
        
                                  Johann Beer
                                Das Narrenspital
                                     sowie
                              Jucundi Jucundissimi
                        Wunderliche Lebens-Beschreibung
                                       Der
                                        
                            Berühmte Narren-Spital /
                                        
                     Darinnen umschweiffig erzählt wird /
                                        
                 was der faule Lorentz hinter der Wiese vor ein
                                        
               liederliches Leben geführet / und was vor ehrliche
                                        
                 Pursche man im Spital angetroffen habe. Denen
                                        
                   Interessenten zum besten / männiglich aber
                                        
                       zu Verkürtzung der Melancholischen
                                        
                            Stunden beschrieben und
                                        
                                Herausgegeben /
                                        
                                     Durch
                                        
                             Hanss guck in die Welt.
 
                                   Capitul I
              Nimmt seine Captationem benevolentiae vom Schulgehen
So jemand glaubt, ich komme, ihn mit diesem traurig zu machen, der wird sich
weit betrogen finden. Denn warum sollte ich meinen Nächsten mit einem Übel
belegen, das ich etlichermassen für ärger als den Tod halte? Und mir ist niemals
unbekannt gewesen, dass die Traurigkeit ein Gift sei, welches den Menschen viel
eher als die stärkste Hydra würget. Deswegen suche ich etwas, welches nur
fröhliche Wirkung mit sich führe und tauglich sei, uns in etwas des Schmerzes zu
entbinden, welchem alle Menschen, und zwar jeder nach seinem gewissen Masse,
ergeben sind. Ich verstehe unter solchem Schmerze die zeitlichen
Verdriesslichkeiten, welche auch die Allergewaltigsten dieser Erde niemals von
sich zu legen gewürdigt werden, und darum ist es nötig, dass man den
Melancholischen eine Schrift vorlege, die beides, ihre langweiligen Stunden und
die wunderlichen Grillen, zu vertreiben nötig sei.
    Ist also dieses die Ursach dieser Schrift, nicht dass ich gesinnet sei,
dadurch grosse Streiche zu tun, aber wohl, zu ergötzen diejenigen, welche ausser
Lesung eines kurzweiligen Buches wenig Ergötzlichkeit finden, sondern von Natur
mit höchst beschwerlichen Grillen und tausend Phantasien zu kalmäusern gewohnt
sind. Denen lege ich dieses Buch vor, nicht, als ob ich ein Belieben an ihrem
traurigen Gemüte, sondern viel mehr ein Erbarmen fühle, welches mir diese
geringe Arbeit aus dem Kopf und die gegenwärtigen Zeilen aus der Feder gezogen,
und ob ich gleich bei ihnen meinen vorgenommenen Zweck nicht erreiche, ist mir's
doch genug, dass ich beim Aufzeichnen dieses Buchs mich selbst bei dem warmen
Ofen und einem Glas Wein der Beschwerlichkeit entoben, welche man in den
frostigen Winterszeiten fast durch die halbe Welt empfindet.
    Ist demnach anfangs meiner Historia zu wissen, dass ich keiner von Adel oder
sonst hocherfahrener Welt-Statist sei. Deswegen wird mir nicht für übel gehalten
werden, so ich dort oder da einen oder andern Schnitzer in meine Schrift menge,
weil die Reinlichkeit zu schreiben entweder denen zukommt, welche bei Hof
erzogen oder aber diesen, so auf hohen Schulen noch vor dem zwanzigsten Jahr
ihres Alters Doctores worden. Also ästimiere ich die für klüger als mich,
welchen eine so hohe Dignität drei Jahr eher als der Bart conferiert wird, und
wird sich demnach niemand über meine schlechte Art zu schreiben verwundern, wenn
ich als ein auf der Einöde Wohnender mich um keine grosse und zu Hof bräuchliche
Redeart bekümmere noch mit spitzigen Zähnen fremde Nüsse aufbeisse. Und warum
sollte ich um eine hohe Schreibart bekümmert sein, indem ich von gemeinen Sachen
rede? Ein gemeiner Handwerksmann wird in einem Silberstück viel mehr geschimpfet
als geehret, und ein hinkendes Pferd hat selten einen silbernen Schellenkranz
auf dem Halse. Also sieht es mich für gut an, gleiche Sachen mit gleichen Farben
abzumalen und so zu reden, dass man von allen verstanden werde.
    Ich kann es mit meiner frühzeitigen Jugend mehr als genugsam bezeugen, was
für eine grosse Torheit die Schulmeister begehen, welche ihre anvertrauten Kinder
gleich den Hunden in der Schule herumpeitschen. Zu einem solchen unverständigen
Kinderhenker ward ich von meinen Eltern getan, welche glaubten, ich würde bei
demselben in meiner ersten Jugend nicht allein wohl aufgehoben, sondern auch im
Lesen und Schreiben fleissig unterrichtet werden. Aber, bei meiner Treu, ich habe
niemals unter einer härteren Disziplin gelebt, und hätte mich meine Jugend nicht
überredet, als müsse es so sein, so wäre ich bei dem Bachanten nicht vier Wochen
geblieben. Er hatte seine grösste Lust, uns arme Kinder zu schmeissen, und ich
kann schwören, dass er die meiste Schulzeit nur mit Auskehrung der Ärsche zu tun
hatte. Das Herze lachte ihm im Leibe, wenn er hörte, dass einer oder der andere
unter seinen Discipuln ausser der Schnur gehauen, und demnach band er allezeit
neue Ruten, zu strafen die, welche er angegeben und in seine Schreibtafel
aufgezeichnet hatte. Das Wohlverhalten der Knaben war seine ärgste Pestilenz,
denn dadurch frass er den heftigsten Gift in sich, weil er in der Schule nichts
zu strafen hatte, aus welchem gar leicht kann verstanden werden, welch eine
unbeschreibliche Torheit den Phantasten besessen, der sich durch die Tugend
seiner Discipuln zum Zorn und Widerwillen reizen liess. Ja, ich schäme mich,
etliche Sachen zu erzählen, welche der Schlingel vorgenommen, nur uns in Strafe
zu bringen, und er achtete es wenig, wenn er die Kinder mit Ruten strich, dass
das Blut hernach floss. Er strich etliche dermassen zuschanden, dass sie dem Bruch-
und Wundarzt etliche Wochen mussten unter der Hand liegen, und wenn man im
Gegenteil ansah den Nutzen von seiner Lehre, so war es zu erbarmen, dass man
einem solchen Arschgucker so viel Zweige der unschuldigen Jugend unter die Hand
gegeben, welcher sie bis auf den Grund verdorben hat. Ich habe nach meinem
erreichten männlichen Alter den Unterschied zwischen einem, der den Staupbesen
bekommt, und uns damaligen Schülern genau auf die Wage gelegt, und es ist gewiss,
dass wir von unserm ungehobelten Schulmeister viel ärger gestrichen worden als
ein Erzschelm, der den Leuten das Ihrige zu Nachtszeit hinter den Hauptkissen
hinwegfischet.
    »Ha«, sagte der Schulmeister zu uns Knaben, »mein lieber Jung, du wirst
mir's noch einmal von Herzen danken, wenn du gross wirst und zu deinen Jahren
kommst, dass ich dir den Hintern so wacker ausgekehrt habe!«, aber, bei meiner
Seel, ich wollte anjetzo, dass er für jeden Streich, den er mir gegeben, tausend
Maulschellen hätte, vielleicht dienten sie ihm besser zur Züchtigung, als seine
unchristlichen Schläge zu unserem Aufnehmen. Denn er schlug uns ohne Ursach, und
wenn sich einer nur um einen Finger weit von seinem Ort verrückte, bekam er mehr
als sechzig Schläge.
    Ich müsste grosse Schwachheiten erzählen, so ich alle seine Fauten erzählen
wollte, welche er gegen uns begangen. Aber im Ausgang erfuhren wir, wie nützlich
es sei, dergleichen Eseln das junge Kinderfleisch aus den Zähnen zu rücken, weil
sie nicht als kluge Menschen, sondern als grausame Wölfe dareinzubeissen pflegen,
dessen Schaden man erst dann zu empfinden hat, wenn man sieht, welch ein Vorteil
es sei, wenn man der Jugend nicht alle Freiheit benimmt.
    Solche Schulmeister soll man mit Buchsbaum besetzen und dem Monsieur
Diabolus zum Neuen Jahre verehren, denn sie machen furchtsame Leute, die hernach
sich weder zu raten noch zu helfen wissen, und ich wollte dergleichen Leuten
hiermit ihre Lectiones wacker herunterlesen, wenn ich mich ihrer Bubenpossen
nicht schämte und für tunlicher ansähe, dass man ihr unrechtmässiges und
allzuscharfes Beginnen ihrer eigenen Verantwortung anheimstelle und so die
Narren hinlaufen lasse, wohin sie laufen wollen.
    Er hatte den Gebrauch, so ein Knabe einen Furz streichen liess, musste einer
von oben bis unten der Bänke gehen, zu riechen, wer es getan hätte. Daher kam
es, dass, wenn der Herumgeschickte diesem oder jenem nicht gut war, er solchen
dem Schulmeister als den Täter verriet. Auf solchen regnete es alsdann
zentnerschwere Schläge, und [er] musste wegen eines einzigen Furzes wohl fünf
Schillinge halten, er mochte es gleich getan haben oder nicht. Einmal klagte
mich einer in diesem Puncto Furzi auch ohne Grund bei dem Schulmeister an, und
weil ich mit Gewalt hervorgerissen wurde, die Hosen herunterzunesteln und einen
guten Product zu halten, sagte ich in meiner Angst: »Oh, herzliebster Herr
Schulmeister, es ist erlogen, ich habe den Furz nicht gelassen, es mag ihn
gelassen haben, wer da wolle, drum bitte ich, glaubt meinem Kameraden nicht,
sondern riechet selbst an meinem Arsch, da werdet ihr finden, dass ich fälschlich
belogen worden.« »Du Hundsfutt«, sagte der Schulmeister, »sollstu mich solche
Sachen heissen, ich wollte, dass dich der Teufel holte! Geschwind, ihr Pursche,
reisst ihn hervor! Ich will den Galgenvogel lehren, was er mich heissen soll.
Halt, du Schlingel, ich will dir zum Arsche riechen, dass du sechs Wochen nicht
sollst darauf sitzen können.« Mit diesen Worten griff er selbst zu. Da hat man
Schelten, Schreien und Weinen untereinander gehört, und war wegen des Furzes ein
solcher Lärm in der Schul, davon die Leute vor den Fenstern auf der Gasse stehen
geblieben. Wo ich mich an eine Bank oder an einen Knaben anhalten konnte, da
hielt ich mich mit allen Klauen an. Daher geschah es, dass ich bald einen beim
Haar, den andern bei seinem Überschlag ergriff, die ich ihnen in kleine Stücke
zerriss. Während solchem Herumreissen verknüpfte ich meine Hosennestel wohl mit
vierundzwanzig Knöpfen, welches, als es der Schulmeister gewahr ward, wischte er
über sein Federmesser, mir die Hosen aufzuschneiden. Aber ich streckte den Bauch
weit vor mich, schwenkte mich auch mit dem Leib dergestalt hin und wider, dass er
mir nicht leichtlich an die Nestel kommen konnte, aus Furcht, er möchte mich gar
in den Bauch schneiden. Endlich warf er mich zu Boden und kriegte mir die Hosen
von hinten hinunter. Da hat er wohl mehr als zwei Ruten an mir stumpf und
zuschanden geschmissen, so dass ich sowohl unter der Nase als auf dem Fetzer voll
Blut war.
    Ein so ehrbarer und delikater Gesell war unser Schulmeister. Daher, erwiesen
wir ihm in seinem Absein allerlei Possen und hofierten ihm bald in diese, bald
in jene Ecke der Schul. Aber die Jungen konnten nicht riechen, wer diese Wächter
dahingesetzt hatte, wie sie zuvor die berochen hatten, welche den Wind
verfälschet und ein unheiliges Rauchwerk angerichtet. Unterweilen warfen wir ihm
auch die Fenster ein und malten ihn mit seiner Rute mit Gassenkot an die Wand
und setzten darunter garstige Worte als: Hundsfutt Schulmeister, item den Vers:
»Der Schulmeister schiebet gerne Kegel, er ist auch gar ein böser Flegel« und so
fort. Da examinierte er uns, wer es getan hätte, und als er's nicht erfahren
konnte, strich er uns alle, den Grossen sowohl als den Kleinen, nach der Ordnung
herum, und, unerachtet Jünglinge unter uns waren, die noch nicht buchstabieren,
geschweige lesen oder schreiben konnten, mussten sie doch gleiche Strafe mit den
andern ausstehen. Denn er sagte, solches taugte ihnen zur Warnung, damit sie vor
solchen Possen dermaleins einen Abscheu hätten. Aber das war ebensoviel, als ob
man den Schulmeister aufgehangen hätte, damit er sich vor dem Diebstahl hüten
könnte.
 
                                   Capitul II
Erzählet der Autor die Occasion, vermittels welcher er zu Herrn Lorenzen hinter
                               der Wiesen geraten
Ein so hartes Leben wollte mir bei diesem Schulmeister fast unerträglich fallen,
zumal ich eine solche Härte zu Haus bei meinen Eltern nicht gewohnt hatte. Ja,
meine Mutter hätte sich eher tausendmal in den Finger gebissen, ehe sie sich die
Mühe genommen und mir den Hintern ausgekehret hätte. Aber wenn ich sagte:
»Mutter, es hungert mich«, so war sie bald mit einer Knackwurst oder einem Stück
von einem neugebackenen Kuchen hervor, der schmeckte mir besser als zehn
Schul-Fetzer, so sehr dieselben auch gespickt waren. Entschloss demnach bei mir
selbst, meinem Übel abzuhelfen und aus dieser Schule zu laufen, hätte es auch
gleich anfangs ins Werk gerichtet, wenn ich nicht den absonderlichen Zorn meines
Vaters gefürchtet, welcher mir immer hinten und vornen auf der Haube war. Darum
hielt ich die Sache so lange verborgen, bis ich Gelegenheit hatte, einmal
während der Sonntagskirche davonzulaufen.
    Es lief noch einer mit mir, welcher zu Hause einen Trinkkrug zerbrochen und
deswegen in der Schul einen Schilling bekommen sollte, und weil wir alle beide
in den Landkarten wenig Wissenschaft oder Urkund hatten, verliefen wir uns auf
einem Irrweg in einem finstern Wald dergestalten, dass wir weder ein noch aus
wussten. Es ist nicht zu sagen, wie wir den Schulmeister ausgelacht, und, so
klein wir waren, zogen wir ihn doch unter uns selbst mit den ärgsten Schandreden
durch die Hechel, und ob uns gleich ein Wolf begegnet wäre, fürchteten wir ihn
doch nicht so sehr als den Schulmeister, dessen blosser Name auch kräftig genug
war, uns eine Furcht einzujagen. »Ha«, sagte mein Kamerad, »gute Nacht, Fuchs,
hinfort sollstu mich nicht mehr streichen, aber wohl im Arsche lecken, du
Hundsfutt, hastu mich gehalten wie einen jungen Tanzbären, aber nun blase mir
ins Loch dafür, du Henkersknecht! Ich wollte, dass dich der Teufel samt deinem
roten Bart durch alle Scheisshäuser im Dorfe herumschleppte.« Solche Worte
redeten wir auf ihn in den Wald hinein, bis wir den Fusssteig unter den Augen
verloren und keiner wusste, wie uns am besten geraten wäre. Wir liefen wohl vier
Stunden in der Irre herum, bis wir einen Schall hörten, und als wir solchem
zueilten, trafen wir einen Holzhauer an, welcher mit seinen Leuten die Tannen
zerscheiterte. Er war ein alter einfältiger Mann, und weil wir vorgaben, es
hätte uns ein Krämer, so auf den Jahrmärkten herumzuwandern pflegte, im Wald
verloren und zurückgelassen, liess er uns durch einen kleinen Knaben auf die
rechte Strasse weisen, und so kamen wir ganz ermüdet aus dem Wald, allwo wir
unter einer grossen Kreuzsäule ausruhten.
    Nach etwa einer Viertelstunde kam ein junges Pürschlein zu uns, und wenn er
keinen Wanderbündel auf dem Rücken getragen hätte, hätten wir ihn leichhin für
einen unsersgleichen gehalten, denn er sah einem verlaufenen Schüler so ähnlich
als ein Müller einem Diebe. Deswegen grüssten wir ihn und baten zugleich, uns den
Weg zu zeigen, welchen er doch selbst nicht wusste. »Ihr Jungen«, sagte er zu
uns, »wenn ihr den Weg nicht wisst, so solltet ihr zu Hause bleiben, aber mit mir
und meinesgleichen hat es viel eine andere Bewandtnis, als ihr euch wohl
einbildet.« Mit diesen Worten legte er seinen Wanderbündel ab und schwenkte ihn
von dem Buckel wie ein Pinzgauer Bauer den Kropf. »Und damit ihr wisset«, sprach
er weiter fort, »wer ich bin und warum ich in die weite Welt hinausziehe und
mich ein wenig versuche, so geschieht es wegen Handwerks-Gebrauch und -Ordnung.
Ich habe die Schneiderkunst nunmehr drei Jahr lang mit grosser Obsicht ergriffen.
Damit ich nun diese Kunst aufs höchste bringen möge, reise ich in der Welt
herum, und hernach schaue ich, wie ich eines vornehmen Herrn Kammerdiener oder
Lakai werden und ein wackerer Kerl sein kann. Mein Meister ist durch eben dieses
Mittel hoch hinangestiegen und hat eine Heirat von vierzig Reichstalern getan.
Mit einem solchen Stücke Geld wird einem armen Teufel, wie ich bin, trefflich
unter die Arme gegriffen, denn mein Meister rühmt sein Glück fast täglich und
handelt nunmehr meistenteils mit Toback, Kölnischen Bändern, Schwefelhölzern,
Lunten und Tobackpfeifen, so dass er durch diesen Handel viel mehr als durch sein
Handwerk gewinnt. Auch hat er mehr als fünfzehn Trapelier- und andere hübsche
Spielkarten, deren ihm die Woche fast zwei bis drei abgehandelt werden, und was
das Allermeiste und Wunderlichste ist, so hat er bei den Kaufleuten einen
abscheulichen Kredit, so dass sie ihm nach seiner eigenen Aussage wohl an die
drei Gulden von einem Markt bis zum andern geborgt haben und noch borgen werden.
    Saprament, ihr Jungen wisset nicht, wie manchen ehrlichen Kerl das Glück
erheben kann. Aber ich weiss es nur gar zu wohl, denn ich habe in der Stadt, wo
ich gelernet, manchem armen Schüler die Hosen geflickt, welche, mit Ehren zu
melden, voll Dreck und das Unterfutter dazu voll mit Läusen war. Aber
nichtsdestoweniger sind eben dieselben, denen die geflickten Hosen zustanden,
hernach und bald darauf auf die Akademie gezogen und grosse Magister und solche
Leute worden, denen man's nicht hat sagen dürfen, dass sie ehedessen in die Hosen
geschissen hatten. So für schlecht ihr mich auch ansehet, so habe ich doch
manchem stolzen Stiegelfritzen um zwei Kreuzer seine verstunkene Strümpfe
besetzen müssen, die vom Schweiss auf den Sohlen ganz verfaulet waren. Dennoch
musste ich vor ihnen meine Mütze auf der Werkstatt abnehmen und sie noch dazu
Monsieur heissen, da mir doch indessen die Strümpfe in die Nase gestunken, dass
ich die Löcher hin und wieder gerümpfet wie ein Bauer seinen leeren Beutel. Oh,
du Hundsfutt, gedachte ich mir oft in meinem Herzen, ich wollte, dass dich der
Teufel samt deinen verfaulten und verstunkenen Strümpfen über zwölf Eichbäume
hinausführte! Solche Gedanken hatte ich nicht allein über fremde Leute, sondern
über meinen eigenen Meister und seine Frau selbst, wenn sie mich mit der Elle
heimsuchte oder mir des Tages zweimal Sauerkraut zu fressen gab.
    Ja, ich habe wohl andere Narren in der Stadt gesehen, mit welchen ich, ob
ich gleich ein Schneider bin, nicht um ein Haar tauschen möchte. Ich habe einmal
einem Stadtschreiber einen Sammetrock flicken müssen. Das geschah an einem
Montag, und dienstags drauf, als ich eine Hochzeit aus der Kirche gehen sah und
mich zu diesem Ende heimlich aus der Werkstatt und aus dem Hause wegstahl, hatte
denselben Rock ein Advokat an und machte sich trefflich gross, da er doch sein
Kleid wohl von sechs Personen zusammengeliehen hatte. Desgleichen sah ich auch
in demselben Kirchgange viel Frauen und Jungfrauen, welchen ich nicht mehr
gewünscht, als dass sie all dasjenige, was ihnen nicht zugehörte, müssten vom
Leibe fallen lassen. So hätte ich gewiss die meisten mutternackicht sehen müssen,
denn es ist zu glauben, dass gar viele unter ihnen auch das Hemde auf dem Leibe
geborget haben. Doch wurden sie von den jungen Gesellen mehr als höflich
bedienet. Aber ich lachte die Narren heimlich aus und konnte mich trefflich
ergötzen, wenn ich sah, dass sie sich um eine ausgefilzte Dirne so sehr
herumfuchsschwänzten. Oh, ihr Berühmten, dachte ich, ihr liebt eine lausige
Magd mehr als eure eigene Bescheidenheit. Ihr bittet sie, dass ihre Schürzen von
euch möchten geküsset werden, und wenn ihr's getan, so habt ihr nicht der
vermeinten Jungfer, sondern einer andern ihre Schürze geküsset. Ich muss noch
mehr von dieser Hochzeit erzählen, denn als ich abends auf den Tanzboden kam,
blieb eine Jungfer einem Tänzer mit dem Taffetrock an einer Knieschnalle hängen
und riss ein Loch darein, dass man leicht mit einem Flügel von einer Windmühle
hätte durchfahren mögen. Als dieses eine andere sah, seufzte sie von Herzen, und
als man sie fragte, warum sie so herzinniglich darum seufzte, antwortete sie,
dass der zerrissene Rock ihr zustünde und daher hätte sie billige Ursach, ihre
Güter zu beklagen, welche fremde Leute so liederlich zerrissen. Die vorige hörte
diese Beklagung von ferne an, und weil sie den Schimpf nicht haben wollte, hiess
sie diese öffentlich Lügen. Diese schalt sie eine Hure und jene diese wiederum
eine. So wusste kein Mensch, wem unter diesen beiden der Rock zustünde, bis sie
endlich gar einander in die Haare gefallen und beiderseits wie die Katzen
einander zerkratzt haben.«
    »Sehet, ihr Jungen«, sagte der Schneider weiter zu uns, »solcher Sachen muss
ein Mensch gar viel erfahren, ehe er gross wird, und ich wollte euch wohl zwanzig
dergleichen Historien erzählen, wenn mir's nur gelegen wär. Aber daraus könnt
ihr wohl abnehmen, dass ich auch unter Leuten gewesen und weiss, was kalt oder
warm sei. Nun will ich meinen Wanderbündel wieder auf den Nacken nehmen. Er ist
zwar nur von schlechter Leinwand, aber, hundert Sack voll Enten! übers Jahr,
wenn's Wetter gut ist und kein tiefer Schnee fällt, so will ich ein Felleisen
von dem schönsten Leder haben und mir einen Hut mit einer hübschen Krempe dazu
machen lassen. Das stutzet aufeinander. Ich will mich auch statt des Fussgehens
auf einen guten Wagen setzen. Wollt, dass der Teufel das Gehen holte! Ich habe
mir gestern und heute innerhalb zwölf Stunden wohl vierzig Blasen an den
Fusssohlen gegangen. Eine steht mir recht auf der linken Ferse in der Höhe, die
tut zum allerübelsten, aber ich will mir sie heute recht in einem Bauerndorf
oder, wo ich einkehre, mit Unschlitt wacker schmieren. Nun lebet wohl, kommen
wir wieder einmal zusammen, so werdet ihr den Hut vor mir abziehen, alsdann will
ich euch zum Bier führen und euch in Gesundheit dieser Kreuzsäule ein Halbes
zutrinken. Ha ha ha ha ha ha ha ha ha!«
    In solchem närrischen Gelächter ging der Schneider seinen Weg in den Wald
hinein, und wir wussten nicht, ob er klug oder närrisch war. Auf solches sah er
sich noch einmal zurück und machte mit seinem Stecken einen Luftsprung über den
andern, bis wir ihn aus den Augen verloren und wieder von der Wiese aufstanden,
unsern Weg weiterzureisen.
 
