
        
                                Filips von Zesen
                                     Simson
                      Eine Helden- und Liebes-Geschicht /
                  Mit dreissig schönen kupferstükken gezieret
                                       Dem
                                        
                          zur Tapferkeit Wohlgebohrnen
                                        
                      und zur Ruhmherligkeit auserkohrnen
                                        
                             fürtreflichem Helden /
                                        
                                     HERRN
                                        
                      Heinrichen von Delwich / ehmahligem
                                        
                                der Königlichen
                   Schwedischen Heersmacht / nunmehr aber des
                                        
                     Hochmögenden Niederländischen Stahts /
                                        
                      neben andern / Hochbesteltem Kriegs-
                                        
                        haupte / Alles selbsterwünschte
                                        
                             Heil und Krieges- und
                                        
                                  Sieges-Glük
                                        
                                     zuvor!
 
Vergönn' / O Held / dass dieser Held /
den ich alhier auf Blätter mahle /
mag stehn / in deinem Heldensaale /
den Heldenbildern zugeselt;
die seine Mauren überzieren /
und manches Hertz und Auge rühren.
Es ist der Grosse Wunderheld;
es ist der tapfere Zareer /
der Fürst und Heiland der Ebräer;
der tausend auf einmal gefelt /
der tausend Hälse hat zerbrochen /
mit einem Eselsbakkenknochen.
Für dessen starker Faust erschraak
das stärkste Heer der kühnsten Krieger /
ja selbst der sonst berühmten Sieger
erworbner Ruhm erstorben lag;
auf dessen Wink die Riesen zittern /
die Tohr' und Mauren mussten schüttern.
Ein solcher ists / ein solcher Held /
der hier bei Dir sucht seine Wonne /
bei Dir / der Helden Glantz' und Sonne /
und will / imfal es Dir gefelt /
sich deiner Heldenfaust ergeben /
in deinem Schutz und Schirm zu leben.
So nim ihn dann / aus meiner Hand /
den tapfren Simson / hin zur Grabe /
O tapfrer Delwich; die ich habe /
als meiner treusten Treue Pfand /
die Du zwar ohne dis erkennet /
Dir zuzueignen längst benennet.
Hiervor begehr' ich nichts / als dis /
dass deine Gunst / die ich verspühre
von Jahren her / sich nie verliere.
Erhalt' ich dis / so soll gewis
aus allen meinen Federkielen
nichts / als nur Delwichs Kriegs-Ruhm / spielen.
Und dieses soll tauren / so
lange / als ich heisse
                                                                Filip von Zesen.
 
                    Dem Deutsch- und treu-gesinnetem Leser.
Nun folget endlich mein Simson der schon vorlängst aufgeträhtenen Assenat. Nun
trit er auch auf den Schauplatz der Welt. Er zeigt sich nun auch; wiewohl lang
nicht in dem ausbündigen Zierrahte /der einen solchen Helden geziemet. Er war /
durch seine übermenschliche Wunderstärke / die so wundergrosse Heldentahten
verübet / ein ruhmherrliches Weltwunder. Er war ein Heiland Israels / zum
wunderwürdigen Vorbilde dem Heilande der Welt selber erkohren. Und eben darüm
erforderte seine Wundergeschicht eine wunderwürdige Feder. Sie erheischte die
Hand des allergeschiktesten Schreibers / und einen Zierraht ganz ungemeiner
Reden. Aber ach! wie sollte ich eine solche Feder führen / da meine kränkliche
Hand oftmahls kaum so viel Macht hatte sich zu bewägen? Wo sollte der Zierraht
ganz ungemeiner Reden herflüssen / da mein Gehirn entstellet / mein Gemüht
gekränket / und meine Sinne geschwächet waren? Die stähtige Mühsäligkeit meines
Lebens / die Arbeitsäligkeit in meinem Berufe / die Widerwärtigkeit in meinen
überheuften Geschäften haben mich eine Zeit her so abgemattet / dass ein
beschweerlicher /ja gefährlicher Zufal über den andern mich bestürmet. Hierzu
komt dann auch das andringende Alter; welches ohne dis anders nichts / als
Schwachheiten / mit sich schleppet. Und also war der Wille wohl da / aber das
Vermögen entfiel mir meinen Simson zum schönsten auszuarbeiten. Ich hatte zwar
beschlossen seine Lebensgeschicht viel weitleuftiger / als sie alhier / auf
hiesiger papierenen Schaubühne / erscheinet / auszuführen. Auch war die Anstalt
zu funfzehen Büchern albereit gemacht. Aber die Feder war kaum angesetzet / als
mir meine jähligen einbrächende Schwachheit schon gebot solchen Schlus zu
ändern. Ich musste dann / aus Furcht / der Tod möchte mich vor volzogener Arbeit
übereilen / nohtwendig abkürtzen. Ich musste diese ganze Wundergeschicht in viel
ängere Grentzen einschlüssen / nur bald zum Ende zu kommen. Dieses ist nun auch /
durch die Gühte Gottes / der ich hertzlich danke / glücklich erreichet: wiewohl
so glücklich nicht / als ich selber gewünschet. Iedoch bin ich /nachdem der
Höchste mich meinen Wunsch so weit erreichen lassen / als ich gebähten / wohl zu
frieden. Und Du wirst auch / lieber Leser / verhoffendlich hiermit also zu
frieden sein / als gühtig mein Simson von dir angeblikket zu werden verlanget.
Wan dir etwan einige Druk- auch wohl andere Fehler darinnen aufstossen möchten;
so sei so guht sie / mit einem geneugten so wohl / als reiffem Urteile / zu
verbessern. Ja gedenke / dass ich selbst bei dem Drukke nicht sein können / auch
mir meine ganze Verfassung / sie von Büchern zu Büchern durch und durch zu
überwägen / und der unverhuhts oder aus übereilung eingeschlichenen Fehler
darinnen wahr zu nehmen /, eher nicht vergönnet war nachzulesen / als da sie mir
gedrükt wieder eingehändiget worden; weil ich sie zu zwei oder drei Büchern /
sobald dieselben drukfärtig /obschon die übrigen noch in der Feder waren / dem
eilenden Drükker zusenden müssen. Und dieses ist auch die Uhrsache / dass ich
darinnen alles so genau nicht in acht nehmen können. Im übrigen fället hierbei
zu erinnern vor / dass ich mich / in Erlängerung und Ausbreitung dieser Geschicht
des Simsons / fast nur allein mit der Erzehlung / welche der Schreiber des
Buches der Richter so gar kurtz aufgezeichnet / behelfen müssen: weil ich bei
den alten Geschichtschreibern nichts / oder doch /wan ie einer derselben gedacht
/ sehr wenig mehr /das mir zu meinem Vorsatze dienen können / darvon gefunden.
Man hat sich gewislich zu verwundern /dass gemeldte Geschichtschreiber / und
unter denen die Ebräer selbst / in ihren weltlichen Geschichtbüchern / dieser
allerdenkwürdigsten Wundergeschicht nicht mit einem Worte / so viel mir bekant
ist / gedacht; ohne was der berühmte Jüde Flavius Josef / wiewohl auch nur
überhin und mit wenigen / getahn. Und also hat mir / zu hiesiger Verfassung
/niemand mehr / als der erwähnte Geschichtschreiber des Buchs der Richter / und
dann Flavius Josef / mit seinen Alteiten der Jüden / wie auch / unter den neuen
/ der berühmte Wälsche Schreiber Ferrant Pallavizien /durch seinen Simson /
vorleuchten können. Dieser Pallavizien ist / meines Wissens / der erste gewesen
/ der von mehrgedachter Lebensgeschicht des Simsons ein sonderliches Werklein /
in drei Bücher eingeteilet / geschrieben: welches auch bald darnach der berühmte
Herr von Stubenberg /unter den Durchleuchtigen Fruchtbringenden der Unglücksälige
verhochdeutschet. Und eben daher bin ich gezwungen worden viel Dinges nicht
allein anderwärts her und aus andern Geschichten / sondern auch selbst aus
eigner Erfündung / wie man sonst in dergleichen Heldengeschichten oder vielmehr
Gedichten zu tuhn gewohnet / miteinzufügen. Ja daher ist es kommen / dass die
ganze Riesengeschicht / die das vierde Buch fast gar erfüllet / hat eingerükt
werden müssen; doch also / dass sie / in selbiger Gegend der Geschicht Simsons /
nicht fremde / noch ungereimt stünde. Dergleichen Einrükkung von anderwärts her
ist auch mit dem Pammenes geschehen: wiewohl alles / was darbei von der Schönen
Timnatterin / welche des Simsons verrähterischer Frauen Schwester gewesen / wie
auch vom Egiptischen Königlichen Fürsten / und sonsten erzählt wird / aus
meiner eigenen Erfündung geflossen. Dieser Erfündung ist ebenmässig zuzuschreiben
die ganze Begäbnis der Schönen Naftalerin: in welcher / und jener ich eine
recht Tugendhafte Schönheit / gleichwie in Simsons Eheliebsten / und der
Filistischen Fraue /welche sich für die Mutter der Schönen Naftalerin ausgab /
eine Lastervolle Häsligkeit abbilden wollen. Eben so Tugendhaft und Schön ist
auch die Mutter des Simsons / wie auch der Schönen Naftalerin / und der Schönen
Timnatterin / zur höchsten Volkommenheit zu / vorgestellt worden. Was endlich
die Anmärkungen betrift / darinnen ich meine Verfassung erklähren wollen / diese
haben gleichesfals / aus obangezogenen Uhrsachen / vielmahls abgekürtzt werden
müssen; wiewohl sie auch vielmahls / wan meine Leibeszufälle mich zu überfallen
nachliessen / zimlich lang gefallen. Hiermit mus ich schlüssen / und darbei den
guhtertzigen Leser ersuchen mich in sein Gebäht / zu wiedererlangung meiner
Gesundheit / miteinzuschlüssen. Dafür ihm dann alle meine Geflissenheit gewiedmet
sein soll / so lange / als ich bin und heisse
                                                                    Der Färtige.
 
                                Das erste Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Israel war nunmehr ohne Heupt. Fürst Abdon /der Eilfte / der Friedfärtige / war
hin. Er hatte sich zu seinen Vätern versamlet. Sein Richtstuhl stund öde. Das
Volk Gottes lebete zaumloss. Ein ieder täht / was ihn lüstete. Die Bosheit nahm
oberhand. Die Uberträhtungen heuffeten sich / und mit ihnen die Strafen.
    (2) Bisher hatte der Himmel das Land besäliget. Alles stund in vollem
Frieden. Iederman sass in Ruhe. Es war überal Stille. Aber aus diesem Frieden
keumete die Wohllust auf. Diese Ruhe machte das Volk wohltägisch / und lüstern
zur Uppigkeit. Diese Stille war ihm ein Lokass zum Bösen / eine Körnung zum
Laster. So schläget auch das Guhte selbst / durch Misbrauch / oftmahls zum
übelsten aus.
    (3) Zu gar zu guhten und friedlichen Tagen gehören starke Schultern. Wan
diese schwach seind / vermögen sie jene nicht zu tragen. Auch machet alzuviel
Ruhe faul und träge zur Tugend: die unter solchen Faulbetten anfaulet / wo sie
nicht gar erstikket. Ja die Stätigkeit der Stille bringt Feulnis des Geblühtes
/und diese die Schlafsucht des Gemühtes.
    (4) Ich will sagen: Müssiggang würkt aller Tugenden Untergang. Daher ist er
auch aller Untugenden Anfang. Durch ihn werden die Muhtigsten Muht- / die
Mächtigsten Macht-los. Durch ihn erschlappen die Schultern / erschwachen die
Kräfte. Durch ihn gerahten die stärksten Stahtswesen zum Falle. Dagegen stehet
ein Staht / dessen Volk in stäter Arbeit bleibet /üm so viel fester.
    (5) Darüm warden auch wider den Müssiggang von den weisen Alten so scharfe
Stahtssatzungen gestiftet. Solon erkennete die Müssiggänger zum höchsten
strafbahr. Drako sprach ihnen den Kopf ab. Die Sardischen Gesetze befahlen sie
schweerlich zu strafen / und forderten von allen Einwohnern /ihrer Arbeit /
Nahrung / und ihres ganzen Lebens gar genaue Rechnung. Die Atehner verurteilten
den Müssiggang / als ein grosses Verbrächen. Die Nabateer belegten die Faulentzer
/ und die ihr Väterliches Erbguht verminderten / mit harter Strafe.
    (6) Der Lukaner Satzung wider das Faulentzen ging auch so weit / dass sie
dieselben / die den Müssiggängern und Bauchdienern etwas geliehen / des
Geliehenen verlustig machten. Die Massilier jagten die Faulen Hummeln / die dem
Stahte / durch Faulheit und Bätteln / überlästig fielen / aus dem Lande. Keiser
Wentzel / und Romahn der Jüngere warden / ihres faulen und wohllüstigen Lebens
wegen / von den Röhmischen Reichsständen beide des Keisertuhms beraubet. Was
viel andere mehr / dieses so schädliche Laster abzuschaffen / löblich gestiftet
/ ist aus den alten Geschicht-schriften bekant.
    (7) Wie nun dem Müssiggange die Sünde folget; so folget der Sünde Gottes Zorn
/ und diesem die Strafe. Kaum iemahls / ja wohl gar nie ist eines ohne das
andere. Eine solche dreigliedrige unzertrenliche Kette befesselte das Volk an
Händen und Beinen. Ein solcher dreifältig verknüpfter Zweifelsknohte hing über
Israels Heupte. Ein solches dreifache schädliche Kleeblat wuchs in seinem
Garten. Dieses war der rechte dreiköpfichte Höllenhund / der aus dem Abgrunde
selbst hervor zu springen schien / das sichere Volk zu verschlingen.
    (8) Nichts in der Welt ist leichter / als Sündigen: nichts auch schweerer /
als From-sein. Wie schweerlich ahrtet der Mensch zum Guhten! Wie leichtlich
neugt er sich zum Bösen! Wir alle wallen im Argen. Kaum einer / wo nicht gar
keiner / tüget zur Tugend. Wir seind alzumahl Untüchtig; allezeit lüstern zu
Lastern. Es ist keiner / der Guhtes tuht / auch nicht einer.
    (9) Durch vielerlei Sünden sonderten sich Israels Kinder von ihrem Schöpfer:
der sich doch mit ihnen verlobet / verbunden / vertrauet in Ewigkeit. Sie
erzürneten Gott / ihr höchstes Guht / durch so viel Böses: doch allermeist durch
Abgötterei. An ihres Gottes statt ehreten sie fremde Götzen. Mit denen buhleten
sie / an statt / dass sie Gott lieben sollten. Und hierdurch vertieften sie sich in
der abscheulichen Huhrerischen / ja selbst Ehbrächerischen Todsünde.
    (10) Darüm übergab Er sie auch in die Hände der Unbeschnittenen. Darüm lies
Er sie / unter dem eisernen Joche der Filister / in schmählicher Dienstbarkeit
der Heiden / wohl genug zappelen Und dieser Zorn währete wohl vierzig Jahr. Das
war eine lange Zeit / eine bange Last / ein garzulangwieriges Unwetter / nach
einer so kurtzen gühtigen Stille.
    (11) Gleichwohl ie grösser die Noht / ie näher war Gott. Er entzog ihnen
seine Gnade nie. Er verbarg sie nur ein wenig hinter der Zornruhte. Hinter
diesem abscheulichen Strobelsterne flinkerte der erfreuliche Stern seiner Gühte
noch immerzu. Seine Liebe war zu brünstig / zu mächtig. Ihre Flammen stritten
mit den Flammen seines Zornes / und trugen den Sieg darvon. So schlug die Liebe
den Zorn aus dem Felde / dass er weichen / ja fast gar verschwinden musste.
    (12) Kaum hatte Gott angefangen zu strafen / da empfand Er schon Reue. Da
brach das Mitleiden sein Vaterhertz. Da gab Er ihnen schon einen Heiland /einen
Erlöser. Diesen hatte Er längst zuvor / eh er im Mutterleibe empfangen ward /
ihnen zum Fürsten erkohren / zum Retter ihres Heiles bestimmet: dessen Gebuhrt
auch eben itzund / in der Fülle der Zeit / ein Engel verkündigen musste. Ja
dieser war es / von dem / als ihrem Herzoge / als ihrem Richter / als ihrem
Kriegs- und Sieges-Helden / ja als der Sonne selbst ihres Heiles / die aus Dans
Nachkommen hervorbrächen sollte / dieser ihr nunmehr sterbender Vater schon lange
vorher / in seinem letzten Segen / seinen Kindern geweissaget.
    (13) Auch blühete fürwahr / mitten in der grössesten Angst / die Zeit ihres
Heiles / ihrer Erlösung. Ja sie stund schon in voller Blühte / und begunte
nunmehr zu zeitigen / als Simson Danssohn /vom Geiste des HERREN getrieben /
Lust bekahm der Filister Land und Landesweise zu besichtigen.
    (14) Tugend kennet keinen Haustrümmel. In der Fremde sich ümsehen schärfet
die Sinne / leutert den Verstand / bringt Erfahrung. Tapfere Geister können
nicht lange hinter dem Ofen tauren. Fort und fort bei der Mutter zu faulentzen
ist ihr grössester Verdrus. Stähts zu Hause zu liegen / ist schändlich / wo
nicht schädlich. Sie lassen sich nicht einsperren. Sie trachten immer nach
frischer Luft. Das Ausheimische Leben ist ihr Wohlleben. Da samlen sie / gleich
den Bienen /das Beste / das Edleste zu ihrer Speise. Hierdurch werden ihre Sinne
mit Klugheit / ihr Gemüht mit Weisheit gesättiget. Hierdurch nehmen sie zu an
Tugend. Hierdurch wächset ihr Muht; sofern die Einsamlung behuhtsam geschiehet.
    (15) Dieses alles wusste Simson sehr wohl. Darüm verlangte er nach solcher
Reise. Darüm gedachte er auch in die Welt hinaus. Darüm wollte er sich auch in
der Fremde versuchen. Sein Vaterland ward ihm zu änge. Sein Zarea allein konnte
ihn nicht vergnügen. Der Verzährtelung seiner Mutter / der Verhähtschelung
seiner Eltern war er entwachsen; ja selbst auch ihrem Zwange.
    (16) Bisher hatte er seiner Jugend / ja selbst auch seiner Tugend erste
Versuchstüklein im Dannischen Läger blikken lassen. Aber nunmehr war zwischen
Zarea und Estaol nicht raumes genug seine Tapferkeit / die mänlich zu werden
begunte / zu üben. Sein Sin stund ihm viel weiter hinaus. In so genauen
Schranken wusste sich sein Muht nicht länger zu halten.
    (17) Also urteilen wir von Simsons Beginnen. Mit solchen Gedanken denken wir
an seine beschlossene Reise: wiewohl das Göttliche Verhängnis hierinnen ein
ganz anderes Ziel gehabt zu haben scheinet. Ja ich darf wohl sagen / dass ihn
Gott selber fortgezogen / durch ihn auszuführen / was Er / in seinem Rahte /
den Israelern zum Heile / beschlossen.
    (18) Gott handelt nie ohne Mittel. Simson sollte derselbe sein / durch den Er
sein Volk zu erlösen bestimmet. Danssohn sollte die Schmaach des ganzen
Israelischen Volks an den Filistern rächen. Und hierzu zeigete die Hand Gottes
ihm selber den Weg. Ja sie führete ihn dahin / da er Anlass bekommen sollte die
Filister zu befeden. Ich will mehr sagen: sie selber sollten ihm Uhrsache geben
zu solcher Rache; damit alles richtig zuginge: damit ihn niemand einer
unrechtfärtigen Gewalttaht beschuldigen möchte.
    (19) Der Himmel begunte kaum zu grauen: kaum hatte die Morgendömmerung das
Scheidezeichen zwischen Nacht und Tag gemachet / als Simson sich schon auf die
Wanderschaft begab. So begierig war er dasselbe Land zu sehen / dessen Volk
seinem Volke die Herschaft gewalttähtig abgezwungen. Ja er eilte dermassen / dass
ihn die Zareer schon aus dem Gesichte verloren / als sie das erste Morgenroht
hinter ihm herschimmern sahen.
    (20) Zu Timnat war eben ein Kreustag. Da versamleten sich die fünf Kreuse
des Filisterlandes. Alda berahtschlagten sich ihre fünf Kreus-Fürsten über den
Staht. Hierher gedachte Simson. Hiernachzu ging seine Reise. Kaum war er in
dieser Stadt angelanget / als ihn schon nicht weis ich was für ein Blitz
bestrahlete. Indem er die Augen bald hier-bald dortin drehete / die Ahrt und
Tracht der Bürger / zusamt dem Baue der Heuser / zu beschauen / sties ihnen /
unter dem Filistischen Frauenzimmer / eine hertzentzükkende Schönheit auf.
    (21) Timnat heisset ein Bild. Warüm nicht lieber eine Stadt des Bildes /
oder noch lieber eine Stadt der Bilder? Dis war auch der volle Nahme; dessen
Grundteil / das die flüchtige Zunge verschwieg / unter dem Nebenteile sollte
verstanden werden. Vielleicht daher: weil darinnen viel Götzenbilder auf
Heidnische weise verehret warden. Und also bedeutete Timnat eigendlich eine
Götzenstadt. Aber es scheinet / aus Simsons Begäbnis / dass sie vielmehr von der
Mänge der schönen Bilder / oder Frauenbilder / damit sie vor andern Städten
gepranget und geprahlet / diesen Nahmen bekommen.
    (22) Ein solches Frauenbild war es / das Simson unter dem Timnattischen
Frauenzimmer erblikte. Straks auf den ersten Anblik dieser Schönheit / folgeten
so viel tieffe Hertzwunden / als sie Strahlen / oder vielmehr Pfeile aus ihren
allerschönsten Augen auf ihn zuschos. Mit diesen blikkenden oder vielmehr
blitzenden Strahlen vereinbahrten sich seiner Augen Blikke dermassen / dass sie /
mit einer heftigen Entzündung / in ihre Höhlen zurückpralleten: welche von
stunden an das schädliche Feuer / das sie empfangen /den innersten
Schlaufwinkeln der Seele mitteileten.
    (23) Eben ein solches Feuer der Liebe zündete die Schönheit der Hebe / der
Omfale / der Jole / in des grossen Heldens Herkules / die Liebligkeit der Briseis
in des Achilles / die Anmuhtigkeit der Andromede in des Perseus grossmühtigen
Seelen an. Warüm wollte man sich dann über unsern Simson / den Israelischen
Herkules / verwundern / dass er seinen Augen verhänget sich an einer Filistischen
Schönheit dergestalt zu vergaffen / dass er sich / straks im ersten Anblikke /
seiner ganzen Sinligkeit verlustig befunden?
    (24) Sobald dem Gesichte der Zügel gelassen wird /verlieret ihn die Vernunft
über unsern Gemühtstrieb. Dieser leuft dann / wie ein Schiff ohne Steuerman /
ungesteuert und zaumloss fort. Ja er reisst / als ein durchgebrochner Strohm /
ungezeumt und ungeziemt über alle Schranken der Mässigkeit hin. Als Simson seinen
Augen verhing die bezauberenden Blikke gemeldter Schönheit einzusaugen; da
verlohr er seinen Geleitsman. Die Vernunft verlies ihn. Seine Hertztriften
spieleten meister. Sein Gemühtstrieb stund nicht zu bändigen. Er ris ihn / wie
ein Zaum-und Gebis-loser Hängst seinen Reiter / über Stok und Pflok fort. Und
hiermit war es üm seine Freiheit getahn.
    (25) Mit einem Worte: Simson ward verliebt. Sein Hertz brante für Liebe. Und
diese Liebesbrunst erwekte den Durst / den Hunger / die Begierde / ja das
ungestühme Verlangen des Lieblichen / des Schönen unverzüglich zu geniessen. Es
mochte nun sein / was es wollte / das seine so heftige Liebesbrunst gebahr; so
war doch dieses gewis / dass er dadurch unaussprächliche Schmertzen empfand. Der
Anblik des Schönen /der Wiederblik oder die Wiederstrahlung desselben /und das
Verlangen darnach / seind drei Kettenglieder / daraus dieselbe Liebeskette sich
schmiedet / die unsere Freiheit befesselt / die Tühre der Vernunft verkettelt /
und uns selbst an den Stok der unaufhörlichen Leibeigenschaft anschlüsset.
    (26) Simson in diese dreifache Fessel geschlagen / mit diesem dreifachen
Liebesstrükke verstrükket / war ganz unleidlich über der Ungestühmigkeit seiner
Gemühtsregung. Die Schmertzen / die sie ihm erregte / waren ihm unerträglich.
Der kleineste Verzug fiel ihm zu gross / zu lang / zu schweer. Gleichwohl war es
der Billigkeit gemäss wieder nach Hause zu kehren. Gleichwohl erforderte die
Kindespflicht seinen Eltern sein Vorhaben / eh er weiter fortführe / zuvörderst
vorzutragen.
    (27) Diese Wiederkehr wollte zwar ihn viel zu lang deuchten. Dieser Vortrag
schien ihm die Beförderung seines Glüks auf die Harrebank zu schüben. Aber was
sein musste / das musste sein. Der Nohtzwang trieb ihn nach Hause. Und also begab
er sich auf die Rükreise: wiewohl mit langsamen und zauderhaftigen Schritten;
indem das stähtige Andenken seiner Liebsten seinen Gang kräbsgängig zu machen
schien.
    (28) Kaum war er in seine Väterliche Behausung eingeträhten: kaum hatte er
auszuruhen sich niedergelassen; da fing er schon an Vater und Mutter seinen
Willen zu eröfnen / mehr ihre Wilfahrung / als Beirähtigkeit / einzuhohlen. Und
solches täht er /durch folgende Rede.
    (29) »Das Leben ohne Lieben ist kein Leben. Des Lebens Laabnis / ja selbst
Erhaltnis ist die Liebe. Wan diese aufhöret / höret auch das Leben auf: eben wie
sie nicht ist / wo kein Leben ist. So nahe seind Leben / und Lieben einander
verwant / dass keines ohne das andere so schweerlich sein kann.
    (30) Darüm lebet auch warlich kein Mensch / der nicht liebt. Ja / was mehr
ist / die Liebe herschet überal. Unter ihrer Bohtmässigkeit stehet der Himmel so
wohl / als die Erde / mit allem / was sie begreiffen. Sie erweiset ihre Kraft /
was die Erde betrift / nicht nur in den Beseelten Vernünftigen / und
Unvernünftigen / sondern auch selbst in den eigendlich Unbeseelten bloss allein
wachsenden Weltgeschöpfen.
    (31) Der Weinstok ümarmet ja / aus Liebe / den Ulmbaum. Der Magneht oder
Liebesstein ziehet / aus Liebe / das Eisen an sich. Aus Liebe gatten sich alle
Tiere / die den Erdbodem beträhten / oder bekriechen. Aus Liebe paaren sich die
Vogel der Luft / und alle Fische / die in den Wassern schwimmen. Ja selbst der
Salmander / der im Feuer lebet / kennet die Liebe: ohne die sein Geschlächt
aussterben würde.
    (32) Im Himmel ist zuvörderst alles der Liebe vol. Alda befindet sich unter
den Engeln ein lauteres ewiges Liebeleben. Alda seind alle Heiligen Gottes
erfüllet mit Liebe. Ja alle Himmelsgeschöpfe bestehen aus Liebe / und gehen mit
Liebe den Irdischen vor. Vom ungeschaffenen dreieinigem Gotte / der aller Dinge
Schöpfer / ja die Liebe selbst ist / will ich nicht einmal sagen.
    (33) Was für ein Wunder ist es dann / dass Ich liebe? weil alle lebendige
Geschöpfe / sobald sie zu leben /auch zu lieben beginnen. Meiner Grossmütigkeit
/damit der Himmel mich begabet / ist es keines weges verkleinerlich: auch
gereicht es meiner übermenschlichen Stärke zu keiner Verschwächerung / dass ich
die Bande der Liebe trage. Die tapfersten Helden / die stärkesten Riesen seind
so wenig / als die allerverzagtesten Menschen / und allerschwächesten Zwärglein
/von so süssen Empfindligkeiten der Liebe befreit.
    (34) Der Anblik einer ganz sonderbahren Schönheit unter den Timnattischen
Töchtern hat mich / in der Liebeschuhle das erste Schuhlrecht abzustatten
/gereitzet / ich will nicht sagen verleitet. Die Augen /als Fenster zum Hertzen /
konten sich nicht entziehen ihre so helfunklende Strahlen / mein Hertz zu
entzünden / einzulassen. Diese Brunst nahm dermassen oberhand / dass ich / imfal
sie mir / mit dem Hertzen / auch die Behertzteit meines Gemühtes entzogen / so
lange nicht warten können üm die Besitzung derselben / die mich verliebt machte
/ zu wärben.
    (35) Eine Kriegsmacht von viel tausend Filistern und eben so viel tausend
Enakskindern darzu were nicht mächtig genug gewesen mich zu verhindern / sie /
durch die Stärke dieser Faust / ihnen angesichts zu entwältigen. Ich versichere
Euch / sie sollte in diesen meinen Armen schon liegen. Aber ich hatte / wiewohl
ich sonst selbst überwunden war /dannoch alhier nicht vergessen den Treiber
meiner Sinne zu überwinden. Und diesen Treiber / wie ungestühm er war / trieb
ich gleichwohl so lange zurück /bis Ihr Euch / zur Belohnung dieses Sieges / üm
die Besitzung der schönen Timnatterin mir zum besten bemühet.
    (36) Hierzu / hoffe ich / werdet Ihr nicht ungeneugt sein. Ja ich versichere
mich schon erlangt zu haben /was ich verlange. Ich hoffe / ja ich gleube / Ihr
werdet dieses Verlangen / durch Vereinbahrung eures Willens mit meinem Willen /
zu billigen kein Bedenken tragen. Mich dünkt / ich vernehme schon die
Glükswünsche / die Ihr mir zurufen werdet / in meinen Ohren. Mich deuchtet / ich
höre schon das Frohlokken meiner Mutter über ihre kurtzkünftige Tochter.«
    (37) Auf ein so kühnes Ansuchen / oder vielmehr Anmuhten / dessen sich
niemand vermuhtet hatte /wusste der halbbestürtzte Vater sich eine guhte Zeit zu
keiner Antwort zu entschlüssen. Er stund / als entzükt. Bald schlug er die Augen
nieder. Bald erhub er sie wieder. Er schüttelte das hängende Heupt. Zuweilen
täht er den Mund auf / als wan er reden wollte. Doch vernahm man von ihm anders
keine / als die stumme Rede seiner Gebährden; damit er die Traurigkeit seines
Hertzens vernähmlich genug andeutete. Endlich aber lies er seinen Bescheid /
indessen die Mutter /mit lauten Trähnen / ihr Misfallen über des Sohnes Vorsatz
bezeugete / folgender gestalt aus.
    (38) »Deine Liebe / mein Sohn« / sagte der Alte /»tadeln wir ganz nicht.
Auch trachten wir keines weges von der Liebe dich abzuhalten. Vielmehr ist es
uns lieb / dass du liebest. Du bist unser einiges Kind /unser einiger Sohn /
unser einiger Erbe. Solten wir dann darüm nicht lieber wünschen / dass du
liebetest /dass du dich beweibetest / als dass du lieb- und eh-los dahin lebetest?
Ach ja! mein Sohn / wir wünschen nichts lieber / als deine Liebe: vermittelst
derer wir dich in den Ehstand versetzet / und mit Kindern gesegnet sehen
möchten: damit unser Geschlächt vermehret / und für seinem Untergange bewahret
würde.
    (39) Aber wir wünschen auch hierbei / dass deine Liebe so geziemt / als
ungezeumt sie aus der Spuhr schreitet / sein möchte. Ich will sagen / dass sie so
wohl die Vernunft / als deinen verkehrten Willen / zur Führerin hette. Wer die
Vernunft höret / wird nie betöhret. Diese mus auch in Menschlichen Dingen /wie
in Göttlichen der Glaube / den Ausschlag haben. Beide müssen / jene dort /
dieser hier / das meiste gelten. Mit diesen zwo Leuchten wandelt der Mensch
/auch mitten in der Nacht / ohne stulpern / über alles hulprige hin. Wan er aber
seines Gemühtes unbesonnenem Triebe folget; dann stösset er / selbst auf ebenen
Wegen / und im klähresten Mittage / überal an / ja fället wohl gar zu bodem.
    (40) Fehlet es dann deinem Geschlächte an Jungfrauen? Mangelt es unter allen
Stämmen Israels an Weibsbildern? und gebricht es diesen an Geschikligkeit? Ist
dann keine Schönheit unter allen Töchtern dieses ganzen Volks / die dir gefalle?
Ist dann das Volk Gottes so unglücklich / dass unter allen desselben Eingebohrnen
nicht eine zu finden / die so liebsälig / so holdreich were / als eben diese
Heidin / die du zum Ziele deiner Liebe erkohren? Mustdu dir dann eben unter den
Unbeschnittenen eine Braut suchen; unter den Filistern / unsern Todfeinden / ein
Ehgemahl wählen?
    (41) Ich versichere dich / dass alhier bei uns eben so fürtrefliche
Schönheiten vorhanden / als dort. Ja ich darf wohl wetten / dass unser
Frauenzimmer an Hold-und Leut-säligkeit das Timnattische weit übertrift: zumahl
wan man die innerliche Gemühtsschönheit betrachtet; welche bei dem Heidnischen
sehr selten / oder kaum / ja wohl gar nicht zu finden.
    (42) Ich und deine Mutter / mit allen deinen Freunden / ja mit deinem
ganzen Volke / ziehen es uns für einen Schimpf an / dass du unsern Töchtern eine
Fremde / ja selbst eine Feindin unsers Volks / und unsers Gottesdienstes
vorziehest. Deine zaumlose Leidenschaft können wir mit nichten guht heissen.
Dein ungeziemtes Verlangen / die Besitzung einer Filisterin zu erlangen / können
wir keines weges billigen / und noch viel weniger darein willigen.
    (43) Wan wir zuliessen / dass unser Sohn eine Götzendienerin heurrahtete;
were es nicht eben so viel /als wollten wir ihm verhängen zugleich ein
Götzendiener zu werden? Dieses sei ferne von uns! Da bewahre uns Gott für! Unser
Gesetz rahtet / ja ziehet uns von solcher so gar schädlichen Einwilligung ab.
    (44) Zudem wan es ie geschehen sollte / welches wir doch nimmermehr hoffen
wollen / dass du diese Filisterin ehligtest / und / durch dieses Mittel /dich mit
den Filistern / derer Joch uns drükket /befreundetest; so würden wir das feste
Vertrauen / das wir haben / von diesem Joche / durch Dich / erlöset zu werden /
verlieren. Ja Gott selbst würde Dich / den Er sonst uns zu unsrem Erlöser
erkohren / alsdan verwerfen / und dieses Heilwerk durch, einen solchen / der
sich einer Heidin / einer Gottesverächterin Liebe so schändlich betöhren lassen /
nicht ausführen wollen. Darüm / mein Sohn / lenke dich zu besseren Gedanken.
Begehe diese Tohrheit nicht. Siehe wohl zu / was du tuhst.«
    (45) Manoah / so hies Simsons Vater /wollte weiter reden: aber der Sohn fing
ihm das Wort auf / und fuhr / halberzürnet / folgender gestalt fort. »Freilich
seh' ich wohl zu / was ich tuhe. Ich habe mir / mitten unter den Feinden / eine
Braut erkohren. Ich habe sie aus den Götzendienern erlesen / oder vielmehr zu
erlösen im Sinne. Was schadet nun diese Wahl? Was hindert dieser Vorsatz? Ich
sage vielmehr / dass es uns frommen kann. Ja es wird uns frommen: das solt ihr
bald erfahren.
    (46) War es dem Egiptischen Schaltkönige Josef / dem Sohne Jakobs oder
Israels / unsers algemeinen Stamvaters / zuläslich / dass er eine Egipterin /
eine Heidin / und gar eine geweihete Götzendienerin / ja selbst eines Obersten
der Egiptischen Götzenpfaffen Tochter heurrahten mochte; warüm sollte mir es
verarget werden eine Filisterin / die zwar auch eine Heidin / und Götzendienerin
/ aber keine Geweihete / noch eines Götzenpfaffen Tochter ist / zu meiner Braut
zu wählen? Wan derselbe / den man nachmahls selbst unter die absonderlichen
Stamväter der Kinder Israels / des Volkes Gottes / gerechnet / solches tuhn
dürfen; warüm sollte dann mir / der ich nur ein Absprösling solcher absonderlichen
Stämme bin / dergleichen zu tuhn verbohten sein; zumahl da der Sache
Beschaffenheit auf der Braut Seite / weil sie weniger ärgerlich scheinet / mir
mehr Freiheit erleubet?
    (47) Ich will mehr sagen: Scheuete sich Moses /des Volks Israels Gesetzgeber
selbst nicht / sich mit der Zipore / einer Araberin / einer Mohrin / ja Heidin /
und eines Heidnischen Priesters in Midian / des Raguels Jetro Tochter / in
Ehgelübnis einzulassen; so darf auch ich keine scheu tragen mich mit einer
Filisterin zu vermählen. Und wan dieser Man Gottes hieran so übel getahn / wie
ihr wähnet / dass ich an dieser meiner beschlossenen Heurraht tuhe / so würde
Gott seine Schwester Mirjam / weil sie / samt ihrem Bruder dem Aaron / deswegen
gemurret / gewislich nicht mit der allerabscheulichsten Seuche des Aussatzes
gestrafet / ja ihn selbst nimmermehr zum Führer und Fürsten seines Volkes
bestellet haben.
    (48) Eine so ausbündige Schönheit / wie diese / die meinen Augen gefället /
behält überal den Preis. Der Ruhm bleibet ihr überal. An allen Orten gebühret
ihr Ehre. Ja were sie schon mitten in der Hölle; würde doch der Ort ihre
Verdienste nicht mindern: indem sie ihre Liebligkeit und Liebenswürdigkeit von
ihr selbst / und nicht vom Orte / der sonsten so häslich / so unwährt ist /
bekommen.
    (49) Mit Vorbedacht tuh' ich / was ich tuhe. Dan so lange dieser so währte /
so liebe Schatz in den Händen unserer Feinde bleibet / können sie anders nicht
/als währt und lieb gehalten werden. Wie kann auch ich zum Heilande / zum Erlöser
des ganzen Israels geboren zu sein / ja zum Verderben eines solchen Volks /
das uns drükket / erkohren zu sein gesagt werden / so lange sich unter demselben
eine so anbähtenswürdige Schönheit befindet? Ja wie sollte ich eine Stadt /
darinnen sie sich aufhält / oder einen Feind / der die Ehre hat sie zu besitzen
/ indem ich ihrentwegen aufhören müste sein Feind zu sein / beleidigen können?
Ich würde gewislich mir einbilden /imfal ich solches tähte / das Laster eines
beleidigten Heiligtuhms / das einer Gotteit geheiliget / begangen zu haben.
    (50) Hingegen würden die Filister / sobald sie ihrer Gegenwart sollten
beraubet sein / in der Taht erfahren / dass ich ihr Feind worden. Und darüm
verziehet nicht länger / durch eure Bewilligung / unsern Feinden ihre Verheerung
über den Hals zu ziehen: damit wir an unsern Hälsen ihr eisenhartes Joch /durch
ihr Bluht / ie eher / ie lieber durchweichet / ja gar zerschmoltzen sehen
mögen.«
    (51) Der alte Manoah hatte / unter seines Sohnes Wiederantwort / zwar
unterschiedliche Gegenwürfe mehr ersonnen / in Hofhung / ihn endlich einmal zur
Beobachtung seiner Pflicht zu bewegen. Aber er begunte kaum zu reden: ja er
hatte hierzu den Mund kaum eröfnet / als Simson seine Rede schon unterbrach. Und
solches täht er mit folgenden Worten.
    (52) »Mein Schlus« / sprach er / »ist unveränderlich. Unbeweglich bleibet
mein Sin. Mein Wille stehet fest. Meine Worte dringen auf meines Verlangens
Volziehung. Ich will / ja ich mus vergnüget sein. Ich will rundaus dieselbe
besitzen / die sich meinen Augen so angenehm / so wohlgefällig gemacht.«
    (53) Mit hiesigen Worten trafen die Gebährden zu; und mit den Gebährden die
Stimme. Aus deren hart-erhobenem Klange konnte man die Hartnäkkigkeit seiner
Entschlüssung unschweer errahten. Eben dasselbe gab er auch / mit seinen starren
Augen / und übersich geruntzelter Stirne / zu verstehen. Zu diesem kahm die
Veränderung der Farbe / des Ganges / des Standes / ja der ganzen Leibesgestalt
/ die mehr einen trotzigen und tolkühnen Muht / als ein verliebtes Hertz
andeutete.
    (54) Aus solchen so unfehlbahren Zeichen eines gewalttähtigen Willens / war
die Rechnung leichtlich zu machen / dass des Vaters Beredungen nichts verfangen
würden. Manoah märkete nun sehr wohl /dass seines Sohnes Wahl bloss eine Würkung
der Sinligkeit sei; die das Wohlgefallen zur Richtschnuhr erkohren. Er sah /
dass allhier alles nach Beliebung der Augen sich richtete. Wo nun diese allein
herschet / da geht der Verstand auf Steltzen: da fället die Einrede /wie
vernünftig sie ist / auf ein steinichtes Land. Da ist es unmüglich / dass sie
sich bewurtzele / ja noch unmüglicher / dass sie fruchte.
    (55) Hierbei befahrten sich auch Vater und Mutter /wan sie / ihm zu
widerstreben / fortführen / eines unglücklichen Ausschlages. Sie fürchteten / es
möchte seine Steifsinnigkeit zur Tolsinnigkeit ausbrächen. Sie besorgeten sich /
er möchte seiner Faust / die sich auf den gewaltigen Nachdruk seiner Stärke
verlies /ungeziemter Weise zu wühten verhängen: oder aber sonst eine unrühmliche
Taht verüben.
    (56) Einen Starken / in seiner Erbossteit / durch vieles zörgen / noch
erbosster zu machen ist gefährlich. Dan sein Zorn / ie höher er steiget / ie mehr
Kraft gibt er seiner Stärke; und schläget endlich wohl gar in eine grimmige
Wuht aus: die alsdan /durch die Stärke seines Armes / das Verderben überal säet.
Ein solcher lest sich durch nichts aufhalten. Er bricht / ie mehr man ihm zu
wehren trachtet / ie gewaltiger durch alles durch. Seine blinde Gemühtstrift
lest sich zuweilen / durch einen andern / bei der Richtschnuhr des Urteils /
wohl leiten / aber von ihrem Wege nie ableiten.
    (57) Bei Erwägung dieser Beschaffenheit / entschloss sich endlich der Vater
in seines Sohnes Willen zu willigen: weil er doch wohl sah / dass die Kraft
seiner Bewägnisse wider die Macht der Sinregungen seines Sohnes nichts / ja gar
nichts auszurichten vermochte. Und also erhielt Simsons Wille den vollen Sieg
über den Willen seiner Eltern: die es sehr schmertzete / dass sie ihrem Sohne /
zu seinem verkehrten Willensiege / behülfliche Hand zu leisten sich keines Weges
entbrächen können.
    (58) Aber es war beiden Eltern noch zur Zeit verhohlen / dass Simsons Wille /
durch einen höheren Willen getrieben / gleichsam gezwungen ward sich dem ihrigen
zu widersetzen. Sie wussten noch nicht /dass die Götliche Hand selber / und
nicht Simsons unbändige Gemühtsneugung / wie sie itzund wähneten / die Treiberin
war in dieser Sache. Sie erkannten nicht / dass Gott / der in seinen wüchtigen
Schlüssen / dergleichen einen Er alhier auszuführen vorhatte / auf eine ganz
sonderliche / wunderliche / ja der Vernunft / und den Göttlichen Befehlen selbst
oft / dem Ansehen nach / widrige Weise gemeiniglich würket / hierinnen mit
unterspielete. Sie gedachten nicht / dass Simson / auf Gottes Verhängnis / seine
Brautwahl begonnen: dass er hierdurch der Filister Hochmuht und Gewaltzwang zu
dämpfen Uhrsache suchen / und das Heilwerk der zuvor geweissagten Erlösung
seines Volkes gleichsam anträhten und befördern sollte.
    (59) Von der Zeit an / da den Fal des ersten Mansbildes / und zugleich aller
nach ihm / ja selbst aller Menschen beiderlei Geschlächts das allererste
Weibesbild veruhrsachte / scheinen die folgenden Weibsbilder / als des ersten
Töchter / ein gar gewöhnliches Mittel zum Falle der Mansbilder / ja selbst zur
Verwüstung ganzer Völker / durch Gottes Verhengnus /geworden zu sein. Die
Wahrheit dessen bezeugen uns / in so gar überheufter Mänge / die Beispiele bei
den Geschichtschreibern.
    (60) Von so vielen tausenden wollen wir nur etliche nennen. Ein kleiner
Auszug ihrer so langen schwartzen Rolle wird hier genug sein. Die bekantesten /
die alda eingerollet stehen / seind Jesabel /Atalie / beide Königinnen von
Israel / Helene / die Trojische / Hippodamie / des Oenomaus Tochter / Hippodamie
/des Piritous Gemahlin / Aspasie / des Perikles Spielmägdlein / Lavinie / des
Lateinischen Königs Tochter / Arsinoe / des Agatokles Stiefmutter / Anaxarete /
Deianire / Berenize / Eurifile / des Amfiaraus verrähterisches Ehweib /
Nikostrate / Fedre / des Hippolitus Stiefmutter / Hermione / Zille / des Königes
Nisus verrähterische Tochter / Kleopatre / die Egiptische Königin / Tullia / des
Servius Tullius verrähterisches Ehweib / Fridegunde /König Hilfreichs
verrähterische Gemahlin / Isabelle / Graf Luchins Gemahlin.
    (61) Nach diesem so gewöhnlichen Glüksfalle /sollte dann auch alhier den
Filistern ein Weibesbild / das Simson / aus ihren Töchtern selbst / zu seiner
Braut erlesen / zum Falstrükke dienen. Es sollte die Falbrükke sein / dadurch die
Almacht Gottes diesem Helden den Zugang / sie feindlich anzufallen / eröfnen
wollte. Es sollte gleichsam der Angelhake sein /sie zu fangen / und den Tod unter
ihnen überal auszusäen. Ja es sollte Dieselbe / die ihn verliebt machen müssen /
ihn auch erbossen / und aufreitzen eine Verwüstung / unter ihrem Volke / weit und
breit anzurichten.
    (62) Und also hat Simsons Liebste / die doch keines weges gewillet war /
ihren Landsleuten einiges Unheil über den Hals zu ziehen / zu der Filister
Niederlage / wider ihren Willen / ja selbst unwissend die fürnähmste
Bewäguhrsache sein müssen: indem die Götliche Rache / wie es scheinet / sich /
zum Verderben der Filister / nirgend anders anspinnen wollen / als an diesem
Wokken / darvon der Fadem des menschlichen Verderbens sich zum allerersten
entsponnen / und noch itzund am meisten fortgesponnen wird. Ja ich darf wohl
sagen / dass ein Weibesbild gemeiniglich der Feuerstein sei / daraus die Funken
zu einem solchen Feuer / das den Untergang so manchen Völkern veruhrsachet / so
heuffig entspringen.
    (63) Diese Funken nun geben sie von sich fürnähmlich auf dreierlei Weise.
Erstlich / zuweilen unwissendlich / und wider ihren Willen; wie Simsons Liebste:
darnach / oftmahls wissendlich / doch mit gezwungenem Willen; wie die entführte
Frauen der Sabiner: und dann / zum öftern wissendlich /und willens; wie die
weltberufene unflätige Tais getahn / die dem Grossen Alexander so künstlich zu
liebkosen wusste / dass er / ihr zu liebe / und ihm zum schändlichen Nachruhme /
über die unschuldige mächtige Stadt Persepolis das Feuer seiner Grausamkeit zum
allererschröklichsten ausstürtzete.
    (64) Weil dann die Almacht Gottes / in diesem Liebespiele / solchergestalt
mitwürkete / mochte Simson das Augenmärk / seine Liebe zu vergnügen / unschweer
erreichen. Wo Gottes Wille mitwaltet / da erlangt man alles / was man verlangt.
Wohin der Himmel will / dahin mus die Erde folgen. Wo Gottes Rahtschlus unsern
Willen begünstiget / da gedeiet unser Anschlag zum glücklichen Ausschlage. Da
müssen alle Hindernisse weichen. Schlösser und Rügel springen auf. Die Tühren
öfnen sich selbst. Alles mus unsrem Willen gehorchen.
    (65) Manoah hatte zwar Simsons Heurraht bewilliget: gleichwol verzog er mit
derselben Volziebung. Die Väterliche Zuneugung konnte nicht gestatten / dass sein
Sohn so bald wieder verreisete. Hierzu stimmete die Mütterliche Liebe. Die
Bluhtsfreunde selbst wollten ihn so geschwinde nicht missen. Ja das ganze
Dannische Volk vermochte diesen so schleunigen Abschied kaum zu leiden. Aber dem
jungen Liebeschüler war der kürtzeste Verzug zu lang. Der geringste Verschub war
ihm vedriesslich. Eine Stunde fiel ihm alhier länger / als sonst ein ganzes
Jahr. So sehnete er sich nach seiner Liebsten.
    (66) Es stritte dann alhier so vielerlei Liebe: doch keine so heftig / als
des verliebten Simsons. Diese zwang alle die andern zur Ubergabe. Vater und
Mutter mussten sich selbst / auf sein so ungestühmes Anhalten / mit ihm auf die
Reise begeben / dem Verlöbnisse beizuwohnen. Die Verwanten warden gezwungen /
ohne ihn / der Heimat zu hühten. Das ganze Volk vermochte seinen Abschied nicht
zu hintertreiben.
    (67) Die Reise nach Timnat ging fort. Vater und Mutter begleiteten ihren
Sohn: der so langsam nicht schleichen konnte / als die alten Eltern. Auch durfte
er nicht / als ein Jüngling: viel weniger / als ein Verliebter. Er hielt es für
Schande. Darüm war er froh / dass die Liebe seine Füsse flügelte: dass die Begierde
/ die jenige zu sehen / derer Schönheit ihn so kräftig an sich zog / seinen Gang
fortjagte: dass das Verlangen dieselbe zu besitzen / die sein Hertz besass / sein
Treiber war worden: dass der Liebestein zu Timnat selber ihn fortzog. Also lief
Simson / oder sprang vielmehr / als ein flüchtiges Reh / das der Schütze der
Liebe jagte / vor seinen Gefährten hin. Ja er eilete ie mehr und mehr / ie näher
er an Timnat zu gelangen begunte.
    (68) Ein muhtiges Ros märkt es zur Stunde / wann es der Krüppe sich nähert.
Dan begint es / aus Liebe zum Futter / mit weiteren Schritten / ja völleren
Sprüngen / zu rennen. Dan reisst es / gleich als geflügelt / seinen Reiter
dermassen fort / dass er weder der Spisruhte / noch der Spohren bedarf.
Gleichergestalt täht alhier Simson. Als er dem Orte sich näherte / da ihn das
Futter der Liebe füttern sollte / fing er auch an viel stärker zu eilen / als
zuvor iemals. Ja die Hoffnung / seine Liebste bald in seinen Armen zu sehen /
vermehrte seine Kräfte dermassen / dass er selbst schier nicht wusste / wie so
hastig er fortkahm.
    (69) Sobald er nun nahe vor der Stadt die lustige Gegend der Weinberge
liegen sah / schlug er seitwärts aus. Er nahm seinen Weg hinter denselben hin.
Er verlies die gebahnte Heerstrasse / und begab sich auf einen wenig gebahnten
Fusssteig. Und solches täht er ohne Zweifel aus Furcht / es möchten die
Weintrauben / die nunmehr zu ihrem völligen Reiftuhme gelanget / ihn lüstern
machen die Süssigkeit ihres Saftes zu kosten / und sich zugleich an seinem
Schöpfer zu versündigen.
    (70) Simson war schon ein Verlobter Gottes /eh er geboren worden. Und daher
durfte er keinen Wein trinken / noch Weintrauben essen. Beides war ihm
verbohten. Dieses Verboht nun nicht zu überträhten / verlies er die gewöhnliche
Landstrasse /die mitten durch die Weinberge hinlief; und begab sich / hinter
denselben / auf einen Schlaufweg. Und also wollte er die Gelegenheit zu sündigen
meiden: welche der Ort den durchreisenden / durch die grosse Mänge seiner so
mancherlei Weintrauben / mildiglich anboht.
    (71) Wer hette diese so lieblichen Brüste / welche die Vorübergänger / mit
tausend lustreitzenden Augen / anzulächlen schienen / bloss allein anschauen
können / dass nicht auch zugleich der Mund lüstern were worden / ihren
zukkersüssen Milchsaft einzusaugen? Ich gleube schier / dass es leichter gewesen
were den anreitzenden Liebestrahlen einer Jungfreulichen Schönheit zu entgehen /
als die Anlokkungen dieser so angenehmen / so saft- und kraft-reichen
Rebenfrüchte zu verschmähen.
    (72) Darüm gedachte Simson: weit darvon ist guht für den Schus. Wer sich in
Gefahr gibt /verdürbt darinnen. Der Gefahr zu sündigen sich nähern / ist schon
halb gesündiget. Gelegenheit macht Diebe. Wir seind von uns selbst nur
alzulüstern zu Lastern. Man darf nicht erst hingehen / wo der Anlass darzu die
Augen beitzet / die Sinne reitzet. Nichts so sehr ist uns angebohren / als die
Neugung zu Uberträhten. Mit der ersten Muttermilch wird sie uns eingeflösset. Man
darf darzu keines andern Einflusses. Man darf sie / durch Ergreiffung der
Gelegenheit /nicht mehren / und triftig machen.
    (73) Aber indem Simson der einen Gefahr zu entgehen gedachte / geriet er
unverhuhts in eine andere. Er hatte sich kaum in die abwegigen Streucher begeben
/ da kahm albereit ein junger hungriger Leue brüllend auf ihn zu. Dessen
grimmiger Anblik schien ihm gleichwohl lange so gefährlich nicht / als das
Anschauen der Trauben: die ihn zur Uberträhtung des Götlichen Gebohts
anzureitzen vermochten.
    (74) Ein Leue / wan er erzürnet wird / brühet einer vorgeworfenen Henne /
mit seinem südendheissem Ahtem / oftmahls die Federn weg. So heftig hitzet und
brennet sein Zorn. Gleichwohl scheuete sich Simson für diesem nicht / der mit
aufgesperretem Rachen auf ihn ansprung. Er wich keinen Fuss breit /weder
hintersich / noch seitwärts: wiewohl er ganz wehrloss war. Er hielt stand / mit
unerschrokkenem Muhte: indem der Geist Gottes seinen Muht bemuhtigte / sein
Hertz behertzte / und seine Faust / die das einige Werkzeug sein sollte dieses
Tier zu fällen /kräftiglich stärkte.
    (75) Ein tapferes Gemüht weis von keiner Flucht. Es ist unbewäglich. Kein
Trutz kann es schrökken. Seine Tapferkeit verhöhnet die Grimmigkeit / dämpfet den
Hochmuht / vereitelt das Dreuen. Des Leuen Wesen war grimmig / sein Gang
hochmühtig / sein Rachen vol Dreuungen. Er schüttelte die Mähne /knirschete mit
den Zähnen / scharrete mit den Pfohten / blitzete mit den Augen. Doch fürchtete
sich dieses Hertz / dem nichts / was menschlich ist / bewust war /für so leeren
Aufzügen ganz nicht.
    (76) Als nun der Leue so nahe war / dass er den Simson mit den Pfohten schier
erreichen konnte; da schwung er sich / mit einem gewaltigen Sprunge /nach ihm zu
/ den ersten Angrif zu tuhn. Simson aber vereitelte diesen Ansprung / durch
einen behänden Zurüktrit: und fiel darauf das Tier dermassen an /dass er es von
stunden an auf den Bodem warf / und wie ein Böklein zerrisse. Also erlegte
Simson den Leuen: und nachdem er ihn / neben dem Schlaufwege / in die Streucher
verstekt hatte / begab er sich wieder auf den Fussweg seine Reise fortzusetzen.
    (77) Von einer so kühnen Taht schwieg dieser Leuenkämpfer gleichwohl ganz
stille. Er berührte sie nicht mit einem Worte. Er täht nicht / wie mancher
Grosssprächer; der mehr prahlet / als er ausgerichtet. Er wollte kein Windbrächer
/ kein Aufschneider sein: der im Wahrreden eben so karg ist / als er / mit
milder Zunge / hinter der Wahrheit hin lustwandeln geht; damit er von den
Leuten üm so viel mehr gerühmet /geehret / und angesehen werde. Ein solcher Ehr-
und Ruhm-Geitz fand bei unserem jungen Freuer keine statt. Er entdekte diese
Begäbnis weder Vater / noch Mutter / ja selbst der Liebsten nicht. Und also
schien er sie / in seinem Hertzen / unter dem Kohlfeuer der Liebe verscharret zu
haben.
    (78) Es war auch in Wahrheit ganz scheinbarlich /dass zuvörderst die Liebe
dieses so gar geheime Stilschweigen veruhrsachet: Weil die Eingezogenheit und
Niedrigkeit / als erstgebohrne Töchter der Liebe /derer Bohtmässigkeit den
Satzungen des Hochmuhts und Ehrgeitzes schnuhrstraks zuwider / Simsons Hertz
beherscheten. Zudem mochte sich Simson in seinen Liebesgedanken vielleicht so
sehr vertieffet haben / dass er alles dessen / was ihm mit dem Leuen begegnet /
vergessen; oder sich so viel von denselben / solches zu erzählen / nicht
abmüssigen wollen.
    (79) Zu diesen Würkungen der Liebe kahm auch vermuhtlich die Furcht: indem
er sich befahren konnte /wan seine so kühne Taht Vater und Mutter erführen /sie
möchten darüber erschrökken / und sich derselben Macht / die Eltern über Kinder
zukömt / allezeit gebrauchen. Ja er konnte die Rechnung leicht machen /dass sie
ihn alsdan / aus alzuübermässiger Beisorge /seine so grosse Kühnheit und Stärke
möchten ihn irgend zu Schaden bringen / nicht weit auslassen würden.
    (80) Die Jugend ist gemeiniglich verwägen: zumahl wan sie sich verlesset auf
Stärke; derer Gebuhrt die Verwägenheit so wohl / als die Kühnheit ist / wo nicht
auch die Frechheit. Wo nun die Verwägenheit einziehet / da ziehet die
Vorsichtigkeit aus. Keine leidet die andere. Beide vertragen sich nimmer
zusammen. So bahnet dann die Verwägenheit den Weg zum Untergange. Sie würket das
Verderben. Zum wenigsten ist sie vol Gefahr: welche die Vorsichtigkeit meidet.
Und darüm ist es guht / dass ein verwägener Jüngling unter dem Zaume der Eltern
stehe. Wer dem entleuft / der rennet mitten ins Unglück.
    (81) Mitler Zeit war Manoah / samt seinem Weibe / zu Timnat angelanget.
Kurtz darnach kahm Simson auch an der dann seinen Vater alsobald antrieb das
Brautgewärbe zu verrichten. Straks ward der Jungfrauen Eltern angedienet / dass
Manoah von Zarea sie zu sprächen begehrte. Die Vergünstigung kahm / mit dem
Bohten / geschwinde zurück. Geschwinde musste Manoah / mit noch zween
Bluhtsfreunden / sich aufmachen. Simson lies ihm keine Ruhe: wiewohl er selbst
so gern der Ruhe genossen. Ohne Verzug sollte das Jawort gefordert / und gegeben
werden.
    (82) Simsons Stärke war schon überal erschollen. Seine Tapferkeit kenneten
die Filister. Sein blosser Nahme war ihnen ein Schrik. Und darüm durften sie
seinen Freuwärbern nichts abschlagen. Das Gewärbe ward angenommen. Die
Einwilligung folgete. Dem Freuer ward vergönnet die Jungfrau zu besuchen. Alles
ging ihm nach Willen und Wunsche.
    (83) Manoah kahm mit dieser fröhlichen Bohtschaft geschwinde zurück. Simson
begab sich straks in das Brautaus. Straks ward er in das Jungfrauenzimmer
geführet. Geschwinde ging alles zu. Ihn und seine Liebste lies man allein. Sie
hatten auch keines Zuschauers nöhtig. Ein fremdes Ohr und Auge war ihnen
vedriesslich.
    (84) Die Liebe paaret nur. Sie kann kein drittes leiden. Ihre Gesellschaft
beruhet bloss auf zweien. Durch zwo Zungen / unter zwei paar Ohren / und zwei
paar Augen / wird ihr Band befestiget. Auch fügt sich das Wort / das dieses Band
bindet / nur aus zwee Buchstaben zusammen. Einer ahrtet dem Selbstande dess
Mannes nach / der andre dem Weibsbilde. Jener stimmet für sich / dieser mit zu.
Jener führet die Haupt-dieser die Unter-Stimme.
    (85) Wer war froher / als Simson? Wer war vergnügter / als er? der nunmehr
die ersten Vergnügungen seiner Liebe ganz überflüssig einärnten konnte. Bei dem
ersten Eintritte / bildete er ihm schon ein im Reiche der Liebe König zu sein.
Ja er befand sich / in seinen Gedanken / schon auf der Liebe Reichstuhl erhoben
/ als er seine Liebste zum ersten erblikte; als ihn dünkte / ihre Gegenblikke so
lieblich / so freundlich auf ihn gerichtet zu sehen / dass er für Liebe zerflüssen
/ ja gar in lauter Liebe verändern müste. Nunmehr schienen sich seine Augen mit
ihren süssen Liebesblikken / seine Ohren mit ihren so anmuhtigen Zukkerworten /
sein Mund mit dem Honigtau ihrer zahrten Lippen schon zu sättigen.
    (86) Seine Ansprache war kurtz. Den Flus der überflüssigen Schmukreden
kennete sie nicht. Ihre Worte flossen ganz rein und lauter aus dem Brunnen
seiner Liebe. Diese mahlte seine Zunge ganz nakkend ab. Er überfärbete sie mit
keiner Schmünke. Er überstrich sie mit keiner Zierfarbe. Er verstellete / noch
verschönerte sie mit keiner fremden Maske. Er schmukfärbete / noch prunkredete
keines Weges; wie sonst in dergleichen Begäbnissen geschiehet. Ja er drükte
seine Gemühtsneugungen folgender Gestalt aus.
    (87) »Meine Hertzallerliebste« / sagte er / »nun ist der Tag meiner
Zufriedenheit geboren. Nun ist die Stunde meiner Vergnügung erschienen. Dieser
Augenblick lest mich alle meine Glüksäligkeit erblicken. Itzund wird mir / sie zu
sprächen / erleubet. Itzund wird mir ihre Besitzung versprochen. Itzund wird mir
zugefüget Dieselbe / derer Schönheit helleuchtende Strahlen mit Liebe mein Hertz
entzündet.
    (88) Ich brenne für Liebe. Ich komme / durch Liebe getrieben / zu meiner
Liebsten. Aus feuriger Liebe spräch' ich sie an. Ich rede von Liebe. Ihr zu
Liebe lebet mein Leib. Mein Hertz dürstet nach ihrer Liebe. Auf ihre Liebe
hoffet mein Geist. In ihrer Liebe mein Leben zu laben verlanget meine Seele. Mit
ihrer Liebe begehr' ich gesättiget zu werden. Wan ich dieses erlange / wird die
Erde mein Himmel / und ihre Besitzung meine Säligkeit sein.
    (89) Hingegen verspräch' ich ihr wieder alle Liebedienste. Diese Hände /
denen die Almacht Gottes den Auszug menschlicher Stärke zugeteilet / sollen
allezeit ausgebreitet sein sie zu tragen. Diese Arme sollen nie aufhören ihren
lieben Leib zu ümarmen. Dieser Schoss soll nimmermehr überdrüssig werden sein
Sässel zu sein. Diese Füsse sollen fort und fort bereit stehen ihr aufzuwarten.
Ja der ganze Simson soll unaufhörlich trachten ihren Befehlen zu gehorchen.
    (90) Es kann auch in Wahrheit ihrer Hochachtbarkeit zu keiner Verkleinerung
gedeien / wan Simson ihr Untertaner wird: dessen blosser Nahme dieselben / die
nur wissen / was Simson ist / erschrökket. Vielmehr wird es ihr ein
unvergleichlich- grosser Ruhm sein / dass ein solcher sie dermassen übermenschlich
ehret / dass er eher den Preis seiner Tapferkeit missen wollte / als aufhören ihr
Leibeigner zu sein.
    (91) Darüm bedenke sie sich nicht lange. Darüm verziehe sie nicht mich zu
vergnügen. Verliebten ist nichts unerträglicher / als der Verzug. Nichts ist
bitterer / als ihr Verlangen erlängern: nichts auch dagegen süsser / als das
unverzügliche Vergnügen. Straks gegeben ist zweifältig gegeben / und macht auch
zweifach verpflichtet.
    (92) Die Glüksäligkeit ihrer zu geniessen ist mir versprochen. Ihr Ehgatte
zu sein bin ich bestimmt. Es ist ihrer Obern Wille / ihrer Eltern Verlangen. Ja
ich will mehr sagen / der Himmel selbst giebet sein Jawort darzu. Ei! so verziehe
sie dann nicht Dieselbe zu sein /darzu sie der Himmel versehen / die Eltern
benennet /und ich selber erkohren.
    (93) Lesset vielleicht ihre Jungfreuliche Schaamhaftigkeit die Worte nicht
zu? Darf sie etwan / aus angebohrner Blödigkeit / nicht reden? Eil so geruhe sie
zum wenigsten ihre Bewilligung / durch ein Bliklein ihrer lieblichen Augen / zu
erklähren. Ein einiger Wink soll mir genug sein. Das Nikken ihrer schneeweissen
Stirne / das Eröfnen ihrer lieblichroten Lippen / die Bewägung eines anmuhtigen
durch dieselben hinschlüpfenden Hertzlüftleins soll mir an statt des Jawortes
dienen.
    (94) Wan ich dieses erlange / werd' ich einen Schatz besitzen / der mir
lieber sein wird / als alle Schätze der Welt: den ich höher schätzen werde / als
alle Reichtühmer / als alle Königreiche / die der Himmel mir iemals schenken
könnte. Hiermit endigen sich meine Reden; doch meine Seufzer nicht: die erst
aufhören werden / wann sie aufhören wird meinen Ruhetag aufzuschüben.«
    (95) Unter währender dieser Rede stund die Jungfrau stokstille. Nur ihre
Augen schlug sie zuweilen ein wenig auf: iedoch mit solchen Blikken / welche
andeuteten / dass des Freuers Worte zwar das Ohr /aber nicht das Hertz
berühreten. Ja sie schien ganz achtloss / kaltsinnig und ohne Liebe: von derer
Kraft und Würkung sie auch gewislich nichts wusste. Zum wenigsten hatten ihre
Füsse die Liebesschuhle noch nie betreten: wo sie nicht gar / der Angebohrenheit
nach / einer volkommenen Liebe nachzuhängen Abscheu trug. Gleichwohl antwortete
sie / nach einer kleinen Verweilung / mit folgenden wiewohl zimlich fremden
Worten.
    (96) »Es scheinet« / sagte sie / »als sei ich meinen Eltern eine Tochter zu
viel: weil sie mich einem Fremden zu geben versprochen. Vielleicht will man
meiner gerne los sein / dass man mich also zu verstossen bestimmet. Imfal ihr
Versprächen nicht zu ändern / und sie meiner los zu sein noch itzund gewillet:
so wird sich mein Wille nach dem ihrigen nohtdrünglich richten müssen. In diesem
Kreuse mus ich bleiben. Hierinnen mus ich gestatten / dass sich der ganze Handel
ümdrehe.«
    (97) Simson stund in seinen Liebesgedanken so vertieffet / dass er nicht acht
schlug auf ihre Reden: die mit lauter stachlichten anzüglichen Worten erfüllet
/und fast auf lauter Schrauben gestellet waren. Der Kuss / welcher zur
Bestähtigung des Ehverlöbnisses zu geben üblich / lag ihm fort und fort im
Sinne. Darüm betrachtete er auch ohn unterlass bald den Mund / bald die Wangen /
bald die Augen / bald die Hände seiner Liebsten. Dan diese waren die vier
Kusglieder / darunter er eines / den Siegel des Kusses darauf abzudrükken /
erwählen sollte. Und also war alle Kraft seinen Ohren entwichen / sich in seinen
Augen zu versamlen.
    (98) Als nun der Handschlag dieser zwei Liebsten /zur Befestigung ihres
Verlöbnisses / vorging; da bekahm er auch zugleich Erleubnis solchen so lange
verlangten Kus anzubringen. Hier war Simson zweifelschlüssig / wohin und auf
welchen unter den vier bestimmten Kuswürdigsten Oertern dieser einige Kus sollte
gegeben werden. Er hette ihn gern dahin gesetzt / da er ihm die meiste Wohllust
gebähren konnte.
    (99) Erstlich boht sich gleichsam hierzu der Liebsten Mund an / als der
gewöhnlichste und zu küssen anmuhtigste Ort; durch welchen auch nur allein der
Kus pflegte gegeben zu werden. Ja er bedung / als der einigste lebendige Redner
unter den vier Kusgliedern / mit ausdrüklichen Worten / den Vorzug.
    (100) Darnach schienen die Bakken ihn zu fordern; in derer erhobenen zwee
Lustgärten so wohl / als auf den zweifachen Koralwällen der Lippen / die
Purpurrosen zu blühen pflegen: wiewohl sie für kein Werkzeug der Sinligkeit /
wie andere Kusglieder / im Rahte der Sinnen / wollten erkant werden.
    (101) Hierauf winkten ihm die Augen / als wollten sie den Vorzug vor andern
Kusgliedern bedingen. Sie schienen zu sagen: dass ihnen / durch ihre
Gleichähnligkeit mit dem Kusse / oder vielmehr durch die Gleichähnligkeit ihrer
Kraft mit der Kraft des Kusses / der Kus zuvörderst zukähme. Dan gleichwie der
Kus ein Liebespfeil sei / der das Hertz verwundete; so weren die Augenstralen
auch Pfeile der Liebe / die eben dasselbe würkten. Zudem leuchteten die Augen
/als zwo Sonnen / die das Angesicht aufklähreten. Ja sie weren gleichsam zwei
Hertzensfenster / oder Hertzensbohten / durch welche man wahrhaftig und ohne
Betrug alles erführe / was in der geheimen Rahtstube des Hertzens beschlossen.
    (102) Endlich wenkten ihm die Schlossweissen behänden Hände: denen dieser
Verlöbniskus von rechtswegen gebühren wollte; weil durch sie der Zusage
Bekräftigung geschehen / und also auf sie derselben Versiegelung / durch den Kus
/ auch geschehen müste.
    (103) Simson schalt die alzukarge / wo nicht alzumisgünstige Gewohnheit /
die nicht mehr / als nur einen einigen Kus bei dergleichen Begäbnis zulies. Er
hette lieber alle vier kuswürdig erkannte Gliedmassen geküsset: ja noch darzu die
Stirne / die Schauburg /das Rahtaus / oder vielmehr den Reichsstuhl der Liebe;
zusamt dem Busen / dem zweifachen Königreiche der Liebe / dem zweihüglichten
Weinberge vol aller Ergetzligkeiten. Dan diese zween herrliche Sitze der
Schönheit schienen ihm nicht weniger kuswürdig /als jene.
    (104) Verliebte können sich auch in Wahrheit mit einem einigen Kusse nicht
wohl sättigen. Ein einiges Lustbislein stilt keinen Hunger. Ein einiges
Lustgüslein vermag das Feuer der Liebe nicht zu blüschen. Ein einiges
Kühltröpflein ist nicht genug den Brand der Begierden abzukühlen. Es kann den
Durst des Verlangens nicht leschen. Vielmehr dienet es die Heftigkeit der Lust
aufzureitzen. Vielmehr bringt es die Begierden vollend in den Harnisch. Vielmehr
erlängert es den Durst des Verlangens. Es ist nur Oehl ins Feuer.
    (105) Gleichwohl musste dismahl dem genauen Befehle der Gewohnheit gehorchet
sein. Und weil Simson sah / dass durch eine so zauderhaftige / so langsame
Kuswahl die Zeit verloren / seine Lust verzügert / und sein Hertz / durch
eigenen Selbmord /schier ertöntet ward; so entschlos er sich endlich solchen Kus
auf das gemeineste Kusglied / welches den Kus so wohl nimt / als giebet /
abzustatten.
    (106) Der Mund war auch gewislich dasselbe Glied / dadurch das Hertz seiner
Liebsten ihm den Ausspruch des Jawortes oder Ehgelübtes getahn. Und daher musste
freilich dieser Kus / der als ein Siegel des Ehgelübtes sein sollte / nirgend
anders hin / als auf eben denselben Mund / durch Simsons Mund / gedrükt werden.
    (107) So ümhälsete dann Simson seine Liebste. So fügte er Mund auf Mund. So
drükte er das Siegel des Kusses auf das rohtweiche Koral der zweifachen Tühre
des Hertzens / mit so viel Seufzern / als Wunden seinem Hertzen ihrer Schönheit
Strahlen gegeben. Und dieses täht er üm so viel erpichter / als heftig er
verlangte / durch den kühlen / oder vielmehr feuchten Lippentau / seine
Liebesbrunst / wonicht zu leschen /dannoch zu lindern.
    (108) Die Gedanken / welche Simson bei dieser Kuswahl hatte / verfassete er
auch nachmahls / bei müssiger Weile / in folgendes zweifache Kus- und
Schlus-lied.
 
                                Simsons Kuslied.
                                       1.
O Stärke / die entstärket schier!
o Kraft / an Kräften leer und öde!
o Tapferkeit / enttapfert hier!
o Kühnheit / die entkühnt und blöde!
Wie hat ein Strahl der Schönheit euch
so gar entstrahlt / entseelt zugleich?
                                       2.
O Arme / die entarmet seind!
o Hertz / das sich entertzet fühlet!
o Mund / der ganz entmuntert scheint!
der mit entlipten Lippen zielet /
doch ungewis / wohin der schus
soll setzen meinen ersten Kus.
                                       3.
Es sint nicht mein entsinter Sin /
noch mein entwjetzter Witz kann wissen /
wo dieser Mund soll wählen hin /
die Liebst' am lieblichsten zu küssen.
Ach! dass Vernunft vernehm' an Ihr /
und mein Verstand verstünd' alhier!
                                       4.
Vier Glieder fordern einen Kus /
der Mund / die Wangen / Händ' / und Augen:
darunter eins ich wählen mus.
Ach! dass die Wahl doch möchte taugen
zur süssesten Ergetzligkeit /
zur sichersten Zufriedenheit!
                                       5.
Der Mund beut sich am ersten an /
als der auch selbst gewohnt zu küssen:
der Küsse gibt / und nehmen kann;
die seinen Durst entdürsten müssen /
durch angenehmes Lippennas.
nichts kann so süsse sein / als das
                                       6.
Dem Munde folgt der Wangen zwei;
die jenen vor den Richtstuhl tagen /
und dass ihr Roht viel klährer sei /
als dort der Purpur / dürfen sagen.
Hier hägt die Lieb' ihr Bluhmenfeld /
dort scheint ersteint die Lust der Welt.
                                       7.
Hierwider handelt dann die Hand /
als die den Vorgrif hart bedinget:
weil ihr das Fühlen zuerkant /
das auch / durch sie / zum Hertzen dringet;
ja weil sie / was der Mund verspricht /
erst kräftig macht / durch ihre Pflicht.
                                       8.
Zuletzt erscheint der Augen paar /
der Hertzensfenster / Hertzensuhren;
dadurch man schauet hel und klahr
des fünstern Hertzens tiefste Spuhren.
Dis will vor andern hier allein /
durch einen Kus / versiegelt sein.
                                       9.
Mich wundert / dass der hälle Hals
nicht auch zugleich mit unterhallet;
dass nicht die Zunge gleichesfals /
noch auch die Brust darzwischenlallet;
ja dass die Stirne / die doch zeigt
der Liebe Himmel / itzund schweigt.
   
                                  Schluslied.
                                       1.
Nur auf / mein Mund! mehr hat man / als genug /
das leere Stroh / an Kornes statt / gedroschen.
Es schadet dir der lange Lustverzug.
Mein Urteil ist noch nicht so gar verloschen.
Es fält zuletzt auf meiner Liebsten Mund /
der meinem Ohr' ihr edles Hertz macht kund.
                                       2.
Auf! spitze dich! Itzt schlag' ich üm den Hals
hier diesen Arm / der manchen Arm geschlagen.
Nun koste doch dis süsse Lippenschmaltz /
daran auch selbst dis Weltrund schöpft behagen.
So wird mein Hertz in ihr Hertz eingedrükt /
und meine Seel' in ihrer Seel' erkwikt.
                                       3.
O nun behertzt- und eingehertztes Hertz!
wie wohl ist dir / wie wohl auch deiner Höhle!
Wie ist verschmertzt / ja selbst entschmertzt dein Schmertz /
o nun beseelt- und eingeseelte Seele!
Nur ein Kus schart alhier ein solches Heil /
dass tausenden sonst nährlich fält zu teil.
    (109) Unter wehrendem Liebeshandel des Simsons mit seiner Liebsten / die
hinfort mit dem lieblichen Brautnahmen zu beehren sein wird / war zwischen
beiderseits Eltern die Ehstiftung auch volzogen. Alles ging alhier ganz
einmühtig / und ohne einiges Widersprächen zu. Was der eine Teil vortrug / oder
begehrete / das bewilligte der andere straks. Was jenem beliebte / das beliebte
zugleich auch diesem. Keiner war dem andern zuwider. Alle stimmeten vertraulich
zusammen. Alle Vorschläge gedihen zu einem glücklichen Ausschlage.
    (110) Hierauf ward das Verlöbnismahl gehalten. Simson / und seine Braut
hatten an der Tafel die Oberstelle. Bei jenem sass der alte Manoah / bei dieser
Simsons Mutter. Darnach folgeten die Freuwärber / und andere Freunde. Den Ring
beschlos endlich der Braut Vater / zusamt ihrer Mutter / und jüngeren Schwester.
Unter wenigen geschahe dis Freudenmahl. Sie hatten auch keiner Zeugen mehr
nöhtig. Diese wenige waren genug. Was man durch Wenige volenden kann / darf man
durch Viele nicht beginnen. Ie weniger / ie vertraulicher. Grosse Gesellschaft /
kleine Vertrauligkeit. Viel Schauens / wenig Vertrauens. Was unter der Rosen
bleiben soll / mus durch Wenige geschehen. Der Mänge wird alles zu änge.
    (111) Nach volendetem Mahle / nahm Simson /samt seinen Reisegefährten /
Abschied / wieder nach hause zu reisen. Der alte Manoah lies der Braut seinen
Segen zurück. So täht auch Simsons Mutter. Der Braut Vater aber segnete dagegen
den Simson; wie auch die Mutter. Ja alle gaben einander wechselsweise den Segen.
Mit diesem Segen schieden sie voneinander. Simson reisete fort / zugleich
traurig / und fröhlich: traurig / weil er seine Braut verlassen musste; und
fröhlich / weil es bloss auf eine kleine Zeit geschahe. In kurtzen verhofte er
seine Freude zu erneuren. Uber wenig Tage sollten sich seine betrübten Augen an
seiner Sonne wieder aufklähren.
    (112) Kaum war er in seiner Väterlichen Behausung angelanget / da begunte er
/ zu seiner instehenden Hochzeit / schon Anstalt zu machen. Erstlich trug er
Sorge für seine Hochzeitkleider: welche die Pracht und Kostbarkeit unserer Zeit
/ noch den Französischen Zuschnit nicht kenneten. Darnach schaffte er auch an die
hand alles dasselbe / was er seiner Braut zum Mahlschatze zu geben verpflichtet.
Endlich war er bedacht auf die übrigen Nohtwendigkeiten. Und hierzu durften ihn
seine Eltern nicht antreiben. Sein Verlangen nach einer solchen so angenehmen
Zeit war ihm Antreibers genug.
    (113) Simson hatte neulich den Anfang seiner verlangten Vergnügung gekostet.
Aber dieses Kosten war ihm nur eine blosse Beitze / die ihn anreitzete die volle
Vergnügung zu suchen. Es war anders nichts /als eine Körnung / die sein
Verlangen üm so viel heftiger machte. Ja es war gleichsam der Lokvogel / der
seine Begierden zu einer weit höheren Ergötzligkeit anlokkete.
    (114) Ein kleines Zukkerstüklein lokaset nur / und macht den Mund lüstern /
sich mit dem ganzen Zukker zu sättigen. Ein einiges Wohllustschlüklein ist bloss
als ein Zunder des Liebedurstes; der nicht eher aufhöret / als nach einer vollen
Tränke. Kurtz / Simson verlangte nach demselben Tage / da die neulich geschehene
Zusage volzogen / ihm die gäntzliche Besitzung seiner Braut gewähret / und er
aus einem Breutigam / die süssen Früchte der Ehlichen Liebe / mit geheuften
Scheffeln / einzusamlen / ein völliger Ehman werden sollte.
    (115) War nun dieser neue Breutigam / durch das Verlangen angespörnet / zu
Zarea geschäftig; so war es seine Braut / samt ihren Eltern / zu Timnat nicht
weniger. Weil die Filister dazumahl noch über Israel herscheten / so wollten sie
diesem Volke nichts zuvor geben. Der Brautschmuk sollte üm soviel kostbarer sein:
weil die Braut einem Zareer /aus Israel bürtig / sollte vermählet werden.
Hierdurch gedachten sie ihr Ansehen vor ihren Lehnsleuten zu behaupten / und dem
Simson selbst / dessen Tapferkeit und Stärke sie sonsten sehr fürchteten /die
Augen zu verblenden.
    (116) Wiewohl der Hochmuht und die Hofahrt zu der Zeit lange so hoch nicht
gestiegen war / als in der Folgewelt; so sollte doch alhier so viel Pracht / als
ihnen bekant / und müglich / geführet werden. Konte die Braut schon nicht mit
kostbaren Perlen und teuren Demanten prangen; so warden doch hierzu Halsketten /
Arm- und Ohren-spangen / auch anderes gewöhnliche Geschmeide von Silber und
Golde bestellet. Konten ihre Brautkleider gleich nicht aus köstlichen seidenen
Zeugen gemacht / und mit güldenen Bohrten verböhrtelt / oder mit güldenen
Spitzen bespjetzt werden; so mussten sie doch so kostbar und zierlich sein /als
ihre damahlige Mittel sie zu geben vermochten. Ja man stellete zu Timnat alles
so an / als man nöhtig erachtete den Hochzeitgästen von Zarea eine blaue Dunst
vor die Augen zu mahlen.
    (117) Nachdem Simson zu Hause gegen sein Hochzeitfeier alles bestellet hatte
/ da begab er sich straks wieder auf die Reise nach Timnat / sein Beilager zu
volziehen. Wan itziger Zeit ein solcher Held /als Simson war / den auch Gott
selbst zum Fürsten und Heerführer seines Volkes bestimmet / auf sein Beilager
ziehen sollte; so würde gewislich sein Aufzug / mit vielem Gefolge von Reitern /
Reisigen Dienern /und Rüstwagen / auf das herrlichste / ja prächtigste geschehen.
    
    (118) Aber unser Zareische Breutigam wusste ganz von keiner Pracht / von
keinem solchen Schwalke /von keinen Hand- und andern Reisigen Rossen / ja selbst
von keinen Mauleseln: auf denen doch dazumahl die Richter in Israel / und andere
seines gleichen ansehnliche Helden zu reiten pflegten. Er ging /ohne einigen
Diener / gar zu fusse. Er hatte nicht einmal einen Stab in der Hand / sich
darauf zu lehnen /oder der Reissenden Tiere zu erwehren.
    (119) So ganz ungewafnet / ungerüstet / und unbegleitet zog er zu seiner
Braut / als der nur allein vom Geiste des HErrn begleitet / und mit Kraft und
Stärke von oben gewafnet und ausgerüstet sein wollte; wie er auch in der Taht
war. Ja ganz niemand folgete ihm /als Vater und Mutter / mit etlichen wenigen
gleichmässig ungewafneten Freunden: die er auch / zu seinem Einzuge zu Timnat /
nicht einmal bei sich behalten; indem er sich unweit von der Stadt von ihnen
gesondert.
    (120) Diese des Simsons Absonderung von seinen Reisegefährten geschahe
wiederüm vor den Timnattischen Weinbergen / und aus eben derselben Uhrsachen /
wie vor diesem. Alhier war es / da er sich auf den alten Schlaufweg / durch das
Gebüsche begab: da er vor etlichen Tagen den Leuen zerrissen /und hinter die
Streucher / in einen dikken Knak / geworfen. Alda lag auch noch itzund sein Aas.
Noch itzund waren die Kenzeichen des vergossenen Bluhtes zu sehen: welche die
Spuhr nach dem Aase zu eigendlich genug anwiesen.
    (121) Simson war begierig die zerrissenen Glieder dieses Untiers / als
seiner Tapferkeit und Stärke noch übriggebliebene Siegeszeichen / zu
besichtigen. Und zu dem ende folgete er der Spuhr nach / bis zum Aase. Aber er
ward nicht wenig verwundert / als er sah / dass die Bienen desselben Rachen /
der vorhin ein Nest der bitteren Grausamkeit gewesen / zum süssen Hohnigstokke
gemacht.
    (122) Vielleicht hatte der Bienenkönig im Rachen dieses Leuen / weil er ein
König aller vierfüssigen Tiere gewesen / seinen Reichsstuhl befestigen wollen:
damit er nicht etwan von den Würmern entweihet /und zu einem Wurmsitze gemacht
würde. Mit einer solchen Ehrerbietigkeit schien alhier ein König dem andern
begegnet zu haben. Oder es mochten auch wohl die Bienen vorgehabt haben
dasselbige grimmige Maul / das mit seinem so grausamen Gebrülle den Erdkreus zu
erschrökken pflegte / mit ihrem Schwarme zu überrumpeln / und mit Wachs und
Honige gleichsam zu verpichen: damit sich hinfort niemand mehr vor einer so
ungeheuren Stimme zu fürchten hette.
    (123) Aus hiesigem Bienenstokke nahm Simson etliche Honigscheiben / und ass
darvon. Auf sauren Schweis folgt süsser Preis. Hier kostete der Uberwinder des
Leuen die Anmuhtigkeit des Ruhmes / die Süssigkeit der Ehre / den Honig der
Herligkeit: die alle drei aus der bitteren Arbeit seiner Tapferkeit entsprossen.
    (124) Diese drei seind auch in Wahrheit der Tapferkeit Kost / der
Grossmütigkeit Speise; durch tapfere Tahten / durch grossmühtige Verrichtungen
erworben. Von dieser Kost nähren sich alle tapfere Gemühter. Mit dieser Speise
gelangen grossmühtige Helden / die das Feld mit Leichen der Erschlagenen besäen /
zu ihrem völligen Wachstuhme: da sie ihre Siegespracht in den Himmel der
Herligkeit erhöbet.
    (125) Von dieser süssen Ausbeute / von diesen Honigscheiben / von diesen
Früchten seiner Tapferkeit teilete Simson seinen Eltern auch etwas mit. Er
vergass auch nicht seiner Liebsten. Die Braut musste /neben den überreichten
Geschenken / auch ihr Teil darvon haben / ihren süssen Mund zu versüssern. Aber
aus was für einem Stokke sie herrühreten / erfuhr niemand; auch die Eltern
selbst nicht. Simson hielt es ganz heimlich. Er schwieg darvon ganz stille /
nicht anders / als wan er selbst alles vergessen.
    (126) So eingezogen war Simson / nach einer solchen Taht / darinnen er sich
mehr / als leuenmühtig / erwiesen. So meisterlich wüste er seine Ruhmbegierde zu
zwingen; indem er sich seines Sieges nicht mit einem Worte verlauten lies. Und
dieses täht er ohne Zweifel darüm / damit er keinen Argwahn bei den Filistern
erwekte. Vielleicht suchte er sie hierdurch sicher zu machen: damit sie üm so
viel weniger acht schlügen auf seine Anschläge: damit er sie dermahleins
unverhuhts überrumpeln / und ihren Hochmuht mit leichterer Mühe stürtzen möchte.
    (127) Eben hierauf zielete vermuhtlich sein ganzer Vorsatz. Und darüm
handelte Simson sehr klüglich / dass er / im Anfange seines so wüchtigen
Anschlages / unter den Filistern einherschlich / als hette er niemahls einiges
Wasser gelühmet; als hette er niemals einige tapfere Taht verübet. Dieses war
auch eine Heldenlist / die ihm mehr Ruhmes bringen konnte / als das unvorsichtige
noch unzeitige Geprahle von so einer Heldentaht / die er im Verborgnen
verrichtet. Ja es war eine solche / vermittelst deren er mit der Zeit auf den
Stuhl der Ehre selbst / und zur Herligkeit der Siegespracht über die Filister
erhoben zu werden verhofte.
    (128) Aber ehe wir in Erzehlung hiesiger Geschieht fortschreiten / wollen
wir sie zuvor was näher betrachten. Wir wollen beschauen / wie Gott alhier
/gleich als durch Spielbilder / die Geschieht seines Sohnes gespielet: wie er
diese / durch jene / gleich als durch ein Vorspiel / auf den Schauplatz der Welt
geführet: ja wie der Held Simson / mit solcher seiner Geschieht / des HERRN
JESUS Vorbild gewesen. Diese Betrachtung wird uns wohl so viel währt sein /dass
wir / ihr zu gefallen / ein wenig stil stehen / und ihr auf einen Augenblick das
Auge gönnen.
    (129) Simson heisset ein Sonneman. Er ward auch Israels Landsonne. JEsus ist
die Sonne selbst / die unsre Hertzen erleuchtet. Er ist die grosse Sonne der
Gerechtigkeit. Er hat durch seinen Sonnengang unsern Sündengang guht gemacht. Am
Morgen seiner Gebuhrt ging Er auf / im Kriplein zu Betlehem. Er offenbahrte sich
nachmahls / als ein Licht der Welt / bis an den heissen Mittag des Zornes
Gottes. Da ging Er / auf den Abend seines Lebens / am Kreutze /bluhtroht unter;
indem die Sonne des Himmels / seinen Tod zu betrauren / erschwartzte. Da stieg
Er in die untersten Örter der Erde. Da stürmete Er die Hölle: und ging wieder
auf am Ostermorgen / bis Er endlich / in seiner Himmelfahrt / gar wieder
hinaufstieg zur Rechten Hand GOttes.
    (130) Simson sollte Israels Richter sein. Dieser Ehrennahme war ihm auch von
seinem Stamvater Dan / welches ein Richter heisset / gleich als angebohren. Er
sollte seines Volkes Heiland und Erlöser sein / oder vielmehr dasselbe zu erlösen
anfangen: wie der Engel von ihm mit Vorbedacht sagte. JEsus ist zum Richter
aller Menschen / der Tohten so wohl / als Lebendigen / bestimmet. Ja Er ist der
Heiland und Erlöser der ganzen Welt. Er ist es / der nach Simsons bei den
Kindern Israels angefangenen zeitlichen Erlösung / uns allen eine ganz
volkommene ewige zu wege gebracht.
    (131) Simson sollte dem HErrn heilig sein von Mutterleibe. Er sollte von
Jugend auf / wie die Verlobten Gottes / ein strenges Leben führen. Er wuchs: und
der HERR segnete ihn. Er lies straks in der Jugend /vom Heiligen Geiste
getrieben / seinen Heldenmuht blikken. Er ward ein Wunderheld. Er überwand
/indem er ausging ihm eine Braut zu suchen / einen grimmigen Leuen. Er ass von
den Honigscheiben / die er / zum Siegeslohne / in dieses Leuens Aase gefunden.
Er teilete von dieser durch seine Tapferkeit erworbenen Beute zugleich auch
seinen Befreundten mit: wiewohl er ganz nicht damit prahlete / noch sich märken
lies / wie und wo er sie bekommen.
    (132) Eben also ward auch unser Säligmacher das heilige Kind GOttes
genennet. So nennete Ihn straks der Engel Gabriel selber / als er seine
künftige Mutter anredete / mit diesen Worten: »das Heilige / das von dir
geboren wird / soll GOttes Sohn genennet werden.« Ja Er selber heiligte sich
für uns; damit wir / durch Ihn / vor GOtt heilig würden. Auch hat Er ein so gar
strenges und heiliges Leben geführet / dass Er frei fragen mochte: wer unter euch
kann mich einer Sünde bezüchtigen? Er lebete schnuhrrecht nach seines Vaters
Willen; damit Er für unsern Ungehohrsam büssete / und ihn vertilgete. Er wuchs an
Weisheit / Alter / und Gnade bei GOtt und Menschen. Er war die gesegnete Frucht
des Leibes seiner Mutter. Er war noch nicht zwölf Jahr alt: gleichwohl lehrete
Er schon die alten Lehrer / im Hause GOttes.
    (133) Er ward vom Heiligen Geiste selbst in die Wüste getrieben / mit dem
Teufel zu streiten; den Er auch überwand. Den Nahmen eines Helden und
Weltwunders eigneten ihm lange vor seiner Gebuhrt die alten Weissagungen zu. Als
Er vom Vater in die Welt ausgegangen war ihm eine Braut zu suchen; da bekahm Er
mit dem höllischen Leuen zu kämpfen. Diesen schlug Er / mit keinem andern Gewehr
/ als nur mit den Worten: Es stehet geschrieben. Ja Er überwand ihn vollend / in
seinem Leiden / und führete ihn / als der sieghafte Leue vom Jüdischen Stamme
/gefangen. Wie Er / in seiner Jugend / nach der alten Weissagung / Honig und
Butter gegessen / indem Er sich / durch seine Eltern / zu allem. Guhten
williglich ziehen lassen: so teilete Er auch von seinem Honige /den Er durch
seinen bittern Todeskampf erwarb / seinen Muhts- und Bluts-Freunden mit:
nähmlich Vergebung der Sünden / und ewiges säliges Leben.
    (134) Sobald nun Simson zu Timnat in das Frauenzimmer traht / lief ihm seine
Liebste straks entgegen / ihren Breutigam zu empfangen. Auch lies sie aus ihren
Augen eine ungemeine Freude spühren. Doch dieses geschahe mehr aus Begierde zu
vernehmen / was er ihr mitgebracht / als aus einer recht volkommenen Liebe. Und
darüm sah sie ihm fort und fort nach den Händen: von denen sie die gewöhnlichen
Brautgaben erwartete. Ja sie lauerte darauf mit unverwanten Blikken; nicht
anders / als ein Raubvogel auf eine fette Henne: nicht anders / als ein Habicht
/ oder eine Weihe nach dem Raube.
    (135) Die Begierde sich zu bereichern scheinet den Weibsbildern / die
schläfrig in der Liebe seind / gemeiniglich angebohren. Ihre Hand ist immer
geschlossen zu geben / und immer geöfnet zu nehmen. Wo die Liebe schlummert / da
wachet der Geitz. Wo der Geitz nistet / von dannen wandert die Liebe. Beide
stallen sich nie. Allezeit streiten sie wider einander. Sie seind ganz
ungleicher Ahrt / ganz widerwärtiger Würkung: eben wie Tugend und Untugend. Zu
jener wird auch die Liebe / zu dieser der Geitz gezehlet. Ja der Geitz ist
selbst ein Hauptlaster / wie die Liebe das Haupt aller Tugenden.
    (136) Wan man den Geitz nennet / so nennet man zugleich mit die Kargheit /
Vervorteilung / Falschheit / Untreue / Betrügerei / Arg- und Hinter-listigkeit
/Lügen / Mis- und Ab-gunst / Ungeduld / Grobheit /Zanksucht / Unbarmhertzigkeit
/ Hochmühtigkeit / ja den Zorn selbst / und fast alle die andern Untugenden /
derer Grossvater der Geitz ist.
    (137) Dagegen verstehen wir unter der Liebe die Mildheit / Aufrichtigkeit /
Unverfälschteit / Treue /Unbetrügligkeit / Guhtertzigkeit / Wahrheit /
Gunstgewogenheit / Guhttähtigkeit / Verträgligkeit / Leutsäligkeit /
Bescheidenheit / Friedligkeit / Barmherzigkeit / Mitleidenheit / Demuht /
Sanftmuht / ja alle die andern Tugenden / die aus der Liebe / dem Springbrunnen
/ ja der Mutter alles Guhten / so reichlich entspringen.
    (138) Des andern Tages nach des Breutigams und seiner bei sich habenden
Hochzeitgäste glücklicher Ankunft / warden auch dreissig der muhtigsten
Timnattischen Jünglinge zur Brautmahlzeit eingeladen. Und solches geschahe
vermuhtlich unter dem Scheine / als sollten sie der Brautdiener Stelle verwesen:
als sollten sie den Breutigam und der Braut aufwarten /und acht geben / dass bei
dem Brautmahle alles richtig zuginge.
    (139) Diese Mänge war zur Aufwartung der Breute / sonderlich dazumahl / da
man von dergleichen Weitleuftigkeiten und Geprängen auf Hochzeiten noch nichts
wusste / viel zu gross. Und darüm konnte man hieraus freilich anders nichts
urteilen / als dass die Filister / denen Simsons berufene Tapfermühtigkeit
verdächtig / und ein Dorn in den Augen war / diese dreissig Jungferknechte
eigendlich darzu bestellet / dass sie auf Simsons Beginnen ein wachendes Auge
haben / und ihm / sofern er etwan einige Feindsäligkeit auszuüben sich
unterfinge / mit gesamter Macht widerstehen sollten.
    (140) Ein böses Gewissen ist niemals ohne Furcht. Es schläft wohl eine Zeit
lang: doch erwacht es endlich / und macht dem Hertzen Angst und bange. Die
Filister hatten das Volk GOttes nunmehr eine geraume Zeit nacheinander mehr als
zuviel geängstiget. Ihr Joch hatten sie ihm so schweer gemacht / dass es darunter
schier verschmachtet. Sie waren zwar GOttes Strafruhte. Aber diese Ruhte begunte
nun zu verdorren: ich will sagen / zeitig zu werden zum Zornfeuer der Göttlichen
Gegenstrafe.
    (141) Dieses märkte das heillose Volk. Dieses ahnete die Bösewichter. Dieses
schwahnete dem Abgöttischen Gebrühtsel. Und darüm ängstigte die Furcht /als der
Strafe Vorgängerin / ihr Hertz. Darüm fürchteten sie / Simson möchte vielleicht
derselbe sein /den der GOtt Israels erwehlet sein Volk zu rächen. Und zu dieser
Furcht bewegte sie seine so übermenschliche Stärke; die nirgend anders herrühren
konnte / als von der Almacht des GOttes Israels. Diese Furcht gebahr in ihnen
seine mehr als heldenmässige Tapferkeit; darvon der Ruf die Ohren des ganzen
Filisterlandes albereit kützelte.
    (142) Hierzu kahm auch der abscheuliche Strobelstern / welcher in eben der
Nacht / da Simson des Tages zuvor sein Ehverlöbnis zu Timnat gehalten /über
dieser Stadt zum ersten erschienen / und daselbst in den folgenden fünf Nächten
war stehen geblieben. Ja man hatte ihn auch straks darnach über Asklon /über
Lehi / und endlich über Gaza / da er / über Dagons Götzenhause / zweimahl
erschröklicher /als über den vorigen Oertern / gefeuert / und wieder
verschwunden / mit grosser Bestürtzung erblickt. Er stund oder hing vielmehr in
der Luft / mit einem solchen feurigen Schwantze / den er nach dem Filisterlande
zu ausbreitete / dass er allen / die ihn sahen / ein überausgrosses Schrökken
einjagte.
    (143) Weil nun diese Abergleubische Heiden gemeldten Strobelstern für ihren
Unglücksstern / und für ein Vorzeichen ihrer Niederlage / ja selbst für einen
Glüksstern des Simsons / von dem sie ihnen nichts guhtes einbildeten / zu halten
schienen; so war das Mistrauen zwischen ihnen / und dem Simson üm so viel
grösser: zuvoraus weil dieser ihr Unglücks-und Simsons Glüks-stern eben in der
Zeit / da er sich mit einer aus ihren Töchtern verlobet / über ihrem Lande zu
erscheinen begonnen.
    (144) Es ist auch gewislich nicht ohne Grund der Wahrheit / dass bisweilen
dergleichen geschwäntzte Sterne zugleich Glüks- und Unglücks-sterne wollen
genennet werden: weil sie dem einen Volke das Aufnehmen / dem andern den
Untergang / jenem den Sieg /diesem die Niederlage vielmahls zugleich / allemahl
aber grosse Veränderungen entweder zum Bösen /oder zum Guhten / nach ihrem
unterschiedlichen Stande / zu verkündigen scheinen.
    (145) Aus diesen Uhrsachen tähte man ihnen in Wahrheit ch unrecht / wan man
sie / mit dem gemeinen Völklein / allezeit und allein für Unglückssterne
auszuschreien kein Bedenken trüge. Diese Wahrheit könnte mit tausend Lehrbildern
/ und Beispielen aus den Geschichten gar leichtlich behauptet werden /wan die
Zeit und diese Schrift es zulassen wollten sich in dergleichen Abschweiffungen was
weitleuftiger zu vertieffen.
    (146) Aber wie argwähnisch die Filister auch immermehr sein mochten / so
durften sie sich doch dessen keines weges verlauten lassen. Ja wie verdächtig
ihnen Simson war / so wenig durften sie sich unterfangen seine Heurraht zu
verhindern. Von dieser Verhinderung verhinderte sie nichts anders / als die
blosse Furcht für seiner so mächtigen Stärke. Und darüm stelleten sie sich auch /
als wan es ihnen von Hertzen lieb were / dass Simson mit ihnen sich befreundete.
Ja sie begegneten ihm anders nicht / als freundlich; und wünschten ihm / wiewohl
nur mit dem Munde / das allererfreulichst-gedeilichste Glük zu seiner
instehenden Hochzeit.
 
