäre, uns mit solchen Fesseln zu belegen.«
Mit dergleichen Klagreden begegneten wir gegeneinander und waren über uns selbst
zornig, dass wir durch den Schlaf in gefährliche Sicherheit und von dar in ein
unverhofftes Elend gestürzet worden.
    Mit dergleichen Reden brachten wir in diesem Gefängnis eine ziemliche Zeit
zu, als wir ober uns nichts mehr weder gehen noch reden hörten, bis endlich
jemand anfing, ein abscheuliches Gefiedel auf einer Geige anzustimmen. Bald
darauf kam eine Leier, endlich gar eine Sackpfeife hinein, und spieleten lauter
solche Lieder, die wir insgemein zu singen und zu musicieren pflegten. Bald
lachte jemand, bald fing wieder ein anderer an zu heulen, bis endlich jemand wie
eine Katze zu dem ausgeschnittenen Loche herunter knauzete. Nach diesem wurfen
sie gar brennende Bogen Papier herunter und schossen mit Pistolen durch das
Loch, dass es rauchte. Endlich kam es gar an die Tür des Gewölbes, bald klopfte
es, bald kratzte es mit den Nägeln, bald stiess es gar mit Füssen daran und eilete
wieder in das obige Gemach, allwo durch das Loch bald Wasser, bald Bier, bald
Wein heruntergegossen worden.
    Unter diesem Tumult brachten zwei vermummte Knechte einen Bettler mit sich
in ebendieses Gewölb, welcher Ach und Weh rufte. »Ach, ich armer Mann,« sagte
er, sich wie ein Frosch zusammenkrümmend, »was habe ich getan? was habe ich
gemacht? was habe ich angefangen? wie bin ich so voller Blindheit gestecket? wie
habe ich mich so schrecklich verführen lassen?« Nachdem nun die Knechte, welche
keine Antwort auf unsere Frage gaben, wieder hinweg waren, redeten wir diesem
Bettler zu, warum er also lamentierte und aus was Ursachen er allhier ins
Gefängnis geworfen worden; auch, wem das Schloss zustünde und wie dessen Besitzer
hiesse. »Ach, ach, ihr Herren,« sagte er, »ich bin ein Bettler, ein Bettler bin
ich, ja ihr Herren. Ich habe meinen Calender, meinen Calender, ach, meinen
Calender.« (Damit fing er an, sich bitterlich an den Fesseln zu bewegen und auf
der blossen Erde herumzuwälzen.) »Was hast du denn«, sagte Friderich, »mit deinem
Calender vorgehabt?« - »Ich habe«, sprach der Bettler darauf, »den Hintern daran
gewischet.« Damit fing er an zu lachen und gab sich zugleich zu erkennen, dass er
der ehrliche Bruder Philipp und dieses sein Schloss wäre, auf welches wir gestern
abend schlafend geritten gekommen.
    Die Verwunderung und das häufige Gelächter, so wir wegen dieser schnellen
Veränderung eingenommen, ist allerdings unbeschreiblich und gross gewesen. »Ihr
kamet«, sprach Philipp weiter zu uns, »wie hölzerne Bilder auf euren Pferden,
und unerachtet man euch bei den Haaren gezupfet und in die Seite gestossen hat,
ist doch unter beiden keiner er wachet, bis ich diesen Possen ersonnen und euch
zur Strafe eures angesoffenen Rausches in diese Ketten geschlossen habe. Ihr
habt euch über solches Verfahren auf keine Weise zu verwundern noch zu beklagen,
sondern wenn ihr betrachtet, wie eine eiferige Sittsamkeit und mässiges Leben ihr
bei neulicher Zusammenkunft versprochen und wie schlecht ihr diese in dem Werke
gehalten, so werdet ihr mein Beginnen für ein solches Werk auszurechnen haben,
das euch von mir, als eurem guten Freunde, nicht zum Schimpf, sondern zur Busse
ist angetan worden.«
    Wir sagten darauf, dass er sich mit so umschweifigen Worten nicht Ursache zu
entschuldigen hätte, weil uns sein aufrichtiges Gemüt ohnedem zur Genüge bekannt
wäre. Jedennoch könnten wir mit gutem Gewissen beteuren, dass keiner einen
Rausch, wie er meint , gehabt hätte, ob wir schon bekennen müssten, dass wir wider
unsere Gewohnheit in einen unermesslichen Schlaf gefallen. Auf dieses erzählten
wir ihm von Herrn Wilhelmen Abstorff, welchen er zum Teil kennete und seine
absonderlich Conduit trefflich herausstrich, unerachtet er ihm sonst nicht
ausführlich bekannt war. Er erfreuete sich zugleich, dass wir einen so wackeren
Mann in unsere Gesellschaft geworben, und dannenhero besann er sich auf gute
Gelegenheit, damit wir ehestens zusammenkommen und unsere Freundschaft aufs neue
mit einer guten Ordnung durch gewisse Reguln aufbringen möchten. Nach diesem
fragten wir ihn auch wegen derjenigen Leute, die wir ober uns hätten gehen und
reden hören.
    »Ich dachte,« sprach Friderich, »in einem ganz fremden Hause zu sein, denn
die Stimmen dieser Schwätzenden waren mir ganz unbekannt, und musste mich noch
vielmehr verwundern, da sie den Besitzer des Schlosses, als nämlich den Herrn
Brudern, so ausdermassen wegen seiner Bescheidenheit lobten, welche wir doch,
weil uns von demselben als Besitzer ein so unverhoffter Schimpf angetan worden,
billig Ursach hatten, in einen Zweifel zu ziehen. Aber wer sind diejenigen, die
allhie geredet haben, und von wannen sind sie gekommen?«
    »Sie sind«, sprach Philipp, »zwei Mannspersonen. Der eine ein Junger vom
Adel, der andere sein Laquay. Ihre Ankunft geschah kurz vor euch, und sie baten
mich, dass sie sich auf eine Zeitlang in diesem Schloss aufhalten und
auscurieren möchten, weil der vom Adel grosse Krankheiten, derer er auf seiner
Reise empfinden müssen, vorgegeben. Er spendierte gleich anfangs meiner Frauen
zwei hauptsächliche Armbänder, mir aber verehrte er sein Pferd, das ich über
hundert Reichstaler æstimiere. Eine solche Freigebigkeit lässet sich noch wohl
mit einer schlechten Herberg vertauschen, sie mögen derohalben so lang, als es
ihr Zustand erfordert, bei mir verbleiben. Mein schlechter Tisch, Zimmer und
Bett stehen zu ihren Diensten, und beliebt es euch, gleich mit ihnen meiner
Dienstgeflissenheit zu geniessen, so wisset ihr, dass mein schlechtes Vermögen
euer sei.« - »Nein,« sagte Friderich, »vor dieses Mal wird es nit sein können,
denn nebenst der Notwendigkeit unserer vorgesetzten Reise hätten wir weder
Armbänder noch schöne Pferde zu verehren«; dadurch er Herrn Philippen einen
merklichen Stich gab, weil er auf solche Verehrungen jederzeit mehr als viel
gehalten. »Du bist«, sagte Philipp darauf, »der alte Friderich und Leutescherer.
Eure Affection und Liebe, die ich billig höher als ein Paar Armbänder oder auch
ein Pferd vor hundert Reichstaler schätze, ist mir ein angenehmes, ja das
allerangenehmste Kleinod und Edelgestein, weil man Gold und Silber häufig aus
der Erden graben, aber eine wahre Aufrichtigkeit, mit der ihr mich jederzeit
unterhalten, kaum in dem tausendsten Menschen finden kann. Ein Kleinod ist zwar
zu loben, aber viel mehr eine ungefälschte Brust, weil ihre Kostbarkeit allen
Wert des toten Erzes weit übersteiget.«
 
                                  IV. Capitul.
  Wer der verkleidete Cavalier Fidius gewesen. Wolffgang reiset nach Abstorff,
    Friderich und die verkleidete Dam schlafen beisammen in einer Kammer. Er
                            erzählet seinen Zustand.
Während dieser Rede schloss man uns dreie wieder aus den Banden, und diejenigen
Diener, so das Werke verrichteten, lachten und schmunzelten, weil sie
ebendiejenigen gewesen, die auf Anstiftung Herrn Philipps wie die Katzen
geschlichen und sonsten allerhand Tänze auf ihren Leiren, Geigen und
Sackpfeifen, wie wir oben verstanden, kurz vorhero verübet haben, denn zu
solchen Händeln sind sie viel mehr als ihrem Dienst und Verrichtungen
abgerichtet, und wo sie ihrem Herrn in Ausübung eines kurzweiligen Possens
möchten bedienlich sein, viel fixer, als ihn aus einer Kotlaken herauszuheben,
weil sie, wie jener getan, nichts davon in ihrer Bestallung geschrieben wissen.
Nichtsdestoweniger lobten wir ihre Treue und verehrten sie mit einem
gebührlichen Trankgeld, dadurch man sich dieses Gesind trefflich zutun kann;
wurden also in ein hübsches Zimmer geführet, darinnen wir unsere Wachsmäntel
samt Degen und Wehrgehängen wie auch Sattel und Zeuge angetroffen. »Hier könnt
ihr erkennen,« sprach Philipp, »wie getreu ich es mit euch gemeinet habe. Wenn
ihr einem unter euren Feinden unversehens gleichwie mir in die Hände gefallen
wäret, wie meint  ihr, dass der Tanz würde abgelaufen sein? Er hätte euch,
gleichwie ich getan, ausziehen, euch in einen Kerker schliessen oder sich wohl
gar an eurem Blut sättigen können. Darum habe ich, ein solches Übel zu verhüten,
euch mit einer geziemenden Kurzweil eures besorgendlichen Unfalls abhelfen und
euch zugleich erinnern wollen, wie nötig es sei, sich auf der Strasse wohl
vorzusehen.« Auf dieses beteuerten wir nochmals mit grosser Verpflichtung, dass
wir nicht wüssten, wie oder warum wir diese Schwachheit in einem so grossen Rausch
verüben müssen, und schätzten uns solches vor ein absonderliches Glück, dass die
Pferde in ihrer grossen Irre dennoch so glücklich gewesen, den Ort eines so guten
Freundes zu erreichen. Damit führte er mich zu seiner Frauen, Herrn Friderichen
aber mit sich in seinen Stall, weil er von ihm einen guten Passklepper
einzuhandeln willens war. Sie wusste schon um alle Begebenheit und war auch
zugleich dabeigewesen, als man uns die Kleider vom Leibe gezogen, konnte auch
nicht genugsam erzählen, wie unbeweglich wir beide gewesen, ja, sie machte die
Beschreibung so umständlich und grausam, dass ich mich billig unsers grossen und
sonst ungewöhnlichen Schlafes schämen musste. In dieser ihrer Erzählung kam
zugleich der fremde Cavalier zu uns, weil man nunmehr zur Tafel geläutet hatte.
Ich erschrak, sobald ich diesen unter Augen bekommen, denn seine Gestalt und
liebliches Gesichte kam allerdings mit demjenigen Altarbilde überein, welches
uns in der vorigen Kapelle von Herrn Wilhelmen ist gewiesen und umständlich
beschrieben worden. Wir hatten gegen Herrn Philippen deswegen kein Wort gedacht
noch viel weniger erzählet, was die beide Fremde ober uns geredet hatten, weil
ohne allen Zweifel ein Betrug dahinter steckte, der zwar kein Übel, aber doch
auf einen solchen Ausgang angesehen war, dadurch wir beide Gelegenheit hätten,
Herrn Philippen wieder wacker auszulachen. Also liess ichs gut sein und wollte
ehe tausend Taler verloren als die Meinung gemisset haben, dass dieser
verkleideter Cavalier nicht ebendiejenige adelige Jungfer wäre, von welcher uns
Herr Wilhelm erzählet hatte.
    Damit kam Herr Philipp und Herr Friderich aus dem Stalle, weil sie in dem
Kauf nicht allerdings eins werden können. Denn Herr Friderich war karg, und Herr
Philipp schenkte auch nicht gerne viel hinweg, also schien es fast, als wollten
zwei hart aufeinandergeschlagene Steine ziemlich Feuer geben, und weil sie um
einen merklichen Sprung in dem Kaufe voneinander waren, auch keine Hoffnung zum
Leihkauf war, liess man den Pferdediscurs fahren, und nachdem Herr Friderich sein
höfliches Compliment, wie er allezeit pflegte, gegen der Frau Philippin wie auch
gegen dem Fremden abgelegt, satzten wir uns zu Tische, und ich gab genaue
Achtung auf Herrn Friderichen, wie er sich in Anschauung des verkleideten
Cavaliers würde traumen lassen.
    Es ist nicht zu sagen, wie eine heftige Röte ihm in das Gesichte geschossen,
als er diesen jungen Edelmann etwas genauer betrachtet. Daraus verstund ich
wohl, dass ich in meiner Meinung wegen des gesehenen Altarbildes nicht betrogen,
deswegen wartete ich mit Verlangen, bis die Mahlzeit vollendet war, zwischen
welcher Herr Friderich bald dieses, bald jenes so vermischet untereinander
geredet, dass sich Philipp in seine variierende Discurs mitnichten richten
konnte. Ich aber merkte wohl, dass solche hin und wider wankende Reden lebendige
Vorboten seiner verliebten Gedanken wären, dazu er wider seine eigene Gewohnheit
vor diesmal ist verleitet worden.
    Nach aufgehobenem Tische gingen wir in unser Zimmer mit hinterlassener
Zusage, dass sich Philipp wegen des Pferdekaufs noch in etwas besinnen und
alsdann seine endliche Resolution mit einem Wort wollte zu verstehen geben. Im
Werke aber geschah es nur darum, auf dass wir, von der Gesellschaft Herrn
Philipps entäussert, bessere Gelegenheit hatten, von der Sache zu reden, die uns
über Tische in so grosse Verwirrung gebracht hatte. »Hast du gesehen,« sprach er
zu mir, »was mich über dem Essen so bestürzt und verwirrt gemachet?« - »Ich habe
es«, war meine Antwort, »nicht allein gesehen, sondern genugsam gehöret, wie
verwirrte Reden du untereinander auf die Bahn gebracht und wie ordentlich du
dein Rhetorik in acht genommen hast.« - »Ja,« sprach er, »Bruder, das Gesicht
des Cavaliers war ein anderer Lehrmeister.« - »Ist es nicht ebendasjenige,«
fragte ich, »das wir bei Herrn Wilhelmen in der Kapelle an dem Altare gesehen?«
- »Ja,« sprach er, »es ist ebendasjenige und kein anders, als welchem ich
tausendmal zu Gefallen auf das Schloss ihrer Frau Mutter betteln gegangen. Sie
ist durch einen Unfall zu dieser Verkleidung ohne allen Zweifel veranlasst
worden. Weil sie sich auch nach Aussage des Philipps eine geraume Zeit allhier
aufzuhalten willens ist, gedünkt es mich die beste Gelegenheit zu sein, allhier
meine Pfeile zu schneiden und zu verschiessen. Weil es aber absonderlich in einer
so wichtigen Sache getreue Beistände erfodert, wäre mein freundlich und
brüderliches Bitten, dass du möchtest zu Herrn Wilhelmen zurücke reiten, ihm den
Betrug eröffnen und ihn zugleich mit dir allhier zu vermögen, damit in dieser
Sache etwas Nützliches möchte geschlossen werden.«
    Wir nahmen darauf die Landkarte, die sich ein jeder von dem Original des
Christophens hatte abcopieren lassen, in der Stille hervor und besahen den Weg,
wohin ich mich gegen dem Schloss des Wilhelmens zu wenden hatte, weil wir nicht
gerne um den Weg fragen wollten, damit unser Vorhaben auf keinerlei Weis möchte
offenbar werden. Also eilete ich denselben Abend noch davon mit Vermelden, an
einem benachbarten Orte gewisses Schuldgeld einzuheben und mich sodann wieder
zurücke zu verfügen. Philipp war dessen wohl zufrieden und erfreuete sich, dass
er des bescheidenen Friderichens angenehme Person mit so grossem Content geniessen
konnte, dessen Annehmlichkeit er je länger, je höher zu schätzen pflegte. Er war
auch einer solchen Hochachtung wohl wert, weil er nicht allein ein Mensch von
einem recht frommen und christlichen Herzen, sondern noch darzu in allen
Sprachen ziemlich erfahren war, also dass er unter den Edlen nicht anders als ein
schöner Rubin in einem güldenen Ringe schimmerte.
    Er brachte es noch selbigen Abend bei Philippen dahin, damit er bei diesem
fremden Cavalier, weil ich ohnedem nicht bei ihm war, in einer Kammer alleine
schlafen konnte, welches ihm Herr Philipp gerne vergönnete. Damit eileten sie
beide zur Ruhe. Herr Friderich, vor Lieb und Unmut gequälet, wandte sich in
seinem absonderlichen Bette hin und wider und liess seines Gemüts Unruhe genugsam
in der äusserlichen Bewegung verspüren, also dass die verkleidete Dame genugsame
Ursach hätte, sich über seinem Zustand zu befragen. »Monsieur,« sprach sie, »Er
ist unruhig und sein Seufzen verwunderlich, reuet Ihn vielleicht der
Pferdehandel?« - »Ach, tapferer Cavalier,« sprach Herr Friderich, gleich als
kennete er sie nicht, »ein Pferd ist zu wenig, mich entweder gründlich zu
erfreuen noch mich, wie ich anitzo billig Ursach finde, zu betrüben.« - »Ist
Euch denn«, sagte diese ferner, »irgends Unglück widerfahren?« - »Nein,« sprach
Herr Friderich, »aber ich werde wohl von einem Zweifel gepeiniget, welchen ich
höher als alles Unglück schätze.« - »Ihr seid«, sprach sie, »herzhaftig genug,
Eurem Zweifel zu begegnen, aber saget mir im Vertrauen, in was vor einer
Begebnis entspringet Euch solcher Zweifel?« - »Ich will«, sprach Herr Friderich,
»Euch als einem klugen Cavalier, dessen grosse Affection ich über dem Tische
gegen mir genugsam erfahren und mich dannenhero über eine so gut aufgestossene
Freundschaft von Herzen zu erfreuen habe, mit wenigem vertrauen, wer ich sei und
was mich peiniget, verhoffend, dass Ihr mir auch Eure Zustände zu entdecken
keinen Scheu tragen werdet.
    Ich bin von Geburt ein Schottländer und heisse sonsten Jonstinus, welchen
Nam, weil er den Teutschen etwas ungemein fället, ich mit dem Namen des
Friderichens ausgetauschet und verwechselt habe. Ich habe meine Zeit von Jugend
auf in Schulen und in dem Kriege, auch in vielen Reisen durch die Welt
zugebracht. Letztlich erkaufte ich in diesen Landen ein adeliges Gut und
wohlerbautes Schloss, auf welchem ich meine Zeit als eine ledige Person so lange
zugebracht, bis ich entschlossen, die Eitelkeit dieser Welt zu quittieren, eine
graue Kutte über den Hals zu werfen und ein Einsiedler zu werden. Solchen Habit
habe ich bis neulich getragen, und unter währender Einsiedlerei kam ich auf ein
Schloss zu einer adeligen Wittib, die heisset die Frau von Ocheim, eine andächtige
und fromme Matron. Diese Frau von Ocheim hat eine einzige Tochter und Sohn, die
beiderseits wohl gezogen sind. Und ich hatte allerdings grosse Ursach, mich in
die absonderlichen Eigenschaften der Tochter zu verlieben, weil ich nach meinem
Bedünken kein schöner Weibsbild in der ganzen Welt gesehen habe. Ich habe
resolviert, wegen ihrer mein hart und strenges Leben zu quittieren und mich um
ihre holdselige Liebe zu bewerben, aber ich muss nun auf meiner Reise mit Jammer
verstehen, dass sie sich an einen mit Namen Bartel auf der Heide verehlichen
werde, dadurch liegt meine Hoffnung, die ich so sehr in mir brennen lassen, im
tiefen Meer, und sind mir alle Funken ausgelöschet, ihrer holdseligen Anmut zu
geniessen. Glaubet, o tapferer Fidius, dass mich dieser Schmerz unermesslich quälet
und dass ich genugsame Ursach habe, mich mit verzweiflenden Gedanken zu martern,
weil mir meine Sonne untergehet.
    Doch Geduld! Diese ist der beste Arzt wider allen Unmut, und kann ich sie
gleich nicht haben, so werde ich doch ihren hohen Aestim bei allen denen in
unauslöschlichem Gedächtnis zu loben wissen, die etwas auf den Ruhm der wahren
Tugenden halten. Und dieses ists mit wenigem, welches meine stete Unruhe
befördert.«
 
                                  V. Capitul.
  Die Dam, welche sich Fidius nannte, erzählet Friderichen ihren Zustand. Der
 Diener Justin wird bestochen. Wilhelm, Wolffgang, Friderich und Philipp kommen
       auf dem Schloss Oberstein heimlich hinter die Wahrheit ihrer Liebe.
»Mein Herr,« sagte sie darauf, »es ziehet sich mancher Mensch etwas zu Gemüte
und besorget, was er doch ganz keine Ursache zu besorgen hat. Mancher betrauert
seine Freunde, und da er meint , sie seien schon längst in dem Grabe verfaulet,
so trifft er sie ohngefähr und unverhoffterweise auf der Strasse an, findet auch
diese im Leben, die er schon lange tot zu sein gemutmasset. Wieviel sind derer,
die in Besorgung eines grossen Ungewitters auf dem Meer schiffen, und da sie von
Furcht gequälet ihren Untergang fürchten, sehen sie die Sonne scheinen und
liebliche Winde in ihre Segel spielen. Ich muss Euch anitzo mit demjenigen, so
viel mir von dem sogenannten Bartel auf der Heide wissend ist, trösten und
gewiss erzählen, dass ihm kein Mensch, wieviel weniger eine adelige Jungfer, die
Ihr so hoch gelobet habt, zugetan sei. Darum habt Ihr geringe Ursach, Eure
falsche Einbildung länger zu unterhalten, und könnet wohl ohne Sorgen nicht
allein heute, sondern auch hinfüro einschlafen. Mich anbetreffend bin ich zwar
aus dieser Revier, wie Ihr wohl an meiner Sprache und Redenart abnehmen könnet,
geboren; aber nichtsdestoweniger von der Luft dieser Landschaft so sehr
gepeiniget, dass ich fast nicht auf meinem Orte wohnen kann, sondern andere Luft
zu schöpfen, mich bald da, bald dort in ein fremdes Haus begeben und daselber
meiner Gesundheit pflegen muss.
    Mein Name, wie Ihr heute über der Tafel gehöret habt, heisset Fidius, und bin
dermalen entschlossen, mich etliche Wochen allhier aufzuhalten, weil es dieser
Orten eine recht gesunde Luft hat. Alsdann will ich etwan weitergehen oder mich
nach Beschaffenheit der Zeit wieder nach Hause tragen. Doch ist dieses noch
einzig zu fragen: Wie heisset diejenige adelige Jungfrau, in welche sich mein
Herr so sehr verliebet hat?« - »Sie heisset«, sprach Friderich, »Amalia und wird
insgemein die Schöne genannt. Sie ist es auch in dem Grund der Wahrheit, nicht
sowohl wenn ich alleine die äusserliche Lineamenten als vielmehr die innerliche
Tugenden betrachte. Sie ist fähig und geschwinde, mit ihrem Verstande auch die
Klügesten zu überwinden, und hat ein solches Gemüt, welches, ob es wohl nicht
steinern sein kann, dennoch alle Kostbarkeit der Diamanten weit übertrifft.« -
»Ihr seid«, sprach die Dame hierauf, »sehr höflich gegen das Frauenzimmer,
darumen ich Euch billig loben muss, aber man gibt zuweilen einem Menschen,
absonderlich, den man liebt, mehr Eigenschaften, als er besitzet. Doch zweifele
ich nicht an Euren Worten, welche Eure verliebte Zunge so höflich vorzubringen
weiss. Schlafet wohl!«
    Mit diesen Worten schliefen sie ein, und Herr Friderich, wie er mir
hernachmals erzählte, hatte tausend Vergnügung über diese unverhoffte Antwort,
weil er die Jungfrau, so mit ihm deswegen geredet, mehr als zu wohl gekennet,
dass sie nicht Fidius, aber wohl diejenige Amalia sei, von welcher er Meldung
getan. Darum liess er sich auch nichts Böses träumen und erwartete mit Verlangen,
was ich gutes Neues mit mir aus dem Schloss Herren Wilhelms von Abstorff
bringen würde.
    Er redete folgenden Tages alle seine Heimlichkeiten mit Philippen als seinem
vertrauten Freunde haarklein ab, und »wer meinst du,« sprach er zu ihm, »dass
dieser Cavalier sei, der sich, seinem Vorgeben nach, bei dir will auscurieren
lassen? Du meinst zwar und bildest dir ein, ein Grosses getan zu haben, dass du
uns Schlafende ausgezogen und an Ketten gebunden hast, wie wäre es aber, wenn
dich ein schwaches Weibsbild als einen Wachenden betrogen und dir ein Fell vor
deine Augen gehangen hätte?« Indem Herr Friderich also redete, kam ich samt
Herrn Wilhelmen, der mir auf der Strasse tausend Possen erzählet hatte, in das
Zimmer, und Philipp war wegen getaner Frage des Herrn Friderichs ganz bestürzet.
    »Wieso,« sagte er nach unserer Bewillkommung, »ist dieses nicht Fidius,
einer vom Adel aus diesen Landen?« - »Nein,« sagte Herr Friderich, »es ist
niemand anders, als welchen Bruder Wilhelm in seiner Kapelle auf dem Nebenaltar
gemalet hat.« - »Wie,« sagte Wilhelm, »ist die Amalia hie?« - »Ja,« sprach Herr
Friderich, »und in verdeckten Mannskleidern.« - »Hilf Himmel!« sprach Philipp,
»was höre ich? Ist dieses die berufene und schöne Amalia?« - »Ja,« sprach ich,
»sie ist die schöne Amalia, die dich viel mehr als du uns über den Tölpel
geworfen und betrogen hat!« Hiermit lachten wir ihn aus und fingen, gleichwie er
uns durch seine Leute tun lassen, bald wie die Katzen, bald wie die Hunde an zu
schreien.
    Und nach diesem eröffnete Herr Friderich seine Meinung, von welcher ich
Herren Wilhelmen auf dem Wege alle Umstände erzählet habe. Man resolvierte sich
darauf mit wenigem, ihren Diener mit Gelde zu bestechen, dass er von seinem
Fräulein erforschte, was und wie sie eigentlich von dem Friderichen schlüsse.
Brachten ihn demnach mit guter Manier an uns, und nachdem wir ihn mit grossem
Widerstand endlich zur Bekanntnis, dass diese verkleidete Person kein Mannsbild
noch Fidius, sondern die schöne Amalia von Ocheim wäre, gebracht, überredeten
wir ihn zugleich mit etlichen Ducaten, von dieser Materie etwas genauer mit
seinem Fräulein zu reden und uns, sobald es möglich, ihre Meinung zu erklären.
    Der Diener liess sich hierzu als das beste Mittel gebrauchen, und damit wir
desto besser hören könnten, was er mit ihr redete, und ob er, seinem Versprechen
gemäss, das Seinige fleissig verrichten würde, sperreten wir uns insgesamt in eben
das vorige Gefängnis, darinnen wir beide Personen, weil sie um den Betrug keine
Kundschaft hatten, all dasjenige konnten reden hören, was etwan wegen des
Friderichens Interesse vorübergehen möchte.
    »Ihr seid glückselig,« sagte der abgerichtete Diener zu seinem Fräulein,
»dass Ihr bis daher noch jederzeit von allen auf dem Schloss vor eine
Mannsperson angesehen worden; aber saget mir, wie gefället Euch Herr Friderich?«
- »Herr Friderich«, sagte sie, »ist ein wackerer Cavalier, und ich muss aus dem
erkennen, dass er mich vor einen seinesgleichen hält, weil er mir alle seine
Heimlichkeiten als einem getreuen Freund offenbaret hat.« - »Was sind es denn«,
fragte der Diener, »vor Heimlichkeiten gewesen? Sind es Sachen, die wir zu
fürchten oder über die wir uns nichts zu bekümmern haben?« - »O Justin,« sagte
sie, »deine getane Frage kann ich nicht so leichtlich, wie du wohl meinst,
beantworten. Herr Friderich ist verliebt.« - »Ja,« sagte der Diener, »das lasse
ich zu, dass er verliebt sei, aber was geht uns dieses an?« - »Nur mehr als
zuviel!« antwortete Amalia. »In wen ist er denn verliebt?« sprach der Diener.
»Eben in denjenigen,« antwortete die Jungfer, »der sich den Fidius heisset.« -
»Hilf Himmel!« sagte der Diener, »was höre ich? Ist Herr Friderich durch seinen
Fehler so weit, und zwar zu einer heimlichen Verträulichkeit gegen Euch
verleitet worden?« »Es ist nicht anders,« sagte sie, »und ich musste noch mehr
wundern, dass er aus Furcht, als wäre ich dem Bartel auf der Heide, den ich doch
niemalen, wie Ihr wisset, mit einem günstigen Auge anblicken können, allgemach
schon verehlichet, so unruhig und im Herzen ungeduldig war.« - »Er ist«, sprach
der Diener, »einer subtilen Complexion und dahero den Gemütsregungen trefflich
unterworfen. Aber saget mir, schönstes Fräulein, habt Ihr auch eine
Gegenaffection zu diesem tapferen Schottländer oder nicht?« - »Ihr seid«, sprach
sie darauf zu ihm, »ein vorwitziger Justin, aber ich wollte wünschen ...«, damit
seufzete sie und schwieg still. »Warum«, fragte Justin, »redet Ihr nicht fort?«
- »Das ist dir genugsam bekannt,« antwortete Amalia, »dass ich wünschen wollte,
nicht verkleidet zu sein, vielleicht könnte sich unsere Bekanntschaft
miteinander weiter ausbreiten und ich dermaleins aus einem solchen Wirbelwind
geraten, in welchem mich der verfluchte Bartel auf der Heide herumtreibet.«
    Diese der Amalien Worte waren uns insgesamt genugsame Zeugnis, dass sie dem
Friderichen nicht unhold wäre, »und«, sagte sie weiter zu dem Diener, »es ist
doch auch gut, dass ich verkleidet bin, erstlich dem leichtfertigen Verfolger
meiner Ehren und dann auch vor Philippen insonderheit verborgen zu sein, denn
dieser ist ebenderjenige Einsiedler gewesen, zu dem ich, wie ich Euch vor
etlichen Wochen erzählet habe, in den Wald gekommen, der mich hernachmals auf
ebendieses Schloss gewiesen, darinnen ich bald bin ausgekundschaftet worden.«
Über dieses verwunderte sich Philipp von Herzen und machte ein grosses Kreuz, dass
er an diesem Ort so unverhofft hinter seine eigene Geschicht kam, die er kurz
vorhero auf meinem Schlösslein erzählet hatte. Also machten wir uns zu Tische,
und weil ein Verliebter gemeiniglich alle Tugenden an sich hat, wurde Herr
Friderich gegen dem Justin so freigebig, dass es alle Anwesende verwunderte. Man
trank über der Tafel allerlei Gesundheitstrünke, und wurde auch unter anderen
der schönen Amalia gedacht. Herr Wilhelm, welcher ein ausgedrehter Kopf war,
brachte tausend Verblümungen vor, darüber man sich zu ergetzen hatte. Weil aber
der fremde Fidius seine Unpässlichkeit vorschützte, wurde er mit dem häufigen
Getränke übergangen; aber der Diener machte hinter der Amalia Sessel so
wunderliche Blicke mit den Augen, daraus wir wohl abnehmen konnten, dass ihr
unsere vorgenommene Unterredung trefflich wohl gefallen müsse. Denn wir
schwätzten von nichts anders als von dem Lob dieses und jenes Frauenzimmers,
gaben aber allezeit der schönen Amalia das meiste, wegen derjenigen Tugenden,
welche sie häufig vor einer anderen besässe. Einer hiess sie eine würdige
Kaiserin, der andere schrieb ihren Meriten ein Königreich zu, der dritte
verglich sie mit einem glänzenden Stern, und Fidius selber hiess sie, dem
Friderichen zulieb, eine unglückselige Liebhaberin, welches keiner ausser
demjenigen, auf welchen es geredet war, verstehen sollte. Aber wir wussten alle
wohl, wohin diese Pfeile zieleten, ob wir schon den Schalk merklich verborgen
und uns so eingezogen hielten, gleich als wüsste keiner, dass sie ebendiejenige
wäre, von der wir so ein häufiges Lobgespräche führten. »Ich weiss«, sprach
Wilhelm, »unter euch allen am allerbesten, wer und was sie ist. Es hält sich
einer vom Adel im Lande auf, der heisset der Bartel auf der Heide.« - »Ha, ha,«
sagte Philipp, »das ist der rechte Gesell!« - »Derselbe Bartel«, sagte Wilhelm
weiter, »gibt sich allentalben vor ihren Liebsten aus, aber er wird anlaufen
wie ein blinder Ochs an die Stalltür. Die Früchte, welche auf ihrem Baume
wachsen, sind vor ein solches Maul viel zu delicat, wenn ich noch jünger wäre
oder die Gestalt des Friderichs hätte, könnte ich noch etwas hoffen, das ihr
euch leichtlich einbilden werdet, aber nunmehr ists mit mir als einem erlebten
Witwer zu spat, auf das Angeln auszugehen, darum überlasse ich solche Gedanken
denjenigen, die etwas röter als ich um den Schnabel aussehen.« Mit solchen
Gesprächen vertrieben wir etliche Mahlzeiten, bis wir untereinander Anstalt
machten, dass uns Herr Wilhelm auf sein Gut laden sollte, allwo Herr Friderich
und wir insgesamt entschlossen waren, den Vortrag wegen der Heirat zu tun.
Indessen kamen wir auf diesem Schloss je länger je weiter in die Kundschaft der
Amalia, welche, allem Ansehen nach, Herrn Friderichen herzlich liebte, denn als
er etlichmal nur so zum Schein wegreisen wollte, wurde er von ihr mit allerlei
Gründen, sein Vornehmen einzustellen, öfters zurückegehalten. Und dieses gab
uns, nächst Versicherung des Dieners, genugsame Ursach, das Werk ernstlicher
anzugreifen und mit ihr etwas mehrers aus der Schrift zu reden.
 
                                  VI. Capitul.
 Sie kommen in die Schlosskapelle, finden daselbst einen andächtigen Einsiedler
     beten. Abschrift zweier Grabschriften über einen Hofmann und Geizhals.
Es war ziemlich warm, als wir insgesamt auf das Schloss des Herrn Wilhelmens nach
Abstorff ritten, und weil die ganze Reise auf die verkleidete Amalia, die sich
noch beständig den Fidius hiess, abgesehen war, kann der geneigte Leser
leichtlich betrachten, wie tausendfältige Gelegenheit wir hatten, uns
untereinander den langen Weg zu verkürzen. Wir kamen endlich in später Nacht
nach Abstorff, allwo wir trefflich kühle Zimmer angetroffen, in welchen wir
unsere erhitzte Glieder wieder in die vorige Bewegung gebracht. Die Mahlzeit,
auf welche er uns eingeladen, war stattlich bereitet, und es hat nicht viel
gefehlet, so hätten wir unsers guten Vorsatzes vergessen und uns so wohl, als
zuvor öfters geschehen, mit unnötigem Gesäufe angefüllet. Nachdem nun bei der
Tafel allerlei kurzweilige Gespräche vorgelaufen, studierte unterdessen der
Schlossverwalter auf die Oration, welche er heute nachts vor dem Bett der Amalia,
im Namen der ganzen adeligen Gesellschaft, insonderheit aber wegen Herrn
Friderichs ablegen sollte.
    Amalia wusste nichts darum, dass ich und ihr geliebter Friderich ehedessen
allhier auf dem Schloss zu Abstorff hinter ihre Kundschaft geraten, darum fing
ich an, wie ich von einem künstlichen Altar gehöret hätte, so hier in der
Schlosskapellen sollte anzutreffen sein. »Er ist«, sprach ich gegen Herren
Wilhelmen, »in dem ganzen Land weit und breit berufen, und weil ich ein grosser
Liebhaber solcher ungemeinen Schildereien bin, muss ich das Kunststück noch vor
der Abendruhe zu sehen bekommen.« Die anderen Gesellschafter, welche wohl
wussten, wo mein Begehren hinzielete, verlangten von dem Besitzer ein
gleichmässiges, und also führte er uns mit etlichen Fackeln in sein
Schlosskirchlein, in welchem ein andächtiger Einsiedel, der nächst dem Schlösslein
in einer Steinklippe seine Wohnung hatte und nach seiner Gewohnheit alle Abend
in dieser Kapelle sein andächtiges Gebet verrichtete. »Dieser Mensch«, sprach
Wilhelm, »betet mehr als wir alle miteinander. Seine Einfalt hat ihm von der
Wiege an zur sonderlichen Glückseligkeit gedient, weil er dadurch zur wahren
Demut angeleitet worden, von welcher die Gelehrten nunmehr ganz oder doch aufs
wenigste weit entfernet sind. Er hat noch meinem seligen Vater für einen
Schreiber gedient und für all seinen Lohn die einzige Bitte getan, dass er nach
meines seligen Vaters Tod besagte Steinklippe zu seiner Wohnung und dieses
Kirchlein zu seiner Andacht gebrauchen möchte, welches ich ihm vermög meines
Vaters Testament alle Nacht offenstehen lasse. Der Segen, welchen ich durch mein
Almosen, so ich ihm reichen lasse, in meiner Haushaltung spüre, ist allerdings
gross und merklich. So hütet er mir auch beinebenst die umliegende Weinberge und
schreibet allerhand Sachen, dadurch ich meine Andacht ermuntere. Mein Pfarrherr,
welchen ich in dem Dorfe habe, ist nicht halb so andächtig als er, darum ist er
ihm wegen seines frommen Lebens, und dass die Leute mehr auf den Einsiedler als
auf ihn halten, sehr aufsätzig und heisset ihn auf offener Kanzel einen
Faulenzer, der seiner Profession nicht nachzugehen trauete, sondern sich wie ein
dummes Vieh in dem Berg aufhielte. Aber dieser Auflagen geschehen ihm nur
deswegen von dem Pfarrer, weil er ihn an seinem exemplarischen Leben weit
übertrifft.
    Er hat mich oft vermahnet, ich sollte diesen Müssiggänger abschaffen, hat mir
auch deswegen vom Bischof einen Befelch gebracht, aber ich habe in meinem
Gegenbericht in die bischöfliche Canzelei geschrieben, dass, wenn sie einen
Pfaffen im ganzen Bistum hätten, der mich durch sein frommes Leben mehr als
dieser fromme Schreiber erbauen könnte, sollten sie ihn herausschicken, alsdann
wollte ich nicht allein ihn, sondern den Pfarrer darzu, der es tausendfältig
mehr verdienet hätte, davon- und zum Dorfe hinausjagen.«
    
    Als er solches von dem gegenwärtigen Menschen redete, machte sich dieser mit
einem andächtigen Reverenz aus dem Kirchlein, allwo er allgemach zwei Stunden
gebetet und also durch unsere Ankunft aus seiner damaligen Andacht ist verstöret
worden. Da fing ich an seiner Person an, meinen ehemaligen Zustand zu
betrachten. Denn er zog in einem geflickten Rock daher, gleichwie ich einen
anhatte, darum gab ich ihm eine Handvoll Groschen, sich damit Bücher, Licht und
dergleichen nötiges Hausgeräte zu schaffen, welches er ohnedem von Wilhelmen zur
Notdurft genoss. Herr Wilhelm führte uns nach diesem allentalben in der Kapelle
herum, allwo er uns neben den vorigen Sachen noch etliche Grabschriften und
dergleichen alte Steine gewiesen, auf welchen allerlei Figuren eingehauen waren.
Ich und Philipp zeichneten die meisten von denselben in unsere Schreibtafeln,
weil ich sonsten zu einen seichten Kopf hatte, ihren Inhalt in einer so kurzen
Zeit zu fassen. Und solchergestalten führte er uns allentalben so lange in dem
Kirchlein herum, bis er uns endlich zu dem Altar brachte, welches das
eigentliche Conterfei der gegenwärtig und in Mannskleider versteckten Jungfrauen
Amalia war.
    Sie kannte das Bildnis im Augenblick, hatte aber weder Ursach noch Herze zu
fragen, wie es anher gekommen, ob es ihr schon aus ihrem Wohnzimmer zu Ocheim
von dem berufenen Bartel auf der Heide ist gestohlen und entfremdet worden.
Wilhelm fragte einen um den andern, wie uns das Bild gefiele, und es war keiner,
der dessen Zierlichkeit nicht auf das höchste erhoben, absonderlich aber ist es
von dem Friderichen gepriesen worden, und musste die Amalia selber eine solche
Copei loben, dessen Original sie im Wesen selbst war.
    »O schönes Bildnis,« sprach Herr Friderich, »sooft ich meine Augen zu dir
erhebe, fället meine Hoffnung zu Grunde. In deiner Erblickung erfreuet sich zwar
mein Herz, aber es weinen doch auch zugleich meine Augen wegen einer gewissen
Ursache, die nur einer unter uns auflösen kann.« Wir taten alle, als wüssten wir
nicht, was Herr Friderich redete, dannenhero mussten wir uns über der plötzlichen
Entfärbung der Amalia recht kurzweilig verwundern, welche den Schalk so
trefflich zu bergen wusste.
    Nach diesem legte man uns in abgeteilte Kammern, und wurde der Amalia samt
ihrem Diener ein besonderes Zimmer eingegeben, auf dass unser Vorhaben desto
füglicher möchte vollzogen werden. Herr Friderich und Wilhelm spieleten indessen
in der Karte, weil sie præcise um zwölf Uhr in der Nacht mit dem Schlossverwalter
zur Amalia ins Zimmer eintreten und ihre Proposition, welche in einem
Heiratsvortrag bestund, wollten ablegen lassen. Ich aber und Philipp lasen
diejenigen Grabschriften hindurch, die wir zuvor in der Schlosskapelle
abgeschrieben hatten, damit wir unsere Exemplarien miteinander communicieren und
etwan dasjenige verbessern möchten, was wir aus Unvorsichtigkeit in der Nacht
nicht wohl aufgezeichnet hatten. Hiermit las ich die erste, die war eines
Hofmannes und hiess also:
    Leser, stehe still! Hier liegt ein Fuchs mit einem glatten Balg und ohne
Schwanz, ich sage: ein falscher Hofmann. Er ist so ein grosser Abstemius von der
menschlichen Einfalt gewesen, dass er sich vielmehr zu der unvernünftigen Tier
Arglistigkeit vergesellschaftet hat. Darum heisse ich ihn einen Fuchs, willst du
ihn aber einen Esel heissen, so stehet es dir frei, denn er trug auf beiden
Seiten. Die Esel finden sich auf der Mühl ein, dieser bei Hofe, allwo die Zungen
der Hofbedienten ein stetes und unruhiges Geklapper machen. Er bauete sich als
ein arglistiger Fuchs viel Löcher in die Erden, aber desjenigen, darein er
dermaleins nach dem Leben sollte geworfen werden, vergass er dermassen, dass ich
zweifle, ob man ihn hier unter diesem Steine antreffen würde. Indem er den
Fuchsbalg angezogen, zog er zugleich die menschliche Bescheidenheit aus, und hat
also sein Lob mit einer ewig währenden Schande verwechselet. Er war als ein
guter Fuchs jederzeit der näheste an seines Fürsten Pelz, und sein Balg war so
gross, dass man leichtlich zwölf dergleichen Röcke könnte ausgefüttert haben.
Seine Wissenschaft anbelangend, so mussten auch diese noch bei ihm in die Schule
gehen, die sonsten die grössten Schmeichler waren.
    In der nassen Facultät war er dreifacher Magister, denn es gingen wenig Tage
durch das Jahr, an welchen man ihn nicht dreimal rauschig gesehen hat.
Solchergestalten mästete er mit Fressen, Saufen und Schlafen den Leib, aber die
Seele trocknete er wie einen Zaunstecken aus. Er hielt viel auf die Demut, aber
nur anderer Leute, und lobte nichts mehrers als die Höflichkeit, aber nur diese,
die ihm von andern Hofleuten erwiesen worden. Und eben also liebte er auch die
Freigebigkeit derjenigen, so sich bei ihm mit Finanzen zugeschmeichelt haben. Er
hat gewusst, dass der Mensch täglich etwas tun müsse, darum stiftete er auch alle
Tage ein neues und sonderliches Schelmenstück. Er war niemand günstig als sich
selbst, und war so ein grosser Liebhaber des Friedens, dass er sich die Zeit
seines Lebens mit niemanden geschlagen hat. Er war ein unkluger Baumeister, denn
er bauete all sein Datum auf einen sandigen Grund, dessen der ganze Hof voll
liegt. Er gab seinem Nächsten die Hand, nicht als ein Zeichen seiner
Aufrichtigkeit, sondern dass er ihm solche gar aus dem Leibe samt dem Arm
herausreissen möchte. Aber die Gunst, die er die Zeit seines Lebens häufig
genossen, konnte ihm doch im Tode nicht so viel geben, dass er noch ein einziges
Stündlein leben möchte, seine Sünden zu bereuen, also hat ihm der Tod den
Fuchsbalg samt seiner Haut über die Ohren abgerissen, und er ist von dem
höllischen Löwen als ein arglistiger Fuchs in tausend Stücklein zerfleischet zur
Höllen geführet worden. Leser, wenn du dich in gleichem Zustand befindest, ziehe
die Haut aus, ehe dir auf eine gleiche Weise mitgefahren wird.
    Die andere war auf einen Geizhals und hiess also: Hier liegt ein Geizhals.
Frage nicht nach seinem Namen, sondern begnüge dich, dass ich das Laster
beschreibe. Dieser hat mehr verdienet, von Menschen mit Steinen zu Tode geworfen
als nach seinem Tode mit einem Leichenstein bedecket zu werden, weil er das mit
Recht und Unrecht zusammengeraffte Geld unaufhörlich an den Probierstein strich
und sich über der Armen Schweiss erfreuete. Er kann mit Recht ein Wolf wegen
seiner räuberischen Begierde genennet werden. Die Geldsucht ist die Circe
gewesen, so ihn in ein wildes Tier verwandelt hat. Die unbarmherzigen Raben sind
noch barmherziger und fallen nur das tote Aas an, aber die Geizigen schinden
auch von den Lebendigen.
    Er hatte gutes Glück bei seinem Leben und wäre recht glückselig gestorben,
wenn er nicht das Geld mehr als Gott geliebt hätte. Sein Wahlspruch war: plus
ultra, immer mehr. Er war gleich arm, da er alles, als da er nichts hatte.
Obgleich alles sein gewisses Mass hat, war doch die Begierde dieses Geizigen
unmesslich. Zu der Einnahme und Einmahnung war er allzu fertig, aber zu der
Ausgabe fast unbeweglich. Die Wucherer und Geizhälse gleichen den Weibern,
welche mit empfindlicher Freude empfangen, aber mit unaussprechlichen Schmerzen
wieder ablegen. Fragest du, worzu ihm das Geld nütze gewesen, so antworte ich:
zum Zählen! Er hat niemand, auch sich selbst nichts Gutes getan und war in der
Wahrheit nichts anders als ein reicher Bettler, der nur den Besitz seiner Güter,
nicht aber den Gebrauch derselben hatte. In seinem Alter verjüngte sich sein
Geiz, und je weniger Weges er übrig hatte zu reisen, je mehr Reisegeld suchte
er. Da aber der nicht karge Tod bald die Rechnung schloss und die Güter so
leichtlich teilete, die er mit grosser Mühe vermehret hatte, hat sein Sterben
diejenigen am meisten erfreuet, welche am meisten sich betrüben sollten, das
ist: seine Erben. So schlecht ist der Geizhälse Lohn! O verdammliches Laster!
reise fort, Vorüberreisender, reise fort! fleuch die verfluchte Geldbegierde,
die eine stete Heuchlerin des Gemütes ist, und nimm zugleich diese Lehre mit auf
den Weg: dass ein Geiziger vor seinem Tod nichts Gutes tue. Diese beide
Grabschriften, die ohne allen Zweifel von guten Köpfen mussten ausgearbeitet
sein, verkürzeten uns eine ziemliche Zeit, bis wir auch ein Trischak mit den
beiden zu spielen angefangen haben.
 
                                 VII. Capitul.
     Der Verwalter zu Abstorff tut in der Nacht den Heuratsvortrag. Amalia
             entschliesset sich; eilet in der Nacht heimlich davon.
Es ist ein altes Sprüchwort, dass derjenige, so nicht verspielen will, auch
nichts aufsetzen solle. Darumen verspielete ich gar zu viel, weil ich gar zu
viel aufgesetzet hatte. Doch hielt ich mich in guter Bescheidenheit und
erzürnete mich nicht über mich selber, wie etliche Narrn gewohnet sind, die
sich vor allzu grossem Widerwillen selbst in die Haar fallen und ganze Händ voll
aus dem Kopfe reissen. Es sind vier Hauptfälle, durch welche man unter andern
einen Menschen hauptsächlich ausnehmen kann. Als der erste ist die Lieb, in
welcher sich gemeiniglich die allerunüberwindlichste Gemüter ziemlich bloss zu
geben pflegen, wie auch dazumal unserem Friderichen geschehen ist, welcher immer
an die Mauer nach der Sanduhre sah, ob es nicht bald zwölfe schlagen wollte, und
dadurch etliche Flüsse und Gevierte übersah. Die andere Gelegenheit, vermittelst
welcher man einem auf den Grund fischen kann, ist das Spielen, allwo man manchem
hinter die Springe kommen und sein ganzes Esse auszuforschen vermag. Der dritte
Casus ist die Erbschaft, da sich oft ihr zwei, ja auch die besten Brüder und
nächste Verwandte um ein bisslein Hab, ja oft nur um einen Groschen so
herumzanken, dass die Stubenfenster zittern. Die vierte Art, den Menschen
kennenzulernen, ist der Trunk, durch welchen all dasjenige am meisten
hervorquillet, zu was der Mensch insgemein inclinieret ist. Und weil ich an
Herren Wilhelmen merkte, dass er genaue Obsicht hatte, uns vermittelst des
Trischakspieles hinter die Sprünge zu kommen, gab ich genaue Gegenachtung, damit
er von einem oder dem andern unter uns dreien kein schlimmes Concept haben
möchte. Indem schlägt es zwölf Uhr, und als wir den Zeiger gehöret, sprang jeder
hinter dem Tische hervor, dem bevorstehenden Werke beizuwohnen. Der
Schlossverwalter, welcher indessen auf seine Oration mit allem Fleiss, in der
Hoffnung, dadurch ein Dutzet Taler zu gewinnen, studiert hatte, kam gleich
dazumal, als wir unsere Parüquen zurechtmachten, in seinem Mantel die Treppe
herauf und sagte, dass er nunmehr die ganze Proposition nach unserm gegebenen
Anlass nicht allein nach seinem wenigen Vermögen eingerichtet, sondern auch
genugsam ins Gedächtnis gebracht hätte. Also begleiteten wir ihn zu der Kammer,
welche Herr Wilhelm mit seinem Hauptschlüssel unversehens eröffnete.
    Der Diener Justin, so um diese Abenteuer genugsame Nachricht hatte, sprang
doch zum Schein seiner Unwissenheit aus dem Bette, seinen Degen, der unfern an
der Wand hing, ergreifend, die Amalia aber selber tat nach diesem Anblick
einen grossen Schrei und versteckte sich hinter die Decke. »Mein Freund,« sprach
der Schlossverwalter, »Ihr habt keine Ursach, Euch vor uns mit dem Eisen zu
beschützen, die wir als gute Freunde angekommen sind. Haltet zurück und hänget
Euer Gewehr an seinen vorigen Ort!« Damit stieg Justin wieder in sein Lager, und
unsere ganze Compagnie versammlete sich an der Bettstatt der Amalia, die nunmehr
in unserer Erkenntnis etwas beherzter zuhörete.
    »Den Schiffenden«, sprach hierauf der Schlossverwalter, »sind viel Klippen
und andere gefährliche Seewege unbekannt, daran sie oftermalen stossen und
anfahren. Also ist es auch mit uns Menschen auf diesem Weltmeere beschaffen, da
wir in tausend Irrtumen herumschweben. Eine solche Irre machen sich die Menschen
selbst untereinander, dadurch sie die Augen ihres Nächstens verdunkeln und sein
Urteil übervorteilen mögen. Wir wollen nicht zweifeln, hochadeliger Fidius, dass
Er anitzo, obwohlen mit einem rechtmässigen und zulässigen Betrug, in der Welt
herumwandle, durch seinen Mannshabit die Augen der Menschen zu verdecken. Er
ist, wie wir genugsame Nachricht eingeholet, ebendiejenige im Original, dero
Copia wir vergangenen Abends in der Schlosskapelle auf dem Altar angetroffen. Und
weil es des gegenwärtigen Friderichens Zustände nicht zulassen, seine Resolution
ferner verborgen zu halten, so lässet er durch mich in seinem Namen bei dieser
hochadeligen Gesellschaft um ein ehliches Verbündnis werben, im festen
Vertrauen, dass, gleichwie am Tage vor ihm Ihre Person verborgen, als werde Sie
in dieser finstern Nacht Ihr angenehmes Licht gegen ihm und seiner Inclination
scheinen, auch ihn eine solche Antwort anhören lassen, derer ein treu Verliebter
wohl wert ist. Hiermit wollen wir Sie Ihrem Entschluss nachzudenken überlassen
und, wenn wir zuvor um Vergebung dieser gemachten Unruhe gebeten, uns wiederum
hinwegverfügen. Sie ruhe und entschliesse sich wohl.«
    Mit diesen Worten nahmen wir von der mehr als bestürzten Amalia Abschied,
sie ohne allen Zweifel in tausend wunderlichen Gedanken hinterlassend, in welche
sie sich nach diesem Vortrag wird gestürzet haben. Wir mussten die kurze und
wohlgesetzte Oration des Schlossverwalters höchst loben, weil sie nicht sowohl
mit vielen Worten als mit der Sache selber ausgespicket und also eingerichtet
war, dass sie von dem Fräulein nicht allein wohl mochte verstanden, sondern auch
gar leichtlich möchte behalten werden. Dannenhero lobte jeder seine
Geschicklichkeit aufs höchste, und wurde von uns allen beschenket, weil wir gute
Hoffnung zu einem glücklichen Ausschlag hatten. Als wir nun voneinander eine
gute Nacht genommen und den Verwalter wieder an seinen Ort gehen lassen, stunden
ich und Friderich heimlich aus dem Bette auf, weil wir willens waren, uns an die
Kammer der Amalien zu verfügen und zu hören, was sie deswegen mit ihrem Justin
für eine Unterredung halten würde.
    »Ist dieses nicht das Schloss,« sagte sie hierauf zu Justin, »allwo wir vor
wenigen Tagen im grossen Regen stillgestanden und um den rechten Weg in die Stadt
gefraget haben?« - »Ja,« sagte Justin, »dieses ist derselbige Ort, da ich mit
dem Steine an die Pforte angeschlagen habe.« - »Nun,« sagte das Fräulein, »ich
habe hier um den rechten Weg gefraget, hier wird er mir auch ohne allen Zweifel
gewiesen werden. Ich glaube gänzlich, dass meine Person durch mein Conterfei am
Altare sei verraten worden. Es ist ebendasjenige Stück, so mir der Ehrvergessene
in meinem Absein aus dem Zimmer geraubet hat. Aber dieses möchte ich wohl
wissen, wie es an hiesigen Ort in die Kapelle gekommen sei. Sie haben es in der
Gestalt der heiligen Jungfer Barbara aufgehangen und ein grosses Rad samt anderen
kleinen Figuren noch dazu genialen, darum wächset mein Zweifel um so viel mehr,
je weniger ich hinter diese Gewissheit kommen kann.« - »Ich habe«, sprach Justin,
»fast auf dem ganzen Schloss bei allen Leuten mich deswegen erkundiget und
befraget, aber nichtsdestoweniger nichts auf meine Kundschaft erhalten können,
ohne, dass der Bartel auf der Heide fast täglich hieher vor demselben
niederkniet und seine sonderliche Andacht verübet.« - »Mich verwundert,« sprach
sie darauf, »dass der Dieb keinen Scheu getragen, sein gestohlenes Gut in eine
Kirche, wie mutmasslich allhier geschehen ist, zu verehren. Ist es aber, wie du
sagest, dass er täglich gewohnet sei, allhier vor meinem Conterfei zu erscheinen,
so ist es nötig, dass man ihm morgen entweder den Zutritt verneine oder mich im
verborgenen halte, weil seine unsinnige Liebe in meiner Gegenwart ausbrechen und
er dadurch zu grossen Torheiten, derer er sich schon allbereit unterstanden hat,
möchte veranlasst werden.«
    »Dieses alles«, sprach der Diener, »soll von mir dem Schlossherrn fleissig
hinterbracht werden. Aber was wollet Ihr Euch, gestrenges Fräulein, auf die
getane Sermon wegen des Friderichens erklären? Ist es nicht nötig, dass ich mich
im Namen Eurer Person auf eine Antwort gefasst mache?« - »Zu der Antwort,« sprach
sie, »die ich auf diesen Vortrag zu geben entschlossen bin, seid Ihr nicht
genugsam studieret.« - »Eine gelehrte Rede«, sprach Justin darauf, »ist nicht
allezeit das Mittel, seinen Zweck auszudrücken, warum soll solches nicht auch in
einer einfältigen Antwort geschehen können? Ihr mögt demnach ja oder nein dazu
sagen, so verspreche ich Euch doch, eine solche Rede abzulegen, welche, ob sie
schon mit des Verwalters seinen Worten nicht kann verglichen werden, soll sie
doch auch etwas mehrers als eine blosse Post heissen können.« - »Es ist wahr,«
sagte sie, »dass man seinen deutlichen Willen auch deutlich müsse zu verstehen
geben, und ich traue Eurer Beredsamkeit mehrer als einem gemeinen Laquay, weil
Ihr Euch dessen allgemach ein gutes Zeugnis zuwege gebracht habet.
    Entaltet Euch demnach, soviel Ihr dazu nötig erachtet, vom Schlafe und
studieret, dass Ihr ihnen morgen mit wenigem sagen möget, dass ich den Friderichen
in diesem Begehren keinen Irrweg wolle gehen lassen. Meinen endlichen Entschluss
wolle ich bis zu der Frau Mutter Einwilligung versparen, und Herr Friderich
solle indessen bedacht sein, mich von dem heimlichen Listen des Bartels auf der
Heide zu entledigen, welcher mich auch vor dieses Mal durch seine heimliche
Nachstellungen in dieses Kleid gebracht hat. Diese drei Punkten merket wohl,
sinnet sie aus und beantwortet sie kurz, weil man durch weitläuftige Worte die
Sache vielmehr verdunkelt als erleuchtet.« Dieses waren die letzten Worte, die
wir vor der Kammertür gehöret haben; demnach begaben wir uns gar vergnüget zu
Bette, weil wir die Antwort schon verstanden hatten, ehe sie war abgeleget
worden.
    Des andern Morgens kam Philipp noch vor Tage vor die Kammer, klopfte an und
erzählete uns, welchergestalten die Amalia noch in der Nacht wäre hinweggeraubet
und davongeführet worden. Anfangs hielten wirs vor nichts Unmögliches, als er
aber zu lachen angefangen, bekam Herr Friderich wieder einen bessern Mut,
welchen er schon hatte fallen lassen, denn Philipp wusste alle seine Sachen
scheinheilig vorzubringen und war ein vollkommener Meister, einem einen blauen
Dunst vor die Augen zu machen. Und als er uns kurz darauf versicherte, dass er
dieses, uns zu erschrecken, nur im Scherz geredet hätte, offenbarten wir ihm
dasjenige, was wir vor der Kammer gehöret, und er empfand es übel, dass wir ihn
zugleich unserer Lust nicht mit geniessen lassen, da er doch des Friderichens
Wohlfahrt der seinen gleich schätzte. Wir gaben aber vor, dass wir, einen grossen
Tumult zu verhüten, diese Freundschaft unterlassen wollen, weil wir dadurch uns
leichtlich selber offenbaret und uns bei der Damen in einen schlimmen Credit
dörften gesetzet haben. Er liess es endlich an seinen Ort gestellet sein, und wir
machten uns insgesamt auf, anzukleiden und die abgefasste Botschaft von dem
Justin anzuhören. Es war aber schon hoher Tag, als man noch niemand aus der
Damen Kammer gehen gehöret noch gesehen, darum glaubten wir gänzlich, sie würden
den verstörten Schlaf am Tage einbringen, und schossen indessen mit etlichen
Pallestern nach den Sperlingen, die sich häufig auf den umliegenden Dächern
gesammlet hatten.
    Es wurde endlich Mittag, und weil wir von der Amalia noch ihrem Diener
Justin annoch nichts vernehmen können, kamen uns Philipps Worte wieder in den
Sinn, und ob er gleich seine Botschaft nur aus blossem Scherz abgeleget hatte,
befanden wir doch die ganze Sache also in dem Werke beschaffen, weil wir nach
eröffneter Kammer weder Knecht noch Jungfrau mehr zu sehen bekommen, aber wohl
ein offenes Fenster erblickt, durch welches sie ohne allen Zweifel, weil es
nicht gar zu hoch von der Erden war, müssten hinausgesprungen sein. Wir wussten
nicht, sollten wir über diese Geschicht lachen oder weinen, weil niemand um den
eigentlichen Grund wusste. Philipp aber machte ein grosses Kreuz vor sich, sagend,
dass er nimmermehr hoffen wolle, dass dasjenige daran Ursach wäre, welches er
vorgenommen hätte.
 
                                 VIII. Capitul.
  Friderich wird heftig bestürzt, eilet mit Wolffgang nach Oberstein zu Herrn
Philippen, kommen auf dem Weg unter Mörder. Oberstein hat einzige Gefahr von den
Bauern zu befahren. Die alte Frau von Ocheim, der Amalien Mutter, schreibt einen
                                  Brief dahin.
Man konnte von ihm keine fernere Erklärung erhalten, und weil er sich stracks
auf sein Pferd satzte und damit zum Schloss ausrannte, war der Unmut des
Friderichs unbeschreiblich gross. Ja, wenn er die Amalia nicht selber reden
gehört, noch auf seiner Seite wusste, hätte er leichtlich in einen Zweifel
geraten und seine Verzweifelung in dieser Sache vergrössern können. Endlich kam
es dahin, dass wir die Schuld entweder dem Philippen oder dem Bartel auf der
Heide zuschrieben, ob wir wohl nicht gewiss wussten, wer sie in so unverhoffte
Flucht gebracht hätte. Darum zertrennete sich unser Zusammenkunft noch selbigen
Morgens, und weil Herr Friderich unmenschlich sich in der gefassten Liebe
vertiefet, bat er mich, dass ich ihm auf der Strasse möchte Gesellschaft leisten,
seinem Verhängnis ferner nachzugehen. Ich konnte seiner Bitte, indem er sich
gegen mir mit so hoher Freundschaft jederzeit hatte spüren und sehen lassen,
dieses Begehren keinesweges abschlagen, eileten dannenhero dem Philipp auf dem
Fuss nach, weil wir von dem Schlossgesinde verstanden, dass Herr Philipp vergangene
Nacht zwei Pferde zum Tor ausgeritten, welches ebendiejenige gewesen, die der
Amalien und ihrem Diener zugestanden.
    Es fing wegen anhaltender Hitze schon an trefflich zu trückenen, deswegen
galoppierten wir wie der Wind durch die Felder, ritten aber dermassen irr und
abweges, dass wir selbige Nacht in einer einschichtigen Dorfschenke bei einem
grossen Wald unser Nachterberg suchen mussten, in welcher alles auf das
allerschlechteste beschaffen war. Wir gaben uns dem Wirt nicht zu erkennen, und
dass wir in dieser Strassenherberg desto sicherer wären, nahmen wir unsere
Pistolen mit auf den Heuboden, dahin wir von dem Wirt zu schlafen angewiesen
wurden. Er wollte aber solches Beginnen durchaus nicht leiden, weil er die
Gefahr, so durch unvorsichtiges Losgehen der Pistolen entstehen möchte,
vorschützte, in dem Werk aber selber geschah es nur darum, weil er uns
entwaffnen und solchen Buben in die Klauen liefern wollte, mit welchen er schon
manchem ehrlichen Mann hatte den Garaus gemachet.
    Nichtsdestoweniger konnte er unser Vorhaben doch nicht ändern, und nachdem
wir beisammen auf dem Heuboden lagen, fiel uns eines und das andere Stücklein
ein, derer sich dergleichen Schelmen zu Totschlagung der Leute bedieneten. Wir
hörten etlichmal vor dem Hause pfeifen, und weil wir solches vor ein
Diebszeichen gehalten, machten wir uns auf die Beine, verliessen das Lager und
liessen uns unter dem Heuboden in einen alten Stall, allwo wir unsere Pferde
angebunden hatten.
    Wie wir gemutmasset, so geschah es in der Tat; denn es kamen auf dieses
Pfeifen ihrer etliche zum Hause herein, die mit dem Wirt auf eine ganz fremde
Sprache zu reden angefangen. Wir hatten nur einen einzigen Knecht von Herrn
Wilhelm mit uns genommen, welcher sich zu einem Wegweiser gebrauchen liess,
derselbe war in dem Heue daroben geblieben, weil er entweder noch niemalen in
dergleichen Begebenheiten begriffen oder aber ohne Sorge war, allhier in
Lebensgefahr zu geraten. Diese Diebe, gleichwie sie bald gekommen, also fingen
sie auch bald an, in dem Haus herumzuvisitieren, und der Wirt ging mit einem
grossen Prügel, welchen er über der Achsel trug, voran. Der Weg, welcher auf den
Heuboden leitete, ging unserm Stalle vorbei, deswegen konnten wir durch die
Klumsen der Bretter leichtlich sehen, wieviel es geschlagen und in welch eine
saubere Gesellschaft wir geraten wären. Nachdem sie nun ganz gebücket und stille
den Stall vorbeipassiert, stiegen ihrer achte auf eben den Heuboden, da wir kurz
vorhero von dem Wirt waren logieret worden. Indessen löseten wir die drei Pferde
ab, und nachdem wir uns des Ausgangs zu dem Hause wohl versichert, schossen wir
mit einer Pistole hinter ihnen in den Boden, dadurch nicht allein der Knecht
erwecket, sondern das Heu in augenblickliche Flamme geraten. Wir sahen nach
aller Möglichkeit, unsern Reitknecht Conrad davonzubringen, und es glückte ihm,
dass er noch zu einem Dachfenster, ob es wohl ein gefährlicher Sprung war, doch
ohne Rock und Hut zu uns kam. Hierauf warfen wir die Leiter in den Hof und gaben
aus den fünf übrigen Pistolen gegen diejenige Feuer, die unser Leben zu rauben
angekommen waren. Nachdem wir derselben drei totgeschossen, waren zwei andere
von dem Feuer schon ergriffen und von dem Rauch ersticket. Die Flamme griff im
Augenblick um sich, und weil der Wind gegen dem meisten Gebäude spielete, hatten
wir hohe Zeit, uns davonzumachen und in Sicherheit zu stellen. Also verliessen
wir das Raubnest in tiefer Nacht mit grossem Geheule des Schelmengesindleins, und
das Feuer, so auf den Giebeln brannte, musste unsere Fackel sein, die uns bis in
den Wald hinein leuchtete.
    Die Unsicherheit, von welcher dieser Wald berufen war, liess uns nicht weit
reiten, derowegen referierten wir uns auf einen hohen Holzstoss, daselbst bis zu
anbrechendem Tage, ob es schon ziemlich kalt war, auszudauern. Der Knecht hatte
ehedessen in Schweden vor einen Krieger gedienet, und dannenhero war er des
Streites schon gewohnet, ich aber und Herr Friderich hatten solches in der Welt
mehr als oft erfahren müssen. Dannenhero waren unsere Mäntel genug, uns vor
diesmal zur Überdecke zu dienen, und also verbrachten wir, so gut es die
Gelegenheit zuliess, unsere Zeit.
    Unsere Pferde lagerten sich in zusammengescharrene Blätter, allwo sie sich
dermassen vergraben, dass man ihrer schwerlich mochte gewahr werden, und indem es
taget und unsere Furcht ein wenig abnahm, schliefen wir ein und ruheten so
lange, bis wir von einem unverhofften Gespräche ermuntert worden. Solches
Wortwechslen geschah an einem nächstgelegenen Brunnen, dahin sich ihrer zwei
gesetzet, die allem Ansehen nach sehr mussten gelaufen sein. Sie pfauseten wie
alte Zeiselbären, und sagte der erste: »Bruder, wir haben Zeit gehabt. Siehe,
wie meine Hosen schon zu brennen angefangen.« - »Ja,« antwortete der andere,
»ich wollte, dass ein Barbierer hier wäre, der mir meine Wunde verbände, die
Kugel steckt mir noch in dem Waden und brennet wie höllisches Feuer.« Mit diesen
Worten zog er seinen Strumpf, welcher voll Bluts war, vom Fusse und wusch seinen
Schaden an dem Brunnen, welcher mit grosser Lieblichkeit aus einem hohen Felsen
sprang.
    »Diese Kerl«, sprach Herr Friderich, »sind allem Ansehen nach in dem Brand
gewesen und durch unser Geschoss verletzet worden, lasset uns sie anfallen und
das gründliche Zeugnis aus ihnen forschen, warum sie uns zu ermorden angekommen
sind.« Demnach eileten wir behend über den Scheiterstoss hinunter, und die
Gesellen erschraken dergestalten, dass, unerachtet sie Gelegenheit genug zu
entfliehen hatten, sich dennoch, als vom Gewissen überwunden, nit von der Stelle
bewegen konnten.
    Wir fielen sie mit einem grossen Geschrei an und entblösseten sie gleich
anfangs ihres Gewehres, welches zwei grosse Henkersschwerte und etliche in den
Kleidern versteckte Puffer waren. »Ihr seid diejenigen,« sprach ich, »die in der
Strassenherberg auf unschuldiges Blut gelauert, darum saget aus, wer euch dazu
veranlasst, oder verlieret an diesem Ort euer verfluchtes Leben.« Sie wollten
sich entschuldigen, dass sie davon keine Kundschaft hätten, nachdem wir ihnen
aber mit der Fuchtel über die Köpfe waren und sie den Ernst unsers billigen
Zorns sahen, beichteten sie und baten um Gnad. Sie waren alle beide unter dem
Gebiet Herrn Philippens geboren und zu diesem ehrlichen Handwerk von einem
Henkersknecht verleitet worden. Sie sagten, dass diese oder künftige Wochen Herrn
Philipps Schloss, als nämlich Oberstein, von gewissen Raubern würde gestürmet
werden, darunter auch etliche Bauern wären, die in neulicher Rebellion
aufgestanden, und diese Rebellion der Bauern war eigentlich der Feind, von
welchem wir zum Anfang dieser Histori gehöret haben, dass er in dem Land so übel
gehausiert habe.
    Sie sagten, dass, wenn sie uns auf dem Heuboden gefunden hätten, keiner mit
dem Leben davonkommen wäre, weil sie an ebendiesem Ort schon öfter solche Tänze
gespielet, darüber den Tanzenden die Pfeife zugefroren sei. Diese Erzählung der
leichtfertigen Buben, gleichwie sie an sich selbst grausam anzuhören war, als
erweckte sie in uns einen billigen und unmässlichen Zorn, dass wir in grossem Grimm
über den Unbeschädigten herwischten und ihn mit unsern Degen halb zerhieben und
halb durchstachen. Also bekam er endlich noch so viel Zeit, dass er in grossem
Blut und Ohnmacht noch eine Stunde beten und also sein elendes Leben beschliessen
mochte.
    Den Lahmgeschossenen, welcher, wie er sagte, im ersten Schusse getroffen
worden, da ihm zugleich der Strumpf zu brennen angefangen, nahmen wir mit uns
nacher Oberstein, mit seinem eigenen Bekenntnis unsere gerechte Sache wegen
dieses Brandes zu bekräftigen, und also ritten wir als ritterliche Sieger zu
Oberstein ein, und Philipp empfing uns über seinen Erker in dem Hof und
verwunderte sich zugleich über den neuen Gast, welchen wir mit uns aus dem Wald
angebracht hatten. »Ich habe heut nacht«, sprach er zu uns, »ein grosses Feuer
gesehen, und weil ich meine Mutmassung auf Abstorff hatte, so saget mir, ob an
selbigem Ort einziges Unglück vorübergelaufen sei. Ich weiss wohl, dass bei dieser
Landesunruhe allerlei Mutwillen im Volk vorübergehe und dass diejenige Bauern,
denen wir ehedessen das Fell tapfer geschröpfet haben, sich bei dieser
Gelegenheit auf alle Weis und Wege uns wieder eine gute Grindschmitzen
anzuhängen eiferigst bemühen werden.« - »Ja,« sagte Herr Friderich, »an diesem,
was du sagest, ist keinesweges zu zweifeln, wie wir denn ein lebendiges Exempel
hier an diesem Gefangenen mit uns bringen. Er ist ein deiniges Landkind, und das
Feuer, welches du heut nacht gesehen, ist nicht zu Abstorff, sondern auf einer
Strassenherberg von mir und dem Wolffgang angezündet worden.« Hiermit eröffneten
wir ihm die Geschicht, und Philipp überlieferte noch denselbigen Tag das saubere
Bürschlein den Gerichten, welcher aber bald darauf in dem Gefängnis sein Leben
eingebüsst, indem ihm der Brand nicht allein den Fuss, sondern fast den ganzen
Leib eingenommen. Also ist er seinem schimpflichen Tod durch diesen Zustand
bevorkommen, weil er sonsten, wie es dergleichen Verbrecher Strafe wohl
verdienet, auf dem Rad den Vögeln vor ein Confect hätte dörfen aufgesetzt
werden.
    Wir berichteten neben diesem die sonderliche Gefahr, mit der er von
etlicheri zusammengelaufenen Buben bedrohet wurde, derowegen sah er sich fleissig
vor und liess diejenige Schlossmauern, die nicht wohlverwahret waren, mit dichten
Dornsträussen befestigen, und wir versprachen ihm, dass, wo ein Anlauf geschehen
sollte, ihm behülfiiche Hand nicht allein von uns selber, sondern auch mit
unsern Leuten zu leisten. Auf solches fragten wir ihn wegen der Amalien, und dass
er uns den Zweifel auflösete, welchen er mit seiner letzten Antwort
zurückgelassen hätte. Aber er fing nebenst seiner Dankbarkeit weit einen andern
Discurs von des Landes Zustand an und befriedigte den Friderichen dermalen mit
gewisser Versicherung, dass alles zu seinem Besten ausschlagen würde.
    Er liess uns dermalen nicht von sich, denn er gab vor, dass wir allerehestens
zu einer Hochzeit würden eingeladen werden, darzu wir uns keinesweges verstehen
konnten, und weil er vorgab, dass Amalia an einem guten Ort sich entielte, gab
sich Herr Friderich gerne zufrieden, denn er fing bald an zu argwohnen, Philipp
hätte sie voran auf dieses Schloss geschicket, uns in eine desto grössere
Verwirrung zu stürzen. Nach dreien Tagen bekam Philipp einen Brief, und: »Siehst
du,« sagte er zu dem Friderichen, »dieses ist die Hand der alten Frauen von
Ocheim.« Herr Friderich war auf diesen Brief höchst begierig, aber noch viel
vergnügter, als ihm Philipp unter anderen folgende Wort herauslas: »Herr
Friderich, dessen guter Name und stattliche Eigenschaften gar bekannt sind,
solle die Hoffnung nicht sinken lassen, mein Schwiegersohn zu werden.« - »Siehst
du,« sprach er, »ob es mit deinen Sachen zum besten beschaffen sei? Ihr habt
etwas zu geschwinde mit der Sache verfahren. Es heisset, wie mich mein Conrector
gelehret hat, festina lente, langsam kommt man auch weit. Es ist eine grosse
Nützlichkeit, dass man der Eltern Jawort hat, und der Segen, der daraus
entspriesset, wird unvergänglich sein.« Also wusste sich Friderich zwar ein wenig
aus der Irre, aber doch nicht aus dem Zweifel zu finden, welchen er wegen dieser
Sache bei sich geheget hatte.
 
                                  IX. Capitul.
Das Schloss Oberstein wird von den rebellischen Bauern gestürmet. Der Bartel auf
                    der Heide wird von der Amalia gefangen.
Der entdeckte Anschlag wegen der zusammengeschwornen Rotte brach endlich in dem
Werke aus, indem etliche unter den Schlossleuten bald verkleidete, bald andere
Personen um das Schloss gehen gesehen, die die Mauren allentalben wohl
besichtiget haben. Dieses, nachdem es etliche Tage nacheinander in Obacht
genommen worden, verursachte, dass wir uns mit unseren zubereiteten Pechkränzen
und guten Büchsen fertig hielten, den Anfall abzutreiben und dem unruhigen
Gesindlein, das schwerlich über vierzig Mann sein konnte, tapfer nachzusetzen.
Wir hatten einen Studenten bei uns, der Herrn Philippens Kinder informierte.
Derselbe konnte mit dem Feuerwerk umspringen und musste dannenhero die Pechkränze
bereiten, damit wir die anfallenden Lumpenhunde wacker auf die Köpfe schmeissen
wollten. Ausser dem Schloss hatte es eine Ziegelhütte, und in diese stellete
Philipp mehr als zwanzig junger Kerls, die er zur bessern Courage zuvor mit
Brandewein vollgesoffen. Er gab jedem unter diesen aus seiner Rüstkammer einen
guten Morgenstern, mit demselben dem Gesindlein heimzuleuchten, und wir satzten
uns samt acht Knechten und sechs Laquayen zu Pferde, unter währendem Anlauf
hinauszureiten und das Unsrige zu tun. In einer solchen Bereitschaft erwarteten
wir den Sturm, und Philipp stieg auf einen hohen Turm, zu sehen, wo der Feind
seinen Anmarsch nehmen wollte. Er konnte aber nichts zu Gesichte bekommen, und
weil es allgemach auf der Strasse dunkel wurde, schickte er gewisse Kundschafter
auf das Feld, damit er in diesem Übel nichts versaumte, was etwan zu seinem
Vorteil dienlich war. Denn er wusste wohl, dass man auch dem kleinen Unglück
vorsichtig begegnen müsse, wofern man nicht in ein grosses zu fallen verlange.
Und weil wir nicht wussten, wie stark der Pöbel sein möchte, machten wir je
länger je bessere Anstalt zur Gegenwehr.
    Indem kamen drei ausgeschickte Kundschafter, die brachten mit, dass sich
nunmehr die Schelmen gegen das Schloss näherten. Sie wären allem Ansehen nach auf
die hundert Mann stark und hätten einen Trummelschläger bei sich, welcher
dermalen die Trummel auf dem Rücken trüge. Ein jeder unter den
Herzumarschierenden hätte ein sonderliches Zeichen auf dem Rocke, und ihrer
etliche sässen zu Pferde. Dieses war die kurze Nachricht, und wie sie ferner
erzähleten, so marschierten sie ganz sacht und stille, also dass ihrer etliche
gar die Schuh ausgezogen, sich derselben in dem Sturm desto besser zu
gebrauchen. Ihr Anführer wäre allem Ansehen nach ein Schneider, denn sie hiessen
ihn Herr Sartor, dadurch man wohl abnehmen konnte, dass sie keine grosse Streiche
tun würden. Nichtsdestoweniger verdoppelte Philipp seine Wachen an beiden
Schlosstoren, befahl auch, sich nicht ehe mit den Pechkränzen sehen zu lassen,
bis die Bauern ihre Leitern, derer sie nach Aussage der Kundschafter drei Wagen
voll bei sich führten, würden angeworfen haben. Indem kommt der Schwärm an das
Schloss. Die Schelmen waren so klug, dass sie sich in einem Augenblick in zwei
Teile zerteilten. Einer fiel das vordere, einer das hintere Tor an, und liessen
also diejenigen Örter unangefochten, wo man unsers Erachtens am leichtesten
hätte hineinkommen können, und dannenhero hatten wir grosse Mühe, das Brenn-und
Feuerzeug dahin zu schaffen, wo sie wie die Wespen und Hummeln herankletterten.
Als unsere Gegenwehr versammelt war, commandierte Herr Philipp bei dem vordern,
ich bei dem hintern Tor, der Friderich aber führte seine Leute aus der
Ziegelhütte ausser dem Schloss an, und also gab man zu allen Seiten unsers Orts
gute Salve. Etliche der Bauern waren eisenfest gefroren, und war ebensoviel,
wenn man auf sie schoss, als ob man ihnen Haselnüsse auf die Köpfe würfe, dahero
mussten die Pechkränze des Studentens das Beste tun, vor welchen sie so geschwind
wieder über die Leitern hinuntersprangen, als sie heraufgekommen. Da sich nun
die Bauern von innen und aussen bekrieget sahen, eileten sie mit ziemlichen
Verlust der Ihrigen wieder zurück und zerstreueten sich auf dem Feld, einer da-,
der andere dortin, dass wir dannenhero in dem Nachsetzen genug an den Büchsen,
Kolben und anderen Gewehren aufzuklauben hatten.
    Dieser Abtrieb, ob er schon mit grosser Zufriedenheit derjenigen geschehen,
welche von Philippen das Schloss zu defendieren aufgeboten worden, so fragten
doch die Herren Rustici nit viel darnach, sondern sammleten sich noch selbige
Nacht, und da wir uns in der grössten Sicherheit zu sitzen gelüsten liessen, hebte
ihre Trummel aufs neue an, vor dem Schloss zu rasseln. Wir brachten unser
annoch in dem Hof versammlete Mannschaft mit grosser Arbeit und Mühe wieder in
die Ordnung, aber die Bauern hatten nur einen blinden Lärmen gemacht und uns vor
den Toren abscheulich ausgelachet, ob wir auch gleich einen Ausfall getan,
trieben sie uns doch wegen überhäufter Menge bald wieder zurück und teilten uns
unverhoffte Schläge mit.
    Wir stunden dieselbe ganze Nacht auf den Mauren, und Philipp liess vor
diejenigen Löcher Mist und anderen Schuttkot hinführen, wodurch sie sich ohne
grossen Widerstand hätten hereinverfügen können. Sie fielen aber vor dieses Mal
nicht an, sondern platzte bald einer hie, der andere dort mit seinem
Schmeckscheit herein, dadurch sie zwar keine Menschen totgeschossen, aber fast
alle Fenster zuschanden gemacht haben, die wir auszuheben vergessen hatten.
    Des andern Morgens stiegen ich und Herr Friderich auf den Turm und mussten
mit Verwunderung sehen, dass sich unser Gegenpart allgemach vor dem Schloss
eingeschnitten hatte, da vermerkten wir erst, dass dieses Volk ein Pöbel des
rebellischen Haufens war, welcher jüngst zuvor in dem Land grosses Unglück und
Jammer verursachet, und was noch das allermeiste war, so führte diesen Haufen
der zuvor beschriebene Bartel auf der Heide an, und hatte nicht ein Schneider,
sondern er selber das Commando, wie wir mit unsern Perspectiven wohl sehen
konnten. Sie stelleten darauf einen neuen Sturm an, und wir eileten von dem
Turme, die Gefahr anzudeuten, damit ein jeder zur frischen Gegenwehr möchte
gefasst sein.
    Indem wir nun am besten mit unsern Leuten beschäftiget waren, sahen wir von
ferne einen grossen Pöbel Reiter über das Feld herkommen, die wir erstlich für
unsere Feinde hielten. Deswegen sank dem Philippen das Herz um ein merkliches,
und Herr Friderich begab sich auf den Turm, zu sehen, ob sie sich mit diesen
conjungieren oder was sie sonsten für eine List vornehmen würden. Da sie aber
etwas näher kamen, rufte Herr Friderich vom Turm und sprach: »Bruder Philipp,
eine gute Zeitung! Gottfrid und Christoph kommen mit diesem Haufen, mache dich
gefasst, sobald sie angegriffen haben, mit deinen Leuten auszufallen, es wird so
viel Kappen regnen, die wir nicht alle zählen können.«
    Kaum als er diese Worte ausgeredet, hörte man ein schreckliches
Feldgeschrei. Es waren zwar keine Hauptarmeen, die da miteinander treffen
sollten, aber nichtsdestoweniger ein so grosses Geschrei und Tumultuieren, dass
ein Blinder geschworen sollte haben, es wäre das ganze Königreich Spanien und
Frankreich übereinander hergewischet.
    Als nun Gottfrid und sein Bruder mit ihren Leuten von hinten zu angegriffen,
rückten wir mit den Unsrigen in guter Ordnung von vornen zum Tor hinaus, da ging
es auf beiden Seiten auf ein schreckliches Geklopfe, und wer unter den Bauern am
ersten davonlaufen konnte, der suchte das Feld und verliess sich mit
Hinwegschmeissung seines Gewehrs auf nichts mehrers als auf seine Füsse. Also sind
sie geschwinde gekommen und wieder geschwinde davongelaufen. Diejenigen, unter
welchen Bartel auf der Heide sich befand, hielten sich noch am längsten, weil
er sie in guter Ordnung gehalten. Er rufte ihnen mit aller Macht zu, dass sie
sich tapfer wehren sollten, aber er selbst suchte vielmehr eine angenehme
Gelegenheit, mit seinem Schimmel davonzuwischen, wenn er nur solche Flucht wegen
eines Graben hätte vollbringen können. Also machte er andern ein Herz und hatte
selbst keines. Als wir nun am meisten bemühet waren, diesem ehrbaren Gesellen
aufs Leder zu klopfen und ihn gefangenzunehmen, kam ein junger Cavalier in einem
hübschen Harnisch wie ein Löw unter den Haufen geritten und machte dergestalten
Platz, dass wir dadurch uns gar leichtlich des Rädelführers bemächtigen konnten.
Aber dieser unbekannter Soldat tat in einem Augenblick, wornach wir allgemach
schon eine halbe Stunde getrachtet hatten, nämlich, er fing den Bartel unter
seinem eigenen Haufen, nachdem er ihm zuvor eine Schmarre in das Gesicht
versetzet und noch darzu seinen Gaul totgeschossen hatte.
    Damit zertrenneten sich die gewissenlose Schelmen in einem Augenblick, und
wir hieben ihnen bis in den Wald nach, allwo sich das übrige Gesindlein teils in
die Hecken verkrochen, teils auch auf hohe Tannen retirieret. Auf eine solche
Art brachten wir den Sieg mit geringem Verlust der Unserigen zuwegen, und da
nahmen wir uns erst Gelegenheit, einander zu grüssen. Philipp wusste für grossen
Freuden nicht, was er zum ersten reden oder vorbringen wollte. Er befand sich
gegen Gottfrid, Christoph, dem Friderichen und mich hoch verpflichtet, aber noch
viel mehr von dem fremden Cavalier, welcher, weil er seinen Helm noch
zugeschlossen hatte, von keinem unter uns mochte erkennet werden. Gleichwohl
brachte derselbe den Bartel auf der Heide als den Rädelführer dieses sauberen
Handels an Eisen geschlossen, und: »Sehet Ihr,« sprach der fremde Rittersmann zu
Philippen, »dass ich das Glück gehabt habe, Euren Feind zu fangen! Er hat wider
Euch gesündiget und die hohe Landesobrigkeit verunruhiget, darum übergebe ich
ihn Euch und der heilsamen Justiz, ihm sein gebührendes Recht anzutun, und auf
dass Ihr nicht zweifelt, wer oder von wannen ich sei, so sehet, ich nehme meinen
Helm vom Haupt und gebe mich euch allen freiwillig zu erkennen.«
    Nach dieser Rede zog er den Helm vom Gesichte, und wir entfärbeten uns alle,
als wir die schöne Amalia vor uns in einem Ritterharnisch verkleidet sahen. Es
sah einer den andern an, und konnte keiner für Verwunderung das erste Wort
sprechen. Sie aber fuhr fort, dem Bartel seine grosse Büberei vorzuhalten, mit
welcher er das ganze Land kränkte. Und als sie im besten Begriff ihrer Rede war,
entstund unter den Toren ein neuer Lärmen, weil man auf der Strasse Kriegsvolk
erblickte, welches sich gegen das Schloss bewegte. Aber wir wurden bald
berichtet, dass es der ehrliche Wilhelm war, welcher, als er verstanden, dass es
dem Schloss Oberstein gelten sollte, sich mit zweihundert seiner besten Leute
aufgemachet, dem Philippen Beistand zu leisten. Deswegen war die Freude um so
viel desto grösser, weil wir uns untereinander mit so redlicher Nachbarschaft
vertrugen und sich einer auf den andern brüderlich zu verlassen hatte.
    »Nun«, sagte Philipp, »ist es Zeit, dass ich dir, o Bruder Friderich, den
Zweifel auflöse. Kurz nachdem ihr von der Amalia Kammer zu Abstorff hinweg
wäret, ging ich hinein, ihr andeutend, dass Bartel nunmehr mit zwanzig Pferden
im Anzug wäre, sie, als welche nunmehr allentalben verraten wäre, anzupacken,
wäre also ratsam, sich in aller Stille heimlich wieder nach Hause zu begeben,
weil Bartel keine Stunde mehr würde aussen sein. Nach diesen Worten ging ich
hinweg, und sie ist ohne allen Zweifel aus Furcht dessen heimlich durchgegangen,
aber zu deinem Besten, denn durch dieses Mittel hat auch ihre Frau Mutter wegen
deines Vortrages Urkund bekommen, und ist nichts ohne ihren Vorbewusst, welches
eine grosse Billigkeit ist, an einer so hochwichtigen Sache geschlossen und
eingegangen worden.«
 
                                  X. Capitul.
Der Bartel auf der Heide wird wieder ledig. Ein Wahrsager kommt auf das Schloss,
wie auch die alte Frau von Ocheim. Der Wahrsager erzählet ihnen von einem neuen
 Wetterbild zu Grundstett; sie reisen dahin und bekommen wunderlichen Bericht.
Herr Friderich lobte in diesem Fall, soviel die Kürze der Zeit und seine
herzliche Freude zuliess, die Bescheidenheit Herrn Philippens sehr hoch. »Denn es
ist gewiss,« sprach er, »dass man oft nicht weiss, zu was sich dieses und zu was
sich jenes schicken muss. Ein kurzweiliger Scherz muss oft zu unserem Besten
dienen, und manche ernstliche Sache, die man mit unzähligen Ratschlägen bald
krumm, bald gerad schmiedet, ist doch wohl endlich mit Quark versiegelt.« Damit
wandte er sich zu seiner Liebsten, welche, mit vier Dienern vergesellschaftet,
von uns unter lauter höflichen Complimenten in ihr Zimmer geleitet worden,
darinnen sie ihre Kleider verwechselt und auf die Ankunft ihrer Frauen Mutter
gewartet, nach welcher die Heirat sollte geschlossen und der Ehecontract
beiderseits eingegangen werden, wie solches der Diener Justin mit mehrerem im
Namen seiner alten Frauen gegen uns abgeleget hat.
    Gottfrid und Christoph liessen sonderliche Merkzeichen ihrer Vergnügung
verspüren, und wir wussten in diesem Tumult selbst nicht, was am ersten
anzufangen oder vorzunehmen sei. Herr Friderich hielt für ratsam, dass man den
Bartel inzeiten der Justiz überlieferte, damit man sich durch dessen ferneren
Verhaft kein Übel auf den Hals zöge. Also eilete man mit ihm in die Stadt. Weil
aber auf der Strassen etliche seiner Gesellen auf den Bäumen sassen, welche auf
dieses Wildbret aufpassten, kamen sie dem Gefangenen mit gewaltsamer Hand zu
Hülfe und rissen ihn aus den Ketten, dabei es aufs neue einen lustigen
Scharmützel abgesetzet.
    Unsere Leute, die in dem Gefechte ziemlich zerfetzet worden, kamen mit
unserem grossen Widerwillen zurücke. Nichtsdestoweniger fuhren wir in unserer
angefangenen Lust fort, weil wir wohl wussten, dass dieser Luftsprung des Bartels
nur eine kurze Galgenfrist wäre, die ihm nur zu seinem grösseren Verhängnis
dienen würde. »Gehe nur hin,« sprach Christoph, »du ehrbarer Vogel, hast mir
durch deine Advocaten drei Hufen Landes abgedisputieret, nun will ich sie wieder
bei der Cartause kriegen und die Zungendrescher wacker auslachen. Es ist kein
gut Haar an ihm. Wenn er in einer Compagnie war und man trank ihms nicht am
ersten zu, so liess er einem die Fenster einwerfen. Man dorfte kaum ein Wort
reden, so spitzte er schon die Ohren wie ein Esel und legte alle Meinungen zum
schlimmsten aus. Nun sehen diejenige, welche ihn so sehr beschützet haben, was
für ein sauber Bisslein es sei. O wie sauber will ich übers Jahr meine drei Hufen
Landäcker besäen lassen!« - »Mir«, sprach Gottfrid, »ist ein Befelch von der
Regierung kommen, ihm eine ganze Quanten Holzes abzutreten; aber mit
allerehestem will ich ihnen den Befelch wieder zurücke schicken.« - »So geht
es,« sagte Herr Friderich, »wenn man bösen Buben den Rücken hält. Endlich
greifen sie ihre eigene Obrigkeit an und zerrütten alle gute Ordnungen, und
dennoch will man keiner Warnung glauben, bis man die Flamme über dem Kopf
zusammenschlagen sieht.«
    In diesem Gespräche fuhr die alte Frau von Ocheim als der Fräulein Amalien
Mutter zum Schloss ein, welche wir in dem Hofe mit einer sonderlichen Oration
bewillkommeten. Damit tat man noch selbiges Abends zu der Sache, und wurden
wegen des Friderichens allerlei Punkten abgehandelt, nach welchem die Hochzeit
sollte eingerichtet werden. Es ging alles nach Wunsch und Verlangen vonstatten,
und nachdem zu beiden Seiten die Heiratsnotul unterschrieben und versiegelt war,
vertrieb man die Zeit in allerlei Zufriedenheit.
    Indem kommt ein eisgrauer Mann vor das Tor, welcher sich vor einen Wahrsager
ausgab. Zur Prob seiner Kunst wiesen wir ihm die Hand, denn er wusste uns nicht
allein unser Alter an der Stirne auszusprechen, sondern sagte fast jedem, wo und
wann er geboren wäre. Was zukünftig geschehen würde, damit wollte er nit heraus,
aber das Vergangene erzählete er uns haarklein und gab vor, dass er solche Kunst
von einem weisen Manne noch vor funfzig Jahren im Niederland erlernet hätte. Es
trafen alle seine Reden auf eine Nadelspitze ein, und dannenhero machte er uns
trefflich vorwitzig, weil er das Vergangene so perfect wusste, zu wissen, wie es
uns ins Künftige, absonderlich aber dem Friderichen gehen möchte, welcher, ob er
wohl sonst ein christliches Leben führte und nichts auf die Zigeuner hielt,
jedennoch diesen Worten des Alten ein merkliches einraumte. »Ihr Herren,« sprach
der Wahrsager, »es ist ein Bild im Land, das heisset man das Wetterbild,
dasselbige steht in einem Dorfe am Gebirg in einer alten Kirche auf einem Altar
gemalen. Wer von seinem Heimat aus dahin reiset und sich auf dem Weg nicht
umsiehet, dem tut es die Gnad, dass es ihm auf alle seine Fragen richtige Antwort
gibt. Den andern aber, die sich umgesehen haben, gibt es wohl auch Antwort, aber
gar undeutlich und dunkel, dass man es nicht wohl auslegen kann. Es stehet noch
nicht vier Wochen, und hat ihr Heimlichkeit ein Pfaff offenbaret, nach dessen
Tod es zu reden angefangen hat.«
    Er namte uns hierauf das Dorf, so Grundstett hiess, weil es gar tief in einem
Tal lag. Und weil er durch diese Erzählung in uns allen eine merkliche Lust
angesponnen hatte, dieses Wetterbild zu beschauen, versprachen wir in seiner
Gegenwart, miteinander dahin zu reisen und zu sehen, was es einem oder dem
anderen antworten würde, weil wir keinen Articul des Glaubens, sondern nur eine
Prob gleichwie mit seiner Wahrsagung anstellen wollten, was an der Sache sein
möchte. Hiermit gaben wir ihm etliche Taler Trankgeld, und er ging an seinem
Stab gegen die Stadt, wohin er, seinem Vorgeben auch, von etlichen Vornehmen,
zum Teil auch geistlichen Personen, ihnen wahrzusagen wäre bestellet worden. Wir
aber resolvierten noch selbige Stunde, unsere Reise dahin anzuordnen. Die alte
Frau von Ocheim, welche nicht viel auf unser Vornehmen hielt, benannte den Tag
zur bevorstehenden Hochzeit, die auf ihrem Schloss sollte vollendzogen werden,
damit schied sie mit einer guten Convoi durch das annoch unruhige und zum Teil
unsichere Land nacher Haus, und der verliebte Friderich gab seiner Braut bis
dahin das Geleite, versprechend, dass er allerehestens wieder bei uns sein und
alsdann die Reise nach dem Wetterbild wolle vollendziehen helfen.
    Er kam nach dreien Tagen wieder zurück und brachte wegen der nunmehr
gestillten Bauern gute Zeitung, welche teils geschlagen, teils wieder auf ihre
Güter wären getrieben worden. Sein Hut, sein Rock und zum Teil sein Pferd
prangten mit allerlei Galanteriebändern, so ihm von seiner Liebsten seien zum
Angedenken verehret worden, und er war von derselben so eingenommen, dass man ihm
seine grosse Verwirrungen in allen Reden leichtlich anmerken konnte. Denn sie war
schön, höflich und wohl qualificiert, also dass er grosse Ursach hätte, seinem
stattlichen Glücke ohne Unterlass nachzudenken. Wir machten uns demnach insgesamt
auf, das Wetterbild zu besuchen und zu sehen, was es einem oder dem anderen
Gutes prophezeien wollte. Damit aber die Regul, welche der alte Mann
vorgeschrieben hatte, fleissig in acht genommen würde, ermahnten wir uns
untereinander dass sich keiner gelüsten liesse, auf dem Weg umzusehen, Also ritten
wir fort, und unerachtet bald da einem die Sporn, dem andern sein Felleisen, dem
dritten seine Carabatschke auf die Erde und also in dem Reiten zurückfiel,
liessen wir doch alle solche und dergleichen Sachen wegen bewusster Ursache hinter
uns liegen und eileten nichtsdestominder gegen Grundstett in das Gebirg,
daselbst das so sehr belobte Wetterbild zu besehen.
    Als wir nun etwan noch einen Steinwurf in das Dorf hatten, geschah hinter
uns ein heller Büchsenschuss, darüber wir alle wider unsern vorgesatzten Zweck
uns umgesehen haben. Wir wussten nicht, wars ein Scharf- oder Blindschuss gewesen,
und konnten nichts als den Dampf aus einer Wasserinsel in einem Busch erblicken,
aus welchem ohne allen Zweifel dieser Schuss geschehen ist. Als wir uns nun
unsers Fehlers erinnerten, waren etliche so zornig, dass sie überschwimmen und
den Täter aufsuchen wollten, aber der schnelle Strom und das gefährliche Ufer
verboten unser Vornehmen, und weil wir nunmehr diese Reise zum Ende gebracht
hatten, wollten wir doch aufs wenigste das Bild sehen, ob wir gleich von
demselben keine richtige Antwort erhalten konnten.
    Hierauf sprengten wir in das Dorf, dessen Inwohner uns gleichwie der Alte
berichtet und viel abenteuerliche Sachen von diesem Wetterbild vorgeschwätzet
haben. Wir gingen alsobald zur Kirchen, welche uns ein kleines Männlein um ein
schlechtes Trankgeld eröffnete und zugleich an den Altar führte, woran dieses
Wetterbild gemalen war. Die Gestalt anbelangend war solches über und über
kohlschwarz, dass man also nicht wohl kennen könnte, wärs eine Manns- oder
Weibsfigur. Zu den Füssen war eine grosse Schlange und zum Haupt der Mondenschein
gezeichnet, und in jeder Hand hatte es ein grosses Buch. Die Augen gingen ihm in
dem Kopf hin und wider, und reckte auch etlichmal die Zunge heraus. Es hatte
keiner unter uns allen das Herz, ein lautes Wort zu reden, dahero fragten wir
den Kirchner alles heimlich, welcher, weil er gehörlos war, uns nicht auf das
geringste antworten können. Darum redeten wir endlich laut, was man tun müsste,
wenn man dieses Bild um seine Zustände fragen wollte. »Ihr müsst«, antwortete
er, »den Rücken hinwenden und in dieses Rohr all dasjenige hineinreden, was ihr
gerne wissen wollet. Was ihr aber heimlich fraget, wird es euch laut und
öffentlich beantworten.«
    Damit machte Herr Philipp den Anfang, und als er zwei oder drei Wort
hineingeredet, sprach das Bild: »Du hast dich umgesehen, Wunder und die Zahl
derjenigen auf dem Gebirg Eisen zerbrechen, wenn es kommt.« Diese Antwort des
Bildes konnte keiner unter uns, viel weniger Herr Philipp selber verstehen,
denn er sagte, dass er gefraget, wie alt er wäre und wieviel Jahr er noch würde
im Ehestand zubringen. Nach diesem ging Gottfrid an das Rohr und fragte, wann es
regnen würde. »Du hast dich«, sprach das Bild, »auf dem Wege umgesehen. Viermal
hat das Tier im grossen Garten die Jährlichkeit das Wesen ist eines jeden
Menschen ohne Tod.« Aus dieser Antwort konnten wir so wenig als aus der vorigen
verstehen und wurden je länger je bestürzter. Der dritte an der Fragenden
Ordnung war Christoph, dem gab es eine solche Antwort: »Du hast dich auf dem
Wege umgesehen. Jägerhorn und funfzehen Tage Frist, auf dass die Stadt nicht zu
weit über das Ziel falle, die du, wenn es sich ergeusst, in den letzten Tagen zu
meinem Licht in der Welt bist.« Diese verwirrte Antwort mussten wir billig
verwundern, hatte doch keiner das Herz zu lachen, denn der Kirchner gab vor,
dass, wenn man es etwas Ungeziemliches fragte, dass es alsdann Feuer auszuspeien
und abscheulich zu heulen pflegte.
    Hiermit fragte Wilhelm, welcher ein noch viel verwirrtere Antwort
herausbekam. Endlich ich und alsdann auch Herr Friderich, aber er konnte mir und
ich konnte ihm die erhaltene Antwort nicht auslegen, unerachtet ich wegen meiner
Hausfrauen und er wegen seiner Liebsten gefragt hatte, und also mussten wir mit
grossem Widerwillen den Ort vor diesmal verlassen und entschlossen uns, noch vor
unserm Austritt aus der Kirche, mit ehestem wieder anher zu kommen und uns
besser, als geschehen war, vorzusehen, damit wir eine klärere Antwort erhalten
und mit einem fröhlichern Gemüte wieder nach Haus abreisen könnten. Auf solches
erzähleten uns die Leute von diesem Bild noch allerlei Sachen, und dass der
Hundertste keine richtige Antwort davongetragen, weil sie sich fast alle
umgesehen hatten.
 
