
        
                                  Johann Beer
                          Die teutschen Winter-Nächte
                               Zendorii a Zendoriis
                             Teutsche Winter-Nächte
                     oder die ausführliche und denkwürdige
                     Beschreibung seiner Lebens-Geschicht,
                   darinnen begriffen allerlei Fügnissen und
                seltsame Begebenheiten, curiöse Liebes-Historien
                   und merkwürdige Zufälle etlicher von Adel
                          und anderer Privat-Personen.
                    Nicht allein mit allerlei Umständen und
                 Discursen ausführlich entworfen, sondern auch
                        mit tauglichen Sitten-Lehren hin
                            und wieder ausgespicket,
                allen Liebhabern der zeitverkürzenden Schriften,
                      wes Standes oder Condition dieselben
                                  sein mögen,
                    zu sonderlicher Belustigung, nicht ohne
                       dem daraus entspringenden Nutzen,
                             entworfen und erstlich
                      von dem Autore selber beschrieben,
                     hernachmals aber zum bessern Gebrauch
                 der Lesenden übersetzt und mit saubern Kupfern
                          gezieret an den Tag gegeben.
 
                       Unterricht an den geneigten Leser
Ehe und bevor wir zu diesem Werk schreiten, ist notwendig zu wissen, dass dieser
ganze Entwurf mehr einer Satyra als Histori ähnlich sieht. Der geneigte Leser
hat dannenhero Freiheit, nach seinem Belieben davon zu urteilen, wenn er zuvor
von mir, als dem Übersetzer, freundlich gebeten wird, sich die angemerkte
Tugenden zu einem Wegweiser und die bestrafte Laster zum Abscheu dienen zu
lassen, in den Wegen, die einem Weltmann täglich unter die Füsse kommen.
    Nachdem ich dieses erhalten, muss ich ferner meine Meinung erklären und frei
gestehen, dass zwar diesem und jenem bald eine Schand, bald eine andere
Begebenheit zugeschrieben worden, welches keinem Menschen, er sei auch, wer er
wolle, zum Präjudiz seines Standes oder Person beschrieben worden. Denn, in
Betrachtung des Originals, ist solches allgemach etlich sechzig Jahr in einer
Canzelei eines adeligen Schlosses urheblich geschrieben und daselber bis zu
gegenwärtiger Zeit im Verborgenen, weiss nicht aus was Ursachen, aufbehalten
worden. Man lässt also die ganze Sach an und vor sich selbst dahin gestellet
sein, und solle sich ein oder der andere darinnen beleidiget finden, so muss man
wissen, dass nicht dieses Buch, sondern seine eigne begangene Fehler daran
schuldig sind. Ist also ein solches Buch gleich einem Maler, welcher mit einer
Kohle ein Gesicht an die Wand malet, es kommt aber ungefähr ein Fremder dahin,
dem dasselbe Gesicht naturel gleich sieht, da weiss jedermann, dass der Maler
deswegen nicht die Ursach des Conterfeies, sondern derjenige selber sei, der
dem Gesicht gleich sieht.
    Dieses ist das meiste, warum ich hierinnen streite, dass man nämlich alles
aufs beste auslegen und deuten wolle. Und obschon durch und durch die ganze
Materi satyrisch gehandelt wird, werden doch nur die Laster, nicht aber
diejenigen Leute, so damit behaftet sind, gestrafet und auf einen bessern Weg
gewiesen, worinnen der Urschreiber dieses Buches keineswegs zu tadeln, sondern
vielmehr zu loben ist, dass er gleich einem Gärtner das Unkraut ausrauft und
herentgegen die guten Pflanzen einsetzet.
    Der Nutz solcher Schriften und die daraus entspringende Lehren werden
jederzeit bei denen in hohem Aufnehmen bleiben, die fähig sind, unter dem Bösen
und Guten einen Unterscheid zu machen. Denn was ist einem bescheidenen Gemüt
anständiger, als das Gute lieben und das Böse hassen? Was ist ihm nützlicher,
als den Tugenden nachstreben und vor den Lastern zu fliehen? Dieses bringt Ruhm
und Ehre, und was noch das meiste ist, so stellet es auch das Gewissen in eine
friedsame Ruhe, welches ein solcher Schatz ist, der nicht mit Worten kann
ausgesprochen werden.
    Und wer sieht nicht, dass daraus die Fröhlichkeit des Herzens entspringe?
Ein tugendliebender Mensch ist frei von Sorgen, fröhlich im Geist, und was er
trägt, trägt er mit Lust. Dulce jugum amor est. Diese Liebe zur Tugend
verringert alle menschliche Zufälle, so bös auch dieselbige mögen erdacht
werden.
    Es ist auch hieran der grösste Teil der zeitlichen, ja ewigen Ehre gelegen,
dass man dem Guten folge und das Böse hasse. Zwischen diesen beiden gibt es keine
andre Stufe, entweder zur Ehre oder zur Schande zu gelangen. Wohl dem, der auf
die erste tritt, wo seine Füsse nicht gleiten. Er wird nicht allein geliebt,
sondern allentalben gelobt werden, und seine Ehre wird ihm einen solchen Kranz
flechten, dessen Blätter in alle Ewigkeit nicht verwelken.
    Aber was haben endlich diese davon, die im Gegenteil aller Unreinigkeit
pflegen? Schand, Schimpf, Spott und Hohn ist ihr endlicher Sold, und wenn sie
den Lastern lange gedienet, werden sie mit grosser und schmerzlicher Verachtung
von allen Menschen angesehen. Es ist auch in solchem sündlichen Leben keine
Lust, sondern vielmehr eine Last, wenn das Gewissen anfängt, von all diesen
Taten zu predigen, die wir auf einem so schändlichen Weg begangen haben. Man
macht dadurch die Ehre beschreiet und den guten Namen verdunkelt, und endlich
wird alles verloren und verdorben, was zu unserer Auferbauung dienlich ist.
    Wer hiervon auf beiderlei Weis ein Exempel begehret, der durchlese diese
Schrift, allwo er eine genugsame Anzahl aller dieser Tugenden und Laster finden
wird, die ihm wohl und übel anstehen. Auf eine solche Art wird der Leser
gleichsam lachend unterrichtet, was zu seinem Besten dienet, und kann durch
fremde Gesichter seine eigene Gestalt erblicken, es sei darnach gleich gut oder
bös.
    Wenn ich eine lustigere Art als diese zu schreiben gewusst hätte, so hätte
ich solche unter die Feder genommen und diese Mühe in einer andern Arbeit
angewendet, aber zu solchem bin ich geleitet worden aus gewisser Hoffnung des
grossen Nutzens, der demjenigen daraus entspringen wird, der nicht nach der
blossen Schale, sondern nach dem Kern schnappet, der darinnen verborgen lieget.
Mancher tritt einen Stein mit Füssen, der mehr Gold in sich hält, als sein ganzes
Vermögen ist, weil er aber nicht weiss die Art und Weis, wie das Gold daraus zu
nehmen sei, geht er als ein unbedachter Mensch darüber weg und klaubet hingegen
eine Nuss von der Erde auf, die etwan einer Obstkrämerin entfallen ist. Darum
müssen dergleichen Bücher mit genauer Obsicht und gutem Fleiss gelesen werden,
damit man nicht statt des Goldes Kot und statt der Perlen kleine Steinlein
sammle, darauf man nur die Füsse wund geht.
    Solches lasse sich der geneigte Leser zum vorhergehenden Unterricht dienen,
auf dass er die Schrift nicht in einer andern Meinung lese, als sie geschrieben
worden. Alsdann wird die Frucht keineswegs mangeln, welche er in Fliehung der
entworfenen Laster und in Nachfolgung der belobten Tugenden nächst meiner
Dienstfertigkeit zu gewarten hat.
 
                             Der Autor an sein Buch
Ich habe nur dem Volk, so in den Lastern wohnet,
Geschrieben, wie es mir die Tat gewiesen hat.
Mit Ruten wird doch nur der frevle Mensch belohnet,
Und solche Streiche sind die Straf der Missetat.
Hingegen hab ich euch, ihr Kinder von dem Adel,
An eurer hohen Ehr ganz nicht gegriffen an,
Ich weiss wohl, dass ihr stets ganz rein und ohne Tadel
Und dass man euer Tun nicht gnugsam loben kann.
Ob ich gleich der und der ein Laster beigemessen,
So aus des Adels Stamm und Quell entsprossen ist,
Bei frommen Leuten ist Iscariot gesessen,
Man findet in dem Gold den allergröbsten Mist.
Ich kann auch euch hierin mit keinem Wort beschulden,
Ihr Frauen, derer Ehr die Sterne übersteigt;
Es ist ja meinem Kiel von eurer Gunst zu dulden,
Dass er der Welt nur die, so lasterhaftig, zeigt.
Es leben stets beisamm die Bösen und die Frommen,
Ich zeige, welcher gut und welcher böse sei.
Und wenn ihr meine Lehr zu eurem Nutz genommen,
Ist mein Verlangen schon von seinem Willen frei.
Ich schreibe niemand vor, wie er es solle machen
In Sünden, denn hierin wär sträflich solcher Fleiss.
Die Welt treibt ohnedem so ehrvergessne Sachen,
Die nur ein kluges Aug zu überwinden weiss.
Ich schreibe nur zur Lehr, wie sie es hab gemachet,
In meiner ersten Blüt, zu meiner besten Zeit.
Man kann sich, ob man schon zuweilen drüber lachet,
Entfernen von dem Gift der süssen Eitelkeit.
Die bittre Medicin wird oftermals versüsset,
Damit dem Magen nicht vor starkem Ekel graut;
Ein überstrichne Stirn wird heftiger geküsset,
Ob sie schon in dem Grund ist eine faule Haut.
So bist auch du, mein Buch, mit lauter Lust gespicket,
Du bringest deinen Schatz in dem verborgnen Schoss.
Ich habe wie ein Schiff dich in die See geschicket,
Wo Tugend, Treu und Lieb nunmehr liegt segellos.
Wo man nach schnödem Gift der Sünden pflegt zu schiffen,
Daselber schicke ich dich, schwaches Schifflein, hin.
Ich acht es nicht, ob du gleich werdest angepfiffen,
Weil ich in dieser Glut schon wohlgeprobet bin.
Wer allen recht tun will, der muss zum Toren werden,
So kommt er leichtlich nicht mit seinem Nächsten an.
Doch weil ich gerne klug will bleiben auf der Erden,
So folget, dass ich ja nicht allen recht tun kann.
Der Jupiter ist selbst so glücklich nicht gewesen,
Sein Tun gefiele ja dem Pöbel nicht gar wohl.
Drum acht es nicht, mein Buch, wie man dich möge lesen,
Die Welt ist jederzeit der Wirbelwinde voll.
Es hat mein schwangrer Kiel dich in der Trau'r geboren,
Ich finge deinen Bau in finstern Nächten an,
Drum hast du auch den Schein der Zierlichkeit verloren,
Weil aus der Dunkelheit nichts Helles werden kann.
Ihr Freunde, die mir noch zum Trost und Freude leben,
Nehmt diese meine Schrift zu euren Diensten an.
Ich weiss euch anders nichts als dieses Buch zu geben,
Darin ihr mich und ich euch wiedersehen kann.
Ich denke oftermals an jene süsse Stunden,
Da wir in voller Lust beisammen konnten sein;
Die Laute ist verstimmt, die Zeit ist nun verschwunden,
Das Finstre folget stets auf klaren Sonnenschein.
Der wohnet gegen West, der andre gegen Morgen,
Der auf erhabnem Berg und jener in dem Tal,
Bald sind wir frohen Muts, bald wieder voller Sorgen,
Die Menschen sind doch nur des Glückes Wunderball.
Zu denen gehe hin, wo ich nicht hin kann gehen,
Mein Buch, und sprich, dass ich noch voller Flammen leb,
Auch, dass in solcher Glut mein Leben wird bestehen,
Bis ich der Eitelkeit mein letztes Vale geb.
 
                                  Erstes Buch
                                  I. Capitul.
                 Zendorii Gefängnis auf dem Schloss der Veronia.
 Wer ohne Schuld kommt in die Band,
 Kommt ohne Strafe aus dem Land.
Es war allgemach Mitternacht, als ich mich ganz ledig ausser dem Schloss befand,
darinnen ich bis dahero mit tausend Sorgen und Grillen gefangen gesessen.
Einesteils verwunderte ich mich über meine unverhoffte Begebenheit, andernteils
über den Zettel, welcher mir durch eine Gräfin in das Gefängnis geschickt
worden. Aber über dieses alles nicht so sehr als über der grossen Sorgfalt und
Treu des Jägers, welcher alle Kräften angewandt, mich meiner Fessel zu befreien.
Die finstre und dunkele Nacht taugte mir zu einem vortrefflichen Deckmantel,
meine Person dahinter zu verstecken, deswegen eilete der Jäger mit mir zu dem
Dorfe hinaus, und weil wir grosse Sprüng getan, hatten wir nicht viel Zeit, uns
zu unterreden, so sehr mich auch verlangte, der Sache auf den Grund zu kommen.
Ich hatte nunmehr die Landstrasse erreichet, deswegen heisset mich der Jäger
geschwinde forteilen, damit ich mich durch mein längers Aufhalten nicht aufs
neue in die Fessel brächte und also das letztere ärger als das erste machte.
Hiermit eilete er zurück und liess mich ganz bestürzet an der Strasse stehen, voll
Verlangen und Begierde zu wissen, wie und aus was Ursachen ich in dieses
Gefängnis gesetzet worden.
    Ich machte mir wohl hunderttausend vergebene Einbildungen, aber es taugte
keine zur Sache, weil ich dadurch mir meine Verwunderung vielmehr verstärkte als
solche verringerte, und aus dieser Ursach wurde ich leichtlich gezwungen zu
glauben, dass meine Verweilung keine geringe Gefahr nach sich ziehen dörfte.
Derohalben fing ich an zu laufen, so gut es meine Beine vermochten, welche
allgemach von dem Eisen angegriffen und beschunden worden. Solchergestalten
verbrachte ich einen ziemlichen Teil der übrigen Nacht, also zwar, dass ich mich
bei anbrechendem Tage in einer weitschichtigen Irre befunden und nicht gewusst,
in welcher Gegend ich dazumal herum wandelte.
    Die Glieder waren mir ziemlich matt, teils wegen der zuvor angelegten
schweren Banden, teils auch wegen meiner schnellen und continuierlichen Flucht.
Dahero eilete ich auf ein nächstgelegenes Dorf, daselbst ein wenig auszuruhen
und mich wiederum auf die rechte Strasse zu fragen. Ich erhielt gar leichtlich,
was ich verlanget, und nachdem ich in dem Dorf ausgeruhet, wiesen mich die
Bauern über die Höhe eines Berges, allwo ich auf diejenige Strasse zu gelangen
versichert wurde, dahin sich mein bekannter Weg erstreckte.
    In solchem Fortwandeln verwunderte ich mich ohne Unterlass meiner Geschicht
und konnte die Gedanken auf keine Art noch Weise aus dem Kopfe verjagen, bis ich
endlich einen adeligen Sitz vor mir sah, welcher trefflich altväterisch gebauet
und aufgeführet war. Ich hatte meines Erachtens noch eine gute halbe Stunde
dahin, deswegen suchte ich mein Testimonium hervor, mich mit demselben auf den
Ort zu machen und um ein Viaticum zu betteln, welcher Gebrauch bei den
Trivial-Studenten ein gemeines Handwerk zu sein pfleget, damit sie sich von Ort
zu Ort promovieren. Hiermit richtete ich meinen Weg auf das Schloss zu, und weil
die Bettler nichts umzugehen pflegen, achtete ich es nicht gar gross, ob ich eine
halbe oder viertel Meil Weges von der Landstrass abgewichen.
    Nach einer kurzen Zeit traf ich an den Ort und wischte mit meinem Testimonio
hervor, dasselbe dem Torwärter bestermassen zu recommendieren, gestaltsam ich zu
meinem Behuf die stattlichsten Worte hervorbringen und demselben um das Maul
schmieren konnte, damit er mich bei dem Edelmann anmelden möchte. Aber ich fand
den Gesellen ganz in einem andern Laun, und weil er dazumal den Dorfbettlern das
Brot austeilete, kann es sein, dass er sich in seinen nötigen Amtsgeschäften
nicht gerne zurückhalten noch verwirren lassen. Er sagte mir auch mit
widerwärtigen Mienen, dass der Herr dieses Schlosses schon vor sechs Jahren
gestorben sei, und die Edelfrau, so solches besässe, wäre dermalen über Land
verreiset.
    Wie ich nun gesehen, dass ich die Insul bonæ spei vorbeigesegelt, ging ich
meinen Weg wiederum zurücke, zumalen mir der Torwärter zum Überfluss nachgerufen,
dass man einem so wohl Bekleideten kein Almosen zu geben schuldig wäre. Ich
sollte davor meinen Caputrock verkaufen und vor solchen ein Stück Brot schaffen,
das wäre besser vor den Magen als ein Gansflügel. Über solche Wort des
ehrvergessenen Rotbarts wollte ich mich nicht viel bekümmern, zumalen ich
ohnedem von Natur dahin incliniert, über solche Narrenpossen zu lachen, welche
mir an diesem Ort weder schaden noch nachteilig sein konnten. Ging dahero immer
meinen Weg von dem Schloss hinweg und stackte das Testimonium wieder in meine
Tasche.
    »Domine, Domine, Domine, allo he, Domine, Signor, Monsieur!« rufte ein
junger Edelmann, so ober dem Tor an einem Fenster ganz ausgezogen stund, und als
ich mich umgesehen, meinte er mich. Er deutete mir wohl zweinzigmal mit dem
Haupt und winkte mit der Hand, was er nur winken konnte. Ich nahm den Hut
herunter, machte mein Reverenz und ging eilends zurück an das Tor, allwo ich ihn
fragte, was seines Begehren sei. »Saprament, Domine, per Dieu,« sagte der
Edelmann, »wett der Teufel, was macht der Herr da?« Ich erstaunte über diese
Rede nicht ein geringes und hielt den Menschen vor rechtschaffen wahnwitzig. Auf
dieses verlor er sich an dem Fenster, und da ich aus Meinung, als wär es nur
Vexierung, fortgehen wollte, kam dieser Junge vom Adel zu mir herunter und
führte mich mit sich über eine lange Treppe hinauf. Ich liess es immer gut sein,
und weil ich einmal in eine unordentliche Verwirrung geraten, trug ich keinen
Scheu, mich ferner in dergleichen Begebenheiten zu verwickeln. Wir kamen in eine
ziemlich enge Stube, darinnen dieser seine Bibliotek stehen hatte. Daselbst
empfing er mich sehr höflich und sagte, dass ihm die Zeit seines Lebens kein
solches Wunder als in Ansehung meiner Person zugestossen, derohalben solle ich
mir belieben lassen, niederzusetzen, und wies mir einen absonderlich
wohlausgewirkten Sessel. Nach solchem trug er mit eigener Hand einen Krug
spanischen Wein herauf und erwies mir allerlei Höflichkeiten, über welche ich
mich rechtschaffen verwundert.
    »Monsieur!« sagte er, »ich sehe es Ihm an, dass Ihn seine widrige Gedanken
heftig peinigen, darum, ist es Ihm nicht zuwider, mir sein Anliegen zu
offenbaren, so lebe Er versichert, dass ich solche Affection vor ein
absonderliches Stück seiner Höflichkeit erkennen werde.« - »Mein Herr,« gab ich
zur Antwort, »die Gedanken, welche mich gänzlich eingenommen, verhindern mich
anitzo, höflich zu sein. Damit ich aber nicht vor undankbar angesehen werde,
finde ich mich verbunden, mein Geschicke zu eröffnen demjenigen, welcher mich
aus unbekannter Freundschaft nicht allein unverschuldet, sondern über dieses
ausdermassen freundlich tractiert. Vom Anfang meiner Geburt und geführten
Schuljugend würde dieser Tag zu wenig sein, meinem Patron ausführlichen Bericht
abzustatten, und weil sich solches Leben nur mit lächerlichen, zum Teil
kindischen, zum Teil auch eitlen Historien verwickelt, schreite ich vielmehr zur
Erzählung einer Sache, die mich vor ungefähr fünf Tagen in einen recht
abenteuerlichen Stand gebracht.
    Ich bin von Profession ein Student und habe auf unterschiedlichen
Universitäten Philosophiam gehört. Zu Ende dessen nahm ich meine Reise in mein
Vaterland vor, daselber meine Beförderung zu suchen, weil mir zu solcher schon
vor langen Jahren gute Hoffnung gemacht worden. Ich bin etwas arm von Mitteln,
aber nichtsdestoweniger von gut und ehrlichem Namen. Mein Vater war ein Mesner
in einer berufenen Tumkirche, und weil ich lustigen Humors war, nennte ich mich
Zendorio, nur darum, weil ich meinem Vater als ein Jüngling die Lampen und
Kirchenkerzen auf den Altären habe anzünden helfen. In solchem Zustande geriet
ich auf die [=der] neulich vorgenommenen Reise, aus Überfallung der Nacht, in
einen an der Strasse gelegenen Gastof. Ich versah mich nichts Übels, sondern
legte mein Felleisen in eben die Kammer, dahin mich eine Magd schlafen gewiesen.
Nächst meinem Bette stunden noch drei andere, aber ich sah nur in einem einen
Kerl schlafen, welcher aber, wegen ausgezogenen Habits, ganz nicht zu erkennen
war. Ich bin sonst von Jugend auf ein trefflicher Liebhaber zu schwätzen, weil
aber dieser Mensch schon tief eingeschlafen, wollte ich ihn nicht aus seiner
Ruhe verstören noch aufwecken, und aus dieser Ursach unterliess ich auch, mit der
Magd zu scherzen, welche ich sonsten weidlich wollte in der Kammer herumgejagt
haben. Ich schlief ein, und wenn es keine Narrheit wäre, einen so wackern
Cavalier mit Traumerzählungen aufzuhalten, so wollte ich wohl eine Stund lang
allerlei Vorstellungen daherbringen, welche mir dazumal in dem Schlaf lebhaftig
vorgekommen.
    Endlich erwachte ich, als es schon heller Tag war, und weil sich mein Weg
noch eine ziemliche Ecke erstreckte, wollte ich aufstehen und mich ankleiden.
Aber, tausend gute Jahr, wie zersuchte ich mich an meinem Kleide? Ich guckte auf
und unter alle Bettstätte, aber da war nicht der geringste Fleck, geschweige was
anders von meinem Kleide zu sehen noch zu hören, ja sogar die Schuhe waren nicht
mehr anzutreffen, sondern ich befand mich vor diesmal in der Kammer ganz
dismundiert und entkleidet. Ich wollte den Fremden in der Kammer fragen, aber er
war allem Ansehen nach schon lange hinweg; und was das Allerwunderlichste war,
so hat dieser sein Kleid in der Kammer gelassen und vielleicht das meinige
anstatt desselben angezogen. Erstlich glaubte ich, es wäre dieser Fehler in der
Finstern vorgegangen, weil ich viel hundert Exempel gehöret, da wohl ärgere
Stücke durch und vermittelst der Finsternis sind practicieret worden, aber ich
erfuhr leider darnach allermeistens, auf was dieser Betrug angesehen gewesen.
    Monsieur! Ebendieses Kleid, so ich am Leibe trage, war demjenigen zuständig,
welcher statt dessen das meinige in der Kammer angezogen und damit
davongegangen. Der Verlust meines Gewandes war endlich so übermächtig gross
nicht, dahero liess ich mich leichtlich von dem Wirt bereden, dieses davor an den
Leib zu werfen und damit meine Wege zu gehen. Ich tat es, und als ich gleich
einem Cavalier etwan eine Stunde ausser des Gastofes in einen Wald kam,
ergriffen mich nächst einem Brunnen ihr vier bewaffnete Männer, welche, weil sie
verlarvet waren, ich nicht erkennen können. Sie redeten kein Wort, sondern
eileten mit mir einem Schloss zu, aus welchem ich heute nacht so wunderlich
losgelassen als geschlossen worden. Man satzte mich in ein finster Gewölb, und
allem Ansehen nach war es eine Diebesstube, weil darinnen nichts als grausame
Tormenten zu sehen waren. Ich halte, es sei gar eine Marterkammer, und dahero
kann mein Herr leichtlich gedenken, wie mir zumut gewesen. Sobald sie mir eine
Kette an das linke Bein geschlossen, sperrten sie mir auch eine Leibkette samt
einem Halsring an und sagten, ich sollte mich nur so lang gedulden, bis der Graf
wieder nach Haus käme, alsdann würde mir der Kopf zum längsten auf den Achseln
gestanden haben.
    Wahrhaftig, so unschuldig ich mich wusste, so war mir doch bei der Sache
nicht allzuwohl. Ich gedachte wohl auf tausend Schelmstücklein, die ich hin und
wieder sowohl öffentlich als heimlich, absonderlich aber mit Frauenzimmer
begangen. Dahero mutmasste ich immer, es dörfte eines oder anders sein offenbar
worden, davor ich nun meine Laudes empfangen würde. Meine Speise bestund in
schlechtem Brot und Wasser, und war zu diesem allem noch das Übelste, dass mir
der in der Kammer mein Felleisen mit sich genommen, in welchem ich noch bei
sechs Taler nebenst anderm weissen Zeug und etlichen Autoribus verschlossen
hatte, dadurch ich mir bei so beschaffenen Zeiten aufs wenigst etwas Bessers zu
essen schaffen können. Der Schergenknecht sagte mir bei solcher Ankunft, dass
morgen das Examen vorgehen würde, aber ich verliess mich auf mein gutes
Testimonium von der Universität, welches ich jederzeit in mein Hemd gewickelt
hatte, und aus dieser Ursach konnte mir solches von dem Fremden in der Kammer
nicht genommen werden. In solchen herumschweifenden Gedanken fühlte ich in den
Schubsack des neu angezogenen Kleides und fand darinnen einen ziemlichen
Particul alter Groschen, bis ich endlich in die acht Reichstaler
zusammenbrachte.
    Die Unschuld, welche in diesem Gefängnis meine höchste Trösterin war, liess
mich in keine übermässige Schwermut fallen, dahero achtete ichs sehr wenig, es
möchte hinauslaufen, wie es wollte. Der andere Tag bricht heran, und ich konnte
dieselbe ganze Nacht vor wunderlichen Gedanken kein Auge zutun, dahero
schlummerte ich gegen Morgen ein wenig ein, wurde aber bald der Ruhe verstöret,
weil ich jemanden klopfen gehöret. Ich wusste nicht, wars an der Tür oder an dem
Fenster, legte mich demnach wieder hinum, und weil ich ganz allein war, kam mich
schier eine Furcht wegen eines an dem Ort herum wallenden Gespenstes an, welches
in den Gefängnissen nichts Neues ist. Ich hörte noch einen stärkern Schlag, und
als ich mich umsah, wars an dem Fenster, welches mir zum Rücken stund. Es
brauchte gar geringe Mühe, dasselbe zu eröffnen, dahero guckte ich hinaus und
sah mit grosser Verwunderung auf dem Felsen darunten einen Jäger mit einem langen
Blasrohr stehen, durch welches er zu mir herauf geredet, ich sollte mir die Zeit
nicht lang werden lassen, noch mich mit vergeblichen Sorgen umsonst quälen und
martern, morgen wollte er mir tief in der Nacht aushelfen und mich sicher
davonbringen. Nach solchen Worten schied der Jäger die steinichte Klippen wieder
hinweg und verlor sich gar bald unter dem Gesträusse an dem Berg, denn das Schloss
liegt an derselben Seite etwas höher als vornen, und der Fels gedünkte mich wohl
bei zwanzig Klafter hoch zu sein. Der Jäger aber stund nicht gar drei Klafter
unter meinem Fenster, zu welchem einer wohl hätte ausspringen können, so es
nicht die Fessel und die absonderliche und grausliche übrige Höhe verhindert
hätten.
    Mein Herr betrachte doch nur, was ich aus der Rede des Jägers schliessen
können, indem mir seine Worte lauter Böhmische Dörfer waren! Ich sollte daraus
einen Trost empfangen, und er machte mich nur betrübter, er sollte mich
unterrichten, und ich wurde nur desto verwirrter, mit einem Wort: ich wusste gar
nicht, wie abenteuerlich mit mir gefangenem Menschen gespielet wurde. Sowenig
ich die vorige Nacht geschlafen, sowenig konnte ich auch diese ruhen, bis der
Jäger des andern Tages, aber etwas früher als zuvor, mit dem Blasrohr an das
Fenster kam und mir dasselbe aufzuschliessen befahl, denn er wollte mir mit
seiner Armbrust einen Brief von der Gräfin hinaufschiessen. Wunderlicher Zufall!
ich war hierzu leichtlich zu bereden, und als ich das Fenster eröffnet, schiesst
er mir ein kleines Brieflein, an einen Stein gebunden, ins Gefängnis, nach
welchem er sich davongemachet und mir sichere Erlösung zugesagt, sobald sich nur
die Nacht würde genähert haben.
    Mit unzähligen Grillen brach ich das Brieflein auf und fand mit ungemeiner
Verwunderung diesen Inhalt darinnen, welcher von Wort zu Wort unfehlbarlich also
hiess: Monsieur, sein zugestandenes Elend legt mein Herz ins Grab, wenn ich durch
seine Schmerzen meine eigene Wunden fühle. Er sei versichert, dass der Jäger
redlich mit Ihm umgehen wird, sollte es aber misslingen, bitte ich nochmals mit
vielen Tränen, Er leugne so lang, als Er kann, und erzeige in dem Werk, dass ein
beständiger Liebhaber sich nicht scheuet, alle Marter auszustehen, zu
verschweigen dasjenige, daraus der Geliebten alles Unheil entstehen kann. Er
lebe wohl und ertrage die Fessel mit Geduld in gewisser Sicherheit, dass ich
leben und sterben werde - Seine getreueste Veronia.
    Dieses war der kurze, doch nachdenkliche Inhalt des von dem Jäger
hineingeschossenen Briefleins, welchen ich augenblicklich in Stücken zerrissen
und samt dem Stein wieder über das Fenster hinabgeworfen. Indem kommt der
Kerkermeister zu mir in das Gewölbe, etliche Ketten abzuholen, weil er
vorgegeben, er müsste noch vor Mittag etlichs Hurengesind über dem See anpacken
und solches auf Befehl der Landrichterin mit sich gefangen anhero bringen. Ich
fragte diesen wegen meiner Begebenheit, und ob ich ihm gleich ein gutes
Trankgeld angeboten, wollte er doch mit der Sprache nicht heraus, entweder weil
ihm solches verboten oder aber sonsten unbekannt war. Er hatte wohl acht
Springeisen auf dem Arm, weil er vorgegeben, dass sich die ehrbare Compagnie fast
in die zwölf Personen beloff, unter welchen eine alte Frau die Rädelführerin und
Principal-Person sein solle. Dergestalten ging er mit einem kleinen Jungen, mit
vielen Ketten behangen, von mir hinweg und hatte vielleicht den Jüngling
deswegen mit sich genommen, auf dass er seinen ruhmwürdigen Qualitäten dermaleins
nachfolgen und sein wohlerlerntes Handwerk auf die Nachwelt fortpflanzen könnte.
Ich hatte mir indessen durch einen Wächter, derer continuierlich viere vor
meinem Kerker stunden, ein gut Mittagmahl bestellet und etliche Krammetsvögel in
der Dorfschenke braten lassen, weil ich mein Geld an diesem Ort nicht anders
anlegen konnte. Derohalben lud ich sie zu Gast, und der eine liess einen Krug
Bier herholen, welchen wir mit schlechter Reputation ausgesoffen, denn
dergleichen Leute halten wenig von Gesundheiten und dergleichen Höflichkeiten,
und ich hatte von dieser Gasterei keinen andern Nutzen, als dass ichs endlich von
ihnen herausbrachte, dass sie ebendiese gewesen, so mich vorerzähltermassen bei
dem Brunnen in dem Wald angepacket und mit sich an diesen Ort gebracht hatten.
    Solchergestalten speisete ich diejenigen, so mich in meinen Fesseln
bewachten, und gleichwie sie ohne Ehrerzeigung gekommen, also gingen sie auch
ohne Dank davon, und war ihr meister Trost, indem sie mir versprachen, dass auf
das längste in vier Stunden eine gute Compagnie zu mir würde eingeschlossen
werden, damit ich nicht so gar ohne Ansprache und alleine läge. Einen solchen
Häschertrost musste ich dazumal wider meinen Willen annehmen und habe wohl
hundertmal gewünschet, nur zu wissen, welcher Teufel ein solch unverhofftes
Spectacul mit mir angefangen. Ich wartete von einer Stunde in die andere auf das
Examen, aber da hörte man kein Wort, viel weniger was anders von der Sache, bis
endlich die Nacht herankam, in welcher ich, nach dem klaren Inhalt des Briefes
wie auch nach den Worten des Jägers, gewiss sollte losgemachet werden.
    Dazumal habe ich sehr klug getan, dass ich eines sowohl als das andere gegen
die Wächter verschwiegen, und bin um so viel glückseliger gewesen, je
unwissender ich in dieser Sache herumgeführet wurde. Ich hatte ein wenig
Brandwein zu mir genommen, deswegen überfiel mich ein grosser Schlaf, und auf
eine solche Weise legte ich mich auf das zubereitete Stroh, ob mich schon die
Fessel an den Beinen aufzuschörfen angefangen, weil ich dergleichen Banden ganz
ungewohnt war. Es schlug zwölf Uhr auf der Schlossglocke, als ich unverhofft aus
dem Traum erwachte und mich ziemlich forchte, sowohl wegen der Gespenster als
auch wegen des Jägers, welcher mich aus den Ketten schliessen sollte; denn weil
mir von der ganzen Sache nicht der geringste Umstand wie auch das Schloss
selber nicht bekannt war, hielt ich den Jäger vor einen halben Teufel, und ist
nicht zu sagen, was ich mir vor wunderliche Imaginationes gemachet.«
 
                                  II. Capitul.
               Er kommt zu Isidoro. Eröffnen einander den Betrug.
 So heimlich wird gar nichts gekart't,
 Das endlich nicht wird offenbart.
Diese Erzählung gefiel dem Jungen von Adel ausdermassen wohl, zwischen welcher er
mir etliche Gläser vom spanischen Weine zugetrunken und sich dergestalten
zerlachet, davor ich mich selber verwundern müssen. Und als ich bis daher
gekommen, sagte er zu mir folgende Worte: »Mein Herr, seine absonderliche
Erzählung ist fürwahr ein merkwürdiges Stück einer ungemeinen Rarität. Ich bin
ein Liebhaber aller Historien, aber mein Herr beliebe in seiner Erzählung
fortzufahren und dieselbe nach ihren Umständen zu continuieren, alsdann will ich
Ihm sagen, was mir absonderlich wohlgefallen und wie sehr mich solche
zufriedengestellet.«
    Auf dieses erzählte ich weiter und fing an, die Geschicht mit folgendem
hinauszuführen: »Ich habe zuvor mit etlichen Umständen entworfen,
welchergestalten ich die Zeit bis um Mitternacht in dem Gefängnisse passieret,
nun ist nichts mehr übrig, als meinen Patron mit wenigem zu berichten, wie ich
aus demselben losgekommen. Der Inhalt des Briefes war so gar ungereimt nicht,
denn ich hörte nach meiner Ermunterung eben die Streiche an das Fenster, welche
ich die zwei vergangene Nächte auch gehöret. Ich eröffnete dasselbe, soviel mir
möglich, und erblickte den Jäger mit einer Latern eben an dem Orte, da er zuvor
mit dem Blasrohre gestanden. Dazumal aber redete er durch selbiges Instrument
nicht mehr mit mir, sondern gebrauchte sich seiner Sprache wie etwan in gemeiner
Conversation. Er lehnete eine Feuerleiter an, welche lang genug war, mich aus
dem Ort zu bringen. Sobald solche in rechte Postur gestellet, leschte er die
Laterne aus, welche ohnedem zu nichts als unserem Verderb brennen konnte.
Hierauf stieg er behend an das Fenster, und wir redeten unsern Handel ganz in
der Stille miteinander ab, damit wir von den nächst anbei liegenden Wächtern
nicht gehöret würden, sonsten sollten sie uns die Suppe sauer genug gesalzen
haben.
    Es war sich zu verwundern, wie künstlich sich der Jäger durch das Fenster
hineingeschwungen, und nachdem er mit einem Dietrich mich meiner Eisen befreit,
bringt er mich mit grosser Obsicht auf die Leiter, denn es dörfte gar ein
geringes in den Weg kommen sein, so wären wir beide darunten auf dem Felsen
gelegen; und ob ich schon sonsten dem Schwindel trefflich ergeben bin, hatte ich
doch keine Gelegenheit, in die Tiefe zu sehen, zumalen es so stockfinster war,
dass wir einander selber kaum gesehen. Der Jäger stieg voran und ich hinter ihm
hinnach, dergestalt kam ich unvermerkt, und zwar in höchster Stille, aus dem
Kerker und half dem Jäger die Feuerleiter eben wieder an den Ort tragen, allwo
er sie zuvor genommen. Wir liefen nach dieser Handlung immer zum Dorfe aus, und
ob ich ihn auch schon um des Himmels willen gebeten, mir zu sagen, was es
bedeutete, so sagte er doch jederzeit, ich sollte mit Worten stille halten,
meinen Weg schnell fortlaufen, denn man würde mir gar gewiss mit Pferden
nachjagen, dörfte also das letztere schlimmer werden als das erste, da ich doch
von einem soviel wusste als von dem andern, und solchergestalten aus eitler
Furcht einen Weg dahin, den andern wieder dortin, bis ich ganz verirret mich in
einer unbekannten Gegend befunden. Und ebenderselbige Irrweg trägt mich hierher
vor das Schloss, welches zweifelsfrei meinem Patron zugehören wird. Dieses ist
das wenige, warum ich meinen sonst lustigen Humor mit einzigen traurigen Wolken
bezogen habe.«
    Der junge Edelmann fing hierauf ein abscheuliches Gelächter an, er streckte
die zwei Daumen in die Seite und wollte fast vor Atemholen entzweibersten. Als
er solches fast eine Viertelstund getrieben, setzte er sich wieder gegen mir
über und sagte: »Monsieur, seiner Erzählung bin ich einen grössern Dank schuldig,
als ich bezahlen kann. Dieses Schloss, wie mein Herr glaubt, ist nicht mein
eigen, sondern wird dermalen noch von meiner Frau Mutter besessen. Was nach
diesem geschehen kann, weiss ich nicht, es ist genug, dass ich auf solchem mehrere
Freiheit und Ergötzlichkeit geniesse als mancher Grosshans mit allen Prahlereien.
    Damit Er aber wisse und ich Ihm meinem vorigen Versprechen gemäss offenbare,
was mir in seiner Erzählung absonderlich wohlgefallen und aus was Ursachen ich
bewogen worden, ein solch unhöflich Gelächter anzufangen, so verstehe Er, dass
mich nichts so sehr unter allem contentiert, als dass Er in diesem Spiel meine
eigene Person präsentiert.
    Monsieur, der Kerl, so bei Ihm in der Kammer gelegen und seine Kleider
davongetragen, der bin ich, wie Er mich hier vor Augen sieht, und dieses Kleid,
das Er hier an dem Leibe trägt, ist derjenige Habit, welchen ich Ihm statt des
seinen in der Kammer gelassen, als ich noch vor Tages mich aus dem Staub
gemacht. Sein Felleisen liegt hier unter dem Ofen, und ist nicht das geringste
Schnupptuch geschweige etwas anders daraus gekommen, weil ich durch dieses
Mittel keinen Diebstahl zu begehen, sondern vielmehr eine Gelegenheit gesuchet,
mich vor dem Schergengesind verborgen zu halten und also unerkannt zwischen
ihnen hindurchzumarschieren, indem ich schon Kundschaft hatte, welchergestalten
ich ihnen in die Klauen kommen würde. Und weil ich keinen andern Weg über das
Gebürge wusste als ebendenjenigen, bin ich durch diesen Kleiderraub zu einer
solchen grossen Unhöflichkeit gezwungen worden, die mich die Zeit meines Lebens
reuen wird, absonderlich, weil ich sie an einem solchen Menschen begangen, den
ich wegen seiner angebornen Qualitäten vielmehr schuldigst bedienen sollen.
Damit ich aber dem Herrn aus dem Traum helfe und Ihm offenbare, was Er von
seinen Scherganten nicht erforschen können, bitte ich, unbeschweret eine kleine
Audienz zu geben. Er wird sich verwundern, wie artig Er in das Spiel geraten.
    Ich heisse Isidoro und verbrachte meine adelige Jugend in tausend
Ergötzlichkeiten, die ich hier sowenig als der Herr seine Schulpossen zu
entwerfen suche. Allein ist zu wissen, dass ich von Natur niemand mehr als dem
Frauenzimmer nachgestrebet, und gleichwie ein hungeriger Vogel leicht zu locken
ist, also versaumte ich nicht die geringste Gelegenheit, mich an das Bett zu
schwingen, es möchte sein, wie oder wo es wollte, und durch diese
Unvorsichtigkeit brachte ich es leichtlich dahin, dass man allentalben von mir
ausgegeben, ich wäre der ärgeste Frauendiener in dem ganzen Land. Es ist wahr,
dass kein solcher perfecter Fuchsschwänzer nicht zu finden war als eben ich, denn
ich schmeichelte bald dieser, bald jener und wartete oft um einen lausigen Kuss
vier ganzer Wochen auf. Die Musik lernete ich nur deswegen und aestimierte sie
nur aus dieser Ursach so hoch, weil man sich durch dieselbe bei dem Frauenzimmer
entweder beliebt machen oder dasselbe damit bedienen könnte. Dahero geschah es,
dass ich, als ein Student, bald eine Gasse hinauf, die andere wiederum hinab
fiedelte oder von andern fiedeln liess, ja, ich machte wohl denen die meiste
Couranten vor das Fenster, die ich am wenigsten kannte oder die zum wenigsten
von mir gehöret hatten, auf dass ich ja allentalben möchte bekannt und angenehm
werden.
    In dieser liederlichen Stümperei blieb ich nicht in den Schranken meines
Standes, sondern ich kleidete mich wohl an als ein Bauerflegel, und in solchem
Habit ging ich verkleidet auf die Dörfer und in die Dorfschenken, allwo ich mit
den Bauermägden oft bessere Kurzweil trieb als mit mancher hochangesehenen und
lumpichten Zofe, die nichts kann als den Hintern hin und wider schwenken wie
eine Gans. Mein Herr kann betrachten, wie elend ich dieselbe Zeit zugebracht,
die ich zu nichts anders als meinem eigenen Verderb angeleget habe, und dieses
währte so lang, bis ich mich eben in diese Gräfin verliebet, die dem Herrn den
Brief in das Gefängnis schiessen lassen.
    Drei Meil Wegs von hier ist in einem Wald ein lustiger Platz, allwo der Graf
seinen Hirschen nachzujagen pfleget. Und weil kein grösserer Liebhaber vom
Weidwesen in dem ganzen Lande ist, geschicht es, dass man ihn die meiste Zeit
durchs Jahr an obbenanntem Ort zu sehen bekommet. Er versäumet dadurch viel
nötige Canzelei-Geschäfte und macht seinen Untertanen nicht allein grosse
Ungelegenheit mit dem Jagen, sondern stellet ihnen noch über dieses gewisse
Jagdhunde in die Kost, welchen sie so viel müssen zu fressen geben, davon sie
gar leicht einen Knecht erhalten könnten. Ich selber habe einen Prozess wegen
meiner Frau Mutter zu führen, aber die Wahrheit zu bekennen, so wird auf solche
Weise sehr wenig getan, und glaube kaum, dass innerhalb zwölf Jahren wird
gesprochen werden. Dieser Prozess gab mir die erste Anleitung, mit der Gräfin
Veronia in Bekanntschaft und von dar in eine nähere Vertraulichkeit zu kommen.
Sie liebte die kleinen Hunde, dahero unterliess und ersparte ich nicht den
geringsten Fleiss, ihr einen von absonderlicher und rarer Art zu verehren, der
mich in die vierundzwanzig Taler kostete. Ich tat es unter dem Schein, meinem
Prozess einen Fortgang zu machen, aber ich hatte viel ein anders Absehen als auf
die Canzelei, ob es schon der Graf dazumal nicht anders als einer guten Meinung
aufgenommen.
    Die Gräfin, welche ein Weibesbild von unvergleichlicher Schönheit, wollte
dieses Geschenk nicht unvergolten lassen, sondern schickte mir vor den Hund ein
Dutzet der allerneuesten Ducaten, welche ich noch bei mir habe. Von dieser Zeit
an suchte ich Gelegenheit, mit ihr in Person zu sprechen, denn die Wahrheit zu
bekennen, so war ich in sie verzweifelt verliebt, und ich glaube, ich wollte
mich dazumalen haben erstechen und totauen lassen, sofern ich nur gewusst hätte,
dass ihr dadurch einziges Gefallen geschähe. Ich konnte weder essen noch trinken,
und was noch das Allerschlimmste war, so empfand ich in mir eine rechte
Marterkammer, die vielleicht ärger als diejenige ausgesehen, daraus Ihr heut
nacht entflohen seid. Und ebendieses ist das Schloss, allwo ich meinem eigenen
Verderb so sehr nachgeeilet, allwo Ihr so sehr, und zwar unter meiner Person,
gefesselt gewesen.
    Nachdem ich in dieser Liebe fast bis auf den Tod gequälet worden, entschloss
ich mich, ihr meine Liebe zu offenbaren, sie möchte mich darnach sauer oder süsse
anblicken. Verehrete ihr dahero in einem Garten bei zufälliger Gelegenheit einen
Apfel, in welchem ich ganz verborgenerweise einen Brief auf ein kleines
Pergament-Zettulein geschrieben, etwan dieses Inhalts: Holdseligste Kreatur! Wer
dasjenige hasset, von welchem er geliebt wird, der wird unbillig grossmütig
genennet. Weil ich aber glaube, dass Sie an Grossmütigkeit alle Menschen ihres
Geschlechtes weit übertrifft, lebe ich der angenehmen Hoffnung, Sie wird
denjenigen in dem Verlangen nicht zugrunde gehen lassen, welcher ohne Geniess
Ihrer Gegenliebe zwar leben, aber doch allezeit vor Schmerzen sterben wird.
    Dieser Brief, ob er zwar nicht stracks von ihr erblickt worden, erweckte
doch keinen geringen Widerwillen gegen mich, also gar, dass ich noch in dem
Garten entschlüssig wurde, in ein Wasser zu springen oder mich an die oberste
Balken des Hauses aufzuhangen, denn es ist gewiss, dass ich die Impression von
ihrer Holdseligkeit dermassen ins Herze gedrücket, dass ich ohne ihrer Gegengunst
unmöglich zu leben vermeinte. Ich weinte Tag und Nacht wie eine alte Bade-Hure,
so die Lauge verschüttet, und scheuete mich endlich, vor ihr sehen zu lassen,
weil ich dadurch meine Verzweifelung nur würde vergrössert haben. Und weil die
Gräfin nächst an der See ihren Wohn-Erker hatte, satzte ich mich Nachts-Zeiten
in ein Schifflein, nahm die Laute unter den Arm und sang, oder liess durch andere
singen, die verliebtesten Arien, so ich nur aufsetzen konnte, unter welchen ich
diese einzige noch auswendig behalten:
Veronia!
Ich sterbe vor Verlangen
Und schiffe in den Tod.
Du stürzest mich in solche Liebesnot,
Ich bin von dir gefangen!
Ach, hilf! ist keine Rettung da?
Veronia!
Veronia!
Komm doch, mein Schiff zu retten,
Ich strande auf der See,
Wo ich vor Schmerzen endlich untergeh.
Entreisse mich den Ketten!
Komm, Schöne, sprich nur einmal: Ja!
Veronia!
Veronia!
Ich will dich gleichwohl lieben,
Ob ich schon untergeh
Und sterbe auf der unglücksvollen See
Mit schmerzlichem Betrüben!
Es ist doch keine Rettung da,
Veronia!
Dieses sind die wenige Strophen, die ich aus so vielerhand Arien noch auswendig
behalten, und wären erst alsdann recht angenehm zu hören, so meinem Herrn die
anmutige Melodei bekannt wäre, durch welche die Gesänge recht lebhaft exprimiert
werden. Unterweilen machten wir wohl ganze Suiten von Balletten und Sonaten,
weil ich keine Unkosten ersparete, ihre Affection zu gewinnen, es möchte auch
kosten, was es wollte. Je länger ich mich aber um ihre Liebe bearbeitete, je
weniger konnte ich solche zum Stande bringen. Das nahm mich dergestalten ein,
dass ich mich entschloss, den Ort zu verlassen, auch meine Gerichtssache
anderwärts anhängig zu machen. Und solchergestalten getrauete ich mir endlich
wohl, mich selber samt meinen Affecten zu überwinden, weil die Abwesenheit das
beste Medicament wider alle unreine Begierden ist, die ich dazumal nicht recht
erkennen können, weil ich das höchste Gut auf der Erde gesuchet und nicht
betrachtet habe, welch einer jämmerlichen Eitelkeit unsere blinde Mutmassung
unterworfen sei.
    Ich satzte mich endlich zu Pferd und ritt so voll von verliebten Grillen aus
der Stadt, dass ich nicht sagen kann, wie mir dazumal um das Herz gewesen. Ich
sah keinen Menschen an, und es kann wohl sein, dass ich vor unterschiedliche
Bekannte geritten, die ich entweder nicht gesehen noch beurlaubet habe, so gar
hatte mich dazumal die Liebe eingenommen, ausser welcher ich alles vor weniger
als nichts gehalten. Ich sah auf der Strasse ohne Unterlass zurück und seufzete
wohl tausendmal. Ja, es fiel mir endlich ganz unmöglich, weiterzureiten, sondern
stund unter einem grossen Baum ab, daselber das Schloss noch vors letzte Mal
anzusehen und demselben zu valedicieren. Auf solches fing ich eine ordentliche
Oration an, durch welche ich mit mir selber und sonsten mit keinem Menschen
geredet.
    Monsieur sei versichert, so ich Ihm alle Schwachheiten erzählen würde, die
ich dazumal in meiner Oration angebracht, würde Er sich in der Wahrheit viel
mehr über meine Erzählung, als ich über die seine getan, zerlachen und
erlustigen. Endlich schämte ich mich vor den vorübergehenden Leuten, derer
allgemach eine ziemliche Zahl zusammengeloffen, mir zuzuhören, weil ich ihnen
entweder wegen der überhäuften Gedanken oder aber, weil ich rückwärts auf der
Erden gelegen, nicht gewahr worden, stund demnach auf, schwang mich zu Pferd und
ritt immer im Galopp fort, was das Pferd laufen konnte.
    Auf eine solche Weise lief ich über Stock und Stauden, dass es taugte, ja ich
schrie unterweilen, wie ein Pferdknecht, der hundert Ross zu commandieren hat.
Letztlich liess ich dem Pferd den Zaum, willens, dahin zu reiten, wohin es mich
bringen würde, daraus ich schliesse, dass ich dazumal über drei Grad von der
wahrhaftigen Wahnsinnigkeit nicht entfernet gewesen, weil ich keinen Weg zu
finden gewusst, dieser Passion zu entgehen. Mein Gaul ging einen ziemlichen
Schritt, und weil er den Zaum ledig hatte, brachte er mich auf einer ganz
ungebahnten Strasse in einen Wald, davor mir recht grauete. Die Bäume stunden
nicht allein dicht beisammen, sondern es hatte auch hin und wieder tiefe und
felsichte Löcher, darinnen sich ingemein die Räuber und das andere ehrlose
Gesindlein zu verstecken pflegte. In Betrachtung dieser Gelegenheit kam ich
wieder ein wenig zu mir selbst, obschon viel zu spat, denn ich hatte noch nicht
wahrgenommen, dass ich meinen Hut, meine Handschuhe und meinen Degen zwischen dem
Gesträusse verloren und zurückgelassen. Solchergestalten stieg ich ab, und weil
es nunmehr bald Abend war, suchte ich besten Fleisses einzigen Ausgang, führte
auch das Pferd so lange hin und wider, bis es endlich Nacht und mir, wegen
Ermanglung des Lichts, der Weg ganz unbekanntlich wurde.«
 
                                 III. Capitul.
             Isidoro wunderlicher Zustand in des Einsiedlers Habit.
 Brand, Schwefel, Pech, das quälet sehr,
 Die Liebe aber noch viel mehr.
»Gegenwärtige Nacht war ein rechtes Vorbild meines Geistes, welcher gänzlich mit
einer irdischen Finsternis umgeben war. Das allerschlimmste war, dass ich das
wilde Vieh brummen hörte, und dachte erst dazumal an meine grosse Torheit, da ich
keine Gelegenheit mehr hatte, aus dem Wald zu gelangen. Ich wollte mich zur
Versicherung meiner Person auf einen Baum retirieren, aber weil ich des Steigens
unerfahren, musste ich mein Vorhaben zurückstellen, so lieb mir auch das Leben
war. Dazumal verschwanden mir die Liebesgedanken ein ziemliches, und ich hätte
in der Wahrheit endlich nicht gewusst, was ich anfangen sollte, so ich nicht in
der Revier ein Glöcklein gehöret. Erstlich machte ich mir die Einbildung, es
wäre vielleicht eine Kuh in dem Wald verirret, der man eine solche Glocke an den
Hals gehenket, und dahero bekam ich Ursach zu argwohnen, als wäre nächst hierbei
eine Schäferei. Aber zum andernmal, als ich den Schall hörte, fand ich, dass ich
mich selbst in meiner Meinung betrogen, weil es viel eine grössere Glocke
gewesen, als ein solches Mastvieh an dem Hals hätte tragen können. Ich ging dem
Schall nach und sah auf einem hohen Berge ein Licht schimmern, daraus ich
geschlossen, dass sich daselbst ein Einsiedler entalten müsste. Mein Pferd hatte
ich zum Raub des wilden Viehes, an der Tanne gebunden, stehenlassen, weil ich
viel zu sorgfältig war, mein eigenes Leben zu erretten. Der Einsiedler läutete
noch einmal, und als ich mich auf dem Berge ganz verstiegen, rufte ich sehr laut
um Hilfe, weil ich mich keines geringen Falls beförchtete. Nach solchem Ruf
eröffnete der Klausner sein Fensterlein, und ich bat ihn nochmalen ganz
freundlich, mir aus der Irre zu helfen. Er läutete ein anders Glöcklein, auf
dessen Schall alsobald ein junger Eremit mit einer brennenden Laterne gegangen
kam und mir vermittelst eines Strickes zu sich hinauf half, weil ich sonsten
weder vor noch hinter mich gekonnt hätte. Er führte mich mit sich in des Alten
seine Zelle, welche meist von Baumrinden und Moos beschlagen und ausgezieret
war. Daselber satzte ich mich an den warmen Ofen, weil ich in dem Wald ein
ziemliches gefroren hatte. Ich war froh, dass ich so einen sichern Ort vor meine
Person gefunden, und erzählete den Einsiedlern ganz einen andern Weg, wie und
auf was Weise ich in den Wald gekommen. Sie hatten mit meinem Geschicke ein
treffliches Mitleiden, und der Junge liess nicht nach, das Pferd so lange zu
suchen, bis er solches durch einen gebahnten Weg mit sich über den Berg zu der
Zellen brachte, allwo ers in eine Kammer einsperrte, darinnen sie ihre
Instrumenten, die Wurzeln zu graben, liegen hatten.
    Ich wäre wohl der grösste Narr auf Erden gewesen, so ich den Einsiedlern von
meiner Liebe einzige Nachricht erteilet hätte, deswegen verlangte ich, mich
niederzulegen und auf meinen ausgestandenen Schrecken ein wenig auszuruhen. Sie
versorgeten mich hierauf mit einer Liegerstatt viel treuer als leibliche Brüder,
und es war nichts in ihrem armen Vermögen, welches sie mir nicht angetragen,
soferne ich es nur würde vonnöten haben.
    Es ist ungezweifelt wahr, dass ich ihr Leben tausendmal heiliger und
vollkommener als mein eigenes befunden, ja, ich schätzte sie recht glückselig,
dass sie den Irrweg noch nie so weit wie ich gewandelt hatten; aber
dessenungeachtet liessen mich doch meine Anfechtungen bei keinen heiligen
Gedanken, sondern zerstreueten solche wohl tausendfältig nach der Gewohnheit
ihrer giftigen Art, welche stetigs zu töten suchet denjenigen, so ihnen zu viel
nachhänget.
    Die unterschiedliche und mannigfältige Verwirrungen liessen mir nicht so viel
Ruhe, dass ich hätte einen Augenblick schlafen können, sondern die Veronia, die
Veronia stak mir immer im Kopf. Und so sehr ich mich auch ihrer Gedächtnis
entschlagen wollen, konnte ich doch über mich selber nicht Meister werden,
vielleicht darum, weil ich mein Vorhaben gar zu seichte und auf liederliche
Mutmassungen gegründet, da ich doch davor die wahre Tugend zum Fundament sollte
geleget haben.
    Nach einer Stunde nahm der junge Klausner Urlaub, und der alte machte sich
auch zu Bette, vor welchem ich von Herzen erschrak, denn es war eine Totenbahre
mit Moos angefüllet, die zog er hinter einer Bank hervor. Das Hauptkissen war
ein grosser ausgehöhlter Stein, darein er sich nach der Länge auf den Rücken
legte mit der Überdeck seines Mönchmantels, welchen er auch vor den Regen trug.
Er redete mit mir fast eine halbe Stund, nachdem er sich niedergeleget, und
vermeldete mir unterschiedliche Ursachen, warum er in die Klausen gegangen und
aus der gottlosen Welt gewichen wäre. Er sagte, dass der junge Einsiedler ein
Graf sei, dessen Geschlecht er aber mit Fleiss verborgen hielt. Er hätte sich
seinesteils schon achtundsechzig Jahr in dieser schröcklichen Wildnis
aufgehalten, in welcher er sich mit Wurzeln und Wasser, auch zuweilen mit wildem
Obst und gebetteltem Brot gespeiset und ernähret hätte. So sammlete auch der
Junge wöchentlich in den Dörfern herum und brächte Käse, Butter, Milch, Brot,
Eier, Fleisch und Kraut mit sich, und solchergestalten beliefe sich ihre
Hofhaltung, und waren doch allem Ansehen nach viel frischer und gesünder als
ich, der ich doch bei einer köstlichen Tafel von Jugend auf erzogen worden.
    Er erzählte beinebens unterschiedliche Begebenheiten, so sich seit der Zeit
seiner ersten Ankunft in dem Wald mit ihm zugetragen hatten, aber die
Nachsinnung meiner eingebildeten Liebe verbot mir, ihm ferner Gehör zu geben,
weil ich mich entschlossen, den Eremiten dahin zu persuadieren, dass er mir
seinen Mönchsrock liehe, damit wollte ich angekleidet in das Schloss gehen und
von der Gräfin in unbekannter Gestalt endliche Resolution holen, sie möchte
darnach urteilen und sich entschliessen, was sie wollte.
    Auf solches schlummerte ich ein wenig ein, aber des folgenden Tages wurde
ich eins mit dem Alten, dass er mir wollte leihen einen alten Rock, welchen er
noch vor zehen Jahren getragen, und vor solchen schoss ich ihm so viel Geld dar,
davor er einen neuen bekommen konnte. Er behielt das Pferd bei sich, und weil
das obgedachte Schloss seiner Aussage nach nur zwei kleine Meilen von dar
abgelegen war, versprach ich, innerhalb vierundzwanzig Stunden gewiss wieder in
der Klause zu sein. Damit zog ich den Habit über den Leib, und weil ich ohnedem
einige Parücke trug, konnte ich wohl leiden, dass sie mir das übrige Haar gleich
einem Mönch von dem Kopf hinwegschnitten, und in einer solchen Gestalt wiesen
sie mich aus dem Wald auf die Strasse, so zu dem Schloss leitete.«
 
                                  IV. Capitul.
                   Er muss von dem Schloss die Flucht nehmen.
 Was wir verdecken ganz und gar,
 Wird oftmals plötzlich offenbar.
»Es gingen nicht so bald zwei Stunden vorüber, als ich das Schloss schon zu
Gesichte bekommen, denn die Wahrheit zu bekennen, so trieb mich die Liebe noch
einmal so schnell fort, als ich sonsten zu gehen pflegte, und absonderlich in
einem grossen und rauhen Mönchsrock, welchen ich zu tragen nicht gewohnet war.
Das Schloss lag an einer See, und weil von einem Dorf ein Schiff dahin abfuhr,
dingte ich mich auf und kam an das Ufer, allwo ich meinen Mantel um mich schlug
und dem Schloss zueilete. Ich verlangte vor die Gräfin, vorgebend, ihr ein
Geschenke zu überreichen, welches ich um so viel füglicher tun können, weil ihr
Herr, dem gemeinen Ruf nach, noch auf der Jagd war. Sie liess mich gar bald vor
sich, und als ein Geistlicher konnte ich ohne Argwohn gar wohl in ihr Cabinet
gelassen werden, allwo ich anfing, ihr von der grossen Armut zu schwätzen, die
ich in dem Klippen-Wald ausstehen müsste, denn also war derselbe Wald genennet,
darinnen ich die Kutte geborget hatte. Dahero bat ich die Gräfin, mir eine
bessere Wohnung zu schaffen, ich wollte alles in demütigen Diensten und
dergleichen entgelten.
    Die Gräfin seufzete hierauf, und als sie gehöret, dass ich aus dem
Klippen-Wald gekommen, forschte sie aus mir, ob ich nicht einen wahnwitzigen
Menschen in demselben angetroffen, welcher ein Edelmann und Isidoro heissen
sollte. Ich erschrak über ihre Erwähnung und sagte ja, dass ebenderselbe sich auf
der Erde gleich einem Hunde hin und wider gewälzet hätte, was ihm aber sei,
wisse kein Mensch, weil er auf keine Frage einzige Antwort gebe. Hierauf
seufzete sie und schwieg lange still. Ich merkte ihrs an, dass sie Mitleiden mit
mir trüge, und weil ich gerne wissen wollte, an wem oder an was ich wäre,
offenbarte ich mich ihr ganz treuherzig und erzählte ihr meinen Zustand in und
an sich selbst und verlangte nichts mehrers als ihren Entschluss.
    Sie wurde ganz blass, und weil sie in dieser Verwechselung nicht geschwinde
zur Resolution kommen konnte, sagte sie: Monsieur, mein neulicher Zorn war so
böse nicht gemeinet. Ein beständiger Liebhaber wirft nicht so geschwinde einen
Mönchsrock über den Leib, Er sei versichert, dass ich Ihn durch meine Mienen nur
versuchen wollen, ob Er auch beständig sei in dem, das Er mit so grosser Gefahr
an mich gesuchet. Aber indem wir am besten miteinander redeten, kam der Graf von
der Jagd ganz unvermerkt ins Zimmer. Er nahm erstlich den Hut vor mir ab und
sagte: Woher, Herr Pater, woher? Dem Grafen war meine Sprache wohlbekannt,
derohalben neigte ich mich sehr tief, drehete mich zu der Tür und lief ohne
Antwort zum Zimmer aus. Es ist bei meiner Treu wahr, dass ich all mein Lebtag
nicht so sehr geloffen bin. Ich liess den Mantel, meinen Stock und die Capuzen
hinter mir hinwegfallen, und weil sich der Graf nicht geschwind resolvieren
konnte, legte ich einen ziemlichen Weg zurücke, ehe mir die Diener nacheileten.
Es sprangen wohl ihrer acht oder noch mehr nach mir, aber ich hatte mich schon
in den Wald verstecket und mich ganz heimlich an die vorige Klausen gemachet,
allwo ich meine Kleider angezogen und mich ohne ferners Umsehen auf meinem Gaul
nach diesem Schloss gewendet.
    So kalt und frostig es dazumal war, so schwitzte ich doch am ganzen Leibe,
und fehlete nicht viel, ich hätte das Pferd bei einem Haar zu Tode geritten,
weil mir an dieser Flucht nicht ein geringes gelegen war. Meine Frau Mutter
erschrak selbst über meiner schnellen Ankunft, aber ich erzählte ihr weit eine
andere Zeitung, die mich so geschwinde zu sprengen verursachet hatte. Zwei Tage
hernach kam ich wieder, aber in einem andern Habit, auf das Schloss, und zwar
viel mit einer andern Courasche, als ich bis dahero hatte spüren und sehen
lassen, weil mir die Ungewissheit der vorigen Liebe allen Geist genommen und mich
nur mit verdriesslichen Schmerzen beleget hatte. Mein Herr wird gewiss das Lachen
nicht entalten können, wenn ich Ihm sage, welchergestalten die Auslaufer aus
dem Schloss bis in den Klippen-Forst nachgesetzet und daselber den armen
Einsiedler mit sich gefangen auf das Schloss gebracht haben, denn die Gräfin
brachte eine Haupt-Entschuldigung zu ihrem und meinem Behuf vor, indem sie
ausgegeben, der Einsiedler hätte sie totstechen wollen. Und dieses ist
eigentlich die Ursach, warum der Graf so schnell nachsetzen lassen.
    Aber als der Graf die grauen Haare des Altvaters erkennet, reuete es ihn,
dass er sich an ihm vergriffen hatte, bat ihn um Vergebung und lud ihn zu Gast.
Aber unter währender Tafel erzählte der Einsiedler all dasjenige, so sich mit
mir in dem Wald begeben hatte. Ich verbarg mich vor ihm, soviel ich konnte, und
ich glaube, so er meinen Namen gewusst, ich wäre samt der Gräfin zuschanden
worden, aber ob es schon dazumal verschwiegen geblieben, konnte ich doch meinem
Unglück nicht entfliehen, in welches ich endlich gleich einem gefangenen Vogel
in den Sprenkel gefallen.«
 
                                  V. Capitul.
        Offenbarung seiner Liebe und warum Zendorio in Verhaft gekommen.
 Das Unglück liebt den Widersinn,
 Kommt oft, wo es nicht solle, hin.
»Veronia wurde von mir je länger je eiferiger verehret, aber zu nichts als
meinem eigenen Verderb. Sie konnte mir keine andere Gegengunst erweisen als
freundliche Blicke, von welchen ich das Jahr nicht fünf Groschen Interesse
auftreiben können, es wäre denn, dass ich sie bei einem närrischen Kaufmann
capitaliter ausgeleget hätte. Aber gleichwie das heimliche Verständnis endlich
auszubrechen pfleget, also konnte es auch mit mir armen Schelmen keinen langen
Bestand haben. Ich musste die Gelegenheit suchen, wie ich konnte, und nicht, wie
ich wollte, denn weil ich bei Hofe nichts zu tun hatte, musste ich eine solche
Sach hervorsuchen, welche schien, als hätte ich daselbst was zu verrichten, ob
es schon in dem Werk nichts als ein blosser Müssiggang war. Ich gab zu Ende dessen
vor, wie ich entschlossen wäre, eine aus der Gräfin ihrem Frauenzimmer zu
ehelichen, ob ich gleich niemalen des Willens gewesen, mich mit einer von dem
Hofe zu verbinden, entweder weil sie gar zu arm oder gar zu hoffärtig waren.
Doch gewann ich durch diese Scheinheiligkeit einen offenen Zutritt und wurde mit
Veronia so gemein, dass sie sich endlich nicht scheuete, mir Kirschenstengel,
Haselnüsse, Confect, Zucker, Mandelkern und dergleichen Materien ins Gesichte zu
werfen. Der Teufel tat denn auch seine Verrichtung darbei, bis ich glaubte, das
Glück hätte nunmehro ein ewigwährendes Verbindnis mit mir eingegangen. Ich bin
von Jugend auf zu dem Apfel- und Citronenschnitt abgerichtet worden, deswegen
verehrte und schnitt ich in ihrer Gegenwart allerlei Arten der raresten Formen.
    Die Braut, welche ich zu freien vorgab, wusste sich einen Haufen wegen
meiner, aber das gute Kind hätte billiger weinen sollen, wenn sie gewusst hätte,
wie gar und wie durchaus ich sie nicht haben möchte. Ich verehrte ihr allerlei
perfomierte Handschuhe, die allernobelsten seidne Strümpfe, schöne Armbänder,
wohlausgearbeitete Schlaguhren, aber ich bestellte einen Jungen, der ihr den
Kleiderschrank brechen und alle spendierte Sachen wieder hinwegstehlen musste.
Mein Herr kann gedenken, wie ich diese unschuldige Dam wider alle Ehr und
Reputation, auch wider billigen Respect und Observanz so liederlich bei der Nase
herumgezogen. Es war hohe Zeit, dass ich aus dem Schloss entwich, sonst hätte ich
etwas anrichten dörfen, das man ohne Spott und Schand nicht melden kann.
    Solches Leben wurde mir als einem Bräutigam gar wohl passiert, aber meine
Mutter schrieb mir, so ich eine vom Hof heiraten würde, so wollte sie mich bis
aufs Hemd enterben, weil sie mit vielen Quittungen belegen konnte, dass ich auf
der Universität in die 8000 Taler extra vertan. Ich entschuldigte mich wieder
gegen ihr und vermeldete, dass ich an nichts weniger als an eine solche Heurat
gedacht hätte, und was ich bei Hof mit dem Frauenzimmer vorhätte, wäre nur zur
Verkürzung der Zeit und auf keine ehliche Verbündnis angesehen. Auf einen
solchen Entschluss besanftmütigte ich meine Mutter, welche sonsten einen ziemlich
harten Kopf hatte, und dahero musste sich das arme Mensch auf dem Schloss von mir
eine Nase nach der andern drehen lassen. Und ob sie mich schon ohne Unterlass
fragte, wann wir wollten Verlöbnis machen, benamsete ich ihr doch eine Zeit nach
der andern und machte ihr so viel Hoffnung, davon sie noch zwölf Säcke übrig
hat, so sie ihren Mitschwestern nicht welche davon verspendieret.
    Endlich erwischte mich ein Page, gleich als ich die Gräfin küsste, und ob ich
schon dem Jungen zwei Taler geschenket, davon stille zu schweigen, trägt er doch
solches dem Grafen zu, welcher in vollem Grimm von der Jagd dem Schloss zu ritt
und entschlossen war, mir seinen Jagdspiess durch die Rappagnie zu rennen, denn
es ist gewiss, dass kein zornigerer Mensch weit und breit in dem Land anzutreffen
gewesen. Zu meinem Glück wurde mir solches durch den Forst-Schreiber gestecket,
und dahero machte ich mich aus dem Staube, ehe mich der Graf zu Gesicht
bekommen. Ich habe hernachmals in einem langen Schreiben umständlich vernommen,
wie ungeduldig sich die Gräfin wegen meiner bei ihrem Herrn beklaget. Sie sagte,
ich hätte sie heimlich von hinten überfallen und sie geküsset. Item, noch andere
Stücklein sagte sie, deren ich mich unterfangen hätte, und also machte sie sich
weiss und mich hingegen schwärzer als eine indianische Dinte.
    Folgende Woche erhielt ich gar von vertrauter Hand, dass man mich auf meiner
damaligen Reise zwischen dem Gebürge ausgespähet, und weil ich die vor gewandte
Heurat gegen der Dam renunciert, wollte mich der Graf mit Gewalt haschen und mir
wie einem schändlichen Betrüger was anders tun lassen. Aber der Herr ist zu
allem Glück in meine Kammer auf der Strassenherberg gekommen, sonst wäre ich
statt des Herrn in der Häscher Hände gefallen, wie Er sich leichtlich die
Rechnung wird machen können.
    Dieses ist also der Verlauf meiner Fortun, und anitzo halte ich mich ganz in
geheim hier auf dem Schloss verborgen, habe auch meinen Leuten befohlen, keinen
Menschen zu mir zu lassen, als welchen ich selbst heraufführen werde. Und dieses
ist die Ursach, warum ich mich in diesem engen Zimmer aufhalte, sonsten wollte
ich den Herrn wohl in einem grössern und säuberern tractieren. Er vergebe mir
indessen und nehme mit dem guten Willen vorlieb, es geschicht, meinen Leib in
besserer Versicherung zu halten, weil ich von daraus weit auf die Strasse sehen
und eigentlich betrachten kann, was zu dem Schloss ein und aus geht. Ich förchte
mich zwar vor dem Grafen nicht ein Härlein oder Nagel gross, und es ist noch lang
dahin, ehe er mich solle henken lassen, aber das ist mir zum schlimmsten, dass
ich förchte, er dörfte mich deswegen am gebührenden Ort verklagen. Aber solang
er nichts Hauptsächliches auf mich bringen kann, wird man ihn nur auslachen. Der
arge Fuchs hat mich so heimlich erlauschen und in dem Gefängnis wacker
carniffeln wollen, aber ich glaube, ich habe eine Comödia gespielet, die lustig
genug ist. Mein Herr vergesse seines Schmerzens und bleibe bei mir, solange es
Ihm anstehet, mein Tisch und ein schlecht Bett stehet zu seinen Diensten, und Er
sei versichert, dass ich mich gegen Ihm ganz verobligiert befinde.«
 
                                  VI. Capitul.
  Eine harte Wette. Die alte Kupplerin erzählet eine artige Buhlerei und hilft
                         ihnen dardurch aus dem Traum.
 Ein Vogel, der gefangen ist,
 Sucht zu der Ausflucht Weg und List.
Diese Erzählung dieses jungen Edelmanns war das einzige Mittel, welches mich
meiner bishero heftig quälenden Gedanken entoben. Ich machte ein Kreuz hin, das
andere wieder her und musste mich ausdermassen verwundern, dass mir so unverhofft
auf diesem einsamen Schloss aus dem Traum geholfen worden. Denn diejenigen
wissen gemeiniglich das meiste um unser Anliegen, die wir zum wenigsten davor
ansehen, und also hat der geneigte Leser umständlich verstanden und ist zugleich
mit mir aus dieser Unordnung herausgekommen, in welcher ich bis gegenwärtige
Stund dergestalten verwickelt war.
    »Vielgeehrter Patron,« sagte ich darauf zu dem Edelmann, »seine Höflichkeit
spielet nur mit Dero Dienern, zumalen ich mich viel zu wenig befinde, seine
Gutwilligkeit gleichzumachen. Er hat sich im geringsten nicht zu bedanken noch
mich um Verzeihung zu bitten, dass ich wegen seiner ein so Unverhofftes
ausgestanden, weil ich nicht solches Geschicke seiner Person, sondern vielmehr
dem wunderbaren Glücke zuzuschreiben habe. Denn hätte mich solches nicht so
unverhofft in die Strassenherberge getragen, so hätte sich Monsieur in meinen
Kleidern nimmermehr verstellen können; aber über nichts muss ich mehr lachen als
über den Brief und über den Jäger. Hätte die Gräfin den Possen gewusst oder wüsste
ihn noch, ich glaube, sie sollte sich ärger darüber verwundern als wir beide.
Unter anderm, so mein Herr vorgebracht, wundert mich nicht ein wenig, dass der
Graf so geschwind zur Execution ist. Ha, man henkt nicht gleich, und wenn ich
den Betrug gemerkt hätte, ein Schelm will ich sein, ich wollte einen solchen
Spass angefangen haben, darüber das ganze Hoflager lachen sollen, aber nun ist es
zu spat, und auf eine andere Weise hätte ich nimmermehr so umständlich hinter
die Springe kommen können. Nur dieses möchte ich noch wissen, was es mit dem
Hurenpack über der See vor einen Ausgang genommen. Denn nach der Abreise des
Schergens habe ich selbigen Abend keinen Gefangenen, viel weniger ein Hurenpack
gesehen, weiss also nicht, ob was an der Sach war oder nicht.«
    Der Edelmann sagte, es würde hieran gar ein weniges gelegen sein, und in
solchem Gespräche brachte eine Magd, welche ich vor die Beschliesserin hielt, das
Essen herauf, welches er indessen zu einem Glas Wein hatte zurichten lassen. Es
ist gewiss, dass mir dieser Cavalier alle Höflichkeit erzeiget und in dem
geringsten nichts ermangeln lassen, was zu meiner Aufwartung dienlich war. Wir
speiseten unter einem sehr angenehmen Gespräche wohl drei Stunden, und weil das
Stüblein wegen anhaltender Kälte eingeheizet war, stieg mir nebenst der
Ofenwärme der hitzige Wein zugleich in den Kopf, also dass ich fast einen Dummel
fühlete.
    Er erzählte mir beinebens, wie er ohngefähr vor vier Wochen mit einem von
Adel gewettet und dreihundert Ducaten pariert hätte, dass er sich, mit Erlaubnis
seiner Frauen, zu ihr ins Bett legen wollte, ehe ein Jahr vorüberginge. Der
andere hätte gesagt, das wäre so unmöglich, als unmöglich es sei, dass man das
Gras von dem Himmel herunter schnitte, und es wäre die Frau selbst bei dem
Contract gestanden, im Beisein vieler andern Cavalier, welche als Zeugen mit
zugehöret hätten. Deswegen bat er mich, ihm eine Invention zu communicieren,
aber ob ich gleich ziemlich nachsinnete, konnte ich doch keinen Weg erdenken,
auf welchem ihm der Gewinst vom Gewette hätte zufallen können. Solchermassen
hebte die vorige Magd wiederum auf, denn der Edelmann wollte nicht viel Diener
oder andere Leute einlassen, weil er, sich verborgen zu halten, anhero gekommen
und sich ein neu Kleid verfertigen liess, mit solchem unbekannterweise
hinwegzureisen an solche Örter, allwo er sich am tauglichsten aufzuhalten
vermeinte.
    Auf dieses zog er mein Felleisen hinter dem Ofen hervor und wies mir auch in
der anstehenden Kammer mein abgeschabenes Kleidlein. Ich musste von Herzen
lachen, dass es dannoch so wohl aufgehoben ward, und nach solchem führte er mich
mit sich in die Hofstube, nachdem er das Tor stark zuriegeln und verschliessen
lassen. Bei Überreichung der Schlüssel vermeldete der Torwärter, dass der Gärtner
gekommen, welcher mitgebracht, die alte Edelfrau würde über drei Stunden nicht
mehr aussen bleiben, weil sie schon bei seiner Abreise von der Tafel aufgestanden
wären. Dieses zu verstehen, berichtete mich der Edelmann, dass seine Frau Mutter
vor zwei Tagen auf eine adelige Hochzeit abgereiset, von welcher sie heute
wieder zurückegelangen würde. Der Weg erstreckte sich auf drei Meil Weges, und
dannenhero wäre sie an den Ort gefahren, hätte aber ausser dem Gärtner niemand
als einen Gutscher mit sich genommen, weil der Landadel dieses Orts wenig auf
grosse Kostbarkeiten, sondern vielmehr auf ein gut Stücke Geld sein Absehen
hätte.
    Nach diesem Bericht gab er dem Torwärter, welcher mich diesen Tag so
spöttlich von dem Schloss hinweggewiesen, nebenst einem guten Filz wegen
meiner, zugleich Befehl, fleissige Obsicht auf die Fraue zu haben, damit sie bei
dem Tor nicht lange halten dörfte. Solchergestalten gingen wir in die Hofstuben,
allwo sich wohl eilf Weibesbilder befanden, welche teils aus dem Dorfe, teils
aus dem Schloss zusammengekommen, daselber ihr Garn und Werg zu spinnen, denn
die Edelfrau wendete auf solche Arbeit gewisse Kosten, dadurch sie einen
ziemlichen Particul von Hausleinwand zusammenbrachte. Der junge Edelmann war ein
ausdermassen lustiger Kopf, und allem Ansehen nach waren unsere Affecten in einem
Model gegossen. Dahero hielt ich mich sehr vertrauet zu ihm, und er sagte, dass
ihm durch meine Gegenwart die Zeit noch so angenehm falle, weil er ohnedem in
der Langweil hätte sitzen und vergebliche Grillen fangen müssen.
    Indem satzten wir uns an einen Tisch unfern des Ofens, allwo er den Weibern
befahl, etliche Märlein zu erzählen, bis seine Frau Mutter nach Hause käme. »Ja
wohl, Märlein,« sagte ein altes Rabenstück, so eine Hechel zwischen den Beinen
hatte und das Werg dadurchzog, »mein lieber Junker, ich will Euch wohl was
anders erzählen als ein Märlein!« Als sie nun der Edelmann gebeten, sie möchte
es immer und fein balde tun, fing sie mit unserer grossen Verwunderung an,
folgendes zu erzählen, nachdem wir uns beide bei einem Licht in eine Ecke
gesetzet.
    »Ich habe von Jugend auf viel Schnacken gehöret, aber so artlich war gewiss
keiner, als welcher mich gestern betroffen. Wenn ich die Wahrheit sagen soll, so
könnt Ihr leichtlich aus meinem Alter ermessen, mit was ich mich bei so
beschaffenen Zeiten ernähren muss. Das Spinnen und Hecheln tut es wahrlich nicht
allein, sondern ich habe ehedessen, als ich noch ein junges Mägdlein, solche
Griffe gelernet, die nicht eine jede kann.«
    Hiermit fing sie an zu lachen und sagte weiter: »Ihr Herren, mit einem Wort:
eine alte Frau, die nicht kuppeln kann, ist keines lausigen Pelzes wert, ja,
dieses Handwerk ist mir oft in einer Stunde zuträglicher gewesen, als ob ich
sonsten eine ganze Woche weiss nicht was gearbeitet und verrichtet habe. Aber
gestern hätte ich bei einem Haar den Teufel zu braten bekommen, indem etwan zwei
Meilen von hier bei der grossen See aus meinem Antrieb etliche Edelleute und
Kaufmannsdiener zusammengekommen, welchen ich fünf schöne Dirnen zugeführet. Der
Landrichter dieses Orts ist auf die Huren so scharf wie der Henker selbst. Aber
wie man sagt, so treibet ihn zu solchem Eifer niemand mehr an als seine stolze
und hochtrabende Frau, die es vor diesem ebensowohl als die heutigen Huren
getrieben; und ich gedenke wohl der Zeit, da ich manchen Reichstaler von ihr
bekommen, dass ich ihr einen wackern Galan zugepartieret habe. Ha, ha, ich weiss
es gar wohl.
    Dem sei nun, wie ihm wolle, so wurde doch wegen unserer Zusammenkunft bald
eine Kundschaft nach dem Schloss geschicket, und ehe wirs gewahr wurden, war
unser Haus mit vielen Schergen umringet, und hörten schon die Ketten klingen, in
welche wir sollten geschlossen werden.
    Es war eine unter dem Haufen, die überaus schön war und ehedessen bei dem
Landrichter als eine Kammermagd gedienet hatte, derselben war ausdermassen angst
und bang. Sie bat und flehete mich an, ich sollte doch auf Mittel und Wege
gedenken, dass ich sie sicher und ohne Anstoss hindurchbrächte, aber es mangelte
mir am allerbesten Mittel, nämlich an der Gelegenheit. Die Herren Galanen
wollten des Ausgangs auch nicht erwarten, sondern sprangen mit Gefahr Leibes und
Lebens über das Fenster in einen Garten, in welchen die Schergen nicht kommen
konnten. Solches war nun dem Weibesvolk unmöglich zu tun, und wenn es auch schon
wäre möglich gewesen, so hatte doch keine das Herz, voran zu springen, und also
stunden wir in Angst und Jammer; denn die Schergenknechte hatten Befehl, sobald
die Huren würden zur Tür hinaustreten, solche gefangenzunehmen und mit sich auf
das Schloss zu führen.
    Wie wir nun fast eine halbe Stunde untereinander beratschlaget und das
Geräusche der Ketten immer je grösser vor der Tür wurde, entschlossen sich die
drei, an einem Betttuch zum Fenster auszusteigen und sich an solchem all sachte
hinunter zu lassen. Es ging perfect an, aber die schöne Kammermagd, auf welche
eigentlich die ganze Karte angesehen war, wollte sich nichts entschliessen, denn
sie fürchtete, sich über das Fenster tot zu fallen, weil sie vor Furcht am
ganzen Leibe zitterte. In solchem gefährlichen Zustand kommt ihr der Hausknecht
zu Hülfe, welcher ein rechter Ausbund aller Schelmen ist. Er brachte ihr ein
altes Mannskleid, und dasjenige, so sie antrug, stopfte er mit Heu aus, legte
auch solches in ein Bett und gab bei den Schergen vor, die andern wären schon
längst durch den Garten entflohen, aber die schöne Kammermagd läge in der obern
Kammer ganz krank und matt darnieder, weil sie wegen ihrer Ankunft
unvergleichlich erschrocken.
    Wie es nun den Schergen zu lang wurde, bekamen sie vom Landrichter Befehl,
mit Gewalt in das Haus zu treten und die übrige Huren hinwegzunehmen. Das
geschah, aber die Kammermagd wischte ganz unvermerkt zwischen ihnen hindurch,
und ich steckte mich indessen in das Heu, so tief und weit ich nur konnte.
    Es ist nicht zu sagen, wie die Schergen auf den Hausknecht gefluchet, und es
stund dahin, so hätten sie den Gesellen bei einem Haar anstatt der Hurer mit
sich hinweggeführet, wenn er sich nicht so hurtig unter ihnen herumgezanket und
vorgegeben hätte, er wollte von dem Landrichter solche Stücklein an Tag bringen,
die ihn mehr als zuviel beschämen sollten. Hiermit mussten die Spürhunde fein
sauber passen und vor dieses Mal leer nach Hause gehen. Ich begab mich nach
ihrem Hinscheiden auch heimlich aus dem Staube wiederum hieher in das Dorf und
lachte sie heimlich wacker aus.«
    Unter solcher Erzählung stiess ich den Edelmann und er mich wieder bald mit
dem Ellenbogen, bald mit dem Fusse, und nach Vollendung derselben mussten wir uns
verwundern, wie unter artige Stücklein wir diesen Tag gerieten. Denn dieses war
nach allen Umständen kein anders Hurenpack als ebendasjenige, von welchem mir
der Kerkermeister in der Custodia erzählet, dass er solches über der See fangen
und mit sich anhero bringen solle. Solchermassen kam ich aus aller Irre und
verwunderte mich über die leichtfertige Vettel, dass sie sich mit ihrer
Profession noch zu rühmen gesuchet, die doch des Henkers viel mehr als des
Eigenlobs würdig gewesen. Aber der Edelmann sagte, ich solle mir solche Gedanken
aus dem Kopfe schlagen, die Leute machten es doch nicht anders, wer vor sich
selbst fromm leben könnte, der hätte sich solches vor eine absonderliche
Glückseligkeit zu rechnen; und indem er also fortreden wollte, höreten wir schon
ein Gerassel in dem Hofe, daraus wir schlossen, es würde die alte Frau Mutter
sein.
 
                                 VII. Capitul.
                           Isidoro gewinnt die Wette.
 Ums Geld bekömmt man all's zu kauf',
 Das Glück löst Wett und Rätsel auf.
Kein Mensch hat sich, solang die Welt stehet, so sehr verwundert als wir beide,
da wir mit Lichtern zu der Gutsche geloffen, daselber die alte Frau zu
empfangen, denn anstatt derselben sass eine ganz junge Weibesperson, etwan in dem
achtzehenten Jahr ihres Alters, darinnen. Sie selber erschrak über uns, und
nachdem sie herausgestiegen, sah sie sich allentalben in dem Hofe herum und
wusste sich nicht zu erkennen. »Gutscher,« sagte sie, »Ihr seid irrgefahren!« -
»Ei was!« gab der Gutscher zur Antwort, »ich bin ja hier in meinem Schloss!«
Als er aber zurücksah, verwunderte er sich, wie diese junge Dam in seine Gutsche
gekommen. Sie mochte aber machen, was sie wollte, so war es doch nunmehr hohe
Nacht, und das Schloss lag auf einer weitschichtigen Einöde. Dahero musste sie
wider ihren Willen an dem Orte verbleiben, so gern sie auch wieder zurückkehren
und nach Hause fahren wollen.
    Der Edelmann nahm mich auf eine Seite und sagte mir heimlich ins Ohr:
»Monsieur, dieses ist die Frau desjenigen Cavaliers, mit welchem ich gewettet,
ich wolle mit ihrem Willen bei ihr schlafen. Weil nun durch den Kleiderwechsel
diesen Tag so manches Stücklein offenbar worden, werde ich mich ankleiden als
eine Jungfrau, mich vor die Beschliesserin ausgeben, und Er sehe indessen zu, dass
Er sich anstelle, als wäre Er der Sohn in dem Schloss. Ich verhoffe und lebe
der gewissen Zuversicht, weil Er in dem Gefängnisse davor gehalten worden, sie
wird solches auch gewiss glauben, weil sie mich über zweimal all ihr Lebtag nicht
gesehen.«
    Die Sach ging perfect an, denn nachdem ich diese Dam in ein Zimmer begleitet
und ihr gar sichers und gutes Logament versprochen, mit Versicherung, dass ich
sie morgens bei aufgehendem Tage wiederum wollte heimführen lassen, gab sie sich
in etwas zufrieden. Sie sagte: »Monsieur, seine ungemeine Art, das Frauenzimmer
zu bedienen, ist in der Wahrheit weit angenehmer, als ich solches sagen und
rühmen kann. Es ist mir sehr leid, dass ich durch eine recht verwunderliche Irre
zugleich seine höfliche Gebärden verunruhigen müssen. Weil es das Glück so
füget, bitte ich, meine Unhöflichkeit entschuldiget zu halten. Monsieur sei
versichert, dass mein Herr sowohl als ich in allen Gegendiensten
schuldigstermassen abstatten und in andern Diensten gutmachen werden.«
    Mit solcher Rede dieser ausdermassen schönen Frauen führte ich sie folgends
in eine Kammer, allwo ich ihr das Schlafbett wies mit Zusage, dass die
Beschliesserin sich zu ihr legen sollte, damit sie ihr desto weniger förchtete,
ob es sonsten schon ganz sicher in dem Schloss wäre. Sie bedankte sich nochmals
meiner Gutwilligkeit. Indessen hatte sich Isidoro schon angekleidet, und wenn
ich zuvor nicht um den Betrug gewusst hätte, sollte mich nimmermehr kein Mensch
überredet haben, dass er eine Mannsperson wäre, so gar ausdermassen wusste er sich
in seinen Habit zu schicken. Er hatte von Natur eine ganz subtile
Weiber-Sprache, und dahero fragte er die adelige Dame, ob sie zufrieden wäre,
dass sie bei ihr schliefe, auf welches die Dam in Beisein vieler andern Knechte
und Schlossleuten mit einem Ja geantwortet, und solchergestalten hatte Isidoro
die Wette schon gewonnen. Er stellte hierauf so viel Personen in die Kammer, so
viel sich nur heimlich verbergen konnten, und es war kein Winkel so klein, in
welchen er nicht einen Kerl hineinsteckte, mir aber, der ich nebenst zweien
andern unter der Bettstatt lag, befahl er, sobald er sich zu der Dam würde
geleget haben, hervorzuspringen und öffentlich zu zeugen, dass ichs samt den
andern gesehen, dass er nach seiner Wette wahrhaftig bei der Frauen gelegen
hatte.
    Hiermit gingen kurze Complimenten vor, und nachdem wir alle in der Kammer
verborgen lagen, leuchtete ihr Isidoro hinein und kleidete sie aus. Sie legten
sich miteinander zu Bett, und die junge Edelfrau schwätzte mit ihm von nichts
als von der vergangenen Hochzeit, welche Erzählung währete fast in eine gute
Stund. »Gestrenge Frau,« sagte Isidoro, »mir ist heute auf diesem Schloss ein
grosses Glück zugestossen, welches ich die Zeit meines Lebens nicht vergessen
werde.« - »Wie denn so?« fragte die vom Adel, »habt Ihr vielleicht einen
Liebsten bekommen?« - »Ach nein,« antwortete Isidoro, »ich gewann innerhalb zwei
Stunden dreihundert Ducaten.« - »Das ist viel,« sagte die vom Adel, »aber wo
nehmet ihr Mägde so viel Geld her, dass ihr euch im Spielen dergestalten sehen
lasset?« - »Strenge Frau,« sagte Isidoro, »ich habe nicht gespielet, sondern
solches Geld ist mir durch eine gewonnene Wette zugestanden.« - »Wer hat es denn
verspielet?« fragte die vom Adel. »Madam,« gab Isidoro zur Antwort, »Ihr Herr!«
- »Was,« sagte sie, »mein Herr?« - »Ja,« antwortete Isidoro, »Ihr Herr. Denn
wisset Ihr nicht, wie wir miteinander gewettet, ich wollte mit Zulassung Eurer
bei Euch in dem Bette schlafen?« - »Hilf Himmel!« schrie die Dam, »ist Er der
Isidoro?«
    Und damit wollte sie zum Bett hinausspringen, aber Isidoro hielt sie zurücke
und rufte: »Allo, Ihr Herren, die Ihr hier verborgen seid, kommet hervor, dass
Ihr zeugen könnet, welcherweise ich bei der Frauen gelegen!« Wir hatten zu
unserm Behuf das Nachtlicht brennen gelassen, und sobald Isidoro gerufen,
krochen wir hinter dem Bett, ober dem Bett, zwischen dem Bett und in summa aus
allen Winkeln hervor, und die Frau versteckte sich aus grosser Scham hinter die
Decke. Endlich schrie sie hervor, sie wollte die dreihundert Ducaten zu bezahlen
gerne schuldig sein, Isidoro sollte sich nur dieses Mal aus dem Bett machen.
Nach solchem Versprechen stieg er heraus, und die Dame blieb in viel tausend
Bestürzungen an dem Orte liegen.
    Des andern Morgens wurde ihr Feder, Dinte und Papier vor das Bette gebracht,
eine Obligation wegen des verspielten Geldes zu schreiben, nach welchem man sie
mit einem kostbaren Frühstücke beehret und auf der Gutsche heim auf ihr Schloss
führen lassen, dahin sie vier Meil Wegs zu reisen hatte.
    Wir wussten so wenig als sie um die Verwechselung, dahero liessen wir die
Sache immer gut sein, sie möchte sich zugetragen haben, wie sie wollte, weil wir
nur das Geld gewonnen und die Dam ausdermassen artig betrogen hatten. Hierauf
begaben wir uns wieder in das vorige Zimmer, weil sich der Edelmann nicht
getrauete, anderwärts aufzuhalten.
    Alldorten fingen wir allerlei Discursen an, die zu Vertreibung der Zeit am
tauglichsten waren. Indem rückte der Mittag heran, und ich sah von fern auf der
Strassen eine Gutsche gegen unser Schloss fahren, welche der Edelmann nicht
erkennen können. Sie rückte immer je näher und näher heran, bis sie endlich gar
für das Tor kam. Aber weil der Edelmann gemutmasset, es dörfte in solcher ein
verdecktes Essen vor seine Person verborgen sein, hatte er zuvor durch eine
Glocke ein Zeichen gegeben, das Tor zuzuschliessen. Der Gutscher wusste nicht, was
ihm zu tun wäre, aber der Edelmann sah mit Verwunderung, dass seine Mutter aus
dem Wagen herausguckte und aufzuschliessen befahl.
    Hiermit eröffnete man das Schloss, und die alte Frau bewillkommte uns beide
sehr freundlich. Sie fragte ihren Sohn heimlich in das Ohr, wer ich sei. Da gab
er ihr zur Antwort, dass ich vor diesem auf Universitäten sein bester Freund und
Camerad gewesen, auf welchen er sich in dem allergefährlichsten Zustand am
allermeisten hätte verlassen können, und was dergleichen Aufschnitte mehr waren.
    Sie hiess mich mit ihrem Sohne zu Tische kommen, allwo sie mir alle
Höflichkeit erwies. »Frau Mutter,« sagte Isidoro, »all mein Lebtag ist mir kein
solcher Poss als eben in dieser Nacht widerfahren.« - »Ja, mein Sohn,« sagte sie,
»mir auch nicht. Denn als wir gestern von der Tafel aufgestanden, wurde ein Tanz
gehalten, auf welchem sich absonderlich unser junger Vetter Pongratz wacker
sehen lassen. Wir sahen dem Herumspringen eine ziemliche Zeit zu, und zwar bis
es endlich ganz finster war. Man machte darauf bald Kehraus, und es lief alles
untereinander zu den Gutschen wie die Schafe. Ich hätte mich tausendmal nicht
bereden lassen, dass ich in einer fremden Gutschen sässe, denn sie sieht innenher
natürlich aus wie die meine, und heute Glock acht Uhr Vormittag kamen wir an
einem Hohlwege zusammen, und weil es die Gelegenheit nicht gab, die Gutschen
umzuwenden, bin ich genötigt worden, in dieser hierher und sie dortin auf ihr
Schloss zu fahren.
    Fuhren also in dem Land hin und wider, von dem zu dem, und muss von Herzen
lachen, wenn ich daran gedenke, wie der Edelmann erschrocken, als er anstatt
seiner jungen Frauen mich aus der Gutsche gehoben, und wie man mir gesagt hat,
so habe er den Gutscher heimlich im Stall so herumgeprügelt, dass es taugte. Er
schlug ihm fast alle Pferdhalftern an dem Leibe entzwei, soviel er nur in dem
Stall erhaschen konnte, aber gegen mir liess er sich im geringsten nichts
vermerken, sondern sagte, er schätzte sich diesen Wechsel vor eine absonderliche
Glückseligkeit, indem er noch niemalen die hohe Ehre genossen, meiner Person auf
seinem Schloss aufzuwarten. Ich selber bin überaus erschrocken, denn ich
konnte mich nicht so geschwinde besinnen, wo und in welchem Ort ich war. Doch
will ich verhoffen, ihr werdet mit der vom Adel so verfahren sein, dass sie keine
Ursach habe, sich gegen ihrem Herrn wegen einziger ihr angetaner Unhöflichkeit
zu beklagen, denn sie ist sonsten ausdermassen empfindlich, und man darf ihr nur
ein scheeles Aug zuwerfen, so findet sie sich auf Leben und Tod beschimpfet.«
 
                                 VIII. Capitul.
   Schnelle Ausforderung. Gefährliches Gefechte. Kommen wunderlich hinter den
                                    Betrug.
 Der falsche Wahn ist Trügens voll,
 Stift' oft, was er nicht stiften soll.
Wir bekräftigten alle beide, dass wir nicht das geringste mit ihr vorgenommen,
welches nicht zu ihrer absonderlichen Ehre gereichet. Was den Gewinn wegen
getaner Wette anbeträfe, den hätte man bei so beschaffenen Zeiten auf keine
andere Weise als geschehen erhalten können, und Isidoro setzte anbei, dass er
nach dem Zorn der Damen so sehr nicht fragte, wenn er nur seine dreihundert
Ducaten im Säckel hätte, man möchte darnach von ihm halten oder ausschreien, was
man wollte. Aber seine Frau Mutter hiess ihm dieses Stücklein nicht allerdings
gut, so sehr er solches auch zu bescheinigen wusste, sondern sie vermeinte, dass,
wenn der Ehemann dieser Frauen die Sache erfahren würde, dörfte er ins Teufels
Küchen kommen, weil dergleichen Stücklein bei ihren Lebzeiten mehr geschehen,
welche allezeit grosse Gefahr, auch zuweilen Mord und Totschlag nach sich
gezogen. Aber Isidoro lachte so lang und hielt seinen Hohn von dem Spiel, bis
von dem Edelmann abends ein Schreiben eingelaufen, welches er mit der
zurückkommenden Gutsche übersendet.
    Die Überschrift stund an Isidoro, und er bildete sich in Erblickung
desselben ein, es wären vielleicht in solchem die dreihundert Ducaten
verschlossen. Nach Erbrechung desselben fängt er mit mir an zu lesen folgende
Worte: Erz-Bärnhäuter! Der Teufel soll dich über Stock und Stauden holen, wenn
ich dich attrappieren werde. Dein Gewinn soll dir über deinem Kopf zu Feuer
werden, und ich will dich lehren, wie du Erz-Schlingel eine Wette gewinnen
sollest. Hätte dir meine Liebste ein Messer davor in den Leib gestochen, hätte
sie besser getan, als dass sie sich nach getaner Beschimpfung gegen dir noch
bedanket hat. Der andere Flegel, so den Betrug befördern helfen, ist hierinnen
gleichfalls begriffen, und ihr sollt beide wissen, dass ich euch vor die
allerliederlichsten Erz-Schelmen auf der Erden und unter der Sonnen ästimieren
werde, so ihr euch nicht räsonabel mit mir herumschmeisset, nachdem ichs
verlangen und begehren werde. Ihr Schlingels!
    Dieses war der grausame Inhalt des Briefes, und kam zu unserm Unglück gleich
dazumal die alte Frau darzu, als ihn Isidoro in die Ficke stecken wollen. »Gib
mir den Brief her,« sagte die Mutter, »denn ich habe schon vor der Tür gehöret,
dass dich einer auf die Fuchtel gefordert. Ach, wie hab ich doch eine so stete
Plage mit dir ungeratenem Kind auszustehen! Du bringest mich noch vor der Zeit
ins Grab, und kann keine Stunde ohne Sorge leben, weil ich stets fürchten muss,
dass du noch endlich dem Henker in die Hände geraten werdest!«
    »Frau Mutter,« antwortete Isidoro, »das wäre nicht gut, will nicht hoffen,
dass das Euer mütterlicher Segen sein soll. Hier habt Ihr den Brief, und sehet,
ob ich nicht genug darinnen angegriffen bin. Der Schelm ist zornig, dass er die
dreihundert Ducaten hergeben soll, und will sich lieber davor schlagen. Aber ich
schwöre ihm, dass ich ihn mit der Fuchtel so herumzausen will wie einen Tanzbär.
So kommt man mit den Galgenvögeln an, darum lasset nur ab, ungeduldig zu sein,
da liegt meine Reputation an, ich muss mich schlagen.« »Hör doch,« sagte die
Mutter, »es muss nicht sein, denn das ist kein Cartel, sonst hätte er dirs müssen
durch einen von Adel und deinesgleichen Standes Person zuschicken, was hat der
Stallknecht damit zu tun?« - »Ei,« sagte der Sohn, »Adel hin oder her, morgen
will ich vor sein Schloss reiten und den Bärnhäuter so zerhudeln, bis er
herauskommt und sich mit mir links und rechts, nach der Läng und der Quer,
hinten und vornen und mit einem Wort: auf alle Arten und Stellungen, wie diese
Namen haben mögen, schlägt und schmeisset, davor solle ihn die ganze Welt und
seine Handvoll Untertanen nicht schützen noch handhaben können!« Die Mutter
weinte immer, dass es taugte, aber sie konnte doch dem erzürnten Sohne das
vorgenommene Werk nicht aus dem Kopfe schwätzen. Sie sagte, er sollte bedenken,
dass er der einzige Erbe ihrer Güter wäre, aber es war alles nicht genug, seinen
Zorn zu stillen, sondern er liess des andern Tages zwei gute Pferde satteln, auf
welchen wir vor das Schloss desjenigen geritten, welcher uns gefordert hatte.
    Wir wurden unterwegen eins, mit demselben auf den Hieb zu schlagen, und zwar
einer nach dem andern. Isidoro machte mir gute Hoffnung zu dem Sieg, weil er
vorgegeben, dass unser Contrapart all sein Lebtag nichts auf dem Fechtboden getan
und oftmals von schlechten Lumpenhünden wäre gestochen und gehauen worden. In
solchem Gespräche kamen wir nahe an das Schloss und sahen in einer
nächstgelegenen Wiese vier miteinander hauen und stechen. Wir hielten es nur vor
Vexiererei und glaubten gänzlich, der Edelmann exercierte sich vielleicht, mit
Rappieren, auf dass er in dem ernsten Gefechte mit uns möchte desto sicherer
sein. Aber wir fanden endlich den Ernst gar zu nahe unter Augen, weil ein Kerl
über den Haufen fiel und mit grossem Ach und Weh den Geist aufzugeben schien. Wir
eileten hinzu, die Partie zu entscheiden oder zu sehen, was es bedeutete, als
ein Laquay gegen uns gelaufen kam, bittend, wir sollten uns nicht nähern, denn
es lägen in einem Busch achtzehn Kerl mit Musqueten, die wären nach Abrede der
duellierenden Partei dahin gestellet, alle diejenige über den Haufen zu brennen,
welche sich unterfangen würden, sie in dem Gefechte zu verstören und zu
verhindern.
    Der Diener, so uns solches gesagt, redete sehr schlimm teutsch, doch weil er
seine Sach mit einer sonderlichen Manier vorgebracht, entschlossen wir uns, die
Begebenheit etwas genauer aus ihm zu forschen, fragten dannenhero, wie und aus
was Ursachen sich dieser Streit erhoben. »Meine Herren,« antwortete der Diener,
»dieser Streit hat sich noch angesponnen in Paris, und geht nunmehr schon in
das andere Jahr, als ein Kaufmann aus diesem Lande darinnen gewesen, der heisset
Valentin Isidoro, welcher meinem Herrn mit einer Wette einen absonderlichen
groben Possen gerissen.
    Sie wetteten miteinander, wer dem andern die ärgste Schalkheit tun könnte,
und weil mein Herr ausser der Stadt ein stattliches Landgut liegen hatte, passete
ihm dieser Isidoro an der Strasse mit seinem Diener auf, erschoss ihm das Pferd,
entkleidete ihn auf offenem Felde, legte solches Kleid über seinen Leib, und in
einer solchen Postur ritt er abends in meines Herren Schloss. Weil ihn auch die
Frau wegen Dunkelheit der Nacht nicht erkennen können, legte sie sich zu ihm ins
Bett, und dergestalten behauptete er, dass er die Wette gewonnen und mein Herr
schuldig sei, ihm tausend Kronen zu bezahlen, vor welche Summa sie gewettet
hatten. Er sah aber wohl, dass ihm dieser Streich trefflich misslingen würde, hat
sich dahero in der Stille aus dem Staube gemachet, und weil mein Herr fast vor
Zorn gestorben, hat er sich entschlossen, eine Tour in Teutschland zu tun und
den saubern Vogel aufzusuchen.
    Erst gestern bekam uns ein Gutscher in nächster Herberg an der Strasse,
welcher von dem Schloss ausgefahren, den fragten wir um den Isidoro und ob er
von solchem Namen keine Wissenschaft hatte. Aber er sagte, dass sich dieser auf
dem Ort aufhielte, wo er hinführe. Weil auch unsere Frau hoch beteuret, dass
Isidoro noch einen bei sich gehabt, den sie vor einen Laquayen angesehen, als
mutmassete mein Herr, derselbe Gesell würde auch zu der Sach geholfen haben,
forderte sie also durch einen Brief, welchen er in dem Schloss schrieb, alle
beide zugleich. Aber weit ein anders begegnete uns gestern abends, denn als wir,
uns zu erlustieren, mit dem Edelmann dieses Schlosses auf der Strasse ausritten,
begegnete uns dieser ehrliche Isidoro samt seinem Diener, den er dazumal vor
seinen Laquay gebrauchet. Wir sahen lang einander an, aber mein Herr gab ihm
seine Meinung mit wenigem zu verstehen, und weil die Sache keinen grossen
Aufschub litt, verabredeten sie sich stehenden Fusses, heute früh an
gegenwärtigem Ort zusammenzukommen. Und weil der Kaufmann selbander war, so nahm
mein Herr einen von seinen Dienern zu sich, und den Ihr dorten habt zur Erden
fallen sehen, der ist des Isidori Diener, und werden wohl so lange zu stechen
und hauen nicht ablassen, es sei denn, dass sie die Nacht oder der Tod scheidet.«
    Wie wunderlich uns diese Zeitung vorgekommen, kann der Leser bei sich
selber betrachten. Wir stunden beide von den Pferden und sahen nebenst dem
Laquay dem Scharmützel mit sonderlichem Belieben zu. Der Kaufmann wehrte sich
nach äusserstem Vermögen, und weil sie zu Fuss fechteten, sprang er bald hin, bald
her, den Streichen seiner Feinde zu entweichen. Die hieben einander herum, dass
die Haar davonflohen, aber der gute Diener kroch auf der Erde wie eine
Schildkröte davon, weil ihm des französischen Cavaliers sein Laquay einen
ziemlichen Fang in die Seite gegeben. Letztlich traf das Unglück auch den
Kaufmann, denn er wurde so abscheulich auf dem Leib hin und wider zerfetzet und
zerhauen, dass ihm das Blut sowohl über den Kopf als über den Leib abfloss. Die
Lappen von dem Rock und Hemde hingen ihm natürlich an der Seite wie einem
Strohmännlein, das man zum Schrecken der Hirsche in die Rübenacker stellt.
Endlich begehrte er auf gebogenen Knien Quartier, aber sie gaben ihm unerachtet
dessen noch einen Hieb zwischen die Ohren, davon er auf die Erde hin umsank.
Nach solchem eileten die verborgene Soldaten mit den Secundanten hinter dem
Busch hervor und geboten Friede. Die zwei Verwundeten wurden in das Schloss
gebracht, und weil wir zu solchem etwan vier Büchsenschuss hatten, bekam Isidoro
Lust, solches zu sehen und den Inwohner zu fragen, was es mit seiner Wette vor
eine Beschaffenheit hätte, denn er war gänzlich resolviert, sofern er ihm die
dreihundert Ducaten nicht darschiessen würde, wollte er ihn, gleich diesem
geschehen, zerhauen und nachmals mit mir die Flucht zum Lande ausnehmen.
    In solchem Entschluss ritten wir in das Schloss, allwo wir von der Frauen
alsobald erkennet worden. Der Besitzer lachte von Herzen, und als Isidoro ins
Zimmer gekommen, lagen die dreihundert Ducaten in specie auf dem Tische, die er
nur einstreichen und zu sich stecken dörfte. Ja, was noch mehr war, so erwies
uns dieser Herr allerlei Höflichkeit und lachte seine Frau noch aus darzu, dass
sie sich so unvorsichtig betrügen lassen. Und dieses Stück ist an diesem Herrn
nicht genug zu loben, weil er gesehen, dass zu geschehenen Sachen das Beste zu
reden sei, wo man anderst nicht verlanget, dieselbe zu verschlimmern, und eine
kurze Geduld tut in einem solchen Fall viel mehr denn eine langwierige
Widerspenstigkeit. Denn ob sich gleich der französische Cavalier so generos
erzeiget und, sich an dem Kaufmann zu rächen, sein Vaterland verlassen, hat er
sich doch dadurch jedermann ins Maul gebracht und verursachet, dass seine Victori
von vielen nicht geglaubet, seine Person aber von allen vor einen leibhaftigen
Hahnrei gehalten worden.
    Wir soffen alle drei miteinander Brüderschaft, und sie versprachen, mir mit
allerehestem zu einem guten Dienst zu helfen, es wäre gleich auf dem Dorfe oder
in der Stadt. Solchergestalten fragte ich wenig darnach, dass ich so grossen
Kummer in dem Gefängnis ausgestanden, sondern gleichwie man nach aufgegangener
Sonne die Finsternis der abgewichenen Nacht wenig oder gar nicht mehr achtet,
also achtete ich auch nicht bei solchem fröhlichen Zustand die Stunden, so ich
voll mit vergeblichen Sorgen in der Custodi zugebracht hatte.
 
                                  IX. Capitul.
    Der Gärtner, als ein Jud verkleidet, wird von Ludwigen, einem Edelmann,
              abscheulich betrogen. Ludwig offenbaret sich selbst.
 Wer andre fäht, wird selbst befleckt,
 Die Untreu seinen Meister schlägt.
Der Barbier, so die in dem Duell Verwundeten in die Cur genommen, berichtete uns
derselben grossen Schmerzen mit gewissen Umständen, dass sie schwerlich Hoffnung
hätten, zur völligen Genesung zu kommen, indem der Herr achtzehn und der Diener
vierundzwanzig Wunden in dem Leib hatte. Indessen kam auch dahermarschiert der
französische Cavalier und bedankte sich gegen dem Besitzer wegen aller
Höflichkeit, die er seiner unbekannten Person in einer so fernen Abgelegenheit
erzeiget und erwiesen hatte. Er redete gar sauber teutsch, über welches wir uns
endlich so sehr nicht verwundert, weil er erzählet, dass er sich ehedessen in
teutschen Kriegesdiensten bis ins zehente Jahr gebrauchen lassen.
Solchergestalten schied er wieder hinweg und liess dem Besitzer zum Zeichen
seiner Dankbarkeit eine ausdermassen saubere Halsuhr zurücke, welche die Königin
in Frankreich sollte gebrauchet haben.
    Nach dem Hinritt dieses Cavaliers machten wir es auch nicht lange, sondern
ritten noch am halben Abend zurücke in unser Schloss, allwo wir die tränende
Mutter in dem Hofe angetroffen. Isidoro half ihr gar bald auf den rechten Weg,
indem er ihr umständlich ausgeleget, was vor ein hauptsächlicher Betrug mit dem
Briefe vorgelaufen. Sie gab sich endlich zufrieden, und weil ihr der Anblick der
dreihundert Ducaten eine sonderbare Ergötzlichkeit verursachet, bekam sie Lust,
eine ziemliche Quantität von dergleichen Stücken einzuwechseln. Schickte dahero,
uns ganz unwissend, ihren Gärtner mit einem Esel in die nächstgelegene Stadt,
auf welchem er den Geldsack hineinbringen musste. Sie legten die Sache so
heimlich miteinander ab, dass der Sohn nicht das geringste Wörtlein davon innen
wurde, und damit sich der Gärtner in der Stadt nicht zu bloss gebe, verkleidete
ihn die Edelfrau gleich einem Juden, und damit zog er ganz unkenntlich aus dem
Schloss.
    Die Frau hatte ihm fleissig befohlen, genaue Kundschaft zu halten, wo und in
welcher Gegend er die schönsten Stücke erhalten könnte. Deswegen fragte er fast
alle Leute, die ihm auf der Strasse entgegenkamen. Unter andern traf er an einen
Edelmann, welcher der allerreichesten einer im ganzen Lande war. Er nahm
derowegen diesen Wechsler mit sich und versprach, ihm so gute Ducaten zu lassen,
als er sie im Vermögen hätte. Der Gärtner gedachte wunder welch einen Hauptfund
er getan, wendete dahero seinen Geldesel auf der Strasse um, solchen ganz sachte
nach des Edelmanns Pferd treibend, und also ritt einer nach dem andern.
    Nach einer Stund kamen sie auf dessen Schloss, allwo ihn der Edelmann in dem
Hofe warten liess, er aber ging indessen in seine Schatzkammer und zählete fast
in die tausend Ducaten zusammen, weil der verstellte Gärtner bei einem gleichen
einzuhandeln verlanget. Der Cavalier hielt es vor keine Sünde, einen Juden über
den Tölpel zu werfen, nimmt dannenhero einen Haufen der neuesten Reifpfennige,
wägt solche gegen die Ducaten, also dass beiderlei Sorten in einem Gewichte
stunden. Er steckte beides in zwei gleiche Säcke und lässet den Juden vor sich
kommen, welchen er entschlossen war, rechtschaffen zu betrügen. Der Gärtner hat
in seiner Zurückkunft hoch beteuret, dass er allen möglichsten Fleiss angewendet,
seine Person zu präsentieren und einen Juden recht lebhaftig vorzustellen,
dahero schoss ihm der Cavalier tausend Ducaten auf den Tisch, steckte solche in
den Sack und versiegelte es. Der Gärtner trug darauf mit Hülf zweier Knechte das
schwere Geld hinauf, zwischen welcher Arbeit der Edelmann den andern Sack mit
den Reifpfennigen an die Stelle geleget, und als der Gärtner seinen Particul
samt der Lagio dargeschossen, nimmt er den falschen Goldsack auf den Esel und
kam ganz spät zum Tor herein.
    Wir hatten den Narren niemalen verkleidet gesehen, deswegen glaubten wir, es
wäre ein Wechseljud, dergleichen dazumal das ganze Land voll war. Aber wir
wurden bald ein anders innen, denn die Edelfrau schandierte ihn in ihrem Zimmer
aus, dass wirs bis zu uns hinüber hören können. Sie weinete, dass es taugte, und
der verkleidete Gärtner raufte sich fast die Haare aus, dass er so jämmerlich
betrogen worden. Er wusste weder den Edelmann noch das Schloss zu nennen,
unerachtet er sagte, dass er denselben öfters solle gesehen haben, dahero kunnte
man auf keine Rede nicht gewiss fussen, sondern mussten uns mit Geduld in diesen
hauptsächlichen und grossen Verlust schicken, welcher allem Ansehen nach
innerhalb sechs Jahren nicht zu erschwingen war. Es war alles voll Trauer und
Elend, denn keiner wusste ein Mittel vor diesen Schaden aufzusuchen, so sehr wir
uns auch darum gesorget und bemühet haben. Man wurf den Gärtner ins Gefängnis,
weil man glaubte, dass er das Geld mit Partiterei vertan, und die Frau wollte
sich deswegen bei einem Rechtsgelehrten Rats erholen, was etwan in diesem
unverhofften Casu zu tun oder zu lassen wäre.
    Den dritten Tag darauf kam eben der Edelmann in das Schloss, bei welchem der
Gärtner die Ducaten eingewechselt hatte, aber er wusste ganz nichts darum, dass
der Jude aus diesem Schloss gewesen, sonst hätte er wohl das Maul gehalten oder
zuvor den Betrug unterlassen. Isidoro kennte ihn alsobald, dass es Monsieur
Ludwig wäre, welcher ehedessen mit ihm zu Genève und Mompelgart hätte reiten
gelernet. Sie waren tausend Brüder zusammen, und wegen alter Vertraulichkeit lud
ihn Isidoro zu Gast, ob er schon wegen des verlorenen Geldes voll Traurigkeit
steckte. Man richtete an, aber die Edelfrau lag wegen grossen Schmerzens zu
Bette, weil sie einen so merklichen Verlust stets mit Tränen beseufzete. Ludwig
machte sich indessen mit uns zweien an der Tafel rechtschaffen lustig, und:
»Herr Bruder,« sagte er zu Isidoro, »weisst du, wie es mir vor drei Tagen mit
einem Juden gegangen? Der Teufel führte einen Donnermauschel auf der Strasse zu
mir, der hatte auf einem Esel tausend Taler lauter grosse und schwere Münze und
was noch darüber ist. Ich fragte ihn, wo er damit aus wollte, da liess er sich
mit mir in einen Wechsel vor Ducaten ein.« Und auf solche Weise erzählte Ludwig
die ganze Geschicht, wie es an sich selbst war.
    »Herr Bruder,« sagte Isidoro, »hast du das Geld noch beisammen?« -
»Freilich,« antwortete Monsieur Ludwig, »ich werde es ja in diesen drei Tagen
nicht versoffen haben.« Damit stund Isidoro von dem Tische auf, brachte seiner
Frau Mutter die Zeitung, welche noch in dem Bette zu lachen anfing, dass man ihr
alle Zähne sehen können, weil sie über viere nicht viel im Maul hatte.
    Auf solches hiess man den Gärtner aus dem Gefängnis holen, welcher sich in
seinen vorigen Habit verstellen und zu uns vor den Tisch kommen musste, darob
Monsieur Ludwig ganz erblasste. »Herr,« sprach der Gärtner, »wie ist die Ducat,
die Ducat und die Guldi, die Guldi? Ist sie gued, hat sie das Gewicht?
Schalamachei, ei, ei, schlimmi Christ, schlimmi Christ, betrogni Christ, issi
schlimm Leut, ei, ei, schalamachei.« - »Safframent,« gab der Ludwig mit einem
grossen Gelächter zur Antwort, »Herr Bruder, ich habe mich selbst verraten. Hui,
dass der Jud von dir ausgeschickt worden!«
    Hierauf berichteten wir ihm die ganze Geschicht, wie es an sich selbst war,
darob er das Kreuz wohl zwanzigmal vor sich schlug. Solchergestalten hatten wir
den arglistigen Vogel gefangen, und er versprach der Edelfrauen, die Specie
Ducaten morgiges Tages anhero zu schicken, bittend, sie sollte ihm die verübte
Unhöflichkeit als eine kluge Dam nicht vor übel halten, es wäre nicht ihr,
sondern dem Juden gemeinet gewesen. Versprach beinebenst, dem Gärtner vor seine
Gefängnis ein gutes Trankgeld zu spendieren und sich gegen ihm, als einem
Cavalier zustehet, einzustellen. Ob ers aber gehalten habe oder nicht, das weiss
ich nicht, denn die Edelleute versprechen zuweilen güldene Eier, und wenns dazu
kommt, so sinds kaum Ratzendreck. Er setzte auch anbei, dass er die Zeit seines
Lebens keinen so artigen Juden als eben den Gärtner gesehen, welcher seine Sach
so natural vorbringen können. Und weil sich der Betrug so artig offenbaret,
gelobte er an, allerehestens eine stattliche Mahlzeit auszurichten und die
tausend Ducaten dabei zu versaufen.
    Auf solches tranken wir lustig herum, und weil sich in unserer Dorfschaft
zwei blinde Leirer aufhielten, mussten sie mit ihren Instrumenten herein und
Lärmen darzu aufspielen. Der Gärtner konnte ein wenig auf dem hölzernen
Gelechter oder, wie mans in Sachsen heisset, auf der Strohfiedel, derohalben
musste er widers Teufels Dank damit aufwarten. Endlich luden wir die Pistolen und
schossen zu jeder Gesundheit zum Fenster aus, bis wir gar Pirst-Röhre und
Musqueten geladen, damit trieben wirs den ganzen Abend hindurch, dass die
Nachbarsleute nur einen Verdruss davon hatten. Letztens schmissen wir Tisch und
Bänke über den Haufen, wurfen die Gläser zum Fenster aus und trieben allerlei
Mutwillen, was wir nur erdenken konnten, und mir gefiel dieses Leben dermassen
wohl, dass ich nicht viel Geld genommen hätte, ihre Gesellschaft zu missen.
    Zwischen währendem solchen Tumult entschloss ich mich, folgenden Tages das
Schloss zu verlassen und meinen Weg nach meinem Vaterland zu nehmen. Aber Isidoro
hiess mich einen Schelm, so ich mich nicht noch acht Tag allhier aufhalten würde,
weil ihm mein Humor trefflich anstünde. Derowegen versprach ich ihm, solche Zeit
bei ihm auszudauern, aber hernachmals bat ich, mir einige Gelegenheit zu
verschaffen, damit ich desto ungehinderter nach Haus abreisen mochte. Er
versprach mir eine Calesche, und weil mich seine Frau Mutter nicht ungern
gesehen, wollte ich diese acht Tage noch zusehen, was etwan guts Neues passieren
möchte.
 