                                Das zweite Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Die Nacht schikte sich algemach zum Aufbruche. Sie begunte dem Tage die
Oberfläche des Erdbodems / so weit sich ihr Gesichtskreus erstrekkete / wieder
einzureumen. Ihre Fünsternis verzog sich und wich nach der Unterfläche zu / die
Gegenfüsser zum Stilstande der Arbeit anzumahnen. Ihren dunkelen Schatten
zertrieb das aufgehende Licht der Sonne: die nunmehr /mit ihren Morgenstrahlen /
die Spitzen des Gebürges üm Timnat herüm gleichsam vergüldete.
    (2) Simson hatte schier die ganze Nacht schlafloss verschlossen. Seine
Liebesgedanken liessen ihn nicht ruhen. Ihr Uhrwerk stund nimmer stille. Das
Verlangen den Tag seiner Hochzeit zu sehen / hielt Hertz und Augen wakker. Nur
in der Morgenstunde fing er an ein wenig zu schlummern. Aber er hatte die Augen
kaum geschlossen / als ihn / mitten in einem süssen Traume / ein plötzliches
Getümmel im Brautause schon wieder erwekte.
    (3) Alhier ward iederman wach. Alles ward munter und rege. Die Tühren gingen
auf und zu. Das Gesinde lief hin und wieder. Die Knechte spalteten Holtz zur
Küche: da der Feuerherd schon rauchete. Die Zofen oder Mägde der Braut waren mit
den Brautkleidern geschäftig. Die Brautmutter reichte sie ihnen zu. Der Vater
machte die Anstalt zum Brautmahle. Ja die Braut selbst war schon bei der hand /
den Brautschmuk anzulegen.
    (4) Da hatte das Waschen / das Salben / das Schmieren / das Zieren / das
Putzen / das Schmükken / das Pflükken / das Zükken / das Rükken / das Spiegeln /
das Schniegeln schier kein Ende. Das Haar ward auf eine sonderliche Weise / wie
dazumahl unter den Breuten gewöhnlich / geflochten und gezieret. Ja man war /
der Schönheit / die ihr angebohren / einen höheren Glantz zu geben / so überaus
geschäftig / dass es schien / als wollte man / gar einen Engel / aus ihr machen.
    (5) Unterdessen kleidete sich Simson auch an: wiewohl er lange so viel Zeit
und Mühe sich zu schmükken nicht bedurfte. Auch hatte er hierzu keines
Kammerdieners nöhtig. Er selbst verrichtete alles allein. In einem oder zween
Zügen schob er seinen Breutgamsrok üm den Leib. Da stund er schon in seinem
Hochzeitschmukke. An statt der vielen manchfärbigen seidenen und güldenen Bänder
/ damit die heutige Welt sich behänget / war ihm eine schlechte Binde genug: die
er üm den Leib schlug den Rok fest zu binden.
    (6) Sein Haar / darinnen doch seine Macht gleichsam bestund / krüllete /
noch zierete er keines Weges. Er bestreuete es auch nicht mit einigem
Haarstaube: den die itzige junge Mannschaft aus wohlrüchenden Wurtzeln und andern
Dingen / das Haar vor der Zeit grau zu machen / gewohnet ist zuzurichten. Er
kämmete es nur / und lies es unverschnitten / mit langen Lokken / über die
Schultern hinhängen. Viel weniger waren ihm die Französischen Haarstulpen
bekant: welche man itzund vielmahls auch selbst über das schönste selbgewachsene
Haar hin zu stülpen pfleget / und also lieber ein Falsches / oft gar von einem
Feldglokkenklöppel geborgetes / als sein Eigenes / zu tragen begehret.
    (7) Mehr Zierde ward man an diesem Breutigam nicht gewahr. Es war auch
unnöhtig einen solchen Leib / der von innen so herrlich gezieret / mit vielem
auswendigen Zierrahte zu behängen. Die Tugend / die in Simsons Herzen wohnete /
war ihm Schmukkes und Zierrahtes genug. Die Tapferkeit / damit man sein Gemüht
begabet sah / gab ihm einen weit grösseren Glantz / als aller Kleiderschmuk.
    (8) Es geziemet keinen Man / auch keinen Jüngling sich zu putzen / sich zu
schmükken / sich zu schmünken / wie die Weibsbilder. Viel weniger stehet es
Helden zu; auf derer Rolle Simson eine von den vornähmsten Stellen besass. Ein
Ehrenkleid ist ihnen genug. Ein neuer / doch schlechter / wiewohl zierlich und
gebührlich gemachter Rok vergnügte den tapffern Simson vielmehr / als eine mit
Perlen und Golde gestikte Kappe. Damit stutzte er / auf seiner Hochzeit / den
dreissig Jungferstutzern zu trutze.
    (9) Gegen den Mittag ging das Hochzeitmahl an. Die Hochzeitgäste versamleten
sich. Die Schüsseln mit den Speisen warden herbei getragen. Simson und seine
Braut / samt ihren dreissig Aufwärtern / liessen sich nieder. Die andern alle
folgeten. Die Speisen warden vorgedienet: doch nur schlechtin / nach der
damahligen Einfalt. Die Kunst vorzuschneiden / die Ahrtigkeit zu zerlegen war
noch unbekant. Gleichwohl erzeigte sich iederman lustig. Einieder war guhter
Dinge. Es ging alles mehr fröhlich / als prächtig / mehr lustig / als köstlich
zu.
    (10) Die Köstligkeit des vielerlei Getränkes / die Pracht der mancherlei
Speisen / die Eitelkeit der betrüglichen Schauessen hatte die Verschwändung noch
nicht eingeführet. Ein guhter Landwein war ihnen an statt alles fremden
Getränkes. Ein Lams- und Kalbs-brahten / ein Gerichte von gekochtem Rind- oder
Schafs-Fleische / vom einheimischen Gevögel und Fischwerke war ihr Wildbrät /
ihre Lekkerspeise. Und diese Speisen zuzurichten hatte man keinen Koch aus der
Fremde gehohlet. Mit der gemeinen Landweise war man zu frieden.
    (11) Unter währendem Brautmahle gingen auch mancherlei lustige Reden vor.
Der eine schwatzete dieses / der andere das; wie bei dergleichen Gastereien
gebreuchlich: da vielleicht auch den Fischen / wan sie also zusammen kähmen /
ihre sonst ewigstumme Zunge würde gelöset werden. Simson wollte der Schweiger
alleine nicht sein. Er wollte das Freudengelaak alleine nicht brächen. Er gab das
seinige mit darzu.
    (12) Aber alle diese Lustgespräche konten ihn gleichwohl lange so lustig
nicht machen / als ihn seine Gedanken vom unlängst erlegten Leuen erlustigten.
Ja alle diese vorgesetzte Speisen schmäkten ihm lange so lieblich nicht / als
die süsse Honigspeise / die er aus eben desselben Leuens Rachen genommen. Diese
lag ihm noch immer im Sinne. Ja er lies sich bedünken / als zerflösse der Honig
ihm noch immer auf der Zunge.
    (13) Wessen das Hertz vol ist / davon geht der Mund über. Simsons Geheimnis
vom Honige musste nunmehr heraus. Es musste nun über die Zunge springen. Was er
bisnochzu verborgen gehalten / das musste nunmehr / doch nur rähtselsweise /
geoffenbahret sein. »Wohlan!« sprach er / »ihr dreissig Jungferstutzer! Ich will
euch ein Rähtsel aufgeben. Es gilt dreissig Sontagskleider / und dreissig
Sontagshemden. Treft ihr es / so will ich euch verfallen sein: wo nicht / so solt
ihr mir den aufgesetzten Preis geben. Und hierzu sollen euch unsere sieben
Hochzeit Tage zur Bedenkzeit vergönnet sein.«
    (14) Die dreissig Timnattischen Junkern wollten sich in Wahrheit nicht
hohnekken lassen. Sie wollten so tum und tutzig nicht angesehen sein / als könten
sie dieses Rähtsels Knohten nicht auflösen. So feig und albern lies sich keiner
blikken. Und darüm nahmen sie den Vortrag an: indem sie ihnen einbildeten /es
würde ja einer unter so vielen das Rähtsel errahten. Und eben daher durften sie
sich auch gewis versichern / als hetten sie den aufgesezten Gewin schon
gewonnen.
    (15) Aber es schlug gleichwohl ganz anders hinaus. Sobald sie nur das
Rähtsel höreten / da verfluchten sie bei sich selbst ihre so eilfärtige
Vermässenheit: indem sie zur stunde vermerkten / dass ihr Vorwitz sie betrogen.
Ja sie hetten ihr Wort gern wieder in den Mund gezogen: weil sie wohl sahen /
dass sie / neben dem Verluste / nur Spot und Schande darvon tragen würden. Und
also entfiel ihnen der ganze Muht / den sie kurtz zuvor so trotzig erhoben.
    (16) Das aufgegebene Rähtsel lautete ohngefähr also: Speise ging vom Fresser
/ und Süssigkeit vom Starken. Hierdurch war zwar die Verborgenheit vom Uhrsprunge
des Honiges nahebei entdekket. Aber diese Entdekkung kahm gleichwohl wieder
unter einer andern Dekke der Verborgenheit zu liegen. Sie lag in einem künstlich
zusammengeknöhteltem Zweifelsknohten verborgen. Sie war in einen klüglich
geknüpften Knopf eingeknüpfet / oder vielmehr versperret. Sie befand sich mitten
in einem spitzfindig gekünsteltem Irgarten eingeschlossen.
    (17) Wiewohl sie nun zweifelten diesen Zweifelsknohten zu entknöhtelen /
diesen verknüpften Knopf aufzuknüpfen / dieses verwürreten Irgartens Ausgang zu
finden: so trieb sie doch die Befahrung der Schande / die Furcht des Spottes und
Hohnes so weit / dass sie die sämtliche Macht und Kraft ihrer Sinnen anspanneten
/ die Auflösung / die Ausfindigkeit zu suchen. Aber ie mehr sie sucheten und
grübelten / ie weniger fanden sie. Ie länger sie forscheten / ie tieffer
verwikkelten sich ihre Gedanken. Ja sie verirreten / verwürreten und verstrükten
sich selber dermassen / dass sie kein Mittel erblikten sich von solchem
verworrenen Irwesen los zu würken.
    (18) Weil / ihrem Bedünken nach / mit dem Worte Fresser nichts anders / als
etwan ein Tier / oder Vogel / oder Fisch / konnte verstanden werden; so
betrachteten sie diese Geschöpfe / so viel derselben ihnen bekant waren / alle
miteinander ganz eigendlich. Gleichwohl fanden sie so straks keines / von dem
etwas ginge / das den andern zur Speise dienete / viel weniger das einige
Süssigkeit hette.
    (19) Als sie sich nun noch eine guhte Weile darüber besonnen / stund einer
unter ihnen / welcher der Klügeste sein wollte / plötzlich auf. Seine Gebährden
zeigeten an / dass er was sonderliches vorzubringen hette. »Freuet euch! Freuet
euch!« rief er überlaut. »Ich habe des Rähtsels Auflösung gefunden. Nun ist
Simson unser Schuldner worden. Nun ist er selbst / durch mein Zutuhn / in die
Grube / die er uns gegraben / gefallen. Nun wird er uns zahlen müssen / was wir
ihm zu zahlen von ihm bestimmt waren. Seind wir nicht Narren / dass wir uns so
lange bedacht / und dasselbe / das so leichtlich auszudenken ist / nicht
ausdenken können? wir sehen es alle Tage. Wir gehen alle Tage damit üm. Wir
essen und trinken es täglich. Ja es flüsset uns selbst / sobald wir geboren / in
den Mund.«
    (20) Für grossen Freuden fragten die andern nicht einmal / was es sei. So
viel Zeit wollten sie nicht verlieren. Straks lieffen sie sämtlich in das
Brautaus. Sonder anklopffen rissen sie zum Simson hinein: dessen Braut über
dieses so unvermuhtetes Ungetühme nicht wenig erschrak. So froh waren diese
Brautjunkern über ihren eingebildeten Gewin / den ihnen Simson nunmehr zu
erlegen schuldig / dass sie aller Höfligkeit / und aller Ehrerbietigkeit
vergassen.
    (21) Simson sass eben und schertzete mit seiner Liebsten. Und in diesem
schertzen hatten sich seine Gedanken so vertieffet / dass er ihrer nicht eher
gewahr ward / als bis sie vor ihm stunden. Im ersten Anblikke schien er zwar /
ihrer / ich weis nicht ob ich sagen soll / Kühnheit / oder Grobheit wegen / was
ungehalten zu sein. Gleichwohl stund er auf / und fragte: Was sie bewogen ihn
und seine Braut bei so früher Zeit zu besuchen? Dass sie ihm die Auflösung seines
vorgegebenen Rähtsels zu bringen anlangeten / waren seine wenigste Gedanken.
    (22) Gleichwohl befand er es war zu sein / als der eine / der das Wort
führete / ihn dessen versicherte. Er lächelte straks. Doch fing er zugleich an
ihre Färtigkeit im errahten zu preisen. Nach einem zimlich langen Umschweiffe
der Prunkworte / lief es endlich bloss auf eine Kuh hinaus. Eben also schlüpfete
vorzeiten / aus den immer gebährenden Bergen / eine lächerliche Maus hervor.
    (23) »Was ist Speisehaftiger / und zugleich süsser /als die Milch / die von
der Kuh geht?« sagte und fragte der Wortführer. »Ist dann die Kuh« / fragte
Simson straks dargegen / »so freshaftig / und so stark / dass meines Rähtsels
Fresser / und Starker dadurch könnte verstanden werden? Ist dann nichts
speisehaftiger / ist dann nichts süsser / als die Milch? Besinnet euch recht« /
fuhr er fort / »ob nicht viel andere Dinge / die uns auch zur Speise dienen /
weit süsser seind. Schier eben so wenig habet ihr die Speise meines Rähtsels
errahten / als ein ander / der vielleicht sagen möchte / es werde dardurch das
Ei / welches von einer Henne geht / verstanden.«
    (24) Hiermit mussten die eingebildeten Rähtselauflöser recht kahl und
beschähmt abziehen. Der Preis / den sie meinten gewonnen zu haben / war im
Milcheimer ertrunken. Gleichwohl liessen sie nicht nach der Sache weiter
nachzusinnen. Und weil Simson ihnen andeuten wollen / die Milch sei nicht süsse
genug / sie müsten auf was süsseres rahten: so gerieten sie endlich auf den
Honig. Dieser dünkte sie zwar die allerüsseste Speise zu sein. Aber die Bienen /
von denen er kahm / waren weder stark /noch freshaftig. Sie waren nur schwache
Tierlein / die mit einer gar wenigen Speise vergnügt. Und darüm konten sie sich
zum Fresser und Starken ganz nicht schikken.
    (25) Mitten in diesem Rahtshandel Sprung abermahl einer auf. Dieser bildete
ihm gar gewis ein / des Rähtsels Ausfund gefunden zu haben. Ja er durfte wohl
gar darzu schwöhren. »Ei!« sagte er / »seind wir nicht tumme Menschen / dass wir
nicht an uns selbst gedenken? Von uns selbst geht die Speise / die vielen
Tieren so süsse schmäkket / dass sie mit grosser Begierde darnach happen. Zudeme
seind viele von uns so freshaftig / dass sie kaum zu sättigen. Auch seind etliche
so stark / dass sie keinem Tiere weichen. So ist dann der Fresser und Starke
nichts anders / als ein Riese: und die Speise des Rähtsels eben dieselbe / die
sein Leib / zur Speise der Tiere / von sich giebet /oder vielmehr von sich
würfet.«
    (26) Weil es nun schien / als wan die ungeschliffene Bauerteben / mit den
plumpen und unflähtigen Schweinen / alhier zu rahte gesessen / und nur nach
ihrem groben Gehirne / des Rähtsels Deutung zu errahten getrachtet: so kann man
leichtlich gedenken /wie lächerrlich sie dem Rähtselaufgeber sei vorgekommen.
Auch gab er / mit schmuhtzerlachen / zur Antwort: dass sein Rähtsel mit der
Menschen / und nicht der Schweine Speise zu tuhn hette. Es handelte nur allein
von solcher / die den Menschen / und nicht den garstigen Seuen / oder geitzigen
Hunden am süssesten schmäkte. Ja er meint  / keine unnähtige / stünkende /sondern
eine recht reine und liebliche Speise / die auch von keinem Menschen ginge.
    (27) Also lief es mit diesen Rähtselrahtern zum andern mahle kahl ab. Ja
noch viel kahler mussten sie abziehen / als vorhin. Vielmehr mussten sie sich
itzund schähmen / da sie eine so seuische Deutung / in Gegenwart der Braut / die
sich ihrer Landsleute selbst schähmete vorzubringen sich nicht gescheuet. Nun
war es mit den elenden Tropfen ganz auf die Neuge gekommen. Ihr Witz wusste
nichts mehr. Ihr Verstand verstund nichts mehr. Ihre Vernunft vernahm nichts
mehr / was zu ihrem Rahtshandel dienen möchte.
    (28) Drei Tage lang hatten sie solcher gestalt geschwitzet / als sie
einmühtiglich zusammenstimmeten: es sei ihrer Unwissenheit unmüglich des
Rähtsels Auflösung zu treffen. Und also lief es endlich auf diesen Schlus
hinaus: man sollte lieber die Sache gar angeben / als sich damit noch länger so
vergebens ängstigen und peinigen. Es sei besser die Kräfte des Verstandes in
solchen Dingen / die über ihren Verstand gingen / zu spahten / als / durch
weiteres Kopfbrächen / gar zu veröden. Es sei ihren Sinnen ersprüsslicher / weil
es doch anders nicht sein könnte / dem Simson bei Zeiten gewonnen zu geben / als
/ durch längere Sinnenfolterung / anders nichts zu gewinnen / dann Zeitverlust /
mit einem verlohrnen Witze.
    (29) In solcher algemeinen Verzweifelung / da ganz kein Raht mehr vor
handen zu sein schien / fand gleichwohl der verschmjetzteste dieser Brautjunkern
zum allerletzten noch ein Rahtsmittel. Sein Anschlag war: weil auf geradem Wege
für sie nichts zu finden /sollte man die Krümme wählen. Weil die Aufrichtigkeit
ihnen nur verhinderlich / sollte man den Betrug ergreiffen. Man sollte bei der
Arglistigkeit Zuflucht suchen. Ein listiger Rank sei das beste Mittel Simsons
Trotz zu fällen. Und hierinnen könnte die Junge Frau ihnen zum Werkzeuge dienen.
Dieser müste man liebkosen. Man müste sie trachten zu gewinnen / und auf ihre
Seite zu bringen: weil man durch sie allein des Rähtsels Bedeutung erfahren
könnte.
    (30) So gesagt / so getahn. Diese dreissig Jünkerlein wehleten von Stunden
an / aus ihrem Mittel /einen solchen / welcher der allerberedsamste /
verschlagneste / schmeuchelhafrigste / und freundlichste war. Ja er musste darbei
auch schön und hübsch von Leibesgestalt / und recht anmuhtiger beweglicher
Gebährden sein: weil diese zwei Stükke zur Beredung des Frauenzimmers das meiste
vermöchten.
    (31) Diesen rüsteten sie aus mit mancherlei zu ihrem Zwecke dienlichen
Einschlägen. Sie gaben ihm in den Mund / was er reden sollte. Sie unterrichteten
ihn / wie er sich gebährden und anstellen sollte. Sie unterwiesen ihn in allem /
was er tuhn und lassen sollte / ja was sie vermeinten / das zu Erlangung ihres
Verlangens dienen möchte. Und also schikten sie ihn ie eher / ie lieber fort.
    (32) Der ausgeschikte junge Stutzer nahm eben der Zeit war / da Simson mit
seinem Vater vor der Stadt einen Lustwandel täht. Unter währender dieser Zeit
verfügte er sich behändiglich in die Kammer; da das junge Weiblein allein sass /
und ihren Gedanken nachhing. Bei dem ersten Eintritte täht er nichts / als
beugen und neugen. Hierauf traht er algemach näher hinzu. Und weil er sie in so
tieffen Gedanken erblikte / fing er an seinen so kühnen Eintrit zu so
ungelegener Zeit selbst zu bestrafen. Auch stellete er sich / als wan er wieder
abträhten wollte / sie in ihren Gedanken nicht zu stöhren.
    (33) Diese des jungen Stutzers Ehrerbietigkeit stund der Jungen Fraue wohl
an. Diese Höfligkeit /mit der tiefsten Demuht begleitet / gefiel ihr über die
masse. Ja seine so ausbündige Schönheit / mit so ahrtigen Gebährden verschönert
bewegte sie solcher gestalt / dass sie / ihm hold zu sein / sich nicht entbrächen
konnte. Auch euserte sich diese Hulde zur Stunde so gar / dass sie ihn / mit den
allerliebsäligsten Blikken /nöhtigte zu verziehen / und sich neben ihr
niederzulassen. Und hiermit war sein Augenmärk schon mehr /als halb / erreichet.
    (34) Kein Vierteilstündlein hatten sie also beieinander gesessen / da täht
er schon den ersten Versuch /mit den aller lieblichsten Worten sie zu seinem
Vorhaben zu gewinnen. Erst fragte er sie: ob dann ihr Ehgatte die Erklährung
seines aufgegebenen Rähtsels ihr nicht entdekket? Darnach / als sie diese Frage
mit Nein beantwortete / fragte er ferner: wie es müglich sein könnte / dass ein
Ehgatte dem andern / eine so kleine Sache zu offenbahren / durch die Liebe nicht
sollte bewogen werden? Wan Simson sie rechtschaffen liebete / warüm er dann nicht
getahn / was eine solche Liebe mit sich führete; indem er vor ihr verhehlet /was
er ihr / der Liebe wegen / zu entdekken schuldig?
    (35) Endlich / nachdem er ihr solcher Fragen mehr vorgehalten / geriet er
auch auf diese: ob sie dann solches / wan sie ihrem Ehherrn mit allerhand
Liebkosungen / und schmeichlenden Worten begegnete / zu erfahren sich nicht
getrauete? Ob dann sein Hertz alsdan noch so gar erhärtet gegen sie bleiben
würde? Er könnte nimmermehr gleuben / fügte er hinzu / dass Simson nicht würde
bewogen werden / ihr / als einer solchen / die er / wie man wohl wüste / ganz
inbrünstig liebete / eine so geringe Sache zu entdekken.
    (36) Nach vielen dergleichen andern Reden / und Wiederreden / lies sich das
Junge Weiblein endlich bewegen zur Ausforschung des Simsons ihren besten Fleis
anzuwenden. Auch sagte sie dem jungen Abgeschikten mit Hand und Munde zu /
sobald sie etwas ausgefischet / ihm dasselbe zur Stunde zu eröfnen. Und also
schied dieser junge Läkker / mit grosser Vergnügung / von ihr: indem er ihm
einbildete die verlangte Erklährung des Rähtsels albereit in Händen zu haben.
    (37) Doch dieser Anschlag wollte sobald nicht gelingen. Simsons Ehliebste
beklagte sich zwar gegen ihren Ehgatten: er sei ihr gram; er habe sie nicht
lieb: er habe den Söhnen ihres Volks ein Rähtsel aufgegeben / und ihr desselben
Erklährung nicht entdekket. Aber Simson hatte Schultzenohren. Er hörete / und
hörete auch nicht. Ja er stellete sich an /als wan er taub were: als wan ihm das
Gehöhr / zusamt der Sprache / vergangen.
    (38) Gleichwohl / als sie noch weiter auf ihn drang / solches zu wissen /
gab er ihr / aus halben Unwillen / zur Antwort: »siehe da! du begehrest dasselbe
zu wissen / das ich noch niemand in der Welt geoffenbahret. Ich hab' es meinem
Vater und meiner Mutter nicht entdekket / und sollte dir es entdekken. Lass nur ab
dasselbe zu erforschen / das nicht zu erforschen ist. Dass du es wissest / ist
mir schädlich / und dir nichts nütze.«
    (39) Weil nun Simsons Fraue / bei diesem ersten Versuche / nichts erfahren /
auch ihren Landsleuten / zu ihrer Vergnügung / nichts anmelden konnte; so kahm
man von den Schmeichelworten zu den Bedreuungen: dadurch ein blödes Weibesbild
leicht zu überteuben war. Hatte man bisher mit gelinden Seiten gespielet / so
begunte man itzund mit ganz scharfen /und schnarrenden / ja selbst brummenden
sich hören zu lassen. Hatte die Gelindigkeit nichts verfangen wollen / so geriet
man itzund auf die Schärfe. Ja man drang auf sie mit schnarchen und pochen.
    (40) Man zeigete ihr an / sofern sie / zur Gnugtuhung ihres Verlangens /
nicht alsobald Raht schaffete / einen rohten Wetterhahn auf ihr Haus zu setzen.
Mord und Brand sollten die geringste Rache sein. Sie /und ihr ganzes Väterliche
Haus sollten es entgelten /dass man sie nur zu dem Ende zur Hochzeit geladen /sie
arm zu machen. So machte die Halsstarrigkeit des eigenen Willens alhier aus
bescheidenen Brautdienern ganz unvernünftige Bökke. So warden diese
Brautstutzer unhöfliche Brauttrutzer.
    (41) Aber es war nur ein Uberflus so zu schnauben und zu schnarchen / so zu
pochen und zu trotzen. Es ist ohne dis / wan man einige Verräterei wider einen
Man vorhat / mehr als genug mit seinem leichtsinnigen Weibe zu handeln. Dieses
wird darzu unschweer zu bewegen sein; so oft es entweder in der Liebe nicht
ganz eifrig / oder in der Treue ganz unbeständig ist: wie Simsons seines sich
erwiesen. Ein Weib / das leichtfärtig ist / pfleget darbei gemeiniglich auch
verrähterisch zu sein. Ja es scheinet ihm die Verräterei als angebohren / und
so eigen zu sein /dass man nicht nöhtig hat es bei den Haaren zu diesem Laster zu
ziehen.
    (42) Doch diese Stutzer wollten alles überflüssig versuchen: weil sie wohl
wussten / dass die Furcht / die den Weibsbildern mit der Muttermilch eingeflösset
zu sein scheinet / sie zu einer solchen Treulossheit üm so viel eher zu reitzen
vermag / wan sie / durch ein grimmiges Gesicht / oder zorniges Schrökwort / rege
gemacht wird. Ein Gemüht / das die Furcht beherschet /ist seiner selbst nicht
mächtig. Dieser Gemühtstrieb /sobald er sich des Treibens allein angemasset / ist
so stark / dass er Urteil und Verstand zu Bodem wirfet.
    (43) Hierauf begunte das schöne Hertzklämmerlein den zweiten Versuch: der in
Wahrheit den Nahmen eines algemeinen Sturmes wohl führen mochte. Eine Schaar
unzehliger Liebesblikke war der Vortrab. Denen folgete die Mänge vieler tausend
Küsse. Diese warden begleitet durch den Schwarm erbärmlicher Klagen: die man
durch eine grosse Macht der Trähnen entsetzt sah. Nach allen diesen
Hertzklammern und Liebeshaken kahm das ganze Heer ihrer erdichteten Ränke / und
künstlichen Listgriffe mit voller Gewalt auf ihn zugedrungen.
    (44) In diesem Augenblicke war es / da sie die Einbildung bekahm / sie hette
nunmehr / durch so viel Anfälle / seine Gemühtsneugungen in voller Macht sie zu
drehen / wohin sie wollte: ja sie hette seines Hertzens Härtigkeit dermassen
entärtet / dass es / sich vor ihr zu eröfhen / nicht länger zu widerstehen
vermöchte. Und darüm wischte sie mit der Frage dessen /was sie zu wissen
begehrte / plötzlich hervor. Plötzlich vermeinte sie ihn zu überraschen / und
den Abgrund seines Hertzens auszuforschen / eh es die vorige Härte wieder
bekähme.
    (45) Aber es war abermahl vergebens. Sie klopfete wieder vor eines Tauben
Tühre. Es fand sich niemand / der ihr auftähte. Simson schien taub und stum
zugleich. Er hörete nichts. Er redete nichts. Er schwieg stokstille. Nicht ein
einiges Wort ging aus seinem Munde: ja nicht ein einiger Kusch / auch nicht ein
einiger Seufzer. Seine Sinne schienen als entzükt / seine Gedanken als
entfernet. Kaum rührete / kaum bewegete sich ein Glied an seinem Leibe. Nährlich
flos /nährlich schos ein Bliklein aus seinen Augen.
    (46) Weil sie nun wähnete / dass er / aus ihren alzuüberflüssigen Liebkosungen
/ in eine so gar tieffe Verzükkung gerahten; so entschlos sie sich des Spieles
Aufzug zu ändern. Sie wollte die Ergetzligkeiten /dadurch er das Gehöhr / samt
der Sprache / verloren zu haben schien / ihm auf einem Ruk entrükken. Si wollte
/ mit einem Zuge / ihm alle diese so übermässige Wohllust entziehen. Und darum
sprang sie / aus seinem Schösse / plötzlich auf. Plötzlich ris sie sich aus
seinen Armen los. Plötzlich schmis sie seine Hand /gleich als ergrimmet hinweg.
    (47) Hierauf fuhr sie ihn mit zornigen Worten an. An statt der kläglichen
Seufzer / erhub sich ein greuliches Unwetter auf ihrer Zunge. An statt der
Hertzentzükkenden Küsse / brachen Hertzerschrökkende Donnerschläge aus ihrem
Munde. An statt der erfreulichen Liebesblikke / schossen abscheuliche
Donnerstrahlen aus ihren Augen. An statt der Hertzverwundenden Liebespfeile /
flogen Hertzzerschmetrende Donnerkeule aus ihrem Gesichte. An statt der heitern
Klahrheit / war der Himmel ihrer Stirn mit düsteren Wolken verfünstert; und an
statt der hellgläntzenden Spiegelglätte / mit dunkelen Schruntzeln überruntzelt.
    (48) Simson bekahm einen harten Verweis. Sie gab ihm einen greulichen
Ausputzer. Sie zog ihn erbärmlicher Weise durch die Hächel. Sie bezüchtigte ihn
einer groben Unhöfligkeit. Sie beschuldigte ihn mit der höchsten Treulossheit. Ja
sie trachtete ihn zu überweisen / dass er Eid- wo nicht gar Ehbrüchig sich
erwiesen: indem er ihr dasjenige / was die Ehpflicht erheischete / verweigert:
indem er ihre Frage nicht einer Antwort gewürdiget: indem er sie nicht wissen
lassen / was sie zu wissen verlanget.
    (49) Bei dieser des Spieles gäntzlichen Verkehrung / stellete sich Simson
zwar anfänglich / als widerstünde er ihrem Verlangen bloss aus Schertze. Es gab
guhte Worte. Er suchete sie mit allerhand Entschuldigungen zu besänftigen: indem
er zugleich vorwendete / die Beschaffenheit der Sache wollte / sie zu vergnügen /
noch nicht leiden. Sie sollte nur Geduld haben /bis die Zeit kähme: die auch
schon im Ankommen begriffen. Dan würde sie alles erfahren / was sie zu erfahren
so hertzlich / ja so schmertzlich verlangte.
    (50) Aber mit diesen so leeren Vertröstungen war sie keines weges zu
frieden. Dieses Aufschüben von einer Zeit zur andern war nur Oehl ins Feuer. Das
Feuer des Verlangens brante hierdurch nur heftiger. Es ward nur kräftiger. Es
flammete nur heller und heller. Es flakkerte nur ungestühmer. Ja es schlug
endlich gar in eine gleich als tolsinnige Wuht aus.
    (51) Als nun Simson / nach verschwundener Nahrung seiner Lüste / vermärkte /
dass sie in ihrem gefassetem Unwillen und Zorne verharrete; da fing er wieder an
den Verliebten zu spielen. Er bekleidete seine Reden mit ganz seidenen Worten.
Und diese begleiteten die allerverliebtesten Gebährden / die aliersüssesten
Schmeichelungen / die allerersinlichsten Liebkosungen. Ja er unterlies nichts /
ja gar nichts /was zu ihrer Befriedigung / und zu seiner Ergetzligkeit
Wiederbringung dienen mochte. Hiermit erreichte er zwar sein Ziel so weit / dass
endlich seine Umhälsungen zugelassen / und seine Küsse mit Gegenküssen etlicher
massen erwiedert warden.
    (52) Gleichwohl blieb sie noch immer karg in Liebesblikken / ernstlich im
Wesen / kalt in Liebesbezeugungen. Ja die Liebe schien in ihr beinah in den
letzten Zügen zu liegen; wo sie nicht schon ganz erkaltet / oder wohl gar
erstorben. Und darüm küssete sie nur / wan sie küssete / mit kalten Küssen;
denen die warme Hertzensluft mangelte.
    (53) Simson fand auch in Wahrheit hierinen keinen Schmak: indem die vorige
Belüstigung ihnen ganz entgangen. Ja es fehlte nicht viel / dass seine Liebe /
die eine so kalte / so erfrohrne / wo nicht gar verlohrne Gegenliebe verspührete
/ nicht laulicht zu werden begonnen. Sie ward es auch in der Taht: aber aus dem
Hertzen / da sie so tieffe Wurtzeln geschlagen / ganz vertilget zu werden war
unmüglich.
    (54) Indem nun dieses arglistige Weib verspührete / dass sie ihren Man nur
fruchtloss erzürnet; da veränderte sie das Spiel aufs neue. Sie kahm wieder mit
den vorigen Aufzügen angezogen. Sie spannete gar gelinde kleinlautende Seiten
auf. Diese stimmete sie ganz nach seinem gefallen. Ja sie spielete / vor seinen
Ohren so leise / so süsse / so lieblich / so anmuhtig /dass sie seine schier
eingeschlummerte Liebesneugung volkömlich wieder erwekte.
    (55) Klippern gehöret zum Handwerke. Wer zu erhalten verlangt / darf nichts
verweigern. Wer etwas zu erhaschen gedenkt / mus ganz leise Tritte tuhn. Wer
einen Flüchtling zu ertapfen vorhat / mus hinter ihm her kein Gepulter machen. /
Diese Tausendkünstlerin hatte ihr Handwerk sowohl gelernet / dass sie die Liebe /
da sie kaum zu klippern und zu klimpern angefangen / schon wieder in Simsons
Hertz eingeklimpert.
    (56) Nach versaltzenen Speisen schmäkket das Süsse viel lieblicher. Auf einen
herben Trunk befindet man den Most am allersüssesten. Honig ist nie angenehmer /
als auf Wärmuht genossen. Ein Mund mit Essige gespühlet findet den Zukker am
alleranmuhtigsten. Einen Seeman ergetzet die Windstille niemahls mehr / als
kurtz nach ausgebrausetem Höllensturme. Ein Sonnenschein ist niemahls
erfreulicher / als eben in der Zeit / da das Regen- und Hagel-wetter sich
verziehet.
    (57) Eben also war unsrem Simson dieses Weib niemahls lieblicher / niemahls
süsser / niemahls angenehmer / niemahls anmuhtiger / niemahls ergetzlicher /
niemahls erfreulicher vorgekommen / als in diesen Liebkosungen / nach eben
überstandenem Sturme. Er hatte diesen Mund niemahls soholdsälig / diese Zunge
nie so liebreich / diese Augen nie so liebreitzend befunden / als in diesen
Schmeichelungen / da die Donnerschläge / die Donnerkeule / die Donnerpfeile ihn
zu bestürmen erst aufgehöret.
    (58) Aber dieser Liebesturm / wie heftig er war /vermochte gleichwohl eben
so wenig / als der vorige Zorn- oder Höllensturm / die Standhaftigkeit Simsons
über einen hauffen zu werfen. Seine Liebste erhielt nichts mehr / als die blosse
Zusage / dass ihr straks nach den sieben Tagen ihrer Hochzeit / da zugleich die
bestimmte Bedenkzeit das Rähtsel aufzulösen vorüber sein würde / in allem / was
sie verlangete /volle Vergnügung geschehen sollte. Hierauf / fügte er hinzu /
beruhete seine ganze Ehre / dass er die Auflösung des Rähtsels so lange
verschwiege / bis er seiner Feinde Lassdünkel zu schänden gemacht: indem er wohl
wüste / dass ihr Verstand / diesen Zweifelsknohten / ohne seinen Vorbericht / zu
entknöhtelen / lange nicht fähig genug wäre.
    (59) Bei diesem so runten und letztem Abschlage /schlug ihr der Schlag
dermassen ins Hertz / dass sie in Ohnmacht zu bodem sank. Dan hierbei euserte sich
Simsons ganzes Hertz. Er bekannte gerade zu /warüm er bisnochzu / ihr des
Rähtsels Erklährung zu eröfnen / so gar unerbitlich gewesen. Ja er gab ihr
deutlich genug zu verstehen / dass er festiglich beschlossen ihr nicht eher damit
zu wilfahren / als nach verflossener Bedenkfrist. Und darüm verzweifelte sie
nunmehr ganz und gar; indem sie alle Tühren ihrer Hoffnung verschlossen fand.
Auch lag sie / in solcher Verzweifelung / ganz kraft- und muht- ja selbst
schier bluht-los / indem der Purpur ihrer Lippen verblichen / die Zukkerrosen
ihrer Wangen erblasset / und ihr ganzes Angesicht eine düstere Tohtenfarbe
bekommen.
    (60) Sobald sie sich ein wenig wieder erhohlet / begunte sich zuerst der
Trähnenbach ihrer Augen zu öfnen. Mit kleinen Tröpflein fing er an: die als
runte Perlen über die Bakken algemach hin kullerten. Denen folgete das Riselen.
Endlich brach eine ganze Trähnenfluht durch die Tämme der Augen hin / und
überschwemmete das Angesicht so gar / dass auch ein Strohm darvon selbst in den
schneeweissen Busem geschossen kahm; da er sein herbes Salzwasser mit der süssen
Milchsee, vermischete. Ja es schien / als wollte dieses gewaltige Gewisser ihren
ganzen Leib überströhmen / wo nicht gar erseuffen.
    (61) Weinen / und Wehklagen seind die zwo fürnehmsten Rüstungen der
Weibsbilder. Hierinnen bestehet ihre meiste Macht / ihr euserster Nachdruk /ihre
höchste Zuflucht. Weiberträhnen seind Waffen /die alles entwafnen / auch
zuweilen die Grimmigkeit selbst. Es scheinet / dass darüm die Trähnen zugleich
Zehren genennet werden; weil sie dasselbe / das dem Willen der Weinenden
widerstehet / gleichsam verzehren / und aus dem Wege reumen. Ja es scheinet /dass
sie darüm ihren Springbrun zuoberst in unsrem Leibe bekommen; damit sie als
Giesbäche sein möchten; die von der obersten Höhe der Berggüpfel sich herab
stürtzen / und alles / was ihnen im Wege / mit sich fortreissen. Sie reissen
auch gewislich / so oft sie flüssen / den Willen dessen / der dem Willen des
Weinenden widerstehet / gemeiniglich darnieder / und führen seine Bewilligung /
als eine Beute / mit sich darvon. Und dieses tuhn sie nicht nur dem Menschlichen
Willen / sondern auch dem Willen Gottes selbst / so oft dessen Algewalt / durch
ihre Gewalt sich überwältigen zu lassen / ihnen verhänget.
    (62) Die Gewalt aber dieses Trähnengewissers ist niemals gewaltiger / als
wan es aus den Augen einer Geliebten schüsset: indem es die Sinne des Verliebten
gleich als in einem Würbel herümtreibet / und seine Gemühtsneugungen bald hier-
bald dort-hin durcheinander wirfet. Niemahls wird Menschlicher Anblik mehr zum
Mitleiden bewogen / als wan er zwei Augen / die er als zwo lebendige Sonnen
verehret /verfünstert / und in Trähnen gleichsam zerronnen erblickt.
    (63) Es sieht alzuerbärmlich aus / wan ein Wolkenbruch der Trähnen die
Lilien und Rosen eines wunderschönen Antlitzes verwüstet. Es jammert Menschliche
Seelen alzusehr / wan ein Platzregen der Augen die Schönheit eines so lieblichen
Angesichtes /das man gleichsam anbähtet / vertilget. Es tauret einen Liebhaber /
und tuht ihm im Hertzen weh / wan er den leibhaften Himmel seiner Wohllust in
eine so gewaltige Wasserfluht gleichsam zerschmoltzen schauet: wan er schauet /
dass seiner irdischen Göttin ein solches Glüksfällige Wassergrab / durch ihre
selbst eigene Trähnen / zubereitet wird. Es pfleget auch gewislich auf einen
solchen so anhaltenden Trähnenflus gemeiniglich eine See zu folgen; darinnen
menschliche Schönheit nohtwendig ihr Grab /oder aber den Hafen des Erbarmens
erreichen mus.
    (64) In diesen Hafen der Erbarmnis trachtete auch in Wahrheit Simson
Ehliebste / durch einen so heuffigen Trähnengus / anzuländen. Sie gedachte
/durch einen solchen Trähnenseesturm / indem auch endlich die Winde
tiefgehohlter Hertzensseufzer mit unterstürmeten / Simsons Hertz zu erstürmen.
Sie verhoffete sich bei dem / der sie liebenswürdig geachtet / auch
mitleidenswürdig zu machen. Ja sie vertrauete hierdurch die Wilfahrung ihres so
sehnlichen Verlangens endlich einmal zu erlangen.
    (65) Wie behertzt sich Simson sonsten erwiesen; wie grossmühtig und
unbeweglich er vor diesem gewesen: so unbehertzt / so kleinmühtig / so bewegbahr
schien er itzund zu sein. Ja es schien / als wan er mit aller seiner mächtigen
Stärke so stark nicht sein könnte / der Macht dieses Sturmes länger zu
widerstehen. Kurtz / das Mitleiden brach ihm sein Hertz. Das Erbarmen schlich
sich in seine Seele. Der Schmertz senkte sich in seine Sinnen. Sein Mund
erstummete. Sein Gehöhr verlohr sich. Sein Gesicht erstarrete. Seine Gedanken
wanketen von einer seite zur andern. Ja es fehlete nicht viel / sie hetten ihn
gezwungen seine Zunge / der Trübsäligen zu wilfahren / in diesem Augenblicke zu
lösen.
    (66) Unter solcher so stillen Verwürrung / oder vielmehr Entzükkung / welche
sie / weil er kein Wort redete / für eine Würkung der Halsstarrigkeit aufnahm /
rief sie endlich / aus Ungeduld / alle ihre Seufzer zusammen. Diese stürmeten zu
erst inwendig so gewaltig / dass ihre Brustügel zitterten / ja der ganze Busem
/ in überaus heftiger Bewegung / bald auf-bald niedersprang; nicht anders / als
wan ein heftiges Erdböben vorhanden.
    (67) Auf diesen inwendigen Seufzersturm / folgete der Ausbruch / mit so
vielem Knallen und Krachen /als Seufzer heraus flogen. Er geschahe durch die zwo
Rubinenmauren des Mundes: welche man anfänglich erschüttern / darnach gar
voneinander gespaltet sah. Der meiste Seufzersturm war / durch diese Spalte
/kaum verflogen / als ein ganzer Schwarm Jammerworte / mit noch etlichen
Seufzern vermänget / hinter ihm herdrung.
    (68) »Ach! ich Elende!« fing sie an zu klagen. »Ach! ich Unglücksälige! Ach!
ich Trostlose vor allen Frauen! Ach! wie bin ich dem Himmel so gar verhasset /
dass mir / auf sein Verhängnis / die ersten Ehtage zu Wehtagen / die ersten
Freudentage zu Leidtagen /ja meine Traue zur Trauer werden müssen! Mus dann
selbst im Mittage meiner Hochzeit die Nacht der Traurigkeit mich überfallen? Mus
dann mein Brautbette / darein ich nährlich gestiegen / mir so bald zum
Trauerbette / ja aller meiner eingebildeten Wohllust zum Grabe werden? Ach! weh
mir! Ach! weh mir! Ach! weh und immer weh!
    (69) Ach! ich armsälige / ich drangsälige Braut! Mus ich dann itzund / da
meine Brauttage noch nicht gar vergangen / meine Trauertage schon angehen sehen?
Mus dann itzund / da ich Braut zu heissen noch nicht aufgehöret / die Liebe
meines Breutigams schon aufhören? Ach! wie bald ist mir die hertzerfreuliche
Rose der Lust zum abscheulichen schmertzerregenden Kreutzdorne geworden? Ach!
wie bald hat sich die süsse Blühte der Liebe in eine bittere Leidensbluhme
verwandelt?
    (70) O weh mir / dass mich mein Ehstand in diesen Wehstand so gar früh
versetzet! dass mir nur alzufrüh mein Traubette zum Trauerbette geworden? dass ich
das Band der Ehe kaum gebunden / den Knopf der Traue kaum geknüpfet / und meines
Ehgattens Zuneugung und Treue schon entbunden / und aufgelöset sehe! dass ich mit
allen meinen ihm angetahnen Ergetzungen nichts / als nur lauter Widersetzungen /
verdienet! ja dass er meiner für alle meine Liebesbezeugungen / indem er sie erst
zu schmäkken begonnen /nur spottet / und sie nicht einmal der Rede währt
achtet!
    (71) O weh mir / die ich so leichtgleubig gewesen! indem ich einem Manne
gegleubet / der mich / in meiner Blühte / selbst anzubähten / ja zu vergötlichen
schien / und nunmehr / nach kaum abgepflükter Bluhme / schon so gar verschmähet
/ und beschimpfet /dass er mich schier weniger achtet / als einen verlegenen
Küchenhader / als einen Scheuerwisch / ja weniger / als einen Auskehricht.
    (72) An mir / ach weh! finden dieselben / die sich rühmen / durch ihre
Schönheit / Leibeigene gemacht zu haben / gleichwie ich leider! ehmals so
unvorsichtig getahn / einen lebendigen Spiegel. Hierinnen können sie schauen /
wie die Liebe desselben / der mich so inbrünstig zu lieben schien / ihre Brunst
so plötzlich ausgebrunstet / dass nichts / ja gar nichts mehr darvon zu spühren
ist. Ja hier erblicken sie die Treue der Männer / die ein schönes Weibesbild nur
darüm lieben / oder vielmehr zu lieben sich stellen / damit sie es üm so viel
eher betrügen möchten / nach dem Leben abgemahlet.
    (73) Man bezüchtiget gemeiniglich die Weiber /dass sie die Unbeständigkeit
und Treulossheit / mit ihrem Leben und Leibe zugleich / auf die Welt gebracht /
oder doch mit der Muttermilch eingesogen. Und diese Bezüchtigung schwebet / in
allen Weingelaaken / auf aller Männer Zunge. Da doch niemand Treuloser / niemand
Unbeständiger erfunden wird /als eben dieselben.
    (74) Wan es wahr ist / dass die Weiber insgemein so gar Unbeständig / so gar
Treuloss geboren / wie man sie mit unrechte beschuldiget; so verwundert sich
mein Gemüht billich / dass eben ich darvon ausgeschlossen sein mus: indem ich
auch dem Allertreulosesten meine Treue / dem Allerunbeständisten meine
Beständigkeit keines Weges entziehen kann; wie ich wohl itzund gerne wollte.
    (75) Es tuht mir im Hertzen weh / dass ich von demselben / in dessen höchster
Gunst und Liebe zu stehen ich mir so gewis / als hertzinbrünstig er mich zu
lieben schien / einbildete / nunmehr die allergeringste Gunst nicht auszubetteln
vermag. Wan ihm etwan einiger Nachteil hieraus zuwachsen könnte / so wollte ich
nicht klagen. Vielmehr wollte ich seinen Abschlag selbst guht heissen.
    (76) Aber ich sehe wohl / was es ist. Er ist meiner überdrüssig. Ich bin ihm
ein Scheusal worden. Er hat an mir / aus meinen alzuübermässigen
Liebesbezeugungen einen Ekel bekommen. Er träget scheu und abkehr vor allem /
was ich tuhe. Und eben darüm will er mich nicht hören / viel weniger erhören. Ja
darüm ist derselbe / der kaum angefangen mein Breutigam zu sein / der erst
neulich für grosser Liebe schier bärsten wollte / mir in einen Grausamen
verwandelt. Ich erzittere / ja erschrökke / wan ich daran gedenke.
    (77) Ich habe zwar / durch langes Anhalten / oder vielmehr Bätteln / ihm
endlich noch so viel abgebättelt / dass ich eine leere / wo nicht schimpfliche
Zusage zur Erhaltung meines Anhaltens erhalten: indem ich so lange warten soll /
bis ein ieder / auch seine Feinde selbst / ja die Vogel auf den Tächern wissen
werden / was ich zu wissen so hertzlich verlange. Aber diese Zusage / die so
leer / und von der Gewährung so weit entfernet ist / kann ich für keine
Gunstbezeigung im geringsten nicht aufnehmen: weil sie mir bloss allein zur
Verkleinerung dienet; als eine solche / dadurch ein Breutigam seiner Braut auch
das geringeste selbst abgescheumete Gassenvölklein vorziehet.
    (78) O mehr als unglücksälige Braut! die aus einem so gar widerwärtigem
Anfange nichts anders / als einen unglücklichen Fortgang ihrer Ehe zu weissagen
vermag. O unbarmhertziger / ja selbst treuloser Breutigam! der dieselbe / die
ihn so höchlich liebt / mit dem allerhäslichsten Undanke belohnet. O weh mir!
dass ich hinfort mein Leben bei einem solchen Betrüger / bei einem solchen
Wühtriche / bei einem solchen Gott- und heil-losem Manne zu schlüssen bestirnt
bin!«
    (79) Mit diesen letzten Worten / da sie in Ohnmacht zu fallen sich stellete
/ ris sie / in einem Risse /den Busem auf / und entblöste ihre schneeweisse
Brüste. Hierdurch gedachte sie Simsons Hertz vollend zu überrumpeln. Durch
dieses Mittel vermeinte sie seine Hartnäkkigkeit zu erweichen. Durch diesen
Listrank verhofte sie endlich einmal seinen Willen zu erobern.
    (80) Wer eine starke Festung einzunehmen gedenkt / der beängstiget sie
zuerst mit unterschiedlichen harten Stürmen: Sobald er / mit unaufhöhrlichem
lossbrennen der Geschütze / die Heuser zerschmettert /die Wälle durchpohret / und
die Belägerten macht-und muht-los gemacht; alsdan führet er seine Völker /unter
dem noch anhaltenden Donner der Geschütze /mit dem blossen Degen in der Faust /
gegen den durchpohrten Wal an. Auch schikt er unterdessen einen gewaltigen
Schwarm der Feuerkugeln / durch die Luft / auf die Bestürmeten zu. Also lesset
er einen Sturm dem andern folgen. Endlich / imfal alle diese Stürme / ja selbst
der Hauptsturm fruchtloss abgelauffen / doch die Bestürmeten darbei auch mat und
müde geworden / kömt man zur gühtlichen Handlung.
    (81) Auf eben dieselbe Weise trachtete dieses Weib ihres Simsons
Hertzfestung zur Ubergabe zu bringen. Sie versuchte zuerst ihr Heil auch mit
unterschiedlichen Stürmen. Auf den nassen Sturm ihrer Trähnengüsse / folgete der
gewaltige Feuersturm ihrer Seufzer. Sobald dieser vorüber war / begunte sie auch
den allerhärtesten Hauptsturm ihrer Worte selbst: die in Simsons Hertzen / als
eitel spitzige mit Widerhaken gewafnete Pfeile / sitzen blieben. Endlich / als
sie mit dem entblösseten Degen in der Faust nichts sonderliches ausrichtete / als
die Schärfe der Worte nicht allerdinge verfangen wollte / grif sie gleichesfals
zur gühtigen Handlung. Sie suchete die Liebe / welche sie / durch ihre letzte so
gar stachelichte / ja ganz ehrenrührige Worte / aus Simsons Hertzen verjaget zu
haben wähnete / darinnen wieder in ihren vorigen Stand zu bringen. Und hierdurch
bildete sie ihr ein / seinen bereits waklenden Willen vollend zu übermeistern.
    (82) Aber sie erreichte gleichwohl / durch dieses Listmittel / ihr rechtes
Augenmärk noch nicht. Simson ward hierdurch nicht weiter beweget / als dass er /
durch eine grosse Mänge seiner Liebesbezeugungen /sie zu beruhigen suchte. Ja er
trachtete zugleich sie damit zu überzeugen / wie fälschlich sie seine Liebe /ja
seine Treue beschuldiget. Und also waren alle ihre Listgriffe vereitelt. Alle
ihre Anschläge schlugen fehl. Alle ihre Hoffnung fiel in den Brunnen.
    (83) Inzwischen brach der siebende Tag an. Der letzte Tag ihrer Hochzeit
rükte herbei: mit welchem die bestimmte Frist das Rähtsel aufzulösen sollte zu
Ende lauffen. Die dreissig Timnatische Jünkerchen kahmen am bestirnten Orte des
Brautauses zusammen den letzten Bescheid von der Braut einzuhohlen. Diese / die
das Getümmel zur stunde vernahm / lies den schlafenden Simson liegen. Sie
schlich ganz heimlich und leise zur Kammer hinaus / und begab sich vol
Schrökkens zu ihnen. Es war gewislich hohe Zeit / dass sie erschien. Sonst hette
die rasende Rotte das Brautaus mit Morden und Brennen erfüllet.
    (84) Kaum war sie zu ihnen hineingeträhten / da ging das Mord- und
Brand-Dreuen schon wieder an. Sie lieffen als unsinnig um sie herüm. Der eine
rupfte und zupfte sie hier / der andere da; nicht anders / als ein Stossvogel
eine gefangene Taube. Straks sollte sie raht schaffen. Von stunden an sollte sie
ihr Verlangen erfüllen. Wo nicht: so sollte ihr letztes Broht gebakken sein: so
wollten sie die Armsälige zerreissen.
    (85) Guhter Raht war alhier teuer. Die Gefahr stund vor der Tühre. Keine
Rettung / noch Hülfe war zu finden. Die Drangsalen ümgaben sie auf allen Seiten.
Sie zitterte für Angst. Alle Glieder böbeten. Die Sprache wollte nicht fort. Sie
konnte kein einiges Wort zu ihrer Entschuldigung vorbringen. Gleichwohl erhohlete
sie sich endlich. Endlich fassete sie wieder Muht. Sie baht / mit flehender
Zunge / mit seufzendem Munde / mit weinenden Augen / üm schönes Wetter. Sie
vertröstete die erbossten Mordgurgeln / in den noch übrigen wenigen Stunden / ihr
bestes zu tuhn. Sie wollte / zu ihrer Vergnügung / ihr euserstes versuchen. Könte
sie ihnen alsdan / nach Wunsche /nicht wilfahren; so wollte sie / die nun ihre
Barmhertzigkeit anflehete / ihres Grimmes erwarten.
    (86) Mit diesen kläglichen Worten schied sie von ihnen. Mit dieser letzten
Vertröstung machte sie sich aus ihren Händen los; doch nur auf eine kleine
Galgenfrist. Und also ging sie wieder in ihre Schlafkammer. Alda begab sie sich
straks vor das Bette / ihren Simson / der noch immer fortschlief / zu wekken.
Sie nahm ihn bei der Hand. Sie strich und strählete seine Wangen. Sie küssete
seinen Mund / mit einem solchen Kusse / dass sich seine Lebensgeister darüber
ermunterten.
    (87) Simson ward zwar über diesem Kusse ganz wakker. Gleichwohl konnte sein
so höchlich erfreueter Geist nicht gleuben / dass er wachete. Er bildete ihm
gäntzlich ein / dass er treumete: dass ihm / im Traume / der Himmel / mit aller
seiner Wohllust erschienen. »Ach!« sprach er / »mein Engel! mein Freudenbild!
meine Wonne! ja meine Sonne / die mich / nach so vielen erlittenen Stürmen /
wieder ümleuchtet! Wo bin ich? Was seh' ich? was fühl' ich? was geniesst meine
Seele für Lust? Ist dieser Kus /den ich fühle / wahrhaftig ein Kus? Oder dünkt
es mich nur / dass ich ihn fühle?«
    (88) In solchen schlafirrenden Gedanken wollte er weiter reden. Aber seine
Liebste fing ihm das Wort auf / und sagte: »Mein Simson! mein Liebster! mein
Trauter! Es ist wahrhaftig ein Kus / den du fühlest. Deine Liebste / deine
eigene Liebste küsset dich wahrhaftig. Es ist warhaftig ihr Mund / der deinen
Mund drükket. Es sind ihre selbst eigene Lippen / die deine Lippen befeuchten.
Ich selbst bin es / die so hertzlich dich küsset / die so treulich dich liebt /
dass sie auch ihre Liebe dir allein gewiedmet.«
    (89) Hierauf erhub sich Simson / und ümarmete sie. Da erkannte er erst recht
aus was für einem Brunnen diese Laabnis seiner Seele gekwollen. Die Gegenküsse /
die er gab / waren unzehlbar. Unzehlbar waren die Seufzer / mit denen er sein
Hertz seiner Liebsten zuschikkete. Unzehlbar waren auch seine Liebesblikke / mit
denen er den ihrigen so liebreich begegnete. Ja die Lust selber / die er
empfand / war unbeschreiblich.
    (90) Aber diese seine Lust tauerte nicht lange. Mitten in diesen
Ergetzlichkeiten kehrete sich das Blat üm. Die erfreulichen Blikke seiner
Liebsten warden mit trüben Wolken plötzlich überzogen / und diese mit
unzehlbaren Trähnen geschwängert. Auch schien es / als wan die Macht zu küssen
ihrem Munde entwichen / und an ihre statt ein ewiges Seufzerleben darinnen
entstünde. Auf die Gewalt der Seufzer / mit denen die Seele schier gar
auszufahren schien / folgete wiederüm ein gewaltiger Trähnengus. Diesen beschlos
sie mit der allerkläglichsten und allererbärmlichsten Rede.
    (91) »Mich wundert« / sagte sie / »dass ich etliche Tage nacheinander in
Seufzer gleichsam zerflogen / ja in Trähnen schier zerflossen bin / und
gleichwohl Dich zu dem geringsten Mitleiden nicht bewegen können. Ist dann deine
Hartnäkkigkeit so gar verhärtet /dass sie durch so vieles Bitten und Flehen
keines weges zu erweichen gewesen? Ist dann dein Hertz härter / als ein Stein /
den die trüpfende Regentropfen ermürben / ja endlich gar durchlöchern; indem es
die Trauffe selbst meiner Trähnen nicht zu entärten / und zum Brächen zu
bringen vermag? Ist dann vor meinen erbärmlichen Klagen die Tühre deiner
Barmherzigkeit so fest verrügelt / dass ihnen aller Eingang verweigert wird?
    (92) Wan ich dieses wahr zu sein / aus der Erfahrung / nicht wüste; so
würden meine Gedanken mich leichtlich überreden / dass ich treumete. Ich würde
nimmermehr gläuben können / dass ein Breutigam seiner Braut / ein Ehgatte seiner
Ehliebsten in einer solchen geringen Sache zu wilfahren so gar verstokt und so
gar halsstarrig sein könnte? Ja ich darf wohl sagen /dass ich solches zu gleuben /
oder nur zu denken vor Sünde halten würde.
    (93) Meine so oft wiederhohlete / und eben so oft ach leider! abgeschlagene
Bitte wiederhohlet itzund diese meine ganz ohnmächtige Zunge zum letzten mahle.
Zum letzten mahle flehet deine Liebste / deine Braut / dein selbst eigenes Hertz
Dich wehmütiglich an. Ja sie flehet demühtiglich / mit gebogenen Kniehen / nur
ihr allein dasselbe / das du in wenig stunden allen entdekken must / eine so
kleine Zeit vorher zu entdekken. Wan du ihr bloss so viel voraus zu geben geruhen
wirst; alsdan wird sie erst recht gleuben können / dass Du / wie du sagest / sie
liebest.
    (94) Das Ehliche Band / damit wir so unlängst in treuer Liebe verbunden
worden / wirst du ja so bald nimmermehr entbinden / dass du mir eine solche
geringe Gunst zu erweisen verweigern wollest. Imfal du etwan vor mir / wie es
scheinet / einen so frühen Ekel bekommen; weil du meine Schönheit / die Dich
ehmahls zur Liebe bewogen / nun nicht wenig gemindert siehest: ach! so gedenke
doch / dass dieses verfallene /vermagerte / betrübte / ja ganz erbärmliche Wesen
/das du an mir erblickest / nirgend anders herrühret /als von den übermässigen
Schmertzen / damit Du selbst eine Zeit lang mein Hertz so gar unbarmhertzig und
ungnädig biss zum Tode zu gleichsam gefoltert.
    (95) Du selber trägst die Schuld / dass deine Liebste so unlieblich / so
häslich aussiehet. Du selber bist die Uhrsache / meiner verschwundenen
Schönheit / meiner verschlundenen Liebligkeit. Die Unbarmhertzigkeit / die
Grausamkeit / die aus der Asche deiner ausgebranten Liebe / mich zu peinigen
/geboren worden / hat sie vertilget.
    (96) Ach! mein Liebster! denke doch nur ein wenig zurück auf deine vorige so
inbrünstige Liebe. Denke doch an dein und mein Ehband / das noch so neu / so
frisch ist / und das niemand / als der Tod / zu entbinden vermag. Denke doch an
unsere unterlichgeschwohrene Treue. Wan Du dieses tuhst; so bin ich vergewissert
/ Du werdest so häslich / so ungebunden /so treuloss an mir nimmermehr handeln /
eine so kleine Wilfahrung mir / im letzten Augenblicke meines Lebens / zu
versagen.
    (97) Ich erwarte dann dieser allergeringsten Wilfahrung endlich einmal
gewürdigt zu werden: indem ich keines weges müglich zu sein gleuben kann / dass Du
/nach so langem flehen und bitten / unerbitlich zu sein verharren werdest.
Entschleus dann denselben Mund /der mich deiner Liebe so vielmahls versichert.
Entbinde dieselbe Zunge / die / durch stähtige Liebkosungen / in meiner Seelen
eine so reine Liebesbrunst angeflammet / mir dasselbe zu offenbahren / das mein
Vorwitz zu wissen so ängstiglich verlanget.
    (98) Eher will ich nicht aufhören Dich anzuflehen /Du erhörest mich dann. Eher
will ich von diesem Fussfalle / den ich mit gebogenen Kniehen tuhe / nicht
aufstehen / Du vergnügest mich dann. Eher will ich von deinem Angesichte nicht
weggehen / ich trage dann das Zeichen deiner völligen Liebe darvon. Ach! ich
bilde mir schon ein / dass sich meine Arme üm deinen Hals schwingen / dass ich
meinen Mund auf deinen Mund drükke / Dir für die so lange verlangte / und
nunmehr erlangte Gnade zu danken.«
    (99) Mit diesen letzten Worten / denen sie / mit den allererbärmlichsten und
ganz hertzentzükkenden Gebährden / den kräftigsten Nachdruk gab / drung sie
dermassen durch / dass Simsons Stärke / wie stark und unüberwindlich sie sonsten
immermehr sein mochte / gleichwohl alhier / solchen so harten Stürmen zu
widerstehen / lange nicht stark genug sein konnte. Auch fiel sein Gemüht / das
ehmahls keiner Macht / wie mächtig sie war / gewichen / nunmehr ganz machtloss
darnieder. Ja sein Hertz / das vor diesem / als ein harter Fels / ganz
unbeweglich und unüberwindlich gestanden / ward itzund / durch solche so
hertzentzükkende Machtworte / nicht anders / als ein wankendes Rohr / bald hier-
bald dort-hin so lange beweget / bis es endlich gar brächen / ja wohl gar / als
Wachs / zerschmältzen musste.
    (100) Und also ward Simsons Hertz / nach vielen ausgestandenen Stürmen /
endlich erobert. Endlich ward derselbe Grossmächtige Muht / der so manches Helden
Muhte die Spitze zu bieten vermochte / durch ein schwaches kleinmühtiges
Weibichen / mit nichts anders / als mit blossen Worten / entmuhtiget / und
plötzlich darnieder geschlagen. Eine solche durchdringende Macht haben die Worte
des Frauenzimmers / zuvoraus eines Geliebten / wan sie aus einem seuftzenden
Munde / mit wehmühtigen Gebährden begleitet / hervorbrächen.
    (101) Simson erzählete zuerst seiner Liebsten die ganze Begäbnis mit dem
Leuen. Darnach zeigete er an / woher er sein aufgegebenes Rähtsel genommen / und
wie dasselbe zu errahten sei. Nähmlich durch den Fresser / darvon die Speise /
und durch den Starken / von dem die Süssigkeit gegangen / würde das Fressende
/und zugleich Starke Tier / der Leue / verstanden; in dessen Aases Rachen er die
süsse Honigspeise / welche die Bienen alda zubereitet / gefunden.
    (102) Die Zuhörerin spitzte / bei dieser Erzehl- und Erklährung / die Ohren
nicht anders / als ein Windspiel / das irgend hinter einem rauschenden Strauche
/einen Hasen wittert. Sie märkte fleissig auf. Sie gab acht auf alle Worte:
damit ihr ja keines entschlüpfen möchte. War sie vorhin traurig und betrübt
gewesen; so war sie itzund / da sie / mit ihren listigen Ränken /des Rähtsels
Erklährung so glücklich ausgefischet / üm so viel freudiger. Ja es sprang ihr das
Hertz in ihrem Leibe für übermässiger Freude; weil ihr Anschlag endlich einmal
den gewünschten Ausschlag gewonnen.
    (103) Erstlich dankte sie bei sich selbst ihrem Abgotte Dagon / dass er sie
nunmehr ihrer Bekümmernis abgeholfen / und aus ihrer vor Augen schwebenden
Gefahr errettet. Darnach fiel sie ihrem Simson / mit beiden Armen / üm den Hals.
Das Küssen / das Liebkosen / das Schmeucheln hatte kein Ende. Ja sie lies ihm /
durch tausenderlei Liebespiele / die Ubermässigkeit ihrer Vergnügung ganz
überflüssig blikken: indem sie sich solcher gestalt anstellete / gleich als tähte
sie der Pflicht einer aufrichtigen Dankbarkeit genug.
    (104) Bei so plötzlicher Veränderung des Spieles /wusste Simson selbst nicht
/ wie ihm geschahe. Er stund gleich als entzükt. Er lies sich bedünken / als
lebete er leibhaftig im Himmel der Liebe; als stünde er mitten im Paradiese: da
seine Glücksäligkeit sich nimmermehr endigen würde. Und in solcher so lieblichen
Entzükkung / schienen ihm seine Sinnen vorzuwerfen / dass er sie der Geniessung
dieser so süssen Ergetzligkeiten so lange beraubet; indem er dem Willen seiner
Liebsten nicht eher gewilfahret.
    (105) Aber diese des Simsons Einbildung / die ihm solche seine Glüksäligkeit
so gar langwierig vormahlete / spielete das Spiel einer Betrügerin nicht weniger
/ als seine Liebste. Es ist zwar nicht zu leugnen / dass die weiblichen
Ergetzligkeiten zum öftern dermassen belustigen / dass sie derselbe / der ihrer
geniesst / gar für Wohllüste des Ewigen säligen Lebens zu halten sich nicht
entziehet. Aber durch ihre so flüchtige Kürtze lügenstrafen sie gleichwohl des
Geniessers Wahn solcher gestalt / dass er gar bald gestehen mus /sie weren nicht
anders / als ein blosses Eigentuhm dieses vergänglichen Lebens.
    (106) Die Süssigkeit des Kusses empfindet man länger nicht / als Mund auf
Mund gedrükt den Kus giebet: wiewohl die Einbildung den Nachschmak darvon
zuweilen was länger behält. Die Anmuhtigkeit der Hertzentzükkenden Liebkosungen
ergetzet unsere Sinligkeit länger nicht / als so lange der Stimme Schal in
unsern Ohren klinget: wiewohl ein Nachklang darvon unsrem Gedächtnisse zu zeiten
so fest eingebildet bleibet / dass er noch lange genug in den Gedanken hallet.
    (107) Eben also belustigen auch die Liebesblikke das Auge nur so lange / als
sie es anblikken. Schüssen sie aber hierauf seitwärtshin / auf etwas anders /
oder drehen sich / mit den Augen / welche sie auslassen /gar üm; so bleibet uns
von ihnen nichts mehr / als nur das blosse Gedächtnis ihrer Ergetzung noch eine
Zeit lang / übrig. Und solches geschiehet üm so viel weniger / wan der Leib /
dessen Augenlichter sie von sich geben / aus unsrem Gesichte sich entfernet /
oder gar dem Tode zu teile wird. Nicht mehr Tauerhaftigkeiten befinden sich bei
allen andern zeitlichen Ergetzungen: welche / dass sie kein ewiges Lust- und
Liebe-leben hägen / das Wahrzeichen der Flüchtigkeit bezeichnet.
    (108) Kaum hatte Simson diese so eitele Scheinliebelungen seiner Liebsten
recht zu kosten angefangen / da warden sie ihm schon wieder entrükt. Plötzlich
hörete sie auf zu liebeln. Plötzlich hatte das umhälsen / das küssen / das
hertzen / das schnäbeln ein Ende. Plötzlich verlies sie ihn; und lief dahin / da
sich ihre Begierde zu entladen gedachte. Das ausgefischete Geheimnis des
Rähtsels konnte sie nicht länger verschweigen. Das Verlangen solches zu entdekken
/beflügelte ihre Füsse. Sie lief / sie Sprung / sie flog nach dem Orte zu / dahin
sie diejenigen / die auf dessen Entdekkung so ängstiglich / so schmertzlich
warteten / beschieden.
    (109) Ein Frauenbild / das wenig / oder wohl gar nicht liebt / ist eben so
wenig verschwiegen. Es ist als ein Sieb / welches das eingefüllete Wasser straks
wieder durchsiepern lesset. Es ist anders nicht / als ein Sandleuffer / dessen
eingefülleter Sand im obersten Glase nicht eher zu lauffen aufhöret / als bis es
ledig gelauffen. Kaum hat es das anvertraute Geheimnis mit den Ohren empfangen /
als es schon wieder zum Munde hinaus eilet. Kurtz / ein solches Weib krieget mit
Betruge / und sieget mit Verräterei.
    (110) Dessen giebet uns alhier Simsons Frau ein lebendiges Lehrbild. Ihre
Liebe / welche sie euserlich vorgab / ging nicht von Hertzen. Sie war eine blosse
Scheinliebe / ein blosses Spiegelfechten / und in der Taht nichts / als
Betrügerei. Und also war sie eine Betrügerin / damit sie eine Verrähterin würde.
Sie betrog auch das getreue Hertz Simsons rechtschaffen / und verriet desselben
so meisterlich abbetrogenes Geheimnis / mit der allerschänd- und schädlichsten
Treulossheit. Hier hies es wohl recht: Männerlist behände / Weiberlist ohne Ende.
    (111) Nachdem die dreissig Stadtjünkerchen / am bestirnten Orte / lange
genug auf ihre Zukunft gewartet / und nunmehr / aus Verzweifelung / schier
rasendtol zu werden begunten; da brachte sie ihnen endlich die fröhliche Zeitung
/ dass Simson ihr sein ganzes Hertz geoffenbahret / und mit demselben auch die
Deutung des Rähtsels. Diese nun empfingen sie von ihr / mit unaussprächlichen
Freuden. Ja sie konten mit Jauchzen / mit Frohlokken / mit Händeklatschen kaum
so lange warten / bis die Verrähterin ihre Verräterei volzogen.
    (112) Diese war nunmehr das beste Huhn im Korbe. Sie allein trug das Lob der
Retterin ihrer Ehre / ja der Ehre des ganzen Vaterlandes darvon. Ihr allein
dankte man. Sie allein rühmete man / als eine solche / die / durch ihre Weisheit
/ der Feinde Frohlokken vereitelt. Ja man kröhnete sie nicht allein / als eine
Uberwinderin / mit unendlichen Lobsprüchen; sondern verehrete sie auch gar / als
eine Göttin oder vielmehr Abgöttin des Sieges: weil / durch ihre so kluge
Listränke / der Sieg auf derer Seite gefallen /die sich schon überwunden zu sein
geachtet. Und also ward diese betrügerische / verrähterische / Treu- und
Gott-lose Frau / die nicht einmal so viel währt war /dass sie den Erdboden
beträhten sollte / gar bis in den Himmel erhoben.
    (113) Nach volendeten diesen Dank- und Lob-sprüchen / die nur mit der Flucht
geschahen / lief die ganze Rotte vol Hochmuhts hin / den Simson zu suchen. Kein
Kriegesschif / das mit vollem Vorwinde die See durchsegelt / kann so aufgeblasen
einher lauffen / als diese sonst alberne Tropfen angelauffen kahmen. Ihr
Ehrgeitz stieg so hoch / dass sie auch nicht einmal so lange warten konten / bis
die angesetzte Bedenkzeit vorüber. Die Ungeduld des Rähtsels Auflösung länger
bei sich zu behalten / trieb sie über Hals über Kopf in Simsons Zimmer.
    (114) Sobald sie ihn erblikten / fingen sie straks an / ihm / ohne einigen
Grus / ohne einige Ehrenbezeigung / auf eine recht herrische oder vielmehr
närrische Weise / zu gebieten: er sollte den aufgesetzten Preis /den sie
abzuhohlen kähmen / unverzüglich herschaffen. Simson / der über diese
frefelhafte Tol- und Tum-kühnheit ihres Anmuhtens nur lachte / gab zur Antwort:
sie sollten zuvor / durch Auflösung des Rähtsels / den Preis gewinnen. Alsdan sei
er bereit / sie /nach Gemässheit seiner Worte / zu vergnügen.
    (115) Hierauf sagten oder fragten sie / ohne weiteren Verzug: »welche Speise
schmäkket süsser / als Honig / und was ist Fressichter und Stärker / als der
Leue?« »Aber was ist Listiger« / fing ihnen Simson alsobald das Wort auf / »ja
was ist betrüglicher und verrähterischer / als eine Fraue? Hettet ihr nicht mit
meinem Kalbe / mit meinem kälberhaftigen Weibe gepflüget; so würde der Akker
eures Verstandes diese Früchte so hoher Wissenschaft nicht getragen haben: des
Rähtsels Geheimnis würde vor euch wohl unerrahten geblieben sein.«
    (116) Wohl recht vergleichet Simson alhier sein Weib einem albernen Kalbe /
das ohne Verstand und ganz unbedachtsam zu bläken pfleget. Ehweiber sollen
nicht aus der Schuhle schwatzen. Ihres Mannes Heimligkeit sollen sie nicht auf
den Fischmarkt austragen. Es ist besser / dass sie bei ihnen vermodere / ja gar
verwese / als so unverständig zu ihrer eigenen Schande / geoffenbahret werde.
Von verfaulter Heimligkeit wird ihr Atem nicht stinken / und eben so wenig ihr
Hertz bärsten. Hingegen machet die geoffenbahrte so tieffe Wunden / die übel zu
heilen. Ja sie zerschneidet die Ehliche Liebe / die Ehliche Treue dermassen / dass
sie schwerlich wieder zu häften.
    (117) Simson trauete seiner Braut. Er sah sie für so getreu und
verschwiegen an / dass er ihr das Innerste seines Hertzens entdekte. Aber sie
verschwieg es nicht länger / als so lang sie bei ihm war. Der erste junge
Tantzgeselle / den sie erblikte / musste das Geheimnis wissen. Und hiermit bekahm
ihr Ehband einen so grossen Ris / dass es nachmahls nicht wieder zusammen wollte.
Auch schied Simson in Wahrheit ganz Unmuhts und vol Unwillens plötzlich von
ihr.
    (118) Er were zwar nicht schuldig gewesen den angesetzten Preis zu erlegen:
weil er nicht aufrichtig / ja anders nicht / als durch Betrug und Verräterei /
gewonnen war. Aber mit Eseln sich zu überwerfen / und lange zu zanken kahm ihm
ungelegen. Es stritte wider seine Grossmütigkeit. Zudem wollte er keines weges
angesehen sein / als wan er so viel nicht vermöchte /ihnen den Gewin / ob er
schon unrechtmässig gewonnen / zu entrichten. Und darüm ging er straks hin /vom
Geiste Gottes getrieben / nach Asklon / alda zur Zahlung seiner Schuld ie eher /
ie lieber raht zu schaffen.
    (119) Weil die Filister mit unsrem Simson so unredlich und betrüglich
gehandelt / dass sie ihm seine Braut zur Untreue verleitet; indem sie seine
Heimligkeit ausforschen / und ihnen / wider geleisteten Eid / und wider die
Ehpflicht / verrahten müssen: so ergrimmete er billich / und schlug dreissig
wohlgekleideten Filistern / bei der Stadt Asklon / den Hals in zwei: damit er
von der Ausbeute ihrer Kleider zahlen möchte / was er schuldig worden.
    (120) Es war eben ein schönes heiteres Wetter: welches die Bürger von Asklon
hauffenweise vor das Tohr lokte / sich im Felde mit lustwandeln zu ergetzen.
Dieser Gelegenheit nahm Simson wahr. Er schlich anfänglich / als ein Fuchs / auf
sie zu / darnach fiel er sie plötzlich an / als ein Leue: dessen Grimme niemand
zu widerstehen vermag. Der erste /der ihme begegnete / musste das Gelaak / das er
zu Timnat verschmauset / bezahlen helfen. Er ergrif ihn unverhuhts bei dem Halse
/ und knüp ihm so feste die Gurgel zu / dass er in einem nuh / ohne einiges
Zappeln / oder Hülferufen / den Geist / in seiner Faust / aufgeben musste.
    (121) Den andern / die in der nähe solches sahen /und zulieffen / ihren
Mitbürger zu retten / war eben ein solcher Glüksfal bescheeret. Ihrer Neune
lagen / in so viel Schlägen / straks zu bodem geschlagen. Noch andere Neune wurf
er / in so viel Würfen / dermassen wider die Steinfelsen / dass aus ihren
Zerschmetterten Köpfen Gehirn und Bluht das Erdreich besprützten. Nun fehleten
ihm / die Zahl vol zu machen / nicht mehr / als noch Eilfe: die er endlich auch
bekahm.
    (122) Unterdessen erschol das Geheule der Weiber / das Gewinsele der Kinder
weit und breit. Jene bejammerten den Todt ihrer Männer. Diese beweineten ihre so
plötzlich erschlagene Väter. Ja das Wimmerleichen / das Wehklagen / das
Jammergeschrei dieser Witwen und Waisen währete so lange / bis das Land-und
Stadt-volk in der nächsten Gegend herüm / nicht so wohl das vergossene Bluht zu
rächen / als zu seiner eigenen Gegenwehre / zusammenzulauffen begunte.
    (123) Einieder wafhete sich. Einieder rüstete sich so guht / als er konnte.
Einieder machte sich auf dem Verderber bei Zeiten zu steuren. Niemand wollte der
Letzte sein. Auch die allerverzagtesten / die allerkleinmühtigsten lieffen
herzu: welche gleichwohl die Muhtigsten und Kekkesten zu sein sich stelleten /
sobald sie nur einen einigen / und darzu ganz ungewafheten Man ihres Anfalles
erwarten sahen.
    (124) Simson hielt stand. Sein Heldenmuht war ungewohnet zu erschrökken.
Viel weniger waren seine Füsse gewohnet zu flühen. Er wich der ankommenden Mänge
nicht einen Fuss breit. Er achtete sie eben so wenig / ja wohl weniger / als
einen Mükkenschwarm. Der Blitz seiner Tapferkeit / und die Donnerkeule seines
Grimmes schossen ihm aus den Augen. Wo die Strahlen seines Gesichtes sich
hindreheten / da schienen sie ein unvermeidliches weit üm sich fressendes
Zornfeuer auszustreuen.
    (125) Im ersten Anblikke hielt ihn diese schwermende Rotte gar für unsinnig:
weil er so verwegen sein dürfte vor einer so grossen Mänge stand zu halten.
Einieder war verwundert / dass er so gar unbeweglich der gewissen Todesgefahr
sich darstellete. Alle waren bestürtzt / dass er auf seinen so nahen Tod so ganz
unerschrokken wartete. Ja etliche sahen ihn endlich gar für ein Gespänst an:
indem sie wähneten / der Geist ihres algemeinen Feindes des Josua / sei irgend
aus dem Abgrunde herauf gekommen / sie vollend zu vertilgen. Andere / die ihn
weder für einen Menschen / noch ein Spühknis hielten / urteileten: er sei etwan
ein Engel / oder eine Goteit der Israeler / die aus dem Himmel selbst
angelanget / diese Fremdlinge / durch Göttliche Kraft / in das übrige Land
einzusetzen.
    (126) Bei diesem letzten Wahne begunte der Muht ihnen straks zu wakkeln.
Auch zitterten etliche / durch Schrökken überfallen / dermassen / dass ihnen das
Gewehr schier aus den Händen fiel. Ja sie warden zuletzt so feig / dass sie nicht
wussten / ob es rahtsam / oder unrahtsam sei den Angrif zu wagen. Gleichwohl
wagten sie es / und rükten plötzlich auf Simson zu: indem es die meisten für
Schande hielten / dass eine so grosse Mänge bewehrter Männer einem einigen
Unbewehrten nicht unter Augen ziehen dürfte. Und hiermit erhub sich das
algemeine Feldgeschrei: schlage toht! schlage toht! fälle nieder! fälle nieder!
    (127) Aber es ging ihnen besser nicht / als den vorigen Neunzehen. Der erste
/ der noch so kek und kühne war den Simson anzutasten / musste von stunden an
Leben und Spies in seiner Faust lassen. Mit diesem Spiesse sprang er / als ein
erbosseter Leue / da der Schwarm am dikkesten war / auf die andern zu. Einieder
Schlag / einieder Stich / ein ieder Streich gab einen Tohten. Ja er jagte den
Spies zuweilen gar durch zweene hin: und schleiderte sie / als ein Riese die
Zwärge / mit solcher Gewalt auf die noch stehenden zu / dass diese solcher
gestalt niedergeschleidert /eben so wohl / als jene / des Aufstehens vergassen.
    (128) Als die Askloner seine so übermenschliche Stärke sahen / warden sie in
ihrem letzten Wahne / dass es irgend eine Goteit Israels sein müste / mehr und
mehr gestärket. Und eben darüm wichen sie plötzlich zurück. Plötzlich machten sie
sich aus dem Staube: indem sie meinten / es sei besser mit der Flucht das Leben
zu retten / als solches / auf Hoffnung eines Ungewissen Sieges / einzubüssen.
    (129) Aber Simson wollte seine Zahl vol haben. Noch etliche mangelten seiner
Rechnung. Dieser Mangel musste vollend ersetzt sein. Und darüm lief er den
Lauffenden nach. Er verfolgete die Flüchtigen. Er jagte / wie ein gezörgeter
Leue / hinter ihnen her. Etliche schlug er auf der Strasse nieder. Andere / die
schon in ihre Heuser geflohen / seiner so grimmigen Wuht zu entrinnen / erfuhren
gleichwohl eben dasselbe.
    (130) Es war seinem Arme keine Tühre zu stark /kein Schlos zu feste. Ein
einiger Stoss sprängete sie auf. Etliche waren mit ungeheuren Höbebeumen
verstöbelt. Aber diese zerknikte Simson / als einen broschen Stabelstok. Nichts
/ ja gar nichts vermochte seiner Stärke zu widerstehen. Er drung durch alles
hin. Auch selbst die Mauren mussten seiner Macht weichen.
    (131) Nachdem er nun vermeinte / dass er zu seiner Rechnung genug hette; da
lies er den übrigen das Leben. Er hörete zu schlachten auf. Spies und Faust lies
er ruhen. Gleichwohl zog er den Erschlagenen die Rökke / samt den Hemden / aus.
Mit diesen begab er sich zur Stunde wieder nach Timnat / diejenigen zu vergnügen
/ welche den bestimmten Preis / der vielmehr verrahtenen / als errahtenen Deutung
des Rähtsels wegen / gefordert.
    (132) Also entrichtete Simson denselben Gewin / der ihm / samt seinem
Geheimnisse / so listiglich /so betrüglich abgeraubet war / mit geraubetem
Guhte. Ja er bezahlete die Filister mit der Ausbeute / die er von ihren eigenen
Landsleuten genommen. Da hies es wohl recht: Untreue schlägt ihren eigenen
Herrn. Der Filister eigene Köpfe mussten es entgelten /dass sie zu Timnat mit
Simson / in Errahtung seines Rähtsels / so untreulich / so betrüglich / ja so
verrähterisch gehandelt.
    (133) Hier ging es dem grossen Helden Simson /wie der grossen Glokke. Diese /
wan sie einmal an das Brummen komt / kann so bald nicht wieder aufhören; ob sie
schon niemand mehr ziehet. Er grollete und schmollete noch immerzu. Er konnte des
Zornes /den er auf sein so schönes Liebichen geworfen / nicht so bald vergessen.
Er sah die Verrähterin schähl an. Er sprach ihr kein Wort zu. Er konnte bei ihr
nicht tauren. Ihr Haus selbst schien ihm eine Wohnung der Nattern und Basilisken
zu sein. Ja die ganze Stadt Timnat war ihm / als ein Schlangen- und
Drachen-nest / verhasset. Er vermochte daselbst kaum so lange zu bleiben / dass
er seine Schuld abstatten konnte.
    (134) Zuweilen riet ihm der Zorn sich an derselben / die ihn so schändlich
geteuschet / auf das euserste zu rächen. Aber die Heftigkeit seiner Liebe
stritte darwider. Sie redete der Verrähterin das Wort / und entschuldigte sie.
Gleichwohl musste diese Liebe zuletzt dem Zorne so weit weichen / dass Simson sich
entschlos sein so ungetreues Liebichen zu verlassen.
    (135) Dieses urteilte er genug zu sein: weil ein Weibesbild nie höher
beleidiget wird / als durch Verschmähungen. Es lesset auch in Wahrheit den
Pfauenschwantz der Hofahrt / mit dem es / so bald es sich übermässig geliebt zu
sein verspühret / ganz aufgeblasen einher trit / von stunden an sinken / wan es
/ an statt geliebt zu werden / sich verachtet sieht.
    (136) Wie schweer es ihm zuerst einen solchen Schlus zu nehmen fiel / ist
nicht auszusprächen. Seine Liebesneugung wollte / noch konnte es nicht zulassen.
Sie blies ihm stähts die Ohren vol. Sie führte ihm stähts zu gemühte / dass eine
solche Beleidigung ihm selbst zum höchsten nachteilig: indem er sich dadurch
vilmehr beleidigte / als seine Liebste. Diese könnte er keines Weges verlassen /
er wolle dann zugleich mit alle die Ergetzligkeiten verlassen / die er / aus ihrem
so angenehmen ümgange / zu gewarten.
    (137) Er sollte behertzigen / was für Süssigkeiten /aus ihrer so süssen
Gesellschaft: er genossen. Er sollte bedencken / was hingegen für Bitterkeiten /
durch Vermeidung so süsser Gesellschaft / er ihm selbst veruhrsachen würde. Ja /
was mehr ist / er sollte wohl erwägen / was er tähte; indem er dieselbe verliesse
/ die sein Wohl und Weh / sein Leben und Sterben in ihrer Hand hette.
    (138) Auf einen solchen so kützlenden Einspruch seiner Liebe geriet Simson
in tausenterlei Angst. Lange blieb er zweifelschlüssig. Eine geraume Zeit lagen
ihm diese Bedenkreden im Sinne. Er wusste nicht / wessen er sich entschlüssen
sollte: indem dasselbe / was die Liebe riet / das Urteil sowohl / als der Zorn /
zur stunde widerriet. Endlich aber drung das Urteil durch; indem desselben
schier verloschenes Licht der rechtfärtige Zorn / durch seine Flamme /volkömlich
wieder anzündete.
    (139) Dieses hielt ihm vor: die Untreue seiner Fraue müste gestraft werden.
Ihre Falschheit und Betrügerei müste man unvergolten nicht lassen. Ihre
Verräterei müste er rächen. Wan er solches nicht tähte / würde sie in ihrer
Bosheit nur erhärten. Er selbst würde sie darinnen stärken; indem er / durch
seine Gelindigkeit und Achtlossheit / veruhrsachte /dass sie ihr einbildete / sie
hette kein Ubels getahn. Ja wan er diese Verräterei seines Geheimnisses gleich
als unvermärkt hingehen liesse / so möchte sie dadurch leichtlich zu einer
höheren veranlasst werden. Sie möchte zuletzt wohl gar sein Leben verrahten.
    (140) Hunde lernen / durch knauffeln an kleinen Riemichen / Leder fressen.
Hette Simson / auf dieses Knauffeln seiner Hündin / ihr seinen Unwillen nicht
blikken lassen; so würde sie in Wahrheit ihn endlich wohl gar gefressen haben.
Sie hette ihn ohnezweifel seinen Feinden überantwortet. Zum wenigsten würde der
Ubermuht bei ihr so hoch gestiegen sein /dass sie ihres Gehorsams / den sie ihm /
als ihrem Manne / ja Heupte / zu leisten schuldig / vergessen /und über ihn /
als ihren Knecht / geherschet.
    (141) Der Kramtsvogel mistet / durch seinen eigenen Mist / den Ort / da sein
Verderben wächset. Hette Simson der Eingebung seiner Liebe gefolget / so würde
seine Guhtwilligkeit den Ort / da sein Verderben schon zu wachsen begonnen /
gleicher gestalt selber gemistet haben. Er selbst würde der Beförderer seines
eigenen Unglücks gewesen sein. Er selbst würde seiner Liebsten Anlass und Mittel /
ihm den schädlichen Leim seines Verderbens zu kochen / gegeben haben. Ja er
würde mit der Zeit so tief dahinein gesunken sein / dass er nachmahls unfähig
gewesen were sich von so gefährlichen Lagen und Strükken los zu machen.
    (142) Alzuguhtwillig macht muhtwillig. Alzustränge komt zu keiner länge. Das
Mittelmass ist alzeit das beste. Simson wollte / durch alzugrosse Guhtwilligkeit /
den Muhtwillen seiner Liebsten nicht billigen. Auch trug er Bedenken ihr
Verbrächen /durch alzuscharfes Verfahren zu rächen. Darüm begab er sich /
zwischen diesen zwo Eusersten hin / auf die Mittelstrasse. Er wehlete den Heerweg
des Urteils; da er den Verstand und die Vernunft zu Geleitsleuten hatte. Und auf
diesem wanderte er von ihr. Er gedachte sie auf eine Zeit zu verlassen: damit sie
/ durch eine so gelinde Rache / gelinder und schmeidiger würde /und den Zaum des
Ehstandes kennen lernete.
    (143) Ein muhtiges Ros / sobald es märket / dass man sich für ihm fürchtet /
lesset sich schweerlich zeumen. Ie mehr man ihm nachgiebet / ie unbändiger wird
es. Und in solcher Unbändigkeit will es weder Bereiter / noch Reitzaum leiden.
Wan es aber sieht /dass sein Bereiter ein Man ist; dann lesset es seinen Hochmuht
sinken: dann gehorchet es seiner Bohtmässigkeit / und lesset sich zeumen und
zähmen /als ein Lam.
    (144) Eben so wenig will eine muhtige Frau / den Zaum des Mannes / der ihr
zuviel nachgiebet / vertragen. Ja wan sie märket / dass er sich für ihr scheuet
/reisst sie ihm den Zaum zuletzt wohl gar aus der Faust / und zeumet ihn damit
selber / als einen Maulesel. Da führet dann dieselbe / die untertähnig sein
sollte / das volle Gebiet. Da herschet dann dieselbe / die gehohrsam sein sollte /
mit voller Gewalt. Da höret der Man auf ein Man zu sein. Da ist es mit seiner
Herschaft getahn. Da hat seine Knechtschaft / ja gar Leibeigenschaft kein Ende.
    (145) Aber unser Simson verfuhr mit seiner Fraue behuhtsamer. Derselben
Knecht oder wohl gar Leibeigner zu werden stund ihm nicht an. Unter derselben
Gehohrsam sich zu begeben / die ihm gehohrsam sein sollte / war nicht seines
tuhns. Er gedachte / weit darvon / ist guht für den Schus. Er wollte das
Obergebiet / das ihm zukahm / ihr / durch alzuvieles Verhängen /nicht einreumen.
Er wollte sie wissen lassen / dass sie ihn erzürnet. Er stellere sich / als hette
sie seine Liebe / weil sie derselben / ihm zum Nachteile / so schändlich
gemisbrauchet / gar vertilget. Und darüm beschlos er ihr auf ein weilichen seine
Gegenwart zu entziehen. Ja darüm schied er auch aus ihrer Behausung / und
kehrete wieder zu seinen Eltern.
    (146) Diesen meldete er gleichwohl die Uhrsache seiner Wiederkunft nicht an.
Er stellete sich / als ob er sie nur besuchen wollen: als täht er / was er tähte
/bloss aus kindlicher Liebe; die ihm nicht gestatten wollte so lange von seinen
Eltern zu bleiben. Die Unlust / die ihm zu Timnat begegnet / berührete er nicht
mit einem Worte. Von seinem empfangenen Schimpfe schwieg er stokstille.
    (147) Er fürchtete sich / wan er seine Begäbnis erzehlete / man möchte
dadurch Anlass nehmen ihm seine Eigenwilligkeit aufzurückken. Er befahrete sich
/man möchte ihm vorhalten / dass er nunmehr in der Taht erfahren / was ihm sein
Ungehohrsam / indem er dem Willen und Rahte seiner Eltern widerstrebet / für
Früchte getragen. Ja er vermuhtete nichts anders / als eines harten Verweises /
dass er sie / in seine so unglückliche Heurraht zu willigen gleichsam gezwungen.
    (148) Der Mensch will schweerlich gestehen / dass er geirret. Viel weniger
lesset er sich überreden / dass seine Widerwärtigkeiten aus eigener Schuld / oder
sein Unglück aus eigener Verwahrlosung seines Glükkes entsprossen. Widerfähret
ihm irgend etwas Böses; begegnet ihm irgend ein Unheil: so schreibet er solches
dem Glüksfalle zu; indem er ihm einbildet / es sei ihm etwan von ohngefähr
zugefallen. Alles schübet er auf das Verhängnis. Alles / was Strafe genennet
wird / mus zufälliger Weise geschehen zu sein heissen. So hofärtig ist er / dass
er durchaus nicht bekennen / noch erkennen will / er habe gesündiget. So
hartnäkkig ist er / dass er nicht sehen will / ob er es schon sieht / dass er
dafür büssen mus.
    (149) Die Bekäntnis eigener Mishandlung ist menschlichen Gemühtern so gar
zuwider / dass sie urteilen / es gereiche ihrer aus den allerhöchsten
Selbständigkeiten entstandenen Hoheit zur Erniedrigung oder Verkleinerung / wan
sie sich nur märken liessen /dass sie / durch Eigenwilligkeit / etwan einen
Fehltrit getahn. Und darüm suchen sie / den Vorwurf / samt den Schältworten / zu
vermeiden / ihr Ubeltun / wo sie es nicht verbärgen können / dannoch so listig
zu beschönen / dass es wohlgetahn zu sein scheine. Ja sie fahren selbst darinnen
so eigensinnig fort; damit sie das Ansehen einen Misschlag begangen zu haben üm
so viel weniger bekähmen. Und dieses tuhn sie nirgend mehr / als im Beisein
derer / welche sie für Schaden gewarnet / ihrer Warnung dadurch einen Fehler
aufzubürden.
    (150) Mit eben denselben falschen Stahtsgriffen gedachte Simson / wie es
schien / den Staht seines Gemühtstriebes zu befestigen. Hiermit suchte er seiner
Eigenwilligkeit ein ahrtiges Scheinfärblein anzustreichen. Ja hiermit vermeinte
er dem Laster seiner Halsstarrigkeit den Mantel der Tugend ümgehüllet zu haben.
Aber er betrog hierdurch niemand mehr / als sich selber; indem er ihm den
steilen Abhang zum Verderben selbst schlüpferig machte / von der Höhe seiner
Wohlfahrt üm so viel plötzlicher herunter gestürtzet zu werden. So urteilt
menschliche Vernunft von diesem grossen Helden: wiewohl es ganz scheinbarlich /
wo es nicht vielmehr wahr ist / dass das Uhrwerk der Göttlichen Schikkung / in
diesem Spiele /mit untergespielet.
 