                                  XI. Capitul.
              Sie werden bei dem Wetterbild abscheulich betrogen.
Dazumal fiel eine grosse Hitze ein, und weil es bald darauf Ernt war, hatte man
allentalben im Land gutes Wetter zu hoffen. Beschleunigten demnach unsere
Heimreise in einem schnellen Galopp, willens, auf dem Schloss Oberstein so lang
auszudauern, bis der dritte Tag des nächst einlaufenden Monats erschienen, weil
sich an solchem das Wetterbild absonderlich hören sollte lassen. Der Student,
welcher in dem Bauernsturm mit den Pechkränzen beschäftiget war, bekam gleich
uns eine Lust, sein Heil zu versuchen und zu sehen, ob er noch lange sein Brot
mit der langweiligen und kalmeuserischen Information suchen oder aber sich auf
eine andere Weise applicieren müsste, wo er wollte zum Doctor oder Licentiaten
werden. Derowegen bestellte er sich ein Bauernpferd, uns dahin Gesellschaft zu
leisten, und konnte die Zeit unserer Abreise vor grosser Begierde kaum erwarten,
weil ihm von des Bildes sonderbarer Beschaffenheit nit allein von uns, sondern
auch von andern unterschiedliche Historien erzählet worden.
    Unterdessen wurde die Zeit auf dem Schloss mit allerlei Discursen und
andern Unterredungen passieret, weil die Hitze und das warme Sommerwetter keine
andere Kurzweil auf dem Land oder Felde zulassen wollte. Als musste demnach ein
Gläslein Wein bei einem hübschen roten Schinken samt einem Glas Bier das Beste
tun, und unsere Leibesbewegung bestund entweder in Probierung der Pallester,
oder dass man sich mit wohlgemachten Kegeln in dem Hofe die Zeit verkürzet.
    In solcher Vergnügung kam der bestimmte Tag allgemach heran, an welchem man
entschlossen war, das oftbenannte Wetterbild aufs neue zu besuchen, und alsdann
wollte jeder seinen Weg wieder zu den Seinigen gehen, wie noch vor der Abreise
abgeredet worden. Ich und der Herr Friderich aber waren willens, auf sein Gut
nacher Ichtelhausen abzureisen, daselbst, wie unser ehemaliger Vorsatz gewesen,
seine Sachen aufs beste anzurichten und seine Haushaltung in eine gute Ordnung
zu bringen, auf dass er daselbst nach vollzogener Hochzeit wohl vergnügt mit
seiner Amalien einziehen und wohnen möchte.
    Hiermit machte man die Pferde fertig, und Philipp hatte schon in der geheim
bestellet, dass man seinem Præceptori das allerunbändigste Pferd gäbe, welches
dermassen mit ihm in dem Feld hin und wider gelaufen, dass ihm nicht allein der
Zaum öfters abgerissen, sondern er noch darzu bald da, bald dort in einen tiefen
Graben hineingeworfen worden. Itzt verlor er seinen Degen, wiederum die
Handschuhe, bald seine Paruque, und also war das Gelächter über die Massen gross,
so wir wegen seiner wunderlichen Posturen verübten. Damit auch keiner mit dem
Umsehen sein Vornehmen verderbte, musste der Student vor uns allen hinreiten und
dannenhero so viel öfter vom Pferd fallen, je weniger er ehdessen auf den
Reitschulen gewesen ist.
    Des folgenden Tages führte uns der vorbeschriebene Kirchner in dem Dorf zu
Grundstett vor das Wetterbild, und unerachtet gleichwie zuvor zwei Pistolschüsse
hintereinander auf der Strasse gehöret worden, sah sich doch niemand um, und
hofften dannenhero eine klärere Antwort als vorhin zu erhalten. »Ihr müsst«,
sprach das kleine Männlein zu uns, »wohl Achtung geben, dass keiner zu dem
andern, es sei in was Sprache es wolle, ein einziges Wörtlein rede. Was Ihr zu
tun oder sonsten untereinander zu verrichten habet, das könnet Ihr zwar mit den
Händen und Winken bedeuten, aber beileib kein Wort sagen, bis Ihr wieder aus der
Kirche seid. Dieser Tag, wie auch alle dritte in allen Monaten durch das ganze
Jahr, sind ansonderlich glückselig, darum ist es der Gebrauch und sehr ratsam,
dass Ihr vor Eurer Frage eine gute halbe Stund mit dem Angesicht auf der Erde
ausgestrecket liegen bleibet und keiner den andern bis nach verlaufener halben
Stunde ansehe. Alsdann, so dies geschehen, so stehet auf, und verrichte jeder
dasjenige, um wessen Ursache er zu diesem Wunderbild hergereiset ist. Ich will
Euch über dieses und zur Verhütung eines grossen Tumults die Kirche zuschliessen,
damit das vorwitzige Volk Euch in Eurem Vornehmen nicht verhindere noch sonsten
verstöre.«
    Als er dieses gesagt, neigte er sich mit einem lateinischen Reverenz, ging
hinweg und versperrete uns, wie er gesagt hatte. Es hatte keiner das Herz, den
Worten des Kirchners zuwiderhandeln, und war unter allen der Student der erste,
welcher sich auf die Erde niedergeleget. Diesem folgete ein jeder unter uns, und
ich kann nicht sagen, wie hart mich dieses Lager angekommen, weil ich es nicht
allein sehr ungewohnet war, sondern noch darzu die Ziegelsteine dermassen
stanken, dass nichts darüber. Der geneigte Leser kann sichs viel mehr einbilden,
als ich beschreibe, in was für einer lächerlichen und närrischen Positur er uns
dazumal würde angetroffen haben.
    Nach etwan einer Viertelstunde rufte eine Stimme zum Kirchenfenster hinein
und sprach: »Sie sind schon fort!« Diese Stimme hielt jeder bei sich selbst für
eine Versuchung, dass wir uns umsehen sollten, dannenhero verrückte sich keiner
von demjenigen Plätzlein, wohin er sich geleget hatte. Nach diesem rufte es noch
einmal: »Hört ihrs nicht? Sie sind schon fort!« Nichtsdestoweniger blieb man in
der vorigen Positur, und jeder gedachte seinen Teil vor sich. Zum drittenmal
fing es laut an zu lachen und sprach: »O ihr Narren! O ihr Narren!« Damit
höreten wir nichts mehr und verlangten, die Uhr zu hören, welche nunmehr bald
würde herumgelaufen sein. Je länger man aber wartete, je weniger wollte sich
solche hören lassen, und weil jeder bei sich selber wohl abnehmen konnte, dass
er länger als eine Stunde auf der Nase gelegen, hebte sich einer nach dem andern
empor und deuteten also ohne Eröffnung des Mundes, welcher der erste zu der
Frage sein sollte. Es wurde aber hierzu der Student gleichsam genötiget, weil
sich jeder, die Wahrheit zu gestehen, der erste zu sein geforchten hat.
Nichtsdestoweniger wollte der Student durchaus nicht dran und machte mit seinem
Deuten so wunderliche Mienen, dass wir bei einem Haar zu lachen angefangen
hätten. Endlich zogen wir ihn mit Gewalt zu dem Rohr, allwo er mit einem grossen
Seufzer die Lefzen angesetzet, ohne allen Zweifel mit Ausgiessung einer
innerlichen Andacht, dieses heilige Oraculum um seine Zustände zu begrüssen.
Nachdem er nun eine ziemliche Zeit gefraget und ohne allen Zweifel eine
hochwichtige Sache vorgebracht hatte, sah er sich zurück nach dem Bilde, von
demselben mit einem gleichmässigen Seufzer [Antwort] zu vernehmen. Aber das Bild
schwieg still, dadurch nicht allein der Student, sondern wir alle bestürzet
worden.
    Er fragte das zweite Mal, aber es antwortete ihm so wenig als zuvor, und er
war so scheu, dass er sich lieber ins Wasser stürzen als das dritte Mal fragen
wollte, weil er ehedessen in vielen alten Rittergeschichten gelesen und also
genugsam erfahren hatte, wie denjenigen mitgefahren worden, die das Abenteuer
das dritte Mal anzufallen sich frevelhaftig belieben lassen. Solche Grillen
staken dem guten Præceptor annoch häufig in der Memori, dannenhero ging er ganz
erblasset zurück, und uns war allen nicht gar wohl, und wusste keiner, aus was
Ursachen das Bild, wider seine gewöhnliche Art, dem Studenten die Antwort
versaget.
    Das allerübelste war, dass sich keiner getrauete, der nächste zu sein.
Dannenhero kam es auf das Würfelspiel, und als einer nach dem andern seinem Los
gefolget, bekam doch einer so wenig als der andere eine Antwort, und mussten
ebenso unbescheiden als der Student vor dem Wetterbilde stehen bleiben. Weil nun
keine Hoffnung übrig war, zu unserem Zweck zu gelangen, noch eine Antwort von
dem Bilde zu erhalten, ruften wir dem Kirchner, dass er uns die Tür eröffnete.
Aber er antwortete so wenig als das Bild. Es fing einem nach dem anderen
merklich an zu schwanen, dass wir vielleicht in diesem Handel blind angelaufen
und ziemlich wären betrogen worden. Zu solchem Argwohn half die gehörte Stimme,
und konnte nichtsdestoweniger keiner etwas Gewisses davon schliessen.
    Wir rissen endlich die Tür mit Gewalt auf, und dorten sahen wir, dass nicht
allein die Uhr war aufgezogen, sondern all unsere Pferde waren davongeritten
worden.
    Wie sehr einer den andern dazumal ausgelachet, ist unmöglich zu beschreiben.
Einer hatte diesen, der andere einen andern Argwohn, und der Student fing fast
an zu weinen, weil er nicht allein so vergeblichen Schrecken in der Kirchen
eingenommen, sondern noch darzu sein entlehntes Bauerpferd so unversehens
eingebüsst und verloren. »Ihr Herren,« sprach Philipp, »schweiget still und
sehet, wie wir mit Manier von dem donnerischen Hagelwettersbild kommen. Sie sind
schon fort, sagte die Stimm. Ja, ich glaube es, sie sind fort, nämlich unsere
Pferde, und wer will uns die Sättel heimbringen? O wie recht hat uns der
Bärnhäuter, wers auch gewesen ist, Narren geheissen! Sind wir nicht Narren?
Glauben einem alten Hosen-Purgierer, einem landfahrenden Wahrsager, gehen einen
so weiten Weg und lassen uns hie die Pferde stehlen! Wo ist nun der Kirchner
hin? Hui, dass uns der abgerichtete Fuchs so hübsch mit dem Niederlegen
beschwätzet und noch darzu die Uhr aufgezogen hat! Es ist nichts anders. Aber
lasset uns vor diesmal unsern Widerwillen bergen, ich habe schon einen Anschlag,
hinter die Sprünge zu gelangen, es mag auch anstehen, solang es will. Sehet,
hier sind die Pferde hingeritten worden, aber dieses ist wider uns, dass wir hier
kein Pferd im Dorfe antreffen, der Spure nachzureiten, und wer weiss, ob
derjenige, so uns den Possen getan, nicht schon lange über die See gefahren ist?
Hei, das heisst gefoppet und zu dem Wetterbild auf Grundstett gereiset! Hätte ich
meine Pistolen, wie wollte ich dem angemalten Wettervieh ins Gesicht
hineinpuffen. Aber wohlan! was heute nicht geschieht, kann morgen geschehen. Ihr
Herren, ein jeder folge mir, lasset den Kummer fahren, nehm ein jeder seinen
Sattel und marschiert.«
    Damit ergriff jeder seinen Sattel, welche der Pferddieb, auf dass er mit
seinem Raub sicherer durchkommen konnte, dagelassen hatte, und es ist nicht zu
sagen, wie schrecklich einer den andern auf der Strasse durch die Hechel gezogen.
Absonderlich aber musste der Student herhalten, welcher als ein studierter
Teologus die Sache billig besser sollte verstanden haben. Darum gab ihm bald
dieser, bald jener einen Filz, und er wurde endlich so zornig, dass man ihm wenig
gute Wort dörfte gegeben haben, seinen Sattel hinwegzuwerfen und auf offener
Strasse davonzulaufen. Denn er war einer unter diesen, die ganz keinen Scherz
vertragen noch verstehen können, sondern alle Vexierwort wie Gift in sich
verschlucken, dadurch sie nicht allein eine unnötige Galle erregen, sondern noch
darzu für grossem Zorn in tausend Torheiten verleitet werden. Wir aber, als
welche untereinander von Philipp auf unterschiedliche Meinungen wegen dieser
Begebenheit geführet worden, liessen es dahingestellet sein, bis sich ein und
andere Gelegenheit ereignen würde, unsere Scharte wieder auszuwetzen.
 
                                 XII. Capitul.
  Friderich findet sein Gut zu Ichtelhausen in schlechtem Zustand. Exempel der
                                  Verleumdung.
In einem solchen Zustand kamen sie dermalen auf Oberstein, allwo die Frau
Philippin an einem Fenster stund und für grossem Gelächter die Hände über dem
Kopf zusammenschlug. Es wusste keiner unter ihnen, was dieses bedeuten sollte,
noch viel weniger konnte man sich einbilden, dass sie um den Handel einzige
Wissenschaft hätte, weil es unmöglich schien, dass sie eine solche Zeitung noch
vor der Ankunft auf das Schloss mochte erhalten haben. Nichtsdestoweniger fuhr
sie in ihrem heftigen Gelächter ohne Unterlass fort und war doch auf keine Weise
zu bereden, dass sie die Ursach dessen eröffnet hätte, daraus man wohl abnehmen
konnte, dass etwas mehrers hinter ihrer so heftigen Bewegung müsse verborgen
sein. Im Fall aber sie noch nichts wegen dieser Beschimpfung wüsste und aus einer
anderen Kurzweil zu einem solchen Gelächter verursachet würde, als schwuren sie
heimlich untereinander zusammen, diese spöttliche Abweisung aus Grundstett
keinem Menschen zu offenbaren, darzu man den Studenten nicht gross nötigen
dörfen, weil er dadurch gute Hoffnung hatte, seiner bisher gelittenen Aushöhnung
abzukommen und also gleich mit den andern unter verborgener Decke zu liegen.
Jedennoch machte die Frau Philippin allerlei Argwohn, denn ob sie wohl nicht
unter die Weiber zu zählen war, die nichts verschweigen, sondern vielmehr, was
sie gesehen oder gehöret haben, wieder auszuplaudern pflegen, so machte sie
nichtsdestoweniger solche wundersame und eigentliche Mienen, aus welchen man
nichts anders schliessen konnte, als dass sie um die Andacht und Abfertigung bei
dem Wetterbild gute Wissenschaft hätte. Denn sie fragte nicht einmal, wo die
Pferde geblieben, lachte auch nicht darum, dass sie die Sättel am Halse
heimgetragen, darum wusste sich keiner deswegen aus dem Traum zu helfen.
    Dessen aber unerachtet wurden allerlei Gelegenheiten ersonnen, diese Reise
zu beschönen, und weil man sich nicht besser zu entschuldigen wusste, musste man
sagen, als wäre man unter die annoch in Wäldern verborgene Bauern geraten,
welche sie bis auf die Sättel beraubet hätten. Also blieb es vor dieses Mal so
dabei, und ich machte mich mit dem Friderichen gen Ichtelhausen auf sein Gut,
daselbst die bishero unterlassene Bewohnung aufs neue anzurichten. Nahmen
derowegen zu Oberstein Urlaub und wendeten uns nach unserer Strasse. Wilhelm aber
samt Gottfrid und seinem Bruder ging wieder zurück nach Abstorff, wovon die
beiden Brüder heimzureisen entschlossen und daselbst bis zu des Friderichs
bevorstehende Hochzeit, welche bei der alten Frauen zu Ocheim sollte gehalten
werden, verziehen wollten.
    Also wandte sich eine Partei zum vordern, die andere zum hintern Tor hinaus,
und nahmen beiderseits etliche Schlossknechte mit, welche Herren Philippen seine
Pferde, die er uns geliehen hatte, wieder zurückreiten sollten. Ich muss
bekennen, dass es dazumal sehr widrig und wegen der heftigen Hitze sehr übel zu
reisen war, und also wurde zwischen den Reisenden wegen staubigen Wetters wenig
geredet noch erzählet, sondern mussten vielmehr die warmen Mäntel und grosse
Reisekappen eröffnen, aus welchen man sich auswickelte und gleichsam ganz
nackicht entblösste.
    Was aber auf offenem Feld verabsäumet worden, das brachte man in den
Dorfschenken abends wieder ein. Dahero kamen wir bald zur Auslegung des
Gelächters, welches die Frau Philippin so abscheulich getrieben hatte. »Es ist«,
sprach ein Knecht, »von Oberstein ein alter Mann, und zwar ebenderjenige,
welcher ehedessen auf dem Schloss gewesen und sich für einen Wahrsager
ausgegeben, mit etlichen Pferden an das Tor kommen und hat geschwinde mit der
Frauen zu sprechen verlanget. Sie liess ihn zu ihr ins obere Zimmer kommen, und
nachdem er etwan eine Viertelstunde darinnen gewesen, eilete er, was er konnte,
mit grossem Gelächter die Treppe herunter und ritt mit seinen Pferden
dergestalten davon, dass der Staub hinter ihm aufgegangen. Und diese Pferde waren
ebendiejenigen, so Ihr kurz vorhero aus dem Schloss geritten habet. Von
demselben Augenblick an hatte die Frau ein grosses Verlangen, Euch zu sehen,
weswegen sie ohne Unterlass an dem Fenster gestanden und auf Euer Zurückkunft
gesehen hat.«
    Diese Rede des Knechts, ob sie gleich nicht dunkel war, so war sie doch auch
nicht allerdings so klar, dass man etwas Gründliches hätte daraus schliessen
können. »Wisset Ihr mehr von dieser Sache,« sprach der Friderich, »so offenbaret
es uns im Vertrauen.« - »Nein,« sprach der Knecht, »dieses und weiter nichts ist
mir von der Frauen bekannt, denn ich weiss nicht, geht mich auch nichts an, was
sie in ihrem Zimmer mit dem Graubart mag gesprochen haben. Aber gewiss ists, dass
ich sie all mein Lebtag, ob sie gleich sonsten nicht traurig ist, dennoch noch
niemalen so fröhlich gesehen habe.«
    Herr Friderich redete hierauf ein und anders mit mir, aber wir fehleten weit
von dem Zweck, als sich hernachmals im Ausgang gewiesen hat. Darum liessen wirs
gut sein, weil endlich der Spott und Verlust so gross nicht war; nur die einzige
Begierde, hinter diese Invention zu gelangen, liess uns keinen Fried, und konnten
vor grossem Verlangen, die Sache auszukundschaften, kaum einen fröhlichen Bissen
essen, noch ein gutes Glas Wein, wie sichs gebühret, mit einem angenehmen Gusto
zu uns nehmen. Der dritte Tag nach unserer Ausreise brachte uns nach
Ichtelhausen in das Schloss des Friderichs, welcher sich in dem Einritt
allentalben nach seinen Gebäuen umsah. Er fund alles in gar gutem Esse, ausser
dass sich wenig Hühnergeflügel, Tauben und ander dergleichen zahmes Federvieh
allda befand, welche allem Ansehen nach der Verwalter mit seiner Familia müsste
aufgezehrt haben. »Wenn es nur in meiner Gesundheit genossen,« sprach Friderich,
»so mag es noch passieren!« Also stiegen wir ab und wurden von dem Verwalter,
welchen man wegen seines gesoffenen Tobak und Brandeweins weiter riechen als
sehen können, mitten in dem Schlosshofe bei einem grossen Taubenhaus empfangen.
»Das Taubenhaus ist ganz,« sprach Friderich, »und man sieht an demselben nichts
zerrissen, wo sind aber die Tauben hingeflogen?« Auf diese Rede sah uns der
Verwalter etwas genauer an, als er gewahr wurde, dass mein Gesell seine
Herrschaft sei. Er machte darauf ein grosses Kreuz vor sich; weil aber dem
Friderich nicht gelegen war, seinen berauschten Worten Audienz zu geben, eilete
er mit mir in die Hofstube, welche so sehr nach Tobak stank, dass einem der Rauch
daumensdick in die Nase fuhr. Die Leute, so darinnen sassen, sahen aus wie die,
welche unter den Köpfen sitzen, und es mangelte nur an einem Bader, so hätten
wir uns alle können schröpfen lassen.
    Des Verwalters seine Kinder, derer er ein Stück oder achte beisammen hatte,
sassen hinter dem Ofen, Birn und Äpfel bratend, und weil diese aus
Unvorsichtigkeit zu weit an die Kachel gerücket, stank es nicht viel anders, als
hätte man eine Katze auf glühenden Kohlen gebraten. »Warum«, sprach Friderich zu
einem Tisch voll Bauern, »seid ihr allhier zusammengekommen und was ist euers
Tuns?« - »Herr,« sagten sie, »der Herr Verwalter hat uns die vorige Woche zu
einer Steuer ansagen lassen, und weil wir ihm solche so bald eingegeben, lud er
uns heute auf eine Mahlzeit.« - »So«, sprach der Friderich, sich gegen mir
wendend, und klagte seinen Zustand. »Siehest du,« waren seine Wort, »wie es
zuzugehen pfleget, wo kein Herr im Hause ist? Nun merke ich, wo mein so häufiges
Geflügel hingekommen. Er hat es, diesem Zeugnis nach, mit den Bauern
verfressen.« Hiermit gingen wir auf die Getreidböden und fanden daselbst drei
Parteien, welche mit Schaufeln einsackten. »Was machet ihr da?« sprach der
Friderich, »und wem soll diese Arbeit?« - »Sie soll«, antworteten die Knechte,
»dem Herren Hausverwalter. Wir schütten die Säcke ein und führen sie hernachmals
in die Mühl. Von der Mühl müssen wirs auf sein Gut nach Rodingen bringen.« -
»Geschicht das oft im Jahr?« sprach Friderich. »Dreimal,« antwortete der Knecht,
»und wenn wir mit dem Getreid Feierabend haben, so geht es über das Obst, als
Äpfel, Birn, Zwetschgen, Nüsse und dergleichen.« Indem kommt der Verwalter über
die Treppe heraufgegangen, weil er uns mit einem Trunk Wein zu bewillkommen
willens war. Und obschon Herr Friderich grosse Ursach und billigen Zorn gehabt
hätte, ihn wieder über die Treppe hinunterzustossen, gab er ihm doch noch zum
Überfluss ein freundlich Gesicht und lobte ihn, dass er die Knechte nicht feiern,
sondern immer eine Arbeit nach der andern angreifen liesse. »Ihr habt uns Wein
gebracht,« sprach Friderich, »nun bringt uns auch Brot!« Damit sprang der
Verwalter wieder über die Treppe hinunter, und die Knechte erzähleten uns weiter
von seiner Haushaltung und erwähneten unter andern, dass er oftermalen zwei
Malter Korn den Bettlern geschenkt und einsmals an einem Feiertage zwei Schweine
ins Spital nacher Ollingen verehret hätte.
    Hierauf gingen wir in Stall, und da ehedessen zwölf wohlgemästete Ochsen und
dreissig Kühe gestanden, fanden wir derer kaum sechse, und alles so schlecht und
schläferig bestellet, dass es recht verdriesslich anzusehen war. Kein Brunn lief
mehr, kein Mist war im Hofe, in summa, man fand im ganzen Schloss etwan zwei
Mägde, und dieses war die ganze Haushaltung des Verwalters, welcher doch dabei,
gleich als hätte er alles gar wohl und löblich verrichtet, sich gedünken liess.
»Ihr sollet«, sprach Friderich zu ihm, als er uns das Brot brachte, »heute nach
dem Mittagsessen mit Eurem Inventario vor uns beiden in der Gerichtsstube
erscheinen, damit wir Abrechnung und eines oder das andere miteinander reden
mögen, wie liederlich bis dahero allem Ansehen nach ist hausgehalten worden.« -
»Euer Gestreng,« sprach der Verwalter, »es soll nach Ihrem Belieben von mir
fleissig geschehen, von Punkt zu Punkt will ich antworten und von Ziffer zu
Ziffer meine Rechnung ablegen.« - »Schweigt still,« sagte Herr Friderich, »Ihr
seid voll!«
    Damit gingen wir in unser zubereitetes Zimmer, allwo sich ein Schreiber, der
allgemach gehöret, was der Friderich mit dem Verwalter geredet hatte, bei uns
einfand, der den Verwalter folgends gar zur Bank hieb. »Es ist ein Gesell,«
sprach er, »den ich Euer Gestreng und Herrlichkeit nicht genugsam beschreiben
kann. Alles lässet er in Grund verderben, und was er mit grossem Nutzen bessern
könnte, das lässet er nachlässig eingehen. Man kann gedenken, wie ein so grosses
Hauswesen mit so wenigen Leuten, als er hältet, versehen kann werden! Ich bin
noch ein junger Kerl, aber gleichwohl, so mir ein so pertinentes Stück Gut zur
Verwaltung anvertrauet wäre worden, wollte ich doppelten Profit geben, da der
Verwalter nicht einen geben kann. Er säufet sich stets voll Tobak und Brandwein,
und wenn jemand Fremdes an das Tor kommet, so gibt er die schlimmsten Wort, als
man von einem Menschen hören mag. Mit den Bauern macht er sich so gemein und
vertraulich, dass in ihrer viel Herr Bruder heissen, und wo er nur die geringste
Gelegenheit weiss, mit ihnen zu schmausen, so geht es auf den alten Kaiser los,
und lässet sich von mir, so sehr ich ihn auch vermahne, dennoch zu keinem
besseren Weg leiten. Was noch über dieses ist, so ist seinen Kindern die
Äpfelkammer so gemein, dass sie fast täglich darinnen nach ihrem Gefallen
herumhausieren. Er heizet ein, gleich als wollte er das Schloss anzünden, und
gleichwie er mit dem Holz, also geht er auch mit anderen Mobilien um, die er
billig sollte in reservo halten. Darum, haben Euer Wohledel Gestreng und
Herrlichkeiten etwan eines besseren und getreueren Hauswirts vonnöten, bitte
ich, meine Person vor einem anderen hierzu zu befördern. Meines Orts verspreche
nicht allein allen gehorsamen und schuldigen Respect, sondern eine erwünschte
und nützliche Hauswirtschaft nach Vermögen anzurichten, meine Tagerechnungen
nach Verlangen wöchentlich oder jährlich richtig abzulegen und mich in allem so
zu demonstrieren, wie es die billige Observanz und meine Schuldigkeit erfordern
wird!«
 
                                  Drittes Buch
                                  I. Capitul.
  Der Verwalter zu Ichtelhausen defendiert sich trefflich wohl. Der Schreiber
                              kommt ins Turmloch.
Dieses Buch soll ferner eröffnen, wie und auf was vor eine Art unsere folgende
Begebenheiten abgelaufen. Ich will auch solches mit einer leidlichen Lindigkeit
beschreiben und mit keinen spitzigen Zähnen um mich beissen, weil man durch gar
zu viel Stichreden den Getroffenen nur erzörnet und dem Leser an seiner
gesuchten Zufriedenheit verhinderlich ist. Darum soll meine Schrift eine
Zeitvertreibung, nicht aber ein solches Buch sein, daraus man Gift saugen oder
böse Sitten angewöhnen soll. Ich selbst habe all mein Lebtag mehr gute Tage
gewünschet als genossen, und so vergnügt ich auch nach dem Inhalt dieser Schrift
mit meiner Sophia gelebet, hatte ich doch, gleichwie alle Menschen, unterweilen
meine sonderliche Grillen, die mich um so viel desto mehr peinigten, je weniger
ich derselben gewohnet war. Es ist keine oder selten eine Lust, die nicht
etlichermassen auch eine Last ist, und der Leser darf sich all diese Zustände, so
er in dieser Schrift gefunden und noch finden wird, nur vernünftig vor Augen
stellen, so wird sein kluger Ausspruch der Richter sein, welcher nicht allein
alle meine Gesellen, sondern auch mich insonderheit ebensowohl als sich selber
den Glückeswinden unterworfen urteilen wird.
    Ich bin aber in Beschreibung dieser Sommergeschicht nunmehr bis in das
Schloss Herrn Friderichs, nämlich nach Ichtelhausen, gekommen, allwo wir
verstandenermassen einen ungetreuen und liederlichen Haushalter angetroffen,
welcher uns von einem Schreiber auf das allerliederlichste ist beschrieben
worden. Und nachdem dieser Lobredner sein Compliment gegen uns abgeleget, auch
mit einem grossen Reverenz seine Rede beschlossen, rufte ein Knab, so des
Verwalters ältester Sohn war, zum Essen, bei welchem wir diesen Schreiber gerne
sehen wollten, nit darum, dass wir ihm eine sonderlich hohe Ehre, denn dieser war
er nit wert, sondern nur unter dem Schein einer Höflichkeit Gelegenheit geben
wollten, seinen Discurs wegen des Verwalters weiter fortzusetzen, damit wir also
unverhofft hinter des saubern Vogels seine Sprünge kommen konnten. Denn weil der
Verwalter nach vollendetem Essen zur Inquisition bescheidiget war, raumte er
indessen seine Rechnungen hervor, und also hatten wir in seiner Abwesenheit gute
Gelegenheit, unserem Vornehmen abzuwarten. Wenn nun ein grober Punkt kam,
welchen sich der Schreiber wegen des aufwartenden Knabens nicht teutsch zu sagen
trauete, so erzählete er denselben lateinisch, welches, ob ers wohl abscheulich
untereinander hervorbrachte, dennoch von dem Friderich wohl verstanden wurde.
Also musste sich der Verwalter jämmerlich lassen durch die Hechel ziehen, und der
Schreiber brachte alle Sachen so scheinheilig vor, erzeigte sich auch über
Tische so höflich und sittsam, dass wir an seinen Ceremonien höchstes Vergnügen
trugen.
    Nach einer halben Stunde schickten wir den Knaben zu seinem Vater, der das
Confect, etliche Schüssel Äpfel, Birn, Nüsse und dergleichen herbringen sollte.
»Kann dein Vater so brav mausen,« sprach Friderich, »so lasse ihn auch brav
aufwarten!« Damit ging der Jüngling davon und schlug die Tür zu, dass der Staub
von der Wand fiel. »Wie der Rab ist,« sagte der Schreiber, »so sind auch die
Eier: Mali corvi, malum ovum«, und also erzählete er weiter, was für einen
wunderlichen Contrapunct der Verwalter in dem Schloss zu Ichtelhausen spielete.
    Indem er noch davon schwatzte, kam der Verwalter mit einem grossen verdeckten
Korb an. Er trug ziemlich schwer und satzte solchen auf einen Nebentisch, allwo
unser Tischtrunk gestanden. »Mein Herr,« sprach er hierauf zu dem Friderich, ihm
zugleich ein grosses Buch überliefernd, »hier ist meine Rechnung, und da«, auf
den Korb weisend, »ist mein bisher gesammeltes Confect. Es sind keine Äpfel,
keine Nüsse, keine Zwetschgen noch Birne, wie dieser verleumderische Schreiber
billig verdienet hätte, aber was es ist, das werdet Ihr sehen!« Damit zog er das
Tuch über dem Korb hinweg, da sahen wir vier Schalen darinnen stehen, zwei voll
Ducaten, zwei voll Reichstaler, und das übrige Teil des Korbs war voll halbe
Taler und alter Groschen. »Sehet«, sagte er weiter, »und urteilt aus dieser
merklichen Summa Geldes, ob den verleumderischen Reden dieses Schreibers zu
glauben sei. Ihr habt zwar wenig Hühnergeflügel, wenig Rinder, wenig Korn und
dergleichen angetroffen; aber zu was nützen die Tauben, als dass sie die Gerste
hinwegfressen und hernach von den Bauerjungen abgefangen und heimlich gefressen
werden? Ich habe zwar das Korn einsacken, auf die Mühle schicken und von dar auf
mein Gut bringen lassen, aber nicht darum, dass ich solches heimlicherweise
stehlen möchte, sondern weil ich von dar aus bessere Gelegenheit hatte, das Mehl
mit grösserem Profit unter die Ausländer zu verkaufen. Es ist zwar an dem, dass
ich viel Ochsen, Rinder und Kühe in Empfang genommen, aber ich habe es besser
gemachet. Die Wiesen, da ich das Grummat und Heu davon nehmen müssen, dasselbe
zu füttern, die verpachtete ich. Es mochte nun gleich guter oder Misswachs sein,
hatte ich meinen richtigen Zins, da mancher hingegen vor sein Vieh nebenst
seinen Wiesen noch Futter darzu kaufen und schaffen muss. Ich habe aber doch
gleichwohl keinesweges die Rinder verkaufet, sondern dieselben geschlachtet und
in den Rauch gehangen, will Euch auch vier Gewölb und etliche Kammern voll
dergleichen Vorrat weisen, und das eingenommene Zinsgeld habe ich zu dieser
Summa geschlagen, die sich auf ein merkliches belaufet.
    Ich wusste nicht anders, ja, alle Bauern im Dorfe hätten sich ehe die Köpfe
abreissen als aus denselben die Meinung fahrenlassen, indem sie geglaubet, Euer
Gestreng und Herrlichkeiten würden Ihr eremitisches Leben in der Einsiedlerei
zubringen. Dannenhero waren mir nicht viel Pferde noch Gesind nütze, habe also
auf das genaueste hausgehalten und das unnötige Volk abgeschaffet, dadurch ich
viel an dem Jahrlohn ersparet habe. Dass ich meine Kinder in die Äpfelkammer und
in derselben nach ihrem Belieben hausieren lasse, das ist wahr. Aber ist es
nicht besser, dass ich sie mit einem paar Äpfel sättige und sie mit diesem Obst
hinter den warmen Ofen setze, als wenn sie bald dort, bald da herumschlecken und
den Leuten unter den Füssen umgehen? Dass ich so sehr einheize, geschicht nicht
aus Verschwendung, sondern damit die Bauern desto ehe einen Dummel in Kopf
kriegen, dadurch schreibe ich ihnen quid pro quo an, und sie müssen mir das
Einheizen doppelt in den Beutel bringen. Dass ich so viel Korn und einsmals zwei
junge Schwein in das Spital nacher Ollingen spendiert und hinweggeschenkt, ist
aus einem Almosen geschehen. Das Korn war wurmicht, hätte ichs länger auf dem
Boden liegen lassen, so wärs mir nicht allein gar verdorben, sondern hätte mir
noch darzu das gute angestecket. So waren auch die Schweine pfinnig, dannenhero
gab ichs den Aussätzigen, welchen damit trefflich gedienet war, denn weil sie
die Krankheit einmal auf dem Leibe haben, kann ihnen dadurch wenig Schade
zustossen, quia malum, quod habemus, timere non possumus.
    Dieses sei also von meiner Freigebigkeit geredet, die ich Euer Gestreng und
Herrlichkeiten zu keinem Schaden, sondern vielmehr zum grossen Aufnehmen des
Gutes angewendet, denn wer weiss nicht, dass alles an dem Segen gelegen sei? Durch
was hat man aber einen mehrern Segen als durch das Almosen zu hoffen? Wer meine
Freigebigkeit eine Verschwendung heissen kann, der trete hervor und sage mir, wo
ich die pfinnige Säue und mit was für einem Gewissen ich sie hätte verkaufen
sollen! Es sage mir einer, was ich mit dem faulen Korn sollte angefangen haben!
Die Leute, denen ich es gegeben, mussten mir die Bäume putzen, den Mist auf dem
Felde ausbreiten, und also dörft Ihr Euch nicht verwundern, dass so wenig im Hofe
lieget, weil über die hundert Fuder auf den Feldern liegen; dort nützet er mehr
als in der Miststatt, ists nicht wahr, Herr Schreiber?«
    Über dieser Rede lachten wir, aber der Schreiber fand sich hoch beleidiget
und fiel dem Verwalter in die Haar, dieser wehrte sich stattlich, und als sie
bis an den Korb kamen, tat der Schreiber einen Griff in die Ducaten und wollte
sie also unvermerkt in seinen Schubsack promovieren; aber des Verwalters Sohn,
welcher der Sache gewahr wurde, klopfte ihm auf die Finger, und wir kriegten
unsere spanische Röhre, die dem guten und verleumderischen Schreiber trefflich
über den Buckel gemessen wurden. Solchergestalten prügelten wir ihn nicht allein
zu dem Zimmer, sondern über zwei Treppen durch den Schlosshof zum Tor hinaus und
begaben uns sodann wieder in das vorige Gemach, die Füchse zu zählen und die
eingesammelten Batzen auseinanderzumustern.
    Indem fängt der abgewiesene Schreiber schrecklich an, auf uns vor dem Tor zu
fluchen. Er hiess uns Wetterhahnen, die den Schmeichlern das meiste glaubten, und
der Verwalter musste gar ein Dieb und Mörder sein. »Wer weiss,« sagte er gegen dem
Torwärter, »wo der Schelm die Ducaten gemauset hat? Ich will nit dafür schwören,
dass er solche durchreisenden Kaufleuten auf der Strasse abgenommen. Es ist armer
Leute Schweiss. Habe ihm ein Jahr lang gedienet, und hat mir kaum satt zu fressen
geschweige was anders für meine so harte Mühe gegeben. Was fragen die Edelleute
darnach, er mag es herhaben, wo er will, wenns nur da ist. Oh, ich kenne
dergleichen Gesellen mehr; sie sagen: Sive raptum, sive captum, modo sit aptum.
Nun schützt der Dieb seine Haushaltung vor. Kriege ich ihn einmal auf der
Gassen, ich will ihm weisen, wie lang meine Fuchtel sei, und dem Edelmann will
ich einmal mit einem Raquett zeigen, wie weit seine Strohstädel voneinander
stehen.«
    Diese Worte, als welche er höchst frevelhaftig aus seiner verleumderischen
Zungenscheide herausgestossen, brachten ihn in unverhofftes Elend. Denn, indem er
noch mit dem Torwärter redete und sich nichts Übels versah, erhaschten wir ihn
aufs neue und wurfen ihn in ein altes Turmloch, allwo er auf seinem Bund Stroh
sitzen und schwitzen musste.
    Die schöne Barschaft, welche der Verwalter in so geringer Zeit mit so
behutsamer Bescheidenheit gesammlet hatte, machte uns in Aussortierung und
Abwägung der Münze eine ziemliche, doch angenehme Mühe. »Ich trinke gerne
Tobak,« sprach der Verwalter, »das muss ich bekennen, tue auch einem ein gut Glas
Brandwein Bescheid, aber was geht dadurch Euer Gestreng ab? Mancher unterlässet
solches, mit Vorgeben, es wäre eine liederliche Gewohnheit, aber indessen
füttert er sich mit einem guten Stück Braten und greift mit allen Fingern in den
Buttertopf, dadurch viel mehr als mit einer Pfeife Tobak in den Rauch aufgehet.
Und wer sollte von seiner Mühe nicht auch eine Ergetzung haben? Schneidet doch
der Schneider keine Paar Strümpf, der Schuster keine Paar Schuh ohne seinem
Vorteil zu; warum sollte ich als ein Bärnhäuter nicht auch desjenigen geniessen,
so ich mit grosser Sorgfältigkeit erwerbe? Ha, das muss man Euch Edelleuten nicht
weismachen, wers besser kann als ich, der stelle seine Ordnungen selbst an. Ihr
habt zwar gemeinet, des Schreibers seine Wort sind lauter Gold und Silber, aber
sehet hie diese Haufen an! Gelt, Ihr Herren, es glänzet besser als
Tauben-Pfifferling? Um einer kahlen Tauben willen hättet Ihr mich aus dem
Schloss gejaget, und dadurch wären Euch acht Ochsen versaumet worden. Darum
geschicht es auch, dass Ihr in Verwechslungen der Bedienten nicht selten betrogen
und über den Stein gestossen werdet.«
 
                                  II. Capitul.
   Friderich bekommt Briefe von seiner Liebsten. Der Schreiber wird mit einer
sonderlichen Strafe angesehen. Sie reisen endlich wieder ab und nach Ocheim zur
                                   Hochzeit.
Also mussten wir uns von diesem einen Filz und gute Vermahnung geben lassen,
welchen wir doch kurz zuvor wacker auszufilzen uns vorgenommen hatten. »Wisset
Ihr, Ihr Herren,« sprach der Verwalter, »wie Ihr den Schreiber wegen seiner
Verleumdung und ausgestossener Schmachrede abstrafen könnet?« Herr Friderich
sagte, dass er ihn etliche Tage in dem Loche wolle stecken lassen. »Nein,« sagte
der Verwalter, »ich schreibe zwar Euer Gestreng nichts vor, aber besser wärs,
wenn Ihr ihm zur gebührenden Züchtigung erstlich ein altes Buch neu
abzuschreiben vorlegtet, denn der Schelm schreibt eine gute Hand; und weil wegen
instehender Hitze das Mühlwasser klein geworden, wäre uns und ihm viel mehr
gedienet, wenn er sich mit tiefer Grabung der Quell eine feine motionem corporis
machen könnte. Denn, was hilft es Euer Gestreng, wenn der arme Teufel wie eine
Kletzen zusammenbacket?« - »Es ist wahr,« sagte der Friderich, »Eurem Rat will
ich folgen, lasset ihn aus und stellet ihn erstlich über den Mühlbach und
alsdann, so er allda seine Arbeit getan, auch über das alte Buch.« Durch diesen
Vorschlag kam der Schreiber aus dem Gefängnis und Friderich zu einer Arbeit, die
er mit vielem Geld nicht hätte kaufen können. »Sehet, Herr,« sprach der
Verwalter, »so habe ichs gemacht, wenig sind von mir ins Loche, aber alle zur
Arbeit gewiesen worden, dadurch Euch ein merkliches zum Besten gekommen.«
    Indem fängt den Friderich die Liebe aufs neue an zu quälen, und wenn ich
nicht gewusst hätte, dass er in solchen Gedanken gerne alleine wäre, würde ich ihm
samt dem Verwalter viel Verdriesslichkeit verursachet haben. Wir liessen ihn
demnach in dem Zimmer, allen diesen Grillen abzuwarten, die viel Seufzer aus
seinem Herzen herauspressten. Denn er war im höchsten Grad der Liebe zugetan und
liess in allen seinen Handlungen zwar keine närrische, aber wohl eine merkliche
Flamme spüren, die er gegen der Amalien trug.
    Die Knechte, so von dem Philipp mit uns geschicket worden, waren mit einem
guten Trankgeld schon lange wieder zurück, und diesen hatte er einen Brief an
ihren Herrn und in demselben zugleich einen Einschluss an die Amalia mitgegeben,
von welcher er gleich dazumal, als er von einer so unverhofften Andacht
überfallen worden, eine Antwort empfing. Solche brachte ihr eigener Laquay
Justin, von welchem daroben ein mehrers gemeldet worden; und weil ich den
Friderich in Durchlesung dieses angenehmen Liebesbriefs nicht verhindern wollte,
musste mir der Diener indessen eins und das andere in einem Garten erzählen, was
seit unserer letzten Abreise aus dem Schloss Oberstein guts Neues passieret.
Ich konnte ihn aber nicht lange bei mir behalten, weil Friderich ebendasjenige
zu erfahren verlangte, was ich von ihm zu wissen begehrte.
    Er war länger als eine gute Stund bei ihm, und daselbst satzte es das
allerangenehmste Gespräch, da immer einer fragte und der andere das Allerbeste
antwortete, denn Justin wusste wohl, wie man den Verliebten lausen musste, wenn
man sie auf die rechte Sprünge bringen wollte. Darum ward er auch von dem
Friderich trefflich beschenket und noch selbiges Abends mit einem langen Brief
an die Amalia wieder abgefertiget. Justin bekam zum Überfluss den häufigen und
herrlichen Gold- und Silberschatz zu sehen, dadurch ihm das Maul trefflich
wässerig gemacht worden. Aber Friderich sagte, dass er nach diesem allen nichts
fragte, wenn er nicht zugleich die Hoffnung hätte, die allerschönste Kreatur,
nämlich die Amalien, zu besitzen, und dass er ihr blosses Angedenken allem Wert
der alleredlesten Kleinodien weit vorzöge. Dadurch bekam Justin gute
Gelegenheit, seine Beredsamkeit zu spicken und der Amalien tausend angenehme
Worte zu überbringen, auf welche sie, nach seiner Aussage, mit unvergleichlichem
Verlangen wartete.
    Ich hatte noch so viel Glück, den Brief an die Amalien, ehe er noch
versiegelt war, in diesem Inhalt zu lesen:
    Allerschönste Seele! Man weiss keine Ziffer, durch welches die unzählbare
Anzahl der Sterne kann bedeutet werden; viel weniger weiss ich ein Wort oder eine
Zeile zu finden, die genugsam wären, meine grosse Begierde, Dieselbe bald
wiederum zu sehen, auszusprechen. Ich zähle zwar die Stunden, aber vielmehr zu
meinem widrigen Verdruss, weil mir jeder Glockenschlag zugleich mein Herz
berühret, da ich noch so viel Stunden von meiner Verehlichung übrig sehe. Ich
finde diese Passion allgemach mit einer grossen Heftigkeit, die ich doch sonsten
viel weniger als ein schwaches Federlein geurteilet. Zu dieser meiner Pein ist
Sie, o allerschönstes Bild, alleine Ursach, weil ich Ihre angenehme Gestalt
unablässig vor Augen habe. Wolffgang ist dermalen bei mir auf meinem Gut; der
weiss nicht allein um meine Reise, sondern auch um alle heftige Seufzer, die ich
um Ihretwillen in die blosse Luft geschicket. Diese Krankheit, ob sie mich gleich
unmässlich quälet, ist nichtsdestominder meine angenehmste Wollust, weil sie von
niemand anders als von Ihr den süssen Ursprung führet. O meine Schöne! was Sie an
mich begehret, ist ohnedem eine solche Pflicht, ohne der ich zu leben sterben
müsste. Sie tue desgleichen, und mehr will ich diesem schwachen Papier nicht
vertrauen, weil es solche Flammen, als ich hege, unmöglich ohne Versehrung
ertragen kann. Lebet wohl!
    Dieses war der Inhalt des [Schreibens des] verliebten Friderich, welcher
noch ein junger Schüler in dieser Kunst war. Demnach gab er mir auch ihr
Concept, welches sie mit eigener Hand folgendermassen an ihn geschrieben hatte:
    Werter Schatz! Das Verlangen, Euch bald wiederzusehen, machet mich seufzen
und hoffen! Ich bin nit mehr meine, weil meine Gedanken stets um Euere angenehme
Person schweben. Der Schlaf, ob er wohl dem Tod ähnlich ist, gibt meinen
Gedanken doch das allerangenehmste Leben, wenn er mir Eure Holdseligkeit ohne
Unterlass im Traum vorstellt. Dieses Blatt ist glückseliger als ich, weil es von
Euren Lippen kann berühret und geküsset werden. Aber Geduld! diese bringt mit
tausendfältigen Früchten, was sie mit grosser Widerwärtigkeit gesäet. Der
Entschluss wegen der Heirat ist von der ganzen Freundschaft beliebet worden, und
steht der 16. dieses zur Ausrichtung dermalen noch gewiss. Sonst kann ich nichts
Neues berichten, weil ich für grosser Lieb keinen fremden Zuständen nachdenken
kann. Lebet wohl, mein Leben! und liebt beständig! Wollet Ihr aber, dass ich
sterbe, so hört auf, mich zu lieben. Dennoch werde ich vergnügt sterben, weil
ich die Ehre gehabt, mich eines vollkommenen Menschen verliebte Dienerin zu
nennen, die ich auch bis in das Grab verharren werde, etc.
    Als ich solches gelesen und trefflich gegen dem Friderich gelobt hatte,
fuhren wir in dem Discurs weiter miteinander fort, und weil er unter allen
seinen Affecten keinen merklicher spüren liess, als dass er sich überaus gern
loben hörte, konnte ich ihm die Geige trefflich nach seinen Ohren stimmen und
fing dannenhero an, alle seine Handlungen, die er sowohl ehedessen als anitzo
mit Schreiben, Reden und Discurrieren unter uns vorgenommen, herauszustreichen.
Aber daraus waren weder ich noch er nichts desto glückseliger noch vollkommener,
sondern vielmehr ich ein Ohrenbläser und er ein heimlicher Prahler zu heissen,
der in seiner heftigen Einsiedelei nicht gelernet hatte, dass die Hoffart und
absonderlich diese, die man heimlich in dem Herzen verbirget, eine
erschreckliche Sünde sei und den Menschen nicht allein geistlicher-, sondern
auch leiblicherweis sehr zu verstellen pfleget. Wir hatten noch beiderseits in
unserer Eremiterei nicht gelernet, dass man durch das gesuchte Eigenlob vielmehr
in der Menschen Abgunst als Liebe zu geraten pflegte. Wir hatten nicht
beobachtet, dass die Demut allein das Mittel sei, auf den wahren Ehrengipfel zu
gelangen, und dass man durch den heimlichen Stolz allen Aestim, den man zuvor
unter den Leuten gehabt, auslösche und umstosse. Diese Erkanntnis mangelte dem
ehrlichen Friderich um ein merkliches, weil er nur nach den äusserlichen Gebärden
heilig, innerlich aber noch voll Unrats und Totenbeiner war und ein Aussehen
hatte wie das Jüdische Grab, so aussen voller Zierde und innen mit Gestank
angefüllt gewesen.
    Deswegen hörte er sich trefflich gerne loben, und wenn man seine Sachen
herausstrich, so schmunzelte er bei sich selbst, ob er gleich anfangs den
Verwalter sowohl als ich vor einen liederlichen Mauskopf und wohlexercierten
Tobaksbruder gehalten. Wenn man sagte, dass in der Redekunst keiner
seinesgleichens im ganzen Lande wäre, so tat er zwar, als hörte ers nicht gern,
aber in dem Herzen war ihm dieses Gespräche über Zucker und Honig; und wenn man
von solchem Gespräche abweichen wollte, so gab er noch immer Gelegenheit, des
vorigen zu erwähnen, weil er einen solchen Magen hatte, der mit nichts als mit
seinem eigenen Lob konnte gesättiget werden. Sonsten war er ein Ausbund eines
stillen Gemütes und ein rechter Spiegel eines adeligen Wandels, indem er lauter
löblichen Sachen nachgestrebet. Und dahero kam es, dass er alle diejenige
heimlich hasste, die sich nur mit einem Wort wider ihn, nach seinem Gedünken,
verstossen hatten. Nichtsdestoweniger brachte ich ihn oft auf eine bessere Bahn,
und er ergab sich auch letztens so weit gefangen, dass er seinen Fehler wegen des
Eigenlobes nicht allein gutwillig bekannte, sondern sich auch von demselben
merklich entäusserte.
    Es waren noch vierzehen Tage zur bevorstehenden Heirat, welche Zeit, weil es
die letzte war, ihm höchst verdriesslich und beschwerlich fiel. »Die Langweil,«
sagte er, »die ich ehedessen in dem einsamen Kloster als ein Eremit ausstehen
müssen, ist mir nicht so unerträglich als diese wenige Zeit gewesen.« - »Du
musst«, sagte ich, »dich mit Bücherlesen oder Spielleuten ergetzen.« - »Nein,«
sagte er, »lass uns diese vierzehen Tage auf eine Comoedia dichten, dass wir
solche auf meiner Hochzeit spielen können.« Hiermit gab uns der Verwalter Feder,
Dinte und Papier, und weil Herr Friderich der Hochzeitbriefe gedachte, wusste der
Verwalter niemand besser als den Schreiber vorzuschlagen, welcher allgemach auf
dem Mühlbächlein empfand, dass die Haue schwerer war als die Schreibfeder. Er
hieb drein, wie er tausend Centner auf einmal herausheben wollte. »Arbeitest du
geschwinde,« sagte der Torwärter zu ihm, »so kommst du bald davon!« Damit machte
er den Schreiber mächtig munter. Als er aber seine vorgesetzte Arbeit vollendet,
musste er erstlich über die Hochzeitbriefe, hernach über ein alt geschriebenes
Buch her, daran er den ganzen Sommer genug zu tun hatte. Indessen hatten wir
unsere Comoedia innerhalb acht Tagen zu Ende gebracht, in welcher Zeit wir zwar
nit immer über der Invention gesessen, sondern unterweilen bei einem guten
Gläslein Wein ein Stück geräucherten Lachs verzehreten. So sehr aber der
Friderich nach seiner Hochzeit seufzete, so sehr verlangte mich wieder nach Haus
zu meiner Sophia, weil mich allerlei Gedanken ankamen, derer ich zuvor nicht
gewohnet war. Bald gedachte ich so, bald so und meinte immer, es dörfte mir was
geschehen, welches ich doch wegen ihrer bekannten Treue nicht zu fürchten hatte.
Demnach liess ich nach, mich selbst mit leeren Mutmassungen zu martern. Jedennoch
weiss man nicht, wie das Glück zu spielen pfleget, und ist wohl öfter einem ein
Geschwär auf dem Kopfe aufgefahren, da er sichs am allerwenigsten versehen hat.
    Die übrigen vier Tage brachten wir in allerlei Anstalt zu, wie denn etliche
Tischer und Zimmerleute, eins und das andere in gute Ordnung zu bringen, schon
lange gearbeitet hatten. Sonst putzte man alle Zimmer aufs fleissigste aus, und
versah sich der Verwalter mit vielem Mastvieh und anderem Geflügel, auf dass die
Braut nicht allein brav Geld im Kasten, sondern auch alle Ställe voll fetter
Brocken fände. Nach diesem nagelte man grosse und rare Vögelhäute, item Bärn- und
andere Köpfe an das Tor, und musste ein Bildschnitzer das adelige Wappen hübsch
gross über das Torweg schnitzen. Alle Leute wurden in grünes Tuch gekleidet, und
wurde befohlen, dass sich alles auf den Einzugstag, welcher sein würde der
Dreissigste dieses Monats, fix und fertig zur Aufwartung hielten. Der Köchin
befahl Herr Friderich, dass sie sich mit dem trefflichsten Essen wohl gefasst
machte, und nach aller dieser und anderer Ordnung verschloss er seinen Schatz in
einen wohlverwahrten eisernen Schrank und ritt mit mir nacher Oberstein, von
daraus den ehrlichen Philipp samt seiner Frauen mit sich zu nehmen, welcher uns
diese Zeit über allerlei Brief nacher Ichtelhausen geschrieben hatte.
 
                                 III. Capitul.
   Was Gutes auf der Hochzeit zu Ocheim passiert. Dietrich bringt ein silbern
Schlittengeschirre zum Hochzeitpräsent. Der Wahrsager wegen des Wetterbildes zu
                 Grundstett wird offenbar. Duell auf der Strass.
Man vergass dazumal wegen grosser Freude des bevorstehenden Werkes, nach dem
Possen, welcher uns in Grundstett widerfahren, zu fragen, obschon allem Ansehen
nach die Frau Philippin gute und genaue Wissenschaft davon hatte. Wir gingen auf
der Reise nacher Ocheim über Abstorff, Herren Wilhelm in unsere Compagnie zu
nehmen, welcher aber, nach dem Bericht des Schlossgesindes, allgemach
vorausgegangen und zu Gottfrid abgereiset, ihn und seinen Bruder auf die
Hochzeit zu bringen. Dannenhero verhofften wir eine fröhliche Zusammenkunft und
hatten auch Herren Dietrichen, ob er gleich weit von uns entfernet war,
eingeladen, dessen Person wir uns auf das allergewisseste versicherten. So sehr
wir uns aber auf ihn verlassen, so wenig war er zu Ocheim anzutreffen, ohne
Zweifel, weil sein Weg sich etwas weit erstreckte und er für grosser Hitze nit
reisen konnte. Nichtsdestoweniger verhofften wir eine Post oder Schreiben von
ihm, konnten aber gleichwohl nichts erhalten, daraus abermal nichts Gewisses
konnte geschlossen werden.
    Aber es ist selten eine Freude vollkommen, und weil sich keiner unter uns
darein zu finden wusste, machte uns endlich der ehrliche Philipp das Herz mit
seiner angebornen Fröhlichkeit etwas ringer, denn er gab vor, dass, wenn Dietrich
nicht auf die Hochzeit kommen würde, wollten wir ihn insgesamt über drei Tage
heimsuchen und ihn zugleich, es möchte ihm gleich lieb oder leid sein, auf
seinem Gut überfallen. Der Entschluss wurde beliebt und also zur Copulation
geschritten.
    Ich will mich, wie einem Ehmann gebühret, in Beschreibung dieser Hochzeit
nicht viel aufhalten und unnötige Sachen beschreiben, die nur Verdruss machen.
Als ich könnte zum Exempel erstlich die Oration anführen und zugleich den
Geistlichen durchziehen, wie wunderlich er sich gestellet oder was für eine
Aussprache er gehabt habe. Aber was nützen solche Durchhechlungen? Die deswegen
lachen, geben mir keinen Recompens, und die dadurch getroffen werden, stellen
mir auf andere Weis eine Falle. Was ist es nütz, wenn ich bald diesen oder jenen
beschriebe oder auch erzählete, wie sich die Spielleute mit ihren Geigen
verhalten hätten? Solche Leute nähren sich ohnedem mit grossem Kummer und Elend.
Und wie wär es, wenn ich, gleichwie sie auch, auf die Welt als ein Spielmann
geboren worden und mit dieser Profession mein Brot hätte suchen müssen? Würde
ich alsdann gerne gehabt haben, dass mich ein anderer durch die Hechel zöge?
Mitnichten! Ergo, quod tibi non vis fieri, alteri ne feceris! Ein bisschen will
ich wohl davon schreiben, aber durchaus keine Personalia berühren, davon sich
einer oder der andere, so sie anders noch im Leben sind, möcht beschimpfet
finden, ja, ich will es so gelinde machen, dass auch diejenige am meisten darüber
lachen werden, die ich am meisten angreife.
    Die Copulation war gehörtermassen zum Ende gelaufen und nunmehr alles
beschäftiget, zu der Hochzeitstafel zu gehen, als man unversehens etliche
Schellenkränze vor dem Schloss hörte. Es war schon Nacht. Deswegen schickten
wir etliche Diener hinaus, zu sehen, wer in diesem Sommerwetter sich der
Schlittenfahrt bedienete; aber sie konnten niemanden erblicken noch ausspüren.
Man hatte sich schon gesetzet, als die Schellenkränze zum andernmal schalleten,
und als die Diener abermal vor das Tor traten, fielen zwei grosse Schellen- und
Schlittengeschirr über einen hohen Baum herunter, der nächst an der Schlossmauer
stund. Die Diener für Furcht und Schrecken eileten wieder zurück und sagten uns
die wunderliche Mär. Letztlich brachte einer die Geschirre mit sich, welche
nicht allein von purem Silber, sondern sonsten durchaus wohl und künstlich
gearbeitet waren. »Diese Geschirr«, sprach die alte Frau von Ocheim, welche
etwas geizig war, »sind hier gefunden worden, dannenhero gehören sie auch
meine!« Es konnte keiner so unhöflich sein, noch ihr diesen köstlichen Fund
absprechen. Indem kommt der alte Wahrsager zur Stube herein, der uns kurz
vorhero zu dem Wetterbild verleitet hatte. »Ha, ha!« sprach Herr Friderich, »du
alter Mausekopf, kommen wir hier zusammen?« Hiermit befahl er, die Tür wohl zu
verwahren, weil er entschlossen war, ihm wegen getaner Persuasion eine gute
Tracht Schläge geben zu lassen. »Wie steht es,« sagte Wilhelm, »hättest du noch
gern mehr Narren?« - »Wenn Ihr ein Pferd zuviel habet,« sprach der Alte, »so
könnt Ihr all sachte zu dem Wetterbild auf Grundstett reiten!« Damit fing die
Frau Philippin abscheulich an zu lachen, und der Alte, so nur einen angemachten
Bart und eine graue Parüque auftrug, nahm solchen Ornat ab, und da sah die ganze
Compagnie den ehrlichen Dietrich vor ihnen stehen.
    Der Student, welcher auch mit auf der Hochzeit war, riss seine Augen
angelweit auf. Und diesen redete Herr Dietrich, weil er ihm am nächsten war, am
ersten an und machte ihn wegen seiner Leichtgläubigkeit abscheulich aus. »Sollt
Ihr Euch nicht schämen,« sprach er zu ihm und meinte uns alle, »dass Ihr nach dem
Wetterbild reiset und allda um Euer Glück forschet? Pfui in die Kutte hinein!
Seid ihr Einsiedler gewesen und wisset nit besser, quid juris die Sache sei?
Eure Pferde lasset ihr euch stehlen, von dem kleinen Männchen, dem Kirchner, mit
der Nase auf die Erde legen, und also werdet ihr in und ausser der Kirche
abscheulich betrogen. Wo ist nun euer Pferd? Die Sättel habt ihr am Halse
heimtragen müssen; pfui, schämt euch ins Herz hinein!« - »Was,« sagte der
Student, »bin ichs denn alleine gewesen?« Damit fingen alle an zu lachen, und es
ist nicht möglich zu sagen, wie wir uns über diesem Streiche zugleich verwundert
und ergetzet haben. Er sagte, dass seine Muhme Magdalena in einer halben Stunde
nachkommen würde, und die zwei silbernen Geschirr wollte er dem Herren Bräutigam
zum Hochzeitgeschenk präsentiert haben. Dadurch kam die alte Frau von Ocheim um
ihren köstlichen Fund und hatte keine fernere Ursach, sich um denselben zu
zanken. »Ich habe auf dem Baum schon gehöret,« sprach er, »was deswegen passiert
ist. Nun trinke mir einer geschwinde ein gut Glas Wein zu, denn auf dem Weg ists
ziemlich eingeheizet wie hier in der Hochzeitstuben, und der Staub stäubet einem
wunderlich um die Naslöcher herum.« Mit diesen Worten kleidete er sich aus und
satzte sich mit unserer grossen Vergnügung an die Tafel, daselber alle seine
Kurzweil auf die Bahn zu bringen, auf die er unterwegens studiert hatte.
    »Hier ist es viel besser«, sagte er, »als draussen in dem nächsten Wald, wo
man die Wölfe heulen höret und einem die Tannzapfen von den Bäumen wie die
Fuchsschwänze auf die Achsel fallen. Dennoch ist mir nichts so beschwerlich
gewesen als auf den Baum hinaufzuklettern; dorten zog ich die Schellengeschirr
an einem Strick hinnach und musste mich verwundern, wie eine schlechte Courage
eure Knechte hatten. Wenn mir die Geschirre nicht unversehens entfallen, wollte
ich euch noch eine Weile, bis meine Muhme nachgekommen, gefoppet haben. Aber
Herr Præceptor, wie war Euch, da Ihr zu Grundstett wie ein Kreuz ausgestrecket
auf der Erde laget? Gelt, es roch wunderlich unter den Ziegeln?«
    »Freilich«, sprach der Student. Darüber wurde noch ärger als zuvor gelachet,
und da fing ich bei mir selbst erst an zu gedenken auf die Wort, welche zu dem
Fenster sind hineingesprochen worden, nämlich: »Sie sind schon fort!« An diese
Worte gedachten wir damals alle zugleich und sprachen: »Freilich waren sie fort,
nämlich die Pferde!« - »Du hast uns billig Narren geheissen,« sprach Herr
Philipp, »weil ein Christ, der solchen Gaukeleien nachgehet und darauf glaubt,
eine grosse Torheit begehet.« - »Sehet,« sagte Herr Dietrich, »ihr seid so fromme
Einsiedel gewesen und habt euch doch alle von mir so schrecklich verleiten
lassen. Habt ihr dieses noch nicht gelernet, dass man keinem Wahrsagergeist
glauben soll, wie wollet ihr etwas Höheres begreifen können? Der Teufel
schleicht sich sachte ein. Erstlich habt ihr vermeint, ihr wollet es nur
versuchen, hernach habt ihr alle grosse Berge darauf gebauet.« - »Es ist wahr,«
sprach Philipp, »als du mir in Gestalt des alten Mannes so einen Haufen Sachen
wegen meiner vergangenen Begebenheit vorgeschwätzet, stach mich der Kitzel
mächtig in die Seite. Drum ist es ratsam, dass man dergleichen Leute gar nicht
höre, sondern sie eben den Weg wieder dahin weise, woher sie gekommen sind.«
Indem Philipp also redete, raunte der Student dem Herren Dietrich etliche
heimliche Wort in ein Ohr und begehrte an denselben, dass er ihm sein Pferd
wieder wollte zukommen lassen. »Denn«, sprach er, »ich habs von einem Bauer
geborget, bin ein armer Teufel und kanns unmöglich bezahlen.« Diese Wort, ob sie
wohl ziemlich still geredet wurden, hörten es doch die Anbeisitzenden, und wurde
also der Student aufs neue ausgelachet. In diesem Gelächter kam Jungfer
Magdalena, als Herren Dietrichs Muhme, an, welche auf dem Weg fast halb gebraten
war. Sie kühlte sich derowegen und legte die häufige Kleider hinweg, fing auch
endlich an zu erzählen, wie sie auf der Strasse einen Ort vorbeigeritten und
ihrer dreie jämmerlich mit dem Degen aneinander hätte zerhauen und zerfetzen
sehen. »Es waren«, sprach sie, »zwei wider einen, welcher sich aber tapfer
gewehret hat. Wer sie gewesen, kann ich nicht wissen, denn es war Nacht, habe
mich auch wegen des Wetters nit lang aufhalten können.« Diese Zeitung machte uns
in etwas bestürzet, liessen es doch an seinen Ort gestellet sein. Aber der
Knecht, so die Frau hergeführet, sagte, dass der eine, welcher wider die zwei
gefochten, in seinem Vorbeireiten gesagt habe: »Helft mir! helft mir!«
    Man liess es endlich bei seiner eigenen Bewandtnis, und wurden allerlei
Gesundheittrünke angefangen, derer man, nach eingerissenem Gebrauch, nicht
missen konnte. Also ging es kurzum die Reihe herum, aber dem Studenten wurde
allezeit um zwei Finger höher eingeschenket, davon er endlich anfing, mit seiner
Disputation herauszubrechen. Weil wir aber seine philosophische Grillen schon
kannten, als beantworteten wir ihn ebenso närrisch, als er uns gefraget hatte.
Er sagte zum Friderich: »Herr Bräutigam, quod ego sum, hoc tu non es!« - »Ja«,
sagte der Bräutigam. »Ego«, redete der Student weiter, »sum homo, ergo tu non es
homo.« Auf dieses sprach der Bräutigam: »Quod ego non sum, hoc tu es; ego non
sum asinus, ergo tu es asinus!« Aus diesem entstund ein neues Gelächter, und der
Student gäbe viel drum, dass er geschwiegen hätte. Es ist auch ratsam, dass man
sich in solchen Zusammenkünften des Disputierens entalte, sondern fein friedsam
und einig mit einem Glas Wein ein gutes Stück von einem Hasen verzehre. Man kann
wohl reden von einer und der anderen auferbaulichen Sache; aber aus einer
Hochzeitstafel flugs einen Cateder zu machen, das ist wider Handwerksmanier.
Auf solches brachte ihm der Bräutigam ein sauber geschnitten Glas zu, und als es
der Student in die Hände bekam, besah er den so sehr gelobten Schnitt. Es war
aber eine Tafel voll guter Freunde darauf gezeichnet, über welche diese Wort
stunden: Ein Schelm, der unter uns heute ein Wörtlein disputiert. Damit hatte
der Student seinen Bescheid und fing demnach an, all diese Runda und Lieder auf
die Bahn zu bringen, derer man sich zu seiner Zeit auf Universitäten bedienet
hätte, als nämlich:
Sollte denn das Schäfer-Leben
Nicht das beste Leben sein,
Die da mit den Schäfer-Stäben
Treiben aus und wieder ein?
Jener steht und fiedelt,
Dieser pfeift und liedelt,
Der mit seinem Dudelsack,
Der dudelt auf den ganzen Tag.
Dieses Gesang war uns viel angenehmer als seine vorige Subtilitäten, die viel
Nachdenkens und wenig Brot machen. Etliche unter dem beistehenden Haufen sagten,
der Student könnte nicht viel. Aber wenn sie sich bei der Nase zupften, so haben
die Narren alle zusamm nicht so viel als er allein gekonnt.
 
                                  IV. Capitul.
          Der Advocat kommt zur Hochzeit, und was da vorübergegangen.
Den letzten Punkt des vorhergehenden Capituls schreibe ich denjenigen zu Ehren,
die bald von dem, bald von jenem verachtet und gering gehalten werden. Wer einen
andern gering hält, ist gemeiniglich selbst nicht gross, und was du nicht zu
verbessern weisst, das lasse ungetadelt. »Wie gefällt dir dieses Bild?« sprach
der künstliche Apelles zu dem Schuster, »sind die Schuhe an demselben recht
gemachet?« - »Ja,« sagte der Schuster, »Herr Apelles, Ihr habt solche wohl
gezeichnet, die Sohlen sind recht, das Übergeschirr ist recht, und die Absätze
sind auch recht; aber mich gedünket, die Kniescheibe sei ein wenig zu gross!« Da
sprach Apelles: »Ne sutor ultra crepidam«, das ist: höre, mein lieber
Schusterkneip, du sollst vom Schuh und sonst von nichts judicieren; bleibe du
bei deinem Leist und lasse mich mit meiner Kniescheibe zufrieden. Was dich nicht
brennt, das sollst du nicht blasen! Ne sutor ultra crepidam! Dieses sollten
dazumal diejenige auch gewusst haben, die den Studenten wegen seiner Erudition im
Verdacht hielten. Oft lacht der Peter den Stoffel aus, dass er nicht pfeifen
kann, und wenn man dem Peter ins Maul sieht, so hat er selbst keinen Zahn in
der Goschen.
    Zwischen dieser Lust kam ein lediges Pferd in den Hof, so voll mit Blut
besprenget war. Die Schlossknechte, welchen dieser Handel wunderlich vorkam,
zeigten es dem Bräutigam und dieser mir an, damit es keinen Aufstand gäbe. Ich
ging demnach mit Vorschützung einer anderen Ursach, die sich bei häufigem
Trinken leichtlich erfinden lässet, hinunter und besah den Schimmel, welchen die
Knechte schon in den Stall gebracht hatten. Das Pferd war mir in etwas bekannt,
und unerachtet ich mich hin und her besann, konnte ich doch nicht wissen, wem es
eigentlich zustünde. Derjenige, so es geritten, musste soviel nit geblutet haben.
Derohalben schickte ich geschwinde zwei Laquayen mit grossen Fackeln der Spur
nach. Es brauchte aber keiner grossen Ungelegenheit, als ihnen gleich vor der
Schlossbrücke der Advocat von Ollingen, der sonst ein Erzschmauser war,
entgegenkam. Diesem Advocaten gehörte der mit Blut besprengte Schimmel, dessen
ich mich im ersten Anblick augenblicklich entsinnen konnte. Er verwunderte sich
über mich und ich mich über ihn, als einer den andern in dem Schlosshofe antraf.
»Ist Monsieur nicht Wolffgang?« sagte er. »Ja,« sprach ich, »mein Herr, ich
bins. Ist Monsieur«, fragte ich ihn darauf, »nicht der Advocat Adrian Bleifuss?«
- »Ja,« sagte er, »ich bins und weiss nicht, durch was für ein wunderliches
Geschicke ich in dieses Schloss komme. Ich reisete meinen Weg nach Ollingen,
daselber eine gewisse Gerichtssache abzuhandeln, und ist heute der zweite Tag,
da ich von dem Edelmann, dessen Sach ich wider einen seiner Nachbarn führe,
abgereiset. Es heisset billig: Accidit in puncto, quod non speratur in anno; denn
etwan vor zweien Stunden überfielen mich auf offener Strasse zwei Kerl mit blossem
Gewehr und nötigten mich mit Gewalt zur Gegenwehr. Ich sprang demnach von meinem
Gaul und focht so gut, als ich konnte. Ich habe zwar hier auf die linke Achsel
einen kleinen Hieb und in die Hand einen Stoss bekommen, der auch nit gar
gefährlich ist, aber es kam zu allem Glück jemand geritten, und als ich gegen
solchen um Hülfe gerufen, verliessen mich die Schelmen auf offenem Felde, nachdem
ich dem letzten, der aber eisenfest gewesen, zu guter Nacht über sein verdammtes
Capitolium einen solchen Streich gegeben, dass ihm die Zähne im Munde gewackelt
haben.«
    Über diese Relation des Advocatens musste ich billig lachen und fragte ihn
dannenhero, wo er sein Pferd gelassen. »Mein Pferd«, sagte er, »ist allem
Ansehen nach und so viel ich im Dunkeln vermerken können, in dieses Schloss
gelaufen.« Hiermit hebte er das Haupt empor, denn die Spielleute fingen an, eine
verlumpte Allamande zu geigen. »Was ist das?« sagte er. »Mein Herr Advocat,«
sprach ich, »Er lasse sichs nicht fremd vorkommen. Er ist an diesem Ort unter
ebendieser Gesellschaft, und zwar noch unter einer grösseren, als Er dazumal bei
dem Herren Gottfrid gewesen. Herr Friderich, welcher ehedessen, aus
absonderlicher Andacht getrieben, die Welt verlassen und ein einsames Leben als
ein Eremit geführet, hat heute in diesem adeligen Hause Hochzeit, und Er sieht
sattsam an meinen Kleidern, dass ich bei dieser einen unwürdigen Gast abgebe.
Beliebt demselben, unsere Gesellschaft mit seiner angenehmen Person zu
beglückseligen, so sei Er von mir als seinem guten Freund hiermit eingeladen.
Sein Schimmel, welcher Ihn an ein so freundliches Ort begleitet, ist zu seinem
Lohn schon versorget, und der Herr sieht selbst, dass gegenwärtig zwei Diener
mit ihren Fackeln beordert waren, Ihn zu suchen und zu uns zu bringen, weil ich
an dem Pferd zugleich den Reiter gekannt habe.«
    Der Advocat weigerte sich zwar anfangs, aber weil er einen subtilen Rock
anhatte, wollte er solchen nicht gerne zerreissen lassen, ging also mit mir
hinauf und wurde von allen auf das freundlichste empfangen. Herr Wilhelm
verstund sich auf die Chirurgie, derowegen verband er ihm seine Hand und die
gehauene Wunde auf der linken Achsel, so leide von keiner sonderlichen Importanz
waren.
    Man satzte ihn an die Tafel, und dorten fing er an, die Geschicht aufs neue
zu erzählen, daraus wir wohl abnehmen konnten, dass es ebendieser gewesen, von
welchem die Frau Dietrichin erzählet, dass er »Helft mir! Helft mir!« gerufen
hat. Damit fing der lustige Philipp an und schrie unter wählender Erzählung des
Advocatens: »Helft mir! Helft mir!« Der Advocat wusste nicht, was dieses
bedeutete, meinte auch nicht, dass es ihm gelten sollte, und fuhr fort, wie er
angefangen hatte. Darnach schrie bald darauf Herr Friderich: »Helft mir! Helft
mir!« Der Advocat wollte es doch noch nicht merken, bis auch endlich Gottfrid
und sein Bruder zugleich wie die vorigen ruften. Damit ward der Advocat ziemlich
rot um den Schnabel und merkte, dass wir um seine Begebenheit die meiste Umstände
wüssten. Man sah wohl, dass er sich allerlei Gedanken machte, absonderlich, weil
sein Pferd in unserem Stall war. Dass er sich aber hierüber nicht allzusehr im
Gemüt martern möchte, eröffneten wir ihm die Gelegenheit, vermittelst welcher
wir verstanden, dass er auf der Strasse »Helft mir! Helft mir!« gerufen. Er musste
gleichwie wir von Herzen darüber lachen, und der Student war froh, dass er
unserer Scherhosen auf eine kleine Viertelstund war losgeworden.
    Weil nun dem Advocaten die zwei Strauchdiebe, wie er sie hiess, nicht bekannt
waren, als bekümmerten wir uns nicht viel um seine Geschicht, sondern machten
uns selbigen Abends insgesamt trefflich lustig. Es war noch eine andere Tafel
voll von Adel in einer anderen Stube, und ober uns speisete das adelige
Frauenzimmer, welchem die vorigen vier Studenten, die auf meinem Schloss so oft
aufgewartet und erst neulich das Protocoll geführt hatten, mit ihren Geigen
trefflich auffiedelten. Denn heute musste es ein wenig ehrbar zugehen, aber
morgen hatte man einen anderen Vorschlag, und zwar wie folgen wird.
    Man machte eine bunte Reihe, und kam Grosses und Kleines untereinander. Weil
wir auch in einem grossen Gemach speiseten, wurden die vier Studenten, so dem
Frauenzimmer gestern aufgefiedelt, ehrenhalber mit an die Tafel gesetzet. Denn
wir waren wohl so erkenntlich gegen diejenigen, welche freien Künsten oblagen,
dass man sie nicht wie gemeine oder geringe Lumpenhund, sondern als Kerl von
Fortun tractieren müsse, weil man nicht weiss, was aus einem oder dem andern noch
für ein rechtschaffen Kerl werden kann. Das Frauenzimmer, welches schon
verstanden hatte, welchergestalten auf dem Schloss zu Ichtelhausen wäre eine
Comoedia verfertiget worden, war trefflich begierig, die Action zu sehen, und ob
wir gleich das Teatrum in einem absonderlichen Zimmer ganz in der geheim haben
aufschlagen lassen, wurde der Handel doch bald von etlichen Schwammendrückern
verkundschaftet, daraus die Gäste leichtlich schliessen konnten, dass es was
Lustiges setzen würde. Und war die Begierde zu solchem Spiel unter den
Hochzeitgästen um so viel desto grösser, je weniger sie auf dem einsamen Lande
solche Raritäten zu sehen hatten, besonders weil sie wussten, dass die, welche
agieren würden, ausgedrechselte Schelmen all ihr Lebtag gewesen.
    Solche Actores dieses vorgenommenen Lustspiels waren die vier Studenten, die
man auch meistenteils aus dieser Ursache mit an die Tafel gesetzet, denn diese
Ehre schätzten sie höher als ein Dutzet Ducaten, welche ihnen doch zur
Fortsetzung und Auswendiglernung ihrer grammaticalischen Reguln viel nützlicher
gewesen wären. Und so es ihnen beliebt hätte, konnten sie anstatt der Bücher
guten schwarzen Musquetierer-Tobak dafür eingehandelt haben, welchen sie zum
Teil soffen, zum Teil frassen. Denn sie gaben vor, dass der Tobak, den man in dem
Mund kauete, eine vortreffliche gute Memori machte, indem er die überflüssige
Feuchtigkeiten durch seine in wohnende Hitze verzehrte und abführte, da die
Bachanten doch, ihrem eigenen Bekenntnis nach, innerhalb einem Vierteljahr keine
Lection mehr auswendig gelernet, sondern einer dem andern das Buch an den Mantel
geheftet hatte, wenn sie dem Jesuiten oder Pfaffen, wie sie es hiessen, in der
Schul haben aufsagen und ihre Lection herunterrecitieren müssen.
    Sie machten sich demnach heimlich von der Tafel, damit man mit der
Auskleidung auf dem Teatro nicht gehindert wurde. Also tranken wir noch lustig
untereinander herum, und erzählete einer dem andern, wie er seine Zeit zubrächte
und in dieser wunderlichen Welt sein Leben vollführte. Das Frauenzimmer
anbelangend, führte indessen allerlei Liebes-Discurs. Etliches schwätzte von
ihrer bisher verfertigten Arbeit, andere liessen sich belieben, die Leute und
absonderlich die jungen Gesellen durchzuziehen, eine andere Partei wurfen sich
mit Zucker, und also trieben sie so vielerlei Wesen, bis es endlich aufs Küssen
kam. Da vergassen wir der frommen Einsiedlerei, und wenn einer den andern ansah,
geschah es gemeiniglich mit einem Seufzer, weil wir dadurch wollten zu verstehen
geben, wie in eine grosse Eitelkeit man sich stürzet, wenn man in die Welt
eintritt, und dass das geistliche Kleid zwar keine Vollkommenheit mache, aber
doch dem Gemüt einen solchen Zaum ins Maul lege, dadurch es sich dessen
jederzeit erinnern und keine andere Action spielen solle, als welche mit dem
Kleid übereinstimmet.
    Aber da war kein Kraut für unsere neue Üppigkeit gewachsen, und mich fing es
heimlich an zu reuen, dass ich auf blosses Einreden des Friderichs meinen einsamen
und hübsch eingerichteten Turm so geschwinde verlassen und mich, gleich dem
ganzen Haufen, wiederum einer so blinden Freiheit ergeben hatte. Dennoch
tröstete ich mich hinwieder, wenn ich betrachtete, dass ich bei diesen Sachen
keinen bösen Gedanken hatte, sondern es mitmachte, wie es der gemeine Stylus
Curiæ erforderte, und dass ein Mensch den Zufällen nicht gänzlich entgehen kann,
zu welchen er sich von Natur neiget. In solchen Gedanken überfielen mich tausend
Grillen, aber ich jagte sie mit einem guten Glas Wein und freundlichen Gespräch
gegen meinem Nachbar wieder hinweg.
 
                                  V. Capitul.
               Zu Ocheim wird eine kurzweilige Comödie gespielet.
Bald darauf schickten die Studenten eine Post an mich, dass sie mit ihrer
Zubereitung nunmehr in Positur stünden. Derohalben wurde vor diesmal schleuniger
Aufbruch gemachet, darüber sich absonderlich diejenigen freueten, die sonsten an
Comoedien ihre meiste Vergnügung zu suchen pflegen. Der Saal, darinnen das
Teatrum gebauet war, liess nicht viel Volk zu. Dannenhero musste man eine Wache
vor die Tür stellen, welche nur diejenigen hineinliess, die sie nicht kannte.
Also kamen alle Fremde ungehindert in Saal, und die Einheimischen, denen, wegen
ihrer Bauern-Profession, an dergleichen Materien nichts gelegen ist, als dass sie
vor dem Teatro das Maul aufsperren und lachen, wenn andere lachen, wurden, wie
billig, von dem Orte abgetrieben.
    Nachdem sich alles in seiner Ordnung gesetzet, erhebte sich hinter dem
Teatro eine Musik, unter welcher die Vorhänge schnell aufgezogen worden. Man
sah mitten auf demselben einen grossen Baum stehen, unter dessen Schatten ein
junger Cavalier in süsser Ruhe lag; dieser hiess Julio. Zu ihm kam ein reisender
Schneidergesell namens Poko, welcher seinen Curs ins Reich zu nehmen willens
war. Also fingen sie an den
                                  Actus Primus
                                  Scena Prima
                                 Julio und Poko
Julio. Die Liebe, so mein Herz im Brand versehret, ist meine allerheftigste
    Pein, und wenn sie mich verlässet, so muss ich nichtsdestoweniger sterben.
Poko. Ich weiss wahrhaftig nicht, welches der rechte Weg nach Straubing ist.
    Herr, wie Ihr heisset, wo gehe ich recht auf Pfada?
Julio. Darum betrübet sich mein Herz, weil ich meiner verliebten Hoffnung kein
    gewissen Ziel ihrer Begierde setzen kann.
Poko. Ja, es ist mir auch also, ich kann den rechten Weg nicht finden. Saget
    mir, gehe ich da hinaus, oder hupfe ich da über die Stiegel?
Julio. Ich bitte euch, ihr meine Gedanken, peiniget mich nicht! Ist es euch denn
    so ein grosser Sieg, eure eigene Herberg zu stürmen?
Poko. Herr, ich bin mein Leben lang nie Sturm gelaufen, bin auch kein Soldat,
    sondern ein Schneider. Wo geht man recht auf Straubing?
Julio. Es ist zwar wahr, dass sie mich liebt, aber vielleicht liebt sie mich
    auch nicht. Drum weiss ich nicht, gehe ich irr oder nicht?
Poko. Ich weiss auch nicht, ob ich auf dem rechten Weg bin oder nicht. Wollte,
    dass der Teufel die Leut holte, die mich über die Wiesen herein gewiesen
    haben! Saget mir, wo gehe ich am nächsten?
Julio. Meine Geduld tröstet mich noch. Will sie dich verstossen, wohlan! Wer kann
    wider die Unbarmherzigkeit einer Schönen? Aber weisst du, o Julio, wo du dich
    hinwenden sollest?
Poko. Nein, das weiss ich bei meiner Treu nicht, und wenn ichs wüsste, wollte ich
    Euch nicht fragen!
Julio. Ja, ja, es ist resolviert! Trauer soll meine Speise sein und der
    Tränenregen meine Burg!
Poko. Ja, Herr, Ihr sagt recht: von Straubing will ich auf Regensburg.
Julio. Was achte ich endlich ihren Hass? Die Grossmütigkeit ist ein Fels, daran
    sich die allerrauhesten Schiffe zerstossen, dennoch wird mir meine Last
    ziemlich schwer.
Poko. Mir ist der Wanderbündel auch nicht leicht zu tragen. Herr, saget mir, wo
    'naus?
Julio. Du unbarmherzige Clio! ich seufze, du hörest mich nicht, ich rufe, du
    stopfest dein Ohr zu.
Poko. Ja, das meine ich auch: komme ich nicht bald vor die Stadt, so sperren sie
    das Tor zu.
Julio. Deine Stimm, ob sie mich gleich gelocket, hat doch ihren vorigen Ton
    verloren. Das Gesang der Sirenen ist gefährlich; nun verwandelst du dich in
    einen Raubvogel da ich vermeinte, du wärest ein weisser Schwan.
Poko. Herr, Ihr habt es erraten! Im Weissen Schwan will ich einkehren, da ist die
    Schneider-Herberg.
Julio. Ach, wie betrüglich sind die Gedanken der Menschen Tausend Taler hätte
    ich auf ihre Beständigkeit gewaget, nun gebe ich nicht vier Groschen dafür.
Poko. Ja, Herr, es wäre mir auch zuviel! Vier Groschen für eine Mahlzeit, das
    trägt mein Beutel nit.
Julio. O Clio! ich sehe dich vor mir, wo willst du hin?
Poko. Auf Straubing!
Julio. Bleibe, o Schöne, und lasse dich hier in dem Schatten nieder!
Poko. Mein Herr, beileib nicht! Ich muss fortreisen.
Julio. Aber, wie ich sehe, so laufst du fort.
Poko. Ich wollte gern, wenn ich nur den Weg wüsste!
Julio. Nun ists verloren! Da ich vermeinte, meine Sachen würden sich auf die
    rechte Seite lenken, so wenden sie sich zur linken.
Poko. Herr, ich sage Euch grossen Dank! Ich will mich auf die linke Seite wenden.
                                  (Gehet ab.)
 
                                  Actus Primus
                                 Scena Secunda
                                Scabio und Poko
Scabio. Ich bin ein Weberbürschlein und reise in die Pfalz, weiss aber nicht, ob
    ich hie recht gehe oder nicht. Es soll der richtige Weg auf Straubing sein,
    aber hie geht eine Strass da, die andere dort hinaus, welche ist nun die
    rechte? Ha, ha! dort sehe ich ein Wandersbürschlein gehen, es ist ein
    Schneiderlein, und haben heute nacht auf einer Herberg beisammen geschlafen.
    Du, Poko, wo gehest du hin?
                              (Poko kommt zurück.)
Poko. Wo gehest du hin?
Scabio. Das will ich dir sagen, sage du mir zuvor, wo du hinwanderst!
Poko. Ich sage dirs nicht ehe, bis du mirs gesagt hast.
Scabio. Hörst du's denn nicht? Wenn du mirs sagest, will ich dirs auch sagen!
Poko. Sag du mirs zuvor!
Scabio. Das tu ich nicht!
Poko. Ich auch nicht!
Scabio. Wieviel ists an der Uhr?
Poko. Das weiss ich wohl.
Scabio. Ich auch.
Poko. Wieviel denn?
Scabio. Sage du mirs!
Poko. Sag du es zuvor!
Scabio. Das lasse ich wohl bleiben.
Poko. Ich auch.
Scabio. Willst du nicht auf Straubing?
Poko. Willst du nicht auf Straubing?
Scabio. Sage du mirs zuvor!
Poko. Sage du mirs zuerst!
Scabio. Nun sag es!
Poko. Nun sag du es!
Scabio. Wenn du mirs sagest, so sage ichs auch!
Poko. Sage du es zuvor!
Scabio. Lass mich mit dir gehen!
Poko. Lass du mich mit dir gehen!
Scabio. Wenndu mich mit dir gehen lässest, so lasse ich dich mit mir gehen.
Poko. Nein, wenn du mich mit dir gehen lassest, so kannst du auch mit mir gehen.
Scabio. Ich will nicht.
Poko. Ich will auch nicht.
Scabio. Wo geht der Weg hinaus?
Poko. Wo geht der Weg hinaus?
Scabio. Sag du mirs!
Poko. Sag du mirs!
Scabio. Ich sage dirs darnach, sage du mirs zuvor!
Poko. Sag du mirs zuvor, ich sage dirs darnach!
Scabio. Wo kehrest du zu Straubing ein?
Poko. Wo kehrest du zu Straubing ein?
Scabio. Sage du mirs!
Poko. Sage du mirs!
Scabio. Ich sags nicht zuvor.
Poko. Ich sage es auch nicht zuvor.
Scabio. Warum willst du mirs nit sagen?
Poko. Warum willst du mirs nit sagen?
Scabio. Sag du es zuvor!
Poko. Sag du es zuvor!
Scabio. Wer bist du?
Poko. Wer bist du?
Scabio. Ich bin, was ich bin.
Poko. Ich bin auch, was ich bin!
Scabio. Du bist ein Hunds- etc.
Poko. Du bist auch ein Hunds- etc.
    (Damit kriegten sie sich bei die Köpfe und zerzauseten wacker einander.)
Inzwischen hatte sich der erste Student als der verliebte Junggesell in einen
Weiberhabit verkleidet, zu diesem kam der vierte auch in einem Jungferkleid
heraus und machten folgendes:
                                   Actus Primus
                                  Scena Tertia
                              Urschel und Zipusia
Zipusia. Ursel, warum bist du so traurig?
Urschel. Mein Kind, ich darfs nit sagen.
Zipusia. Du darfst es mir ja sagen.
Urschel. Ich darfs keinem Menschen sagen.
Zipusia. Sage mir nur ein Wort davon!
Urschel. O mein Schatz! ich darfs Maul nicht auftun.
Zipusia. Ist denn ein so grosses Unglück geschehen?
Urschel. Freilich, aber ich darfs nit sagen.
Zipusia. Hui! dass deine Frau einen fremden Galan bei sich gehabt hat?
Urschel. Ja, aber ich darfs nicht sagen.
Zipusia. Du hast sie gewiss erwischt?
Urschel. Freilich, aber ich darf kein Wörtlein davon sagen.
Zipusia. Es ist gewiss der Schlossergesell gewesen?
Urschel. Ja, aber ich darf niemand nichts sagen.
Zipusia. Wo? im hintern Stüblein?
Urschel. Freilich, aber ich sage dirs nicht.
Zipusia. Ist nicht diese Woche auch der Maler bei ihr gewesen?
Urschel. Er ist dagewesen, aber ich darf es nicht sagen.
Zipusia. Deine Frau stiehlt ihrem Mann das Geld aus dem Sack?
Urschel. Ja, aber ich darf es nicht sagen.
Zipusia. Hat sie nicht auch den Beckenknecht lieb?
Urschel. Sie hat ihn von Herzen lieb, aber ich sage dirs nicht.
Zipusia. Sie sind oft beisamm?
Urschel. Gar oft, aber ich sage es nicht.
Zipusia. Was müsste man dir denn geben, wenn du einem alle heimlichen Händel
    deiner Frauen offenbaren wolltest?
Urschel. Wenn du mir vier Groschen gäbest, so wollt ich dir sagen, dass sie auch
    bei unserm Schreiber schlafe. Aber wenn du mir nichts gibst, so sage ich dir
    auch nicht, dass sie zu Nachtszeit in Mannskleidern ausgehet.
Zipusia. Höre, ich will dir einen Taler geben.
Urschel. Nun, wenn du mir den Taler gibst, so will ich dir darnach offenbaren,
    dass sie den Bräuknecht hinter der Mauer liebhat.
Zipusia. Urschel, du bist auch nicht gar richtig um den Schnabel, gelt, du hast
    einen grossen Leib?
Urschel. Wenn du mir etwas schenkest, so will ich dirs gestehen, aber sonst
    nicht.
Zipusia. Ich gebe dir nichts.
Urschel. Nun, so sage ich dirs auch nicht, dass es des Schulmeisters sein Jung
    getan hat.
Gleich als sie fortreden wollten, fielen die Wände ein, mussten also die Action
für diesmal beschliessen, und die Zuseher gingen mit grossem Gelächter unter
währender Musik davon.
 
                                  VI. Capitul.
Philipp glossiert über die Action. Zwei Strauchdiebe bekommen auf dem Schloss zu
                          Ocheim eine gesalzene Suppe.
Es machte sich ein jeder über diese drei Scenen, so kurz sie waren, dennoch
seine eigene Auslegung. »Ihr Schelmen«, sprach Philipp zu uns, »habt die Sach
klug genug ausgesonnen, nun höret, was ich von dieser Action halte.
    Erstlich habt ihr durch die erste Scen zu verstehen geben, dass ein
Verliebter zuweilen nicht recht bei Sinnen noch sein eigen sei, dahero er sogar
auch denjenigen nicht bescheiden kann, der ihn um den rechten Weg fraget. Die
andere Scen hat mich gelehret, dass man den Præcedenzstreit und die
Hartnäckigkeit im Kopfe meiden soll, da man am Schneider und Weber genugsam
spüren können, dass jeder Narr seine eigene Mücken hartnäckicht defendieret. Aus
der dritten Scen lernet man, dass den einfältigen Mägden nichts Heimliches zu
vertrauen, weil sie solches, indem sie es am besten zu verschweigen meinen, am
allermeisten eröffnen und ihre eigene Schande nicht decken können. Diese drei
Hauptstück habe ich aus eurer Comoedie. Obs andere auch gefasset oder gemerket
haben, wo ihr ausgewollet, geht mich nicht an. Ihr habt die Wände mit Fleiss
eingeworfen. Sonsten helfe nichts davor, die Kerl müssten nolentes volentes mit
dem übrigen auch heraus. Aber vor diesmal genug, ein andersmal werdet ihrs
länger machen.«
    Andere hatten hiervon andere Gedanken, nachdem einer oder der andere von
dergleichen Sachen zu judicieren gewohnet und geschickt war. Etliche meinten
gar, sie wären dadurch geschimpft und aufgezogen, wie es gemeiniglich unter
einer Zusammenkunft herzugehen pfleget, da immer einer will klüger als der
andere sein. Aber allem Grund nach so hat der ehrliche Philipp das Beste daraus
geklaubet, weil diese drei Scenen nicht zum Schimpf oder einem Affront der
Zuschauer, denn darzu hatten wir keine Ursach, sondern zur Lehre aufgesetzet
worden, die man durch eine kleine Kurzweil den Zuhörern beizubringen gesucht
hat. Sonsten hätten wir leichtlich Materia finden wollen, auf dem Schloss zu
Ichtelhausen eine grosse Opera auszuarbeiten, weil es uns am Vornehmsten, nämlich
an der Zeit, keinesweges gemangelt hat. Ja, es wäre um ein geringes zu tun
gewesen, so hätten wir den ehrlichen Adrian Bleifuss mit seinem »Helft mir! Helft
mir!« in die Action gebracht, welches er sich auf keinerlei Weis, so gelehrt er
auch sein wollte, zu einer Injuria konnte ausgerechnet oder zugezogen haben.
    In einer solchen Gestalt verlief sich das Beilager zu Ocheim, und Herr
Dietrich erzählte uns, wie mit allernächstem etliches Frauenzimmer, über dem
Gebirg wohnend, sich durch ihn in ebendieser Gestalt, wie er zu uns gekommen,
überreden und durch seine Wahrsagung dahin persuadieren lassen, allerehestens,
und zwar auf den Dritten des folgenden Monats, nacher Grundstett zu dem
Wetterbilde zu reisen und daselbst ihre Fragen abzulegen. Durch dieses bekamen
wir neue Gelegenheit, ihn wegen der Pferde zu fragen, welche er allerehestens
nacher Oberstein zu schicken versprach. »Für Haber und Heu«, sagte er, »begehre
ich nichts, jedoch will ich, wie ihr nicht verargen könnet, für meine Mühe, euch
klug zu machen, einen absonderlichen Recompens verhoffen. Aber dieses bitte ich,
saget niemandem von der bewussten Sache wegen des Frauenzimmers. Es sind etliche
darunter, welche, allem Ansehen nach, um ihre Liebste fragen werden. Darum so
lasset es gut sein. Was sie mich fragen, das will ich merken. Denn das Rohr, so
in die Mauer gemachet ist, geht durch einen Kanal bis hinter den Altar, und da
höre ich alle Wort so deutlich, als ihr mich hier reden höret. Alsdann setzet
euch aufs neue darüber, machet eine Comödie, gleichwie ihr heute getan. Ich will
sie auf meinem Schloss gastieren. Da werdet ihr sehen, was für einen Spass wir
geniessen wollen.« Damit klopfte er mich und den Friderich, zu welchen er diese
Worte geredet, auf die Achsel. Er sagte beinebens, dass er die Frau Philippin,
welche auch darum wüsste, zu sich hinter das Bild wollte stehen lassen, damit sie
daselbst gleich ihm alle Fragen verstehen und sehen könnte, dass alle Sachen aufs
beste und lächerrlichste zugehen.
    Wir fragten ihn weiter, wer der kleine Kirchner sei und warum es unter den
Ziegeln, auf welchen wir mit der Nase gelegen, so abscheulich gestunken; auch
durch was für ein Werk das Bild die Augen so sehr hin und wider gedrehet und die
Zunge ausgeschossen habe. »Ihr Herren,« sprach er, »ich stund dahinter. Die
Augen sind meine Augen, und die Zunge ist meine Zunge gewesen. Unter die Ziegel
legten wir ungearbeitete Bockhäute, und der kleine Mann ist mein Page gewesen,
welchen ich zu diesem Werk ausgekleidet habe. Da ihr auf der Erde laget, drehete
ich mich durch eine Abseitspforte aus der Kapell, zog die Uhr auf und eilete
samt dem Page davon. Auf der Reise kam ich zur Frau Philippin, und dieser
erzählete ich die ganze Geschicht, wie es zu Grundstett zugegangen, sonst hättet
ihr mich gar für einen Dieb halten können, der euch, unter dem Schein eines
Possens, die Pferde mausen wollen. So aber habe ich euch, unter dem Schein des
Diebstahls, eine heilsame Lehre beigebracht, dass man durch die Leichtgläubigkeit
nicht allein in geistliches, sondern auch in weltliches Unglück falle. Damit
nehmet fürlieb!«
    Diese und dergleichen Reden trieben wir gar vergnüglich durch das ganze
Abendessen. Mir aber war bei allen diesen angestellten Eitelkeiten, ob es wohl
eine lächerliche Invention wäre, das Frauenzimmer bei dem Wetterbild wacker
auszunehmen, dennoch nicht gar wohl, sondern wünschte mich vielmehr bei mir
selber samt meiner Sophia, die dazumal grosse Zahnschmerzen fühlete, wieder
heim in mein Schlösslein, daselber meinen neuen Einsiedler-Orden wieder
anzufangen. Dannenhero fügte ich mich zu dem Pfarrer dieses Dorfes, der zwar
nicht gar gelehrt, aber doch ein frommer und geistreicher Mann war, mit ihm bald
von diesem, bald von jenem redend, und wie gar eine grosse Blindheit es sei,
seine Tage in stetem Wohlleben zuzubringen, weil schwerlich zwei Himmelreich
aufeinanderfolgen könnten.
    Indem ich wegen des gestrigen Schwärmens noch aller schlaftrunken war, legte
ich mich samt Philippen, ehe noch die Abendmahlzeit vollendet war, zu Bette,
weil er gleichwie ich gestern zu weit in die gläserne Schriften gesehen hatte.
Unsere Weiber aber schliefen in einer absonderlichen Kammer beisammen, weil
seine Frau an dem Tanz ein Bein übersprungen und meine Sophia verstandenermassen
die Zahnschmerzen, welche unter allen Krankheiten fast die übelste ist, heftig
fühlete.
    Herr Friderich machte es nach unserem Abschied auch nicht lange, welches die
Alte von Ocheim als seine Schwiegermutter gar gerne sah. Denn dadurch konnte sie
ein ziemliches als an Brot, Wein, Bier und Lichter ersparen. So wurden auch
durch unsern frühzeitigen Feierabend viel Gläser und Krüge ganz behalten, welche
sonsten, wie bei dergleichen Gelegenheiten zu geschehen pfleget, trefflich
hätten herhalten müssen. Der Advocat und etliche andere blieben etwas länger
beisammen, teils im Brett, teils in der Karte spielend, unter welcher Action die
Studenten allerlei Sonaten strichen, die uns trefflich eingeschläfert haben.
    Endlich erwachte ich plötzlich aus dem Schlaf und wusste nicht warum. Kurz
darauf wurf jemand mit einem Stein wider das Kammerfenster, und allem Ansehen
nach bin ich eben zuvor durch einen dergleichen Wurf ermuntert worden. Ich stund
auf, zu sehen, was es bedeutete, und als ich das Fenster eröffnet, rufte ein
Kerl: »Monsieur, wohnt nicht hier Herr Bartel auf der Heide?« Durch diese Frage
dachte ich was Absonderliches zu erfischen, wurde dahero begierig zu hören, was
es bedeuten sollte, und sprach: »Ja, er wohnt hier und liegt in dieser Kammer.«
- »Ach, Monsieur!« sagte er wieder, »Er lasse mich ein, ich und mein Kamerad
wissen sonst nicht, wo aus. Alsdann wollen wir mit mehrerem berichten, wie und
wo wir den Advocaten angepacket und ihn weidlich gezauset haben.«
    Diese Rede des Kerls war mir höchst angenehm, denn, wie ich leichtlich
schliessen konnte, so waren ebendieses diejenigen Strauchdiebe, welche den
Advocaten Bleifuss, so sich dermalen hier zu Ocheim aufhielt, auf der Strassen
angegriffen, dadurch er bewogen worden »Helft mir! Helft mir!« zu rufen. Oh,
gedachte ich, ihr Narren! Ihr seid weit irrgegangen und kommt eben an den
rechten Ort. Damit machte ich die Sache in aller geheim geschwind auf dem Schloss
kundig, und wurden die zwei Bursche in der Finster zum Tor hereingelassen und in
ein Zimmer geführet, aus welchem sie nicht leichtlich entspringen können. Es ist
nicht zu beschreiben, wie der Advocat gepfnauset und für Zorn geschaumet, als er
erfahren, was es mit diesen Leuten für eine Beschaffenheit hatte. Er suchte sich
aus einem Holzstoss schon die allergrössten Prügel hervor, diese Schelmen
abzuklopfen, wie sie es denn mehr als wohl verdienet hatten. Damit kleideten
sich diejenigen an, welchen es eine sonderliche Herzensfreude war, wenn sie
einen andern abklopfen und ihm das Wammes über den Buckel messen konnten.
    Wilhelm, welchem damit ziemlich gedienet war und der auch dem Bartel auf
der Heide trefflich nachreden konnte, machte sich im Dunkelen ins Zimmer und
sprach zu ihnen: »Seid ihr diejenigen, so den Advocaten abgeprügelt haben?« -
»Ja, Herr,« sprach der erste, »wir sinds und haben getan, was Ihr uns geheissen.«
Indem eröffnete er die Tür und sprach: »Gebt doch ein Licht herein!« Aber er tat
es nur darum, auf dass unter diesem Rufen wir alle in Strümpfen heimlich
hineinschleichen konnten. Darauf redete er weiter und sprach: »Wie hat sich der
Schelm angestellet, als ihr ihn attrappieret, und wo habt ihr ihn angegriffen?«
- »In ebendiesem Wald«, sagte einer unter ihnen, »haben wir ihm aufgepasst, dahin
uns Euer Gestreng beschieden haben; er kam auch endlich, und weil er zu Pferd
war, hätten wir ihm, wo es die Nacht nicht verhindert hätte, das Ausreissen nicht
verwehren können. Derohalben griffen wir ihn an, rissen ihn vom Pferd und hieben
ihm eine Flenke da, die andere dort über den Buckel.« (Der Advocat, so auch mit
in der Stube, wollte immer für Zorn zerspringen.) »Ist er denn«, fragte Wilhelm
weiter, »so verzagt gewesen, dass er sich nicht gewehret hat?« - »Ha!« sagte der
andere, »was wollte sich der Flegel gewehret haben, er bat uns immer um des
Himmels willen, ihm das Leben zu schenken.«
    Der Advocat konnte sich auf dieses Wort des Referentens nit länger
entalten, sondern rufte: »Es ist erlogen, ihr Hundsnasen! harret, ich will euch
...!« Mit diesem fiel ich ihm mit der Hand übers Maul, aber den fremden Burschen
fing anders an zu träumen, weil ihnen die Sprach des Advocatens gar zu bekannt
war. »Herr Bartel,« sprachen sie, »wer hat geredet?« - »Das werdet ihr bald
sehen!« antwortete Herr Wilhelm und liess darauf zwei grosse Lichter bringen und
etliche Laquayen aufstehen, welche sich mit guten prügeln und Peitschen versehen
sollten.
    Diese Anordnung und Zubereitung verstörete die beiden Gesellen ganz aus
ihrem Concept, und als sie ihres Irrtums gewahr worden, stelleten sie sich mit
Gewalt auf den Sprung. Sie waren so verzweifelt keck, dass sie ihre Klingen, sich
zur Wehre stellend, entblössten. Aber Philipp und andere, absonderlich aber der
Advocat, schmissen ihnen solche nicht allein mit langen Prügeln bald aus den
Fäusten, sondern sie noch darzu zur Erden. »Still!« sprach Herr Wilhelm, »lege
keiner Hand an! - Ihr Kerl, wer hat euch gedinget, diesen Advocaten zu prügeln?«
Sie antworteten nichts. Er sprach weiter: »Ich frage euch noch einmal: Wer hat
euch darzu bestellet?« Sie schwiegen aber einmal. »Ha, ha!« sagte er, »wollet
ihr nichts sagen, so wollen wir prügeln!« Damit fiel einer mit den Händen, der
andere mit einem Stecken, der dritte mit Pantoffeln zu und zerzauseten die
beiden Kerl dergestalten, dass sie voll Schweiss und Blut in der Stube
herumgaukelten und sich für grosser Dummheit des Hauptes nicht in die Höhe heben
konnten. Das Frauenzimmer, welches durch den Tumult erwecket, grausam
erschrocken mutmassend, als wären unsere Leute einander in die Haar geraten, kam
halb nackicht und bloss zugelaufen. Herr Friderich selbst samt seiner Amalia
erschien mit blossem Raufdegen, als er aber der Sache Beschaffenheit verstanden,
lachte er darzu und ging wieder zurück. Das mitleidige Weibsvolk aber brachte
Balsam und Schlagwasser, den Geprügelten zu Hülfe zu kommen, und es war mir bei
dieser Sache nicht gar wohl, weil es nicht viel anders aussah, als hätte der
Advocat dem einen den Hirnschädel eingeschlagen.
 