                                  Capitul III
             Wie ein sauber Handwerk er auf dem Schloss getrieben
Mein Kamerad, so mich bis daher auf der Flucht begleitet und einen Mitschelmen
abgegeben hatte, entschloss sich, im nächstgelegenen Dorfe um einen Dienst zu
werben und zu sehen, ob er nicht bei dem Dorfpriester oder sonst bei einem guten
Peter Muffen möchte conditionieret werden, weil solches sein elender Zustand
höchst erforderte, denn ein davongelaufener Jung trägt wenig Geld bei sich.
Daher verzehrt er sich auch bald, und weil seine Füsse der Reise ungewohnet, tut
er wenig Christophels-Sprünge, sondern läuft sich über einer Meile Weges bald
satt und krank, welches wir beide damals mehr als wohl empfunden haben. Wir
meldeten uns zu Ende dessen, nachdem wir in das bevorstehende Dorf gekommen, bei
dem Priester an, und ich wäre sowohl als mein Kamerad bei ihm geblieben, wenn
mich nicht seine Magd erschreckt hätte, welche gesagt, dass wir auf künftigen
Monat die Säu auf dem Felde hüten und des Pfarrers seinem jungen Hunde aufwarten
und [ihn] die Türe zumachen lehren sollten. Vor solcher Arbeit war ich von Natur
ein greulicher Abstemius und suchte derowegen meine Gelegenheit weiter und bat
den Pfarrer um ein Viaticum. Aber er sagte, weil ich ihm nicht dienen wollte,
wäre ich auch seines Almosens nicht wert, drohte mir noch dazu mit seinem
Gebetbuche, so er unter den Armen trug, und, wo ich mich nicht in Zeiten von dem
Pfarrhof hinwegpacken würde, wollte er mir solches an den Kopf werfen. »Du
Bärenhäuter«, sagte er, »ich möchte wohl wissen, warum du mir nicht dienen
willst. Man soll dir faulem Schelmen gewiss ein Kissen unterlegen und
Mandeltorten vorsetzen. O nein, die Bauern bezahlen's nicht. Prügel für einen
solchen Galgenvogel! Gehe mir nur bald vom Leib und aus dem Gesicht, oder ich
werf dir ein Loch in Kopf, du Bärenhäuter, dass du dein Leben lang daran zu
gedenken hast. Meinestu Mausekopf, dass der Beck das Brot umsonst bäckt? Nein,
nein, Bruder Fink, Geld vor die Fische! so heisst das Sprichwort, wer Essen will,
muss auch arbeiten. Willstu die Säue nicht hüten, so bistu mir nichts nütze, und
du kannst auch sonst nichts. Du bist ein davongelaufener Schelm! Wüsste ich, wo
deine Eltern oder dein Herr wäre, ich wollte dich auf einen Wagen schliessen und
deinen Leuten wieder zuführen lassen.«
    Während dieser Rede ging ich all sachte den Pfarrhof hinaus und schlich mich
an der Wand das Dorf hinunter, habe also nicht mehr das Obige verstanden und muss
gestehen, dass mich des Pfarrers seine Absolution sehr wenig getröstet, und weil
ich fürchtete, er möchte mich dem Schulmeister wieder an die Hände liefern, lief
ich desto geschwinder den Lichtzaun hinunter und kam in tiefster Nacht vor ein
grosses Schloss, welches ich wegen Dunkelheit der Nacht nicht wohl besehen noch
betrachten können. Ich meldete mich bei dem Torwärter an, und sein Herr liess
mich bald vor sich kommen, weil ich Dienste verlanget. Ich traf ihn in seinem
Zimmer hinter dem Ofen, welches man die Hölle nennet, liegend an, und
unangesehen er mich nicht ansah, redete er doch immer mit mir und fragte mich
beides, um meine Heimat und meinen Namen. Nachdem ich ihm nun eines und das
andere erzählt, sagte er: »Ja, mein guter Landsmann und wackerer Cavalier, wenn
du mir nicht davonlaufen willst, so will ich dich behalten, wo du mir aber
davonlaufest, so behalte ich dich nicht.« Ich gedachte heimlich: »Das versteht
sich ohne das wohl, dass du mich nicht behaltest, wenn ich davonlaufe.« »Darum«,
sagte er weiter, »so musstu nicht davonlaufen, denn ihr Schelmen lauft gerne
davon. Es sind mir deinesgleichen wohl mehr weggelaufen. Aber wirstu mir
davonlaufen, so wird dir der Schlossknecht nachlaufen und dich so gut
hineinbringen, wie du davongelaufen. Alsdann wirstu Prügel kriegen, so gut es
die gekriegt haben, die mir davongelaufen sind. Danach will ich dich selbst
davonjagen und alsdann kannst und magstu hinlaufen, wo du hinwillst. Ha, ich
frag nicht viel nach so einem Jungen, einen Furz und so einen Buben aestimiere
ich eines wie das andere, aber wenn du mir getreu und verschwiegen sein willst,
so sollstu gute Tage haben.« Ich versprach hierauf dem Edelmann güldene Berge
und war froh, dass ich bei ihm bleiben sollte, denn ich merkte wohl, dass keine
Schul bei dem Schloss war, also hatte ich keine grosse Rute zu fürchten. »Herr«,
sagte ich, »Euer Gestreng sei versichert (dazumal hiess man die Edelleute nicht
Euer Gnaden wie leider heutzutage), dass ich nicht davonlaufen werde, und laufe
ich davon, so sollt Ihr mir beide Ohren abschneiden und an den Galgen mit einem
Bindfaden anhenken.« Damit drehte sich der Edelmann auf seinem Lager um und
sagte: »Ich muss dich gleichwohl anschauen, du Hundsfutt, du bist ein rechter
Gast für mich. Du, Hans«, sagte er zu seinem Torwächter, »gehe und bringe ihm
den Liberei-Rock aus dem Brotgewölb und lege ihn dem Bärenhäuter an.« Damit liess
er einen grossen Furz streichen und sagte zu mir: »Diesen schenke ich dir zum
Angeld, schiebe ihn in den Schubsack, dass er nicht schimmlicht wird, so gilt er
dir übers Jahr sieben Groschen.« Ich musste über diese Rede des Edelmanns mehr
als über den Furz, derer ich zuvor schon mehr gehöret hatte, lachen, aber er
sagte, wann ich so oft lachen würde, als er einen liesse, so würde ich bei ihm
nimmermehr traurig werden.
    Mit diesen Worten stund er hinter dem Ofen auf, an welchem Ort er bis daher
auf dem Bauche gelegen, weil ich nachmals erfahren, dass dieses fast sein
täglicher Gebrauch war, denn er war ein Mensch, dergestalten der Ruhe ergeben,
dass er alle Arbeiten für Bärenhäuterei schätzte, und weil ihm von seinen
Vorfahren ein ziemliches Gut hinterlassen worden, verzehrte er solches in dem
allerelendesten Müssiggang, sogar dass es ein grosses Wunder war, wenn er in sechs
Wochen einmal in die Kirche gekommen. So wurde ich für diesmal bei diesem
Landedelmann angenommen, und weil er noch unverheiratet war, hiess ihn jedermann
den ledigen Hahnrei. Sonst hiess er eigentlich der faule Lorenz hinter der
Wiesen, weil er vor grosser Faulheit selten oder gar niemals über seine eigene
Wiese von dem Schloss aus verreiset ist.
    Ich muss nochmals lachen, wenn ich daran denke, wie gar artig es mir bei
diesem Lorenz gegangen, ja, ich wünsche mir noch oft in dem Zustand zu leben, in
welchem ich damals gelebt, und es ist schon gewiss, dass ich die Zeit meines
Lebens keiner solchen Freiheit mehr geniessen werde, als ich auf diesem Schloss
genossen habe. Er liess mich bei ihm im Bette schlafen, nicht dass er etwa wegen
Abgang anderer Liegestätten solches hätte tun müssen, sondern nur darum, dass ich
ihm alle Abend den Buckel kratzen musste. Er hiess alle seine Leute, sie mochten
gleich Manns- oder Weibsbilder sein, Hans. Darum sagte er auch zu mir, wenn wir
abends beisammen lagen: »Nun, Hans, mache dich fertig und kratze mir mit der
rechten Hand den Rücken und mit der linken den Kopf.« Alsdann musste ich
anfangen, eine Seite hinauf-, die andere wieder hinunterzukratzen. Bald hiess er
mich geschwinde, bald wieder langsam, bald stark, bald schwach zufahren, und
also zerkratzte ich mir meine Finger, dass mir die Nägel hätten abfallen mögen.
In solchem Buckelkrauen schlief er gemeiniglich ein, und damit ihm die Zeit
desto kurzweiliger würde, gab er mir unter Tags etliche Geschichtbücher, als den
Fortunatus mit seinem Säckel und Wünschhütlein und dergleichen Narrenpossen, zu
lesen. Die musste ich ihm abends unter währendem Kopfkrauen erzählen und
daherschwätzen, bis ich merkte, dass ihm Fühlen und Hören vergangen.
    Dieses alles, obwohl es unterweilen bis über die halbe Nacht währte, wollte
ich noch gerne erduldet haben, denn ich hatte nicht allein ein gutes Bett,
sondern er gab mir auch des andern Morgens für meine Relationen einen guten
Trunk spanischen Wein. Aber dies war mir am beschwerlichsten, dass er so
schrecklich furzte. Denn wenn ich vor grosser Kälte den Kopf hinter die Decke
stecken und mich erwärmen wollte, da fuhr mir der Gestank in beide Nasenlöcher
daumendick hinein, dass ich darüber den Schlucken im Hals bekam. Darüber
zerlachte er sich am allermeisten und sagte, dass er viel Comödien gesehen,
welche ihn nicht so contentiert hätten wie ich, wenn ich mich über sein falsches
Rauchwerk beklagte. »Du Narr«, sagte er, »das halte ich für eine Kunst. Wer
weiss, wieviel ich schon Mahnzettel aus der Apoteke bekommen hätte, wenn ich das
Ding nicht könnte. Oho! Ich wär schon längst vor die Hunde gegangen, wenn mir an
dem hintern Instrument nur die geringste Saite abgesprungen wäre. Nein, mein
lieber Hans, furzen ist ein stattliches Regal. Könnte es mancher grosse Herr so
gut als ich, er gäbe ein ganzes Amt darum, und ich halte alle Leute für Narren,
die da meinen, es sei eine bäurische Grobheit. Hans, Hans, lieber Hans, die
Windsucht hat manchem den Hals zugesperrt, der jetzo noch manchen Schöpsbraten
fressen und einen guten Trank Mosler Wein dazu tun könnte. Bärenhäuter sind sie
gewesen, warum haben's die Narren verhalten?« »Herr«, sagte ich, »es ist mir
auch einer not, dürfte ich ihn wohl mit Ehren hervortreten lassen?« »Nein«,
sagte er, »ich verwehr dir's zwar nicht, aber wenn du es tun willst, so tue es
nicht in meinem Bette, sondern nimm einen höflichen Abtritt und gehe vor die
Kammertüre hinaus. Da magstu donnern, dass die Ziegel aus der Mauer fallen.« Auf
solches stund ich auf, und so gut es der Edelmann in seinem Bette machte, so gut
machte ich es vor der Kammertür, und machten [wir] es beide so contrabunt
untereinander, dass er sich letztlich nicht gescheuet, mit mir um einen Groschen
zu wetten, welcher die Nacht hindurch mehr lassen könnte.
    Er legte vor grosser Nachlässigkeit oft in drei Wochen kein neu gewaschen
Hemde an. Daher wuchsen ihm auf dem Leib, wie leichtlich zu erachten, die
Müllerflöhe mit Haufen, und wenn wir dann morgens im Bette sassen, wandte er mir
seinen Rücken zu. Da kriegte ich ihm das Hemd von den Schultern und durchsuchte
alle Nähte, darinnen die Läuse wie Hanfkörner sassen und wie die Speckschwärtlein
hervorglänzten. Von zwölf dergleichen Gewandläusen hatte ich einen Zweier, also
bekam ich oft die Woche hindurch dreizehn bis vierzehn Groschen Läusegeld und
verdiente mit dieser Arbeit mehr als mancher Fronbauer auf der Wolfsjagd eine
ganze Woche. Wenn ich nun ein Stück oder sechzig aus seinem Hemde beisammen
hatte, so schloss er sie in ein kleines Schächtlein. Alsdann kriegte er auch
seine Hosen vom Bettschemel herauf. Darinnen sassen gemeiniglich die allergrössten
und lebhaftigsten. Wenn ich dann die Nase darüber rümpfte, sprach er: »Hans, du
bist ein Narr, ein Bärenhäuter bistu, Hans. Diese Dinger sind über alle
Edelgestein, nur dass sie nicht so hoch aestimiert werden. Es ist keine grössere
Lust, du Narr, als wenn man sich den Tag hindurch von den Läusen wacker beissen
und kützeln lässt. Abends alsdann tut es desto besser, wenn man sich, wie du mir
tust, brav abjucken und den Buckel wacker abkrauen lässet. Ach, Hans, du weisst
noch nichts um die wahre Gemütsruhe und rechte Wollust dieser Welt. Reiten,
Tanzen, Fechten, das sind Narrenpossen. So ist auch in grossen Banketten und in
der fiebermentischen Frauenzimmer-Lieb kein grosses Vergnügen. Aber, Hans, das
Buckelkrauen geht über alles.« »Ja, Herr«, sagte ich, »ich glaube Euch's gar
gern, aber mir tun meine Finger so wehe, dass sie mir fast zu schwären anfangen.«
»Ha«, sagte er, »der Sache ist bald geholfen. Heute abends nimm meine
Kleiderbürste, die tut mir wohler als zwanzig deiner Nägel.« In solchem Discurs
sammelte er ein Schächtlein voll mit Läusen. Alsdann war dieses seine
Morgenlust, wenn er ein Kohlfeuer in die Kammer bringen liess und solche wie das
Pulver darauf streute. Da konnte er sich über dem Krachen der Läuse dergestalten
ergötzen, dass er in die Höhe aufsprang und Juhei dazu schrie, wie die Ländler
Bauern, wenn sie von einem Deberei (so heissen sie das Verlöbnis) heim und nach
Hause gehen.
 
                                   Capitul IV
Lorenz hinter der Wiesen verliert seine Haushälterin und disputiert vom Glauben
Aus diesem Vorhergehenden kann der Leser genugsam abnehmen, was für ein sauberer
Schafhund mein Herr gewesen, und wie fleissig er sich von mir hat auf den Dienst
warten lassen, und ich muss ihm's auch mit höchstem Ruhm nachschreiben, dass er
selten ein gutes Bisslein gefressen, von welchem er mir nicht zugleich etwas
mitgeteilt hätte. Einesmals wetteten wir nach unserer Gewohnheit miteinander,
wer unter uns beiden die Nacht mehr Luftstreicher aus dem hintern Feuermörser
werfen könnte. Auf dass er nun hierinnen nicht zuschanden würde, frass er abends
eine grosse Schüssel voll saure Milch oder, wie man es sonst auf österreichisch
heisset, einen guten Weidling voller Selpeherd. Denn er sagte, dass es auf solche
Milch trefflich gut Plasii werde abgeben, und weil ich mir ohne das nicht
getraute, hierinnen sein Meister zu werden, gab ich die Sache schon verloren,
ehe wir noch zu streiten angefangen. Weil es aber zwei Groschen galt und ich ein
ziemlich armer Teufel war, ersann ich einen Vorteil und nahm eine Schweinsblase
mit mir ins Bette, davon ich dem Edelmanne nicht die geringste Meldung getan. So
war mir am ersten geholfen, denn, so oft er einen liess, so oft liess ich zweie,
ja auch wohl gar drei, vier und fünfe, darüber er sich sowohl als ich halb krank
gelachet. »Jung«, sagte er zu mir, »es ist noch um ein paar Monat zu tun, so
kannstu es besser als ich selbst, und ich schwöre hoch und teuer, dass mir die
Zeit meines Lebens kein solcher Possen widerfahren, als der mir heute mit dir
begegnet.« Auf solches Gespräch nötigte er sich nach allen Kräften und Vermögen,
bis endlich die ganze Schul in das Bett und auf mein Hemde gelaufen kam, darüber
wir beide aus dem Bette sprangen.
    Wir hatten eine alte Haushälterin, die musste uns das Bett machen, und als
sie den unverhofften Schatz in demselben angetroffen, fängt sie nach der alten
Weiber Art und Gebrauch erschrecklich an zu schmälen. »Was für ein Hundsfutt«,
sagte sie, »hat das getan? Seht doch um hundert Kletzen willen, was dieses für
eine schöne Hofweis ist. Pfui Sapperment, das hat der saubere Junker Lorenz
getan, ich wollt, dass ihn der Teufel samt seinem Bettscheissen hätte! Oh, es wär
kein Wunder, wenn seine Frau Mutter aus dem Grabe aufstünde und ihm seinen
verschissenen Hintern mit Ruten wacker abstriche. Der Grobian tut es schon
öfter, ich muss auf und davonziehen, der Teufel möchte einem solchen Bettscheisser
länger auf dem Schloss dienen. O ja, ich hab vierzig Gulden Besoldung und muss
um so ein schlechtes Lidlohn einen so argen Gestank einfressen, dass ich einen
Ziegelstein erbarmen möchte. Ich will hingehen und will ihm das Bettuch zeigen,
auf dass er sehe, wie ein ehrbarer Bettscheisser er ist. Pfui Teufel, ich bin eine
alte Frau, aber ich wollte den Pfifferling, ohne Ruhm zu melden, länger im
Arsche halten als der junge Gelbschnabel.« Mit diesen Worten eilte sie nach
allem Vermögen zu Herrn Lorenzen, und weil sie nicht fest auf den Beinen war,
wetzte sie den Hintern hin und wider wie eine Wettergans. Damals waren wir
gleich miteinander auf der Kegelstatt, wo wir teils dem Kegelspiel, teils auch
den Hunden abwarteten, welchen wir die Prügel und Steine, selbige zu holen,
vorgeworfen. »Höret«, sagt sie, sobald sie uns ersehen, »wer ist unter euch
beiden so ehrenwert und darf eine so saubere Hagemauermalerei anfangen? Oh, dass
euch ja der Teufel holte! Ist das nicht immer Spott und Schand, Herr Lorenz, Ihr
wollt ein so stattlicher Cappalier (Cavalier) sein, und schämt Euch nicht, eine
solche Fretterei anzurichten? Pfui, schämet Euch! Pfui, schämet Euch! Pfui,
schämet Euch!«
    »Du alte Runkunkel«, sagte Lorenz, »geh, oder ich werfe dir einen Kegel in
den Nacken hinein und schmiere dir das Tuch noch dazu um das Maul herum. Warum
verstopfest du mir den Hintern nicht mit einer Hand voll Haberstroh, du alte
Strohfidel? Dir zu Ehren will ich meiner Natur kein Halseisen anlegen. Willstu
es nicht leiden, so schere dich zum Tor hinaus, du Pantoffelholz!« Hiermit
ergriff er ein Stück Rossdreck und warf auf sie, und weil sie aufs neue zu
schmälen angefangen, stand ich Herrn Lorenzen in seiner Arbeit bei, bis wir die
alte Anna samt ihrem bestuhlgängten Bettuche so gut wieder über den Hof
hinübergejaget, als sie hergekommen.
    Auf eine solche Art brachte er die alte Haushalterin gar aus ihrem
siebenundvierzigjährigen Dienste, welche ihn an den benachbarten Orten für einen
grauslichen Lauslümmel ausschrie. Denn dieses ist des abgedankten und
davongejagten Gesindes gemeinster Brauch, dass sie ihre Herren austragen und
ausschandieren, wie sie immer können und mögen. Aber es ist gewiss, dass diese
gute alte Anna meinem Herrn schwerlich so viel Übles wird nachgesagt haben, dass
er nicht drei- oder vierfältig so viel begangen hätte. Denn er war ein Mensch
von der allerhöchsten Faulheit, und ich kann schwören, dass ich ihm gar oft zur
Sommerzeit die Kirschen, Äpfel und Birnen habe schälen und ins Maul stecken
müssen. Solchergestalten hatte er grosse Not, eine andere Magd ins Schloss zu
bekommen, bis er endlich eine alte Bettlerin vor dem Tor bei dem Rocke erhaschet
und sie mit Gewalt zum Dienste ins Schloss gezogen. Diese Dienstmagd, ob sie
schon ziemlich krätzig und schäbig war, hielt sich doch sehr munter und fleissig.
Wenn man in der nächstgelegenen Kirche in die Frühmess läutete, so kam sie an
unsere Kammer und rief uns in die Kirche. »Ja«, sagte mein Herr, »der wär ein
Narr, der so frühe in die Kirche ginge. Nein, mein lieber Hans, im Bett tut es
besser als in der Kirche, lass du den Pfaffen beten, er hat sein Geld dafür. Wenn
mir's bezahlet wird, so will ich auch zu paternosterieren anfangen. Hans, Hans,
lass du den Mesner läuten, bis ihm die Nägel wie den Weissgerbern braun und
schwarz werden, mich treibt er doch nicht aus dem Bett heraus, und solle er sich
die Schwindsucht an den Hals läuten. Morgen ist auch Zeit, in die Kirche zu
gehen. Ich soll Messe hören, und der Pfaff macht es so heimlich, dass ich's nicht
hören kann. So ist es auch noch so finster und dunkel, dass ich in der Kirche den
Pfaffen weder hören noch sehen werde. O Hans, bleibe du liegen und suche mir
dafür die Läuse aus dem Hemd. Kommt mir die Magd noch einmal vor die Kammer, so
will ich ihr die Messe singen, dass es gesungen heissen sollte.«
    Indem er so redete, kam die Magd das andere Mal, klopfte an und sprach:
»Herr, saprament, steht auf, man schlägt schon zusammen, eilet oder Ihr kommt zu
spät!« »Du Plundervieh«, antwortete mein Herr, »schere dich hinweg oder ich will
dir einen Branntwein geben, wie man den Bären gibt, die nicht tanzen. Was geht
mich das Kirchengehen an, geh du dafür hinein, du Bettelkrücken, und bete, dass
du eine neue Schürze bekommst! Komme ich in die Küche und sehe, dass du das
Fleisch noch nicht zum Feuer gesetzt hast, so will ich dich karbatschen wie
einen Pudelhund. Packe dich nur bald von der Kammer, und kommstu mir noch
einmal, so will ich dir im Hemde so weit mit dem Pantoffel nachlaufen, als du
heim hast.« »Herr«, sagte ich dann zu ihm, »was seid Ihr für einer Religion? Wie
ich sehe, so seid Ihr nicht gut katolisch, denn Ihr haltet nichts von der
Mess.« »Ha«, sagte er, »was bekümmere ich mich um die Religion. Es sind derer so
viel, dass sich die Gelehrten selbst nicht drein zu finden wissen. Ich müsste ein
grosser Narr sein, dass ich mich darum viel bekümmern soll. Hans, eine gute
Bratwurst dafür mit saurem Kraut oder frischem Senf, das schmeckt dem Magen
besser, als wenn man jahrein jahraus von der Religion grübelt und disputiert.
Ich lob meinen Vater, dass er mich nicht hat studieren lassen. Er tat mich zwar
in eine lateinische Schul, aber, Narrenpossen, ich konnte nichts lernen, und der
Quartus plagte mich immer mit dem participio und solchem Gezeug, dass ich gar
davongelaufen bin. Daher hab ich nicht viel auf das Schulwesen gehalten. Was
Glaubens bist du denn, Hans?« »Herr«, sagte ich, »ich bin gut katolisch, wie
denn auch mein Grossvater, mein Vater und meine Mutter, auch alle meine Freunde
sein. Denn sie und ich sind in dem katolischen Glauben geboren, getauft und
auferzogen worden.« »Ja nu«, antwortete er, »so bin ich gut österreichisch, denn
mein Grossvater, Vater und meine Mutter samt allen meinen Freunden sind in
Österreich geboren, auferzogen und getauft worden.« »Herr«, sagte ich, »was
glaubt Ihr denn?« »Narr«, sagte er, »ich glaub, dass du nicht gescheit bist, und
hörstu nicht auf, mich um solche Sachen zu fragen, werf ich dich gar zum Bette
hinaus. Was geht dich mein Glauben an? Ist's nicht genug, dass ich dir für dein
Buckelkratzen und Läusabsuchen zu fressen und zu trinken gebe? Du Bärenhäuter,
willstu viel von solchen Sachen wissen, so geh auf Linz zu den Jesuiten hinein,
die werden dir in einer Stund mehr davon sagen können als ich in einem ganzen
Jahr.« »Herr«, sagte ich weiter, »wisset Ihr denn auch, was der luterische
Glaub ist?« »Ha«, antwortete er, »es ist halt auch ein Glaub wie ein anderer
Glaub, die Luterischen fressen so gern etwas Guts als du, und sehen eine Katz
so wenig für einen Fuchs an als du, sie verrichten auch ihre Notdurft als wie du
und haben die Zähne so wenig im Hintern als du.« »Herr«, sagte ich, »wie ich
höre, so haltet Ihr gar nichts vom Glauben?« »Ja«, sagte er, »freilich halte ich
wenig davon, ich halte aber auf ein gutes Faulbette desto mehr. Hans,
Straplicorde, es beisst mich eine Laus auf dem linken Schulterblatt, gib Achtung,
dass du sie kriegest, so bekommen wir einen Morgenbraten.«
    Mit solchen Reden brachte Herr Lorenz die Morgenstunden im Bette zu, und er
sagte mir oft, dass er die Zeit seines Lebens vor zehn Uhr nicht aufgestanden
sei. Auch, als er noch ein Jüngling war, hätten ihn die Diener auf Geheiss seiner
seligen Eltern mutternackigt aus dem Bette herausreissen müssen, da wäre er also
ohne Hemd wohl eine halbe Stund noch voll Schlaf in der Kammer herumgetaumelt,
ehe er zu sich selbst und in die Kleider gekommen.
 