                                Das dritte Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Indem Simson sich bemühete die Unlust seines Hertzens zu vertuschen /
vertuschete / ja verminderte sich zugleich sein Grol. Indem die Flamme seines
Zornes sich dämpfete / begunte das Feuer der Liebe wieder zu flakkern. Bei dem
Scheine desselben erschien ihm diejenige / derer Schönheit sein Hertz
verstrükket. Sie schien ihm bald traurig / bald fröhlich zu sein. Ja es klung
ohn Unterlass in seinen Ohren / als sagte sie: Wo bist du / Simson? Wo bleibest
du? wohin hat dein Zorn dich getrieben?
    (2) Auf diesen Klang schlug die Lohe seiner Liebe wieder durch den ganzen
Simson hin. Er ward vol Unruhe. Er fand keine bleibende Stätte. Alles war ihm zu
änge. Er konnte im Hause nicht tauren. Bald ging er auf das Feld. Bald begab er
sich in das Läger. Bald stieg er auf einen Hügel des Gebürges / da er sein
Timnat von ferne beaugen konnte. Bald kahm er wieder nach Hause. Aber er fand
nirgend / was er suchte. Nirgend fand er / was ihn beruhigen konnte.
    (3) Gleichwohl stellete er sich soviel / als er konnte /fröhlich. Seine
Eltern sollten nichts an ihm märken. Er befahrete sich / wan sie ihn etwan
unruhig erblikten /sie möchten die Uhrsache solcher Unruhe von ihm auszuforschen
suchen. Und eben darüm trachtete er seine Sinnen auf andere Gedanken zu lenken.
Ja darüm ging er abermahl aus. Er besuchete die nächsten Nachbahren; und unter
diesen einen alten Man /der üm die Zeit seiner Gebuhrt bei seinen Eltern
gedienet. Eben den baht er / ihm einige Begäbnisse seiner jungen Zeit zu
erzählen. Sonderlich aber begehrte er alles / was sich vor seiner Gebuhrt / auch
üm dieselbe / was seinen Selbstand anging / märkwürdig zugetragen / ausfürlich
zu wissen.
    (4) Dieser guhte Greus / der in seinem Leben viel erfahren / trug ein
sonderliches Belieben dem Sohne seines ehmahligen Herrn hierinnen zu wilfahren.
Er war froh / dass er ihm dasselbe / dessen sein Hertz vol war / erzählen sollte.
Und zu dem Ende fing er seine Erzehlung alsobald folgender gestalt an.
    (5) »Mit deiner Gebuhrt« / sagte der Alte / »ging es ganz wunderlich zu.
Ein Wunder war es / dass sie ein Engel verkündigte. Ein Wunder war es / dass Du
von einer Unfruchtbaren / und darzu zimlich Betagten soltest empfangen werden.
Ein Wunder war es / dass eine solche / die noch nie empfangen / oder geboren
hatte / Dich gebähren sollte. Und darüm urteilete man nicht ohne Grund / dass Du /
in deinem Leben / selbst Wunderbar sein soltest. Ja daher erwuchs die Hoffnung
/die man hatte / Du würdest ein Wunderman werden: Du würdest / als ein
Wunderheld / mit wunderwürdigen Tahten / Dich wunderbar machen; wie du auch
schon zu tuhn angefangen. Ich will mehr sagen: wan es deiner Mutter nicht were
zuvor verkündiget worden /dass du Israel erlösen soltest; so hette man doch /aus
solchen so vielen Wundern / unschweer urteilen können / der Höchste habe Dich
darzu ersehen.
    (6) Diese deine Mutter hatte mit deinem Vater schon eine geraume Zeit im
Ehstand gelebet / und gleichwohl kein Kind weder geboren noch empfangen. Es
fehlete beiden an der Liebe nicht. Deine Mutter liebete deinen Vater hertzlich.
Sie war allezeit wilfärtig ihm die schuldige Ehpflicht zu leisten. Auch lies es
dein Vater hierinnen nicht mangeln. Ja er brante gleichsam für Liebe. Beide
waren begierig die süssen Früchte des Ehstandes zu erlangen. Aber deine Mutter
war unfruchtbar. Sie empfing nichts. Sie gebahr nichts / als lauter Schmertzen /
so wohl für sich selbst / als für deinen Vater: der deswegen nicht wenig
bekümmert war.
    (7) Sie trachtete zwar diesen ihren lieben Ehgatten von solcher seiner
Bekümmernis / die ihr weit mehr /als ihre eigene Unfruchtbarkeit / zu Hertzen
ging / mit den allerkräftigsten Trostworten so wohl / als den allerersinlichsten
Liebesbezeigungen / abzulenken. Aber es war alles vergebens. Aller Trost war
ümsonst. Und ie mehr Liebe sie ihm blikken lies / ie trauriger ward er. Ja die
allersüssesten Ergetzlichkeiten / die sie ihm anzutuhn suchte / schienen ihm nur
bitter und herbe zu sein.
    (8) Bei so unglücklicher Liebe rief sie auch ohn unterlass zu GOtt. Sie
seufzete / sie flehete / mit Weinen / und Bähten / den HErren an. Sie baht Ihn:
Er möchte doch diese Schmaach der Unfruchtbarkeit von ihr nehmen: Er möchte sie
doch endlich einmal mit Leibesfrüchten segnen: und wan Er sie ja unfruchtbar
sterben zu lassen belieben trüge; so möchte Er ihr so wohl / als ihrem deswegen
betrübtem Ehgatten / Geduld verleihen / undihre Schmertzenlindern. Dieses Mittel
/ indem sie ihre Zuflucht zum HErren nahm /war auch in Wahrheit das
allerkräftigste. Der HErr erhörete sie / und gab ihr / was ihr Hertz wünschte.
    (9) Als sie sich einesmahls / ihrer Gewohnheit nach / allein im Felde befand
/ und die Angst ihres Hertzens vor GOtt ausschüttete; da erschien ihr / üm den
Mittag / unversehens ein Engel. Auf den ersten Anblik erschrak sie. Sie zitterte
für Furcht. Er aber sprach zu ihr: Fürchte dich nicht: ich komme von GOtt: ich
bin ausgesant dir eine fröhliche Bohtschaft zu bringen. Dein Gebäht ist erhöret.
Bisher bist du unfruchtbar gewesen. Bisher hast du nichts geboren. Aber von nun
an wirst du befruchtet werden. Du wirst einen Knaben gebähren. Ja du wirst
Schwanger / und von dir wird ein Sohn geboren werden; ein solcher Sohn / dem
kein Scheermesser auf das Heupt kommen soll. Darüm hüte dich hinfort für aller
unreinen Speise / die deinem Sohne wird verbohten sein. Entalte dich auch /
gleichwie er tuhn soll / des Weines / und anderen starcken Getränckes. Dan der
Knabe wird sein ganzes Leben lang ein Verlobter GOttes sein. Und unter diesem
Ehrennahmen / wird GOtt ihn in das Handbuch seiner Liebsten einverleiben. Ja Er
wird /durch ihn / Israel aus der Filister Hand zu erlösen anfangen.
    (10) Deine Mutter ward hierüber so vol Freude /dass sie zur stunde hinlief /
und deinem Vater alles /was ihr begegnet / erzehlete. Sie gedachte / durch diese
so fröhliche Zeitung / ihm den Unmuht zu benehmen. Aber weil sie denselben / der
ihr erschienen /als einen überaus schönen und holdsäligen Jüngling beschrieben /
argwähnete dein Vater zuerst / es möchte vielleicht ein wohllüstiger Jüngling
gewesen sein /den die Schönheit deiner Mutter / die dazumahl überaus schon war /
irgend betöhret. Ja er zog sie selbst in Verdacht / als hette sie sich etwan in
ihn verliebet. Und darüm heuffete sich bei ihm / aus Liebeseifer /durch die
Unruhe / die daher entstund / der Unmuht noch vielmehr.
    (11) Die guhte Frau / die des Vaters Angebohrenheit in diesem Stükke wohl
wusste / märkte solches von stunden an. Daher geriet sie / im fortreden / mit
Vorbedacht wieder auf die Erscheinung des Engels. Den nennete sie nunmehr einen
Man GOttes / dessen Gestalt ihr angeschienen / wie eines Engels / fast
erschröklich; also dass sie ihn nicht fragen dürfen /woher er kähme / oder wohin
er gedächte. Auch hette er ihr seinen Nahmen nicht offenbahret.
    (12) Durch diese nähere Erklährung wollte sie ihrem Ehherrn die argwähnischen
Schwahnsfedern /die er aus ihren vorigen Worten bekommen / wieder ausrupfen. Sie
wollte ihn auf bessere Gedanken bringen. Und solches ging auch dermassen wohl an /
dass er seinen gefasten Argwahn zur stunde sinken lies /und deine fromme Mutter
aus andern Augen anzusehen begunte.
    (13) Gleichwohl verlangte er dessen / was er vernommen / eine gewissere
Versicherung zu haben. Und darüm baht er den HERRN: Er möchte geruhen denselben
/ der seiner Frauen erschienen / noch einmal erscheinen zu lassen. Er selbst
wollte von ihm vernehmen / wie sein Sohn / dessen Gebuhrt er verkündiget / sollte
erzogen werden: damit er / in dessen Erziehung / alles / was dem Willen GOttes
gefällig /auf das genaueste beobachten könnte. Dieses war der Anhang seiner
Bitte: der zu dem Ende geschahe /damit es scheinen möchte / er sei nirgend
anders üm bekümmert / als die vorgeschriebene Lebensweise seines Sohnes selber
/ aus dem Munde des Engels / zu erfahren.
    (14) Er stund im Zweifel / ob deine Mutter / als ein Weibesbild / das
gemeiniglich unachtsamer / als die Mansbilder / zu sein pfleget / die Worte des
Engels auch eigendlich genug eingenommen. Ja er hatte die Einbildung / sie
möchte sich in Beschauung der so schönen Englischen Gestalt vielleicht dermassen
vertieffet haben / dass sie mehr auf dessen jugendliche Schönheit / als den
Verstand seiner Reden / achtung gegeben. Und also beredeten ihn seine Gedanken
so weit / dass er Weiblichen Worten allein nicht trauen durfte: zuvoraus in
solchen Dingen / welche die Verordnung GOttes / darinnen fast ieder Buchstab will
beobachtet sein / betrafen.
    (15) Nicht lange darnach erhörete GOtt dieses Gebäht. Gegen den Abend
erschien der Engel deiner Mutter zum zweiten mahle. Und dieses geschahe wieder
auf dem Felde / in Abwesenheit deines Vaters. Aber sie lief eilend nach Hause.
Sie rief deinen Vater / selbst mit dem Engel / der so lange verzog / zu reden.
Da vernahm er eben dasselbe / was er von deiner Mutter vernommen. Da erfuhr er
in der Taht / dass ihre Erzehlung mit den Worten des Engels eintraf.
    (16) Dieser berichtete deinen Vater / auf dessen Nachfrage / was des Knabens
Tuhn / und Lebensweise sein sollte. Er wiederhohlete den Göttlichen Befehl. Er
zeigete noch einmal an: dass der Knabe nicht essen / noch trinken sollte / was
aus dem Weinstokke kähme. Er sollte keinen Wein / noch anderes starke Getränke
trinken; dadurch die Vernunft des Menschen ertränkt / und die Hoheit seines
Gemühtes erseufet würde. Er sollte nichts Unreines essen. Ja er sollte für allem /
was er seiner künftigen Mutter gesagt / sich hühten. Alles / was er ihr gebohten
/ sollte er halten.
    (17) Dein Vater wusste noch nicht / dass dieser Man GOttes ein Engel des
HERREN sei. Er hielt ihn für einen Priester / oder Weissager. Darüm baht er ihn
auf eine Schlachtgabe zu gaste. Er wollte nicht undankbar sein. Er wollte seine
Dankbarkeit zu erweisen / ein Ziegenböklein schlachten. Aber der Engel
entschuldigte sich. Er gab ihm zu verstehen / dass seine Speise nicht
Menschenspeise sei. Er werde vom Ziegenböklein nicht essen. Wolte er aber dem
HERRN / mit einer Brandgabe danken; so wollte er bleiben. Er wollte die Hand
selber mit anschlagen.
    (18) Hierauf begehrte dein Vater des Engels Nahmen zu wissen; eben wie Moses
ehmahls des HErren. Und solches täht er darüm: damit er ihn preisen möchte / wan
die Zeit der Erfüllung seiner Reden herbei kähme. Aber es schien fast / als sei
der Engel nicht wohl zu frieden / dass dein Vater so tief und vorwitzig fragte.
Gleichwohl gab er ihm seinen Nahmen verdekter Weise zu verstehen. Und ob er sich
schon stellete / Er wolle denselben nicht sagen; so sagte er ihn doch / indem er
sagte: Er heisse Wundersam.
    (19) Er ging auch in Wahrheit mit der Brandgabe /die dein Vater auf einen
Fels gelegt hatte / recht wunderlich üm. Ja er täht alles viel wunderlicher /
als die Priester. Dan er lies Feuer aus dem Felsen springen; wie zur Zeit
Gideons: welches deinen Eltern / die zusahn / und bähteten / auf die angehörete
so tröstliche Verheissung / ein sichtbarliches Gnadenzeichen war / das ihren
Glauben kräftiglich stärkete. Auch fuhr er selbst / in und mit der Lohe des
Feuers / nach dem Himmel zu.
    (20) Indem er sich nun hierdurch wesendlich als einen Englischen Geist
zeigete / beglaubigte er zugleich dasselbe / was er geweissaget. Und also
verschwand er vor ihren Augen / und lies sie vol verwunderns zurück. Aber wie die
Lohe / samt dem Engel /nach dem Himmel zu aufstieg; so stieg auch zugleich ihr
Gebäht mit hinauf / und GOttes Segen dagegen herunter.
    (21) Hieraus ward dann dein Vater gewahr / dass es ein Engel gewesen. Und
darüm entsatzte sich sein Hertz. Furcht und Zittern überfiel ihn. Auch sank er
/mit deiner Mutter / zur Erden nieder. Ja er war Furchtsamer / und in seinen
Gedanken verwirreter /als sie: weil er denselben / den doch sein Sin für einen
Engel hielt / GOTT nennete: weil er ihm einbildete / nun müste er sterben /
nachdem er GOtt gesehen.
    (22) Er erinnerte sich / bei dieser Begäbnis dessen /was GOtt ehmahls
selber zu unsrem Gesetzgeber Moses gesagt: Kein Mensch könnte GOtt sehen /und
leben. Und eben daher rührete seine Furcht. Eben daher entspros in ihm die
Einbildung / er sei nunmehr gewislich des Todes. Es ist auch in Wahrheit GOtt
und Mensch ein sehr ungleicher Zeug. Alle Menschen seind Sünder. GOtt aber ist
der Sünder Feind. Alle Menschen seind ganz unheilig. GOtt dagegen ist die
Heiligkeit selbst.
    (23) Weiber seind sonsten gemeiniglich blöder und verzagter von Ahrt / als
die Männer. Aber deine Mutter erwiese / bei hiesiger Begäbnis / das Gegenspiel.
Sie war ungleich muhtiger und behertzter / als dein Vater. Und dieses würkte
vermuhtlich in ihr die übermässige Freude / welche sie aus der Englischen
Verkündigung empfangen. Sie war vielleicht darüm so muhtig; weil sie / eine
fröhliche Kindermutter zu werden so gewisse Versicherung bekommen. Und in
Betrachtung dessen / sprach sie ihrem schier halb entlebtem Ehgatten / zusamt
dem Muhte / das Leben wieder ein. Sie führte ihm zu Gemühte: wan GOtt Lust
gehabt hette sie zu töhten / so hette Er / wie Er getahn /ihr Gebet nicht
erhöret / noch ihnen solche Wunderfreude verkündigen lassen: ja Er würde dieses
alles /mit so märklichen Gnadenzeichen / nicht bekräftiget haben.
    (24) Was GOtt zusagt / das hält Er gewis. Er kann nicht trügen. Seinen Worten
folget die Taht. Deine Mutter ward Schwanger. Die Unfruchtbarkeit befand sich
befruchtet: und als die Zeit der Gebuhrt herbei gekommen / traht die Frucht
glücklich zu lichte. Da wardest Du geboren. Da brachstdu aus derselben Höhle /
darinnen Gottes Almacht Dich gebildet / hervor. Da erblikte Dich dieselbe Sonne
/ die künftig deiner herrlichen Heldentahten Zuschauerin sein sollte. Da
erschienestdu / mit weinenden Augen / vor den Augen der Welt; derer Ohren Du
künftig / durch das Gerüchte deiner siegenden Tapferkeit / erfüllen soltest.
    (25) So warest Du wunderbar auch selbst in deiner Gebuhrt. Ja du warest ein
rechtes Wunderkind: dessen Gebuhrtstag / weil deine Heldentahten Ausgebuhrten
der Almacht sein sollten / der Almächtige selbst bestimmet. Straks in deiner
Kindheit liessestdu / über Menschliche Gewohnheit / ein Mänliches Alter blikken.
Es war nichts / was Kindisch ist / in alle deinem Tuhn / in alle deinem Wesen.
    (26) Die Grossmütigkeit sah Dir aus den Augen. Die Tapferkeit erblikte man
in deinen Gebährden. Die Kühnheit / die Unverzagteit / die Geschikligkeit
leuchtete aus alle deinem Tuhn. Du erschrakest vor nichts. Du fürchtetest Dich
vor nichts. Die Stärke deiner Arme nahm von Tage zu Tage mehr und mehr zu. Es
schien / als weren die Siegsgepränge mit Dir geboren: indem Du unerschroken
allen / die Dich nur ansahen / ein unvermeidliches Schrökken einjagtest.
    (27) Nun segne Dich der Gott Israels / der Dich bisher gesegnet / noch
ferner. Er erhalte Dich. Er stärke Dich. Er erleuchte Dich. Ja Er befestige Dich
endlich / wie Er verheissen / zu unsrem Erlöser. Dieses wünschet / darüm flehet
/ darnach seufzet und verlanget sein bedrängtes Volk / mit wehmühtigem Hertzen.«
    (28) Mit diesem Wunsche schlos der Alte seine Reden. Mit diesem Anhange
versiegelte er gleichsam seine Worte. Auch war er wilfärtig noch mehr zu
erzählen. Er wollte dem Simson zugleich seines Stamvaters / des Dans / Begäbnisse
/ die ihm ausführlich bekant waren / eröfnen. Aber Simson konnte noch mochte sich
von seinen / wiewohl unruhigen / Gedanken / die auf seine Liebste noch immerzu
gerichtet blieben / so lange nicht abmüssigen. Und darüm nahm er Uhrlaub von
seinem Freunde. Darüm begab er sich an einen ganz einsamen Ort im Gebürge /
solchen seinen Gedanken üm so viel unverhinderter nachzuhängen.
    (29) Menschliche Gemühter / die aus unglücklicher Liebe unruhig / trachten
ins gemein nach ruhigen Oertern. Sie seind gern in der Stille. Sie suchen die
Einsamkeit. In Einöden zu leben ist ihr Wohlleben. Und indem sie also von aussen
nach Ruhe trachten / scheinen sie gleich als lüstern zu sein die Unruhe von
innen zu mehren: indem sie begehren auswendig in Stille zu leben / wollen sie
gleichsam das Getümmel von innen ergrössern. Ich will sagen: sie suchen gleichsam
mit vorbedachte / durch euserliche Ruhe /durch auswendige Stille / die
innerliche Unruhe / die inwendigen Stürme / nicht anders / als weren es die
allersüssesten Ergetzungen / nur heftiger / nur geschäftiger zu machen / oder
doch zum wenigsten zu unterhalten.
    (30) Simson suchte / in solcher seiner Gemühtsunruhe / einen ruhigen /
stillen / einsamen /öden / und ganz unbewohnten Ort. Er begab sich in eine
Gegend des Gebürges / da kein Mensch hinkahm / zum wenigsten kein Getümmel der
Menschen gehöret ward: damit er von seiner Unruhe / die er ihm /weil sie von der
Liebe herrührete / gleich als mit Zukker überzogen zu sein einbildete / nicht
verhindert /noch in seinen Liebesgedanken gestöhret würde.
    (31) Alhier war es / da ihm die Liebe seine Liebste wohl gar in tausenterlei
Gestalten vorbildete. Alhier war es / da sie sein Hertz auf eben so vielerlei
Ahrt ümbildete. So lang und so stark ist die Kette der aufrichtigen Liebe /
damit sie zwei Hertzen zusammengefesselt / dass sie auch selbst über Berg und
Tahl /über See und über alles hinlanget / und durch keine Zwischenweite
voneinander gerissen zu werden vermag. So behände / ja so durchdringend ist der
Geist einer geliebten Schönheit / dass ihn keine leibliche Verhinderung aufhält
mit seinen Strahlen selbst dahin zu schüssen / da dem Auge / durch die
Entlegenheit /sein Absehen entzogen wird.
    (32) Simson hatte sich hierher / einig und allein zu leben / begeben. Aber
er war eben so wenig allein und einig / als er kurtz zuvor bei dem guhten Alten
gewesen. Er hatte ihm eingebildet / an diesem öden und einsamen Orte die rechte
Einsamkeit zu finden. Er hatte verhoffet alhier von allen Menschen entfernet zu
sein. Er hatte gedacht nirgend ruhiger und stiller /als alhier / seinen Gedanken
nachzuhängen. Aber er befand sich / in allen diesen Gedanken / in allen diesen
Einbildungen / nicht wenig betrogen.
    (33) Ie verborgener und einsamer er nunmehr / in diesem Schlaufwinkel / zu
sein vermeinte / ie mehr und eher erschien ihm der verfolgende Geist seiner
Liebsten. Ie weiter er von ihr entfernet war / ie näher und öfter stund eben
derselbe vor seinen Augen. Ja sie selbst spielete fort und fort in seinen
Gedanken. Uberal / wo er sich hin begab / war sie bei ihm. Nirgend verlies sie
ihn; ungeachtet dessen / dass er sie verlassen. Nirgend gestattete sie seinem
Hertzen einige Ruhe. Ihrer Augen Pfeile verfolgeten ihn überal. Uberal
erneuerten sie seine Wunden; die kurtz zuvor schier aufgehöret zu bluhten. Ja
sie rjetzten alle die Alten /welche sich zu schlüssen schienen / wieder auf.
    (34) Aus diesen neuen Wunden keumete und scheumete die Reue / die ihm seinen
Vorsatz / als unbesonnen und zum höchsten schädlich / aufrükte /endlich hervor.
Endlich reuete es ihn / dass er sich von seiner Liebsten gesondert: es war ihm
leid / dass er sie verlassen. Ja es verdros ihn / dass er sich dadurch aller
Ergetzligkeiten / die ihn ehmals würklich / jetzt aber nur scheinbarlich /
erfreueten / verlustig gemacht. Diese Scheinbilder / diese Traumerscheinungen
/diese Schattengemälde / welche die Einbildung ihm itzund nur vormahlete /
hatten das Wesen / hoch das Vermögen der bei ihr selber wahrhaftig genossenen
Lust keines weges. Darüm rieten ihm seine Gemühtsneugungen das Gedächtnis der
empfangenen Beleidigung aus seinem Hertzen ganz zuvertilgen /und das Märkmahl
einer ewigen Undacht darinnen aufzurichten.
    (35) Dem Rahte folgete die Taht. Wie ein Vater sein Kind hähtschelt / so
hähtschelte / so zährtelte Simson nunmehr auch mit seiner Liebe. Er gab ihr so
viel Raumes / dass sie sich in sein Hertz ganz wieder einnistelte. Alles
vorgegangene war vergessen. Er gedachte nun an nichts / als diese seine aus der
Loderasche der Alten / wie der Sonnenvogel / wieder jung gewordene Liebe zu
streicheln. Und also musste die sonst unüberwindliche Rachbegierde der
Liebesbegierde gewonnen geben. Also musste derselbe / der sich beleidiget befand
/ seine Beleidigerin / die nunmehr unter dem Schirme der Liebe stund / selbst /
als eine Göttin ehren.
    (36) Ein Beleidigter / der seine Ehre verletzt sieht / wird sonst
schweerlich versühnet. Wan aber die Beleidigung von Frauen / als so schwachen
Werkzeugen / herrühret / zuvoraus von einer Geliebten; alsdan ist niemand so
unbescheiden / dass er nicht durch die Finger sehe. Eine Leue / dem die
Grimmigkeit doch angebohren / lesset seinen Grim auf ein zahrtes und
schmächtiges Spielhündlein / das ihn etwan anklaffet / nimmermehr aus. Wan aber
ein starker und gewaltiger Jagtund ihn anlauffet / dann ergrimmet er / ie
grösser der Hund ist / ie heftiger. Schier eben also güsset sich unser Zorn zwar
auf einen Man aus / der unsere Ehre verletzet. Aber der Schwächligkeit eines
Frauenbildes / ob es uns schon noch so sehr beleidiget / begegnet er solcher
gestalt / dass man ihn kaum märket.
    (37) Dieses Vorrecht scheinet dem Weiblichen Geschlächte / sonderlich wan es
unter der Schirmdekke der Liebe lauert / gleichsam angeerbet zu sein. Diese
Freiheit hat es unter allen vernünftigen Völkern / auch wohl den Wilden selbst /
voraus / dass man seinen Fehltritten mit Bescheidenheit und gar gelinde begegnet.
Ja es leget uns / so oft die Strahlen der Schönheit mit unterspielen / selbst
einen solchen Gewaltzwang auf / dass wir Freigebohrne zu sein gar vergessen
müssen.
    (38) Nachdem nun Simsons Hertz solcher gestalt vorbereitet war / dass es
allen Grol hatte fallen lassen; da überredete ihn die Liebe / die nun wiederüm
seine Gesetzgeberin war / seinen vorigen Schlus zu widerrufen. Ja sie zwang ihn
denselben / durch einen Neuen und Gegenschlus / ganz zu vernichtigen. Und also
entschlos sich Simson zu seiner bisher verlassenen Liebsten wiederzukehren. Auch
seumete er solches zu tuhn nicht lange. Die Liebe trieb ihn zu eilen. Sie hielt
ihm vor: imfal er länger verzöge / die Verlassene möchte diesen Schimpf rächen.
Sie möchte sich irgend mit einem andern verehligen. Hierzu könnte sie leichtlich
einen finden. Hierzu könnte sich leichtlich einer aus den dreissig Brautjunkern
verstehen.
    (39) Weil er nun wohl wusste / dass sie ihm seine Entfernung / als eine von
ihm empfangene Schmach /hoch genug aufmutzen würde; so entschlos er sich
zugleich vor ihr mit einer Versühngabe zu erscheinen. Und zu dem Ende nahm er
ein Ziklein mit sich. Dieses sollte den Unwillen / den sie irgend auf ihn
geworfen / wieder versühnen. Dieses sollte bei derselben /die sich durch ihn
beleidigt zu sein beklagte / verhoffentlich zu viel würken / dass er ihre vorige
Gnade wiedererlangte.
    (40) Hierdurch gab Simson ein unfehlbares Zeichen der Aufrichtigkeit seiner
Liebe von sich: indem er dieselbe / die ihn so hoch beleidiget / gleichwohl noch
liebete: indem er sie so hertzlich liebete / dass er solcher seiner von ihr
empfangenen Beleidigung nicht allein vergass / sondern auch sie selbst durch sich
beleidiget zu sein gleichsam bekannte; weil er sie itzund /durch eine Versühngabe
/ zu befriedigen suchte.
    (41) In dergleichen Verstande wird dieser Entschlus vom Ziklein / das Simson
seiner Liebsten mitzubringen gedachte / gemeiniglich erklähret: wiewohl es /
nach meinem Urteile / eher das Ansehen hat / als hette das Ziklein eine
Versühngabe nicht sowohl für seinen / als ihren Misschlag sein sollen. Ja es
scheinet / als hette Simson sie / als eine Verbrächerin / die sich nicht so sehr
an ihm / als an seinem Gotte / versündiget / indem sie sein Gebot / das er den
Ehleuten vorgeschrieben / gebrochen / hierdurch aussühnen wollen.
    (42) Und also war diese des Simsons Liebe ein rechtes Vorspiel der Liebe des
eingebohrnen Sohnes GOttes: der auch dieselbe Erlösung / die Simson /der
eingebohrne Sohn des Manoah / den Kindern Israels zu guhte / begonnen / in der
Fülle der Zeit an uns allen volzogen. Ja sie war ein rechtes Vorbild der Liebe
des Heilandes der Welt: zu dessen Vorbilde Simson selber erkohren zu sein
schien. Sie war ein recht ähnlicher lebendiger Vorris oder Entwurf der
Göttlichen Wunderliebe; die sich ie und ie / mit vollen Ströhmen / über das
ganze Menschliche Geschlecht ausgegossen.
    (43) Simsons Hertz hing nach einer Braut: die wollte / sollte / und musste er
haben / es kostete / was es wollte. Diese suchte er in der Frembde / bei den
Heiden; die nicht seines gleichen / noch seines Glaubens waren. Sein Vater stund
diese ungleiche Heurraht zu. Er war selber der Freuwärber. Aber die Braut lies
sich verleiten. Sie ward ihm Untreu. Sie schwatzte sein Geheimnis aus. Was er
ihr / aus Liebe / vertrauet / verriet sie. Hierdurch entstund bei ihm ein Grol
/doch mehr gegen die Verführer der Braut / als gegen sie selbst. Jene mussten /
durch die Haut ihrer Landsleute / das Gelaak bezahlen. Diese ging frei aus. Nur
ein Zeit lang verlies er sie. Zu so gelinder Rache bewog ihn die Liebe: die auch
endlich seinen Grol so gar vertilgete / dass er ihr Verbrächen verziehe: dass er
das Leid / das er ihr deswegen angetahn / bereuete: dass er eilete sich wieder zu
ihr zu nahen. Ja er trachtete sie selbst / als eine Uberträhterin des Götlichen
Gesetzes / bei GOtt auszusühnen.
    (44) Gleicher gestalt hing unsrem Heilande das Hertz nach einer Braut: die
wollte / sollte / und musste ihm werden / wan er auch schon Guht / Muht / und Bluht
/ ja Leib und Leben darbei aufsetzen müste. Diese suchte Er nicht im Himmel /
sondern auf Erden: nicht unter den Eingebohrnen / sondere unter den Fremden:
nicht unter den Engeln / sondern unter den Menschen: nicht unter den Heiligen /
sondern unter den Sündern. Eine Ausländerin / eine mit Sünden beflekte wollte Er
haben. Wir waren die Ausländische Liebichen / die seinen Augen / wie häslich /
wie unflähtig / wie unrein wir waren / gefielen. In eine so gar ungleiche
Heurraht bewilligte sein Himlischer Vater. Ja Er lies selbst üm die Braut
wärben. Und was mehr ist / Ihn / seinen einigen Sohn / selbst schikte Er nach
der Braut zu; die ihm die Höllischen Filister schon im Paradiese zur Untreue
verreitzet: die der Teufel ihm schon dazumahl abspänstig gemacht. Und darüm
schien es auch / als hette Er sie angegeben / als hette Er sie verlassen. Aber
seine liebe war so brünstig / dass Er seinen Gnadenentzuk bereuete; dass Er ihr
alles vergab / und seine Rache nur über ihre Verführer ausgos. Er liebete die
Abtrünnige gleichwohl. Ja Er liebte sie so hertzlich / dass Er sie heimzuhohlen
selbst den Himmel verliess: dass Er sie selbst auf Erden besuchte / und was mehr
ist / ihre ganze Schuld auf sich nahm / ja sich selbst seinem Himmlischen Vater
zur Versühngabe für ihre Mishandlungen / in seinem bitteren Leiden am Kreutze
darstellete.
    (45) Aber wie wenig Simsons Ehliebste sich üm die Liebe ihres Ehgatten
bekümmerte / so wenig bekümmern wir uns üm die Liebe Desselben / der die Liebe
selber ist: den wir doch / als unsern Himlischen Breutigam / unendlich lieben
sollten. Wan wir GOttes wunderbare Menschenliebe bedenken / müssen wir in
Wahrheit erröhten / dass unsere Gegen- und GOttesliebe / ob wir schon mit allen
unsern Kräften /uns darzu schikken / gleichwohl so klein ist / dass sie /in
Vergleichung mit jener / nicht einmal als ein Sandkörnlein gegen den grössesten
Berg / zu sein scheinet. Wie vielmehr sollten dann dieselben erröhten /derer Liebe
gegen Gott so gar lau / und so gar schläferig ist / dass sie nicht das geringste
Zeichen darvon blikken lassen.
    (46) Ach! wie selig würde der Mensch sein / wan er mit solcher Liebesbrunst
zu seinem Schöpfer sich nahete / als ein Verliebter einem nichtigen Geschöpfe
nacheilet! Ach! wie sälig und übersälig würde derselbe sein / der in GOttes
Nachfolge gleich so eifrig / als in Nachtrachtung der irdischen Schätze / sich
finden liesse! Ach! wie sälig und mehr als sälig würden wir sein / wan wir
unserem Himlischen Seelenbreutigam nur mit der helfte der Liebe / die Er uns
erwiesen / begegneten! Aber wir seind ganz undankbare Liebichen. Wir seind nur
ungetreue Breute. Wir schlachten Simsons Braut.
    (47) Diese war wandelbahrer als der Mohn / unbeständiger als das Wetter /
veränderlicher als die Rattenheidexe: die alle Farben annimt / ohne die zwo
Farben / der Aufrichtigkeit / und der Schaam. Von der Aufrichtigkeit in der
Liebe wusste sie nicht. Auch schähmete sie sich nicht Treuloss zu werden. Die
Kreutlein der Liebe / Vergismeinnicht /und Ielängerielieber / welche sie ihrer
Ehpflicht erinnern sollen / waren aus ihrem Hertzen und Brautkrantze zugleich
verbannet. Einen lies sie wandern / und buhlete mit dem andern.
    (48) Kaum hatte Simson den Rükken gewant /da gedachte sie schon auf eine
frische Hochzeit. Itzund / da er üm ihrentwillen vol Angst war / küssete sie /
in voller Ergetzligkeit / einen neuen Breutigam. Itzund / da auch die tiefsten
Schlaufwinkel seines verliebten Hertzens ihres süssen Andenkens vol waren
/gedachte sie nicht einmal an seinen Nahmen / ich schweige an seinen Selbstand.
    (49) Eben so wetterwendisch / eben so betrüglich /eben so treuloss und
unverschähmt seind auch wir gegen unsern Himlischen Breutigam. Der zugespitzt
kaum scheinbare Mohn blinket auch in unsrem Brautwapen. Unser Liebeszeichen ist
auch die Rattenheidexe. Das Kreutlein oder Blühmlein Vergismeinnicht / das unser
Breutigam so vielmahls selbst in unser Hertz gepflantzet / haben wir darinnen /
ach leider! allezeit verwelken lassen. Vom andern / Ielängerielieber wissen wir
gar nichts. Ja wir seind ganz Abtrünnig worden. Und hierzu hat uns verführet
der Teufel / die Welt / und unser eigenes Fleisch. An statt dessen / dass JESUS
unser Breutigam sein sollte / seind wir / ach weh! des Teufels Braut worden.
    (50) Diesem neuen Breutigam lauffen wir nach; indem wir den Fleischlichen
Lüsten folgen. Mit diesem tantzen wir; indem wir uns / mit der Welt / in den
zeitlichen Ergetzligkeiten vertieffen. Dazumahl / da unser Himlischer Breutigam
üm unsert willen in der heftigsten Leidens- und Todes-angst war / ümhälseten wir
/ durch allerlei Wohllüste / den Höllischen: da Er für uns den
allerschmählichsten Tod / darzu wir ihn selbst verrahten / ja den wir Ihm
selber antähten /am verfluchten Holtze des Kreutzes ausstund / ehreten wir /
indem wir seiner spotteten / den Teufel: da Er unserer bei seinem Himlischen
Vater / mit einer so hertzlichen Vorbitte / gedachte / kahm uns nicht einmal
seine grosse Liebe / damit Er uns bis in den Tod liebete / ja sein so liebreicher
Nahme JESUS kaum anders / als Ihn zu lästern / in die Gedanken.
    (51) Hieraus sieht man / wie eigendlich wir / die der Himlische Simson /
JESUS / des Grossen GOttes Sohn / zu seiner Braut auserkohren /der treubrüchigen
Braut des Irdischen Simsons uns ähnlichen. Ich hette schier gesagt / des
Närrischen Simsons: weil er / in dieser seiner Liebe / den närrischen
Lichtflügen nachzuäffen schien; welche das Licht dermassen lieben / dass sie /ob
sie schon keiner Gegenliebe geniessen / dannoch üm dessen Flamme so lange herüm
flattern / bis sie /von derselben ergriffen / jämmerlich verbrant werden.
    (52) Ihm selbst ein Schmertzenmeer der Trähnen /mit einem gewaltigen
Seufzersturme / zu erregen / als wollte man sein Hertz dadurch seiner Liebsten /
die fremder Trähnen und Seufzer nur spottet / zuschiffen lassen / ist eben so
viel / als wollte man sich in einen vor Augen schwebenden Schifbruch begeben.
Zuviel verderbt das Spiel: zuvoraus in einer solchen Liebe /die mit keiner
Gegenliebe vergolten wird.
    (53) Wan es der Grossen Zeugemutter aller Dinge schon müglich sein könnte alle
Schönheiten des Frauenzimmers der ganzen Welt in ein einiges Frauenbild / wie
es jenem Mahler müglich war die selben aller Krotonischen Jungfrauen in sein
Götzenbild der Liebe / zusammen zu bringen; so were es doch eine grosse Tohrheit
in der Liebe desselben so gar volkömlich schönen / zuvoraus wan es / an
Gegenliebe statt / des Verliebten nur spottete / elendiglich verschmachten /oder
wohl gar verzweifeln wollen.
    (54) Ich will mehr sagen: weil ein solcher Aus- und Zusammen-Zug so vieler
der ausbündigsten Schönheiten / der überdas auch eben so eitel und eben so
flüchtig / als eine Einzele / sein würde / nirgend zu finden; so tuht ein
Verliebter noch viel töhrichter /wan er der gemeinen Einzelen Schönheit einer
widerspänstigen Liebsten / mit euserstem Verluste seiner Gemühtsruhe / so ganz
vergeblich nacheilet; indem er dasselbe / was er an der einigen so hoch schätzet
und liebt / bei tausend andern eben so guht / ja oftmahls wohl besser zu finden
vermag.
    (55) In diesem Liebespiele sollten wir billich den Weibsbildern / die in der
Kunst zu lieben gemeiniglich viel schlauer seind / als wir / ihre Liebesränke
/damit sie andern begegnen / zuvor ablernen / ehe wir uns selbst mit ihnen
einliessen: weil es in alwege viel besser ist / mit fremder Schaden klug / als
mit eigenem zugleich arm zu werden. Weibesbilder vergaffen sich meistenteils
niemahls an einem allein. Ihr Auge fället allezeit auf viele. Sie haben derer /
welche sie lieben / die Mänge. Ja sie werfen allen / alle verpflichtet zu machen
/ ihre Liebesblikke zu. So werden ihnen alle geneugt; wo nicht alle ihre
Liebhaber bleiben müssen.
    (56) Daher achten sie es nicht viel / wan sie etwan einen / den sie zum
Liebsten erwählet / darvon verlieren. Diesen Verlust ersetzen sie bald mit einem
andern / aus denen so vielen / die sie schon in Bestallung gebracht. Reisset
sich dann auch dieser aus ihrem Liebesnetze los / so komt an den dritten die
Reihe. Ja sie gehen mit ihrem Jägergarne so lange fort / bis sie denselben / der
sich zu ihrem Leibeignen willig ergiebet / auf allen Seiten bestrükket.
    (57) Weil nun die Weiber im Liebeshandel so verschlagen seind / so ist es
fürwahr ein Wunder / dass die Männer / durch die Liebe / sich dermassen betöhren
lassen / dass sie einem widersinnischen Weibsbilde / das sie lieben / ohne Genos
einiger Gegenliebe / mit Gefahr Witz und Verstand zu verlieren / so beständig /
bis zur Halsstarrigkeit zu / nachlauffen. Ja es ist ein Wunder / dass sie nicht
auch / wie jene / nur achtloss und überhin lieben: dass sie ihre Liebe / wan die
eine Liebste widerwillig bleibet / oder ihnen die Schüppe giebet / nicht straks
auf eine willigere und beständigere lenken. Aber es scheinet / wo es nicht
vielmehr die lautere Wahrheit selber ist /dass die Grossmütigkeit und
Beständigkeit dem Mänlichen Geschlächte mehr / als dem Weiblichen angebohren;
und dass dieses dagegen / wie es kleinmühtiger ist / indem es sich von etwas
leichtlicher abschrökken lesset / also auch / wo nicht gemeiniglich /doch
meisten teils unbeständiger und leichtsinniger sei.
    (58) Ein Weibesmensch / ein weiches Mensch. Es ist auch auf das höchste
weich und zahrt in allem /was in und an ihm ist. Haut und Fleisch hat es
gemeiniglich viel weichlicher / und das Gebeine zährter /als wir. So ist auch
zährtlicher und behänder / mit allen seinen Gliedern / der ganze Leib. Zuvoraus
hat es ein weiches und weichendes Gemüht: welches so weichlich und zahrt ist /
dass es zur Ab- und Er-weichung viel eher / als das Mänliche / zu bringen. Dieses
weichet / mit allem / was in ihm sich reget und beweget / gar leichtlich bald
hier- bald dort-hin. Daher komt es / dass die lieblichste Gemühtsneugung / die
Liebe / bei ihm so weich und zahrt ist / dass sie eben so bald ab- als
zu-weichet; dass sie sich zerren und ziehen lesset / wohin und wie oft es der
Sinligkeit beliebet.
    (59) Eben so weich und zahrt ist auch der Sin selber / mit alle seinem
Anhange: indem er von einem Dinge so plötzlich auf das andere weichet / dass er
oftmahls keinen Augenblick festen Stand hält. Ja die Sprache selbst ist weichlich
und zahrt. So ist auch aller Klang und Laut / den der Mund giebet. Weich und
zart sein auch alle Verrichtungen / die von Weibsbildern herrühren.
    (60) Weil nun diese Weichligkeit / oder vielmehr Schwächligkeit der
Weibsbilder / als der schwächsten Werkzeuge des Schöpfers / sie gegen die
Mansbilder zu rechnen / Simson ohnezweifel wohl erkannte; so schien es / als
wollte er darüm seiner Ehliebsten die Ehre geben der wenigste zu sein / und sein
Haupt in ihren Schoss zu legen. Aber der gute Simson wusste vielleicht noch zur
Zeit nicht / dass er nit nur mit einem Weichlichen / sondern auch gar mit einem
Ehrlosen leichtfertigen Schandweibe zu tun hatte; die albereit / mitten in der
Hochzeit / ja vielleicht da sie im Brautbette noch nicht warm geworden / den
geulen Blik ihrer unkeuschen Augen auf einen neuen Breutigam schüssen lassen. Ihm
war noch nicht bekant / dass sie sich an einem seiner Hochzeitknechte vernarret
/und ihm / in seinem Abwesen / schon beigeleget worden.
    (61) Unzüchtigen Weibern / derer Keuschheit auf Steltzen geht / ist dieses
Laster gemein / dass ihnen anderer Geschikligkeit und Leibesgestalt allezeit mehr
gefället / als ihres Ehgatten. Mit einem allein wird ihre Begierde nie
gesättiget. Allezeit suchen sie einen andern / so bald sie den ersten ins Netze
gebracht: indem sie ihnen einbilden / es sei unnöhtig denselben / den sie /
durch betrügliche Liebe / schon fest gemacht / noch weiter zu lokasen. Lesset er
dann hierüber seinen Unwillen märken / und kehret eine Zeit lang den rükken; so
werden sie froh / dass sie zu dem Ekel /den sie auf ihn geworfen / auch
Gelegenheit bekommen ihre neue Buhlschaft / Liebe darf ich sie bei solchen
Frauen / weil alhier das Zeichen der Tugend mangelt / nicht nennen /
unverhindert und mit scheinbarem Fuge fortzusetzen.
    (62) Die himlische Sonne hatte kaum drei Stunden geschienen / als unser
Sonneman ganz ermüdet zu Timnat ankahm / auf Hofhung in den Armen seiner
Haussonne wieder auszuruhen. Die Schnitter waren eben in voller Arbeit den
Weitzen abzuärnten /als er vor dasselbe Haus gelangte / da er bei seiner
Ehliebsten einer reichen Aernte der süssen Früchte des Ehstandes zu geniessen
gedachte. Diese hatte / schon auf der Reise / die Einbildung ihm dermassen
lieblich vorgemahlet / dass er / als von einem Liebesteine gezogen / mit
flüchtigen Füssen darnachzu eilete. Seine Gedanken waren auch auf nichts anders
gerichtet / als auf die Schönheit seiner lieben Braut: derer Bildnis /durch oft
wiederhohlte Betrachtung / so tief in sein Hertz eingedrükt stund / dass es einen
andern Eindruk anzunehmen nicht vermochte.
    (63) Nunmehr gedachte sein Hertz sich mit dem Hertzen derselben / von
welcher er sich eine Zeit lang entfernet / aber nicht gäntzlich geschieden /
wieder aufs neue zu verknüpfen. Nunmehr gedachte er das Band der Liebe / welches
durch den Zornsturm erschlappet und aufgegangen / durch eine ganz erneuerte
Liebe wieder zu befestigen. Ja er war froh / dass durch diese neue Hochzeit der
Ehfriede / den die erste gestöhret / wieder aufs neue sollte geboren / und alle
seine bisher verlohrene Lust / durch tausend Küsse /wieder ersetzet werden.
    (64) In solchen freudigen Gedanken / bauete er ihm selbst einen Himmel vol
Geigen; eine Schauburg vol ergetzlicher Aufzüge; einen Siegeswagen vol
prächtiger Siegeszeichen. Ja sein Hertz / das sich nunmehr aller Unlust und
aller Pein entsetzet sah / tantzete für Freuden / und hüpfete für Wonne: und
indem er in das Haus traht / bildete es die allerlieblichsten anmuhtigsten Worte
/ mit denen der Mund / seine Liebste zu grüssen / sich schon in die schönsten und
zierlichsten Falten setzte. Kurtz / er war so vol Freude / so vol Wonne / dass
die Zeichen darvon sich in allen seinen Gebährden / ja selbst an seiner ganzen
Leibesgestalt scheinbarlich euserten.
    (65) Aber alle diese Freudenzeichen veränderten sich bald in Trauerzeichen.
Sein eingebildeter Sieg verschwand in einem nuh. Das Verhängnis hatte ihn
dermassen verdrehet / dass er einen andern damit prangen sah. Einander lag in
denen Armen / darinnen er zu ruhen gedachte. Einander genos derselben
Ergetzligkeiten / die ihm seine Hoffnung zu geniessen versprochen. Ach! wie
geschwinde verschwanden dieselben Glüksäligkeiten / die er aus lauteren
Sinbildern zusammengefüget! Ach! wie plötzlich entzogen sich dieselben
Freudenaufzüge / die in blossen Schatten bestunden! Ach! wie so gar eilend warden
vereitelt die prächtigen Schaubühnen / die auf so eiteln Stützen sich stützten!
    (66) Sobald er in das Vorhaus gelanget / begab er sich straks nach
demselbigen Orte zu / da er sein irdisches Paradies zu finden vermeinte. Von
stunden an eilete er nach der Schlafkammer zu / da er seine Liebste selbst im
Bette zu überraschen gedachte. Flugs sprang / ja flog er fort. Er klopfte nicht
einmal an. Aus Erleubnis der Ehlichen Freiheit / grif er alsobald an die Klinke
der Tühre / mit dem Vorsatze sie unverhuhts aufzuklinken. Aber er fand sie
verrügelt. Ein vorgeschobener Schützel verboht ihm den Eingang. Hierzu kahm auch
endlich der Schwiegervater /der ihn gar darvon abzog.
    (67) Hieraus vermärkte Simson unraht. Er sah wohl / was die Glokke
geschlagen. Nun erkannte er erst / dass ihn das Uhrwerk seiner Sinne betrogen.
Darüm zog er es anders auf. Er stellete den Lauf seiner Gemühtsneugungen nach
einem andern Triebe. Er veränderte seinen Schlus. Und das musste sein. Noht brach
Eisen. Nohtwendig musste er ümsatteln; weil ihm dieser Rit mislungen.
Nohtdrünglich musste er andere Gedanken fassen / als er vernahm / dass man ihn
/als einen Fremdling / ja schier als einen Dieb anzuschnautzen begunte.
    (68) Es kahm ihm seltsam vor / dass derselbe / der ihm selbst seine Tochter
zum Weibe gegeben / ihn fragete: Was er alda suchete? Was er begehrete? ja was
vor einer er were? Zuerst beantwortete er zwar diese Fragen nur mit Lachen:
indem er sie für Schertzfragen aufnahm. Aber als er den Ernst sah /und hören
musste / dass er alda nichts verloren; dass er sich wegpakken sollte; dass man
seiner nicht nöhtig hette: da ward er so bestürtzt / dass er eine guhte Weile
verstummete; dass er zur Widerrede kein Wort zu machen vermochte.
    (69) Endlich erhohlte er sich gleichwohl. »Ich suche« / sagte er / »was mein
ist. Ich begehre / was mir zugehöret. Ich bin deiner Tochter Man. Ich bin es /
dem das Recht zukomt sein Ehweib zu suchen.« Und ob er schon dreuete dieses sein
Ehrecht mit Gewalt zu behaupten; so musste er doch erfahren / dass seine Dreuung
nur fruchtloss ablief. Dan der Alte versetzte zur stunde: er habe sein Recht
selbst verschertzet: er sei selbst schuld daran / dass seine Tochter nun nicht
mehr sein Ehweib sein könnte. Sie sei schon einem andern verheurrahtet. Er habe
sie einem seiner Spielgenossen gegeben: weil er aus seinem verstohlenen und so
plötzlichem Abreisen / da er sie nicht einmal des geziemten Abschiedes
gewürdiget / anders nicht vermuhten können / als dass er sie / aus Gramschaft
/gäntzlich verlassen.
    (70) Auf diese so böse Zeitung erbossete sich Simson der massen / dass in einem
Augenblicke sein ganzes Wesen entstellet ward. Bald erblassete er / wie eine
Leiche. Bald ward er feuerroht / wie ein Kalekutischer Hahn. Feurige Strahlen
schossen ihm aus den Augen. Aus den aufgeblasenen Naselöchern fuhr ein hitziger
Dampf. Aus dem Munde brach ein erschrökliches Unwetter hervor. Ein iedes Wort /
das er auslies / klung als ein Donner / prasselte wie ein Donnerschlag /
zerschmetterte schier wie ein Donnerkeul / die Hertzen aller / die es höreten.
    (71) Seine Augenbrähmen übersich ausgespannet /seine Stirne himmelwärts
aufgeruntzelt / schienen zur Rache den Himmel aufzufordern. Die Füsse stampfeten
gegen den Erdbodem / als wollten sie dessen Einwohnern / die ihn beleidiget / den
Krieg ankündigen. Ja es schien / als were nunmehr Zorn und Grim /Wuht und
Grausamkeit bei ihm allein eingekehret; als hetten sie ihn zu ihrer eigenen
Wohnung erkohren.
    (72) Und also sah man in Simsons Hertzen /darinnen kurtz zuvor die Esse der
Liebe feuerte / den Gluhtofen des Zornes hitzen. Also stund in derselben
Schmiede / da kurtz zuvor die Pfeile der Liebe geschmiedet warden / der Amboss
des Grimmes / desselben Rüstung zu schmieden / aufgerichtet. Ja ich darf wohl
sagen / dass die Göttliche Vorsehung selbst hierinnen / zur Schmiedung ihrer
wider den Ubermuht der Filister bestimmten Waffen / den Blasebalk zu bewegen /
und den Hammer zu führen eben itzund begonnen. Itzund schien die Zeit geboren
zu sein /da Simson das Werkzeug sein sollte das bedrängte Volk Gottes aus der
Heiden Dienstbarkeit zu erlösen.
    (73) Der armsälige Greus / so bald er ein so grimmiges Antlitz erblikte /
zitterte für Furcht / und böbete für Schrökken. Kein einiges Glied an seinem
Leibe stund stil. Alle bewegten sich / wie Espenblätter. Das Hertz selber
bukte für Angst. Es schien / als wan ihn der Schlag gerühret; da er den Donner
seines Mundes / das Sturmblasen und Zornschnauben seiner Nase / mit dem Blitze
seiner Augen / vernahm: aus denen ganz erschrökliche Wetterstrahlen / ganz
abscheuliche Feuerflammen / als aus zwo Feuerspeienden Bergöfnungen / auf ihn zu
geflogen kahmen; nicht anders / als wollten sie ihn zur Stunde verschlingen. Er
entsetzte sich für den grausamen Dreuungen / welche den Filistern ihren
endlichen Untergang ankündigten. Er erschrak für so heftigen Zornworten / vor
denen die Grundfeste des Filisterlandes selbst gleichsam erschütterte.
    (74) Weil er nun sich besorgete / Simson möchte die Flammen seiner Wuht am
allerersten über ihn /und sein Haus selber ausstürtzen; so fing er an mit
ganz gelinden kleinlautenden Seiten sich hören zu lassen. Er veränderte den
vorigen rauen und harten Tohn in einen ganz sanften und leisen. An statt der
vorigen scharfen und hulprigen Worte gab er nunmehr ganz weiche / ganz glatte
/ ja ganz samtene. Er wollte den erzürneten / den ergrimmeten / den schon halb
wühtenden Simson / den er kurtz zuvor lieber gar aus dem Hause geschlagen /
itzund in eine weiche Sänfte setzen. Ja er wollte denselben / den er / durch
Unbescheidenheit / erbosset / nun wieder / durch einen Friedensvorschlag /
begühtigen. Und also vermeinte er das Ungewitter / das er wider sich aufgezogen
zu sein befahrete / eh es mit Zorngüssen über ihm auszubrächen anfinge / von
seinen Grentzen abzuleinen.
    (75) Zu dem Ende schlug er ihm auch seine jüngere Tochter zur Ehe vor. Die
sollte des wiedergetroffenen Friedens Unterpfand sein. Die wollte er zur Bürgin
setzen / dass der Friedensvergleich unverletzt sollte gehalten werden. Ja damit er
sein Augenmärk üm so viel eher erreichen möchte / geriet er auch auf diesen
Fund. Er fügte hinzu: dass sie viel schöner sei / als die ältere.
    (76) Eine so ausbündige Schönheit / vermeinte er /würde die Mitlerin sein
den Streit zu schlichten. Sie würde / vertraute er / das Zornfeuer / das in
Simsons Busem flakkerte / blüschen. Auch were dieses Artzneimittel gewislich das
kräftigste gewesen seines Eidams so heftigen Gemühtstrieb zu hintertreiben /wan
aus ihm die Liebesseele nicht schon so gar verflogen gewesen / dass der ganze
Simson eine Behausung der Zorngeister geworden.
    (77) Diese reitzeten ihn unaufhörlich zur Rache. Alle gühtige Handlungen
rieten sie ab. Sie verstopften seine Ohren dermassen / dass kein Friedensanbot
hinein konnte. Hingegen löseten sie seine Zunge zu lauter trotzigen Rachworten.
Und also ging nichts / als Krieg / als Rache / mit einem erschröklichen
Waffengeschrei / aus seinem Munde. »Meine Waffen« / rief er überlaut / »seind
schon geschärfet zum Kriege. Mein Arm ist schon ausgerekket der Filister
Ubermuht zu rächen. Meine Faust rühret sich schon /durch meine Tapferkeit
beseelet / mit ihnen das Garaus zu spielen. Die gerechte Sache / die ich nunmehr
wider sie habe / macht mich behertzt. Ich will ihr Land mit ganzen Schaaren der
Erschlagenen besäen / und mit ganzen Ströhmen ihres Bluhtes tüngen. Ich will
eine Verwüstung unter ihnen weit und breit anrichten. Dieses will ich tuhn / und
nichts anders.«
    (78) Als er hierauf ein wenig geschwiegen / fing er / mit etwas eingezogener
Stimme / wieder an. »Sie dürfen sich« / sagte er / »über kein Unrecht
beschweeren. Sie dürfen mir die Schuld ihres Verderbens nicht zumässen. Sie
selbst haben es / durch ihren Frefel / ihnen über den Hals gezogen: indem sie
mich derselben beraubet / mit der ich / durch Liebe / verknüpfet war / und üm
derentwillen ich dieses Volk /weil sie daraus entsprossen / bisher geehret / ja
selbst geliebt / und ihm nichts Böses / ob ich schon gern gewolt hette /
zufügen konnte. Weil mir aber solche meine Wohlneugung / mit dem eusersten
Undanke /vergolten worden; so ist es billich / dass ich zürne /dass ich mich und
mein Volk zu rächen trachte.
    (79) In diese Rache schlüsse ich mein Volk mit ein: weil ich dessen Schmaach
/ die ihm dieses heillose Filistervolk von so vielen Jahren her antuht / zu
rächen schon vor meiner Gebuhrt vom Himmel versehen / und nachmahls auch hierzu
mit einer ungemeinen Stärke begabt bin. Und also will ich / bei dieser
Gelegenheit / nicht so wohl meine sonderbare / als meines Volks algemeine
Schmaach zu rächen suchen. Ich will euren Hochmuht dämpfen. Ich will eure Hofahrt
stürtzen. Ich will euren Trotz zerträhten. Ich will lauter Niederlagen / lauter
Zerstöhrungen unter euch anrichten. Und dieses will ich itzund zu tuhn beginnen.«
    (80) Den Worten folgete straks die Taht. Eine ganz fremde Weise zu rächen /
die ihm sein verworrener Sin am ersten eingab / nahm er vor. Niemahls /gleube
ich / ist ein so wunderseltsamer Kriegesrank /des Feindes Land zu veröden / und
ihn aller Lebensmittel auf einmal zu berauben / erdacht worden / als dieser
war. Niemahls / so lange die Welt gestanden /hat Menschliche Vernunft
dergleichen Verwüstung ersonnen / viel weniger einiges Auge der Menschen
erblickt.
    (81) Simson begab sich in das nächste Gebürge. Alda machte er Anstalt zur
Fuchsjagt. Diese ward ohne Spührhunde / ohne Stöber / ohne Windspiele /ohne
Netzen / oder anderes Jägerzeug verrichtet. Simson war Jägermeister und
Jägerknecht zugleich. An statt der Jagtunde mussten ihm seine Hände zum Fangen
dienen. Diese verrichteten alles allein. Die Gegend befand sich rund herüm vol
Fuchslöcher /und diese vol Füchse. Aus denen / nachdem er das Erdreich / durch
seine grosse Stärke / weit genug voneinander gerissen / zog er einen nach dem
andern hervor. Alle warteten seiner. Keiner / wie listig und rüstig er sonsten
war / getrauete sich zu entlauffen. In wenig Stunden täht er eine Fangst von
drei hunderten: die er allezusammen / einen nach dem andern / in einer fünsteren
Berghöhle versperrete.
    (82) Man hette gewis wohl sagen mögen / dass er die Fuchsahrt / durch einen
so reichen Fang / in derselben ganzen Gegend gar vertilget. Ja es schien ein
Wunder / wo nicht gar ungleublich zu sein / dass er / in einem solchen kleinen
Landbegriffe / so eine grosse Mänge dieser Tiere / bloss mit den Händen /ohne
Jägerzeug und Jagtunde / ja noch darzu in so kleiner Zeit fangen können:
zuvörderst wan man ihre von Gebuhrt eigene List und Geschwindigkeit betrachtet.
Und eben darüm urteilen wir / dass die Almacht GOttes selbst diesem Jäger die
Hand gebohten; gleichwie sie sonsten / in allen seinen wüchtigen Verrichtungen /
getahn. Auch ist dieses nichts neues: weil man dergleichen schon zu Noah Zeiten
erfuhr; dem eben dieselbe Almacht GOttes ie sieben Paar von allen reinen Tieren
des ganzen Erdbodems / und ie eines von den Unreinen fangen half / sie / in
seinem Kasten / vor dem Verderben der Sündfluht zu bewahren.
    (83) Sobald er seine Zahl vol hatte / nahm er einen nach dem andern / und
band sie zu paaren bei den Schwäntzen zusammen. Zwischen iedes paar Schwäntze
hing er einen feurigen Brand / den er mit einer Schnur fest machte. Mit diesen /
so zu reden /Feuerwägen lies er die vorgespanneten Füchse lauffen / dass Feuer in
die ümliegenden Felder zu führen. Sie hatten zum fortjagen keines Antreibers /
auch keiner Peitsche nöhtig. Die Hitze des Feuers war ihnen Antreibers genug; ja
selbst ihre Peitsche: zuvoraus wan sie / mit stähtigem und ängstigem hin und
wieder schwänken der Schwäntze / dadurch sie die Gluht von sich wegzuwedeln und
abzuwehren gedachten / das Feuer der Bränder immer mehr und mehr anweheten /ja
solchergestalt brennen und flammen machten / dass es alles / was es antraf / in
den liechten Brand setzte.
    (84) Von dieser des Simsons wunderlichen Ahrt die feindlichen Länder durch
Feuer zu veröden /darf ich schier sagen / dass die Holländer den Fund ihrer
Brandschiffe / dadurch sie die feindlichen Kriegsfluhten anzuzünden und
jämmerlich einzuäschern pflegen / zu unserer Väter Zeit abgesehen. Dan wie
Simson / vermittelst solcher seiner Feuerwägen / der Filister Kornfelder / und
Weinberge weit und breit in den Brand brachte; so bringen diese / durch ihre
Feuerschiffe / welche sie unter die Feindlichen Kriegsfluhten lauffen lassen /
derselben Schifsmacht / wo sie anstossen / in vollen Brand. Ja beide führen /
jene durch flüchtige Füchse fortgezogen / diese durch den Wind fortgejagt / den
Feinden /zu ihrem Verderben / das verschlündende Feuer zu.
    (85) Nachdem nun Simson seine sotahnig zu paaren aneinander gefesselte
Gefangene los gelassen; da gab es ein recht lustiges Schauspiel. Sie vermeinten
alle zusammen der Freiheit zu geniessen. Daher lieffen sie auch so flüchtig /
als hetten sie die Eigenschaft der flüchtigen Flammen bekommen / und als würden
sie von Windspielen gejagt / über strumpf und stiel hin. Aber indem sie also
hastig fortlieffen /warden sie garzubald gewahr / dass sie / durch solchen ihren
Lauf / mehr nach dem Tode / dann nach dem Leben der Freiheit zueileten: Indem sie
das Band märkten / damit zween und zween zusammengebunden sich befanden; da
märkten sie zugleich / in was für einen gefährlichen Irgarten sie gerahten:
zumahl als sie noch darzu die brennende Hitze des hintersich her schleppenden
Feuers fühleten.
    (86) Von dieser suchte sich einieder zu befreien. Einieder wollte derselben
entfliehen. Alle zusammen trachteten ihr zu entlauffen. Und also wollte der eine
der gepaarten hierhin / der andere dortin. Der eine sprang auf die rechte: der
andere lenkte sich auf die linke. Der eine blieb auf geraden Wege: der andere
geriet auf den Zwerchweg. Und also stelleten sie sich schier eben an / als
ehmahls die Sonnenrosse / welche durch ihren unerfahrnen jungen Fuhrman übel
gelenket / die rechte Spuhr verliessen / und bald auf / bald nieder / bald
gerade zu / bald in die kwähre fortranten. Aber indem einieder solcher gestalt
vom Lauffe seines Gesellens abwich / warden sie alle stutzig. Alle mussten
stilhalten / indem der eine nicht wollte geschleppet sein / und der andere das
Schleppen flohe.
    (87) Doch dieses Stilhalten tauerte nicht lange. Der feurige Brand trieb sie
/ als eine scharfe Spisruhte /bald wieder fort. Ja er vertrieb gar bald / mit so
heissen Schmitzen / ihr widerspänstiges Wesen. Und also geriet iedes uneinige
Paar wieder in seine vorige Vereinigung. Also lieffen sie allezumahl wieder bei
paaren fort. Ja sie ranten oder flogen vielmehr / als die Feuerpfeile / aus
Furcht verbrant zu werden / durch das ganze Feld hin: indem ein iedes Paar
einen sonderlichen Strich hielt. Ja sie nahmen nicht so viel Weile / nur einmal
nach ihrem so ungestühmen Stachel / der sie so heftig stach / sich ümzusehen:
damit sie nicht etwan aufgehalten würden die Zeit ihrer Erlösung von so
unerträglicher Angst zu verseumen.
    (88) Wan wir hiesige Begäbnis der dreihundert Füchse Simsons bei dem Lichte
des Urteils was näher beschauen; so finden wir ein recht ähnliches Vorbild jener
dreierlei Geistlichen Schwärmrotten der Jüden: nähmlich der Fariseer / Saduzeer
/und Esseer. Diese drei Fuchsahrten lies der himlische Simson / JESUS / unser
Seelenbreutigam / in das Jüdische Kirchenfeld lauffen / wie der irdische Simson
die seinigen in das Feld der Filister / solches zu veröden: weil ihm die Jüden /
wie jenem die Filister / seine Braut treuloss / verrähterisch / und abspänstig
gemacht / ja selbst einem Fremden gegeben. Sie verödeten es auch / mit ihren
Schwärmereien / dermassen / und brachten es endlich so weit / dass die Hauptstadt
Jerusalem / gleichwie der verstossene Breutigam ihr selber gedreuet / im
Römischen Feuer / wie Simsons Brautaus / weil dort eben / als hier / der Fadem
zum Verderben gesponnen worden / jämmerlich auffliegen musste.
    (89) Ja ich darf wohl sagen / dass durch Simsons Füchse nicht allein die
Jüdischen Schwärmfüchse / sondern auch alle diejenigen / damit unser
Seelenbreutigam nachmahls die Kristenheit selber / so oft sie seine
Breutgamsliebe und Breutgamsstimme verschmähet / zu strafen pflegen /vorgebildet
worden. Ich meine das listige Rottengeschmeusse / die betrüglichen Kätzer / die
falschen Lehrer / die Irgeister / welche durch die Felder der Kristenheit / mit
ihren falschen dampfenden Lichtern eben also herümschwärmen / als Simsons Füchse
/ durch die Felder der Filister / mit ihren Feuerbrändern.
    (90) Simsons Füchse hatten lange langhährichte Schwäntze: diese
Schwärmfüchse haben einen langen und breiten Anhang. Jene waren alle mit den
Schwäntzen / darzwischen feurige Bränder staken /eine Verderbung anzurichten /
zusammen gekuppelt und vereiniget; iedoch nicht einig im Lauffen: diese seind
gleichesfals uneins im Lauffe der Lehre / in ihren Meinungen / und doch auch
einig und zusammengekuppelt; indem sie allesamt einerlei Ziel haben / nähmlich
die Menschen zu verführen / und zu verderben. Jene waren listig / betrüglich /
und verschlagen: diese seind ebenmässig also; indem sie ihre Lügen und
Betrügereien so arglistig zu bemänteln wissen / dass sie auch die Auserkohrnen /
wan es GOtt zuliesse / verführen möchten.
    (91) Dieser Geistlichen Schwarmfüchse / dieser betrüglichen Rottengeister
ist auch noch itzund die ganze Kristenwelt überal vol. Dan darfür / dass sie die
Liebe zur Wahrheit nicht angenommen / damit sie sälig würde / hat ihr GOtt /
jenes grossen Heidenlehrers Weissagung wahr zu machen / so kräftige Irtühmer /
zur Strafe / zugesandt / dass sie der Lügen mehr / als der Wahrheit gleubet. Und
diese Strafe schleppet auch zugleich das Angstfeuer ihrer Gewissen / wie Simsons
Füchse die feurigen Bränder /mit sich / dass sie verzweiflen müssen / wie Judas
/der den Breutigam selber verriet. Ja es folget ihr endlich wohl gar das ewige
höllische Feuer gleich als auf den Hakken nach.
    (92) Weil nun / durch die Sonnenhitze / das Getreidicht der Filister eben so
weit gereiffet war /dass es teils schon abgeschnitten lag / teils auch schon in
Mandeln / teils noch auf dem dürren Halme stund; so fassete es den Brand / den
diese Brandfüchse weit und breit herümschleppeten / gar leichtlich. Und also
stund / in wenig Stunden / die ganze Gegend rund herüm in vollem Feuer: indem
die Flammen dermassen geschwinde fortlieffen / dass es schien / als hetten sie mit
den Füchsen üm die Wette lauffen wollen. Ja sie kahmen ihnen an etlichen Oertern
auch selber zuvor; also dass viele diesei armen Tierlein erfahren mussten / dass
sie sich / ihnen selbst zum Verderben /zu Brandstiftern und Mordbrennern
gebrauchen lassen: indem sie mitten in der Gluht / welche sie auf allen Seiten
umgab / ihr Leben jämmerlich einzubüssen gezwungen warden. Auch war es den
übrigen ein grosses Glük / wan sie mit der versängten nakten Haut dem wühtendem
Feuer entschnapten.
    (93) Es war ganz erschröklich anzusehen / wie das Feuer alles / was es
ergrif / so uhrplötzlich auffrass. Noch erschröklicher war es anzuhören / wie die
fortschüssende Flammen / eben als eine gewaltige durch irgend einen Tam
gebrochene Wassersfluht / auf den Feldern hinkullerten und bullerten. Es
rasselte und prasselte nicht anders / als ob ein geharnschtes Kriegesheer im
Anzuge begriffen: als hörete man das stampen und trampeln / das puffen und tösen
der Rosse. Es brummete und summete nicht anders / als ob man irgend in der ferne
ein donnern der Geschütze vernehme. Ja es gaben die grimmige Flammen ein solches
abscheuliches Getöhne von sich / dass denen / die es anhöreten / die Haut
schauerte / die Haare zu Berge stunden.
    (94) In solcher algemeinen erbärmlichen Einäscherung / lies der grausame
Rachen dieser heishungrigen Gluht / in der ganzen Gegend keinen Ort
unangetastet / als wo er nichts / das ihm dienete / zu verschlingen fand. Ja er
weidete seine Begierde selbst in den Weinbergen. Er sog den Saft / als ganz
verdurstet /aus den Weinstökken so wohl / als aus den Trauben: davon er nichts
mehr übrig lies / als die Asche. Er machte sich endlich auch an die Oehl-
Mandel- und Feigen-beume. Diese verzehrte sein Schlund bis auf den ausgedürreten
Stam: der nur allein / mit etlichen dikken Aesten / wiewohl ganz erschwartzet /
stehen blieb.
    (95) Als die benachbarten Filister diese so erschrökliche Feuersbrunst sahen
/ entsetzten sie sich dermassen / dass sie nicht wussten / ob sie warten / oder
lauffen sollten. Etliche / denen der Muht noch nicht ganz entfallen / kahmen
herzu das Feuer von ihren Grentzen abzuwehren. Aber sobald sie / in der nähe
/die so plötzlich fortlauffenden grimmigen Flammen erblikten / und derselben so
abscheuliches greuliches bullern höhreten; da überfiel sie die Furcht dermassen /
dass sie auf nichts anders gedachten / als nur ihr Leben zu retten. Sie
vermeinten auch nicht anders /als ob / in selbiger Gegend / die Hölle / durch
die Erde hin / einen so grossen Ris gemacht / dass aus ihrem Abgrunde selbst das
ewige Zornfeuer herauf gestiegen / den Erdkreus zu veröden.
    (96) Andere / die den so gar geschwinden Fortlauf der Flamme beobachteten /
bildeten ihnen ein / der erzürnete Himmel selbst habe sein leichtes Feuer über
das Filisterland / gleichwie er ehmahls über Sodoma und Gomorra brennenden
Schwefel und Pech regnen lassen / herab gestürtzet / dasselbe zu verderben. Ja es
fielen von diesem so unverhuhts entstandenem Brande / weil dessen Anstifter und
Uhrhöber noch nicht bekant war / so viel unterschiedliche Meinungen / dass
niemand wüste / welcher man gleuben sollte.
    (97) Simsons Schwiegervater / und treuloss gewordene Ehliebste schaueten dem
noch immerzu fortwühtendem Brande / der gar bis an Timnat hinan sich
ausstrekkete / selber / mit eben so grosser / ja wohl weit grösserer
Bestürtzung / auch zu. Ja sie märkten zur stunde / was die Glokke geschlagen.
Zusehens bekahmen sie Schwahnsfedern. Ihr böses Gewissen plagte sie straks. Sie
wussten sehr wohl / was für Böses sie verübet.
    (98) Ihnen war noch in frischer Gedächtnis / wessen sich Simson / den sie
zum höchsten erzürnet /verlauten lassen. Daher konten sie leichtlich vermuhten /
dass / üm ihrer Mishandlung willen / ihr Vaterland in solches Verderben gerahten.
Sie konten ihnen die Rechnung leichtlich machen / dass Simson seine gedreuete
Rache / durch dieses Rachmittel / zu volziehen begonnen. Und eben darüm reuete
sie itzund ihr begangenes Verbrächen. Darüm waren sie in unaussprächlicher
Angst. Ja sie befahreten sich ieden Augenblick / diese Rache werde sie auch
treffen: der Tod werde bei ihnen zu ärnten nuhn einkehren: nun werde er seine
Sense / seine Sichel auf sie zükken.
    (99) Es war erbärmlich anzusehen / wie Simsons gewesene Liebste sich so gar
kläglich gebährdete. Die härtesten Steinritzen / ich schweige Menschliche
Hertzen / hetten über ihr so heftiges Wehleiden zum Mitleiden mögen bewogen
werden. Die Angst / welche sie fühlete / war unaussprechlich. Ja sie war so gross
/ dass sie / als eine / die alle Sinne verloren / selber nicht wusste / was sie
täht. Bald schlug sie / mit harten Schlägen / vor ihre Brust. Bald wand und rang
sie die Hände. Bald fuhr sie mit denselben in das Haar: welches sie
unbarmhertziger Weise zerzausete. Aber indem die Hände solcher gestalt
geschäftig waren / stunden Mund und Zunge /gleich als ersteinet / eine guhte
Weile / ganz stille. Eine lange Zeit gab sie keinen Laut von sich. Und da sich
endlich die ganz erblassete / wo nicht gar erstarrete Lippen zu regen begunten
/ kahm doch anders nichts heraus / als / mit einer ohnmächtigen halberstorbenen
Stimme / nur dieses: »o Simson! Simson!«
    (100) Nicht wenig entstellet befand sich auch ihr neuer Ehman / als einer /
der an ihrem Verbrächen die meiste Schuld hatte. Er war es / der sie zur Untreue
/zur Verräterei am ersten beredet. Er war es / der sie dem Simson selber
abspänstig gemacht. Er war es / der ihm das Seinige so tükkisch / so betrüglich
/so muhtwillig entwendet. Und hierdurch hatte er sein ganzes Vaterland in ein
solches Unheil gestürtzet. Darüm war er auch / indem er ein so schmertzliches
Leidwesen seiner begangenen Untaht wegen empfand / in voller Unruhe. Sein Hertz
/ welches als zwischen zwei Bretern eingeklämmet lag / weissagte ihm selber
nichts Guhtes. Er fürchtete sich / man würde deswegen ihn zur Strafe ziehen Er
befahrete sich / es würde sein Leben kosten. Er besorgete sich / die erzürneten
Filister würden ihren erlittenen Schaden / den er veruhrsachet / von ihm
fordern.
    (101) Bei schon begonnener Rache kömt die Reue zu spähte. Viel zu spähte war
es / dass diese Verbrächer ihr so grobes Verbrächen zu bereuen gedachten / da sie
das Strafschwert schon an die Gurgel gesetzt sahen. Sie hatten ihr Vaterland /
und sich selbst in Jammer und Noht gebracht: und hieraus sich zu retten war nun
kein Raht zu finden. Nunmehr half kein härmen / kein kärmen / kein weinen / kein
wimmern /noch wimmerleichen. Sie waren einmal vom Himmel selbst zum endlichen
Untergange verurteilet: und wider dieses Urteil vermochten sie nicht zu rechten.
Ein Höheres zu hohlen / weil dieses das Höchste war / stund nicht in ihrer
Macht. Der Ausspruch des höchsten Gerichtstuhles war schon geschehen: und dieser
konnte nicht widerrufen werden.
    (102) Weil nun der Rauch und Schmauch dieser Feuersbrunst die ganze Luft
bis schier an den Himmel erfüllete / konten auch die weitentlegnesten daraus von
der grösse derselben / wiewohl ihr Auge sie selbst nicht zu erreichen vermochte
/ leichtlich urteilen. Diese gerieten Anfangs in die Gedanken / dass etwan das
Irdische Feuer sich / mit dem Himlischen zu streiten / auf einmal und an einem
Orte so heuffig versamlet: und dass es zu dem Ende einen so mächtigen Vortrab
seiner dikken Dämpfe nach dem Himmel zu voran geschikt / damit jenes verhindert
würde die Heersmacht seiner Strahlen herunter zu senden.
    (103) Endlich erschol der Ruf dieser traurigen Einäscherung durch alle
ümliegende Länder und Städte. Niemand aber wusste / wer sie gestiftet / als der
Stifter und Uhrhöber selbst / und die ihn darzu veruhrsachet. Der eine legte die
Taht auf diesen / der andere auf jenen. Einieder riet nach seinen eigenen
Gedanken. Iedoch erriet keiner sobald den schuldigen Tähter.
    (104) Etliche wähneten zugleich / dass dieses Unheil / weil es so gar gross /
von keiner Menschlichen Hand herrührete. Sie gaben vor / es sei eine Würkung des
Glüksfalles; es sei irgends von ohngefähr geschehen: indem sich etwan die
untererdischen Berggewächse / die eine sonderliche Feuerahrt in ihrem Busem
hägeten / von selber entzündet.
    (105) Andere stunden in den Gedanken / es möchten vielleicht die Hürten /
eine neue und frische Weide für das Vieh zu bekommen / das alte verdorrete Grass
irgendwo angezündet haben: da dann das Feuer zugleich das Getreidicht auf den
Feldern ergriffen / und einen so grossen Brandschaden angerichtet. Die meisten
aber schrieben es / als ein Strafübel / der Hand GOttes zu; der hierdurch den
Filistern seinen Zorn blikken lassen.
    (106) Bei so ungleichen und irrigen Wahngedanken verlangten sie gleichwohl
alle miteinander den rechten Uhrhöber zu erfahren. So vorwitzig oder vielmehr
aberwitzig ist das Menschliche Gemüht vielmahls in dergleichen Ausgrüblungen /
dass es sich zum öftern eher üm den Anstifter des Ubels / als üm dessen
Verhinderung und Abwendung bekümmert. Wir forschen gemeiniglich lieber dem
Tähter nach /der uns das Verderben brauet / als dass wir solches /weil es noch
Zeit ist / abzuwehren bemühet sein sollten. Ja wir wähnen / wan wir nur denselben
gefunden / ob das Verderben schon allentalben die Oberhand genommen / dass wir
alsdan / wo nicht zur Rettung /dannoch zum Troste / für uns einen grossen Fund
getahn.
    (107) Die Vermuhtungen gerieten gar stark auf den einigen Simson. Und diesen
gleubete man üm so viel eher / als man gewis wusste / dass ihn sein Schwiegervater
so unbilliger Weise seiner Ehfraue beraubet /und sie einem andern gegeben: indem
man leichtlich gedenken konnte / dass er / durch diese Schmach angereitzet / zu
solcher Rache sich entschlossen. Aber wie ein einiger Man ein solches so grosses
Land / das die Wuht vieler tausend Feinde / mit geringerem Verluste / zu
sättigen genug gewesen / in so wenigen Stunden zu verheeren vermocht / konten
sie nicht begreiffen. Gleichwohl ward es / auf scharfes Nachfragen / kund /dass
diese Vermuhtungen den rechten Tähter getroffen.
    (108) Nachdem nun die Filister / durch solche Kundschaft / in ihren
Vermuhtungen sich vergewissert sahen; da schrieben sie von Stunden an einen
algemeinen Landtag aus. Die Landsbohten eileten ihre Befehle zu verrichten.
Nicht weniger hasteten sich alle fünf Kreusfürsten am bestirnten Orte zu
erscheinen. Dieser war Timnat / der Springbrun /daraus die Feuersfluht / die das
Land überschwämmet / ihren ersten Uhrsprung gewonnen. Alhier war es / da sich
schier alle des Filisterlandes Einwohner versandeten. Ja selbst die Weiber
lieffen dahin / dasselbe Weib zu sehen / das ein so grosses Landverderben
angerichtet.
    (109) Die Sache / die man alhier abhandlen sollte /war wüchtig. Sie betraf
alle Filister. Sie ging das ganze Filisterland an. Darüm musste freilich auf
aller Filister zustimmen / der Schlus gemacht werden. Weil Simson der Tähter war
/ der ihnen einen so unersetzlichen Schaden zugefüget; so ging ihr ganzer Zorn
anfangs nur auf ihn. Auf ihn / stimmeten die meisten / sollte man seinen Zorn
ausgüssen. An ihm sollte man sich rächen. Ihn wollten sie in Stükke zerreissen. Ihn
wollten sie mit Feuer verbrennen / ja wohl gar lebendig brahten.
    (110) Aber diesen Stimmen des Gemeinen Völkleins / das / seiner
Unbesonnenheit und Unvorsichtigkeit nach / gemeiniglich obenaus / und nirgend an
denket / widersprachen die Vornehmsten; welche was vorsichtiger waren / und der
Sache Beschaffenheit /mit reifferem Urteile / nachdachten. Sie meinten: es sei
ganz nicht rahtsam sich wider einen solchen / dessen unüberwindliche Tapferkeit
/ aus dem Gerüchte seiner Heldentahten / man überal kennete / zu streuben: es
sei nichts töhrichter / als wider Simsons übermenschliche Stärke / die alles /
was ihr aufstiesse / zerschmetterte / die Waffen zu ergreiffen: ja es sei anders
nicht / als den endlichen Untergang ihm selbst über den Hals zu ziehen / wan man
sich unterfinge die Grossmütigkeit eines solchen Heldens / der mit so vielen
Siegen schon prangete / Kampf anzubieten.
    (111) Hierzu fügten sie noch dieses: Simsons blosse Stimme / so oft er sie
ergrimmet ausliesse / sei so durchdringend und so mächtig / dass dieselben
/welche sie höreten / für Furcht böben / und für Schrökken erzittern müsten. Nur
eines seiner Worte /im Zorne gesprochen / hette mehr Kraft seine Widerfechter in
die Flucht zu jagen / als ein mächtiges Kriegesheer. Ja der Schal allein seines
Nahmens / den man irgendwo nennen hörete / sei nicht weniger erschröklich / als
ein Donnerschlag / und nicht weniger kräftig / als ein Donnerkeul. Und eben
darüm sollte man sich wohl bedenken / ehe man wider einen solchen Wunderman
einige Feindsäligkeit ausliesse; ungeachtet dessen / dass er sich zuerst wider
sie feindsälig erwiesen.
    
    (112) Auf solche der Vornehmsten so einhällige Stimmen stund endlich der
Vorsitzer im algemeinen Stahtsrahte selbst auf. Dieser / weil er im Ansehen das
meiste galt / und die meiste Macht hatte / drung auch am meisten durch. Er
brachte die unbesonnene Gemeine vollend auf die Spuhr eines gesünderen Urteils.
Es sei schweer / sagte er / wider den Stachel zu läkken. Es sei gefährlich wider
einen flügenden Donnerkeul / der alles / was er nur anrührete / zerschmetterte /
sich zu rüsten. Eben so schweer / und eben so gefährlich sei es / den gezörgeten
/ und erzürneten Simson / dessen wunderstärke Stachels genug / und er selber
Donnerkeules genug were /noch mehr zu zörgen. Sie wüsten sehr wohl / was für
Hertzeleid / ja was für Schmaach ihm etliche Filister zugefüget: welches ihn dann
dermassen geschmertzet / dass sein rechtfärtiger Grim sich in den Grentzen der
Schuldigen nicht halten können / sondern ganz zaumloss über alle zugleich
ausgestürtzet.
    (113) Vielmehr / fuhr er fort / sollten sie / durch solche seine Schmertzen /
zum billigen Mitleiden / als zu einer so gefährlichen Rache / bewogen werden.
Vielmehr sollten sie ihn zu begühtigen / als noch heftiger zu erzürnen suchen.
Vielmehr sollten sie seinen empfangenen Schimpf / als ihre von ihm deswegen
empfangene Beleidigung / zu rächen trachten. Vielmehr sollten sie dieselben /
welche die Beweguhrsache zu solcher Beleidigung gewesen / als den Beleidiger
selbst / zur Rache ziehen. Die Wurtzel des Baumes /der giftige Früchte trüge /
müste man billich ausrotten. Simsons treuloses Ehweib were derselbe Baum / der
den Filistern so giftige Früchte getragen: drüm sollte man sie / samt ihrem
Anhange / aus diesem Volke nur straks ausrotten. Ja hette sie / wie die Taht
selber bezeugte / durch ihr Feuriges Gift /die geschehene Feuersbrunst
veruhrsachet; so sollte /ja müste sie / zur Strafe / samt ihrem ganzen Hause
/billich mit Feuer verbrant werden.
    (114) Alle diese aus einem reiffen Urteile geflossene Bewegreden vermochten
so viel / dass der Gemeine Man / mit einhälligem Zurufe / sie alsobald guties.
Einieder rief mit lauter Stimme: man sollte das verrähterische Weib verbrennen.
Alle schrieen zugleich: »weg! weg mit dieser Verrähterin! Weg! weg mit dem
ehrlosen verrähterischen Hauffen! weg! weg zum Feuer mit allen denselben / die
unser Vaterland in ein so gar verderbliches Feuer gestürtzet.«
    (115) Nicht nur die Männer liessen diese Rachstimmen hören. Die Weiber
selbst stimmeten mit ein. Kein einiges war unter der ganzen Mänge / welches das
Ehr- und Gott-lose Weib nur mit einem Worte zu entschuldigen / oder zu beklagen
sich vernehmen lies. So erbittert war die ganze Gemeine / dass alle Männer / und
Weiber / auch die Jungfrauen selbst ihr den allerschmählichsten Tod anzutun
einmühtiglich begehrten. Ja das Rachschreien / das Straferufen war so gross / dass
es durch die ganze Stadt Timnat hin klung / und die Luft selber bis schier an
die Wolken erfüllete.
    (116) Und also ward endlich der Schlus gemacht /und vor den Ohren aller
Filister / die zugegen waren / öffendlich abgelesen. Dieser lautete ohngefähr
also: Weil Simsons treuloses Ehweib ihren Ehman verrahten / ja noch darzu / auf
guhteissen ihres Vaters / mit einem andern sich verehliget / und hierdurch den
neulich entstandenen Landverderblichen algemeinen Feuerschaden den Filistern
über den Hals gezogen; so sollte sie / andern zur Abscheu /als eine Verrähterin /
Ehbrächerin / und Brandstifterin / samt ihrem Vater / und neuem Ehmanne /
Simsons grimmigen Rachzorn zu besänftigen / in ihrem eigenen Hause verbrant
werden.
    (117) Ein solches Urteil bekahm diese Frau: welche / durch die Flucht für
dem Feuer / sich selbst ins Feuer stürtzte. Ein solcher Glüks- oder vielmehr
Unglücks-fal war ihr bescheeret / dass sie / die kurtz zuvor dem gedreueten Feuer
/ durch Verräterei / entflohen /itzund eben darüm zur Feuerstrafe verurteilet
ward. Und dieses musste so wohl / als jenes / durch ihre selbst eigene Landsleute
geschehen. Wie jene sie mit Feuer gedreuet / imfal sie ihnen / ihres Ehgattens
Heimligkeit zu verrahten / nicht würkliehe folge leistete; also verurteilten sie
diese / weil sie solches getahn / zum Feuer.
    (118) So geriet dann diese drängsälige Tröpffin /durch eben das Mittel / ins
Verderben / durch welches sie dasselbe zu vermeiden getrachtet. Wir Sterbliche
scheinen im Unglückskreuse dieser Welt dermassen eingesperret zu sein / dass uns
das Unglück / eben als ein bällender Hund / ie ämsiger wir bemühet seind ihm zu
entlauffen / ie heftiger verfolget. Ja ob wir schon noch so fleissig nach
einiger Auskunft suchen /wissen wir doch keine zu finden / als die uns endlich
der Todt anweiset.
    (119) Dieser / und niemand anders zeigt uns die änge Tühre zum Ausgange /
zur Ausflucht aus hiesigem Unglückskreuse; ja er ist dieselbe selbst / die uns
/imfal wir / durch Fromsein / darnach streben / in die immerwährende
Glüksäligkeit einführet. Dieser weiset uns den Hafen / ja bringt uns selber
dahin; da wir / aus der ungestühmen Unglückssee dieser Sterbligkeit erlöset / im
ewigen Glüksleben endlich anländen. Dieser allein ist es / der uns / aus dem
Irgarten dieses zeitlichen Elendes / dieser irdischen Trübsalen / in das
Paradies des ewigen Wohllebens / der Himlischen Freuden einleitet.
    (120) Nachdem nun gemeldtes Urteil ausgesprochen / und öffentlich abgelesen
war; da erhub sich unter der Mänge des Volkes von stunden an ein so grosses
Getümmel / dass die Fünffürsten solches zu stillen genug zu tuhn fanden. Der
gemeine Man wollte straks hinlauffen die Verurteilten zu verbrennen. Ihr Haus
wollte man straks anzünden. Straks sollte die zuerkante Strafe volbracht werden.
Und zu dem Ende kahmen die Weiber / etliche mit Feuerbrändern / andere mit
Reisholtze / noch andere mit Strohe / das Feuer anzulegen / schon herzu
gelauffen.
    (121) Weil sich aber der Stahtsraht besorgete / der angelegte Brand möchte /
bei solcher Unordnung / die bestimmten Grentzen überschreiten / und die andern
Heuser mit angreiffen; so liessen die Fünffürsten dem Volke gebieten / die
verurteilten in ihrem Hause / mit starken Wachen / bis auf die Volziehung des
Urteils zu bewahren. Dieses Haus stund zwar ganz allein /und von andern
abgesondert. Gleichwohl befand es sich schier mitten in der Stadt. Daher hetten
die flügende Feuerfunken auf eines oder wohl mehr von den ringst ümherliegenden
Gebeuen leichtlich fallen / und sie zugleich anstekken können.
    (122) Hierbei ward auch / das tobende Völklein üm so viel eher zu
befriedigen / öffendlich ausgerufen: dass der Stahtsraht den folgenden Tag zur
Volziehung des Urteils bestimmet; da sich dann einieder / der Amteshalben
gegenwärtig sein müste / derselben beizuwohnen sollte gefast halten. Ja man lies
auch zugleich den Verurteilten ansagen: dass sie sich gegen künftigen Tag zum
Tode bereiten / und alle dieselben / die nicht im Urteile begriffen / von
stunden an / vor dem Stahtsrahte zu erscheinen / aus dem Hause schaffen sollten.
    (123) Unter diesen Armsäligen war des verurteilten Weibes Mutter / und
jüngere Schwester / eine Jungfrau von ohngefähr sechszehen Jahren. Jene ward zum
allerersten vor den Stahtsraht / sie zu unterfragen / gebracht. Weil sie nun
selber straks bekannte / dass sie die zweite Ehbrächerische Heurraht ihrer
verurteilten Tochter mitbewilliget; so lies man sie / bis auf weiteres Bedenken
/ gefänglich einziehen.
    (124) Hierauf führete man gleichesfals die Tochter hinein: welche / weil sie
über die masse schön war /aller Augen und Gemühter auf sich zog. Der Leib stund /
mit einer mittelmässigen Länge / ganz gerade /ganz schlank / und mit allen
seinen Gliedern / überaus wohlgebildet / in die Höhe geschossen. Die Farbe
seiner reinlich-glatten / und zährtlich-weichen Haut befand sich / über die
Gewohnheit der daselbigen Landesahrt / ganz weis / wie der erstgefallene
reineste Schnee. Nur die Lippen waren mit einer anmuhtigen Rubienfarbe / so auch
die Wangen mit einer lieblich-zahrten Röhte recht zierlich überröhtet. Ja diese
so ausbündige Leibesschönheit verschönerte das itzige / bei so betrübtem
Zustande des Väterlichen Hauses / entstandene trübselige klägliche Wesen noch
vielmehr.
    (125) Ein solches Wesen / welches ohne das auch überaus züchtig und
schamhaftig war / machte sie itzund üm so viel angenehmer; indem es die schönen
in so schönem Leibe wohnenden Tugenden augenscheinlich darstellete. Niemand
unter allen / welche sie sahen / konnte die traurigen / doch auch zugleich
lieblichen schwartzbraunen Augen / die unaufhörlich mit Trähnen flössen / ohne
sonderliches Mitleiden anschauen. Aus diesen so schönen / so liebsäligen Augen /
daraus / als aus zwei Hertzensfenstern / die Unschuld / mit so vielem ihrem
Geschwister / leibhaftig hervorblikte / schlos der ganze Stahtsraht zur stunde
/ dass sie am Verbrächen der Ihrigen kein Anteil hette. Und darüm war niemand /
der / sie zu unterfragen / nur die Gedanken bekahm.
    (126) Aber sie warden alle zum höchsten bestürtzt / als sie die erste war /
die zu reden anfing; indem sie solches mit eben so hertzentzükkenden demühtigen
Gebährden / als wehmütiger ganz kläglich-beweglicher Stimme verrichtete. Weil
sie vernommen / dass man ihre Mutter gefänglich einziehen lassen; so baht sie
ganz inständig / ihr diese Gnade zu erweisen /dass sie derselben / in ihrem
Gefängnisse / teils Gesellschaft / teils Handreichung tuhn möchte. Solches
erheischete / fuhr sie fort / ihre kindliche Liebe. Hierzu verpflichtete sie die
Treue / welche sie derselben /unter derer Hertzen sie gelegen / auch bis zum
Tode selbst / zu leisten schuldig. Sie begehrte / schlos sie ihre Reden / kein
anderes Glük / als dasselbe / darzu der Himmel ihre Mutter bestimmet.
    (127) Uber diese so gar grosse / so gar ungewöhnliche Tugend einer so jungen
Bluhme waren alle / die im Stahtsrahte sassen / zum höchsten verwundert. Einieder
priese sie überlaut. Einieder rühmete sie über die masse. Einieder erhub sie
schier bis in den Himmel / von dannen sie auch / die Sterblichen su besäligen
/gekommen. Aber niemand konnte / noch wollte zulassen / dass eine so fürträfliche
Schönheit ihren helleuchtenden Glantz in ein fünsteres Gefängnis gleichsam
verstekken / und den Augen der Welt entziehen sollte. Sie sei würdiger / sagten
sie ingesamt / in Fürstlichen Schlössern zu wohnen / als dass man ihr / bei einer
alten Mutter zu eralten / und in einem düsteren Loche verdüstert zu werden /
gestatten sollte.
    (128) Der älteste Fünffürst selber / der dazumahl Obervorsitzer war /
redete mit ganz beweglichen leutsäligen Worten ihr zu. Er bemühete sich die
Trübsälige von einem so unziemlichen schädlichem Vorsatze zu einem ziemlichem /
und ihrer Schönheit und Tugend mehr anständigem zu bewegen. Ja weil er Kinderloss
war / boht er ihr endlich selber an / sie an Tochter statt anzunehmen. Weil sie
/ fuhr er fort /der Himmel so unglücklich gemacht / dass sie ihres Vaters und
ihrer Mutter verlustig sein müste: so schien er sie gleichwohl itzund wieder zu
beglückken; indem er ihn zu dieser Entschlüssung bewogen / dass er ihr Vater / und
seine Gemahlin ihre Mutter sein sollte.
    (129) Dieses des Fünffürsten so gnädiges Erbieten anzunehmen trachteten
zugleich alle die andern sie zu bereden. Einieder hielt ihr vor: sie sollte
bedenken /was für ein Glük es sei aus einem gemeinen Bürgerlichem in den
Fürstenstand erhoben zu werden. Sie sollte behertzigen / wie lieb der Himmel sie
hette; der sie nur darüm so unglücklich gemacht zu haben schien / damit er sie in
ein viel grösseres Glük versetzen möchte. Den sollte sie / durch Verweigerung
solches Glük anzunehmen / ja nicht erzürnen. Eine Gnade des Himmels zu
verschmähen / sei eben so viel / als ihn ungnädig begehren. Seine Gühte zu
veiwerfen / sei nicht anders / als ihn ungühtig machen wollen. Und auf solche
Widerwilligkeit folgete die gewisse Strafe.
    (130) Aber alle diese Bewegreden waren vergebens. Alle Rahtsmittel / alle
Vorschläge von ihrem Vorsatze sie abzuziehen schlug sie sämtlich in den Wind.
Ihr Gemüht blieb unbeweglich / ihr Vorsatz unveränderlich. Sie wollte / noch
könnte / sagte sie /ihre Mutter nicht verlassen; zuvoraus weil ihr Glüksfal in
einen so gar elenden Jammerstand sie versetzet. Sie wollte / ja müste mit ihr
Guhtes und Böses ausstehen. Im allerfünstersten Gefängnisse würde dannoch ihre
Tugend leuchten. Ja sie würde vielmehr leuchten / wan man ihr vergönte diese
Treue / diese Liebe / wie sie gäntzlich beschlossen / ihrer Mutter zu erweisen.
Der Himmel / der solches befohlen / würde deswegen über sie nicht zürnen.
Vielmehr Gnade würde sie / indem sie also seinem Befehle gehorchte /von ihm
erlangen. Hingegen müste sie seiner Strafe gewärtig sein; so fern sie / seinem
Willen zuwider /ihre Mutter / in ihrer Noht und Trübsal verliesse / und ihrer /
bei irgend einem wohllüstigem Leben / vergässe.
    (131) Der Obervorsitzer fing hierauf wieder an zu reden. Wieder war er
bemühet diesen Vorsatz ihr aus dem Sinne zu schwatzen. Unter andern gab er zu
vernehmen: man wollte ihr alles / was sie auch immermehr bitten würde / sofern es
ihr könnte zugestanden werden / unverweigerlich zustehen. Nichts / ja gar nichts
/ was sie begehrte / wollte man ihr versagen. Nur allein vom Gefängnisse sollte
sie stil schweigen. Hierein zu gehen würde man ihr nimmermehr gestatten. Er für
sein teil sei entschlossen / ihr lieber sein halbes Fürstentuhm / wan sie ihn
darüm anlangete /abzuträhten / als in eine solche Bitte zu willigen. Ja sie
sollte versichert sein vom Stahtsrahte noch vielmehr zu erhalten. Aber dass sie
sich des Glüks / oder vielmehr Unglücks ihrer Mutter teilhaftig machte /würde sie
nimmermehr erhalten.
    (132) Endlich / als man sah / dass sie so gar fest auf ihrem Vorsatze
verharrete / schlug man ihr noch dieses vor: sie sollte dann / weil sie ja sonsten
üm nichts anders zu bitten gesonnen / üm die Freiheit ihrer Mutter bitten. Auch
dieses sollte man ihr nicht abschlagen. Ihre grosse Tugend allein würde solches
erhalten. Auf ihr begehren / und ihr zu liebe / ja zum troste / wollte man ihre
Mutter von stunden an los lassen. Von stunden an sollte sie ihrer Haft und ihres
Gefängnisses entschlagen sein.
    (133) Auf diesen so angenehmen / als unvermuhteten Vorschlag / fiel sie vol
Freuden vor dem Stahtsrahte zur Erde nieder. Sie dankte Demselben für solche
seine so hohe / so übermässige Gnade; darüm sie Ihn / aus eigenem Antriebe /
nicht anlangen dürfen. Weil sie aber / dessen sich zu unterfangen / von Ihm
selbst gleichsam angetrieben würde; so könnte sie anders nicht tuhn / als seinem
so gühtigen Befehle gehohrsamen. Und dieses bezeugte der allerdemühtigste Fussfal
/ den sie itzund verrichtete: darzu sie zugleich diese ganz untertähnige Bitte
fügte / dass man ihr dieselbe Gewährung / die man ihr so mildgühtig selber
angebohten / widerfahren zu lassen gnädig geruhen wolle. Imfal man solches tähte
/ und ihre liebe Mutter aus ihrer Verhaftung los liesse / würde sie nicht allein
fröhlicher wieder aufstehen / sondern auch ihr ganzes Leben dem Stahtsrahte zum
Eigentuhme wiedmen.
    (134) Eben bei Schlüssung dieser Reden / kahm die Mutter selbst / die man
hohlen zu lassen unterdessen ausgeschikt / in den Stahtssaal geträhten. Wie froh
über diese Ankunft die Tochter war / ist nicht zu beschreiben. Sie sprang eilend
auf / und lief ihr entgegen. Selbst im beisein so vieler Fürsten und Herren
/fiel sie ihr üm den Hals / und empfing sie mit lauter Freudenküssen: die auf
beiden Seiten mit vielen Freudenträhnen vermischt warden. Ja sie gebährdete sich
nicht anders / als hetten sie einander in langer Zeit nicht gesehen.
    (135) Nach volendeten diesen unterlichen Freudenbezeugungen / bedankte sich
die Jungfrau gegen den Stahtsraht abermahl / dass er ihrer Mutter / auf ihr
Bitten / die Freiheit wiedergeschenket. Auch baht sie zugleich / ihr nicht zu
verargen / dass sie / aus übermässiger kindlicher Liebe / dess Ansehens / und der
Ehre /welche sie ihrer Obrigkeit zu geben schuldig / beinahe vergessen: indem
sie / in ihrer Gegenwart / sich nicht entzogen ihrer Mutter mit solchen
Liebesbezeugungen / die anderswo sich besser geziemet / so überflüssig zu
begegnen.
    (136) Weil nun / mit dem Abende / die Zeit herbei kahm / da der Stahtsraht
scheiden sollte / ward zu berahtschlagen nichts mehr vorgenommen / als wie man
diese Jungfrau / samt ihrer Mutter / in Sicherheit bringen möchte. Man besorgete
sich / das gemeine Völklein / wan es der Mutter Entschlag erführe / würde
darwider murren. Man befahrete sich / es möchte dadurch zum Aufstande bewegt
werden. Man befürchtete sich / es möchte sich unterfangen an beiden einige
Gewalttähtigkeit zu verüben. Und darüm sah man für guht an sie heimlich an des
Obervorsitzers Hof zu senden: da sie / weit genug von aller Gefahr / in
Sicherheit leben / und das traurige Schauspiel / bei Einäscherung ihres Hauses /
und Hinrichtung der verurteilten Ihrigen / nicht sehen könten.
    (137) Hierzu ward dann die nächstkünftige Nacht bestimmet; weil die
Volziehung des Urteils am folgenden Tage geschehen sollte. Straks ward des
Obervorsitzers Reisewagen / darinnen sie sitzen sollten /angespannet. Seine
Diener / welche sie zubegleiten befehl bekahmen / mussten zur stunde sich färtig
machen. Es ging alles ganz hastig zu. Alles musste schleunig geschehen. Und also
schieden diese zwo Armsäligen von Timnat. Also verliessen sie / mit dieser Stadt
/ ihr unglückliches Haus / welches in wenig Stunden / zusamt den ihrigen /
verbrant zu werden bestirnt war.
 
                                Das vierde Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Nunmehr war der Tag / der des verfluchten Weibes letzter sein sollte / schon
angebrochen. Die Stunde der Volziehung des Urteils nahete herbei. Das Volk
eilete mit Hauffen herzu. Die Heuser lieffen leer / die Gassen vol. Einieder
verlangte das Haus der Mistähtigen im Feuer zu sehen. Man besetzte die Zugänge /
den Drang der Menschen zu verhühten / mit Wachen. Man reumete rund herüm alles
weg / was den Brand fassen konnte / dem Fortlauffe desselben zu wehren. Die
Streucher und Beume selbst warden abgehauen /und das Holtz darvon / den Schmauch
üm so viel grösser und beissender zu machen / mit dürren Scheitern und Reisern /
üm dasselbe her geleget.
    (2) Nachdem nun alles färtig war / da kahmen die Fünffürsten auch an. Diese
begaben sich sümtlich in ein Haus / das gerade gegen demselben der Verbrächer
über stund. Von hieraus konten sie alles am füglichsten beschauen. Von hieraus
konnte die Anstalt am besten gemacht / und ihr Befehl am ersten vernommen werden.
Von hieraus war es dann / dass der Obervorsitzer einen Wink gab das Feuer
anzuzünden.
    (3) Kaum war dieser Wink geschehen / da flakkerte / da rauchete / da
schmauchete schon alles ringst üm das Haus her. Unterdessen hatten sich die drei
Mistähtige / vielleicht aus Hoffnung noch eine Zeit lang für dem Feuer versichert
zu sein / oben auf das Dach begeben. Aber sie warden garzubald gewahr / dass sie
diese Hoffnung betrogen. Es war schier kein Augenblick verlauffen / als die Flamme
schon hinauf geklettert kahm die Armsäligen zu ergreiffen. Ja die Lähne brante
schon / da die Gottlose Frau / aus Verzweifelung / von oben herab sprang.
    (4) Nun war nichts Schünes mehr an ihr. Sie schien die Häsligkeit / die
Abscheuligkeit selber zu sein. Ja sie sah nicht anders aus / als ein
Höllengespänst /oder vielmehr als eine lebendige Teufelin; die sich etwan aus
dem Abgrunde des ewigen Zornfeuers herauf begeben / die Menschen zu erschrökken.
Indem sie / der einen Flamme zu entfliehen / sich in die andere gestürtzt /
bläkete / ja brüllete sie eben so greulich / als hette sie im Agrigentischen
glühendem Ochsen gelegen; den nachmahls Peril aus Ertze / zu seinem eigenen
Verderben / erfunden.
    (5) Fast eben also musste die unglückliche Kreuse / die der Medee den Jason
abspänstig gemacht / in ihrem eigenen Schloss / verbrennen. Fast eben also ward
Alzibiades / in seiner Schlafkammer / mit Feuer hingerichtet. Den Pitagoras
selbst / weil er einem Jünglinge seine Schuhle verweigert / überfiel eben ein
solcher Glüksfal. Gleichwohl stehet es schweerlich zu gleuben / dass diese drei /
mit so euserster Verzweifelung / ihre Seelen ausgespiehen / als jene drei: denen
das inwendige Feuer ihrer Gewissen viel unleidlicher war / als dasselbe von
aussen.
    (6) Man hette sagen sollen / dass der aufsteigende dikke Dampf / welchen das
schmauchende grühne Holtz machte / sie zur Stunde sollte erstikt haben. Aber es
schien / dass die Göttliche Rache sie üm so viel länger / als schweerlicher sie
sich am Simson vergriffen / zu peinigen vorhatte: weil sie alle drei schier
nicht eher zu leben aufhöreten / als die Flamme zu wühten nachlies. Ja das
Gottlose Weib / das am allerlängsten lebete / musste die grösten und meisten
Schmertzen ausstehen / als eines / das sich am allermeisten verbrochen. Doch
dieses war nur ein kleiner Vorschmak des ewigen peinlichen Zornfeuers / das in
der Hölle schon auf sie wartete.
    (7) In drei oder vier stunden lag alles nieder. Alles war eingeäschert. Vom
ganzen Hause sah man nun nichts mehr / als einen Schut von Steinen / Kohlen
/und Asche / mit welcher sich die Asche seiner Einwohner vermischete. Ein
solches Grab bekahmen dieselben / die sich / durch Frevel / am Simson
vergriffen. In einem so wüsten Bette musste nun dieselbe /die / durch Verrühterei
und Treubrüchigkeit / ihr Ehbette besudelt / zur Strafe liegen.
    (8) Man hatte zwar im Anfange beschlossen diesen wüsten Schut zum ewigen
Gedächtnisse liegen zu lassen. Weil er aber mitten in der Stadt lag / und sie
nicht wenig verunzierte; so lies man ihn dannoch /nachdem er ganz
ausgeschmauchet / wegreumen /und den Mistühtern zu mehrer Schande / selbst auf
den Schündakker werfen. Auch ward ein immerwährender Schlus gemacht / dass auf
den ledigen Platz / da dieses Haus gestanden / zu ewigen Zeiten kein anderes
sollte gebauet werden. Und damit solches der Nachwelt kund würde / lies man alda
eine Gedächtnisseule von weissen Steinen aufrichten / und auf dieselbe das
Urteil der verbranten Mistähtigen / mit schwartzer Schrift / schreiben.
    (9) Nach Volziehung dieses Urteils fand man am Stahtshofe ein Lied
angeschlagen; welches ein Ebräischer Dichter auf das hingerichtete Weib / das
man billich die Gotlose / wie desselben Schwester die Tugendhafte Schöne
Timnatterin / nennen mochte / verfärtiget. Und dieses lautete ohngefähr also.
 