                                  X. Capitul.
                               Eine neue Poesie.
 Wer alles neu will richten ein,
 Ist töricht, wenn er klug soll sein.
Wir hatten den Monsieur Ludwig dergestalten angesoffen, dass er nichts von Sinnen
wusste. Er purzelte von einer Seite zur andern, bis wir ihn endlich zu Bette
brachten und mit warmen Tüchern zudeckten. Es mangelte uns nur an Compagnie,
sonst hätten wir wahrhaftig die ganze Nacht hindurch geschwärmet, zumalen wir
ohnedem viel ärger gesoffen als die Bürstenbinder. Endlich brachte uns die alte
Frau durch gute Worte zu Bette, allwo wir die Decken und Polster in Stücken
zerrissen, dass die Federn in der Kammer herumgestoben, daraus man zu sehen hat,
was volle und besoffene Leute vor Narren sind, dass sie auch keinen Scheu tragen,
ihre eigene Sachen zu zernichten, ob sie sich schon den andern Tag darum
zwischen den Ohren krauen.
    Des folgenden Tages machte sich Monsieur Ludwig wieder auf sein Schloss und
schickte noch selbigen Morgens die Ducaten zurück, um welche er sich durch sein
eigenes Maul gebracht hatte, nebenst einem Brief, dass er die versprochene
Mahlzeit allerehestens ausrichten wolle, dazu wir uns bereit und fertig halten
sollten. Es gereuete mich keinesweges, dass ich allhier geblieben, denn Isidoro
hatte vergangener Tagen aus einer Stadt stattliche Landkarten mit sich gebracht,
und weil ich von solchen ein grosser Liebhaber war, durchsuchte ich eine nach der
andern und entsinnete mich in Ansehung der Städte zugleich etlicher
Schelmenstücklein, die ich in solchen ehedessen begangen hatte.
    Seine übrige Bibliotek bestund meistens in historischen Büchern, und weil
mir der Kopf ohnedem ziemlich wehe tat, setzte ich mich zu einem jüngst
herausgegebenen Buche, über welches ich mich fast krank gelachet. Der Titul
desselben gab leicht zu verstehen, dass es eine Information wäre, innerhalb
vierundzwanzig Stunden den perfectesten Vers zu machen, derohalben legte ich die
Landkarten beiseite und fing an, folgende Zeilen zu lesen:
                        Des allgemeinen Collegii Poetici
                          Pars prima oder Erster Teil
Die Poesie ist gewesen weiland Fritzens in der Schustergassen älteste Tochter,
so sich interdum mit Strümpfstricken ernähret. Dahero kommt das Sprichwort:
Versum contexere, einen Vers machen.
    Nachdem sie aber an einen Sammetweber verehlichet worden, hat sie ihr
officium aufgegeben, und ist dermalen die Poesie nichts anders als ein
Schleifstein, an welchem man die übrige Stunden hinwegpallieret.
    Ihre Objecta circa quod sind alle Sachen, deren man sich entsinnen kann,
derer man sich aber nicht entsinnen kann, die sind objecta oblivionis.
    Ihre Accidentia sind allerlei Spendaschien, die man dort und dar
recompensweise erhält, es sei gleich viel oder wenig. Und obschon heutzutag
mancher grosser Prahler vor ein hauptsächliches Carmen nur ein paar Groschen
gibt, soll sich dennoch der Versifex nicht einbilden, dass sein Carmen dadurch
getadelt, sondern nur nicht genug bezahlet sei.
    Das Subjectum der Poesie ist das Papier, da es darauf stehet.
    Das Objectum ist der Poet in eigener Person.
    Und das Medium der Vers, er sei gleich gut oder bös.
    Nach diesem kommt Causa principalis und darnach Causa minus principalis seu
subordinata und endlich Causa finalis oder die Endursach, warum ich endlich den
Vers schreibe oder geschrieben habe.
    Principalis causa oder die Hauptursach des Verses ist Lesen und Schreiben,
denn dieses wird principaliter erfordert.
    Minus principalis, seu subordinata, ist der Tag oder das Licht, sonsten
könnte man unmöglich in der Finster schreiben.
    Und Causa finalis ist die Zeitvertreibung. Quia autem unius rei plures
possunt esse fines & modi, lässet mans dabei bewenden, dass das objectum per
quod, welches der Poet ist, tausend Ursachen anführen mag, warum er Verse
schreibet, und entsinne mich hier zu meinem grossen Glück, welchergestalt ein
Student, so von den Häschern wegen Nacht-Krakeels in die Eisen geschlossen
worden, über Nacht diesen Vers gemacht:
O Teutschland, grosser Platz der wolfsgegrabnen Gruben,
Ich sitze wie ein Narr hier in der Schergenstuben!
Dieser hat seine Causam finalem wegen der Schergenstuben gehabt, ein andrer Poet
kanns anders haben, nachdem es ihm anstehet und beliebet.
    Gibt also die Freiheit jedem, finaliter zu handeln und zu schreiben, wie es
ihm beliebet.
    Nach diesem folgen die Modi figurales und chorales, fast wie in der Musik.
Denn gleichwie die ganze Musik in Figural und Choral eingeteilet wird, also auch
die Poesie. Was ist aber, möchte einer fragen, die Figural-Poesie? Und
respondetur: die Figural-Poesie ist eine Weise und Art, einen Menschen oder ein
Ding rechtschaffen zu loben, und dieses heisst figuralismus plausibilis.
    Der andere Modus aber ist diesem e diametro contrar, denn er wird gebraucht,
die Menschen oder ein Ding abscheulich zu zerschänden, und dieses heisst
figuralismus spurius.
    Diese beide figuralismi versieren circa Argumenta topica und werden nur
probabiliter geschmiedet. Exempli gratia: Ich will einen per figuralismum
plausibilem loben, dass er ein wackerer Mann sei, so sag ich also (das subjectum
laudis soll sein ein Scherg):
Du allerbester Mann, der sein mag auf der Welt,
Bekommest von dem Rat dein Amt, dein Kleid, dein Geld!
Und diese figuralismi sind hauptsächlich schön anzubringen, wie denn aus
obgesetzten Versen zur Genüge erhellet, absonderlich aber per negationem
suppositi, als wenn ich exempelsweis sage von einem heimlichen Aufseher oder
Leisegeher:
Du bist kein Schelm, kein Dieb, kein Flegel, auch kein Jud,
Ob man dich überall gleich heisset ein Hunds- etc.
Solchergestalten sind diese zwei figuralismi ordentlich ausgeleget, und dieses
wird eigentlich die Figural -Poesie genennet. Camerarius Justus nennet sie
optimam poesiam Teutonum, denn es ist ziemlich teutsch und lässet sich fast von
allen verstehen.
    Nun will ich auch de poesia chorali Meldung tun, welche ist vierfach:
    Die erste ist Pfaffutianisch, die andere Bartmausisch, die dritte
Hobelabisch und die vierte Stutz-Michlisch. Alle viere will ich nun etwas
weitschichtiger auslegen.
    Die Pfaffutianische Choral-Poesie kommet urspringlich von einem Pfaffen her,
dahero sie, philologice davon zu reden, den Namen führet. Der Pfaff und Autor
hiess Pfafficus Pfaffatius von Pfaffenhoven, Pfarrer in der Pfalz. Weil nun gar
viel Pf hierinnen anzutreffen, müssen die Verse fliegen wie ein Pfeil und
consequenter gar geschwinde gelesen und ausgesprochen werden. Exempli gratia:
Geschwind, geschwind
Wie der Wind,
Wer nicht sieht, der ist blind.
Dieses muss in einem Hui und Augenblick herausgeredet werden, sonst hat es keine
Art. Es werden auch solche Vers von etlichen Poeten militarisch geheissen, weil
sie fast wie die Werbung auf der Trummel lauten, und hat solches ein Feldscherer
observieret, als er um Mitternacht auf die Scharwache schlagen hören.
    Die andere Art, nämlich der Bartmausischen Verse, gehöret auf die, so rote
oder sonsten unförmliche Bärte haben, und wird von etlichen Autoribus barbarisch
genennet. Kann gebraucht werden auf die Geburts- oder Namenstage des
Frauenzimmers folgendergestalten:
Mein Barbarilis schöner Art
Ist wert viel tausend Groschen,
Dieweil sie hat kein roten Bart
Um ihr leichtfert'ge Goschen.
Hier muss der Leser nicht gedenken, dass leichtfertig eine calumnia oder formula
calumniandi sei, nein, sondern es bedeutet soviel als: leicht und fertig zu
reden, zu arbeiten, zu nähen, zu würken und zu complimentieren. Denn solche
Verse recht auszulegen, gehöret darzu ein fähiger und fertiger Geist, welcher
eigentlich hierinnen requiriert und erfordert wird.
    Die dritte Art abgesetzter Verse ist die Hobelabische, kommet her von den
Schreinern, Zimmerleuten und Drechslern, welche sich allerlei Hobel gebrauchen,
durch welche sie die rauhen und unglatten Bretter abhobeln und von den wilden
und hockerichten Ästen befreien, und losmachen. Also, wenn ein Poet einem groben
Bachanten einen Vers will schreiben, muss er vor allem wohl zusehen und in Obacht
nehmen, dass er bei Leib und Leben kein anders Genus Carminis als ebendieses
unter die Feder nehme, als Exempli gratia:
Ich hobel, ich hobel gleich, was ich will,
Ich hobel gleich offen oder still,
So hobel ich dich doch nimmer gar,
Du bleibst dein Leben lang ein Narr.
Diese Vers halte ich vor meinen Teil vor die allernötigsten in der ganzen Welt.
Aber nun kommt die vierte und letzte Art, nämlich der Stutz-Michlischen.
    Diese Stutz-Michlischen Verse werden ex tempore gemachet. Wenn man nämlich
einen Kerl prügelt und unter währendem Zuschlagen Vers dreinredet, so werden
solche von den Accuratioribus Poetis geheissen Stutz-Michlisch oder
Knipper-Dollingisch, und wäre zu wünschen, dass sich die Poeten, absonderlich
aber die Tyrones, fleissig in diesem exercitio übten und zuweilen bei der Nacht
eine Prob versuchten, dabei sie dann ungefähr folgendes recitieren könnten:
Pumpidi, Pumpidi, Pumpidi, Pum!
So schlägt Tambour die grosse Trum.
Sobald man aber dergleichen Verse gemacht hat, muss man geschwinde in der Still
davonlaufen, sonst kommt die Wacht und verderbt die ganze Composition, dass es
ein Spott und Schande ist. Es ist auch ratsam, dass sich der Autor solcher Verse
beileib nicht mit eigenem Namen unterschreibe, sondern sich, so viel möglich,
verborgen halte.
 
                                  XI. Capitul.
  Isidori Loci communes. Gefährlicher Fall eines Botens; artiger Selbstbetrug.
 Wer sich, sooft er will, sauft voll,
 Der fällt, wenn er nicht fallen soll.
Es verdross mich recht von Herzen, da mir Monsieur Isidoro das Buch aus den
Händen riss und mich einen Schulfuchs hiess, denn ich hatte kaum den Anfang von
dieser artigen Invention gelesen, welche mich recht contentierte, denn ich sah,
dass der Autor die Poeten jämmerlich durchhechelte und ganz und gar nichts auf
die Reguln hielt, nach welchen sie die Jugend mit Gewalt zwingen wollten. Ich
lachte von Herzen, und so sehr ich auch um das Buch gebeten, gab er mirs doch
nicht allein nicht wieder, sondern sperrte es noch darzu in einen Schrank,
dadurch mir alle Gelegenheit abgeschnitten wurde, meine fernere Lust zu
geniessen. Weil er nun sah, dass ich auf das Bücherlesen so sehr verpicht war,
wurf er mir zu einen kleinen Tractat, darinnen allerlei Loci communes
angezeichnet stunden, die er vor diesem auf der Schul eingeschrieben hatte, als:
    Parvus Monachus: Ein Barfüsser-Mönch.
    Dominus mentitur: Der Herr irret sich.
    Natura paucis contenta: Käs und Brot.
    Malum per accidens: Eine Ohrfeige.
    Homo multorum negotiorum: Ein Haushahn.
    Verba neutra: Diejenigen Leute, quæ servitium ad significant, welche gern
einen Dienst hätten, dativum adsciscunt, müssen, die Spendierhosen anlegen.
    Inservio Musis: Ich bin ein Schwammendrücker.
    Quo magis premitur, eo magis resurgit: Ein Furz in einem Wasserbade.
    Vita implicita erroribus: Er wollte zur Frau und kam zu der Magd.
    Solus & artifices, qui facit, usus erit: Ein Pudelhund.
    Augere aliquem honorem: Einen die Treppe hinunterstossen.
    Adoptare aliquem in filium: Mit einem auf die Brüderschaft saufen.
    Exautorare aliquem: Einem die Hosen ausziehen.
    Rei militaris peritum esse: Wacker fluchen und stehlen können.
    Ipse sibi perniciei fuit: Er hat die Hosen verunreinigt.
    Se in mare dejicere: Wenn einer in die Kotlachen fället.
    Natantem excipere: Eine Lüge von dem Hintern wegfangen.
    Præstat honesta mors turpi vitæ: Eine tote Laus.
    Cives agro atque urbibus augere: Neue Steuren ausrufen.
    Pecuniam numeratam ab aliquo accipere: Ein Stipendiat, der auf der Messe
einen Wechsel empfängt.
    Necessitas non habet legem: Ein Wechselbrief.
    Cum primis ætatis suæ comparatum: Unter dem Bettelvogt und Stadtknecht ist
kein grosser Unterscheid.
    In bello versari: Flöhe töten.
    Copiæ ordinatæ consistunt: Die Bettelleute stehen bei dem Leichbegängnis an
der Reihe hinweg.
    Magna severitate exercitui præest: Ein Bettelrichter.
    Omnia in meliorem partem: Eine geflickte Hosen.
    Copias alicui fugare: Einem die Schweine aus dem Garten jagen.
    Cavete vobis: Ein Gassenarzt.
    Accedere ad ignem: Ein angesteckte Schöpskeul.
    Omnem pudorem exuit: Er hat das Hemd ausgezogen.
    Turpe est doctori, cum culpa redarguit ipsum: Ein garstiger Spiegel.
    Qui proficit in literis: Ein Ordinari-Bot.
    Et de ficit in moribus: Ein Bauer.
    Male me habeo: Ich habe kein Geld.
    Aliquid ad rem conferre: Einen zum Hahnrei machen helfen.
    In hac domo quotidie lites nascuntur: Ein Weiberspital.
    Artes ad summa cacumina ascendere: Der Stadttürmer.
    Homo perversæ mentis: Eine umgewandte Hosen.
    Juva me consilio, si potes: Sage mir, wo komme ich zum heimlichen Gemach?
    Hæc res est a tuo foro aliena: Du weisst einen Dreck von der Sach.
    Nulla salus bello: Im Krieg gibts nichts zu saufen.
    Cepi ursam & sex catulos eius: Ich habe die Wirtin zum Schwarzen Bär mit
sechs Kindern bekommen.
    Redde quod debes: Der Weiber Hauptlatein.
    Res mirabilis: Eine Bartbürste.
    Res inaudita: Ein reicher Student.
    Ne sutor ultra crepidam: Eine Grenzsäule.
    Magnas turbas dare: Schröcklich viel Läuse haben.
    Aliquem foras extrudere: Ein ungeladener Gast.
    Oculos alicui effodere: Einem die Brillen zerbrechen.
    Magnitudine rerum gestarum aliquem nobilitare: Einem Hörner aufsetzen.
    Prælii signum dare: Einem eine Ohrfeige geben.
    De aliquo detrahere: Den Speck vom Kraut wegnehmen.
    Addere equo calcaria: Zwölf Taler auf die Supplication legen.
    Multa huius viri sunt: Dieser Mensch hat viel Schwäger.
    Exitu notabili concludere vitam: Sein ganzes Leben mit Notenschreiben
zubringen.
    Rem bene scit expiscare: Er kann die Heringe schinden.
    Omnes superare cursu: Ein Renntier.
    Præteribo hac vice: Ein unzeitiger Dieb, der vor den Galgen geht.
    Nullam tibi fidem habeo: Ein Kettenhund.
    Quærere fugam: Seine Gesundheit in acht nehmen.
    Admirari aliquem: Ein krummer Tanzmeister.
    Magnum onus alicui imponere: Einem den Galgen an den Hals hängen.
    Ornare aliquem honore: Einem das Licht putzen heissen.
    Merces venum exponere: Eine Hure.
    Rem impatienter tulit: Er hat den Staupbesen bekommen.
    In amplexum amicorum venire: Mitten unter die Esel geraten.
    Vitam componere distractiorem: Zerrissene Hosen flicken.
    Vanitatem meditari: Tobak trinken.
    Posito, non tamen concesso: Einem einen Wächter vor die Tür setzen.
    Artem pictoriam exercere: Dreck an die Wand schmieren.
    Nullæ mihi sunt vires: Ich habe keinen Wechsel.
    Commodum Reipublicæ promovere: Würste hacken.
    Posteriora levare: Wenn man einem Hund den Schwanz abhaut.
    Ludere in fidibus: Tobak anfeuren.
    Esse immobili animo: Auf der Schildwache stehen.
    Spem metumque deposui: Eine geschundene Sau.
    Mihi nulla dies sine linea: Ich begehe täglich ein neues Schelmenstück.
    Vitam exultando consumere: Ein Spielmann.
    Iam mæsta quiesce quærela: Ein Tanzboden.
    Semper in armis: Ein Fliegenwedel.
    Video omnium oculos in me esse conversos: Wenn einer im Narrenhäusel stehet.
    Trahit quamlibet sua voluptas: Hätte er nicht gejuchzet, hätt' man ihn nicht
auf die Wache geführet.
    Extra modum: Eine Strohfiedel.
    Barbatos decet: Eine Filzlaus.
    Cæteros omnes facilitate superare: Ein Schneidergesell.
    Kaum als ich bis daher gelesen, kam die alte Frau zur Stube herein und
schrie: »Lauft, lauft und helft!« Ich gedachte erstlich, es wäre gar Feuer
vorhanden, und Isidoro, welcher indessen auf der Bank ein wenig geschlafen
hatte, sprang auf und ergriff den Degen an der Wand, weil er glaubte, der Graf
hätte irgendeinen heimlichen Spion in das Schloss geschicket, welcher ihn hier zu
überrumpeln suchte. »Ach, liebster Sohn,« sagte die Alte vom Adel, »es ist
keines unter beiden, es ist weder Feuer noch Verräter vorhanden, sondern nächst
dem Schlossberg sah ich zu meinem Wohnfenster aus, und daselbst sah ich einen
Boten über Hals und über Kopf den Berg herunterstürzen. Ach, lauft, lauft und
helfet doch! Der Mensch hat den Hals wohl gar gebrochen, denn er gibt ganz kein
Zeichen von sich.«
    »Zendorio,« sagte hierauf Isidoro zu mir, »eile geschwind, wir wollen dem
armen Teufel zu Hülfe kommen. Ich weiss die Gelegenheit des schlimmen Weges mehr
als zuviel, auf welchem schon manch ehrlich Kerl die Beine abgebrochen. Es ist
um einen einzigen Fehltritt zu tun, so liegt man im Grund. Warum geht der Narr
den Berg hinab, hat er nicht zur rechten Hand die Mühle vor sich liegen, allwo
der Weg gebahnt ist?« - »Ja freilich,« sagte die Edelfrau, »aber was hilft es,
die Sache ist geschehen, vielleicht hat er die Gelegenheit noch nicht gewusst und
ist wohl gar ein Fremder. Ach, eilet doch fein geschwinde, ich zittere auf Händ'
und Füssen, er ist gewiss tot! Ach, ach, ach, der gute Mensch!«
    Wir zogen hierauf zwei Caputröcke an und eileten geschwinde dahin, allwo sie
gesagt hatte, dass der Bot gefallen wäre. Allem Ansehen nach so war der Mensch
noch bei Leben, denn er gab unterschiedliche Anzeigungen von sich, aus welchen
man spüren konnte, dass er nicht gestorben sei. Dannenhero verschaften wir eine
Trage und liessen ihn durch zwei Knechte in das Schloss tragen, allwo ihm die alte
Edelfrau mit kostbaren Wassern zu Hülfe kam. Er fühlete gar bald einzige
Linderung und fing ein wenig an zu reden, aus welchem man gar leichtlich
abnehmen können, dass er getrunken war, denn seine Kleider stanken von Tobak und
Brandewein wie nichts Gutes. Wir forschten aus ihm so viel nur möglich, von wem
und wohin er geschickt wäre, aber man konnte ganz keine Gewissheit daraus nehmen.
Endlich wurden wir gewahr, dass ihm das Ruckgrat abgebrochen, denn er schrie zu
jeder Wendung dergestalten, dass man nichts anders daraus abnehmen konnte.
    »Mein Herr Zendorio,« sagte die Edelfrau zu mir, »Er sehe doch, was ihm
fehlen muss, denn ich getraue mir ihn nicht anzurühren, der Mensch schreiet gar
zu schmerzlich.« Ich suchte und griff hierauf hin und wider, und indem ich so
herumvisitierte, fiel ihm ein Brief aus der Tasche, dessen Obschrift einer
Weiberhand gleichte. Isidoro hatte es viel eh als ich wahrgenommen, derohalben
hebte er solchen auf, und weil seine Frau Mutter wenig oder gar nicht darauf
Achtung gegeben, stackte er ihn in die Ficke, und damit gingen wir aus der Stube
in unser voriges Zimmer, weil wir den Boten ein wenig wollten ruhen lassen.
    Sein Wappenschild, welches er an dem Leibe trug, gab nichts anders zu
verstehen, als müsste er von einem von Adel ausgeschicket sein, weil in solchem
drei offene Helm zu sehen, die wir aber nicht erkennen noch auslegen konnten.
Solchergestalten kamen wir in das vorige Gemach, allwo wir die Tür verschlossen,
den Brief aufgerissen und folgends heruntergelesen:
Geliebte Herzensfreunde! Nunmehr ist die angenehme Gelegenheit erschienen, Sie
nach Ihrem eigenen Wohlgefallen zu befriedigen. Wir sähen aber sehr gern, dass
Sie Monsieur Christophen zu Hause liessen und Sie beide nur alleine kämen, weil
wir seine alberne Possen und Disräson im Lieben nicht loben können.
Gegenwärtiger Bot hat zwei Kleider und Masquen bei sich, in welche Sie sich
verstellen und noch heute abends hier auf unserm Landgut zu Peltzingen
zusprechen können, denn wir getraueten uns nach der Abreise unserer Frau Mutter
nicht, in dem Schloss zu bleiben, weil wir schröcklich viel Aufseher zu
befürchten haben. Es ist zwar auf dem Gut auch nicht gar viel zu trauen, aber
man muss sich endlich der Gelegenheit so gut bedienen, als man kann. Der Bruder
Emilius ist gestern auf die Universität verreiset, sonst wüsste ich nichts, was
ich zu beförchten hätte. Sie leben gesund und kommen gewiss, weil wir Ihrer
beider mit Schmerzen und Hoffnung verlangen.
                                            Verbleibend Ihre bekannte Schwestern
                                                                          S.D.L.
 
                                 XII. Capitul.
        Die Liebsgeschicht der drei Jungfern auf dem Landgut Peltzingen.
 Wer andern in die Karte guckt,
 Dem wird der Buckel abgejuckt.
»Bruder,« sagte Isidoro zu mir, »die Sache können wir perfect verrichten.« Mir
schauerte die Haut und wurf allerlei Meinungen ein, warum es nicht sein könnte,
aber Isidoro war in allem zu arglistig, dass er mich bei einem Haar überredet
hätte. Ich sagte, dass, ob wir gleich den bestimmten Ort, nämlich das Peltzingen,
wüssten, so mangelte uns doch das Hauptsächlichste, nämlich, dass wir nicht
wüssten, wie die Jungfern hiessen. Vors andere kunnten wir auch die Sprache nicht,
derer sich die zwei Galanen bedienten. »Possen,« antwortete Isidoro, »daran ist
am wenigsten gelegen, die zwei Edelleute, an welche die Abschrift lautet, wohnen
von hier nur andertalbe Stund, der eine heisst Ignatius und der andere Ruprecht.
Sie sind weder Brüder noch Freunde zusammen, aber solche Erz-Galanen,
dergleichen im ganzen Erdenrund schwerlich werden anzutreffen sein. Christoph
aber, welchen sie zurückzulassen gebeten, ist ein rechter Erz-Flegel, der weder
Ehr noch Respect in acht nimmt, sondern seine Saupossen allentalben,
absonderlich aber bei dem Frauenzimmer so zotenhaftige Schnitzer vorbringet,
davor sie sich billig zu scheuen und zu beklagen Ursach haben. Aber ich glaube,
ich will ihnen die Fuchtel in eine andere Scheide stecken lehren, darum gehe der
Herr Bruder geschwinde in die Stube, da der Bot lieget, und sehe, wie Er den
Ranzen hinwegkrieget. Sodann wollen wir verkleidet nacher Peltzingen ziehen. Ob
wir gleich der Jungfern Namen nicht wissen, kann man doch solches von dem
Landvolk bald erfahren, und ist genug, dass wir die grossen Buchstaben in dem
Briefe gesehen haben. Ruprecht redet fast wie der Herr Bruder, und ich glaube,
dass Er nur ein klein wenig eine subtilere Sprache habe. Aber Ignatius redet
etwas heischer, und ist nur um eine Handvoll welsche Nüsse zu tun, so wird man
zwischen mir und ihm einen geringen Unterscheid finden. So ist auch noch das
beste, dass wir verlarvet sind, denn durch dieses Mittel wollen wir perfect dahin
gelangen, wo wir noch niemals gewesen.«
    Isidoro hatte mich mit diesen Worten ganz eingenommen, und dannenhero
kriegte ich den Ranzen aus der Stube des Botens gar sicher und unvermerkt
hinweg. Wir fanden in demselben zwei Jägerskleider und rote Sammet-Larven, deren
wir uns nach Inhalt des Briefes bestmöglichst bedienen sollten. Sobald wir nun
angekleidet waren, gaben wir dem Torwärter Befehl, nicht das geringste von
unserm Abschied zu vermelden, weil wir heute nacht gewiss wiederum auf dem
Schloss uns einfinden würden.
    Wenn wir durch das Dorf nicht so geschwinde geloffen wären, hätten uns die
Bauerjungen leichtlich mit Kotbrocken dörfen auf den Buckel werfen, aber wir
kamen gar bald auf das Feld und sprangen über die Äcker wie die jungen
Ziegenböcke, weil wir auf solchem Weg nacher Peltzingen eine gute Viertelstunde
näher hatten. Es war schon Glock vier Uhr abends, als wir das Dorf zu Gesicht
brachten, in welchem diese drei Damen sich entalten sollten. Je näher wir nun
hinzukamen, je begieriger wurden wir, uns mit Manier in diesem Spiele zu üben,
darzu keine geringe Sorgfältigkeit erfordert würde.
    Als wir fast nur einen Steinwurf an den Garten hatten, welcher an dem Hofe
stund, satzten wir uns nieder und unterredeten uns alles haarklein, damit einer
den andern nicht verriete und uns also selber in dieser Hauptsache bloss gäben.
Wir sagten, dass wir alle Lichter, gleich als geschehe es aus Spass, mit den Hüten
ausleschen wollten, denn unsere Gesichter trafen mit der zweien Edelleuten ganz
nicht überein. So hatten wir auch andere Haare, welches eine Haupt-Faute bei
solchen Comödien verursachet, und hätten die Kleider wie auch die Larven nicht
das Beste getan, glaube ich schwerlich, dass wir uns einer so gefährlichen Sache
unterfangen hätten.
    »Potzhundert gute Jahr!« sagte Isidoro, »Bruder Zendorio, es reuet mich
fast, dass ich anhero gekommen, aber lass es immer gut sein, kommen sie schon
hinter den Betrug, so wissen sie doch nicht, wer wir seien, und sollten sie es
gleich darnach erfahren, wird es doch so viel nicht zu bedeuten haben, weil sie
dadurch nur ihre eigene Schande entdecken würden.« Ich gab ihm in allem recht.
Indem geht eine Magd mit einem grossen Bund Heu. Die fragten wir, wem das Gut
zugehöret, und ob sie nicht wüsste, wer sich anitzo darinnen aufhielte. Die Magd
wusste nicht, solle sie uns vor Engel oder vor Teufel halten, und gab zur
Antwort, dass sie den Besitzer nicht anders als den Rittmeister Doppel nennen
hören, sie wüsste aber nicht, ob er oder wer anderer anitzo hier wäre, Leute
hätte sie zwar gesehen, die heute das Tor aufgemachet, und darnach wären zwei
Kerl in langen Golleten hineingeritten. Damit ging sie fort.
    Isidoro und ich machten uns hierüber tausend Gedanken, denn er wusste, dass
Rittmeisters Doppel seine Schwestern die schönsten Jungfern im ganzen Lande
waren. So konnte er sich auch beiläufig entsinnen, dass die älteste unter
denselben Susanna hiess, welcher Name mit dem grossen Buchstaben in dem Brief
allerdings übereinkam. Derohalben stunden wir auf, und ich muss bekennen, dass uns
bei der Sach nicht allerdings wohl war, so viel wir auch Herz im Leibe hatten.
    Wir gingen den Zaun an dem Garten hinauf und wandten uns ganz heimlich um
etliche Stroh-Städel hinum, bis wir zu dem Tor gelangten. Sobald wir solches
eingetreten, schrie ein Kerl vom Gang herunter: »Macht zu, macht zu, macht zu!«
Augenblicklich versperrte man hinter uns das Tor, und es fielen aus allen
Winkeln des Hofes bewaffnete Kerl hervor, welche so wohl vermummet waren als
wir, die zerklopften uns recht jämmerlich mit Knitteln und Prügeln, dass es
taugte. »Ihr Bärnhäuter!« schrien sie, »wir wollen euch lehren, auf die
Courtesie gehen!«, und in solchem Zuschlagen suchten wir Mittel und Wege, uns
aus dem Hofe zurückzubegeben, aber es waren uns schon alle Löcher verrennet. Wir
schrien endlich um Gnad und Hülfe, denn die Menge unserer Widersacher hatte uns
den Buckel dergestalten zerklopfet, dass es zu erbarmen war. Damit stiessen sie
uns wieder zum Tor hinaus und hiessen uns hingehen, wo wir hergekommen.
    Der geneigte Leser kann gedenken, wie wir da aneinander angesehen haben.
Einer klagte seinen Arm, der andere seinen Kopf. »Nun,« sagte Isidoro, »der
Teufel weiss es, was unter dieser Karte stecket, heisst das, auf eine Courtesie
eingeladen? Halt, halt, ich will dahinterkommen, und soll ich das Leben darum
einbüssen.« - - »Bruder Isidoro,« sagte ich, »hier ist nicht gut lang zu bleiben.
Das allerbeste ist, dass man uns nicht erkennet. Indessen bleibt doch wohl der
Spott dem Ignatius und Ruprecht, ob wir gleich die Schläge davongetragen. Es ist
gar nicht ratsam, sich hier zu offenbaren und sich selber eine ewige
Beschimpfung auf den Hals zu laden. Lass uns wieder nach Hause eilen, sie dörften
uns sonsten noch ein Confect auftragen, das härter zu verdauen wäre als die
vorige Speisen, es geschicht uns eben recht, es ist mir vorgegangen, wir würden
in die Kluppe geraten.« - »Dasti der tausend Henker hol!« sagte Isidoro. »Bin
ich nicht ein Erz-Bärnhäuter und lass mich so zerprügeln. Halt, der Bot soll mir
sagen, was es vor eine Beschaffenheit hat, oder ich will den Schelm im Schloss
totschlagen, wenn er anders nicht verrecket ist.«
 
                                  Zweites Buch
                                  I. Capitul.
              Sie kommen hinter den Betrug. Gesalzene Prügelsuppe.
 Die Rache triffet jedermann
 Und oftmals den, der nichts getan.
Dieser stattliche Prügelschmaus, welchen wir gar zu wohl auf diesem adeligen Gut
verdienet, indem wir, aus blossem Vorwitz getrieben, nicht allein den Brief
unrechtmässig eröffnet, sondern noch überdieses dem Boten den Ranzen genommen,
die Kleider angeleget und endlich gar unter verborgener Gestalt fremde Personen
uns präsentieret. Darum hatten wir uns über niemand mehr als über uns selber
zu beklagen, die wir hierinnen der Anfang und das Ende unser eigenen Stösse
waren. Bald mussten wir lachen, bald wiederum wegen der Schmerzen heulen und
klagen. Einer vexierte den andern, und jeder meinte, der andere hätte die
meiste Schläge empfangen, da doch einer so gut als der andere ist abgeprügelt
worden.
    Es hatte gleich Glock acht Uhr in die Nacht geschlagen, als wir uns ganz
heimlich auf unserm Schloss in die Torstube verfügten. Die Edelfrau wie auch
die andern alle wussten nichts um die vorgegangene Masquerade, und dahero hatten
wir gar gute Gelegenheit, die Kleider samt den Larven in den Ranzen zu stecken
und den Brief, so gut wir konnten, wiederum zuzusiegeln. Es gelingte alles sehr
wohl, und so gut wir die Sachen hinweggepracticieret, so gut brachten wirs
wieder an die vorige Stelle, ohne dass jemand um den Betrug etwas gewusst hat. Der
Bote kam endlich zu sich selbst, und weil ihm nach seinem eigenen Bekenntnis der
hohe Fall in dem Rausch widerfahren, fühlete er nach seiner Ausnüchterung keine
so grosse Schmerzen, weil man gemeiniglich in dem Trunk die empfangenen Schläge
nicht so schwerlich, als die man ungetrunken bekommt, empfindet. Ja, es reuete
uns selber, dass wir nicht zuvor einen guten Salus angesoffen, ehe wir auf das
Gut zu Peltzingen gegangen, allwo sie uns den Pelz ziemlich ausgeklopfet haben.
    Er sagte, dass er sich nirgend als in dem Rücken verrenket hätte, deswegen
wollte er seine Reise fortsetzen, müsste uns aber zur Dankbarkeit unserer
erwiesenen Höflichkeit etwas vertrauen, welches nicht der zehente wüsste. Wir
satzten uns zu ihm auf die Bank, auf welcher er sich allgemach aufgerichtet
hatte, und glaubten, es würde vielleicht ein Kunststücklein sein, welche
dergleichen Leute auf ihren Reisen hin und wieder zu erfahren haben. Aber weit
einen andern Anfang hatte des Botens Rede, und wir merkten um so viel
beflissener auf, je mehr uns die Sach anging.
    »Gestrenge Herren,« sagte er, »ich bin ein Bot und wohne in dem Dorf zu
Killingen, eine kleine Viertelstund von dem Dorf Gertzing. Daselber wohnet ein
Rittmeister mit Namen Doppel, der hat drei Schwestern, so schön und zart, dass
nichts darüber. Nun sind nicht weit von hier drei Edelleute lediges Standes auf
einem Schloss beisammen, die haben die Jungfern fast alle Wochen zwei-,
dreimal, auch wohl öfter besuchet. Der Rittmeister ist gar ein spitziger Mann
und hat immer geforchten, die drei Edelleute möchten ihm eine Schande antun,
denn er hat bald diesen bei der und jenen bei jener Schwester alleine in der
Kammer angetroffen. Er tat in der erst, als ob ers nicht achtete, aber endlich
kamen sie auch über seine Frau, und weil der Rittmeister voll Eifersucht war,
traumte ihm nichts Gutes.
    Nicht lang darnach verbot er ihnen das Schloss, absonderlich aber den zweien,
welche ziemlich hinter dem Hütlein zu spielen gewusst. Der dritte aber ist kein
sonderlicher Liebhaber des Frauenzimmers und hält alle Weibesbilder sehr
höhnisch, so höflich sie sich auch gegen ihm anstellen. Dieses bewog den
Rittmeister, ihn vor den andern zu gedulden und wohl zu leiden, wollte doch
wegen der beiden einem nicht günstiger denn dem andern sein, sondern verbot
ihnen zugleich, dass sich keiner im Schloss sollte blicken lassen.
    Die drei Schwestern stiess solches hart vor die Köpfe und wollten zu
Bezeugung ihrer Freiheit dennoch löffeln, wo es ihnen am tauglichsten vorkam.
Sie haben noch eine alte Mutter, weil sie aber Stiefkinder sind, gibt keine
nichts auf sie, sondern tun, was ihnen anstehet und beliebet. Das merkte der
Rittmeister und passte gar oft auf die Edelleute, aber sie wichen ihm wohl
zwanzigmal arglistig aus dem Garn. Ihr könnt gedenken, wie der Mensch so
widerwillig geworden, dahero resolvierte er sich neulich anderst. Er bricht in
seiner Schwestern Kammer und vermeinte da die Galanen anzutreffen, aber sie
waren schon über alle Berge aus, ob er schon gewisse Kundschaft hatte, dass sie
dagewesen. Letztlich setzte er sich über einen Brief, und zwar über diesen, so
ich hier in der Taschen habe, malte auch die Hand seiner Schwester Susanna so
ähnlich und scheinlich nach, dass der tausende nicht anders gedenken wird, als
sei es eine Weiberhand.
    Er hat sich aber mit achtzehn Soldaten, seinen Schwestern ganz unwissend,
auf das Gut zu Peltzingen begeben, darinnen wird er sie erwarten und nach allem
Ansehen jämmerlich zerklopfen. In diesem Ranzen liegen zwei Kleider und zwei
Larven, und der Rittmeister hat mich selbst gebeten, die Sache noch so nötig zu
machen und den zweien zu sagen, dass sie den dritten zu Hause liessen, weil er den
armen Teufel nicht wollte in solchem Unglück wissen.
    So ungern ich nun meines Nächsten Schaden suche, so muss ich doch etwas wider
meinen Willen und Wohlgefallen tun, weil er mir sonsten gedrohet, eine Kugel
durch den Leib zu jagen. Das bin ich versichert und gewiss, dass sie eine wackere
Prügelsuppen bekommen werden, dergleichen sie nicht vermutend sind, denn die
Soldaten sind alle vermummet und haben schon heute abend mit grossem Verlangen
ihrer Ankunft erwartet, aber wegen meines zugestossenen Unglücks haben sie die
Lust bis hieher noch versparen müssen. Nun bitte ich gar freundlich, die
gestrenge Herren wollen mir sagen, was ich vor die unverdiente Aufwartung
schuldig bin, weil ich mich ohne fernern Verzug aufmachen und die Sache zum Ende
bringen muss.«
    Dazumal hätten wir einen klugen Kopf gebraucht, welcher uns hätte raten
sollen, was hierinnen zu tun wäre. Isidoro sah gern, dass die zwei Edelleute auch
geprügelt würden, und wollte doch auch beinebens dem Rittmeister einen extra
Possen reissen. Endlich sagte ich ihm in das Ohr, wie ich eine Invention
ersonnen, dass wir beides zugleich gar leichtlich verrichten könnten. Wir liessen
zu Ende dessen den Boten an das bestimmte Ort mit dem Briefe fortwandeln, und
kann der Leser leichtlich erraten, was wir sowohl zwischen währender Erzählung
als auch nach Vollendung derselben gedacht haben. Aber damit an der Sache nichts
versäumet wurde, verkleideten wir uns beide, nahmen sechs Bauernknechte zu uns
und passten also vermummet in einer Höhle auf, allwo der Bot mit den zwei
Edelleuten vorbei musste.
    Ehe wir aus dem Schloss schieden, schrieben wir einen Brief folgenden
Inhalts an den Rittmeister: Verfluchter Cujon! Dein Masquarada haben wir viel
eher gerochen, ehe du sie zu Werk gebracht. Die zwei, so du abgeprügelt, waren
Bauernflegel, die wir statt unser dahin geschicket, und dieser Bot wird dir
schon zu sagen wissen, wie es ihm durch unsere List auf dem Wege gegangen. Wir
werden zwar deine Grenzen nicht mehr betreten, aber lasse dichs gelüsten und
komme auf unsern Mist, wir wollen dich gewiss brennen, dass dir der Dampf zu den
Hosen ausgehet. Dieses schreiben wir dir zur Warnung.
    Nach Verfertigung dieses Briefes begaben wir uns mit den bestellten
Bauernknechten in die vorerwähnte Höhle, allwo wir so lange stehengeblieben, bis
der Bot mit den zwei Edelleuten auf der Strasse daherkam. Wir hielten uns mit
unsern Knitteln sehr fertig, und als sie nahe an uns kamen, fielen wir zugleich
hinaus und klopften sie ärger als die Stockfische, bis sie endlich gleichwie wir
auf die Erde gefallen und um Gnade gebeten.
    Dazumal gedachte ich an die vorgelesene Poesie, und zwar an das Genus
Pumpidi, Pumpidi, Pumpidi, Pum, weil wir sie abscheulich zerklopfet haben. Der
Bot wusste nicht, an wem er war, denn die Wahrheit zu gestehen, so hat er fast
die meisten Schläge davongetragen, ja, wir droheten ihm, noch schröcklicher zu
prügeln, sofern er uns nicht bei Treu und Glauben zusagte, dass er unsern Brief
dem Rittmeister selber in die Hände überliefern wollte. Er versprach dieses
nicht allein, sondern wohl noch ein mehrers zu tun, wir sollten ihn nur dieses
Mal mit Schlägen verschonen, weil er kurz zuvor über einen Berg herabgefallen.
Hiermit gaben wir die Losung, hinwegzulaufen, und verstreueten uns auf dem
Felde, einer da-, der andere dortin. Ich begab mich mit Isidoro wiederum heim
in das Schloss, allwo wir mit vielem Gelächter eine ziemliche Zeit zugebracht,
indem dieser Poss nicht allein wohl angefangen, sondern auch glücklich und nach
unserm Verlangen vollendet worden.
 
                                  II. Capitul.
          Wie sie beide die Zeit passiert. Der andere Teil der Poesie.
 Wer bei dem Ofen sitzen kann,
 Hats besser als ein Wandersmann.
Es ist gewiss keine geringe Lust, einen arglistigen Vogel arglistig zu fangen,
dahero kann sich der Leser leichtlich einbilden, welch eine Freude wir in dem
Herzen empfunden, dass wir unsere Schläge wieder an den Mann gebracht haben, und
zwar eben an diejenige, auf die es ursprünglich angesehen war. Wir hätten uns
noch einmal so vergnügt befunden, so wir nur gewusst hätten, was sich doch die
zwei Edelleute als auch der Rittmeister selbst nach empfangenem Brief vor
Mutmassungen gemachet, denn wenn ich die Wahrheit bekennen will, so hat sich
unter allem demjenigen, was sich bis auf gegenwärtige Stunde in diesem Schloss
mit mir und dem ehrlichen Bruder Isidoro zugetragen, keine solch lustige
Abenteuer als eben diese begeben, darüber ich wohl tausendmal lachen müssen.
    Diesen Tag bekam Isidoro ein neues Kleid, welches eine ganz sondere Mode
war. Er hat sichs selbst inventieret und dem Schneider ein Model vorgerissen,
nach welchem ers verfertigen müssen. Jedennoch nahm er sich vor, bei ehester
adeliger Zusammenkunft beständig vorzugeben, als wäre es die neueste
französische Mode, da wollte er auf tausend Taler parieren, dass nicht vier Tage
ins Land gehen würden, da man schon ein Dutzet dergleichen an jungen Edelleuten
zu sehen bekäme. Auf eine solche Art rüsteten wir uns aus, weil wir Bericht
empfangen, dass der Edelmann, so die Ducaten verwechselt, künftiger Tagen seine
versprochene Mahlzeit halten würde, dabei wir dann die Hauptpersonen
präsentieren sollen.
    Inzwischen suchten wir unsere Ergötzlichkeit auf der Wildbahn, und weil sich
ein Laquay auf dem Schloss entielt, welcher ehedessen ein Wildhetzer gewesen,
bekamen wir Gelegenheit, die Hasen aufzusuchen, weil dazumal eine ziemliche
Kälte einfiel und allgemach mit Gewalt der Winter herzu nahete. Frühmorgen, ehe
die Sonne aufging, waren wir mit unsern Windhunden schon zu Pferde und ritten
neben den Weinbergen eine Seite hinab, die andere wieder hinauf. Zuweilen hebte
sich ein Has nahe, zuweilen auch ferne, aber wir holten sie mit den Hunden bald
ein, und hätten sie sich auch auf hundert Schritt vor den Pferden aufgehoben.
Den Bauern und Dorfleuten ritten wir durch Kraut und Rüben, und sagten sie was,
so schmissen wir sie mit der Carabatschke noch darzu über den Rumpf, bis der
Staub davonging, unerachtet wir zuvor Schaden genug verursachet hatten.
    Als wir dieser Lust bis an den Mittag hin genossen und die Hasen zu Wald
gezogen waren, fanden wir uns wieder in dem Schloss ein und vertrieben nach dem
Mittagmahl die Zeit mit Brett- oder Kartenspiel. Unterweilen schossen wir auch
mit dem Pirst-Rohr nach der Scheibe, und die Edelfrau sah gar gern, dass ich
ihrem Sohn Gesellschaft leistete, weil er sonsten gewohnet war, in die
umliegende Städte zu verreisen und daselber in einer Nacht oftermalen so viel
Geld zu verspielen, welches er in Jahr und Tag nicht wiederum zu gewinnen wusste.
    Unterweilen setzte ich mich wiederum über die Bücher, und weil ich bei dem
warmen Ofen meine Zeit nicht besser vertreiben konnte, passierte ich solche mit
Lesen, denn die Wahrheit zu gestehen, so hatte ich aus solchem Fleiss mehr
Nutzen, als ob ich zwölfmal in ein Collegium gegangen und daselber dem pro und
contra zugehöret hätte. Ich bekam zu meiner absonderlichen Vergnügung den
Schlüssel zu sehen, welcher eben an dem Kasten stackte, darein Isidoro vor zwei
Tagen die wunderliche Reguln der Poesie verschlossen hatte. Dannenhero eröffnete
ich solchen und fand gleich von vornen das Buch stehen, über welches ich mich
zuvor so sehr ergetzet. Wo ichs nun zuvor gelassen, da fing ich aufs neue
wiederum an, weil man unter Verlust einer grossen Annehmlichkeit nicht wohl eine
einzige Zeile unterlassen konnte. Es waren aber folgende Reguln dieses Inhalts:
Nachdem wir nun genug geredet von den vier Figuralismis, muss man notwendig zu
einer höhern Scienz, welche bestehet in Ausmessung und Erkenntnis der Füsse,
schreiten und gehen. Die Füsse sind aber viererlei, unter welchen zwei Directi
und zwei Indirecti genennet werden.
    Die directi sind wieder dreierlei, und wird die erste Art derselben genennet
curre cito, das ist: solche Füsse, die geschwinde laufen können, gleichwie etwan
der Renntiere, Hirsche oder auch die Schweinfüsse, denn es ist klar und braucht
keines grossen Beweises, dass die Schweine fix genug laufen können, sofern sie
einmal recht erhitzt sind.
    Weil nun, originaliter davon zu reden, diese Verse curre cito heissen, so
werden sie mit einem Wort Currecitianische Verse genennet und müssen viel
geschwinder gelesen und ausgesprochen werden als die obbeschriebene
Pfaffutianische Choral-Poesie, als zum Exempel:
Reuten und reuten und reuten zu Pferd
Ist doch die köstlichste Lust auf der Erd.
Diese Art recht zu exprimieren, wäre vonnöten, dass man ein geschwindes Tripla
-Zeichen davor setzte, wie die Musici zu tun pflegen, wenn sie den Tact
geschwinde anzeigen wollen. Dahero ist mein getreuer und wohlgemeinter Rat, dass
sich beileib keiner über dieses genus mache, welcher eine langsame Zunge oder
Feder führet.
    Die andere Art der Füsse, so directi sind, heisset und wird insgemein genennet
tardianisch, das ist: langsam und fein sachte, und wird diese Art Verse der
vorigen e diametro entgegengesetzet, wie ich denn beileib keinem will geraten
haben, solches genus Carminis geschwinde auszusprechen, sondern ganz langsam,
gleich [als] ob einem [die] Zunge abgehauen wäre, auszusprechen, als
exempelweis:
Langsam ... langsam ... liebes Kind!
Folgender Vers muss schnell gelesen werden, denn er ist ein Currecitianischer:
Du eilest vergebens so schnell und geschwind!
Wenn man diese zwei Vers nicht recht, und zwar jeden nach seiner Art und Natur,
gelesen hat, ist es nötig, dass man solche noch einmal wohl betrachte und alsdann
regelmässig überlese.
    Die dritte Art dieser Verse ist intelligenzisch, das ist, welche ohne
Ausdrückung der Wort verstanden werden, als Exempli gratia:
Du meinst, du bist der Kriegsgott Mars,
Komm her und lecke mich ...
Da versteht es sich von selbst, dass es heissen muss: im Arsch. Denn dieses ist die
Natur dieser intelligentianischen Verse, dass mans auch wider seinen Willen
verstehen muss. Will noch ein Exempel geben, auf dass ich dem begierigen Discipel
desto bessere Erleuchtung gebe:
Ich schieb mit dir nicht gerne Kegel,
Denn du bist gar ein ......
Da versteht es sich abermal durch obbenannte Figur, dass es heissen muss: grober
Flegel. Und auf eine solche Weise wird der geneigte Liebhaber in dergleichen
intelligentianischen Versen nach seinem eigenen Belieben fortzufahren wissen,
nachdem ihm solches sein eigenes Gut-Gedünken erklären wird. Damit ich aber die
Zeit nicht vergebens so hinwegstreichen lasse, muss ich, um bessere explication
willen, nur noch ein Exempel hersetzen, quia per exempla via brevis est. Gebt
Achtung, so kommt es hübsch:
Es ist an dir kein Härlein gut,
Du bist ein grober ...
Da versteht es sich intelligentianischerweis, dass es heissen muss: Funfzehn-Hut.
Und dieses nennen etliche reservationem mentalem poeticam, und wenn mans
betrachtet und recht bei dem Licht besiehet, so ist es zulässiger, als mit
welcher sich etliche Scholastici so grossgemachet, indem von ihnen ausgegeben
worden, dass es ein sonderliches teologisches Stratagema sei, einen per
reservationem mentalem tapfer hinter das Licht führen können.
    »Wett der Teufel,« sagte Isidoro, als er zu der Stube hereinging, »bist du
schon wieder über dem Buch?« Damit riss er mirs aus den Händen und sagte, er
wollte mich lieber alle Bücher im ganzen Schloss als dieses lesen lassen, weil
es ein seiniger Vetter zum ewigen Schimpf der ganzen Freundschaft geschrieben
und er sich ehedessen in den Trivialschulen wegen dieser Schrift trefflich hätte
leiden müssen, indem der Autor die Schulfüchse nur zu scheren gesuchet und dort
und dar solche Stiche ausgegeben, die ihnen in dem Herzen wehe getan. Es wäre
besser, dass ein solch Buch im verborgenen bliebe als jedermann ohne Unterscheid
in die Hände liefe, zumalen die glorwürdige Künste und absonderlich die Poesie
ohnedem genugsam geschimpfet und bei vielen in einem üblen Verdacht wäre. Wäre
also unvonnöten, dass man Läuse in den Pelz setzte und den Teufel an die Wand
malete. Deswegen wollte er das Buch zu Staub und Aschen verbrennen. Und damit
schmiss ers in Ofen. Mich aber reuete es wohl tausendmal, dass ichs nicht heimlich
in die Tasche geschoben und mit mir incognito davongetragen hatte.
    Dieses Mal konnte es aber nicht anders sein, und ob ich gleich einen
Schürhaken genommen, dasselbe wieder aus dem Feuer zu kratzen, verhinderte mich
doch Isidoro so lang, bis die Blätter allgemach angegangen und der ganze Tractat
unbrauchbar gemachet worden. Zwar die Wahrheit zu bekennen, so hatte ich hieran
nicht gar zuviel verloren, denn weil ich die Invention einmal gesehen, war es
mir keine so grosse Kunst, dergleichen Reguln viel tausend, ja noch wohl
lächerrlichere zu schreiben. Denn ich fragte wenig darnach, ein anderer möchte
von meiner Arbeit halten oder judicieren, was er wollte, wenn ich nur dadurch
meine Grillen verjagen und meine langweilige Stunden verkürzen konnte, nach
einer solchen Weise, die ich bei mir selber vor die vergnüglichste hielt.
 
                                 III. Capitul.
               Ludwigs Gasterei. Was dem Zendorio dabei begegnet.
 Die Trunkenheit macht matt und träg,
 Wo Wein eingeht, geht Witz hinweg.
Noch diesen Abend bekamen wir durch einen Laquay in einem blauen Rock ein langes
Schreiben von Herren Ludwigen, welcher nunmehr entschlossen war, die Mahlzeit
anzustellen, darauf wir uns bis daher so greulich gespitzet hatten, indem wir
willens waren, uns auf solcher rechtschaffen lustig zu machen, und zwar so sehr,
als wir noch niemals getan hatten. Isidoro versah mich mit sauberm und reinem
weissen Gewand, er machte mir eine Parücke zurecht, liess vor mich einen wackern
Gaul satteln, Geschoss und Zeug fertig halten, und in einer solchen Form
erschienen wir beide auf dem Schloss, diejenige Lust zu geniessen, auf die wir so
lang mit Verlangen gewartet hatten. Ja, wir hatten indessen auf unserm Schloss
gar oft mit der Karte gespielet, wer unter uns beiden den mehrsten Wein
aussaufen sollte; und dergestalten gingen die Unkosten über niemand als
Ludwigen, es möchte gleich verspielen oder gewinnen, wer da wollte.
    Ich halte es gar vor unnötig, mich lange bei demjenigen aufzuhalten, davon
sich der Leser selbst wird berichten können. Ich meine die absonderliche
Höflichkeit, welche uns Monsieur Ludwig bei unserer Ankunft erwiesen. Er hiess
uns seine Tausendbrüder und rechte Galgenvögel, so wir nicht von Herzen bei ihm
würden lustig und guter Dinge sein. Das Zimmer, in welches er uns logierte, hing
voll mit achtundneunzig Bildnissen von Narrenköpfen, und sobald wir
hineingetreten, sagte Monsieur Ludwig: »Ihr Herren Brüder, nun sind hundert
herein!«, und damit schloss er die Tür zu und liess uns alleine stehen. Wir mussten
über die Capricen des artlichen Menschen von Herzen lachen, und als der Knecht
unser Reisezeug heraufbrachte, berichtete er uns, welchergestalten gar viel
Frauenzimmer und andere Edelleute auf Pferden und in Caleschen angekommen, so
zweifelsohne zu diesem Gastgebot würden invitiert und eingeladen sein.
    Man holete Spielleute, soviel man in der Nähe finden und bekommen konnte,
und diese fingen allzugleich ihre Fiedelei an, einer in diesem, der andere in
jenem Winkel. Ja, es stunden sogar welche in den Dachfenstern, in welchen sie
ebenmässig aufgeigten, so gut sie es gelernet hatten, denn Monsieur Ludwig hatte
fast in die zweiundvierzig zusammengebracht, davon er welche vor die Secret und
heimlichen Gemächer stellete, auf dass sie denjenigen, welche in solchen ihre
Notdurft verrichteten, den Pergamasca darzu aufspielen sollten. Er kleidete sie
an wie Satyren, und sie sahen so abscheulich hässlich, dass sich ein schwanger
Weibesbild gar leichtlich hätte versehen können.
    Man machte an der Tafel eine bunte Reihe, und es fehlete nicht viel, so
hätte ich mich bei einem Haar verliebt, so ich nur gewusst hätte, in welche ich
mich am meisten verstricken sollte; denn das Frauenzimmer war fast gleicher
Schöne und Höflichkeit, auch von gutem Esprit, dass sie wohl zu unterscheiden
wussten, was aus Vexation oder aus Ernst gemeinet war. Es ist nicht sattsam zu
entwerfen, wie gar einig und fröhlich die ganze Compagnie war, und uns war
nichts Liebers, als dass die alte Edelfrau wegen zugestossener Unpässlichkeit nicht
bei dem Schmaus sein können, dahero dörfte Isidoro den Hasen nach seinem
Gefallen laufen lassen. Das anwesende Frauenzimmer war erwünscht vergnüget, und
ich glaube, dass sich auf dieser Zusammenkunft wohl dreissig Hochzeiten
angesponnen, wie sie aber ausgeschlagen, weiss ich nicht zu berichten. Etliche
soffen ewige Brüderschaft zusammen, aber es stunden kaum drei Wochen an, als wir
hernachmals gehöret, dass sie sich auf Leib und Leben miteinander geschlagen. Ich
selber kriegte nicht einen geringen Particul adeliger Personen zu Saufbrüdern,
aber mein Intent stund meistens auf das Frauenzimmer, und daher hörete und
vernahm ich kaum das zwanzigste Wort, was zu mir geredet ward.
    Diese erwünschte Gelegenheit gab mir Ursach, mich zu entschliessen, mich
diesen Abend noch mit einer Damen, sie möchte auch sein, wer sie wollte, in eine
verträulichere Bekanntschaft einzulassen, richtete dahero mein Absehen bald hin
und wider. Denn weil sich dergleichen Gelegenheit nicht täglich präsentierte,
hielt ich es vor eine absonderliche Vorsichtigkeit, sich die Pfeife zu
schneiden, da man noch in dem Rohr sitzet, weil die hinweggegangene Gelegenheit
so wenig als die abgewichene Zeit sich zu ereignen pfleget. Dahero hielt ich vor
das Ratsamste, mein Glück zu versuchen, weil sich durch dieses manch elender und
armer Bärnhäuter wohl eher in die Höhe und emporgeschwungen. Und ob ich auch
gleich keiner von Adel, noch auch keines Mesners Sohn - davor ich mich zwar bei
Isidoro ausgegeben hatte -, sondern von einem solchen Geschlecht war, darüber
sich der geneigte Leser kurz hernach selbst verwundern wird, so hatte ich doch
wohl solche Qualitäten an mir, damit auch wohl mancher Grosshans nicht begabet
war. Ja, ich hätte auch dazumal ohne allen Zweifel durch meine angenehme Art ein
Frauenzimmer über den Tölpel werfen und mir anhängig machen wollen, so ich nicht
von Monsieur Ludwigs Compagnie dermassen zeitlich mit Weine zugedecket worden,
dass ich endlich keine Katzen mehr erkennen können, sondern wohl darzu einen
weissen Hund vor einen Müllerknecht angesehen habe.
    Dergestalten wurde ich zu fernerer Ergötzlichkeit ganz untüchtig gemachet
und hörete nur gleichsam in dem Traum, wie lustig sie auf dem Tanzsaal nächst
meiner Kammer herumsprangen. Weil ich auch nicht wusste, was ich tat, stund ich
auf und ging also in dem Hemd auf den Saal, darob das Frauenzimmer dergestalten
erschrocken, dass sie teils in die Zimmer, teils über die Treppe
hinuntergeloffen. Isidoro brachte mich endlich noch zurecht, und ich wusste so
lang nichts von der Sache, bis er mich den folgenden Morgen berichtet, dass ich
alle Leute erstechen und totauen wollen. Er vermeldete anbei, dass man mir
hinten und vornen durch das Hemd gesehen, weil ich solches vor Ungeduld in
Stücken zerrissen hätte. Ja, was das Allerschlimmste war, so war in demselben
hinten her ein so abscheulicher grosser gelber Fleck gewesen, darüber sie sich
fast krank gelachet, absonderlich aber hätte das Frauenzimmer gefraget, was das
vor ein grober Flegel sei. Aus der Rede meines Bruders Isidoro verging mir aller
Mut, fast wie jenem, der mitten in dem Meer auf einem Felsen gesessen und mit
seiner Laute heruntergestürzet.
    Monsieur Ludwig machte mir noch grössere Possen, denn er brachte ein Hemd in
meine Kammer und schwur hoch und teuer, das Frauenzimmer sendete ihn damit
hieher, sie hätten sich gestern mit Verwunderung meiner Blösse erbarmet, und
hiermit wollten sie mich mit einem schlechten Frühstücke beehret haben. Ich
glaube nicht, dass so viel Federn in dem Bette gewesen, als vielmal ich mich vor
grosser Ungeduld hin und wider gewendet, denn ich fand, dass Isidoro ganz nicht
gelogen hatte, weil ich mein Hemd wohl in tausend Stücken zerrissen sah. Ich
konnte mich auch noch zum Teil entsinnen, dass ich auf den Saal gekommen, wie
aber und auf was Weise man mich wieder zu Bette gebracht, davon hatte ich nicht
die geringste Wissenschaft. Bald kam gar eine ganze Compagnie Frauenzimmer vor
die Kammertür und machten mir zu Ehren Pfaffutianische Verse, darüber ich im
Bette vor Scham zerspringen mögen, resolvierte mich dannenhero, heimlich in den
Stall zu gehen und allen unwissend davonzureiten.
    Zu solchem gab mir keine geringe Ursach die grosse Beschimpfung und
Calumnien, die ich in voller Weise wider etliche Cavalier herausgestossen hatte.
Denn sobald ich in den Stall kam, berichteten mir hiervon die Knechte, welche
dabeigestanden hatten. Isidoro hat es, vielleicht aus Höflichkeit, gegen mich
verschweigen wollen, aber mir war die Sach dermassen zuwider, dass ich mich auch
nicht die geringste Viertelstunde länger auf diesem Schloss zu entalten
verlangte, setzte mich dahero zu Pferd und ritt immer davon, dass es stäubte. Der
schnelle Lauf nahm mir den Hut, aber ich sah mich nicht einmal zurück,
unerachtet mir alle Cavalier, ja das Frauenzimmer selbst nachgerufen, aber ich
hörte und sah nicht mehr.
    Sie schickten zwei bis drei Kammerdiener nach mir, aber sie hatten zu tun,
dass ich ihnen mit der Klinge nicht über die Köpfe herwischte, so grausam war ich
ausser mir selbst. Und damit es nicht das Ansehen hatte, als wollte ich einen
Pferdraub begehen, ritt ich heim in das Schloss, stieg ab und gab dem Torwärter
das Zeug in Verwahrung, bat auch, Herrn Isidoro zu vermelden, dass ich
hiergewesen und ihn hinfüro so bald nicht wiedersehen würde. Auf eine solche
Weise ging ich von dem Schloss hinweg und machte mir wunderseltsame Grillen. Ich
wollte gern ein Finger aus der Hand darum geben, dass ich niemalen zu dieser
Gesellschaft gekommen noch sie mit einem Auge gesehen hätte. Aber es war
geschehen, ob sich schon niemand so sehr als eben ich durch mich selber
beschimpfet befand. Meine Zehrung war so gross nicht, deswegen musste ich mich
behelfen, so gut es der Säckel litt, und solchergestalten vagierte ich von einem
Pfarrhofe zum andern, wohl wissend, dass alle Geistliche derjenigen Schuldner
seien, welche mit Supplicationen zu ihnen kommen.
 
                                  IV. Capitul.
 Zendorio findet einen am Baum hängen, sieht den Betrug durch einen Zaun, geht
                             auf der Caspia Schloss.
 Wo man mit Worten nichts tun kann,
 Das greift die Welt mit Listen an.
Meine Herumschweifung in dem Lande währete wohl acht Tage, als ich bei
angehender Nacht zu einem grossen Eichbaum geriet, an welchem sich einer erhenkt
hatte. All mein Lebtag ist mir kein so wunderlicher Anblick unter Augen
gekommen. Derohalben blieb ich von fern stehen und betrachtete den Menschen von
unten zu oben oder, wie man im gemeinen Sprichwort zu sagen pfleget, von der
Fusssohle bis auf die Scheitel. Ich sah ganz eigentlich, dass er noch ein Bein
zückte, und weil sich meine Strasse ohnedem vor den Baum erstreckte, eilete ich
hinzu, dem armseligen Menschen zu Hülfe zu kommen, indem ich aus seinem
Beinzucken nichts anders schliessen können, als müsste er noch nicht gestorben,
sondern noch ein wenig bei Leben sein.
    Demnach machte ich mich etwas näher, und als ich an den Baum geriet, solchen
zu ersteigen, guckte ein Kerl in einer roten Liverei hervor und sagte: »Du Kerl,
bleibe hinweg, oder ich brenne dich mit der Büchse auf die Haut!« Mit diesen
Worten verduckte er sich wiederum in den ausgehöhlten Baum, und ich sprang mit
nicht geringer Bestürzung wieder zurücke, indem ich festiglich geglaubet, es
wäre der Teufel gar dahinter verborgen, welcher diesen erhenkten Menschen
verwachte. Aber ich schoss gar weit ausser der Scheiben, denn als ich mich von
ferne hinter eine Hecke gesetzet und durch dieselbe an den Baum gegucket, hilft
der Diener dem Erhenkten wieder von dem Ast, und ging einer so gut als der
andere quer Feldes gegen einem Dorf, allwo sie vielleicht ihre Pferde stehen
hatten, sich auf denselben nach Haus zu verfügen.
    Wahrhaftig, ich wusste durchaus nicht, was ich aus dieser wunderlichen
Masquarada urteilen oder schliessen sollte. Dass er gehangen, hatte ich gesehen,
und dass er wieder lebendig über das Feld gegangen, hatte ich ingleichen gesehen.
Ich wusste nicht, sei es ein Gespenst oder anders Ding. Weil aber die Nacht
hereinbrach und ich meine matte Glieder genugsam zufriedengestellet, ging ich
auf einen nächstgelegenen Pfarrhof, weil ich von dar über eine Stunde nicht mehr
in das Dorf hatte, darinnen ich geboren worden. Der langwierige Regen und die
mit eingefallene Schneekälte hatten mein Kleid nicht ein weniges verdorben, und
weil ich allgemach in den neunten Tag von einem Ort zum andern herumvagierte,
ist leichtlich zu schliessen, wie ich werde ausgesehen haben, zumalen ich weder
Kleid noch Haare, weder Schuh noch Strümpfe, noch auch was anders gesäubert und
mich gewaschen, indem ich in einem ziemlich desperaten Zustand gelebet und hoch
bekräftigen kann, dass es mir die Zeit meines Lebens nicht so wohl gegangen als
eben auf dem vorigen Schloss, wovon ich angefangen, diese meine Geschicht zu
entwerfen und vorzustellen.
    Der Pfarrer dieses Orts herbergte mich gar gerne, und weil er ehedessen mit
unterschiedlichen Herren Professoribus auf der Universität, davon ich herkam,
bekannt gewesen, bekam er gute Gelegenheit, sich mit mir in einem und andern zu
bereden, weil die Begebenheit der vorigen Zustände durch das nachkommende
Angedenken gleichsam wieder an den Spiess gestecket und aufs neue gebraten wird.
Er legte mich in ein sauber Bette und versah mich sonst in allem sehr
freundlich, aber ich kann nicht sagen, wie sehr er erschrocken, da ich ihm wegen
des gehangenen Menschen Relation erteilte. Er wusste sich so wenig zu helfen als
ich, und also liessen wir die Sache gut sein, es möchte dahinterstecken, was da
wollte. Aber das sagte er mir, welchergestalten heute abend eine Gutsche durch
das Dorf gefahren, in welcher ein Frauenzimmer gesessen, welche dergestalt
geweinet und geheulet, dass nichts darüber.
    Ich hatte über dieser Erzählung nicht viel noch grosses Nachsinnen, weil ich
glaubte, es würde vielleicht des Gehangenen Befreundte gewesen sein. Denn er war
trefflich sauber bekleidet, und es lag neben ihm auf der Erde ein überdiemassen
kostbarer Hut mit Straussfedern, daraus ich erkennen können, dass es nichts
Geringes sein musste. In diesen Gedanken schlief ich ein, und des andern Morgens
nahm ich meinen Weg weiter, nachdem mir der Pfarrer einen alten Rock verehret,
weil er geschwinde zu der Predigt eilen musste und also vor dieses Mal nicht
länger Zeit hatte, ferner mit mir zu reden.
    Es verging keine Viertelstunde, als es aufs neue recht grausam zu wittern
anfing. Derohalben versteckte ich mich bald da, bald dort in einen Strohstadel
und wärmete mich bei mir selber, soviel ich nur konnte und vermochte. Der
Pfarrer hatte mir auch eine gebratene Taube mit auf den Weg spendieret, daran
zehrte und ass ich so lange, bis ich vor ein grosses Haus kam, an dessen Tore
allerlei Bären-, Wölfs- und anderer Tiere Köpfe angenagelt waren. Ich merkte,
dass es ein adeliger Sitz sein müsste, und weil nächst darbei ein altes Weib Obst
feilhatte, fragte ich sie, wer darinnen wohnte. Sie aber gab mir zur Antwort,
dass der Ort schon in das dritte Jahr ledig gestanden, aber anjetzo hielte sich
in solchem eine adelige Jungfrau auf, welche bis dahero im gerichtlichen Prozess
darum gestritten, und nunmehr wäre ihr dieser Sitz erbmässig zugesprochen worden.
Weiter wüsste sie nichts von ihr, als dass sie gar eine feine, fromme und
guttätige Jungfer sei, welche, absonderlich gegen die armen Leute wohlgewogen,
ein ziemliches Almosen austeilete.
    Die Rede dieser alten Obstkrämerin machte mich keck, in diesem Hause mit
meiner Supplication einen Anwurf zu tun, ob ich nicht irgendeinen halben Taler
davontragen könnte. Klopfte derohalben an und wurde durch einen kleinen Knaben,
welchen ich vor ihren Page angesehen, hineingelassen. Er fragte mich, was ich
wollte und ob ich ein Bettler wäre. Ich sagte, dass ich zwar kein Bettler, aber
doch auch nicht viel besser sei, dahero sollte er mein Testimonium der Jungfer
übergeben und sagen, dass sie mir einiges Almosen mitteilen sollte, weil ich
solches auf meiner Reise höchst vonnöten hätte. Der Jung ging damit die Treppe
hinauf und kam bald wieder zurück, vermeldend, ich solle mich ein wenig
gedulden, seine Jungfer schriebe einen Brief, darnach würde ich bald abgefertigt
werden.
    Nach einer Viertelstund kam sie selbst aus ihrem Zimmer heraus und hiess mich
hinaufkommen. Ich war ganz und gar mit Dreck und Kot besudelt, und der Leser
kann wohl betrachten, welch ein sauber Ansehen ich dazumal müsse gehabt haben.
Derohalben scheuete ich mich, hinaufzugehen und vor ihr zu stellen, weil sie ein
ausdermassen schönes Bild war, dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens wenig
gesehen hatte. »Monsieur,« sagte sie, »seine Person ist würdig genug, vor mir zu
erscheinen, denn wie ich sehe, so ist Er ein Student, ich wollte wünschen, dass
ich Lateinisch verstünde, alsdann würde ich gewiss ein mehrers von seiner
Wissenschaft zu reden wissen. Ich bin durch studierte Leute zu grossem Glück
gekommen, darum finde ich mich verbunden, denselben zu dienen, wo ich kann und
mag.«
    Unter währender Rede stieg ich die Treppe hinauf, wohl wissend, dass sie
mich, so schlimm ich auch aufzöge, nicht fressen würde. Dannenhero empfing ich
sie gar höflich, und sie hiess mich mit ihr in das Zimmer kommen. Sie war ganz
allein, derowegen fing sie, nach Auslöschung ihres Wachsstockes, welchen sie zum
Siegeln gebrauchet, an und sagte: »Mein lieber Freund, warum ich Ihn in mein
Zimmer geführet, geschicht aus keiner übeln Meinung, sondern einig und allein
darum, Ihm einen Gedanken zu offenbaren, der mich nicht wenig im Gewissen
ängstiget.
    Er ist ein Student und dahero gelehrter als andere, gemeine Leute, die ich
zwar täglich um mich habe, aber von ihnen weniger als nichts unterrichtet werden
kann, was ich mir in diesem unerhörten Fall einbilden oder davon halten solle.
Er beliebe sich auf gegenwärtigen Sessel niederzulassen, und so es Ihm beliebt,
sei Er heute mein angenehmer Gast, aber zuvor bitte ich Ihn himmelhoch, mir die
Wahrheit nicht zu verschweigen, sondern seine Meinung offenherzig zu eröffnen
über die Sache, die ich Ihm gar mit wenigen Umständen, wie es an sich selbst
ist, erzählen werde.
    Es wohnet nicht gar vier Meil Wegs von hier ein Junger vom Adel, der heisset
Faustus. Sein Geschlecht ist fast das älteste in dieser Revier, und er ist vor
einem andern trefflich wohl gezogen und höflich von Sitten und Gebärden. Seine
Jugend brachte er in lateinischen Schulen zu, und hernachmals durchsuchte er die
Länder nicht ohne sonderlichen Nutzen, denn er redete seine Sprachen, wie sichs
gehöret, und ist deswegen bei männiglich in gutem Ruf. Ehe denn ich auf dieses
Haus zog, wohneten wir nicht gar eine Meil Wegs voneinander, denn ich war bei
meiner Muhmen in der Kost, weil ich dazumal wegen dieses Gutes noch im Streit
lag, welcher aber auf meiner Seite erwünschet ausgeschlagen, also dass ich nun
mein Eigentum besitzen kann. Aber, auf das vorige von dem Edeljunkern zu kommen,
so ist es wahr, dass er meine Affection ohne Unterlass gesuchet, mir etliche
Sachen verehret und keine Gelegenheit vorbeistreichen gelassen, die er zu meinen
Diensten, doch in allen zulässigen Dingen, hat anwenden können. Aber wie dem
allen, so war es mir doch nicht in der Natur, dass ich ihn lieben oder ihm die
geringste Gegenaffection erweisen konnte.
    Er weinete oft vor mir die bitterste Tränen, ja, er schwur hoch und teuer,
dass, so ich ihn nicht lieben würde, volle er sich erstechen oder aufhängen,
davor solle ihn die ganze weite Welt nicht retten noch ihm wehren können. Ich
verwunderte mich über die unsinnige Liebe dieses stattlichen Menschens und war
mir selber heimlich zuwider, dass ich ihn nicht lieben konnte, ja, meine Muhme
selber schalt mich wohl tausendmal einen groben und ungeschliffenen Holzbock,
aber ich konnte doch einmal so wenig als das andere sagen, dass ich den Faustus
liebte.
    Mein Herr gedenke weiter, wie es mir ging. Neulich hatte ein Edelmann in
diesem Lande einen Schmaus, der heisset Monsieur Ludwig, sehr reich von Mitteln
und ein Mann von artigem Humor. Ich war dazumal gleich in selbiger Gegend, wegen
des Syndicus und Advocatens, welcher meine Sache bei Gericht so stattlich
geführet, Richtigkeit zu machen, aber sie sagten, dass Faustus schon lange bei
ihnen gewesen, der ihnen einen solchen Recompens verschaffet, davon sie satt und
vergnügt wären. Es war ein Wunder, dass die Leute doch zu sättigen waren. Aber
Ludwig erfuhr, dass ich sein Schloss vorbeireisen musste. Weil er mir auch ein
wenig mit Gesippschaft zugetan, als lud er mich samt dem Faustus zur Mahlzeit,
allwo er durch seine artige Invention uns ausdermassen ergötzet.
    Nun gestehe ich dem Herrn hier im Vertrauen, dass ich bis gegenwärtige Stunde
noch niemalen in keinen Menschen verliebt gewesen. Aber es war einer zugegen,
welchen ein Edelmann mit Namen Isidoro mit sich gebracht, den hiessen sie
Zendorio, in denselben Menschen habe ich mich dergestalten verliebet, dass ich
nicht gewusst, wie mir am Tisch war. Ich hätte mich glückselig geschätzet, wenn
ich mit ihm nur ein einziges Wort hätte reden können. Aber man soff ihn noch
über der Tafel so blind und sternvoll, dass er nicht von Sinnen noch viel weniger
von seinem Tun gewusst.
    Faustus merkte wohl, dass ich in denselben verliebt war, denn es ist gewiss,
dass ich die Augen nicht von ihm abwenden können, und obgleich Faustus sagte, es
wäre keiner von Adel, sondern nur ein gemein Bürgerskind, muss ich doch gestehen,
dass er in meinen Augen mehr als adelig erschienen. Nun betrachte mein Herr, was
Faustus vor einen Geist habe, denn als er gesehen, dass ich dem Zendorio zugetan
wäre, entschliesst er sich, diesen heimlich aus dem Wege zu räumen. Aber Zendorio
mag davon Wind bekommen haben, ist also des andern Tages, da der Tumult erst
recht anging, auf einem Pferd auf und davon geritten, darüber ich so bestürzt
worden, dass ich dem Faustus unter das Gesicht sagte, ich könnte und wollte ihn
durchaus nicht liebhaben, und sollte er sich, seinem Vorgeben nach, gleich
tausendmal hängen, erschiessen oder totstechen.
    Monsieur, ich hätte nimmermehr geglaubt, dass meine Worte bei dem
verzweifelten Menschen so viel wirken sollten, noch, dass er mich so gar nach dem
äussersten Vermögen liebte. Denn als ich gestern nach Hause fuhr und hier zu
meinem Sitz kam, sah ich ihn kurz von hier an einem Eichbaum aufgehangen, darob
mir noch Arm und Beine zittern. Ich weinete mit Heulen und Seufzen, denn mein
Gutscher fand einen Zettel an den Baum geschlagen, darinnen stund geschrieben,
dass ich die einzige Ursach seines verdammlichen Todes sei. Ja, er wollte auch in
der Höllen Rache über mich schreien, dass ich ihn in seiner gutgemeinten und wohl
zulässigen Liebe so gar jämmerlich und ohne Erbarmung hätte verzweifeln und
sterben lassen.« Hiermit fing sie an zu weinen und bat mich, ihr zu sagen, ob
sie die Ursach dieses Todes sei oder nicht.
    »Gestrenge Jungfer,« gab ich hierauf zur Antwort, »Ihren geführten und
wohlberedten Discurs verlange ich nicht von Wort zu Wort zu beantworten, denn
was die Liebe sei oder welch eine Natur dieselbe habe, bin ich selbst noch nicht
erfahren, ob ich gleich ehedessen viel davon in den Büchern gelesen. Wahr ist
es, dass die Inclination allezeit freistehe und sich nicht leichtlich an etwas
zwingen lässet, so tugendreich auch dasselbe zu sein scheinet. Dahero findet man
auch bei den Poeten die Liebe blind gemalet, weil sie nichts liebt als eine
solche Sache, die ihr am tauglichsten vorkommet. Man lässet nun hierin einem
jeden seine freie Wege, und man sieht keine Inclination einen schlimmem Ausgang
nehmen, als die entweder gar zu unverständig oder mit Zwang unterfangen werden.
    An dem Tod dieses Faustus ist Sie so wenig Ursach als mein Reisrock, denn es
folget gar nicht, dass ich mich hängen soll, wenn ich nicht geniessen kann, was
mir anstehet. Wenn solches folgete, so glaube ich schwerlich, dass ein einziger
Mensch noch leben würde, sondern hätten sich schon alle aufhängen müssen, weil
keiner noch erlanget, worzu ihn seine Neigung getragen. Ist also der Narr an
seinem Tod selbst schuld, und kann der Jungfer hierinnen kein Heller Schaden
zugerechnet werden. Zwar der Affect der Liebe ist eine unter den grössten
Bewegungen, die der Mensch zu empfinden hat, solang er lebet, und ich selbst
weiss tausend Exempel, da sich dergleichen Stockfische den Tod angetan und sich
also nicht verbessert, sondern ihnen selbst das zeitliche und ewige Heil
abgeschnitten haben.
    Meine adelige Jungfer betrübt Ihr Gewissen ganz vergebens, aber Sie wird
lachen, wenn ich Ihr den Grund von diesem Aufhängen eröffnen werde.« - »Was,«
sagte sie, »weiss denn der Herr darum?« - »Freilich,« gab ich zur Antwort,
»Faustus ist nicht tot. Ich ging gestern vor ebendenselben Baum, sah den Hut mit
Straussfedern auf der Erde liegen und den Menschen an dem Baum hangen. Ich ging
hinzu, denselben herabzuschneiden, weil er noch mit einem Beine zuckte, aber ein
Laquay im roten Rocke sah aus dem hohlen Baum hervor und hiess mich
zurückbleiben, oder er wollte mich auf die Haut brennen, dass mir die Federn zu
den Hosen herausfahren sollten.
    Auf solches ging ich fort und setzte mich weit von ferne hinter eine Hecke,
allwo ich mit diesen meinen Augen ausführlich gesehen, dass Faustus durch Hülf
seines Dieners von dem Baum heruntergestiegen, als es ganz dunkel geworden. Ich
wollte, so ichs vermöchte, tausend Reichstaler parieren, dass der Faustus über
drei Meil Weges nicht von hier ist, und er wird sich so lang verborgen und
heimlich halten, bis er hören wird, wie Sie sich anstellet, sonst wüsste ich
nicht, was er durch diese henkermässige Politik gesuchet, als sich der Nachwelt
jämmerlich zu prostituieren und seinem Geschlecht nicht einen geringen Klecken
anzuwerfen. Derjenige, welchen Isidoro mit sich auf das Gastmahl Monsieur
Ludwigs geführet und in den sich meine adelige Jungfer so sehr verliebet, der
bin ich in eigener Person, denn ich heisse Zendorio und kam dazumal mit grosser
Unhöflichkeit aus dem Schloss, davor ich noch recht beschämet bin.«
    Die adelige Jungfer sah mich hierauf mit starren Augen an und schämete sich,
dass sie so freigebig in dem vorigen Discurs herausgefahren, wollte doch nicht
widerrufen, sondern sagte: »Ja, Monsieur, nun kenne ich Ihn. Er ist
ebenderjenige Zendorio, aber Er sage mir, wie ist Er so jämmerlich an seinen
Kleidern zugerichtet? Gehet Er mit Fleiss so in der Welt herum, oder was treibt
Ihn vor ein Zufall zu einem solchen Leben?« - »Schönste Jungfer,« sagte ich,
»kein anderer Zufall ist an meinem Wandel Ursach als das blosse Unvermögen. Ich
habe mich bei Isidoro nicht anderst aufgehalten als ein Mensch, den das
Geschicke mit einer Abenteuer an den Ort gebracht.« Und damit erzählete ich ihr
fast die ganze Geschicht, die sich mit mir und Isidoro zugetragen. Sie
verwunderte sich recht erstaunend und wusste nun nicht, was sie für Freuden
anfangen sollte, weil sie an mir gänzliches Vergnügen hatte. So kam es ihr auch
gar wohl zupasse, weil sie hier auf der Einöde wohnete, und dahero machte sie
bei sich selber wohl tausend Ratschlüsse, mich bei sich zu behalten, denn ich
merkte es an ihren Gebärden, dass sie über alle Massen in mich verliebet war.
 
                                  V. Capitul.
        Er hat daselbst gross Glück und dahero Ursach, sich zu betrüben.
 Oft manchen Menschen würgt die Gnad,
 Ein Käfer stirbt am Rosenblatt.
Auf diesem Hause und bei so beschaffenen Sachen wurde ich gewahr, dass
demjenigen, welcher das Glück hatte, die Liebe auch mitten in dem Schlaf über
den Hals fiel. Denn unerachtet meines schlechtbeschaffenen Lebens und rechten
Übelstandes liebte mich doch diese schöne Jungfer dergestalten, dass ich
zweifelte, ob es vielmehr eine Glücks- oder eine natürliche Liebe zu heissen
wäre. Sie befahl alsobald, ein Bad anzumachen, und nachdem solches in gegenüber
gelegenem Zimmer zubereitet war, verschloss ich mich ganz alleine und säuberte
mich geschwinde, soviel mir die Zeit Raum gab. Nach solchem brachte mir die
Jungfer selber ein Kleid, welches vor diesem ihrem Herrn Vetter, als
verstorbenen Besitzer dieses adeligen Gutes, zugehöret, damit ich solches an den
Leib werfen und mit ihr zu Mittag speisen konnte. Sie hängte beinebenst einen
kostbaren Bademantel nebenst einem seidenen Schlafrock an die Wand, dahero kann
der Leser leichtlich bei sich selbst die Rechnung machen, dass es mir auf diesem
Hause viel besser als auf dem Schloss des Isidoro ergangen. Sie wusch mir
selbst den Kopf und trücknete mir die Haar mit eigener Hand, und nachdem nichts
mehr übrig war, geht sie hinweg und hiess mich bald nachfolgen.
    Eine solche Gestalt hatte es um mich dazumal, als ich fast nicht wusste, was
ich tun oder lassen sollte. Eine so gute Gelegenheit war nicht wohl aus den
Händen zu lassen, gestaltsam sie sich nicht alle Tage und kaum alle hundert Jahr
einmal auch nur allein den Allerglückseligsten ereignet. Und solcher sich so
unbesonnen zu unterfangen, war auch nicht gar ratsam, weil man sich in
dergleichen Feuer leichtlich verbrennet, und ich ehedessen mit Isidoro auf dem
adeligen Gut zu Peltzingen genugsam erfahren müssen, wie ein unverhofftes Übel
sich derjenige auf den Rücken zu binden pfleget, der ohne alle Vorsichtigkeit
herumzunaschen keinen Scheu träget. Stund dannenhero in tausend Sorgen und fand
in der Wahrheit, dass auch der Mensch zu einer solchen Zeit mit den grössten
Grillen behaftet sei, welche seine glückseligste zu sein pfleget.
    Ich zog mich an und fand vor mir solche Kleider, die ich weder durch Geburt
noch durch meine Wissenschaft verdienen können. Jedennoch wollte ich dieser
adeligen und schönen Dam nicht zuwider sein in einem solchen Zustand, da es mir
am nötigsten war, meinen blossen Leib zu bedecken. Ich hatte zwar Ort und
Gelegenheit genug, meine Sorgen auf die Seite zu setzen, aber die vorige Ursach
und noch eine andere, die der Leser bald erfahren soll, hielten mich gar billig
an meiner Freiheit zurücke und machten, dass ich mich nicht wenig forchte. So gar
ist der Mensch der Eitelkeit unterworfen, dass er auch in seiner allergrössten
Glückseligkeit nicht vollkommen vergnüget sein kann, sondern es hänget ihm stets
eine Makel ah, die ihm durch seine eigene Einbildung vedriesslich wird. Ich kam
in das Zimmer, allwo der Tisch gedecket und die Speisen schon aufgetragen waren.
Sie hiess den jungen Knaben beten, und bei ihrer Beschliesserin gab sie vor, dass
ich vor diesem ihr Præceptor gewesen.
    Es ermangelte nicht an der geringsten Höflichkeit, so sie mir, als eine
adelige Dam, erweisen können, und unser Discurs war nichts als Ratschlüsse, wie
ich ungehindert auf ihrem Schloss verbleiben und sie mich genug bedienen
möchte. Es ist gewiss, und wird es nur ein Unverständiges leugnen können, dass ich
dazumal meinem Glück recht in dem Schoss gesessen, denn die Dam liess sich endlich
heraus, sie wollte mich durch ihre Mittel adeln lassen und hernach zum Ehemann
annehmen. Diesergestalten hatte ich einen Vorschlag von hunderttausend
Reichstalern.
    Nach Tische redeten wir etwas mehr von der Sache, und sie führte mich mit
sich in ihr Cabinet, allwo ich alle kostbare und rare Sachen, so sie von ihrem
Vetter geerbet, zu sehen bekam. Die Ducaten lagen in einem sonderlichen Schrank,
in welchem Fach auch die Ringe und andere Kleinodien verschlossen waren. Das
übrige Currentgeld stund in versiegelten Säcken, welche in eiserne Kisten
eingeleget waren. Sie wies mir beinebens eine Kiste von einer Elle, so mit
Reichstalern durch einen Hammer ganz voll angeschlagen war, also dass man keinen
mit der Hand herauskriegen konnte. Die Ställe stunden voll Vieh, und der Boden
lag voll Getreid, ohne was sonst in Mobilien und anderer Barschaft da war. Sie
hatte drei Dörfer und in jedem achtzehn bis zwanzig Bauern. Desgleichen hatte
sie Gerechtigkeit, zwei Gehege zu jagen und vier Teiche zu fischen, aus welchen
jährlich alleine vierundvierzig Centner Karpfen zu verkaufen wären.
    In einem solchen Stand befand sich ihr Vermögen, und ich wollte einen Finger
aus der Hand darum gegeben haben, wenn das Gut und diese Gelegenheit mir ausser
Landes oder gar hundert Meil Wegs von dar zugestossen wäre, dahero fand sie mich
in allem sehr kaltsinnig, und sie konnte sich verwundern, dass ich so traurig
war. Ich seufzete öfters, aber ob sie gleich nach allen Kräften um die Ursach
fragte, wollte ich doch nicht heraus, sondern gab vor, die zuvor auf der Reise
ausgestandene grosse Kälte bekäme mir so übel, dass ich eine bevorstehende
Krankheit daraus urteilete. Sie gab mir auf solches Vorgeben kostbare Medicin
ein und pflegte meiner nach aller Möglichkeit, daraus ich mit Verwunderung
verstehen müssen, dass dieses liebe Kind mit mir nicht anders als ihrem
leiblichen Bruder umging, aber es war mir doch nichtsdestoweniger recht übel bei
der Sache, und hätte über mein eigenes Verhängnis selbst weinen mögen.
    Solchen Zustand erlitt ich auf dem Hause bis in den vierten Tag, als sie mit
Gewalt an mich setzte und mich dahin brachte, dass ich ihr zusagte, sie zu
ehelichen. »Adelige und schönste Jungfer,« gab ich ihr zu verstehen, »Ihre grosse
und ungemeine Qualitäten verdienen einen Cavalier, welcher meiner Wenigkeit weit
vorzuziehen ist. Ich bin nicht reich, nicht schön, nicht klug, nicht verständig
und weiss also kein Mittel, Ihre Holdseligkeit zu vergnügen, über welches ich
billig Ursach zu seufzen habe. Weil Sie aber zu meiner Person so sehr getrieben
wird, bin ichs zufrieden, Sie also zu vergnügen, als es mein Vermögen zulassen
wird. Ich habe mich billig zu erfreuen über ein solch hohes Glück, welches nicht
jedem entgegenlaufet. Aber zum Behuf meiner Niedrigkeit schwöre ich hier einen
hohen Eid, dass ich von mir selber nicht getrachtet, Sie zu ehelichen, wo ich
nicht, Ihr eigenes Verlangen zu stillen, mich höchst schuldig befunden, das
grosse Glück samt Ihrer Person demütigst zu umfassen und Ihr durch mein ganzes
Leben als ein gehorsamer Diener aufzuwarten.«
    Caspia, so hiess sie mit Namen, war über meine Antwort höchst vergnüget, und
weil es zu diesen Zeiten ohnedem der Gebrauch war, stille und heimliche
Hochzeiten ohne Wissen und Willen der Befreundten, ja, wohl auch ohne Consens
des Vaters und der Mutter zu machen, als verehrete sie mir einen Ring von zehen
Kronen, und über drei Tage wollte sie welche von ihren besten Freunden hieher
rufen und die Hochzeit vollziehen lassen.
    Nun war ich auf einer solchen Stufe, auf welche noch der zehente nicht
gestiegen, ich wusste nicht, wie mir selbst war, denn es ging mir vor, dass ich so
geschwinde wieder hinunterfallen würde, als ich hinaufgestiegen. Hätte ich
gewusst, dass es so weit mit mir kommen sollte, ich wollte mich nimmermehr so
herausgelassen haben, denn ich gedachte etwan dadurch ein gutes Trankgeld
davonzutragen. Aber die Dam war schon zu heftig in mich verliebt, bin derohalben
nur deswegen unglückselig zu nennen gewesen, weil mir das Glück gar zu wohl
gewollet hat.
    Man machte auf dem Hause allerlei Zubereitungen, und dem Pfarrer war schon
der Text geschicket, welchen er bei der Trauung auslegen sollte. Indem trägt
sichs zu, dass ein Stück Rind umfället und verrecket. Weil es nun bei
gegenwärtigen Zeiten bald musste aus dem Hofe geschaffet werden, holete man den
Schinder, und zu meinem Unglücke war ich gleich dazumal mit der Caspia in dem
Keller, weil ich daselber den Wein auskosten sollte. Sobald wir wieder
zurückgelanget, geht der Schinder durchs Haus, und als er mich sah, grüsste er
mich und sagte: »Sohn, wo kommt Ihr da her?« Ich konnte es nicht leugnen, dass er
mein rechter Vater wäre, darum kann der Leser gedenken, wie ich nebenst der
Caspia erschrocken. Ich wurde wie ein Schnee und Caspia feuerrot. Der Schinder
aber lachte und hiess mich mit der Hand willkommen. Ich dankte ihm und gab einen
Wink, aber die Sache war schon zu grob am Tage.
    Caspia wusste nicht, an wem sie war, und ich eilete vor Spott und Schand auf
und davon, so schnell ich auch nur eilen konnte. Mein ganzer Reichtum bestund in
dem Ring, den sie mir auf die Ehe gegeben, welchen ich in nächster Stadt
verschacherte und meinen Weg den österreichischen Landen zu nahm. Sie hat mir
einen langen Weg auf der Strasse nachgerufen, ich sollte zurückbleiben, daraus
ich noch verstehen konnte, dass sie mich dennoch liebte; aber ich sah mich nicht
einmal mehr um und glaube, es wird den Schinder wohl tausendmal gereuet haben,
dass er sich sowohl als mich durch seinen Gruss eines so merklichen Glückes
verlustig gemachet. Und ebendieses ists, warum ich zuvor so traurig gewesen,
nämlich, weil ich geforchten, ich möchte offenbar werden, dass mein Vater nicht
weit von dem Ort ein Schinder war, welches ich dem Isidoro noch nicht
geoffenbaret hatte.
 
                                  VI. Capitul.
         Macht sich aus dem Staub. Beweiset eine wunderliche Gegenlieb.
 Unkeusches Herz verdirbt in Spott,
 Die keusche Seel sucht Ruh in Gott.
Hier muss ich dem Leser seine eigene Mutmassung passieren lassen, was vor ein
wunderlicher Zustand sich nach meinem Hinscheiden auf diesem adeligen Hause
erhoben. Zweifelsohne wird diese Zeitung weit und breit von mir ausgelaufen
sein, und wird Monsieur Isidoro, Monsieur Ludwig und noch mehr andere Edelleute
sich von Herzen geschämet haben, dass sie mit einem Schinder auf Brüderschaft
gesoffen haben. Ja, die alte Edelfrau wird ihrem Sohn nicht einen Filz deswegen
gegeben, sondern ihm wohl täglich, ja sogar stündlich vorgeworfen haben, dass er
mit einem so liederlichen Teufel sich vermenget, welcher fast bei der ganzen
Welt verhasset und verspottet war. Ich will nun nicht sagen von der grossen und
schmerzlichen Reue, welche die Caspia sich darum wird zu Herzen gezogen haben,
dass sie mich nicht allein bei der Beschliesserin vor ihren gewesenen Præceptor,
sondern hernachmals gar vor ihren eigenen Bräutigam gehalten und ausgegeben.
    Ach, was wird wohl der Pfarrer mit dem Hochzeittext vor Grillen gemacht
haben? Gewiss, die gute Caspia wird sich fast zu Tod geweinet und mich sowohl als
ihren Unstern, welcher sie hierinnen ganz unvorsichtig betroffen, viel mehr als
Millionen-tausendmal verfluchet und an den Galgen gewünschet haben. Und wenn
mans etwas besser betrachtet, so hatte sie zu solchem gar keine unbillige
Bewegung, indem der erste Liebhaber Faustus sich henken wollen und der letztere,
als ich, Zendorio, ein gebornes Schinderkind war. Und was noch das
Allerschlimmste in dieser Sache gewesen, so wusste sie sich in ihrem Gewissen
überzeuget, dass sie sich aus freiem Willen ohne meine Zumutung mit mir verlobet
und verbunden hatte, und konnte hier die Ungleichheit des Standes gar nicht
schaden, weil ich ihr genugsam zu verstehen gegeben, dass ich viel zu niedrig
wäre, ihr Mann zu sein. Aber, möchte einer sagen, ich hätte ihr vor dem
Verlöbnis wegen meiner Geburt sollen Meldung tun, auf dass sie sich in diesem
Hauptstücke wohl vorsehen mögen. Aber, lieber Leser, ich wollte kein solcher
Narr sein, noch mir durch meine eigene Verräterei ein so köstliches Stück Brot
vor dem Maul wegschneiden, zudem, so stund es auch noch dahin, ob sie diese
Entschuldigung nicht vielmehr vor einen nichtigen Entschluss und keinnützige
Ausflucht gehalten, dadurch ich sie an meiner Standhaftigkeit hätte können
zweifelnd machen. Ja, ich hatte dazumal den Pfeffer rechtschaffen versalzen und
war gänzlich entschlossen, all mein Leben lang nicht wieder zurückzukehren, noch
mich in dieser Gegend meines Vaterlandes einzufinden, weil mich aufs wenigst
ihre Freunde wegen dieser abscheulichen Beschimpfung würden aufreiben und aus
dem Wege räumen lassen. Und hieraus hat der Leser zu lernen, was vor einer
grossen Unbescheidenheit sich diejenige unterfangen, welche sich unwissend aller
Umstände aus einem blossen Ansehen verlieben und hernachmals ohne Rat und Tat
heimlich in einem Winkel ihren Ehecontract schmieden, daraus hernachmals Früchte
entstehen, davon ein ganzes Land zu singen und zu sagen weiss. Ja, ich glaub es
ungezwungen, dass man diesen Streich auf allen offenen Gassen an den
Wochenmärkten wird abgelesen und gesungen haben, so sehr es auch diejenige
verdrossen, die an ihrem eigenen Schimpf die grösste Ursach war.
    Ich habe zuvor gesagt, dass ich dem österreichischen Lande zugewallet,
daselbst meine Fortun zu suchen, so gut es die Zeit und Gelegenheit leiden
würden. Dahero hielt ich mich an keinem Ort lange auf, denn ich machte mir die
Einbildung, Faustus würde mir aus übermässigem Eifer schnell nachsetzen und mich
auf dem Ort und der Stelle in Stücken und Fetzen zerhauen, allwo er mich
anträfe. Allein ich forchte mich ganz vergebens, weil ich mehr als sicher dahin
gelangte, wo sich meine Lust hingestrecket hatte. Es war mir alles Tun der
Menschen zuwider, und ich wünschte mich lange tot und begraben zu sein.
Einesteils plagte mich die Liebe, die ich noch zu der Caspia trug, andernteils
beschämte mich die Offenbarung meiner Person. Dahero ging ich unter den Leuten
herum wie ein Schatten und schrieb mir selber zum Trost allerlei Verse, die
ich nur ersinnen konnte. Wenns mir beliebte, sollte der Leser hier durch etliche
Bogen nichts anders zu erfahren haben als etliche Carmina, die ich in meiner
grossen Trauer zu Papier gebracht; denn so einen fähigen Geist ich hatte, liess
mich doch die Schamhaftigkeit wegen meiner niedrigen und verachteten Geburt
nicht hoch steigen noch auch beflissen sein, mich selber in die Höhe zu
schwingen, aus Furcht, ich möchte noch mit grösserer Ungelegenheit
heruntergestossen werden, als bei diesem Verlöbnis geschehen. Brachte also meine
Zeit dahin als ein Famulus und behalf mich bei einer Conditions-Person, die ich
nicht nennen will. Sonsten dörften seinesgleichen glauben, ich hätte ihnen zum
Præjudiz geschrieben, dass ihnen ein Schinderssohn aufzuwarten genug wäre.
    Dazumal gedachte ich aufs neue zurück an die Veroniam und seufzete wohl
tausendmal, dass ich mich nicht vielmehr in dem Gefängnis umbringen lassen, als
dass ich mich selber um nichts anders als meine eigene Geburt bekümmern musste,
die ich doch nicht anders machen konnte. Dahero sah ich klar, dass jeder Mensch
seinen gewissen Ursprung hat, daraus er muss gepeinigt werden, so lang er lebet.
Ich hatte weder gestohlen noch gemordet, weder geraubt noch die Häuser
angezündet, so war ich auch sonsten mit keinem hauptsächlichen Laster behaftet,
doch schmerzte michs unvergleichlich, dass mir durch meine Geburt verschlossen
waren alle Türen, sowohl zur Ehre als zur Glückseligkeit zu gelangen.
    Mein Herr hatte eine Frau, die war nicht gar zu richtig. Sie suchte allerlei
Gelegenheit, mit mir zu reden, und gab ihre Meinung genugsam zu verstehen. Neben
absonderlichen Ehrbezeigungen spendierte sie mir Geld und Kleider, doch also,
dass ihr Herr nichts davon merkte. So war ich über dieses ein so verschwiegener
Mensch, dass ich mir viel eher den Kopf hätte einschlagen lassen, ehe ich das
geringste Wörtlein offenbaret. Aber als die Sache zu weit kommen wollte,
offenbarte ich mich ihr im Vertrauen ganz aufrichtig und redlich, damit sie
nicht länger betrogen und ich nicht weiter verführet würde. Aber die Frau fragte
nicht allzuviel darnach, ich möchte gleich eines Schinders oder Henkers Sohn
sein, sondern sie gab vor, sie liebte nicht meine Geburt, sondern meine Person,
æstimierte nicht den Ursprung, sondern meine Qualitäten, denen ich gewachsen
genug wäre. Dazumal wurde ich erst recht klug und muss bekennen, dass ich
gleichsam erst anfing zu leben und kennenzulernen, in was vor einem
schröcklichen Aberwitz und in was vor einer grossen Irre wir Menschen hier auf
Erden herumzuwandeln pflegen, die wir uns oft selbst nicht kennen noch unsern
eignen Schimpf vermeiden.
    Es waren ihrer mehr, welche diese zu besuchen pflegten, dahero entschloss ich
mich, die Frau zu betrügen, ihr etliche Ketten zu stehlen und damit
davonzulaufen. Schmeichelte mich dannenhero so viel an sie, als ich nur konnte,
und brauchte gar keine Mühe, sondern dorfte nur den Schlüssel umreiben, so hatte
ich zwei Ketten zu ergreifen, die etliche Mark wägten. Damit machte ich mich vor
Tages davon, und vor meiner Abreise schlug ich alle Scheiben in dem Hause ein,
zerriss mein Bettgewand, und wenn ich Feuer gehabt, hätte ichs Haus darzu
angezündet. So feind war ich der Huren, welche wider alle Ehr und Ehrbarkeit
sich an einen jeden Flegel angehänget und sich nicht gescheuet, mit mir als
einem Schinderskind sich wissentlich in Gemeinschaft einzulassen.
    Der Herr war von so grossen Mitteln noch Gewalt nicht, dass er mir hätte
können nachsetzen lassen, so eilete ich auch nicht gar sehr, weil ich durch den
Raub dieser Ketten keinen Diebstahl, sondern nur eine kleine Züchtigung
vorgenommen, aus welcher die schlimme, wilde und unzüchtige Frau lernen sollte,
wie es ihr ins Künftige gehen dörfte. Sie hatte drei bis vier Töchter, aber es
war keine besser als sie. Endlich wurden auch sie zu Huren wie die Mutter, und
war nur der Unterschied unter ihnen, dass eine älter und die andere Hure jünger
gewesen. Das beste war, dass ich meinen Namen verleugnet, indem ich mich anstatt
Zendorio Fidrian genennet, dadurch man mich in der ganzen Welt nicht erfragen
können, wenn anders das Lumpengesind auf mich etwas Hauptsächliches suchen
wollen. Aber gleichwie sie die Hurerei vor keine Sünde hielten, also schätzten
sie auch mein Tun vor keine Übeltat, wie es denn in der Wahrheit auch keine zu
heissen war, weil ich die Hur durch diesen Griff nur ein wenig gestraft habe. Ich
wollte, es würden dergleichen Stück mehr gepracticieret, so würden sich hinfüro
nicht so viel Bestien auf den Messen einfinden.
 
                                 VII. Capitul.
   Zendorio wird ganz bestürzt über der Abenteuer, die ihm Isidoro erzählet.
 Wir irren stets in unserm Wahn,
 Wohl dem, der kommt auf rechte Bahn.
Mit den Ketten machte ich keinen langen Prozess, sondern versilberte sie zu
meinem Vorteil bei der nächsten Gelegenheit, so sich an die Hand gab. Nach
solchem eilete ich den Donaustrand hinunter, willens, mich in den Krieg zu
begeben und zu suchen, ob mir da das Glück favorisieren wollte, gleichwie es
willens gewesen, mich ausser desselben in die Höhe zu schwingen. Zu Ende dessen
nahm ich mir vor, in dem Feld ein wenig herumzuspazieren und in solchem Gang den
endlichen Entschluss zu fassen, wie mir am besten durch mein zukünftiges Leben
möchte geholfen sein. Ich setzte mich auf einen grünen Wasen unter den Schatten
eines Baumes, als ich eine Gutsche daherfahren sah, auf welcher ich den Fuhrmann
kennen sollte. Es war ebenderjenige, welcher bei dem Isidoro auf dem Schloss
gedienet hatte, und als ich etwas genauer Achtung gab, sah ich den Isidoro
selber in der Gutsche sitzen.
    Eben an dem Ort brach ein Rad entzwei, darum mussten sie halten, und
unerachtet ich indessen wohl viermal bei der Gutsche vorbeispazieret, wollte
mich doch Isidoro nicht erkennen, entweder weil meine Gestalt von dem starken
Trauern und unaufhörlichen Melancholieren ganz verfallen war oder aber weil ich
einen andern Habit anhatte. Endlich räusperte ich mich und rufte nur vor mich so
hin: »Isidoro!« Sobald er solchen Namen nennen gehöret, sieht er mich etwas
schärfer an, und: »Wett der Teufel,« sagte er, »was machst du hier? Du
Tausendkerl, was tust du da? Bruder Zendorio, wie bekomme ich dich da zu sehen?
Sehet doch, wie die Menschen so wunderlich zusammentreffen!« Auf solche Worte
empfingen wir aneinander, und weil man erst aus der Stadt ein neues Rad musste
bringen lassen, gingen wir indessen hin in das Feld und unterredeten uns, was
sich in meinem Absein zugetragen, weil ich nunmehr schon ein halb Jahr aus war.
    Isidoro verwunderte sich anfangs sehr heftig über mich, dass ich mein eignes
Glück so jämmerlich geflohen, als ich aber sagte, es würde ihm wohl, und zwar
zur Genüge, bekannt sein, warum ich solches zu fliehen wider meinen Willen wäre
gezwungen worden, fing er laut an zu lachen und sagte: »Bruder, setze dich ein
wenig hier in das Gras, ich will dir sagen, wie du, die Caspia und der Schinder
in dem Hause aneinander betrogen worden. Liebster Zendorio, du meinst, du bist
eines Schinders Sohn, und dein Vater ist doch ein Edelmann in dem Lande von
solchen Mitteln, als du selbst nicht weisst. Nachdem du aus dem Lande entflohen,
wurde dir allentalben nachgesetzet, und es sind noch etliche Posten aus, die
deinem Namen nachforschen sollen, und allem Ansehen nach musst du denselben
verwechselt und verändert haben, weil man nicht einen Buchstaben von deiner
Person erfahren können.
    Dein Vater ist einer von Adel und wohnet eben auf dem Ort, da du meinst,
von dem Schinder gezeuget zu sein. Er wird genennet Monsieur Pilemann und hat
all sein Leben lang auf nichts mehrers als Wahrsagereien der Zigeuner und
anderer Landfahrer gehalten. In deiner Geburt wurde ihm eben von einem solchen
Landstürzer prophezeiet, dass, so er dich in deiner Jugend würde unter die Bauern
tun, welche dich berichten würden, dass dein Vater ein Schinder sei, so würdest
du ein Glück haben als kein Mensch im ganzen Lande, ja, sie logen ihm vor, du
würdest noch im achtzehenten Jahr ein General über eine ganze Armee werden, und
was dergleichen Lumpensachen mehr waren. Dein Vater glaubte den Stümpern mehr,
als sie von ihm verlangten, dahero tat er dich noch in der Jugend unter die
Bauern, welche dir diese Sache so weisgemachet, dass sie dich bis gegenwärtigen
Augenblick gedrücket und gequälet hat.
    In solchem Irrtum schickte man dich auf die Schule, und du wurdest dennoch
keinesweges eines andern berichtet, dahero ist es geschehen, dass du diesen
Fehler von Jugend auf vor die allergewisseste Wahrheit gehalten. Es wurde deinem
Vater ferner vorgelogen, er solle sich dir nicht eher zu erkennen geben, bis du
ein Monarch wärest, sonst dörfte es sein Leben kosten. Und weil er diesen
Schwachheiten keinen geringen Glauben beigemessen, hat er sowohl sich als dich
selber betrogen. Ich gehe nun das andere alles vorbei, wie kümmerlich du dich
mit gar wenigen Mitteln durchbringen müssen, welche dir von ihm, aber erst durch
die sechste Person, übermachet worden.
    Zu der Zeit aber, als du vor einem halben Jahr einen so glücklichen Zug an
der Caspia tatest, gab sich die Gelegenheit, dass dort eine Kuh umfiel, wie dir
selbst bekannt ist. Hat sich also dein Vater in die Gestalt des Puffers
verkleidet und dir zuvor einen Schröcken, hernach aber desto grössere Freude
verursachen wollen, indem er viel glaubwürdige Zeugen bei sich hatte, dir deinen
Scrupel zu benehmen. Aber du konntest des Ausganges nicht erwarten, und mich
freuet von Grund meines Herzens, dass ich dich in dieser weit abgelegenen
Landschaft auftreibe, und lebe versichert, dass ich viel eher sterben, als dich
zurücke lassen werde. Caspia seufzet tausendmal um dich, und ich kann selbst
noch etliche Lieder auswendig, welche sie in deinem Absein auf dich gemachet
hat.«
    Dazumal hatte ich Ursach und Gelegenheit, über die Erzählung des Isidoro
mich recht zu verwundern. Ich stund von der Erde auf und sah gen Himmel, schlug
die Hände ineinander, wurf den Kopf auf die Seite, seufzete und sagte: »Bruder,
ist es möglich, was du sagest, und soll ich deinen Worten Glauben beimessen?« -
»Ich betrüge dich nicht,« antwortete mir Isidoro, »und wollte wünschen, du
wärest zu Hause, dann solltest du Ursach haben, dich zu verwundern.« Hatte ich
nun zuvor nachgegrübelt, so grübelte ich darnach noch mehr nach. Aber Isidoro
beredete mich gar leichtlich, mich dieser Narrheiten zu entäussern, weil man sich
durch das Melancholisieren nur das Leben abfresse.
    Er hatte eine kleine Reise vor, Schulden einzufordern. Wenn ich mich acht
Tage an gegenwärtigem Ort entalten wollte, sollte ich mich indessen parat
machen, mit ihm nach Hause zu reuten, und ein Paar Pferde bestellen. Zwischen
solcher Rede wurde das Rad verfertiget, und Isidoro stieg wieder auf die
Gutsche, nachdem wir zusammen verlassen, dass wir zwischen dieser Zeit an einem
gewissen Ort zusammentreffen und miteinander nach Hause kehren wollten.
 
                                 VIII. Capitul.
                             Caspia wird begraben.
 Wer sich die Buss ein Ernst lässt sein,
 Geht vor dem Tod das Leben ein.
Indessen hatte ich allerlei Mittel ersonnen, mir die verdrüssliche Zeit zu
verkürzen, denn es ist gewiss, dass das Verlangen einen Augenblick oftermalen zu
einer Stunde machet. Derowegen reisete ich bald da-, bald dortin, weil ich
durch solches Mittel einen absonderlichen Weg fand, meinen häufigen Grillen zu
entgehen. Ich bauete mir dazumal unzählig viel Schlösser in die Luft, und glaube
schwerlich, dass sich ein grosser Potentat noch so viel Ratschläge geschmiedet,
als ich dazumal in Hoffnung meiner künftigen Fortun getan. Dazumal wurde ich
erst gewahr, was es hiess, glückselig sein, aber die Wahrheit zu bekennen, so war
ich doch noch nicht also zu heissen, weil meine völlige Vergnügung noch an der
zukünftigen Zeit gehangen, welche den Menschen ungewiss zu sein pfleget. Die
Schönheit der Caspia stund mir immer in Gedanken, und dahero konnte ich auf
nichts anders als ihre angenehmste Gestalt bedacht sein. Solchermassen verbrachte
ich alle meine Zeit in den Liebesgedanken und verschwendete durch den Essig
meiner noch unvergnügten Zustände gar viel Perllein derjenigen Sachen, die ich
zu meinem bessern Nutzen billig hätte anwenden sollen.
    Des Tages setzte ich mich wohl zwanzigmal über die Landkarten. Bald messte
ich mit dem Circul, bald mit der Nadel die Örter ab und fand schon eine
Zufriedenheit in der blossen Ansehung der Gegend, wo sich meine Caspia entielt.
Wahr ist es, dass ich dazumal ein rechtschaffener verliebter Narr war, derowegen
schätze ichs unvonnöten, den Leser mit solchen Sachen zu beschweren, welche
nichts als eine eitle Torheit mit sich zu führen pflegen, sondern werde dermalen
fortschreiten, zu erzählen meine folgende Begebenheit.
    Es strichen etliche Tage hinaus, als sich Isidoro an dem Ort befand, allwo
wir zusammenzukommen verlassen hatten. Er erzählete mir wohl dreissig wunderliche
Streiche, die ihm indessen in der Fremde zugestossen, und in solcher Erzählung
brachten wir eine ziemliche Zeit auf der Rückreise gegen das Schloss und
Rittergut der Caspia. Ich stellte ihm ingleichen vor, wie gar wunderlich das
Glück mit mir gespielet hätte und auf was vor eine Art ich mich indessen
durchgebracht, über welcher Erzählung er gleichfalls grosses Vergnügen hatte. Wir
kehrten eines Abends mit unsern Pferden in einer Herberg ein, welche von dem
Schloss der Caspia nur noch etliche wenige Meil Weges abgelegen war. Daselber
satzten wir uns zu Tische und verstunden von einem Landreisenden, dass
vergangenes Tages eben auf dem Gut, da Caspia wohnete, eine Leiche aus dem
Schloss geführet worden, welche mit grossen Ceremonien in nächstgelegener Stadt
allerehestens würde beigesetzet und begraben werden. Aus der Rede dieses
Reisenden konnten wir wohl schliessen, dass es keine niedrige Standesperson
gewesen. Dahero fragte ihn Isidoro, ob er nicht wisse oder gehöret hätte, wer
diese Leiche oder von wannen sie wäre? »Monsieur,« gab der Fremde zur Antwort,
»es ist eine ledige Dam von adeligem Stande namens Caspia, welches, wie mich die
Leute berichtet, kürzlich gestorben. Und weil ich gestern ohnedem vorbeireuten
musste, blieb ich so lange daselbst stehen, bis die Sach vollzogen ward, in
Erwägung, dass ein Reisender sich deswegen in der Welt herumtut, allerlei
Begebenheiten, wie und wo sie sich auch zutragen mögen, zu besehen und darauf zu
merken.«
    All mein Lebtag ist mir kein solcher Stich durch das Herz gegangen als eben,
da der fremde Gast uns eine so gar unverhoffte Zeitung vorbrachte, die alleine
stark genug war, mir den Geist aus dem Leibe zu jagen. Isidoro erblasste im
Angesicht wie ein weisses Tuch, daraus der Fremde leichtlich schliessen können,
dass ihm an der Erzählung seiner Historien ein merkliches müsste gelegen sein.
Gleichwie aber die Bestürzung über einer Sache ein grosses Verlangen erwecket,
die gründliche Wahrheit zu erfahren, als satzten wir uns wieder zu Pferd,
willens, in einem Currier dahin abzulaufen und zu sehen, wie es um die Caspia
beschaffen sei. Die glaubwürdigen Worte dieses ehrlichen Mannes konnten wir
nicht in den geringsten Zweifel ziehen, zumalen solches sein hohes Alter und
Ehrbarkeit verbot, und ob wir auch solchem keinen Beifall gegeben hätten, fanden
wirs doch mehr als wahr, da wir eben an einen Ort gerieten, allwo sie mit sechs
Pferden kurz vor uns durchgeführt worden. Die Strasse lag von unserm Weg auf
rechter Seite ab, derohalben wandten wir die Pferde, der Leiche zu folgen und
die Sache aus dem Grund zu erkundigen. Ich fing dazumal schon an zu weinen und
konnte vor Tränen nicht sehen, wo ich hinritt, obschon Isidoro mich zweimal
berichtet, dass er die Leiche fahren gesehen. In einem solchen Zustand sprengten
wir hinnach, und Isidoro hatte kein geringes Mitleiden mit mir betrübtem
Menschen, welcher sich durch das Glück gleich einem Federlein in der Luft hin
und wider musste drehen und wehen lassen.
    Endlich ereileten wir solche mit Schmerzen nächst einem hohen Berge, allwo
sie stille gehalten, damit die Pferde auf der Höhe nicht ermüdet würden. Man
nahm aus den anbeiliegenden Bauerhäusern Vorspanne, und dahero hatten wir
indessen Gelegenheit genug, uns mit demjenigen zu unterreden, welcher befehlicht
war, die Obsicht zu halten. Es war ein Mann von ziemlichen Jahren, und er
betrübte sich selbst über den frühzeitigen Tod dieser edlen Caspia, weil er
nichts mehr bedauerte, als dass durch ihre Person der Welt ein ziemliches Stück
kluger und vorsichtiger Weisheit aus dem Schosse gefallen.
    Ich konnte vor allzu grossem Schmerzen keine Tränen mehr vergiessen oder hatte
mich aufs wenigste schon dergestalten von denselben ausgeleeret, dass ich bei
gegenwärtigem Zustand nichts als seufzen konnte. Hiermit wandte sich Isidoro zu
mir auf die Seite, sagend: »Bruder Zendorio, du bist ein Mensch von schlechter
Beständigkeit, wenn du dich nicht weisst zu schicken in das allergrausamste
Unglück, so dir widerfahren mag. Die Tote aufzuwecken ist weder mir noch deinem
Seufzen zugelassen. Darum ist es vergebens, dass wir uns bekümmern über eine
Sache, die nicht mehr kann anders werden. Eine kurze Geduld überwindet ein
langes Elend, und du wirst dich selbst trösten können, wenn du gedenkest, dass
sie dich nur allein geliebt und vielleicht noch auf dem Totbett tausendmal
gewünschet, dass es dir wohl und nach deinem besten Vergnügen gehen möchte.«
    Nach solcher Rede des Isidoro beurlaubeten wir den Befehlshaber, und ich
wusste nicht mehr, wo ich mich entalten sollte. Ja, so sehr auch Isidoro an mir
war, konnte ich doch keinesweges seines Willens werden, sondern entschloss mich,
der Leiche zu folgen und mich alsdann selber zu erhungern, weil mich die
Trauer dazumal dergestalten eingenommen, dass ich mich nicht scheuete, mir
selber das Leben zu nehmen. Auf diesem Wege entschloss ich mich, zu meinem
Vater zu reuten, auf dass ich aufs wenigste in diesem grossen Schmerzen einige
Linderung fühlen möchte, weil ich sonsten des gänzlichen Vorsatzes war, mich
samt dem Pferde in eine See zu stürzen, dadurch ich in eine viel grössere Pein
und Qual würde gefallen sein. Aber Isidoro hatte gute Aufsicht, bis wir das Gut
meines Vaters erlangten, auf welchem wir überaus stattlich empfangen worden.
    Dieser Tag war der erste, an welchem ich meinen Vater habe kennenlernen, und
er bat es mir unzähligmal, auch sogar mit vielen Tränen ab, ihm zu verzeihen,
dass er mir so übels Geschicke durch seinen Aberglauben über meine Person
gezogen. Er beweinete neben mir den plötzlichen Hintritt der alleredelsten
Caspia und erzählete beinebens allerlei Ursachen, welche sie zu dem Tod
gebracht, darunter die absonderliche Melancholei, welche sie wegen der
Abwesenheit meiner Person geschöpfet, nicht die geringste gewesen.
    Alle diese Erzählungen verwundeten mein Herz aufs neue. Derowegen begab ich
mich auf dem Schlösslein in ein abgelegenes Zimmer, darinnen ich alle meine Zeit
mit Seufzen und Ächzen zugebracht. Ich hatte nur noch eine Schwester von
fünfzehen Jahren, die war sehr tugendsam erzogen, dieselbe tröstete mich nach
ihrem kindlichen Verstand und wusste nicht, wie sehr der Verlust desjenigen
Dinges schmerze, welches man sowohl aus dem Besitz als der Hoffnung verloren.
    Der Vater selbst trauerte mit mir. Er weinete und stellete sich wegen meiner
schmerzhafter, als ichs geglaubet hätte, dass ers sollte tun können. Meine Frau
Mutter war ingleichen geschäftig, mich meines so jämmerlichen Schmerzens zu
entledigen, aber ihre Gründe waren nicht genug, mir dasjenige aus dem Herzen zu
heben, was sich mehr als zu tief darinnen eingesenket und gegründet hatte. Ich
verschloss dannenhero das Zimmer und weinete ganz allein, ohne Trost und
Hoffnung, wie der verlassenste Mensch unter der Sonnen.
    Isidoro hatte sich indessen wieder nach Hause verfüget, welchem der Vater
das Geleite gegeben und ihn gebeten, mich nach seiner Gelegenheit zu besuchen
und zu sehen, wie er mich wieder zurechtbrächte, weil ihm an mir ein merkliches
gelegen. Er glaubte auch gänzlich, so ich mir in solchem Zustand einiges Leid
zufügte, dass er an solchem allen die einzige Ursach wäre. Nach solchem nahmen
sie auf der Strasse voneinander Urlaub, und mein Vater tröstete mich nach seiner
Zurückkunft, soviel ihm anständig und möglich war. Ich aber wurde je länger je
melancholischer und fand in dem Grund der Wahrheit, dass kein so lustiges Gemüt
auf Erden zu finden, welches durch die Zustände einer unvergnügten Liebe nicht
zu überwinden und mit den allerdickesten Wolken der Trübseligkeit zu überziehen
wäre.
 