                                 VII. Capitul.
   Dietrich wird mit etlichem Frauenzimmer, welches er zu Grundstett bei dem
           Wetterbild betrügen wollen, selbst abscheulich ausgezahlt.
So pflegt es zu gehen, wenn man im Zorn seines Feindes mächtig wird. Man schloss
sie darauf an zwei grosse Ketten, und das Frauenzimmer bemühete sich, uns durch
ihre Tränen dahin zu vermögen, dass wir unsere Prügel hinweglegten. Der Advocat
aber wollte noch immer mit einem Etcetera hinten dreinschlagen, welchen wir
endlich bis zu fernerem Prozess befriedigten. Sie wurden beide in einen
vermauerten Stall geworfen; und wir begaben uns insgesamt wieder zur Ruhe, damit
dem löblichen Frauenzimmer keine fernere Ungelegenheit verursachet würde, und
die Diebe liessen wir mit drei Bauern verwachen.
    Des folgenden Morgens brachte mans heraus, dass sie zwei fahrende
Handwerksbursche waren, die ungefähr auf der Strasse an den Bartel auf der Heide
getroffen. Dieser hatte sie auf den Advocat zu passen befelchet, ihnen auch
seine Person trefflich beschrieben und sie hernachmals um einen Recompens zu
sich auf sein Schloss kommen heissen. Aber sie hatten sich so verwirrt, bis sie
durch sonderliches Unglück allher geleitet worden. Der Advocat konnte sich nicht
besinnen, in welch einem Casu er wider ihn gesündiget hätte, dass er aber wider
seine Partei bei dem Gericht zu Ollingen bedienet wäre, wüsste er gar zu wohl,
und aus allem Ansehen müsste es aus dieser Ursache geschehen sein. Weil aber
Bartel auf der Heide für diesmal landflüchtig und gleichsam vogelfrei war,
wollte er seine Güter durch Gerichtsverordnung zerstreuen und für seinen Schimpf
einen absonderlichen Particul davon prætendieren. Zu Ende dessen nahm er die
zwei Gesellen mit sich, und also schied er von dannen.
    Kurz darauf zertrennte sich unsere Gesellschaft, und einer unter den vier
Studenten lud uns zu seiner lateinischen Valediction in die Stadt, weil er
willens war, mit ehestem auf eine Universität zu ziehen. Im Werk aber selber
geschah es nur darum, dass er dadurch zugleich Gelegenheit hätte, ein Viaticum
einzubetteln. Er traf es auch nicht übel, weil er fast in die dreissig
Reichstaler, ohne dem Geld, welches er vor seine Hochzeitmusik eingenommen,
zusammengebracht, welches einem so armen Teufel eine grosse Zubusse war. »Ja,«
sagte Herren Philipps Præceptor, »ich weiss, wie einem armen Schelmen zumut ist,
wenn er mit einem kleinen Beutel auf eine grosse Universität soll ziehen. Ich
kann einem ein Lied davon singen und ein ganzes Buch von meinem eigenen Exempel
aufschreiben, wie lazarinisch ich mich habe durchfressen müssen.« - »Es ist
gut,« sagte Philipp, »der Sommer ist warm und die Zeit sehr hitzig; machet Euch,
Herr Lorenz,« - so hiess der Student, - »unterwegens gefasst. Übermorgen sind wir
zu Oberstein, da gibt es Zeit und Weil genug, Eure Erzählung anzuhören.«
    Also verliessen wir alle zugleich das Schloss, und Amalia nahm mit vielen
Tränen von ihrer Frau Mutter Abschied und bedankte sich zugleich mit einer
beweglichen Dankrede für alle ihre mütterliche Wohltaten, derer sie von
Kindesbeinen an von ihr genossen hatte. Hiermit fingen Mutter und Tochter an zu
weinen. »Ha!« sagte Wilhelm, »da muss auch eine Instrumental-Musik dabei sein!«
Ergriff also von einem Spielmann eine Geige und fiedelte den Tanz: So muss ich
mich nun scheiden, von dir, o Coridon!
    Der Advocat wurde beschieden, den Ersten des folgenden Monats gewiss zu
Oberstein zu erscheinen, von daraus wir nach dem ehrlichen Dietrich gehen und
eine neue Comoedia ansehen wollten, welches er versprach und damit auf seinem
Schimmel seinen lateinischen Galopp fortauderte. Wir ruften ihm alle, so lang
wir ihn sahen, nach; und der geneigte Leser kann sich leicht einbilden, was es
für Worte gewesen, nämlich: »Helft mir! Helft mir! Helft mir!« Die beiden
Marodibrüder aber führte der Landknecht hinter ihm nach Ollingen.
    Meine Frau hatte ich schon zwei Stunden voraus wieder heimgeschickt, weil
ihre Zahnschmerzen je länger je mehr zugenommen; ich aber wendete mich mit
Herren Philippen und dem Friderichen nacher Oberstein, und zerteilte sich also
die ganze Compagnie in einem Augenblick. Unterwegens kehreten wir bald bei
diesem, bald bei jenem vom Adel ein, welche zwar hierinnen mit Namen nicht
genennet, aber doch unsere vortreffliche Freunde waren. Denn es reiseten nebenst
uns dreien noch über zwanzig Personen in der Suite, welche, weil sie nur
Hochzeitsgäste und sonsten wenig in unserer Gesellschaft waren, auch keine
Hauptandlung dieser Histori ausgewirket, ist keiner deswegen genennet worden,
weil man den Leser mit Aufzeichnung vieler Namen nicht hat gerne beschweren noch
irrmachen wollen.
    In dieser Heimreise liefen die langen Täge trefflich geschwinde, also dass
die Zeit des Einzuges zu Ichtelhausen; nicht mehr ferne war. Dieser, ob er
gleich von keiner sonderlichen Kostbarkeit gewesen, so brauchte er doch auch
nicht viel Unkosten, und dorften deswegen die Untertanen nicht beschweret
werden. Schoss man uns gleich keine Stücke los, so dorften wir doch auch kein
Pulver kaufen. Drum hiess es billig: schlecht und recht, und Herr Friderich war
in diesem Fall ganz meiner Meinung, weil er wenig oder gar nichts auf hohe
Pracht, aber viel mehr auf eine stille und einsame Ergetzlichkeit hielt, welcher
wir öfter, nach seinem Versprechen, auf seinem Schlösslein geniessen wollten. Denn
es lag nicht allein hübsch abweges, sondern noch darzu bei einem frischen Fluss,
welcher sich um viel und schöne Insuln schwenkte, auf welchen Friderich zum Teil
sein Vieh, zum Teil schöne Lust- und Gartenhäuser gebauet hatte, auf welchen man
sich in bevorstehender Gelegenheit hauptsächlich erlustieren konnte.
    Also kamen wir in guter Vergnüglichkeit nach Oberstein, und waren nur noch
zwei Tag zu dem Einzug zu Ichtelhausen vor der Tür. Deswegen unterredeten wir
uns in der geheim ganz kurz, wie mans mit dem Dietrich und seinem Wetterbild
wollte gehalten haben, damit er wacker ausgezahlet würde. Die Pferde hatte er
seit unsers Ausseins schon wieder nacher Oberstein geschicket, und also war
nichts übrig, als ihm eben einen solchen Possen zu reissen, wie er uns einen
gerissen hat.
    »Wir müssen«, sprach Philipp, »uns einen Tag eher als der Dietrich in das
Dorf nach Grundstett verfügen. Ober seinem Stand wollen wir ein Loch durch das
Kirchengewölbe machen, und da er beschäftiget ist samt meinem Weib, das
vorwitzige Frauenzimmer zu betrügen, wollen wir ihnen ein Fass voll Wasser mit
vermengten Handgranaten auf den Kopf giessen.« Dieser Ratschluss war überaus gut.
Also verliessen wir den ehrlichen Philipp zu Oberstein und reiseten miteinander
nach Ichtelhausen, allwo ich Herrn Friderich seinen Untertanen aufs neue
einstalliert und mich noch einen Tag bei ihm aufgehalten habe, nach welchem wir
samt Philippen gar glücklich und geschwinde zu Grundstett angelanget.
    Daselber schickten wir unsere Pferde wieder zurück in das nächste Dorf und
machten uns ganz in der Stille, ohne jemands Vermerkung, mit einem grossen Fass
voll Wasser auf den Oberboden, welcher, weil er nur von Brettern war, gar
leichtlich zu unserm Vorhaben taugte. Die Frau Philippin, welcher wir
hinterlassen, dass wir uns in der Kirche hin und wider verstecken wollten, wusste
nichts um unser Vornehmen, und weil sie uns zuvor so sehr ausgelachet und doch
nichtsdestoweniger kein Wort von dem Betrug eröffnet, musste sie zur Strafe samt
dem ehrlichen Bruder Dietrich wieder herhalten, so wenig sie sichs auch
einbilden können.
    Wir stunden schon daroben, mit aller Zurüstung bereitet, als Herr Dietrich
mit der Frau Philippin ganz geheim hinter den Altar geschlichen kam. Auf solches
kleidete sich sein arglistiger Page an und trat vor die Tür, das Frauenzimmer zu
erwarten, welches, nachdem die zwei vorige Pistolschüsse gehöret worden, ankam.
Damit ich aber hier, weil es daroben vergessen worden, etwas von der Bedeutung
dieser Schüsse melde, so ist zu wissen, dass in einer Insul ein Laquay gelegen,
welcher, wenn er einen Schuss getan und sich die Zureisende umgesehen haben, die
andere Pistol nicht gelöset hat. Sahen sie sich aber nicht um, so schoss er auch
die andere los, und durch dieses Zeichen konnte der Dietrich hinter dem
Wetterbild schon wissen, ob sie sich umgesehen hätten oder nicht.
    Der Küsterer, welcher indessen sein Bestes vor der Kirche getan, führte sie
endlich herein, und gleichwie er uns, also unterrichtete er auch sie, welches
ihnen trefflich zu Herzen gegangen. Damit ging er hinaus, und das Frauenzimmer
breitete einen grossen Teppicht auf, damit auf der roten Ziegelerde ihre Kleider
nicht verderbet würden. Nichtsdestoweniger stank es doch abscheulich unter
demselben, und ich möchte nichts liebers wissen, was sie sich doch müssten
eingebildet haben. Es waren wohl ihrer funfzehen und lagen alle so still und
unbeweglich in einer Reihe, dass es recht lächerrlich zu sehen war.
    Es ging diesen guten Schwestern nicht anders, als es uns Brüdern gegangen.
Denn der Page rufte zu ebendem Fenster, wo ehedessen Dietrich hineingerufen, und
sprach: »Sie sind fort! Sie sind fort!« Kurz darauf sprach er weiter: »O ihr
Närrinnen! o ihr Närrinnen!« Damit war die halbe Stund aus, und fragte eine nach
der andern durch das Rohr. Was sie nun fragten, das schrieb Dietrich in eine
Schreibtafel, und die Frau Philippin sah indessen durch das Bild und steckte die
Zunge so weit hinaus, als sie immer konnte. Als nun die erste gefragt hatte,
rufte Dietrich hinter dem Altar: »Es frage die andere auch, hernach die dritte
und so fort, und gleichwie ihr fraget, also will ich euch in der Ordnung
antworten, denn ihr habt euch auf dem Wege nicht umgesehen.« Also kam eine nach
der andern, bis die Reihe aus war. »Nun«, sprach Dietrich, »will ich euch
antworten.« Indem er nun das Maul in alle Höhe aufriss, gossen wir ihm und der
Frau Philippin das Wasser auf die Köpfe und löseten zugleich zwei Pistolen
hintereinander; davon keines gewusst hat, wo der nächste Weg zur Kirchen aus
wäre. Die adeligen Jungfrauen eileten ingleichem, was sie konnten, zu der Tür
und ruften allerseits um Hülfe und Beistand.
    Die Frau Philippin sank für geschwindem Schrecken fast in eine Ohnmacht, und
weil der erschrockene Dietrich sich nicht geschwind resolvieren konnte, sollte
er hinten oder vornen hinauslaufen, gossen wir noch immer wacker nach, und weil
in dem Wasser etliche Ziegeltrümmer waren, schlugen sie ihm viel Löcher in den
Kopf. Der Page, welcher vor der Kirche mit den Pferden des Frauenzimmers noch
immer auf seinen Herren gewartet, wusste nicht, wie es geschoren war, und wurde
also der Betrug des Dietrichs auf einmal offenbar und zuschanden. »Gelt,
Bruder,« rufte Herr Philipp zu einem Dachfenster hinunter, »wir haben dich
bezahlt?« - »Ihr Schelmen!« sagte er, »bin ich doch all mein Leben lang nicht so
erschrocken!« Damit kamen wir herab und lachten zugleich das Frauenzimmer aus,
dass sie sich so liederlich hätten verleiten lassen. Wenn sie aber gewusst hätten,
wie es uns gegangen, dörften sie sich nicht so sehr geschämet haben, als sie
dazumal getan. So dorfte auch niemand einen Diener mit sich bringen, und
dannenhero hatte Dietrich gute Gelegenheit, die Pferde hinwegreiten zu lassen.
Ich glaube auch, wenn diese Gelegenheit ausser ihm einem liederlichen Vaganten
oder Landbetrüger wäre bekannt gewesen, dass er manchen ehrlichen Mann unvermerkt
um das Seinige würde gebracht haben. Denn was das Allerschlimmste war, so dorfte
man zu seinem eigenen Schaden nichts sagen, sondern musste ihn, so sehr es auch
geschmerzet, wider seinen Willen im Herzen verbeissen, wollte man anders seine
eigene Abgötterei nicht an Tag geben oder unter die Leute bringen.
 
                                 VIII. Capitul.
Wolffgang sieht auf dem Schloss ein Gespenst. Der Bartel auf der Heide bekommt
 vom Advocaten seinen Rest. Wolffgangs Vater und sein einziges Kind sterben auf
                                   einen Tag.
Es schlich sich immer eine nach der andern aus dem Freitof, bis sie endlich
wieder zu Pferde sassen und ganz schamrot nicht die geringste Antwort zurücke
liessen. Und obgleich aus ihren getanen Fragen eine hauptsächliche Action hätte
können ausgearbeitet werden, konnten wir doch keine bewegen, dass sie uns auf
Herren Dietrichs Schloss zuzusprechen versprochen und zugesaget hätte, weil sie
leichtlich merken können, dass sie wegen dieses frevelhaften Beginnens
abscheulich würden durch die Hechel gezogen werden. Doch gaben sie so viel gegen
der Frau Philippin zu verstehen, dass sie an unserer Bescheidenheit keinesweges
zweifelten, und dannenhero würden wir in dieser Sache nichts vornehmen, was zu
ihrem Nachteil gereichen könnte. Deswegen habe ich auch diese Gesellschaft und
keine aus derselben mit Namen oder ihrem Geschlechte genennet, weil ich vor mich
selbst wohl so bescheiden bin, dass man zwar mit einem Frauenzimmer wohl
scherzen, aber keine solche Streiche an den Tag bringen soll, welche ihnen an
ihrem guten Namen schaden können.
    Weil mich dazumal meine absonderliche Gedanken ergriffen, als nahm ich,
nachdem unsere Pferde aus dem Dorfe hiehergebracht worden, meinen Weg auch unter
die Füsse und ritt mit meinem Laquay recta auf mein Schlösslein zu, als ich zuvor
versprochen, allerehestens mich bei Herren Dietrich einzufinden. Also
galoppierten wir durch den Staub, dass uns die Augen vergingen, und erlangten
unser Heimat noch selbigen Abends, gleich als es Nacht wollte werden.
    Ich fand meine Liebste wieder gesund, aber hingegen mein Kind ganz krank und
matt, darüber ich mich recht von Herzen betrübte, also dass ich fast die ganze
Nacht schlaflos zubrachte. Um Mitternacht fängt etwas an, nächst meinem Fenster
zu rauschen, gleich als käme ein Mann in einem grossen Pelz gegangen. Gleichwie
nun die Nacht an sich selbst Grauen verursachet, als schrecken dergleichen
Zustände den Menschen viel mehr, als sonsten zu geschehen pfleget. Ich richtete
mich, weilen ich allein lag, in dem Bett auf, konnte aber niemand in dem Zimmer
sehen, so hell und klar auch meine Nachtlampe brannte. Legte mich demnach auf
die andere Seite und dachte, es wären nur blosse Phantasien, welche einen
betrübten Menschen leichtlich auf eine falsche Meinung verleiten könnten. Kurz
darauf klopfte es an der Stubentür so ausführlich an, dass nichts Deutlichers
hätte können gehöret werden. Ich dachte, es wäre vielleicht der Laquay oder eine
Magd, die mich wegen grosser Krankheit des Kindes aufweckten, und fragte: »Wer
da?« Aber es wollte sich nichts melden, viel weniger eine Antwort geben. Darauf
schmiss es, gleichwie man mit einer Spiessrute schläget, dreimal auf das Gemäl
meines Vaters, welches ich in diesem Zimmer auf der Türrahme stehen hatte, so
deutlich und ausführlich, dass ich den Staub davongehen sah.
    Dieses Spectacul, wie leichtlich zu erachten, jagte mir eine grosse Furcht
ein. Ich sprang aus dem Bette, eilete in meinen Nachtpelz und hatte doch das
Herz nicht, zu der Tür hinauszugehen, wo es zuvor angeklopfet hatte. Eröffnete
demnach ein Fenster, und als ich mich an demselben meiner Angst entledigen
wollte, kam mir auf einem Baum, welcher ziemlich nahe stund, ein helles Licht zu
Gesichte, und unter dem Baum stund ein Weibsbild, ganz weiss eingeschleiert,
welches sich von unten bis oben so hoch und lang vergrösserte, bis sie das Licht
auf dem Gipfel des Baumes ausgeblasen und mir zugleich vor Augen verschwunden.
    Ich schlug das Fenster wieder zu und läutete durch ein Glöcklein meinem
Diener, der ganz erblasst zu mir kam, weil er gleichwie ich eine weisse Frau in
dem innersten Hofe gesehen, die sich über das Dach hereingelassen hätte. Aus
dieser Relation des Dieners wie auch aus dem, was ich gesehen hatte, konnte ich
mir keinen guten Morgen verkündigen, sondern fing schon an, an dem Aufkommen
meines kleinen Kindes, welches ich so sehr liebhatte, zu zweifeln, wie es denn
auch mit meiner unbeschreiblichen Herzensangst gestorben ist.
    »Es ist«, sagte ich zu dem Diener, »in diesem Schloss etwas Ungewöhnliches
und also kein gutes Omen; bringe dein Bett herein und schlafe die übrige Zeit,
bis es Tag wird, bei mir.« Hiermit ging ich hinunter und sah das Kind, welches
in grosser Hitze darnieder lag, noch zu guter Letze mit nassen Augen an, und war
mir leid, dass ich es nur eine so kurze Zeit solle gesehen haben. Aus grossem
Schmerzen ging ich wieder zurücke und brachte dieselbe Nacht in steter Kümmernis
hin. Da fing ich aufs neue an zu betrachten, was die Ewigkeit wäre und wie
schrecklich sie demjenigen sein müsse, der sich in derselben keines Trostes zu
erfreuen, sondern immer mehr und mehr Betrübnis zu fürchten hätte.
    Der anbrechende Morgen war mir angenehmer als viel Schätze der Welt, und als
ich mich kaum angekleidet, entstund vor meinem Schloss ein grosses Geschrei. Ich
sah hinunter, und es war der Advocat und Bartel auf der Heide in Person mit
ihren Degen übereinander und fochten so blutbegierig zusammen, dass ich einen
schlechten Ausgang urteilen konnte. Die Gebühr und mein Hausrecht liess nicht
anders zu, die Duellanten von meinem Platz abzuschaffen. Darum eilete ich mit
meinem Hirschfänger hinunter, entweder Friede zu machen oder sie von dem Platze
abzutreiben. Ich war aber noch nicht über dem Hofe, als der Advocat den mehr als
unglückseligen Bartel mit seinem Degen bis aufs Gesässe durch und durch
gestossen. Ich musste also den Entleibten in seinem eigenen Blute ersticken sehen
und noch viel Lästerwort reden hören, unter welchen er seinen unruhigen Geist
aufgegeben. »Ach, Freund,« sprach ich zu dem Advocaten, »was hat Er getan?« -
»Ich habe«, antwortete er, »getan, was er mir hat tun wollen. Er ist sich selbst
einen weiten Weg zum Grabe gegangen, indem er mich auf vier Meil Weges verfolget
und mein Pferd unter mir auf offener Strassen totgeschossen. Nun liegt der
ehrliche Vogel hier ausgestrecket; wie er gewollt hat, so ist ihm geschehen. Ich
bin ihm weiter als zwei gute Feldweges immer ausgewichen, glaubend, er würde
sein schreckliches Fluchen und Rasen bleiben lassen. Nichtsdestoweniger
verfolgte er mich bis hieher, allwo ich für Müd- und Mattigkeit nicht mehr
anders gekonnt, als mich auf das äusserste zu wehren.«
    Hierauf nahm ich ihn als Zeuge seiner Handlung zu mir in meinen Schutz, und
wir waren kaum in das Schloss hinein, als schon etliche Gesellen des Bartels mit
blossen Dolchen gelaufen kamen und, als sie ihren Rädelführer tot sahen, etliche
Puffer in die Fenster schossen. Ich aber antwortete ihnen mit meinen gut
gezogenen Röhren dergestalten, dass ihrer zwei auf dem Platze liegenblieben und
ihrem Haupte sowohl im Tod als Leben Gesellschaft leisten mussten. Die übrigen
drei verfolgte ich mit zweien Pferden und kriegte noch einen unter diesen,
welcher dergestalten zerhauen und zerfetzet worden, dass ihm schwerlich ein Zahn
mehr wird wehe tun. Also legte ich das Gespenst viel mehr auf diese Begebenheit
als auf mein totes Kind aus und war zugleich froh, dass der berufene Bartel auf
der Heide, von welchem wir alle so grosse Überlast in dem Lande gehabt, nunmehr
seinen Rest bekommen, ob ich schon gewünschet, dass er vor seinem Tod noch zur
Erkenntnis seiner Missetat gelangen und noch wahre Busse hätte tun können. Denn
es war abscheulich, wie in grossem Zorn und vollem Grimm er dahingefahren, da er
ohne Zweifel aus einem kalten in ein warmes Bad geplumpset, daraus er sich mit
seinen tausendfältigen Practiquen nicht mehr wird los und ledig machen können.
    War demnach voller trauriger und betrübter Gedanken, die bei einem solchen
Zustand nicht ausbleiben können. O Wolffgang, gedachte ich, du stürzest dich von
einem Unglück in das andere, dein guter Geist hat dirs neulich eingegeben, dein
voriges Leben in dem Turm wieder anzufangen; und es hat dir geschwant, was für
eine Verantwortung du über deinen Hals ziehen wirst. Vielleicht sind diese
Bösewichte in ihrer Unbussfertigkeit gestorben! Hättest du sie nicht anders als
mit der äussersten Schärfe bezwingen können? Aber nein! Es hat so sein müssen.
Wie man in den Wald rufet, so lautet das Echo. Wer trüb einschenket, muss trüb
austrinken; man muss eine Schärfe gebrauchen, wer könnte sonst dem Landfrieden
trauen? Ich liege auf der Einöde und würde durch meine Gelindigkeit nicht sowohl
das Übel von mir abtreiben als mir solches vielmehr zuziehen. Dieses billigte
der Advocat durch viele Articul der Rechten, und also machte er mir und meiner
Sophia das Herz wieder in etwas leichter, weil sie trefflich gewissenhaft war
und sich über der allergeringsten Sache einen schweren Zweifel machte.
    Ich schickte einen Knecht mit dem Bericht, welchen der Advocat umständlich
concipierte, in die Stadt nach Ollingen, dass er solchen daselbst dem Gericht
überlieferte und auf Antwort wartete, was mit den toten Körpern sollte
vorgenommen werden. Indessen blieb der Advocat mit gutem Mut bei dem Mittagmahl
in meinem Hause und liess sich wegen der vorübergegangenen Schlägerei im
geringsten nichts anfechten.
    Als wir nun über Tische sassen und noch immerzu von diesen Sachen redeten,
kam ein Knecht von meinem Vater Alexander, welcher in seiner frommen Lebensart
bis daher seine Tage zugebracht und sich heute morgens, als er in seine Kapelle
gehen wollen, über eine steinerne Treppen so sehr verletzet, dass er, allem
Ansehen nach, bald sterben würde. Es schien dazumal, als hätte das Unglück
zusammen geschworen, mich auf einmal zu betrüben. Derohalben machte ich mich
fertig, geschwinde dahin zu eilen, und befahl indessen dem Advocaten, zu allen
diesen Sachen im Namen meiner gute Anstalt zu machen, derer er vom Gericht würde
Befelch erhalten. Also ritt ich, so geschwind es sein konnte, in grossem Wind und
Wetter gegen das Schlösslein meines Vaters, fand ihn aber schon tot; wie er sich
denn auch gleich tot gefallen, der Bot mir aber, meinen Schrecken zu
hinterhalten, eine andere Post gebracht hatte. Dieser Zustand schlug mir um so
viel mehr zu Herzen, weil ich, noch ingedenk der vorigen Begebenheit, mich je
länger je mehr peinigte und nunmehr die Art ganz vergessen hatte, durch welche
ich mich sonsten nicht leichtlich etwas habe anfechten lassen. Ich ordnete
hierauf, weil es ja nicht anders sein konnte, fleissig an und nahm von dem
Verwalter einen Eid an, dass er sich, wie seinem Amt zuständig wäre, in allem
treu, gehorsam und aufsichtig solle erzeigen und als ein aufrichtiger Diener
finden lassen.
    Alle Kästen und Gewölber wie auch Keller und Speiskammern versiegelte ich.
Damit aber das Gesind sich keiner Filzigkeit zu beklagen hatte, musste der
Verwalter indessen auslegen, bis ich mit ehestem wieder würde zurückgekommen
sein. Also ritt ich mit vielen Tränen wiederum davon und musste erfahren, wie
wehe es tue, wenn man seine Eltern und Kinder in einem Tage zugleich verloren
hat.
    Der abgeschickte Knecht brachte von Ollingen Befelch, dass man die
Totenkörper so lange liegen liesse, bis sie von dem Henker würden aufgehoben und
an den gewöhnlichen Ort begraben werden. So blieb die Sache dermalen anstehen,
und der Advocat wurde vor das Gericht citiert, daselbst mündliche Relation
seines Duells abzustatten, dazu er gar willig und bereit war. Er nahm noch
selbigen Abends Abschied, sich morgen vor der Gerichtsstube zu stellen. Ich aber
sah die Auslegung meines gesehenen Gespenstes mehr als klar vor Augen. Die
Streiche, welche an meines seligen Vaters Bildnis geschehen, gingen mir, sooft
ich daran gedachte, noch durchs Herz; aber mein Weib tröstete mich in meinem
höchsten Betrübnis, ob sie schon, gleichwie ich, nicht ohne Kummer und Schmerzen
war. Ich gab mich endlich zufrieden und erquickte meinen Geist durch Lesung
lustiger Schriften, weil es sich ja nicht anders machen, viel weniger das
Geschehene wieder zurückbringen liess. »Wohlan!« sagte ich, »wer in der Welt
lebt, muss die weltliche Zustände ertragen; man kann nicht immer lachen, man kann
auch nicht immer weinen. Wolffgang, werde wieder ein Eremit, so wird sich das
andere alles finden.«
 
                                  IX. Capitul.
 Der Schreiber von Ichtelhausen kommt unrecht an, verirrt sich das zweite Mal.
Alexander wird begraben. Der betrübte Wolffgang wird von Philippen und Dietrich
                             wunderlich getröstet.
Folgenden Tages eilete ich mit meinem Knecht Wastel wieder auf das Gut meines
seligen Vaters, allwo wir die Leiche bestellet und den Begräbnistag angesetzet
haben. Indem ich also beschäftiget war, kam ein junger Kerl vor das Haus und
foderte eine Wegzehrung. Sein Gesicht sollt mir bekannt sein, weil ich aber
schwarz ging, kannte er mich nicht. »Seid Ihr nicht der Schreiber,« sagte ich zu
ihm, »der zu Ichtelhausen gedienet?« - »Ja,« sagte er und wurde zugleich
blutrot, »ich bins, wie kennen mich Euer Gestreng?« - »Ich kenne Euch wohl,«
sagte ich, »habt Ihr Euer Buch schon abgeschrieben?« Als ich dieses geredet,
nahm er seinen Kopf zwischen die Ohren und lief, was er konnt und mochte. Aus
diesem sah ich wohl, dass er heimlich davongelaufen und das Schloss Ichtelhausen
stehen hat lassen, wo es gestanden ist; und weil ich für grosser Trauer nicht
viel um seine Zustände besorget war, ging ich diesen Geschäften nach, um welcher
willen ich allher gekommen.
    Da nun alles verrichtet war, ritt ich wieder heim, und Wastel hatte seiner
alten Weise noch nicht vergessen, weil er wohl wusste, dass mich seine närrische
Reden und Erzählungen öfters ergetzet haben. Aber ich musste lachen, dass er für
grossem Wind und häufigem Staub kaum das Maul auftun können; und dannenhero
vernahm ich das zehente Wort nicht, was er sagte, weil ihm ein Kotklumpen um den
andern ins Maul fuhr.
    Nach meiner Heimkunft in das Schloss traf ich ebendenjenigen Schreiber in der
Hofstube an, der kurz zuvor auf dem andern Hause bei mir um eine Wegzehrung
gebettelt hat. Er erschrak für mir hier so sehr, ja noch mehr als dorten, und wo
ich nicht vor der Tür gestanden, hätte er ohne allen Zweifel seine Fechtsprünge
wieder zum Hofe hinaus gemachet. Mein Weib hatte ihn indessen hiehergehen heissen
und, weil er Schreiberdienste gesuchet, bis auf meine Ankunft vertröstet. »Ihr
dörft Euch nicht fürchten,« sagte ich, »ob ich gleich weiss, wer Ihr seid oder
von wannen Ihr kommet. Die Straf ist vor Euch zu Ichtelhausen etwas zu stark
gewesen; wo Euch Euer Fehler leid ist und Ihr fleissig schreiben wollet, so könnt
Ihr wohl bei mir bleiben und diesen Sommer Euer Stücklein Brot essen.«
    »Es wäre mir überaus lieb, gestrenger Herr,« sprach der Schreiber, »wenn ich
einen so guten Herren haben könnte.
    Ich weiss es am besten, wie es mir bis daher zu Ichtelhausen gegangen hat.
Ich habe schreiben müssen, dass mir die Nägel hätten erschwarzen mögen, und habe
doch kaum genug dafür zu essen bekommen. So für haushältig man den Verwalter
hält, so weiss ichs doch nicht allein, sondern auch das ganze Schlossgesind, dass
er nichts oder wenig erwirbet, sondern alles ergeizet und an den Leuten
abhungert. Ich habe an dem Auseisen fast meine Haut von den Händen gearbeitet,
bin wie ein Stockfisch geprügelt worden, musste Tag und Nacht in dem Loche
stecken und sollte noch einen Folianten von einem Riss Papier abschreiben! Herr,
man lasse meinen Frevel vor Gericht ausfechten, ob sie mir eine so harte und
langweilige Strafe auflegen können! So hab ich mich demnach eines anderen
besonnen und sagte, ich wollte Dinten sieden. Der Verwalter trauete mir nicht,
sondern ging mit mir in die Küche, von dar wollte er mich, wie er sagte, wieder
zurückführen und in meiner Kammer versperren. Weil nun niemand Sonderlichs
zugegen war, sott ich meine Dinte, und als sie ziemlich heiss war, goss ichs dem
Narren mit allen Kräften in die Fressen hinein, bin also davon- und zum Schloss
hinausgelaufen.«
    Dieser Abschied, gleichwie er kurz und wohl resolvieret worden, also war er
sehr kurzweilig und lächerrlich anzuhören. »Ich muss gestehen,« sagte ich zu ihm,
»dass Euch der Verwalter mit seinem getanen Vorschlag zu viel Arbeit auf den Hals
geladen. Aber Ihr sehet genugsam, wie es geht. Wer sich jetziger Zeit nicht
rechtschaffen herumtun kann, der muss sich allentalben treten lassen. Ihr habt
ihms auch grob gemachet, und wenn Ihr die Hässlichkeit der Verleumdung und
heimlichen Nachrede erblicken sollet, so würdet Ihr gestehen müssen, dass alle
diese Euch auferlegte Strafen viel zuwenig und gering gewesen. Hiermit kommet
mit mir und schreibet etliche Briefe. Die Sache, so Ihr zu Ichtelhausen
begangen, will ich schon wieder auf einen guten Weg bringen.« Solchergestalten
führte ich ihn in meine Stube und dictierte ihm das Concept, nach welchem alle
Totenschreiben mussten eingerichtet werden.
    Er arbeitete so fleissig, dass er noch selbigen Abends bis auf zwei fertig
wurde. Folgenden Morgens verfertigte er auch diese; und also wurde ein Bot da-,
der andere dortin geschickt, meine gute Befreundte und Bekannten zum Begräbnis
einzuladen. Inzwischen kleidete ich alle Diener in die Trauer, dabei sich der
Schneider ohne allen Zweifel einen a parte- Trauermantel zugeschnitten hat. Und
was soll ich mich lang in Beschreibung desjenigen aufhalten, welches ein der
grössten Verdruss ist? Ich renoviere durch Erwähnung der vergangenen Begebenheiten
nur meine gehabte Schmerzen und bin gleich einem Kind, welches den Finger ins
Feuer hält und sich selbst dadurch verletzet. Ich habe in diesem ganzen Buch
nicht so viel Tropfen Dinte verschrieben, als viel Tränen ich dazumal um meinen
lieben Vater vergossen habe, so wenig mir auch meine Freunde und absonderlich
Bruder Philipp glauben wollen, dass es mir von Herzen gehe. Solches zu sehen,
will ich allein zwei Briefe, als nämlich vom Philipp und dem Dietrich, anher
setzen, welche sie mir auf meinen schmerzlichen Advis-Brief zurückgeschicket und
geantwortet haben.
Geehrter Herr Bruder etc.
Es muss Dir schrecklich im Herzen gepufft haben, als Du verstanden,
welchergestalten Dein alter Vater die Treppe hinuntergepoltert ist. Und allem
Ansehen nach werden Dir die Augen ziemlich rot aussehen, weil Dir ein solches
Stäublein darein gefallen. Du wirst bei der Leichprocession lassen singen das
Sterblied, Herzlich tut mich verlangen', und im Herzen wirst Du gedenken: 'das
Geldlein zu empfangen.' O Du bist ein Tausendschelm! Wer Dich nicht kennete, der
kaufte Dich für eine Pomeranze. Dass es dem Advocaten so wunderlich geglücket,
wird er ohne allen Zweifel in seinen Calender schreiben, denn er notiert wohl
schlechtere Sachen, auch sogar, wenn er die Schuh flicken lässet. Wie ich aus
Deinem Brief sehe, so hast Du einen scharfen Scharmützel gehabt, Du hast billig
und wohl getan. Wenn es Dir ja wider Verhoffen leid wäre, dass Dein lieber Vater
tot ist, so condoliere ich hiermit, wie bräuchlich ist. Bei der Procession werde
am bestimmten Tag zu gewöhnlicher Stunde inzeiten erscheinen; kaufe indessen
eine saubere Rolle Tobak. Ich will recht schöne und perfecte Pfeifen mit mir
bringen. Vale!
Dieses Concept, wie es von Wort zu Wort hier anzutreffen ist, war Philipps von
Oberstein, welcher das Glück hatte, sich in die allerbetrübtesten Sachen überaus
wohl zu begreifen. Das folgende ist von Dietrich. Es hiess aber also:
Edler etc. vielgeehrter und trauriger Freund etc.
Ob du so sehr erschrocken seist, wie Dir die Post wegen Deines toten Vaters
gebracht worden, als ich, da Du mir ein Fass voll Wasser hinter dem Wetterbild
auf den Leib gegossen, daran zweifle ich. Dein Herz wird nach seinem Geld und
vollen Kästen geseufzet haben, gleichwie ich dazumal nach einer wohl
eingeheizten Stube. Wenn Dirs ja leid ist, so denke, dass Du es bei dem
Wetterbild zu Grundstett wohl verdienet hast. Lasse Dir bei der Frau Philippin
Dein Trauerhemd nähen, sie wird Dir Pferde- und Kamelhaar hineinflicken, dass du
wacker, gleichwie ihr Mann im Walde, gekitzelt wirst. Meines Orts trage ich mit
Dir gleiches Leid, und ich bin viel mehr als Du betrübt, weil mir kein so
reicher Vater wie Dir gestorben ist. Was den Advocaten Bleifuss anbelanget, hat
er von Glück zu sagen. Ich weiss, was sonsten Bartel für ein Fechter gewesen. Du
hast Dich wegen Deiner getanen Gegenwehr nichts als alles Guten zu versehen. Bei
dem Conduct wirst Du schon mit hübschen Austern und einem stattlichen Trunk Wein
in Bereitschaft stehen. Wem ein solcher Brocken in die Küchen fället, kann schon
einen fetten Braten an den Spiess stecken. Um bestimmte Zeit will ich mich gewiss
einfinden und eine Trapelierkarte mit mir bringen. Lebe wohl und grüsse mir Deine
Hausfrau!
Diese zwei hatten bei erwähntem Zustand die allerweltlichsten Gedanken, die
andern aber antworteten, wie es der gemeine Land-Stylus oder auch dieser und
jener gedruckte Autor mit sich brachte. Darum ist es unnötig, viel davon
aufzusetzen, sondern viel besser, dass man hierinnen jedem seinen eigenen Willen
vor sich selbst lasse, weil nicht einem jeden gegeben ist, einen Brief oder
sonderliches Concept aufzusetzen. Darum wäre es auch eine Torheit, in diesem
Stücke grosse Argutien darüber anzuführen und diejenigen auszufilzen, die es
nicht können; denn: kann doch kein Mensch alles. So gern ichs nun habe, dass mich
einer auslachet, weil ich nicht Spanisch kann, so gern sieht es ein anderer,
wenn man ihn auslachet, dass er kein Concept aufsetzen kann. Und diejenigen, so
andere am allermeisten durchziehen, sind gemeiniglich selber die
Allerlasterhaftigsten. Warum lachest du über deinen Nächsten, dass er nichts
kann? Sei du froh, dass du es kannst. Ein Soldat, der eine Beute raubt und diesen
auslachet, der keine hat, wird oft von demselben angegriffen und um das
gebracht, was er geraubet hat. Doch ist dieses das allerschlimmste Übel, dass
der, so nichts kann, ausgelachet, und der, so mehr als wir kann, geneidet wird.
    Ich will, weil in einem Trauerhaus wenig Kurzweil gefunden wird, meine Feder
bald auf eine fröhlichere Materia führen, wenn ich allhier nur mit wenigem
beschrieben und den geneigten Leser mit drei Worten berichtet habe, dass die
Leichceremonie nach allem Wunsch und Verlangen glücklich vonstatten gangen. Nach
solchem ritten wir in mein Schlösslein, allwo die Zimmer mit schwarzem Tuche
überzogen und an demselben etliche Emblemata aufgehangen waren, an welchen sich
diejenigen ergetzten, die etwas mehrers in der Schul als die gemeine Auswürfling
getan hatten. Solche Emblemata machte mir der ehrliche Lorenz, Herren Philipps
Præceptor zu Oberstein, welcher sonst ein guter Criticus war, nur dass er alle
Vexier- und Scherzreden für die allergrösste Injurien und Calumnien zu halten
pflegte.
    Solche, weil ich sie nicht allein in mein Tagebuch einzeichnen, sondern noch
darzu illuminieren lassen, will ich hier, auf dass der begierige Leser davon
einen kleinen Nachricht haben möge, gar mit kurzen und eingezogenen Umständen
entwerfen. Auf dem ersten Blatt war gemalet ein grosser Haufen
übereinanderliegenden Totenbein. Vor ihnen stund eine starke Vestung auf einem
hohen Berg. Unter den Beinen die Wort: Nil possumus, das ist: Wir können nichts
tun, unsere Kräften sind wie ein Stäublein. Dadurch wollte er zu verstehen geben
die Nichtigkeit des Menschen, welcher sich hohe Türm zu übersteigen einbildete
und endlich bei diesen Totenknochen erst das Nil possumus lernen müsste.
    In dem andern war ein Schnitter mit einer grossen Sense gemalen, welcher Korn
abschnitt, mit dieser Obschrift: Nec una remanebit: Es wird auch nicht ein
einziges Hälmlein überbleiben. Aus welchem der Verstand von sich selbst
leichtlich floss, dass es uns allen dermaleins gelten würde.
    In dem dritten lagen drei Totenköpfe nebeneinander, darunter stund: Monstra
Regem? Welcher ist unter diesen der König gewesen?
    In dem vierten stunden zwölf Lichter, immer eines kürzer als das andere. Der
Tod aber blies sie von oben bis unten zugleich aus, mit der Obschrift: Deleo
cuncta: Ich lösche alles aus. Andere waren noch anders ersonnen; weil aber Herr
Lorenz etliche, nach seinem eigenen Bekenntnis, aus unterschiedlichen Büchern
gestohlen, bin ich nicht willens, solche Sachen hier für neu auszugeben, an
welchen allgemach hundert Federn stumpf sind geschrieben worden.
 
                                  X. Capitul.
Der alte Krachwedel kommt vors Schloss, erzählet seinen Zustand und wie lausig es
                       im ersten Scharmützel abgelaufen.
Im menschlichen Leben, wie der gelehrte und sinnreiche de la Serre saget, ist
nichts verdriesslicher als das Leben selbst. Wie wahr dieser Sentenz sei,
probieren alle unsere Zustände und die häufige Eitelkeiten, derer wir in diesem
mühsamen Leben schwerlich entbehren können. Mich anbelangend habe ich dazumal
tausendmal gewünschet, bei meinem Vater und lieben Kinde im Grabe zu liegen, als
dieses unglückliche Rund noch länger mit so grosser Leibes- und Seelengefahr zu
betreten. Dahero war das Seufzen mein einiger Trost, ausser welchem mich sonst
nichts erquicken konnte. Denn was heisst es anders, ein Mensch sein, als alles
Unglück zum steten Begleiter haben? Was ist der Mensch anders als ein geringer
Ball, welcher von jedem spielenden Wind bald da-, bald dortin geworfen und
verworfen wird. Heute überfället uns eine traurige Post, morgen Gefahr,
übermorgen Krankheit, und also bringt ein jeder Tag, nach den heiligen Worten,
seine eigene Plage mit sich. Wir lassen uns in der Welt stets quälen und werden
von dem Verlangen, reich und gross zu werden, stündlich gemartert und gepeiniget.
Aber um die wahre und ewige Ruhe sehen wir uns nicht einen Augenblick um, gleich
als wären wir dummes Vieh, das nach diesem kein anders Leben zu hoffen hat.
    Alle diese Gedanken machten mich, unerachtet eine grosse und kurzweilige
Gesellschaft beisammen war, trefflich melancholisch, also dass ich unter
währendem Leichenschmaus meistens mit den Geistlichen conversieret, welche aus
einem Kloster, die Exequien zu vollziehen, berufen worden. Nichtsdestoweniger
hatten Philipp, Dietrich, Wilhelm und die andere ihren sonderlichen Spass vor
sich, indem sie bald da, bald dorten ein Gelächter angerichtet und auf die
Gegenwart der beiden Religiosen wenige Acht gegeben haben.
    Auf dass meine Grillen nun nicht zu tief einwurzelten, zündete man nach
vollendetem Essen eine Pfeife Tobak an, bei welchem ein ziemlicher Teil meiner
verdriesslichen Gedanken mit dem Tobaksrauch in die Luft aufgeflogen. Unter
solchem Zeitvertreib wurde eine kurzweilige Histori nach der andern auf die Bahn
gebracht und absonderlich von des Bartels auf der Heide seinem Leben erzählet,
wie arglistig er in allen seinen Handlungen gewesen. Der Advocat war vor diesmal
mit unter der Gesellschaft, und weil er wider ihn vor Gerichte gedienet, wusste
er die Haupt-Causen viel mehr als keiner unter uns. »Er hat sich«, sprach der
Advocat, »oft als ein Bettler, oft als ein Schüler und oft als ein verdorbener
Organist angekleidet, ist mit Brotsäcken, Büchern und Instrumenten bald in
diesen, bald in jenen Edelhof geschlichen, daselber alle Gelegenheiten
auszuspeculieren, wie er mit seiner Gesellschaft einbrechen, stehlen oder sonst
einen Unrat anrichten könnte. Was sie auf den Dörfern oder Schlössern gemauset,
haben sie auf einen hohen Kirchturm getragen, auf welchem sie den hin und wider
Reisenden aufgepasset und grossen Schaden getan haben. Sie waren so listig, dass
gemeiniglich ihrer drei sich in lange Capuzinerröcke verkleideten. Wenn nun
jemand auf der Strassen geritten oder gegangen kam, eileten sie vor die Kirche,
baten um ein Almosen und gaben vor, dass in dieser Kapelle ein Miraculbild
anzutreffen wäre, dergleichen noch nie an keinem Ort des Teutschlandes gesehen
worden. Durch dieses lockten sie die Reisende an sich, und wenn solche in der
Kirche hin und wider umguckten oder die Orgel betrachteten, so verstimmten die
Vögel ihre Pfeifen, liefen zusammen und verschlossen die Türen. Also schnitten
sie manchem ehrlichen Kerl den Kragen ab und wurfen ihn hernach in eine alte
Gruft, wo weder Sonn noch Mond hinscheinen konnte.«
    Ich erinnerte mich aus der Rede des Advocatens, dass uns bei Herren
Wilhelmen, als wir seine Kapellen und den Altar mit der Amalien Bildnis
betrachteten, eben ein dergleichen Vagant mit seinem Clavichordio aufgestossen,
welcher sich vor einen alten und vertriebenen Organisten oder Schulmeister von
Weireck ausgegeben, hernach aber, als wir ihm genau auf die Kolbe gelauset und
ihn wegen der Musik examinieren wollten, in der Flucht seinen grauen und
angemachten Bart verloren, darum gaben wir auf die Erzählung des Advocats
genauere Achtung, weil er alle Sachen mit sonderlicher Bescheidenheit
vorzubringen wusste.
    »Wer ihn«, sprach der Advocat weiter, »die Zeit seines Lebens einmal
communicieren gesehen oder wer aufs wenigste nur weiss, dass er daran gedacht
habe, dem will ich tausend Taler schuldig sein und von dato an verinteressieren.
Auf den Almosenkasten in Kirchen hatte er unverwandte Augen, nicht, dass er etwas
hineinlegen, sondern dass er durch sein mit Vogelleim geschmiertes Fischbein aus
demselben die Pfennige herausfischen möchte. Ehe da wir noch Feinde zusammen
waren, ritt ich einsmals mit ihm übers Gebirg. Vor der Kapelle, die an der hohen
Spitze stehet, und da eine grosse Wallfahrt hin geschiehet, sass ein armer Mann,
welcher mit seinem Hut gegen unsere Pferde gegangen kam, ein christliches
Almosen zu fodern. Der Bartel sah schon, wieviel es geschlagen, und dass der
Bettler über einen halben Taler Pfennige und Kreuzer im Hut hatte, nahm ihm also
solchen geschwind aus der Hand; und ich hatte genug zu tun, dass ich ihm mit dem
Pferd den Wald hinein folgen konnte, weil uns viel Leute samt etlichen Bettlern
an der Krucken nachgelaufen sind. Ich habe mich über ein Jahr, aus Furcht,
angepacket zu werden, daselbst nicht dörfen blicken lassen, und weil ihn der
Bettler, dem er das Geld gestohlen, einen Spitzbuben hiess, nagelte er den leeren
Hut, als wir abends vor ein Hochgericht ritten, noch darzu an den Galgen.«
    Dieses redete der Advocat von dem liederlichen Leben des nunmehr mehr als
unglückseligen Bartels. Andere erzählten ein anders, aber lauter solche
Stücklein, daraus man wohl abnehmen können, dass sein Leib mit einer ziemlichen
Schelmenhaut überzogen gewesen. Und also verlief sich dazumal unsere
Zusammenkunft, weil man aus einem solchen Convent keine grosse Fechtsprüng tun
darf. Mir aber war nach Hinwegscheidung meiner guten Freunde nichts Angenehmers
als die Einsamkeit, und wo ich nur einen Bettler oder sonsten einen
landstreichenden Vaganten auf der Strasse oder vor meinem Schlösslein sah, der
musste mir um ein gutes Trankgeld seinen Lebenslauf erzählen, dadurch ich mir,
nebenst Anmerkung der besten Sachen, zugleich meine traurige Zeit trefflich
vertrieben habe.
    Einsmals, als ich ganz alleine sass und in dem Leben der alten Heiligen las,
wie elend und mühselig sie auf dieser Erden ihr Leben zugebracht, auch in was
grosser Verfolgung und Betrübnis sie unter den Menschen herumgewandert, kam mir
zugleich eine grosse Lust an, ihnen nachzuahmen, und ob ich mir gleich, ein
grosser Heiliger zu werden, nicht getrauete, noch viel weniger verlangte, dass
mein Name dermaleins sollte in den Calender gesetzet werden, wollte ich
nichtsdestoweniger so viel möglich mich aller Einfalt und Andacht befleissen, dass
ich zum wenigsten ein sichers Gewissen davontragen und meine Seligkeit desto
besser befördern könnte. Denn wenn ein frommes und gottseliges Leben keinen
andern Lohn zu gewarten hätte, so wäre doch dieses überflüssig, ja mehr als
genug, dass es gemeiniglich einen seligen Tod nach sich ziehet. Qualis vita, mors
ita, sagten die Alten; das ist: Wie das Leben, so ist gemeiniglich auch der Tod.
Wie der Körper, so ist sein Schatten, wie der Anfang, so das End. Diese Gedanken
unterhielten mich in grossem Vergnügen, und ich las mit Lust und Wunder, wie in
einer grausamen Wüsten der heilige St. Meinrad gelebet, welcher ehedessen am
Bodensee und zu Zürch ein Mönch und sehr wegen seines heiligen Lebens bekannt
gewesen.
    Indem kommt ein alter Mann vor das Tor, der verlangte von dem Torwärter ein
Almosen und gab sich zugleich aus vor einen alten Soldaten, der ehedessen unter
den Kaiserlichen und anderen gedienet hätte. Dieses machte mich, wie mein
Gebrauch war, begierig, seiner Erzählung absonderliche Audienz zu geben, rufte
ihn derohalben zu mir und fragte ihn, woher er wäre und warum er sich anitzo so
miserabel durchbringen müsste. »Ihr seid,« sagte ich, »wie ich höre, ehedessen
unter dem berufenen Wallensteiner ein Soldat gewesen?« - »Ja,« sagte er, »Herr,
ich bins gewesen, und warum es mir so übel geht, ist teils mein Alter,
allermeistens aber mein grosses Unvermögen und Armut daran schuldig, und Euer
Gestreng wissen wohl, wie es abgedankten und alten Soldaten zu gehen pfleget.
Turpe senex miles, ein alter Soldat taugt weder zu sieden noch zu braten, und
geht ihm wie dem Hund im Aesopo, welcher, nachdem er auf der Jagd seinen meisten
Fleiss und Mühe angewendet, auch sich sonsten seinem Herren in allem treu
erwiesen, endlich im hohen und unvermögenden Alter zum Puffer geschicket worden,
allwo man ihm seine getreue Haut für seine geleistete Dienste über die Ohren
abgezogen hat.«
    Als ich hörte, dass diesem Alten das Maulleder noch so hurtig und geschliffen
war, wies ich ihm einen Stuhl, dass er sich darauf setzte und mir mit seiner
ferneren Erzählung die Zeit vertriebe, doch dass es ohne seine Ungelegenheit
geschehe. »Es ist mir«, sagte er darauf, »ganz keine Ungelegenheit, sondern eine
hohe Ehre und stattliches Wohlgefallen, dass ich nicht allein in Gesellschaft
Euer Gestreng hier sitzen, sondern noch darzu von meiner heutigen Reise ein
wenig ausruhen kann.
    Der Baum, welcher keine Früchte tragen will, der gibt auch keine Blüte. Also
macht ichs in meiner Jugend, indem ich meinen Vater, welcher ein reicher Bauer
in einem nächst gelegenen Dorfe gewesen, im sauren Schweisse auf dem Felde
arbeiten lassen, da ich indessen in der Dorfschenke eines nach dem andern
ausgestochen und meine Pfeife Tobak dazu geschmauchet habe. Ich dachte, mit
Feiren würde man fett; aber ich sollte billig dabei gewusst haben, dass man auch
dadurch ins Verderben gerate. Also gewohnte ich das Junkern-Handwerk beizeiten,
und wenn meine Mutter dort und dar etwas einsammlete und einen guten Markttag
mit ihren Käsen, Butter und Eiern gehabt, so konnte ichs in einer halben Stunde
durch die Gurgel jagen, was sie kaum in vier Tagen mit grossem Fleiss und Mühe
gemolken und ausgebuttert hatte. Ich hängte mich an die allerliederlichsten
Schlingel in dem ganzen Dorf und verzehrte mit denselben nicht allein viel Geld,
sondern musste oft darzu bald auf diesem, bald auf jenem Kirchmesstag meinen Hut
und Rock zum Unterpfand in dem Stiche lassen. Mit der Karte wusste ich besser
umzuspringen als mit den abc-Blättern, und kannte den Pamphilius viel besser als
unsern Altar in der Kirchen, weil ich auf diese Stunde nicht weiss, was oder
welche Figur darauf gemalen war.
    Aus diesem Luder geriet ich immer in ein grössers, also dass ich zur
Bauerarbeit nunmehr ganz keine Lust hatte. Ich lernete demnach das
Schmiedehandwerk; und als die Lehrzeit herum war, freuete sich mein Meister viel
mehr als ich, weil er meiner los konnte werden, indem ich ihm zeit meiner Lehr
so viel und mannigfaltige Possen gerissen, dass ich unmöglich an alle gedenken
kann. Nach diesen Lehrjahren wanderte ich nach Dresden und arbeitete daselbst
vor dem Pirnischen Tore zwei Jahr, als gleich der Krieg im westfälischen Kreise
anging. Von da aus war ich willens, mit noch einem meinesgleichens ins Reich
hinauszuwandern und die Reichsstädte zu besehen, alsdann, wenn wir solches getan
hätten, wollten wir gar in Österreich, Ungarn und Siebenbürgen hineinreisen, dass
wir nicht unter den Burschen wie Maulaffen sitzen dörften, die von nichts als
solchen Geschichten zu reden wissen, die sich hinter dem Ofen in der Bratröhre
zugetragen haben.
    Demnach reiseten wir gen Erfurt im Türingerland. Als wir aber nach Weimar
kamen, gingen daselbst grosse Werbungen vor, und war fast kein Dorf, darinnen man
nicht das Kalbfell rühren hörte. Man hat etliche Handwerksbursche mit Gewalt auf
offener Strasse angepacket und sie Dienste anzunehmen wider ihren Willen
gezwungen. Ingleichem nahm man auch die Fronknechte und Salzkärrner hinweg, dass
wir also nirgends wohl einkehren oder uns sonsten haben dörfen sehen lassen.
Dennoch wollte es mit uns nicht hotten, sondern wurden von einem Corporal in
einem Wald ertappet, welcher in der erst gar mit gelinden Worten an uns kam. Ich
merkte wohl, auf was für eine Ziffer er seinen Zeiger stellen würde; darum
ergaben wir uns im guten, und bekam der Mann drei Reichstaler nebenst der
Mundierung auf die Hand. Also ward ich ein weimarischer Musquetierer und bekam
täglich drei Groschen, solange ich in derselben Gegend im Quartier lag.
    Dazumal war der Wallensteiner an der Weser sehr beschäftiget, darum kam der
Fürst von Weimar dem Braunschweiger zu Hülf und schickte zwei schöne und
wohlmundierte Regimenter an die Saale nach Bernburg. Von da aus gingen wir an
der Seite gegen dem Harze und so fort bis an ein Städtlein, welches schon
braunschweigisch war und Dernburg heisset. Unsere Obristen hatten von dem Fürsten
von Braunschweig an die Stadt eigenen Befelch und geschriebene Briefe, dass sie
uns einlassen sollten. Nichtsdestoweniger wiesen uns die Bürger spöttlich ab und
gaben weder auf unsere Obristen noch auf den geschriebenen fürstlichen Befelch
etwas, schossen auch endlich mit gezogenen Röhren von der Mauer und machten
unser mehr als funfzehen Kerl zuschanden.
    Dieser Frevel tat den Unsrigen, wie leichtlich zu erachten, sehr wehe. Die
Obristen zogen sich wieder zurück und schickten allentalben auf die Dörfer um
Speck, welcher in dem Lande häufig und wohlfeil zu bekommen war. Als man dessen
einen grossen Korb voll angebracht, musste solcher in gewisse Schnittlein, etwan
einer Hand lang und breit, geschnitten und alsdann dicht aneinander an das
Stadttor genagelt werden, welches sehr stark mit eisernen Bänden und Schlössern
versehen war. Nach solchem zündete man das Tor mit Schwefel und Pech an, und der
angenagelte Speck schlug dergestalten in die Flamme, dass, unerachtet in dem
darauf gebauten schönen Torhaus mit Bier und Wein von den Bürgern
heruntergegossen worden, solche nichtsdestoweniger nicht hat können gedämpfet
noch ausgelöschet werden. Durch dieses Speckfeuer wurden die Band mürb und
zerrissen. Innenher war noch ein Tor, aber nicht halb so fest als dieses,
jedennoch hatten die Bürger den Raum zwischen diesen beiden mit Wägen, Mist und
Leitern ziemlich verbauet und befestiget, welches aber alles zugleich in die
Flamm geraten ist. Durch dieses Mittel bemächtigten wir uns der Stadt mit
Gewalt, und war unter der Bürgerschaft grosse Confusion, weil fast an allen
Glocken Sturm ist geschlagen worden.
    Es haben sich ihrer nicht wenig in die Kirche retiriert, und dieselbe hatten
wir Befelch, allerdings zu verschonen und bei Verlust Leibs und Lebens nicht
anzugreifen. Aber sonsten war alles in die Rapuse gegeben, und wer am meisten
zugreifen konnte, der bekam auch das meiste. Die Kirche aber wurde mit einer
Salvaquarda versehen, worinnen sich die Vornehmsten der Stadt aufgehalten haben.
Ich war damals noch ein junger Gelbschnabel, der nicht gar übrig viel in der
Welt gesehen hatte, darum riss ich Maul und Augen auf, wie rips und raps alles
untereinander ging. Wie es andere Kameraden machten, so machte ichs auch und
liess die Waldvögelein für die Verantwortung sorgen. Da wurde keines Menschens
verschonet, und wer nicht wollte niedergebüchset werden, der hatte zu tun, dass
er sein Leben auf den Knien erbettelte.
    Wo es uns in einem Hause nicht anstund, liefen wir in das andere, und
geselleten sich immer sechs und sechse zusammen, welche sich in den Raub oder,
dass ich als ein Soldat rede, in die Beute teilten. Als wir nun unsern Beutel
aufs beste gespicket, sagte ein alter Tarnister, welcher vielleicht öfter als
einmal dabeigewesen: Nun laufet hin, wo Weinkränze heraushängen, und saufet euch
wacker voll! Das taten ich und mein Kamerad. Als wir aber vom Wein ganz
eingenommen und uns weder auf gestern noch morgen besinnen konnten, verkaufte
der alte Schelm das gestohlene Gut und sagte hernachmals, es wär ihm, als er
gleichwie wir in einem Keller gesessen, gestohlen und gemauset worden. So
liederlich kamen wir junge Bursche um die Beute und mussten uns von andern noch
auslachen lassen darzu. Des andern Morgens steckten wir das Städtlein in Brand
und zogen wieder ab, nachdem die Bürger und Inwohner sozusagen gleichsam im
Hemde sitzend zurückgelassen worden. Das hatten sie davon, dass sie auf uns ohne
Ursach Feuer gaben und den Befelch ihres Fürstens so geringschätzten.
    Bald darnach stiessen wir zu den Braunschweigischen, und wurde die ganze
Armee auf offenem Feld vom Fürsten selbst gemustert, allwo Compagnie vor
Compagnie durchgehen musste. Es war ein herrlich schön Volk, mit welchem allem
Ansehn nach ein grosser Sieg hätte können erhalten werden. Aber wenn das Unglück
im Spiel ist, so mischt man die Karte zu seinem eigenen Verderb, wie uns denn
bald drauf geschehen ist, als wir dem General Tilly an die Weser
entgegengegangen, der sich mit dem Wallensteiner conjungieren sollte. Er war
lang nicht so stark wie wir, und weil ein unsriger Obrister, wie man sagte,
unter dem Hütlein spielte, auch mit dem Feind in guter Bekanntschaft stund,
wurden am hellen Tage, innerhalb zwei kurzen Stunden, unser siebentausend bei
Iserlohn in Westfalen geschlagen und die andern in die Flucht getrieben.
    In diesem ersten Haupttreffen hatte ich auch ein Hauptunglück, und traf mich
ein recht jämmerlicher Zustand, indem ich nicht allein mit einer Kugel in den
linken Fuss, mit einer anderen in den Rückgrat geschossen, sondern mir noch darzu
von einem Croaten die Hirnschale fast entzweigespalten worden. Diesen Hieb,
welchen ich meines Zeichens hier habe,« - hiermit zeigte er mitten auf den
Wirbel - »schmerzet mich bis in mein hohes Alter und muss dadurch, gleichsam als
einen Calender, die Abwechselung des Monden und anderen Wetters erfahren.« Als
er bis daher geredet, trank ich ihm einen Becher Wein auf Gesundheit aller
rechtschaffenen Soldaten zu, damit er hernach desto frischer in seiner Erzählung
fortfahren konnte.
 
                                  XI. Capitul.
   Krachwedel wird verbunden, kommt unter die Buschklepper. Wie es ihm unter
                              denselben gegangen.
»Weiter,« sprach der Alte, als er einen recht pommerischen Zug getan hatte, »so
wurde ich auch in ebendiesem Treffen mit einem Huf eines Pferdes in die Seite
getreten, dass ich alle Augenblick vermeinte, es würde mir der Atem aussen
bleiben. Musste also unter vielen Toten schon halb begraben liegen und schätzte
jene viel glückseliger als mich, weil sie nunmehr schon waren, was ich so
vieltausendmal gewünschet habe, nämlich: tot und gestorben zu sein. Ehe da man
noch anfing, die Erlegten zu berauben, kam ein Trommelschläger auf die Walstatt,
der rufte aus, dass, wenn noch welcher unter den Geschlagenen vorhanden, der zwar
blessiert, aber dennoch noch getrauete, heil und gesund zu werden, der solle
sich aufmachen und ihm nachfolgen, weil er für dieselbe gutes und sichers
Quartier zu verschaffen von der Generalität beordert wäre. Also erhebten sich
unser andertalbhundert hier und da in die Höhe. Etliche aber, die zwar am Leben
noch frisch und gesund, aber doch wegen abgeschossenen Flechsen nicht auf die
Beine stehen, viel weniger sich von der Walstatt begeben konnten, mussten, so
sehr sie auch um Barmherzigkeit und Hülfe ruften, dennoch verlassen
zurückbleiben und elendiglich verderben. Mancher Bursche verschmachtete da mit
gesundem Magen, und wurden ihnen noch darzu die guten Kleider vom Leibe
gerissen. So geht es in dem Krieg her. Wer des andern Meister ist, der schiebt
ihn in den Sack.
    Folgende Nacht wurde in dem Tillyschen Lager trefflich geturniert und
gefrohlocket. Man hörte Trompeten, Pauken, Trommeln und Schalmeien pfeifen,
welches sie zu tun gute Ursach hatten, weil sie uns neben der herrlichen Victori
auch zugleich zwei schwere Wägen voll Geld abgenommen. Da ging alles in Floribus
her, und wurde durch die ganze Nacht Victori geblasen. Wir Gefangene aber
stunden nächst dabei in einem besondern Busch, kriegten aber weder zu fressen
noch zu saufen, weder zu nagen noch zu beissen und hatten dazu keinen Barbier,
der uns die Schäden besichtiget oder verbunden hätte. Darum gemahnte es mich mit
meinem und unserm Zustand natürlich an den reichen Mann im höllischen Feuer,
welcher nach seinen guten und fröhlichen Tagen, in höchster Dürftigkeit und
Armut, mit grosser Angst seines Herzens, die Freude des himmlischen Lebens
gesehen und darüber geseufzet hat.
    Ich hielt mich an eine halbe Pike, welche ich unversehens auf der Walstatt
aufgeraspelt hab. An solcher schwang ich mich der Armee nach, welche gegen
Münster aufgebrochen, dahin sechs starke Meilen waren. Was unter uns
gequetschten Leuten nicht folgen konnte, das musste auf der Strassen unterwegens
umfallen und zurücke bleiben. Ich aber kam mit grosser Mühe und höchstem
Schmerzen vor Münster ins Lager, und bedauerte nichts mehrers als etliche
Ducaten, die ich kurz vorhero zu Dernburg in der Plünderung geraubet, aber
nunmehr in der Schlacht wieder verloren hatte, welche mir ohne allen Zweifel
eben auf eine solche Art wieder herausgefischet worden, als ich sie eingestecket
hab.
    Besagte Beute bekam ich in Dernburg von einem Weinschenken, welchen ich und
mein Kamerad (von dem ich nicht wusste, auch noch nicht weiss, ob er dazumal
niedergehauen worden oder mit den Geschlagenen die Flucht genommen habe) in
einer Feuermauer, dahin er sich retirieret hatte, stecken fanden, als wir mit
einer langen Pike alle Löcher durchsuchten. Dieser Weinschenk war sonsten ein
Eisenfresser, der, wie man gesagt hat, alle Soldaten aufreiben wollte. Aber wie
sehr er für uns erschrocken und wie heftig er um sein Leben gebeten, ist nicht
möglich zu beschreiben. O Ihr Herren, sagte er, wer Ihr auch seid, verschonet
meines armen Lebens! Damit banden wir ihm die Hände, weil wir ihn viel mehr als
er uns gefürchtet haben, ja, wir waren so verzagt, dass, wenn er sich nur ein
wenig zur Wehr würde gestellet haben, wir ohne allen Zweifel wieder aus dem Haus
gelaufen wären, unerachtet sich alles für uns wie die Mäuse in die Löcher
verkrochen hatte und die Soldaten den Meister spieleten.
    Einen solchen Raub verlor ich ungern, zumal in einer so grossen Not, wie ich
dazumal recht über die Ohren darin stackte; aber wie gewonnen, so zerronnen. Wie
konnte ich mich über meinen Verlust gross beklagen, da ichs doch zuvor selber
von einem andern gestohlen? Musste also bei mir selbst erfahren, wie wohl es
demjenigen getan, dem ichs entfremdet habe. Also binden wir uns durch eigenen
Frevel oftmals eine Rute mit Gelächter und müssen hernachmals mit vielen Tränen
mit ebenderselbigen gestrafet und geschmissen werden. Dessen ich ein lebendiges
Exempel war.
    Wir wurden demnach vor dieser Stadt in freiem Feld schlecht genug verbunden.
Diejenige, welche der Barbier innerhalb sechs Wochen auf das längste zu heilen
getrauete, wurden auf eine Seite, die andern aber, mit welchen es etwas
gefährlicher aussah, auf die andere Seite gestellet. Die vorigen wurden
hernachmals in die Stadt geführet und nach ihrer Genesung untergestossen. Die
andere aber, unter welchen ich leider auch war, mit einer Passporte von dem Trupp
entlassen. Unsere Anzahl belief sich auf vierzig Personen, die allentalben sehr
lästerlich zugerichtet waren und ein erbärmliches Aussehen hatten. Ich will
zweifeln, ob all sein Leben lang ein so elender lazarinischer Haufen wie dazumal
beisammen gewesen. Dennoch mussten wir auf unsern Stelzen, Krücken und halben
Piken fortmarschieren und uns durch das Land betteln.
    Eines Abends, als wir nicht fern mehr von Osnabrück waren, kamen wir in
einem Buschwald unter einen Trupp Buschklepper, welches ein Art Gesindlein ist,
das nicht ärger noch schlimmer sein könnte. Diese Buschklepper sind gemeiniglich
solche Leute, die weder Freund noch Feind, weder Ausländische noch Einheimische
verschonen, sondern alles, was ihnen unter die Hand kommet, ohne Unterscheid
totschlagen und niedermachen. Nun ist leichtlich zu gedenken, wie es uns armen
Schelmen dazumal gegangen, als wir von funfzig dergleichen Gesellen zu beiden
Seiten des Waldes überfallen und angegriffen worden. Ich hatte einen Compan, mit
welchem ich auf der Strassen deswegen Kameradschaft gemachet, weil keiner unter
dem ganzen Haufen mir an dem langsamen Gang solche Gesellschaft wie er
geleistet, denn er konnte sowenig als ich nachfolgen. Also blieben wir beisammen
und mussten auch dazumal, indem sich unsere Gesellen teils da-, teils dortin in
den Wald salvieret und also hinkend entlaufen sind, alleine auf der Strasse
bleiben und herhalten.
    Man schlug uns beide wie die Ochsen darnieder, und wo mein guter Hut nicht
das Beste getan hätte, wollte ich um mein Leben keinen Pfenning gegeben haben.
Es waren ihrer zwei, welche sich über uns hergemachet, und der eine wollte immer
weiter in die Schrift, weil er, indem sie uns auskleideten, vermerket, dass wir
uns noch in etwas gerühret haben. Ei, Bruder, sagte der andere, wat wollen dese
trewe Tüfel maken? Se sind krum end lahm, wer wollen in der Pusch dat andere
Gesind utstüben, diese gute Fründe werden nicht davonlüfen. Damit eileten sie
gleich ihren Gesellen in den Busch hinein; da ging es an ein Schreien und
Klopfen, dass es erbärmlich war. Einer rufte: Hieher!, der andere: Daher!, der
dritte heulte, der vierte bat um Quartier, und wer wollte die Arten alle
erzählen, dadurch ein und anderer sein Leben zu retten gesuchet? Doch war alles
vergebens, und wurde niedergeschlagen, was man erhaschen konnte.
    Unter diesem währenden Tumult redete ich mit meinem Kameraden, was zu tun
wäre, und ob er mir nicht von der Stelle helfen könnte. Aber er war hierzu so
unvermögend als ich, weil wir uns beide sehr verblutet hatten. Dennoch bekamen
wir endlich so viel Kräfte, uns nicht fern von der Stelle, da wir gelegen, in
eine Grube zu verscharren, welche von oben bis unten mit abgefallenem Laub
angefüllet war. Dergleichen Gruben waren in selbigem Holze unzählig viel, und
ist ohne allen Zweifel das häufige Laub schon von vielen Jahren darinnen
gelegen. So gut wir in der Eil konnten, so gut scharreten wir uns daselber ein
und deckten uns mit dem Laub nach Kräften und Vermögen, damit unser daselbst
niemand möchte gewahr werden, weil die beide Gesellen miteinander verlassen
haben, bald wieder zurückzukommen und uns unsern übrigen Rest zu geben. Sie
kamen auch endlich an, und sprach einer zum andern: Wo sind de Kerls? de Kerls
hat der Tüfel geholt! Aber wir waren nicht so töricht, dass wir ihnen gepfiffen
noch uns in der Gruben gemeldet hätten. Es war auch dazumal viel ratsamer
schweigen als reden, und wie uns beiden zumut gewesen, ist leichtlich zu
erachten.
    Sie wendeten sich demnach wieder hinweg; und wir machten uns in tiefer Nacht
bei hellem Mondenschein durch das Holz so viel möglich von der Strassen und
suchten vielmehr entlegene Abwege, uns gegen Morgen zuwendend, weil wir willens
waren, uns nach Osnabrück zuzuwenden. Die Furcht und der Hunger trieben uns
gewaltig fort, und unsere Speis war anders nichts als Brombeer, welche wir in
den Hecken häufig gefunden und abgeklaubet haben. Unter Tages blieben wir
zuweilen an der heissen Sonne ein Stund oder drei liegen, und verband einer dem
andern seine Wunden, so gut es die Gelegenheit und unser Verstand mit sich
gebracht.
    In einem solchen Zustand führte uns endlich das Glück aus den Wäldern nahe
an Osnabrück hinan, welche Stadt wir von ferne mit grossen Freuden erblickt
haben. Wir kamen gleich um Mittag an das Tor, vor welchem eine grosse Wache von
Bürgern gestanden, die uns ziemlich scharf examinierten. Als sie aber
verstanden, dass wir aus ihrem Volk und vor Iserlohn geschlagen worden,
erforschten sie aus uns die Umstände, von welchen zwar in dem Land gesagt, aber
doch noch kein gewisser Bericht eingelaufen war. Denn in dergleichen Fällen und
nach geschehenem Treffen redet einer dies, der andere das, und nachdem der
Narrant einem Teil mehr als dem andern affectioniert ist, nachdem leget er auch
diesem mehr bei als dem andern. Wir aber sagten, was die klare Wahrheit an sich
selbst war, und wurden bald darauf vor einen ehrbaren Rat auf das Rataus
gefodert, daselber auszusagen, wie es eigentlich mit unserer Brigade vor
Iserlohn abgelaufen. Dahero erzählten wir unser grosses Unglück und den Schaden,
welchen wir innerhalb zwei Stunden empfunden, ganz umständlich, darüber sie sich
sehr betrübet haben. Man logierte uns darauf zu dem besten Barbier in der Stadt,
welcher uns nicht allein trefflich curierte, sondern auch sonsten überaus wohl
hielt. Hier schickt uns einer Kleider, der andere Essen, dorten wieder eine Frau
Geld und so fort, dass wir nicht allein einen gesunden Leib, sondern auch eine
gute Mundierung bekamen. Ich habe mein Leben lang nicht so wohl als bei
demselben Barbier gelebet, weil man uns allentalben aus der Stadt das Beste zu
essen und zu trinken zugeschicket hat.
    Solchergestalten genossen wir die Barmherzigkeit der Bürger eine ziemliche
Zeit, und weil uns diese Aufwartung trefflich wohl tat, machte sich jeder
kränker, als er war, damit wir dieser guten Tage noch länger geniessen möchten.
Oh, wie schluckten wir da die besten Hühner in uns! Da war Gesottens und
Gebratens genug, und schmeckte uns ein so stattliches Maulfutter um so viel
besser, weil wir ziemlich ausgehungert waren und eine geraume Zeit mit
Schmalhansen haben vor gut nehmen müssen. Nach dieser stattlichen Cur verehrte
man uns von dem Ratause eine Wegzehrung, weil wir vorgaben, wiederum zum
Regiment zu gehen. Aber unterwegens wandte sich jeder gegen seinem Heimat, mein
Kamerad gegen Holstein und ich wieder hieher, kam auch nach etlichen Wochen
glücklich an und liess mich kurz darauf aufs neue unter die Kaiserlichen
unterhalten, welche Armee dazumal wider den König in Dänemark ging.«
    Er erzählte mir hierauf so viel und mancherlei Sachen, dass ich davon ein
Buch von vierzig Bogen leichtlich zu schreiben getraut. Aber ich konnte wegen
meinen beifallenden Grillen nicht alles merken, was er vorbrachte. Und
dannenhero will ich auch mit dieser militarischen Erzählung vor diesmal
innenhalten, weil genugsam bekannt ist, wie blind und töricht die Jugend sei,
die sich so liederlich in Gefahr setzet und dem Kalbfell nachterminieret. Durch
den Degen, wo er klug geführet worden, ist mancher arme Teufel hoch gestiegen
und hat sich also samt den Seinen aus dem gemeinen Staub geschwungen, aber wie
rar und seltsam ein solches Glück, ja, wie sorgfältig und mühsam es zu erwerben
sei, braucht keiner Auslegung. Ein Musquetier und gemeiner Knecht, der immer auf
einer Saite fiedelt, das ist, der immer bei seiner Musquete dienen muss und keine
Beförderung zu hoffen hat, ist elender und verachteter als mancher Hund, dessen,
absonderlich heutzutage, von etlichem Frauenzimmer auf das allerbeste gepfleget
und gewartet wird. Er muss Tag und Nacht in Gefahr des Lebens stehen, hat
niemalen eine sichere Ruhe, muss, wenn er campiert und für Kälte nicht erfrieren
will, sich gleich dem wilden Vieh in die Erde vergraben. Seine Kleider faulen
ihm vor der Zeit vom Leibe, gerät stets in die allerliederlichste
Gesellschaften, muss in und zwischen Fluchern und Sakramentierern, Spielern,
Hurern und Ehebrechern seine Zeit zubringen. Sein Sold ist gering und ungewiss,
sein Zeitvertreib ist entweder Geld verspielen oder Hunger leiden. Findet
endlich und am Ausgang sein Grab hinter einem alten Zaun und ist glücklich, wenn
er unter so viel scharfen Kriegsreguln dem Galgen entlaufen kann.
    »Sehet,« sagte ich zu ihm, »so geht es endlich mit euch Musquetierern: alte
Soldaten, alte Bettler. Man schiesst euch krumm und lahm, aber man heilet euch
nicht wieder. Der Herr, für welchen ihr das Leben hingegeben, der reichet euch
endlich kein Stück Brot mehr; drum ist es besser, sich nicht liederlich dem
Krieg vertrauen. Ihr habt von grossem Glück zu sagen, dass Ihr dem Unwesen,
obschon mit ziemlich geflickter Haut, entkommen seid. Wer weiss, wieviel hundert
unter Euren Gesellen in den Nobiskrug gefahren sind? Ihr sollt Euch billig
darüber setzen und Euer Leben nach der Ordnung in gewisse Capitul zu Papier
bringen, weil sich darinnen mancher junger Phantast und ungeratener Schlingel
spiegeln und sich zugleich vor einem solchen Leben hüten könnte, dadurch er in
so schreckliche Gefahr Leibes und der Seelen geraten kann.«
    »Ich wills tun,« sprach er, »sobald ich ein wenig Gelegenheit dazu finde.«
Aber ich schlug ihm zu seinem Vorhaben mein Schlösslein vor, dass er zeit seiner
Beschreibung sich bei mir aufhalten und mit meinem Gesindtisch in der Hofstube
vorliebnehmen sollte, dazu er sich gar willig und gerne verstanden hat. Also
satzte ich ihn in mein Stüblein auf den Turm, gab ihm Feder, Dinte und Papier,
mit solchem all dasjenige umständlich zu entwerfen, was ihm hier und dar zeit
seines Lebens begegnet ist. Mit solchen Grillen vertrieb ich meine damalige
traurige Zeit. Sobald [er] vier oder fünf Bogen fertig hatte, las ichs hindurch,
und also continuierte er seine Arbeit sehr weitschichtig und umschweifig, weil
er ein gutes Maulfutter hatte und ich ihm an keiner Sache etwas abgehen liess.
    Unterweilen ging ich verkleidet auf die Dörfer herum und hörte bald diesen,
bald jenen Hochzeitbitter seine närrische Hochzeits- oder Leichensermon ablegen.
Wenn ich von solchem Vagieren ermüdet war, machte ich mich wieder zu meinem
Historico auf den Turm und exercierte mich daselbst auf allerlei Instrumenten,
weil ich treffliche Lust zu der Musik hatte, die in meiner Trauer meine
allermeiste Ergötzung war.
    Wenn aber ein Unglück kommt, so bleibt gemeiniglich das andere nicht lange
aussen. Ich hatte kaum den Trauermantel umgenommen und die Vergänglichkeit der
Erden rechtschaffen zu betrachten angefangen, als mir zugleich Zeitung kam, dass
dasjenige Gut, welches ich von meinem Vater als ein rechtmässiges Erb an mich
geerbet, in lichter Flamme in die Asche geleget worden. Solches geschah in einer
dunklen Nacht, in welcher ich zwar das Feuer auf meinem Turm wohl sehen, aber
mir doch nicht einbilden können, dass es mir gelten sollte. Nichtsdestoweniger
war die Sache allzu wahr. Aber ich achtete endlich den Verlust nicht gar gross,
weil ich ohnedem einen ziemlichen Ekel an den weltlichen Lumpereien getragen.
»Ach,« sagte ich, »wenn ich auch könnte, mit diesem verbrannten Hause meine üble
Affecten in die Asche legen! Wenn ich auch vermöchte, meine böse Begierden bis
auf den Grund zu verbrennen und auszurotten! Ich habe das Feuer wohl gesehen,
aber der Abscheu, welchen ich über meine Laster trage, ist viel grösser, als
welchen ich über diesen Brand empfunden.«
 
                                 XII. Capitul.
         Krachwedel erzählet etliche Historien, die ihm begegnet sind.
Ich wusste nicht, was mit dem abgebrannten Schloss anzufangen oder wegen dessen am
tunlichsten war, zumalen über dreihundert Hämmel, Schafe und Lämmer, zwanzig
stattliche Pferde und mehr als vierzig schöne Stück Rinder in der Flamme
verzehret worden. Es ist auch allen Bedienten, welche teils in den Hemden
entsprungen, ihr Sächlein daraufgegangen und von allem nichts als ein grosser
Schrank samt achtzehen Bettgewanden wie auch etliches Zinn- und Kupfergeschirr
gerettet worden. So hat auch der Haushalter in angehender Glut alle meine Bücher
- auf die ich sehr viel gehalten - in den Schlossgraben geworfen, allwo sie zwar
ziemlich verderbet, aber doch in dem Wasser, welches für grosser Hitze gesotten
hat, erhalten worden. Weil auch durch ebendiesen Graben ein kleiner Bach floss,
sind etliche von denselben weit aufs Land hinausgeschwummen und, wie zu
geschehen pfleget, zerrissen und verloren worden. Ich liess mir demnach zur
Verringerung meines Leides von dem alten Krachwedel, dem ich, weiss nicht, aus
was für einem Antrieb, absonderlich zugetan war, allerlei Historien erzählen;
und als er mir erzählte, was für ein abscheuliches Spectacul abgegeben, wenn die
Soldaten bald dieses, bald jenes Schloss abgebrannt und in die Asche geleget, und
dass in solchen nicht allein Pferd, Ochsen, Kühe und Schafe, sondern noch dazu
oftermalen die allerherrlichsten Gebäude und andere Kostbarkeiten wie auch zum
Teil viel und vornehme Menschen darinnen umkommen, schätzte ich mein
zugestossenes Unglück gegen solchen noch leidlich genug; denn indem wir von einem
fremden Unglücke hören, so lernen wir das eigene desto besser und geduldiger
ertragen.
    So tief ich auch dazumal in der Trauer stackte, verschrieb ich doch den
alten Organisten von Ollingen, welcher auch unter diejenige gehört, die nicht
viel zu vergessen haben. Deswegen hatte ich gemeiniglich allezeit am
allermeisten zu lachen, wenn ers aufs künstlichste machen wollte. Auf solches
verglich ich ihn mit den allervortrefflichsten Künstlern, die jemalen in der
Musik wären berühmt gewesen. Das gefiel ihm so wohl, dass er sich fast allezeit,
sooft ich ihn zu mir gerufen, den Bart scheren liess. Unterweilen musste er mir
auch erzählen, auf wen er das meiste hielte und welcher Musicus nach seinem
Gedünken der beste auf der Welt gewesen wäre. Da fing er an, von etlichen
Stadtpfeifern zu reden, daraus ich wohl abnehmen konnte, dass der gute Salpeter
weder Kunst noch Judicium in der Sache gehabt. Denn derjenigen Composition, die
er für die beste hielt, war voll Rossquinten und Hundsoctaven. Jedennoch hörte
ich seinem närrischen Geschwätze voller Grillen oft eine ganze Stund zu, und
wenn ich ihm dann zuweilen einen Salus zutrank, so war der Handel richtig.
Alsdann lobte er nicht allein die Allerliederlichste, mit welchen er ehedessen
auf einer Bierbank Brüderschaft gemacht hatte, sondern verachtete noch diese
dazu, auf die er das allermeiste hätte halten sollen.
    Wenn nun dieser wieder heimhauderte, so musste der alte Krachwedel hervor,
der mir dazumal mit seinen Erzählungen die allerangenehmste Kurzweil
verursachte. Unter andern erwähnte er einer Geschicht, die ihm einsmal, als er
bei einem Schloss auf Garnison geleget worden, begegnet. »Man hat mich
einsmals«, sprach er, »nicht weit von dem Rheinstrom commandiert, bei einem
Schloss Salvaguarde zu halten, weil sich die Witwe in demselben wegen der
dazumal im Lande hin und wider gehenden Parteien sehr geforchten. Das Schloss lag
in einer See, auf zwei gute Büchsenschuss, und ausser demselben stunden etwan neun
oder zehen zerstreute Häuser, darinnen ich dazumal mit einem Feldweibel, so von
der andern Partei commandiert war, mein Quartier hatte. Besagter Feldweibel ist
ehedessen ein Student gewesen und hat sich, weil er mit seinen Eltern nicht wohl
gestanden, unter die Fahne begeben. Wir kamen auch dazumal in gute Freundschaft,
und vertrauete einer dem andern gleichsam sein Herz. Wir kriegten aus dem Schloss
täglich sechs Essen samt dem besten Wein, und ich hab in vier Feldzügen nicht so
herrlich als etwan diese vier Monat allhier auf der Salvaguarde gelebet.
    In dem Schloss war nebenst der Witwe nur ein Hofschreiber, der das Hausgesind
regierte. Sie hatte vier Töchter, eine schöner als die andere, darunter die
mittleste Babel hiess. In diese Babel verliebte sich mein Kamerad, und sie sich
hinwider in ihn. Weil aber keine Gelegenheit war, dass sie einander ohne
sonderlichen Argwohn der Mutter haben sprechen können, gebrauchten sie sich
einer ganz unerhörten Gelegenheit. Sie zündete in ihrem Zimmer alle Nacht ein
gewisses Licht an, und mein Kamerad schwamm demselben Licht auf der See nach,
allwo sie am Gestad seiner gewartet oder ihn auch auf einer Steigleiter zu sich
ins Zimmer hinaufgebracht hat. Dieser Weg, gleichwie er gefährlich war, als
bekam er dem elenden Liebhaber überaus unglücklich. Denn einsmals, als der Wind
und Regen heftig stürmete, war er auf dem See oder vielmehr grossen Teiche in
gleicher Arbeit begriffen, seiner Liebsten zuzuschwimmen, aber der Wind löschte
das Licht im Fenster aus, also dass er in der Finster sich aus dem Wasserwirbel
nicht zu finden wusste. Ist also mitten auf demselben jämmerlich umkommen und hat
überaus heftig um Rettung geschrien, die man ihm unmöglich hat tun können. Man
hat ihn des andern Morgens ohne Kopf und ohne den rechten Arm auf dem Gestad
liegen funden, und ist ohne allen Zweifel von dem Wind so stark wider die Steine
geschlagen worden, die daselbst in grosser Menge lagen. Dieselbige Babel ist
hernachmals einem Lieutenant unter meiner Compagnie vermählet und nicht lang
nach ihrer Hochzeit unvorsichtig und aus Vexation von ihrem eigenen Manne mit
einer Pistole totgeschossen worden.
    Darnach, als ich wieder abzog, wurde ich in ein Städtlein an dem Rhein
geleget. Darinnen war ein Trommelschläger unter der Compagnie, desgleichen
Spassvogel unter dem ganzen Regiment nicht gewesen. Es konnte fast kein Mensch
vor der Hauptwache vorbeigehen, dem er nicht ein Klämperlein anhängte. Einsmals
bekommt er eine Katze, dieser band er ein Lauf-Feuer an den Schwanz, willens,
dadurch in der Stadt grosses Gelächter anzurichten, aber die Katze sprang mit
brennendem Schwanz unversehens in einen Strohstall, ist also das Städtlein, ehe
wir uns versehen, mit Feuer angangen, und sind mehr als vierzig Häuser in die
Asche geleget, ihm aber ist der Kopf abgehackt worden. Das hatte der Narr für
seine Schelmerei.
    Einesmals wurden unser zehen auf Partei commandiert, und weil ich das Land
in guter Erfahrung hatte, fassete ich mit meinen Leuten - denn ich war ihr
Führer - in einem alten, ruinierten Schlösslein auf einem hohen Berg Posto. Weil
nun der Feind mit der ganzen Armee sehr nahe stund, blieb ich dieselbe Nacht
daroben liegen, und sahen fast die ganze Nacht gegen die Wachtfeuer, die wir in
das flache Feld hinunter gar wohl sehen konnten. Damit wir aber nicht
ausgekundschaftet würden, liess ich nicht allein kein Licht oder Feuer anbrennen,
sondern stellete noch dazu einen Schildwächter vor den Eingang, da immer einer
den andern ablösete. Mitten in der Nacht geschah ein grosser Knall in dem Hof,
gleich als lösete einer eine Musquete. Da wir nun alle gelaufen kamen, zu sehen,
was es bedeutete, eröffnete sich ein Gewölb, aus welchem mehr als zwanzig Paar
Männer in langen Trauermänteln bekleidet heraus- und alle in einen Turm
hineingingen. Einer unter ihnen hatte ein weisses Kreuz auf dem Mantel, und
dieser blieb allein heraussen stehen, welcher uns aber so angst als die andern
alle gemacht. Denn er fing lichterlohe an zu brennen, mit nicht geringer
Entsetzung unserer aller, die wir da versammelt waren. Endlich und nach einer
guten halben Stund verschwund er allmählich samt dem Feuer, und des andern Tages
berichtete uns ein Bauer auf dem Rückweg, dass ehedessen und vor langen Jahren
ein Edelmann auf diesem Schloss gewohnet, der ein Ritter gewesen, der hätte im
Land mit seinem Mordbrennen viel hundert arme Leute gemachet, und also ging die
gemeine Mär im Lande, dass er deswegen bis an den Jüngsten Tag brennen solle. Es
hätten auch ihrer viel auf den Berg bauen und das eingefallene Nest ausbessern
wollen, was man aber des Tages hinangesetzet, das wäre abends wieder
eingeschossen, und also alle Mühe der Arbeiter umsonst und vergebens gewesen.
    Nicht lange darnach wurde ich mit sechs Musquetierern geschicket, einen
Mörder und Strassenräuber einzuholen, der sich in einem Freitof auf hielt und
daselbst den Vorüberreisenden auf den Dienst lauerte. Wir wussten wohl, dass die
recht abgerichteten Mäuser gemeiniglich nachtszeit ausgingen, denn der Landmann
reiset, wenns unsicher ist, niemals lieber als in der Nacht. Und weil das
Sprichwort saget: Surgunt de nocte latrones, als kamen wir bei heller Sonne,
durch einen Wagner, welchen er kurz zuvor ausgeraubet hatte, begleitet, an den
Freitof, weil wir den Vogel im Nest finden und die Federn rupfen wollten. Die
Mauer war allentalben so niedrig und niedergefallen, dass man ohne sonderliche
Mühe gar leicht darüberspringen konnte. Eileten demnach alle zugleich mit
aufgepasstem Lunten gegen dem Beinhäuslein, weil er sich unsers Erachtens sonst
nirgends aufhalten konnte. Indem wir aber hineinfallen und mit gleichem
Feldgeschrei ihn anzugreifen vermeinten, war er doch nirgends weniger als da zu
finden. Er verriet sich aber selbst, denn der Wagner sah ihn mit dem Kopfe aus
einem Grab hervorgucken, allwo er eigentlich sein Logament hatte. Er konnte den
Grabstein so künstlich wieder über sich wenden, dass wir grosse Mühe brauchten,
ihm aufs Lebendige zu kommen. Nichtsdestoweniger wehrte er sich tapfer heraus
und schoss einen Musquetier mit zweien Kugeln in die Schulter, davon ihm sein
Gewehr und aller Mut entfallen. Er kriegte, als er sich mit Gutem nicht geben
wollte, vier Schüsse. Aber er war einer mit harten Haaren, darum wendeten wir
die Musqueten um, und weil er nicht würdig war, in einem so ehrlichen Grab
umzukommen, schleppten wir ihn mit uns; und unerachtet er auf die Folter kam, zu
sagen, wo er seinen geraubten Schatz verborgen hätte, sagte er doch keinen Grund
noch Wahrheit, sondern nur bloss, dass er all sein Geld, Kleinodien, Gold und
Geschmeide in Vögelnester auf hohe Bäume eingetragen; wo es aber geschehen,
damit wollte er nicht heraus und liess sich also von unten bis oben aus rädern,
welches vielleicht nicht geschehen wäre, wenn er die Wahrheit mit Gutem
bekennet. Dannenhero geschah es, dass die, so am besten steigen konnten, von den
Obristen bald da-, bald dortin in die Wälder, wo man meinte, dass er sich
aufgehalten, ausgeschickt wurden, den Schatz aufzusuchen. Aber etliche gingen
unter dieser erwünschten Gelegenheit heimlich durch und rissen aus, die andern
brachten nichts zurück als etwan ein zerrissenes Paar Hosen oder wohl gar einen
abgebrochenen Arm. Dieser Mörder hat zwar wenig Leute ums Leben gebracht, denn
er hat ihnen nur die Zungen und beide Hände abgeschnitten. Warum er aber solches
getan, gab er zur Antwort, damit sie ihn weder mündlich noch schriftlich
verraten konnten. Zum Teil gab er sich auch vor einen Oculisten aus, und wenn
sich die Einfältigen von ihm betrügen liessen, stach er ihnen die Augen aus dem
Kopf. Das hiesse, die Blinden sehend machen.
    Es geschah nicht lang darnach, dass ein Malergesell bei demselben Freitof
vorbeiwanderte und aus dem Brunnen, der nächst an dem Berg herausquillet, sich
mit seinem Geleitsmann erfrischte. Da sieht er ungefähr in diesem Beinhäuslein
einen recht saubern Totenkopf; und damit er solchen abconterfeien möchte, nahm
er solchen heraus, fand aber, dass er ziemlich schwer war. Als er ihn umwandte,
fielen etliche Ducaten heraus, darob er ganz erstaunte. Eilete
nichtsdestoweniger in die nächste Stadt und zeigets der Obrigkeit an. Das
Gericht suchte darauf in dem Beinhäuslein nach, und weil man fast alle Köpfe
voll Gold und Geschmeid fand, wurde der mit Gold angefüllte Totenkopf dem
Malerbürschlein gelassen, damit ihm besser geholfen war als mit dem neu
herausgegangenen Illuminierbüchlein.«
    Diese und dergleichen Historien erzählte mir der alte Krachwedel (so hiess
sein Name) etliche nacheinander, die nicht unangenehm zu hören waren. Daraus
kann der Leser leichtlich urteilen, wie ich nicht übelgetan, dass ich ihn in
seinem hohen Alter zu meiner eigenen Belustigung aufgenommen und ihm die
Beschreibung seiner Geschichte aufgetragen habe. Denn solche war mit unzähligen
solchen Erzählungen umschweifig ausgeführet und mit solcher Lust angefüllet,
davon ich alle Zufriedenheit geniessen konnte. Erhält doch wohl mancher vom Adel
oder sonsten ein grosser Herr einen liederlichen und nichtswürdigen Diener, der
ihm nicht allein das Brot vergebens wegfrisst, sondern ihn noch dazu verrätet und
verkauft. Was soll ich denn deswegen zu strafen sein, dass ich diesen alten und
verlassenen Soldaten so gar sollte verstossen und verjagt haben, zumalen ich in
seiner Erhaltung viel mehr ein Almosen als unnötige Kosten angewendet habe. Ja,
wie der Leser hernach verstehen wird, hat vielleicht solches aus einem
sonderlichen Geschicke sein müssen, dessen Ursach auch der Allerklügste nicht
auflösen kann. Darum, so brauchte ich diesen guten Wer-da? zu meiner
Zeitverkürzung, davon er weiter nichts als mein Bisslein Brot genossen und
zuweilen einen alten Lappen davongetragen. Und wenn ich noch einen, gleichwie er
gewesen, im Land gewusst, so hätte ich solchen gleich ihm zu mir genommen; denn
dergleichen Leute taugten trefflich nach meinem Humor und waren mit einer Pfeife
Tobak weiter zu bringen als ein anderer Grillhans mit einer Handvoll halben
Taler. Dennoch kam das Geschrei von mir aus, als hielte ich überflüssige Leute
und verzehrte mein Gütlein in Saus und Braus. Wie fröhlich ich aber dazumal
gewesen, ist niemand besser als mir selbst bewusst. Doch bin ich nicht schuldig,
jemand davon Rechenschaft zu geben; denn das Gut war mein und nicht einem
andern, drum lebte ich, wie mirs, und nicht, wie es einem andern wohl anstünde.
Und je mehr ich hörte, dass man von meinem Tractieren redete, je besser liess ich
auftragen, lud auch wohl diese noch dazu zu Gast, die das allergrösste Geschrei
davon gemacht hatten.
 