                                       1.
Leg' an / Filister / zünd' an / blas' an das Feuer!
Von Dans Gebürge komt dir der Wind zur steuer.
Lass sängen / brennen / lass brahten / dass es fühlt
die mit der Ehe / gleichals mit Bällen / spielt!
                                       2.
Rott' aus den Schandflek / den Vorwurf aller Frauen /
dergleichen keine zu finden wir uns trauen!
Das Ungeziefer / die schnöde Schlangenbruht /
die Frau / vol Arglist / die nichts / als Böses / tuht!
                                       3.
Lass Gluht und Flammen ihr einen Sarg bereiten /
und in den Abgrund den schnöden Geist begleiten:
da er wird fühlen die allerschweerste Pein;
da seine Schmertzen unendlich werden sein.
                                          4.
Lass Eulen heulen / und sie zu Grabe singen /
da / wo die Stimmen der Schünderredden klingen;
da / wo der Rabe sein Kraskras lesset gehn.
Da soll ihr Grabmahl / im Schundgefilde stehn.
                                       5.
Mich deucht / ich höre den Schünderkarn schon knarren /
der zu den Aesern selbst ihren Sarg soll karren.
Mich deucht / ihr Grabmahl sieht schon mein Auge stehn /
wo sonst die Hunde den Wanst zu weiden gehn.
                                       6.
So schnöder Glüksfal mus auf die Schnöde fallen;
die unsren Danssohn getränket hat mit Gallen;
die ihn verrahten / beschimpft / verhöhnt / verschmäht /
dafür sie nunmehr den rechten Lohn empfäht.
    (10) Unterdessen war die Schöne Timnatterin / samt ihrer Mutter / am Hofe
des Obervorsitzers angelanget. Die Fürstin / welche von ihrer Ankunft / durch
einen vorangeschikten Diener / schon Kundschaft erhalten / empfing sie überaus
freundlich. Einer ieden ward alsobald ein sonderliches Zimmer eingereumet. Die
Mutter bekahm das ihrige im Alten /und die Tochter im Neuen Schloss; da die
Fürstin sich selber aufhielt. Gleichwohl waren die Gemächer einander noch so
nahe / dass Mutter und Tochter /durch einen Gang / leichtlich konten zusammen
kommen.
    (11) In diesem / welches an dasselbe der Fürstin sties / hatte das
verstorbene Fürstliche Freulein ehmahls seine Wohnung gehabt. Jenes aber /
darinnen die alte Hofmeisterin zu wohnen pflegte / befand sich neben dem
Frauenzimmer. Die Fürstin / welche die Trauer über den Tod ihrer Fürstlichen
Tochter erst vor kurtzer Zeit abgeleget / war froh / dass ihr das Glük / an jener
statt / eine andere zugefüget. Und diese Freude lies sie öffendlich märken; indem
sie die Schöne Timnatterin zur stunde so gar hoch begnadigte / dass sie dieselbe
stähts üm sich zu haben begehrte. Ja sie befand in ihrer Gesellschaft so viel
Vergnügung / dass sie ohne sie fast keine Stunde tauren konnte.
    (12) Die Leutsäligkeit / damit diese löbliche Fürstin beiden begegnete / war
nicht auszusprächen. Und hierdurch suchte sie ihr Hertzleid / wo sie es ihnen
nicht ganz aus dem Sinne bringen könnte / doch zum wenigsten zu lindern. Selbst
gegen die Mutter war sie / üm der Tochter willen / so gühtig / dass sie / so oft
sie allein war / zu ihr ging sie zu trösten. Auch vermochte dieser Trost so viel
/ dass die trübsälige Frau sich endlich in etwas zu frieden gab / und ihres
unglücklichen Hauses immer mehr und mehr zu vergessen begunte. Und hierzu war sie
üm so viel eher zu bewegen / wan sie sich erinnerte / dass ihr Ehgatte so wohl /
als ihre ältere Tochter / die nunmehr beide hingerichtet waren / durch ihr
widerspänstiges und eigensinniges wunderliches Wesen / sich selbst in solches
Unglück gestürtzet.
    (13) Die jüngere Tochter selbst schien über den Unfal ihies Vaters und ihrer
Schwester / so oft ihr einfiel / wie übel sie beiderseits ihrer frommen Mutter
zu ieder Zeit mitgefahren / nicht sonderlich betrübet zu sein. Und solches
rührete daher / weil sie der Frömmigkeit ihrer Mutter / wie jene der Unahrt und
Frefelhaftigkeit ihres Vaters / ganz nachahrtete. Auch war sie ihr gewislich
von Angesicht und Leibesgestalt / ja selbst von Gebährden / wie jene dem Vater /
so gar ähnlich / als wan sie etwan ein Bildschnitzer / mit grossem Fleisse / nach
dem Mütterlichen Wesen gebildet.
    (14) Die Mutter / ob sie schon zimlich betaget /und in ihrem Ehstande viel
Widerwärtigkeiten ausgestanden / war gleichwohl noch so jugendlich anzusehen /
als hette sie kaum das dreissigste Jahr erreichet /und nichts / aus lauter guhte
Tage / gehabt. Auch war sie so überaus weis / und so überaus wohl gebildet /dass
ihr das Lob einer ausbündigen Schönheit noch itzund mochte gegeben werden. Eben
so weis / eben so wohlgebildet / und eben so schön / ja noch viel schöner / weil
sie ungleich jünger und zährter war /befand sich auch diese ihre Tochter: der
zugleich alle die Tugenden / welche die Mutter besass / von ihr als angebohren zu
sein schienen. Ja sie waren alle beide so guhtahrtig / so sanftmühtig / so leut-
und redesälig / dass sie hierinnen einander ganz glichen.
    (15) Hingegen war der Vater ein harter / eigenwilliger / arglistiger /
wankelmühtiger Wunderkopf / und darbei sohl von Haut / und roht von Haaren. Eben
so wunderlich von Gemühte / ja schier wunderlicher befand sich auch die ältere
Tochter; die darzu überaus betrüglich / frech / und unbändig war: wiewohl sie
eine mehr schwartzbraune / dann sohle Haut / io und ein dunkelrohtes Haar / auch
nietliches Angesicht /mit helfunklenden Augen / hatte; daher sie nicht häslich /
noch unlieblich zu sein / schien.
    (16) Mit diesen Augen / in dem sie den Schalk durch freundliche / doch
falsche betrügliche Blikke /ganz meisterlich zu verbärgen wusste / betrog sie
auch den guhten Simson so weit / dass er sich einbildete / alles sei Zukker / was
an Farbe dem Zukker sich gliche; ob es schon anders nichts / als herber
beissender Kalk / war. Ja sie stahl ihm / indem sie / durch ein anmuhtiges für
eine Zeit angenommenes Scheinwesen /ihn verliebt machte / das Hertz dermassen /
dass sie nach ihrem Gefallen darmit spielete / und den ganzen Simson schier
drehete / wohin sie wollte.
    (17) So betrüglich / ja so mächtig zugleich ist der euserliche Schein der
Schönheit und Freundligkeit /wan man dem euserlichen Auge / sich daran zu
vergaffen / den Zügel allein verhänget. Betrachtet man aber darbei auch das
innerliche Gemühtswesen / und lesset sein Gemühtsauge desselben euserliche
Kenzeichen / wie sie die Angebohrenheit giebet / recht eigendlich beschauen; so
wird man zur Stunde derselben Verstellung märken / und der Gefahr betrogen zu
werden entgehen können. Hette Simson auf diese Kenzeichen / damit seine gottlose
Frau kenlich genug bezeichnet war / ein schärferes Auge geworfen; so würde sie
ihm ihr falsches und betrügliches Hertz so nakkend haben sehen lassen / dass der
betrügliche Schein ihrer euserlichen Schönheit und gestelleten Freundligkeit die
Macht nimmermehr haben können ihn so gar zu verblenden / und in einen so
gefährlichen Irgarten der Liebe zu führen.
    (18) Aber hierdurch betrog sie vielmehr sich selbst / als den guhten Simson:
indem sie deswegen mit dem zeitlichen und ewigen Feuer gestrafet ward. Ja ihr
böses Gewissen peinigte sie selbst nach ihrem Tode dermassen / dass ihr Gottloser
Geist / in eben derselben erschröklichen Gestalt / wie man sie im Feuer gesehen
/ auf der Feuerstätte ihres Hauses alle Nächte herümschwärmete. Und das war ein
gewisses Zeichen ihrer eusersten Unruhe / wo nicht auch zugleich ihrer ewigen
Verdamnis.
    (19) Dieses Spüken und Irregehen auf der Feuerstätte währete so lange / bis
der Schut des eingeäscherten Hauses vor die Stadt / in die Schünderkuhle /
geführet war. Alda lies sich dann das Spükenis von neuem sehen. Alda überwarf es
sich mit den tohten Aesern. Alda rasselte und klapperte es mit den
abgefleischten Gerüppen dermassen / dass der Schünder in seiner Wohnung nicht
bleiben durfte: zumahl weil es alles dieses Unzeug selbst vor seine Tühre
geschleppet brachte / gleichals wan es dasselbe bei seinem Grabmahle zu liegen
nicht gestatten wollte. Ja die Schünderhunde / die Anfangs abscheulicher Weise
geheulet / lieffen zuletzt alle darvon / und gaben die Schünderei dem Gespänste
zum besten.
    (20) Sobald der Obervorsitzer wieder an seinem Hof gelanget / erzehlte er
diese Begäbnis den beiden Trübsäligen; welche darüber nicht wenig bestürtzt
warden. Sonderlich zog es ihr die Mutter so heftig zu Sinne / dass sie drei Tage
lang zu Bette lag. Sie war betrübet / dass sie eine so ungerahtene verfluchte
Tochter geboren. Ja sie grähmete sich deswegen so sehr / dass sie von Tage zu
Tage mehr und mehr abnahm / und schier nichts / als Haut und Gebein / an ihrem
Leibe behielt.
    (21) Aber durch guhte Wartung / und heilsame Mittel / welche die Aertzte
verordneten / kahm sie gleichwohl bald wieder zu rechte. Hierzu half auch nicht
wenig die überschwänglich grosse Gnade / damit ihr / und ihrer Tochter der
Fünffürst so wohl / als seine Gemahlin / anderwärts täglich begegnete: indem sie
von beiden / in ihrer Betrübnis / alle bedenkliche Trostmittel empfingen / und
die Mutter nunmehr nicht allein sich zur Hofemeisterin über das Fürstliche
Frauenzimmer bestellet / sondern auch ihre Tochter selbst in den Fürstenstand
erhoben / ja gar zur Fürstlichen Tochter und Erbin volkömlich bestähtiget sah.
    (22) Bei solcher Veränderung von aussen / veränderte sich auch von innen der
ganze Zustand ihres Gemühtes. Beide / Mutter und Tochter / vergassen nunmehr
alles ihres Unglücks. Alle Traurigkeit verschwand aus ihrem Hertzen. Sie
gedachten nun nicht einmal an Timnat / vielweniger an ihr unglückliches Haus. Ja
sie wollten nicht eins darvon hören. Und eben darüm geboht der Fünffürst seinem
ganzen Hofgesinde von allem / was sich zu Timnat begeben /nicht das geringste
zu gedenken. Also ward diese Trauergeschicht vom ganzen Hofe verbannet: damit
in den Gemühtern derselben / welche sie so nahe betraf / die alte Traurigkeit /
durch unvorsichtiges erzählen eines so verdriesslichen Handels / nicht etwan
erneuert würde.
    (23) Unterdessen suchte zugleich der Fünffürst auf allerlei Weise sie bei
solcher Undacht zu erhalten. Und zu dem Ende trachtete man ihnen täglich eine
neue Freude zu machen. Bald ergetzte man sie mit lustigen Schauspielen. Bald
warden ergetzliche Reientäntze gehalten. Bald mussten die Meistersänger und
Seitenspieler sich hören lassen. Bald begab man sich / wan der Himmel klahr /
und das Wetter heiter war / auf das Feld. Bald erlustigte man sich in den
Weinbergen. Bald ging man lustwandeln in den Obst-und Bluhmen-Gärten. Ja wan die
eine Lust vorbei war / dachte man straks wieder auf eine andere.
    (24) Unter allen diesen Ergetzungen ward auch ein Ring- und Fecht-spiel der
Riesen angestellet. Fünf paar Riesen rangen zusammen. Ie zween und zween gingen
auf einander los. Und dieses geschahe mit solcher Gewalt und Behändigkeit / dass
der eine den andern oftmahls in einem Augenblicke zu Bodem warf. Das eine Paar
hielt gleichwohl / indem sie einander /eben wie Bitus und Bachius / nichts zuvor
gaben / schier eine Stunde stand / ehe der eine den andern übermochte. Wan jener
den hiesigen bei der Hüfte zu fassen bekahm / wüste sich dieser aus dessen Armen
straks wieder losszuschwänken / und zwar mit solcher Behändigkeit / dass er ihn
selbst bei dem Mittel ergrif / doch eben so bald wieder losszulassen gezwungen
ward. Dieses Ringen währete so lange /bis der eine den andern so müde gemacht /
und so feste hielt / ja so gewaltig schwänkte / dass er sich keines Weges
loszumachen vermochte.
    (25) Hierauf gingen sie auch mit grossen Höbebeumen zusammen. Und iedes Paar
fochte wieder absonderlich. War das vorige Faustgefechte heftig gewesen / so war
dieses noch viel heftiger: indem der eine seinen zwischen des andern Beine
gebrachten Höbebaum mit aller Gewalt und Geschwindigkeit schwönken musste / wan
er ihn wollte zu Bodem werfen: da inmittelst dieser mit dem seinigen nicht
weniger feierte. Wernun niedergeworfen lag / oder sich seinen Höbebaum aus der
Faust winden lies / der musste dem andern gewonnen geben.
    (26) Dieses Riesengeschlächt war vom alten so genentea Arba entsprossen:
welcher solchen seinen Nahmen nicht daher / dass er nur vier Ellen oder
Ellenbogen lang / wie etliche / doch vergeblich /meinen / sollte gewesen sein /
bekommen; sondern von den berufenen vier Riesen / davon er den einen selbst /
nähmlich den Enak oder Anak / und dieser sein Sohn die andern drei / den Achiman
/Sesai / und Telmai / gezeuget: wiewohl man ihm alle vier / als seine Kinder /
zugeschrieben.
    (27) Von gemeldtem Arba oder vielmehr Abi- / wie sein völliger Nahme gewesen
zu sein scheinet / führete die Stadt Hebron / die sonst auch Mamre hies / weil
er / mit diesen vier Riesen / seinen Sitz alda gehabt / und wo er sie nicht
selbst gestiftet / doch zum wenigsten zur Festung und Kriegesstadt / darinnen
der Riesen Zeug- und Rüst-haus stund / gemacht / den Zunahmen Kirjat-Arba /das
ist des Arba Stadt: gleichwie die Stadt Debir / die ebenmässig den Enaks Kindern
oder Föniziern zukahm / da auch ihre Hohe Schuhle war / sonsten Kirjat- Arche /
das ist der Uhikunden Stadt / nach des Kaldäers Tahlmetschung / und Kirjat-Sefer
/ die Bücherstadt / als auch / Kirjat-Sanna / die Stadt der Satzungen und Lehre
zubenahmet ward.
    (28) Aber obschon dieser Arba der Urhöber und Ertz- oder Stam-Vater des
Kanaanischen Riesengeschlächts war / so führeten doch diese Riesenvölker ihren
Nahmen nicht von ihm / sondern von seinem Sohne dem Enak oder Anak / der von
seiner Halskette / die er zur Pracht trug / wo es nicht vielmehr ein Halsring
oder Kragen gewesen / also benahmet ward; und nenneten sich Bene-Anak / das ist
Enakskinder oder Enaker: aus welchem Geschlächtsnahmen nachmahls der Föniker
oder Fönizier / oder auch Pöner / und Puniker Nahme / darunter man nicht allein
die Riesen von Kanaan / sondern auch alle die andern Kanaaner / die mit ihnen
eine Völkerschaft machten / verstund / in andern Sprachen gebildet worden.
    (29) Achiman / der älteste Sohn des Enaks / war ein überaus grosser und
starker Riese: daher er sich auch Achiman / das ist Wer ist mein Bruder? als
wolt er sagen / Wer ist mir gleich? oder Wer ist so stark und mächtig / als ich?
nennete. Diesen Nahmen scheinet der erste Persische König / den die Griechen
Achemenes nennen / von gemeldtem Enakssohne entlehnet zu haben. Auch ist er in
Wahrheit ein solcher / welcher der Königlichen Pracht / und dem Persischen
Hochmuhte wunderwohl anstehet.
    (30) Sesai / der zweite Sohn des Enaks /scheinet / diesem Nahmen nach / der
so viel / als ein Sechser / oder Sechsling / heisset / sechs Ellen oder
Ellenbogen lang / wie Goliat / gewesen zu sein. Der Dritte / Telmai oder Talmai
/ welches Wort eine Furche bedeutet / giebet uns /durch diesen Nahmen / seine so
ungeheure Länge /dass sie einer Furche / die man in die Länge gezogen / nicht
ungleich / ebener gestalt zu verstehen.
    (31) Von jetzterwähnten vier Riesen oder Riesenkindern hat das Kanaanische
Riesengeschlächt sich mit der Zeit solcher gestalt ausgebreitet / dass es eine
ganze zimlich grosse Landschaft in Kanaan schier allein beschlug. Und von diesem
Geschlächte waren eben dieselben Riesen / vor derer ungeheuren Grösse die
ausgeschikten Kundschaffer des gelobten Landes dermassen erschraken / dass ihnen /
bei ihrer Wiederkehr zu den Israelern / der Mund darvon so vol war / dass sie der
andern Kanaaner kaum einmal gedachten. »Des Landes Einwohner« / sagten sie
/»seind überaus grosse und starke Leute / und die Städte sehr feste. Auch sahen
wir alda Enakskinder. Sie seind uns zu stark.« Ja sie konten nährlich aufhören
solches zu wiederholen. »Alles Volk« / riefen sie fast immerzu / »seind Leute
von grosser Länge. Wir sahen auch Riesen daselbst / Enakskinder von den Riesen:
und wir waren gegen sie als die Heuschrökken.«
    (32) Daher entstund im Läger der Kinder Israels ein solches Schrökken und
Murren wider Mosen / dass sie immerzu riefen: »Wer kann stehen für den
Enakskindern?« Gleichwohl überwand sie Josua / und trieb alle dieselben / die er
nicht vertilgete / aus ihrem Lande / zu den Filistern: da die übrigen zu Gat /
als auch zu Azot / und Gaza /in welchen drei Städten der Filister sie auch nur
allein gewohnet / bis auf die Zeit Davids geblieben zu sein scheinen. Dan dass
der Riese Goliat / den David selbst mit einem Schleidersteine zu tode warf / wie
auch desselben Bruder Lahemi oder Lachmi / dessen Spiesstange wie ein Weberbaum
war / den Elhanan fällete / Sibai oder Sippai / den Sibeachi erschlug / Isbi zu
Nob oder vielmehr Isbibenob / den Abisai töhtete / und dann derselbe / der an
ieder Faust sechs Finger / und an iedem Fusse sechs Zeen hatte / den Jonatan /
Davids Bruders Sohn / erlegte / sämtlich Enakskinder gewesen / schlüssen die
Ebräische Schriftgelehrten daher; weil sie alle von Gat bürtig waren.
    (33) Ob aber der so genente Egiptische Riese von fünf Ellen / an welchen
sich Benaja /der auch einer von den Helden Davids war / und drei Leuen erlegte /
nur mit einem Stokke wagen dürfen / und ihn mit seinem abgerungenen eigenem
Spiesse / dessen schafft wie ein Weberbaum anzusehen / gleichwohl erwürget / mit
unter hiesige des Enaks Nachkommen / weil er sich in der Gegend ihres
Vaterlandes / oder nicht weit darvon / dazumahl aufgehalten zu haben scheinet /
zu rechnen sei; darvon mögen andere urteilen.
    (34) Ausser diesen vom Enak / oder Arba entsprossenen Riesen / hat man auch
/ in etlichen ihnen benachbahrten Ländern / vor der Zeit noch andere gefunden;
welche die Enakskinder in Kanaan nicht angingen / auch allesamt absonderliche
Zunahmen führeten: wiewohl sie / der Grösse / Länge / und Stärke nach / ihnen
gleich waren. Derer Länder gedenket die heilige Schrift fürnähmlich viere. Das
erste war Basan / welches auch alda ausdrüklich das Riesenland genennet wird:
dessen König Og /den die Kinder Israels vertilgeten / von den alten Riesen
desselben nur allein noch übrig geblieben. Von dieses Königes ungeheurer Grösse
kann aus seinem eisernen Spanbette / das / nach eines Mannes Ellenbogen / neun
Ellen lang / und viere breit war / und zu Rabbat der Kinder Ammons in Verwahrung
stund / leichtlich geurteilet werden.
    (35) Die andere zwei Riesenländer waren dieselben / welche den Kindern
Ammons / und Moabs / weil sie beiderseits aus des frommen Lots Nachkommen
entsprossen / zu besitzen gegeben worden. In dem einen dieser beiden Länder
wohneten vor Zeiten diejenigen Riesen / welche / von ihrer erschröklichen
Leibesgestalt und Grösse / die Emer / oder eigendlich / nach der Grundsprache
dis Wort auszusprächen / die Emim / das ist Erschrökliche / genennet / und von
den Moabskindern verjagt warden: im andern aber die so genenten Sammesumer oder
Sammesumim /das ist Bosshaftige; denen die Ammonskinder selbst / welche sie
ausrotteten / weil sie so überaus hochmühtig / trotzig / und wühterisch waren /
dass sie als solche / die sich auf ihre mächtige Stärke verliessen / nur lauter
Bosheit verübeten / diesen Beinahmen gegeben.
    (36) Das vierde gemeldter Riesenländer befand sich auf und neben dem Gebürge
Seir: da vor diesem die Horische / das ist Herrische / Riesen / oder die Horer /
oder wie das Wort in seiner eigenen Sprache lautet / die Horim / das ist die
Herlichen / Fürtreflichen / wohneten; welche die Kinder Esaus oder Edoms / auf
GOttes Verhängnis / weil sie von dem frommen Ertzvater Isaak herstammeten /
vertrieben / und sich alda an ihre statt gesetzet. Aus diesem so prächtigen und
hochmühtigem Nahmen / der wohl allen Riesen und Helden algemeiner Nahme sein
möchte / scheinet es / dass diese Seirische Riesen den Kanaanischen oder
Enakischen an Pracht und Herligkeit nichts zuvor geben wollen. Auch stehet
hieraus zu vermuhten / dass sie eben ein solches prächtiges Riesen- oder
Helden-Zeichen / das man vermeint gemeiniglich von Golde gewesen zu sein / wie
die Enaks Kinder / am Halse getragen.
    (37) Dergleichen Riesen- oder Helden-Zeichen trug auch jener Frantzösische
Riese / der auf einer Brükke des Anienflusses / zum Streite die Röhmer eben so
trotzig / als Goliat die Helden Israels / ausforderte; doch durch die tapfere
Faust des Titus Manlius erleget ward: welcher auch nachmahls / weil er diesem
Riesen seines Riesenzeichens beraubet / Torkwatus / das ist der
Riesenzeichenträger / oder Halsschmukträger / genennet ward.
    (38) Weil nun dieser Hals- und Helden-schmuk /welcher ein Zeichen sein sollte
der Gewalt und Obermacht / damit sich die Riesen / wo nicht alle / doch die
stärkesten und mächtigsten / über andere Menschen erhuben / und gleichsam über
sie herscheten /oder zu herschen trachteten / von den Riesen / zuvoraus vom Enak
/ welcher der allererste Halsschmukträger / wie sein Nahme lautbarlich anzeiget
/ gewesen zu sein scheinet / seinen Uhrsprung gewonnen; so darf man wohl sagen /
dass er zugleich das erste Zeichen des Adels / ja die Riesen selbst dieselben
gewesen / von denen der Adel- und Ritter-stand in der Welt zum allerersten
geführet worden.
    (39) Auch ist es erweislich / dass der Adelstand von den Riesen / und die
Riesen selbst schon vor der Sündfluht / ja diese zugleich / üm ihrer Bosheit
willen / entstanden: daher dann der Adelstand eben so alt ist / als die Ahrt der
Riesen. Dan als die Kuhrkinder GOttes / nähmlich des Gottsfürchtigen Sets und
Enochs Nachkommen / die Schönheit der Töchter der Menschen / die vom Gotlosen
Kain herstammeten / sich dermassen betöhren liessen / dass sie lüstern warden sich
mit ihnen / auf eine blossfleischliche / ja ganz geule viehische Weise / zu
vermischen; da zeugeten sie / aus solchem so unkeuschen / unzüchtigen / und
ungeziemten Beischlafe / ganz ungeheure / ganz erschrökliche / ja ganz
bossahrtige Kindet / nähmlich die allererste Riesenahrt: daraus die Gewaltigen /
die Wühteriche / die berufenen Leute der Welt entstunden; welche die Erde so
lange mit Bosheit und Frefel / indem sie sich auf ihre Macht und Stärke
verliessen / und alles zu überherschen trachteten / erfüllet / bis sie GOtt /
durch die Sündfluht / vertilgete.
    (40) Eben eine solche Riesengebuhrt wird auch dem Nimrod / der aus dem
unsäligen Stamme des verfluchten Hams entsprossen / und in der heiligen Schrift
/ ein gewalliger Jäger vor dem HErrn genennet wird / zugeschrieben. Dan wie er
/nach der Sündfluht / der erste Riese / der die kurtz zuvor vertilgete
Riesenahrt wieder angefangen / gewesen zu sein scheinet; so war er auch / nach
eben derselben Sündfluht / der erste / der ein gewaltiger Herr auf Erden zu sein
begunte; indem von ihm der Adel- und Herren-stand einen neuen Uhrsprung gewonnen
/ und bis auf diese Zeit / wiewohl nach und nach mit besserem Fuge /
fortgepflantzet worden.
    (41) In währender dieser Fortpflantzung / ist auch der Adel mit der Zeit
gewislich immer edeler und edeler worden / das ist dem rechten Adlichen
Tugendglantze näher und näher gelanget. Und dieses geschahe fürnähmlich üm die
Zeit / da die Riesische Wühterei / zusamt ihrem Hochmuhte / durch anderer
rechtschaffener redlicher Menschen Tapferkeit / gedämpfet / und die ungeheure
Riesenahrt selbst / die dem Menschlichen Geschlächte zur Plage / seiner
überheuften Sünden wegen / entsprossen zu sein schien / vom Erdboden vertilget
zu werden begunte.
    (42) Daher ist es dann kommen / dass sich zwischen dem damahligen ersten
unredlichem und ganz unrechtmässigem Riesen-Adel / und dem nachmahligen anderem
unter andern Tapferen redlichen Menschen entsprossenem rechtmässigem Adel
freilich ein grosser Unterscheid befunden.
    (43) Jener ward mit blossem Gewaltzwange / durch keine sonderliche Weisheit /
viel weniger durch Frömmigkeit / und Tugendhaftes Leben / behauptet. Dan wer
dazumahl andern Menschen an Macht /Tumkühnheit / und Stärke solcher Gestalt
überlägen war / dass er sie / mit unredlicher wühterischer Gewalt bezwingen /
berauben / ja gar ermorden konnte / der wollte vor allen der Ansehnlichste /
Fürnähmste / und Edleste gerühmet sein: ob er schon / in allen seinen Tahten /
weder Tapferkeit / noch einigen andern Tugendadel / ja nicht einmal die
geringste Scheintugend erwiesen.
    (44) Dieser aber / der nachmahlige rechtmässige Adel / weil er / wo nicht
allezeit von Gottsgleubigen /doch gleichwohl sonst Frommen / Tugendhaften / und
Tapferen redlichen Menschen / die man Helden genennet / oder zum wenigsten von
denen / welche /dem euserlichen Ansehen nach / solche zu sein schienen /
gehandhabet worden / war jenem schnuhrstraks zuwider: indem er vom Riesischen
Gewaltzwange so weit abgewichen / dass er allein die Tugend / es sei würklich /
oder nur scheinbarlich / zum Ziele bekahm.
    (45) Und also erscheinet hieraus / dass der erste oder Riesische Adel / weil
ihm die Menschliche Tugend gemangelt / bei nahe nichts anders gewesen / als ein
Tierischer / ja viehischer Adel; der sonst einem Elefanten / Nasenhörninge /
Stiere / Leuen / Tieger /und anderem starken Tiere / das sich auch oftmahls viel
Redlicher und Edeler / als solche Unmenschen /erweiset / kann zugeschrieben
werden. Dass aber von solchem tierischen Riesenadel der nachmahlige Menschliche
seinen Uhrsprung gewonnen / erscheinet unter andern auch hieraus: weil schier
die meisten /sonderlich die uhralten Adlichen Geschlächter / in ihren Wapen und
Schilden / nichts anders / als greuliche / wühtende / und reissende Tiere / ja
Raub- und andere grimmige beissende Vögel / welche sie vielleicht von den
Schilden der Riesen entlehnet / noch itzund zu führen pflegen.
    (46) Ich will mehr sagen: selbst den Nahmen Enak oder Anak haben die alten so
wohl Geschicht- als Gedicht-schreiber / und andere so heilig und hochgehalten /
dass sie ihn von den Riesen in Kanaan entlehnet / und gemeiniglich den Königen /
und Helden / die anderen an Macht und Herligkeit vorgingen / als einen herrlichen
/ prächtigen und fürträflichen Nahmen / zugeeignet. So seind Tritopatreus /
Eubuleus / Dionisus / und die Ziprischen Könige / samt ihren Söhnen und Brüdern
/wie auch die Zwillingssöhne der Lede / Kastor / und Pollux / weil sie / wo
nicht allezeit an Leibeslänge / doch an Gestalt / und Herligkeit des Nahmens /
andere Menschen übertrafen / Anaker oder Anakskinder / ja selbst der zween
letzten ihr Heiligtuhm zu Atehn das Anakische genennet worden.
    (47) Hierher gehöret auch / was vom Vater des berühmten Heldens Asterius /
dessen Leichnam man auf einer Insel / die von ihm den Nahmen bekommen /zehen
Ellebogen lang gefunden / gemeldet wird: nähmlich dass er Anak oder Anax
geheissen. Eben denselben Ehrennahmen führete gleichesfals der Riese Abkamazi /
dessen Ribbe / neun Spannen lang /und zwo breit / im Damaskischen Schloss zur
Schaue war aufgehänget; weil er über die ganze Welt / vielleicht in seinen
übermühtigen Gedanken / sollte geherschet haben.
    (48) Was sonsten die Griechischen / und / denen zur Folge / die Lateinischen
Dichtmeister / ja etliche Geschichtschreiber selbst vom Fünitzischen Riesen
Antäus / dass er sechszig / oder / wie etliche wollen / vier und sechszig
Ellebogen lang gewesen / und von anderer dergleichen ungleublicher Grösse so
wohl /als Stärke gemeldet / dasselbe haben schon vorlängst / als eitele Mährlein
und Dichteleien / unterschiedliche Gelehrte Leute verworfen: wiewohl es nicht zu
leugnen / dass solche Mährlein und Dichtwerke /durch ihre Meister / aus
wahrhaftigen Geschichten gekünstelt worden.
    (49) So scheinet es / dass sie dem Leibe des Antäus daher eine Länge von
sechszig oder vier und sechszig Ellebogen zugeschrieben; weil vielleicht sein
Raubschif / damit er die See unsicher machte / so viel Ellebogen lang / oder
aber seine Schifsfluht mit so viel Raubschiffen versehen gewesen. Auch waren die
güldnen Aepfel / in den Hesperischen Gärten / die ein Drache bewahrete / nichts
anders / als der Schatz von vielem Golde; den Antäus / durch seine Raubschiffe /
die gleich den Drachen oder Schlangen / in der Libisschen See / herümschwammen /
und andere reichbeladene Schiffe gleichsam verschlangen / nicht allein
beschirmet / sondern auch selbst zu wege gebracht.
    (50) Von diesen Raubschiffen / mit welchen die Enakskinder oder Fönizier /
nachdem sie Josua / und nach ihm David vollend / aus ihrem Vaterlande vertrieben
/ auf der See herümschwärmeten / und andere Seefahrende beraubeten / haben die
alten Heidnischen Dichter / wie es scheinet / zugleich Anlass genommen / die
Riesen selber ohne Unterscheid / ob sie schon vom Enak nicht herstammeten /
Nattern- oder Schlangen-füsser / als wan sie / an statt der Füsse / Schlangen- oder
Drachen-schwäntze gehabt / ja selbst Schlangen- oder Drachen-gebuhrten / und
Natterngezüchte / das ist Schlangenkinder / zu nennen: wiewohl sie etliche aus
der Erde / die aus des Himmels Schaam oder Gebuhrtsgliede / nachdem es sein Sohn
Saturn abgeschnitten / das Bluht empfangen / andere / ohne dasselbe / nur allein
aus der Erde / geboren zu sein dichten.
    (51) Dieselben / welche sie aus der Erde /nachdem sie das Himlische Bluht
empfangen /entsprossen zu sein dichteten / hatten ohne Zweifel aus der Heiligen
Schrift / durch hörensagen / vernommen: dass die ersten Riesen vor der Sündfluht
von den Kindern Gottes / da sie sich mit den Töchtern der Menschen vermischet /
wie droben schon gemeldet / gezeuget; wie auch / dass Noah / der Uhrhöber des
Menschlichen Geschlächtes nach der Sündfluht / und dem zur Folge zugleich der
Riesen / von seinem Sohne dem Harn / aus dem sie ihren wühterischen Saturn / wie
aus jenem ihren gühtigen Himmelsgötzen / gemacht / als er des schlafenden Vaters
entblössete Schaam gesehen / verspottet worden. Hieraus haben sie dann ihr
Dichtwerk / wie sie pflegen / geschmiedet /und beide wahrhaftige Begäbnisse /
wiewohl die erste sich vor / die andere nach der Sündfluht zugetragen /in eine
einige bloss ja kaum wahrscheinliche zusammengeflikket.
    (52) Die andern / welche die Riesen nur allein /und nicht durch Hülfe des
Saturns / aus der Erde geboren zu sein fürgeben / scheinen ihr Absehen vom
Riesischen Seereuber Antäus / und seinem Anhange genommen zu haben. Dieser / wan
er etwan auf der See vom Herkules geschlagen worden /pflegte sich auf dem
Libisschen Lande / da er geboren war / wieder zu stärken. Daher hat man dann
gedichtet / dass Antäus / so oft er / im Ringen mit dem Herkules / seine Mutter /
die Erde / berühret /allezeit neue / und so starke Kräfte bekommen / dass ihm
sein Widerfechter nichts abhaben können; bis er ihn in die Luft gezogen / das
ist auf der Höhe des Meeres / ihm den Weg zum Libisschen Lande ganz
abgeschnitten.
    (53) Aber weil die Götliche Schrift fürnähmlich von zweierlei Riesen redet /
nähmlich von den ersten vor / und von den andern nach der Sündfluht; so ist
vermuhtlich / dass die Heidnischen Dichter die ersten /welche GOtt durch die
Sündfluht vertilgete / Titaner / die andern aber Wiganten / das ist Riesen oder
Heunen / beide Riesenahrten voneinander zu unterscheiden / mit sonderlichen
Nahmen nennen / ja jene vor Kinder des Himmels und der Erde / diese aber allein
vor Erdenkinder eigendlich ausgeben wollen. Und solches erscheinet daraus / wan
sie dichten / dass die Erde den Göltern zur Rache / von denen sie sich beleidigt
befunden / weil sie die Titaner / welche sich wider sie aufgelehnet / vom
Eidboden vertilget / die Wiganten geboren.
    (54) Durch dieses Auflehnen und Entpöhren der Titaner wider den so genennten
Jupiter / dessen Herschaft sie nicht vertragen wollen / wie auch wider die
andern Götter / die ihm beistunden / kann nichts anders verstanden werden / als
die euserste Bosheit der ersten Riesen vor der Sündfluht: welche dem Gebohte des
allerhöchsten GOttes / und den Ermahnungen seiner drei getreuesten Nachfolger zu
der Zeit solcher Gestalt widerstrebeten / dass sie dieselben selber gleich als
mit Kriege verfolgeten. Diese drei waren Set / der erste Bussprediger in der Welt
/Enoch / der auch so ein Götliches Leben führete / dass ihn GOtt den boshaftigen
Weltkindern entzog / und gar zu sich nahm / und dann Noah / der nicht weniger
from und ohne Wandel / ja eben so Götlich lebete.
    (55) Wan gemeldte Dichteler weiter dichten / dass Jupiter mit den andern
Göttern einen Bund gemacht / und sie über einer aufgerichteten Reucherhöhe / die
nachmahls zum ewigen Gedächtnisse solches Bundes unter das Gestirne gesetzt
worden / schwöhren lassen / dass sie ihm / im Kriege wider die Titaner getreulich
beistehen wollten; dasselbe haben sie aus der Geschicht des Noah entlehnet:
welcher dem HErrn / zur Dankbarkeit für die Errettung aus der Sündfluht eine
Höhe bauete / und auf derselben seinen Gottesdienst / durch eine Brandgabe von
allerlei reinem Vieh / und Gevögel / verrichtete: da dann der HErr den lieblichen
Geruch gerochen / und einen ewigen Bund mit Noah gemacht / dass Er hinfort keine.
Sündfluht mehr / welche die Erde / samt den Menschen / verderbete / wollte kommen
lassen; ja zum ewigen Zeichen solches Bundes den Regenbogen in die Wolken
gesetzet / damit Er ihn ansehen / und seines ewigen Bundes / den Er zwischen Ihm
/ und allem Fleische gemacht / gedenken möchte.
    (56) Hier wird unserer Meinung nichts benommen /obschon diese
Mährleinkünstler die Zeit der Begäbnis / samt ihren Umständen / verkehret: indem
sie / nach ihrer alten Leier / dasselbe / was nach dem Kriege der Titaner / und
ihrer Vertilgung / darbei wir die Sündfluht verstehen / wahrhaftig sich
zugetragen /vor solcher Vertilgung geschehen zu sein dichten. Auch hindert es
nichts / dass sie / an statt des Regenbogens / die Reucherhöhe hinauf in die
Wolken / oder unter die Sterne gesetzt / und den wahren Gebrauch derselben in
einen ganz andern verdrehet und ümgekehret.
    (57) Nicht weniger gehöret es mit unter die Begäbnisse der Sündfluht / wan
sie gedichtet / dass aus dem Bluhte der Titaner / welches bei währender Schlacht
/ die Jupiter mit ihnen gehalten / aus ihren empfangenen Wunden auf die Erde
geflossen /allerlei Ahrten des Ungeziefers / als Schlangen / Drachen / Nattern /
Blindschleichen / und dergleichen giftige Würme gezeuget worden. Dan freilich
stehet es zu vermuhten / dass nach abgelauffenem Wasser der Sündfluht / da die
ersoffenen Leiber der Riesen im Schlamme vermodert und halb verfaulet gelegen /
zumahl als dieser Schlam durch die Wärme der Sonne sich erhitzet / aus ihrem
verfauletem nicht allein Bluhte / sondern auch Fleische zugleich ein solches
giftiges Ungeziefer gewachsen. Und dieses ist der Wahrheit nicht unähnlich; weil
uns die Naturkündiger / aus der Erfahrung / selbst berichten wollen / dass auch
aus dem Gehirne der Tohtenköpfe zuweilen Schlangen entsprössen.
    (58) Was nun eben dieselben von den Wiganten oder Riesen nach der Sündfluht
in der Folge dichten / nähmlich dass sie / den Himmel zu stürmen /und die Götter
herunter zu stürtzen / auf den Berg Pelion den Olimp und Ossa / die alle
Tessalische Berge waren / zu tragen sich unterwunden; wie auch grosse brennende
Beume / und ungeheure Steinfelsen / aus denen dieselben / die auf die See
gefallen /zu Inseln / die aber auf die Erde zu liegen kommen /zu Bergen geworden
sein sollen / nach dem Himmel zu geschleidert: das haben sie aus der Geschieht
der Nachkömlinge des Noah genommen; welche nach der Sündfluht die Stadt Babel /
mit einem ungeheuren Turne / dessen Spitze bis an den Himmel reichen sollte / von
Steinen zu bauen sich unterstanden. Und hierzu wird Nimrod / der auch / wie er
der erste König in der Welt / nähmlich zu Babel selber /war / also vor den
ersten und ältesten Riesen nach der Sündfluht gehalten wird / freilich der
Anstifter und Uhrhöber gewesen sein.
    (59) Auch ist es aus eben derselben Geschieht entsprossen / wan man
gedichtet / dass etliche ungeheure Riesen unterschiedliche grosse Berge selbst /
als Enzeladus den Pindus / Tiföus den Ossa / Porfier den Pangäischen / und
Adamaster den Rodope / nach den Wolken zu geschleidert / als sie den Himmel zu
stürmen und einzunehmen sich unterstanden. Hierbei stehet es zu verwundern / dass
man den Asträus mit unter diese Himmelsstürmer und Götterfeinde gezehlet / da er
doch aus der Aurora / neben den Winden / welche / wie es scheinet / zugleich mit
haben stürmen sollen /die Asträe / der man / ihres rechtfärtigen Wandels wegen /
den Nahmen der Gerechtigkeit zugeeignet / ja sie selbst unter das Gestirne
gesetzet / soll gezeuget haben.
    (60) Es scheinet zwar lächerrlich / und ganz ungereimt / wan sie von diesen
Wiganten ferner vorgeben dürfen / als hetten sie die Götter / durch ihre
ungeheure Grösse / dermassen erschrökket / dass sie die Flucht nehmen / ja
gleichsam in eine andere Haut kriechen / und also / unter mancherlei Tiere
Gestalt /sich in Egipten verbärgen müssen; wie auch / dass sie endlich dieselben
gar vom Erdboden vertrieben. Gleichwohl hat dieses lächerliche Mährlein seinen
Grund in der Geschicht der frommen Ertzväter des Volks GOttes / Abrahams und
Jakobs: von denen man lieset / dass sich beide / zuvoraus Jakob oder Israel mit
allen seinen Kindern und Kindeskindern / eine Zeit lang in Egipten aufgehalten.
Zudem bezeugen auch die Geschichte / dass die Egipter ihre Götter unter
mancherlei Tiere Gestalt geehret. Ja es scheinet aus vielen Umständen / dass sie
den Josef / des Jakobs Sohn / selber / unter der Gestalt eines Ochsen / nach
seinem Tode vergtlichet. Daher haben dann diese Gedichtkünstler zugleich Anlass
genommen / ihr Mährlein üm so viel wunderlicher zu künsteln.
    (61) Im übrigen haben eben dieselbe Riesen die Götter freilich vom Erdboden
vertrieben / oder vielmehr zu vertreiben sich unterwunden: indem sie den wahren
Gottesdienst / der ihrem Unwesen schnuhrstraks zu wider / und desselben Ergebene
zum eusersten verfolget / ja gar auszurotten getrachtet; damit sie Luft bekommen
möchten ihren boshaftigen Frefel und Ubermuht / der dadurch mörklich gehindert
ward / üm so viel freier fortzusetzen.
    (62) Dass man aber gemeldte Riesen / auf Einrahten der Pallas / aus der
Gegend / da sie geboren worden / verjaget zu sein dichtet; weil sie / so lange
sie darinnen bleiben würden / unüberwindlich und unsterblich sein sollten:
dasselbe gehöret zur Geschieht der Kinder Israels / welche sie / als solche /die
in ihrem Vaterlande sich so stark befestiget / freilich eher nicht zu
überwältigen vermochten / als bis sie / nach dem Rahte / oder vielmehr Befehle
der höchsten Weisheit GOttes / die alhier unter dem Nahmen Pallas verstanden
wird / dieselben aller ihrer Festungen / mit gewaltiger Hand entsetzet: da sie
dann nirgend keinen festen Fuss mehr hatten sich vor ihrem endlichen Untergange zu
befreien.
    (63) Hier möchte man nicht unbillich fragen /woher des nimmer nüchternen
Silenus Esel / der durch sein abscheuliches ungeheures Geschrei / wie Pan mit
seinem Schnekkenhorne / die Riesen dermassen soll erschrökket haben / dass sie /
als solche / die ein ungeheures Wundertier wider sich angekommen zu sein
gewähnet / sämtlich die Flucht genommen /der auch daher / zum ewigen Andenken /
unter das Gestirn erhoben zu sein gedichtet wird / mit in hiessges Mährlein vom
Riesenkriege / ja selbst unter die Kriegsbereitschaft des Bachus gerahten sei?
Dem Silenus wird zwar / seines versoffenen Verstandes und taumlenden lassen
Ganges wegen / dis tumme und träge Tier / der Esel / allezeit angedichtet,
gleichwohl scheinen es die Heidnischen Dichter aus der wunderbahren Geschieht
von Bileams redendem Esel genommen / und in diese vom Riesenkriege gemischet zu
haben / ihr Mährlein üm so viel märkwürdiger zu machen.
    (64) Dass endlich mehrerwähnte Riesen / nachdem die Götter sie überwunden /
und mit Donnerkeulen erschlagen / in den höllischen Abgrund / zur ewigen
Peinigung / sollten hinunter gestürtzet sein / das ist das allerwahrscheinlichste
/ das die Heiden von ihnen gedichtet. Dan freilich werden sie / nach ihrer
Vermässenheit Verdienste / nicht allein die zeitliche /sondern auch die ewige
Strafe haben ausstehen müssen. Was sie aber vom ungeheuren Riesen Enzeladus
dichten / dass er unter dem Berge Etna längstin ausgestrekket / mit dem ewigen
Straffeuer gepeiniget würde; wie auch vom Tiföus / dessen Leib so erschröklich
gross soll gewesen sein / dass das ganze Sizilien / ihn zu bedekken / seinen
weiten Begrif darreichen müssen: dasselbe haben sie bloss allein aus ihrem mit
Mährlein geschwüngertem Gehirne genommen.
    (65) Eben daher scheinet auch entsprossen zu sein /dass etliche Riesen wohl
hundert Hände sollen gehabt / und in einem Wurfe gleich so viel Felsensteine auf
Jupitern zu geworfen haben. Unter denen wird Egäon genennet / den der Heidnische
Seegötze Neptuhn / zur Strafe solches Frefels / an die Klippen des Egäischen
Meeres fest gebunden: wekhes ausser Zweifel dahin zu deuten / dass sein Schiff auf
einer Klippe daselbst zu sitzen kommen. Gleich also urteilen wir von dem
ungeheuren Riesenschienbeine / das man in einer Tessalischen Schwefelhöhle
gefunden /und sechszig Ochsen / seiner Schweere wegen / auf einen Wagen geladen
/ kaum fortziehen können.
    (66) Nicht weniger ungereimt scheinet es im ersten Anblikke / wan man dem
Mohrischen Riesen und Könige / dem Atlas / der auch daher unter allen Riesen der
grösseste soll gewesen sein / eine solche so gar übermässige Länge und Stärke /
dass er den Himmel selbst mit seinen Schultern unterstützet / zuschreibet; ja ihn
wohl gar in den ungeheuern sehr hohen Mohrenberg / der auch von ihm den Nahmen
Atlas bekommen / verwandelt zu sein dichtet.
    (67) Wan man aber betrachtet / dass dieser Berg einem aufgerichtetem Manne
nicht unähnlich / und so überaushoch ist / dass desselben höchster Güpfel / der
Wolken wegen / die ihn fort und fort ümgeben / niemahls gesehen wird; daher ihn
dann die ümherwohnende Mohren auch für des Himmels Stütze zu halten pflegen: ja
wan man betrachtet / dass der Mohrenkönig Atlas die Sternschaukunst / wie man
meint  /erfunden / und sich vielleicht den Lauf und Stand der Sterne recht
eigendlich zu beschauen / oftmahls auf einen sonderlichen Hügel dieses Berges
begeben; da er dann freilich mit seinen Gedanken sowohl / als mit dem Gesichte /
bis an das Gestirne gereichet: so wird man leichtlich sehen / woher dieses
ganze Mährlein entsprossen.
    (68) Hiermit wollen wir die Riesen / welchen man eine ganz ungleubliche
Stärke so wohl / als Länge zugedichtet / fahren lassen / und uns wieder zu denen
wenden / derer wahre Beschaffenheit in den Geschichten beschrieben wird.
Hierunter finden sich / nach Davids Zeiten / bei den Geschichtschreibern /
fürnähmlich dreie; welche / durch ihre wahrhaftige Riesenlünge / die andern
ihres gleichen ingesamt / wie die meisten meinen / übertroffen. Der erste und
allerlängeste heisset Gemagog / der zwölf Ellebogen lang gewesen: der andere
Ganges / ein König der Mohren / von dem der Flus Ganges diesen Nahmen bekommen /
dessen Länge sich auf zehen Ellebogen belief: und dann der dritte Hartbeen / aus
Heisingen / der alten Gohten Lande / bürtig /der über die masse frefelhaftig /
und neun Ellebogen lang war.
    (69) Nach diesen drei Riesen seind berühmt Arantas ein Bebrizier aus Asien /
von acht Ellebogen; Orestes / König Agamemnons Sohn /der Griechen Heerführer vor
Trojen / von sieben Ellebogen; Ein Sirer / zu des Keisers Teodosius Zeiten / von
fünf Ellebogen / und einer Handbreite; Eleazar / ein Jüde / zu des Keisers
Tiberius Zeiten / von fünf Ellebogen; ein Märkischer Bauer von Zak / einem Dorfe
bei Witstok / Markgraf Jochims des Kuhrfürstens von Brandenburg Trabante / den
man den kleinen Michel genennet / auch von fünf Ellenbogen; Artachäes / ein
Perser / der zu des Königs Xerxes Zeiten gelebet / von eben so viel Ellebogen /
weniger vier kwehrfinger; der Indische König Porus / den der Grosse Alexander
überwand / von vier Ellebogen / und einer Handbreite.
    (70) Hierbei seind auch zu rechnen Pusio und Sekundille / die zu des Keisers
Augusts Zeiten gelebet / und über zehen Schuhe lang waren; daher man auch ihre
Gebeine zum Wunder im Salustischen Lustgarten und Begräbnisse / verwahre: wie
auch Gabbaras / den etliche Karbaras nennen / ein Araber / welcher zu des
Plinius Zeiten nach Rohm gebracht worden / und neun Schuhe / mit eben so viel
Zollen lang war: und dann Agato / ein Jüngling von Atehn / der zu Keiser Adrians
Zeiten gelebet / von acht Schuhen.
    (71) Nicht weniger gehöret mit unter diese Riesenzahl der Keiser Julius
Maximinus / der ältere / welcher bei neundehalben Schuch lang / und so stark vom
Leibe gewesen / dass ihm seiner Gemahlin Armband / an statt eines Daumenringes /
gerecht war; auch ein solcher Fresser / und Seuffer / dass er sechszig Pfund
Fleisches auf einmal verschlingen / und darbei vier und zwanzig Kannen Weines
aussauffen konnte. Seiner schier ungleublichen Stärke wegen / ward er /aus einem
Schäferknechte / zuerst des Keisers Aurelius Alexanders Severus Trabante
/darnach unter den Keisern Karakalla / und Heliogabalus / einer der fürnähmsten
Kriegshelden / da man ihn bald Herkules / bald Achilles / bald Ajax zu nennen
pflegte / bis er endlich / durch seine Wühterei / sich gar zum Keiser aufwarf /
und die sechste Verfolgung der Kristen anstiftete.
    (72) Diesem Keiser war der so genente Firmius / der üm das 275 Heiljahr sich
/ in Egipten wider den Keiser Aurelian empöhrete / an Leibesstärke nicht
ungleich; auch darbei ein solcher Seuffer / dass er zween Eimer vol Weines in
einem Zuge hin aussauffen mochte. Seine Riesenstärke kann man unter andern
hieraus abnehmen; weil er einen Amboss / indem er sich bloss mit den Armen und
Beinen gegen die Erde gestbelt / auf die Brust setzen durfte / und andere darauf
schmieden und schlagen lies / wie hart sie wollten.
    (73) Dass nun alle Riesen ins gemein der Bosheit und Wühterei zum höchsten
ergeben gewesen / ist kein Wunder; indem sie alle so grobe / ungeschliffene /
füllige / doch derbe / und starke Leiber gehabt / dass weder Verstand / noch
guhter Raht / noch Mässigkeit /noch einige andere Tugend darinnen haften oder
hausen können. Dan es ist gewis / und die Erfahrung bezeugt es genugsam / dass
dieselben / die aus einem so groben / und dikkem Zeuge bestehen / ie gröber und
dichter der Zeug ist / üm so viel unverständiger / unredlicher / unbescheidener
/ verwägener / tolkühner /übermühtiger / bosshaftiger / zorniger / grausamer
/rachgieriger / halsstarriger / geuler / unmässiger / und geneugter zu bösen
Lüsten / ja ungeschikter zu guhten Künsten und Wissenschaften zu sein pflegen.
    (74) Hingegen befindet sich bei den kleineren / mageren / dürren / zahrten /
und trukkenen Leibern / als dem eigenen Sitze des Rahtes und der Weisheit /
gemeiniglich das Widerspiel. Dan diese / wie sie behänder von Gliedern seind /
seind auch behänder von Sinnen; wie sie mässiger an Grösse / so seind sie auch
mässiger in Volbringung der Lüste. Ja sie seind ungleich verständiger / klüger /
scharfsinniger / bedachtsamer / redlicher / bescheidener / guhtahrtiger /
gemässigter / handelbare / und geschikter zu allem Guhten /als jene.
    (75) Darüm ist es in Wahrheit kein Wunder / dass dieselben kleine Menschen /
die gemeiniglich Zwärglein / sonst auch Ellenbogener und Dreispänlinge / oder
Ellenbogige und Dreispännige Mänlein / weil sie selten über drei Spannen oder
einen Ellebogen lang wachsen sollen / genennet werden / einen überaus
scharfsinnigen Verstand / wie die Geschichte bezeugen / zu haben pflegen. Ein
solches Mänlein / welches Sisifus hies / und noch nicht zween Schuhe lang / doch
eines fürtreflichen Verstandes war / hatte Markus Antohn / der berühmte
Röhmische Feldherr / bei sich. Ein anderes befand sich / zu des Keisers
Teodosius Zeiten / in Egipten: welches zwanzig Jahr alt / doch kaum so gross /
als ein Räphuhn / geworden. Gleichwohl war es überaus klugsinnig / und eines
recht ehrbaren tapferen Gemühtes; darzu auch mit einer sehr anmuhtigen Stimme zu
singen / und einer schönen Aussprache begabt.
    (76) Ob aber diese zwei Mänlein unter die rechte Zwärgahrt / die man vor
Zeiten in Trazien / und an der Egiptischen See / durch welche der Niel ströhmet
/ wie auch üm ein Indisches Gebürge soll gefunden haben / zu rechnen sei / kann
ich für gewis nicht sagen: weil von den Alten gemeldet wird / dass diese ihr Haar
hinten / und den Bahrt vornen / ihren ganzen Leib / an Kleiderstat / damit zu
bedekken /bis gar auf die Füsse wachsen lassen / auch mit den Kranchen / derer
Jungen und Eier sie verderbet / zu streiten / und auf Widern und Ziegen / mit
Bogen und Pfeilen gewafnet / zu reiten pflegen.
    (77) Eben so wenig weis ich zu urteilen von denen Riesengerippen / die man
so übermässig / ja zuweilen wohl gar ungleublich gross und lang zu unserer Väter
Zeiten in Sizilien / Frankreich / und anderwärts gefunden zu haben bekräftiget.
Ja ich bekenne frei heraus /dass mir die Wahrheit derselben Geschichtschreiber
/die den aufgegrabenen Riesengerippen eine so ungleubliche Länge zuschreiben /
nicht wenig verdächtig vorkommet; und zwar darüm / weil sie keines /oder ja kaum
eines lebendigen Riesens / welcher dergleichen ungeheure Länge gehabt /
gedenken. Von der erdichteten / damit die Heidnischen Dichtmeister sich
belustiget / will ich nicht sagen. Ich meine die wahrhaftige / wie sie von
bewährten Geschichtverfassern uns etwan abgebildet wird.
    (78) Das Gerippe des Orestes von sieben Ellebogen / welches ein Schmid zu
Tegea / in seinem Hofe / da er einen Brun graben wollen / entdekket; und
dasselbe von zwei und zwanzig Schuhen / das man in Frankreich bei der Rohne
gefunden; wie auch des Pallas / den Turnus erleget / welches im 1054 Jahre zu
Rohm aufgegraben worden /und so lang gewesen / dass es über die Stadtmauer / da
man es zur Schaue wundershalben aufgerichtet / hinreichete; und dergleichen
andere mehr von zehen / bis zwölf Ellebogen / auch wohl etwas drüber / lesset
man billich in ihren Würden.
    (79) Was man aber von Kandien oder Krete /wie auch von Tinge meldet / dass
dort ein Riesengerippe von drei und dreissig Ellebogen / durch das Wasser / und
noch ein andere in seinem Grabe stehendes von sechs und vierzig Ellebogen /
durch das Erdbeben entblüsset / hier aber / im Mohrenlande / des droben erwöhnten
Riesen Antäus von sechszig Ellebogen aufgegraben worden; darvon kann ich anders
nicht sagen / wo man ihnen eine solche Länge nicht etwan angedichtet / als dass
es Riesische Wundergebuhrten gewesen. Und hierunter gehören noch andere
Riesengerippe von funfzehen / zwe und zwanzig / und dreissig Ellebogen / derer
gleichesfals die Geschichtschreiber erwähnen. Das von funfzehen Ellebogen ward /
im 1456 Jahre / bei Valentz / im Safojer Gebürgt. / entdekket. Ein Zahn darvon /
der einen Schuch lang / und vier Finger breit war / wug acht Pfund.
    (80) Noch vielmehr könnte man denselben Sizilischen Riesen / dessen Leichnam
/ in einer grossen Berghöhle vor der Stadt Drepan / sitzend gefunden worden /
unter die Riesischen Wundergebuhrten rechnen: weil einer von seinen Zähnen sechs
Pfund und ein Vierteil gewogen / und das vörderteil seiner Hirnschahle so weit
gewesen / dass man etliche Scheffel Kornes hinein schütten können / auch aus der
ungeheuren Grösse seines Schienbeines geschlossen worden / dass seine Länge sich
bei zweihundert Ellebogen ausgestrekket. Nicht weniger konnte von seiner gehabten
Riesenstärke aus dem ungeheuren Stabe /den er in der linken Faust hatte /
geurteilet werden. Dan dieser war so stark und dikke / als der stärkeste Mast
oder Segelbaum; und das Blei / welches unten hinein gegossen / und ihm bis unter
die Achsel reichete / wug tausend und fünfhundert Pfund.
    (81) Dem sei nun / wie ihm wolle / so will ich doch dieses von den
Riesengerippen lieber annehmen / als gleuben / dass dasselbe Meusegerippe /
welches man /in einem Frantzösischen Kloster / gar heilig eingewikkelt gefunden
/ von einem derselben Meuslein gewesen / welche der heiligen Gertrauten / König
Pipiens Tochter / indem sie an einem heiligen Abende gesponnen / den Wokken
hinaufgeklettert /sie von solcher Arbeit abzumahnen: daher man sie auch
nachmahls / als eine Heilige / welche die Meuse zu vertreiben gegleubet worden /
soll angerufen haben.
    (82) Und also wird dasselbe / was wir / aus der Riesengeschicht / alhier mit
eingeführet / zugleich genug sein diejenigen zu überzeugen / welche / dass
iemahls Riesen / oder Menschen von so ungeheurer Grösse gewesen / ganz nicht
gestehen / sondern alles / was von ihnen / durch so viel vortrefliche Geister
/geuhrkundet worden / nur für Mährlein halten wollen: indem sie / zum Beweise
solches Wahnes / vorschützen / dass man etliche hundert Jahre nacheinander keine
dergleichen Riesen von so starker und ungeheurer Länge / wie man dieselben der
ersten Welt beschriebe / nirgend mehr gesehen.
    (83) Doch wir setzen / auf diesen ihren Einwurf /das Mass ihnen recht vol zu
mässen / zum Gegenwurfe noch dieses: wan aus jetztberührtem ihrem Beweise folgen
sollte / dass die ganze Rieseageschicht nur ein eiteles Dichtwerk sei; so müste
dann auch folgen /indem man in den nächsten / so manchen hundert- ja wohl
tausend-jährigen Zeiten nacheinander keine Menschen gefunden / derer Alter sich
auf etliche hundert Jahre / ja schier bis an das tausende hinan erstrekket / dass
darüm die Menschen üm die Zeit der ersten Riesen so viel Jahre nicht erreichet:
zumahl weil es zur Zeit des Königs Davids schon geheissen /unser Leben währet
siebenzig Jahre /und waneshoch komt / so seind es achtzig.
    (84) Diese Widerfechter bedenken nicht / dass alle geschaffene Dinge die
Kraft ihrer blühenden Jugend schon vorlängst so gar verloren / dass sie nunmehr
von Zeit zu Zeit gleichsam veralten / und immer schwächer und schwächer werden.
Die ganze Welt hat albereit vor etlichen tausend Jahren ihre Jugendschuhe
verträhten. Darüm ist es kein Wunder / dass sie bisher von Jahren zu Jahren an
Kräften allentalben mehr und mehr abgenommen. Ja sie nimmet noch täglich ab.
Itzund gehu sie schon auf Steltzen. Itzund neuget sie sich zum Ende. Nunmehr ist
es mit ihr ganz auf die Neuge gekommen.
    (85) Was nun dem Ende sich nähert / das mus nohtwendig schwächer und
unkräftiger / nohtwendig geringer und untüchtiger werden. Und eben darüm ist es
kein Wunder / dass die bisher so gekränkte / und mit den Jahren so schwach und
Machtloss gewordene /ja nunmehr fast gar in den letzten Zügen liegende
Zeugemutter aller Dinge die Lust / samt der Kraft /welche sie ehmals / in ihrer
Jugend Jahren / zu haben pflegte / neben den Menschen gemeiner und mittelmässiger
Lünge / zugleich Grosse und Kleine / ja gar ungeheure vierschröhtige Riesen- und
gar kleinliche Spannenkurtze behände Zwärg-ahrten zu zielen / so weit verloren
/ dass sie weder Zwärglein / noch Riesen / noch auch andere sonderbarlich grosse
Menschen mehr / welche die gemeinen / der Länge nach / überträffen / zu zeugen
vermag.
    (86) Hieraus sehen wir dann klahr genug / woher es rühret / dass schon vor
etlichen hundert / ja wohl tausend Jahren / unter den Menschen / die ungeheure
Riesenahrt an Länge so wohl / als Stärke / dermassen abzunehmen begonnen / dass
sich ihre wundergrosse Riesengestalt nach und nach / ja so lange vermindert /bis
sie endlich vom Erdboden gleich als gar verschwunden. Eben daher ist es auch
kommen / dass sich die ansähnliche Leibeslänge / dadurch ehmals etliche gemeine
Menschen / ja wohl ganze Völkerschaften /unter denen fürnähmlich die Gohten
Keiser Justinian deswegen zu preisen pflegte / vor andern berufen waren /
almählich etwas kleiner und schmächtiger zu werden / ja mit der Zeit dergestalt
gemindert befunden / dass man itzund durch das ganze Europe kein Land mehr
findet / dessen Eingebohrne /so sonderbahrer Grösse nach / andern Völkern
überlägen.
    (87) Ich will mehr sagen: was für ein Wunder ist es dann / dass jetzterwähnte
Ziel- und Zeuge-mutter nunmehr / in ihrem abgelebten schwächlich-gebrächlichem
Alter / weder so vermögeade / noch auch so lüstern sein kann solche so treflieh
starke / so treflieh gesunde Menschen zu zeugen / derer Lebenslänge sich schier
bis an die tausend Jahre hinan aussträkket; wie sie wohl ehmals / in ihrem
blühenden und grühnendem Alter / getahn?
    (88) Mit einem Worte: alles / was die grosse weite Welt / ja die Himlische so
wohl / als die Irdische / an Geschaffenen Dingen begreiffet / die Engel allein
ausgenommen / ist der nichtigen Eitelkeit und Vergängligkeit so gar unterworfen
/ dass nichts beständiges /noch tauerhaftiges weder an Kraft / noch an Stärke
/weder an Grösse / noch an Gesundheit / noch anderen dergleichen
Fürtrefligkeiten darinnen zu finden. Ja die Welt selber bekennet und bezeuget
es mit so vielen ihren Geschaffenen Dingen / die albereit zerstoben und
vergangen / dass sie mit der Zeit gleich also vergehen und zerstüben müsse.
    (89) Wer hette sagen sollen / dass dergleichen wunderstarke / ja wundergrosse
ungeheure Menschen / als diese waren / welche der schönen Timnatterin dazumahl /
mit Ringen und Fechten / die Zeit verkürtzen / und den Unmuht vertreiben mussten
/ in der Folgezeit auf dem ganzen Erdbodem nicht mehr würden gefunden werden?
Ja wer hette gedacht / dass diese Riesenahrt / die kurtz zuvor ganze Länder
erfüllete / aus dem menschlichen Geschlächte nach und nach sich so gar verlieren
sollte / dass schon vor etlichen hundert Jahren nichts mehr darvon irgendwo zu
sehen gewesen / als etwan ein Bildnis / oder aber /doch sehr selten / ein
abgefleischtes Gerippe?
    (90) Neben der Kraft und Vermögenheit dieselben zu erzielen / scheinet die
algemeine Zielmutter zugleich die Lust solches zu tuhn nach und nach verloren
zu haben: weil sie für solchen Ungeheuern und Bösewichtern / die ihren andern
Kindern nur überlästig fielen / und ihr selbst / an statt der Kurtzweile /welche
sie ehmahls an ihnen hatte / nichts als lauter Verdrus zuzogen / endlich einen
Ekel und Abscheu bekommen. Ja GOtt selber / der Schöpfer aller Dinge / hat sie
/ ihrer übermässigen und übermühtigen Bosheit wegen / ohne Zweifel in die Länge
nicht mehr vertragen / noch dulden wollen / und sie daher als ein schädliches
Unkraut unter den Menschen / ausgerottet / ja vom ganzen Erdboden vertilget.
    (91) Und ob schon GOTT / die Grösse seiner Almacht uns auch hierinnen sehen
zu lassen / noch heutiges Tages zuweilen irgend einen Menschen was grösser /
länger / und stärker / als andere / wachsen lesset; und die Zeugemutter selbst
gleichsam einen Versuch tuht / ob ihr noch Kräfte genug übrig geblieben
dergleichen grosse Leiber zu zeugen: so seind doch solche nichts anders / als
ungemeine Menschengebuhrten /und verdienen den Nahmen der alten Riesen / derer
ungeheure Länge / noch Stärke sie bei weitem nicht erreichen / keines Weges.
    (92) Aber wir wollen die schöne Timnatterin bei ihrer Ergetzung lassen /
welche sie hatte den Riesen zuzuschauen / und uns wieder nach Timnat begeben; da
unterdessen der noch immer fortgrollende Simson angelanget. Alhier war es / da
ihm die Filister die Wahrzeichen ihrer Rache / welche sie / ihm zu gefallen /
und ihn zu besänftigen / so gar scharf ausgeübet / sehen liessen. Alhier war es
/ da sie ihm den ausgebranten verödeten Ort zeigeten / da kurtz zuvor seines
ungetreuen Weibes Behausung gestanden. Alhier war es / da sie ihn auf den
Schündanger führeten / die Asche seiner verbranten Beleidiger / die man alda
unter dem Brandschutte begraben / zu besichtigen.
    (93) Hierdurch vermeinten sie das Zornfeuer / welches in Simsons Busem / sie
zu vertilgen / flammete / zu dämpfen. Hierdurch gedachten sie den Grim / den er
wider sie gefasset / zu überwinden. Ja hierdurch trachteten sie die Verheerungen
/ die er ihnen gedreuet / abzuwenden. Dieses war ein Stahtsstrich vol
Verstellungen / dadurch sie dem Willen desselben / in dessen Hand sie ihr Wohl
und Weh zu stehen spühreten / gehorchet zu haben scheinen wollten. Dieses war ein
listgrif vol Scheinbarheiten / dadurch sie Simsons Gemühtsneugung zu
überlistigen / und nach ihrem Wunsche zu neugen trachteten. Ja ein Rank war es
ihn zu überreden / dass er alles / was sie getahn / für Zeichen ihrer gehohrsamen
Wohlneugung gegen ihn aufnehmen möchte.
    (94) Darbei waren auch alle ihre Reden mit Honige bestrichen / alle ihre
Worte mit Zukker bestreuet. Alles / was sie sprachen / war glat und geschmieret.
Gleichwohl konten sie ihn nicht berükken. Simson blieb gleichwohl / wer er war.
Sein Sin blieb unverändert. Seine Gedanken gingen ihren Gang. Er gedachte dem
Rahtschlusse des Himmels mehr / als ihren Eingebungen / ihren Scheinliebelungen
/ zu folgen. Mehr war er bedacht seinen Muht noch weiter zu kühlen /als ihren
Schmeucheleien Gehöhr zu geben. Mehr war er gesonnen sie zu vertilgen / als von
diesem Sinne sich ablenken zu lassen. Und dieser Vorsatz sass seinem Hertzen so
fest eingewurtzelt / dass alles ihn zu verrükken ümsonst war.
    (95) »Mein Zorn« / sprach er / »ist noch nicht gesättiget. Mein Grim ist
noch nicht gestillet. Meine Grausamkeit hat sich noch nicht geleget. Ob ihr
schon mein verrähterisches / mein treuloses Weib / samt ihrem heillosen Anhange
verbrant habet; so bin ich doch hierdurch noch nicht vergnüget. Ob ihr schon
meine Schmaach an ihnen gerochen / so ist es doch mich zu befriedigen viel zu
wenig. Ob ihr schon dieses alles getahn habet / so mus ich mich doch an euch
selbst rächen. Ja ich selbst an euch selbst mus mich rächen. Zweier oder dreier
Leiber vergossenes Bluht war nicht genug den Durst meiner so billigen
Rachbegierde zu leschen. Eine ganze Bluhtsee kann es allein tuhn. Und darüm will
ich nicht eher aufhören das Bluht aus euren Leibern zu zapfen / als bis es über
eure Felder ströhmlings hinschüsset / und das Wasser eurer Flüsse zu färben
beginnet.«
    (96) Grossmühtige Seelen seind langsam zum Zorne. Sie werden langsam
ergrimmet / doch auch langsam versühnet. Mit langsamen Tritte schreitet auch
ihre Rachbegierde fort: doch diese Langsamheit ersetzet sie endlich mit einem
gewaltigen Nachdrukke. Eine kleine Beleidigung achten sie wenig. Es mus was
grosses sein / das sie entrüstet. Eine zugefügte Schmaach können sie nicht
leiden. Diese bewegt sie dermassen / dass sie nicht bald wieder zu stillen. Die
Stiche / welche sie ihnen giebet / seind unheilbar / ja so scharf / und
schmertzen so lange / dass ihre Rachgierigkeit nicht eher einschlummert / als bis
sie sich auf das heftigste gerochen.
    (97) Simson hatte bisher gleich als durch die Finger gelauschet. Er hatte
den Ubermuht der Filister lange genug übersehen. Lange genug hatte er ihren
Frefel vertragen. Du Anfang seiner Rache war zwar gemacht: indem er ihre
Kornfelder und Weinberge verwüstet / und Kost und Trank ihnen aus dem Munde
gerükket. Aber diese Rache war zu wenig. Sie ging nur auf die Lebensmittel. Sie
mussten was härtet und näher angegriffen sein. Es sollte nunmehr das Leben selbst
gelten. Er wollte sie selbst antasten. Selbst ihre Leiber sollten herhalten. Er
wollte sie so hart schlagen / dass sie es alle fühleten. Er wollte sie schlagen /
beides an Schultern / und Lenden Ober-und Unter-man / Adel und Unadel / Bürger
und Bauer / wie sie ihm vorkähmen / sollten das Gelahk bezahlen.
    (98) Er hatte seine Rache schritlings und algemach angefangen. Nun sollte der
Sprung und der Plotz selbst folgen. Nun sollte der Sprung / den er bis hierher
verschoben / mit ihnen getahn werden. Und hierzu war ein innerlicher Antrieb
schon vor handen. Der Geist des HErren / der itzund der Filister Hochmuht zu
stürtzen beschlossen / trieb ihn selbst. Er wafnete ihn mit Muht und Stärke. Ja
er zündete ein solches Rachfeuer in seinem Busen an / dass ihm die Flamme darvon
aus den Augen / und der Dampf aus dem Munde schlug. Selbst das Angesicht
feuerte. Ein ieder Blik war ein Blitz / ein iedes Wort ein Donner. Und also
bekahm Simson ein solches erschrökliches Ansehen / dass er dadurch / eh er den
Arm zur Schlacht aufhub / die Filister schon erstarret und erstoraen vor ihm
stehen sah.
    (99) Diese Drangsäligen schienen erschlagen / ehe sie den Schlag fühleten.
Sie schienen toht zu sein /ehe sie getöhtet warden. Sie schienen entseelete
Leichen zu sein / ehe die Stele sich aus dem Leibe verloren. Ja sie waren ganz
Macht- Muht- und Sin-los. Kein Glied an ihnen bewägete sich. Alle Bewägligkeit /
alle Empfindligkeit war aus ihnen gewichen. Nur das Hertz pukte und pufte von
innen: welches das einige Zeichen war / dass sie noch lebeten. In ein solches
Schrökken jagte sie bloss allein der Anblik dieses mächtigen Feindes. Eine solche
Furcht überfiel sie /sobald Simson nur allein seinen gewaltigen Arm zu schwänken
begunte.
    (100) In dieser eusersten Bestürtzung hatten sie alle Sinligke it so gar
verloren / dass sie kein Mittel ersinnen konten seiner übermenschlichen Stürke
zu widerstehen. Zum wenigsten waren ihre Sinne so verwürret / dass sie weder zu
den geringsten heilsamen Gedanken / noch zu irgend einer Entschlüssung / ihr so
nahes Verderben zu hintertreiben / gelangen mochten. Ja sie waren so entsetzt
und aus sich selber /dass sie nicht einmal getrauten sich zu versamlen /einem
so wühtenden Ansprunge die Spitze zu bieten /und sich selber aus dem grimmigen
Rachen des Todes zu retten.
    (101) Wie ein Schaf / das in den Hürden eingesperret erstummet / und sich
zur Schlachtbank geführet zu werden willig fangen lesset / seinem Schlächter die
Gurgel gleich als von sich selbst darbietet und übergiebet: also übergaben sich
auch die Filister selber dem Simson sie zu schlachten. Sie stelleten sich
seinem Zorne zur Versühngabe selber dar / als solche / die den Ekel und
Widerwillen zu sterben / der sonst allen Menschen gemein ist / verloren. Nicht
einmal gedachten / viel weniger versuchten sie seiner tapferen Faust / die das
Filisterland mit Leichen zu besäen / und mit Bluhte zu befeuchten / schon
ausgesträkket war / zu entfliehen; welches sie doch freilich tuhn sollen; weil
sie das Hertz / noch den Muht / seine Todesstreiche mit fechtender Hand
auszuschlagen / nicht hatten.
    (102) Bei so beschaffenen Sachen / stund dann dem Simson nichts im Wege die
Städte der Filister leer / und ihre Gräber vol an Einwohnern zu machen. Sich mit
Tohtschlägen zu sättigen war ihm überflüssig vergönnet. Nichts verhinderte ihn
seinen Bluhtdurst zu leschen / und dem Tode selbst eine reiche Leichenärnte zu
verschaffen. Auch war er in der Taht geschäftig diese unempfindliche Bildseulen
über einen Hauffen zu werfen. Er brach ihnen die Hälse. Er zerknikte ihnen das
Genikke. Er zerschlug ihnen die Aerme. Er lähmete ihnen die Beine. Ja er
handelte mit ihnen / nach eigenem Belieben / und sah niemand an / wer oder was
er war.
    (103) Wiewohl sein Zorn zuweilen / wan er / von so heftiger Bewägung
abgemattet / gleich als Ahtem schöpfete / ganz von Kräften gekommen zu sein
schien; so erhohlte er sich doch bald wieder. Bald ging die Wuht wieder an. Die
Zeit / da er nachlies /war den Armsäligen nur eine kleine Galgenfrist. Plötzlich
fiel er wieder auf sie zu. Unverhuhts schlug er wieder auf sie los / und noch
viel heftiger / als zuvor iemahls. Er ward des Reissens / des Schmeissens / des
Bluhtvergiessens des Tohtschlagens endlich so gewohnet / dass er kaum wieder
aufhören konnte. Wo die Filister am dikkesten stunden / da sprang er / eben als
ein wühtender Wolf / mitten unter den Hauffen. Ie grösser und stärker die Mänge
war / üm so viel mehr Niederlagen erfolgeten.
    (104) Ward Totila der Gohten König /weil er schier das ganze Wälschland
verheerete / GOttes Peitsche genennet; verdienete diesen Nahmen der Ungrische
König Attila welcher Hochdeutschland verwüstete / da er unter andern / bei
Eroberung der Stadt Köln / eilftausend Jungfrauen erwürgete: vielmehr kahm dann
alhier ein solcher Nahme dem Simson zu dessen Arm die Almacht GOttes selbst
stärkete die Filister zu geisseln / und seine Gerechtigkeit nunmehr / durch ihn
/ solche Geisselung schon begonnen.
    (105) Wan GOtt seine Feinde zu geisseln beschlossen / müssen sie selbst der
Geissel entgegen lauffen. Sie müssen den Rükken von sich selbst darbieten. Sie
müssen sich selbst auf die Geisseibank legen / oder an den Geisselstok stellen /
die Schmitze zu empfangen. Und darüm war es kein Wunder / dass die Filister
alhier / straks im ersten Anblikke dieser gewaltigen Geissel / ein solcher
algemeiner Schrik überfiel /dass sie weder zu fliehen / noch sich zu wehren
keines weges vermochten.
    (106) Also schlug sie dann dieser tapfere Held dermassen / sie bei tausenden
fielen. Ja er erfüllete den Ort / da die Schlags geschahe / mit so viel Tohten
/dass die übrigen Filister / welche der Glüksfal daselber gespahret / nicht
mächtig genug waren eine so grosse Mänge zu begraben. Hatte Samgar etliche Jahre
zuvor nur mit einer Ochsenkeule sechshundert Filister erleget; so lagen sie
itzund / durch Simsons Faust / bei tausenden gefället.
 
                                Das fünfte Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Nach dieser tapferen Heldentaht seumete sich Simson unter den Filistern nicht
lange. Er begab sich bald aus dem Staube. Es war kein Raht in einem solchen
Lande / dessen mächtigen Einwohnern er eine so bluhtige Schnappe zugefüget /
noch viel Federlesens zu machen. Es war bei denen / derer Gemühter er wider sich
aufgereitzet / nunmehr nicht sicher zu verharren. Er musste sich befahren / sie
möchten ihres erlittenen Schadens wegen / an ihm / mit gesamter und gewaltiger
Faust / sich zu erhohlen trachten. Und eben darüm war es besser alhier
vorsichtig / als verwägen / zu handeln: zumahl weil die Gätliche Almacht ihm
seine Wunderstärke / sie zur Unzeit / oder verwägener Weise zu gebrauchen /
nicht verliehen.
    (2) Es ist auch in Wahrheit gefährlich einen starken / und darzu gezörgeten
Feind / wan seine ganze Macht in unzehlbarer Mänge / zuvoraus in einer
vorteilhaftigen Gegend seines eigenen Landes / beieinander stehet / anzugreiffen
/ oder auch seines Angrifs zu erwarten. Vielleicht begunten sich die Filister
/nachdem Simson ein guhtes Teil der Ihrigen so unverhuhts / und so tapfer
gezauset / in übergrosser Mänge zu versamlen / solchen ihren Verlust / mit
algemeiner Hülfe / zu rächen. Und daher handelte Simson sehr klüglich / dass er /
bei so gestalten Sachen / weder ihres Anfals erwarten / noch auch selbst einen
ferneren Anfal wagen wollte. Ein ehrlicher Abzug ist allezeit besser / als ein
gewagter Streit / mit einer schändlichen Niederlage.
    (3) So nahm er dann seine Zuflucht zum Stamme des Juda. Alda schlug er seine
Wohnung auf in der Steinkluft zu Etan: welches die vornähmste Festung des Landes
war. Und dieses / dass er sich eben hierher / unter das Gebiet der Kinder des
Juda / und nicht lieber zu seinen eigenen Landesleuten begab /geschahe
fürnähmlich aus zweierlei Uhrsachen. Erstlich schien ihn hierzu der Geist GOttes
selbst anzutreiben; weil er alhier so wohl / als sonsten ein Vorbild des
verheissenen Heilandes der Welt zu werden bestimmt war. Darnach wollte er auch dem
Stamme des Dans / aus dem er entsprossen / indem er leichtlich gedenken konnte /
dass ihn die Filister /als einen vermeinten Flüchtigen / verfolgen würden /keine
Ungelegenheit über den Hals ziehen.
    (4) Also urteilen wir von dieser des Simsons Entfernung: wiewohl man
vielleicht wahrscheinlicher sagen könnte / dass hierunter zugleich eine
sonderliche Kriegeslist verborgen gewesen. Vielleicht verlies Simson das
Filisterland aus Vorbedacht /und nur darüm / damit die Filister wähnen möchten /
der Muht sei ihm entfallen. Vielleicht wollte er sie / durch eine Scheinflucht /
sicher machen sie üm so viel füglicher und unvermuhtlicher zu überraschen.
Vielleicht war sein Augenmärk dieselben / die sonsten / durch Furcht und
Schrökken schüchtern gemacht /aus ihren Vorteilen niemahls zu bringen / durch
dieses Mittel zu bewegen einen starken Ausfal zu tuhn; damit er über sie / mit
wiederhohlten Siegen / üm so viel herrlicher prangen / und sein Volk aus der
unerträglichen so wohl / als schmählichen Dienstbahrkeit üm so viel eher und
rühmlicher erlösen möchte.
    (5) Und hierdurch ahmete Simson den witzigen Kriegshelden nach. Diese
pflegen ihren Feind / so bald sie märken / dass er / aus etwan einer eingejagten
Furcht / in seinen Schlauflöchern / da man ihm nichts abzuhaben vermag / sich
fort und fort einzuhalten beschlossen / durch einen klugen Kriegesrank in das
freie Feld zu lokken. Sie stellen sich zu weichen. Sie brächen als unverhuhts
auf. Sie stekken ihr Lager in den Brand. Sie eilen gleich als über Hals über
Kopf /mit stiller Trummel / darvon. Und solches tuhn sie darüm / damit der
schüchterne Feind Muht schöpfen /und / als flöhen sie entweder aus Mangel der
Kriegsmittel / oder aus Verzweifelung / indem sie das Hertz nicht hetten einen
Anfal zu wagen / in die Gedanken gerahten / ja in solchen Gedanken den
Flüchtigen /mit starker Macht / nachzueilen sich erkekken / und also an denen /
die seiner an irgend einem vorteilhaftigen Orte warteten / den Kopf stossen
möchte.
    (6) Auf diese und dergleichen Weise wissen kluge Feldherren / damit sie
Meister im Felde sein möchten / die Macht des Feindes zu trennen / und mit einem
zu schwächen. Aber ich will nicht für gewis sagen / dass Simson eben ihnen diesen
seinen Listgrif abgesehen. Vielmehr darf ich bejahen / dass er ihn etwan von
einem seiner Gefangenen dreihundert Füchse gelernet. Diese / weil sie wissen /
dass andere Tiere / zuvoraus die Vogel sich für ihnen scheuen / seind so schlau /
so verschlagen / und so listig / dass sie sich / ihnen diese Scheu zu benehmen /
irgend an einen offenen Ort hinzustrekken / und als weren sie toht anzustellen
pflegen. Wan dann die Raben oder andere Raubvogel herzu geflogen kommen / in
Hoffnung ein Aas zu finden; da erschnappet sie das betrügliche Füchslein /mit
einem behänden Sprunge / zusehens / und sättiget sich mit denen / die mit ihm
sich zu sättigen gedachten.
    (7) Eben so listig scheinet alhier Simson / seinen schüchternen Feind zu
betrügen / sich erwiesen zu haben. Eben so schlau und eben so verschlagen war er
den furchtsamen Filistern eine blaue Dunst vor die Augen zu mahlen. Ja schier
auf eben dieselbe Weise trachtete dieser tapfere Held sie zu überlistigen: indem
er / ihnen die Furcht zu benehmen / und zugleich ihre Macht teils zu trennen /
teils aus ihren Vorteilen in eine andere Gegend / die ihm gelegener kahm / als
ihnen / herauszulokken / sich auf die Flucht begab / oder sich nur also
stellete.
    (8) Im übrigen darf ich auch noch wohl sagen / dass Simson zugleich darüm
sich aus dem Filisterlande wegbegeben; weil es der Grossmütigkeit eines solchen
tapferen Heldens / der seine Siege teurer zu kauffen begehrte / nachteilig sein
wollte seine siegende Faust an ein Teil solcher feigen Mämmen und Schröklinge /
die entweder niemahls zum Stande zu bringen / oder doch solcher gestalt Stand
hielten /dass sie sich ungewehret toht schlagen liessen / noch ferner zu legen:
indem er / durch einen solchen so gar wohlfeil erkauften Sieg / zwar einen Ruf /
aber weder Ruhm / noch Ehre zu erlangen / noch auch zur Herligkeit der
Siegesgepränge erhoben zu werden vermochte.
    (9) Und also war diese des Simsons Scheinflucht eine Würkung seiner Gross-
und Edel-mühtigkeit; die den Filistern dadurch Raumes und Gelegenheit geben
wollte / an statt der Furcht und Verzagteit / der Angst und Bangigkeit / Muht so
wohl /als Luft zu schöpfen / und aus entertzten verzagten Feiglingen zu
behertzten muhtigen Kärlen zu werden: damit der künftige Streit zu beiden Teilen
preislich /sein Sieg ehrlich / und seine Siegespracht über die Filister herrlich
sein möchte.
    (10) Nachdem nun unser Simson zu Etan angelanget / hielt er sich eine guhte
Weile sehr eingezogen. Von der Filister Niederlage / die er ihnen angetahn /
schwieg er ganz stille. Die Einwohner mussten nichts darvon wissen. Er
vertuschete den ganzen Handel. Sein erhaltener Sieg blieb im Hertzen begraben.
Seine Zunge war eben so karg in Ausspendung der Worte / als seine Faust milde
gewesen in Austeilung der Schläge. Eben so arm war er an Prahlerei /als reich er
war an Verdiensten. Es schien seiner Grossmütigkeit zuwider zu sein die Ehre /
die er so leichtlich / durch tapfere Tahten / zu erwerben wusste /mit eitelen
Worten zu kauffen. Das Selblob stunk ihn an. Der Eigenruhm war ihm verhasset.
Und darüm entielt er sich aller Uppigkeit im Reden / den Verdacht Ruhm- und
Ehr-geitzig zu sein zu vermeiden.
    (11) Also verhielt sich Simson alhier bei nahe nicht anders / als etwan ein
Lehrling in des Pitagoras Schuhle. Selten kahm ein Laut aus seinem Munde. Er
redete wenig. Doch wie ungern er selbst redete / so gern hörete er andere reden.
Auch war sein meister Zeitvertreib sich am Gesange der Vogel zu ergetzen. Derer
gab es üm diese Steinkluft herüm eine grosse Mänge: daher auch der Ort den Nahmen
Etan bekommen zu haben scheinet. Diesen hörete er oftmahls / in Einsamkeit /
ganze halbe Tage zu / eben als hette er ihre Stimmen / wie irgend ein Melamp /
verstanden. Wiewohl er sonst auf kein Vogelgeschrei achtete / so kahm ihm doch
dasselbe / das sich an einem Morgen zutrug / bedenklich vor.
    (12) Erstlich kahm ein Steinadler / ich weis nicht woher / nach ihm zu
geflogen. Dieser schien so ermüdet / gleich als hette er mit andern Vogeln
gefochten. Auch verbarg er sich / als etwan ein Flüchtling oder Verfolgter / in
einer Steinritze. Ohngefähr drei Stunden darnach liessen sich nicht weit von
Etan zwo besondere Vogelschaaren in der Luft sehen. Die vörderste bestund eben
auch aus lauter Adlern / aber von einer andern Gattung; die hinterste dagegen
aus unbekanten / doch auch einerlei Raubvogeln. Jene kahm endlich nach der
Steinritze zu / darinnen der Steinadler sass; indem diese zurück blieb / und sich
in der Luft herüm drehete.
    (13) Simson sah dieser Vogelbegäbnis bestürtzt zu. Er muhtmassete von
Stunden an / dass es ein Vorspiel seines eigenen künftigen Glüksfalles sein
sollte. Ja er ward noch bestürtzter / als er vernahm /dass die Adler ihren
Verwanten / den Steinadler /gleichsam mit Gewalt aus der Steinritze hohleten
/und / als einen Gefangenen / nach der zurückgeblieben unbekanten Vogelschaar
zuführeten. Diese empfing ihn zwar / mit einem grossen Freudengeschrei. Aber es
währete nicht lange. Der Steinadler fassete Muht. Er ris sich los. Er täht einen
gewaltigen Schwung / und fiel die ganze Schaar der unbekanten Raubvogel
dermassen grimmig an / ja er pflükte sie solcher Gestalt /dass die herümflügende
Federn die Luft schier verdunkelten / und die Vogel selbst bei tausenden / teils
an Flügeln und Füssen gelähmet / teils gar toht / auf die Erde herunter fielen.
    (14) Dieses Lufttreffen oder Schauspiel der Vogel schaueten auch die Etanner
selber / bei Hauffen versamlet / mit an. Einieder war verwundert. Einieder
begehrte zu wissen / was es bedeuten würde. Es fielen mancherlei Deutungen. Es
ereigten sich vielerlei Meinungen. Der eine fällete dieses Urteil / der andere
jenes. Der eine riet hier- der andere dort-hin. Jener deutete so / dieser
anders. Gleichwohl traf keiner die rechte Deutung. Niemand gedachte / dass Simson
der Steinadler / die unbekannte Vogelschaar das Volk der Filister / ja die
Adlerschaar selber das eigene Volk der Kinder des Juda sein sollte.
    (15) Unter währenden diesen Urteilen schlich sich Simson auch mit unter die
Mänge des Volkes. Er lauerte / wie ein lauschender Fuchs. Er horchete dem
Geflister zu. Er hette gern gewust / ob auch irgend einer diese Wunderbegäbnis
auf ihn deuten möchte. Aber er fand keinen. Keiner zielete mit seinen Gedanken
so gerade zu. Keiner / auch nicht einer traf das rechte Ziel / ja nicht einmal
die Zielscheibe. Alle schossen so weit darvon weg / dass niemand das Geheimnis
erreichte.
    (16) Etliche spanneten auch den Simson mit an. Weil er in ihre Zeche
gekommen / sollte er sein Gelahk mit auflegen. Er selbst sollte seine Meinung
eröfnen. Von ihm wollte man die Deutung erfahren. Aber sie gerieten vor eines
Hartörigen / wo nicht gar Stummen Tühre. Der sich selbst nicht verrahten wollte
/ war Simson. Sein eigener Verrähter zu sein kahm ihn ungelegen. Und darüm
stellete er sich ganz fremde. Er lies sich nicht des geringsten verlauten. Er
gebährdete sich eben als einer / der nichts wüste /noch auf dasselbe / was
vorgegangen / acht geschlagen.
    (17) Unterdessen ward den Filistern angesagt: Simson sei landflüchtig
geworden: er dürfe sich bei ihnen länger nicht trauen: er habe sich / aus Furcht
/ sich möchten den Verlust / den er ihnen zugefüget /mit gesamter Macht rächen /
aus ihren Grentzen gemacht. Ja man fügte noch dieses hinzu: er sei in eine
Festung des Jüdischen Landes gewichen / sich alda für dem Anfalle seiner Feinde
zu versichern.
    (18) Nichts war ihnen lieber zu hören / als dieses. Keine Zeitung war ihnen
erfreulicher / als die ihnen des Simsons Flucht verkündigte. Dieses war das
rechte Wundkraut / die rechte Waffensalbe / die ihre vom Simson zugefügte Wunden
heilen konnte. Dieses war ein Artzneimittel / das ihr geschwächtes Hertz wieder
zu stärken / und ihnen ihren verlohrnen Muht wieder zu bringen vermochte.
Nunmehr gaben sie der Furcht den Scheidebrief. Nunmehr verbanneten sie die
Verzagteit. Nunmehr wollten sie Schröklinge /Schöchterlinge / ja Feiglinge
genennet zu werden aufhören / und den Nahmen der Tapferen / der Muhtigen / der
Unerschrokkenen zu führen beginnen.
    (19) So war dann dem Simson sein listiger Fund / sein behänder Krigesrank so
wohl / wie er selbst wünschte / gelungen. So hatte er diejenigen /die / in
seiner Gegenwart / vor Schrökken gleichsam erstarret und erstorben / ja auf ihte
Rache nicht einst bedacht waren / durch seine Scheinfrucht so weit gebracht /
dass sie an ihm alle zu Rittern werden wollten. So schrieben sie dann in aller Hast
/ weil ihr wiedergeschöpfter Muht / noch in seiner ersten Hitze war /einen
Kreustag aus. Die fünf Kreusfürsten des Filisterlandes kahmen eilend zusammen.
Man berahtschlagte sich / in unterschiedlichen Versandungen / wie man den
flüchtigen Simson verfolgen / und zum Stande bringen sollte. Man war auf Mittel
bedacht / wan etwan die offenbahre Macht wider ihn selbst / seiner mächtig zu
werden / nicht angehen wollte / durch einen sonderlichen Rank ihn zu überlistigen
/ und dermassen zu verstrükken / dass er tantzen müste / wie man ihm vorpfiffe.
    (20) Die meiste Stimmen gingen zwar dahin / dass man von Stunden an mit einer
mächtigen Heerskraft ihm nacheilen sollte. Man sollte straks vor Etan rükken.
Zauderte man / und verzöge länger / so möchte der Flüchtling seine Flucht anders
wohin nehmen. Der Verzug sei alhier schädlich. Durch das lange Zaudern möchte
man veruhrsachen / dass er sich weiter von ihnen entfernete. Er sei ein
verschmitzter / durchtriebener / schlauer Fuchs / der seinen Balg zu bewahren
listig genug were. Itzund hette man ihn noch in der Nähe. Itzund sei er in der
Falle: da man nichts anders tuhn dürfte / als sie zu versperren / und über ihm
die Schlünge zuzuziehen. Wan er ihnen von dar entwischete / würde man ihm
vergebens nachtrachten.
    (21) Etliche fügten hinzu: Simson were ja ein Mensch so wohl / als andere.
Er sei nur ein einiger Man / und darzu ein solcher / der nunmehr seine
Manhaftigkeit / zusamt dem Muhte / verloren. Er habe nur ein einiges Hertz /
und darzu ein solches / dem nunmehr seine Hertzhaftigkeit entfallen. Er sei nur
ein einiger Fremdling / der im Filisterlande sonst nichts zu sagen / als wessen
er sich / durch seine so tolkühne / so frefelhaftige Wühterei / Selbsten
angemasset. Warüm man dann / diesen einigen Fremdling /diesen einigen Kärl /
dessen Hochmuht und Grausamkeit bisher so hoch gestiegen / dass er nicht nur ihr
Herr / sondern auch gar ihr Hänker zu sein so verwägener Weise sich unterstanden
/ bei so gewünschter Gelegenheit / aus dem Wege zu reumen / sich noch lange
bedenken wollte? Eine Zeit lang hetten zwar die Filister sein Joch abzuschütteln
verseumen müssen / weil es ihnen so schweer auf den Hälsen gelegen / dass ihnen
keine Musse nur Ahtem zu schöpfen / viel weniger Widerstand zu tuhn vergönnet
worden. Doch nunmehr sei die Zeit geboren / da man / die vorige schändliche
Tumheit / die einen solchen einigen Landleuffer / sie mit ganzen Mängen auf die
Schlachtbank zu schleppen / veranlasst / abzulegen /und gescheider zu werden
Gelegenheit genug bekähme.
    (22) Aber einer von den Fünffürsten fing hierauf folgender Gestalt an: man
müste behuhtsam in dieser Sache verfahren. Man müste vorsichtig handeln. Man
müste solcher Gestalt nicht zuplumpen / dass man Verlust und Schimpf / Schaden
und Schande darvon trüge. Es sei zwar alles wahr / was sie sagten: doch sei es
auch wahr / dass Simson ein solcher Man were / den man / selbst mit eisernen
Handschuhen /nicht antasten dürfte. Die Erfahrung bezeugte genug /was seine
übermenschliche Stärke vermöchte. Und darüm müste man auf andere sichrere Mittel
bedacht sein. So plumplings ihn anzufallen were nicht rahtsam. Man müste sich
bemühen die Heupter des Jüdischen Volkes / unter derer Gebiet er sich begeben
/entweder mit guhten / oder mit Dreuworten zu bereden / dass sie ihn ihren Händen
gebunden überantworteten. Auf solche Weise weren sie vergewissert / dass er ihnen
keinen Schaden mehr zuzufügen vermöchte. Und alsdan könten sie mit diesem ihrem
Wühtriche /ja mit diesem mehr als verteufeltem Menschen / seinen Ubermuht zu
stürtzen / nach eigenem Belieben das Garaus spielen.
    (23) Hiermit war der Endschlus getroffen. Hiermit nahm das Rahtschlagen ein
Ende. Ja hiermit war die Glokke / die dem Simson zu Grabe leuten sollte
/gegossen. Iederman stimmete mit zu. Iederman freuete sich über diesen so
grossmühtigen Anschlag. Ja sie frohlokketen dermassen / als hetten sie den
gebundenen Simson schon in ihren Händen. Etliche waren zugleich auf Strükke
bedacht / die stark genug sein möchten ihren algemeinen Feind zu binden. Andere
bekümmerten sich schon / was für einen Tod man ihm antuhn sollte. Die gewöhnliche
Weise Menschen hinzurichten / sagten sie / were für einen solchen greulichen
Wühterich alzuguht / alzugnädig / alzuehrlich. Eine ganz ungewöhnliche / ganz
grausame / ganz schänd- und schmähliche müste von neuem erfunden werden.
    (24) Also bekümmerten sie sich üm die unausgebrühteten Küchlein / ja selbst
üm die ungelegten Eier / eben als jener Meisterkoch / wie man sie zurichten
sollte. Also berieten sie sich / wie die Herren von Schilde / was man dem Kräbse
/ den sie noch nicht gefangen / für einen Tod antuhn sollte. Also hielten sie
Raht / eben als die Rahtsherren von Witzenburg über jene vor ihrer Festung
liegende Roche / wie sie aus dem Wege zu reumen; da sie doch niemand / als einen
so stachlichten Feind / antasten durfte. Ja ihre Gedanken waren mit so vielerlei
Anschlägen geschwängert /und so aufgeblasen / wie jener aufgeblöhete trächtige
Berg / der endlich nichts / als ein einiges lächerliches Meuslein gebahr. Es
ward / in ein Wort den ganzen Handel zu fassen / aus allen ihren
aufgeschwollenen Rahtschlägen zuletzt nichts / als ein schimpfliches Pfudichan.
    (25) Solchen grossmühtigen Rahtschlus nun auszuführen brachte man in der Eil
ein Heer von etlichen tausend Kriegsleuten zusammen. Hierzu warden die kühnesten
/ die tapfersten / die ansehnlichsten der Eingebohrnen erkohren. Nichts / als
lauter versuchte Helden / die ihrem Feinde die Spitze zu bieten / ja selbst
abzubeissen gewohnet / wollte man haben. Nichts / als eitel Muhtlinge / als eitel
Tapferlinge / als eitel Wagehälse / warden zu diesem Kriegszuge genommen. Ja man
stellete selbst vor iede Heerschaar /ihr Ansehen üm so viel erschröklicher zu
machen / allezeit ein Glied Enakskinder. Diese sollten ohne Zweifel / durch ihre
so ungeheure Grösse / so ungemeine Stärke / den Filistern zu Schutzwehren
dienen.
    (26) Mit dieser Heersmacht brach man plötzlich auf. Man zog trotziglich
fort. Man rükte ganz unvermuhtlich / ohne einigen vorangeschikten Heerold / auf
das Jüdische Land zu. Alda schlug man / in den Grentzen / das Läger auf. Man
stellete sich / als hette man vor einen feindlichen Einbruch zu tuhn; und hierzu
ward auch die Anstalt schon gemacht. Die Heupter des Jüdischen Volkes erschraken
hierüber nicht wenig. Es kahm ihnen dieses Beginnen ganz unverhoft. Daher
wussten sie nicht / weder was sie tuhn /noch was sie sagen sollten. Sie konten
nicht begreiffen / aus was für einem Einflusse diese Kriegesfluht auf sie
zugeströhmet kähme.
    (27) Weil nun keine Zeit da war sich lange zu bedenken / so schikten sie zur
Stunde Gesanten zu den Filistern / die Uhrsache eines so unversehenen /als
unverschuldeten Uberfalles zu erfahren. Denen ward geantwortet: man hette diesen
Kriegeszug nicht unversehens / noch ohne gegebene Uhrsache begonnen. Schon
vorlängst hette sie Simson / durch seinen übermachten Frefel / gleich als bei
den Haaren darzu gezogen. Bisher hetten sie zwar durch die Finger sehen / und
sich erbärmlicher Weise zausen lassen müssen; weil ihnen Gelegenheit und Macht
gemangelt sich zu rächen. Ja sie hetten schier alzulange stille gesessen. Schier
alzulange hetten sie diesen Muhtwillen / diesen Unfug / diese Wühterei erduldet.
Aber nunmehr sei die Zeit ihrer Rache geboren. Nunmehr hetten sie beschlossen /
sich / ihres Schadens wegen / an ihnen zu erhohlen; weil derselbe / der sie
beschädiget / nicht allein aus ihren Bluhts- und Bundes-verwanden entsprossen /
sondern auch bei ihnen selbst seinen Unterschleuf hette.
    (28) Die Gesanten des Jüdischen Stahts trachteten zwar ihre Heupter auf das
beste zu entschuldigen: indem sie vorwendeten / sie hetten von allem / was
Simson bei den Filistern irgend möchte verübet haben / nicht die geringste
Wissenschaft. Viel weniger weren sie / noch iemand anders aus dem ganzen Stamme
des Juda zu bezüchtigen / dass er von daraus zu solchem Muhtwillen angereitzet
worden / oder einigen Vorschub empfangen. Zudem hette man den Filistern / als
Oberherren / die aufgelegten Schatzungen iederzeit willig entrichtet. Auch were
man ihnen in keinem Dinge zuwider / sondern vielmehr in allem zu willen gewesen.
Dass nun Simson sich mit der Flucht unter ihre Bohtmässigkeit begeben / da könnte
man nicht vor. Die Stahtsheupter wüsten auch darvon noch zur Zeit nichts. Und
also hetten die Filister ganz keine rechtmässige Uhrsache / die so gar
Unschuldigen mit Kriege zu überziehen.
    