                                  IX. Capitul.
   Zendorii elender Zustand. Wird ein Einsiedler, und was ihm in der Wildnis
                                   begegnet.
 Die Welt ist voll mit Schmerz und Tand;
 Weit von dem Feu'r, weit von dem Brand.
Eine solche elende Beschaffenheit hatte es dazumal mit mir ganz verlassenen
Menschen. Es mangelte mir zwar weder an Essen noch Trinken, so hatte ich auch zu
Vertreibung meiner übermässigen Grillen Gelegenheit genug, mit den Windhunden in
unsere Gehege zu reuten und daselber meine verdrüssliche Stunden mit Hetzen zu
vertreiben, aber die unvergleichliche Liebespassion hatte mich dergestalten
eingenommen, dass sie alle zufällige Lustsuchungen gänzlich bezwungen und
überwunden. Der Herr Vater wusste endlich selbst nicht, was mit mir anzufangen
sei. Er hatte Barbierer und andere Ärzte bestellet, meine Krankheit zu curieren,
aber ich nahm so wenig ihre Ratschläge als die Medicamenten an, sondern
entschloss, mich heimlich aus dem Staub zu machen, in eine Wildnis zu gehen und
daselber das übrige Teil meines Lebens zuzubringen.
    Die Gegend des Landes gab meinem Vornehmen nicht geringen Vorschub, indem es
weit und breit herum genug rauhe Berge und scharfichte Steinklippen gab, in und
zwischen welchen ich nach meinem Vorsatz gar wohl und einsam leben konnte, denn
ich achtete ausser der Liebe der nunmehr verstorbenen Caspia alles Zeitliche nur
vor einen geringen Schatten, ja viel weniger als nichts, und dahero fand ich in
mir selber keinen Widerstand, vermittelst welchem ich in meinem Vorhaben hätte
können zurückegezogen werden, obschon die Sache selber und die Art eines
solchen Lebens Ursach genug gab, abgeschrecket zu werden. Jedennoch konnte ichs
um so viel desto leichter ins Werk stellen, je eine grössere Vergnüglichkeit ich
in einem so erwünschten Wandel suchte.
    Vier Tage nach meiner gefassten Resolution nahm ich so viel Geld zu mir, als
etwan zu einem solchen Vornehmen möchte erfordert werden. Ich hatte mir bei
unserm Schlossschneider ganz in der Stille einen Waldbruders-Rock verfertigen
lassen, welches ein ziemlicher dicker und dauerhafter Mönch-Boy war, damit
kleidete ich mich in meiner Kammer an, hing einen grossen Paternoster an den
Lendengürtel, nahm einen Stock in die Hand, den Pfaffenmantel um den Leib, und
damit ging ich in tiefster Nacht zum Schloss hinaus.
    Die Kettenhunde belleten mich ziemlich an. Weil aber ihr Geheule aus
Gewohnheit nicht viel in acht genommen wurde, zum Teil auch das meiste Gesind im
ersten Schlafe begriffen war, kam ich ganz unvermerkt auf die Strasse, nachdem
ich zuvor einen Brief in der Kammer zurückgelassen, aus dessen Inhalt meine
Eltern ersehen konnten, welch eine Lebensart ich auf mich genommen und wie ich
eigentlich resolvieret wäre, mein trauriges Leben zu beschliessen.
Solchergestalten verliess ich das Schloss in der Nacht und begab mich in eine
abscheuliche Wüstenei, allwo vielleicht viel mehr wilde Tier als Menschen
gewohnet. Ich setzte mich zwischen zwei hohen Felsen auf der Höhe eines Berges
und machte meine Wohnung von dem Moos, welches ich von den Bäumen riss. Meine
Oberdecke oder das Dach richtete ich zu mit grossen und abgefallenen Rinden, mit
allerlei Blättern vermischet, die ich da antreffen konnte. Dergestalten sass ich
an einem Ort, wo mich weder Sonn noch Mond bestrahlen konnte, in grossem Elend
und langweiliger Einsamkeit.
    In der erste konnte ich die menschliche Gesellschaft sehr hart entbehren,
ging dahero auf unterschiedene und weit abgelegene Örter betteln und sammlete da
zusammen allerlei Victualien, bis ich gewohnet wurde, mit meinen Händen die
Wurzel aus der Erde zu graben. Es ist mir all mein Lebtag nichts Verdrüsslichers
vorgekommen, als wenn ich zu Nachtzeit so gar einsam und von aller menschlichen
Gesellschaft verlassen in meinem Nest gesessen und mein grosses Elend betrachtet
habe. Ich hörte weder Uhr noch Glocke, dardurch ich hätte können die Zeit
abmessen, und kann mir nicht einbilden, dass ein Mensch auf der Welt so grosse
Verdriesslichkeiten als ich dazumal gefühlet. Unter meinem Berge war ein grosser
See, und wenn ich auf solchem etwan des Tages ein paar Fischerschifflein
vorüber- oder auch auf der Ferne fahren sehen, so war es die
allervortrefflichste Lust, die ich in dieser Einöde zu geniessen hatte. Urteile
dahero nicht unbillig, dass ich durch die Erzählung meiner Trauer dem geneigten
Leser wenig Freude verursachen werde, indem ich nur vorstelle solche Sachen, die
von aller Ergötzlichkeit weit entlegen sind.
    Aber eben darum werden solche Zustände mit so gewissen Umständen
beschrieben, auf dass man sehen kann, welch einem Übel sich der Mensch oftermalen
selber unterwirft, wenn er sich weder führen noch raten will lassen. Ich hatte
zwar genug Ursach, die Eitelkeit der Erden zu fliehen, und bin deswegen von
keinem Menschen zu verdammen, aber wenn ich betrachte die Ursach und den Anfang
meiner Einsamkeit, finde ich keinen grossen noch starken Grund darinnen, auf
welchen ich meine angefangene Strengigkeit des Lebens hätte bauen und fortführen
können. Denn es war vielmehr eine Verzweifelung als ein wahrer Vorsatz zu
nennen, durch welche ich angetrieben worden, eine solche Lebensart zu erkiesen,
vor der sich auch die Tiere scheuen.
    Wenn es regnete, legte ich mich hinter das Dach der Baumrinden, damit ich
daselber bei dem angenehmen Gemurmel der Wassertropfen einschlummern und
schlafen möchte. Genoss auch diese angenehme Lust ziemlich oft und viel, weil auf
diesem Gebürge fast täglich grosse Sturmregen waren, unter welchen ich zuweilen
in einem Buche gelesen, die ich zu Vertreibung der Zeit von dem Schloss zu mir
genommen. Wahrhaftig, diese Art zu leben war mir fast noch die allerangenehmste,
wenn ich nur nicht so sehr ausser mir selber wäre entzucket gewesen, denn das
Angedenken der Caspia liess mich bei keiner Gemüts-Zufriedenheit, sondern
zerstreuete meine Gedanken wohl tausendfältig hin und wider, dass ich mir endlich
selbst nicht mehr zu raten wusste.
    Sehet, wohin endlich das menschliche Gemüt gerate, wenn es durch gelegte
Stricke in sich selber verwickelt wird. Es ist keine Hand so künstlich, solche
Knöpfe aufzulesen, und Alexandri Schwert ist viel zuwenig gewetzet, diese Knoten
entzweizuschneiden, denn ich halte kein Elend so gross und unermessen als
dasjenige, welches verursachet, kleinmütig zu werden, weil dadurch umgestossen
wird diejenige Kraft, durch welche sich der Mensch selber zu trösten vermag.
    »Armer Zendorio,« sagte ich zu mir selbst, »du bist gleich einem wilden
Vieh, welches in der Wildnis herumwallet, seine Speise und Aufentalt zu suchen.
Das Unglück peinigte dich unter den Menschen, und die Einsamkeit quälet dich
unter dem wilden und vernunftlosen Vieh! Du bist viel verlassener als jene, weil
du etwas bindest mit Gewalt, was sie von Natur auszustehen gewohnet sind. Sei
geduldig und ertrage dein Leid. Dein Schmerz wird doch deswegen nicht
verringert, ob du dich gleich darum betrübest, dass er nicht kann gemindert
werden. Diese Einöde hält deinen Leib verborgen, aber sie vermag nicht
auszuschliessen die widrige Gedanken, so dich ohne Unterlass peinigen. O ihr meine
Gedanken! Ihr seid diejenige Würze, welche mein Fleisch vor der Zeit verzehren,
und ich werde so lang in euch unglückselig sein, solang ihr mich Unglückseligen
nicht verlasset.
    Ich habe von euch und auch von dir, o eitle Erde, nichts als unaufhörlichen
Verdruss! Wo ich mich hinwende, erblicke ich nichts anders als eine Kreuzschule
meines Lebens, in welcher ich so lange lernen und studieren muss, als lang meine
mühselige Tage nicht vollendet werden. Deine Bitterkeit, o schnöde und bald
verschwindende Zeit, ist mir mehr als zuviel bekannt, und dennoch habe ich dich
noch nicht verwerfen können, weil es mir mangelte an dem wahren Grund einer
herzlichen Andacht, durch welche ich mich deinen Stricken möchte entrissen
haben. Diese grobe Einöde und dieser grausame Ort tragen mit mir ein herzliches
Mitleiden, und die Blätter, so an den Bäumen hin und wider wanken, geben sattsam
zu verstehen, wie betrübt sie alsdann über meinen Zustand sein würden, so sie
das Leben hätten, solches gegen mich zu entdecken. Ach, wie schmerzet ihr, ach
wie peiniget ihr, ihr quälende Gedanken! Eure Folter übertrifft alle Grausamkeit
der Henker, und eure Fessel sind an der Schärfe nur mit sich selbst zu
vergleichen. Was soll ich nun tun oder ferners in der Welt beginnen, weil ich
diejenige in dem Grab verschlossen weiss, bei welcher ich alle meine
Zufriedenheit gesuchet? Warum soll ich leben, wenn ich hinfüro all meine Stunden
in derjenigen Trauer vergraben muss, welche mich je länger je mehr zu töten
drohet? Wahrhaftig, dieses Betrübnis übertrifft alle Marter der Barbaren und
Tyrannen, mit welchen sie ihre Gefangene beleget haben.«
    Mit solchem Wehklagen wandelte ich die Wildnis auf und ab. Meine Hütte wurde
bald von dem Wind, bald von dem Regen zuschanden gemachet, dahero kriegte ich
ohne Unterlass zu flicken und zu arbeiten, dadurch ich in etwas verhindert
worden, meinen Grillen nachzuhängen. Endlich sah ich zu meinem Vorteil einen
hohlen Baum, darinnen ich mich so gut entalten, als es der Ort mit seiner
Gelegenheit erdulden wollen. Ich schnitt durch die Rinde ein Fensterlein, und
vor das übrige Loch des Einganges flocht ich eine von Weidruten
zusammengeflochtene Tür, welche ich mit Baummoos und anderm Grase verstopfte,
und auf eine solche Weise bestallte ich meine neue Eremiterei elend und
barmherzig genug, verlangte auch nichts mehr, als in diesem miserabeln Zustande
bis an das Ende meines Lebens zu verharren.
    Eines Abends, als ein sehr starker Regen einfiel, befand ich mich in einem
tiefen Tal, ober welchem ich meinen Wohnbaum stehen hatte, daselber das Moos
von den Rinden zu sammlen, mit welchem ich meine Wohnung vor Frost und Kälte zu
verwahren willens war. Der Regen wurde immer je stärker, dahero eilete ich über
den Berg hinauf und verschloss mich in meine Klausen, so gut ich konnte. Das
angenehme Geräusch desselben verursachte gar bald, dass ich mich niederlegte,
weil ich zu solchem Raum genug hatte, und durch dieses Mittel schlummerte ich je
länger je tiefer ein, bis ich endlich zu schlafen angefangen und eine ziemliche
Zeit getraumet hatte.
    Aus solchem meinem tiefen Schlaf wurde ich unversehens erwecket, wusste aber
erstlich nicht, von was. Ich rieb die Augen, wendete mich hin und wider, hörte
aber gar bald etliche Wölfe heulen, durch welches Geschrei ich ohne Zweifel
dazumal aufgewecket worden. Nachdem ich das Fensterlein eröffnet und
hinausgesehen, stehen unfern von mir sechs grosse Wölfe bei einem Hirschen,
welchen sie schon halb aufgefressen hatten. Der Anblick dieser Tiere machte mich
nicht ein geringes bestürzet, weil ich mir weder zu raten noch zu helfen wusste.
Ich verknüpfte die Tür, so gut als ich nur konnte, aber allem Ansehen nach so
war solche gegen so viel und grosse Wölfe viel zu schwach, und hinauszulaufen war
gar nicht ratsam, weil ich mich durch dieses Mittel ihnen selbst in den
hungerigen Rachen würde gestecket haben. Weil nun der Baum hinaufwärts etwas
enger war als untenher, resolvierte ich, mich dahin zu verfügen, stieg also
gleich einem Feuer-Mäuer-Kehrer über mich, und daroben stiess ich ein
absonderliches Loch aus, durch welches ich den Wölfen ferner zusehen können.
    Diese Retirierung kam mir ausdermassen wohl zustatt, denn die Wölfe kamen
nach aufgefressenem Hirsch nicht allein zu meinem Baum her, sondern rissen die
Tür auf und voneinander, allwo noch vier andere zu der vorigen Zahl gekommen und
ein greulich Geheule angefangen. Ich hielt mich in der Höhe mit allen vieren an,
so gut es der Baum leiden konnte, kroch auch je länger je höher hinauf und
zitterte vor Furcht gleich einem Blatt an dem Baum. Auf den Regen kam ein grosser
Wind, durch welchen ich in dem Baum hin und wider geschwenket worden, also dass
ich geforchten, der Wind dörfte mich samt dem Baum zur Erden werfen, und
solchergestalten hätte ich einen doppelten Untergang zu förchten.
    Die Wölfe schnupften immer mit der Nase gegen mir herauf, sie sprangen und
kratzten wider den Baum, und unerachtet ich grausam und stark hinwieder
geschrien, wichen sie doch keinesweges, sondern fuhren in ihrem abscheulichen
Geheule dermassen fort, bis ich ganz an meinem Leben verzaget. Ich stiess daroben
noch ein Loch aus und rufte um Hülfe. Aber wer sollte mich in dieser Wildnis
haben hören können, da ich noch keinen Menschen gesehen habe? Dahero war dieses
mein endlicher Entschluss, so lange in der Höhle auszudauern, als es meine Kräfte
erdulden wollten, und solchergestalt wurf ich meine Einsiedlerskappe vom Kopf
hinweg und unter die Wölfe hinunter, welche sie in kleine Stücke voneinander
gerissen, daraus ich gespüret, wie sie meinem Leib mitfahren würden, so ihnen
solcher in die Zähne geriete. In solchen Gedanken erhörte ich ein Jägerhorn, und
ich glaubte gar, es wäre der böse Geist, weil man Exempel hat, dass dergleichen
Jagden gar viel und zu unterschiedlichen Malen von ihm gehöret worden, dahero
kann der geneigte Leser betrachten, in was vor einer Furcht dazumal mein Herz
gestanden, welches sich allgemach von zweien Feinden angelaufen zu werden
glaubte. Allein das Jägerhorn kam je länger je näher, und ich sah zum grossen und
unverhofften Trost meiner Person einen Jäger zu dem Baum kommen, welcher das
Anzeichen gab, als wären seine Glieder vom starken Herumstreifen sehr müde.
    Er liess sich zur Erde nieder, als schon vier andere seiner Gesellen
hernachkamen, zu welchen er geredet, dass er in dem Gehölze gänzlich verirret
sei. Kurz darauf kamen ihrer drei zu Pferd, gleich den Jägern bekleidet; und die
Wölfe, so in und um meinen Baum herumgestanden, wendeten sich um, teils blieben
stehen, teils liefen in die Tiefe, aber ich rufte oben zu dem Loche heraus um
Hülfe, welche sie mir auch alsobald geleistet, indem sie noch zwei Stück vor
meinem Baum erschossen. Die übrigen gaben die Flucht, und solchergestalten kam
ich mit grosser Gefahr den Baum wiederum hernieder und bedankte mich wegen ihrer
Hülfe.
    Es war bald Nacht, derhalben machten sie ein Feuer nächst dem Baum und
blieben die Nacht bei mir auf der Erde schlafen. Es hielt einer um den andern
die Wach, und verwunderten sich über die Begebenheit, so mich heute abend so
unversehens in dem Walde betroffen. Weil ich nun in so geraumer Zeit keinen
Menschen in dieser Einöde gesehen noch verspüret, als bat ich denjenigen, so die
Wache hatte, mir zu erzählen, wie und auf was Weise sie so unverhofft in diese
Gegend geraten.
 
                                  X. Capitul.
            Etliche Jäger werden von Ludwig in den Wald geschicket.
 Wenn Unglück, Furcht und Schrecken blitzt,
 So kommt ein andrer, der uns schützt.
»Mein lieber Eremit,« gab der Jäger zur Antwort, »es ist freilich nicht ohne,
dass in dieser Gegend wohl der tausendste Jäger, viel weniger ein anderer Mensch
niemalen gewesen ist. Aber die Ursach unsers so weiten Herumstreifens wird
verursachet von einer Hochzeit, welche über acht Tage auf dem Schloss eines
Edelmannes solle vollzogen werden.
    Wir dienen einem Freisassen namens Ludwig, auf dessen Schloss entält sich
schon ein halbes Jahr her eine schöne Dam namens Caspia, die ihresgleichen
schwerlich in der Welt haben wird. Es ist noch kein Jahr, als sie sich mit einem
Kerl in ein heimliches Verständnis eingelassen. Derselbe muss ohne allen Zweifel
nicht wohl sein bei Sinnen gewesen, denn er hielt sich selbst vor einen
Schinderssohn, welcher er doch nicht war, sondern er ist dem gemeinen Ruf nach
von seinem Vater von Jugend auf mit dieser wunderlichen Meinung aufgezogen
worden, dadurch er Ursache und genugsamen Grund bekommen, sich selber vor
verachtet zu halten, ob er schon in dem Werk selber von einem alten
Geschlechte des Landes entsprossen. Seine Qualitäten sind dermalen nicht anders
bekannt, als was Unterschiedliche vom Adel von demselben bishero rühmlich
berichtet haben, und erscheinet aus dem, dass er ein wackerer Mensch müsse
gewesen sein, weil Caspia nach seinem Hinwegscheiden in tausend traurige
Verwirrungen geraten, dadurch sie gezwungen worden, das Gut zu verlassen und
sich in eine Einöde zu begeben, darinnen sie auch durch zwölf ganzer Wochen ein
recht scharfes und eremitisches Leben geführet.
    Es trug sich aber ungefähr zu, dass mein Herr in der Wildnis herumritt,
daselber die Forste aus- und abzuteilen, als er ihrer mit grosser Verwunderung
in einer Steinhöhle gewahr wurde; brachte sie endlich mit sich heraus und hat
sie so viel beredet, auf seinem Schloss zu wohnen und ihr voriges Leben
anzufangen. Sie hat gefolget, obwohl ganz gezwungen. Aber Monsieur Ludwig, als
er erfahren, dass ihr gewesener Liebster nimmermehr und nirgends anzutreffen sei,
beredete er sie so weit, dass sie sich mit einem vom Adel in ein eheliches
Gelübde einzulassen schien, obschon hierinnen sonderliche Practiquen steckten,
welche der Bräutigam durch Finanzereien angestiftet. Er heisset mit Namen Faustus
und ist ein Jüngling, der vor allen den Ruhm und Vorzug alleine hat. Seine Güter
sollen sich in zwei Tonnen belaufen, aber dem allen ungeachtet, weinet doch die
Jungfrau Tag und Nacht, weil sie sich nicht entschliessen kann, das Gedächtnis
des Vorigen aus ihrem Herzen zu jagen. Sie erbarmet allem Schlossgesinde, und wie
es scheinet, so dörfte wohl gar nichts aus der Hochzeit werden, denn es kam
neulich ein junger Edelmann namens Isidoro auf das Schloss, welcher meines Herrn
vertrautester Freund und Bruder ist. Derselbe brachte Bericht, dass er den
vorigen Liebhaber nicht allein in der Ferne wieder angetroffen, sondern
denselben auch mit sich nach Haus gebracht.
    Nun ist sichs zu verwundern, was vor eine grosse Irre in dieser Sache
entstanden; denn als Caspia aus Unmut und grosser Melancholei das Schloss
verlassen, gegen den Wald gegangen und in demselben ein so scharfes Leben
angefangen, hat sie ganz heimlich und im verborgenen ihre Muhme an ihre Stell
auf das Gut gesetzet, [ihr] auch all dasjenige eigen übergeben, was sie zuvor im
Besitz gehabt.
    Diese ihre Muhme war eine ausdermassen artige Jungfer, und konnte man unter
beiden keinen grossen Unterscheid finden. Sie nennete sich zu mehrerm Behuf auch
Caspia, wurde aber unversehens mit einer schnellen Krankheit überfallen, dadurch
sie ins Grab gebracht und neulich beerdigt worden. Nach dem Tod dieser Caspia
nahm Monsieur Ludwig als der nächste Erbe das Gut in Besitz, aber nachdem er die
rechte Caspia mit Verwunderung und wider alles Verhoffen nach vorerzählter
Historia in einem groben und rauhen Wald zwischen spitzigen Steinklippen
angetroffen, hat er ihr das Erbe wieder eingeraumet, ob sie sich schon
entschlossen, nicht das geringste Wort mehr davon zu hören.
    Ich habe Euch kurz zuvor gesaget von der Wiederkunft des Isidori auf unser
Schloss und zugleich von der fröhlichen Post, die er an die Caspia nach
entdecktem Zweifel abgeleget, aber die Jungfrau hielt alles nur vor einen
traumenden Trost, der viel mehr zu peinigen als die Pein zu lindern pflegte. Auf
solches ritt mein Herr mit ihm in eigener Person auf des Fremden Gut, welchen
sie Zendorio hiessen, kamen aber leider mehr als gar zu traurig wiederum zurücke,
indem sie keine andere Nachricht von ihm einholen können, als dass er in einer
Nacht wider Verhoffen das Schloss ganz heimlich verlassen und sich zweifelsohne
in einen solchen Ort begeben hätte, darinnen er nimmermehr würde zu finden sein.
    Diese Zeitung brach der betrübten und noch lebenden Caspia fast gar das
Herze, und sie wusste lange nicht, wie sie sich darein schicken sollte. Faustus
aber hat bei so beschaffener Sache seine Gelegenheit in Obacht genommen, und
stehet dahin, ob ihr eheliches Verlöbnis ehestens vorbeigehen dörfte, weil wir
ausgeschicket worden, zu solchem etliche rare und kostbare Tiere aufzusuchen.
Und dieses ist eigentlich der Weg und die Ursach, welche uns in diese
abscheuliche und von allen Menschen abgesonderte Wildnis getrieben, sonst hätten
wir nimmermehr die Gelegenheit gehabt, Euch frommen und einsamen Menschen mit
unserer Hülfe beizustehen und Euch aus einer solchen Gefahr zu erretten, in
welcher manch ehrlicher Kerl zuschanden gegangen.«
 
                                  XI. Capitul.
                      Zendorio kommt auf Ludwigs Castell.
 Der Tag bricht nach der Nacht herein,
 Auf Regen folget Sonnenschein.
Der Jäger hatte bei dem Feuer seine Rede mit einer sonderlichen Höflichkeit
beschlossen, als ich in meinem Herzen viel tausend Kreuz gemachet, zumalen er
solche Sachen erzählet, die wohl eine mehrere Verwunderung als diese würdig
waren. Ich seufzete unter währender Erzählung unzähligmal und wusste meine
Affecten nicht so tief zu verbergen, dass der Jäger nicht eines und das andere an
mir wohl wahrgenommen. Denn es ist einem recht Verliebten unmöglich, die
Schalkheit so gar aus dem Grund und Fundament zu verbergen und auf die Seite zu
stellen, so sehr und beflissen er auch ist, sich mit einem scheinheiligen
Fuchsschwanz zu verdecken.
    Er fragte mich dannenhero, was ich so bitterlich über und unter währender
seiner Erzählung geseufzet hätte, und ob mir von gegenwärtiger Sache etwas
bekannt wäre. Ich gab zur Antwort, dass ich nicht ein Wort um seine erzählte
Begebenheit wüsste, sondern dass ich mich vielmehr in meinem Herzen erfreuete, dass
Monsieur Ludwig noch im Leben wäre, welcher ehedessen mein vertrautester Freund
unter Tausenden gewesen, auch so es möglich wäre, wollte ich wünschen, dass ich
ihn noch vor meinem Tod sehen möchte. Der Jäger versprach, mir hierzu fleissige
Hülfe zu leisten, redete darauf eines und das andere, ich aber legte mich hinum
und schlief auf meinen eingenommenen Schrecken ein wenig aus.
    Sie bliesen schon ihr Horn, als ich morgens aufwachte und das Feuer
ausgeloschen befand. Der vorige Jäger hiess mich mitkommen, so gut ich könnte,
und damit eilete ich mit diesen Leuten den Wald mit müden Füssen hin und wider,
bis wir nach dreien Tagen ganz ermüdet nach Hause und auf das Schloss Monsieur
Ludwigs gerieten.
    Sie hatten etliche Tiere gefället, mit welchen man der Küche zueilete, weil
man beflissen war, den Faustus mit einer guten Mahlzeit zu bewillkommen, welcher
mit seinen Leuten ganz herrlich eingezogen war. Ich stund in der Jägerstube,
dahin mich meine Begleiter logieret hatten, und sah mit Verwunderung, wie sehr
er sich zu seinem Hochzeittage gerüstet. Seine Diener prangten mit der schönsten
Liverei, aber wie ich berichtet war, so weinete die Caspia unermesslich, und
Ludwig war beflissen, die Sache zu hintertreiben, soviel ihm möglich, weil er
gesehen, dass sie durchaus gegen dem Fausto mit einziger Gegenliebe nicht zu
bewegen war.
    Ludwig forschte endlich aus den Jägern, wo sie bishero herumgestreifet, und
erfähret endlich von denselben, dass sie einen Eremiten mit sich gebracht, der
nach seiner Person so vielmal geseufzet und verlanget hätte. Er lachte und kam
auf die Botschaft der Jäger selbst zu mir in ihre Stube, allwo er mich angeredet
und gefraget, was meines Tuns wäre und wie ich mit ihm bekannt wäre. Ich nahm
Monsieur Ludwig ein wenig auf die Seite und sagte ihm ins Ohr: »Monsieur Ludwig,
kennest du deinen Bruder Zendorio nicht mehr?« Auf diese Frage wendete er sich
schnell gegen mir, heisset die Jäger hinausgehen und sagte: »Ach, allerliebster
Freund unter der Sonnen, welch ein wunderlich Glück gibt mir zu, dass ich dich
hier in meine Arme schliessen kann? Ich grüsse dich, o allerwertester Freund, und
erfreue mich über deiner Gegenwart mehr denn über Gold und Silber. Herzliebster
Bruder, sage mir, wie hat dirs gegangen und wie kommst du in diesen artlichen
Habit? Wett der Teufel, wie siehst du aus? Ich hätte dich viel eher vor einen
Wiedhopf als vor den Zendorio gehalten, erzähle mir doch nur mit wenigem, wie es
dir ergangen, denn ich sterbe fast vor Begierde, deine Zustände zu erfahren.«
    Hiermit führte er mich mit sich über eine steinerne Treppe von acht Stufen
hoch, daselbst setzte ich mich mit ihm in ein kleines Zimmer, allwo ich ihm ganz
umständlich erzählet, wie und auf was Weise ich bis dahero gelebet und wie elend
ich meine Zeit zugebracht hatte. Bald sprang er in die Höhe, bald setzte er sich
wieder nieder, so sehr konnte er sich über meine Erzählung verändern. Er wand
die Hände zusammen, schwang dieselbe bald über den Kopf, bald auf den Bauch,
bald umfasste er mich gar mit beiden Armen und trieb ein rechtes Affenspiel mit
mir. »Du armer Schelm,« sagte er, »kommst gleich noch recht zur Hochzeit. Deine
Liebste hat sich fast die Augen ausgekratzet, dadurch sie endlich würde
ausgesehen haben wie diejenigen, welche in dem Meer oft ohne Nasen, Augen und
Ohren an das Ufer geworfen werden, welches nach dem Zeugnis unterschiedlicher
Autoren von den Meerwundern, so sich in der Tiefe des Wasserreichs befinden,
geschehen solle. Deine Zustände sind zu beschmerzen, aber weil du nach
ausgestandenem Ungewitter nunmehro unter warmer Sonnen stehest, hast du dich
nicht mehr zu betrüben über ein solches Geschicke, welches dir vielmehr Anlass
gegeben, deine Freude zu verdoppeln. Mein Schloss soll diesen Tag vor den
allerfreudenreichsten halten, und nichts wird in meinem geringen Vermögen
stehen, das ich dir zu Ehren zurückhalten werde. Lebe wohl, ich gehe nun zu der
Caspia, welche sich in dem obern Geschoss ganz alleine verschlossen.«
    Nach diesen Worten verliess mich der ehrliche Ludwig, und ich legte mich
indessen auf eine Bank, weil ich von der Reise noch nicht ausgeruhet hatte. Nach
einer Viertelstund kam er wieder herunter, und ich hörete ihn schon über die
Treppe springen, als er zugleich an der Tür war und mich geschwinde mit sich
kommen hiess, weil er einen Hauptpossen angestellet hatte. Er machte es fast wie
Marchetti, der kaiserliche Musicus. Als sich ein teutscher Violinist zu Wien
wollte hören lassen, lauft er zu ihm und sagt: »Schwind, schwind, schwind,
schwind, fein schwind!« So ging es auch mit mir, denn ich konnte mich kaum so
bald von der Bank erheben, als er mich schon bei dem Ärmel genommen und mit sich
zu der Caspia Gemach hinaufgeschleppet. Er eröffnete die Tür und führte mich mit
sich in grosser Ehrerbietigkeit zu ihr hinein, und nach solchem nahm er seinen
Abschied, uns ganz alleine beieinander lassend.
    Caspia, welche noch voll Tränen stund, fing an, gegen mir folgende Worte zu
reden: »Allerliebster Herr Doctor, ich höre, Er habe eine Salbe, die Tränen zu
stillen. Weil mir nun meine Augen von denselben ganz wund geworden, bitte ich,
Er lasse mir welche zukommen.« Ich musste heimlich lachen, dass Ludwig in dieser
ernstlichen Sache seine Narrenpossen nicht verbergen können, sondern mich bei
der Caspia vor einen Quacksalber ausgegeben, die da Salben vor die Augen
verkaufen, und musste dahero lachen, wenn mich nicht die plötzliche Freude sowohl
als die grosse Erbarmnis über dieses unschuldige Kind zu einem Mitleiden bewogen
hätten. »Caspia,« sagte ich, »Ludwig ist ein scherzhafter Mensch, welcher unter
einem Waldbruder und Gassenarzt keinen Unterscheid machet. Aber warum bittet Sie
um eine Salbe vor die Tränen? Sie ist eine Braut und hat vielmehr Ursach, zu
frohlocken als zu weinen!«
    »Ach, Ihr irret ganz weit,« sagte Caspia, »mein frommer Eremit. Ludwig
scherzet zwar, und ist mir leid, dass er Euch vor einen Arzt bei mir angegeben,
der Ihr doch nicht seid. Entgegen aber habt auch Ihr in diesem unrecht
geschlossen, dass ich eine Braut sei, die ich doch nicht zu sein verlange.«
Hiermit fing sie wieder an zu weinen, aber Ludwig eröffnete das Zimmer und
sagte: »Bruder Zendorio, was machst du mit ihr viel dicentes?« Hiermit riss er
mir die Mütze vom Kopfe und sagte gegen die Caspia: »Jungfer, erschrecket nicht
und sehet den Kerl recht an!« Mit diesen Worten lief er wieder zum Zimmer
hinaus. Caspia war fast vor Freuden zu Boden gesunken, als sie mich zu
betrachten angefangen, denn sie erkannte mich mehr als zuviel. Ich war so
weichherzig, dass ich mit ihr zu weinen anfing, ob uns schon Ludwig von Herzen
ausser der Tür aushöhnete. Ich küssete sie wohl tausendmal, und sie wusste nicht,
was sie mir vor übergrossen Freuden vor Freund- und Liebsstücke erweisen sollte,
bis uns Ludwig voneinander brachte und sagte: »Nun muss aller Scherz auf die
Seite gesetzet sein. Die Sach braucht Ernst. Denn Faustus muss mit Manier
abgewiesen, und dir, Bruder Zendorio, muss die Jungfrau werden. Das ist das
beste, dass er noch keine Versicherung hat, sonst dörfte der Handel blutig
ablaufen. Aber er mag beginnen, was er will, wenn er Verstand im Kopf hat, so
wird er spüren, dass ihm die wunderliche Zustände des Glückes und nicht wir ihm
die Braut aus den Händen gespielet haben.«
    Hierauf redete er die Sache ganz ausführlich mit uns ab und liess zur
Beförderung dessen Monsieur Isidoro von dem Schloss hierherrufen, welcher sich
fast zu Tode verwundert, da er mich in meinem lästerlichen Einsiedlersrocke
betrachtet. Sie machten die Sache ganz kurz und unterrichteten die Caspia auf
eine solche Weise, dass sie zu Fausto sagen sollte, er solle ihr in Gegenwart
gewisser und nötiger Zeugen einen Eid ablegen, dass er sie nicht heiraten wollte,
sofern sich Zendorio innerhalb vierundzwanzig Stunden auf dem Schloss einfinde,
käme er aber zwischen dieser gesetzten Zeit nicht, so wollte sie ihm entgegen
schwören, ihn, den Faustus, zu ehelichen, und auf eine solche Weise wäre sie
entschlossen, die Ehe zu schliessen und zu contrahieren.
    Faustus, welcher sich nichts weniger als die Gegenwart des Zendorio
eingebildet noch geglaubet hätte, dass ich solle so nahe sein, liess sich mit
einer hohen Verpflichtung nach Verlangen der Caspia heraus und vermeinte,
nunmehr den Fisch gefangen zu haben.
 
                                 XII. Capitul.
          Faustus geht durch. Zendorio macht mit der Caspia Hochzeit.
 Oft mancher greift nach schnödem Gut,
 Hat nichts, wenn er die Händ auftut.
Der Eid, welchen Faustus abgeleget, geschah in einer grossen Frequenz der
Adeligen, welche sich ob der geschwinden Resolution der Caspia sehr
verwunderten, zumalen sie sich sonsten auf keinerlei Condition noch Manier mit
ihm einlassen, viel weniger verbinden wollen. Aber Ludwig hatte indessen mit
Isidoro dem Schneider gerufen und mir ein stattliches Kleid verfertigen lassen.
Es ging der Morgen vorbei, und Faustus gedachte schon an das vierte Teil seines
Gewinsts, unerachtet er nicht gedacht, was der späte Abend mit sich bringen
dörfte. Solchermassen rückte der Abend herzu, und wurde schon die funfzehente
Stunde gezählet, von der Zeit, da der Pact eingegangen worden. Das Tor war zu
und dahero die Freude des Faustus desto grösser, dass Zendorio nicht hereinkommen
würde. Zu Ende dessen bestach er den Torwärter, damit er alle Fremde abweisen
sollte, und auf eine solche Art verhoffte er eine so lang belagerte Vestung zu
gewinnen und einzunehmen.
    Man trägt das Abendessen zur Tafel, und Faustus wurde der Caspia an die
Seite gesetzet. Sie war viel eines heroischem Gemüts als sonsten, deswegen
gratulierte sich Faustus recht freudig in dem Herzen, verhoffend, nunmehr einen
glücklichen Ausgang gefunden zu haben. Ludwig und Isidoro, die continuierlich
als zwei Brüder beisammen gestecket, brachten mich mit sich ganz in einem andern
Habit und Gestalt. Faustus hielt mich erstlich vor einen Reisenden vom Adel, und
weil ich unter ihm gesetzet wurde, glaubte er mich nichts weniger als den
Zendorio zu sein.
    Aber nachdem Caspia das erste Glas ergriffen, trank sie solches mir mit
folgenden Worten zu: »Zendorio, seine Dienerin bringt Ihms, in Gesundheit des
Faustus.« Ich stund hiermit von dem Sessel auf und Faustus ingleichen, viel mehr
aus Bestürzung als Ehrerbietigkeit. Isidoro und Ludwig sagten hierauf zu Fausto:
»Monsieur, der Pact ist verspielt, wir præsumieren von keinem Cavalier, dass er
seine Parola, viel weniger seinen Eid leugnen und zurücknehmen werde. Hier
sitzet Zendorio, herumgetrieben von tausend Unglückswinden. Er ist, eine Dame zu
besitzen, wohl würdig, welche der Himmel keinem andern vergönnen wollen, und wir
versichern uns, dass Monsieur deswegen viel mehr Freud als einzigen Widerwillen
erzeigen werde, zumalen solches zu urteilen seine angeborne Höflichkeit genugsam
verspricht und gewiss machet. Derohalben lasset uns ihm Glück wünschen und
zugleich auch derjenigen, welche beide bis dahero in unzähligem Seufzen
geschieden waren, nunmehr aber nach so vielen ausgestandenen Sturmwinden in dem
erwünschten Port einer angenehmsten Vergnügung eingeschiffet.«
    Anstatt sich nun Faustus von den wohlgegründeten Reden dieser beiden
Cavalier sollte haben bezwingen lassen, eilete er mit Zurückschmeissung des
Stuhls samt seinen Laquayen zu der Stube hinaus, setzte sich zu Pferd und ritt
noch in der Nacht mit allen seinen Leuten zu dem Schloss aus. Es wurde hierauf
ein grosses Frohlocken gehöret, und die adelige Gesellschaft achtete das schnelle
und unbesonnene Hinscheiden des Faustus nicht um ein Haar. Man jubilierte die
ganze Nacht, und konnte Caspia kaum den andern Tag erwarten, da sie sich mit
grossem Pomp und Pracht an mich verehlichen liess. Werde auch die Beschreibung
dessen hier mit Stillschweigen vorübergehen, weil dergleichen Erzählungen wenig
oder gar nichts nützen, sondern nur ein eitles Verlangen in demjenigen erregen,
der seiner Begierden nicht mächtig ist.
 
                                  Drittes Buch
                                  I. Capitul.
   Artige Fügnis bei der Hochzeit. Pilemanns Ankunft auf das Schloss. Ein Page
                    schiebt Kegel. Das gesalbte Gaukelseil.
 Die Welt ist stolz, hochtrabend, keck,
 Ihr Wesen ist beschmiert mit Dreck.
Bis hieher habe ich mit grosser und weitläuftiger Erzählung zugebracht, wie
manche Abenteuer mir bis gegenwärtige Stunde wider mein Verhoffen zugestossen und
welch einem Unfall ich bis dahero unterworfen gewesen. Hinfüro aber wird meine
Feder beflissen sein, meine folgende Zustände ganz deutlich zu entwerfen, wenn
ich zuvor dieses einzige werde vor meine Person gesprochen haben, dass ich in
Beschreibung dieser Historia nicht des Willens bin, jemandem an seiner Ehre zu
nahe zu kommen, sondern werde es dermassen glimpflich unterfangen, dass auch
diese, so dadurch getroffen werden, vielmehr lachen als sich gegen mir in
unbilligem Zorn bewegen sollen.
    Es ist auch diese Schrift nicht darum unterfangen worden, damit man die
Leute, wes Standes dieselben auch seien, durch die Hechel ziehen und sie der
Welt als ein Muster alles Übels vorstellen möchte. Nein, sondern man hat ihnen
zu Gefallen und ihrem eigenen Besten die Laster zugleich abgemalet, auf dass
dadurch nicht die Personen, so damit behaftet, sondern nur die Unarten an und
vor sich selbst gestrafet würden. Und was ist es wohl vor eine Lust, seinen
Nächsten durchzuziehen, da wirs doch selbst nicht gerne sehen, dass wir
durchgezogen werden? Aber der Leser soll wissen, dass ich mich von diesem Übel
keineswegs ausgeschlossen habe, wenn ich frei gestehe, dass ich unter allen der
Lasterhafteste sei. Oder glaubt vielleicht jemand, dass ich durch dieses Buch
ihn oder einen andern geärgert? So muss es nur geschehen sein aus einer Ursach,
die demjenigen alleine bewusst, so sich geärgert befunden. Und wer wird endlich
unter so viel Tausenden allen recht tun können? Das ist so unmöglich, als man
dem Unreinen etwas Reines schreiben kann, weil sie gleich sein denjenigen, so
mit der wassersüchtigen Krankheit behaftet, welche auch die beste Speis und
Trank in Wasser verkehren und ihren Untergang von einer solchen Sache nehmen,
die ihnen zur Gesundheit dienen solle.
    Meine bis gegenwärtige Stunde wunderliche Begebenheit hat den Leser genugsam
unterrichtet, wie in einer grossen Mühsamkeit der Mensch stets und ohne Unterlass
in der Welt herumschweben muss und was vor grausamen Verleitungen er unterworfen
ist, so er sich selbst nicht klug zu regieren weiss. Er hat gesehen, dass es mir
auch in meinem höchsten Grad der Glückseligkeit sehr widrig gegangen, und bin
nur allein deswegen unglückselig gewesen, weil ich meine Glückseligkeit nicht
erkennen können. Nun ist nichts mehr vonnöten und wird mir auch nichts
angelegener sein als die Erzählung meines folgenden Lebens.
    Meine Hochzeitfreude lief endlich zum erwünschten Ende, und Ludwig stund
nach vollendetem Tanz schon bereit, mich mit zwein brennenden Fackeln über den
Schlosshof in meine Kammer zu begleiten, darinnen ich mit der Caspia schlafen
sollte. Er ging demnach als Marschall voran, und nach ihm folgeten welche von
Adel, denen die Spielleute nachgingen, und in einer solchen lustigen Procession
folgeten wir untereinander drein, dass ich wohl sechs Bogen vollschmieren könnte,
so ich alle Hagelspossen erzählen wollte, die wir in gegenwärtiger Reihe
vorgenommen. Anstatt ich aber vermeinte, in die Kammer zu kommen, führte uns
Ludwig auf einen weiten Saal, darinnen man anfing zu springen und zu tanzen, bis
es endlich Tag ward.
    Ich hatte keine sonderliche Lust zu tanzen, sondern soff mit Ludwigen und
Isidoro indessen eins aus der grossen Flasche, darüber ich so blitzvoll ward, dass
ich Sehen, Hören und Reden vergass, gleichwie ehedessen auf seinem Schloss. In
solchem Zustand brachte man mich zu Bette, da ich nicht wusste, ob ich ein
Manns-oder Weibsperson sei. Ja, ich kann sogar nicht vermelden, wie und auf was
vor eine Weise ich aus den Kleidern gekommen, und sagte mir Isidoro des andern
Tages mit ziemlichem Gelächter, dass ich bei solcher Entkleidung all dasjenige
hergewiesen und öffentlich aufgezeiget hätte, was ich von der Natur zu
Fortpflanzung meines Geschlechts mitbekommen hatte.
    Es war in ziemlicher Dunkelheit, da ich in dem Bette erwachte, weil ich
zuvor wegen gar zuviel hineingegossenen Weines in augenblicklichen Schlaf
gefallen. Deswegen wandte ich mich auf die Seite und herzete die Caspia wohl
tausendmal nacheinander. Ich druckte sie an mich, und weil sie sehr hart
schlief, erweckte ich sie ganz gemählich. Aber sie hielt sich in solchem Schlaf
mit allen vieren dergestalten an die Bettstatt, dass ich sie weder mit Gutem noch
Bösem von der Stelle zu wenden vermochte. Der Wein war mir noch ziemlich im
Kopfe, deswegen urteilte ich, dass aus Ursach dessen Caspia entweder gar wenige
oder gar keine Lust hatte, mit mir als einem berauschten Menschen umzugehen,
liess es demnach immer gut sein und legte mich auf die andere Seite, den Rausch
gänzlich auszuschlafen.
    Als ich nun zum andern Mal erwachte, scheinete mir die Sonne schon auf das
Bett und in die Kammer. Ich richtete mich behend in die Höhe, und als ich meiner
Caspia, die ich diese Nacht soviel unzähligmal mit Seufzen und Küssen umfangen,
einen guten Morgen zu wünschen willens war, wurde ich recht von Herzen
beschämet, denn ich fand anstatt derselben Monsieur Ludwigen mir an der Seite
liegen, welcher auch diese vergangene Nacht bei mir geschlafen hatte.
    Ich sprang alsobald aus dem Bette. Aber indem ich die Hosen an den Leib
warf, übereileten mich die sämtlichen Hochzeitgäste, so sich durch die ganze
Nacht samt der Caspia mit Tanzen und andern bei dergleichen Begebenheiten
gebräuchlichen Spielen ergötzet. Es ist nicht zu sagen, wie höhnisch sie mich
ausgelachet und mit meinem Beischläfer vexiert haben. Ludwig selber
verursachte noch das grösste Gelächter, indem er mit geraumen Umständen erzählet,
welchergestalten ich ihn diese Nacht vor einen Baum gehalten, weil ich ihn ohn
Unterlass besteigen wollen. Das Frauenzimmer zerriss fast Mund und Nase über
dieser Relation, und weil ich sah, dass es nicht anders sein konnte, so trug ich
meine vier Heller mit unter. Und solchergestalten schraubete bald einer den
andern, und ich schämte mich von Herzen, dass ich mich gegen Bruder Ludwigen so
bloss gegeben hatte, welches mir doch keinesweges zu verargen war, weil ich in
dem Trunk gleich einem Sinnlosen herumgeschwärmet und närrische Händel genug
vorgenommen habe, wegen welcher ich von Isidoro und den übrigen Gästen ziemlich
durch die Hechel gezogen ward.
    Indem wir solchermassen in der Kammer miteinander redeten, kam ein Laquay
gelaufen, welcher mitbrachte, dass Monsieur Pilemann, als mein Herr Vater, auf
dem Schloss angekommen, und durch dieses Mittel mussten sie nachlassen, mich
länger zu schrauben, welches sie sonsten schwerlich innerhalb einer Stunde
würden haben unterwegen gelassen, zumalen sie mich ohnedem durch den ganzen
folgenden Tag angestochen, und muss die Wahrheit bekennen, dass ich fast zu
zweifeln angefangen, ob sich nicht auch Caspia unversehens möchte verirret und
mir zum höchsten Nachteil sich also zu einem andern geleget haben. Und ob ich
mich dessen gleich nichts merken liess, gedachte ich doch desto mehr und sehe nun
im Ausgang, dass ich dazumal ein rechter argwohnischer und eingemachter Narr
gewesen, der seinen allerbesten Freunden eine solche Sache beimessen dörfen, an
die man ohne grossem Verbrechen der wahren Freundschaft nicht gedenken kann. Und
dahero fragte ich überall nach, wo doch Caspia geschlafen hätte, und weil sich
auf Hochzeiten alles gerne will grossmachen oder auf das wenigst jedermann gerne
der nächste bei dem Bräutigam ist, schlich sich ein Aufwartmägdgen zu mir und
erzählte mir bei Treu und Glauben, dass die Caspia bei der Frau Ludwigin gelegen,
welche beide über eine Stunde nicht geschlafen hätten, weil man ohne Unterlass
getanzet.
    Ich sass gleich dazumal auf dem Repositorio des Nacht-Königes und musste von
Herzen lachen, dass ich der Magd so ehrbare Audienz erteilen könnte. Aber solche
Abgesandte sind keiner bessern Canzelei wert, und reuet mich noch bis
gegenwärtige Stunde, dass ich ihr nicht zum Recompens vor ihre Legation den
Arschwisch verehrt habe, aus welchem der geneigte Leser leichtlich wird
schliessen können, dass ich vor lauter Liebesgedanken alle nötige Sachen vergessen
und auf die Seite gesetzet habe.
    Mein Vater weinete vor Freuden die lichten Tränen, und seine meiste
Salutation bestund in einer Abbitte, die er mir deswegen tat, dass er den
leichtfertigen Landstreichern, den ehrvergessenen Zigeunern, so leichtgläubig
gefolget und mich in einem so verteufelten Wahn unter dem Bauervolk hätte
aufziehen lassen. Er wollte solche Unbilligkeit mit seiner väterlichen Liebe
tausendfältig ersetzen und mir vor der Schwester 18000 Ducaten zum voraus
vermachen, auch das ganze Testament dergestalt einrichten, davon ich keine
geringe Ursach haben sollte, seine väterliche Vorsorge nach seinem Tode zu
rühmen. Er hatte auch zu gegenwärtiger meiner Hochzeitfreude tausend Ducaten und
zweitausend Specie-Taler mit sich gebracht, welche er mir nebenst Einraumung
eines Landguts hiermit samt aller Zugehör wolle eigentümlich cediert und
übergeben haben. Solchermassen wurde ich von meinem Vater beschenket, welcher auf
nichts mehr bedacht war, als mich bei gutem Laun zu erhalten. Die Frau Ludwigin
war indessen bemühet, dem Frauenzimmer eine sonderliche Kurzweil auszusinnen,
denn diesen Tag waren unterschiedliche andre von dem Land angekommen, welche
ihre Lust bei dieser Freude beitragen wollten.
    Auf dem Schloss war ein Koch, der von Jugend auf als ein Gaukler unter den
Polacken herumgezogen, musste er uns in der Tafelstube fast den halben Morgen mit
Gaukeln zubringen. »Bruder,« sagte mir Monsieur Ludwig ins Ohr, »lerne von dem
Koch etliche Lectiones, sie werden dir heut nacht trefflich zustatten kommen!«,
darüber ich von Herzen lachen musste. Und als mich Frau Ludwigin deswegen fragte,
was mir zu solchem Gelächter Ursach gegeben, erzählte ich ihr den artigen
Vorschlag ihres Hauswirts, aber sie sagte, dass ich solches selbst erfunden und
sie nur betrogen hätte, ob es schon männiglich, absonderlich aber der Frau
Ludwigin bekannt war, dass ihr Mann ein sonderlicher Scopticus war, der die Leute
nicht allein lustig machen, sondern dieselben auch in allem behaglichen Scherz
trefflich unterhalten konnte.
    Caspia hatte sich indessen an dem artigen Gaukler halb versehen, und Ludwig
sagte ihr ingleichen ins Ohr, dass heute nacht noch ein artigerer Gaukler über
sie kommen werde. Und weil er die Wort etwas laut geredet, ward sie darob
dergestalten beschämet, dass sie auf den Saal hinauslief und daselber den
andern Jungfrauen zusah, welche mit ledernen Sandkugeln bosselten, denn Monsieur
Ludwig hatte ihnen eine güldene Halskette zum Gewinst aufgeworfen, welche er
aber durch folgenden Vorteil wieder an sich selbst brachte:
    Er hatte einen Page von sonderlichem Angesicht, seine Gestalt war recht
weibisch und war von verborgener Art, einen gegen ihm verliebt zu machen, voraus
aber diejenigen, welche nicht vermocht haben, sich durch eine gute Vernunft zu
regieren. Dahero kleidete er solchen ganz alleine in seiner Kammer an. Er satzte
ihm die allerzierlichste Florhaube auf, die er unter allen Kleidern seiner
Frauen finden konnte, und nach allem solchem weibischen Aufputz musste der Page
unter die spielende und bosselnde Compagnie treten, allwo ihn der Ludwig vor
eine seiner Basen ausgab; und dahero bekam er gute Gelegenheit, das ausgesetzte
Geschenke selbst zu gewinnen, weil der angekleidete Page ein Hauptbossler war,
als man einen in dem ganzen Schloss sollte gefunden und aufgetrieben haben.
    Das Frauenzimmer verwunderte sich über die absonderliche Hurtigkeit der
neuen Damen und gestunden ungezwungen, dass sie dergleichen Behendigkeit noch von
keiner ihresgleichen gesehen. »Madamoselle,« sagte der Page zu ihnen, »das Spiel
habe ich von Jugend auf getrieben, denn meine Frau Mutter duldete ausser diesem
keine andere Kurzweil auf ihrem Schloss, und dahero haben Sie sich nicht zu
verwundern, warum ich mehr Kegel umwerfe denn Sie.« Hiermit schob er hin und
traf von dem Ziel alle neune, und Ludwig höhnete die andern alle aus, dass sie
sich von dieser seiner Muhmen dermassen in den Sack schieben lassen.
    In dem obern Zimmer wurde inzwischen gesoffen und in dem Brett gespielet.
Etliche machten ein Dick-Dack, andere versetzten, die dritte Partei machte ein
Damen-, die vierte ein Torwärterspiel, und in einer solchen Lust verging die
Zeit, und hielten sie alle vor gar gut angewendet, ausser denjenigen, die sich in
dem Trischacken zu weit in die Flüsse gestürzet hatten.
    Ludwig hatte zum Vorrat einen Seiltänzer verschrieben, welcher nach der
Abendmahlzeit gleich einem brennenden Vogel von dem höchsten Turm des Schlosses
in den Hof herunterfahren sollte, aber weil der Tänzer forchte, es dörfte ihm
mit den Raqueten misslingen wie dem unglückseligen Atavan zu Regenspurg, bat er
den Isidoro, ihm zu vergünstigen, dass er ohne Feuer heruntergaukeln möchte,
welches ihm endlich zugelassen worden mit der Auflage, dass er schuldig sein
sollte, den Prozess zu erzählen, wie und wasgestalten der Atavan zu Regenspurg
heruntergefallen und gestorben sei. Damit ging er auf den Turm, aber der
leichtfertige Isidoro hatte das Seil mit Menschenkot überschmieren lassen, davon
der Gaukler in seiner Herabkunft dermassen gestunken, dass das Frauenzimmer die
Naslöcher mit den Servetten verstopfen mussten, darüber sich Isidoro und Ludwig
fast krank gelachet.
    Nach dieser Lust litt man mit einer Glocke zum Abendessen. Monsieur Ludwig
fragte das Frauenzimmer, wer sein Geschenke gewonnen. Dem gab man zur Antwort,
dass seiner Jungfer Muhmen hierinnen der Ruhm zustünde. Hierüber bekam er
Gelegenheit, noch stärker zu lachen, indem sie von ihm so augenscheinlich
betrogen worden, welches sie erst alsdann vermerkten, als die Muhme des Ludwigs
nicht zur Tafel kam. Das Frauenzimmer fragte wohl tausendmal um sie, aber
Monsieur Ludwig entschuldigte solche, mit Vorgeben, sie hätte sich dermassen an
dem Kegelspiel abgemattet, dass sie sich zu Bette begeben müssen. Der Page war
schon wieder ausgezogen und stund seinem Herrn an der Seite, lachte derohalben
immer in einem Stück, und Ludwig trieb donnerische Hagels-Possen untereinander,
davon sie fast halb toll waren. Inzwischen kam der Seiltänzer vor die Tafel,
welcher ein hauptartiger Kerl war. Weil wir aber dazumal andere
Zeitvertreibungen vorhatten, als musste er mit seiner Erzählung bis morgen
innenhalten.
 
                                  II. Capitul.
                         Zank zwischen den Spielleuten.
 Die Titulsucht reisst trefflich ein,
 Die Esel wollen Pferde sein.
So gut der Koch vorher gegaukelt hatte, so gut richtete er darauf an. Die Tafel
wurde mit den raresten Speisen besetzet, die man dazumal in allen Elementen
antreffen könnte. Und gleichwie nach der Liebe keine grössere Ergötzlichkeit als
die Musik zu finden, als wurden hierzu von etlichen Schlössern gewisse Leute
verschrieben, die das Ihrige mit sonderlicher Anmutigkeit verrichteten. Der
Gaukler konnte auf der Laute spielen, und dannenhero tat er doppelten Dienst,
erstlich den Augen, vors ander dem Gehör. Nach solchem begehrte ich, dass die
Spielleute abwechseln sollten, auf welches mich Caspia in die Seite gestossen,
vermeldend, dass man sie nicht Spielleute, sondern Stadt-und Kunstgeiger heissen
müsste, in Erwägung, dass sie solchen Titul von einem Ehrbaren und Hochweisen Rat
erlanget. »Aber was ist es mehr,« gab ich zur Antwort, »ob ich sie Spielleute
oder Stadtpfeifer heisse, es ist ein Titul so gut als der andere. Man sagt: Der
Kerl spielt eine gute Geige. Ist das gut, so ists auch gut, dass ich sage: Er ist
ein guter Spielmann. Streicht er gut, so ists ein guter Streichmann, fiedelt er,
so ists ein Fiedelmann, geigt er, so ists ein Geigmann, in summa, ich wüsste
hierinnen keinen Grund zu finden, warum Spielmann ein unehrlich oder
disreputierlich Wort sein sollte, nur dass es die alberne Narren nicht leiden
wollen.
    Einem Stadtrichter schadet es weder an seiner Ehr noch Reputation, wenn
schon der vornehmste unter den Bettlern auch Richter genennet wird, und niemand
ist so närrisch, der sie nicht an dem Stand unterscheiden kann. Also auch die
Spielleute untereinander sind wohl zu erkennen, welche im höhern und welche
hergegen im niedrigen Grad Spielleute sind. Diejenigen, so in Städten auf dem
Chor dienen, ihre Noten verstehen und noch mehr, was zu der Sach gehören möchte,
das sind die vornehmsten Spielleute, da heisst es nach den Worten der Schrift
selber: Spielet dem Herrn, und solchergestalt kann man sie auch aus der
Schrift bestreiten, dass sie Spielleute sind.
    Dergleichen vornehme Spielleute wohnen gemeiniglich in einer Stadt und
führen unterschiedliche Namen. In Österreich werden sie genennet Stadttürmer,
wie auch zum Teil in ganz Bayerland. In Reichs-und Seestädten heisst man sie
Stadtmusicos, zum Teil auch Stadtpfeifer. Die Kunstgeiger heisst man in etlichen,
aber gar wenigen Orten Hemmauer. Dieser Titul ist in einer Reichsstadt
aufgekommen, denn als es daselber eine Zeit bei unterschiedlichen
Freudenfesten gar viel aufzuspielen gab, hatte man dergleichen Leute eine grosse
Zahl vonnöten, wurden dahero aus dem Städtlein Hemmau, drei Meil Weges davon,
etliche Spielleute hingeholet, welche sich hernachmals daselbst haussässig
niedergelassen, und ihre Nachfolger behalten noch auf diesen Tag den Titul
Hemmauer. Dieses ist also der philologische Weg und Grundstrasse, auf der man zu
dem Ursprung der Hemmauer gelangen kann.
    An etlichen Orten werden die Stadtpfeifer auch Ratsmusici genennet, aus der
Ursach, weil sie ordinarie bestimmet sind, um gewisser Zeit auf dem Ratause
oder bei demselben zu erscheinen und auf ihren Instrumenten abzublasen. Dass man
sie aber in Österreich Stadttürmer nennet, geschieht darum, weil sie insgesamt
auf dem höchsten Turm der Stadt zu wohnen pflegen, und dieses ist vor diesem so
gemein gewesen, dass noch viel Städte den Gebrauch haben, ihre Musicos oder
Stadtpfeifer auf dem Turm abblasen zu lassen.«
    Es war ein Irländer an der Tafel, der hatte den Discurs kaum angehöret, als
er sagte: »Monsieur, Er redet recht. An dem Titul ist wenig oder gar nichts
gelegen, wer seine Sach verstehet, den weiss man schon zu respectieren, er mag
genennet werden, wie er will. Und wer nichts verstehet, der kommt auch in keine
Consideration, er habe einen Titul, so herrlich und gross er auch sei, und
fundamentaliter davon zu reden, so ist es insgemein unter allen Menschen eine
rechtschaffene Eitelkeit, denjenigen Namen fliehen wollen, von dem man seine
Nahrung hat.
    Ich weiss fürwahr nicht, ob es nicht viel besser gesagt sei Spielmann als
Stadtpfeifer. Denn die Sach gründlich auszuforschen, kann ich die Häscher nicht
unbillig Stadtpfeifer nennen, ratione dessen, weil sie in der Nacht alle
Viertelstunden pfeifen. Solches geschieht öffentlich in der Stadt, und daraus
folget diese unwidertreibliche Schlussrede: Wer in der Stadt pfeift, der wird
billig ein Stadtpfeifer geheissen. Der Häscher pfeift in der Stadt, ergo wird er
billig ein Stadtpfeifer geheissen. Sagt jemand, es sei ein anders von dem Namen,
ein anders von der Condition reden, so sage ich, dass es in diesem Discurs nicht
angehe, ratio est, weil wir hier von nichts als dem Wort Spielmann reden und
nicht von dem Amt und Condition, ihrer Bestallung und Verrichtung. Dieselbe ist
nach Unterschied der Städte auch unterschiedlich. Es ist klar, dass die Welt
ungleich ist. Mancher Schüler hat ein besser Ingenium als sein Præceptor, also
ist mancher Spielmann künstlicher als mancher Stadtpfeifer, ich sage: mancher.
Also setzet auch mancher Kantor besser als mancher Kapellmeister, und daraus
sehen die Spielleute abermal, dass der Name eine Sache nicht gut machet, wo es an
der Kunst fehlet.
    Man erzählet von dem hauptsächlichen Musico Adam Krüger, dass er sich
einsmals gleich einem Schiffknecht verkleidet und auf einer Orgel gespielet
habe. Die umstehenden Musicanten merkten wohl, dass diese keine Schiffersgriffe
wären, und unerachtet seine äusserliche Gestalt grob genung aussah, erwiesen sie
ihm doch eine solche Reverenz, die man billig keinem Schiffknecht erwiesen
hätte. Dahero, wer vor gross will gehalten werden, der muss auch grosse Dinge tun,
denn es ist nichts Garstigers auf Erden, als ein Künstler sein wollen und sich
der Stümpelei nicht erwehren können.
    Und was wollen denn endlich die Leute durch ihren Titul suchen? Ich kenne
gar viel, die sich wegen dessen wie die Hunde herumgebissen und mit den Zähnen
geknirschet haben. Ohne ist es zwar nicht, dass ein jeder gern bei dem Titul
bleibet, welchen er von den Obern empfangen, ja, es gibt ihrer wohl gar viel,
die damit nicht zufrieden, sondern noch ein mehrers suchen. Aber wer seinen
Titul betteln muss, den weiss ich fürwahr nicht, wie man sie auf lateinisch heissen
solle als eleemosinarios superbitatis. Ist zwar schlimm Latein, aber dergleichen
Leute Profession ist nicht viel besser. Kann also schlimme Sachen nicht gut
geben, welches die klare Vernunft mit sich bringt.
    
    Ja, wenn ich wissen sollte, dass sie mit mir wegen meiner Rede streiten
wollten, so würde ich ihnen in allen Sachen gar recht geben und die Kunstgeiger
mit ihrem Titul wohl tausendmal begrüssen. Kunst heisst auf lateinisch ars, und
dahero könnte ich sie ohne grosse Mühe noch darzu Ars-Geiger nennen, wenn ja die
Leute so artig wären, sich viel mausig zu machen.
    Aber gleichwie unter den Grossen, also heisset es auch unter den Kleinen: nemo
sua sorte contentus. Ja, ich habe einen Bettelrichter gekennet, welcher sich
verlauten lassen, sich in seinem Stand nicht länger zu schleppen, sondern
allerehestens sich um eine höhere Scharsche zu bewerben.« Hierauf rufte der
Irländer gegen die Musicanten: »Wohlauf, ihr Herren Spielleute, machet euch
lustig! Wo ihr das Rechte treffet, so schenke ich euch einen Ducaten!«
    Diese Worte schnuppten ihnen nicht ein wenig in die Nase, dahero fingen sie
an und sangen zwischen ihren mitklingenden Instrumenten folgend Lied:
Stadtpfeifer hier, Stadtpfeifer dort,
Wir sind Stadtpfeifer mit einem Wort.
Stadtpfeifer dort, Stadtpfeifer hier,
So heissen uns wackre Cavalier.
Der Irländer musste des Possens lachen, und ich sah mich gegen die Kerl rücklings
um; weil auch Isidoro, so gegen uns über sass, wohl gemerket, auf was es
angesehen sei, fing er an und sagte: »Ihr Herren Brüder, singet mir nach!«
Hierauf sang er uns folgende Worte vor, die wir ihm nachschreien mussten, gleich
denjenigen, so das neue Jahr zu singen pflegen.
    Das Gesang hiess also:
Spielleute hier, Spielleute dort,
Ihr seid Spielleute fort und fort.
Spielleute dort, Spielleute hier,
Wir bleiben doch wohl Cavalier.
Auf solches nahmen die Schergeiger wieder aus und sangen:
Spielleute hier, Spielleute dort,
Spielleut ist gar ein garstig Wort.
Spielleute dort, Spielleute hier,
Wir sind Stadtpfeifer für und für.
Nach diesem entrüstete sich Isidoro in etwas und sang:
Spielleute hin, Spielleute her,
Was habt ihr Kerl vor ein Gescher?
Wollt ihr keine Spielleut sein,
So schlag'n wir euch die Stieg hinein.
Als unsere Gegenpart wieder aufs neue anfangen wollten, wischten wir mit
umgekehrten Bänken über sie her und jagten sie samt ihren Geigen und Schalmeien
zu dem Zimmer hinaus, denn was hatten wir Ursach, uns bei dieser Freude wegen
eines einzigen Wörtleins zu zanken, dadurch doch ihrer Kunst nichts benommen
noch zugetan wird? Ja, ich selber erzürnte mich so sehr über die Gesellen, dass
ich ihnen noch einen Bierkrug über das Fenster auf die Bassgeige
hinuntergeworfen. Und weil unter uns etliche vor diesem geigen gelernet, holeten
wir allerlei Instrumenten zusammen, und spielete eine Partei nach der andern ein
Stücklein vor der Tafel, darüber wir mehr Kurzweil empfunden als von der besten
Harmonie, die man zwischen Nova Zembla und dem Toten Meer antreffen mögen. Denn
zur Lust ist eine rauschende Musik viel bequemer als subtile Ohrenkitzeleien,
die weder fressen noch trinken lassen. Denn man soll hören, schmecken und
riechen zugleich, durch welches man den Geist mehr quälet als erquicket.
    So war auch zu unserm Vorteil der Seiltänzer noch zurück, welcher uns mit
seinen Schwänken Ergötzlichkeit genug verursachte. Hiermit fing man an zu
schwärmen, dass es taugte, so viel man Gläser ausleerte, so viel schoss man
Pistolen zum Fenster aus, und die Spielleute schickten einen Jungen herauf,
welcher ihren Recompens abholen sollte. Aber wir jagten den Jungen so gut als
seine Principalen davon und sagten ihm, wo sie sich nicht beizeiten packen
würden, sollten ihnen die Laquayen mit guten Knitteln den Weg zum Tor hinaus
leuchten.
    Dieses gab uns Gelegenheit, von der Sache ein mehrers zu reden, und der
Irländer fuhr fort und sagte: »Es ist schon wahr, Ihr Herren, dass der
Landesgebrauch nicht ein wenig bei der Sache tut. Sie schämen sich nur deswegen,
Spielleute genennet zu werden, weil es schon in einem schlimmen Ruf ist und nur
diejenige also genennet werden, die sich da auf allen Bierbänken sehen und hören
lassen, die da auf jeder Strohhochzeit eines herabfiedeln und zuletzt mit einem
Stück Semmel davonlaufen. Und dahero kommt es, dass sie sich billig davor
scheuen, ob es schon in dem Grund ein gut Wort an sich selbst ist, und wer den
Hercules gelesen, der wird wissen, dass sie Pompeia, des Stattalters zu Padua
Ehegemahl, auch also nennet, und zwar am 62. Blatt in der 35. Zeile. Aber die
Ursach ist, wie gesagt, nur der Missverstand. Als zum Exempel: das Wort Tyrannus
war vor diesem ein herrlicher und schöner Titul, welcher nur vor grosse Herren
kam, aber heutzutage ist es umgekehrt und keine geringe Beschimpfung vor solche
Leute, die sich doch zuvor durch ebendiesen Titul so grossgemachet.
    Das Wort Amtmann gebraucht man in dem Land ob der Enns im schlimmen Credit,
und wird insgemein der Scherg also genennet. Aber wer weiss nicht und wem ist
wohl unbekannt, dass ebendieser Name in Sachsen eine hohe Scharsche sei, nach der
sich auch gar viel mit grossen Schenkungen bei den Höfen einfinden und doch wohl
mit einer Handvoll Ducaten leer ausgehen. Das Wort Einspännier hält man etlicher
Orten in grobem Verdacht, und man darf im Bayerland nur zu einem Edelmann sagen:
Morgen wird der Einspännier kommen, so bleibt er gewiss nicht auf dem Loch
sitzen, sondern suchet bald, wo der Zimmermann den exitum ex Israel gelassen
habe. Entgegen ist das Wort Einspännier eine gute Scharsche an etlichen Orten,
und dringen sich auch gar viel mit Schenkaschien darzu. Das Wort Dirn ist ein
alt und gutes Wort, bedeutet eine Hausmagd, die in dem Haus arbeitet oder
kochet, doch wenn man eine Nürnbergerin eine Dirne heisset, sieht man bald ein
katzenhaftiges Kragell, weil sie sich lieber dörfte herumschmeissen als eine
Dirne wollen nennen lassen. Darum ist es an diesem Ort so, an einem andern
wieder anders beschaffen, und wir hätten ihnen zu Gefallen sie wohl Stadt- oder
gar Königreichspfeifer heissen können, so sie den Titul nur nicht mit Gewalt von
uns hätten herauszwingen wollen.
    Man weiss wohl, wie man einem Kerl, was Standes und Profession derselbe auch
sei, begegnen solle, aber wegen eines solchen Pfeiferlings in einer
Privat-Compagnie solche Narrenpossen anzufangen, ist nichts Bessers wert. Nur
nicht viel disputieret, sondern die Kerls bei dem Wamsärmel genommen, sie zu der
Tür hinausgeworfen und damit ihre Wege laufen lassen. Damit ist der Handel
richtig.«
 
                                 III. Capitul.
                             Discurs bei der Tafel.
 Heisst du ein jeden, was er ist,
 So heisst dich jeder, was du bist.
Unterdessen fing das Frauenzimmer auch an zu singen, denn es war eine unter
ihnen, die hiess Fräulein Anna, die hatte ehedessen von einem Pedanten oder
lateinischen Schwarzmantel etwas aus der Musik gelernet. Sie schlug einen
hauptsächlichen guten Driller und machte sehr fertige Coloraturen, daraus wir
geschlossen, dass sie sehr wohl müsse haben singen lernen und dass ihr Lehrmeister
sehr fleissig in die Information gegangen. »Ach nein,« gab Fräulein Anna zur
Antwort, »die Herren irren sich gar weit, denn ob ich schon einen Schüler zum
Lehrmeister gehabt, habe ich doch von ihm nicht halb soviel als von unserer Amme
gelernet, welche ausdermassen trefflich damit umspringen konnte.
    Der, so mich gelernet, war aus der Weise ein artiger Mensch. Er sang einen
Discant und gab sich vor einen Kapaun aus. Dahero stach mich der Vorwitz, von
dem Menschen singen zu lernen, weil ich, die Wahrheit zu bekennen, die Kapaun
all mein Lebtag sehr liebgehabt. Aber anstatt er mir die Noten weisen sollen,
machte er allerlei Gaukelpossen, damit er die meiste Zeit verschwendet und
hingebracht. Wir meinten uns oftermalen über ihn krank zu lachen, so einen
artigen Humor hatte der Kerl. Dahero lernte ich wohl in acht Tagen nicht vier
Noten singen, und die Lieder, die er mir vorsang, die quiekte ich so lang nach,
bis ichs auswendig konnte wie der Papagei das Paternoster. Sonsten wollte ich
wohl etwas von ihm gelernet haben, aber, wie gesagt, so trieb er seine
Lehrstunden nur mit Narrenpossen hin und lachte uns noch zu Hause wohl aus
darzu. Habe also das wenige, was ich kann, nicht von ihm, sondern von der Amme
erlernet.«
    Ich verwunderte mich, wie die Amme zu dieser herrlichen Kunst gelanget, und
als Fräulein Anna verstanden, dass ich einziges Verlangen trüge, dahinter zu
gelangen, bat sie mich um Gehör, indem sie entschlossen war, die ganze Geschieht
zu erzählen. »Monsieur,« sagte sie, »es ist gar ein artiger Casus, so hierinnen
vorgelaufen. Es wohnete eine Dam in einer Stadt, die begehrte und war willens,
etwas in der Musik zu tun, weil sie eine absonderliche schöne Stimme hatte. Es
hielt sich auf dem Ratause desselben Orts ein Schreiber auf, welcher fast der
beste Musicant der ganzen Stadt war. Von demselben verlangte die Dam
unterrichtet zu werden, aber nachdem der gute Mensch das erste Mal bei ihr
gewesen, verliebte er sich dergestalten in sie, dass er den Hasen keinesweges
bergen konnte. Die Dam merkte es endlich, nicht ohne sonderlichen Widerwillen
...«
    »Madam,« fiel ihr Isidoro in die Rede, »Sie spaziert hinter der Wahrheit, es
ist ihr eine herzliche Freude gewesen!« - »Ach, wahrlich nein,« gab Fräulein
Anna zur Gegenantwort, »gewiss, sie war recht böse und sagte, er sollte sich in
seinesgleichen verlieben.« - »O köstliche Antwort!« sagte hierauf Isidoro, »ich
höre es schon, die Dam hat vor Freuden nicht gewusst, was sie antworten sollte,
sonst hätte sich was anders auf ein solches Beginnen gebühret.« - »Ach, seht
doch,« ruft Fräulein Anna, »das Frauenzimmer ist gewiss so grob, flugs mit
Maulschellen um sich zu werfen! Zudem war zu besorgen, ob ihr nicht der
Schreiber wieder eine dichte Dachtel gegeben, denn es war ein ziemlich
ungeschickter Dieb, der einem eine gute Huschen hätte versetzen können.« -
»Saprament,« sagte Isidoro, »war er ein solcher Kerl, der gute versetzen kann?
Ich habe in unserm Dorf ein paar alte Weiber, die haben sehr schlimme, könnte er
vorhanden sein und ihnen ein paar gute davor versetzen, er sollte ein gut
Trankgeld davontragen.« - »Pfui,« sagte Fräulein Anna, »Monsieur Isidoro ist gar
garstig, ich schweige still.«
    Hiermit fingen sie alle an zu lachen, und war ihr Ausspruch, dass deswegen
einer doch ein rechtschaffen Kerl wäre, ob er gleich sich unterfinge, eine
höhere Standesperson, als er ist, zu lieben. Das wären geringe Possen, ein
Mensch sei ja wie der andere, und grobe Leute hätten auch grobe Affecten, und
dahero gäben sie oft mehr Vergnügung als mancher grosser Prahler, der sich, weiss
nicht was, bei der Sache zu tun einbildet. Eine Dam wäre doch deswegen dennoch
eine von Adel, ob sie schon zuweilen recreationis gratia einem armen Stümper
einen Kuss verstattete, welches so wenig zu bedeuten hätte, als ob ihr ein
Strumpfband aufginge.
    »Ja,« sagte Monsieur Ludwig, »das sind die Rechten, und ich halte
meinesteils alles adelige Frauenzimmer samt den Bürgerstöchtern vor rechte
Narren, wenn sie eines andern Glaubens sind, und es bilde sich ja keine ein, dass
sie von einem Edelmann so sehr wird geehret und geliebt werden, als so sie
einen von niedrigem Stande zum Manne oder ihrem Liebhaber bekommet. Denn durch
den Grund dieses Mittels hat sie schon Gelegenheit und Ursach genug, über ihn zu
herrschen, ihm das Commando zu nehmen und also einen steten Sclaven aus ihm zu
machen, da sie im Gegenteil das ganze Widerspiel erfahren und oft von ihren
Männern tapfer ausschandieret, gestiegelfritzet und geholhipt werden. Meine Frau
kann selbst Zeugnis geben, wie oft ich ihr den Stock um das Wammes gemessen,
denn es kann zuweilen nicht so gleich in der Ehe hergehen. Ein Bisslein vor das
Haus schadet nicht gar sehr, und ich tat es auch nur zu Fortpflanzung besserer
Liebe, weil ich durch das Sprichwort erfahren, dass wahre Liebe muss gezanket
haben. Wenn ich ein Weibesbild wäre, so wollte ich mich in einen solchen
niedrigen Menschen von Herzen verlieben, mit ihm heimlich auf und davon wischen,
in der Fremde mich auf ein Rittergut setzen und also alle meine Tag in Fried und
Freud zubringen.«
    »Potztausend,« sagte eine gegenübersitzende Edelfrau, »das ist eine feine
Resolution. Hätten wir doch alle so getan und wären mit Schreibern,
Stallknechten, Studenten und Schuhknechten davongelaufen, darnach möchte ich
gern sehen, wen Monsieur Ludwig wollte geheuratet haben.« Diese Rede belachten
alle Anwesende, aber Monsieur Ludwig wickelte sich gar bald heraus, wenn er
sagte, dass er so gern eine Bauerdirn als eine vom Adel wollte zum Weibe haben,
weil er anders vor der Ehe, anders aber in derselben hätte schliessen gelernet.
    »Meine liebe Frau von Pockau,« - von diesem Geschlecht war sie - sagte er zu
ihr, »Sie mag sagen oder höhnisch darauf sein, wie Sie will, so ist es doch
wahr. Ihr wisset euch in der Jugend mit eurer abgeschabenen und lausigten
Affection so viel, dass ihr meint , alle eure Blicke sollen und müssen mit
doppelten Wechselbriefen bezahlet werden, und es reimt sich gar nicht, dass Ihr
unter die gemeine Kerl die Studenten mit einmenget. O liebste Frau von Pockau,
seid versichert, dass es Studenten gibt, die noch nach höhern Frauenzimmer, als
Ihr seid, nicht eines Nagel gross fragen. Studenten sind keine Narren, sie
wissen, wo sie sitzen. Der hohe Stand tuts nicht alleine, die Galgenvögel machen
keins auf, man spendiere ihnen denn pro labore & studio ein paar
Reichstaler, wie den Herren Medicis, nachdem sie einen Kranken curiert haben.
Und wenn es wahr ist, was das lateinische Sprichwort von den Studenten saget, so
halte ich sie hac in parte und diesesfalls vor die besten Contentierer in der
ganzen Welt; denn es heisset: omne animal post coitum triste, excepto studioso.
Wollt Ihr wissen, meine Frau, was dieses heisset, so lasset Euchs durch Euren
Aufwärter verteutschen, denn der dünkt mich auch ein solch animal zu sein, weil
er mir trefflich spitzfindig auf das Maul gucket.« Hierüber lachten sie alle auf
den Studenten, welcher der Frau von Pockau vor diesmal bei der Tafel aufwartete,
aber sonsten zu Hause ihre Kinder informierte. Der Seiltänzer machte vor Freuden
eine Capriol in die Höhe, und die von Pockau wurde selbst in ein Gelächter
beweget, so sehr sie auch Monsieur Ludwig getroffen hatte.
    Die Fräulein Anna wurde nach diesem von dem Irländer und Monsieur Isidoro
gebeten, die Geschieht wegen der Dam und dem Schreiber zu continuieren und
auszuführen, auch nicht zu achten, was Monsieur Ludwig oder auch ein anderer
dawider einwerfen würde, weil ihr ohnedem zur Genüge bekannt wäre, warum sie an
gegenwärtigem Ort zusammengekommen, und dass sie nicht allein ein wenig lustig,
sondern auch ein bisschen grob sein müssten, welches gute Freunde untereinander
nicht übel auslegen würden. Mit diesem fing Fräulein Anna aufs neue an und sagte
wie folget: »Die Art des Schreibers war in der Wahrheit sehr kurzweilig zu
betrachten, denn der Mausekopf liebäugelte dergestalt auf die Dam, dass es nicht
zu beschreiben. Anstatt der Noten schwätzte er ihr etwas von der Liebe daher,
und damit er zu solchem Discurs Gelegenheit hätte, so höret, wie ers
herumbrachte: Madam, sagte er, die Ton sind unterschiedlich. Etliche sind
lustig, etliche traurig, etliche mittelmässig. Die lustigen Toni kommen den
Vergnügten zu, die traurigen den Verliebten und die mittelmässigen den Hoffenden,
und in diese Zahl der letztern bin auch ich eingeschlossen, weil ich stets in
Hoffnung lebe. Nach solchem Discurs brachte er der Dam immerzu Lieder aus den
allertraurigsten Tonen. Dahero bekam die Dam Gelegenheit, ihn zu vexieren, denn
sie glaubte, er müsste nicht allein hoffen, sondern auch verliebt sein. Er sagte,
dass es mehr als wahr wäre, und sagte rundheraus, was seine Meinung sei.
    Die Dam hielt es anfangs vor einen Scherz, aber der Schreiber legte ihr die
Hand auf die Schoss, dadurch sie gezwungen worden, ihn zu verlassen und sich in
ihr Zimmer zu begeben. Nun war dazumal unsere Amme noch eine Jungfer ...« - »Das
weiss Sie mit keinem Eid zu bekräftigen, Fräulein Anna«, sagte Ludwig. »Nun,« gab
ihm Fräulein Anna zur Antwort, »sie mag gewesen sein, wer sie will, so hatte sie
doch dazumal noch keinen Mann, sondern wartete dieser Dam vor ein Kammermensch
auf, welcher die Dam alles dasjenige geklagt, was der Schreiber mit ihr voll
Begierde und Unsinnigkeit ohne alle Complimenten hätte vornehmen wollen. Das
Rabenaas war so klug und legte des andern Tages der Damen ihre Kleider an,
putzte sich in ihren gewöhnlichen Schmuck und erschien also vor dem Schreiber,
welcher nicht anderst glaubte, als wäre es die Dam. Fängt darauf mit ihr an zu
singen, und im Hinweggehen bittet er sie gar höflich um Verzeihung,
versprechend, dass er ihr alle Vorteil in der Musik offenbaren wollte. Solches
tat er, und die Amme lernete dazumal hauptsächliche Triller und Manieren von dem
Schreiber, weil sich die Dam nicht mehr getrauet, in seine Gesellschaft zu
kommen.
    Endlich, als die Dame fast singen konnte, hielt der Schreiber um die vorige
Gelegenheit aufs neue an. Die Amme hatte aber schon zum Vorrat drei Nadel unter
das Vortuch an ein bequemes Instrument gemachet, daran der Schreiber mit der
Hand hinangefahren wie ein Bauer mit einem Fuder Holz wider die Steinmauer. Er
stach sich in die Finger, dass das Blut darnach lief ...« - »Wenn Sie auch ein
solch Instrument darunter gehabt hätte,« sagte der Irländer zu der Erzählenden,
»so hätte mancher zerstochene Finger davongetragen.« - »Bei meiner Treue,« sagte
sie, »die Herren schrauben mich je länger je ärger.« Darauf schwieg sie still
und wurde noch mehr ausgelachet als zuvor. »Ihr seid mir wohl die Rechten
zusammen,« sagte die Frau von Pockau, »oh, man höret wohl, wie schön ihrs
treibet.« - »Frau von Pockau,« sagte Isidoro, »kein Haar anders als der
Schreiber.« Darüber lachten sie noch abscheulicher, und damit redeten sie noch
allerlei, bis endlich die Tafel aufgehoben wurde.
 
                                  IV. Capitul.
                           Die Geschicht des Atavan.
 Der Vorwitz stürzt den Icarus,
 Dass er im Meer ersaufen muss.
Ich glückseliger Zendorio wusste dazumal nicht, wie ich meine Zeit fröhlich genug
passieren sollte. Nahm derohalben allerlei Mittel vor, und nach gehaltenem Tanze
machten wir die Abrede, dass, weil die Zeit ohnedem sehr widrig und kalt sei,
solle sich die ganze adelige Gesellschaft morgens in dem Zimmer der Caspia
einfinden, und daselber wollten wir bei einem Gläslein Veltliner die Zeit mit
Erzählung allerhand kurzweiligen Sachen zubringen. Sie sagten alle ja, aber
Ludwig nahm sich aus, dass, wenn er ja darbei vermittelst des so gefassten
Schlusses erscheinen müsste, solle ihm freistehen und erlaubt sein, ein bisschen
was Garstiges mit unterzumischen, weil sie ohnedem keinen Pickelhering auf dem
Schloss hätten. Das Frauenzimmer sprach, es möchte immer sein, aber er sollte
beileib nicht aussen bleiben. Damit gingen wir voneinander, und begab sich
männiglich zu Bette.
    Morgens funden wir uns abgeredtermassen in dem Zimmer der Caspia ein, und da
wurde sie von den Gästen heute so gut als ich gestern geschraubet und
ausgevexieret, weil ein jeder wissen wollte, wie es sich die erste Nacht bei dem
Bräutigam schliefe. Nach diesem gab man jedem seinen Stuhl zu sitzen, und weil
der Seiltänzer seit gestern seine Erzählung übrig hatte, musste er mit solcher
den Anfang machen, auf dass die andere Courage hätten, desto besser sich auf ihre
Erzählung gefasst zu machen. Er fing demnach an und brach in folgende Worte
heraus:
    »Hochadeliges Frauenzimmer wie auch edelgestrenge Herren und Junkern! Ich
bin von Ihnen insgesamt ersucht worden, eine Geschicht zu erzählen, die ich mit
eigenen Augen angesehen habe. Solche aber ist die traurige Begebenheit des
stattlichen Arzts und Bruchschneiders, des sogenannten Atavan. Dieser Atavan war
von Geburt aus Orléans an der Loire und ernährete sich durch seine Kunst sehr
reichlich. Seine Curen waren dermassen glücklich, dass er viel eher einen Bruch
geschnitten als einen Kaphan tranchieret. Dieser Ruf brachte ihn bei Grossen und
Kleinen in gutes Ansehen und ward allentalben stattlich verehret.
    Nebenst dieser herrlichen Profession machte er einen Teriack, den hiess er
nach seinem Namen Atavan, und solcher ward ihm auf offenem Markt reissend bei dem
Teatro abgekaufet, weil er ihn vor ein sonderliches Præservativ wider die
unreinen Nebel und anderer giftiger Dünste ausgab. In solcher Qualität kam er
auch nach Regenspurg, in welcher Stadt ich mich dazumal Studierens halber
aufgehalten. Ich hielt es vor eine Sünde, so ich einen Gaukelpossen sollte
versäumet oder übersehen haben. Ich lief sogar von der Lection hinweg und liess
meine Topic, den Suetonius und Horatius auf der Tafel liegen, wenn ich hörte,
dass die Klopffechter oder sonsten etwas Artiges in der Stadt herumtrommelte,
davon ich ein grosser Liebhaber ward. Denn ich gab mich dazumal aus und hielt
mich bei mir selber vor einen Marx-Bruder, der ich doch nicht war, und beging
viel tausend Stücklein, die ich nicht alle sagen mag.
    Es geschah eben zur selben Zeit, dass dieser Atavan auf dem Teatro durch
seinen Pickelhering ausrufen liess, welchergestalten er künftig neues Jahr von
dem Tum-Stift in lauter Feuer herunterfahren wollte gleich einem Vogel Phönix.
Aber weil dieser Ort zu heilig war, ein solch Gaukelspiel zu fovieren, nahm er
sich vor und suchte sich einen Turm aus auf dem Platz, so die Heide genennet
wird. Es wurde ihm ins zweite Mal widerraten, aber nichtsdestoweniger stellete
er sich zurecht und machet das Seil an dem obern Fenster eines ziemlich hohen
Turms an, also dass das andere Ende bis an das Eck der Trinkstube oder Waage
gereichet. Ich halte die lineam rectam ungefähr auf dreissig Angel, die
longitudinem bis zum Turmfenster funfzehen Ruten, daraus kann ein Erdmesser
beiläufig wissen, wieviel Klafter das obliquum und also der ganze Strick
gewesen.
    Es war an einem Sonntag abends, und des folgenden Tages fiel der
Heilige-Drei-König-Tag ein, welches ich mich noch aus dem entsinne, dass die
Prediger in allen Kirchen trefflich darauf geschmälet haben. Die Nacht und das
Anwesen vieler tausend Personen machte das Spiel viel abscheulicher, als man
sich einbilden können. Das Wetter war etwas feucht, dahero ward das Seil ganz
benetzet, welches die Seilfahrer insgesamt und ich in spcie vor eine grosse
Hinderung in dergleichen Begebenheiten schätzen, weil man erfahren hat, dass
schon ihr tausend dadurch den Hals gebrochen.
    Ich selber stund mitten unter dem Haufen, nicht weit von dem Eck, da das
Seil angeheftet war, und daselber waren auch wie die Teufel angekleidete
Kerles, welche ihn mit Bettgewanden auffangen und halten sollten. Andere Diener
gingen bei dem Seil und unter demselben mit brennenden Pechfackeln hin und
wider, und hofften alle einen bessern Ausgang, als leider in dem Werk selber
erfolget ist. Wir warteten sehr lange und mit grossem Verdruss. Endlich schrie er
herunter: Allumez! Allumez! Das solle, wie man mich berichtet, Zündet an!
heissen. Kurz nach diesen Worten sah man viel Raqueten von ihm steigen. Wir
hofften immer, er würde besser herunterkommen, aber es dauerte wohl ein
Vaterunser lang, da er weiter nicht als etwan zwei Klafter gekommen, ob sich
schon das Seil ausdermassen geschwungen. Er hatte ein anders Seil unter dem
grossen in nächstgelegenem Güldenen Kreuze angespannet. An demselben sollte eine
feurige Katze hinunterlaufen und diejenige Feuerräder anzünden, die er
ringsherum um den Brunnen angebunden. Aber ehe man sichs versehen, fiel der arme
Mensch von dem Seil herunter und blieb eben an der Stelle mausetot liegen, dahin
er gefallen, und viel Leute haben sich besorget, dass solche in die Dächer
fliegen und anzünden möchten, so gar hatte das Spiel misslungen.
    Man liess alsobald die Feuerräder von dem Brunn hinwegnehmen und um die
Ursach dieses erschrecklichen Falls fragen, und wurde alle Schuld einem
Sandkörnlein oder Papierlein beigemessen, so sich in dem Lauffeuer auf der
andern Seite befunden, daraus gefolget, dass die eine Seite eher angezündet und
der Arzt also gezwungen worden, auf die eine Halbe zu fallen, weil die Last des
Pulvers ziemlich viel war. Zudem hatte man ihm auch die beide Armen mit einem
grossen Brett auseinander gespannet, auf welchem Raqueten gelegen, er hat aber in
der Hinüberwälzung noch mit einer Hand das Seil zu fassen gekriegt, und wenn er
die andere Hand los gehabt, hätte er noch mit gesundem Kopf davonkommen können.
Aber das Feuer und der Dampf machten ihm grosse Qual, und sagten ihr viel, dass er
noch in der Luft von dem Pulver erstickt worden.
    Mit was Schrecken das Volk von dem Platze gegangen, könnet ihr leichtlich
urteilen. Man gab darnach geschwind Kupferstück heraus und wurden Verse darzu
gemachet, welches die Händler nur ihnen selbst zum Besten taten, weil ein
ziemlicher Particul von dergleichen Briefen ist verkauft worden. Hat also der
Autor derselben Relation und Verse einen gaukelhaftigen Dank von der ganzen
weiten Welt verdienet, den ich ihm auch gerne lassen will.«
    »Monsieur Seiltänzer,« sagte Ludwig, »Er hält seine Profession sehr
verdächtig, wie sie denn auch in dem Werk selber nicht gar reputierlich ist.
Meinesteils liebe ich die Gaukelei, aber die Gaukler selber achte ich nicht
gar hoch, der Herr muss aber nicht meinen, als sei Er mir verhasst, denn ich
verstehe aus seiner abgelegten Relation, dass Er gestudieret, daraus ich Ursach
habe, Ihn vielmehr vor einen Studenten als Gaukler zu achten.« Der Gaukler gab
zur Antwort, Monsieur Ludwig möchte ihn halten, vor was er wollte, ihm würde
zustehen, in allen Begebenheiten gehorsame Dienste zu leisten.
 
                                  V. Capitul.
               Der Seilfahrer erzählet seinen eigenen Lebenslauf.
 Wer andre unterrichten will,
 Der fang bei sich erst an das Spiel.
Isidoro hatte dem Seiltänzer unter währender Erzählung angemerket, dass er ein
lustiger Kopf von Natur war. Gab dahero mehrere Gelegenheit und ersuchte ihn,
seinen Lebenslauf zu erzählen, und weil bei dieser Bitte das Frauenzimmer auch
das Ihrige taten, liess er sich hierzu leicht bewegen, und Monsieur Ludwig
versprach, dass er nach solchem auch den seinigen eröffnen und nicht das
geringste Stücklein verschweigen wollte, was sich mit ihm zugetragen. Hiermit
erzählete der Seiltänzer folgendes aufs neue:
    »Zuvor habe ich erzählet eine Historia, die traurig genug war, von einem
solchen Menschen, der die Bein ausser seinem Beruf auf gefährliche Schritt
gesetzet, davon er leichtlich den Hals gebrochen. Nun aber werde ich an den Tag
bringen meinen lustigen Lebenslauf, den kaum der Tausendste glauben kann. Meine
Geburt ist so gar niederig nicht, denn mein Vater war ein Stadttürmer in
Burgund, bin also ein Hochgeborner sowohl als ein anderer. Und weil ich in
Teutschland noch wenig so hohe Türme gesehen als dieser, wo ich geboren worden,
habe ich keine geringe Ursach, mich mit hiesigen Edelleuten in einen
Præcedenz-Streit einzulassen. Ich glaube, es wäre auch schon geschehen, so ich
nicht von Natur zur Niedrigkeit geneigt wäre, mit der ich absonderlich dem edlen
Frauenzimmer ergeben bin.
    Drei Jahr nach meiner Geburt führte mich meine Mutter auf den Gang hinaus,
welcher rings um den Turm ging, und weil mein Vater dazumal das Abendlied
geblasen, hiess sie mich ihm zuhören, vermeinend, ich würde das Trompeten-Blasen
ebenso aus dem Gehöre lernen wie die Canari-Vögel die Melodien. Aber ich weiss
nicht, wie es geschah, als der Wind meinen Vater in dem Gang umwarf, denn er war
eine so kleine und federringe Person, dass ihn meine Mutter zu Zeit der
Sturmwinden mit einer Handwelle an das Gitter anbinden müssen, sonst hätte ihn
der Wind über die Turmspitze ausgeblasen, und der närrische Pöbel hätte alsdann
glauben dörfen, es hätte ihn wer anderer davongeführet. Dieses Mal aber kam der
Wind ganz unverhofft und wider unser eigenes Vermuten, dahero kam es, dass er mir
unversehens mit der Trompete eine ganze Reihe Zähne einschlug, und aus diesen
Ursachen konnte ich nicht zu der Trompete gebrauchet werden, weil ich noch als
ein Jüngling allerlei Ungelegenheit an dem Zahnfleisch fühlete. Und ob mir schon
hernach die Zähne wieder wuchsen, war ich doch schon zu alt, einen Trompeter
abzugeben, entschloss mich dahero, in dem angefangenen Studieren fortzufahren.
Ich kam auf eine Schule zu einem Præceptor, der war noch eine ledige Person,
hatte aber eine Kammachers-Tochter überaus lieb.
    Ich war damals ein Jüngling von achtzehn Jahren, und es fehleten gar wenig
Jahr, so war ich so alt, als mein Schulmeister gewesen. Den Bart anbelangend
hatte er soviel als ich, und er stellete sich auch zu Hause mit mir oft so
närrisch an, dass uns die Hausmagd oft ausgescholten und gesagt hat: Herr
Præceptor, seid doch kein solcher Narr! Solche Wort mussten wir von der
Dienstmagd einfressen, und ich gedachte: Kanns mein Herr leiden, so kann ichs
auch leiden. Ja, wenn wirs gar zu grob machten, jagte sie uns wohl mit dem
Besenstiel aus der Stube darzu, daraus leichtlich abzunehmen, wie ein Paar
nobile fratrum wir zusammen gewesen und wie fleissig ich vor meinen Part
studieret habe.
    Die Kammachers-Tochter machte mir fast die grösste Mühe, denn er schrieb
Briefe, die musste ich hernach ins reine übersetzen, und er sagte, dass ich den
Stylum wohl observieren sollte, weil man sich dieser Art auch in anderen
Zufällen und Materien gebrauchen könne. Er hatte die Gewohnheit, sie allezeit in
der Nacht zu besuchen, weil er sich scheuete, bei Tag an einen solchen
schlechten Ort zu gehen, und weil er ein ehrlich Amt hatte, glaubete die Tochter
ganz sicher, es würde ihrem Kragen gelten. Butzlia, so hiess sie mit Namen,
freuete sich schon auf die Hochzeit, und war doch noch nichts von dem
Versprechen gedacht. Er selber machte ihr hierzu gute Hoffnung, und ich
glaube, wenn sie hätte singen können, sie hätte auch solche Ton gleichwie der
Schreiber, dessen heute gedacht worden, von der Hoffnung hervorgebracht. Aber
der Præceptor verschob das Werk von einer Zeit zur andern und suchte nichts, als
sie unter dem Schein einer ehelichen Liebe zu betrügen.
    Der Kammacher war ein alter verlebter Mann, desgleichen auch seine Frau, und
sie hatten zu ihrem bisschen Vermögen nur diese einzige Tochter, welche sie nur
deswegen nicht versperren wollten, damit sie bald sollte einen Mann kriegen. Sie
wussten, dass mein Præceptor stellatim ging und sich fast alle Abend in ihrem
Hause bei der Tochter einfand. Weil ich aber niemalen mit ihm in dem Hause
gewesen, kannten sie mich keinesweges, sooft ich auch des Tages vorübergegangen
und sonsten Buhlbriefe hingeschicket hatte, welche des Præceptors quinta
essentia von den Liebesgedanken waren.
    Einer Zeit geschah es, dass er sich bei einem Schulschmaus einfinden musste.
Dortin bestellete er mich, aufzuwarten, ich aber gab vor, dass mir der Magen so
weh täte, dass nichts darüber, auf welche Entschuldigung er mir vor dieses Mal
nichts mehr befohlen, als zu Hause zu bleiben und mich warm zu halten. Ich aber
drehete die Sache ganz auf eine andere Art hinum; ich ging hin zu der Tochter,
verrichtete ihr einen freundlichen Gruss von dem Præceptor und sagte ihr mit
wenigem, dass er heute nach Glock acht Uhr ganz alleine und in der Finster kommen
wollte, darnach sie sich würde zu halten wissen.
    Butzlia dankte mir gar höflich, und allerdings, die Wahrheit zu gestehen, so
war das Rabenaas schön genug vor einen solchen Menschen, wie mein Herr war, wenn
sie ihm nur nicht so gar viel und oft hätte in ihrem Buche lesen lassen. Nach
zwei Stunden kam ich selber. Ich hatte des Præceptors alltägige Kleider
angezogen, weil er bei der Gasterei mit seinen Sonntagshosen erschienen. Und
weil ich stetigs um und bei ihm war, brauchte ich keine grosse Kunst, mich seiner
Stimme und Gebärden zu gebrauchen. So hatte ich auch zuvor in Ablegung der Post
meine Rede viel anders gestellet, als ich sonsten natürlicherweise zu reden
pflegte, dahero ging meine Invention gar stattlich an, welches derjenige nicht
würde haben zu Werke richten können, der keine Resolution und eine wackere
Courage im Leibe gehabt.
    Ich passierte in dem Habitchen so in der Dunkelheit über die Gasse, und es
bekamen mir gar viel Schüler auf der Strasse, die den Hut vor mir abnahmen,
zweifelsohne, weil sie mich in der Finster vor den Præceptor hielten. Da hiess
es: Respect, ins Teufels Namen. Nicht lang hernach kam ich in des Kammachers
Haus, allwo die Tochter schon unter der Tür stund und mich geschwinde mit sich
in einen Kühestall führte. Nunmehr wusste ich auch, wo der Præceptor Lectiones
explicierte, und wunderte mich von Herzen, dass sie zu ihrer Zusammenkunft diesen
Ort erwählet hatten. Aber es ist vielleicht darum geschehen, weil es die
Gelegenheit des Hauses nicht anders leiden wollen oder dass der Præceptor an den
daselbst stehenden Kühen und Ochsen möchte sein zukünftiges Ebenbild erblicken.
    Mein Herr, sagte sie zu mir, als wir uns miteinander auf das Heu
niedergesetzet, ich kann heute nicht lang hier verbleiben. Der Vater turniert
wie nichts Gutes, und die Mutter ist auch aller mürrisch. Wir haben eine Kammer,
darinnen liegt all unser Horn, das ist uns gestern abend halb gestohlen worden.
Nun will er heute und morgen mit seinen Gesellen wachen, und so sich einer
gelüsten lässet hineinzusteigen, werden sie ihn dermassen empfangen, dass ihm der
Buckel krachen soll. Er komme ja morgen nicht zu mir, denn man weiss nicht, wie
man in Unglück kommt und was der Henker vor ein Spiel führt.
    Hierauf umfing ich sie und küsste ihre Backen wohl tausendmal. Monsieur,
sagte sie, Er ist noch niemal so ungestüm mit mir umgegangen! Daraus ich
geschlossen, dass es der Discipul besser als sein Præceptor gemachet. Ich hätte
noch weiter fortgefahren, so sich nicht eine Kuh an dem Stricke losgerissen, und
dahero wurde sie gezwungen, solche wieder anzubinden und der Magd zu rufen,
zwischen welchem ich mich heimlich zum Hause aus machte, nachdem sie mich
zuletzt gebeten, nur morgen auszubleiben, aber übermorgen möchte ich kommen,
früh oder spat, nachdem es mir möchte gelegen sein. Mit dieser Post eilte ich so
gut hinweg, als ich hergekommen, und reuete mich nichts so sehr, als dass ich
nicht auf eine andere Art mit ihr conversieren können, welches mein Præceptor
wohl wert gewesen wäre, sofern es anders die Zeit und Gelegenheit hätten leiden
wollen. Aber was konnte ich weiter tun, weil es nicht anders sein wollte.
Resolvierte mich derohalben, meinen Herrn so sauber anzuführen, dass er mirs mit
dem Teufel danken sollte.
    Ich wartete in die tiefe Nacht auf ihn und trieb indessen mit der Magd wohl
tausend Schelmenspossen, derer ich schon mehr als zuviel gewohnet war. Bald riss
ich sie bei dem Rock über die Ofenbank herunter, und wenn sie sich niedersatzte,
einzuschlummern, zog ich ihr den Stuhl unter dem Fetzer hinweg, dass sie bald
lachte, bald über mich fluchte, wie denn die Weibesbilder insgemein bei solchen
Begebenheiten bald zum Zorn, bald wieder zum Gelächter zu bewegen sein. Bald
schlug ich ihr gar das Hemd über dem Kopf zusammen, und ob sie schon drohete,
solches ihrem Herrn zu sagen, fragte ich doch keine Schnellfeige darnach, weil
es der Præceptor viel ärger als ich zu treiben pflegte. Hatte also einer dem
andern nicht viel vorzuwerfen, und daraus ist ja leichtlich abzunehmen, wie
fromm die Jugend werde, wenn man sie solchen Leuten zu versorgen gibt.
    Zwischen solchen Exercitien klopfte er an der Haustür. Die Magd lief mit dem
Licht ganz geschwinde hinunter, und es fehlete gar ein weniges, so hätte er ihr
einen Fuchs in das Angesicht geschossen, so sehr hatte er bei der Schulmahlzeit
eingeladen. Er taumelte von einer Wand zu der andern und machte an denselben
seinen seidenen Mantel so schneeweiss, dass einer sollte geschworen haben, er käme
aus der Mühl von den Eseln her. Die Magd hat wohl die Zeit ihres ganzen Lebens
nicht so viel Mühe und Stärke angewendet, als da sie ihn über die Treppe
hinaufschleppte. Sie hielt bei jeder Stufe still und klagte sich trefflich über
die schwere und harte Arbeit, welcher sie in diesem Hause vorgesetzet sei.
    O Ihr versoffenes Ding! sagte sie zu ihm, sehet, wie Ihr Eure Halskrause
zugerichtet. Ihr seid viel unsättiger als eine Sau, die frisst und trinkt nicht
mehr, als sie kann, aber Ihr seid mit einem halben Eimer Wein nicht zu erfüllen.
Zudem so steckt Ihr auch so gern in Compagnien und wisset doch nur gar zu wohl,
ja, ich muss es selbst oftmalen mit anhören, dass sie Euch noch schrauben darzu.
Sie loben Euch ins Gesicht, aber hinterrücks lachen sie Euch aus, wenn sie
sehen, dass Ihr so leichtgläubig seid. Über dieses, so könnet Ihr auch keinen
Trunk vertragen, und morgen werde ich erst meine schwere Angst haben, wenn ich
Eure verstunkene Hosen werde auswaschen und säubern müssen. Der Teufel weiss es,
wie Euer Hemd aussehen wird, wahrhaftig, die Wäschweiber sind öfters darüber
erschrocken, und haben es diejenige, so von fern ungefähr auf die Wäschstange
geblicket, vor einen Comet-Stern gehalten. Ja, der Türmer, so in der Wäscherin
Hof sehen kann, hat mir selbst gesagt, dass er Euch einmal bei der Nacht
heimgehen und Euch das Feuer vom Brandewein zum Hals und den Naslöchern habe
herausschlagen gesehen.
    Urschel, Urschel, sagte der Præceptor, bringt mich doch hinauf, ich bin so
voll wie ein Schwein. - Das sehe ich gar wohl, sagte die Urschel, die Knaben
werden etwas Schönes von einem solchen Weinschlauch lernen. Pfui, schämt Euch in
den Arsch hinein, dass Ihr Euch so anstellet. Hiermit rufte sie mir, und ich tat,
als ob ichs nicht gehöret, da ich doch nächst ober der Treppe in einem Winkel
gestanden und mit Lust zugesehen, wie sie ihn eine Stufe herauf-und die andere
hinuntergezogen. Endlich liess sie ihn in seinem eigenen Unflat liegen und lief
herauf, mich zu holen und hinunterzuschaffen, aber ich legte mich quer in den
Weg. Da purzelte sie samt dem Licht über mich zur Erde, dass das Licht
auslöschte. Nach solchem zog ich sie bei den Beinen rücklings auf die Treppe
hinunter, daselber wälzten wir uns beide über den Præceptor, welcher ach und
weh schrie. Die Magd selber hielt mich vor ein Gespenst und fing ein solches
Geschrei an, davon die Nachbarn aufgewecket wurden. Ich gab dem Præceptor im
Hinaufgehen noch etliche gute Kopfnüsse, die er in dem grossen Trunk nicht
sonderlich empfunden noch gefühlet. Alsdann schlug ich ein Licht und fragte die
Magd, was sie vorhätte, dass sie sich nicht scheuete, ein so grausames Spiel in
der Nacht mit dem Herren anzufangen. Aber sie hiess mich einen Schelm und einen
Dieb; denn sie gab mir alles dasjenige schuld, was ich vor dieses Mal mit ihr
sowohl als dem Præceptor verübet.
    Du Hunds- etc., sagte sie, du und dein Herr, ist ein Bärnhäuter wie der
ander. Wäre mein Vierteljahr herum, ich wollte keinen Augenblick mehr in diesem
Hause bei euch groben und unhöflichen Leuten bleiben. Man hat ohnedem so viel zu
arbeiten, dass einem möchten die Nägel braun und blau darüber werden, und wenn
man seine Ruhe haben soll, so kommen die Flegel, einer hinten, der ander vor
einem, her und zerzausen eins wie einen Flederwisch. Ach, denkt nur, dass ich
eine Herrschaft finden will, die euch den Kitzel vertreiben werde. Wollt ihr
Narren sein? So seid es ins Teufels Namen und lasset mich mit euren Narrenpossen
ungeschoren. Die Bärnhäuter gucken kaum auf die Schul und lernen ein wenig was
aus dem Vexibulo, da wollen sie flugs Studenten sein. Ja, Bachanten seid ihr und
nichts Bessers. Der Teufel schlage drein, ich will es dem Herrn Rector sagen.
Oh, er ist kein Mann, der sich mit Hudelei wie der Ding placket, sondern er wird
euch so Mores lernen, dass ihr an mich gedenken sollet.
    Ich glaube, die Magd hätte noch eine halbe Stunde aneinander
fortschandieret, wenn ich nicht indessen den Præceptor mit Haut und Haar, Rock,
Hosen und Mantel hätte zu Bette gebracht. Ich riss auch zum Possen etliche Löcher
in das Oberbett, davon er mit Federn oben und unten überzogen war. Seine Peruque
trat ich mit Füssen, und weil wir etliche junge Hühner unter dem Ofen hatten,
schmiss ich sie in die Hühnersteige, zog sie auch daselber so lang herum, bis
sie ziemlich eingepudert war. Einen Schuh warf ich hinter die Bettlade, den
andern zum Fenster aus, und des Morgens sagte ich, er hätte solchen gestern auf
der Gasse verloren und nur einen nach Hause gebracht. Die Krause zerriss ich wohl
zu hundert Stücken und gab darnach vor, er hätte sich mit der Magd auf der
Stiege dermassen überworfen, dass nichts darüber wäre, denn ich wusste wohl, dass er
sich in dem Suff auf keinerlei Art besinnen konnte und dass er all dasjenige aus
der Vernunft zu lassen pflegte, was ihm in solchem Zustande vorgebracht oder
angetan würde.
    Die Urschel legte sich indessen mit Fluchen und Schelten ins Bette, und ich
musste von Herzen über ihr Geschmäl lachen, welches sie ganz alleine mit sich
selber in der Kammer führte. Denn dieses ist die gemeinste Art des
Frauenvolks, dass sie gleich den beissigen Hunden mit sich selbst murren und auch
alsdann nicht aufhören können, wenn niemand mehr zugegen ist, mit dem sie zu
zanken haben.
    Des andern Tages war kein Mensch unschuldiger als ich, ja, der Præceptor
selber fragte mich um Rat, was er tun oder ferners beginnen sollte, weil die
Magd heute früh, als sie eingeheizet, vor sein Bett gekommen und ihm gedrohet
hätte, zu dem Rector zu gehen und demselben alles haarklein zu offenbaren, was
wir bis dahero vor Donners-Possen miteinander in dem Hause vorgehabt. Aber ich
gab ihr nur ein Becherlein rheinischen Brandewein. Damit machte ich einen guten
Hausfried, welches nicht vonnöten gewesen wäre, so sich der Præceptor von der
Magd nicht so sehr commandieren lassen. Aber wo keine Autorität ist, da ist auch
keine Sorge, und das kindische Vornehmen eines Hauswirts gibt den Dienstboten
keine geringe Gelegenheit, übel von der Sache zu reden. Sonsten hätte sich auf
der Urschel ihren hockerichten Buckel eine gute Knittelsuppe gebühret, und des
andern Tages sollte man ihr fein sauber die Tür gewiesen haben. In Ermanglung
aber dessen mussten wir uns dieses Mittels mit dem Brandewein bedienen, welches
wir bis daher öfters vor die Hand nehmen müssen. Ja, die Urschel wurde der Sache
so gewohnet, dass sie flugs eine Ursach von dem Zaun herunter suchte, so sie
etwan eine Lust, Brandewein zu trinken, bekam.«
 