                                  Viertes Buch
                                  I. Capitul.
       Philipp weiss nicht, soll er nach Hof oder in Stadtdiensten gehen.
Es ist allbereit viel von meinem Leidwesen mit untergelaufen, und gleichwie sich
das Glück mit mir verwechselt hat, also habe ich auch diese Geschicht
untereinander vermischet, weil unser Leben wie das Wetter allerlei Abwechslungen
unterworfen ist. Mancher tanzet heut auf einer lustigen Hochzeit hüpfende
Gavotten, und morgen sitzet er traurig hinter dem Ofen, hält den Kopf in die
Hand und kalmeusert mit sich selbst, dass er gestern so viel Geld ad patres
gejaget hat. Mancher sitzet heute bei einem Korb voll Nüsse, er beisset solche in
grosser Anzahl mit spitzigen Zähnen auf, und morgen klaget er, wie hart es ihm
sei, an einem Bissen Brot zu nagen. Heute sieht man manchen Soldaten ganze
Städte umreissen, Dörfer verschlingen und Vestungen verschlucken, morgen sitzet
er mit vielen Wunden bei dem Barbier und saget: Nulla salus bello, im Krieg
gibts nichts zu saufen. Heute rüstet sich mancher zu einer fernen Reise, aber
morgen ist ihm das Wetter zu windig, leget also seinen saccum per paccum &
nakum wieder von dem Buckel und brätet dafür Äpfel und Birn hinter dem Ofen,
damit seine alte Mutter bei ihrem Spinnrad eine angenehme Unterredung geniesse.
Also findet man auch Reiter, die am Morgen satteln und erst am Abend ausreiten.
Mancher schicket sein kostbares Zeug zu dem Schneider, dass er ihm daraus
verfertige ein schönes a la mode Paar Hosen, mit vielen Bändern und breiten
Nesteln beheftet. Da man aber zum Fenster aussiehet und fraget, ob der Meister
Nickel noch nicht fertig sei, siehe, da bringt anstatt des Schneiders der
Tischer einen grossen Schreck die Gasse daher, das ist nichts anders als ein
Totensarg. Da hänget das ganze Kleid beisammen, und geht einem der Rock über
die Nase zusamm. Heute weiss mancher nicht, was er aus grosser Freude vor Sprünge
tun wolle, morgen räufet er sich die Haar aus dem Bart oder aus seiner Parüquen
und gibt keinem Menschen ein gut Wort. Oh, wie geschwinde ziehet mancher die
Pfeife ein! Heute stimmt mancher seine Geige in Discant hinauf, morgen lassen
die Saiten nach, dass also der ganze Resonanz im Bass darunten lieget. Ich kann es
mit meinem eigenen Exempel bezeugen, dass ich manchen Stutzer in Städten gesehen,
die sich mit Dienern versehen und sonsten in allem sehr prächtig gehalten haben.
Es währete nicht lang, dass ich sie hernachmals dort und dar in dem Lande halb
nackicht daherhaudern gesehen. Manches stolzes Mägdlein bildet sich hohe Berge
ein, sie will keinen andern als einen Doctor heiraten. Sie saget zu sich selbst:
Diesen oder sonst keinen will ich haben!, und indem sie heute mit lauter Doctorn
und Sekretarien zu tun hat, so bekommt sie morgen einen kahlen Pedanten und
Dinten-Jubilierer.
    Und gleichwie sich die äusserlichen Zustände bald verwechseln, also hat es
auch mit unsern innerlichen Übungen keinen langen Bestand. Heute singen wir:
»Herzlich tut mich verlangen« und morgen: »Das Geldlein zu empfangen.« Heute
heisset es: »Adieu, o Welt!« und morgen: »Ach, hätt ich Geld!« Heute spricht man:
»O Christ, es muss gestorben sein!« und morgen: »Runda, runda, ein Gläslein
Wein!« Heute will man ein Mönch werden, und morgen hat man anstatt des Breviarii
Romani ein Weib am Hals, damit muss man psallieren, choralieren, figuralieren und
solmisieren, bis dass der Tod die Finalcadenz tactiert. Mancher hört zur Kirche
läuten, er geht auch aus, der Predigt zuzuhören, da aber indessen in seinem
Hause was Wichtiges vorfället und sein Jung ihn suchen muss, kann er ihn nirgends
als in dem Weinkeller finden. Und weil man dort den Prediger nicht hören kann,
so heget man doch geistliche Gedanken und trinket seine Gesundheit. Also
verlischet die eifrige Andacht, wo man zu viel Wein in die Kehle flösset.
    Also ist in der Welt ein stete Unordnung und verwirrter Zustand. Einer
steigt, der andere fällt. Bald steiget der Gefallene, und der Gestiegene fällt
eben in den Mist, darinnen der vorige gestecket hat. Man lieset von zweien hohen
Ministris an dem königlichen Hofe in Frankreich, dass einer den andern von seiner
Charge gebracht, wie denn nichts Gemeiners ist, dass, wenn einer steigt, der
andere fallen muss. Als sie nun an einer hohen Treppe aneinander begegnet, sprach
einer zum andern: »Monsieur, wie stehets bei Hof?« Der Gefragte antwortete:
»Mein Herr, wie Er sieht, Er steiget hinauf und ich hinunter!« Ist also dieser
Zustand sehr klug zweien Wassereimern verglichen worden. Denn indem der volle
aus dem Brunnen gezogen wird, fället der leere hinunter. Heisst also billig:
Sursum, deorsum, bald über, bald unter sich, wie die Wellen auf dem Meer mit den
Schiffen spielen. Drum ist derjenige glückselig, der sich im Wohlstand nicht zu
sehr erhebt und sich selbst ein üppiges Gloria in excelsis anstimmet und der
auch in Widerwärtigkeit nicht flugs den grausamen Vers aus dem Virgilio:
Flectere si nequeam superos, Acheronta movebo ergreifet, sondern fein piano und
caute (einer sagte cauda) zu handeln und umzuspringen weiss.
    Diese allgemeine Verwechslung empfand ich dazumal nicht allein, sondern die
meisten in unserer Gesellschaft, absonderlich aber Herr Philipp, welcher von
einem Fürsten Vocation hatte, auf seinen Hof zu kommen und daselber einen
vornehmen Dienst zu versehen. Ich gab ihm zu solchem Vorhaben meinen getreuen
Rat, und ob ich gleich niemalen zu Hofe gewesen, stellete ich ihm doch alle
solche Sachen reiflich vor Augen, um welcher willen man sonsten das Hofleben zu
fliehen pfleget. Er kam in meiner höchsten Trauer selber zu mir, und ich sagte
ihm mit Fleiss, dass er sich wohl vorsehen und bei Hof nicht gar zu viel trauen
sollte. »Du bist«, sagte ich, »bis anhero unter frommen Schafen gewesen, anitzo
gehest du unter Füchse und Wölfe, die dir, wo du nicht wohl Achtung gibst, die
Haut über die Ohren abziehen werden. Wer sein eigen sein kann und keinem Herrn
aufwarten darf, den schätze ich viel glückseliger als den Fürsten selbst,
welchen du zu bedienen nun unterfängest. Du hast mir zwar zugleich erzählet, dass
dir gleicherweise in einer grossen Stadt eine vornehme Ehrenstelle angetragen
worden. Schlägst du alles beides aus, so machst du dich beiderseits verdächtig,
und man würde sagen, dass du nicht sowohl der Freiheit als einer angemassten
Faulheit nachgingest. Gehest du in die Stadt zu deinem Ehrenamt, so stössest du
den Fürsten vor den Kopf, gehest du nach Hofe, so wird es in der Stadt etliche
Hirnrunzel abgeben, welche sich deinetwegen aufziehen werden.
    Weil demnach auf beiden Wegen dein und der Deinen sonderliches Interesse
dahinter stecket, so gehe lieber nach Hof. Du bist einer vom Adel, und also
dienest du billiger einem Potentaten als gemeinen Bürgern, welche zwar von mir
nicht verachtet, sondern in diesem Fall nur geringer als der Fürst geschätzet
werden. Du weisst wohl, wie hart es sei, sich in viel Köpfe schicken können; und
pfeifest du in der Stadt nicht einem jeden, wie er darnach tanzen kann, so
werden sie dir die Geige bald über dem Kopf zusammenschlagen. In der erste
werden die Bürger mit dir umgehen wie mit einer jungen Braut; einer wird dir
dieses, der andere jenes versprechen. Da wird es heissen: viel Geschrei, wenig
Woll. Du wirst dort und dar zu Gast geladen werden, und wenn du nicht einem
jeden einen sonderlichen Ehrenpsalm davon machest, so werden sie alsdann sagen,
dass du der allerundankbareste Gast auf der ganzen Welt seist. Wenn du nun
solches, wie billig, nicht leiden willst und dich defendierest, so werden sie
gar sagen und keinen Scheu haben dich zu heissen einen unverschämten Gesellen,
der kein Beneficium erkennen kann.
    Ach, lieber Bruder Philipp, ich weiss nur gar zu wohl, wie unhöfliche Socios
es anitzo in manchen Städten gibt. Du kannst keinen Tritt über die Gasse tun, so
werden schon an einer Ecke ein paar Gesellen ohne G beisammenstehen und dich
durch alle Prædicamenta durchziehen. Einer wird sagen, man hätte deine Stelle
wohl mit einem Bürgerskind aus der Stadt versehen und besetzen können. Der
andere wird sagen, du seist nur das fünfte Rad am Wagen und man brauchte dich
so wenig als den Schellensechser im Piquet-Spiel. Dort wird eine lausige Zofe
(wie diese durch den Buchstabwechsel heisset, das weisst du schon) zu einem
Fenster ausgucken und über deine Parüque lachen, die doch, wenn man ihr auf den
Grindkopf greifet, gemeiniglich eine Handvoll Läuse los wird. Ein anderer wird
deinen Adel verspotten, nur darum, weil sein Vater ein Meister Schuster oder ein
Bartel-flickt-mir-die-Hosen ist. Wäre er aber wie du vom Adel, so hielte ers
mit dir, und also macht ihn der Neid zum höhnischen Narren, bis ihn sein leeres
Gelächter, so er wegen deines Herkommens führet, selbst verdriesset. Andere
werden sich unterstehen, deine Gelehrsamkeit zu tadeln, und wenn man sie in
ebendemselbigen Augenblick fragen und examinieren würde, so würden die Esel
dastehen wie der Schulmeister auf der Kanzel, der nicht weiter gekonnt und die
Bauern Flegel geheissen hat, dass sie ihn hinaufgenötiget.
    Siehest du, lieber Bruder, so wird dirs in der Stadt gehen, und dieses ist
noch das Allerwenigste gegen dem, was sonsten unter deinesgleichens vorlaufen
möchte. Es wird selten ein gemeiner Mann ein Convivium oder Gastmahl
celebrieren, da du nicht über die Pritsche springen musst. Alle deine Handlungen
werden durch die Hechel müssen. Der Schneider wird sagen, du und dein Leib
schickten sich durchaus in kein Kleid. Der Schuster wird sagen, du trätest alle
deine Schuh schrecklich krumm. Der Huter wird vorgeben, dein Hut sehe aus wie
der Babylonische Turm und hinge seine Flügel wie eine alte und verlahmte
Wettergans. Der Krämer wird sagen, du seist ein alter Salpeter, der noch in der
alten Welt bei dem Prisciano Pfeffer gestossen hätte, hieltest dannenhero nichts
auf die neue und recht galante Mode. Der Zuckerbäcker wird dich einer alten
Ziege vergleichen, die gerne Salz, aber keinen Zucker frisst. Der Bierbrauer wird
dich einen Weinschlauch heissen, weil du ihm so wenig Geld zuträgst. Der
Spielmann wird sagen, du seist ein abgeschmackter Podagricus, der sich das
ganze Jahr keinen Tanz aufgeigen lasse. Der Glaser wird über deine Fenster
lachen, dass du keine durchsichtige und hübsche grosse Scheiben einsetzen lässest.
Die Comödianten werden dich einen sauersichtigen Krummschnabel nennen, weil du
nit viel auf die Pickelheringspossen haltest. Das Frauenzimmer selbst wird ihre
Lobrede, deine Person und Qualitäten betreffend, nit sparen, und wenn du dich
gegen demselben nicht zu allen Zeiten und an allen Orten aufwartsam mit
Verehrungen und dergleichen Schosen einfindest, so musst du bald ein karger
Stiegelfritz und Pechfarzer sein, der nicht weiss, was der Welt Sitten und
Statuten mit sich bringen. Die Klingen- und Degenschmiede werden dich weidlich
auslachen, dass du deines seligen Grossvaters alten Degen trägest. Und wenn du dem
Cantor am neuen Jahr nicht eine hauptsächliche Verehrung gibst, so wird man bald
hören, du wärest ein schlimmer Christ und durchaus kein Liebhaber der edelen
Kunst Musica.
    Spendierest du aber wacker, da wird kein Mensch mehr Qualitäten als eben du
an sich haben. Ha! werden die Leute sagen, ist das nicht ein wackerer Monsieur,
ist das nicht ein Statist? ist das nicht ein excellenter Kopf? Seinesgleichens
ist niemals in der Stadt gewesen und wird auch nicht mehr hereinkommen. Die
Schneider werden dir das Mass allezeit mit rotem Taffetband nehmen. Der Barbier
wird, sooft du dich putzen lässest, sein bestes und mit Silber beschlagenes
Schermesser hervorziehen. Der Schuhmacher wird, wenn er dir das Mass nimmt, auf
die Knie niederfallen und deinen Fuss mit gerunzelter Stirn betrachten, wie
derjenige getan, so des Apelles Bild ausjudicieren müssen. Die Kaufleute und
Apoteker werden alle ihre Mahn- und Arzeneizettul auf übergüldetes Papier
schreiben. Der Buchbinder wird dir alle Bücher mit güldenem Schnitt liefern. Der
Director auf dem Chor wird dir alle Texte, die er des Sonn- oder Feiertages
musiciert, abgeschrieben in deinen Kirchstuhl schicken. Alle Studenten und
andere, welchen daran gelegen ist, werden dir, vor einem andern, ihre
Stammregister präsentieren und um eine gnädige Inscription supplicieren. Da
kannst du dich alsdann auf eine geschwinde Antwort gefasst machen, denn die Kerl
reden so abscheulich geschwind lateinisch, dass mans kaum, weil mans nicht
verstehet, beantworten kann. Du musst aber sonst nichts mit ihnen reden, denn sie
können nichts mehr als ihren Vortrag, darnach eilen sie dem Wirtshause zu und
nehmen auf den grossen Schröcken ein Glas Wein ein.«
 
                                  II. Capitul.
 Verfluchet das Hof- und Stadtleben. Auf dem Turm erhebt sich ein Scharmützel.
»Siehe, mein herzlieber Bruder, so wird es dir gehen, wenn du in der Stadt dein
Amt, dazu du berufen bist, betreten wirst. Es wird dir gehen wie einem Pelz:
solange du Haar hast, wirst du gelobet und mit Händen gestrichen; fallen sie dir
aus, so heisset und hält man dich für einen abgeschabenen Fuchsschwanz, der
nirgend zu nutzet, als dass man die Fliegen damit davonjaget und totschläget, mit
welchem die Kinder auf der Gassen zu spielen und ihn in allen Kotlaken
herumzuschleppen pflegen. Darum so gehe lieber nach Hofe. Dort setzet es immer
gute Tage und heisset: Ecce quam bonum & quam jucundum! Zudem, so bist du
kein Essigkrug, der etwan keinen Scherz, welcher bei Hofe tausendfältig
vorzulaufen pfleget, verstehen könnte, du bist gedrechslet genug, die Stichreden
einzunehmen und wieder gute Kopfnüsse auszugeben. So taugest du auch, wie ich
sehe, viel besser nach Hof als in eine Stadt, wo man nur immer gegen die Erde
sehen und die Pflastersteine zählen muss, wenn man nicht will für leichtfertig
und ausgelassen angesehen sein. Du wirst auch, wie man wohl sieht, kein grosser
Heiliger irgend in einem Kloster werden, sonst hätte ich dir schon einen Namen
erdacht, und man müsste dich heissen Sanct Echo, und dein Kupferstich müsste in
ebendieser Figur gezeichnet werden, wie du in deiner Einsiedlerei in den Bach
hinuntergefallen und hernach ganz nackicht, als die Amalia durch den Wald
geritten, an der Sonne gestanden bist.
    Zwar es hat ein jeder seinen Kopf vor sich, wie der Pfaff am Kalenberg
gesagt hat. Dir aber stehet meines Erachtens der Hof und dessen Gebräuche etwas
besser an, weil du nicht gar eingezogen leben kannst. Man dörfte dir in der
Stadt wegen einer schlechten Ursach das Allerübelste auf dem Rücken nachreden,
denn du siehest und hörest genugsam, dass man daselbst manchem sechse Schuld
gibt, und sind zwölfe wahr. Man sagt sonst in dem Sprichwort: Es wird nichts
jemal so klein gesponnen, es kommt doch an die Sonnen; aber in Städten heisset es
anitzo: es wird nichts getan die ganze Wochen, es wird dem Rat doch
aufgestochen. Der dir die allergeschmiertesten Wort gibt, der wird dich am
ersten in die Pfann hauen, und wo du das Hälmlein nicht einem jeden durch das
Maul streichest oder deine Pfeife nach ihrem Schnabel spitzest, so trummelt man
dich wieder hinaus, worein man dich zuvor mit so vielen Liebkosungen gelocket
hat. Aber zu Hofe hast du keine solche Hudeleien zu beförchten, und ob man
daselbst gleich so wenig als in den grossen Städten reines Garn zu spinnen
pfleget, hat man sich doch um keine schuster- noch schneiderhaftige Ungunsten zu
beförchten, und da der Bürgermeister in der Stadt vor dir den Hut auf seinem
Schädel sitzen lässet, muss er solchen zu Hofe vor dir unter die Arme nehmen und
zu einem jeden Paragrapho, den er mit dir redet, ein spanisches Compliment
machen.
    Diese Ehre, ob sie schon kein grosses Interesse auf ihrem Capital stehen hat,
schätze ich doch höher als tausend Specie-Kronen, absonderlich an einem solchen
Menschen, wie du bist, der ohnedem genugsame Mittel hat, sein Corpumpus in der
Welt durchzubringen. Es ist besser, dass man dich mit vier Pferden nacher Hof
begleitet und dich in einer schönen Kutsche dahin führet, als wenn [du] in der
Stadt [von einem] Schreiber, dem der Mantel wie eine Abwaschhadern (oder wie die
Hochteutsche reden, ein Waschlappen) an dem Rücken hänget, auf das Rataus zu
gehen beordret wirst. Es ist viel köstlicher, wenn du zu Hofe bei einer
wohlgedeckten Tafel in einer währenden schönen und lieblichen Musik dich
entaltest, als wenn du in der Stadt bald von einem Kürschner, bald von einem
Weissgerber zu seiner Hochzeit geladen wirst, wo man statt der Fasanen gebratene
Spatzen oder Ämmerlinge aufsetzet und statt des Confects rot und gelb gemalten
Kinderzucker daherbringet, und statt der köstlichen Musik werden dir die
Spielleute die Ohren so vollkratzen, dass, wenn du nicht bald darauf schröpfen
lässest, dir eine gefährliche Krankheit oder der Verlust des Gehörs darüber zu
beförchten ist.«
    Solche und dergleichen Reden führte ich mit Philippen, welcher, ob er
sonsten schon ein fähiges Ingenium hatte, sich dennoch in dieser Sache nicht
geschwinde entschliessen konnte. Endlich liess er sich meinen Vortrag und gute
Meinung gefallen, dankte mir als seinem wertesten Bruder und getreuesten
Bonamico, schied also davon und ging nach Hof, nachdem ich ihm zuvor heimlich
ins Ohr geblasen, dass er den Sentenz fleissig lernen solle, welcher in der
Hof-Grammatica der allernötigste zu wissen sei, nämlich: Patienter ferre
ignominias & magnas agere gratias, das heisset, wenn man einem bei Hof den
Rock stiehlt, so solle man nicht darüber eifern, sondern auch den Mantel darzu
hingeben.
    »Du gehest in einen Ofen,« sagte ich, »je besser dein Gemüt ist, je ärger
wird es geschmolzen werden.« - »Siehest du,« sprach er, »du willst nicht, dass
ich in die Stadt gehe, und verleidest mir den Hof!« - »Ja,« antwortete ich,
»lieber Bruder, der Prügel liegt überall bei dem Hunde; greif zu, wo du willst,
es ist Gefahr dabei.« - »Ergo«, sagte er, »inter duo mala melius eligendum, ich
will nach Hof!« Damit sprengte er mit seinem Pferde lustig über das Feld hinüber
und schoss seine Pistolen los, welchen ich mit den meinigen durch das Fenster
geantwortet habe.
    Nach seinem Hinscheiden stieg ich wieder zu meinem Historicus auf den Turm
hinauf, welcher, weil er schon ziemlich alt und von Kräften war, trefflich
langsam schrieb. Aber mein Schreiber meinte, er hätte den Vorteil doch nicht
vergessen, welchen er samt seinem Kameraden zu Osnabrück gelernet, da sie bei
dem Barbier so gute Tage celebrieret, nachdem sie zuvor vor Iserlohn in
Westfalen geschlagen worden. Und es kann wohl sein, dass ihm mein Brot ziemlich
wohl geschmecket, weil er vom Hunger und Alter so abgemergelt war, dass ein
Maler, wenn er den Tod hätte malen wollen, kein bessers Original in der ganzen
Welt als diesen Stradioten hätte bekommen können.
    Demnach kam ihm das Maulfutter trefflich zupass. Denn ich war kein karger
Stiegelhupfer, der etwan seinen Leuten das Brot einsperrte, sondern ich
tractierte meine Dienstboten ehrlich und gebührlich, auf dass sie hernach desto
hurtiger und fleissiger zur Arbeit waren, wie man denn diesen alten Scribenten
allgemach wieder zunehmen sehen und ein ungewöhnliches rotes Färblein auf seinen
Backen vermerkt hat, die sonsten so verrumpft und eingefallen waren wie eine
Sackpfeife, aus welcher der Wind entgangen ist.
    »Ich sehe wohl,« sagte ich zu ihm, »dass Euch das Schreiben ziemlich hart
ankommet. Wo Ihr die Musquete nicht besser als die Feder gebrauchen können, so
werdet Ihr nicht viel niedergeschossen haben. Ihr schreibet auch ziemlich
undeutlich und machet grosse Solecismos, wie auch zum Teil so viel Säue auf das
Papier, dass man damit den grössten Schweinmarkt leichtlich besetzen könnte. Euere
Constructiones kommen nicht wohl aufeinander, und ob ich zwar aus Eurer Schrift
keine Zierlichkeit der Rede, sondern nur die Erzählung Eurer Geschichten und
also lauter Materie verlange, so soll doch, um besserer Ordnung willen,
gegenwärtiger Monsieur Ichtelhauser, als mein Schreiber, Euer Erzählung in
gewisse Capitul bringen, auf dass das Werk desto schleuniger und correcter
vonstatten gehe.«
    Er liess sich solches gar wohl gefallen, und ich sah in der erste als zur
Probe zu, wie sie sich miteinander vergleichen würden. Gleichwie er aber zuvor
langsam im Schreiben war, also war er anitzo desto langsamer im Erzählen, ritten
also beiderseits auf einer Schildkrotte. Damit ging ich wieder davon und liess
den Referenten samt seinem Concipienten beieinander auf dem Turm in der warmen
Stuben sitzen und solche Sachen entwerfen, an welchen ich ein grosses Vergnügen
suchte. Es gingen aber kaum zwei Stunden hin, als ich auf dem Turm ein grosses
Getümmel hörte. Der Schreiber, welchen ich gar ausführlich vernehmen konnte,
schalt, dass sich die Turmspitze hätte biegen mögen, und der Soldat murrte seinen
Teil auch mit unter wie ein alter Kater, der rammeln will, damit ging es wieder
an ein Poltern und Werfen, dass es schallte. Unter solchem Tumult eilete ich
hinauf und wusste nicht, an was ich mich am ersten verwundern sollte. Der Alte
sah in dem Gesicht kohlschwarz, und dem Schreiber hing sein Überschlag an dem
Halse wie ein Flügel an einer Windmühle. Der Tisch und alles, was darauf
gestanden, lag in der Stube, und es fehlete nicht viel, so hätten sie mir beide
Fenster eingedrücket, so feste hat der Schreiber den Landsknecht bei der Drossel
gefasset. »Was habt ihr vor,« sagte ich, »ihr lose Lecker, und was treibet euch
zu einem solchen Frevel? Wisset ihr nicht, was der Hausfrieden mit sich bringt,
und dass ich Ursach hätte, euch beide Bachanten in den Kotter zu stecken?« Damit
schlug ich einen sowohl als den andern mit meinem Wintermuff auf den Kopf, weil
ich kein bequemes Instrument vor dieses Mal bei Handen hatte, ihnen das
Capitolium zu lausen.
    »Was?« sagte der Schreiber, »soll ich mir von dem keinnützen Landfahrer und
verdorbnen Marodibruder solche Sachen weismachen lassen? Soll ich hören, dass ich
ein Hurenkind sei? Hei, nimmermehr will ich solche Schmachreden leiden, die mir
im Herzen wehe tun!« Damit wollte er wieder über den Alten her, aber ich stiess
ihn auf die Treppe hinaus und fragte den Alten um ausführlichen Bescheid und um
die Ursach, welche sie beide in einen so unverhofften Scharmützel gebracht
hätte. »Gestrenger Herr,« antwortete der Stradiot schnaufend, weil er in dem
Geräufe ganz atemlos geworden, »hie lesen Sie die Schrift, die ist daran Ursach,
sonst weiss ich nicht, was ich ihm zuwider getan, denn ich habe ihn all mein
Leben lang meines Wissens nicht gesehen. Sehet nur, wie mich der Schelm mit der
Dinte begossen hat! Ich kann kaum ein Aug recht auftun, so sehr beisset sie mich.
Wenn Euer Gestreng nit gekommen wäre, der Schelm hätte mich hier im Ecke
erwürget.«
    Hierauf nahm ich dasjenige, was der Schreiber geschrieben, und las durch
etliche Paragraphos folgende Wort: Da ich nun besagtermassen ganz nackicht
ausgezogen worden, nahm ich im blossen Hemde meinen Weg über ein Kornfeld unter
einem schweren und grossen Donnerwetter; wie froh und lustig, ist leichtlich zu
gedenken. Im nächstgelegenen Dorfe sah mich der Mesner, welcher auf dem Turm zum
Wetter läutete. Der nahm mich zu sich hinauf, allwo ich ihm die Stricke ziehen
und also sein officium publicum & pastorale (diese phrasin hat mein
Schreiber propter majorem elegantiam dazugesetzet) habe müssen administrieren
helfen. Er interrogierte mich, wer ich oder cuius conditionis ich sei. Da
narrierte ich ihm allerhand Circumstantien, meine Fortun betreffend. Dieser
Mesner verhonorierte mir nach abgewichenem schweren Wetter ein hübsches
vestimentum rusticanum, und in diesem kam ich auf einen Edelhof zu Dern, nicht
weit vom Linebühel gelegen, allwo ich eine Magd schwanger hinterliess und meine
Fugam nach Antissenhofen in das Bayerland zu nahm, willens, mich von da auf
Hackelet, ein adeliges Schlösslein, zu begeben, allwo ich einen guten Freund
hatte, der mich vielleicht demselbigen vom Adel hätte recommendieren oder
sonsten mir mit einem guten Consilio succurrieren können.
    Aber ich wurde bald von dem von Willenhag aufgefischet, musste also das
Hurenkind aufziehen, der Magd einen billigen Abtrag tun, und also sass ich in der
Pfanne bis über die Ohren. Ich liess das Knäblein Andreas nennen, und weil ich
meine Zeit im Kriege durchzubringen suchte, hiess ich es nicht nach meinem Namen.
Denn ich dachte, wo ich dermaleins ein grosser Officier würde, dörfte es mir an
meiner Reputation eine Hindernis bringen. Gab ihm also den Namen des Grossvaters
auf mütterlicher Seite, welcher Jacob-mit-uns hiess und ein reicher Bauer zu
Pocking war. Dasselbe Kind ist hernach zu einem Kaufmann kommen und hat auch bei
den Jesuiten zu Passau studiert, ist aber heimlich davongelaufen und hat sich in
einem Nonnenkloster hin und wieder zum Ausschicken gebrauchen lassen. Von dannen
weiss ich nicht, wohin der Knab gekommen, weil ich bald darauf, nachdem ich etwan
etliche Jahre mich in der Guardi zu Schärding und auch zu Braunau aufgehalten,
endlich nach Landshut und von dar gar nacher Ingolstadt geleget worden.
    Bis hieher ging die Schrift des Schreibers, welcher Andreas-mit-uns hiess und
welchem auch alle dasjenige begegnet ist, was der Alte erzählet hat. Dannenhero
entstund zwischen ihnen dieser plötzliche Tumult, und allem Ansehen nach, so war
dieser Alte des Schreibers natürlicher Vater, dem er auch an den Lineamenten
ziemlich ähnlich gesehen. Hätte also der Narr besser getan, dass er einen andern
Namen aufgezeichnet und die Sache bei sich selber verschwiegen hätte, als dass
es durch einen grossen Tumult nicht allein mir, sondern auch allen denen, welche
dieses Buch zu ihrer Kurzweil lesen, hat müssen auf die Nase gebunden werden.
»Ihr seid ein Eselskopf«, sagte ich zu dem Schreiber. »Müsset Ihr Euer eigene
Schand mit Eurer Defension aufdecken? Eine geschehene Sache, so übel sie auch
aussiehet, muss man zum besten deuten und absonderlich eine solche, daran unsere
Ehre hanget. Ihr hätt', so Ihr gewollet, Eure Schande leichtlich verbergen und
die Sache so verdrehen können, als wäret nicht Ihr, sondern ein anderer, der
etwan auch also hiesse, dadurch gemeinet. Aber nun habt Ihr Euch selbst in das
Nest hofiert. Darinnen müsst Ihr liegen und die Wunde verbluten, gleich als
wäre sie Euch von einem Hunde gebissen worden. Wer nicht schweigen kann, wenn er
soll, der muss sich auslachen lassen, wenn er nicht will.«
 
                                 III. Capitul.
                 Was der Jäckel vor ein sauberer Jung gewesen.
Nichtsdestoweniger ereiferte er sich doch über seinen Vater ausdermassen und gab
beständig vor, dass er zwar also hiesse und auch zu Passau studiert, item all
dieses getan hätte, wessen sich der Stradiot (er hiess ihn einen verlumpten und
lausigen Marodebruder) verlauten lassen. Allein, so wäre sein Vater bekannt
genug und ein ehrlicher Zimmermann zu Forstenau; wäre dannenhero dieser Frevel
von einem solchen Calumnianten nicht zu dulden, sondern solle mit ihm nach der
peinlichen Halsgerichtsordnung billig verfahren und procediert werden.
    Aber es wurde nichts draus, so sehr sich auch der ploder-hosichte Schreiber
aufbaumte. Als ich aber den Grund untersuchte, so kam ich dahinter, dass mein
Page, welches ein Schelm von einem arglistigen Jungen war, den alten Soldaten
bestochen hatte, dass er dem Schreiber diese Histori dictierte, weil er wohl
wusste, wie gross sich derselbe zu machen und wie schrecklich er auf seine Geburt
zu prahlen wusste. Also ging die Sache über den Jungen aus, welcher aber, da ich
an ihm die Execurion vollentziehen wollen, schon über alle Berge ausgelaufen
war. Denn er dachte: weit davon, ist gut vor den Schuss. Aber ich entriet ihn
sehr ungern, weil er mir mit seinen Erfindungen auf dem Schloss manche Kurzweil
angerichtet. Schickte ihm dannenhero meinen Wastel mit einem Pferd nach, welcher
ihn endlich wieder zurückbrachte.
    Der gute Wastel wäre seiner nimmermehr habhaft worden, so er sich nicht
gutwillig mit ihm auf den Weg gemacht hätte. Er traf ihn über einem Bach an und
sprach: »Gehe herüber!« Da sagte der Knab: »Gehe du herüber!« Also ritt Wastel
durch den Bach hinüber, und der Jung lief an einem andern Ort herüber. Der
Wastel wendete sein Pferd und ritt wieder herüber. Der Jüngling besann sich auch
nicht lang und sprang wieder hinüber. Trieb also ein Narr den andern bald
hinüber, bald herüber. Musste mich dannenhero über des Wastel seine Relation
rechtschaffen zerlachen, der Schreiber aber hielt mit seinem Supplicieren
inständig an, den Jungen zu strafen und mit ihm criminaliter zu verfahren. Aber
ich wusste wohl, dass solche Lumpenpossen keines weitschichtigen Prozess nötig
waren, liess ihn dannenhero zu mir allein ins Zimmer kommen und schlug mit meinem
Stock auf mein Bett. Unter diesen Schlägen sprang der Knab in der Stube herum
und schrie gleich einer Spansau. Der Schreiber aber, welcher vor der Tür
heimlich zuhorchte, kitzelte sich im Herzen und lachte, dass er etliche
Bockssprünge darüber zu tun unmöglich unterlassen konnte. Und also war der Narr
zweimal betrogen, da er doch wohl mit einem hätte können zufrieden sein.
    Ich muss von diesem Jungen noch etliche Stücklein erzählen, welche, ob sie
gleich nicht von grossen Sachen handeln, dennoch kurzweilig zu hören sind, weil
bekannt genug ist, wie arglistig die Jugend und was für keinnütze Schelmen man
unter den jungen Leuten findet, die noch nicht wissen oder nicht wissen wollen,
was die delicta juventutis für Vögel sind.
    Er konnte etliche Wort Latein, und wenn er unter den Bauern sass, so machte
er sich damit so gross, dass ihn alle vor ein Miracul eines jungen Menschens
hielten. Er schwätzte ihnen von der Türkei, von Frankreich und Spanien, von
dieses und jenes Landes Sitten und Gebärden, welches er meistens aus meinen
Büchern gestohlen. Hiedurch beschwätzte er die einfältigen Bauernflegel, dass er
die Schwarze Kunst verstünde und noch täglich mit dem Edelmann, als mit mir,
darinnen studiere. Damit machte und schrieb er ihnen Zettel. »Diese,« sagte er,
»wo ihr sie an euren blossen Leib hängt, dass sie warm werden, so seid ihr nicht
allein stahleisenfest, sondern habt noch darzu neun Manns Stärke. Aber ihr
müsst euch wohl vorsehen, dass ihr nicht ausschlaget oder den ersten Angriff
tut, sonsten verliert der Zettul seine Kraft und Wirkung und kann kein essential
operation propter robusti contrapuncti & omnia in seculum verrichten.«
    Diese Praktik meines Jungens wurde mir einsmals durch den Pfarrer des Dorfes
kundgetan, welchem ein Bauerknecht auf seinem Totbett offenbaret, dass er
allgemach seit Pfingsten einen festmachenden Passauer Zettul bei sich getragen,
welchen ihm der kleine Jäckel, so hiess der Jung, geschrieben und um zwölf
Groschen verkauft hätte. Diesen Zettul brachte der Pfarrer zu mir in das Schloss,
und wo wir über die Schalkheit des Jäckels, wie wohl zu erachten, nicht Ursach
gehabt hätten, uns zu ereifern, so hätten wir ohn allen Zweifel über den Inhalt
des Zettuls lachen müssen, welcher in diesen zweien Reimen bestund:
Den Brief ich dir zur Lehre schreib,
Ein Esel trägt ihn auf dem Leib.
Diese Reimen waren mit lateinischen Buchstaben geschrieben, damit es die Bauern
desto weniger zu lesen wussten. Wir foderten ihn vor, und er verantwortete sich
kurz und gut, dass er durch dieses Mittel die Bauernknecht von ihrer gewöhnlichen
Schlägerei und Hinausforderung abzuhalten gesuchet. Denn wenn ein jeder auf des
andern Angriff und Ausschlag wartete und keiner der erste sein wollte, so würde
allem Ansehen nach gar nichts draus, und müssten also beide Parteien, aus Furcht,
die Schlacht zu verlieren, ungeschlagen wieder nach Hause gehen. Über diese
Entschuldigung mussten wir wider unsern Willen zum Fenster auslachen, aber der
Pfarrer gab ihm nebenst einem guten Filz etliche Kopfrupfer und sagte ihm
zugleich, dass er den Teufel nicht an die Wand malen, noch gute Sachen mit übeln
Mitteln suchen sollte. »Solche Sachen,« sprach er, »ob sie gleich nicht schlimm
von dem gemeinet sind, der sie ausgibt, werden sie doch von dem, der sie
annimmt, als Teufels-Mittel gebraucht. Ist also die Sache blosserdings eine grosse
Sünde, und wo du dich mehr wirst gelüsten lassen, ein solches Armistitium
anzurichten, so wird man dir die Hosen runterziehen.« - »Meinetwegen,« sagte der
Jung, »so warte ich meinem Herrn im Hemde auf.«
    Wenn ich in der Karwoche in eine Kirche ging, allwo anstatt der Glocken die
Rätschen geklopfet wurden, nagelte er unter solchem Pumpern den Mägden die Röcke
auf die Bänke, und wenn er wusste, dass ich diesem oder jenem in der Stadt nicht
gut war, so ging er ungeheissen hin und wurf ihm nachtszeit die Fenster ein.
Hatte er aber kein eigen Haus und wohnete etwan nur zur Miete innen, so schrieb
er allerlei Pasquill und heftete solche an die Haustür. Sein Vater war ein
Maler, und dahero verstund sich der Jäckel ziemlich auf das Reissen (absonderlich
wenns über die Kleider ging). Einsmals dienete ein Advocat wider mich, der hiess
Stiefel. Dieser Stiefel hatte das Lob, dass er mit einer Wirtin in guter
Kundschaft stund. Da malte der Jäckel das Wirtshaus ab, und vor demselben stund
die nackichte Wirtin mit einem langen Stiefel am Fuss, solcher reichte ihr, so
weit er reichen konnte. Ober dieser Figur stunden diese Wort geschrieben: Bis
hieher geht mir der Stiefel. Über dieses Gemälde wurde von vielen gelachet;
diejenige aber, welche nicht allzeit aufgeraumt sind, machten ihre absonderliche
Auslegung daraus. Wie denn bei dergleichen Zuständen geschiehet, nachdem einer
oder der andere demjenigen oder derjenigen, welche dadurch getroffen wird,
affectioniert ist. Sonst war die Invention ganz gut an sich selbst, und war nur
schad, dass es der Schelm nicht auf eine bessere Weis angebracht hat. Daraus man
sieht, dass der Mensch niemalen beflissener und inventiöser ist, als wenn es zur
Beschimpfung seines Nächsten geht.
    In ebenderselben Stadt locierte man mich einesmals bei einer Trauer seinem
Bedünken nach unter viel Personen, denen man mich billig als ein Edelmann sollte
vorgezogen haben. Gleich selbige Nacht malte er eine Procession an die
Gottsackertür, nit zwar von Menschen, sondern von lauter Eseln mit
Trauermänteln, hinter diesen ging der Müller mit der Abschrift: In gestriger
Procession ging es auch so zu. Ein andersmal erwählete der Rat einen untüchtigen
Menschen zum Organisten, da malte er einen Esel auf das Chor, mit einer grossen
Bassgeige, mit der Beischrift: Ihr habts wohl getroffen! Und solche Händel
stiftete er tausend an, dadurch er sich nicht allein viel Streiche auf der
Schule zugezogen, sondern es endlich dahin gebracht, dass man ihn mit einem
Schelm davonjagen wollen. Da hat er gesagt, wenns dazu kommen sollte, so möchte
man ihm nur beide Stadtbüttel mitgeben, so ginge er mit zweien davon.
    Nicht weit von derselben Stadt liegt ein Schloss, an dessen Pforten stunden
folgende lateinische Buchstaben geschrieben, als nämlich: E.N.I.D.Z.N.S.D.
Einsmal kam er mit seinem lateinischen Schulmeister, welchen er spottweise
artium Inspectorem nennete, dahin. Da fragte er, was diese lateinische
Buchstaben bedeuteten. »Ich weiss es nicht,« sagte der Schulmeister, »doch wie
ich meine, so ist es so viel als: Emanuel Natus Isdorferus Dominus Zu Nusdorf,
Speierek, Dondersbeim, zu teutsch: Emanuel, geborner Issdorfer, Herr zu Nussdorf,
Speiereck und Dondersheim.« - »Nein,« sagte der Jäckel, »Herr, Ihr habt
gefehlet!« - »Wie heisst es denn?« fragte der Schulmeister. »Es heisset,« sagte
der Jung, »Ein Narr Ist Drinnen, Zwei Narren Sind Draussen. - das sind ich und
Ihr.«
    Mit dergleichen Salben beschmierte er alle Leute, die sich zu weit mit ihm
einliessen, und er verschonete sogar, wie schon gehöret, seine eigene Præceptores
nicht. Wenn ich beschreiben sollte, wie oft mich der junge Lecker ausgezahlet,
würde ich mich dem Leser zum Gelächter selbst darstellen. Damit mich aber
niemand schelte, dass ich ihm solche Sachen zugelassen und ihn nicht vielmehr mit
einem guten Ochsenzehn herumgebalsamiert habe, so ist zu wissen, dass solches
öfters geschehen und unterweilen des Tages drei-bis viermal; als morgens sang
ich ihm die Metten, abends die Vesper, es wollte aber alles nicht helfen, und
dorfte fast kein Mensch bei mir einkehren, welchem er nicht nach seiner Art ein
Klämperlein anzuhängen wusste.
    Absonderlich aber gebrauchte er sich zur Verübung seiner Schelmenstück eines
solchen Orts, da der fremde Gast notwendig hinkommen musste. Als erstlich die
Stubentür, darinnen sie logiert waren, und vors andere das heimliche Gemach. In
demselben schrieb oder zeichnete er mit der Kreide an, was ihm an ihnen missfiel.
Als zum Exempel: einsmals kam ein meiniger Freund zu mir, der hiess ihn bei der
Tafel einen Maulaffen, weil er ihm ein wenig Wein auf den Wammesärmel gegossen
hatte. Auf solches lachte er ihn wegen seiner närrischen Vision aus und sprach:
»Jung, du hascht ein Geschicht wie ein Äffle!« Diese Rede verdross meinen Jäckel,
malte alsobald eine Figur inwendig ans heimliche Gemach mit blossem Fetzer, die
sah ihm so ähnlich, als etwas sehen konnte. Ober derselben stunden die Wort:
Wenn mein Gesicht sieht wie eines Affens, wie sieht denn das? Über diese
Invention wurde mein Vetter so zornig, dass sich der Jäckel heimlich aus dem
Schloss retirieren musste. Aber des folgenden Tages, als der Fremde wieder
Abschied genommen, meldete er sich wieder an, weil er indessen nur in dem
Meierhof sich in einem alten Strohstadel verstecket hatte. Nichtsdestoweniger
klopfte ich ihm das Wammes wacker aus; aber es half doch so viel als nichts,
denn wenn ich einen Schelm herausschlug, so schlug ich gewiss dargegen zehen
hinein.
 
                                  IV. Capitul.
 Der Jäckel wird davongejagt. Dessen Stelle wird von einem Studenten ersetzet.
Ich musste ihn endlich, obschon halb gezwungen, wider meinen Willen abschaffen,
denn ich brauchte seiner öfters zu meiner Kurzweil, die er nicht allein mit
allerlei guten Schnacken beförderte, sondern mir in diesem Stücke sehr dienlich
war, weil er ein wenig singen konnte. Wenn ich dort und da etwan eine Aria oder
sonsten etwas, so gut michs der Organist von Ollingen gelernet hatte,
gecomponiert und auf das Cartell gesetzet, so musste er mirs herabsingen, welches
er gemeiniglich mit einem langen Triller hinauscolorierte und mit seiner
verklobenen Discantstimme manches Lied heruntersang. Er hatte durchaus keine
Manier oder Singart, und wenn er nur ein wenig zu viel gefressen oder gesoffen
hatte, so quiekte er nit viel anders als ein junger Waldesel, jedennoch machte
der Galgenvogel so artige Gestus und andere Mienen zu den Melodeien, dass sich
einer hätte scheckicht lachen mögen.
    Die Ursach, warum ich ihn hinwegjagte, war, indem er den Schreiber beredete,
er wäre krank und sähe aus wie der Tod. Der Schreiber liess sich überreden, legte
sich zu Bette, und hatte [es] mit dem betrogenen Narren recht grosse Gefahr, weil
ihn die blosse Einbildung, als hätte er die Gelbsucht, dermassen zurichtete, dass
der Medicus endlich an seinem Aufkommen zu zweiflen anfing. Solche Insolentien
waren billig nicht zu gestatten, noch länger durch ein Fingersehen gutzuheissen,
wollte ihn demnach zu einem andern Herrn bringen, weil seine Person allentalben
sehr geliebt und unter den Adeligen absonderlich bekannt war. Er aber sagte, dass
er seiner Kunst nachfolgen und dieselbe zur Perfection bringen wolle, damit er
noch manchen Narren in der Welt abmalen und ihn mit dem Pinsel nach allen seinen
Lineamenten entwerfen könnte.
    In diesem Vorhaben reisete er fort und schickte mir nicht lange hernach
etliche Emblemata oder Sinnbilder, die er selber inventiert und zugleich
überaus sauber gemalen hatte. Unter andern hat er zwei grosse Haufen von lauter
Herzen und auf dieselbe zwei Lautenschläger gezeichnet. Der eine war mit einem
altfränkischen Kleide, grauen Haare und Bart, der andere aber auf die
allerneueste französische Mode herausgeputzet. Unter ihnen stunden die Worte: O
corda moderna, quantum distatis a chordis antiquis? Aus diesem Sentenz kann der
verständige Leser genugsam abnehmen, dass dieser Jüngling eines fähigen Ingenii
gewesen, denn er wollte durch dieses Gemälde nichts anders andeuten als die
grosse Distanz der heutigen Harmonie mit der alten und vor diesem im Schwang
gegangenen Einigkeit, weil heutigestages die Leute viel einen andern Ton als
dazumal aufspielen. Er wollte sagen, dass vor diesem und zu unserer Väter Zeiten
die menschliche Herzen in einer löblichen Eintracht beieinander gelebet,
dahingegen anitzo ein Mensch den andern in Sack schieben und aufreiben will. Was
sind diese Zeiten anders als ein kalter und frostiger Winter, da ein Wolf den
andern mit reissenden Zähnen anfällt und auffrisset. Einen solchen unglückseligen
Riss in die alte teutsche Laute haben getan so viel und mancherlei Spaltungen der
Religion und des Glaubens. Da sind die Chordæ, ich sage vielmehr die Corda,
voneinander getrennet und ihr gutes Verständnis zerrissen worden. Wo ist itzo
eine Einigkeit im Lande? Wer liebt das Armut? Und wo lässet man, wie vor diesem,
ein Spital oder Krankenhaus bauen? Da man vor diesem drei, sechs, ja wohl weiter
als hundert Meil Weges mit grosser Beschwerlichkeit des Leibes Wallfahrten
gegangen, da tanzet man davor mit einer zerrupften Madam ein paar Galliarden und
schert sich wenig um den Schulmeister, der die Fahne vorträgt.
    Da mancher alter Teutscher sich in Waffen geübet, gegen seinem ausländischen
Feind den Meister zu spielen und sich durch seine ritterliche Kriegs-Exercitia
in eine beharrliche Freiheit zu setzen, da lässet man anitzo fünfe gerad sein,
setzet sich davor zu einer guten Zeche und zerbricht anstatt der Lanzen, Piken
und Degen hübsche geschnittene Gläser, Kannen und Becher. Wie nun solcher Krieg
ist, so ist auch die Victori, nämlich gläsern. Vor diesem hatten die Bettler ein
bessers Handwerk, weil sie selten von einem Hause mit leerer Hand hinweggehen
dorften. Aber heutzutage wachsen »Helf dir Gott!«, wo ehedessen grosse Stück
Gebraten, Fleisch und Kuchen gestanden haben. Woher kommts? Aus dem allzu
starken und häufigen Schwelgen der Leute. Da muss alles vollauf sein, und die
Aufwärter müssen mit schmutzigem Maule vor dem Tische stehen, dass man sich in
ihrer Goschen wie in einem Spiegel begucken kann.
    Ehedessen hat man das Vaterunser auf Knien gebetet, die Hände
zusammengeschlagen, gen Himmel aufgehoben, man ist still in der Kirche und unter
dem Gottesdienst aufmerksam gewesen. Heute zu dieser Zeit bleibt man sitzen, wo
man sitzet. Si qua sede sedes, heisst es. Man lässet den Pfaffen predigen, was er
will, wir hingegen halten in einem Winkel die Schnauze zusammen, erzählen
einander, wie es in Hispanien, in Portugal, in Asien, in Arabien, in Schweden
und sonsten hin und wieder zugehet. Anstatt man ehedessen Gebetbücher aus dem
Schubsacke gezogen, so ziehet man anjetzo gedruckte und geschriebene Zeitungen,
ja oft, dass ichs mit Erlaubnis sage, die Karte hervor. Was haben wir denn
dadurch vor eine Wohlfahrt zu gewarten? Mancher klaget - ja man hört fast
nichts, als alle Menschen über der übeln Zeit, über den übeln Zustand und über
eignes Unglücke klagen. Aber sie dörfen sich dessen nicht verwundern, wie ihre
Andacht ist, so ist auch ihr Glücke beschaffen. Si non oras libenter, cibis
carebit venter: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Dieses wusste mein
lieber Jäckel, so jung er war, dennoch wohl durch die Hechel zu ziehen, und er
tat auch wohl daran. Du hast es wohl getroffen, gedachte ich bei mir selber,
und dein Gemälde ist nicht unbesonnen inventieret, ich will es auch in diese
Historia mit einführen, wie ich denn hier augenscheinlich verrichtet habe.
    Vors andere, so war unter andern Sinnbildern auch ein lahmes Pferd mit drei
Beinen gemalen, mit der Unterschrift: Nil interest quacunque ratione perdiderit,
semper enim claudicat. Mit diesem Gleichnis, wie er mir in seinem mitgeschickten
Brief geschrieben, hätte er die Scholasticos angezapft, die so schröcklich viel
auf ihre Quæstiones und Terminos hielten.
    Denn etliche fragen unter ihnen, ob die Hurerei darum Sünd sei, weil sie
Gott verboten oder weil sie an sich selbst eine eigene Malitiam habe. Caramuel
saget: Scortationis malitia provenit a prohibitione, andere sagen anders. Aber
was ist daran gelegen? Die Hurerei sei auf eine Weise schlimm, wie sie will,
sive per se, sive per accidens, sie ist doch eine schwere Sünd und verdammt ihre
Adhærenten. Es liegt wenig daran, ob ich mit meinem Subtilisieren und
Disputieren erhalte, dass das Pferd seinen Fuss im Wasser, im Wind oder durch eine
Antipatia verloren, es hinkt einmal wie das andere und kanns weder zum rechten
noch zum linken gebrauchen. Solch Disputieren verdirbt die Zeit, belästiget den
Kopf, richtet Schulgezänke an, und wird keinem Menschen nichts damit geholfen.
Mit einem Wort, das Pferd hinkt, und darauf soll man diese Scholasticos setzen
und auf Constantinopel reiten lassen, damit sie daselbst den Türken aus dem Land
disputierten. Damit wäre dem armen Teutschland besser geholfen als mit ihren
Fragen: Utrum in divinis possint esse plures productiones ejusdem rationis ut
plures generationes etc. Solche und dergleichen Fragen lachte der ehrliche
Jäckel durch sein lahmes Pferd billig aus, und ich bekam dadurch Gelegenheit,
mein Sächlein gleicherweis hinzutragen und damit meine einsame Zeit zu
verkürzen. Machte mir demnach gute Hoffnung, dass aus ihm noch ein
rechtschaffener Kerl werden möchte, weil eine fröhliche Jugend, wie die
knickhansischen Schulmeister meinen, nicht allezeit, ja gar niemalen, eine
Anzeigung der zukünftigen Schalkheit ist.
    Unter währender Betrachtung dieser Bilder kommt ein Kerl an das Schlosstor
und gab dem Torwärter einen grossen Brief. Als ich diesen zu Händen bekommen, sah
ich, dass es ein lateinisches Testimonium von einem Schul-Rector war, bei welchem
er in dem Gymnasio acht Jahr studiert hatte und nunmehr willens wäre, auf eine
Universität zu ziehen. Seine schlechte Condition und die zerlumpte Kleider
zeigten genugsam an, dass er nicht viel mit Wechselbriefen umzugehen wüsste, liess
ihn demnach zu mir kommen, und: »Wo wollet Ihr hin?« sprach ich zu ihm, »in
diesem widerwärtigen Wetter?« - »Ha,« sagte er, »und wenn es Spiess und Hagel
untereinander regnete, so wollte ich doch fortreisen, dass ich nur des
verfluchten Lebens und der Schulfüchserei los werde. Der Teufel hat mich aufs
Gymnasium geschlagen, vor diesem hatte ich eine gute Discantstimme. Dannenhero
versprach man mir, so ich mich auf der Schul aufhalten und in der Kirche wollte
auf dem Chor gebrauchen lassen, so hätte ich dermaleins ein grossmächtiges
Stipendium von dem Rat zu hoffen, aber nun meine Stimm dahingeflogen und ich
keine Hoffnung zu einer anderen habe, richtete mich der Cantor wie einen
Hundsjungen aus. Er hiess mich einen schnofflenden Wasserhund und sagte, ich wäre
des Salzes nicht wert, das er mir müsste zu fressen geben. Dahero getröstete ich
mich bei solchem Zustand des getanen Versprechens und bat um ein Stipendium
Academicum. Aber ich glaube, sie haben mir eines gegeben, nämlich hinten hinaus,
wie die Bauern die Spiesse tragen. Es hatte grosse Not, dass mir der Rector dieses
fünfzeilichte Testimonium mitgegeben, aber wenn ich ein paar Taler zu spendieren
gehabt hätte, da wäre ich ein wackerer Dominatio vestra gewesen.
    Auf der Schul war mir kein Præceptor noch Magister gut, ich musste ein
Erzschelm, ein Galgenvogel, ein fauler Schlingel, ein Idiot und Luder sein, und
nun stehet in dem Testimonio, dass keiner niemals wider mich eine Klag gehabt
hätte. Sehe also am Ausgang, dass sie rechtschaffen gelogen haben, denn ich weiss
es am besten, wie arg sie mir mitgefahren haben. Wie ich nun gesehen habe, dass
es mit dem Stipendio etwas lausig werden wollte, hielt ich um ein Viaticum an,
in Hoffnung, weil ich so lange auf dem Chor ein Utremifasola gewesen, aufs
wenigst hundert Reichstaler davonzutragen. Aber sie wiesen mich an die
Almosencassa, daraus bekam ich zehen Kreuzer Salzburger Münz. Ich schmiss vor
Zorn die zehen Kreuzer in der Almosenstube in die Fenster, dass die Scheiben auf
die Gasse hinunterfielen, und hielt dorten ein alter Geizhals, weil er meinte,
es würde einen güldenen Regen absetzen, seine Mütze in die Höhe, aber zu allem
Unglück hofierte ihm ein Spatze, die unter dem Dach ihr Nest hatte, hinein. Ich
aber hatte Zeit, mich aus dem Staub zu machen, lief also in grossem Widerwillen
zum Tor hinaus und schlug die Schildwache in die Fresse. Weil er nun nit von der
Wache hinweglaufen dürfte, musste er seine Fledermaus behalten, und ich eilete in
vollem Gelächter mit meinem Mantel über das Feld hinüber, wie [wenn] ich toll
und unsinnig wäre. Wie gefällt Euer Gestreng diese Resolution?«
    »Eure Resolution«, sagte ich, »ist sehr flüchtig gewesen, denn wie ich höre,
so seid Ihr davongelaufen. Ihr hättet besser getan, wenn Ihr ehe, und zwar noch
dazumal solches getan, da Ihr Eure Discantstimme noch gehabt. Wer etwas kann,
den hält man wert. Ich kenne etliche Cantores und weiss gar wohl, was sie vor
wunderliche Quinten im Kopfe sitzen haben. Nun sollt Ihr mit leerer Hand auf die
hohe Schul ziehen. Morgen ist der Sonntag Misericordiæ; es wäre Euch besser, dass
Ihr am Sonntag Lætare hinweggereiset, denn allem Ansehen nach wird es schmachte
Bisslein absetzen. Ich bin ein halber Wahrsager, weiset mir Eure Hand, dass ich
sehe, ob es Euch wohl oder übel gehen werde!« Er gab mir sein Hand, und ich
sagte folgends also zu ihm: »Erstlich sehe ich gar eigentlich, dass Ihr grosses
Glück im Eisenerz haben werdet, denn Ihr sollt mit Eurem Messer nicht viel
Fasanen, Hasen oder Kalbsköpf tranchieren. Vors ander wird Euch kein Mensch
einen Pfenning abgewinnen können, denn Ihr habt nichts zu verspielen. So werdet
Ihr auch, wie ich an der Tischlinia sehe, vor Getreid nichts ausgeben dörfen,
denn das Wasser kostet nicht viel. Die Leute werden Euch viel mehr als den
allervornehmsten Stutzer betrachten, weil man wegen Eurer zerrissenen Kleider
hinten und vornen auf die Haut sehen kann. Ihr dörfet auch ingleichen um kein
Holz sorgen, absonderlich wenn Euch die Bursche mit ihren Stökken prügeln
werden. Um getreue Gesellen und Kameraden dörft Ihr Euch ganz nit bekümmern,
denn Ihr werdet Läuse genug bekommen; und wenn Ihr wieder heim kommt, so werdet
Ihr der allererste zur Exspectanz und der letzte zu einem Amt sein. Vor dem
hitzigen Wein werdet Ihr Euch trefflich hüten. Sehet Euch wohl vor, dass Ihr
nicht raufet, denn es könnte geschehen, dass Euch einer die Hosen vom Leib risse,
alsdann müsstet Ihr den Mantel um die Beine schlagen und in solcher närrischen
Postur die Collegia visitieren.«
 
                                  V. Capitul.
     Der Student wird auf dem Schloss installiert, und wie er da sein Letz
                                  angefangen.
Ich behielt den artigen Vaganten denselben Abend bei mir und lud gleichfalls den
Historicum auf dem Turm zum Abendessen, welchen der Student vor meinen Vater
ansah. Dannenhero hiess er ihn gleichwie mich über Tische »Euer Gestreng« und
machte fast zu jedem Wort, das er redete, ein absonderliches Schulreverenz,
daraus man wohl abnehmen würde, dass er noch wenig unter Leuten gewesen und ausser
seiner Grammatik noch nit weit in die Welt geguckt hätte. Dahero konnte es der
Schreiber nicht lassen, ihn dort und dar anzustechen, welchem er aber wieder
wacker einschankte. Er hiess ihn »Herr Scribent«, also lautete es artig genug,
denn wenn der Schreiber sagte: »Proficiat, Herr Student!«, so antwortete er: »
Conducat, Scribent!« Endlich fragte ihn der Schreiber, wo er seinen Wechsel
hätte. »Hört Ihr,« sagte der Student, »wo lasset Ihr Euch Euere Haar kräuseln?«
Damit lachten wir wieder eins herunter, und ich muss gestehen, dass ich diese
Abendmahlzeit mit trefflichem Gusto zugebracht. »Der Herr gebe fleissig acht,«
sprach der Schreiber, »dass Ihm der Wammesärmel nicht abgehauen werde!« - »Ja,«
sagte der Student, »das will ich tun, sehet Ihr aber zu, dass Euch die Ohren
nicht abgeschnitten werden, sonst könnt Ihr die Feder nicht mehr unter die Haare
stecken!« - »Es gibt«, sprach der Schreiber, »viel Lumpenhund auf
Universitäten!« - »Es gibt«, antwortete der Student, »auch viel Narren auf
Schlössern!« Damit kam es immer weiter in die Schrift, und würzte bald der
diesen und dieser jenen wieder ab. Der alte Krachwedel stimmte auch zuweilen mit
ein, weil ihm seine alte Soldatenstücklein noch im Magen lagen; doch war er mehr
wider den Schreiber als den Studenten, weil er solches wegen vorübergegangenen
Scharmützels gute Ursach hatte.
    Ich schlug darauf dem Fremden vor, dass, wenn er bei mir bleiben und die
lateinische Sprach, deren ich wegen wenigen Exercitii ziemlich unkündig wäre,
mit mir aufs neue durchgehen und die Reguln des Syntaxes repetieren wollte, ich
ihm, bis es Sommer und besser zu reisen wäre, sein gutes Auskommen allhier auf
dem Schloss zu verschaffen willig und erbötig wäre. Das war dem guten Schlucker
eine treffliche neue Zeitung, er leckte das Maul wie eine Ziege nach einem Stück
Salz und fing mit einem lateinischen Deo gratias eine weitschichtige Rede an,
dass er solche hohe und ungemeine Affection weit mehr zu schätzen und viel
grössere Ursach haben würde, sich davor dankbar zu erweisen, als gegen die zehen
Kreuzer Salzburger Münz. Auf solches wurde der Contract zwischen mir und ihm
bald geschlossen, dass ich ihm nämlich zu seinem Einstand ein sauber Kleid machen
und etliche Hemder zuschneiden lassen wollte. Was das Essen anbelanget, solle er
wegen der nötigen Conversation mit mir speisen, und von Geldmitteln wollte ich
ihm dann und wann so viel aus meinem eigenen Säckel spendieren, dass er zuweilen
über Feldweges terminieren und dort und da mit einem Bonamico einen Trunk Wein
tun könnte.
    Diesen Studenten war ich willens, statt des Jäckels zu meiner
Zeitvertreibung zu gebrauchen, weil er eines vortrefflichen lustigen Humors war.
Denn er gab gleich anfangs dem Schreiber einen guten Rat wegen seines Zunamens,
dass er sich hinfüro nicht mehr Andreas-mit-uns, sondern Andreas Nobiscum heissen
sollte, vor welche Invention ihm der Schreiber in sein Stammenbuch einen saubern
Kranz riss und den Namen mit Goldtinte hineinschrieb.
    Hiermit nahm ich den Studenten vor mich und sagte: »Wenn Ihr gesonnen seid,
dieses Glück lange zu geniessen, so hütet Euch vor dreien Dingen, die ich all
mein Leben lang gehasset habe: Erstlich, schwätzet mir nichts zu. Es mag in dem
Schloss vorübergehen, was da will, so sollt Ihr mir doch nichts davon in das Ohr
blasen, noch Euren Nächsten durch ein lästerliches Achseltragen bei mir oder
auch bei meinem Weib verkleinern, hineinhauen oder ihm ein Klämplein anhängen.
Vors andere, so hütet Euch, dass Ihr von keinem Bauern oder meinigen Untertan
einzige Schmieralien, seine Sache anders vorzutragen, als es an sich selbst ist,
einnehmet. Vors dritte, dass Ihr Euch mit Buhlschaft nit verplempert und ohne
meinem Vorbewusst, solange Ihr hie seid, mit solchen Sachen, nichts im Winkel
vornehmet oder sonsten einen gefährlichen Contract schliesset. Tut Ihr das, so
ist die Bestallung schon richtig und vollzogen.«
    »Herr,« sagte der Student, »Ihr habt ganz einen andern Kopf, als sie in der
Stadt haben. Dort hat man nichts liebers als die Leisegeher, Federklauber und
Aufstecher. Wer sich am meisten mit Fuchsschwänzen zu behelfen weiss, der ist
dorten ein recht glückseliger Mann, er ist ein beatus vir und bekommt viel
Silbergeschirr. Solche Leisegeher heissen auf lateinisch in silentio & spe,
denn sie gehen in der Still herum und hoffen immer auf einen guten Fischzug. Von
Schmieralien mag ich gar nichts sagen, wie es damit zugehet. Euer Gestreng
wissens ohnedem wohl, dass, wer wohl schmiert, auch wohl fährt, herentgegen, der
nicht zu spendieren hat, dem will der Wagen nicht von der Stelle, obschon die
beste War darauf gepacket ist. Die Buhlschaft anbelangend, ist solches nichts
Neues, dass sich in den Städten die jungen Bursch, da ihnen der Hinter noch
ausgekehrt wird, stracks verschamorieren und ein eheliches Geliebt im Ofenwinkel
eingehen. Damit reisen sie ein paar Jährlein mit einem seichten Verstand auf
eine hohe Schul und kommen oft viel ehe wieder heim als die Gans, welche über
Meer fleugt. Da sitzt nun der Herr Magister, was isst er? Rüben und Kraut, o
elende Braut! Aber wie ich sehe, so wissen Euer Gestreng eine weit bessere Mode,
Ihr Hauswesen in gutem Esse zu conservieren.« - »Ja,« sagte ich, »das habe ich
von meinem seligen Vater gelernet. Wir wollen vor solche Narrenpossen davor
eines musicieren und mit zwei Violinen (denn der Student strich sehr wohl und
perfect) etliche Sonaten geigen, dazu uns der Stadtorganist von Ollingen
accompagnieren soll.« Also verschrieb ich denselben Künstler (scil.), der hackte
bald Quarten, bald Quinten ineinander, dass wir oft eine Sonata mehr als
dreissigmal von vornen anfangen mussten. Darum hiess ihn der Student nur den Ab
initio, denn der Organist sprach immer, wenns nicht klingen wollte: »Ab initio,
ab initio.«
    Mit diesem Ab initio hatten wir manchen Spass, absonderlich, wenn ihm der
Wein in Kopf stieg. Da fing er an, sich hören zu lassen und seinen musikalischen
Kunstsack auszuschütten. Wenn er nun am besten schlug, hängte ihm der Student
einen Katzenschwanz auf den Buckel, und weil er sich in dem Figurieren mit dem
ganzen Leib heimlich bewegte, zottelte ihm der Schwanz wie ein Glöcklein hin und
wider, darüber ich mich oft krank hätte lachen mögen. Nichtsdestoweniger
unterstund sich dieser Organist, mich die Composition zu lernen, die er doch
selbst nicht recht konnte, und daher habe ich auch nicht viel von ihm gelernet,
wie leichtlich und ohne hohe Scholastik kann geschlossen werden. Der Student
verstund solche weit besser denn er; dannenhero klaubte er oft aus einer
einzigen sein[igen] Aria, welche er mir gemeiniglich an hohen Festtägen in der
Stadt zu Ehren drucken lassen, achtzig bis hundert Fehler heraus. Vor solche
Arien gab ich ihm allezeit so viel Groschen, als Noten darinnen waren, welches,
als ers merkte, machte er mir eine Motetten mit vier Stimmen, aber ich liess es
bei einem ducato solo bewenden. Also vertrieben wir die Zeit ziemlich lustig.
Der Student borgte aus dem oberwähnten Kloster unterschiedliche Bücher, darinnen
seine Studien fortzusetzen, übersatzte auch alles dasjenige, was der Soldat,
welchen er vor meinen Vater angesehen und hernach wacker davor ist ausgelacht
worden, erzählet und dem Schreiber gedictieret, ins Lateinische, mit welchem er
sowohl die Zeit vertrieb, als sich in dem Stilo exercierte. Aber der Soldat
spendierte uns nicht allein seine Erzählung, sondern auch etliche Müllerflöhe,
die in dem Schloss ziemlich gemein werden wollten. Darum liess ich ihm ein neues
Caput-Röcklein samt einem Paar Hirschhosen machen und reinigte ihn also von den
lebendigen Pulverkörnern.
 
                                  VI. Capitul.
    Der Organist verliebt sich in die Margaret. Sie sehen auf dem Turm eine
             Finsternis. Der Schreiber entführt die Beschliesserin.
Das Allerkurzweiligste war mit diesem Ab initio, dass er sich auf meinem
Schlösslein in die Beschliesserin, so eine geborne Schwäbin, verliebte. Er hatte
allgemach etliche Jahr in dem Witwerstande zugebracht und konnte nicht länger
zurückhalten, mir seine Meinung zu eröffnen. »Ich bin zwar anitzo getrunken,«
sagte er, »aber voller Mund redet Herzensgrund. Darum muss ich gestehen, dass ich
in die Jungfrau Margaret verliebt sei, aber in allen Ehren. Ich bin zwanzig Jahr
ein Ehemann gewesen, habe mein Weib allzeit ehrlich und wohl gehalten, meinen
Dienst fleissig versehen und, ohne Ruhm zu melden, mich in meinem Wesen so
erwiesen, wie es meine Schuldigkeit und mein Dienst mit sich gebracht hat. Wenn
es sich denn nun so schicken und sein wollte, dass ich sie haben könnte und
müsste, so wäre mein erste Bitt an Euer Gestreng, Vest und Herrlichkeit, Ihr
Bestes bei der Sache zu tun, damit ich keinen Korb bekäme.«
    »Ihr alter Vater,« sagte ich zu ihm, »Euch stünde besser an, dass Ihr einen
grossen Paternoster mit fäustgrossen Knöpf in die Hände nähmet, als ein so junges
Mägdlein zu heiraten verlanget. Ein alter Mann heiratet mit grosser Gefahr,
absonderlich ein Organist, wie Ihr seid, der da viel Discipul hat. Die sehen
gemeiniglich viel mehr auf die Wangen der Frauen als auf das Clavier. Sie
betrachten die Brüste viel mehr als die Blasbälge am Regal, da setzet es darnach
falsche Quinten, die man aus dem C-Dur geiget; und wenn es Euch an einem Paar
Krummhörnern mangelt, die man an etlichen Orten zur Musik gebrauchet, so könnt
Ihrs durch eine solche Gelegenheit leichtlich bekommen. Doch wenn es Euer Ernst
ist, wie ich daran keinen Zweifel trage, so will ich Euch als meinem Lehrmeister
zu Gefallen und dankbarer Schuldigkeit die Beschliesserin vor mich nehmen, ihr
Eure getane Proposition vorhalten und Euch alsdann ihren Entschluss wieder
notificieren. Seid Ihr damit zufrieden?« - »Trefflich wohl!« sprach der Ab
initio, »und wenns noch heute sein könnte, wäre mirs desto lieber.« - »Nein,«
sagte ich, »heute wird nichts draus, denn sie geht zur Beicht. So ist es auch
morgen nichts, aber übermorgen als künftigen Montags kommet gegen Abend auf eine
Musik und Abend-Collation zu mir, nehmet mit meiner Ordinari-Speis vorlieb,
alsdann will ich Euch all dasjenige berichten, wessen sie sich in diesem Punkt
gegen mir verlauten lassen. Mich anbetreffend, werde in diesem Stück als ein
Freiwerber auf Eurer Seite sein und Euer Lob, dessen Ihr wohl wert seid, gegen
ihr in meinem Vortrag genugsam herausstreichen.«
    Mit diesem Entschluss schied er dazumal höchst vergnügt und tausend Grillen
fangend in die Stadt, ich aber wartete mit meinem Vortrag bis künftigen Montag,
an welchem ich vormittags die Beschliesserin zu mir beruf und sie also anredete:
»Liebe Margaret, was willst du mir spendieren, wenn ich dir einen Bräutigam
zubringe?« - »Hier,« sagte sie auf schwäbisch, »es ischt des Hieren sin
Schierz!« - »Nein,« sagte ich, »meine liebe Margaret, es ischt nicht mein
Schierz, es ischt mein Ernst, und damit ich euch in dieser wichtigen Sache mit
dir nicht viel foppe, so wisse, dass der Organist von Ollingen, welcher dir, weil
er fast wöchentlich hier ein und aus geht, nicht unbekannt sein kann, um dich
bei mir inständig angehalten hat, ob du dich durch mich dahin wolltest bewegen
lassen, ihm deine Affection zuzuwenden. Nun bin ich in diesem Fall nicht
gesonnen, dich zu einem oder zum andern Entschluss zu bereden, denn die Ehe ist
ein schwerer und gefährlicher Kauf. Er ist zwar ein ehrlicher und frommer Mann,
der, ob er gleich kein grosser Künstler noch Quintilierer ist, so hat er doch
sein vermögliches Auskommen, hat ein hübsches Haus in der Stadt und mit seinem
Bierschenk ein solches Gewerb, damit er sich bis dato hübsch hingebracht hat.
Ich weiss nicht anders, als dass er seine vorige Frau gar höflich und ehrlich
gehalten. Er hat vier Kinder, sind aber alle schon erwachsen und geschickt
genug, ihr Stück Brot zu gewinnen. Seinen Dienst versiehet er gar fleissig, also
dass die Ratsherren in der Stadt, ob es gleich die wenigsten verstehen, gar wohl
mit ihm zufrieden sein. Darum sage mir deine Meinung, was hältest du von ihm,
oder wie gefällt dir mein Vortrag?«
    »Oier Vortrag,« antwortete die Margaret, »edler und gestrenger Hier, ischt
guet und fein, aber der Orgalischt ischt ein alter Hosen-Purgierer und hat kain
Zahn im Maul!« - »Ja,« sprach ich, »das ist gut vor dich, dass er keinen Zahn im
Maul hat, so beisst er dich nicht.« - »Hier,« sagte sie weiter, »ich wollte
lieber ein hübsches junges Bürschle haben.« - »Ja,« sagte ich, »du Närrin, so
ist einer andern auch. Ihr wollt hübsche junge Bürschle haben, was ist euch aber
mit ihnen gedienet? Ihr habt bei ihnen zwar kurzweiligere Nächte als bei einem
Alten, aber desto schlimmere Täge. Suppen und Kraut frisst sich nicht gar wohl,
absonderlich, wenns täglich kommt. Bei einem Alten gibt es bessers Maulfutter,
und da kommst du in ein aufgeraumtes Hauswesen. Es ist hart, sich einzurichten,
und absonderlich vor ein Mensch, das fremd im Land ist wie du. Darum besinne
dich diesen Vormittag, gehe mit meiner Frauen zu Rat, es hängt gleichwohl deine
zeitliche Wohlfahrt dran. Triffst du die Scheibe wohl, so ist der Schuss dein.
Ich kann weiter bei der Sache nichts tun, als dass ich dir den Organisten nicht
schänden kann, wie er denn ein ehrlich, christlich und frommer Mann ist, der mit
keinen falschen Griffen noch Betrug umzugehen weiss. Gehe hin und besinne dich
wohl und gedenke dabei, dass, wenn du den Organisten heiratest, dir die
Brautmesse umsonst gespielet wird.«
    Aber die gute Margaret, so sehr ihr auch von meiner Frauen dazu geraten
worden, wollte doch nicht anbeissen, noch sich viel weniger zu einer Gewissheit
resolvieren, sondern bat bis morgen auf den Abend um Bedenkzeit. Ich liess ihr
solche, wie billig, gar gerne zu und vertröstete indessen den Organisten,
welcher um ein paar Stund ehe gekommen war, als ich ihn beschieden, auf einen
guten Ausschlag, trank ihm auch indessen bei der Collation ein christliches
Räuschlein zu und schickte ihn in der Nacht auf meinem Kobelwagen wieder in die
Stadt. Dort gab der Herr Ab initio dem Gutscher ein gutes Trankgeld und schickte
zugleich der Beschliesserin ein Brieflein folgendes Inhalts mit:
    Herzallerliebstes Clavier meiner verliebten Gedanken. Ich weiss am besten,
wie mir um das Ventil meines Herzens ist. Die Hoffnung, welche ich zu Ihrem
guten Entschluss trage, lässet mich an dem angenehmen Echo Ihrer süssen
Regal-Pfeif keineswegs zweifeln, noch viel weniger, dass ich auf dem Positiv
meines Vorhabens irrgreifen werde, verzweiflen. Wir sind zwar bis dahero ein
Sexta major voneinander gestanden, wollte wünschen, dass wir, je eh, je besser,
und gleichsam in einem Tripeltact könnten in ein Unisonum zusammen resolviert
und gesetzet werden. Die weisse Noten Ihrer Tugenden sind meine grösste Freude,
und weil Sie Beschliesserin ist, ergetzet mich nichts mehr als Ihre Claves,
welche ich als ein erfahrner Organist gern examinieren wollte, ob sie zu vier
Fuss-Ton recht einstimmen oder nicht. Sie lebe indessen wohl! Weil sich der
Kutscher wegen Zusperrung der Stadttor nicht lange aufhalten können, muss ich,
obwohl wider meinen Willen, zur Cadenz und dem Final schreiten. Adieu, in fine
videbitur, cuius toni.
    Diesen Brief kriegt ich zuhand, machte ihn heimlich auf und stellete ihn
aufs neu zugesiegelt der Beschliesserin selbst zu, welchen sie nicht gar gross
ästimierte. Dieselbe Nacht war, nach Ausweisung meines Calenders, eine
Mondenfinsternis zu hoffen. Deswegen blieb ich auf, bis etwan Zeit sein würde,
der Speculation abzuwarten, weil vor Mitternacht schwerlich etwas daraus werden
würde. Meine Sophia ging damals vors andere Mal hochschwanger, darum lagen wir
diese Zeit über allein. Ich hatte dannenhero den Studenten bei mir in meinem a
parte-Bettlein liegen, der mir auch dazumal in Betrachtung der Eclipsin
Gesellschaft leisten sollte.
    Nachdem die Schlossglocke zwölf Uhr geschlagen, stiegen wir die Turmtreppe
miteinander hinan, ich einen grossen Tubum oder Sternglas, er aber eine Laterne
tragend. Wir gingen, damit niemand aus dem Schlaf möchte verstöret werden, in
den blossen Strümpfen und verrichteten in dem obern Zimmer unsere vorgenommene
Speculation einer um den andern gar vergnüglich. Der Student wies mir gar fein,
wie sich die interpositio terræ inter Solem & Lunam verhielt, und dass
solches keine sonderliche Zustände bedeutete, wie die Gassensänger in ihren
Zeitungen zu prophezeien, soll sagen, zu lügen pflegten, sondern dass die Sonn-
und Mondenfinsternissen natürliche Sachen wären, die nichts Sonderliches, ja, so
wenig zu bedeuten hätten, als wenn wir die Sonne untergehen sehen.
    Der Stradiot, welcher indessen in seinem Bette, so ich ihm in diesem Zimmer
aufrichten lassen, sanft geschlafen, wurde endlich von unserm Conversieren
ermuntert und fragte gleichsam aus alten und im Kriege angewöhnten Gebrauch:
»Wer da?«, entsann sich aber bald eines andern und bat um Verzeihung, vorgebend,
dass ihm die alten Grillen nicht alle aus dem Kopfe wären. Er stund endlich auf
und gab seine Meinung zu allen Sachen, die wir wegen dieser Finsternis hatten.
Indem überzog sich der Himmel mit häufigen Wolken und wurf starke check, dass
alles witterte und stürmete. »Ihr Herren,« sagte der Soldat, »in solchem Wetter
habe ich müssen Schildwach stehen, auf die Partei und Execution laufen, es
mochte gleich donnern, blitzen oder hageln, so half doch nichts, ich musste mit
meinem Schmeckscheit hinaus und mich in meinem Mantel so gut verstecken, als ich
konnte. Da war es übel vor die Bursche, die keine Mäntel oder einen guten
Caput-Rock hatten, absonderlich auf der verlornen Schildwach. Da donnerte und
blitzte es zuweilen, dass uns das Pulver auf der Zündpfanne hätte anbrennen
mögen, und kam oft unter zehen kaum einer wieder heim, denn es war Wetter und
Feind wider uns, die uns da und dort hinwegfischten und von dem Platz angelten.«
    Nachdem wir ein und anders, die Mühseligkeit der Musquetierer betreffend,
geredet hatten, wünschten wir dem alten Vater eine gute Nacht, willens, uns
schlafen zu legen. Auf der Turmtreppe stiess mich der Student in die Seite, und
als ich mich umsah, warum er solches getan, so zeigte er mir durch ein
Fensterlein auf dem Gange, so rings um den Schlosshof ging, den Schreiber
Nobiscum vor der Margareta ihrem Kammerfenster, der mit ihr, weiss nicht von der
Fractur oder der Canzeleischrift, discurrierte. Da ich aber etwas genauer
zugehöret, war es von der Current, denn er war allem Ansehen nach willens, mit
ihr heimlich auf und davon zu laufen. »Ich weiss es schon,« sagte er zu ihr, »dass
Euch der Herr und die Frau den alten Hosenvergulder zu heiraten gänzlich
persuadieren werden und durchaus haben wollen, dass Ihr Euer Jawort dazu gebet.
Aber gedenket Ihr nicht, wie es Euch dermaleins reuen werde, einen so
abgeschmackten Kirschmus-Bart geheiratet zu haben? Er geht auf der Gasse daher,
wie [wenn] ihm die Bein in den Hintern gekleistert wären, und wird von allen
Leuten ausgelacht. Der Herr hält selbst nicht viel auf ihn; Ihr wisst wohl, wie
er ist. Wer ihm die Zeit mit Narrenpossen vertreiben kann wie der neue Student,
der ehrbare Vogel - Herr, sagte der Student zu mir, das bin ich -, derselbe ist
bei ihm mehr æstimiert als ich und meinesgleichen, die nur mit ernstlichen und
reputierlichen Sachen zu tun haben. Der alte Knisterbart hat viel Kinder, darum
besinnet Euch wohl und denket daran, was Ihr mir und ich Euch so oft bei
Teufelholen und tausend Schwüren zugesagt. Vernehmet Ihr mich, was ich meine?« -
»Ja, mein Schatz,« sagte die Margaret, »ich vernehme Euch gar wohl. Ich wollte,
dass der Herr etwas anders vor seinen Vortrag getan hätte; ich dachte, es soll
Euch gelte, aber so galt es den Orgalischte. Es blibt dabei, was geredet ischt,
das ischt geredet.« - »Wohlan!« sprach der Schreiber, »so blibt es demnach bei
der Resolution, leb wohl, mein Schatz, und halte dich fertig! Gute Nacht!«
    Aus dieser Rede vermerkte ich wohl, dass wir etwas zu spat zu ihrer Conferenz
gekommen. Nichtsdestoweniger hatte ich dadurch Argwohn genug, dass nichts mit dem
Organisten seiner Buhlerei zu tun wäre, weil ihm dieser Gelbschnabel über das
Rück-Positiv herwischen wollte. Nun gedachte ich, der Organist mag sich immer
auf ein Lamento gefasst machen, doch solle der Schreiber auch nicht so bald Sturm
laufen, als er sichs einbildet. »Das ist ein Schelm,« sagte ich zu dem
Studenten, »wer sah es dem Duckmäuser an, dass er solche Octaven setzen könnte?
Warte, du Mauskopf, ich will dir einen Knoten in das Band knüpfen, den du so
bald nit auflösen sollest!« Also legten wir uns schlafen und liessen uns von der
Sache nichts Böses träumen.
    Morgens liess ich den Schreiber rufen, meine gewöhnliche Correspondenz-Brief
an meine gute Freunde mit der Ordinar abzufertigen; aber da war weder Schreiber
noch etwas anders zu finden. Ich machte mir stracks Grillen, ging selbst in die
Canzelei, aber da waren seine Kleider, sein Feiertagsmantel samt noch einem Rohr
hinweg, welches ich zur Vorsorge im selben Zimmer hangen hatte, weil allerlei
Wildenten auf dem unweit entlegenen Teiche sich immerzu sehen liessen. Gleichwie
ich aber den Schreiber suchte, so suchte meine Frau die Beschliesserin.
»Margaret! Margaret!« ging das Geschrei, »wo bist du? bist du noch nicht
aufgestanden? was machest du so lang in der Kammer?« Ja wohl Kammer! Sie war nur
gar zu früh aufgestanden, und der Torwärter berichtete, dass sie in der Nacht
etwan um Glock drei Uhr hinausbegehret, vorgebend, sie würden von der gestrengen
Herrschaft nach Ollingen verschicket. Ich liess bald mit zweien Pferden
nachjagen, weil meiner Liebsten ein grosser silberner Becher samt dreien güldenen
Halsketten, so die Beschliesserin in ihrer Verwahrung hatte, samt andern Sachen,
mir aber nebenst der Büchse ein saubers Kleid hinweggekommen, welches sich nicht
leichtlich verschmerzen liess, absonderlich, da es von einem so leichtfertigen
Hausgesind, dem man alles Gutes erwiesen, angepacket worden. Aber da war weder
Schreiber noch Beschliesserin zu erfragen noch auszukundschaften, musste also samt
dem Organisten Patientia tragen, welchen es überaus geheiete, dass er den Braten
verloren, ehe er ihn noch an den Spiess gestecket hätte. Er schmälte auf den
Schreiber, dass es schrecklich war; ich aber sagte, dass man zu geschehenen Sachen
das Beste reden, noch sich unmässig hierüber quälen solle. »Haben sie mir doch
auch«, sagte ich, »über die hundert Taler Wert gestohlen, sie laufen hin, wo sie
wollen, sie werden sich nicht ewig verbergen können. Die Ruten grünen alle Jahr,
mit welchen sie noch werden gestrichen werden.«
 
                                 VII. Capitul.
     Etliche Mörder kommen in das Schloss. Werden gefangen und hingerichtet.
Den Studenten verdross nichts mehrers, als dass ihn der Schreiber einen ehrbaren
Vogel geheissen, da er ihm doch zuvor den Namen Nobiscum so treuherzig
communiciert hätte. »Nun heisst er«, sagte der Student, »nicht Nobiscum, sondern
Secum; aber die Margaret«, sprach er zum Organisten, »heisset nicht Tecum. Gelt,
Herr Organist, Ihr hättet Euch solches ab initio nicht eingebildet, wie es
leider anitzo erfolget ist?« Der ehrliche Ab initio schüpfte die Achsel und war
in seinem Gemüt bestürzet, dass er denselben Tag keinen rechten und saubern
Tremulanten machen konnte. Darum versprach ich, ihm eine andere Gelegenheit
zuzuweisen und ihn mit einem bessern Clavichordio zu versehen, dessen er endlich
zufrieden war. Denn weilen er mit ihr in keiner sonderlichen Kundschaft gelebet,
sondern sie nur plötzlich, gleichsam als auf einen Raub, liebgewonnen hatte, als
liess er auch diese Liebe nach dem Sprüchwort: quod cito fit, cito perit
geschwinde wieder fahren und umfing statt der Margaret eine gute Kanne Wein,
herzte sie auch dergestalten, dass nach dreien Zügen wenig Tropfen mehr darinnen
übrig waren.
    Es wohnten zwei Frauen in der Gegend, welche kluge Weiber genennt wurden,
das sind solche Leute, die den Dieb und das Gestohlene beschreiben und
wiederbringen können. Solche Kunst aber halt ich vor keine Klugheit, sondern vor
eine rechte und namhafte Zauberei, die ohne grosse Gottslästerung nicht kann
verübet werden. Darum hielt ich nichts auf das Einraten derjenigen, so mich zu
derer Hülfe bereden und verleiten wollen. Denn ich wollte noch lieber darzu
tausend Ducaten verlieren und missen, als durch einen solchen schändlichen
Frevel meine arme Seel in so grosse Gefahr setzen. Und warum sollte ich solch
Teufelsgesindlein gefragt haben? Ich wusste ja, dass es der Schreiber und die
Beschliesserin waren, welche mir meine Sachen geraubet hatten. So wusste ich auch,
was der Raub gewesen und wie hoch sich derselbe bei einem gleichen beliefe. War
also diese Anfechtung umsonst und vergebens. Der Dieb war fort und
durchgegangen, weil sie beide nicht gar corpulent und dannenhero sehr fix und
fertig werden marschiert sein. Darum schlug ich vor diesmal solche Gedanken aus
dem Capitolio, und als der Organist einen halben Tummel hatte, musste er mir dem
davongelaufenen Paar noch ein Valet-Lied aufspielen, welches er mit so
geschwinden Fingern verrichtete, dass ich genug daran samt dem Studenten zu
lachen hatte.
    Drei Tage hernach kam ein feines Mensch vor das Schloss, welches um Dienst
anhielt. »Es ist,« sprach sie zum Torwärter, »wie ich höre, hie eine
Beschliesserin davongelaufen.
    Wenn ich könnte bei der adeligen Frauen statt derselben angenommen werden,
wollte ich mich besser und ehrlicher verhalten.« Der Torwärter gab sie bei mir
an, und als ich sie examinierte, gab sie in allen Sachen gar richtigen Bescheid,
hatte auch etliche geschriebene Zeugnisse bei sich, dass sie sich allentalben
gar wohl und redlich gehalten.
    Ich nahm sie an, und mein Weib gab ihr eine ernstliche Vermahnung, dass sie
der vorigen nicht nachfolgen, viel weniger ihr gutes Lob verdunkeln sollte. »O
nein,« sagte sie, »o meine hochadelige und gestrenge Frau, dazu bin ich viel zu
ehrlich und redlich. Diebstahl ist eine grosse Sünd und bleibt nicht ungestraft,
viel weniger tut die Hurerei gut! O nein, meine gestrenge Frau, nein, nein, ich
weiss es viel besser!« - »Nun«, sagte ich, »so tue auch fein darnach, nicht wer
eine Sache weiss, sondern wer das Gute tut, ist lobenswert!« - »Ach ja,« sagte
sie, »der hochedle und gestrenge Herr sagt gar wahr, es ist die Wahrheit, ja,
ja, ich will mich wohl in Obacht nehmen, dass kein Mensch im ganzen Schloss über
mich wird zu klagen haben.« Damit ging sie an ihr Tun, und ich stieg denselben
Abend mit dem Studenten wieder auf den Turm, weil der Himmel heller als gestern
war, nicht zwar einer neuen Finsternis, sondern vielmehr dem Gestirne
nachzuspeculieren, welches der Student trefflich im Kopf hatte.
    Als wir solcher Arbeit am besten abwarteten, kamen ihrer drei grosse Kerl an
die Schlossmauer herzugeschlichen, die wir gleich anfangs vor Schelm und Diebe
hielten. Sie sahen bald hin, bald her, bald vor sich, bald zurück, darum eilte
ich samt dem Studenten hinunter auf den Schlossgang, weil von daraus etliche
Fenster hinausgingen, die Bursche besser zu besehen. Mein neugeboren Kind war
etwas unpass, wie es denn bald gleich dem ersten gestorben ist. Darum ward dessen
Geschrei disterlich zu hören, ob mir schon dadurch ein grosses Unglück verhütet
worden. »Benedict! Benedict!« ruften die Kerl und pfiffen etlichmal mit einem
subtilen und silbern Pfeiflein. »Diese sind Diebe!« sagte der Student, »Euer
Gestreng rufe dem Soldaten und Torwärter samt dem Laquay und Knechten, es hat
grosse Gefahr!«« Hieraus sah ich, dass der Student von keiner guten Courage war,
und weil ich nit wusste, wem sie ruften, zumalen im ganzen Schloss kein Mensch
Benedict hiess, als dachte ich, es hätte sich vielleicht jemand in dem Schloss
heimlich verstecket, mit welchem sie in Kundschaft stünden. Diese Sorg war meine
grösste, folgte also dem Studenten und weckte die Knecht ganz in der Still.
    Sie hielten mit ihrem Rufen, Pfeifen und Herumlaufen lang an, bis ich
endlich zu meinem Guckfenster hinaus sagte: »Was wollt ihr?« - »Ist es«, sprach
einer, »noch nicht Zeit?« - »Ja,« antwortete ich, »ganz still, es ist hohe
Zeit!« - »Wir hören ja«, sagte er weiter, »noch ein kleines Kind schreien, die
Leute sind gewiss noch nicht zu Bette.« - »Ach ja,« sagte ich, »sie sind schon
lang schlafen.« - »Nun,« sprach er, »so wirf die Strickleiter heraus!« Zu allem
Glück hatte ich auf dem Schlossturm zwei alte Strickleitern. Dahero hiess ich sie
ein wenig verziehen, eilete über den Turm hinauf und wurf sie hernachmals
hinunter, als ich zuvor den Haken wohl eingehangen.
    »Sobald der erste herauf ist,« sagte ich zu meinen Knechten, »so machet
Lärmen!« - »Nein!« sprach der Soldat, »ich bin öfter bei Fischerei gewesen,
machet beileib kein Geschrei. Verstecket euch hier in diesem Winkel. Wenn er zum
Fenster hereinsteiget, so werft ihm geschwind einen Pelz um den Kopf, dass er
nicht schreien und also seine Kameraden nicht warnen kann. Alsdann eilet
geschwinde mit ihm in ein Zimmer, bindet ihm Händ und Füsse, so könnt ihr das
ganze Nest ausheben!« Der Soldat hat hierinnen nicht übel geraten, und der
Ausgang bewies, dass er sowohl zu stehlen als die Diebe zu fangen meisterlich
abgerichtet gewesen.
    Sobald die Leiter hinunter, kam der erste angestochen. Als er mit dem Kopf
unter dem Fenster stackte, verfuhren wir mit ihm nach der Lehre des Stradiotens,
der sich vor Freuden im Herzen kitzelte, denn ich versprach ihm, wo die Sache
nach Wunsch ablaufen würde, einen neuen Mantel machen zu lassen. Und also
brachten wir die drei Gesellen, darunter sich der letzte ziemlich gewehret hat,
gebunden und gefesselt in ein Zimmer zusammen, allwo wir die Vögel von unten bis
oben betrachteten.
    Ich examinierte sie augenblicklich, wer sie wären und wer der Benedict sei,
dem sie gerufen hätten. Da bekannten sie, dass es diejenige Beschliesserin wäre,
welche von der Schlossfrau in Dienste angenommen worden. Solche wäre keine
Frauen-, sondern eine Mannsperson, die in Weiberkleidern sich
hereingepracticieret und ihnen alle Gelegenheit, das Schloss zu berauben, hätte
an die Hand geben wollen. »Geschwinde!« sagte ich, »dass man die Beschliesserin
hasche und sie zur fernern Inquisition vorbehalte.« Aber sie war ebensowenig als
die vorige zu finden, und ob sie gleich meiner Frauen bei dem kranken Kind
aufwarten müssen, wusste doch mein Weib selbst nicht, wo sie so geschwinde
hingekommen, weil sie solche über zwei Minuten lang nicht gemisset hat.
    Ich bildete mir stracks ein, sie wäre durch den Tumult erschrecket und, als
sie sich verraten gesehen, davongelaufen, aber doch gleichwohl konnte sie
nirgends zum Schloss, welches allentalben wohl verwahret war, viel weniger zu
einem Fenster ohne Leibs- und Lebensgefahr ausgesprungen sein. Dannenhero liess
ich gute Wache in und ausser dem Schloss, wo ich etwan meinte, dass der beste
Schlupfwinkel sein möchte, aussetzen, denn sie konnte mir unmöglich aus dem
Garne gehen. Bei dieser Histori kann der geneigte Leser betrachten wie mir
dazumal müsse zumut gewesen sein und wie geschwinde ich mich in diesem
gefährlichen Zustand habe resolvieren müssen, dabei der alte Soldat als ein
alter Practicus in dieser Sache nicht ein Geringes beigetragen, welcher, weil er
ein Fischer war, die Karpfen desto besser zu fangen wusste.
    Ich liess die Gefangene wohl und sicher verwahren, ging auch nach diesem ganz
sorgsam schlafen. Meine Bettdecke glänzte gleich einem Harnisch, so voll hatte
ich sie mit blossen Degen, Pallaschen und Säbeln geleget. Neben mir hatte ich
eine stattliche Partisan, und dem Studenten gab ich einen alten, aber sehr
scharf schneidenden Hirschfänger, welchen er ober seinem Haupt hinter das Kissen
steckte, und also begaben wir uns zu Ruhe, nachdem der Laquay noch ein Licht
anzündete und vor unserem Zimmer samt dem Wastel Schildwache hielt.
    Morgens erhebte sich in dem Ofen ein plötzlicher und unerhörter Tumult, denn
es fielen nicht allein etliche Kächel und also in einem Augenblick der halbe
Ofen ein, sondern sprang auch aus demselben die verkleidete Beschliesserin mit
meinem und des Studentens Entsetzen unversehens heraus, welche sich ohne allen
Zweifel diese Nacht in demselben verborgen gehalten. Dieser verkleidete Mörder
hatte ein grosses Messer in der Faust, und weil das Bett des Studentens unfern
von dem Ofen stund, eilete er in der Furi auf diesen zu und tat etliche Stösse,
welche, wo sie der erschrockene Student nicht mit dem Deckbette, unter welches
er sich verstecket, ausgepariert hätte, ihm ohne allen Zweifel würden das Licht
ausgeblasen haben. Ich secundierte ihn aber augenblicklich mit meiner Partisan,
rufte um Hülfe, und als meine Knechte ins Zimmer kamen, hatte ich diesem
Benedicten allgemach eine solche Schramme in den Hirnschädel gehauen, davon das
Blut häufig über seine Kleider abfloss. Hiermit machte sich der erblasste Student
auch wieder hervor, und als er das Bette von sich geworfen, sprang er in seinen
Schlafhosen heraus, dem Mörder einen Fang mit dem Hirschfänger zu geben,
verfehlte aber des Streichs und schmiss mir einen hauptsächlichen schönen Spiegel
samt meiner Violin in etliche Stucken voneinander.
    Inzwischen wurde dieser Schelm gleich seinen Gesellen und Mitbrüdern feste
gebunden und geschwinde ein Bot mit kurzem Bericht an die Gerichten nacher
Ollingen abgefertiget, damit sie möchten der Justiz überliefert werden. Sie
boten gleich anfangs zur Rantionierung ihres Leibes jeder zu fünfhundert
Reichstalern; aber da musste Recht vor Gnade ergehen, weil alle das Geld, so sie
bei sich trugen, ohnedem in meinen und der Gerichten Händen stund, welches sie
meistens in grossen und langen ledernen Würsten um den Leib bei sich getragen.
Solche Münze bestund in den allerschönsten Reichstalern und Ducaten, dadurch ich
wieder in etwas ersetzet habe, was ich zuvor durch den Schreiber verloren. Was
mir also die erste Beschliesserin stohl, das musste mir die andere wiederbringen.
    »Ihr Lumpengesind,« sprach ich zu ihnen, »ich will euch lassen martern und
foltern. Dieses Bubenstück ist nicht das erste, dessen ihr euch so frevelhaftig
unterwunden habt. Auf dieser Kirchweihe seid ihr öfters gewesen, und wer weiss,
wieviel Blut ihr auf eurer Seelen sitzen habet!« Als sie nun merkten, dass keine
Bitte noch Versprechen etwas bei mir fruchten wollte, liessen sie ihre
Verstockung merklich spüren, absonderlich da sie sahen, wie ich kein eigene
Jurisdiction hätte, mit ihnen das Hochgerichte zu hegen. »Ihr drohet uns
gewaltig«, sprach einer unter ihnen, »und seid doch nur ein kahler Landschuft,
der über nichts als seine Hühner und Tauben zu commandieren hat. Ihr werdet uns
nicht mehr antun, als was die Gerechtigkeit will. Ihr habt mit Gebundenen gute
Sicherheit zu prahlen, sonsten wollte ich Euch bald lernen, wieviel es
geschlagen hätte.« - »Du Gesell,« sprach ich zu ihm, »lasse dir die Weil nicht
lange werden, und dass du sehest, dass ich auch über dich und nicht nur über
Hühner und Tauben zu befehlen habe, so will ich dir hier eine Probe davon
weisen!« Damit prügelte ich ihn braun und blau, und als es auf einer Seite genug
war, wandte ihn der Student auf die andere, und also zerschlugen wir alle nach
der Reihe; darüber sie wie die Wölfe geheulet.
    Ich konnte es doch nicht aus ihnen bringen, wer oder von wannen sie waren,
lag mir zwar auch nicht viel daran, weil ich gute Hoffnung hatte, solches
allernächstens aus Ollingen von dem Gerichtsschreiber zu erhalten. Also schafft
ich sie auf einem Wagen kreuzweise geschlossen alle vier in die Stadt, allwo man
mit ihnen, wie billig, nach der äussersten Schärf verfahren hat. Nach acht Tagen
bekam ich das Protocoll, darinnen ich mit Schrecken ersehen, dass sie nicht
allein allbereit unterschiedliche Mord- und Totschläge begangen, sondern auch in
der ehrbaren Gesellschaft des Bartels auf der Heide sich aufgehalten hätten,
als das Schloss Oberstein ist gestürmet und von den rebellischen Bauern
angelaufen worden. Darum eilete man bald zum Ende, und wurden zwei Urteil
eingeholet, deren jedes das Rad mit sich brachte. Die Beschliesserin, als der
Rädelsführer unter der Compagnie, der zwar noch der Jüngste unter ihnen war,
solle noch darzu mit dreien Zangen-Zwicken gestrafet werden, von welcher Strafe
ihn meine schwangere Frau losbat. Wurde also diese ehrbare Gesellschaft den 8.
Februari am hellen Tage innerhalb einer Stunde hingerichtet, von unten auf
gerädert und ihre Leiber in vier absonderliche Räder geflochten, allwo sie bei
dem Hochgericht den Menschen zum Abscheu und Exempel, den Raben aber und anderen
Raubvögeln vor eine Speise dienen mussten.
    Einen solchen Ausgang nehmen solche Comödien, die man mit grosser Leibs- und
Seelengefahr zu spielen pfleget. Ich will hier ihre Namen, weil sie es nicht
wert sind, nicht gedenken, denn an solchem Gesind ist wenig Merkwürdiges, und
dannenhero erinnert man sich solcher Geschichten und Hinrichtungen nur mit
Entsetzen. Absonderlich aber wird solcher Gesellen billig nit gedacht, noch
diejenige mit Namen genennet zu werden würdig, die, wie diese getan, sich nicht
bekehren, noch viel weniger ein Gebet bei ihrem Tode verrichten wollen. Sie
stiessen den Pfaffen von einer Seite zur andern und trieben auf der Strasse zum
Galgen die aller-ärgerlichste Schandpossen. Als man mit ihnen an den Galgen kam,
an welchem kurz zuvor einer gehenkt worden, so sprachen sie zu ihm: »Gesell,
wenn wir miteinander spielen werden, so hast du es besser als wir, denn du bist
höher daroben, kannst uns also wacker in die Karte sehen!« Was hilft es aber
solchen Narren? Man soll sich über ihre Herzhaftigkeit verwundern, welche man
doch vielmehr zu beseufzen Ursach hat, weil es eine pure Desperation ist. Man
sieht daraus, dass sie der böse Feind ganz eingenommen, weil sie keinen guten
Zusprechungen mehr wollen Gehöre geben. Sie lachen vor ihrem Ende und werden
also rechte Teufelsmärtyrer, weil sie ihren Hals einem Strohhalm gleich schätzen
und wenig darnach fragen, ob sie in der Luft oder in der Erden verfaulen.
Teodori nihil interest, humine an sublime putrescat, saget die Regul im Syntax.
Der Teodorus - welcher ein Erzschelm an Diocletiani Hofe war - fraget wenig
darnach, ob er in der Luft oder in der Erde verfaule, es gilt ihm ein Ort wie
der andere. Und gleich wie solche Gesellen verzweifelt zum Tod gehen, also
sterben sie auch verzweiflend und stürzen sich also in die ewige Flamme, gegen
welcher die zeitliche Tortur ein angenehmes Labsal ist. Was sie demnach zuvor
nit glauben wollen, das müssen sie hernach mit Schrecken und Zittern nicht auf
eine Zeit, sondern in alle Ewigkeit erfahren.
 