                                   Capitul V
    Lorenz wird von seinen Freunden besucht und von einem Capuziner aus dem
                             Catechismo examiniert
Dieses Leben, gleichwie es an diesem jungen Menschen höchst sträflich war, also
wurden seine Freunde, in Ansehung, dass er sich durch ihre eifrigen Vermahnungen
zu keiner Besserung anliess, gezwungen, ein ander Mittel vor die Hand zu nehmen,
und brachten demnach eines Abends einen Capuzinermönch mit sich in das Schloss.
Der gab vor, als wäre er aus seinem Convent verschicket, daher bat er für diese
Nacht um Herberge, dass er morgens seinen apostolischen Schimmel desto schneller
fortreiten könnte. Mein Herr als ein fauler Gesell vergünstigte dem Capuziner
die begehrte Herberge gar gern, sah aber die Ankunft zweier seiner Vettern nicht
für gut an, weil es ihm verdriesslich war, mit ihnen von allerhand Sachen zu
reden, sondern er hätte viel lieber hinter der Hölle auf seinen Matratzen stille
gelegen und den Hintern gegen die Oberdecke gekehret. »Hans«, sagte er zu mir,
»die Leute kommen mir gar zu ungelegener Zeit. Es verdreusst mich nichts mehr,
als wenn einer an seiner Ruhe so unverhofft muss verhindert werden. Gehe hinunter
und sage, ich habe die Colica und das Reissen in dem rechten Schenkel, wenn es
ihnen nicht zuwider wäre, so liesse ich sie bitten, mir über acht oder vierzehn
Tage zuzusprechen.« »Herr«, sagte ich, »Ihr werdet ja nicht so wunderlich sein,
Euere Herren Vettern sind keine Narren, dass sie es stracks glauben werden, Ihr
könnt ihnen ja ein paar Stunden schenken, habt Ihr doch danach Zeit genug,
auszuschlafen. Gehet doch hinunter und empfanget sie!«
    Er gab sich endlich drein, und weil er ganz ausgezogen im Bette lag, warf er
einen langen Reiserock über das blosse Hemde, und statt der Schuhe legte er seine
Pantoffel an. In solchem Habit empfing er seine Vettern und den Pater, und weil
er die Schlafmütze noch unter den Armen trug, auch die Haare noch voll Federn
waren, konnten sie leicht merken, dass er erst müsste vom Bett aufgestanden sein.
»Herr Vetter«, sagte Caspar von Scheutleutten - so hiess der erste - »Ihr seid
gewiss heute spät schlafen gegangen.« »Ha, der Teufel!« antwortete er, »die
Colica hat mich heut den ganzen Morgen geschoren, dass ich fast keinen Atem
schöpfen können.« »Das sieht man Euch nicht an«, sagte der andere Edelmann,
namens Jochem Wilnhager, »und damit Ihr wisset, warum wir hier mit diesem Herrn
Pater erschienen sind, so machen wir Euch die Ursach ohne Umstände und
langweiligen Umschweif zu wissen, denn lange Reden sind Euch sehr verdriesslich
und ist wider Eure Natur, einer weitschweifigen Predigt zuzuhören. Darum bitten
wir Euch, machet Euch keine Ungelegenheiten, uns zu tractieren, es sei gleich
mit Speis oder Trank, denn deswegen sind hiermit wir nicht hergekommen. Setzet
Euch unbeschwert bei uns nieder und höret, warum wir hier sind.«
    Der gute Herr Lorenz roch den Braten, eh er an den Spiess gestecket wurde,
riss deswegen ein Paar Augen auf wie ein polnischer Ochs. Aber nichtsdestoweniger
fuhr doch Herr Jochem Wilnhager fort und sprach: »Ihr, lieber Herr Vetter und
guter Freund Lorenz hinter der Wiesen, schämt Ihr Euch nicht in den Hintern (mit
Ehren zu melden), dass Ihr Eure beste Jugend in einem so verderblichen Müssiggang
zubringet? Heisst das, den rühmlichen Tugenden seiner Voreltern nachahmen und
andern Leuten ein gut Exempel geben? Die alte Anna, welche auf diesem Schloss
mehr Jahr gedienet als Ihr würdig zu leben seid, ist mit grossem Wehklagen zu uns
gekommen, sagend, dass Ihr Euch wie ein grober Unflat in dem Bette verhaltet und
einen eigenen Jungen aufzieht, welcher Euch alle Nacht in dem Buckel jucken und
Historien vom Fortunatus und andere dergleichen Geschichten erzählen muss. meint
Ihr nicht, dass Euch dieser Ruf unter denen von Adel höchst schädlich und
nachteilig ist? Glaubet nur, dass das Frauenzimmer niemals mehr Scherz als mit
Euren Taten treibet, und dass Ihr durch Eure Faulenzerei Euch alle Speranz zu
einer vorteilhaften Heirat ganz auslöschet. Absonderlich aber müssen wir mit
Schmerzen hören, dass Ihr Jahr und Tag in keine Kirche kommet noch Messe höret,
und aus solcher Ursache sind wir als Eure Blutsfreunde bezwungen worden, diesen
Herrn Pater Capuziner mit uns zu führen, der Eures Glaubens Rechenschaft von
Euch fordern und Euch aus dem Catechismo examinieren soll. Habt Ihr unsere
Meinung verstanden?« »Ja«, sagte mein Herr, »ich habe es verstanden. Aber wie
heisset der Herr Pater?« Der Capuziner antwortete: »Ich heisse Benjamin
Raumhauffsky.« »Haha«, sagte Herr Lorenz, »Ihr seid gewiss ein Polack. Hans,
bring mir die grosse Flasche mit dem roten Branntwein her, ich muss ihm's in aller
Woiwoden Gesundheit zusaufen!« »Nein, mein Herr«, sagte der Capuziner, »für
solche Ehre bedanke ich mich. Ich bin nicht allein kein Pole, sondern trinke
auch gar keinen Branntwein.« »Ei«, antwortete mein Herr, »der Herr Pater glaube
nur sicherlich, dass es ein hauptsächlicher, guter Trank ist. Er versuche nur
einen Fingerhut voll. Ich bin auch kein Polack, aber saprament, Herr Pater,
abends und morgens ein Gläslein voll tut besser als ein halb Dutzend hölzerne
Leberwürste.« »Herr Vetter«, sprach Caspar von Scheutleutten, »haltet mit
solchen Reden inne, und Ihr, Herr Pater, tut Eure Gebühr, dazu wir Euch
vermahnet haben!«
    »So saget mir demnach«, sprach der Capuziner zu Lorenz, »wer bist du?«
»Was«, antwortete Lorenz, »wer heisset Euch, mich du zu heissen? Habe ich mit Euch
Säu oder Schafe gehütet? Respect, ins Teufels Namen, wollt Ihr keinen Branntwein
saufen, so beschimpft mich auch nicht!« »Mein lieber Herr«, sagte der Capuziner,
»dieses ist nicht aus Schimpf geschehen, sondern es geschieht der Examination
wegen, die heisset also nach der ersten Frage in dem Catechismo. Doch dass Ihr
Vergnügung von mir habet: Wer ist der Herr?« Lorenz: »Ich bin einer von Adel.«
Capuziner: »Das weiss ich wohl.« Lorenz: »Warum fragt Ihr mich dann? Nun sehe ich
erst, warum Ihr keinen Branntwein saufen wollet, Ihr seid ohnehin schon
sternvoll.« »Mein Herr verzeihe mir«, sprach der Capuziner, »wenn ich frage: wer
bist du?, so müsst Ihr sagen: Ich bin ein armer Sünder. Also frage ich Euch noch
einmal, wer seid Ihr?« Lorenz: »Ich habe Euch's schon gesagt, wollt Ihr's nicht
glauben, so fraget meine Vettern drum!« »Ach, Ihr armer Mensch«, sprach der
Capuziner, »Ihr treibet Euren Scherz aus ernstlichen Sachen, aber gedenket nur
und glaubt sicherlich, dass es Euch gereuen wird! Saget mir, wieviel sind
Hauptstück?« Lorenz: »Herr Pater, Haupt ist so viel als Kopf. Wenn ich einen
Karpfen sieden lasse, so sind der Hauptstücke zwei. Ein Kalb aber gibt nur ein
Hauptstück, und eine Bratwurst hat gar keines.« »Ach, du loser Bub«, sagten die
zwei Vettern, »guten Abend, guten Abend!« Mit solchen Worten griffen sie zu
ihren Stäben und eilten samt dem Pater aus dem Schloss, denn sie sahen, dass
aller Fleiss an dem Menschen verloren war und dass sie, anstatt ihre Hoffnung zu
erfüllen, nichts als Lästerungen von ihm würden zu gewärtigen haben.
    »Haha«, sagte Lorenz, »geht immer hin, wo ihr hergekommen, wer heisset euch,
mich aus meiner Ruhe verstören? Ihr saget, das Frauenzimmer lache über mich, ja
nu, so lache ich auch über sie. Gehet hin und heisset sie mich etwas anderes tun.
Ich verlange nicht zu heiraten, und wenn ich heirate, so will ich euch nicht zum
Tanze bitten. Examiniert mich bald wieder aus den sieben Geboten! Oho, ist es um
diese Zeit? Kommt mir wieder in mein Haus, habt ihr's Herz, annageln will ich
euch an das Schlosstor wie die Fledermäuse und wilde Enten! Kommt nur wieder und
verstört mich aus meiner Ruhe! Es sei euch geschworen, ich will mich deswegen
bei der Hofkanzlei beklagen. Was geht euch davon ab, dass ich mir den Buckel
kratzen und Historien erzählen lasse? Oh, wäret ihr solche Kerl wie Fortunatus,
Andolosia und Ampedo gewesen, ich glaub, es sollte besser um eure Sachen stehen.
Ich will ein Hundsfutt sein, wenn einer unter euch all sein Lebtag ein
Wünschhütlein bekommen wird. Auf die Köpfe wird man euch dafür hofieren, ihr
Bachanten. meint ihr denn, dass Peter mit den silbernen Schlüsseln sei ein
solcher Mauerscheisser wie ihr gewesen? Oder die schöne Magelone habe dem Vieh
ausgemistet, wie eure Weiber tun? O nein, beim Element nicht. Das war ein
rechtschaffener Kerl, und ein solcher Ritter will ich noch werden. Danach will
ich auf die Turnier zu König und Kaiser ziehn, trutz examiniere mich danach
wieder einer, auf die Köpfe will ich euch alsdann klopfen und mich vor
hunderttausend euresgleichen, ja vor keinem Menschen nicht scheuen. Cartaunen,
Mörser und Granaten achte ich ohnedem wie Katzengeheule, ich sage euch's, hütet
euch vor mir!« Diese Wort rief er so lang hernach, als er sie auf dem Weg des
Schlossberges sehen konnte. Aber Caspar Scheutleutten hatte unter währendem
Geschmäle seinen kleinen Puffer blind geladen, welchen er unversehens gegen das
Fenster, woraus Lorenz so gepoltert und gefluchet, losbrannte. Da erschrak der
ehrliche Lorenz, dass er rücklings nach aller Länge in die Stube darniederfiel
und mich zum öfteren fragte, ob ich kein Blut sehe.
 
                                   Capitul VI
 Lorenz eröffnet seine Meinung, was er von dem Pfaffen und seinen Vettern halte
Als er nun durch mich versichert war, dass er keinen Schuss hätte, erhob er sich
von der Erden und sagte: »Hans, wie stehen dir die Kerls an? Gelt, sie sind
Mauseköpf und Krautkönige, ich dachte, sie wollten mich gar ins Kloster jagen
und zu einem Pfaffen machen. Ja ja, lasset euch nichts davon träumen, ihr guten
Fratres, ich wollte mich eher mit ungrischen Degen in Stücke zerhauen lassen,
wie man die Rüben zerhacket, eh ich ein Pfaff werden wollte. Heiraten mag ich
zwar dermalen auch nicht, was aber geschehen dürfte, da muss ich erst in den
Calender nachsehen. Die Narren meinen, ich sei gar ein Hundsfott. Oh, dass ich
mich nicht darauf besonnen und geschwinde ein Dutzend gesalzener Fürze
losgelassen habe! Ach, bin ich nicht ein rechter Flegel, dass ich mich nicht
darauf besonnen habe? Hans, wann's wieder so kommt, so mahne mich daran, da will
ich schiessen, und sollen meine Hosen Löcher wie die Wamsärmel bekommen. Sie
werfen mir vor, ich liesse mir von dir den Buckel kratzen. Ich wollte, dass sie
mir statt deiner in dem Arsche kratzen müssten, alsdann würden sie von allen
Badern in Teutschland bei der Obrigkeit verklagt werden, dass sie ihnen ins
Handwerk fielen. Ja ja, mein lieber Hans, die Schabhälse vergönnen mir keine
Recreation. Sie wissen wohl, was für eine unbeschreibliche Ergötzlichkeit
dahinter verborgen liege, darum vergönnen sie mir's nicht. Recht so, Hans, du
bist ein Kerl von grosser Geschicklichkeit, und ich gestehe dir, dass mir all mein
Lebtag kein Jung den Buckel so rein abgekratzt hat als wie du. Weil der
ausgedörrte Capuziner keinen Branntwein mit mir hat trinken wollen, so musstu mit
mir trinken. Ich will wohl die Zeit erleben, da der Capuziner für einen
Sechzehnteil solches Branntweins gerne wird fünf Gülden geben, aber ich wollte
ihm keinen Tropfen reichen, und sollte er mir seinen Mantel samt seinen
zerrissenen Schuhen, oder wie man das Gefräss heisset, schenken und dedicieren.
Hans, Hans, ich bin ein braver Kerl, sonst kein Mensch in der Welt! Ich weiss,
was die rechte Gemütsruhe ist, warum sollte ich mir meinen Kopf mit vielen
Sorgen zerreissen? Ich habe zu essen und trinken genug, schere mich nicht viel
nach der bärenhäuterischen Ehre, sonst wollte ich schon lang zu Constantinopel
Vicekaiser sein. Ha, es ist ein schlechter Pfifferling, in der Welt herum zu
reisen. Ich lobe meinen Ofen dafür, da setze ich mich mit einem Glas Wein und
einem Stück Semmel hinter die Hölle und trinke es den Ofenkacheln die Reihe
herum zu, auf Gesundheit meines Pudelhundes. Die Kerle kommen mir in mein
Eigentum, mich zu examinieren, das sind rechte Narren, Hans, sie wollen eine
Gelehrigkeit finden, wo keine ist. Nun verdriesst mich's erst, dass ich nicht
wacker gefurzet habe. Der eine hatte gar das Herz und schiesst mir in die
Fenster, der Teufel soll ihn samt seiner Büchse holen! Hätte er mich getroffen,
ich wollte ihm Füsse gemacht haben, dass der eiserne Hahn auf unserer Dorfkirche
hätte darüber lachen sollen. Hans, bleibe du bei mir, heute nacht musst du mich
auf den Fusssohlen kitzeln. Lies noch ein Capitul oder zwei aus dem Hug Schapler
oder dem Ritter Wigalois und lasse dich meine sauberen Vettern im Arsche lecken!
Sie sollen mich nicht mehr aus meinem Bette bringen und sollten sie alle
türkischen Schimmel an mich spannen. Sind das nicht alte Hosenscheisser? Dürften
sich unterstehen, mir einen Leviten herunterzulesen und sagen, dass ich ein
ganzes Jahr nicht in die Kirche gekommen! Hei, so liege, dass dir der Hals
verkrumme und du ein Aussehen hast wie eine getaufte Maus! Wär ich ein ganzes
Jahr nicht in die Kirche? Oh, ihr Schelmen! Bin ich dies vergangene Jahr nicht
über fünf Mal drin gewesen, so wollt ich, dass mich der Buckel mein Lebtage
nimmer juckte. Doch muss man sich wider Recht und alle Billigkeit wider seinen
eignen Willen Gewalt und Unrecht tun lassen. Patientia, mein lieber Hans, was
kann man tun? Geh und bringe den Branntwein, ich will mein Leid mit dir
versaufen. Die alte Anna mag der Teufel holen und einen Sauerbraten aus ihr
machen. Ich bin Herr für mich allein und Kaiser in meinem Schloss. Mein
Tauben-Kobel ist mir so lieb als ein Ball- oder Reitaus. Weswegen sollte ich
mich viel in den Wäldern und auf der keinnützigen Jagd herumschleppen? Hans, ein
paar Katzen dafür gehetzet, tut eben das und noch viel mehr, als den Füchsen und
Wölfen nachzulaufen. Es ist genug, dass mir's mein Jäger in die Küche und die
Köchin auf den Tisch bringt. Nichts verdriesst mich mehr, als dass sie so mühsam
zu tranchieren sind, drum fress ich Nudel, Nocken und Sterz noch so gern als
Federwildbret, denn es braucht nicht viel Zerlegens damit, sondern wenn sie
hübsch geschmalzen sind, gehen sie hinunter, ehe man die Ohren dazu rühret.
Hans, gelt, du hältst es mit mir? Meine Vettern mögen sagen, was sie wollen, ich
halte stattlicher Haus als sie. Sie sitzen hin und spielen oft eine ganze
Wochen. Dafür lege ich mich in die Hölle, mein lieber Hans, da schnarche ich in
der Wärme ein wie eine Küchenratz. Erwache ich dann, so habe ich nicht allein
nichts verspielet, sondern betrachte noch dazu meine artigen Träume, die mir in
dem Schlafe vorgekommen.«
    »Herr«, sagte ich, »was träumet Euch denn?« »Oh, du Narr«, sagte er, »es
träumet mir Zeug untereinander, darüber ich viel mehr als über die lustigsten
Comödien zu lachen habe. Erspare also hiedurch auch wieder etliche Groschen, die
meine Vettern geben müssen, wenn sie solche spielen sehen und noch dazu in
denselben das Frauenzimmer mit Confect bedienen, dadurch sie in vielfältige
Unkosten gestecket werden. Wenn andere hinausgehen auf die Jagd, so zerreissen
sie die Schuh und nützen die Kleider ab. Ich aber spare durch den Schlaf nicht
allein die Kleider, sondern verhüte auch die Schelmerei meiner Schlossbedienten,
denn sie wissen, dass ich allezeit gegenwärtig und zuhause bin.«
    »Mein lieber Hans«, sagte er ferner zu mir, »betrachte es nur selber, ob
ich's so gut hätte, wenn ich gleich ein Doctor wäre. Oh, lieber Monsieur
Feuerfax, Haarwuchs im Arsch ist kein Flachs. Nimmermehr hätt ich's so gut. Ich
müsste studieren, gribulieren, disputieren, spintisieren und narrieren von dem
und zu dem, da hinein, dort hinaus, bald hinauf, bald hinab. Nein, nein, Bruder
Stiegelhupfer, davon schreibt Marcus kein einziges Wörtlein. Hat sich wohl
Doctor, ein Narr wär ich worden und kein Doctor, und zu dem so will jetzo ein
jeder Gelbschnabel flugs Doctor sein. Sie werden Magister fix, danach so werden
sie auch bald darauf Doctor nix. Hans, Hans, ich lobe mir dein Buckelkratzen
dafür, und was ist zwischen dir und einem Doctor für ein grosser Unterschied? Sie
krauen den Bauern den Beutel und du krauest einem Edelmann den Buckel, sie gehen
im Sammetrock und schlafen oft auf groben Bauerntüchern, und du gehest hingegen
in einem Bauerntuch gekleidet und schläfst bei mir in adeligem Bettgewand. Sie
fressen, so wahr ich ein ehrlicher Kerl bin, nicht so gut als du, mein lieber
Hans, und was noch das meiste ist, so habe ich und du ein viel besseres Gewissen
als sie alle miteinander. Ha, Hans, hörst du nun, wo der Has im Pfeffer liegt?
Doctor hin, Doctor her, du bist auch kein Narr, bringe du den Branntwein her,
wir wollen noch weiter von der Sache reden.«
 
                                  Capitul VII
                          Macht Anstalt zu einer Musik
So bald ich den Branntwein auf den Tisch gebracht, langte er eine gesalzene
Zunge dazu, welche er mit gutem Senf trefflich geschmackhaft zu vermischen
wusste. »Hans«, sagte er darauf, »es gilt eins aller ehrlichen Flederwisch gute
Gesundheit. Narr, du darfst dich nicht wundern, warum ich dir keines grossen
Herren Gesundheit zutrinke, denn dieses halte ich für keine Rarität, aber ich
will ein Hundsfutt sein, wenn eines Flederwisches beim Gesundheittrinken oft ist
gedacht worden. Und damit wir vor andern Leuten etwas Rares und Absonderliches
haben, wollen wir das Glas nicht vorn an die Lippen, sondern auf der rechten
Seite wie der Stadtpfeifer den Zinken ansetzen, und so oft wir ausgetrunken
haben, wollen wir einen grossen Rülps dazu lassen, das ist gesünder, als wenn man
uns mit fünfundzwanzig Musqueten Salve dazu losbrennte. Hans, glaube mir, ich
bin kein Narr, ich weiss auch, wo man die Hunde schert. Darum mache dich gefasst,
kannst du keinen Rülps lassen, so musst du das Glas so oft austrinken, bis einer
angestochen kommet. Damit wir auch nicht dasitzen und einander ansehen wie die
Katzen auf den Dächern, so bringe mir mein Vogelrohr aus dem Uhrkasten herunter,
wir wollen für die Langeweile Tauben totschiessen und uns ein paar davon braten
lassen. Hans, sapperment, Hans, das schmeckt besser als drei Dutzend Ohrfeigen.
Sage auch dem Torwächter, dass er mit seiner Fiedel hereinkomme und uns Lärm
aufgeige. So wollen wir leben wie die Monarchen und uns wacker auf unsere eigene
Hand lustig machen. Geh geschwind, sonst kommt mich der Schlaf wieder an und du
kannst mich innerhalb sechzehn Stunden nicht wieder zu der Laun bringen.«
    Nach solchen Worten rief ich dem Torwächter, dass er sich mit seiner Fiedel
fertigmachte und mit mir zu dem Herrn in sein Zimmer käme, weil er daselbst zu
unserem Branntwein lärmen und also den Saft in die Gurgel hinuntergeigen sollte.
»Ha«, sagte der Torwärter, »der Teufel hat mich auf das Schloss geführet und kein
ehrlicher Mensch. Wenn ich mir für meine Hand etwas verdienen und gewinnen
könnte, so muss ich deinem Faulenzer aufwarten, der mich noch dazu mit dem
Stecken über den Buckel schmeisset, wenn ich's nicht recht mache. Nein, bei
meiner Seel, schlägt er mich noch einmal wie neulich, so laufe ich auf und
davon, und sollte er alle Schergen im ganzen Land nach mir schicken, so komme
ich ihm doch nicht wieder. Ich hätte anitzo eine gute Hochzeit über Feld, da ich
mich schon vorgestern hinversprochen habe. Nun aber muss ich wider meinen Willen
mit dir gehen. Saprament, hoch Latein, du und dein Herr ist ein Bärenhäuter, der
eine wie der andere, hei, dass ihn der Donner samt seinem Branntweinsaufen
erschlüge! Heut ist's mir gar ungelegen, doch weil's nicht anders sein kann, so
muss ich wohl hingehen. Aber gibt er mir nichts zum Lohn, so weiss ich schon, wie
ich mich zahlhaft mache. Gehe nur voran, ich will bald bei euch sein.« Damit
liess der Torwärter einen in die Hose streichen und sagte: »Diesen schenke ich
dir auf den Weg, stecke ihn hinter das linke Ohr, so fällstu nicht!«
    Aus dieser Antwort des Torwärters ist zu merken, wie kahlsinnige Diener ein
Herr zu haben pflegt, welcher vor grosser Faulheit kaum aus dem Fenster, viel
weniger zu ihren Verrichtungen sieht. Sie werden von den Dienstboten nicht
allein nicht gefürchtet, sondern auch noch dazu geschimpfet. Die nötigen
Arbeiten bleiben bei einer solchen Herrschaft entweder zurücke oder werden gar
verabsäumet, wie auf dieses faulen Lorenzen Schloss ein augenscheinliches Exempel
war. Demnach ist es auch geschehen, dass er von Tag und Tag, ja von Stund zur
Stund in grösseres Abnehmen und also in unverhoffte Armut geriet, weil er seinem
eigenen Aufnehmen mit träumenden Augen und schlummerndem Gemüte stets
entgegengegangen.
 