                                  VI. Capitul.
        Der Seilfahrer wird ein Bader, kommt wunderlich aus der Gefahr.
 Die Lieb ist blind, acht' keinen Stand,
 Nimmt Kot vor Gold in ihre Hand.
»So klug sich sonsten der Præceptor gedünkte, so merkte er doch diesen Streich
keinesweges, ob ich ihn schon merklich hinter die Springe gewiesen, weil er aber
meinen Worten nicht glauben wollen, als liess ich die Sache immer gut sein und
erzählte ihm vor diesmal, welchergestalten des Kammachers Tochter gestern abend
ins zweite Mal hergeschicket und entbieten lassen, dass er morgen, als nämlich
heute, sich zwischen Glock neun und zehn in der Nacht gewiss und unfehlbar bei
ihrem Haus einfände. Sie wollte in der Hornkammer, da das Hörn läge, seiner
erwarten, allwo sie etwas Absonderliches mit ihm zu reden hätte. Der Præceptor
sprang wegen dieser fröhlichen Zeitung vor Freuden aus dem Bette, und hätte ihm
gleich der Kopf noch einmal so wüst und wehe getan, achtete ers doch
keinesweges, sondern dichtete schon auf tausend Einfälle, wie er möchte in die
Kammer kommen, weil ihm nicht unbewusst war, dass der Kammacher das Haus
allentalben wohl zu verschliessen pflegte.
    Weil ich nun die Post so sauber und manierlich bei ihm abgeleget, als hielt
er mich auch darüber zu Rat, wie ihm nämlich am füglichsten wäre in die Kammer
zu helfen. Ich säumete mich hierzu keinesweges, sondern schlug ihm unsere
Feuerleiter vor, vermittelst welcher er ohne Anstoss hineinsteigen und mit der
Butzlia hantieren könnte, nachdem es ihm gutdünken würde. Er sah, dass hierinnen
meinem gegebenen Rat nicht ein weniges zu trauen war, erwartete also der Zeit,
und weil ich schon vorher ohne Perspectiv ersehen und spüren konnte, wie sich
diese Comödia schliessen würde, als raumete ich indessen alle meine Sachen
zurecht, auf dass ich mich in dem Sprung heimlich aus dem Staube machen könnte.
Es ging mir gar erwünscht vonstatten, denn als die bestimmte Zeit vorhanden,
nahm der gute Præceptor die lange Leiter unter das Mäntelchen, und weil es
ohnedas stock- und blindfinster war, verhoffte er desto ungehinderter in die
Kammer der Butzlia zu kommen, so ihm aber ausdermassen misslungen und
fehlgeschlagen. Er ging gar behutsam hin an das Haus, und ich folgete aus
Begierde, den Ausgang anzusehen, mit einer Laterne hintennach. Er hatte aber
seine Leiter kaum so bald an das Kammerfenster angestellet, als er schon auf
allen Seiten gleich einem Nachtdieb mit bewaffneter Hand angefallen und auf die
Hauptwache geführet worden.
    Ich aber packte mein Felleisen geschwinde zusammen, nahm es unter meinem
Mantel auf den Rücken und marschierte immer heimlich zu der Stadt aus, weil sie
allentalben offenstund. Ausser des Orts lag bei vier Meil Weges ein
Sauerbrunnen, daselbst hatte ich einen Wirt zum Vetter, bei dem ich mich vor
diesmal als ein Pædagogus aufgehalten und ihm seine zwei kleine Töchter
informieret. Und weil sich an diesem Ort allerlei Reisige von fremden Orten wie
auch aus vorbemeldter Stadt herzugetan, erforschte ich gar bald hernach von
einem Burger, dass der Præceptor die Kammachers-Tochter wider des Teufels Dank
habe ehelichen und bei zwanzig Taler auf das Rataus Strafe geben müssen. Mir
aber hätte er gedrohet, sobald er mich unter die Fäuste kriegte, den Kragen wie
einer Gans umzudrehen.«
    Bis hieher hatte der Seiltänzer seinen Lebenslauf mit sonderlicher Kurzweil
erzählet, und die Wahrheit zu bekennen, so hatte er in solcher Erzählung eine so
angenehme Manier erwiesen, davon das Frauenzimmer eine absonderliche Vergnügung
empfunden, ja, was noch das Allerverwunderlichste unter allem ist, so hat sich
zwischen solcher Relation in ihn verliebt ein über die Massen schönes und
adeliges Jungfräulein mit Namen Kunigunda. Ihr Geschlecht war weder gar zu alt
noch zu bekannt, aber wegen ihrer Schönheit und grossem Reichtum war sie
allentalben im Ruf; und ich glaube selber, dass Isidoro aus keiner andern
Ursach zu meiner Hochzeitfreude gekommen, als nur deswegen, dass er sich bei ihr
an das Brett bringen möchte, weil er durch dieses Mittel ein stattliches
Wildbret in das Garn könnte bekommen haben, welches aber freiwillig in des
Seiltänzers Netze gelaufen. Daraus wir zu sehen haben, wie verkehrt und
widerspenstig die Liebe in den Herzen der Menschen zu spielen pfleget.
    Weil aber die Compagnie noch voll Verlangen war, seine weitere Historia
anzuhören, in specie aber, wie er zu dem Gaukeln gekommen, redete er mit
genommener Licenz folgendermassen fort: »Zuvor habe ich der adeligen Gesellschaft
die erste Geschicht meines Schulstandes erzählet und bin gekommen bis in das
Wirtshaus meines Vetters auf den Sauerbrunnen, allwo ich zwei Kinder
informieret, welche Arbeit ich mehr aus Spass als Not vor die Hand genommen, weil
ich von Jugend auf ein grosser Liebhaber der neuen Zeitungen war, derer man an
gegenwärtigem Ort fast täglich eine ziemliche Zahl haben können. Und hätte es
auch schon an den ausländischen ermangelt, so konnte man bei den schwätzigen
Mägden und bei den Wäschweibern fast stündlich so viel zusammenbekommen, davon
man sich wohl ein halbes Jahr möchte beholfen haben.
    Diese Art zu leben war mir fast die allerangenehmste, und ich trieb sie so
lang, bis zu einer Zeit eine Gräfin an dem Ort angelanget, sich daselber der
Cur zu gebrauchen. Ihre Diener sagten mir, dass sie es wegen ihrer
Unfruchtbarkeit täte, aber sie meinten, dass sie fruchtbar genug wäre, so nur ihr
Herr etwas taugte, welcher sich durch den angewöhnten Suff dermassen verderbet,
dass alle Hoffnung, einen Erben zu bekommen, bei ihnen verloschen war. Ich
spielete dazumal schon ein wenig auf der Harpfen, und sie verliebte sich
dermassen in selbiges Instrument, dass sie mit meinem Vetter bald einig wurde,
mich mit ihr zu nehmen und zu ihrem Kammerdiener zu bestellen. Hundert gute
Jahr, wie war ich dazumal so froh! Ich sprang in meiner Kammer höher als
gegenwärtiger Ofen und rüstete mich, so gut ich vermocht, auf gegenwärtige
Reise.
    Sie reisete vier Tage darnach von dem Ort hinweg und satzte mich zu ihr in
die Gutsche, allwo sie mir so viel Ehre erwiesen, dass ichs selbst kaum glauben
können, dass sie es ernstlich meinte. Nachdem wir etliche Stunden gefahren,
trafen wir an einen sehr hohen Berg, auf welchem ein dichter Wald war. Der Weg
war etwas steinicht und widerlich zu fahren, derowegen stunden wir aus der
Gutsche, und sie ging mit mir über die Höhe und befahl mir, sie zu führen, weil
sie des Steigens sehr übel gewohnet war. Die andern Laquayen hiess sie der
Gutsche folgen, und solchergestalten kamen wir bald voneinander, weil sie unter
dem Berg, wir entgegen ober demselben hingingen.
    Als wir ein wenig in den Wald kamen, fing sie an, gegen mich folgendes zu
reden: Monsieur, auf der ganzen Welt und unter der Sonnen æstimiere ich nichts
so hoch als die Liebe, und Er sei versichert, dass ich seine Person nicht wegen
der Harpfe, sondern bloss allein wegen der Inclination, die ich des ersten
Anblicks zu Ihm gehabt, zu mir genommen. Will Er, dass ich leben soll, so
versichere Er mich seiner Gegenliebe, und will Er, dass ich Ihn lieben soll, so
verspreche Er mir, verschwiegen zu sein. Ich habe einen Mann aus Notzwang meiner
Eltern heiraten müssen, weil er von ansehnlichen Mitteln und ein Graf ist. Von
Geburt bin ich nur eine von Adel und habe in nichts wenigers als in diese
verdrüssliche Ehe willigen wollen, so ich nicht wider meinen Willen darzu wäre
benötiget worden. Ist mein Herr aber entschlossen, dasjenige zu tun, was ich
denselben gebeten, so versichere Er mich dasjenige, was ich von Ihm verlanget!
    Man kann gedenken, wie ich über der Rede der Gräfin werde ausgesehen haben.
Ich schätzte meine Glückseligkeit ganz unermesslich, denn ich kann nicht genugsam
entwerfen, wie sehr mich die Schönheit dieser Damen besieget. Ich glaube nicht,
dass der türkische Kaiser so fröhlich gewesen, da man ihm die Eroberung der
Vestung Neuheusel vorgetragen, als ich dazumal war, da mir diese Schöne selber
den Pass öffnete. Sagte derohalben kurz und gut: Allerschönste Kreatur, wer Sie
nicht lieben wollte, müsste entweder etwas mehr oder weniger als ein Mensch sein.
Eine solche Affection ist die allergrösste Vergnügung dieser vergänglichen Zeit,
durch dero Genuss man sehen kann, was schwarz oder weiss ist. Meine
Verschwiegenheit soll so gewiss als meine Treu erfolgen, so Sie mir ingleichem
zusaget, dass Sie hiervon weder Ihrem Herrn noch jemand anders entweder durch
Wort oder andere Gebärden will zu verstehen geben, dass Sie mir gewogen sei!
Hiermit umfing sie mich mit einem Kuss, als wir nächst vor uns die Gutsche sahen
an dem Ort, da wir mussten zusammentreffen. Damit liess sie es gut sein, und wenn
ich mich vor dem adeligen Frauenzimmer nicht ein wenig schämte, wollte ich alles
haarklein erzählen, was wir miteinander in der Gutsche getrieben, bis wir heim
in das Schloss kamen, welches von dem Sauerbrunn nicht gar sechs Meil Weges
abgelegen war.«
    »Ha,« sagte Monsieur Ludwig, »das sind Possen, Herr Seiltänzer, das
Frauenzimmer höret es gar gerne, und je gröber es ist, je lieber hören sie es
an. Äusserlich zwar tun sie wie der Teufel, innerlich aber gedenken sie in ihrem
Herzen: noch mehr, noch mehr, noch mehr.« - »Ja freilich,« sagte Fräulein Anna,
»gleich, wie Monsieur Ludwig meint , Herr Seiltänzer, ich bitte Ihn, Er
verschweige es. Aber wenn Er Herrn Ludwigen einen Gefallen zu erweisen
verlanget, so erzähle Ers immer heraus, er liebt die Zoten, dass nichts darüber.«
- »Sehet doch,« antwortete Monsieur Ludwig, »wie ist das Fräulein Anna heute so
keusch worden, man weiss gewiss nicht, wie sie es macht. Sobald sie ein verliebtes
Buch in die Hände bekommet, stellet sie sich in einen heimlichen Winkel, und wo
es am garstigsten ist, da lieset sie wohl vier- bis fünfmal hinunter und fraget
nichts darnach, ob es schon noch gröber und natürlicher herauskäme. Ja, sie
machet ihr noch wohl Gedanken darzu, die nimmermehr in dem Buche anzutreffen,
und leugnet es nur nicht,« sagte er ihr weiter ins Gesicht, »ich kenne
Frauenzimmer, die es noch wohl garstiger machen, und wenn sie was dergleichen
lesen, so wollten sie gar, dass noch Kupferstücke darzu darbeistünden oder dass
sie gar an der Tür stehen und der Sache selber durch ein Löchlein zusehen
könnten, und dieses sind solche Leute, denen es man nicht ansehen sollte. Aber,
Herr Seiltänzer, Er fahre fort und verschweige ja nichts, was sich mit Ihm auf
dem Schloss zugetragen. Ich will hernachmals auch ganz unparteiisch sein und in
meiner Erzählung nicht das Allergeringste aussen lassen, was sich mit meiner
Person zugetragen.«
    »Es ist wahr,« sagte der Seiltänzer, »Frauenzimmer sind Menschen und dahero
von Begierden nicht entäussert. Ja, sie stecken von denselben viel völler als
mancher Mensch, der sich durch schwere Arbeit allerlei Üppigkeit befreit. Die
Faulenzereien, welcher dasselbe unterworfen, stecket sie mit tausend schädlichen
Gedanken an, und ich halte, dieses sei die Ursach, dass etliche Österreichische
vom Adel ihre Töchter lassen in dem Kühstall arbeiten und mit den Hausmägden
allerlei andere Arbeit verrichten, damit sie desto weniger Gelegenheit hätten,
ihren verliebten und von Natur zur Buhlerei inclinierten Meinungen nicht
nachzuhängen. Aber weil etliche das donum continentiæ nicht haben oder aber von
ihren Eltern gar zu sehr eingesperret werden, damit die Cavalier nicht
darüberkommen möchten, geschieht es gar oft, dass statt derselben die
Stallknechte darüber herwischen und also die Schande vierfach so gross machen,
als es sonsten gewesen wäre. Ich hätte der Exempel genug anzuführen, weil ich
aber keine fremde, sondern meine eigene Erzählung vorzustellen entschlossen,
unterlasse ich solches und fahre in meiner eigenen Geschicht fort.
    Auf dem neuen Schloss hatte ich auch neues Glücke, denn die Gräfin konnte
kaum einen Tag vorbeistreichen lassen, als sie mir schon durch tausend Winke zu
verstehen gegeben, wie sehr sie sich in mich verstrickt befand. Ich selber
blickte sie viel mehr als verliebt an, aber es gab nicht die allergeringste
Gelegenheit, allein mit ihr zu sprechen, dahero könnt Ihr gar leichtlich
gedenken, welcher einer schweren Trauer ich dazumal unterworfen gewesen, darüber
ich nicht in eine geringe Melancholei geraten. Aber solche zu verbergen, wusste
ich gewisse Krankheiten vorzuwenden, welche mich alles Verdachts entoben.
    Der Graf war ein Mensch von kleiner Statur. Seine Hosen waren nicht viel
über eine Viertelelle lang, und dahero könnt ihr leichtlich urteilen, welch ein
grosser Ries er gewesen, denn man musste gar wohl Achtung geben, wenn man ihn
unter andern Leuten sehen wollen. Er hatte einen Bruder, der war ein ausdermassen
geiziger Mensch, und wie man sagt, so solle er aus grossem Geiz sich verkleidet
und den Bauern den Mist aus dem Stall haben tragen helfen, damit er nur des
Tages einen Groschen verdienen können. Diese Filzigkeit ist ihm bei andern
Cavaliern dermassen vor ungut gehalten worden, dass sie ihn endlich eingesperret
und ihm von allen seinen Gütern nur so viel an Speise, Trank und Kleidern
reichen lassen, damit er nicht vor Hunger noch Blösse stürbe. Aus diesem kann man
sehen, von was vor einer Gattung mein Graf gewesen, welcher, ob er schon nicht
so geizig, doch auch nicht allzu freigebig war.
    Er hörte meine Harpfe nicht gar gern nur deswegen, dass er mir zu essen geben
musste, denn er meinte, durch solches wäre ein Künstler meinesgleichen schon zu
befriedigen. Es ist nicht zu erzählen, wie ihm der Rotz stetigs zu der Nase
heraushing, dahero kann ichs der Gräfin bis gegenwärtige Stunde nicht vor
unrecht ausdeuten noch ihr Beginnen als ein freventliches Stück halten, wenn sie
ihm aus natürlichem Antrieb nicht hat können gewogen sein. So war er beinebens
so ungestalt, und wenn diejenigen Könige wären, die grosse Nasen haben, so dörfte
dieser wohl unter allen die grösste Krone davongetragen haben.
    Er war in keinerlei Ritterspielen noch andern Exercitien erfahren, weil zu
allen diesen sein Leib und die Glieder ganz indispost und ungeschickt waren. So
war er auch von so obscurem Ingenio, dass er kaum recht lesen konnte. Seine
Discurs waren meistens von seinen Kleidern, was er vor Zeug bei denselben hätte
und wenn sie fertig wären geworden. Item, wie lang er vor diesem geschlafen
hätte und wie er einsmals aus Unvorsichtigkeit über eine lange steinerne Treppe
hinuntergefallen.
    Mit solchen verdriesslichen Sachen verbrachte er seine Discurs, und wenn man
ihm von fremden Sachen sagte, so riss er das Maul auf und fragte, ob in Hispanien
auch Leute wären und ob dieselben auch Köpfe hätten. Aus diesem ist wohl zu
sehen, dass die Gräfin vielmehr einem Block als einem Menschen ist anvertrauet
worden, weil sie von diesem Salpeter nicht die geringste Ergötzlichkeit hatte,
und was noch das allerschlimmste, so hat er Befreundte auf dem Schloss, als
seine Mutter und noch ein anders Frauenzimmer, die geben Tag und Nacht Achtung,
damit die Gräfin nicht extra gehen und etwas suchen möchte, das ihr
abgeschabener Mann nicht hätte, dadurch sie viel ärger geplaget worden, als ob
sie in dem allergröbesten Gefängnisse zu Wildenstein auf der Vestung gesessen
wäre.
    Die Gräfin sah wohl, dass es unmöglich war, mit mir zu sprechen, es wäre denn
Sache, dass solches durch eine sonderliche Invention gesuchet würde, in Erwägung,
dass ihr von der alten Gräfin stets auf den Dienst gelauret worden, welche
vielleicht am besten gewusst, wie man den Pass abschneiden solle; aber dem ohne
Schaden stellete sie die Sache ganz auf eine andere Art an, ob ich schon nicht
das geringste Wort darum gewusst.
    Eines Abends, als ich ganz allein an dem Fluss, welcher das Schloss
vorbeirann, auf und ab spazierenging, hiess mich ein vorübergehendes Weib
geschwinde folgen, weil sie mir etwas Nötiges zu sagen hätte. Ich ging ihr nach,
und als wir unter die Bäume gerieten, sagte sie mit Verwunderung, dass sie bei
der Gräfin gewesen, und zwar vor acht Tagen. Die hätte ihr an mich folgende Post
abzulegen befohlen:
    Erstlich, so wäre sie vor ihre Person die Baderin in dem Flecken und hätte
ehedessen gold- und silberne Spitzen in das Schloss gemachet, damit sie auch noch
bis gegenwärtige Stunde zu tun und zu arbeiten hätte. Und in Erwägung ihrer
Verschwiegenheit hätte sie die Gräfin so lieb und wert, dass nichts darüber,
indem sie ihr auch die geheimste Sachen nicht verhielte. Sie wüsste wohl, und
hätte ihrs die Gräfin schon vertrauet, dass sie mich von Herzen liebte, und ich
solle mich zu ihr, als der Baderin, so sicher als gegen mich selbst versehen,
dass sie hiervon nicht das geringste Wörtlein offenbaren oder unter die Leute
bringen wollte. Die Gräfin hätte nicht ohne Schmerzen meiner so lange entbehren
müssen. Liess mir derohalben durch sie vermelden, wie ich zu ihr alleine gelangen
könnte. Ich sollte nämlich bei der Tafel ein Glas zerbrechen, welches von
sonderm Wert wäre. Dadurch würde die alte Gräfin bewogen werden, mich aus dem
Schloss zu schaffen, und sie, die junge Gräfin, wollte selbst daran sein, damit
ich desto eher davonkommen möchte. Auf solches sollte ich zu ihr, der Baderin,
gehen, und mich daselber vor einen Badknecht ausgeben, auch Dienste suchen.
Wenn solches geschehen, so wollte mich die Gräfin als einen Bader in ihre
Badstube auf das Schloss holen lassen, ihr daselbst zu schröpfen, und
solchergestalt könnten wir alleine zusammenkommen, sonsten wäre es ganz
unmöglich ins Werk zu richten.
    Meine Gönner können gedenken, dass mir diese Botschaft viel angenehmer als
ein Säckel voll Gold war, in Erwägung, dass die Qualitäten der Liebe allen Wert
der Metallen weit übertreffen. Dahero redete ich die Sache mit der Baderin
ferner ab, und ich fand sie in allen Stücken so richtig, dass sie billig ein
Muster der vollkommensten Kupplerinnen hätte können genennet werden. Weil es
sich auch an diesem offenen Ort nicht viel conferieren liess, ging sie von mir,
und ich versprach, morgen auf das längste in ihrem Hause zu sein.
    Nach diesem ging ich in meine Kammer, daselber meinen häufigen Grillen
Audienz zu geben, und verwunderte mich nicht unbillig über diese Invention, die
wahrhaftig das äusserste Mittel war, zu der Gräfin zu gelangen. Derowegen
resolvierte ich mich, das schönste Glas von der ganzen Tresur zu zerschmeissen
und mich nach der Tat aus dem Schloss zu packen.
    Folgenden Morgens wurde ich mit meiner Harpfe zur Aufwartung bestellet, und
ich stellete mich mit derselben so ungeschickt, dass ich nicht allein ein,
sondern wohl zwölf Gläser von der Stellage herunterstiess. Die alte Gräfin fing
an der Tafel an zu fluchen und schelten, und wenn der Graf gewusst hätte, wie man
sich in dergleichen Fällen verhalten sollte, so hätte er mir ohne allen Zweifel
einen Teller an den Kopf geschmissen. Die junge Gräfin schmälte selber wider
mich, und ehe ich mich recht umgesehen, schickte die alte schon einen
Kammerdiener zu mir, der mir den Dienst aufsagte und noch darzu mit einem
Gefängnis drohete. In Erwägung aber, dass ich noch ein junger Diener war, liess
mans darbei bewenden, dass ich meinen Dienst samt dem Schloss räumen musste,
sobald es sein könnte. Damit ging ich fort, nahm mein Felleisen auf den Rücken,
und als es schon ziemlich Nacht war, wendete ich mich auf der Strasse zurück und
kam zu der Baderin, wie ich ihr zuvor versprochen hatte.
    Anitzo kann ich in meiner Erzählung keinen grossen Umschweif suchen, sondern
muss geschwind heraus sagen, dass folgenden Tages die Gräfin eine Kammermagd zu
der Baderin geschicket mit Vermeldung, dass sie sich gerne wollte schröpfen
lassen. Deswegen solle sie einen Knecht hinauf in das Schloss schicken, der
zwischen vier und fünf Uhr Nachmittag gewiss droben wäre, denn sie wollte darauf
noch spazierenfahren. Ich war schon ganz verkleidet, so hatte ich auch statt
meiner natürlichen Haare eine garstige rote Paruque aufgesetzet, und weil ich
ohnedem kaum fünf Tage auf dem Schloss gewesen, brauchte ich keine fernere
Kunst, mich vor dem Schlossgesinde besser zu verbergen. Auf solches machte ich
mich mit zugehörigem Zeuge fertig, schlug den Mantel um und nahm den Kasten
unter den Arm, mit welchem ich in langen Schritten dem Schloss zuwanderte und
daselber durch ein altes Weib in die Badstube geführet wurde, derer bequeme
Gelegenheit ich zuvor nicht gewusst habe.
    Nach ungefähr einer Viertelstunde kam sie selbst an, und nach ihr ging eine
schon ziemlich erlebte Jungfer, welche ihr die Badkleider nachtrug. Es hatte
gleich darneben ein Stübelein, in welchem sie sich angekleidet und zu mir
hereingekommen, allwo alle Sachen in guter Bereitschaft stunden. Sie sperrete
die Tür sehr feste zu, und ich verwunderte mich rechtschaffen über die Zarteit
ihres Leibes, dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens nicht gesehen habe.
Ich umfing sie mit grossem Belieben, und sie küssete mich nach aller Möglichkeit.
Wir wollten uns auch schon zusammen niedersetzen, als eine andere Magd an der
Badstube anklopfte und vermeldete, dass die alte Gräfin auch ankommen würde und
sich jetzund wollte schröpfen lassen.
    Diese Post, wie sehr sie uns erschrecket, können Sie leichtlich gedenken,
indem durch dieses all unser Vorhaben zu Grund und Scheitern gegangen. Das ist
ein altes Rabenfell, sagte die Gräfin, welche mir auch nicht trauet, einen
sichern Tritt zu tun. Ach, wäre ich doch so frei, dass ich die Hoffnung haben
könnte, davonzulaufen, alle Mauern des Schlosses sollten nicht so hoch sein, ich
wollte doch darüberspringen und mein Leben lieber in einer ungeheuren Wildnis
als unter diesen Leuten zubringen, welche mich nur zu peinigen geboren sind.
    Kaum als sie diese Worte geredet, kam die alte Gräfin in dem oberwähnten
Badstüblein an, allwo sie sich ausgekleidet und sich überaus verwundert, dass ich
ganz alleine bei ihrer Schwiegertochter verschlossen wäre. Sie fragte mich, wie
ich hiesse und wo ich her wäre, aber ich war wohl so klug, der alten Kratzerin
eine Nase zu drehen, und sollte sie klüger als der Teufel selbst gewesen sein.
Denn ich gab mit einer ausländischen Sprache vor, wie ich erst aus Stralsund
daherkäme und unterwegens von zweien Beutelschneidern bis auf das Hemd wäre
ausgezogen und ausgeraubet worden. Item so sagte ich ihr auch, wie ich vor zwei
Jahren unter dem Türken wäre gefangen gewesen, hätte auch in solchem Gefängnisse
mit einem türkischen Säbel eine Wunde in den Kopf bekommen, von wegen welcher
mir oftermalen ganz unversehens eine so starke Ohnmacht zuginge, dass ich mich
länger als eine halbe Stunde nicht zu besinnen wüsste.
    Sie verwunderte sich über meine Erzählung, und mir war angst und bang, denn
ich war in dem Schröpfen ganz unerfahren, ja, ich wusste sogar nicht, wie man die
Fliete ansetzen und damit in das Fleisch hauen sollte, machte es doch endlich so
gut, als ich konnte, und fing an der Alten an, welche über meinem ungestümen und
unbarmherzigen Zuhauen zu schreien angefangen. Ich aber fiel meiner vorigen
Erzählung gemäss rücklings nach der Länge in die Badstube hin und stellte mich so
artig an, dass sie selbst nicht anders glauben konnte, als wäre mir der Zufall,
mit welchem ich seit dem türkischen Gefängnisse behaftet, aufs neue zugestossen.
Rufte dahero ihrer Magd, so indessen in dem Badstüblein bei den Kleidern
geblieben, dieselbe musste allerlei Stärkwasser bringen, mit dem sie mich wieder
aufbrächten und ohne Verzug nach Hause schickten.
    Dieses war die Invention meines unverhofften Geschickes, ohne welcher ich
mich trefflich hätte dörfen blossgeben. Die Baderin verwunderte sich selbst über
meine Arglistigkeit und schickte einen andern Kerl, welcher statt meiner das
Werk verrichten sollte. Also musste sich die verliebte Gräfin wider ihren Willen
schröpfen lassen. Aber bald darnach kam die Baderin von dem Schloss und bat
mich, so lieb mir das Leben sei, solle ich mich aus dem Staube machen, weil die
Alte ziemlich hinter die Sprünge gekommen, indem mich eine Magd erkennet hätte,
dass ich der Harpfenist gewesen. Diese Post brachte sie mir den dritten Tag,
nachdem ich in der Badstube gewesen. Dannenhero sah ich mich nicht lang um, und
weil ihr die Gräfin ohne Verdacht kein Geld mitgeben dörfen, hat sie ihr
befohlen, mir drei Stück güldene Spitzen zu geben, damit ich auf dem Weg eine
Zehrung hätte. Ich verkaufte solche flugs in der nächsten Stadt, und dort wäre
ich bei einem Haar in das Gefängnis gekommen, weil ein Cavalier in dem Hause
war, da ich die Spitzen verkaufte, welcher erkannte, dass sie von der Fasson der
Gräfin wären. Von dar an lernete ich von einem Gaukler zur Kurzweil Seilfahren,
und Sie haben mich bis dahero vergebens einen Seiltänzer genennet, zumalen mir
kein Glied am Leibe gebrochen ist. Aber das Seilfahren brauche ich zur Lust, hat
mir auch bis dahero so sehr gelungen, dass ich dadurch und meine Harpfe bishero
mein Brot gewonnen.«
    Diejenige Frau, welche sie zuvor die von Pockau genennet, bedankte sich
wegen der andern allen, dass er seine beste und merkwürdigste Lebensstücke
vorgetragen hätte, und weil sie an der Reihe die Ordnung traf, fing sie
folgenden Discurs an:
 
                                 VII. Capitul.
                          Die Geschicht wird censiert.
 Der Zwang ist wider die Natur,
 Zeucht man stark auf, so reisst die Uhr.
»Zuvor, ehe dass ich anfange zu reden von meinem eigenen Geschicke, muss ich
sagen, was ich von der Erzählung des Herrn Seilfahrers halte. Erstlich hat er
wohl getan, dass er nicht alle Possen oder etwan dasjenige bei seiner Erzählung
dargetan, was entweder nicht tauglich zu erzählen noch würdig zu merken ist.
Vors andere hat er übel getan, dass er seine Historia so gar garstig und ohne
Beschneidung hervorgeschwatzet ...« - »Ja,« sagte der Seilfahrer, »Madam, ich
bin ein Christ und kein Jud, deswegen tat ichs ohne Beschneidung.«
    Hiermit lachten sie alle, absonderlich Kunigunda, welche von Herzen froh
war, dass derjenige, in welchen sie petersilisch verliebt war, sich so wacker und
behende gerochen hatte. »Er sei ein Christ oder Jud,« sagte die von Pockau
weiter, »so ist Er doch mit einem garstigen Spiess darein gelaufen ...« - »Das
ist erlogen,« sagte Monsieur Ludwig, »es kam ja die Alte darzu, sonst hätte es
leichtlich dörfen geschehen!«
    Auf dieses lachten wir noch abscheulicher, aber die von Pockau liess sich
nicht irremachen, sondern redete fort und sagte also: »Mein Herr Seilfahrer, die
Gräfin, welche in Ihn verliebt gewesen, ist zu loben und zu schänden. Zu loben
ist sie ...« - » ... dass sie ihn hat wollen drüber lassen«, sagte Ludwig.
Kunigunda sagte: »Pfui, Herr Ludwig, wie ist Er so grob!« - »Wenn Er mir so in
die Rede fallen will,« sagte die von Pockau, »so will ich meine Historia einer
andern überlassen.« - »Meinetalben,« sagte Ludwig, »so hebe ich an, meine
Geschicht zu entwerfen, welche vielleicht die euren alle übertreffen soll, darum
so höret mir zu.« - »Nichts, nichts,« sagte Zendorio, »Bruder, lasse das
Frauenzimmer fortreden!« - »Madam,« sagte Caspia zu der von Pockau, »Sie solle
ihrer Erzählung überhoben sein, aber Sie sage, was ist Ihr Urteil von der
Geschicht des Seilfahrers?« - »Mein Urteil«, sagte die von Pockau, »ist dieses,
dass diejenige Eltern, welche aus Grund einer zufälligen Sache ihre Kinder zu
ehlichen nötigen, eine unbescheidene Sache vornehmen. Aber dass sie sich so
unbillig verliebet, ist auch nicht allerdings billig zu heissen, weil einem
tugendsamen Gemüt zustehet, das Unglück mit Geduld zu ertragen und den widrigen
Winden mit starkmütigen Schultern entgegenzugehen.« - »Ihr habt gut davon
sagen,« antwortete Monsieur Ludwig, »Ihr habt vierzehn Kinder gezeuget und des
Dinges öfters genossen, als mein nackichter Hund Haare auf dem Leibe hat. Ihr
könnt wohl sagen, wie man tun soll, aber Ihr könnt nicht beweisen, wie man tun
kann. Eine junge Dam ist so wenig ein Narr als ich; das Ding will gefüttert sein
wie ein junges Pferd!«
    Auf dieses Wort lief das gesamte Frauenzimmer zur Stube hinaus, und Monsieur
Ludwig sperrte dasselbe zu, wohl wissend, dass sie wegen instehender grosser Kälte
nicht lang würden draussen bleiben können. Demnach mussten sie wieder anklopfen,
und Monsieur Ludwigs Frau sagte zu ihnen, dass es ihr Mann nicht anders zu machen
pflegte, deswegen sollten sie ihm etwas zugut halten, denn je mehr sie sich
darwider sperreten, je gröbere Zoten würde er auf die Bahn bringen. »Ha, ha,«
rufte er nach ihrem Anklopfen heraus, »gelt, ihr könnet wieder um Pardon bitten.
Ich sehe, ihr wollt es noch gröber hören. Kommet nur herein, ihr müsst erst
hören, wie es mir gegangen, darnach könnet ihr hingehen, wo ihr hin wollet. Aber
Fräulein Anna kommt mir vor, als ob sie wäre pinkeln gewesen«; hiermit fuhr ihm
seine Liebste über das Maul, sonst hätte er noch was gesagt, das ich nicht hätte
beschreiben dörfen.
    Nach solchem satzten sie sich wieder an ihre alte Örter und sagten, so er
wieder würde so garstig sein, wollten sie alle die Finger vor die Ohren stecken.
»Ich dachte,« sagte er, »ihr habt sagen wollen: in den Hintern.« Hiermit erhebte
sich ein abscheulich Gelächter, und weil man mit der Glocke das Zeichen zum
Mittagmahl gab, verwunderten sie sich alle über der schnell hingestrichenen
Zeit.
 
                                 VIII. Capitul.
     Carl Heinrich von Zweidig kommt durch die Liebe in ein wunderlich Bad.
 Der Bär sucht Honig mit der Pfot',
 Drum stechen ihn die Bienen tot.
Auf das gegebene Zeichen wurden wir durch zwei Hofherren in die Tafelstube
begleitet, und nach gesprochenem Gebet satzten wir uns zu Tische. Die Compagnie
hatte sich diesen Tag etwas verstärket, deswegen gab es trefflichen Spass und
mangelte nur an den Spielleuten, die zweifelsohne wieder zu Hause arrivieret.
Aber ein Laquay, welcher mit seinem Herrn erst vor zwei Stunden durch ein
nächstgelegenes Dorf geritten, der vermeldete, dass er sie in der Dorfschenke
angetroffen, allwo ein Edelmann mit einer Bauermagd hätte Hochzeit gehalten. Die
Rede des Laquayes kam mir ziemlich verdächtig vor, deswegen fragte ich seinen
Herrn, welcher ebenfalls berichtete, was zuvor sein Diener erzählet. Er setzte
hinzu, dass der Bräutigam Faustus hiesse, und hätte kein Mensch erfahren können,
warum er ein so hochwichtiges Werk mit einer Bauersmagd vorgenommen, da doch das
ganze Land voll Adel steckte, und deswegen müsste er hierzu absonderlich sein
verleitet worden. Erst fingen wir an, uns rechtschaffen zu verwundern. Ich,
Isidoro und Ludwig machten ein Kreuz hin, das andere wieder her, denn es ist
unmöglich zu beschreiben, wie sehr uns diese Zeitung bestürzet. »Es ist nicht
anders,« sagte der vorige Edelmann, »die Hochzeit ist geschehen, und allem
Ansehen nach wird er mit der Braut schon zu Bette sein. Es ist schad vor den
rechtschaffenen Menschen. Ich konnte an ihm nichts verspüren als absonderliche
Höflichkeit, und wie ich von seinen Dienern verstanden, so ist er bei
vortrefflichen Mitteln. Die Ursache, warum er das Bauermägdlein geehlichet,
haben sie mir nicht sagen wollen, vielleicht weil es ihnen von ihrem Herrn
verboten worden.«
    Diese Erzählung zerstörte all unsere Lust, denn wir sahen augenscheinlich,
dass den Faustus eine grausame Raserei ergriffen, indem er eine solche Sache
unterfangen, die entweder nicht bestehen oder aber in eine grausame Reue könnte
verkehret werden. Denn eine unbesonnene Heirat schliessen bringt keine andere
Früchte als eine schamhafte Reue, die nimmermehr in dem Herzen auszulöschen ist.
Man verlegt sich dadurch den Pass zu höherer Promotion, und wer zumal ehrgeizig
ist, dem fährt der Teufel darnach gar über den Hals.
    Der Irländer sagte hierauf gegen uns über: »Monsieurs, es ist wahr, dass man
niemals blinder als auf der Liebesstufe geht, da man doch auf solcher alle
Vorsichtigkeit anwenden sollte, damit man nicht irregehe. Verfehlet man den Weg
auf dieser, so ist kein Mensch unter der Sonnen, welcher wieder auf den rechten
Weg zu bringen weiss. An einer Heirat kann man ein grosses Stück der
Glückseligkeit übersehen, und ich glaube, dass diese einzige Furcht, die Sache
übel zu treffen, so unzählig viel alte Junggesellen macht. Doch ist es besser,
dass Faustus sich an eine Bauermagd verehlichet, als ob er sich um eine Person
beworben, die seinem Stand zu hoch wäre, wie denn erst einem vom Adel in Italien
geschehen, der deswegen das Leben lassen müssen.« Auf solches bat ihn das
Frauenzimmer, die Geschicht zu erzählen, und weil er sich hierzu verbunden
erkennete, erzählete er dieselbe folgendermassen:
    »Ihr Herren,« sagte er, »dieses ist der Anfang, welcher uns vor Augen
stellet die grosse Gefahr Carl Heinrichs von Zweidig, eines Teutschen vom Adel.
Er verbrachte seine Jugend unter ziemlich bösen Buben, und ist nicht zu
zweifeln, dass er dahero gleich anfangs verführet und verderbt worden. Sein Herr
Vater ging ihm noch in jungen Jahren mit Tod ab, und dahero hatte er desto
bessere Gelegenheit, seinen Wegen nachzugehen, weil die gelinde Mutterzucht
nichts als einen schlechten Gehorsam der Kinder nach sich zu ziehen pfleget. Ein
solches Leben führte unser Carl bis ins funfzehente Jahr, und weil er von Natur
mit einem fähigen Kopf begabet war, hatte er das Seine noch ziemlichermassen
gelernet, also dass er auf eine Schul getan wurde, sich daselbst so viel zu
versuchen, bis er würdig wäre, auf eine hohe Schul zu reisen. Er war ein
Jüngling von absonderlicher Schönheit des Leibes, und war kein Schüler, welcher
sich nicht glückselig geschätzet, seiner Gesellschaft zu geniessen, teils wegen
seines hohen Adels, teils wegen des gespickten Beutels, mit welchem ihn die
Mutter ohne Unterlass beschenkte.
    Man hielt ihm zu Hause einen eigenen Præceptor, aber sie wussten nicht, dass
sie das Schaf einem Wolfe anvertrauet hatten, weil nach wenigen Wochen solche
Stücklein an den Tag gekommen, die dermalen auszulegen weder die Enge der Zeit
noch auch die billige Abscheu erduldet. Der Præceptor wurde aus dem Hause gejagt
und dem Carl anstatt dessen ein Hofmeister zugegeben ein Mensch, welcher sich
ehedessen in den Ländern durch unterschiedliche Reisen sehr bekannt gemachet,
aber er hatte den absonderlichen Fehler an sich, dass er gerne soff, und durch
dieses Übel hat er sowohl an sich selbst als an dem Untergebenen mehrer
versäumet, als er verantworten können.
    Man schickte sie in Italien, daselber die Sprache samt andern Exercitien
zu lernen, und wurde zu Ende dessen Verona erwählet, welches ist eine herrliche
und absonderlich dazumal von dem teutschen Adel sehr weit berühmte Stadt. Der
Hofmeister versprach allen Fleiss anzuwenden, damit sie nicht allein bald,
sondern wohl geschickt wieder zurückkommen möchten, zu Ende dessen er allerlei
Vorschläge tat, wie und auf was Weise das Studium sowohl als die andern
Exercitien anzugreifen wären. Hiermit schieden sie beide, mit einem Diener
vergesellschaftet, davon und liessen die weinende Mutter in tausend Sorgen,
welcher es schon vorging, wie es mit ihrem Sohne würde gespielet werden.
    Die vierte Woche bekam die Mutter Briefe von dem Hofmeister, wie sie per
Posto glücklich angekommen, und also gab sich das traurige Weib in etwas
zufrieden und war um nichts sorgfältiger, als wie sie ihrem Sohne die Wechsel
gewiss übermachen, daraus zu sehen, wie lieb sie ihn gehalten, indem sie ihre
ganze Freude an der Vergnügung ihres einzigen Sohnes gesuchet. Indessen hatte
sich aber weder [der] Hofmeister noch der adelige Jüngling in Italien
keinesweges gebessert, denn einer geriet durch seine Völlerei in den
schändlichen Müssiggang, und dieser suchte nichts, als sich in den öffentlichen
Hurenhäusern bekannt zu machen, gestaltsam sie beide zu ihrem Verderb die beste
Gelegenheit an der Hand hatten, weil sie weder an Geld noch einzigem andern
Mittel nicht den geringsten Abgang litten.
    Julia di Foro, eine schöne, aber auch zugleich sehr hohe Standesperson,
welche ihresgleichen in Verona nicht hatte, sah unsern Carl etlichmal bei ihrem
Quartier vorbeireiten, weil er sich wenigst in der Woche zweimal auf der
Reitschule einzufinden pflegte. Sie war eine Dam von sonderlicher
Eingezogenheit, aber doch darneben so verliebt, dass es nicht sattsam kann
entworfen werden. Sie verwunderte sich über die Tapferkeit des Teutschen vom
Adel und forschte endlich um sein Geschlecht, welches aber so heimlich und
verdeckt zugegangen, dass weder der Hofmeister noch der von Zweidig darum ein
einziges Wort gewusst.
    Eines Abends, als er von der Tafel aufstund, allwo er bei einem andern
Teutschen zu Gast gewesen, wird er durch einen Laquay gerufen, welcher ihm ein
Schreiben überlieferte, dessen Inhalt in dem bestund, dass er sich innerhalb zwei
Stunden aufs längste in dem und dem Palast ganz alleine einfinden sollte, weil
sich daselber ein seiniger Landesmann ganz incognito aufhielte. Carl von
Zweidig wusste nicht, dass es ein verdecktes Essen sei, sondern kleidet sich
sauber an und erscheinet nach dem Inhalt des Briefes in dem benannten Palast,
ehe noch eine Stunde vorbeigegangen, fragt auch daselbst um den Teutschen, und
weil er noch etwas trunken war, führte ihn eine Magd in ein kleines Stüblein,
sich indessen darinnen so lange aufzuhalten, bis sie seinen Landesmann würde
gerufen haben.
    Nach einer Viertelstunde erscheinet die Magd samt dem sogenannten Teutschen,
welcher aber niemand anders war als eben die vorerwähnte Italienerin Julia di
Foro. Sobald sie da hineingekommen, geht die Magd hinweg, und die verkleidete
Dam schleusset die Tür zu, fängt auch an, mit dem von Adel so viel zu parlieren,
bis er mit Verwunderung verstehet, dass sie sich in ein Mannskleid gestecket,
ihren Palast verlassen und in diesem Hause keinem Menschen als der vorigen Magd
bekannt sei. Wenn er derowegen wollte verschwiegen sein, sollte ihm freistehen,
ihren Leib nach seinem Belieben und Wohlgefallen zu gebrauchen. Wäre Zwei-dig
wohl erzogen und in der Hurerei gleichsam von der ersten Kinderstufe nicht so
unverantwortlich verführet gewesen, wäre er nimmermehr von seinen bösen Affecten
überwunden noch von einer so scheinheiligen Huren gefangen worden. Er legte
alsobald seinen Degen ab und verübte mit dieser Schändlichen allen Greuel, der
mehr zu beweinen als zu beschreiben ist. Er lässt es nicht dabei, sondern fähret
eine geraume Zeit fort, der Julia ihre böse Begierden zu sättigen, weil er
genugsame Proben abgeleget, dass kein verschwiegenerer Mensch als er auf Erden
leben könnte. Aber hierinnen hatten sie sich beide betrogen, weil sie vor
demjenigen nichts verbergen konnten, welchem auch die Gedanken des Herzens
bekannt sind.
    Man hat hernach von dem Hofmeister erfahren, dass er diesem Leben über acht
Monat nachgegangen, unter dem Vorwand, einem Teutschen zuzusprechen, welcher
sich wegen einer Mordtat gerne wollte verborgen wissen. Und so sehr er sonsten
dem Spielen obgelegen, hat er doch von der Stund an dasselbe auf die Seite
gesetzet und sei stets melancholisch gewesen, vielleicht wegen der Ursache, die
ich schon gemeldet habe.
    Es trägt sich zu, dass ein junger Freiherr durch Verona reiset, welcher
unserm Carl mit absonderlicher Vertraulichkeit zugetan war. Sie verbrachten zwei
bis drei Tage in grosser Lust, und es war keine Ehre mehr übrig, welche dem
Freiherrn nicht erwiesen worden, bis ihn endlich Zweidig zu Pferd begleitet,
weil der Fremde willens war, wieder in Teutschland zu gehen. Indem sie an den
Ort kommen, wo Zweidig seinem Untergang so eiferig nachgehangen, vertrauete er
dem Verreisenden alle seine Heimlichkeit und vermeldete, dass er in diesem Hause
die schönste Dam von der ganzen Welt bedienete und sich also vor den
glückseligsten Menschen unter der Sonnen zu schätzen hätte.
    Der Freiherr verwunderte sich selbst, und indem kommen sie vor den Palast,
darinnen Julia di Foro mit noch anderem vornehmen Frauenzimmer wohnete. Sie
stund dazumal gleich an einem Fenster, mit etlichen unter ihren Gespielinnen
vergesellschaftet, und fragte zu Verhehlung ihrer Schandtat, wer diese zwei
Cavalier wären. Damit aber der Freiherr sehen sollte, dass Zweidig nicht gelogen,
als machte er daselbst mit Zurücksehung gegen dem Fenster ein Reverenz, und der
Freiherr lächelte in gleichen gegen das Frauenzimmer, daraus Julia geschlossen,
sie sei von dem Zweidig verraten.
    Das geschah am halben Abend, und es stunden nicht vier Stunden an, als
Zweidig von der Dam aufs neue berufen war, welcher, seiner vorigen Freiheit zu
geniessen, ganz froh hinging und sich im geringsten nichts Übels befürchtete. Er
wurde gar geschwind in den Palast eingelassen, aber ehe die Tür wieder
zugeschlossen war, hatte er schon zwei Stossklingen in den Leib, dass er ohne
einziges Wortsprechen tot zur Erden fiel, allwo er sich noch ziemlich hin und
wider geworfen. Dieses war der Ausgang seiner unreinen Liebe, welche selten
anders zu belohnen pfleget.
    Julia liess noch in selbiger Nacht den toten Körper auf die offene Gasse
werfen, und weil er vor ihrer Tür gefunden worden, schöpfte die ganze Stadt
keinen geringen Argwohn. Endlich kam der Hofmeister hinter etliche heimliche
Briefe, und weil ihm gleich seinem Untergebenen nachgestellet worden, machte er
sich heimlich davon und brachte der Mutter nichts zurück als die schmerzliche
Botschaft von dem entleibten Sohne, welche ihr fast die Augen aus dem Kopfe
weinete.«
 
                                  IX. Capitul.
Philipp Celsi, ein Kaufmannsdiener, kommt durch die Liebe in ein wunderlich Bad.
 Zuvor getan, hernach betracht'
 Hat manchen in gross Leid gebracht.
Über solcher Erzählung fingen etliche Frauenbilder an zu weinen, und weil meine
Liebste absonderliches Belieben daran getragen, nahm sich der Irländer
Erlaubnis, noch eine zu erzählen, die sich nicht lang nach dieser zugetragen,
über welchem Vortrag das Frauenzimmer wohl zufrieden war. Darauf machte er seine
Reverenz und fing an zu erzählen:
                    »Die unglückliche Liebe Philippi Celsi,
                            eines Kaufmanns-Dieners
                                   in Paris.
An was für ein grosses Joch sich die geilen Gemüter anzubinden pflegen und welch
eine Last sie sich selbst auf den Rücken binden, erzeiget nebenst der täglichen
Erfahrung folgende Jammergeschicht:
    Philipp Celsi, ein Normandier, hatte sich durch die Kaufmannschaft von
Jugend auf ernähret und ist endlich in Paris zu einem vornehmen Handelsmann als
ein Buchhalter in Dienst gegangen. Die Dam Del Phile oder, wie man sie dazumal
nennete, die Princessin aus Roan, kaufte einer Zeit ein Stück seidenen Zeug,
unter welchem Kauf sie sich in diesen Celsi dergestalten verliebte, dass sie
ihres hohen Geschlechtes ganz vergessen und stets um die Liebe dieses
Kramdieners geseufzet.
    Sie findet bald ein Mittel, dem Celsi ihre Meinung zu verstehen zu geben,
weil sie befahl, ein Stück dergleichen Zeug herzubringen, indem sie
entschlossen, noch vor ein Kleid auszunehmen. Der Kaufmann, als Principal, wusste
die eigentliche Endursache dieses Handels nicht, deswegen bringt er den Zeug
selbst, womit die Princessin ganz nicht zufrieden war, wie sie denn den Kaufmann
wieder hinweg-geschicket, vorgebend, dass mit seinem Diener noch einmal so gut
als mit ihm, dem Principaln, zu handeln wäre. Der Kaufmann lacht, geht weg und
schickt statt seiner den Celsi in das Logament der Princessin, welcher sich aber
nicht hineinzugehen getrauete, sondern gibt den Zeug einem Laquay, so vor dem
Zimmer aufwartete.
    Die verliebte Phile empfand hierüber kein geringes Vergnügen und heisset den
Diener selbst vor sich kommen, damisie ihm vielmehr ihre grosse Liebe entdecken
als den begehrt ten Zeug abhandeln konnte. Celsi, welcher so gar blöd nicht war,
entsetzte sich doch anfangs über ihrem Zumuten und entschuldigte sich wegen
seiner tiefen Niedrigkeit, bat ingleichen, die Princessin solle seiner Wenigkeit
verschonen, indem er vielmehr ihr zu dienen als sie solchergestalten zu lieben
geboren wäre. Die Princessin verfluchte sich hoch und teuer, so er hierinnen
nicht parieren würde, solle er viel eher seines Todes als ihrer fernern Gnade
gewärtig sein. Er solle ihr deswegen bei gegenwärtiger Gelegenheit einen Eid
schwören, dass er sich zu ihrer Vergnügung wollte brauchen lassen und von solcher
Heimlichkeit keinem Menschen, ja auch seinen allerbesten Freunden nicht das
geringste davon melden.
    Celsi wusste nicht, was hierinnen am tunlichsten wäre, denn er konnte sich in
dieser verwirrten Sache nicht so bald entschliessen. Indem geht die Princessin
weg und bringt mit sich drei Laquayen, jeden mit einem Puffer, die sollten ihn,
sofern er nicht ja sagen wollte, in dem Zimmer über den Haufen schiessen. Als er
sah, dass es Ernst war und die Diener allgemach die Puffer gespannet hatten, gibt
er nur der Princessin einen Wink, nach welchem sie die Laquayen wieder abwies,
und Celsi musste ihr darauf einen teuren Eid schwören, dass er von der
Heimlichkeit zwischen ihnen beiden nicht das Allergeringste vermelden wollte.
Auf solches wurde der arme Mensch zu allen Schandtaten gezwungen, und so gern er
auch seinem Ungemach entfliehen wollen, fand er doch keinesweges einzige
Gelegenheit, sich von dem Irrwege zu entäussern, weil sie ihm so sehr angelegen,
dass er endlich von ihr ganz überwunden wurde.
    Scipio, so hiess sein Nebendiener, ein Mensch, welcher viel mehr mit Betrug
als mit seiner Rechnung umzuspringen gewusst, bestahl aus Angebung anderer losen
Beutelschneider seinen Principalen und ging mit einem ziemlichen Particul durch,
nachdem er zugleich in dem Hause Feuer angeleget, dadurch er verhindert, dass ihm
nicht alsobald hat können nachgesetzet werden.
    Diese Tat schien etwas verwegen, und weil der Obrigkeit zu argwohnen
vergönnet ist, wurde Celsi eingezogen, weil man glaubte, dass er sowohl wegen des
Diebstahls als angelegten Feuers gute Kundschaft gehabt. Er verpflichtete sich,
einen Eid zu tun, weil man aber in seinen Kisten die schönsten Diamantringe und
andere Edelgestein gefunden, wurde gemutmasset, er hätte sich solche kostbare
Sachen von dem gestohlenen und entwandten Gelde zuwegen gebracht. Alle diese
Kleinodien aber waren nichts als Geschenke, mit welchen ihn die Princessin
begabt, denn er kam niemalen unter hundert Kronen von ihr, und weil er seine
Hurerei allgemach ein Jahr lang getrieben, kann man gedenken, welch einen Vorrat
die Obrigkeit gefunden, daraus sie genugsam schliessen können, dass er solchen
Wert seit der Zeit durch seine blosse Buchhalterei keineswegs gewinnen können.
    Man examinierte ihn ins dritte Mal, und weil er wegen getanen Eides sich
pflichtschuldig urteilte, die Sache zu verschweigen, wollte er mit der Sprache
durchaus nicht an den Tag, sondern schützte allerlei Sachen vor, durch welche er
sich mehr bloss gab als jemals zuvor, weil er als sonst aufrichtiger Mensch noch
nicht gelernet hatte, wie man mit subtilen Lügen und Betrügereien umgehen solle.
Es kommt mit ihm zur Folter, und dorten bekannte er aus Schmerzen, was man mit
guten Worten nicht von ihm bringen können, nämlich, er habe allen diesen
Reichtum von der Princessin von Roan, der sogenannten Phile, auf eine solche Art
bekommen, die sie sich selber wohl würden einbilden können; erzählte beinebens
den Anfang und den Ursprung, wie oben verzeichnet. Aber es war das Schlimmste
vor den armseligen Menschen, dass, indem er die Wahrheit geigte, hielt es die
Obrigkeit vor einen Mantel, mit welchem er seine strafwürdige Schuld zu
verdecken suchte. Es kam endlich dahin, dass er das andermal sollte aufgespannet
werden, und weil er von der vorigen Aussage nicht abweichen wollte, wurde mit
der Tortur fortgefahren, denn es hat sich keiner unter den Richtern einbilden
können, dass sein Vorgeben in der Wahrheit gegründet sei, weil die Princessin als
ein Exemplar aller Reinigkeit und jungfräulicher Keuschheit in der ganzen Stadt
ist gehalten worden.
    Die Schmerzen, welche der elende Mensch ausstund, zehrten ihm den Leib
dergestalten hinunter, dass er endlich keinem Menschen mehr gleich sah. Ja, sein
Principal hatte selbst Erbarmnis mit ihm und weinete gar oft in dem Gefängnis,
denn er konnte wohl merken, dass Celsi mit der Princessin zu tun gehabt. So
wurden auch die Ringe von unterschiedlichen Jubilierern gekannt, und stund
dahin, dass man die Sache wollte an die Princessin gelangen lassen, welche sich
zeit währender Begebenheit auf der Jagd erlustieret.
    Es geschicht aber, dass der schuldige Kramdiener zu Lyon wegen eines andern
Diebstahls gefangen gesetzet und wegen seines Lebens examinieret wird, allwo er
unter anderm auch dieses gestanden, dass er in Paris der einzige Urheber dieses
Frevels gewesen. Die Sache kommt aus und also vor Gericht, welches den bis auf
den Tod gemarterten Celsi entschlossen ist, loszusprechen, wird auch Anstalt
gemachet, ihn nochmalen wegen der Princessin zu examinieren, damit man desto
gewisser hinter die Sache kommen möchte.
    Phile hatte sich nunmehr genug auf der Jagd ersättiget, kommt nach Paris und
schickte nach ihrer Gewohnheit um ihren Buhler, aber die Kupplerin berichtet ihr
bald ein anders, denn es ging schon das Geschrei in der ganzen Stadt, als sollte
er auf das Feuer geworfen werden. Die Princessin entsetzte sich ausdermassen, und
gleichwie endlich nichts kann verschwiegen bleiben, kommet sie bald dahinter und
wird ihr das Protocoll zu lesen vergönnet. Sie war eine hochvermögende Person,
deswegen war man beflissen, dem Pöbel hierdurch das Maul zu stopfen, indem Celsi
noch selbigen Abend in dem Gefängnis mit einem grossen Seil gewürget und
dergestalten elendiglich und also recht jämmerlich getötet worden.
    Aus diesem traurigen Exempel entstehet die Frage, ob Philipp Celsi seinen
Eid zu halten schuldig gewesen oder nicht. Und es wird geantwortet: nein, denn
er hat nicht geschworen, die Folter zu erdulden, sondern seine Zusage betraf nur
den Statum extra torturam, welches er endlich wohl hätte tun können. Vors andere
ist ers keinesweges schuldig gewesen ratione obligationis, weil die Dam gar
keine Gerechtigkeit hatte, den armen Menschen mit einem Eid zu verbinden,
entgegen hatte die Obrigkeit wohl Gewalt, ihn davon zu entledigen. So ist auch
dieses kein zulässiger Eid zu nennen, welcher zu Bekräftigung der Sünde und
Unterdrückung der Wahrheit geschiehet, ich geschweige von dem augenscheinlichen
Zwang, welchen die Phile hierinnen vorgenommen. Aber da hat er unrecht getan,
dass er sich nicht ehe totschiessen als sich zu einer so schändlichen Unreinigkeit
gebrauchen lassen, præstat enim honesta mors turpi vitæ: weil ein tugendsamer
Tod viel höher als ein schändliches Leben zu schätzen ist.«
 
                                  X. Capitul.
                 Urteil des Frauenzimmers über diese Geschicht.
 Wer sich geschwind entschliessen kann,
 Der ist ein recht glückselig Mann.
»Diese Historia«, sagte Isidoro, »ist etwas melancholisch, aber die Wahrheit zu
gestehen, so haben aus solcher junge Leute zur Genüge zu sehen, welch einer
Gefahr sie sich alsdann unterwerfen, so sie ohne Vorbedacht nach einem solchen
Köder schnappen, an welchem sie oftermalen das Leben vor der Zeit abfressen. Es
wäre nach dem Urteil des Herrn Irländers freilich besser gewesen, wenn sich
Philipp Celsi in dem Zimmer der Damen hätte über den Haufen brennen lassen. Aber
wenn es darzu kommt, so hat die Larve ein anders Aussehen. Der Tausendste ist
kein solcher Narr, dass er sich flugs totschiessen lässet, und in einem solchen
Fall ist es unmöglich, sich so geschwinde zu resolvieren. Der in der ganzen Welt
bekannte Wallensteiner, so beherzt und unerschrocken er sonst war, konnte doch
dazumal vor grosser Entsetzung kein Wort aus dem Munde bringen, als er in der
letzten Nacht seines Lebens zu Eger überfallen und totgestochen worden. Ihr
Herren, Ihr Herren, sterben sollen ist ein hartes Bisslein, und eine geschwinde
Resolution zu dem Tode ist ein solches Blümlein, welches nicht in jedem Garten
anzutreffen. Aber die ehrvergessene Phile muss barbarische Brüste gesogen haben,
dass sie denjenigen erwürgen lassen, welchen sie aus Furcht des Todes zu ihrer
Liebe gezwungen, wohl wissend, dass durch solches Mittel viel könne erhalten
werden.
    Man sieht auch hieraus das leichtfertige Gemüt etlicher Weiber, welche nur
deswegen mit ihrem Stande ganz unanständigen Personen zu tun haben, damit ihre
Laster nur desto mehr sollen verschwiegen bleiben, und meinen, dass dieselbe
verbergen gar nicht sündigen heisse.
    Etliche charisieren gar kleine und unerzogene Jungen und wissen nicht, dass
sie dadurch nicht allein ihre, sondern auch die Seele des Jünglings verlieren.
Denn die Hurerei ist kein schlechtes Werk, wie es von etlichen unter uns
gehalten wird, und wenn es hier an der Zeit wäre, so wollte ich selber etliche
traurige Exempel beibringen, welche sich erst vor einem Jahr in meinem Heimat
zugetragen, da einer vom Adel einen Stalljungen bei seiner Tochter erwischet und
denselben alsobald in der Kammer an sein Servet aufgehenket. Aber wer sich will
warnen lassen, der hat an den beiden Historien des Herrn Irländers schon genug
zu sehen, wie übel und elend es den beiden armen Teufeln ergangen. Carl Heinrich
von Zweidig betreffend, ist dem Narren recht geschehen, denn es ist nicht zu
zweifeln, dass es auch noch heutzutage solche Extranarren abgebe, die sich mit
ihrer Liebe ein Haufen einbilden und hätten schier Lust, sich deswegen zu Ritter
schlagen zu lassen, wenn nur die Leute Narren wären und den Phantasten flugs
Epitaphia aufschlügen.
    Ich kenne einen solchen in einer Stadt, der geht bald zu der, bald zu jener,
und dorten plaudert der Monsieur nichts als von der Liebe, wie er nicht lieben
könnte noch wollte. Aber warum geht er an solche Örter, da man nichts anders
schliessen kann? Er sagt, er könne nicht lieben, und kann es doch nicht lassen,
dem Frauenzimmer aufzuwarten. Sagt man ihm von einer Heirat, so stellt er sich
an, als wenn er darum gebeten sein müsste, und glaubt festiglich, die Jungfer
sei übel aufgehoben, die er nicht heiratet. Er kann nach unsern allgemeinen
Gesetzen doch nur eine zum Weibe bekommen, und dahero lässet sich schliessen, dass
nach seiner Meinung die andern alle crepieren müssten. Ha, ha, ich habe gar oft
über diese Grillen gelachet. Er glaubt ganz festiglich, dass alle diejenige übel
geheiratet, welche ihn nicht um Rat gefraget haben, und wenn man seine
Ratschläge bei dem Licht besieht, so hat er sich bis dahero selber noch wenig
helfen können oder hat auf das wenigste kein taugliches Zeugnis, dass er andern
geholfen habe.
    In solchem Wahn ist seine beste Jugend hindurchgestrichen, und er ist
allgemach nicht weit mehr von funfzig Jahren, welches Alter dem Frauenzimmer von
Natur nicht gar angenehm ist, hat also schon das beste Mittel, dem Frauenzimmer
angenehm zu sein, hindurchstreichen lassen; und dieser Fehler ist um so viel
desto hässlicher, weil er ihn erstlich als ein Hofmeister der Liebe selber
begangen und vors andere kein Mittel unter der Sonnen kann erfunden werden,
durch welches er denselben verbessern möchte. Was ist aber endlich der Ausgang
solcher Personen, die sich einbilden, dass sich das Frauenzimmer sogar von ihnen
träumen lasse? Nichts anders als ein höhnisches Gelächter derjenigen Leute, die
sie zuvor in die Schul führen wollen. In fine videtur, cuius toni, alsdann
findet sichs im Auskehren, wie unbescheiden man gehandelt, wenn man andern auf
das Pferd helfen wollen und sich selber auf den Signor Esel, setzet. Mancher
bildet sich ein und gibt vor, er wolle keine andere heiraten, welche nicht ein
Capital von 40000 Ducaten besässe. Aber meinen sie denn, dass die Leute das Geld
hofieren oder von den Bäumen herunterschütteln können? Vierzigtausend Ducaten
sind keine Narren, und damit ich die Sache desto deutlicher gebe, so beliebe
Ihnen zu wissen, dass derselbe Kerl ein Maler und nur so lang glückselig ist, als
der Fürst lebet, dem er dienet. Darnach muss er Marchier extra! malen und
hingehen, zu sehen, wo seine Grandetz eine Stell finden kann.
    Er ist so stolz, dass nichts darüber, und wenn er in sein Vaterland kommt,
alsdann ist gar keiner über ihn, sondern er allein bleibt Meister in allem, dass
man sehen solle, wie angesehen er bei Hofe sei, da es sich doch in der Wahrheit
mit ihm der Mühe nicht so sehr belohnet, als er sichs wohl einbildet. Er lobet
andere Malereien trefflich, aber bei sich selber hält er seine Arbeit
jederzeit vor die beste und kann seinen eigenen Ruhm nicht bergen. Dahero weiss
ich nicht, ob ihn die Natur oder die Liebe des Frauenzimmers so wunderlich
disponieret habe, dass er diesen merklichen Fehler einer guten Politik so
liederlich übersiehet, da er doch sonsten kein geringes Glied an dem politischen
Körper zu sein vermeint.
    Was hilft es, ob sich ein solcher in seinem Vaterland so grossmachet, man
weiss doch wohl, wer er ist, und wird ihm deswegen keine grössere Ehre als sonsten
erwiesen, so sehr ihn auch darnach verlanget. Ich bin ein Cavalier von lustigem
Humor, und solche Lustbarkeit schätze ich höher als die höchste Ehre dieses
ganzen Landes. Ich habe wohl das Herz, Bettelleute auf der Gasse anzupacken und
mit denselben eins herumzutanzen, und wenn ich auf mein Schloss komme, so fresse
ich ein gebraten Rebhuhn und bin so ehrlich als zuvor. Ja, sagt mancher, du
Kauz, das stehet übel vor dem Frauenzimmer. Aber ich sage hinwieder: Mein lieber
Kauz selber, Frauenzimmer hin, Frauenzimmer her, meinst du denn, dass ich
dardurch etwas verliere? Ein Frauenzimmer, das mich liebt, achtet solche wenig
oder gar nicht, entgegen die, so mich nicht lieben will, lasset sich auch wohl
deswegen abschrecken, wenn ich nur eine Fliege totschlage. Ein Mannsbild ist von
Natur edler als ein Weib, so edel dieselbe auch sei, und dahero muss mich das
Weibesvolk und nicht ich sie charisieren. Aber wer kann davor, dass es solche
Weichmietlinge gibt, die sich einer jeden Sauborstenkrämers-Tochter unterwerfen
und sie eine Göttin nennen. Einen solchen bärnhäuterischen Geist habe ich nicht
im Herzen, und hätte ich ihn, so wollte ich mich so lange zerprügeln lassen, als
lange noch ein Glied an meinem Leibe wäre.«
    »Bruder Isidoro,« sagte Monsieur Ludwig, »du redest etwas deutlich, aber
doch wahr. Vor diesem lag ich eben in dem Spital krank. Ich zerlöffelte mich,
ich zerbuhlte mich, ich zercharisierte mich, ich verschamerierte mich, ich
verobligierte mich, ich verschwur mich, in summa, ich vernarrisierte mich, dass
ichs selber nicht genugsam aussprechen kann. Aber seitdem ich die Frau an dem
Halse habe, ist mir der Narr ziemlich gestochen worden, darum sage ich, dass kein
Mensch recht klug sein kann, er habe denn gefreiet. Derohalben,« sagte er zur
Fräulein Anna und der Kunigunda, »so freien Sie fein bald, damit Sie auch
dermaleins klug werden.« Aber Fräulein Anna gab zur Antwort, wenn Monsieur
Ludwig gleich noch zwänzigmal ehlichte, so bleibe er doch vor wie nach, denn sie
hätten an ihm keine andere Klugheit in der Ehe wahrgenommen, als die er zuvor in
dem ledigen Stande gehabt. Aber dieses müssten sie zeugen, dass er je länger je
garstiger in seinen Reden geworden. »Ja,« sagte er, »wovon ich rede, daran
gedenkt ihr desto öfter, könnte ich eure Gedanken sehen, wie sollte ich artliche
Posturen erblicken, fast wie zu Schlackewert in dem Gartensaal auf der
Oberdecke anzutreffen.«
    Über solche Rede lachten all diejenigen, so an dem Orte gewesen, und
Fräulein Anna möchte es selbst gerne wissen, so sie nicht geforchten hätte,
Monsieur Ludwig dörfte ihr eine garstige Antwort geben. Und in solchen
Gesprächen vertrieben wir bis drei Stunden, und wurden von uns diejenigen am
glückseligsten geschätzet, welche die Affecten der Liebe klüglich mässigen und
sich von aller Gesellschaft der Weiber behutsam vorsehen könnten. Hiermit wurde
die Tafel wieder aufgehoben, nach welcher wir einem lustigen Tanz beigewohnt,
darzu das Frauenzimmer einen Spielmann in dem Dorfe und noch einen andern
Vaganten bestellet, welche beide elend genug aufgekratzet.
    Die Gedanken aber, welche ich und Caspia wegen des Faustus geschöpfet,
quäleten uns immer im Gemüt, denn wir forchten, der wunderliche Mensch dörfte
etwan in eine unverhoffte Verzweifelung geraten, weil er sich schon ehedessen an
einem Baum aufgehenket und gleichsam ein Vorbild seines zukünftigen Zustandes
entworfen. Ludwig aber redete uns solche Grillen mit genugsamen Gründen aus dem
Sinn, denn er vermeldete, dass Faustus ein Mensch von sonderlichen Capricen sei,
welcher oft in einer Sache seine grösste Vergnügung gesuchet, daran ein anderer
kaum seine Schuhe zu wischen verlanget. Derohalben halte er davor, Faustus würde
sich mit einer Bauersmagd viel besser vertragen als mit einer königlichen
Princessin aus dem Lande des Grossen Moguls. Und damit ich die Geschicht recht
ausführlich erfahren möchte, versprach er mir, allerehestens mit mir verkleidet
dahin abzureisen, durch welches Mittel wir seinen Zustand von Grund aus könnten
innen werden.
    Dieser Vorschlag stellete mich in etwas zufrieden, und weil dieser Tag sehr
lustig und nicht ohne Moralien zugebracht worden, bat ich Monsieur Ludwigen, die
noch übrige Zeit bis zur Abendmahlzeit mit Erzählung seiner Lebensgeschicht
zuzubringen, worzu er schon bereit war, so nur das Frauenzimmer genaue
Aufmerksamkeit haben wollte. Hierauf brachten wir diejenigen, so nicht länger zu
tanzen verlangten, in das Zimmer, und obschon Kunigunda über die Massen gerne
tanzte, so folgete sie doch dem Isidoro auf dem Fuss nach, weil sie ihm wegen
absonderlicher Eigenschaften allgemach ganz zugetan war.
 
                                  XI. Capitul.
                       Ludwig erzählet seinen Lebenslauf.
 Der junge Most vergärt im Haus
 Und stösst dem Fass den Zapfen aus.
Als man verstanden, welchergestalten Monsieur Ludwig seinen Lebenslauf erzählen
würde, wurde der Tanzsaal alsobald leer, aber das Frauenzimmer wendete wegen
Verlassung desselben viel eine andere Ursach vor, indem sie die grosse Kälte
vorschützten, durch die sie gezwungen würden, in eine warme Stube zu gehen. Man
liess ihre Ursach an seinem Ort beruhen, denn man muss nicht so grob sein und das
Frauenzimmer lügen heissen, ob man es auch gleich mit Händen greifen kann, und
weil gleichsam in einem Augenblicke das Zimmer voll worden, musste man noch aus
andern Zimmern Stühle hereintragen, auf die sich diejenigen setzen konnten,
welche heute früh nicht bei der Erzählung des Seilfahrers gewesen.
    Mein alter Vater kam selbst in seinen schwedischen Stiefeln angestochen, und
ich glaube, dass auf dem ganzen Schloss kein einziges Kammer- oder
Jungfermägdchen mehr übrig gewesen, welche sich nicht heimlich hinter den Ofen
oder hinter das Bett gestecket, weil sie wohl wussten, dass Monsieur Ludwig eine
stattliche Historia erzählen würde, wenn er anders all diejenige Stücklein
hervorbringen wollte, die er die Zeit seiner Jugend begangen. Hiermit setzte er
sich auf einen grossen Sessel, und nachdem sich die adelige Gesellschaft in der
Form eines halben Mondes um ihn herum gesetzet, fing er folgende Rede an:
    »Zehen-, zwanzig-, dreissig-, vierzig-, funfzig-, sechzig-, siebenzig-,
achtzig-, neunzig-, hundert-, tausendmal habe ich mich verwundert, wie ein
reputierlicher Mensch ich in meiner Jugend gewesen. Als ich noch ein kleiner
Knabe und kaum der Mutter von den Brüsten genommen war, denn sie saugte mich
selbst und hielt mir keine geschorne Hure zur Amme, wie etliche heutzutage
gewohnet sind, da fing ich schon meine Schelmenspossen mit den Raben an. Wir
hatten einen Jäger, der war ein Mensch, der hinschiessen konnte, wo er wollte,
denn er tat Fledermäus-Herze unter das Blei, wie auch junges Hirschhorn, welches
zur gewissen Zeit dem Tier muss abgenommen werden, dadurch er viel und
unterschiedliche Gewinn in seinen Sack schob.
    Derselbe Jäger brachte mir zwei lebendige Raben in das Schloss, und ich
verehrte ihm davor einen silbernen Löffel, welchen ich in der Küche heimlich
hinweggestohlen. Nach solchem half er mir, die Raben mit allerlei gefärbtem
Papier und anderm Gezeuge auskleiden; auf den Kopf satzten wir ihm ein Raquet
mit Pulver, und durch das Naseloch zogen wir ihm eine Feder von einem
Pfauschwanz, und an jedes Ende derselben Feder hängten wir eine kleine Schelle.
Und als wir den ganzen Vogel halb blau und halb rot angestrichen hatten,
zündeten wir das Raquetlein über seinem Kopie an und liessen ihn alsdann fliegen,
wohin er selbst wollte.
    Durch dieses verursachte ich schon ein ungleiches Urteil unter den
benachbarten Leuten, denn etliche hielten es vor einen Drachen, etliche vor
einen Paradiesvogel, und hatten doch die Zeit ihres Lebens keinen unter beiden
gesehen. Etliche hielten es gar vor einen fliegenden Cometen, denn wir banden
ihm wohl vierundzwanzig Klafter langen Zwirn an den Schwanz und machten von dem
Raquet ein Lauffeuer hinunter, davon der Rabe am ganzen Leibe zu brennen
angefangen. An jedes Ende der Flügel hängten wir ingleichen eine Schelle, damit
er sich durch derselben Resonanz desto mehrere Zuseher verursachte. Auf eine
solche unerhörte Weise brachten wir die Leute in einen tausendfältigen Argwohn,
und es ist hernachmals weit und breit in die Zeitungen geschrieben worden, dass
man einen brennenden Drachen in der Luft gesehen, die Leute sollten sich
bekehren und fromm sein, sonst dörfte es nicht gut werden, habe also durch
dieses Mittel gar viel Menschen von dem Bösen abgeschrecket.
    Nach solchem tat mich mein Vater in eine Schule, so nicht gar weit von dem
Schloss abgelegen. In derselben trieb ich so viel Schelmenstück, die ich wohl
innerhalb fünfzehn Jahren nicht würde erzählen können, denn wenn mir der
Schulmeister wegen meiner Nachlässigkeit im Lesen oder Schreiben Schläge gab und
mich einen ungeschliffenen Flegel nennete, so legte ich ihm in seinem Absein
Schusterpech auf das Ort, wo er sass, und alsdann zerriss er gar oft aus
Unvorsichtigkeit seine Hosen. Zuweilen wurf ich ihm auch die Fenster ein und
schmierte in der Nacht seine Haustür mit vernünftigem Tierenkot und hetzte auch
zu solchem meine Mitschüler an, welche sich von mir viel ehe als von dem
Schulmeister bereden liessen.
    Weil der Ort vorerzähltermassen von meines Vaters Wohnung etwas abgelegen
war, so dingte er mich bei dem Schulmeister auf ein halb Jahr in die Kost und
versprach, ihm vor die Kost samt dem Lehrgeld zwanzig Taler zu geben. Aber ich
kann schwören, dass ich dem Schulmeister zwischen und binnen solcher Zeit wohl
vor vierzig Schaden getan, denn ich seichte ihm in alle seine Dintentöpfe,
zuweilen auch wohl in die Trinkgeschirre, und konnte mich also trefflich bei mir
selbst ergötzen, wenn ich sie über Tische daraus trinken sah. Die zerbrochene
Fensterscheiben zerrieb ich zu Pulver und streuete solches hernachmals in der
Mägde ihre Betten, davon sie sich am ganzen Leibe wund gerieben haben. Wenn ich
zuweilen zuviel Zwetschgen oder anders Obst ass, davon mich zur Nachtszeit das
Rumpeln in dem Leibe ankam, so hofierte ich ihm in die Kammer und sagte des
andern Tages, das Bauchwehe hätte mich von seinem Essen angekommen; und
solchergestalten trauete er nicht, mich zu strafen, weil er forchte, mein Vater
möchte ihm einen harten Filz geben, dass er mir vor das Geld nicht besser zu
essen gab.
    Einsmals hiess mich die Magd einen lausigen Landschuften und Kratzhansen, da
schmiss ich in ihrem Absein wohl eine ganze Handvoll tote Fliegen in den Kraut-
und Fleischtopf, und als das Essen so unsauber auf den Tisch kam, konnte sich
der Schulmeister abscheulich darüber zereifern und schlug also die Magd eine
Treppe hinunter, die andere wieder hinauf. Wenn er sich unterweilen einen roten
Vigerner Wein, welchen er überaus gerne trank, holen liess und etwan zu der Stube
ging, da raufte ich mir selbst die Haare aus dem Kopfe und schmiss solche
heimlich in das Geschirr, denn ich wusste, dass er nichts essen noch trinken
konnte, worinnen er nur das allergeringste Härlein fand. Solchermassen bekam ich
den Wein zu saufen, und er liess sich einen frischen holen. Er hatte seine
Instrumenten, als Clavicimbel, Lauten, Geigen und Clavichordien, kaum so bald
bezogen, als ich dort und dar die Saiten wieder hinweggerissen. Ich liess es auch
nicht bei dem bleiben, sondern zerschnitt ihm Mäntel, Rock und Hosen, und was
ich nur an einer Wand hangen sah, darüber wischte ich mit meinem Taschenmesser
her und zerlästerte fast alles, was mich ankam. Wenn der Küfer kam und die Fass
ausbesserte, so satzte sich die Schulmeisterin gemeiniglich auf eine Bank,
daselber dem Arbeiter zuzusehen, und indem er mit seinen Gesellen zu klopfen
anfing, nahm ich einen Stein und Nagel, und damit nagelte ich die Schulmeisterin
unter währendem Klopfen der Küfer perfect an die Bank, und wenn sie hernach
wieder davongehen wollte, so schleppte sie entweder die Bank hintennach, oder
sie riss ein Loch in den Rock.
    Soviel mir fremde Hunde in das Haus kamen, denen machte ich eine papierene
Krause um den Hals, bestrich sie über den ganzen Leib mit Dinte und liess sie
hernachmals hinlaufen, wo ihr Weg am nächsten war. Mit einem Wort: ich trieb es
so gar grob und wild, dass sich der Schulmeister endlich gegen dem Vater
beklagte, und nach diesem kam ich wieder nach Haus, allwo ich einem Præceptori
unter die Information getan worden, dem ich vor seine grosse Mühe allen
Widerwillen erwiesen.
    Ich klaubte den Hunden Flöhe und den Betteljungen die Läuse von den Köpfen
und Kleidern, solche tat ich in ein Schächtlein zusammen und streuete sie
hernachmals auf meines Præceptors Kleider und seinen Mantel. Wenn er nun also
bei uns über Tisch sass, so ist nicht zu sagen, wie abscheulich ihm alsdann die
Läuse hin und wider auf der Achsel herumgekrochen, ja, meine Frau Mutter hat
sich oftermalen darüber so sehr entsetzet, dass sie von dem Essen weggehen
müssen. Und weil ihn männiglich vor einen Lausebalg gehalten, gab ihm der Vater
seinen Abschied, und ich bekam dadurch meine vorige Freiheit, mit dem Jäger
hinzugehen, wo mir beliebte, ob ich schon kaum so viel gelernet, dass ich meinen
Namen recht schreiben konnte.
    Eine Stunde von unserm Gut wohnete ein Geistlicher, dahin wir alle Sonn- und
Feiertage in die Predigt fuhren. Demselbigen Pfarrer habe ich in meiner Jugend
wohl tausendmal den Teufel auf den Hals gefluchet, weil er meinem Vater
weisgemachet, dass er eine grosse Sünde beginge, so er mich in meiner Jugend so
sehr verabsäumete; schlug ihm hiermit unterschiedliche Gelegenheiten vor, wie
mir am füglichsten möchte geholfen werden. Sie wurden endlich eins, und ich
musste zu dem Pfarrer in die Kost, daselber so viel Lateinisch zu lernen, dass
ich aufs wenigste tauglich sein möchte, auf eine lateinische Schul zu kommen,
und auf eine solche Manier wurde mir ein ziemliches Stück meiner Freiheit
abgeschnitten, ob ich schon den Mägden and Knechten wie auch des Pfarrers
Schreiber selber manchen Possen gerissen.
    Wir wohnten nächst an der Kirche, und neben uns war des Küsterers sein Haus,
bei welchem ein kleiner Obstgarten stund. Und weil solchen von unserm Gebäude
nur eine kleine Mauer entschied, fand ich mich meistens, wenn es wollte Abend
werden, mit einer Leiter an dem Ort ein und rupfte dort und dar eine Birn,
Apfel, Zwetschgen oder auch einen Pfirsich hinweg, nachdem ich viel haschen und
langen konnte. Aber einsmals passte mir der Küsterer auf und gab mir solche
Kopfnüsse, dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens nicht gegessen hatte.
    Dieses Abendessen verdross mich so sehr, dass ich entschlossen war, dem
Küsterer ein brennend Raquetlein in sein Haus zu werfen, weil seine Dachfenster
gleich gegen die unserige über stunden. Aber ich ging etwas in mich selbst und
gedachte, dass uns die Gefahr sowohl als ihn betreffen dörfte, weil sein Boden
voll mit ungedroschenem Korn lag, welches er von den Kirchbauren zum Zehent
bekommen. Dannenhero ergriff ich ein anders Mittel, und weil es von unserm
Hintergebäude ein Fenster in den Kirchturm hatte, stieg ich dort heimlich hinein
und besudelte die Glockenstricke über und über mit Pfifferling, daran
hernachmals der Küsterer seine Hände abscheulich besudelte. Weil mir nun dieser
Poss so wohl angegangen, versuchte ichs auch das andermal und war willens, die
Stricke gar abzuschneiden, aber der Küsterer passete mir dazumal gleichwie vor
hinter einer Ecke auf und zerklopfete mich mit dem Strickknopf aufs neue so
herum, dass ich zum Fenster so bald wieder heraussprang, als ich hineingekommen.«
    »Ach,« sagte das Fräulein Anna, »das ist recht gewesen. Wüsste ich den
Küsterer noch anzutreffen, ein paar Taler wäre mir nicht zuviel, ich wollte ihms
deswegen verehren.« - »Grossen Dank, mein schönes Fräulein,« sagte Monsieur
Ludwig, »Sie sei in dieser Sache unbemühet, Sie wird bald hören, wie es dem
armen Schelmen gegangen hat. Denn als ich noch voll Zorn und Rachgier zurückkam,
brannte ich das gemachte Raquet an und schmiss es in einem Hui hinüber in das
Stroh, davon nach einem Vaterunser lang die Glut schon zu dem Dachfenster
herausgeschlagen und auf der Gasse ein grausames Geschrei erschollen. Ich lief
immer, was ich laufen konnte, und als ich mich auf dem Felde zurücksah,
erblickte ich schon das Feuer wohl drei Klafter hoch in die Luft schlagen, und
es ist nicht auszusprechen, wie sehr michs gereuet, dass ich ein solches Elend
angerichtet, weil ich geforchten, der Pfarrer würde ingleichem schon angestecket
sein.«
 
                                 XII. Capitul.
  Kommt auf das Schloss seines Vetters und trifft daselbst wider Verhoffen zwei
                             artige Abenteuren an.
 Die Esel haben einen Brauch:
 Der alte farzt, der junge auch.
»Diese Furcht machte mir mehr Füsse, als ich sonsten gehabt, dahero ereilete ich
unser Gut gar bald, hatte aber das Herz nicht, mich bei dem Vater anzugeben,
sondern lief in den nächst angelegenen Meierhof, in welchem ich auf ein Pferd
sass und so geschwind, als es sein konnte, damit fortritt. Ich wusste weder Weg
noch Steg, derohalben rannte ich hin, wohin mich das Pferd trug, und reuete mich
je länger je mehr, dass ich dem armen Küsterer eine solche Suppe zugerichtet, an
der er genug würde zu dauen haben.
    Bei untergehender Sonne kam ich vor ein Schloss, darinnen ich einen Vetter
hatte. Ich erkannte mich an dem Turm, dass ich einsmals mit meiner Frau Mutter
dar gewesen, denn der Besitzer dieses Schlosses war ihr leiblicher Bruder und
ein ziemlich verlebter Mann. Dazumal war ich etwan in dem funfzehenten Jahre
meines Alters, und als ich in den Hof geritten kam, empfing mich seine Tochter,
welche in die Küche gegangen, daselber das Essen zuzurichten. Sie verwunderte
sich über mich, und als ich nach ihrem Herrn Vater fragte, sagte sie mir, dass er
mit ihrer Frau Mutter auf eine Hochzeit verreiset wäre und erst morgen wieder
zurückgelangen würde. Indessen hiess sie mich absteigen und das Pferd in den
Stall führen und so lange auf dem Schloss bleiben, bis ihr Herr Vater wieder
zurückkäme. Ich war noch voll Sorgen und Schrecken, der mich daher in das
abgelegene Schloss getrieben, welches sie mir wohl anmerkte. Aber ich wollte mit
der Sprache nicht heraus, sondern sagte zu ihr, dass ich eine Post an den Herrn
Vater abzulegen hätte, welchen ich auch erwarten wollte.
    Mit diesem führte sie mich über eine Treppe hinauf in eine kleine Stube,
allwo ich in einem Erker auf die Strasse sehen können, wer etwan in das Schloss
aus und ein ginge. Sie schickte mir kurz darauf durch eine Magd ein Licht samt
einem kurzweiligen Buch, darinnen ich mich bis um Tischzeit umsehen und die Zeit
passieren könnte. Aber meine Gedanken hatten nicht viel Zeit, in dem Buche
herumzublättern, sondern ich besorgte mich immer, jetzt würde ein Scherg kommen
und dann bald wieder darauf würde wieder einer kommen, die mich anfesseln und
zurückführen würden. Aber es geschah doch nicht, so sehr ich mich auch darum
geforchten habe.
    Als es nun fast sieben Uhr war und man das Zeichen zum Essen gab, hörete ich
jemand auf der Schlossbrücke reiten. Ich wendete mich behend um und sah über dem
Erker, dass es ein Kerl sei, welcher ganz vermummet war. Dieses verursachte, dass
ich ihn bald vor einen Henker, bald vor was anders hielt, weil mir die Furcht
seine Person wohl hundertfältig vorgemalet, und dannenhero sperrete ich das
Zimmer zu, willens, sofern es ein solcher sein sollte, der mich zu fangen
hergeschickt wäre, mich über den Erker abzulassen, auf die Brücke zu springen
und in das nächstgelegene Holz zu laufen.
    In diesem kommt die adelige Jungfer an meine Stube, und weil sie
zugeschlossen, sperrete sie mit einem Hauptschlüssel, welchen sie nebst andern
an der Seite trug, dieselbe auf. Ich erblasste gänzlich, und sie fragte mich so
lang, bis ich ihr vertrauete, wasgestalten mir das Unglück über den Hals
gefallen und ich aus lauter Mutwillen dem Küsterer das Haus angezündet hätte.
Nun aber wäre jemand hereingeritten, den hielte ich vor einen Landknecht, der
mich fangen sollte, bäte sie deswegen herzinniglich, mich nicht zu verraten, dass
ich in dem Schloss gegenwärtig wäre. Ich wollte morgen noch vor Tages mich auf
das Pferd setzen und immer damit zum Lande ausreiten. Die Jungfer entsatzte sich
über meine Relation, und sie erschrak nicht wenig, als ich ihr von demjenigen
sagte, welchen ich hatte zu dem Tor einreiten gesehen. Weil ich aber in dem Wahn
stund, als wäre solcher ein Landknecht gewesen, liess sie mich hierinnen und in
dieser Meinung ganz unberücket und versprach mir, meine Gegenwart keinem
Menschen zu vermelden, der mich hier auf dem Schloss suchen würde. Und damit
ging sie fort und sagte, sie wollte mir in diesem Zimmer ganz alleine zu essen
geben und hernach in eine Kammer weisen lassen, darinnen ich die Nacht schlafen
sollte.
    Hiermit ging sie mit einem brennenden Wachsstock ihre Wege, und kurz hernach
kam die vorige Magd mit einem Tischkorb und deckte mir auf. Sie brachte eine
gesottene Henne mit Petersilchen und Erdäpfeln samt einem Viertel von einer
gebratenen Spansau nebenst einem Salat. Das verzehrte ich unter unzähligen
Sorgen und Grillen mit Furcht und Zittern, weil ich nicht wusste, ob das Feuer
noch mehr Schaden getan hätte oder nicht. Bald sah ich zu diesem, bald zu einem
andern Fenster aus, ob ich nicht die Flamme an dem Himmel könnte gewahr werden.
Aber weil ich mich dazumal wenig auf die Landkarten verstund, wusste ich nicht,
um welche Gegend der Ort lag, da ich ein so saubers Feuerwerk angerichtet hatte.
Als ich meine wenige Mahlzeit verrichtet, leuchtete mir diejenige Magd, so mir
zu essen gebracht, in eine Kammer, darinnen vier grosse Betten stunden, und da
gab sie mir freien Willen, mich hinzulegen, wo es mich am besten zu sein
gedünken würde. Sie brachte mir auch einen kleinen Becher Brandewein mit einem
bisschen Semmel. Damit löschte ich das Licht aus und legte mich bald zu Bette.
    Die Sorgen sind die besten Instrumenten, einen Menschen wachbar zu machen,
dahero konnte ich unmöglich einschlafen, weil ich dazumal von denselben dermassen
eingenommen war wie ein Hund von den Flöhen in Hundestägen. Bald wälzte ich mich
auf diese, bald auf eine andere Seite, aber es war alles umsonst und vergebens.
Endlich kam etwas an die Kammer, welches ich in der erst vor ein Gespenst
gehalten, weil es die Tür ganz leise eröffnet und mit grossem Geräusche
hereingeschlichen. Ich fing schon an, das Oberbett mit den Zähnen zu fassen und
mich unter dasselbe zu verstecken, als ich eine leise Stimme hörete, welche ich
kennen sollte. Ich stackte das Ohr etwas weiter hervor und wurde bald gewahr,
dass es die Jungfer Muhme war, welche denjenigen mit sich hereinführte, der zuvor
ganz vermummet über die Schlossbrücke geritten. Sie hatten ein verdecktes Licht
bei sich und konnten mich so wenig als meine Kleider erblicken, weil ich in dem
hintersten Bett ganz verborgen lag.
    Dazumal wurde ich gewahr, wieviel es geschlagen und warum dieser ehrliche
Vogel so ganz vermummet angekommen. Ich hörete und sah mich fast zum Narren, wie
sehr ihm meine Muhme zugetan war, denn sie hiessen einander nichts als Schatz,
Kind, Herz, Engelchen und solche ehrbare Phrasiologien, darob ich mich nicht
wenig zu verwundern Ursach hatte.
    Sie zogen sich beide aus, und meine Muhme bat ihren Buhler, nicht so laut zu
reden, sonst dörften sie von der Amme erhöret werden, welche unter der Kammer
ihr Schlafgemach hätte. Auf solches legten sie sich nach ausgelöschtem Licht zu
Bette, und ich muss gestehen, dass ich wegen Ehrbarkeit denjenigen Discurs
verschweige, welchen sie mit meinem grossen Ärgernis eine geraume Zeit
miteinander in demselben geführet. Wenn wir alleine wären, so wollte ich es
endlich noch sagen, aber es stehen dort hinter dem Ofen und dem Bette etliche
junge Gelbschnäbel, denen muss man ebendergleichen Arcana nicht auf die Nase
binden noch die Läuse in den Pelz setzen, weil sie wie das dumme Vieh den
fleischlichen Lüsten nachstreben und ihnen die Abscheulichkeit eines Lasters
nicht zur Besserung, sondern vielmehr zu einem angenehmen Angedenken dienen
lassen, dadurch sie sich selbst verderben und oft um den besten Teil ihrer
Wohlfahrt bringen. Ich hätte es meiner ehrlichen Muhm' nimmermehr angesehen, dass
sie so verschameriert wäre, aber nun wurden mir beide Augen aufgetan, und kann
es wohl hoch beteuren, dass mir seitdem wenig dergleichen Handlungen zu Gesichte
gekommen, die mich in eine so unerhörte Verwunderung gestürzet haben. Ich wollte
mich zwar dazumal melden, aber ich forchte, der Kerl dörfte mich um das Leben
bringen, weil ein mit Sünden befleckter Mensch sich von einem Laster in das
andere zu stürzen keinen Scheu trägt.
    In solchen Gedanken schlief ich ein, und es traumte mir die ganze Nacht von
nichts als Henken und Köpfen, also dass ich oftermalen aufwachte und mir selbst
nach dem Kopfe fühlete, ob er noch an seiner alten Stelle stünde oder nicht.
Endlich wurde es Tag, aber ich konnte von den zwei Personen niemand mehr in der
Kammer sehen, ohne dass das Bett ganz zerwühlet war. Ich stund auf und kleidete
mich an, als die Muhme zu mir hereinkam und mich fragte, wo ich heute nacht
geschlafen hätte. Ich sagte, dass ich hier in dem Bette gelegen und überaus
schwere und artige Träume gehabt hätte, darob sie blutrot unter dem Gesicht
wurde. Sie fragte mich weiter, ob ich bald eingeschlafen wäre und ob ich
niemanden in der Kammer gehöret hätte, aber ich antwortete hinwiederum, dass ich
keine Maus, geschweige einen Menschen vernommen und warum sie solches zu wissen
verlangte. Hierüber ward sie etwas lustiger, denn sie glaubte, dass ich nichts
von ihrer verübten Schelmerei würde gehöret noch vernommen haben, und ging
wieder hinweg. Aber darunten in der Stube gab sie der Magd, welche mich in die
unrechte Kammer geführet hatte, eine Ohrfeige hin, die andere wieder her und
sagte ihr kurz und rund den Dienst auf. Die Magd schrie und sagte, wo sie nicht
würde zu schlagen aufhören, so wollte sie alles sagen, was sie von ihr und dem
Musicanten wüsste, darüber meine Muhme noch zorniger wurde und noch mehr Stösse
austeilete. Endlich kam ich selbst hinunter und brachte sie mit gutem
voneinander.
    Aber die Magd schwätzte in dem Zorn solche Sachen heraus, dass ich mir schier
ein Gewissen machte, ob ich meine Muhme noch ferners dörfte eine Jungfer heissen
oder nicht.
    Ihr garstiger Lausekittel, sagte die Magd zu ihr, habt von dem Monsieur
Julian um keiner andern Ursach willen auf dem Instrument schlagen lernen, als
dass Ihr mit ihm desto ungehinderter charisieren könntet! Oh, ich habe es schon
gesehen, wie ers mit Euch gemacht hat, schweigt nur still, ich wills Eurer Frau
Mutter alles bei einem Pünktlein schon erzählen, so wahr ich ehrlich bin. Ich
will sehen, ob Ihr Ursach habt, ihm in den Schubsack Confect und Reichstaler zu
stecken. Der Teufel reute Euch, Ihr Hurenvieh, und kein guter Geist! - Was,
sagte die Muhme, du vermaledeites Donneraas, hast du nicht vor sechs Jahren gar
mit einer um einen Kerl gefochten, weisst du nicht, wie du mit deiner Mitbuhlerin
mit Degen zusammengegangen und du Erzvettel in ein Bein gestochen worden? Ha,
schweige nur still und lass dir die Weil nicht lang werden, ich will mir ein Loch
lassen durch die Nase stechen, so ich dir dieses schenken will. Meinest du denn
nicht, dass ichs weiss, wie du es mit des Gutschers seinem Stalljungen getrieben?
Denkest du noch daran, wie du das Teller gestohlen und dem Juden verkauft hast?
Warte, warte, ich will dirs Capitel lesen, dass es gelesen heissen sollte.
    Ich glaube, sie hätten noch länger fortgefahren, so nicht in dem Schlosshof
ein Gerassel erschallet, durch welches sie an gegenwärtigem Zank zurückgehalten
worden. Die Muhme sprang geschwind hinaus, und ich stellete mich in Postur,
meinen Herrn Vetter zu empfangen, welcher mir noch in dem Wagen mit dem Stocke
drohete und sagte, was vor ein ehrlicher Kerl ich wäre und wie köstlich ich mit
dem Feuerwerk umspringen könnte. Ich erschrak über seiner Rede und bildete mir
gänzlich ein, nun müsste ich ungezweifelt hängen, aber ein Laquay stiess mich in
die Seite und sagte mir heimlich, wenn ich ihm etwas schenken wollte, so sollte
ich bald wissen, wie es um die Sach beschaffen sei.
    Ich versprach, ihm einen silbernen Knopf von meinem Rocke zu spendieren, er
solle mir nur sagen, wie sie es erfahren und wie grossen Schaden es getan habe.
Da sagte er mir, dass weiter nichts als der Giebel von des Küsterers seinem Hause
hinweggebrannt, und heute wären sie durchgefahren, weil sie der Weg von der
Hochzeit dahin getragen hätte. Und also blieb es vor dieses Mal dabei. Mein
Vetter selbst war froh, dass er mich in seinem Schloss gefunden, weil er
unterweges bei meinen Eltern abgestanden und die Mutter wegen meiner weinend
gefunden, weil sie geglaubet, ich wäre mit dem Pferd schon in Nova Zembla
geritten.
    Der Vetter hiess mich mit sich in sein Zimmer kommen, und dort erzählte er
mir gar mit wenigen Umständen, dass ich mich wegen des Feuers nicht fürchten
dörfte, sondern sollte heute bei ihm verbleiben, und morgen wollte er mich durch
einen Diener heim auf unser Gut bringen lassen. Und damit war die ganze Furcht
verschwunden, welche mich bis daher so jämmerlich und unsäglich gequälet hatte.
Blieb auch durch den ganzen Tag auf dem Schloss, und in folgender Nacht trug
sich noch eine wunderlichere Abenteuer zu als in der vergangenen, werde es
derowegen gar mit wenigem erzählen.«
    Gleich als Monsieur Ludwig diese Worte vollendet, gab man das Zeichen zum
Abendessen. Weil wir aber noch voll Begierde staken, die folgende
Nachtsgeschicht anzuhören, schickte man in die Küche und befahl den Köchen, mit
dem Anrichten noch eine Viertelstund innenzuhalten, indessen fuhr Ludwig fort
und sagte: »Nach der Ankunft meines Vetters ging die Frau Muhme in die Küche und
fragte, ob in ihrem Aussein niemand wäre in dem Schloss gewesen, und weil eben
die abgeprügelte Magd zu allem Unglück am nächsten stund, führte sie die Frau
ein wenig auf die Seite und sagte ihr heimlich in das Ohr, dass der Musicant
Julian dagewesen und bei der Tochter geschlafen hätte. Was? sagte die Frau
Muhme, du ehrvergessenes Rabenaas, solltest du von meiner Tochter solche Sachen
ausgeben? Ach, dass dich der Teufel zum Kamin hinaushole, du Donner- und
Strahl-Hexe! Geschwinde, packe deine Lumpen zusammen und eile damit zum Schloss
aus, ehe ich dich mit dem Schergen in der Fiedel herumführen und hernachmals in
das Wasser werfen lasse.
    Gedenke doch ein Mensch, was die Erz-Hure von meiner Tochter ausgibt! Packe
dich aus meinem Gesicht, oder ich stosse dir die Ofengabel in den Bauch hinein,
du schandloses Blunder-Vieh, du Hagel-Hure, du Bauernknechts-Hure, du
Teufels-Hure! Unter und zwischen solchen Tituln lief die Magd immer, was sie
konnte, zu dem Schloss aus, und die erzürnte Frau Muhme liess ihr das übrige
Gewand, was sie nicht in der Eil zusammenraffeln können, durch einen Jungen
nachschicken und sagen, wo sie sich mehr würde auf ihrem Schloss blicken
lassen, so wollte sie dem Jäger befehlen, dass er sie totschösse. Ich bekenne die
Wahrheit, dass ich mich über dem schnellen Zorn meiner Frau Muhmen sehr
verwundert, indem sie doch sonsten ein Weibesbild von absonderlicher
Bescheidenheit war. Aber es stunden nicht vierundzwanzig Stunden an, so wusste
ich mir ohne grosse Mühe aus allem Zweifel zu helfen, und ihr werdet bald hören,
worinnen der Knack gestecket.
    Weil es nunmehro schon Essenszeit ist, so werde ich meiner Erzählung so viel
abbrechen, als es die Materia leiden wird. Den Tag brachte ich meistens darinnen
zu, indem ich die Mägde in dem Kühestall unversehens und hinterrücks überfallen
und sie mit Rock und Hemd, über und über gepurzelt habe. Ich schnitt die Kühe
von den Stricken los, und was ich sonst nur anfangen konnte, das die Leute
verdross, darzu war ich trefflich beflissen. Ich habe auch sonsten etwas mit
einem Kindermägdchen vorgehabt, welches ich wegen der Fräulein Anna nicht gern
erzählen mag, ob es schon die hinter dem Ofen und das Fräulein Kunigunda
trefflich gern hörten. Darum so eile ich geschwinde zu der Hauptsache, auf dass
wir zum Essen kommen.
    Nach der Abendmahlzeit führte mich ein Laquay in eine andere Kammer, welche
ziemlich altväterisch gebauet war. Es stund in derselben ein ganzer Hausrat von
Spinnrädern, Küchengeschirr, Satteln, Gabeln und andrer Lumperei, dass ich die
Kammer viel eher vor einen Rossstall als ein Schlafgemach sollte angesehen haben.
Es kam mir fast eine Furcht an, dass ich in diesem Lumpennest alleine schlafen
sollte, und dahero schwieg ich so lange still, bis der Diener wieder hinweg war.
Ich hatte das Schloss und die Gelegenheit desselben ziemlich innen, derohalben
war ich willens, mich in einen sicherern und säuberern Ort zu legen, und schlich
also heimlich über den Gang hinüber, woselbst ich mich in eine Kammer logieret,
nächst welcher ich wusste, dass der Herr Vetter seine Lagerstatt hätte. Es war
zwischen solcher und der meinen nur eine hölzerne Wand, mit Kalk angestrichen,
darzwischen, und derohalben forchte ich mir da nicht den vierten Teil so viel
als in der vorigen und legte mich also zu Bette. Nach einer Viertelstund kamen
zwei Weibsbilder in des Herren Vetters seine Kammer, und weil sie ein Licht bei
sich hatten, stund ich heimlich auf, zuzusehen, was ihr Tun wäre, weil ich es
vor Mägde gehalten. Die ausgehöhlerten Äste gaben mir zu meinem Vorhaben gar
gute Gelegenheit, aber ich dachte gleich des ersten Augenblickes, ich müsste mich
zu Heber-Tafel sehen, wie sehr sich diese zwei Weibesbilder aneinander zerherzet
und zerküsset haben.
    Sie wollten immer vor grosser Liebe aneinander auffressen, und als sie sich
gegen mir gewendet, sah ich, dass es meine Frau Muhme und ihre Köchin waren. Ihr
könnt gedenken, was ich mir hierüber einbilden können, und wusste nicht, ob ich
glauben sollte, dass solches aus einer Liebe oder Freundschaft entstünde.
Monsieur Fido, sagte meine Muhme zu der Köchin, Er ziehe sich nur kecklich aus.
Mein Herr schläft heute in seinem kleinen Stüblein alleine, deswegen sei Er ohne
Sorgen und lasse mich vor die Sache stehen, so es anders und wider unsern Willen
ausschlagen sollte. - Madam, gab die Köchin zur Antwort, ich traue Ihrer Person
und Worten nicht nur mich allein, sondern auch mein ganzes Vermögen. Auf Ihren
Geheiss ziehe ich mich aus, und ich bin wohl so klug, der grössten Gefahr zu
entrinnen. Kommt Ihr Herr etwan unversehens mit dem Licht, so sehe Sie zu, wie
Sie solches am ersten auslösche. - Ach nein, sagte meine Frau Bas, er glaubt
nicht anders, als sei Monsieur meine Köchin, und ich habe ihm auch schon gesagt,
dass ich in Ermanglung seiner wolle die Köchin bei mir schlafen lassen, dessen er
wohl zufrieden war. In solchem Gespräche zogen sie sich beide aus, und ich sah
mit Verwunderung, dass die Köchin unter ihrem Rock mit Mannskleidern, und zwar
mit den allerschönsten seidenen Hosen, angetan war.
    Dazumal merkte ich, wieviel es auf der Uhr war, und nachdem sie sich
niedergeleget, erzählte ihr Monsieur Fido ganz weitläuftig, wie ihr heute der
Schreiber einen Buhlbrief geschrieben, darüber sich beide dergestalten hinter
der Decke zerlachet, dass michs selbst verdrossen hat. Ich lag die ganze Nacht
vor Verwunderung ohne Schlaf und gedachte auf tausend Mittel, dieses schändliche
Leben offenbar zu machen, weil ich einen solchen verteufelten und giftigen
Betrug all mein Lebtag nicht auf diesem Schloss gesuchet. Derohalben, als es
fast begunnte Tag zu werden, stund ich heimlich auf, machte das Bett so viel
zurecht, als ich wusste und konnte, damit nahm ich meinen kleinen Puffer aus der
Ficke, welchen ich blind geladen. Das Rohr steckte ich in einen ausgehöhlerten
Ast und brannte also in die Kammer hinüber los, über welches sie vor Schrecken
beide aus dem Bette gesprungen und geglaubet, dass sie verraten wären.
    Ich aber hatte mich geschwinde wiederum in die andere Kammer gefunden,
daselbst ich die Kleider vom Leibe gerissen und mich eilends ins Bette geworfen,
nachdem ich den Puffer zuvor in den Wassergraben des Schlosses geschmissen, weil
ich solches zu tun durch ein Fenster dieser Kammer gute Gelegenheit hatte.
Dieser Schuss hat gar viel Schlafende und halb Traumende erwecket. Derohalben
entstund bald ein Geläufe in dem Schloss, und etliche meinten gar, es wären Diebe
und Mörder vorhanden. Ich selber rufte diejenige, so bei meiner Kammer
vorübergeloffen, zu mir hinein und fragte, was der Tumult bedeutete. Aber es
wusste keiner gewissen Bericht zu tun, und ich musste vor Gelächter in den
Bettzipfel beissen, sonst dörften sie die Abenteuer ausgekundschaftet haben.
    Monsieur Fido konnte das Kleid nicht so geschwinde an den Leib bringen, als
schon ein Diener an der Kammer war, und es fehlete nicht viel, so hätte er die
vermeinte Köchin in Mannshosen dastehen gesehen, wenn sich nur meine Frau Muhme
mit dem Aufschliessen nicht so gar lange aufgehalten hätte. Der Herr Vetter
selbst wurde von dem Tumult ermuntert, und mich reuete nichts, als dass die
Kammer nicht offen gewesen. Denn solchergestalten wäre die Sache wunderlich
eröffnet worden, welche aber dermalen verschwiegen geblieben, indem Monsieur
Fido von allen vor ein natürlich Weibesbild und die Köchin ist gehalten worden,
welcher doch ohne allen Zweifel muss ein junger Lecker gewesen sein, welchen sie
in dieser Gestalt zu ihrem Buhlen gebrauchen können, sooft es ihr beliebet und
angestanden hat. Hiermit will ich vor dieses Mal schliessen, weil sonsten die
angesteckte Spanferkel gar zu sehr verbraten dörften, und was noch übrig ist,
will ich hernachmals erzählen.« Hiermit leuchtete man uns durch zwei Fackeln in
die Tafelstube, und nach genommenem Handwasser satzte man sich zu Tische.
 
                                  Viertes Buch
                                  I. Capitul.
                        Der Irländer sieht ein Gespenst.
 Die Meinung hat gar oft gelog'n,
 Wer leichtlich glaubt, wird leicht betrog'n.
»Wahrhaftig,« sagte das Fräulein Anna, »der geführte Lebenslauf Monsieur Ludwigs
hat einen recht wunderlichen Anfang, und wenn ich davon judicieren sollte, so
müsst ich ohne Heuchelei gestehen, dass er noch höflich genug darinnen verfahren,
auch eine grössere Verschwiegenheit darinnen angezeiget, als er sonsten gewohnet
ist.« - »Es ist wahr,« sagte die Kunigunda, »aber mir gab er einen Stich, den
will ich zu seiner Zeit schon wieder revanchieren, und wenn mich anjetzo nicht
so sehr hungerte, wollte ich ihm die Laudes wakker heruntersagen.« - »Bruder,«
sagte ich zu ihm, »morgen musst du absolvieren, aber Frau von Pockau, was hält
Sie von der erzählten Begebenheit des Ludwigs?« - »Mein Herr,« sagte sie zu mir,
»ich habe daraus ersehen, wie die Jugend viel mehr zum Mutwillen als der
Disciplin geneigt sei, und dass sich auch die Rache schon in der zarten Jugend in
unsere Herzen zu pflanzen pfleget. Ich habe auch zur Genüge verstanden, dass auf
etlichen Schlössern grosse Hurerei und Ehebruch getrieben wird und dass man
denjenigen den Fiedelbogen meistens um den Kopf zu schlagen pfleget, welche die
Wahrheit sagen und beflissen sind, die Laster auszurotten. Ich habe auch daraus
gelernet, dass sich die Laster oftermalen, ja gemeiniglich, selbst blossgeben und
offenbaren, wie es denn die Historia klar und augenscheinlich weiset, dass
Monsieur Ludwig sowohl hinter der Tochter als ihrer Mutter ihre heimliche
Stücklein ohne einzigen vorgehabten Willen und Meinung, solches auszuforschen,
gekommen sei. Man hat auch aus solcher Erzählung mit anzumerken, dass die Furcht
und Sorgen sich schon in der Jugend in unser Gemüt einschleichen, welche doch zu
nichts dienen, als den Schatten einer Sache grosszumachen, dessen Leib doch an
sich selbst klein und unächtig ist. Man kann sehen und daraus abnehmen, wie in
eine grosse Betrübnis die Kinder ihre Eltern stecken, so sie sich unwissend aus
dem Staube machen oder sonsten irgendein grosses Elend anrichten helfen.
Ingleichen lehret uns der vermummte Musicant, dass sich die Laster vor dem Licht
scheuen, weil sie wahrhaftige Geburten der Finsternis sind. Auch gibt der getane
Schuss genug zu verstehen, wie wir uns vor aller Unreinigkeit fleissig hüten
sollen, weil wir nicht wissen, welchen Augenblick wir sterben und gleichsam in
einem Nu dahinfahren müssen. Mit einem Wort, Monsieur Ludwigs Erzählung, ob er
sie schon etwas lustig hervorgebracht, hat doch Salz genug, und wenn mir nicht
wäre wie der Fräulein Kunigunda, als die ich auch hungere, so wollte ich noch
ein mehrers erzählen, welches alles zu dem Lobe Monsieur Ludwigs gedeihen
sollte.« - »Saprament,« sagte Ludwig, »nun sehe ich erst selbst, was ich vor ein
Kerl bin! Halt, halt, weil Euch dieses allzu geistlich gewesen, so sollet Ihr
morgen gewiss eine andere Sermon von mir zu hören bekommen, die weltlich genug
sein solle.«
    »Er mag es machen, wie Er will,« sagte die von Pockau, »so hat man doch
Gelegenheit, eine Lehre daraus zu nehmen. Natürliche Sachen sind endlich nicht
garstig, und deswegen werden solche Sachen erzählet, damit wir uns in der
Gelegenheit derselben wohl vorsehen und hüten sollen. Ich habe vor diesem in
manchen Büchern ein Haufen Zeuges von hohen und grossen Liebesgeschichten
gelesen, aber es waren solche Sachen, die sich nicht zutragen konnten noch
mochten. War also dieselbe Zeit, die ich in Lesung solcher Schriften zugebracht,
schon übel angewendet, weil es keine Gelegenheit gab, mich einer solchen Sache
zu gebrauchen, die in demselben Buche begriffen war; aber dergleichen Historien,
wie sie Monsieur Ludwigen in seiner Jugend begegnet geschehen noch tausendfältig
und absonderlich unter uns. Dahero halte ich solche viel höher als jene, weil
sie uns begegnen können und wir also Gelegenheit haben, uns darinnen
vorzustellen solche Lehren, die wir zu Fliehung der Laster anwenden und nützlich
gebrauchen können.
    Was hilft es, wenn man dem Schuster eine Historia vorschreibet und erzählet
ihm, welchergestalten einer einesmals einen göldenen Schuh gemachet, denselben
dem Mogol verehret, und also sei er hernach ein Fürst des Landes worden?
Wahrhaftig, nicht viel anders kommen heraus etliche gedruckte Historien, welche
nur mit erlogenen und grossprahlenden Sachen angefüllet, die sich weder nachtun
lassen, auch in dem Werke selber nirgends als in der Phantasie des Scribentens
geschehen sind. Denn ob es schon den Schuster ergötzet, dass ein seiniger
Mitcollega sei ein Fürst geworden, kann ers doch unmöglich nachtun, und täte ers
gleich, so wüsste er niemanden, dem er solchen verehrte. Verehrte er ihn nun
gleich einem grossen Potentaten, so stehet es noch im Zweifel, ob er einen
schlechten Recompens, geschweige ein Fürstentum deswegen erlangte. Ist also viel
nötiger, solche Sachen zu entwerfen, welche uns können zur Warnung unsers
künftigen Lebens dienen.
    Ich will ein Exempel von mir geben. Als ich noch eine kleine Bachstelze war,
kam ich über eine Liebesgeschicht einer türkischen Kaiserin. Da bildete ich mir
ein, ich wäre dieselbe türkische Kaiserin, und ward so stolz und hoffärtig, dass
ich gar viel Freiereien ausschlug, festiglich glaubend, die Cavalier sollten
auch also, wie um die türkische Kaiserin geschehen, fechten und turnieren. Aber
Narrenpossen! es hat sich wohl geturnieret! Sie liessen mich endlich gar sitzen,
und letztens hätte ich gern einer Magd einen Ducaten geschenket, die mir nur die
Post gebracht hätte, es würde wieder einer um mich bei der Frau Mutter anhalten.
Das hatte ich nun der liederlichen Liebesgeschicht zu danken, denn ich lernete
mit zunehmendem Verstand, dass ich noch einen grossen Sprung tun müsste, ehe ich
zur türkischen Kaiserin würde, ob ich gleich einen halben Mond in dem Schild
führete. Denn ein anders war der Türken, ein anders war mein Stand. Darum halte
ich noch einmal so viel darauf, solche Sachen hören und lesen, die unserem
Stande gemäss sind. Und ich glaube es sicherlich, dass dardurch gar viel
Frauenzimmer verleitet worden, ihre sonst gepflogene Gemeinschaft in dem
bürgerlichen Wandel auf die Seite zu setzen und durch die Einbildung, grosse
Frauen zu sein, sich in ihrem eigenen Gemüte zu überheben und dadurch in ihr
eigenes Verderben zu fallen.«
    »Was die Frau von Pockau anjetzo vorbringet,« sagte der Irländer, »das
erfuhr ich als noch ein Jüngling in der Tat. Ich las in meiner Jugend nichts
Liebers als diejenigen Geschichten, welche von Abenteuer und ritterlichen Taten
Meldung getan. Und weil ich gelesen, dass gar viel dergleichen Leute in die
Gewölbe der Erde gestiegen, legte ich eines Abends einen Harnisch an, welchen
ich mir von unserem Hofschneider mit Papier habe zurichten und zusammennähen
lassen. Damit ging ich nächst unserm Schloss in eine Gruft, von welcher
ausgegeben worden, dass sie vier Meil Weges in die Erde gehen, dergleichen es
auch eine in dem polnischen Reussen geben sollte. Aber ich ward daselbst von
einem Gespenst dergestalten erschrecket, dass ich lange Zeit darauf an einer
starken Krankheit darnieder gelegen. Besagtes Gespenst sah ich von ferne und
wohl zwölf Schritt von mir in einem Winkel sitzen und ohne Unterlass Feuer
ausspeien. Ich hatte schon über hundert Ellen in dem finstern Gang hinter mich
geleget, und die Wahrheit zu gestehen, so war ich aus keiner andern Ursache
hineingegangen, als dass sich etwan ein liederlicher Schreiber darüber setzen und
meine Abenteuer der Nachwelt in den Druck geben sollte, welche man hernachmals
auf allen Lumpenmärkten vor ein oder zwei Dreier verkaufen und den Leuten könnte
zu lesen geben. Aber es nahm weit einen andern Ausgang, denn das Gespenst stund
endlich gegen mir auf, und ich sah vor mir stehen einen rechten lebendigen
Menschen, dessen Gesicht viel abscheulicher anzusehen war als ein
Meerkatzenkopf. Die Augen stunden ihm voll Feuer, und um die Mitte seines Leibes
hatte er einen ganz brennenden Kranz, und sooft es den Mund aufsperrte, fuhr
eine grosse Flamme heraus.
    Die Haare stunden mir gen Berge, und ich habe mich in der grossen Angst zu
nichts Gewisses resolvieren können, bis mich eine grosse Ohnmacht ergriffen, in
welcher ich ganz sinn- und kraftlos hinumgefallen und mich endlich unter einer
grossen Eiche befunden, als ich wieder zu mir selbst gekommen. Es war mitten in
der Nacht, und ich spürte es am ganzen Leibe, dass mich eine ungewöhnliche
Krankheit überfallen; und weil ich ausser des Baums nichts erkennen konnte,
forchte ich mich, heimzugehen, weil ich glaubte, ich wäre nicht weit von der
Hölle, darinnen mich das abscheuliche Gespenst so erschrecket und so sehr
gequälet hatte. Es war mir, als hätte mir jemand alle Haare aus dem Kopfe
geraufet, und ich dachte nicht anders, als sei ich lebendig geschunden worden,
weil mir der Schauer den ganzen Leib eingenommen und mich fast zu einem andern
Menschen gemacht hatte. Endlich raffte ich mich in der Dunkelheit auf die Strasse
und kam zu einer Schäfers-Horte, darinnen ich zwei Jungen in meinem Alter
angetroffen, welche das Vieh auf dem Felde hüteten. Ich erzählte ihnen meinen
Zustand, der mich in dieser Nacht betroffen, aber sie wussten noch viel andere
Historien von der Gruft zu erzählen, die sich mit allerlei reisenden Menschen
zugetragen.
    Sie behielten mich durch die übrige Nacht bei sich, in welcher ich je
länger, je kränker worden, bis sie mich bei angehendem Tage ganz erkranket nach
Hause geschicket, allwo ich wohl vierzehen Wochen an einer Stelle gelegen, und
hatte von meiner Abenteuer niemand grössern Nutzen als der Doctor und Apoteker.
Meine Mutter verbrannte darauf alle Bücher, die mich zu einem solchen Vorhaben
verleitet, und also fühlete ich die Frucht derjenigen Beschreibungen, die
entweder nur ein Zauberer oder aber ein sonderlicher Abenteurer nachtun kann.
Ja, ich las einsmals, dass derjenige, so auf freiem Kopf stehen könnte, der
stattlichste Mensch zu einem Ritter wäre. Da fing ich an, mich dergestalten auf
das Kopfstehen zu exercieren, bis mir endlich das Blut zu dem Halse
herausschoss.«
    Fräulein Anna wurf ein, dass sie wegen Erwähnung des Gespenstes ganz
furchtsam geworden, und wenn sie solches sowohl als der Irländer gesehen hätte,
hätte sie ohne allen Zweifel sterben müssen. »Was wäre es denn mehr,« sagte
Ludwig, »wenn Sie gestorben wäre? So hofierte Ihr der Hund auf das Grab!«, auf
welches die gesamte Gesellschaft zu lachen anfing, und das Fräulein machte ein
ziemlich scharfes Gesicht auf ihn, dass er wieder anfing, so abscheulich zu
packen und mit der Sauglocken zu läuten. Aber Ludwig sagte, wenns der Hund nicht
tun wollte, so wollte ers tun, und ob auch schon der Totengräber samt seinem
Weibe in dem Freidhofe gegenwärtig wären, auf welches man noch stärker gelachet.
Und als das Fräulein Anna merkte, dass es Ludwig nicht anders zu machen pflegte,
lachte sie auch mit, und Ludwig verglich sie hernachmals mit dem Hund, welcher
das Fleisch von dem Metzger getragen und unterweges von andern Hunden angefallen
worden. Wie er nun gesehen, dass sie seine Meister über den Korb wurden, frass er
auch mit, damit er seine Mühe nicht so gar umsonst verrichtet hätte.
 