                                 VIII. Capitul.
                           Redet von der Kinderzucht.
Nach dieser Execution, in welcher sie abscheulich zerstossen worden, ritt ich
wieder heim und fand mein Weib bitterlich weinen, welche mit einem Perspectiv
auf das Feld gesehen und unterschiedlich vorübergehende Leute wegen dieser
Geschicht ausgefraget, wie etwan einer oder der andere gestorben wäre. Man wusste
ihr aber nichts als von ihrer grossen Halsstarrigkeit zu sagen, ob man schon
dabei heimlich gemurmelt, dass einer unter den Hingerichteten solle eines
vornehmen und stattlichen Herkommens sein. Ich lasse es dahin bewenden, ob dem
also gewesen oder nicht; dennoch ist es wahr, dass nicht lange darnach ein
ehrbarer und allem Ansehen nach sehr reicher Mann mit dreien, so ihn begleitet,
voll Tränen und Seufzen vor den Galgen geritten. Seine Sprache schien
ausländisch, und rufte zu etlichen Malen: »O mein Sohn, mein Sohn!« Ich habe es
eben von der Bauersfrauen, bei welcher er über Nacht in einem Dorfe samt seinen
Gesellschaftern gelegen, welche nach der Aussage dieser Frauen genug an ihm, sie
wusste aber nicht weswegen, zu trösten hatten. Aus diesem Exempel ist zu sehen,
wie in ein grosses Elend gottlose und ehrvergessene Kinder ihre Eltern oft zu
stürzen pflegen. Solches sind gemeiniglich Kinder, welche entweder gar zu wenig
gezüchtiget oder gar zu übel gehalten werden. Manche Mutter laufet dem Vater,
wenn er zuschlagen will und soll, unter die Streiche, lässet sich lieber acht
Schläge als dem Kind einen geben. Auf solche Hülfe verlässet sich das liebe
Söhnlein. Kommt der Vater mit der Rute, da lauft man geschwinde hinter der
Mutter Schürztuch und schreiet, dass es die Nachbarn ins sechste Haus hören. Also
wächset das liebe Pflänzlein auf, fänget auch endlich gar an, den Vater bei den
Haaren zu zupfen, heisset das Gesind und die Dienstboten mit allerlei garstigen
Namen. Will man strafen, so sagen die Mütter: »Es ist noch zu klein, das Kind
versteht nicht, was es redet.«
    »Mir ist es eben auch also geschehen«, sprach der Student. »Als ich noch in
der Stadt war und, mich desto besser durchzubringen, kalmeusern oder, lateinisch
zu sagen, informieren musste, kam mir ein solch saubers Weiblein unter die Hand,
welches sich, sooft ich ihn züchtigen wollen, allezeit belieben lassen, mich bei
den Haaren zu raufen. Wenn ich sagte Schelm, lerne! siehe auf dein Buch!, so
sagte er: Du bist selbst ein Schelm! Also lebte der Jung in allerhand Frevel und
die Eltern im continuierlichen Streit. Wenn ihn der Vater, so ein rechtschaffen
wackerer und kluger Mann war, strafte und ihn mit der Rute auf die Finger
klopfte, so stiess die Mutter ihren Mann mit der Faust in den Rücken, dass es
puffte, und also gab es wegen des Knaben einen unaufhörlichen Ehestreit, und kam
von den Worten zum Zanken, vom Zanken zum Raufen und Schlagen, von dar zur
Klage, von der Klage zur Strafe, verlor also der gute Mann - es möchte die Straf
gleich über ihn oder seine Frau gehen - ein merkliches Stück Geld, weil selten
eine Woche vorübergegangen, da sie sich nicht dreimal wegen des Jungen gerauft
haben.«
    »Nein,« sagte ich, »so wird es mit meinen Kindern nicht heissen. Eier in die
Pfanne, so werden keine Jungen draus, saget man im Sprüchwort; wo man den Baum
nicht in seiner zarten Jugend vorbeuget, so wird ein übels und krummes Gewächse
daraus. Wer den Kindern gar zu frühzeitig aufpfeifet, dem tanzen sie hernach
solche Sarabanden. Man muss aber auch nicht in sie hineinfahren noch zuschlagen
wie mit einer Schlägel-Hacken auf einen eichern Stock. Allzu scharf macht
hässig, allzu lind macht lässig, drum soll mans in allen Sachen nit zu scharf
noch zu linde machen. Wenn man den Bogen zu hoch spannet, so springet er
entzwei, und wenn man den Esel nicht wacker klopfet, so trägt er sein Leben lang
keinen Sack in die Mühl. Ne quid nimis, heisset die lateinische Regul, zu wenig
und zu viel, ist des Teufels Spiel. Mancher hudelt seine Kinder, schlägt und
stösset in sie wie ein unsinniger Ochs. Was richtet er damit aus, als dass er sie
inzeiten zaghaft, scheu und so erschrocken machet, dass sie fast mit keinem
Menschen ein Wort ohne Augenblinzeln reden können. Sie laufen wohl gar davon,
gehen in Krieg, lassen sich aus Desperation unterhalten, werden Soldaten, und
ist also nur um zwei falsche Schritte zu tun, so kommen sie dem Henker unter die
Hand: das hat man von den Kindern herausgeschlagen. Die allzu grosse Gelindigkeit
der Mutter bauet dem Kind die Stufen, und die allzu scharfe Härte des Vaters
schläget den Nagel in Galgen. Da hängt der Sohn. Was vor ein grosses Herzeleid
hernachmals solche Eltern überfalle und wie eine grosse Reue sie ergreife, ist
leichtlich zu gedenken.
    Gewohnet man aber gar zu grosse Lindigkeit, so will man keinen sauren Wind
über die Nase gehen lassen. Soll man in die Welt hinaus seinem Handwerk oder
Profession nachziehen, da fängt man an zu weinen und heulen, dass es
erschröcklich ist. Es ist zwar natürlich, dass aller Abschied, es sei gleich von
Eltern oder sonsten von guten Freunden, sehr wehe tue, absonderlich in den
jungen Jahren. Wieviel mehr wird es aber einem solchen Kind zu Herzen gehen, das
stets sozusagen an den Mutterbrüsten gelegen und seine grösste Arbeit mit
Äpfelbraten hinter dem Ofen zugebracht hat. Kommt man anderwärts und wird nur
scheel angesehen, so heisst es: Ach, wäre ich wieder bei meiner Mutter! O liebe
Mutter, wäre ich bei dir! Oh, wie habe ich so gute Tage verloren! Da fängt man
an zu weinen, setzet sich in einen heimlichen Winkel und denkt an nichts als an
das liebe Heimat, und wie manchen guten Kuchen man daselbst gefressen habe.
    Man schreibet von den Heringen, dass selbige Fische, sobald sie aus der See
kommen, plötzlich abstehen und sterben sollen. Solches, weil ichs nicht anders
gelesen, muss und will ich gar gerne glauben, aber auch alle solche
Muttersöhnlein auch Heringsköpfe heissen, die da, sobald sie ausser des Vaterlands
sind, abstehen und verschmachten wollen. Es schmeckt ihnen kein Fleisch, kein
Brot, kein Bier. Oh, sagen sie, in meiner Heimat ist gut Fleisch, in meiner
Heimat ist gut Bier, gut Gebackens, gutes Brot, gute Fische und so fort. Da sind
nirgends keine so schöne Gebäude als in ihrem Heimat, kein Ort ist schöner
situiert, als wo sie sich herschreiben. Nescio, qua dulcedine cuncti etc., saget
der Poet, ich weiss nicht, durch was vor eine annehmliche Süssigkeit wir getrieben
und beweget werden, unser Vaterland zu wünschen. Es wird aber mit den
Muttersöhnlein keine solche Liebe, die da dem Vaterland erspriesslich ist,
verstanden. Als zum Exempel: wer sein Vaterland also liebt, dass er Gut und Blut
davor in die Schanze schlägt, dergleichen Exempel zu diesen Zeiten sowohl als
vor alters florieren, der ist ein rechter Liebhaber seines Heimats zu nennen.
Aber solche Kinderfratzen und pockänzichte Heimsehnungen, da man auf dem Weg
immer zurück nach den Turmspitzen und nach dem Kaminrauch gucket, ist ein
kindisches Vornehmen, welches zwar mit dem herbeinahenden Alter verschwindet,
aber nichtsdestominder solche Leute in grosses Unglück stellet.
    Denn indem die Mutterpfennige schwinden, suchet man allerlei Gelegenheit,
sich zu bereichern, man machet mit, so gut man kann, und wenn sie nicht mehr
wissen, was nun zu tun oder anzufangen sei, so sagen sie den Sentenz, welchen
sie aus all ihrem Studiern alleine übrigbehalten, nämlich: an nescis longas etc.
Damit greifen sie zu, wo sie wissen, da der beste Brocken sitzet, fangen also
mit dem Kleinen an, bis sie am Grossen aufhören und eben an denjenigen Ort
geraten, nach welchem sie so oft und mannigfältig gegriffen haben, nämlich an
den Galgen. Dieses sind die Früchte der Hatschelei, anderer Ungelegenheiten zu
geschweigen, die dadurch zu entspringen pflegen. Da darf mancher Schuhmacher
seinen Lehrjungen nicht sauer ansehen, so läuft er wieder heim, wo er
hergekommen. Der Kaufmann darf seinem Jungen nur die Elle ein paarmal über den
Rücken messen, so geht man zu dem Barbierer, nimmt eine Purgier und eine rote
Salbe ein, das zerronnene Geblüt wieder zu curieren. Da heulet die Mutter wie
ein Wolf, das liebe Söhnlein wie eine junge Katz, und die Schwester pfeift
hintendrein und quäkt wie ein Frosch, da ist die edle Musik beisammen.
    Wenn man aber den Schaden recht beschauet, so hat der Kaufmann durch seine
Streiche nichts als ein paar grosse Gewandläuse auf des Jungen seinem Rücken
totgeschlagen, und da ist der Totschlag als in einem corpore delicti
augenblicklich zu sehen. Ja, die Eltern sind zuweilen wohl gar so närrisch,
verklagen den Herrn bei der Obrigkeit, dem sie doch vielmehr zu danken grosse
Ursach hätten. Eine gute Züchtigung schadet dem Magen so wenig als eine hübsche
fette Fleischsuppe. Wer nichts ausstehen, sondern sich zu jedem Wort wie ein
Schneck, der die Ohren einziehet, anstellen will, aus dem wird auch nichts. Ich
weiss nur gar zu wohl, was mein Jäckel vor ein schlimmer Gesell war, jedennoch
liess er sich tapfer abklopfen und besserte sich fein darnach. Solche Streiche
werden wohl angewandt und sind dem Getreide zu vergleichen, welches, wo es in
eine fruchtbare Erde geworfen wird, zehenfältige Frucht bringt. Dieses lasset
euch gesagt sein, ihr Eltern, und folget in diesem Stück dem Exempel meines
alten Soldaten auf dem Schlossturm, der erzählete, wenn ein Kind, deren er fünfe
gehabt, mit einer Klage zu ihm gekommen, dass es nämlich von dem Meister zu hart
geschlagen würde, so habe ers allezeit mit noch mehrern Streichen zurückgejaget,
als sie angekommen sind.«
 
                                  IX. Capitul.
  Wunderliches Taubenschiessen. Sie discurrieren von den alten Einsiedlern und
                                ihrer Pönitenz.
Verstandenermassen so war ich zu Ollingen bei der scharfen Execution dieser vier
Strassenräuber gewesen, welche elend genug hingerichtet worden, habe auch in
selbiger Stadt eine ziemliche Zeit mit guten Freunden zugebracht, dass ich über
Nacht, ehe die Execution vorbeigegangen, darinnen geblieben und also fast in die
vierundzwanzig Stunden mich ausser meinem Schlösslein aufgehalten habe. Den
vorigen Discurs führte ich mit meinem Studenten, da wir wieder heimwärts ritten,
weil man sich nach solchen Zufällen mit dergleichen Unterredungen gemeiniglich
zu unterhalten pfleget. Und also kamen wir am Mittage wieder nacher Haus, allwo
uns das Essen trefflich wohl schmeckte. Nach solchem war ich willens, eine
andere Geige samt einem neuen Instrument aus der Stadt holen zu lassen. Der
Student aber solle zu seiner Busse, dass er solche zerschlagen, anstatt des
davongelaufenen Schreibers das Concept von dem Stradioten entwerfen, welches er
gar willig auf sich nahm. Ich wusste den Nachmittag nicht besser als mit
Taubenschiessen zu passieren, welche Lust ich mir öfters zu Verkürzung des
langweiligen Wetters belieben lassen. Ich wusste aber gleich anfangs nicht, warum
die Tauben so überaus scheu waren, weil keine in den Kobel oder in das
Taubenhaus sich retirieren wollte, welches sonst ihr beste Retirada war. In
diesem Zweifel erblickte ich einen Marder, welcher recht gegen mir über in einem
Loche sass und allem Ansehen nach daselbst auf eine gute Beute passte. Aber ich
schlich geschwind um eine gute Büchse, spannte solche und schlug an. Da ich aber
am besten zielete, guckt Bruder Sempronio zu dem Loche heraus und sprach:
»Bruder, schiess nicht!« Dieses Gesicht, ob es mir gleich ziemlich bekannt war,
hielt ich in der erste vor ein blendendes und betrügliches Gespenst, senkte
demnach vor Schrecken meine Flinte vom Backen, und indem ich solches tat, stieg
Sempronio, Dietrich und Wilhelm aus dem Kobel, und lachten alle drei, dass es in
dem Hof schallete.
    »Wie seid ihr«, sprach ich zu ihnen, »ewiglich hereingekommen, und wann ist
euer Ankunft geschehen?« Damit eröffneten sie mir den Betrug, dass sie gestern
abends, und zwar in tiefer Nacht, an das Schloss gekommen. »Wir beredeten den
Torwärter,« sprach Wilhelm, »weil du nicht zu Hause, sondern bei der Execution
zu Ollingen warest, dass er uns unangemeldet im Finstern in das Taubenhaus
einliesse, und unsere Resolution war, dich heute in der Nacht heimlich zu
überfallen und dir gegenwärtigen Gevatter-Brief zu überliefern, darob du dich
ohne Zweifel sehr verwundern wirst. Und wenn du nur nicht zu schiessen wärest
willens gewesen, so wär der Possen angegangen.« Da fing ich erst an, mich selbst
auszulachen, denn ich hatte den Muff, welcher dem Dietrich zustund und ein
Marderfell war, vor einen lebendigen Marder gehalten, darüber sie sich selbst
verraten haben.
    Ich führte sie mit höchster Verwunderung meiner Frauen ins Zimmer, eröffnete
den Brief und fand, dass es, wie sie vorgegeben hatten, eine Gevatterschaft, und
zwar bei Herren Gottfrid, bedeutete, der nunmehr seinen ersten Sohn wollte
taufen lassen. Machte mich derohalben zu diesem christlichen Werk fertig,
darüber ich sehr erfreuet war und mich nicht viel im Kopf kratzte, wie mancher
tut, sondern, als ich diese gute Freunde nach Vermögen getractiert, ritt ich mit
ihnen auf Gottfridens Schloss, daselbst meiner Gebühr abzuwarten. Auf dem Hinweg
erzählte ich ihnen die ausführliche Geschicht wegen des vorübergegangenen
Zustands auf meinem Hause, und wie artig mir der alte Soldat geraten hätte.
»Dergleichen Gesellen«, sprach Wilhelm, »wissen am besten, wie man kommen soll.
Ich hab auch einen gekannt, der steckte in alle Löcher, da er einsteigen oder
durchbrechen wollte, auch zu den Fenstern, allezeit einen ausgestopften Mann
hinein, auf dass er dadurch probieren möchte, ob jemand an dem Ort aufpasste oder
nicht.« Diese Invention verwunderten wir sehr, dass die Menschen so arglistig zum
Bösen und so faul und einfältig zu dem Guten wären. Das abc-Büchlein geht hart
ein, aber die Karten zu kennen oder den Unterscheid zwischen dem Schellnkönig
und grünen Daus kann fast ein jeder Knab auf der Gassen besser als alte Leute.
Da heisst es denn: Vater, seid kein Narr, spielt Rot aus!
    Über dieses erzählte ich ihnen auch von meinem Historico auf dem Turm gar
viel Abenteuren und Historien, die er mir bis dahero zu einer Ergötzung
geschrieben hatte, und sie mussten sich wundern, dass ich meine Trauerzeit
durchzubringen so lustig und löblich disponiert hätte, absonderlich, da ich
ihnen von dem Nobiscum und der Beschliesserin, wie auch von dem Ab initio und
seiner Orgelkunst erzählte. Wünschten mir also alle eine künftige bessere
Vergnügung und verwunderten, dass ich den Brand an meines seligen Vaters
Schlösslein so leicht vergessen und in den Wind schlagen können, welches dem
tausendsten Menschen in einem so hauptsächlichen Verlust nicht gegeben wäre, mit
so beständigem Gemüt zu verbeissen. Aber was kann man bei solchen Zuständen
anders tun als geduldig sein? Warum soll man seine Seel, die ewig leben wird,
wegen einer zeitlichen und vergänglichen Sache zu Tod kränken? Es währet doch
alles nur ein Weil, und viel Seufzen bringt dasjenige nicht wieder, was einmal
verloren ist. So hatte ich über dieses Mittel genug, mich und die Meinigen nach
aller Notdurft hindurchzubringen, warum solle ich mir denn wegen dieses, obzwar
schmerzlichen Verlustes, den Hals abgerissen oder mich aufgehangen haben? Ein
solcher verzagter Weichling bin ich niemals gewesen, will es auch noch nicht
werden, weil ich wohl weiss, dass es dem Menschen zu seinem Besten gereiche, wenn
er wacker getribuliert und gestiegelfritzet wird. Denn da lernet man sein Elend
desto besser betrachten, die Eitelkeit mehr verachten, das Zeitliche hassen und
suchet einen andern Weg, nämlich zu dem Himmel, sein Heil zu suchen, und dort
ist solches auch beständig zu finden.
    »Du hast recht,« sprach Wilhelm, »es ist mir auch nicht viel anders, man muss
sich in der verfluchten Welt herumschleppen, und wenns zum Stich kommt, so haben
wir doch nichts getan, und bleibt alles unvollkommen. Ich setze mich zu Hause in
mein kleines Stüblein, esse einen guten Schinken und trinke ein paar Gläslein
Aquavit darauf, damit geniesse ich meine Ergötzlichkeit. Man hat doch auf der
Welt keinen andern Genuss als ein bisslein Kleider, damit man den Madensack
zudecket, und ein wohlschmeckendes Magenfutter, das ander ist nit der Mühe wert,
dass man sich darum viel bekümmere. Zuweilen rufe ich den Einsiedler aus seiner
Steinhöhle hervor, mit ihm mein Gebet und Andacht zu verrichten. Will ich
wissen, wie es in der Welt oder sonsten zugeht, so lasse ich aus der Stadt den
schwätzhaftigen Hans in allen Gassen holen. Der erzählet mir so viel in einer
Stund, dass ich genug habe, vierzehen Tage daran auszuklauben und
nachzuspintisiern. Vergangenen Winter bin ich meistenteils mit meinen
Schlossleuten auf dem gefrornen Fischteiche auf Beinschlitten gefahren, und dort
hat einer den andern über den Schlitten abgestossen, wie ihr euch wohl einbilden
könnt.«
    In diesem untereinander gepflogenen Gespräche stiess uns ein Mann auf der
Strasse auf, welcher mit einem Pferde einen grossen Kasten auf seinem Karren
führte. »Ihr Herren,« sprach er, »verzeihet meiner Unhöflichkeit, dass ich frage,
wo der rechte Weg nach dem Kloster Sanct Martini hingehe. Fahr ich zur Rechten
oder fahre ich zur Linken?« - »Ihr seid schon auf dem rechten Weg,« sprach ich
zu dem Fragenden, »aber was führt Ihr auf Eurem Karren?« - »Beliebt den Herren,
meine War zu sehen,« sprach er, »so will ichs alsobald zeigen.« Damit eröffnete
er seinen Kasten und wies uns Wundergezeug untereinander, dass wirs nicht
leichtlich unterscheiden könnten, wäre es genähet oder gewirket. »Ihr seid«,
sprach Sempronio zu mir und Dietrich, »Eremiten, Einsiedler und so heilige Leute
gewesen und kennt diese Röcke nicht? Es sind von Rosshaaren gestrickte
Busskleider, die man auf lateinisch Cilicia nennet.« Darüber mussten wir uns
billig schämen, dass wir wollten ein so scharfes Leben geführet haben und kannte
doch keiner unter uns ein Cilicium; fragten demnach den Krämer, wohin er damit
zu fahren gesonnen wäre. »Wie ich zuvor gesagt habe,« antwortete er, »so will
ich damit in das Kloster zu S. Martin, ob etwan die Mönche in selbem Convent
etwas von meiner War vonnöten hätten. Es ist wohl gemacht und fleissig
gestricket, aber ich kann nirgends nichts loswerden, unerachtet ich fast in
allen umliegenden Klöstern gewesen. Da droben auf der Höhe wohnt ein Pfaff ganz
alleine, der fragte mich, wie teuer ich eins verhandelte. Ich sprach: Vor
andertalbe Taler. Da machte er ein grosses Kreuz und sprach, wo ich ihm vor zwei
einen halben Gülden geben wollte, sollte ich sie alle beide mit mir nehmen, weil
sie noch ganz neu und kaum zweimal von ihm wären gebraucht worden.«
    »Ja,« sagten wir, »mein lieber Krämer und Kleiderstricker, diese War hat
keinen grossen Abgang. In Ägypten hättet Ihr ehedessen unter den Einsiedlern
einen guten Handel gehabt, aber die heutigen Mönche tragen lieber ein schönes
und warmes Camisol unter der Kutten als eine härine Juppe.« - »Es ist mir mein
Weib gestorben,« sagte er, »wollen sie mirs im Kloster nicht abkaufen, so will
ich ihnens verehren, dass sie aufs wenigst Seelmessen vor sie lesen.« Damit
geisselte er mit seinem wie de hot davon. »Dieser Mensch«, sprach Wilhelm, »hat
sein Handwerk etwas zu spat gelernet. Ehedessen, als die alte Andacht noch im
Christentum florierte, galten solche Hemden mehr als Sinewaff oder Schleier.
Aber anitzo werden sie nur von denjenigen getragen, die eine juckende Haut
haben, und solchergestalt dienet ihnen das Kleid vielmehr zur Wollust, weil sie
sich darinnen wie ein Schwein an einem Stock zu reiben wissen, und nicht zur
Kasteiung des Fleisches noch zu Hemmung der unordentlichen Affecten, auf welches
diese Kleider ursprünglich und hauptsächlich angesehen sind.
    Solche härine Kleider haben die Altväter in der Wüsten mit grosser Patienz
und Devotion getragen, da wir hingegen kaum leiden noch dulden können, wenn uns
ein Floh in die Seite sticht. Ich lese oft mit Lust und Wunder in den Legenden,
wie strenge Busskleider die Heilige getragen, zu geschweigen, wie ein hartes
Leben der und jener zur Verachtung der zeitlichen und irdischen Wollüste
geführet. Solche Andacht ist mit der alten Welt verschwunden, und die neue
fänget allgemach an zu zweifeln, ob so fromme Leute auf der Welt gewesen wären
oder nicht, und unsere Köpfe sind nur allein klug, weil wir uns unterstehen
dörfen, ihr Leben vor grosse Torheiten auszuschreien. Wer kann sagen: dieses ist
darum geschehen, jenes darum? Diese Urteil des Höchsten sind weit von uns
abgesondert und verborgen. Wie manchem wär es besser, er lebte als ein frommer
Einsiedel in der äussersten Insul oder Wildnis, als dass er in öffentlichen
Versammlungen sich nicht viel anders als ein wildes Vieh verhält. O wie gut wäre
es manchem, dass er zur Vermeidung gemeiner Ärgernis in einem Wald sässe und
seinem Heil nachsinnete! Und dannenhero habe ichs niemalen mit denjenigen
gehalten, die das Klosterleben so gar vernichtet und die Einsamkeit so sehr
verachtet haben.
    Alle Sachen, wo sie zur Ungebühr gebrauchet werden, sind strafbar, und wegen
des Missbrauchs ist nicht stracks die Hauptsache aufzuheben. Man findet alle
Stände mit Lastern beschmjetzt. Man hat Exempel, dass Eheleute einander mordet,
Soldaten aneinander totgeschlagen, Geistliche mit- und widereinander geketzert
haben. Nichtsdestoweniger ist der Stand nicht an sich selbst, sondern nur die
Glieder desselben durch ihre eigene Laster verächtlich gemacht worden. Also
argumentierte ich auch vom Kloster- und Einsiedlerleben. Die Apostel sind
allezeit klare Lichter der Welt gewesen, ob sich schon der verzweifelte Judas
statt des Himmels einen Weidenbaum mit dreissig Silberlingen eingekaufet hat.
Wenn ein Bürger in einer Stadt zum Schelmen wird, so geht doch dieses Bubenstück
seinen Nachbarn nicht an, weil er mit falschen Practiquen nichts zu tun, noch
mit diesem Verbrecher eine Gemeinschaft im Laster gehabt, ob er gleich mit ihm,
als ein Bürger, vergesellschaftet gewesen. Denn sobald dieser zum Schelmen
geworden, hat er durch seinen begangenen Frevel das Bürgerrecht aufgehoben und
sich also von den andern Mitbürgern separiert. Man kann der Sonne deswegen keine
Dunkelheit beimessen, weil sie zuweilen mit düsteren Wolken vergesellschaftet
wird, und nur ein unkluger Kopf wird sagen: In dieser Stadt geht es lasterhaft
zu!, wenn er dorten alle Wochen fast ihrer sechsen den Staupbesen geben sieht.
Denn indem dieses geschicht, hat er vielmehr Ursach, zu betrachten die gerechte
Obrigkeit und ihr wachendes Aug, welches über den Lastern nimmermehr
einschlummern kann.
    Wo ist derjenige Land- und Bauersmann anzutreffen, der sagen kann: In diesem
Getreid ist kein Unkraut? Welcher Winzer in dem Weingarten darf vorgeben, dass in
seiner Weinlese keine faule Weintraube gewesen? Welcher Beck hat die Zeit seines
Lebens lauter reines Korn gemahlen? In welchem Garten ist kein wurmiger Apfel
gewachsen? Welchem Fischer sind keine Fische abgestanden? Wer ist derjenige
unter uns, der niemalen auf dem Eis geschlüpfet hat? Welches Pferd hat nie
gestolpert? Welche Orgel hat sich niemals verstimmet? Hat doch das Firmament
selbst Finsternissen, die Erde Misswachs, die Flüsse Ergiessung, das Meer seine
Ungestüm. Also haben auch die Menschen, sie mögen nun in Klöstern, in der Welt,
auf Dörfern oder in Städten oder auch in den abgelegnesten Wüsteneien bei den
Antipedibus daraussen wohnen, ihre sonderlichen Fehler und leider mehr als
zuviel. Unsere Augen sind an Vortrefflichkeit allen äusserlichen Leibsgliedern
weit vorzuziehen; aber diesen Hauptfehler führen sie mit sich, dass sie das
Laster ihres Nächstens gemeiniglich viel ehe und viel grösser als das unsrige
erblicken und urteilen.«
    Eine solche Lobrede führte Herr Wilhelm zu Ehren der Geistlichkeit, die er
sehr hoch hielt. Darum hatte es auch sein Einsiedler nicht schlimm, welcher fast
alle Tage mit ihm in dem Schlösslein über Tische speisen musste. Er wäre auch
selber schon lange ein Mönch geworden, wenn ihn erstlich seine zwei junge
Vettern, die immer auf sein Erb hofften, und dann seine zufällige Grillen nicht
davon abgehalten hätten. Denn wenn es ihn unterweilen ankam, so wurde er
unversehens so fröhlich und lustig, dass er oft vor grosser Freude nicht wusste,
wie närrisch er sich gebärden sollte.
 
                                  X. Capitul.
  Gefährlicher Duell. Der Schreiber Andreas Nobiscum wird wunderlich gefangen.
Wir redeten beinebens viel von dem neuen Hofleben unsers Philipps, und wie es
ihm daselbst gedeihen würde, hielten es auch vor sein grosses Glück, weil ihm der
Fürst mit Gnaden sehr zugetan war. »Wer diese bei Hof hat,« sprach Dietrich,
»der kann nicht verderben, und wer dem Fürsten im Schoss ruhet, diesen kann das
Wachen seiner hinterlistigen Feinde nicht aufwecken. Philipp weiss wohl, wo der
Fuchs zu beissen ist, er wird seiner nicht vergessen; aber wenn ich an seiner
Stelle gewesen, wäre ich mein eigen geblieben. Die Freiheit ist doch allem
Reichtum so weit als die Sonne den Sternen vorzuziehen. O aurea libertas, cuius
januæ non sunt clausæ! sagte jener Philosophus, als er einen eingesperrten
Vogel, der nicht singen wollte, betrachtete. Denn in einem solchen Gefängnis,
ich will sagen: zu Hof, geht Lust, Freud und Mut hinweg und gleichsam in die
Fessel. Ich habe keinen Magen, aufgewärmte Suppen zu fressen, noch Gesundheit
genug, mich einem andern zu Gefallen vollzusaufen. Das heisset: ad nutum
principis stare, alles geschwinde tun und verrichten, was ein anderer haben
will. Doch wollen wir ihn künftig besuchen und sehen, was er vor ein Lied zu
Hofe singen gelernet hat.«
    Auf solches erzählete uns Sempronio seinen Zustand, dass er wäre begehrt
worden, eine Compagnie anzunehmen und Hauptmann zu werden, eröffnete beinebens,
wie es ihm im vergangenen Bauernkrieg gegangen und wie Wunderliches ihm auf
unterschiedlichen Parteien geglücket hätte. Solchergestalten merkten wir wohl,
dass unsere gepflogene Gesellschaft bald dörfte getrennet werden, weil einer da-,
der andere dortin in Dienste berufen und zu ansehnlichen Verrichtungen gefodert
worden. Denn Philipp war bei Hof ein vornehmer Minister, Christoph, als
Gottfrids Bruder, wollte in Welschland reisen. Herr Dietrich wollte sich ausser
Landes auf ein bessers Gut setzen oder mit Christoph in Italien passieren, und
Sempronio war willens, verstandenermassen unter die Fahne zu gehen; mein Vater
Alexander war nunmehr gestorben, und also stund die alte Bündnis und
Nachbarschaft nur noch zwischen mir und meinem zukünftigen Gevatter, dem
redlichen Gottfriden, dass es also schien, gleichwie wir die ersten in dieser
Gesellschaft gewesen, also würden wir auch wieder die letzten sein.
Nichtsdestoweniger musste jeder seinem Fato, aber nicht wie die Stoici eines
defendierten, nachfolgen, so ungern wir auch durch dasselbe unsere gute
Gesellschaft zerstöreten.
    Nach allen diesen Gesprächen und noch mehr mit untergelaufenen Discursen,
die ich wegen Ungelegenheit des Gewitters und zum Teil wegen häufiger
Verwechslung nicht wohl merken noch dieselbe allhier beitragen können, bekamen
wir endlich ausser einen Walde Herrn Gottfridens Schloss zu Gesichte, allwo ich
noch selbigen Abend in Beisein vieler vom Adel und anderer vornehmen Stadt- und
Landleute zu Gevatter gestanden und bei der Taufe einen Zeugen dieser
christlichen Handlung abgegeben, dabei es hernachmals trefflich lustig und
herrlich zugegangen. Wir trafen allda an den Herrn Carander, als Sempronii
Schirr-Gevattern samt dem Advocaten, von welchem schon öfters ist Meldung getan
worden, weil er einen perfecten Schmarutzer abgab und sich nach seiner Art
meisterlich zutun konnte. Er erzählte noch immer von seiner Victori wegen des
Bartels auf der Heide, und wenn er einen oder den andern Punkt absolviert, so
rufte er mich allezeit zum Bestätiger seiner Relation an. Gottfrid bedauerte
nichts mehrers, als dass er den ehrlichen Philipp nicht bei dieser Fröhlichkeit
haben konnte, weil er, wie sein Brief lautete, unmöglich von Hof abkommen
konnte. Er wollte aber seine Schuldigkeit auf ein andersmal in acht nehmen und
die alte brüderliche Freundschaft nach allem Vermögen beobachten. Indessen
wünschte er ihm Glück zu seinem jungen Prinzen. »Siehest du,« sagte Gottfrid,
»Philipp kann seine Höflichkeit nicht lassen und wird es zu Hof erst recht
lernen, welcher eine Schul ist, darinnen einer den andern anzuspornen pfleget.
Es scheidet alles von uns, und das Glück will nicht mehr leiden, dass wir, wie
bis anher geschehen, mit so grosser Vergnügung einander lieben sollen. Dennoch,
wenn man betrachtet, dass die Entfernteit des Orts die Affection nicht mächtig
genug sei aufzuheben, so bin ich sicher, dass dennoch einer gegen dem andern in
unauslöschlichem Angedenken wird verbunden bleiben. Mein Bruder geht mit
nächstem in Italien. Ich aber und du bleiben im Lande, und gleichwie wir die
ersten Freunde gewesen, also wollen wir auch die letzten sein.« Ein dergleiches
Gespräche führten wir dazumal mit grosser Annehmlichkeit, weil man sich bei einem
Glas Wein, absonderlich in einer solchen Gelegenheit, ziemlich vertreulich
herauszulassen gewohnet ist.
    Nichts wunderte und ergetzte mich mehr, als dass ich den ehrlichen Jäckel
allhier zu Unterbinningen, so hiess das Schloss, angetroffen, welcher, wie er
sagte, von Gottfriden verschrieben worden, ihm bei dieser Festivität die Zimmer
auszumalen und noch andere neue Inventiones hinzuzutun. Weil demnach sein
Meister, bei dem er unweit von hier in einem Schloss arbeitete, wegen grosser
Unpässlichkeit nicht ausgehen, viel weniger einen solchen Weg hätte unter die
Füsse nehmen können, sei er hiehergeschickt worden, nach seinem Vermögen
dasjenige zu verrichten, was etwan am nötigsten wäre.
    Hiemit erzählte er mir, wie es ihm seit seines Abscheidens aus meinem
Schlösslein gegangen und dass sich sein Lehrmeister gedoppelt mehr auf den Dienst
warten liesse, als ich sonsten wäre gewohnt gewesen. »Jedennoch muss ich«, sprach
er, »bis dahin in Geduld stehen, denn ich bin nicht bei ihm, die Hoffart,
sondern die Kunst zu lernen, deren er gewachsen genug ist. Vor diesem ist er
auch sehr geliebt worden, nachdem ihm aber der Stolzteufel zu reiten
angefangen, heissen ihn etliche aus Verachtung Meister Reibstein.« - »Ja,« sprach
ich, »mein lieber Jäckel, das ist nichts Neues in der Welt, man findet
dergleichen Leute einen ganzen Haufen. Aber ihre Einbildung ist eben das Mittel,
vermittelst welchem sie ihren Aestim, welchen sie sonst wohl verdienten, bei
ihrem Nächsten ganz auslöschen. Solche Gesellen sind gleich den Gassenärzten,
die da auf ihrem Teatro mit hundert Briefen prangen. Sehet, ihr Herren,
sprechen sie, dieses Testimonium ist von Augsburg, dieses von Orasel, diese
Attestation ist von Venedig! Da wollen sie in allen Teilen der Welt berühmt und
bekannt, geehret und gelobet sein. Solche werden billig Prahler genennet, weil
sie ihren Ruhm nur so lang verhalten können, bis sie sehen, dass man nichts
Lobwürdiges von ihnen redet. Alsdann fangen sie selbst an, sich herauszubrüsten
und entweder mit Worten oder mit närrischen Mienen alle dasjenige
augenscheinlich zu entdecken, was sie von sich selbst in ihrem Herzen halten.«
    In diesem Gespräche führte uns Gottfrid in sein neues Zimmer, allwo der
Jäckel mit gutem Fleiss ringsumher etliche feine Sinnenbilder gezeichnet und
gemalen hatte. Eines unter diesen war, wie er sagte, auf die Geburt des
Vincenzens - so hiess das getaufte Knäblein - gerichtet, in welchem nächst einer
Kirche etliche Obstbäume voll Früchte stunden. Ober der Kirche waren folgende
Buchstaben geschrieben, als: V, V, V, V, V, V, V, das waren sieben V. Keiner
unter uns getraute sich dieses auszulegen. Darum eröffnete der Jäckel den
Verstand dieser sieben Buchstaben und sprach, dass es hiesse: Viel Vincenz von
Vnterbinningen, viel Vater vnser. Daraus die Anwesende, absonderlich aber
diejenige, welche ihn noch nicht recht kannten, seinen Verstand und klugen
Invention zu verwundern anfingen.
    Ich wusste wohl, dass er nicht allein seinem Pinsel, sondern auch anderen
Sachen genugsam gewachsen wäre. Darum fragte ich ihn, wie etwan, absonderlich
aber mit den Fremden, eine hauptsächliche Lust vor diesmal anzufangen wäre,
daraus man etwas zu lachen hätte. Da war er behend zu der Antwort und hiess uns
Christophens Pagen, so ein überaus schöner und weibischer Knab war, in einen
Frauenzimmerhabit verkleiden. Solchen, als man ihn in der Stille herausgeputzet,
satzten wir unter uns an die Tafel, und Christoph gab ihn vor seiner Frauen
jüngste Schwester aus. Da ist unmöglich zu sagen, wie sich absonderlich etliche
Junge von Adel, die ihr ganzes Herkommen mit einem Pergamentbrief aufweisen
konnten, aber in natura nur aus der löblichen Handwerkszunft entsprungen waren,
in dieses Ding verliebet haben. Es drang sich gleich in der erste ein jeder mit
seinen Dienstleistungen in ihre Freundschaft, und war fast keiner, welcher sich
nicht heimlich ihre Liebe wünschte. Daher ist leicht zu gedenken, wie uns, als
die um den Betrug wussten, bei dieser Sache zumut gewesen, absonderlich, als sich
ihrer zwei um der Eifersucht willen auf die Fuchtel gefodert und also künftigen
Morgen hinter einem Busch bei dem nächst gelegenen Wald auf Leib und Leben
schlagen wollten.
    Dieser Poss, ob er wohl lustig und an sich selbst kurzweilig war, brachte
doch keine geringe Gefahr der Veruneinigten mit sich, weil keiner unter beiden
konnte befriedigt, viel weniger von dem bevorstehenden Duell abgehalten werden.
Sie eileten demnach des andern Morgens, sobald es ein wenig tagete, samt einem
zierlichen Comitat hinaus auf eine weitschichtige Heide, welche mit einem
kleinen Bächlein entschieden zu Sommerszeiten dem Vieh sehr bequem war. In
dieser Weide hatte es ein angenehmes Wäldlein, hinter welchem sie sich, weil es
ohnedem gelindes Wetter war, bis auf das Hemd ausgezogen und also wie zwei wilde
Katzen, erstlich mit Fäusten, hernachmals aber mit der Fuchtel, aneinander
angefallen haben. Der eine, so einen herrlichen Degen focht, jagte seinen
Gegenteil ziemlich in dem Kreis herum, und weil bald da, bald dort noch ein
Kühpflaster lag, geschah es, dass sie alle beide unversehens in den Bach fielen,
aus welchem man sie mit grosser Gefahre, doch nicht ohne stillem Gelächter der
Zusehenden hat herausreissen müssen.
    Sie fuhren nichtsdestominder in ihrem Hauptstreit fort, und fingen erst alle
beide an, ihre Lectiones, welche sie von dem Fechtboden weggetragen, zu weisen.
Der eine zwar etwas besser als der andere, weil er durch etliche wohl
angebrachte Stösse genugsam gezeiget, wie fix und fertig er mit der Frankenat
umzuspringen wusste. Durch diesen Vorteil beschädigte er seinen Gegenteil in die
rechte Seite, welcher, voll Wut und Zorn, wie ein Verzweifelter von sich stiess
und seinen Verletzer eben mit der Münze bezahlte, wie er von ihm empfangen hat.
Man sah augenscheinlich, dass in dieser Furi ein grosses Feuer entstehen dörfte,
wo nicht beizeiten so gefährliche Flammen ausgelöschet würden. Und weil sattsame
Exempel am Tage waren, dass mancher ehrlicher Kauz aus angestellter Kurzweil sein
Leben machte ich mir samt den andern, die an dieser Invention Ursach waren, kein
geringes Gewissen. Eilete also mit blosser Fuchtel hinzu und sprach zu ihnen:
»Was nützet Euer so heftige Verbitterung wider- und gegeneinander? Schätzet Ihr
Euer Heil und Seligkeit so gering, dass Ihr keinen Scheu traget, solche um ein
kahles Frauenzimmer in die ewige Flamme zu stürzen? Und wer weiss, wer diejenige
ist, um welche Ihr Euch so übermässig bemühet? Ihr habt beide Ehre genug
eingeleget und genugsam gewiesen, dass einer dem andern wohl gewachsen sei. Nun
biete ich im Namen der gesamten hier Versammelten vom Adel Friede und
Stillstand. Stecket Eure Klingen, mit welchen Ihr bis dahero tapfer und
unerschrocken gefochten, wieder zur Scheide, gebt einander die Hände und lasset
ferner weit Euren Zorn nicht spüren, sondern verwechselt solchen vielmehr mit
einer angenehmen Freundschaft und brüderlicher Einigkeit.«
    Unter solchen Worten, ob sie wohl wenig und kurz waren, geschahen doch noch
viel und gefährliche Stösse, also dass der eine, in die Brust verletzet, gleich
einem toten Menschen dahin und in die höchste Ohnmacht sank. Dazumal war das
Lachen zu verbeissen. Eilete demnach alles zu, damit dem Beschädigten in diesem
Zustand möchte behülfliche Hand geleistet werden. Der Täter raffte gleichsam in
einem Augenblick seine Kleider zusammen, und so geschwind er konnte, so
geschwind eilete er von dem Fechtplatz hinweg, weil er den Blessierten schon vor
tot hielt. Also spielte er das Reissaus und trat erst nach erhaltener Victori die
Flucht an, war auch allem Ansehen [nach] viel erschrockener, da er seinen Feind
überwunden, als da er ihn zu bestreiten angefangen. So erschrecket das muntere
Gewissen. Wenn sie uns unsere Missetaten vor Augen stellen, da kleistern sich
die Augen erst auf, wie man an diesem Fechter genugsam sehen konnte, denn er
eilete über die Heide, dass es zottelte, und sah sich mehr als tausendmal
zurücke, da er doch keinen einzigen Verfolger hatte. Wir konnten ihm auch nicht
nacheilen, sondern mussten vielmehr auf die Cur des Verletzten Achtung geben,
welchen wir mit Balsam und kostbaren Stärkwassern bestrichen, dadurch sich seine
Geister erholet haben. »Ach wie heiss! wie heiss! wie heiss!« rufte er, ganz
schwach lallend. Er griff endlich selbst um eine Handvoll Wasser, mit solchem
seine Wunde zu kühlen, und weil seine Brust voll Blutschweiss war, eilete ich hin
zu einem Haufen abgefallenen Waldlaub, mit solchem das Unreine abzutröcknen.
    Indem ich so unter dem Baum herumscharre und mit den Händen das Laub
zusammenraffe, kam mir eine Handvoll Haare in die Fäuste, und da ich etwas
besser an mich zog, raufte ich den ehrlichen Vogel, nämlich meinen gewesenen
Schreiber Andreas-mit-uns oder Nobiscum, hinter dem Baum hervor, welcher am Leib
und an seinen Kleidern überaus schlecht bestellet war. Ich hielt ihn in der
erste vor ein angekleidetes Männlein, mit welchem man auf dem Feld die Hirschen
und anderes Vieh erschrecket, dachte also, es wäre solches Strohmännlein
vielleicht dahin verzettelt oder sonsten von den Hirtenjungen, die in dieser
Gegend die Kühe zu hüten gewohnt wären, dahin getragen und zu ihrem Spiel
gebraucht worden. Aber ich sah, dass er die Augen auftat und sich so wunderlich
anstellete, gleich als hätte er, wie die Ratzen zu tun pflegen, den ganzen
Winter geschlafen.
 
                                  XI. Capitul.
Jäckel patrociniert dem Schreiber in der Kammer und bringt dadurch Wolffgang auf
                            eine andere Resolution.
»Du ehrlicher Vogel,« sagte ich, »bist du's oder bist du's nicht?« Als er mich
nun recht ansah, fuhr er ineinander, dass man ihm alle Knochen - denn er war so
mager und zaundürr, dass man ihm gar leichtlich Feuer von den Fingern konnte
geschlagen haben - klappern hörte. »Ach, Herr,« sagte er, »freilich bin ichs,
ich elender und verlassener Mensch. Ach, was habe ich getan, dass ich von Euch
hinweggelaufen bin! Es geht mir leider, dass es zu erbarmen ist. Wie kommt der
Herr hieher, wie lebet Er sonsten?« - »Du hast«, sprach ich, »um solche Sachen
keine grosse Nachfrage zu halten; sage du mir, du Domine Nobiscum, wie kommst du
hier unter diesen Baum?« - »Ich habe«, antwortete er, »heute nacht allhier
geschlafen und mich, wie Euer Gestreng sehen, in diesem Lauberhaufen
eingescharret.« - »Es ist kein Wunder,« sagte ich, »dass du schläfest wie ein
Schwein, du lebest vielleicht auch nicht besser. Nun werde ich mit dir nicht
viel conferieren, noch ein sonderliches Dicentes anstellen. Wir kommen weiter
zusammen. Mache dich auf! hie siehst du mein Terzerol, gehest du einen Schritt
auf die Seite, bis dass ich dich in Verhaft bringen lasse, so wirst du hie das
letzte Mal geschlafen haben!« Mit diesen Worten schmiss ich ihn mit meinem
Stecken über den Buckel, und als er aufstund, musst ich ihn wieder in das Laub
liegen heissen, weil er allentalben so lumpicht und nackicht ging, dass es eine
Schand vorm ehrbaren Frauenzimmer war.
    Indessen hatte man den Patienten wieder auf die Beine gebracht und auf
seinem Pferd mit zweien Laquayen ins Schloss geschaffet, allwo er verbunden und
sonsten in allem wohl gewartet worden, denn Gottfridens Schlösslein war mit aller
Zugehör und hübschen Zimmern wohl versehen. Dannenhero hatte der Kranke gute
Hoffnung zu seiner ehesten Genesung, weil ein wohlgelegener Ort halbe Medicin
ist und viel mehr wirket als der beste Barbier. Damit nun der Schreiber Andreas
nicht zurückbliebe, hing ich ihm einen blauen Livereimantel um den Leib, und
also brachte ich ihn wie ein verdecktes Essen in das Schloss, allwo der Jäckel
wohl tausend Kreuz über seiner Gegenwart machte. Er zog ihm den Mantel von dem
Rumpf und war geschwind mit seinem Reissblei hervor, ihn abzuzeichnen. Wenn ein
kleines Windlein ging, so rauschten seine Lumpen an dem Leib, gleich als stünd
man unter einer grossen Linden.
    »Du Vogel«, sagte der Jäckel zu ihm, »bist Ursach, dass ich von Herren
Wolffgang hinwegmigrieren müssen, nun kommst du wie ein Bettler dahergezottelt.
Ich will dich abmalen und dein Bildnis auf dem Markt aufstellen.« Indem der
Jäckel so mit ihm kauderwelschte, krochen dem Andreas etliche Läuse über den
Kragen herunter. »Hast du viel solche Dinger?« fragte der Jäckel. »Freilich,«
sprach der Schreiber, »mehr Läuse als Pfenninge!« Damit packte ihn der
Schlossbüttel oder Schergant, wie dergleichen ehrbar Gesindlein betitult wird,
behende an und liess an diesem Subjecto seine stattliche Handgriff vor der
gesamten adeligen Gesellschaft prächtig sehen, wie fertig und wohlgeschickt er
[sei], seine Anpackungsfinten zu formieren und seine Finger an einem solchen
Clavier zu applicieren. Doch will ich ihn hierinnen mit keinem Organisten, viel
weniger den Schreiber Nobiscum mit einer Orgel vergleichen, ob man ihm schon den
halben Blasbalg zum Hosen aushängen sah.
    Ich fragte den Advocaten um Urteil und Recht, auch dass ich in diesem Stücke
nicht entschlossen wäre, meine sonst gewöhnliche Vexation zu treiben, sondern,
weil er ein Manifestum furtum auf meinem Hause begangen, ihm deswegen bei dem
Gericht zu Ollingen zu belangen. »Nun,« sagte der Advocat, »so wird ihm der
Galgen gewiss zuerkannt, lässet der Herr aber zu Unterhausen sprechen, so wird
ihm der Staupbesen zuteil. Denn daselbst ist das Gericht nicht so scharf wie zu
Ollingen, weil daselber wenig mit ganzer Häut davonlaufen.« - »Es mag ihm
zuerkannt werden, was da will,« sagte ich, »so muss er zu Ollingen justificiert
werden. Ein solcher Frevel ist höchst strafwürdig, und muss einem andern zum
Exempel ein Supplicium statuiert werden, damit unsereiner hinfüro desto sicherer
sei. Wer weiss, wo der Schelm in dem Land herumlaufet und den Bauern das Ihrige
stiehlet. Oh, an den Galgen mit einem solchen Schelmen, sobald ich nach Haus
komme, wird sich das Facit finden.«
    So ernstlich ich mich wegen dieses Kerlatens vor dem Advocaten stellete, so
liess er doch nichtsdestoweniger fleissige Nachfrage halten, ob der Schreiber bei
gutem Vermögen wäre oder nicht. Denn, im Fall er ein wenig bei Mitteln gewesen,
hätt er sich gar wohl getrauet, ihn vor Gericht stattlich zu defendieren und
also zu verhüten, dass der Schreiber weder gehangen noch mit dem Staupbesen
abgestrafet würde. Aber all dieses Vorhaben des Advocatens war vergebens und
umsonst, weil aus des Schreibers seinen schlechten Federn genugsam abzunehmen
war, was er vor ein elender Vogel sei, der wie eine Fledermaus in dem Land
herumflatterte. Derentwegen unterliess er sein Vorhaben, und anstatt er den
Bartolum und andere gute Ausleger aufgeschlagen, stach er davor etliche gute
Kannen Rheinwein aus und liess den Schreiber so gut in dem Loche sitzen, als ihn
der wohlqualificierte Schergant hineingeschlossen hatte.
    Der Jäckel, so schnauzig er vorhin den Gefangenen angefahren, so beflissen
war er hernach, vor diesen seinen gewesenen Kameraden zu bitten. »Was haben Euer
Gestreng«, sagte er zu mir, »vor eine Ergötzlichkeit, wenn dem armen Schelmen
die Gurgel gebrochen wird? Ich habe schon gehöret, wie der Advocat einen übeln
Ausspruch gemacht, und dadurch ist dem armen Teufel eine schlimme Wahrsagung
widerfahren. Euer Gestreng meinen zwar, dass dadurch die Gerechtigkeit befördert
und die Laster gestrafet werden, weil es heisset: fiat justitia et pereat mundus.
Nun ist zwar an diesem närrischen Nobiscum ein schlechtes Subjectum verloren,
und liegt wenig daran, ob man ihn henke, köpfe, radbreche oder gar in hundert
Krautstücken zerhaue. Jedennoch ist er gleichwohl ein Mensch und hat so wohl
eine vernünftige Seel als ein Edelmann, obgleich sein Vater ein
Schwefelhölzelkrämer gewesen und Fingerhüte samt Nadeln und kleinen Spiegeln
verkaufet hat. Euer Gestreng werfen ein, dass er gleichwohl ein Grosses
verbrochen, indem er sich unterstehen dörfen, nicht allein Ihr Schloss zu
bestehlen, sondern noch darzu die Beschliesserin mit sich hinwegzuführen. So ist
es an dem, dass dieser Frevel höchst strafwürdig sei; aber vielleicht ist solches
Verbrechen vielmehr aus einer blinden Liebsbegierde als aus einer vorgenommenen
Schelmerei entstanden. Man weiss und ist genugsam bekannt, wie liederlich die
Jugend und wie bald sie verführet ist. Er ist ein junges Blut, und ob das Laster
an sich selbst wohl gross ist, wird es doch in Ansehung seines Unverstandes
verringert, und kann dannenhero keine ordentliche Strafe bei ihm stattfinden.
    Zudem, wenn man betrachtet, in was vor einem elenden Zustand er in dem Land
herumterminieret, hat man vielmehr Ursach, seinen Ratio Status zu beklagen als
ihn bei der Obrigkeit zu belangen. Er hat sich allem Ansehen nach eben dazumal
seines Glückes beraubet, da er Euer Gestreng das kostbare Kleid samt der Büchse
gestohlen, hat sich also selbst mehr Schaden als Euer Gestreng getan. Was wird
es diesem oder jenem nützen, ob man ihn gleich an den höchsten Galgen henket? Er
ist ring und leicht, voll Lumpen und Flecken, der Wind wird ihn eben in der
Stund wieder vom Hochgericht hinwegführen, in welcher er hinangeknüpfet worden.
Sehet, werden die Leute sagen, da hängt der Schreiber von Ichtelhausen, Herr
Andreas Nobiscum! Wenn nun die Schulschreiber und andere liederliche
Dintenschlucker (bonos semper exceptos volo) vorübergehen, so werden sie sagen:
Hier ist Fleisch von unserm Fleisch und Bein von unserm Bein! Und Euer Gestreng
seien versichert, dass viele Menschen, welche ihn hangen sehen, viel mehr auf die
Grausamkeit Euer Gestreng als über des Andreas Verbrechen schmälen werden. Darum
wäre es meine unmassgebliche Meinung, Euer Gestreng liessen den Gesellen aus
angeborner adeligen Resolution gutwillig los, und damit er nicht gar, wie die
Griechen sagen, asymbolos hinwegginge, könnte man ihn unvorschreiblich zuvor mit
einer guten Pastanda und einer folgenden wohlgeschmalznen Prügelsuppen
abzwiffeln, hernach zum Schloss ausjagen und hinlaufen lassen, wo der Weg am
weitesten wär.
    Solche Exempel sind viel am Tage, aus welchen kann bewiesen werden, dass
grosse Gemüter viel behender zum Verzeihen als zum Strafen gewesen. Sie haben
sich viel ehe geneigt zur Gnade als zum Zorn, und ist hierinnen das
unvernünftige Pferd unser stattlicher Lehrmeister, wenn es das Gebell eines
schlechten Hundes nicht achtet, sondern generos forttrabet und sich durchaus an
seinem wichtigen Gange nicht irren lässet. Ja, die unlebbaren Schiffe auf der
See zeigen mit einer annehmlichen Lehre, dass sie nicht achten das Sausen und
Brausen der wasserreichen Wellen, sondern dringen glückselig durch die Fluten
und desto glückseliger in den Port. Wem ist in diesen Landen nicht bekannt, was
vor eine elende Kreatur der Andreas Nobiscum sei? Er hat alle Punkten eines
elenden Kopfes an sich, und dannenhero kann er keinem Übeltäter ähnlich sein,
weil er viel zu wenig Hirn im Kopfe hat, aus eigener Phantasie ein
rechtschaffenes Schelmenstück zu practicieren. Sein Alter erstrecket sich kaum
über zwanzig Jahr, und vielleicht wird er durch seine Besserung zehenfältig
wieder einbringen, was er hierinnen liederlicherweise versehen hat.
    Solches, ob es wohl noch nicht erwäglich ist, ihm seine Strafe aufzuheben,
so bin ich doch Euer Gestreng und Herrlichkeiten grosser Clemenz genugsam
versichert, welche einem solchen armen Teufel zur grössten Glückseligkeit dienet.
Man soll ohnedem, wie man im Sprüchwort saget, viel lieber hundert ehrlich als
nur einen zum Schelmen machen helfen. Darum zweifelt mir nicht, Euer Gestreng
werden nach der hohen Vernunft das Elend des verlassenen Menschens selber
genugsam zu ermessen und zu begnädigen wissen. Was ist Ihnen mit einer Handvoll
Menschenblut gedienet? Diese Gelegenheit, eine Barmherzigkeit zu erweisen einem
solchen Menschen, der, wie gehört, so schmählich sterben soll, stehet nicht
allen offen. Euer Gestreng kennen mich wohl, dass ich ausser allem Falsch rede,
und ob ich wohl den Schreiber zuvor übel angefahren, geschah es doch aus keiner
verdammlichen Passion, sondern aus einem zulässigen Eifer, den man billig wider
einen solchen Lumpenhund semper & ubique anwenden soll. Sonsten bin ich ihm
gar gewogen und wollte, dass ich mein altes Kleid hier hätte, dem armen Schelmen
sein blosses Fell zu bemänteln, welcher dem Lazarus nicht viel unähnlich sieht,
und ist zwischen diesen beiden nur der Unterschied, dass jener an dem Leib,
dieser aber an den Kleidern unzählig viel Wunden hat.«
    Solches redete der Jäckel zu mir, als ich abends in einer Kammer allein war,
und ich muss bekennen, dass er mir dadurch mein Vorhaben ziemlich verrucket, denn
obgleich seine abgelegte Rede nicht ordentlich, noch viel weniger mit hübsch
gezierten Worten ausgepoliert war, so hatte sie nichtsdestoweniger Nachdrucks
genug, mir ein ferners Nachdenken zu verursachen, und dieses um so viel desto
mehr, weil ich den Jäckel überaus liebhatte und mir seine öfters gegebene
Vermahnungen jederzeit zum Besten ausgeschlagen. Darum sagte ich mir bald
dieses, bald ein anders vor, mit dem Schreiber zu unterfangen. Ich wollte ihn,
wie der Verwalter des Herrn Friderichs getan, zur Strafe meine alte Archiven
abschreiben lassen, bald sollte er mir wie der Kaiser Mauritius dem Tamerlan
aufwarten, wiederum wollte ich ihn zum Possen zum Galgen führen und anstatt des
Schwerts mit einem Fuchsschwanz um den Hals schmeissen lassen. Zu solchen
Vorhaben gab der Jäckel sein kurzweiliges Ridez und brachte mich dadurch auf
einen solchen Laun, dass ich dem Gefangenen um seinetwillen gar eine geringe
Kreuzschul aufrichtete. »Die Rede,« sprach ich, »welche du wegen des Schreibers
gehalten, will ich heute nacht in etwas überlegen und bedenken. Ich weiss wohl,
dass man geschwinder zur Vergebung als zur Rache sein soll. Schlafe wohl und
verlasse mich anitzo. Wie mich gedünkt, so höre ich die Schlossglocke.« - »Ja,«
sprach der Jäckel, »es ist halb zwölf Uhr und hohe Zeit zu schlafen.« Damit
machte er seine Reverenz samt noch einer artigen Positur, und als ich darüber zu
lachen anfing, eilete er mit einem kurzweiligen Gaukelsprung zur Kammer hinaus.
 
                                 XII. Capitul.
         Wolffgang hört auf dem Schloss zu Unterbinningen ein Gespenst.
Dieselbe Nacht hatte ich fast nichts zu gedenken, als wie ich dem Schreiber,
seinen Prozess betreffend, mitfahren wollte, ja, diese Phantasie verliess mich
sogar in dem Schlafe nicht, und hatte dannenhero in dem Traum unterschiedliche
Vorstellungen von Rad und Galgen, erwachte also zu unterschiedlichen Malen und
hörte endlich in der nächstgelegenen Kammer einen grossen Tumult und
ungewöhnliches Gepolter von Werfen und Stossen, welches mir in der düstern
Finsternis recht förchterlich anzuhören war. Ich wusste wohl, dass es in dem
Schloss nicht allzu richtig war und dass es ehedessen zu gewissen Zeiten allhier
sehr irr gegangen; darum schlug ich das Kreuz vor mich und verstackt' mich unter
das Deckbett, damit mirs nicht so grausam vorkam, wenn es etwan an meine
Kammertür anklopfete. Nichtsdestoweniger erhebte sich ein abscheuliches Geheule,
dergleichen ich die Zeit meines Lebens noch wenig, ja gar keines gehört hatte.
Solches Heulen war nichts anderst als die Klage, welche gemeiniglich sich zu
melden pfleget, wenn junge Kinder verscheiden sollen. Ich machte mir in dieser
Furcht tausend Gedanken. Der Schweiss lag mir auf dem ganzen Leib, und wurde
durch blosses Anhören dermassen müd und kraftlos, gleich als hätte ich den ganzen
Tag am Pflug gearbeitet. Endlich kam es gar in die Kammer und lief in dem
Dunkeln über alle Fenster wie die Katzen hinan, daraus der geneigte Leser
schliessen kann, wie mir dazumal hinter dem Deckbette müsse zumut gewesen sein.
Ich hatte das Herz nicht, mit einem Auge hervorzugucken noch mich aus meinem
Vorteil zu begeben, und musste also länger als eine gute Stund zu unglaubiger
Angst hinbringen, bis ich durch den angenehmen Hahnengeschrei getröstet und
wegen des herbeinahenden Tages wieder in etwas erquicket war.
    In dieser Qual stellte ich mir vor Augen die ewige Höllenpein und diejenige
Finsternis, auf welche keine Sonn mehr zu hoffen wäre. Da schauerte mir die
Haut, wenn ich betrachtete, dass man daselbst in einem ewigen Gefängnis
geschlossen allezeit mit den allerschröcklichsten Höllengespensten würde
vergesellschaftet und umgeben sein. Man liegt dort, sagte ich bei mir selber, in
keinem Bette noch in einer wohlaufgeraumten Kammer, sondern im schwefelichten
Feuer, welches unbegreiflich alle Verächter Gottes peinigen wird. Diese Qual hat
kein Ende, und ist alldort kein Mittel mehr übrig, sich zu erfrischen. O
Wolffgang, sagte ich ferner zu mir, gedenke hinter dich und betrachte dein übles
Leben, bessere deinen Wandel und gedenke, dass du nicht ewig leben werdest. Wer
weiss, was dieses Gespenst bedeutet, und vielleicht ist es eine Anzeigung deiner
bis anhero saumseligen Busse und dass du dich inzeiten bessern sollest. Ja, es ist
dem also, und du findest bei dir selbst wohl, wie forchtsam du zum Sterben bist,
denn wie kann der fröhlich und wohlgemutet sterben, der kein gutes Gewissen hat?
Um wieviel wäre dirs besser, dass du wärest in deiner Einsiedelei sitzen
geblieben, daselbst dem blossen Gebet eiferig abzuwarten, als dass du die
zeitliche Lust suchend dich den Wirbelwinden der ehrsüchtigen Welt übergeben,
welche dich endlich noch zu Boden stürzen werden. Du bist in dem Wald gewesen
voll Unschuld und Andacht, voll Lieb und Lust zum Guten und Gebet, bist aber,
nachdem du wieder unter deine Bekannte geraten, bald irrig und verführt worden.
Anstatt deines Paternoster hast du in dem Geld und unter deinen Schätzen
herumgeklaubet, gleich als wäre darinnen die grösste Glückseligkeit verborgen, da
du doch nichts als eitlen Betrug herausklauben können. Es ist schwer, dass ein
Reicher ins Himmelreich komme; was schwer ist, das geschiehet selten. Was nützet
mir, meinem Weib eine grosse Summa Geldes, wenn ich samt sie davor im ewigen
Pfuhl brennen und braten soll? Was ist meiner armen Seel dadurch geholfen, wenn
man spricht, ich sei ein Grosser vom Adel, eines fähigen Kopfes und herrlichen
Lebens, wenn ich hingegen eine lasterhafte Seele mit mir aus der Welt führe,
welche muss verworfen werden?
    Ach, um wieviel wäre mir besser, dass ich diese Welt niemalen mit Augen
angesehen hätte, als dass ich solche zu meinem Verdammnis gebrauchen soll. Ich
bin zwar kein Totschläger oder sonst ein grosser Böswicht, aber
nichtsdestoweniger bin ich auch kein Heiliger, sondern fühle genugsam, wie
schwer mein Gewissen ist, wenn ich an alle Stunden und Augenblicke gedenke, die
ich so vergeblich zugebracht habe. Alle meine Reden, so mir jemals von der Zunge
gegangen, klagen mich an, dass sie so unnütze gewesen, aber nichtsdestoweniger
will ich nicht verzweifeln. Doch gleichwohl muss ich mich verwundern, wie es
möglich ist, dass ich in Betrachtung so grossen Elendes jemals recht habe können
fröhlich werden. O einsame Nacht, dich will ich nimmermehr aus meinen Gedanken
lassen, weil mir in deiner Finsternis das wahre Licht meiner bis anhero
verschlossenen Erkenntnis zur wahren Busse aufgegangen. Ich will dich stets
beherzigen und meinen Wandel also anstellen, dass ich dem Tod jederzeit mit
fröhlicher Stirn möge entgegengehen.
    In diesen Gedanken, welche mir bei obbeschriebener Furcht eingefallen,
entschloss ich zugleich, den Schreiber auf freien Fuss zu stellen und ihn mit
einer guten Vermahnung seinem Gefängnis zu entlassen. Kleidete mich demnach,
sobald es ein wenig hell wurde, an, und weil sich Christoph über meinem frühen
Aufsein verwunderte, erzählte ich ihm alle Umstände, die mich heute nacht auf
eine ganz andere Resolution gebracht hatten. Es waren ihrer mehr in dem
Schloss, welche, gleichwie ich, das Wehklagen des Gespenstes gehört hatten, und
Christoph war leid, dass er dem Übel nicht abkommen konnte, weil schon öfters
über dergleichen Unheimlichkeit von seinen Gästen geklaget worden.
    Nach solchem schickte ich in das Dorf, den Schreiber vor mich zu bringen,
unter welchem ich auf eine Rede studierte, ihm seinen Leviten, welchen er wohl
verdienet, auszulegen. Sie brachten ihn auch endlich hinter mir in mein Zimmer.
Da ich mich aber niedersatzte, ihm meine Meinung zu eröffnen, da erschrak ich,
dass ich zusammenfuhr; denn ich sah nicht den Schreiber, sondern den ehrlichen
Bruder Philippen vor mir, welcher in tiefer Nacht vor das Schloss gekommen, und
weil er uns nicht verstören noch an der Ruhe verhinderlich sein wollen, hat er
sich indessen in der Dorfschenke einlogiert, allwo er unter die Geschieht wegen
des Schreibers geraten. Hat also den Schreiber, welchen er ehedessen wohl
gekannt, aus den Banden losgemacht, ihm sein sauber Kleid geschenkt, davor hat
er sich mit dessen Lumpen bedecket, und ist nicht zu beschreiben, wie eine grosse
Verwunderung dieses Beginnen unter uns verursachet hat.
    Er erzählte hierauf seinen Zustand, und dass er des Hoflebens schon satt und
überdrüssig sei. Nichtsdestoweniger wollte er noch ein paar Jährlein versuchen,
wie die Hofsuppen schmeckten, alsdann wäre er entschlossen, in ein Kloster zu
gehen und ein Ordensbruder zu werden. Sein Weib und Kind wolle er uns im
Testament zur lebenslangen Versorgung vermachen, und was dergleichen Tänze mehr
waren. »Vor diesmal«, sagte er, »kann ich nicht lange bei euch bleiben. Meine
gnädigste Fürstin hat einen jungen Prinzen, und ich reite aus, das
Gevatterschreiben zu überbringen. Sobald ich solches verrichtet, kehre ich
wieder zu euch, und wenn ihr noch so lange beisammen verharret, wollen wir die
alte Karte aufs neue miteinander mischen und die brüderliche Liebe renovieren.«
Damit lieh ihm Christoph ein stattliches Staatskleid, mit welchem er, seine Post
zu verrichten, hinwegschied. Er war auch zu solchem Werk sehr fähig und
geschickt, weil er nicht allein ein guter Ceremonienmeister, sondern noch darzu
ein überaus guter Redner war, der von einer jeden Materie ohne sonderliche
Vorbereitung etliche Stunden reden konnte, darzu er weder Zungenschabens noch
sonsten einer gedächtnisstärkenden Hauptpillul gebrauchte. Also nahm er von uns
unter dem Tor Abschied, und wir warteten seiner Zurückkunft mit grossem Verlangen
auf dem Schloss.
    Unterdessen verkürzte uns der Jäckel die Zeit mit allerlei kurzweiligen
Historien, welche er teils von sich erfunden und zum Teil aus den Büchern
ausgestohlen hatte. Er sagte unter anderen, dass er vor drei Wochen einen
Kaufmann abconterfeien müssen, welcher ihm vor seine Arbeit dreissig Taler
versprochen. Nachdem das Conterfei fertig gewesen, hätte es den Kaufmann wieder
gereuet. Dannenhero sprach er: »Das Bild sieht mir nimmermehr ähnlich!« - »Ich
aber,« sprach der Jäckel, »nachdem ich gesehen, dass ein anders Que dahinter
steckte, satzte dem Bild eine Narrenkappen auf, stellte solches hernachmals auf
offenem Markt [aus], da sprachen alle Leute: Dieses ist der und der! Ja, er
selber kam und musste bekennen, dass er mehr als zu kenntlich getroffen war.«
    Dergleichen Stücklein erzählte der Jäckel über tausend, bis endlich Philipp
mit einem stattlichen Recompens wieder zurückkam und sich mit uns durch vier
ganzer Tag rechtschaffen lustig machte. Er lud uns nach diesem alle nach Hofe,
uns daselbst rechtschaffen und aulicos zu tractieren. Damit nahm er seinen
abermaligen Abschied, und wenn mans sonst nicht gewusst hätte, dass er bei Hof in
Diensten wär, so hätte mans doch aus diesem leichtlich abnehmen können, weil er
die Mode, kein Trankgeld auszugeben, schon perfect gelernet hatte, welches
sonsten die anderen vom Landadel jederzeit zu tun gewohnt waren und dannenhero
von dem gemeinen Schlossgesind viel mehr als die Hofleute bedienet wurden.
    Hiemit nahmen auch wir insgesamt von Christoph, welchem bald darnach sein
Kind samt der Frauen gestorben, unsern Abschied, jeder seinen Marsch seinem
Heimat zu nehmend. Ich aber ritt mit meinem Wastel auf etliche Dörfer herum,
daselber Wolle zu bestellen. Nach diesem eileten wir heim zu unserm Historico
und dem Studenten, welche beide ein ziemlich grosses Buch zusammen aufgeschrieben
hatten. Nebenst Durchlesung dieser Blätter ergetzte ich mich sonderlich in der
Musik, weil der Student artige Stücke gesetzet, die trefflich nach meinem Humor
eingerichtet waren. Nichtsdestoweniger wuchs in mir der gefasste Eifer, ein
heiligers Leben zu führen, welches ich mir in dem Schloss zu Unterbinningen so
steif vorgesetzet hatte. Sonsten war alles unter meinen Leuten sehr kleinlaut,
und endlich erfuhr ich von meinem Weib, dass zeit meines Ausseins allentalben im
ganzen Hause ein grosser Tumult von einem Gespenst gehört worden, absonderlich
aber hätte sich das Bildnis meines seligen Vaters bei hellem Tage etlichmal von
der Stelle heruntergeworfen. Diese Erzählung machte mir wunderliche Gedanken,
und wie sie sagte, so war es auch in dem Werk, denn es wurde je länger je
unsicherer und endlich so gemein, dass ich entschloss, auszuziehen und mich auf
das andere Gut, so schlecht es auch dazumal gebauet war, niederzulassen.
    Solches Vorhaben satzte ich kurz darauf ins Werk, machte mich mit Sack und
Pack hinweg und liess nur einen einzigen Menschen zurück, welchen ich als
Hausmeister und Dorfrichter bestallte. Aber er konnte so wenig als ich darinnen
ausdauern, weil es mit Schüsseln und Tellern je länger je heftiger um sich warf
und weder Menschen noch Vieh ruhen liess. Also blieb das Haus eine ziemliche Zeit
wüst und unbewohnt, konnte mir auch kein Mensch einziges Mittel vorschreiben,
dadurch mir wäre zu helfen gewesen. Auf dem neuen Schlösslein liess ich alles
hübsch bauen, allwo ich, gleichwie zuvor geschehen, meine meiste Zeit entweder
mit Lesung allerlei Schriften oder aber mit der Musik zubrachte. Ich bestellte
auch endlich von einem Hofe einen eigenen Musicum, der mich sollte auf der
Violdigam streichen und ein wenig mehr componieren lernen, als ich bis anhero
von dem Herrn Ab initio gelernet hatte. Also vertrieb ich die Zeit in meiner
neuen Behausung gar vergnüglich und frass selten ein gutes Bisslein allein, davon
ich nicht dem Soldaten und Studenten mitgeteilet oder das grösste Stück gegeben
hätte, welches ihnen so wohl bekommen, dass die Bauern den Studenten vor einen
Magister und den Musquetier vor einen Quartiermeister angesehen haben.
 
                                  Fünftes Buch
                                  I. Capitul.
    Krachwedel resolviert sich, dem Gespenst auf dem alten Schloss zu wachen.
Aus dem Inhalt der vorigen vier Bücher fliesset nunmehr auch der fünfte, in
welchem weiter zu sehen ist, was zwischen uns vorübergegangen. Ich werde aber
solches, gleichwie bis anhero geschehen, ohne jemands Beschimpfung aufzeichnen,
denn ich weiss wohl, dass die joci mordaces solche Wunden verursachen, die viel
weniger als die Hundebisse können geheilet werden. So ist demnach meine Historia
bis zu Ende des ganzen Verlaufes also eingeordnet, damit alle Lesende bei guter
Lust erhalten und keiner an einzigem Stücke wider Gebühr angegriffen werde.
    Mein neues Schlösslein anbetreffend, bauete ich solches auf ganz
altväterische Art, einen Winkel dahin, den andern dortin. Zuhöchst auf dem Turm
machte ich ein absonderliche Stuben, damit ich auf solchem, gleichwie in dem
alten Schloss, auf der Landstrass hin und wider sehen und also manche Zeit mit
Speculieren durchbringen konnte. Die Situation anbelangend, war solche viel
angenehmer als auf dem alten Schloss, und weil es wieder anfing, mit Gewalt
Sommer zu werden, gaben mir die umliegende Berge und Wälder einen schönen
Prospect, zwischen welchen mein Schlösslein ringsherum gleichsam eingeschlossen
und verwahret war.
    Der Student und Stradiot waren meine tägliche Begleiter, wenn ich da und
dort ausspazierte; da musste mir dieser von dem und jener von jenem erzählen, und
wenn wir also einen ziemlichen Weg herumterminiert, kehrten wir wieder zurück
und erfrischten uns bei einer guten Maibutter und einer grossen Schüssel von
Milch, liessen auch wohl indessen die geschossene Wildenten oder ein gutes
Häslein am Spiesse braten, nachdem uns auf den Teichen oder in dem Forst etwas
aufgestossen ist.
    Unterweilen liess ich mir auch währender Abendmahlzeit den Meister Hämmerlein
von meinem Schlossschneider spielen, mit welchem Spiel er sich ehedessen in dem
Land ernährt und den vorwitzigen Müssiggängern manchen Groschen mit aufgesperrtem
Maule aus dem Beutel herausgemeisterhämmerlt hat. Bisweilen kam der alte Ab
initio zu mir, welches zwar nicht mehr so oft wie vorher geschehen können, weil
er um zwei starke Meil Wegs weiter zu reisen hatte, jedennoch unterliess er
nicht, mich öfters zu besuchen, absonderlich aber, wenn es gegen die heilige
Zeit ging. Denn auf solche brachte er mir ein und anders musicalisches Stück,
welches ich dann und wann nach Gelegenheit meiner Leute in der Dorfkirche
musicieren liess. Aber ich mag mich in Beschreibung meiner Musicanten nicht lange
aufhalten. Derjenige, so es verstehet, wird ohnedem wohl wissen, dass sich auf
einem solchen schlechten Lumpenort keine grosse Virtuosi aufgehalten haben. Und
wenn ich den Weber im Dorfe wie auch des Pfarrers seinen Schreiber dazu rechne,
so konnte ich gleich ein Stück mit vieren machen. So war auch die Composition
nicht viel nutz und recht nach der Qualität dieser Künstler eingerichtet; glaube
auch noch zur Zeit nicht, dass die Autores in den Kapellen viel werden bekannt
sein, zumalen man wenig wissen wird, was der Organist von Ollingen, item Tomas
Knauper, Stadtpfeifergesell daselbst, vor Sachen gesetzt haben. Ich habe zwar,
wie ich zuvor erzählet, selbst nicht viel gekonnt, jedennoch wollte ichs weit
besser als diese Erzfretter gemacht haben, welches ich mir zwar nicht zum Lob
nachschreiben, sondern nur deswegen erzählen will, damit sich der Leser meine
Festmusik desto besser einbilden könne.
    So glückselig es mir nun samt allen denen, so sich bei mir aufhielten, ging,
so betrübt ward ich hingegen, wenn ich an das alte Schloss gedachte, weil
darinnen der Poltergeist, so viel wir auch Mittel ergriffen, dennoch nicht
abweichen wollte. Endlich gab uns der Soldat, welcher mir bis daher seinen
ganzen Lebenslauf durch das Concept des Studentens eingeliefert, zu verstehen,
dass er entschlossen war, dem Gespenst ein oder etliche Nächte zu wachen und zu
erforschen, obs was Gutes oder Böses wäre. Sein Vorhaben, ob es wohl ungemein
und gefährlich, war mirs doch und meinem Weibe insonderheit angenehm, weil sie
absonderlich Lust hatte, wieder dahin zu ziehen und ihr Vieh - denn sie war eine
grosse Liebhaberin der Viehzucht - daselber in den wässerigen und wohlgelegenen
Auen zu weiden. »Ich bin ein alter Corporal,« sagte er, »habe auch manch
Stücklein erfahren, davon ein anderer nichts weiss. Es ist um eine schlimme Nacht
zu tun, so wird sichs verhoffentlich anders fügen. Hilft es, so ists gut, hilft
es nicht, so solls mir doch auch nicht schaden.« - »Ja,« sagte ich, »mein lieber
Vater, Ihr seid aber alt, kraftlos und matt, bei solchen Zuständen ist der
Schrecken gross, und wenn Ihr Euch nicht wohl getrauet, die Gefahr auf Euch zu
nehmen, so lasset den Geist Geist sein und zieht Euch keine unnötige Gefahr auf
den Hals.« Nichtsdestoweniger liess er sich durch alle meine Abmahnungen nicht
zurücke treiben, und weil meine Sophia gern hinter den Grund gelangen wollte,
liess ich ihn endlich mit meinem Reitknecht hinziehen, welcher ihn auf einem
Pferd dahin begleiten und unterdessen seiner in dem Dorfe warten sollte.
 
                                  II. Capitul.
                Was sich daselbst mit dem Stradioten zugetragen.
Ich habe nach ihrem Abscheiden keine andere Gedanken als von diesem Geist und
wie es doch dem alten Krachwedel im Schloss gehen würde, gehabt. Ja, ich konnte
vor Verlangen, den Ausgang zu vernehmen, kaum essen noch trinken; und der
Student war schon beflissen, ein Carmen darüber zu entwerfen, wenn er nur gewusst
hätte, ob er den Soldaten loben oder auslachen sollte. Mein Weib hoffte noch das
Beste, und wir machten auf dem Schloss wie diejenige, welche zwischen der
Belagerung einer Stadt oder Vestung wetten, ob sie würde erobert werden oder ob
der Feind wieder abziehen müsste. Also parierte ich mit meinem Weib auf hundert
Taler, dass der Soldat nicht würde hinter die Wahrheit geraten. Der Student aber
wettete mit dem Schneider also, dass, wenn er, der Student, gewönne, solle ihm
der Schneider seine Strümpf doppeln und die alte Hose flicken. Gewönne aber der
Schneider, so solle der Student schuldig sein, ihm zwanzig lateinische Wörter zu
lernen.
    Gleichwie nun das Geschrei und der allgemeine Ruf wegen des Poltergeistes
auf meinem alten Schloss fast das ganze Land ausgelaufen, als verwunderten sich
alle, die davon Nachricht hatten, dass sich der alte Schmeckscheitierer dennoch
noch so weit gewaget und seinen alten Kragen in eine so grosse Gefahr gestecket
hatte. Denn es ist gewiss, dass so viel Abenteuren dazumal von diesem Gespenst
erzählet worden, als jemals in einer alten Rittergeschicht geschehen ist, die
vor diesem mit sonderlicher Verwunderung derjenigen gelesen worden, die sich
gerne betrügen lassen. Es schmiss nicht allein die ganze Nacht hindurch im
Schloss, dass es schallete, sondern man hörte auch des Tages starke und grosse
Schläge, davon zum Teil die Fensterscheiben auf die Gasse und endlich gar die
Ziegelsteine aus den Mauren gefallen. Der Leser kann sich einbilden, in was vor
eine Gefahr sich der ehrliche Stradiot dazumal begeben, und ich lebte immer
zwischen schwebender Furcht und Hoffnung, mutmassend, dass er ohne allen Zweifel
eine gute Lecken davontragen würde, denn es hat schon vorher etliche dergleichen
Wächter abscheulich abgefertiget, und sind ihrer viel darüber erkranket und
gestorben. Andere aber sind glückselig gewesen, wenn sie ohne blutigen Kopf
davongekommen. Absonderlich aber hat es einen Kürschnergesellen, der sich
dazumal mit der Klopffechterei nährete, erbärmlich zugerichtet, indem ihn das
Gespenst nicht allein zwischen zwei Türen erschröcklich gedrücket, sondern ihm
noch darzu ein grosses Mal auf den Arm gedrucket, welchen er hernachmals
schwerlich mehr gebrauchen können.
    Also lebten wir alle in grossem Verlangen. Bald guckte ich da, bald dort zum
Fenster auf die Strasse, da sie wieder zurückkommen sollten, konnte aber weder
Reitknecht noch den Soldaten erblicken, unerachtet sie allgemach vier Tage aussen
waren. Als ich aber folgenden Tages bei der Mittagsmahlzeit sass, brachte mir der
Schneider die Post, dass man den alten Musquetierer auf einem Landkarren gefahren
brächte, welcher ganz krank, matt und blass aussah. Ich stund geschwind auf und
erfuhr durch den Reitknecht, noch ehe als der Stradiot ankam, dass es ihm auf dem
alten Schloss sehr übel gegangen und dass es mit seiner Gesundheit grosse Gefahr
hätte. »Warum habt Ihr«, sagte ich zu dem Stradioten, als er voll Seufzen und
Wehklagen zum Tor hereinfuhr, »meinem Rat nicht gefolget?« - »Ach,« gab er zur
Antwort, »ach, ich armer Mann, wie hat mich das Gespenst gequälet!« Damit
schwieg er still, und ich liess ihn geschwinde in den Turm hinauftragen, damit er
in dem obigen Zimmer frische Luft schöpfen und sich durch meine beigeschafte
Medicamenten wiederum in etwas erholen konnte.
 
                                 III. Capitul.
                           Krachwedel kommt übel an.
Es ist gewiss, dass ich mir nichts Angelegners sein lassen, als die Geschicht
sowohl von dem Reitknecht als aus dem alten Hühnerfanger auszukundschaften, und
weilen der letztere die meiste Wissenschaft davon haben musste, liess ich ihn
geschwinde auf ein feines Bettlein legen, allwo er mir die ganze Geschicht von
oben bis unten aus also erzählete:
    »Ich kam«, sagte er, »vier Stunden nach meiner Abreise samt dem Reitknecht
alldorten an und soff mir in der Dorfschenke einen starken Rausch im Brandwein,
damit ich desto kecker die Abenteuer erkundigen möchte. Nach diesem ging ich mit
blossem Degen in das Schloss, und der Reitknecht folgete mir bis über die
Schlagbrücke, allwo es stracks mit etlichen Ziegeltrümmern nach uns geworfen
hat. Ich wollte den Reitknecht fragen, ob er den Mann stehen sähe, der von einem
Fenster gegen uns herabsah, aber er war schon wieder zurücke gelaufen und hat
mich also alleine in dem Stiche gelassen. Hiermit war mir nicht anders, als
tauchte mich jemand ins kalte Wasser, so schrecklich fuhr mirs über den Rücken.
Nichtsdestoweniger ging ich beherzt fort und räusperte mich nach meinem Gebrauch
trefflich über den Hof hinüber, nahm mir auch vor, stracks hinauf und in das
Zimmer zu gehen, wo der Mann herausgeschauet hatte. Es war noch nicht Abend, und
die Sonne schien sehr helle. Deswegen verhoffte ich, noch vor nachts wieder
zurücke zu kommen, sprang also wider mein eigenes Vernehmen, mehr als ich sonst
gewohnet bin, die lange Wendeltreppe bei der Gesindstuben vorbei. Aber als ich
auf den Saal kam, schüttete es vor mir viel Geld aus. Was es aber gewesen oder
was es bedeuten sollen, weiss ich nicht, denn ich habe es nur gehöret, aber
nichts gesehen, so abscheulich es auch vor mir gerasselt hat. Weil ich schon so
weit war, so wollte ich nicht gerne ablassen, sonst wäre ich wahrhaftig wieder
zurücke gelaufen. He, sagte ich, bist du was Gutes, so sage es, bist du was
Böses, so schere dich aus diesem Hause und verunruhige christliche Herzen nicht!
Kaum als ich dieses ausgeredet, zog mich etwas bei dem Nacken, und als ich mich
umsah, wars der vorige alte Mann, der dem Conterfei Eures seligen Vaters so
gleich sah wie ein Ei dem andern. Damit sank ich in eine Ohnmacht, und das
Ungetüm muss mich ohn allen Zweifel schrecklich in dem Schloss herumgeschleppet
haben, denn ich kam endlich, als es schon ziemlich dunkel war, zu mir selber und
konnte vor Schmerzen kaum auf die Beine kommen. Mein Kopf, wie Ihr noch sehet,
war voller Löcher, mein Rock war mit Blut so besudelt, dass ich anfangs glaubte,
es hätte mir einer anstatt des grauen einen roten Caput angezogen. Mit einem
Wort, ich bebete auf Hand und Füssen und konnte noch dazu den Ausgang zum
Schloss nicht finden. Über diesem Umschweifen und dass mich das Gespenste so
verfolgte, sank mir das Herz trefflich, darum wollte ich um Hülfe schreien,
konnte aber kein lautes Wort aus dem Munde bringen, und wo ich hinging, folgte
mir der Alte hintennach und wurf mit solchen Steinen nach mir, dass, wenn ich von
einem wäre getroffen worden, ich ohne allen Zweifel hätte umkommen müssen.
Nebenst diesem Manne habe ich nichts gesehen, ob sie mir schon in dem Dorfe viel
Märlein von einer schönen Jungfrauen erzählet haben, die sich in dem Schloss
solle sehen lassen. Aber je später es war, je grauslicher war der Tumult, und es
kam mir unterweilen nicht anders vor, als fielen ganze Sparren und andere grosse
Gewölber ineinander. Sehet, mein Herr, diese Pein musste ich vier Tage aneinander
ausstehen, bis mich endlich der Reitknecht mit etlichen Bauern gesuchet und mit
grossem Grauen, wie Ihr wohl von ihm verstehen werdet, zum Schloss ausgetragen.«
 
                                  IV. Capitul.
              Sie baden in dem Wald in einem angenehmen Bächlein.
Die Erzählung des Alten kam [mir] recht seltsam vor, absonderlich da er von
meinem Vater Erwähnung getan. Ich war unter währender Relation noch schlüssig,
dem Übel mit Gewalt abzuhelfen und das Schloss mit Feuer anzustecken. Aber die
Gefahr, welche dadurch dem ganzen Dorfe und insonderheit der Kirche zustehen
möchte, legten mein Vorhaben wieder zurück, welches ich mir doch gänzlich wider
alle Einrede vorgenommen hatte. Liess es also gut sein und an seiner Gewohnheit
bewenden, willens, noch etliche Monat zuzusehen, alsdann wollte ich in Person
dahin reisen und die Wahrheit dessen erkundigen, von welchem bis dahero weit und
breit so viel Zeitungen geredet und gesungen worden.
    Das Allerübelste war, dass mir dieses Gespenst auf das allerärgste
ausgedeutet wurde. »Sehet,« sagten etliche Dorfpriester, »so geht es dem
reichen Wolffgang. Er lebet wie ein Ateist in aller Lust und Freude, geht
spazieren, wohin ihn seine Lust und Begierde trägt, er isset das Beste, er
trinket das Beste, er geniesst sonsten allerlei Üppigkeit, hat Guts genug, hat
Geld genug, darnach so kommt es so. Sehet, Euer Lieb und Andacht, endlich kommt
die Rache.« Ja, dieses Geschmäl der unstudierten Gelehrten währete so viel und
oft, dass ich mich endlich zu Ollingen darüber beklagen und man von daraus eine
heimliche Inhibition tun müssen, damit man meiner ab inductione exemplorum mit
Namen verschonete. Sie unterliessens zwar, aber ob sie mich hinfüro gleich nicht
nenneten, so nenneten sie hingegen das Gespenste desto öfter und machtens so
klar, dass man mich mit allen fünf Fingern greifen konnte. Nichtsdestoweniger so
war es doch nicht wahr. Das wusste ich in meinem Herzen zum besten, ob ich ein
Ateist oder glaubiger Christ wäre, und davon bin ich auch nicht schuldig, hier
viel Rechenschaft zu geben. Ich war und bin noch ein armer sündiger Mensch, und
mangelt mir noch ein grosses Stück zur rechten Vollkommenheit und Frommkeit. Ich
halte, es wird allen den Pfaffen auch daran gemangelt haben, die mich so
schröcklich auf der Kanzel ausgeschrien. Mein, verklaget heutzutag einer unter
uns seinen Rücken, dass ihn die Andacht zu sehr reite? Doch folget nicht stracks,
dass man ein Ateist sei. Ich habe oft getanzet und zugleich in meinem Herzen
gebetet, aber weil mir der Pfaff nicht hineinsehen konnte, so musste mirs
trefflich alle grogehen. Ein anders ists, sich der Welt gleichstellen, ein
anders, der Welt gleich sein. Ich wusste am besten, wie mir ums Herz war, und dass
ich täglich spazierenging, geschah nicht zur Üppigkeit, desgleichen musicierte
ich nicht wegen Wollust, sondern zur Erfrischung meines Gemütes, welches
unterweilen gar zu maulhenkolisch werden wollte. So weiss ich auch am besten, wie
mir mein Spazierengehen bekommen ist. Wie oft ich mich in die Füsse gestochen,
die Kleider zerrissen, wie manchmal ich das Bein ausgesprungen und sonst im Wald
allerlei Ungelegenheit ausgestanden, davon haben sie still geschwiegen,
vielleicht, weil sie nichts darum gewusst haben. All diese Wort will ich durchaus
gegen die Geistlichkeit nicht aufgesetzet noch geschrieben, sondern nur deswegen
hiehergebracht haben, dass man sehe die üble Deutungen der Menschen, und dass die
Welt alles anderst auszulegen pfleget. Es meint  freilich ein Mensch, die
Trauben, so in seines Nachbars Weinberge wachsen, wären die süssesten, aber
nachdem sie davon versuchet, speien sie es oftmals wider die Erde. Drum soll ein
Kluger von einer Sache weder gut noch Böses reden, ehe er den wahren Grund,
warum er nämlich gut oder böse davon reden sollte, innen hat.
    Demnach ging ich dennoch wie vorhin spazieren, zuweilen badeten wir uns in
einem frischen Bächlein, welches den grossen Wald sehr angenehm und mit
lieblichem Geräusche durchloff, und weil ich hier des Bades erwähne, muss ich
beiläuftig erzählen, was mir kurz darauf begegnet ist. Der Student, welcher
nunmehr bei mir ganz gewohnet hatte, machte sich gute Hoffnung, dass ich ihn
dermaleins zu einem guten Dienst befördern würde, machte sich derowegen das
ganze Schlossgesind sehr zugetan, und ich war ihm nicht viel weniger als meinem
leiblichen Bruder gewogen. Derohalben hatte er gute Licenz, seinem eigenen Zaum
nachzugehen, wie er denn oftermalen ohne meinem Wissen mit den Hunden
ausgegangen und dort und dar eine Wildtaube heimgebracht hat.
    Einsmals lag ich des Nachts auf meinen Matratzen und konnte vor allzu grosser
Hitze kein Auge zubringen. Ich hatte tausend Grillen, allermeistens aber plagten
mich die Gedanken wegen des alten Schlosses, welche [ich] lang nicht aus dem
Kopf bringen konnte. Indem hörte ich zu unterschiedlichen Malen mit dem Munde
pfeifen, und weil es unter meinem Fenster war, stund ich endlich auf, zu sehen,
wer es wäre. Ich eröffnete das Fenster ganz sachte, weil man in einem solchen
Fall nicht gleich zuplatzen muss, denn es ist wohl ehe geschehen, dass einem also
auf den Dienst gelauret worden, darüber man unversehens sein Leben eingebüsst
hat. Als ich nun genug Raum hatte, hinunterzusehen, stunden auf dem Schlossberg
drei nackende Menschen, darüber ich mich anfänglich nicht besinnen konnte, was
es bedeuten sollte. Es hatte mich noch keiner von den dreien gesehen, darum
fuhren sie in ihrem Pfeifen fort, redeten auch so viel untereinander, daraus ich
wohl verstehen konnte, dass es der Student, der alte Soldat und mein Page war,
welchen ich etliche Tage zuvor aufgenommen hatte.
    Dieser Anblick entäusserte mich meiner vorigen Grillen, war auch flugs
willens, mit ihnen ein Hauptpossen anzustellen, dergleichen auf diesem Schloss
noch nie geschehen war. Ich hatte ein gross von hölzernen Stecken gegittertes
Haus, darinnen ehedessen ein Strauss gegangen. Dasselbe schaffte ich mit Hülf
zweier Knechte an das Tor hinan, dadurch sie hereingehen mussten. Und dieses
geschah darum, auf dass ich sie alle drei zugleich nackicht in demselben fahen
und bis künftigen Morgen aufheben möchte. Sagte derohalben, dass sie sich ans Tor
machten und erzählten, wie sie zu diesem Unglücke gekommen. Der Student gab vor,
sie wären in dem Bächlein baden gewesen, und dort wären ihnen von einem
verborgenen Strauchdiebe all ihre Kleider gestohlen worden. Diese Sach, ob sie
mir gleich nicht wohl gefiel, musste ich doch trefflich darüber lachen, damit
aber mein Weib nicht erwachte, verrichtete ich alles barfuss. Nachdem ich nun
diese grosse Hühnersteige an die Brücke gesetzet, darüber sie laufen mussten,
sperrte ich das Tor auf und hiess sie geschwinde eilen. Aber ehe sie es gewahr
wurden, sassen sie alle drei in dem Vogelhaus, und ich schloss das Gitter wieder
zu und verbot allentalben, ihnen kein Messer zuzulassen, damit sie sich nicht
losschneiden möchten. Sie wegten zwar ziemlich an den Sprossen, aber konnten
doch nichtsdestoweniger sich keine freie Luft noch Ausflucht zuwege bringen, und
in solcher Arbeit bemüheten sie sich so lange vergebens, bis es heller Tag ward.
 
                                  V. Capitul.
   Gottfrid entdecket nebenst dem Betrug eine Zeitung, dadurch Wolffgang ganz
                               verunruhiget wird.
Die Mägde, welche am ersten aufgestanden waren, das Vieh zu füttern, eileten
wieder zurück in ihre Schlafkammer, weil sie sich, weiss nicht über was,
entsetzet haben. Aber meiner Frauen Kammermagd sah durch eine Glasscheibe
hinunter und erquickte sich über diesen Anblick mehr als über der allerschönsten
Comödia. Etliche lachten, dass es in dem Hof schallete, und dadurch erwachte
endlich meine Sophia, welche, als sie aus dem Fenster gesehen, den Kopf so
plötzlich zurückzog, dass sie mir beinahe ein blaues Auge gestossen. Sie wusste
nicht, was dieses vor drei Vögel waren. »Was bedeutet das,« sagte sie, »und wer
richtet ein solches Spiel an?« Als ich ihr aber den Verlauf erzählte, dass die
ehrbaren Gesellen wären baden gewesen und dass ihnen in dem Wald von einem
Strauchdiebe all ihre Kleider gestohlen worden, konnte sie des Lachens fast
nicht satt werden. Nichtsdestominder bat sie mich, ein allgemeines Ärgernis zu
verhüten, diese wiederum herauszulassen. »Ihr wisset wohl,« sagte sie, »wie
sauber man von uns ohnedas zu reden weiss, wir sind fast allen Leuten ein
Splitter in den Augen, und Euer angeerbte Lust muss allentalben vor eine
Narrheit ausgerufen sein.« - »Mein liebes Weib,« sagte ich, »lass die Leute
reden, was sie wollen, mache du mir mittags einen hübschen Kalbsbraten und einen
guten Antiff-Salat darzu, bringe mir auch aus dem tiefen Keller ein gut Gläslein
Rheinwein, damit wollen wir aller derer gute Gesundheit essen und trinken, die
uns nichts Gutes nachreden. Ich werde um fremder Leute willen meinen Geist in
keinen andern Model giessen. Wie ich gewesen bin, so bin ich noch, und also werde
ich auch allzeit sein. Ein kurzweiliges Stündlein, quid tandem nocebit.« Damit
drehete ich sie etlichmal in der Kammer herum und war froh, dass ich so vergnüget
leben konnte.
    Hiermit liess ich sie wieder heraus und fand im Nachrechnen, dass mich ihre
neue Bekleidung aufs wenigste an die achtzig Taler kommen dörfte; hatten mir
also die Mausköpfe durch ihre Unachtsamkeit einen ziemlichen Griff in den Beutel
getan, und wenn ich den Studenten nicht so gar von Herzen liebgehabt hätte, so
würde mir niemand verdenken, wenn ich jeden unter ihnen mit meinem spanischen
Rohr, absonderlich aber den Page, abgetrocknet hätte. Dennoch liess ich mir vor
diesmal an dieser Lust genügen, und war ihnen Strafe genug, dass sie sich fast
vor allen Schlossbedienten nackicht mussten sehen und wacker auslachen lassen.
    Indem ich nun beschäftiget war, ihnen aus meinem Kleiderkasten etliche
zuzuwerfen, reitet Gottfrid zum Schloss herein, und sein Reitknecht hatte alle
die Kleider auf seinem Pferde liegen, die meine Leute des vorigen Abends in dem
Wald verloren hatten. »Wie gehts,« sprach er zu mir herauf, »lebest du noch
frisch und gesund? Was machen deine Badgäste, hast du ihnen geschröpfet oder zur
Ader gelassen?« Damit stieg er von dem Pferd, und nachdem wir ihn bewillkommend
in mein Zimmer geführet, erzählet er mir, dass er selber derjenige wäre, der
ihnen die Kleider durch seinen Diener hätte am Ufer wegnehmen lassen. Er konnte
sich trefflich zerlachen, dass ich sie so artig gefangen, und war beinebens auf
sich böse, dass er nicht eher angekommen, und auf mich, dass ich sie so bald
wieder hätte losgelassen. Er sagte mir beinebens mit wenigen Worten, was sein
itziger Ritt bedeutete, und dass er einem seiner Vetter, welcher ihm aber sehr
weitschichtig befreundet war, auf einem Schloss, so etwan vier Meilen von dar
abgelegen war, um eine Braut werben sollte. Sie wäre ein wohlgewachsen, schön
und höfliche Dam, hätte gute Mittel und ein absonderlich vortreffliches Gemüt.
Dieselbe wollte er sehen, wie er sie bei dem Kopf kriegte, weil ihm von seinem
Vetter eine Hufe Landes vor die Werbung wäre versprochen worden.
    »Du bist ein alter Schacherer«, sagte ich zu ihm, »und hast die Art der
Kratzhansen trefflich an dir. Ich kenne alle Töchter des ehrlichen Mannes; er
hat ihrer, wie mich gedünket, fünfe; aber welche ists, die du anhäkeln sollest?«
- »Es ist«, widerredete er, »die Jungfer Liesel.« Über dieser Antwort schwieg
ich still und wusste nicht, was ich reden sollte, denn ich hatte sie heimlich
lieb und dorfte michs doch nicht merken lassen. Ich war zwar meinem Weib auch
nicht feinde, jedennoch sticht einen der Narr, wie der Leser wohl wissen wird,
oft wider seinen Willen, und ich war unwillig, dass die türkischen Gesetze in
unsern Landen nichts galten, sonst hätte ich die liebe Liesel wohl zu der meinen
heiraten und zum Weibe nehmen können.
 