                                  Capitul VIII
            Was für eine artige Comödie sie mit der Magd angefangen
Ich kam gleich zu Herrn Lorenzen in das Zimmer, als er wie ein Pickelhäring mit
dem Glas Branntwein um den Tisch herumsprang. »Vivat bonus gratias!« sprach er,
»lieber Hans, es gilt aller Maikäferflügel gute Gesundheit! Was macht der
Spielmann, wird er bald kommen?« »Herr«, sagte ich, »alsobald. Er hat zwar eine
Hochzeit über Feld zu geigen gehabt, aber er will doch kommen und Euch
aufwarten.« »So ist's auch recht«, sprach Herr Lorenz. »Sapperment, Hans, der
Torwärter ist mein bestallter Hof-Musicus, der muss mir die allerschönsten
Stücklein von der ganzen Welt aufmusizieren. Bald französisch, bald burgundisch,
bald türkisch, bald italienisch, bald siebenbürgisch, bald tyrolisch, in summa
summarum, Hans, alles muss er mir aufgeigen.« »Herr«, sagte ich, »seid Ihr denn
ein grosser Liebhaber der Musik?« »Freilich«, sagte er, »das kannstu wohl
gedenken, du Narr, aber ich meine keine Bauernmusik, wie die Bettler danach
tanzen, sondern rechtschaffene Virtuosi und gute Künstler ästimiere ich, wie
mein Torwärter und seinesgleichen ist. Der kann's herunterquintillieren, schöner
als die Nachtigallen. Hans, wenn er componieren könnte, ich wollte ihn in die
vornehmste Capell bringen. Würde er gleich anfangs nicht Capellmeister, so müsste
er halt Calcant werden, du Narr, die Blasebälge sind am nächsten bei der Orgel,
also ist auch der Calcant am nächsten an dem Organisten. Potz hundert gute
Jahre, ein Musicus muss so wohl von unten auf dienen wie ein Soldat. Vor diesem
habe ich ein wenig auf der Dregel-Geigen gelernet, aber mein Lehrmeister sagte,
die Mistgabel taugte viel besser in meine Faust als der Fiedelbogen, und ich hab
in einem Tag so schrecklich viel gelernet, dass ich den andern Tag nicht ein
Drecklein davon wusste. Aber der Torwärter, der hat ein Ingenium, Saprament,
Hans, ein Haupt-Ingenium hat er! Wenn man ihm heute eine Ohrfeige gibt, so denkt
er länger als acht Jahr hintereinander dran.«
    Indem kommt der Christel Schlick-den-Prein - so heisst der Torwärter - mit
seiner Raspel zu uns, und Herr Lorenz begehrte an ihn, dass er möchte das Lied
vom Hänsel beim Bach aufgeigen. Solchergestalten erhebte sich die liebliche
Harmonie dieses Erzkünstlers, welcher sich bei dem Ofen auf einen Stuhl gesetzet
und zu seinen Melodeien mit dem Fuss den Tact gegeben. Unter solchem Musizieren
sang mein Herr allerlei Lieder und soff mich und den Torwärter so voll in den
Branntwein, dass einer den andern kaum mehr kannte, noch die Farb unserer Kleider
entscheiden konnten. »So lebet man«, sprach Herr Lorenz, »recht fürstlich und
vergnügt. Ha, ich schere mich nicht viel um hohe und vornehme Gesellschaften.
Mancher meint , er könne nicht lustig sein, wenn er nicht grossmächtige Herrn und
Cavaliere um sich oder in seiner Gesellschaft hat. Nein, mein lieber Hans, es
ist nur eine blosse und eitle Meinung. Ich weiss die Sach um eine Spanne besser zu
finden. Wer also lebet, wie ich lebe, der darf nicht fürchten oder in Sorgen
stehen, ob er in der Compagnie nicht diesen oder jenen beleidiget habe, ob er
genug und sattsame Complimenten gemachet habe, item ob er sauber genug sei oder
nicht. So darf er sich auch wegen des fickermentischen Vorgangs und der
ausgedörrten Praecedenz nicht viel bekümmern, hat auch nicht zu befürchten, dass
er mit überhäufigen Gesundheittrünken überschüttet werde. So ist er auch noch
überdies nicht verobligieret, grosse und mannigfältige Discurs anzufangen, zu
beantworten und auszuführen. Nein, mein lieber Hans, ich weiss die rechte Lust
rechtschaffen zu gebrauchen. Wie oft geschieht es und ist leider geschehen, dass
man sich in Zusammenkünften zanket, hernach in die Haare fällt und morgen früh
auf die Kling herausfordert, da man Leib und Seele zugleich verlieret! Gelt,
Hans, das kostet mehr als eine neue Kehrbürste? Wie oft ist es geschehen und
geschiehet noch, dass man sich über dem Gesundheittrinken anderer Leute die
Schwindsucht an seinen eigenen Hals hinansäufet oder sonsten in eine Krankheit
fällt, davon man in die Apoteke all sein Lebtag zinsen muss! Solche Früchte
trägt man von dem heutigen Schmausieren, und mancher hätte noch eine frische
Haut auf den Markt zu tragen, welcher schon vor zwölf Jahren durch das leidige
Gesäufe und täglich gepflogene Compagnie in das Gras gebissen. O lieber Hans,
das war eben meinen zwei Vettern so sehr in dem Kropf gestecket, ich solle mein
Geldlein, meinen sie, nicht zu Hause verzehren, sondern mit demselben unter die
Leute wischen wie eine Feuer-Rakete in die Luft. Und also hätten sie mich gern
in der Welt, dass ich ihre Kinder in den Compagnien freihielte. Aber sie machen
mir keine Nase. Ich habe ohnedem eine wie eine Pfundbirne. Nein, Hans, nein, zu
Hause geblieben und geschlafen dafür, das schmeckt Herrn Lorenzen besser, als
solche Torheiten zu begehen, dafür man euch wacker auslachte. Vivat, es gilt
eins auf die Gesundheit aller ehrlichen Hundsfütter!«
    Zu solcher Gesundheit strich der Torwärter auf allen vier Saiten zugleich
tapfer Lärmen, und ich sättigte mich wacker mit der geräucherten Zunge, welche
zum Branntwein besser schmeckte als gebratene Hufnägel. Endlich zogen wir die
Wämser, nach diesen die Schuh und Strümpfe aus. So oft es nur eine Gesundheit
galt, schmissen wir ein Stück zu dem Fenster hinunter, bis es letztlich gar über
die Hosen und Hemden herging. Also sassen wir da wie im Paradies, und ich muss
auch lachen, wenn ich daran denke, wie hurtig der nackigte Torwärter im Zimmer
herumgesprungen.
    In solchem Springen kam die Magd zu uns, weil sie willens war, dem Herrn
Geld abzufordern. Sie hatte aber die Tür kaum so bald eröffnet, als sie schon
wieder zurückgeloffen, gleich als brannte ihr der Kopf samt dem Nacken. »Pfui!«
sagte sie, »sind das nicht Flegel, recht abscheuliche Teufel sind sie! Springen
in dem Zimmer ganz nackigt herum wie die Irrwische! Welcher Henker hat sie
solche mores gelernet? Möcht sich doch ein unschuldig Mensch zu Tod ärgern! Das
sind Schlingel! Das sind Bärenhäuter! Der kleine Jung macht auch mit, wie wenn
er dazu verdungen und bestellet wäre. Pfui Teufel, wie wird mir so übel! Es
steigt mir im Leibe auf, wie wenn ich Brücken und Capern gefressen hätte. Die
ist eine Hure, die noch zwei Wochen im Schloss bleibet. Treiben's doch die
Hundsfütter wie die jungen Grasteufel mit einander! Pfui!« rief sie ausser der
Tür, »schämt Euch in den Arsch hinein, Herr Lorenz! Ihr wollet ein Edelmann sein
und treibt solche närrische Sachen!« »Ha«, antwortete Herr Lorenz, »du Hure, was
geht dich mein Adel an? Komm her und lecke mich dafür im Arsche! Sagstu mir noch
ein Wort, so will ich den Torwärter um dich hinausschicken, der soll dich wider
deinen Willen zu uns hereinbringen.« Die Magd wollte sich noch nicht
zufriedengeben, darum eilte der Torwärter hinaus und zog sie mit Gewalt mit sich
hinein, allwo sie Lorenz mit unserer Hilfe fasennackigt ausgezogen und ihre
Kleider gleich den unsrigen über das Fenster in den Hof hinuntergeworfen. Sie
wollte schmähen und versteckte sich hinter den Ofen, aber ich musste etliche,
Kannen Wasser holen, mit welchen sie Herr Lorenz wieder hervortrieb, und also
sahen wir alle Lust, wie hurtig die nackigte Magd in dem Zimmer herumsprang.
 
                                   Capitul IX
                Lorenz bringt unauflösliche Fragen auf die Bahn
Man hätte uns da leichtlich für solche Leute ansehen können, welche aus dem
Paradies entlaufen wären, oder, wenn der seltsame Grillen-Jubilierer, der alte
Bruder Plato in unser Auditorium gekommen, hätte er ohne Zweifel geglaubt, wir
hätten uns ihm und seiner definitio de homine zum Schimpf also entkleidet. Aber
in Wahrheit zu sagen, so war keines von beiden zu argwohnen, denn dieses
nackigte Turnierfest ist von dem wunderlichen Lorenzen verstandener Massen aus
allzu grossem Mutwillen recht leichtfertig angestellet und mit schrecklichem
Geschrei verübet worden. Denn wir mussten zu jedem Sprung, den wir taten, das
Maul wie die Ochsen aufreissen und schreien, was wir von Leibeskräften
vermochten.
    Die Magd war aber zum allerübelsten dran, und weil sie den Herrn Lorenzen
immer einen Schelm und liederlichen Teufel über den andern hiess, so revanchierte
er sich gegen dieselbe mit seinem Blasrohr, indem er ihr über die fünfzig erdene
Kugeln auf den Leib schoss, davon sie wie eine Spansau zu kürren angefangen.
Endlich sprangen wir dem Torwärter gar in die Geige, und weil der Narr vor
allzu, grossem Trunk nicht wusste, ob es Mittwoch oder Freitag sei, machte er
selbst mit. Also zerstörten wir unsere Musik, und weil Herrn Lorenzen eine
sonderliche Mücke ins Gehirn gehofieret hatte, liess er Lehm ins Zimmer bringen.
Damit warf einer dem andern so ins Gesicht, dass wir weder sehen noch hören
konnten.
    In solchem Tumult hatte die Magd die Tür ergriffen und sich fasennackigt in
den Schlosshof hinunter salviert. Diejenigen, welche noch kein nackigt Weibsbild
gesehen hatten, hielten sie für die Melusina, andere aber, die etwas mehr in den
Historien gelesen und gesehen, lachten so sehr, dass sie sich in der Mitte mit
beiden Händen untersetzen mussten. Herr Lorenz warf ihr noch zum Valet etliche
Lehmklotzen auf den Buckel, und weil ihm zu kalt werden wollte, liess er unsere
Hemden heraufholen, welche wir über den Leib warfen und in solchem Habit Toback
zu trinken anfingen.
    Damit wir nun selbst über unsern Aufzug zu lachen hatten, brachte Herr
Lorenz etliche Spiegel ins Zimmer, die er rings um den Tisch herumsetzte. Also
lachten wir uns selbst wie die Narren aus, und wer die abenteuerlichste Positur
machen konnte, der schätzte sich vor dem andern, ein sonderliches Kunststücke
verübt zu haben. Aber ach, wir elende Toren, solchergestalten lachten wir über
unsere eigene Narrheit, die wir doch billiger vielmehr hätten beweinen sollen!
Wir glaubten, lobenswürdige Sachen verübet zu haben, die doch im Grund die
lasterhaftigsten waren, suchten also in der Schelmerei Ehre und von den Lastern
Lob zu verdienen. Ich zwar habe es damals nicht verstanden noch besser gewusst,
denn weil ich all mein Lebtag niemals in der Welt gewest, dachte ich, es wäre so
der Gebrauch, und müsste derjenige, welcher etwas Rechtschaffenes lernen wollte,
sich auch rechtschaffen närrisch anstellen.
    »Hans«, sagte mein Herr Lorenz, »so musst du es machen, wenn du ein brav Kerl
werden willst. Narr, du wirst wohl an hunderttausend Höfe kommen, da es nicht so
lustig wie bei mir hergehet. Sauf deine Pfeife Toback aus, danach wollen wir auf
Ofenkrücken, Ofengabeln und Kehrbesen im Hemd den Schlosshof auf und abreiten.
Saprament, Hans, das ist lustiger als das beste Ringelreiten! Narrenpossen, was
scher ich mich danach, was die Leute dazu sagen. Wenn ich kein Geld hab, und sie
sagen, ich sei acht Tonnen Goldes reich, so ist's doch erlogen und hilft mich
nicht. Sagen sie, ich sei ein armer Gesell und habe nicht vier Groschen, ich
dagegen fresse und trinke etwas Gutes, Hans, so schadet es mir auch nicht. Sie
mögen sagen, was sie wollen, Narr, ich lache wacker dazu, und je schlimmer man
mir nachredet, je lustiger springe ich herum.« »Ja, Herr«, sagte ich, »das kann
der Tausendste nicht tun.« »Ei«, sagte er, »drum bin ich auch glückseliger als
tausend andere, und ich will auch noch das Rauchfangkehren lernen. Alsdann will
ich in die Camin hinaufsteigen und heulen wie die Wölfe und Katzen, das ist mir
lieber als auf der Ziter und auf der Orgel schlagen, denn es braucht nicht so
viel Fingerns und Greifens. Hans, meine Vettern meinten mich zu examinieren,
aber, saprament, Hans, ich kann mehr als sie, du und alle Schulmeister der Welt.
Damit du aber siehest, dass ich nichts ohne Grund und ausser dem Fundament rede,
so ist's wahr, dass ich allen Doctoren in der ganzen Welt will eine Frage aus dem
Vaterunser vorlegen, die soll mir keiner geschwinde zu beantworten wissen. Ja,
Hans, das will ich tun. Sie bilden sich einen Haufen Zeugs ein, aber es sage mir
einer, hat er anders ein Herz im Leibe: Wenn man das Vaterunser in zwölf Teile
teilt, welches sind die mittelsten drei Buchstaben? Hans, diese Frage kann mir
kein studierter Mensch auflösen, er besinne sich denn eine Weile darüber, und
solle es auch der Monsieur Doctor Faust selber sein. Item, es sage mir einer,
wieviel zu Constantinopel die Woche hindurch Bärte geputzet werden, so will ich
ihn für einen participierenden Licentiaten passieren und repassieren lassen.
Aber ich weiss es, willst du es auch wissen, Hans?« »Ja«, sagte ich, »Herr, ich
möchte es lieber wissen als das Vorige.« »Ja, du Eselskopf«, antwortete er, »es
ist auch viel härter zu verstehen. Darum so merke, wenn man dich fraget, wieviel
zu Constantinopel die Woche Bärte geschoren werden, so sagst du: eine Woche mehr
als die andere. Damit hast du mehr getan, als wenn du dem krummfüssigen
Hufschmiede Vulcano eine Sackpfeife aufgeblasen hättest. Hans, glaube mir
sicherlich, und wenn du mir nicht glaubest, so wollte ich, dass dich heute nacht
die Harmwinde plagten, dass du dich wie ein Frosch zusammenhalten müsstest. Aber
was du glauben sollst, das höre von mir. Denn ich, ich, Lorenz hinter der
Wiesen, Hochgeborener von Adel und, wie mich die Leute zu titulieren pflegen,
lediger Hahnrei, sage dir und habe dir gesaget, werde dir auch sagen und
jederzeit gesaget haben, dass ich ein wackerer Cavalier sei.«
    »Herr«, sagte ich, »ich habe in der Schul von unserm Schulmeister gehört,
man heisse nur die Grafen und Freiherren, aber nicht die Edelleute Cavaliere.
Wenn Ihr nun kein Graf oder Freiherr, sondern nur ein Edelmann von der
schlechten Gattung seid, warum heisst Ihr Euch dann einen Cavalier?« »Saperment,
Hans«, antwortete Lorenz, »all dein Leben lang, so lang du bei mir bist, hast du
mir keine so schwere Lection als durch diese Frage aufgegeben. Was frage ich
danach, du Narr, ob ich mich mit Recht oder Unrecht einen Cavalier tituliere,
heisse oder nenne. Wenn's andere meinesgleichen tun, so tue ich's auch, sie
mögen's tun, warum sie wollen. Hans, du sagst nicht unrecht, denn wenn man
meinem Geschlecht auf den Grund fischen wollte, so würde man finden, dass ich gar
artig zum Adel gekommen. Höre, ich muss dir's sagen, setze dich auf den Stuhl und
lege ein Kissen darauf, so sitzest du desto besser, und höre, wie ich zum Adel
kam. Mein Vater hatte zwölfmal die Franzosen. Nun sagt man im Sprichwort, wer
die Franzosen neunmal hat, der sei ein Edelmann. Hat nun mein Vater die
Franzosen zwölfmal gehabt, so kannst du Bärenhäuter leicht gedenken, dass ich ein
recht Approbierter vom Adel sei. Bin ich kein Cavalier, so bin ich halt ein
Edelmann, und man heisse mich, wie man wolle, so springe ich doch in meinen
Hirschhosen im Zimmer herum und trinke eine Pfeife Toback.«
 
                                   Capitul X
             Hans disputiert mit Lorenzen vom Adel und der Religion
»Herr«, sagte ich, »Eure Meinung wegen Eures Adels habe ich verstanden. Ihr
gefallet mir auch gut genug, aber, Herr Lorenz, Ihr habt keinen Glauben und
keine Religion, ich bleibe auf solche Weise teufelsungern bei Euch. Sagt mir
doch, was meint  Ihr, welches ist die beste Religion auf der ganzen Welt?« »Mein
lieber Hans«, antwortete Herr Lorenz, »das weiss ich dir bei meiner Seel nicht zu
sagen, denn ich weiss nicht, wievielerlei Religionen in der Welt sein. Wie kann
ich dir also sagen, welches die beste ist? O du Bärenhäuter, gedenke nur selbst,
dass ich's nicht wissen kann, ob ich's schon gern sagen wollte.« »Herr«, sagte
ich weiter, »was glaubt Ihr denn vor Euch?« »Vor mir«, sagte er, »glaube ich,
dass meine Nase stehet, und wenn ich einen Ranzen trage, so glaube ich ihn hinter
mir, und neben mir glaube ich meinen Degen, und um mich ist mein Feldzeichen.
Weisstu nun, Hans, was ich glaube?« »Herr«, antwortete ich, »Ihr foppet mich wie
einen Narren.« »Ja, Hans«, sagte er, »das bist du auch und wirst es dein Leben
lang bleiben. Was geht dich mein Glauben an?« »Herr«, sagte ich, »es geht mich
Euer Glauben nichts an, aber wenn mich die Leute einmal fragen, was für einer
Religion Ihr seid, so weiss ich nichts zu sagen, als dass Ihr Eure Nase vor Euch,
Euren Ranzen hinter Euch, Euren Degen neben Euch und Euer Feldzeichen um Euch
glaubt. Herr, das ist ein närrischer Glauben.« »Ja, Hans, drum lern an ihm, er
ist gut für dich und hält so warm wie ein Brustlatz. Hans«, sagte er weiter,
»glaubstu, dass die Bauern in den Himmel kommen?« »Ja, Herr«, sagt ich, »ich
glaub es.« »Ja nu«, sagt er, »glaubstu, dass die Bauern hineinkommen, so kannstu
leicht glauben, dass die Edelleut nicht draussen bleiben werden. Hans, wer lesen
und schreiben kann, der versteht das Ding besser als ich und du.« »Herr«, sagte
ich, »Ihr betet aber nicht.« »Freilich«, antwortete er, »ich lasse mir aber den
Buckel desto besser krauen. Und heute nacht musstu gar den Rossstriegel mit dir
ins Bett nehmen, damit musstu mir die Füsse wacker jucken.« »O Herr«, sagte ich,
»ich sehe wohl, Ihr seid luterisch.« »O du Narr«, antwortete er, »du bist
luterisch, du hast einen grossen Kopf, und unser Windhund ist calvinisch.«
»Herr«, sagte ich, »was haltet Ihr denn auf die katolischen Pfaffen?« »Du
Bärenhäuter«, antwortete er wieder, »auf ihre Köchinnen halte ich zweimal soviel
als auf sie.« »Ja«, sagte ich, »warum nehmt Ihr denn kein Weib?« »Hörst du«,
sagt er, »warum bläsest du mir nicht in den Arsch?« »Ei«, sagte ich, »das ist
meiner Natur zuwider.« »Ja nu«, sagte er, »so ist das Vorige auch meiner Natur
zuwider.« »Ja Herr«, sagte ich, »Ihr scherzet gar zu grob. Was haltet Ihr denn
von den luterischen Pfaffen?« »Du Flegel«, sagte er, »ich halte auf ihre Weiber
mehr als sie alle miteinander.« »Gelt, Herr«, sagte ich, »sie predigen schön?«
»Das weiss ich dir nicht zu sagen«, antwortete er, »ich hab keinen nie gehört.«
»Predigen denn«, fragte ich, »die katolischen Prädikanten hübsch?« »Ei«, sagte
er, »ich weiss nicht, wie sie predigen, ich hab auch keinen gehöret.« »Herr«,
sagte ich, »wie wisset Ihr denn, was Predigen ist, wenn Ihr nie keinen predigen
gehöret habt?« »Hörstu«, sagte er, »wie weisstu, was Blitzen ist, wenn du nie
blitzen gehört hast?« »Herr«, antwortete ich, »ich hab's gesehen.« »Ja nu«,
sagte er, »so hab ich's auch gesehen, denn ich stand meistenteils ausser der
Kirche oder guckte von der Gasse hinein auf die Kanzel. Danach lief ich heim,
wie ein fremder Hund durch die Fleischbänke.« »Wer hat Euch aber«, fragte ich
weiter, »besser gefallen, der luterische, katolische oder calvinische?« »Ha«,
sagte er, »es war an allen dreien nicht viel Besonderes. Sie standen auf den
Beinen und schlugen mit beiden Händen von sich, ich dachte, wo ich näherkäme,
sie dürften mir gar eine Ohrfeige geben. Doch hatten die Luterischen grosse
Bücher neben sich liegen, da dachte ich: ex libro doctus quilibet esse potest,
verstehstu das, Hans?« »Nein, Herr«, sagte ich, »ich versteh es nicht.« »Ja,
Hans«, sagte er, »das war ihre Predigt. Was tustu, wenn dich schläfert?« »Herr«,
sagte ich, »ich wünsche mir ins Bett.« »Nu«, sagte er, »mir ist auch so, Hans,
lasse mir das Bett machen und höre auf zu fragen. Morgen will ich dir mehr von
der Farbe schwätzen.«
 
                                   Capitul XI
                     Die Magd fängt auch an, zu disputieren
Auf diese Antwort des Herrn Lorenzen kam die Magd, welche wir zuvor ausgezogen
hatten, und forderte ihren Abschied. »Herr«, sagte sie, »ich mag bei meiner Treu
nicht mehr bei Euch bleiben. Ihr meint , ich sei gar eine Hure. O bildet Euch
nur solche Sachen von mir nicht ein! Ich bin ein ehrlich Mensch, und meine
Mutter hat manchen sauren Tritt tun müssen, denn sie handelte mit Essig, und die
Studenten zu Linz werden ihr's mit grossem Ruhm nachzusagen wissen, dass sie die
ganze Zeit, weil sie ihnen ihre Hemden, Halskrausen und Schnupf-Servet
gewaschen, sich allezeit wohlgehalten habe. So war auch mein Vater ein
vornehmer, wohlgeschickter und hochansehnlicher Mann.« »Hörst du«, fiel ihr Herr
Lorenz in die Rede, »wer war er denn?« »Erstlich«, sagte sie, »ist er ein Müller
gewesen. Da war er ein Vornehmer, denn er nahm den Leuten das Mehl allezeit vor
hinweg. Danach so war er ein Wohlgeschickter, wie ich ihn zuvor geheissen habe,
denn als ihm das Müllerhandwerk nicht mehr zuschlagen wollte, so brauchte ihn
die Herrschaft zu Puchheim für einen Ordinariboten, da war er ein
wohlgeschickter, denn man schickte ihn bald auf Lambach, bald auf Wels, bald auf
Vöcklabruck und bald auf Oberweis bei Gmunden und so weiter im Ländel herum. Wie
er nun drei Jahr ein wohlgeschickter Mann gewesen, so wurde er letztlich
hochansehnlich, denn man liess ihn, weiss nicht weswegen, an den Galgen hängen,
und wer ihn sehen wollte, musste den Kopf in die Höhe heben. Also war er, wie ich
Euch gesagt habe, hochansehnlich, wie Ihr Euch selbst leicht werdet einbilden
können.«
    Über diese Erzählung der Magd lachte Herr Lorenz und sagte: »Du Teufelshure,
ich lasse dich nicht weg, und sollst du mir Hirschhörner auf den Kopf
hinaufzaubern. Alle Menschen von fröhlichem Gemüte habe ich lieb, du hast ein
fröhliches Gemüt, ergo so habe ich dich auch lieb. Für die Kurzweil will ich dir
drei Taler schenken. Dafür kaufe dir einen neuen Kittel, und wenn du mir den
blossen Hintern zeigst, so lasse ich dir ein schönes Mieder dazu machen. Ihr
Narren, wenn man sich ein wenig mit euch vexieret, so begehret ihr stracks euren
Abschied. Ich lobe meinen Hansen, das wird ein Kerl von Fortun werden, er bleibt
gerne bei mir und disputiert wacker von der Religion. Wenn du nun auch etwas
vorzutragen hast, so steht dir die Gelegenheit offen. Ich will dich unterrichten
und alle Zweifel auflösen, sie seien gleich gross oder klein, hoch oder niedrig,
kurz oder lang, weit oder eng, lang oder breit, alt oder neu. Denn ich bin
Doctor und Professor auf meinem Schloss, derohalben frag ich dich, was Glaubens
bistu?« »Herr«, sagte sie, »ich bin Eures Glaubens.« »Nu«, sagte er, »ich
glaube, dass du eine Hure seist.« »Ei ja«, antwortete die Magd, »so glaube ich,
dass Ihr ein Schelm seid.« »Ha«, sagte Herr Lorenz, »du bist meines Glaubens,
dich habe ich auch lieb. Wenn der Hans so geschwinde antworten könnte als wie
du, ich liesse ihn morgen auf Ingolstadt hinaufziehen. Aber nun frage du mich
auch etwas.« »Herr«, sagte sie, »was ist das: Der Zweifuss sass auf dem Dreifuss
und machte einen Einfuss. Da kam der Vierfuss, riss ihn über den Dreifuss und nahm
ihm den Einfuss. Könnt Ihr's erraten?« »Ha«, sagte er, »du fragst hohe
Religions-Scrupel aus mir. Es ist ein Schuster, der sass auf dem dreibeinigen
Stuhl. Er machte einen Schuh, da kam der Hund und riss ihn vom Stuhl, dass der
Hundsfutt den Arsch in die Höhe reckte, als wollte er damit stellatim gehen,
nahm ihm also den Schuh weg, und so habe ich deine närrische Frage beantwortet.
Morgen aber sollst du dafür einen Häring haben. Mache mir das Bett fein gut, und
du, Hans, lies ein Capitel oder zwei aus dem Simplicissimo und erzähle mir fein
hübsch, wie es ihm bei dem faulen Dragoner gegangen. Lebte derselbe Dragoner
noch, ich wollte ihn zu meinem Haushofmeister und noch dazu zum Vize-Lorenz
hinter der Wiesen machen.«
 