    (29) Aber mit allen diesen Entschuldigungen / mit allen diesen auf die
lautere Wahrheit gegründeten Gegenwürfen richteten sie gleichwohl nichts aus. Es
half alles ganz nichts / was sie / den Krieg abzuwenden /vorwendeten. Die
Filister blieben gleichwohl noch immerzu fest und steif auf ihrem Vorsatze
stehen. Das Haus des Juda / sagten sie / hette sich /dieses allerrechtfärtigsten
Krieges wegen / über niemand anders zu beschweren / als über den einigen Simson:
der itzund / nachdem er sie so gar hoch beleidiget / dass seine Beleidigungen
kein Ziel / noch Masse gehabt / unter desselben Beschirmung sich aufhielte. Der
einige Simson sei es / den man suchte. Er allein were das einige Ziel / das man
zu erreichen /ja gar zu vertilgen trachtete. Weil nun dieses Ziel itzund nirgend
anders zu finden / als im Jüdischen Lande; so würde freilich dasselbe mit dem
Simson / als die Zielscheibe mit dem Ziele / zugleich herhalten / und den
angedreueten Schus ausstehen müssen.
    (30) Hierzu fügten sie noch dieses. Die Filister könten anders nicht tuhn /
wan sie das unerträgliche Joch des Simson einmal abstreiffen / und dieses
vierschröhtigen verteufelten Unmenschen / in den alle Geister aus der Hölle
gefahren zu sein schienen / los sein wollten. Ja sie würden gezwungen diesen
ihren algemeinen Feind / durch des Jüdischen Volkes algemeine Niederlage / zu
erlegen: weil man ihm sonst / seiner so gar gewaltigen ungeheuren Stärke wegen /
dadurch er ein mächtiges Riesenheer selbst trotzen dürfte / in einem
absonderlichen Streite / keines Weges obzusiegen vermöchte.
    (31) Durch diese und dergleichen Scheindreuungen trachteten sie das Jüdische
Volk zu überpochen / und in ein solches Schrökken zu jagen / dass sie ihnen den
Simson üm so viel williger / ja von sich selbst / und zwar gebunden
ausantworteten. Dahin allein zieleten auch alle ihre Gedanken. Dahin gingen alle
ihre Anschläge. Dieses war ihr einiges Begehren: wiewohl sie es öffendlich nicht
sagen durften; weil sie sich ohne Zweifel ausgelachet zu werden befahreten /dass
sie mit einer so mächtigen Krieges-rüstung /nichts anders auszurichten / als
bloss allein einen Gebundenen abzuhohlen / angezogen kähmen.
    (32) Niemand trotzet und pochet mehr / als ein Verzagter / wan er märket /
dass man sich für ihm fürchtet. Niemand ist übermühtiger / als ein Feiger /wan er
sieht / dass er mit einem Schüchternen zu tuhn hat. Ein solcher ist eben / als
ein klaffender Bauerhund / der es nicht eher wagen darf einen Bätler zu
verfolgen / viel weniger anzufallen / als wan er sieht / dass er / aus Furcht /
für ihm lauffet. Alsdan eilet er erst / mit grossen Sprüngen / hinter ihm her /
nicht anders / als wollte er ihn straks zerreissen. Kehret aber der Bätler sich
wieder nach ihm zu / ob er schon stehen bleibet / und ihm seinen Bättelstab nur
weiset; dann nimt er / mit noch viel grösseren Sprüngen /gleich als flügende die
Flucht / ja schreiet zugleich für grosser Angst / als hette der Schlag oder Wurf
ihn schon getroffen.
    (33) Solche tapfere Leute waren auch die Filister. Weil sie sahen / dass die
Jüdische Völkerschaft sich für ihnen scheuete / dass sie / aus Furcht üm schönes
Wetter baht; da war niemand / der mehr schnauben / schnarchen / pochen / und
trotzen konnte / dann eben sie. Und hierdurch gelangten sie auch vollend /und so
leichtlich / als sie selber wünschten / zu ihrem verlangten Zwecke. Die
Heupter des Jüdischen Stahts / samt allen Einwohnern / erschraken nicht wenig /
als ihnen die Dreuworte eines solchen Volkes / dessen wühterische Herschaft sie
seine Grausamkeit eine lange Zeit her genugsam fürchten gelehret / so
uhrplötzlich zu Ohren kahmen. Der Muht / der bei währender ihrer Leibeigenschaft
schon zu erschlappen gewohnet / entfiel ihnen vollend so gar / dass sie wider
dieselben / unter derer Gewaltzwange sie zappelten /zum Schwerte nicht greiffen
durften.
    (34) So hatten die Filister gewonnenes Spiel. Die Oberheupter des Jüdischen
Stahts krochen zum Kreutze. Sie begingen eine schändliche Tohrheit. Auf das
höchste warden sie undankbahr / untreu / und ehrvergessen. An statt / dass sie
ihren von GOtt bestimmten Richter / ja Erlöser und Heiland mit gewafneter Hand
hetten beschirmen sollen / erbohten sie sich selbst ihn zu verrahten / ihn zu
verkauffen / ihn in der Filister Gewalt zu schaffen. Sie selbst wollten hinziehen
ihn zu greiffen / ihn zu binden / und in ihr Läger zu führen. Sie / die Filister
/ sollten anders nicht eine Hand anschlagen / als ihn aus ihrer Hand zu
empfangen. Der Jüdische Staht sollte / durch seine Völker / alles allein tuhn.
    (35) Niemand war froher / als die Filister /denen ihr Anschlag so wohl
gelungen; denen ihr Trotz einen so gewünschten Ausschlag erworben. Sie
versicherten zugleich die Unterhändler aus dem Stamme des Juda / sofern sie ihr
Anerbieten erfülleten /und ihnen den Simson gebunden aushändigten /dass sie
alsdan nicht allein friedlich abziehen / sondern auch mit den Eingesässenen des
Jüdischen Stahts einen ewigen Bund / zu unterlicher unzerbrüchlicher
Freundschaft / aufrichten wollten. Ja sie weren gesonnen / zur Bestätigung
solches Bundes / durch das Bluht des Simsons dieselbe Feuersbrunst / die zu
ihrem algemeinen Verderben albereit zu flammen begonnen / gäntzlich zu dämpfen.
So warden dann Herodes und Pilatus Freunde.
    (36) Imfal sie aber / setzten sie hinzu / ihr Anbot zu volziehen verseumeten
/ und den Simson etwan / aus Verweilung oder Achtlossheit / entschnappen liessen;
alsdan sollte Schwert und Feuer ihre geringste Strafe sein. Alsdan wollte man den
Jüdischen Staht mit lauter Niederlagen / mit lauter Verheerungen erfüllen. Eher
wollte man nicht aufhören /als bis man alles / Volk und Städte / Männer und
Frauen / zu grunde vertilget. Selbst die Kinder sollten in der Wiege getöhtet
werden. Selbst die Seuglinge sollten an der Mutter Brüsten durch die Schärfe des
Schwertes fallen. Niemand sollte frei ausgehen / auch nicht einer.
    (37) Hierauf warden dann aus dem Stamme des Juda von Stunden an drei tausend
bewehrter Männer versamlet. Von Stunden an brach man auf. Eilend rükte man fort
/ und begab sich nach der Etannischen Steinkluft zu. Alda belustigte sich Simson
/ seiner Gewohnheit nach / eben mit dem Gesange der Vogel /als er dieses Heer im
Anzuge begriffen sah. Straks ahnete ihn / dass es auf seine Haut angesehen. Zur
Stunde fiel ihm ein / was sich unlängst in der Luft mit den Vogeln begeben; was
sich mit dem Steinadler zugetragen. Und darüm ging er dem Heerszuge selbst
entgegen. Er wollte sich gleichsam selbst darstellen: damit man der Mühe / nach
ihm zu suchen / nicht nöhtig hette.
    (38) Nachdem des Jüdischen Stahts Heerführer den Judaskus und Grus abgeleget
/ da fing er / ohne weitere Vorsprache / zum Simson straks an. »Wir seind
ausgezogen« / sagte er / »dich zu suchen. Wir kommen dich zu greiffen. Unser
Befehl ist dich zu binden. Darüm gib dich nur straks gefangen. Sperre dich nicht
lange. Du bist in unserer Gewalt. Du bist schon so guht / als gefangen. Hier
seind auch schon die Strükke dich zu binden. Du must mit. Da hilft nichts für.«
    (39) Weil nun Simson die Uhrsache zu wissen begehrte / fuhr der Heerführer
weiter fort. »Du bist ein Friedenstöhrer. Du machest uns Ungelegenheit. Du tuhst
nicht was dir / als einem Eingebohrnen des algemeinen Israelischen Stahts /
geziemet. Deine Verwägenheit / deine Tolkühnheit / dein Frefel / dadurch du /
aus unzeitiger Rache / die Filister uns auf den Hals hetzest / zerstöhret
unseren Frieden / unsere Ruhe / unsere Wohlfahrt. Du weist sehr wohl / dass die
Filister über uns herschen; dass wir ihre Gefangene / ja Leibeigene seind. Doch
gleichwohl zörgest und erzürnest du sie täglich. Bedenkest du dann nicht / dass
wir / als Gebundene / nicht mächtig sein würden uns zu wehren / wan sie uns
etwan / deiner Frefelstükke wegen / überfielen / wie sie dann schon beinahe
begonnen?«
    (40) »Ich gestehe zwar« / fiel ihm Simson in die Rede / »dass ich die
Filister zimlich hart und mit scharfen Kämmen gestriegelt. Aber daher haben sie
keine Uhrsache den Stam des Juda feindlich anzufallen. Wollen sie sich / als
rechtschaffene Leute / an iemand rächen / so mögen sie es an mir tuhn: an mir /
sage ich / der ihnen anders nicht getahn / als wie sie erstlich mir tähten;
indem sie mich zum höchsten beleidigten.«
    (41) »Gleichwohl stehen sie in dem Argwahne« /fing ihm der Heerführer das
Wort auf / »dass wir dich darzu angereitzet. Und dass sie solches argwähnen ist
nicht fremde: weil sie wohl wissen / dass wir ingesamt / gleich als gefangene
Räphühner / in ihren Raubklauen elendiglich zappelen / und nach irgend einer
Erlösung seufzende verlangen. Ein Wühterich / der sich beleidigt befindet /
gleubet gar leichtlich; dass dieselben / die sein Joch widerwillig tragen / die
Beleidigung angestiftet: zumahl wan der Beleidiger ihnen verwand / oder bei
ihnen seinen Aufentalt hat.
    (42) Wie nun dieses wahr ist / so ist es auch wahr /dass ein Beleidigter /
der einen mächtigen Nachdruk hat / seine Rachbegierde / an wem es ihn müglich
dünket / zu sättigen suchet. Ja er rächet sich wo und wie er kann / imfal er
nicht kann / wo und wie er sollte. Weil die Filister dir nichts abzuhaben vermögen
/ oder vielleicht aus Hochmuhte / oder aber aus Schaamröhte sich an einen
einigen Menschen / dessen mächtige Stärke sie kennen / mit etwan einer
gewaltigen Kriegsbereitschaft nicht machen wollen / oder auch nicht dürfen; so
dreuen sie solches an uns zu tuhn: weil du uns nicht allein mit
Bluhtsfreundschaft verwant werest / sondern auch noch darzu deinen Unterschleuf
bei uns / als deinen Verhetzern / hettest. Ja sie wollen lieber am ganzen
Stamme des Juda ihr Mühtlein kuhlen; indem sie desselben Einwohner /als
Aufwügler / auf derer Anstiftung du wider sie aufgestanden / beschuldigen.
    (43) Was ich alhier sage / rühret aus keiner blossen Muhtmassung her. Wir
seind noch itzund erstaunet: noch itzund gällen uns die Ohren von den
erschröklichsten Dreuworten / welche sie wider uns ausgelassen: indem sie uns
vorhielten / dass ihr Rachzorn /der sich wider dich entzündet / über uns / als
Anstifter und Beschirmer deiner Bosheit / auf das allergrimmigste sich
ausstürtzen sollte; sofern wir ihnen nicht behülflich sein würden ihn über dich
auszugüssen. Darüm kann uns dann niemand verdenken / wan wir unsere algemeine
Wohlfahrt der absonderlichen deinigen vorziehen.
    (44) Einen einigen Menschen zu erhalten mus ja die Erhaltung eines ganzen
Stahts mit nichten verwahrloset werden. Es ist allezeit besser / den Abschnit
eines einigen Gliedes erdulden / als üm dessen Willen den ganzen Leib lassen
verloren gehen. Wan es ie scheinen möchte / dass wir wider die Schuldigkeit /
damit wir dich zu beschirmen verbunden / gehandelt; so wird die Pflicht / die
uns zur Erhaltung des ganzen Stahts noch vielmehr verbindet / unsre Verrähterin
sein. Es were ganz unbesonnen gehandelt / wan ein Abgematteter / und darzu
Gefesselter / dem es an Macht und Muhte mangelte / mit einem Starken und
Mächtigen / der beide Feuste frei hette / zu streiten sich unterfangen wollte.
Wir seind / wo nicht an Händen und Füssen / doch an Macht und Muhte gefesselte
Leute. Darüm tähten wir töhricht / wan wir der freien Gewalt und dem Befehle der
Filister uns widersetzten; und üm deinet willen uns ihre Waffen über den Hals
zögen.«
    (45) Weil nun Simson / aus Eingebung des Geistes GOttes / wohl wusste / was
ihm und den Filistern begegnen sollte; so gab er hierauf / mit einem ganz
freudigen Muhte / zur Antwort. »Mit eurem Verderben« / sprach er / »ist mir
nicht gedienet. Euer Untergang kann mir nichts helfen. Unter einem so
gefährlichen Schutze will ich meine Sicherheit nicht suchen. Unter einem so
töhtlichen Schatten will ich nach meiner Beschirmung nicht trachten. Vielmehr
sollte mein Tod das Lösegeld sein für eure Freiheit / für eure Wohlfahrt; wan
diese hierdurch zu erkauffen stünden. Bedenket euch dann nicht lange dasselbe zu
tuhn / was ihr zu tuhn gezwungen werdet. Bekümmert euch nur nicht / dass der
Nohtzwang euch treibet mich den Filistern zu übergeben. Ich / weil ich den
Willen GOttes / und sein Vorhaben / in dieser Sache /wohl weis / bin hierzu
willig.
    (46) Wüstet ihr dieses / ja wüstet ihr / was der Himmel über sie beschlossen
/ ihr würdet euch für den Dreuworten dieses entrüsteten / wiewohl sonst
ohnmächtigen Völkleins / das nur ein Schaum / ein Auskehricht von andern Völkern
ist / nicht entsetzen. Das Buch der Schlüsse GOttes ist mit dunkelen Buchstaben
geschrieben. Das Verzeichnis seiner Vorsehung ist sterblichen Augen unleserlich.
Menschlicher Verstand verstehet auch beider Sprache nicht: es sei dann / dass ihn
GOTT darzu erleuchtet. Köntet ihr diese zwo GOttes eigenhändige Himmelsschriften
/darinnen alles / was so wohl GOtt / als die Menschen untereinander verrichtet /
und noch täglich verrichten /verfasset stehet / mit erklährten und von GOtt
selbst gleichsam gelehnten Augen und Verstande / durchschauen; so würde
gewislich euch unverholen sein /dass die Almacht GOttes diese Bösewichter / als
seine und unsere Feinde / spohrenstreichs in ihr eigenes Verderben zu rennen /
eben itzund wo nicht selbst antreibet / doch durch ihre Bosheit angetrieben zu
werden verhänget.
    (47) So fanget mich dann nur immerhin. Bindet mich nur immerhin. Führet mich
nur immerhin /wohin ihr mich zu führen versprochen. Aber schwöhret mir zuvor /
dass ihr mich nicht töhten /noch mir wehren wollet. Lebendig / wiewohl gebunden /
solt ihr mich ihnen aushändigen. Ich weis schon / was ich tuhn will. Ich will
ihnen solcher Gestalt mitfahren / dass sie in der Taht erfahren sollen / ich habe
/mit dem ersten Geisteinhauchen / nur zu dem Ende das Leben empfangen / dass ich
eine lebendige Geissel / eine lebendige Striegel dieser losen Völkerschaft sein
sollte / ja ihnen den Machtstab der Herschaft selbst / deren sie sich über eure
Freiheit gewalttähtig angemasset / aus der Faust rükken. Und eben darüm ist meine
Rache / die ich albereit wider sie ausgeübet / ungleich grösser und Schärfer
gewesen / als sie /nach dem ebenmasse des Unrechts / welches sie mir zugefüget /
sein sollen.
    (48) Aber ich will sie nunmehr / da sie / mit einer so gewaltigen Zurüstung /
auf meinen Tod lauern / noch viel härter antasten. Ich will sie so geisseln / so
peitschen / so striegeln / so räffeln / so hecheln / so zerpoken / so zerplauen
/ so zerstauken / dass sie es fühlen /ja mit Leidwesen gewahr werden sollen /
solche ihre Zurüstung sei ihnen selbst / und nicht mir zum Tode gediehen. Dis
Ungewitter / das wider euch aufgezogen ist / will ich / durch meine Stärke / bald
zerschlagen /bald verjagen. Ja ich will die Filister Schlagende schlagen / ich
will sie so schlagen / so will ich sie klopfen / so will ich sie zermalmen / dass
keiner / wan es mir beliebet / auch nicht einer / es nachzuerzehlen /entrinne.«
    (49) Mit diesen letzten Worten / die als ein Donner von seiner Zunge
rolleten / und gleich den Donnerkeulen aus seinem Munde brummeten / begunte die
Peitsche seiner Rache schon zu klatschen / Ja die Kraft / die in ihm zu streiten
pflegte / begunte sich schon zu bewegen. Seine ganze Gestalt entstellete sich.
Alle seine Gebährden veränderten sich. Sein ganzes Wesen ward erschröklich.
Seine Wangen feuerten. Seine Stirne glühete. Sein Ahtem hitzete. Seine Augen
flammeten / wie die Augen eines ergrimmeten Leuens. Er schüttelte die Aerme /
wie ein muhtiger Kampfhahn die Flügel / wie ein gezörgeter Leue die Mähne. Alles
/ was an und in ihm war / rüstete / wo nicht vielmehr entrüstete sich dermassen /
als hette er seine Feinde schon erblickt.
    (50) Uber solchen so erschröklichen Anblik entsatzten sich dieselben / die
ihn zu binden bestimmt waren / so heftig / dass sie nicht herzunahen / viel
weniger ihn angreiffen durften. Ja sie entsatzten sich noch vielmehr / und
warden zum höchsten bestürtzt /als sie sahen / dass er selber / sich binden zu
lassen /so vol Muhtes nach ihnen zutraht: dass er selber dieselben Heldenhände /
die so manchen Feind geschlagen / die Bande zu empfangen / mit solcher
Freudigkeit ausstrekte; eben als hetten sie ihm zur Siegespracht dienen sollen.
Auch sollten sie es in der Wahrheit tuhn. In der Wahrheit sollten sie ihm den Sieg
/darüber er mit so vielen Zeichen seiner Tapferkeit zu prangen versichert war /
zu wege bringen.
    (51) Also ward dann ein zweifacher Strük / der erst aus des Seilers Hand
gekommen / und noch niemahls genützet worden / üm dieselben Hände / die würdiger
waren den herrlichsten Reichsstab der Welt zu führen /geschlagen. Also ward dann
derselbe / den man auf den Richterstuhl des ganzen Israelischen Stahts setzen
sollen / von seinen eigenen Landesleuten / ja eigenen Bluhts-Freunden ihrem
algemeinen Feinde selbst verrahten / ja selbst zugeführet. Also ward dann
derselbe /der von GOTT selber zum Erlöser und Heilande seines Volkes bestimmt
war / von eben demselben seinen eigenen Wühterichen / den Filistern / zur
Schlachtbank / gefänglich und gebunden ausgehändiget.
    (52) Hier sehen wir abermahl an diesem Irdischen Simson ein recht ähnliches
Vorbild des Himlischen. Beider Begäbnisse gleichen einander / in diesem Stükke /
so eigendlich / als schier ein Ei dem andern. Simson wird alhier durch seine
eigene Landesleute / die Jüden / ausgespühret /und verrahten. Dreitausend aus
dem Stamme des Juda suchen / fangen / und binden ihn / mit zween Strükken. Das
lesset er alles williglich zu. Ja er geht ihnen selbst entgegen. Sie lohnen
ihrem Landesbeschützer / ihrem Erlöser / wie die Welt zu lohnen pfleget. Sie
überantworten ihn gebunden in die Bluhtdürstigen Hände der Heidnischen Filister.
    (53) Eben also ward der Himlische Simson der Heiland und Erlöser der Welt
JESUS /von seinen eigenen Landesleuten / von eben denselben Jüden ausgespühret /
und verrahten. Ja Judas sein eigener Lehrjünger / musste der Rädelsführer in
dieser Verräterei sein. Der Jüdische Hohepriester lies Ihn ausstankern. Darüm
hies er auch /wie er in der Taht war / Kaifas / das ist ein Spührhund. Die
ausgeschikten Jüden suchten /fingen / und banden Ihn. Ja Er ward mit zween
Strükken gebunden: indem Er zweierlei Leiden / eines innerlich an der Seele /
das andere von aussen an seinem allerheiligsten Leibe / damit wir so wohl des
Leibes / als der Seelen Säligkeit teilhaftig würden / ausstehen musste. Auch gab
Er sich guhtwillig in diese Bande; ja er ging ihnen selbst entgegen: damit Er
unsere Sündenbande los- und unsere Seelen in das Bündlein der Lebendigen
einbinden / ja uns selber /mit ungebundenen Händen und Füssen / zur ewigen
Freiheit / Ihm mit ungebundenen Zungen zu danken /einführen mochte. Sein eigenes
Volk schleppete Ihn gebunden vor den Heidnischen Landpfleger / den Pilatus. Man
überantwortete Ihn in der Röhmer Hände. So mussten sich an Ihm Jüden und Heiden
/gleichwie am Simson veigreiffen.
    (54) Sobald die Filister von Ferne den gebundenen Simson erblikten / fing
ihr ganzes Läger an lautbar und rege zu werden. Das jauchzen /das frohlokken /
das Händeklopfen / das hüpfen / das springen hatte kein Ende. Sie brachen straks
auf. Zur Stunde zogen sie ihm mit einem grossen Getümmel /als unsinnige Menschen
/ entgegen. Einieder wollte der erste sein dieses lebendige Wunder
unüberwindlicher Stärke gefangen / gebunden / bestrükket zu sehen. Einieder
schärfete seine Zunge / wetzete seine Lippen ihn mit den allerstachlichsten
Hohnworten /und allerspitzigsten Schmaachreden zu empfangen. Ja sie waren alle
bedacht mit was für einem schmähliehen Tode man ihn hinrichten sollte. Alle
verlangten mit übermässiger Begierligkeit in seinem Bluhte die wühterischen
Feuste zu waschen.
    (55) Aber sie waren ihm kaum etwas näher gekommen / als sie des Simsons
erster Anblik schon dermassen erschrökte / dass sie schier alle zu stutzen /wo
nicht gar zu Bodem zu fallen begunten. Das Wetterleuchten seiner Augen / das
Schnauben seiner Nase / das Ahtemblasen seines Mundes / das düstere Gewölke
seiner Stirne schienen Vorzeichen zu sein eines heftigen Sturmwetters / das über
sie bald ausbrächen würde. Das schütteln seiner Schultern / das schlänkern
seiner Arme / das bewegen seiner Feuste / ob sie schon gebunden waren /
entertzte die Behertztesten so gar / dass sie nicht wussten / ob sie warten /
oder flühen sollten.
    (56) Endlich / als sie dieses grimmigen Anblikkes gewohnet warden /
schöpften sie gleichwohl wieder so viel Muhtes / dass sie mehr und mehr auf ihn
zurückken durften. Da dreueten ihm die Muhtigsten / mit entblösseten Schwertern.
Andere / welche die Waffen auf ihn zu zükken nicht behertzt genug waren / gaben
der Zunge Luft mit spitzigen Spotreden auf ihn losszustechen. Unterdessen stunden
sie / wie grossmühtig sie scheinen wollten / dannoch allesamt auf der Kippe. Alle
lauscheten und lauerten / wo es hinaus wollte. Bewegte sich etwan Simson nur
einmal was heftig /da stekten sie zur Stunde Schwert und Pfeiffe wieder ein.
Einieder gedachte / nun würde der Schlagetantz /darzu man gepfiffen / angehen.
Einieder war auf ein guhtes Reisaus / auf einen sicheren Schlaufwinkel bedacht.
    (57) Nachdem nun die zwei Heere / das Filistische und Jüdische /
zusammengestossen / und Simson sich durch ein guhtes Teil der Filister ümringet
sah; da hielt er sich ganz eingezogen. Er stellete sich an / als einer / der
Hertz und Muht / Macht und Stärke verloren. Er schwieg / als ein Fisch. Er
stund / wie ein Stok. Er bewegte sich nährlich einmal. Doch die Augen gingen
ihm / und dreheten sich / als eines Uhrwerks Unruhe / von einer Seite zur
andern. Und dieses täht er nur darüm / damit er eine deszu grössere Mänge lokasen
/ und in seinen Garn-sak bekommen möchte. Eben darauf lauscheten und lauerten
auch seine so unstähtige Blikke.
    (58) Wie ein geübter Schütze sein angeschlagenes Vogelrohr / mit vielem
Schrohte geladen / nicht eher lossdrükket Feuer zu geben / als bis er / seinen
Schus üm so viel reicher zu tuhn / eine grosse Mänge Vogel auf einen Hauffen
versamlet sieht: also wollte Simson den mächtigen Nachdruk seiner Wunderkraft
auch nicht eher eusern / als bis er die Filister auf einen Hauffen
zusammengedrungen sah.
    (59) Wie ferner ein wohlabgerichteter muhtiger Jagtund / mit
niedergebogenem Kopfe / mit eingezogenen Schultern / Lenden / und Beinen / sich
dükket /und mit unverwanten Augen auf den Wink seines Herrn / der ihm anzufallen
gebieten soll / wartet; ja wie er / sobald dieser Wink geschehen / hurtig
aufspringet / von seinem Leitriemen / wo er nicht straks aufgelöset wird / sich
selbst lossreisset / und mit eben so schnällen Füssen / als Flügeln ein Vogel
durch die breite Luftgegend / über die Felder sich hinschwinget das Wild zu
erhaschen: also dükte sich gleichsam auch unser Held / mit eingezogenem Halse /
mit zusammengezogenen Schultern und Hüften / und wartete mit wakkeren Augen auf
den Götlichen Wink / der ihm / durch innerlichen Antrieb / befehlen sollte den
Anfal zu tuhn; ja er fiel in der Taht / sobald er diesen Wink / diesen Antrieb
spührete / nachdem er sich aus seinen Banden lossgerissen / muhtig auf den Feind
zu.
    (60) Es schien auch in Wahrheit / als hette Simson alhier / durch den Einzug
seiner Gliedmassen /zugleich seine von GOTT eingepflantzte Kraft / üm so viel
stärker und mächtiger zu sein / auf einen Hauffen zusammenziehen wollen: weil er
straks darnach /da er seine Zeit erwartet / und den Götlichen Antrieb in ihm
märkte / von seinen Banden / mit einem einigen und so gewaltigem Risse / sich
los machte / dass die Strükke nicht anders / als schwache Zwirnsfäden /welche die
Lohe versänget / oder als verstokte Strohhälmer / an seinen Händen zerbrachen.
    (61) Mit diesen von Simsons Händen abfallenden Strükken / entfiel zugleich
den Filistern der Muht. Ja die Furcht überfiel sie dagegen dermassen / dass sie
ihres übermühtigen Prahlens zur Stunde vergassen. Da ward das Lachen teuer. Da
hatte das Frohlokken / das Spotten / das Dreuen ein Ende. Da sah man das
Getümmel in einem Augenblicke gestillet. Da kroch ihnen der Schrik durch alle
Glieder. Da zitterten / da böbeten sie / ja erstarreten endlich. Da stunden sie
/ als lebendige Leichen; wo noch einiges Leben vor handen. Sie waren tohtenblas.
Sie schienen als erstorben; wo sie nicht schon gar toht waren. Zum wenigsten
hatten sie die Sinligkeit / die Empfindligkeit so gar verloren / dass sie nicht
fühleten / wie ihnen geschahe.
    (62) Ich rede nicht von den Verzagten und Feigen; die auch ein flatterndes
und klatterndes durch das geringste Lüftlein bewegtes Espenlaub erschrökket. Die
allermuhtigsten / die allerkekkesten / die allerverwägnesten selbst traf dieser
algemeine Schrik. Ob schon drei tausend gewafneter Kriegsgurgeln / den einigen
und darzu ganz Wehr- und Waffenlosen Simson zu verschlingen / in Bereitschaft
stunden; gleichwohl durfte sich nunmehr keiner von so vielen erkühnen den Streit
anzufangen. Ein ieder scheuete sich das Schwert wider ihn zu zükken; damit er
das Verhängnis / seinen Tod zu befördern / nicht etwan zörgete. So hatte sie
alle der Schrik übermeistert. So hatte sie alle die Furcht bezaubert. So hatten
sie alle die Hoffnung / ihm obzusiegen / verloren; indem sie ihn nunmehr frei
und von seinen Banden entbunden sahen.
    (63) Weil sie nun nicht stehen / noch streiten durften / auch nicht konten;
so war kein besserer Raht für sie / als / an statt der Bluhtfahne / das
Hasenfähnlein flügen zu lassen. Und dem zur folge warden sie schlüssig mit der
Flucht das Leben zu retten. Auch müste dieses von Stunden an geschehen / ehe
sich Simson / der noch ungewafnet war / etwan eines von ihren Schwertern
bemächtigte: damit er dann gewislich ein grosses Bluhtbad unter ihnen anrichten
würde.
    (64) Aber diese Feiglinge hatten nicht nöhtig sich zu bekümmern / dass ihnen
Simson irgend ein Schwert / wan sie zu flühen verweileten / mit Gewalt aus der
Hand reissen / und sich dessen zu ihrer Niederlage bedienen möchte. Ein solcher
Held / als er war / dessen Arm die Almacht GOttes selbst auf eine ganz
sonderliche / ja ganz wunderliche Weise stärkete / sollte sich eines solchen
Gewehres / das selbst die entertztesten Hertzen behertzt / und die
ohnmächtigsten Feuste mächtig zu machen pfleget / zuvoraus alhier / da sich
GOttes Wundertähtigkeit wollte blikken lassen / nicht gebrauchen. GOtt wollte
diesen Heiden / diesen Götzendienern / diesen Verächtern seiner Almacht sehen
lassen / wer Er sei / und was Er vermöchte: damit sie mit eignem Schaden klug
werden / und gestehen müsten / dass ausser Ihm kein GOtt sei. Und eben darüm
musste Simson alhier nicht durch gewöhnliche / sondern ganz ungewöhnliche
verächtliche nichtige Mittel eine so grosse Heldentaht verrichten.
    (65) Simson erblikte von ohngefähr alda einen faulen verlegenen
Eselskinbakken / den die Feulnis schon so brosch und mürbe gemacht / dass er zu
keinem Dinge tüchtig. Nichts konnte gewislich verächtlicher und nichtiger sein /
als ein solcher abgefleischeter und schier halb verweseter Knochen von einem so
tummen / so faulen und trägem Viehe. Gleichwohl hub er ihn auf / und gebrauchte
sich dessen an Schwertes statt. Hiermit ermante sich unser Sonneman / als ein
Held. Hiermit drung und schwung er sich mitten in den Feind / da er am dikkesten
stund. Hiermit zertrente er die Glieder in einem Augenblicke dermassen / dass das
ganze Heer in Unordnung geriet. Ja er hieb hiermit / als mit einem
Schlachtschwerte /er schlug hiermit / als mit einem Streitammer / ganze
Glieder zu beiden Seiten nieder. Die Streiche / die er gab / waren so gewaltig /
und geschahen so geschwinde / dass die Gefälleten schier so viel Zeit nicht
hatten sie zu fühlen. So gar plötzlich entfuhr ihnen die Seele.
    (66) Ein Schnitter zükket / mit geschwinden Zügen / seine Sichel durch die
Hälmer hin. Ein Meyer schwänket seine Sense / mit langgehohlten Streichen /durch
Grass und Kraut hin. Aber Simson zükte seinen Kinbakken weit geschwinder. Er
schwänkte ihn mit weit längeren Streichen. Und hiermit lag sein Schwaht in einem
Augenblicke volendet. Ruk und Zug / Knal und Fal war eins. Kaum begunte diese
Peitsche seines Zornes zu klatschen / da fielen die Filister hauffenweise schon
zu Bodem. Er fing kaum an dieses Schlachtzeichen zu geben / da war der Sieg
schon in seinen Händen.
    (67) Und also schien Simson sowohl ein lebendiges Ebenbild / als Werkzeug
des Todes zu sein: indem er mit seinem Kinbakken / eben wie jener mit seiner
Sense / das Leben verkürtzte / ja eine so reiche Leichenärnte verschafte. Wo
dieser Kinbakke / dem Simsons Wunderstärke so einen gewaltigen Nachdruk gab /
hintraf / da ward alles zerschmettert / alles zerknürschet / alles zermalmet.
Die Knochen zerknakten / die Haut ward zerklobet / das Fleisch zerknöhtschet /
ja die Seele selbst / samt dem Bluhte /mit Gewalt aus dem Leibe getrieben.
Einieder Streich / einieder Schlag gab einen Tohten / auch wohl zuweilen zween
oder drei zugleich. Ja einieder Schatte seines aufgehobenen Armes / wo er
hinfiel / war ein gewisser Vorbohte des Todes.
    (68) Etliche bekahmen einen solchen Schlag über den Kopf / dass ihnen hören
und sehen zur Stunde verging. Andern ward die Hirnschahle mit solcher Gewalt
eingeschlagen / dass das Gehirn / samt dem Leben / herausfuhr. Etlichen ward das
Angesicht so zerlästert und so übel zugerichtet / dass es keinem Angesichte mehr
ähnlich war. Andere / die den Arm / zur Beschirmung desselben / vorschlugen /
behielten gleichwohl ihre Menschengestalt nicht ungeschändet: indem vom
Kinbakken der Arm / und von diesem das Antlitz zerschellet ward. Etlichen geriet
der Schlag vor die Kniescheiben: die dann / mit zerknikten Kniehen / vor unserem
Helden einen Fussfal zu tuhn schienen. Andere / die / mit gebüktem Leibe / dem
Streiche zu entweichen gedachten / bekahmen ihn so hart auf den Bukkel / dass sie
in die Erde zu sinken / ja zugleich erschlagen und begraben zu werden
vermeinten.
    (69) Unterdessen stund das Heer des Jüdischen Stahts dichte darbei ganz
stil / und sähe diesem wunderseltsamen Schauspiele teils mit Lust / teils mit
grosser Bestürtzung zu. Keiner von allen hatte die geringste Vermuhtung gehabt /
dass ihre Verräterei den Filistern zu einer so gar grossen Niederlage gedeien
sollte. Doch / weil es so guht für sie sowohl /als den Simson ablief / wünschten
sie dem Obsieger / in ihren Gedanken / tausend und tausend mahl Glük. Ob sie es
schon öffendlich nicht sagten / so zeigten ihre Gebährden doch an / dass; sie es
den Filistern / als ihren Unterdrükkern / von Hertzen gönten.
    (70) Diese / die bisher / aus grosser Verzagteit / so stutzig und tutzig /
ja selbst so sinloss gewesen / dass sie auch gar ihr Leben mit der Flucht zu
retten vergessen / begunten nunmehr die Würkung der Sinligkeit wieder zu
spühren. Nunmehr warden sie erst ihrer übermässig grossen Niederlage gewahr.
Nunmehr sahen erst die noch Lebenden / welche das Unglück noch nicht betraf / den
grossen Hauffen ihrer Erschlagenen. Ja sie sahen / dass Simson ihre Spiesgesellen
zu schlachten noch immer fortfuhr / dass auch sie die Reihe bald treffen würde.
Daher entschlossen sie sich endlich zu flühen.
    (71) Aber es war schier zu lange geharret. Sie flohen zwar: doch nicht ohne
Gefahr und Furcht in diesem Augenblicke getroffen zu werden. So nahe schwänkte
Simson seinen Kinbakken hinter ihnen her! So nahe war er ihnen auf den Hakken /
dass sie ihre Füsse / für Angst / fast mehr hinter sich / als vorwärts
fortzusetzen schienen. Ja es schien / als weren ihnen die Beine / darnachzu /
aus Verzagteit / das Geblühte gesunken / vol Bleies gegossen. So gar schwerlich
kahm ihnen die Flucht an! So gar unbehände waren alle Gliedmassen! Auch
verhinderte zugleich der Angstschweis / dadurch ihnen die Hemder am Leibe
klebeten / ihren Lauf nicht wenig.
    (72) Also hatte dann Simson / der mit weiten / ja darzu schwippen und
hastigen Schritten ihnen nachsetzte / gewonnenes Spiel. Also ging ihm kein
Streich / kein Schlag / den er doch allezeit mit unaussprechlicher
Geschwindigkeit wiederhohlete / ja nicht ein einiges Augenbliklein verloren.
Die drangsäligen Schröklinge / so oft sie ihn seinen Kinbakken so unaufhöhrlich
/ als ein Drescher den Flegel / ja selbst mit viel geschwinderem Schwange
schwänken /schlänkern / schleidern / und die ihrigen damit so gar ungnädig
zerdreschen sahen / verfluchten allemahl dieselbe Kraft / die seinen Ahtem
verlängerte / die seinen Arm / seine Lenden / und seine Füsse so stärkete / dass
er niemahls weder mat / noch müde würde.
    (73) Zuweilen streichelte sie die Einbildung / dieser Menschendrescher habe
Feierabend gemacht. Er habe sie zu dreschen nachgelassen. Er sei müde sie zu
verfolgen. Aber sobald sie / im Zurükblikken / gewahr warden / dass die
Einbildung sie teuschete; da bemüheten sie sich noch vielmehr / als zuvor / ihre
Flucht zu beschleunigen. Und indem sie die von Angst und Bangigkeit lassen und
schweerfälligen Füsse nicht aufzuhöben vermochten / wie sie gerne wollten /
strauchelten / stulperten / und fielen manche plötzlich zu Bodem: da sie dann von
ihren eigenen nachlauffenden Spiesgesellen jämmerlich zerträhten /und dem Tode
zur Beute warden. Also sah sich Simson der Mühe sie zu schlachten überhoben.
Also musste die Flucht selber diesem unüberwindlichen Streiter die Anzahl
seiner Erschlagenen mehren. Also mussten sie selber ihm zur schiersten
Beförderung seines völligen Sieges dienen.
    (74) Unter währendem Schlagen / Schlachten / und Niedermätschen / ruhete
seine Zunge gleich so wenig / als der Arm. Er rief ihnen / zu ihrer Beschimpfung
/zu ihrer Hohnekkung / die allerstachlichsten / allerspitzigsten /
allerschmählichsten Worte zu: welche sie mehr schmertzten / als die Schläge
selber. Er schrie den Flühenden ohn Unterlass nach. »Ihr Blödlinge! ihr
Feiglinge! ihr Zaglinge! ihr Schröklinge! Wo ist nun euer Trotz? Wo ist nun euer
Heldenmuht? Ihr Aufschneider! ihr Prahler! ihr Grosssprächer! ihr Schnarchhänse!
ihr Windbrächer! ihr / die ihr dreuetet und pochetet / den ganzen Jüdischen
Staht / durch Vertilgung seines Volkes / über einen Hauffen zu werfen; warüm
flühet ihr nun / mit einer so mächtigen bewehrten Anzahl Volkes / für einem
einigen; und darzu ganz unbewehrten Manne? Pfui! pfui! Schähmet euch doch!
Kehret euch doch! wartet doch! Haltet doch Stand!«
    (75) Aber dieses Lumpengesinde hatte der Weile nicht sich zu erröhten / ja
noch viel weniger ümzukehren / zu warten / und Stand zu halten. Ie mehr Simson
rief / ie heftiger bemüheten sich die Filister zu flühen. Sie stelleten sich
taub / und noch darzu blind. Sie verstopften die Ohren; die Augen selbst hielten
sie zu: damit sie sein Hohnsprächen nicht hören / noch ihre so erschrökliche
Niederlage sehen möchten. Ja sie waren auch stum zugleich. Allen schien die
Zunge / welche sie kurtz zuvor so tapfer auf den gebundenen Simson losszogen
/gleich als were sie vom Schlage gerühret / ganz gelähmet / wo nicht gar
angewachsen. Kurtz / es war alhier für sie keine Zeit zu hören / zu sehen / zu
reden.
    (76) Dessen ungeachtet fing Simson gleichwohl immerzu wieder an. »Ihr
Schüchterlinge« / rief er mit hällem Halse / »ihr Flüchtlinge! für wem flühet
ihr? Für wem seid ihr so schüchtern? Dürft ihr nicht ümkehren / so sehet euch
doch nur üm. Bildet euch etwan die Furcht ein / dass eine grössere Heersmacht
/als ihr selbst habet / im Nachjagen begriffen; ei! so sehet doch / dass ich es
allein bin / der euch verfolget. Ihr alberne Tropfen! Ich bin es ganz allein.
Ich bin derselbe / den ihr fangen und binden zu lassen / ja wan ihr ihn gefangen
und gebunden / in eure Hänkersklauen bekommen / selbst zu erwürgen / mit einer
so mächtigen Kriegsrüstung / anher gezogen seid. Ich bin derselbe Simson / der
euch schon vor diesem so oft und so tapfer geklopfet / dass ihr auch deswegen /
euch an ihm auf das grausamste zu rächen / so grosse Grumpen vorgabet.
    (77) Ihr tummen Eselsköpfe« / fuhr er fort / »die ich auch darum mit keinen
andern Waffen / als hiesigem faulen Eselskinbakken / zu züchtigen würdig achte;
Wähnet ihr dann / dass ich euch / durch diese Schläge / bloss zum Lauffen / wie
irgend ein Eseltreiber die faulen Esel / antreiben / und nicht vielmehr eure
Tumheit abzulegen ermuntern will? Ist es nicht lächerrlich / dass ihr so verwägen
sein durftet dem ganzen Stamme des Juda Krieg anzukündigen / so fern er mich
eurer Grausamkeit / mein Bluht zu sauffen / nicht einhändigte; da ihr doch
nunmehr das Hertz nicht habet nur mir allein die Spitze zu bieten? Ja schämet
ihr euch nicht / dass ihr euch vermasset so vielen Spiessen und Schwertern die
Spitzen abzubeissen / und nun vor einem einigen elenden Eselskinbakken nicht
stehen dürfet? O ihr Eselsgezüchte! O ihr tummes / tutziges Lumpengesinde!
    (78) Solte wohl ehmahls / so lange die Welt gestanden / ein einiger
Kriegesman / ich schweige so viel / als ihr waret / vor einem so stumpfen / so
broschen / und darzu schier halb verwesetem Knochen /als dieser ist / den ich an
Schwertes statt führe / geflohen sein / gleichwie ihr tuht? O ihr ehrvergessene
Lotterbuben / wie trähtet ihr eure Ehre so schändlich mit flühenden Füssen?
Flühet nur wakker! Lauffet nur hurtig! Eilet nur tapfer / weil doch eure
Tapferkeit nirgend anders in / als hierinnen / bestehet! Also werdet ihr euren
Siegeswagen / darauf ihr über mich zu siegesprangen gedachtet / durch lauter
Esel gezogen /und mit Schimpf und Schande / ja mit Hohn und Spotte begleitet
sehen. Also werden euch / zu eurer Siegespracht / dieselben Ehrenseulen / da man
solche Ehrvergessene / wie ihr seid / zur Schaue pflegt anzuknüpfen /
aufgerichtet / ja meine Strükke / damit ihr mich binden liesset / üm eure Hälse
geschlagen werden.
    (79) Wie schön wird es zu eurem Nachruhme klingen / wan die Gassenlieder von
der Filister Verzagteit und Simsons Tapferkeit selbst bis in die späte Nachwelt
hinein erschallen werden? Wie mancher wird lachen / und eurer spotten / wan er
in den Geschichten lieset / dass der einige Simson mit einem einigen Kinbakken
eines tummen Lastviehes /so vielen tausend Filistern so schmähliche / so
töhtliche Bakkenstreiche gegeben? Werden nicht eure Kinder und Kindeskinder
selbst euch / als so gar furchtsame feige Mämmen / in euren Gräbern verfluchen?
Ja ich sage euch / diese schändliche Niederlage / die ihr selbst durch eure
Flucht veruhrsachet / wird man im Buche der Schanden / zu eurer ewigen Schande /
so lange die Welt stehet / aufgezeichnet / und auf Eselsheute geschrieben
finden.«
    (80) Unter diesen verzagten Flüchtlingen waren auch selbst die Riesen /
selbst die Enakskinder; welche die Filister / ihr Heer üm so viel erschröklicher
zu machen / gedinget. Einen von ihnen / der über zwölf Ellen gross / und einen
Spies führte /der eben so lang und drei Spannen dikke war / erblikte Simson eben
itzund / da er im Nachjagen begriffen. »Und du wilst auch flühen« / rief er ihm
nach /»du vierschröhtiger Pengel? Scheuest du dich auch /du erschrökliches
Ungeheuer? Getrauest du dich / mit deinem ungeheuren Spiesse / vor meinem
Kinbakken auch nicht zu beschirmen? Hierher! hierher geht der Weg! Du must mir
stand halten! Ich muss ein Fechtstüklein mit dir wagen! Mache dich nur färtig!
Ich bin schon bereit. Itzt soll der Schlag dich treffen.«
    (81) Indem Simson dieses sagte / kahm er dem Riesen so nahe / dass er ihm /
weil er sich eben bükte /mit einem einigen Streiche das Genikke zerknikte. »Da
liegestdu« / sprach er / »du Ungeheuer! Da liegestdu / du Babelscher Turn / über
einen Hauffen geworfen! Da hast du deinen verdienten Sold! Diene den Filistern
nun mehr wider den Simson. Sei ihnen mehr eine Schutzwehre / die sich selbst
weder schützen / noch wehren konnte. Also will ich allen deinen Mitgesellen / die
ich in der Flucht ertappe / mitfahren.«
    (82) Durch diese und dergleichen aufmutzende Stichelworte warden etliche von
den Filistern dermassen aufgereitzet / dass sie demselben / der mit der Zunge
sowohl / als mit der Faust sie so unaufhöhrlich verfolgete / Widerstand zu
bieten die Gedanken bekahmen. Aber diese Gedanken / weil sie in einem verzagten
Hertzen / durch Zutuhn des Zornes / empfangen warden / konten zur Ausgebuhrt /
volzogen zu werden / nicht gelangen. Die Verzagteit hatte so tieffe Wurtzeln
geschlagen / und war so mächtig / dass sie dieses Kind des Zornes noch in der
Mutter erstikte. So musste dann der Zorn / wie rasend er war / der Verzagteit die
Herschaft allein lassen.
    (83) Und also fand unser Siegesheld / in hiesiger Schlacht / ganz keinen
Widerstand. Ja ob schon zuweilen einer das Hertz hatte das Schwert wider ihn zu
zükken / so täht er es nur darüm / damit er den Streich des Kinbakkens auffangen
möchte. Aber dieses Auffangen bekahm ihm so übel / dass er gleichwohl das Leben
darbei einbüssen musste: indem sein eigenes Schwert ihm mit solcher Gewalt und so
tief in den Leib hinein geschlagen ward / dass das Bluht / mit der Seele /
zugleich herausschos.
    (84) Wan irgend ein Schlag / aus Ubereilung / oder der Ferne wegen / auf
einen zu schwach gefallen / dass er ihn nur zu Bodem / und nicht toht geschlagen;
so volendete dasselbe / was der Arm angefangen / der Fuss / mit einem so
gewaltigem Tritte wider die Brust des gefallenen / dass das Leben / wie fest und
tief es sass / gleichwohl / zusamt dem Bluhte / zum Halse heraus musste. Ja Simson
hette noch vielmehr erschlagen / wan die Mänge der Erschlagenen / darzu auch
endlich die Ermüdung kahm / seine sonst flüchtigen Füsse nicht verhindert den
flühenden Filistern mit schnällerem Lauffe nachzueilen.
    (85) Gleichwohl blieben auf der Walstat tausend Erschlagene liegen.
Gleichwohl stund nunmehr dasselbe Feld / das Simson mit seinem Eselskinbakken /
den er an Pflugschaares / an Seches statt führete /durch seine Wunderstärke
gepflüget / mit tausend Filistern / mit tausend Leichen besäet. Diese waren die
vielen Siegeszeichen / welche den herrlichen Sieg unsers unüberwindlichen
Siegesheldens verewigen / und ihm selber ein ewiges Gedächtnis stiften sollten.
Hierdurch erwarb er auch in Wahrheit ein solches unvergängliches Siegesgepränge
/ welches würdig war von den Augen der ganzen Welt / so lange sie stünde /
beschauet zu werden.
    (86) Als nun die Sonne / fast mehr vom zuschauen eines so rühmlichen / so
wunderbahren Heldenstreites / als vom Lauffen / ermüdet / sich zu neugen / und
nach ihrem Ruhbette zu eilen begunte; da machte Simson / vom vielen Tohtschlagen
ermüdet / seinen Feierabend. Er feierte vom Nachjagen der Filister. Er lies nach
/ ihnen das Flühen zu verbieten. Er hörete plötzlich auf / dis Unkraut zu
dreschen. Er stürtzte seinen Pflug / das Feld zu ihrer Leichensaat zu pflügen.
Er verhing seiner Faust / sie zu vertilgen /und seinen Füssen sie zu verfolgen /
den endlichen Anstand. Ja er selbst schikte sich ganz zur Ruhe. Und zu dem Ende
lies er sich / nahe vor dem Schlachtplahne / neben dem Heerläger des Jüdischen
Stahts / das auf die Volziehung seines Sieges gewartet / an einem begraseten
Hügel nieder.
    (87) Alhier war es / da Simson / des Fechtens sat / und mat / seinen
erfochtenen Sieg betrachtete. Alhier war es / da er / durch die Flucht der
erschrokkenen und überwundenen Feinde befriediget / die Zeichen seiner
unüberwündlichen Tapferkeit überschauete. Alhier war es / da er / durch die
Würkungen seiner unvergleichlichen Stärke wohlvergnüget / in guhter Musse / die
Mängen der erschlagenen Filister besichtigte. Ja alhier war es / da er / mit
überaus freudigem Hertzen / zu denen vom Stamme des Juda sagte: »Sehet! dort
liegen sie bei Hauffen. Dort liegen die Mängen der Erschlagenen. Dort liegen
dieselben /die mir den Tod dreueten / selbst in den Banden des Todes. Dort
liegen eure sowohl / als meine Feinde / ja die Feinde des ganzen Israels / die
sich vermassen euren Staht zu vertilgen / nun selber vertilget. Ich habe sie
vertilget. Ich habe / mit diesem Eselskinbakken tausend Filister erschlagen.
    (88) Hettet ihr wohl« / fuhr er weiter fort / »vor nur wenigen Stunden / als
ihr mich gefangen und gebunden den Filistern übergabet / die Einbildung haben
können / dass ich ihren Hochmuht dergestalt stürtzen / ihren Trotz dermassen
einknöbeln / ja sie so tapfer zerschlagen / zerschmeissen / zerblauen /
zerzausen / und gar / als einen Spielbal / dem Rachen des Todes zuwerfen würde /
wie ich itzund wahrhaftig getahn? Hettet ihr wohl gleuben können / dass derselbe
Simson / den die jüngstscheinende Mittagssonne ganz waffenloss / und anders
nicht / ja wohl mehr / als gefangen / mitten unter seinen so gewaltigen / so
bluhtdürstigen Feinden / mit traurigen Augen / erblikte / durch die Abendsonne /
so gar kurtz darnach / als ein Uberwältiger ihrer Gewalt / als ein Verheerer
ihres ganzen Heeres / als ein herrlich prangender Siegesfürst über tausend
Erschlagene / und zweitausend Verjagte / ja als ein rechter Sonneman /als ein
Held der Helden / als ein Ausbund aller Uberwinder / als ein Auszug aller
Hochmächtigkeiten / als ein Vertilger aller Bosheiten / als eine Geissel aller
Ubermühtigen / und als ein Schrik und Zierraht zugleich der ganzen Welt / auf
das allerruhmherrlichste würde gegrüsset werden?
    (89) Hat wohl dieses scharfsichtige Himmelsauge /so lange dasselbe den
Erdkreus bestrahlet / iemals gesehen / dass ein einiger / und darzu ganz
unbewehrter Man eine so herrliche Heldentaht / die mehr einer Goteit / als
einiger Menschheit zuzuschreiben / verübet? Hat wohl iemand irgendwo in der
ganzen Welt / so lange sie gestanden / iemahls von einem solchen Streiter
gehöret / der ihm / ganz allein / und mit keinem andern Kriegszeuge / als mit
einem nichtigen verächtlichen Knochen des nichtigsten und verächtlichsten
Lastviehes / das Ehrentohr zu so herrlichen Siegesgeprängen eröfnet / gleichwie
eben itzund ich getahn habe?
    (90) Ihr verwundert euch vielleicht / dass ich / zu einer so wüchtigen
Unterwindung / diesen sonst auch nirgendzu tüchtigen Eselsknochen erwehlet / und
nicht lieber einem Filister sein Schwert / mich dessen zu bedienen / entwältigen
wollen. Aber ihr solt wissen / dass Simson ein solcher ist / dessen ungewöhnliche
Stärke / die alles / was stark in der Welt ist / zu vertilgen vermag / selbst
aus dem Springbrunnen der Almacht entspringet. Und dem zur folge geziemet ihn
nicht mit Schwertern / oder dergleichen gewöhnlichen Kriegswerkzeugen / welche
die Kunst / Bluht und Leben aus dem Leibe zu jagen / vor schwache Feuste
gekünstelt / sich zu behelfen. Simsons streitbare Faust / die allen menschlichen
Feusten überlegen / richtet sich nach solcher gewöhnlichen Weise nicht. Auf eine
ganz übergewöhnliche / darüber man sich im Zeughause der Almacht selber
verwundert / werden ihre Siege behauptet.
    (91) Mit euren eigenen Augen habet ihr itzund die Meisterstükke meiner
Stärke gesehen. Und darüm müsst ihr dasselbe gleuben / was die Einbildung
selber / mit wie vielen / selbst unzehlbaren wunderlichen Sinbildern / sie
sonsten schwanger geht / als ein solches / das so gar weit über die Grentzen
der Mügligkeit hinschreitet / mit nichten zu begreiffen vermag. Ihr seid
Augenzeugen alles dessen / was itzund dieser Arm wunderwürdiges verrichtet. Ihr
seid Zuschauer gewesen eines solchen Schauspieles / das euch Simsons mehr als
menschliche Tapferkeit zu schauen gab / und welches so vol Wunder war / dass es
die Nachwelt / als ein Spiegelfechten / als ein Traumgesicht / ja wohl gar als
ein Lügengedicht und eiteles Mährlein / das etwan in einem müssigen Gehirne sich
entsponnen / aus der Zahl wahrhaftiger Begäbnisse vielleicht verbannen wird.
    (92) So wisset ihr dann nun / aus der Erfahrung /dass das Gerüchte / bei
künftigem Ausrufe meiner mehr als heldenmässigen Wundertaht durch den ganzen
Erdkreus / nicht treumen / noch lügen wird. Und wan euch irgend dünket / dass ihr
selber / unter währendem Treffen / getreumet; so sehet noch itzund die Mängen
der Erschlagenen / mit wachenden Augen /an. Da liegen sie noch / die meiner
gewaltigen Wunderstärke / wiewohl mit verstumten Zungen / das Zeugnis geben /
das ihr gebühret. Da liegen sie noch /als unbetrügliche Zeugen und Zeichen
meines ruhmherrlichen Sieges / vor euren Augen / den Glauben /der etwan in euch
wankelen möchte / zu befestigen.
    (93) Aber gedenket nicht / bei Betrachtung dieser nichtigen Leichen / dass
das Gedächtnis meiner Taht eben so nichtig sei / dass es / mit ihnen / verfaulen
/mit ihnen verschwinden / ja mein Ruhm / mit ihnen /verwesen werde. Die Taht
selber ist zwar schon /als ein Schatten / vorbei: aber ihr Gedächtnis wird
ewig tauren. Die Leichen selber werden zwar / wie Asche / zerstüben: aber
Simsons Ruhm wird ewig bleiben. Ja ich darf selbst sagen / dass Simsons
Nahmensgedächtnis erst recht anhöben wird berühmt zu werden / wan dasselbe so
mancher berühmter Helden / die iederzeit die Einbildung gehabt durch ihre Tahten
verewigt zu sein / sich schon vorlängst aufgehoben und verschwunden gesehen. Ich
will mehr sagen: nur der blosse Nahme Simson / wan man ihn nennen wird / wird
denselben dieser Helden dermassen verdunkeln / dermassen verkleinern / dermassen
vereiteln / dass er endlich gar aufhören wird gehöret zu werden.
    (94) Diesen durch meine Faust berühmten Nahmen werden künftig zu ewigen
Zeiten die Zungen der Sterblichen mit Verwunderung nennen / ihre Ohren mit
Bestürtzung hören / und ihre Gemühter mit sonderlicher Aufmärkung betrachten.
Auch wird dieselben / derer Augen ihn irgend in einer Schrift erblicken / eine
heilige Furcht überfallen. Diesen Nahmen werden alle Stämme des Volkes Israels
mit immerwährenden Lobgesängen verherrlichen / ja gar vergötlichen. Hingegen
werden die Feinde / so oft sie ihn nennen hören / darvor erschrökken. Zittern
und Zagen wird sie ankommen. Wie ein Donner wird er in ihren Ohren klingen.
    (95) Aber was will ich von sterblichen Menschen sagen. Der unsterbliche / der
ewige GOtt selber /der durch meine Stärke gepriesen / durch meine Kraft
erhoben worden / wird über diesem Nahmen / den er auch schon in das Buch seiner
Liebsten geschrieben /ja selbst in seine Hand gezeichnet / ein ewiges
Wohlgefallen blikken lassen. Aus dieser Hand / aus diesem Buche wird ihn kein
Feind / kein Neider vertilgen. Hierinnen wird sein Gedächtnis / wan es auch
schon sonsten / auf dem Erdbodem / mit Langheit der Zeit verginge / dannoch
blühen / dannoch grühnen / und mit der Ewigkeit selber gleich als üm die Wette
tauren.
    (96) Wer sollte sich nicht verwundern / wan er zugleich vernehmen und sehen
wird / dass den Nahmen Simson auch alle vier Uhrwesen / daraus alles /was in der
Welt ist / seinen Uhrsprung gewonnen /mit ewigen Ehren / mit ewigem Ruhme
verherrlichen werden? Gewislich wird ihn die Luft / sooft sie desselben Klang
auffänget / von des redenden Munde zu des hörenden Ohren tragen. Ja sie wird ihn
auf ihren leichten und weichen Flügeln / als in einer Sänfte /tragen / und so
hoch / dass er das Gestirne selbst erreichen wird / erhöben. Das Feuer wird ihn
gleichsam mit helleuchtenden Siegesflammen feiern / und dermassen erleuchten /
dass er strahlen wird / wie die Sterne /ja selbst wie die Sonne des Himmels. Das
Wasser wird seinen Ruhm / durch seine rauschende Stimme /den Völkern verkündigen
/ die in den Wasserländern /und ferne von uns auf jener Seite der See wohnen.
Die Erde / die ich mit so vielen Leichen gedünget / mit so vielem Filisterbluhte
befeuchtet / wird diesem Nahmen zu ehren / mit ewigen Siegespalmen grühnen.
    (97) Doch was sage ich viel von der Erde? Der Himmel selbst / der itzund ein
Zuschauer der nie erhöhrten Meisterstükke irdischer Stärke gewesen /wird diesen
Nahmen seinem grossen Heldenbuche /zum ewigen Zeugnisse meines heldenmässigen
Verhaltens / meines unüberwindlichen Muhtes / meines so gar sonderlich und
wunderlich erhaltenen Sieges / mit unausleschlichen güldenen Buchstaben
einverleiben. Ja mir selbst wird er alda eine herrliche Bildseule / mit einer
Siegeskrohne von lauter flinkernden Sternen / zu meinen unsterblichen Ehren
aufrichten.«
    (98) Mit diesen und dergleichen ruhmredigen und aufgeblasenen / ja ich darf
wohl sagen Gottesvergessenen Worten rühmete sich Simson alhier selber vor den
Ohren der Völker aus dem Stamme des Juda. Und also stahl er / aus eitelem
Ehrgeitze /Demselben die Ehre / dem sie allein / als eigen / zukahm. Er
enteignete GOtt / aus alzuübriger Eigenliebe / dessen / das er doch seiner
Almacht / als eine Gebuhrt derselben / zuzueignen verpflichtet. Ja er beraubete
den Schöpfer / den Ausspender / den Mitteiler seiner Stärke des Ruhmes so gar /
dass er Ihm nichts /auch gar nichts darvon übrig lies: indem er Dessen bei dieser
Heldentaht kaum einmal und anders nicht / als zu seinem selbsteigenen Ruhme /
gedachte. Kurtz / Simson beging einen Gottesraub. Er ward ein Ehrendieb. Und
hierdurch verfiel er / eh er dessen gewahr ward / in eine gröbliche Sünde.
    (99) Also lies sich dann alhier ein Mangel / und Uberflus / eine irdische
Schwachheit / und überirdische Stärke zugleich blikken; jene des Gemühtes /diese
des Leibes. Also stulperte der sonst starke Simson. Also fiel itzund vor GOtt /
aus menschlicher Schwachheit / derselbe / der kurtz zuvor / durch
übermenschliche Stärke / vor seinem Feinde gestanden. Es war im starken Simson
eine grosse Schwachheit / dass er / aus eiteler Ruhmsucht / in seinen wundertahten
des Uhrhöbers seiner Stärke vergass; und nicht erkennen / noch bekennen wollte /
dass er alhier anders nicht / als ein Werkzeug desselben /gewesen: damit er
allein den ganzen Ruhm / der sonst Jenem möchte zugeschrieben werden / darvon
trüge.
    (100) Ach! wie gern schmükt sich doch der Mensch mit fremden Federn! wie
gern sucht er seine Blösse / seine Schwachheit / seine Mängel zu bedekken! Ach!
wie hofärtig dünkt er sich im entlehnten Schmukke / den er entlehnet zu haben
nicht gestehet! Es scheinet / dass wir der Almacht Gottes in unsern
allerwüchtigsten und allermächtigsten Auswürkungen /da man ihrer am meisten
gedenken sollte / nur darüm vergessen; damit unserer eigenen Macht alles allein
zugeschrieben werde.
    (101) Wan etwan ein angezündetes Wachs- oder Talk-licht den Schein / dadurch
es ein Zimmer erleuchtet / ihm zueignen wollte / würde nicht die Flamme / die ihm
den Schein giebet oder nur auf eine Zeit lang leihet / darwider sprechen? Ja
würde nicht die Sonne sich an ihrem Ruhme / der ihr / als der Uhrhöberin des
Lichtes / gebühret / verletzet befinden / wan der Mohn dasselbe Licht / dadurch
er die Dunkelheit der Nacht zertreibet / von ihr geborget zu haben leugnen / und
ihm solches / als sein eigenes / den Ruhm zu leuchten allein zu haben / zumässen
wollte? Vielmehr ward dann alhier der Schöpfer und Uhrhöber aller Dinge / dem
allein Simson seine so unüberwindliche / so sieghafte Stärke zu danken / an
seinen Ehren /an seinem Ruhme verletzet; indem Simson seiner Hülfe / seiner
Ehren / seines Ruhmes / durch eigenes Ruhmgeplärre / so gar vergass / dass er
alles allein /aus eigener Kraft / verrichtet zu haben angesehen und gerühmet
sein wollte.
    (102) Grosse Leute fehlen und fallen am meisten. Auf dem Meere der Wohlfahrt
leidet man am ersten Schifbruch. Aus der Verwunderung unerhöreten Glükkes wird
meistenteiles die Gottesvergessenheit geboren. Ein leiser Vorwind / der das
Schiff in seiner flüssigen und schlüpferigen Kristalbahne / gleich als auf einer
glatten Glander / schlafende fortschleuft / erfreuet zwar den Schiffer: doch
vergisset er darbei Desselben / der ihm diese Freude schaffet / nur zu gedenken
/ ich will nicht sagen / ihm zu danken. Wan aber die erbosseten Gegenwinde sausen
/ die aufgerejetzten Wasserwogen brausen / und das schwache Schiflein bald bis an
den Himmel hinan / bald bis in den Abgrund hinunter schmeissen; ja wan noch
darzu die Wolken krachen / die Donner brummen / die Luft erschwartzet / und
anders kein Licht / als das von den Blitzen herabschiesset / vor handen: da
beginnet man erst zu bähten / zu bitten / zu flöhen / zu seuftzen; da erwachet
erst die bisher geschlafene Demuht; da will man erst allen Heiligen die Füsse
küssen; da ermuntert sich erst das Hertz zur Andacht; da nimt man erst an das
Wesen der Heiligkeit; da flügen und flühen erst alle Gedanken nach der Burg der
Götlichen Almacht zu; da trachtet man erst / durch tausenterlei Gelübde
/Beschirmung und Rettung zu erlangen.
    (103) Ach! ich darf / zu unserem Vorwurfe / wohl sagen / dass unsre Gedanken
in den Eitelkeiten der zeitlichen Vergnügungen gemeiniglich so tief
eingewurtzelt / ja gar eingepicht stekken / dass unsere Kraft / sie los zu machen
/ und auf das ewige volkommene Wesen des Almächtigen GOttes zu lenken / aus sich
selbst viel zu ohnmächtig befunden wird. Und eben darüm pfleget uns GOtt in die
Kreutzschuhle zu führen. Er trachtet uns / durch Kreutz und Leiden / zu unserer
Pflicht zu ziehen. Er winket uns / als ein Vater seinen Kindern / mit der
Zuchtruhte. Wan das Winken nicht helfen will / so steupet / so schläget / so
schmeisset Er gar auf uns zu. Und also suchet Er in uns /durch schmertzende
Schmitze / sein Gedächtnis zu erneuren.
    (104) Alsdan lesset es sich ansehen / als hette sein Vaterhertz / dem unser
Hertz mit keiner kindlichen Liebe begegnete / von uns sich abgewendet. Alsdan
scheinet es / als weren wir bei Demselben / dessen wir / im Glüksstande /
vergessen / zur Wiedervergeltung /in ewige Vergessenheit gerahten. Alsdan
schläft gleichsam das Auge GOttes / welches wir / als es / in unserer Wohlfahrt
/ über uns wachete / durch unsere Zuversicht zu erkennen verunachtsameten.
Alsdan dünket uns das Ohr des Almächtigen verschlossen; weil wir schwiegen / da
es hörete / und keine Zuflucht sucheten / da es uns zu erhören sich öfnete.
    (105) Wan ein Geschöpfe des Schöpfers Obermacht / aus eingebildeter eignen
Macht / nicht erkennet; so ist es kein Wunder / weil es dadurch derselben
Grundfeste / darauf es allein sich gründet / verlustig wird / dass es zum
Sturtzfalle sich neuget. Durch solche Pillen pfleget GOtt den Hochmuht aus dem
Hertzen desjenigen zu treiben / der die Erkäntnis seiner Mildheit eher nicht
bekömt / als wan sich GOTT selbst / durch den Entzug derselben / ihm zu erkennen
giebet; indem Er über ihm die Ruhte seiner Züchtigung schwänket / und ihn die
Almacht seines Armes /die er in der Gühte nicht ehren wollen / im Zorne fühlen
und spühren lesset.
    (106) Kaum hatte Simson seine Rede zu denen aus dem Stamme des Juda
volendet: kaum hatte seine Zunge von seiner unüberwindlichen Stärke / von seinen
unvergleichlichen Tahten / von seinem wunderherrlichen Siege zu prahlen
aufgehöret; da fühlete sie schon / durch übermässigen Durst geplaget / die
Zuchtruhte GOttes: da musste sie schon dieselbe Wahrheit / welche sie / aus
Achtlossheit und übermühtigem Kitzel / bisher verschwiegen / mit kleinlauter
Stimme bekennen. Da lies Simson den Pfauenschwantz sinken Da warf er / aus
Ungeduld und Wehmuhte / den Eselskinbakken aus der Hand: nach welchem Wurfe der
Ort zugleich den Nahmen Kinbakkenshinwurf bekahm.
    (107) Also musste dann alhier dasselbe Glied / das sich eben itzund an GOtte /
durch Beraubung seiner Ehre / versündiget / straks darauf die hitzenden Stiche
des Gottlichen Racheifers fühlen. Also musste Simson der Götlichen Almacht / als
Uhrhöberin seines Sieges / denselben Ruhm / dessen er sich / aus vermässener
Ehrsucht / albereit angemasset / von stunden an zumässen. Also rükte er von dem
Güpfel des Ruhmes / auf den er sich / in der Hoheit seiner Stärke / selbst
geschwungen / herunter; und überlies ihn Demselben /durch dessen Obermacht er zu
solchen Schwunge mächtig gemacht zu sein erst itzund / da er in das Jammertahl
Menschlicher Schwachheit gerahten / erkannte.
    (108) Also musste dieser grosse Held / der im Felde Menschlicher Schwachheit
unüberwindlich war worden / und duich seine Macht / im Stande seiner Hoheit und
Herligkeit / ein weniges weniger / als Almächtig /zu sein schien / sobald ihn
die gebrächliche Schwachheit überfiel / mit Leidwesen gestehen gröblich geirret
zu haben / dass er / was Götlich sei / den Würkungen der Menschligkeit
zugeschichtet. Und hierinnen war er jenem treumenden Bätler schier gleich.
Diesen dünkte / dass er / als ein mächtiger Welterr / im herrlichsten Schmukke /
mit einer grossen Mänge Hofdiener umgeben / auf einem güldenen Reichsstuhle / der
mit köstlichen Demanten flammete / sich niedergelassen. Daher ward er so
übermühtig / dass er durch die Kniehe der ganzen Welt / mit untertähnigstem
Fussfalle / geehtet / ja gar / als ein Gott / durch aller Völker Zungen
angebähtet sein wollte. Sobald ihn aber /aus solchem Traume / des Nachtwächters
Ruf erwekte; da ward er erst seines Bättelstandes / und der Betrügerei seiner
Einbildung gewahr: da musste er ümsatteln / und solche Gedanken fassen / die
einen Bätler geziemeten.
    (109) Die Glüksäligkeit dieses Lebens wird allezeit mit Unglücksfällen wo
nicht unterbrochen / doch ümgewechselt / uns die Einbildung / dass nichts
Sterbliches mehr an uns sei / indem wir einen vergänglichen Glüksblik für die
ewige Seeligkeit achten / zu benehmen. Die süssesten Wohllüste dieser Zeit sichet
man stähts mit einiger Jammergalle vermischet; zum wenigsten folget ihrer
Süssigkeit ein bitterer Nachschmak: damit wir uns der Gotteit nicht anmasseten;
indem wir / in dieser eitelen Lust / den Zukker für Götterbroht / und den Most
für Himmelstrank / beide Speisen der Ewigkeit halten. Ja der Glantz Menschlicher
Herligkeit Selbsten schleppet auf dieser Schaubühne der Welt / allezeit / wo
nicht neben / doch nach sich einige Dunkelheit / ja wird zuweilen wohl gar
verfünstert: damit wir uns Herren der Herligkeit / zu sein nicht einbildeten;
indem wir einen flüchtigen nichtigen Schein für das ewige volkommene Licht
anzusehen pflegen.
    (110) Diese Unglücksfälle / diese Jammer- und Kummergallen / diese
Fünsternisse / ja alle dergleichen Strafübel seind das bittere vergallete
Gegengift /in GOttes Artzneiladen wider dasselbe töhtliche Gift zubereitet /
welches vom Misbrauche der alzuübermässigen Süssigkeiten / in unsern Gemühtern
entstehet. Ja sie seind das rechte Treibemittel / das den Unflaht des Hochmuhts
in unsern Hertzen zum Austreiben triftig macht / und sie zugleich darvon
reiniget: damit sie /in wahrer Demuht / beides ihre Schwachheit / und GOttes
Almacht / die in ihnen würket / erkennen lerneten.
    (111) Ein solches Gegengift wider das Gift der Vermässenheit / und
Gottesvergässenheit des Simsons war sein unerträglicher Durst / aus übermässiger
Erhitzung im heftigen Bewegen entstanden; der ihn so ängstigte / dass ihm die
Seele zur Ausfahrt schon auf der Zunge zu sitzen schien. Ein solches
Treibemittel den Ehrgeitz / den Hochmuht / den Lassdünkel aus seinem Hertzen zu
vertreiben / war die Ohnmacht / aus übergrosser Ermüdung im gewaltigen Fechten
entsprossen; die ihn dermassen überfiel / dass er / neben den Erschlagenen / die
seiner mächtigen Stärke Siegeszeichen sein sollen / ihm aber nunmehr zum Spiegel
/ seine Sterbligkeit zu beschauen / dienen mussten / niederzufallen begunte.
    (112) Alhier erkannte dann dieser grosse Held / wie töhrlich / wie unbesonnen
er gehandelt / dass er einen solchen Sieg / der über Menschliches Vermögen
erhalten worden / derselben Faust zugeeignet / welche die Macht / die sie
kurtzzuvor gehabt einer ganzen Heersmacht zu widerstehen / itzund nicht hatte
seiner eigenen Ohnmacht Widerstand zu tuhn. Die Ermattung im Streite vereitelte
die Einbildung der Unsterbligkeit / darzu ihn die Uberwindung so vieler Feinde
gereitzet / so gar / dass er schwach und sterblich zu sein gestehen musste. Ja der
Durst / der ie länger ie heftiger ward / und ihn lechzen und ächzen machte
/lügenstrafte seine Zunge / die seiner Schwachheit den Preis / den Ruhm / und
die Ehre der Almacht GOttes zulegen dürfen.
    (113) »O armsäliger Simson!« sprach er mit sich selbst / »der du vom
höchsten Güpfel der Glüksäligkeit in den tiefsten Abgrund der Drangsalen
heruntergestürtzet bist! Wie ist dein grosser Sieg / mit dem du so ruhmherrlich
prangetest / nunmehr so plötzlich verschwunden? Wo ist dein herrlicher Ehrennahme
/ den dir / als einem Ausbunde der berühmtesten Helden / deine so ausbündige /
so unüberwindliche Tapferkeit zueignete / geblieben; weil du / durch deine so
gar gebrächliche Schwachheit / dich den allerelendesten unter den Sterblichen zu
nennen / nunmehr gezwungen wirst? O alzugrausamer Glükswechsel! O alzuflüchtige
Herligkeit! O alzunichtige Ehre!
    (114) O elender Simson! der du / auf dem Schauspielsplatze der Welt / für
den allerunüberwindlichsten / und allersiegreichesten Streiter berühmt warest /
und nunmehr dem ärmesten Bätler / der so arm nicht ist / dass ihm ein Trunk
Wassers / seinen Durst zu leschen / gebrächen sollte / nicht einmal gleich
geachtet bist! Wie liegestdu itzund / du ehmals unüberwindlicher Simson / du
Auszug aller Weltwunder /ja du Wunder der Almacht selber / durch einen dürren
Durst / dessen unerträglicher Brand / deine Feuchtigkeit schon so weit
ausgedörret / dass er dich selber bald gar einäschern wird / so lüderlich
überwunden? Magstdu dann nun / dieses verzehrende Feuer zu blüschen / nur das
geringste Nas nicht haben; der du doch vorhin die köstlichsten Schätze der
Herligkeit /sie zu gebrauchen / wie du woltest / in deiner Macht hattest?
    (115) Mustdu dann nun sterben / du ehmahls unsterblich geachteter Simson?
Mustdu dann nun /durch den Durst gefoltert / so elendiglich ümkommen? Ach! wie
glücksälig würdestdu sein / wan dein abgelebtes Alter / da länger zu leben
vedriesslich ist /dich zum Grabe brächte! Aber nun stürbestdu im Lentzen deiner
Jugend! da du der Welt manche tapfere Taht / die du im Sommer / wo nicht auch im
Herbste deines Alters abstatten können / schuldig bleibest. Ja du stürbest einen
alzujämmerlichen Tod /einen Tod / der Bätlern / und keinem Simson geziemet.« Und
hiermit neugte sich der Armsälige ganz macht- und sprach-los zur Erde nieder.
    (116) Eben also verschmachtete für Durste der Grosse Rohland / Keiser Karls
des Grossen Schwestersohn / auch nach gehaltener Schlacht. Uber dergleichen
Durstfolter klagten mehr / als über den Hunger / die Rahtsherren von Glogau /
welche der Hertzog von Sagan verhungern / oder vielmehr verdursten lies. Ja der
leidende Heiland der Welt klagete / bei seinem gewaltigen Todesstreite /
selber über dieses Durstleiden. Er hatte sich / am Kreutze / mit unsern
algemeinen Feinden so abgemattet / dass ihn darüber ein heftiger Durst überfiel.
Und diesen Durst lidte seine Zunge; damit unsere Zunge / wie dort des Reichen
Wanstes / die nur mit einem Tröpflein Wassers begehrte gekühlet zu werden / über
den Höllischen Durst nicht klagen dürfte.
    (117) Hierinnen kahm dann die Begäbnis unsers HErrn und Heilandes mit
derselben des Simsons wieder übereim. Simson ward wieder ein Vorbild des Sohnes
GOttes. Ja ich darf wohl sagen / dass Simsons verachteter Eselskinbakken die
Geschicht vom Einzuge des HErrn JESUS zu Jerusalem auf einem verächtlichen Esel
/ der sowohl zu seinem Leiden / als kurtz zuvor / geschahe / wie auch das Kreutz
selber / welches nicht allein verachtet /sondern auch gar verflucht war /
ganz eigendlich vorgebildet / ja selbst erklähret.
    (118) Simson schlug mit einem verachteten verworfenen Knochen des
allerverächtlichsten Lasttieres die Filister / als Feinde des Volkes GOttes.
Eben also hat der Himlische Simson / der HErr JESUS / mit der Kraft seines
verächtlichen Kreutzes ausgerüstet / durch die Kraft seines schmählichen Todes
am Kreutze / die Geistlichen Filister / das ist die Feinde der Menschlichen
Seeligkeit / geschlagen: ja Er schlug mit solcher Gewalt auf sie zu / dass die
Grundfesten der Erde böbeten / und der Vorhang im Hause GOttes zerreissen musste.
Auch rief Er / sobald diese Schlacht gehalten war / es ist volbracht; eben wie
Simson sagte / da liegen sie bei Hauffen
    (119) So ward dann das vormahls verachtete ja verfluchete Kreutz / durch das
Leiden unsers Seeligmachers / der. Verachtung und des Fluches so gar entsetzet /
dass es hinfort / als ein allerwährtestes / gesegnetes / ja geheiligtes Holz /
uns zum Ruhme / ja selbst zum Zeichen und Werkzeuge der Uberwindung unserer
Seelenfeinde dienen möchte. Darüm haben wir uns auch nunmehr nichtes mehr zu
rühmen / als dieses Kreutzes. Darüm wafnen wir uns auch mit diesem sonst
verächtlichen Eselskinbakken des heiligen Kreutzes / wan irgend der Tod / mit
den Höllischen Filistern / auf unsere Seele zudringet: weil wir /sofern es nur
im Glauben und festem Vertrauen geschiehet / versichert seind / dass wir
hierdurch / als durch die Siegeswaffen unsers Heilandes selber /den Sieg
darvon tragen werden.
    (120) Nachdem sich Simson eine guhte weile so gar Macht- und Ahtem-los / dass
er auch die Zunge nicht rühren konnte / befunden; da bekahm er / von einer kühlen
und feuchten Luft / die ihm einen frischen Ahtem einzuhauchen schien / seine
vorige Bewegung in etwas wieder. Sein Hertz / und seine Lunge / die bisher in
seiner Brust / gleich als in einem glühenden Ofen / zusammengekrümpfet gelegen /
begunten diese Kühlung märklich zu fühlen: wiewohl sie ihm sonsten kaum anders
zu statten kahm / dann dass sie die noch wenige übrige Feuchtigkeit / als die
Nahrung des Lebens / in ihren Brunnen erhielt; indem sie der Gewalt des Feuers /
ferner zu wühten / widerstund / aber nicht feuchte genug war / die ausgetrüknete
Feuchtigkeit wieder zu ersetzen.
    (121) Weil nun das Hertz / welches den Lebenssaft / durch die grosse Gluht /
meistenteils verloren / auch in dieser Erfrischung selber noch immer schlap
und mat blieb / und seine Zunge noch immer nach einem Schlüklein Wassers
lächzete; so märkte er wohl / dass die anhaltende Nohtdrüngligkeit ihn zwingen
wollte seine Zuflucht bei der Almacht GOttes / die er bisher /durch Unerkäntnis /
gleichsam geflohen / zu suchen. Und darüm entschlos er sich endlich / in dem
Augenblicke / da kein menschlicher Beistand mehr zu hoffen war / Denselben
anzuflöhen / dessen mächtigen Beistand er aus Undankbarkeit verschertzet. So hub
er dann seine zusammengefaltene Hände / mit den Augen zugleich / gen Himmel. So
ächzete / so seufzete / so flöhete er dann zu GOtt.
    (122) »Ach! HERR« / rief er mit wehmühtiger Stimme / »Du hast deinem Volke /
durch die Hand deines Knechtes / ein solches grosses Heil gegeben. Du hast mir so
manchen herrlichen Sieg verliehen. Du hast mich mit so manchem Siegesruhme
gekröhnet. Du hast mich mit so manchem Siegesgepränge verherrlichet. Die
fürtrefliehen Siegeszeichen / die alhier noch itzund vor meinen Augen liegen /
seind die wahrhaftige Zeugen deiner neulichsten Freigebigkeit. Aber nun mus ich
Durstes sterben. Nun mus ich alle meine Siege mit einem schmähligen Tode
schlüssen. Nun mus ich / der ich auf dem Siegeswagen mit Freuden nach der
Siegesburg zu fahren verhofte / in einem Sarge mit trauren zu Grabe getragen
werden: wiewohl ichs auch so guht noch nicht hoffen darf. Dan nun mus ich / wie
es scheinet / in der Unbeschnittenen Hände fallen: die mich des Sarges und
Grabes nicht einmal würdigen werden. Ja sie werden mich lieber /deinem Volke
zur Schmaach / an einen Baum aufhängen; damit ich den Vogeln zur Speise / und
ihren Augen zur Weide dienen müsse.
    (123) Wird sich alsdan der Hochmuht dieser Gottlosen / den ich auf deinen
Befehl gedehmühtiget /nicht wieder erhöben? Werden sie sich wider dein Volk
nicht vielmehr / als zuvor iemahls / brüsten; wan sie sehen / dass Derselbe
selber / auf dessen algewaltigen Beistand ich getrotzet / nunmehr eine solche
Rache / die ihnen auszuüben unmüglich war / so grimmiglich über mich
ausgestürtzet? Ja werden sie nicht wider Dich selbst frohlokken? Werden sie
nicht sagen / Du seist ein ohnmächtiger GOtt / der mir / in meinem Durste / mein
hinfallendes Leben zu laben /nicht mit einem Trünklein Wassers zu helfen
vermocht?
    (124) Darüm rette deine selbsteigene Ehre / mein GOTT. Rette sie durch die
Wunder deiner Almacht: und lass nicht zu / dass dein herrlicher Nahme geschändet
werde. Hastdu meinen Arm / durch deine Wunderkraft / im Streite gestärket; ach!
so stärke nun auch mein gekränktes Leben aus dem unerschöpflichen Brunnen deiner
Gühte. Hastdu mir / tausend Filister zu schlagen / und zwei tausend zu verjagen
/geholfen; Ach! so hilf nun auch diesen einigen innerlichen Feind / der mein
Hänker ist worden / überwinden. Ach! hilf mir / mein Helfer. Ach! hilf mir /
deinem Knechte; der jetzt auf der Kippe stehet / seinen Feinden / die er gefället
zu haben sich rühmete /selbst in den Rachen zu fallen. Ich flöhe nur üm ein
Schlüklein / nur üm ein Tröpflein Wassers / das Du auch deinen Feinden selbst
nicht zu versagen pflegest.«
    (125) Simson hatte zwar / durch seine Stärke /so manche Menschliche Macht
überwunden: aber so bald / und mit so leichter Mühe niemahls / als er itzund /
durch das Gebäht / die Göttliche Almacht selber überwand. Kaum hatte er den
Mund aufgetahn zu bitten / da war sein Gebäht schon erhöhret. Kaum hatte er
angefangen zu klopfen / da stund ihm die Tühre zur Barmherzigkeit GOttes schon
angelweit offen. So mächtig ist das Gebäht / wan es eifrig und im Glauben
geschiehet / dass es selbst durch die Wolken bricht / und / als ein Liebestein /
das Hertz GOttes nach uns zuziehet.
    (126) Diese liebreiche Macht kömt dem Almächtigen Himmelskönige so anmuhtig
vor / dass Er / wie ungebunden in allen seinen andern Würkungen Er ist / eben so
gebunden uns zu begünstigen sein will; indem Er ihm selbst die Begünstigung
nohtwendig macht. Ja wan irgend seine Gerechtigkeit durch unser sündliches Wesen
gezörgt / Ihn antreibt an seiner Gühte statt / uns seinen Zorneifer blikken zu
lassen; so wird Er hertzlich froh / wan Er / durch unser Gebäht /Anlass bekömt uns
wohlzutuhn.
    (127) Und eben daher befand sich dieser mild- und lieb-reiche GOTT / durch
Simsons flöhendliche Bitte / dermassen gebunden / dass Er ihm seine Gnade keines
weges zu weigern vermochte: zuvoraus weil er Ihm / unter andern Bewegreden zu
Gemühte geführet /es würde Seiner Hoheit selber / so fern Er ihn verschmachten
/ und in der Feinde Hand gerahten liesse /zur märklichen Verkleinerung
gereichen. Ja Er entschlos sich von stunden an / des Nohtleidenden Verlangen
unverzüglich zu erfüllen.
    (128) So bohrte dann der höchste Werkmeister / in eben demselben
Eselskinbakken / mit welchem Simson eine so grosse Wundertaht verrichtet / und
tausend Filistern das Leben genommen / zu Löschung seines Durstes / einen
lebendigen / wo nicht auch lebendigmachenden Wunderbrunnen. Er spaltete einen
Zahn des Kinbakkens / mit dem so viel Filisterbluhtes vergossen war. Daraus flos
und ergosse sich von stunden an so viel Wassers / dass es überflüssig genug war
des lächzenden Simsons Leben zu laben.
    (129) Eben einen solchen Wunderbrun lies Er ehmahls aus einem harten und
truknen Felsen / sobald ihn Moses / auf sein Geheis / mit seinem Stabe
geschlagen / die durstigen Kinder des Israels zu tränken / hervorschiessen. Was
für ein neues Wunder war es dann / dass alhier / auf seinen Wink ein dürrer und
harter verlegener Knoche von einem so verachtetem Lasttiere / mit klahrem und
kühlem Wasser gefüllet / Simsons Trinkbächer / ihm das Leben wieder einzuflössen
/ werden musste.
    (130) Diesen Trinkbächer ergrif dann der Durstige mit unaussprechlichen
Freuden. Mit grosser Begierde setzt' er ihn an. Mit ganzen Schlükken trunk er
das angenehme Nas; welches aus der Kolbe des Brenofens der Almacht GOttes
selber getreuffelt. Ja er sog und zog diesen Lebenssaft / diese Kraftmilch aus
dem Bakkenzahne so begierig heraus / dass er kaum gewahr ward / dass aus demselben
Gewehre / damit er tausend Filister getöhtet / seines Todes Tod entstünde.
    (131) Nachdem nun Simson seine Durstitze gelöschet / seine Glieder wieder
erfrischet / und seine Lebensgeister erneuert; da nennete er diesen Brunnen /
welcher in der Gegend / dahin er den Kinbakken warf / geblieben; zum
Gedächtnisse solcher so grossen Wohltaht / den Anrufersbrun oder das Bähtwasser.
Ein solcher Brun / darnach Davids Hertz dürstete / befand sich auch unter dem
Tohre zu Betlehem / in der Gebuhrtsstadt unsers HErrn und Heilandes / des
wahrhaftigen Springbrunnens unseres Heiles; der uns / durch sein Verdienst am
Stamme des Kreutzes / da aus seiner ausgespaltenen Seite Bluht und Wasser /
unser rechtes Lebensnas / wie das Bähtwasser aus Simsons Kinbakken /herausflos /
einen kräftigen Heilbrun / einen freien offenen Brun wider die Unreinigkeit
zugerichtet.
    (132) Und also war der Anrufersbrun in der Geschicht Simsons ein
rechtähnliches Vorbild dieses ewigen Heilbrunnens: doch mit dem Unterscheide /
dass jener bloss allein für den Dürstenden Simson / dieser aber vom Dürstenden
Heilande der Welt für alle dürstende gleubige Seelen eröfnet ward: daraus sie
schöpfen mögen des Heilwassers die Fülle / volles Genügen / Leben und Seeligkeit
immer und ewiglich.
 
                               Das sechste Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Israel lebete bisnochzu zaumloss. Ihm fehlete der Zaum / der es ehmahls zeumete.
Ihm gebrach der Halfter / der ihm half; der Zügel / der es zog / der es lenkte /
der es beherschete. Ihm mangelte bisnochzu ein algemeines Heupt. Einiedes
Geschlächt / ja schier einieder Kopf wandelte für sich / handelte nach eigenem
Guhtdünken. Einieder Stam hatte seinen sonderlichen Staht / seine sonderlichen
Heupter / seine sonderlichen Rahtschläge. Und in dieser Sonderung war der
algemeine Stahtsleib ein rechter verworrener / verdorbener / uneiniger Klump: da
immer ein Glied dem andern zuwider / immer ein Stam vom andern gesondert / immer
ein Geschlächt vom andern getrennet /und also alles in Uneinigkeit war. Daher
kahm es auch / dass bisnochzu aus solcher Unterschiedligkeit /ja Widrigkeit / und
Mänge der Rahtschläge kein Schlus hatte können gefasset werden das so schweere
Lastjoch der Filister / das diesen Stahtsleib drükte / von ihm abzuwältzen.
    (2) Solchen Unheilen zu steuren musste das sämtliche Volk GOttes wieder einen
Fürsten haben. Ein algemeines Oberhaupt war ihm zum höchsten nöhtig. Durch
dieses allein konnte der enteinigte Staht wieder vereiniget / dessen Glieder
wieder angegliedert / dessen zwölf Brüderstämme in unzertrenter Brüderschaft
erhalten / und sein endlicher Sturtzfal verhühtet werden. Ein solches zu wählen
waren dann die Aeltesten geneugt. Aller Gedanken kahmen itzund auf dieses Ziel
zusammen. Alle Stämme des Israels waren hierinnen einträchtig. Alle stimmeten
unter der Bohtmässigkeit eines Richters zu stehen / einhällig zusammen. Ein
höheres Heupt / mit höherer Gewalt /lies auch noch zur Zeit ihr Zustand / unter
der Filister angemassten Herschaft nicht zu. Dieses alles würkete GOTT / der sein
Volk niemahls ganz verlies / niemahls ganz versties / unangesehen es seinem
Willen widerstrebete.
    (3) Weil nun Simsons Tapferkeit überal erschollen: weil seine fürtreflichen
Siege die Ohren und Gemühter des ganzen Israels erfüllet; so fielen /durch
Göttlichen Antrieb / straks alle Stimmen auf ihn. Alle Aeltesten stimmeten
einmühtig / einmündig / einhällig / man sollte diesen Held erwählen. Simson
allein / der schon so viel herrliche Tahten / und ihren algemeinen Feinden einen
so märklichen Abbruch getahn / sei würdig den Israelischen Richterstuhl / der so
manches Jahr ledig gestanden / zu bekleiden.
    (4) Nach volzogener Wahl warden von stunden an etliche Gesanten abgefärtiget
dem neuerwehlten Richter solches anzudienen. Dieser war eben zu Zarea. Dahin
hatte er sich straks nach gehaltener jüngsten Schlacht / begeben. Dahinwärts
ging auch der Gesanten Reise. Niemand war froher / als Simsons Vater / da er
diese Zeitung bekahm. Er lag eben krank zu Bette / und befand sich so schwach /
dass er in etlichen Tagen nicht aufstehen können. Aber itzund schien er wieder
Kraft zu schöpfen. Itzund stund er auf / und hielt mit den Abgefärtigten des
Stahts das Mittagsmahl. »Ach!« sprach er / »nun will ich gerne sterben. Nun
begehre ich nicht länger zu leben. Nun habe ich genug gelebet; nachdem ich
dasselbe / was mir GOtt von meinem Sohne verkündigen lassen / erfüllet sehe.«
    (5) Hierauf traht dann Simson das Richteramt an / darzu er von GOTT selbst
schon vor seiner Gebührt bestimmet worden. Er setzte sich auf den Richterstuhl.
Er nahm die Stahtsgeschäfte zur Hand. Er hielt das Volk an nach dem Gesetze
GOttes zu leben. Dieses war seine Richtschnuhr. Hiernach trachtete er den
verfallenen Staht wieder aufzurichten Hiernach suchte er desselben
auseinandergewichene Teile wieder in ihre Fugen zu bringen. Hiernach gab er
Urteile. Hiernach richteten sich alle seine Stahtsabschiede. Hiernach warden
alle Stahtshandlungen geführet / alle Schlüsse geschlossen / ja alles / was die
gemeine Wohlfahrt betraf / erörtert.
    (6) Bisher hatte er / durch seine Tapferkeit / den Hochmuht der Filister zur
eusersten Demuht zu eingeknöbelt. Er hatte ihnen / durch so viel Niederlagen /
ein Gebis in den Mund geleget. Er hatte sie dermassen gezeumet / dass sie sich /
aus Furcht gar vertilget zu werden / nicht rühren durften. Und hierdurch
schöpfte sein Volk wieder Luft. Hierdurch keumete desselben Glüksäligkeit wieder
auf. Hierdurch gewan es neue Kräfte / neuen Muht / neues Vermögen.
    (7) Diese Glüksäligkeit nun zu erhalten begab sich Simson zur Ruhe. Er
hörete auf die Feinde des Stahts zu befeden. Er vetfolgete die Filister nicht
mehr. Er fochte sie weiter nicht an: wiewohl er /aus Gewohnheit zu siegen /
niemahls die Unterlage zu leiden versichert zu sein schien. Es war ihm genug
/dass er sie so weit gedemühtiget / dass sie nicht wider ihn aufstehen / noch den
Staht beleidigen durften. Er hatte Ruhmes genug / dass er den Lauf ihrer Wühterei
gehämmet; dass er den Knöbel / damit sie den algemeinen Staht Israels bisher
geknöbelt gehalten /ihnen selbst in den Mund geworfen.
    (8) Die Glüksäligkeit eines Stahts fusset auf keiner andern Grundfeste / dann
der Vorsichtigkeit desselben / der ihn beherschet. Dan wie diese die Mutter ist
aller heilsamen Rahtschläge / so ist sie auch die Grundlegerin / die Stützerin /
und Erhalterin alles glücklichen Wohlstandes. Darüm erwehlte sie dann dieser neue
Stahtsrichter zu seiner Beisitzerin / zu seiner Rahtgeberin: auf derer Raht die
Taht folgete. Sie widerriet den Krieg / und riet ihm an den Frieden / als den
ersten Grundstein eines durch Waffen zum Glüksstande nunmehr gebrachten Stahts.
Simson gab Gehöhr. Er folgete der Rahtgeberin. Er nahm den Raht an. Er täht was
sie riet / und trug sich / durch solche Vorsichtigkeit geleitet / ganz
friedlich. Auch schienen ihn nunmehr seine vielen Stahtsgeschäfte selbst hierzu
anzutreiben.
    (9) Wer nicht zu frieden ist / wan er seinen Feind untergedrükt / und
denselben ganz zu vertilgen trachtet / der lesset sich die Tohrheit / den
Ubermuht / und den Ehrgeitz reiten; die ihm seine verdienten Siegesgepränge
vielmahls zu Wasser / und seinen erworbenen Ehrenruhm zur Schande machen. Nach
etlichen mit höchsten Ehren erhaltenen Siegen / immer auf neue Siege gleichsam
erpicht sein / ist eben so viel /als wan iemand im Glüksspiele / nachdem er
etliche mahl einen reichen Gewin getahn / noch immer zu spielen anhält: da et
dann oftmahls alles / was er hat /und das gewonnene darzu verspielet. Wie
vielmahls hat einem unersätlichen Uberwinder / nach zween oder drei
ruhmherrlichen Siegen / das gleichsam gezörgete Glük dermassen den Rükken
zugekehret /dass er alles mit Schanden verloren / oder aber /durch
oftwiederhohlete Siege / nichts / als ein geschwächtes Vermögen / erhalten!
    (10) Mit einem Worte / Simson wehlete / bei Anträhtung seines Richteramtes /
den erstrittenen Frieden lieber / als den ferneren Streit. Er war mit dem
vergnügt / dass er / durch seine schon erhaltene Siege / die Filister dermassen in
die Schuhle geführet / dass sie gelernet ihn zu fürchten; dass sie gestehen mussten
/ er sei derselbe / der er in der Taht war. Und darüm schien es unnöhtig ihnen /
durch mehr Meisterstükke seiner Stärke / die Macht / die er hatte /blikken zu
lassen.
    (11) Wer es so weit gebracht / dass seine Feinde /mit tiefster
Ehrerbietigkeit / ihn für ihren Meister erkennen / und wan er sich unter ihnen
nur sehen lesset / ob er schon sonsten nichts tuht / für seiner Tapferkeit
erschrökken / der hat in Wahrheit Ehre genug. Ja ich darf wohl sagen / dass er
alsdan mehr Ruhmes darvon träget / als wan er ihnen / durch seine Faust / den
gewaltigen Nachdruk seiner Tapferkeit zu kosten giebet / und derselben
Wahrzeichen zugleich eindrükket.
    (12) Simson hatte / durch seine Tapferkeit / die Filister in ein solches
Schrökken gejagt; er hatte sie so weich und schmeidig / ja so bändig und bange
gemacht / dass er / in ihrem Lande / ganz sicher / und ohne Befahrung angefallen
zu werden / herümging. Ja er täht solches unter ihnen / in ihren Städten selbst
/ ohne Scheu: indem er wohl wusste / dass sie ihn alle scheueten / dass sie ihn
alle fürchteten / und keiner das Hertz hette sich an ihm zu vergreiffen. Es war
auch in Wahrheit keiner / der ihm bloss allein nahen /oder nur freimühtig unter
die Augen sehen durfte; weil sie alle seinen Anblik meideten.
    (13) Und solches tähten sie vielleicht darüm /damit er die Märkzeichen der
Furcht / die ihnen seine Gegenwart eindrükte / an ihren Gesichtern nicht märkte:
oder aber aus Beisorge / sie möchten ihm /durch die Schaamröhte wegen ihrer so
schändlichen Verzagteit in neulicher Schlacht / die Zeichen seines Sieges üm so
viel scheinbahrer machen. Anders konnte man auch aus ihren so schüchternen
Gebährden nicht urteilen.
    (14) Hingegen waren die Weibsbilder üm so viel kühner. Diese trahten ihm
behertzt zu Gesichte. Die Strahlen ihrer Augen durften auch den Blitzen der
seinigen selbst Kampf anbieten. Sie spieleten / wo nicht frech / doch
unerschrokken auf ihn zu; indem sie versichert waren seiner Tapferkeit / wie
unüberwindlich sie sonsten war / obzusiegen. Und also verlachten sie gleichsam
seine Stärke; derer Kraft die Macht ihrer Schönheit zu entkräften vermochte.
    (15) Wan die Schönheit einer Juno zu strahlen beginnet / mus Jupiter zu
blitzen aufhören. Seine Donnerkeule seind zu stumpf der Schärfe dieser
Liebespfeile zu widerstehen. Kein Herkules vermag sich für den Liebesblikken
einer Omfale / einer Malide / einer Melite / einer Pirene / einer Jole / einer
Hebe / einer Filone / einer Megare / einer Astidamie / einer Astiochie /einer
Deianire / noch auch der funfzig Königlichen Töchter des Tespius / die er alle /
bis auf eine / in einer Nacht zu erkennen gleichals gezwungen ward / wie stark
er auch immermehr ist / zu beschirmen. Seine selbsteiserne Keule fället zu
leicht ihren so schweeren Nachdruk zu hintertreiben.
    (16) Und darüm war es kein Wunder / dass Simson / der sonsten / durch seinen
blossen Anblik die Filister überwand / durch die Hertzentzükkenden Blikke der
Filisterinnen sich selbst überwunden sah. Kein Wunder war es /dass sein Hertz /
welches sonsten an Standhaftigkeit und Härte keines Hertzen wiche / durch die
Sonnen schöner Angesichter zur Liebe beweget / und dermassen erweichet ward / dass
ihm das Bildnis so lieblicher Strahlen eingepräget blieb.
    (17) Mit einem Worte: Simsons Eselskinbakken / damit er nicht lange zuvor
tausend Filister erschlagen / und zweitausend verjaget / konnte nunmehr sein
Hertz für dem Einbruche nur einer einigen Filisterin keines weges beschirmen.
Diese wohnete zu Gaza / in einer von den damahligen drei Riesenstädten. Sie war
eine solche / welche die Kunstgriffe der Mansbilder Hertzen zu fangen
meisterlich gelernet. Hiermit nährete sie sich. Dieses war ihr Handwerk.
Hierinnen bestund alles / was sie wusste.
    (18) Sie war eben / als eine Spinne / die ihr Spingewebe aus tausend
Eitelkeiten zu weben / und denjenigen / der mit dem unvorsichtigen Fluge seiner
Augen darinnen hängen blieb / so ahrtig und so fest zu verstrükken wusste / dass
er nicht eher los gelassen ward / sie hette ihn dann zuvor / wie eine Flüge /
ganz ausgemärgelt. Und hierbei war sie so beschwatzt / ja pfif so süsse / dass
sie der albernen Jugend einbildete /sie sei ein leibhafter Himmel vol allerlei
Wohllüste; da sie doch in der Taht anders nichts war / als ein lebendiges Grab /
als ein beseeltes Aas vol allerlei Unlust und stünkenden Unflahts.
    (19) Sie stund dazumahl / als Simson nach Gaza kahm / eben in ihrer
Haustühre. Da lokasete sie / durch geule Blikke / die Vorübergänger. Da beitzete
/ da reitzete sie dieselben / mit flinkernden Augen / mit lächlendem Munde / mit
munterem Wesen / wie ein Meerweib mit singender schmeuchlender Zunge /sich in
das Wohllustmeer ihrer Liebe zu verfügen. Da warf sie ihr Garn / von falschen
Schönheiten gestrükket / bald hier- bald dort-hin aus. Da suchte sie /durch den
Kloben ihres Schmukkes / bald diesen /bald jenen zu erwischen.
    (20) Ihr Haar lag üm die Stirne herum geringelt. Ihre Lokken hingen längst
den Wangen gekrüllet hinunter. Und diese hatten ihren Schnee / und ihren Purpur
nicht von sich selbst / sondern vom Anstriche solcher Farben entlehnet. Darüm
musste derselben Glantz auch alle morgen erneuert werden / die alte häsliche
runtzlichte Haut darunter zu verbärgen. Hiermit schmükte ja schmünkte vielmehr
ihr Angesicht diese Tausendkünstlerin ihren Buhlern die Bahne zur Unzucht zu
glätten / und sie üm so viel eher in den gefährlichen Strudel der geulen
Wohllust zu stürtzen.
    (21) Also pflegte sie das Bild der Schönheit über die Furchen der Häsligkeit
hinzumahlen. Also überfärbete sie alle Örter ihres Leibes / da das Alter die
Strassen zur Verachtung gebahnet. Also trachtete sie ihren Buhlern den Anblik üm
so viel anmuhtiger / ja zugleich üm so viel eiteler und geuler zu machen. Und
eben darüm hatte sie auch über den Busem nur einen dünnen durchsichtigen Flohr
gezogen. Ja eben darüm war dieser Busem voran mit einem lieblichen
Bluhmenstrause bestekt; der das Auge lüsterner machte die Zuneugungen in
dasselbe Wohllusttahl einzuleiten.
    (22) Aber der arme Simson wusste das wenigste von allen diesen Betrügereien.
Er wusste nicht / dass unter solcher falschen und nur gekünstelten Schönheit ein
so häslicher Schandbalg / ein so garstiger Unflaht verborgen sei. Er gedachte
nicht / dass diese gefärbete Spieltokke so ein abscheuliches Gespänst / so ein
betrüglicher Irwisch sei; der ihn / ie mehr er mit unverwanten Augen darauf
zublikte / ie eher und tieffer in den abwegigen Sumpf / in den schlüpfrigen
Mohrast der Unzucht hinein führen würde. Er wähnete / dass alles Gold sei / was
dem Golde gleich gleisset. Er hatte die Einbildung / es sei auf der ganzen Welt
nichts schöners / nichts lieblichers / nichts anmuhtigers / als dieses dem
Scheine nach erfreuliche / doch in der Wahrheit abscheuliche greuliche
Weibesbild.
    (23) Zu solcher Einbildung trieb ihn der falsche / ja wo nicht gar blinde /
doch geule Blik seiner Augen; der zugleich sein ganzes in Liebe neugebohrnes
Hertz mit sich schleppete / dasselbe dieser des Todes Leibeignen leibeigen zu
machen. Und also ward Simson dermassen verliebt / dass er mit nichten vermochte
vorbeizugehen. Ob schon seine Füsse fortschritten / so blieben doch zum wenigsten
seine Gedanken zurück. Ja sein Auge blieb an dieser eingebildeten Schönheit
gleichsam kleben. Es war eben als ein hartmeulichter Gaul / der keinen Zaum
fühlet. Unmüglich war es dasselbe von dar abzulenken / dahin es / seine Weide zu
hohlen / unnachläslich gerichtet blieb.
    (24) Und darüm drähete Simson sein Angesicht allezeit üm / das Angesicht /
das ihm so gar schön /und so gar lieblich vorkahm / zu betrachten. Auch schien
es ihm / in dieser Betrachtung / immer schöner und schöner zu werden. Ja er
geriet darinnen so weit /dass er ein solches Frauenbild / dem doch die heilige
Schrift den allerschändlichsten Nahmen giebet / gar für eine Göttin der Liebe zu
halten begunte. Endlich ward er so entzükt / dass er stokstille stehen blieb:
indem seine heftige Leidenschaft nicht gestatten wollte sich von einer solchen
Sonne / die ihn so liebreich anzuscheinen schien / zu entfernen.
    (25) Hier gliche Simson dem Segelsteine. Dieser kehret und drähet sich / ja
sieht gleichsam / wie jener nach seiner Geliebten / allezeit nach dem Eisen zu.
Und dann stehet er stokstille / gleichals wollte er einen Versuch tuhn das
Geliebte zu sich zu ziehen /und mit ihm sich vereinigen. Unser Held konnte nicht
leben / ohne diese gewähnte Schöne: welche wir billich mit einem häslichen
rustigen Eisen / das durch die Kunst geglättet / das Auge beitzet / vergleichen.
Ach! wie wenig Joseffe findet man / welche der Lokbeitze solcher Unzüchtigen /
die so manchen Jüngling anfallen / und oftmahls üm Seele / Guht /und Bluht
bringen / zu entfliehen vermögen!
    (26) Der guhte Simson / wie stark er sonst war / so schwach war er itzund
dieser Anlokkerin / dieser Tausendkünstlerin zu widerstehen. Er musste mit an den
Reihen. Er / der so viel Siege / mit unsterblichen Ehren / erstritten / musste
nunmehr eine solche / die nicht währt war / dass sie den Erdbodem betraht / über
sich siegen lassen. Er / der mit so vielen Siegesgeprängen verherrlichet war /
musste nunmehr einem ohnmächtigen verächtlichen Frauenbilde zur Siegespracht
dienen. Er musste zurückkehren. Er musste seinem Gemühtstriebe gehorchen. Er musste
seinen Begierden folgen. Die Heftigkeit seiner Liebe zwang ihn bei derselben /
die ihn verliebt gemacht / ein zukehren.
    (27) Etliche meinen / diese Frau / bei welcher Simson alhier einkehrete /
sei eine Gastgäberin gewesen. Gastöfe seind oftmahls Schuhlen der Unzucht. Was
für ein Wunder ist es dann / dass sie ein solches unzüchtiges Weib war; dass sie
die Künste / die Griffe / die Ränke die Jugend brünstig zu machen so überauswohl
gelernet? Der Umgang mit so mancherlei Menschen / die bei ihr zur Herberge
gelegen / hatte sie ohne zweifel in dieser falschen Kunst / darvon Simson / der
ohne Falsch / ohne Betrug war / noch sehr wenig wusste / zur volkommenen
Meisterin gemacht.
    (28) Und also ging der Gebeitzete hin / wie ein einfältiges Schaf / zur
Schlachtbank; wie eine gekörnete Taube / zum Falstrükke; wie ein geaseter Fisch
zur Angel / da er / mit dem Aase / den Tod einschlukket. Die Einbildung / die er
hatte / sie würde sein Ansuchen begünstigen / war ihm zu diesem Gange gleich als
ein Spohren. Das liebliche Lächlen / die freundlichen Anblikke / die holdsäligen
Gebährden / damit sie seinem ersten Anblikke begegnet / überredeten ihn
gäntzlich / er würde die Tühre zum Eingange geöfnet / und sie selber seine
Begierden zu sättigen geneugt antreffen.
    (29) Aber der guhte Simson erfuhr es ganz anders. Er ward zum höchsten
bestürtzt / als er dieselbe / die ihm kurtz zuvor mit den alleranmuhtigsten
Blikken begegnet / itzund so gar verkehret / so gar fremde / so gar hofärtig
befand. Sie empfing ihn ganz kaltsinnig. Ihre Gebährden waren ernstaftig / ja
selbst mürrisch und stürrisch. Sie sah ihn nicht einmal an. Sie vergass aller
Freundligkeit / aller Ehrerbietigkeit darzu. Sie beobachtete weder das Ansehen /
das einem Richter von Israel zukahm / noch die Ehre /die einem solchen
weltberufenen Helden / als Simson war / gebührete. Er war ihr nicht so viel
währt /dass sie ihn niederzusitzen genöhtiget hette.
    (30) Sie sah / dass sie so einen fetten Buhler bekommen. Sie märkte / dass
ein so grosser Held sich in sie verliebet. Sie wusste sehr wohl / wer Simson war.
Darüm erhub sie sich über diesen Sieg. Darüm ward sie stoltz und aufgeblasen.
Darüm nahm sie das Wesen der Eingezogenheit an. Hierdurch vermeinte sie seiner
Liebe sich würdig zu machen. Hierdurch gedachte sie in seinen Augen üm so viel
ansehnlicher / üm so viel währter zu scheinen. Ja hierdurch verhofte sie ihre
Wahren üm so viel teuerer zu verkauffen. Dieses letztere war auch ihr einigstes
Augenmärk /das sie / durch solche Verstellungen / zu erreichen vorhatte.
    (31) Dergleichen Schandsäkke / die bei den Röhmern von den Verdiensten / bei
den Griechen von den Verkaufungen / und bei uns von den Vermietungen oder
Verheurungen ihrer Leiber den Nahmen führen / suchen nichts anders / als mit
einem reichen Schandenlohne die Säkke zu spikken. Ie mehr sie / mit ihren Wahren
/ die sie feil bieten / oder mit ihrem Handwerke / bei ihrem Buhler verdienen
oder gewinnen / üm so viel lieber ist er ihnen. Sonsten wissen sie von keiner
Liebe: weil die Gewinsucht oder der Geldgeitz ihr Hertz so gar besässen / dass
kein Fünklein der rechten Liebe darinnen statt findet.
    (32) Und eben darüm verdienet dieselbe / die etwan aus einer reinen
inbrünstig-getreuen Menschenliebe / mit ihrem Geliebten das Mass dieser Liebe zu
überschreiten bewogen wird / mit nichten den Nahmen einer solchen unzüchtigen
ehrlosen Mätze: die bloss allein aus einer schändlichen Geldliebe denen allen /
die mit ihr zu buhlen suchen / wilfähret; indem sie ihnen ihren Leib feil bietet
/ verhandelt / verkauffet / vermietet / verheuret / gemein machet / und ihren
schändlichen Wucher darmit treibet.
    (33) Der Abschlag des Zimmets / durch das Uberführen desselben aus Ostindien
in Europe mit ganzen Schiffen zu unserer Väter Zeiten veruhrsachet / machte die
damahligen Verkeuffer / indem sie schier mehr Verlustes / als Gewinnes / daran
sahen /so witzig / dass sie ihn in der folgezeit viel spaarsamer / und nur mit
wenigen einzelen Pakken überkommen liessen. Ja man lies auch überdas / dieses
Gewürtz in Ostindien selber / üm so viel seltsamer und teurer zu machen /
ganze Zimmetbüsche auf Zeilan und anderwärts wegbrennen.
    (34) Dieses Stahtsgriffes der Kaufleute wusste sich hiesige Schandmähre / bei
Verkauffung ihrer garstigen Wahren / meisterlich zu nütze zu machen. Sie
befahrete sich / wan sie den Gewürtzladen ihrer Gunst dem Simson straks auf
einmal öfnete / und im Gunstausspenden gegen ihn zu milde were / dass er hernach
ihre Wahren geringe schätzen / und sie / nach ihrem Wunsche / teuer genug nicht
kauffen würde. Darüm hielt sie damit hinter dem Berge. Sie boht sie nur kärklich
feil Ja sie stellete sich gar / als were sie nicht zu kauffe: oder doch / als
achtete sie den Simson nicht Mannes genug sie / nach ihrem Währte / zu bezahlen.
    (35) Ich will mehr sagen: wie die Kaufleute den überflüssigen Zimmet / ihn
seltsam und teuer zu machen / in Ostindien dem Feuer gleichsam vorwarfen; fast
eben also warf sie ein guhtes teil ihrer Freundligkeiten und Gunstblikke / die
übrigen zum Aufschlage zu bringen / selbst vor die Hunde. Neben ihr / auf einer
Tafel / befand sich eben ein Schosshündlein. Dieses strählete / streichelte / ja
hertzete sie. Damit spielete / zährtelte / schertzete sie. Darauf hatte sie /
mit freundlichen Blikken / die Augen gerichtet. Unterdessen warf sie dem armen
Simson sehr selten einen Seitenblik zu. Kaum mit einem Worte beantwortete sie
seine Reden. Nährlich ein Lach fiel ihm zur Beute.
    (36) Das Gold / die Demanten / die Perlen halten wir nur darüm so kostbar /
so teuer / und in so hohem währte; weil sie die Schatzmutter so spaarsam / so
kärklich mitteilet. Hingegen achten wir das Eisen /das Kupfer / das Blei üm so
viel unwährter / wohlfeiler / und geringer / als überflüssiger es die mit Ertze
geschwängerte Bergschachten zu geben pflegen: wiewohl das Eisen in etlichen
Ländern der Morgenwelt /weil es die Morgensonne von dar / als ein solches
/dessen fünstere Nachtfarbe mit ihrem Lichtglantze gleichsam stritte / nach
Mitternacht zu verbannet zu haben scheinet / schier in gleichem Währte mit dem
Golde gehalten wird.
    (37) Die Zintokbeume / derer Rinde einen überauskräftigen Gewürtzschmak von
Näglein / Zimmet / und Muskaten zu haben pfleget / seind darüm so teuer / so
kostbar / so hochgeachtet / dass auch ihr hartes und schweeres Holtz selbst gegen
Gold aufgewogen wird; weil sie so langsam aufwachsen / und so sehr selten /auch
an wenig Oertern gefunden werden. Das Wasser / das tröpflings aus seines
Brenofens Kolbe komt /wird allein für ungemein / und im hohen Währte gehalten.
Dagegen ist gemein und unwährt dasselbe /das sich ströhmlings ergüsset.
    (38) Daher lies dann diese verschlagene / durchtriebene / arglistige
Tausendkünstlerin dem Simson ihre Gunst nur spaarsam / nur kärglich / nur sehr
selten / und algemach / ja kaum tröpflings / kaum bröklings / und gleich als mit
einzelen Sonnensteublein blikken; damit sie dieselbe bei ihm in Hochachtung
bringen / und als etwas ungemeines üm denselben ungemeinen Preis / den sie zu
lösen verlangte / verkauffen möchte. Hingegen mass / ja gos sie dieselbe ihrem
Spielhündlein ganz mildiglich / ganz überflüssig /ganz unnachläslich / ja
ströhmlings / und hauffenweise / mit gerüttelt- geschüttelt-vollem Masse / gleich
als verschwänderisch zu. Und hierdurch trachtete sie den Simson nur lüsterner /
nur brünstiger / nur begieriger / und zugleich freigäbiger zu machen.
    (39) Auch erreichte sie in Wahrheit ihr Ziel. Dieser Listgrif schlug ihr
nicht fehl. Simson / wiewohl er sich verschmähet / und einem Hunde / dessen Glük
er beneidete / nachgesetzt sah / ward dannoch / durch das Liebkosen / damit sie
dem Hündlein begegnete /mehr und mehr entzündet. Er ward immer brünstiger /immer
verliebter / immer begieriger die Brunst seiner Liebe zu blüschen. Und dieser
Liebkosung sah er mit gedultigen Augen zu: indem er verhofte / die Reihe würde
zuletzt auch an ihn kommen. Ja er frohlokte schon in seinem Hertzen / als ihr
das Hündlein /mit einem lauten Schrei über den Knip / den sie ihm im Schertzen
gegeben / unversehens entwischte. Nun gedachte er nicht weniger geachtet zu
werden / als dass er die Vergünstigung / in des Hündleins Stelle zu trähten /
erlangen würde. Nun verhiessen ihm seine Gedanken schon den Sieg. Nun lies er
sich schon bedünken auf dem Wagen der Liebe sein Siegesgepränge zu halten.
    (40) Aber es war noch weit vom Lachen. Dieser verheissene Sieg ging
verloren. An diesem Wagen der Liebe waren die Räder gelähmet / die Felgen
zerstükket / die Speichen zerknikket. Die Siegespracht selber fiel in den
Brunnen. Indem Simson vermeinte / sein geschwängerter kreuschender Hoffnungsberg
würde nunmehr seine wahre Glüksäligkeit gebähren; da kahm nicht zwar eine
lächerliche Maus /sondern ein noch viel lächerlicher Affe hervor. Indem er
itzund gedachte zur Liebkosung dieser Fraue gewehlet zu werden / da wehlete sie
darzu einen Affen /der eben in ihrem Zimmer angeschlossen lag. Und also zog sie
ihm / wie zuvor einen Hund / itzund gar einen Affen vor / ein solches Untier /
das der gemeine Man für einen misgebohrnen / oder vielmehr verfluchten Menschen
zu halten pfleget.
    (41) Hiermit kurtzweilete sie. Hiermit spielete /schertzete sie. Auf dessen
kurtzweilige wunderseltsame Possen waren alle ihre Sinnen / und Gedanken /zusamt
den Augen / gerichtet. Und bei dieser Kurtzweile schien sie des Simsons so gar
vergessen zu haben / dass sie ihn nicht einmal ansah: ungeachtet dass der Affe
vielmahls mit dem Kopfe nach ihm zu nikte / und darbei überlaut kicherte /
gleichals spottete er seiner.
    (42) Nun begunte die Ungeduld sein Hertz ganz zu übermeistern. Ja die
Verzweifelung benahm ihm die Hoffnung / die er bisher gehabt die
Widerspenstigkeit dieser Frauen endlich zu bändigen / so gar / dass er schier
unsinnig zu werden schien. Nichts verdros ihn mehr / als dass er mit guhten Augen
ansehen musste /dass sie einem Affen / einem so häslichen / so abscheulichem Viehe
/ mehr Gunst erwiese / dann ihm. Dieses entrüstete sein Gemüht über die masse:
zuvoraus weil beide / sie und der Affe / seiner noch darzu spotteten.
    (43) Zuweilen riet ihm der Zorn diesen Schimpf zu rächen. Zuweilen hub er
den Arm schon auf den Affen ihr aus der Hand / und in tausend stükke zu reissen.
Sobald er aber sie anschauete / stärkte sich seine Liebe dermassen / dass sie den
Zorn überwältigte. Und also ward er zu ohnmächtig dem Rahte des Zornes zu
folgen. Zuletzt gab ihm die Vernunft ein / sich gar aus dem Staube zu machen.
Dieser Raht war auch der beste. Hierdurch konnte der weitere Schimpf vermieden /
das Zunehmen seiner Liebe verhühtet / und das Abnehmen derselben befördert / ja
er selber in Ruhe gebracht werden.
    (44) Simson nahm dann seinen Abschied plötzlich. Plötzlich schied er von
dannen. Unversehens verlies er dieselbe / die ihm so halsstarrig / so
widerspänstig / so grausam begegnet. Seiner Worte waren wenig; doch schier
einieder Klang derselben mit vielen spitzigen Stacheln erfüllet. Diese kützelten
ihr das Ohr / ritzeten das Hertz / und reitzeten es zu einer genugsamen / doch
schier zu spähten Reue. Gleichwohl lies sie sich dessen nichts märken. Sie
verbarg ihr Anliegen. Sie fuhr in ihren Verstellungen fort. Nicht ein einiges
Zeichen solcher Reue lies sie blikken.
    (45) Damit sie aber diesen Vogel noch ferner körnen möchte wieder auf ihren
Vogelherd zu kommen; so warf sie ihm / im hinausgehen / nur etliche / doch ganz
Hertzentzükkende Bliklein zu. Hiermit lokasete sie den guhten Simson dermassen /
dass er seine Füsse schweerlich fortsetzen konnte. Wie geschwinde /wie behände
seine Tritte gewesen / als er zu ihr ging; so langsam / so unbehände waren sie
itzund / da er von ihr schied. Dieselbe / derer Schönheit Bildnis sich so fest
in sein Hertz eingedrükket / ganz aus den Augen zu lassen schien ihm unmüglich
zu sein. Und darüm schweiffete er auch so langsam und so lange /gleich als
verirret / hin und her / und konnte das Ende der Gasse / da diese Schönheit sich
aufhielt / nährlich finden.
    (46) Indem er also / als ein Fisch / der durch den Anbis an der Angel fest
hänget / herümschweiffete /riet ihm die Liebe / durch abermahligen Vorübergang /
einen Versuch zu tuhn / ob er nicht endlich einmal zur Erlangung seines
Verlangens gelangen könnte. Aber diesen Raht widerriet die Vernunft / die ihm zu
Gemüht führete: er sollte bedenken was für unerträgliche Schmertzen er ihm selbst
über den Hals ziehen würde / wan man ihm itzund eben so unhöflich / als vorhin /
begegnete. Zudem sei es seiner hohen Amtswürde nachteilig einem solchen
leichtfärtigen Balge /gleich als unsinnig / nachzulauffen. Einen Richter von
Israel geziemete mit nichten sein Ansehen solcher gestalt geringschätzig zu
machen.
    (47) Weil nun Simson denselben ganzen Tag verzog wiederzukommen / auch
nicht einmal auf der Gasse sich sehen lies; so befahrete sie sich / sie möchte
ihn etwan / durch ihre Verstellungen / verzweifelt /oder wohl gar abkehrig
gemacht haben. Darüm richtete sie einen Lokvogel ab / ihn wieder auf den Kloben
zu lokken. Sie dingete einen verschlagenen Kupler /dem sie in den Mund gab / was
er reden / und in die Ohren flisterte / was er tuhn sollte. Diesen schikte sie
ihm heimlich nach. Durch diesen verhofte sie den armen Simson wider in ihren
Schlagbauer zu bringen.
    (48) Unterdessen butzte sie sich auf das schönste. Sie schmükte / ja
schmünkte sich auf das zierlichste. Sie zog ihre köstlichsten Kleider an. Die
Haarlokken mussten gekreuselt / die Zöpfe mit güldenen Bändern bestrükket / der
Hals mit Perlen ümhänget / die Aerme mit Spangen ümspannet / die Finger mit
Ringen ümringet / ja alles auf das herrlichste gezieret sein. Vor allen dingen
beobachtete sie / dass ja der Busem seine völlige Blösse bekähme: damit in
demselben die zweifache Milchsee üm so viel freier ströhmen / und ihre Wälle /
der Buhler Hertzen zu überwältigen / üm so viel ungehinderter auf und nieder
wallen könten.
    (49) Sobald sie sich solcher gestalt geschniegelt /und auf allen Seiten
wohlbespiegelt hatte; da traht sie vor das Fenster. Alda gedachte sie sich dem
Simson / wan er irgend vorbei ginge / zu zeigen. Alda wollte sie denselben
erwarten / nachdem sie im Hertzen ja so heftig / als er nach ihr / verlangte;
wiewohl sie sich dessen nicht euserte. Ja sie verlangte nach ihm / nicht zwar
seiner Liebe / sondern seines Geldes zu geniessen. Weil er ein solcher
fürtreflicher Held /ein solcher ansehnlicher Man war; so gedachte sie /sein
Geschenk zur Belohnung ihrer Gunst würde nicht weniger fürtreflich / nicht
weniger ansehnlich sein. Und in diesen Gedanken wendete sie ihren besten Fleis
an ein solches zu erlangen.
    (50) Ihr abgeschikter Lokvogel hatte nunmehr den Simson angetroffen. Weil
sie schon vor diesem zu Timnat miteinander bekant worden / konnte Simson aus
seiner unvermuhtlichen Ansprache keinen Verdacht schöpfen. So sprach er ihn dann
kühnlich an. Und indem er ihn in schweermühtigen Gedanken sah / fing er an nach
der Uhrsache zu fragen. Simson gab eine dunkele Antwort. Er fragte weiter: ob
seine Gedanken irgend zu Timnat weren? Ob er etwan an seine gewesene ungetreue
Liebste gedächte? Durch diesen Umschweif geriet er endlich auf sein rechtes
Ziel. Ei! sprach er / warüm sollte man sich üm eine Liebste / die untreu geworden
/ viel bekümmern / da man leichtlich eine andere / die schöner und fürnehmer ist
/ zu finden vermag?
    (51) Auf diese Worte spitzte Simson die Ohren. Er fragte straks: ob er dann
eine solche / die schöner und fürnehmer sei / kennete? Jener sagte / ja. Auch
fing er an ihren Ruhm auf das höchste herauszustreichen. Ja er zog sie / ihrer
Schönheit / Geschikligkeit /Eingezogenheit / und ihrem Verstande nach / schier
allem Frauenzimmer der Filister vor. Simson ward lüstern zu wissen / wo sie
wohnete. Jener beschrieb sie noch eigendlicher / und darzu die Gasse / da sie
ihre Behausung hette; die nicht weit vom Markte stünde / und mit einer rohten
Tühre versehen sei.
    (52) Hieraus märkte Simson von Stunden an /dass diese / die jener so hoch
gepriesen / eben dieselbe sei / die seiner itzigen Liebe die Wiege gebettet. Er
war zum höchsten erfreuet / dass er einen angetroffen /der sie kennete. Und darüm
fragte er immer weiter nach. Er war begierig immer mehr und mehr zu wissen. Er
forschete fleissig nach ihrem Stande / nach ihrem Leben / nach ihrer
Gelegenheit. Jener / der ein abgerichteter Schalk war / gebrauchte sich der
Kunststükke seines Handwerkes ganz meisterlich. Er unterlies nichts / was zu
ihrem Ruhme dienete / sie üm so viel hochgeachteter / und dem Simson den Mund üm
so viel wässerichter zu machen.
    (53) Nachdem er ihre Schönheiten und ihren Stand erhoben / kahm er auch auf
ihre Tugenden. Diese schrieb er ihr meist alle zu. Nur von der Ehrbarkeit und
Keuschheit schwieg er stille. In diesem Stükke konnte / noch wollte sie dieser
Schalk nicht preisen; damit er nicht lügenhaftig befunden / und Simsons Liebe /
die bloss allein auf den eitelen geulen Genos zielete / nicht abkehrig gemacht
würde. Er wusste wohl / dass Geulheit und Keuschheit sich nie zusammenstalleten.
Darüm mass er ihr / an statt des Lobes der Zucht und Keuschheit / nur allein das
Lob der Eingezogenheit zu: indem er sagte / sie liesse niemahls mehr / als einem
Buhler / ihrer Liebe geniessen; und dieser müste noch darzu einer von den
reichsten und fürnehmsten des Landes sein.
    (54) Dieses war so viel gesagt / als dass es in der Danae Schoss / wollte man
ihrer Liebe geniessen /an Wassers statt / Gold regnen müste. Verlanget ein
Verliebter aus einem köstlichen Trinkbächer den Durst seiner Liebe zu leschen /
so mus er mit verguldeten oder mit Golde gefülleten Händen darnachzu langen. Die
süsse Kost der Liebe wird keinem in güldenen Geschirren vorgetragen / wo er sie
nicht auch mit güldenen Scheiben vergült. Selbst der karge Filtz / imfal er
alhier seine Vergnügung finden will / legt die Kargheit ab / und nimt die
Freigäbigkeit des Milden an. Wil er den Busem der Wohllust eröfnet schauen / so
mus er seinen Geldkasten nicht zuschlüssen.
    (55) Simson lies sich hierdurch nicht abschrökken. Er wollte der Reichsten /
der Fürnehmsten einer mit sein. Er wollte mit keiner kargen / noch geitzigen
lausichten Hand an die rohte Tühre klopfen. Weil ihm verdekter weise zu
verstehen gegeben ward / wan man diese Tühre geöfnet zu sehen verlangte / müste
man auch mit offenem Geldbeutel darvor erscheinen; so lies er sich hierzu in
Wahrheit nicht feig / noch weigerich finden. Er scheuete die Unkosten nicht:
indem er ihm einbildete dadurch in einen Himmel vol Wohllust zu gelangen / da er
sich doch nur in eine Schündkuhle / ja Mistpfütze vol Wustes und Jammers
stürtzete.
    (56) Unter währendem Gespräche / brachte der Lokvogel / im Fortwandeln / den
Simson unvermärkt vor dieselbe Walstat; da er albereit eine Schlacht verloren /
und diejenige / die sein Hertz gefangen hielt / über ihn gesieget. Gleichwohl
lies er sich dessen nicht märken. Er verbarg die Heftigkeit seiner Liebe so viel
/ als er konnte. Auch schwieg er von dem / was ihm alda begegnet / ganz stille.
Sobald sie aber dem Fenster / darinnen sie lag / näher kahmen; da war er dannoch
so mächtig nicht seinen Augen / mit verliebten Blikken darnachzu zu spielen /wie
gern er solches getahn hätte / zu verbieten.
    (57) Doch diese Blikke schossen gegen ihren Rükken an / den sie ihm eben
zukehrete; und kahmen also vondar ganz leer wieder zurückgeprallet. Es schien
/dass diese Tausendlistige dem Simson darüm ihr Gesicht entzog / oder es von ihm
abkehrete; weil sie es eben damahls / da sie ihren Verkeuffer oder Kaufschlüsser
mit ihm im Handel begriffen zu sein vermuhtete / für zuteilig achtete / sich /
durch eine gestellete Ehrbarkeit / in grössere Hochachtung zu bringen.
    (58) Weil nun Simson hierüber in die euserste Verzweifelung geriet / so nahm
er seine Zuflucht zu seinem Gefährten. Dieser / weil er mit ihr / wie er gesagt
/ in vertraulicher Kunde lebte / sollte ihm ihre Gunst / samt der Vergünstigung
eines freien Zutrittes / verschaffen. Und eben hierüm baht er ihn / mit
wehmühtigem Hertzen. Auch versprach er / imfal er solches verschafte / mit einer
ansehnlichen Verehrung dankbar zu sein.
    (59) Eben hierauf zielete dieser Kupler. Eben hierüm war es ihm zu tuhn. Er
stund straks bereit. Zu allem war er färtig. Von Stunden an lief er hin / und
legte sein Gewärbe so getreulich / als eifrig ab. Inzwischen begab sich Simson
an den bestimmten Ort / da ihn der Kupler / in der Abenddemmerung / abzuhohlen
versprochen. Dan diese Zeit ist eben dieselbe / da dergleichen unzüchtige Ziegen
ihren neuen Bökken den Eingang verstatten; zum teile darüm / damit es vor ihren
andern Buhlern verschwiegen / zum teile /dass ihre geschmünkte Schönheit / in der
Fünsternis /verborgen bleiben möchte.
    (60) Alhier war es / da ihm seine Gedanken dieselbe / die ihn selbst
abwesend gefesselt hielt / schon in seinen Armen vorstelleten. Alhier war es /
da er von weitem den Vorschmak der vermeinten Glüksäligkeit / die ihm über ein
kleines mit ihrem ganzen Wesen sollte zu teile werden / zu spühren begunte.
Alhier war es / da er endlich die fröhliche Bohtschaft bekahm /dass die schöne
Gazerin seiner wartete / dass ihm der Zugang zu ihr bereitet / ihre Gunst
erworben / die Herberge bei ihr bestellet / ja alles / nach seinem eigenen
Begehren / ausgelichtet sei.
    (61) Wer war lustiger / als Simson / da ihm diese Worte das Ohr spitzig /
das Hertze gross / und das Angesicht freudig machten. Wer war vergnügter /als er
/ der nunmehr zu seiner völligen Vergnügung eingeleitet werden sollte. Ja ich
darf schier sagen /oder doch zum wenigsten gedenken / dass ihn der Bringer dieser
Zeitung so hoch nicht erfreuet hette /wan er ihm schon die Bohtschaft gebracht /
er sei auf den Reichsstuhl eines mächtigen Königreichs erhoben zu werden /
erkohren.
    (62) Die Himlische Sonne war eben untergegangen / als Simson / mit seinem
Geleitsmanne / sich dahin begab / da ihm seine vorgebildete irdische Sonne /
selbst in der Abenddemmerung / aufgehen sollte. Ja sie ging ihm auch / sobald er
in das Haus geträhten / mit freudigen und überausanmuhtigen Gebährden entgegen.
Sie empfing ihn mit so süsser liebkosender Stimme; die dem Simson anders nicht
/s als eines Engels Stimme / das Ohr kützelte / die Sinnen entrükte / das Hertz
entzükte.
    (63) Nunmehr waren alle seine Schmertzen verschwunden. Alle Pein seines
Hertzens hatte sich verloren. Angst und Kummer: lagen begraben. Simson gedachte
nun nicht mehr an das vorige Leiden. Er befand sich auf dem höchsten Güpfel der
Freuden. Er lebte / wie ihm dünkte / mitten im Paradiese der Wohllust: da er
sich doch / mitten in einem gefährlichen Irgarten / in den Strükken des Todes
jämmerlich wältzete. Ja er wähnete gar / dass er alhier den Himmel auf Erden /
das Himlische Wohlleben unter den Sterblichen / und die Säligkeit unter den
Menschen besässe: da er sich doch in einen tieffen Abgrund vol Jammers / vol
Elendes / vol allerlei Gefährligkeiten gestürtzet sah.
    (64) Kaum war er in dieses Haus eingekehret / da erfuhr es schon die ganze
Stadt. Es war auch kein Wunder: weil iederman auf das Tuhn und Vorhaben eines so
grossen Heldens / den alle Filister fürchteten / achtung gab. Die Narben ihrer
Wunden / welche sie von ihm empfangen / waren noch nicht verschwunden. Die
Niederlagen / die ihnen seine Tapferkeit veruhrsachet / lagen ihnen noch stähts
im Sinne. Und eben darüm befahreten sie sich fort und fort / er möchte mit neuen
Anstalten sie zu überrumpeln schwanger gehen. Ja eben darüm blieben sie wach
/dieselben zu vereiteln; oder vielmehr Gelegenheit zu suchen sich an ihm zu
rächen.
    (65) Weil sie sich dann dessen öffendlich nicht unterstehen durften / so
trachteten sie es heimlich und hinterlistig auszurichten. Hierzu vermeinten sie
nunmehr die rechte Zeit gefunden zu haben; indem sie ihn / mit den Banden der
Geulheit gebunden / in den Armen der Wohllust eingeschlummert sahen: da er dann /
ohne Befahrung einiges Unheils / leichtlich könnte gegriffen / und mit geringer
Mühe gar in den Todesschlaf versetzet werden.
    (66) Viel Weiber zu ehligen war dazumahl noch nicht verbohten.
Beischläferinnen zu halten gediehe keinem zur Strafe. Selbst der geulen Lust /
ausser der Ehe / den Zügel zu verhängen ward durch die Finger gesehen;
sonderlich unter den Heiden: ohne Zweifel aus einsicht der Vermehrung
Menschlichen Geschlächts / und die Einöden mit Völkern zu besetzen. Darüm
rechneten es die Filister dem Simson für keine Schande / viel weniger für ein
Laster zu / dadurch er sich etwan wider ihren Staht und desselben Satzungen
verbrochen; indem er itzund / in ihrem Gebiete / die Grentzen der Keuschheit
überschritte. Sonst würden sie hieraus Uhrsache gesucht haben ihn / unter dem
Scheine der Strafe / frei und öffendlich / als darzu berechtiget / anzutasten:
zuvoraus weil er sich in einem solchen zustande befand / da es unschweer
geschehen konnte.
    (67) Nach langen Berahtschlagungen und Erwägungen dieser Sache / beschlossen
endlich die Filister : man sollte das Haus / darinnen Simson seiner Lust pflägete
/ rund herüm mit dem meisten Bürgervolke besetzen / und die Stadttohre mit
starken Wachen versehen. Die ganze Nacht durch sollte man stil sein / und auf
ihn lauren bis an den Morgen. Sobald der Tag angebrochen / und er aufgestanden
zu verreisen / sollte man ihn mit gesamter Macht anfallen / und das ganze
Filisterland / von den Drangsalen / darinnen es sich / so lange Simson lebete
/jämmerlich abmärgelte / durch seinen Tod erlösen.
    (69) So gesagt / so getahn. Alle Zugänge des gemeldten Hauses warden / in
der Stille / mit den stärkesten und tapfersten aus der Bürgerschaft besetzet. In
alle Stadttohre legte man genugsame Wachen. Man befahl allen / sonderlich denen
in der nähe des ümringten Hauses / ganz kein Getümmel zu machen: damit Simson
dadurch nicht etwan in Argwahn gebracht / und veranlasst würde sich bei Zeiten
aus dem Staube zu machen. Dieses alles bestelleten also / auf Befehl des
daselbigen Fünffürstens / die Stahtsbedienten selbst: wiewohl sie sich straks
darauf wieder nach ihren Häusern / und in ihre Betten begaben / unbesorgt was
sich ferner zutragen würde.
    (70) Aber wie vorsichtig sie vermeinten ihren Anschlag bestellet zu haben /
wie stille sie sich hielten / dem Simson deswegen keine Schwahnsfedern in das
Ohr / und in die Gedanken zu stekken; eben so vergeblich hoften sie auf einen
gewünschten Ausschlag. Ja es war ganz vergebens / ganz ümsonst /dass sie sich
bemüheten demselben nach dem Leben zu stehen / der unter Gottes Beschirmung
stund. Gott selber gab ihm ein / was man wider ihn vorhette. GOtt selber war
es / der ihn warnete / der ihm riet sein Leben zu retten. Ja Gott selber gab
seinen Feinden einen verkehrten Raht ein. Er selbst schlos ihnen die Augen zu /
dass sie nicht sehen sollten / wie Er den Simson aus ihren Greifsklauen zu führen
gesonnen.
    (71) Simson gab seiner Liebsten / was ihn ahnete / zu erkennen. Diese
trachtete / mit süssen Worten /ihm solches aus dem Sinne zu schwatzen: weil sie
sich befahrete / samt ihm / den Genos vielzufrüh zu verlieren. Aber es war
ümsonst denselben mit Honige zu lokasen / den die Furcht bereit geflügelt. Es
war vergebens denselben / den der Schrik jagte / durch süsses pfeiffen zum stande
zu bringen. Es war unmüglich denselben / der seinen Feind auf sich zukommen sah
/ wiewohl ihn noch so sehr dürstete / mit einem Labetrünklein aufzuhalten.
    (72) Wo die Furcht verfolget zu werden sich einnistelt / da erstikket die
Wurtzel aller unreiner Begierden; da verschwindet die Liebe zu allen eitelen
Dingen; da vertreibet der Kummer alle Neugungen zu weltlichen Lüsten. Simson war
nun nicht mehr begierig ihres Busems zu geniessen. Er hatte vergessen verliebt
zu sein. Er war nicht mehr lüstern nach der vergälleten Süssigkeit eiteler Liebe.
Seine Gedanken giengen allein dahin / wie er die Nachstellungen seiner Feinde
vereitelen / und sich selbst in Sicherheit versetzen möchte.
    (73) Zu dem Ende stund er dann mitten in der Nacht auf / üm eben die Zeit /
da es am fünstersten war / und der Schlaf am meisten herschete. Er begab sich /
in aller Stille / straks nach dem Tohre zu / nirgend fand er einigen Menschen /
der ihn belauerte. Vielleicht hatte sie alle der Schlaf / oder auch wohl die
Furcht /dass sich keiner durfte blikken lassen / überfallen. Vielleicht hatten sie
gedacht / es würde genug sein /wan sie gegen den morgen wach und wakker weren
den Simson zu fangen / sobald er aufgestanden /und wieder von dannen ginge.
    (74) Hier möchte man sich nicht unbillig verwundern / dass derselbe / der
sonsten seinem Feinde selbst so muhtig unter die Augen traht / itzund das Hertz
nicht hatte stand zu halten. Ja wundern möchte man sich / dass Simson / der sich
doch nicht lange zuvor wider ein wohlausgerüstetes Heer von dreitausend
auserlesenen Filistern in den Streit einlassen dürfen / und den Sieg darvon
getragen / itzund für einer Hand vol Bürger / welche leichter zu überwinden
waren / furchtsam die Flucht nahm.
    (75) Es scheinet / dass er itzund / da er die Waffen der Geulheit erst
abgeleget / sich nicht getrauen durfte der streitenden Tapferkeit anzumassen. Es
scheinet /dass er im Bette der Unzucht / daraus er erst aufstund /den Muht einen
Kampf zu wagen verloren. Es scheinet / weil er sich erst im Kohle der Schanden
herümgewältzet / dass er sich so straks darnach nicht erkühnen durfte nach der
Krohne der Ehren / nach dem Krantze des Ruhmes zu ringen. Ja es schien /weil er
erst aus dem Grabe kahm / mit dem den Schoss einer Unzüchtigen die Heilige
Schrift nicht unfüglich vergleichet / dass er sich seiner Kraft und Stärke
verlustig / ja zu schwach fühlete mit fechtender Faust sein Leben zu beschirmen.
    (76) Vielleicht schikte GOtt es auch selber also. Vielleicht wollte
Derselbe / der allezeit Sorge trug Simsons Leben zu erhalten / nicht gestatten /
dass er / im Stande seiner Schwachheit / sich wagen sollte der Macht seiner Feinde
den Klopf zu bieten. Vielleicht wollte GOtt / durch seinen Geist / in ihm / als
in einem erst itzund verunreinigtem Werkzeuge seiner Macht / zu dem mahle / ja
so lange / bis er wieder rein worden / so kräftiglich nicht würken. Und dieses
hat Simson / dem seine Schwachheit und Gebrächlichkeit wohl bewust war / ohne.
Zweifel gemärket. Daher lies er sich auch durch den Trieb und Willen GOttes
williglich leiten. Daher entielt er sich gehorsamlich dessen / davon ihn GOtt
selber abhielt. Daher wollte / noch durfte er / nach einer Siegeskrohne zu
streben / so verwägen / ja so tolkühne nicht sein. Und dieses war gleichsam
seine Strafe / die ihm die Vaterhand Gottes so gnädig auferlegte.
    (77) Verliebte durften vor Alters keinen wiewohl nur schlechten Krantz auf
dem Heupte tragen: weil ihr Heupt / das ein Sitz des Verstandes sein sollte /
durch sie zum Sitze des Unverstandes gemacht / dieser sonst gewöhnlichen Haupt-
und Ehren-zierde nicht würdig geschätzet ward. Vielmehrmuste sich dann Simson
itzund / da er die Tohrheit dermassen sich reiten lassen / dass er / gar im Kampfe
der Geulheit / einem leichtfärtigen Weibe die unflätige Siegeskrohne darreichen
müssen / durch einen Heldenkampf nach einer herrlichen Siegeskrohne zu trachten
entalten. Mit was für Tapferkeit hette seine Faust auch darüm dingen und ringen
können; nachdem sie eben itzund im schändlichem Busen der Geulheit sich dermassen
abgemattet /dass sie einige Taht herrlicher Tugend zu verrichten ganz ohnmächtig
schien?
    (78) Aber wir beschuldigen vielleicht den tapferen Simson / dass er aus
Furcht geflohen / zu viel; weil keine Furcht in ihm haftete. Warüm schreiben wir
solche Flucht nicht lieber seiner Fürsichtigkeit zu? Diese Tugend blikket auch
gewislich aus alle seinem Tuhn /wie unfürsichtig es zuweilen im ersten anblikke
scheinet. Ob er schon itzund / als gebrächlich / den Fussstapfen der Wohllust /
darinnen grossmühtige Helden das Grab ihrer Tugend finden / ein wenig
nachwandelte; so blieb er doch / als zugleich fürsichtig / darinnen so lange
nicht / dass et die Spuhr der Tugend nicht alsobald wiedergefunden.
    (79) Mit einem Worte / Simson gebrauchte sich des Wohllustwassers mehr und
anders nicht / als bloss allein nach Nohtdurft seinen Liebedurst zu löschen.
Sobald er dessen zur Vergnügung getrunken / flog er /wie eine Taube von der
Tränke / frei und los von aller haft / straks wieder darvon. Also begab er sich
von den hulprigen so wohl / als gefährlichen Fahrgelösen der Fleischlichen Lust
wieder auf die ebene sichere Bahne der Tugend.
    (80) Auf solche Weise sonderte sich dann Simson von den unersätlichen
lasterhaftigen Wohllustbeuchen ab. Diese trinken nicht nur / bis ihr Durst
gelöschet. Sie sauffen gar mit grossen Schlükken. Ja sie stürtzen sich / aus
unmässiger Begierde / wohl selbst in den Wohllustbrunnen / alles Wasser zu
verschlüngen / über Hals über Kopf ganz lüderlich hinein. Alda bleiben sie dann
mit ihren Hertzen stähts als angefesselt / mit ihren Neugungen fort und fort
gefangen / und müssen also / den Pfandschilling zu erlegen /zum öftern
wiederkehren.
    (81) Wie fürsichtig nun Simson handelte / da er in den Banden unkeuscher
Liebe haftete; gleich so fürsichtig war er auch in Erwehlung der Flucht. Ihm
stunden zwar die unvergleichlichen Meisterstükke seiner unüberwindlichen Stärke
/ damit er sich ehmahls der Welt berühmt gemacht / noch vor Augen. Er hatte zwar
noch nicht vergessen / dass er allein / mit einem blossen Eselskinbakken / vor
weniger Zeit auf einmal drei tausend Filister geschlagen. Er erinnerte sich
noch seiner dazumahl unter dem freien Himmel aufgebaueten Siegesburg; üm derer
Güpfel herüm eben so viel Ehrenfahnen / als er Filister erschlagen /nähmlich
wohl tausend geflattert. Gleichwohl ward er hierdurch so vermässen nicht / dass
er ihm eingebildet hette das Glük und den Sieg allezeit auf seiner Seite zu
haben.
    (82) Die Glükskugel kullert so bald hinter sich / als vorsich. Darum ist es
keine Klugheit nach ehmahligen glücklich gerahtenen Tahten in gegenwärtigen
wüchtigen Geschäften sich richten wollen. Zudem ist die Vermässenheit in
gefährlichen Händeln vielmahls Uhrsache zur Unterlage. Ja die Kühnheit selber
wird hierinnen zur Verwägenheit; es sei dann / dass der Noht-zwang uns darein
wükkelt. Ohne denselben versuchen wir auch GOTT / und machen uns seines
Beistandes verlustig. Wo uns dann dieser fehlet / da rennen wir spohrenstreichs
in das Verderben.
    (83) Und also wollte Simson / weil ihm die Dunkelheit der Nacht die Hand
reichete / sich lieber aus dem Staube machen / als in einer verschlossenen und
volkreichen Stadt / da zugleich Riesen wohneten / unfürsichtig in einen
glücksfälligen Streit einlassen. Er wehlete lieber das gewisse für das ungewisse.
Die Hoffnung / die ihn strählen konnte den Sieg darvon zu tragen / stund auf
Ungewissem Fusse. Hingegen fussete die Fürsichtigkeit / die ihm zur Flucht riet /
üm so viel fester.
    (84) Er gelangte dann glücklich an das Stadttohr. Auch fand er alda keinen
Menschen / der ihm den Ausgang verwehren konnte. Doch das Tohr war zu. Selbst mit
Schlössern und Rügeln stund es verwahret. Ohne Schlüssel sie zu öfnen fiel
beschweerlich / zuvoraus bei so gar fünsterer Nacht. Auch wollte / noch konnte
Simson so lange nicht warten. Ein kleiner Verzug war hier gefährlich. Darüm
entschlos er sich straks das Tohr / zusamt den Seulen / Ringeln / Rügeln / und
Schlössern / auszuhöben.
    (85) Zu dem Ende forderte / ja trieb er aus allen Gliedmassen seines Leibes
alle Kräfte / mit gewaltiger Bewägung / in die starken Arme zusammen. Diese
fasseten / durch Hülfe der Hände / zuerst die eine /darnach die andere Tohrseule
mit solcher Gewalt an /dass die Mauren / darinnen sie fest stunden / wakkelten /
und mit greulichen Krachen voneinander barsten / auch teils einfielen / teils an
den Seulen hängen blieben. Es war erschröklich anzusehen / als er iede Seule mit
einem einigen Risse / mit einem einigen Schütteln dermassen aus dem Grunde
herausris / dass alles / was sie fest hielt / seiner mehr als menschlichen Stärke
weichen musste.
    (86) Ja viel erschröklicher und verwunderlicher schien es / als er noch
darzu diese ganze Last des Tohres auf seine Schultern lud / und damit eben so
färtig / als wan er irgendwohin lustwandelte / fortging vor Hebron sein
Siegeszeichen aufzurichten. Er selber war der Siegeswagen / der es führete. Ja
er selber war der Kutscher / und der Siegesheld zugleich: über dessen
siegreichen Armen / die ihm den Durchgang / wo er am festesten versperret war /
zu eröfnen wussten / der Himmel bestürtzt zu werden / die Erde zu böben / ja die
Grundfeste des Abgrundes selbst zu erschüttern und zu erzittern schien.
    (87) Also überlistigte Simson die Gazer. Also betrog das Wild die Jäger.
Also brach es aus seiner Umstellung. Also entschnapte den Hungrigen ihr
Wildbrahten; wiewohl sie ihn schon am Spisse zu haben vermeinten. Der
Ausgebrochne war nunmehr /mit seiner Beute / schon weit von Gaza weg / als die
Gazer mit Spiessen und Hauern sich versamleten ihn zu fangen. Der Himmel begunte
kaum zu grauen / als die sämtliche Burgerschaft schon vor des Simsons Herberge
war seiner Auskunft zu erwarten.
    (88) Einieder / der keinen Raum auf der Gasse fand den armen Simson mit
gewafneter Faust anzufallen / hatte sich / in der Nachbarschaft entweder auf ein
Dach / oder in ein Fenster begeben / von dar mit Steinen auf ihn zu zu spielen.
Ja es krübbelten die ümliegenden Heuser gleichsam von den so gar vielen
Menschen. Vor denen waren auch in der Eile Schaubühnen aufgerichtet / für das
Weibesvolk; damit es der Schlacht / die man halten sollte / deszubesser zuschauen
könnte.
    (89) Die Ungeduld über das lange Warten war der Wetzstein / daran ihre
Wühterei sich schärfete. Sie begunten vor Zorne mit den Zähnen zu knirschen. Sie
begunten Schwefeldämpfe / mit feurigen Flammen /aus Meulern und Nasen zu blasen.
Allen sah die Grausamkeit aus den Augen. Alle schwuhren den Simson / sobald er
heraus kähme / zu zerstükken. Kein Glied wollten sie ihm ganz lassen. Sein Bluht
wollten sie den Hunden zu läkken / sein Fleisch den Raben zu fressen / und seine
Haut dem Gärber zu gärben geben.
    (90) Endlich lieffen sie mit Ungestühm auf das Haus zu. Sie klopften / sie
schlugen / sie schmiessen an die Tühre. Auch stiessen sie mit Füssen daran. Ja
sie raseten / sie tobeten / sie wühteten darvor / als tolle Menschen. Der Verzug
aufzutuhn war ihnen vedriesslich. Das lange Zaudern machte sie grimmig. Zuletzt
mussten ihnen die Höbebeume zu Schlüsseln dienen. Man rante sie auf. Man drung
mit Gewalt hinein. Man forderte den Simson: und / als sie Bericht empfangen / er
sei lange weg / suchte man alle Winkel durch. Man stankerte alles aus / auch das
heimliche Gemach selbst.
    (91) Die arme Tröpfin fanden sie noch im Bette. Nicht eher war sie erwachet
/ als im Aufrennen der Tühre. So fest hatte sie geschlafen. Es war auch kein
Wunder. Sie hatte die ganze Vornacht gewachet. Vom Kampfe der Geulheit lag sie
noch ermüdet. Und darüm war ihr Vorsatz gewesen / ihrer Ruhe bis an den Mittag
abzuwarten. Sie fing zwar an zu murren. Sie begunte sich unnütze zu machen. Sie
erkühnte sich zu schälten. Aber diese Pfeiffe musste sie bald einziehen. Der
aufgerejetzte Hans Alleman war in voller Wuht. Er geboht ihr zu schweigen. Er
bedreuete sie. Er fing an ihr aufzurückken / was sie ungern hörete. Etliche
hatten auch schon begonnen ihr Haus zu plündern.
    (92) Weil sie den Simson alda nicht fanden /so schien es / als wollten sie
ihr Mühtlein an dieser Fraue kühlen. Und zu dem Ende suchten sie auch die Schuld
seines Entkommens ihr aufzubürden. Ja sie hetten ihr gewislich einen häslichen
Schimpf bewiesen / wan nicht einer von den Stahtsbedienten / durch seine
Darzwischenkunft / solches verhindert. Dieser /weil er vielleicht einer von
Simsons Schwägern war / nahm sich ihrer straks an. Er schaffte das gemeine
Völklein straks aus dem Hause. Er befahl ihr kein Leid zu tuhn. Ja er bemühete
sich so viel / dass sie ihre Ruhe behielt.
    (93) Unterdessen kahm der Ruf an / das Stadttohr sei weg. Es were nirgend zu
finden. Die Mauer / darinnen es gestanden / sei über einen Hauffen geworfen.
Hieraus schlos man zur Stunde / Simson sei geflohen: er habe sich durchgebrochen
/ und das Tohr selbst mit darvon getragen. Alle stunden als vernarret. Iederman
war bestürtzt. Schier niemand sprach ein Wort. Gleichwohl konten es etliche
nicht gleuben. Es schien ihnen unmüglich zu sein. Sie hielten es für ein
Mährlein. Darüm lieffen sie hin. Sie sahen darnach. Sie erblikten die klahre
Taht. Sie fanden das gewisse Wahrzeichen der Flucht und Stärke des Simsons.
    (94) Hatte sie der blosse Ruf bestürtzt gemacht / so warden sie es itzund
noch vielmehr. Sie stunden entsetzt. Sie gingen / als vor den Kopf geschlagen.
Sie schlichen / wie die Hühnerdiebe; wie Hunde mit gelähmten Lenden. Ja sie
waren beschähmt. Sie durften die Augen nicht aufschlagen. Die Ohren hingen / als
Lappen. Die Arme schlotterten / als Flachsrüsten. Der Schimpf schien zu gross.
Die Schande war zu übermässig. Niemand wusste / was er tuhn sollte. Zuletzt
verloren sie sich einzeln. Mit stiller Trummel zogen sie heim. Und also ward
ihre grosse Waffenrüstung / mit Schanden und Schaden / geendigt.
    (95) Nicht lange nach diesem schändlichen Abzuge gelangte Simson / mit
seiner Beute / vor Hebron an. Alda war er gesonnen ihm eine Siegesburg zu
stiften. Alda war sein Vorsatz ihm ein Sieges- und Ehren-Tohr aufzurichten:
dessen ganze Last er bis hierher auf seinen Schultern getragen. Hierzu wehlete
er nicht etwan ein lustiges niedriges Tahl / sondern einen hohen Berggüpfel. So
erhoben / und in offener Luft sollte sein Ehren- und der Gazer Schanden-zeichen
stehen; damit es die Augen des ganzen Filisterlandes auch von Ferne beschauen
könten.
    (96) Auf diesem Berggüpfel lud er die Last des Gazischen Stadttohres ab.
Alhier richtete er / als ein zweiter Jason / zum Denk- und Dank-mahle die Breter
auf; mit denen er dem Schifbruche / darein ihn die Gazer zu stürtzen gedacht /
entgangen war. Hierher / auf diese Höhe / setzte er den Weihtisch; darauf er dem
Allerhöchsten für so gnädige Rettung seines Lebens den Weihrauch seiner
Dankbarkeit anzündete. Ja alhier feierte er den Tag seines ihm von oben herab
verliehenen Sieges.
    (97) An Gedanken / und gespannetem Tuche geht viel ab. Die Gazer gedachten
/ Simson sei nunmehr in ihrem Garnsakke so guht als gefangen; weil er in ihrer
verschlossenen Stadt war. Sie vermeinten den Fisch so gewis in ihrer Wahte zu
haben /dass er ihnen nicht entschlüpfen könnte. Sie hatten die Einbildung / weil
er so tief in ihre Reise gerahten / sei es unmüglich ihn zu verlieren. Darüm
sagten sie schon: »harre! morgen wollen wir ihn greiffen / und erwürgen.« Aber
zwischen Abend und Morgen fallen viel Glüksfälle. In dieser kurtzen Zeit ward
jene Jungfrau eine Braut / und eine Leiche. In so wenig Stunden wird wohl eine
ganze Stadt eingeäschert; die man darnach in so viel Jahren nicht wieder
aufbauen kann.
    (98) Kaum war die Helfte solcher Zeit verlauffen /da hatten die Gazer den
Simson / den sie so fest in ihren Klauen zu haben wähneten / schon so schändlich
verloren / dass sie ihn darnach solchergestalt nimmermehr wieder in ihr Netze
bekahmen. Ihr unfürsichtig erwehltes Morgenziel war noch halb zurück; da hatte
seine tapfere Faust in ihren Garnsak albereit so einen weiten Ris gerissen / in
ihre Wahte schon so eine grosse Schnarre geschnarret / und in ihre Reise so einen
breiten Bruch gebrochen / dass er aus allen ihren Hinterlagen ungehindert
entschnapte.
    (99) Auf Morgen harren / macht manchen Narren. Der Morgenverschub findet die
Gelegenheit / die Heute zöpficht sich anbietet / mit einer Glatze. Ohne
Morgenverschub gewan Alexander in wenigen Jahren so viel mächtige Königreiche;
wie er selbst bekannte. Hetten die Gazer ihren Anschlag nicht auf Morgen
verschoben / so hette sie Simson so gar schändlich nicht teuschen können. Hetten
sie nicht so lange gezaudert / geseumet / und ihren Anschlag verzügert; so
hetten sie solchen Hohn / solche Schmaach / solchen Schimpf und Spot keines
weges darvon getragen.
    (100) Gleichwohl wollten die Stahtsbedienten ihren Irtuhm nicht bekennen. Sie
wollten nicht gestehen /dass sie gefehlet. Und solchen Fehler zu beschönen
/bürdeten sie alle Schuld der Bürgerschaft auf. Sie beschuldigten dieselben /
welche den Simson zu bewachen bestimmt worden / dass sie fährlässig gewesen; dass
sie sich vielleicht nicht stille genug gehalten /oder auch wohl / da sie wachen
sollen / geschlaffen. Ja sie bezüchtigten die Tohrwächter selber / dass sie
darvon gelauffen / und das Stadttohr zum besten gegeben.
    (101) Weil es nun Sachen waren von grosser Wüchtigkeit / welche das Ansehen
und die Ehre des algemeinen Stahts betrafen; so liess der Fünffürst zu Gaza von
stunden an alle Landrähte / ja alle Befehlhaber der Stadt nicht allein / sondern
auch des sämtlichen Stahts versamlen / hierüber zu erkennen Diese gaben zuerst
etlichen ihrer Unterbedienten Befehl nachzuforschen / wie die Sache sich
verhielte. Darnach warden dieselben / die man als Verbrächer befunden / vor dem
Stahtsrahte zu erscheinen / und Rechenschaft ihres Verhaltens wegen zu geben /
getaget.
    (102) Alhier ging es sehr scharf zu. Das kleineste Versehen musste den Nahmen
des allergrösten Lasters haben. Das geringste Verbrächen ward zum allerhöchsten
aufgemutzet. Doch diese Schärfe ging über niemand so gar scharf / als über die
Tohrwächter; weil / durch ihre Verwahrlosung / das Stadttor selber gestohlen
worden. Diese waren auch die ersten /die Haare lassen mussten. Nicht alle zugleich
warden abgehöret. Nur einen allein lies man auf einmal einträhten. Nachdem man
sie alle zum allergenauesten unterfraget / und wohl ausgefenstert hatte /
schikte man sie / bis auf weiteren Bescheid / ins Gefängnis.
    (103) Hierauf lies man auch die Bürger vorfordern: nicht zwar einzeln / noch
auch alle zusammen auf einmal; sondern Rottenweise / wie man sie vor Simsons
Herberge Wache zu halten befehligt. Weil nun diese befanden warden üm die Zeit /
da Simson das Reisaus genommen / alle geschlafen zu haben; die meisten in ihren
Heusern selbst / die wenigsten auf dem Wachplatze: so ward jenen / weil sie /
wider der Obrigkeit Befehl / von der Wache sich weggeschlichen / eine schwere
Geld-busse / den andern aber das entführete Stadttor entweder ganz von neuem
bauen zu lassen / oder aber das Alte wiederzuschaffen zuerkennet.
    