                                  II. Capitul.
                          Der Seilfahrer courtesiert.
 Das Garn spinnt man so kleine nicht,
 Es kommt doch an das Sonnenlicht.
Zwischen und in solchem Gespräche endete sich unser Abendmahlzeit, bei welcher
noch gar viel andere Historien erzählet worden, welche aus dem Grund solcher
Schriften entsprungen, die da pflegen die Phantasie des Lesenden zu verleiten
und aus Klugen Narren zu machen. Nach dem Essen tanzte man aufs neue, und nach
solchem nahm man die Abrede, morgen wieder zusammenzukommen und die angefangene
Ordnung zu vollführen, mit dem Anhang, dass sich diese Nacht keiner auf erlogene
und niemals geschehene Geschichten legen sollte, dadurch die Compagnie viel mehr
betrogen als ergötzet und gebessert würde. Ludwig sagte, er wollte so viel
Hörner zum Kopfe herausgewachsen haben, als viel er verlogene und unwahrhaftige
Worte hervorbringen würde, und die andern gaben zur Antwort, dass man ein solches
Beginnen von adeligen Leuten nicht præsumieren solle, zudem wollten sie auch
nicht hoffen, dass man argwohnen sollte, als wären ihre Lebensläufe so
schröcklich besudelt, dass sie dardurch beweget würden, sich auf andere
Inventiones zu legen. Mit solchem ging man zu Bette, und ich legte mich mit
meiner Caspia nächst an einen Erker, welcher in den Schlosshof ging.
    Nachdem nun fast alle Lichter in den Zimmern ausgeleschet worden, hörten wir
in dem Schlosshofe eine Laute. Und weil dieses Instrument absonderlich zu
Nachtszeiten recht lieblich und sehr angenehm zu hören, stund ich mit der Caspia
an das Fenster, und verwunderten uns, dass der Lautenist in dieser grossen Kälte
ohne Handschuh spielen könnte, dahero urteileten wir, dass er entweder von der
Natur oder von der Liebe gegen das Frauenzimmer so hitzig sein müsste, weil er
endlich angefangen und folgende Strophen gesungen:
»Ihr Lippen, derer Zier ich tausendmal geküsset, seid gegrüsset!
Ihr Lichter, derer Strahl mein Herze eingenommen, seid willkommen!
Seid willkommen, o ihr Flammen!
Flammet nun in mir zusammen!«
Diese Verse schrieb ich geschwind bei dem Nachtlicht in meine Schreibtafel, aber
indem ich solche mit Hülfe der Caspia aufzeichnete, vergass ich darüber das
andere Gesätz, welches noch viel stattlicher herauskam. Und wenn es nicht so
tief in der Nacht gewesen wäre, hätten wir ihn ohne Zweifel heraufkommen heissen,
weil absonderlich Caspia eine grosse Liebhaberin solcher Liebeslieder gewesen,
deren sie ein ganzes Buch, von eigener Hand geschrieben, ganz voll hatte. Aber
als wir am besten zuhören wollten, hörete der Sänger auf, und wir wussten nicht,
wer der Kerl sein müsste, weil wir zuvor keine solche Stimme in dem Schloss
vernommen hatten.
    Wir legten uns wieder zu Bette, das übrige Teil dem Morpheus zu überliefern
und uns ein wenig in dem Traumreich umzusehen. Aber morgens weckte mich die
Caspia aus dem Schlafe, weil sie jemanden an das Zimmer anklopfen hören. Ich
eröffnete die Tür noch in den Schlafhosen, denn ich vernahm, dass es mein Diener
war, welchen ich erst vorgestern aufgenommen hatte. Und als er hereingekommen,
nahm er mich auf eine Seite und bat mich, ihm zu verzeihen, dass er mich von
meiner Ruhe verstöret, er müsste mir etwas Artiges erzählen, was er heute nacht
wäre gewahr worden.
    »Gestern abends,« sagte er, »als ich mich in meiner Kammer zu Bette geleget,
kam der Seiltänzer mit einem langen Kerl und noch einem andern, welcher eine
Laute trug und auf derselben überaus schön geschlagen. Er marschierte vor das
Gemach der Kunigunda, allwo ein kleines Mägdlein stund, welches ihn hineingehen
hiess. Ich weiss die Gelegenheit dieses Schlosses gar wohl, indem ich ehedessen
und gleichsam von Jugend auf mein Schneiderhandwerk hierin getrieben, und weil
ich wusste, dass es einen Kamin hat, welcher in die Kammer der Kunigunda ging,
eilete ich geschwinde hinter das Dach hinauf, ihrem Gespräche zuzuhören. Sie
mögen allem Ansehen nach schon eine Weile miteinander geredet haben, als ich das
Brett-Fenster, so in den Kamin geht, ganz sachte hinweggehoben. Da hörte ich
mit Verwunderung, wie ihr der Seilfahrer erzählet, dass er kein so schlechter
Kerl sei, wie sie ihn geschätzet, sondern er wäre einer vom Adel, hätte sich
auch auf gegenwärtigem Orte aus keiner andern Ursache eingefunden, als sich bei
dem Frauenzimmer beliebt zu machen.
    Das Schreiben sagte er, welches Monsieur Ludwig um einen Gaukler geschicket,
ist mir in dem Dorfe zuhanden gekommen, welches ich heimlich erbrochen. Und weil
ich ehedessen vor die lange Weil auf dem Seil fahren lernen, bekam ich Lust,
mich anstatt desselben hier anzugeben und einzufinden. Auf solches antwortete
die Kunigunda, dass sie solches überaus gerne hörte, und wenn er auch gleich kein
Edelmann, sondern der allerniedrigste Bauernkerl wäre, so wollte sie sich doch
glückselig schätzen, seine Person zu lieben. Deswegen solle er morgen abends,
und zwar um diese Zeit, mit einem langen Schlafrock vor ihr Fenster kommen und
nur mit einem Steinlein an dasselbe anwerfen, dadurch sie ihn alsobald einlassen
und fernere Gewogenheit erweisen wollte.«
    Diese Worte erzählte mir der Schneider an meinem Fenster mit grosser und
ungemeiner Verwunderung. Ich sagte hierauf, dass er bei Leib und Leben keinem
Menschen etwas davon vermelden sollte, alsdann musste er mir gar erzählen, was
sie weiter miteinander getan. Aber der Schneider wusste keinen fernern Prozess,
sondern vermeldete, dass sie ihn wegen Argwohn seiner Mitgesellen nicht länger
aufzuhalten verlangte, und er sagte, dass solche seine Musici wären, deren er
immer zwei oder drei auf seinem Schloss aufzuhalten pflegte. Anitzo aber hätte
er sie, gleichwie Gauklersleuten zustehet, angekleidet, wie denn er selber
sich bei solcher Gelegenheit eines solchen Kleides bedienen müssen, auf dass er
durch die Federn den Vogel nicht verraten möchte. Mit diesem wäre der Seilfahrer
hinweggegangen, und als ihn Kunigund um seinen Namen gefragt, hätte er ihr zur
Antwort geben, dass er Caspar genennet würde und dass sein gestriger erzählter
Lebenslauf erstunken und erlogen wäre. Sie sollte sich nicht daran kehren, er
hätte es seinem angenommenen Stand gemäss tun müssen. Darauf hätte die Kunigunda
seine köstliche Invention gelobet und bekennet, dass sie seinesgleichen wenig
unter den Leuten gesehen. Solchergestalten wäre er hinweggegangen, nachdem sie
nochmals gewisse Abrede miteinander genommen, dass er morgen um diese Zeit gewiss
in einem Nachtrock vor das Fenster ihrer Schlafkammer kommen wollte.
    Die Wahrheit zu bekennen, so war mir die Relation des Schneiders viel
lieber, als wenn er mir vier Paar Hosen geflickt hätte. Ich gebot ihm nochmals,
von der Sache reinen Mund zu halten, und unerachtet mich meine Caspia tausendmal
ersuchte, ihr zu offenbaren, was der Schneider so geheim mit mir geredet, sagte
ich ihrs doch keinesweges, und dannenhero entäusserte ich mich von der Anzahl
derjenigen Weibernarren, welche kaum so bald eine neue Zeitung oder anders
Geheimnis angehöret, da gehen sie stracks hin, sagens ihren Weibern nicht
allein, sondern auch allen denen, so ihnen auf der Gasse begegnen. Man klaget,
dass so wenig Treu und Redlichkeit in der Welt sei, aber viel mehr ist zu
beklagen, dass es gar keinen Papyrium mehr gibt. Aber das kann man nicht leugnen,
dass die Verschwiegenheit ziemlich papierern geworden, dardurch oftermalen grosses
Herzeleid angerichtet wird. Was gehen die Weiber solche unnötige Sachen an?
Mancher sagt: Meine Frau ist ja kein Block, sie muss ja auch wissen, wie es in
der Welt zugehet. Ich sage: Ja, sie ist freilich kein Block, aber sie ist auch
der Kerl nicht darnach, eine Sache zu wissen, daran ihr nichts gelegen ist. Viel
Wäschereien verderben nur die Sitten, und hätte mancher keine neue Zeitung
gehöret, so wäre er nicht darüber zum Narren worden.
    Als der Schneider aus dem Zimmer war, liess ich Monsieur Ludwig zu mir rufen,
welchem ich die ganze Comödia vertrauete, so gut als sie mir von dem Schneider
erzählet worden. Er raufte sich fast vor Freuden die Haar aus dem Kopfe, denn er
nahm sich vor, den ehrlichen Caspar, als vermeinten Seilfahrer, so durch die
Hechel zu ziehen, dass nichts darüber. Er resolvierte sich, dass er künftigen
Abend selbst in dem Schlafpelz vor der Kunigunda Kammer gehen wollte, und
indessen sollte ich dem Caspar mit dem Trunk wacker zusetzen, damit er keine
Gelegenheit hätte, die Sache ins Werk zu richten. Und nachdem wir es alles genau
hinten und vornen, unten und oben überleget, gingen wir wieder voneinander und
erwarteten der Zeit.
 
                                 III. Capitul.
Ludwig erzählet wunderliche Sachen. Kommt zu einem Schneider in die Kost. Wie es
                   der Doctorin mit ihrem Leibstück gegangen.
 Die Jugend ist der Schalkheit voll,
 Frisst, säuft, wenn sie studieren soll.
Kurz vorhero ist erwähnet worden, dass die adelige Gesellschaft entschlossen,
ihre angefangene Erzählung fortzuführen. Dahero kamen wir abgeredetermassen in
dem vorigen Zimmer diesen Morgen zusammen, und als sich jeder an seinen Ort
gesetzet, fuhr Ludwig fort, seine Begebenheiten folgends zu endigen:
    »Gestern«, sagte er, »habe ich mit gar kurzen Umständen entworfen,
welchergestalten ich eine verhurte Abenteuer in dem Schloss meines Vetters
angetroffen, nach welcher ich voll von wunderlichen Gedanken durch einen Laquay
zu meinem Vater auf das Gut zurückgeführet worden. Mein Herr Vater gab mir nach
einer langen Predigt die Absolution mit einem guten spanischen Rohre, aber die
Frau Mutter fiel ihm fast in alle Streiche, die er auf mich tat, dahero traf
mich der zehente nicht, und ich war damals schon so klug, dass kein bessers
Mittel als die Tür vor mich möchte ersonnen werden. Dahero wartete ich so lang
in einer Kammer nächst der Canzelei, bis meinem Vater der Zorn vergangen,
welcher nicht allzu lang zu dauern pflegte, und nach einer halben Viertelstund
machte ich mich wieder aus dem Winkel hervor, nachdem ich die Schläge von dem
Rükken gebeutelt wie ein nasser Hund das Wasser. Und ob ich schon nichts
Hauptsächliches empfund, stellete ich mich doch nicht anders an, als hätte er
mir eine Rippe in meinem Leibe entzweigeschlagen, welches denn die Jugend,
absonderlich zu diesen Zeiten, meisterlich zu practicieren weiss und oft nach
einem kleinen Puff ein solch grosses und jämmerliches Geschrei anfängt, gleich
als wäre der Kopf schon weiter von dem Leibe gesprungen als der Apele von
Gallen.
    Ich sagte zu der Mutter, dass mir das Herz so wehe täte, da fing sie an zu
weinen. O mein allerliebstes Kind, sagte sie, dein Vater hat dich mit dem Fuss in
die Seite gestossen, es kann gar wohl sein, dass er dir das Milz in dem Leibe hat
entzweigesprungen. Auf solches gab sie mir vor einen halben Taler ein Wässerlein
ein, und ich selbst war mit Haut und Haar nicht acht Groschen wert. Ich musste
mich geschwind in ein Bett legen, und damit mich die Kälte nicht erschreckte,
wärmte sie mirs mit einer Wärmflasche und hebte mich mit allen Leibeskräften
hinein, allwo ich ein wenig schwitzen sollte. Sie satzte sich mit einem
Fliegenwedel vor das Bette und weinete wohl zwei Schnopf-Salvet voll mit Tränen,
dass man hätte das Wasser daraus winden können. Aber ich hätte immer heimlich
unter der Decke lachen mögen, denn mir mangelte nichts als Pulver und Papier,
damit ich aufs neue Raquetlein machen und unser Schloss gar hätte anzünden
können.
    Demnach trachtete mein Vater auf Mittel und Wege, mich in eine andere Kost
zu verschaffen, und tat mich zu einem Pferd-Bereiter, allwo ich die adelige
Exercitien begreifen sollte. Er hatte wohl in die achtzehen adelige Jünglinge
beisammen und hielt ihnen ein eigenes Haus zur Miete, in welchem ich aufs neue
allerlei Ränke und Schwänke angerichtet. Es war mir nicht genug, meinen
Kameraden in dem Schlafe heimlich das Haar abzuschneiden, sondern ich stutzte
endlich den Pferden die Schwänze in dem Stall, und unter die Sättel setzte ich
Scorpionen, die haben hernachmals die Pferde gestochen, dass sie gross
aufgeschwollen und gar umgefallen sind. Dergestalten bekam mein Vater einen
Prozess an den Hals und wurde durch das Urteil gefället, dass er innerhalb Jahr
und Tag schuldig sein sollte, dem Bereiter hundert Ducaten zu bezahlen.
    Mein Vater floh die juristische Zänkerei wie der Teufel das Kreuz,
dannenhero disputierte er das Geld gar nicht, ob sich schon etliche Advocaten
bei ihm eingefunden, welche ihn versichert haben, dass sie die Sache so
bestreiten wollten, dass er keinen Pfenning zu bezahlen sollte schuldig sein.
Aber weil er dergleichen Leute artige Causen schon zur Genüge erfahren oder aber
von andern erzählen hören, gab er keinem Gehör, sondern erlegte das Geld, ehe
ein Monat ins Land ging. Aber nach seinem Tode fand ichs im Testament
abgerechnet und musste mirs mit grossem Verdruss abziehen lassen, wie auch wegen
des Küsterers abgebrannten Giebel, der ward mir allein auf zweiundvierzig Taler
angerechnet.
    In einen solchen Schaden stürzte mich mein eigener Mutwill, und der Vater
wurde wieder gezwungen, mich von dem Bereiter anderwärts hinzutun, schickte mich
dahero auf eine lateinische Schule und sagte, wo ich da nicht gut tun würde,
müsste ich wider des Teufels Dank ein Schuhflicker werden. Er hielt mir ein
stattliches Valet, bei welchem gar viel von meinen Freunden gewesen, welche
vielleicht nur deswegen darzu berufen worden, dass sie mir eine gute Vermahnung
geben, mit der ich auch vor diesmal hinweggezogen, nachdem mir zuvor meine Frau
Mutter heimlich zwölf Reichstaler in einem Schnuptuch in meine Tasche gestecket.
    Ich ging daselbst bei einem Schneider in die Kost, welcher ehedessen in
seinem jungen Gesellenstand auf unserem Schloss gearbeitet hatte. Derohalben
befahl mich der Vater ihm in seine Aufsicht, aber der gute Schneider hätte
selbst einen Præceptor vonnöten gehabt, welcher ihm fleissiger arbeiten und nicht
so gar oft und viel Bier trinken hätte lernen und unterweisen sollen. Dieser
Meister respectierte mich mehr, als mir zuvor geschehen. Er hiess mich Herr
Junker und gab mir einen eigenen Hausschlüssel, damit ich aus und in das Haus
kommen konnte, wann und wie es mir beliebte. Dieses gab mir gleich anfangs
Gelegenheit, meinem Zaun nachzugehen, und es ist gar gewiss, dass ich niemals
liederlicher als auf dieser Schule gewesen. Das Geld, vor welches ich mir hätte
die Autores schaffen sollen, versoff ich mit meinen Condiscipuln im Brandewein,
und wenn ich also sternvoll nach Hause kam, vermeinte der Schneider, ich wäre
krank, und weil er Befehl hatte, vor mich auf Wiedererstattung Geld auszulegen,
schickte er geschwind in die Apoteke und liess allerlei Purgantien holen, damit
ich bei meiner Gesundheit möchte erhalten werden.
    Endlich wurde mein Herr Vater den Fehler innen und schickte mir anstatt des
Geldes die eingebundene Autores, aber ich war doch viel schlauer, denn ich
verkaufte dieselbigen Bücher um ein Spottgeld und spielete davor in der Karte
und mit den Würfeln, welche ich viel öfter als eine Schreibfeder angegriffen. Wo
ich einem ein Buch stehlen konnte, das steckte ich in der Schul heimlich in den
Hosenschlitz, und hernachmals verkaufte ichs auf dem Trödel und versoff das
Geldlein, so gut und so lang es dauerte. Es wird mirs wohl keiner unter allen
meinen Mitschülern nachsagen können, dass ich, solang ich in der Schul gesessen,
auf die Explication Achtung gegeben oder meine Lection gekonnt habe, dahero hiess
mich der Præceptor immerzu hinter den Ofen knien, bis ichs recitieren konnte.
Letztlich aber wurde ich ihm auch zu klug, denn ich liess mir die Knie braun,
blau und rot malen und stellete mich an, als hätte ich das rote Feuer an den
Beinen, dadurch entledigte ich mich von der Strafe und lernete
nichtsdestoweniger doch nicht, was er mir aufgegeben.
    Wenn ein Examen Scholasticum vorüberging, so gab ich einem andern, der in
der Klasse vor den Besten gehalten wurde, zwei Groschen, davor musste er mir mein
Argument, Carmen, Oration, Chriam oder dergleichen Dinge machen, und ich muss
bekennen, dass sich diejenigen, so solche gelesen, oftermalen über meine
Erudition verwundert haben. Und weil zur selben Zeit mein Vater gemeiniglich in
die Stadt gekommen und dem Examen beigewohnt, gefiel es ihm von Herzen wohl,
wenn er mich von andern loben hörte, und spendierte dem Præceptori wohl noch ein
paar Ducaten darzu, und die Mutter schickte ihm einen halben Centner Flachs samt
einem Dutzet westphälischer Schinken. Zuweilen verehrte sie ihn auch mit Käs,
Butter und Leinwand, da liess er fünfe gerade sein. Und ob ers gleich bei sich
selbst gemerket und wohl gewusst hat, wie mir am füglichsten zu helfen wäre,
verschonte er mich doch nur wegen der Geschenke, weil er geforchten, meine
Eltern durch seine Strafe zu beleidigen.
    Aus diesem Übel entstunden noch unzählig viel andere, durch welche ich
angefrischet worden, meiner Blindheit nachzufolgen. Und weil der Müssiggang eine
Wurzel grosser Sünden ist, fiel ich von einem Laster in das andere, bis ich
endlich gar nicht mehr in die Schule gegangen, sondern mich meistens unter
liederlichen Leuten in rechten Hurenwinkeln aufgehalten. Aber wenn ich aus dem
Grunde der Wahrheit reden will, so lernete ich in solchen viel mehr als in der
Schule, denn ich lernete viel Laster durch ihre eigene Abscheulichkeit fliehen
und wurde eben von denjenigen auf eine bessere Bahn gewiesen, die mich zuvor auf
ihren Pfad geleitet hatten.
    Sehet, solch eine Frucht und ein solcher Kern stecket dennoch in einer
verfaulten Schale, und es ist gewiss, dass man kein Laster, mit was vor Worten es
auch sei, so abmalen kann, als es uns der Leib selber zeigt, und dahero ist
ihre Hässlichkeit sehr wirkend in dem Gemüte desjenigen, welcher vermögend ist,
seinen Affecten die Larve abzuziehen und der Tugend nachzufolgen. Wenn man
gebrennet wird, so scheuet man sich desto mehr vor dem Feuer, und ich habe von
derselben Zeit an kein Laster mehr gehasset noch geflohen als die Hurerei, weil
sie der grösste Feind ist aller derjenigen, so die Vergnügung in dem Geist
suchen.
    Es hat keiner mit mir studieret, der nicht wissen wird, dass ich trefflich
gerne getrunken. Dahero trug ich sogar eine absonderliche Flasche in dem
Schubsack, und sooft mich dürstete, begab ich mich unter die Tafel, gleich als
ob ich Streusand zu langen willens wäre, aber ich tat es nur darum, dass ich
einen guten Zug aus der Flasche herausheben könnte. Unterweilen gab ich auch
meinen Mitschülern davon zu trinken, und anstatt wir unser Argument machen
sollten, soffen wir uns voll, dass wir in der Schule hin und wider torkelten und
die Schreibezeuge samt den Büchern über die Tafel hinabwarfen.
    Mit dem Schneider ging ich gar um, dass es zu erbarmen war. Ich richtete in
dem Haus allerlei Ungelegenheit an, und wenn mir in der Nacht not wurde,
hofierte ich ihm auf einen grossen gestohlenen Tuchfleck und schmiss ihn zum
Fenster aus. Oh, das war gar nichts Neues noch Seltsames, dass ich den Hintern an
seine Kleider gewischet, die er in seiner Stube hängen hatte, denn solches zu
tun hatte ich durch ein Fenster, welches von meiner Kammer in seine Stube ging,
gar gute und bequeme Gelegenheit.
    Einesmals schickte eine Doctorin ein Leibstück zu ihm, das sollte er über
Hals und über Kopf arbeiten und verfertigen, weil sie folgenden Tages auf eine
Kindestaufe gehen sollte. Der Meister eilete soviel möglich, und weil ers nur um
ein paar Finger musste enger machen, wurde es noch vor Abend fertig. Ich gab gar
genaue Achtung auf die Stelle, dahin er dieses Futteral über die Doctorin
hingehänget hatte; und in der Nacht stund ich auf und wischte mich so rein aus,
als vielleicht das Kind gewischet worden, zu dem die Doctorin morgen gehen
würde. Aber ich machte es nur innenher, und zwar an dem braunen Taffet, damit
das Leibstück durchaus gefüttert war, welches ich deswegen dortin getan, auf
dass mans an der Farbe desto weniger unterscheiden könnte. Des andern Tages
holete der Schreiber dasselbe gar früh ab, und weil es der Schneider geschwinde
zusammenlegte, unterliess er, solches innenher zu besehen. Es war sehr kalt, und
derowegen eilete der Schreiber damit unter dem Mantel fort, und die Doctorin
liess es auch gut sein, weil sie gleich etwas von Armbändern zu kaufen hatte,
welche sie heute bei der Kindestaufe antun wollte.
    Als die bestimmte Stunde vorhanden war, kleidete sie sich an, und die
Bittfrau sagte ihr schon zum andern Mal an, dass die andern Frauen schon in der
Kindbetterin Stube versammelt wären und nur auf sie alleine warteten, alsdann
sollte gleich angerichtet und gespeiset werden. Die Doctorin eilete, was sie
konnte, und weil die Mägde keinen Spiegel in der Stube hatten, prügelte sie eine
da hinaus, die andere dort hinaus. Bald war der Sessel nicht recht gesetzet,
bald lagen ihr die Stecknadeln nicht recht, ja, sie konnte sich über eine
Lumpensache so abscheulich zerfluchen, dass ihr Herr darüber erschrak, und weil
sie keine Vermahnung von ihm annahm, musste er aus der Stube gehen. Nach diesem
rufte sie den Mägden wieder und wurf das Leibstück an den Leib, welches ich ihr
vergangene Nacht so stattlich eingebalsamieret hatte. Als sie nun in ihrem
besten Aufputz, mit einer Magd begleitet, über die Gasse ging, bildete sie sich
ein, wie sie viel höher als arabianisches Gold glänzete, da sie doch innenher
mit nichts als einem Kot gefuttert war. O vanitatum vanitas! war lauter
Phantasei.
    Die Compagnie war ob ihrer Gegenwart sehr erfreuet, ohne etlicher wenigen
Frauen, welche ihr wegen der Präcedenz und andern Sachen halben heimlich in dem
Herzen neidisch waren. Das Zimmer war ziemlich warm eingeheizet, derowegen fing
der Pfifferling in der Doctorin ihrem Leibstück grausam an zu stinken, und so
sehr sie auch Franciscus-Kerzlein auf den Ofen setzten, wollte es doch nichts
helfen, sondern der Geruch wurde je länger je abscheulicher. Man merkte wohl,
dass es von der Doctorin herkam, aber niemand getrauete, ihrs zu sagen. Sie
merkte es selbst wohl und gedachte erstlich, sie hätte gar ins Hemd purgiert,
und konnte fast vor Scham keinen Bissen essen. Etliche hielten die Nase zu,
andere strichen Balsam auf die Hand und an den Wamsärmel, weil es auf demselben
nach der neuesten Invention ein halb Jahr nacheinander riechen solle. Diejenige,
so keinen Balsam hatten, brennten die Haar an den Händen ab, aber die Doctorin
wusste nicht, was sie sagen oder wie sie sich anstellen sollte. Endlich gab sie
vor, wie sie eine Schwachheit des Hauptes überfiele, und solchergestalten kam
sie nach Haus, allwo sie bald die Schuhe, bald ihr Hemd beguckte, aber sie
konnte kein Merkmal finden, daran sie sehen könnte, dass sie entweder eingetreten
oder aus Unvorsichtigkeit losgebrennet hätte. Endlich, wie sie das Leibstück
auszog, da kam der rechte Resonanz mit Haut und Haar, und ihre Mägde bekamen so
viel davon zu riechen als die andern Gäste alle. Da sahen sie, wo der Schuh
zerrissen war, und es hat gar nicht viel gefehlet, so hätte sie den Schneider
einstecken lassen, wenn sie nur nicht so sehr geforchten hätte, dass ihre Schande
der ganzen Stadt würde offenbar und hernachmals die Geschicht auf offenem Platz
dörfte abgesungen werden.«
 
                                  IV. Capitul.
          Vier Studenten machen sich bei dem Schneider eine Collation.
 Das Glück ist tückisch, still und schlau,
 Dir brät mans, und er frisst die Sau.
»Nachdem ich die Doctorin dergestalten beschämet, legte ich mich auf allerhand
lose Stücklein, und wenn man alle meine Condiscipulos oder diejenige, welche
dazumal mit mir studieret haben, schrauben und zwicken sollte, so würden sie in
der Wahrheit bekennen und gestehen müssen, dass sich keiner auf der ganzen Schule
dazumal eingefunden, der mir an der Schalkheit überlegen gewesen.
    Gleichwie ich aber in des Schneiders Quartier allerlei Mutwillen getrieben,
also schaffte ich ihm in dem Gegenteil wieder allerlei Nutzen. Er beklagte sich
gar oft wider die Leute, die unangemeldet in seine Stube gleich den unhöflichen
und groben Bauern hineinplatzten, und er fragte hin und wieder vor einen Rat,
den ihm doch niemand als meine geschwinde Invention mitteilen konnte, indem ich
ihn hiess die Klinke wegnehmen, und solchergestalten mussten alle anklopfen,
welche in der Stube etwas zu verrichten hatten.
    Einsmals hatte sich sein Weib unter der Zeit, da er in der Kirche war,
heimlich eine Wurst gebraten, weil sie sich ganz alleine zu sein vermeint. Und
als unter dem Zurichten jemand anläutete, mit welchem sie eine ziemliche Weile
darunten in dem Hause zu reden hatte, schlich ich heimlich aus meiner Kammer
hervor und schmiss die Wurst ins Feuer hinein, dass sie über und über verdorrete
und verbrannte. Wenn sie einen Braten in ihrem Fleischkasten aufgehoben,
eröffnete ich das Schloss mit einem Dietrich, schnitt das beste Fleisch von dem
Beine, und hernach zernagte ich den übrigen Knochen mit den Zähnen, sperrte auch
zur Bescheinigung meiner Unschuld eine Katze hinein, und diese musste alsdann den
Braten gefressen haben, so wenig sie auch davon zu beissen bekommen hatte. Dieses
war zwar kein grosser Nutzen des Schneiders, meines Hauswirts, aber ich wies ihm
entgegen gar viel Arbeit von den Schülern zu, von welchen er dort und dar ein
paar Groschen erhäkelte, die wir abends in rotem Brandewein versoffen.
    Einesmals bestellten die Schüler durch mich eine Spansau. Es waren unser
viere, und weil sie dazumal sehr rar und teuer, auch zum Teil nicht wohl zu
bekommen waren, gab der Mann sechs Groschen, und waren willens, solche in meinem
Quartier zurichten zu lassen, weil es bei den andern keine so gute Gelegenheit
gegeben, unsere Mahlzeit zu verzehren. Wir bestellten beinebens einen Salat und
Karpfen. Aber damit die Mahlzeit dem Schneider alleine blieb, nahm ich ein
Schnuptuch, solches tauchte ich in einen Safransaft und braune Latwergen, davon
es natural ausgesehen, als hätte einer gleich wie ich an der Doctorin ihr
Leibstücke getan. Dasselbe stackte ich unversehens in den Bauch des Spanferkels,
und an dem Tische gab ich vor, es wäre der Hader, mit welcher wir unserer Magd
ihr krätziges Bein verbunden, fluchte auch auf den Schneider und seine Frau, dass
nichts darüber, durch welches ich meinen Mitfressern einen solchen Ekel
verursachet, dass einer hinter die Bank, der andere hinter den Ofen gekotzet.
    Solchergestalten brachte ich die Spansau salvo und franco davon, und der
Schneider, mit welchem ich die Sache haarklein abgeleget, wusste sich so artig in
das Spiel zu finden, dass michs selbst über ihn wundernahm. Er sagte, dass es ihm
von Herzen leid wäre und dass nicht er, sondern seine Magd, die erzverdammte
Galgenhure, daran schuldig wäre, welche ihm schon mehr dergleichen Fauten und
Possen angerichtet. Sobald ihr nur das böse und geschwollene Bein würde gut und
heil sein, wollte er sie zum Teufel und seiner Mutter jagen, er hätte sie auch
deswegen schon zerprügelt wie einen Tanzbären. Die Herren Studenten sollten sich
ihr Geld nicht gereuen lassen, die zwei Karpfen wären schon hübsch blau
abgesotten, sie sollten sich derohalben an denselben in etwas erholen, aufs
nächste wollte er in dergleichen Begebenheiten selbst in der Küche sein und gute
Ordre halten, dass alles nach der Ordnung und gebührendermassen möge zu- und
vorübergehen. Diese Rede gefiel meinen Kameraden gar wohl, und weil ich keine
Mühe ersparet, sie zu befriedigen, gaben sie sich endlich zufrieden. Aber sie
fluchten nichtsdestoweniger der Magd viel tausend Schock Teufel auf ihren
Rücken, weil sie durch ihren abscheulichen Fusslappen wären um die köstliche
Spansau gekommen, dergleichen noch kaum ein Schüler gefressen hat.
    Einer unter diesen war ein Weinschenkenssohn, und weil er zu Hause
unterweilen in den Keller hat laufen müssen, bestahl er seine eigene Eltern
nicht um ein geringes an dem Geld, sondern er schickte auch durch seine
Mit-Consorten viel Wein an gewisse Örter, allwo wir ihn hernachmals versoffen
haben. Dieses Mal ging es auch nicht anders, denn wir bestellten des vorigen
Tages die Schneiderin eben zu der Zeit, als er zu Hause war. Derselben gab er
unter dem Schein, als kennte er sie nicht, wohl zwölf Mass von dem besten Fasse
und sagte zu seinen Eltern, die Schneiderin hätte ihm um einen Groschen zu viel
gegeben, darüber seine Mutter wohl zufrieden war, weil sie eine unter der Zahl
derjenigen, welche dem Nächsten augenscheinlich unrecht zu tun keinen Scheu
tragen.
    Dieses konnte er aber um so viel desto sicherer sagen, weil die Cassa des
Weingeldes in dem Keller stund und niemand sehen konnte, ob er etwas oder nichts
hineingeworfen. Dieser kam uns bei so beschaffener Gestalt trefflich wohl
zustatten, denn wir hatten nicht gar viel übrige Pfenninge zu verzehren, und
hätten es die Præceptores gewusst, ich glaube, sie sollten uns haben das
Benedicite gesungen. Aber wir assen nichtsdestoweniger unsern Fisch und den Salat
frisch aus der Schüssel und hatten noch wohl das Herz darzu, auf Gesundheit des
Herrn Rectoris seiner Tochter zu trinken, weil sie es trefflich mit den Schülern
gehalten und ihren Vater manchmal von der Schul abgehalten, wenn wir gesagt, dass
es Schläge regnen würde. Es hatte auch dieser Rector einen Sohn, der mit uns in
der Klasse sass. Das war ein Strick von einem Jungen, denn er stahl seinem Vater
alle diejenigen Argumenta, die morgen sollten gemachet werden, den vorigen Abend
aus dem Cabinet, dardurch wir Gelegenheit bekamen, solche vor der Zeit
auszuarbeiten, und solchergestalt gingen wir schliffeln und schlenkern, wenn die
andern Schüler mit Haut und Haar darüber sassen und fast ihre Köpfe zerbrachen.
    Ich habe schon zuvor etwas von meiner Buhlerin gemeldet, wie ich nämlich
schon dazumal auf die Courtesie gegangen, und zwar an solche Örter, vor welchen
billig die Jugend allen Abscheu haben sollte. Aber weil ich mir nicht zu helfen
wusste, sondern den süssesten Zucker suchte, da das allerstärkste Gift verborgen
lag, verwundert michs gar nicht, dass ich so gar nichts gelernet. Diese
Courtesien kosteten mich viel Geldes, denn je ärmer die Mägdchen waren, mit
welchen ich umzugehen pflegte, je mehr musste ich ihnen kaufen und an ihren
garstigen Leib schaffen.
    Ha, es reuet mich wohl tausendmal, dass ich mich in meiner Jugend mit den
Schandbälgen so gemein gemachet, und was noch das meiste ist, so kam etwan vor
fünf Wochen noch eine alte und bucklichte Bettlerin auf der Gasse zu mir und
sagte: Herr Ludwig, Herr Ludwig! Ich sah die Frau über die Achsel an und
gedachte, was ihr wäre, da fuhr sie fort: Wisset Ihr denn gar nichts mehr von
der schönen Catarina? Habt Ihr sie denn ganz vergessen? Wisset Ihr noch,
wieviel Eid Ihr herausgestossen, nur dass sie glauben sollte, dass Ihr sie vor
allen andern liebt? Da muss ich bekennen, dass ich über der Rede dieser
scheusslichen Frauen überaus erschrocken, denn ich wusste mich noch zu entsinnen,
dass ich auf bemeldeter Schul mit einer Magd gelöffelt, welche ich meine schöne
Catarinam genennet. Ich musste mich wider meinen Willen entsinnen, dass ich ihr
vielmal einen Eid geschworen, dass ich sie viel höher als die ganze weite Welt
mit allen Königreichen liebte und schätzte, und dannenhero sagte ich zu ihr: Ja,
ich weiss noch darum, und wie geht es denn meiner schönen Catarina? - Ach, Herr
Ludwig, sagte sie, sehet mich recht an, ich bins selber und keine andere, die
Ihr so oft geherzet und geküsset.
    Pfui Teufel, gedachte ich bei mir, was habe ich getan? Bist du die
Catarina? - Ja, sagte sie, ich bins selber. - Packe dich weg von meinem
Angesicht, antwortete ich ihr, oder ich stosse dich mit einem Beine, dass du über
gegenwärtigen Berg hinuntergaukelst, du teuflische Schandhure! Du hast mich in
meiner Jugend zu allerlei Unreinigkeit verleitet und Anlass gegeben, dass ich
meine bevorstehende Glückseligkeit in dem Studieren versäumet habe. - O mein
Herr Ludwig, sagte sie, Ihr seid dazumal selbst schon so klug gewesen, dass Ihr
gewusst, was zu Eurem Aufnehmen gut sei. Habe ich Euch nicht vielhundertmal
gebeten, Ihr sollt in die Schule davor gehen, Eure Priceptinger würden böse
werden, und was dergleichen Zeuges mehr war? Aber habt Ihrs getan? Habt Ihr
gefolget, oder habt Ihr mich zufriedengelassen? Oh, wahrlich nicht, je mehr ich
mich gewehret, je besser habt Ihr an mich gesetzet, und ich konnte in der Nacht
niemalen Bier oder andere Sachen ins Haus holen, so seid Ihr mir schon heimlich
auf dem Fuss nachgeschlichen. Ihr habt keine einzige Gelegenheit versäumet, mich
zu hintergehen, und anitzo gereuet es Euch, dass Ihr mit mir umgegangen? Ach, dass
Euch ja der Teufel geholt hätte, ehe ich Euch zu sehen bekommen, denn Ihr seid
an meinem ganzen Verderb die Ursach. Schenkt mir doch nur einen Kreuzer, dass ich
meinen Bettelweg weiter fortgehen kann.
    Sie können sich einbilden, wie ich mich in dem Herzen müsse geschämt haben,
und damit sie nur aus meinen Augen käme, gab ich ihr einen Groschen, und wenn es
nicht auf offener Strasse gewesen, hätte ich mir selbst eine Ohrfeige geben
mögen, so sehr verdross michs auf mich selbst, dass ich so unvorsichtig gehandelt
und mich an diese Hexe gehangen hatte. Ja, hernachmals wurde ich etwan sechs
Tage darnach berichtet, dass sie gerichtlich wegen Zauberei eingezogen worden,
allwo man sie auch jüngst verbrannt hat.
    Wenn es die Zeit leiden wollte, könnte ich noch andere Exempel anführen, in
was grosses Unglück und in welch schröckliche Laster ich auf eine solche Art
gefallen. Aber ich bin versichert, dass Ihr ohnedem wohl wissen werdet, wie es in
dergleichen Begebenheiten zuzugehen pfleget, darüber man hernachmals die Hände
über den Köpfen zusammenschlagen möchte.
    Dazumal überfiel mich eine grosse und schwere Krankheit, und diese war
eigentlich der Deckmantel meiner Faulenzerei, der ich die ganze Zeit auf der
Schule ergeben gewesen. Denn ich sagte nach meiner Genesung und Hinkunft auf das
Schloss, dass mich die Krankheit dermassen meiner Memori beraubet, darüber ich all
dasjenige vergessen, was ich bis dahero so fleissig gelernet hätte. Ich sagte,
dass mir meine Bücher seit der Niederlage ziemlich entwendet worden, und auf eine
solche Art liess sich mein Vater überreden, dass der Sache nicht anders sein
könnte. In derselben Krankheit hatte ich unzählige Phantasien, und ich redete
länger denn sechs Wochen ganz irre, weil mir die allerabenteuerlichsten Sachen
vorkamen, die unter der Sonnen geschehen könnten. Weil ich auch hier noch ein
wenig Zeit und Gelegenheit habe, will ich wegen gewisser Ursachen erzählen, wie
mir eigentlich in derselben Krankheit zumut gewesen und wie artige Bildnissen
meiner Phantasie vorgekommen.«
 
                                  V. Capitul.
      Ludwigs seltsame Krankheit. Seine Visiones, Briefe und dergleichen.
 Wer seinen Witz nicht brauchen kann,
 Sieht Weisses oft vor Schwarzes an.
»In der erst war mir nicht anders, als wenn ich etliche Wagen, voll mit Ziffer
und Stecknadeln gefüllet, daherfahren sah, welche nach Frankfurt auf die Messe
reisen und daselber auf dem Seil tanzen wollten. Darnach kam eine Landkarte in
einem Mantel dahergezogen, die gab sich vor einen Schuhknecht aus. Bald darauf
satzte ich mich auf einen Vogelbauer und ritt damit über Berg und Tal, oft in
einem Sprung wohl vierhundert Meil Weges, und es gedünkte mich natürlich, als
müsste ich meinem Præceptor aus der Terra di quir ein gut neu gebacken Paar
Semmel holen. Bald kamen viel hundert Paar gestrickte, zerrissene und zerlumpte
Strümpfe, die flickte ich mit meinem Schreibgezeug, und sie verehrten mir zum
Recompens eine alte Paruque. Auch sah ich die Leute in der Luft herumschiffen
und Stockfische von der Erde hinauffischen. Meine Grammatica zerriss ich in
tausend kleinen Stücken, und dieselben Papierlein liess ich an einem Spiesse
braten und frass sie vor calecutische Hühnerfedern. Bald kam mir eine mit Saiten
bezogene Ofengabel vor das Bett, auf welcher ich länger als vier Stunden
aneinander musicieret. Die Schrauben waren von Taubenflügeln und der Sattel eine
Bierstütze, aus solchem könnt Ihr schliessen, wie närrische Sachen mir in der
Krankheit zugestossen, über die ich noch bis gegenwärtige Stunde von Herzen
lachen muss.
    Oftermalen gedünkte mich, ich kröche in einen Floh hinein, und in dem Floh
sassen lauter Mohren und Ägyptianer, und wenn ich mich dann vor ihnen forchte und
zum Hintern wieder hinausschliefen wollte, blieb mir der Floh am Halse hängen,
und gedünkte mich natürlich, als wäre es ein Handfass, daraus man sich wäschet.
Den Ofen, in welchem mir eingeheizet wurde, sah ich gar oft vor einen Baum an,
auf welchem Bratwürste wüchsen, und sooft ich eine herunterlangte, ward ein
Taschenmesser daraus. Oftermalen kam ein ganzes Regiment Totenköpfe zu mir ins
Bett, und war mir nicht anders, als ob einer mit einem Fliegenwedel hinter ihnen
drein wäre, welcher sie wieder von mir hinwegjagte. Die Frau, welche mir
gewartet hat, sagte oftermalen, dass sie all ihr Lebtag keinen Menschen so gar
artlich als eben mich hätte reden hören. Bald habe ich sie gefragt, wer ihrem
Pelz die Nase abgeschnitten, bald wieder, wieviel Wochen man reisen müsste, ehe
man in einen Pantoffel käme. Zuweilen gedünkte michs, als führte mich ein
Schmied auf seinem Amboss gleich in einem Schlitten über die höchsten Berge aus,
und wenn wir dann so in der Luft herum Schlitten fuhren, so gedünkte michs
wieder, als sässe ich auf dem Meer. Anstatt des Wassers sah ich lauter
Entenschnäbel, und die Insuln bestunden in lauter Weiberhandschuhen. Die Schiffe
dünkten mich von Fensterblei zusammengegossen, und in denselben wurde georgelt,
dass es taugte. Ich kann nicht genugsam aussprechen, wie in abscheuliche Klüften
der Erde ich gefallen und gefahren.
    Einsmals war mir nicht anders, als hängte mir einer wohl hundert Mühlsteine
an die Füsse, damit fuhr ich in einem Augenblick durch die Erde hindurch in eine
Schublade hinein, allwo ich in eine Landschaft gekommen, darinnen man nichts als
lauter Wehrgehänge verfertigte. Nichts Artlichers kam mir unter allem vor, als
da mich gedünkte, ich sähe zwei Eichbäume auf der Fechtschul mit dem Dusacken
miteinander fechten. Alle, die solchem Gefechte zusahn, wurden hernach zu
Schweine verwandelt und frassen die Eicheln auf, welche die beide zuvor mit dem
Holz aneinander heruntergeklopfet hatten. Es war mir nichts Neues, aus dem Bette
zu springen und die Fenster einzuschmeissen, weil sie mir als herumfliegende
Grillen vorkamen, die mich stechen wollten.
    Oftermalen war mirs, als regnete es Schlafhauben und Hufeisen untereinander,
sobald sie aber auf die Erde gekommen, wurden Eierschalen daraus. Alle, die mich
in dieser Krankheit besuchten, hielt ich vor Felleisen, Flederwische,
Turmknöpfe, Haselnüsse, Schreibfedern, Bänkfüsse und auch Kühschwänze, so gar
grausam hatte mich meine eigene Mutmassung betrogen. Ich bin zeit währender
Krankheit mehr denn dreissigmal mit einem Fuchsschwanz geköpfet und geradbrecht
worden, und es war mir gar oft, als gäbe mir eine alte Frau mit einem Waschblei
den Staupbesen. Keine einzige Speise konnte ich an dem Geruch noch an der
Gestalt erkennen, sondern wenn ich die Suppe ass, war mir nicht anders, als frässe
ich Werg und Hobelspäne, und den Löffel hielt ich vor einen Schlafrock.
Unterweilen kam ich zu mir und weinete über mich selber, weil es sich je
länger je schlimmer mit mir anliess.
    Wie es nun so gar arg mit mir und meiner Krankheit wurde, besuchte mich die
Frau des Præceptors, in dessen Klass' ich dazumal sass, und welcher so viel
Flachs von meiner Frauen Mutter ist spendieret worden. Dieselbe nun fragte mich
um meinen Zustand, denn sie wusste noch nichts um die grosse Raserei, in welcher
ich gegenwärtiger Zeit begriffen war. Und weil ich sie in meiner Phantasie für
eine Feuerzange hielt, sagte ich zu ihr: O du verrostetes Donnerding, der Teufel
hat dich vor meine Herrlichkeit geführt, wer heisset dich reden? Gehe mir vom
Gesicht, oder ich schneide dir das nächste, das beste Ohr von dem Kopf hinweg.
Sa! Ihr Brüder, werfet die Hagelsfeuerzang in Ofen. O du garstige Feuerzang, wie
tut mir meine Fusssohle so wehe! Ach, hätte ich nur dieses Mal eine Halsuhr, dass
ich sehen könnte, was wir vor einen Tag hätten. Ha, ha, ha! Seht, seht! Wie die
Pomeranzen nacheinander heruntergaukeln! Auf die Seite, du mit deinem Tragkorb,
gehe weg, gehe weg, Feuerzang, gehe weg! Ich habs all mein Lebtag gehört, dass
kein Unglück bei dem Soldatenleben sei; denn sie haben viermal gewesen, sehen
zu, und warum denn der Drechsler? Eine gute Nacht! Grossen Dank!
    Diese Worte und verwirrte Possen redete mir hernachmals meine Wartfrau von
Wort zu Wort nach, und ich schrieb sie zum Angedenken in meine Schreibtafel,
nachdem ich wieder mächtig worden, meine Vernunft samt der Feder zu gebrauchen,
woran es mir aber in meiner Krankheit nicht allerdings gemangelt. Denn ich
schrieb einen Brief an meinen Vater, wo er mich nicht würde gesund machen
lassen, so wollte ich ihn bei dem türkischen Kaiser verklagen und dergleichen.
    Der Brief hiess also: Vater, Vater, Vater, ich schreibe Dir, Du Vater, Vater,
Vater! Ich bin krank, mach mich gesund, oder ich will Dich bei dem Ottomanus
Ottomani Ottomano Ottomanensis, hörst Du es? verklagen, accusare, verklagen will
ich Dich. Anitzo will ich auf das Feld spazieren und meinen königlichen Tron
mit Nussschalen zieren, ornare, ornavisti. Salus.
                                               Dein getreuer Spiritus, Spiritus,
                                                  Spiritus, habes, habes, adieu.
Diesen und noch viel andere Briefe schickte ich dazumal nicht allein nach Hause,
sondern auch anderwärtig hin, Absonderlich schrieb ich einen an den Apoteker in
der Stadt, denn ich hielt ihn vor meinen Vetter und auch vor einen Türken, weil
ich mir gänzlich einbildete, ich wäre König in Peru. Der Brief war dieser:
    Grossmächtigster, mächtigster und kunsterfahrner Patruelismus habet in
Genitivo patruelismi, participii casus!
    Hiermit deute ich Dir an, dass ich bin König worden. Du weisst schon wo, darum
lasse mir meine Hosen flicken und stosse meine Kron in dem grossen Mörsel,
purgiere sie wohl und gut, wohl und gut, wohl und gut. Sage Deiner Schwester,
dass sie mich heirate, oder ich werde nicht König. Alsdann will ich
Constantinopel belägern und dem König aus Persien den Rock von dem Arsche
hinwegreissen. Meine Pantoffeln gehen ganz zugrunde, du musst mir Laquayen
verschaffen und Trummeln bestellen, damit wollen wir in Africa schiffen und
daselbst Contribution von den Bauern nehmen.
    Jede Tobakspfeife wollen wir vor ein Zielrohr einschachern, und der König
aus Griechenland muss unser Spielmann werden. Dann wollen wir erst recht zu
tanzen anfangen und den Leuten Pillullen eingeben, davon sie bettlägerig werden.
Der Wirt im Roten Rössel reiset auch mit uns, ich habe schon achttausend Wagen
voll Lunten und Pulver bestellet, das muss alles mit.
    Die Wunden, welche ich in Arabien empfangen, will ich schon wieder
auswetzen, wenn ich erst Alexander dem Grossen seine Sturmhaube mit Füssen treten
werde. Deine Schwester ist ja gar zu schöne, sie muss auch mit, sie muss auch mit,
sie muss auch mit. Die Fahnen sind schon voran, nun kommen deine Medritat-Büchsen
hintennach, darnach der Schnupftobak und süssen Säfte, die wollen wir den Bauern
geben, so uns den Weg weisen und den Feind verraten. Die Völker sind schon zu
Schiffe, siehe Du zu, wo Du die Trompeter bekommest, es sind schon drei
gestorben. Friedrich ist noch nicht Kaiser in Japonien, sonst hätte er mir auch
drei Regimenter geschicket. Mein Præceptor auf der Schule gibt mir vier
Squadronen Fussgänger mit, die müssen zu dem Sturm gebraucht werden. Rüste Dich
nur bald, ich bin schon wegfertig und will nur noch das Frühstück essen. Kommst
Du nicht beizeiten, so reite ich davon, dass der Staub hinter mir dreingehet.
Indessen lebe wohl und schicke mir ein Aquavit.
                        Ich verbleibe des Herren Oberpro-
                        fectors über die Medritat-Büchsen
                        alleruntertänigster Herrscherin Peru
                        Jeremias Sebastian Ludwig,
                        der König zu Antissenhofen.
Diese Briefe sind mir nach meiner Genesung wieder vorgelesen worden, und ich
schämte mich über meine eigene Grillen, weil ich berichtet worden, dass sie gar
in der Aderlässe grosser und vornehmer Leute herumgeschicket worden, welche sich
nicht ein wenig damit gekützelt hätten. Denn es ist wahr, dass mir dazumal nicht
anders zumut gewesen, als wäre ich ein grosser und mächtiger König über
zwölfhunderttausend Mann, mit welchen ich Constantinopel belägern wollte. Die
Vorhänge hielt ich vor meine Kriegesfahne und meinen Nachtstuhl vor die
Kesselpauken.
    Sooft die Wartfrau mit ihrem Suppennapf zu mir kam, hielt ich sie vor einen
türkischen Chiausen, welcher mir von seines Kaisers wegen Krieg ankündigte.
Meine Mitschüler kamen mir vor als grosse Squadronen Fussknechte, deren sie
vielleicht in ihren Hosen und Hemden einen ziemlichen Teil sitzen hatten, und
wenn sie mir einen Gruss von dem Præceptor brachten, meinte ich, der Præceptor
liess mir durch sie noch mehrer Völker zu meinem bevorstehenden Kriege anbieten,
aus welchem leichtlich zu schliessen, wie mit einer grossen Wahnsinnigkeit ich
dazumal schwanger gegangen.«
 
                                  VI. Capitul.
                     Der Irländer glossiert die Erzählung.
 Das Elend, so uns traurig macht,
 Find't allzeit jemand, der drauf lacht.
Fräulein Anna hatte bis dahero dem Gespräche des Ludwigs mit sonderlicher
Beliebung zugehöret, und weil sie ihm gerne eine Ruhe vergönnete, sprach sie den
Irländer an, er sollte über die neue Erzählung des Ludwigs seine gutgegründete
Meinung hören lassen und dadurch Monsieur Ludwigen einen kleinen Raum geben,
sich auf das folgende zu besinnen. Auf welches [der] Irländer seine Reverenz
machte und zu reden anfing, dass ers mit Erlaubnis der Compagnie auf ihr Geheiss
tun wollte, aber sie möchten ihm nebenst Monsieur Ludwigen verzeihen, so er ein
ungleiches Urteil fällete.
    »Gestern«, sagte er, »hat die Frau von Pockau nicht übel von der
angefangenen Erzählung Monsieur Ludwigens judicieret, und ich wollte, dass ich
von dem Fortgang seiner Lebensgeschicht besser urteilen könnte, wenn ich nur
nicht darzu von dem augenscheinlichen Mutwillen Monsieur Ludwigens getrieben
würde, welcher sattsam vor Augen gestellet, wie er auf der Schule habe
hausgehalten. Erstlich ist der Vater an seinem übeln Leben keine geringe Ursach
gewesen, denn was geht den Schneider die Aufsicht an? Solche Leute haben sich
vielmehr um ihr Handwerk als um der Schüler Wohlfahrt zu bekümmern, und wenn es
auch gleich wäre, dass sie vor solche Sorge trügen, so sind sie doch zu wenig,
einem solchen Menschen vor Hofmeister zu dienen. Ist also hierinnen kein
geringer Fehler begangen worden. Vors andere ist der Schneider gar kein guter
Hauswirt gewesen, dass er Monsieur Ludwigen den Hausschlüssel anvertrauet, denn
wo Freiheit ist, da sind gewiss die Laster nicht weit, und wer solchen mit
ungehindertem Fuss nachgehen kann, der ist nicht leichtlich wieder auf eine gute
Strasse zu bringen. Man hat auch aus seiner Historia zu sehen, wie die Kinder gar
oftermalen gleich in frühzeitiger Jugend von ihren Müttern verleitet und
gehätschelt werden, und dass durch solches Liebkosen nicht geringer, sondern ein
merklicher Schade in dem folgenden Alter entspringe. Denn wenn die Kinder keine
Forcht in der Jugend haben, so ist es klar, dass sie solche auch in dem
erwachsenen Alter hintansetzen werden, und binden sich also manche Eltern wegen
ihrer Kinder eine ewige Rute über ihrem eigenen Kopfe zusammen.
    Man hat auch zur Genüge gesehen, was Unheil diejenigen Schullehrer unter der
Jugend anrichten, so sie in Ansehung der Geschenke denjenigen verschonen, um
dessentwillen sie die Spendaschien empfangen. Ich hatte ehedessen auch einen
Præceptor; je mehr man ihm aber verehrete, je mehr war er demselben auf der
Haube und gab ihm fast allezeit um eine Ohrfeige mehr denn einem anderen, der
ihm nichts gegeben, und solchergestalten machte er fleissige Jungen, weil keiner
auf Connivenz zu hoffen Ursach hatte.
    Aber leider, leider, heutzutage gibt es solche Schabhalser und Sparmunks.
Wenn man nicht continuierlich mit den Spendierhosen zu ihnen kommet und fast
stündlich neue Schmieralien verehret, so lassen sie den besten Kern ihres
Fleisses zurück, sie sehen die Jungen mit dem Rücken an, und: Lernen sie was,
ists gut, lernen sie nichts, so ist es auch gut. Aber was vor eine schwere
Verantwortung sie ihnen [sich] auf den Hals ziehen, das predigt ihnen ihr
eigenes Gewissen. Er hat weiter erzählet, wie es die Jugend in den Schulen zu
treiben pfleget, welches mehr als zu erbarmen ist, und zum Überfluss setzte er
anbei, wie er mit den Mägden schon dazumal zu charisieren angefangen, das ihn
doch anjetzo von Herzen reuet. Daraus haben wir abzumerken die schröckliche
Blindheit der Jugend, mit der sie ihre eigene Vernunfts-Augen besudeln und
oftmals einer Sache nacheilen welche sie hernachmals auch sogar mit Tränen
bedauern.
    Er bekennet, dass er durch die Abscheulichkeit der Laster sei zur Besserung
und Erkenntnis der Sache gelanget; aber was hilft es einen, dass er sein Haus
anbrenne, auf dass er solches möchte löschen lernen? Wahrhaftig, der Schaden
übertrifft den Nutzen ein merkliches, und ich kann auf keine Weise sehen, was
dabei vor ein Vorteil solle verborgen sein. Doch geschicht es gemeiniglich, dass
diejenige, so in der Jugend in aller Unreinigkeit herumgezogen, in dem
erwachsenen Alter bei allen ernstlichen Sachen untauglich sind. Sie sind mit
vielen Worten nicht zu der Ehe zu bewegen, weil sie in ihrem Hurenweg schon zu
tief eingewurzelt. Dahero entstehet die Verachtung des Frauenzimmers, die
Kaltsinnigkeit in der Affection, und was man tut, geschicht aus keinem andern
Grund, als die Leute zu betrügen.
    Von der Doctorin erzählet er gar einen groben und hässlichen Possen, und ich
weiss nicht, soll ichs gut oder schlimm auslegen. Aber Monsieur Ludwigen zu
Gefallen will ich hierinnen parteiisch handeln und sagen, dass er nichts
Strafwürdiges getan, denn es ist kundbar, wie der Stolzteufel fast die ganze
Welt, absonderlich aber das Frauenzimmer, besessen, davon nicht ein geringer
Schade, absonderlich aber in Teutschland, entspringet. Denn da will nun eine
jede Smirallerin ein Leibstück tragen, da wollen sie flugs Florhauben tragen,
Armbänder tragen, Rosen tragen, Ketten tragen, und daran ist niemand schuldig
als solche grossaugichte Frauen, die haltens nicht davon ab, sondern frischen sie
noch darzu an. Manches Mägdchen, das anitzo einer Gräfin, einer Freiherrin oder
sonsten einer Standesperson aufwartet, die will flugs Generalin über alle
Regimenter zu Fuss werden. Sie meinen, man müsse auf die Knie niederfallen und
sie mit abgedecktem Haupt anbeten, aber darnach lauern sie Tag und Nacht, wo
einer kommen und sie ehlichen möchte. Geschicht es dann, witsch, da haben sie
einen Stallknecht geheiratet oder einen Schuhflicker bekommen. Da steckt
hernachmals die grosse Herrlichkeit. Sie verstehen in dem Hauswesen nichts, aber
gewiss ist es, dass sie mit nichts mehrers als mit der Hoffart umzuspringen
wissen. Da trägt man aufgesteckte Röcke am Leibe und keinen Taler im Säckel. Man
trägt Florhauben auf dem Kopfe, aber wenig Hirn in dem Kopfe; und man glaube nur
sicherlich, je grösser der Aufputz ist ausser der Frauen, je kleiner ist der
Verstand in der Frauen, omnia enim sua ornamenta habent exterius: sie haben
ihren Schmuck nur aussen und sind oft gleich den Schnecken, welche ihr Hab und
Gut, Haus und Hof mit sich auf dem Rücken tragen. Sie sind gleich dem Philosopho
Phias, der gesagt: Omnium mea mecum porto: Alles, was ich habe, trage ich mit
mir. Derowegen hat man sich vor solchen hochtrabenden Leuten wohl vorzusehen,
damit man nicht in ihre Stricke gerate, und Monsieur Ludwig hat recht getan, dass
er die Doctorin so delicat und nobel ausgezahlet.
    Itzt meint  manche, wenn sie nur eine Doctorin sei, darnach ist dem ganzen
Handel schon geholfen. Aber es gehöret mehr zum Tanz als ein neu Paar Schuh, und
dieses ist fast das grösste Netz des Teufels, in welchem er die Hochmütigen zu
fangen pfleget, nämlich die Titulsucht. Dieses ist eine solche Seuche, welche
fast alle Menschen angreifet und aufreibet. Ich selber befinde es bei mir, dass
ich gerne mehr wäre, als ich bin. Aber die Doctorin mit ihrem Leibstücke hat
genug zu verstehen gegeben, wie im Augenblick man wieder kann zuschanden gemacht
werden, so sehr man auch nach der eitlen Ehre strebet.
    Es hat auch Monsieur Ludwig beiläufig mit angemerket, wie fein sein
Condiscipul den Wein aus dem Keller practicieren können, aus welchem zu lernen,
welchergestalten oftermalen die Eltern von den Kindern vervorteilet und heimlich
betrogen werden. Daran ist Ursach erstlich ihre faule und hätschlende Zucht,
vors andere ihre Nachlässigkeit in der Obsicht, vors dritte die üble Anordnung
mit dem Geldkasten. Denn was hat die Cassa in dem Keller zu schaffen? Die
Gelegenheit macht den Dieb; und vors vierte sind auch die Eltern an ihrem
eigenen Unheil keine geringe Ursach, indem sie die Kinder wegen begangenen
Betrugs nicht abstrafen, sondern aus Furcht, als möchten sie dadurch offenbar
und andern Leuten suspect werden, behalten sie es selbst in geheim und schenken
den Kindern noch Geld darzu, damit sie es nur nicht aussagen sollen, dass sie
etwas gestohlen haben. Andere Eltern lassen den Kindern den Zaum gar zu lang.
Ja, ich weiss wohl Väter, die mit ihren eigenen Söhnen, als noch unerwachsenen
Schisslingen, gespielet und sich oft wegen des Labets miteinander gezanket haben.
Da hiess es: Vater, setzet zu! das lautet schön in den Ohren eines Verständigen.
Wer seine Kinder handeln lässet, wie sie wollen, der muss sie hernach in Unglück
sehen, das er nicht will, und man hat viel Exempel, dass Kinder, welche sich von
ihrem Vater nicht ziehen wollen lassen, sich hernachmals von dem Henker haben
müssen strafen lassen.
    Aus der Erzählung seiner Krankheit haben wir zu betrachten, wie wunderlich
die Phantasie in dem Menschen zu spielen pfleget, dabei ich ein merkliches
beitragen könnte, so ich nicht zum Ende eilete. Man hat Exempel, dass sehr
gelehrte Leute in die grösste Wahnwitzigkeit und Raserei gefallen, mit welcher
sie eine ziemliche Zeit angefochten worden. Aber die Vorstellungen waren bei
Ludwigen um so viel desto lustiger, je lustiger er von Natur vor einem andern
ist, denn seine Complexion hat eine absonderliche und von vielen Tausenden ganz
eine entfernte Art. Dahero ist zu glauben, dass seine Visiones und Einbildungen
auch um so viel rarer und ungemeiner gewesen, je ungemeiner seine Natur ist.
    Ich habe auch gemerket, dass sich vornehme Leute an seinen in der Krankheit
ausgearbeiteten Briefen noch erlustiget darzu. Dahero geschicht auf der Welt
kein so elendes und erbarmungswürdiges Ding, das nicht seine gewisse Leute
finde, die darüber lachen, da sie doch vielmehr Ursach hätten, den Zustand eines
solchen Menschen herzlich zu bedauern und zu fürchten, dass es ihnen nicht noch
ärger gehen dörfte, denn wir sind noch nicht alle über den Zaun und fallen
gemeiniglich in das Übel, welches wir an andern verspottet haben.«
 
                                 VII. Capitul.
           Ludwig erzählet weiter, was er auf der Universität getan.
 Wenn alle Menschen wolln studiern,
 Wer will die Säu ins Felde führn?
»Der Herr Irländer urteilt nicht übel von der Sache,« sagte Monsieur Ludwig,
»ob er schon das Übel, so aus meiner getanen Erzählung zu entspringen pfleget,
mit gewissen Umständen entworfen. Seine meiste Meinung läuft da hinaus, indem er
die Notwendigkeit der Kinderzucht vor das allerbeste Mittel hält, durch welches
die Welt könne zur Besserung gebracht werden, und dannenhero schilt er nicht
unbillig auf diejenige Freiheit, welche vielmehr zum Verderben als Aufnehmen
gereichet. Aber hierinnen ist, gleich andern Sachen allen, die mittlere Strass
wohl zu observieren, denn gleichwie es ein grosses Übel, der Jugend freien Zaum
zu lassen, so ist es auch eine grosse Tyrannei, dieselbe in allzu scharfe und
harte Fessel legen. Ich meine, dass man mit derselben nicht allzu scharf
verfahren solle, wie vor diesem Otto Hahn, sechs Meil ober Linz, gewohnt
gewesen, welcher alle seine Ergötzlichkeit, alle seine Lust und Freude in dem
gesuchet, dass er die ihm untergebene Jugend nur streichen, aber nichts oder gar
wenig lernen möchte. Denn durch solche Phantastereien wird die Jugend zu allen
Dingen feige, sie wird von vielen guten Fortgängen abgeschrecket, und dieser
Schrecken ist ein Pflock vor demjenigen Wege, welcher zur angenehmen Lust der
Künste leitet. Mancher Jüngling wirft aus gar zu grosser Schärfe seines
Lehrmeisters das Buch hinter die Tür und will sich lieber auf dem Acker als in
der Schule bei der Arbeit einfinden, nur darum, weil er sich fürchtet, gleich
einem Hund ohne Unterlass gepeitschet zu werden, dadurch viel Ingenia verderbet
werden und zugrunde gehen. Arcus nimium intensus frangitur: ein allzu stark und
stets gespannter Bogen zerreisset endlich. Und dannenhero halte ich unter allen
Conditionen das Schulwesen vor das Allerkünstlichste, weil sich unter tausend
kaum zwei recht und ohne Tadel dareinfinden können.
    Nach meiner ausgestandenen und sehr schweren Krankheit eilete man mit mir
auf eine Universität, und weil der Ort über dreissig Meilen von meinem Vaterlande
abgelegen, muss ich bekennen, dass die Alteration der Luft wie auch die unbekannte
Gegend des Orts selber mein ganzen Horizont verändert und verwechselt haben.
Es ging allgemach zum Winter, und aus diesen Ursachen waren die Gärten und
andere lustige Plätze unter dem freien Himmel mit Schnee beschlossen, in welchen
ich sonsten gewisslich meine meiste Zeit würde hingebracht haben. In Ermanglung
dessen musste ich mich in meinem Quartier bei dem warmen Ofen zu meinem Autore
setzen, und ich gestehe es rundheraus, dass ich solchergestalten diesen Winter
mehr getan als die ganze Zeit meines vorigen Lebens.
    Die satyrischen Schriften und andere Romanen gaben mir in allen Sachen das
beste Licht, und ich achtete sie zu dem menschlichen Leben viel tauglicher und
notwendiger als die Logik und alle andere Definitionen, weil ich gesehen, dass
die Gelehrten viel uneiniger untereinander waren als die Satyri, welche einer
wie der andere kein Laster vor gut geschätzet, sondern eines wie das andere
durch gleiche Hechel gezogen, entgegen die Tugenden mit gleichgültigem Lobe
beehret haben. Auf dieser Universität entäusserte ich mich vor dem vorigen
Wandel. Aber, die Wahrheit zu bekennen, so wollte ich doch immer gern wieder auf
der vorigen Schule sein; und ich halte, es sei allen jungen Studenten nicht ein
Haar anders als mir dazumal gewesen, indem entweder die Gewohnheit der vorigen
oder aber die Ungewohnheit der gegenwärtigen Gesellschaft daran schuld und
Ursach ist.
    Ich durchlas allda so viel teutsche Schriften, als nur möglich zu bekommen
waren: als den Hercules und den Herculiscum, welchen ein Geistlicher, Bucholtz
mit Namen, Superintendent zu Braunschweig, soll ausgearbeitet haben. Die
Arcadia, den Philander von Sittenwald, die Alamodische Hobel-Bank, des Barclai
Argenis, den Wettstreit, alle Schriften des sinnreichen Harsdörffers, den
Francion, die Aramena, die Aerumöna, die meisten Schriften des Erasmi Francisci,
den Onogambo, die Clelia, den Simplicissimum, in welchem der ganze Teutsche oder
Dreissigjährige Krieg beschrieben ist, die Stratonica, den Pastor Fido, alle Teil
des Amadis, Lisimene und Pamelie, den Jan Peru, Erst und Andern Teil, Schweigers
Reisebeschreibung samt viel andern mehr dergleichen, des vortrefflichen Jesuiten
Massenii seine Schriften, item des Baldi, des geistreichen Drexelii, des Bonnae
samt noch unzähligen kleinen Tractaten in politischen und teologischen
Materien, teils auch von medicinischen Büchern, absonderlich aber den belobten
und weitberühmten Pareum.
    Mit einem Wort: wenn ich alle gelesene Schriften zitieren sollte, würde
dieser Tag alleine nicht genug sein. Aber ich bekenne es, dass ich daraus zu
einer bessern Beredsamkeit gekommen, als es mir mein Professor zwölf Monat
aneinander von der Stellung einer Oration dahergesagt hätte. Denn ich fand
darinnen allerlei Anredungen gegen die Könige, gegen die Kaiser, gegen die
Fürsten, gegen Herren und andere, gemeine Leute. Ich sah beinebenst, gleichsam
als auf einem Teatro, wie es die Welt zu treiben pfleget, und fand es nicht
anders in dem Werke, als es mir der Buchstabe gewiesen. Dadurch ward ich schon
ein halber Politicus, denn es begegneten mir viel Sachen, welche andern in dem
Buche begegnet, und ich wickelte mich eben durch diesen Vorteil heraus, durch
welchen sie sich vorsichtig losgemachet. Entgegen will ich flugs einen Eid
schwören, wenn ich solche Klugheit in der Lection gelernet hätte.
    Denn die Definitionen taugten gar nicht in meinen Kram, und es ist mir jetzt
weit ein grösserer Nutze, dass ich weiss, wie und wann man das Feld pflügen, das
Korn säen, das Gras schneiden, die Äpfel abschütteln, die Schweine in die Mast
tun, die Kälber abnehmen, das Holz fällen, das Hausgesind regieren und
dergleichen nützliche Sachen tun solle, als wenn ich ein grosser Doctor wäre. Und
meine Scheunen prangen viel herrlicher angefüllet von Getreid als mit Büchern.
Dadurch lebe ich viel vergnügter in meiner Freiheit, welche ich von Jugend auf
so hoch gehalten, dass ich mich niemalen einer Meinung eines Philosophi
unterwerfen wollen. Ich habe mein Tag keine Ordnung, eine Oration zu tun,
gelernet, aber ich wollte flugs mit einem Gelehrten ex tempore auftreten und
vielleicht mehr res auf die Bahn bringen als jener Wort. Denn wenn mir anjetzo
ein Gelehrter reden sollte vom Ackerbau, da kommen sie daher mit einem
abstrahierten Exordio, sie fangen an, einen Umschweif zu suchen, und brauchen
unter dem Schein ihrer Gelehrsamkeit einen Haufen Phrases, aber sie tun es nur,
dass sie sich inzwischen desto besser besinnen können, und machens so artig, dass,
wenn ihnen gleich einer eine Viertelstund zugehöret, weiss er doch noch nicht,
was er gesagt hat. Aber ich mache es schlecht und recht, ich greife der Sach
geschwind ins Maul, und lauter res, lauter res, rede auch in einer Viertelstund
so viel als jener in achtzehn Wochen. Ja, ich hab es selber gesehen, wenn
gelehrte Leute vom Ackerbau reden wollen, haben sie Bauern zu sich kommen lassen
und vorhero alles genau von ihnen erkundiget, darnach haben sie sich damit
grossgemachet und sich viel eingebildet in der Wissenschaft dessen, welches sie
doch in dem Werke nicht tun mögen, haben also den Schatten höher als den Leib
geschätzet. Aber ich bin viel anders gesinnet. Denn ich acker eines mit den
Bauern herum, helfe ihnen säen, pflanzen, grasen, Haber abschneiden, eggen,
pflügen, Korn und Weizen einführen, dreschen, die Garben binden und auflösen,
den Zehenten auszählen, die Schnitter richten, dieselben heimführen.
    Ich gebe auf die Tranksteuern, auf die Winkelzinsen, Erbzinsen, Haus- und
Grundsteuern, Landsteuern, Kopfsteuern, auf die Extraordinar-Steuern fleissige
Achtung, damit keinem zuviel noch zuwenig geschicht. Ich weiss um alle ihre
Anlagen, Aufschläge, Dätz, Umgeld und andere Gefälle. Es sind mir bekannt ihre
Gebührfuhren, Bittfuhren, Kirchendienste, Amtsdienste, Frondienste,
Robeltdienste, Notdienste. Ich weiss um die Vierteläcker, halbe Äcker, ganze
Hufen, halbe Hufen, wie lang dieselben sind und wieviel Ruten sie messen und was
sie an Getreide tragen. Das Frühkorn, das späte Korn, den Haber, den Hirschbrei
und Weizen weiss ich zu seiner Zeit auf das Feld zu bringen, den Hopfen kann ich
bei hohem Wachstum erhalten, ich kann mich in die Brennreife, starke Nebel,
giftigen Tau, Frühtau, Abendtau, Georgen-Tau Viti-Regen und dergleichen
Jahrereignungen perfect finden.
    So weiss ich auch die Bäume zu pflanzen, die Reiser zu pfropfen, sie von den
Würmern wie auch das Kraut selber zu hüten. Ich weiss die Obststämme mit Wachs,
Kühekot und Teig schon hübsch zu verwahren und umzäunen. Über dieses so bin ich
auch in der Viehzucht erfahren. Die Pferde kenn ich ingleichen, ob sie
hufschlägig, seitig, strittwärtig oder mit dem Koller behaftet sind, vom Mast-
und anderm Vieh, als Geflügel, Tauben, Enten, Fasanen, calecutischen Hühnern und
dergleichen, mag ich nichts sagen. Und dieses alles erschwingt mein Hauswesen
viel höher, als so ich alle Wissenschaften des Aristotelis mit Haut und Haar
gleich einem gebratenen Speck auf dem Kraut hinweggefressen hätte.
    Oh, es ist keine Narrheit um den Ackerbau, es gehört so wohl und noch
grösserer Fleiss darzu als zu der Philosophie. Man hält die Bauern nur deswegen
vor einfältig, weil sie sich nicht bücken und wie die heutigen Weltphantasten
anstellen können, aber sie sind in ihrer Profession so wohl Doctores als wir in
unsern Wissenschaften. Denn ackerte der Bauersmann nicht, so würde der Doctor in
der Schule wenig zu essen bekommen, ist also der Bauer als ein principium und
causa sine qua non zu respectieren und in acht zu nehmen. Wir Adelige heissen
denjenigen einen Bauern, welcher etwan ungebärdige Sitten oder grobe Wort saget.
Aber, Ihr Herren, Ihr Herren, wären etliche unter uns gute Bauern, so gäbe es
nicht so viel schlimme Edelleute. Bauern, ob sie schon nach unserer Meinung
grob, schätzen sie uns doch nach ihrer Meinung auch vor grobe Leute; und ich
will schwören, dass wir ihnen in vielen Lastern den Rang abgewinnen. Und also
weiss ich nicht, welcher unter beiden vor den Besten soll gehalten werden.
    Dieses rede ich nur darum, dass Ihr sehet, was vor eine Frucht ich aus dem
Haus der guten Wissenschaften, nämlich von der hohen Schul, hinweggetragen, denn
nach vier Jahren zog ich nach Hause, und anitzo sind es acht Jahr, da ich mich
nach dem Tode meiner Eltern in diese gegenwärtige auserlesenste, grossmächtigste
und grossgünstigste Madam Madamoiselle verehlicht habe.« - »Mich gedünkt,« sagte
seine Frau darauf, »es kommt dich die vorige Krankheit aufs neue an.« Aber
Fräulein Anna lobte die Vollendung seiner Historia auf das allerbeste, denn sie
gestund selbst, dass durch einen guten Hauswirt nicht allein die Welt bei gutem
Wohlstand erhalten, sondern der Nutz desselben in tägliches Aufnehmen gebracht
werde. Entgegen hätte ihr Vater schon zu seiner Zeit sehr über den im Schwang
gehenden Schulstreit geklaget, und sie wollte selbst lieber einen heiraten, der
den Ackerbau als die Juristerei verstünde. »Ha, ha,« sagte Monsieur Ludwig, »Sie
hätte gern einen, der sich auf das Pflügen wohl verstünde, ich merk es schon.«
Hiermit wurde Fräulein Anna ausgelachet, und es war gleich Zeit, zur
Mittagsmahlzeit zu gehen.
 
                                 VIII. Capitul.
                Etliches Frauenzimmer erzählet ihren Lebenslauf.
 Das Frauenzimmer schwätzet viel,
 Und wenn es soll, so schweigt es still.
Monsieur Ludwig hatte heut morgen dem Koch ansagen lassen, dass er sich diesen
Nachmittag wiederum auf ein neues Gaukelspiel fertigmachen sollte, weil sie von
den Lebenserzählungen ein wenig innenhalten wollten. Zudem so entschuldigte sich
auch das Frauenzimmer mit Vorwand und hohem Beteuern, dass sie nichts
Absonderliches zu erzählen hätten, welches ihnen nicht ohnedem sattsam und zur
Genüge bekannt wäre. Man wüsste ja wohl, dass sie als Weibespersonen wenig unter
die Leute gerieten, und dannenhero könnte man leichtlich erachten, welche
Heldengeschichten ihnen in ihrem ganzen Leben zugestossen, wenn es aber den
Cavaliern beliebte, so wären sie erbötig und erkenneten sich schuldig, eine
gelesene Historia zu erzählen, sonsten wäre es ihnen unmöglich, etwas mehrers zu
tun.
    Monsieur Ludwig und wir insgesamt waren mit dieser Entschuldigung nicht
allerdings zufrieden, und der Irländer gab vor, dass ihren Worten nicht stracks
Glauben beizumessen wäre und dass sich vors andere mit dem Frauenvolk in einem
heimlichen Winkel oft viel seltsamere und merkwürdigere Sachen zuzutragen
pflegten als mit manchem Reisenden, welcher die halbe Welt hindurchpassierte.
Derohalben sollte es bei dem gefassten Entschluss bleiben, und als das
Frauenzimmer sah, dass es nicht anders sein konnte, waren sie es zufrieden, damit
man nicht Ursach zu sagen hätte, sie wären nicht so generös, dasjenige zu
erzählen, was ihnen in ihrem Leben zugestossen wäre. »Ei ja,« sagte Monsieur
Ludwig, »hierinnen begehet ihr auch eine grosse Klugheit, sonsten würden wir uns
artige Concept wegen euers Lebens machen und uns solche Sachen einbilden, die
euch nicht mehr begegnen können.« Damit satzte man sich zur Tafel, und wurde dem
Koch seine Gaukelei bis morgen wieder abgesaget, weil das Frauenzimmer
entschlossen war, sich nach dem Essen in dem vorigen Zimmer wieder einzufinden
und ihre Begebenheiten zu eröffnen.
    Es ist nicht genug zu beschreiben, wie begierig die gesamte Gesellschaft zu
Anhörung dieser Geschichten war. Derowegen wurde noch einmal so geschwinde
abgespeiset, als es sonsten wohl geschehen wäre, und Monsieur Ludwig stackte
auch voll Begierde, dem Seiltänzer einen stattlichen Possen zu reissen. Demnach
kam man geschwinde auf den Tanzsaal, und als daselber etliche wenige Ballette
abgestrichen worden, eilete man wieder in das warme Zimmer, allwo das
Frauenzimmer losen musste, welche die erste zu der Erzählung sein sollte.
    Die Zahl belief sich in neun Personen, als Fräulein Anna, Fräulein Zusia,
Fräulein Leonora, Fräulein Kunigund, Fräulein Crusis, die Frau Ludwigin, Frau
von Pockau, Frau Burgundia und meine Caspia. Weil auch dazumal ziemlich frühe
angefangen worden, verhofften sie vor dem Abendessen noch alle hinauszukommen.
Denn sie nahmen sichs vor, nicht den halben Viertelteil so lange, als der
Seiltänzer und Herr Ludwig getan, sich damit zu verweilen. Und der Irländer
musste ihnen versprechen, seinen Lebenslauf hernach bei dem Abendessen zu
erzählen. Damit war die Sache verglichen, und das Los hatte mit grossem Gelächter
der ganzen Gesellschaft gleich Fräulein Anna getroffen, weil sie unter allen das
allerkürzeste Hölzlein gezogen. Derowegen satzte sich jeder an seinen bestimmten
Ort, und sie fing an, folgendes zu reden: »Ich habe unter allen das kürzeste
Hölzlein gezogen, unter allen will ich auch in Erzählung die Kürzeste sein.«
Aber Monsieur Ludwig wurf ein, dass, wo sie nicht aufrichtig und nach der
Wahrheit verfahren würde, wollte er heute nacht eine Trud über sie schicken samt
noch einem Gespenst, welches er in dem Schloss hinschicken könnte, wohin er nur
verlangte. »Ja, ja,« sagte das Fräulein Anna, »ich werde meinesteils nichts
aussen lassen, es müsste nur sein, dass ich etwas vergessen hätte.«
    Damit fing sie weiter an und sagte: »Meine Geburt ist Ihnen allen bekannt,
und meine Jugend verbrachte ich in Österreich auf einem Schloss, welches den um
Krembs Wohnenden wohl bekannt ist. Anfangs meiner Jugend, als ich eben zwölf
Jahr alt war, verliebte sich in mich ein Freiherr, aber es war ein hässlicher
Mensch, als ich jemalen einen gesehen. Er stank nach den Füssen, dass ich oft
vermeint, neben ihm umzufallen, und tat auch alle Nacht gleich einem kleinen
Kind in das Bette. Wenn er sich seine Stiefel flicken liess, so schrieb ers ins
Hausregister, und solches brachte er allezeit mit sich auf unser Schloss, damit
meine Eltern nur sehen sollten, wie einen fleissigen Haushalter ich bekäme, so
ich ihn heiraten würde. Sein Kammerdiener gefiel mir viel besser als er, dahero
gab ich ihm so oft den Korb, so oft er um mich anhielt.
    Nach diesem fand sich ein junger Gelbschnabel ein, der erst neulich aus
Frankreich gekommen. Der wollte lieben und konnte sich nicht dareinfinden. Er
konnte von der französischen Sprache nichts als Monsieur und Madam, diese zwei
Worte mischte er unter alle seine Reden, und wenn er was erzählte, so mengete er
allezeit mit unter, dass er zu Paris gewesen oder dasjenige in Paris gesehen
hätte, was er erzählete. Er hat mir auf zweihundert Reichstaler Wert in einer
Woche angehänget, und ich halte, er hätte noch mehr getan, so ihm solches nicht
von seinem Hofmeister wäre verboten worden, welcher wohl gewusst hat, dass nichts
daraus würde, denn er war noch nicht zwanzig Jahr alt und hatte kaum achtundert
Reichstaler bare Mittel. Er wusste nicht mehr als ein einziges Reverenz, und
dasselbe machte er gegen einem jeden Jungen, der auf der Gasse den Hut vor ihm
abgenommen. Endlich machte er mir Liebesverse, die waren so artlich, dass man
glauben sollte, er wäre dazumal mit Monsieur Ludwigs seiner Krankheit behaftet
gewesen; und ich muss, nur der Kurzweil wegen, einen einzigen Brief erzählen,
welchen er mir voll Liebe und Zuversicht mit Versen zugeschrieben. Dieser hiess
also:
O Lieb, o Lieb, du grosser Stein,
Wie druckst du doch das Herze mein!
Mein Geist verschwindet gar in mir;
Ich brüll vor Liebe wie ein Ochs.
Wenn ich an Fräulein Anna denk
Und ihr viel tausend Seufzer verehr,
Freut sich mein Herz vieltausendmal,
Im Bett, bei Tisch und überall.
Monsieur Cupido, der hat mich
Ganz überwunden grausamlich.
Er schoss mit seinem Liebesschwert
Mein Herz bis in den Grund der See.
Die Morgenröte mich nicht kann
Mit ihrem Munde lachen an,
Wenn Fräulein Anna mich nicht will.
Das Herz klopft mir gleich einer Plump'.
Ein wildes Tier hat es viel besser
Als ich verlornes Taschenschwert.
Die Qual will mich zu Tode drücken,
Ich reiss die Haar aus der Parüquen,
Die ich gekaufet zu Paris,
Nicht weit vom Markt bei Sanct Denis.
Solche lächerliche Verse schrieb er mir gar viel auf das Schloss, und sie taugten
unserm Schreiber trefflich zum Lichteinmachen. Ein halb Jahr darnach fiel ich
unversehens auf dem Schlosshofe, weil es sehr glatt gefroren war. Über diesen
Fall musste ich wohl zehen Wochen in der Stube bleiben, und dieses ist meine
meiste Begebenheit, der ich mich entsinnen kann. Andere Possen, die zwischen und
unter unsern Mägden vorgelaufen, mag ich nicht erzählen, weil wir keine
Bauernknechte unter uns haben, die sich darnach zu richten wüssten.«
    Frau Burgundia war an der Zahl die andere und an den Worten etwas
gravitätischer. Sie erzählte von nichts, als wie sie stricken, würken und nähen
gelernet. Derowegen verdriesst michs rechtschaffen und will sie nicht so viel
würdigen, dass ich ihre abgeschmackte Pertel-Würkers-Possen in diesem Buche
beitragen sollte, weil solches nur zur Ergötzung der darinnen Lesenden von mir
aufgezeichnet und beschrieben worden.
    Die dritte war an der Ordnung Fräulein Zusia, und damit sie sich bald
absolvieren möchte, erzählte sie folgendes: »Meine Herren! Die Geburt meiner
Person ist Ihnen bekannter als mir, und man hat genügsame Zeugnis, dass ich meine
Jugend in dem Felde zugebracht, weil mein Vater ein Obrister über zwei
Regimenter zu Pferde war. In dem zehenten Jahr meines Alters kam ich zu einer
Gräfin, welche an Frommkeit ihresgleichen nicht hatte, ob sie schon von Natur
von ziemlichen schwachen Kräften war. Sie war mir in etwas befreundet, und
dahero hatte ich gute Hoffnung, auf ihrem Schloss zu bleiben, wenn nur nicht
eine erschreckliche Sache in den Weg gekommen, die uns voneinander geschieden.
    Ihr Herr hurte mit einer andern, so die Schönste in dem ganzen Lande
gewesen. Und damit er seiner Frau los und entgegen der andern möchte habhaft
werden, erwürgte er seine Frau mit dem Pferdezaum auf einem Sessel und gab
hernachmals vor, sie wäre an dem Schlag gestorben. Aber ein Page, welcher an der
Tür gestanden und den ganzen Prozess angehöret hatte, offenbarte die Sach an
einem solchen Orte, da sie am allerverdächtigsten war, und es wäre dem Täter
nicht so ungestraft hingegangen, so er nicht ein erschreckliches Geld in die
Büchse geblasen hätte. Er heiratete hernachmals seine Concubina, hatte aber in
allem seinem Tun und Wandel keinen glücklichen Fortgang, vielleicht, weil er
eine solche Sache begangen, die sich schwerlich verantworten lässet. Man hat
kurz darnach den Page in einem Wald tot gefunden, daraus man geschlossen, er sei
durch einen Jäger, welcher darzu von dem Grafen bestellet gewesen, erschossen
worden. Denn solches zu argwohnen, verursachte die Kugel, welche in seinem Kopfe
gefunden und ausgeschnitten war. Aber das Schloss ging letztlich in dem Feuer
auf, und die Concubina verbrannte samt einem Kind, so sie zeit währender Ehe
gezeuget.
    Dazumal habe ich in einer Stunde oft mehr geweinet als anitzo in zehen
Jahren. Denn ich kann nicht sagen, wie eine fromme und liebe Frau meine Bas'
gewesen. Nur weil sie nicht schöne war, so hassete sie ihr Herr ausdermassen,
unangesehen, dass sie eine überaus gute Haushalterin war und ihm niemalen einzig
böses oder widerwärtiges Wort gegeben. Darauf kam ich in Ungarn und von dorten
hieher, und dieses ist alles, was ich von meinem ganzen Leben zu erzählen weiss.«
    Auf solches fing die Frau von Pockau an, denn sie war an der Ordnung die
vierte, und sagte: »Die Geschicht der Fräulein Zusia hat genugsam zu verstehen
gegeben, wie eine blinde Wegweiserin die nichtige Begierde sei, welche die
Schönheit vor die Tugend erkieset und also in schändliche Laster einplumpset,
weil sie eine Sünde mit der andern zu verknüpfen pfleget und aus einem Übel
immer in ein grössers fället. Wie es aber der Graf mit seiner ersten Gemahlin
gemacht hat, ebenso hat es eine meinige Befreundte mit ihrem Herrn getrieben,
welches ich nun kürzlich erzählen werde.
    Meine Mutter starb an dem Fieber, und weil man vermeint, als wäre es
vielmehr eine grassierende Seuche gewesen, tat man uns Kinder von dem Schloss
hinweg, und ich kam samt meinem Bruder, der vor zwei Jahren in einem Duell
erstochen worden, in eine Stadt, ausser welcher meine Muhme zwei liegende Güter
hatte.
    In einer Nacht hörten wir einen greulichen Tumult in dem Hause, und wir
meinten dazumal nicht anders, als verübten solches die Geister und Gespensten,
weil es mitten in der Nacht war, aber der leidige Ausgang gab es, dass unser
Vetter in seiner Kammer heimlich überfallen und verräterisch erstochen worden.
Das Stilett steckte ihm noch in der Brust, und meine Muhme war samt ihrem Galan,
welcher ein Student soll gewesen sein, über sieben Berge aus. Aber bald darnach
ist der Student erwischet, in einem Wald gefangen und auf das Rad geleget
worden, die Frau aber hat kein Mensch mehr erforschen noch erfragen können.
    Hiernach kam ich zu einem Apoteker in die Kost, aber nicht zu dem, welchem
Monsieur Ludwig einen so artigen Brief geschrieben, sondern zu einem solchen
Mann, der weder Himmel noch Hölle geglaubet und stets mit Goldmachen umgegangen.
Er hatte einen Sohn, den informierte ein Schüler, so auch Ludwig hiess, und in
denselben Præceptor habe ich mich merklich verliebet und wollte ihm gar gern ein
paar Ducaten spendieret haben, so er einmal bei mir geschlafen hätte, aber es
konnte mir dazumal so gut nicht werden. Aber gegenüber wohnte ein Schuhknecht,
der verliebte sich recht abenteuerlich in mich, und ich muss die Wahrheit
gestehen, dass ich dem Narren so gar ungünstig nicht gewesen, und ich glaube,
wenn wir bessere Gelegenheit gehabt hätten, miteinander zu sprechen, es dörfte
etwas geschehen sein, welches ich nicht gern offenbaren wollte. Aber es blieb
dazumal auch unterwegen, weil er von den Studenten in der Stadt gehauen worden
und sich hernachmals aus Furcht, gar totgemachet zu werden, hinwegbegeben
müssen.
    Das geschah noch in dem Stand meiner jungen Jahre, da ich weder um Schwarzes
noch Weisses wusste, aber da ich ein wenig klüger wurde, verliebte sich in mich
ein stattlicher Cavalier. Demselben wurde ich ein Jahr darnach verehlichet, denn
er musste wegen meiner Jugend so lange auf mich warten, und ich kann nicht sagen,
wie sehr ich mich durchs ganze Jahr auf die Hochzeit gefreuet. Ja, ich nahm auch
in gesunden Tagen Arznei ein, nur dass ich nicht krank werden möchte, damit ja
die Hochzeit ihren Fortgang haben möchte. Derselbige Herr wurde in dem Krieg
erschossen, nach welchem ich zum andernmal an einen Obristen vermählet worden
der Ihnen allen wohlbekannt gewesen. Nun aber bin ich eine Witwe und
zweiundvierzig Jahr alt.«
 
                                  IX. Capitul.
  Abschied aus dem Schloss. Lächerrlicher Betrug wird zwischen dem Seilfahrer,
                     Kunigund, Isidoro und Ludwig offenbar.
 Wir meinen oft, wir geigen recht,
 Hört jemand zu, so klingt es schlecht.
»Wenn ihr nichts anders vorzubringen wisset,« sagte Monsieur Ludwig, »so könnet
ihr mit solchen Erzählungen nur zu Hause bleiben. Ich sehe wohl, dass ihr gar zu
viel vergessen und dannenhero auch das meiste unterwegen lasset, welches zur
Lust gedienet hätte. Was nützen solche Trauergeschichten an einem Ort, da man
nur wegen Kurzweil beisammen wohnet? Ich seh es doch gar zu klar, dass man die
Wahrheit mit zwölf Peitschen nicht aus dem Frauenzimmer treiben kann, weil sie
allerlei Wege suchen, ihre eigene Zufälle zu verhehlen.
    Oh, wie wird euch heut nacht mein Gespenst drücken! Zusia, Zusia, Sie wird
wohl das meiste davon zu empfinden haben, weil Ihr etwas erzählet, das ich
schwerlich glauben kann. Und weil ihr demnach mit der Wahrheit gar zu tief
hinter dem Berg haltet, ist es gar eine schlechte Kurzweil, den übrigen
zuzuhören, denn ich weiss besser um all ihr Tun als sie selbst. Und ob sie gleich
was Lustiges erzähleten, so wäre es doch nicht wahr, weil mir bekannt ist, dass
sie von Jugend auf nicht über vier Meil Weges von ihren Geburtshäusern gekommen
und stets als eingeschlossene Personen zu Hause sitzen müssen. Aber dieses reuet
mich am allermeisten, dass ich nicht mit eingedungen, auf dass alle, die nicht
weit in der Welt gewesen, aufs wenigste ihre Gedanken eröffnen sollten, die sie
die Zeit ihres Lebens von der Liebe getragen. Alsdann würden wir wahrhaftig zu
lachen genug bekommen, so sie anders nicht den vorigen gleich sein wollten und
den meisten Teil davon zu vertuschen suchten.«
    Über dieser Loszählung war das übrige Frauenzimmer gar wohl zufrieden, denn
sie studierten wie die Canari-Vögel auf ihre Relation, und weil sie mit
schlechter Beredsamkeit begabt waren, scheueten sie sich, viel ungereimte Worte
auf die Bahn zu bringen. Was ihnen aber an der Beredsamkeit abging, das
ersetzten sie im Gegenteil mit ihrem Stolz um ein merkliches, wurde also eines
mit dem andern gutgemachet und aufgehoben. Also zertrennte sich vor diesmal das
Gespräch. Und weil sich die meisten entschlossen, morgen das Schloss zu verlassen
und wiederum nach Hause zu kehren, liess Monsieur Ludwig den Bauern zur Vorspanne
ansagen, und der übrige Abend wurde mit Spielen verbracht, bei welchem Isidoro
über hundert Ducaten in den Säckel schob.
    Zwischen solchem Spielen hatte das Frauenzimmer eine andere Ergötzung,
welche ihnen der Irländer mit Katzen angerichtet. Denn er war ein Mensch von
sonderlicher Kurzweil und doch nicht halb so garstig mit Worten als Monsieur
Ludwig. Derowegen hatte ihn das Frauenzimmer gerne um sich und spendierten ihm
allerlei Angedenken zur Belohnung seiner steten Aufwartung.
    Bei der Abendmahlzeit wurde er gebeten, abgeredetermassen seinen Lebenslauf
zu entwerfen. Aber er entschuldigte sich erstlich, weil er sich nicht darauf
gefasst gemacht, indem er bis dahero mit dem Frauenzimmer beschäftigt gewesen.
Vors andere gedünkte ihn nicht übelgetan zu sein, wenn er solchen bis morgen zur
Abreise versparete, indem auf dem Weg ohnedem wenig würde zu discurrieren sein;
mit welcher Entschuldigung wir uns gar wohl zufriedengaben. Und Monsieur Ludwig
setzte anbei, dass er selber noch ein Stücklein zu offenbaren hätte, welches
ihm erst vor einer Viertelstunde eingefallen. Denn er war entschlossen, all
dasjenige, so ihm heute nacht mit der Kunigund begegnen würde, zu erzählen und
der Compagnie nicht eine geringe Lust zu verursachen, weil er wohl so klug war,
die Sache so artig an den Mann zu bringen, dass sich auch derjenige nicht zu
beklagen hätte, welcher am meisten durch die Hechel gezogen würde.
    Hiermit erhebte sich ein abscheuliches Turnieren, weil es gleichsam das
Valet war, nach welchem sie morgen fortzureisen gedachten. Es wurden auf die
Gesundheit einer glücklichen Reise so viel Gläser herumgetrunken, davon sie bald
wären verhindert und zurückgehalten worden, solche mit gesunden Köpfen
anzutreten, denn des andern Morgens lag noch alles in tiefen Federn, unerachtet
es schon eilf Uhr auf der Schlossglocke geschlagen.
    Ich selber wusste nicht, wo ich lag, und der Kopf lief dergestalten in dem
Circul herum, dass ich alles vor doppelt ansah. Dahero gedünkte mich auch, als
lägen zwei Weiber bei mir, und sooft ich nach beiden griff, fand ich doch nur
eine. Ludwig sprang indessen an allen Zimmern herum und weckte uns mit einem
grossen Geschrei aus dem Schlafe. Alle seine Leute mussten hinter ihm
dreinschreien und heulen wie die Wölfe. Und wer nicht geschwind hervor wollte,
dem rissen sie das Oberbett hinweg und spritzten ihm mit Wasser auf den Leib. Er
machte sich auch nur deswegen so lustig, weil er gedachte, vergangene Nacht
einen solchen Possen gerissen zu haben, dergleichen noch nicht auf der Welt
geschehen. Aber im Gegenteil ist er selbst so mit dem Handel der Kunigunda
betrogen worden, dass nichts darüber. Muss derohalben dem Leser die Geschicht gar
mit wenigem eröffnen.
    Daroben habe ich geschrieben, wie der Schneider zu mir in das Zimmer
gekommen und erzählet, welchergestalten er heute nacht bei einem Kamin zugehöret
und verstanden, was Worte die Kunigunda mit dem vermeinten Seiltänzer gehalten.
Und solche Geschicht habe ich hernachmals dem Ludwig erzählet, als welchen ich
unter allen Cavalieren vor den schlauesten und arglistigsten gehalten. Er hat
sich auch darüber dermassen ergötzet, dass er vor grossem Verlangen kaum die Nacht
erwarten können, weil er sich entschlossen, seine Arglistigkeit hierinnen
merklich an den Tag zu bringen, indem ihm die Zeit seines Lebens keine so
bequeme Gelegenheit an die Hand gestossen. Aber es ging in der Sach eine ganz
andere Meinung vor. Der Schneider hat zwar wohl am rechten Kamin gehorchet, aber
in der Kammer lag anstatt der Kunigund Isidoro, welcher sich in der Finster vor
die Kunigund ausgegeben, auf dass er nur erforschen möchte, wer der Seilfahrer
eigentlich wäre, weil er ihm unter der Erzählung gar wohl abgemerket, dass seine
Geschicht ganz erlogen sei.
    Ich habe zuvor gesagt, dass Isidoro nur deswegen auf das Schloss gekommen, die
Zusia zu lieben, und sie hatten auch schon heimlich miteinander gesprochen, wie
sie den Seilfahrer fangen wollten. Dahero verwechselte die Zusia mit der
Kunigund die Kammer, und ist also kein geringer Betrug vorgegangen, wie sich der
geneigte Leser bestermassen wird einbilden und schliessen können, wie der
betrogene Monsieur Ludwig angelaufen sei.
    Ich hielt nach unserer Abrede vergangenen Abend den Seilfahrer fast bis
zwölf Uhr mit Gesundheit-Trünken auf und vermerkte gar wohl, dass er gerne bei
der Kunigunda wäre, denn er glaubte fest, sie hätte mit ihm gesprochen. Aber ich
liess alle gegenwärtige Diener vor die Tür stellen, und so sehr er auch durch
allerlei Ungebärden hinauszukommen gesuchet, liess ich ihn doch nicht von der
Stelle, sondern zwang ihn, wider seinen Willen zu bleiben, weil ich ihm solche
Gesundheiten zugetrunken, die er mir als ein ehrlicher Kerl nicht ausschlagen
können.
    Indessen hatte sich Ludwig in einen Nachtpelz verkleidet und kam zur
bestimmten Zeit vor die Kammer der vermeinten Kunigund, welche ihm auch nach
gegebenem Zeichen eröffnet und er durch das vorige Mägdlein hineingelassen
worden. Er wurf sich mit tausend Seufzern hin auf den Isidoro und küssete ihn,
nicht anders glaubend, als wäre es der Seilfahrer, flocht sich also ein Betrug
in den andern. Und weil Isidoro willens war, den Seilfahrer bei der ganzen
Compagnie zuschanden zu machen, nahm er dem unerkannten Ludwig die Schlafmütze
ab, auf dass er solche morgen - als heute - vorzeigen und jedermänniglich weisen
könnte, auf was der vermeinte ehrbare Seilfahrer in dem Schloss umgegangen und
gesonnen gewesen.
    Ludwig war kaum so bald in mein Zimmer gekommen, als er mir, noch in dem
Bette liegend, mit sonderlicher Vergnügung erzählete, wie er in der Kunigunda
Kammer gelanget und dieselbe mehr denn vierzigtausendmal geherzet und geküsset
hätte. Er hätte auch mit ihr ganz in der geschwinde abgeredet, wie sie
miteinander wollten ein Paar werden und noch heute früh davonziehen. Wir
eröffneten endlich auch meiner Caspia die Abenteuer, welche sich nicht genugsam
über die Arglist verwundern konnte. Ludwig sprang vor Freuden über Tisch und
Bänke, hiess mich auch geschwinde aus dem Bette aufstehen, damit wir die Lust
inzeiten geniessen könnten. Man kam gar bald in dem vorigen Zimmer zusammen, und
ich hielt es nicht unfüglich, so Ludwig die Erzählung dieser Geschicht bis auf
die Reise versparete. Und alsdann gäbe es bei dem Abschied einen desto grössern
Possen, zumalen in dem Schloss leichtlich ein Unheil entstehen dörfte, weil die
Sach an sich selbst etwas kützlig wäre. Er gab sich endlich in meinen Willen,
und damit wurde das Frühstück angerichtet, bei welchem allerlei vorgelaufen,
welches ich wegen allzu weitläuftiger Umschweifung nicht vermelden kann, zumalen
ich entschlossen bin, etwas Angenehmers auf die Bahn zu bringen.
    Die Bauern hatten sich schon vor Eröffnung des Tores mit ihren Pferden auf
dem Schloss eingefunden, und nachdem allentalben an gespannet worden, fuhren
teils auf Kutschen, teils ritten [wir] auf Pferden nebenher, und also schied man
mit grossem Frohlocken und vielen Pistolschüssen aus dem Castell.
    Nachdem sie das Feld erreichet, fuhr man etwas langsamer, damit sie der
Erzählung des Irländers möchten Gehör geben. Darauf erzählte er ganz
weitläuftig, wie er in einer Meerinsul geboren und sein Leben unter den Barbaren
zugebracht. Hernachmals wäre er kommen nach Trapezunt, allwo er durch vier Jahr
als ein Jüngling in Eisen und Banden zugebracht. Von dar hätte ihn die Fortun
durch einen Teutschen von Adel in hiesiges Land gebracht, allwo er nicht allein
studiert, sondern auch seine Exercitien gelernet. Er hätte sich unter der
französischen Fahne drei Jahr versuchet, und von dar wäre er in gegenwärtigen
Zustand geraten, darinnen er sich bis auf diese Stunde befinde. Diesen Discurs
des Irländers hab ich darum nicht mit eignen geführten Worten entwerfen und
aufsetzen wollen, weil ich dadurch ziemlich lang verweilen müssen, zu der
Hauptlust zu gelangen, welche kurz darauf vorgelaufen. Denn nachdem der Irländer
seine Rede fast auf eine ganze Meil Weges hinaus getrieben, trafen wir auf den
Scheidweg, bei welchem ein grosses Wirtshaus gelegen war. Man achtete es vor gar
tunlich, dass man daselber absteigen und sich sowohl wärmen als zum Valet
miteinander letzen möchte. Und als man in die Stube gekommen, wurden nebenst
vielem Weine etliche Biscotten aufgetragen, die man in dem Lande häufig zu
backen pfleget.
    Indem nun Monsieur Ludwig anfangen will, die vergangene Geschicht
verblümterweise vorzubringen, fängt Isidoro an und fragte die Compagnie, was
derjenige wert sei, welcher sich vergangene Nacht unterstanden hätte, einer
Frauensperson auf dem Schloss in einem Nachtpelze zuzusprechen und sich zu ihr
ins Bette zu legen. Wie sehr diese Rede den Seilfahrer, noch mehr aber den
Ludwig bestürzet, ist leichtlich zu gedenken. Aber Ludwig, welcher diesesfalls
das Sicherste getroffen zu haben vermeinte, gab zur Antwort, dass derjenige ein
solcher Mauskopf wäre, als einer zwischen Himmel und Erden sein könnte. Hierauf
zog Isidoro die abgenommene Schlafmütze hervor, sagte, er hätte sie in dem
Schloss gefunden und wem solche angehörte. Ludwig bekräftigte, dass sie sein
wäre, und die Frau Ludwigin war selbst ein Zeuge, dass sie ihm solche mit eigenen
Händen gemacht hätte. »Ha, ha, Bruder,« sagte Isidoro, »bist du der ärgste
Mauskopf zwischen Himmel und Erden? Wett der Teufel, was hast du bei mir in der
Kammer vorgehabt? Gelt, du hast mich zerküsset und zerherzet?« Ludwig wusste
nicht, was er vor Bestürzung antworten oder sagen sollte, ingleichem war auch
der Seilfahrer käsweiss, und die Kunigund half ihnen folgendermassen aus dem
Traum:
    »Ihr Herren, man weiss gar wohl, auf was die Karte angesehen gewesen. Ich
hätte nicht mehr vermeint, dass man ein solches von mir præsumieren solle.
Monsieur Seilfahrer, Er ist schröcklich in der Sache angefahren, und ich weiss
nicht, wie Monsieur Ludwig so artig erhaschet worden. Ich gestehe es, dass ich
nicht ein weniges an der Erzählung des Herrn Seilfahrers gezweifelt. Dahero
verwechselte ich mit Herrn Isidoro die Schlafkammer, dahin ihn Isidoro unter
meiner Person durch das Mägdlein kommen heissen, und der Herr Seilfahrer war so
voll Ehr und Redlichkeit und liess sich also stattlich verführen. Was er darinnen
getan, wird Monsieur Isidoro schon sagen.«
    »Er hat«, sagte Isidoro, »geglaubet, als wäre ich die Kunigunda. Er liess
sich von mir bereden, als liebte ich ihn, und auf eine solche Art brachte ich
aus ihm, wer er wäre. Er heisset Caspar und ist einer vom Adel wie wir. Wie ich
aber sehe, so kam des andern Abends Monsieur Ludwig zu mir, der herzte mich wohl
vierzigtausendmal nacheinander und sagte solche Sachen zu mir, die ich nicht
erwähnen mag.«
    Hiermit brach Ludwig auch heraus und sagte, wie er durch mich und ich durch
meinen Schneider hinter die Sach gekommen. Da ist nicht auszusprechen, wie man
den Seilfahrer und Ludwigen ausgelachet. So sehr sie zuvor gelachet hatten, dass
ich den Ludwigen anstatt der Caspia umfangen, so sehr, ja noch viel stärker
lachten sie darnach über gegenwärtigen Zustand.
    »Ha,« sagte Ludwig, »der Spott ist mir die Zeit meines Leibens nicht
widerfahren. Gazo, wie habe ich mich so abscheulich verirret. Ich gebe
dreihundert Taler vor den Schimpf«; und der Gaukler wollte gar aus der Haut
fahren. Je mehr sie sich aber anstelleten, je mehr wurden sie verspottet, und
dieses währte so lang, bis wir endlich voneinander schieden und ein jeder seinen
Weg fortreisete.
 
                                  X. Capitul.
 Sie kommen zu einem Leichbegängnis. Schreckliche Geschicht eines Totengräbers.
 Die Welt fragt nach dem Erdenkot
 Mehr als um einen sanften Tod.
Oben ist mit mehrerm gedacht worden, welchergestalten sich Monsieur Ludwig mit
mir entschlossen, dem Faustus zuzusprechen und ihn wegen seiner getanen Heirat
zu befragen. Aber ob er gleich auf der Strasse mit mir dahinritt, hielt ers doch
für ratsamer, dass wir uns verkleideten und die Caspia heim auf ihr Gut reisen
liessen, weil wir innerhalb zwei Tagen gar gewiss daselbst erscheinen würden.
Derowegen verkleideten wir uns in unserer Laquayen Röcke, und nachdem wir mein
Weib beurlaubet, ritten wir auf ebendas Dorf, darinnen sich Faustus mit seiner
Braut nach dem gemeinen Ruf aufhalten sollte.
    Wir hatten zum bessern Behuf unserer Sachen meinen alten Vater mitgenommen,
vor dessen Diener wir uns bei dieser Gelegenheit auszugeben entschlossen waren.
Demnach ritt er voran, und wir beide folgeten ihm mit seinen zwei Knechten,
gleich als gehörten wir zu ihnen. Etwan eine halbe Stunde darnach trafen wir in
eine volkreiche Stadt, in welcher wir an dem Tor angehalten worden, weil gleich
eine herrliche Leiche sollte heraus- und in den nächstgelegenen Kirchhof
getragen werden.
    Es war eine erlebte Matron, und ihr Herr besass in selbiger Stadt kein
geringes Amt, ob er schon ehedessen soll ein Pflastertreter und ein solcher
Mensch gewesen sein, der den Leuten nur zum Verdruss unter den Augen herumging
und nichts als einen Prügel in der Hand herumzutragen hatte. Demnach er aber
omnia cum tempore zu einem hohen Amt gestiegen, als fanden sich auch bei der
Leiche gar viel Bürger und andere Menschen ein, die es entweder ihm zu
sonderlichen Ehren oder aus andern Ursachen taten. Denn das Leichgehen hat
viererlei Ursachen: die erste und Hauptursach, zu der Leiche zu gehen, ist
diejenige, wenn man muss. Exempli gratia: es stirbt einer von unsern Befreundten
oder aus unserer Verwandtschaft, da muss man darzu, ob man gleich nicht will oder
mag, so heisst es doch: du musst gehen; ingleichen auch, wenn unsere gute Freunde
oder Bekannten sterben, so muss man ebenermassen mitgehen, wenn man anders Hirn in
dem Kopfe hat.
    Die andere Ursach ist und heisset der Reputationsgang, als wenn einer ein Amt
bekommt und die Stadt weiss es nicht, so geht ein solcher geschwinde mit der
Leiche, und durch dieses Mittel kann man der ganzen Stadt ein offenes Zeichen
des Rangs und Vorganges geben und ohne Mühe beibringen. Ja, es ist auch gar
genau zu observieren, dass gar viel bei dem Leichenbitter sich anschmeicheln und
ihm ein Viergroschenstück spendieren, damit er sie nur wacker hinauflociere, und
dieses sind die grössten (verstehe, Narren).
    Der dritte Modus, zur Leiche zu gehen, heisset Modus adulandi oder der
anschmeichlende Gang, und hierein gehöret das Sprichwort: dum moritur dives,
concurrunt undique cives. Dieser schmeichlende Gang ist weltkündig und dahero so
gemein wie das Schusterhandwerk. Es geschicht also das Leichengehen auf solche
Art aus keiner rechten Andacht, sondern ganz aus einem andern Grund, welcher der
Tugend ganz zuwider und conträr ist. Gleichwie aber die Fuchsschwänzer in allen
Sachen sich einzumischen wissen, als können sie von der Leiche nicht bleiben.
    Die vierte Ursach, dieses Werk zu verrichten, ist die Gleisnerei, dass die
Leute sagen sollen: Ach, wie ist dieses ein christlicher Mann! Wie ist dieses
ein andächtiger Mann! Sehet doch, wie er so fleissig zur Leiche geht; es wird
das ganze Jahr niemand ohne ihn begraben, es ist ja gar zu ein christlicher
Mann! Solche Wort hören die Gleisner gar gerne, und weil es ihnen sonsten um
nichts anders zu tun ist, so können sie hierinnen eine grosse und erschröckliche
Ergötzlichkeit finden.
    Alle diese Arten sind verwerflich und ungültig, weil sie nicht geschehen
noch ursprünglich herkommen aus einem solchen Grunde, der ohne Larven ist. Die
Toten begraben ist ein christlich Werk, und gehöret auch darzu oder wird durch,
das Totenbegraben verstanden, mit der Leiche zu gehen oder den toten Leichnam
bis zu dem Grabe begleiten und nicht hinter der Haustür oder unter dem Stadttor
auf die Seite gehen und ausreissen. Mein, was wäre dieses vor eine Ehre, wenn
dich einer zu Gaste bäte, dich zu Tische setzte und auftragen hiesse, die Köchin
aber trüge die Speisen nur bis an den Tisch und von dort geschwinde zu der
Kammer hinein. Du würdest in der Wahrheit gedenken, man hielte dich vor den
grössten Narren. Eben ein solches begehest du in einem solchen Prozess. Du sollst
mit der Leiche gehen und tust es nicht. Mancher sagt: Weib, ich will mit der
Leiche gehen. Er nimmt darauf den Mantel um, geht hinweg, und sobald er nur in
das Buch geschrieben ist, kehret er wieder zurück nach Hause, hat also weder
Sarg noch Klagleute gesehen, und das soll zur Leiche gegangen heissen.
    Ja, wir sahen uns an diesem grossen Stadttor fast zu halben Narren, denn da
riss ein Paar aus, dort wieder ein Paar, und blieben von fünfzig Paaren kaum
zehen übrig, welche gar in den Kirchhof gingen.
    Wenn du in dem Sarg lägest und könntest durch ein Fensterlein herausgucken,
ich glaube, du solltest dich ohne Zweifel darüber von Herzen betrüben, dass die
Freundschaft derjenigen nicht grösser sei, welche sich dir oder den Deinigen so
oft verbunden haben. Mancher sagt: Ich mag nicht mit der Leiche gehen, denn der
Tote geht doch auch nicht mit mir! Diese Rede soll im Scherz geredet sein, aber
wie ärgerlich sie in dem Grund sei, lass ich andere aussprechen, die einen
grössern Verstand haben. De mortuis & absentibus nil, nisi bene: von Toten
und Abwesenden soll man nichts als alles Gutes reden. Ob aber dieses eine gute
Rede sei, kann ich nicht glauben, weil sie auch unter den blinden Heiden
unbekannt gewesen.
    Nach den Männern kamen die Weiber in ihrer Ordnung, die schwätzten von der
jetzigen Mode, und anstatt sie bei der gegenwärtigen Gelegenheit den Tod und ihr
zukünftiges Sterbstündlein erwägen und betrachten sollten, hatten sie eine
andere Plauderei von Bettgewanden, Küchengeschirre, von ihren Dienstboten,
Aufwartmägden und Kindern. Eine schwatzte gar, wieviel sie dieses Jahr Freier
gehabt hätte, die andere redete wieder von einer Sache, die des Staupbesens
nicht wert war. Derohalben verwunderte ich mich über die Trägheit der blinden
Weltgemüter, welche nicht ehe an den Tod gedenken wollen, bis er vor der Tür
stehet. Wahrhaftig, da ist es zu spät. Und weil an dem Sterben unser meistes
gelegen, ist es vonnöten, dass wir die Gedanken des Todes niemalen verlassen oder
auf die Seite setzen. Nachdem nun alles Volk, das zur Leiche gehörte, aus dem
Tore, ritten wir hindurch und fragten den nächsten Weg, auf das Dorf zu
gelangen, welches uns über zwei Feld Weges hinüber gewiesen wurde.
    Unterwegens erzählte mein Vater eine erschröckliche Historia von einem
Totengräber, welcher vor achtzehen Jahren zu Magdeburg den verstorbenen Leuten
das Herz aus dem Leibe geschnitten, dadurch er ein Pulver brennen wollen, auf
dass alle, denen ers auf die Gasse streuete und darübergingen, sterben mussten,
und er also zum Reichtum gelangen könnte. »Einsmals trägt sichs zu, dass ein
kleiner Jüngling eines vornehmen Mannes begraben wird. Dem schneidet der
Erz-Böswicht gleichfalls das Herz aus seinem zarten und unschuldigen Leibe, und
dem Vater traumete in derselben Nacht, wie sein begrabenes Kind zu ihm käme und
keine Brust mehr hätte. Er erwachte über dieses Gesicht und erzählet es seiner
Frauen, welche ihm die Gedanken aus dem Sinn geredet, vorgebend, es wäre nur ein
Traum, der könnte ja leichtlich betrügen. Er sollte sich nichts irren lassen,
ihr Kind wäre schon begraben und an dem Ort, da es hingehörte. Er sollte sich
deswegen keine vergebene Sorgen mehr machen und schlafen. Er schläft darüber
ein, und sein Söhnlein erscheinet ihm aber einmal wie zuvor, darüber er aufs
neue wieder aufwachte und schmerzlich darüber seufzete. Die Frau tröstete ihn
wie zuvor, bis er endlich zum drittenmal einschlief und nichtsdestoweniger von
seiner Vision keine Ruhe hatte. Ist auch vors dritte Mal dergestalten darüber
erschrocken, dass er mit Verlangen den Tag erwartet und alsobald zu dem
Totengräber gegangen, bittend, er möchte ihn das Grab seines Kindes noch einmal
sehen lassen. Der Totengräber tut es, aber der Vater findet das Grab in einer
andern und ganz unordentlichen Gestalt, bittet ihn dahero, er solle das Kind
herausgraben, er wollte es nur noch einmal sehen. Aber der Totengräber will sich
hierzu durchaus nicht bewegen lassen, weil er die grosse Strafe der Obrigkeit
vorgeschützet, mit welcher sie ihn deswegen belegen dörfte.
    Endlich geht der Vater an die Obrigkeit, welche ihm sein Begehren gestattet
und dem Totengräber befiehlt, das Kind auszugraben. Er tut solches, aber der
betrübte Vater sah ganz erstaunend das Kind eben in einer solchen Gestalt, wie
es ihm in dem Traum vorgekommen. Darüber wird der Totengräber eingezogen, allwo
er hernach in der Marter alles und noch ein mehrers bekannt hat. Unter anderm
bekannte er ingleichen, dass er eine Sechs-Wöchnerin - wie man sie zu nennen
pfleget - samt ihrem Kind, welches sie in den Armen hatte, in der Nacht
ausgegraben und ihr das Kind aus den Armen habe reissen wollen. Aber die Mutter
hätte dasselbe so fest und stark an sich gehalten und endlich die Augen
aufgetan, darüber er dergestalten erschrocken, dass er das Grab geschwinde
wiederum zugemachet, und neben demselben hätte er lauter Augen erblickt, die er
gar nicht von sich treiben können.
    Einen solchen Ausgang nehmen solche Missetaten, und dergleichen Leute sind
nur deswegen recht unglückselig zu nennen, weil sie ihr eigenes Unheil nicht ehe
erkennen lernen, bis ihnen die Rute über dem Kopfe ist. Man hat so viel tausend
Exempel, dass niemalen ein Laster ungestraft geblieben. Ist es nicht hier, ist es
doch dort. Und doch sieht man die Gottlosen um den Kranz streiten, der ihnen
doch nicht geflochten ist, und indem sie nach demselben laufen, fallen sie in
die Hände des Henkers, weil ein jeder der Meinung ist, er wolle es am
allerbesten machen. Wie der Spiegel den Augen dienet, so sollen uns dienen die
Zufälle unsers Nächstens, aber die verkehrten Gemüter scheuen nicht den
pechschwarzen Rauch der Sünden. Dahero ist sichs nicht zu verwundern, dass sie
sich auch stürzen in eine unaufhörliche Flamme und oftmals von dem zeitlichen in
den ewigen Tod gehen.«
 
                                  XI. Capitul.
 Faustus macht mit einer Bauermagd Hochzeit. Carander hilft dem Faustus aus dem
                                     Traum.
 Wenn man oft meint, es sei getan,
 So fängt der Tanz von vornen an.
In solchem Trauergespräche, welches fast das Allerbetrübteste in diesem ganzen
Buche ist, kamen wir in das Dorf, darinnen Faustus kurz vorhero seine
Bauerhochzeit begangen. Und ich bin nicht mehr des Willens, den Leser durch das
folgende mit dergleichen schmerzlichen Erzählungen zu belegen, zumalen ich nicht
des Vorhabens bin, seine Gedanken zu verstören. Aber ich muss es doch gestehen,
dass ichs aus keiner andern Ursache mit beigetragen, als dass ich diesen Tractat
auch solcher Geschichten teilhaftig machte, über welche sich auch steinerne
Herzen erbarmen sollten. Hinfüro aber bin ich entschlossen, solche Abenteuren zu
erzählen, welche zwar überaus angenehm zu lesen, aber doch demjenigen nicht
ärgerlich fallen werden, welcher gewachsen ist, seine Affecten in dem Zaum zu
halten und unter dem Guten und Bösen einen Unterscheid zu machen. Bis anhero
habe ich meines Entsinnens niemand mit höhnischen Worten angestochen, dadurch
ich einzigen Unwillen wider mich möchte erreget haben. Und wird zweifelsohne mir
eine solche Freiheit bis zu Ende des Buches wohl zu vergönnen sein, wenn ich nur
die Laster und nicht diejenige, so damit behaftet sind, anklage und sie
gebührendermassen ausfilze.
    Man brachte uns in ebendas Haus, allwo Faustus mit seiner neuen Hausfrau
Hochzeit gehalten. Philiman, mein alter Vater, stund ab, und wir folgeten ihm
bis an die Tür, allwo Faustus ganz lächelnd stund und ihn mit einem freundlichen
Kuss bewillkommte. Er hiess ihn seinen lieben Vater und schätzte sich glückselig,
ihn an diesem einsamen Ort zu sehen, absonderlich aber zu einer solchen Zeit, da
er in dem höchsten Vergnügen von der Welt stünde, daraus wir insgesamt
abgenommen, dass er mit seiner neuen Bauerehe viel vergnügter war, als man wohl
geglaubt hätte.
    Er führte meinen Vater mit sich in eine warme Stube, allwo ihn die Braut mit
sehr höflichen Gebärden empfangen und uns mit ihren ungemeinen Sitten keine
geringe Verwunderung verursachet. Der Vater satzte sich zu ihm an den Tisch, und
nachdem er den Faustus wegen der Ursach zu solcher Heirat gefraget, antwortete
er ihm folgendergestalt: »Mein Herr, wer den Hof liebt, der hasset sich selbst,
denn ebendiejenige, welche ihn emporzuheben versprechen, die drücken ihn zum
tiefsten darnieder. Aus diesem Grund habe ich geforchten, mich an solchem Ort
aufzuhalten, wo das Glück am schlüpfrigsten ist. Es ist Ihm bekannt, dass ich
meine meiste Jugend in der Fremde zugebracht und dass mich so manches Unglück
angestossen, als manches Frauenzimmer ich geliebt habe. Ich glaube schwerlich,
dass ein Mensch an solche unglückliche Fessel angeschlossen gewesen als eben ich.
Aber eben darum war ich billig ein Tor zu nennen, weil ich geglaubet, keiner
könne glückselig sein als derjenige, so liebt.
    Caspia, welche nunmehr Eurem Sohn an der Seite lieget, war unter allen die
einzige, um derentwillen ich mein Herz aus dem Leibe verbannet. Aber ich sah,
dass der Schluss von oben ein anders über mir beschlossen, welchem ich nicht
entgegengehen können. Ich bin aus keinem Groll oder Neid aus dem Schloss des
Ludwigs geschieden, sondern die geschwinde Bestürzung über die unverhoffte
Veränderung hat mich dazumal aller Höflichkeit beraubet. Ich entschloss mich, ehe
noch zwei Tage ins Land gingen, ein Mägdlein zu ehelichen, welches mir am besten
anstehen würde; und nachdem ich solchen Entschluss Monsieur Carandern eröffnet,
begab ich mich hier in dieses Dorf, weil es sein absonderlicher Rat erforderte,
und schlief vor meiner Resolution ein wenig aus, dass ich sagen konnte, die Sache
beschlafen und wohl beschlossen zu haben. Nachdem ich erwachte, kam mir zu
Gesichte mein nunmehr verehlichtes Weib, und solche lieget mir nicht unbillig an
der Seite, weil ich sie voll Ehr und Redlichkeit befunden.
    Sie ist arm und darzu eine Bauernmagd, aber was ist es mehr? Sie gibt mir so
wohl und gute Vergnügung als eine meines Standes, und sie erzeigt sich gegen mir
um so viel desto dienstafter, je höher sie mein Geschlecht vor dem ihrigen
urteilt. Ich gestehe die runde Wahrheit, dass ich sie je mehr und mehr liebe und
zweifele, ob ich die Caspiam mit solchem Bestande lieben können, weil ich
tausendfältig zu eifern genugsame Ursache gehabt hätte. Ich vergönne sie dem
Zendorio von Herzen und wollte wünschen, dass er ihr gleichwie ich der meinigen
mit ewiger Liebe und Wohlgewogenheit zugetan wäre, so ist nicht zu zweifeln, dass
er seine Zeit in höchstem Vergnügen zubringen würde. Bauerntöchter sind auch
keine Hunde, und ich schätze weder Schönheit, Adel noch Reichtum, wo keine
Vergnügung zu finden.
    Ich habe nunmehr das Hofwesen auf die Seite gesetzet und will mich setzen
auf ein einsames Gut, daselber meinem eigenen Belieben und keinen fremden
Reguln nachzugehen. Ich habe Geld genug, einen Bettler zu bereichern, so werde
ichs ja auch meiner Bauermagd tun können. Und vielleicht ist mein Segen mit ihr
um so viel desto grösser, je gewisser es ist, dass ich sie nicht aus blosser
Begierde geheiratet, sondern dardurch der ganzen Welt zeigen wollen, dass ich auf
keinen Betrug gefreiet habe. Die Hofleute mögen darzu sagen, was ihnen beliebt,
so weiss ich doch, dass es keinem unter allen so wohl geht als mir, weil keiner
unter allen solche Vergnügung geniesst als eben ich.
    Man hat meine Heirat der ganzen Welt vor unbedachtsam vorgestellt. Aber es
taten es nur solche Leute, welche gewusst haben, dass die Narren alles glauben,
was sie hören. Es hat wohl eher ein Edelmann eine Fürstin geheiratet. Warum soll
denn der Adel die Freiheit nicht haben, zurückzugehen und eine Bauersmagd zu
freien? Da Adam pflügt' und Eva spann, wer war damals ein Edelmann? Sie sind,
wie man gar klar kann lesen, gar keine Edelleute gewesen. Ich weiss wohl höhere
und grössere Hansen, als ich bin, die sich doch wohl mit einer niedrigen
Standesperson verbunden haben. Man sagt: gleich und gleich gesellt sich gern.
Geht das in dem äusserlichen Wandel an, vielmehr wird solches der innerlichen
Affection und Gemütsneigung betreffend zugelassen sein.
    Manchem geschieht ein grössrer Dienst mit einem Stück Brot als mit einem
Saphirstein. Mir gefällt meine Bauersmagd besser als eine kaiserliche Princessin
von Trapezunt oder die Oriana, mit welcher der Amadis zu Prandiflor gebuhlet.
Ha, ich bin kein solcher Weichling, und man glaube nur nicht, dass es mich reuen
werde, so sehr auch andere darüber klagen und seufzen, denn es kann nun nicht
mehr anders sein. Kreuz hinter mich oder Kreuz vor mich, kommt der Teufel, so
bescheusst er sich, darzu bin ich viel zu raisonnabel. Es hat keine Reue bei mir
statt ohne derjenigen, so wegen meiner Missetaten entspringet, ja, ich müsste
deswegen wohl ein ausgemachter Narr sein, und nichts erfreuet mich mehr, als dass
sich andere viel mehr um mich und meinen Wohlstand bekümmern, als ich selber
zu tun pflege. Und ob ich auch gleich schlimm gehandelt hätte, so geht mich doch
die Sach nur allein an. Aber weil ich nicht traurig sein kann, noch mich
deswegen zu betrüben weiss, wie ichs denn keine Ursach habe, so sehen es etliche
nicht gerne. Aber wenn ich an den Bettelstock geriete, da würden sie die Mäuler
vor Gelächter aufreissen, dass man ein ledern Paar Hosen darinnen waschen könnte.
Aber ich lasse die Narren immer lachen, was sie wollen, weil ich ihnen die
Freiheit nicht zu nehmen noch über dasjenige zu zürnen verlange, durch welches
Mittel ich selber ihr Gelächter zu überwinden vermag.
    Ich gestehe es, dass eine Dam in dem Lande, die ich tausendmal lieber als die
Caspiam geheiratet hätte. Sie ist eben Caranders einzige Tochter und heisset
Celinda. Dieser Celinda bin ich wohl öfter als der Caspia zu Ehren und Gefallen
gereiset, aber ich bekam sie nicht allein niemals zu sprechen, sondern sogar
kaum zu sehen. Ihr bekannter Ruhm kann Euch, mein werter Philiman, nicht
verborgen sein, und dahero gestehe ichs gar gerne, dass, wenn ich auf dieselbe
gedenke, sich mein Herz ein ziemliches bewege, weil ich mich durch meine
geschlossene Ehe ausgeschlossen habe, dasjenige ferner zu suchen, was mir ohne
Unterlass in dem Herzen gelegen. Aber bildet Euch nicht ein, dass ich Euch dadurch
einzige Reue andeuten, sondern nur zu verstehen geben wollen, wie und auf was
Massen ich verliebt gewesen.«
    Faustus hätte noch weitergeredet, wenn nicht unversehens vor dem Hause ein
Schuss geschehen, dardurch er veranlasst worden, zu dem Fenster auszusehen.
»Bonus dies, Herr Bruder«, rufte einer draussen, und Faustus wendete sich zurück,
vermeldend, dass es Carander wäre, dessen er zuvor Erwähnung getan. Sie empfingen
ihn mit grosser Höflichkeit, und Carander beschmerzte es mit hohen und teuren
Worten, dass er nicht bei der Hochzeit sein können, welches er doch ohne Unterlass
gewünschet hätte. Er war meinem Vater Philiman schon vor langem bekannt,
derohalben satzte er sich zu ihnen an den Tisch und fragte den Faustus, ob es
ihn nicht gereuet, dass er in einer so hochwichtigen Sache so schnell verfahren
und sich so geschwinde resolviert hätte.
    »Ich sehe wohl,« antwortete Faustus, »dass die Welt viel anders von meiner
Ehe judicieret, als es in dem Werk selber ist. Mein Herr Carander lasse sich
vom Herrn Philiman meine Meinung eröffnen, so wird Er sehen, dass ich niemalen
als eben anitzo in einer vollkommenen Vergnügung lebe, und obschon auf der Welt
nichts kann vollkommen genennet werden, so wünsch ich doch, dass Ihr die
Zufriedenheit meiner selbst ersehen könntet. Daraus würdet Ihr ohne Zweifel
schliessen, dass ich in diesem Entschluss so beständig bin, dass, wenn ich noch
nicht geheiratet, so wollte ich es diesen Augenblick tun, auf dass man sehen
möchte, dass ich von aller Unbesonnenheit entfernet gewesen.«
    »Monsieur,« antwortete Carander, »Euer vollzogene Ehe hat viel ein anders
Aussehen, als Ihr Euch einbildet. Drum höret mir zu. Dann werdet Ihr gestehen,
dass ich meinem Ratgeben nicht aus der Grenze gewichen, in welcher sich die wahre
Freundschaft entalten soll. Ihr seid in mein Schloss gekommen voller Sorgen und
Grillen, die Euch nach Eurer eigenen Bekenntnis tausendfältig gequälet haben.
Ich sah wohl, um was es Euch zu tun war, denn es ist nicht zu leugnen, dass Ihr
meine Tochter Celindam gesuchet, welcher Ihr öfters und unzähligmal aufgewartet.
Ich glaubte selbst, es sei nur Euer Scherz, Euch an eine Bauermagd zu
verehlichen. Als ich aber den Ernst gesehen, kleidete ich meine Tochter heimlich
in ein Bauerhabit und schickte sie eben allhier in dieses Haus, gab Euch auch
hernachmals beflissene Anschläge, Euch hierher zu verfügen, und also hab ich
Bericht empfangen, dass Ihr Euch meiner Tochter, in Meinung, eine Bauermagd zu
heiraten, beigelegt und dieselbe nunmehr zum Weibe habt.«
    Kaum als er dieses ausgeredet, kam die verkleidete Celinda in die Stube und
empfing ihren Herrn Vater, und ich muss es selbst gestehen, dass mir all mein
Lebtag nichts so abenteuerlich als eben diese schnelle und unverhoffte
Veränderung vorgekommen. Ludwig selbst hätte sich nimmermehr eingebildet, dass
Faustus die Celinda auf eine solche Art bekommen sollte, und Faustus wusste
nunmehr nicht, wie er sich gebärden sollte.
    »Sehet,« sagte Carander, »dass ich Eure Qualitäten allzeit hochgeschätzet und
mit Eurer grossen Liebe Mitleiden getragen habe. Celinda, kleide dich an mit den
Kleidern, so ich mit mir gebracht, und Ihr, liebwertester Herr Schwiegersohn,
lebet mit ihr nicht als einer Bäurin, sondern als einer von Adel, aus dem alten
Hause Breitenberg entsprossen. Zehntausend Ducaten habt ihr zur Aussteuer.«
    Faustus erzeigte hierauf noch eine so grosse Fröhlichkeit. Er verwunderte
sieh bei sich selber und umfing den Carander mit einem freundlichen Kuss,
welcher ihm durch diese Gelegenheit eine solche Freundschaft erwiesen, die
ihresgleichen kaum würde auf der Welt zu finden haben. Bei solcher wachsender
Freude konnten wir uns beide auch länger nicht verborgen halten, gaben uns
derohalben zu erkennen, darob sich Faustus recht erstaunend verwunderte. Nichts
war mehr zu wünschen, als dass die übrige Compagnie zugegen sein konnte. Alsdann
sollt' es in diesem Bauerhause eben eine so grosse Fröhlichkeit als auf dem
Schloss abgegeben haben.
    Celinda erfreuete sich von Herzen unserer Gegenwart, und wir machten uns
denselben ganzen Tag recht erwünscht lustig, indem ein Teil dem andern erzählet,
was sich beiderseits sowohl auf unserm Schloss als auch auf der vermeinten
Bauerhochzeit zugetragen hatte. Und war Faustus in diesem Stück viel
glückseliger als ich, weil ihn die Hochzeit solchergestalten nicht den halben
Viertelsteil gekostet, als hoch sich meine Unkosten belaufen haben. Denn reichen
Leuten wird alles doppelt angeschrieben, und bei solchen Gelegenheiten sieht
jeder auf seinen Vorteil.
 