                                  Capitul XII
                      Herr Lorenz reitet auf eine Hochzeit
In dieser Zeit bekam Herr Lorenz ein Hochzeit-Schreiben folgenden Inhalts:
»Geliebter Herr Bruder! Ich weiss, dass du nicht gern lange Briefe liesest, darum
mache ich's kurz und vermelde, welchergestalten ich künftigen Sonntag acht Tage,
wird sein der 23. Februarii, mit der adeligen Jungfer Christiana Katzenschwänzin
allhier zu Furzdorf werde Hochzeit machen. Zu solcher lade ich dich freundlich
ein und versehe mich deiner Gegenwart so gewiss, so gewiss du der glückseligste
Edelmann in der ganzen Welt bist. Vale!«
    »Saprament, Hans«, sagte Herr Lorenz nach Verlesung dieses Schreibens, »der
Kerl weiss, nach was für einer Pfeife ich am liebsten tanze. So muss man mir
aufwarten, wer mich recht respectieren will. Hei, es freut mich dennoch, dass die
Schabhälse erkennen müssen, dass ich der vergnügteste und glückseligste Cavalier
in der ganzen Welt bin. Ich bin's auch und werde es jederzeit sein und
verbleiben, aber warum sind die Eselsköpfe nicht auch so glückselig wie ich?
Liessen sie sich den Buckel krauen wie ich, so würde die Sache bald ein anderes
Aussehen haben. Aber solange sie ihren Alfanzereien nachgehen und dem
keinnützigen Frauenzimmer aufwarten, so lange haben die Narren das Krauen hinter
den Ohren und können zu keiner Perfection des zeitlichen Lebens geraten. Hans,
ich habe mich geresolvieret, auf die Hochzeit zu reiten. Saprament, da will ich
lustig sein! Was ich nicht mag, das sollst du zu fressen bekommen, und sieh nur
beizeiten um einen grossen Kalier, darein du die Bisslein schieben und aufheben
kannst. Ich weiss, dass sie stattlich tractieren werden, darum so muss ich mich
auch sehen lassen, was ich bin und was ich vermag. Hans, alle meine Leute auf
dem Schloss müssen mit mir, und wenn ich bei der Tafel den Namen Hans rufen
werde, so muss nicht etwa einer oder der andere, sondern alle müsst ihr gelaufen
kommen. Alsdann werden die Gäste denken: Potz Stern, wie ist dieses ein
prächtiger Edelmann! Hat er nicht fleissige Aufwärter, sind dies nicht fixe
Diener? Ja, Hans, da werdet ihr einen Respect verdienen, der die Küsterswürde um
sechs Grad übertrifft.«
    In diesen Gedanken ging die Zeit allgemach herum. Da machte er sich mit mir
und dem Torwärter samt noch andern vier Knechten auf den Weg, weil er willens
war, frühzeitig auf der Hochzeit zu erscheinen. Wir mussten über eine Fähre, und
weil solche von dem stark anhaltenden Frost ganz verfroren war, mussten wir den
Fluss besser hinunter und also über eine Brücke reiten, dadurch wir an der
vorgenommenen Reise über vier Stunden verhindert worden.
    Die Spielleute strichen gleich den Tanz »Es ging ein Bettelmann aus Ungarn
heraus«, als wir vor dem Hochzeitshause angelanget und Herr Lorenz von dem
Bräutigam mit einem Glas Wein über das Fenster bewillkommet war. Hiermit stiegen
wir alle von den Pferden und begleiteten unsern Herrn eine steinerne Treppe
hinauf, an deren Ende die Tür in die Hochzeitstube war, darin man ob- und
untereinander fressen und saufen sah, dass einem Hungrigen das Maul davon hätte
mögen wässerig werden.
    Als man hörte, dass Lorenz hinter der Wiesen angekommen, stand alles auf, den
wunderlichen und im ganzen Land berufenen Menschen zu sehen. Und aus dieser
Curiosität gebrauchten sich etliche, so von fern sassen, ihrer Brillen und
Perspective, andere aber, die etwas kürzer von Statur, standen auf Bänk und
Stühle, und der gemeine Haufen der Aufwärter bestiegen den Ofen, und weil dieses
Volk nach angeborenem Brauch etwas unbescheidener umgegangen, brachen sie den
Ofen ein und wurden ihrer etliche von eingelegtem Feuer verbrennet. Dieser
Aufstand und Spektakel kitzelte Herrn Lorenzen in dem Herzen und: »Siehstu,
Hundsfutt«, sagte er mir ins Ohr, »wer ich bin? Ist es doch als ob ein grosser
Potentat angekommen wäre. Gelt, ich kann die Leute in Verwunderung stürzen, dass
sie weder fressen noch saufen können? Ha, es wird noch lustiger werden, lasse
dir nur die Zeit nicht lange sein!« Mit solchen Worten setzte man ihn unter die
Vornehmsten, weil er nicht allein als ein von einem vornehmen Geschlecht
herstammender, sondern auch als ein über die Massen kurzweiliger Mensch dahin von
den andern ist begehrt und verlanget worden.
 
                                  Capitul XIII
      Lorenz gibt auf alle Fragen Bescheid und informiert das Frauenzimmer
Es ist eine alte Gewohnheit, bei Hochzeiten lustig zu sein, aber gar eine junge
Gewohnheit ist es, bei Hochzeiten hoffärtig zu sein. Die Lust entspringet teils
aus der angenehmen Conversation der gegenwärtigen Freunde und anderer Bekannten,
aber die Hoffart führt einen weit anderen Grund, und woher sie entspringet,
brauchet keiner grossen Auslegung, weil genugsam bekannt, dass bei solchen
Zusammenkünften jeder der Vornehmste sein will. »Ha«, sagte Lorenz von der
Wiesen, als er vermerkte, dass etliche nur darum hohe Reden führten, auf dass sie
von andern für gelehrt angesehen würden, »ihr seid und werdet sein die
allernärrischsten Affen. Warum und aus was für einer Ursach machet ihr solche
fremde und unbräuchliche Mienen über- und gegeneinander? Man weiss gar wohl, wer
ihr seid und wer eure Väter gewesen, und dennoch bildet ihr euch mehr ein als
sich dieselben eingebildet haben und seid doch nicht so klug, wie dieselben
gewesen sind. Sie liessen es bei der alten deutschen Mode verbleiben, aber ihr
suchet statt der alten deutschen Wörter lauter französische Terminos auf,
dadurch man das Krauen in den Ohren krieget. Ach, ihr guten Freunde, ich rede es
euch zum Besten, und ihr habet keine Ursach, deswegen auf mich böse zu werden
oder mich bei dem krummfüssichten Hufschmied Vulcano zu verklagen. Es ist beim
Rasperment wahr und gewiss, dass, nachdem wir die alte deutsche Treue von uns
gelassen, ist auch die alte Glückseligkeit von uns gerücket. Ihr saget
gegeneinander: Bruder, hole mich der und der, ich bin ein teutsches,
aufrichtiges Gemüt, das weder durch Wasser noch Feuer, durch Regen noch Schnee
kann anders werden. Seid ihr dann nach eurem Vorgeben teutsch, warum redet ihr
französische Fratzen in eurem Gespräche? Ein Teutscher ist ein Teutscher, und
ein Franzos ist ein Franzos. Redet ihr wie die Franzosen, was seid ihr dann für
Teutsche? Ach, ihr guten Bürschlein, ihr tut es nicht allein, sondern es kommet
jetziger Zeit auch sogar das Frauenzimmer angestochen und fänget an,
französische Terminos in ihre Reden einzumengen. Saprament, ihr Bürgersmägdchen,
die Rute stünde euch viel besser auf dem Hintern als die französische Sprache im
Maul! Wer die Franzosen im Mund liebt, der bekommt sie endlich noch an den
Leib. Ihr bildet euch ein, durch eure Narrenpossen grosse Bäume umzuhaun, aber
wenn man's bei dem Grund und an der Wurzel ansiehet, so habt ihr einen Floh
totgeknacket, welcher euch durch den Tag im Hemde herumgehüpfet. meint ihr, ihr
alberne Knopflöcher, dass euer Maulmachen respectiert werde? Nein, bei meiner
Treue, nicht ein Haar hält ein kluger Kopf auf euer Parlieren. Denn ihr habt in
allen Sachen kein rechtes Fundament, und darum hofiere ich auf euer
französisches Einmengen. Ja, sagt ihr bei euch selbst, der und der hält viel von
meinen Discursen. Der und der hat beteuert, dass er all sein Leben lang niemand
so klug von der Sache als eben mich reden gehöret. Aber wisset, o ihr törichten
Seich-Taschen, solche Gesellen grüssen den Zaun wegen des Gartens. Sie sagen:
Ach, was ist das für ein herrlicher Zaun! Wie schön ist er geflochten! Was
meinen denn solche Gesellen durch den Zaun? Nichts anderes als den Garten,
schlagen also auf den Sack und meinen den Esel. Darum so wisset ihr selbst
besser, warum sie euch loben, nicht wegen eurer Geschicklichkeit, denn die habt
ihr nicht, sondern wegen der Quintern, die wollen sie euch gerne visitieren und
ihren Stilum applicieren. Saprament, ihr Jungfern oder wer ihr seid, diesen
Endzweck hat das Lob eurer Galanen und Liebhaber. Sie geben euch grosse Titel und
suchen das Mittel, loben eure Krausen und wollen euch lausen. Ha, ich muss euch
auslachen, ihr Narren. Betet dafür ein paar Paternoster, das nützet euch mehr
als ein figermentisches Compliment! Ihr saget: Ich will patientia halten, und
wenn man euch fraget, wie patientia im genitivo pluralis hat, so wisset ihr's
nicht. Was ist denn euer Latein? Ach, lasset solche Sachen bleiben, denen ihr
nicht gewachsen seid! Der etwas ohne Grund redet, den hält man für einen Lügner,
was seid dann ihr, wenn ihr solche Sachen redet, deren Grund euch ganz verborgen
ist? Wahrhaftig, dieses haben die Huren am allergemeinsten, dass sie jederzeit
etwas suchen, dadurch sie von andern Weibsbildern mögen verschieden sein. Was
suchet ihr aber euch selbst in den höchsten Verdacht eurer Ehre zu stürzen, wenn
ihr mit Hintansetzung der euch zustehenden Einfalt euch hoch heraus brüstet und
statt der jungfräulichen Demut lauter hurische Hoffart ausspeiet? Ha, dadurch
habt ihr mir einen Ekel gemachet, euch zu lieben, und ich halte viel mehr auf
einen Furz als auf all euer Dicentes, so sehr auch dasselbe mit ausländischen
Wörtern gespickt ist. Teutsche Einfalt [ist] die beste Klugheit, hätten wir
diese, kein Philosophus von Aten soll unser Meister werden! Aber nachdem alle
Narren den Ausländern mehr als sich selbst geglaubt, sind sie durch ihre eigene
Meinung bis auf den Grund und das äusserste Verderben betrogen worden.«
    Diese Rede, ob sie gleich dem anwesenden Frauenzimmer trefflich in die Ohren
gegangen, wurde doch zum Besten ausgeleget, weil man nach dem gemeinen Ruf des
Pöbels allentalben dafür gehalten, dass Lorenz hinter der Wiesen nicht wohl bei
Sinnen und seine Klugheit mit dem abwechselnden Monde veränderte. Aus dieser
Ursach wurden seine Reden vielmehr belachet als bezürnet, und was noch das
meiste dabei war, so bejahten ihrer viele die Meinung meines Herrn mit
unterschiedlichen Umständen, dadurch sie die allentalben eingeschlichenen
Complimenten des Frauenzimmers verachteten. Andere aber vermeinten, dass,
unerachtet Herr Lorenz solches aus einer unbedachten Gurgel herausgestossen,
müsste man ihm doch solchen Fehler, welcher das edelste Geschlecht dieser Erde,
nämlich das Frauenzimmer beträfe, nicht für gut, sondern für Unhöflichkeit
halten, mit welcher ein Cavalier seinesgleichen nichts sollte zu tun haben. Also
gab es leichtlich widersinnige Meinungen, weil jeder für das Frauenzimmer das
Beste tun wollte. In Ansehung aber, dass Lorenz hinter der Wiesen ein
durchtriebenes Ingenium hatte, welches auch die Allerklügsten abzuwürzen gewohnt
war, unterliessen sie ihre Defension aus Furcht, dass ihnen von demselben nicht
ein Gleiches begegnen möchte. Denn sie wussten am besten, wo sie der Schuh
drückte, und wie eine häufige Materia mein Herr, der ehrliche Lorenz, finden
würde, sie durch alle Praedicamenta hindurchzuziehen. Dies alles ungeachtet,
fing doch ein auf dem andern Tische sitzender Edelmann an, und weil er wusste,
wie Lorenz hinter der Wiesen neulich von einem Capuciner wäre examiniert worden,
fragte er ihn und sprach: »Monsieur Lorenz, was machen die Capuciner?« »Ha«,
antwortete er, »sie fressen gebratene Hühner.« Jener fragte wiederum: »Was
machen denn die Jesuiter?« Lorenz antwortete: »Sie küssen die Nonnen durchs
eiserne Gitter.« Der Erste fragte weiter: »Was machen denn die Kartäuser?«
Lorenz replicierte: »Sie fressen die Schnecken und scheissen in die Häuser.
Darauf möchtet Ihr zu Gast geladen sein.« Auf diese Antwort Herrn Lorenzens
entstand in dem Hochzeitzimmer ein grosses Gelächter, und den Spielleuten wurde
geboten, Lärmen aufzugeigen, weil man befürchtete, die Wortwechselung möchte zu
weit in die Schrift geraten.
    Die vorige Antwort Herrn Lorenzens erweckte in vielen eine Begierde, fernere
Unterredung mit ihm zu halten, und weil etliche zugegen waren, die gar nichts
oder wenigstens nicht viel vom katolischen Glauben hielten, vermeinten sie nach
seinen Discursen, einen guten Fisch in ihre Küche zu fangen. Fragte ihn deswegen
einer aufs neue und sprach: »Herr Lorenz, was machen die Canonici regulorum?«
»Ha«, antwortete er, »teils sind Doctores, teils sind Narren.« Über diese
Antwort wurde noch mehr gelacht als über die vorige, und weil der Tumult bei den
Zuhörern zu gross war, überhörte ich viel, welches hier wohl stattaben könnte,
aufgezeichnet zu werden. Denn ein kurzweiliger Mensch findet in dergleichen
Zusammenkünften mehr als tausendfältigen Anspruch und muss wohl beschlagen sein,
einem jeden unter dem Pöbel Bescheid zu tun.
    Etliche unter den Anwesenden hielten viel, andere hingegen wenig von ihm,
die meisten aber hielten [ihn] für einen grossen Ateisten und allgemeinen
Leutespotter, welcher seine Ruh in den zeitlichen Gütern suchte, dadurch er
seine Seele der ewigen Unruhe übergeben würde. »Ja«, sagte ein anderer Edelmann
seinem Nachbarn heimlich ins Ohr, »dergleichen Vögel gibt es anjetzo hin und
wieder heim- und öffentlich, die auf nichts mehr studieren, als ihren Nächsten
durchzuziehen. Sie züchtigen andere mit einer Rute und wissen nicht, dass sie
durch ihre eigenen Laster einen grossen Staupbesen verdienet haben, strafen also
in der Zeit, welche ihnen zu ihrer eigenen Strafe dienen sollte. Was hilft es
und was ist es nutz, seinem Nächsten seine Fehler auf eine so verdrüssliche Art
vorzulegen, und ein solcher Hechler wird billig einem toten Spiegel verglichen,
welcher andern ihre Flecken vorstellet, aber seine eigenen Makel niemals sehen
kann.«
 
                                  Capitul XIV
           Etliche Schulfüchse diskurrieren von der Gemütsvergnügung
Über dieses entstand unter etlichen Gelbschnäbeln auf der Hochzeit eine Frage,
ob denn Lorenz hinter der Wiesen seinem Vorgeben nach eine wahre Gemütsruhe
besässe, oder ob es vielmehr eine angeborene Faulheit zu heissen wäre, welche mit
keiner Tugend könnte in Consideration gezogen werden. Da hörte ich so viel
Judicia, als viele ihrer über diese Frage zu scrupulieren angefangen. Signor
Fuchsschwanz war der erste, der sprach also: »Monsieurs, diese Frage aufzulösen,
muss man wohl wissen, was eigentlich durch die Gemütsruhe verstanden werde, item
was die Gemütsruhe an sich selbst ist. Als erstlich, wenn ich dafür halte, dass
ich exempli gratia im Wildbretschiessen oder Hasenjagen meine Gemütsruhe suche,
so ist sie eine Gemütsruhe und ist auch keine. Denn indem ich arbeite, so ruhe
ich nicht und ruhe doch, denn ich stelle in solcher mühsamen Arbeit mein Gemüt
zufrieden, ob ich schon dadurch und in Suchung dieser meine Glieder höchst
beschwerlich mit Mattigkeit belade. Ist also dieses eigentlich die wahre
Gemütsruhe, worin ich meine höchste Vergnügung suche.« »Nein«, sagte sein
Nachbar, »Monsieur Naseweis, Bruder, du fehlest weit, denn du nimmst das
Honestum und Salutare nicht in acht. Saprament, es ist gut, dass kein Gelehrter
hier zugegen gesessen, sonst hätt er dich mit dem Priscianus über die Fresse
geschlagen, dass dir die verschluckten Hochzeitskuchen zum Hals herausfallen
müssen. Gelt, Herr Vetter Grosssprecher, ich sage die Wahrheit. Ihr seid um fünf
Jahr länger als ich auf der Schul gewesen. Drum sagt uns, was ist eigentlich die
wahre Gemütsruhe und was heisst das Honestum wohl in Obacht nehmen? Mein
Praeceptor schwätzte vor diesem seinen Haufen davon, aber wenn ich abends mein
Ordinari-Pfeifentoback aussoff, so fielen mir die Narrenpossen so geschwind aus
dem Kopf, so geschwinde sie mir zuvor eingefallen waren.«
    »Ihr Herren«, sagte Herr Grosssprecher, »meine Auslegung hierüber grundmässig
und wohl zu verstehen, müsst ihr erstlich auf die Seite setzen das Jucundum,
denn non omne jucundum est honestum und non omne honestum est jucundum. Bei
dieser Distinction müsst ihr in acht nehmen das ens finitum in gradu
excellentiori, quatenus intellegitur ut sic; denn es ist gewiss, dass die realitas
animi sei non ens intellectus. Ist nun der Verstand respectu adaequatioris
positivae formaliter zur Lust geneigt, ich sage formaliter, so folget
necessario, dass die gradus infinitae positionis die gradualitatem sensus weit
mehr als proportionaliter übersteigen. Nun, nachdem man solches wohl verstehet,
ist weiter zu wissen, dass die Gemütsruhe auf tausenderlei Art und Manier kann
verstanden werden. Erstlich zwar als ein ens physicum, fürs andere als ein
principium teoreticum, fürs dritte als eine realitas intrinseca philosophice
sumpta, fürs vierte als eine contrarietas positiva teologica. Fürs fünfte ist
es gar schön zu heissen ein respectus formalis adaequationis harmonicus und so
weiter. Jetzt fragt es sich, ob [wo?] dieses ens, nämlich die Vergnügung, seine
radicalitatis formam hernehme, ob es komme aus einer negativa sensualitate oder
positiva suppositione, scilicet quatenus esse videtur substantionalitas in rei
esse formaliter sic dicta. Oder ob es vielmehr herkomme ex abstractione concreti
entis. Ich sage, und ist auch aller Gelehrten Meinung, dass hierin die formalitas
dispositionis mentalis sein ens verwandele in ein quasi non ens respectivum, und
solchergestalten ist der Handel richtig. Ob aber Herr Lorenz dieses verstehe
oder nicht, und warum er eigentlich seine Gemütsruhe in solchen Sachen suchet,
das weiss ich nicht.«
    Aus dieser Antwort wussten die Herrn Interroganten so viel als zuvor, und als
ich mich unter dem Volk etwas genauer erkundigte, so war dieser Herr Respondent
ein abscheulicher philosophischer Narr, welcher Tag und Nacht mit nichts als
solchen Alfanzereien umging und dadurch den Rhein auszutrocknen vermeinte.
Solche Narren werden nicht allein von niemandem verstanden, sondern noch dazu
von allen ausgelachet.
    »Ja«, sagte ein Jung, welcher neben mir seiner Frau mit einem Teller hinter
dem Arm aufwartete, »es liegt ein Haus in der Au, das heisset man das
Narrenspital. Neulich war ich mit meiner Frau darin, ich kann nicht sagen, was
für ein Haufen lateinische Narren drinsitzen. Sie schwatzen so wunderlich Zeug
untereinander, dass ich mich fast krank gelachet. Einer unter diesen Narren heisst
der Doctor ohne Bart, der schreit in seinem Gefängnis wie ein natürlicher
Gassenarzt, und wie der Kerkermeister seine Kammer aufmachte, liess er einen Furz
wohl drei Klafter lang.«
    Über diese Erzählung des schnackischen Jungen fingen wir Umstehenden laut zu
lachen an, und als mich Herr Lorenz fragte, warum wir ein solches Fest trieben,
sagte ich ihm von dem Narrenspital und was sich in demselben mit dem Doctor ohne
Bart zugetragen. Durch dieses bekam mein Herr Gelegenheit, sich wegen der
Wahrheit des Narrenspitals bei gegenwärtiger Gesellschaft zu erkundigen, und
sagte: »Monsieurs, Sie verzeihen meiner Freiheit, dass ich Sie fragen darf, ob
dem gemeinen Ruf gemäss in der Au ein Narrenspital aufgerichtet worden, und wer
hat solches bauen lassen?« »Mein Herr Lorenz«, sagte ein Altbetagter von Adel,
»Er ist hiervon nicht unrecht berichtet worden. Das Narrenspital ist vor gar
kurzer Zeit verfertiget und auf Befehl eines vornehmen Herrn aufgebaut worden,
darin allerlei schnackische und von der menschlichen Vernunft entfernte Gemüter
anzutreffen.« »Ha, Saprament«, sprach Herr Lorenz, »kann man den Ort denn nicht
zu sehen bekommen?« »Warum das nicht?« antwortete der vorige. »Es ist um ein
paar oder drei Groschen zu tun, [so] kann Er alles aussuchen, was darin
entalten und anzutreffen ist. Gewiss, das Geld wird den Herrn nicht reuen, und
mir zweifelt nicht, dass der Herr alle Lust darin geniessen soll, zumal Er ohnedem
eines lustigen Humors ist und die Grillen viel leichter als ich oder einer
meinesgleichen behalten kann.«
 
                                   Capitul XV
Lorenz reitet mit adeliger Gesellschaft ins Narrenspital, findet unterwegs eine
                                 halb tote Frau
Hierauf wurde unter etlich anwesenden Gästen kurz resolviert, den Doctor ohne
Bart und die andern Narren alle zu sehen, und mengten sich ihrer viele in die
Compagnie, denen man es nicht sollte angesehen haben, dass sie grosse Liebhaber
von solcher Curiosität wären. Niemand war lustiger als ich, deswegen spitzte ich
mich auf die Abreise, wie ein lausiger Schüler auf den Degen. Und weil ich's bei
meinem Herrn gewohnt war, liess ich einen heimlich in die Hosen fahren. Das stank
bei der Hochzeitstafel wie der Teufel. Nichtsdestoweniger durfte doch das
Frauenzimmer sich dessen nicht beklagen, noch tun, als ob sie es riecheten,
darüber ich mich fast halb bucklicht gelachet, denn zu solchen Sachen war ich
perfect abgerichtet, und je ärger ich's machte, je lieber war es meinem Herrn.
Ja, ich hatte auch einen Hund an der Seite, wenn ein Gast sich zurückwandte und
fragte, was so stänke, so stiess ich den Hund mit dem Fuss in die Seite, dass er
hätte voneinanderplatzen mögen. Und solches trieb ich so oft, als oft ich in
einem schlimmen Verdacht war.
    Damit aber meiner hochwichtigen Reise nicht vergessen werde, machten wir uns
insgesamt nach vollzogener Hochzeits-Ceremonie halb toll und voll auf den Weg.
Denn weil bei dergleichen Zusammenkünften viel Gesundheits- und
Brüderschafts-Formuln sich zutragen, säuft man sich desto leichter einen Rausch,
und es konnten's die Herren nimmer so gut machen, dass wir Jungen uns nicht
gleichermassen unterstanden, uns untereinander mit den Biergläsern herumzubeissen
und Bescheid zu tun. So kamen wir trunken auf den Weg, und weil das Gebäude des
Narrenspitals etwas weit von dem Hochzeitaus abgelegen war, machten wir uns
noch selbigen Abend auf den Weg, damit wir des folgenden Morgens desto besser
Zeit und Raum hätten, die Kammer der Narren zu besichtigen. Also ritt die
adelige Suite voran, und wir Jungen folgten teils zu Pferde, teils zu Fuss
hintennach und zerrissen unterwegs einander die Liberei-Röcke, weil wir sonst
kein Mittel ersahn, uns den Weg, als eben durch diese Kurzweil, zu verkürzen.
    Wir mussten durch einen grossen Wald, ausser welchem der gemeinen Sage nach das
Spital in einer grossen Au aufgerichtet stand, und daher hiess man es das
Narrenspital in der Au. Deswegen hofften wir, den Ort bald zu sehen, weil wir
allgemach eine Säule erreichet, die den halben Wald entscheiden sollte. Als wir
diese Säule vorbei waren, erhob sich vor uns ein jämmerlich und erbärmliches
Geschrei, dergleichen ich noch die Zeit meines Lebens nicht gehöret hatte.
Erstlich glaubten wir, es ginge ein Mord vorüber, weil die Wüstenei dieses
Waldes einen ziemlichen Aufentalt der Diebe gestattete, welche vom Leute-Morden
sonst Profession zu machen pflegen. Deswegen machten die vom Adel ihr Gewehr
fertig, und die Diener griffen zu ihren Degen, welche sie, wie ich glaube, noch
niemals herausgezogen hatten. Darum ist es desto glaubwürdiger, dass sie mit
denselben noch niemanden beschädigt oder über den Rumpf gehauen haben. Mir war
bei der Sache angst und bang, und die Lust, die ich zuvor getragen habe, das
Narrenspital zu sehen, wurde mir durch diese ungewisse Furcht trefflich
versalzen. »Ach«, sprach die Stimme, »kommet mir zu Hilfe, ehe ich mein Leben
verliere! Helfet, helfet, sonst ist's um mich geschehen!« Diese Worte
verstärkten die vorige Mutmassung, und Herrn Lorenzen war bei der Sache fast wie
mir, und wenn er Schanden halber nicht hätte fortgemusst, er wäre ohne allen
Zweifel wieder zurück und vor dem Streit hinter seinen Ofen gekrochen. Aber da
half nichts davor, also kamen wir endlich mit tausend quälenden Sorgen an den
Ort des Lamentierens, sahen aber nichts als eine Weibsperson von hübschem
Ansehen, die klagte uns, wie sie uns nach ihrer Aufhilfe ihren Zustand erzählen
wollte. Deswegen zogen wir sie aus dem Graben, darein sie geworfen ward, nach
welchem sie sich an der Strasse niedersetzte und folgends zu erzählen anfing.
 