    (104) Des folgenden Tages ward auch das Urteil über die Tohrwächter
gefället. Diese / weil sie nur arme Tropfen waren / aus denen kein Geld zu
schmieden fiel / auch wider den ganzen Staht / dem sie einen so gar grossen
unauslöschlichen Schimpf zugezogen / sich gröblich versündiget / sollten mit dem
Leben büssen. Was es aber für eine Lebensbusse sein sollte / darüber fielen zuerst
mancherlei Urteile. Etliche verurteilten sie zur Steinigung: andere zum Feuer.
Weil aber beide diese Lebensstrafen alzugemein / des Verbrächens Wüchtigkeit
dagegen ganz ungemein war; so urteileten noch andere / man müste solchen
Verbrächern auch eine ganz ungemeine Strafe / die man von neuem ausfinden sollte
/ zuerkennen.
    (105) Hierüber fielen abermal vielerlei Meinungen. Etliche vermeinten / man
sollte sie unter dem Schutte der Mauer / bei dem geraubeten Stadttore / lebendig
begraben. Andere rieten / weil sie von der Wache weggelaufen / ihnen solches
gegen dergleichen Vorfal abzugewöhnen / man sollte beide Beine den Redelsführern
abhauen / den andern aber / die sich durch jene verführen lassen / nur lähmen.
Noch andere wollten ihnen die Augen ausgestochen haben; weil sie /als blinde
Wächter / an statt das Tor zu bewachen /in ihren Heusern vielleicht geschlafen.
Wieder andere stimmeten dahin / dass man / durch einen der grösten Steine des
Mauerschuttes / ihnen den Kopf sollte zerschmettern. Und hierzu könnte man zwo
Seulen nebeneinander aufrichten / und den gemeldten Stein / an ein paar oder
mehr Stränge fest gebunden / gleich als einen Schlagtrümmel / zwischen denselben
von oben herab dem unten stehendem Verbrächer auf den Kopf fallen lassen.
    (106) Endlich warden jetztgemeldte Meinungen nach Hofe geschikt des
Fünffürstens Bedenken darüber einzuhohlen. Dieser lies wissen: weil alle
Verbrächer nicht gleiche Schuld hetten / so könten sie auch nicht alle mit
gleicher Strafe belegt werden. Darüm sollte man sie schichten. Welche Schicht
sich am meisten verbrochen zu haben befunden würde /darunter dann die
Redelsführer oder Urhöber des Verbrächens zu zehlen weren / denen sollte man die
letztere Kopfstrafe zuerkennen. Die andern könnte man spielen lassen / welchem die
Füsse sollten abgehauen / oder aber nur gelähmet werden / und welchem die Augen
auszustechen. Was die erste Strafahrt belangete / dieselbe würde den
Stahtsrähten in Bedenken gestellet /ob man sich deren bedienen / oder nicht
bedienen sollte.
    (107) Hiernach ward dann das Endurteil gefället /dass die fünf befundene
Redelsführer oder Anfänger der Uberträhtung mit dem Falle des Mauersteines
sollten hingerichtet / die andern aber durch das Los geschichtet / und / nach dem
Befehle des Fünffürstens /mit denen Strafen / die auf sie fielen / belegt
werden. Und also mussten sie / teils mit dem Kopfe / teils mit den Füssen / teils
mit den Augen ihre Schuld bezahlen. Alle mussten büssen / bis auf einen. Dieser
allein ging frei. Dieser ward darüm begnadiget: Weil er der letzte Man im Tohre
gewesen / und nicht eher nach Hause gegangen / als da die andern schon alle
darvon gelauffen.
    (108) Zur Volziehung dieses Urteils ward der vierde Tag hiernach angesetzet.
Eher konnte sie nicht geschehen; weil auf die drei folgenden eben das Fladenfest
des Korn- oder Brohtgötzens Dagons zu feiern einfiel. Dieses ward bei den
Filistern so heilig gehalten / dass / bei währender Feier / nicht die geringste
Handarbeit / viel weniger ein Bluhtgerichte geschehen durfte: wiewohl der
Götzendienst sonsten nicht sonderlich war. Man sah fast anders nichts / als
Wohlleben. Man täht schier anders nichts / als Prassen. Man trug grosse Fladen
auf. Kuchen und dergleichen Gebaknes zu essen / und Wein darbei zu sauffen / war
ihr meister Götzendienst. Wan man den Bauch tapfer gefüllet / dann fing man an zu
spielen / zu tantzen / und vielerhand Kurtzweile zu treiben. Das hies alhier den
Feiertag heiligen.
    (109) Unterdessen ward den Mistähtigen auch erleubet in dieses Fladengottes
Götzenhaus zu gehen /sich mit ihm / als dem Schutzgötzen der Stadt / der sie
aber übel beschützet / indem er ihr Tohr wegrauben lassen / zu versühnen. Dahin
kahmen sie zwar: aber vom Dagonsfladen bekahmen sie nichts. Die arme Tropfen
mussten von diesem Bauchgötzen mit eben so leerem Bauche wieder in ihr Gefängnis
gehen / als sie von dannen gegangen. Sie mussten sich mit dem / dass die Augen
sich gesättigt / vergnügen lassen.
    (110) Der bestimmte Tag zur Volziehung des Urteils war nunmehr angebrochen.
Das Strafgerüste stund auf dem Markte schon färtig. Dessen Heusern lieffen
ganze Heuser zu. Auch kein Dienstbohte / kein Kind blieb daheim. Einieder
verlangte diese neue Strafahrt zu schauen. Die Dächer rund ümher stunden
gedrüktvol Menschen. Die Fenster waren besetzt mit Frauenbildern. Auf dem Markte
selbst war der Drang des Volkes so gross und so dichte / dass schier kein Apfel
zur Erden konnte. Gleichwohl mussten sie denen weichen / üm derer willen sie
zusammengelauffen.
    (111) Die Verbrächer kahmen endlich an. Drei Stadtdiener gingen vorher.
Diese machten Platz / da schier kein Platz war. Sie schwänkten die entblössten
Schwerter. Sie trieben das Volk noch mehr in die änge. Sie machten den Drang
noch gedrungener. Die Häscher folgeten / mit breiten Plötzen. Diese hielten die
Mistähtigen an starken Strükken fest. Man gelangte zum Orte des Gerichts. Der
Kreus ward geschlossen. Die Scharfrichter stunden bereit / sobald der Wink
geschehen / ihr Werk zu verrichten.
    (112) Weil dreierlei Urteile sollten volzogen werden / so waren auch drei
Büttel / solches zu verrichten /vorhanden. Ja darüm hatte man auch die Mistähter
in drei Teile geschieden. Dieselben fünfe / denen die Kopfstrafe zuerkant war /
stunden mitten im Ringe /straks bei dem Gerüste. Die andern / denen die Füsse
teils sollten abgekapt / teils gelähmet werden / befanden sich auf der rechten
Seite. Der dritte Teil aber /dem man die Augen ausreissen sollte / war auf die
Linke gestellet. Alle drei Büttel sollten ihr Werk zugleich verrichten.
    (113) Sobald nun der Wink geschahe / fingen diese drei / ein ieder seinem
eignen Teile / das Recht zu tuhn an. Ein Mistähter nach dem andern musste
herhalten. Der fürnehmste der ersten Gattung ward nunmehr an beide Seulen des
Gerüstes fest gemacht. Darauf zogen die Rakkerknechte den Stein mit langen
Strükken in die höhe / und liessen ihn so plötzlich und mit solcher Gewalt
wieder herunterfallen / dass der Kopf des untenstehenden Mistähters ganz
zerschmettert ward / und Gehirn und Bluht herümsprützte. Eben also täht man mit
den übrigen vieren / seinen Mitredelsführern.
    (114) Inzwischen verrichteten auch die anderen zwee Büttel / mit ihren
Folterknechten / das ihrige. Der eine machte den Seinigen die Füsse bald lahm
/bald gar üm eine Handbreite kürtzer. Der andere war geschäftig die Augen
auszupohren. Und dieses täht er mit solcher Geschwindigkeit / dass der Augapfel
heraus war / ehe man es gewahr ward. Also behielten zwar diese zwei Teile der
Verbrächer das Leben: aber darbei gerieten sie in solchen Zustand / darinnen dem
einen das Lauffen / dem andern das Sehen verbohten war.
    (115) Bisher haben wir der bluhtigen Rache / oder vielmehr der Volziehung
des Bluhturteils der Gazer / darzusie Simsons Heldentaht veruhrsachte /
zugeschauet. Nun wollen wir auch beschauen / was ihm / durch solche Heldentaht /
für ein unsterblicher ruhmherrlicher Ehrennahme zugewachsen. Dass er hierdurch und
durch mehr andere den Nahmen / den Ruhm / das Ansehen / die Pracht / die
Herligkeit / ja alles zusammen / was einem grossen Siegshelden zukomt / erworben
ist freilich gross und hoch zu achten. Aber noch viel grösser / noch viel höher /
ja zum allergrösten gross / zum allerhöchsten hoch mus man achten / dass er eben
hierdurch den hohen Ehrennahmen eines Vorbildes des Sohnes GOttes selber
erlanget. Dieses übertrift alle seine Siege / ja alle seine Siegesgepränge.
    (116) Dem Grossen Sohne des Grossen Gottes /durch rühmliche Tahten gleichen /
ist der allergröste Ruhm. Sein gleichähnliches Vorbild / in so vielen Stükken /
zu sein gewürdiget werden / ist die allerhöchste Würde. Die Ehre Ihn gleichsam
zum Nachfolger unsers Vorganges zu haben / ist die allerköstlichste / die
allerherrlichste Ehre. Wan es uns / den Fussstapfen des Sohnes Gottes
nachgewandelt und Ihm gefolgel zu haben / preislich und rühmlich ist / ja selbst
zur Seeligkeit gedeiet; wie viel mehr Preises und Ruhmes verdienet dann Simson /
ja wie seelig wird wohl er sein / der solcher gestalt vorzuwandeln bestimmt / ja
vorgewandelt zu haben befunden worden /dass der Sohn GOttes selbst gleichsam ein
Nachfolger und Nachwandler seines Handels und Wandels sein wollte?
    (117) Der allerkünstlichste Mahler könnte die Geschicht des Leidens / und der
Höllenfahrt unsers Heilandes uns nicht eigendlicher vormahlen / als sie Simson
alhier / durch seine Geschicht / bei zwölfhundert Jahre zuvor vorgebildet. Er /
der grosse Held /und Israelische Heiland Simson komt gen Gaza. Das heisset eine
Festung / eine Feste Burg / eine Behaltnis. Er bringt ein liebreiches Hertz
mit. Dannoch trachten ihm die Gazer nach dem Leben. Sie sagen: morgen wollen wir
ihn erwürgen. Zu dem Ende gehen sie zu rahte. Sie ümgeben ihn mit starken
Wachen. Sie versperren die Stadttohre / und besetzen sie mit Wächtern; damit er
ihnen ja nicht entschnappe. Unterdessen schläft er unbesorgt. Aber üm
Mitternacht stehet er auf. Er geht unerschrokken nach dem Tohre zu. Er stürmet
/ und höbet es aus. Er trägt es gar auf fünf Meilen darvon. Vor Hebron setzt er
es auf einen hohen Berg /und richtet es zum Siegeszeichen auf.
    (118) Eben also komt der Sohn GOttes und Heiland der Welt in die Welt. Er
bringt ihr auch ein liebreiches Hertz mit. Aber die Welt / die Er so hertzlich
liebt / hasset Ihn. Ja sie trachtet Ihm gar nach dem Leben. Und was noch mehr
ist / die Seinigen selbst / seine Bluhtsverwanten selbst / seine Brüder selbst
findet Er so bluhtdürstig. Am Abende vor seinem Leiden sagen sie eben / wie dort
die Gazer: morgen soll Er sterben. Darüber halten sie Raht. Darzu lassen sie Ihn
bewachen. Auch bestellen sie darnach Wächter / nicht zwar / wie die zu Gaza / zu
den Tohren ihrer Festung / sondern vor die Tühre der Burg und Festung seines
steinernen Grabes; darinnen Er schläft / wie Simson in der Festung Gaza: damit
Ihn seine Jünger nicht etwan wegraubeten. Diese Tühre versperren / ja versiegeln
sie zugleich /Ihn ja nicht zu verlieren. Aber bald nach Mitternacht /da der
Morgen will anbrächen / erwachet und stehet Er auf. Ja Er bricht / als ein
Uberwinder des Todes /durch die versperrete / versiegelte Tühre hin.
    (119) Ich will mehr sagen: Er wird auch ein almächtiger Durchbrächer / und
Herzog des Lebens: indem Er selbst durch das Höllentohr hinbricht / desselben
Riegel und Schlösser zerbricht / das Höllische Gaza stürmet / die Höllenburg
zerstöhret / die Fürstentühmer und Gewaltigen alda überwältiget / sie öffendlich
zur schaue träget / und Ihm zur Siegespracht dienen lesset / ja das Gefängnis
gefangen führet / und solche seine Siegespracht nicht nur fünf Tage / wie Simson
die Stadttohre von Gaza fünf Meilen wegtrug / sondern wohl achtmal fünf / das
seind vierzig Tage / der Welt sehen lesset: da Er endlich / in seiner
Himmelfahrt / den Raub / den Er seinen und unsern Feinden abgenommen / auf den
hohen Himmelsberg führet; und sich alda / als ein ewiger Siegesfürst / der Tod
und Teufel überwunden / und mit den zerbrochenen Siegeln seines Grabes die Sünde
wieder versiegelt / ja uns dadurch eine ewige Erlösung erworben / zur Rechten
der Majestäht GOttes setzet.
    (120) Sobald Simson solches sein Siegs- und Ehren-tohr vor Hebron
aufgerichtet / da lief fast die ganze Stadt dem Berggüpfel zu / dieses grosse
Wunderwerk zu beschauen. Iederman war bestürtzt. Alle warden entzükt / als sie
diese so ungeheure Last sahen. Es schien ungleublich zu sein / dass ein einiger
Man so viel Stärke gehabt so einen weiten Weg sie zu tragen. Gleichwohl mussten
sie dasselbe gleuben / was ihr Auge wahr zu sein befand. Die Tracht stund da;
der Träger darbei: der den Gazern Trotz boht sie wieder von dannen zu tragen.
    (121) Ja selbst von weit entlegenen Oertern lief das Volk / mit ganzen
Schaaren / herzu. Auch die Lahmen und Kröpel / auch die Krükkengängler und
Steltzner sahen die ferne des Weges / die Steilheit der Bergstrassen nicht an. Es
war eben / als hette daselber ein sonderliches Heiligtuhm gestanden. Es war
nicht anders / als hette man alhier / aus sonderlicher Andacht / eine Walfahrt
verrichtet. So gar heuffig fand sich das neugierige / das lüsterne Volk ein.
    (122) Auf hiesigem Berghügel lagen drei überausgrosse Feldwakken / drei
überausstarke Feldsteine /welche vor diesem die Hebronische Riesen hinauf
gewältzet / in Gestalt eines Dreiekkes übereinander. Hierüber / als über die
Wunderzeichen einer ungleublichen Stärke / hatten sich die Kinder Israels bisher
höchlich verwundert. Aber als sie itzund dieses ungeheure Tohr / mit seinen zwo
starken Seulen /daran auch ein Stükke der Gazischen Stadtmauer noch fest hing /
erblikten; da waren sie noch viel höher verwundert / dass Simson so eine lastbare
Bürde / die ungleich schweerer war / als einer von gemeldten drei Feldwakken /
ja noch darzu einen so weiten Weg auf seinen Schultern tragen können.
    (123) Nachdem nun dieser unvergleichliche Held /durch eine so sonderliche /
so ungemeine Heldentaht /der Filister Ubermuht und Vermässenheit dermassen
gebändiget / dass sie sich hinfort / einigen Anschlag wider ihn vorzunehmen /
weder heimlich /noch öffendlich unterstehen durften; da begab er sich wieder zu
den Seinigen. Alda betrachtete er / in ruhiger Zufriedenheit / alle bisher ihm
zugestossene Gefährligkeiten: welche fort und fort anders nicht / als entweder
mit Schaden / oder doch mit Schanden der Filister / wo nicht mit beiden zugleich
/ zu Ende gelauffen.
 
                               Das siebende Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Manoah krunkte noch. Er lag noch zu Bette. Ja die Gefahr ganz unterzuliegen
wuchs an / als Simson wieder heim kahm. Die Krankheit hatte nunmehr albereit
sechszig Tage sein Leben bestritten. Hierdurch waren die Kräfte geschwächet /
der Lebenssaft vertruknet / die Leibesgestalt dermassen verändert / ja verfallen
/ dass man ihn kaum kante. Zudem stund er mit dem einen Fusse schon im drei und
sechszigsten Jahre seines Alters. Daher war vermuhtlich / dass sich mit ihm / ehe
noch drei Tage verlieffen / eine plötzliche Veränderung entweder zum Leben /
oder zum Tode begeben würde.
    (2) Dieser gefährliche Stafeltag des drei und sechszigsten seiner Krankheit
schien ihm den eusersten Hauptsturm zu dreuen. Dieses sorgliche Stufenjahr des
drei und sechszigsten seines Alters schien ihm seiner Krankheit letzten und
härtesten Stoss anzukündigen. Konten seine noch übrigen Kräfte diesem widerstehen
/ so hatte sein Leben keine Gefahr. Könten sie diesen abwehren / so hatte man
Hoffnung zur völligen Besserung. Müsten sie aber seiner Gewalt weichen / so war
alle Hoffnung verloren. Müsten sie ganz unterliegen / so war es üm sein Leben
getahn.
    (3) Dieses drei und sechszigste Lebensjahr ist auch gewislich das
Allergefährlichste / ja oft das allerunglücklichste. Selten streicht es ohne
harten Anstoss vorüber. Selten leuft es ohne sonderliche Widerwärtigkeit zu Ende.
Gemeiniglich geht es mit schweeren Unglücksfällen schwanger. Gemeiniglich ist es
/ bei gekränkten und geschwächten Kräften / das letzte. Diesem Wühtriche des
Lebens / wie es bei den Vernunftweisen heisset / haben viel grosse / viel
berühmte Männer / durch ihren Tod / seinen Zol abstatten müssen. In diesem
Stufenjahre mussten Aristoteles / Virgiel / und mehr andere fürtrefliche Leute
das Leben einbüssen. Daher war auch Keiser August über die masse froh / als er
dieses gefährliche / ja töhtliche Jahr überlebet.
    (4) Eben so gefährlich / eben so sorglich ist der drei und sechszigste Tag
eines Kranken; zuvoraus wan er / wie alhier bei dem Manoah / in das drei und
sechszigste Lebensjahr einfället: welches man billich ein Todesjahr nennen
möchte. Darüm hing dann dieses Alten und Kranken Leben freilich an einem seidenen
Faden. Darüm stund er freilich in euserster Gefahr dasselbe zu verlieren. Und
eben dieses urteilete der Artzt selber; der gleich dazumahl / als Simson
angelanget / dessen kranken Vater besuchete.
    (5) Simson hörete diesem Urteile mit sonderlicher Aufmärkung zu. Es war ihm
was neues / was fremdes; darvon er noch nie gehöret. Es ging über seinen
Verstand. Darüm war er lüstern mehr zu wissen. Darüm baht er den Artzt ihn
eigendlich zu berichten /was es mit diesen Stufenjahren / und Staffeltagen für
eine Beschaffenheit hette. Die Aertzte pflegen ihrer Kunst Geheimnisse sonsten
nicht leichtlich zu offenbahren Gleichwohl durfte dieser dem Simson / als dem
algemeinen Richter des Volks Gottes / solches nicht abschlagen. Er fing dann
seinen Bericht folgender Gestalt an.
    (6) »Man pfleget« / sagte der Artzt / »das ganze Menschliche Leben / oder
die Jahre desselben / gemeiniglich durch zweierlei Jahrzahlen zu schichten und
einzuteilen. Diese seind Sieben / und Neun. Die Jahre selbst / die durch solche
Zahlen gezehlet oder ausgerechnet werden / nennet man Wechseljahre: Weil sich
darinnen die Beschaffenheit Menschlichen Leibes / und Glükkes /auch wohl des
Gerüchtes schier allezeit verwechselt oder verändert; also dass die Menschen / in
allen und ieden Sieben / oder Neun Jahren / entweder grosse Krankheiten / oder
Gefährligkeiten / und Schaden sowohl an Gühtern / als an Leibern / oder auch
Verleumdungen und Abbruch an ihren Ehren und Ehrlichem Nahmen ausstehen / auch
wohl gar unterliegen müssen / oder aber allen diesen Unheilen plötzlich
entgehen.
    (7) Doch alle diese Widerwärtigkeiten widerfahren einem mehr und mit mehrer
Erhöbligkeit / als dem andern; nachdem er von Gebuhrt / oder durch eigne
Verwahrlosung / weichlicher / und schwächer an Leibeskräften / unbehuhtsamer in
seiner Lebensweise / unfürsichtiger in seinem Handel und Wandel / in seinem Tuhn
und Lassen / ja selbst im Gebähte zu GOTT /und im Glauben schläfriger und
nachlässiger erfunden wird.
    (8) Einem von Gebuhrt schwächlichem /zährtlichem / weichlichem / und
süchlichem Menschen werden seine Wechseljahre weit schweerer und gefährlicher
fallen / als einem hart- stark- und gesund-gebohrnem. Ja diese Gefährligkeit
wird noch viel grösser sein / wan jener solche seine angebohrne Schwächligkeit /
durch unordentliches / unmässiges /und unbehuhtsames Leben im Essen und Trinken
/durch Nachhängung seiner Gemühtstriften / seiner Begierden und fleischliehen
Lüste / noch darzu vermehret.
    (9) Die Erfahrung lehret es uns genugsam / dass mancher / ob er schon noch so
stark und hart von Gebuhrt ist / in einem Wechseljahre / wo nicht im Ersten /
nähmlich dem Siebenden Lebensjahre / wo nicht im zweiten / nähmlich dem
Vierzehenden Lebensjahre / wo nicht im Dritten / nähmlich dem Ein und
zwanzigsten Lebensjahre / wo nicht im Vierden /nähmlich dem Acht und zwanzigsten
Lebensjahre / doch endlich in einem / oder mehren der folgenden durch Sieben /
fortgezehlten Wechseljahre / gar gewis in eine so schweere Krankheit gefallen /
dass er / wan er nicht straks / in der ersten / doch in der folgenden / das Leben
eingebüsst: weil er nähmlich / durch eine ungemässigte /oder wohllüstige / oder
auch unfürsichtige nicht behuhtsam genug gehandhabte Lebensweise / seine
angebohrne gesunde Stärke zu viel gekränket; indem er eben dadurch eine grosse
Mänge bösen Geblühtes /und anderer unreiner Feuchtigkeiten gesamlet.
    (10) Aber in den jungen Kindern / denen auch die Zeit üm den vierzigsten Tag
nach der Gebuhrt für gefährlich gehalten wird / verhält es sich mit den
Wechseljahren etwas anders. Ich habe selber befunden / dass bei etlichen das
Wechseljahr im Vierden / bei andern / im Siebenden / noch bei andern im Neunden
/wieder bei andern im Vierzehenden Jahre ihres Alters sich zu erkennen gegeben /
und ihnen alsdan die meiste Gefahr gedreuet.
    (11) Unter allen diesen Wechseljahren wird das Siebende Neunzählige oder
Neunjährige / das ist das drei und sechszigste Jahr des Menschlichen Alters /für
das gefährlichste gehalten: weil alle beide Zahlen der Wechseljahre / nähmlich
Sieben und Neun / durch die Rechnung Sieben mahl Neun / welches Drei und
sechszig machet /darinnen zusammen kommen. Und dieses nennet man ins gemein /
von seinem Steigen durch gemeldte zwo Zahlen / gleich als durch Stufen oder
Staffeln / entweder schlechtin das Stufen- oder Staffel-jahr / oder aber mit
dem Zusatze / das Hohe oder Grosse Stufenjahr. Eben so gefährlich hält man auch
das Neunde Neunzählige oder Neunjährige Wechseljahr / das ist das Ein und
achtzigste Lebensjahr: welches gleichmässig das Hohe oder lieber Höchste und
Gröste Stufenjahr genennet / und durch Neun mahl Neun / welches Ein und achtzig
giebet / gerechnet wird / ja also die zweite Zahl der Wechseljahre / nähmlich
Neun / neunmahl begreiffet.
    (12) Wiewohl nun uns / als Kindern des Almächtigen GOttes / nicht geziemen
will die Zeit solcher Wechsel- oder Stufen-jahre so gar abergleubisch zu
beobachten / dass man darfür erschrökken / und sich fürchten wollte: so ist es
dannoch unserem Glauben / noch dem Gesetze GOttes nicht zuwider / dass man sich /
in seiner Lebensweise /darnach richte / ja sich durch unmässigen und
unfürsichtigen Gebrauch des Tranks und der Speisen / auch anderer dergleichen
Dinge / das Geblüht zu entstellen / und zu verderben / oder viel anderer böser
Feuchtigkeiten zu samlen / hühte; damit / in unsern Leibern /hierdurch der
Zunder zu Krankheiten gegen solche böse Jahre nicht entstehe / noch die Gefahr /
welche sie uns dreuen / verärgert werde.
    (13) Diese Gefahr in Verwechselung der Jahre / da die Krankheiten oder
dergleichen Unheile / mit grösserer Gewalt / wiederzukommen pflegen /rühret auch
gewislich nirgend anders her / als von des Unflahts und Schleimes / auch
unreinen Geblühtes überschwänglicher Mänge; die sich in gewissen Jahren zuvor
bei dem Menschen gesamlet / und im Wechsel- oder Stufen-jahre auf einmal zu
rühren / und gleich als Höfen dermassen zu erhöben und aufzuwallen beginnet /
dass sie die heftigsten Anstösse veruhrsachet. Und dieses kann anders nicht sein.
Auf eine so überheufte Mänge der bösen Feuchtigkeiten / dadurch die Gefässe des
Menschlichen Leibes dermassen überfüllet werden / dass sie dieselben länger nicht
fassen / noch ertragen können / müssen nohtwendig Krankheiten folgen.
    (14) Darüm ist auch / neben der vorgemeldten guhten Lebensweise / noch
dieses zu beobachten / dass man / gegen die Wechselzeit / den übermässigen bösen
Zeug / entweder durch Artzneien / als da seind die Treib- und Bräch-mittel /
darunter die Treibmittel gleichwohl die sichersten und besten / indem die
Brächmittel den schwachen Leibern zu heftig / oder aber durch Aderlassen /
austreibe. Und dieses beides geschiehet am allerfügligsten zur Herbst- oder
Frühlings-zeit; da ohne dis aller Schwadder im Leibe gänge wird.
    (15) Hierdurch können wir vielen Beschweerligkeiten und gefährlichen
Unfällen / die uns etwan im Siebenden Jahre / oder wan das Wechsel- oder
Stufen-Jahr eintritt / zustossen möchten / zuvorkommen / ja oftmahls die
angedreuete / und unter den Gliedern zum Ausbruche schon bereit stehende
Krankheit gar verhühten. Zum wenigsten werden wir alsdan ihre Kraft so
einknöbeln / dass wir uns keines gefährlichen oder töhtlichen Sturmes von ihr zu
befahren haben.
    (16) Von dieser Wahrnehmung der gewissen Jahrzahl in Veränderung des
Menschlichen Lebens scheinet bei etlichen Forstmeistern oder Holtzförstern / die
Gewohnheit entsprossen zu sein / dass sie / nach der ersten sonderbahren
Wechselzeit der noch weichlichen Kinder / dieselben Beume / die weiches Holtz
haben / als Weiden / Ellern /Papelbeume / und dergleichen / gemeiniglich im
vierden Jahre behauen und fällen lassen: welches hingegen an denen / die hartes
Holtz haben / als da seind die Eichen / Eschen / und solcher Ahrt Beume / nach
der gemeinen Wechselzeit des schon härteren und stärkeren Menschlichen Lebens /
nähmlich im siebenden Jahre / geschiehet.
    (17) Andere / nicht weis ich aus was für einem Grunde / pflegen die Jahre
des Menschlichen Lebens / vom Jugendlichen Alter ab / bis in das abgelebte
Greuse / fürnähmlich auf zweierlei Weise zu schichten. Unter die erste Schicht
/welche die glücklichen Jahre begreiffet / stellen sie das 21 / 22 / 23 / 26 / 29
/ darnach das 33 / 34 / 35 / 38 /41 / 46 / 47 / 50 / und 54: unter die andere
Schicht aber / darinnen die unglücklichen Jahre stehen / das 23 / 30 / 32 / 36 /
42 / 44 / 48 / darnach das 54 / 56 / 60 / und dann das 72. In denen der ersten
Schicht soll der Mensch Glük in allem Handel / und auf Reisen haben / Heil und
Gesundheit besitzen / auch zu Ehren und Würden erhoben werden. In denen aber der
andern Schicht soll ihm nichts / als Unglück / Traurigkeit /Feindschaft / Has /
Neid / Armuht / Verlust /Schmertzen / Angst / Noht / Krankheiten / ja der Tod
selber zustossen.«
    (18) Mitten in diesem des Artztes Berichte bekahm der kranke Manoah eine
sonderliche Lust in seinem Garten frische Luft zu schöpfen. Darüm begehrte er /
mit seinem Bette / dahin getragen zu werden. Der Artzt lies solches zu; weil der
Himmel heiter / die Luft mässigwarm und stille / ja das Wetter überaus angenehm /
und der Kranke selbst wieder etwas besser war. Diese Besserung schien von der
Freude / die er über seines Sohnes Wiederkunft bekommen / entsprossen zu sein.
Ja er war so freudig / so lustig / und so guhtes Muhtes / dass er aller
Schmertzen vergass.
    (19) Simson hatte seinem Vater / unter andern /erzählt / was ihm zu Gaza
begegnet: wie er die Gazer betrogen: wie er ihr verschlossenes Stadttohr / samt
seinen Seulen ausgehoben / und nach Hebron darvon getragen: ja wie er es alda /
sie zu höhnen / auf einen hohen Berggüpfel zur Schaue gesetzt /und den Augen
aller herümwohnenden öffendlich sehen lassen Dieses hatte den alten Vater
dermassen ergetzet / dass er sich / wie mat und krank er war /gleichwohl nicht
entalten können überlaut zu lachen. Ja es lag ihm fort und fort im Sinne. Wan
er ein wenig stil gelegen / hub er unversehens an zu fragen: »Wan werden die
Gazer ihr Stadttohr wieder hohlen? wan werden sie die Lükke / die mein Sohn in
ihre Stadtmauer gemacht / wieder zuflikken?«
    (20) Man hatte ihn / im Garten / eben unter einen dikbelaubten / blühenden
grossen Rosenstok gesetzt: darvon der eingezogene lieblichsüsse Geruch sein Herz
erfrischete / die schlanklangen über das Bette hin bogenweise hangenden Reiser
vol Zukkerrosen sein Gesicht ergetzeten / und ihn zugleich / in ihrem anmuhtigen
Schatten / für den Strahlen der Sonne beschirmeten. Gerade gegenüber / im
Gesichte des Manoah / stund ein Gartenbette vol Liljen: welche / mit ihren
lieblichprächtigen Königsstäben / der Rosen zierlichherrlichen Keiserkrohnen /
durch einen recht anmuhtigen Anblik / zu winken schienen.
    (21) Alhier war es / da des alten Kranken Leben wieder gelabet / sein Hertz
wieder behertzet / seine Kraft wieder gekräftiget ward. Alhier war es / da er
frische Luft / frischen Atem / neuen Muht / ja gleichsam neues Bluht schöpfete.
Alhier war es / da er seinem Sohne den Scheidesegen / da er dem Simson seinen
Letzten Willen hinterlies.
    (22) »Mein Segen« / sprach er / »segnet milder /geht reicher / beweget sich
stärker / als der Segen deiner Vorväter. Ich segene dich / mein Sohn / im Nahmen
des Gesegneten. Ich verkündige dir / was mir der HERR in den Mund giebet. Du
bist unter deinen Brüdern der Stärkeste. Du bist in Israel der Herlichste. Du
wirst herrlich hervorbrächen / wie die Sonne. Der HERR der Herligkeit wird deinen
Nahmen verherrlichen. Deine Stärke wird die Starken entstärken / die Gewaltigen
überwältigen / die Wühtriche deines Volks dämpfen. Aus der Rüstkammer der
Almacht bist du gerüstet. Gerüstet bist du mit Stärke / zum Heile des Volks
Gottes. Gerüstet bist du mit Macht und Kraft / zur Erlösung des ganzen Israels
.«
    (23) Hierzu hat der Himmel dich erkohren. Hierzu hat Gott selber dich
bestimmet. Du bist das auserwählte Rüstzeug des Allerhöchsten. Dein Arm /durch
seinen Arm gestärket / wird den Arm der Heiden zerbrächen. Du wirst Tahten tuhn
/ die kein Sterblicher vor dir getahn / noch nach dir tuhn wird. Doch diese
deine unvergleichliche Kraft wirst du / in einer Frauen Schosse / verlieren.
Diese deine unüberwindliche Stärke wird dir ein Weib rauben. Dieses träget die
Schuld / dass zu der Zeit in Israel die Sonne nicht mehr scheinet. Endlich wird
gleichwohl deine Kraft sich wieder finden. Du wirst dich kräftiglich rächen /
und dein Tod wird der Filister Tod sein.
    (24) »Ich werde sterben / und mich zu meinen Vätern versamlen. Meine Seele
wird auffahren zu meinem und deinem Erlöser. Sie ist schon auf der Fahrt.
Baldbald wird der Engel / ihr Begleiter / kommen. Darüm begrabe meinen
entseelten Leib in der Höhle zwischen Zarea und Estaol. Alda soll unser
Erbbegräbnis sein. Nun segene dich der Almächtige / mit mächtiger Stärke! Dich
segene der GOtt Abrahams! Dich segne der GOtt Isaaks! Dich segene der GOtt
Israels! Der Segen des HERRN segene dich ewiglich!«
    (25) Nach Volendung dieses letzten Segens lies Manoah sich wieder in seine
Kammer tragen. Simson begleitete zwar ihn / mit dem Artzte. Weil er aber begunte
zu schlummern / schieden sie bald von ihm. Es war ihm in langer Zeit kein Schlaf
in die Augen gekommen. Daher ward es rahtsam befunden ihn allein und in der
Stille zu lassen; damit der ankommende Schlaf üm so viel eher einkehrete. Der
Artzt wollte zwar seinen Abschied nehmen: aber Simson hielt ihn auf. Weil er
seinen Bericht von den Wechsel- und Stufenjahren / mit grosser Vergnügung /
angehöret; so war er begierig nun auch etwas von den Wechseltagen zu vernehmen.
Und zu dem Ende gingen sie beide wieder in den Garten.
    (26) Alhier war es / da der Artzt seinen getahnen Bericht von den
Wechseljahren / damit er auf denselben von den Wechseltagen üm so viel füglicher
kommen möchte / mit kurtzen Worten wiederhohlete. Nach dieser Wiederhohlung
beschrieb er erstlich dieselben Tage / welche die Aertzte / bei währenden
Krankheiten in obacht zu nehmen pflegen. Darnach kahm er auch auf die Uhrsachen
derselben; die nicht aus dem Einflusse der Sterne / sondern aus der Ahrt der
Krankheit / und des Geblühts / oder der Feuchtigkeiten Eigenschaft herrühreten.
Und also fuhr er dann folgender Gestalt fort.
    (27) »Die Wechseltage« / sprach er / »seind dieselben Tage der Krankheit /
darinnen sie sich schnäl verändert / entweder zum Leben / oder zum Tode: indem
die guhten / und bösen Stunden gleichsam abwechseln / und entweder die Krankheit
/ oder die Natur des Kranken / die allezeit für das Leben / und wider den Tod
streitet / nach langwierigem unterlichem Gefechte / den Sieg plötzlich davon
träget.
    (28) Diese Veränderung oder Abwechselung geschiehet gemeiniglich entweder am
Vierden Tage der Krankheit / von demselben Tage / da sie sich am ersten geeusert
/ anzurechnen /oder aber am Siebenden / oder auch wohl am Neunden / ja selbst am
Vierzehenden; nachdem die Krankheit bald geschwinder und schnäller / bald
langsamer und träger zu sein pfleget.
    (29) Die Würkung solcher Wechselzeiten /oder vielmehr Abwechslungen der
Krankheiten in denselben / schreiben die Sterndeuter dem Lauffe der
Schweifsterne zu. Ja sie wollen / weil der Mohn seinen vollen Schein bald eher /
bald spähter erreichet / dass die Zufälle der Krankheit auf keine gewisse Zeit
abwechselten / oder sich veränderten. Wan aber der Mohn / am Wechseltage / mit
den gühtigen und glücklichen Schweif- oder Ir-sternen des Jupiters / und der
Venus / in seinem eigenen Hause lieffe; so sei es ein Zeichen / dass die
Veränderung oder Abwechselung zur Besserung gedeien / und der Kranke der Gefahr
entkommen würde. Hingegen wan der Mohn alsdan / in seinem Hause / mit dem
boshaftigen Irsterne des Saturns / und der Sonne befunden würde / sei es eine
Anzeigung / dass die Veränderung / wo nicht zum Tode / doch gewis zu einer
langwierigen Krankheit ausschlagen werde.
    (30) Aber ausser dem / dass die Sterne hier / in der untern Welt / nicht
selbst würken / sondern die verborgenen bald kräftigen / bald unkräftigen
Würkungen der Zeugemutter aller Dinge nur anzeigen / und zuvor verkündigen /
scheinet es auch abergleubisch zu sein / wan man auf ihren Stand oder Lauf
garzugenau acht schlagen / und auf ihre guhte Anzeigungen sich alzusehr verlassen
/ ja die Bösen alzusehr fürchten wollte: wiewohl ich / diese ganz in den Wind zu
schlagen / auch nicht rahte. Und eben darüm will ich lieber bei der Rechnung
bewährter Aertzte / die ich /aus der Erfahrung / viel gewisser befunden /
bleiben /als mich an so ungewissen oder vielmehr undeutlichen Zeichen / zumahl
weil das Sternbuch unsern blöden und blintzlenden Augen vielzudunkel und
unleserlich ist / vergaffen.
    (31) Auch will ich dannenher die Uhrsache solcher Abwechselungen oder
Veränderungen der Krankheiten zu gewissen Zeiten nicht den Sternen beimässen;
sondern der Eigenschaft und Ahrt der Krankheit / und des Menschlichen Leibes
selbst / wie auch der bösen oder guhten Beschaffenheit des Geblühts / und
anderer Feuchtigkeiten / die im Menschlichen Leibe sich /vermittelst einer bösen
Weise zu leben / in übermässiger Mänge / gesamlet.
    (32) Dan die Angebohrenheit oder Natur des Menschen ringet und streitet mit
der Krankheit fort und fort / und wollte sie gern überwinden / und austreiben.
Daherbegibt es sich auch / wan eine von beiden sich mat und müde gestritten /
und den Streit länger nicht ausstehen mag / dass sie plötzlich darnieder fallen
/und dem stärkeren Teile den vollen Sieg überlassen mus. Fället dieser der
Menschlichen Angebohrenheit zu / so folget eine schnälle Besserung. Bekömt ihn
aber die Krankheit / alsdan greiffet sie den Menschen viel häftiger an / und
imfal jene / dieser zu widerstehen / ganz keine Kraft mehr hat / erwürget sie
ihn gar. Und solches geschiehet in geschwinden Krankheiten / gemeiniglich
entweder auf den Siebenden / oder Neunden / oder auch / wan der Streit am
längsten währet / auf den Vierzehenden Tag.
    (33) In hiesigem Streite begegnet dem Menschlichen Leibe schier eben
dasselbe / was sich mit einer belägerten Festung / die auf das häftigste
bestürmet wird / begiebet. Wan dieselbe mit starken Mauren /mit tapfren
Kriegsleuten / mit Kriegs- und Lebens-mitteln / welche genug seind der
anstürmenden Gewalt des Feindes zu widerstehen / versehen ist; alsdan hat es mit
ihr / erobert zu werden / so leichtlich keine Gefahr: zumahl wan noch darzu vor
der Belägerung das unnütze Völklein / das sonst nirgendzu dienet /als die
Lebensmittel aufzehren zu helfen / und den Streitenden verhinderlich zu sein /
wie des Unflahts übermasse vor der Krankheit / ausgeschaffet worden /und in der
Belägerung selber / wan es an ein Kneipen geht / ihrer Besatzung ein
mächtiger Entsatz /wie der Natur des Kranken ein kräftiges Stärk- und anderes
Artzneimittel / von aussen zu Hülfe komt.
    (34) Wan aber gemeldte Festung mit erwähnter Kriegsbereitschaft und
Nohtdurft übel versehen ist /und noch darzu keinen Entsatz bekommen kann; alsdan
vermag sie sich nicht lange zu halten / und mus sich /nach einem oder dem andern
feindlichen Sturme / wie ein übelbeschaffener schwacher Leib / dem überdas auch
seine Stärkung / durch heilsame Mittel / mangelt / mit dem ersten ergeben.
    (35) Gleichwie auch der Feind / eine Festung zu bestürmen / zuweilen eine
Zeit lang aufhöret / aber sobald er verschnoben / und neue Kräfte geschöpfet
/mit voller Gewalt / und gemeiniglich viel häftiger /als zuvor iemahls / den
Sturm aufs neue beginnet / ja solcher gestalt anhält / dass die Belägerten /
Macht-und Kraft-los gemacht / sich länger nicht halten /noch wehren können: also
pfleget sich zu Zeiten das Toben und Wühten in geschwinden Krankheiten / wie ein
häftiger Windsturm / auch wohl eine kleine Weile zu legen / doch bald wieder /
mit so starkem Nachdrukke / zu erhöben / dass der Menschliche Leib sein Leben
nährlich bis an den siebenden Tag erhalten kann: da dann der Streit brächen / und
die Uberwindung entweder der Natur des Menschen / zu desselben Genäsung / oder
aber der Krankheit / zu dessen Ertöhtung / heimfallen mus.
    (36) Weil nun die verborgene Kraft der siebenden Zahl in vielen geschaffenen
Dingen / durch eine Veränderung zum Guhten so wohl / als zum Bösen / sich eusert
/ auch bei den Gotsgelehrten selbst in sonderliche Betrachtung komt / ja gar für
heilig gehalten wird; so stehet es dann weisen Aertzten / ja allen Menschen
freilich zu auf den siebenden Tag / nicht nur in Krankheiten / sondern auch
anderwärts / ein wachendes Auge zu werfen.
    (37) Dass aber etliche gewisse Zahlen der Tage / Mohnden / und Jahre / so
wohl zur Zeit der Gesundheit / als Krankheit / was sonderliches / es sei Glük
oder Unglück / Guhtes oder Böses / mit sich bringen / lehret uns die Erfahrung.
An denen / die aus Hunger / oder aus Mangel der Speisen verschmachten / befindet
es sich / dass sie am Siebenden Tage gemeiniglich sterben. Ja wan sie schon etwas
zu trinken bekommen / und dadurch ihr Leben länger fristen; so kann es doch über
den Neunden Tag nicht tauren: weil man an diesem Tage den Lebenssaft / samt
allen andern Feuchtigkeiten / ausgetruknet / die Lebensgeister verschwunden /und
die angebohrne Wärme sich verloren zu haben sieht.
    (38) Ich will mehr sagen: GOtt selber scheinet die Siebende Zahl / und den
Siebenden Tag selbst dadurch geheiliget zu haben; weil Er am Siebenden Tage der
allerersten Woche der Zeit von den Werken der Schöpfung geruhet / und überdas
auch uns diesen Siebenden Tag in ieder Woche allezeit zu heiligen / und zu
feiern befohlen. Gleichwohl ist die Siebende Zahl /noch auch der Siebende Tag
nicht ganz heilig / noch ganz vollkommen. Daher sagte Lamech / des Metusaels
Sohn / und des Jubals / des ersten Geigers und Pfeiffers / wie auch des
Tubalkains / des ersten Kunstarbeiters im Ertz und Eisen /Vater / nachdem er den
Kain / und seinen eignen Handleiter getöhtet / zu seinen Weibern / der Ada und
Zilla: Kain soll Siebenmahl gerochen werden; aber Lamech Sieben und siebenzig
mahl: das ist / diese Rache wird weit volkommener sein / als Kains.«
    (39) Hier fing Simson dem Artzte das Wort auf /und fragte: warüm dann die
siebende Zahl / noch auch der siebende Tag nicht für ganz heilig / noch für
ganz volkommen zu rechnen sei? Weil Adam und Eva / gab der Artzt zur Antwort /
das Ende dieses geheiligten siebenden Tages nach der Zeit wieder enteiliget.
Dan als Gott / in den ersten sechs Tagen der Zeit / Himmel und Erde geschaffen /
und den siebenden / weil Er daran geruhet / gesegnet und geheiliget; da sei
dieser geheiligte siebende Tag /durch gemeldte zween erste Menschen / nachmahls
im Paradiese fast gegen den Abend / wieder enteiliget worden; indem sie / durch
die Schlange / verführet /von der verbohtenen Frucht gegässen / und auf alle
ihre Nachkommen den Fluch und das ewige Verderben gebracht. Und also ginge noch
itzund dem siebenden Tage ieder Woche / in allen natürlichen Würkungen / von
seiner Heiligkeit und Volkommenheit etwas ab.
    (40) »Der Mohn« / fuhr der Artzt fort / »komt auch auf ieden Siebenden Tag
in ein anderes Zeichen des Tierkreuses / und volbringet also allezeit in sieben
Tagen ein Vierteil seines Lauffes. Nähmlich wan er etwan auf einen Freitag in
ein wässerichtes Zeichen geträhten / dann komt er auf den nächstkünftigen
Donnerstag / gegen den Freitag / wieder in ein Truknes. Daher ist dieser
Lehrsatz der Witterung bei den Sterndeutern und Ahrtforschern entstanden: Wan es
an einem Freitage regnet / bringt uns der andere nächstfolgende truknes Wetter.
Dieses trift auch meisten teils ein.
    (41) Doch dieser Siebende Tag ieder Woche in des Mohnes Lauffe wird
ebenmässig nicht vol gerechnet: weil in iedem Vierteil oder Kreuse des Mohnes /
nähmlich an iedem Siebenden Tage seines Lauffes / zum wenigsten vier Stunden /
oder zum höchsten sechse fehlen. Und ob schon die Sternkündiger in der Zahl der
Stunden mishällig seind / so kommen sie doch darinnen / dass dieser siebende Tag
ein guhtes Teil verliere / sämtlich überein. Eben also geht / im Wechsel der
Krankheiten / iedem siebendem Tage / iedem siebenden Mohnden / ja iedem
siebenden Jahre stähts etwas ab.
    (42) Und daher komt es / dass die berühmtesten Aertzte zwar die erste und
zweite Woche sieben Tage vol rechnen / und am siebenden und vierzehenden Tage
den Wechsel der Krankheiten / wie auch im siebenden und Vierzehenden Mohnden und
Jahre den Wechsel der Natur und des Alters betrachten: weil dem ersten siebendem
Tage nur wenig / und dem andern der zweiten Woche noch mehr nicht /als die
Helfte des Tages abgehet. Aber die dritte Woche zehlen sie nicht sieben Tage vol
/indem sie einen ganzen darvon abkürtzen; also dass sie nicht dem ein und
zwanzigsten / sondern dem zwanzigsten Tage / Mohnden / und Jahre den Wechsel der
Krankheit / der Natur / und des Alters zuschreiben: weil alhier / in der dritten
Woche / mehr als ein halber / ja schier ein ganzer Tag fehlet.
    (43) Ja wie sie den Vierzehenden Tag gleichsam zweimahl zu zehlen pflegen /
einmal am Ende der zweiten / und das andere mahl im Anfange der dritten Woche /
dergestalt dass er der Letzte der Zweiten / und der Erste der Dritten zugleich
sei: so rechnen sie zwar fort in der fünften Woche den sieben und zwanzigsten
Tag des Wechsels / und in der Sechsten den Vier und dreissigsten; aber sie
kürtzen dieser sechsten Woche / die sonst / mit dem zwei und vierzigsten / wie
die Dritte mit dem Ein und zwanzigsten / wan der siebende Tag ieder Woche vol
were / sich schlüssen sollte / wieder einen ganzen Tag ab / gleichwie sie der
Dritten getahn / und setzen die Wechselzeit der Krankheit auf den Vierzigsten
Tag; so auch dieselbe der Natur / und des Alters in den vierzigsten Mohnd / und
das vierzigste Jahr.
    (44) Eben auf diese Weise verfahren sie mit der Neunden Woche: darinnen sie
/ weil iede dritte Woche / nach ihrer Rechnung / einen Tag verlieret /an statt
der sieben Tage / gleichmässig nur Sechse zehlen / und also dieser ganzen
Neunwöchendlichen Zeit / die mit dem Neunden Wechseltage / den man eigendlich
den Grossen Staffeltag nennet / sich schlüsset / nicht Neunmahl Sieben Tage vol /
das ist Drei und sechszig / sondern drei ganzer Tage weniger / nähmlich nur
sechszig zueignen.
    (45) Gleich also und nicht anders machen sie es mit den Mohnden / und
Jahren: indem sie zu demselben Menschlichen Alter / da die Grosse Wechsel- oder
vielmehr Stufen-zeit einfället / nicht Neunmahl Sieben Mohnden / oder Jahre vol
/ das ist Drei und sechszig / sondern drei Mohnden / oder Jahre weniger /
nähmlich nur Sechszig zu rechnen pflegen.
    (46) Hierbei mus ich auch nohtwendig melden /dass dieselben Aertzte / welche
/ wider die gemeine Gewohnheit / den Wechsel der Krankheiten / unter andern /
vom Drei und sechszigsten Tage / drei ganzer Tage zurück / auf den Sechszigsten
verschoben / einen Unterscheid zwischen den Guhten / und Bösen Wechseltagen zu
machen pflegen. Guhte nennen sie eigendlich dieselben / die GOtt gesegnet und
sie selber / durch Sieben / auf jetztangeführte Weise / nach eigener Erfahrung
/ ausgerechnet.
    (47) Ja sie dürfen wohl gar bejahen erfahren zu haben / dass am 7. 14. 20.
27. 34. 40. 47. 54. und 60 Tage / ob es schon bisweilen / mit Krankheiten /und
andern Widerwärtigkeiten / sehr hart und gefährlich zugegangen / gleichwohl
selten iemand gestorben / oder in Weltlichen Händeln so unglücklich gewesen /dass
er den kürtzern gezogen / und sein Anschlag ihm nicht endlich gelungen.
    (48) Auch haben sie angemärket / wan irgend / ausserhalb diesen Wechseltagen
/ heftige Krankheiten / und andere schwere Zufälle zum höchsten gefährlich sich
angelassen / dass gleichwohl der Neunde Tag dem Siebenden / unter den guhten
Wechseltagen / der nächste gewesen: weil er einige Besserung / und Veränderung
des Zustandes der Kranken mit sich gebracht.
    (49) Hingegen nennen sie Böse Wechseltage dieselben / darinnen der Zustand
des Kranken gefährlicher wird / ja zum höchsten gefährlich / wan er /an einem
dieser Tage / bei grosser Angst / häftig zu Bluhten / zu Schwitzen / und
ohnmächtig zu werden beginnet; da er dann gemeiniglich stirbet / und selten
darvon komt. Solche Tage seind in ieder Woche der Dritte / und dann der Sechste:
welche sie / ihrer eusersten gleich als wühterischen Bosheit wegen / alle beide
/ zuvoraus den Sechsten / als den zweimahl dritten / und allerärgsten Wühteriche
des Lebens zu nennen pflegen.
    (50) Von der Zahl dieser Bösen Wechseltage stammen her die zwei Bösen
Wechseljahre / das Drei und sechszigste / und / welches noch schlimmer ist / das
Sechs und sechszigste: indem das vorgemeldte Grosse Stuffenjahr / welches das
Sechszigste Menschlichen Lebens ist / in allen beiden / in jenem vom ersten
Bösen Wechseltage / nähmlich dem Dritten ieder Woche / in diesem aber vom
zweiten auch Bösen / ja zweifach bösem Wechseltage / dem Sechsten ieder Woche /
den Zusatz bekömt. Dass aber das letztere Sechs und sechszigste Menschliche
Lebensjahr das allerärgeste und böseste Wechseljahr sei / können wir daraus
abnehmen; weil in demselben / wie die Erfahrung bezeuget / die meisten aus
vielen fürnehmen Geschlächtern ihr Leben einbüssen müssen.
    (51) Diese Böse Wechseljahre / wie auch Wechseltage scheinen uns von Gott
zugeschikt /und zwar zur Strafe der Uberträhtung seines ersten Verbots / und der
Enteiligung seines geheiligten Ruhetages durch die ersten Menschen: welches
sich an einem ebenderselben / nähmlich an einem Siebenden Tage der Woche / nach
etlicher Gottesgelehrten Meinung / üm zwei Uhr nach Mittage soll begeben haben.
    (52) Und hieran können wir üm so viel weniger zweifeln; weil es gewis ist /
dass wir / wan Adam und Eva sich hierdurch nicht versündiget hetten /ganz keinen
Krankheiten / noch andern Unglückken und Widerwärtigkeiten unterworfen sein
würden. Ja alle Tage / alle Mohnden / alle Jahre würden uns ganz glücklich / und
ganz ersprüsslich zu allem Guhten sein; zuvoraus der Siebende gesegnete /
geheiligte Tag / der auch noch itzund gesegnet bleibet / bis auf die letzten
Stunden /denen unserer ersten Eltern in denselben begangene Sünde den Segen
verwahrloset / und entzogen zu haben scheinet. Und dieses ist ausser Zweifel die
Uhrsache / warüm etliche Aertzte dieses gleichsam entsegnete letzte Teil des
Siebenden Tages / wie auch Mohndes / und Jahres zu der guhten Wechselzeit der
Tage / Mohnden / und Jahre nicht rechnen wollen.«
    (53) Hiermit endigte der Artzt seine Reden / und nachdem er den Simson / wie
es mit seinem Vater / in den drei folgenden Tagen / sollte gehalten werden /
unterrichtet hatte / schieden sie beide voneinander. Jener begab sich nach
Hause: dieser aber blieb noch eine Zeit lang im Garten; damit er den nunmehr
schlafenden Kranken in seiner Ruhe nicht stöhren möchte.
    (54) Alhier war es / da er / in seinen Gedanken /alles betrachtete / was er
vom Artzte gehöret. Sonderlich überwog er dasselbe / dass der Siebende Tag in der
Krankheit / bis auf etliche seiner letzten / durch die ersten zween Menschen
enteiligte Stunden / gleichsam der Ruhetag des Kranken / nach der Arbeit und
dem Streite mit der Krankheit in den vorigen Sechs Tagen / sein sollte; gleich
also / wie der Siebende Tag der Schöpfung GOttes Ruhetag / nach seinen Werken /
die er ebenmässig in den vorigen Sechs Tagen / verrichtet / gewesen.
    (55) Alhier war es / da er behertzigte / warüm man / nach dem Gesetze GOttes
/ Sechs Tage durch arbeiten / und am Siebenden ruhen und feiern; wie auch /
warüm ein Leibeigner Knecht seinem Herrn Sechs Jahre dienen / und im Siebenden
frei / und seiner Dienstbarkeit entledigt; ja warüm das Land Sechs Jahr seine
Früchte tragen / und im Siebenden ledig liegen / und ruhen sollte. Dieses und
mehr anderes / das die Siebende Zahl betraf / war itzund seine Betrachtung.
    (56) Eben in dem Augenblicke hatte sich Simson nach der Gartentühre zu
begeben wieder in das Haus zu gehen / als ihm seine Mutter entgegen kahm. Diese
rief ihm mit hastiger Stime zu: er sollte flugsflugs hinein kommen. Der Vater sei
wieder wakker. Er habe begehret ihn zu hohlen. Auf diese Worte beschleunigte
Simson seine Schritte. Er ging hastig fort / und traht zu seinem Vater in die
Kammer.
    (57) Alda befand er / dass der Krankheit Sturm sich nochmehr geleget: dass der
süsse / wiewohl wenige Schlaf seinem Vatter ganz wohl bekommen; weil er nunmehr
zu essen begehrte. Auch ass er die vorgesetzten Speisen mit solcher Lust / und
mit solchem Schmakke / dass Sohn und Frau darüber eine hertzliche Freude
schöpfeten.
    (58) Aber der folgende Tag / welcher der Ein und sechszigste seiner
Krankheit war / lies sich so guht nicht an. Der Sturm / der sich / wie es schien
/ bisher nur darüm ein wenig geleget / damit er den Kranken / mit erhohlten
Kräften / üm so viel häftiger bestürmen möchte / begunte wieder zu wühten. Er
fing wieder an zu toben. Ja er grif den armen Manoah dermassen an / dass man nicht
anders vermeinte / dann sein letztes Broht würde nunmehr gebakken sein.
    (59) Gleichwohl verzog sich der Streit des Kranken mit der Krankheit bis auf
den Drei und sechszigsten Tag. An diesem Tage setzte /mit einem so gewaltigem
Sturme / die Krankheit auf ihn zu / dass sie dem Tode das Tohr bei ihm
einzuziehen angelweit öfnete. So verschied dann / an diesem Bösen Wechsel- und
Staffel-tage der ausgemärgelte schwache Manoah / eben in der Stunde / da der
Sonne Schatten den Mittagsstrich verlies /und sich abendwärtshin zu lenken
begunte.
    (60) Niemahls wird die Ehliche Liebe mehr erkant /als wan zween Ehleute der
Tod scheidet. Kein Auge weinet mehr / als dasselbe / das den Tod dieselben Augen
/ denen es / durch hertzliche Liebe getrieben /alle seine Blikke gewiedmet /
zudrükken sieht. Kein Hertz seufzet mehr / als dasselbe / das ein solches Hertz
/ dem es sich / in treuer Liebe / zu eigen gegeben / mit den Augen zugleich
brächen sieht.
    (61) Manoah und seine Frau hatten einander hertzlich geliebt: darüm war es
kein Wunder / dass ihr sein Tod so gar schmertzlich vorkahm. Sie verbarg zwar die
Häftigkeit ihrer Betrübnis so viel / als sie konnte / weil er noch lebete; damit
sie ihm dadurch nicht etwan einen harten Tod veruhrsachte. Aber sobald sie
vermärkte / dass die Seele war ausgefahren /und keine Hoffnung das Leben zu
erhalten mehr vorhanden war; da begunte sich ihre Traurigkeit erst recht zu
eusern. Da weinete / da kärmete / da seufzete sie so häftig / dass es schien /
als würde sie nimmermehr aufhören.
    (62) Simson / wiewohl er selbst schier über die masse betrübet war / bemühete
sich dannoch auf das euserste seiner Mutter einen kräftigen Trost einzusprächen.
Aber es war ümsonst dieselbe zu trösten /die sich / mit ihrem Manoah / allen
Trost verloren zu haben so festiglich einbildete. Sie begehrete nunmehr nicht
länger zu leben / nachdem derselbe / dem zu liebe sie nur allein bisher gelebet
/ zu leben aufgehöret. Weil das eine Teil ihres Hertzens toht war / so begehrte
sie des anderen Leben keines weges gefristet zu haben.
    (63) Doch diese Betrübnis ging erst volkömlich an / als des Verstorbenen
Leiche nunmehr sollte zu Grabe getragen werden. Da war es erbärmlich anzusehen
/wie diese Trübsälige schier in lauter Trähnen zerflos. Das Jammern / das
Wimmern / das ächzen / das wehklagen hatte kein Ende. Ja sie fiel endlich vor
dem Sarge gar in Ohnmacht nieder. Es währete schier eine Stunde / dass man in ihr
keinen Ahtem mehr spührete. Alle Lebensgeister schienen als erstikt zu sein. Man
hatte genug zu tuhn sie zu kühlen / sie mit Kraft- und Stärkwassern zu laben /
ehe man es so weit brachte /dass sie wieder zu sich selbst zu kommen begunte.
    (64) Der Leiche folgeten / neben dem Simson /nicht allein alle
Bluhtsverwanten aus dem Stamme des Dans / sondern auch die Aeltesten und
Fürnehmsten der andern Stämme des ganzen Israels selber. Und dieses tähten
sie dem Simson / als ihrem algemeinen Richter / zur sonderlichen Ehre. Man
setzte sie bei / auf begehren des Manoah / im Erbbegräbnisse seines Geschlächtes
zwischen Zarea und Estaol. Und Simson betrauerte seinen Vater / samt allen
seinen Bluhtsfreunden / sieben Tage lang.
    (65) Als nun die Trauertage vorbei waren / setzte sich Simson wieder auf den
Richterstuhl / das Gerichte / welches eine Zeit lang stil gestanden / wieder zu
hägen. Auch machte er Anstalt den ganzen Staht von innen und von aussen in
guhtem Frieden zu erhalten. Dahin strebeten alle seine Gedanken / alle seine
Rahtschläge. Dahin zieleten alle seine Handlungen / alle seine Verfassungen. Ja
er täht nichts / er verrichtete nichts / als was zur Befriedigung / und zum
Wohlstande des ganzen Volks Gottes dienen mochte.
    (66) Zwischen dessen hatte die übermässige Traurigkeit seine Mutter ebenmässig
auf das Bette geworfen. Sie lag auch krank darnieder. Es war kein Wunder. Vom
stähtigen Wachen bei ihrem kranken Ehgatten waren ihre Kräfte schon meistenteils
verschmoltzen. Vom vielen Fasten war sie selber albereit so verfallen / dass
sie fast anders nicht / als ein Schämen / aussah. Hierzu kahm endlich die Angst
/ darein ihre häftige Betrübnis sie stürtzte. Und darüm hatte sie ganz keine
Macht mehr dem Anfalle der Krankheit zu widerstehen.
    (67) Der Artzt wendete zwar seinen besten Fleis an sie au genäsen.
Sonderlich war er bemühet die Traurigkeit ihr aus dem Hertzen zu bannen. Und
darüm verschrieb er ihr meistenteils fröhlichmachende Mittel. Aber diese
Wühterin / diese Hänkerin sass bei ihr schon so tief eingewurtzelt / dass kein
Artzneimittel /wie guht und kräftig es immermehr war / zu verfangen vermochte.
    (68) Die guhte Frau blieb betrübt / wie zuvor. Sie konnte durchaus nicht
fröhlich sein. Es war unmüglich ihr einige Freude zu machen. Sie war eben als
eine Turteltaube: welche / wan sie ihren Gatten verloren /sich niemahls wieder
auf einen grühnen Zweig setzet /und nicht eher zu trauren / als zu leben
aufhöret. Freilich hatte sie keine Lust / keine Freude mehr an einigem Dinge.
Freilich hörete sie zu trauren nicht auf /als da der Tod / mit dem Leben /
zugleich das Trauren verjagte.
    (69) So folgete dann dieselbe / die so ein unvergleichliches Lehrbild / so
ein unbetrüglicher Spiegel der recht getreuen Ehlichen Liebe war / ihrem lieben
Ehgatten bald nach. So schied dann diese so edle Seele / die man mit Klugheit
gezieret / mit Keuschheit geschmükket / und mit allen herrlichen Tugenden begabet
sah / bei ihrem Manoah ewig in Freuden zu leben / aus diesem vergänglichen
trübsäligem Leben. So starb dann diese Gottseelige Frau in eben der Stunde /
darinnen nur vor vierzehen Tagen derselbe / den sie / selbst nach seinem Tode /
so hertzlich geliebt /gestorben.
    (70) Kaum hatte sie diese Welt gesegnet / kaum hatte sich ihr schöner Geist
/ in ewiger Freiheit zu leben / aus seinem Gefängnisse lossgebrochen; da erfuhr
es schon die ganze Stadt. Da lief das Gerüchte von ihrem Tode schon durch das
ganze Land. Da bezeugten alle Frauen / denen zuerst / aus häftiger Bestürtzung
/ weder Trähnen / noch Worte flüssen wollten / ihr Wehleiden straks mit tausend
Seufzern. Auf diese folgete das Weinen / das Aechzen / das Kärmen / das
Wehklagen. Selbst die Jungfrauen / selbst die jungen Mägdlein / die ihre Mutter
schier in Trähnen zerschmältzen / und in Seufzer zergehen sahen / verfügten sich
mit an den Trauerreihen.
    (71) Es war niemand / der diese so Edele Frau nicht beklagte. Es war keiner
/ der nicht betauerte /dass dieser so helleuchtende Tugendspiegel / in dem sich
noch manche Frau / ihr Gemüht darnach auszuschmükken / bespiegeln können /
seinen Glantz der Welt so frühzeitig entzogen. Ja man durfte selbst rundaus
sagen: mit ihr sei die Tugend der Frauen verblichen: mit ihr sei die Ehre / der
Ruhm / die Zierde der Frauen verschwunden: mit ihr habe sich die Krohne des
ganzen Frauenzimmers verloren.
    (72) Dieser Nachklang klung besser / drung gewaltiger durch Ohren und
Hertzen hin / als derselbe / den Simsons treuloses Weib hinterlies. Zwischen
diesem boshaftigen Weibe / und der frommen Mutter des Simsons war auch gewislich
eben so ein grosser Unterscheid / als zwischen Himmel und Hölle / zwischen Engel
und Teufel. War Simsons Mutter ein Tugendspiegel / so war sein Weib ein
Lasterspiegel / den die Höllischen Geister mit ihrem giftigem Ahtem behauchet.
    (73) Ich will mehr sagen: Simsons fromme Mutter / der es auch / neben den
ausbündigsten Tugenden / gewislich an keiner ausbündigsten Schönheit fehlete /
hat durch hiesige Gemühts- und Leibes-gaben einen solchen Ruhm bei der Nachwelt
noch itzund verdienet / dass diese meine Feder sich nicht entziehen können ihm
auch ein Zierfärblein anzustreichen / und in die lobsingende Stimmen mit
einzuknarren.
    (74) Wan die Gewohnheit Tugendhafte Menschen zu vergötlichen / oder dem
Gestirne des Himmels einzuverleiben nicht verjahret were; so würde meine Feder
sich nicht entalten können ihren ruhmherrlichen Nahmen dem Tierkreuse / zwischen
das Leuen- und Wage-gestirn / einzuverleiben / oder vielmehr ihr Bildnis im
fünften Himmelskreuse der hellflinkernden Schweifsterne / den sonsten Venus
bestrahlet / zum ewigen Andenken abzureissen. Alhier sollte dann dieses Tugendbild
unserem Frauenzimmer am Abende sowohl / als am Morgen / zur Tugend gleichsam
vorleuchten.
    (75) Wan unseren Frauen und Jungfrauen eine solche Vorleuchterin / und
Ermahnerin ihrer Pflicht / sowohl wan sie zu Bette gingen / als wan sie
aufstünden / täglich am Himmel vor Augen schwebete; so würde dadurch vielleicht
die Tugend / wo nicht allen / doch vielen dermassen eingeleuchtet und
eingestrahlet werden / dass die Männer sich dessen zu erfreuen / und sie selber
/ wonicht / mit Simsons Mutter / einen ewigen / doch gleichwohl grossen Nachruhm
darvon hetten.
    (76) Aber wir wollen den Leichnam dieser Gottsäligen Frau bis zu seiner
Beerdigung liegen lassen / und indessen ihren grossen Sohn auf seinem
Richterstuhle betrachten. Alhier erschienen aus allen zwölf Stämmen des
Israelischen Volkes / gemeiniglich dieselben / die einige Rechtssache wider
iemand vorzutragen hatten / des Simsons / als ihres algemeinen Richters / Urteil
und Erkäntnis darüber einzuhohlen.
    (77) Unter denen erschien auch vor dem Simson / üm eben die Zeit / da seine
Mutter den Geist aufgab / eine Filistische Frau. Diese rief eine Ebräerin aus
dem Stamme des Naftali vor Recht. Sie beschuldigte dieselbe / dass sie ihre
Tochter gestohlen. Und solches wahr zu machen / hatte sie etliche Zeugen /
welche sie kenneten / bei sich. Hierbei berichtete sie: ihre Tochter sei
dazumahl / da man sie entführet /zehen Jahr alt gewesen; und itzund / weil sie
dieselbe schon vor fünf Jahren verloren / ginge sie in das sechszehende.
    (78) Nachdem nun Simson diese Filisterin gehöret / lies er sie / samt ihren
bei sich habenden Zeugen / abträhten / und die Ebräische Frau / mit der
entführten Tochter / vor sich fordern. Straks hielt er ihr vor / worinnen die
Filisterin sie bezüchtiget. Ja er fragte sie zugleich: ob sie nicht wüste / dass
im Gesetze Gottes geschrieben stünde / dass derselbe / der einen Menschen
gestohlen / mit dem Tode sollte gestraft werden?
    (79) Hierauf gab die Ebräerin zur Antwort: wider dieses Gesetz hette sie
keines weges gesündiget; darüm ginge sie auch die Strafe nicht an. Sie hette
nicht mehr getahn / als ihre Tochter / die ihr zehen Jahre zuvor / da sie noch
ein kleines Kind gewesen / entwendet worden / wieder zu sich genommen; nachdem
sie selbst von ohngefähr auf der Gasse zu Gaza zu ihr gelauffen / und mit
lieblenden und freudigen Gebährden / dass sie ihre Tochter sei / zu erkennen / ja
ihr selbst den Nahmen Mutter gegeben.
    (80) Aber die Filisterin sei es / fuhr sie fort / welche darwider gehandelt:
weil sie dazumahl ihr Kind entweder selbst gestohlen / oder es von iemand /der
es gestohlen / gekauffet / und also ihrem Mütterlichen Schosse gleichsowohl
entwendet. Die Zeugen /welche die Filisterin wider sie zu gebrauchen gedächte /
hielte sie nicht für gültig: weil sie zwar zeugen könten / dass sie ihr Kind bei
der Fraue gesehen /aber nicht beweisen / dass es ihre Tochter sei.
    (81) Unter diesen Reden verlies Simson weder der Mutter / noch der Tochter
kein Auge. Er sah sie alle beide scharf an. Er betrachtete sie / mit
sonderlicher Aufmärkung. Weil er nun aus der Bildung und den Zügen ihrer
Angesichter wohl erkannte / dass sie einander ganz glichen; so urteilete er von
Stunden an / dass die Ebräerin recht / und diese Tochter keine andere / dann
dieselbe / der sie so eigendlich gliche / zur Mutter hette: zuvoraus als er noch
darzu betrachtete /wie ungleich / wie unähnlich dagegen beiden die Filisterin
sei: die auch nicht ein Zeichen / nicht ein Züglein hatte / dadurch man erweisen
können /dass ihr das Mütterliche Recht zukähme.
    (82) Zudem war aus allen Gebährden dieser Ebräerin genugsam abzunehmen / dass
sie mit keiner Betrügerei ümginge. Ihr sah die Aufrichtigkeit aus den Augen. Ja
ihr ganzes Wesen zeigte sie an. Dagegen hatte Simson an der Filisterin / straks
im ersten Anblikke / nichts / als eine verschalkte betrügerische Gebuhrtsahrt /
erblickt: daraus er unschweer schlüssen können / dass sie hinter der Wahrheit
hinwandelte; dass sie / mit künstlich gezierten Lügen /das Recht auf ihre Seite
zu beugen / und also ihre Sache bei dem Richter zu erhalten gedächte.
    (83) Auf dieses des Simsons Augenurteil musste die Filisterin wieder hinein
kommen. Simson hielt ihr vor: wan sie / ihrem Vorgeben nach / dieser streitigen
Tochter rechte Mutter sei / wie es dann kähme / dass sie ihr weder in Gebährden /
noch in der Bildung des Angesichtes so gar nicht / der Ebräerin aber dagegen
ganz eigendlich gliche /dergestalt dass man wohl sagen möchte / sie sei ihr
gleichsam aus den Augen geschnitten?
    (84) Aber die Filisterin war so arglistig und verschmützt / dass sie auf
diese Frage straks einen Fund wusste. Sie müste zwar gestehen / gab sie zur
Antwort / dass ihr diese Tochter nicht ähnlich sei: doch darüm könnte man ihr das
Recht / das sie an ihr hette / keines weges absprächen; weil sie ihrem
verstorbenen Ehmanne sich üm so viel mehr und eigendlicher ähnlichte. Diesen /
fuhr sie fort / hette sie so lieb gehabt / dass ihr seine Gestalt und sein Wesen
/als sie mit hiesiger Tochter schwanger gegangen /stähts vor Augen / und im
Sinne geschwebet. Daher habe dann die Einbildung so stark in ihr gewürket /dass
sie ein Kind / welches dem Vater / und nicht ihr selber geglichen / zur Welt
geboren.
    (85) Zudem hette sie sich / fuhr sie weiter fort /zur Zeit ihrer Leibesbürde
/ des Spiegels ganz geeusert. Und dieses hette sie darüm getahn; damit das Kind
nicht nach ihr / weil ihr die Gabe der Schönheit / die ihr Man besässen / nur
kärklich mitgeteilet worden / seine Gleichähnligkeit bekommen möchte. Ja ihr
ganzes Verlangen / und ihr ganzer Vorsatz sei gewesen ein schönes Kind / es
sei Tochter / oder Sohn / das ihrem Ehmanne gliche / zu gebähren. Daher hette
sie sich auch ganz entalten ihre eigne Gestalt /die etwas übel gerahten / im
Spiegel / oder im Wasser / oder in dergleichen Dingen / darinnen sie sich selbst
sehen können / zu schauen.
    (86) Simson / wiewohl er scheinbarlich spührete / dass sie diese Reden / ihre
Sache guht zu machen /nur erdichtet / lies sich doch dessen so straks nicht
märken. Er fragte bloss allein / aus welcher Stadt sie bürtig? Und als sie
geantwortet / von Akkaron; da fing er wieder an / und sagte mit lächlendem
Munde: »ich vermeinte / du werest von Sefir oder Kirjat Sanna / und alda / bei
den Vernunftmeistern /in die Schuhle gegangen; weil du von solchen Dingen /
welche die Ahrtforschung betreffen / so eigendlich zu reden weist. Wan alle
Mütter das wüsten / was du weist / und das tähten / was du getahn zu haben
sagest; so würden sie nimmermehr übelgestaltete Kinder gebähren.
    (87) Aber von wannen war deine Mutter?« fragte Simson weiter. »Diese war von
Kirjat-Sanna« / antwortete die Frau. »Hat sie darüm« /fuhr er ferner fort /
»weil sie auf einer Hohen Schuhle die Kunst schöhne Kinder zu erzielen gelernet
/ dich so wohlgebildet geboren? Aber hast du dann« / fragte er wieder / »diese
Tochter / die du für die deinige wilst gehalten haben / auch zu Akkaron
verloren?« Weil nun die Filisterin bekannte / dass es nicht zu Akkaron / sondern
zu Gaza / dahin sie dieselbe mit auf den Jahrmarkt genommen / geschehen sei; so
urteilte Simson noch mehr / dass die Ebräerin /die eben alda ihre Tochter wieder
gefunden zu haben gemeldet / ihn mit keiner Unwahrheit berichtet.
    (88) Inzwischen war die Zeit dieses Gerichtstages verlauffen; indem der
Abend herbeirükte. Darüm beschied auch Simson beide Teile des folgenden Tages
wiederzukommen. So lies er dann die Filisterin alsobald von sich. Der Ebräerin
aber befahl er noch ein wenig zu verziehen / und als jene hinaus war / die
ganze Begäbnis ihrer verlohrnen /und wiedergefundenen Tochter / mit allen
Umständen / zu erzählen. Und dieses verrichtete sie folgender Gestalt.
    (89) »Diese Tochter« / sagte sie / »war ohngefähr ein halbes Jahr alt / als
ich / mit meinem säligen Ehmanne / nach Timnat reisen musste. Weil sie nun noch
an der Brust lag / nahm ich sie mit: aber zu unsrem Unglückke. Dan wir hatten uns
alda / in einer Herberge / kaum einen halben Tag aufgehalten / da war sie uns
schon unter den Händen entstohlen. Niemand wollte wissen / wo sie geblieben. Wir
forscheten zwar fleissig nach: aber wir bekahmen von ihr nicht das geringste zu
hören. Also zogen wir betrübt wieder nach Hause.
    (90) Uns schmertzte nichts mehr / als dass sie in der Unbeschnittenen Hand
gerahten. Uns jammerte nichts mehr / als dass sie in der Heidenschaft sollte
erzogen werden. Ja mein lieber Man zog ihm dieses so zu Hertzen / dass er / aus
übermässiger Betrübnis / kurtz darnach starb. Und also hatte mich gemeldte Reise
(noch itzund will mir / wan ich daran gedenke / das Hertz bärsten) zugleich üm
mein Kind / und meinen Man gebracht. Also musste dann ich Man- und Kinderloss bis
in das zehende Jahr mein Leben traurig zubringen.
    (91) In diesem Jahre war mir das Glük / oder vielmehr das Göttliche
Verhängnis so günstig / dass ich dasselbe Liebepfand / das mir mein frommer Man
/wiewohl ichs als verloren schätzte / hinterlies / zu Gaza wiedergefunden.
Dieses mein liebes Kind kahm alda / auf dem Markte / mit voneinandergeschlagenen
Armen mir entgegen gelauffen. Es ümfassete mich. Es drükte mich. Es hertzete
meine Hände. Ich wusste zuerst nicht / wie mir geschahe. Ich stund bestürtzt. Ich
war verwundert. Ich gedachte das Wenigste nicht / dass es mein eigenes Kind sei /
welches ich fast vor zehen Jahren zu Timnat verloren.
    (92) Aber sobald es den Mund öfnete / sobald es mich Mutter nennete; da ward
ich erst gewahr /dass es meine verlohrne Tochter were. Nach der Zeit habe zwar
ich sie vielmahls gefraget / woran oder woher sie mich gekennet? Doch hat sie
hierauf anders nichts zu antworten gewust / als dass es das Hertz ihr gesaget /
und weil sie von einer Magd erfahren / dass sie diese Filisterin / welche sich
für ihre Mutter ausgiebet / zu Timnat von einer Gastwürtin gekauffet.
    (93) So unversehens und wider alles Vermuhten /kahm ich dann dazumahl wieder
an meine Tochter: welche mir so lieb ist / dass ich für grossen Schmertzen / wan
sie mir noch einmal sollte genommen werden /gewislich sterben würde. Darüm will
ich nicht hoffen /dass mir das Recht ab- und dieser Filisterin zufallen werde.
Wan dieses geschehen sollte / so würden wir alle beide / mein Kind so wohl / als
ich / unsern letzten Lebenstag bald sehen.«
    (94) Weil nun Simson aus diesen Reden der Ebräerin in seiner Meinung / dass
ihr das Mütterliche Recht über die streitige Tochter zukähme / noch vielmehr
bekräftiget worden; so versicherte er sie seines Schutzes / seines Beistandes
wider die heillose Filisterin. Ja er tröstete sie zugleich mit ganz bewäglichen
Worten: indem er sich erboht nicht allein ihr Verteidiger / und Vorsprächer /
sondern auch selbst ihr Vater zu sein. Sie sollte nur itzund /sagte er / guhtes
Muhtes nach Hause gehen / und sich versichert halten / dass ihr der morgende Tag
ein bessers Urteil / als sie vielleicht nicht gedächte / mitbringen würde.
    (95) Indessen war die tausendlistige Filisterin auf allerlei Ränke bedacht
gewesen / diesen grossen Richter auf ihre Seite zu bringen. Sie hatte beschlossen
ihn noch selbigen Abend allein und in geheim zu sprächen. Wan sie dieses
erlangte / verhofte sie zugleich ihr Verlangen ihn mit glatten Worten zu
überreden erlanget zu haben. Und zu dem Ende schikte sie einen köstlichen
Stahtsrok zur Verehrung voran. Hierdurch wollte sie ihr den Weg bahnen zu einem
üm so viel gemächlicherm Zutritte. Hierdurch vermeinte sie sein Hertz zu
überrumpeln / und zur Bewilligung ihres Begehrens anzulokken.
    (96) Aber ihr Anschlag schlug fehl. Ihre Ränke ränkten ihr nichts. Ihre Gabe
war vergebens. Der Richter blieb aufrichtig. Er lies sich nicht teuschen. Er war
durch keine List zu überlistigen / durch kein Geschenk zu blenden / durch keine
Verehrung zu betöhren. Die Satzungen seines Gottes stunden in seinem Busem
eingebusemet. Sie waren mit lebendigen Buchstaben in sein Hertz eingeätzet.
Hiernach richtete sich sein Gericht. Hiernach klung der Klang seines Urteils.
Hiernach sprach er seinen Rechtsspruch aus.
    (97) Als Simson aus dem Richtersaale traht /ward ihm angemeldet / dass eine
Verehrung auf ihn wartete. Die Filisterin hette gleich itzund ihm einen
köstlichen Stahtsrok zugeschikt. Uber eine Weile würde sie selbst folgen / ihn
zu sprächen. Weil er nun von stunden an märkte / was es bedeutete; so befahl er
den Rok bis auf Morgen zu bewahren. Auch sollte man der Filisterin sagen: es sei
ihm diesen Abend sie zu sprächen nicht gelegen. Hette sie etwas zu erinnern /
das könnte sie vor Gerichte tuhn.
    (98) Man mahlet der Gerechtigkeit Bild geblendet: nicht darüm / dass derselbe
/ der sie handhabet / sich durch Geschenke soll blenden lassen. Vielmehr soll er
blind sein von sich selbst; doch also / dass er nicht ansehe / ob derselbe / den
er vor sich hat / arm oder reich / klein oder gross / Freund oder Feind sei;
sondern einem ieden das Recht mit gleicher Wage zuwäge.
    (99) Auf diese letzte Weise war Simson auch blind. Er sah kein Geschenk /
keine Verehrung an. Geschenke zu nehmen / und das Recht zu beugen /war ihm ein
Greuel. Der Ekel darvor war ihm angebohren. Es war seiner Grossmütigkeit
zuwider. Auch wollte dieses keinen Richter des Volks GOttes geziemen.
    (100) Des folgenden Tages ging das Gerichte wieder an. Simson hatte sich
kaum gesetzt / als er schon befahl erst die Filisterin / darnach auch die
Ebräerin / mit ihrer Tochter / zu rufen. Diese waren die allerersten / über
welche der Rechtsausspruch geschehen sollte. Die Filisterin / nachdem sie ihre
Klage wieder erneuert / gab ihren Zeugen einen Wink / dass sie auch reden sollten.
Aber Simson kahm ihnen zuvor / und fragte sie: ob sie diese gegenwärtige Tochter
bei der Filisterin zu Akkaron gesehen / und wie lange sie dieselbe bei ihr
gekennet? Hierauf gaben sie dann sämtlich zur Antwort: sie kenneten dieselbe sehr
wohl / und hetten sie bei dieser Fraue schon dazumahl / da sie noch an ihrer
Amme Brust gelegen / auch bei neun Jahr darnach / ja so lange / bis sie ihr
gestohlen worden / allezeit gesehen.
    (101) Weil Simson aus ihren Worten verstund /dass eine Amme diese Tochter
geseuget; so fuhr er zu fragen fort: ob dann diese Frau ihre rechte Mutter nicht
sei / weil sie dieselbe durch eine Fremde stillen lassen? Die Zeugen gaben zur
Antwort: dass sie besser nicht wüsten / als dass sie ihre Mutter sei; weil sie ins
gemein darfür wäre gehalten worden. »Aber ich frage« / fing Simson abermahl an:
»ob ihr es gewis wisset / und auch zugleich beweisen und bezeugen könnet?«
»Anders können wir es nicht beweisen« /antworteten sie wieder / »als daraus /
dass wir es von den Leuten also gehöret.«
    (102) »Auf hörensagen bauet man kein Schlos« /fing ihnen Simson das Wort
auf. »Hierauf ist wenig zu fussen. Hierdurch wird so mancher betrogen. Der Grund
ist zu schlüpfericht. Der Bodem ist zu lukker / zu weich / zu sumpficht.
Derselbe Grund darauf die Wahrheit sich gründen soll / mus fester / muss derber /
mus dichter sein. Aber habet ihr dann nicht auch gehöret« / fing er wieder an zu
fragen / »dass eben diese Frau / dieselbe / die sie für ihre Tochter ausgiebet /
zu Timnat / da sie nur ein halbes Jahr alt war / gekauffet?« Auf diese Frage
sahen sie einander an /und wussten nicht / was sie antworten sollten. Doch endlich
kahm das langsame Nein heraus.
    (103) »Oh! ihr seid keine wahrhaftige Zeugen« /fuhr Simson fort. »Ich seh es
euch an den Augen an /dass ihr die Wahrheit nicht bezeuget. Eure Gebährden
verrahten euch. Euer ganzes Wesen gibt eure Falschheit kund. Euer Zaudern auf
diese Frage zu antworten kömt mir ganz verdächtig vor. Darüm gilt euer Zeugnis
nichts. Darüm kann ich euch zu Zeugen nicht annehmen.
    (104) Aber was gedenkestdu« / sprach er die Filisterin an / »dass du solche
falsche Zeugen vor den Richterstuhl des Volks Gottes hast bringen dürfen? Was
meinestdu / du Ehrloses Weib? Meinestdu etwan / man werde / dir zu liebe / wider
die Satzungen des Gottes Israels handeln? Bildestdu dir etwan ein / ich werde
gleich also tuhn / wie diese deine Zeugen; weil du mit Geschenken mich zu
verleiten / zu verbastern / und zu bestechen dich erkühnest? Doch diese Kühnheit
/ dieser Frefel soll dir übel bekommen.«
    (105) Hiermit befahl er die Tühre des Gerichtssaales zu öfnen. Hiermit
geboht er / alles Volk / das im Vorhofe stund / einzulassen; damit iederman sehen
und hören möchte / mit was für einem arglistigen Frevel diese Filisterin den
Richter des Volks Gottes ein unrechtfärtiges Urteil zu sprächen zu verführen
sich unterstanden. Ja weil sich die Mänge so gross befand / dass im Saale selber
nicht Raumes genug war; so lies er endlich auch alle Fenster aufmachen; damit
die übrigen von aussen hinein sehen / und alles / was im Gerichte vorginge /
vernehmen könten.
    (106) Unterdessen suchte die Filisterin sich zu entschuldigen. Sie trachtete
sich weis zu brennen /und ihre Sache zu beschönen. Aber Simson geboht ihr zu
schweigen. Er wollte sie weiter nicht hören. »Ich habe« / sprach er / »deinen
Lügen lange genug mit Geduld zugehöret. Ich habe lange genug durch die Finger
gesehen. Aber nun ist es Zeit / dass du mich auch hörest. Nun ist es Zeit / dass
auch ich rede; dass ich dich vor dieser ganzen Gemeine zu schanden mache. O du
Gottloses Weib! Du bosshaftiges Weib! Du häslicher / ja garstiger Schandbalg!
    (107) Hastdu nicht diese Tochter von einer Würtin zu Timnat / welche sie
ihrer rechten Mutter / die hier zugegen stehet / gestohlen / vor funfzehen
Jahren gekauft? und darfst mir gleichwohl noch vorlügen / du seist ihre Mutter.
Hastdu mir nicht Geschenke geschikt mich dadurch anzureitzen ein unrechtmässiges
Urteil zu fällen? und gleichwohl wilstdu noch unschuldig sein. Gleichwohl
wilstdu dich noch viel weis brennen. Meinestdu vielleicht / dass dein Geschenk
deine böse Sache guht machen könne? Vielmehr hastdu sie dadurch verärgert und
schlimmer gemacht.
    (108) Wisse / dass ich Simson bin; der ein Todfeind des Geitzes / des
Eigennutzes / und aller Laster /die daraus entsprüssen / von Jugend auf gewesen.
Wisse / dass ich ein Richter in Israel bin; dem GOtt selbst verbohten Geschenke
zu nehmen. Ja wisse /dass du / durch dein Geschenk / mich bewägen wollen eine
schweere Schuld nicht nur auf mich / sondern auch auf den ganzen Staht des
Israels zu laden: auf welche die Strafe gewis / mit schweeren Schlägen / würde
gefolget sein.
    (109) Also hastdu dich nicht allein an mir verbrochen. Dein Verbrächen
erstrekt sich viel weiter. Es leuft wider unsern ganzen Staht: indem du ihn in
das Verderben zu stürtzen gesuchet. Was verdient nun wohl eine solche
Verbrächerin / die sich wider ein ganzes Volk verbrochen? Mit was für Strafe
sollte man dich wohl ansehen? Sprich dein Urteil selbst. Werestdu nicht währt /
dass man dich steinigen liesse? Verdientestdu nicht / dass man dich verbrennete?
Aber damit du sehest / dass man dir / als einer Fremden / die unsers GOttes
Satzungen nicht weis / so scharf nicht mitfahren wolle; so sei dir das Leben
geschenket.
    (110) Doch damit diese ganze Gemeine vernehme / dass ich unschuldig sei; so
will ich / in ihrer Gegenwart / öffendlich bezeugen / dass ich dein Geschenk nicht
selbst empfangen. Du hast es mir heimlich und mit List / bei meinem Abwesen / in
mein Haus geschikt. Ich habe nichts darüm gewust / als da es mir ward angesagt.
Auch ist es mir noch nicht zu Gesichte gekommen: weil ichs zu sehen mich
weigerte. Aber itzund will ichs sehen; damit du zugleich sehest / was ich mit ihm
zu tuhn beschlossen.«
    (111) Hiermit befahl er den Stahtsrok / den die Filisterin des vorigen
Abends in sein Haus geschikt / zu hohlen. Sobald er ankahm / nahm er ihn in die
Hand / und hielt ihn / mit erhobenen Armen / den Augen des Volks vor. »Dieser« /
sprach er / »ist dasselbe Geschenk / das meine Sinne verrükken / meinen Verstand
verkehren / und mein Gesicht benebeln sollte; damit ich nicht sehen / noch märken
möchte /was Recht oder Unrecht / was Gleich oder Ungleich were / und ein Urteil
fällete / das meinem Wissen und Gewissen zuwider. Aber GOtt hat mich bewahret
/dass ich ihn nicht eher gesehen / noch angerühret / als itzund vor euren Augen.«
    (112) Kaum waren diese Reden aus seinem Munde / da gab er den Rok schon
wieder von sich / und befahl dem Hänker / der hierzu berufen war / denselben /
vor dem Gerichtsstuhle / mit dem Gerichtsschwehrte zu zerstükken / und die
Stükken unter das Volk / in die Rappuse / zu werfen. Da ging es an ein grabbeln
und krabbeln. Einieder war begierig ein Stüklein darvon zu haben; damit er
dasselbe / zum Gedächtnisse dieser rühmlichen so wohl / als seltsamen Taht /
bewahren möchte.
    (113) »Hiermit ist zwar das Gerichte vergnüget« /sagte Simson zur
Filisterin. »Aber nun mustdu auch diese Frau / welcher du ihre Tochter so lange
vorentalten hast / vergnügen. Vorerst will sich geziemen ihr eine Abbitte zu
tuhn. Darnach wird dir auferlegt ihr auch eine Geldbusse von zwanzig Sekkeln
Silbers zu geben. Und hiermit hast du deinen Abschied. Vergreif dich hinfort in
dergleichen Dingen nicht mehr. Gehe hin / und werde frömmer.«
    (114) Wiewohl Simson mit der Filisterin zimlich gnädig verfahren / so war
sie doch mit diesem Abschiede nicht zu frieden. Die Abbitte zu tuhn weigerte sie
sich zwar nicht. Aber von der Geldstrafe wollte sie nicht hören. Ja sie durfte
wohl selbst Erstattung ihrer getahnen Unkosten fordern. Sie wendete vor / dass
sie diese Tochter nicht gestohlen / sondern /unwissende woher sie gekommen /
gekauft. Sie hette zwantzig Sekkel Silbers darfür bezahlet. Auch were viel auf
die Amme gegangen / die sie ihr ein halbes Jahr halten müssen. Zudem hette sie
ihr fast zehen Jahr lang Kost und Kleider gegeben / und sie ehrlich unterhalten.
Daher sollte sie billich die zwanzig Sekkel Silbers / und was sie ihr nach der
Zeit gemeldte zehen Jahr über gekostet / wieder haben.
    (115) Hierauf gab ihr Simson zur Antwort: ob sie schon diese Tochter nicht
gestohlen; so habe sie doch dieselbe ganze zehen Jahr ihrer Mutter / zusamt der
Lust / welche sie in solcher Zeit an ihr haben können / entzogen. Die Hählerin
sei so guht / als die Stählerin. Sie sollte zu frieden sein / dass sie so ein
gnädiges Urteil / das er sonst niemanden / der aus Israels Stämmen bürtig /
würde zuerkant haben / bekommen. Die Geldstrafe sei ihr einmal zugewiesen. Er
könnte darvon nichts erlassen: vielweniger der Mutter dieser gestohlenen Tochter
zuerkennen / dass sie ihr die angewendeten Unkosten wiedererstatten sollte. Doch
könten sie sich untereinander selber anders vergleichen / das möchten sie
tuhn. Er sei dessen wohl zu frieden. Inzwischen sollte sie gleichwohl aus der
Hand des Gerichtes nicht eher gelassen werden /als bis sie die Mutter vergnüget.
    (116) Der Ruf von einem so klugen / so weisen /und so weislich ausgeführtem
Urteile lief straks alle Stämme des Israels durch. Ja es erschol selber in die
ümliegenden fremden Länder. Hatte man den Simson / seiner unvergleichlichen
Tapferkeit / seiner übermenschlichen Stärke / ja seiner tapferen Heldentahten
wegen / bisher gerühmet / und gefürchtet; so rühmete / so ehrete / so fürchtete
man ihn itzund /seiner so übertreflichen Klugheit / und überirdischen Weisheit
wegen in Gerichtlichen Sachen / noch vielmehr. Ja er bekahm hierdurch ein
solches Ansehen /dass ihm / auf seinen blossen Wink / schier alles gehorchte.
    (117) Die Filister selber / wiewohl sie seine geschwohrne Feinde waren /
warden gezwungen ihn zu ehren. Sie mussten ihn preisen. Auch selbst dieselbe
Filistische Frau / wider welche dieses Urteil ergangen war / musste gleichwohl
seinen fürtreflichen Verstand loben / seine hohe Weisheit erhöben / und seine
scharfsinnige Klugkeit rühmen. Ja er ward so überaus und überal berühmt / dass
ihn die mächtigsten Fürsten und Könige für den unvergleichlichsten Stahtsman /
und fürtreflichsten Gerichtshalter in der ganzen Welt ehreten / und sich
vielmahls / in fürfallenden schweeren Stahts- und Gerichtsgeschäften /Rahtes bei
ihm erhohleten. Einen so grossen Nahmen bekahm dann Simson durch diesen
Gerichtshandel. Einen so ruhmherrlichen Ruf erwarb ihm seine so fürtrefliche
Stahts- und Gerichts-kunde.
    (118) Und dieses war auch die Uhrsache / warüm kein Feind des Israelischen
Stahts / weil Simson lebete / sich rühren durfte. Er herschete dann in vollem
Frieden. Kein Krieg hielt ihn von seinen Stahts- und Gerichts-geschäften ab. Er
hatte beide Hände stähts frei dasselbe / was die Wohlfahrt des Stahts betraf
/ungehindert auszuwürken. So ging dann zu seiner Zeit unter dem Volke GOttes
Recht und Gerechtigkeit wieder in vollem Schwange. So küsseten sich dann alda
Eintracht und Treue miteinander. So stund dann der Staht / nachdem er so lange
Zeit gewakkelt / wieder auf festen Füssen.
    (119) Glüklich ist dasselbe Land / dessen Staht mit Weisheit beherschet /
und mit Vorsichtigkeit gehandhabet wird. Ja glücksälig und überglücksälig ist
dasselbe Volk / dessen Stahtsheupt mit Tugenden gezieret /mit Klugheit begabet /
ja mit Witz und Weisheit gekröhnet / seinen Stahtsstuhl besitzet. Hingegen ist
es das allerunglücksäligste / wan derselbe / der es beherschen soll / ein Tohr
ist; wan ihm die Tugend fehlet; wan er schläft / da er wachen soll; wan er im
Luder lieget / da ihn zu herschen gebühret.
    (120) Die Filister hatten bisher anders nicht gemeinet / als Simson sei nur
ein Wagehals / ein Ungeheuer. Sie hatten gewähnet / er sei nirgendzu geschikt /
als mit einer tummen Kraft und Tolkühnheit Menschen zu erschlagen; als durch
eine ungeheure Riesenstärke ganze Kriegsheere zu überwältigen /Mauren über
einen Hauffen zu werfen / ja selbst durch Eisen und Stahl hinzudringen / und
alles / was er in seine Feuste bekähme / ja nur anrührete / zu zerbrächen. Aber
nunmehr erfuhren sie in der Taht / dass er die Kunst den Stahtszaum zu führen
eben so wohl wüste; dass ihm die Weisheit Völker zu beherschen eben so wohl / als
die Stärke sie zu vertilgen / beiwohnete.
    (121) So war dann Simson ein volkommener Held / und ein volkommener Stahtsman
zugleich. Ja er war ein solcher Stahtsman / der nicht auf seinen eigenen /
sondern des Stahts Nutzen / nicht auf seinen eigenen / sondern des Landes
Wohlstand sah. Er war ein solcher / der einem ieden Recht schaffete; der in
seinem Handel und Wandel die Gerechtigkeit vor Augen / und die Aufrichtigkeit im
Hertzen hatte. Und darüm liebeten ihn auch die Seinigen. Darüm fürchteten ihn
die Fremden. Ja darüm ehreten / lobeten / und rühmeten ihn alle.
    (122) Aber bei hiesigem des Simsons Ruhme müssen wir gleichwohl der
gestohlenen Tochter nicht vergessen. Diese haben wir bisher anders nicht als mit
einem unachtsamen Auge / betrachtet. Aber nunmehr / da sie den Nahmen der
schönen Naftalerin bekommen / werden wir lüstern gemacht sie was näher zu
beschauen: zumahl weil Simsons Urteil / das er ihrentwegen ausgesprochen / sie
weit und breit in Kunde gebracht.
    (123) Sie war auch in Wahrheit einen solchen Nahmen / der manches Ohr
kützelte / zu führen wohl währt. Sie verdiente gewislich das Lob und den Preis
einer volkommenen Schönheit. Daher kahm es / dass so vieler Augen auf sie fielen.
Einieder war begierig sie zu sehen. Einieder war lüstern sich mit ihren Blikken
zu belustigen. Diese kahmen aus der schwartzen /doch anmuhtigen Fünsternis ihrer
Augenhöhlen / eben als liechte Karfunkelstrahlen aus ihrer Bergschacht
/geschossen. Wan sie auftageten / flinkerten sie gleich so anmuhtig / als das
liebliche Morgenroht / das aus der düstern Nacht hervorbricht.
    (124) Niemahls war in Kedes ein solches paar helleuchtender Augensonnen /
als dieses / aufgegangen. Niemahls hatte diese Stadt eine solche fürtrefliche
Schönheit / über welche sich das ganze Volk des Israels verwunderte / geboren.
Wer sie nur sah /der priese denselben Leib / der sie getragen / seelig. Ich will
mehr sagen: nicht nur die Augen hatten die Kraft der Anschauer Hertzen zu
entzükken. Selbst der Mund / wo er nicht verliebt machte / zog doch alle zur
Gunst.
    (125) Dieser blühete wie eine liebliche Zukkerrose / mit schneeweissen
Liljen ümgeben. Wan diese Tühre / dadurch sich das Hertz eröfnet / zuweilen ein
Hertzwindichen aufsties / spitzte schon iederman die Ohren / ihre so anmuhtige
Göttersprache zu vernehmen. Ich nenne die Reden dieser schönen Naftalerin eine
Göttersprache; weil sie / eben wie jene / ganz selten / und ganz kurtzbündig /
mit einem ausbündigen Verstande / sich hören liessen.
    (126) Ja ihr ganzes Angesicht war ganz lieblich /ganz anmuhtig / und
ganz zierlich gebildet. Es stund / als ein schöner Lustgarten / vol der
schönsten Bluhmen: da die Augen aller Menschen einen stähtigen Lustwandel zu
tuhn lüstern warden. Der Grund war schlossweis / ja viel weisser als der
erstgefallene noch unbeträhtene Schnee. Nur auf den Wangen war er mit einer
gelinden Röhte zährtlich überfärbet. Hierherüm hingen die schwartzen Haarlokken
/ die der weissen Haut einen höheren Glantz zu geben schienen / in überaus
zierlichen Krümmen / bis auf den Hals: der unter dem Heupte / wie eine gerade
Seule von dem allerglättesten reinweissestem Alabaster / zu stehen kahm.
    (127) Aber alle diese Schönheiten von aussen /wiewohl sie ganz ungemein
waren / übertraf die innerliche Schönheit der schönsten Seele bei weitem. Alda
hatten alle Tugenden ihren eignen Sitz. Alda wohnete die Keuschheit / die
fürnehmste der Jungfreulichen Tugenden. Da hausete die Schaamhaftigkeit. Da
herbergete die Aufrichtigkeit. Da befand sich die Leutsäligkeit / die
Freundlichkeit / die unverfälschte Liebe gegen GOtt und Menschen.
    (128) Vor allen Dingen leuchtete die Gottesfurcht /neben dem ausbündigen
Verstande / den sie besass /aus allem ihrem tuhn. Diese schien ihr von ihrer
frommen Mutter gleich als angebohren: indem sie schon unter den Heiden einen
Abscheu der Heidenschaft /schon unter den Götzendienern einen Ekel des
Götzentuhms märklich blikken lies; wiewohl sie dazumahl noch ein Kind / und
mitten im Götzendienste /der Kündigkeit des wahren Gottesdienstes beraubet zu
sein schien. Und darüm war es kein Wunder / dass diese hohe Himmelstugend sich
nach der Zeit / da sie des Himmels Schikkung wieder in ihr Vaterland / und zu
ihren Väterlichen Gottesdiensten geführet / bei ihr so volkömlich euserte.
    (129) Neben dieser Ertzmutter der Tugenden schmükten derselben erstgebohrne
Zwillinge / die Gottsäligkeit und Frömmigkeit / ihre reine Seele. Hierzu
gesellete sich eine recht hertzliche Demuht /die den Schein der Heuchelei ganz
nicht kennete. Ja es war keine weder himlische / noch Irdische Tugend /die aus
ihrem Wandel nicht blikte. Alles / was löblich / was rühmlich / was preislich
war / dem strebete sie nach.
    (130) Hierdurch begab es sich / dass sie so viel Aufwärter bekahm. Einieder
bewarb sich üm ihre Gunst. Einieder trug Verlangen ihrer Liebe zu geniessen.
Aber hierinn schien sie was karg zu sein; wiewohl sie sehr reich war an
Liebsäligkeiten / ja selbst milde mit liebsäligen Blikken. Weil diese gleichsam
aus Angewohnheit / oder vielmehr aus Angebohrenheit hersprosseten / so durfte
keiner sich einbilden /dass sie ihn liebete / viel weniger / dass sie verliebt
sei.
    (131) Unter andern kahm zwar Simsons nächster Vetter bei ihr in die meiste
Betrachtung. Dem erwiese sie zwar die meiste Gunst. Und solches täht sie bloss üm
Simsons willen. Aber wan er von Liebe zu reden begunte; da hatte sie
Schultzenohren. Sie stellete sich / als hörete sie nicht. Sie lies ihn
uneingelassen anklopfen. Alles / was er sie zu bewegen anwendete / war vergebens.
Wan sie ja endlich / auf sein so inständiges Anhalten / antwortete; so war es
doch nichts anders / als sie sei noch zu jung; sie wüste sich in der Liebe
Handel noch nicht zu schikken. Und dieses Entschuldigen geschahe mit solcher
Höfligkeit /mit solcher Bescheidenheit / dass er es nicht übel aufnehmen konnte.
    (132) Der arme Verliebte lies gleichwohl nicht nach. Er hielt noch allezeit
an. Er lies sich keinen Gang / keine Mühe verdrüssen. Er achtete keinen Abschlag.
Weil er noch Gunst verspührete / lies er den Muht nicht sinken. Weil ihm kein
Zutrit versaget ward / stärkte sich seine Hoffnung noch immer. Aber Endlich / als
so viel Zeit verlief / und er dannoch wenig mehr erwarb / ward er betrübt. Aus
der Betrübnis entstund die Unlust zu schlafen / zu essen; und auf dieses alles
folgete die Schwindsucht.
    (133) In wenig Wochen nahm er so ab / dass man ihn kaum mehr kennete. Sein
Angesicht vermagerte. Seine Augen sunken ein. Seine ganze Gestalt verfiel. Und
solches währete so lange / bis er ganz von Kräften kahm / und nicht mehr weder
gehen / noch stehen konnte. Hierzu schlug endlich eine so heftige Hitze /welche
die übrige Feuchtigkeit vollend verzehrete. Kein Kühltrank / kein Labetrank /
kein Stärktrank /wie kräftig er war / vermochte diesen heftigen Stürmen zu
widerstehen.
    (134) Die Mutter der schönen Naftalerin / die ihn täglich besuchete /
trachtete zwar das schier verflogene Leben ihm / durch einen kräftigen Trost /
wiederzugeben. Sie verhies ihm ihre Tochter zur Bewilligung seines Ansuchens zu
bereden. Zuletzt brachte sie die Tochter selbst mit: die /aus Mitleiden bewogen
/ ihm mit ganz lieb- und trost-reichen Worten begegnete. Ja sie gab ihm so viel
zu verstehen / dass nunmehr dasselbe / was er suchete / so guht sei / als
erlanget.
    (135) Aber es war zu spähte. Es war vielzulange geharret. Der Lebensgeist
sass ihm schon auf der Zunge. Seine Gedanken gingen nach dem Grabe zu. Um die
Liebe war er nun nicht mehr bekümmert. Er sah zwar seine Liebste mit traurigen
Augen an. Doch die Sprache befand sich so schwach / dass man nicht vernehmen
konnte / was er sagte. Es schien / dass die Anwesenheit seiner Liebsten ihm das
Leben fristete. Ja es schien / dass der Tod sich für ihr scheuete; weil er / so
lange sie gegenwärtig war / ihm den letzten Stoss nicht geben durfte.
    (136) Kaum hatte sie ihren Abschied genommen; kaum war sie zur Kammer
hinaus: da brachen ihm schon die Augen: da gab er / mit einem heftigen Seufzer /
den Geist auf. Sobald er verschieden / bekahm sie diese traurige Zeitung: welche
sie dermassen bestürtzte / dass sie in etlichen Tagen nicht die geringste Speise
genos. Es gereuete sie / dass sie ihn so lange vergebens anhalten lassen / und
dadurch seinen so frühen Tod gleichsam veruhrsachet.
    (137) So starb dann dieser junge Liebeschühler über den ersten Lehrstükken
der Liebe. So verschied dann derselbe / der kaum anfing zu lernen / was Liebe
sei. Sein Tod veruhrsachte manches Trauren / und auch manche Freude: jenes bei
seinen Freunden; diese bei seinen Mitbuhlern: welche froh waren / dass der Tod
denselben / der ihren freien Zugang bei der schönen Naftalerin verhindert / aus
dem Wege gereumet: wiewohl diese Schöne niemand / in der Zeit ihrer Trauer /
welche sie über einen solchen / den sie allen vorgezogen / angenommen / sich zu
lassen beschlossen.
 