                                  VI. Capitul.
       Die Gassensänger singen ein artig Lied vom Gespenst zu Steinbruch.
Aber es war dazumal ganz vergebens, solche Gesetze wünschen, die dem
christlichen Wandel widerstreben. Meine Sophia lag mir zwar abends in den Armen,
aber diese den ganzen Tag in dem Kopfe, und wie ich eigentlich hinter ihre
Erkenntnis und von dar zu ihrer Liebe geraten, braucht keine weitschichtige
Chronik. Der Leser weiss selbst wohl, wie einen der Narr oft sticht, und wer will
diese Wege alle beschreiben, auf welchen man pfleget verliebt zu werden? Und es
ist um einen kurzen Augenblick zu tun, so ist mancher all sein Leben lang
gebunden und gefangen. Zwar, wenn ich sagen will, wie es an sich selbst ist, so
liebte ich diese Liesel in allen Ehren und auf eine ganz zulässige Weis, denn
sie kam mir in allem ihrem Tun so freundlich und holdselig vor, als mir immer
ein Weibsbild vorkommen konnte. Dannenhero besuchte ich ihren Vater fast
wochentlich einmal und suchte oft eine Ursach vom Zaun herunter, dadurch ich
wäre veranlasst worden, ihm zuzusprechen. Aber im Werke selber geschah es nur
darum, dass ich die schöne Liesel desto öfter sehen und mit ihr nach meinem
Gebrauch tapfer scherzen konnte. Ja, ich stellete noch zum Überfluss auf meinem
Schlösslein dann und wann eine Gasterei an, dabei sie insgemein die vornehmsten
Gäste waren, und also kostete mich das Hin- und Widerreiten wie auch die öftern
Gastereien ein merkliches Geld, ob ich schon vor meine Unkosten und andere
Ungelegenheit mit einem blossen Kuss mich musste bezahlen und vergnügen lassen.
    Das beste war, dass meine Frau durchaus der Eifersucht nicht ergeben gewesen,
denn sie sass lieber über einem Gebetbuch als den Hercules und verwunderte sich
oft, dass ich mit dem Frauenzimmer so närrisch tun konnte. Widerigenfalls, wo sie
ein scheeles Aug auf mich gemacht hätte, dörfte es gar leicht einen Scharmützel
abgesetzet haben; wie leider oft zu geschehen pfleget, dass der Teufel zubläset
und man um blosses Argwohnes willen ein Spiel in dem Hause anfänget, darüber
alles zu Trümmern und Scheitern geht. Aber wiederum auf die schönste Liesel zu
kommen, so satzte mir Gottfrid durch seine Post einen ziemlichen Floh in die
Ohren, ob er schon nicht gewusst noch gemerkt hat, dass ich dieselbe so sehr
liebte und ihr heimlich mit Affection zugetan war. Dennoch liess ichs
vorüberrauschen und gönnete ihr von Herzen, dass sie bei seinem Vetter, welchen
ich etlichermassen kennete und vor diesem mit ihm in die Schul gegangen war, wohl
versorget würde. Ich behielt ihn zu Mittag bei meinem Salat und Kalbsbraten zu
Tische, allwo er mir erzählet, wie es Sempronio, Philippen, Dieterichen und den
andern Herren Gesellschaftern ginge und wie die meisten entschlossen wären, in
fremde Länder zu reisen. Er aber wollte mit mir zu Hause bleiben, weil wir
nunmehr auch die Jüngsten nicht waren und uns selbst gern etwas zugut tun
wollten.
    Weiter redete er wegen des Gespenstes auf dem alten Schloss mit mir und
sagte, dass er zu Ollingen, als er durchgeritten, von einem Marktsinger
abscheuliche Lügen hätte absingen hören, welche ihm die Leute reissend abgekaufet
hätten. Brachte mir auch zu besserem Glauben einen solchen Zettul mit, auf
welchem folgendes Lied gedrucket stund. Und zwar erstlich, so hiess der Titul
also: Erschreckliche Zeitung von einem Gespenst auf dem alten Schloss zu
Steinbruch, wie es sich sehen und hören lässet, jedermänniglich zum Grauen und
Schrecken vorgebildet, in dem Ton: »Einsmals ging ich spazieren in einen grünen
Wald« oder: »Es singen die Waldvögelein« etc.
Hört, lieben Christenleute,
Was ich euch Traurigs sing.
Es geschieht von hier nicht weite
Ein wunderseltsams Ding.
Ein Geist tut grob rumoren
Zu Steinbruch in den Toren
Auf einem alten Schloss.
Ein Edelmann daselbst sasse,
Herr Wolffgang ist sein Nam,
Gern etwas Guts er asse;
Und wenn ein Wildbret kam
Aus einem Wald gegangen,
So hat ers bald gefangen,
Zu Tisch ers bringen liess.
So hat er stets gelebet
In grosser Herrlichkeit,
Der Musik nachgestrebet
In aller Lust und Freud.
Endlich ists ihm vergangen;
Ein Geist hat angefangen,
Zu poltern früh und spat.
Nun tut fleissig achtgeben,
Was ich euch jetzo sag:
Der Geist verführt ein Leben,
Dass mans kaum sagen mag.
Herr Wolffgang musst entweichen,
Sein Frau, die tät erbleichen,
Sie forchte sich gar sehr.
Man sieht Feu'r und Flammen
Bei Tag und auch bei Nacht.
Die schlagen stets zusammen
Am Schloss; wer es betracht,
Derselb bekommt den Grausen.
Es tut gar schröcklich hausen
Auf diesem alten Schloss.
Man sieht auch einen Reiter
Wohl sprengen hin und her;
Wenn man hingehet weiter,
So droht er mit dem Speer.
Er will die Leut erstechen,
Die Laute will er brechen.
Ach, bleibet weit hinweg!
Solch Straf, die pflegt zu kommen,
O du, mein frommer Christ,
Wenns Herze angeklommen
Von lauter Freuden ist.
Herr Wolffgang wird es wissen,
Wie es steh im Gewissen.
Ach, denke stets daran!
Mich wunderte, dass der Verfasser in diesem engen Raum dennoch so weitschichtige
Landlügen eingebracht hatte. »Es sind gleich sieben Strophen,« sagte ich zu
Gottfriden, »und also sind sie auch gleich alle erlogen. Der Mauskopf, der das
Ding gemacht hat, weiss gewiss, dass ich gern Wildbret fresse. Ja, ja, du Narr, du
wirst wenig Hasen von mir bekommen. Wenn ich eine Refutation tun sollte, so
müsste das Gesang dem Marktsinger solchergestalten zurückgeschickt werden:
Hört, liebe Christenleute,
Was ich euch jetzo sing.
Es wär gleich rechte Zeite,
Dass man den Kerle fing,
Der also pflegt zu lügen
Und euch so zu betrügen,
Er lose Lumpending.
Von einem Geist im Lande,
Wie ich gehöret hab,
Lügt er, ist Sünd und Schande,
Man soll ihn prügeln ab.
Er führt ein grosses Messer,
Glaubts nicht, ich weiss es besser
Als dieser Gassenknab.
So solle man die Refutation anstimmen. Aber die Narren mögen von mir und meinem
Schloss singen und sagen, was sie wollen. Mich wundert, dass das gemeine Volk so
gerne will betrogen und belogen sein.« Hiermit reisete Herr Gottfrid seine
Strasse, und ich wünschte ihm samt meiner Frauen eine glückliche Verrichtung in
seinen Ehehaften.
 
                                 VII. Capitul.
                    Artige Begebenheit wegen dieses Liedes.
Den dritten Tag nach seinem Abschied ritt ich mit meinem Wastel in die Stadt,
weil gleich Wochenmarkt war und der vorige Marktsinger ohne allen Zweifel wieder
auftreten würde. Ich hatte mein Quartier bei dem Organisten, dem alten Ab
initio, und von daraus gab es gar gute Gelegenheit, auf den Markt zu sehen,
allwo dergleichen Narren und Landbetrüger ihre Brief und Salbadereien hatten.
Ich horchte lang zu, ehe das Lied vom Gespenst zu Steinbruch angestochen kam,
sobald er aber »Hört, lieben Christenleute« zu singen anfing, satzte ich meinen
Kugelpallester an und schoss ihn auf den Grind hinauf, dass die Trümmer von der
Leimkugel unter das Volk sprangen. Er fuhr nichtsdestoweniger in seiner Melodei
fort, bis ich ihn endlich auf die Nase traf und die Kugel einem nächst
dabeisitzenden Wald- und Kräutermann in seine blecherne Salbe-Büchsen
hineinsprang. Der schalt den Singer, der Singer ihn hinwider, und also kam es
von Worten zum Zank, vom Zank zum Streit, und fielen beide dergestalten
aneinander in die Haar, dass alles Volk genug auszuweichen hatte. Der Marktsinger
war stärker als der Waldmann; darum geschah es, dass er ihn in seine eigene Salbe
zurück niederdrückte. Weil sich aber der Waldmann in jenes Haar eingeflochten,
zogen sie beide aneinander bei dem Schädel in der grünen Salbe herum, dass sich
niemand des Lachens entalten konnte, der da zusah. Ich indessen schoss noch
immer brav auf den Singer los, und weil sich mein Schiesszweck verdoppelt hatte,
konnte ich desto weniger fehlen. Unter währendem solchen Scharmützel rafften die
Jungen den Korb mit den gedruckten Liedern hinweg, und dem Waldmann stahl man
alle seine hölzerne und blecherne Büchslein, darob sich der gegenüber wohnende
Apoteker, als welche dergleichen Leuten ohnedem nicht gut sind, in seinem
grünen Schürztuch fast bucklicht gelacht hat. Auch war der Organist wegen des
Sängers in höchsten Freuden, denn er sagte, dass er ihm in der Kirchen die
allerbesten Manieren abgestohlen und solche hernachmals auf öffentlichem Platz
zu Schimpf der edlen Musik gebrauchet und seine Lumpenlieder dadurch
heruntergequintiliert hätte.
    Dessen aber unverachtet, hatte ich vor mich alleine Ursach genug, mich an
dem Paschkaller zu rächen, wie ich ihn dann endlich zu mir ins Hause kommen
liess, zu fragen, woher er das Lied bekommen und wer es gecomponiert hätte. Da
kam es endlich heraus, dass der ehrliche Andreas Nobiscum, der saubere Vogel,
Autor dazu war, welcher nunmehr als ein offentlicher Landstörzer in der Welt
herumzog und den Marktsingern allerlei dergleichen Lügen inventieret, dadurch
sie den Leuten das Geld abgestohlen haben. Ich hatte fast Lust, ihn noch zu
guter Letze wacker prügeln zu lassen, weil ihn aber der Quacksalber ohnedas wie
eine Katze hinterm Gesichte zerkratzet hatte, wollte ich ihn diesmal mit keiner
doppelten Rute strafen. Aber dem Andreas schwor ich, eine schärfere Laugen
anzumachen, bald er mir in die Hände geraten würde. Dergleichen Gesellen tun
selten gut, und je gnädiger man ihnen ist, je mehr missbrauchen sie der Güte.
Drum ist es besser, dass man dergleichen Vögel jung aufhänget, so stiften sie im
Alter desto wenigere Ungelegenheit. Und war zu wundern, dass mir der Schelm so
schlimme Sachen nachgeschrieben, zumalen ich ihm all mein Lebtag nichts Böses,
sondern alles Gutes erwiesen, wie der geneigte Leser genugsam hierinnen wird
verstanden haben. Jedennoch sinnete der Mauskopf immer auf neue Ränk, mir eine
Kopfnuss anzuhängen, und da er nicht näher konnte, schrieb er dies teutsche Lied
von dem Gespenst und dem Schloss, auf welchem ihm alles Gutes widerfahren ist.
 
                                 VIII. Capitul.
         Der Wastel erzählet, wie's ihm bei Herrn Bernharden gegangen.
Nach diesem ritt ich mit meinem Wastel wieder aus der Stadt, allwo er mir auf
dem Weg seinen Lebenslauf erzählen müssen, denn ich wusste wohl, dass er ehedessen
hin und wieder und zum Teil bei wunderlichen Leuten in Diensten gewesen wäre.
Absonderlich aber hatte er bei einem Herrn gedienet, welcher ein Ausbund aller
wunderlichen Köpfe gewesen. Dieser hat sich in der Weltweisheit so sehr
vertiefet, dass man ihn selten bei einer Compagnie, aber allezeit unter seinen
Büchern antreffen konnte. »Wie ist dirs«, sagte ich zu Wastel, »bei Herrn
Bernhard am Wald gegangen und wie lang bist du bei ihm in Diensten gewest?« -
»Herr,« antwortete Wastel, »habt Ihrs denn nicht aus meinem Dastimoni gesehen?
Drei Jahr und acht Wochen hab ich ihm gedienet, aber in all dieser Zeit niemalen
satt zu fressen bekommen; denn er sagte, ein Mensch, der sich überässe, machte
sich zu allen Betrachtungen ganz untauglich. Einsmals ritten wir miteinander
aus, da sah ich in einem Garten hübsche Birn und Äpfel stehen. Drum sagte ich zu
ihm: Herr Bernhard, sehet da, was sind das vor schöne Birn und Äpfel! - Was?
sagt er, du Narr, das sind Nüsse! - Herr, sagte ich, ich werde auch sehen, was
Nüsse oder Birn sein, es sind Birne und keine Nüsse! - Ei, sagte er, halte dein
Maul, es sind Nüsse! Als ich aber weiterreden wollte, zuckte er sein Pistol und
sagt, ich sollte schweigen, oder er wollte mir das Maul so zusperren, dass ich
einem weisen Manne all mein Lebtag keinen Einwurf mehr tun sollte. Er hiess alle
Sachen anders. Essen hiess er: zehren; trinken: saugen. Als, wenn er sagen
sollte: Gebt mir zu essen und trinken!, so sagte er: Gebt mir zu zehren und zu
saugen! Und was man mit ihm redete, das musste man ihm dreimal sagen, sonst, gab
er vor, wär die Sache nicht gewiss. Als zum Exempel, wenn ein fremder Herr zu uns
kam und sich durch einen Diener anmelden liess, so mussten wir sagen: Herr, Herr,
Herr, es ist, es ist, es ist ein Diener, ein Diener, ein Diener draussen,
draussen, draussen, der wollte gern, der wollte gern, der wollte gern ein paar
Wort, ein paar Wort, ein paar Wort mit dem Herrn, mit dem Herrn, mit dem Herrn
sprechen, sprechen, sprechen!
    Als mir nun das Leben bei diesem Dummshirn ziemlich langweilig und
verdriesslich war, machte ich mich einsmals mit einer List los. Wir ritten wieder
miteinander aus und kamen zu einem grossen Bach, da die Landstrassen mitten
durchging. Er wusste nicht, war es tief oder seicht; derohalb schickte er mich
voran. Aber der Bach war so tief, dass ich durchschwimmen musste. Er getrauete
sich nicht wohl zu folgen, weil er sein Pferd ziemlich schonete. Aber ich sagte,
dass er sich auf meinen Schimmel setzen und auf demselben, weil ers schon gewohnt
war, voranreiten solle. Ich wollte auf seinem Pferd nachsetzen, damit es desto
bessere Courage kriegte. Er trauete mir, zu seinem Schaden, denn als er fast
darüber war, schwamm ich auf seinem Pferd, so überaus wohl gewandt war, hinnach.
Aber mitten in dem Fluss schwamm ich immer abwärts, und zwar mit so kläglichem
Geschrei und jämmerlichen Gebärden, dass er an dem Ufer zu zittern und beben
anfing. O mein Wastel! O mein Wastel! rufte er mir zu, hab Reu und Leid über
deine Sünd, o Wastel, o Wastel, zu tausendmal gute Nacht! Denn ich stellete mich
an, als wollte ich alle Augenblick ersaufen. Und also kam ich den Strom weit
hinunter, und ob er gleich an dem Ufer nachgeritten, so konnte er doch endlich
wegen des häufigen Gesträusses, so dort herum in ziemlicher Anzahl stund, nicht
ferner folgen. Ich aber nahm die Gelegenheit wohl in acht; und als er mich so
wenig als ich ihn mehr sehen konnte, satzte ich ans Ufer auf dieser Seite und
ritt so schnell davon, als das Pferd laufen konnte.
    Von derselben Zeit an hat weder er mich noch ich ihn mehr gesehen; aber ich
hab hernach erfahren, dass er mich durch acht Bauern im Bache hat suchen lassen,
welche mich schwerlich werden gefunden haben. Das Pferd verkaufte ich einem vom
Adel, dem ich auch erzählte, wie ich dazu gekommen, darum gab er mir nur halben
Wert, stutzte ihm den Schwanz, schnitt ihm die Ohren ab und färbte es auf einer
Seite kohlschwarz.
    Darnach machte ichs wieder einem andern Herrn nicht viel anders, der mich
gar zu scharf hielt. Ich kriegte zwar besser Fressen bei ihm als bei Herrn
Bernharden, aber auch viel bessere Stösse. Er hat mich oft geprügelt, dass mir die
Rippen geknackt haben. Aber da wir einsmals ausritten und durchs Wasser mussten,
sagte er: Reite voran und führe mein Pferd an dem Zaum nach dir, denn es ist
scheu! Als ich ihn nun mitten in den Strom gebracht, liess ich den Zaum los; da
kann ich nicht sagen, wie er um gut Wetter geschrien hat. Herr, sagte ich, wenn
Ihr mir zusagen wollet, mich nimmer zu prügeln, so will ich Euch helfen. - Ach
ja, mein lieber Wastel, sagte er, ein Schelm, der dich mehr mit einem Finger
anrühret. Darauf schwamm ich ihm nach, und als wir fast, doch mit grosser Mühe,
am Ufer waren, sagte er: Ha, du Erzschelm, ist es um die Zeit, wart, ich will
dich mit keinem Finger, aber mit der Karabatsche will ich dich anrühren! Es war
gut, dass er solches drohete, da wir noch im Wasser waren, darum stiess ich ihn
wieder in die Tiefe und brachte ihn viel in grössers Leid als zuvor. Er gab
dennoch wieder gute Wort; aber der war ein Narr, der getraut hätte. Derohalben
ritt ich mit dem Pferd wieder davon und liess ihn in dem Wasser verzappeln, bis
er genug hatte.«
    »Du Schelm,« sagte ich zu ihm, »das sind keine schlechte Stücke; wenn man
die Sache recht examiniern wollte, so könntest du ins Teufels Küchen kommen.« -
»Herr,« sagte er, »es ist schon lang und wohl fünfzehen Jahr.« - »Ja,« sagte
ich, »alte Dieb sind auch des Galgens wert; aber halte dich anitzo nur desto
besser. Hast du nie gebuhlt oder sonsten so ein hübsches Schätzchen gehabt?«
    »Herr,« sagte er, »ich habs wohl gehabt, aber mit stetem Zanken und Unfried.
Es waren unser zween Knecht im Dorf und hatten eine Magd lieb, die hiess Urschel.
Dieselbe Urschel war gar ein drollete Höppin, drum wollt ein jeder das meiste
bei ihr gelten. Fand ich ihn bei ihr, so rauft ich mit ihm, fand er mich dabei,
so raufte er mit mir; also rauften wir uns die Woche öfter als die Fleischerhund
in der Fleischbank. Das kam denn stracks vor den Edelmann, der straft uns, dass
uns die Häxen hätten krumm werden mögen. Letztlich bekams doch keiner unter uns
beiden, sondern es heiratete sie der Dorfküsterer. Demselben passten wir oft
heimlich in der Nacht hinter einem Zaun auf, und wenn er sternvoll von der
Dorfschenke nach Haus ging, so zerschlugen wir ihm die Fressen, dass er am
Sonntag kaum die Lichter beim Altar hat anzünden können, und das taten wir nur
darum, weil er die Urschel zum Weib hatte. Endlich kams aus, und weil sich jeder
unter uns die grösste Straf einbildete, liefen wir alle beide noch vor Tages aus
dem Dorf. Sehet, Herr, so ist meine Lieb abgelaufen.« - »Du bist ein braver
Gourtisan,« sagte ich zu ihm, »ihr Bauern macht es nicht viel anders wie die
beissende Hunde, wenn ihr sonst nicht könnet, lasset ihr euer Amour mit Schlagen
und Raufen aus.« - »Herr,« sagte der Wastel, »Ihr macht es auch nicht viel
anders. Wenns Euch ein wenig zu nahe kommt, so fodert Ihr um eines Frauenzimmers
willen auf die Fuchtel hinaus, stosst einander tot und fahret also mit Leib und
Seel zum Teufel.« Ich gedachte: Mein Wastel, es ist wohl wahr!, dorfte doch
nichts sagen, sondern befahl ihm, dass er sein Pferd brav anspornte, und also
ritten wir galoppweise zum Schlösslein ein.
 
                                  IX. Capitul.
             Wolffgang wird wegen der schönen Liesel sehr betrübt.
Sobald ich mich ausgekleidet, suchte ich die Stücklein hervor, welche mir Herr
Ab initio mitgegeben hatte, erzählte beinebens meinem Weibe die Geschieht, so
sich durch mich mit dem verlogenen Marktsänger und dem Waldsalber zugetragen.
Aber weil sie gar zu andächtig und gewissenhaft war, meint  sie, dass ich
hiedurch ein überaus grosses Übel begangen hätte. »Er hat Euch durch die
gedrückte Lüge«, sagte sie, »an Euren Ehren nit angegriffen, und was habt Ihr
vor Ehre, Euch an einem solchen Lumpenkerl zu vergreifen. Habens doch die
Pfaffen auf der Kanzel getan, warum habt Ihrs diesem vor übel? Sonst achtet Ihr
das Geschrei der Leute nicht, aber da will Euch die Leber zerspringen. Es ist
ein grosses Gemüt, welches eine Schmachrede und falsche Auflage vergessen kann,
noch mehr und grösser ist dieses, welches sie gar vor keine Schmach aufnimmet!«
Wie ich sah, dass sie ferners reden wollte, suchte ich meinen Mantel, ihr solchen
umzuhängen. Als sie aber sah, dass ich ihre Vermahnungen mit meinem gewöhnlichen
Gelächter vermischte und sie noch dazu höhnen wollte, eilete sie in die Küche,
und sie tat auch wohl daran, zumalen mir mit einem guten Stück Essen vor diesmal
mehr gedienet war als mit der allerkünstlichsten Predigt.
    Unterdessen geigte ich mit dem Studenten die Stücke hindurch; aber sie
klangen so elend und barmherzig, dass mir mit einem Haar der Appetit zum Essen
vergangen wäre. Darum liess ich sie mit grüner Farbe überstreichen und mit dem
Palier die Vogelbauer bekleiben, darinnen ich die Nachtigallen sitzen hatte. Ich
erzählte beinebenst dem Studenten von dem wunderlichen Philosopho, dem Herrn
Bernharden am Wald, bei welchem mein Wastel ehedessen gedienet hätte, und dass er
ausgegeben, kein Mensch könnte etwas gewiss sagen, es wäre denn Sache, dass ers
dreimal wiederholte. »So sollte man«, sagte der Student, »ihn einen Bärnhäuter
und Galgenvogel nennen; alsdann, wenn er einen verklagte, könnte man sagen, es
wäre nicht recht gewiss, weil mans nur einmal und nicht dreimal nacheinander
gesagt hätte. Dieser Einfall des Studentens gefiel mir gar wohl, wie er mich
denn stetigs mit dergleichen Grillen unterhielt und perfect nach meinem Humor
seine Grillen anzubringen wusste.«
    Diesen Abend kam der ehrliche Gottfrid wieder zurücke, und mir schauerte ob
seinem blossen Ansehen schon die Haut, weil ich mit sonderlicher Empfindlichkeit
aus seinem Gesicht abnahm, dass er auf dem Schloss, dahin er wegen seines
Vetters geschickt worden, gute Verrichtung gehabt hätte. »Es ist alles auf gutem
Weg,« sagte er endlich, »und die Cour ist so weit eingehandelt, sofern der
Vetter drei Punkten eingehen und dieselbe zu Versicherung des Ehecontracts
unterschreiben will.« Damit kriegte ich ihn auf eine Seite, und weil das
Abendmahl noch eine gute Viertelstund innen stehen würde, spazierten wir
indessen in dem Schlosshof an dem Wassergraben rings um mein Schlösslein, und ich
fragte ihn, an was denn eigentlich die Sache hinge und mit was Condition er auf
dem Schloss mit der Liesel gehandelt hätte. »Es ist die ganze Sache zwischen
uns«, sagte er, »dahin gekommen, dass die Heirat auf drei Punkten geschlossen
ist: Erstlich will die Braut eine Verschreibung aller Güter des Vetters, er
sterbe vor ihr, wenn er wolle, mit oder ohne Kinder. Vors andere soll er seinen
Adel bis zu dem zehenten Ahnen beweisen und gültig vorstellen; vors dritte, ihr
im Hause den Schlüssel zum Gelde und die Macht, die Dienstboten an- und
abzuschaffen, alleine überlassen.« - »Hat der Bräutigam sie gesehen?« fragte ich
Gottfriden. »Nein,« antwortete er, »sie ihn auch nicht; drum hielt die Sach in
der erste sehr hart. Aber endlich brachte ichs durch gute Recommendation seiner
Person so weit, dass es endlich noch knacken dörfte.«
    Auf diese Rede des Gottfrides wurde ich ganz traurig, denn ich gedachte
nunmehr schon an den Verlust der allerschönsten Seelen, die mir zum grossen
Verdruss aus der Nachbarschaft würde entrissen werden. Meine Sophia war alt und
kraftlos, sie verdocterte die Woche mehr, als sie ass, darum hatte ich mir bis
dahero noch immer Speranz gemachet, diese Liesel beim Kopfe zu kriegen. Aber
allem Ansehen nach so war dem Fuchsen das Loch verrennet und hatte genug zu tun,
deswegen vor dem Gottfrid meinen grossen Kummer zu bergen. Denn ich hab ehedessen
wohl tausendmal in der geheim mit ihr geredet, und sie war auf keiner widerigen
Meinung, mich zum Manne zu kriegen, nur dieses stund ihr im Wege, dass mein Weib
so lang nicht sterben wollte und sie erst so spät einen Mann bekommen sollte.
Sie war zwar über zwanzig Jahr nicht viel alt, und dannenhero spitzte sie sich
trefflich auf mich; aber nunmehr schien meine Sonne ins Meer zu fallen, welche
mich bis dahero so hell und fröhlich beschienen hatte. Ich gab mich endlich
zufrieden und tröstete mich, so gut ich mochte. Ich sagte im Herzen: Fahr hin,
du falsche Lust! Der Himmel, der heute glänzet, kann morgen donnern. Heute hast
du gutes Wetter, morgen Sturm. Ach, Wolffgang, lasse solche Gedanken fahren. Du
fischest in einem trüben Wasser; anstatt der Aale kannst du eine Schlange
haschen, die dich in die Hand sticht. Bald wollte ich wieder ein Eremit, bald
ein Soldat, bald wieder was anders werden, so schrecklich trieb mich das süsse
Angedenken der schönen Liesel in dem Kreis herum; und dadurch habe ich gar oft
überhöret, was mit mir sowohl in diesem Spaziergang als hernach bei dem
Abendessen ist geredet worden.
    Es war mir, wie der Leser selbst schliessen kann, bei diesem Gespräch des
Gottfrids angst und bang; denn ob ich mich schon stellete, als hört ichs gern,
wars mir doch nicht so ums Herz; und so mein guter Freund er war, durfte ich ihm
doch meine Meinung nicht offenbaren, sondern machte mir vielmehr wunderliche
Gedanken, da er mir die Schlaguhr wies, welche ihm wegen seiner Werbung von dero
Vatern wäre verehret worden. Die Liesel selbst hatte ihn mit einem Ring
beschenket, darüber ich von Herzen erschrak, denn es war eben der Ring, welchen
ich einsmals ihrer Kammermagd geschenket, als sie mich ganz im Dunkeln zu ihr
ins Zimmer gewiesen. Darum, dass ich nicht desto verwirreter wurde, eilete ich
zum Nachtmahl und satzte mir vor, morgen zu der schönen Liesel zu reisen und zu
sehen, wie es eigentlich stünde.
 
                                  X. Capitul.
               Er reitet zu ihr, findet sie aber nicht zu Hause.
Wer einmal recht verliebt gewesen, der wirds am besten wissen, wie mir da möge
zumut gewesen sein. Sagen dorft ichs nicht, denn ich hatte eine Frau. Klagen
dorft ichs nicht, sonst wäre die Strafe über mich hinausgelaufen, derer ich in
einem solchen Fall wohl würdig war. Darum musste ich solche Gedanken, wie ein
Bettler die Läuse, bei mir verbutten und vermodern lassen; jedennoch seufzete
ich öfters vor innerlicher Bewegung. Aber ich schützte zu Behuf dessen das
Gespenste in dem alten Schloss vor und log also so wohl Bei der Tafel, als der
Marktsänger zu Ollingen auf öffentlichem Platz gelogen hatte.
    Gottfrid sah mich über Tische zum öftern an, und dadurch konnte ich nichts
anders mutmassen, als dass er mir meine Affection abmerkte. Derohalben machte ich
mich wider meinen Willen lustig, und der Student spielte indessen eins auf dem
Instrument, da uns der alte Stradiot inzwischen allerlei Soldatenpossen
erzählet, darob wir uns fast krank gelacht haben. In solcher Lust verzehrten wir
einen ziemlichen Teil der Nacht, zwischen welcher Zeit Herr Gottfrid ziemlich
verdächtig redete. Darum resolvierte ich nochmalen, morgen den Studenten mit mir
zu nehmen und mit ihm zu der schönen Liesel zu reiten. Hiermit wurde Gottfrid in
das bestimmte Zimmer geführet, allwo er die übrige Nacht ausruhen sollte. Seinen
Reitknecht aber, als welcher meinen Leuten die Kleider am Bache gestohlen hatte,
deckte der Student zum grossen Dank dergestalt mit Weine zu, dass er das Handfass
vor einen Reitsattel ansah. In solchem Tummel führte ihn der Student in Stall
und legte ihn alldort zu der Pferde Füssen, welche, als sie untereinander einen
Streit angefangen, den Reitknecht dergestalten in die Seite geschlagen haben,
dass er des andern Morgens kaum zu Pferd sitzen konnte. Und also hat sich der
arglistige Student wegen des Possens, so er ihm zuvor an dem Bach erwiesen,
wiederum gerächet.
    Aber mir waren doch durch alle diese Händel meine Grillen nicht zu benehmen.
Die Liesel, die Liesel stackte mir in dem Kopfe. Darum hiess ich drei Pferde
satteln, mich samt dem Studenten und einem Reitknecht nach Abschied Herrn
Gottfrides auf das Schloss, der lieben Liesel zu begeben und zu sehen, wie die
Sache gehauen oder gestochen wäre. Gottfrid nahm endlich seinen Abschied mit
Versprechen, dass wir allerehestens auf seinem Gut zusammen würden geladen
werden; und ehe er noch hinwegritt, vermahnte er mich ins dritte Mal, dass ich
heut nicht erschrecken sollte, und so sehr ich ihn um die Ursach fragte, wollte
er doch damit nicht heraus, sondern spornte sein Pferd an und ritt seinen Weg.
    Ich lösete ihm zu Ehren noch ein paar Pistolen zum Fenster aus, welchen er
mit den seinen auf dem Feld antwortete. Darnach stiefelte ich mich ingleichen
und ritt mit oberwähnten Leuten nach Buchberg - so hiess der Ort -, daselber
der Braut zuzusprechen. Und ob ich wohl willens war, den Wastel auf dem Wege
erzählen zu lassen, wie es ihm in anderen Diensten oder sonsten in seinem Leben
gegangen, trieb mich doch die Begierde so schnell fort, dass wir fast den ganzen
Weg galoppierten und also ganz keine Gelegenheit hatten, uns untereinander von
dem und jenem zu unterreden. Also kamen wir voll Staub und Rust an das Schloss,
verstund aber gleich von dem Verwalter, dass seine Herrschaft heute morgen hinweg
und auf eine Hochzeit verreiset wäre.
    Über dieser Post war ich ganz verwirret, noch mehr, als er sagte, dass
zugleich der Frauen auch ihre drei älteste Töchter mitgereiset wären. Sieh da,
sagte ich zu mir selber, die Hochzeit ist richtig. Hui, dass sie hingereiset
sein, die Copulation zu vollendziehen? In diesen Gedanken hatt' ich kaum so viel
Zeit, von dem Verwalter Urlaub zu nehmen, und vergass also, wider das Gesetz der
angebornen Höflichkeit, den übrigen und zurückgebliebenen zweien Töchtern
zuzusprechen, dessen ich erst auf dem Felde gewahr wurde. Nichtsdestoweniger
ritt ich doch meine Wege fort und fing erst an zu betrachten die Wort, welche
mir Gottfrid vor seiner Abreise zu verstehen geben, dass ich nicht erschrecken
solle. So schnell ich nun hergeritten, so schnell ritt ich auch wieder zurück,
obgleich der Student abscheulich über seinen Sattel klagte und nicht viel
anderst zu Pferd sass wie ein schlimm angebundnes Felleisen. Da musst ihm der
Wastel in Stegreif helfen: dort musst er ihm den Hut aufheben, bald fiel ihm sein
Degen aus dem Gehänge, bald verzettelte er einen Handschuh, und dieses ist die
Ursach, dass, so gern ich ihn sonst um mich hatte, ihn dennoch selten oder gar
nie mit mir über Land genommen habe, es sei denn, dass wir in einer Kutsch oder
Kalesche gefahren, dazu er sich besser schicken können.
 
                                  XI. Capitul.
Der Wastel erzählet weiter, wie es ihm mit dem Herrn gegangen, der nur ein Bein
             gehabt. Item wie es ihm bei dem Kloster-Becken gangen.
Der Torwärter hat mit dem Zuschliessen allgemach drei Stunden auf mich gewartet;
und als wir zum Schloss einritten, berichtete er mich zugleich meiner Frauen
grosse Unpässlichkeit, in welche sie zeit meines Ausseins gefallen wäre. Ich fand
sie auch in einem recht übeln Zustand, weil sie den Ohnmachten ziemlich ergeben
war und grosses Reissen im Leibe hatte. Sie winselte die ganze Nacht vor
Schmerzen, und ich quälete mich voll von Gedanken wegen der Liesel. Endlich nahm
ich mir vor, so ja etwas an der Hochzeit wäre, indessen aus dem Lande zu reisen
und meine Grillen an einem ausländischen Ort zu verpausieren. Die Krankheit
meiner Sophia hielt eine ziemliche Zeit an, und der Doctor von Ollingen tröstete
mich wegen ihres Aufkommens keinesweges, weil er meinte, dass die Lung und Leber
nebenst dem andern Zustand in ihr ganz verzehret wären. Zwischen solcher Zeit
bekam ich von Gottfrid einen Hochzeitbrief, welchen er im Namen seines Schwagers
an mich geschicket, welcher auf seinem Gut ehestens würde verehelichet werden.
Es stund drinnen: mit einer Jungfer von Buchberg, und als mir dieses unter Augen
kam, zerriss ich das Schreiben zu tausend Stücken und hatte nun wegen meines
Weibs Krankheit gute Ursach, traurig und melancholisch zu sein. Aber ob ich
gleich wegen dieser nicht gar zu froh war, so machte mich doch meistenteils der
Widerwillen, welchen ich wider die Liesel geschöpfet, ganz stutzig.
    Ich entschloss mich endlich, zwar nicht auf die Hochzeit, sondern
ebendenselben Tag vor dem Gut vorbeizureiten und zu sehen, was unter beiden vor
eine Affection oder Liebe vorlaufen würde. Gab demnach bei meiner Frauen, welche
darum nichts wusste, vor, wie ich dem Medico von Ollingen und seinen Arzneien
nicht viel trauete, wollte demnach nach St. Andre reiten, daselber den
berufenen Arzt um einziges Mittel zu fragen, dadurch ihr am besten möchte
geraten und geholfen werden. Diese Stadt, dahin ich meinem Vorgeben nach zu dem
Arzt reisen wollte, lag ebenden Weg, da ich auf der Landstrass Gottfridens Gut
vorbei musste. Derohalben nahm ich nebenst dem Studenten, Page und Soldaten noch
vier Knechte mit mir, und damit es ein desto grössers Ansehen hatte, mussten mir
meine Knechte ihre neue Liverei anziehen, und den andern satzte ich grosse
Federdollen auf die Köpfe, dadurch ich verhoffte, mich rechtschaffen sehen zu
lassen. Weil ich auch, ohne Ruhm zu melden, in demselben Landesviertel die Post
zu verwalten hatte, musste mein Wastel, der brav auf dem Hömlein blasen konnte,
voranreiten, und also zog ich ganz still aus dem Schloss und verbot, meiner
Frauen nichts von dem Auszug oder von dem Vorhaben zu vermelden, bis ich würde
ein paar Stunden hinweg sein. Unterwegens musste der Wastel mit seiner
Lebenshistoria wieder hervor, und er erzählete, dass er einsmals einem Herrn
gedienet, welcher nur ein Bein gehabt. »Das andere«, sagte er, »war von hartem
Holze gedrechselt und so künstlich zugerichtet, dass er Strumpf und Schuh
darüberziehen können. Also knappte er nur ein wenig, und hätte der Tausendste
nicht gedenken sollen, dass es ein hölzern Bein war. Es wusste es auch ausser ir,
als der mich ihn alle Nacht ausziehen musste, der Zehente auf dem Schloss nicht,
und er hat mir in meinem Bestallungsbrief unter anderen Punkten auch diesen mit
eingedungen, dass ich hiervon stillschweigen und niemanden nichts sagen sollte.
Einsmals forderte ihn einer heraus, und weil sie sich zu Pferde schlügen, führt
ich ihm seine Pistolen hinter einen Wald nach, allwo sie zusammenkommen wollten.
Sie schossen sich wacker in der Wiese herum, und lösete jeder seine zwei
Pistolen, ohne dass einer von ihnen wäre verletzet oder beschädiget worden.
Abends aber, als ich ihn auszog, fiel eine Kugel aus dem Strumpf, da wurde ich
samt ihm gewahr, dass er wäre ins hölzerne Bein getroffen worden, darüber er
sowohl als ich von Herzen lachen müssen. Sonst war er ein guter Haushalter, aber
nichtsdestominder bestahl ihn das Schlossgesind abscheulich. Einsmals fischten
wir ihm den Teich ganz heimlich in der Nacht und hatten unser dreie wohl mehr
als einen guten Centner Karpfen in ein grosses Fass zusammengeschlagen, welches
wir folgenden Tages in die nächste Stadt führen und heimlich verkaufen wollten.
Dieser Fischfang geschah abends, als er auf einer Kindstaufe über Land war, und
weil wir keinen tauglichen Fuhrmann so geschwinde haben konnten, legten wir das
Fass indessen in ein Gesträusse nächst an dem Teiche, und wurde uns bei der Sache
fast angst und bang. Wastel, sagte er zu mir, wecke mich morgen auf, ich will in
Meierhof visitieren gehen! - Hui! gedacht ich, das ist der rechte Weg, da findet
er das Fass so richtig als etwas von der Welt«; denn es war ein schlauer Kopf der
alles ausspürete wie ein Dachshund.
    Aber was war zu tun? Abends, als ich ihn ausgezogen und den hölzern Fuss
heruntergedrehet hatte, nahm ich solchen heimlich mit mir, sägte ihn mit unserer
Holzsäge entzwei und grub beide Stücke in die Erde, denn ins Wasser dorft ichs
nicht werfen, weil es oben geschwummen und also der Betrug leichtlich am Tag
gekommen wäre. Des andern Morgens, als er aufstund und ich das Handwasser
hinaufgetragen, fragte er mich: Wastel, wo ist mein Bein? -Herr, sagte ich, ich
habs an den Sessel gehangen! - Ei was, Sessel, antwortete er, wo ist das Bein
hinkommen? - Herr, sagte ich, das weiss ich nicht. Er hielt sich immer mit den
beiden Armen an die Bettstatt, bald hüpfte er wie ein Sperling, bald wie ein
Storch. Ich stellete mich hierüber so bekümmert als er; und weil es sich nicht
anderst argwohnen liess, als sollte ich ihm das hölzerne Bein schaffen, ich möcht
es auch nehmen, wo ich wollte. Unter solchem Gezänke hatten meine zwei Kameraden
Zeit genug, das Fass mit den Karpfen wegzuschaffen. Als mich aber mein Herr bei
dem Kopf erhaschen wollte, sprang ich zurück und hiess ihn einen Schmierhansen
über den andern, denn ich wusste wohl, dass er nicht so geschwind hupfen konnte
als ich laufen. Also nahm ich ihm, weil er mir allgemach zwei Jahr lang keinen
Sold gegeben, zwei Halsuhren und einen silbern Degen von der Wand hinweg und
eilete damit meinen beiden Gesellen nach, die in der Stadt die Fische allgemach
verkauft hatten.
    »Wir dreie waren fast alle seine Bediente, und wenn man nur seine Schwester
und den Schreiber noch dazu nahm, so war fast unsere ganze Familia beisamm.
Darum überredeten mich meine Kameraden gar leicht, wieder zurück[zu]kehren und
ihrem Anschlag zu folgen. Sehet, sprach der Reitknecht, der auch Torwärter und
Mühlknecht zugleich war, der Edelmann kann nicht gehen, viel weniger uns
verfolgen. Seine Schwester ist zu ohnmächtig und zu alte. Der Schreiber wird uns
auch alleine nicht fressen. Die Viehmägde haben auch kein grosses Vermögen,
lasset uns zurückeilen und sehen, wie wir was Hauptsächliches bei der Kappe
kriegen. Um so eines Pfifferlings willen wäre es eine Schand, aus dem Lande zu
laufen. Zudem ist er uns viel schuldig, und kann von dem Schindhund kein Mensch
seinen verdienten Lohn kriegen. Damit liefen wir wieder zurücke und sperreten
den Edelmann samt seiner Schwester in eine Kammer, wo das gedörrte Obst innen
lag. Und wie der Schreiber gesehen, dass es nicht anders werden wollte, griff er
ärger zu als einer unter uns, und als wir uns alle aufs beste ausgestopfet
hatten, wischte einer da, der ander dort zum Lande aus.«
    »Wastel,« sagte ich zu ihm, »was bist du von Geburt?« - »Herr,« gab er zur
Antwort, »ein Krainer.« - »Nun,« sagte ich, »so ists sichs nicht zu wundern,
denn die Krainer, Ungarn und Böhem sind in keinem guten Concept. Aber wie ist
dirs weiter gegangen, wo kamst du darnach hin, wie du da so aufgepacket hast?«
    »Ja, Herr,« sagte er, »nicht lange darnach kam ich in eine Stadt, in welcher
einer des folgenden Morgens sollte gehangen werden. Als nun auf dem Platz nächst
auf dem Ratause unzählig viel Volkes zusammenlief, stackte ich mich auch unter
den Pöbel und sah endlich unsern Torwärter, der da mit uns die Fische und das
Schloss bestohlen hatte, zwischen zweien Bütteln daherführen, welches mir nicht
viel anders als ein spitziger Schuhkanifft durchs Herz gefahren ist. Man las ihm
vom Rataus kurz und gut sein Lebensurteil, dadurch er zum Galgen verdammt
worden. Niemand wäre damals lieber als ich aus der Stadt gewesen, denn wie ich
mich alldorten nur ein wenig umsah, so stund mein Name an dem Diebsbrett
angeschlagen, und war meine ganze Person von oben bis unten aus recht natürlich
beschrieben, wie ich aussah und aufzog. Zu meinem Unglück waren alle Tore zu,
weil man sich in dergleichen Begebenheit in derselben Stadt schon aus alter
Gewohnheit wegen Auflaufes vorzusehen pflegte. Oh, wie kluxte mir dazumal mein
Herz. Andere drängten sich mit Gewalt und nach allen Kräften hinvor, und diese
müssen allem Ansehen nach ein viel bessers Gewissen als ich gehabt haben, denn
ich stund ganz von ferne und verbarg mich, so viel möglich war, damit mich der
Torwärter nicht zu sehen kriegte. Und also wurde der arme Teufel hinausgeführet
und an den lichten Galgen gehangen. Er starb, soviel ich aus dem Gespräche der
Zurückkommenden hören können, sehr wohlgemut; aber ich passierte immer den Berg
hinaus und ging wohl eine gute Stund, ehe ich den gehenkten Torwärter aus dem
Gesichte verloren, so hoch stund der Galgen.«
    »Wie ich höre,« sagte ich zu Wastel, »so ist der Torwärter unter euch dreien
noch der Unglückseligste gewesen, aber vielleicht darum, weil er, wie du zuvor
gesagt hast, auch zugleich ein Müller war. Aber wo kamst du dann nach diesem
hin?« - »Nach diesem«, antwortete Wastel, »kam ich in ein Kloster, da brauchten
mich die Pfaffen bei der Bäckerei. Sie verkauften ihr Brot an die umliegende
Dörfer hin und wider, denn in demselben Land ist nicht so viel Brot als dahier,
und solches Brot musste ich auf dem Buckel so lang herumtragen, bis ichs verkauft
hatte. Einsmals merkte ich, dass der Beck, welcher ein Pfaff, aber nicht studiert
war, gemeiniglich das schönste Geld, so ich heimbrachte, vor sich behielt und
dem Kloster mit der Rechnung ziemlich zu kurz täte. Das liess ich eine gute Weil
passieren, bis ich meinen Vorteil ersah und ihm seinen Kasten bestahl, auch mehr
als in die vierzig Reichstaler aus seiner Lade herausraumte. Nun wusste ich
nicht, wo ich mit dem Geld hinsollte, denn bei mir dorft ichs nicht tragen, und
keine Lade hatte ich auch nicht, darein ichs hätte versperren können. In einen
Winkel zu werfen oder unter das Dach zu tragen, war nicht ratsam. Endlich
steckte ich Stück vor Stück in das Brot tief hinein, und also verpartierte ich
die stattlichen Batzen alle miteinander und trug also, jedermänniglich
unvermerkt, das Geld im Brotkorb samt dem Brot auf und davon. Draussen, etwan auf
eine halb Meil vom Kloster, satzte ich mich in ein abgebranntes Häuslein und
tranchierte die Pfennige wieder heraus, das Brot aber liess ich stehen, und weiss
nicht, wer es aufgezehret hat.«
    Aus dieser Erzählung des Wastels war genug abzunehmen, dass er den Galgen
viel besser als der Torwärter verdienet hätte, nur dass einem Dieb das Glück
zuweilen günstiger ist als dem andern. Derohalben vermahnte ich ihn, dass er
nicht wieder in sein Heimat zurückreisete, weil er dadurch in grosses Unglück
geraten dörfte; er solle auch all dieser Erzählungen sich in grossen
Zusammenkünften entalten und nicht viel davon melden, weil es ihm nicht allein
an seinem guten Namen, sondern sogar an dem Leben dörfte schädlich sein.
Dergleichen Dinge wären kitzlich zu hören, und er konnte sich leicht durch sein
eigenes Maul an den Galgen bringen. Und indem ich solches redete, kamen wir
allgemach an Herrn Gottfrides Gut, auf welchem die Hochzeit vorübergehen sollt.
 
                                 XII. Capitul.
            Wolffgang kommt wegen der schönen Liesel aus dem Traum.
Mein Herz klopfte mir schon von ferne, je näher wir aber kamen, je weniger
hörten wir, welches sonsten bei solchen Zusammenkünften nicht gebräuchlich ist.
Ich stund still, entweder eine Geige oder Pfeifen zu hören, aber da war alles
mausestill. Es schien, als ob gar kein Mensch zu Hause wär. Darum schoss ich los,
dass etwan jemand heraussehen möchte. Aber wie gesagt, man sah darnach so wenig
als zuvor. »Wie ists, alter Vater,« sagte ich zu einem Bauern im Dorfe, »ist
Euer Herrschaft nicht zu Haus?« - »Er ist wohl zu Haus,« sagte der Bauer, »aber
wenn Ihr zu ihm wollet, müsst Ihr noch eine halbe Stund da hinunter übers
Kornfeld reiten, da halten sie heut eine Hochzeit!« Damit musste er uns den Weg
weisen; und als wir den Berg hinunter waren, hörte ich schon etliche Trompeten,
die allem Ansehen nach um dieselbe Revier herum geblasen wurden.
    Nicht lange darnach kamen wir an dem Platz an, allwo die ganze hochzeitliche
Compagnie in grossen Freuden versammelt war, und weil dieser Ort etwas tief lag,
konnte ich mich mit so vielen Leuten desto weniger verbergen. »Ha, ha!« ruften
sie, »Herr Wolffgang, Herr Wolffgang! O du Tausendbruder! Willkommen; wie so
spat? Wie so spat?« Ich tat, als hört ichs nicht, und wollte an dem Berg
vorbeireiten. Aber sie passten mir an dem Gattern auf, und dort konnte ich nicht
so unhöflich sein, dass ich wider die Bitte aller anwesenden Gesellschafter
sollte weitergeritten sein. Ich stund endlich vom Pferd, und sie liessen mir
nicht so viel Weil, dass ich mich ausgestiefelt hätte, sondern musste geschwinde
mit an die Tafel, allwo ein sonderlicher Ort vor mich aufbehalten worden. Ich
dachte mich bis auf den Tod zu verwundern, als ich sah, dass ich in meiner bisher
gehabten Meinung ganz betrogen war, denn die Braut war weder die schöne Liesel
noch eine unter ihren Schwestern, sondern ihre von weiter Gesippschaft verwandte
Muhme, welche sich schon eine ziemliche Zeit, und zwar etliche Jahre her, bei
ihnen auf dem Schloss zu Buchberg aufgehalten hatte. »O Schelm,« sagte ich zu
Gottfriden, »wie hast du mir neulich vorgelogen!« - »Schweig!« antwortete er,
»wir wollen mehr von der Sache reden, wenns Zeit ist.« Hiemit bewillkommte ich
alle nach der Reihe und bat um Vergebung, dass ich sie verunruhigte, erzählete
auch beinebens, dass ich meine Frau in höchster Krankheit hinterlassen und
dieselbe schwerlich mehr bei Leben antreffen würde. Ich schickte darauf meiner
Diener einen gar hinein nach St. Andre, alle diese Medicamenten mit sich
herauszubringen, die in dem mitgegebenen Zettul würden entalten sein. Diese
Post, ob sie schon in der Wahrheit ihrer vielen nicht traurig vorkam, zumalen
meines Weibs continuierliche Krankheit ohnedem landkündig war, so stelleten sie
sich doch, als wär es ihnen leid. Aber die schöne Liesel liess sich deswegen den
Schluchzen nicht ankommen, denn sie wusste am besten, wie wir miteinander
stünden, und mich wunderte nichts, als wie Herr Gottfrid hinter meine
Heimlichkeiten geraten wäre, weil er allem Ansehen nach von meiner fremden Liebe
gute Nachricht haben musste.
    Meinen Pferden wurde allda in dem Grünen frisches Futter gegeben, und meinen
Leuten wurde dergestalt stark zugetrunken, dass, als ich mich um sie umgesehen,
fast schon ein jeder zu torkeln anfing. Denn bei solchen Begebenheiten muss man
die Diener und Knechte fast besser bedienen als die Herrschaft selber, weil
sie allentalben in dem Land auskommen und hernach so spöttlich von der
Filzigkeit reden können, dass einem die Ohren davon gellen möchten. Aber der
Student war ein abgerichteter Gesell, welcher sich ehe voll stellte, ehe ers
war, denn er forchte, der Reitknecht dörfte ihn wieder, gleich wie er ihm getan,
hinter die Pferde legen. Als er aber von der adeligen Gesellschaft erkannt
worden, wurde er zu uns samt dem alten Schmeckscheitierer an die Tafel gerufen,
allwo sie auch so sternblind voll angesoffen worden, dass sie kaum aus den Augen
sehen konnten. Der Student redete von der Schul und der Soldat vom Krieg, und
unerachtet jeder seine sonderliche Materie vor sich hatte und also keiner wider
den andern war, zerzankten sie sich doch weidlich miteinander; und der ihnen
zuhörte, wusste doch nicht, was einer oder der andere wollte. »Ha!« sagte der
Soldat, »der Wallensteiner war ein braver Soldat!« - »Was,« sagte der Student,
»der Ariaga zu Prag, was mangelte diesem? Das war ein gelehrter Mann!« Also
redete einer von Knoblauch und der andere von Zwiebeln. Endlich wollten sie gar
aneinander bei die Köpfe kriegen, und weil keiner wusste, wo er war, gaben wir
jedem eine Wurst in die Hand, und damit mussten sie uns zusammengehen. Da stiess
einer den andern damit in die Fresse, dass ihnen der Speck an der Nase klebte.
 
                                 XIII. Capitul.
Wolffgangens heimliche Lieb wird offenbar. Seine Frau stirbt, nachdem der Wastel
                               staubaus gemacht.
Diese Wurstritter verursachten der Compagnie kein geringes Gelächter; ich aber
hatte indessen gute Gelegenheit, sowohl mit der schönen Liesel ihren Eltern als
ihr selber zu reden, welche über meiner Frauen Unpässlichkeit, ob sie es schon
nicht merken liess, dennoch sehr froh war. Und also wurde ich durch diese
Gelegenheit vollend gar zugestutzt, wie ich hätte sein sollen; und ich glaube,
wenn mir einer alle Berge der Welt zu Gold hätte machen wollen, ich hätte doch
von dieser Schönheit nicht ablassen können. Sie versprach mir in aller geheim,
dass, sobald sichs mit meinem Weib zum Ende schicken würde, sollte ich ihrs
wissen und mich zugleich von der Zusage nicht abwendig machen lassen, die ich
ihr ehedessen zu Ofienhausen getan hätte. Dieses war gut Wasser auf meine Mühl,
und ich war hernach unter der Compagnie so fröhlich, dass ihrer viel nicht
unbillig gezweifelt haben, ob ich eine kranke Frau zu Hause hinterlassen hätte
oder nicht. Ihr Vater war sonsten sehr aufsichtig auf dergleichen Gespräche;
doch weil ich ein Ehemann und sein altbekannter Freund war, dorfte ich mich
unter dieser Freiheit schon weiter, als einem jungen Gesellen angestanden wäre,
herauslassen, und mich muss ich noch über die unablässigen Seufzer höchlich
verwundern, welche die Liesel dazumal unvermerkt der andern gegen mich hat
abgehen lassen, ohne Zweifel nichts mehr als den schleunigen Tod meiner alten
Frauen wünschend, dadurch sie mich abscheulich angehäkelt hat.
    Aber wenn eine Sache einmal ins Gehen kommt, so geht es entweder schnell
fort oder bleibt gar stecken. Mir hat es aufs wenigst allzeit so gegangen. Darum
weiss ich wenig Täge zu erzählen, dass es mir so wohl als diesen Tag geglücket
hat. Man legte mich auf dem Gut Herrn Gottfrids in ein stattlich Zimmer, und die
anderen vom Adel wurden da und dort aufs beste accommodiert. Nichts war mir
lieber, als da ich der Liesel ihren Herrn Vater so sehr berauschet sah, denn
dadurch hatte ich desto besser Gelegenheit, mit ihr zu sprechen, wie ich sie
dann auf dem Schloss in einem Zimmer allein angetroffen, dahin ich von
Gottfriden bin gewiesen worden. Daselbst machten wir unser ehemaliges
Versprechen nochmals gewiss, und was wir zu Offenhausen zusammen geschworen
hatten, das versicherten wir nochmals mit tausend Küssen, welches, als es fast
kein Ende nehmen wollte, schlich Herr Gottfrid hinter einer Tapete, damit dieses
Zimmer behangen war, hervor, und ich erschrak nebenst ihr über alle Massen ob
seiner so unverhofften Gegenwart.
    »Sehet,« sagte er, »so gehts, wenn man auf unrechter Wiese graset. Aber
lasset euch nicht schrecken. Ich weiss wohl,« sagte er zu mir, »dass du ein altes
Weib und an ihr weder zu nagen noch zu beissen hast, und was meinst du wohl, wer
mir den Ring gegeben hat, welchen ich dir neulich gewiesen? Du, lieber Bruder,
bist es selbst gewesen, denn zu Offenhausen habe ich schon gemerkt, was ihr vor
eine Meinung zusamm traget, darum verkleidete ich mich in Weibshabit, gab mich
auch in den Finstern vor der Jungfer Kammermensch aus, und also bist du betrogen
worden. Ich wünsch euch zu eurem Vornehmen viel Glück, geht es an, so haben wir
bald eine frische Hochzeit, und der heutige Platz stehet zu euren Diensten!«
Hiemit umfing ich ihn, und die Liesel bat herzinniglich, diese Heimlichkeit
fleissig zu verschweigen, sie wollte mein eigen und seine ewige Dienerin heissen,
auch alle seine Treu, wenn uns das Glück zusammenfügen sollte, mit einem
würdigen Angedenken vergelten. Nach solchen unter uns vorgelaufenen Reden begab
ich mich wieder in mein bestimmtes Logament, daselber die überige Nacht in
tausend Freuden verbringend, und achtete wenig, ob meine Frau zu Haus ächzete
oder weinte. Des andern Morgen brachte der Diener, weichen ich in die Stadt
geschicket, die Medicin nebenst einem Bericht mit sich zurücke. Aber ich hätte
lieber einen Buhlbrief von der Liesel als diesen Doctorzettul gesehen. In summa,
ich war von der Lieb dermassen überwunden und eingenommen, dass ich mein eigenes
Unglück nicht sehen noch ermessen konnte, in welches ich spornstreichs gelaufen
bin.
    Der Diener hatte mir kaum die Sachen eingehändiget, als mir gleich darauf
von Hause ein anders Schreiben überliefert worden, in welchem mir die grosse
Lebensgefahr meiner Frauen berichtet worden. Ich befahl demnach meinen Leuten,
geschwinde aufzusitzen, und nahm allentalben auf dem Schloss Urlaub. Aber potz
Velten! Der gute Wastel hatte diese Nacht nicht allein etliche Mäntel, Pistolen
und andere Sachen heimlich zusammgepacket, sondern war mit denselben noch dazu
auf und darvon geritten. Er hat mir über dieses eins von meinen besten Pferden
mitgenommen, und da gingen mir erst die Augen auf, reuete mich auch wohl
tausendmal, dass ich dem Erzdieb so viel getrauet habe. Aber es geschah mir gar
recht, denn warum hielt ich ihn in meinen Diensten auf, da ich doch aus seiner
eigenen Bekenntnus genugsam verstanden, was vor ein ehrbares Bürschlein er
gewesen und wie listig er seine ehemalige Herren betrogen und hinter das Licht
geführt hatte! »Es geschieht Euer Gestreng recht,« sagte der Student, »denn wer
leicht glaubt, wird leicht betrogen!« Hiemit schmälete er abscheulich auf den
Wastel, und zwar nicht ohne Ursach, denn er hatte ihm fast das Allermeiste
mitgenommen und unter andern sogar seinen Kamm aus der Ficke gestohlen.
    Dieser schändliche Bub, ob ich gleich dazumal noch voll Liebesgedanken
stackte, machte mich dennoch bei mir selber recht widersinnig, weil er mich
fast auf die zweihundert Taler Werts beraubt hatte; dennoch satzten ihm etliche
von Herrn Gottfridens Leuten auf etlichen Strassen nach, und ich begab mich
eilends nach Hause, verursachte auch allen denen, die mir auf dem Wege
begegneten, keinen geringen Spass und Gelächter, weil der Student aus Manglung
seines Pferdes sich zu einem andern setzen musste, und also kamen wir noch
selbigen Abends, obzwar etwas spat, in das Schloss.
    Das Weinen und Weheklagen des Schlossgesindes waren mir genugsame Zeugen, dass
es mit der kranken Sophia ein schlimmes Ansehen haben musste. Ich war aber kaum
so bald abgestiegen, als ich schon erfahren, dass es nunmehr mit ihr zum Ende
ginge, eilete demnach über die Treppe hinauf und kam noch zu ihren letzten
Seufzern, welche sie in wahrer Andacht gegen dem Himmel und kurz darauf ihre
Seel ohn allen Zweifel eben an denselben Ort schickte, allwo sie auch in
Ewigkeit mit allen Frommen leben wird.
    Aber anstatt ich mich über ihrem Abschied betrüben sollen, liess ich mir im
Gegenteil vielmehr angelegen sein, ihr Hinscheiden der Liesel zu notificieren,
welcher dadurch der allergrösste Dienst von der Welt geschah. In dieser
Verwirrung wusste ich selbst nicht, was am ersten zu tun oder anzugreifen wäre.
Weil aber der alte Stradiot mehr und öfter bei dergleichen Fällen sich hatte
gebrauchen lassen, machte er ein und andere Anordnung, die Leiche allerehestens
unter die Erde zu bringen, und entebte mich also durch seinen hierin erwiesenen
guten Fleiss einer grossen Arbeit, vor welche ich billig als ein gewesener Ehemann
sollte gesorget haben. Doch waren mir die Lebendige mehr im Sinn als die Toten,
satzte mich also geschwind zu meinem Schreibtisch und schrieb an alle meine gut
bekannte Freunde folgenden Brief:
Dass der Mensch seine unaufhörliche Plage habe, lehren uns nicht allein die alten
Weisen mit ihren Exempeln, sondern wir selbst beweisen solches leider mehr als
zuviel mit der täglichen Erfahrung. Die Sonne scheinet wohl zuweilen lieblich,
indem wir aber meinen, uns aufs beste in ihren Strahlen zu ergötzen, überfället
uns von ebendiesem Himmel ein plötzlicher Regen. Eine solche unverhoffte Flut
überschwemmet auch heutzutage mein Herz, wenn ich dem Herrn Bruder schmerzend
berichten muss, dass meine Hausfrau heute abends zwischen sieben und acht Uhren,
nachdem sie auf dieser eitlen Erde ihr kümmerliches Leben zweiundsiebenzig Jahr,
vier Monat und eilf Tage zugebracht, sanft und selig entschlafen ist. Gleichwie
mir nun an des Herrn Bruder Person viel gelegen und mir sattsam bekannt ist, wie
angelegen sich derselbe meine Zustände sein lasset, als kann ich nicht vorbei,
solches wohlmeinend anzudeuten, bittend, derselbe wolle sich von seinen nötigen
Geschäften so viel abmüssigen und zu der Zeit, die ich durch einen Expressen
bestimmen werde, meiner Liebsten die letzte Ehr zu ihrem Ruhkämmerlein erweisen.
Ich, gleichwie mir solches zu grossem Trost, der Verstorbenen aber zu einer
sonderlichen Glorie geschiehet, verbinde und verpflichte mich davor zu ewigen
Gegendiensten und wünsche, dass demselben in einer fröhlichem Occasion wieder
dienen und seiner ganzen löblichen Familie, welche der Himmel mit einem so
traurigen Zustand gnädigst verschonen wolle, im Werk erweisen könne, dass ich in
dem Werke sei, der ich mich allezeit mit Namen genennet
                        des Herrn Bruders
                        dienstschuldigster
                                                        Wolffgang von Willenhag.
Mit einem solchen Schreiben berichtete ich alle diejenige, welchen die Sache
Nachbarschaft halber musste kundgetan werden. Insonderheit aber die Liesel,
welche eigentlich in diesem Spiel die Braut war, um welche man sozusagen dazumal
tanzte. Und damit ich die ganze Sache kurz mache, auch die Begierde des Lesers
hierinnen nicht aufhalte, noch mit vielen Umschweifen den Verlauf der folgenden
Begebenheit hemme, so vermelde ich mit wenigen, dass zwar meine Sophia adelig,
aber nicht mit einer solchen Trauer, wie ich wohl billig hätte tragen sollen,
ist begraben und beigesetzet worden. Und was ist es nötig, dass ich hier
schreibe, wer die Träger oder wer sonst bei der Leiche zugegen gewesen, ob sie
um Glock acht Uhr vormittags oder in der Nacht begraben worden und ob sie in
eine Kirche oder in den Freitof ist gesetzet worden? An diesem Stück ist wenig
gelegen, und wird durch Unterlassung dieser Erzählung keinem nichts benommen
noch entwendet sein, man weiss wohl, dass man bei solchen Zuständen kein Alleluja
singet und dass sich alle Leute bei dergleichen Prozess misericorditer anzustellen
wissen, obs ihnen gleich nicht ums Herz ist! Dessen ich ein lebendiges Exempel
sein kann. Und weil ich nicht entschlossen bin, durch diese Beschreibung den
Leser zu einem unnötigen Grabgang einzuladen, als lasse ich alle diese
Totenceremonien unberühret, welche dazumal, wie er sich selber leicht
einbilden kann, vorgelaufen sind.
 
                                 XIV. Capitul.
  Wolffgang macht mit der Liesel Hochzeit; aber das Pænitet hinkt hintendrein.
Nach allen diesen vorübergelaufenen Ceremonien war mir nichts verdriesslicher als
das unaufhörliche Mahnen derjenigen Leute, die etwan bei dieser Begräbnis zu tun
oder sonsten etwas zu schaffen gehabt hatten. Bald schickte der Priester, bald
der Küsterer, bald der Schulmeister, bald der Totengräber, und liessen mich also
die Leute weder essen noch trinken. Dadurch ward ich so unwillig, dass ich bald
gar keinem nichts gegeben hätte, wenn mir der Student nicht so sehr in Ohren
gelegen wäre, dass man den Arbeitern ihren Lohn nicht entziehen und unter einer
schweren Todsünd durchaus nicht zurückhalten könnte. Also bezahlte ich sie
endlich, was ihnen zukam, machte es aber so sparsam, dass sie wohl vierzigmal
laufen mussten, ehe sie ihr Sächlein ausgezahlt bekamen. Denn ich gab heute einen
Groschen, morgen wieder achtzehen Pfenninge und wies ihnen dadurch, wie sehr es
mich verdrossen, dass sie mich so ungestüm und ohne Aufhören angefahren haben.
Und mit einem Wort: ich wurde nach dem Absterben meiner Frauen so wild und
ausgelassen, dass man mir fast im ganzen Land nichts Rühmliches, wie wohl zuvor
geschehen war, mehr nachsagte. Es sprachen mir dann und wann von einem Kloster
etliche Pfaffen zu, aber ich achtete auf ihren Trost sehr wenig. Erstlich, weil
mirs nicht gar leid war, vors andere, weil ich wohl merkte, dass es ihnen nur um
ein gutes Stück Geld zu tun war. Sie sagten, wie dass mein seliges Weib ohne
allen Zweifel im Himmel wäre, weil sie ein überaus frommes und exemplarisches
Leben geführet hätte. Als sie aber hundert Gulden begehrten, vor sie zu beten,
sagte ich, dass, wenn ihr Vorgeben, welches ich in keinen Zweifel zu ziehen
verlangte, wahr und gewiss wäre, so wäre die Sache ganz unvonnöten, und ich
wollte die hundert Gulden lieber um einen guten Trunk spendieren, welchen ich
zur künftigen Hochzeit haben müsste. Damit hatte ich das Kalb in die Augen
geschlagen, und wie ich die zum Feind hatte, war mir fast kein Mensch gut, ausser
denen, die nicht viel auf sie gehalten haben.
    Ich liess doch keinesweges nach, meine Trauerjahr recht fröhlich und
vergnüglich zu passieren, und was ich äusserlich nicht tun dörfte, das trieb ich
heimlich desto ärger. Ich dorfte zwar dem Landbrauch nach keine Spielleute
halten, aber der Organist von Ollingen und der Student waren auch keine Narren,
so konnte auch der Page schon so viel aus der Musik, dass er die andere Fiedel
dazu auszuhalten wusste. Dorften wir gleich kein fremdes Frauenzimmer auf das
Schloss bitten, so hatte ich doch Dienstmägde genug, die auch aus keinem Eichbaum
geschnitten waren, die taugten so wohl zum Tanz als andere Zofen, und wenn sie
wussten, dass es so etwas Lustiges abgab, so verrichteten sie ihre Arbeit noch so
hurtig und fleissig, da sie sonsten oft nur vor der Tür, dem Tanze zusehend,
gestanden und dadurch ihre nötige Geschäfte verabsäumet haben.
    Wenn ich von dieser Lust ermüdet war, satzte ich wieder zu Pferd und ritt
nach Buchberg auf die Buhlschaft, dadurch ich gar bald allentalben in dem Land
vor einen Bräutigam bin ausgerufen worden. Aber wie ich bald darauf vernahm, so
hielt ein Ausländischer von Adel zugleich mit mir um diese Liesel an, welcher an
Gütern mich weit übertraf. Weil aber zwischen uns beiden schon zu weit
contrahiert war, also musste derselbe Liebhaber wiederum abziehen, aber
vielleicht zu seinem grossen Glücke und meinem Verderben: denn als ich die Liesel
am Halse hatte, wie ich denn hie die Hochzeit so wenig als die Leiche berühren
will, pfiff der Vogel viel ein anders Lied, als er vor der Ehe gepfiffen hatte.
    Es ist wohl wahr, wie die Alten den Ehestand mit unterschiedlichen Orden der
Geistlichen verglichen haben: das erste Monat ist man im Benedictinerorden, da
geht alles wohlgewünscht und nach Vergnügung her, da ist lauter Lust und
Wohlleben und ein unaufhörliches Benedicite. Solches Jubelfest währet auch wohl
länger und oft über die Zeit. Hernach kommt man aus dem Benedictiner- in der
Prediger Orden, wenn nämlich bald der Mann, bald die Frau gegeneinander zanken
und eins dem anderen die Wahrheit prediget. Darnach tritt man aus dem Prediger-
in den Cartäuserorden, die sich immer peitschen und geisseln, also peitschet und
geisselt man sich auch oft in der Ehe aneinander in dem Hause herum, und da
folget der Chorherrenorden, die da stets in dem Chor schreien und heulen, also
klagt bald der Mann, bald das Weib über ihr grosses Unglück. Durch dieses Übel
wird man ein Capuziner, die da nichts über Nacht behalten, also zerfliesst
solchen unfriedsamen Eheleuten ihr Bisslein Brot unter den Händen und haben weder
Vorrat noch anders im Hause. Darnach kommt der Bettlerorden, da man von Haus und
Hof und also unversehens um alle seine Güter kommet.
    Ein gleichmässiges fühlete ich allgemach nach vollzogener Ehe, denn die gute
Liesel sah viel anders von innen als von aussen. Das Gold glänzete schön, aber da
mans auf dem Stein strich, war es Blei. Oh, wie zerkratzte ich dazumal meinen
Kopf, ich hatte auf demselben nicht so viel Härlein, als oft mich meiner grossen
Unbesonnenheit gereuet hat. Nebenst dem, dass sie die Weinkanne immer am Maul
hatte, war sie in dem Hauswesen überaus fahrlässig. Von den Mägden, welche sie
mit guter Obsicht solle regieret haben, musste sie erst kochen, waschen und
backen lernen. So machte sie sich auch so gemein, dass ich kurz nach meiner
Hochzeit den Studenten voll Eifer und wider Willen abschaffen musste, und
getrauete mir fast keinen Schreiber zu halten, so schröcklich lief meine Liesel
den Burschen nach. Aber dieses alles hatte ich mit dem wohl verdienet, dass ich
der alten Frauen so gern wäre los gewesen. Oh, sagte ich oft zu mir selbst, o
liebe Sophia, könnte ich dich mit meinen Nägeln wieder aus der Erden
hervorkratzen, ach könnte ich dich wieder lebendig machen, ich wollte auch gar
meines Blutes nicht schonen, dich wieder an meine Seite zu bringen! Aber all
dieses Wünschen war nunmehr zu spat und vergebens, ja, die Liesel, wenn sie mich
so weheklagen und über ihre Faulheit seufzen hörte, lachte mich noch über die
Achsel aus und wurf mir vor, dass sie mir nicht nachgelaufen sei, viel weniger
mich gebeten habe, sie zu ehlichen, sie [sei vielmehr von mir darzu gedrän]get
worden und hätte einen solchen Prahler, wie ich wäre, alle Tage mehr als tausend
bekommen wollen. Damit schmiss sie die Tür zu, dass die Gläser vom Gesimse fielen,
und wäre nicht zu wundern gewest, wenn ich mich oft vor grossem Leide an den
obersten Balken des Hauses aufgehangen hätte.
 
                                  XV. Capitul.
        Im Weinberg geht ein artig Stücklein mit der schönen Liesel vor.
Zu diesem Übel kam noch das Allerübelste, nämlich die Eifersucht, zu welcher ich
allerdings grosse Ursach hatte. Denn derjenige Edelmann, so mit mir um sie
gefreiet hatte, sprach mir, wider gepflogener Gewohnheit, fast wochentlich zu,
und ich merkte gar wohl, mit was vor einem Angel er auf die Fischerei ging. Bald
wollte er mir Pferde, bald Halsuhren, bald ein Paar Pistolen, bald etwas anders
abkaufen. Ich konnte ihm, um Höflichkeit willen, den Zuspruch keinesweges
abschlagen; aber da ich von weitem hörte, wie er willens wäre, sich in der
Nachbarschaft anzukaufen, da grabelte es mir mächtig in der Leber. Ich bin mein
Lebtag nie so voll Grillen als dazumal gestecket, und wenn ich der Liesel
vorwurf, dass sie sich gegen ihm gar zu frei heraus liesse, so hielt sie mir
ingleichen vor, wie ichs mit ihr gemacht hätte, da meine Frau noch im Leben war.
Ich sagte, dass meine Frau alt gewesen und ich von derselben wenig Freud gehabt
hätte. Aber sie schützte ein, dass sie bei mir auch wenig Kurzweil geniesse,
sondern sich stets wider Gewohnheit müsste übers Maul fahren lassen, daraus der
geneigte Leser meinen Zustand leichtlich ermessen kann, in welchem ich dazumal
bis über die Ohren gestecket.
    Aber es war mir sehr gut, dass ich wacker geholhipt wurde, zumalen ich sonst
allem Ansehen nach ziemlich ruchlos würde gelebt haben. Deswegen lag ich, wenn
ich sonsten spazieren ging, dazumal auf meinen Knien und sah im Ausgang, dass
keine Ehe wohl gedeihet, die ohne Andacht und Gebet aus blosser und blinder
Affection angefangen und vollendet wird. Ich klagte es zwar öfters ihren Eltern,
aber der Vater konnte nicht helfen, die Mutter wollte es nicht glauben, und mein
Weib wurd nur desto ärger. Die Geistlichen wiesen mich zur Geduld. Im Land
schrie man mich vor einen Hahnrei aus, und meine Feinde kitzelten sich wacker
über mein Unglück. Ha, da wärs kein Wunder gewest, wenn mir gleich Hörner zum
Kopf ausgewachsen wären; deswegen nahm ich den Prügel und versuchte, ob sichs
nach demselben bessern wollte. Aber es wurde böser und nicht besser, denn einen
Teufel schlug ich heraus und zehen hinein. Also war ich auf mich selber
zornig, und wenn ich an meine vorige Tage gedachte, reute michs nicht wenig, dass
ich so unbescheiden eingeplumpft hatte. Ich satzte mir zwar oft vor, heimlich
davonzureiten; aber wenn ich das End meines Vorhabens erwog, so war mir mit
demselben wenig geholfen. Das Verklagen beim Consistorio war zwar das beste
Mittel, aber doch eine solche Sache, die sich nicht wohl tun liess, weil ich
keinen genugsamen Grund hatte, sie von mir zu stossen. Zudem, so war ich dem
Rabenvieh trefflich gut, und daurete mich von Herzen, dass es ihr wegen meiner
übel gehen sollte. Sie war über dieses zuweilen so verwegen, dass ich forchte,
sie dörfte bei übel ausschlagendem Urteil entweder mir oder ihr ein unverhofftes
Leid antun, wie sie denn gewohnet war, mir mit nichts als totschiessen,
totstechen und ins Wasser stürzen zu drohen, wofern ich sie so in der Leute
Mäuler bringen würde, da sie doch dessen die einzige und ursprüngliche Ursach
selber war.
    Deswegen entschloss ich mich ein anders, und gleichwie sie es arg trieb, so
trieb ichs noch desto ärger. Ich rufte nicht allein den Studenten wieder auf das
Schloss, welcher sich indessen bei einem Holzförster informationsweise
aufgehalten, sondern nahm noch etliche Diener an, die auf der Geige spielen
konnten. Dieselben liess ich mir tapfer aufkratzen, und weil der alte Soldat ein
abgefeimter Gesell war, lauschte er fleissig auf diejenige, welche sich gelüsten
liessen, meiner Frauen aufzuwarten, und also schnitt er ihnen nicht allein die
gewünschte Gelegenheit ab, sondern riss noch dazu die allerlächerrlichsten Possen.
Durch diesen Alten wurde meine Liesel, so klug sie sich auch gedünken liess,
dennoch stattlich betrogen. Sie brauchte ihn heimlich zu ihrem Briefträger, und
weil mein Mitbuhler sich allgemach in der Nähe angekaufet und niedergelassen
hatte, traumte mir nichts Gutes. Das allerbeste war, dass mir der Alte alle
Heimlichkeiten offenbarte und mein allerbester Parteigänger war. Ich hatte einen
Weinberg und in demselben einen alten Turm, allwo ehedessen ein Schloss soll
gestanden sein. In diesem Turm hatte es viel Gewölbe, allwo ich auch
Sommerszeiten meinen besten Wein und anders Getränk innen liegen hatte. Einsmals
liess ich einen falschen Gevatterbrief an mich stellen, rüstete mich auch bald
darauf mit vielen Leuten aus und gab vor, dahin zu ziehen und aufs längste in
acht Tagen wieder zurücke zu kehren. Der Alte musste samt noch einem Diener zu
Hause bleiben, weil er vorgab, dass er zu reisen nunmehr zu matt und grau wäre.
Also schied ich aus dem Schloss und ritt in ebendiesen Turm im Weinberg, allwo
wir Raum genug hatten, all unsere Pferde einzustellen.
    Noch selbigen Nachmittag sah ich zu einem kleinen Fensterlein auf die Strasse
und sah jemand in einem blauen Rock den Lichtzaun bei der Gartenmauer herauf
hocken, welches sonst meine gewöhnliche Liverei war. Nicht lang darnach kam er
näher, und ich kannte ihn stracks an dem Hute, dass es der alte Stradiot war, der
um meinen Anschlag die allerbeste Nachricht hatte. Er hatte einen Ranzen auf dem
Buckel, und als ich ihm mitten im Weingarten entgegenkam, sagte er mir mit
mehrerm, wie er von der Frauen nach dem Jungen von Adel geschickt worden,
denselben heute noch zu ihr zu bringen. Unten an dem Berg stünde sein Pferd,
wollte also gerne wissen, wie er sich in dieser Sache verhalten und ob er
eigentlich denselben abholen sollte. Hiermit wies er mir einen Brief, welcher
meiner Frauen eigene Hand war, und ich hätte über dieser Treulosigkeit alle
Henker fluchen mögen, wenn ich mich vor meinen eigenen Leuten nicht so sehr
geschämt hätte. Ich eröffnete hierauf den Brief, welcher also eingerichtet war:
Tapferer Cavalier,
sofern Demselben beliebet, zu Passierung der heissen Stunden mit Dero Dienerin
ein Schachspiel zu versuchen, wird Er in Abwesenheit ihres Mannes freundlich
eingeladen. Das übrige mündlich. Er lebe wohl und vergönne mir den Titul seiner
Dienerin
                                                         Elisabet von Buchberg.
»Was hierinnen begriffen ist,« sagte ich zu dem Krachwedel, »das könnt Ihr wohl
mündlich ausrichten, macht die Sache noch so notwendig, und sobald Ihr ihn
hiehergebracht, so führet ihn mit Manier in diesen Turm, allwo er die Früchte
seiner Leichtfertigkeit sowohl als meine Frau empfinden soll.« Mit solchem nahm
er Abschied, satzte sich wieder zu Pferd und ritt hinter dem Berg auf dasjenige
Gut, welches der Junge vom Adel etliche Wochen zuvor an sich gehandelt hatte.
Indessen versah ich mich und meine Leute mit guten grossen Weinstecken, dem
Buhler den Buckel brav abzuzausen, und weil ich ihnen die Hoffnung zu einem
guten Trankgeld machte, war jeder am beflissensten, sein Bestes zu tun. Der
Wein, welcher da wider Gewohnheit unter sie ausgeteilet wurde, erhitzte ihre
Stirn, dass ich mir wohl getrauet, mit ihnen nicht allein diesen elenden
Gesellen, sondern wohl gar eine Compagnie Fussgänger aus dem Feld zu schlagen.
Darum gab ich genaue Obsicht, damit mir dieser Vogel nicht entwischte, und musste
mir einer um den andern fleissig auf der Schildwache stehen, damit wir nicht
ausgekundschaftet noch verraten würden.
    Endlich ritten sie beide in der Au miteinander daher, und weil ihm der
Soldat weisgemacht, als entielte sich meine Liesel im Gartenturm, wendeten sie
sich gegen uns, und ich versteckte mich samt meinen Leuten hin und wider in den
Turm. Sie kamen endlich mit den Pferden gar vor die Tür, und weil sich der
Buhler nichts Böses besorgete, trat er herein; aber der Soldat schloss stracks
hinter ihm die Tür zu und eilete mit den Pferden dem Schloss zu, daselbst auch
die Frau abzuholen und allher zu bringen. Wir indessen wischten über diesen
sicher gemachten Kerl hervor und zerklopften ihm sein verliebtes Wams, dass es
stäubte, und weil wir alle vermaskiert waren, kannte er keinen; und ich kann
nicht sagen, wie sehnlich er um sein Leben gebeten, als ich ihm die Pistol an
die Brust gesetzet. Wir schlugen ihm einen Arm und die Spindel am Fusse ab, und
wie er endlich ganz ohnmächtig war, stiess ich ihn in ein enges Loch, mit Strohe
angefüllt, allwo er seine Schmerzen verpausieren konnte.
    Kaum als solches geschehen, kam auch die Frau, welche von dem Soldaten
beredet worden, als wartete der Buhler allhier mit grossem Verlangen vor dem
Garten. Sie schlich ganz heimlich durch die Gänge, und als sie hereinkam, wurde
sie gleich ihrem Buhler mit unzähligen Streichen empfangen und ihr fast alle
Haar aus dem Kopf geraufet. Also musste sie ohngefähr lernen, auf was vor
gefährlichen Wegen man gehe, wenn man nach verbotenem Wildbret grase.
 
                                 XVI. Capitul.
                  Wolffgang wird von seinem Hauskreuz erlöset.
Dieses, ob es gleich bald darauf weit und breit auskam, auch mir nicht zum
Besten ausgedeutet wurde, achtete ich doch nicht gar gross und war vergnügt, dass
ich mich so gewünscht an dem Gesindlein gerochen hatte. Wenn ich aber
betrachtet, wie hübsch ich ehedessen und zeit währender Ehe mein Maul habe
spazieren geführet, so gereuete mich meiner Schärfe hinwieder und musste mich
über mir selber schämen. Kurz darauf wurde ich von dem Jungen von Adel bei dem
hohen Gericht verklaget, und weil ich keine genugsame Ursach meines Verfahrens
anzeigen können, wurden mir vierhundert Taler Strafe dictiert. Solchergestalten
wurde mir mein Leben trefflich sauer gemacht, welches ich auch durch zwei ganze
Jahr mit grossem Verdruss ertragen müssen.
    Aber endlich erkrankte die Liesel unversehens, und weil diese Krankheit in
eine Wassersucht ausschlug, musste sie bald darauf ihr Leben mit
unbeschreiblicher meiner Zufriedenheit einbüssen. Aber der Stradiot sagte mir
nach ihrem Tode, dass er in den Wein, welchen sie des Tages überflüssig genossen,
zuweilen Scheide- und ander Wasser gemischet, davon sie ohne allen Zweifel den
Kragen viel ehe, als es sein hätte sollen, zugeschlossen hätte. Und ob ich
gleich an diesem Beginnen keinen Wohlgefallen hatte, erfreuete michs doch, dass
sich auch dieser alte Salpeter meinen elenden Zustand so sehr hat lassen zu
Herzen gehen. Es war mir nicht viel anders, als hätte mir einer einen grossen
Mühlstein vom Halse genommen. Oh, wie war ich dazumal so herzlich froh! »O
Wolffgang,« sagte ich, »das Mal und nimmermehr nicht gefreiet, denn du bist mehr
als zuviel gewitziget worden. In stetem Kummer hast du diese drei Jahre
hingebracht, Eifer und Verzweiflung hätten dich bald aufgerieben, aber nun hast
du Ursache zu frohlocken.« Oh, wie wohl gefiel es mir, dass meine ärgste
Peinigerin tot im Sarg lag, keine Schilderei, so künstlich auch solche gemalen
war, übertraf diesen lieblichen Anblick. Ich schickte demnach, sobald es sein
konnte, zu ihrem Begräbnis zu und liess es an keiner Kostbarkeit mangeln, daran
man hätte spüren können, dass wir so schlimm miteinander hausgehalten hatten. Tat
es aber nicht sowohl ihr als ihren Eltern und Freunden zu Ehren, von denen ich
noch ein Erb hoffte. Vors andere konnte ich mich vor grossen Freuden nicht
entalten, mich auf das äusserste anzugreifen, weil kaum ein gefangener Christ,
welcher von dem Türken aus einer sechzigjährigen Gefängnis erlediget wird, so
froh sein kann, als ich dazumal bei mir selber gewesen.
    Und gleichwie mich das Unglück auf einmal heimgesucht, als verliess mich
solches auf einmal wieder, weil den vierten Tag hernach auch ihr junges Söhnlein
starb, welches mein wahres Kind zu nennen ich mir grosses Gewissen würde gemacht
haben. Also wurde diese schlimme Wurzel mit ihrem Zweig auf einmal ausgerottet
und das Begräbnis mit grosser, ungewöhnlicher Pomp angestellet und vollzogen.
Über die Tränen, welche ich bei der Leiche vergossen, verwunderten sich alle
diejenige, welche um unser verführtes Leben genügsame Wissenschaft hatten. Aber
sie wussten nicht, dass ich vielmehr vor Freuden geweinet habe, und ob mich auch
gleich meine Begleiter ziemlich trösteten, hatte ich doch dessen ohnedem so viel
in meinem Herzen, dass ich jedem unter ihnen einen ziemlichen Teil wollte
mitgeteilet haben, weil sie es wegen ihrer selbst bösen Ehe wohl vonnöten gehabt
hätten. Keine Musik hat niemalen so angenehm in meinen Ohren geklungen, als da
ich im Kirchhof die Stein auf ihren Sarg werfen hörte. Ja, wenn ich meinen
Hochzeits- und diesen Begräbnistag gegeneinander vergleichen will, so bin ich an
dem letztern viel vergnügter als an dem ersten gewesen, denn dazumal flossen
meine süsse Wasser noch ins Meer, aber anitzo sprangen sie wieder heraus. Also
ruheten wir alle beide: sie in der Erde und ich von der grossen Pein und Marter,
mit der sie mich immer und ohne Aufhören in ihrem Leben gequälet hat.
    Ich muss mirs selbst aus eigener Schwachheit nachschreiben, dass ich immer in
Sorgen und Gedanken gestanden, als würde sie wieder aufstehen und lebendig
werden, und also hätte ich sie vermittelst des Rechts der Natur wieder zum Weibe
annehmen und mit ihr hausen müssen. Aber wenn ich betrachtete, wie gar ein
ungeistliches Leben unser Dorfpriester führete, konnte ich mir leicht den Trost
machen, dass er sie nicht wieder auferwecken würde, und wenn die Leute sagten:
»Oh, wie ist es so grosser Schad um die edle Frau!«, so gedachte ich: Du Narr,
stecktest du in meiner Haut, würdest du viel anders sprechen! Und dieses sei
also genug von meiner so übeln geführten Ehe.
    Weil nun gewiss ist, dass eine böse Frau nur mit tausend Freuden kann verloren
werden, als ist hingegen genugsam abzumerken, wie mit einem grossen Betrübnis man
eine fromme Hausmutter verliere. Der Student selber verschwur, all sein Leben
lang nicht zu heiraten, sondern in ein Kloster zu gehen und ein keusches Leben
zu vollführen. Ich bin zwar in der ersten Trauer nicht gar zu betrübt gewesen,
noch viel weniger war ichs in der andern, denn ich merkte innerhalb vier Wochen,
dass ich in solcher Zeit durch den Fleiss meiner guten Mägde an dem Vieh mehr
zugenommen hatte, als sonsten in den dreien Jahren nicht geschehen war. Also
erholte ich mich in diesem allgemach wieder, welches ich zuvor gleichsam auf
einmal verloren hatte. Der Student schrieb das Trauerjahr über ein eigenes Buch
voll von lustigen Grillen, und als er solches vollendet, bat er mich, vor seine
geleistete und treue Dienste ihm so viel zu Gefallen zu sein und seine Person an
das nächstgelegene Kloster zu recommendieren, weil er Lust hätte, ein Mönch zu
werden und in einem solchen Stand sein Leben zu beschliessen. Diese Bitte konnte
ich ihm keinesweges abschlagen, in Erwägung, dass sein Vorhaben christlich und
seine vorgeschützte Dienste nicht allein dieses, sondern wohl ein mehrers um
mich verdienet hatten. Brachte ihn also nach etlichen Wochen alldorten bei dem
Abten an, welcher ehedessen in meiner Jugend mit mir studiert hatte, und war
froh, dass er sich mein eigenes Exempel so plötzlich von aller Welt-und
Weiberliebe hatte abschrecken lassen.
    Den Soldaten aber kitzelten viel andere Grillen, und weil er heimlich in
meine Köchin verliebt war, wollte er ihr mit Gewalt in die Haare. Ich hatte
Ursach, mich über beide hoch zu verwundern; denn der Student war jung, hurtig
und lustiges Gemüts, dazu wohlproportioniert und der Welt sehr fähig, der
Stradiot aber schon ein ausgemergelter Dollfuss, grau von Bart und Haaren, und ob
er gleich das Podagra nicht hatte, konnte er doch mit grosser Mühe eine Treppe in
einem Atem hinaufsteigen. Dennoch gelüstete ihn, zu heiraten und der Welt erst
da zu gebrauchen, da er schon mit einem Fusse in dem Grabe stund. Der andere aber
vergräbt alle Freude, da er erst derselben hätte leben sollen. Jedoch weil ich
hierinnen ihre heimliche Bewegungen nicht erforschen können, war ich dem letzten
sowohl als dem ersten zu seinem Vornehmen behülflich, weil sie sich beide um
mich wohl verdienet hatten. Also verehlichte ich diesen alten Knisterbart an
meine Köchin, welche ihm die Farbe weit besser als mir mein voriges Weib
gehalten hat.
 
                                 XVII. Capitul.
Der Student hat kein Pfaffenfleisch; kommt unter der Heimlichkeit des Gespenstes
                                 zu Steinbruch.
Bis hieher hat mir mancher saurer Wind über die Nase gegangen, wie auch allen
denen, die in meiner Sommergesellschaft einverleibet waren. Philipp schrieb
wunderliche Briefe von Hofe, und aus denselben erhellte klar genug, dass diese
Hofleute nur die vergnügtesten wären, die keine Verfolgung hätten. Dennoch war
er entschlossen, das schlüpferige Hofleben mit Manier zu verlassen und sich auf
seinem Gut bei einem Stück Brot zu einer ewigen Ruhe niederzulassen. Sempronio
war dem gemeinen Laut nach unter die Kriegsfahne gegangen und suchte durch
Pulver und Blei noch zu einer hohen Ehre zu steigen, welche aber nur von diesen
Soldaten erhalten wird, die am allerglückseligsten sind. Friderich und Dietrich
waren willens, allerehestens in fremde Länder zu gehen und daselbst das Ungemach
zu suchen, welches sie ohnedem wohl hätte zu Hause betreffen können. Also waren
unser wenig, die sich noch mit einer brüderlichen Einigkeit sicher aneinander
vertrauen dorften. Wir machten uns demnach vor dem Abschied der beiden auf Herrn
Philippen Gut noch vortrefflich lustig, und sie versprachen, aufs längste
innerhalb einem Jahre wieder zurückzukehren und die Gesellschaft also zu
continuieren, dass es jedem zum vergnüglichsten ausschlagen möchte. Also nahmen
wir dazumal voneinander Abschied, nachdem ich zuvor gebeten worden, unser bisher
geführte gute Vertraulichkeit zu entwerfen, auf dass die Nachwelt und
insonderheit unsere Nachkommen ein ewiges Zeugnis unserer gepflogenen
Freundschaft vor Augen haben.
    Nach meiner Heimkunft machte ich den Stradioten zum Haushofmeister, damit er
sowohl auf mein Vieh als auf das andere Hauswesen gute Obsicht trüge. Ich aber
entschloss mich, gleich wie vorher geschehen, wieder ein Eremit und Einsiedler zu
werden. Zu Ende dessen bildete ich mir die Welt von Tag zu Tag abscheulicher ab
und vergass endlich dadurch aller Ehre und Hoheit. Und indem ich einsmal in
solchen Gedanken mit meiner Geige an dem Fenster stund und lamentierte, kam ein
Pfaff durch das Tor herein und ging geradezu gegen meinem Haus. Ich gedachte
erstlich, es wäre etwan ein Bettelmönch, der um Schmalz, Butter, Käs und Fleisch
bitten würde. Endlich aber klopfte er an meinem Zimmer an; und als ich solches
eröffnete, sah ich den ehrlichen Studenten vor mir stehen, welcher aus dem
Kloster ausgesprungen und davongelaufen. »Wie kommen wir hier zusamm,« sagte ich
zu ihm, »und wie so schnell in dem staubichten Wetter?« - »Ach, Herr,« sagte er
mit einem grossen Seufzer, »lasset mich hier niedersitzen und Euch meinen Zustand
klagen.« Hiermit satzten wir uns beide nieder, und er schloss das Zimmer zu, dass
ihn niemand gewahr wurde. »Ich bin«, sagte er weiter, »vorgestern aus dem
Kloster gelaufen, weil ich das Leben durchaus nicht gewohnen kann; und als ich
also in der Nacht davonterminierte, kam ich in ein alt Gebäude und wusste nicht,
wo ich war. Der grosse Regen verursachte mich, einen sichern Ort zu suchen, und
ich kam in einen Saal, und da merkte ich, dass es auf dem Schloss zu Steinbruch
wäre. Sehet, Herr Wolffgang, ich habe das Glück, Euch reich zu machen und von
dem Tumult zu erledigen, darum höret: In der Nacht, als ich kaum hineingekommen,
kam Euer Vater mit einer grossen Fackel zu mir und führte mich mit sich in die
Kammer, da Ihr ehedessen zu schlafen pflegtet. Alldort wies er mir sein
Conterfei und sprach: Gehe hin und sage meinem Sohn, solle ich ruhen, so
zertrenne dieses Bild und gib das Geld den Armen! Nach diesen Worten ist er
verschwunden, und ich habe mich die ganze Nacht nicht aus dem Schloss finden
können.«
    Diese Post des ausgesprungenen Mönchs kam mir wunderlich vor, und weil er
glaubte, also setzeten ihm etliche Boten nach, bat er mich, in dem Schloss ihm
ein sicheres Zimmer zu verschaffen, darinnen er sich ohne Gefahr aufhalten
möchte. Und weil ich nach seiner Versicherung in Person nach Steinbruch reiten
und daselbst das Conterfei, welches ich in der Kammer vergessen hatte,
tranchieren musste, als bat er mich ingleichen, nach verrichteter Sache gar an
das Kloster zu reiten und alldorten zu sehen, was wegen seiner guts Neues
passierte. Also ritt ich mit einem Knecht und dem Page fort, befahl aber dem
alten Musquetier, als nunmehr meinem Hausverwalter, dass er keinen Menschen in
meinem Absein weder in noch aus dem Schloss, es möge auch sein, wer er wolle,
passieren liesse, denn ich forchte, der Student dörfte auf falsche Practiquen
umgehen und mich viel ärger hinter das Licht führen, als es der ehrliche Wastel
- von welchem ich kurz zuvor gehört, dass er gehenket worden - getan hat.
    Ich fand es zu Steinbruch eben in dem Zustand, als mir der Student zuvor
entworfen hatte, und als ich das Conterfei, so schon ziemlich alt und vom Staub
ganz unkenntlich geworden, mit grossem Schauer und Grauen heruntergehoben, auch
solches ganz allein in der Kammer aufgeschnitten und das Holzwerk daran
zerschlagen hatte, fielen mehr denn über die achttausend Ducaten samt vielen
Gold- und Silberstücken heraus. Ich hatte genug zusammenzuraspeln und wusste
nicht, sollt ich mich mehr fürchten oder freuen. Nachdem ich nun solche teils in
meine Stiefel, teils auch in die Säcke gestecket, ging ich wieder hinunter, und
als ich das Geld in einem Sack zusammzählen wollte, kam mir unversehens ein
Zettul in die Hand, welchen ich ohne Achtgebung unter dem Geld musste aufgeraffet
haben. Es war aber aus demselben so viel abzunehmen, dass mein seliger Vater
einen Schatz in dem untersten Keller in einen Pfeiler an der Mauer vergraben,
denselben auch in die hundert Jahr verschrieben hätte, und alsdann sollte ihn
derjenige kriegen, der seinen Kindern die höchste Freundschaft würde geleistet
haben. Dieses Geld aber müsste an das Armut gewendet werden, weil ers im Kriege
aus einem Kloster entwendet und sich vor dasselbige Geschmeid all diese Sorten
eingewechselt hatte. Dieses war der kurze, aber nachdenkliche Inhalt des
Zettuls, welcher meines seligen Vaters eigne Hand war, und ist auch von
derselben Stund an hernachmals nicht der geringste Tumult, wie sonsten
gewöhnlich geschehen, mehr gehört worden.
 