                                  Capitul XVI
                   Diese beklagt sich wegen der Weiber-Hechel
»Ihr Herren, es ist nicht lang, dass ein Buch in die Welt ausgeflogen, so
geheissen wird die Reitschul. Nun muss ich gestehen, dass ich all mein Tag nicht so
sehr als in selbigem Tractat durchgezogen worden, obschon der Autor meinen Nam
nicht genennet, sondern nur wie die Katz um den Brei herumgegangen. Aber ich
merkte doch wohl, wo er ausgewollet und welch eine saubere Larve er vor das
Gesicht geheftet. Ich habe noch eine Nachbarin, die gleichfalls gute Kopfnüsse
in demselben Büchlein davongetragen, und wie es uns zum ersten Mal unter die
Augen gekommen, beklagten wir uns bei der Fürstlichen Canzlei. Aber ich kann
nicht sagen, wie man uns daselbst ausgelachet hat, denn wir sollten beweisen,
weil wir mit Namen nicht genannt waren, ob wir diejenigen wären, die in dem
Büchlein durchgezogen sind. Wir wussten nicht, was hierin zu tun wäre, fragten
deswegen einen Advocaten um Rat, der sagte: Liebe Frauen, kurz von der Sach zu
kommen, so habt Ihr eine närrische Sache unterfangen, denn so Ihr's probiert,
dass Ihr getroffen seid, so bekennet Ihr zugleich die Laster, wegen welcher Euch
dasselbe Büchlein strafet. Gebt Ihr Euch nun derselben Laster schuldig, warum
beklagt Ihr Euch dann über die Züchtigung, so Euch begegnet? Ich heisse Justus
Justinianus. Wenn nun ein Buch ausgehet, in welchem geschrieben stehet: Casparus
Maulwurf ist ein Ehebrecher, und ich sagte, das ginge mich an, so geh ich mich
des Lasters schuldig. Ihr hättet viel klüger getan, dass Ihr Euch gar nicht um
die Reitschul angenommen hättet. Denn, gesetzt Ihr seid so schlimme Huren, wie
in dem Büchlein stehet, so sollt Ihr tun, als gehe es nicht Euch sondern andere
an. Saget Ihr aber: Es sind lauter solche Sachen, die auf uns zielen und die
ohnedem bekannt genug sind! so sage ich, warum beklagt Ihr Euch dann? Sind Eure
Laster und Narrenspossen ohnedem bekannt genug, so liegt nichts daran, ob man
davon redet oder schreibet.
    Weiter gab er uns einen andern Rat und sagte, wir sollten wider den Autorem
ein anderes Buch schreiben lassen und ihn auch wacker durch die Hechel ziehen.
Aber uns ist genugsam bekannt, dass wir wenig mit ihm ausrichten werden, zumal er
viel eher ein Buch als wir vier Bogen Papier verfertigen kann. Darum so passten
wir auf nächstgelegenem Schloss mit zwei Mägden auf seine Person, weil er auf
der Reise begriffen war, das Narrenspital zu besehen. Als er nun vor einer Stund
auf einem Schimmel den Wald hinausgeritten kam, setzte ich mich zu Pferde, ihm
nachzujagen und mit einer Pistole in den Rücken zu brennen. Aber weil ich des
Pferde-Wendens ungewohnt war, machte er meinen Gaul so scheu, dass er mit mir
durchgegangen und mich hier in die Grube geworfen, wo ich schon eine halbe
Stunde mehr als sinnlos gelegen. Es ist mir nur für mein Pferd leid, welches
sich hier in dem Wald verlaufen hat. Ach, hätte ich mich doch um die
schindmässige Reitschul nicht angenommen! Nun lacht mich der Autor heimlich aus,
und [ich] muss dazu in grossen Verlust geraten.«
    »Seid Ihr nicht Narren?« sprach hierauf ein Edelmann, »Ihr Weiber, Ihr
Frauen, Ihr Affen, dass Ihr über ein solches Buch zornig werdet, in welchem Euer
Bestes gesuchet wird? Derjenige, so mir saget, wo ich fehle, der ist mein
Guttäter. Warum wollet Ihr denn solche Wohltaten mit einer zorngierigen
Verfolgung vergelten? Ha, welch eine grosse Unbesonnenheit! Verdriesst Euch's, dass
man Eure Fauten drucken lässt, warum schämet Ihr Euch dann nicht, solche zu
begehen? Haha, weil wir ohnedem auf dem Weg begriffen sind, so kommet mit uns
ins Narrenspital, dort wollen wir für Euch und Euresgleichen eine eigene Kammer
bestellen. Der Advocat, so Euch den Rat gegeben, ist kein Narr und vielleicht um
vier Unzen klüger als der Doctor ohne Bart, welchen wir bald hören wollen. Wer
weiss, was Ihr dem Autor zuwider getan habt? Ich habe schon von der Sache gehört.
Glaubet nur nicht, dass Ihr ihm die Feder aus der Hand reissen werdet! Ihr habt
ihm eine grobe Suppe angerichtet, nun lasst Euch's nicht wundern, dass er Euch
grobe Brocken einbrocket. Ihr dürft nicht glauben, dass Ihr allein Frauen in der
Welt seid. Andere Leute sind auch keine Narren, es ist gar recht, dass man Euch
eine gute Lection vorlese. Warum bessert Ihr Euch nicht, ihr Strahlhexen? Nur
geschwinde mit uns, fort fort, oder ich prügle mit meiner Karbatsche drauf los!
Ihr müsst ins Narrenspital, davor hilft kein Grosstun noch Ausrede.« »Ach, Ihr
Herren«, antwortete die Frau, »ich gehöre einem vornehmen Herrn zu, derselbe ist
gar viel in der Stadt Nobiscum und kann Euch oder den Euren noch grosse Dienste
tun.« »Ja, ja«, antwortete der Edelmann, »das lasse ich zu. Was ist ihm aber
geholfen, dass er eine so närrische Frau zuhause hat? Ist es nicht besser, dass
sie im Narrenspital sitze, als dass sie zuhause solche Grillfängereien wider ein
Buch führe? Geschwinde, geschwinde, auf die Bein, oder ich schmeisse zu!« »Ach,
Ihr Herrn«, sagte sie, »weil ich sehe, dass es Euer Ernst ist, so muss ich doch
die Herren fragen, sind sie auch Liebhaber von der Musik?« »Freilich«,
antwortete der Edelmann, »nur mehr als zuviel.« »Nun«, sagte sie, »so muss ich's
gestehen, wer mein Mann ist, er ist ein Organist.« »Haha«, sagte der Edelmann,
»die Organisten sind auch nicht allemal klug. Man sagt, dass unter hundert nur
einer klug sei, so folget, dass die andern neunundneunzig Narren sind, und einem
unter solchen neunundneunzig gehöret Ihr zu.« »Ach nein«, sagte die Frau, »er
ist nicht allein ein Organist, sondern auch ein gar vornehmer Ratsherr.« »Ei«,
sagte der Edelmann, »Ratsherr hin, Ratsherr her, er muss die Treppe hinunter, und
wenn's der Bürgermeister selbst wäre. Man wird Euch nichts Neues machen. Ha, Ihr
guten Leute, haltet Euch danach, dass man Euch nicht strafen kann, so dürft Ihr
nicht ins Narrenspital! Nur bald und geschwinde, oder ich schlage zu!« Diese
Worte trieben die arme Frau von der Stelle, da sie bis daher aus Mattigkeit
gesessen hatte, und weil es nicht anders sein konnte, bat sie um ein warmes
Logiament, weil ihr fetter Leib der Kälte ganz ungewohnt war. So führten wir sie
ins Narrenspital, welches in einer grossen Au sehr zierlich und wohl gebauet war.
Unsere Herren brauchten sich von ferne der Perspective, das Gebäude desto
ausführlicher zu betrachten, und es ist nicht zu sagen, wie sehr sie die
Architectur lobten, welche der Baumeister daran angewendet hatte.
 
                                  Capitul XVII
                     Sie sehen auf dem Saal allerlei Narren
Sobald wir daselbst angelangt, stieg alles von den Pferden. Herr Vogibilis aber,
welcher die besagte Frau mit sich auf dem Pferde geführt hatte, machte seine
Sache etwas länger denn die andern, weil er sich unterwegs in dieselbe heimlich
verliebt und also mit ihr ein anderes Gespräch von der Liebe angefangen hatte.
Man hatte wegen Betrachtung des Gebäudes auf ihre Handlungen keine sondere
Achtung, deswegen ersah er seinen Vorteil und entwischte mit ihr auf eine
Abseite in einen nächstgelegenen Busch, wo sie ihm versprochen, sich wacker
abstöbern zu lassen. Wir indessen, dieser Abrede ganz ungewahr, lasen die
Obschrift an dem Haus, welche auf eine kupferne Platte gestochen und mit
schwarzer Farbe ausgefüllt war, wie folgt:
Hic Stultorum est Concilium,
Quod Sapientibus dat Consilium.
Diese lateinischen Worte zeichneten die Vorwitzigsten in ihre Schreibtafeln.
Unterdessen wurde die Tür geöffnet und alle Anwesenden durch den Herrn
Spitalmeister freundlich hineinzugehen gebeten.
    Es wollte fast jeder der Erste sein, und ich hatte mit grosser Mühe zu tun,
dass ich nicht wieder hinausgestossen wurde, denn ich hatte den Spitalmeister
unversehens auf die Zehen getreten, und weil er ein Podagricus war, schrie er so
grausam, dass unsere ganze Compagnie erschrak. Nachdem ihm nun die Schmerzen in
etwas vergangen, führte er uns über einen Saal, darinnen sahen wir vor uns einen
grossen Vorhang, so rings herum mit lauter Schellen behangen war. Der
Spitalmeister stand hier stille und »Ihr Herren«, sagte er, »unter diesem
Vorhang sind alle Narren in der ganzen Welt zu sehen.« Lorenz hinter der Wiesen
war der Erste, diese Rarität zu begucken, als er aber den Vorhang hinweggehoben,
war es ein grosser Spiegel, in welchem man alles sehen konnte, was auf dem ganzen
Saal versammelt war. Es ist nicht zu beschreiben, was für ein Gelächter
entstanden. Ober dem Vorhang war eine güldene Schrift folgenden Inhalts zu
sehen:
Remove velum et admovebis in uno schemate omnes,
qui moriones dici meruere.
»Saprament«, sagte Herr Lorenz, »unser sind viel mehr als drei. Herr
Spitalmeister, ich sehe Ihn auch abkonterfeit.« »Ja, Herr«, sagte der
Spitalmeister, »ich bin der Vornehmste in diesem Haus.« »Mein«, sagte Herr
Lorenz, »wie heisset der Herr?« »Ich heisse«, antwortete er, »die mich fragen,
denen sage ich's nicht. Wie heisset denn der Herr?« »Ha«, sagte Herr Lorenz, »ich
heisse: die mir's nicht sagen, denen sag ich's wieder nicht.« »Mein Herr«, sagte
der Spitalmeister, »was ich sage, geschieht aus Scherz, denn ich habe dieses
Spital selber aufgerichtet und dadurch manch sauer Gesicht in der Welt
verdienet. Und was ist es wunder, dass ich wegen dieses Gebäudes geneidet werde,
haben doch wohl früher viel katolische Herzen aus grosser Barmherzigkeit und aus
inbrünstigem Eifer, ihrem Nächsten Gutes zu tun, unterfangen, mit grossen
Unkosten schöne Spitäler aufzuführen, welches ihnen doch von andern
Religionsgenossen zum schlimmsten ist ausgelegt worden. Einer sagte, sie haben's
deswegen getan, der andere sagte, sie haben's darum getan, aber alle beide
irrten von dem Zweck der Stifter, nicht aus Unwissenheit, sondern aus einem
angebornen Neid, welcher den Katoliken schon in der Jugend ohn Ursach anfänget
unhold zu sein. Haben nun so stattliche und zum Teil hocherlauchte Männer von
ihrer guten Intention von etlichen Spottvögeln nur Auslachen und Übelauslegen
verdienet, wer will sich wundern, wenn mir's allentalben so übel gedeutet wird?
Ich bekenne zwar, dass es mich nicht viel gekostet, dies Spital in die Höhe zu
bringen, und daher frage ich wenig danach, ob man meinen Fleiss lobe oder
schände. Es ist genug, dass ich Kammern übrig habe, diejenigen hineinzuschliessen,
welche sich mich zu tadeln unterfangen werden. Wissen die Herren einen oder den
andern, der mir nicht allzu wohl affectionieret ist, bitte ich nur um
Communication seines Namens oder Condition. Es gibt noch Winkel genug, ihm in
diesem Spital eine bequeme Wohnung zu bauen.« Herr Lorenz antwortete hierauf,
dass er von seiner Person noch an keinem Ort hätte discurieren hören, so sich
aber ins künftige ein oder der andere Gelbschnabel würde hören lassen, wollten
sie ihm solchen per posto avisieren. Er würde alsdann keinen Fleiss noch Mühe
sparen, demselben eine hübsche Kammer samt aller Zugehör zu bestellen.
 
                                 Capitul XVIII
                Hören den ersten Narren von der Liebe perorieren
Bei dieser Verabfassung verblieb es bis zu weiterer Verhör, und nach solcher
führte uns der Spitalmeister über einen Fluss, welcher das ganze Gebäu in zwei
Teile schied. »In diesem Teil«, sagte der Spitalmeister, »liegen die klugen
Narren und in jenem die aberwitzigen Phantasten, und damit meine Herren eine
kleine Kurzweil haben, so wollen wir hören erstlich einen Verliebten, welcher
ungefähr vor einem Monat hereingebracht worden. Er hielt sich an einem vornehmen
Ort auf, wo er sich in eine Gräfin von ausbündiger Schönheit verliebt und
darüber unverhofft zum Narren geworden. Darum so spazieren die Herren mit mir zu
jenem Fenster, hinter welchem er in einem Gewölb eingesperrt ist.«
    Als wir dahin gelanget, klopfte er ihm mit einem Schlüssel. Sobald solches
der Phantaste vernommen, hörte man ihn schon mit der Kette rasseln, denn er kam
alsobald vor das Fenster, und mit lachendem Mund fing er an und sprach: »Ja, Ihr
Herren, Ihr sollt Euch und müsst Euch verwundern, die Ehre zu haben, den
glückseligsten Menschen in der ganzen Erden zu sehen. Mein Vater hat zwar mit
Ofen-Krücken gehandelt, aber ich bin ein vornehmer Kaufmann und ein gewaltiger
Handelsmann, denn ich handle mit lauter Lieb'. Seht, Ihr Herren, ich war auf
einem Hof, bin auch noch daselbst und vertrete das Amt eines türkischen Chiaus.
Saprament, Ihr Herren, seid nicht solche Bachanten in Folio und zieht den Hut
vor mir ab! Ja, ein Chiaus zu sein, das kostet Geld und gute Worte. Und ich bin
der einzige Liebhaber der allerschönsten Gräfin Sophia Kunigunda, geborenen
Gräfin zu und in etc. Meine Mutter war eine Meerjungfrau und hat mich geboren,
da der Mond in keinem Zeichen stehet. Daher kommt, dass ich so glückselig bin.
Der Fürst in Siebenbürgen ist mein leiblicher Bruder, und ich bin Ursach, dass er
zu seiner Macht und Herrlichkeit ist gekommen. Auf der Festung zu Neu-Serin in
Ungarn, da war ich vier Jahr Konstäbler. Einst kamen sechs Blaumeisen auf
Stelzen den Fluss hinuntergefahren. Endlich wurden sie so gross wie ein Bund Heu,
da gab ich Feuer und verbrannte die Rabentiere bis auf die hinteren Füsse, und
aus ihren Schnäbeln liess ich meiner Gräfin einen Windfächer machen, der ist
vergangen dem König von Polen zum Neuen Jahr verehret worden. Dafür ist mir die
Stadt Danzig auf zweitausend Jahr zu besitzen verehret. Auf das Glasschneiden
habe ich all mein Lebtag nicht viel gehalten, und wenn es meinem Bruder in der
Nacht not wurde, so musste ich ihn allezeit in den Hof auf den Mist führen, sonst
hätte er dem Vater in die Stuben geschissen. Ich habe mich wohl fünfzehn Wochen
nicht barbieren lassen, sonst würdet Ihr einen Menschen von grosser Rarität
erblicken, wie ich denn auch der schönste Mensch in der ganzen Welt bin. Ich
möchte nichts Liebers sehen als einen Juden und eine Bachstelze mit einander im
Drösäcken fechten. Ha ha, ihr Herren, ich höre meine Gräfin reden. Sie saget: O,
lieber Don Pedro, du liebster Maulwurf, wie geht dir's? Ha, schönste Dam, muss
ich sagen, wie sollte mir's gehen, einem Cavalier, wie ich bin, geht es nicht
allzeit, wie er will. Meines Vaters Bruder musste sich's auch sauer werden
lassen, er erkaufte auf dem Michaelis-Markt zu Leipzig zwei Schweine. Das eine
biss ihm den Waden am linken Bein halb entzwei, das andere stahlen ihm die
Spitzbuben, da bekam ich anstatt der verhofften Bratwürste einen Dreck ins Maul.
Aber zu geschehenen Sachen muss man das Beste reden. Möchte wohl wissen, wie es
dem Müller ging, der meinem Schulmeister die Fenster eingeschmissen. Er hat ihn
bei dem Schulzen verklagt. Aber, mein lieber Don Pedro, sagte meine Gräfin zu
mir, sage es beileibe keinem Menschen, dass ich dich zum König in Neapolis machen
will. Der Schmied am Tor arbeitet schon an meiner Krone, und die Bauern im
ganzen Lande führen schon Brett und Holz zu, dass man die Bühne und Schronen
machen kann, auf der ich soll gekrönet werden. Ihr Herren, wem ist der Hund? Aus
diesem Hund, glaubt meinen Worten, wird noch ein rechtschaffen Kerl werden. Er
muss auch bei meiner Krönung sein, und die nach meiner Krone trachten, denen soll
er auf den Kopf hofieren. Ja, Eselsfürze für die Narren, ich bin der Herrscher
über Meder und Perser, einen Hundsdreck in Eure Hände statt meines Scepters! Ihr
Herren, ich sage Euch's zuvor, komme mir keiner ins Regiment, oder ich will
ihm's Wams messen! Sechs Fürsten habe ich schon zum Succurs, sie sind alle aus
Griechenland, und wenn mich die Läuse nicht so stark bissen, so wollte ich Euch
sagen, wie ich meine Perücke habe machen lassen. Mich dünket, die Herren sind
Studenten oder Mohren, wie geht es denn dem ehrlichen Mohrenkönig?
Zwanzigtausend Mann will ich ihm zusenden, seine Feinde auszutilgen, und wenn er
von solchen los ist, so kann er mit meinen Soldaten dem Häring-Fang nachgehen.
Davon muss er in meine Kammer vom Centner einen Reichstaler einliefern, das trägt
Geld über Geld. Mit demselbigen Geld will ich Hochzeit machen, und die Gräfin
Sophia Kunigunda muss mir einen andern Glauben annehmen. Danach will ich in India
hineinschiffen, und zwar auf der Nürnberger Post, dann sollt Ihr Wunder hören
von meinen Waffen der Liebe. Den Cupido habe ich in meinem linken Schubsack, wer
nicht verliebt ist, kann nichts von ihm sehen als das Arschloch. Sein Membrum
virile lässt er jetzt auf der Schleifmühl polieren und säubern. Wenn der
Hochzeit-Bitter kommt, so will ich das meine auch hinausschicken, dass auf die
Hochzeit alles fix und fertig ist. Über unserer alten Magd ihr Membrum virile
sind wohl zwanzig Schleifer und Schwertfeger hergewesen, aber es wurde immer je
rostiger und wilder. Das Rabenaas hat manchem ehrlichen Kerl ein Loch in die
Hand gemachet. Sie war nicht halb so schön als meine Gräfin. Ihre Mutter war ein
Meerschwein, und wir wohnten in dem roten Meer, in einer Stadt und in einer
Gassen beisammen. Es war nur ein Drechsler zwischen ihrem und meiner Mutter
Haus. An einem Sonnabend kam Feuer aus und brannte die halbe Stadt weg. Da musste
sie samt ihrer Mutter aus dem Meer weg laufen, denn bei ihnen ist das Feuer
ausgekommen, weil sie mit Branntweinbrennen die ganze Stadt angestecket haben.
Danach wurde ihr Vater zu Constantinopel auf dem Kaiserlichen Hof
Irrwisch-Inspektor, der lernte ihnen tanzen und fing in einer Woche mehr als
dreissig Paar. Wenn nun der türkische Kaiser eine Lust hatte, so liess er diese
Irrwische und etliche Dutzend Füchse untereinander prellen. Daran zerlachten
sich die Soldaten, dass ihnen die Klingen aus der Scheide herausfielen. Wer mag
doch wohl den ersten Glockenklöppel gemacht haben? Haha, dort kommt meine
Gräfin. Seht, Ihr Herren, sie sprang zum selbigen Kamin hinein, habe ich sie
nicht gesehen, so sei ich ein Schelm. Sie liess einen grossen Seufzer, ich muss
auch einen lassen. (Hiermit liess Monsieur Don Pedro einen fahren.) Ja, Ihr
Herren, was tut die Liebe nicht. O, Sophia, Sophia, diese Ketten, welche ich an
meinem elfenbeinernen Fuss trage, schenke ich dir zum Osterei. Alsdann will ich
den ganzen Donaustrand in eine Nussschale zusammenfassen, dieselbe Nussschale will
ich in eine Flinte laden und will es dem Küster bei St. Oswald in seine
Wamsärmel hineinschiessen, dass die Seifensieder zu Buxtehude ein Lied davon
componieren sollen. Das Ungarland will ich mit Meer überschwemmen, und zu
Pressburg sollen alle Federfechter und Marxbrüder das Ledererhandwerk lernen. Aus
dem Tokaierwein will ich Rindfleisch machen lassen, und die ungarischen Ochsen
sollen mir singen lernen wie die Canarivögel. Eine solche Welt will ich
anrichten. Das Frauenzimmer muss mir auf den Köpfen gehen, so kann man fein
sehen, was eine jede im Schild führe, und wenn die Pfaffen früh morgens ins
Oradi läuten, da will ich meine Gräfin in dem Bette herumtummeln und ihr zeigen,
wieviel es geschlagen hat.«
 