                                Das achte Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Als nun die Zeit herbei kahm / die Simson zum Leichenbegängnisse seiner frommen
Mutter bestimmet; da ward das Gerichte geschlossen / der Gerichtssaal versperret
/ und Simson feierte von allen seinen Amtsgeschäften / dieser Trauer nach Gebühr
abzuwarten. Ja die Stahtsheupter / die Aeltesten / die Vornehmsten des ganzen
Israels hielten ihrem Stahtsrichter Gesellschaft. Alle folgeten / mit ihm / der
Leiche. Die Anzahl der Trauerleute war so gross / dass sie von Simsons
Mütterlichem Hause bis an das Begräbnis reichete.
    (2) Alda ward dann diese Gottsälige Frau / ihrem ehmahls lieben Ehmanne zur
Seite / beigesetzet. Alda genos sie nun desselben Gesellschaft / dessen Haus-und
Bet-genossin sie so manche Jahre gewesen. Alda ruheten nun diese beide / die in
einem Hause so friedlich / so liebsälig zusammen gelebet / in einem Grabe
beieinander. Alda war es / da sie beide miteinander auf die Zukunft ihres
Erlösers / ihres Seeligmachers /in das ewige seelige Leben versetzet zu werden /
warten sollten.
    (3) Simson lies ihr zu Ehren nicht allein einen sonderlichen Grabstein
setzen / und darauf / unter andern / das Lob ihrer Tugenden schreiben; sondern
auch deswegen selbst eine Lobrede halten: wiewohl es zu der Zeit bei den
Begräbnissen der Kinder des Israels / zuvoraus der Weibsbilder was
ungewöhnliches war. Und also schien es / dass er seiner frommen Mutter ganz
ungemeine Tugend / nach ihrem Ableiben / auch auf eine ganz ungemeine Weise
wollte geehret haben.
    (4) Dieses verdinete sie auch in Wahrheit / durch ihre so fürtrefliche
Tugend / noch vielmehr / als nach der Zeit / durch seine Freigäbigkeit / das
Röhmische Frauenzimmer; dem der Raht zu Rohm / weil es seinen ganzen kostbaren
Schmuk hergegeben die Stadt von den Galliern zu erlösen / eben so wohl /als dem
Mansvolke / ein solches öffendliche Lob /nach desselben Tode / zuerkante;
wiewohl diese Freiheit wohl drei hundert Jahre darnach / bei dem Begräbnisse der
Popillia / des Katulus Mutter / zuerst in Gewohnheit gebracht worden.
    (5) Alhier möchte man nicht unbillich fragen: warüm seine so
Tugendvolkommene Mutter ihr Grosser Sohn nicht auch innerhalb der Stadt Zarea /
in etwan einem Heiligtum / sondern ausserhalb / auf einem offenen und freiem
Felde / begraben lassen? Hierauf geben wir zur Antwort: dass Simson / weil er ein
Vorstand und Bewahrer der Satzungen des Volkes Gottes war / darinnen alle Tohten
ausserhalb der Stadt zu begraben gebohten ward / derselbe / der sie überschritte
/ nicht sein wollen.
    (6) Es scheinet aber diese Satzung von den Tohtengräbern nicht allein unter
dem Volke Gottes /sondern auch bei andern / und fürnähmlich bei den Griechen und
Röhmern aus zweierlei Uhrsachen gestiftet zu sein. Die erste ging den
Gottesdienst an: die andere die gemeine Wohlfahrt. Dort vermeinte man / dass das
Heilige / durch die Tohtenleiber / enteiliget / und beschmützet würde: hier
aber / dass derselben Gestank etwan die Luft verfälschen / ja gar vergiften / und
die Leiber der noch lebenden anstekken möchte / sofern man die Leichen in den
Städten begrübe.
    (7) Darüm war auch nicht nur den Priestern Gottes / sondern auch den
Götzenpfaffen / unter etlichen Völkern / zu den Tohten zu gehen verbohten. Ja
diese durften zu keinen Gräbern kommen / noch einen Tohten ansehen / viel
weniger anrühren; auch nicht einmal die Grab- und Klage-lieder pfeiffen hören.
Selbst die Schuhe / die man aus dem Leder des Viehes / das von sich selbst
gestorben / gemacht / durften sie nicht tragen.
    (8) Ich will mehr sagen: die Bildseulen der Götzen warden / wan sie an
solchen Oertern stunden / da man oftmahls Menschen hinrichtete / mit Tüchern
behangen; damit sie die Hingerichteten nicht sehen möchten. Daher lies Keiser
Klaudius des Augusts Bildseule vom Fechtplatze wegsetzen; weil er nicht wollte /
dass sie der vielen Mistähter wegen / die sich alda fast täglich toht zu fechten
gezwungen warden / nicht allezeit verdekt stehen müste.
    (9) Aus eben derselben Gewohnheit entspros es /dass Josias / der Jüden König
/ in die Götzenheuser / die man wider Gottes Befehl gebauet / als er sie
enteiligen / und den Götzendienst darinnen vernichtigen wollte / Tohtengebeine
zu tragen befahl. Ja daher kahm es / dass bei den Röhmern der so genente
Leermachende Götze Viduus / der den Leib / wie sie wähneten / indem er ihm die
Seele raubete / gleichsam ausleerete / als ein trauriger Leichengötze / nicht in
der Stadt / sondern ausserhalb stehen musste. So durften auch bei den Griechen
die Tohtengräber und dergleichen Leute nicht in der Stadt wohnen. Alle mussten
sich / von der Bürgerschaft abgesondert / vor den Stadttohren aufhalten.
    (10) Und darüm hat man sich freilich zu verwundern / dass diese löbliche
Gewohnheit bei den heutigen Kristen so gar vernichtiget worden / dass sie ihre
Tohten nicht nur auf die Gottesäkker / innerhalb der Ringmauern der Städte /
sondern gar in die geweiheten Gottesheuser und Heiligtühmer begraben: dadurch
dann solche heilige Örter enteiliget / und unter den Menschen zugleich manche
Seuchen und Krankheiten erwekket werden.
    (11) Unter den ersten Kristen war es nicht also. Diese folgeten der
Göttlichen Satzung. Diese begruben keine Leichen in ihren Städten / viel weniger
in ihren Gottesheusern. Aber mit der Zeit ward den Päbsten / und andern Heiligen
Leuten / in den Heiligtühmern ihre Grab- und Ruhe-stätten zu haben vergönnet.
Darnach wollten auch Keiser und Könige diese Ehre haben. Ja zuletzt ward es so
gemein / dass selbst die allergeringsten / die ganz nichts rühmliches in der
Welt gestiftet / und oftmahls die allersündhaftigsten / allerbosshaftigsten / die
Unflähter unter den Kristen / ja gar Teufelskinder in solchen heiligen Gebeuen /
die zum Gottesdienste gebauet und gewiedmet waren / mussten begraben werden.
    (12) Aber wir wollen uns bei den Tohten / und Tohtengräbern nicht länger
aufhalten. Wir haben genug von Traurigen Dingen geredet. Nun müssen wir auch
etwas anders / wo nicht Fröhliches / doch das mit mehr Lust und Ergetzung
anzuhören sein wird / vorbringen. Und hierzu giebet uns Anlass das Widerfahren
der schönen Timnatterin: welche der Egiptische Königliche Fürst eben üm diese
Zeit entführen lies.
    (13) Gemeldte Schöne hielt sich / im Abwesen des Fünffürsten / auf einem
seiner Lusteuser auf. Alda hatte sie sich auf einen Abend eben zu Bette begeben
/ als ein behangener Wagen vor das Tohr kahm. Die Reiter / die ihn begleiteten /
klopften an. Der Vornehmste darunter begehrte sie zu sprächen. Er gab vor: er
kähme vom Landtage. Er were vom Fünffürsten ausgeschikt sie zu hohlen. Es sei
alda etwas wüchtiges vorgefallen / darbei ihr Anwesen erheischet würde. Darüm
müste sie bald aufsitzen. Ehe der Tag anbreche / müsten sie da sein.
    (14) Weil nun die Armsälige von einem Diener des Fünffürsten / der von ihnen
mit Gelde bestochen / und in ihren Gesellschaft war / eben dasselbe verstund; so
gleubete sie / dass es wahr sei / was sie hörete. Und darüm kleidete sie sich
straks an / und begab sich mit auf die Reise. Diese ging nach Gaza / oder
vielmehr nach dem Munde des Flusses Besor zu: da ein Egiptisches Schiff ihrer
wartete / sie in den nächsten Seemund des Niels / den Schlüssel des Egiptischen
Königreichs / welchen man nach der Zeit den Pelusischen Hafen genennet / zu
bringen.
    (15) Alda war es / da sie die schöne Timnatterin in gemeldtes Schiff
brachten. Ja von dar war es / da sie / in die Mittelländische See / zu Segel
gingen / und ihren Lauf nach der Egiptischen zu nahmen. Bisher hatte diese
Schöne keine böse Vermuhtung gehabt. Bisher hatte sie nichts geargwähnet. Aber
nunmehr begunten ihr Schwahnsfedern zu wachsen. Es kahm ihr verdächtig vor / dass
sie zu Schiffe nach dem Landtage gehen sollte; zuvoraus durch eine so grosse See.
Darüm rief sie den Diener des Fünffürsten zu sich. Dem sagte sie heimlich ins
Ohr: »dis ist ja der Weg nicht nach dem Landtage. Wir seind ja schon aus dem
Filisterlande weg. Wo wollen wir dann hin?«
    (16) Doch dieser / wiewohl er üm alles wusste / verbarg ihr die rechte
Wahrheit. Er sagte nur: weil es auf dem Lande / der Strassenreuber wegen / in dem
Gebürge / was unsicher sei / hette der Fünffürst befohlen / sie zu Wasser zu ihm
zu bringen. Man würde nach etlichen Stunden wieder in einen andern Hafen des
Filisterlandes einlauffen. Von dannen sei es sicherer zu reisen. Von dannen
würden sie vollend zu Lande fortgehen.
    (17) Gleichwohl blieb sie unruhig. Gleichwohl konten diese Reden ihr den
Verdacht / den sie geschöpfet / nicht aus dem Sinne bringen. Daher entstund bei
ihr eine so grosse Traurigkeit / dass sie sich des Weinens nicht entalten konnte.
Der vornehmste der Abgefärtigten suchte sie zwar zu trösten. Aber ie mehr er ihr
Trost zusprach / ie unmuhtiger / ie betrübter sie ward: zuvoraus als er ihr
endlich zu verstehen gab / dass sie einem Königlichen Fürsten / der sich in ihre
Schönheit verliebet / sollte zugeführet werden.
    (18) Uber solchen so fremden Bericht entsetzte sie sich dermassen / dass sie
straks in Ohnmacht niedersunk. Eine guhte weile lag sie / als toht. Nicht ein
einiges Glied regete sich. Nur der Ahtem gab ein Zeichen / dass noch einiges
Leben in ihr sei. Dieser / der im Anfange ganz schwach war / begunte nunmer
immer stärker zu werden / als sie / auf einen tiefgehohlten Seufzer / mit ganz
leiser Stimme sagte: »Du Schelm! du Bösewicht! du Verrähter! wer ist dieser
Königliche Fürst?«
    (19) »Er ist ein solcher« / fing der Egipter hierauf an / »über dessen
Durchleuchtigstem Heupte des mächtigen Königreichs Egipten Krohne hänget: der
geboren ist einen so mächtigen Reichsstab zu führen: ja der beschlossen hat /
Sie / neben sich / auf den Egiptischen Reichsstuhl zu setzen. Und zu dem Ende
hat er mich abgefärtiget Sie zu hohlen. Itzund gehen wir darnach zu; da man Sie
/ als eine Egiptische Königliche Fürstin / ja künftige Königin selbst / mit
frohlokkenden Stimmen wird wilkommen heissen.«
    (20) »Ist derselbe / der dich abgefärtiget« / fiel ihm die schöne
Timnatterin in die Rede / »ein Königlicher Fürst! warüm fängt er dann sein
Vornehmen nicht auch Königlich an? Warüm handelt er Reuberisch? Suchet er mich
zu ehren; warüm lesset er mich dann rauben? Ist er in mich verliebet / und
trachtet er mir seine Liebe zu erweisen; warüm begehet er dann solche häsliche
Dinge? Warüm jaget er mich dann in ein solches Schrökken? Ein Königlicher Fürst
mus Königlich /und nicht Strassenreuberisch handeln. Ein wahrer Liebhaber mus
tuhn / was der Liebe gemäss ist. Darüm / weil er wider seinen Königlichen Stand /
und wider seine Liebe handelt / kann ich ihn mit nichten weder für einen
Königlichen Fürsten / noch für einen Liebhaber erkennen.«
    (21) Indem sie dieses redete / zog über ihnen ein Schwarm schwartzer Wolken
zusammen; daraus ein erschrökliches. Donnerwetter gebrochen kahm. Erst fing es
an fort und fort zu blitzen / zu wetterleuchten. Darnach hörete man von weitem
ein Brummen in der Luft / ein Sausen und Brausen auf dem Wasser. Endlich
folgeten die härtesten Donnerschläge. Die Wolken barsten gleich als voneinander.
Es krachte / es knakte / es knasterte und prasselte so greulich / als sollte der
Himmel zu trümmern gehen. Die Donnerkeule pfiffen / und schossen / mit
Feuerstrahlen begleitet / so gewaltig herunter / dass denen / die es höreten /
die es sahen / die Haare zu Berge stunden.
    (22) Ja es war nicht genug / dass über ihnen der erzürnete Himmel also
stürmete. Die See selber stürmete neben und unter ihnen zugleich. Die erbossete
Wasserwogen / durch den Wind aufgereitzet / flogen bald Himmelan / bald sunken
sie wieder nach dem Abgrunde zu. Diese schossen / schlugen / und stiessen so
gewaltig / und mit solchem puffen auf das Schiff zu / dass man augenbliklich
vermeinte seinen Untergang zu sehen. Es war erschröklich anzuschauen / wie es
durch die ungeheuren Wällen bald in die Höhe / bald wieder herunter / und bald
auf diese /bald auf jene Seite geschmissen ward.
    (23) Guhter Raht war alhier teuer. Die Segel hingen zerflattert. Der Mast
lag zerschmettert. Das Ruder stund gelähmet. Des Schiffers Kunst war vereitelt
/und das Schiff selber schier ganz vol Wassers gespühlet. Also trieb es der
abscheuliche Sturm /wohin er wollte. Also warfen es die Wällen bald hier-bald
dort-hin. Die armsälige schöne Timnatterin war in der eusersten Angst. Furcht
und Schrökken hatten sie so eingenommen / dass sie zitterte / dass sie böbete /
wie das Espenlaub. Sie ächzete /sie kärmete so häftig / dass sie auch die Steine
selbst zum Mitleiden hette bewegen mögen.
    (24) »Ach!« sagte sie mit wehmühtiger Stimme /»wie bin ich so unglücksälig?
Haben sich dann alle Uhrwesen wider mich verschworen? Sol ich dann nun auf dieser
wüsten See mein Leben endigen? Sol ich nun in diesen wilden Wällen begraben
werden? Ach! ich erschrökke / wan ich daran gedenke. Doch was sage / was klage
ich? Es ist besser / es ist ehrlicher alhier zu sterben / alhier begraben zu
werden / als in eines gottlosen Wühterichs / als in eines unbarmhertzigen
Menschenreubers Händen mit tausenterlei Todesängsten gepeiniget werden.«
    (25) Unterdessen hatten die andern alle genug zu tuhn das Wasser
auszuschöpfen; damit das Schiflein nicht gar versinken möchte. Und also
bekümmerte sich niemand üm diese trübsälige Schöne. Niemand sprach ihr ein
einiges Wort zu. Niemand sah sich nach ihr üm. So eifrig waren sie bemühet
Schiff und Leben zu retten. Aber es war alles vergebens / was sie tähten. Und ob
sie schon endlich einige Hoffnung bekahmen das Land zu erreichen; indem sie /
durch den Sturm / nach dem Munde des Flusses Sihor zu getrieben warden: so ward
ihnen doch diese Hoffnung bald vereitelt.
    (26) Weil das Ruder unbrauchbar gemacht war /konten sie das Schiff weder
wenden / noch lenken. Und daher begab es sich / als sie vor diesen Flus kahmen /
dass es auf eine harte Sandbank geschmissen ward. In einem Augenblicke war es
mitten voneinander geborsten. Die eine Hälfte sunk / mit allen Menschen / straks
unter. Die andere / darinnen die schöne Timnatterin sich ganz allein befand /
ward vollend nach dem Lande zu getrieben. Es währete so lange nicht / als ich
dieses schreibe / da lag sie / durch eine gewaltiggrosse Wasserwoge / schon auf
das Ufer geworfen.
    (27) Die Armsälige wusste nicht / wie ihr geschahe. Sie vermeinte noch in der
See zu liegen; weil sie ganz trieffendnas war. Unterdessen legte sich der
Sturm. Der Wind ward stille / der Himmel klahr / das Gewölke durchscheinende.
Durch dieses brach die Sonne hin. Ihre Strahlen machten das Wetter lieblich /und
die Luft warm / ja die halbtohte Timnatterin wieder lebendig. Auch begunte sie
in Wahrheit das Leben volkömlich wieder zu fühlen; indem sie sich aufrichtete /
und mit der Hälfte des Schiffes / auf dem truknen Lande sah.
    (28) Alhier befand sie sich zwar wieder im Gebiete der Filister / und nicht
sehr weit von Bersabe / der Grentzstadt des Filisterlandes. Aber sie war
gleichwohl aus einer Gefahr in die andere gerahten; indem sie die Bersabische
Wüste vor sich hatte / da sie nirgend einigen Menschen erblikte. Darüm / nachdem
sie ihre Kleider ein wenig getruknet / machte sie sich auf / einige Wohnungen zu
suchen. Aber sie geriet so weit vom Wege nach Bersabe weg / und so tief in die
Wildnis hinein / dass sie keinen Ort antraf / da Menschen wohneten.
    (29) Inzwischen nahete die Nacht herbei. Es begunte dömmerlich zu werden. Da
überfiel sie der Schrik. Da ümgab sie die Furcht. Der Angstschweis brach ihr
aus. Darüm eilete sie mit geschwindern Schritten fort. Sie hofte noch immer
einigen Ort anzutreffen / da sich Menschen entielten / und da sie für dem
Anfalle der wilden reissenden Tiere versichert sein könnte. Aber sie traf keinen
an.
    (30) Doch geriet sie endlich / in der Dömmerung /an eine Feuerstätte. Alda
fand sie / zu guhtem Glükke / neben den Kohlen und der Asche / noch einen neuen
Topf / mit einem Feuerzeuge. Dieses war ein gewisses Zeichen / dass an hiesigem
Orte kurtz zuvor einige Leute gewesen / welche das gemeldte Küchengerähte
zweifelsohne vergessen. Auch stunden üm den Ort herüm etliche Feigenbeume / mit
reiffen Feigen. Von denen ass sie / ihren Hunger zu stillen / ein guhtes Teil.
    (31) Weil sie nun die Düsternis überfiel / beschlos sie alda zu übernachten.
Und zu dem Ende machte sie ein Feuer an: darzu ihr der Feuerschlag / und das
ümliegende dürre Holtz dienen musste. Bei demselben setzte sie sich traurig
nieder. Die Furcht und das Schrökken liessen nicht zu / dass sie schlief. Sie sass
/und horchte stähts / ob sie nicht irgendwo einiges Menschen Stimme vernehmen
könnte. Aber sie vernahm keine.
    (32) Alhier war es / da sie alles / was ihr die Zeit ihres Lebens über
begegnet / in ihren Gedanken betrachtete. Alhier war es / da sie allen ihren
Glüks- und Unglücks-fällen nachdachte. Ja alhier war es / da sie diese kläglichen
Worte / mit oft wiederhohlten Seufzern / wehmühtiglich auslies.
    (33) »Ach! ich Elende!« sagte sie. »Ach! ich Trübsälige! ich Armsälige! ich
Trostlose! über die alle Wetter gehen! Wan wird der Himmel mich zu bekümmern /
und mein Glük zu verschlimmern aufhören? Hat er mich nur darüm auf einen so
hohen Güpfel der weltlichen Freuden und Wohllüste gesetzt / damit er mich üm so
viel höher und eher in das tiefste Tahl der Trübsalen und Unlust herunter
stürtzen könnte? Hat er mich nur darüm in den Fürstenstand erhoben / damit er
mich in den allerdrangsäligsten Jammerstand herunter fallen liesse? Hat er mich
nur darüm aus der Tieffe meines noch erleidlichen Unglückkes auf die höchste
Glüksstaffel versetzet / damit er mich im Meere der allerunerträglichsten
Unglücksäligkeiten versinken liesse?
    (34) Ach! ich Drangsälige! ich Unglücksälige! die ich zum Spielballe des
Glükkes gleichsam erkohren /ja geboren zu sein scheine! Hat mich das Glük eine
Zeit lang nur darüm so lieblich / so freundlich angelächelt / damit es mich üm
so viel häslicher anblikken /und üm so viel feindsäliger verfolgen möchte? Hat
es mich darüm mit Zukker und Honige gekörnet / damit es mich darnach mit Wärmuht
und Galle speisen möchte? Ach! wie hat es mir seine vorige Süssigkeit in lauter
Bitterkeit verwandelt? Wie mus ich nunmehr /die ich lauter Lust hatte / durch
die Last der Unlust untergedrükt / ja schier erdrükt werden?
    (35) Ich habe nunmehr in der Taht erfahren / dass alles / was in der Welt ist
/ nur eitel und unbeständig sei. Ich habe nunmehr gelernet / dass weltliche
Wohllust und Ehre nichts anders sei / als ein verschwundener Rauch / als ein
vergänglicher Schatte. Vor wenig Stunden stund ich noch im Stande der höchsten
Ehren / der höchsten Glüksäligkeit. Ich ward geliebt / geehret / bedienet. Der
fürnehmste der Fünffürsten des Filisterlandes hielt mich als seine Tochter.
Seine Untertahnen erwiesen mir Fürstliche Ehre. Sein ganzes Hofgesinde ging mir
/ mit allen ersinlichen Diensten / eben als einer Fürstin / zur Hand. Ja ich
besass alle die Ehre / alle die Freude / die eine der allerglücksäligsten auf
Erden besitzen mag. Aber wo ist nun dieselbe so grosse Glüksäligkeit? Ach! wie
bald ist sie verschwunden?
    (36) Der Himmel hat mich zwar eben itzund aus den Raubklauen eines
Wühterichs / der mich entführen lies / ganz wunderlich erlöset. Ja er hat
zugleich /da wir Schifbruch litten / mein Leben aus dem Rachen des Meeres / den
es schon aufsperrete mich zu verschlingen / auf eine gleich so wunderliche Weise
gerissen. Gleichwohl bin ich / im entgehen der einen und andern Gefahr / in eine
neue gerahten: die mir nicht weniger den endlichen Untergang dreuet; indem ich
alhier / in dieser wilden Einöde / Menschlichen Beistandes entsetzet / mich
stündlich besorgen mus von den grimmigen Tieren zerrissen und aufgefressen zu
werden.«
    (37) Indem sie dieses sagte / vernahm sie von fernen ein Gereusche der
Streucher / das immer näher und näher kahm. Hierüber erschrak sie dermassen /dass
ihr alle Bewägung entging. Sie erstarrete gleichsam für Furcht. Selbst die
Sprache ward gehämmet. Sie konnte den Mund / Ahtem zu hohlen / nährlich auftuhn.
Ja die Sinligkeit selber hatte sie schier verlassen. Die Empfindligkeit war
schier ganz von ihr gewichen.
    (38) Die Morgendömmerung begunte zwischen Nacht und Tag eben eine Scheidung
zu machen / als sie dasselbe / das die Streucher zum rauschen gebracht / in das
Gesichte bekahm. Ein erschröklich grosser Leue lies sich sehen. Er nahete mit
langsamen Tritten / ja so langsam / dass es schien / als wan er hinkete. Die
Armsälige wusste nicht / ob sie flühen /oder warten sollte. Zu flühen lies ihr der
Schrik kaum zu. Doch dieser verzog sich algemach / als sie endlich gewahr ward /
dass der Leue in der Wahrheit hinkete: als sie sah / dass er nur auf drei Pfohten
/ und mit einem sehr traurigen Wesen / nach ihr zu kahm.
    (39) Sie hatte zwar / im ersten Anblikke dieses reissenden Tieres / ihres
Schwagers Beistand / oder desselben Stärke zu haben gewünschet. Sie hatte
gewünschet / dass Simson zugegen sein möchte sie von diesem Untiere zu erretten.
Aber nunmehr erkannte sie / dass der Leue sie selbst üm Beistand gleichsam
anflöhete: dass er sie / seine Wundärtztin zu sein /zu bewegen suchete.
    (40) Er stund vor ihr gleich als ein Bittender / und zugleich Liebkosender.
Er sah sie traurig an / sie zum Mitleiden zu bewegen. Er hielt ihr seine Pfohte
zu / damit er hinkete / sie zu besehen. Da märkte sie /dass ihm etwas schadete.
Da ward sie gewahr / dass er einen Splitter hinein geträhten. Den sah sie
stekken. Sie zog ihn heraus. Sie wischete die Wunde rein ab /und schmierete sie
mit etwas Balsams / den sie in einem Büchslein bei ihr trug.
    (41) Unterdessen stund der Leue ganz stil. Er sah sie überaus freundlich
an. Er wedelte mit dem Schwantze. Und als sie alles verrichtet hatte / legte er
sich vor den Füssen seiner Aertztin nieder. Da lag er /und spielete / wie ein
Schosshündlein. Da gab er ihr die lieblichsten Blikke. Niemahls verliessen sie
seine Augen. Sein Gesicht blieb allezeit auf sie gerichtet. Und dieses täht er
ohne Zweifel ihr einige Zeichen seiner Dankbarkeit blikken zu lassen.
    (42) So veränderte dann alhier dieses Tier / dem die Grausamkeit sonst
angebohren zu sein scheinet / sein unbändiges wildes Wesen in ein ganz
liebreiches / in ein ganz guhtahrtiges. Sein Gesicht / das sonst so star / so
häslich / ja so grimmig aussiehet / gab itzund anders nichts / als die
allerlieblichsten /allergühtigsten / allersanftmühtigsten Blikke von sich. Ja es
schien / als wan aus seinen Augen der Schrik /der sonsten darinnen / als in
seiner eigenen Wohnung / zu hausen pfleget / ganz verbannet gewesen. So viel
vermag eine Wohltaht / die oftmahls bei vernünftigen Menschen nicht den
geringsten Dank verdienet / in einem unvernünftigen / ja selbst grausamen
reissendem Tiere!
    (43) Nachdem er also eine Stunde gelegen / sprang er jähligen auf. Er lief
eilend einem dikken Knakke zu. Die schöne Timnatterin erschrak. Sie böbete. Sie
zitterte. Sie wusste nicht / was sie denken sollte. Sie geriet in den Wahn / er
habe seine Wildheit wieder angenommen. Aber es schien / dass er irgend ein Wild
gewittert: welches er zu fangen / und damit sein Artztlohn zu bezahlen vorhette.
Dan er kahm bald wieder / mit einem jungen Rehe. Dieses legte er zu ihren Füssen
hin; und rührete es weiter nicht an / als wollte er sagen / es sollte für sie
gespahret sein.
    (44) Weil sie nun märkte / was er wollte / so zog sie dem Rehe die Haut ab.
Sie zerteilte desselben Rükken. Die Stükken darvon täht sie in einen Topf mit
Wasser / und setzte sie zum Feuer. Unterdessen sah der Leue fleissig zu. Er gab
achtung auf alles / was sie täht. Und als das Gerichte gar / und angerichtet war
/ auch sie selber darvon zu essen begunte / da lies er aus allem seinem Wesen
eine sonderbahre Freude blikken.
    (45) Nachdem sie sich gesättiget hatte / schied sie von dannen / zu sehen /
ob sie irgendwo Menschen antreffen könnte. Aber der Leue folgete stähts nach. Er
verlies sie nimmer. Wo sie ging / oder stund / oder sass / da blieb er bei ihr.
Er war immerzu ihr Gefährte / ihr Jäger / ihr Küchenmeister / ja selbst ihr
Beschirmer. Er täht zwar keinem Menschen einiges Leid. Aber wan er sah / dass
iemand der schönen Timnatterin zu nahe kahm / dem gab er straks einen solchen
leunischen Blik / dass er musste zurückträhten.
    (46) Wan sie schlief / war er ihr Wächter. Er täht kein Auge zu. Auch selbst
da sie nach drei oder vier Tagen einige Wohnungen antrafen / blieb er Tag und
Nacht bei ihr. Alhier war es / da die Armsälige / nach so manchen erlittenen
Ungemachen / etliche Tage lang auszuruhen / und sich zu erhohlen gedachte. Aber
das übermässige Schrökken / der stähtige Kummer / die Erkältung bei ihrem
Schifbruche / mit andern dergleichen Zufällen / hatten ihre Kräfte dermassen
geschwächet / dass sie zu kranken begunte.
    (47) Der Leue märkte dieses zur stunde. Er ward überaus traurig. Er sah sie
mit kläglichen Augen an. Die Treue / die er ihr bisher erwiesen / ward itzund
immer grösser und grösser. Weil ihm die Menschliche Sprache / sein Mitleiden ihr
kund zu tuhn / mangelte /so täht er solches durch seine Gebährden. War seine
Zunge nicht gelöset oder geschikt ihr einigen Trost zuzusprächen / so bemühete
sie sich doch / durch Händeläkken / den guhten Willen zu eusern.
    (48) Die Menschen / bei denen sie eingekehret /waren hierüber verwundert.
Mit Bestürtzung sahen sie dem Leuen zu. Sie konten zuerst nicht begreiffen /wie
ein so grausames und hochmühtiges Tier so gar liebreich und freundlich / so gar
demühtig und aufwärtig geworden. Doch hieraus so wohl / als aus der
wunderwürdigen Schönheit der schönen Timnatterin schlossen sie endlich / dass
dieselbe / welche sie für ein Menschliches Frauenbild angesehen /die Fönizische
Göttin Onke selbst sein müste.
    (49) Diese beehreten die Fönizier / als eine Göttin der Weisheit / der
Tapferkeit / und Liebligkeit / ja der Liebe selbst. So viel / auch wohl mehr
übermenschliche Vermögenheiten eigneten sie dieser Onke zugleich zu. Ja wie
manche Kräfte die Griechen und Röhmer / unter mancherlei Nahmen / dem einigen
Lichte des Mohnes zumassen / so manche schienen auch die Fönizier ihrer einigen
Onke zuzumässen: unter welchem Nahmen sie vielleicht eben so wohl / als jene
unter so vielen andern / die einige Göttin des Mohnes verstunden; durch die /
nach ihrem blinden Wahne / neben der auch einigen Göttin der Sonne / alles
beherschet würde.
    (50) Gemeldter Göttin war an etlichen Oertern der Leue heilig. Auch gab man
ihr zuweilen / wan sie als eine Göttin der Schönheit und Liebe betrachtet ward
/ja wohl sonsten / ihren Stahtswagen zu ziehen / Leuen zu. Was für ein Wunder
war es dann / dass diese so einfältigen Wüstlinge die schöne Timnatterin / weil
ihr ein Leue so untertähnig aufwartete / für eben dieselbe Göttin hielten? Es
war in Wahrheit nicht fremde / dass man sie / in solchem Wahne /gleich als eine
Göttin verehrete.
    (51) Der Wirt / welcher / mit seiner Fraue / nach des Ortes Beschaffenheit /
zimlich from zu sein schien / hatte eine einige Tochter. Diese war ohngefähr von
achtzehen Jahren / und in vielen Stükken sehr guhtahrtig: auch nicht häslich /
noch ungeschikt. Doch darbei hatte sie ein überaus verliebtes / und fast wildes
und freches Wesen an sich. Die Augen rolleten unaufhörlich im Kopfe / und flogen
/ als angezündete Feuerschwärmer / überal herüm. Sobald sie irgend ein Mansbild
erblikten / lieffen sie / als eines Uhrwerks Unruhe / ja stiegen gar / mit einer
gleich als aufgeschwollenen Grösse / plötzlich aus ihren Höhlen heraus / nicht
anders / als wollten sie straks nach ihrem Gesichtsziele zueilen.
    (52) Diese mehr geule / dann lieblich-keusche Blikke verrieten den heftigen
Trieb ihrer Begierden alzusehr. Es war ihr nicht müglich solchen Trieb
einzuzeumen. Es verfingen auch alhier weder gühtige /noch scharfe Worte; dadurch
sie ihre Eltern zu zähmen trachteten. Wie heftig sie der Vater bestrafte /wie
genau sie die Mutter bewachte / so lüstern und listig war sie beide zu teuschen.
Kaum wendeten sie den Rükken / da war die Tochter schon aus dem Hause: da lief
sie schon auf die Buhlschaft. Ja sie sprang / gleich als ein muhtiger brünstiger
Hirsch /der sich aus seiner Umstellung gerissen / über Strumpf und Stiel hin.
Und wan sie etwan aus Furcht zu Hause bleiben musste / so hatte sie doch einen
oder den andern Buhler vor ein Hinterfenster beschieden. Ja sie öfnete / wan die
Eltern schlieffen / ihnen wohl gar die Türe / oder lies sie zum Fenster
hineinsteigen.
    (53) Was alda vorging / verbietet mir die Schaam zu melden. Ich muss es unter
der Rose lassen. Es möchte vor züchtigen Ohren zu ärgerlich klingen. War der
Buhler zu blöde / so erwiese sie sich üm so viel kühner. Ihr Kitzel befand sich
so übermässig / dass sie ihn selbst zum Liebespiel reitzete. Ja das jükkende Fel
wollte sie gestreichelt / bekrabbelt und gekrabbet haben. Ohne Mansvolk konnte sie
kaum eine Stunde tauren. Kahm es nicht von sich selbst / so wusste sie es auf
allerlei Weise zu lokken. Ward es hierdurch noch nicht lüstern ihre lüsterne
Begierde zu vergnügen; so eilte sie selber / sobald sie Luft bekahm / einen
Buhler zu suchen. Der nächste war der Liebste. Sie traht schier allen Pfützen /
die ihr am ersten aufstiessen / die Augen aus: auch selbst den häslichsten
Mistkeuten. So gar vergeultgross war ihr Liebedurst! so gar übermässig hitzig war
ihre Hertzensbrunst!
    (54) Dieses unbändige Wesen verdunkelte alle ihre Geschikligkeiten. Diese
wilde Unahrt vereitelte alle ihre Guhtahrtigkeiten. Diese so gar unkeusche
Brunst brandmärkte ihre sonst liebliche Leibesgestalt mit einem häslichen
Schandflecke. Dieses einige Laster /das sie an sich hatte / verstellete /
verderbete / ja vernichtigte alle ihre Tugenden. Und hierdurch verlohr sie fast
allen ihren Ruhm. Hierdurch geriet ihre Ehre beinahe zum Falle. Hierdurch bekahm
sie einen häslichen / greulichen / abscheulichen Nahmen: für welchen / ihn zu
entgreulen und angenehm zu machen /schier kein Mittel mehr zu finden.
    (55) Weil sie nun das Vermögen nicht hatte / wiewohl sie es zu haben
ängstiglich wünschte / solchen so gar geulen / so gar heftigen Begierden zu
widerstehen; so ging sie bei sich selber zu Rahte / wie diesem so schädlichen
Ubel zu begegnen sei. Und hierzu fand sie kein anders Mittel / als den Ehstand:
in welchem sie / ohne Verlust ihrer Ehre / diese so geule Lust büssen könnte. Ein
solches Mittel zu erlangen entschlos sie sich zugleich die bei ihnen eingekehrte
vermeinte Göttin Onke demühtigst anzuflöhen. Und zu dem Ende traht sie / in
Abwesenheit ihrer Eltern / vor das Bette der schönen Timnatterin. Vor dieser
gewähnten / wiewohl kranken Göttin fiel sie auf die Kniehe nieder / und
schüttete folgendes Gebäht aus.
    (56) »Grosse Göttin« / sagte sie / »die du Dich gnädig erzeigest allen / die
Dich anflöhen; zu Dir flühet meine flöhende Seele. Bei Dir suche ich Zuflucht.
In Dir hoffe ich zu finden / was ich suche. Aus Dir darf ich alles erwarten. Von
Dir mag ich alles verlangen. Durch Dich mus ich mein Verlangen erlangen. Ach!
neige doch deine Ohren / kehre doch deine Augen zu mir! Höre doch meine Stimme!
Siehe doch mein Anligen! Vernim doch meine Seufzer! Schaue doch an die Angst
meines Hertzens!«
    (57) O weise Göttin / die du alles weist! Du weist besser / als ich / was
mir fehlet. O mächtige Göttin /in derer Macht alles stehet! Du allein hast die
Macht mir zu helfen. Ach! so hülf / so hülf dann! hülf deiner bekümmerten /
deiner sonst hülflosen Dienerin! Du bist ja so gühtig / so barmhertzig / dass ich
an deiner Hülfe nicht zweiflen mag. »Und hiermit schwieg sie eine guhte Weile
stokstille.
    (58) Die schöne Timnatterin sah die Flöhende mit Verwunderung an. Mit
Bestürtzung vernahm sie / was sie sagte. Sie lag krank und schwach zu Bette:
gleichwohl hörete sie sich eine mächtige Göttin nennen. Sie wusste schiel nicht /
ob jene / oder sie selbst treumete. So gar fremde / so gar seltsam kahmen ihr
alle diese Reden vor! Gleichwohl lies sie sich dessen nichts märken. Sie wollte
die Flöhende lieber bei ihrem Wahne lassen / als sich zur Unzeit offenbahren.
Hierdurch gedachte sie mehr Aufwartung und Dienste / mehr Wilfahrung und Treue
von solchen Leuten / denen sie sonst / als Halbwilden / wenig trauen durfte / in
diesem ihrem elenden Zustande zu haben.«
    (59) Ja sie war / üm ihrer Sicherheit willen / nicht wenig froh / dass sie in
solches Ansehen gelanget. Wiewohl es ein Laster der beleidigten Gotteit war
/dass sie die Ehre / die einer unsterblichen Göttin zukahm / ihrem sterblichen
Selbstande zuzueignen gestattete; so machte doch die Noht / die auch das Eisen
bricht / dieses Laster alhier gleichsam zur Tugend. Endlich fragte sie die
ängstliche Bitterin: was für eine Hülfe sie suchte? was für ein Anliegen sie
drükte.
    (60) »Alwissende Göttin« / fuhr jene fort / »warüm fragstdu nach meinem
Anliegen; da es Dir doch eben so wohl / ja besse bekant ist / als mir? Das Feuer
der Liebe / das mich ängstiget / hastdu ja selber angezündet. Diese heftige
Begierden / die mich so übermässig foltern / hastdu mir ja selber
eingepflantzet. Den Treiber meines Gemühtes / der meine Sinnen mit
Schlagschlägen gleichsam forttreibet / und so ungnädig mit mir handelt / hast du
ja selber bevolmächtiget. Warüm stellest du dich dann / als were Dir nichts
bewust?
    (61) Ach! vertilge doch / gnädige Göttin / oder lindere nur diese meine
Brunst. Nim aus meinem Herzen die ungestühmen Begierden weg / oder aber
besänftige sie. Befiel meinem Gemühtstreiber mich in Ruhe zu lassen / oder mit
mir was erleidlicher zu handeln. Und wan Du ja keines von beiden zu tuhn in
deinem Rahte beschlossen; wan ich darzu bestimmt bin / dass das Feuer meiner Liebe
/ wie es angefangen / so fortwühten soll: ach! so erweise mir doch diese Gnade
/dass ich / auf deinen Wink / durch deine Hülfe / Gelegenheit finde solchen Brand
/ ohne Verlust meiner sonst in Gefahr schwebenden Ehre / vergnüglich abzukühlen.
Diese Gelegenheit kann mir der Ehstand /darein ich mich zu begeben verlange / nur
allein geben.
    (62) Länger ausser diesem Stande zu leben ist für mich kein Raht. Wan mir
nicht bald das Glük zufället einen Ehliebsten zu ümarmen / so bin ich verloren.
Es ist aus mit mir. Alle meine Ehre stehet in Gefahr. Darüm erbarme dich meiner
/ O barmhertzige Göttin! Biete mir bei Zeiten deine Hand! Reis mich bei Zeiten
aus diesem Unglückke! Du allein kanst es tuhn. In deiner Macht allein stehet mein
Glüks- und Unglücks-stern. Du allein bist es / die mich besäligen / mich erfreuen
/ und meine Ehre retten kann. Ach! eile bald /meine Helferin / eile bald! Eile
bald mir zu helfen /weil mir noch zu helfen stehet!«
    (63) Auf diese so ängstiglich ausgelassene Worte folgete ein ganzer Schwarm
Seufzer: den ein gewaltiger Platzregen von Trähnen begleitete. Hieraus / und aus
allen ihren Gebährden konnte man augenscheinlich schlüssen / dass alles / was sie
gesprochen / ihr Hertzenswunsch sei. Die schöne Timnatterin sah die Armsälige /
darinnen zwo widerwärtige Angebohrenheiten widereinander so heftig stritten /
überaus mitleidendlich an. Sie sah mit Verwunderung /wie die zum Guhten
geneugte / doch schwächste der stärkeren Bösen zu widerstehen mit Gewalt
trachtete; aber an Kräften viel zu schwach fiel. Ja sie konnte sich nicht gnug
verwundern / dass eine solche / die in einer wüsten Wildnis / unter lauter
Wüstlingen / geboren und erzogen worden / dem Guhten noch so viel nachahrtete /
dass sie ihrer so überaus bösen und überaus mächtigen Unahrt sie zu überwältigen
/ so überausgern den Kopf bieten wollte / wan nur ihr Vermögen solchen so guhten
Willen die Hand zu bieten mächtig genug sein möchte.
    (64) Sie wünschte wohl tausendmahl dieselbe Göttin / für die man sie ansah
/ nur dieser Drangsäligen zum besten / wahrhaftig zu sein. Zum wenigsten
wünschte sie die Macht zu haben ihr zu helfen. Aber der zu liebe / der sie nicht
zu helfen vermochte / solches zu wünschen war nur vergebens. Beide Wünsche
blieben leer. Sie konnte weder die Göttin Onke werden / noch so viel Macht ihr
anmassen der Bittenden zu wilfahren. Gleichwohl stellete sie sich / als wollte sie
ihr helfen. Gleichwohl gab sie ihr die allerschönsten Vertröstungen / zum
wenigsten die allertröstlichsten allerleutsäligsten Worte.
    (65) Unter andern fragte sie: welchen Jüngling in der Nachbarschaft sie wohl
am meisten liebete / und ob derselbe / den sie also liebete / sie auch wieder
liebete? Auf beide Fragen war die Antwort: sie hette keinen lieber / als ihres
nächsten Nachbahrn mittelsten Sohn; der unter allen / welche sie kennete / der
geschikteste / verständigste / und eingezogneste Jüngling / auch ihr wieder mit
gar sonderlicher Liebe zugetahn sei.
    (66) »Wie komt es dann« / fragte die schöne Timnatterin weiter / »dass aus
Euch beiden kein Ehpaar werden kann?« »Ach!« gab die Verliebte wieder zur Antwort
/ »beide Väter seind uns verhinderlich. Der meinige will mir nicht gestatten nur
einmal mit ihm zu reden. Hingegen wendet der Seinige vor: ich sei nicht reich
genug; ich habe so viel Mittel nicht / als sein Sohn hette; ich were noch
vielzujung / und was des Dinges mehr ist. Hierdurch bin ich / aus Zweifelmuhte /
veruhrsachet worden meine brennende Liebe /die mich so gar sehr verunruhiget /
auf andere / ja bald auf diesen / bald auf jenen zu lenken. Unterdessen bleibet
doch der erste der allerliebste / und ich kann / noch mag seiner nicht
vergessen.«
    (67) »Was hat dann derselbe / den du so beständig liebest« / fuhr die schöne
Timnatterin fort / »gelernet /und was für einen Beruf / damit er dich ernehren
könnte / pfleget er zu treiben?« »Er ist ein Wildschütze« / antwortete die
Verliebte. »Auch verstehet er die ganze Jägerei; die er am Hofe des ältesten
Fünffürsten / da er drei Jahr in Diensten gewesen / gelernet. Dieser tapfere
Fürst / der unser Landesherr ist /hat ihn / seiner Geschikligkeit und Treue
wegen /überaus lieb gehabt. Aber etliche von den Jägern misgönten dieses Glük
ihm dermassen / dass sie nicht eher zu schlafen sich verschwuhren / sie hetten ihn
dann in die euserste Ungnade gebracht. Und also bekahm dieser guhte Mensch
ohngefähr vor einem Jahre plötzlich seinen Abschied. Von der Zeit an hat er sich
stähts alhier / bei seinem Vater / aufgehalten: da wir dann Gelegenheit bekahmen
/ einander bekant und günstig zu werden.«
    (68) Sobald die schöne Timnatterin verstund / dass dieser Jüngling bei eben
demselben Fünffürsten / der sie an Tochter statt aufgenommen /gedienet / da ward
sie straks so vol Freuden / dass sie alles ihres Kummers vergass. Ja die Krankheit
selbst verlies sie von Stunden an. Von Stunden an stund sie auf / und sagte /
mit lieblichem Lächlen / zu derselben / die ihr dieses erzählt: »sei getrost /
meine Tochter. Ich gewähre dich deiner Bitte. Ich will alles tuhn / was du
begehrest. Weil derjenige / den du so hertzlich / so treulich / so beharlich
liebest / ein solcher ist / wie du sagest; so versichere ich dich / du solst ihn
haben /und keine andere. Uber ein kleines will ich verschaffen / dass du in seinen
Armen ruhen solst. Gib dich nur noch ein wenig zu frieden. Sei stille! Sage
nichts!
    (69) Ja ich will noch mehr tuhn / als du bittest. Dir zu Liebe will ich so
viel tuhn / dass dein Liebster bei dem Fünffürsten seine vorige Gnade zweifach
wieder erlange. Um deinet willen will ich so viel zu Wege bringen / dass er über
alle seine Misgönner soll erhoben werden. Er soll der fürnehmste werden unter
allen Jägern. Das Gebiet über sie alle soll ihm gegeben werden. Auch du solst
dieser Gnade mitgenüssen. Die Fünffürstin selbst soll dir mit der höchsten Gnade
gewogen sein. Diese soll sich auch so weit erstrekken /dass sie dich an ihre Tafel
/ an ihre Seite wird setzen.«
    (70) Wie froh über diesen Worten die Verliebte ward / ist nicht
auszusprächen. Für übermässigen Freuden wusste sie nicht / was sie täht. Sie
sprang von ihrem Fussfalle / der bishierher gewähret / jähligen auf. Sie hüpfte /
sie tantzte. Sie war so lustig / so fröhlich / dass sie ihrer selbst vergass: dass
sie vergass dieser vermeinten Göttin für ihre milde Gunst zu danken. Doch endlich
besan sie sich. Sie kahm wieder zu sich selbst. Sie täht einen neuen Fussfal /
ihre Danksagung / in tiefster Demuht / zu verrichten.
    (71) »Gühtige Göttin« / fing sie / im niederfallen / an / »ich wiederhohle
meinen Fussfal. Ich beuge vor Dir abermahl die Kniehe. Ich falle vor Dir abermahl
nieder; doch mit verändertem Vorsatze. Bei jenem Fussfalle begehrte ich
Trübsälige zu suchen / zu finden / und zu empfinden deine Gnade. Bei diesem will
ich nunmehr Erfreuete geben / und schenken / was ich habe / Dir / O
allergnädigste Göttin / für deine mir angebohtene so überschwänglich grosse Gnade
zu danken. Hier lieget deine ganzergebene Dienerin vor deinen Füssen. Die nim
hin zum Danke / den ich gebe. Besser weis und vermag ich meine Dankbarkeit nicht
darzustellen / als durch Uberreichung und Ubereignung meiner selbst.
    (72) Liebreiche Göttin / ich gebe Dir zu eigen mein ganzes Mich. Ich gebe
Dir zum Eigentuhme mein ganzes Vermögen. Ich heilige Dir mein ganzes Hertz /
das deines Dankes vol ist. Ich wiedme Dir alle meine Gedanken / die an nichts
anders gedenken / als Dir zu danken. Ich eröfne / Dich zu preisen / meinen Mund.
Durch meine Lippen soll deine Ehre hervorbrächen. Meine Zunge soll Dir ewig
lobsingen / Dich ohn Unterlass rühmen / Dir fort und fort danken. Nimmermehr will
ich deiner Gnade vergessen. Nimmermehr will ich aufhören deine Gühte zu erhöben.
Ja ich will Dich rühmen / ich will Dich preisen / ich will Dir danken immer und
ewiglich.«
    (73) Diese so jähligen entstandene Freudenbezeugungen der schönen
Timnatterin so wohl /als der verliebten Bersaberin / ermunterten den Leuen
endlich auch seine Freude zu eusern. Wie betrübt und traurig er bisher über die
Unbäsligkeit seiner Aertztin sich angestellet / so erfreuet war er itzund / da
er sie wieder wohlauf sah. Er wedelte mit dem Schwantze. Er schüttelte die
Mähne. Er richtete sich mit den Vörderpfohten in die Höhe. Er hub den bisher
hängenden Kopf wieder auf /und sah die Wiedergenäsene mit munteren Augen an. Ja
er sprung für grossen Freuden kurtz herüm.
    (74) Hierauf bekahm die schöne Timnatterin Lust sich in die frische Luft zu
begeben. Zu dem Ende ging sie vor die Hintertühre. Nicht weit von dar erblikte
sie einen grühnen Anger / in einem breiten Grunde. Dahin täht sie / durch das
ümliegende Feld / einen Lustwandel. Der Leue begleitete sie. Aber die Verliebte
blieb zu Hause. Sobald sie den Anger erreichet / da kahm ihr ein Jüngling
entgegen. Dieser ging bekleidet / eben wie die Jäger ihres Herrn Vaters / des
Fünffürsten. Daher muhtmassete sie von stunden an / dass er derselbe Wildschütze
sei / dessen die Tochter ihres Würtes erwähnet.
    (75) Sie ward froh / dass sie eine so gewünschte Gelegenheit bekahm ihn
allein zu sprächen. Aber er schlug seitwärts aus dem Fusssteige. Er sah sie
ebenmässig / als andere / weil eine mehr als Menschliche Schönheit ihr beiwohnete
/ und ein Leue sie begleitete / für eine Göttin an. Und darüm entsetzte er sich
für ihrem Anblikke. Darüm durfte er sich nicht erkühnen ihr zu begegnen. Darüm
fürchtete er sich ihr zu nahen. Sobald sie dieses märkte / rief sie ihn selbst
zu sich. Sie sprach ihn mit überaus leutsäligen Worten an. Er sollte nicht aus
dem Wege weichen. Er sollte sich nicht scheuen zu ihr zu kommen. Sie hette ihn
etwas zu fragen. Und hiermit stund sie stil / und wartete seiner.
    (76) Auf diese Reden kehrete der Schüchterne wieder nach ihr zu. Er beugete
sich vor ihr ganz ehrerbietiglich. Er neigete sich dreimal zur Erde nieder.
Und als er ihr so nahe war / dass sie einander die Hand zureichen konten / da
fiel er auf das Angesicht die vermeinte Göttin anzubähten. Sie aber befahl ihm
aufzustehen / und auf dasselbe / das sie fragen würde / zu antworten. »Weil ich
weis« / sagte sie / »dass zwischen dir und der Tochter meines Würtes einige Liebe
sich entsponnen / so bin ich / aus gewissen Uhrsachen / begierig von dir zu
erfahren / ob du sie auch zu ehligen gedenkest?«
    (77) Diese so unvermuhtliche Frage jagte dem Jäger ein bluhtrohtes Färblein
ab. Die Schaam machte den Scheuen ganz schüchtern. Er durfte die Augen nicht
aufschlagen. Viel weniger war ihm müglich zu antworten. Er stund eine guhte Zeit
/ als mit Bluhte begossen / und sein Angesicht gleichals in einem feurigen
Dampfe. Dieser schien seine Zunge zu überstülpen / dass sie unbewäglich blieb /
dass sie kein Wort bilden konnte. Selbst der Mund war als zugespündet. Er rührete
sich nicht. Er verstummete ganz. Er blieb sprachloss und geschlossen.
    (78) Die schöne Timnatterin trachtete solche Scheu und Schaam dem
schüchternen Schaamlinge zu benähmen. Sie suchte den Blödling zu entblöden / den
Feigling kühn und kek zu machen. Sie hielt ihm vor / dass alles sein Glük auf
dieser ihrer Frage beruhete. Ihn zu besäligen stünde ganz in ihrer Macht.
Dieses könnte / ja wollte sie auch tuhn. Darüm sollte er ihr nur kühnlich
antworten. Er sollte seines Hertzens Gedanken nur ungescheuet heraus sagen. Wan
er solches nicht tähte / so könnte sie auch nicht tuhn / was sie wollte. Ihr Wille
sei bereit ihm zu helfen. Aber sein Wille müste gleich also bereit sein ihr die
Wahrheit zu offenbahren / und nicht zu vertuschen. Kurtz / er sollte sich alhier
erweisen / als ein Jäger / als ein Schütze; dessen Beruf erforderte weder scheu
/ noch blöde / weder furchtsam / noch feig zu sein. Wolte der Glüksjäger sein
Glük erjagen / so müste die Kühnheit ihm zum Windspiele / die Kekheit zum
Jägerspiesse dienen.
    (79) Nachdem nun dieses Schüchterlings feuerrohter Anstrich / damit die
Schaam seine Bakken bezeichnet / in etwas verblichen; nachdem das Spund aus
seinem Munde / das Band von seiner Zunge gesprungen; da brach er endlich in
folgende Reden aus. »Ich gedenke« / sprach er / »wohl viel zu tuhn: aber der
Zwang zwinget mich meine Gedanken zu ändern. Mein Wille were freilich diese
Tochter unsers Nachbarn zu ehligen / wan meines Vaters Wille den meinigen
billigte. Weil dieser mein Vater verbeut sie nur einmal zu sprächen / so darf
ich / wie lieb ich sie habe / die Gedanken / ihr Breutigam zu werden / nicht
fassen.«
    (80) »Warüm ist dann dein Vater dieser deiner Liebe so gar zuwider?« fragte
die schöne Timnatterin. Der Wildschütze gab zur Antwort: »weil meine Liebste
nicht reich genug ist; weil sie von ihren Eltern / die nur arme / dürftige /
wiewohl sonst redliche Leute seind / keine genug ansehnliche Morgengabe zu
gewarten hat.« Hierauf fragte sie ferner: »siehestdu dann auch auf den Reichtuhm?
und woltestdu wohl lieber eine andere zu heurrahten wählen / wan dieselbe
reicher were / dann diese?«
    (81) Weil er nun beide Fragen mit Nein beantwortete; so versprach ihm die
schöne Timnatterin / nachdem er seine Liebste / ihrer Armuht ungeachtet / so gar
beständig liebete / zu verschaffen / dass er mit solcher seiner Liebsten / wie
arm und dürftig auch ihr Vater sei / gleichwohl anderswoher eine reiche
Beisteuer bekommen sollte. Ja sie selbst wollte sie / als eine Mutter ihre
leibliche Tochter / ausstatten. Von ihr selber / und aus ihrer Hand sollte er
dieselbe / die ihm so hertzlich lieb sei / zu empfangen haben. Aber er müste
zuvor eine Reise zum Fünffürsten tuhn. Zu dem wollte sie ihn / in einer
hochwüchtigen Angelegenheit / selbst absenden. Sobald er von dar wieder zurück
gelangete / sollte seine Liebste Braut / und er Breutigam sein. Er sollte zwischen
dessen nur stil schweigen / und der Zeit erwarten.
    (82) Wie froh der Jäger anfänglich über einer so gewünschten / so angenehmen
Vertröstung ward / so traurig ward er nachmahls wieder / als die schöne
Timnatterin des Fünffürstens erwähnete: zuvoraus als er vernahm / dass er dahin
eine Reise tuhn sollte. Die Ungnade / die der Fünffürst auf ihn geworfen / lag
ihm noch immer im Sinne. Das zornige Gesicht / damit er ihn angeblikket / als er
ihm / von seinem Hofe sich wegzupakken / und nimmermehr wieder vor ihn zu kommen
/ befohlen / schwebete noch allezeit vor seinen Augen. Darüm befahrete er sich /
es würde mit solcher Reise für ihn nicht alzuwohl ablauffen.
    (83) Die schöne Timnatterin märkte seine Gedanken zur Stunde. Aus der
Erzehlung seiner Liebsten war ihr sein Widerfahren bei Hofe schon bekant. Sie
wusste schon / dass er / aus Verleumdung etlicher Jäger / in des Fünffürsten
Ungnade gerahten. Und daher kunte sie leichtlich muhtmassen / dass er Bedenken
trüge vor einem solchen Herrn / der ihm seinen Hof für ewig verbohten / zu
erscheinen. Ja daher suchte sie ihm ein Hertz einzusprächen. Und weil er
nachmahls ihr selbst bekannte / wie es üm ihn stund / und was ihn von solcher
Reise zurückhielte; so sagte sie / er sollte sich nach Hofe zu ziehen nicht
abschrökken lassen. Er sollte nur guhtes Muhtes sein. Sie wollte / durch ein
Brieflein / bei dem Fünffürsten schon so viel auswürken / dass er die verlohrne
Gnade zehenfach wieder erlangen sollte. Ja sie versicherte ihn / dass an dieser
Reise sein ganzes Glük hinge.
    (84) Auf diese so guhte Versicherung entschlos er sich dann mit dem
künftig-anbrächendem Morgen abzureisen. Zu dem Ende ging er auch / sich
wegefärtig zu machen / von stunden an nach Hause. Die schöne Timnatterin aber
blieb noch ein wenig auf dem Anger. Und nachdem sie sich mit Wandeln genug
ergetzet hatte / kehrete sie auch wieder zu ihrer Behausung. Alda setzte sie
sich / und verfärtigte folgendes
                         Schreiben an ihren Herrn Vater
                                den Fünffürsten.
                     Liebster Herr Vater / Gnädiger Fürst /
    Ich lebe noch. Ich bin ausser Gefahr. Ich befinde mich wieder in seinem
Gebiete. Dessen kann Ihn dieser Brief / und der ihn bringt / dieser Jäger /
versichern. Es brach über mir ein Unglückswetter auf. Der Egiptische Königliche
Fürst hatte mich beinahe schon in seinen Raubklauen. Ich war schon zu Schiffe
gebracht ihm zugeführet zu werden. Ich schwebete schon auf der See. Ich erblikte
schon von ferne die Grentzen des Egiptischen Raubnestes. Aber der Himmel hat
mich aus dieser Gefahr erlöset. Ein gewaltiger Seesturm schlug das Raubschif
zurück / und mitten voneinander. Er schlug die eine Helfte / samt den Reubern /
zu Grunde / und die andere / mit mir / auf das Filistische Land. Alda lag vor
mir die Bersabische Wüste. In dieser irrete ich einsam herüm / bis ein Leue mich
zur Aertztin / und ich ihn zum Gefährten und Aufwärter bekahm. In dessen Geleite
geriet ich endlich dahin /da Menschen wohneten. Diese hielten / ja ehreten mich
als eine Göttin. Auch bewürteten sie mich / so guht / als sie konten. Unter
denen dienete mir die Tochter meines Würtes am meisten. Von ihr erfuhr ich erst
/ dass ich wieder unter des Herrn Vaters Gebiete gelanget: und dass dieser Jäger /
den ich an Ihn abgeschikt / und der ihr Liebster ist / an seinem Hofe gedienet.
Wie froh ich über beides ward / kann ich nicht sagen. Ich verlangte von stunden
an solchen ihren Liebsten zu sprächen. Ich entschlos mich straks ihn zum Bohten
zu gebrauchen. Er war auch willig hierzu: doch auf meine Versicherung / dass er /
an statt der Ungnade / die ihm / ohne seine Schuld / etliche Verleumder und
Misgönner bei dem Herrn Vater veruhrsachet / eine völlige Gnade wieder finden
sollte. Weil ich nun an des Herrn Vaters Liebe gegen mich /als seine gehohrsamste
Tochter und treueste Dienerin / keines Weges zweifeln darf; so darf ich auch
keinen Zweifel tragen bei Ihm so bitsälig zu sein / dass er seinen auf den
Unschuldigen geworfenen Zorn fallen /und ihm die verlohrne vorige Gnade / mir zu
Liebe /zehnmahl milder blikken lasse. Er verdienet in Wahrheit / an statt der
Ungnade / diese Gnade / dass er über alle Jäger erhoben / und zum Jägermeister
des ganzen Fürstentuhms bestellet werde. Und zu dieser Würde verhoffe ich ihm
Glük zu wünsche / sobald er / auf des Herrn Vaters beliebten Befehl / mit
Desselben Abgefärtigten / wieder zurückkommen wird / die jenige nach Hofe zu
begleiten / welche seine gehorsamste selbst erkohrene Tochter und getreueste
Dienerin eben also zu leben und zu sterben wünschet / als man sie bisher
gewürdiget zu nennen
                                                         Die schöne Timnatterin.
    (85) Bei überreichung dieses und noch eines anderen Schreibens / befahl sie
dem Jäger zu eilen. Sie wollte / dass er sich keines Weges seumete. Und damit er
üm so viel eher bei dem Fünffürsten angelangte /mietete sie ihm ein Pferd.
Hierauf begab er sich / sobald der Himmel zu grauen begunte. Hiermit jagte er
tapfer fort. Ehe der Tag recht anbrach / war er schon so weit weg / dass man ihn
nicht mehr sehen konnte. Und also kahm er / nach etlichen Stunden / bei Hofe
glücklich an.
    (86) Alhier fand er alles in Ruhr. Alle Filister versamleten sich. Alles
stund in vollen Waffen. Man war geschäftig das Volk Israels mit Kriege zu
überziehen. Simson ward beschuldiget / er hette die schöne Timnatterin
entführet. Auf niemand anders fiel der Verdacht / als auf ihn. Er sollte deswegen
herhalten. Das ganze Volk Gottes sollte dessen entgälten. Alle Stämme des
Israels wollte man anfallen solchen Raub zu rächen. Man wollte sie unversehens
überrumpeln. Und darüm hielt man es heimlich / wohin dieser Kriegszug gemeinet.
    (87) Gleichwohl warden jene / solcher mächtigen Kriegsrüstung wegen / auch
wakker. Sie schlieffen nicht. Sie trauten dem Landfrieden nicht. Simson kennete
den Ubermuht der Filister alzu wohl. Er wusste sehr wohl / was sie im Schilde
führeten. Ihm konnte nicht unbekant sein / wie wetterwändisch / wie unbeständig
sie weren. Und darüm begunte man sich auf Israels Grentzen auch schon zu rüsten.
Man machte sich alda auch bereit zum Gegenstand. Die junge Mannschaft ward
aufgebohten die Grentzstädte zu besetzen. Simson selbst war hinten und vornen.
Er war überal geschäftig. Er stellete ganz vorsichtig alles an.
    (88) Ein Leue schläft mit offenen Augen / mit wedlendem Schwantze / seinen
Feind abzuschrökken: indem er ihm einbildet / er wache. Eine solche Leuenahrt
lies alhier Simson blikken. Die Filister gedachten ihn / durch einen unterlichen
Frieden / ganz in den Schlaf gewieget zu haben. Sie vermeinten / sie hetten ihm
/ durch eine blaue Dunst / die Augen zugeschlossen. Aber der wakkere Simson
hielt sie gleichwohl allezeit offen. Selbst seine tapfere Faust befand sich in
stähter Bewägung. Sobald sich nur etwas in der Nachbarschaft rührete / lies er
sein hurtiges / vorsichtiges / wakkeres / und tapferes Wesen blikken.
    (89) Der Fünffürst stund eben im Schloshofe sich auf seinen Streitwagen zu
begeben / als ihm der abgefärtigte Jäger den Brief der schönen Timnatterin
einhändigte. Weil er nun / aus der Uberschrift / die Hand sostraks nicht kennete
/ so fragte er / mit zimlich rauen Worten / von wem er kähme? Der Jäger gab zur
Antwort: er wüste nicht anders / als dass dieselbe / die ihn geschrieben / die
Grosse Göttin Onke sei. »Wie komstdu dann an den Brief einer so Grossen Göttin?«
fragte der Fünffürst ferner. Und der Jäger antwortete wieder: Sie hette
denselben ihm selbst in die Hände gegeben / und darbei ausdrüklich begehret ihn
ja eilend nach Hofe zu bringen. Zu dem Ende hette sie ihm auch selbst ein Pferd
gemietet / und tapfer fortzujagen befohlen.
    (90) Der Fünffürst ward über diesen Worten des Wildschützen zum höchsten
verwundert. Er konnte nicht begreiffen / woher es komme / dass eine so Grosse
Göttin ihn so hoch würdigte: dass eine unsterbliche Göttin sich so gar tief
herunterliesse / mit eigner Hand an einen sterblichen Menschen zu schreiben. In
solcher Verwunderung brach er den Brief auf / und entfaltnete ihn. Sobald er die
Unterschrift erblikte /rief er überlaut: »du hast recht gesagt / dieser Brief
sei von einer Göttin geschrieben. Es hat ihn auch in Wahrheit eine Göttin
geschrieben; wiewohl nicht die Göttin Onke. Die Göttin von Timnat ist es / derer
Handschrift ich alhier erblicke. Die schöne Timnatterin ist es. Meine liebste
Tochter ist es. Ach ja! sie ist es selbst / die an mich schreibet.«
    (91) Hiermit fing er den Brief an zu lesen. Schier bei ieder Zeil hielt er
stil. Ja schier bei iedem Worte euserte sich eine neue Bewägung seines Gemühtes.
Anfangs spührete man / aus seinen Gebährden / eine ganz ungemeine grosse Freude.
Bald darauf lies er eine schier grössere Bestürtzung blikken. Doch diese schien
/ im fortlesen / wieder mit einigen Freudenzeichen vermischt zu werden. Ja wie
oft der Inhalt des Schreibens sich änderte / so oft veränderte sich auch des
Lesers Wesen.
    (92) Weil nun die ganze Kriegsmacht der Filister zum Feldzuge schon
aufgebrochen / auch etliche Schaaren albereit fortzuziehen begonnen; so befahl
er / als er noch mitten im Briefe war: man sollte den Feldzug aufschüben. Alle
Völker sollten sich wieder in ihr Läger verfügen. Alda sollte man auf weiteren
Bescheid warten. Simson sei unschuldig / fuhr er fort. Man hette bisher ihn
fälschlich bezüchtiget. Es kähme von weit höherer Hand / dass seine Fürstliche
Tochter entführet worden. Der Kriegeszug müste nunmehr verändert / und
anderswohin / als das unschuldige Volk der Kinder Israels zu überziehen /
gewendet werden. Und darüber müsten sich zuvor alle Fünffürsten berahtschlagen.
    (93) Hierauf schlug er die Augen wieder auf den Brief. Und nachdem er ihn
zweimahl nacheinander durchgelesen / sah er den abgefärtigten Jäger
überausgühtig / überausgnädig an. »Was soll ich nun dir« / sprach er / in
Gegenwart aller ümstehenden Hof- und anderer Fürstlichen Bedienten / überlaut
/»für eine Gnade blikken lassen / weil du mir einen so gar hocherfreulichen Brief
eingehändiget? Mit was für einem Bohtenlohne soll ich die fröhliche Bohtschaft
/die du mir bringest / vergälten? Alle meine Gnade soll dir hinfort offen stehen.
Bitte nur / was du wilst. Ich will dir nichts versagen.«
    (94) Nach Volendung dieser Worte / kehrete er sich zu den Jägern und
Wildschützen üm / die hinter ihm /auf der linken Hand fast alle beisammen
stunden. »Und ihr Jäger« / fing er zu ihnen an / »was meint  ihr wohl / dass
dieser euer Mitjäger und Spiesgeselle verdienet? Was soll ich ihm für diese seine
Dienste /die er itzund meiner liebsten und einigsten Fürstlichen Tochter
geleistet / und dadurch mich so gar hoch erfreuet / für eine Gnade bezeigen?«
    (95) Weil nun keiner unter allen Jägern hierauf zu antworten sich erkühnete
/ so fuhr er fort / nachdem er ein wenig stil geschwigen. »Wisset dann« / sagte
er /»dass ich diesen meinen Liebling / den etliche seiner Misgönner unter euch
ehmahls fälschlich bei mir angegeben / itzund zum Obersten Jägermeister in
meinem ganzen Fürstentuhme bestellet. Und darüm gebiete ich euch / ihn hinfort
für euer Oberhaupt zu erkennen / und allen seinen Befehlen so wohl / als den
meinigen / zu gehorchen.«
    (96) Hierauf sahen die Jäger einander an. Ihre Gebährden gaben den Unwillen
und Verdrus / den sie hatten / dass ein so junger Jäger / der noch darzu von
ganz geringer Abkunft war / ihnen allen vorgezogen würde / genugsam zu
vernehmen. Aber keiner hatte gleichwohl das Hertz dem Fünffürsten zu
widersprächen. Seine Wahl wollte guht geheissen / und sein Fürstlicher Wille
volbracht sein.
    (97) Endlich befahl er auch / dass hundert auserlesene Reiter / einen Rit in
die Bersabische Wüste zu tuhn / sich gegen zukünftigen Morgen sollten gefast
halten. Diese waren bestimmt den neuen Oberjägermeister / den der Fünffürst seine
Fürstliche Tochter wiederzuhohlen absenden wollte / bei seiner Hin- und Her-reise
zu begleiten. Zudem Ende warden ihm auch drei neue Stahtsrökke / samt allem
Zugehöhr / aus der Fürstlichen Kleiderkammer gereichet; damit er in seiner
Gesantschaft / wie es einen Fürstlichen Gesanten geziemet / stahtlich genug
aufziehen möchte.
    (98) Also sah man diesen Jäger in einem augenblikke mit Ehren und Gnaden
gleichsam überschüttet. Sobald kehrete sich das Blat üm! Sobald fiel ihm das
höchste Glük zu! Sobald ward aus einem verachteten Wüstlinge / ja Staublinge /
der ausbündigste Liebling / der ansehnlichste Höfling! Derselbe / der nur vor
einer Stunde nichts anders / als ein armer / und darzu dienstloser Jägerknecht
gewesen / war itzund ein Fürstlicher Oberjägermeister: den sein Fürst überdas
auch so hoch begnadigte / dass er die Ehre haben sollte / als ein Gesanter / mit
einem so prächtigen Nachschwalke von auserkohrnen Reitern / an seine liebste
Fürstliche Tochter / Sie nach Hofe zu begleiten /ausgeschikt zu werden.
    (99) Uber alle diese ganz unvermuhtete Ehre ward der Jäger so vol Freude /
dass Justien / und Mandro / als sie / jener aus einem Seuhürten / und dieser aus
einem Schiffer / zu Röhmischen Keisern / Primislaus / als er aus einem Kühhürten
zum Böhmischen Könige / Darius / als er aus einem Häscher zum Persischen Könige
/ Agatokles / als er aus einem Töpfer zum Sizilischen Könige / Telefanes / als
er aus einem Wagner zum Lidischen Könige / Hiperbolus / als er aus einem
Liechtzieher zum Fürsten der Atehner / Viriat / als er aus einem Hürten / Jäger
/ und endlich Strassenreuber zum Heerführer der Portugallier / Gadareus / und
Ventidius / als sie beiderseits aus Bätlern zu Römischen Bürgermeistern / ja
Rodope / als sie aus einer gemeinen Huhre zur Egiptischen Königin erhoben worden
/ freudiger und fröhlicher nicht sein können.
    (100) Als nun die Zeit das Abendmahl zu halten herbeigenahet / ward dieser
neue Oberjägermeister auch mit an die Fürstliche Tafel gesetzt. Alda bekahm er
Gelegenheit den Brief der schönen Timnatterin / den sie ihm an die Fünffürstin
mitgegeben / zu überreichen. Und dieses täht er im zusehn des Fünffürsten:
welcher nicht eher essen wollte / noch konnte / er habe dann zuvor dessen Begrif
vernommen. So begierig war er den ganzen Zustand seiner Tochter zu wissen!
Darüm ward er ihm auch von der Fünffürstin selbst alsobald vorgelesen. Er
lautete aber von Worten zu Worten / wie folget.
                        Schreiben an ihre Frau Mutter /
                                die Fünffürstin.
                   Liebste Frau Mutter / Gnäd(ige) Fürstin /
    Ich habe bisher manches Unglück empfunden. Doch hat mich keines so heftig
geschmertzet / als das mir die Ehre der Frau Mutter aufzuwarten so lange
misgönnet / ja so wühterisch entzogen. Mancher Glüksstoss ist mir begegnet. Doch
hat mir keiner so weh getahn / als der mich von Ihrer Fürstlichen Gegenwart eine
so geraume Weile gleichals verstossen zu leben gezwungen. Nach so mancherlei
Unglücksstössen / sties mir gleichwohl endlich das unverhofte Glük auf / dass der
Himmel mir diesen Jüngling / den ich abgefärtiget / gleich als einen Engel / mir
in meinem Elende zu dienen / zuschikte. Ihm / und seiner Liebsten mus ich allein
danken / dass ich / in welcher Landschaft ich were / zu wissen bekahm: dass ich /
in des Herrn Vaters Fürstentuhm wieder gelanget zu sein /erfuhr: ja dass ich
zugleich die Zeit geboren sah / da mich die Hoffnung versichern konnte / Ihre
mir entzogene Fürstliche Hand bald wieder zu küssen. Ach! ich verlange darnach.
Und dieses Verlangen auf das schierste zu erlangen bin ich vermittelst dieses
Jünglings gewärtig: welchen ich auch darüm Ihrer hohen Fürstlichen Gnade gleich
also anbefehle / wie ich in meinem Schreiben an den Herrn Vater getahn; darinnen
ich zugleich alle meine Glüksfälle / die ich von der Zeit meiner Entferung an
gehabt / ausführlich erzählt. Wan ich bei Hofe bin angelanget / welches ich /
auf Ihre gnädige Beförderung / innerhalb drei oder vier Tagen geschehen zu sein
sehnlich vermuhte; dann will ich das übrige meines Zustandes mündlich erklähren.
Unterdessen wird Ihnen Ihre Dienerin /meine liebe leibliche Mutter / aus
inliegendem Brieflein / welches ihr einzuhändigen ich untertähnig bitte /darvon
auch etwas eröfnen. Und ich werde den Himmel für Ihre Wohlfahrt anflöhen /
solange mir seine Gnade die Ehre gestattet Ihre selbsterkohrene Fürstliche
Tochter zu sein / welche man bisanher / mehr aus Gunst / oder gar Misverstande /
als aus einem untadelhaftigen Urteile / hat nennen wollen
                                                         Die schöne Timnatterin.
    (101) Weil unter dem Einschlusse dieses Schreibens an die Fürstliche
Hofmeisterin zugleichmit ein Brieflein angelanget / so ward sie von stunden an
aus dem Frauenzimmer gehohlet. Der Fünffürst hatte solches Brieflein eben in der
Hand / als sie in den Saal traht. »Da habt ihr« / sprach er / und hielt es nach
ihr zu / »die Versicherung / dass unsere Tochter noch lebet / und in guhter
Verwahrung ist. Wir tragen Verlangen zu erfahren / was sie an euch schreibet.
Und eben darüm haben wir euch von der Mahlzeit anher entbohten / uns dieses
Brieflein vorzulesen.«
    (102) Die Mutter / welcher für Freuden die Trähnen über die Bakken flossen /
und die Sprache schier stekken blieb / nahm den Brief mit tiefster
Ehrerbietigkeit an. Sie entsiegelte denselben zur Stunde. Sie brach ihn auf /
und fand darinnen folgende Worte.
    Schreiben an ihre liebe leibliche Mutter / die Fürstliche Hofmeisterin.
    Diese Zeilen / liebe Mutter / versichern Euch meiner Gesundheit. Es ist
meine eigene Hand / meine eigene Schrift / was ihr sehet. Betrachtet sie nur
wohl. Schauet sie nur eigendlich an. Ich war zwar in fremder Gewalt. Aber der
Himmel hat mich daraus entwältiget. Ich war zwar nicht weiter / als ein Daume
breit ist / vom Tode. Doch dasselbe / das mir den Tod zu dreuen schien / hat
mich selbst aus seinen Klauen gerissen. So lebe dann ich / Euch zu liebe / noch.
Ich lebe sicher / in unsrem eignen Lande. Ja ich lebe ganz ausser Gefahr / und
unter der Aufsicht eines Leuen: der etliche Tage nacheinander mein Geleitsman /
mein Wächter / mein Jäger / mein Speisemeister / und getreuester Aufwärter
gewesen. Diesen solt ihr sehen /wan ihr mich sehet; welches in vier Tagen ohne
Zweifel geschehen wird. Dan er folget mir immer. Er verlesset mich nimmer.
Nimmer weichet er von mir. So getreulich nimt er meiner wahr! So fleissig wartet
er meiner! Unterdessen lebet wohl / und liebt beharlich dieselbe / welche
beharlich zu sein sich verpflichtet
                        Eure gehorsame Tochter.
                                                                        Timnate.
    (103) Hierauf war man lustig und guhter Dinge. Den Kummer spühlete man mit
Weine vom Hertzen. Die Sorgen warden verbannet. Man vergass aller Betrübnis. Die
Traurigkeit bekahm ihren Scheidebrief. Die Freude nahm ihren Platz ein. Das
Wohlleben traht an ihre Stelle. Einieder war fröhlich. Doch der Fünffürst am
allermeisten: der auch selbst alle zur Fröhligkeit anmahnete. Ja er befahl /
allen Hofbediente so viel Weines zu zapfen / als sie trinken könten. Und also
brachte man diesen Abend in lauter Lust und Freude zu.
    (104) Nach volendetem Freudenmahle zog der Fünffürst den neuen
Oberjägermeister auf die Seite. Er begab sich mit ihm allein an ein Fenster.
Niemand durfte darbei sein. Niemand sollte zuhören / was sie spracheten. Alda war
es / da er fragte / was seine Tochter gesaget? Er forschete nach allen und ieden
ihren Worten. Er trug verlangen alle ihre Reden zu wissen. Er wollte durchaus /
dass er ihm nichts / ja gar nichts / was es auch sei / verschweigen sollte.
    (105) Weil nun der Oberjägermeister verstund /dass der Fünffürst so gar genau
/ und so gar scharf nach allem fragete; so täht er ihm auch von allem Eröfnung.
Er offenbahrte den ganzen Handel. Er erzehlete ganz ümständlich alle
gepflogene Gespräche. Ja er entdekte zugleich alles miteinander / was zwischen
seiner Fürstlichen Tochter und ihm / bei der ersten Zusammenkunft / vorgegangen.
Auch verschwieg er ihm seine selbsteigene Liebe nicht. Doch hierbei baht er
untertähnig üm gnädige Verzeihung / dass er seine Fürstliche Gedanken / durch die
Erzehlung solcher seiner so eitelen Liebe beunmüssigte. »Ich tuhe dieses« / waren
seine selbsteigene Worte / »nur darüm /und aus keinem andern Triebe / dann dem
Willen und Befehle meines Fürsten Gehohrsam zu leisten.«
    (106) Diese des Oberjägermeisters Offenhertzigkeit und Bescheidenheit
zugleich gefiel dem Fünffürsten über die masse. Ja er priese seine so beständige
Liebe. Und hierbei versprach er ihm / alles / was seine Fürstliche Tochter ihm
angelobet / selber zu volziehen. Er selber wollte seiner Liebsten Aussteurer
sein. Aus seiner eigenen Schatzkammer sollte sie mit einer ansehnlichen Aussteuer
versehen werden. Und weil seiner Tochter Wille sei / dass er sie aus ihrer
eigenen Hand / gleichals ihre leibliche Tochter / empfangen sollte; so wollte er
sie hiermit ihr zur Hofmeisterin /und ihn zum Hofmeister bestellet haben.
    (107) Zu allen diesen Gnadenbezeugungen fügte der Fünffürst noch diese.
Sobald seine Fürstliche Tochter / sprach er / in seiner und seiner Liebsten
Begleitung / an seinen Hof gelanget / sollte / straks bei dem ersten Freudenmahle
/ sein Verlöbnis / in seiner und aller anwesenden Gegenwart / geschehen. Auch
sollte sein Schlos / alda seine Hochzeit zu halten / ihm offen stehen. Ja er
wollte diese Hochzeit ihnen selbst ausrichten. Alles / was darzu erfordert würde
/ sollten sie aus seiner Fürstlichen Küche zu gewarten haben.
    (108) Hierauf rief der Fünffürst einem Diener. Diesem befahl er der
Hofmeisterin zu sagen / dass sie straks etliche Kleider / Hemden / und anders
Weibergerähte / das zum Frauenschmukke gehöret / aus des Frauenzimmers
Kleiderkammer zu ihm brächte. Hieraus sollte der Oberjägermeister von allen /
drei der besten Stükke / die seiner Liebsten gerecht weren / ihr solche
mitzubringen / auslesen. Also trug der Fünffürst Sorge für alles. So sorgfältig
war er für seiner Fürstlichen Tochter erstbestelte Hofmeisterin; damit sie /
gleichals einer solchen Hofjungfrau geziemet /gezieret und geschmükt genug
aufziehen möchte.
    (109) Als nun der Oberjägermeister / dem Fürstlichen Befehle zur folge /
solchen Kleiderschmuk besichtigte; da fing der Fünffürst mit ihm an zu
schertzen. »Weil ich will« / sprach er lächlende / »dass deine Liebste dir auf das
beste gefalle / so suche für sie den besten Schmuk aus. Wehle für sie das
Schönste / das dich am schönsten zu sein dünket: damit sie dadurch in deinen
Augen auch selbst die Schönste / die Liebste werde / wan sie etwan dir eine
solche zu sein sonsten noch nicht völlig genug scheinen möchte.«
    (110) Unterdessen hatte sich das Getümmel aus dem ganzen Schloss
verloren. Aus allen Oertern war das unheimliche Wesen weg. Hingegen hatte das
Stilschweigen sich überal eingefunden. Die Heimligkeit war durch und durch
eingeschlichen. Man hörete nichts Lautes mehr. In allen Gemächern ward es ganz
stil. Nicht ein einiges Gereusche vernahm man. Kein Klang von irgend einem Dinge
ward gehöret. Alle Menschen lagen schon in der Nachtruhe. Iederman war zu Bette.
Das ganze Hofgesinde schlief. Nur die Hofmeisterin / mit einer Kammerdienerin /
und zween Edelknaben / die aufwarteten / waren noch wakker /als der Fünffürst
sich in seine Schlafkammer begab; nachdem er dem Oberjägermeister zu seiner
Reise Glük gewünschet.
    (111) Dieser ward endlich auch in sein Zimmer geführet; da er zu schlafen
vermeinte. Aber es kahm kein Schlaf in seine Augen. Die übermässige Freude hielt
ihn stähts wakker. Die Erinnerung der vielfältigen Ehren / damit ihn der
Fünfürst überschüttet / lies ihn nicht ruhen. Seine Gedanken flatterten hin und
her. Seine Gemühtstriften bewegeten sich / als eines Uhrwerks Unruhe. Sie warden
nimmer stil. Sie verunruhigten alle Sinnen. Sie trieben den Schlaf aus. Auch den
geringsten Schlummer liessen sie nicht zu.
    (112) Das Ubermass der Ehren würkt übermässige Freude: doch gemeiniglich nur
bei denen / die ganz keiner Ehre gewohnet; die aus dem niedrigsten Staubwinkel
den höchsten Ehrengüpfel auf einen Schwung ersteigen. Hingegen freuen sich
andere / die stähts im Ehrenstande gestanden / denen die Ehre nichts
ungewöhnliches / nichts neues / selbst über den höchsten und plötzlichsten
Zuwachs derselben nur mässig.
    (113) Unser Oberjägermeister war im allerniedrigsten Stande gubohren. Unter
verächtlichen Wüstlingen / die kaum wussten / was Ehre zu sagen / war er erzogen.
Und ob er schon eine Zeit lang / als ein Jägerknecht / in Fürstlichen Diensten
gelebet; ob er schon die Ehre / durch den Umgang mit Höflingen /in etwas kennen
gelernet: so hatte doch diese Kunde seines Fürsten Ungnade / dadurch er von den
Höflingen wieder unter seine Wüstlinge gerahten / schier zur Unkunde gemacht.
Darüm war es auch kein Wunder /dass er itzund / da ihn der Fünffürst / nach
verloschener Ungnade / mit überschwänglich grossen Gnaden und Ehren so plötzlich
und so unvermuhtlich überheufte / solche so heftige Freudenbewägungen /dass er
weder ruhen / noch schlafen konnte / durch alle seine Sinnen empfand.
    (114) Hierzu kahm auch endlich die Liebe. Diese trieb ihm den Schlaf vollend
aus den Augen. Durch diese ward er noch vielmehr verunruhiget. Das sehnliche
Verlangen seine Liebste zu ümarmen hielt ihn fort und fort wakker. Sie selber
/ oder vielmehr ihr Bildnis schwebete stähts in seinen Sinnen. Bald lies er sich
bedünken ihre flinkernden Augen ihm winken zu sehen. Bald kahm ihm vor aus ihrem
schönen Munde / dessen Rosen mitten im Schnee blüheten / sein Wilkommen zu
hören. Bald schien ihm ihr Arm üm seinen Hals geschlagen / und ihr Mund auf dem
seinigen zu liegen. Aus allen diesen Schattenwerken / welche die Einbildung ihm
vorstellete / wiewohl sie nur als überzukkerte Traumbilder waren / entstund dann
ein unruhiges stähtiges Wachen.
    (115) Undalso war es ihm nicht müglich zu schlafen. Die ganze Nacht durch
blieb er wakker. Nur gegen Morgen fing er ein wenig an zu schlummern. Aber bei
diesem schlummern trieb die Einbildung ihr Affenspiel in ihm nicht weniger / als
da er wachete. Ja er rief im schlummer selbst / »Nun ist sie mein / Nun ist sie
mein« / so überlaut aus / dass es der Fünffürst /der eben in seine Kammer traht /
hörete. Dieser märkte von stunden an / dass der Treumende / mit solchen Worten /
auf die Besitzung seiner Liebsten zielete. Darüm fing er auch zum Ermunterten
alsobald an. »Sei nur noch ein wenig zu frieden: sie soll gewis dein sein.«
    (116) Der Oberjägermeister erröhtete sich hierüber. Er schähmete sich / dass
der Traum seine so verliebte Gedanken verrahten. Aber der Fünffürst geriet
straks auf andere Reden. Er begehrte / dass er sich mit der Reise ja nicht
seumete. So wohl her / als hin sollte man eilen; damit er seine Tochter bald zu
sehen bekähme. Ja er fügte hinzu: sofern er / einiger Stahtsangelegenheiten
wegen / nicht müste bei Hofe bleiben; so würde sein Verlangen ihn mitzuziehen
selbst anstrengen. Und hiermit begab er sich wieder aus dem Zimmer / dem
Oberjägermeister sich straks anzukleiden Gelegenheit zu geben.
    (117) Unterdessen hatten sich die Reiter aufzusitzen ganz färtig gemacht.
Der Stahtswagen / darauf das Fürstliche Freulein fahren sollte / stund schon
angespannet. Auch war die Tafel das Frühmahl zu halten albereit gedekket / als
der Oberjägermeister in den Speisesaal traht. Alhier ging alles mit der hast zu.
Auf Befehl des Fünffürsten / musste geeilet sein. Mit Geschwindigkeit warden die
Speisen aufgetragen. Man seumete sich an der Tafel nicht lange. Schier im hui
war alles gesehen.
    (118) Hierauf begaben sich alle Reiter zu Pferde. Auch setzte sich der
Oberjägermeister / auf Befehl des Fünffürsten / in den Stahtswagen: neben dem
etliche Schützen herlieffen. Ein Rüstwagen / mit Reusigem Zeuge beladen /
folgete straks. Also ging die Reise geschwinde fort. Die Maulesel und Pferde
fühleten das Futter / das man ihnen in vergangener Nacht mit milder Hand
gereichet; und lieffen so tapfer / dass man / sie fortzutreiben / weder Stachel /
noch Spohren /weder Peitsche / noch Spisruhte bedorfte.
    (119) Der Oberjägermeister befand sich zwar im Stahtswagen ganz allein.
Niemand sass bei ihm. Er hatte keine Gesellschaft. Aber dieses währete nur einen
Augenblick. Er blieb in solcher Einigkeit nicht lange. Bald befand er sich selb
zweien. Ohne seine Liebste zu sein gestattete die Liebe nicht. Seine verliebte
Gedanken eileten straks nach ihr zu. Sie stöhreten gleichsam ihre Ruhe. Ja sie
hohleten sie selbst aus ihrer Schlafkammer / aus ihrem Bette / da sie noch
ruhete. Er musste sie bei sich haben. Sie musste neben ihm im Stahtswagen sitzen.
    (120) Alhier war es auch / da sie die Einbildung /wie sie leibete und lebete
/ seinen Augen vorstellete. Also war ihm schier anders nicht bewust / als dass
sie selbst seine Gefährtin sei. Er wähnete nicht anders /als dass sie ihm
selber Gesellschaft hielte. In dieser so süssen / wiewohl falschen Einbildung
befand er sich schier die ganze Reise durch. Bald erschien sie ihm in ihrer
gewöhnlichen Tracht. Bald prangete sie /vor seinen Augen / in eben dem
Kleiderschmukke /damit sie der Fünffürst beschenket.
    (121) In dieser stahtlichen Kleidung schien sie ihm siebenmahl schöner / und
siebenmahl lieblicher / ja siebenmahl lieber / als in voriger / zu sein. Daher
nahm auch seine Liebe / sooft er sie hierinnen erblikte / mehr und mehr zu. Ja
sie ward gleichsam dermassen geschwängert / dass sie in ihm / solcher seiner
Liebsten Lieblichkeit zu genüssen / ein unerträgliches Verlangen gebahr. So viel
vermag ein zierliches Kleid /ein schöner Schmuk; zuvoraus an einem
wohlgestalteten Weibsbilde! Hingegen macht ein zerrissener altfränkischer Küttel
zuweilen auch die lieblichste Schönheit häslich / die anmuhtigste Liebligkeit
unanmuhtig / und verstellet die ganze sonst fürtreflich-schöne Leibesgestalt
dermassen / dass sie ihr selber ganz unähnlich wird.
    (122) Inzwischen nahete der Oberjägermeister seiner Heimat ie mehr und mehr.
Aber ie näher er kahm /ie heftiger er brante. Seine Begierden / die Liebste zu
sprächen / wollten ihm kaum gestatten vor seines Vaters Behausung / da das
Fürstliche Freulein sich eben befand / abzusitzen. Doch der Wohlstand und seine
Pflicht vereischten nichts anders. Er musste derjenigen / üm deren willen er
abgesandt war / am ersten aufwarten. Er musste bei ihr den anvertrauten
Fürstlichen Befehl am allerersten ablegen. Dieser Fürstliche Befehl musste
nohtwendig vor- und seine Liebe nach-gehen.
    (123) Gleichwohl war dieses Freulein so gühtig /dass es den Verliebten nicht
lange von seiner Liebsten abhalten wollte. Darüm setzte es sich von stunden an in
den Stahtswagen / und befahl ihm seinen Sitz alda auch wieder zu nehmen. Also
fuhren sie / durch des Oberjägermeisters Eltern / Brüder / und schier alle
Nachbahren begleitet / nach seiner Liebsten Behausung zu. Diese kam ihnen / mit
Vater und Mutter /straks entgegen gelauffen. Aber sie ward zum höchsten
bestürtzt / als sie ihren Liebsten in so überausprächtigen Stahtskleidern / und
darzu mit einer so mächtigen Anzahl der auserlesensten Reiter begleitet
/aufziehen sah. Ja sie meinte schier zu treumen / da sie vernahm / dass er /
eben als ein Landesfürst / solchei so köstlichen Reiterei geboht sich in der
nähe zu lägern / und auf seinen weiteren Befehl in Bereitschaft zu bleiben.
    (124) Uber eine solche uhrplötzliche Verwandelung bekahm sie vielerlei
wunderliche Gedanken. Er schien ihr nun nicht mehr ihr Liebster zu sein. Darüm
durfte sie ihm auch nicht einmal nahen / viel weniger ihn anreden. Ja sie stund
stähts / als eine betrübte Verlassene / hintenaus. Ihm näher zu trähten war sie
nicht kühne genug. Aber als er seine Gesantschaft bei dem Fürstlichen Freulein
volzogen / und sich selbst /mit einem Leibschützen / der drei überaus köstliche
Frauenkleider trug / nach ihr zu begab; da konnte sie /indem sie sich von einem
so stahtlichen Höflinge Liebste genent zu werden hörete / vor grossen Freuden
eine lange Weile nicht antworten.
    (125) Weil er ihr nun Zeit lassen wollte sich wieder zu besinnen; so redete er
anfänglich / vor aller ümstehenden Ohren / ganz allein. Er gab ihr zu verstehen
/dass der Fünffürst selbst gegen sie beide so gnädig sich erbohten / dass ihr
Verlöbnis / ja ihre Hochzeit selbst / auf seinem Schloss / so bald sie alda
angelanget / sollte gehalten werden. Er wollte selbst ihr Hochzeitgast sein. Ja er
wollte die Braut / als ihr Vater / mit einer stahtlichen Morgengabe begnadigen /
auch alle Kosten / die auf ihre Hochzeit liefen / selbst tragen.
    (126) Hierauf wendete sich der Oberjägermeister wieder nach dem Fürstlichen
Freulein zu: »Mein gnädiges Freulein soll auch wissen« / sprach er / mit grosser
Ehrerbietigkeit / »dass ihr Fürstlicher Herr Vater meine Liebste zu Ihrer
Hofmeisterin zu bestellen gnädiges Belieben getragen. Zu dem Ende schikt er ihr
auch allen diesen köstlichen Kleiderschmuk; damit sie / ihrer Gnädigen Fürstin
zu Ehren / prächtig genug /und als einer solchen fürnehmen Hofmeisterin zustehet
/ aufziehen möchte.«
    (127) Nachdem er dieses gesagt / nahm er gemeldten Kleiderschmuk / und
übergab ihn / im Nahmen des Fünffürsten / seiner Liebsten: welche kaum gleuben
durfte / dass alles dieses / was sie sah / und was sie gehöret / wahrhaftig also
sei. Hierbei täht er zugleich Erinnerung: Sie sollte nun hingehen / ihrem
Fürstlichen Freulein für alle die hohe Gnade / damit der Fünffürst / auf ihr
gnädiges Ansuchen / sie beiderseits besäligen wollen / untertähnigsten Dank zu
sagen. Und dieses verrichtete sie auch zur Stunde /mit tiefster Ehrerbietigkeit.
    (128) Nunmehr war allen kund und offenbahr / dass die schöne Timnatterin /
die man bisnochzu für die Göttin Onke gehalten / ihres Landes-Fürsten Freulein
Tochter sei. Hatten diese Wüstlinge sie vorhin / als eine Göttin / geehret / so
ehreten sie dieselbe nun noch vielmehr. Einieder erwiese sich als ein
gehohrsamer Untertahner. Iederman war geschäftig Futter für die Maulesel und
Pferde zu hohlen. Man trug so viel zu / dass es alles nicht konnte verbraucht
werden.
    (129) Weil das Fürstliche Freulein sah / dass sie alle miteinander ihre
Gaben / aus eigenem Antriebe /so willig brachten / so versprach sie ihnen bei
ihrem Herrn Vater auszuwürken / dass sie hinfort von allen Schatzungen / Schössen
/ und Zöllen sollten befreit sein: iedoch mit dem Bedinge / dass sie / zur
Erkäntnis solcher Gnadengewogenheit / ihren müglichsten Fleis anwenden sollten
ihre Landereien / und Heuser bester massen anzubauen. Zu dem Ende gab sie ihnen
ihren Würt straks zum Richter; der zugleich die Aufsicht haben sollte / damit
alles wohl und richtig zuginge.
    (130) Gleichesfals verhies ihnen der Oberjägermeister Sorge für sie / als
seine Verwanten und Landesleute / zu tragen / dass sie nicht etwan ein
Fürstlicher Bedienter mit einiger Uberlast belegte. Ja er gab ihnen / auf Befehl
des Fünffürsten / ein Fas vol Weines / welches man zu dem Ende mitgeführet / zum
besten. Diese trinkbare Wahre kam selten oder gar nicht vor ihre Gurgel. Sie war
in ihren Kellern ein ganz fremder Gast. Kaum einer / oder der andere wusste vom
Weine zu sagen. Vielen war unbekant / was für ein Getränke der Wein sei.
Gleichwohl hielten sie ihn alle / da sie ihn nur etwas gekostet / für das
köstlichste Nas.
    (131) Auf guhtfinden des Oberjägermeisters hatte man gemeldtes Weinfas in
seines Vaters Haus schrohten lassen. Dieser sollte der Ausspender sein. Er sollte
den Wein / mit gleichem Masse / nach und nach unter sie austeilen. Einer sollte
soviel bekommen / als der andere. Wolten sie dann Lust halben / in gemeiner Zeche
/ miteinander trinken / das möchten sie tuhn. Aber sie sollten nicht alzuviel auf
einmal zu sich nehmen; damit sie keine tolle Köpfe bekähmen / und nicht etwan
Schlägereien / oder dergleichen Bosheit verübeten.
    (132) Als ihnen dieses vorgehalten ward / kahm es etlichen wunderlich vor /
dass der Wein / der nur ein süsses Wasser sei / solche Kraft / tolle Köpfe zu
machen / haben sollte. Ja sie konten es nicht gleuben. Aber als einieder etwan
nur ein Mass getrunken; da verspühreten sie seine Würkung schon. Sie begunten zu
taumeln. Sie konten kaum mehr auf den Füssen stehen. Etliche stolperten auf
ebener Erde. Andere fielen gar über einen Hauffen. Denen / die noch fest stunden
/ schien gleichwohl für ihren Augen eine fünstere Wolke zu schweben. Sie konten
kaum mehr sehen. Nährlich kenneten sie ihren nächsten Saufbruder. So hatte sie
solches süsse Wasser verblendet!
    (133) Weil man diese Zeche / vor dem Hause des neuen Richters / unter dem
blauen Himmel hielt; so sah die junge Fürstin solche Lust mit an. Sie ergetzte
sich über die kurtzweiligen Zecher / die vielleicht noch niemahls bezecht
gewesen / über die masse: doch niemahls mehr / als wan sie tantzeten / und
Luftsprünge zu machen begunten. Dieses stund ihnen so seltsam / so werklich an /
dass der ernstaftigste Sauerling sich nicht entalten können zu lachen. Auch
lachte die junge Fürstin so viel / als sie vielleicht die ganze Zeit ihres
Lebens nicht getahn: zuvoraus wan sie sah / dass die alberne Tropfen den Nebel /
den sie vor ihr Gesichte gefallen zu sein wähneten / mit so kurtzweiligen
Gebährden abwischen oder wegtreiben wollten.
    (134) Inzwischen hatte sich die Sonne zur rüste begeben. Der Mohn war / mit
seinen Sternen / auf die Wache gezogen. Die einbrächende Nacht schien allen
lebendigen Geschöpfen den Schlaf anzukündigen. Der Oberjägermeister befand sich
verpflichtet von seiner Liebsten zu scheiden: die nunmehr ihr Amt / dem
Fürstlichen Freulein / welches bereit stund nach Bette zu gehen / als
Hofmeisterin aufzuwarten / verrichten musste. Einieder legte sich an seinen Ort.
Die Bezechten selbst / denen die Köpfe niederwärts sunken / krochen zu Lager.
Also verlohr sich das Getümmel. Iederman begunte zu schlafen. Es ward überal
stille.
    (135) Aber diese Stille währete nicht lange. In fünf Stunden war alles
wieder wakker. Einieder verlies /mit der Sonne zugleich / sein Bette. Die junge
Fürstin selbst kahm schier dem Tage vor. Sie war schon bei der Hand / als sich
die ganze Nachbarschaft vor ihrer Tühre versamlete Sie zu begleiten. Der
Oberjägermeister befahl seinen Reisigen sich zu rüsten. Diese hielten auch schon
in Bereitschaft / als der Fürstliche Stahtswagen ankahm. Hierein verfügte sich
das Fürstliche Freulein alsobald. Die Hofmeisterin nahm ihren Sitz gegenüber.
Aus Ehrerbietigkeit gegen das Freulein entzog sich der Oberjägermeister ihrer
Gesellschaft. Er wollte zu Pferde reisen. Auf dem Fürstlichen Stahtswagen zu
sitzen trug er bedenken.
    (136) Sobald das Freulein solches märkte / rief es ihm zu: er sollte bei
seiner Liebsten sitzen. Er sollte sich für Ihr nicht scheuen. Seine Gegenwart sei
Ihr nicht zuwider. Zwei durch Liebe vereinigte Hertzen müste man nicht
enteinigen. Sie könnte keines Weges gestatten / dass ihre Gegenwart sie trennete.
Das Geheimnis ihrer Liebe sei Ihr ja schon bewust. Warüm er sich dann entzöge Sie
wissen zu lassen / was sie schon wüste. Zur Unzeit schüchtern zu sein stünde
keinem Verliebten zu. Ihr verliebtes Spielen und Schertzen könnte Sie wohl
leiden. Es sei Ihr keines Weges vedriesslich. Vielmehr hette sie ihre Lust daran.
Und diese Lust / verhofte Sie / würde weder seine Liebste / noch er ihren Augen
misgönnen.
    (137) Durch diese Worte lies sich dann der Oberjägermeister bewägen dasselbe
zu tuhn / was er so gar gern täht. Er weigerte sich nicht länger. Er gehorchte
seiner Gebieterin. Er folgete dem Willen des Freuleins. Er setzte sich neben
seine Liebste. Und sobald er sich niedergelassen / rührete sich / auf seinen Wink
/ die ganze Reiterei. Auch bewegte sich / nach geschehenem letzten
Abschiedsrufe / der Fürstliche Stahtswagen. Ja der Leue / des Freuleins getreuer
Gefährte / folgete zugleich seiner Aertztin / seiner Gebieterin. Nie verlies sie
sein Auge. Neben dem Stahtswagen lief er allezeit her. So lief dann der
halbgezähmte Wildling aus seiner Wildnis / vollend ein Zähmling zu werden. So
schied der Wüstling aus seiner Wüstenei / damit er ein Höfling würde.
    (138) Nachdem die bisher gewesene Nachbahrn der Fürstin Sie bis auf die
Grentzen ihrer Einöde begleitet / da schieden sie von Ihr. Der neue Richter
führete das Abschiedswort. Er bedankte sich / im Nahmen aller /für die hohe
Fürstliche Gnade / welche sie ihnen erwiesen / und noch zu erweisen so gnädig
sich erbohten. Er baht mit ihrer geringschätzigen Aufwartung vorlieb zu nehmen /
und der selbstangebohtenen Gnade / dasselbe / was sie einig und allein wünschten
/ bei Ihrem Fürstlichen Herrn Vater auszuwürken /nicht zu vergessen. Sie wollten
Ihr darfür ewig mit Guht' und Bluhte verpflichtet bleiben. Endlich war sein
Wunsch / dass ihre fernere Reise glücklich / und ihre Zukunft bei Hofe allen und
ieden erfreulich sein möchte.
    (139) Hierauf kehreten diese Wüstlinge wieder nach ihren Wohnungen zu / und
das Fürstliche Geleite hastete sich den Hof des Fünffürsten bei Zeiten zu
erreichen. Weil man aber für guht ansah sich zu entnüchtern / und die Maulesel
und Pferde / damit sie üm so viel hurtiger fortlauffen möchten / etwas ruhen und
füttern zu lassen; so befahl der Oberjägermeister vor dem nächstgelegenem
Würtshause stil zu halten. Alda ward das Freulein / dem die Hofmeisterin folgete
/straks in einen Saal geführet. Unterdessen machte der Oberjägermeister Anstalt
zum Frühstükke. Die Tafel ward gedekket / und die kalte Küche vom Rüstwagen
gebracht.
    (140) Sobald die Speisen aufgetischt waren / begab sich das Freulein / mit
dem Oberjägermeister / und seiner Liebsten / sitzen. Aber sie hatten kaum zu
essen begonnen / da mussten sie schon wieder aufhören. Sie hatten den ersten
Bissen kaum in den Mund gestekt / da ward ihnen alles das übrige schon
versaltzet. Der Würt / welcher zu Ziklak gewesen /brachte mit: das Volk Israels
sei / mit zwei mächtigen Kriegsheeren zu Felde gezogen. Simson hette mit dem
einen in der Filister Land schon einen Einbruch getahn. Er streufte schon / in
der nähe / mit sängen und brennen / mit rauben und morden / herüm.
    (141) Diese Zeitung machte das Freulein überaus bestürtzt. Der
Oberjägermeister selbst wusste nicht /was man tuhn sollte. Er konnte leichtlich
gedenken /dass so ein tapferer Held / als Simson sei / sich nicht lange zörgen
und zupfen liesse: dass er / auf den Ruf von der mächtigen Kriegsrüstung der
Filistischen Fürsten wider ihn / und sein Volk / nicht würde geschlafen haben.
Und daher stund er in grossen Sorgen /wie er das Fürstliche Freulein am besten in
Sicherheit bringen möchte. Aber er lies sich dessen nichts märken. Er stellete
sich / als ginge solche Zeitung ihn nichts an: als gleubte er nicht / was man
sagte. Unterdessen befahl er gleichwohl / man sollte zum Aufbruche straks alles
färtig machen. Man sollte sich nicht seumen. Die itzige Beschaffenheit ihrer
Reise litte keinen Verzug.
    (142) Ja er schikte / gewissere Kundschaft einzuhohlen / drei Reiter / mit
flüchtigen Pferden / voran. Diesen befahl er alle Menschen / die ihnen
begegneten / solches Rufes wegen zu fragen. Auch sollten sie sich erkundigen / wo
der Feind / und wie stark er sei? Sobald sie etwas / das sie für gewis hielten /
es sei guhtes / oder böses / erfahren / sollte sich ein Reiter geschwinde zurück
begeben / und ihm solches ansagen. Und hierauf gab er ein Zeichen zum Aufbruche
/der auch alsobald geschahe.
    (143) Man war nunmehr aus der wüsten Bersabisschen Einöde schon heraus. Man
hatte diese gefährliche Wildnis / darinnen Abrahams Dienstmagd und Beiweib / die
Hagar / mit ihrem kleinen Ismael / in tausend ängsten / vor Zeiten herümgeirret
/ verlassen. Man sah dieses erschrökliche sorgliche Raubnest der Buschklöpper
hinter dem Rükken liegen. Auch war man schon über den Flus Besor hinüber / und
auf einer zimlich breiten offenen Fläche; da man weit genug üm sich zu sehen
vermochte. Dieses war dann ihr bester Trost. Dieses gab ihnen eine guhte Hoffnung
der befahreten Gefahr zu entgehen.
    (144) Und also suchte man sich aller sorglichen Gedanken zu entschlagen.
Also setzte man die fernere Reise zimlich behertzt und unbekümmert fort. Selbst
das Fürstliche Freulein war itzund / da ihm der Oberjägermeister alle diese so
angenehme Betrachtungen zu Gemühte geführet / ungleich muhtiger / ungleich
lustiger / als vorhin. Ja niemand hatte das geringste Vermuhten mehr / dass ihnen
etwan ein Unglück von irgend einer feindlichen Hand aufstossen würde. Das Gerüchte
von Simsons Streiffereien war in aller Gemühtern so gar vereitelt / dass sie es
nur für ein nichtiges Mährlein hielten.
    (145) Auch war es gewislich anders nichts / als ein eiteles Mährlein / als
ein leeres Weibergeschwätze /bei dem Spinwokken ersonnen / bei der Kunkel
erdichtet. Es war in Wahrheit falsch / und / mit Züchten zu reden / erlogen. Und
dass es also sei / berichteten die auf Kundschaft ausgeschikten Reiter. Diese
kahmen alle zugleich in einer Stunde wieder. Sie brachten mit / dass sie von
zween Ohren- und Augen-zeugen /die zu Zarea gewesen / vernommen: Simson hette
sich zwar auf den ersten Ruf / dass die Filister /ihn zu befeden und anzufallen /
in Bereitschaft stünden / zur Gegenwehre gerüstet. Aber sobald er wieder Zeitung
erhalten / dass man solches feindliche Vorhaben geändert / da hette sich Simson /
der itzund /bei bejahrterem Alter / weit anders / als frevendliche Kriege zu
beginnen / gesinnet / auch straks wieder zur Ruhe begeben.
    (146) Auf hiesigen fröhlichen Bericht / und weil die Helfte der Reise schon
abgelegt war / hielt man /nach des Freuleins Befehle / die neulich gestöhrte
Fütterung zu wiederhohlen / bei dem nächsten Bauerhause stil. Dieses war zwar
durch den Eintrit einer so fürtreflichen Fürstlichen Schönheit besäliget zu
werden / viel zu unansehnlich / viel zu häslich. Gleichwohl lag es in einer
überaus schönen und lustigen Gegend. Auch war der Würt ein munterer / fröhlicher
/und hübscher alter Man / und die Würtin eine sehr guhtahrtige bescheidene Frau:
die darbei noch jung /und von Leibesgestalt nicht häslich; ob sie sich schon
sonsten / durch den Zufal einer Geschwulst / im Angesichte so sehr übel
zugerichtet befand / dass man sie nicht unfüglich erschrökschön nennen mögen.
    (147) Alhier war es / da das Freulein abtraht. In diesem Hütlein kehrete sie
ein. Bei diesen guhten Leutchen / die auch so guht waren / dass sie Ihr alles
einreumeten / trug Sie belieben ihr Mahl zu halten. Man brachte die kalte Küche
getragen. Man legte das Tafeltuch auf. Man setzte die Speisen / und sich selbst
darbei nieder. War das Zimmer klein und änge /so war die Essenslust üm so viel
grösser. Waren die Speisen schon nicht köstlich / so schmäkten sie doch köstlich
guht. Der Hunger war alhier der beste Koch. Dieser macht auch den kleinsten
verächtlichsten Winkel gleichsam zum herrlichsten Speisesaale.
    (148) Weil der Würt so gar guht war / so wollte das Freulein / er sollte mit
zur Tafel sitzen. Aber er weigerte sich dessen. Seine Pflicht / sprach er /
erforderte vielmehr Ihr aufzuwarten / als diese Grobheit zu begehen. Er sei zwar
ein einfältiger Bauer; doch so gar einfältig keines Weges / dass er seinen Obern
mit gebührlicher Ehre zu begegnen nicht wüste. Es sei ihm Gnade genug / dass Sie
sein armes Hütlein / durch ihren Eintrit / würdigen wollen. Es sei ihm Ehre
genug / dass er / darinnen ihrer ansehnlichen Gegenwart zu genüssen / so hoch
besäliget worden. Eine solche Ehre sei ihm noch nie widerfahren. Darüm müste man
sie üm so viel weniger misbrauchen.
    (149) Das Freulein war über diese des Bauern Höfligkeit überaus verwundert.
Sie hette nimmermehr gedacht / dass unter einem groben Bauernkleide solche so
höfliche Bescheidenheit verborgen gelegen / wan sie sich nicht selber
geeusert. Und darüm ward sie bewogen / ihn noch vielmehr / zu nöhtigen. Ja Sie
zog ihn endlich selbst bei der Hand zur Tafel. Er musste sich setzen. Er musste
selbst neben Ihr sich niederlassen. Und dieses täht Sie darüm / damit sie üm so
viel besser mit ihm sprachen könnte: damit er üm so viel kühner und
offenhertziger würde / sich mit Ihr in einiges Lustgespräche / das sie
anzufangen gesonnen /einzulassen.
    (150) Nachdem man sich nun / in Gesellschaft dieses Bauernhöflings / nach
Vergnügen ergetzet / da stund man von der Tafel auf. Das Freulein nahm von ihm
und seiner Frauen Abschied / mit Versicherung ihnen einige Gnade bei ihrem Herrn
Vater auszuwürken. Ja sie fügte hinzu: Sie wollte bald wiederkommen / und noch
einen Gast mitbringen. Unterdessen sollte man Sorge tragen nur einiges Obst / das
guht und ungemein sei / gegen die Zeit im Vorrahte zu haben. Die übrigen esbahre
Wahren / mit dem Getränke / wollte Sie selbst mitbringen. Und hiermit begab man
sich wieder auf den Weg / die übrige Reise zu volenden.
 