                                 XII. Capitul.
 Einer hängt am Galgen. Sie discurrieren davon. Betrogene Leichprocess. Isidoro
                         macht Hochzeit mit der Zusia.
 Die Arbeit zeucht nach sich den Lohn,
 Wer stiehlt, der wird - du weisst es schon.
Folgenden Morgen begaben wir uns auf die Reise, und nachdem man beiderseits mit
sonderlichen Complimenten Abschied genommen, ritt jede Partei seinen Weg. Es
fing dazumal an, mit Gewalt Winter zu werden. Derohalben mussten wir in dem
Schnee mit grosser Verdriesslichkeit fortreiten und kürzeten uns den Weg mit
allerlei Gesprächen, absonderlich aber wegen des wunderlichen Geschickes, so
sich dieser Zeit mit und zwischen uns zugetragen. Mein Vater wusste selbst keine
solche wunderliche Veränderungen, so alt und erlebet er auch war. Daraus wir
gesehen, dass uns das Glück gleich einem runden Ballen gebrauchet und uns bald an
diesen, bald an jenen Ort ganz wunderbarlich in der Welt herum geschmissen.
Ludwig wusste wohl, dass Isidoro ziemlichermassen in die Zusiam verliebt war.
Deswegen wollte er in der Sache Unterhändler sein und sie allerehestens
zusammenbringen, ja, er verhoffte auch, diesen Winter solche Kurzweilen
anzustellen, damit sich die Nachbarschaft über nichts weniger als über eine
langweilige Kälte zu beklagen hätte.
    Zwischen solchen Unterredungen ritten wir vor einen Galgen, daran ein Dieb
ganz starr gefroren hing. Wir fragten von einem Bauern die Ursach dieser
Hinrichtung, welcher uns zu verstehen gegeben, dass er etliche Schaf und Hämmel
gestohlen, wie auch seinem Nachbar das dürre Obst von dem Boden entfremdet. Aus
dieser Antwort bekamen wir Ursach zu discurrieren, ob der Kerl billig gehangen
worden oder nicht. Und mein Vater sagte: »Nein, denn erstlich wäre es wider das
heilige Gesetz, welches nicht will, dass man einen Dieb henken soll, sondern dass
er doppelt gebe, was er gestohlen. Hätte ers aber nicht, so solle man ihn
verkaufen zur Dienstbarkeit und so fortan. Ob nun schon die Juristen sagen, dass
demjenigen nichts Unrechts geschehe, welcher weiss, dass er wegen des Diebstahls
henken muss, so fragt sichs, ob sie genugsamen Grund haben, einen Dieb zu hängen.
Sie antworten: Es ist wahr, dass es das Gesetz nicht haben will und in diesem
Fall nicht nach dem Leben zielet, aber: crescentibus delictis crescunt poenæ.
Darauf antworte ich, dass auch andere Sund und Laster wachsen, und dennoch
behalten sie ihre verordnete Strafe. Ja, sagen sie, die Strafe des Diebstahls
ist bestandenermassen zu gelind, so wird geantwortet: Ihr sollt nicht von dem
Gesetz, sondern aus dem Gesetz urteilen, welches nicht haben will, dass man einen
Dieb henken soll. Ob nun Lex Carolina mehr gilt als Lex Sacra, davon ist gar
nicht zu disputieren.
    Sie kommen über dieses und sagen, es stünde in der Schrift, ein Lügner wäre
ärger als ein Dieb, aber zuletzt kämen sie beide an den Galgen. Aus welchem
satt, klar und offentlich erscheine, dass die Diebe gehenkt würden. Ich sage:
Nein, mein Herr. Das Hebräische heisst nicht Galgen, sondern es heisst: Zuletzt
kommen sie beide ins Verderben, welches der Dolmetscher um deutlicherer
Erkenntnis nach dem Gebrauch unserer Zeit durch das Wort Galgen gegeben. Denn es
ist klar, dass man noch wenig oder gar keinen wegen einer Lügen gehenket, sonst
wären mehr Galgen in der Welt als Ziegel auf den Dächern, taugt also ganz nichts
zur Sache.
    Meinesteils halte ich die Hurerei so stark und hoch als den Diebstahl. Denn
der da gesagt: Du sollst nicht stehlen!, der hat auch gesagt: Du sollst nicht
huren! Und dennoch werden sie mit einer gelindern Strafe beleget. Da wird
geantwortet, die Hurerei sei gelinder Gradu; aber ich frage: Was ist mehr, etwas
stehlen, das man wiedergeben kann, oder etwas stehlen, das man nicht wiedergeben
kann? Wenn ich Herr wäre, so müssten mir die Hurer sowohl hängen als die Diebe.
Aber man sagt: non exstat, es ist nicht geboten. Ich frage: Wo ists geboten, dass
du den Dieb henkest? Sie sagen: in Cconstitutionibus Carolinis, aber quid
Carolus adversus scripturam? Und dannenhero halte ichs mit: dem Hugo Grotius,
weil man in so hohen Sachen, absonderlich wo es das Leben des Menschen kostet,
behutsam verfahren solle.«
    In diesem Diebesdiscurs gelangten wir auf mein Schloss, allwo Caspia, an dem
Fenster stehend, uns empfangen, nachdem sie zuvor frische Pferde
entgegengeschicket, durch welche wir desto eher fortkommen können. Wir waren
kaum in die warme Stube gekommen, als schon ein Bot' vor dem Hause erschienen,
welcher durch ein Schreiben mitgebracht, dass Isidoro seine Mutter in höchster
Krankheit angetroffen, darauf sie nach etlichen Stunden ihren Geist aufgegeben.
    Auf solches condolierten wir ihm durch ein Antwortschreiben und wünschten
ihm auch in demselben zugleich Glück zu seiner herrlichen Erbschaft, und Ludwig
setzte ins Postscriptum, ob ihm seine Mutter die Zusiam nicht vermachet hätte,
darüber er zweifelsohne wird gelachet haben. Und also bekamen wir Gelegenheit,
uns zu unterreden, wie wir künftigen Frühling passieren möchten, weil Isidoro
nicht lang in der Trauerbinde herumzugehen entschlossen war, gestaltsam solches
sein Brief genugsam folgendermassen ausgewiesen, welcher von Wort zu Wort also
lautete:
    Geliebte Freunde! So Sie samt den Ihrigen vergnüglich nach Hause gelanget,
gaudeo. Ego autem habe meine Frau Mutter in gar schlechtem Zustande angetroffen,
wie sie dann auch tres horas darnach gestorben und noch in dem Sarg stehet. Sie
werden mir die absonderliche Ehre und Freundschaft mit Ihrer angenehmen
Gegenwart erweisen und aufs längste über drei Tage hier bei der Begräbnis
erscheinen. Solches zu verschulden wisset und kennet Ihr. Euren getreuesten und
aufrichtigsten Freund, welcher sichs vor die grösste Glückseligkeit schätzet,
angenehme Gegendienste zu leisten.
    Den Flor werde ich nicht gar zu lange tragen, und werde es machen wie unser
Dorfmüller, der sich noch in der Trauermahlzeit nach Absterben seiner Frauen mit
einer andern verlobet. Aus diesem habet Ihr nicht zu schliessen, dass ich nicht
traurig sein sollte, sondern dass mir die Gesellschaft auf dem Schloss noch in
dem Kopf stecket. Denn ich muss noch darüber lachen, wenn ich daran gedenke, wie
sehr mich der betrogene Ludwig geküsset. Ich werde in diesem Fall genugsam zu
erfahren haben, ob er mir so sehr mit Affection zugetan sei, als er sichs
dazumal in der Kammer merken lassen. Valete! und kommt gewiss. Der Seilfahrer,
der Irländer und in summa alle, die neulich beisammen gewesen, werden gewiss
erscheinen.
    Dieser Brief war vor einen traurigen etwas zu lustig, aber wir wussten wohl,
dass es Isidoro aus keinem Frevel getan, zumalen uns sein gutes Gemüt gar zu
bekannt war. Und es ist gewiss, dass ein solcher Mensch oft mehr Schmerzen in dem
Gemüt empfindet, je fröhlicher er sich äusserlich anstellet. Denn je härter der
Stein ist, je mehr Feuer liegt in demselben verborgen; also je fröhlicher sich
das Herz bei dergleichen Begebenheiten äusserlich erzeiget, je mehr Betrübnis
kann es innerlich verborgen haben. Die Tränen sind oftermalen falsche
Botschafter einer ernstlichen Trauer, und ob er auch gleich Spielleute und
Sackpfeifer deswegen aufgenommen, so hätten wir doch nichts darnach zu fragen
gehabt, weil er vor sich tun mögen, was er gewollt, und uns an seinen Gebärden
nicht ein Heller auf Interesse gelegen. Nur dieses ist zu beklagen, dass die Welt
alles anders auszulegen pfleget, als sie gemeint sind.
    Wir machten uns darauf mit unsern Trauerkleidern zurechte, und als wir ganz
schwarz auf das Schloss des Isidori angelanget, lachten uns die anwesende
Cavalier von Herzen aus. Sie trieben ihren Spott, dass es nicht zu beschreiben,
denn es war alles nicht wahr, was Isidoro wegen des Todes seiner Frauen Mutter
an uns abgehen lassen, aber dieses war nur die Ursach, dass er uns auch auf
seiner Hochzeit sehen möchte, weil er mit der Zusia auf dem Schloss noch die
Abrede genommen und ihm die Mutter noch bei ihren Lebzeiten das ganze Vermögen
eingeraumet hatte. Es waren alle diejenigen zugegen, so vor wenig Tagen auf
meiner Hochzeit erschienen, ja, Faustus selbst, samt seiner Liebsten, wie auch
Carander erschienen bei dieser angenehmen Winterfreude, allwo wir sehr köstlich
und höflich tractiert worden sind.
    Wir bekamen die vorigen Stadtpfeifer auf diesem Castell wieder zusammen, und
was wir ihnen zuvor zu viel getan hatten, das ersetzten wir mit einem
stattlichen Recompens und hielten uns untereinander so bescheiden und vergnügt,
dass keiner über eine angetane Unehre sich zu beklagen hatte. Denn wir wussten
wohl, dass man mit Zwietracht und Uneinigkeit wenig auszurichten pflegte, sondern
dass durch guten Vertrag und Einigkeit die Menschen, wer sie auch seien, in
stetem Frieden zu erhalten wären. Und auf eine solche Art bin ich auch geflissen
und bis dahero bemühet gewesen, meinen Kiel also zu gebrauchen, damit durch
denselben auch nicht der Geringste beleidigt würde. Denn was hilft es dem
Menschen oder was bringt es ihm vor Nutzen, wenn er seinen Groll durch
öffentliche Schriften ausstreuet, welchen er gegen einer oder andern
Privatperson führet? Wahrhaftig, er gibt dadurch zu erkennen, dass sein Gemüt
unversöhnlich und nur mit Zänkerei schwanger gehe. Dass ich aber ein und anders
Laster umschweifig angezogen, ist geschehen nicht zur Verbitterung, sondern
vielmehr zur Lust derjenigen, die sich dardurch getroffen befinden.
    Ich habe niemalen etwas auf Erden höher geschätzet als die Freiheit. Darum
vergönne ich auch einem jeden, dieses Buch nach seinem Gutdünken auszulegen,
weil ich ihn nicht zu berauben gedenke desjenigen Kleinods, welches ich selbst
vor das köstlichste halte. Ich habe mich in vielen Stücken selbst durchgezogen
und unter andern Historien meine eigene Zustände entworfen. Habe also in diesen
Winternächten in dem Schnee vorangewandelt, auf dass mir diejenige, so ich dort
und da getroffen, desto leichter, gleichsam in einem gemachten Pfad, folgen
möchten. Alles, was ich in diesem Buche discurrieret, gebe ich nicht aus vor
einen unbeweglichen Grund, sondern nur als gewisse Meinungen, die ich von
denjenigen Sachen halte, von welchen ich geredet. Ob auch jemand sagte, dass
keine Zierlichkeit der Worte hierinnen anzutreffen, so ist zu wissen, dass ich
diese Schrift an einer langen Zeitelle nicht ausmessen können und ich sie
meistens zur Nachtszeit ausgearbeitet, dahero sichs nicht zu verwundern, dass
kein Glanz einer Beredsamkeit darinnen anzutreffen. Ich habe dardurch des
Menschen Leben und nicht seine Beredsamkeit zu unterrichten gesuchet, deren ich
selber unerfahren bin.
    Die Ursach dieser Schrift ist nicht entsprossen aus einer eitlen Phantasie,
sondern aus dem getanen Versprechen, dass ich alle diejenige Handlungen
beschreiben wolle, welche mir und denjenigen, so bis dahin mit mir umgegangen,
begegnet. Hab also mein Wort nicht widerrufen, sondern, soviel möglich, alle
Stück, derer ich mich entsinnen können, ganz kürzlich entwerfen wollen. Ich
hätte zwar die Mühe solcher Schrift dem Herrn Irländer oder einem andern gerne
gönnen wollen, aber weil sie mich hierzu gleichsam genötigt, hab ich um soviel
desto bessere Ursach gehabt, die Sach also zu beschreiben, wie es an sich
selber gewesen.
    Nach vollzogener Hochzeit des Isidoro lief nichts Denkwürdiges vorbei, ohne
dass er bei solcher eine Comödia spielen liess, welche lustig genug war. Der
Irländer versprach, uns allerehestens zu seiner Hochzeit einzuladen, und nach
diesem schied jeder seinen Weg, den übrigen Winter zu Hause zuzubringen.
    Andre haben ihre Ergötzlichkeit auf eine andre Weise gesuchet, ich aber
satzte mich, dasjenige zu entwerfen, weswegen ich mich der Compagnie,
absonderlich dem Isidoro, so sehr verobligiert hatte. Ob ich auch gleich
gemeinet, das Werk etwas kürzer zu verfassen, hat es doch nicht sein können,
wenn ich nicht etliche Stück hinweggeworfen, die ich vor diesmal nicht auf die
Seite stellen können.
 
                                  Fünftes Buch
                                  I. Capitul.
                             Zendorii Haushaltung.
 Wer mehr ausgibt, als er nimmt ein,
 Frisst endlich statt des Fleischs die Bein.
Wenn ich meine Feder wiederum aufs neue ansetze und meine angefangene Schrift zu
continuieren verlange, geschicht es nicht deswegen, dass ich den geneigten Leser
mit vielen und unangenehmen Umständen aufzuhalten verlange, zumalen mir die
Begierde eines Lesenden aus dem genugsam bekannt, weil ich selber in Lesung
solcher Schriften nichts mehr als eine umschweifende Weitläufigkeit gehasset,
dadurch sowohl der Zeit als der Materi nicht ein geringer Abbruch geschiehet. Es
hat aber keiner nichtsdestominder einzige Ursach zu glauben, dass ich gleich
einem öffentlichen Marktschreier oder Possenreisser ihn nur mit lächerlichen
Schosen zu unterhalten gedenke, denn darzu gibt mir weder meine Profession noch
andere Ursach einzige Gelegenheit, welche ich jederzeit viel höher geschätzet
als einen solchen Stand, der billig jedermanns Narr möchte geheissen und gehalten
werden, denn ich weiss gottlob noch wohl, zu was solche Narrendeutungen gereichen
und dass sie oftmals das Verderben nach sich zu ziehen pflegen.
    Es sagte ein bekannter Ketzer auf seinem Totbett: A utinam non scripsissem:
Ach, dass ich meine Feder niemalen hätte auf das Papier gesetzet! Zweifelsohne,
weil er allgemach in seinem Herzen empfunden und gewahr worden diejenige Pein,
welche auf ketzerische Schriften zu folgen pflegen. Ach, wie mancher wäre in dem
ewigen Leben ein Kind der Seligkeit, wenn er auf dieser Welt seine Seele nicht
liederlicherweise, nach den Worten des gelehrten Guevaræ, in dem Tintenfass
ertränkt hätte! Denn ein lästerlicher Schreiber verderbet erstlich nicht allein
die Zeit, welche er billig besser hätte anwenden können, sondern vors andere
missbraucht er auch sein verliehenes Donum, aus welchem etwas Bessers hätte
entspringen können.
    Vors ander beschmiert er das Papier und versudelt die Dinte vergeblich, auf
welchem und durch welche etwas Bessers hätte können verrichtet und getan werden.
Solcher dreifacher Schade tut es nicht allein, sondern er schwingt sich auch in
die Druckereien, dadurch die niemals genug gepriesene Druckerkunst gemissbrauchet
und beschändelt wird. Ich geschweige der vergebenen Arbeit und Mühe, so man mit
dergleichen Schriften haben muss. Von dar an unterwirft mans tausendfältigen
Augen und streuet das Gift unvermerkt und unter dem Schein der Zulässigkeit in
die Herzen der Lesenden, welche ebendasjenige an sich selber verderben, was
sie von allen Fehlern auf das meiste erhalten sollten, nämlich das Gewissen.
Wird also der Autor solcher Irrtümer fremder Sünden schuldig und hat oftmals bei
sich selbst Ursach zu rufen: A utinam non scripsissem: Wollte GOTT, dass ich
niemal die Feder auf das Papier gesetzet! Wie es denn gemeiniglich mit solchen
Klüglingen zu geschehen pfleget, welche, da sie andere genugsam durch die Hechel
gezogen, sich endlich selber von dem höllischen Feind angegriffen sehen.
    Aber weit ein anders Absehen hat diese Arbeit, und bilde sich nur keiner
ein, dass ichs bloss aus der Ursach unterhanden genommen, damit ich die kalte und
verdrüssliche Winterstunden passieren möchte. Nein, fürwahr, sondern dieses war
mein einziger vorgesetzter Zweck, die Laster mit lachendem Munde zu strafen und
die gemeinen Fehler mit gelinder Hand zu züchtigen. Es ist zwar nicht ohne, dass
ich nach dem Inhalt der vorigen vier Bücher versprochen, all unsere Begebenheit
zu entwerfen, welches ich zu tun in den frostigen Winternächten gar gute
Gelegenheit gehabt. Aber ich kam viel eher damit hinaus, als ich mirs selbst
eingebildet, weil eine Materia in die andre gleichsam spornstreichs gelaufen und
dannenhero kein grosses Nachsinnen vonnöten gewesen, welches sonst in andern
Schriften die Grundlage zu sein pfleget. So brauchte es auch keines grossen
Bücher-Aufschlages, wie etwan diejenige zu tun pflegen, welche vierzehen
Postillen zusammennehmen und aus denselben die funfzehente Predigt machen. Einen
solchen Reiter zu Fuss habe ich niemalen, absonderlich aber in einem solchen
Werk, zu geben verlanget, von welchem noch kein Mensch auf Erden, ich meine, von
unserm geführten Leben, etwas geschrieben hat. Demnach ist es nicht unbillig,
dass ich nach Verfertigung der vorigen vier Bücher fortfahre und erzähle, wie der
Winter in und zwischen unsern Handlungen ferner abgelaufen, denn zu solchem
ermahnet mich sowohl die allerangenehmste Zeit des allgemach herbeikommenden
Frühlings als auch das wunderliche Geschicke, so sich mit uns bis dahero
zugetragen.
    Meine Zeit passierte ich zwischen Verzeichnis und Aufschreibung unserer
Histori sehr vergnügt. Wenn ich von dem vielen Schreiben ermüdet, nahm ich meine
zwei Windhunde, welche dazumal all meine Freude und Zeitvertreiber waren. Mit
denselben durchsuchte ich auf einem stattlichen Klepper meine Gehege und hetzte
die Hasen hin und wider und bekam auch in kurzem einen ziemlichen Particul
derselbigen Tiere wie auch nicht weniger der Füchse zusammen, also dass ich in
kurzem einen stattlichen Winterpelz erjaget. Unterweilen wurde mein Weib -
dazumal sind die Leute keine solche Narren gewesen, dass sie die Weiber ihre
Liebste genennet, wie man heutzutag gewohnt ist - von Unterschiedlichen
ihresgleichen vom Lande besuchet, welche in den Kobelwägen hin und wider fuhren.
Vom Isidoro und der Zusia hatten wir fast wöchentlich Nachricht wie auch von den
meisten, welche zuvor bei meiner Hochzeit gewesen. Also hatte ich keinesweges
Ursach, mich über eine grosse und langweilige Einsamkeit zu beklagen, obgleich
mein Schlösslein ganz einschichtig lag. Und wenn es auch schon gewesen wäre, so
hätte ich doch die Einsamkeit zuvor in der Einsiedlerei zur Genüge gewohnet, wie
ich denn meistenteils ganz alleine gesessen und, sooft ich ein oder zwei Blätter
vollgeschrieben, bei einem Glas Weine das Zimmer auf und ab spazieret, welches
mir zu meinem Vorhaben viel tauglicher gewesen, als ob ich zehenmal nacheinander
die Feder gespitzet hätte. Zuweilen besuchte ich auch meinen Vater auf seinem
Schloss, allwo wir die Zeit entweder mit Eisschiessen auf dem Teiche oder aber
mit einem Piquet-Spiele vertrieben, nachdem es die Gelegenheit des Wetters
zugelassen.
    Ich hatte zwanzig bis dreissig Bauern unter mir, die quälete und peinigte ich
kein Härlein gross, und was sollte ich an den Narren heruntergeschunden haben,
zumalen sie von dem vorigen Besitzer fast bis auf das Blut ausgesogen und ihnen
das Fell bis über die Ohren abgezogen worden. Hatte also treffliches Mitleiden
und hielt ein solches Mittel zwischen mir und ihnen, dass sie aus meiner
Nachsicht viel mehr Ursach kriegten, mich zu lieben und loben, als sich selber
dardurch stolz zu machen. Mein Gesind, Knechte, Mägde, Laquayen und andere
Diener, besoldete ich fleissig und ohne Mangel, gestattete es auch auf keiner
Weise, dass mein Hofmeister oder auch der Schreiber durch die Auszahlung einzige
Schmieralien und dergleichen einnehmen oder auch andere Causen damit machen
möchten. Dardurch gewann ich vieler Leute Herz und konnte mich billig rühmen,
dass ich wie jener Herzog zu Württenberg jedem Untertan sicher wollte in dem
Schoss geruhet haben.
    Die Heuchler hasste ich wie das Feuer, wohl wissend, dass dadurch viel tausend
Menschen der ewigen Glut zulaufen, und dahero hielt ich einen recht christlichen
Staat, und kann es kein Mensch mit Grund der Wahrheit nachsagen, dass ich von den
Obersten bis zum Untersten einen Kreuzer vom Lohn bin schuldig geblieben. Denn
war schon klein meine Kammer, so war doch darinnen nicht Angst und Jammer.
Desgleichen war in meiner Canzelei kein grosses Elend noch Armutei. Weil ich auch
der katolischen Religion zugetan war, gab ich alles nach Verdienst und wenig
oder gar nichts aus Gnaden. Es musste nur sein, wenn ich mich etwan in der
Ausgabe um einen oder ein paar Groschen übersah oder sonsten ein Almosen gab,
welches nicht der Freigebigkeit, sondern der christlichen Schuldigkeit
zuzumessen ist.
    Auf eine solche Art machte ich fleissige Leute und verhütete viel Diebstahl,
der sonsten in Ermanglung meiner guten Auszahlung wäre verübet worden. Denn das
Gesind, welches nicht richtig noch völlig bezahlt wird, suchet allerlei
Gelegenheit, ihres Schadens teilhaftig zu werden. Dannenhero greifen die Mägde
ins Schmalz, in die Butter, in den Käs, die Knechte in die Säckel oder lassen
zum grossen Verderb die Pferde nachlässig in dem Stall stehen, dem Vieh wird
nicht zu rechter Zeit zu essen gegeben, und wer wollte die Causen alle erzählen,
die sich in solchen Zufällen ereignen können. Wahrhaftig, dieselben sind
mancherlei, und nachdem ein solcher übel bezahlter Diener in einem Amt sitzet,
nachdem tut er seinem Herrn Schaden und Nachteil, weil kein Ämtlein so klein
ist, welches nach dem gemeinen Sprüchwort den Galgen nicht verdienen kann.
    So hatte ich auch vors ander diesen Vorteil nicht allein, sondern noch darzu
von allen meinen noch andern Leuten einen grossen Ruhm, dass ich nicht allein alle
meine Diener richtig und fleissig bezahlete, sondern deswegen mir selber
manches Stücklein Brot oder andere Recreation an dem Maul ersparte. Denn wenn
ich sah, dass hundert Gulden in die Canzlei eingelaufen und ich gern eine
Mahlzeit halten und anstellen wollte, rufte ich dem Hofmeister und befragte ihn,
ob es sich tun liesse, eine Gasterei auszurichten, und wie oder auf was Weise
solches anzufangen wäre. »Mein Herr,« sagte der Hofmeister - denn dazumal hat
man die Edelleute noch nicht Ihr Gnaden heissen dörfen wie anitzo -, »die Cassa
ist dermalen sechshundertunddreizehn Gulden reich. Die bevorstehende Mahlzeit
richtet der Herr unter dreihundert Gulden schwerlich aus. Nun, wenn diese hinweg
sind, bleiben noch dreihundert übrig. Mit diesen reichen wir nicht, das Gesind
zu bezahlen. Sollte man einen Vorschuss tun oder Geld deswegen aufnehmen, das
macht eine Irrung in die Canzelei, und wenn mans betrachtet, ist diesem Schloss
an der bevorstehenden Gasterei und Mahlzeit wenig gelegen. Wir wollens versparen
bis künftigen Sommer, da die Renten vollständig sind. Alsdann kann man ohne
Schaden und Nachteil mit einem guten Hinterhalt sich hervortun und sehen
lassen.«
    Aus solcher Antwort des Hofmeisters verstund ich, wie nötig es sei, eine
richtige Ordnung zu halten. Wäre er aber ein nichtswürdiger Mauskopf gewesen,
hätte er mich gar leicht in einen Ruin hineinbringen können, daraus mich Sanct
Velten nicht mehr gerissen hätte. Solche Gesellen gibt es in der Welt noch hin
und wieder, die dem gemeinen Wesen viel mehr zum Schaden als Vorteil dienen,
bezahlen keinen Menschen, lassen sich umsonst aufwarten und machen es so grob
und arg, dass man ihnen weder glaubt noch trauet. Aber die Tränen, welche wegen
des verdienten Lohnes vergossen werden, sind nicht schlechtes Wasser, sondern
Griffel, die das Unrecht dergleichen Leute vor GOTT und Menschen in das Herz der
nachkommenden Welt einschreiben. Dem Ochsen, der da drischt, soll man das Maul
nicht verbinden, wieviel weniger einem Menschen, der das Seinige dran strecket
und nichtsdestoweniger keine Hoffnung hat, desjenigen zu geniessen, wovor man ihn
gedinget. Dahero überfällt manchen ein unverhofftes Übel, nicht, dass er an sich
selbst, sondern an fremdem Blut und Schweiss gesündiget hat.
    Je besser ich nun bezahlte, je grösser wurde mein Ruhm, ja, wenn ich dazumal
wäre ein Soldat gewesen und einzige Werbungen vorgehabt hätte, wollte ich in
kurzer Zeit mehr Soldaten als die Westphäliger schweinerne Schinken
zusammengebracht haben, weil mir das Geld nicht an die Finger gewachsen war.
Aber endlich wurde ich gewahr, dass sich mein Hofmeister vom Teufel reiten liess,
weil er anfing, die Causenmacherei mit Gewalt zu studieren. Er gab statt baren
Geldes den Knechten gewisse Amtsschweine, und solches rechnete er ihnen
abscheulich teuer an. Item er gab den Verehlichten Salz, Licht, Holz, Butter,
Käse, Würst, Leder und dergleichen. Aber da sie eine Klafter Holz hätten vor
einen halben Gülden kaufen können, da rechnete er solche vor einen Taler an dem
Jahrlohn herunter, kamen also die armen Teufel, wie leichtlich zu erraten, weit
zu kurz und kratzten sich mit Ach und Weh hinter den Ohren.
    Erstlich glaubte ich, es ginge der Canzelei zu gut; aber ich fand nicht
allein, dass er das übrige Geld in den Säckel geschoben, sondern es ging mir im
ganzen Hauswesen sehr unglücklich, weil ich den Segen verloren, durch welchen
alles erhalten und conserviert wird. Die Diener seufzeten gegen den Himmel, und
alle Erspriesslichkeit zerging auf meinem Schloss dergestalten, dass ich die
augenscheinliche Strafe allgemach handgreiflich fühlen konnte. Derohalben jagte
ich den Hofmeister vor den Teufel und seine Mutter. »Du Lumpenhund,« sagte ich
zu ihm, »sollst du in deinem Wohlstand die Leute, die nicht dir, sondern mir
dienen, so tribulieren? Bin ich oder bist du Herr? Packe dich vor die Hunde,
oder ich lasse dich noch prügeln darzu. Du Bärnhäuter tribulierst die Leute, als
ob sie deine Narren wären. Schier dich vom Dienst hinweg, wo du hergekommen, und
zur Strafe deiner Übertretung sollst du verlustig sein alles deines Habs, so du
besitzest!«
    Der Hofmeister zuckte die Achsel und wendete ein, ich solle doch daran
denken, wie treulich er mir oft wegen ein und anderer Sachen geraten und
beigestanden. Aber ich sagte, dass das letztere das erste ganz verderbet und dass
es nunmehr ganz vergebens wäre, sich mit solchen Sachen zu entschuldigen, die er
ohnedem wegen Erforderung seines Amts zu verrichten wäre schuldig gewesen.
Demnach jagte ich ihn hinweg, und musste der arme Mensch und Leute-Tribulierer
sein Brot in ziemlichem Miserere essen.
 
                                  II. Capitul.
                          Artig Geschicht des Jägers.
 In einer Stund geschiehet oft,
 Was man ein ganzes Jahr nicht hofft.
Kurz und gut, heisset das gemeine Sprüchwort, also machte ichs auch mit
denjenigen, welche entweder mit grossen oder kleinen Schelmereien auf meinem
Schloss umgingen und hausierten, denn ich halte, dass in diesem Stücke die
grösste Glückseligkeit der Menschen bestehe, nämlich in Belohnung der Tugenden
und in Bestrafung der Laster ohne Ansehung einziger Person, wes Standes oder
Würden dieselbe auch sein möge, welches ich zwar so gar sehr nicht vonnöten
gehabt, denn meine Jurisdiction erstreckte sich nicht gar weit, und dahero hatte
ich keine sonderliche Capitalsache zu verrichten. Damit ich mich aber nicht zu
lang in meinem eigenen Lob entalte, schreite ich zu der Erzählung meiner
folgenden Begebenheit.
    Ich bin von Jugend auf ein grosser Liebhaber der Musik gewesen, und
dannenhero hatte ich von derselben manche Ergötzung zu geniessen, wenn ich
unterweilen eine Stockfiedel oder kleines Flötlein zuhanden kriegte, worauf ich
ehedessen auf der Schul gelernet hatte. Mit dieser Kurzweil ging ich auch
dazumal um, als ich auf bemeldtem meinem Schloss in diesem Werk begriffen war,
solches aufzuzeichnen und hernach in den Druck zu verfertigen.
    Einsmals ging ich in dem Zimmer auf und ab, als ich unvermerkt ausser des
Schlosses einen Büchsenschuss vernahm. Ich legte das Geiglein, auf welchem ich
das Lied Drei Schmied bei einem Amboss stunden, sie waren all drei schwarze
Kunden aufgestrichen, beiseits, eröffnete das Fenster und gab meinen Knechten
Befehl, dem Schuss nachzugehen, denn mir gedünkte, es sei ein Pirstrohr, mit
welchem keiner unter Verlust desselben in dieser Gegend und Revier wie auch in
all meinen Gehegen zu schiessen befügt war.
    Nicht lang darnach brachten sie mit sich geführet einen Jäger von ziemlicher
Stärke, und allem Ansehen nach hätten sie ihn nicht übermeistert, wenn mir nicht
der eine Knecht gesagt, dass er ganz ohnmächtig in dem tiefen Schnee gestecket
und sich annoch nicht besinnen konnte, wie ihm wäre. Ich muss es ohne Ruhm
bekennen, dass ich gegen die notleidende oder sonst andere betrübte Menschen
trefflich mitleidig war, gestaltsam sich in solchem Mitleiden nicht ein geringes
Stück des wahren Christentums entält. Derowegen mussten mir ihn die Knechte
hinter den Ofen legen, damit er alldorten, durch die Wärme erquicket, zu sich
selbst käme.
    Mein Rat war nicht ohne Frucht, denn der Jäger stund endlich auf, und gleich
als käm er erst aus der neuen Welt daher, sah er sich allentalben in dem Zimmer
herum. Er griff nach seinem Hirschfänger, und die Wahrheit zu bekennen, so
forchte ich dieses Beginnen und glaubte, er wollte mir damit über den Leib, weil
ich die vergangene Nacht ohnedem einen wunderlichen Traum gehabt hatte, fragte
ihn derowegen, wer er sei und woher er wäre.
    »Mein Herr,« gab er mir zur Antwort, »ich weiss in der Wahrheit nicht, wo ich
bin. Jedennoch muss ich mich gegen demselben nach dem äussersten Vermögen
unterdienstlich bedanken, dass Er mich an diesen Ort bringen und also meinem
Verderben aus dem Rachen reissen lassen.« Ich sagte, dass solches nicht aus meinem
guten Willen, sondern vielmehr aus einer billigen Rache geschehen, welche
diejenige mehr als wohl verschuldeten, die wider Gebühr und Recht sich in und um
gegenwärtiges Schloss mit einzigem Büchsenschuss hören liessen. »Ihr wisset wohl,«
sagte ich zu ihm, »dass die Gehege ein Teil der Kammergüter vornehmer Herrn sind,
und weil Ihr Euch als ein Jäger in einer solchen Sache vergriffen, die Ihr doch
vielmehr mit Eurem Vermögen beschützen und die frevlen Übertreter davon abhalten
sollt, dörft Ihr Euch nicht verwundern, wenn ich Euch nicht allein Eures Geschoss
berauben, sondern noch darzu vor etliche Reichstaler strafen lasse, weil ich
über meiner Freiheit sowohl als über meinem Leben halte und nichts zu tun
verlange, was der gemeinen Ordnung und den Landesstatuten zuwiderläuft. Habt
Ihrs gehört?«
    »Ich hab es wohl gehört,« antwortete der Jäger, »und habe nur gar zu viel
gehört. Die Rede, welche Euer Gestreng gegen mich führet, ist nicht allein an
den Worten, sondern an der Sach selber höchlich zu rühmen. Dass das hohe und
wilde Bahn-Recht muss gehandhabet sein, ist mir als einem Jäger unverborgen, der
ich selber ehedessen viel Gehege beritten und die Übertreter nach Gestalt der
Sachen abgestraft habe, und solches, verhoffe ich, wird mir auch an
gegenwärtigem Ort widerfahren, wenn ich sage, dass ich nicht darum geschossen,
auf dass ich das Wild schrecken oder ein anders Tier fällen möchte, nein, sondern
ich fiel unversehens in einer Windesbraut in einen Haufen Schnee, in welchem ich
mich so lang und viel herumgearbeitet, bis ich endlich schachmatt ward und mir
länger nicht zu helfen wusste.
    Wie ich nun also immer weiter und weiter hinunterpurzelte, ging mir die
Büchse von sich selbst los, vielleicht darum, weil es das Glück also verordnet,
dass ich durch Hülfe anderer Leute herausgehoben und also bei Leben erhalten
würde. Und es ist gewiss, wo ich nur noch eine Viertelstunde wäre in dem Schnee
liegen- und steckengeblieben, wäre ich ohne Zweifel darinnen umkommen und
nunmehr schon ersticket. Aus diesem urteile Euer Gestreng, ob ich recht oder
unrecht habe, was meinen Sie?«
    »Wenn die Sache so beschaffen,« sagte ich, »so habt Ihr nicht unrecht. Aber
ich will die Umstände von meinen Knechten erforschen, wie und auf was vor eine
Art Ihr gefunden und in dem Schnee angetroffen worden.« Hiermit rufte ich
dieselbe zu mir, aber es zeugte jeder dem Jäger zum Besten, weil sie vorgaben,
dass er in dem Schnee schon halb tot gewesen und kein Zeichen von sich gegeben
hätte. Dieses Zeugnis vergnügte mich um so viel desto mehr, weil ich ihn
selber in einem recht erbarmenswürdigen Zustand zu sehen bekommen, wie denn
seine Kleider abscheulich zugerichtet waren. Ich liess darauf etwas mehr
einheizen und ihn dieselbe an dem Ofen trücknen, weil es trefflich windig und
kalt war.
    Auf solches schaffte ich zur Erquickung einen Trunk Wein und bat den Jäger,
dass er mir erzählen sollte, wer er sei und wohin er dermalen zu reisen gesinnet.
Und weil ich schon viel Leute angehalten, dass sie mir ihren Lebenslauf erzählen
möchten, ersuchte ich auch hierum diesen Jäger, welcher sich sehr fertig erwies,
und als er sich auf den nächststehenden Sessel mit dem Rücken gegen den Ofen
gesetzet, fing er an, folgendes zu erzählen:
    »Ich wollte ein Dutzet Taler darum schuldig sein, so ich meinen Herrn
berichten könnte, wer mein Vater oder meine Mutter gewesen, denn dardurch würde
ich meines grossen Kümmernisses befreit, welches mich nicht selten gleich einer
grossen Marter peinigt und plaget. Weil ich auch unter den Burschen oftermal
deswegen beschimpfet worden, habe ich mich fast so oft geschlagen, als viel ich
Haar auf dem Kopfe habe. Meine Jugend verbrachte ich bei einem Gärtner, dem ich
dazumal vor die Tür gesetzet worden, und derselbige hat mich aus Befehl der
Obrigkeit wider seinen Willen ernähren und aufziehen müssen, ob er schon an der
Tat unschuldig und sonst ein recht christlicher und frommer Mann war. Er lebte
allgemach ins zehente Jahr in dem Witwenstand, als ihm dieser
Extraordinar-Schimpf angetan worden. Aber ich muss es gleichwohl gestehen, dass er
michs nicht in dem geringsten entgelten lassen, sondern hat sich vielmehr
bemühet, von der Stadt zu wenden, ausser welcher er dazumal seine Gärtnerei in
dem Schwang führte.
    Ich gedenke es kaum wegen allzu zeitiger Jugend, als er auf ein Schloss
befördert worden, allwo ich mich noch bis gegenwärtige Stund aufhalte und der
Gräfin daselber vor einen Hofjäger aufwarte, weil sie mich nach meines
Pflegvaters Hinscheiden zu sich genommen und mich in dieser Kunst hat
unterrichten lassen. Ich dienete nach Erlernung der Jägerei auf
unterschiedlichen Schlössern, unter andern aber nächst des wilden Forstes auf
einem Schloss bei einem wohlhabenden Edelmann. Der hatte einen Sohn mit Namen
Ludwig; mit demselben Ludwig trieb ich allerlei Mutwillen, denn ich lernte ihn
die Raben gar artig mit Feuer und Farben auskleiden; und wenn wir solche in der
Luft fliegen liessen, kam in der Nachbarschaft ein Geschrei aus, gleich als wäre
ein brennender Drach herumgeflogen. Mit solchen Possen vertrieb ich eine geraume
Zeit auf dem Schloss, bis sich endlich die ältere Tochter eisenfest in mich
verliebte, und weil ich nicht wusste, wer mein Vater war, schwätzete ich ihr oft
ein Haufen wegen einer hohen Geburt vor. Und weil die Verliebten ohnedem
leichtgläubig sind, überredete ich sie gar leicht mit solchen abscheulichen
Lügen, die man wohl mit allen fünf Fingern hätte haschen und greifen können. Sie
schenkte mir gar viel Geld, auch zuweilen silberne Löffel, die ich
verschacherte, und das Geld zu solchen Sachen wandte, davon ich und bemeldeter
Ludwig einziges Vergnügen haben konnten. Allein, er wurde endlich von seinem
Vater in eine Schule geschicket, daselbst er der gepflogenen Schelmereien so
gewohnet war, dass er dem Schulmeister und dessen Frauen so mancherlei Possen
gerissen, als mancherlei er sie erdenken können. Er nagelte die Schulmeisterin
gar oft auf den Stuhl, darauf sie sass, dem Schulmeister legte er Harz auf den
Sessel und trieb sonsten so leichtfertige Stücklein, darüber sich der
Schulmeister gegen dem Alten beklagen und ihn zugleich bitten musste, dass er
seinen ungeratenen Sohn wiederum zu sich abfordern möchte.
    Solchergestalten kamen wir wieder zusammen, aber ich verunglückte bald
darauf auf der Hirschspur, musste also wider meinen Willen von dem Schloss
hinweg und zu einem andern Edelmann auf sein Gut ziehen, dessen Frau mich
vortrefflich charisieret hat. Es trugen sich zwischen mir und dieser Edelfrauen
so viel Schnacken und Abenteurei zu, davon ich allein einen ganzen Tag zu
erzählen hätte. Denn sie kam hinter etliche Briefe, welche mir die Tochter des
vorigen Edelmanns nachgeschrieben, und daher kann mein Herr leichtlich gedenken,
wie sehr ihr der Hureneifer zu Herzen gestiegen, worzu sie doch nicht die
allergeringste Ursach hatte. Denn erstlich war ich nicht ihr Mann, vors andere
ihr auf keinerlei Art noch Weise zugetan als aus einer blinden teuflischen
Begierde, welche gemeiniglich alles Ungemach nach sich [zu] ziehen pfleget.
    Euer Gestreng können gedenken, wie leichtfertig die Frau an ihr selbst
gehandelt, indem sie aus grosser Liebe gegen mir sich entschlossen, ihren Herrn
zu vergeben, der doch noch ein junger und stattlicher Cavalier, auch noch kaum
funfzig Jahr alt war. Dieses Beginnen erschreckte mich auf einmal so sehr, dass
ich nichts mehrers trachtete, als mich von dem Ort hinweg und wieder auf das
vorige Schloss zu der adeligen Jungfer zu begeben, welche mir ganz in das Herz -
hätte bald woanderstin gesagt - gebacken war.
    Aber der Edelmann war zeit meines Abseins hinter die Springe gekommen, war
also nicht gut Plasy zu finden, weil er seine Tochter über einem Brief
erwischet, welchen sie an mich ausgefertiget. Da prügelte er sie mit der
Carabatschke dergestalten herum, dass ich glaube, er hätte noch nicht aufgehöret,
wenn nicht die Edelfrau in die letzteren Streiche gefallen, welche ihre Kinder
gar zu viel charisieret, dadurch nicht wenig an ihrer Wohlfahrt versäumet
worden. Nach solcher Züchtigung und ausgeteiltem Schreiblohn kam er selbst zu
mir und drohete, mich an der Stelle totzuschiessen, so ich nicht noch vor abends
das Schloss räumen und mich aus dem Staube machen würde. Solchergestalten nahm
ich meine Ranzen auf den Buckel, das Jägerhorn um den Leib, mein Pirstrohr über
die Achsel und marschierte immer ad patres, was ich nur marschieren konnte.
    Dazumal war ich in den Begierden fast ersoffen und klagte über nichts mehr
als das grosse Unglück, welches mich wider Verhoffen auf diesen beiden Schlössern
in die Fessel bekommen. Aber was sage ich Unglück! Ich sollte mich vielmehr über
mein grosses Glück erfreuet und dem Himmel gedanket haben, dass er mir durch seine
gnädige Hand diese Gelegenheit abgeschnitten, in einen rechten Pfuhl der
erschröcklichen Unreinigkeit zu fallen, aus welchem sich der Tausende nicht
herauszuwickeln weiss.
    Ich versuchte es auf eine andere Art und verehlichte mich auf meiner Gräfin
Schloss mit ihrem Kammermädchen, mit welcher mirs teils wohl, teils übel
gegangen, wie es insgemein in dem Ehestand zu gehen pfleget. Aber gewiss ist es,
dass ich mir tausendmal mehr Ergötzlichkeit zuvor eingebildet, als ich
hernachmals nicht genossen habe; denn wir hatten beide nicht viel zum Besten,
und der Teufel konnte ihre Hoffart nicht von dem Hintern wegreissen - Monsieur
verzeihe mir, dass ich so grob reden muss, es ist die Wahrheit. Also ging mein
bisschen Geld auf das blosse Gewand und hatte hingegen wenig oder gar kein Brot zu
Hause. Ich weiss nicht, was ich länger mit ihr hätte anfangen sollen, aber zum
Glück starb sie mir in dem andern Jahr an einer Krankheit, welche allen
hoffärtigen Weibesbildern gar gemein ist, indem sie nicht leiden können, dass
andre auch so gut sind als sie, und solcher Zorn dringet ihnen eifrig zu Herzen,
durch welchen auch mein Weib aufgeopfert worden.
    Ich fand, dass mir durch ihr Abscheiden eine ziemliche Sorge von dem Herzen
gewälzet worden, denn die Wahrheit zu bekennen, liebte ich sie nicht allzusehr,
nur darum, weil sie so ausdermassen stolz und übermütig war, denn sie hiess mich
ohne Unterlass einen Hurensohn über den andern. Und wenn mich andere Leute einen
hiessen, so defendierte sie mich doch und sagte zu denen, so wider sie zankten,
ich wäre so redlich als keines unter ihnen, ja, noch wohl tausendmal redlicher
darzu. Also ward mein Weib gleich den Ketzern, welche niemal einig sind, als
wenn sie die wahre Kirche bestreiten.«
 
                                 III. Capitul.
                             Das Leben der Veronia.
 Die Keuschheit decket sich mit Lust,
 Das geile Herz entblösst die Brust.
»Aus diesem können Euer Gestreng leichtlich sehen, dass ich mit meinem Weib
niemalen besser Fried gehabt, als wenn andere mit mir gezanket haben, und
dannenhero musst ich mein Leben in stetem Zank und Zwietracht zubringen, solange
sie mir an dem Hals gehangen. Ja, ich kann nicht sagen, wie oft ichs
beschmerzet, dass ich so unbedacht zugegriffen und nur nach dem äusserlichen
Schein gefreiet habe, denn ich gedachte: Saprament, ein Kammermädchen ist kein
Hund, wenn du eines bekommen möchtest, die ganze Welt würde von dir zu singen
und zu sagen wissen. Bald gedachte ich: Narr, werde ein Pfaff, betrachte in dem
Kloster die schnöde Eitelkeiten und lerne fromm sein, es ist dir besser, als ob
du eine Fürstin heiratest. Nein, gedachte ich wieder, es geht nicht an,
Klosterleben sind keine Narrenpossen, es gehöret Ernst darzu. Was willst du dann
anfangen? Wirst du ein Soldat und lässest dich unterhalten? Es ist nicht allein
ein gefährlicher, sondern recht miserabler Stand, da man stets in Elend, Jammer,
Not, Hunger, Blösse und Durst, mit einem Wort: in aller Dürftigkeit herumschwebet
und endlich hinter einem eingefallenen Zaun sein Leben einbüsset. Dankt man ab,
so musst du betteln oder stehlen: jenes ist schimpflich, dieses gefährlich, drum
ist es besser, du bleibest, wer du bist, und versuchest dein Glück, wie dirs am
nächsten ist. Du findest doch unter so viel unzählig tausend Menschen keinen
einzigen, wes Standes, Condition oder Religion derselbe auch sei, welcher ohne
Sorg und Arbeit ist. Betrifft dich gleich ein Unglück, wisse, dass du mit solcher
Condition das Leben empfangen, auf dass du mit Sorgen stets gequälet würdest. Du
wirst es nicht alleine sein, der sich den gemeinen Verdriesslichkeiten enteben
wird. Nur frisch daran!
    Audentes fortuna juvat, timidosque repellit. Diesen Vers habe ich noch von
Ludwigs Præceptor gelernet, welcher mir in diesem Stück trefflich zupass kam,
denn als ich sah, dass gar kein Mensch ohne Sorgen sein oder leben könnte, lachte
ich mich selbst aus. Denn derjenige, so in der Glut wandelt, muss gebrannt
werden, es sei an einem Teil des Leibes, wo es wolle, und ich glaube, dass keiner
unter allen angetroffen werde, welcher nicht immer gedenkt: Ach, du hättest
besser heiraten können, du hättest die Sach so und so angreifen können. Aber in
der Wahrheit selbst sind es nur Vorwürfe desjenigen Feindes, welcher von Anfang
ein Lügner und Ehestörer gewesen. Mancher gedenkt: Ach, wärst du der und der,
und wenn ers gleich wäre, so will ich mir die Haut über die Ohren abziehen und
mich mit einer dichten Hechel pritschen lassen, wenn es ihm nicht viel
unglückseliger als in dem vorigen Stand ginge. Darum ist dieses nicht die
geringste Plag unter den Menschenkindern, dass niemand mit seinem Stand zufrieden
ist, und meinesteils halt ich diesen vor den Glückseligsten, welcher alle
Erhöhung geringschätzet und nur allein liebt denjenigen Ehrenstand, welcher in
Ewigkeit bestehen wird.
    Solche Gedanken schöpfte ich nicht aus der blossen Luft oder aus einem leeren
Beutel, sondern sie kamen mir aus einer andern Hand in das Herz, allwo ichs
reiflich und fast stündlich erwog - und dahero entschloss, hinfüro allein zu
bleiben und mich vor dem Frauenvolk so viel zu verbergen, als es die Zeit und
Gelegenheit erdulden wollte. Und ob mir die Gräfin schon wiederum ein anders
Rabenvieh an den Hals werfen wollen, eröffnete ich ihr doch meine Gründe und
bedankte mich wegen der guten Vorsorge. So sie aber entschlossen wäre, so gnädig
zu sein und mir mit hundert Ducaten zu Hülfe zu kommen, wollte ichs vor ein
grössers Hülfmittel als die vorgeschlagene Heirat erkennen. Sie musste lachen, und
dass ich ihre Affection verspüren möchte, stackte sie mir dort und da etwas bei,
machte mich auch durch dieses Mittel ihr so sehr zugetan, dass sie mir endlich
alle ihre Heimlichkeiten vertrauete.
    Diese Gräfin heisset mit Namen Veronia und wird Euer Gestreng ohne Zweifel
mehr als wohlbekannt sein, weil das Schloss von hiesigem Ort über zehen Meilen
nicht abgelegen ist. Und ob sie mich gleich trefflich mit Spendaschien an sich
verband, musste ich doch solche Sachen verrichten, über welche, so man mich
ertappet hätte, ich gewiss das Leben einbüssen müssen. Sie ist eine überaus
verliebte Frau, und glaube nicht, dass diesfalls ihresgleichen weit und breit
anzutreffen. Ist auch nicht zu erzählen, wie sie es mit den Cavalieren nicht
allein, sondern auch mit Studenten, Kaufmannsdienern, in summa: mit allerlei
Leuten, so sich auf ihrem Schloss aufhalten, zu treiben pfleget.
    Vor diesem las ich in einem Büchlein, welches das Leben der abgefallenen
Königin Christina beschrieben, aber es war halb oder doch das meiste in
derselben Schrift erlogen und ist nur ein leichtfertiges Pasquill eines solchen
Menschens, welcher vor Rachgier gleichsam wider sie gebrennet, wie denn
umständlich zu sehen und reiflich zu merken, wie passioniert seine Feder in
Abmalung ihrer Leibesdisposition gewesen. Mich verwunderte in Durchlesung
desselben Tractats, dass sie in Mutierung der Religion zugleich die Leibspostur
verwechselt haben sollte. Hat sie es aber nicht verwechselt, warum hat man zuvor
nichts davon gewusst? Dieses werfe ich nur so umschweifig ein, denn obschon in
demselben Büchlein schändliche und ärgerliche Sachen zu befinden, so trieb es
doch meine Gräfin noch ärger, und ich war gleichsam der Unterhändler, welcher
ihre Buhlbriefe bestellen, ihre Verliebte unterrichten und diejenige, so etwan
wegen ihrer ins Gefängnis geworfen worden, wiederum losmachen musste.
    Dergleichen Dienste leistete ich ihr vielfältig mit Gefahr meines eigenen
Lebens. Ich habe einen Studenten, welchen der Graf bei ihr im Garten erwischet,
aus vier Ketten losgemachet, welcher ohne allen Zweifel den Hals hätte hergeben
müssen, denn er hört keine Entschuldigung, so sehr man sich auch darauf berufet,
und verfährt in dem Urteil viel schärfer, als es die Rechten erfordern.
    Einem Zuckerbecken half ich ingleichem aus einem Keller, darinnen ihn der
Graf ganz alleine verschlossen, weil er von ihm einen Brief zuhanden bekommen,
welcher hätte an die Gräfin sollen, solches Inhalts:Stern meines Himmels! Heute
abend will ich mich nach getaner Abrede gewiss unter Ihrem Erker einfinden. Will
Sie mir alsdann fernere Gelegenheit eröffnen, stelle ichs zu Dero Belieben. Ich
förchte mich überaus vor Ihrem Herrn, darum bitte ich, Sie mache es fein
behutsam und zerreisse diesen Zettel in tausend Stücklein. Also lautete der
gefundene Brief des Zuckerbeckens, davor der Graf in so viel Stücke hätte
zerspringen mögen, als die Gräfin den Zettul sollte zerrissen haben. Sperrte ihn
derohalben in einen tiefen Keller, weil dazumal gleich eine grosse Gasterei auf
dem Schloss vorgegangen, zwischen welcher er nichts Hauptsächliches an dem
armen Bärnhäuter hat verüben können. Aber die Gräfin feierte gar nicht, den
Gefangenen durch meine Hülfe loszumachen. Denn weil der Keller etwas abgelegen,
zerspaltete ich mit meinem Hirschfänger die Tür und schickte ihn in der Nacht
mit verwechselten Kleidern ganz unkenntlich aus dem Schloss.
    Es ist zwar nicht zu leugnen, dass das Leben der Veronia höchst sträflich
sei, aber es muss eine andere Ursach dahinter verborgen liegen, und sooft ich sie
im Vertrauen deswegen gefraget, gab sie mir allezeit zur Antwort, sie wollte
mirs schon zu seiner Zeit sagen. Ich kann schwören, dass sie mich oftermalen
geküsset und gesagt: Ach, Jäger, Jäger, mein lieber Jäger! Wenn du wissen
solltest, wie ich dich liebe, du wärest gegen mir nicht halb so unbarmherzig.
Ich sagte hinwiederum: Gnädige Frau, ich glaube es daraus, weil Sie mir so
gnädig ist. Und in einem solchen Gespräche wurden wir gar oft verstöret, und sie
dorfte mit mir desto mehr umgehen, weil ich ihr das Pflanzen der Tulipanen,
welches ich von dem Gärtner erlernet, gewiesen und vors andere noch darzu
verehlichet war. Ich habe mich oftmals nicht ohne sonderliche Gemütsbewegung
verwundert, wie abscheulich und garstige Kerls sie so bald und plötzlich
liebgewonnen, herentgegen die schön Proportionierte, Studierte, Weitgereiste und
in allen Sprachen Erfahrne hat sie gehasset und ist ihnen niemalen mit steter
oder unwandelbarer Liebe zugetan gewesen. Und wenn ich sie fragte, warum dieser
wunderliche Wechsel bei ihr stattfände, antwortete sie kurz und gut, dass sie es
so in der Natur hätte. Die Verständigen wären gemeiniglich zur Liebe etwas
untauglicher als die plumpen und etwas keckern Leute, mit welchen sie ihre
Vergnügung nach Verlangen und nach ihrem selbsteigenen Wohlgefallen haben
könnte.
    Ich hörte diese Antwort nicht ungern, denn es ist gewiss, dass die
Unreinigkeit viel mehr ein tölpisches Gemüt als einen klugen Geist erfordert,
und man muss gestehen, dass in solchen Handlungen keine geringe Brutalität
vorläuft, darüber man sich bei gesunder Vernunft selbst schämen muss, so sehr man
auch dieser Unreinigkeit zugetan ist.
    Man lieset von einem Italiener, dass derselbe sich einer Zeit in eine aus dem
Geschlecht der bekannten Ursiner verliebt. Dieser hängte er dergestalten an, dass
er weder ruhen noch schlafen konnte. Er ersonn dieser seiner Liebsten ein
Sinnbild zu Ehren, welches folgendergestalt musste gezeichnet werden: erstlich
liess er malen einen Adler, welcher gegen das Gestirn flog. Anstatt sich aber
derselbe zu der Sonnen wenden sollte, wendete er sich gegen dem Bärn, mit der
Unterschrift: solem alium non habeo; wollte damit zu verstehen geben, dass er
ausser dieser seiner Liebsten keine andere Gestalt noch Schönheit mehr liebte,
und sollte sie auch gleich schöner und hellglänzender als die Sonne selbst sein.
Ich halte dieses Sinnbild meinesteils vor eine recht kluge und ungemeine
Erfindung eines vortrefflichen Kopfes, dergleichen ich entweder wenig oder gar
keines gehöret. Aber wenn man solches umkehrt und auf die geilen Gemüter
applicieret, so ist es leider mehr als zuviel zu bedauern, dass sie die wahre
Sonn der Tugenden so liederlich vorbeifliegen und sich gegen die zottichsten
Bärnhäuter der sündhaften Handlungen zuwenden und um so viel tiefer in die
Finsternis fallen, je weiter sie das Licht der Wahrheit aus dem Gemüt und Herzen
verlöschen und verschwinden lassen.
    Diese Gräfin liebte schlechte Leute, solem enim alium non habebat: sie hatte
in ihrem Herzen keine andere Sonne, und also geht es auch noch mit allen in der
Welt. Einer sucht seine Vergnügung in dem Gold und sagt in seinem Herzen: solem
alium non habeo. Ein anderer liebt vor den Schöpfer das Geschöpf und sagt: solem
alium non habeo. Der dritte suchet seine Vergnügung in der Karte, aber sobald
ihm sein Glücksstern auslischet, verschwindet auch seine Sonne in dem Säckel,
das ist das Gold, welches sonsten mit der Sonne verglichen wird. Mancher sucht
seine Ergötzlichkeit in der schnöden und vergänglichen Weltehre und sagt zu sich
selbst: solem alium non habeo. Derohalben wird mit ihm auch seine Sonne in das
Grab steigen, und er mag zusehen, wo ihm hernachmals eine andere Sonne aufgehen
und scheinen möge. Ein andrer sucht seine Lust in Verkehrung der Lehre und
Schriften. Solem enim alium non habet: er hat keine andere Sonne, nach der er
sich leiten will, und fället also mit denen, so er als blinde Böcke an seinem
Leitseile führet, in die Grube, wo es ewig finster ist. Und dorten wird es mit
ihm heissen: solem alium non habebit: er wird in alle Ewigkeit keine andere Sonne
mehr haben.
    Euer Gestreng vergeben mir, dass ich durch diesen Umschweif meine Historia
auf die Seite gesetzet, welches ich nur deswegen getan, auf dass Sie sehen
möchten, wie übel und irrig diejenigen Gemüter, absonderlich aber die benamte
Gräfin Veronia, zu handeln pflege, welche einem stinkenden Stück Fleisch
nachgeflogen und darüber ihre eigene Tugendsonne so liederlich auf die Seite
gesetzet. Solem enim alium non habuit: denn sie hat keine andere Sonne als diese
erkennen wollen, vermittelst welcher sie sich bei der Nachwelt einen ewigen
Gestank ihres Namens gemachet, sooft man ihrer gedenken wird. Sie hat ihre
eigene Glückseligkeit gleichsam mit beiden Händen vergraben und ist verhasst
allen denjenigen, die mächtig sind, das Gute von dem Bösen zu unterscheiden.
    Einsmals kam einer von Adel auf das Schloss, welcher unterschiedliche
Rechtssachen auf der Canzelei anhängig gemachet. Sein Name heisst Isidoro, und
demselben reise ich auch dermalen eben aus der Ursache zu, welche mich ihm
dazumal mit einer grossen Freundschaft verbunden gemacht. Er liebte die Gräfin
auf eine verbotene, aber nichtsdestoweniger der Gräfin sehr angenehme Weise, von
welchem ich so lang nichts innen wurde, bis der arme Teufel in einem Walde
gefangen und, in starke Eisen geschlossen, ins Gefängnis gelegt worden. Der Graf
war dazumal auf der Hirschjagd, wie er denn seine meiste Zeit auf der hohen
Wildbahn zu vertreiben gewohnt. Dahero wurde die Execution bis zu seiner
Zurückkunft verschoben, und das Urteil war schon in der Feder, dass dem Isidoro
ohne einzige Anzeigung seiner Verhaftung wie auch ohne seine Gegenverantwortung
oder Entschuldigung sollte der Kopf zwischen die Füsse gelegt werden. Und man
hätte es ohne allen Zweifel ins Werk gerichtet, wenn ich nicht heimlich von der
Jagd entwischet und dem verlassenen Menschen über das Fenster hinuntergeholfen
hätte.«
    »Monsieur,« fiel ich dem Jäger in die Rede, »was ich von seiner Historia
halte, will ich hernachmals sagen, aber Er berichte mich doch, wie Er hinter das
Latein gekommen, denn ich hörte Ihn zuvor etliche Sentenz und Phrases mit
einmischen, derer sonsten die gemeine Jäger nicht gar zuviel auf dem Butterbrot
fressen.«
    »Es ist wahr,« gab der Jäger zur Antwort, »und in diesem hab ich gleich
anfangs meiner Erzählungen geirret, indem ich vergessen, etwas von meinem
Schulstand zu berichten, welches ich aber so gar hochnötig nicht erachtet. Denn
erstlich, so waren alle meine Præceptores, deren ich zwar nur dreie gehabt,
rechte Erzkalmäuser.
    Von dem ersten, in dessen Klass' ich zwei Jahr in der Stadt gesessen, allwo
ich dem Gärtner vor die Tür gelegt worden, kann ich nichts Absonderlichs
erzählen, denn es war so wenig an ihm, dass er uns, als seine Discipul, selbst um
neue Zeitungen gefraget, und also logen wir ihm oftermalen ein langes und ein
breites daher, und wenn er sich gleich betrogen befand, konnte er uns solches
als jungen Kindern nicht vor übel haben. Der andere war etwas fröhlicher von
Gemüt, aber dabei so faul, dass ich bei ihm wieder vergessen, was ich bei dem
vorigen gelernet. Der dritte war ein Sauerampfer, denn er duldete ganz keine
Fröhlichkeit der Gemüter, wenn sie auch gleich angeboren war. Dahero machte er
uns zu allen Sachen sehr feige, und ich glaube, so ich länger bei ihm gesessen,
er hätte mich gar zu einem Stockfisch zusammengeprügelt, weil ers durchaus nicht
leiden wollen, dass ich einen oder andern Possen gerissen.
    So zerklopfte er auch andere meine Kameraden, dass ich schwören kann, ich hab
all mein Lebtag kein Bettgewand so rein und sauber als eben desselben Schülers
seinen Mantel ausstauben gesehen. Ja, was noch das Närrschste unter allem war,
so dorften wir in den öffentlichen Comödien keinen rechten und lebendigen Possen
machen, sondern, obschon die Sach an sich selbst lächerrlich genug gesetzet und
gegeben war, dorften wirs doch nicht exprimieren, wie wir wollten, denn der
Præceptor sagte, es käme zu leichtfertig heraus. Tat es aber einer wider sein
Verbot, so musste ers das ganze Jahr hernach auf dem Brot fressen und wurde fast
von allen ein Possenreisser genennt.
    Solchermassen hab ich ein bisschen studiert, und weil sich mein Humor mit den
Præceptorn nicht vereinigen noch vertragen konnte, gab ich den Büchern eine gute
Nacht, und es reuet mich noch keines Nagels gross, denn ich habe manche
Ergötzlichkeit in dem Walde genossen, die viel Doctores in ihrer Bibliotek
nicht gehabt haben. Ich lasse einen andern bei dem Buche sitzen, ich entgegen
durchstreiche Auen, Wälder, Felder, ich besteige die Berge, lasse mich in die
Täler, suche die Spur des Tiers, streife die Füchse aus, stelle den Wölfen und
Füchsen, fange die Rebhühner und andre Vögel in der Schleife wie auch zum Teil
die Hasen, und es ist gleich gut, dass meine gewesene Præceptores nicht durch
mein Gehege gereiset, ich hätte sie sonst gewiss auch in die Schlinge bekommen.«
 
                                  IV. Capitul.
                  Die alte Edelfrau schickt sich zum Sterben.
 Durch Alter und durch graue Haar
 Wird manches Stücklein offenbar.
»Ihr habt genug erzählet,« sagte ich zu dem Jäger, »und was ich von Eurer
Erzählung halte, das habt Ihr hiermit zu verstehen. Erstlich ist es eine grosse
Unwissenheit, wenn einer nicht weiss, wer sein Vater ist. Weil aber diese
Unwissenheit heutzutage so gar gemein ist, so ist es keine Unwissenheit, sondern
nur eine Ermanglung desjenigen zu nennen, welches nicht nötig zu wissen ist. Es
sei Euer Vater, wer da wolle, so geht Euch doch an Eurem Wesen nicht ein Härlein
ab, sondern es ist genug, dass Ihr ein Jäger seid, die doch viel zu sein
wünschen, welche ehrlich genug entsprossen und geboren. Und deswegen könnet Ihr
auch Euer Dutzet Taler wohl in dem Säckel behalten, denn es ist gut, dass mancher
seinen Vater nicht weiss. Aber das ist nicht gut, dass mancher seinen Vater nicht
wissen will.
    Durch dieses Nichtwissenwollen bildet sich mancher mehr ein, als er ist,
weil er durch seinen Hochmut die Niedrigkeit seines Ursprungs bedecken will,
welches wider die Natur laufet. Der Rab bleibt ein Rab, und ob ihn gleich die
Vögel vor einen König erwählten, und glaubt sicherlich, dass ich in diesem Fall
ganz einer andern Meinung bin. Allein weil die Welt betrogen sein will, so
geschieht ihr recht, dass sie manches Hurenkind mit beiden Händen umfanget, und
aus dieser Blindheit ist das Sprüchwort entsprungen, welches sagt, dass solche
Kinder gemeiniglich das grösste Glück haben. Und ich bin der Meinung, dass dadurch
eine grosse Freundschaft gestiftet werde, denn weil Ihr nicht wisset, wer Euer
Vater ist, so ist es nötig, dass es alle sein können, welche Euch mit funfzehn
Jahren übertreffen.
    Dieses rede ich nur aus Scherz, damit Ihr sehet, dass ich kein solcher
Essigkrug sei, wie Eure drei Præceptores gewesen. Wegen der Gräfin hab ich
selbst Mitleiden, und mein Rat wäre dieses: Will der Graf der Plage überhoben
sein, so sollte er die Frau über den Haufen brennen. Es ist gleichwohl eine
Frage, ob die Schleife oder der Has daran schuldig sei, dass er gefangen werde.
Wenn ich also frage, so ist die Schleife daran schuldig. Frage ich aber: ist die
Schleife oder der Has daran schuldig, dass er sich fängt, so ist der Has daran
schuldig. Also hat es eine Beschaffenheit mit Eurer Veronia. Etliche werden von
ihr gefangen, und etliche fangen sich selber. Sie ist die Schleife, die Hurer
sind die Hasen, also ist weder sie noch die Hurer aus der Schuld, sondern
gehören beide zusammen in eine Schul. Aber wenn ich ihr Herr wäre, so wollte ich
die Schleife aus dem Weg räumen, auf dass sie weder fangen noch gefangen werden
könnte.
    Die Gelegenheit macht den Dieb, und eine Ehebrecherin ist zeitig genug, von
dem Lebensbaum abgeschnitten zu werden, denn sie erstickt nur andre gute
Früchte, welche beides von ihrer Leichtfertigkeit geniessen und hören. Wehe
demjenigen, durch welchen Ärgernis kommt! Unter diesem Spruch werden verstanden
allerlei Greuel beides Geschlechts, was sie sowohl an ihrem eigenen Fleische als
auch in anderen Sachen, als mit Ketzerei, Zwiespalt und dergleichen, sündigen.
Ich habe von der Veronia viel mehr gehört, als Ihr mir erzählet, und woher ich
um die Gräfin weiss, werdet Ihr von Isidoro sattsam berichtet werden. Sie hat
Euch, als ich verstanden, zur Antwort gegeben, sie liebte viel mehr plumpe als
verständige Leute, und es ist kein grosses Wunder, denn ich finde welche Leute,
die lieber gemeines als preussnerisches Leder zu ihren Schuhen tragen, und die
meisten Schreiber schreiben lieber auf Papier als auf Pergament. Die Ursach
stelle ich Euch heim, solche auszulegen, wie es Euch am nächsten taugt. Denn
davor sehe ich Euch an, dass Ihr, als ein Witwer, wohl so klug seid, meine
Meinung zu erkennen.
    Ich habe mich oftermalen verwundert, warum diese Seuche so gar stark unter
den vornehmen Leuten eingerissen, und glaube, es komme daher, weil sie nicht
glauben, dass solches bei ihnen eine Hurerei, sondern nur eine Unvollkommenheit
der keuschen Tugend könne genennet werden. Und gesetzt, dass dem also sei, so
weiss ich doch nicht, wie sie diese Unvollkommenheit ersetzen könnten. Es müsste
nur sein, dass sie dieses Laster gänzlich aufhebten, darzu aber so lang keine
Hoffnung ist, so lang sie nicht glauben werden, dass diese Unvollkommenheit eine
erschreckliche und grosse Sünde sei, dardurch man endlich in die Hölle fährt wie
eine Pilliard-Kugel ins Loch.
    Dieses wenige habe ich wegen des Lebens der Veronia anmerken wollen. Aber
unter anderm hab ich mich insonderheit über Eure Heirat ergötzet, und Ihr habt
wohl gesaget, dass der Stolz des Frauenzimmers gar viel Unheil nach sich zu
ziehen pfleget. Manche Frau leidet lieber Hunger zu Haus und kleidet sich davor
mit ihren Lumpen sauber an. O schröckliche Torheit! Der Leib ist geputzet
äusserlich und hungert innerlich. Du Närrin verbirgest deine Not und machest
entgegen deine Hoffart männiglich offenbar. Du willst nicht haben, dass man dich
arm heisse, und bist doch nicht reich. Aber dieses ist nicht ein geringes Stück
der menschlichen Schwachheit: je ärmer sie sein, je mehr sie sich einbilden.
    Ihr seid beinebens nicht ein geringes zu loben, dass Ihr Euch nicht
gescheuet, Euer eigenes Leben zu wagen, damit Ihr solches dem Isidoro erretten
möchtet. Er ist mein Hauptfreund, und es ist noch nicht gar lang, als er zum
völligen Erben seines Vaters Gütern eingesetzet worden. Dahero wird er Euch
Euers grossen Fleisses wegen keine geringe Dankbarkeit erweisen, weil er einer aus
den alten Teutschen und ein solcher Mensch ist, welcher sich auch keinen
Strohhalm umsonst aufheben lässet. Aber unter allem möchte ich zum liebsten
wissen, wie Euer Name hiesse.« - »Euer Gestreng,« gab der Jäger zur Antwort, »Sie
fragen nicht vergebens, und allem Ansehen nach ist dieses Stück das
wunderlichste, so mir in allen meinen Lebenszeiten begegnet. Denn der Gärtner
hat mich hernachmals gar oft berichtet, wie er ein Zettlein in meinen Windeln
gefunden, auf welchem gestanden, dass ich schon getaufet und mit Namen Ergasto
hiesse. Denselben Zettel habe ich noch bei mir und ist mein grösstes Erbe, so ich
von meinen Eltern, sie mögen nun sein, wer sie seien, davongetragen.«
    Auf solche Antwort des Ergasto war ich gar vergnügt, und damit er den
Betrug, so mit mir und Isidoro vorgegangen, nicht gar zu zeitlich innen wurde,
hielt ich mit meiner Auslegung vor dieses Mal zurück, wohl wissend, dass dem
Isidoro dadurch eine ziemliche Kurzweil benommen würde, als welcher in solchen
Verwechslungen seine grösste Freude unter der Sonnen gesuchet. Demnach behielt
ich Ergasto zu Gast, und was ich ihm vor Ehre erzeigen konnte, die einem Jäger
gebührte, erwies ich ihm solche ganz beflissen, doch also, dass er mir nicht in
die Karte gucken noch sonsten merken konnte, dass ich anstatt des Isidori in dem
Gefängnisse gelegen.
    Nach vollendeter Mahlzeit nahm er seinen freundlichen Abschied und schied
wiederum davon gegen das Schloss des Isidori, nachdem er zuvor seine Kleider in
meiner Stube getrücknet und ihm sein Rohr samt der übrigen Zugehör wieder
überliefert worden. Ich aber machte mir nach seinem Hinscheiden wohl tausend
Mutmassungen, denn dieses war ebenderselbige Jäger, von welchem ich auf dem
ersten Blatt dieser Winter-Nächte Meldung getan, dass ich mich über nichts
mehrers als seine grosse Sorgfalt in meiner Befreiung aus dem Gefängnis
verwundert habe.
    In solchen verwunderlichen Gedanken brachte ich den Tag zu Ende und konnte
dieselbe ganze Nacht kein Auge zubringen, weil ich gleichsam in einem solchen
Aspecten geboren war, welcher rechte wundersame Offenbarungen nach sich zog. Und
in solchen Gedanken strichen drei Tage vorbei, nach welchen der Ordinari-Bot,
den wir unter uns eigentümlich bestellet, von Isidoro folgenden Brief anbrachte:
Geliebter Herr Bruder! Du bist ja wohl ein rechter Erzschelm, als einer zwischen
Jacobi und Westphalen anzutreffen. Du schickst mir ebenden Jäger auf den Hals,
welcher Dich in und unter meiner Person so sorgfältig aus dem Gefängnis
gebracht. Und als ich ihm nach seiner Erzählung aus dem Traum geholfen, machte
der Jäger wohl tausend Kreuz hintereinander und sagte, er hätte Dirs nimmermehr
angesehen, dass Du so hinter dem Berge halten könntest. Es ist gewiss, dass mir
diesen Winter noch keine so angenehme Abenteuer widerfahren, von welcher wir ins
künftige ein mehrers reden und lachen werden.
    Nunmehr ists mit mir dahin gekommen, dass ich plenarius heres aller
Verlassenschaft bin. Und weil meine Frau Mutter allgemach auf dem Grabe geht,
ist sie entschlossen, ihr Testament zu schliessen; dabei ich dann Dich und
Ludwigen zu erscheinen freundlichst will gebeten haben. Der Doctor, so meinen
Ehecontract geschlichtet, wird auch bei diesem Actu gegenwärtig sein. Ich sehe
ihn vor einen redlichen Mann an, der mir nichts vergeben wird. Indessen lebe mit
Deiner Liebsten wohl. Den Jäger will ich so lange hier behalten. Und weil er
ohnedem nichts auf seinem Schloss als mit Buhlbriefen der Veronia zu tun hat,
soll er diesen Winter nicht von mir kommen, denn er schickt sich trefflich in
meinen Humor und steht mir mit seinen Discursen sehr wohl an. Adieu!
    Wildenstein, den 4ten Febr.
                                                    Verbleibe Dein ewiger Freund
                                                                        Isidoro.
Aus diesem Schreiben verstund ich, dass der Jäger bei ihm angekommen und
zweifelsohne sich über mich schrecklich werde verwundert haben. Demnach mich
aber Isidoro zu einem so hohen Werk als einen Beistand ersuchet, machte ich mich
auf einen Schlitten, dahin abzufahren, sowohl mit Ludwigen als Isidoro die
Winterlust zu bestätigen als auch dem Jäger einzige Ehre wegen seiner getreuen
Dienste zu erweisen.
 
                                  V. Capitul.
        Die Edelfrau eröffnet vor ihrem Tod eine wunderliche Geschicht.
 Kein grössers Glück auf Erd' man find,
 Als wenn die Brüder einig sind.
Der Weg war ziemlich von dem anhaltenden Nordwind verwehet, dannenhero hatte
mein Knecht genug zu tun, mich aus den Wirbeln herauszubringen, bis wir endlich
das Schloss zu Gesicht kriegten, da ich einsmals bei dem Torwärter um ein
Viaticum gebettelt. Dazumal hat mich der rotbartete Mauskopf mit groben Worten
abgewiesen, aber anitzo stund er mit seiner Mütze unter dem Arm vor dem Tor,
einen tiefen Pückling machend, und dieses war die ganze Soldatesca, so mich vor
dem Schloss empfangen. Ludwig war eine kurze halbe Stund samt seiner Frauen
zuvor kommen, und sie war nicht ein wenig böse, dass ich nicht meine Frau auch
mitgenommen, aber ich entschuldigte mich aus der Ursachen, weil sie zu Hause
müsste Trummel schlagen lernen, indem ich ihr eine ziemlich grosse angehangen und
ihr wohl zwölf Lectiones aufgegeben, die sie mir in meiner Zurückkunft alle
perfect aufspielen müsste.
    »Er ist ein lustiger Mensch,« sagte die Frau Ludwigin zu mir, »sieht Er
nicht, wie die Frau Zusia auch eine hat?« - »Nein,« antwortete ich, »dieses ist
keine Trummel, sondern gar eine Heerpauken, hätte also eins das andere in dem
Studieren irregemacht.« Sie lachten alle von Herzen, und die Frau Zusia hielt
vor Scham das Schurztuch vors Gesicht, dardurch man ihren grossen Leib noch mehr
sehen können; darüber wir noch abscheulicher gelachet, bis sie sich gar in eine
Kammer verstecket.
    Die alte Edelfrau lag vor grosser Schwachheit zu Bette, und als bald der
Doctor mit einem Notario angekommen, schritten wir zum Werk, und weil keine
grosse Difficultäten vorbeiliefen, ward die Sach in einer Stund gerichtet und
geschlichtet. Dem Doctor verehrte Isidoro hundert Reichstaler samt einem
silbernen Pokal, dem Notario funfzig Gulden samt einer Schlaguhr, und dem
Copisten bezahlte er alle seine Schulden, die er in den Bierkellern stehen
hatte.
    Es wurde aber mit der Alten je länger je schlimmer, also dass sie endlich an
ihrem Leben zu zweifeln anfingen. Isidoro, so lustig er sonsten war, entfärbte
sich doch in dem Gesicht ein merkliches. Zusia weinte ingleichem vor dem Bette,
und wurde dem Schlosspriester gerufen, dass er bei dieser Hinsterbenden sein
Bestes tun sollte.
    Als sie sich aber wiederum ein wenig aus der Ohnmacht hebte, hiess sie alle
hinweggehen und nur mich und ihren Sohn Isidoro alleine bei sich bleiben, weil
sie uns jederzeit vor ihre beste Freunde geschätzet. »Lieber Herr,« sagte sie zu
mir, »wie auch herzlieber Sohn! Ich befinde es in allen meinen Gliedern, dass ich
dem Sterben am allernähesten sei. Weil ich nun absonderlich von einer Sach
gedrücket werde, die ich eine ziemliche Zeit verborgen gehalten, so muss ich mich
doch anitzo in meinem Sterbstündlein davon entbürden, wenn anders noch so viel
Zeit übrig ist, solches nach der Ordnung herauszureden.
    Es sind nun wohl zweiunddreissig Jahr verflossen, als ich mit deinem seligen
Vater und meinem lieben Manne zu Felde ging. Dazumal betrat er die Charge eines
Obrist-Lieutenants und hielt sich so wohl, dass er, so der Krieg nur noch ein
Jahr continuiert hätte, gar wäre Obrister geworden. Aber nachdem unsere Partei
vor Wittstock das letzte Mal geschlagen worden, wurde bald Fried, und ich ward
dazumal in der Flucht Kindesmutter unter dem freien Himmel. Der Feind hauete
hinter uns drein, deswegen musste sich mein Mann jämmerlich mit mir schleppen,
weil er durchaus nicht von mir scheiden wollte.
    Wir kamen endlich in ein Bauerndorf, und daselber liessen wir das Knäblein
taufen und Ergasto nennen. Aber als wir vor das Dorf kamen, war der Feind unsern
Leuten bei Felsslingen wieder auf dem Rücken. Dahero mussten wir galoppieren, was
wir konnten, und das Kind wäre ohne Zweifel ersticket, so wir es nicht
unterweges einem Schulmeister gelassen mit Bitt, diesen Ergasto so lang bei sich
zu behalten, bis es sicherer und wir ihn wieder abfordern könnten. Er nahm das
Kind mit beigelegten funfzig Ducaten zu sich. Aber nachdem wir wieder
zurückgelanget, war er schon von Haus und Hof verjaget. Dahero wusste ich meines
Jammers kein Ende mehr.
    Wir fragten ihm allentalben nach, aber kein Mensch konnte uns wegen des
Schulmeisters Nachricht erteilen, und also ist es mit dem Ergasto bis auf diese
Stunde geblieben. Deswegen bitte ich euch, ihr meine beste Freunde, der Sache
nachzufragen, wo ihr könnt und möget. Denn ich weiss nicht, ist das Kind noch im
Leben oder ist es tot. Sollte es aber noch im Leben sein, so verfahre mit ihm
wie mit deinem rechtmässigen Bruder und vertraget euch miteinander, wie sichs
gebühret und ein solcher Freund dem andern zu tun schuldig ist.«
    Nach diesen Reden seufzete sie vielmals, und wir wurden unter dem Gesicht
feuerrot. Weil sich auch unser Lebtag das Geschick so gar artig unter uns
eröffnet, wurfen wir stracks eine Mutmassung auf den Jäger, welcher Ergasto hiess.
»Saprament,« sagte ich dem Isidoro ins Ohr, »hui, dass der Jäger dein Bruder
wäre!« Isidoro antwortete: »Es kann sein.« Hierauf fragte er seine Frau Mutter,
ob denn Ergasto kein Zeichen am Leibe gehabt, dadurch man ihn erkennen möchte.
Sie aber wusste nichts und seufzete noch mehr als zuvor, auf welches sie von
allen denjenigen, so gegenwärtig versammelt waren, Urlaub zu nehmen verlangte.
Es ging einer nach dem andern zu der Sterbenden, und als der Jäger seine Hand
hinreckte, fing ihm und der Alten zugleich die Nase an zu bluten. Wir erstaunten
über solches nicht ein wenig, und dahero wurde bald offenbar, was uns die alte
Edelfrau zuvor ingeheim vertrauet hatte.
    Wir erzählten die Geschicht öffentlich, und nachdem wir sie vollendet,
seufzete der Priester, welcher noch nicht ein halb Vierteljahr auf unserm
Schloss in Diensten war. »Geliebte Herren,« sagte der Geistliche, »anitzo ist
es Zeit, Ihnen die Sach etwas klärer zu erzählen. Vor drei Jahren,« sprach er
weiter, »als ich noch ausser Landes auf einem Dorf dienete, starb ein
Schulmeister, und allem Ansehen nach ist es ebenderjenige gewesen, von welchem
anitzo erzählet worden, dass er das Kind Ergasto empfangen.
    Er eröffnete mir solches in höchstem Vertrauen und sagte, das Kind wäre ihm
von einem unbekannten Kriegs-Obristen samt funfzig Ducaten zugestellet worden,
mit der Nachricht, dass solches innerhalb wenig Tagen von ihm sollte abgeholet
werden. Aber der Feind wäre ihm so bald auf den Hals kommen, dass er kaum noch
Zeit gehabt, des Kindes Namen auf ein Zettulein zu schreiben und solches in die
Windel zu stecken, wäre auch damit dergestalten davongelaufen, dass er noch in
der Nacht bei der Stadt M. angelanget, allwo er das Kind vor eines Gärtners Tür
niedergeleget und seinen Weg weiter gesucht hätte. Diese Wort erzählte mir der
Schulmeister mit grosser Reu und fragte mich, ob ichs ihm vergeben könnte, denn
es wäre sein Will' nicht gewesen, das Kind so liederlich zu verlassen, sondern
die höchste Not wäre hierinnen Ursach gewesen, welche ihm solches wider seinen
Willen abgejagt hätte.«
    Die plötzliche Alteration, welche die gesamte Gesellschaft wegen dieser
Erzählung eingenommen, kann sich der geneigte Leser leichtlich zu Gemüt führen.
Dem Jäger Ergasto war diese Botschaft viel lieber und angenehmer, als wenn ihm
zwölf Füchse und acht Wölfe zugleich in die Grube gefallen. Damit man derowegen
desto gewisser hinter die Sach gelangen möchte, verschafte er den Zettul,
welchen er stets bei sich zu tragen pflegte. Wir konnten aus demselben nicht
anders urteilen, als dass Ergasto der natürliche und leibliche Sohn und also ein
Bruder des Isidori sei, weswegen denn die Alte die lieben Tränen auf ihrem
Totbette vergossen, dass sie vor ihrem Ende den wohlgewachsenen Ergasto noch
einmal zu sehen bekommen. Darauf wurde das Testament geändert, und obschon
Isidoro dardurch zu kurz kam, ist es doch nicht möglich auszusprechen, wie eine
grosse Freude er über diese unverhoffte Veränderung empfunden. Er küsste den
Ergasto und dieser ihn wieder, und in solchen Freuden verschied zugleich ihre
alte Mutter, welche drei Tag darnach sehr herrlich zur Erden bestattet worden.
    Also kam der Jäger aus dem Traum und wurde aus ihm ein Edelmann und aus dem
Huren- ein rechtmässiger Sohn eines Kriegs-Officiers. Wir blieben auf solche
Verwandlung wohl in die drei Wochen beisammen und machten unter uns eine neue
Gesellschaft, welche wir den Orden der Vertrauten nannten, und der Doctor
richtete uns zwischen dieser Zeit folgende Reguln auf, nach welchen ein jeder
Ordensgenosse leben sollte:
    Erstlich soll keiner in den Orden aufgenommen werden, welcher unter
fünfundzwanzig Jahren sei.
    Vors ander soll er schuldig sein, seinen ganzen geführten Lebenslauf mit
solchen Umständen zu entwerfen, davon der Leser nicht geärgert noch durch die
Hechel gezogen, sondern in allem gebessert werde.
    Drittens, so einer stürbe, soll ihm von der Gesellschaft ein Grabmal
gestiftet werden.
    Viertens, so einer eine merkliche Misshandlung beginge, solle von der
gesamten Gesellschaft gesprochen und derselbe nach Gestalt der Sachen entweder
auf eine Zeitlang suspendiert oder um gewisses Geld gestraft werden.
    Die Gesellschaft soll vors fünfte jederzeit zwei Principalen erwählen,
einer, der die Cassa, und der andere, der das Regiment führet.
    Sechstens solle jedem freistehen, sich aus der Gesellschaft loszusagen, doch
mit einem vorhergehenden Schmaus und dergleichen.
    Siebentens solle jeder Gesellschafter schuldig sein, alle Jahr zwei Comödien
auf seine eigene Unkosten agieren und auf dem Teatro vorstellen zu lassen,
dabei alle darzugehörige Glieder eingeladen sein sollen und werden müssten. Die
Mahlzeit bei solchen Actionen wäre per se.
    Mit dieser Ordnung war man gar content, und unterschrieb sich erstlich
Ludwig von Retz, Isidoro von Zittwig, Ergasto von Zittwig und ich, Zendorio a
Zendoriis. Denn diesen Titul hatte ich mir selbst gegeben, wegen dessen, weil
ich mich vor eines Küsterers Sohn ausgegeben, wie der geneigte Leser in dem
ersten Capitel des Ersten Buchs mit mehrern Umständen wird verstanden haben.
Diese Ordnung wurde hernach von meinem Vater Philiman, Fausto und Carander samt
vielen andern unterschrieben.
    Wir satzten uns hierauf zu Tische, und Ludwig fragte mich, was wir vor einen
Discurs gehabt, als wir das letzte Mal von ihm geschieden. Da erzählte ich ihm
die ganze Reise, wie wunderlich wir hinter den Grund wegen des Fausti seiner
Hochzeit gekommen, und dass er keine Bauertochter, wie man insgemein ausgegeben,
sondern die einzige Tochter des Caranders, nämlich die Celindam, geheiratet,
davon ich ihnen zuvor etwas in den Briefen vermeldet. In specie aber erzählte
ich ihnen wegen des gehangenen Diebes und dass mein Vater Philiman der Meinung
sei, dass es wider das Heilige Gesetz wäre, so man einen wegen des Diebstahls
hängen liesse. »Er tut hierinnen nicht unrecht,« antwortete Monsieur Ludwig,
»denn ich sehe selbst in diesem Sentenz, dass das Heilige Gebot dadurch beleidigt
werde, welches will, dass ein Dieb dasjenige, was er gestohlen, doppelt geben
sollte. Dahero ist es unrecht, dass man von dem Gesetz hinweggehet und suchet
Menschen-Statuta. Aber weil hier ein solcher gegenwärtig sitzet, der uns am
besten von der Sache helfen kann, so soll er uns den Knopf auflösen. Darum
ersuchen wir den Herrn Doctor, was hiervon seine Meinung sei. Er muss aber nicht
behaupten, was Er von den andern behaupten gehöret, sondern seinen Sentenz so
vorstellen, daraus wir sehen können, dass Er unparteiisch handele und selbst
seinen eigenen Kopf habe, non enim autoritate sed veritate pugnandum est.«
 
                                  VI. Capitul.
    Der Schreiber bekommt weidliche Pumpernisse, retiriert sich woandershin.
 Wer sich mit Federvieh vermischt,
 Wird von den Gänsen ausgezischt.
»Ihr Herren,« antwortete der Doctor, »Ihr wollt von mir haben, dass ich nicht
behaupte, was ich behaupten gehört, und solchergestalt werde ich auch nicht
sagen dörfen: quod ego sim animal.« - »Gar recht,« antwortete Ludwig, »ebendiese
Definition halt ich vor caduc, denn ich bin kein animal, sondern creatura ad
imaginem Dei creata. Diese Definition ist besser und um zwölfmal exquisiter als
die alte, die so viel tausend Logici ohne besserer Untersuchung gleich
hinpassieren lassen. Aber davon zu abstrahieren, ist es recht, dass man den Dieb
wider den Willen der Schrift hänge oder nicht?« - »Domine,« sagte der Doctor,
»wo ist es in der Schrift verboten, dass ich den Dieb nicht solle hängen lassen?
Alsdann will ich antworten.« - »Ha, mein Herr Doctor,« antwortete Monsieur
Ludwig, »in diesem Fall muss ich Euch ein wenig in die Schul führen. Ihr müsst
wissen, dass in dem Gebot stecke das Verbot und in dem Verbot stecke das Gebot.
Exempli gratia: wenn dasteht: Du sollst Vater und Mutter ehren, so ist es soviel
als: Du sollst deinen Vater und deine Mutter nicht verunehren; steckt also in
dem Gebot das Verbot virtualiter und eminenter, welches kein vernünftiger Mensch
umstossen wird.
    Entgegen wenn es heisset: Du sollst nicht töten, so ist es soviel als: Du
sollst leben lassen. Steckt also in dem Verbot das Gebot. Nun beziehe der Herr
Doctor diese beide Exempel gegen das Gebot in dem Gesetz, vermittelst welchem
der Dieb sollte gezüchtiget werden, so wird Er sehen, dass in dem Gebot das
Verbot stecke, das ist: er soll auf keine andere als auf die vorgeschriebene
Weise gestraft werden. Vors andre verzeihe mir der Herr Doctor, ist Er
katolisch, oder ist Er luterisch?« - »Monsieur,« sagte der Doctor, »ich bin
luterisch.« - »Nun,« antwortete Ludwig, »so haben die Katolischen Fug und
Recht, die andere Gestalt des Abendmahls aufzuheben, denn es stehet nach des
Herrn Doctors Urteil nirgend in der Schrift, dass man den Kelch nicht wegtun
solle, und ich sehe nicht, wie Er ausfliehen kann, es sei denn, dass Er gestehe,
das Verbot stecke in dem Gebot.«
    »Es ist wahr,« sagte der Doctor, »ich habe mich in etwas verhauen. Monsieur
Ludwig sagte gar recht, meinetwegen mag man einen henken oder den Staupbesen
geben lassen, ich habe wegen dieser Materia öfters gedisputiert, aber weil es
schon der Gebrauch war, dass man die Diebe an den Galgen knüpfe, so konnte weder
ich noch ein anderer viel damit ausrichten. Wer ein guter Politicus ist, der
weichet nicht von dem Sentenz der Mehristen. Tut ers, so verketzert man ihn mit
tausend Flüchen, und mancher griffe gern besser um sich, wenn er nicht fürchten
müsste, dardurch seine zukünftige Fortun zu demolieren und über den Haufen zu
werfen.« - »Ihr habt Euch nun gar wohl verantwortet«, sprach Ludwig.
    Zwischen diesem Discurs stiess ich den Ergasto in die Seite und sagte ihm,
dass ebendieses der Ludwig wäre, welchem er die Raben so sauber angekleidet und
solche hernachmals in die Luft ausfliegen lassen. Darob schlug er die Hände über
dem Kopf zusammen, und als der Doctor seinen henkermässigen Discurs absolfünfet,
redete Ergasto Ludwigen mit folgenden Worten an: »Monsieur Ludwig, wollen wir
bald wieder fliegende Raben machen und den Leuten Ursach geben, solche vor
brennende Drachen anzusehen?« Ludwig erstaunte ganz über dieser Rede, wendete
sich vom Doctor hinweg und machte ein grosses Kreuz vor sich. »Hunderttausend
Straplicordi,« sagte er, »und ist Er derjenige Jäger? Das hätte ich mir die Zeit
meines Lebens nicht mehr eingebildet. Potztausend gute Jahr, und ist Er
derselbige Jäger?« - »Ja,« antwortete Ergasto, »ich bin derselbige Jäger, der
dazumal seine Schwester geliebt, und wüsste ich, wo sie wäre, sie sollte mir
anitzo lieber sein als zuvor.« - »Ach, Ihr guter Mensch,« antwortete Ludwig,
»sie ist schon lange vor die Hunde gegangen.«
    Und weil Ergasto die Geschicht gern anhören möchte, erzählte Ludwig
folgendes auf der Post herunter:
    »Das arme Ding bekam einen Mann, der hatte keinen, nämlich keinen adligen
Sitz.« - »Pfui, garstig,« sagte Zusia, »ich sehe wohl, Monsieur Ludwig ist
diesen Winter um kein Haar anders geworden, als Er vergangene Hochzeit auf
seinem Schloss gewesen.« - »Narrenpossen,« sagte Ludwig weiter, »ist doch der
Caplan nicht da, und zudem versteht ihrs nicht recht, man legt euchs denn zuvor
recht aus. Derohalben so hat meine Schwester einen Mann bekommen, der hatte
keinen, nämlich keinen adeligen Sitz. Es war wahrhaftig ein recht elender Kerl
und soff stetigs in seiner Dorfschenke mit den Bauern, in Meinung, durch seine
Familiarität dieselbe an sich zu bringen. Aber unter dieser Meinung verschwand
sein ganzer Respect, und die Bauern dreheten ihm zuletzt den Hut auf dem Kopf
herum. Absonderlich, wenn er sich vom Tobak und Brandwein vollgesoffen, da
wurden die Bauern so gemein mit ihm, dass sie ihm auch sogar Brüderschaft
zutrunken. Da sass nun der Bruder Edelmann unter den Bauerflegeln, und meine
Schwester weinte zu Haus Rotz und Wasser untereinander.
    Es verdriesst mich von Herzen, dass ich meinem Schwager kein bessers Lob geben
kann, und wenn ichs gleich täte, so wäre es doch erlogen, desto besser ist es,
ich sage die Wahrheit, wie es an sich selbst ist. Er war ein Spieler, dass es zu
erbarmen war, denn er dorfte nur einen Groschen verspielen, da fing er an zu
fluchen und schelten, dass sich der Himmel ober ihm und die Erde unter ihm hätte
auftun mögen. Endlich weinte er gar wie ein Kind, dem der Trutahn das
Butterbrot genommen, und er hatte das Herz, sich wegen eines Zweipfennigers eine
ganze Stund zu zanken und zu keifen.
    Er hat all sein Lebtag keinen Pfenning Trankgeld ausgegeben, aber vor
Lumpensachen, die nicht einen Heller wert waren, verschwendete er abscheulich
viel Geld. Meine Schwester hat uns oft in geheim vertrauet, dass, wenn sie einem
Kind einen Apfel oder sonst was gegeben, habe ers ihnen heimlich aus den Händen
gerissen und gefressen. In der Dorfschenke hat er dergestalt gesoffen, dass, wenn
der Wirt den Pachtzins verrechnet, hat ihm der ehrbare Schwager noch Geld darzu
hinausgeben müssen. Mit einem Wort: er hielt gar zu grob Haus, und unerachtet
ihn der selige Vater die Woche wohl zehenmal ausgefilzet, half es doch alles
nichts. Dahero ging sein Gütlein bald zugrunde, und die Schwester starb auf
unserm Schloss, nachdem sie fast andertalb Jahr nicht mehr bei ihm gewohnet. Die
zwei Kinder sind hernach auch bald gestorben, und er hat sich unterhalten
lassen, weiss also nicht, wo er etwan einen Stadtgraben gefüllet hat.« Ergasto
war über dieser Erzählung nicht ein wenig betrübt, weil ihm hierdurch ein
erwünschtes Mittel abgeschnitten worden, sich in Ludwigs Gesippschaft zu
begeben. Aber wir machten ihm bald eine andere Speranz, weil dergleichen Vögel
die ganze Welt voll war und Monsieur Ludwig noch viel adelige Freunde hatte, die
generis feminini studieret hatten.
    Unter diesem Gespräche entstund in dem Schlosshofe ein grosses Geschrei, und
als wir die Fenster eröffneten, waren es zwei Dienstmägde, die miteinander
zankten und haderten, dass es taugte. »Es ist erlogen,« sagte die erste, »du hast
es getan, du hast es getan.« - »Was?« sagte die andere, »du Plundervieh, du
Hexenvieh, du Couranie, du hast es getan!« - »Du lügst es in deinen Hals
hinein,« replicierte die erste hinwider, »du Schandbalg, du Rabenstück, du
ausgedörrte Commisshure, du hast es getan!« Darauf schrie die andere entgegen: »O
du aller Hurenkinder Grossmutter, du Generalhure, du Feldhure, du Soldatenhure,
du hast es getan!« Die erste rufte mit unter: »Du Studentenhure, du Erzhure, du
Galgenhure, du Handwerkskerlnhure, du Bauernhure, du aller Huren Hur, du Diebin,
du Vettel, du Teufelshure, du hast es getan, du hast es getan, du hast es getan
und kein andrer Mensch!«
    »O du Sternhure,« schrie die andere ganz zornig, »ich schlage dir die
Schlüssel um den Kopf, du Totengräbershure, du Henkershure! Stundest du denn
nicht dabei, du Aas, du Frosch, du Ding auf der Erd?« - »Dässti der Teufel hol!«
antwortete die erste, »komm her, hast du das Herz, du Gauklershure, du
Bubenhure, du der ganzen Welt Hure!« Hiermit schlugen sie die Schlüssel, welche
sie an den Seiten trugen, hurtig um die Köpfe und griffen endlich gar in die
Haare, dass ihnen die Haube samt dem Zopf von dem Kopfe fiel. Isidoro befahl
seinem Schreiber, nachdem sie sich eine Weile würden miteinander herumgezauset
haben, sollte er mit seinem spanischen Rohr Fried machen und sie voneinander
reissen.
    Solchergestalt überwurfen sich die beide Mägde, dass ihnen der Rock samt dem
Hemd über dem Kopf zusammenschlug und sie uns gar oft den blossen Hintern
anzusehen gaben. Als sie aber letztens um die Messer griffen, schlug der
Schreiber wacker auf sie los, und: »Ihr verfluchte Corporalshuren,« sagte er,
»wer heisst euch hier einen solchen Tumult anfangen?« Aber die Mägde sprangen
voll Zorn und Widerwillen über den Schreiber her, rissen ihm erst den Überschlag
von dem Hals hinweg, hernachmals kriegten sie ihm das Rohr aus der Hand, und ist
nicht zu beschreiben, wie artig sie ihn unter sich gekriegt. Und dergestalten
zog eins das andere in dem Schnee herum wie drei in den Pflug gespannte Ochsen.
    Es schien fast, als sollte der Schreiber die meiste Schläge davontragen,
derowegen kamen zwei andere Diener zu Hülfe, und als der Schreiber wieder
emporgekommen, prügelte er erst nach Vermögen und Kräften zu, und ich glaube, er
hätte es zuvor getan, so ihn nur nicht die zwei Mägde so grausam bei der
Cartausam gehalten hätten. Derohalben brachte er anitzo ein, was er zuvor
versäumen müssen, und er gab ihnen viel mehr Streiche, als sie ihm Haar aus dem
Kopf gerissen.
    »Ihr nichtswürdige Hagelshuren,« sagte er im Zorn, »nun will ich euch
lehren, wie man soll mit meinesgleichen umgehen. Wer heisset euch mich so in die
Klauen nehmen? Der Teufel soll euch über das Schloss da wegholen. Ich will euch
zerklopfen, dass es gut heisset. Haben mich die Äser nicht zerrauft und
zerkratzet? Heisst das die Reputation in acht genommen, einen Schreiber so
erschrecklich zuzurichten? Wartet, ihr eingefleischte zwei Teufel, ich will euch
zurichten, wie der Henker und seine Jungen!« Und unter währenden solchen Worten
schmiss er immer nach allen Leibeskräften auf die Mägde los, welche endlich wie
die Katzen zu schreien anfingen, denn das spanische Rohr war schon in kleine
Stücken und fast bis zu dem Handknopf hinunter zerschmissen. Und als er aus der
Ursach nicht mehr zuschlagen konnte, stiess er ihnen das übrige Trumm noch ins
Genicke und mattete sich dergestalten ab, dass er schwitzte wie ein Bär, der
allgemach eine halbe Stunde in der Hatze gewesen.
    Wir mussten uns in der Wahrheit viel mehr über den Schreiber als über die
zwei Mägde zerlachen, welche ihn gleich den Katzen am ganzen Gesicht abscheulich
beschändelt und die Nase so zerdroschen, dass sie gleich einer grossen Pfundbirn
aufgelaufen. Und was noch das Ärgste war, so merkte es der Schreiber nicht, dass
ihn Isidoro mit Fleiss in die Gefahr geschicket, weil er wohl gewusst, dass es ihm
nicht anders gehen würde, als es etlichen gegangen, die sich unterstanden haben,
ehedessen diese zwei Mägde, welche das Raufen schon gewohnet, zu entscheiden.
    Als nun der Scharmützel in etwas gestillet und jede Magd wieder an ihrem Ort
war, rufte man sie herauf, und als sie erschienen, musste eine auf die rechte,
die andere aber auf die linke Seite des Zimmers stehen, und Isidoro examinierte
sie, aus was Ursachen sich zwischen ihnen ein solcher unverhoffter Streit
erhoben. »Gestrenger Herr,« sagte die erste, »die Beschliesserin kam heute früh
in die Küche. Da sah sie auf der Erde ein zerbrochen Ei liegen, das hat
dieselbige dort« - wies hierauf mit allen fünfen auf die Gegenüberstehende - -
»getan, ich habs gesehen.« - »Nein, Herr,« sagte die Beklagte, »es ist mein Seel
nicht so, sie hats getan.« - »Herr, glaubt mir, sicherlich,« sagte die erste,
»sie hats getan.« - »Wenn es wahr ist,« sagte die andere, »so will ich
verschwinden, sie hats getan.« - »Ihr Teufelshexen,« antwortete Isidoro, »wer
lehret euch so fluchen? Sollt ihr wegen eines Eies einen solchen Tumult erregen
und übereinander in die Haare fallen? Ihr Küchenratzen! Samt der Beschliesserin
ist eine so gut als die andere. Schert euch aus dem Schloss, oder ich will euch
den Weg weisen, dass euch der Henker über den Hals kommen soll. Um eines kahlen
Eies willen so zu hadern und zu fluchen! ...« - der Schreiber sprang unter
solcher Rede immer vor Freuden in die Höhe - »packt euch aus meinen Augen, und
seh ich euch über eine Viertelstund, so wirds andre Birn regnen! Zusia,« sagte
er zu seiner Frau, »gebt ihnen ihren Sold und lasset die Äser hinlaufen, wo sie
wollen.«
 
                                 VII. Capitul.
 Des Pfarrers Discurs vom Fluchen. Artige Disposition über die Grabschrift der
                            verstorbenen Edelfrauen.
 Wo Fluch und Schwören wohnt im Haus,
 Da geht Glück und Segen aus.
Dieses war die ganze Valetrede und oratio valedictoria, mit welcher die ehrbaren
Madamen vor dieses Mal abgefertigt wurden. Und wir mussten uns verwundern, dass
sie wegen eines einzigen Eies ein solch grausames Spectacul anheben mögen. Aber
dieses ist der Weiber gemeine Art und angeborne Gewohnheit, dass sie wegen eines
Lausebalgs eine halbe Stunde nacheinander zanken und sich nicht schämen, wegen
einer Sache, die nicht zwei Wort wert ist, einen ganzen Leviten herunterzulesen,
darüber sie selber lachen müssen, wenn man ihnens bei dem Licht zu sehen gibt.
Auch sind die Beschliesserinnen so geschäftig und hofmeisterisch, dass sie glauben
dörfen, keine Magd könne ohne ihr Hofmeistern klug noch fleissig sein.
    »Ihr Herren,« sagte die Zusia zu uns, »meine Beschliesserin hat wegen des
Eies ein solch Duell unter den Leuten angefangen. Aber wie sie neulich den
Honigtopf zerbrochen und kurz darauf ein grosses Glas voll Rosen wasser über die
Stelle hinuntergeworfen hatte, da schwieg sie fleissig still und schob es der
armen Katze zu, da ich sie doch beidesmal auf der frischen Tat erwischet.« -
»Ja,« sagte die Magd, welche sich vor der Tür verstecket und zugehöret hatte,
»davon kann die Beschliesserin schrecklich viel machen, dass wir das Ei über die
Tafel abgeworfen, aber dass der Schreiber neulich die halbe Nacht in ihrer Kammer
gesessen, das lässet sie wohl unberühret, ei ja, dieses schmecket ihr auch viel
besser!«
    Mit diesen Worten lief sie die Treppe hinunter, und unter uns entstund ein
grosses Gelächter über den Schreiber, welcher in dem Gesicht so rot als der volle
Mond aussah. »Die Teufelshure«, sagte er, »schimpft mich noch darzu. Wart,«
rufte er ihr nach, »ich will dich carniffeln, du Hure, dass du gecarniffelt sein
sollest.« - »Ach, ja,« schrie die Magd von der Treppe zurück, »carniffelt davor
die Beschliesserin, die hat es besser gewohnt als ich!« Der Schreiber wollte
hierauf hinunterlaufen und sie gar zum Schloss hinausjagen. Aber Isidoro hiess
ihn zurückbleiben, weil kein bessers Mittel vor verschwätzte Dienstboten zu
finden wäre, als die Tür vor dem Hintern zugeschlagen und sie ihre Wege gehen zu
lassen.
    Damit aber beiden Parteien die Gelegenheit, ferner in die Haare zu geraten,
benommen würde, schickte Isidoro den Schreiber in die Canzelei, daselbst eine
Grabschrift aufzusetzen, welche er auf seiner Frau Mutter Grabstein einhauen zu
lassen willens war. Auf solches redeten wir Unterschiedliches miteinander,
absonderlich aber, wie ein elendes Tun es um einen Hauswirt sei, wenn er in
seinem Hause das Fluchen und Schelten geduldete, und weil zu solchem Gespräche
gleich der Caplan ankam, fragte ihn Ergasto folgendermassen: »Mein Herr,« sagte
er, »was ist seine Meinung von folgender Erzählung? In dem Schloss der Veronia
hielt sich vor diesem ein Bierbrauer auf, welcher nebenst seinem absonderlichen
Fleiss ein überaus frommer Mensch war. Er heiratete endlich, und die Gräfin
schenkte ihm die Braustatt ausser des Schlosses auf Kindeskinder zu einem ewigen
Erbe. Nun sitzt er in derselben und nährt sich von dem Trank, welches er vor
allerlei Leute brauet, die alldort einzukehren pflegen. Jetzt ist die Frage:
kann der Brauer mit gutem Gewissen in seinem Hause gestatten, dass die Bauern
oder das andere Hofgesind aus dem Schloss bei dem Trunk schelten, fluchen,
schwören und andere Narrenpossen vorhaben, die sich nicht geziemen? Oder ist er
verbunden, seine Nahrung fahrenzulassen und die Flucher abzuschaffen? Was ist
des Herrn seine Meinung?«
    »Diese Frage«, antwortete der Geistliche, »will ich mit wenigem beantworten,
denn ich bin kein grosser Prahlhans, der weitschichtige und nichtswürdige
Umschweif suchet. Erstlich soll der Brauer das Fluchen der Bauern oder wer sie
seien blosserdings nicht gestatten, sondern sagen: Ihr Herren Bauern, fluchet
nicht, oder geht hinaus! Und solchergestalten halte ich davor, dass es besser
sei, Hunger leiden im Frieden, als ein stattliches Stück Brot gewinnen im
Fluchen. Denn weil der Bierbrauer Herr in seinem Hause ist, so kann er auch
vermög derselben Gerechtigkeit strafen, wer in seinem Hause sündiget - versteh:
nicht hauptsächlich. Als exempelsweise: es stösset ein Schuhknecht einen Müllner
über den Haufen, so darf der Brauer beileib dem Schuhknecht den Kopf nicht
abhauen, rede also nur von der Straf, sofern sie gelind und mit Manier kann
angebracht werden.
    So ist es vors andere ganz nicht zugelassen, dass ein solcher könne einen
Superintendenten agieren und den Flucher dörfte in Bann tun, wie es gar viel
dergleichen Grillenhansen gibt, die, wenn sie das geringste Wörtlein hören, das
wider ihre eingebildete Frommkeit laufet, so seufzen sie, sehen mit verkehrten
Augen gen Himmel, schlagen das Kreuz vor sich und gebärden sich so ungeduldig,
dass es mich oftmals selbst verdrossen, dass sich die Heuchler so gar närrisch
anstellen können. Ja, auch ein Geistlicher meinesgleichen hat nicht allerdings
Macht, in einem Wirtshause aufzutreten und einen Sermon zu tun, denn es ist der
Ort nicht darnach; und machte man also inter aram & haram keinen grossen
Unterscheid. Sagst du, man hat aber an solchen Orten die beste Gelegenheit, so
sag ich, es ist wahr. Aber eine volle Sau ist in einer solchen Beschaffenheit
auf eine andere Weise zu strafen, und finden sich tausend Arten, derer man sich
in solchen Begebenheiten gebrauchen kann.
    Wenn ich Brauer wäre,« sagte der Pfarrer weiter, »so wollte ich den Locum
aufschlagen, welcher ausdrücklich sagt, dass wir allerdings nicht fluchen sollen,
weder bei dem Himmel noch der Erde und so fort. Hörte ich nun einen fluchen, so
wollte ich ihms vorlegen und bitten, dass er solches geschwinde lesen wollte.
Könnte er nicht lesen, so soll es der tun, der ihm am nächsten sässe, oder ich
wollte es selbst lesen. Liesse ers nach solchem nicht, so wollte ich mit ihm zum
Hause hinausfahren wie mit einem räudigen Schafe aus dem Stall. Gewinn hin,
Gewinn her. Ein einziger Fluch, welchen man fahrlässig zulässet, verursacht oft,
dass man in einer Stunde verliert, was man in zehen Jahren mit grossem Fleiss
erworben. Das ist meine Meinung.«
    Diese Antwort gefiel uns insgesamt nicht uneben, und obschon andere ihre
Meinung anders geben wollen, gestunden wir doch keinem keine Rede und sagten, es
wäre genug, dass wir bei dem Ausspruch des Priesters bleiben wollten. Ein anderer
möchte Gründe aufbringen und einwerfen, was er auch immer könnte und wüsste.
Darob ihr viel recht zornig waren, dass man nicht glauben wollen, dass sie auch
studieret hätten, absonderlich der Doctor, der meinte gar, er wäre nicht
schuldig, der Rede des Geistlichen Beifall zu geben. Aber wir lachten ihn nur
aus und waren entschlossen, sobald er zu grübeln anfangen würde, wollten wir ihn
zum Zimmer ausweisen und ihn seine gelehrte Wege gehen lassen. Denn dieses halte
ich auch bis gegenwärtige Stunde vor das beste Mittel, dass man keinen vor
studiert halte, welcher meint , er sei studiert, und dass man auch mit einem
solchen Alfanser nicht viel Disputierens mache, der eine klare Sach umzudrehen
gedenket, sondern, ob sie auch gleich Recht hätten, soll man ihnen doch nicht
Recht lassen, und damit gute Nacht.
    Isicloro hatte sich insonderheit über dasjenige ergötzet, was der Geistliche
zuvor wegen des Brauers auf die Bahn gebracht, und er wünschte selbst, dass es
allentalben so beschaffen wäre. Allein so gestattete man nicht nur allein
solches an öffentlichen Örtern allzusehr, sondern es werden auch wissentlich von
vielen Hauswirten solche Sachen zugelassen, die sie hernach auf dem Totbette
allermeistens um das Herz drücken werden.
    Nach solchem stund man von der Tafel auf, weil der Geistliche etliche Bücher
gebracht, die Isidoro zuvor bei ihm bestellet hatte. Er nahm nach Überlieferung
derselben wieder Abschied, und wir begaben uns in die Canzelei, zu sehen, was
der Schreiber vor gute Geister würde gehabt haben, vermittelst welcher er die
Grabschrift entworfen. Und weil man ihn in der Arbeit nicht verstören wollen,
gingen wir ganz sachte. Der Schreiber musste mit jämmerlich grossen Grillen
besessen sein, denn man hörte ihn wohl zwanzig Schritt von der Canzelei schreien
und mit sich selbst disputieren.
    Ich und Isidoro waren etwas curiös. Derohalben eileten wir am ersten hinzu,
aber anstatt wir glaubten, er discurrierte mit sich, so fluchte er im Gegenteil,
dass der Himmel erschwarzen mögen. »Du Donnervieh,« sagte er, »dass dich der
Teufel hole! Willst du nicht gut tun? Willst du nicht parieren? Höre, du
Rabenzeug! Soll ich dir das Maul um den Tisch stossen? Du Teufelswesen, du
nichtswürdiges Rabenaas, willst du aufs nächst besser daran? Du Sterngut, du,
gelt, ich will dirs machen, du Hagelvieh!«
    Wir konnten den leichtfertigen Worten nicht länger zuhören, zumalen auch die
andere indessen angekommen und nicht gewusst, was den Schreiber so zu fluchen
veranlasste. Etliche meinten, es wäre ein Vers; andere aber waren der Meinung, er
hätte gar einen spiritum bei sich, der ihm nicht parieren wollte. Solches
verursachte, dass wir die Tür geschwinde aufrissen, und da kamen wir alle in
einem Augenblick aus dem Zweifel, weil wir ihn sahen eine Feder um den Tisch
stossen, welche gar nicht schreiben wollen.
    »Ihr Erzcujon,« sagte Isidoro zu ihm, »wie wär' es, wenn ich Euch prügeln
liesse, wie Ihr heute die Mägde zerprügelt habt? Sollt Ihr ein solcher Erznarr
sein und ein Ding so ausschelten, das weder sehen noch hören kann? Ihr Herren,«
sagte Isidoro weiter zu uns, »sehet mir doch den Lümmel recht an. Er stösset die
Feder um den Tisch, welche weder Feuer noch Schwert empfinden kann. Straft also
der Narr ein lebloses Ding, und mich verwundert, warum ers nicht gar aufhängt.
Zwar, der grosse Eifer lässet ihm nicht so viel Zeit, seine Narrheit der ganzen
Welt zu verstehen zu geben, sonst glaube ich, er legte sie gar auf das Rad. Er
soll eine Grabschrift machen und flucht dabei ärger denn ein Heid. Das müssen
schöne geistliche Gedanken sein! Ihr Sapraments-Bärnhäuter, schert Euch aus
meinem Gesicht, oder ich will mein Rohr so gut auf Euch zerschmeissen, als Ihr
das Eurige heute auf den Mägden zerschmissen habt.«
    Der Schreiber hatte sich unter währender Bedrohung ziemlich geducket, und
weil er keine andere Ausflucht wusste, nahm er sein Refugium in das
nächstgelegene Secret, allwo er sich innenher verriegelt und vor dem Zorn des
Isidori vorgesehen hat. »So klug«, sagte Isidoro, »sind die beide Mägde nicht
gewesen, sonsten wären sie auch ins Kackhaus geloffen.« - - »Lasset uns
hinweggehen,« sagte Ludwig, »wer weiss, was der Schreiber auf dem Secret vor eine
Feder schneidet; wenn er seine Poesie darinnen ausspeculiert, so wird es sehr
stinkende Verse absetzen.«
    Die gesamte Gesellschaft begunte hierüber zu lachen, und Isidoro nahm den
Zettul mit sich, worauf der Schreiber bis daher sein Concept wegen der
Grabschrift entworfen. Solches aber hiess, so viel man lesen konnte, wie folget:
    Causa principalis, causa materialis, causa formalis, causa finalis, aus
diesen vier Ursachen muss ichs herausbringen, dass die alte Edelfrau gestorben
sei. Hernach muss ich setzen: locum in quo, locum a quo und locum ad quem. Nach
diesem kommt das procedere senectutis in genere, darnach in specie. Auf solches
muss der Vers per logicam tractiert werden: quia homo est animal, ergo homo
moritur, ist eins. Secundo und vors ander: quia homo est sapiens, ergo sapienter
moritur. Tertio kann ich ein schöne Ration geben: quia homo est bipes, ergo
etiam moritur bipes, es sei denn, dass ihm im Krieg ein Bein abgeschossen worden.
Dahero entstehet gratiarum actio, dass es der lieben Edelfrauen nicht begegnet
und also die Logik nicht beschändelt worden. Ich kann auch eine Quæstion
movieren und fragen: an mors sit ens rationis physicum oder positivum in
abstractione principii essendi. Item, ob Hans Sachs recht getan, dass er den Tod
einen Streckenbein geheissen; ob es de jure oder de facto sei, dass der
Totengräber zu Winterszeit die harte Erde mit warmem Wasser weich und gelind
machet, dass er mit seinen Leuten desto besser graben könne. Darnach kommen die
causæ subordinatæ, das sind diejenige, so die Leiche tragen; darnach causa
media, das ist der Leidträger, denn er geht zwischen zweien in der Mitten;
causæ abstractæ sind die alten Weiber, weil sie ganz zur letzte und weit hinter
dem Sarch hergehen.
 