                                  Capitul XIX
   Wie er sich in die Gräfin verliebt, und was der Doctor ohne Bart für eine
                                Oration gehalten
Dieser Phantast hätte seinen Sermon nach Art der heutigen Oratorum noch weiter
hinausgeführet, wenn nicht der Spitalmeister von der Compagnie wäre gebeten
worden, das Gefängnis dieses elenden Menschen zu verlassen und einen andern
Eselskopf zu zeigen, weil sie gesonnen waren, bald wiederum zurückezugehen.
Hiermit führte er uns über eine Treppe weiter hinauf, und in dem Hingang
erzählte er uns, wie eigentlich dieser Mensch zum Narren geworden wäre. »Ihr
Herren«, sagte er, »dieser Mensch ist sonst seiner Profession ein Student.
Einstmals hatte er das Glück, bei einer grossen Tafel zu erscheinen, daselber
die absonderliche Pracht anzusehen, und weil ein gräfliches Fräulein seinen
Augen entgegen sass, verliebte er sich in diese mit unaufhörlichem Seufzen. Er
hat oft bedauert, dass er und dieses Fräulein dazumal nicht in Rom gelebet, als
das Oraculum der ganzen Stadt einen plötzlichen Untergang drohete. Alsdann
vermeinte er, wollte er sich gleich dem Curtio gerne in die flammenspeiende
Grube geworfen haben, dieses Fräuleins nur einer Nacht zu geniessen. In Summa,
die Lieb trieb diesen Stümper so weit, dass, als er gar keine Möglichkeit sah,
mit dem Fräulein in Conversation zu gelangen, so resolvierte er sich, nur das
Fräulein zu sehen, in einen Kamin zu steigen; denn es gab sonsten keine
Gelegenheit, in den Garten zu sehen, in welchem sie dazumal mit etlichem
Frauenzimmer und Cavalieren spazieren ging. Er konnte ein bisschen auf der Harfe
spielen, und damit solches dem Fräulein möchte zu Ohren kommen, zog er solches
Instrument an einem Stricke nach sich hinauf und accomodierte sich, nach aller
Möglichkeit ein Liedlein zu spielen. Aber ich weiss nicht, geschah es aus
Ungelegenheit des Orts oder aus allzugrosser Liebe, dass der unglückselige Mensch
samt seiner Harfe den Kamin herunterfiel und länger denn zwei Stunden für tot
gehalten wurde. So ist er von derselben Stund nicht mehr bei Sinnen gewesen.«
    »Ha«, sagte Lorenz, »solche Flegel gibt es anitzo unter den jungen Purschen,
die verlieben sich stracks in hohe Personen. Was sind aber diese für
unbeschreibliche Narren! Ich weiss mir meine Zeit besser zu vertreiben, gelt
Hans? Eine gute Pfeife Toback schmeckt besser, als wenn einer soll den Kamin
herunterpurzeln, saprament, Hans, tanti poenitere non emo. Herr Spitalmeister,
zeigt uns einen andern Narren.«
    Auf solches führte er uns etliche Kammern vorbei, welche mit Numero 1, 2, 3,
4, 5, 6, 7, 8 und so fort bezeichnet waren. In diesen Kammern hörten wir teils
geigen, teils singen und auf andern Instrumenten spielen. Da berichtete uns der
Spitalmeister, dass solche musikalische Narren wären, die sich über der
Composition, über dem Solmisieren und über Auszählung des Tons zu Narren
studiert und meditiert hätten. Unter diesen wären ihrer etliche, die wollten
nicht leiden, dass man sagen sollte Hackbrett, sondern man solle es Clavicimbal
heissen. Dieselben Narren hatten die Zelle Numero 1. Andere disputierten, es wäre
besser, wenn man die Knaben g, a, b, c, d, e solmisieren lernte als Ut, re, mi,
fa, soll, la. Diese Narren waren in Numero 2 logieret. Die dritte Zelle hatten
die närrischen Contrapunctisten inne, die vierte die Bergsänger mit ihren
Coloraturen und Cogritzen. In der fünften lagen diese gefangen, welche, ihre
erlernte Musik zu probieren, sich von ihrem Lehrmeister haben Lehrbriefe geben
und sich frei und ledig sprechen lassen. Die sechste beschloss diejenigen, welche
meinen, sie sind Meister alleine und sonst niemand. Dieses war fast die
allergrösseste Zahl. In der siebenten sassen diese, welche fremde Autores auf die
Stücke zu schreiben pflegen, der Composition ein desto besseres Ansehen zu
machen. In der achten Kammer war der anzutreffen, der im Satyrischen Componisten
so gute Virtuosos durchgezogen. Die neunte Kammer war mit hölzernen Singetafeln,
wie man in den Gymnasiis brauchet, angefüllet. Mit einem Wort, wer da alles
beschreiben wollte, der würde in Wahrheit eine unmögliche Arbeit auf sich
nehmen. Es hatten auch diese keine kleine Zelle in Besitz, welche sagen, kein
Teutscher könnte eine französische Partie machen. Anderer Narren zu geschweigen,
welche wie die Hummeln und Wespen übereinander her wimmelten, dass man einen vor
dem andern kaum kennen konnte. Als wir nun bei jeder Zelle bei dem Loche
hineingegucket, eileten wir über eine andere Treppe wieder hinunter, denn der
Spitalmeister wollte uns den berufenen Doctor ohne Bart zeigen, dessen Person
wir alle zu sehen so sehr gewunschen.
    Sobald er vor dessen Gitter den Vorladen aufgeschlossen, guckte er wie eine
Spitzmaus hervor und »Ihr Herren«, fing er an, »Ihr seid eben diejenigen, so
contra legem Juliam gesündiget haben. Ihr habt Euch in re forensi verstossen,
denn Ihr habt mir meine Tauben vom Markte hinweggefangen. Ins Carcer mit Euch,
Ihr Windmüller. Ach, was bin ich für ein grosser Narre, dass ich bin Doctor
geworden! Ich war vor diesem eine vornehme Jungfer in Siebenbürgen. Da beschlief
mich erstlich die Hoffahrt, darnach der Stolz, zum dritten der Ehrgeiz. Diese
drei Galgenvögel machten einen Doctor aus mir, und derselbe Doctor machte mich
zum Narren. Zwar Aulus Gellius ist noch gut genug. Ich wollte, dass ich meine
Harfe bei Handen hätte, ich wollte ihm ein Epitaphium aufspielen. Sum Doctor,
licet non barbatus, sat tamen doctus, os loquitur non barba, ergo sufficit me
habere os. Mein Bart ist ein ens in potentia, und ihr seid Bärenhäuter in
Duodez. Ich will das ganze Römische Reich in einen andern Model giessen. Anitzo
lasse ich einen Backofen bauen, daran arbeiten zweiundfünfzig Philosophi in
genere. In demselben Backofen da will ich ernstlich die juris consultos backen,
hernach will ich die Teologos luteranae religionis, darnach die Jesuiten und
alle Diphtongos hineinschieben. Die will ich ausbacken als der beste Bäcker in
rerum natura vermag. Alsdann will ich auch die Calender anders backen, und die
Fundamenta will ich anders drechseln lassen, da werdet Ihr felicissimam
Rempublicam sehen, als noch niemalen bei den Römern gestanden. Alsdann wird
Julius Caesar wieder vom Grab aufstehen, und alle Potentaten werden viel Geld
drum geben, wenn ich ihnen nur den geringsten Ratschlag oder sonsten ein arcanum
politicum communizieren werde. Aber da werde ich meinen Kram teuer halten und
nichts ohne sonderlichen Profit verhandeln. Damit man mich aber vor grosser
Begierde, die wegen meiner Prudenz unter dem Volke sein wird, nicht zerreisse, so
will ich mich heimlich in einen Waldmann oder Kräuterhändler verkleiden und will
mit der grünen Kräuter- und Waldsalbe in dem Land auf den Märkten herumziehen.
Seht Ihr, liebe Herren, will ich sagen, ich bin der bekannte Kräutermann, der
belobte Wurzelmann und der berühmte Waldmann. Meinen Vater, wie Ihr wohl wisset,
hat man nur den berühmten Wurzelarzt geheissen. Er ist's auch gewesen, und ich
bin ihm in der Kunst nachgefolget. Habt Ihr Zähnwehtage, plagt Euch die
Mundfäule oder der giftige Scharbock, seht Ihr, meine lieben Herren, braucht
eine Haselnuss gross von meiner approbierten Kräutersalbe, es hemmet die
Schmerzen, stillet die Wehtage und benimmet das Reissen im Kopfe. Ihr werdet
sagen, glückselig sei der Tag, glückselig sei die Stund, da ich diesen wohl
geexaminierten und wohl approbierten Kräutermann, den berufenen Waldmann
angetroffen. Seht Ihr, meine lieben Herren, ich bin kein Possenreisser noch
Leutbescheisser, meine herrlichen Testimoni weisen's aus, wer ich bin und wo ich
meine heilsame Arznei gebraucht habe. Habt Ihr Schmerzen in der Leber, sticht es
Euch in der Lunge oder drückt Euch die Milz? Seht Ihr, meine lieben Herren, ein
Tropfen oder zwei von meiner Spirituoser-Essenz in einen warmen Löffel voll Wein
gegossen, habt Ihr keinen Wein, so nehmet warmes Bier, es hilft von Stund an,
die Schmerzen nehmen ab, das Stechen leget sich, die Milz gibt sich zufrieden,
wie denn der beigelegte Zettel ein mehrers ausweisen wird. Ich grabe die Wurzel
und Medicament mit eigener Hand aus der Erden, kaufe sie nicht wie andere
Leutbetrüger, seht Ihr, meine Herren, aus den Apoteken, sondern ich bringe sie
mit Leib und Lebens Gefahr aus dem Schweizer Gebürg, allwo sich des Jahrs wohl
hundert Menschen versteigen und von den wilden Tieren, seht Ihr, meine Herren,
zerrissen werden. Mit solcher Gefahr bringe ich die Wurzel dem gemeinen Mann zum
besten allhier. Habt Ihr das Augentriefen, nehmt einen Tropfen oder zwei von
meinem Augenwasser, streicht es mit einem subtilen Federlein wohl hinein, haltet
darauf das Aug mit der rechten, und mit der linken Hand haltet den Arsch zu, so
fällt Euch nichts ins Aug und entgehet Euch kein Furz. Seht Ihr, liebe Herren,
so muss man sich in acht nehmen, wer in der Welt fortkommen will. Kaufet in der
Zeit, so habt Ihr in der Not. Das Jahr ist lang, der Tage sind viel, der Stunden
sind noch mehr, was heute nicht geschieht, das kann morgen geschehen. Ich bin
kein Landfahrer, der etwa mit Agspat, Inslicht und Wachs zusammenschmelzet oder
grüne Butter für Wundsalbe verkaufet, nein, Ihr Herren, ein solcher bin ich
nicht, hab es auch nicht begehret zu sein. Ich hab in der Stadt Augsburg (damit
zog er den Hut ab) wohl für achtzig Taler Ware verkaufet. Wäre sie nicht gut
gewesen, ich hätte sie noch. Möcht aber ein oder der andere fragen: Mein lieber
Waldmann, mein geehrter Wurzelmann, du sagst mir wohl viel von deiner Arzenei,
wie gibst du sie denn? Wie hoch hältstu sie? Seht Ihr, meine lieben Bürger und
Bauern, denen gebe ich zur Antwort: Erstlich soll der geneigte Liebhaber haben
ein Büchslein von meinem köstlichen Medritat. Zum andern ein Schächtlein von
meiner approbierten Kräut- und Wundsalbe, vors dritte ein Gläslein meines
spirituösen Augenwässerleins, vors vierte ein Stück von der approbierten
Gämswurzel, und zum fünften verehre ich auch allen Liebhabern als zum Überfluss
ein Zetlein meines stattlichen Zahnpulvers. Wie jedes zu gebrauchen sei, das
habt Ihr in dem gedruckten Zettel zu lesen, könnt Ihr nicht lesen, so lasset
Euch's andere vorlesen. Alle diese erzählten Stücke, seht Ihr, meine lieben
Herren, gebe ich zusammen und habe sie den Liebhabern hohen und niedrigen
Standes verkaufet und verehret für einen Groschen, für einen Groschen, seht Ihr,
meine lieben Herren, es ist ein Lumpengeld, ein Branntweingeld. Mancher spielet
und verlieret in einer halben Stunde wohl zwölf Taler und hat nichts davon als
Krauen in dem Nacken und grosses Herzeleid, versäumt darüber meine kostbaren
Medicamenten. Seht Ihr, liebe Herren, Ihr bezahlt mir kaum das Papier,
geschweige die kostbare Arzenei, und ich verehre sie Euch nur darum, dass ich
desto besser unter Euch, Ihr meine Herren, bekannt und kundig werde. Darum
versehe sich ein jeder in Zeiten, wenn ich wieder hinweg bin, so ist's zu spat,
und so Ihr hernach tausend Taler für ein Büchslein Medritat geben wollet, so
ist's umsonst und vergebens. Darum, Ihr meine Herren, wer Belieben trägt, der
werfe sein Servet herauf, alle diese Stück sind ihm von mir als approbiertem
Kräutermann zum Neuen Jahre geschenket und verehret.«
 
                                   Capitul XX
                   Judicium über das frühzeitige Doctorieren
»Ha«, sagte Lorenz, »dieser ist der rechte, Hans, dem Kerl höre ich lieber zu
als einem jungen Schulfuchs, der mich zu seiner Valediction einladet.« »Ja«,
sagte der Doctor ohne Bart ferner, »alsdann will ich Gift in die Salbe legen und
unter die Türken reisen, da müssen sie davon sterben wie die Sperlinge, welche
man mit Blasröhren von den Dächern schiesst. Sodann will ich lauter Doctores in
die Türkei setzen, die müssen mir die Digesta in die wallachische Sprache
übersetzen. Die Venetianer will ich durch meine Juristerei wieder in die Insel
Candien einsetzen, und wenn ich sage, der Baum steht nicht recht oder dieses
Haus ist nicht wohl gebaut, so wird es einfallen und zerreissen. Allen meinen
besten Freunden will ich vorn fuchsschwänzen und ihnen das Allerschlimmste auf
den Rücken nachreden, denn ich weiss mich sonst nicht gross zu machen noch in
Ansehen zu bringen. Darnach will ich alle Badergesellen, die auf der Harfe
spielen können, befreien, dass man sie nicht mehr Arschkratzer nennen solle. Ein
solcher Kerl will ich sein, und wenn ich einen Bart kriege, will ich ihn nicht
jedermann sehen lassen, sondern solchen gleich einem schweizerischen
Schlachtschwert in der Scheide tragen. Wer nicht auf meiner Seite stehet, dem
will ich sub poena praeclusi alle Güter confiscieren lassen, und im Güldenen
Lamm will ich mich so voll saufen, dass man den Rausch den folgenden Morgen aus
den Hosen waschen muss. Saprament, wird einer ein Buch wider mich ausgehen
lassen, so will ich ihm ein Loch in Hintern beissen wie die Bresche, so Anno 1663
zu Neuhäusel geschossen worden.«
    Als er noch so redete, kam derjenige die Treppe hinauf, welcher von der Frau
verfolget worden. »Hans«, sagte Herr Lorenz, »dieser ist gewiss derjenige, von
welchem die Frau erzählet hat, dass er die Reitschul geschrieben habe.« Diese
Wort hörte der Fremde, und die ganze Compagnie bekam dadurch Gelegenheit zu
fragen, wo denn Monsieur Vogibilis mit der Frau geblieben? Man hatte sich bis
daher so sehr in die Narren verliebt, dass man ihres Abseins nicht gewahr worden.
Deswegen schickte man zwei Knechte hinaus, sie hereinzubringen. Der Fremde aber
trat zu dem Gitter des Doctors ohne Bart und sprach: »Du guter Freund, ich höre,
dass du mir dort und dar eine Klette anhängest. Ich achte zwar deiner Gunst so
wenig als deines Neides, denn du bist ein Fuchsschwänzer all dein Leben lang
gewesen und wirst auch in dem Narrenspital noch deine Grabschrift erleben.
Dennoch sage ich dir, lasse deine Aufstecherei unterwegens oder ich will dich
karbatschen wie einen Tanzbären.« »Was?« sagte der Doctor ohne Bart, »sollstu
mich so anfahren, weisstu nicht meine Dignität besser zu respektieren?« »Du
Hundsfutt«, antwortete der vorige, »ich will dich dignitäten, dass du gedignität
sein sollst. Willstu einen Gradum haben, so lasse die Bubenpossen unterwegens
und rede, was zu verantworten stehet, oder du kriegst Pumpernüsse.« Mit solchen
Worten ging der Kerl wieder von dem Gitter und machte vor uns eine
Abschiedsreverenz.
    »Ha«, antwortete der Doctor gegen uns, »der Kerl ist ein grober Flegel und
unhöflicher Bachant. Er hat mich in den Narrenspital gebracht. Wär er nicht
gewesen, ich wär nicht mehr hereingekommen. Aber ich schwöre dir, du
Bärenhäuter, sobald ich supremam totius orbis jurisdictionem bekomme, so will
ich dich so gut einen Hundsfott heissen, als du mich einen geheissen hast. Er
heisset mich den Doctor ohne Bart. Was kann ich davor, dass mir das Rabenzeug
nicht wachsen will? Ich schwöre, dass ich viel mehr Schermesser bei mir getragen
als ich Haar am Maul hatte. Ich schor mich alle Wochen neunmal, es wollte doch
nicht kommen. Nun, patientia per forza, sobald als ich mir in Podolien huldigen
lasse, so lasse ich den Kerl hängen, anders kann nichts draus werden. Soll mich
ein solcher Lumpenhund so beschimpfen? Ha, ich will ihn umblasen wie eine
Filzlaus, und sobald die Rosstäuscher aus Böhmen kommen, will ich ihn in vier
Viertel zerreissen und seinen Kopf auf die Schiessscheibe stecken.«
    Es wusste sich unter unsrer Compagnie keiner in diesen Wortstreit zu finden.
Aber der Spitalmeister sagte: »Ihr Herren, die beiden Kerle sind nicht wohl in
eine Orgel zu stimmen. Der Doctor ohne Bart hat jenem dort und da
verfuchsschwänzet und ihn abscheulich in die Pfanne gehauen, darum so sperrte er
ihn ins Narrenspital, sonst wäre es nicht geschehen.« »Es ist recht«, sprach
Lorenz hinter der Wiesen, »dass man's solchen Narren so mache. Da wollen die
Narren flugs Doctores sein und haben doch weder Not noch Ursach darzu, und es
heisset wohl, wie das Sprichwort saget: Wirst du Magister fix, so wirst du auch
Doctor nix. Aber wenn man solchen jungen Gelbschnäbeln ihre Fehler vorwirft, so
kommen sie mir vor wie die Schüler, die defendieren strenue, sie wären
Studenten. Wenn sie aber auf die Academie kommen, so gestehen sie, dass sie nur
Füchse gewesen. Also auch die jungen Doctores, die bringen einen Haufen Similia
wegen des Barts mit der Ziege undsofort auf die Bahn; aber nachdem sie etwas
älter werden und ein bisschen das quid iuris et quid consuetudinis practiciert
haben, da beklagen sie erst, dass sie so frühzeitig zum Doctorat geschritten. Ich
geschweige, dass ihnen das frühzeitige Doctorieren an ihrer Beförderung oft viel
schädlicher als nützlich ist. Exempla sunt odiosa, sonst wollte ich eine ganze
Profession einführen, die endlich das Miserere zu schmelzen angefangen haben. Es
wird nicht geredet, dass es simpliciter eine Torheit sei, frühzeitig Doctor zu
werden, sondern nur dieses ist eine Narrheit, ohne Ursach und Gewissheit der
künftigen Condition zu graduieren, denn dadurch verschlägt man oft sein eigen
Glück. Das Eisen, das einmal zum Nagel geschmiedet ist, daraus wird selten ein
Harnisch. Der Doctor auf den Dienst und nicht der Dienst auf den Doctor, so
steht es reputierlich und judiciös. Es werden wenig kluge Leute gefunden werden,
welche von dieser Sache eine andere Meinung führen. Mich geht es zwar nichts an,
und meinetwegen mag da Doctor werden, wer nur will, denn ich habe gottlob besser
zu leben als fünfzehn solche Doctor mit aller ihrer Wissenschaft, aber das muss
ich lachen, dass heutzutage Leut sind, die wollen Juristen, Medici und Teologi
zugleich und in Summa alles in allem sein. Wenn nun dergleichen Leute aufs
Secret gehen, ihre Notdurft zu verrichten, so muss ich lachen, dass einem solchen
Menschen alle drei Facultäten den Hintern wischen.«
 
                                  Capitul XXI
               Sie hören den dritten Narren erzählen, wer er sei
»Monsieur«, sprach der Spitalmeister, »der Herr redet etwas grob, aber doch
saget er die gründliche Wahrheit. Es sind ihrer mehr herinnen gewesen, welche
eben ein solches Lied gesungen haben. Als ich noch ein kleiner Knab war und ein
alter Magister Hochzeit hielt, so setzte man die jungen Doctores für Schauessen
auf. Aber heutzutage hat sich das Blatt umgewendet, und es ist auch besser für
mein Haus. Auf dass es fein voll und complet werde und meine Intraden sich desto
höher belaufen, kann ich's gar wohl geschehen lassen, dass es allentalben
wunderlich zugehe.« In diesem Gespräche verliessen wir den ehrlichen Doctor ohne
Bart und gingen eine andere Reihe Kammern vorbei. Darinnen sassen allerlei
Künstler und Handwerksleute, darinnen auch Franciscus de la Spina, der berühmte
Spanier, war, welcher sich unterstanden, mit einem Schiffe in der Luft zu
segeln. Auf der anderen Seite sassen allerlei Historici und Bücherschreiber. Über
diesem Saal hatten die Herren Satirici ihr Logament, unter welchen man etliche
an den Ketten rasseln hörte. Auf der Abseite dieses Saals hatte es eine
steinerne Treppe in ein Rondell, darinnen die Jungfern, so gerne Männer hätten,
in unbeschreiblicher Zahl anzutreffen waren. Die vom Adel hatten das obere, die
Bürgerstöchter aber das untere Zimmer, denn weil sich die vom Adel um etliche
Grad höher aestimieren, so sind sie billig auch um etliche Grad in dem
Narrenspital höher als andere logiert worden, denn der Spitalmeister war
hierinnen sehr vorsichtig und absonderlich dahin beflissen, damit ja jeder nach
seiner Dignität und Würde accomodiert möchte werden. Unter diesem Rondell des
Frauenzimmers war ein Soldat in einem Gefängnis, redete nichts als von Stürmen,
Feuer- und Granatkugeln, von Mörsern und Kartaunen, wie er nämlich mit einer
Muskete zwei Königreich über den Haufen schiessen und mit einem Strohwisch sechs
Festungen einnehmen wollte. Auch hörten wir ihn schreien und rufen, dass er
Breisach mit einer Butzschare so versperren wollte, dass man weder Proviant noch
Munition hineinbringen könnte. Es war kein Obrister im ganzen Land, welchen er
nicht kennete, und er gab vor, als wäre er ehedessen ein Walfisch in der Insel
Rügen gewesen. »Ha«, sagte er, »ich armer Teufel muss nun wegen meiner Courage
hier in diesem stinkenden Gefängnis sitzen. Man tut recht, dass man mich nicht
los lässet, die ganze Welt müsste sonst vor mir erzittern. Meine Völker liegen
noch in ihren Winterquartieren, sobald es Sommer wird, will ich die Stadt
Calicut belagern und meinen Landsleuten ganze Proviantwagen voll Pfeffer zur
Ausbeute heraus schicken.
    Der grosse Mogul muss mir die besten Pfefferkuchen verehren, und den Gran
Bassa zu Ofen, den will ich zum Feldwebel über die Husaren bestellen. Alsdann
will ich eine neue Schlacht vor St. Gottard anfangen und meine Feinde mit
lauter Heuschrecken und Eierschalen zum Land ausjagen. Die Stadt Fünfkirchen
will ich zu einer grossen Insel machen. Darauf sollen alle Nacht 4000 Pechfackeln
brennen, und wann ich sterbe, so soll man mich daselbst in den Turmknopf hinein
vergraben, und meine Grabschrift soll man dem Hahn, so auf der Kirche steht, in
den Hintern schreiben. Wem hat man's zu danken als mir, dass ich die Tartaren
erschlagen habe? Ich habe keinen Vater noch Mutter gehabt, sondern bin aus
Pulver, Blei, Salpeter und Schwefel geboren worden. Ehedessen hatte ich sechs
Köpfe, aber wie ich die grosse Schlacht vor Pavia gewonnen, wurden mir zwei
abgehauen, und wie mich der grosse Tamerlan zum Gevatter hatte, band ich meinem
Taufpaten einen ein, habe also nur noch drei übrig, die will ich dem gemeinen
Wesen zum besten auch daran strecken und mit grausamer Macht zu Felde ziehen.
Darnach so wird es Schuhzwecken und Tschakan regnen, da werde ich Taubenflügel
und Entenschnäbel auffangen und dem Dorfküster einen Bonus Dies wünschen, damit
war's Tag.«
    Solche Rede des elenden Soldaten höreten wir auf der Treppe fast eine
Viertelstund zu, und Lorenz konnte sich nicht genugsam über so vielerlei Narren
verwundern. »Ha«, sagte er, »was gibt es für wunderliche Schuhflicker hier! Sind
das nicht Narren? Der Soldat will alle Teufel totauen und dem Dorfküster einen
Bonus Dies wünschen, und der Doctor ohne Bart will die Jurisconsultos in den
Backofen schieben. Welcher ist unter diesen wohl der grösste Narr? Ich halte der
Doctor, denn warum tun die jungen Rotzlöffel so geschwinde zur Sache und wollen
flugs Doctor werden? Mein Schulmeister, der ehrliche Spitzbart, sagte oft zu
mir: Magis prodest dignitatem mereri, quam habere. Aber dieses Latein will
keiner mehr verstehen. O ihr Narren, ihr Narren, wer wird endlich eure Köpfe
zurechte setzen? Ich, Lorenz hinter der Wiesen, werde es nicht tun, und wenn
ich's gleich könnte, so wollte ich's doch nicht tun. Gelt, Hans«, sagte er zu
mir, »in unserm Dorfe gibt's keine solchen Narren?« »Ja, Herr«, sagte ich,
»seitdem wir heraus sind, habe ich keinen darinnen gesehen.« Über diese Antwort
lachten die anderen Cavalier und fingen nunmehr an, mich ein wenig kennen zu
lernen.
 