                                XVIII. Capitul.
Wolffgangs endliche Lebensresolution. Er kommt unverhofft zu der davongelaufenen
                                 Beschliesserin.
Wer war froher als ich? Das Geld war kaum so bald eingesacket, als ichs mit
Genehmhaltung des Abts, dahin ich wegen des Studentens reiten wollte, schon
resolviert, dem Armut auszuteilen. Sprengte also quer Feld gegen das Kloster,
und mein Knecht log allen Leuten wegen des Gespenstes das Maul so voll, dass er
hätte erschwarzen mögen. In dem Kloster war ich gar willkomm und angenehm, weil
ich selten ohne Geschenk hineinkam und den Geistlichen zuweilen auf dem Land im
Grünen einen Schmaus ausrichtete. Aber sie sagten mir stracks anfangs, dass an
dem Studenten, so schwer er auch wägte, dennoch kein Quintlein Pfaffenfleisch
wäre. Er hätte all seine Zeit vor seiner Zelle mit Meisenfangen zugebracht, und
nachtszeit hätte er sich belieben lassen, auf die Obstbäume zu steigen und die
Kirschen herunterzufressen. So viel sie auch abgenommen, so müsste er ehedessen
unter luterischen Leuten gewesen sein, dieweil er stets mit den Brüdern wegen
der guten Werke disputiert und ganz nichts auf das Fasten gehalten. Wenn er mit
einem oder dem andern wäre aufs Land geschicket worden, daselber einen Kranken
zu trösten, so pflegte er die Mägde von einem Winkel in den andern
herumzutreiben, und wenn er von seinem Obern wäre gestraft worden, war er so
keck, ihm Schläge anzubieten, wie er sich denn öfter als zwanzigmal in dem
Kloster mit dem Conventdiener gerauft, weil er ihm nicht so voll wie den andern
eingeschenket hat. Er hätte auch einmal die Glocken, mit welcher man die Brüder
zur Metten aufzuwecken pfleget, mit Heu ausgestoppet und die Pfeifen in der
Orgel mit Papier verpappt. In der Kirche selber hätte er sich hintenher ein
Katzenschwänzlein angeheftet, darüber er die Leute aus der Andacht verstöret und
sie in ein leichtfertiges Gelächter bewegt. Alle solche frevle Stücklein hat man
an ihm billig abstrafen müssen. Er aber wollte sich dazu nicht verstehen, noch
sich dem Gehorsam völlig unterwerfen, wäre also, wie alle liederliche Vögel zu
tun pflegen, davongeloffen, und das Convent wüsste keine Ursach, ihm
nachzusetzen, zumalen es ohnedem noch ein Probierjahr und seine Gottlosigkeit
jedermann zur Genüge bekannt sei.
    Diese Antwort der Pfaffen gefiel mir besser, als wenn sie mir, wie sie sonst
pflegten, eine Correction wegen meines Lebens gaben, und also hatte ich keinen
Scheu, weil die Sache so gar nichts importierte, ihnen zu bedeuten, dass ich den
Studenten wüsste, wo er sich dermalen aufhielte. Darum baten sie mich nur um das
heilige Kleid; daraus ich wohl abnehmen konnte, dass das heilige Kleid vor sich
selbst nichts nützte, wo man nicht vielmehr ein frommes Leben zu führen sich
äusserst bemühte. Der Wolf frisst auch die gezeichneten Schafe; also bringt weder
Gürtel, Kleid noch Scapulier, sondern ein frommes und christliches Leben zum
Himmel.
    Die achttausend Ducaten samt den andern Münzen anbelangend, wollte sie der
Abt vor sich selbst lieber in dem Kloster als anderstwo angewendet wissen,
welches ich mir vorhin leicht hätte einbilden können. Er sagte, dass er itzo eine
neue Kapell bauete. Weil ich aber wohl wusste, woher er zu solcher die Intraden
bekommen, entschuldigte ich mich und setzte anbei, dass ich solches Geld nach
Ausspruch des Studentens dem Armut und nicht einem solchen Kloster, das ohnedem
überflüssig reich wäre, vermachen sollte. Aber der Abt wendete wieder ein, dass
es der Student dem Kloster vielleicht nur zum Nachteil, also aus blossem Hirn
erfunden und dass das Kloster nicht so reich sei, wie man insgemein davon
ausgäbe. In summa: der Abt wusste sich so arm zu machen, dass nichts darüber, und
weil er ein guter Orator war, hatte er gute Gelegenheit, mich durch alle Figuren
auf seine Meinung zu ziehen.
    Ich sagte endlich, dass ich mich darüber besinnen und die Sache bei mir
selber recht gründlich überlegen wollte, schied also aus dem Kloster, nachdem
mich fast jeder Geistlicher mit einem hübschen Bildlein von der allerschönsten
Klosterfrauen Arbeit beschenkt hatte. Mit diesem kam ich nach Haus und brachte
dem Studenten die Post, welche ich aus Spass so grausam machte, darob er käsweiss
geworden. Endlich sagte ich ihm die Wahrheit und hiess ihn die Kutte ausziehen,
welche er willig und gern vom Halse zog, weil er in derselben allgemach voll
Läuse geworden. »Sehet,« sagte ich, »wie angelegen ich mir sein lassen, den
Abten wegen Eurer zu besänftigen.« Und als ich ihm vortrug, was sie wegen seiner
vor Klagen angeführet, auch dass der Abt selber in dem Argwohn stünde, als
hätte er dem Kloster zum Nachteil das Geld an ein anders Ort, aus blossem
Widerwillen gegen demselben, auszuspenden vorgebracht, machte er ein grosses
Kreuz vor sich und sprach, dass des Abten Gewohnheit sei, alle Sachen zum
übelsten aufzunehmen, und dass er oftermalen von Herzen zörne, wenn die Leute an
ein anders Ort häufiger als in sein Kloster opferten. »Sie werfen mir vor,«
sagte er, »dass ich die Kirschen von den Bäumen abgebrochen; aber davon schweigen
sie still, dass etliche unter ihnen in ebensolcher Arbeit von dem Baume und also
die Ärme abgefallen haben.« Über dieser Erzählung hiess ich ihn stillschweigen,
vermahnend, dass man von der Geistlichkeit, wer und wo dieselbe auch sei, nichts
Böses reden, noch viel weniger ihre Fehler unter das gemeine Volk bringen solle.
    Damit fing ich vor mich selbst an zu scrupelieren, wie solche Hauptsumma am
besten angelegt würde. Stiftest du einen Spital, sagte ich zu mir selber, so ist
es mit den alten und erlebten Leuten sehr gefährlich. Denn wie bald geraten die
Alten in Zank, darüber könnte einer den andern leichtlich mit seiner Krucken
totschlagen. Kommt Krieg ins Land, so werden dergleichen Häuser am ersten
zerstöret und Schanzen daraus gemacht. Die Güter werden hernachmals unter den
Vornehmen im Volk verteilt, und zwackt da einer was und dort wieder einer was
von dem Almosen hinweg, welches ihnen aber endlich bekommet wie dem Hund das
Grasfressen. Denn indem solche Leute durch dergleichen Mittel reich und gross
wollen werden, geraten sie meistenteils an Bettelstab, und geschieht es gleich
nicht zeitlich, so müssens die Nachkommen oft in einer unverhofften Sache
genugsam erfahren, wie übel ihre Pfenninge gesammlet worden.
    Endlich wurde ich bei mir eins, auf diesem Schloss ein ewiges Almosen vor
die arme Leute zu stiften. Ich legte nämlich das Geld auf Viehzucht und etliche
Weinberge, davor wurf mirs alle Jahr Interesse, weiss nicht so viel, ab, dass ich
dreissig Rinder schlachten konnte. Dieselben schlug ich alle auf einen Tag, gab
davon jedem Bettler, so viel derer auch im Lande zusammenkommen möchten, ein
Pfund Fleisch, zwei Pfund Brot und eine halbe Kanne Wein. Dieses Spend teilete
ich jährlich an meines Vaters Namenstag aus, also wunderte sich die ganze Welt
über meine grosse Freigebigkeit. Und als der Student verstanden, wasmassen ich
entschlossen wäre, noch vor hereinbrechendem Winter in dem Wald, da wir uns
ehedessen miteinander gebadet hatten, eine Klausen aufzuschlagen und also wieder
einen Eremiten abzugeben, bat er mich um eine Recommendation an den Sempronio,
mit welchem er entschlossen war, in den Krieg zu gehen. Ich widerredete ihm
solches Vorhaben und tat ihm einen Vorschlag, auf mein altes Schloss zu ziehen,
allwo ich ihn zum Verwalter desselben Orts machen und in allem nach seinem
Willen wollte handeln lassen, doch also, dass er mich, gleich dem alten Soldaten,
wöchentlich mit gewisser Speis und Trank versähe. Durch eine solche Condition
war ihm nicht allein wohl geholfen, sondern auch trefflich gedienet. Also machte
ich ihn zu einem halben Freiherrn, und er hat sich auch überaus häuslich
angelassen.
    Nach dem ritt ich nach St. Andre, daselber all dasjenige einzukaufen, was
etwan zu meiner Einsiedlerei möchte vonnöten sein. Als ich dort in die Stadt und
vor die Corps de guarde (sonsten Gordegardi) kam, sah ich den ehrlichen Andreas
Nobiscum auf dem Esel sitzen. Er war voller Lumpen, und sein Kleid war von so
vielerlei Farben zusammengenähet, dass ich nicht eigentlich wissen konnte, unter
was vor eine Compagnie er gehörte. »Du ehrlicher Vogel,« rufte ich zu ihm
hinauf, »kommen wir da aufs neue zusamm? Wer hat dich geheissen, öffentliche
Schandlügen wider mich und mein Schloss zu Steinbruch aufzusetzen? Wart, ich will
hingehen und deinem Officier klagen, was ich wider dich weiss!«
    Wie ich weiterging, so kam ich bei dem Ratause zu einem Gefängnis, allwo
mich eine Weibsperson um eine Beisteuer und Almosen bat. Ich sah mich gegen ihr
um und hatte einen billigen Abscheu vor ihrer hässlichen Gestalt wie auch zum
Teil vor dem garstigen Loche, darinnen sie gefangen sass. »O liebster Herr
Wolffgang,« sagte sie, »erbarmet Euch meiner!« Wie ich sie nun etwas mehrers
betrachtete und mich verwunderte, wie sie mich kennen musste, so war es die
ehrbare Beschliesserin, welche mit dem Andreas Nobiscum so fein hausgehalten
hatte. »Ha, ha!« sprach ich, »fängt man die Vögel so in der Welt? Wie bist du
daher gekommen, und was ist dein Verbrechen?« Sie erzählete mir hierauf, dass
noch eine bei ihr innen sässe, mit welcher sie zwei Kirchen bestohlen und vier
Strassenraub samt einem Mord begangen hätte, und also würde sie ihrem Mutmassen
nach bald abgetan werden. Ich entsatzte mich über dieser grausamen Erzählung,
gab ihr einen Groschen und wunderte mich, dass alle Schelmenstücke zu seiner Zeit
müssten gestrafet werden. Der gute Andreas erschrak so sehr über meiner
Gegenwart, dass er im Gesicht ganz erblasste, er wäre gern in eine andere Gasse
und mir aus dem Wege geritten, aber sein Pferd war hierzu viel zu ungeschickt.
Ich unterliess aber, weil ich ihm schon einmal verziehen, ihn weiter anzuklagen,
sondern kaufte meine Notwendigkeiten ein und machte mich wieder aus der Stadt.
    Ob nun zwar der Weg an sich selbst kurzweilig zu reisen und wegen der
gangbaren Strasse allezeit volkreich war, kam er mir doch ziemlich langweilig
vor, in Erwägung, dass ich dazumal, von einsamen Gedanken gleichsam überschüttet,
auf andere Sachen wenig achtaben konnte. Das Verlangen, bald zu Hause zu sein,
spornte die Pferde trefflich an, und in diesem schnellen Ritt fiel der Page
zweimal von seinem ungerischen Renner, um so viel desto leichter, je weniger er
all sein Leben lang zu Pferd gesessen. Ich aber war mit meinem guten Schimmel
jederzeit voraus, also dass sie mich dazumal alle beide in einem Walde verloren,
indem sie sich zu weit an einem Scheidewege auf die linke Hand gewendet. Der
Knecht, welcher das Reiten besser als der Page gewohnet, wollte durch eine
schleunige Nachfolge seinen Fehler aufheben, und weil ihm der Page unmöglich
folgen konnte, geschah es, dass sie alle beide aufs neue verirreten und nur die
Meinung hatten, mich einzuholen. Also kam ich alleine nach Haus und wunderte den
Knecht, welcher sonsten dieser Strasse auch in der allerdunkelsten Nacht mächtig
war. Indem kommt des Page Pferd ganz ledig in das Schloss gelaufen, darob ich
keine geringe Furcht empfunden habe, denn die Strasse war nicht allzu sicher.
Weil aber die Unerfahrenheit im Reiten ins Mittel kam, konnte ich leichtlich
mutmassen, dass er, von dem Pferd gleichwie zuvor abgestürzet, auf der Strasse wäre
liegengeblieben, aber es ist allen beiden recht lächerrlich gegangen.
    Der Knecht kam bei anbrechendem Morgen vor das Tor, welcher mir nach seiner
Ankunft erzählet, dass er die Nacht in dem Wald unter einer grossen Eiche sein
Lager in zusammengerafftem Laube genommen. »Aber mitten in der Nacht«, sagte er,
»fiel ein natürlich Gespenst mit grossem Geräusche den Baum herunter, welches
mich nicht allein in eine unermessliche Furcht, sondern sogar zur schnellen
Flucht gebracht, also bin ich in dieser Angst endlich hiehergekommen. Wo aber
der Page geblieben, ist mir noch zur Zeit unbekannt, weil er, mir nachzufolgen,
viel zu schlecht beritten war.« Ich erzählte ihm hierauf, dass er ohne allen
Zweifel müsse auf der Strasse geblieben sein, indem sein Gaul mit blossem Zaum
ohne Sattel und Stegreif angekommen wäre und weil der Knecht selber die
eigentliche Gegend ihres Irrtums nicht wusste, war es vergebens, den Page an
einem ungewissen Orte suchen zu lassen.
    Indem kommt der Page zum Schloss eingegangen und klagte über seine grosse
Müdigkeit. Er erzählete umschweifig, wie er vom Pferd gefallen. »Denn,« sprach
er, »als ich Feuer geben und durch den Pistolschuss dem Knecht einziges Zeichen
geben wollen, wirft mich das Pferd aus dem Sattel, und ich hatte genug zu tun,
dass ich nicht in einen Sumpf stürzte, an welchem ich dazumal ganz nahe
hingeritten bin. Ich lag lang auf der Strasse, ehe ich mich recht besinnen
konnte. Bin also endlich wieder zu mir selbst gekommen; und wo mich heute morgen
nicht ein Bauer auf den rechten Weg geleitet hätte, war ich ohn allen Zweifel
noch weiter in dem Wald verirret. Nichts ist mir Wunderlichers auf dieser Irre
begegnet, als da ich mich zur Versicherung auf einen Baum begab, weil ich mich
vor dem wilden Vieh ziemlich geforchten habe. Als ich nun daroben
einschlummerte, geschah es ohngefähr, dass ich den Stamm herunterpurzelte, und
indem ich voll Schröckens erwachte, sah ich jemand, der sich an diesem Ort
gelagert hatte, nach aller Möglichkeit davonfliehen, weiss aber nicht, ist es ein
Mensch oder Gespenst gewesen; aber das ist gewiss, dass es sich, gleichsam als
voll Furcht und Zittern, aus dem Staube gemacht.«
    Diese Rede des Pagens machte den Knecht ganz schamrot; und ich dachte, mich
an solcher Erzählung krank zu lachen, weil der Knecht ein erschröckliches
Gespenst gesehen zu haben vorgab, da ihn doch dieser elende Jung in eine so
unverhoffte Zagheit und von dar in eine plötzliche Flucht gejaget hatte. Also
geht es noch manchem Eisenfresser. Sie geben ungescheuet aus, was sie vor Berge
übersteigen wollen, und wenn eine faule Birn, vom Baum durch den Wind
abgeblasen, neben sie zur Erde fället, so erschrecken sie, dass ihnen das Herz
ineinander fähret. Und weil der Jung aus Oberösterreich und zugleich von guten
Einfällen war, musste er mir zur Vertreibung meiner häufigen Grillen erzählen,
wie sein Vaterland beschaffen und was ihm sonsten darinnen begegnet sei. Welches
er also anfing und vollendete:
 
                                 XIX. Capitul.
                    Sein Page erzählet vom Land ob der Enns.
»Die oberösterreichische Landschaft ist eine unter den vornehmsten des
Teutschlandes. Ihre herrliche Situation und die gesunde Luft haben sie
allentalben, noch mehr aber ihre schöne Gebäude, bekanntgemacht, mit welchen
sie so wohl als das Latium pranget. Die Höflichkeit der Einwohner hat den
Ausländern allezeit zu einer Verwunderung gedienet; und dannenhero ist dem
Österreich der rühmliche Name zugewachsen, dass es vor allen andern Ländern, die
sich gegen Orient befunden, billig das Höfliche genennet wird. Von Fruchtbarkeit
des Landes will ich dermalen diejenigen reden lassen, welche sich aus ihrem
reichen Mutterschosse bis auf diese Stund reichlich ernähren. Das herrliche
Salzwerk zu Ischel, welches über Gmünden durch den gefährlichen Fall geführet
wird, ist ein unvergleichliches Kleinod dieses Landes; und das Eisenerz hat
allein den Ruhm, dass es mit ihrem häufigen Erz und absonderlich mit dem guten
Stahl das ganze Teutschland wohl versehen könnte. In diesem Land ob der Enns
sind etliche See berühmet, auf weichen es herrliche und prächtige Schlösser
gebauet, desgleichen noch wenig in Europa gesehen werden. Nur ein einziges
Exempel ist das berühmte Schloss Kammer, welches weit in der See mit
unvergleichlicher Schönheit aufgeführet ist. Von daraus sieht man gegen Morgen
die hohe Spitze des berühmten Traunsteins, der den Inwohnenden vor einen
täglichen Calender dienet, indem man durch die Tiefe oder Höhe der
herniedersinkenden Wolken das Wetter abzunehmen schon von alters her und
absonderlich unter dem gemeinen Landmann gewohnet ist. Dieses Gebirg ist eines
unter den höchsten in dem Land und umfänget gleich einer runden Mauer den
lieblichen Gmündner See, welcher seinen Namen von der lustigen Stadt nimmet, die
zum Ausfluss der Traun, obzwar nicht gar prächtig, jedennoch sehr angenehm in
etliche Gassen geführet und zu Ausladung des von Halstatt hingeführten Salzes
gar dienlich ist.
    Von dar kommt man, wie ich Euer Gestreng vor erzählet habe, auf den Fall,
welches den Durchschiffenden fast der allergefährlichste Ort im ganzen Lande
ist. Dieser Fall liegt zwischen Gmünden und dem sogenannten Stadel, und was
seinen Namen anbetrifft, so wird der Ort also genannt, weil daselbst die gesamte
Traun eines Haus hoch über jähe Felsen abstürzet und also vor diesem ganz
unmöglich durchzuschiffen war. Es hat aber ein vortrefflicher Werkmeister auf
hohe Unkosten des Kaisers daselbst einen Kanal durch den harten Felsen mit
unbeschreiblicher Mühe dergestalten gehauen, dass man heutzutage (obzwar mit
guter Obsicht) dennoch gar wohl und ohne Hindernis hindurchfahren und also einen
unglaublichen Unkosten ersparen kann, welchen man doch mit dem Salz auf der
Achse nach dem Stadel zu führen anwenden müsste. Denn weil von der obbesagten
Stadt Gmünden aus bis in den Stadel die Traun zwischen den Bergen geschlossen
sehr tief geht, führet man mit wenig Personen gleichsam in etlichen Stunden auf
einem einzigen Schiffe so viel Salz nachdem Stadel, als sonsten mit hundert
Pferden innerhalb zwei Tagen nicht konnte vollendet werden. Wenn ich der
Reisskunst erfahren wäre, wollte ich solchen Ort mit der Kreide figurieren, denn
ich bin oftermalen dagewesen und habe mit Augen angesehen, wie die Schiffe
gleichsam in einem Augenblick durch den ausgebäumten Kanal durchfahren, welcher
sich weit über fünfhundert Schritt lang erstrecket. Ist also dieser durch den
allmählichen Umschweif so eingehauen, dass er bei seinem Ausfluss ganz gerade den
andern Fluss wieder erreichet und also damit fortgehet.
    Und weil ich ehedessen auf dem Schlösslein zu Au bei dem Jäger mich
aufgehalten, lief ich fast täglich dahin, die Schiffe durchpassieren zu sehen,
und bekam dannenhero manche Kopfnuss, wenn ich durch diese Zeitverschwendung
meine andere Verrichtungen verabsaumet habe. Man hört diesen Fall, wenn er
geschlossen ist, auf eine gute Stund rauschen; dannenhero man leichtlich,
absonderlich aber zu Nachtszeiten, weit umher abnehmen kann, ob er offen oder
geschlossen sei. Der Fallmeister daselbst ist mein naher Freund, und habe mit
meinem Edelherrn von Häin, dem das Schlösslein Au zugehörte, manch gutes
Frühstück allda verzehrt.
    Besagter Traunstein, so in dem Gmündner Gebirg der höchste Felsen ist, wird
auf die zweiundzwanzig Meil Weges gegen Unterösterreich wegen seiner überaus
grossen Höhe gesehen. Auf diesem sind die Gemsen und Auerhahnen ein tägliches
Wildbret, und wird auch auf solchem an dem Abend des Fests Johannis das
sogenannte Johannsfeuer, und zwar auf dreien unterschiedlichen Orten des
Gipfels, angezündet, wovon diejenige Person, der solches Feuer bereitet, ein
Gewisses zu seinem Lohn empfänget.
    Die Hauptstadt in Oberösterreich ist Linz, sie liegt an der Donau; und wenn
sie noch einmal so gross wäre, so wollt ich sie allen Städten in Österreich wo
nicht vorziehen, jedennoch gleichschätzen. Nichtsdestoweniger ist sie sehr
bequem und dem Handel gross genug, der allda getrieben wird. Die Stadt Wels liegt
an der Traun, von welchem Fluss ich bereits geredet habe, ist wohl gebauet und
pranget mit unterschiedlichen schönen Häusern. Von daraus geht man über Lambach
auf Schwanenstadt, die ehedessen Schwans geheissen. Besagtes Lambach ist ein
schönes und herrliches Klöster Benedictinerordens, gestiftet von dem heiligen
Adalberto, und wird zur Gedächtnis dessen alle Jahr ein grosses Almosen
ausgeteilet. Auch ist allda fast die beste Musik, so nächst der wienerischen in
dem Erzherzogtum Österreich den billigen Ruhm hat. Aber Schwanenstadt ist ein
schlechter Ort, hat etwan in allem zwei Gassen, damit ist der ganze Ort
beschrieben. Nicht weit von dieser Stadt ist ein Schloss auf einem hohen Berg,
Wolffseck genannt, an welchem sich der Hausrucker anfänget, auf welchem
ehedessen die Principalen derjenigen Bauern gesessen, die wider ihre Obrigkeit
rebelliert, aber nichts damit ausgerichtet haben, als dass sie mit Schimpf und
Schand endlich überwunden, auf die höchsten Galgen gehänget und den
ausländischen Herren zur ewigen Leibeigenschaft gleichsam zum Spectacul und
Abschreckung der andern sind verschenket worden. Diese, wie bekannt ist, haben
sich erstlich von Steffel Vattinger, einem Zimmermann oder, wie etliche wollen,
von einem Taglöhner, hernachmals aber, als er erschossen worden, von einem
Studenten commandieren lassen, der sie alle stahleisenfest gemacht. Er hat ihnen
auf dem Berg bei Lambach, so man den Buchberg nennet, ein Mus gekochet, und wer
davon gegessen, in den ist weder Kugel noch Eisen gegangen, und was noch das
Wunderlichste ist, so haben die Bauern die Kugeln nicht allein abweisen, sondern
dieselbe noch mit der Hand fangen können.«
    »Mein lieber Paul,« sagte ich zu meinem Page, »von diesen Dingen kann man
genug in der Topographia Austriæ zu lesen bekommen, darum erzähle mir vielmehr,
wie dirs in deinem Heimat gegangen und was du vor Herren daselbst aufgewartet
hast.« - »Ich bin allda,« sprach er darauf, »was meine Geburt betrifft, in dem
Adergei etwan eine Stund von Adersee in dem Markt St. Georgen geboren, welcher
unter die Grafschaft der Kevenhiller gehörig. Nächst diesem liegt das hohe
Schloss Kogel, allwo ich in meiner Jugend dem Pfleger vor einen Schwammendrucker,
wir mans dorten nennet, aufwarten müssen. Weil mir aber der Berg gar zu hoch und
oft zu steigen war, indem ich von daraus bis in den Markt fast andertalb
Stunden in die Schul gehen musste, lief ich davon und kam nach Schörflingen zu
der alten Frau Aleitnerin, bei welcher, als bei meiner Grossmutter, ich mich drei
Jahr lang aufgehalten. Hernach kam ich etwan im zehenten Jahr meines Alters
nacher Frankenburg zu dem Hofwirt Pleckenwegner. Daselbst lernete ich rechnen
und schreiben. Aber weil er zu frühzeitig starb, kam ich wieder weiter ins Land
und wurde zu dem vorgenannten von Häin auf das Schlösslein Au, eine Stund vom
Fall, gebracht, allwo ich nicht wusste, was ich eigentlich war. Ich musste ihm
erstlich über Land bei den Gastereien aufwarten. Zu Hause bekam ich in der Küche
bald Pfeffer, bald was anders zu stossen. So half ich auch der Frauen Wasser
brennen, und dem Jäger musste ich ins Holz seine Büchsen nachtragen.
Sommerszeiten brauchte man mich auch zum Wetterläuten und Kornschneiden,
Herbstzeit musste ich Äpfel abbeuteln und wurde dann auch dort und da mit Briefen
und anderen Posten übers Land geschicket.
    Aber, wie ich vorgemeldet, weil ich öfters auf den Fall hin und wieder
gelaufen und dadurch meine Zeit so liederlich zugebracht, jagte mich die
Edelfrau von dem Schloss hinweg und zog mir noch die Liverei dazu vom Leibe. Ihr
Herr begegnete mir gleich im Wald, als ich nach Gmünden ging, und da er mich so
im Hemd und meinen leinern Hosen, die ich zu ihm gebracht hatte, dahergehen sah,
verwunderte er sich von ferne mit seinem Stecken und fragte mich endlich, wo ich
herkäme. Paul, sprach er, wie kommen wir da zusamm? Als ich ihm aber weinend
erzählte, wie mich sein Weib ohne Gnad und Barmherzigkeit so sehr entblösset und
mich nur mit einem schwarzen Stück Brot zum Schloss ausgestossen, nahm er mich
wieder mit sich, in Meinung, mir wieder anzuhelfen. Aber in der Nacht hörte ich
sie wegen meiner abscheulich in der Kammer zanken. Ich hatte die Liverei wieder
an, und weil sichs anliess, als dörfte ich wegen Widerwärtigkeit der Frauen aufs
neue ausgeschälet und davongejauket werden, besann ich mich eines Bessern, bin
also, nachdem ich unserm grossen Hund sein silbern Halsband abgebunden, mit der
Liverei noch in selbiger Nacht über die Mauer ausgestiegen und im finsteren Wald
davongelaufen, habe auch noch überdas die allerzotenhaftigsten Reimen an das Tor
angeschrieben, in welchen ich die Edelfrau viel ärger als die verlaufneste
Landstörzerin ausgehudelt habe.«
 
                                  XX. Capitul.
              Deutet weiter an, wie er zu zweien Mördern gekommen.
»So finster es in dem Wald war, hatte ich doch die Wege gleichsam schon im
Griff, kam also noch vor Tags zu einem halb eingefallenen Schlösslein zwischen
dem Gebirg, allwo mich ein wunderlicher Herr aufgenommen, desgleichen ich noch
wenig zuvor gesehen hatte. Er war noch ledig und hatte sehr wenig Leut um sich,
von welchen er sich bedienen lassen. Er ging alle Morgen bei Aufgang der Sonne
über Gebirg und brachte dann abends entweder einen Beutel voll Geld, einen
Sattel, Pistolen oder einen hübschen Mantel nach Haus. Ich kann wohl schwören,
dass ich weder ihn noch alle die, so um ihn gewesen, nie keinen Vaterunser habe
beten hören. So hatte er auch eine Luftbüchse, mit der er manch schönes Wildbret
geschossen und verzehret hat. Er hatte mehr als vier Weibsbilder um sich, und
wusste niemand, obs seine Schwestern, Befreundte oder Weiber waren.
    Einsmals sagte er zu mir: Komm, Bub, wir wollen hinausgehen und die Strassen
reinigen! Als ich derowegen mit ihm übers Gebirg ging, kam uns ein
Wanderbürschlein entgegen, so einen leinern Ranzen oder Felleisen auf dem Rücken
trug. Da merkte ich, mit was vor einer Profession mein Herr sich nährete und wie
fleissig er die Strasse reinige. Lege dich nieder, sprach er zu mir, und ducke
dich so lange, bis ich mich über ihn hermache, du musst indessen überall
herumsehen, ob nicht jemand auf der Strasse wandle, der mich an meinem Vorhaben
hindern möchte. Siehst du nun etwas, es sei gleich nahe oder ferne, so gib ein
Zeichen und eile geschwinde mit mir das Tal hinunter. Und damit man uns desto
weniger auf der Haube sein kann, so wollen wir auf zwei Teil auslaufen, einer
dahin, der ander dortin, weil man sich der Gelegenheit so gut bedienen muss, als
man kann! Aus diesem können Euer Gestreng zur Genüge abnehmen, was für ein
sauberer Schafhund mein Herr gewesen.
    Nach dieser Vermahnung ging er auf die Handwerksbursch zu, und zwar mit
einer sonderlichen Manier. Er begehrte in der erst von demselben nur ein
geringes Almosen; als sich aber derselbe entschuldigte, dass er selber ein armer
Teufel sei, der das Seine auf der Wanderschaft haben müsste, und dass er seine
Zehrung von Ort zu Ort zusammenfechten oder, besser zu sagen, zusammenbetteln
müsste, so schlug ihm mein ehrlicher Herr, indem er sich so verantwortete, ein
Bein unter, fuhr ihm mit einem Servet in das Maul und wusste ihn so meisterlich
anzupacken und auszuplündern, dass nichts darüber war. Er drohete ihm noch dazu,
dass, wenn er sich nur mit dem geringsten Schrei würde merken lassen, so wollte
er ihm nicht allein die Gurgel zudrosseln, sondern noch darzu ein Messer durchs
Herze stossen. Also liess sich dieser verzagter Lumpenhund voll Schrecken und
Zittern leichtlich überwinden, da ich doch oftermal gesehen habe, wie mein Herr
wohl von einem Jüngern Bürschlein nicht allein wacker mit der Fuchtel auf dem
Platze ist herumgetrieben, sondern oft darzu mit Schimpf und Schand wieder dahin
gejagt worden, woher er gekommen ist.
    Nicht weit von uns wohnte noch so ein sauberer Gesell, und ob ich schon
dazumal jung war, auch noch nicht alt bin, war mir doch in einem solchen Zustand
angst und bange. Oh, wie oft seufzete ich nach meiner alten Condition. Es reuete
mich wohl tausendmal, dass ich mich zu Au auf dem Schloss nicht besser gehalten
hätte, denn allem Ansehen nach so war ich in einem gefährlichen Zustand, und wär
um eine unglückselige Stunde zu tun, dass wir alle, so viel unser auf diesem
eingefallnen Raubnest gewohnet haben, wären gehangen worden. Wenn ich bei diesem
ein Monat lang gedienet, musste ich auch dem andern so lange aufwarten, welcher
in seinen Handgriffen viel erfahrner als dieser gewesen, denn derselbe hatte
keinen gewissen Aufentalt, sondern blieb diese Nacht in diesem und jene Nacht
in jenem hohlen Baume sitzen, in welchen er auch all sein gestohlnes Zeug
geflüchtet und verstecket hat. Auf eine solche Weise sass er sicherer als der
andere, weil er unmöglich auszukundschaften war. Dennoch wurden sie zuletzt
beide gefangen und eingezogen. Als nun das Urteil vollzogen werden sollte, war
der eine schon über alle Berge ausgelaufen, welcher auch der Schlaueste war.«
    »Wie hiess dieser,« sagte ich hierauf zum Page, »der entrissen, und wie sah
er aus?« - »Er war«, antwortete der Knab, »nicht gar lang von Statur, hatte rote
Haar und einen schwarzen Bart, sein Name hiess Sebastian; aber unter der
Diebszunft, dahin er gehörete, haben sie ihn den Schell-Wastel geheissen, weil
ihrer eine ganze Karte sich zusammenrottiert und ein jeder unter ihnen ein
gewisses Blatt zu seinem Zunamen hatte. Als einer war der Herz-König, der ander
das Grüne Daus, der dritte die Ecker-Sieben und so fort, welches sich Euer
Gestreng besser einbilden, als ich es hie mit vielen Umständen an den Tag geben
kann.« - »Ja,« sagte ich, »ich weiss mehr um dergleiche Schelmenstück. Dieses ist
ohne allen Zweifel ebender Dieb, so mir gedienet hat. O Wastel, Wastel, den
Schreiber hab ich in meine Gewalt bekommen, die Beschliesserin hat sich nicht
verbergen können, du wirst dich endlich unverhofft selbst verraten und an den
Tag bringen!«
    Unter diesem Gespräch des Jungen zeichnete ich meine zukünftige Klausen auf
Papier, wie ich nämlich solche wollte zugerichtet wissen, damit mirs am
bequemsten war. Und weil ich meinen beiden Schlössern nahe genug war, brauchte
ich zu solchen keine absonderliche Verstände, weil ich bald ab und zu reisete,
zu sehen, wie etwan der Student sowohl als der alte Krachwedel haushielte. So
hatte ich auch, wie ich droben gemeldet, einen Musicum von einem fürstlichen
Hofe bis daher aufgehalten. Weil er aber sehr melancholisch von Gemüt, hat er
wenig solche Kurzweilen verübet, die allhier Raum haben könnten, denn er
vertrieb seine meiste Zeit bei der Viol di gamb in einem Zimmer alleine, und
weil er ein eifriger Christ war, floh er nicht allein die Compagnien insgemein,
sondern redete auch sogar mit mir oft kein Wort, es sei denn, dass es die höchste
Notwendigkeit erforderte. Und ich halte davor, dass er auch deswegen sehr ungern
zu Hofe gedienet, weil es allda grosse Schrauben abgibt, die er zu ertragen nicht
gewohnet war.
    Dieser nun, ob ich ihm gleich die Inspection über beide Güter auftragen
wollen, entschuldigte sich dennoch wegen seines Unvermögens, weil er mehr in der
Partitur als in dem Hauswesen sein Leben lang studiert hatte. Und in der
Wahrheit so gefiel mir diese Resolution trefflich wohl und lernte ihn erst
kennen, dass er keiner von diesen sei, die zuweilen mehr aus sich machen, als sie
sein, und starke Sachen mit schwachen Schultern tragen wollen. Endlich, wer
ihnen trauet, der fällt mit ihnen über den Haufen und wird erst nach geschehener
Sache gewahr, dass sein Vertrauen anstatt des Felsens Sand angetroffen und auf
demselbigen gebauet habe. Ich gab ihm demnach ein ziemliches Stück Geld, und
weil ich in der künftigen Eremiterei nichts brauchte als etwan eine rauhe
Mönchskutte, als verehrte ich ihm vor seine Müh und bisher an mir angewandten
Fleiss etliche saubere Kleider samt aller weissen Wäsche. Davor er mir zu
Erweisung seiner Dankbarkeit zwei von seinen besten Büchern, voll von den
herrlichsten Compositionen, zurückliess, mit Versprechung, dass er ins Künftige,
wohin ihn auch das Glück trüge, mit mir ferner correspondieren und solche Sachen
schicken wollte, welche von den besten Künstlern gesetzet wären. Mit einem
solchen Verlass schied er aus dem Schloss, und ich gab ihm an alle diejenige ein
Recommendation-Schreiben mit, die er auf der Reise als meine beste Freunde
besuchen und also gleichsam ohne Zehrung aus dem Land kommen konnte.
    Also schieden wir freundlich voneinander, welches sonst mit solchen Leuten
ein seltsames Stück ist. Denn einen Künstler verlieret man nicht gern, und ein
solcher, wie dieser gewesen, trifft tausend gute Herren an, da oft ein Herr
unter Tausenden nicht einen solchen Diener antrifft. Ich bin auch jederzeit der
Meinung, dass ein Musicus bei Hof das allervergnügteste Leben hat. Ich rede aber
von rechtschaffenen Leuten, die das Ihrige verstehen, und nicht von solchen
Lumpenhunden, die von eigener Einbildung getrieben sich mehr einbilden, als sie
all ihr Leben lang lernen können. Aber dieser gute Freund war fromm, treuherzig,
ein guter Künstler, und was das allermeiste ist, so war er die Demut selbst, und
was er redete, das meinte er auch. Ich habe ihn niemalen auf einem falschen Wege
angetroffen, auch nicht den geringsten Ehrgeiz in ihm verspüret, dannenhero war
mir nach seinem Hinscheiden die Zeit sehr traurig, dessen ich ohnedem zu meiner
künftigen Einsiedlerei notwendig musste gewohnet werden.
 
                                 XXI. Capitul.
               Wolffgang valediciert dieser Eitelkeit aufs neue.
Diejenige, welche in Italien reisen wollen, waren allgemach schon etliche Wochen
hinweg und wussten nichts um mein Vorhaben. War auch niemandem sonderlich
bekannt, wo ich mich aufzuhalten willens sei. Jedennoch, weil das Geschrei von
meinem Abschied aus der Welt ziemlich weit ausging, lud mich bald dieser, bald
jener guter Freund zu sich; und also valedicierte ich in die acht Wochen, ehe
ich recht daran ging. Die Hütte war nunmehr fertig, und zwar eben in dem Wald,
darinnen ich zuvor mit dem Studenten und Soldaten so oft gebetet habe, und ausser
diesen beiden war solche Wohnung nur denen bekannt, welche sie gemacht hatten.
Darum rüstete ich mich allgemach zur Sache, und weil es doch einmal sein musste,
schlug ich mir alle widerigen Gedanken aus dem Sinn. Bald wollte ich heute, bald
morgen, und durch dieses Cras Cras verschwand mir manche Zeit unter der Hand,
darinnen an nichts weniger als an das eremitische Leben gedacht ward.
    Endlich kam es zum Zweck, darnach ich schon so lang gezielet hatte, und ich
fing, gleich ich mit meinen guten Freunden getan hatte, auch an, die Welt zu
beurlauben und von ihr Abschied zu nehmen. »Du bist«, sagte ich, »zwar meine
grösste Feindin, jedennoch lebe wohl! Du bist meine grösste Verfolgerin, jedennoch
wünsche ich, dass es dir allezeit glücklich gehe. Du hast mich verachtet, ich
wurde nicht bös, hast mich verfolget, ich zörnete nicht. Aber nunmehr kann ich
deine Fessel nimmer länger ertragen, ich werde alt, und deine Bürde wird meinen
Achseln zu schwer. Ich gehe aus dir als aus einer Befleckten zu der Reinigkeit,
als aus einer Falschen zu der Wahrheit. O Welt, in dir ist Betrug das
allerherrlichste Kleinod, und wer diesen Reichtum in dir nicht suchet, der ist
arm, und wird ihm nimmermehr geholfen. O Welt, du bist eine betrogene Wirtin,
die ihre Gäste mit lauter Schauessen tractiert. Du hast mir glänzende Berge
vorgesetzet; aber da ich darnach griff, hatte ich statt des Golds Staub in der
Hand. Du hast mir klares Wasser versprochen; aber da ichs kostete, war es aus
einem trüben Brunnen geschöpfet. Ich habe mich zwar mit Lust an deinen Tisch
gesetzet, bin aber allezeit hungeriger davongegangen, als ich gekommen bin. O
Welt, du bist zwar eine Wegweiserin; aber wer dir nachfolget, geht immer irr.
Ich habe leider auf deinen Wegen gewandelt, allezeit voll Unruhe und Mattigkeit.
    Dir zu Ehren, o Welt, fastete ich mit grossem Hunger, dir zu Ehren litt ich
Frost und Hitze, Hunger und Durst. Aber was hab ich davon, als dass du mich
anstatt des verhofften Lohnes noch auslachest dazu? Was habe ich davon als eine
schmerzliche Reue, dass ich dir so viel, ja mich selber vertrauet hab? Was hab
ich nun davon, o Welt, dass ich stets nach dir geseufzet und gleichsam auf meinen
Tränen in dir herumgeschwommen? Nichts habe ich davon als Angst und Jammer,
Schimpf, Schand, Hohn und Spott, auch, was dieses alles weit übertrifft, noch
dazu ein verletztes Gewissen. Ich pflanzte in dir Rosen; aber da ich sie
auflesen wollte, waren sie schon verfaulet. Deine Pomp und Pracht schimmerte mir
herrlich in die Augen; aber sie sind gleich dem Basilisken, welcher durch sein
blosses Ansehen töten kann. Ich vermeinte in dir auf Rosen und Narzissen zu
gehen; aber nunmehr fühle ich die Dörner, welche meine Seel verletzet haben. O
Welt, du bist eine falsche Malerin, die mit nichts als mit Schaden zu tun hat.
Deine Farben fliessen zwar schön, aber sind unbeständig, also dass derjenige,
welchen du heute als einen Croesum abmalest, morgen schon dem Iro gleich mit
tausend Ungemach umfangen ist. O Welt, du bist eine blendende Taschenspielerin,
zeigest uns mehr Pfenninge, als du im Vermögen hast. Du versprichst, o Welt, die
Kranken zu heilen, gibst ihnen aber anstatt einer kostbaren Arznei nur Gift,
welches man erst alsdann fühlet, wenn man nicht mehr helfen kann. Du bist eine
betrügende Sirene, und wenn du uns arme Menschen mit deiner Stimme in die Arme
gelocket, verwandelt sich solche in einen erschröcklichen Gewissensdonner.
    Wo seid ihr nun hin, ihr frohen Stunden, ihr fröhliche Täge und ihr
kurzweilige Zeiten meiner Jugend? Ach, ihr seid so viel als verloren, und ich
spüre jetzt anitzo die bittere Galle, so ihr mir in eurem angenehmen Trank
vermischet habt. Was habe ich in euch erworben als anstatt den Genuss das
schmerzende Angedenken, anstatt der gepflogenen Laster den Verlust meiner armen
Seelen. Ich habe zwar in dir, du blinde Welt, die Sünden nicht gesehen; aber nun
erwachen sie und stehen auf, Rache wider mich, als ihren Urheber, schreiend. Der
Vorwitz klaget meine Augen an, die Hoffart meinen Geist, der Irrtum und
Zwiespalt mein Hartnäckigkeit, der Zorn und Rachgier meine Galle, Feindschaft
und Zanksucht meine Meinung. Der Hass wider meinen Nächsten gibt meinem
unversöhnlichen Herzen den grössten Stoss. Die Fleischeslust überfällt meinen
ganzen Leib, und diese spinnt schon einen Faden, an welchem ich ewig sollte
gefangen liegen.
    Siehe, o Welt, dieses, sonst nichts, hast du mir vor meine Dienste gegeben.
Nun sehe ich erst, was ich vor Münz empfangen habe. Ich sehe ein ganzes Meer von
demjenigen Trank beisammen, welchen ich über Not und Vermögen in mich
geschüttet. Der Frass bauet grosse Berge von unnötig verzehrter Speise auf. Die
übel angewandte Zeit schickt mir schon einen Wurm zu, der mein Herz ewig martern
soll. Ach, warum habe ich dir getrauet, warum habe ich dich so liebgewonnen? Ich
fühlte zwar deine Stricke; aber da ich fliehen wollte, war ich schon zu hart
gefesselt. Ich fühlete deinen giftigen Trank; aber da ich mich davon entschlagen
wollen, wurde ich nur desto durstiger; darum lebe wohl. Ich habe nichts mehr
übrig, o Welt, das ich dir zum Valet schenken könne, du hast mir schon alles
abgenommen und gleichsam unvermerket geraubet.
    Meine kindliche Unschuld opferte ich dir noch in jungen Jahren auf. Meine
christliche Einfalt stahl mir deine tausendfältige Hinterlist, mein Herz ist von
deiner Scheinheiligkeit geraubet worden. Meine Andacht ist von deiner Gleisnerei
besudelt. Die Liebe zum Nächsten hat mir deine Rachgier entwendet, den Fleiss im
Lebenswandel habe ich deinem Müssiggang aufgeopfert, den Gehorsam deiner
aufgeblasenen Einbildung. Siehst du, o Welt, all diese Eigenschaften und noch
viel mehr andere hast du mir geraubet, meine Wachsamkeit übergab ich dem Frass
und der Spielsucht, die billige Ruh der Liebe des Frauenzimmers, meine arme
Seele dem ewigen Verderben. So habe ich nun nichts mehr, was ich dir zum
Angedenken schenken könnte. Meinen Reichtum verlangst du nicht, denn er ist
ohnedem von dem deinen mir geliehen worden; meinen Abscheu vor den Lastern darf
ich dir nicht anbieten. Mit meinen Tränen ist dir nicht gedienet, und die
Schalkheit, mit welcher dir zum allermeisten geraten wäre, habe ich lang aus dem
Herzen verbannet. Die Liebe zur Vollkommenheit verlachest du, und ausser dieser
wüsste ich nichts in meinem armen Vermögen, was ich dir Dienliches mitteilen
könnte. So hab ich dir nichts zu geben, o Welt, als ein kurzes Lebewohl! Es ist
ein kurzer Wunsch, welchem, wenn du ihm folgen wirst, so wirst du auch ewig wohl
leben.
    Was hilft mich meine genossene Ehre, mein eingebildete Hochheit und Ehre? Es
ist Tand und Eitelkeit und verschwand noch, ehe ich ihrer recht gewahr worden.
Was hilft mich die gepflogene Erdenlust? Sie war mit tausend Sorgen gesuchet,
mit Furcht gefunden und in Schmerzen wieder verloren. Es war nur Tand und
Eitelkeit. Was hilft mich mein Reichtum und Vermögen? Mit Ungerechtigkeit war er
zusammengeschunden, mit offenen Augen musst er stets bewachet werden, und
augenblicklich wird er verloren. Es ist nur ein Tand und Eitelkeit. Was hilft
mich die genossene Frauenliebe? Sie war kurz und unbeständig, voll Falschheit
und Betrug, und wo ich zuvor ein Quintlein Lust genossen, davor fühle ich
nunmehr in dem Herzen tausend Centner des allerbittersten Kummers. Was nützet
mir der Neid, welchen ich gegen meinen Nächsten oftmals ohne Ursach getragen? Er
war nicht anders als ein Dolch, dessen Spitze in mein eignes Herz gedrungen und
solches gleichsam abnagend getötet hat. Was hilft es mich, o Welt, dass ich aus
deinem Antrieb und dir zu Ehren bald diesen, bald jenen verleumdet habe?
Wahrhaftig, es hilft mich nicht allein nichts, sondern machet mir noch darzu ein
schweres Gewissen, weil ich nicht weiss, was ich dermaleins vor eine Rechenschaft
deswegen geben soll! Ich wusste wohl die Wort der göttlichen Schrift, dass es
hiesse: Ein Beispiel hab ich euch gegeben, dass ihr euch untereinander liebt,
gleichwie ich euch geliebt habe. Aber ich unterliess solches nicht allein,
sondern tat noch darzu das Widerspiel.
    Was hab ich davon, o Welt, dass ich, deiner Stolzheit ein desto grössers
Ansehen zu machen, so viel gebauen? Nichts und weniger als nichts! Der Zahn der
Zeiten wird endlich noch alles zermalmen, und also vergehet auch der
Ziegelhaufen gleich dem Schnee, der von den Strahlen der Sonnen schmelzet. Was
hab ich von meiner Gleisnerei und falschem Herzen? Siehe, o Welt, all diese
Stücklein habe ich von dir gelernet; aber ich sage dirs wenig Dank. Meine
Schamhaftigkeit, mit der ich von Natur begabet war, hast du mir durch deine
vielfältige Verführungen bald abgenommen. Gib mir diese wieder zurück, denn du
brauchest sie nicht. Ich fodere von dir Rechnung, o Welt, über alle diese
Sachen, die du mir geraubet hast. Wo ist meine Frommkeit, meine alte Andacht,
meine Liebe gegen die Tugenden, gegen dem Nächsten, mein Gehorsam gegen die
Obern, die Barmherzigkeit gegen die Notleidenden und Kranken? Wo ist mein
eiferiges Gebet, mein Fasten, mein Almosengeben? Sage mir, wo sind alle meine
gute Werk? Wo ist mein Geduld im Kreuz und Leiden, meine Hoffnung in Trübsal, wo
ist dieses alles hin? O Welt, du hast es hinter dich geworfen, und damit ich
solche nicht mehr finde, hast du sie gar vergraben. Was habe ich von allem
diesem von dir zu hoffen? Du weisest mir den Rücken, und nun sehe ich deine
Gestalt von hinten viel anders, als sie mir von vornen geschienen hat.
    Darum: gute Nacht, o Welt. Ich protestier wider dich und deinen Anhang und
sage dir alle Freundschaft auf, mit der ich dir zuvor verbunden gewesen. Ich
widerrufe alle die Wort, so ich jemalen dir zu Gefallen geredet habe. All diese
Unreinigkeiten, mit welchen ich mich in dir so sehr und oft besudelt, verfluche
ich. Was ich in dir Böses begangen, das will ich nicht begangen haben und setze
dir, o Welt, für alle diese Untaten meine grosse und heftige Reue entgegen. Wer
dir lebet, der stirbet. Dein Lachen bringt Tränen, dein Tanz einen traurigen
Ausgang. Dein Paradies weiss von keinem Apfel der Unschuld, und in deinem Himmel
scheinen keine Stern. Deine Sonne ist allezeit dunkel und dem Monden an der
Abwechslung gleich. In deiner See fänget man faule Fische, und wer in deinen
Wäldern jaget, wird plötzlich von einem Fuchs gebissen. Dein Stolz und Hochmut
fällt so geschwind, als er steiget, jedoch bleibt er, was er allezeit gewesen,
nämlich Wind und Eitelkeit. Der Strom deiner Traurigkeit fliesst allezeit mit
Krokodiltränen, und deine Wahrheit ist nur bloss unter dem Titul der Unwahrheit
vollkommen. Deine Weisheit ist gläsern, aus welchen sie auch trunken wird; aber
die Tochter und Mutter sind von einerlei Gebrechlichkeit. In dir ist es allezeit
Winter, und darum gehest du vielleicht ohne Unterlass im Wolfs- und Fuchspelz,
welchen, auf dass er nicht scheine, was er ist, du mit Schafshaut überziehest. O
Welt, ich scheide aus dir und will mit deiner Gemeinschaft nichts mehr zu tun
haben.
    Du versprichst deinen Dienern ein ewiges Leben; aber sie merken nicht, dass
dieses Versprechen weit ärger als der bitterste Tod ist. Du lockest sie, indem
du vorgibst, ihnen herrliche Pyramiden aufzubauen; aber indem sie diesen
zauberischen Werken folgen, kommen sie endlich an die Brandsäule, an welcher
ihre ewige Wohlfahrt eingeäschert wird. Du versprichst ihnen Freiheit, und indem
sie solcher geniessen, werden sie nicht gewahr, an was vor harte Bande du sie
angefesselt hast. Die durstigen Weltkinder wallen zu deinem Keller; aber dein
vermeinter Nektar ist nur vor die unglückseligen Lippen bereitet. Dein
Sonnenzeiger ist schön und zierlich vergüldet; aber ich sehe daran keine Drei,
will sagen Treu. Diese Treu und alte Redlichkeit als zwei verwandte Brüder und
Gesellen haben zwar in dir das Handwerk gelernet; aber anitzo sind sie
verwandert und sind nit mehr in dir zu finden. Ich bleibe zwar in, aber doch
nicht bei dir, denn es ist ein anders, in der Welt, ein anders, von der Welt
sein. Dein Himmel scheint zwar allzeit klar, aber nur denen, welche blind sind.
Du bist ein glückselige Spielerin, weil du uns Menschen oft durch einen einzigen
Anblick das Herz abgewinnest, und wer solches bei dir versetzet, hat eine harte
Auslösung zu fürchten. Du bist zwar eine Herberge, aber nimmest die nicht auf,
die es gut meinen. Du willst keinen redlichen Gast, herentgegen gibst du den
Meineidigen den grössten Raum, und [die] das Spiel am besten zu karten wissen,
die setzest du obenan. Die Einfalt muss dein Hausknecht sein und die Demut deine
Küchenmagd. Alle Tugenden brauchest du zu geringen Lappen, und an solche wischen
die Weltkinder ihre Schuhe. Die alten Gesetze findet man nicht mehr auf deiner
Tafel geschrieben, und wo es in deinem Vermögen stünde, rissest du die Sonne von
dem Himmel, damit sie deine häufige Fehler nicht verriete. Bei den grössten
Völlereien bist du gesund, und tut dir erst alsdann dein Haupt wehe, wenn du
über dich sehen solltest, dein ewiges Heil zu betrachten. Deine Ärzte, o Welt,
wissen von keiner Krankheit und sehen erst alsdann, dass der Mensch sterblich
sei, wenn er tot ist; und also werden deine Diener zweimal begraben: nämlich
einmal in die Erd und vors ander in die Höll.
    Du bist freigebig genug; aber wem du gibst, der verlieret gemeiniglich den
besten Schatz. Die Hoffnung ist in dir, o Welt, zwar ein Acker; aber man findet
keine Frucht darauf. Du bildest dir ein, nur alleine weise zu sein, und in
diesem Wahn unterstehest du dich, o gottlose Welt, den Werkmeister zu tadeln,
der dich gemacht hat. Deine Friedenfahne ist zwar von ferne schön und weiss; aber
wenn man sie in der Nähe betrachtet, so sieht man die roten Blutfäden, mit
welchen sie allentalben durchwirket ist. Du speisest deine Kinder allerdings
wohl. Hungert sie, so trägest du Brot zu, steckst ihnen aber endlich einen
solchen Brocken ins Maul, an dem sie entweder ersticken oder welchen sie nicht
vertragen können. Durstet sie, so tränkest du sie so lange, bis sie endlich
ertrunken sind. Du säuberst sie auch gleich einer obsichtigen Mutter; und damit
kein Ungeziefer auf ihrem Haupt niste, so ziehest du ihnen die Haut über die
Ohren ab. Wie manchem hast du so lange gelocket, bis du ihn an den Galgen
gebracht? Wie vielen hast du dein Glücksrad gezeiget und ihnen statt desselben
das Galgenrad geschenket? Wie vielen hast du gute Winde versprochen, und indem
sie ihre Segel gegen dieselbe aufgespannet, haben sie so lang glückselig
geschiffet, bis sie endlich in dem Port erschröcklichen Schiffbruch gelitten!
    Deine Redekunst hat nur deswegen Blumen erfunden, auf dass man den Stachel
und die Dörner nicht davor sehen sollte. Deine Poesie reimet zwar in den
Cäsuren, aber nicht in dem Herzen überein. Deine Optica oder Sehekunst schliesst
allezeit das Auge zu, mit welchem sie nach der Wahrheit sehen sollte. Deine
Musik, so lieblich dieselbe auch angestimmet wird, geht doch allezeit auf ein
Ach und Wehe aus. Auf deinen Instrumenten, so künstlich du auch darauf spielest,
sieht man doch allezeit bei dem Ausgang alle Saiten gesprungen. Deine
Disputierkunst ist wahrhaftig keine andere, als aus vernünftigen Menschen
unvernünftiges Vieh zu machen. Deine Weltweisheit verspricht erst in dem
hundertsten Jahr die Klugheit; weil aber wenig von deinen Schülern ein solches
Alter erleben, sterben die meisten in ihrer Torheit. Deine Teologie redet zwar
von GOTT, aber nicht mit GOTT, das ist, du betest selten oder gar nicht, sondern
suchest nur unnötige Scrupel, dadurch du das Allernötigste, nämlich deine
Seligkeit, versaumest. Deine Rechtsgelehrten sind niemalen geschickter, als wenn
sie Unrecht tun sollen. Deine Medici versprechen dir ein langes Leben, welches
sie sich doch selbst nicht geben können. Deine Rechenkunst bestehet in lauter
Nullen. Die Baukunst ist in dir hochgeschätzt, denn du hast die Luft zum
Fundament, darein du deine allerherrlichste Gebäude setzest. Im Erdemessen bist
du so beflissen, dass du darüber den Himmel vergissest. Die drei Schwestern
Fides, Spes und Charitas wollten dich zu ihrem Bruder machen und mit sich ins
wahre Vaterland führen. Weil du sie aber verstossen, so hast du auch zugleich den
Weg verloren, dahin sie dich begleiten wollen.
    Siehe, o Welt, alle diese Unarten hegest du; wer sollte dich eine
glückselige Mutter nennen? Also fährest du deiner Geburt mit. O unglückselige
Söhne! Wer in deinem Schosse sitzet, ist unruhig in seiner Ruh, unglückselig in
der grössten Glückseligkeit, geht irr auf dem allergebahntesten Weg, wird
ausgeraubet unter den besten Freunden, schlüpfet auf dem besten Pflaster und
nimmt in dem allergesundesten Trank Gift zu sich. Hat zwei Augen und sieht mit
keinem, und der ihm den Star stechen will, brauchte der Cur nötiger als sein
Patient. O Welt, so verkehret geht es in deinen Grenzen zu! Wer sollte dich
lieben, wer sollte nach dir Verlangen tragen?
    Ich kam in dich als ein Schnee, ich gehe aus dir als ein Mohr. Ich fühlete
keine Lust; aber da mich deine falsche Lippen küssten, brannte ich wie Feuer, und
da ich dich bat, du solltest löschen, hast du statt des Wassers Öl in mein Herz
gegossen, dadurch sich die Flamme nur vermehret hat. Ich wollte in dir lernen,
meinem Nächsten zu helfen, so hast du mich gelehret, ihn zu betrügen. Ich wollte
sehen, wie ich dem Bedürftigen mit hülfreicher Hand beistünde, so hast du mir
gezeiget, wie ich ihn um alles bringen sollte. Ich begehrte von dir zu wissen,
wie ich recht verträulich sein sollte, so hast du mich gelehret, wie mein Gemüt
gleisnerisch zu verbergen sei. Ich wollte in dir den Mantel der wahren Einfalt
umnehmen, so weisest du mir, wie ich ihn nach allen Winden wenden und drehen
sollte. Siehe, o Welt, so hast du deinen Schüler verführt, ich bin dir keinen
Schuldank schuldig. Ich wollte von dir wissen, wie man die Hungerigen speisen,
die Durstigen tränken sollte, so sagtest du, ich solle mein Sach alleine
verzehren. Ich wollte in die Kirche Geld geben, so hiessest du mich solches in
die Weinhäuser tragen. Ich wollte dem Hungerigen mein Brot brechen, du hiesst
michs vor die Hunde werfen. Ich wollte meinen Nächsten loben; aber du
verwandelst mir die Lobrede in eine Schmach.
    Du, o falsche Welt, warest zwischen meinem Herzen und der Zunge die
Schiedmauer, darum redete ich anders, als ich gedachte, und gedachte anders, als
ich redete. Wollte ich süssen Wein einschenken, so mengtest du Salz ins Geschirr.
Alle Reden meines Nächstens legtest du mir anders aus, als er sie gemeinet hat.
Also zerrüttest du meinen Kopf ohne Unterlass, auf dass du mich dir in allem
gleichförmig machen könntest. Ich wollte von dir die Sternseherkunst lernen;
aber du hebtest dein Haupt nicht gen Himmel. Dein Calender bestund zwar in einer
kurzweiligen Fasnacht; aber wer diese Kunst etwas vorsichtiger erwogen, sah, dass
es nur eine immerwährende Marterwoch der frommen Gemüter war. Post Bacchanalia
jejunium! Gedenke doch, o Welt, dass, obwohl du eine stete Fasnacht celebrierest,
dennoch nach dieser, es sei gleich lang oder kurz, eine Fasten, und zwar welche
ich dir nicht wünschen will, die ewige, folgen wird. Da wird es leere Schüssel
abgeben. Die Laute, auf der du so frohe und üppige Lieder gespielet, wird da
gesprungen und alle Saiten abgerissen sein. Anstatt dieser kannst du die
Schlangen der Medusæ aufspannen. Dein Trank, ob er dir gleich anitzo wohl
schmecket, wird allda nicht allein die Farbe, sondern auch den Geschmack
verwechseln; und weil du, o Welt, bei dem Trunk gleichsam hier auf Erden
angepappet sitzest, so wird dir dort nicht unbillig Pech eingeschenket werden.
Ich bin in dir genug gemartert, genug gepeiniget worden, nun ist es Zeit, dass
ich dir deine Gebrechen vorwerfe und in Erkenntnis derselben dir zugleich absage
und dich aus meinem Herzen verbanne. Darum lebe nochmals wohl, und so ich etwas
vergessen, welches deiner Unart hiermit hätte sollen vorgeworfen werden, so ist
solches aus einem billigen Abscheu geschehen, welchen meine Zunge vor deinen
Lastern hat.«
 
                                 XXII. Capitul.
                     Er hat im Wald allerlei Anfechtungen.
All diese Wort und hier geschriebene Zeilen redete ich voll Seufzen und Reue in
ebendem Zimmer, darinnen ich zuvor so vielerlei Freude genossen, und hatte auch
zu solchem Wehklagen allerdings grosse Ursache. Denn wenn ich mir vor Augen
stellete die grosse Seelengefahr, in welcher ich dazumal gesetzet war, war es
höchst nötig, mich mit einer wahren Andacht dem plötzlichen Verderben zu
entreissen. Ich habe zwar ehedessen gemeinet, an der schönen Liesel einen grossen
Fisch zu fangen; aber ihre vermeinte Holdseligkeit hat anstatt des Honigs
bitters Salz gegeben, und ich habe erst mit später Reue erfahren müssen, wie
sehr mich ihre Gestalt verführet hat. So eine kurze Zeit wir beisammen gewohnet,
so viel hat sie eine durch ihre Fahrlässigkeit verdorben, also dass ich erst den
Schaden alsdann fühlete, wie nicht mehr zu helfen war; und aus dieser Ursache
ward ich mächtig gewitziget, mich nicht leichtlich mehr anzubrennen, sondern
stellte mich vielmehr dem Esel gleich, welcher nach gebrochenem Beine nicht mehr
aufs Eis geht. Darum, so tat ich nun mit Gewalt zu der Sache, damit alles zum
erwünschten Anfang gelangen möchte. Die Geigen, Fletten und andere musicalische
Instrumenten liess ich teils auf dem Schloss, teils brachte ich sie auch in die
Einsiedlerei, mich durch dieselbe bei trauriger Zeit in etwas zu erfrischen.
Meine Bücher stellte ich in der Klausen rings um mich, also dass ich mit
denselben gleichsam verbauen war. Also ging ich nach Beurlaubung aller meiner
Bedienten mit dem Page in den Wald, weil er sich gleich mir vorgenommen hat, ein
einsiedlerisches Leben zu führen und der Welt gänzlich abzusagen. Aber sein
Vorsatz dauerte nicht gar zu lange, denn als er das vorige Maulfutter nicht mehr
hatte und noch dazu anstatt des guten Bettes auf blosser Erde vorliebnehmen
musste, schwitzte er die vorgehabte Andacht bald wieder aus, also dass ich ihn
etliche Wochen darnach wieder zurücklassen und dem Schreiber auf dem Schloss
vor einen Mitelfer in der Canzelei übergeben musste, allwo er das Seinige
verrichtet. Er brachte mir nichtsdestoweniger vielmal das Essen in den Wald, und
dort tat er mir gemeiniglich Relation, was passierte, welches ich auch zum Teil
aus des Schreibers Briefen verstanden habe.
    Dazumal habe ich mich Herrn Philippens erinnert und wie wunderlich es ihm in
seiner ehmaligen Einsiedlerei mit seinem Bau gegangen; auch gedachte ich, dass
ein solches Leben, wie ich führte, die allerbeste Art vor diejenigen Menschen
wäre, die da in öffentlichen Schimpf und Schand geraten. Denn ich war
allentalben herum mit überwachsenen Bergen umfangen, allwo ich in einem Loche
stackte, das der tausendste Mensch ohn sonderliche Mühe nicht leichtlich würde
gefunden haben. So hatte ich über dieses etliche Löcher in die felsichte Erde,
darinnen ich mich gleich einem Fuchs verstecken und verbergen können,
[gegraben]. Frühmorgens ging ich gemeiniglich eine halbe Stund von meiner
Klausen in eine alte Kapellen, daselbst meine Andacht abzulegen. Von dar ging
ich wieder zurücke und speculierte sowohl in dem Hin- als Hergang von lauter
heiligen Sachen, absonderlich aber von der Eitelkeit der Erden, welche Gedanken
ich hernach aufs Papier brachte und zum Teil auch diese Histori von Capitul zu
Capitul aufzeichnete, weil ich zu solchem die höchste Ruhe und Gelegenheit
hatte. Wenn ich vom Schreiben ermüdet war, nahm ich die Schaufel und Hauen,
damit wurf ich einen Graben auf, welcher rings um meine Klause herumging.
Unterweilen badete ich mich gleichwie vorhin in dem angenehmen Bächlein. Also
vertrieb ich die Zeit mit allerlei Abwechslung, die ich sowohl in der Musik,
Fischerei, Malerei und Lesung der Schriften gesuchet habe. Und weil ich von
beiden Schlössern aus mit genugsamen Victualien versehen worden, unterliess ich
sodann, weitschweifig auf die Dörfer herumzuterminieren, wie denn mein weitester
Weg sich nirgend als zu der vorbesagten Kapell erstreckte, dahin ich mich
täglich Andachts wegen verfügte.
    So sehr ich mir aber zuvor vorgenommen habe, dem zeitlichen Tand gänzlich
Urlaub zu geben, so dachte ich doch immer zurücke an die alten Zeiten und wie
lustig ich oftmals in der Welt gewesen. Bald reuete es mich, dass ich ein
Einsiedler geworden, indem ich doch ein Cavalier von so stattlichen Mitteln wäre
und meine Güter solchen Leuten überliesse, die es nicht wert wären. »Wäre es
nicht besser,« sagte ich zu mir selber, »dass du dich aufs neue verehlichtest,
eine hübsche Dam zum Weib nähmest und mit ihr einen Erben zeugtest, der nach
deinem Tode dein rechtmässiger Erbe wäre? Allein,« sprach ich wieder, »es ist nur
ein blosser Einwurf. Ob deine Güter dein Kind oder ein Fremder erbet, es bleibt
doch einer sowenig als der ander ewig auf der Welt; und vielleicht dörft es
deinem Kind ärger auf denselben gehen, als es dir gegangen ist. Ein Mensch, der
sich überwinden will, muss sich in einem rechtschaffenen Stücke überwinden; und
nun hast du die allerbeste Gelegenheit, der Nachwelt zu zeigen, dass du in der
Liebe, so dich zum Himmel geleitet, nicht geheuchelt hast. Wird dieses vor ein
grosses Stück zur Vollkommenheit geschätzet, wenn ein armer Student, der in der
Welt nichts mehr zu nagen noch zu beissen hat, endlich in ein Kloster geht und
ewige Armut zu ertragen schwöret, da er doch ohnedem nicht reich ist, wieviel
mehr wird es dir zuträglicher sein, wenn du deine rechtmässige Güter verlässest,
die Einkünfte derselben den Armen mildiglich austeilest? O Wolffgang,« sagte ich
weiter, »du hast in diesem Fall einen ungemeinen Streit, aber auch in der
Obsiegung eine ungemeine Krone zu hoffen, mit welcher nur solche Häupter
gekrönet werden, die es würdig sind.
    Was hilft es dich, ob du gleich noch vierzig oder funfzig Jahr all dieses
deines Reichtums in vollen Freuden geniessest? Ob du gleich in der Liebe des
vollkommensten Frauenzimmers eine solche Zeit hinbringest? Es kommt doch endlich
nach schönem Mittag der Abend; und die Sonne, welche man in ihrem Aufgang heftig
angebetet, geht oft mit schlechter Ehre derjenigen unter, von welchen sie kurz
zuvor so eifrig verehret worden. Der Tanz währet nicht so lang, es kommt doch
endlich der Kehraus; und alsdann würde es dich reuen, dass du diese Zeit dir und
deiner Seele zum Besten nicht anders angewendet hättest, die dir anitzo so gute
Gelegenheit gibt, deinem Heil nachzustreben. Es ist zwar auch keine Sünde, sich
seiner Güter bescheidentlich zu gebrauchen; aber wer ist der und wo ist er
anzutreffen, der bei so guter Gelegenheit nicht sündiget? Darum hasse ich nicht
die Güter, sondern vielmehr die Gelegenheit, welche sie zum Fehler oftmals
demjenigen an die Hand geben, der nicht darnach gereiset. Eine schöne
Weibsperson ist zwar heftig zu lieben, aber ihre Küsse kommen mit den Winden,
und mit diesen gehen sie auch wieder in die Luft. Ihre Liebe hänget in dem
Monden, und dannenhero verwechselt sie sich so oft, als jener sein Licht
verändert. Du bist gewitziget genug und weisst wohl, wie sehr dich die schöne
Liesel gefangen hatte; aber sie wurde dir aus einer Liebhaberin zur Henkerin,
aus einer Schönen zur Grausamen, aus einer Gewogenen zur Feindin, aus einer
Mutter zur Stiefmutter, aus einer Getreuen zur Verräterin, mit einem Wort: aus
dem Leben zum Tod. Wer schätzte sich in der erste vergnügter als du? Aber wer
war hernach auch elender als du? Wer war in der erste glückseliger als du? Und
wer war hernach betrogener als du? Siehest du, was dir hie begegnet ist, das
könnte dir leichtlich wieder begegnen. Wer wär alsdann geplagter als du? Drum
bleibe lieber bei deinem vorgenommenen Zweck und lasse einen andern das Unglück
erfahren, in welchem du allgemach bis über die Ohren gestecket hast.«
    Dieses waren meine Ein- und Gegenwürfe, welche ich gemeiniglich dazumal in
Gedanken hatte, wenn ich auf der Viol di gamba spielete. Unterweilen kamen mir
auch andere Grillen, nachdem das Wetter oder die Zeiten waren. Das beste war,
dass ich zu solchem Leben kein Votum oder anders Gelübde getan, sonst würde ich
ohne allen Zweifel grosse Anfechtungen ausgestanden haben. Widrigenfalls hatte
ich allezeit noch Gelegenheit und Recht genug, wieder aus der Eremiterei zu
gehen, ein Weib zu nehmen und also aller dieser Güter wieder zu geniessen, die
ich dermalen verlassen hatte. Aber weil ich nunmehr schon unter diejenigen zu
zählen war, die ihre beste Jahr allgemach zurückgeleget haben, liess ich mich
endlich von diesen Grillen nicht viel mehr anfechten und überwand mich endlich
dergestalten, dass ich mir selber ganz feind wurde. Sooft ich ein Blatt von den
Bäumen fallen sah, erinnerte ich mich des Todes. Sooft ich das Feuer erblickte,
stellete ich mir die Hölle vor Augen. Bei Aufgang der Sonnen betrachtete ich die
Auferstehung der Toten, bei dem grossen Waldsturm und heftigen Winden den
Untergang der Welt. Durch das Brummen des wilden Viehes bildete ich mir ein die
Widerwärtigkeit der Menschen, da einer dem andern bald an seiner Ehre, bald an
seinem Namen angreift, ausschandiert und verlästert. Der häufige Regen ermahnete
mich an die höchstnötige Busstränen; die aufsteigende Berg- und Holznebel
bildeten mir ab den schröcklichen Sündengestank, der von uns Menschen gegen dem
Himmel steiget.
    Und in solchen Betrachtungen verbrachte ich eine geraume Zeit im Wald, bis
ich des einsamen Lebens ganz gewohnet war. So sehr ich nun bei Mitteln gewesen,
lebte ich doch keinesweges also, wie ich wohl hätte tun können. Denn was wäre
dieses vor eine Einsiedlerei gewesen, so ich mich ebenso kostbar wie zuvor hätte
tractieren wollen. Solchergestalten hätte ich nicht mein Leben, sondern nur den
Ort meiner Wohnung verändert und hätte billig ein Faulenzer als Einsiedler
können genennet werden, der nur deswegen in dem finstern Wald sässe, dass er
schlafen und seine billige Geschäfte von sich ablehnen möchte. Aber nein, ich
tat deren keines, sondern schlichtete, obwohlen abwesend, meine Hausgeschäfte,
soviel möglich, und speisete mich ausser Brot und Wassers nur unterweilen mit
hartem Käse; und wenn ich ein Fischlein aus dem Bache gezogen, so war solches
meine allerköstlichste Mahlzeit. Also mortificierte ich meinen Leib täglich und
wurde endlich so zaundürre, hager und mager, dass mich auch die nicht mehr
gekannt haben, die am öftern bei mir gewesen sind. Endlich entschlug ich mich
auch derer, die mir das Brot vom Schloss brachten, und weil mir der Weg zu der
Kapelle etwas zu weit war, bauete ich endlich meine Klausen dahin; und von
daraus hatte ich auch bessere Gelegenheit, mich auf der Höhe herumzusehen, allwo
ich unter den schattenreichen Bäumen manche Stund mit Lesung eines Buches
passieret und hingebracht habe.
 
                                 Sechstes Buch
                                  I. Capitul.
 Wolffgang bestellet sein Hauswesen, begibt sich in Tirol, kommt alldort hinter
                           ein wunderliche Geschicht.
Diese Schrift, ob sie wohl nicht allzuweit noch umschweifig ist, eilet dennoch
zum Ende, weil mir niemalen etwas besser gefallen, als wenn ein
Historienschreiber fein kurz durchgehet und sich weder in dem Lob noch in der
Tadlung einer Sache gar zu lange aufhältet. Soviel ich mich entsinne und
gegenwärtiger Augenschein mit sich bringt, hab ich ein gleiches begonnen und
nichts davon noch zu der Materie getan, was nicht vonnöten war. Meine erzählte
Laster sind meistenteils von mir geflossen; und darum wird ausser mir schwerlich
jemand sagen können, dass ich ihn getroffen habe. Also ist mir wohl erlaubet,
mich selber durchzuziehen und alle diese Flecken zu erzählen, mit welchen ich
behaftet war. Und also will ich diese satirische Schrift vollenden, damit keiner
über mich noch meine spitzige Feder klagen kann.
    Einsmals, als ich voller Sorgen sass, den lieblichen Waldvögelein zuhörend,
verwunderte ich mich über der Nachtigall, dass, ob es gleich von aussen ein
ungestaltes Tierlein, dennoch von solcher Eigenschaft wäre, den Menschen mit
ihrem annehmlichen Gesang trefflich einzunehmen. Ich bildete mir dadurch ab die
innerliche Beschaffenheit manches Menschens, der zwar äusserlich liederlich
scheinet und innerlich doch ein lebendiger Geist voll Glauben und guter Werke
ist; und daher bekam ich die Gelegenheit, das Welturteil zu tadeln, welches nur
nach dem äusserlichen Schein zu richten pfleget. »Oh,« sagte ich, »wie ist doch
mancher Mensch eine Nachtigall, welchen doch sein Nächster vor einen Mohren
ansiehet. Wie mancher ist entgegen ein schwarzer Rabe, welchen die blinde Welt
vor einen Engel hält!« Und indem ich also der Wahrheit nachforschte, kamen
Unterschiedliche von Adel und andere Bekannte, welche sich entschlossen hatten,
mich in dem Walde zu besuchen. Diese Heimsuchung, ob sie mir schon nit angenehm
war, so war sie mir doch auch nicht gar zuwider. Doch weil ich der Welt nunmehr
vergessen und meine Affecten ganz verloren hatte, kam mir ein und andere
Unterredung, die sie mit mir gepflogen, gar zu weltlich vor. Entschloss mich
also, noch selbigen Abends meine Wohnung aufs neue zu verlassen und mich an
einen solchen Ort zu begeben, da mich kein Mensch mehr kennte. Denn der Zulauf
mehrete sich fast von Tag zu Tag, und je mehr meine Lebensart in dem Land
bekannt war, je mehr besuchten mich in der Klause, also dass sich auch endlich
gemeine Bürger und Bauern gelüsten liessen, mich zu besuchen und zu sehen, was
vor ein Leben ich in dem Wald führte.
    Ich eilete demnach in der Stille gegen dem salzburgischen Gebirg, von dar in
Tirol zu gehen, weil selbige Gegend eine unter den bergreichesten in ganz
Teutschland berufen ist. Solch mein Vornehmen liess ich niemanden als dem
Studenten mit diesem Inhalt zurück: Lieber Freund, betrübet Euch nicht, so ich
Euch von meinem Hinscheiden in das salzburgische Gebirg berichte, denn Ihr wisst,
dass die Sonne, welche heute in das Meer sinket, morgen wiederum aufgehe. Solche
Reise kann ich um soviel desto besser verrichten, weil ich weiss, dass ich Euch
als einen sorgfältigen Haushalter über alle meine Güter zurückgelassen. Der
Anlass zu solcher Reise ist der grosse und öftere Zulauf des gemeinen Landvolks,
welches zu mir als einem unerhörten Spectacul in die Wüsten kommet und mich nit
mit weniger Unzufriedenheit an der Andacht verstöret. Lebet wohl und erhaltet
das Lob, welches ich Euch als einem guten Haushalter billig geben muss. Komme ich
wieder zurück, so werdet Ihr solches zum ersten erfahren, gleichwie Ihr anitzo
alleine berichtet seid, was mein Vorhaben ist. Ich befehle Euch nochmalen alle
Sachen und absonderlich das Gesind in gute Obsicht, auf dass ich Euch in eben
einem solchen Vergnügen wiederfinden kann, als ich Euch verlassen habe. Lebet
wohl!
    Dieses Schreiben überschickte ich ihm noch zu guter Letze und liess mir
zugleich alle meine Kleinodien in den Wald bringen, die er in Verwahrung hatte.
Ich nahm von diesen samt den Gold- und schönen Silberstücken so viel mit mir,
als ich in dem untersten Saum meines Rockes vernähen konnte, und also nahm ich
von dem Studenten Urlaub, welcher persönlich bei mir in dem Wald gewesen,
daselbst anzuhören, was etwan in einem oder dem andern zeit meines Abseins auf
beiden Schlössern würde vonnöten sein. Also liess ich ihn zurück und behalf mich
auf meiner Reise meist mit Bettelgehen und kehrte nirgend als in den Klöstern
oder auf Pfarrhöfen ein, weil entweder mein damaliger Stand oder aber meine
geistliche Gedanken keine andere Herberge duldeten. Ich erlangte endlich meinen
Zweck; und nachdem ich durch den Lueg (welches ein sehr enger Pass ober Gollingen
an der Salze ist) gekommen, satzte ich mich in ein finsteres Gebirg und nahm mir
vor, ehestens eine Wallfahrt nach Rom zu tun. Ich bauete alldorten eine neue
Zell und versah mich mit solchem Hausrat, dessen ich nicht entbehren konnte.
Wenn ich unterweilen auf einem einschichtigen Bauerndorfe einen grossen Laib Brot
kaufte, so war solche alle meine Speise, derer ich in einem Monat genoss. Aber
das Bergwasser, so ich trank, machte mir nicht allein ziemliche Hitze, sondern
noch dazu einen grossen Kropf, welches in selbigen Landen nichts Ungemeines ist.
Solche Ungestalt, ob es mir gleich seltsam und ungewöhnlich war, achtete ich
doch nicht gar viel, weil ich wohl wusste, dass nicht der Leib, sondern die
Reinlichkeit der Seele am meisten müsste gepfleget sein. Und weil ich das Wasser
nicht anders haben konnte, musste ich solches nach seiner Art wirken lassen,
soviel es wollte. Denn ich war entschlossen, mich etwan so lang allhier zu
entalten, bis das Geschrei wegen meiner Einsamkeit in meinem Lande in etwas
würde verschwunden sein, weil der Pöbel zu den neuen Sachen sehr begierig ist
und ich also, wie daroben gemeldet, ohne allen Zweifel fast täglich in dem Wald
an meinem Vornehmen wäre verhindert worden. Die Donnerwetter, welche an diesen
Orten nichts Ungewöhnliches sind, waren mir in der erste erschröcklich zu hören,
dabei ich mich erinnerte an den Zorn des Jüngsten Gerichts, und wie mit einem
schröcklichen Krachen die Erde im Feuer wird verzehret werden. Auch dass die
verdammten Seelen zwischen solchem grausamen Krachen in die ewige Glut
hinunterstürzen sollen. Und durch dergleichen Gedanken munterte ich mich zur
Andacht auf, bis ich nach abgewichenem Sturm mir zugleich die Lieblichkeit
einbildete, welche die Kinder des ewigen Lebens nach so vielem ausgestandenen
Kreuz und Verfolgung dieser Erden würden zu geniessen haben.
    Einsmals, als es auch erschröcklich gewittert hatte, kam eine Mannsperson
gegen meiner Hütte gegangen, welche ich in der erste vor einen Beckenknecht
angesehen. Er war an seinen Kleidern tropfnass und hatte zu tun, dass er mit
seinem schlechten Röcklein den Leib decken konnte. »O Freund,« sprach er, sobald
er mich vor meiner Klause sitzen sah, »ist eine Barmherzigkeit in Euch und habt
Ihr einzige Erbarmung über Euren Mitchristen, so nehmet mich heute nacht in Euer
Klausen, damit ich allda ruhen und morgen meinen Weg weiter nehmen möge.« Diese
Wort verwunderte ich zweierlei Weis. Erstlich, weil ebendieser fremde Mensch
Herr Dietrich war, der neulich mit Christophen in Italien gegangen, vors andere,
weil ich mir nicht einbilden konnte, welches Unglück ihn in diesen überaus
schlechten Habit gestecket. Und weil er mich teils wegen lang gewachsenen Barts,
teils auch wegen des Kropfes nicht erkannte, war ich um so viel begieriger, ihn
in meine Klausen zu führen und daselbst seinen wunderlichen Zustand anzuhören,
mich auch nicht ehe zu offenbaren, bis ich eigentlich erfuhr, wie er sowohl in
dieses Elend als auch von der Gesellschaft Herrn Christophens geraten.
    Er satzte sich nach wenigen Complimenten, deren er sonsten ziemlich pflegte,
an das Tischlein, und als er sich daselbst voll Mattigkeit auf die Bank
gestrecket, fing er an folgends zu erzählen: »Andächtiger Freund! Wem zu wohl
ist, der geht auf das Eis und bricht ein Bein. Dieses Sprüchwort, ob es wohl von
dem Esel gesagt wird, kann doch mit billigem Recht auf viel Menschen gezogen
werden, welche da ausser ihrem ordentlichen Beruf wandeln und unversehens auf der
Strasse straucheln, dahin ihr Gang nicht lenket. Wisset demnach, dass ich solches
mit eigenem Exempel ohne fernern Umschweif bezeugen kann. Mein Geburt ist hoch
genug, und habe die Ehre, mich vor einen vom Adel eines alten Geschlechts in
Teutschland zu rühmen. Ich lebte auf meinem Gut in höchster Zufriedenheit.
Nachdem mir aber meine Frau mit Tod abgegangen, habe ich mich zwei Jahr hernach
gelüsten lassen, mit noch einem meiner besten Freunde das weltbelobte Italien zu
besehen und unsere Zeit daselbst im höchsten Vergnügen hinzubringen. Es kam auch
endlich zur Abreise, und nachdem ich sowohl als er unsere Güter und Kinder,
deren jeder dreie hat, den Aufsehern befohlen, begaben wir uns mit zweien
Dienern und einem Page auf den Weg, kamen auch endlich in Venedig glücklich an
und besahen das ganze Land mit sonderlicher Zufriedenheit.
    Nachdem wir letztens auf der Herausreise wieder in Venedig kamen, wurden wir
daselbst zu einer überaus schönen Weibesaperson geführet, derer Schönheit ich
Euch nicht genugsam entwerfen noch vorstellen kann. Die Kupplerin, so uns dahin
gewiesen, gab sie vor eine vornehme Standsperson an, und ich liess mich gelüsten,
etwas freier mit ihr umzugehen, als ich gesollt habe. Sie war dennoch durchaus
nicht zu meinem Willen zu bringen, es sei denn, dass ich ihr die Ehe zusagte und
dass ich sie mit mir auf meinem Pferde in Teutschland nehmen wollte. Ihr könnt
gedenken, in was Verzweiflung ich damals geraten, indem ich ihr alles zugesaget
und schriftlich versichert, was sie von mir [v]erlanget hat. Aber: o wie wurde
ich betrogen! Ich kam endlich mit grossem Schrecken meines Freundes dahinter, dass
sie die allerleichtfertigste Putana in der ganzen Stadt gewesen, die so viel
unschuldige Herzen betrogen und verführet hat, so viel mit ihr zu tun gehabt
haben.
    Diesem Übel zu entfliehen, entschlossen wir uns beide, heimlich
davonzuwischen, eileten also aus dem Land, so geschwind es sein konnte; und weil
wir uns in diesem Stück mehr geforchten haben, als vonnöten war, verirrten die
Diener samt meinem Freund wegen schnellen Laufes der Pferde dergestalten, dass
weder ich sie noch sie mich mehr antreffen können. Ich kam nun auf der Strasse in
eine Herberg, darinnen vielleicht mehr Diebe als Scheiben in dem Fenster waren,
denn in der Nacht wurde mir aus der Kammer nicht allein das Kleid, sondern auch
aus dem Stall das Pferd samt aller Zugehör gestohlen. Ich hatte von grossem Glück
zu sagen, dass mich der Wirt nicht gar ermordet, weil er überaus zornig war, da
ich von ihm Rechenschaft foderte. In solchem Zank wurf mir sein Weib diese
Lumpen zu, und ich war froh, dass ich wenigst vermittelst dieser meiner Gefahr
entweichen konnte. Also gehe ich in grosser Irre und Unmut herum, und quälen mich
teils die innerlichen Gedanken wegen der leichtfertigen Betrügerin, vors andere
peiniget mich zugleich äusserlich das grosse Elend, da ich aus Manglung aller
Lebensmittel zu betteln gezwungen werde. Und dieses ist also der kurze Verlauf
meines Geschickes, welchem ich ganz frevelhaft in beide Arme gelaufen bin.«
    »Ihr habt mir«, sprach ich zu ihm, »genugsam erzählet, aber wisset Ihr auch
noch, wie treulich ich diese Reise widerraten habe?« - »Was,« sagte er, sich von
der Bank erhebend, »habt Ihr mir diese Reise widerraten?« - »O Dietrich,«
antwortete ich, »weisst du noch denjenigen Abend, da wir uns in der Au so
fröhlich erzeigten?« Hiermit gingen ihm die Augen auf, und er fiel mir gleichsam
voll Tränen um den Hals. »Sei gegrüsset, o du herzliebster Bruder!« sprach er
darauf, »wie kommst du hieher in diese schreckliche Wildnis?« Hiermit bat ich
ihn, niederzusitzen, und alsdann erzählte ich ihm von Anfang bis zum Ende
dasjenige, was er noch nicht gewusst, wie ein sauber Zobel nämlich meine
verstorbene Liesel gewesen, und dass aus Ursach dessen ich eine andere Resolution
geschöpfet und also in diesen Stand geraten wäre. Er lobte etlichermassen mein
Vornehmen, und da [ich] ihm von meinem Reichtum erzählte, welchen ich in meinem
Rocksaum eingenähet hatte, wurde er wieder gutes Muts, denn unsere Güter waren
unter uns gleichsam gemein, und was einer hatte, das hatte der ander auch. Er
machte demnach tausend Kreuz und glaubte festiglich, dass wir untereinander zu
sonderlichen Abenteuern geboren wären. So erfreuet wir aber dazumal waren, so
hatten wir doch keine geringe Sorge um den verirrten Christoph und der anderen
Knechte. Weil es aber unmöglich war, allda nachzusetzen oder sie
auszukundschaften, mussten wir sie dem blossen Glück überlassen und uns indessen
auf Mittel besinnen, wie wir miteinander wieder heimgelangen möchten, weil mir
dieselbige Gegend zur Wohnung nicht mehr anstund, indem zu Winterszeit alle die
Quellen zuzufrieren und die Berge mit Schnee zuzufallen pflegten.
 
                                  II. Capitul.
               Es gibt einen wunderlichen Streit auf dem Weg ab.
Wir machten uns also des folgenden Tages auf den Weg, ein jeder in seinem Habit
bekleidet, weil wir in solchem mit viel geringerer Zehrung als sonsten
durchkommen können. Dietrich wäre zwar lieber zu Pferde gesessen, aber ich
sagte, dass, weil er sich zuvor gelüsten lassen, zu Venedig einen lieblichen Weg
zu gehen, solle er diesen zu seiner Buss sich nicht zuwider sein lassen. Also
bekam er manche Blase auf die Fusssohle und bedauerte vieltausendmal, dass er sich
in Venedig nicht besser vorgesehen. Unterwegens kamen wir in einen grossen
Marktfleck und kehrten alldort in einem Hause ein, allwo man nichts als Geigen,
Pfeifen und Tanzen hörte. Als man uns nun wegen Enge des Raums durch einen
Knecht in den Stall logieret, erzählete uns derselbe, dass dieser Tumult eine
Hochzeit wäre, so ein Kerl wider seinen Willen hätte eingehen müssen. »Es kam«,
sprach er in seiner Erzählung, »neulich eine italienische Frau her, die beklagte
sich gegen der Obrigkeit, dass sie ein Teutscher vom Adel in Venedig gefreien,
ihr auch die Ehe schriftlich versprochen, aber nachdem er sie leichtfertig
betrogen, wäre er unsichtbar, sie aber dadurch veranlasst worden, ihm auf dem
Fusse nachzufolgen. Nachdem sie nun solchen eben hier in dem Markte angetroffen,
bat sie um hülfliche Gewalt, damit, wo der Kerl nicht mit Gutem wollte, er dazu
möchte gezwungen werden. Ist also die Sache so weit kommen, dass sie heute beide
hier im Hause copuliert worden, und dieses bedeutet also die Lust und
Fröhlichkeit, welche allhier vorübergehet. Aber, wie die gemeine Rede geht, so
ist ihr Bräutigam kein Teutscher vom Adel, sondern ein Bandit und Strassenräuber,
der sich gemeiniglich nach begangenem Mord und Raub allhier zu retirieren
pfleget.«
    Diese Rede des Knechtes bestürzte uns ausdermassen, denn wir dachten in der
erste auf Christoph, ob etwan dieser unversehens in die Klappe geraten wäre.
Solches währte so lang, bis wir endlich das Pferd sahen, welches Dietrich zuvor
in der Strassenherberg verloren hatte. Er ging demnach samt dem Knecht von mir
hinweg, den Bräutigam zu besehen, und als er zurückbrachte, dass er ebendiesen
auch in der vorerwähnten Herberge, allwo er so schrecklich bestohlen worden,
gesehen, klagte er ihn bei dem Richter desselben Ortes an, wurde also der
saubere Herr Bräutigam noch an dem Hochzeittische an zwei Ketten geschlossen und
mit unbeschreiblichem Schröcken der Hochzeitgäste in die allgemeine Custodia
geführet. Mir und Dietrichen wurde indessen der Arrest im Wirtshause
angekündiget und bis zu Austrag der Sachen eine Wache vors Haus gestellet. Aber
es kam bald heraus, wie sauber die ehrbare Braut angelaufen, weil er auf gar
viel Bürgerssöhne bekannte, die er ausser diesem Ort erschlagen hatte. Und also
kann es wohl sein, dass, indem er Dietrichs Kleid zu seiner vermeinten Sicherheit
angezogen, er von der Italienerin statt dessen angesehen und also unverhofft
gefangen worden. Welches gemeiniglich denjenigen am allerersten zu geschehen
pfleget, die am allerkünstlichsten damit umspringen wollen.
    Nachdem dem Mörder das Urteil verabfasset, wurden dem Dietrich die geraubten
Kleider samt dem Pferd wieder übergeben, die Italienerin aber mit grossem Schimpf
zur Stadt ausgewiesen. Also betrog sich die Betrügerin selber, und ich musste
mich von Herzen verwundern, dass Dietrich gleichsam auf einen Augenblick zur
Freiheit, der Mörder aber und sein betrogener Schandbalg zum unverhofften Elende
gerieten. Denn so geht es insgemein, dass der, so den andern mit betrügerischer
Vorsichtigkeit erschleichen und ins Garn bringen will, gemeiniglich selber in
die Grube fällt und gar darinnen umkommet.
    Wir reiseten demnach unsern Weg, er zu Pferd und ich zu Fuss, weil uns weder
Not noch andere Angelegenheit zu eilen zwang. Unsere grösste Sorge war nur wegen
Christophens, verhofften doch, dass er samt den Knechten ohne allen Zweifel auf
richtiger Strasse sein würde, liessen uns dannenhero nicht sonderlich deswegen
anfechten und discurrierten unterweges bald von diesem, bald von jenem, wie auf
solchen Reisen der Gebrauch ist. Indem wir also an einem Morgen bei heller Sonne
auf eine Höhe kamen, sehen wir daselbst eine wohlgekleidete Person unter
etlichen Kerlen begleitet gleichsam gefangen gegen uns herführen. »Bruder,«
sprach Dietrich zu mir, »es ist Christoph, denn ich kenne seinen Federbusch. Lass
uns hinzueilen, er ist gefangen worden, und wird ihm nicht viel anders als mir
gegangen sein.« Mit diesen Worten, unter welchen er gleichsam entbrannte, eilete
er unter die Schar, und weil er ein Geschrei machte, gleich als käme noch ein
grosser Hinterhalt, verliessen die Räuber den wohlbekleideten Menschen und begaben
sich zu ihrer eigenen Sicherheit in diejenigen Büsche, welche alldort zwar nit
gar dichte, aber doch häufig auseinander gestreuet lagen. Er hat sie
nichtsdestoweniger mit verschossenem Zügel verfolget und durch seine gute
Obsicht so viel verschaffet, dass er auf dem Weg, welcher sich in
unterschiedliche Gänge gegen dem Hauptwald verteilete, nicht verirret ist. Als
er aber wieder zurückkam, sahen wir beide mit Verwunderung, dass dieser Gefangene
zwar Christophs Kleider anhatte, aber er war es selber nicht, vor welchen wir
ihn gehalten haben.
    Darum war es nötig, in dieser zweifelhaften Sache den gewissen Zustand zu
erfahren, weil Dietrich allgemach mutmasste, gleich als wäre Christoph von
ebendiesem ausgeraubt worden, welchen er durch seine Vorsichtigkeit den Räubern
abgejagt. Aber der Entledigte berichtete uns eine andere Geschicht, dass nämlich
noch vor Tages ein Reisender zu Fuss auf ihn gestossen, welcher diese mit seinen
Bauernkleidern verwechselt hätte. Aus was Ursach solches geschehen, könnte er
nicht erraten; aber das hätte er gesehen, dass er nach seiner Ankleidung eilends
ebendiesen Wald hindurchgelaufen. Er wies uns hierauf mit dem Finger die Strasse,
auf welcher dieser Kleiderwechsel vorgegangen, und setzte anbei, dass kurz darauf
diese Räuber gekommen und ihn vielleicht als den Unrechten gefangengenommen. Die
einfältige Rede und die Geschicht an sich selber nahmen uns die Meinung, die
wir wegen der Untreu dieses Menschens geschöpft hatten, liessen ihn demnach von
uns, und damit er durch sein Kleid nicht in fernere Ungelegenheit geriete, gab
er uns den Hut und Rock um ein billiges Geld mit, und er schlug sich nach
solchem gegen einem Abwege, allwo er berichtet, dass die Strasse etwas sicherer
wäre.
    Als wir ihn aus den Augen verloren, begaben wir uns, voll von Furcht und
zweiflenden Gedanken, auf ebendie Strasse, so uns der Bauer gezeiget hat, und zu
schnellerer Reise satzte mich Dietrich hinter sich aufs Pferd, damit wir sowohl
den Christoph einholen als dem gefährlichen Nachstellen der Räuber entfliehen
könnten.
 
                                 III. Capitul.
Sie stossen auf Christophen, der erzählet, wie es ihm in dem Raubnest mit seinen
                        Knechten und dem Page gegangen.
Nach einer halben Stunde trafen wir an einen andern Bauern, welcher mit seinem
Stecken ganz langsam vor uns hinging, und als wir zu ihm kamen, fragten wir
zugleich um den rechten Weg, bald aus dem Wald zu gelangen. Aber ehe ich michs
versah, schmiss er den Dietrich mit seinem Prügel über den Rumpf. Er wollte nach
dem Pistol greifen, welches er doch kurz zuvor gegen die Räuber losgeschossen,
aber der Bauer fiel ihm bald in die Arme, und sprach er zu ihm: »Was bist du vor
ein ehrbarer Gesell, dass du auf der Strasse so schnell davonreitest und deine
Leute in so grossem Unglücke lässest? Meinst du nicht, dass du dadurch die höchste
Schand davongetragen?« Aus diesen Reden merkten wir, dass es Bruder Christoph
war, welcher diesen Morgen mit dem Bauern die Kleider verwechselt. Und weil wir
voll Verlangen waren, seine Geschicht anzuhören, ingleichem auch zu wissen, wie
es den Knechten ginge, fing er an und erzählete uns in solchem Fortgang folgende
Geschicht:
    »Nachdem du«, sprach er zu Dietrichen, »in dem Wald von uns gekommen, wusste
ich samt den Knechten nicht, wo aus. In dieser Irre vertrieb ich etliche Tage,
bis ich gestern in ein altes Schloss kam, allwo mich der Torwärter berichtet, dass
ein Junger vom Adel innen wohnte, der etliche Vettern bei sich hätte und ein
gastfreier Mensch sei. Es ward bald Abend, und also hörte ich diese Post nicht
ungern, liess mich derohalben bei dem Vermeinten vom Adel anmelden und als ein
Fremder um Nachterberge bitten. Ich wurde da mit tausend freundlichen Worten
angenommen, merkte aber, dass keiner unter den Anwesenden recht teutsch konnte.
Die Knechte wie auch unsere Pferde wurden wohl accommodiert, also dass ich mich
über die hohe und ungemeine Freigebigkeit des Besitzers höchst verwunderte. An
der Tafel, da ich selbige Nacht gespeiset wurde, sass [ein] schönes Frauenzimmer,
in welches, wo mir die Eifersucht der Italiener nicht zur Genüge bekannt
gewesen, ich mich ohne allen Zweifel verschamoriert hätte. Nach geendigter
Mahlzeit, bei welcher sie mich um nichts gefraget, als wie lang ich in Italien
gewesen und ob noch ihrer mehr nach mir kommen würden, raumten sie mir ganz
allein ein Zimmer ein, in welchem ich schlafen sollte. Es war noch ein wenig
Licht und kurz vor der Dämmerung, dahero entschloss ich mich, die Zimmer des
Schlosses in etwas zu besichtigen, weil ich ein trefflicher Liebhaber der alten
Gebäude und solcher Raritäten bin, die gemeiniglich darinnen angetroffen werden.
    In solchem Verlangen kam ich in einen finsteren Gang, und als ich dorten ein
altes Gewölbe eröffnet, auch ein wenig hineingeblicket hatte, wurde ich dreier
Menschenhäute gewahr, die samt den Hauptaaren an der Wand hingen. Über diesen
Anblick schauerte mir der Buckel, und merkte gleich, wieviel es geschlagen, auch
dass ich allhier ohne allen Zweifel in einem Raubnest verschlossen sei. Ging
nichtsdestominder in diesem Gange fort und kam zu der andern Tür, darein ich
zwar nicht gehen, aber doch durch ein rund ausgeschnitten Loch hineinsehen
konnte. Aber das Spectacul war in demselben viel trauriger als in dem vorigen,
weil ich etliche Menschen, teils an Stricken, teils an Haken, ertötet hangen
sah. Über dieses wurde ich ganz bestürzet, eilete wieder zurück, mich mit meinem
Degen und Gewehr vorzusehen. Aber ich wurde da erst gewahr, dass mir solches
unter währender Abendtafel heimlich wäre aus dem Zimmer getragen worden. Ich
rufte meine Knechte durch mein gewöhnliches Pfeiflein, aber da war kein Mensch
weder zu sehen noch zu hören. Damit war ich in unvergleichlicher Furcht,
absonderlich da ich sah, dass aus dem Zimmer, worein ich logiert worden, weder
durch das Fenster noch sonsten eine einzige Ausflucht war, derer ich mich mit
Vorteil hätte bedienen können.
    Indem kommt eine Weibsperson aus dem Zimmer, welche ich wegen der Dunkelheit
nicht wohl kennen können, ob sie jung oder alt war. Aber das hörte ich an ihrer
Sprache, dass sie entweder eine Teutsche oder aber in Teutschland erzogen war,
die sprach mit wenigen und leisen Worten: Machet Euch fort, o schöner Jüngling,
oder es kostet Euer junges Leben! Mit diesen Worten schloss sie die Tür wieder
zu, und nach solchem hörte ich gleichsam als durch eine Wand, wusste aber nicht,
wars neben, unter oder ober mir, etliche miteinander welsch reden, aus welchem
so viel zu vernehmen war, als hätten sie nunmehr die Knechte schon caput
gemacht, nun wären sie willens, auch ihrem Herrn, als mir, den Rest zu geben. Zu
Ende dessen wären alle Türen verschlossen, und man sollte mich mit gesamter Hand
in der Finstern überfallen und ohne alle Barmherzigkeit totmachen. Senza
misericordia, sagte einer, und darauf waffneten sie sich, soviel ich durch die
stille Nacht hören konnte.
    Ich aber verschloss meine Tür, soviel möglich war, zerschnitt meinen
Scharlachmantel in gewisse Teile, die ich aneinanderknüpfte, und mich, so
geschwind es sein konnte, in aller Stille über das Fenster abliess. Es glückte
mir dieser Sprung so wohl, dass ich endlich, obschon der Ort ziemlich mit Dornen
verwachsen war, dennoch ohne sonderliche Gefahr durch das Gesträusse über eine
kurze Mauer den Berg hinunter und also in den nächsten Wald kam. Aber allem
Ansehen nach müssen indessen die ehrlichen Vögel schon in meinem Zimmer gewesen
sein, weil ich bald darauf ein Licht in demselben gesehen, mit welchem sie auch
zum Fenster ausgeleuchtet und sich ohne allen Zweifel über das Mittel meiner
Ausflucht verwundert haben. Solches brachte mich in ein neuen Schrecken, und
weil ich mir wohl einbilden konnte, sie würden mir nachsetzen, eilete ich in der
Nacht meist dem Gestirn nach und kam heute früh zu einem Bauern, mit welchem ich
meine Kleider verwechselt habe.
    Aber sage mir,« sprach er weiter zu Dietrichen, »wie bist du wieder dazu
kommen und wer ist dieser, der mit dir reitet?« Hiermit erzählete er ihm
dasjenige, was ihm in seiner Irre in dem Walde begegnet und was es mit der
Venetianerin vor einen wunderlichen Ausgang genommen, auch, dass ich der ehrliche
Wolffgang wäre, welcher nunmehr entschlossen, die Welt mit ihren vielfältigen
Stricken zu entfliehen und sich der Eitelkeit in einem heiligen Einsiedlerstand
zu entreissen.
    Da kann ich nicht genugsam beschreiben, wie freudig wir aneinander
empfangen, ja, wie mit einem grossen Vergnügen wir miteinander die Reise
vollbracht haben. Nichts war uns leiders als der Verlust der dreien Diener und
des Page, welche ohne allen Zweifel nunmehr schon im Salze liegen würden. Denn
Christoph erzählte, dass er der gänzlichen Meinung wäre, die Mörder hätten ihm
anstatt des Wildbrets Menschenfleisch in schwarzer Tunke vorgesetzet, davon sie
selber einen ziemlichen Teil gefressen haben. Indem wir so miteinander Wort
wechselten, kam der Page unversehens nächst an einer Stadt zu uns und konnte
lang, entweder vor Verwunderung oder Freude, seinen Herrn gefunden zu haben,
kein Wort reden. Er erzählete endlich, dass die drei Knechte ohne allen Zweifel
würden ermordet sein, er aber wäre mit sonderlichem Vorteil entkommen. »Sobald
wir«, sprach er, »ins Schloss geritten, schauerte mir die Haut bei einem Kerker,
darinnen ich etliche Gefangene sitzen sah. Ich ging hinzu, und als ich
verstanden, dass dieses eines unter den berühmtesten Raubnestern sei, wollt ich
Euch solches andeuten, wenn mich nicht hieran alle die verhindert hätten, die da
nicht gerne gesehen haben, dass einer mit dem andern redete. Es kam mir auch
ziemlich verdächtig vor, dass fast ein jeder unter uns absonderlich ist
einlogieret und also keiner bei dem andern gelassen worden. Noch mehr wurde ich
in meiner Meinung gestärket, als ich den Kerl, so unser Gewehr verwahren sollte,
gesehen hab, wie er mit dem Ladestab visitierte, ob die Pistolen geladen wären.
Gab demnach, den andern ganz unwissend, gegen die Fremden vor, wie mich mein
Herr nach einem Mantel zurückschickte, welchen wir auf der Strasse samt einem
Matratzen, darinnen unser Wechsel sei, unachtsam verloren hätten. Also ritt ich
spornstreiches davon und habe Euch samt den Knechten schon lange beweinet.« Über
diesen artigen Fund des Page mussten wir uns höchst verwundern, obwohlen wir auch
wünschten, dass es den andern armen Teufeln auch so glücklich möchte
ausgeschlagen haben, welche ohne allen Zweifel das Bad austrinken müssen. Dahero
machten sich Dietrich und Christoph kein geringes Gewissen über ihrer
unvorsichtigen Reise, und dass sie zu allem diesem Unglück und Totschlag die
einzige Ursache waren.
 