                                 VIII. Capitul.
 Die Grabschrift in forma. Monsieur Caspar macht mit der Kunigund Hochzeit, und
                             wie es da zugegangen.
 Man findet mehrer Stroh als Hirn,
 Wenn Narren in der Schrift studiern.
Was der Schreiber mit diesem Concept vor eine Lust erweckt, ist leichtlich zu
schliessen. Dahero war Isidoro um so viel desto begieriger, die folgende Verse zu
lesen, welche nach der vorhergehenden Meinung eingerichtet waren und hiessen, wie
hernach folget:
Die erste Ursach, lieber Christ,
Warum die Frau gestorben,
Ist gewesen ihr Lebens Frist.
Damit hat sie erworben
Den Tod, o Not!
Es ist ihr doch kein Spott.
Die andre Ursach ungefähr
Ist wahrlich nur gewesen,
Dieweil sie kam vom Fleische her,
Wie ihr allhier könnt lesen:
Sie starb, verdarb,
Verlor ihr alte Färb.
Die dritte Ursach, wie sie ist
Gestorben will ich sagen:
Sie starb am Bett, nicht auf dem Mist,
Zwölf Träger haben sie getragen
Hinab, ins Grab.
Isidoro besitzt ihr Hab.
Causa finalis, diese sei,
Auf dass sie nicht mehr ass,
Halt ich in meiner Phantasei,
Darauf ich mich verlass.
Sie liebte mich, inniglich,
Ihr Schreiber war ich.
Den Ort, da sie die Welt vergass,
War eine grosse Kammer.
Der Tod ihr dort das Milz abfrass,
Ohn sondern Schmerz und Jammer.
Drum so weiss, mit Fleiss,
Sie ist im Paradeis.
Sie ist geborn von Adel gut,
Wie mancher hat erfahren,
Ihr Vater trug ein eisern Hut,
Im Krieg von dreissig Jahren.
Sie liegt da, ach ja,
Ich sing nicht: Alleluja.
Wohin sie aber gezogen ist,
Das kannst du leichtlich wissen,
Wenn du ohndem bei Sinnen bist,
Sonst sein sie dir zerrissen:
In den Himmel, ohn Getümmel,
Glaubs, ich schenk dir einen Schimmel.
Willst wissen, wie alt sei ihr Geschlecht?
So alt als meine Hosen,
Die schon dreihundert Jahr gar recht
Gemacht worden in dem Wald. Schosen
Liebt sie und ihr Herr, nimmermehr.
Ich war bestellter Hofschreiber.
In specie aber war sie alt
Sechs mal funfzehn Jahre,
Sie war gar hübsch und wohlgestalt,
Hatt' anfangs gelbe Haare.
Darnach warn s' weiss, mit Preis,
Sie hatte keine Läus.
Ein Mensch ist sterblich allezeit,
Deswegen muss er sterben.
Der Spruch ist kundbar weit und breit,
Darob sich viel entfärben.
Tod ist kein Narr, fürwahr,
Er geht Fuss-bar.
Der Mensch ist ein verständig Tier,
Das kann man daher sehen:
Trinkt lieber Wein als braunes Bier,
Lobt Reuten vor dem Gehen,
Grosse Klugheit, jederzeit,
Stärker als Bären-Häut.
Es hat ein jeder duo pes,
Das heisst auf teutsch: zwei Füsse,
Das ist fürwahr ein vera Res,
Obs dich auch gleich verdriesse.
Drum stirbt er auch, wie der Gebrauch,
Mit zweien Füssen wie ein Rauch.
Mit zwei Bein stirbt gar keiner nicht,
Wenn eins wird abgeschossen,
Aber, wie ich dich bericht',
Es sind nur Kinderpossen.
Unser Frau fein hat zwei Bein,
Sie waren ihr und nicht mein.
Nun fragt sichs, ob Johannes Sachs,
Der Mann von grossem Leder,
Auch wert sei eines Lichtlein Wachs,
Weil er sagt durch die Feder,
Dass Streckenbein der Tod soll sein,
Pfui Teufel, ich schiss darein.
Isidoro wollte gleich weiterlesen und die übrigen sechs Strophen noch
absolvieren, wenn ihm nicht die Zusia den närrschen Zettul aus den Händen
gerissen. »Pfui,« sagte sie, »was ist der Schreiber vor ein garstiger
Zotenreisser!« - »Nun merke ich,« antwortete Ludwig, »warum er sich auf das
Secret retirieret, ist das nicht ein Narr, einer Edelfrauen eine solche
Grabschrift zu machen? Welcher Teufel in der Hölle soll einen solchen Grabstein
herbringen, auf den man die Schnacken einhauen könnte? Ja, ich glaube, dass
mancher Kirchhof darzu viel zu enge wäre.« - »Bruder,« sagte er zu Isidoro,
»dein Schreiber ist ein Narr. Lass ihn wieder los, ich will dir selbst ein paar
Zeilen aufsetzen. Was willst du mit dem Esel anfangen? Mein Rat wäre es, du
gäbest dem Schreiber durch diesen Winter nichts zu tun, als gewisse Temata zu
tractieren. Denn dardurch würdest du nicht allein, sondern alle, die es unter
Augen bekämen, zu lachen genug haben. Denn es ist gewiss, dass manch studierter
Mensch mit Fleiss nicht so irrgehen kann, wie dieser, in Meinung, was Hohes zu
verfertigen, irregehet.« Isidoro war es zufrieden, und zum Ende dessen
verzeichnete er allerlei Titulos, über welche der Schreiber seine Auslegungen
und Einfälle beschreiben und in gebundener Rede entwerfen sollte.
    Hierauf wurde er aus dem Secret zitiert, und Ludwig fragte ihn, wer sein
Vater wäre und wo er studiert hätte. Aber er gab weiter nichts zur Antwort, als
dass sich seine Mutter, da sie mit ihm schwanger gegangen, an einem armen Manne
versehen hätte, daher wäre er gezwungen worden, auch arm zu sein. Was sein
Studieren anbelangte, hätte er nichts aus der Teoria, aber alles der blossen
Praxi zuzuschreiben, nach dem lateinischen Sprüchwort: solus & artifices,
qui facit usus erit. Er hätte auch einmal einem Gastwirt einen Trutahn
gestohlen und hernachmals auf das Haustor geschrieben: O mihi præteritum,
referat si Jupiter Trutahn! Und dieses wäre sein ärgster Possen gewesen, den er
die Zeit seines mühsamen Lebens gerissen, bis dass er das Schreiberhandwerk
gelernet, seine Wanderschaften verrichtet und also in derselben Profession wäre
licentiatus calami geworden, das ist, dass er die Freiheit habe, eine Feder gross
oder klein, kurz oder lang, mit oder ohne Schnitt zu temperieren, zu schneiden
und zu formieren, wie es ihm beliebte und anstünde. Und solchergestalten wäre er
licentiatus calami und dörfte ihm gar kein ehrlicher Mann einen Eintrag tun, es
wäre denn ins Secret oder heimliche Gemach, welches der Nachtkönig mit seinen
Leuten wieder ausräumen und also den Austrag tun müsste.
    Nach allen diesen vorgeloffenen Sachen satzten wir uns in etliche Schlitten,
darinnen die Zeit zu verkürzen, weil uns die Köpfe in der Wärme gar zu dämisch
werden wollten. Demnach fuhren wir sowohl in dem Schlosshof als auch auf offenem
Felde, doch ohne Geläute, herum. Und weil sich zu solcher Lust gar viel
Frauenzimmer von den nächsten Schlössern und Edelmannshäusern eingefunden, wurf
einer da und der ander dort eine Jungfrau über die Kufen in den Schnee hinein.
Aber etliche waren unter dem Frauenvolk so klug und legten Hosen unter die Röcke
an, dadurch sie ein merkliches Einsehen verhindert haben. Andere satzten grosse
eiserne Gluttöpfe unter den Rock, damit der Podex nicht Schaden litte, aber wenn
sie umgeworfen wurden, waren ihre Pelze von dem Feuer dergestalten zugerichtet,
dass sie samt dem Hemd auf den Brand zu betteln verursacht wurden. Eine solche
Lust hatten wir in unserer Trauer, und wenn es füglich sein konnte, brachten wir
wohl gar Spielleute auf das Schloss, dabei wir allerlei Kurzweil verübten.
    Eines Abends, als ich mit meinem Flötlein an einem Fenster gegen die Strasse
gestanden und mich daselbst zum Abzug resolviert, kommt ein reitender Bot' an,
welcher von dem Caspar oder gewesenen Seilfahrer Brief brachte, dass seine
Hochzeit mit der Jungfer Kunigund nunmehr richtig und geschlossen sei. Es war
ein ziemlich grosses Paquet, in welchem nichts anders als nebengeschlossene
Briefe an mich, Ludwigen und noch viel andere eingeschlossen waren. Derowegen
resolvierten wir uns kurz und gut untereinander, und obschon Isidoro noch in
frischer Trauer begriffen war, dispensierte doch der Geistliche so weit, dass er
mit seiner Liebsten wohl auf die Hochzeit gehen, aber bei Leib und Leben nicht
tanzen dörfte. Demnach satzten wir uns in etliche Gutschen, bei der Hochzeit des
arglistigen Caspar zu erscheinen, weil wir ihm solches ehedessen so gewiss
versprochen, kamen auch auf das Schloss, ehe der andere Tag vergangen.
    Man erwies uns daselber alle mögliche Ehre, und weil uns Caspar ehedessen
auf meiner Hochzeit einen solchen Possen gerissen, indem er sich in verkleideter
Person eingefunden, bezahleten wir ihn mit gleicher Münze; denn Isidoro kleidete
den Schreiber als einen Prinzen heraus und gab vor, wie es ein junger Freiherr
von einem gewissen Stamm wäre, von welchem Monsieur Caspar ehedessen grosse
Promotion genossen hätte. Aus dieser Ursach wurde er gezwungen, dem verstellten
Schreiber alle Ehre zu erweisen, und der Schreiber hatte schon genugsame
Nachricht, sich in alle Sachen zu schicken, ob er schon sonsten ein ziemlich
dummer Narr war.
    Es gingen wohl acht Tage vorbei, ehe die Braut ankam, und wie wir am
gewissesten verhofften, dass sie ankommen sollte, kam Botschaft, sie wäre
heimlich durchgegangen, da sass Monsieur Caspar in seinen weiten Hosen und wusste
nicht, sollte er lachen oder weinen.
 
                                  IX. Capitul.
           Etliche Schüler machen eine artige Musik auf dem Schloss.
 Was oftermals der Gross' nicht kann,
 Darum nimmt sich der Kleine an.
Einen Violinisten verdriesst es nicht ein wenig, wenn ihm eine Saite unter
währendem Spielen entzweireisset und abspringet, aber viel teufelhaftiger muss es
einen Bräutigam verdriessen, wenn ihm seine Braut alsdann entwischet, wenn er sie
mit beiden Händen zu umfangen vermeint. Und wusste Monsieur Caspar nunmehr von
allen beiden Teilen guten Bescheid zu geben, weil er zugleich ein Musicus und
Bräutigam war. Er schickte seinen Kammerdiener auf die Strasse, welcher mit vier
berittenen Knechten der Braut nachjagen und die Abenteuer auskundschaften
sollte. Aber sie konnten nichts sehen noch hören, so sehr sie auch hin und wider
auf den umliegenden Dörfern Kundschaft eingeholet. In einer solchen Verrichtung
kamen sie wieder zurück, und es fehlte nicht viel, der ungeduldige Caspar hätte
sie alle fünf auf eben das Seil aufgehängt, welches wir ihm auf meiner Hochzeit
so sehr mit Teriack beschmieret hatten. Er fragte denjenigen, so ihm die Post
gebracht, wohl tausendmal um die Beschaffenheit, und indem er sich ganz
vergeblich ängstigte, gibt sich die Jungfer Kunigunda zu erkennen, welche eben
der Bot selber war und sich nur aus lauter Spass in solche Kleider gestecket
hatte.
    Habe ich jemals ein grosses Gelächter gehöret, so war es dasjenige, welches
über dieser geschwinden Veränderung auf dem Schloss erschollen. Hiermit ging es
alles in floribus, und mich verdriesst es, alle Particularitäten umständlich zu
entwerfen, weil ich viel andere Sachen vor mir habe, derer ich vor Vollendung
des Tractats werde Meldung tun. Man war vor allen Dingen bemühet, lustige
Spielleute aufzutreiben, aber der Ruf wegen unserer vorigen Disputation hatte
sie alle so feige und eingezogen gemacht, dass wir sie viel weniger bekommen
konnten als die Krambsvögel um Bartolomäi, welches Fest der Schneider Leib-und
Namensfest pflegt genennt zu werden. Derohalben nahmen wir einen andern Mann aus
dem Dorfe, welcher ehedessen eine Ratsschul versehen, auch die Jugend daselber
in litteris informiert hatte. Er brachte vier Schüler mit sich, so ihre Nahrung
tonweise auf dem Land und absonderlich auf den adeligen Schlössern suchten. Die
wischten augenblicklich mit ihren Geigen hinter den Mänteln hervor, und nach
ihnen kamen zwei mit Trompetta-Marinen, welche rechten Landstürzern nicht gar
ungleich sahen.
    Beide Parteien stunden auf dem Saal gegeneinander und machten also ihre
stümperhafte Kunst so gut, dass wirs schwerlich in sechs Dörfern besser würden
angetroffen haben. Necessitas non habet legem, so hiess der erste Schüler, der
andere, so die Violin strich, wurde Emendemus in melius geheissen, den dritten
nannten sie Solamen miseri socios habuisse malorum; der vierte hatte den Namen
Artem quæ vis terra alit, und der Musicus hiess Gallus in arbore sedens, gi gi
li, gi gi li, dicens. In einer solchen Ordnung wiesen wir sie in die
Küchenstube, allwo ihnen Stockfisch und gebratene Hasen vorgesetzet worden. Weil
sie aber vorgaben, dass sie wegen gewisser Devotion geschworen hätten, von ihren
Befreundten nichts zu essen, als wurden sie auf eine andre Art tractiert. Die
zwei Trompetter-Mariner aber speisten wir absonderlich, und damit sie keine
Läuse unter uns brachten, musste der Pfisterer oder Schlossbeck ihre Kleider in
den Backofen schieben und visitieren, ob sie nicht heimliche Puffer und Stilett
bei sich führten. Zumalen uns gar wohlbekannt, welchergestalten dergleichen
Gesellen auf der Strasse mit denjenigen zu hausieren pflegten, über welche sie
getrauten, Meister zu werden, denn bei so beschaffenen Zeiten geigen sie manchem
eine Sarabanda auf, dass er das Hupfen darüber vergisset.
    Inzwischen erschienen alle diejenige, so mir zuvor die Ehre auf Herrn
Ludwigs Schloss gegönnet, neben vielen andern, die Monsieur Casparn aus
sonderlicher Freund- und Bekanntschaft zugetan waren. Meine Liebste liess ich, so
kalt es auch war, auf einem Schlitten über Land herholen, und der Irländer ritt
einen so schlimmen Weg, dass er hoch beteuerte, wie ihn der Schnee und der Wind
bei einem Haar erstickt hätten, so ihm nicht etliche Bauern zu Hülfe gekommen
wären. »Ja,« sagte Monsieur Ludwig, »so wars auch mit meinem Säckel beschaffen,
hätten die Bauern nicht das Beste getan, er und ich wären mit Butzen und Stengel
verdorben.« Vielem Frauenzimmer war fast die Nase samt den Ohren abgefroren, und
es war keine zugegen, welche dazumal von ihrer gefährlichen Reise nicht hätte
können eine Beschreibung in Druck gehen lassen, so sie nur wie ich die Mühe auf
sich wollten genommen und solche so fleissig und umständlich aufgezeichnet haben.
    So kalt es aber war, so steckte doch Ergasto bei dieser Zusammenkunft voller
Feuer und Glut und legte also einen ziemlichen Grund zu einer andern Mariage,
darzu wir ihm alle verhülflich sein wollten. Ich schreibe es dem Frauenzimmer
nicht zum Schimpf nach, aber wahr ist es, als sie vermerket, dass ich in dieser
Sache Unterhändler war, kamen gar viel zu mir und baten mich heimlich, ihre
Person vor einer andern zu recommendieren und an den Ergasto zu bringen. Ob er
schon von keinen absonderlichen Eigenschaften war, so hatte ihn doch eine jede
gern, und war an ihm nichts zu wünschen, als dass er ein Türk gewesen, denn durch
dieses Mittel hätten sie ihm endlich noch alle können zuteil werden. Ich aber
nahm flugs einen Schüler, welcher die beste Stimme hatte, und lernte ihm
folgende Tagweise:
Ein' alte Magd, ein altes Pferd,
Taugt keines nichts auf dieser Erd.
Hätt' ich ein Mann, ich wäre froh,
Wär kurz od'r hoch,
Und solls auch einer sein von Stroh.
Ich lieg die ganze Nacht betrübt,
Weil mich kein Mensch auf Erden liebt.
Hätt' ich ein' Mann, ich gäbe drum
Ein' grosse Summ'.
So heisst es ab'r: Silentium!
Ein Mann, der tät mir ja so not
Als wie das liebe täglich Brot.
Nehmt mich, Ergasto, ich bin reich,
Ich bitte Euch,
Auf dass der Schmerz von mir entweich.
Diese drei Strophen musste mir der Schüler geschwinde auswendig lernen, indessen
sollte mir der Musicus eine Melodia auf die Verse machen. Aber der Schüler sagte
mir, dass er nichts von der Composition verstünde. Deswegen war mein Vornehmen
wieder mit Dreck versiegelt und hätte es auch unterwegen lassen müssen, so der
Schüler nicht selber etwas erdichtet und der Sach ein Färblein angestrichen
hätte. Weil er auch den Bass fiedelte, strich er auf den Saiten das Fundament
oder den bassus ad organum, wie ihn die Musici heissen, welches in der Not
perfect genug kam, denn es ist besser eine Laus in dem Kraut als gar kein
Fleisch. Und also war der Schüler Cantor, Organist, Tenorist und Calcant
zusammen, und wenn ich ihn wegen seiner behenden Hülfe nicht verschonte, hätte
ich ihn noch einen Bachanten darzu geheissen.
    Als ers nun perfect singen konnte, erwartete ich der Nacht, in welcher Zeit
das Beilager zwischen den neuen Eheleuten sehr prächtig vollzogen worden,
welches ich nur darum nicht beschreib, dass ich dem Leser das Maul nicht wässerig
mache. Denn, ob ich schon versprochen habe, nicht die geringste Particularitäten
zu überschreiten, so habe ich doch Erlaubnis genug, dasjenige vorbeizugehen,
welches dem Leser nichts anders verursacht als ein Verlangen nach dem Leib,
dessen blosser Schatten verletzen kann. Weil ich auch in den vorigen Büchern bei
dergleichen hochzeitlichen Zusammenkünften die Tugenden und Laster der Vornehmen
genugsam zu betrachten vorgestellt, ist es nicht unbillig, dass man auch den
gemeinen Leuten, welche sich bei solchen Hochzeiten einzufinden und aufzuwarten
pflegen, ein wenig den grossen Bart putze.
    Ich wollte zwar von dem Musico und den Schülern wie auch von den
Trompette-Marinern viel Dicentes machen und sie abscheulich durch die Hechel
ziehen, wenn ich nicht wüsste, dass ihre absonderliche Schwachheiten ohnedem
weltbekannt wären und man fast auf allen Bierbänken von ihnen plauderte und
schandierte. Und was hätte ich davon, ob ich sie gleich durch alle Figuren in
der Rhetorik beschriebe. Denn es ist keine Kunst, einem Menschen seine Fehler
vorzuwerfen, aber dieses kostet Mühe, seinem Nächsten einen Weg zu zeigen, wie
er sich bessern könne. Wer einen Esel schlägt und ihm nicht dabei weiset den
Weg, wohin er gehen solle, der ist ein ärgerer Esel, als welchen er schlägt. Und
dieses Laster hängt vielen Satyricis gleich einem Härlein an der Feder, indem
sie nur schmälen auf die Laster und aufdecken den Irrweg der Menschen, nicht
zeigend noch weisend auf den Weg der Besserung noch instehenden Tugend. Eine
solche Züchtigung hab ich viel mehr als die Pest geflohen, weil sie nicht
bessert, sondern die Gemüter der Bestraften nur widerwillig gemacht, und also
ist durch ein Übel noch ein grössers entsprungen, und die Laster haben in
Ermanglung des Lichts ihrer Finsternis nachgefolget eben auf dem Pfad, da sie
erst eingetreten.
    Ein solcher Satyricus bin ich nicht und wollte mir viel lieber die Feder in
die Brust als auf das Papier stossen, weil sich in derselben vielleicht mehr
Laster als in allen denjenigen befinden, welche ich durch die Federspitze
angegriffen. So gäbe ich auch durch solches Aufziehen meinem Zweck keinen
geringen Stoss, welchen ich bloss dahin gesetzet, alle Lesende durch dieses Buch
zu ergötzen in einer solchen Zeit, welche das Gemüt des Menschens durch blosses
Ansehen kann traurig und betrübt machen. Aus dem Grund dieses Obgesetztens
erhellet klar und zur Genüge, was ich gesuchet und bis zum Ende des Buches zu
suchen willens bin. Dannenhero schreite ich ohne spanische Schritte zum fernern
Verlauf, damit ich sowohl die Materia als auch meine Feder einmal möge auf die
Seite legen, welche vielleicht dem Leser viel eine grössere Ungeduld in dem Lesen
als mir in dem Schreiben verursachet hat.
    Herr Carander, Faustus und Celinda kamen noch vor der Copulation auf das
Schloss. Dahero ward die Freude um so viel desto grösser, je bessere Freundschaft
sie gegen uns getragen. Man machte sich allentalben mehr denn lustig, und der
Schreiber empfing mehr Ehre als wir alle, weil er nächst der Braut und dem
Bräutigam die Oberstell besass. In dieser Lust verschwand der Tag, und in der
folgenden Nacht marschierte ich mit dem abgerichteten Schüler heimlich in den
Schlosshof, allwo er mir hinter einer Wasserpumpen das obgesetzte Lied absingen
und den Bass darzu fiedeln müssen. Es war dazumal noch kein Mensch zu Bette,
unerachtet man wegen der grossen Kälte nicht lang auf dem Tanzsaale bleiben
können und allgemach zwölf Uhr geschlagen hatte. Dannenhero entstund in den
Zimmern ein grosses Gelächter, und leuchteten gar viel mit den Lichtern aus den
Fenstern, damit sie den Sänger sähen und kennenlernten. Aber wir duckten uns, so
weit wir konnten, hinter die Wasserpumpe, obschon die Bassgeige noch bei einem
Zipflein - wenn anders die Bassgeige ein Zipflein haben kann - hervorguckte.
    Ludwigen und Isidoro gefiel das Lied so wohl, dass sie ganz verstohlens in
ihren Nachtkleidern zu mir in den Hof kamen, und also musste der Schüler von
vornen anfangen und dasselbe aufs neue heruntersingen. Etliche unter dem
Frauenzimmer hielten es vor Scherz, etliche vor eine grobe Kurzweil, etliche gar
vor einen Hauptschimpf. Also findet jede Sache gewisse Leute, von welchen sie
gelobt und von welchen sie im Gegenteil wieder geschändet wird. Absonderlich
aber drang es denjenigen stark zu Herzen, welche sich am meisten dardurch
getroffen befanden. Damit ich aber aus dem Verdacht kam, befahl ich dem Schüler,
dass er nach Vollendung des Lieds sich in der Stille verborgen davonmachte und
sich in seiner Kammer verschlossen hielte. Indessen sprangen wir drei unter
währendem Gesang die Treppe hinauf und redeten gegen das Frauenzimmer hinüber,
welche den Schüler bald einen donnerischen Bärnhäuter, bald etwas anders hiessen.
 
                                  X. Capitul.
  Der Schreiber, so Baron gewesen, macht ein Hochzeit-Carmen. Discurs von der
                              häuslichen Klugheit.
 Wer heute küsst und morgen beisst,
 Vor diesem hüt dich, wie du weisst.
Niemand aber befand sich mehr beschimpft als der Musicus, weil der Schüler wider
seinen Willen und Vorbewusst eine Sach unterfangen, darob das Frauenzimmer wie
die wilde reissische Bären murrte. Ja, ich glaube, er hätte ihm die Bassgeige über
den Kopf geschlagen, dass er mit demselben durch den Boden herausgegucket, wenn
ich nicht der dritte Mann in dem Spiel gewesen und den erzürnten Menschen in
etwas befriedigt hätte. »Monsieur,« sagte ich, »was ist es mehr, ob der Schüler
mit Eurem oder ohne Euren Willen das Lied gelernet, componiert und abgesungen
hat? Dardurch ist Eurer Ehr und Reputation nicht das geringste genommen. Ihr
seid weder klüger noch närrischer dadurch geworden und habt Euch also nur einen
unnötigen Zorn zugezogen.
    Was der Schüler kann, das werdet Ihr ihm nicht nehmen, und es liegt an mir,
dass ich den Schüler zu meinem Kammerdiener mache, so ist er mehr als Ihr und die
Trompetta-Mariner. Er hat dem Frauenzimmer nicht den geringsten Schimpf, aber
mir und allen anwesenden Cavalieren wohl eine solche Dienstleistung erwiesen,
die Ihr zu erweisen nicht im Vermögen gehabt. Sonst wären wir nicht so
irräsonabel gewesen, Eure Person vorbeizugehen und Euch um eine solche Sache zu
ersuchen, die wir Eurem Vermögen nicht gemäss geschätzet. Hiermit wünschen wir
Euch eine gute Nacht, schlaft wohl, und morgen will ich Euch ein Glas Wein
zubringen.« Mit solchen Worten ging ich schlafen. Aber folgenden Morgens, als
ich aus dem Schlaf erwachte, machten sich die mit den Trompette-Marinen schon
tapfer lustig. Sie strichen etliche alte Stücklein von dem Schwedischen Mörser,
und das Geld, so sie vor Calovonium begehret, versoffen sie im Brandewein. Ob
sie auch gleich keinen Groschen in dem Säckel wussten, waren sie doch lustiger
als ich und satzten ihre Hüte auf die Halbe des Kopfes gleich den Sackpfeifern,
die anstimmen wollen.
    Diesen Morgen wurde der Bräutigam samt der Braut trefflich durch das Leder
gezogen. Aber Caspar lachte mich nur aus, vorgebend, dass ihm lang kein solcher
Poss wie mir mit dem Ludwig widerfahren. Als wir aber zu Mittage den Betrug mit
dem Schreiber offenbaret, schämte er sich in dem Herzen, dass er diesem Masculini
so schrecklich und fast alle mögliche Ceremonien erwiesen. Hiermit erhebte sich
ein neues Gelächter, und der Schreiber wurde aller seiner bis anhero gehabten
Dignitäten und Würdigkeiten gleichsam in einem Augenblick entsetzet. Isidoro
befahl ihm hierauf, dem Brautvolk zu Ehren ein Carmen aufzusetzen. Solches
arbeitete er innerhalb einer Viertelstunde aus und brachte solches Concept, ehe
die Tafel halb aus war, zu Tische.
Nil iuvant status splendidi,
Si non habemus Weib.
Qua sine sumus miseri
An unserm ganzen Leib.
In coelibatu vivitur
Wahrhaftig nicht gar wohl,
Ibique male agitur,
Und raro, wie man soll.
Vos ergo cæci monachi,
Wie seid ihr doch so arm!
Absque fæmella stolidi,
Wird keiner von euch warm.
Die Eh' ist gut, ihr wisst es ja,
Nemo negabit hoc:
Habetur caro optima,
Im langen Weiberrock.
Confiteor me labilem
In meiner Liebesnot,
Ni dederis mulierem,
So bin ich morgen tot.
Hanc ego amo unicam,
Ich wollt', sie wär schon da!
Tunc vellem meam fæminam,
Gar bald, et cetera.
Das Frauenzimmer, welches des Lateins nicht kündig, liess sich solches meist von
den Schülern auslegen, weil sie der Verteutschung des Ludwigs wie auch den
andern studierten Edelleuten nicht getrauet. Denn sie wussten, dass wir
unterweilen gar zu teutsch gewesen und in allen Sachen mit ihnen nur gescherzet
hatten. Damit ging auch dieser Tag zu Ende, und in angehender Nacht satzten wir
uns auf die zubereitete Schlitten und fuhren bei brennenden Pechfackeln, dass es
taugte. Ihr viel wurfen das Frauenzimmer mit Fleiss in den Schnee, dadurch man
sehen können, was sie ihr Leben lang in dem Schilde geführet, und
solchergestalten vollendeten wir auch diese Lust, nach welcher wir drei Wochen
aneinander auf dem Schloss zugebracht, welche nicht viel anders als verloren
waren.
    Wir hatten zwischen dieser Zeit dem Monsieur Caspar so viel in der Stube
verzehret, dass fast nichts mehr in seiner Kammer von Mitteln übrig war. Zuletzt
mussten noch etliche Amts-Schweine herhalten, mit welchen er auch alle diejenige
zu bezahlen pflegte, die sich bei seiner Hochzeit mit Aufwartung oder sonst
einem Ämtlein bedient gemacht. Aber etliche waren damit nicht wohl zufrieden.
Derohalben wurde er von denjenigen, von welchen er Wein, Bier, Fleisch und
anders geborget, fast stündlich angelaufen. Es gingen nach diesen drei Wochen
kaum zwei Tage ins Land, da fanden sich schon ein Haufen Mahnbriefe, dass er ganz
ungeduldig darüber war. »Bruder,« sagte er zu mir, »so wahr ich ein ehrlicher
Mann bin, diejenigen Leute, die es am wenigsten brauchen, die lassen mich zum
öftern überlaufen. Du kennest den weisskopfichten Edelmann hinter dem Wald, der
hat weder Weib noch Kind und eine solch stattliche Barschaft an seinen Mitteln,
dass es nicht zu sagen. Jedennoch lässet er immerzu an mir zupfen wie an einem
Bettlersmantel. Nun weiss ich gar wohl, dass die Schulden müssen bezahlt sein.
Aber das unaufhörliche Mahnen macht mich so verdrossen, dass es nicht zu
beschreiben. Vor diesem hat er mir versprochen, mit hundert Talern zu Hülfe zu
kommen. Aber nun lässet er mich vor ein Lumpengeld kaum schlafen noch ruhen,
sondern will wider des Teufels Dank bezahlt sein, und du hast heut selbst
gesehen, dass mich sein Diener, wie die unhöfliche Flegel alle tun, unter euch
allen fein öffentlich gemahnet und die Sache so nötig gemachet hat, gleich als
ob seinem Herrn seine ganze Wohlfahrt daran gelegen. Ich wollte es gern tun,
aber, so wahr ich ein ehrlicher Mann bin, wenn ichs im Vermögen habe. Ja, ich
wüsste nicht sechs Taler bar Geld aufzubringen, wenn ich nicht die Mittel meiner
Liebsten an der Hand hätte, welche ich aber unangefochten lasse. Nur dieses
verdreusst mich zum meisten, dass er mein so guter Bruder sein will und mir acht
oder zehen Taler nicht borgen will. Jeder Mensch braucht zwar das Seinige, aber
einem Freund zu Gefallen wollt' ich den Rock an dem Leibe entbehren und warten,
bis es seine Gelegenheit wäre.«
    »Narr,« sagte ich zu ihm, »was betrübest du dich deswegen. Ich will dir
tausend Taler vorstrecken, und solche Schuld will ich entbehren, solang du nicht
bezahlen kannst. Die guten Brüder sind zuweilen schlimme Freunde, bei dem Trunk
kann ein jeder grosse Sprünge tun, aber wenn sie in dem Werk helfen sollen, so
sind sie lahm und hinken. Ach, dass du solchen Leuten trauest! Du siehest manchen
vor deinen besten Freund an, und ists doch am wenigsten. Ein jeder kann mit
fremdem Gut liebkosen, aber wenn es aus seinem Säckel geht, da ist altum
silentium, heisst: eine lange Kleiderbürste.
    Du guter Freund,« sagte ich weiter zu ihm, »du bist noch kein Hofmann, denn
sonst würdest du wissen, dass nichts Nötigers zur Ruhe sei, als keinem Menschen
von Herzen vertrauen. Ja, mir selber darfst du nicht alles glauben, denn in
diesem bestehet die Erkenntnis der Vergnügung, welche nur deswegen bei so vielen
ausbleibet, weil sie gar zu viel auf andere gebauet haben oder noch bauen. Ein
Mensch ist zwar dem andern zu helfen geboren, und in diesem Stück ist ein Mensch
des andern sein Gott. Aber sie verlassen diese Majestät so oft als Jupiter, wenn
er mit Menschen gebuhlet. Dahero werden sie leichtlich aus Hilfsgöttern
Plageteufel, welche darnach viel mehr peinigen, als sie geholfen haben. Wenn du
willst mit Ruhe leben, so siehe zu, dass du alle deine Schulden, je eher je
besser, bezahlest; denn dardurch wälzest du dir einen grossen Stein von dem
Herzen, welcher sonst viel Jahr von deinem Leben abfrisst und in sich gleich
einem Schwamm verschlucket. Ehe dass du borgest, leide lieber Not, denn ein
bezahltes Stück Brot schmeckt besser als ein geborgter Braten, welchen ich nicht
zu bezahlen im Vermögen habe. Vors ander so schenke nichts vergeblich hinweg und
sei nicht gar zu gastfrei, denn solang du aufträgst, bist du ein wackerer Kerl,
kommst du aber in die Armut, achtet dich kein Mensch mehr. Ja, nicht allein
deine beste Freunde, sondern deine Brüder und Schwestern verachten dich und
spotten deiner, wo sie können. Darum behalt das Deinige zusammen, weil du nicht
weisst, wann eine schlimme Stunde kommt. Darum ist es besser, du machst dich vor
der Not gefasst, als dass du dich in derselben erst zu rüsten verlangest. Ein
Soldat, der vor der Schlacht sich in dem Harnisch exercieret, ist in dem Streit
desto gefasster.«
    »Wahrhaftig,« sagte Monsieur Caspar zu mir, »so will ichs machen. Deine
Lehre ist nützlicher als der ganze Discurs, den wir zeit meiner Hochzeit
untereinander geführet haben. Ich weiss der Exempel mehr, dass solche Herren,
nachdem sie in Abschlag geraten, nicht allein von ihren vorigen Freunden,
sondern von ihren gewesenen Dienern und Knechten hernachmals sind verlachet und
verspottet worden. Wer sich zuvor mit Wasser versiehet, der kann in der
Feuersgefahr desto besser löschen. Hierbei entsinne ich mich, was einem
berühmten Kaiser begegnet. Derselbe, als er sich eine Braut beilegte, sagte er
das erstemal zu ihr: tota es formosa, du bist ganz wohlgestalt. Er zog darauf
hin und schlug seine Feinde aus seinen Grenzen, nach welchem gloriosen Sieg er
wieder zurückkehrte, aber seine Kaiserin mit einem heftigen Fieber eingenommen
antraf. Ihre vorige Gestalt war durch diese Krankheit dergestalten verschwunden,
dass er sie beinahe nicht mehr gekannt. Sagte derohalben zu ihr: periit facies
tua, meine Schöne, wollte er sagen, deine Gestalt ist ganz dahin, sie ist
vergangen und verloren.
    Eben also heisst es auch mit vielen guten Freunden. In dem ersten Anblick
kann man zu ihnen sagen: totus es formosus: mein lieber Freund, du bist ganz
aufrichtig, ganz verträulich, ganz freundlich und liebreich. Währt es eine
Zeitlang und kommt etwan ein kleiner Krieg darzwischen, so verändert sich die
schöne Gestalt in eine hässliche Fieber-Krankheit und heisset alsdann: facies tua
periit: mein Freund, dein Gestalt, das ist deine Aufrichtigkeit, deine
Redlichkeit, deine brüderliche Liebe, ist vergangen, facies tua periit, deine
Hülfe ist verschwunden, facies tua periit, du bist nicht mehr der alte Teutsche.
Und dieses ist auch eine unter den Plagen, welchen der Mensch auf dieser Erden
unterworfen ist, indem sich des Menschen Wandel gleich einem Rad an dem Wagen
herumdrehet, da alle Teile bald unten, bald oben, bald wieder auf der Seite
stehen, und also der ganze Mensch nichts anders ist als ein ringer Ball, mit
welchem das Glück so lang spielet, bis der Zwirn reisst.«
    Unter währendem Gespräche hörten wir schon die Schlittenpferde angeschirren.
Derohalben machte sich jeder aufs beste zur Abreise bereit, und ehe wir
voneinander schieden, bat ich Monsieur Caspar, er möchte mir vertrauen, ob die
Geschicht, welche er von seinem Leben auf meiner Hochzeit erzählet, in der Tat
geschehen oder ob es nur eine Geburt der Phantasie wäre. Darauf gab er mir zur
Antwort, dass sie einem jungen Studenten in der Tat selber widerfahren, welcher
deswegen die Flucht genommen und sich vierzehen Wochen auf diesem seinem
Schloss aufgehalten und hernachmals seinen Weg weitergenommen hätte. Dieses war
mir ein genugsamer Bericht, denn, in der Wahrheit zu gestehen, so habe ich mir
über seiner damaligen Erzählung tausend Einbildungen gemacht.
 
                                  XI. Capitul.
    Artige Eröffnung der Geschicht wegen der Gräfin in dem Bade, und wem sie
     eigentlich begegnet. Ein gar zu scharfer Richter kriegt von einer Hur
                            wunderseltsame Antwort.
 Ein andrer hat die Schlacht getan,
 Ein andrer trägt den Ruhm davon.
Dazumal stieg die Sonne schon etwas höher, und die Jungen hörten allgemach auf,
die Schuhe mit dem Eisfahren zu verderben, als wir aus dem Schloss schieden.
Der Irländer gab uns das Geleite, und unerachtet wir geglaubet, bei seiner
Hochzeit zu erscheinen, war doch alles noch in weitem Felde, weil seine
Affection gegen seiner Liebsten diesen Winter ziemlich eingefroren war. Soviel
man auch von ihm vermerken konnte, hatte er solchen Vorsatz gänzlich auf die
Seite gesetzet, denn er war entschlossen, ein Capucinermönch zu werden oder aber
gar einen Eremiten und Einsiedler zu agieren. Er sagte, dass er nächst seinem
Schlösslein einen bequemen Ort zur steten Wohnung auserwählet, in welcher ihn
kein Mensch möchte zu sehen bekommen. Das Schloss wollte er zu einem Spital der
reisenden Personen machen, und er wollte indessen eine lange und weite Wallfahrt
tun.
    In solchem Discurs schieden wir voneinander. Isidoro konnte sich ob dem
schnellen Beginnen des Irländers nicht genugsam verwundern, weil er sonsten sein
Leben lang ein lustiger Kopf gewesen und jederzeit viel vom perfecten
Frauenzimmer gehalten. Ich hielt mich nebenst meiner Liebsten nach seinem
Hinscheiden noch drei Tage bei dem Isidoro auf, und dorten mussten uns
unterschiedliche abgedankte Soldaten, welche sich mit ihren Abschieden vor dem
Tor angemeldet, ihren Lebenslauf erzählen, davon ich allein ein ganzes Buch
auszuarbeiten hätte. Nach solchem nahm ich vor diesmal von Isidoro Urlaub und
schied mit meiner Liebsten aus dem Schloss, hatte auch ziemliche Zeit, weil ich
sonsten gewiss meinen Schlitten auf einen Wagen legen und mich samt demselben
hätte müssen über Land führen lassen, denn das Wetter tauete allentalben auf.
Und solchergestalt kam ich gleich noch zu Hause, da es Zeit war.
    Sobald ich abgestiegen, sagte mir der Schreiber, dass ein Student auf mich
wartete, welcher ein paar Wort mit mir zu sprechen verlangte. Ich liess ihn vor
mich, aber sein Anbringen bestund in nichts als in Begehrung eines
Zehrpfenniges, welchen er bei so beschaffner Zeit höchst nötig hatte. Das
meiste, so mich contentierte, war, dass er überaus artig Latein redete, und allem
Ansehen nach war er ein singularer Kopf. Er vermeldete unter anderm, dass er
ehedessen von denen von Adel grossen Favor genossen und sich bei einem
aufgehalten hätte, welcher Caspar geheissen. Demselben sei er willens, auch vor
dieses Mal zuzureisen und sich bei demselben um einzige Condition zu bewerben.
Aus diesem vermerkte ich, dass es der Student sei, von welchem Monsieur Caspar
seine erzählte Geschicht entlehnet, bekam dahero um so viel desto grössers
Verlangen, ihn als den Principaln von der ganzen Sache reden zu hören, worzu er
sich gar leichtlich verstanden. Fing also auf mein Begehren folgenden Discurs
an:
    »Monsieur, die Fortun treibt mich gleich einem Schiff au dem Meer herum ...«
(Hiermit erzählte er die Geschicht von Wort zu Wort, wie sie der Seilfahrer im
fünften Capitel des dritten Buches erzählet.) » ...Und als ich die silbern
Spitzen verkaufen wollen, wurde ich von dem Cavalier, welcher sie gekannt, ins
Gefängnis gesetzet und hart geschlossen.« (Diese Erzählung beziehet sich auf den
Ausgang des sechsten Capitels im dritten Buch.) »In diesem Gefängnis lernte ich
erkennen,« sagte der Student weiter, »wie einer schrecklichen Gefahr sich die
geilen Gemüter zu unterwerfen pflegen, denn ich wurde gleich einem Dieb
angehalten, der ich doch nicht war. Wollte ich nun ausser der Gefahr sein, so
musste ich notwendigerweise bekennen, wie es mit den Spitzen beschaffen sei. Denn
weil ich von der Gräfin keinen Genuss mehr zu hoffen hatte, wollte ich wegen ihr
mein Leben nicht so schändlich verlieren, denn es ist gewiss, dass man mich ohne
Gnad und Barmherzigkeit an den lichten Galgen aufgehangen hätte. Dahero machte
ichs kurz und gut, wenig achtend, es möchte hergehen, wie es wollte. Die Sach
wurd ad referendum angenommen; und bald darauf brachte man eine Hure zu mir ins
Gefängnis, die hatte in der Welt eine ziemliche grosse Freundschaft gestiftet,
weil sie gar viel mit Schwägerschaft zusammen verwandt gemacht. Dieser
schändliche Lasterbalg wurde gegen mir über geschlossen, und dahero sah ich
augenscheinlich, in was ehrbare Gesellschaft die leidige Sucht der Hurerei zu
leiten pfleget.
    Ich beseufzete mein Unglück recht schmerzlich und wünschte, dass ich die
Gräfin all mein Lebtage mit keinem Auge angesehen hätte. Bald darauf wurde die
angeschlossene Hure durch den Richter examinieret, welcher noch ein junger und
scharfer Herr war. Sie bekannte ihm viel Stücklein, welche sie ausser der Stadt
begangen. Weil er aber daran keinen grossen Fisch zu fangen wusste, nötigte er ihr
gar viel Sachen heraus, die sich in und zwischen den Bürgern derselben Stadt
zugetragen.
    Er liess nach einem langen Register der Missetäter doch nicht nach, sondern
satzte noch schärfer an sie als jemals zuvor. Als sie nun sah, dass es unmöglich
konnte verschwiegen bleiben, so gab sie diese Antwort: Gestrenger Herr Richter,
weil Ihr ja alles recht wissen wollet, so muss ichs mit der Wahrheit gestehen,
dass ich gar nichts wegen meines begangenen Übels verhalten will. Hört demnach
fleissig zu und schreibt es ja ordentlich ins Buch. Der erste, so bei mir
geschlafen und mich als eine Hure gebraucht, der ist Euer Vater gewesen, als er
da und da noch Schreiber war. - Was, sagte der Richter, mein Vater? - Ja,
antwortete die Hure, Herr Richter, es ist nicht anders, Euer Vater ist der erste
gewesen, der bei mir geschlafen hat. Ich kann nicht sagen, wie sich der Richter
vor denen geschämt, die als Notarii an dem Tisch gesessen. Und weil sich die
Magd einen Eid darauf zu tun erklärte, gab der Richter vor, sie wäre närrisch
und ihrer Sinnen beraubt, liess sie los und sagte, wo sie ein einziges Wort
deswegen bei dem gemeinen Mann ausbringen würde, wollte er sie auf den
Scheiterhaufen werfen lassen.
    Dazumal wurde ich gewahr, was die Affecten bei einem Richter vermöchten, der
seiner selbst nicht allzeit mächtig ist, und in dieser Verwirrung hatte ich die
beste Gelegenheit, mich von meinen Fesseln loszumachen und heimlich aus dem
Gefängnis zu entweichen. Stieg demnach ganz heimlich zum Fenster hinaus und
machte mich also in der Nacht auf und davon, bis ich in dem Schloss obgemeldten
Caspars angelanget, der mich vierzehen Wochen in Versichrung hielt. Auf solches
begab ich mich, gleich einem Handwerksgesellen verkleidet, wieder unter die
Leute, ob ich schon von der Stadt, darinnen ich gefangen worden, eine ziemliche
Ecke abwich. Aber man sagte allentalben, wie der Graf seine Gemahlin wegen
meiner abscheulich zerprügeln und die Baderin zu dem Dorf hätte ausjagen lassen,
weil sie solche Kupplerei unterfangen hatte.
    Die elende Gräfin ist bald darauf aus Schmerzen gestorben, und der Graf kann
keine Braut mehr kriegen, so sehr er auch darum beschäftiget ist. Aber, wie man
insgemein davon redet, so will er wieder eine vom Adel nehmen, die nicht viel
zum Besten hat, und dieses geht endlich noch an, denn das Frauenvolk ist nicht
gern allein. Und ob sich manches Frauenbild schon klug zu sein gedünket, sind
ihrer wenig doch nicht mächtig genug, sich selbst das Beste zu raten,
absonderlich in einer solchen Sache, die den jungfräulichen Stand aufhebet. Aber
sie wird ärger anfahren als der Richter mit seinem Hurenexamen.«
    Mich verwunderte die Erzählung des Studentens nicht ein geringes.
Absonderlich aber kam es mir seltsam vor, dass ihn die Gräfin lieben können, weil
er ein ziemlich ungehobelter und unförmlicher Mensch war, gedachte dahero an den
Ergasto, welcher mir eben an diesem Ort erzählet, dass auch die Veronia viel
lieber mit groben als subtilen Leuten zu tun gehabt, dardurch sie sich nur
selber zuschanden gemacht und jedermann ins Maul gebracht hat. Er erzählte mir
beinebenst noch unterschiedliche Stücklein, die er als ein Schüler mit den
Mägden und andern Weibspersonen vorgehabt, aber, wie ich schon zuvor
geschrieben, ich will aus so schändlichen Taten keine Gelegenheit nehmen,
diejenigen zu ärgern, welche dergleichen Bücher nur darum lesen, auf dass sie
sich nicht so wohl vor dem Laster hüten als demselben erst beflissen nachfolgen
möchten.
 
                                 XII. Capitul.
   Ein Student muss das Examen rigorosum wider seinen Willen auf offenem Felde
                                   ausstehen.
 Die grossen Diebe laufen weg,
 Der kleine kriegt die meisten Schläg.
Hierauf eröffnete ich dem Studenten meine Meinung und schickte ihn mit einem
Recommendation-Schreiben an den Caspar, weil er ihm zu seinem Vorhaben
bestermassen konnte beförderlich sein und ihm auf eine Pfarr zu helfen gar wohl
vermochte. Er bedankte sich wegen meiner Gratification, aber es ging dem armen
Teufel sehr wunderlich.
    Unterweges kam er an ein Schloss, in welchem ebendesselben Tages ein
Præceptor schröckliche Insolentien begangen. Er hatte sich erstlich vollgesoffen
und hernach alle Fenster in dem Schloss ausgeschlagen, weil ihm der Edelmann
schon ein halbes Jahr keinen Pfenning Geld gegeben hatte. Dieses Spiel hat der
Præceptor wohl eine Stunde getrieben und dergestalten auf seinen abwesenden
Herrn geflucht und schandiert, dass sich die Balken hätten biegen mögen. Endlich
hat er sich gar unterstanden, die Edelfrau mit dem Stock zu prügeln, und hat ihr
gedrohet, wo sie ihm das restierende Geld nicht bezahlen wollte, so sei er
entschlossen, ein Licht zu nehmen und das Schloss anzubrennen. Die Frau ist über
solches Beginnen von Herzen erschrocken, gab ihm also das Geld und wünschte
tausendmal, dass doch ihr Herr bald nach Hause kommen möchte. Als der Præceptor
das Geld empfangen, machte er sich damit unsichtbar und stahl mehr denn vor
zwanzig Taler Sachen aus dem Schloss. Dieses geschah um Mittag, und abends kam
der Edelmann nach Hause, welcher die Zeitung in grossem Zorn angehöret. Er satzte
sich mit seinem Knecht alsobald wieder zu Pferd, dem Gesellen nachzurennen und
einzuholen.
    Nun traf das Unglück ebendiesen ehrlichen Studenten, welcher mir kurz zuvor
seine Geschicht so ausführlich erzählet. Und weil er dem Præceptor des Edelmanns
nicht viel ungleich gesehen, prügelte ihn der Edelmann in der Furia auf der
Strasse herum, dass es taugte, und hiess ihn einen Hunds- etc. über den andern. Was
sich der Student dazumalen eingebildet, kann der Leser bei sich selbst
betrachten, wie ihm zumut wäre, so er ohne Ursach mit solchen Tractamenten
unversehens überfallen würde. Er hielt ihn erstlich vor einen Soldaten, welcher
die reisenden Leute auszurauben pflegte. Deswegen sprang er in seinem Mantel
herum, dass man ihn von ferne gar leichtlich vor eine Windmühl hätte halten und
ansehen können. Endlich gingen dem Edelmann die Augen auf, und als er hinter den
Betrug kam, setzte er den Studenten auf seines Knechtes Pferd und versprach, ihn
wegen dieser unvermeinten Pastanade allerehestens zu promovieren. Also wurde der
Student wider seinen Willen zum Magister geprügelt, denn die darauffolgende
Woche machte er ihn zum Pfarrer in dem Dorfe, und der Student konnte sich billig
rühmen, dass er sein Examen rigorosum wacker ausgestanden hatte.
    Ich dachte, ich müsste mich über diese Begebenheit fast krank lachen, weil
mir der Student seine wunderliche Promotion mit gar artigen Umständen durch ein
Schreiben zu wissen gemacht, welches ich von Wort zu Wort hier anzeichnen
wollte, so mich nur diejenige Materi, welche ich im folgenden Sechsten Buch zu
tractieren habe, nicht davon zurückhielte. Denn was sind dergleichen Briefe
nütz, als dass man dadurch die Zeit verderbt und weniger als nichts damit zu
verstehen gibt. So schreibe ich auch dieses Buch keinem Bauern, welchem es viel
besser tut, wenn er das Kot von seiner Pflugschare zu säubern weiss, als ob er
die Verwicklungen dieses Tractats künstlich auflöse und auswendig lerne, sondern
ich habe sie geschrieben solchen Köpfen, die fähig sind, aus der Begebenheit des
Studentens selbst einen Brief zu schmieden und in den Gedanken vorherzusehen,
wie und auf was vor eine Art das Schreiben an mich eingerichtet müsse gewesen
sein.
    Und was ist es nütze, die Historienbücher mit solchen Sachen zu erfüllen,
die nur Verdriesslichkeit verursachen? Und obschon einem oder dem andern dardurch
einziges Wohlgefallen erwiesen wird, ist es doch bei den meisten eine
unvorsichtige Weitläuftigkeit, welche von dem Hauptzweck abweichet und aus einer
eitlen Glorie entspringet, seine Feder dardurch grosszumachen und zu zeigen, dass
man auch in der Schule gewesen und die Nase in die Bücher gestecket habe. Vors
andre, so ist es auch keine geringe Wahnsinnigkeit, in dergleichen Schriften
aufzuzeichnen, wie die Cavaliers und Damen, item andere Standespersonen
gegeneinander Ceremonien geschnitten und was sie neben ihren Höflichkeiten vor
ein sonders Wortgepränge angestellet. Denn ob ich gleich schreibe und aufsetze
eine solche Hofrede, die an dem Ort im Schwang geht, da ich schreibe, wird sie
doch an einem andern nicht vor gut oder auf das wenigst nicht vor bräuchlich
gehalten, und wenn ich wegen gewisser Ursachen nicht zurückhielte, wollte ich
dergleichen Sachen einen ganzen Catalogum hiermit anzeichnen, welche in
unterschiedlichen Büchern zum höchsten Verdruss der Lesenden angewendet worden.
    Aber der Grund solcher Schriften bestehet nur in der eitlen Hoffart der
Gemütsneigung, weil die meisten meinen, es wäre eine grosse Unvorsichtigkeit,
wenn sie nicht auch in dem kleinsten Tractat all ihre Scienz und Wissenschaft,
all ihre locos communes und memorierte Sentenzen der Heiden sowohl als anderer
Scribenten, item all ihre eingebildete und affectierte Höflichkeit, all ihre
zierliche Wortstellung und dergleichen anbrächten und also an das allgemeine
Tagelicht übergäben. Aber ich habe mich im Gegenteil weit eines andern
beschlossen, weil ich weder dir noch einem andern zu Gefallen grosse Orationen
ausspintisieren werde, indem ich eine Sache und nicht Worte tractiere. Derowegen
soll die Sach nicht mit Worten, sondern die Wort mit Sachen angefüllet sein,
denn die Wort verderben die Zeit viel mehr, da sie hingegen durch die Sachen
verkürzt wird.
    So habe ich auch in diesem Buch allentalben kurz abgebrochen und keinen
Discurs eingeführt, welcher immerzu in einerlei Terminis oder gar zu lange ist
gehalten worden. Lange Comödien sind blosserding vedriesslich, so angenehm auch
die Materi an sich selbst ist, denn es hat mir nicht beliebt, unterschiedliche
Unterredungen auszusinnen, vermittelst welchen ich solche Schrift zu zieren
verlanget. Nein, in der Wahrheit nicht, sondern ich bin geblieben bei ebendiesen
Worten und Formalien, die man dazumal in unserer Compagnie gebrauchet, weil ich
solche weder zu gelehrt noch zu einfältig gehalten, dass sie wohl jedermann
möchte vorgetragen werden.
    Widrigenfalls sei der Leser versichert, dass ich durch Veranlassung der
häufigen Materien, von welchen hierinnen gehandelt wird, einen grossen Herculem
auszuarbeiten wohl getrauet, wenn ich nicht gewusst, dass solche Bücher die
angenehmsten seien, welche aufs wenigste innerhalb drei oder vier Tagen bei
müssiger Ruhe könnten ausgelesen werden.
    Ist demnach mein Vorhaben, weiterzuschreiten und zu vermelden, wie es sich
mit der Gräfin Veronia geendet, weil ich weiss, dass hiervon einzige Nachricht zu
haben nicht unangenehm sein werde demjenigen, welcher ohnedas gern in den
Liebessachen herumgrübelt. Es bilde sich aber beileib kein Frauenzimmer ein, dass
ich in Darstellung der Veroniæ groben Hurerei irgendeiner an ihrer Ehre zu nahe
getreten, denn ein solches Vorhaben ist von meiner Feder jederzeit entfernt
gewesen, welche sich nichts mehrers wünscht, als von dem Frauenvolk günstig
angeblickt zu werden, ob ich schon in der Wahrheit kein sonderlicher Liebhaber
noch närrscher Galan bin, welche die meiste Zeit vergeblich anwenden, indem sie
auf nichts mehr als ihre eigene Narrheit studieren und wegen eines stinkenden
Stück Fleisches oftermalen ihre ewige Wohlfahrt verscherzen und mit Füssen
treten.
    Ich wollte mich auch viel lieber in einen Finger beissen, als eine Sach von
einer so hohen Dam ausgeben, welche doch in der Wahrheit nicht kann hoch
geheissen werden, weil sie sich durch ihre Untugend ihres eignen Adels verlustig
gemacht und sich also weit unter den gemeinen Stand hinuntergesenkt, indem sie
keinen Scheu getragen, das Mittel, vermittelst welchem der Adel blühet, nämlich
die keusche Tugend, aus der Obacht zu lassen und ihren Leib mit vielen tausend
Hurenstücklein zu besudeln. Ich wollte, dass ihr diese Schrift unter Augen
gebracht würde, und sie müsste alsdann, durch ihr eigenes Gewissen überzeugt,
bekennen, dass nicht das vierte Teil ihres Missverhaltens in solcher aufgezeichnet
worden, mit welchem ihr noch eine grosse Gunst durch mich, als den Urschreiber
dieser Histori, erwiesen worden. Aber ob ich gleich gegen einer solchen nicht
gnädig bin noch den Ruhm haben will, einem lasterhaften Menschen zu
favorisieren, werfe ich doch nur deswegen die gröbsten Stücke ihrer heimlichen
Liebs-Practiken auf die Seite, auf dass sich nicht irgendein unschuldig Gemüt
daran ärgere und also aus Eröffnung einer stinkenden Pfütze viel andere giftige
Schlangen heraussteigen und eine gute Meinung kein übel Ende nach sich ziehe.
 
                                 Sechstes Buch
                                  I. Capitul.
                      Was Crispan vor ein Filzhut gewesen.
 Der Geizhals kargt im Lebenslauf,
 Hängt endlich sich mit Juda auf.
Auf demjenigen Schloss, welches mir mein Vater zum Heiratgut verehret, bestellte
ich einen Meyer, daselber nebenst der Haushaltung zugleich gute Obsicht auf
das Mühlwasser und die Wiesmater zu haben, welche mir jährlich einen merklichen
Beizins trugen. Und ich muss gestehen, dass ich zwischen Verfertigung dieses Buchs
gar oft ab und zu geritten und unterweges viel tausend Grillen und Schnaken
gefangen.
    Unterweilen pfiff ich auf solcher Reise etliche Reiterstücklein, und weil
mein Knecht ein Steiermärker war, musste er mir unterwegs erzählen, wie es die
Mägde in seinem Dorf zu treiben pflegten und wieviel er sein Lebtag beschlafen
hätte. Da hörte ich, dass der Mauskopf in dergleichen Begebenheiten viel ein
besser Glück als mancher vom Adel gehabt, und war noch um so viel desto
glückseliger, weil ihn seine Courtesien nicht halb soviel gekostet als einem
meinesgleichen, indem sich zum öftern manch armer Schlucker an den Huren fast
zum Bettler gespendieret und sich zuletzt wider seinen Willen zwischen den Ohren
gekrauet.
    »Ich bin«, sagte mein Knecht, »nicht weit von Grätz bei der Haupt-Vestung in
Steiermark erzogen, und der Edelmann in dem Dorf hatte die Gerechtigkeit, wegen
einer alten Leibeigenschaft die Bauernknechte und andere Kinder, so daselbst
geboren worden, ohne Entgelt in seine Dienst zu nehmen. Ach, Herr,« sagte er
weiter zu mir, »derselbe Edelmann ist ein Filz, ich weiss aber nicht, lebt er
noch oder nicht. Lebt er aber nicht, so ist er ein Filz gewesen, dergleichen
wenig auf der Welt gelebt haben. Es traf mich schon das Unglück, dass ich ihm in
meiner Jugend aufwarten müssen, und weil er denn gar zu geizig war, mussten die
Bauern in dem Dorfe zusammenschiessen und mir eine Liverei machen lassen. Wenn
ich aber in die Schenke kam und die Bauern getrunken waren, gab mir dort einer
eine Kappe und da wieder einer eine, wurde also in meiner Jugend halb gehörlos
geschlagen, und dahero prügelte mich der Edelmann ingleichen, so ich nicht
geschwinde verstehen konnte.
    Ah, ha, ich hab mich oft scheckicht gelacht, wenn der Edelmann Briefe
bekommen, denn er sparte derselben so viel zusammen, bis er eine ziemliche
Anzahl in eine kupferne Pfanne legen und das Petschier- daraus brennen konnte,
mit welchem er andere Briefe versiegelt. Aus welchem man klar sehen können, was
vor ein erschrecklicher Geizteufel den Edelmann besessen. Ich müsst es wohl als
ein Sapraments-Bärnhäuter lügen, wenn ich sagte, dass ich das ganze Jahr einen
Tropfen Bier zu trinken bekommen, es sei denn, dass mir die Base des Edelmanns
ein Becherlein gegeben, dergleichen er allezeit über Essenszeit zwei
auszutrinken pflegte. So ungeschickt und tölpisch ich aber mit meinem Herrn
umgegangen, schlug er mich doch nur mit der Hand. Denn er hatte das Herz nicht,
seine Peitsche zu gebrauchen, weil er geforchten, solche an mir zuschanden zu
schlagen, und also hätte er vier Groschen vor eine neue auslegen müssen.
    Er hielt nur ein einziges Pferd und schickte allentalben in dem Land herum,
obs nicht einer oder der ander auf ein paar Tag entlehnen wollte. Alsdann musste
er ihm durch solche Zeit zwei Gülden geben und dem Bauern, welcher mitgeloffen,
ein Trankgeld spendieren, welches er ihm auch abnahm, und also mit seinem Ross
allerlei Groschen und Pfenninge erwarb. Er hat sich gar oft in dem Kopf
gekratzet, wenn er gesehen, dass die Mägde den Hühnern zu essen gaben. Aber die
Eier suchte er in den Ställen selbst zusammen und hatte doch das Herz nicht,
eins zu essen, sondern liess es auf den Wochenmarkt tragen und teuer genug
verkaufen. Einsmals zählte er wohl fünfzig einer Bauermagd in den Korb, aber sie
fiel unterweges über einen Stein und zerbrach sie alle auf der Strassen. Da liess
er ihr all ihre Kleider nehmen, und solche behielt er so lang in Verwahrung, bis
sie die fünfzig Eier wiedergutgemachet.
    Es ist gewiss, dass kein Mensch grössern Zahnschmerzen als eben er erlitten.
Und dennoch ist ihm das Geld so lieb, dass er viel ehe vor Schmerzen sterben als
nur den geringsten Heller vor ein Wässerlein auslegen wollen. Einsmals liess er
das Dach decken, und als es ihm an einem Arbeiter mangelte, schickte er zu dem
Pfarrer und liess ihn bitten, er möchte dieselbe Stell ersetzen. Alle seine
Fenster bestunden in Papier, und kann wohl schwören, dass ich auf dem Schloss
mit nichts als mit demselben zu tun gehabt, weil ich bald einen Fleck
herunterreissen und wieder einen hinanpappen müssen. Hat also der Edelmann mit
einem halben Metzen Mehl all seine Glasscheiben versehen und erhalten können.
Aber es ist nicht zu sagen, wie das Frauenzimmer und andere darauf geschmälet
und gestochen haben, wenn sie etwan von grossem Regen oder sonst von einem
Ungewitter überfallen und daselbst einzukehren genötigt worden. Sonsten würde
wohl kein Mensch zu ihm gekommen sein, es sei denn, dass sich etliche an seiner
Lebensart zu kitzeln verlanget, die viel eine grössere Filzigkeit in dem Schloss
erfahren, als man ihnen zuvor gesagt hatte.
    Ich denke es noch wohl, dass er schröcklich verliebt war, und so ungeschickt
ich sonsten bin, habe ich ihm doch alle seine Künste leichtlich abmerken können,
weil er bei seiner Filzigkeit ziemlich ungeschickt war. Er hat sich auf
keinerlei Weise zu verehlichen getrauet, aus grosser Furcht, gar zu viel dardurch
zu verlieren. Denn er sagte gar oft, er müsste sich die Augen aus dem Kopfe
weinen, wenn er ein Kind zum Erben bekäme. Und mit solchen Hudeleien hatte er
ohne Aufhören zu tun und musste sich nicht allein von seinesgleichen
Standespersonen, sondern auch von Niedrigen, ja sogar von seinen Bauern selber
durch die Hechel ziehen und auslachen lassen.
    Er kam einsmals auf eine Hochzeit, nicht als ein Gast, sondern als ein
verkleideter Zuseher, weil er gehöret, dass es auf solcher überaus stattlich
hergehen sollte. Diese Hochzeit ging auf einem Schloss vorüber, und ich musste
mit ihm über Feld gehen, weil er sich als ein Schulmeister angekleidet, welchen
Habit er noch von seines Grossvaters Urahnherrn geerbet hatte. Denn sein
Geschlecht hatte lauter solche saubere Zweigen getragen, und wenn man sie alle
miteinander zu Markt gebracht hätte, glaub ich schwerlich, dass jemand vor die
ganze Gesellschaft einen Batzen würde gegeben haben. Wir kamen gleich dazumal zu
der adeligen Hochzeit, als man schon zu tanzen anfing. Und weil ich wegen meiner
Liverei gar bald erkannt war, fragten mich die Cavalier, was mein
schabhalsichter Junker Guts machte und ob er die Läuse noch um den Balg zu
schinden pflegte.
    Pfui Teufel, sagte einer zu mir, es ist schad, dass du bei dem Erzsparmunkes
aufgezogen wirst. Der Bärnhäuter ist nicht wert, dass er den Namen vom Adel
führet, weil er billig aller Knickhansen Lieutenant kann genennet werden. Der
Hosenscheisser soll sich in den Arsch hinein schämen, dass er solchen Geiz
treibet, davon die ganze Welt zu sagen und sich zu kitzeln weiss, und ich
selber will allerehestens ein solch Buch über den leichtfertigen Schabhansen
ausgehen lassen, davor er erschrecken soll. Ich glaube, der Teufel reitet ihn
mit Haut und Haar, und könnte ich ihn nur einmal an einem bequemen Ort anpacken,
ich wollte ihm das karge Fell dermassen zerklopfen, dass er an einen
Rechtschaffenen von Adel gedenken sollte. Alle diese Wort redete der von Adel in
Beisein meines Herrn, welchen er doch wegen verstellter Kleidung nicht gekannt.
Dahero fing mein Herr an zu zittern und zu beben, weil er geglaubt, der
Hochzeitgast würde ihn gar an den Hals schlagen. Aber zu allem Glück wurde ein
neuer Tanz aufgestrichen, dardurch der vom Adel verhindert wurde, meinem Herrn
die Laudes weiter herunterzulesen, welches er sonsten in der Wahrheit nicht
würde gesparet haben. Denn er hatte ein recht verschnapptes Maul und redete die
Wort nicht anders als unter einer Garnwinde heraus, ob er schon in diesem Stück
einen schlechten Verstand bewiesen. Denn was hat es ihn angegangen, dass mein
Edelmann geizig gewesen? Er hat dardurch nichts verloren und nichts bekommen,
ist auch weder klüger noch närrscher worden.
    Ja, sagte mein Herr, als wir wieder zurück vom Tanzboden gingen, Jost, mein
lieber Jost, das mag wohl ein Hundsfutt sein, der mich so geschimpft hat. Ach,
hätte ich meine rechte Kleider angehabt! Ich wollte dem Flegel die Feige
gewiesen haben. Es ist gleich gut, dass er mich nicht gekannt hat. Oh, wie will
ich mich noch so gelegen an ihm rächen! Heute will ich vier Bauern an der Strass
aufpassen lassen. Ich kenne ihn schon, ich kenne ihn schon, oh, ich kenne ihn
schon! Er ist ein ehrbarer Vogel, ein Prahlhans ists, sonst nichts. Er macht
einen Haufen aus sich und ist alles schuldig. Wenn er in die Compagnie kommt, da
lässt er sich sehen wie ein Narr. Und wenn er nur neun Pfenning vor eine Kanne
Bier hergeben soll, so zeucht der Narr eine ganze Hand voll Geld hervor, damit
die Leute sehen sollen, dass er auch bei Mitteln sei. Aber zu Hause hungert seine
Frau doch wohl, und ich hab es schon erfahren, dass er seine zwei Diener auf die
Dörfer herumschicket, den Bauern die Hühner hinwegzufangen. Oh, der
Hühnerfänger! Hol ihn der Teufel samt seinem Reichtum! Das ist ein Bärnhäuter,
das ist ein Hundsfutt! Er heisst mich einen Schabhalser, o du Schabhalser
selber in deine Haut hinein!
    Könnte ich fechten, oh, wie wollte ich ihn auf die Goschen stossen, dass ihm
seine Frauenzimmer-Zähne herausspringen sollten! Ei, ei, was bin ich doch vor
ein Narr, dass ich die Ringkunst nicht kann. Wett der Teufel, wie wollte ich ihn
wider den Boden werfen, dass ihm die Kniescheiben in Trümmer zerspringen müssten!
O Jost, o Jost, dass du ihn nicht ins Gesicht geschlagen hast und geschwind
davongelaufen bist! Du bist wohl ein rechter Hundsfott gewesen. Ich gedachte
aber: Herr, weil Ihrs nicht getan habt, so seid Ihr einer! - O der Galgenschelm,
fuhr er fort, wie hat er mich nicht an meinen Ehren angegriffen. Oh, hätte
dieses mein seliger Herr Vater gewusst, ich glaub, es sollte ihm recht
schmerzlich weh getan haben. Aber, basta, basta, ich kann borgen, kommts heut
nicht, so ists morgen. Wer weiss es, wie sich der Handel füget. Hat mich wohl der
Teufel auf die Hochzeit geführet und kein guter Engel. Dasmal auf eine Hochzeit
gangen und keinmal mehr, ich möchte mir vor grossem Zorn die Haare gleich aus dem
Kopfe reissen!
    Mit solchem närrschen Gespräche vertrieb mein Herr den Weg bis zu seinem
Schloss mit sich selber, und ich musste hinter ihm von Herzen lachen, dass er so
gar artige Anschläge hatte. Als wir ins Schloss gekommen, bestallte er alsobald
vier Bauern auf ebendie Strasse, da der Edelmann vorbeireisen musste, welcher
zuvor sehr wider ihn geschmälet hatte. Ihr Bauern, sagte mein Herr zu ihnen,
werdet ihr euch wohl halten und wacker zuschlagen, so verehre ich euch einen
Groschen zu Bier und lasse euch eine Stunde auf meiner Kegelstatt umsonst
bosseln. Diese ungemeine Freigebigkeit des Edelmanns machte die Bauern mächtig
mutig, nahmen also ihre Dreschflegel zur Hand und gingen hin auf die Strasse,
nachdem ihnen mein Herr zu einer bessern Courage einen Becher Bier von einer
halben Mass einschenken lassen.«
 
                                  II. Capitul.
  Er lässt einen vom Adel prügeln. Wird von etlichem Frauenzimmer besucht. Ihre
                 Complimenten vor dem Tor. Wunderlicher Duell.
 Gleich wie man schreiet in den Wald,
 Also das Echo widerhallt.
»Diese Abgesandte verrichteten ihre Sache gar wohl und gaben vielleicht mehr
Schläge aus, als ihnen der Edelmann zu tun befohlen. Konnte sich auch mein Herr
nicht genugsam erfreuen, als er gewahr worden, dass etliche ganz mit Blut
bespritzet vor ihm erschienen. Er sprang vor Freuden in die Höhe wie ein
Ziegenbock, und sie mussten ihm alles haarklein erzählen, wie sich der Geprügelte
angestellt oder was er zu ihnen geredet hätte. Allein, sie konnten ihm nichts
anders berichten ausser, dass sie ihn übers Pferd abgeworfen, ihm die Dreschflegel
über den Buckel geschmissen und das Pferd zu Tod geschlagen hätten. Ja, sagte
einer, wie einen Frosch haben wir ihn zudroschen, und wären ihm nicht etliche zu
Hülfe kommen, wir hätten ihn gar mausetot geschlagen. Aber wir entsprangen noch
zu unserm grossen Glück in einen Busch, in welchem sie uns nicht nachreiten
konnten, ob sie schon mit zwei Pistolen hinter uns drein geschossen haben.
    In diesem Gespräch kam eine Gutsche voll Frauenzimmer in das Schloss, welche
auf der vorbeschriebenen Hochzeit gewesen und gehört hatten, wasgestalten dieser
Orten ein so karger Filz lebte, als einer möchte anzutreffen sein. Deswegen
waren sie vielmehr aus Spass als aus einer andern Ursach gekommen, den Edelmann,
als meinen Herrn, zu besuchen, damit sie die abenteuerliche Mär in rechten
Augenschein nehmen möchten.
    Sie kamen gleich vor dem Schlosstor an, als ich mit ihm daselber unter zwei
grossen Linden spazierengegangen. Weil er nun sein Schulmeisters-Kleid nicht
ausgezogen, kannten sie ihn auch nicht, sondern fragten ihn, ob der karge
Lumpenhund, der Edelmann Kratzfilz, zu Hause wäre oder nicht? Ja, sagte er, er
ist zu Hause und wartet nur auf eine Gutsche voll abgefeimter Huren. Wenn ihr es
seid, so könnet ihr nur hineinfahren. Hieraus erkannten sie, dass ers selbst war,
hiessen den Gutscher umkehren und sagten ihm ins Gesicht, dass sie die Zeit ihres
Lebens keinen so garstigen Flegel und groben Erz-Bachanten als eben ihn nicht
gesehen noch gehört hätten. Seht doch, sagte er, leckt mich doch alle woanders,
ihr garstigen Seichtaschen! - O du Schabhalser, schrie eine aus der Gutsche, du
bist nicht wert, dass dich eine Laus beisset! Hiermit fuhren sie schnell fort und
hiessen ihn einen Hutzelnager und er sie hinwider Erzhuren. Also ruften sie
beiderseits so lange mit Ehrentituln zu, so lange sie aneinander hören konnten.
    Seht mir doch die stolzen Bachstelzen an, sagte er zu mir, wie sie so
geschwind in dem Harnisch sind. Ich glaub, der Teufel will sich gar an mir
reiben. Oho, sie fressen mich mit ihrem Gespötte noch lange nicht! Und wer weiss,
wer den andern begräbt, die Hunde fressen auch Fleisch. Narren, Narrenpossen! O
ihr Rabenäser, ihr Aschebrätel, ihr flöhsichtigen Gabelhexen! Ihr habt Zeit
gehabt, dass ihr davongefahren seid, sonsten wollt ich euch den Kratzfilz
gemusiciert haben, ihr Erz-Sackpfeifen! Es wird euch kaum ein Paar Handschuh
verehret, da fangt ihr an zu stolzieren, ihr reiche Narren! Oh, dass euch ja der
Teufel euer Schimpfen eintränkte! Hab ich das um euch verdient? Habt ihrs Herz,
kommt mir wieder! Dem heutigen Galgenvogel habe ich schon gewiesen, wieviel es
auf der Uhr ist. Wüsste ich nur, wer ihr wäret, ich wollte euch garstige Teufel
so abklopfen lassen, dass euch der Filz zu Augen und Nasen ausspringen sollte,
ihr stinkende Ledersäcke! Da machen die Narren ein Prahlen daher, und wenn man
ihnen die Röcke aufhebt, so haben sie zerrissene Hemder an! Ja, der Teufel müsste
mich reiten, dass ich eine vom Adel nehme! Nein, nein, ich weiss es viel besser,
jenseit der Bäche sind auch Leute und vielleicht viel besser als ihr, ihr
Bettratzen!
    Heissen mich die Donnerhuren einen kargen Lumpenhund und, was noch mehr ist,
auch einen Kratzfilz darzu! O ihr Lumpenhunde selber, ihr seid Lumpenhund und
nicht ich! Ihr wisset noch nicht, was die Gesparsamkeit vor eine Tugend ist, ihr
lasterhafte Leute. Seht doch, seht doch, sie heissen mich einen Kratzfilz, ach,
dass euch doch weiss nicht wer in dem Hintern kratzte, ihr garstige Lochtauben.
Ei, dass ich nicht ein Schwert habe, welches eine Meil Weges lang ist, ich glaub,
ich wollte euch zerhacken wie die kleine Rüben! In solchem Gespräche, das er
abermal mit sich selbst führte, schickte er mich zu seiner Base, damit sie
nichts zu essen machte, weil er mit erschrecklichem Zorn und Widerwillen
eingenommen war. Und als ich ihr die Ursach erzählet, wie es ihm sowohl auf dem
Tanzboden als vor dem Schlosstor gegangen, verwunderte sie sich nit gross darüber,
weil sie wohl wusste, wie schändlich der gemeine Pöbel von seiner Haushaltung zu
reden pflegte. Mein lieber Jost, sagte sie zu mir, die Hudelei meines Vettern
ist gar zu bekannt. Wenn du erst recht dahinterkommen wirst, alsdann kannst du
mirs besser glauben, als ich dirs sagen kann. Ich hab mir schon meine Rechnung
gemacht, gehts mir an, so frag ich nichts darnach.
    Ich wusste nicht, was sie durch diese Red wollte zu verstehen geben, aber
hernach erfuhr ich die Auslegung mehr als zu viel, muss dahero alles nach der
Ordnung erzählen, auf dass der Herr hören kann, wie artig es auf dem Schloss
abgelaufen. Derjenige Edelmann, welcher von den vier Bauern aus Anstiftung des
kargen Filzes so jämmerlich zu Schaden gekommen, hat endlich die Abenteuer
ausgekundschaftet, und weil er hiervon gewissen Grund hatte, schickte er meinem
Herrn folgenden Brief: Ein Beschimpfter vom Adel wünschet dem Erzschurken
Crispan alles Unheil über den Hals, welches einem Bärnhäuter unter der Sonnen
begegnen kann. Hiermit mache dich fertig zum Scharmützel, oder du sollst dein
Schloss samt dem Dorf innerhalb zwei Stunden in der Flamme sehen. Was dich dein
Schulmeister nicht mit der Rute gewiesen, das will ich dir mit dem Degen weisen,
und das Fell, welches dir die Bärnhäuterei an geleget, das will ich dir mit
meinen Händen über den Kopf herunterreissen, du aller Schelmen Erzschelm! Ich
werde nicht ruhen, bis ich deinen Leib mit tausend Wunden durchstossen. Alsdann
sollen denselben die Raben unter dem Himmel auffressen, und mit Pflugscharen
will ich deinen Sitz umackern lassen, wie vor diesem zu Troja bräuchlich
gewesen, wenn ohnedem deine Wissenschaft sich bis ausser das Dorf erstrekket.
Hiernach wisse dich zu richten, in einer halben Stunde bin ich vor dem Tor.
    Diesen Brief brachte ein Laquay, und sobald er ihn übergeben, nahm er seinen
Abschied, mit Vermelden, dass sein Herr in grossem Zorn entbrannt und ehestens auf
einem Schimmel erscheinen würde. Nach solchem Bericht ging er wieder zurück, und
meinem Herrn war wegen dieser unverhofften Herausforderung so angst, dass er sich
nicht zu resolvieren wusste, was in diesem Fall zu tun sein möchte.«
 
                                 III. Capitul.
Jost erzählet seinen Lebenslauf. Ludwig und Isidoro probieren einen Diebsgriff.
 Wir sind oft Freund nur mit der Zung',
 Das Herz denkt wie des Goldschmieds Jung'.
»Ich habe von derselbigen Zeit an keinen so lustigen Spass all mein Lebtag
gesehen. Denn dem armen Crispan wurde je länger je übler um das Herz, also dass
er sogar den Pfarrer deswegen um Rat fragen liess, ob er sich mit gutem Gewissen
in ein so schröckliches und gefährliches Gefechte einlassen dörfte oder nicht.
Aber der Pfarrer war zu grossem Unglück anitzo gleich nicht zu Hause, weil er
einen Wassersüchtigen besuchen müssen, welcher allgemach zu himmeln anfangen
wollte. Deswegen nahm er ein ander Mittel vor die Hand, indem er entschlossen
war, alle Bauern in dem Dorfe aufzubieten, derer nicht mehr als etwan ihr sechs
darinnen waren. Aber dazumal war es gleich in der Saatzeit, hatten also alle mit
ihren Pferden auf den Äckern zu tun, welches dem verzagten Crispan vor grosser
Furcht noch nicht zu Sinnen kommen war. Er fragte hierauf bald mich, bald seine
Base um einen tauglichen Rat, aber ich war nicht gewachsen, ihm hierinnen einen
sichern Ausschlag zu geben, ob ich gleich von Herzen gewünschet, dass ich doch
von meinen verdriesslichen und hundsfüttischen Diensten einmal los würde. In
solchem Zustande kam der Dorfwirt in das Schloss, welcher etlich Stroh kaufen
wollte, seine neue Scheune damit zu bedecken. Aber mein Herr, ob er wohl dem
Geiz ziemlich ergeben war, liess er doch vor diesmal den Handel mit dem Wirt
fahren und fragte ihn vielmehr um ein taugliches Mittel, seiner instehenden
Gefahr zu entgehen. Der Wirt war ein ausgestochener Vogel und sein Leben lang
mit solchen Ränken umgegangen, dass nichts drüber. Er wusste gar wohl, dass Crispan
keine Courage hatte, deswegen machte er ihm die Sache noch so gefährlich.
    Mein lieber Herr, sagte er zum Edelmann, Ihr habt Euch gar an dem Rechten
verbrannt. Es ist kein solcher geübter Fechter im ganzen Land, und Ihr habt noch
nicht so viel gebratne Hühner gefressen, als viel wackere Kerls er an den Degen
gespiesset hat. Ich wollte wahrhaftig nicht tausend Taler drum geben, dass ich
anitzo an Euer Stelle wäre, denn ich fürchte, Ihr dörft eine Wunde davontragen,
darüber Ihr des Aufstehens vergesset.
    Ich glaub es gar wohl, sagte der Edelmann, aber ist denn ganz kein Rat vor
mich zu finden? - Herr, antwortete der Wirt, besser ist vor diesmal nichts, als
dass Ihr Euch vor dem Tor künstlich in eine Schlingen, dergleichen ich eine zu
Haus habe, aufhängt. Dann wird Euer Widerpart nicht allein über solchem Eurem
Beginnen eine grosse Gewissensangst empfinden, sondern angesichts wiederum
zurückreiten, wo er hergekommen. Euer Schlossgesind aber und ich wollen vor dem
Tor heulen und klagen, und solchergestalten könnet Ihr die Gefahr mit lachendem
Munde abwenden.
    Es ist kein geringer Vorschlag, sagte der Edelmann, welcher den Wirt mit
zusammengeschlagenen Händen bat, nur bald zu der Sache zu tun und die Schlinge
anher zu bringen, weil der Provocant keine Viertelstund mehr ausbleiben würde.
Auf solches sprang der Wirt über Hals und über Kopf nach der Schenke zu und
brachte die Schlinge mit sich, welche von gutem Pfundleder zusammengestochen
war. Er legte solche dem Edelmann auf die Unterkleider, und wir brachten ihn
insgesamt auf einer Leiter auf das Schlosstor hinauf, allwo ihm der Wirt das
Gesicht mit Nussfarb überschwärzet, welches das Ansehen gab, als wäre ihm das
Blut schon gänzlich gestocket. Es war sich zu verwundern, wie artige Lectiones
der Wirt dem Edelmann gab, wie er sich recht naturell darzu anstellen, wie er
den Kopf neigen und wie eine artige Henkerspostur er machen sollte, und schien
fast, der Wirt wäre entweder schon einmal gehängt worden oder würde auf das
wenigste noch gehangen werden, denn er richtete den Edelmann so meisterlich ab,
dass wir endlich selber gezweifelt, ob er noch lebte oder nicht, wenn er nicht
zu unterschiedlichen Malen gefragt hätte, ob der Provocant schon daherritte oder
nicht. Er rufte immer: Ist er da? Ist er noch nicht da?
    Aus diesem konnten wir leichtlich schliessen, dass ihn die Furcht trefflich
quälen musste, denn er bat uns, dass wir ihm in der Gefahr ja treulich beistünden,
er wollte alsdann ein Viergroschenstück nicht ansehen, sondern unser im besten
gedenken. Nach solcher Vermahnung sprengte der Edelmann mit zwei Laquayen schon
gegen das Schloss, und wir fingen ein abscheuliches Hunds- und Wolfsgeheule vor
dem Tor an. Der Wirt lief mit dem Kopf immer wider die Mauer, gleich ob er toll
und töricht wäre. Desgleichen trieben auch wir andere wunderliche Schosen, und
der Provocant blieb endlich nebst seinen Dienern mit Verwunderung stehen, indem
er allgemach mit Augen ansehen konnte, warum wir ein so jämmerliches und
klägliches Spiel getrieben.
    Ihr armen Leute, sagte er zu uns, wer ist dieser aufgehängte Mensch? - Ach,
mein lieber Herr, sagte der Wirt mit einem grossen Seufzer, unser Edelmann! Damit
lief er wieder an die Wand, dass es taugte, und die andern baten den Edelmann um
Rat, was sie mit dem Erhängten anfangen sollten. Ihr habt euch nicht zu
betrüben, antwortete er, über einen solchen Menschen, der euch nur mit Schanden
und Unehr regieret hat. Ihr habt an ihm keinen von Adel, aber wohl einen solchen
Bachanten verloren, dergleichen die Welt nie getragen hat. Vor vier Tagen liess
er mir durch etliche Bauern auf der Strasse aufpassen, welche mich nicht allein
in dem Trunk ganz kraftlos geschlagen, sondern mir noch darzu mein bestes Pferd
zuschanden gemacht. Eine solche Büberei hat dieser euer Herr angestellet und hat
dadurch keinen bessern Tod verdienet. Und zu meiner Revanche will ich ihm diese
Kugel noch in den Leib jagen, und sollte ich dadurch in das grösste Unglück von
der Welt geraten. Mit solchen Worten zückte er die Pistole und zeucht den Hahn
über.
    Als dieses der hangende Crispan erblickte, rufte er in der Schlinge und
schrie um Gnad. Der Provocant sagte: Wie, ist es auf diesem Schloss der Gebrauch,
dass die Tote reden? Der Wirt merkte, dass seine Invention zu Wasser worden,
deswegen nahm er die Flucht seinem Hause zu, und wir folgten ihm bald nach,
indem sich einer hier, der ander dort in das Schloss verstak. Als aber der
Provocant hinter den Betrug geraten, zerprügelte er den Crispan, welcher sich in
der Schlinge weder regen noch wehren konnte, dergestalten, dass er die Hosen um
ein merkliches vergüldete.
    Zwischen solcher Action hatte der Schreiber und die Base in dem Schloss alles
in eine Lade zusammengepacket und das meiste Silbergeschmeid samt dem Geld
hinweggestohlen. Und weil ich bei so beschaffenen Zeiten meinen besten Vorteil
ersah, lief ich auch heimlich davon, und die andern stahlen, was ihnen am
nähesten war. Dergestalten blieb kein Mensch zurück, welcher ihm von der
Schlinge hätte helfen können, ohne dem Wirt, welcher ihn halb tot
heruntergeschoben und zu sich in sein Haus genommen hat. Wie es weiter
abgelaufen, kann ich nicht berichten, denn ich kam zu einer alten Edelfrauen auf
ein einschichtiges Schlösslein, welche mich nur deswegen aufgenommen, weil ich
schon eine Liverei am Leibe hatte. Deswegen konnte ich mir leicht die Rechnung
machen, dass ich so lang in Diensten bleiben würde, als lang dieselbe nicht
zurisse noch in Stücken ginge.«
    Diese Erzählung, welche mir mein Knecht Jost nicht ohne sonderlichem
Zeitvertreib vorgestellt, brachte mir eine ziemliche Ergötzung, daraus ich
verstanden, dass es mir und meiner adeligen Compagnie nicht allein, sondern auch
bei andern Leuten wunderlich zu gehen pflege, nur dass mans nicht allezeit wüsste
noch diejenige Leute kennete, welche oftermalen eine grössere Abenteuer als uns
selber betroffen. Weil demnach meines Knechts wunderliche Zustände nicht
unangenehm zu hören waren, wollte ich vernehmen, wie es mit ihm bei der Alten
vom Adel abgelaufen, aber wir waren ganz unvermerkt so nahe an das Gut geraten,
dass ich nun nicht mehr genug Raum hatte, seinen Worten ferner Audienz zu geben.
Sagte ihm dahero etliche Lehren, welche er aus seiner Relation ziehen sollte,
item, was der Geiz vor ein abscheuliches wildes Tier sei. Und damit ritten wir
zum Meierhof hinein.
    Der Meyer war von Herzen froh, dass ich selber in Person angekommen, denn
er hatte sich schon fertiggemachet, mir entgegenzureisen und anzudeuten, was vor
eine grosse Gefahr sie gestern abends in der Nacht ausgestanden. »Euer Gestreng«,
sagte er zu mir, »kommen zu allem Glück hier an, denn gestern kam ein Dieb in
den Schafstall, welchen wir erwischet und in einem Keller an zwei Ketten
angeschlossen haben.« - »Ha, ha,« sagte ich, »den Raubvogel muss man rupfen!
Saget mir, ists ein Soldat, oder wer ist der Dieb?« - »Das wissen wir nicht,«
antwortete der Meyer, »aber wir hatten alle zu tun, ehe er sich gab. Es war noch
einer bei ihm, der ist davongelaufen und hat immer gelacht, dass wirs noch übers
Feld herüber hören können.«
    Ich dacht, ich müsste den Dieb gleichwohl sehen und ihn nach Gestalt der
Sachen gerichtlich einziehen lassen, ging also in den Keller, und als der Meyer
die Tür eröffnet, sagte der Angeschlossene zu mir: »Bruder, du hast Zeit, dass du
selbst kommest.« Über diese Wort sprang ich vor Verwunderung wieder zurück, denn
es war Monsieur Ludwig, und ich konnte mich unmöglich entalten, sondern
prügelte den Meyer samt seinen Knechten in dem Keller herum, dass nichts darüber.
Aber Ludwig hiess mich innenhalten, vorgebend, dass sie das Ihrige getan und mit
ihm nicht unbillig verfahren wären. Aber in der Nacht hätte ihn ein Poltergeist
ausdermassen erschreckt. Man machte ihn alsobalden los, und ich umfing ihn mit
tausend Freuden. Er aber konnte des Lachens nicht mehr satt werden.
    Hierauf gingen wir in ein absonderliches Zimmer, allwo er mir erzählet, wie
er gehöret, dass ich mich einsten auf hiesigem Gut aufhielt, »und,« sagte er
weiter, »weil ich dazumal einen abgedankten Soldaten bei mir hatte, welcher von
unterschiedlichen Practiken zu schwätzen wusste, liess ich den Isidoro zu mir über
holen, weil ich wusste, dass er ein sonderlicher Liebhaber von dergleichen Händeln
war. Der Reiter erzählte uns einen Haufen, wie man künstlich stehlen sollte, und
unter andern sagte er, dass, wenn man ein Loch in einen Schafstall gerissen und
wissen will, ob der Schäfer oder der Bauer darinnen vor dem Loche stehe und
aufpasse, so solle man einen Hut an dem Degen oder auf einem Stock hineinstossen.
Wäre es nun Sach, dass jemand aufpasste, so schlüge er zu, könnte man sich also
wieder dahin begeben, woher man gekommen. Vernähme man aber keinen Schlag, so
sei es ein Zeichen, dass niemand in dem Stall sei, welcher die Schaf verwachte.
    Nun muss ich bekennen, dass mich dieser Diebsgriff ohne Unterlass gekützelt,
ich denkte Tag und Nacht auf Gelegenheit, dieses Stücklein zu practicieren und
in das Werk zu richten. Weil ich nun die Gelegenheit deines hiesigen Gutes
allerbestens darzu erkieste, kam ich gestern gar spät mit Isidoro über Feld, und
als wir das Haus schon zugeschlossen fanden, stiegen wir an deinem Schafstalle
vom Pferd, nicht anders meinend, als das gelernte Reiterstücklein zu exercieren
und dir eine Recreation zu machen. Isidoro schlug mit seiner mitgebrachten Axt
ein grosses Loch in die Wand, und ich steckte den Hut wohl zwölfmal nacheinander
hinein, wurde doch nicht gewahr, dass jemands darinnen aufpasste. Es war auch
niemand darinnen. Als ich nunmehr selbst hineingeschloffen war und dem Isidoro
die Schafe und Hämmel hinausgeben wollen, machte der Mauskopf das Loch zu, und
kurz darauf erwischte mich der Meyer mitten in dem Stall, und ist nicht zu
sagen, wie ich mich mit seinen Leuten herumgeschlagen, ehe sie mich an die
Ketten geschlossen. Dieses ist also der Verlauf, und ich will dem Meyer noch
darzu ein Trankgeld schenken, dass er so wachbar gewesen und mich so
festegehalten.«
    Über dieser Erzählung habe ich mich viel mehr zerlachet als noch über eine,
welche in diesem Buche begriffen ist, aus welcher zu sehen, dass man sich vor
allem Frevel fleissig in Obacht nehme. Denn in solchen Zuständen laufen auch die
Allerunschuldigsten in die Gefahr, und die es am besten meinen, tragen die
meisten Schläge davon. Aber dieses verwunderte mich allermeistens, dass ihn
Isidoro so plötzlich verlassen und gleich einem Diebe die Flucht genommen hatte.
Deswegen schrieben wir ihm einen Brief, und als er den dritten Tag darauf bei
uns anlangte, trieben wir unsern gewöhnlichen Scherz trefflich miteinander, und
Ludwig versprach, allerehestens die ganze Geschieht in eine Comödia zu fassen
und solche auf seinem Schloss agieren zu lassen.
    Nach diesem machten wir uns noch acht Tage nacheinander lustig und
vertrieben die Zeit auf allerlei Art und Weis, die zu erdenken war. Weil sich
auch Ergasto allernächstens mit einer Ausländischen vom Adel, und zwar auf
Isidori Schloss, verehlichen würde, als machte sich jeder bereit, auf derselben
Zusammenkunft rechtschaffen lustig zu sein. Inzwischen passierte ich meine Zeit
mit Zoten und spanzagelte mit ihm auf der Mühle, weil er in solchem ein
sonderlicher Meister und Altgesell war.
 