                                  Capitul XXII
                     Discurieret von sonst allerhand Narren
Neben diesem Kriegsnarren sassen noch viel andere in den Winkeln hin und wieder
eingesperret, derer Rede ich entweder nicht alle behalten oder derer Profession
ich nicht alle wohl merken können: In summa summarum, stultorum in hac domo
omnia erant plena et repleta:
Der Narren waren im Spital
Unzählig tausend an der Zahl.
Absonderlich sah man von dieser Gattung viel darinnen sitzen, die in allen
Sachen recht wollen haben, und diese hiess der Spitalmeister Disputiernarren, die
sich um eines schlechten Pfifferlings willen fast die beiden Ohren vom Kopf
hinunter disputieren und doch nichts davon hätten, als dass sie sich den Hals
heiser schreien und die Leber erhitzen, daraus hernachmals die Schwindsucht
entspringet. Nächst an diesen war eine lange Gallerie auf die neueste Mode
gebaut, in welcher diejenigen ihr Logament hatten, die da wollen allerlei
Religionen in eine Congregationem universalem einschliessen und den Papst mit dem
Luter vergleichen. Da gab es schrecklich viel Teologische darunter, darob
einer fast das Krauen hinter den Ohren hätte bekommen mögen. Man hörte von ihnen
fast nichts als lauter Syllogismos Topicos, und ihr meistes Schreien bestund in
dem, dass man nämlich niemandem den Himmel absprechen könnte, wer ein Christ
hiesse. Und durch dieses Mittel meinten sie, schreckliche Hasen zu erjagen, und
taten weniger als nichts, wurden darzu noch ausgelachet und von den Jesuiten
hinter der Faust ausgehöhnet. Difficillimum enim est, imo difficillissimum, tam
variae farinae homines in unam sententiam cogere, absonderlich, da man von der
gefassten Meinung nicht abstehen will, und sollen auch Mühlsteine auf dem Wasser
schwimmen und die Gänse im Pflug arbeiten. Darum versah sie der Spitalmeister
mit vielen Büchern, Tinte, Federn und Papier. Man hörete auch nicht so viele
disputieren als man ihrer schreiben und die Rationes Rationantes zu Papier
setzen sah.
    »O«, gedachte ich bei mir, »was für eine Arbeit nehmen die Leute vor! Ihre
Meinung ist zwar gut, aber die Mittel, zu ihrem Zweck zu gelangen, sind nicht
allen erheblich, seine Uhr nach ihrem Zeiger zu richten. Die Welt ist gar zu
böse und hochmütig. Man nimmt auch in der besten Sache keinen Rat mehr an, denn
weil jeder Doctor für sich selbst sein will, so glaubt er, all dieser Rat sei
nicht gut, welcher nicht aus seinem eigenen Hirne gesponnen ist: Illinc
lacrimae, illinc suspiria.«
    Weiter hinunter sassen junge Geistliche, welche, wie man sagt, vor grosser
Andacht halb rasend werden. »Ihr Herren«, sagte der Spitalmeister, »diese
Gesellen machen mir durch ihre Mienen und Actionen fast die grösste Lust. Wenn
ich mittags gegessen habe, so sehe ich ihnen eine halbe Stund zu, wie andächtig
sie sich gebärden, und ist doch keinem nicht ums Herz. Mit dem Mund singen sie:
Herzlich tut mich verlangen, und im Herzen denken sie: das Geldlein zu
empfangen. Äusserlich sagen sie: Gib acht aufs Evangelium, und innerlich sprechen
sie: Date mihi obolum. Sie suchen per Dei amorem vom Volk nichts als proprium
honorem. Ja, ich heisse sie viel besser gritzlich als geistlich. Quo plus
bibuntur plus sitiuntur aquae heisst auf deutsch: ein Priestersrock. Sehet, ihr
Herren, diese Kerl sind ihr Leben lang nirgend als auf einer einzelnen
Universität gewesen, wo sie anstatt der Schola pietatis das Ballhaus und die
Reitschul visitieret. Ihr dürft Euch nicht wundern, dass ich Euch von der
Reitschul sage, denn sie haben nichts mehr als Postillreiten gelernet, und wenn
sie diesen Sonntag diesen Autoren bis aufs Blut geritten haben, so legen sie
ihren Sattel über acht Tag auf einen anderen Klepper und reiten darauf, dass der
Staub hinten aufgeht und davon stäubet. Ja, wenn sie in das Predigtamt kommen,
da ziehen sie die Saite so hoch auf, dass sie niemanden würdigen mit einer
Reverenz zu verehren, sie wissen denn, dass er was zu spendieren hat. Sie loben
auf der Kanzel die Geduld, und sie sind in ihrem Herzen so ungeduldig, dass ich
mich oft krank sehen und hören muss. O, ihr alberne Tröpfe, versucht zuvor die
Welt, reiset hin und wieder, lernet die Völker kennen und alsdann, so ihr grosse
Bärte überkommen, so tretet vor das Volk. Ein Prediger ohne Bart ist selten
guter Art, doch findet man auch mit grossen Haaren, die eben nicht viel nütze
waren. Ihr Herren, es ist halt alles unter- und obereinander vermischet. Der
Mäusedreck lieget allentalben in dem Pfeffer, drum ist es klug getan, alle
närrische Affecten fahren zu lassen, auf dass man sich vor dem Narrenspital hüten
könne, in welchem für allerlei Stände so grausam viel Kammern und Zellen
zugerichtet sind.«
    Darnach so gingen wir auch ein Gewölb vorbei, in welchem nach des
Spitalmeisters Bericht diejenigen lagen, welche sich anstatt des Titels
Praeceptor Herr Hofmeister nennen liessen. Auch sassen bei diesen die Herren
Schreiber, so Sekretarii genannt sein wollen, und gleich hinter ihnen war die
Kammer, darinnen diejenigen sassen, welche man Jungfern nennen musste und [die]
doch allgemach in der Propagierung des menschlichen Geschlechts länger als zehn
Jahre gearbeitet hatten. Über ihnen sassen die Titelnarren: Klopffechternarren,
Hundenarren, Katzennarren, Canarivögelnarren, Stocknarren, geborene Narren,
Schalksnarren, Habernarren, Pfingstnarren, Fastnachtsnarren, Weibernarren,
Hofnarren, Generalnarren, Hauptnarren, gewichste Narren, Praecedenznarren,
gestimmte Narren, Kleidernarren, Modenarren, geschorene Narren, ungeschickte
Narren, ja, so vielerlei Narren, als man immer erdenken und nennen kann. Teils
spielten auf dem Brett, andere in der Karte, die meisten aber soffen Toback; und
weil etliche unter der Compagnie den Rauch nicht wohl vertragen konnten, weil
sie heute abends noch zu Frauenzimmer gehen wollten, so verliessen sie diese
Gelegenheit, die Narren ferner zu betrachten, und dadurch war zugleich mein
Vornehmen zuschanden, weil ich ihre eigentliche Gestalt dem Leser nicht so
ausführlich, als ich wohl sonsten gewollet, habe vorstellen können.
 
                                 Capitul XXIII
        Die vorige Frau wird von Vogibilis hinter einem Busch gehechelt
Wir hätten uns noch weiter in diesem Hause umgesehen und zugleich auch das
andere Teil dieses Gebäudes betrachtet, so nicht die ausgeschickten Diener wegen
des Vogibilis wie die schnaufenden Wasserhunde zurückgelaufen gekommen und
berichtet hätten, dass Vogibilis ohne Zweifel müsse vom Pferd gestürzet sein,
weil sie solches ganz ledig in der Aue und zwar einen ziemlichen Weg von dem
Spital angetroffen hatten. Hierauf eileten wir, dem guten Menschen zu helfen,
und verliessen die Narren für diesmal, so gern wir auch den übrigen Audienz geben
wollen. Lorenz hinter der Wiesen war der erste, welcher dem Gaul entgegenlief.
Als er aber nahe an eine Holunderstauden geriet, traf er den Herrn Vogibilis
samt der Frau an, welche wir ins Spital begleiten wollen, die er hinter
derselben in unserm Absein abgestöbert hatte. »Gelt, Frau«, sagte er zu ihr,
»das tut nicht so wehe, als wenn man ein Buch wider Euch ausgehen lässet. Es
dulden auch solches Eure Männer viel lieber, und Ihr dürft kein grosses
Maulmachen darum anfangen.« »Ha«, sagte Lorenz, »Bruder, du hast recht getan. O,
ins Narrenspital mit dergleichen Narren, die da böse werden, wenn man von ihren
Weibern in den Büchern schreibet, aber wenn man sie auf eine andere Weise
hechelt, da fragen sie nichts darnach. O, ihr Narren, ihr Narren, ihr sollet
noch alle ins Spital, und ich will ein Logament für euch bestellen, das soll das
Hörnerstüblein genennet werden, da gehört ihr hinein.« »Freilich«, sagte die
Frau, »mein Mann hat's wohl öfter als dreizehnmal in einer Woche verdienet. Ach,
Ihr Herren, helfet ja dazu, damit ihm Billigkeit und Recht widerfahre. Denn ich
kann's am besten bezeugen, dass er ins Hörnerstüblein mit allem Fug und Grund
kann gesperret werden.«
    Zwischen diesem Gespräche kamen die andern auch darzu, und die Frau nahm uns
denselben Abend wider unsern gefassten Schluss mit sich auf das Schloss, allwo ihre
Mitkonsortin innen war, und ich schäme mich hier billig, all diejenigen Sachen
zu erzählen, die ich dieselbe Nacht gesehen habe. Morgens reiseten doch die zwei
Frauen wieder in die Stadt und bekamen von ihren Männern noch den höchsten Dank
und Lob, dass sie ihre Ehre so wacker und trefflich beschützet hätten. »Ha«,
sagten ihre Männer, »wir haben Frauen, die sind ehren- und tugendfest (wie ein
gefrorener Dreck). Sie beschützen ihre Ehre mit Leib-und Lebensgefahr und
scheuen sich nicht, für ihre Redlichkeit zu sterben.« Aber die Narren wussten
nicht, wie es mit ihnen unter der Holunderstauden und auf dem Schloss
zugegangen, sonst würden sie ihr benedicere bald in ein sauremus verwandelt
haben.
 
                                  Capitul XXIV
       Hans resolvieret sich wegen eines Schneiders zu einem andern Leben
Nach Hinscheiden dieser zwei Frauen, welche das Ihrige auf besagtem Schloss
redlich und wohlhaltend ausgestanden haben, schwang sich unsere Compagnie wieder
auf die Klepper, den Wald hindurch zu reiten und dem neuen Bräutigam wieder
zuzusprechen. Unterwegens bekam uns ein Bettler von ziemlicher Jugend, und als
ich ihn etwas genauer betrachtet, so war es eben derjenige Schneider, welcher
mir und meinem Kameraden, als wir unserm Schulmeister davongelaufen, ausser dem
Wald bei der Kreuzsäule begegnet. »O, du Narr«, sagte ich, »gehe nur fort, du
bist schon auf dem rechten Weg begriffen, welcher ins Narrenspital weiset.
Ehedessen vermeintest du, ein grosser Monsieur zu werden, und sagtest, ich würde
den Hut vor dir abnehmen müssen. Itzt stehestu Bärenhäuter selbst in solcher
Gestalt vor mir und bettelst ein Almosen.« »Herr«, sagte der Schneider, »felix
quem faciunt aliena pericula cautum. Es ist mir elend genug in der Welt
gegangen. Die Woche zwei Batzen Lohn und Arbeitsgeld machet lange keinen
Cavalier. So verdienet man auch heutzutage in Herrendiensten nicht viel, und im
Krieg verliert man mehr, als man hat. Es ist nicht mehr um die Zeit, da die
Soldaten das Geld in Hüten davontrugen, wie zu Prag unter dem alten Königsmark
geschehen. So gibt es auch keine so gute Beute mehr, wie zu Lützen auf der
Leipziger Heide. Saprament, mit Bettelgehen kommt man noch endlich am besten
durch die Welt, und was ich heute nicht bin, das kann ich morgen werden. Bin ich
schon arm, so bin ich doch lustig, und ich lasse auch in dem grössten Elend die
Hoffnung auszukommen nicht hinfahren. Ich kenne Euch wohl, dass Ihr bei der
Kreuzsäule gewesen. Aber, wie ich sehe, so seid Ihr auch kein grosser Potentat,
sondern ein lausiger Edelmannsjung, der seinem Herrn den Arsch jucken muss,
geworden. Ha, Ihr habt wohl Ursach, mit einer so stinkenden Charge zu
stolzieren. Vielleicht werdet Ihr dermaleins noch Ross- und Pferdeknecht, und
wenn ich alsdann eine schöne Schabracke machen muss, so will ich zu Euch sagen:
Du Knecht, stelle mir das Pferd auf die Seite! Ziehe es besser vor sich! Schiebe
zurück! Lenke mir's auf die Seite! Hebe den Sattel hinunter! Mache die Stegreife
hinweg! Gelt, ich will Euch cujonieren wie der Teufel und seine Mutter.« Mit
solchen Worten eilete er den Wald hindurch, wie ihm der Kopf brannte, und lachte
so weit man ihn hören konnte.
    Es ist gewiss, dass die Rede des Schneiders eine grosse Wirkung in mir hatte.
Denn ich gedachte bei mir selbst: »Was der Schneider gesagt hat, ist gewiss nicht
aus einem Finger, viel weniger aus der grossen Zehen gesogen. Die Condition ist
zwar wohl gut, aber trefflich unglücklich für meine Person, weil ich gleich
einem Gabelholz in die Höhe wachse und nicht allein nichts lerne, sondern noch
darzu dasjenige vergesse, was ich ehedessen gelernet habe. So begreife ich auch
bei meinem Herrn keine Höflichkeit und lerne nichts als rülpsen, farzen und in
die Stube speien. Fressen und Saufen ist mein bestes Handwerk, und wenn ich
endlich abgedanket werde, dürfte mein nächster Weg ins Narrenspital gehen.«
»Nein«, gedachte ich, »ich will nicht mehr so leben. Buckelkratzen ist ein
schlechtes Handwerk, und mit solcher Arbeit findet man gar wenig Meister, die
einen Gesellen fördern. Darum so will ich mein Capital auf ein ander Interesse
legen und mein Glück in einer anderen Positur aufsuchen.« Solches redete ich zu
mir selbst und entschloss mich zugleich, meinem Herrn das beste Pferd aus dem
Stall zu stehlen und damit in die weite Welt zu reiten.
 
                                  Capitul XXV
                 Wer die zwei grössten Narren im Spital gewesen
»Hans«, sagte mein Herr auf der Heimreise zu mir, »wir haben vielerlei Narren in
dem Spital gesehen, aber was meinstu, welcher ist der grösste darunter gewesen?«
»Herr«, sagte ich, »die grössten Narren waren ich und Ihr. Denn Ihr erkennet
weder Himmel noch Hölle, führt ein Leben, das keinem Menschen nützet, Eure
Tugenden sind Fressen, Saufen und Schlafen. Und solchergestalt wird Euer
stattliches Gut durch Verwahrlosung des Gesindes endlich zugrunde gehen und Ihr
der elendste Mensch unter der Sonnen werden. Saget mir nur, wer seid Ihr, dass
Ihr Euerm eigenen Untergang so sehr entgegen geht? Wäre es nicht klüger getan,
dass Ihr eine kluge Hauswirtin hättet, die auf das Eure ein offenes Auge hätte?
Alsdann könntet Ihr ohne Sorg und Schaden schlafen, bis die Kälber Strümpfe
stricken lernen.« »Hans«, sagte Lorenz, »warum bist du der grösste Narr?« »Herr«,
sagte ich, »darum, dass ich meine edle Zeit, die weder mit Gold noch Silber kann
gekaufet werden, so elend und in der grössten Faulenzerei bei Euch zubringe. Was
meint  Ihr, das endlich aus mir werden wird? Ein Strassenräuber und Dieb, der
nicht das Narrenspital sondern den Galgen zu fürchten hat. Das Müssiggehen
gewohne ich, nichts lerne ich, fressen will ich, ernähren kann ich mich nicht,
arbeiten mag ich nicht. Darum saget mir, ob ich nicht samt Euch der grösste Narr
von der Welt sei, dass ich bei Euch sitze und den Buckel kratze?« »Ja, mein
Hans«, sagte Lorenz, »es ist wahr, und du hast mir einen ganz andern Zunder in
meinem Kopfe angefeuert. Ich will hinreisen zu der Frau von Spitzhausen. Die hat
die schönste Tochter in dem ganzen Land, begleite mich nur dahin. Alsdann,
sobald ich Hochzeit gehalten, will ich dich hinziehen lassen, wo du willst. Du
darfst nicht meinen, dass ich dich mit ledigen Händen will davonjagen, wie itzo
die Herren zu tun meisterlich gewohnet sind. Ein Taler oder hundert tun viel bei
der Sache, damit kannstu noch was Ehrliches lernen. Ha, Saprament, es verdriesst
mich selber, dass ich meine Mittel nicht besser angewendet und die edle Zeit so
versäumet habe. Aber Hans, wenn ich werde Hochzeit gemacht haben, wird alles
über andere Leisten geschlagen werden.« Nach solchem beurlaubte mein Herr die
Hochzeitsgäste und ritt mit mir samt noch vier anderen Dienern auf das adelige
Schloss zu der von Spitzhausen. Es kam nach wenigen Tagen zu der Heiratsabrede,
und weil Lorenz für den reichesten Cavalier im ganzen Lande gehalten wurde, war
die geizige Mutter trefflich auf seiner Seite. Aber die Jungfer wollte nicht
allerdings gern anbeissen, denn sie hatte genugsam gehört, was Lorenz für ein
ehrbarer Gesell sei und was für ein liederliches Leben er die Zeit seines Lebens
geführt hatte.
 
                                  Capitul XXVI
          Herr Lorenz hält Hochzeit, und wie es auf solcher zugegangen
Der Hochzeitstag wurde mit tausend Ergötzlichkeiten begangen. Man sah
Unterschiedliche vom Adel, welche dieses Fest zu beziehen angekommen waren, samt
unterschiedlichem Frauenzimmer, welches hin und wieder auf dem Schloss tapfer
abgestöbert wurde. Denn bei dergleichen Zusammenkünften geht es nicht anders
zu, und ich habe dergleichen Sachen wohl tausend gesehen, die mich noch ärgern,
wenn ich daran gedenke.
    Als man bei der Hochzeitstafel etwas lustiger wurde und der Wein die
Hirnschale bestieg, fing Herr Lorenz seinem alten Gebrauch nach an, mit der
Sauglocke zu läuten und überhaupt zu rülpsen. Die Braut wusste nicht, wie sie das
verstehen sollte und wurde ganz entfärbet. Aber Lorenz fuhr fort und liess
spannlange Fürze, darob teils gelacht, teils geseufzet haben. So sehr ich nun
meinen Herren in die Seite gestossen, mit solchem Schnarrwerk bis zu einer andern
Musik innezuhalten, hatte er sich doch so voll gesoffen, dass er allen diesen
Vermahnungen kein Gehör geben konnte. »Ach«, sagte der Braut Mutter zu mir,
»macht's dein Herr zu Haus auch so?« »Ja, Frau«, sagte ich, »das ist noch
Kinderspiel, zu Haus scheisst er gar in die Hosen.« »O wehe«, sagte sie, »was hab
ich getan, dass ich meine Tochter an einen solchen Unflat verheiratet habe.«
»Frau Mutter«, sagte das Fräulein, »ich laufe von ihm, ehe der Winter herkommet,
nun sehe ich erst, was mein Herr Bräutigam für ein ehrbarer Gesell ist.« Diese
Worte hörte der trunkene Lorenz und »saprament«, sagte er, »wegen eines Furzes
eine Ehescheidung anzufangen, das wäre wider die allgemeine Polizeiordnung
gehandelt. Ha, was ist es denn mehr, dass ich so offenherzig bin, so sieht die
Braut, dass ich fein vertreulich umgehe und nicht das geringste verhalte, was ich
in Leib und Leben habe. Wenn's Euch eine Ehre ist, so laufet noch heut davon und
gebt Eure Motiven bei dem Consistorio ein. Bei meiner Seelen, sie werden darüber
zu lachen haben.« Damit nun diese Disputation nicht zu laut würde, stillete die
Mutter alle vorgelaufene Fauten und sagte der Tochter in ein Ohr: »Liebes Kind,
was willst du machen, dein seliger Vater hat's ebenso gekonnt, ja noch wohl
ärger als dein Bräutigam tut. Die Gewohnheit ist in solchen Sachen das beste
Mittel, sich zufrieden zu stellen, und wer mehr nimmt als eine Nase voll, das
übrige ist ein Geiz und gedeihet nicht.« Aber es währte nicht so lang, so schiss
Herr Lorenz gar in die Hosen. »Seht Ihr, Frau«, sagte ich zu der Alten von Adel,
»dass es wahr ist, was ich Euch zuvor gesaget habe?« Damit wurde ein Aufstand,
und die Diener brachten ihn in eine Kammer, da ihm ein Bad zu seiner Säuberung
zubereitet wurde. O schöner Herr Bräutigam!
 
                                 Capitul XXVII
          Bedauert die grosse Narrheit der jungen Welt und beschliesset
Nach allen diesen Begebenheiten eilete Herr Lorenz nach vollzogener
Hochzeitsfreude mit seiner Braut nach Hause, allwo sie wenig Kurzweil fand.
Darum so fing sie an, ihr eine sonderliche Lust zu machen, und weil man Herrn
Lorenzen ohnedem den ledigen Hahnrei geheissen, machte sie ihn auch zum
verehlichten. Ich aber trug eine Abscheu vor solchem lasterhaften Leben, und
nachdem Herr Lorenz einen andern Buckelkratzer ins Bette bekommen, brauchte er
meine Dienste desto weniger, und daher entliess er mich desto leichter aus seinen
Diensten, derer ich numehr ganz satt und überdrüssig war. Er verehrte mir
gleichwohl ein ziemliches Stück Geld, und seine Frau hiess mich, so ich um drei
Jahre älter würde, wieder zu ihr zu kommen, denn sie wäre entschlossen, mich zu
einem andern Dienst zu gebrauchen. Ich verstand es dazumalen nicht so wohl, als
ich's hernach erfahren habe. Darum so gab ich auf ihren Befehl sehr wenig
Achtung, sondern eilete noch selbigen Abends auf einem Klepper gegen dem Schloss
Parkstein, in der Pfalz, allwo ich einen Vetter hatte, welchen ich dermalen
wegen meiner besseren Fortun um Rat zu fragen entschlossen war. Denn ich war
willens, bei dem damaligen Organisten zur Weiden auf dem Clavier spielen zu
lernen und mich in Musicis zu exerzieren. Solchergestalten will ich mein
geführtes Leben nur bis daher beschrieben und das Narrenspital für diesmal
zugeschlossen haben. Weiss der geneigte Leser einen oder den andern, so kann er
selbigen gar leichtlich und ohne Unkosten in diesem Spital unterbringen. Ich
aber werde mich ohne fernern Umschweif über die Legende setzen und diese Woche
betrachten, wie eifrig sich die Altväter angelegen sein lassen, ihr ewiges Heil,
an welchem jedem Menschen das allermeiste gelegen ist, zu betrachten, welches
doch die junge Welt so wenig achtet, sondern vielmehr die Narrenkappe der
ewigwährenden Torheit ganz liederlich über den Kopf ziehet und sich also
selber - o tränenwertes Wort! - in den ewigen Abgrund stürzet.
                                      Ende
 
    