                                  IV. Capitul.
   Nachdem ihnen der Page seinen Zustand erzählete, eröffnete er ihnen seinen
                Lebenslauf; wie es in der Apoteke hergegangen.
Weil wir aber ehedessen insgesamt gewohnt waren, auf der Reise die Zeit mit
kurzweiligen Erzählungen zu passieren, als musste uns der Page, nachdem wir uns
in der Stadt mit Pferden und allerlei Zugehör versehen und daselbst uns bei
einer Mahlzeit sehr wohl gefüttert hatten, auf dem Wege seinen Lebenslauf
entwerfen, welches er also anfing und hinausführte:
    »Anfangs meiner Histori zu melden, so ist denkwürdig, dass ebendas Haus, in
welchem zu Eger der berühmte Wallensteiner erstochen worden, meines Vaters
gewesen. In demselben Hause ward ich geboren und bis ins zehente Jahr erzogen,
als mir meine Eltern mit Tod abgingen und ich zu einem Apoteker erst in die
Kost, hernach gar in die Lehre verdinget worden. Daselber stiftete ich so viel
Schelmenstücklein, als ich erdenken konnte. Den Leuten gab ich anstatt Zimmet
Muscatblühe, und anstatt Kupferwasser gab ich ihnen Vitriol, unter den Hutzucker
mischte ich Salz und streuete unter die Mandelkern den bittersten Pfeffer. Ja,
wenn ich um dieses gestraft wurde, war mirs nichts Neues, dass ich den Gesellen
was anders in ihre Mörser tat, davon mir oft der Buckel so abgebleuet worden,
dass mir die Haut ledig geworden. Die Tobakpfeifen, mit welchen wir in der Stadt
den allerbesten Handel führten, stopfte ich mit dem Zipfel alle unserem Hunde,
mit Ehren zu melden, ins Hintercastell, und dannenhero musste ich lachen, wenns
die Tobakschmäucher so tapfer ins Maul nahmen. Aber als dieses Stücklein auskam,
geschah es, dass ihrer viel die Pfeifen mit Petschierwachs versiegelten. Den
Schülern, wenn sie mit den Jesuiten in einer Procession gegangen und unterweilen
vor unserm Hause stehengeblieben, habe ich gar oft die Mäntel zusammengeheftet;
und dieses trieb ich auch in den Kirchen mit den Bauermägden, dannenhero die
Hundepeitscher mehr auf mich als auf die Hunde haben Achtung geben müssen. Den
Leuten, die mir am allerwenigsten getan hatten, wurf ich nachtszeit die meisten
Fenster ein, und soviel mir fremde Hund in die Apoteke kamen, denen stutzte ich
entweder die Schwänze oder die Ohren ab, hatten sie aber ohnedem keine, so gab
ich ihnen ein Purgier ein, dass oft in einem Tag die Hund viel mehr Recipe als
die Kranken bekommen haben.
    Zu diesem stiftete ich noch andere Jungen an, die gleichwie ich
lehrenshalber in der Apoteke waren. Auf die Papier, daraus wir Deuten oder
Stanitzchen machen sollten, schrieben wir die garstigsten Briefe, und wenn ein
vornehmes Frauenzimmer um ein Zahnpulver schickte, gaben wir solches
gemeiniglich in einem solchen Papier hin, darüber sie sich oft haben krank
gelachet. Nicht weniger taten wirs den Gelehrten, und wenn ein Pfaff aus einem
Kloster um etwas schickte, wickelten wir solches in ein Papier, darauf stund
also geschrieben:
    Vielgeliebter Schatz, Du hast mich neulich berichtet, dass Du seist
luterisch geworden, nun will ichs auch werden, denn die Pfaffen sind nichts
nutz. Auch will ich, ehe ich aus der Stadt scheide, das Kloster anzünden und
heimlich davonlaufen. Dem Burgermeister will ich die Fenster einwerfen und will
sehen, wie ich wacker mit Dir buhlen kann. Es ist noch ein Pfaff hier, der will
ausspringen und mit mir luterisch werden, desselben Namen will ich Dir morgen
oder übermorgen schreiben. Lebe wohl, Du Tausendschätzelein, ich bitte Dich, Du
wollest sanfte schlafen, ich halte nichts wie Du auf Pfaffen.
    Solche Briefe erdichteten wir viel hundert, und nachdem eine Standsperson um
etwas in die Apoteke schickte, nachdem gaben wir ihm einen Zettel mit, als zum
Exempel: Es schickte einsmals ein Bürger um ein Vomitiv, der hatte eine schöne
Frau, demselben schickten wir um das Gläslein folgenden Brief: Hochgeehrter
Freund! Berichte demselben, dass der (hiermit nannten wir des Patienten Namen)
eine schöne Frau geheiratet, weiss aber leider nicht, dass der (hiermit nannten
wir dessen Nachbar) täglich bei ihr sich einfindet und ehedessen wohl mit ihr
bekannt gewesen etc.
    Über solche Briefe, ob sie gleich nicht allemal von jedem sind gelesen
worden, entstund doch in der ganzen Stadt ein wunderlich Gemürmel, denn es
raufte sich bald diese, bald jene Partei, die wir so heimlich zusammengehetzet
und untereinander veruneiniget hatten. Mein Herr, der Apoteker, musste endlich
aufs Rataus, welcher nicht wusste, wer ihm das Papier eigentlich verhandelt
hätte, weil bald ein Schüler, bald ein Schreiber, bald ein anderer alte
Scartequen hineinbrachte, die er ihnen mit Käs oder Tobak abhandelte. Ja, ich
glaube, dass unsere Schelmerei noch lange wäre verborgen geblieben, so wir nicht
in einem solchen Schreiben den Stadtschreiber einen Rotbart geheissen hätten,
welcher Titul dazumal viel verhasster als der Bärnhäuter-Titul war. Darum
visitierte er endlich die Apoteken mit zweien Ratsverwandten; und weil wir
nicht so klug waren, unser Hand oder aufs wenigste die Dinte zu verändern, kam
er uns unvermerkt hinter die Sprünge, und hätte ohne allen Zweifel den Rotbart
mit neuer Pomada eingeseifet, so wir nicht noch unter währender Visitation
davongelaufen und dem Apoteker all sein Wochengeld aus der Schublade gestohlen
hätten.
    Dazumal war ein berühmter Oculist und Zahnarzt im Lande, vor dessen Söhne
wir uns beide ausgaben; und weil es ohnedem unserer Profession war, die Wasser
meisterlich zu färben, brachten wir bald so viel zusammen, die ohnedem
einfältige Bauern zu betrügen. Doch taten wir solches mit einer neuen List; denn
mein Gesell gab sich vor den Patienten aus. Wenn ich nun feilhatte, so krunkste
er, als ein Fremder, auf allen vieren gegen meinen Stand, bat mich um eine
Arzenei. Ach! sagte er, wie quälet mich der Magen, wie sticht mich das Milz, wie
faulet mir die Leber, wie verzehret sich meine Lunge! - Du guter Freund, sprach
ich, da will ich dir bald davon abhelfen. Komme her, hast du kein Geld, so gebe
ichs den Armen umsonst! Mit solchen Worten gab ich ihm ein paar Tropfen von dem
gefärbten Wasser zu verschlucken, damit richtet er sich auf, stellete sich an,
als ob er aus einer grossen Krankheit erlöset worden, und machte mir durch sein
Exempel unter den Leuten solchen Glauben, dergleichen sie noch schwerlich gegen
einem Arzt gehabt haben. Da hiess es wohl: mundus vult decipi, und wie ers in
diesem Dorf machte, so machte ichs den andern Sonntag in jenem. Unterweilen
gaben wir uns auch vor Pilger von Compostell aus und verkauften die gelben
Marmor vor Adlersstein. Letztlich kamen wir auf eine Kirchweih, und weil sich
daselbst uns unwissend ein Dieb entielt, welchen die Obrigkeit allda
ausgekundschaftet, dass er vor unserem Stand stehe und unserer Plauderei zuhörte,
kamen die Schulzen mit ihren Habfesten herzu, denselben zu greifen. Wir wussten
nicht, sollt es uns oder einem andern gelten, und weil wir, von eigenem Gewissen
überzeuget, uns nichts Guts bewusst waren, verliessen wir den Tisch samt unseren
Kram und eileten, so schnell wir konnten, dem nächsten Wald zu, aus Oculisten
Waldmänner zu werden.
    Nach diesem fingen wir an, vor den Häusern zu singen das Lied: Ist ein Leben
in der Welt, das mir also wohl gefällt, so ist es das Schäferleben, merkt mich
eben etc. Dadurch wir uns ziemlich weit in die Welt hineingepracticieret haben.
Ich muss es gestehen, dass es mir noch nie so gut als in diesem Bettlerstand
gegangen. Wir stunden auf, wann wir wollten; so mangelte es uns weder an Geld
noch Essen. Aber das war unsere einzige Pein, dass wir keine Jurisdiction hatten,
die Läuse aus unsern Kleidern zu schaffen; und wenn wir auf dem Weg sonst nichts
miteinander zu tun noch zu reden hatten, warfen wir einander die Läuse auf das
Wams. Endlich kam ich zu einem Edelmann auf ein Schloss, und mein Kamerad liess
sich unterhalten. Also sind wir dazumal voneinander gekommen, und weiss keiner
unter beiden, wo der ander geblieben ist.«
 
                                  V. Capitul.
                Wunderliche Hochzeit auf einem adeligen Schloss.
»Bei diesem von Adel, welcher ein rechtes Muster von einem lustigen und
vergnügten Menschen war, entielt sich ein Stalljung, der unterstund sich, der
Edelfrauen ihr Aufwartmädchen zu lieben, welches sie erst neulich aus einer
Stadt mit sich gebracht hatte. Wenn man aller beider Jahre zusammengenommen und
sie dem allerperfectesten Rechenmeister sollte übergeben haben, so hatte man
unmöglich dreissig daraus zählen können; und weil ich dazumal des Herrn sein Jung
und sie verstandenermassen der Frauen ihr Mädchen gewesen, hätte ich hier billig,
wegen Einigkeit der Charge, um den Vorgriff eifern können. Ich muss es auch
gestehen, dass es mich oft von Herzen verdrossen, wenn sie der Frauen dort und da
heimlich ein Band oder andere Sache abgezwacket und solches dem Stalljungen
verehret hat. Dannenhero rauften wir uns gemeiniglich die Woche dreimal, und
wenn ich noch daran gedenke, so kam mir derselbe Streit nicht viel anders vor,
als welchen die alten Ritter um eine schöne Dam oder zu Ehren einer königlichen
Princessin getan haben. In solchem Kampfe riss ich ihm gemeiniglich das
geschenkte Band vom Arm, allwo ers auf dem Wamsärmel hinter den Aufschlag
genähet hatte, und alsdann zerzauste ich ihm auch seine Haar fast alle aus dem
Kopf, dass ihn gar viel vor grindig angesehen haben. Unterweilen biss auch einer
den andern in die Nase, und wenn wir uns hinter der Schlossmauer ganz matt und
kraftlos wie zwei junge Hähne abgekampelt hatten, so kam gemeiniglich der
Gutscher oder ein anderer mit dem Ochsenziemer zum Beschluss und prügelte einen
da-, den andern dortin.
    Endlich kam die Ursach unserer Uneinigkeit vor den Herrn, welcher, weil er
wusste, dass ich und der Stalljung Feinde zusammen wären, fast alle Sonntag unter
uns eine Fechtschul anstellete. Die Fraue aber gab genauer auf die Sache Achtung
und wurde endlich gewahr, dass sich der Stalljung gelüsten liess, mit dem Caterl
(so hiess die Höppin) heimlich aus dem Schloss zu laufen und sie zum ehlichen
Gemahl zu nehmen. Sie beredeten sich miteinander in dem Gewölb, so nächst am
Schlachtaus stund; und weil ich dazumal mit der Frauen wegen der Kerzenlichter
darinnen zu tun hatte, hörten wir ihren närrschen Vorschlag und das kindische
Vornehmen mit Verwunderung an. Morgen, sagte das Caterl, wenns Mitternacht und
fein finster ist, so wollen wir über die alte Bastei (war ein Ort, da ehedessen
ein Contrascarpi gestanden, aber dermalen ganz ruiniert war) aussteigen, durch
den Mühlbach waten und also fortlaufen. Was sollst du dich in dem Schloss von
dem blinden Schindhund (so hiess sie mich, weil ich ein wenig scheel sah) so
hudeln lassen und alle Sonntag mit ihm fechten. Du weisst es nicht, woher ers
konnte, dass er dir mit dem Dusacken fast allemal eines über den Schädel gibt;
aber neulich habe ichs gesehen, dass ihm der Herr fechten lernet und zeigt, wie
er dir eine gute Kappe versetzen soll. Aber was wollen wir tun, wenn wir hinweg
sind? - Da will ich wohl, sprach er, zusehen. Ich kann auf der Leier, das will
ich so lang treiben, bis es besser wird. Ich weiss auch einen Edelmann über dem
Wald, der erhält uns alle beide, bis wir gross sind. Siehe du indessen zu, dass du
etwas Rechtschaffnes bei dem Kopf kriegest und dass du die Frau fein brav
bestiehlest, ich will den Knechten die Säckel wacker visitieren. Aber wo treffe
ich dich an? - Ich werde, sagte sie, sobald die Uhr eilfe geschlagen, meine
Sachen zusammenpacken und zu dir an den Schlagbaum kommen! - Wohlan! antwortete
er, so will ich daselbst warten, gib aber wohl acht, dass du dich weder mit einem
Wort oder sonsten verschnappest, und damit mans desto weniger merke, was du
willens bist, so stelle dich krank oder sage zu der Magd, da du schläfest, du
habst den Durchfall, und also wird sie dein Aufstehen aus dem Bette vor nichts
Böses ausdeuten.
    Diese Unterredung zwischen beiden Parteien hörten wir mit Verwunderung; und
wenn sie durch etliche über den Schlosshof wandernde Leute nit wären verstöret
worden, hätten sie noch ein mehrers offenbaret. Die Edelfrau wollte unter
währendem Gespräche sie immer voneinanderstäupen, aber sie entielt sich noch
vor Zorn und ersonn eine andere Art, dadurch sie beide weidlich könnten
ausgezahlet werden. Sie offenbarte solches ihrem Herrn, welcher nit langsam war,
einen Stallknecht zu bestellen, der in der Nacht anstatt des Hansels (so hiess
der saubere Bräutigam) am Schlagbaum aufpasste und mit dem Caterl, als der
Braut, in den nächsten Wald entwischte, sie auch daselbst in dem Finstern
dergestalten zerklopfte und zerzauste, so gut und kräftig es immer sein konnte.
Sein Kammerdiener aber, welcher ein starker und untersetzter Kerl war, musste
sich verkleiden und anstatt der Caterl mit dem Hansel davonmarschieren,
denselben auch auf der Strasse dergestalten abschmieren, dass ihn der Buckel sein
Leben lang nach einer solchen Hochzeit nicht mehr jucken würde.
    Also wars bestallt, und also ging die Sache auch perfect zum Ende. Denn als
es wollte elfe werden, schlich der Hansel allgemach an den Schlagbaum, und der
verkleidete Kammerdiener kam mit einem Beutel unterm Arme in den Hof, worauf sie
beide ihn öchster Stille über die alte Bastei ausgestiegen. Nach diesem kam an
dessen Stelle der Stallknecht und zu ihm die Caterl, und solches traf so just
ein, dass die erste Partei kaum eine Viertelstund voraus war. Und ist nichts mehr
zu bedauern gewesen, als dass dieser Poss in der Finster vorübergegangen, sonst
würde man sich ohne allen Zweifel schicklicht über die Posturen gelacht haben,
welche sie da zu Verdeckung ihrer Schalkheit formiert. Man hörte endlich, weiss
nicht, wegen Stille der Nacht oder aber weil es nicht gar zu weit vom Schloss
war, ein grosses Geschrei, welches das Echo aus dem Wald zurückschickte, und weil
der Edelmann in dem obern Stock wohnte, vernahmen wir aus dem Schall desto
ausführlicher, dass es die liebliche Stimme der Caterl wäre, welche ein recht
erbärmliches Concert angestimmet hatte. Nach etwan einer halben Stund kamen
beide Brautdiener fast zugleich wieder in das Schloss, jeder mit einem stumpfen
Stecken, daraus man wohl abnehmen können, dass den beiden Verlobten ein
schlechtes Geschenk aufgesetzet worden. Aber ob dieses gleich eine kindische
Sache betrifft, so war doch die Invention des Edelmannes gut genug, daraus man
leichtlich ein Possenspiel machen könnte. Denn ich gebe demselben Edelmann noch
immer Beifall, welcher davor gehalten, dass keine Invention zu loben sei, welche
man nicht also einrichtet, dass sie auch auf dem Teatro könne agiert und
vorgestellt werden.«
 
                                  VI. Capitul.
         Er sieht ein Gespenst, erzählet von dem verliebten Præceptor.
»Ich habe auf diesem Schloss mehr gelernet als in der Apoteke, denn die
Edelfrau konnte mit Wasserbrennen, Zukkerbacken und andern Sachen besser umgehen
als mein gewesener Patron samt allen seinen Gesellen. So unterrichtete mich auch
der Præceptor im Latein, und musste mit des Herrn seinen zweien Söhnen heute
dieses, morgen ein anders Argument machen. Dieser Præceptor war ein Student von
Linz, allwo er in der Rhetorik gesessen und unter dem Prætext, als wollte ihn
der Edelmann zum Hofschreiber machen, allhergezogen ist. Er wäre auch, nachdem
man ihm solches Versprechen nicht gehalten, wieder hinweggezogen und ein
Franciscanermönch geworden, wenn er sich nicht von dem schönen Frauenzimmer und
anderen Hofmägden hätte zurückhalten lassen. Unsere Schul hatten wir nächst an
dem Frauen-Zimmer an. Dannenhero gab er uns die allerhärtesten Sachen auf, über
welche wir die Köpfe wohl drei Stunden aneinander zerbrechen mussten und doch
nicht fertig werden konnten. Unterdessen ging er allezeit hinüber und sah zu,
wie sie näheten. Also wurde er von Tag zu Tag verliebter und also [wir] auch
fäuler, weil wir in der letzte fast wieder vergessen, was wir zuvor gelernet
hatten. Wir schliefen bei ihm in seiner Kammer, da hat er oft in dem Schlaf
solche Sachen geredet, die abscheulich waren. Soviel ich und die zwei Jungen vom
Adel mit der Dinte gesudelt und gemalet haben, hat er doch alles leiden können,
ausser wenn wir einen Schärer oder einen Ziegenbock gewiesen. Denn er war eines
Schneiders Sohn und wurde niemals zorniger, als so wir vor seiner Tür oder auch
wohl in dem Hofe wie die Ziegen meckerten.
    Endlich starb die Frau an der Schwindsucht, und wir hörten die Nacht zuvor,
ehe sie gestorben, in dem ganzen Schloss ein schröckliches Gepolter und Rumoren
der Gespensten, deren es allhier nichts Neues war. Absonderlich schlug es an
unsere Kammertür, gleich als würfe einer eine Schaufel voll Erde mit Sandsteinen
vermischet an dieselbe. So schlug auch der Schlosszeiger mehr denn tausend Ziffer
nacheinander, und in der Kapell sah man die ganze Nacht auf allen Altären
Lichter brennen. Es hat auch solches Tumultuieren nach ihrem Tode nicht ablassen
wollen, und wurden diejenigen, welche nichts von Gespensten hielten, am
allermeisten davon erschrecket. Etliche gaben es ihrer Kargheit, etliche der
Hoffart, andere ihrer Verleumdung schuld, damit sie sehr unter ihresgleichen ist
verhasst gewesen.
    Ich muss hier noch ein Stücklein erzählen, welches mir kurz vor ihrem
Hinscheiden in ihrem Zimmer begegnet. Sie lag daselbst etliche Wochen krank, und
ich musste ihr bei einem grossen Wachslicht die Wache halten. Dazumal war es ein
Winter und gar bald Nacht, dannenhero sass ich einsmals unter währendem
Abendessen ganz alleine bei ihr und las ihr etliche Totengebet vor. Indem ich so
lese, klopfet jemand an die Stubentür. Da gedachte ich, es wäre vielleicht eine
Post vom Herrn, und machte auf. Als ich aber hinaussah, stund eine Frau ohne
Kopf daraussen in einem sehr altfränkischen Habit. Ich tat vor grossem Schrecken
einen lauten Schreckschrei, machte die Tür in einem starken Schlag zu, und die
Edelfrau fragte mich um die Ursach meines so plötzlichen Schreckens. Ich sagte
endlich, was ich gesehen, und als sie mich von dieser Frauen reden hörte, zog
sie ein Büchlein, welches nächst an dem Bett auf einem Schränklein lag, hervor,
und: Siehst du, sprach sie, ist sie also aufgezogen, wie hier gemalen ist? Ich
sagte ja, denn ebendiesen Aufzug, welcher in dem Büchlein war, hatte auch die
Frau ohne Kopf! Darauf seufzete sie und sprach: Gehe, mein liebes Kind, und hole
den Kaplan, denn es ist Zeit! Damit kam fast der ganze Hof in ihrem Zimmer
zusammen, und sie starb ihrem Herrn in den Armen bald darauf, nachdem ich den
Priester zu ihr gerufen.
    Es ist aber, wie ich hernach erfahren, dieses Gespenst ehedessen eine
Besitzerin des Schlosses gewesen, welche ihr Ehegemahl wegen Eifersucht im
falschen Verdacht gehabt, auch endlich in der Blindheit sich so weit verleiten
lassen, dass er ihr heimlich den Kopf abgehauen, und von selbiger Stund an soll
sich diese Frau allezeit ein Stund vorher sehen lassen, wenn eines auf dem
Schloss sterben solle. Meinetwegen mag etwas an der Sache sein oder nicht, ich
erzähle nur, was mir ist erzählet worden; denn einer glaubt es, der andere
nicht. Also will ich, beiden zu Gefallen, solches gern an seinem Orte beruhen
lassen. Aber gewiss ist es, dass nach ihrem Absterben grosses Gepolter in der
Kirche gehöret worden. Ob sich nun der Præceptor auch zuweilen vor ein Gespenst
angekleidet und das liebe Frauenzimmer besucht habe, weiss ich nicht, aber dieses
weiss ich, dass er einmal von dem Hofschneider abscheulich ist abgeklopft worden.
    Mein Herr verbrachte seine Trauerzeit im höchsten Vergnügen. Weil ihm auch
nicht so viel Gesind mehr nutz und nötig war, schaffte er etliche von seinen
Leuten ab, obschon andere sagten, er hätte es nur darum getan, dass er nicht so
viel in die Trauer kleiden dörfte, denn er war ein bisschen geizig und sah die
Leute lieber arbeiten als essen. Er behielt also neben mir nur den Præceptor und
einen Schreiber, welcher ihm auf der Reise auch vor einen Laquay, der Præceptor
aber vor den Kammerdiener aufwarten musste. Also war dieser Student: Discipulus,
Famulus, Præceptor & omnia tresque, welches er nicht zu sein vonnöten gehabt
hätte, so ihn nicht zu solcher Sklaverei die liebe gezogen, die er zu der
Beschliesserin dieses Schlosses getragen. Diese war die einzige Sonne seines
Himmels und der einzige Leitstern seines auf der See herumfahrenden
Liebesschiffleins. Ja, wenn ich noch daran gedenke, was vor närrsche Namen er
ihr in seinen Liedern gegeben, möchte ich einen Buckel lachen. Nur eines zu
gedenken, machte er auch folgendes:
Meine Sonne ist verflossen
In dem dunklen Abend-Hesper,
Ich wünsch euch, ihr Venus-Possen,
Allen einen Bonus Vesper.
Lippen, die in Unmut leben,
Kosten euren Nectartrank;
Und von dieser Unglücksreben
Werden sie matt, blass und krank.
Ich will dich nun nicht mehr kennen,
Ganz betrogner Bogenschütze,
Denn wenn du mein Herz siehst brennen,
Giesst du Öle in die Spritze.
Feuer, so von dir geleget,
Bringet zwar ein frohen Mut,
Doch, wer diese Flammen heget,
Fühlet Frost in seiner Glut.
Wo ist denn ein solcher Kerl,
Sagt, ihr Jungfern, an der Reih,
Der so schlank gleich einer Schmerl
Und wie ich so schöne sei?
Ich geh höflich auf der Gassen
Vor den Fenstern hin und her,
Ihr hätt' Ursach, mich zu hassen,
Wenn ich Heber-Toffel wär.
Ist mein Vater gleich ein Schneider,
Sagt mir, was kann ich davor?
Ich wollt selber wünschen, leider,
Dass er wäre Auditor.
Dann wollt ich mich bald bequemen,
Eine mir zu lesen aus.
Aber so muss ich mich schämen
Wie ein Katz im Taubenhaus.«
                                 VII. Capitul.
            Wunderliche Vereinigung. Der Præceptor verplempet sich.
All diese Sachen erzählete uns der Page auf der Strassen, und wir verwunderten
uns nicht unbillig über den Præceptor, welche sonsten insgemein dergleichen
Eitelkeiten sehr ergeben sind, die sie sich nämlich geschwinde verlieben und
ihre Affection in einem Lied zu verstehen geben. Und weil solcher Discurs nicht
unangenehm war, fuhr der Page weiter fort, und sprach er: »Gleichwie dieses Lied
ist, also waren auch die andere alle, die er dem Kammermenschen zu Ehren machte.
Und diese Bräuterei kam ihm absonderlich dazumal wohl zustatten, als sich mein
Herr auf eine andere Heirat gefasst machte. Er heiratete eines vornehmen
Freiherrns Tochter, welche nicht allein sehr reich, sondern noch dazu überaus
schön und klug war. Nachdem er solche mit sich heimgeführet, wollt sie sich
nicht zu ihm legen. Sie sass oft die ausgehende Nacht bis an den lichten Morgen
in der Stube auf einem grossen Reisekasten und wollte sich von ihrem Herrn
durchaus nicht bereden lassen, mit ihm in die nächst angelegene Kammer zu gehen.
In solcher Kammer hatte es zwei Stufen, und weil ich endlich die Sach merkte,
hörte ich den Herrn oft heraus- und wieder oft hineintrappen.
    Einsmals ging er in seinen Meierhof spazieren, welcher etwan eine gute
Viertelstund über dem Feld hinüber lag. Ich musste mit ihm gehen und die Flinte
nachtragen, weil sich auf demselben Weg öfters ein Häslein aufduckte. Er war
ganz traurig und melancholisch, vielleicht wegen der Ursach, die ich schon
gesagt habe, und dass er solches Elend keinem Menschen klagen dörfte. Darum
redete ich ihn an und fragte: Euer Gestreng, warum sind Sie so traurig? - Du
Bärnhäuter, sagte er, was hast du hiernach zu fragen, du kannst mir doch nicht
helfen! - Warum soll ich Euer Gestreng nicht helfen können? sagte ich, ich weiss
wohl und ist mir sattsam bekannt, was Ihnen ist. - Was ist mir denn? fragte er
mich. Das ist, Euer Gestreng, antwortete ich, dass sich Ihr Gemahlin nicht zu Sie
legen wollen. - Was, sprach er hierauf, sich gegen mich umwendend, wer hat dir
das Ding gesagt? - Euer Gestreng, sagte ich, das kann ich aus dem Licht wissen,
weil sie gar oft zu mir vors Bett kommet, mich aufstehen, ein licht anzünden
heisset, und also bleibt sie oft die ganze Nacht am Tische sitzen, und ich muss
ihr bald ein Lied singen, bald wieder ein kurzweiliges Märlein erzählen. - Ha,
ha, sprach der Edelmann ganz bestürzt, ist ihr der Schuh da zerrissen? Ich sage
dir, offenbar unsere Uneinigkeit nicht, denn es liegt mir ein ziemliches Stück
meiner Ehre daran. Aber sage, wie willst du mir helfen?
    Hiermit gab ich ihm meinen Vorschlag zu verstehen, welchen er sich trefflich
gefallen liess. Ich machte mich derohalben ganz in geheim in das Zimmer, wo sie
zu weinen pflegte, und steckte mich daselber hinter die Tapeten. An das Ort
des Reisekastens legte ich eine grosse Fliegenklatsche, welche ich an einem
Zwirnsfaden angebunden. Als sie nun wieder ins Zimmer kam und sie der Herr ins
Bett rufte, fing sie statt der Antwort an zu weinen. Damit löschte der Herr sein
Licht und ging zu Bett. Nach etwan einer halben Viertelstund, als sie immer nach
ihrem Vaterland geseufzet und sich zu ihrer Mutter gesehnt hatte, tat ich einen
Zug mit der Klatsche, da hüpfte sie von dem Kasten auf. Ich zog noch einmal, da
trat sie ein paar Schritt gegen der Kammer. Wie ich solches merkte, schlich ich
mich hinein, und als die Klatsche über die zwei Stufen hinansprang, fing sie an
zu schreien und wurf sich über Hals und über Kopf zu ihrem Herrn ins Bette, und
also trieb ich sie mit der schwachen Fliegenklatsche dahin, wohin man sie
sonsten schwerlich mit zwanzig Pferden würde gebracht haben.
    Aber da ich gedachte, auf diesem Schloss noch mehr zu lernen, verehlichte
sich der Præceptor mit der Beschliesserin, und wurde ihm auf dem Schloss die
Hochzeit ausgerichtet. Er hatte, weil er noch jung war, Zeit genug, den Ehestand
sowohl zu geniessen als denselben zu bedauern, denn es fing sich das Elend unter
diesen Eheleuten eher an, ehe dass der Himmel grauete. Auf dem Schloss konnt er
nicht mehr bleiben, weil es sein gegenwärtiger Zustand verhinderte. Endlich zog
er ins Dorf in die Mühle und reisete auf eine Zeitlang in dem Land herum, einen
Dienst zu suchen. Er konnte ein bisschen auf der Orgel schlagen, aber es waren
der Stümper ohnedem so viel im Lande wie der gestutzten Hunde; dahero kam er
ohne sonderliche Verrichtung wieder nach Haus und bedauerte seinen blinden
Liebeseifer wohl tausendmal. Er informierte dennoch die zwei adeligen Knaben
täglich drei Stunden, und deswegen schickte der Edelmann zu essen, ob es schon
die neue Frau nicht gern gesehen hat, denn sie war denen nicht gut, die in der
Ehe lebten, ob sie gleich selbst verehlichet war. Oder es kann auch sein, weil
sie sich wegen der Stiefkinder nicht gross annahm, noch denjenigen einzigen Dank
erwies, welche derselben Aufnehmen gesuchet. Und weil ich allgemach anfing, ihre
Schinderei und Hartnäckigkeit, welche sie gegen die Dienstboten und Untertanen
erwiesen, zu tadeln und zu spotten, stach sie mich bald vom Brett; und so lieb
sie mich sonst gehabt hatte, so feind wurde sie mir, als ich unterschiedliche
Versche wider sie ans Tor geschrieben, die nit viel besser als ein Pasquill
herauskamen, oder aber, welche nicht viel anders ausgeleget wurden.
    Ich musste demnach das Schloss raumen, und dem Studenten wurden auch seine
Victualien eingezogen. So hiess man uns beide auf einen Tag gehen, wohin uns der
Weg tragen würde. Also waren wir beide gleich elend, nur dass ich nicht beweibt
war, und also hatte der Student zwei, ich aber nur ein Elend auf dem Halse.«
 
                                 VIII. Capitul.
  Artiges Orgelschlagen. Der Page kommt zu einem eifersüchtigen Geilhansen in
                                    Dienste.
»Der Edelmann gab doch jedem einen Ducaten samt einem Reisebüchlein und
Schreibcalender auf die Reise; und die Ursach, warum er mich abgeschaffet, ist
allgemach gemeldet. Aber den Studenten tat er darum weg, weil ihm die Frau
spinnenfeind war und die zwei Knaben ohnedem in eine öffentliche Stadtschul
sollten geschicket werden. Darum weinete der gewesene Præceptor samt seiner
Frauen, welche hochschwanger war, in ihrem Häuslein bei dem Ofen, weil er sich
weder zu raten noch zu helfen wusste. Sein Weib konnte zwar hübsch klöppeln und
nähen, aber die Bauern bezahlens nicht. So hat auch die Edelfrau viel lieber in
einer weit abgelegenen Stadt als bei ihr eine Spitze bestellet, daraus man ihre
Abgunst genugsam und mit allen Fingern greifen können. Drum wars das beste
Mittel, dass ihr Mann etliche geklöppelte Stück Spitzen zu sich nahm und also mit
mir die Reise antrat.
    Wir versprachen unterwegens gegeneinander, dass der, so unter uns beiden am
ersten Dienst kriegte, der sollte dem andern all sein Geld schenken, was er bei
sich trüge, und mit dieser Condition gingen wir bald auf dem Land betteln, bald
hausieren. Er verkaufte dennoch ziemlich viel von seiner weissen Ware. Wenn er
irgendeine Elle vor einen halben Taler los wurde, so hatten wir schon wieder auf
eine ganze Wochen Zehrung genug, denn wir lebten gar gesparsam, und musste uns
trefflich kitzeln, wenn wir einen ganzen Hering auf einmal verzehret haben.
Endlich schien ihm eine gute Sonne, weil wir in eine Stadt kamen, welche zwar
nicht gar übrigs gross, jedennoch hübsch gelegen und darinnen gar wohlfeil zu
zehren war. Unser erster Gang war allezeit gegen die Klöster und Pfarrhöfe, und
weil erst selbiger Tagen der Organist seine Stelle an einen anderen Ort
verändert hat, bat der Pfarrer, dass er wollte die Vesper spielen und sich hören
lassen. Dieser Geistliche hielt allerdings viel auf ihn, weil ihn die grosse
Armut und Dürftigkeit überaus demütig machte. So redete er über dieses hübsch
Latein, und der Pfarrer gedachte, wo er so wohl auf der Orgel schlagen als reden
könnte, wäre der Sache genugsam Rat geschaffet. Er hielt uns demnach zu Gast,
und weil dazumal eine Kirchenmahlzeit celebriert wurde, soffen wir uns beide um
so viel desto eher blind voll, je weniger wir des Weins gewohnet und auch zum
Teil ausgehungerte Kletzenfresser waren.
    Als er nun in die Vesper kam, kannte er weder Clavier noch Register.
Nichtsdestoweniger satzte er sich auf den Stuhl, übergab sich aber - mit Ehren
zu melden - unter währendem Schlagen, dass also das ganze Clavier besudelt, bald
oben, bald unten steckenblieb. Wie er das Register ausziehen will, so schlupfte
er mit der Hand ab und stiess den Cantor mit dem Ellebogen in die Seite, dass er
wider das Chorgitter stolperte. Er lief auf dem Pedal herum, wie [wenn] er toll
und töricht wäre, verlor aber in solchem Gerümpel einen Schuh vom Fusse. Da sah
man, wie zerrissen seine Strümpfe waren, und dass die blosse Zehen hervorguckten.
Er bewegte sich auch dergestalten mit dem Leib, dass ihm der Mantel vom Halse und
der Rock aufsprang; und weil er durch diese Motion ziemlichen Wind gemachet, so
fiel zugleich sein musicalischer Zettul vom Pult hinunter, welchen er auf dem
Pedal immer mit Füssen getreten, dass es Fetzen gab. Er war so arg, dass er drei
Finger mit Fleiss verbunden, gleich als wären sie bei ihm beschädiget worden;
aber er konnte doch nicht zu der Stelle gelangen, weil diese Musik abscheulich
untereinander geklungen hat. Als die Vesper aus war, wollte sich niemand blicken
lassen, der uns einzige Ehre zu erweisen verlanget, also begaben wir uns wieder
auf die Reise, ob es etwan an einem andern Ort eine bessere Orgel hätte.
    Endlich kam ich bei einer von Adel in Dienste, weil sie mich nach ihrem
Vorgeben zu einem Schreiber gebrauchen wollte. Sie war noch ledig und wollte
dannenhero mit ehestem Hochzeit machen, und ob der Student gerne allda in Dienst
kommen wäre, so dorfte sie ihn doch wegen ihres Liebsten nit aufnehmen, welcher
ihr kaum mich, geschweige denn einen ältern Menschen, auf dem Schloss wegen
grosser Eifersucht hat verstatten wollen. Ich erzählte ihr nichtsdestoweniger
meines Kameraden elenden Zustand, darob sie sich dergestalten erbarmet, dass sie
ihm vierzehen Tag lang auf dem Schloss zu essen und trinken gegeben. Davor
machte er ihr ein Carmen und schrieb ihr auch sonsten allerlei schöne Versch auf
ihre Bilder. Demnach mussten wir wieder voneinander, und ich hatte von meinem
Ducaten noch etwan sechs Groschen. Die gab ich ihm, nach unserm Vertrag. Er
sagte, weil ihm das Glück so gar nicht wollte, so müsst er sich auf bessers
Wetter gedulden und sehen, ob er irgend auf einem Dorf möchte Schulmeister
werden. Er stimmte vor seinem Abzug der Jungfrauen etliche alte Clavichordi und
bezog solche mit neu stählenen Saiten, davor sie ihm etliche Reichstaler in
Ansehung seiner äussersten Armut auf den Weg geschenket. So hat er auch vor seine
Spitzen etliche Taler eingeschächert und in allem so viel Geld zusammgebracht,
dass er den Winter über wohl hat auskommen können.
    Ich gab ihm das Geleit eine halbe Meil Weges ausser das Schloss, und daselbst
nahmen wir voneinander Abschied. Er sagte zu guter Letz, dass, wo er sich nicht
anbringen könnte, wollte er mit Ohrfeigen handeln, denn wenn er einem eine gäbe,
so bekäme er zehen wieder, könnte also unmöglich verderben. Mit diesen Worten
wendete er sich von mir und hat vielleicht zu weinen angefangen, weil er sich
geschämet hat, auf der Strasse umzusehen; und also kam mir der arme Teufel samt
seinem Wanderbündel aus den Augen.
    Nach wenigen Wochen machte meine Jungfer Hochzeit, welche es etlichmal
zwischen dieser Zeit gereuet hat, dass sie so einen eifersüchtigen Mann genommen.
Er war ein Witwer und hatte schon die dritte Frau gehabt, und weil sie noch jung
und ohne Freund war, hat sie sich leichtlich von dessen Anverwandten dahin
bereden lassen, dass sie den alten Schmieralen heiratete, welcher die Eifersucht
selbst war. O Cordel, sagte er zu ihr, du musst dich eingezogen und hübsch stille
halten! Zu Ende dessen gab er ihr nichts zu lesen als den Gebrauch der
italienischen Frauen, welche des Jahrs kaum einmal zum Fenster ausschauen,
geschweige auf die Gasse kommen. Er erzählte ihr von nichts als von
Nonnen-Leben, und wie hübsch dieselbe in ihren Zellen den ganzen Tag sitzen
blieben und fleissig beteten. Wo sie im Hause hinging, da schlich er ihr auf dem
Fuss nach, und dorfte weder Jung noch Knecht ein heimliches Wort mit ihr
sprechen. In der Kirche liess er ihr einen Stuhl bauen, darin man sie und sie
hinwiederum niemanden heraus sehen konnte, nur obenher hatte er zwei Löcher,
dadurch sie die Predigt hörte. Wenn er wohl bei Laun war, so musste sie ihm die
Läuse aus den grauen Haaren suchen, und solches war fast ihre allerbeste
Kurzweil. Es wirds kein Fremder mit Wahrheit sagen können, dass er diese schöne
Dam all sein Lebtag zu sehen bekommen, so schrecklich verwahrte sie der alte
Hümpler. Er sagte oft: Ein Mann soll sich zehenmal lieber zum Schelmen machen,
als nur einmal seine Frau von einem andern küssen lassen!, und es war ihm nie
ängster, als wenn sie zur Beicht ging, denn er trauete keinem Menschen, er
möchte gleich geistlich oder weltlich sein, etwas Gutes zu. Wenn ihr der
Schneider das Kleid messte, so dorfte er sie kaum angreifen; und die Brief, so an
sie geschrieben wurden, eröffnete er alle, und sie dorfte auch nichts schreiben,
welches er nicht zuvor gesehen hatte.
    Darum nahm ich meine alte Stücklein wieder hervor, und so gut ichs in der
Apoteke gemacht hatte, so gut machte ichs auch allhier, nur mit dem
Unterschied, dass ich allhier mit der linken Hand schrieb, und also konnte man
die Hand unmöglich kennen. Ich schrieb derhalben einsmals einen solchen Brief:
Allerwerteste unter den Schönen! Wenn mir die grosse Eifersucht Ihres alten
Schafhäusers nicht bekannt wäre, so hätte ich mich schon lange erkühnet, Ihre
holdseligste Person, die an dem Wert allen Kleinodien des berühmten Arabien
vorzuziehen, untertänigst zu besuchen. Weil aber Ihr Herr die Eifersucht selbst,
ja ein solcher Mann ist, der kaum dulden kann, dass Sie einen Hund bei sich habe,
als wird er wegen solchen Beginnen nicht allein bei seinesgleichens allentalben
billig verhasset, sondern macht sich noch dazu den allerübelsten Namen.
Dergleichen Gesellen, wie er ist, werden sonst am ersten betrogen, und eine
solche Frau, wie Sie ist, hätte wohl billige Ursach, ihn zu strafen, weil er
Ihrer Ehre und bekannten Keuschheit kein mehrers zutrauet. Wo ich wüsste, dass es
Ihr Wille wär, wollte ich mit einer solchen extraordinar List in das Schloss
kommen, dass auch keine Maus merken sollte, dass ich da wäre. Wenn ich aber komme
und sehe, dass Ihr der Alte sogar auf dem Fusse nachgehet, so habe ich noch einen
solchen Puffer hinter meinem Rocke, der ihm seinen Frevel genugsam dämpfen kann.
Sie lebe wohl, o Unglückseligste unter den Schönen, und vergönne mir die hohe
Ehre, mich zu heissen:
                                                Ihres Namens ewigen Verwunderer.
                                                           Ein bekannter Freund.
Diesen Brief partierte ich durch gewisse Jungen ins Schloss, und kann nicht
sagen, wie der Alte darüber erschrocken ist. Er wusste nicht, woher er war,
dennoch forchte er und schämte sich, dass seine Wahrheit so weltkündig wäre.
Nicht lang darnach kam ein Fähndrich an, welcher aus dem Krieg wieder nach Haus
reisete, und weil mein Herr meinte, dieser wäre es, welcher den Brief
geschrieben hat, liess er ihn mit seiner Frauen hantieren, wie ihm beliebte.
Nichtsdestominder schickte er mich allentalben hinnach, und wenn ich wieder zu
ihm kam, so hiess es: Hast du nicht dies gesehen, hast du nicht das gesehen? Hat
ers nicht so gemacht? Hat er nicht so gesagt? Was hat sie gesagt? Was hat sie
getan? Hat sie ihn nicht angelacht? Hat sie ihn angesehen? und mehr dergleichen.
Aber weil mir die Frau gar zu lieb war, redete ich das Allerbeste von ihr. Im
Fall aber solches nicht gewesen wäre, wollte ich den alten Narren nicht allein
in grossen Kummer, sondern sie dazu in wackere Püffe gebracht haben. Nein, mein
Herr, sagte ich, Ihr habt eine redliche Frau, sie wird ja das Ding nicht tun.
Ei, was wollt Ihr meinen, nimmermehr ist Eure Frau eine solche, wie Ihr Euch
selbst einbildet, Ihr werdet ihr ja das Reden nicht verbieten, noch zornig
werden, so sie einen andern anschauet. Wozu hat uns die Natur das Maul, wozu hat
sie uns die Augen gegeben? - Ja, ja, sagte er, du sagst schon wahr, aber halt
nicht zu viel, nicht zu viel! - Ja, sagte ich, es heisset auch nicht zu wenig,
nit zu wenig. Ihr trauet ihr zu wenig und tut ihr zu viel. Damit kratzte er sich
voll Seufzen wieder hintern Ohren. Gehe, sagte er, siehe wieder zu, was
passiert, ich wollt, dass der Henker den Kerl geholt hätte! Was hat er auf meinem
Schloss zu tun? Er ist allgemach eine halbe Stunde dagewesen, könnte wohl wieder
wegreiten. Ha, ha, er ist auf die Buhlschaft kommen, ja, ja, auf diese ist er
kommen. Ach, gehe, gehe und sieh zu, dass er bald wieder wegreite. Und also
machte ers mit allen, die ihm zusprachen.
    Ehe er schlafen ging, leuchtete er in alle Winkel wie auch ober und unter
die Bettstatt, griff auch unter den Strohsack und visitierte alle Kleiderkästen,
ob sich vielleicht jemand zu seinem Nachteil dahin verstecket hatte. Und wenn
der Wind nur ein bisschen ans Fenster stiess, so meinte er, es würfe jemand an.
Wenn sie über Feld ging, so passierte er hinter ihr drein, und so viel sie an
einem fremden Ort mit einem andern Wort redete, so viel gab er ihr nach ihrer
Heimkunft Ohrfeigen. Einsmals redete sie im Schlaf, da meinte er nicht anders,
als wäre ein Kerl bei ihr. Er brannte also sein Licht an und sass die ausgehende
Nacht bei demselben am Bette. Einsmals bildete er sich ein, als wär unter seinen
Mägden eine verkleidete Mannsperson, und damit er eigentlich hinter die Wahrheit
gelangen konnte, hiess er die Magd mit mir in den Heustadel gehen; daselbst hiess
er mich, sie über den hohen Stoss abzuschüpfen, wovon sie auf das untere Strohe
ohne Gefahr fallen konnte, wie denn die jungen Knaben oft dergleichen Sprünge
tun. Und also konnte der Edelmann, indem sie sich im Fall wohl dreimal
überstürzte, aus dem Zweifel geraten, dass dem nicht also gewesen, wie er sich
fälschlich eingebildet hat. Er starb aber bald darnach, und weiss nicht, ob die
Wittib wieder gefreien hat oder nicht, indem ich von dar zu dem von Seewalchen
und von dar zu Euch gekommen bin.«
 
                                  IX. Capitul.
   Die Magdalena hat nichts Guts im Sinn; wird wieder auf guten Weg gebracht.
Zwischen dieser und anderen zeitkürzenden Historien kamen wir endlich mit grossen
Freuden wieder nach Haus und wurden von den Unserigen allerseits auf das
höflichste empfangen. Aber ein Weib, welches ehedessen auf Dietrichs Landgut als
eine Spinnerin gedienet, rufte ihn noch auf offener Strassen hinter einen Baum,
allwo sie ihm umständlich erzählet, dass seine einzige Muhme nach seinem
Abscheiden sich in das allerliederlichste Leben begeben und nunmehr in einer
bekannten Stadt gleichsam in einem öffentlichen Hause sich aufhielte. Diese
Erzählung wie auch das Angedenken der zurück in dem Raubnest gebliebenen Knechte
waren das einzige Übel, das wir unter so vielen angenehmen Freuden fühleten; und
weil wir gleichsam noch in voller Reise waren, ritten wir dahin, und Christoph
weinete unterweges die lichten Tränen, weil er rundraus gestund, dass er sich in
die Magdalena, so hiess dieselbe, rechtschaffen verliebt, sich auch entschlossen
hätte, sie nach seiner Zurückkunft zu ehelichen.
    Nicht lange darnach kamen wir in die Stadt, und zwar in ein solches
Wirtshaus, darin manch ehrliches Gemüt mag geradbrecht sein worden. Denn als wir
die erste Mahlzeit gegessen, kam eine alte Kupplerin zu uns und fing schon an
von ferne mit ihrem Schmunzeln zu verstehen zu geben, was sie uns in der Nähe
sagen wollte. Sie zog die Gosche nicht viel enger als eine Fuhrmannstasche
voneinander, und man erschrak, so man ihre Löcher, welche ihr ganz zahnlos im
Munde waren, erblickete. »Ihr Herren,« sagte sie heimlich zu uns, »beliebt
Ihnen, ein halbes Stündlein mit perfecten Frauenzimmer zu passieren, so lesen
Sie sich in diesem Büchlein eine aus.« Hiemit gab sie uns ein Buch, in welchem
mehr als funfzehen Weibspersonen abgemalet stunden, darunter zwar diejenige
nicht zu finden war, von welcher uns die Spinnerin erzählet hatte. »Ich sehe
wohl,« sagte Dietrich, »dass hierinnen saubere Gesichter sind, aber wo ist diese,
so Magdalena heisset? Sie ist ja hier und hält sich auch unter dieser
Gesellschaft auf?« - »Ja,« sprach die Kupplerin, »sie ist erst neulich
angekommen und dahero noch nit gezeichnet worden.« Als wir dieses aus ihr
hatten, verkleideten sie mich aus meinem Einsiedlers-Habit, und also ging ich
mit der Alten in das Haus, weil es höchst nötig war, dem Feuer zu begegnen, da
die Funken noch in der Asche lägen.
    Sie führte mich durch einen finsteren Gang, und das ganze Gemach war
ziemlich dunkel gebauet, vielleicht darum, weil allda Werke der ewigen
Finsternisse getrieben wurden. Ich seufzete vor Schrecken, aber die Alte sprach:
»Seid getrost, es wird bald besser werden!«, und mit diesen Worten brachte sie
mich zu der Magdalena, bei welcher noch zwei andere Dirnen im Zimmer stunden,
von welchen sie allem Ansehen nach hineingelocket worden. Ich sagte zur
Kupplerin, dass ich mit der Magdalena allein wollte zu tun haben, derowegen hiess
sie die beiden Gespielinnen mit Manier hinweggehen; und ehe ich michs versah,
stund der Tisch schon voll Confect. Soviel ich hierauf discurrierend von der
Magdalena verstehen konnte, so hätte sie ihre Frau Mutter, welche ein rechter
alter böser Balg war, dergestalten geprügelt und geschlagen, dass sie sich
endlich entschlossen habe, dieses Leben anzufangen, wie sie denn erst vor acht
Tagen hereingekommen wäre.
    Ich nahm darauf ihre Hand, und als sie die meinige entgegen fasste, kannte
sie den Ring ihres Vetters Dietrichens, der mir solchen in dem Wirtshause an den
Finger gestecket. Über solchem Anblick entfärbte sie sich gänzlich und wurde
gleich einem weissen Tuch. »Kennet Ihr«, sagte ich darauf, »aus diesem Ring, wer
ich bin und zu was Ende ich hiehergekommen? Ich buhle nicht um Euren Leib,
sondern vielmehr um Eure arme Seel, welche sich in eine so erschröckliche Gefahr
gesetzet hat. Ich verlange Euch nicht zu meiner, sondern zu der Himmelsliebe zu
bereden, dahin ich Euch durch meine gute Leitung führen will. Wie könnt Ihr es,
o Magdalena, immermehr verantworten, dass Ihr, Eures alten Geschlechtes und
vornehmen Herkommens ganz vergessend, alle Freundschaft so auf die Seite setzet
und Euch in eine solche Lebensart begebet. meint Ihr nit, dass ein Aug über Euch
wache, von welchem all Eure heimliche Taten gesehen werden? Wo ist Euer
Gewissen, Eure vorige Andacht und Euer ehmaliger Ruhm? O Magdalena, geht in
Euch selbst und folget in diesem Stück der heiligen Büsserin, mit welcher Ihr
gleichen Namen führet. Ich bin Wolffgang, dessen Person und Leben Ihr nicht kann
verborgen sein. Darum folget mir und begebet Euch beizeiten wieder nach Haus.
Man muss die wunderliche Art der Mutter nicht so übel auslegen. Eltern haben ein
grosses Recht über Kinder; und wenn geschrieben stehet: Du sollst Vater und
Mutter ehren!, so heisst es nicht allein, einen frommen Vater und Mutter, sondern
auch einen wunderlichen Vater und Mutter. Darum machet Euch fertig und verlasset
diesen schändlichen Ort. Mancher geht mit Lachen herein und mit Weinen wieder
hinaus. Er ist im Hereingang voll Unschuld, und im Austritt fühlet er die
allerschärfeste Geissel des verletzten Gewissens. Ihr wisset, dass Euch Herr
Christoph von Unterberg heimlich geliebt hat, dieser ist in Person allhier,
Euch von diesem ärgerlichen Leben, in welchem Eure Seele so gewiss verloren wäre,
als ich hier vor Euren Augen stehe, abzumahnen und sich, wofern Ihr annoch
unbefleckt und rein seid, mit Euch annoch zu vermählen; darum sagt, was Ihr zu
tun entschlossen und ob Euer sonst williges Gemüt durch diese Rede zu bewegen
ist?«
    Sie weinete unter diesen Worten die lichten Tränen, darum schärfte ich ihr
das Capitul durch eine lange Sermon und brachte sie endlich noch selbigen Abend
mit einem Mantel verdecket zu uns in das Wirtshaus, allwo sie ihrem Vetter ihr
Verbrechen nicht allein abgebeten, sondern versprach noch über dieses, mit
Versicherung, dass sie in solchem Stand in keiner Unreinigkeit gelebet, allen
kindlichen Gehorsam. Doch dass ihre Mutter hinfüro mit ihr etwas höflicher und
bescheidener umginge, weil sie kein Kind mehr wäre und also mit keinen Schlägen
wollte getractieret sein. Diese und alle andere bescheidene Handlungen der
Jungfrauen entzündeten Christophen je länger je mehr, und zwar endlich
dergestalten, dass er sich noch auf der Heimreise mit ihr verlobt und sie
dannenhero stets vor sich auf dem Pferde geführet, mit ihr ein höfliches und
seltsames Gespräche führend, dadurch er seine bisher auf der Reise mannigfältig
ausgestandene Zufälle um ein merkliches versüsset hat.
 
                                  X. Capitul.
             Die Knechte, so im Raubnest gewest, kommen wieder los.
Hierauf war die Ankunft der Verreisten bald durch den gemeinen Ruf in dem Land
ausgetragen. Gottfrid, Wilhelm von Abstorff, der Advocat von Ollingen wie auch
der kurzweilige Philipp überschickten den Angekommenen tausend Willkomm. So war
auch Sempronio wieder aus dem Felde ins Quartier zurückgelanget, dass sich also
die vorige Gesellschaft nicht allein wieder beisammen, sondern auch im höchsten
Vergnügen befand. Ich begab mich ingleichen wieder nach meiner alten Klause zu
der alten Kapelle im Wald, mich daselbst mit einem dazu bereiteten Salz meines
Kropfes zu curieren und meiner fernern Andacht nachzuhangen. Nichtsdestoweniger
entschloss ich, bei so beschaffenem Zustande dann und wann, gleichwie ehedessen
Herr Friderich getan hatte, in dem Land herumzugehen und meinen guten Bekannten
zuzusprechen, doch mit dem Unterschied, dass ich nicht, wie er getan, mit einem
Sack betteln noch auch den Einsiedlers-Habit antragen wollte. Dannenhero liess
ich mir ein ehrbares Reisekleid mit starken Bundschuhen verfertigen, wohl
wissend, dass weder das Kleid noch der einsame Ort, sondern der innerliche
Schmuck und die Absonderung von der Erden ein frommes Leben mache.
    Soviel ich sonsten von meinen Haushaltern verstanden, hatten sich meine
Güter indessen ein merkliches vermehret. So wurde mir auch das Geld, welches ich
vor Dietrichen auf der Reise ausgeleget, in purem Gold gleichsam doppelt
bezahlet, dass ich so manchen halben Tag genug in Ausmusterung der
unterschiedlichen Gold- und Silbersorten zu tun und zu klauben hatte. Mit diesem
Schatz bestimmte ich endlich, noch eine Kirche zu bauen und mir also dadurch
viel ein länger Gedächtnis zu stiften, als wenn ich etliche ungeratene Kinder
gezeugt hätte, welche mich in dem Grab geschimpfet und meinen Namen der Nachwelt
zum Spott gemacht hätten. »Ha, es ist dir besser,« sagte ich, »dass du ohne
Kinder stirbest, als dass du eine ungeratene Frucht auf Erden lässest. Willst du
ein Gedächtnis nach dir, so baue eine Kirche, begabe sie mit guten Einkünften,
so ist der Handel schon richtig.« Also vertrieb ich dazumal in dem Wald meine
Zeit, unterweilen entielt ich mich auch auf dem alten Schloss zu Steinbruch und
gab daselbst den Bauern Audienz, welche mich schon eine ziemliche Zeit nicht
mehr gesehen hatten. Führte also ein halb geistlich und ein halb weltlich Leben;
und je andächtiger ich war, je grösser wuchs mein Reichtum, bis ich endlich unter
die Reichesten im ganzen Land gezählet worden.
    So wurde mir auch meine Tat, indem ich die Magdalena von ihrem bösen
Vorhaben wieder zurückgebracht, unter vielen Leuten, ob es zwar noch nit
allzuweit ausgekommen war, dennoch vor ein vortreffliches Stück ausgeleget. Denn
es ist viel härter, einen Irrenden auf den rechten Pfad bringen als ihn auf
ebener Bahne zu erhalten; und also war die Hochzeit auf Dietrichs Schloss
angestellet, dabei die gesamte Gesellschaft erschien. Ich selber kam in meinem
Reisekleide an, und als wir über der Tafel am fröhlichsten waren, kam der
Torwärter mit einem Abschied zu uns, welcher einem Kerl zustund, der da vor dem
Tor um ein Almosen bettelte. Sobald wir aber solchen eröffnet, fanden wir, dass
er eben einem unter den Knechten zustund, die etliche Wochen zuvor in dem
Raubnest, nach dem Inhalt dieser obigen Schrift, zurückgeblieben. Niemand
verwunderte sich mehr, als die wir um diese Sache wussten und uns allgemach
eingebildet hatten, als wären diese Leute in dem Raubnest schon lang verfaulet.
Derohalben las man den Brief geschwinde durch, welcher in folgendem Inhalt
bestund:
    Ich, Julio vom Kreuz, Ritter der Insul Malta, bekenne durch Zeigern dieses,
dass, ob ich ihn gleich als einen durch meine Faust aus der Gewalt der Räuber
Erlöseten zeit seines Lebens zur ewigen Leibeigenschaft hätte verbinden und
verhaften können, dennoch zu seinem Besten und zu Ausbreitung des Ruhms der
Ritterschaft ohne Entgelt frei und ledig gelassen, also dass er nicht allein, wo
es seine Gelegenheit ist, sich sicher und ohne Gefahr in anständige Dienste
einlassen, sondern die Zeit seines Lebens mir mit nichts, als wozu ihn seine
Dankbarkeit anweiset, verpflichtet sein darf. Urkündlich und zu Bekräftigung
dieses habe ich mich auf sein dienstliches Ersuchen eigenhändig unterschreiben
und mein gewöhnliches Petschaft hiebei anfügen wollen.
    Zu besserer Auslegung dieser Schrift liessen wir ihn durch den Torwärter an
die Tafel rufen, allwo er uns nicht allein mit unbeschreiblicher Freude
empfangen, sondern noch dazu alle diese Sachen erzählet, welche mit ihm und
seinen Gesellen in dem Raubnest vorgelaufen. Weil nun die ganze Compagnie von
dem vorigen Discurs allgemach satt und ermüdet war, baten wir ihn, zu unserm
desto grössern Vergnügen, seinen Zustand zu erzählen und auf das allerkürzeste zu
entwerfen, wie und auf was Weise er losgekommen. Hiermit fing er an, und nachdem
er sich nächst dem Schenktisch niedergelassen, redete er so:
    »Dieselbe Nacht, als wir in dem Raubnest angelanget, liess man unter uns
Dienern keinen zu dem andern. Mich schlossen sie, sobald ich die Pferde in Stall
gebracht, in eine finstere Kammer, darinnen ganz kein Fenster zu sehen war. In
solcher Dunkelheit machte ich mir die allerwunderlichsten Gedanken und merkte
schier, wo es hinauswollte. Es half da weder Schreien noch Rufen, sondern ich
musste da im Finstern so lange sitzenbleiben, als lang diese Gesellen wollten,
und hätte ich auch darinnen vor Hunger sterben müssen. Endlich brachte mir ein
Kerl Brot und Wasser und hiess mich gutwillig in die Fessel zu begeben, indem
mein Herr allgemach seinen Rest schon empfangen hätte. Über dieser Zeitung, wie
Ihr leichtlich urteilen könnet, habe ich mich sehr entsetzet und mich ohne allen
Widerstand anschliessen lassen. Ich fragte zwar, wo meine Kameraden wären, weil
ich aber verstanden, dass es keinem besser als mir ginge, konnte ich weiter
nichts aus der Sache machen und musst mit Geduld erwarten, was daraus werden
wollte. Ihr könnt euch leichtlich einbilden, was ich in diesem finsteren Gewölb
vor Grillen gefangen habe, und weil ich weder Uhr noch Glocke hörte, wusste ich
oft nicht, war es Tag oder Nacht.
    Nicht lange darnach schloss man mich wieder aus, und als ich auf den Hof kam,
sah ich meine zwei Gesellen wie die Hunde aneinandergekuppelt mitten auf
demselben stehen; und also führten sie uns wieder gen Welschland, auf ebender
Strasse, dahin wir zuvor hergeritten haben. Den dritten Tag darnach kamen wir in
einen Wald, darinnen eine grosse Jagd vorüberging, und allda traf uns das
sonderliche Glück, dass, indem ein junger Ritter einem Hirsch nachstellete, er
mit etlichen Jägern an uns stiess. Er hiess die Räuber stillstehen, und als er aus
uns geforschet, auf was vor eine Art sie uns gefischet hätten, umringte er sie
und nahm sie gefangen. Nach diesem hat er auch ihr Schloss zerstöret und darinnen
grossen Reichtum von gestohlenen Sachen angetroffen. Uns aber, die er zu solcher
Hülfe gebrauchet, gab er, nachdem die Burg auf den Grund verwüstet worden, frei
und jedem zur Versicherung dessen einen solchen Brief, wie Ihr von mir gesehen
habet. Meine zwei Gesellen liegen krank, ich aber habe mich wieder allher
begeben, zu suchen, wem meine Dienste anstehen.« Auf diese Relation nahm ihn
Christoph, bei dem er gedienet, wieder an und verdoppelte ihm seinen Jahrlohn.
    Hierauf erhebte sich unter den Hochzeitgästen eine Frag, ob der Mensch, es
möge auch sein, wer er wolle, durch die Zigeuner und Wahrsager aus den
Lineamenten der Hand oder der Stirn nicht wissen könne, was ihm vor Glück oder
Unglück zustossen könne. Allein es wurde gesagt, dass zwar die Lineamenten der
Hand zuweilen etwas andeuten, das doch notwendig nicht geschehen müsste. Das
Gestirn des Himmels oder die Constellationes des Menschen machten ihn wohl
zuweilen zu einer Tugend oder einem Laster geneigt, aber sie nötigten ihn nicht.
Wie an dem gelehrten Socrate zu sehen, der eine böse Physiognomie hatte und doch
sehr tugendsam gelebet hat. Also kann man eine Natur, die zum Bösen durch die
Geburt geneigt ist, dennoch mit einem vorsichtigen Fleiss dergestalten zwingen
und umwenden, dass das Gute draus folget. Hingegen versaumet auch oft mancher
seine gute Neigung durch allzu gelindes Nachsehen seiner Natur und tut vor das
Gute das Böse. Und was hilft es auch endlich, wenn der vorwitzige Mensch gleich
weiss, ob es ihm wohl oder übel gehen werde? Soll es ihm wohl gehen, so verlässt
er sich drauf, soll es ihm übel gehen, so betrübt er sich und hat also auf
beiderlei Weis grosse Gefahr zu befürchten. Was wäre es, wenn man einem Mann, der
seines Weibs gern los wäre, wahrsagte, dass sie vor ihm sterben würde? Nun,
gesetzet, es geschähe also und sie stürbe ein Vaterunser lang ehe als er, was
ist ihm damit geholfen? Dennoch hätte er sich immer indessen drauf verlassen,
und auf die letzte hätte er doch keinen Nutzen davon gehabt. Einer forchte sich
vor dem Wasser, dem wurde wahrgesagt, er würde nicht ertrinken, da freuete er
sich über die Massen, aber endlich wurde er gehangen. Mancher wünschet sich ein
hohes Alter. Da wurde auch einem gesagt, der da forchte, er würde kaum dreissig
Jahr alt werden, dass er ein steinalter und eisgrauer Mann werden sollte. Aber
was half ihm sein Alter, indem ihm nach der Weissagung ein Bein gebrochen,
nachmals hat er den Stein bekommen und hat solchen Schmerzen bis ins Grab viel
Jahr lang tragen müssen. Eine Frau hätte gern Kinder, und wie man ihr sagte, dass
sie sollte deren acht bekommen, war ihre Freude unmässlich. Aber als es erfüllet
war, wurde sie von einem Kind da, von dem andern dort geschlagen und brachten
sie also ins Grab. Einem wurde gesagt, er sollte verbrennt werden. Darum war er
immer traurig, entielt sich der Gesellschaft und floh alle böse Gesellschaft.
Als er nun einsmals an dem Abend bei seinem licht einschlief, ergriff die Flamm
die Tapeten, und er musste jämmerlich im Feuer sterben, ehe man ihm helfen
können.
    Drum sind solche Wahrsagungen blosserdings nicht allein nichts nutze, sondern
auch verboten und unchristlich, absonderlich aber denen an ihrer Seligkeit
schade und nachteilig, die gar zu viel darauf halten. Ja, es geschicht nicht
selten, dass es denen, die darauf bauen, eben also geht, wie sie glauben, und
nicht darum, dass es also sein hat müssen, sondern wegen des Aberglaubens, den
sie darauf gehabt haben. Daher sind unter den Christen noch so viel Aberglauben,
und werden oft an den Kindern um der Mutter ihrer Leichtglaubigkeit willen alle
die Dinge wahr, die sie liederlich geglaubet hat. Hätte sie es aber nicht
geglaubet, so wäre auch nichts daraus geworden. Gleichwie nun der Gerechte um
seines Glaubens willen lebet, also wird der Ungerechte um seines Unglaubens
willen gestraft. Was helf es dich, wenn dir gleich einer sagte, du solltest der
reiche Croesus werden, wenn du mit ihm auf den Scheiterhaufen gesetzet würdest?
Also suchet der Vorwitz nur hohe Dinge und weiss doch nicht, dass die Baueraxt
viel glücklicher als ein Königsscepter sei. Aber solang man einer Sache nicht
genossen hat, schätzt man sich immer unvergnügt. Wenn mans aber genossen, so
sieht man erst, dass man in der Meinung, die man davon gehabt, betrogen worden.
Wie mancher lebte noch, der sich da wahrsagen lassen, er würde ertrinken? Über
solches sind ihrer etliche betrübt worden, haben der Melancholei mehr
eingeraumet, als sie gesollet, und haben sich endlich aus purer Desperation
selbst in das Wasser gestürzet und sind ihres eigenen Leibs um ihres Unglaubens
willen zu Mörder geworden.
 
                                  XI. Capitul.
       Redet von Wahrsagen und Träumen, absonderlich von dem Scanderbeg.
Die Gelegenheit zu dieser Frage gab etliches Frauenzimmer, welches sich kurz
zuvor von einem jungen Vetter des Herrn Friderichs hatte in die Hand gucken
lassen, und dannenhero hatten sie aus der Erzählung des Knechtes Ursach
genommen, dieser Sache etwas nachzufragen. Es wurde hierauf auch von Träumen
geredet und diesen mehrer Kraft als dem Handgucken zugeschrieben, weil man in
göttlicher Schrift etliche Exempel finde und insonderheit des Josephs, welcher
dem Bäcker und Mundschenken ihre Träume ausgeleget und allen beiden, obzwar mit
merklichem Unterscheid, dieselben gedeutet hat. Denn der eine kam wieder zur
vorigen Ehrenstelle, der andere aber wurde an den lichten Galgen gehangen. Also
träumet noch manchem Menschen, absonderlich aber hohen Personen und an welchen
viel gelegen ist, und wird diesen gleichsam vorbildsweise angedeutet, was ihnen
vor Glück oder Unglück zustossen, item, wie die oder jene Veränderung sich
ereignen wird. Einem berühmten Professor auf der Universität Wittenberg traumte,
als wäre ihm seine Schlaguhr vom Tische auf den Boden gefallen. Als er folgendes
Tages über die Elbe gefahren und diesen Traum einem seiner guten Freunde
erzählet, sind sie beide ertrunken. Der Mutter des preiswürdigen Helden
Scanderbegs oder Alexandri Castrioti, dessen Leben und Geschichten so weit
bekannt sind, als die Sonne geht, dieser, sage ich, traumte in der Nacht,
darauf sie diesen ihren tapfern Helden geboren, als käme eine erschröcklich
grosse Schlange aus ihr, so mit dem Haupt vor Constantinopel reichte und den
türkischen Kaiser verschlänge, mit dem Schwanz aber reichte dieser Wurm bis an
die teutsche Grenzen. Über diesen Traum ist die schwangere Frau heftig
erschrocken, aber ihr Herr Johannes legte ihr den Traum wohldeutend aus, wie
denn hernachmals in dem Werk erfolget ist, dass dieser Scanderbeg ein so grosser
Held geworden, der den Türken so oft in die Flucht geschlagen hat, als oft er
von ihm ist angegriffen worden. Er hat über sechzig öffentliche Haupttreffen
wider den Erbfeind gewonnen und ist nicht öfter als einmal in allem seinem
Streit in die Flucht geschlagen worden. Dieses ist geschehen vor
Griechisch-Weissenburg in Ungarn, vielleicht darum, auf dass er ein Zeugnis
hinterliesse, dass auch der grösste Held könnte überwunden werden.
    Ich will unter allen dies einige von ihm allhier gedenken: Als er einsmals
von dem türkischen Kaiser durch einen Abgesandten ersuchet worden, er solle auf
Trau und Glauben ihm, dem Kaiser, seinen Säbel, mit welchem er die Türken
gemeiniglich in zwei Teil auf einen Hieb voneinander geteilet, überschicken, hat
er solchen dem Gesandten mitgegeben, welchen auf dem kaiserlichen Hof kein
Soldat, so geschickt derselbe auch gewesen, hat schwingen und brauchen können.
Der Kaiser, welcher gemeinet, als wäre dieser nicht der rechte, schickte ihm
solchen wieder und schrieb, dass es unmöglich der rechte sein könnte, weil ihn
unter allen seinen Leuten keiner zu schwingen wüsste. Da schrieb Scanderbeg
hinwieder an den Kaiser, dass er ihm zwar den rechten Säbel, aber nicht die Faust
und den Arm überschickt hätte, mit welchem dieser Säbel geführet und geschwungen
würde, und solle er solche Wirkung seines Säbels allernächstens im Felde
erfahren. Wie er denn dadurch solche Taten verrichtet, die hier nicht alle
können erzählet noch aufgezeichnet werden. Es ist ein eigenes Buch heraus,
darinnen dieses mannlichen Helden Lebenslauf sehr zierlich und angenehm zu lesen
und noch Unzähliges zu finden ist, was zu des curiösen Lesers Vergnügung dienet.
    Will also dieses dermalen von etlichen und nicht von allen Träumen aller
Leute gesagt haben. Denn nachdem man zuweilen lebet, nachdem traumet man auch.
Ein anders ist ein Præsagium, ein anders ein Phantasma. Da es nun heutzutage so
viel Traumdeuter und Traumbücher gibt, lässt man jedem die Freiheit zu lügen, was
er will, und glaubt unterdessen doch wohl, dass die Wahrheit der heutigen
Traumdeuter meistenteils mit Lügen versiegelt sind. Auf dieses redete man von
Visionen, Gesichtern und absonderlich von Sonntagskindern, welche vor andern
solche Sachen am ersten sehen sollten. Denn es war ein Edelmann zugegen, der
sagte, er hätte in seinem Dorfe einen Schuhknecht, derselbe wär ein solches
Sonntagskind und könnte einem einen ganzen Tag lang von lauter solchen Sachen
erzählen: Wie er nämlich einsmals auf seiner Wanderschaft, als es hätte wollen
Abend werden, bei einer Dorfkirche vorbeigegangen und auf der Freitofmauer
ringsherum lauter Hunde sitzen und bei jedem ein Wachskerzlein hätte brennen
gesehen. Solche Erzählungen referierte uns der Alte von Adel von diesem
Schuhknecht etliche, welche mehr fabelhaft aussahen als die älteste Märlein; und
es ist nicht zu leugnen, dass es manchen Galgenvogel abgibt, welcher, nachdem er
sieht, dass den Leuten dadurch einziges Wohlgefallen geschiehet, gibt er sich
vor ein Sonntagskind aus und erdichtet so viel Lügen, als ihm einfallen. Welches
ohne Zweifel diesem redlichen Manne mit dem Schuhknecht auch mag begegnet sein,
weil er allem Ansehen nach gar viel und grosse Häuser auf dergleichen Grillen
bauete. Die Linien in der Hand aber insonderheit hier zu gedenken, sind dieselbe
nicht von Natur, sondern vielmehr deswegen in der Hand, weil man durch stete
Auf- und Zuschliessung der Hand solche in die Fläche einpresset und figurieret.
Denn man nehme die Haut an einem andern Ort des Leibs, tue oder zwicke solche
oft zusammen, so wird es, nachdem man drucket, auch eine solche Lineam abgeben,
welche aber, weil die Motion, dadurch sie verursachet worden, nicht continuiert,
bald wiederum vergehen muss.
    Hiernächst redete man, wegen Veranlassung des Scanderbegs, von
unterschiedlichen grossen und starken Helden wie auch von Riesen und anderen
grossgewachsenen Leuten, dabei des grossen Rolandes, der in dem Pyrenäischen
Gebirg gestorben und begraben ist, öfters und mit vielem gedacht ist worden.
Sein Horn und Schwert sollen von grossen Kräften gewest sein, dass, wenn er
solches geblasen, all seine Feinde gezittert haben. Mit seinem Schwert hat er
sowohl durch den härtesten Stahl und Eisen als durch Leinwat und Tuch hauen
können. Und dannenhero verlachte man diejenigen Scribenten, die aus Veranlassung
solcher wahrer Eigenschaften weiss nicht was vor Ritterbücher geschrieben, da
bald ein Hug Schapler, bald ein Ritter mit den silbern Schlüsseln ein Abenteuer
überwunden und einen Riesen totgeschlagen hat. Doch haben dergleichen Lügen
ihren sonderlichen Nutzen unter der Handwerksbursch, welche sich sonn- und
feiertags ohnedem in den Wirts- und Leutgebhäusern (so heisst mans in Österreich)
voll und halb unsinnig saufen. Solchem zu steuern hat, wie ich meine, die alte
Welt dergleichen Märlein in Druck ausgehen lassen, damit sie die müssige Stunden
in Durchlesung solcher Blätter nicht so unnütz zubrächten. Aber es geschicht
oft, dass, wenn ein Schuhknecht, Schmiedknecht oder Weberknapp lieset, wie ein
wackerer Ritter der edle Herr Hug Schapler gewesen und wie fix er die Ritter
über die Schindmähren hinuntergestossen habe, so bilden sie sich ein, auch grosse
Ding zu tun. Fangen dannenhero oft um einer Lumpensach oder um ihrer Mädchen
willen mit einem andern Handwerksbursch einen Streit an und zerzausen sich
aneinander wie die Wildkatzen, dass bald einer hinten, der andere vorn am Kopfe
ein Loch davonträgt und mit zerrissenem Überschlag nach Haus wandert. Und
obschon zu diesem Handel solche Bücher eigentlich nicht können eine Ursach
genennet werden, so sind sie doch deswegen nicht zu loben, weil die Bursch etwas
Bessers davor lesen könnten. Doch ist die Jugend und absonderlich die wachsende
Stärke begierig, von grossen Taten zu hören, und ich weiss selbst, wie mir
ehedessen gewesen, wenn ich noch als ein Jüngling zu dergleichen Büchern geraten
können. Da hätte ich nicht Zucker vor solche Historien gefressen, absonderlich
da ich vom starken Gofrei las, und wie manches Abenteuer in der schönen Magelone
entalten war.
    Dadurch habe ich oft meine Schulsachen versaumet, aber nichtsdestominder
mein Gemüt trefflich beherzt gemacht, weil ich oft solche Kerl anzugreifen
getrauet, welches mancher Schlucker von zweiundzwanzig Jahren nicht hätte
unterstehen dörfen. Ich war auch, weiss nicht aus was Ursach, den grossen und
starken Leuten viel gewogner als den kleinen und schwachen Hosenkönigen, die
kaum eine halbe Spann weit über das Wams heraus sehen und derer man ihrer zwei
in ein Felleisen zusammenpacken kann. Absonderlich ergötzte mich die Histori im
Fortunato, da er und sein getreuer Leopold ihren Wirt zu Constantinopel so artig
in den Born geworfen. Aber gleichwie mir solche Lust bald kam, also verschwand
sie auch bald, und gleichwie ich die Zeit solcher Jugend mit dergleichen
Schriften vertrieben, also vertrieb ich das folgende Alter als ein erwachsener
Jüngling unter dem Frauenzimmer, bei welchem es mir auch sehr abenteuerlich
gegangen. Dieses habe also von dem Discurs melden wollen, welchen wir allda über
Tafel kreuzweis untereinander gehalten haben.
 
                                 XII. Capitul.
    Der Pfarrer erzählet von unterschiedlichen Orden der Mönche und Pfaffen.
Nach diesem redete man von der schröcklichen Verwegenheit der Räuber und anderen
ehrlosen Gesindleins, absonderlich aber von den welschen Banditen, die da oft um
einen schlechten Recompens nicht allein die Leute wacker abprügeln, sondern sie
mit einem heimlichen Puffer in die Rappagnie brennen, dass ihnen der letzte Atem
vergehet. Einer erzählte diese, ein anderer eine andere Historia. Auf solches
verwechselte sich der Discurs wieder in eine andere Materie. Da kam die Frage
mit ein, obs besser wäre, gross oder klein, mager oder fett zu sein. Da lobte das
Frauenzimmer die Grossen vor die Kleinen, und weil solches ein Junger von Adel,
so ein lustiger Kamp war, nicht wohl leiden konnte, dass man ihn durch diesen
zufälligen Discurs wegen seiner niedrigen Postur durch die Hechel gezogen, liess
er durch seinen Pagen, welcher eine helle Stimme hatte, hinter dem Ofen
folgendes Lied absingen:
Ihr Leute pfleget mein zu lachen
Und könnet trefflich höhnisch sein,
Dass ich hab einen kleinen Rachen
Und schiebe grosse Brocken 'nein.
Den kleinen Hunden hänget man
Die allergrössten Klöppel an.
Wenn ich noch zwanzig Mäuler hätte
Und funfzig Finger in der Hand,
Ich wollt noch endlich werden fette
Wie eine Sau im Bayerland.
So aber hab ich all mein Schmer
Gleichwie die Ziegen innenher.
Ich bin ein armer Käsemaden
Und kaum so schwer als eine Laus.
Ich bitt, begucket meine Waden,
Sie sehen wie ein Blasrohr aus.
Drum lasst mich meinen Hunger stillen,
Auf dass ich meine Strümpf mög füllen!
Diese drei Strophen, so kurz sie waren, so lang lachten wir darüber, denn der
Jung war ein Erzschelm und hatte sie, wie sein Herr selbst bekannte, ihm selbst
einsmals zur Lust aufgesetzet, wie er dann noch mehr dergleichen absingen
müssen, daraus man wohl abnehmen können, dass er einen fähigen Kopf und noch zu
einem mehrerm geschickt war, wie ehedessen der kurzweilige Jäckel gewesen, von
welchem daroben im dritten Capitul des vierten Buches ein mehrers erzählet
worden, wie listig er eine und andre Invention an die Welt gebracht. Und wenn
ich gewusst hätte, wo er sich dermalen entielte, hätte ich ihn ohne allen
Zweifel in meine Schlösser aufgenommen und ihn mit einem guten Dienst versehen.
Nach diesem tanzte man, bei welchem ich den Gedanken des Augustini nachgehangen,
der da vorgibt, dass jeder Tritt in dem Tanz gleichsam ein Gang zu der Höllen
sei. Und wenn mans recht betrachten will, so ist es nicht viel anders. Als ein
Weltmann habe ich zwar solches nicht erkennet, aber nachdem ich alle zeitliche
Eitelkeiten aus dem Kopfe verbannet, kennete ich viel Sachen, die ich zuvor vor
Gold gehalten, dass sie nur Stein und Blei wären.
    Darum führte ich indessen mit dem Dorfpfarrer einen Discurs vom
Klosterleben, und dass mancher Mönch in seiner Zellen sicherer sässe als der König
in Portugallen. Solcher und dergleichen Reden gebrauchten wir uns bei einem
hübschen Gläslein Wein, und haben wir gleich nicht getanzet, so haben wir doch
desto mehr getrunken. Er sagte, dass die Klöster allgemach anfingen, ihrer alten
Freigebigkeit zu vergessen, und dass es ihn unbeschreibliche Mühe gekostet habe,
den titulum mensæ zu erbetteln, weil man solchen nur diesen am allerehesten zu
geben beflissen war, von welchen man den meisten Nutzen hätte, nach dem
Sprüchwort: manus manum lavat. »Mein Herr,« sagte ich, »was ist der titulus
mensæ, und was hat es damit vor eine Beschaffenheit?« - »Es ist«, antwortete er,
»eine alte und löbliche Ordnung unter uns Geistlichen, dass, wenn einer auf dem
Lande will Priester werden, muss er aus einem Kloster den titulum mensæ haben,
das ist: wenn etwan einer aus zustossender Krankheit krumm, lahm, siech oder
sonsten gebrechlich wird, davon er seinem Amte nicht mehr vorstehen kann, so ist
es klar, dass die Dorf- oder Bauerschaft einen solchen Krüppel nicht ernähren
kann. Nun dörfte es dem andern wie dem ersten gehen, und würde also den
Pfarrkindern eine grosse Last auf den Hals geladen. So ist demnach dieser titulus
mensæ eine Versicherung und Brief, dass, wenn man nämlich mit einzigem Gebresten
beladen und dadurch ganz untauglich würde, seinem Dienst ferner vorzustehen, so
muss das Kloster, aus dem man solchen Brief hat, den Priester zu sich nehmen und
ihn zeit seines Lebens erhalten und pflegen. Stirbt aber der Pfarrer im Dorfe,
so ist er hingegen schuldig, all sein Hab und Gut dem Kloster zu verschreiben
und zu vertestieren.«
    Diese Ordnung, gleichwie sie an sich selbst löblich ist, gefiel mir
ausdermassen wohl, weil dadurch zu beiden Teilen gleichsam ein Interesse war. Er
erzählte mir ingleichen von unterschiedlichen Orden der Mönche, als erstlich von
dem scharfen Leben der Cartäuser, welche das ganze Jahr kein Fleisch essen
dörfen, und solches geniessen sie nicht eher, bis der Christtag auf einen Freitag
fällt, das ist alle sieben Jahr einmal. »Sie dörfen«, sagte er, »die ganze Woche
nur zweimal, und zwar nur eine Stund, miteinander reden, und solcher Discurs ist
von lauter himmlischen Sachen; die übrige Zeit in der Wochen sehen und reden sie
wenig oder gar nichts miteinander. Sooft sie aneinander begegnen, so spricht der
eine: Memento mori!, gedenke des Todes. Dieses ist ihr gewöhnlicher Gruss,
dadurch sie sich ihrer Sterblichkeit erinnern. Sie peitschen sich alle Wochen
dreimal aufs Blut und tragen härene Kleider auf dem blossen Leib. Sie lassen
durchaus kein Weibsbild, wes Standes oder Condition dieselbe auch sei, in ihre
Klöster, und man hat zu tun, dass man in ihre Kirchen kommet. Sie stehen um
Mitternacht zur Metten auf und verrichten oft in der härtesten Kälte die
allerlängste Andacht. In diesen Orden sind viel Fürsten und Grafen getreten und
haben darin bis an ihr Ende mit unglaubiger Geduld und Pönitenz gelebet. Es ist
gleichwohl nichts Geringes, alle seine Güter verlassen, derselben sich in
Ewigkeit verzeihen und in einen solchen strengen Orden zu gehen, absonderlich an
einem solchen Herren, der in der Welt in aller Pracht und Üppigkeit leben
könnte. Sie schlafen auf schlechten Betten und bringen fast ihr ganzes Leben mit
Meditieren zu; dahero sind die Betrachtungen, welche sie von dem Himmel, der
Höllen, dem Tod und dem Letzten Gericht geschrieben, überaus wohl zu lesen. Ihre
Klöster sind von den Städten abgesondert, und ihre gewöhnlichste Speise sind
Fisch und Kohl samt anderen Gartenfrüchten. Wenn einer in Anfechtung fället, so
läutet er ein Glöcklein, zu welchem jeder in seiner Zelle einen Henkel hat, auf
dass die andern vor ihn beten, und also weiss keiner, wer geläutet hat. Ein recht
alter Cartäusermönch ist ein rechtes Muster der Traurigkeit und Melancholei,
lebt stets in der allergrössten Demut und Observanz gegen die Obern, ist von der
Welt nicht allein mit dem Leib, sondern auch mit dem Geist abgesondert, hält
stets im Gebet und guten Werken an, weinet und seufzet über seine Sünden,
betrachtet stets himmlische Sachen. Verachtet hingegen die Erde und all ihre
Werke, überwindet sich selbst und seine falsche Begierden, gibt allen seinen
Brüdern und Religiosen ein gutes Exempel, schreibet der Nachwelt zunutz
andächtige Betrachtungen und redet nichts mit seinem Nächsten, als was zu dessen
Heil und Seligkeit dienlich ist.
    Zu einem so harten und strengen Leben gehöret eine gute und wohlbedachte
Resolution, und ist dieser Orden entsprungen von dem Bruno, welchen etliche,
absonderlich in Frankreich, vor heilig halten. Derselbe, wie aus der Histori
bekannt ist, hat in Paris einen guten Freund gehabt, welcher ein vornehmer
Rechtsgelehrter und sonsten dem äusserlichen Schein nach ein frommer Mann war.
Als er aber gestorben und ihm wie gebräuchlich vor dem Sarg in der Kirche das
Responsorium: Responde mihi gesungen worden, richtete sich dieser Tote aus dem
Sarg in die Höhe und sprach: Accusatus sum!, ich bin angeklaget worden. Als man
des andern Tages wieder sang: Responde mihi, antworte mir, so sprach der
Verstorbene wieder, indem er sich mit unaussprechlichem Entsetzen vieler tausend
Menschen wieder aufhebte:  Coram justo Deo judicio judicatus sum!, ich bin vor
dem gerechten Gericht Gottes geurteilet worden. Den dritten Tag, als sich das
Volk mit grossem Gedräng abermal in der Kirche eingefunden, den Ausgang zu
erwarten, erhebte sich dieser Verstorbene abermal auf den Versch Responde mihi
und schrie: Justo Dei judicio [in] æternum damnatus sum!, ich bin durch das
gerechte Gericht Gottes ewig verdammet worden. Dieses erschreckliche Spectacul
bewegte diesen Bruno als seinen gewesenen guten Freund dergestalten, dass er die
Welt verliess und in der Cartause - davon sie den Namen der Cartäuser führen -,
nit weit von Paris, sich zu einer unbeschreiblichen Busse niederliess, und von
diesem kommet also ursprünglich die Ordnung der Brunoiten, insgemein Cartäuser
genannt. Und es ist nit zu leugnen, dass bei so augenscheinlichen Exempeln
manchem ruchlosen Menschen das Herz trefflich gerühret wird, dadurch man sieht,
wie nötig es sei, den Schein fahrenzulassen und der Wahrheit, wie es an sich
selbst ist, mit aller Andacht und Sorgfaltigkeit unablässlich nachzugehen.«
    Weiter erzählete er mir von Capucinern, die nichts über Nacht behalten
dörfen, und an diese gemahnten mich viel liederliche Brüder, welche ich zwar in
einem certo Tertio hiermit will verglichen haben, welche auch all ihr Sächlein
am Abend vertun, dass sie am Morgen fast betteln gehen müssen. Darnach lobte er
den Orden der Benedictinermönch und sagte, dass er ehedessen bei ihnen studiert
hätte, allwo er so viel Product bekommen, als rote Buchstaben im Calender wären.
Auch dass dieselben Pfaffen die höchste Vergnügung in Auskehrung der Knaben ihrer
Hinter-Castell suchten. Auf solches gedachte er der Canonicorum Regularium und
sagte, dass er vor allen andern ein solcher hätte sein mögen. Aber weil er die
Musik nicht verstanden, so haben sie ihn nicht annehmen wollen.
    Hiermit tat er von den Jesuiten Meldung, welche unter den andern allen die
Allerehrgeizigsten wären, und dass ihrer etliche auf nichts studierten, als ihren
Nächsten um das Seinige zu bringen. »Diese«, sagte er, »haben bis anhero tapfer
vor den Papst und katolische Religion gestritten. Ihr Vorfechter war der
berühmte Cardinal Bellarminus, dessen Schriften ich sehr hoch halte. Dieser hat
allein so viel geschrieben, davon sich die anderen alle behelfen können. Auch
ist unter ihnen berühmt der gelehrte Ariaga von Prag, wie auch der spitzfindige
Jodocus Kedd, der ihrer viel aus dem Lutertum zu uns gebracht hat. Er war ein
guter Disputator, und haben ihm seine Gegner nichts abgewinnen können. Er hat
auch das Lob, dass er nichts oder wenig ausgeschrieben, sondern alles aus seinem
Kopf und eigener Arbeit hervorgebracht. Wo er in eine Stadt kam, darinnen es
Luteraner gab, so schenkte er ihnen gemeiniglich zu Ostern und Pfingsten zwölf
gedruckte Fragstücke, die blutart aufzulösen waren. Also hat er die meisten,
die ihm geantwortet haben, nur ausgelachet und hat sich durch seine Schriften
absonderlich das Lob unter den Controversisten erworben, dass keiner so
compendios als er jemals gedisputiert habe.
    Aber der Pater Scherer ist in argutiis mehr als der Kedd bekannt, denn was
Kedd mit Ernst angriff, das begunnte der Scherer nur auszuhöhnen, denn er sagte,
dass das Lutertum keiner Disputation würdig wäre, darum hat er solches auch in
allen seinen Schriften und Predigten nur ausgelachet. Einsmals sagte er zu Wien:
Euer Lieb und Andacht! Die luterischen Prädicanten schreiben zu ihrem Nam
gemeiniglich ein lateinisches D oder ein M. Das D soll Doctor heissen, das M
Magister. Aber es heisset so viel als Dieb und Mörder, wie die Schrift sagt: Dieb
und Mörder sind sie gewesen. Also kann ich sie nicht anders heissen, weil es
nicht anders in der Schrift stehet. Ein andersmal predigte er vom Kirchenornat.
Hört, sprach er zu Krems in ihrer Kirche, wisset ihr, warum die Luteraner und
Calvinisten so gar keinen Schmuck in ihrer Kirche haben? Sie hängen ihn all an
ihre Weiber! Noch mehr dergleichen ist häufig in seinen Predigten zu finden, und
ich halte allerdings viel auf seine Inventionen.«
    Diese vermischte Erzählungen des Pfarrers hörte ich mit allem Fleiss an, aber
ich gab ihm weder mit Worten noch mit Mienen zu verstehen, was ich davon hielte.
Aber nichts gefiel mir besser, als da er von dem Orden der fratrum ignorantiæ
schwatzte, denn derselben Brüder ist die ganze Welt voll, und wenn es endlich
mit allen Gelehrten auf den Grund kommet, so sind sie doch fratres ignorantiæ,
und ich wollte, dass ich auch ein solcher Bruder sein und um all diese
Schelmenstücke nicht wissen könnte, welche die Welt zu treiben pfleget. Denn in
solcher Ignoranz stecket die allervollkommenste Scienz und Wissenheit, habe auch
meinesteils diese jederzeit vor die Gelehrteste gehalten, die am wenigsten
gewusst haben.
 
                                 XIII. Capitul.
                  Krachwedel ist Wolffgangs leiblicher Bruder.
Bis daher habe ich mit grossem Vergnügen auf der Hochzeit des Herrn Christophens
gelebet, und nachdem sich die Hochzeitgäste wieder verloren, nahm ich gleich
ihnen meinen Rückmarsch nach der Klausen, allwo ich zu Verkürzung der Zeit das
Leben meiner seligen Eltern, welches sie mit eigener Hand aufgeschrieben,
durchlesen habe. Ich hatte sie ehedessen noch niemalen gesehen oder aufs
wenigste in der Bibliotek unter anderen Büchern nicht geachtet, weil sie nur in
schlechten Pergament eingenähet waren. Aber weil solche Bücher unter anderen in
einem Tragkorb unvorsichtig mit in die Klause getragen worden, sah ich endlich
mit Wunder, was ich bis daher noch nicht gewusst hatte. Unter andern entielt
sich in denselben ein Paragraphus, dass nämlich meine selige Frau Mutter einsmals
im grossen Brand, welcher auf dem alten Schloss zu Steinbruch in der Nacht
entstanden, ein Kind mit Namen Emanuel zurückgelassen, welches ohne allen
Zweifel, weil dazumal alles in die Asche gefallen, musste verbronnen sein. Über
dieses betrübte ich mich sehr, denn es hatte mir weder Vater noch Mutter davon
gesaget, habe dahero um diese Sachen keine gewisse Nachricht haben können. Nur
dieses fand ich dabei, dass der Knab an dem rechten Fuss nur vier Zehen gehabt
habe. Und als ich die Zeit zusammenrechnete, so wäre dieser mein Bruder um
neunundzwanzig Jahr älter als ich gewesen, wenn er noch gelebt hätte. Nun war
ich auch der Jüngsten keiner, sondern zählte allgemach neunundfünfzig Jahr,
betrübte mich nichtsdestoweniger um diesen verbronnenen Emanuel und liess ihm
bald darnach in die Kirche zu Steinbruch einen Grabstein setzen.
    Einsmals aber, als ich daselbst etliche Sachen wegen eines Grenzsteins
schlichtete, kam eine steinalte Frau vors Tor und bettelte ein Almosen. Die
erzählte unter andern, dass sie ehedessen allhier bei dem Pfarrer gedienet und
dass es dazumal einen Brand gehabt hätte, in welchem das Schloss bis auf den Grund
niedergesunken. »Ich half«, sprach sie, »ausräumen und fand ein junges Knäblein
in einer Wiegen, das nahm ich heraus und legte es auf eine Gutsche, denn es
waren gleich fremde Leute im Dorf. Möchte wohl wissen, ob dasselbe Kind noch
lebte oder wo es wär. Denn wie ich wieder davonlief, ging auch das Dorf an, und
die fremden Leute sind in der Nacht ohne allen Zweifel mit dem Kind, unwissend,
dass solches auf dem Wagen war, davongefahren.«
    Diese Rede der alten Bettlerin machte mich ganz verwirret, fragte
nichtsdestoweniger noch mehr aus ihr; und allem Ansehen nach war ebendieses Kind
der Emanuel, von welchem ich zuvor in meiner Eltern ihrem Lebenslauf gelesen
hatte. Ich konnte aber, so sehr ich mich bemühete, dennoch nichts von diesem
Emanuel erfahren, stellete also das Geschicke dem Himmel heim und lebte in
meiner Einsiedlerei wohl drei Jahr in und zwischen allerlei Zufällen, welche
solchen einsamen Leuten zuzustehen pflegen. Meine grösste Freude war dazumal, dass
ich auf unterschiedliche Dörfer ausging und den Geistlichen zusprach. Einsmals
wagte ich mich ein bisschen weiter in das Land, und weil es dazumal zu wittern
und regnen anfing, kehrte ich abermal in einem Pfarrhof ein, welchen ich sonsten
willens war vorbeizugehen. Der Pfarrer war ein überaus frommer Mann, und weil er
auf seine Predigt zu studieren hätte, bat ich ihn indessen um ein Buch, darinnen
die Zeit zu passieren. Er wies mich darauf in seine Bibliotek und stellete
meinem Belieben frei, was ich indessen lesen wollte. Da eröffnete ich bald
dieses, bald jenes. Endlich kam ich über die Kirchenacta und fand, gleichsam als
hätte es so sein müssen, ein Blatt, darinnen stund geschrieben: Den Dritten
dieses Monats ist ein Kind von dem Edlen Herrn von Selg allher ins Dorf
geschicket worden, dass solches von einem seiner Bauern auferzogen würde. Dieses
Knäblein ist besagtem Herrn von Selg, als er in dem Dorfe zu Steinbruch über
Nacht gelegen, unter währendem Brand auf seine Gutsche geleget und, von ihm
unwissend von wem, zum Schimpf und Spott angehangen worden. Die Bauern loseten
drum, und traf das Los Nachbar Hans Krachwedel, der es auch ernähret und endlich
zum Schmiedhandwerk gebracht hat.
    Diese Nachricht las ich mit sonderlichem Herzklopfen aus dem Buch. Ich
konnte durchaus nicht ruhen, unter die Geschichte zu gelangen und auf den Grund
zu fischen. Brachte demnach so viel zuwegen, dass sie das Kind Andreas geheissen.
Die Dorfschaft wusste aber nicht mehr, wohin dasselbe Kind gekommen wäre, weil
fast der zehente nicht so alt war, dass er deswegen Rechenschaft geben konnte.
Ich machte mir demnach treffliche Gedanken auf den alten Krachwedel, den
ehrlichen Musquetier, welchen ich nach obigem Inhalt auf dem neuen Schloss zum
Verwalter bestellet. Denn er hiess eigentlich mit Namen Andreas, mit dem Zunamen
Krachwedel, gleichwie der Bauer geheissen, der ihn auferziehen müssen. Da machte
ich mich folgenden Morgens auf den Weg und kam endlich nach Hause. Und damit ich
der Wahrheit desto besser gewahr würde, musste er sich ausziehen und mir seinen
rechten Fuss zeigen. Es fand sich in dem Weissen, was mir zuvor gleichsam als in
einem Schatten ist erzählet worden. Hiermit konnt ich mich länger nicht bergen,
sondern offenbarte ihm seine Geburt, welches er um so viel desto leichter
glaubete, weil ihm auch wegen seines Geburtsbriefs das Handwerk hat wollen
geleget werden. Ich sagte, dass er der wahre Emanuel sei, und dannenhero weinten
wir zusammen die allerhäufigsten Freudentränen und beschmerzten zugleich, dass
wir erst in unserm hohen Alter aneinander kennenlerneten. Nichtsdestoweniger
wollten wir diese späte Bekanntschaft mit einer desto grösseren Einigkeit
verbinden und uns eine friedliche Ruh zu der grössten Glückseligkeit dienen
lassen.
    Hiemit übergab ich ihm das Schloss zu seinem Erb, dadurch er so mutig ward,
dass meine Schwägerin zu ihrem ersten Erb, dazu ich schon vor vier Jahren
Gevatter gestanden, noch einen dazubekam. Also wurde diese Geschicht nicht
allein weit ausgetragen, sondern noch dazu meine grosse Freigebigkeit in
Überlassung des Schlosses rühmlichst gelobet und gepriesen. Nach solchem hebte
ich den Grabstein zu Steinbruch wieder aus, und er brauchte solchen zu einem
Tisch, daran er seine allerbesten Freunde speisete. Und also ward der alte
Knisterbart mein lieber Bruder und sein Weib, als meine geweste Köchin, meine
Schwägerin und eine vom Adel, darein sie sich durchaus nicht zu finden gewusst.
Weil aber die Heirat einmal geschlossen war, mussten wirs so dabei bewenden
lassen, und ihr Mann war mit ihr so vergnügt, als ob sie eine königliche
Princessin gewesen wäre, weil die Ehe nicht in der Geburt, sondern in
Vereinigung der Herzen und Gemüter bestehet.
    Als ich nun alle diese Sachen geschlichtet hatte, befahl ich meinen ältesten
Vetter in gute Aufsicht eines Præceptoris, welchen Leuten ich von Jugend auf bin
gut und wohlgewogen gewesen. Christoph aber und die andern berichteten mich, dass
Herr Philipp das Hofleben nun gänzlich verlassen und sich auf seinem Gut zur
ewigen Ruhe gesetzet hätte. Herr Wilhelm hat seinem Einsiedler gefolget, und
gleichwie jener in seiner Klause, also betete und lebte dieser in seinem
Schlösslein zu Abstorff, allwo wir ehedessen so manchen guten Fisch und
Wildbraten samt einem frischen Gläslein Wein verzehret haben. Gottfrid lebte an
seinem Ort im höchsten Wohlstand. Sempronio ist endlich zur hohen Charge
gelanget und ein berühmter Soldat geworden. Friderich führte mit seiner Amalia
zu Ichtelhausen ein vergnügtes Leben, und von dem bekamen wir gemeiniglich die
Ordinar-Zeitungen, was etwan hin und wieder in der Welt passierte. Dietrich
brachte seine Zeit meistens in der Liebe zu, die er gegen eine Frauensperson von
sonderlicher Schönheit getragen, und solche war er allerehestens zu heiraten
willens. Christoph lebte mit seiner Magdalena gar wohl zufrieden und schaffte
sich durch die Viehzucht grossen Nutzen. Der Advocat, dessen hierinnen öfters
gedacht worden, war gestorben, und dessen Tochter, so ein Ausbund von einem
perfecten Mädchen war, heiratete der Student auf dem alten Schloss, welches ich
ihm zeit seines Lebens geschenkt hatte; hernach aber soll es des alten
Krachwedel seinen Kindern erblich heimgefallen sein.
    Deswegen spickte der Student seinen Beutel beizeiten, und wo sich ein Bauer
oder sonsten ein räudiger Knecht nur in dem geringsten verschnäckelte und mit
seinem Mitbuhler auf dem Tanzboden raufte, so strafte er ihn, dass ihm der Hals
hätte knacken mögen. Gleichwie ichs nun zuvor getrieben, also trieb ers auch und
verbrachte seine Zeit mit tausendmal kurzweiligern Sachen, als ich getan hatte.
Er kam gar oft mit seiner Flinte in den Wald zu mir, allwo ich diese Geschicht,
zwar anfangs nur den vierten Teil, hernachmals aber gänzlich ausgearbeitet und
beschrieben habe. Ob ich auch wohl anfangs entschlossen gewesen, nur einen
einzigen Sommer zu beschreiben, hat sich doch dort und dar unter uns etwas
zugetragen, das zur gänzlichen Histori eben wohl vonnöten gewesen. Ich wurde
auch, als ich dieses schrieb, berichtet, wasgestalten mein ehemaliger Diener,
der ehrliche Wastel, wäre aufs Rad geleget worden. Also bleiben die Laster nicht
ungestrafet, und mangelt ihnen niemalen an der Rute, mit welcher sie sollen
gestäupet werden. Kurz darauf wurde ein Kerl vom Herren Christophen an mich mit
nachfolgenden Zeilen überschicket:
    
    Herzvertrauter Bruder! Dieser gegenwärtige Freund ist der elende Tropf,
welcher mit allzu zeitiger Mariage sein Fortun verscherzet hat. Du kannst dich
dessen wohl entsinnen, was uns der Page auf der Reise von ihm erzählet hat, dass
er nirgends keinen Dienst bekommen können. Weil ich nun weiss, dass Du zu seiner
Accommodation genugsame Gelegenheit an der Hand hast, wird es an dem geneigten
Willen keinesweges mangeln, welchen Du mir in dieser Bitte erweisen wirst. Ich
lebe hinwiederum in Deinen Diensten, und dieser redliche Teufel wird solche
Gratification lebenslang gegen Dir und den Deinigen zu demerieren wissen. Lebe
vergnügt!
 
                                 XIV. Capitul.
Wolffgang, nachdem er seine Güter erbmässig übergeben und der Welt ganz abgesagt
       hatte, begibt sich wieder in den Wald und macht also dieser ganzen
                           Sommer-Geschicht ein ENDE.
Aus diesem verstund ich, dass es ebender gute Freund war, der ehedessen mit
Christophens Page auf dem Edelhof gedienet, davon in dem siebenten und achten
Capitel dieses sechsten Buches ist gehandelt worden. Ich machte ihn demnach zum
Registrator, zum Korn-und Brauschreiber; in summa, was ich wusste, dazu er
tauglich war, dazu musst er sich brauchen lassen. Insonderheit musste er die
Kinder des alten Krachwedels im Lesen und Schreiben unterrichten, weil er zu
solcher Function gleichsam von Jugend auf gewöhnet war. Entgegen gab ich ihm
auch einen guten Sold, also dass er mit seinem Weib und Kindern wohl auskommen
konnte, ohne was er mir sonst dort und dar wird auf den Schwanz geschlagen
haben. Als er sich aber auf dem Schloss wieder ein wenig ausgefressen, fing er
an, seine alte Traurigkeit fahrenzulassen, und stiftete ärgere Possen an als der
andere Student. Demnach hiess ich diesen den Virgilium und den andern den
Horatium, weil sie alle beide gute Poeten waren. Ich aber begab mich wieder aufs
neue aus dem Wald, weil es allgemach anfing Winter zu werden, und nahm meine
Wohnung in einem abgelegenen hübschen Stüblein auf dem alten Schloss, mich
daselber zeit währender Kälte hübsch warm zu halten. Zuweilen kam der
Krachwedel, zuweilen der Virgilius zu uns herüber, allwo wir die Zeit mit Brett-
oder Kartenspiel bei einem hübsch geräucherten Schinken passierten. Unterweilen
mussten uns die Bauern eine Comödie agieren, dabei wir uns oft krank gelachet,
und weil der Horatius die schlafende Ratzen auf eine sonderliche Art in der
Küche fangen konnte, vertrieben wir in solchem Spass bald so, bald wieder anders
fast den halben Winter. Nichtsdestoweniger gedachte ich in solcher
Zeitvertreibung allezeit an die Vermahnung Tomæ a Kempis, welcher im zwölften
Capitel des ersten Buches der Nachfolgung Christi also saget:
    Du bist, o Mensch, allzeit betrübt und elend, wo du auch immer dich
aufhältest und an allen den Orten, wohin du dich wendest, wenn du dich nicht zu
GOTT bekehrest. Warum betrübst du dich, weil dirs nicht geht, wie du willst und
es dein Verlangen erfordert? Wer ist derjenige, der alles nach seinem Willen
hat? Weder ich noch du, noch ein anderer Mensch auf dem Erdboden. Es ist kein
Mensch in der Welt ohne Anfechtung und Trübsal, und ob er gleich ein König oder
grosser Monarch ist. Es sprechen die niedrigen Gemüter: sehet, was geniesst
dieser und jener Mensch vor guter Tage? Oh, wie ist er so reich, so gross, so
mächtig und so glückselig! Aber gib viel mehr acht auf die himmlische Güter, so
wirst du bald sehen, dass diese zeitliche Güter gar nichts und mit einer steten
Ungewissheit verbunden sind, weil sie niemalen ohne Sorg und Angst besessen
werden. Es ist keine Glückseligkeit, überflüssige Güter haben, sondern ist dem
Menschen gar genug, so er mittelmässig leben kann. Es ist wahrhaftig eine grosse
Mühseligkeit, auf Erden leben; je mehr der Mensch verlanget nach dem
Himmlischen, je bitterer wird ihm dieses Irdische. Denn er wird gewahr, dass all
dieses Zeitliche, dargegen gerechnet, gar nichts sei. Denn Essen, Trinken,
Wachen, Schlafen, Ruhen, Arbeiten und anderer Notwendigkeiten der Natur
abwarten, ist wahrlich nichts als ein grosses Elend und eine rechte Qual einem
andächtigen Menschen, der sich nach der Erlösung von seinen Sünden sehnet. Denn
der innerliche Mensch wird sehr gedrücket von des Leibes Notwendigkeiten in
dieser Welt. Daher betet der Prophet, dass er von diesen möchte erlediget werden,
wenn er spricht: Erlöse mich von meinem Anliegen!
 
    