                                  IV. Capitul.
   Jost kommt zu einer Alten von Adel. Wie es ihm mit ihrer Tochter gegangen.
 Was man in jungen Jahren treibt,
 Im Alter selten aussen bleibt.
Nach ihrem Abschied blieb ich noch etlich wenige Tag auf dem Gut, in welcher
Zeit ich dem Meyer Nachricht gegeben, wie er künftigen Frühling die Kühe- und
Schweinställe samt den neuen Miststätten zurichten sollte. Und weil ich wohl
sah, dass ihm, das Werk auf diesem Hof allein zu führen, etwas zu schwer fallen
wollte, ward ich entschlossen, mich um einen tauglichen Hofmeister umzusehen,
welcher hierinnen die Inspection führen und meine Rechnungen führen sollte. Nach
solcher Anordnung ritt ich mit meinem Josten wieder zurück. Und weil ich noch
voll Verlangen war, zu hören, wie es ihm bei der alten Edelfrauen gegangen, fuhr
er in seiner hinterlassenen Erzählung weiter fort und sagte:
    »Ich habe Euer Gestreng mit mehrerem erzählet, wie und auf was Art der karge
Edelmann als mein erster Herr in der Schlinge ist zerprügelt worden, auch wie
etliche unter uns, insonderheit aber ich, von dem Schloss hinweggekommen.« -
»Ja,« sagte ich, »das hab ich alles von dir vernommen. Darum sage nur fort, wie
es dir bei der alten Couranie, nämlich der Edelfrauen, ergangen.« - »Nun,« sagte
der Knecht, »so vernehmet mich weiter. Zuvor sagte ich, dass sie mich nur wegen
meiner Liverei aufgenommen, und dahero hatte sie mich so lang in Diensten, als
lang mir solche an dem Leibe sitzen geblieben. Aber nach einem halben Jahr jagte
sie mich wieder hinweg, zwischen welcher Zeit ich hinter manches Stücklein
gekommen.
    Sie hatte eine Tochter, die war nicht allerdings plasy.« - »Was ist das,«
sagte ich zu dem Jost, »plasy?« - »Das ist so viel,« sagte er, »als nämlich, sie
war vor dem Loche nit allerdings sturmfrei, denn sie löffelte trefflich gern,
und weil ich ein einfältiger Jung war, musste ich ihr allerlei Buhlbrieflein
austragen. Ein Alter vom Adel, welcher nit weit über das Feld hinüber wohnete,
hatte sich am allermeisten an sie gehangen. Aber das Mädchen zog ihn nur bei der
Nase herum und narrte ihm gar viel Spendaschien ab, welche sie hernach eines
Schulmeisters Jungen verehrte, der in der Kirche auf der Orgel gesungen hat.
Dieser war achtzehen Jahr alt, und kam ihm allgemach die Weiberandacht an, als
sie ihm allerlei Gelegenheit gab, seinen Mutwillen zu treiben. Aber der
Schreiber war dem Jungen deswegen aus lauter Eifer so gehässig und widersinnig,
dass er allerlei Schelmstück bei der alten Edelfrauen von ihm vorgab, auf dass sie
ihn aus dem Dorf jagen möchte. Die Tochter sagte es dem Jungen wieder, und der
Jung sagte es dem Schulmeister. Darüber kam der Schreiber mit dem Schulmeister
in einen Zank und von dar gar zu guten Kopfnüssen, indem sie oft wie die
giftigen Hunde aneinander angefallen und sich über Tisch und Bänke herumgerissen
haben. Der Bierbrauer in dem Schloss war noch ein Junggesell und dachte
vielleicht auch öfter an die Tochter als an sein Malzhaus. Und weil sie zu
solchen Händeln leichtfertig genug war, hätte sie sich leicht an ihn gehänget,
bis der Jäger auch zum Brett kam; und ich kann schwören, dass sie mich gar oft zu
sich ins Bett geleget, besonders wenn ihre Frau Mutter an dem Stein krank lag,
mit welchem Zufall sie ziemlich angefochten worden. Denn zur selben Zeit musste
die alte Hausfrau Ursel bei ihr wachen, und also gab die Tochter vor, sie
fürchtete sich so sehr alleine. Aber sie verbot mir doch, weder ihrer Frau
Mutter noch einem andern Menschen etwas davon zu sagen.«
    »Jost,« sagte ich, »wie tat dirs denn, wenn du bei ihr lagst?« - »Ha,«
antwortete er, »wie sollt mir gewesen sein? Ich habe dazumal wenig oder gar
nichts um die Sache gewusst. Aber das weiss ich noch wohl, dass sie mich oft eine
halbe Stund aneinander geküsset und mir an dem Leib hin und wider gegriffen,
gleich als wollte sie mir die Flöhe abfangen. Aber ich war halt gar zu eine
kleine Kröt, deswegen wusste ich nicht, meinte sie es böse oder gut mit mir. Mein
liebes Kind, sagte sie, du bist gar zu fein zu einem Bauerjungen. Ich wollte,
dass du grösser wärest, du sollst flugs Schlossverwalter und hernach mein Mann
werden.« - »Jost,« sagte ich, »der Vorschlag war gut.« - »Ja, Herr,« antwortete
er, »aber es wurde nichts daraus, sonst sässe ich besser als anjetzo.« - »Jost,«
sagte ich, »wie hiess die Tochter?« Er antwortete: »Herr, sie hiess Veronia und
ist hernach gar eine Gräfin geworden, habe sie aber seit meiner Jugend nimmer zu
sehen bekommen.«
    Aus dieser Erläuterung verstund ich mit einem rechten Stich durch das Herz,
dass ebendiese die Veronia sei, von welcher der geneigte Leser schon einen
ziemlichen Particul eingenommen. Deswegen liess ich ihn fortfahren, denn mir war
nicht unbekannt, dass sie schon in frühzeitiger Jugend ein schlimmes Leben
angefangen, ob ich schon noch niemalen so artig hinter die Sprünge gekommen.
»Jost,« sagte ich, »fahre fort! Mein Jost, fahre fort! Wie ist dirs denn weiter
mit der Veronia gegangen? Hatte sie dich denn trefflich lieb?« - »Ei, Herr,«
antwortete er, »überaus.« - »Wie alt war sie denn?« fragte ich. »Dreizehen
Jahr«, antwortete er. »Wie alt warest denn du?« fragte ich weiter. »Ich war kaum
acht Jahr alt,« antwortete der Jost, »aber ich hatte es doch gar gern, dass sie
mich hin und wieder abgeklaubet hat. Und sooft sie mich zu ihr gelegt, schenkte
sie mir des andern Tages gar viel süsse Nonnen-Fürzlein, derer ich so viel
gefressen, dass ich fast eine Äbtissin davon gehofiert habe.«
    »Pfui, garstig,« sagte ich zu ihm, »du bist ein rechter grober Flegel.« -
»Ja, Herr,« antwortete er mit lachendem Mund, »sie schmeckten mir gleichwohl gar
zu gut. Aber einsmals soff sie mich, ehe wir uns zu Bette legten, in gutem Weine
sternblitzvoll, und ich weiss wahrlich nicht, wie sie dieselbe Nacht mit mir
umgegangen. Aber des andern Morgens wurde ich gewahr, dass ich das Bett über und
über ganz verunreinigt und besudelt hatte, denn ich liess hinten und vorn von mir
gehen. Und damit die Sache verschwiegen blieb, stackte die Tochter die Bettücher
heimlich ins Secret und nahm stracks ein anders Paar aus dem Schrank, weil sie
in dem Schloss zu allen Kisten und Kasten die Schlüssel bei sich hatte.
    Es ist nicht zu beschreiben, wieviel sie Freier gehabt. Denn sie wurde je
länger je schöner, bis sie endlich in ein stattliches Frauenzimmer gekommen, und
das geschah noch vier Wochen zuvor, ehe mich die Alte vom Adel wieder
hinweggejaget, weil sie mich zu keiner Sache gebrauchen können. Sie gab mir
nicht mehr als drei Groschen zur Wegzehrung. Deswegen weinte ich auf dem Weg die
bittersten Tränen, weil ich nicht gemeint hätte, dass sie mich so schlecht
abfertigen sollte. Ach, gedachte ich, wäre doch die Veronia nicht so bald
hinweggezogen! Diese hätte dir wohl einen schönen Ducaten verehret, aber nun ist
es zu spät. Wüsste ich, wo sie wäre, ich wollte stracks zu ihr. Was fang ich nun
an? Ich habe kein Geld, ich habe kein Kleid, ich habe keinen Dienst und darf
nicht wieder heim in das Dorf. Ja, gedachte ich, du musst halt hingehen, wo dich
der Weg hinträgt, es sei gleich auf- oder abwärts. In einem solchen Zustand ging
ich einen ziemlichen Umschweif. Und wenn mich hungerte, bettelte ich mich bei
einem Bauern zu Gast, war es aber in einer Stadt, so suchte ich meine
Gelegenheit anders.
    Nichts wundert mich mehr, als da ich einsmals in eine Stadt kam, bettelte
ich zu einer adeligen Dam über das Fenster hinauf. Sie liess mich gar zu ihr
kommen, und dorten fragte sie mich alles aus, wer mein Vater war, wie meine
Mutter hiesse, wie alt sie wären, wo ich gedienet hätte, wer mir die Liverei
machen lassen und dergleichen. Als ich nun auf alles Bescheid gegeben, dass mein
Vater Martin und meine Mutter Anna hiesse und dass sie allgemach über funfzig Jahr
alt wären und so fort, da bekam sie Lust, mich weiter zu examinieren, wie ichs
auf den Schlössern gemacht hätte, ob es nicht schönes Frauenzimmer darauf
gegeben. Hiermit erzählte ich ihr, wie ichs mit der Veronia oder wie sie es
vielmehr mit mir getrieben. Das gefiel ihr ausdermassen wohl, und weil sie meinem
Unverstand ziemlich trauete, fragte sie mich noch viel mehr, ob ichs nicht so
und so gemachet und dies und das getan hätte. Daraus ich bis gegenwärtige Stunde
geschlossen, dass dem Frauenzimmer an der Wissenschaft solcher Lappereien ein
ziemliches müsse gelegen sein, unerachtet ich nicht sehen kann, was sie vor
einen Nutzen davon haben.«
    »Ja, mein lieber Jost,« sagte ich zu ihm, »du bist ein Narr. Solche Sachen
hören sie viel lieber, als wenn du ihnen von allen Geschichten der Welt ein
langes und ein breites daherplauderst. Denn solche Heimlichkeiten sind kützlich
zu hören, bevoraus, wenn sie in der geheim und still dahinterkommen können. Aber
öffentlich werden sie von solchen Erzählungen hinweglaufen, wie sie der Henker
davonjagte. Ich kenne ihrer gar viel, mein lieber Jost, die nichts Liebers
lesen, als wo es ein wenig garstig kommt. Sie sagen zwar: Pfui Teufel, ist das
nicht ein zotenhaftiges Buch! Aber sie gedenken: Ach, wenn es doch noch besser
käme, wenn es doch noch besser käme! Und dieses ist ein Fehler, welchen alle
Menschen bekennen müssen, wenn man von der unvollkommenen Keuschheit disputiert.
    Mein lieber Jost, was meinst du wohl, dass dich die Veronia mit sich ins
Bett genommen und dich die andre von Adel so haarklein examiniert hat? Oh, sie
haben wohl gewusst, dass du ein einfältiger Teufel seist, welcher weder um
Schwarzes noch Weisses weiss. Gehe anitzo die ganze Welt aus, du wirst eine solche
Gelegenheit nimmer erhaschen, nur darum, weil du nicht mehr so einfältig bist.
Denn etliche Leute glauben, dass die Sünde verbergen so viel sei als nicht
sündigen, und weil niemand verschwiegener ist als ein Einfältiger, als hat
niemand grössers Glück bei dem Frauenzimmer als die Narren. Ich rede aber von
solchen, welche wie die unbändige Wildstuten von Begierden brennen und ihre
grösste Vergnügung in der Winkelliebe suchen, auch sich nicht scheuen, einen
unschuldigen Jüngling zu verführen und das Hurengift beizeiten in die jungen
Herzen zu giessen. Aber, Jost, wie ist dirs denn weiter gegangen?«
    »Euer Gestreng,« antwortete er, »es ging mir gewaltig närrisch. Denn wie ich
so gar nicht ankommen konnte, kam ich in einem Wald in eine Glashütten.
Daselber bin ich bei dem Kühlofen gebrauchet worden, aber es währete auch
nicht gar zu lange. Als ich etliche Gläser zerbrach, da jagte mich der Meister
wieder davon, ob ich den Ort schon ausdermassen ungern vermisset, denn es war
Winterzeit so hübsch warm, und nicht weit davon wohnte ein Einsiedler, der uns
fast alle Tag zugesprochen.
    Nachdem ich die Glashütte verlassen, lief ich zu dem Einsiedler Bernhard,
welchem ich das Brot auf den Dörfern sammlen musste. Er hing mir einen langen
Capucinermantel um den Leib, also dass ich obenher nur mit dem Kopf hervorguckte.
Auf dem Rücken hatte ich einen angenähten Sack hängen, in welchen mir die
Bauerweiber Käs, Brot, gedörrte Äpfel, Bim, Kletzen und Hutzeln hineinwarfen;
unterweilen gaben sie mir auch Geld. Aber etliche hiessen mich des Einsiedlers
Hurenkind und jagten mich mit grossen Knitteln von der Tür hinweg. Mit solchem
Bettelgehen vagierte ich so lang in den Dörfern herum, bis mein Sack genug
hatte. Alsdann ging ich wieder nach der Klause zu, allwo Bruder Bernhard einen
ziemlichen Particul dergleichen Speisen beisammen hatte. Er lernte mich recht
schöne Gebet, und ihm hab ich es zu danken, dass ich lesen kann. Ich hab mein
Leben lang kein so geruhiges Leben geführet, und es hat mich gar oft gereuet,
dass ich nicht mein Lebtag bei ihm geblieben. Er war ein überaus frommer Mann,
und ich kann nicht mit Wahrheit sagen, dass ich zeit meines Daseins nur ein
ungereimtes Wort von ihm gehöret. Wenn ich ihm sagte, dass mich die Leute seinen
Hurensohn hiessen, sagte er: Die Welt machts nicht anders, sie sieht das Beste
vors Schlimmste und das Schlimmste gemeiniglich vors Beste an.
    Er fastete alle Wochen drei Tage und betete täglich sechs Stunden auf den
Knien. Aber einsmals, kam ich in einen Pfarrhof betteln, da liess mir der Pfarrer
meinen Mantel samt dem Brotsack abnehmen, denn er sagte, dass das müssige Leben zu
nichts taugte, als die Leute faul zu machen und von der Arbeit abzuhalten. Aber
die Wahrheit zu gestehen, so ist der Einsiedler Bernhard zehnmal andächtiger als
der Pfarrer gewesen, so viel sich derselbe auch mit seinem Leben vor dem
Einsiedler eingebildet. Anstatt meiner vorigen Andacht wurde ich zu der
Stallarbeit angehalten, und dorten lernete ich in kurzem viel mehr von den
Knechten fluchen, als ich zuvor bei dem Einsiedler beten gelernet. Ich brachte
wohl drei ganzer Wochen mit Mist-Austragen zu, und ist nicht zu sagen, wie
voller Läuse ich geworden. So war auch unsre Haushalterin mit Haut und Haar des
Teufels nicht wert. Denn sie konnte es nicht gestatten, dass wir nach schwerer
Arbeit auch nur ein Viertelstündlein ausruheten, sondern gab uns einen Filz über
den andern, sooft sie uns in dem Stall oder sonsten müssig stehen sah. Wenn die
Stallarbeit verrichtet und die Pferde gefüttert waren, so musste ich mit den
Knechten Holz tragen oder die Stockfische in dem Holzstadel klopfen, und ich
kann nicht sagen, wie uns die Haushalterin getribulieret.
    Wenn wir den Hut nicht geschwinde vor ihr abnahmen, so sagte sie: Ihr
Eselsköpfe, ihr Galgenschwengel! Wisset ihr eine grosse Befehlshaberin nicht
anders zu respectieren? Müsst ihr grobe Bachanten so unhöflich sein und mich ohne
Reverenz vor euch gehen lassen? O ihr ungeschickte Tölpelsköpfe! Man sollt euch
eure Ochsenköpfe vor die Füsse legen! Der Teufel soll euch über den Hals kommen.
Ihr sollt meinen Respect in acht nehmen, oder es wird aus einem andern Fasse
gehen! Und mit solchen Worten begegnete sie uns fast täglich, denn sie legte
selten eine Rede gegen uns ab, welche nicht mit unterschiedlichen
Bärnhäuters-Titeln untermischet war.«
 
                                  V. Capitul.
Jost kommt zu einem Jungen von Adel. Was sie miteinander vor ein Leben geführet.
 Vor Arbeit grauet jedermann,
 Drum greift Herr Pongratz auch nichts an.
»Mein lieber Jost,« gab ich ihm zur Antwort, »ich habe in meiner Jugend
studiert, dass sich die kleinen Leute am allergrössten zu machen gewohnt sind und
dass diejenige, so wenig zu verrichten haben, sich insgemein solche Ämter
andichten, davor auch ein Esel den Rücken zerbrechen möchte. Eure
Hausverwalterin, oder wie die Hure heisst, ist auch mit unter dieselbe Zahl zu
rechnen, weil sie von euch als schlechten Leuten eine so grosse Ehrerweisung
verlanget. Laudari a non laudatis, vituperium est, sagen die Lateiner. Das muss
ich dir, mein lieber Jost, jetzund verteutschen und heisset, dass das Lob und die
Ehre, welche wir von einem nicht Gelobten oder von einem solchen, der nicht viel
Ehre besitzet, empfangen, ist nicht allein keine Ehre, sondern vielmehr eine
Schand und Ungebühr zu nennen. Sind demnach all diejenige ausgemachte Narren und
Phantasten, welche von solchen Leuten wollen geehret sein, die selbst wenig oder
gar keine Ehre besitzen. Wie kann mir nun einer geben, was er selbst nicht hat?
Es ist so unmöglich, als wenn ich sage: Jost, mache mich zum Doctor, da du doch
ein Narr bist.«
    »Es ist wahr, gestrenger Herr,« sagte der Jost, »dass ich nicht gar zu
gelehrt bin. Aber gleichwohl machte es auch die Haushalterin so grob, dass es
auch die Bauern haben merken können.« - »Aber höre, mein Jost,« sagte ich zu
ihm, »hat sie nicht bei dem Pfaffen geschlafen, und weisst du ganz nichts darum?«
- »Herr,« gab er zur Antwort, »das weiss ich, mein Trauen, nicht. Aber wie ich
weglief, da hörte ich nicht gar lang darnach, dass sie allentalben vor eine
Pfaffenhure ist ausgerufen worden.«
    »Narr,« sagte ich zu ihm, »die Leute sagen viel, es ist doch nicht wahr.« -
»Freilich,« antwortete der Jost, »denn sie sagten auch von mir, dass ich ein
frommer Jung sei, und war doch ein Erzschelm in der Haut, denn höret nur, wie
mirs ging:
    Ich lief endlich von dem Pfarrhof weg und war willens, dem alten Bruder
Bernharden in dem Wald zuzusprechen, auch ihm zu sagen, wie es mir dieses
Vierteljahr gegangen und wie manches schmales Stücklein Brot ich essen müssen.
Aber unterweges fing mich ein Student auf, welcher auf die Universität zu ziehen
willens war. Er hatte einen violbraunen Reisrock an, und weil er zu Pferd sass,
hatte er grosse französische Stiefel an, denn die teutsche hatte er vielleicht
mit der teutschen Redlichkeit schon zerrissen. An dem linken Arm trug er ein
spanisches Rohr an einer silbernen Kette, und ich dachte erstlich, es wär ein
Jan Potage, weil er den Stock zu Pferde führte. Sein Hut stutzte mit weissen
Straussfedern, und wenn er mit mir redete, mischte er viel Französisches mit ein
und sagte, so ich nicht mit ihm in Gutem fortmarschiern würde, so wollte er mich
bastanieren. Ich gedachte, er wollte mir Kastanien schenken, deswegen sagte ich:
Ei, Herr, gebt mir doch einen Hut voll. Aber er zuckte die Pistol aus der
Hulfter. Damit merkte ich erst, was er meinte, und ging also hinter ihm drein.
    Als wir nun so fortwandelten, kam er mit dem Pferd an einen Graben, allwo er
eine ganze halbe Stunde zu tun hatte, ehe er hinüberkam. Da gedachte ich: Nun,
Jost, jetzt hast du Plasy, nun laufe davon. Damit nahm ich den Hut unter den
Arm, und hast du was, so gibst du was, machte ich mich aus dem Staube, denn ich
wusste wohl, dass er mich nicht wieder ereilen konnte, wenn er so lang wieder
herüber- als hinüberzuspringen hätte. O du Generalschelm, rufte er hinter mir
drein. Aber ich gedachte heimlich: Schelm hin, Schelm her, der ist ein Schelm,
der nicht über den Graben kann. Eilete demnach dem nächsten Busch zu, und dorten
legte ich mich auf die Erde und guckte so lang nach dem Studenten, bis ich ihn
nicht mehr sah.«
    Aus dieser Erzählung hatte ich von Josten gar genugsame Nachricht, dass eben
Isidoro derselbe Student gewesen, welcher mir ehedessen seine Geschicht in
geheim erzählet und unter andern auch diese Erwähnung wegen des auf der Strasse
ihm aufgestossenen Bauerjungens getan. Weil wir aber nunmehr nahe an meinem
Schloss waren, hiess ich ihn in seiner Erzählung fortfahren und nur mit kurzem
vermelden, wie es weiter mit ihm abgelaufen. »Darnach«, sagte Jost, »begab ich
mich anderwärts hin und hütete einem Bauern die Schafe auf dem Feld. Aber
einsmals kamen zwei Wölfe zu der Herd, und ich lief aus Schrecken mit meinen
Hunden davon. Die Wölfe zerrissen mir wohl achtzehn Hämmel. Da musste ich nun
wieder aufs neue davonlaufen, denn ich forchte, der Bauer dörfte mich
totschlagen, weil er ein loser Erzschelm war und dem Fürsten in dem Land gar
viel Hasen, Wildstücke und Schweine geschossen.
    Nach solchem kam ich zu einem Küsterer in einem einschichtigen Dorfe. Dort
musste ich morgens, mittags und abends zum Gebet läuten. Aber einsmals schmierte
mir einer die Stricke mit stinkenden Pfifferling so voll, dass ich ganze Brocken
davon in die Hände kriegte. Es war ein junger Edelmann, der es dem Küsterer zum
Schabernack tat. Aber wie er zum andern Mal kam und die Stricke wiederum mit
dergleichen Wundöl salben wollte, prügelten wir ihn dergestalten mit knöpfichten
Stricken in dem Glockenhaus herum, dass er anstatt der Seile die Hosen hätte
beschmieren mögen. Du Galgenvogel, sprach der Küsterer zu ihm, wer hat dich
gelehrt, solchen Medritat an meine Glockenstricke zu salben? Solche Ärzte, wie
du bist, curieren keine Krankheit. Damit nahm er eben den Quark, welchen der
junge Edelmann mit sich gebracht hatte, und beschmierte ihn allentalben im
Gesicht, dass er ausgesehen wie einer, der im Fasching herumlaufet.«
    Aus dieser Erzählung des Jpstens merkte ich gar genau, dass es eben die
Historia sei, welche neulich der ehrliche Bruder Ludwig in seiner
Lebensbeschreibung angemerket hatte. Denn ich konnte mich noch wohl entsinnen,
dass er darauf dem Küsterer das Haus angezündet und sich auf der Strasse oben aus
und davongemacht hatte, darinnen dann mein Jost mit seiner Erzählung allerdings
übereinstimmte. »Wie ging es dann weiter,« sprach ich darauf zu ihm, »und was
vor einen Fortgang hat deine fernere Lebensgeschicht?«
    »Nach diesem Schelmenstücklein«, sprach er, »trauete ich mir nicht gar zu
wohl mehr in dem Dorfe zu bleiben, denn ich sah oft auf dem Kirchhof oder wohl
gar in dem Beinhäuslein zuweilen etwas sitzen. Absonderlich aber, wenn jemand
sterben wollte, gab es gemeiniglich in unserer Stube ein Zeichen. Und wenn ich
dann desselben Abends zum Gebet läutete, rumpelte es in der Kirche, dass mir oft
vor Furcht die Haare gen Berge stunden. Der Küsterer bezahlte mich besser als
alle meine vorige Herren. Ich kam auch mit grösserer Ehr von ihm aus dem Dienst,
und er gab mir einen guten Reichstaler auf den Weg, wurde aber nach meiner
Abreise bald eingezogen, denn er hat den eingegrabenen Leuten zu Nachtszeit die
Ringe von den Fingern und die Kleider von dem Leibe gezogen, und diese Stücklein
hat er meistens ganz allein practicieret. Ich sah ihm auch einsmals in der Nacht
von dem Dachfenster, allwo ich zu schlafen pflegte, heimlich zu. Aber ich wollt
doch nichts sagen, sondern trachtete auf Mittel und Weg, wie ich ohne Schaden
und Nachteil davonkommen möchte.
    Ich weiss nicht, wie mich das Glück so gar oft traf, dass ich wieder zu einem
Jungen von Adel kam, weicher aber nicht viel zum besten hatte. Er gab mir des
Jahres nur drei Gulden Lohn, und solche bezahlte er mir da vier Groschen und
dort drei Kreuzer, bald wieder einen halben Patzen, bald gar einen Zweier, und
solches geschah meistens, wenn er gespielt und etwan ein halben Taler oder drei
Funfzehner gewonnen hatte. Meine meiste Arbeit bestund in dem, dass ich ihm alle
Nacht den Buckel kratzen und die Läuse von dem Kopfe suchen müssen. Er hatte nur
ein einzig Paar Schuhe, und wenn ers flicken liess, so musste ich ihm unterdessen
die meinige leihen, dahero blieb ich hinter dem Ofen sitzen, allwo ich ihm Kugel
und Bleischrot giessen musste, mit welchem er die Hasen schoss. Denn mit
dergleichen Müssiggang vertrieb er all seine Zeit, und wenn ihm sein alter Herr
Vater sagte, er solle sich über ein Buch setzen und anstatt des schändlichen
Waldstreichens etwas lesen, so lachte er ihn aus und sagte, dass ihm seine Flinte
viel lieber wäre als zwanzig Bücher, so gut sie auch geschrieben seien. Er hat
oftmals gefluchet, dass er so arm ist, und wünschte hingegen ein Kaufmannssohn zu
sein, so könnte er sich perfecter in der Kleidung halten. Er nahm seinem
eisgrauen Vater gar viel silberne Knöpfe von den Röcken, und vor das Geld,
welches er daraus lösete, kaufte er Pulver und Blei. Unterweilen fingen wir den
benachbarten Bauern die Tauben hinweg und liessen uns solche heimlich braten.
    Einsmals wurde er zu einer Hochzeit geladen, und wenn ihm seine Muhme,
welche nicht weit davon, und zwar jenseits des Holzes, wohnte, nicht etliche
Taler geliehen hätte, wäre er genötigt worden, darvon zu bleiben. Ich reisete
mit ihm, und damit ich auf solcher Zusammenkunft ehrlich erscheinen möchte,
musste mir der alten Edelfrauen ihr Diener seinen Livereirock leihen. Aber die
Schuhe waren so zerrissen, dass ich mit den teutschen Sohlen auf der Erde ging.
Desgleichen hängte auch mein Hut die Flügel wie eine gelähmte Gans,. und mein
Hemd war wohl in sechzehn Wochen nicht gewaschen worden.
    In einem solchen Aufzug gingen wir eine halbe Meil Weges zu der Hochzeit.
Und weil er niemal oder gar wenig unter den Leuten gewesen, so war ich fast
höflicher als er, wenn ich nur ein wenig besser aufgezogen wäre. Jost, sagte er
auf dem Weg zu mir, hol dich der Teufel, wie will ich mich einmal so satt und
recht vollfressen! Ha, ha, ich freue mich schon darauf von Herzen! Du musst nicht
weit von mir stehen, ich will dir manch Stück Gebratens hervorgeben, das behalte
mir auf den Weg, und was du essen sollst, das will ich dir auch sagen. Schiebe
nur wacker Semmel in die Hosen oder wo du zukannst. Ich wollte, dass es niemand
möchte gewahr werden. Ein Hundsfott bin ich, ich wollte sehen, wie ich zu einem
silbernen Becher gelangen möchte. Aber wenn du so geschickt wärest, einen auf
die Haube zu schlagen, wäre mirs um so viel desto lieber.
    Mein Herr, sagte ich, sie dörften mich erwischen und auf die Finger klopfen.
Wollt Ihr stehlen, so stehlt immerhin, alsdann hab ich aufs wenigst den Vorteil,
dass ich nicht gehangen werde. - Narrenpossen, sagte er, was hängen? Du musst dich
vollsaufen, alsdann kannst du sagen, es sei in dem Trunk geschehen. Ein Voller
wird ohnedem vor halb unschuldig geachtete. - Nein, nein, sagte ich, Herr,
aufgesetzt, es geschicht nicht. In der Trunkenheit dörfte ich stehlen, und
nüchtern hinge man mich auf. Davon hätte ich keinen andern Vorteil, als indessen
den Rausch auszuschlafen. Saprament, Herr, es geht nicht an, sie dörften mich
und Euch davonjagen.
    O du verzagte Bratwurst, sagte der Junker, bist du so alt worden und kannst
nicht mausen? - Herr, sagte ich zu ihm, seid Ihr ein Edelmann und schämt Euch
nicht, zu stehlen? - Ah, ha! antwortete er, das ist eine Kunst, die nicht ein
jeder Tölpel, wie du bist, zu practicieren weiss. Ich will auf einen Griff so
viel zu mir stecken, davon ich ein halbes Jahr genug zu schiessen und manch
Wildbret in die Küche werde zu bekommen haben. Du musst dir gar nicht einbilden,
sagte er weiter zu mir, dass man einen deswegen henket, weil man gestohlen hat.
Oh, das musst du nicht glauben, sondern darum werden die Diebe gehänget, dass sie
so plump sind und stehlen, dass mans merken kann. Diejenige, derer Diebstahl man
nicht merkt, die werden ihr Leben lang nicht gehängt, sondern ihre Arglistigkeit
und verschlagene Vorsicht macht sie von dem Galgen quitt, frei und ledig. Ah,
ha! Ich habe manchen silbernen Löffel auf den Gastereien heimlich in den
Schubsack gepromovieret, das mussten darnach die armen Diener und gemeine Leute,
welche bei der Tafel aufgewartet, getan haben. Und ich müsste wohl ein
ausgehobelter Bärnhäuter sein, dass ich auf der Hochzeit nicht so viel
einsteckte, als michs kostete. Was hätte ich denn vor meine Mühe, dass ich mich
vollsaufen und in dem Tanzen so erhitzen sollte. Ach, das muss man den Leuten
nicht weismachen, dass man umsonst fressen und saufen, auch noch das Geschenk
darzu geben soll. O Jost, mein lieber Jost, du bist noch nicht in der rechten
Schul gewest. Stehlen ist keine geringe Klugheit, und gehöret viel ein grössers
Spintisieren und Nachsinnen darzu als zu der allervollkommensten Oration.
Derowegen gib wohl Achtung. Was gilts, wir wollen über vier Tag reicher nach
Haus kehren, als wir ausgegangen.«
 
                                  VI. Capitul.
Pongratz hält sich auf einer Hochzeit trefflich nett. Schiebt nichts als Becher
      und silberne Teller ein. Und wie es weiter mit seiner Hure gegangen.
 Dem man viel Guttat hat getan,
 Lässt oft zurück den schlimmsten Lohn.
»Nun, gedachte ich, die Sach wird gut werden, stiehlt der Edelmann, so hängt der
Edelmann. Ich schere mich nicht ein Haar darnach. In solchem Gespräch kamen wir
in den Marktflecken, darinnen die Hochzeit sollte gehalten werden. Wir hörten
die Trompeten schon von fernen, und dahero gingen wir dem Gepfeife so lang nach,
bis wir ins Haus kamen, allwo allerlei Schalmeienpfeifer, Bockpfeifer,
Spielleute und andere Dorfgeiger mehr zugegen waren, welche die adelige Hochzeit
in die Kirche fiedeln sollten. Mein Junker wurde von dem Bräutigam gar höflich
empfangen. Hätte er aber gewusst, was wir unterweges miteinander geredet, er
solle ihm das Requiem gesungen haben, dass die Drümmer davongeflogen wären.
    Unter währender Trauung zog sich mein Junker nebenst anderen Edelleuten in
einem kleinen Stüblein an, weil ich ihm im Ranzen allerlei Kleider nachgetragen,
die er auch auf dem Schloss seiner alten Muhmen geborget. Oh, wie war er dazumal
so froh, dass er unter eine so angenehme Compagnie geraten war! Seine Gesellen
waren kein Haar besser als er, und mich gedünkte, der Bräutigam würde von diesen
ehrbaren Gesellen gar einen schlechten Profit haben. Denn einer sagte, dass er um
keiner andern Ursach auf die Hochzeit gekommen, als ein Duell anzufangen. Der
andere war willens, das Frauenzimmer zu beschimpfen. Der dritte wollte sehen,
wie er den Bräutigam zum Hahnrei machte, und mein Herr hatte sich vorgesetzet,
das Nächste das Beste in den Sack zu schieben und mit sich wegzunehmen. Ihr
ehrbare Bürschlein, gedachte ich bei mir selber, hättet wohl mögen zu Hause
bleiben, und wenn ich wüsste, dass ich solche Hochzeitgäste auf meine Hochzeit
bekommen sollt, ich wollte Scheiter kaufen und die Schelmen alle verbrennen, ehe
sie noch die Mäntel umnähmen.
    Aber vor diesmal konnte es nicht anders sein. Die Hochzeit kam aus der
Kirche zurück, und als man sich zur Tafel gesetzet, kann ich nicht sagen, wie es
die vier von Adel so erbärmlich und jämmerlich getrieben. Man hatte kaum eine
halbe Stund gespeiset, da ging der Duell mit dem ersten schon an, denn er goss
einem, auf welchen er einen alten Groll getragen, ein Glas Wein ins Gesicht.
Darüber wurden Teller und Schüsseln in die Stube geworfen, die beide gerieten
aneinander in die Haare, und indem alles wehren wollte und der Schlägerei zusah,
schob mein Junker einen grossen Becher in die Ficke, zwei silberne Teller in die
Hosen und noch ein Salzfässlein in die Rocktasche. Solches gab er mir aufzuheben,
und als wir wieder zurückgingen, lachte er mich aus, dass ich so einfältig und
verzagt wäre. Du Narr, sagte er, gelt, ich konnte die Zeit hübsch in acht
nehmen. Ich glaube, ich hab die Geschirr bei der Cartausen gekriegt. Sie sind
aufs wenigste zwölf Ducaten wert. Davor kann ich den ganzen Winter nicht allein
Pulver und Blei, sondern auch genug Schuhe kaufen. Als wir nun nach Hause kamen,
verbot er mir, seinem Vater kein Wort davon zu melden, sondern er satzte sich
mit mir ganz heimlich hinauf unter das Dach. Daselber machte er zwischen einer
Feuermauer eine grosse Glut, über welcher er das gestohlene Zeug zerschmolzen.
Mit solchem geschmelzten Silber schickte er mich in eine Stadt, allwo ich das
Lot vor einen halben Taler verkaufte und ihm in einem Schnupptuch auf einmal
dreiundzwanzig Taler hineinbrachte.
    Er hiess mit Namen Pongratz und hielt über ein halbes Jahr lang eine
heimliche Hure in seiner Kammer auf, um welche kein Mensch auf dem Schloss als
nur ich und er gewusst. Alles dasjenige, was sie aus Leibesnotdurft in einen
grossen Scherbel gemachet, das musste ich aus der Kammer tragen, und Pongratz
versprach, mir wegen dieser Dienstleistung monatlich einen Taler zu schenken.
Aber sooft er mir das Geld in die Hand gab, mangelten neunundzwanzig
Kaisergroschen daran, sonst wäre der Taler richtig und voll gewesen. Einsmal
ging der Alte visitieren, und als er in des Pongratz seine Kammer kam, fand er
die Hure ganz ausgezogen auf der Truhen sitzen, weil sie sich gleich dazumal die
Flöhe absuchte. Der Monsieur Pongratz war vor diesmal mit seiner Flinte wieder
in den Wald gegangen, und dannenhero konnte er nicht bei der Comödia sein,
welche mit der Huren auf dem Schloss gespielt wurde. Denn der alte Edelmann
jagte sie ganz nackicht und ausgezogen mit seinem Stock über die Treppe
hinunter, und sie hatte genug zu tun, dass sie den Knechten entsprang, welche sie
sollten gefangen haben. Es ist nicht zu sagen, wie sie in ihrem zerrissenen
Nachtrock das Querfeld hinübergeloffen. Denn daselber hatte sie ehedessen bei
einer alten Frauen eingemietet, welche allerehestens in einen Spital gehen
würde. Die Knechte haben sie zwar bis an dasselbe Häuslein verfolget, als sie
aber verstanden, dass sie des Pongratzen Hure sei, schwiegen sie stille und
sagten zu dem alten Edelmanne, sie wäre ins Wasser gesprungen und würde nunmehr
schon über die Schlacht hinuntergeschwummen sein.
    Die Strahlhure, sagte der Alte zu uns, darf sich lassen gelüsten, in meines
Sohnes Kammer zu gehen und daselber die Flöhe abzusuchen? Ich glaub, der
Henker und seine Mutter habe sie hineingeführt. Wüsste ich, dass Pongratz einzige
Wissenschaft darum hätte, ich wollte ihm gewiss ein Lied aufpfeifen, dass nicht
gar zu wohl klingen sollte. Indem kommt Pongratz nach Hause, und der Alte fragte
ihn, ob er wegen des Weibesbild Kundschaft hätte, so in seiner Kammer die Flöhe
abgesucht. Ich hatte dem Pongratzen vor der Schlossmauern schon alles haarklein
erzählet. Deswegen konnte er sich desto besser in die Sprünge finden und sagte:
Was, hat der Herr Vater ein Weibsbild in meiner Kammer gefunden? - Ja, sagte der
Alte, ich habe sie nicht allein darinnen gefunden, sondern auch Flöhe absuchen
gesehen. - Ach, die Schandhexe, sagte Pongratz, es war gewiss eine Diebin, die
nicht Flöhe, sondern gewisse Dietrich hervorgesucht hat, in dem Schloss
einzubrechen. Der Herr Vater verlaube mir, ich will ihr mit meinem Diener Josten
nachsetzen, und treffe ich sie auf der Strasse oder sonsten wo an, so will ich
ihr eine Kugel in den Pelz brennen, dass ihr das Flöhesuchen ihr Lebtag vergehen
sollte.
    Nein, nein, sagte der Alte, gib dich nur zufrieden, mein Sohn, sie hat ihren
verdienten Lohn schon empfangen. Die Hure hat sich selber ins Wasser gestürzet,
allwo sie der Flöhe bald wird loswerden. Sind das nicht Rabenäser? Gehen mir bei
offenem Tage in das Schloss und machen sich so gemein, dass man davor erschrickt.
Pongratz wandte hierauf allen möglichen Fleiss an, seinen Vater zu befriedigen.
Aber die folgende Woche wurde ein kleines Kind vor der Schlosspforte gefunden,
darüber sich der Alte fast die Haar aus dem Kopf herausriss, denn er kam
allgemach hinter den Betrug, und hat ihn wohl tausendmal gereuet, dass er die
Hure nicht in bessere Verwahrung nehmen lassen.
    Der Sohn wollte sich zwar excusieren, vorgebend, das Kind gehörte vielleicht
einem Stallknecht zu. Aber es lag ein Zettelein dabei, in welchem der Vater
Pongratz mit Namen genennet war. Und weil aus dieser Ursach nicht viel mehr
Plasy vor ihn auf dem Schloss war, liess er sich unterhalten, und ich zog mit
ihm in [den] Krieg. Nach ungefähr einem Jahr darnach wurde er in einem
Scharmützel auf der Partei erschossen, und ich wischte mit seinen zwei Pferden
heimlich davon, weil er mirs nach seinem Tod vor einen Zehrpfennig zu schenken
versprochen.
    Ich brachte seinem Vater die Zeitung, welcher nicht gar zu viel darüber
betrübt war, weil er das Kind bei sich behalten und aufziehen lassen musste. Der
Bärnhäuter, sagte er zu mir, hat nichts Bessers verdient, und es wird noch allen
ungehorsamen Kindern zuletzt nicht anders gehen, die wider den Willen ihrer
Eltern allerlei Mutwillen treiben und der Hurerei so nachgehen. Nachdem er nun
allerlei widrige Reden wegen seines Sohnes herausgestossen, fragte er mich, ob
ich nichts von seinem Gewehr oder Kleidern mit mir gebracht. Aber ich beteuerte,
dass ich zu seiner Begräbnis noch Geld darzu hergeliehen hätte, weswegen ich die
Pferde vor mein Eigentum genommen. Was, sagte er, die Pferde vor dein Eigentum?
Da soll dich der Henker davor holen, du musst mir das eine lassen, davor kann
dich nichts helfen! Nur geschwind, lasse eines hie, und mit dem andern magst du
an einen Galgen reiten, wohin du willst. Wer weiss, ob du nicht der Täter selber
gewesen und meinen Sohn Pongratz über die Mähre hinuntergeschossen hast! Als ich
den närrischen Vater solche Wort wider mich reden hörte, satzte ich mich wieder
auf meinen Gaul, und das andere Pferd nahm ich in die Hand, damit ich so schnell
wieder hinweggeritten, als ich hergekommen. Im nächsten Dorf versilberte ich
solche einem Filialaufschläger, welcher ehedessen zu Franckenburg Hofwirt
gewesen. Und mit demselbigen Geld schaffte ich mir saubere Kleider und dienete
viel Jahr unterschiedlichen Bauern, bei welchen es mir durcheinander gegangen,
wie das Wetter zu gehen pfleget.«
    Bis hieher hatte mir der Jost einen ziemlichen Teil seines Lebenslaufs
erzählet, und er wäre ohne allen Zweifel weiter fortgefahren, wenn wir nicht so
bald in das Schloss gekommen und er dardurch wäre verhindert worden, weil er die
Pferde wieder absatteln und dieselbe mit Beihülf des Stalljungen in die Schwemme
hätte reiten müssen. Wahr ist es, dass ihm das Glück ziemlich gestiegelfritzet
und er sich so wohl als ein anderer in der Welt herumgeschleppet. Nichts
verwunderte mich mehr, als dass er die Veronia schon in seiner Jugend bedienet.
Dahero wissen die Tausendste nicht, wer des andern sein Freund und Schwager ist.
Das Exempel des verhureten Pongratzen ist zu erbarmen genug, und solche Laster
pflegen gemeiniglich zu folgen, wenn man der Jugend gar zu freien Zaum lässet,
dadurch sich die Eltern oftermalen das bitterste Elend über den Hals ziehen.
Aber nichts Liebers möchte ich wissen, als was doch die Huren vor ein Gewissen
haben, die sich eine so geraume Zeit ganz verborgen in den Schlössern und andern
Häusern aufzuhalten pflegen und sich in einer wissentlichen Todsünd so
abscheulich herumschleppen lassen. Letztlich aber ergreift sie Furcht und
Zittern und nehmen sich nicht, Weile ihre Kleider zu sich zu raffen. Und obschon
diese Hure des Pongratzen nach dem Vorwand der Knechte nicht in das Wasser
gesprungen noch sich ersäuft hatte, bin ich doch gewiss und versichert, dass sie
nicht viel eines bessern Todes wird gestorben sein, es sei denn, dass sie ihre
Fehler beizeiten erkennet und sich von dem Irrweg abgewendet habe. Huren tut
wohl auf eine Zeitlang gut, aber zuletzt folget das Verderben. Und ob es schon
nicht merklich gespüret wird, ist es doch genug, dass das muntere Gewissen die
Hurer nicht anders als feurige Zangen in die Brust zwicket und sie, von ihrer
gepflogenen Unreinigkeit überzeuget, ihres eigenen Leibes Henker werden.
    Zwischen diesen Gedanken sattelte der Jost die Pferd ab, und ich erzählte
meiner Caspia den wunderlichen Verlauf, welcher den ehrlichen Ludwig auf unserm
Gut in dem Schafstall betroffen, darüber sie vor Gelächter die Hände auf dem
Schurztuch wohl zwanzigmal zusammengeschlagen und sich erfreuet hat, dass der
Ludwig, welcher sonsten andere ziemlich stiegelfritzen konnte, selbst wäre über
den Tölpel geworfen worden.
 
                                 VII. Capitul.
  Der Alamode-Schneider führt anstatt der Hochzeitkleider Heu und Stroh in das
           Schloss. Ein Bauerknecht verliebt sich in Zendorii Köchin.
 Den Reichen sieht man immer froh,
 Greift er nach Geld, so hat er Stroh.
Indem sie sich nun so ausdermassen darüber verwunderte, nahm ich meine
Stockfiedel und geigte das Lied: Dreizehen Schneider hab'n vierzehn Pfund,
fressen ein Geissbock in andertalb Stund. Nach diesem nahm ich eine andere
Phantasie vor, denn es ist gewiss, dass ich in dieser Einsamkeit keine bessere
Zeitvertreibung als durch die Musik gesuchet, welche ich ehedessen in meiner
Jugend gelernet und schon allgemach nach den Noten habe singen können. So wohnte
auch unfern von meinem Schloss ein Organist in einem kleinen Städtlein.
Demselben spendierte ich etliche Scheffel von meinem Wintergetreid. Davor musste
er alle Mittwoch zu mir auf das Land herauskommen und mir ein bisschen von der
Composition weisen. Ich schreibe nicht umsonst ein bisschen, denn er konnte
selbst nicht gar viel. Sonsten hätte er mich noch mehr lernen müssen.
    Ich hatte zwar eine grosse Ölshaut, aber die Stücklein, die ich darauf
satzte, waren sehr klein, weil ich nichts als Trompetenstücklein componieret,
die mir die Schalmeienpfeifer auf unsern Zusammenkunften abblasen müssen.
Unterweilen schrieb ich auch Verse und unterschiedliche Lieder, welche ich aber
nur deswegen nicht hereintragen wollen, damit der Tractat nicht zu weitläuftig
und die Lust des Lesers dardurch nicht gehemmt werde.
    Etliche habens zwar im Gebrauch, denn sie meinen, das Haus sei nicht wohl
gebaut, wenn nicht ein oder andre Reimzeile daran geschrieben stünde. Aber, die
Wahrheit zu bekennen, ob ich schon selber eine unzählige Menge allerlei
dergleichen Lieder ausgearbeitet und dardurch oft manche langweilige Zeit,
absonderlich aber in den verdriesslichen Winternächten, passiert, bin ich doch in
der Sache und in dem Grund selber kein grosser Liebhaber der Poesie, weil die
Phantasie niemalen mehr mit Lügen überdecket ist, als wenn man Verse schreibt.
Diese Ursach habe ich dem Leser nicht verhalten wollen, auf dass er nicht meine,
ich hätt es etwan liederlicherweise übersehen oder wäre entweder so rar und
delicat mit meinen Sachen wie etliche andere Narren jetziger Zeit, welche auch
nichts herausgeben wollen, es sei denn, dass man ihnen vor jeden Buchstaben einen
Taler auf dem Brett weg zahle. Aber man wird ihnen was anders in den Beutel tun,
und in diesem Stück bin ich ganz einer andern Meinung, weil ich einen Kopf vor
mich habe und mich nach andern Leuten so wenig richte als die Franzosen nach der
schwäbischen Mode.
    Demnach geigte ich mit meiner Stockfiedel tapfer auf, zwischen welcher Zeit
das Abendessen fertig geworden. Caspia hatte bei meiner Wiederkunft einen Kaphan
an den Spiess gestecket und einen Karpfen blau abgesotten, weil ich solchen Fisch
überaus gerne genossen. Und indem ich bei mir selber in Gedanken gesessen und
mich entschlossen, eine lustige Comödia mit dem Pickelhering zu machen, hörte
ich auf der Strassen etliche Schellenkränze erklingen. Sie kamen immer näher.
Deswegen mutmassete ich, sie würden das Schloss vorbeifahren, weil die Hauptstrasse
des Landes vorüberging. Sobald sie aber herzukamen, stunden sie stille und
fragten, ob hier nicht ein Wirtshaus wäre, darinnen sie diese Nacht herbergen
könnten. Ich rufte über das Fenster hinab, dass ich zwar kein Wirtshaus hätte,
wenn sie aber die Nacht in diesem geringen Schlösslein heute nacht vor gut nehmen
wollten, wäre es mir lieb, so ich ihrer Gesellschaft geniessen könnte. Derjenige,
so das Commando über die beiden Schlitten führte, wollte schon weiterfahren, als
ich ihn abermal dazubleiben geheissen, welches er endlich einging, doch mit der
Condition, dass ich seiner Grobheit verzeihen und mir wegen ihrer keine
Ungelegenheit zuziehen wollte. Allein mir geschah dadurch vielmehr ein
stattliches Wohlgefallen, weil ich mit niemanden lieber als denjenigen geredet,
die das Land auf und ab gereiset. Ja, ich kann es mit gutem Gewissen sagen, dass
kein Bettler sicher vor mein Schloss passieren können, der mir nicht seinen
ganzen Lebenslauf von Wort zu Wort erzählen müssen.
    Ich ging endlich gar hinunter und verstund gar bald, wer der angekommene
Monsieur war. »Mein Herr,« sagte er zu mir, »Er verzeihe meine Grobheit. Die
Nacht und die Kälte überfallen mich zugleich. Ich bin heute schon sechs Meilen
gereiset und fürchte, es dörfte den Pferden Schaden tun, wenn ich länger in die
Nacht hinein führe, ob ich schon keine Zeit übrig habe, meine nötige Reise zu
verzögern, denn ich bin ein Alamode-Schneider aus einer benachbarten Landschaft
und habe etliche Brautkleider auf das Schloss Wildenstein zu führen, allwo einer
mit Namen Ergasto allerehestens wird Hochzeit machen. Die vier, welche auf dem
hintern Schlitten gesessen, sind meine Obergesellen, die auf dem Beilager werden
arbeiten müssen. Und also hat mein Herr Nachricht von unserer Compagnie. Hoffe,
sie wird dem Herrn nicht zuwider sein.«
    »Monsieur,« sagte ich zu dem neuen Alamode-Schneider, »ich habe aus seiner
Relation gar genug verstanden. Er lasse seine Obergesellen nur mit sich
hereinspazieren. Ich werde sie zwar nicht alamode tractieren, aber wohl
versichern, dass sie mir sehr angenehme Gäste sein werden.« Hiermit führte ich
sie in meine Wohnstube, allwo sie sich überaus über die Zierlichkeit derselben
verwunderten. Sie fragten meine Leute, wer ich wär. Aber ich hatte schon zuvor
geboten, dass sie mich vor einen Weissgerber ausgäben. Derohalben bekamen sie
keine andere Antwort, als dass ich ein solcher Handwerksmann sei. Zum Behuf
dessen liess ich etliche gearbeitete Bock- und andere Häute hin und wider in dem
Vorhause aufhängen, und also glaubten die Schneider leicht, was meine Leute von
meiner Profession bei ihnen ausgaben. Die Kisten, in welchen die Brautkleider
verschlossen lagen, liess ich in mein obers Zimmer bringen. Aber unter währendem
Essen befahl ich dem Josten, dass er solche heimlich aufschlüge, die Kleider
herausnähme, solche in dem Cabinet hinter dem Schreibtisch verwahrte und die
Kisten anstatt derselben mit Heu und Strohwischen ansteckte. Jost verrichtete
seine Sachen, dass ich damit zufrieden sein konnte, und ich erwies dem
Alamode-Schneider samt seinen Assessoren und Mitcollegen mit meinem Kaphan und
dem Karpfen keinen unangenehmen Dienst. Der Principal redete unter ihnen das
allermeiste, das allerwenigste aber von seinem Handwerk, sondern nur von hohen
Staatsmaterien, darüber ich mich verwunderte. Aber es waren lauter Sachen, die
in den gedruckten Zeitungen das Land auf und ab fuhren und niemand verborgen
waren, als die nicht lesen konnten oder keine Ohren hatten. Ich sagte: »Mein
Herr, ich bin ein geringer Handwerksmann und weiss um die Sachen das ganze Jahr
kein Wort. Ich esse mein Stücklein Brot mit Frieden und lasse die kriegende
Parteien Sturm laufen, Bomben anfeuren, die Stuck und Cartaunen losbrennen,
Schiffbrücken schlagen, über die Wasser setzen, die Bagage anfallen und so fort.
Dahero ist mir mit solchen Sachen sehr wenig gedienet, weil ich nur dadurch
verunruhiget werde und doch keinen Pfennig Interesse davon habe. Dieses halte
ich vor die grösste Wissenschaft und vor die allernötigste Zeitung: Fromm leben
und selig sterben.«
    »Ja, ja,« sagte der Schneider, »mein lieber Herr Weissgerber, es ist wahr,
daran hänget freilich das meiste. Indessen muss doch ein Mensch auch wissen, wie
es die Welt treibt. Eins muss man tun und das andere nicht lassen, auf der Erden
leben und nichts um die Erd wissen ist eine grobe Unwissenheit. Und wie meint 
der Herr,« sagte er weiter zu mir, »wenn sich der Krieg in unser Land ziehen
sollte und die Armeen in diese Gegend zu stehen kämen, meint  der Herr nicht,
dass ich viel Kleider zu arbeiten und der Herr viel Häute gar zu machen bekäme?
Oh, es weiss noch keiner, wo einer oder der andere seine Fortun machen kann. Ich
hab manchem was zugute getan, absonderlich den Krämern. Denn der die elendeste
War' hatte, zu dem wies ich die meisten Leute an und gab vor, dass er recht
frische und französische Waren bekommen, dergleichen weit und breit nicht
anzutreffen wären. Solchergestalten half ich manchem verlegenen Stuck Zeuch aus
dem Kram, und ich hatte meinen gewissen Profit, welcher mir als einem
Kleider-Advocaten billig nicht konnte abgeschlagen werden.«
    Die Rede des Schneiders gefiel mir nicht übel, aber an seinen
Schelmenstücken hatte ich schlechtes Wohlgefallen, trank ihm demnach wacker mit
Weine zu, bis ich ihn samt seinen Leuten ganz berauschet. Solchergestalten
gingen sie zur Ruhe, und morgen, ehe es Tag war, wollten sie die Zeche wissen.
Allein ich sagte, dass man in diesem Weissgerbershause nichts bezahlen dörfte,
sondern dass ichs vielmehr meinem Handwerk vor eine sonderliche Gnad ausrechnete,
indem ich gewürdiget worden, von einem Alamode-Schneider heimgesuchet zu werden
und seiner trefflichen Ansprache zu geniessen, welches ich an meinem Orte mit
gleichgültigen Diensten wiederum würde zu ersetzen wissen.
    Mit einem solchen Compliment fertigte ich den Schneider mit seiner
Zugehörung ab, und er fuhr mit seinen Schellnkränzen lustig davon, nicht anders
glaubend, als wäre er diese Nacht bei einem Weissgerber gelegen. Und weil ihnen
mein Knecht den Weg bis über das Gebirg hinaus weisen müssen, brachte er zurück,
dass sie sich über nichts mehrers als über meinen stattlichen Reichtum
verwunderten. Indessen hatte ich aber die Hochzeitkleider ein Stück nach dem
andern besehen, und möchte nichts Liebers wissen, als warum doch Ergasto so gar
still mit diesem hohen Werke zu verfahren gedächte, da wir doch als
Gesellschafter und gute Freunde nicht das geringste gegeneinander zu
verschweigen ehedessen versprochen hatten. Aber wie ich hernachmalen verstanden,
so hat ers nur deswegen in der geheim behalten, auf dass er uns desto
unverhoffter zusammenrufen und also eine unverhoffte Freude anrichten könnte,
bei welchem man insgemeine zum lustigsten ist. Denn je unverhoffter die Freude,
je angenehmer ist die Lust derselben, aber mir war sie um so viel desto
ergötzlicher, weil ich zu solcher allgemach einen fröhlichen Anfang gemachet.
    Ich dachte wohl einen ganzen Tag, was doch Ergasto und sein Bruder Isidoro
zu diesem Streiche sagen, auch wie sich doch der Alamode-Schneider in Eröffnung
der Kleiderkisten anstellen würde. Aber ich musste die Geschicht mit kommender
Zeit erwarten, zwischen welchem ich aufs neue allerhand Lieder componierte und
solche hernachmals in die Musik übersetzte. Ich hatte auch meine sonderliche
Kurzweil mit dem Sperling- oder, wie mans in Österreich heisset, mit dem
Spatzenfangen, welche sich häufig auf meinem Mistaufen einfanden. Teils erschoss
ich [sie] mit Pallester-Kugeln, teils fing ich sie mit Leimruten und
dergleichen, und unerachtet ich mir ziemliche Anzahl derselben zusammengebracht,
war ich doch lange nicht so karg und filzig, dass ich solche braten und meinem
Gesind zu essen hätte geben lassen, mit welcher Hudelei viel andere
meinesgleichen auf dem Lande und in den Städten umgegangen, welche ihren Leuten
nit allein Sperlinge, sondern sogar geschossene Raben vor Wildtauben zu fressen
gegeben.
    O nein, ein solcher Sparmunks bin ich all mein Leben lang nicht gewesen und
will auch, wenns Wetter gut ist, noch lang keiner werden, denn was hat der
Mensch auf Erden anders zu geniessen als das Leben? Wahrhaftig nichts. Drum ist
es eine absonderliche Eitelkeit, so lange sparen und scharren, bis man ins Grab
geht, da man doch von den erworbenen Mitteln nicht einmal froh noch satt wird,
weil die Geizhälse immer gedenken: Heut zerrinnet mir mein Hab und Gut, morgen
zerrinnet mirs, übermorgen zerrinnet mirs, und so fort ohne Ende. Nein, solche
lapperhaftige Gedanken hab ich niemalen in mein Herz kommen lassen. Ich liess
mein Gesind und Schlossbediente meiner Mittel und des wenigen Vermögen reichlich
geniessen und frass selten einen Braten, da ich nicht ihnen auch einen zurichten
liess. Ja wohl, Sperlinge, es war mir genug, dass ich durch den Fang derselben die
Zeit passieren konnte. Was sollte ich erst noch darzu einen Gewinn gesucht und
solche den armen Dienstboten zu essen vorgesetzet haben? Sie arbeiten ja viel
mehr als ich, deswegen hielt ichs vor unbillig, dass ein Feiernder besser denn
ein Arbeiter solle tractieret werden. Und in diesem Teil erhielt ich kein
geringes Lob unter meinen Leuten. Sie arbeiteten auch noch halb soviel, und ich
spürete ihre fleissige Hände in Zunehmung des Viehes, in Fruchtbarkeit der Äcker
und in Erspriessung vieler andern Sachen um ein merkliches.
    Zwei Tage darnach, als der Alamode-Schneider seinen ehrlichen Abschied von
mir genommen, kam ein Bauernknecht aus dem Dorfe zu mir, vorgebend, er hätte auf
meine Köchin eine heimliche Liebe geworfen. Wenn ich so gnädig sein wollte und
ihm zu der Heirat würde behülflich sein, wollte er mir ein Dutzet Taler nicht
versagen. Ich sagte zu ihm, dass sein Vorhaben nicht schlimm, sondern vielmehr zu
loben sei, absonderlich, weil er diese Sache an dem gehörigen Ort anbrächte und
mir als ihrer Herrschaft solches anfangs zu wissen machte. »Mit deinem Geld«,
sagte ich zu ihm, »kannst du den Acker bestellen, denn ich bin kein Bärnhäuter,
der wegen einer solchen Sach sich mit einer Kalmäuserei zu tun schaffet. Hast du
aber schon mit meiner Köchin geredet?« - »Gestrenger Herr,« antwortete der
Verliebte, »geredet hab ich nichts mit ihr, aber sonsten bin ich mit ihr
umgegangen.« - »Wie bist du denn mit ihr umgegangen?« - »Herr,« sagte er, »ich
hab mit ihr ein paarmal getanzet.« - »Ja,« sagte ich, »so bist du nicht mit ihr
umgegangen, sondern du hast mit ihr umgetanzet.« Hiermit erzählete er mir die
Gelegenheit, wo er sie zu sehen bekommen, und weil mir der Narr nicht übel
gefiel, liess ich meine Frau und die Köchin heraufkommen. Denselben trug ich vor,
wasgestalten dieser gute Freund, aus einer sonderlichen Liebe getrieben, eine
ehliche Werbung an mich getan, und zwar wegen der Köchin. Wenn sie nun hierinnen
gleiches Sinnes sei und sich in ein ehliches Gelübde mit ihm einlassen wollte,
stünde es zu überlegen und sich darnach zu richten. Ich und meine Hausfrau
würden unsersteils nichts dabei ermangeln lassen, was zu ihrem Besten und
Aufnehmen gedeihen möchte, und was dergleichen Worte mehr waren.
    »Was,« sagte die Köchin, »soll ich einen Bauernflegel heiraten? Oh, das
geschicht nimmermehr! Er kann mit seiner Werbung wegen meiner wohl zu Hause
bleiben, wenn kein anderer kommen will, so mag es dieser auch bleiben lassen.
Ich glaub nicht, dass ich noch ein Wort mit ihm gesprochen, und er darf sich
unterstehen, um mich zu freien? O der schändlichen Unbehutsamkeit! Ich sehe, dass
der Kerl ein Narr ist oder aufs wenigst den Sonnenschuss hat. Nein, nein, ich mag
noch nicht heiraten!« Damit lief sie zum Zimmer hinaus.
 
                                 VIII. Capitul.
                     Die Köchin hätte lieber den Schreiber.
 Viel lieber hätt der Küchenratz
 Den Schreiber als den Baur zum Schatz
Der Freier stund nach ihrem Abschied da, wie man ihn ans Ohr geschlagen hätte,
und mich verwunderte es, dass sich die Köchin so einen Haufen einbildete und
keinen Bauern heiraten wollte. »Lieber Freund,« sagte ich zu ihm, »dein
Anbringen hat einen schlechten Anfang, aber die Winde, welche sich anfangs still
erheben, haben auf die letzte einen grössern Nachdruck. Eine Vestung wird nit
stracks auf einen Sturm eingenommen, musst du dahero sehen, wie du deine Sachen
anstellest, dass du sie besser aus dem Sattel heben mögest. Wie hoch erstreckt
sich dein Vermögen?« - »Euer Gestreng,« antwortete er, »an baren Mitteln habe
ich zweihundert gute und harte Reichstaler.« - »Ha,« sagte ich, »vor die Köchin
ist ein Harter schon genug.« Hiermit lief mein Weib auch davon, und ich blieb
allein bei dem Bauerknecht stehen, welcher schon ein wenig zu schmunzeln anfing.
»Was hast du denn noch weiter?« sagte ich zu ihm. »Weiter«, antwortete er, »hab
ich vierhundert Scheffel Wintergersten und neun Morgen Landes. Das ist all mein
Reichtum, und wenn mich die Köchin nicht nehmen will, so muss ich halt schauen,
wie es in einem andern Haus beschaffen sei.« Ich sagte zu ihm: »Wenn du so viel
vermagst, so bist du wohl ein Narr, dass du nicht wacker den Huren nachlaufest,
dadurch du wohl ledig bleiben und dich mit der Haushaltung nit viel schleppen
darfst.« - »Nein, Herr,« sagte er, »huren ist verboten. Ich hätte lieber ein
Weib als eine Hure. Es gewinnt keiner nichts mit der Hurerei, und unsers
Nachbars Stoffel hat oft gesagt, wenn er den Huren nit so nachgelaufen wäre, er
wollte jetzo um hundert Gulden reicher sein.«
    »Mein lieber Kerl,« sagte ich zu dem Bauerknecht, »du bist in diesem Stück
viel glückseliger als mancher grosser Hans, dem es an der Erkenntnis dieses
Lasters ein merkliches mangelt. Aber ich höre, du seist sonsten an dem Leib
schlecht genug beschaffen, denn man sagt, du wärest vor diesem geschnitten
worden und hättest also gar ein geringes Vermögen, ein Frauenzimmer zu
befriedigen.« - »Ei, Herr,« sagte der Bauernknecht, »ists möglich, wer hat das
Ding gesagt? Ich glaub, die Leut sind Narren oder werden noch zu Narren werden.
Hat sich wohl, geschnitten sein! Narrenpossen, deswegen wollt ich mit der Köchin
schon übereins kommen, wenn sie mich nur sonst haben möchte.« - »Nein,« sagte
ich, »du magst machen, was du willst, ich kann keines darzu zwingen. Will dich
die Köchin, so kriegst du die Köchin, will sie dich nit, so kriegst du sie auch
nit.« - »Herr,« sagte der Bauer, »das hätt mir wohl ein Narr gesagt. Drum frag
ich Euch um Rat, wie ich die Köchin bei der Cartausen kriegen und zu meinem Weib
bekommen könnte. Hört Ihrs nicht, zwölf Taler will ich Euch schenken, Herr,
zwölf Taler, zwölf Taler!«
    Mit diesen Worten stiess er mit dem Stock auf den Boden, und weil die Köchin
geglaubet, ich klopfte, kam sie wieder herauf und fragte, was ich zu befehlen
hätte? »Nichts anders,« sagte ich, »als dass du dich entschliessest, wessen sich
dieser ehrliche Mensch gegen dich zu versehen habe. Nimm dir etliche Tage vor,
alsdann will ich dir wieder zusprechen und deine Antwort abholen lassen, es
werde darnach gleich etwas draus oder nicht.« - »Ach, Herr,« sagte die Köchin,
»einen Bauern zu heiraten kann ich nicht über mein Herz bringen. Wenn Ihr mir
aber zu einem Schreiber oder zu dem Schulmeister in unserm Dorfe helfen wollet,
dann wollte ich mich bald herauslassen, was ich zu tun gesonnen sei.«
Entzwischen ging der Bauerkerl wieder fort und schüttelte den Kopf mit etlichen
Worten, die er in der Stille herausgemurmelt.
    »Der Teufel hat dich beschissen,« sagte ich zu der Köchin, »dass du den
ehrlichen Kerl nicht willst. Ihr Narren hätt gerne einen in weiten Hosen, und
wenn ihr ihn bekommet, so habt ihr oft das Brot kaum zu fressen. Was geht dem
Kerl ab? Er ist wohlgestalt vom Leib, und ist er schon ein Bauer, so ist er doch
kein Narr. Er bekommt wohl allentalben ein Weib, aber du nicht stracks einen
Mann, wie dirs gefällt. O meine Köchin, da hast du noch weit hin! Glaube
sicherlich, dass dir die Gelegenheit nicht alle Tage vor der Küchentür stehen und
dir einen Tanz auf dem Hackbrett aufspielen wird. Früh gefreit, Bat niemand
gereut, wenn es billig zugegangen. Und meinst du denn mit einem Schreiber so
viel auszurichten? Köchin, Köchin, du irrest gar weit! Du wirst noch einmal die
Finger darnach ablecken, wenn du einen solchen braven und jungen Bauernknecht
bekommen sollst.
    Ihr Eselsköpfe macht euch selbst untereinander so hoffärtig, und wenns dazu
kommt, sitzt ihr bis über die Ohren in Elend und Jammer. Du meinst und bildest
dir ein, an dem Schulmeister ein Haufen zu erhaschen. Was willst du aber mit dem
dalketen Narren anfangen? Er kann und versteht ja nichts, und wie ich ihn
neulich zu Gast hatte, seichte er gar in die Hosen, als ich ihm nur ein paar
Gläser Wein zugetrunken.
    Er hat einen zornigen und hartnäckigen Kopf, spielt gern und zanket sich
fast öfter, als er betet. Wenn ich dir erzählen sollte, was er bei denen vor ein
Lob hat, welchen er von Jugend auf beigewohnt, so würdest du ihn vielmehr
auslachen als lieben. Man beschimpfet ihn allentalben, und so sehr man ihn
angreifet, wehret und bessert er sich doch nicht. Darum kannst du schliessen, dass
er nicht gar viel auf sich halte. Es kanns kein Mensch in dem ganzen Dorf sagen,
dass er die Zeit seines Lebens einem eine Höflichkeit erwiesen. Aber er hauet
hingegen alle Leute bei mir hinein und ist ein solcher Fuchsschwänzer, dass
nichts darüber. Er hält sich bloss an meiner Gunst, und wenn ich ihn absetzte, so
musst du mit ihm betteln gehen und bist also schon zeitlich verdorben. Darum so
resolviere dich mit wenigem, ich will dich weder nötigen noch von deinem
Vorhaben mit dem Schreiber oder dem Schulmeister abwendig machen. Allein, es ist
an allen beiden nicht gar viel übriges. Mein Rat wärs, du nähmest den
Bauernknecht, stinkt er schon nach Mist, so stinkt er doch auch nach
Reichstalern, die findet man heutzutage nicht überall. Manche heiratet lieber
einen Soldaten als einen Bauern, und wenn man abdankt, so kommt sie doch wohl
mit zweien Kindern auf dem Rücken vor des Bauers seine Haustür und bettelt um
ein Stück Brot. Wer einen gewinnenden Pfenning erheiraten kann, ist heutzutag
glückselig genug, und dergleichen Gelegenheiten werden dir wahrhaftig nicht alle
Tage offenstehen. Sophia, was denkst du?«
    »Gestrenger Herr,« antwortete sie, »Er weiss und ist Ihm zur Genüge bekannt,
dass ich all meine Tage und meine meiste Zeit unter dem adeligen Frauenzimmer
zugebracht. Und wenn ich nun sollte einen Bauer und Landmann heiraten, hilf
Gott, wie sollten mich diejenige auslachen, die mich zuvor gekannt oder um mich
gelöffelt hätten. Gestrenger Herr, mit klatschenden Händen würden sie über den
Köpfen zusammenschlagen und sprechen: Seht mir doch den Handel an! Die Sophia,
des Herrn Zendorii Köchin, hat einen Bauerknecht geheiratet. Der und der ist ihr
viel zu schlecht gewesen, nun ist sie eine Viehmagd worden. Gelt, Euer Gestreng,
das Ding sollte mich trefflich im Bauche vexieren.«
    »Narrenpossen,« sagte ich, »wenn dich der Bräutigam nicht besser in dem
Bauche vexieret als diese Reden deiner Bekannten, so ist der Handel schon
geschlossen. Ihr seid halt Affen und Narren. Durch die Heirat suchest du deine
eigne Glückseligkeit. Triffst du es wohl, so hast du es auch wohl, und hilft
oder schadet nichts, die Leute mögen davon sagen oder urteilen, was sie wollen.
Was ist dir geholfen, wenn du den Schulmeister heiratest und mit ihm betteln
musst? Ist gleich sein Amt was reputierlicher als des Bauern, so ist doch auch
hernachmals das Elend desto grösser. Ich halte es viel besser, in einem niedrigen
Stand ein Stücklein Brot vermögen, als in einem hohen Hunger leiden müssen.
Sophia, Sophia! Du weisst noch nicht, wie es in der Welt hergehet. Das Reden der
Leute tut nichts zur Sache. Wenn sie sagen: Pfui Teufel, die Sophia hat einen
Bauern genommen, und du issest einen guten Braten, so ists besser, als wenn sie
sagen: Ach, wie wohl hat Sophia getan, dass sie den Schreiber geheiratet, bei
welchem du doch Sauerkraut essen musst. Gelt, meine liebe Sophia, du merkest
wohl, dass nichts an dem Urteil der Menschen gelegen.«
    »Euer Gestreng,« sagte die Sophia, »Sie sollten bald einen wunderlichen
Entschluss aus mir bringen. Hat denn der Kerl was im Vermögen?« - »Sein
Vermögen«, sagte ich, »ist so liederlich nicht, als du dir wohl einbildest. Er
hat nebenst ziemlichem Stücke Geld viel Getreid liegen und noch darzu seines
Vaters Gut zu hoffen. Der Haussegen bestehet nicht in grossen Mitteln, sondern
wie man mit wenigem sich in die Höhe und emporschwinget. Er hat zweihundert
Taler in specie und viel Getreid auf dem Boden liegen. Das ist dasjenige, was er
bis anhero mit seiner Arbeit erworben, und sein Vater gibt ihm auf das wenigste
eine Heimsteuer von fünfzig Gülden. Er hat überdieses ein liegend Feldgut, von
welchem ihr das Jahr Brot genug zu essen habet. Dahingegen mancher grosser
Prahler das Geldlein dort und dar zusammenklauben muss, wenn er das Wochenbrot
kaufen soll. Lasse andere immer sagen, was sie wollen, wenn du deine eigene Frau
bist, hast du dich wenig nach fremden Leuten zu kehren. Mancher wird deinen
Stand auslachen, der doch wohl froh ist, wenn du ihn zu Gast bittest und eine
Mahlzeit vorsetzest, die er oft nicht zu bezahlen hat.
    Ich bin ein Cavalier von sattsamen Mitteln, und solchergestalten hätte ich
schon lang ein Minister bei einem Hofe sein können. Aber die Vergnügung, welche
ich in der Niedrigkeit finde, hält mich billig ab von einem Ruhm, der nur in der
hinschwindenden Eitelkeit bestehet. Du siehest, dass ich hier ein schlechtes
Geiglein in der Hand habe, und bin damit nicht halb mit so hochwichtigen Sorgen
belegt, als wenn ich statt dessen einen Scepter führte. Diese Geige ist vor
mich, aber der Scepter ist vor andre Leute, und brauchet grosse Mühe, klug
regieret zu werden. Du bist zwar nur eine Köchin und um zwei Grad nicht von dem
Bauerstand erhoben. Und wenn ich dich betrachte, wovon du hergekommen, so sehe
ich nicht, was du vor Ursach habest, dich so sehr wider diesen Kerl zu sperren,
denn deine Mutter ist eine schlechte Leinweberin gewesen. Dahero musst du
betrachten, wo du her bist, und nicht, in was vor Frauenzimmer du dich
aufgehalten und gearbeitet hast. Du bist überdieses keine unter den Schönsten,
und es ist um ein paar Jährlein zu tun, so bist du schon voll Runzel. Und sooft
du in den Spiegel sehen wirst, wird es dich gereuen, dass du die Gelegenheit, zu
heiraten, dir selber zum Verdruss so jämmerlich hast vorbeistreichen lassen.«
    »Herr,« sagte die Köchin zu mir, »ich will mich darüber besinnen. Was Euer
Gestreng vorgebracht, ist wohl die gründliche Wahrheit, ich wills versuchen, wie
es tut, aber vier Wochen nehme ich Bedenkzeit.« Solchergestalt liess ich den
Bauerknecht wieder rufen, und er war wegen des Entschlusses wohl zufrieden, nahm
auch hinfüro mit meiner Erlaubnis einen freien Zutritt in das Schloss, damit er
die Köchin und sie ihn hinwieder besser kennenlernete.
 
                                  IX. Capitul.
   Zendorio erhält Brief wegen des Alamode-Schneiders, erscheinet auf Ergasto
                                   Hochzeit.
 Es gibt sich mancher davor aus,
 Der er doch niemals war im Haus.
Dahin hatte ichs unter diesen zweien Leuten mit der Hochzeit gebracht, als mir
unverhofft ein Brief aus dem Schloss Wildenstein überliefert wurde. Und weil ich
Isidori Handschrift kennete, eröffnete ich solchen um so viel begieriger, je
grössers Verlangen ich bis daher getragen, wegen des Alamode-Schneiders und
seinem mitgebrachten Heu und Stroh einzige Nachricht zu erhalten. Der Brief aber
bestund in folgendem Concept:
Vielgeliebter Herr Bruder! Allem Ansehen nach ist der Alamode-Schneider, Meister
Jonas, von Dir als dem reichen Weissgerber trefflich tractiert worden. Und wenn
ich nicht irre, so bist Du auch derselbe, welcher ihm seine Kleiderkästen mit
Heu und Stroh angefüllet. Denn als er Dein Conterfei an der Wand hangen sah,
erbot er sich, gegen mir und meinem Bruder Ergasto, einen Eid zu tun, dass dieses
und kein anderer der Weissgerber wäre, bei welchem er unterweges eingekehret und
der ihn so wacker tractiert hätte. Du kannst nimmermehr glauben, wie sich der
Schneider angestellet, als er statt der Hochzeitkleider solche unverhoffte
Materia angetroffen, und es stund nicht gar weit, so hätte er gar zu weinen
angefangen. Deswegen schicke dieselben Kleider bei dieser Gelegenheit anhero und
sei zugleich auf künftigen Dienstag eingeladen, weil mein Bruder entschlossen
ist, mit einer Ausländerin, namens Sylvia, sich zu verehlichen, und nunmehr auf
dem Weg begriffen ist, solche hieherzuführen. Cetera textus habet. Verzeihe mir,
dass ich so schlimm schreibe. Ich habe eine Comödia unterhanden, die soll auf das
Hochzeitfest gespielet werden.
                                                   Wildenstein, am Tage Eduardi.
Diesen Brief las ich wohl zwanzigmal nacheinander hindurch und sprang vor
Freuden in dem Zimmer herum, dass der Schneider so artig, und zwar durch das
Conterfei, zu meiner Erkenntnis gekommen. Und weil die Hochzeit so gar nahe war,
nahm ich die Kleider selbst mit mir. Aber Caspia musste vor diesmal zu Hause
bleiben, weil sich allerehestens ihre Geburtsstund nahete. Ich nahm nebenst
meinem Jungen niemand mit mir als den ehrlichen Josten, welcher mir auf dem Weg
weiterhinaus erzählen musste, wie es ihm in seinem Leben gegangen. Weil aber in
solcher Relation nichts als allerlei Veränderungen seiner Dienste vorgegangen,
will ich mit einem unnötigen Bericht wenig Papier einnehmen, sondern vielmehr
erzählen, wie es auf dem Schloss zu Wildenstein abgelaufen.
    Der Schneider schlug vor Freuden die Hände über dem Kopf zusammen, als er
mich in das Schloss einfahren sah. »Willkomm, Herr Weissgerber«, schrien etliche
Cavalier über den Altan herunter, welche ich wegen schneller Fahrt nicht
erkennen können. Nachdem ich aber ausgestanden, sah ich neben Monsieur Ludwigen
den ehrlichen Herrn Caspar und den Faustus auf dem Gange stehen, welche mich
fragten, wieviel Dutzet Bock- und Kalbfell ich mit meiner Caspia bis dahero
ausgearbeitet hätte. Über solche Frage musste ich von Herzen lachen, und der
Schneider kam gleich an den Schlitten, seine Kleider abzuholen, als wir fast
eine halbe Comödia miteinander anfingen.
    Indem kommt Ergasto mit seiner Liebsten samt sechs Schlitten fremder
Cavalier und Frauenzimmer dahergefahren. Und ich hätte auf zwölf Bogen Papier
nicht genug Raum, wenn ich all dasjenige erzählen sollte, was sich zwischen uns
in dieser Ankunft zugetragen. Ich habe aber zuvor geschrieben, dass ich nicht
gesonnen sei, aufzusetzen blosse Wort der abgelegten Complimenten, sondern nur
solche Sachen, die zur Histori gehören.
    Abends tractierte man sehr herrlich, und des folgenden Tages ging die
Trauung vorüber, nach welchem ein herrliches Banquett gehalten wurde. An dem
fremden Frauenzimmer war so gar extraordinar nichts Schönes noch Ruhmwürdiges,
es müsste denn nur sein, dass die Hoffart auch einen Ruhm nach sich zu ziehen
pflegte. Sonst wüsste ich in der Wahrheit nicht, was ich ihnen vor Qualitäten
beimessen sollte. Ihrer viel würdigten uns keiner Rede, wir sahen schon, wieviel
es geschlagen hatte, und dass sie darum wollten gebeten sein. Aber man liess sie
samt ihrer Einbildung auf dem Hintern sitzen, und scherte sich um ihre Grandetz
gar niemand als etwan die einfältige Bauernjungen, die bei der Tafel mit
aufwarten müssen. Denn sie sagten, dass sie all ihr Leben lang den Hintern nicht
so hin und wider wetzen gesehen, als wie es diese Docken getrieben. Vor diesmal
wurde aber nicht gar zu lange gespeiset, denn weil Isidoro eine Comödia wollte
agieren lassen, eilete man mit den Speisen bald von der Tafel, und wurden die
Gesundheit-Trünk bis zu einer andern Gelegenheit versparet, weil es gar übel
stehet, wenn ein Vollgetrunkener einer Comödia oder andern Action zusehen will.
Hiermit hebte man auf, und das Frauenzimmer stackte das Confect in ihre
Schubsäcke, solches unter währendem Agieren zu verzehren oder die Cavalier damit
ins Genicke zu werfen, aus welchem der Leser urteilen kann, dass die Mannsbilder
dazumal voran gesessen.
 
                                  X. Capitul.
                  Lustige Comödia daselbst samt andern Sachen.
 Wer seine Meinung nicht lässt fahr'n,
 Wird oft darüber gar zum Narr'n.
Der Leser verwundere sich nicht, warum ich in dem vorhergehenden Capitul so kurz
abgebrochen, denn weil alles so sehr zu der Action eilete, konnte ich mich
billig länger darinnen nicht aufhalten. Die ganze Gesellschaft wurde unter
Trompeten- und Paukenschall in eine grosse Tafelstube geführet, allwo das
Teatrum aufgeschlagen war. Actores hatte Isidoro so gut aufgebracht, als er sie
auf unterschiedlichen Schulhäusern in den umliegenden Dörfern antreffen können.
Das Teatrum selbst bestund meistens in Vorhängen und auf Bretter gepappten
Tapezereien. Dahero ist leichtlich zu schliessen, dass es sehr schlechte Maschinen
und dahero gar wenig Verwendungen abgegeben.
    Man hatte gegen dem Teatro über etliche erhabene Sitzbänke verfertiget, und
als die anwesende Hochzeitgäste sich in ihre Ordnung gesetzet, liess sich über
dem Teatro eine gemachte Taube herunter, die pfiff die Wort »Der verliebte
Österreicher« ganz hell und deutlich, denn Isidoro hatte ehedessen nicht ein
weniges in der Matematik getan, und war ihm also gar nichts Neues, gewisse Wort
in ein hölzernes Instrument zu schliessen und dieselben zu gewisser Zeit wieder
herauszulassen.
    Es schien fast, als wollte man in einer erdenen Schüssel ein herrlich
Gericht auftragen, ich meine, als sollte auf diesem lumpichten Teatro eine
herrliche Action præsentiert werden. Deswegen gab man gar beflissenes Gesicht,
unerachtet einer gar viel Niespulver auf die Sitzbänke gestreuet, dardurch die
Aufmerksamkeit der Zuhörer zu zerstören, aber ehe sie sichs versahn, hebte sich
an
                           Actus primus. Scena prima
                              Jorgias und Rutilio.
Jorgias. Ich weiss in der Wahrheit nicht, was ich anfange oder auf was vor eine
    Weise ich zu dem Ausgang meiner Liebe gerate. Zur Rechten druckt mich das
    Unvermögen, auf der Linken die Verachtung, dadurch ich allem Frauenzimmer
    verhasst bin. Aber hier wohnt ein Philosophus, der ist ein mächtiger Doctor.
    Er weiss sich in seinem Mantel viel mehr als alle Windmüller in spanischen
    Niederlanden. Er mischt sich in alles wie eine Sau, die man im Frühling zum
    erstenmal auf das Feld treibet, und wovon man ihm sagt, darinnen ist er
    Magister. Sein Name heisst Rutilio. Darum werde ich ihn zu Rate ziehen und
    sehen, was seine Meinung wegen meiner Liebe sei. Sehet, hier kommt er
    erwünscht.
Rutilio. Das ist ein Flegel! Der Bärnhäuter will behaupten, Erfurt in Türingen
    sei keine Stadt, sondern sagt simpliciter hinweg: Erfurt ist ein Dorf, ein
    Reichsdorf, das grösste Dorf in Teutschland. O der Bärnhäuter! Er hat Zeit
    gehabt, dass er mir aus dem Auditorio entlaufen, ich wollte dem Schlingel
    sonsten argumentiert haben, dass ihm die Nasen bluten soll! O du Bärnhäuter!
Jorgias. Herr Doctor, einen guten Tag!
Rutilio. Hör mir nur ein Mensch die Consequenz an: Omne id, quod est pagus, non
    est civitas. Erfurdium est pagus, ergo non est civitas. O du Esel, du
    impertinenter Erzflegel mit deinem Argument!
Jorgias. Herr Doctor, wie wird mirs doch mit meiner Liebe gehen?
Rutilio. Ich wollte, dass du mit deinem Argument an den Galgen gehen müssest. Der
    Narr kann nicht distinguieren inter esse politicum etc. inter esse physicum.
    O du Erzgrobianus!
Alia einm est intentio entis politici, alia entis physici.
Jorgias. Mein Herr Rutilio, hört Ihr mich denn nicht? Ich wollte gern ein Wort
    mit Euch sprechen!
Rutilio. Ach, dass ich dem Bachanten keine Ohrfeige gegeben! Erfurdium enim
    considero aut physice, aut politice, si considero physice est civitas, si
    politice est pagus imperii. So ist die Sach ausgemacht.
Jorgias. Ei, was hab ich mit Erfurt zu schaffen! Sagt mir doch, ob mir meine
    Liebste wird getreu sein!
Rutilio. Secundo antworte ich so: ubi non habitant rustici, ibi non est pagus.
    Erfurdii non habitant rustici, ergo Erfurdium non est pagus. Die Sache ist
    so klar als die Sonn am Himmel.
Jorgias. Lasst mich doch nicht so vergebens hier stehen.
Rutilio. Was wollt Ihr denn?
Jorgias. Mein Herr Doctor, wie ratet Ihr mir, soll ich in meiner Liebe mit der
    Schneiderstochter fortfahren oder nicht?
Rutilio. Tertio sage ich so: quod vulgariter vocatur civitas, illud est civitas;
    Erfurdium vulgo vocatur civitas, ergo Erfurdium est civitas. Wer beisst mir
    die Nuss auf?
Jorgias. Was, Nuss aufbeissen? Nuss aufbeissen? Hört mich doch nur ein Wort!
Rutilio. Du Schlingel, samt deiner Logik, sollst du sagen, esse physicum sei
    eine Moraldisciplin? So argumentiere ich: esse tuum, est esse physicum, ergo
    tu es homo moralis, quod est absurdum.
Jorgias. Herr Rutilio, höret mich!
Rutilio. Ich höre Euch schon, aber der Esel, der Impertinent, will mich mit
    Gewalt überstreiten, Erfurt sei keine Stadt. Ehe dass ich dieses affirmieren
    wollte, dass Erfurt ein Dorf wäre, ehe wollt ich sagen: quod forma et figura
    differant realitate intrinseca, quod etiam est absurdum.
Jorgias. Herr Rutilio, Ihr habt philosophische Grillen, sagt mir doch, was soll
    ich denn mit meiner Liebsten anfangen?
Rutilio. Und was noch das allermeiste ist, so affirmiert der Galgenvogel, quod
    per esse intentionis intelligantur realitates animi? Quod est contra
    rationem.
Jorgias. Herr Rutilio, kommet mir nur dieses Mal mit Eurem Rat zu Hülf.
Rutilio. Si enim esse intentionis spectat realitates animi, sequitur, quod
    cantus sit esse intentionis, quod est absurdissimum.
Jorgias. Soll ich denn wieder hinweggehen?
Rutilio. Insuper so sagt der Bärnhäuter: qualitates rationis sunt coadæquatæa
    species intentionis, quod est risibile.
Jorgias. Mein Herr Rutilio, ich glaube Euch alles, sagt mir doch, wie ich mich
    in meiner angefangenen Liebe zu verhalten habe?
Rutilio. Ja, ja, es ist nicht anders: notio prima est qualitas rationis, ergo
    notio prima est species intentionis, non est credibile, es ist unmüglich.
Jorgias. Hat mich der Teufel mit Eurem Disputieren beschissen?
Rutilio. O der Bärnhäuter, der ungehobelte Bärnhäuter, darf mich fragen: quid
    sit musica? Narr, die Musik ist eine Kunst dem, der sie nicht kann, und dem,
    der sie kann, ists eine Wissenschaft. Res est clarissima.
Jorgias. Ich glaub, er disputiert sich heute noch närrisch.
Rutilio. Omne enim, quod scio, non scio, ut artem, sed ut scientiam. Da steckt
    das Fundament.
Jorgias. Herr Rutilio, Herr Rutilio!
Rutilio. Was hab ich mit Euch zu schaffen? Scientia est effectus artis, ergo
    quod per artem didicimus, hoc necessario scimus.
                                  (Gehet ab.)
                          Actus primus. Scena secunda
                       Strabo, ein Philosophus. Jorgias.
Strabo. Ich suche den ehrlichen Rutilio, mich mit ihm zu unterreden, was er von
    der Sach statuiert, die ich heute mit meinen Auditoribus vorgehabt. Aber wen
    sehe ich hier?
Jorgias. Mein Herr, ich bin Jorgias, der verliebte Österreicher, und habe mich
    bei dem Rutilio Rats erholet, aber er ist ein halber Narr und antwortet mir
    gar nichts zur Sache.
Strabo. Was? Rutilio ein Narr? Sollt Ihr einen meinesgleichen so unhöflich
    beschimpfen? Ich schwöre, Euchs bei den Göttern nicht zu vergessen, sondern
    Euer unbescheiden Maul in allen Schulen bekannt zu machen.
Jorgias. Wie? Ist mein Herr auch ein Gelehrter?
Strabo. Freilich, und zwar ein vollkommen Gelehrter, dergleichen sonst in der
    Welt nicht ist.
Jorgias. Mein Herr, ich bin hergekommen ...
Strabo. Ihr müsst nicht sagen: Ich bin hergekommen sondern: Es gedünkt mich, ich
    sei hergekommen.
Jorgias. Und dahero bitte ich Euch ...
Strabo. Ihr müsst nicht sagen: Ich bitte Euch, sondern: Es gedünkt mich, ich
    bitte Euch.
Jorgias. Weil, ich bin der verliebteste Mensch.
Strabo. Ihr seid kein Mensch, sondern ein Esel, id probo sequentibus: Asinus
    habet duas aures, tu habes duas aures, ergo es asinus.
Jorgias. Herr Philosophus, wer zwei Ohren hat wie ich, der ist sowohl ein Esel
    als ich. Ihr habt auch zwei Ohren wie ich, ergo seid Ihr auch ein Esel wie
    ich.
Strabo. Was sagst du, du Bärnhäuter?
Jorgias. Ein Schelm seid Ihr!
Strabo. Das will ich dem Richter klagen, dass du mich einen Schelm geheissen.
Jorgias. Herr, Ihr müsst nicht sagen: Ich wills dem Richter klagen, sondern: Es
    gedünkt mich, ich will ihms klagen. Auch nicht, dass ich Euch einen Schelm
    geheissen, sondern: Es gedünkt Euch, ich habe Euch einen geheissen.
Sie wollten weiter miteinander fortreden, so fiel aber zu allem Unglück das
Teatrum über den Haufen, und wurden ihrer viel nicht ohne Gefahr verletzet, dass
also diese lustige und kurzweilige Action nicht konnte zum erwünschten Ende
gebracht werden, so sehr auch diejenige darnach verlanget, welche ehedessen auf
Schilen das Ihrige getan. Aber Isidoro musste es wider seinen Willen so dabei
verbleiben lassen, weil etliche Hauptpersonen von der eingefallenen Wand in dem
Gesicht verletzt worden und dahero grosse Pflaster aufzulegen genötiget wurden.
    Aus dieser Ursach verschob man die Action bis zu einer andern Zeit, denn
Isidoro berichtete, dass noch zwei Philosophi darinnen wären, welche mit dem
Pickelhering ihre Propositiones haben würden. Dahero gaben sich die Cavalier in
etwas zufrieden, und das Frauenzimmer waren indessen geschäftig, damit der Tanz
gehalten wurde, nach welchem aufs neue sehr magnific tractiert worden.
 
                                  XI. Capitul.
                        Das Ende des Lebens der Veronia.
 Wer Gift verschluckt, der würgt das Herz,
 Auf Laster folget Pein und Schmerz.
Nebenst dieser Erzählung auf dem Tanzboden genossen wir sonst eine treffliche
Lust mit den Klopffechtern, welche das Land auf und ab zu fahren und ihre
Fechtschulen an die Ratäuser anzuschlagen pflegen. Es war eine ziemliche Partei
Marxbrüder und Federfechter, und dannenhero mussten sie sich drei Tage
nacheinander auf dem Schlosshofe herumschlagen, so gut sie es von ihrem
Obermeister gelernet hatten. Der weissköpfichte Beck tat mit der Stange das
Beste, und der schwarze teilete gute Kopfnüsse aus. Der Bruder Hansel hielt sich
auf der Federfechter Seiten nicht gar übel. Aber mit dem Dusacken kriegte er
unterweilen eine weidliche Huschen über seine lederne Hosen, darüber ich noch
lachen muss, sooft ich mir einbilde, wie eine artliche Positur er dazumal
gemachet. Ich und Bruder Ludwig als zwei alte redliche Marxbrüder sassen nächst
beisammen, und als ich ihn fragte, was er sowohl wegen der vorigen Comödia als
dieser Fechtschule vor Gedanken hätte, gab er zur Antwort, dass er zwar die
vorige Action noch niemalen gesehen, aber seines Entsinnens bei dem Herrn Molier
in französischer Sprache eine solche ehedessen gelesen hätte.
    Es würden in derselben die Philosophi nicht allein billig durchgezogen,
sondern auch mit ihren wunderlichen Grillen wacker ausgelachet. »Denn, es ist
keine geringe Aberwitz,« sagte er, »sich von einem philosophischen Argument
dergestalt einnehmen zu lassen, darob man alle Gesellschaft der Menschen
vergisset und oft nicht höret, was ein anderer sagt oder redet. Bei dem andern
Philosopho haben wir zu sehen, dass es vor diesem eine Anzahl dergleichen
Narrenköpfe gegeben, die geglaubt, es könne gar kein Mensch wahrhaftig sagen,
das und das sei geschehen, sondern sie vermeinten, es wäre viel besser, wenn man
sagte: mich gedünkt, es sei geschehen. Aber aus diesem Philosophieren ists
hernachmals geschehen, dass, wenn einer unter den Philosophis auf offener Gasse
oder sonsten geprügelt worden, dass der Richter keinen gewissen Ausspruch tun
können, denn wenn der geprügelte Philosophus gleich geklagt und gesagt hat: es
gedünke ihn, wie er von dem und dem sei geprügelt, abgeschmiert und wacker
zersauset worden, so sagte der Richter: Wenn es Euch nur so gedünkt und Ihr die
Sache nicht gewiss zu berichten wisset, so kann ich Euch mit meinem Urteil nicht
an die Hand gehen. Dieses halte ich von der vorübergegangenen kurzen Action, und
es verdriesst mich, dass die Wände so bald über den Haufen gefallen. Sonst würden
wir noch artliche Sachen und Schosen angehört haben, denn Isidoro sitzt fleissig
über den Büchern. Aber was noch mehr ist, so hat er einen sehr fertigen Kopf,
eine Invention an den Tag zu bringen, darüber man genug zu lernen und zu lachen
hat.
    Die gegenwärtige Klopffechter anbelangend, liebe ich zwar die Art und ihre
Manier zu fechten, aber ihnen selber bin ich nicht gar zu gewogen. Denn ihre
Profession ist eine unter den miserabelsten, und zwar die allererste, die auf
der Welt vor einer andern wohl möchte abgeschaffet werden. Die Leute schlagen
einander die Leiber ungesund, dass sie nur andern um einen schlechten Gewinst zu
lachen machen. Ich glaube nicht, dass eine Profession unter der Sonnen sei, aus
welcher man so gar nichts lernen kann. Das Seiltanzen taugt endlich zur
Leibsbewegung. Die Taschenspieler brauchen eine subtile Verzauberung der Augen.
Ein Gassenarzt hilft endlich noch denjenigen, die an seine ausgegebene Sachen
einen festen Glauben haben, so schlecht und nichtswürdig auch seine Medicamenten
seien. Diejenige, so die Tier sehen lassen, Feuer fressen, Messer verschlucken
und dergleichen, geben doch verwunderlich zu verstehen, wie unglaubliche Sachen
können ins Werk gestellet werden und wie die Natur so manch abenteuerliches Tier
an allen Orten der Erden bestellet. Hingegen weiss ich nicht, was ich von dem
Klopfobes Klopfuntes halten solle. Aber das weiss ich wohl, dass die Zuseher
oftermalen grössere Narren seien als die Fechter selber, weil man ihrer gar
viel nach geendigter Fechtschul hat in die Haare fallen und untereinander wacker
zerzausen und zerklopfen gesehen. Die Kerl reisen von einer Stadt zur andern,
und weil sie kein recht christliches Leben führen, so sterben sie auch selten
christlich. Es wäre besser, sie fechteten wacker mit ihrem Handwerk.«
    Zwischen solchem Gespräch, welches er mit vielen Exempeln untermischte,
endigte sich die Fechtschule, nachdem beide Parteien wacker aneinander
abgeklopfet und die Kolben gelauset hatten. Isidoro führte uns nach diesem
wieder in den grossen Tanzsaal, allwo wir zum Abendmahl durch das Zeichen einer
Glocke berufen worden. Über der Tafel wurde aufs neue allerlei gediscurrieret,
absonderlich aber von der Liebe, welcher Discurs dem Frauenzimmer zum
allerangenehmsten war. Des andern Tages prelleten wir dreihundert und etliche
dreissig Füchse, und nach diesen wurden zwei Wildschweine gehetzet, mit welcher
Lust wir vor diesmal insgesamt Urlaub genommen.
    Ich war trefflich begierig, nach Hause zu gelangen. Denn ich bekam Zeitung,
dass meine Caspia mit nächstem würde Kindsmutter sein, und die Cavalier sagten
mir einhellig zu, alle meine Gevattern zu werden. Mit solchem Versprechen schied
ich neben vielen andern aus dem Schloss, und weil Monsieur Ludwig an der Strasse
einen Schuldmann zu besuchen hatte, ritt er fünf Meilen mit mir. Und ich
erzählte ihm unterweges die Geschicht meines Jostens, die sich mit ihm und der
Veronia zugetragen, fragte ihn auch beinebens, ob er seitdem keine Nachricht von
derselben erhalten.
    »Liebster Bruder,« antwortete Monsieur Ludwig, »nunmehr hat sichs gewiesen,
was ein solches Leben endlich vor ein Ende nimmet, nämlich mit Schrecken. Sie
ist vor ungefähr drei Wochen mit einem Galan durchgegangen. Ihr Herr aber
folgete in verkleideter Gestalt dem Räuber nach und erwischte ihn in einer
kleinen Stadt ausser Landes, allwo er sich nicht entalten können, mit einem
versteckten Puffer hervorzuwischen und seinem Ehrenschänder mit zwei Kugeln das
Leben zu nehmen. Er hätte ihr noch Genad erwiesen, so sie ihn um Vergebung
gebeten, aber in dem Zorn und in der Furcht konnte sich keines unter beiden
begreifen. Dahero wurde sie von ihrem Herrn mit einem italienischen Dolchen
jämmerlich erstochen, und man sagt vor ganz gewiss, dass sie über achtzehn Wunden
in der Brust gehabt.
    Solche Comödien nehmen gemeiniglich einen solchen Ausgang, und es wäre zu
wünschen, dass die abscheulich gestrafte Veronia nicht in eine grössere Pein eben
in der Stunde gefahren, in welcher sie gestorben, nämlich in den Pfuhl, welcher
allen solchen Gemütern zum ewigen Schrecken brennet.«
 
                                 XII. Capitul.
        Der Irländer wird ein Einsiedler. Redet von der Welt Eitelkeit.
 Der Tor sucht Freude, Ehr und Geld,
 Der Kluge hasst und fleucht die Welt.
Er hätte weiter fortgeredet, wenn er nicht durch einen hellen Glockenklang daran
wäre verhindert worden, und weil solcher auf unserer linken Seite in einem
tiefen Tal gehöret wurde, wandten wir die Pferde und sahen in die Tiefe, allwo
ein alt ruiniertes Kloster gestanden, aus welchem wir einen jungen Mönch
herausgehen gesehen, mit einem grossen Sack über der Achsel. Wir hielten ihn
erstlich vor einen Conventbruder, welcher den andern im Kloster Wohnenden das
Brot in der umliegenden Gegend erbetteln sollte. Dannenhero blieben wir so lange
stehen, bis er die Höhe zu uns heraufkam. Ludwig redete ihn an, und unerachtet
er ihm solche freundliche Worte gab, ging er doch gleichsam in den tiefsten
Gedanken bei uns vorbei und sah sich nicht um. »Bruder,« sagte Ludwig weiter,
»seid Ihr ein Esel oder seid Ihr ein Mensch?«-»Mein Herr,« sagte dieser, sich
zurücksehend, »Ihr haltet mich gleich vor einen Esel oder Menschen, so gehöre
ich doch in Eure Gesellschaft.«
    Aus dieser Antwort verstunden wir beide, dass es der ehrliche Irländer sei,
welcher von der Welt abgesondert sein übriges Leben in einer absonderlichen
Einsamkeit zuzubringen sich ehedessen entschlossen. Ludwig ergriff ihn hierauf
bei seinem Bettelsack, und der Irländer machte vor grosser Verwunderung ein Kreuz
vor sich, weil er so unverhofft zu uns und wir zu ihm geraten. Er erzählte uns
seinen jetzigen Zustand, wie es ihm zeit seiner Einsiedlerei in diesem Tale
gegangen und dass nebenst ihm nur noch ein alter Einsiedler darunten wohnete, mit
dem er all seine Zeit zu vertreiben pflegte. »Ich habe die Welt«, sagte er zu
uns, »schon lange aus meinem Herzen verbannet, denn sie gibt endlich nichts als
schmerzlichen Verdruss und kann sich in der Anfechtung selbst nicht trösten. Ich
habe abgesagt aller hohen Ehre und streite um nichts mehr als die tiefeste
Niedrigkeit, solang ich leben werde. Die Lüste des Fleisches und den heimlichen
Künsten des bösen Feindes bin ich von Herzen zuwider, denn sie ermorden die
Seele und können sie hernach viel mehr peinigen, als sie zuvor ergötzet haben.
Ich verachte allen Reichtum der ganzen Welt und halte keinen Schatz vor
beständig als denjenigen, welchen sich die Menschen in dem Himmel sammeln. Den
eiteln Ruhm und das nichtige Lob der Menschen halte ich vor ganz nichtig und
elend, weil mancher, durch das zeitliche Lob gekitzelt, der ewigen Schmach und
Schande zueilet. Ich verdamme allen Stolz und Hochmut, weil sie ein Strick sind,
der viel tausend arme Seelen fesselt und führet an den Ort, wo der hoffärtige
Geist in Ewigkeit brennet und bratet. Ich vermaledeie den schändlichen Geiz und
greife darvor nach der freigebigen Hand des Himmels, welche den Dürftigen
reichlich mitzuteilen pfleget.
    Ich stosse von mir alle Rache und vergebe allen denjenigen von Grund meines
Herzens, welche mich heimlich oder öffentlich, wissent- oder unwissentlich, in
oder ausser Landes an meinen Ehren oder sonsten verletzet und beleidiget haben.
Ich bitte es auch insonderheit einem jeden ab und bitte, ingleichem mir zu
verzeihen von denjenigen, die auf gleiche Weise von mir sind verletzet oder
beleidiget worden. Ich verfluche alle Laster insgesamt, von welchen die schnöde
Erde verblendet der unendlichen Qual zulaufet. Ich hasse sie, ich fliehe sie und
verdamme sie. Alle Eitelkeit der Welt läuft meinem Geist zuwider, und ich
wollte, dass ich schon begraben und meiner Mutter, der Erden, in ihrem Schoss
ruhete, in welcher wir alle noch werden verwandelt werden. Fahret wohl, ihr
meine gewesene Güter, lebt wohl, ihr meine geweste Freunde, ich bin von euch
geschieden und werde nicht wieder zurücke kommen. Ich liebe die Einsamkeit mehr
denn eure Gesellschaft, denn dardurch fliehe ich keine geringe Gelegenheit zu
sündigen.
    Ich hasse ein grosses Wortgespräch, denn die Einsamkeit lehrt mich, auf mich
selbst merken und nur zu reden von solchen Sachen, die nimmermehr vergehen
können. Glückselig ist derjenige, der dich, o eitle Erde, erkennet, der dich
nicht liebt! Noch glückseliger, der dich fliehet! Du machst viel Wort, aber
beweisest sehr wenig in dem Werk, versprichst deinen Dienern einen guten Lohn,
und endlich bezahlst du sie mit dem Schwert. Nein, nein, ich gebe dir eine gute
Nacht; denn ich hänge schon an demjenigen Gut, ausser welchem kein grössers kann
gefunden werden.«
    Mit diesen Worten machte der Irländer in seiner braunen Kutte ein kleines
Reverenz und ging seine Wege. Ludwig lobte sein gutes Vorhaben und sagte, dass
die Welt an ihm ein sonderliches Muster der Höflichkeit verloren. »Seine
Lebensart«, sagte er, »ist christlich genug, aber in der Wahrheit nicht vor alle
Menschen tauglich. Zwar, wenn wir das Ende dieser Erde und ihre Herrlichkeit
betrachten, ist es nicht ohne, dass wir dardurch zuweilen recht innerlich bewegt
und zu einer neuen und reinern Lebensart angefrischet werden. Der Irländer hat
nicht übelgetan, und ich glaube, dass seine Lebensvergnügung die unserige weit
übertrifft, weil die Zufriedenheit des Geistes des Leibes Ergötzlichkeit weit
übersteiget. Ich wollte wünschen, dass ich ein solches Gemüt von Natur
eingepflanzet bekommen hätte, auf dass ich, gleich dem Irländer, mich in einer
unbekannten Wüstenei oder in einem grossen Wald, gleichwie du vor diesem getan,
aufhalten möchte. Aber ich befinde mich sowohl innerlich als äusserlich zu diesem
Werk ganz ungeschickt und verdrossen.
    Was hilft es uns, ob wir gleich in aller Glückseligkeit auf diesem Runde
herumwallen, grosse Dinge tun, unsern Namen dardurch gross und unsterblich zu
machen! Wahrhaftig, es ist nur ein Wahn, der in dem Grund niemand mehr betrügt
als denjenigen, welcher gar zu viel darauf bauet. Der Irländer beurlaubet die
Begierde des fleischlichen Wohllebens nicht ohne Ursach; denn es ist gewiss und
unleugbar, dass durch diese sündliche und beweinenswürdige Seuche viel unzählig
tausend Menschen in den ewigen Abgrund gestürzet werden. Und was richten wir
endlich mit unsern Wollüsten anders aus, als dass wir durch dieselbe ein Grab
bauen, in welches wir oftermalen unser zeitliches und ewiges Wohlergehen
einscharren. Oh, der Irländer ist in diesem Stücke wohl gefahren, und seine
Meinung, sich der Welt zu entreissen, wird ihn zu dem Himmel leiten, sofern er in
seinem angefangenen Werk eifrig und unablässig fortfähret.
    Was hilft es uns Menschen, dass wir die Länder mit Krieg einnehmen, dieselben
verheeren und versehren, auch unter unsere Botmässigkeit bringen? Mancher
streitet und überwindet seinen äusserlichen Feind und lässet sich doch
nichtsdestoweniger von dem innerlichen und unsichtbaren so liederlich besiegen,
welcher doch oftermalen durch einen einzigen frommen Gedanken kann zurück- und
abgetrieben werden. Was hat nun die elende Veronia von ihrer Unreinigkeit? Ihre
Lust war kurz, ihre Vergnügung unvollkommen, ihre Ergötzlichkeit lasterhaftig,
ihre Ehe befleckt, das Leben verkürzet und, welches ich doch nicht glauben will,
ihre Seele vielleicht ewig verloren! Solche Früchte bringt die Unreinigkeit des
Fleisches, und diese hat sie auch genossen, weil sie niemalen erkennet hat
denjenigen Fehler, in welchem sie sich so greulich verstiegen.« Diese Wort waren
die letzte, welche Ludwig auf der Strassen zu mir redete, weil er kurz darauf in
das vorerwähnte Ort eingeritten, da er wegen der Schuldforderung zu tun hatte.
Hiermit beurlaubete ich ihn und ritt mit meinem Josten sporenstreichs nach
Hause, allwo ich nunmehr einen jungen Erben antraf.
 
                                 XIII. Capitul.
                  Die Köchin setzt dem Bauerknecht Hörner auf.
 Bucephalus ist teu'r im Kauf,
 Er liess nur einen sitzen auf.
Dazumal hatte ich wohl die grösste Freude unter der Sonnen, und weil sich die
Gelegenheit gar wohl darzu fügte, verehlichte ich meine Jungfer Köchin an den
Bauernkerl, welcher ihr je länger je besser anstund. Aber der Gesell ist ein
Vierteljahr darnach jämmerlich ans Horn gelaufen, weil bald dieser, bald ein
anderer Junger von Adel in seinem Absein ins Haus gekommen. Der Buhler, der fast
täglich zusprach, hiess Finis, der Bauer Opus, dahero hätte einer wohl sagen
können: Finis coronat Opus. Aber ich nahm letztlich die Köchin unter die Sporn,
und nachdem sie mir ein langes Register derjenigen herausgebeichtet, welche ihr
die horas zu singen pflegten, legte ich ihre schändliche Handlungen
augenscheinlich an Tag samt beigehängtem Unheil, welches auf ein so arges Leben
zu folgen pfleget. »Meinest du,« sagte ich zu ihr, »dass dieser Tanz ewig werden
wird? Ach, meine liebe Köchin, wer nach dieser Fiedel tanzet, der wird die grosse
Saiten bald abspringen sehen. Meinst du denn, dass man um deine Lumpenstücklein
nicht weiss? Dein Mann hat mirs mit weinenden Augen geklaget, wie sauber du ihm
die Farbe haltest. Pfui, schäme dich ins Herze hinein, hast du solches von mir
oder meiner Frau gelernet? Haben dich zu solchem Handwerk deine Eltern
unterwiesen, oder wo hast du die Fretterei aufgegabelt? Nun stehest du Hure da
ganz erblasset und erschrocken, aber wie wird dirs gehn, wenn du gestorben bist
und einen schärfern Richter als mich zu förchten hast? Gelt, es klopft dir dein
Herz und pufft dir im Leibe wie ein Weber in seinem Weberstuhl. Warum hängst du
dich an solche Narrn, die dich nur zum Verderben führen? Meinst du nicht, ich
hätte Macht und Gewalt, dich entweder öffentlich in der Fiedel herumführen zu
lassen oder dir gar den Tact mit der Rute auf den Buckel zu geben? Ich will dirs
hiermit vors letzte Mal gesagt und dich getreulich vermahnet haben. Lass ab von
solchen Händeln, oder es wird spanisch mit dir ablaufen.«
    Indem kommt ihr Mann zu mir ins kleine Stüblein und sprach: »Ich habs schon
vor der Tür gehört, gestrenger Herr Edelmann, dass Ihr meinem Weibe einen guten
Filz gebt, und Ihr tut, auf mein Eid, auch recht daran. Herr, ich kann Euch
nimmermehr genug klagen, wie sie es verhunzelt und verheinzelt. Bald treff ich
sie auf dem Feld, bald in dem Garten mit einem Gassenstutzer an, aber ich will
mir bei Euer Gestreng Erlaubnis nehmen, kommt mir noch einer ins Haus, so will
ich ihn so abschmieren, dass er sein Lebtag ans Fenstern gedenken soll. Ich kann
vor dem Geläufe kaum ein Fuder Heu absicheln. Neulich jagte ich einen mit der
Sensen übers Feld, dass mich meine Nachbarn genug auszulachen gehabt haben. Darum
bitt ich Euer Gestreng, gebt Ihr mir eine gute Inforation (er wollte Information
sagen), dass sie eine Weil daran zu gedenken hat.«
    »Siehst du,« sagte ich weiter zu ihr, »was vor ein ehrbar Zoberl du bist?«
Damit rufte ich meine Frau, welche ihre drei Heller auch darzu gab und der
Köchin dergestalten zuredete, dass sie endlich zu weinen und ihr Mann vor sie zu
bitten anfing. »Nun,« sagte ich, »wenn du selbst vor dein Weib eine Intercession
einlegest, so mag die Sache immer gut sein.« Damit gingen sie hinweg, und die
Köchin gelobte mir und meinem Weibe an, ihr Hurenleben zu bessern und besser
Haus zu halten. Als sie aber vor das Tor hinuntergekommen, kriegte sie ihren
Mann bei den Haaren und zerkratzte ihm das Gesicht viel ärger, als die zwei
Mägde dem Schreiber getan hatten. Aber ich nahm meinen Pallester und schoss die
Hure so lang auf das Mieder, bis sie davongelaufen und ihren Mann in dem Kot bis
über die Ohren zurückgelassen.
    »Ja,« sagte ich zu meiner Frau, »wo ein solches Gift unter Eheleute kommt,
da ist keine Medicin kräftig genug, die Krankheit aufzuheben. Ich weiss es wohl,
dass unser Schreiber der einzige Anfang aller dieser Unreinigkeit ist. Aber ich
will ihm mit Allernächstem die Feder hinter dem Ohr hervorziehen, dass es gezogen
heissen solle. Und dass er keine Gelegenheit habe, auszugehen, will ich ihm seinen
Rock und Hosen samt dem Mantel einsperren. Solchergestalten muss er mir in dem
Bette sitzend schreiben und seine Plackscheisserei verrichten. Ich hab es schon
lang gemerkt, auf was vor ein Tintenfass er seine Feder gespitzet, aber ich will
ihm das Loch verrennen, wie uns die Kerl das Loch verrennet haben, als ich und
Isidoro zu Peltzingen auf dem Landgut geprügelt worden.« - »Freilich,« sprach
mein Weib, »Ehebruch ist eine grosse und hässliche Sünde. Lieber den Kerl aus dem
Haus gejagt, als einen solchen Mutwillen wissentlich gestattet. Der Schulmeister
ist auch nicht weit über Feld her. Es wäre mein Rat, Ihr liesset sie beide in
Polnischen Bock spannen und so lang prügeln, bis sie eine andere Haut kriegten,
denn in der alten tun sie kein gut. Darum, weil Ihr Euch ehedessen vor einen
Weissgerber ausgegeben, stünde es Euch nicht übel an, so Ihr ihnen das Fell
wacker ausgerbet und die Bachanten zum Dorf hinausjagte.«
 
                                 XIV. Capitul.
Jost macht Hochzeit. Schrecklicher Tumult auf dem Schloss. Der Irländer bringt
sie auf einen guten Weg. Sie resolvieren sich all, ein frommes Leben zu führen.
                  Damit schreitet dieses ganze Buch zum Ende.
 Die Welt mit ihrer Lust ist Nacht,
 Wohl dem, der hier sein Heil betracht.
Indem kommt mein Jost die Treppe heraufgegangen, und weil ich vor meinem
Stüblein wenig Trabanten hatte, die da mit Partisanen und Spiessen Schildwache
stunden, ging er gleich zu. »Herr,« sagte er, »ich hab mich nun eines andern
bedacht. Wenns Euch und der Frauen recht wär, so wollte ich die kleine Viehmagd
und sie wollt mich heiraten. Bitte Euch derowegen, Ihr wollet Euren guten Willen
nicht bergen, und weil ich Euch schon eine ziemliche Zeit treulich und mit Fleiss
gedienet, so gebt mir doch einen guten Rat, wie die Sach aufs beste ausschlagen
möchte.« - »Ja,« sagte ich, »du auf sie allein und keine anderer Leut, dieses
ist der beste Ausschlag.« Jost schmunzelte über diese Antwort und drehete sein
ledernes Käpplein immer in der Hand herum wie einen Katzenschwanz. »Herr,« sagte
er, »das wäre freilich der beste Handel, und drauf gehe ich auch um.« - »Du
garstiger Esel,« sprach meine Frau, »du hast einen schönen Heiratsvortrag!«
Damit eilete sie wieder hinweg. Aber ich gab dem Jost einen guten Anschlag und
sprach: »Wie willst du dich denn ernähren mit deiner Trautl?« - »Herr,« gab er
zur Antwort, »ich muss halt fleissig arbeiten, wie Ihr selbst wohl wisst. Man
erspart nit viel im ledigen Stand, und wenn man auf den Tanz kommt, so
verzettelt sichs Geld ins Bier und in die Sackpfeifen, dass es ain schlet ins
Herz verdriesst. So denk ich auch, das Mensch sei an und vor sich gut genug.«
»Ja, ja,« sagte ich, »das glaube ich auch, dass sie vor sich gut genug ist, wie
meinst du aber, dass sie hinten beschaffen sei?« - »Herr,« sprach er, »Ihr könnt
Euer Keiverig nicht bleiben lassen, wann, meint Ihr denn, dass wir Hochzeit
halten könnten?« - »Ja,« sagte ich, »wenn dir die Braut nicht davonlauft, so
kann es sein, wann du willst.« - »Ha,« sagte er, »ich wills schon wacker
anködern, davor dörft Ihr Euch keinen grauen Bart wachsen lassen.« - »Nun,«
sagt' ich, »wenn es denn dein Ernst ist, so besinne dich erst recht, mein lieber
Jost. Man fähret nicht stracks in Ehestand, wie du in deine Stiefel
hineinfährest. Wers da glücklich treffen will, muss die Augen weit aufreissen.«
Als ich dieses sagte, riss Jost ein Paar Augen auf, wie eine Katz, die mit einem
Kettenhund anbinden will. Ich musste aber seiner Einfalt lachen. Und weil an
seinem Ehestand wenig konnte verbessert oder verschlimmert werden, zumalen er
sich ohnedem schlecht genug behelfen musste, nahm ich auch zugleich das kleine
Viehmensch, als seine zukünftige Braut, vor und sprach zu ihr:
    »Es hat Gegenwärtiger, der viel ehr- und tugendbegabte, in seiner Arbeit
treu fleissiger Pferd striegelnder und Mist austragende Monsieur Jost, als mein
respective getreuer und sorgfältiger Stall-Inspector urid Hof-Reformierer, bei
mir einen rittermässigen, wohlstilisierten und trefflich ausspintisierten
Orations-Anwurf getan und vorgegeben, dich zu heiraten und deine Person zu
seinem getreuen Ehegemahl und Hausfrau zu erkiesen und zu erwählen. Willst du
ihn haben, so sprich ja, aber fein laut, dass mans hören kann.«
    Damit schrie die Magd so hell und stark, dass es in den herumhängenden Geigen
und Instrumenten resonierte. Damit mussten sie beide die Tatzen aneinandergeben,
und ich machte mit meiner Frauen Anstalt zur Hochzeit, auf welcher alle
diejenigen erscheinen sollten, bei denen ich ehedessen auf ihren Schlössern bin
fröhlich und lustig gewesen. Sie machte sich demnach mit einer guten Küche
fertig, und ich schrieb an alle meine Bekannte, absonderlich aber an Ludwigen,
folgenden Brief:
Nunmehr ist die Ordnung an mir, Dich samt allen unsern guten Bekannten auf mein
Schlösslein einzuladen, und zwar zu einer Hochzeitfreude des Hoch-Edel
Gestrengen, Viel Ehr- und Mannfesten Herrn Josten, welcher sich mit der Viel
Ehr- und Tugendbegabten Madamoiselle Traute, meiner kleinen Viehmagd, in ein
ehliches Verbündnis eingelassen. Solches zu vollentziehen wird ohne Deine
Gegenwart nicht wohl möglich sein, bitte also, mir die Ehr und Kurzweil zu
vergönnen, dass ich mich auch an meinem Ort mit Euch lustig machen könne. Sinne
unterdessen auf eine lustige Schalkheit, die wir dem Bräutigam erweisen können.
Den disputierenden Doctor mag ich nit einladen. Der Narr bildet sich ein Haufen
ein und meint , wer nicht mit ihm disputieren kann, der sei gar ein Narr. Wo mir
Deine Frau den Gefallen erweisen und meinem Weib kochen helfen wollte, wärs mir
lieb. Sie muss aber künftige Woche gewiss hier sein. Wegen der Spielleute lasse
ich Dich sorgen. Mich hat der Teufel mit dem neulichen Musico, Stadtpfeifern und
solchen Narren beschissen, dass ich fast nichts mehr mit ihnen mag zu tun haben.
Indessen lebe wohl. Den Zwanzigsten dieses Monats ist der Hochzeittag
aufgesetzet, darnach wirst Du Dich zu richten und mit Pulver zu
Gesundheittrünken vorzusehen wissen. Vale!
                                              Dein mehr als vertrauter Zendorio.
Auf dieses abgegebene Brieflein erhielt ich folgende Antwort:
Vielgeliebter Herzensfreund! Dein Schreiben ist mir durch unsern
Ordinar-Post-Meister gar recht überliefert worden, wünsche dem Bräutigam zu
seinem Beilager tausend Glück. Er ist ein einfältiger Tropf, redlich in Worten
und fleissig in seiner Arbeit, er wird ohne allen Zweifel einen hübschen und fein
geduldigen Hahnrei abgeben. Du schreibest wegen der Spielleute, dass Du nichts
damit mögest zu tun haben. So wärs mein Rat, wir verschrieben von einer
lateinischen Schul vier oder fünf Schulfüchse, die machen uns Lärmen genug, und
wenn wir sie vollsaufen, so hat man mehr über sie als über zwölf Narren zu
lachen. Sie nehmen auch mit einem Taler vorlieb, da man die andern Esel kaum mit
achten bescheiden kann, schieben auch nicht so viel Braten, Torten und Kuchen in
Sack. Aber da sieh wohl zu, dass Du den Spieltisch weit von der Hochzeittafel
stellest, sonst kriechen uns die Läuse auf die Kleider. Lebe wohl, mein Weib
will gewiss kommen, darauf hat sich Deine Frau zu verlassen.
                                                      Dein Contra-Servus Ludwig.
Solche und dergleichen Antworten bekam ich fast von allen denjenigen, welche ich
zu dieser Hochzeit eingeladen habe. Jost war indessen beschäftiget, eine neue
Hosen von Schafleder machen zu lassen, und der Braut kaufte er einen grünen Rock
von Carmasin. Das war auf beiden Seiten der ganze Hochzeitschmuck. Denn der
Schelm, ob er gleich in die andertalbhundert Gülden an barem Geld hatte, fing
er doch auch an, allgemach zu schaben, vielleicht, weil er bei dem kargen
Edelmann Crispan aufgezogen worden. Nach acht Tagen kam einer nach dem andern
auf mein Gut, und ich war froh, dass ich Gesellschaft bekam, mich rechtschaffen
lustig zu machen. Denn was hat der Mensch mehr auf Erden zu seinem Besten als
eine frohe und fröhliche Stund? Viel Geld machet nur Sorgen und grosse Güter
grosse Aufsicht. Aber ein kurzweiliges Stündlein versüsst alle Mühe, und ein guter
Trunk Wein ist das beste Pflaster wider alle Sorgen und Grillen.
    Mein Schlösslein war nicht weit vom Rhein abgelegen. Deswegen hatte ich
meinen Keller, ob er schon nicht gar gross war, dennoch voll vom köstlichen
Bacheracher. Da hiess es: Unser guter Bacheracher, unser Rausch- und
Freudenmacher. O edler Rinkauer, du köstlicher Wein, es trinkt dich kein Bauer,
du bist ihm zu rein. Solchergestalten fingen wir das Jubelfest vor der Zeit in
meinem Hause an, und ich gab alles preis, was nur konnte gefressen oder
getrunken werden. Indem kommt Ludwig mit fünf Schülern auf meinem Wagen
gefahren. »Siehest du,« sagte er zu mir, »da bring ich meine Musensöhne. Wer
aber ihre Mutter gewesen, weiss ich nicht. Dieser«, sagte er, auf den mit der
Bassgeige deutend, »ist von Purmesquick, wo man die kleinen Löcher drehet, der
wird dir mehr Spass machen als ein halb Dutzet Sackpfeifer.« Damit kam Jost und
empfing seine Hochzeitgäste. »Jost,« sprach Ludwig, »wieviel sind Narren hier?«
- »Lasst sehen,« sprach Jost, auf die Schüler schauend, »ich bin einer vor mich,
und da sind ihrer fünfe vor Euch, was Ihr seid, weiss man ohnedem.« Hiemit
entstund ein grosses Gelächter, und Ludwig fragte: »Jost, was bin ich denn?« -
»Herr,« sprach Jost, »Ihr seid der grösste!« Damit eilete er in den Hof, und
Ludwig wurf ihm seine Reisemütze auf den Buckel.
    Es ist nicht zu sagen, wie wir darauf die ganze Nacht geturnieret. Wir
ritten auf Sessel und Bänken in dem Haus hin und wider, bald eine Treppe hinauf,
die andere wiederum hinunter, wir tanzten in Hemden und sprangen mit allerlei
Instrumenten in dem Hof herum. Jost musste allentalben dabeisein, und
solchergestalten hatten wir genug zu lachen über die Löcher, die er in seinem
Hemd hatte. Weil auch dazumal in meiner nah gelegenen Stadt grosser Jahrmarkt
war, kamen dahin allerlei Vaganten, unter welchen die Italiener, so da die
schöne Raritäten und Spielwerk herumtrugen, nit die Geringsten waren. Weil nun
fast die meiste mein Schlösslein vorbeireisen mussten, bekam ich derer etliche
Stücke zusammen, die mussten mir alle zugleich ihre schöne Raritäten und
Spielwerke herumdrehen. Und da konnten wir uns samt dem Frauenzimmer, welches in
häufiger Anzahl gegenwärtig war, nicht genugsam zerlachen, wenn die Jungens so
abscheulich zusammen schrien und von der Bella Catarina sangen. Unter solchem
Tumult mussten auch die fünf Studenten mit Geigen das Ihrige tun, darzu wir
Edelleute auf Jägerhörnern geblasen. So musste mir auch der Dorfhirte mit seinem
Horn darzu blasen, und was sonsten kein Instrument hatte, dem gab ich einen
Schlüssel in die Hand, das war ein Gepfeife und Raspeln untereinander wie auf
einer Stampfmühl. Bald stiegen wir in den Kamin und ruften die Stund-Uhr zum
Fenstern hinaus, bis endlich der Hochzeittag vor die Tür kam.
    So lustig wir zuvor gewesen, so lustig waren wir auch auf dieser. Der
Pfarrer musste uns wider seinen Willen Erlaubnis zu turnieren geben. Den Josten
und seine Braut satzten wir an der Tafel oben an und machten eine lateinische
Schrift auf die Oberdecke, die hiess: locus supremus inter nos supremum stultum
capit. »Herr,« sprach Jost zu dem Schüler mit der Bassgeige, »was heisst das auf
teutsch?« Der Schüler antwortete geschwind: »Gut Essen kommt vom guten Koch,
wollt Ihrs nicht glauben, schabt mirs Loch.« - »Ja, ja,« sagte Jost, »Herr
Ludwig hats hinaufgeschrieben, er ist unterweilen fein grob und lustig, man muss
ihm nichts vor übel halten.« - »Freilich«, sagte der Schüler, »darf man den
Edelleuten nichts vor ungut ausrechnen, man muss zu all ihrem Tun lachen, und
sollten sie gleich sagen: leckt mich woanders!« - »Ihr sagt die Wahrheit«,
sprach Jost. Damit erhebte sich ein grosses Gelächter, denn etliche hatten den
Discurs zwischen ihnen beiden gar zu wohl observieret und in acht genommen.
Darum satzte man den Bassgeiger zu uns an die Tafel, damit wir daselbst seiner
Unterredung desto füglicher geniessen könnten.
    Er gab darauf in der Stille einen Vorschlag, wie man dem Bräutigam einen
guten Possen reissen könnte, machte demnach Anstalt, dass man aus dem Brautbett
den Boden herausmachte und unter dasselbe eine Wanne voll frisches Wasser
satzte. Nach solchem liess er eine saubere Zieche, gleich als wäre das Bett
hübsch neu gemachet, überziehen und die Kissen samt dem Deckbett mit kleinen
Nägeln annageln. Als nun der Bräutigam abends mit der Braut zu Bette gehen
wollte, machte er mit der Braut eine grosse und häufige Ceremonie. Es wollte
keines das erste zu Bette sein, und wir hatten durch heimlich gebohrte Löcher
genug an diesen Complimenten zu betrachten. Endlich kamen sie nach langen
Wortwechseln dahin, dass sie zugleich hineinstiegen, aber potz Velten! wie fielen
sie ins Wasser hinein. Sie hatten genug zu tun, sich wieder in die Höhe und aus
der Zieche zu wickeln. »Schelm, Dieb, Bärnhäuter,« sprach Jost, »Galgenvögel
haben mir dieses Bad zugerichtet. Hei, ich wollte, dass dir die Finger krumm
würden, du Schelm samt deiner Wanne voll Wasser.« Damit eileten wir in der
Finster in die Kammer, löschten das Licht aus und zerpritschten den Bräutigam
samt der Braut, dass es klatschte. Etliche spritzten mit Wasser um sich, und
solchergestalten verderbten wir unsere gute Kleider, bis wir endlich die
Bettstatt in kleine Stücken zerrissen und des Josten samt seiner Braut
Hochzeitkleider zum Fenster ausgeworfen haben.
    Wie Jost sah, dass es nicht anders werden wollte, gab er sich endlich mit
Geduld drein, fasste einen andern Mut und machte so gut mit als keiner unter uns.
Darauf brachten wir ihn mit uns wieder herunter, und die Studenten machten ihn
im Hemd zum Magister Philosophiæ, darzu sich der bassgeigerische Galgenvogel
pickelheringhaftig gebrauchen liess. Andere brachten die Braut herunter, und weil
sie beide noch pfitznass waren, banden wir sie mit den Hemdzipfeln zusammen und
jagten sie beide wieder über die Treppe in eine andere Kammer hinauf.
    Nichts war artiger als ein Schüler, der sich in der Frauen Ludwigin ihre
Schwester, die Jungfer Magdalena, verliebte. Diese, weil sie eine spitzfindige
Dam war, sagte zu dem Schüler, dass er sich von seinen Gesellen abstehlen und
heimlich in den Kamin hinter dem Keller steigen sollte, daselbst wollte sie,
nachdem alle schlafen wären, zu ihm kommen. Das Bürschlein glaubte ihren Worten
so gut als einer Regel im Syntax. Macht sich derowegen heimlich aus dem Staub
und klettert so gut hinauf, als er kann. Aber sie eröffnete uns indessen die
Invention. Da kam der Bassgeiger mit Feuer unter denselben Kamin und gibt vor, er
wolle Bratwürste braten. Also zwang er den verliebten Affen durch den Rauch
dergestalten, dass er endlich ganz ohnmächtig herunterfiel. Er hatte den Kopf
zwischen den Beinen, dass man ihn vielmehr vor eine Sackpfeife als vor einen
Menschen urteilen können, und das Gelächter der Umstehenden war so gross, dass man
kaum gesehen hat, wie und auf was Weis er aus dem Feuer herausgesprungen sei.
    Damit fingen wir die vorige Musik aufs neue an, und damit das Frauenzimmer
nicht vergessen würde, tanzten etliche so lange, bis sie schläfrig geworden,
alsdann fingen wir erst an, rechtschaffen zu turnieren. Wir gossen den Wein
nicht allein in die Gurgel, sondern auch auf den Kopf. Sooft ein Glas
ausgeleeret war, schmiss mans auf die Gasse hinunter und schoss eine Pistole oder
einen Carbiner los. Letztlich liess ich alle Rätschen im ganzen Dorfe
zusammensuchen, damit fingen wir ein Gerumpel an, dass einem das Gehör davon
hätte verfallen mögen. Da nun fast alle Gläser zerbrochen waren, trunken sie aus
andern Geschirr, als Lassköpfen, blechernen Streubüchsen, Pantoffeln,
Pulverhörnern, Pinkelscherben, davon einer unter den Tisch, der andere über das
Fenster hinausgespien. Alsdann hatten wir erst die grösste Lust, da die Schüler
trunken waren. Denn da fingen sie an, miteinander zu disputieren und endlich gar
in die Haare zu fallen, dass wir genug an ihnen zu wehren hatten. In solchem
Rausch und Dummel trugen wir einen dahin, den anderen dortin, einen auf den
Heustadel, den andern in den Taubenkobel, und den dritten stackten wir ins
Ofenloch hinein. Summa summarum, wir trieben das Spiel bis an den hellichten
Morgen, bis endlich einer da, der andere dort hingefallen, voll vom Wein und
Tumult, nicht wissend, ob es Tag oder Nacht war.
    Ich wurde von einem Schlag erwecket, und als ich in dem Hause, allwo ich
unter andern von Adel auf dem Stroh gelegen, erwacht und mit halben Augen in die
Höhe guckte, sah ich einen Mönch mit einem langen Sack über die Achsel unter uns
stehen, welcher mit seinem Stecken an die Speisekammer geschlagen hatte. »Wie
ist es,« sprach er, »bin ich unter Menschen, oder bin ich unter Vieh? Finde ich
hier eine Vernunft, oder komme ich zu sinnlosen Leuten, die nicht bei sich
selbst sind? Ach, Zendorio, ach, Ludwig, ach, Caspar, ach, Isidoro, ach, Ergasto
und ihr übrigen guten Freunde, wie seid ihr in diese Schwelgerei geraten? Heisst
das, die Gaben des Himmels recht gebrauchen? Wo ist euer Vernunft? Wo ist euer
Licht? Wo ist euer gutes Exempel? Heisst das, sein Leben bessern? Heisst das,
sein Leben glückselig und friedsam zubringen? Ach, stehet auf aus dem Grab zum
Leben, erwachet von den Sünden zur Tugend, eröffnet eure Augen zu dem Guten und
bessert euch.« Es erwachte endlich einer nach dem andern, und wie wir den Mönch
recht betrachteten, war es der Irländer, welcher als ein Einsiedler das Land auf
und ab bettelte.
    Wie sehr wir darob erschrocken, ist nicht genug zu sagen, denn wir haben
ehedessen seine Lebensart nicht gar zu gut geheissen, und dannenhero hatte er
gute Gelegenheit, uns unsern Fehler vor diesmal fein vor die Nase zu reiben. »O
ihr Brüder,« sprach er ferner, »ich komme nicht her, euch zu züchtigen, sondern
zu vermahnen, dass ihr munter werdet nicht allein aus dem Schlaf, sondern auch im
Geist. Leget ab diese schändliche Höllenlarven der zeitlichen Lust und bemühet
euch vielmehr, in steter Busse dem Himmel zu dienen. Was hilft es euch, euer
Leben in einem solchen Zustande zu verbringen, da ihr alle Augenblick den ewigen
Tod zu fürchten habet. Die wahre Glückseligkeit stehet nicht im Besitz grosser
Mittel, sondern wie man dieselbe mit christlicher Bescheidenheit zu gebrauchen
weiss. Ich trage zwar einen rauhen Rock auf meinem Leibe, aber dennoch dabei ein
unverletztes Gewissen in dem Herzen, welches das höchste Kleinod des
menschlichen Lebens ist.
    Nach diesem sehnet euch, nach diesem bemühet euch, welches, so ihr solches
gewonnen habt, wird sie tauglich sein, euch mit der wahren Glückseligkeit, das
ist: mit dem ewigen Leben zu beschenken. Was nützt es euch, eure Leiber mit
Schwelgerei und stetem Gastieren hinzurichten? Ihr begrabt euch dardurch nicht
allein vor der Zeit, sondern schadet noch darzu dem Heil eurer Seelen. Fasset
eine andere Resolution und verändert euer Leben nicht mir, sondern euch selbst
zu Gefallen, denn die Welt stirbt in ihren Lastern. Darum verlasset sie, auf dass
ihr nicht mit ihr zugleich sterben müsst.«
    Mit diesen Worten ging er weg, und: »Wie?« sprach Ludwig, »war nicht dieses
unser Irländer?« - »Ja,« antwortete ich, »er war es und redete mehr als wahr.« -
»Ich«, sprach Ludwig, »fühle alle seine Reden im Gewissen.« - »Und ich«, sprach
Caspar, »bin voller Reue.« - »Darum«, antwortete ich, »lasset uns aufstehen von
unserm Unwesen und auf einer andern Bahn gehen, unserm ewigen Heil
nachzustreben.«
    Hiermit stunden wir auf und erweckten zugleich die andern, und weil der
Einsiedler uns noch immer in Gedanken lag, eilete jeder seinen Weg nach Hause
mit steifem Vorsatz, sein bisher geführtes Leben zu bessern und in einem
gottseligen Wandel zuzubringen. Damit wir endlich nach diesem vergänglichen
Erdentand und flüchtiger Eitelkeit gelangen möchten zu dem Triumph der
unzergänglichen Ewigkeit, wo die rechte beständige Ruhe und der wahre Friede
ohne Falsch, Vergnügung ohne Mangel, Liebe ohne Hass, Einigkeit ohne Zwietracht,
Leben ohne Tod und alle sattsame Glückseligkeit blühen und grünen wird, ohne
Aufhören und ohne Ende.
                          Kurze Nachricht an den Leser
So dieser Tractat einziges Vergnügen bei denjenigen angetroffen hätte, die den
Kern aus dergleichen Schriften zu suchen pflegen, erbietet sich der Übersetzer,
ihrem Verlangen zu willfahren, die Teutschen Sommer-Täge allerehestens
auszufertigen und in den Druck zu præsentieren. Indessen recommendiert er sich
in des Lesers beharrliche Freundschaft und bittet, weil er ein Mensch ist, dass
ihm die menschliche Fehler zugut gehalten werden mögen. Vale.
 
    