                                Das neunde Buch.
                              Die (1) Einteilung.
Nunmehr war man bei Hofe der Ankunft des Fürstlichen Freuleins gewärtig. Nunmehr
vermuhtete man Ihrer schon in der nähe. Es war eben ein schöner Tag. Die Sonne
machte die ganze Luft heiter. Die Wolken stunden / als ein klahrer
Kristalspiegel / dadurch eine mit Liechtweis untermängte schier bleichblaue
Farbe schien. Das angenehme liebliche Wetter lokte die Menschen aus den Heusern
/ die Stadt auf das Land. Die trukkenen Felder rejetzten die Füsse sie zu
bewandeln. Die grühnenden Gründe / die lustigen Berge /die anmuhtige Flächen
machten das Auge lüstern sie zu beschauen.
    (2) Bei so anmuhtiger Witterung des Himmels /bekahm der Fünffürst selbst
Lust eine Lustfahrt zu tuhn: zuvoraus weil seine Fürstliche Tochter eben itzund
im Ankommen begriffen. Dieser zugleich entgegen zu ziehen / und also seine Lust
zu verweifältigen war sein Vorsatz. Zu dem Ende befahl er auch seinen
herrlichsten Prachtwagen anzuspannen. Er gehoht allen seinen Hofbedienten sich
auf das zierlichste zu schmükken. Die Fürstin selbst erschien in ihrer
köstlichsten Pracht. Ihre Stahtsjungfrauen kahmen / mit der Hofmeisterin
zugleich / Ihr nachgeträhten / in der allerschönsten Zierde; welche die
damahlige Welt ein Weibsbild zu verschönern iemahls erfunden.
    (3) In solcher herrlichen Pracht gewan die Lustfahrt ihren Fortgang. Man
begab sich aus dem Schloss durch die Stadt hin; da alle Gassen vol Mansbilder
/und alle Fenster vol Weibsbilder stunden. Jene machten in den Gassen neue
Gassen. Diese setzten den Fenstern neue Fenster ein; indem sie dieselben mit
ihren helflinkernden Augen / den zweifachen Fenstern zum Hertzen / erfülleten.
Sobald man vor das Stadttohr gelanget / wehlete man dieselbe Strasse / da man des
Freuleins Ankunft vermuhtete.
    (4) Alhier kahm man / durch zwo lange Reihen Palmbeume / die längst den
Weinbergen hin stunden /in ein schönes Feld. Dieses stund vol Getreides / das
schon geschosset: welches der ganzen Gegend ein lustiges Aussehen gab. Zu Ende
des Feldes befand sich eine grosse Wiese / die etwas niedrig lag. Aur hiesiger
Wiese war es / da der Fünffürst den Vortrab seiner Freulein Tochter von fernen
erblikte. Sie selber folgete straks nach / mit der übrigen ganzen Reiterei.
Hierauf fing man zu beiden Teilen an tapfer fortzujagen. Und also kahmen beide
Fürstliche Stahtswagen schier in einem Augenblicke zusammen.
    (5) Der Fünffürst war der erste / der von seinem Stahtswagen sprang. Er
eilete straks nach seiner Fürstlichen Tochter zu: welche sich auch schon /durch
Hülfe des Oberjägermeisters / auf die Erde begeben. Die Freude zu beiden Teilen
war schier unaussprächlich gross. Der Fünffürst empfing und ümfing Sie mit beiden
Armen. Er drükte Sie / ja gleichsam ihr Hertz an sein Hertz. »Nun hab' ich Sie«
sprach er /nach etlichen Grusreden / schertzweise. »Nun hab' ich die liebe
Göttin Onke! Und nun kanstdu auch« /rief er dem Oberjägermeister zu / bei dem er
seine Liebste stehen sah / »in der Wahrheit sagen: Sie ist mein! Sie ist mein!«
Hierauf neugte sich der Oberjägermeister / samt seiner Liebsten / schier zur
Erde nieder.
    (6) Endlich kahm des Fünffürsten Gemahlin / mit ihrem ganzen Frauenzimmer /
auch darzu. Dieser eilete die Fürstliche Tochter / mit tiefster Ehrerbietigkeit
/ entgegen. Da ging es an ein Neugen und Beugen. Ja die Stahtsjungfrauen
neugeten sich / bei der ersten Begegnung dieser Fürstinnen / so tief / dass sie
mit den Kniehen die Erde schier berühreten. Auch schien es / als wollten sie auf
dem Boden gar liegen bleiben. So langsam richteten sie sich wieder in die Höhe!
Nach unterschiedlichen Freudenbezeugungen /und Grusreden / die unter beiden
Fürstinnen vorfielen / empfing die Hofmeisterin ihre Tochter ebenmässig mit
sonderlichen Freuden / ja gar mit heuffigen Freudenträhnen: welche der Tochter
gleichesfals in die Augen stiegen. Dieses freudige Wilkommenheissen verrichteten
hiernach auch alle Stahtsjungfrauen: welche miteinander / in Euserung der
Freuden / und Ehrerbietigkeit gegen das Fürstliche Freulein / gar zu
wettestreiten schienen.
    (7) Inzwischen empfing auch der Fünffürst den Oberjägermeister / und seine
Liebste / mit sonderlichen Gnadenbezeigungen. Beide sprach er überaus gühtig an.
Alle seine Reden waren mit Schertze vermischet. Gegen beide war er so freundlich
/ so redesälig / als weren sie seines gleichen gewesen. Ja er erwiese sich so
gar leutsälig / dass er endlich des Oberjägermeisters Liebste selbst bei der Hand
nahm / und sie zur Fürstin führete. »Hier haben wir auch« /sprach er seine
Gemahlin an / »unserer Tochter Hofmeisterin; die ich darzu erwehlet / eh ich sie
gesehen. Aber meine Wahl gereuet mich eben so wenig / als wenig es unsern
Oberjägermeister gereuet / dass er sie zu seiner Liebsten erwehlet. Morgen will
ich / dass ihr Verlöbnis / in unserer Gegenwart / bei unserer Tochter
Freudenmahle / geschehe. Und bald darnach wollen wir auch allesamt ihre
Hochzeitgäste sein.«
    (8) Der Oberjägermeister stund mit darbei / als der Fünfefürst dieses sagte.
Er bedankte sich untertähnig für die hohe Gnade / die man ihnen zu erweisen
gesonnen. Eben dasselbe täht auch seine Liebste / nachdem die Fürstin sie
wilkommen geheissen. Endlich nahm der Fünffürst / welcher Lust bekahm einen
Lustwandel zu Fusse bis an das Kornfeld / auf dieser Wiese / zu tuhn / seine
Gemahlin bei der Hand / und ging also mit ihr von dannen. Auch folgeten ihm
alle die andern zu paaren. Nur das Fürstliche Freulein allein fügte sich ihrer
Fürstlichen Frau Mutter zur Seite. Beide Hofmeisterinnen hatten die Ehre / dass
sie den Fürstinnen nachtrahten. Der Oberjägermeister aber begab sich inzwischen
wieder auf des Freuleins Stahtswagen. Dieser folgete / mit seinem ganzen
Schwalke / langsam nach. Eben dasselbe täht auch der Stahtswagen des Fünffürsten
/ nachdem man ihn ümgelenket / mit allen andern / die ihm nachfuhren.
    (9) Sobald man vor das Kornfeld gelanget / begab sich der Fünffürst / mit
seiner Gemahlin / und Freulein Tochter auf seinen Stahtswagen. Beide
Hofmeisterinnen blieben bei dem Oberjägermeister / auf des Freuleins
Stahtswagen. Die Hofjungfrauen aber nahmen ihre vorige Stellen ein. Und also
machte man sich algemach nach der Stadt zu. Alda war alles wieder rege. Das Volk
kahm von allen Enden her in die Schlosgasse gelauffen / diesen prächtigen Einzug
zu sehen. Kein Dienstbohte blieb zu Hause / kein Knecht bei seiner Arbeit /
keine Magd bei ihrem Wokken. Selbst die Kinder liessen sich nicht zwingen aus
dem Drange zu bleiben. So begierig war iederman an diesem Gepränge die Augen zu
weiden!
    (10) Den Vortrab hiesiges Einzugs machten die Hofbedienten. Diese kahmen zum
allerersten zum Tohre hinein. Straks darauf erschien des Fünffürsten
Stahtswagen. Dem folgete der Stahtswagen des Fürstlichen Freuleins. Darnach
kahmen zween andere Wagen des Fürstlichen Frauenzimmers; denen die Fürnehmsten
der Jägerei nachritten. Auf diese sah man zween Rüst- oder Küchen-wagen des
Freuleins; und endlich die ganze Reiterei / welche das Fürstliche Freulein
begleitet. Diese machte den Nachtrab /und beschlos den ganzen Einzug.
    (11) Als des Fünffürsten Stahtswagen / darauf das Fürstliche Freulein mitsass
/ durch das Tohr in die Stadt fuhr; da begunte das Volk alsobald überlaut zu
rufen: »Wilkommen! wilkommen! Glükzu! Glükzu!« Dieses Rufen währete so lange /
bis der Stahtswagen zum Schlostohre hinein war. Auch warfen die Jungfrauen dem
Freulein Kräntze von Bluhmen zu. Die Mansbilder streueten Palmenzweige vor ihrem
Stahtswagen her / auf den Weg. Ja einieder frohlokkete. Einieder bezeugete / mit
den Händen so wohl / als mit dem Munde / seine hertzliche Freude.
    (12) Dieses Lustgepränge / dieses Frohlokken /dieses Zujauchzen verzog sich
bis in den spähten Abend. Es war nunmehr hohe Zeit das Abendessen zu halten. Man
ging zur Tafel. Man ass. Man trunk. Man war fröhlich. Man machte sich lustig. Man
schertzte. Man lachte. Niemand brach das Spiel. Nicht einem misfiel / was allen
gefiel. Der Ernst war ausgebannet. Die Traurigkeit stund verwiesen. Der Kummer
war ins Elend verjagt. Dahin befand sich auch der Schweermuht vertrieben. Kurtz
/ alles war vol Freude / vol Lust / vol Ergetzlichkeit.
    (13) Nachdem man lange genug gesässen / und gekurtzweilet / stund der
Fünffürst jählingen auf. Er hatte bisher / für übermässigen Freuden / nicht
beobachtet / dass seine Fürstliche Tochter vom Reisen ermüdet / und unlustig sei.
Er hatte noch nicht gemärket / dass sie mehr Lust hette zu schlafen / als wakker
und lustig zu sein. Aber itzund ward er gewahr / dass Ihr die Augen zufielen; dass
sie mit dem Heupte zu nikken anfinge. Darüm war sein Wille Schicht zu machen.
Alle Freude sollte man nicht auf einmal ausschütten. Man sollte für den morgenden
Tag / da man das Freudenmahl zu halten willens / auch etwas spaaren. Ja er wollte
/ man sollte sich zu Bette begeben. Man sollte der Nacht ihr Recht / und den
Leibesgliedern ihre Ruhe gönnen.
    (14) Einem weisen Fürsten stehet in alwege zu /das Wohlleben zu mässigen.
Sonst wird aus dem Wohlleben ein Ubelleben. Masse halten dient Jungen und Alten.
Weit in die Nacht hinein bei dem Trunke zu sitzen / schwächet die Sinnen /
verwürret den Verstand / machet den Leib krunken / ja den ganzen Menschen
untüchtig zu allen Dingen. Lust zur Unzeit bringt Unlust. Zuvieles Ergetzen
pflegt in Trauren zu setzen. Ubertaht hat Unraht zum stähtigen Gefährten.
    (15) So begab sich dann iederman zu Bette. Einieder ging schlafen. Alle
legten sich auf ihr rechtes Ohr. Also lagen sie sanfter. Also schlieffen sie
geruhiger. Also warden sie durch keine schweermühtige Treume verunruhiget. Ja
sie schlieffen also bis an den liechten Morgen. Sie erwachten nicht eher / als
da die Sonne den Schatten der Nacht überal / auch in den tiefsten Tählern /
zertrieben. Das Freulein selbst ward eher nicht wakker / als da es / durch das
Knarren der Kammertühre / wakker zu werden begunte.
    (16) Die Oberhofmeisterin kahm eben in das Zimmer geträhten / als des
Freuleins Augen sich öfneten. Die Mutter ging eben nach ihrem Bette zu / als Sie
das Gesicht nach der Tühre zu kehrete. Sie war noch schlafirre. Sie war noch
halbblind. Darüm erkannte Sie so straks nicht / wer sich zu Ihr nahete. Darüm
rief Sie auch ihrer Hofmeisterin / die im Nebenzimmer lag. Doch diese schlief
noch so fest / dass sie nichts hörete.
    (17) Aber sobald Sie ihrer Mutter Stimme vernahm / da richtete sie sich
straks auf. Sobald sie sich Tochter nennen hörete / da sprang Sie / für Freuden
/ in die Höhe. »Ach! meine Mutter! meine Mutter!« rief Sie überlaut / und
ümhälsete sie. »Seid ihr es? Seid ihr es / die mich wakker macht? Ach! wie hab'
ich nach euch verlanget! Ach! wie hab' ich nach euch gekärmet! Ich gedachte vor
vierzehen Tagen im geringsten nicht / dass ich euch wiedersehen würde. Dazumahl
war ich schon so weit von euch entfernet /dass ich wieder zu euch zu gelangen
keine Hoffnung hatte. Dazumahl war ich schon so tief in die Klauen der Reuber
gerahten / dass ich / ihnen zu entkommen /keine Gelegenheit sah.«
    (18) Hierauf erzehlete sie alles / was sich bei ihrer Entführung begeben.
Und als die Mutter unter andern vernahm / dass der Fürnehmste der Reuber Pammenes
geheissen; da fiel ihr straks ein / dass er derselbe Timnatter gewesen / der
ehmahls zu Timnat so viel Bosheiten verübet / dass er deswegen in Egipten flühen
müssen. Auch wollte sie eben anfangen seinen wunderlichen Lebenslauf zu
beschreiben / als der Fünffürst / mit seiner Gemahlin / in das Zimmer geträhten
kahm.
    (19) Zu guhtem Glükke hatte sich das Freulein eben aus dem Bette begeben.
Und ihre Hofmeisterin war auch schon bei der Hand / Sie ankleiden zu helfen. Der
Fünffürst / und seine Gemahlin grüsseten sie allerseits sehr freundlich. Jener
fragte von stunden an: wie sie geschlafen? ob sie auch sanfte gelegen? und was
sie getreumet? Auch war er begierig zu wissen /wo / und wie seine Freulein
Tochter dem Leuen / der Ihr des Nachtes sowohl / als des Tages so gar getreulich
aufwartete / bekommen?
    (20) Nachdem sie nun alles berichtet / wie dieser Leue sich / in ihrer
Einsamkeit / als ein Verwundeter /zu ihr gefunden / und Sie üm Hülfe gleichsam
angeflöhet / Sie auch seine Wundärtztin gewesen / ja wie er / nach glücklicher
Genäsung / Sie niemahls verlassen / und Ihr / aus sonderlicher Dankbarkeit für
ihre Hülfe / gleichals ein Gefährte / gleich als ein Hühter /gleichals ein
Wächter / gleichals ein Beschirmer / ja gleichals ein Küchen- oder
Speise-meister getreulich aufgewartet; da ward der Fünffürst über alle masse
verwundert. Ja er konnte sich nicht genug verwundern /dass ein solches wildes und
grimmiges Tier seine Angebohrenheit so gar verändert; dass es so gar zahm /so gar
sanftmühtig / und so gar aufwärtig geworden.
    (21) Man müste dieses / sagte er / für eine sonderliche Schikkung des
Himmels halten: welcher seiner Freulein Tochter / da sie von allen Menschen
verlassen gewesen / dieses Tier / Ihr in ihrem Elende mit Hülfe beizuspringen /
zusenden wollen. Ja der Himmel hette für Sie eine so ungemeine ganz wunderliche
Sorge getragen / dass man / ohne Verletzung der Wahrheit /wohl sagen könnte: der
Welt were / so lange sie gestanden / dergleichen Wunderbegäbnis nie zu Gesichte
gekommen. Nie sei es erhöhret / dass ein Leue so getreu und dienstfärtig gegen
einigen Menschen / als dieser getahn / sich erwiesen.
    (22) Es war auch gewislich dazumahl dergleichen Beispiel in der Welt noch
ganz neu / noch ganz fremde. Man hatte dazumahl noch niemahls ein so wildes
und grausames Tier gezähmet gesehen. Viel weniger hatte man erfahren / dass ein
Leue / wider sein angebohrnes wildes Wesen / einigem Menschen mit so gar
getreuen Diensten begegnet. Erst nach der Zeit hat Hanno / ein Fönizier /
dergleichen Tier zum allerersten gezähmet. Zum allerersten hat nachmahls Markus
Antohn die Leuen vor seinen Siegeswagen gespannet. Was vom Mentor / einem
Sirakuser / der einen Splitter aus eines Leuen Pfohte gezogen / ja was vom Elpis
/ einem Samier / welcher einen Knochen dergleichen Tiere zwischen den Zähnen
heraus nahm / die Geschichte melden / hat sich ebenmässig erst nach der Zeit
begeben.
    (23) Weil der Fünffürst noch einige Stahtsgeschäfte / die keinen Verzug
litten / zu verrichten hatte / so schied er / nach einigen andern Gesprächen /
wieder von ihnen. Auch folgete seine Gemahlin / die gegen das instehende
Freudenmahl ihren besten Schmuk anzulegen gesonnen / ihm straks nach. Als sich
nun das Freulein / mit ihrer Mutter / und ihrer Hofmeisterin / allein sah; da
begehrte Sie von jener des Reubers Pammenes Lebensverhaltnis zu wissen. Die
Mutter hette zwar itzund / ihrer Amtspflicht zur folge / der Fürstin / neben den
Stahtsjungfrauen / aufwarten sollen. Weil aber die Fürstin selbst / im
Hinausgehen / ihr befohlen / noch ein wenig bei ihrer Tochter zu verharren; so
gehorchte sie diesem Befehle. Auch wilfahrte sie dem Begehren des Freuleins;
indem sie kurtzbündig zu erzählen anfing / und zwar folgender Gestalt /
                            Die Lebensgeschicht des
                               Reubers Pammenes.
    (34) »Der Apfel fält nicht weit vom Stamme. Der Rabe verlesset die Raubahrt
seines Geschlächtes nicht. Die Katze wird mit Mausen empfangen / im Mausen
gejunget / und durch die Mauserei gross gemacht. Was für ein Wunder ist es dann /
dass ihr die Mauserei als erblich anhänget. Des Pammenes Vater war ein Reuber.
Seine Mutter stahl gern. Seine Pflegemutter / oder vielmehr Seugamme hatte das
Kind / da es kaum geboren / seiner Gebährerin entwendet. Was für ein Wunder war
es dann / dass derselbe / dem die Reuberei von seinen Eltern angebohren /und der
Diebstal von seiner Amme vollend eingeseuget worden / so ein berufener Dieb / so
ein grosser Reuber ward.
    (35) Seine Pflegemutter märkte die Raubahrt an ihm schon in seinen ersten
Kindesjahren. Darüm trachtete sie ihn / durch Ubung in den freien Künsten
/darvon abzuziehen. Erst lies sie ihn zu Timnat in die Stadtschuhle gehen.
Darnach schikte sie ihn nach Debir / auf die Hohe Schuhle. Alda / weil er sehr
witzig und verschlagen war / nahm er in kurtzer Zeit überaus zu. Er übertraf in
der Gottesgelehrteit / darinnen er sich / als in seinem vorgegebenen
Hauptzwekke / sonderlich üben musste / schier alle seine gleichjährige
Mitlehrlinge.
    (36) Gleichwohl hing ihm die Raubahrt noch immer an. Er konnte keines Weges
darvon ablassen. Er entführte seinem Mitgesellen so manches Buch: auch wohl
seinen Lehrern selbst. Doch diese Dieberei wusste er so listig zu vertuschen /
dass er in keinen Verdacht kahm. Endlich bestahl er gar die öftendliche Bücherei.
Dieses sah der Bücherverwahrer selbst /der hinter den Büchern von ferne stund.
Die sämtlichen Glieder der Hohen Schuhle / sobald es ihnen angesagt ward /
nahmen es so übel auf / dass er darüber in Verhaftung geriet. Aber seines
unermüdeten Fleisses / und seiner ungemeinen Geschikligkeit wegen /kahm er bald
wieder los! Doch ward er von der Hohen Schuhle verstossen.
    (37) Seine Pflegemutter hatte vor / ihn in Egipten zu schikken: damit er
sich auch in der Egiptischen Priester Weisheit üben möchte. Alda hatte sich
seine Mütterliche Bluhtsfreundin / die berühmte Jungfrau Sidon / vor diesem
gleichmässig aufgehalten. Diese sang eine sehr liebliche klahre Stimme. Ja sie
war dieselbe / welche / wo sie nicht die Weltberühmte Handelsstadt Sidon / wie
etliche meinen / gestiftet /doch die Erfinderin war einer sonderlichen Ahrt
Gesänge / die man nach ihrem Nahmen noch itzund Sidda oder Siddot zu nennen
pfleget.
    (38) Aber er hatte keine Ohren darzu. Der zu Debir empfangene Schimpf stak
ihm noch im Kropfe. Die Schande / die man ihm alda angetahn /wollte die
Kunstgeflissenheit ihm schier verleiden. Er legte sich / an statt seines vorigen
Fleisses zu gebrauchen / auf die faule Haut. Er ward ein Bährenheuter /ein
Faulenzer / ein Lediggänger / ja endlich gar ein Strassenreuber. Er klopfte
tapfer auf den Busch. Selbst zu Hause / selbst in der Stadt Timnat blieb ihm an
den Händen kleben / was so einem andern zukahm. Endlich stahl er auf den Gassen
die Kinder weg / und verkauffte sie in der Fremde. Ja er entführete mit Gewalt
eine Jungfrau. Hierüber ward er ertapt. Aber mit einer sonderlichen Arglist kahm
er darvon / und flohe nach Egipten zu.
    (39) Alda begab er sich zu den Memfischen Priestern. Alda hielt er sich so
from: er stellete sich so andächtig / so heilig an / dass es schien / er hette
niemahls einiges Wasser betrübet. Er verfügte sich des Tages wohl zwei oder
dreimal in das Heiligtuhm. Alda schien er / aus sonderlicher Gottesfurcht /
selbst die Füsse der sämtlichen Götter abzubeissen. Endlich ward er lüstern sich
auf die Ahrtforschung zu legen. Er wollte die Kraft Eigenschaft des Ertzes / des
Edelgesteines / und aller Berggewächse durchgründen. Er wollte das Geheimnis der
Verwandelung des einen Ertzes in das andere / durch die Scheidekunst /
ausforschen. Und hierzu ward er veranlasst durch die Ebräerin Marie.
    (40) Diese weise Frau war es / die so schöne Bücher vom Golde / vom Silber /
und von den Edlen Steinen soll geschrieben haben / dass sie dadurch einen grossen
Nahmen weit und breit verdienet. Zu dieser gesellete sich der flüchtige Pammenes
. Mit dieser ging er täglich üm / nur darüm / damit er ihr einige Kunststüklein
ablernete. Nach der Zeit ist mir von ihm nichts mehr zu Ohren kommen: als allein
dieses /das ich heute von Dir vernommen: dass er nähmlich wieder ein Reuber / und
endlich eine Zielscheibe des über seine Bosheit ergrimten Himmels geworden. So
hat er dann seinen verdienten Lohn empfangen! So ist sein Leib / und seine
gotlose Seele / mit Schrökken hinunter in den Abgrund gefahren!«
    (41) Nach dieser Erzehlung legte das Fürstliche Freulein seinen zum
Freudenmahle bestimmten köstlichen Schmuk vollend an. Die Mutter aber begab sich
unterdessen in der Fürstin Zimmer; da sie das ganze Fürstliche Frauenzimmer /
auf das prächtigste geschmükket / schon versamlet fand. Ein wenig darnach
erschien auch das Freulein selbst / dem die Hofmeisterin folgete. Weil nun das
Freudenmahl noch sobald nicht angehen sollte / so sah die Fürstin für guht an
einen Lustwandel in den Schlosgarten zu tuhn. Zu dem Ende nahm sie dann das
Freulein bei der Hand. Und also ging sie / in Begleitung beider Hofmeisterinnen
/ und aller Stahtsjungfrauen / darnach zu. Die Kammermägdlein und Zofen
bewahreten indessen ihr Zimmer.
    (42) Dieser Lustgarten lag längst der Morgenseite des Schlosses hin / in
einem recht vierekkichten weitem Umfange. Auf seinen drei freien Seiten /
nähmlich auf der Mitternachts Morgen- und Mittags-seite / war er mit lauter
Palmenbeumen / die in zwo nach der Schnur eingerichteten Reihen stunden / und
rund herüm einen anmuhtigen schattichten Lustgang macheten / ümschlossen. Mitten
durchhin / von Mitternacht nach dem Mittage zu / kahm ein klahres Bächlein
gerieselt: welches zu beiden Seiten eine niedrige Mauer hatte / darauf man
zugleich sitzen konnte / und recht in der Mitte des Gartens einen runten Teich
stähts mit frischem Wasser erfüllette. Dieses Bächlein sowohl / als der Teich /
dienete nicht allein die Bluhmen und Gartenfrüchte zu begiessen / sondern auch
zu Vermehrung der Lust.
    (43) Auf der einen Seite des Bächleins nach dem Schloss zu / gegen Abend /
befand sich der Bluhmengarten / mit vielerhand fremden und einheimischen
Bluhmengewächsen bepflantzet. Dieser war in acht gleichgrosse Felder / die rund
ümher teils mit Rosenstreuchern / teils mit mancherlei niedrigen Beumlein
ümpflanzet stunden / eingeteilet / also dass üm iedes Feld her ein zimlich
breiter Gang ging. Alle Felder waren wieder in unterschiedliche zierlich
gebildete Betten unterschieden. Alhier blüheten eben dazumahl / wo nicht fast
alle / doch die meisten Bluhmen: welches überaus lustig und lieblich war
anzusehen.
    (44) Auf der andern Seite des Bächleins / die gegen Morgen lag / war der
Kohl- Kreuter- und Küchen-garten eben wie der erste / mit sonderlichen Feldern /
und Betten unterschieden Dieser grühnete durch und durch / eben wie der vorige
durch und durch bunt war. In diesem ward das Auge / das in jenem sich schier
blind gesehen / wieder gestärket; indem die Augenstrahlen an der Grühnen Farbe
sich gleichsam wieder schärften. Von einem Garten zum andern ging man über
unterschiedliche steinerne Brüklein / die über das Bächlein geleget stunden.
    (45) Bei einem dieser Brüklein / neben dem Teiche / ward die Fürstin des
Fünffürsten gewahr. Alda sass er mit dem Oberjägermeister / unter dem Schatten
eines Feigenbaumes / auf einem begraseten Bänklein. Beide hatten sich in ihrem
Gespräche so sehr vertieffet / dass sie das ankommende Frauenzimmer nicht eher
erblikten / als da sie den behände schlurfenden Trit /und das Rauschen der
Kleider höreten. Erstlich achteten sie dieses Getöses und Gereusches nicht. Aber
als sie vernahmen / dass es immer näher und näher kähme / dass es immer lauter und
lauter würde; da sahen sie sich üm / und sahen also den ganzen Hauffen zunächst
hinter ihnen stehen.
    (46) Der Fünffürst sprang so plötzlich auf / dass er dem Oberjägermeister
schier zuvorkahm. Beide hatten sich eines so unversehenen Uberfalles nicht
vermuhtet. Doch war es ihnen lieb / dass ihre Gesellschaft so märklich sich
mehrete. Diesen Tag hatte man ja zur Lust und Freude bestimmet. Darüm war es
ihnen nicht zuwider / dass man sie in ihren wüchtigen Gesprächen / die auf eine
andere Zeit könten verspaaret werden/ so unverhuhts gestöhret. So verfügte sich
dann der Fünffürst / einen Lustwandel zu tuhn / zu seiner Gemahlin / und Freulein
Tochter. Und der Oberjägermeister wehlete die Seite seiner Liebsten / die neben
der Oberhofmeisterin herging.
    (47) In dieser so anmuhtigen Gesellschaft begaben sie sich in den
Bluhmengarten: da die weissen Bluhmen für allen diesen ausbündigen Schönheiten
sich gleichsam zu erröhten / und die Rohten schier zu erblassen schienen. Der
Fünffürst war der erste / der seine Hand an diese so lieblichblühende
Gartengewächse schlug. Er brach etliche weisse mit eben so vielen rohten Rosen
ab. Von diesen gab er seiner Gemahlin / seiner Freulein Tochter / und ihrer
Hofmeisterin / wie auch der Oberhofmeisterin / einer ieden ein Paar. Das letzte
Paar behielt er für sich selbst. Bei überreichung des einen Paares an die
Hofmeisterin /fing er seiner Gewohnheit nach / zu schertzen an. »Ich märke / dass
ihr Liebster / aus Blödigkeit / ihr keine Rosen abpflükken darf. Darüm wird er
nicht schähl sehen / wan ich es tuhe. Doch er spaaret vielleicht seine Hand eine
lieblichere Rose bei Ihr selbst abzubrechen.«
    (48) Zwischen dessen waren alle Stahtsjungfrauen /auf ihres Fürsten Wink /
auch Rosen abzubrächen geschäftig. Weil nun die Fürstin gewahr ward / dass der
Oberjägermeister noch keine hette / so befahl sie ihrer Kammerjungfrau ihm ein
Paar einzuhändigen. Diesem Befehle ward straks gehorchet. Die Kammerjungfrau
verfügte sich Angesichts zu ihm zu. Sie überreichte das paar Rosen. Und darbei
sagte sie: weil ihre Hand so glücklich sei die Ehre zu haben / auf der Fürstin
Befehl einem Breutigam ein Blühmlein zu verehren; so verhofte sie seine Braut
damit nicht zu erzürnen.
    (49) »Wie seind dann heute« / fing der Fünffürst an / »die Breute so gar
blöde / dass weder Breutigam /noch Braut die Kühnheitnehmen dürfen einander ein
Rösichen abzupflükken? Doch weil sich dessen der Breutigam zuerst geschähmet,
wer wollte die Braut /welcher die Schaam / als eigen / zukömt / verdenken /dass
sie sich nicht weniger schaamhaftig erweisen wollen? Nun ist die
Schählsichtigkeit bei beiden aufgehoben: weil beiden begegnet / was sie
schählzusehen veruhrsachen können / im fal nur einem allein solche Begegnis
zugestanden.«
    (50) Hierauf begaben sie sich / der Sonnenhitze /die was heftig zu stechen
begunte / zu entgehen /unter den Schatten der Palmenbeume. Alda setzten sie sich
/ auf unterschiedlichen Bänken / nieder. Der Fünffurst fing wieder an zu
schertzen. Er fragte die künftige Braut: wie ihr der Brautnahme / den man ihr
schon gegeben / gefiele; und ob sie nicht Verlangen trüge / ihn in der taht zu
haben? Weil sie nun / aus Schaam / auf diese zwo so kitzlende Fragen nicht
antworten durfte; so fuhr er fort / sie zu trösten. »Seid nur guhtes Muhtes« /
sprach er / »die Stunde / darinnen euch dieser Nahme wird zugeeignet werden /
ist bald vorhanden. Itzund wird die Vorbereitung zu unsrem Freuden- und eurem
Verlöbnis-mahle schon gemacht. Itzund werden wir an den Ort gehen / da euer
Jawort mit demselben eures Liebsten sich vereinbahren soll. Hieraus wird der
Brautnahme geboren werden.«
    (51) Nach einigen andern Gesprächen und Schertzreden mehr / stund der
Fünffurst auf / sich / mit der ganzen Gesellschaft / wieder auf das Schlos zu
begeben. Alda war alles geschäftig. Alles war rege. Man lief ab und zu / hin und
her / ein und aus. Man klapperte mit den Schlüsseln. Man trug sich mit den
Tellern. Man spühlete die Krüge. Man schwänkte die Kannen aus. Man scheuerte die
Bächer. Einieder wartete seines Amtes. Einieder täht / was ihm zukahm. Einieder
verrichtete / was ihm befohlen.
    (52) Selbst der Mahrschalk war schon bei der Hand. Er machte schon Anstalt
zum Freudenmahle. Er befand sich schon bald auf dem Tafelsaale / bald in der
Küche. Alhier und knarreten und kirreten die Brahtspisse. Alhier zischeten und
plupperten die Töpfe. Alhier knasterten die Tiegel. Alhier roch es nach
gebrahtenen / nach gebakkenen / nach gesottenen / nach gewürtzten Speisen. Ja
die ganze Küche war vol des angenehmsten Geruchs von vielerhand Früchten / von
vielerhand Gewürtzen.
    (53) Der Küchen- und Speise-meister übersähe seine Küchenrolle. Er machte
schon Anstalt / wie man die Speisen auftragen sollte. Der Kellerlau lies auch
schon die Krüge / die Kannen / die Schleiffen und andere Tafelgefässe vol Weines
zapfen. Er lies die besten Weine für die Fürstliche Tafel besonders / die
schlechteren für die Beitafeln auch besonders in Ordnung setzen. Alles ward
färtig gemacht zum auftragen. Hierzu stunden die Tafeldiener schon da.
    (54) Inzwischen begunten sich im Tafelsaale / da die Tafeln gedekt stunden /
die Eingeladene schon zu versamlen. Alle Gäste hatten sich alhier schon
eingefunden / als der Fünffürst / mit allen./ die ihm folgeten / hineintraht.
Straks darauf kahm die erste Tracht der Speisen an; welche die Edelknaben
trugen. Der Mahrschalk ging vor ihnen her / und zeigete / mit seinem
Mahrschalksstabe / die Stellen an / wo iede Speise stehen sollte. Nachdem nun
alles / in richtiger Ordnung / aufgesetzt stund / gab der Mahrschalk ein Zeichen
/ dass man sich niederlassen sollte.
    (55) Der Fünffurst / mit seiner Gemahlin / und Fürstlichen Tochter waren die
ersten / die sich niederliessen. Darnach warden auch allen den andern /durch den
Mahrschalk / ihre Stellen angewiesen. Weil das Verlöbnis des Oberjägermeisters
bei diesem Freudenmahle geschehen sollte / so ward ihm / und seiner Liebsten /
der Hofmeisterin des Freuleins / die Ehre gegeben / dass sie beide beieinander
straks neben der Fürstin zu sitzen kahmen. Die Oberhofmeisterin aber hatte / mit
dem Fürstlichen Frauenzimmer / ihre besondere Tafel.
    (56) Sobald sich alle Gäste gesetzet / warden die Speisen / eine nach der
andern / vorgedienet. Dieses geschahe in eben der Ordnung / wie man sie
aufgesetzt. Der Fünffürst selbst rief ohn unterlass: man sollte essen! man sollte
trinken! man sollte sich lustig und fröhlich erzeigen! Dieses sei das Freudenfest
/ das er seiner wiedergefundenen Tochter zu liebe feierte. Dieser Tag sei der
Freudentag / den er alle Jahr ihr zu Ehren feierlich zu begehen beschlossen.
Darüm sollte man an diesem Feiertage keiner Freude spaaren. Man sollte / bei
diesem Wohlleben / in aller Lust und Freude zu leben nicht vergessen. Und
hiermit würde man seinen Willen erfüllen / sein Begehren vergnügen /und seinen
einigen Wunsch volbringen.
    (57) Man war auch in Wahrheit überaus fröhlich. Der Fünffürst selbst
erzeigete sich als ausgelassen in Freuden. Er gab allen / durch sich selbst / ein
freudiges Beispiel. Er ginq; allen mit Freuden vor. Und also ward alle
Traurigkeit verbannet / und der Fröhligkeit Stat und Raum gegeben. Also musste
der Ernst weichen / und der Schertz zog überal ein. Also zeumete man die Unlust
/ und lies der Lust den vollen Zügel Also vertrieb man den Kummer / die Sorgen /
ja alles dieses Unwesen / und führete die Freude / die Wonne / die
Ergetzlichkeit / ja alles liebliche Wesen überal ein.
    (58) Unter währendem Freudenmahle stund der Leue fort und fort hinter dem
Freulein. Diese Stelle durfte niemand anders beträhten. Er allein wollte seiner
Gebieterin aufwarten. Es dorfte kein Diener ihm zu nahe kommen. Täht es ie einer
/ so gab er ihm straks einen so leunischen Blik / dass er angesichts weichen
musste. Doch denen / die Ihr etwan einen Bächer vol Weines / oder sonst etwas zu
überreichen hatten / täht er nichts. Er sah sie freundlich an / ja wich ihnen
solange selbst aus dem Wege / bis sie ihr Amt verrichtet. Darnach traht er
wieder an seinen vorigen Ort. Wan auch das Freulein nach einem Aufwärter / ihn
zu rufen / sich ümkehrete; so täht er eben dasselbe. Er kehrete sich gleicher
gestalt üm / und sah den Aufwärter an / als wollte er ihn seiner Pflicht
erinnern.
    (59) Solange das Freulein ass / entielt er sich des Essens so gar / dass er
auch von niemand einige Speisen / die man ihm zureichte / ja von dem Freulein
selbst nicht / annehmen wollte. Sobald er aber märkte /dass sich seine Gebieterin
gesättiget; da nahm er alles an / was man ihm vorhielt: doch von niemand anders
/als vom Freulein / und von beiden Fürstlichen Eltern. So bescheiden und
vernünftig wusste sich dieses sonst unvernünftig genente Tier anzustellen.
    (60) Der Fünffurst / welcher / mitten im Wohlleben / auf alles Tuhn und
Lassen des Leuen Achtung gegeben / war hierüber zum höchsten verwundert. Auch
ward er dadurch veranlasst / eine dreifache Frage deswegen aufzugeben. Er fragte
die Anwesenden: was sie von einem solchen wilden Tiere / das sich so vernünftig
verhielte / wohl urteileten? ob es auch / nach dem gemeinen Wahne / mit Recht
unvernünftig zu nennen sei? und ob es vernünftig genennet zu werden nicht eben
sowohl verdienete / als der sonst ins gemein und unter allen Tieren allein also
genente vernünftige Mensch?
    (61) Allen und ieden lag ob diese dreifache Frage zu beantworten. Sie mussten
alle nach der Reihe herum ihr Urteil aussprächen. Dieses nun fiel / nach den
unterschiedlichen Meinungen / auch unterschiedlich. Etliche urteileten:der
Mensch sei allein vernünftig zu nennen. Keinem andern Tiere kähme dieser Nähme
zu. Wiewohl etliche derselben auch vernünftig schienen; so sei es doch nur ein
blosser Schein. In der Taht und Wahrheit selbst weren sie doch unvernünftig. Die
rechte würkliche Vernunft besässe nur allein der Mensch / als ein Herr und König
der Tiere; wiewohl er sonst auch ein Tier genennet würde. Alle die andern Tiere
/ die teils auf dem Erdboden gingen oder kröchen / teils in der Luft schwebeten
oder flögen /teils auch im Wasser zu schwimmen pflegten / doch eines mehr / als
das andere / weren darvon ausgeschlossen.
    (62) Andere dargegen widerstritten diese Meinung. Sie hielten darfür: der
Mensch sei nicht allein ein vernünftiges / aber wohl allein ein redendes Tier zu
nennen. Dieser Unterscheid zwischen ihm / und allen den andern Tieren / derer
keines reden könnte / sei genug. Ja er sei wahrhaftiger und rechtmässiger / als
dass man jenen allein vernünftig / und diese / sie von ihm zu unterscheiden /
allein Unvernünftige zu nennen pflegte: weil alle Geschlächte solcher
nicht-redenden Tiere gleichsowohl / als der Mensch / der Vernunft fähig; und
manche Menschen nicht weniger / ja zuweilen wohl mehr / als etliche der so
genenten unvernünftigen Tiere / der Unvernunft ergeben weren.
    (63) Und dieses ihr Urteil zu bewähren / erzehleten sie etliche Beispiele
von den Elefanten /Wasserpferden / Affen / Meerkatzen / Füchsen / Schlangen /
Ameissen /Bienen/Pelikanen oder Leffelgänsen/Meerfrauen /Wal- und Braun-fischen
/ Seehunden / und vielen andern dergleichen Tieren / darinnen sich die Vernunft
oft mehr euserte / als in manchen tummen Menschen / an denen vielmahls nichts
menschliches zu spühren / als nur allein die Sprache. Von gegenwärtigem Leuen /
dessen ganzes Geschlächt / in vielen Stükken / mit keiner Unvernunft zu
bezüchtigen / wollten sie nicht einmal melden.
    (64) Noch andere brachten wider die eine sowohl /als die andere Meinung ein.
Der neuere Unterscheid / sagten sie / vermittelst dessen die Menschen redende
Tiere / die andern Tiere dagegen Nicht-redende oder Sprachlose sollten genennet
werden / sei zwar ungleich besser / eigendlicher / und wahrhaftiger. Doch
gleichwohl müste der alte gewöhnliche Unterscheid / wan man den Menschen / der
Fürtrefligkeit seiner Vernunft wegen / ein vernünftiges Tier / und alle die
andern Tiere / weil sie weniger Vernunft hetten / Unvernünftige nennete / nicht
so gar verworfen werden: indem er sich keines weges so weit erstrekte / noch
erstrekken könnte / dass darüm der Mensch allein vernünftig / und alle die andern
Tiere dargegen allein unvernünftig / und in etlichen Stükken nicht auch
vernünftig zu sein müsten verstanden werden.
    (65) Dass etliche Menschen / fuhren sie fort / so gar tum / und so gar tutzig
/ ja oftmahls auch so gar aberwitzig weren / dass manches Tier / ja manches Vieh
vernünftiger und witziger / als sie / sei; solches entzöge dem alten
gewöhnlichen Unterscheide seinen Währt nicht: weil ein solcher der ohnmächtigen
Zielmutter wider ihren Willen begangener Fehler nur bei wenigen / dagegen bei
den meisten Menschen die Vernunft auf das höchste fürtreflich / eben wie sie bei
den meisten Tieren auf das euserste tutzig und auf das gröbeste grob / gefunden
würde.
    (66) Diejenigen / welche der Ersten Meinung widerleget / und der Menschen
und Tiere Unterscheid in vernünftige und unvernünftige Geschöpfe gar über einen
Hauffen zu stossen sich bemühet / wollten ihre Gedanken hierüber noch weiter
erklären. Aber der Fünffürst fiel ihnen in die Rede. Er befahl ihnen Masse zu
halten. Diese Dinge / sagte er / gehöhrten auf Hohe Schuhlen. Sie völlig zu
erörtern sei dieses Ortes nicht. Bei dem Wohlleben müste die Vernunft nicht zu
hoch steigen. Ein weniges Vernunftgrübeln ginge wohl hin. Man hette den
dreifachen Knohten seiner aufgegebenen Frage nach Genügen entknöhtelt. Nun sei
es Zeit den Gelehrten ihre Lust zu lassen /und eine andere / die sich hieher
besser schikte / zu suchen.
    (67) Hierauf bekahm der Ernst ein Loch. Der Schertz schlüpfte durchhin. Er
traht wieder auf den Schauplatz hervor. Er spielete seine Mummerei. Das
Kurtzweilen ging an. Man schob den Vorhang auf die Seite. Die Lust lies sich
schauen und höhren. Die Ergetzung erschien. Die Freude zog auf. Die
Freudenstimmen halleten. Die Lustlieder schalleten. Die Meistersänger sungen.
Die Seitenspiele klungen. Alles war fröhlich. Alles war lustig. Alles befand
sich in vollen Freuden.
    (68) Inzwischen war gleichwohl der Oberjägermeister so stille / gleichals
ginge diese sonst algemeine Lust ihn nicht an. Seine Liebste sass / als entzükt /
in tieffen Gedanken. Sie verlangte nach der Volziehung ihres Verlöbnisses. Die
Zeit / da ihr der angenehme Braut-nahme sollte gegeben werden / verzog viel zu
lange. Eher / als bis sie ihn hörete / konnte / noch vermochte sie nicht recht
fröhlich zu sein. Der Fünffürst märkte dieses ihr Anliegen. Er gab acht auf alle
ihre Gebährden. Die verrieten ihm ihre Gedanken. Darüm befahl er / sobald die
Mahlzeit geschehen war / man sollte stille sein. Die Kunstsänger und
Seitenspieler sollten zu singen und zu spielen was aufhören; damit das Verlöbnis
dieser Liebsten möchte vollzogen werden.
    (69) Hierauf sprach er ihnen Beiden mit den allerfreundlichsten Worten
selbst zu. Er begehrte selbst /sie sollten einander / in seiner und aller
Anwesenden Gegenwart / die Hände zureichen sich in treuer Liebe zu verbinden.
Sie wollten alle Zeugen sein solches ihres Verbindnisses. Sobald nun der
Handschlag geschehen / und das Verlöbnis mit gewöhnlichen Worten / üblichem
Gebrauche nach / volzogen war, da war er der erste / der den Verlobten Glük
wünschete. Eben dasselbe täht auch straks darauf seine Gemahlin / und Freulein
Tochter. Dieser folgeten endlich auch alle die andern / mit einhälligen Stimmen.
    (70) Nachdem nun alles / was bei Verlöbnissen vorzugehen pflegte / volendet
war / da gab der Fünffürst den Kunstsängern und Seitenspielern einen Wink sich
wieder hören zu lassen. Diese fingen auch alsobald an. Alsobald sungen und
spieleten sie ein Lied / welches bei Verlöbnissen gemeiniglich pflegte gesungen
zu werden. Hierinnen warden die Glükswünsche wiederhohlet. Und also sang und
spielete man gleichsam das Glük / das die Zuseher und Zeugen des Verlöbnisses
gewünschet / den Verliebten und Verlobten zugleich zu.
    (71) Dieses Lied oder vielmehr Liedlein hatte die berühmte Fönizische
Dichterin und Kunstsängerin Zidon auf das Verlöbnis einer von ihren
Blutsfreundinnen ehmals gedichtet. Um seiner Kurtzbündigkeit sowohl / als der
glückwünschenden Worte willen / die es begreift / ward es nach der Zeit schier
bei allen Verlöbnissen gesungen. Sein Inhalt lautet verhochdeutschet ohngefähr
also:
Der Himmel gliedre diese Kette!
Der Himmel flechte dieses Band /
Er flecht` es fest üm Hertz und Hand!
So trag` Er Euch vereint zu Bette!
So lass` Er Euch in süsser Ruh /
und geb` Euch Glük und Heil darzu!
    (72) Unterdessen hatte man sich von der Tafel erhoben. Alle waren
aufgestanden. Auch hatte der Mahrschalk alles schon aufnehmen und aus dem Wege
reumen lassen / als der Fünffurst den Seitenspielern befahl ein Tantzliedlein zu
spielen. Weil dieses Freudenfest seiner Freulein Tochter zu liebe war
angestellet / so musste sie die erste sein / welche die Ehre haben sollte den
Vortantz zu tuhn. So nahm er sie dann selbst bei der Hand / und befahl dem
Oberjägermeister / mit seiner Braut / ihm zu folgen.
    (73) Hierauf forderte der Fünffürst auch seine Gemahlin auf / zum zweiten
Tantze. Hierinnen musste der Oberjägermeister / mit seiner Braut / wiederüm
folgen. Aber den dritten Tantz täht der Fünffürst / mit der Braut / ganz
allein. Darnach war allen Eingeladenen / nach eigenem Belieben / zu tantzen
erleubet. Da warden die Reihentäntze begonnen. Diese täht bald das Frauenzimmer
allein / bald das Mansvolk allein. Bald tantzten die Frauen- und Manns-bilder
zugleich und miteinander.
    (74) Mitlerweile sass der Fünffürst / mit seiner Gemahlin / und dem Freulein
/ ganz stil. Dieses täht auch eine Zeitlang der Oberjägermeister / mit seiner
Braut: welche der Fürstin Kammerjungfrau endlich aufforderte mit ihr zu tantzen.
Nicht lange darnach stund auch der Oberjägermeister auf / die Kammerjungfrau zum
Tantze zu führen. Und dieses täht er aus einer zweifachen Dankbarkeit: weil
diese Jungfrau ihm / im Lustgarten / ein paar Rosen / auf der Fürstin Befehl /
überreichet / und dann seiner Braut die Ehre getahn / sie zum Reihentantze zu
nöhtigen.
    (75) Alle tantzten / als allein die Oberhofmeisterin nicht: derer
Witwenstand es auch nicht zulies; zuvoraus weil sie ihren Ehman / durch ein
sonderliches Unglück / so jämmerlich verloren / dass sie deswegen die Zeit ihres
ganzen Lebens wohl trauren mögen. Darüm verlohr sie sich auch bald aus dem
Tafelsaale /da das Tantzen kaum seinen Anfang gewonnen. Sie konnte dieser Lust
länger nicht zusehen. Sie war ihr so zuwider / dass sie darvor ekelte.
    (76) Man hatte nunmehr schon ziemlich tief in die Nacht hinein getantzet /
als der Fünnffürst aufstund. Er sah seine Freulein Tochter von der gestrigen
Reise noch ermüdet. Er märkte/ dass sie schläferig sei / und lieber zu ruhen /
als bei der Lust zu bleiben /verlangte. Darüm befahl er den Kunstspielern zum
Abschiede zu spielen. Und hiermit begab er sich /samt der Fürstin / und seiner
Freulein Tochter / aus dem Saale. Alle Stahtsjungfrauen folgeten ihnen auf dem
Fusse nach. Eben dasselbe tähten auch alle die andern. Und also hatte dieses
Freudenmahl ein Ende.
    (77) Eben üm diese Zeit erfuhr der Egiptische Königliche Fürst Psamnes den
Schifbruch und Untergang des Reubers Pammenes; den er ausgeschikt hatte zu Sidon
einige Wahren einzukauffen. Ein Knabe von Memfis / der mit bei dem Schifbruche
gewesen / aber das Glük gehabt / dass ihn ein anderes Egiptisches Schiff / als er
einen ganzen Tag auf einem Schifsbrehte herümgeschwommen / von ohngefähr
aufgefangen / ländete glücklich in Egipten an. Dieser brachte die Zeitung nach
Memfis / dass das Königliche Schiff / mit allen Menschen / sei untergangen: dass
keiner sein Leben gerettet/ als er allein.
    (78) Sobald Psamnes von diesem Knaben hörete / lies er ihn / den ganzen
Verlauf der Seereise zu erfahren / nach Hofe hohlen. Aber er ward zum höchsten
bestürtzt / als ihn der Knabe berichtete: dass Pammenes des ältesten Fünffürstens
der Filister Tochter bei der Nacht entführet / mit Vorgeben / sie seinem
Königlichen Fürsten / der ihm solches befohlen / mitzubringen. Ja es täht ihm
überaus weh /als er ferner vernahm: dass dieses Fürstliche Freulein /welches noch
sehr jung / und über die masse schön gewesen / in diesem Schifbruche selber
jämmerlicher Weise das Leben einbüssen müssen.
    (79) Es ist nicht zu beschreiben / wie erbärmlich er sich anstellete. Es ist
nicht auszusprächen / wie es ihn schmertzte / dass eine so fürtreflich schöne
Fürstliche Bluhme/selbst in ihrer ersten Jugendblühte / die ungestühmen
Seewällen zu Grabe tragen müssen. Er verfluchte den Pammenes bis in den Abgrund
der Hölle / dass durch seine Verwahrlosung eine so schöne Sonne des
Filisterlandes in der wilden See untergehen müssen. Ja es verdros ihn überaus
heftig /dass der gottlose Kerl ihn noch darzu bezüchtigen dürfen / als sei es
sein Befehl / dass er das Freulein entführet: da er doch niemahls von einem so
schönen Freulein gehört.
    (80) Aus grosser Ungeduld waren seine Sinnen so verworren / dass er nicht
wusste / was er täht. Er war zornig / und traurig zugleich. Zornig war er über
den Frevel eines solchen Galgenschwängels / und traurig über den erbärmlichen
Tod einer so schönen jungen Fürstin / den des Pammenes fürwitzige Freveltat
allein veruhrsachet. Er schwuhr wohl tausendmahl /van Pammenes noch lebete; wan
der Himmel ihn nicht schon in den Abgrund der See gestürtzet: so wollte er ihn an
den höchsten Baum aufhänken lassen; weil er so gar freventlich wider seinen
Befehl gehandelt.
    (81) Endlich tät er diesen ganzen Handel seinem Herrn Vater / dem Könige /
kund. Der erschrak hierüber so sehr / dass er schier zitterte. Er befahrete sich
/die Filister möchten sich rächen. Sie möchten ihm den Frieden aufkündigen. Sie
möchten / wo sie selbst nicht könten / andere mächtigere Völker in den Harnisch
bringen / sein Königreich zu bekriegen. Zum wenigsten würden sie / als längstin
an der See gelegene / seiner Untertahnen Schiffe wegrauben /und ihnen die
Seefahrt nach Sidon / Tirus / und anderen Handelsstädten benehmen.
    (82) Bei so gestalten Sachen war das rahtsamste Mittel einen Gesanten
abzusenden: der den ältesten Fünffürsten der Filister berichtete / wie der
ganze Handel sich verhielte: der des Königlichen Fürstens Unschuld / und des
Bösewichts Pammenes aus eigenem Triebe begangenen Frevel anzeigete; damit der
Fünffürst seinen vielleicht schon gefasseten Zorn gegen Egipten wieder fallen
liesse. Und hierzu ward auch von stunden an der Königliche Statalter zu
Heliopel benennet. Den schikte man eilend fort. Man befahl ihm die Reise zu
beschleunigen: damit er ja eher im Filisterlande sein möchte / als sich die
Filister rüsteten auf den Egiptischen Grentzen einen Einbruch zu tuhn.
    (83) Dieser Gesante kahm eben am Hofe des Fünffürsten an / als er sich / in
Gesellschaft seiner Gemahlin und Freulein Tochter / auf einem Lustause vor der
Stadt befand. Dieses erfuhr er straks im Tohr. Darüm begab er sich eilend
darnach zu. Das Freulein stund eben auf dem Saale des Lustauses / als er
angezogen kahm. An der Kleidertracht erkannte Sie zur Stunde / dass es Egipter
waren. Auch gab ihr die Pracht des Aufzuges zu verstehen / dass es keine
Kaufleute / sondern eine Königliche Gesantschaft sein müste. Hieraus muhtmassete
Sie / der Egiptische Königliche Fürst würde sie vielleicht ihrentalben abgesant
haben. Und darüm erschrak sie dermassen / dass ihr Anfangs nicht müglich war in
den Lustgarten / da der Herr Vater sich befand / hinunter zu gehen.
    (84) Gleichwohl schöpfte sie endlich noch so viel Kräfte / dass sie hinab
stieg / und dem Fünffürsten ihre Muhtmassung ansagte. Sie hatte dieses kaum
ausgeredet / als schon ein Diener gelauffen kahm / mit vermelden: es sei ein
Egiptischer Gesante vor dem Tohre / der den Fünffürsten / seines Königs wegen
/zu sprächen begehrte. Der Fünffürst begab sich hierauf von stunden an nach dem
Tohre zu / den Gesanten zu empfangen. Nach einer und der andern höflichen
Grusrede / gingen sie beide miteinander auf den Saal.
    (85) Alhier war es / da der Fünffürst aus der Rede des Gesanten straks im
Anfang verstund: dass der Egiptische Königliche Fürst den Pammenes keines weges
ausgeschikt seine Fürstliche Tochter zu entführen: aber wohl etliche Wahren zu
Sidon einzukauffen: dass Ihn das Unglück / welches sie gehabt in der See ihr Leben
einzubüssen / über alle masse zu Hertzen ginge: ja dass Er so wohl an ihrer
Entführung / als an ihrem erbärmlichen Tode / ganz unschuldig sei.
    (86) Wie erfreuet der Fünnffürst war / hieraus des Egiptischen Königlichen
Fürstens Unschuld zu vernehmen / ist nicht / zu beschreiben. Eben so wenig ist
die Freude des Gesanten zu beschreiben / die er bekahm / als er aus dem Munde
des Fünffürsten selbst verstund / dass seine Freulein Tochter noch lebete Und
also freueten sich diese beide Fürsten gleichals üm die Wette. Ja der Gesante
sagte hierauf: dass seines Königes und Königlichen Fürstens Freude ganz
übermässig sein würde / sobald sie vernehmen sollten / dass das toht gesagte / ja
so hoch bejammerte Fürstliche Freulein noch im Leben / und bei ihren Fürstlichen
Eltern in guhter Gesundheit sei.
    (87) Weil nun der Gesante dem Fünffürsten etliche Königliche Geschenke
mitgebracht hatte / so baht ihn der Fünffürst dieselben wieder zu sich zu nehmen
/und seiner Freulein. Tochter / mit einem Grusse des Königlichen Fürstens / als
kähmen sie von ihm / zu überreichen. Dieses täht er seine Kurtzweile zu haben /
und seine Freulein Tochter in ihrer Muhtmassung zu stärken. Zu dem Ende gab er
Ihr auch / ehe Sie den Gesanten selbst gesprochen / heimlich zu verstehen: der
Egiptische Königliche Fürst hette bei ihm üm Sie schon werben lassen / und der
Gesante sei auch nur darüm angelanget.
    (88) Inzwischen kahm die Zeit herbei / dass man Tafel halten sollte: darzu der
Königliche Gesante / den der Fünffürst / sich anders anzukleiden / allein
gelassen / schon eingeladen war. Die Speisen warden färtig gemacht. Die Tafeln
stunden gedekt. Der Mahrschalk war schon bei der Hand die Anstalt zum Auftragen
zu machen / als sich der Fünffürst wieder zum Gesanten begab / ihn selber in
den Tafelsaal zu begleiten.
    (89) Alhier war die Fürstin / mit ihrer Fürstlichen Tochter / und dem
ganzen Frauenzimmer / eben angelanget / als der Egiptische Gesante / durch den
Fünffürsten begleitet / hinein geträhten kahm. Diesen empfing die Fürstin / die
sein rechtes Anbringen aus dem Munde des Fünffürsten schon wüste / mit
sonderlich höflicher Freundligkeit. Aber das Fürstliche Freulein hielt sich
gegen ihn was fremde: sonderlich als er Ihr vom Egiptischen Königlichen Fürsten
/ von dem Sie sich auf das höchste beleidigt zu sein befand / einen Grus brachte
/ ja zugleich einige Geschenke /die ein Diener ihm nachtrug / einreichte.
    (90) Sie musste zwar / auf Zuwinken ihres Herrn Vaters / diese Geschenke /
gleichals weren sie Ihr lieb / annehmen. Doch gleichwohl gab Sie / durch ihre
Worte / viel ein anders zu verstehen. Sie sagte: Sie were solcher Königlichen
Geschenke nicht währt. Der Königliche Fürst hette besser getahn / wan er sie
einer andern / welcher er höflicher / als Ihr / zu begegnen gesonnen /
einhändigen lassen.
    (91) Hieraus märkte der Gesante zur Stunde / was die Glokke geschlagen.
Gleichwohl verbarg er seine Gedanken. Auf diese so anzügliche / ja stachlichte
Worte schwieg er ganz stil. Es schien ihm rahtsamer zu sein die Antwort darauf
gegen eine gelegnere Zeit zu spaaren: da er Ihr die Unschuld seines Königlichen
Fürstens mit mehrerm Fuge zu verstehen geben könnte. Und dieses täht er auch bald
darnach bei der Tafel /als er neben Ihr zu sitzen die Ehre hatte.
    (92) Alhier war es / da er Ihr die bösen aus bösem und falschem Berichte des
gottlosen Pammenes entstandene Gedanken von seinem Königlichen Fürsten benahm.
Er entdekte den ganzen Handel. Er versicherte Sie / dass der Egiptische
Königliche Fürst niemahls die Gedanken gehabt Sie entführen zu lassen. Er hette
den Pammenes keines weges befohlen diese: Freveltaht zu verüben. Er hette nur
darüm ihn ausgeschikt / dass er etliche Wahren zur Kleidung in der Stadt Sidon
kauften sollte. Ja er schwuhr Ihr zu / dass er von einer so fürtreflichen
Schönheit / als Sie hette / noch von Ihr selber niemahls gehöret. Was er nun
wüste / das wüste er aus der Erzehlung eines Egiptischen Knabens / der aus dem
Schifbruche wunderlich entronnen / und ihm das ganze Geheimnis ihrer Entführung
geoffenbahret. Eben daher sei er auch bewogen worden / zu Rettung seiner
Unschuld gegenwärtige Gesantschaft abgehen zu lassen.
    (93) Durch diese Reden vergnügte der Gesante das Freulein dermassen / dass Sie
nunmehr den Egiptischen Königlichen Fürsten mit andern Augen ansah. Der
Verdacht / den Sie bisher auf Ihn geworfen / war ganz verschwunden. Sie hielt
Ihn nun nicht mehr für denjenigen / der Sie beleidiget. An statt / dass Sie Ihn
bisher der Unhöflichkeit / ja wühterischen Gewalttähtigkeit beschuldiget /
priese Sie nunmehr seine Bescheidenheit / seine Fürsichtigkeit / seine
Gewissenhaftigkeit; indem er seine Unschuld zu retten so sorgfältig / so eifrig
sich erwiesen. Ja Sie baht den Gesanten selbst Sie bei seinem Königlichen
Fürsten /ihres aus Unwissenheit an Ihm begangenen Verbrächens wegen / bester
massen zu entschuldigen.
    (94) Und also kahm es überal aus / dass der Egiptische Königliche Fürst an
der Entführung des Fürstlichen Freuleins eben so wenig Schuld hette / als der
algemeine Stahtsrichter des Volkes Gottes / Simson; dem man / aus eitelem
Argwahne / solches Greuelstükke zum allerersten aufbürden wollen. Darüm warden
auch itzund die Kriegsvölker /die man / sich an einem / oder dem andern zu
rächen / bisnochzu beieinander gehabt /sämtlich abgedanket. Einieder ging wieder
nach Hause Einieder begab sich wieder zu den Seinigen.
    (95) Eben in dem Augenblicke / da der Egiptische Gesante seinen Abschied
nahm / ward dem Fünffürsten angesagt: man hette bei der See einige tohte
Menschen / welche die Wasserwogen auf den Strand getrieben / gefunden. Weil er
nun straks muhtmassete /sie würden in eben dem Schifbruche / den seine Freulein
Tochter gelitten / ertrunken sein; so befahl er etliche Reiter / sie zu
besichtigen / darnachzu zu senden. Unterdessen verzog der Gesante zu erfahren /
ob etwan der Reuber Pammenes mit darunter sein möchte.
    (96) Aus dem Berichte dieser Reiter verstund man so viel / als dass es lauter
Egipter weren; welches man aus der Kleidung gar eigendlich abnehmen können: und
dass der eine / der einen dunkelblauen seidenen Rok angehabt / kein gemeiner Man
müste gewesen sein. Eben einen solchen Rok hatte Pammenes / wie das Freulein
bezeugte / getragen. Darüm fiel die Vermuhtung straks auf ihn. Darüm urteilte
man zur Stunde / dass es dieser Reuber gewislich sein würde. Der Fünffürst befahl
auch alsobald ihn zu hohlen: damit der Gesante / der ihn lange gekant / die
Gewisheit / dass er es sei / aus der Bildung des Angesichts abnehmen möchte.
    (97) Aber der ganze Leib dieses Tohten war / mit dem Angesichte zugleich /
vom Seewasser so aufgeschwollen / und sah so dunsen und schon so schwartz aus /
dass man daraus wenig Nachrichtung einziehen konnte. Gleichwohl war der Rok da /
desgleichen Pammenes getragen. Gleichwohl fand man im Rokke noch ein Buch von
Verwandelung der Ertzwerke stekken. Zudem kahm noch dieses / dass man an dem
einen Finger dieses Leichnams des Pammenes Ring / den der Gesante sehr wohl
kennete /zu sehen bekahm. Dieser Ring allein war Zeichens genug seinen Herrn zu
verrahten.
    (98) Weil man nun hieraus gewis wusste / dass dieser tohte Leichnam des
Pammenes sei; so baht der Gesante den Fünffürsten / ihn an den höchsten Baum
aufhänken zu lassen. »Eine solche Strafe« / fuhr er fort / »hat der Königliche
Fürst dem Pammenes selbst zuerkennet: nachdem er Ihn eines so schändlichen
Schelmstükkes /das er / aus eigenem bosshaftigem Triebe / an seiner Fürstlichen
Tochter begangen / mitteilhaftig /zu machen ganz verwägener Weise sich
unterstanden.«
    (99) Der Fünffürst seumete hierauf nicht lange. Er befahl zur Stunde dem
Ansuchen des Gesanten genug zu tuhn. Er wollte straks haben / dass des Pammenes
Leichnam aufgehänkt würde. Der Hänker ward gehohlet / der Leichnam auf einer
Schünderkarre hinaus geschleppet / und an einen Baum / der an der Heerstrasse
stund / aufgeknüpft. Alhier empfing nun der Reuber die Strafe / die er vorhin im
Wasser empfangen / auch in der Luft. Alhier hing er allen solchen Schelmen zum
Spiegel / ja allen Vorübergängern zur Abscheu.
    (100) An den Baum / daran dieser Ertzbösewicht hing / ward auch eine Tafel
fest gemacht. Darauf lase man folgende Schrift: »An diesem Baume hänget der
Ertzreuber Pammenes / von Timnat: dessen Vater ein Reuber / seine Mutter dem
Diebstal ergeben / und seine Pflegemutter oder Seugerin ihn selber gestohlen.
Und also war ihm die Reuberei angebohren / und der Diebstal eingeseuget. Alhier
hänget er / und leidet seine verdiente Strafe: weil er des ältesten Fünffürstens
der Filister Freulein Tochter verwägener Weise zu entführen / und solches
Schelmenstükkes den Egiptischen Königlichen Fürsten Psamnes mitteilhaftig zu
machen getrachtet.«
    (101) Als das Gerüchte dieses Gerichtes vor den Stahtsrichter Israels /
Simson kahm / da war es ihm überaus lieb / dass der Tähter einer solchen
Freveltaht / damit man ihn beschuldigen wollen / endlich ausgekundschaffet / und
zu verdienter Halsstrafe gezogen worden. Er verwunderte sich / dass Pammenes/ ein
Filister / ja ein Untertahner der Filistischen Fürsten selbst / der zu Timnat
unter den dreissig Brautdienern mit auf seiner Hochzeit gewesen / so verwegen
sein dürfen eines Fünffürsten der Filister Tochter zu entführen. Ja er
verwunderte sich noch mehr / dass er vorgeben dürfen / er hette sich dessen auf
Befehl des Egiptischen Königlichen Fürstens unternommen; der doch darvon nicht
das geringste gewust.
    (102) Was seine / des Simsons / Beschuldigung betraf/ darvon urteileten die
Filister zu Timnat selbst / dass sie nicht wüsten / wo sie herrührete. Simson /
sagten sie / hette ja ohnedas diese schöne Timnatterin längst zuvor / ehe sie
ihr ältester Fünffürst zu seiner Tochter angenommen / wohl haben können. Ihr
eigener Vater hette sie ihm ja selbst angebohten / als er über ihn gezürnet /dass
er ihre ältere Schwester / die Simsons Ehweib gewesen / einen andern ehlichen
lassen. Darüm sei es ganz ungereimt ihn beschuldigen wollen / dass er sie
entführet / oder nur vorgehabt sie zu entführen.
    (103) So bezeugeten die Filister zu Timnat des Simsons Unschuld selber! So
waren sie selbst / ihn zu entschuldigen / bemühet! Aber sie hatten es nun nicht
mehr nöhtig seine Vorsprächer und Entschuldiger zu sein. Der Rechtschuldige war
nun bekant genug. Der Tähter / der Entführer / der Reuber hing schon an einem
Baume / vor iedermans Augen. Der Fünffürst hatte ihn selbst aufknüpfen lassen.
Alda hing er allen Menschen zur schaue / bei öffendlicher Landstrasse.
    (104) Unterdessen war der Egiptische Gesante wieder in sein Vaterland
gelanget. Er war am Königlichen Hofe wieder angekommen. Alda fand er den König /
und Königlichen Fürsten eben bei der Tafel. Seine glückliche Verrichtung gab ihm
so viel Muhtes /dass er unangemeldet in den Tafelsaal traht. Der König fragte
straks: Wie seine Gesantschaft abgelauffen? Hierauf gab er zur Antwort: »Gantz
glücklich / ja glücklicher / als wir alle gemeinet.« »Wie so?« fragte der
Königliche Fürst. »Das tohtgegleubte Fürstliche Freulein« / gab der Gesante
wieder zur Antwort / »lebet noch. Es ist aus dem Schifbruche / ja dem Tode
zugleich entronnen. Hingegen hat Pammenes sein Leben einbüssen müssen. Seinen
Leichnam hat man an den Seestrand angetrieben gefunden /und an einen Baum
aufgehängt. Dieses ist in meiner Gegenwart / und auf mein Ansuchen geschehen.«
    (105) Auf diese Worte ward iederman froh. Für grossen Freuden vergass man
weiter zu fragen. Man hörete nichts mehr / als »lebet das Freulein noch? Lebet
das Freulein noch?« fragte man rund üm die Tafel herüm. Und hierzu fügeten alle:
»Das ist guht! das ist guht! Es lebe lange! Es lebe lange!« Ja der Königliche
Fürst erhub sich / mitten in diesem Freudenausrufe / und trunk dem Gesanten des
Freuleins Gesundheit zu. Unterdessen rief iederman fort: »Das Freulein lebe! Das
Freulein lebe! Lange lebe das Freulein! Lange lebe das Freulein!«
    (106) Als nun diese Gesundheit / unter dem stähtigen Freudenrufe / rund
herüm getrunken war / da erzehlete der Gesante den ganzen Verlauf seiner Reise.
Ja er berichtete alles / was sich mit dem Freulein begeben / ganz ümständlich.
Unter andern erhub er zugleich desselben Höfligkeit / Geschikligkeit / Lieb und
Leut-säligkeit / und andere Tugenden / dadurch Sie alles Frauenvolk weit
überträfe. Ihre Schönheit /sagte er / sei so überaus fürtreflich / dass sie mehr
ein Engel / als ein Mensch / mehr ein himlisches / als irdisches Geschöpfe zu
sein schiene. Auch führete er mit an alles / was sie mit ihm gesprochen / und
wie er Ihr den Verdacht / den sie auf den Königlichen Fürsten / ihrer Entführung
wegen / geworfen / benommen.
    (107) Endlich kahm er auch auf den gotlosen Pammenes. Dessen Gebuhrt /
Auferziehung /Leben und Tod erzehlete er / teils aus des Freuleins /teils aus
des Fünffürsten Munde. Ja er konnte nicht gnug sagen / wie heftig ihn alle
Menschen verfluchten: was für einen bösen / ja abscheulichen Nachklang er
hintersich gelassen; und was für ein Frohlokken unter dem gemeinen Völklein
entstanden / als ihm der Hänker den Strük üm den Hals geschlagen / seinen in der
See erstikten Leichnam an einen Baum zu hängen.
    (108) »Dass dieser Pammenes« / fing der Königliche Fürst hierauf an / »ein
überaus Gott- ruch- und ehrloser Mensch oder vielmehr Unmensch war / ist gar
gewis. Dieses zeigete seine ganze Leibesgestalt oder vielmehr Leibesungestalt
eigendlich genug an. In einem häslichen Hause wohnet gemeiniglich ein häslicher
Würt: doch in einem häslichen Leibe noch vielmehr / ja ganz unfehlbar eine
häsliche Seele. Die euserliche böse Kenzeichen verrieten die Bosheit seines
Hertzens alzusehr Diese war so übermässig / dass es ihm schier unmüglich war From
zu sein.
    (109) Sein verdrehetes Angesicht / mit den schief stehenden / und zuweilen
übersich als verkehrten Augen / verhies mir nichts guhtes. Es war eine gewisse
Anzeigung eines verdrehreten und verkehreten Sinnes. Das oft unaufhöhrliche
rasche Winken / oder vielmehr überaus geschwinde zu- und auf-schlagen /füppern
und wippern seiner Augenlieder gab seine Falschheit und Untreue genugsam zu
erkennen. Die Augen selbst / welche den starren Boksaugen fast glichen /
deuteten sein unverschähmtes / Ehrloses / ja zugleich tükisches und unbändiges
Gemüht an.
    (110) Er legte seine Hände niemahls ganz plat /und mit ausgestrekten
geraden / sondern allezeit /gleich den Raubklauen / einwärts gekrümten Fingern
/auf etwas nieder. Diese stähts gekrümte Finger / die als Raubklauen / auch
stähts bereit stunden / was nicht sein war / zu sich zu raffen / waren ein
gewisses Zeichen seiner Gedanken / die fort und fort auf den Raub auswaren. Eben
dasselbe Zeichen erblikte man auch an der Bewägung seiner Füsse; wan er mit den
Zeen des einen Fusses / indem der andere fest stund /vor ihm auf dem Boden
scharrete / gleich als wollte er etwas zu sich scharren oder kratzen.
    (111) Was für ein Wunder ist es dann / dass ein solcher so übermässig
ungeahrteter Mensch / der daher mehr ein Unmensch zu nennen / durch Entführung
eines Fürstlichen Freuleins / ein so schändliches Schelmenstük begangen? Ja man
darf sich nun nicht wundern / dass er so verwegen sein dürfen / mir die
Anstiftung dessen selbst auf den Hals zu schüben. Aber wundern möchte sich wohl
einieder / dass niemand errahten kann / warüm er solches getahn / und was er damit
vorgehabt.«
    (112) Hierauf begunte der König den Königlichen Fürsten zu fragen: wann er
aus des Pammenes euserlicher Gestalt und Gebährden solche Bosheit so gewis
urteilen können / warüm er ihm dann seine Geschäfte / sie zu verrichten /
anvertrauet? Er pflegte ja sonst so vorsichtig zu sein / dass er aller solcher
Leute / die er ein bosshaftiges Gemüht zu haben wüste /müssig ginge / warüm er dann
eben diesen Bösewicht bei ihm so viel gelten lassen?
    (113) Der Königliche Fürst schwieg zuerst eine guhte Weile stil. Doch
endlich fing er an also zu antworten. Die Weisheit / sagte er / pflegte ja den
Weg zur Tugend zu bahnen. Und diese lehrete das Laster meiden. Weil nun Pammenes
so lange der Weisheit nachgestrebet / so were zu vermuhten gewesen / er hette
die Tugend / die ihn lehren können sein angebohrnes bosshaftiges Wesen zu zwingen
/ nunmehr ergriffen. Darüm sei es nicht fremde / dass Er zu ihm / als einem
solchen / der sein unahrtiges Wesen /vermittelst der Tugend / wonicht gar
abgelegt / doch zum wenigsten verbessert / und zu bändigen gewohnet / so ein
guhtes Vertrauen gehabt.
    (114) »Ich habe den Pammenes« / fuhr er fort / »seiner sonderlichen
Wissenschaft wegen / begünstiget. Ich habe / seiner Geschikligkeit wegen / zu
vielerhand Geschäften / viel von ihm gehalten. Ich habe seine Fähigkeit von
vielen Dingen \ verständig zu urteilen so währt geschätzet / dass ich ihm wohl
vielmehr / als eine so geringe Sache zu Sidon zu verrichten / anvertrauet. Dass
er aber / in dieser Verrichtung / die Grentzen meines Befehls überschritten /und
mehr tuhn wollen / als ich ihm befohlen / das kann ich eben so wenig billigen /
als wenig ich errahten kann / was ihn darzu veranlasst.«
    (115) Auf alzuguhtes Vertrauen sei nicht guht Schlösser zu bauen / waren
hierauf des Königes Worte. Man sollte zwar trauen / aber wohl zuschauen / wem man
trauete. Hette der Fürst seinem ersten Augenurteile von der Gestalt des Pammenes
gefolget / so würde seine Verstellung ihn nicht betrogen haben. Die Ubermasse der
angebohrnen Unahrt hette gemeiniglich so tieffe Wurtzeln / dass sie ausgerottet
zu werden viel zu fest sässe. Ob sie schon zuweilen ein Färblein der Tugend
bekähme / so behielte sie es doch nicht lange. Ob sie schon eine Zeitlang in
eine Guhtartigkeit verwandelt zu sein schiene / so euserte sich doch ihre
Bossahrtigkeit nachmahls immer wieder.
    (116) »Die Tükke der übermässigen Unahrt« / fuhr der König fort / »werden
durch keine Strükke der Tugend gebunden. Sie lauschen und lauren wohl / nach
ihrer gewöhnlichen Weise / zu Zeiten hinter dem Berge der Tugend: doch brächen
sie endlich / gleich als ein gewaltiger Strohm / unversehens hervor. Unverhuhts
reissen sie durch alle Tämme / durch alle Bande / durch alle Strükke / gleichals
wühtend hin. Ja sie reissen der Tugend den Zügel selbst aus der Hand / und
lenken und schwenken ihn nach eignem Belieben. Kurtz / eine solche so übermässige
Unahrt ist eben als ein wilder hartmeulichter Hängst / den kein Maulband
bändigen / kein Gebis zähmen / kein Zaum zeumen / kein Halfter halten / kein
Zügel / die gerade Strasse zu gehen / ziehen kann.«
    (117) Aber wir halten uns bei diesen Ahrtforschungen zu lange / zu viel auf.
Wir haben diesen Vernunftgrübelungen lange genug zugehöret. Der Königliche Fürst
hatte hierbei ganz andere Gedanken: die zu betrachten wird vielleicht lustiger
/wird kurtzweiliger sein. Er redete zwar von der Unahrt des Pammenes. Aber die
vom Gesanten so guhtahrtig / so tugendhaft / und so überaus schön beschriebene
Filistische Fürstin lag ihm immer im Sinne. Er gedachte stähts an Sie. Ihre
Tugend und Schönheit schwebeten ihm stähts vor Augen. Er hatte Sie zwar niemahls
Selbsten gesehen. Doch lies er sich bedünken / er hette sie gesehen / und
genösse noch itzund ihres lieblichen Anblikkes: indem ihm seine Gedanken ihr
Bildnis / wie es der Gesante kurtz zuvor entworfen / lebendig vorstelleten.
    (118) Letzlich sass Er gleich als entzükt. Er sass als entgeistert. Er redete
nichts. Er schwieg stokstil. Er verlangte von der Tafel aufzustehen. Sein
einiges Verlangen war mit dem Gesanten allein zu sein. Sein einiger Wunsch war /
von ihm noch einen näheren Abris des schönen Freuleins zu sehen. Und hierüm baht
Er ihn auch / sobald sie sich beide miteinander in sein Schlafzimmer begeben.
Alhier war es / da er zu wissen begehrte: wie gross / wie lang / wie zahrt / wie
lieblich Sie sei? Alhier war es / da er fragte: was für Haare / was für Augen /
was für eine Leibesgestalt Sie hette? Ob sie auch weis von Haut / roht vom Munde
/ schlank vom Leibe / behände vom Gange / ja von Gebährden ahrtig / und von
Reden anmuhtig sei?
    (119) Nachdem Ihm auf dieses alles der Gesante genug geantworte / da war Er
begierig auch alles /was Sie mit ihm / und sonsten geredet / zu erfahren. Alle
Reden / alle Worte mussten zwei- drei- ja mehr-mahl wiederhohlet werden. Darauf
gab Er fleissig achtung / als ein junger Sangvogel / dem der Vogelwärter ein
Liedlein vorpfeiffet. Er überwog alles / was Sie gesprochen / ihr Urteil und
ihren Verstand daraus zu erkennen. Ja Er fand unter allen ihren Worten kein Wort
/ das Er einer weisen Göttersprache / nicht würdig zu sein schätzte. So gar
verständig und weislich gesprochen kahm Ihm alles vor. So gar behuhtsam und
vorsichtig geredet schienen ihm alle diese Reden!
    (120) »Pammenes« / sagte er / »hat fürwar kein unweises Urteil gefället /
obschon die Taht darbei nicht weise war; indem er ein solches Fürstliches
Freulein /als dieses ist / des Egiptischen Reichstuhls würdig geurteilet: indem
er vorgehabt / wie es scheinet / die Egiptische Krohne mit einer solchen
helleuchtenden Tugendperle zu zieren. Sie ist es auch in Wahrheit währt / neben
mir / den Egiptischen Reichsstabe zu erben. Ja Sie verdienet in alwege die Ehre
/ dem Egiptischen Königlichen Fürsten vermählet zu werden. Wan Josef/ dieses
mächtigen Reichs weisester Stahtsman und ehmahliger Schaltkönig selbst / noch
itzund lebete / so würde sein Urteil mit meinem / und des Pammenes ganz
übereinstimmen.
    (121) Was meint  ihr wohl« / redete Er den Gesanten selbst an / »das ich
hierinnen tuhn soll? Ihr habet diese Schöne / diese weise junge Fürstin selbst
gesehen / und gehöret. Ihr habet selbst ihrer angenehmen Gegenwart genossen. Ihr
habet mit Ihr gegessen und getrunken. Ihr habet mit Ihr geredet und gesprochen.
Und daher könnet ihr am besten / ja besser / als ich selbst / urteilen / ob es
mir rahtsam / und dem Egiptischen Reichsstuhle dienlich sei üm Sie werben zu
lassen. Ich für mein Teil wünschte nichts lieber / als einer solchen Fürstin /
die ihr mir so überaus gerühmet / vermählet zu werden. Doch mus ich auch hören /
was ihr darzu saget. Was ihr für guht ansehet / das will ich tuhn.«
    (122) Dieser Vortrag kahm dem Gesanten was fremde vor. Et hatte sich dessen
nicht versehen. Er stund im Zweifel / und wusste nicht / was er antworten sollte.
Er hette lieber gewünscht / dass er solcher jungen Fürstin Geschikligkeit und
Schönheit nicht also gepriesen / und dadurch dem Königlichen Fürsten den Mund
nicht also wässericht gemacht. Aber was geschehen war / das war geschehen.
Geschehene Dinge ungeschehen zu machen / stund keines Weges in seiner Macht. Er
musste nunmehr auf Mittel bedacht sein / den Königlichen Fürsten auf andere
Gedanken zu bringen. Und dieses täht er durch folgende Reden.
    (123) »Ich märke wohl« / sagte er / »dass ich dem Königlichen Fürsten / durch
das übermässige Lob dieser jungen Fürstin / das Hertz gerühret. Ich spühre wohl /
dass ich ein Feuer der Liebe darinnen angezündet: wiewohl ein solches zu tuhn
mein Vorsatz nicht war. Hierzu habe ich nicht die geringste Gedanken gehabt.
Vielmehr war meine Meinung: Er würde dieses Lob nur obenhin anhören. Ich
gedachte mit nichten /dass es sich so tief in sein Gemüht einsenken / und alda so
feste Wurtzeln bekommen würde.
    (124) Ich mus zwar bekennen / dass diese junge Fürstin / was ihren eignen
Selbstand betrift / von iedermanne geliebt zu
    werden in alwege währt sei. Aber was das übrige betrift / dasselbe
verhindert Sie märklich der Liebe des Egiptischen Königlichen Fürstens gewürdigt
zu werden: zuvoraus wan sich diese Liebe so weit erstrekken sollte / dass sie auf
eine Vermählung auszuschlagen das Ansehen hette.«
    (125) »Aber was ist das für ein Ubriges / das sie meiner Liebe unwürdig
macht?« fragte der Königliche Fürst / mit ganz bestürtzten Gebährden. »Ihr
leiblicher Vater / und ihre leibliche Schwester« / antwortete der Gesante /
»seind öffendlich und gerichtlicher Weise verbrant worden. Und dieses geschahe
darüm; weil der Vater seiner Tochter verhing / an dem weltberühmten Helden
Simson / der ihr vermählet war / treu- und eh-brüchig zu werden / und einen
andern zu ehligen. Um Simsons willen / den das ganze Filisterland fürchtete /
ward solches Verbrächen so hoch aufgenommen / dass Vater und Tochter /zusamt
ihrem neuen Ehgatten / von allen Fünffürsten der Filister / auf öffendlichem
Landtage / des Simsons Zornfeuer zu dämpfen / zum Straffeuer verdammet worden.
    (126) Wiewohl die jüngere Schwester dieser Verbrächerin / ihrer
fürtreflichen Schönheit und Geschikligkeit wegen / zusamt ihrer Mutter / vom
ältesten Fünffürsten so gnädig angesehen ward / dass Er sie beide / als
Mitbeschuldigte / nicht allein frei sprach /sondern auch zugleich an seinen Hof
/ja die Tochter selbst / gar an Kindes statt / zur Erbin aufnahm / und also in
den Fürstenstand erhub; so klebet doch der gefürstlichten Tochter so wohl / als
der Mutter / solcher Schandflek noch dannoch an.
    (127) Hieraus kann nun der Königliche Fürst selbst urteilen/ ob es seiner
Königlichen Hoheit nicht zur eusersten Verkleinerung gereichen würde / wan Er
/sich an eine solche gleichals gebrantmärkte zu vermählen / belieben trüge. Der
Königliche Herr Vater selbst / weis ich sehr wohl / wird es nimmermehr
bewilligen. Darüm hat Er sich wohl zu bedenken. Darüm hat Er wohl zuzusehen /
was Er tuht. Ich /nach meinem wenigen Urteile / sehe so viel / dass eine solche
Vermählung keinem Könige / noch Königlichen Fürsten zu rahten. Ein so hoher
Königlicher Stand erfordert höhere Gedanken / erheischet eine höhere liebe /
sieht nach einer höheren Vermählung.«
    (128) Uber diesen Reden ward der Königliche Fürst so überaus bestürtzt / dass
er als erstarret stehen blieb. Er antwortete kein Wort. Er schwieg / als ein
Fisch. Ja er bewegte sich kaum. Unterdessen bewegten sich gleichwohl seine
Gedanken üm so vielmehr. Sein Gemüht war üm so viel unruhiger. Seine
Gemühtstriften stürmeten durcheinander. Alles inwendige war in ruhr. Alles
schikte sich als zu einem innerlichen Kriege.
    (129) Nachdem Er also eine guhte weile gestanden / und den Gesanten mit
starren Augen angesehen; da fing er jämmerlich an zu kärmen. »Mus ich dann nun«
/sprach er / »so unglücklich sein / dass ich dieselbe / die ich liebe / nicht
lieben darf; dass ich dieselbe / die ich zu meiner Gemahlin erkohren / mir nicht
vermählen darf? Hat mich das Glük darüm in der Könige Stand erhoben / damit ich
nicht ehlichen könnte / die ich wollte; damit ich ehlichen müste / die ich nicht
wollte? Ein Bätler ist glücklicher / als ich. Ein Bauer / ist in diesem falle /
mächtiger / als ich: weil er die Macht hat eine solche zu heurrahten / die mir
zu heurrahten mein Stand verbietet.
    (130) Aber der König / mein Vater« / fuhr er fort /»weis noch nicht / dass
der Vater und die Schwester derselben / die ich so hertzlich liebe / durch das
Feuer öffendlich hingerichtet worden. Er weis noch nicht /dass Sie aus einem
solchen Geschlächte geboren / das auf dem Rükken das Brandmahl des Hänkers
führet. Darüm wird er mir / in dieser Vermählung / vielleicht nicht zuwider
sein. Und ich habe das guhte Vertrauen zu Euch« / sprach er zum Gesanten / »dass
ihr reinen Mund halten werdet. Schweiget hiervon nur stil. Saget Ihm nur nichts
So wird alles guht werden.«
    (131) »Ob ich schon dem Herrn Vater« / warf der Gesante hierauf ein /
»dieses nicht entdekte / so wird er es doch von andern erfahren. Es ist
alzuweltkündig. Das ganze Filisterland weis es. So weit Simson / der
weltberühmte Held bekant ist / so weit ist auch bekant / dass desselben ungetreue
Frau die Strafe des Feuers ausgestanden. Zudeme gesetzt / dass der Herr Vater
solches nimmermehr erführe / so wird et doch keines weges zulassen / dass
Demselben / der sein Nachsas sein soll / eine gebohrne Filisterin vermählet
werde; derer Ankunft höher nicht / als Fürstlich sein kann.
    (132) Der itzige Zustand des Egiptischen Königreichs gestattet mit nichten /
dass eine geringere Gemahlin / als eine gebohrne Königin oder Königliche Tochter
/ seinem Königlichen Fürsten vermählet werde. Und diese findet man unter den
Filistern nicht. Zudem seind die Egipter: den Filistern ganz nicht geneugt. Ja
es befindet sich unter beiden Völkerschaften eine schier unversühnliche Toht-
und Erbfeindschaft. Und wan sie zuweilen schon einige Freundschaft miteinander
halten /so geschiehet es doch nur aus einem höflichen Schein.«
    (133) »So seh ich dann wohl« / fing der Königliche Fürst hierauf wieder an zu
klagen / »dass ich ewig unglücklich bleiben mus. So ist dann für mich nichts offen
/ daher ich eine glückliche Auskunft meiner Liebe sehen könnte. Ach! ich
Unglücksäliger! mus ich dann nun ganz verzweifeln? Ach! ich Trostloser! mus dann
meine Liebe / weil mich aller Trost / alle Hülfe verlesset / mir gar zur
Wühterin werden? Sol sie mich dann gar verzehren? Sol dann dieselbe / die sonst
das Leben labet / und selbst giebet / mir das Leben zum Unleben machen / ja gar
nehmen?
    (134) Ie mehr Hindernisse / meine Liebe zu vergnügen / mir aufstossen / ie
heftiger brennet / flammet / flakkert und wühtet ihr Feuer. Ja es brennet schon
so heftig / dass ich keinen Raht sehe die Gluht zu dämpfen / als den ich aus dem
Schosse derselben / die es angezündet / erwarten könnte. Aber dieser Schoss wird
mir durch mein Verhängnis entzogen. Diesen Schoss schlüsset mein widriges Glük vor
mir zu. Und also bin ich als ein Ausgeschlossener / ja als einer / der nicht
einmal anklopfen darf.«
    (135) Hierauf schwieg er wieder eine Zeit lang stil. Er stund gleichals aus
sich selbst. Die Unruhe seines Hertzens war so gross / dass er nirgend bleiben
konnte. Bald ging er an das Fenster / bald an die Tafel. Bald schob er den Rügel
vor die Tühre. Bald schob er ihn wieder darvor weg. Bald nahm er einen Stuhl /
und setzte sich. Bald stund er wieder auf / und lähnte sich an eine Seule. Bald
warf er die Augen nach dem Spiegel zu. Bald nahm er einen Bogen in die Hand.
Bald zog er ihn auf. Bald lies er ihn wieder los. Dieses trieb er über eine
guhte Stunde Letzlich lief er / als halbtol / zur Kammer hinaus.
    (136) Der Gesante / welcher zum höchsten verwundert war / dass Er sich die
Liebe eines solchen Freuleins / das Er nie gesehen / und nicht anders / als vom
höhrensagen / kennete / so plötzlich und so gar sehr übermeistern lassen /
folgete straks nach. Er wollte den Königlichen Fürsten / in solcher Verirr- und
Verwürrung seiner Sinnen / nicht allein lassen: wiewohl er selber allein zu
sein begehrte. Er befahrete sich / Er möchte / durch Verzweifelung angetrieben /
etwas beginnen / das seinem Stande nicht ziemlich. Er befürchtete sich / es
möchte diese so übermässige Liebe zuletzt gar in eine Wuht ausschlagen.
    (137) Ein starker Flus / ie mehr man ihn zu tämmen suchet / ie stärkerer
wird er. Ie stärkerer die Tämme seind / die man ihm entgegen setzet / ie
gewaltiger ströhmet und stosset er auf sie zu. Darüm mus man den Strohm
zerteilen. Man mus seinen Anstoss / damit er nicht etwan dem Sturtzfalle zueile /
zu mässigen suchen. Eben also kann der Strohm einer heftigen Liebe keinen Tam
leiden. Ie mehr Hindernisse man ihm entgegen setzet / ie heftiger reisst er
fort /und suchet / gleich als wühtende / durchzubrächen. Darüm mus man ihn
zerteilen. Man mus seine Wuht /durch vernünftige Rahtschläge / zu mässigen
trachten: wo man nicht will / dass eine solche Liebe den Verliebten in das
endliche Verderben stürtze.
    (138) Der Gesante ging dem Königlichen Fürsten nach. Er bemühete sich
denselben / der bloss allein einer blinden Gemühtstrift folgete / mit dem Lichte
des Urteils zu leiten. Er trachtete die Ubermässigkeit seiner Liebe / durch
vernünftige Reden / zu mässigen. Er suchte seine Liebesgedanken / wo er sie Ihm
nicht aus den Sinnen zu bringen vermochte / doch zum wenigsten / durch den Zügel
weiser Rahtschläge / so viel als ihm müglich / anderswohin zu lenken. Und zu dem
Ende schlug er Ihm unterschiedliche Königliche Fürstinnen vor; die Ihm aus der
Nachbarschaft / mit weit grösseren Ehren / und ohne Verlust seines Ansehens /
könten vermählet werden.
    (139) Zu diesen Vorschlägen täht er die gewisse Versicherung der Väterlichen
Gnade / der Liebe des Volkes / und der Wohlfahrt seiner selbst; sofern Er
belieben trüge sie anzunehmen. Im widrigen Falle /wan ssr auf seiner itzigen
Liebe verharrete / würde nichts anders / als der Unwille des Herrn Vaters / die
Widerspänstigkeit der Untertahnen / und eine schmähliche Verachtung aller Völker
gegen ihn gewislich folgen. Ja Er würde sich alsdan der Egiptischen Krohne wohl
gar beraubet sehen. Und eben darüm were sein Raht / der Königliche Fürst sollte
sich wohl bedenken / was Ihm zu tuhn sei.
    (140) »Ich genüsse der Ehre« / fuhr der Gesante fort / »ein Königlicher
Statalter / ja selbst der oberste Reichsraht des ganzen Egiptens zu sein.
Darüm bin ich verpflichtet dem Königlichen Fürsten mit Raht und Taht an die Hand
zu gehen. Meine Schuldigkeit ist es / Ihm allein dasselbe / das dem ganzen
Reiche zur Wohlfahrt strekket / anzurahten / und abzurahten / was solches
verhindert. Mein Gewissen verbindet mich dahin. Anders weis und vermag ich nicht
zu tuhn: es sei dann / dass ich eine schändliche Treulossheit so wohl an Ihm / als
an dem Reiche / begehen wollte.
    (141) Ich habe dem Königlichen Fürsten stähts alles Guhtes gegönnet. Und
dieses ist noch itzund mein Wille. Ich habe ja alles guht und treulich mit Ihm
gemeinet. Und in dieser Meinung zu sterben bin ich gesonnen. Niemand wird mich
eines andern beschuldigen können / das weis so wohl Er / als ich selber. Wie
sollte dann nun mein Hertz zu solcher Untreue verfallen / dass es Ihm / in
gegenwärtiger höchstwüchtigen Sache / nicht treulich rahten sollte? Ich will es
mit meinem Gewissen bezeugen / dass dieser Raht / den ich ihm itzund gegeben /
der allerbeste sei / ja ein solcher selbst / dass ihn die Treue selbst besser und
treuer nicht ausdenken könnte.«
    (142) »Seine Treue« / fing der Königliche Fürst hierauf an / »ist mir sehr
wohl bewust. Ich trage daran ganz keinen Zweifel. Sie ist mir / aus der
Erfahrung /genug bekant. Auch weis ich gewis / dass dieser sein Raht / den er mir
itzund giebet / ganz guht und treulich gemeinet. Ja ich mus / selbst wider
meinen Willen / gestehen / dass er der allerbeste sei / den der getreueste Rahts-
und Stahts-man mir iemahls geben könnte. Aber wo soll ich mit meiner Liebe hin /
die mich so heftig ängstiget; die mir das Leben so sauer /und die Gedanken so
verworren macht?«
    (143) »Nirgend anders hin« / fing Ihm der Gesante das Wort auf / »als dahin
/ dahin ich sie zu lenken schon gerahten. Er lenke sie vom Filistischen Freulein
ab / auf ein anderes / und auf ein solches / das währter und würdiger ist vom
Egiptischen Königlichen Fürsten geliebt zu werden. Und will oder kann Er sie
nicht auf eines allein / oder auf ein gewisses lenken; so ist mein Raht / dass Er
sie scheide / dass Er sie zerteile; dass Er ein Teil auf diese / das andere auf
eine andere Königliche Fürstin fallen lasse. Also wird die geschiedene / die
zerteilte / bald auf diese / bald auf jene geworfene Liebe so gar heftig / so
gar gewaltig nicht mehr sein. So wird Er sie gemässiget / und nach Wunsche
besänftiget sehen. So kann er sie dann füglich dahin lenken / dahin sein Urteil
sie zu lenken befielet: nähmlich auf eine solche / die würdig ist den
Egiptischen Reichskrantz zu tragen.«
    (144) Mit diesen und dergleichen Bewägreden mehr brachte der Gesante den
Königlichen Fürsten endlich so weit / dass Er seine Gedanken von dem Filistischen
Freulein abzulenken begunte. Ja Er vergass einer solchen Liebe / die Ihm nur
nachteilig sein wollte / fast gar / als Er / auf Anstalt des Gesanten / sich des
folgenden Tages in Gesellschaft einer grossen Mänge des schönsten Egiptischen
Frauenzimmers befand.
    (145) Dieses hatte der König selbst / auf anrahten des Gesanten / zum Tantze
nöhtigen lassen / welcher auf dem grossen Saale des Königlichen Schlosses sollte
gehalten werden. Alda versamleten sich alle Fürstliche Freulein / und die
schönsten Adelichen Jungfrauen / die man hierzu sonderlich ausgelesen / ja
selbst die vornehmsten und schönsten Bürgertöchter des ganzen Egiptenlandes.
Diese hatten sich auf das schönste geschmükt. Sie erschienen allesamt in
köstlicher Kleidung. Sie waren alle mit Perlen und Golde gezieret: doch eine
mehr und prächtiger / als die andere / nachdem es ihr Stand erforderte.
    (146) In diese schöne Gesellschaft führete der Gesante den Königlichen
Fürsten unverhuhts; als einen /der nicht das geringste darvon wusste. Wie
verwundert / wie bestürtz / wie entzükt er sich / im ersten Anblikke so vieler
ausbündigen Schönheiten / befand / will ich wohl unbeschrieben lassen. Er wusste
zuerst nicht /ob er fort- oder wieder zurück-trähten sollte. So sehr erschrak Er
anfänglich über diesem unvermuhtlichen Schauspiele! Er gedachte nicht anders /
als dass er eines Himmels vol Engel ansichtig würde. Er bildet sich ein / als
hetten sich alle Schönheiten der ganzen Welt alhier versamlet.
    (147) Sobald die Entzükkung vorbei war / trat er algemach fort. Des Gesanten
älteste Freulein Tochter war die erste / die seinen Augen kenbar vorkahm. Auf
diese ging Er zu / und sie Ihm entgegen. Diese empfing Er / mit sonderlicher
Freundligkeit; darnach auch alle die andern. Alle die Schönheiten / alle die
Lieb-und Leutsäligkeiten / alle die Anmuhtigkeiten / alle die Freundligkeiten /
alle die Höfligkeiten / alle die Geschikligkeiten / die Er alhier / in solcher
Mänge /beieinander sah / verdunkelten / ja vereitelten das Gedächtnis der
schönen Timnatterin in seiner Seele dermassen / dass er ihrer ganz vergass.
    (148) Er gedachte nun nicht mehr / wie lieblich Sie sei. Die Einbildung von
ihrer unvergleichlichen Schönheit / die Er aus des Gesanten Erzehlung ehmahls
empfangen / war nunmehr aus seinem Gemühte ganz vertilget. Der Entwurf ihrer
helleuchtenden Tugendstrahlen / der sich vom hörensagen in seinem Hertzen
entsponnen / war nunmehr daraus ganz verschwunden. Der Abris ihrer Hold- und
Freundsäligkeiten / der in seinen Sinnen aus eitelen Worten eines andern / in
ihrem Abwesen / entstanden / war nunmehr ganz verblichen. So viel Kraft hatten
die Liebligkeiten / die Schönheiten / die Tugenden / die Hold-und
Freundsäligkeiten dieser Anwesenden / die Er selbst mit seinen eigenen Augen
erblikte!
    (149) Es war auch kein Wunder / dass so viel gegenwärtige Schönheiten / die
Er selbst sah / die Würkung der einigen Abwesenden / ja noch nie gesehenen
dermassen vereitelten / dass diese von jenen aus dem Hertzen des Königlichen
Fürsten gar verbannet ward. Die gegenwärtige Sonne hat ungleich grössere Kraft /
als die abwesende; die niemand liebt Wie sollte dann eine gegenwärtige Schönheit
nicht mehr /als die Abwesende / zuvoraus die noch nie gesehene /geliebt werden?
Vom Anschauen der Schönheit rühret die Liebe her. Die Worte / welche die
Schönheit uns vorbilden / machen wohl den Anfang darzu: aber das Auge würket sie
vollend aus.
    (150) Hette der Königliche Fürst die Schönheit der schönen Timnatterin
selbst gesehen /so würde seine vom blossen Höhrensagen entstandene Liebe
vielleicht so tief sich eingewurtzelt haben / dass es dem Gesanten unmüglich
gewesen / weder durch diesen listigen Fund / noch durch alle seine Bewägreden /
sie aus seinem Hertzen zu verbannen. So veruhrsachte dann dieses allein / dass
seine Mittel / die er solches zu tuhn anwendete / so glücklich ablieffen; dass er
dem Königlichen Fürsten die Liebe zur schönen Timnatterin / wie bald er sie ihm
eingeschwatzet / eben so bald wieder ausschwatzete.
    (151) Aber wir verweilen uns bei diesem Verliebten oder verliebtgewesenem
Fürsten vielzulange. Wir haben / was sich mit Ihm / und seiner Liebe begeben
/genugsam betrachtet. Nun wird es Zeit sein Egipten zu verlassen / und unsern Weg
wieder zurück in das Filisterland zu nehmen: da Simson eben itzund von einem Orte
zum andern friedlich herüm wandert / sich nach einer neuen Schönheit /nach einer
frischen Liebsten ümzutuhn.
    (152) Durch Angewohnheit wird uns die Liebe so eigen / dass sie uns gar
gleichals zur Speise dienet. Sie wurtzelt sich so tief bei uns ein / dass sie uns
lüstern macht selbst von einem Sturtzfalle zum andern zu hüpfen. Sobald dieser
Weg / durch langen Gebrauch /schlüpfericht geworden / lauffen wir über alle
Tämme / welche die Wuht unserer Begierden gleichsam gebauet / spohrenstreichs
hin. Wir achten keiner Gefahr / wie gross / wie nahe sie ist. Wir scheuen uns für
keinem Schifbruche / der uns im Meere geiler Lust aufzustossen pfleget.
    (153) Ach! wie ungern lesset der Mensch die Liebe! Wie schweerlich
widerstehet er dieser Lehrsatzlosem Gemühtsbewägung! Wie gern folget er ihrem
Triebe! Wie leichtlich gehorchet er ihrem Gewaltzwange! Wie willig volziehet er
ihre Befehle! Wie glat bahnet er ihm selber den Weg zu den Lastern / dass er
darinnen fortrennet / wie ein muhtiger Hängst / der sich nicht zähmen / noch
zeumen lesset!
    (154) Die berufene Kamille lief oder flog vielmehr so geschwinde nicht über
die Spitzen der aufgerichteten Kornahren hin / als er über die Spitzen und
Stacheln der geulen Lust hinleuffet / selbst sein Verderben zu suchen. Wie der
Kramtsvogel ihm selber / durch seinen eigenen Mist / den Leim zurichtet /
darinnen er kleben bleibet / gewürget zu werden: also richtet er ihm selbst /
durch seine eigene geule Liebe /die Falstrükke / die Schleuffen / die Dohnen /
die Netze / die Angeln zu / darinnen er sich / gefoltert /gepeiniget / getöhtet
zu werden / gefangen sieht.
    (155) Der armsälige Simson hatte die Folterungen / die Peinigungen / die ihm
den endlichen Untergang dreueten / bei seiner ersten / und zweiten Liebe kaum
überstanden / als er sich / durch die Dritte /schon wieder berükken lies. Er
hatte sich aus dieser beider Strükken und Fesseln kaum herausgewükkelt /als ihn
die geule Lust schon wieder lüstern machte /zum dritten mahle verliebt und
verstrükket zu werden.
    (156) Die ersten zwee gefährlichen Lustgänge konten ihn nicht zurückhalten
den Dritten zu tuhn. Er war der Strasse darzu schon so gewohnet / dass weder
Vernunft / noch Urteil fähig und mächtig genug waren ihn darvon abzuhalten. Er
hatte den Weg albereit so glat geträhten / dass seine zaumlose Sinregung ihn
antrieb noch einen Gang zu tuhn. Die Glätte des Steiges / die Gewohnheit ihn zu
bewandeln brachten ihn so weit /dass er gleichals blindlings darnachzu lief.
    (157) Aber bei allen diesen Lustgängen des Simsons hatte man sich über
nichts so sehr zu verwundern / als dass er allemahl trachtete sich von einer
Filisterin verstrükken zu lassen. Es war in Wahrheit fremde / dass er zum Ziele
seiner Liebe keine andere / dann eine Heidin / ja eine Götzendienerin / und diese
mitten unter seinen Tohtfeinden allezeit suchte. Es war gewislich seltsam / dass
er ihm hierzu niemahls ein Frauenbild aus seinem eigenem Volke wehlete. Ja
seltsam war es / dass kein Ebreisches Weibesbild / wie schön und ahrtig es
immermehr war / ihn so weit zu bewegen vermochte / dass er sie mit liebsäligen
Augen nur angeschauet / ich schweige / sich gar in sie verliebet hette.
    (158) Wan etwan unter dem Heidnischen Volke / den Filistern / allein so
ausbündige Schönheiten ihn zu entzükken vorhanden gewesen / so hette man sich
nicht zu verwundern. Ja es were kein Wunder / wan irgend unter dem Volke GOttes
keine dergleichen Schönheit / die ihm gefallen können / sich befunden. Es were
nicht seltsam / noch fremde / wan alle Frauen und Jungfrauen alhier so häslich /
so ungestaltet / und so unfreundlich gewesen / dass ihm ganz keine zu einiger
Liebe bewegen mögen.
    (159) Aber die Erfahrung bezeugte ganz das Widerspiel. Unter dem
Israelischen Frauenzimmer befanden sich in Wahrheit so fürtrefliche Schönheiten
/ dass sie alle Schönheiten der Filister trotzeten / ja alle weit übertrafen. Die
so genente schöne Naftalerin allein hatte mehr Schönheiten / als alle Frauen und
Jungfrauen des ganzen Filisterlandes. Gegen diese war die schöne Timnatterin /
wie anmuhtig und lieblich sie immermehr sein mochte / nicht anders / als ein
Schatten gegen das helleuchtende Licht der Sonne. Von andern / die ihrer
Schönheit wegen berufen waren / will ich nicht einmal melden.
    (160) Ja die schöne Naftalerin war so überaus schön / dass sie alle /die sie
nur einmal sahen / ohne den Simson allein / zur Liebe bewegte. Sie war viel
schöner / als irgend ein Bild sein möchte; darinnen ein Apelles alle Schönheiten
/die iemahls in der ganzen Welt gewesen / mit lebendigen Farben auf das
künstlichste zusammen entworfen. Sie übertraf an Schönheit / an Zierlichkeit
alle Geschöpfe / ja alles / was den Nahmen schön und lieblich zu sein in der
Wahrheit verdienete.
    (161) So schöne Strahlen hat niemahls die Sonne /wan sie am schönsten
leuchtet / als ihre zwo Augensonnen zu strahlen pflegten. So helle funkelt kein
Deamant / kein Karfunkel / wan er das reineste / das klähreste Licht hat / als
die helflinkernde schimmernde Feuerfunken / die aus der düsteren Kluft ihrer
zween Augenäpfel / als aus einer Berggruft vol edeler Steine / gleichsam
herausschossen / zu funkeln schienen. So ahrtige Bluhtädrichen hat kein weisser
Marmel / wan er auf das schönste weis / und auf das lieblichste durchädert ist /
als der Umzug des schwartzen Lichtgewölbes ihrer Euglein am Augenapfel zu haben
pflegte.
    (162) So schönen und lieblichrohten Glantz häget kein Rubien / wan er am
liechtesten ist / als die Rubienenschacht ihres Mundes hägete. So schönen
purpurrohten Schein giebet keine Rose / wan sie am frischesten blühet / als das
zweifache Gartenbetchen ihrer lieblichen Lippen zu geben pflegte. So anmuhtig
weich ist kein Bette / wan es schon mit lauter Pflaumfedern erfüllet ist / als
dieses zweifache Lippenbetchen / darauf ein ieder Mund zu ruhen lüstern war / zu
sein pflegte. So süssen Geschmak hat kein Honig /kein Zukker / wan er am
lieblichsten schmäkket / als die allersüsseste Feuchtigkeit / die auf ihren
Lippen lag.
    (163) So schön und glat / so klahr und weisblinkende findet man keine Perl /
wan sie am klähresten leuchtet / als ihre schneeweisse Zähne waren; die in ihrem
Munde / gleichals in einer Perlenmuschel die Perlen / dicht aneinander gereiet
und auf das schönste geglättet stunden. So schön und schlossweis ist kein
Elefantenbein / wan es am weissesten ist / als das Bein ihrer blinkenden Zähne
war. So schöne Glätte hat kein Marmel / kein Albaster / kein Kristal / wan sie
auf das beste geglättet seind / als diese Mühlensteinlein / welche die Speisen
zu schrohten die Mühle des Mundes häget / zu haben pflegten.
    (164) So schön / so zierlichroht / und lieblichweis blühet keine Bluhme /
wan sie am schönsten blühet /als das Fild ihrer Wangen blühete. So zährtlichroht
ist keine Zukkerrose / kein Näglichen / keine Tulpe /keine Tausendschöne / noch
einiges anderes Blühmlein / wan es am schönsten blühet / als das zweifache
Mittelfeldichen ihrer ahrtiggestalteten Bakken zu sein pflegte. So milchweis ist
keine Zibehtrose / keine Lilje / kein Näglichen / noch einige weisse Bluhme /
wan sie am schönsten milchet / als die übrige weisse Haut rund üm das rohte
Mittelfeldichen ihrer Wangen herüm war.
    (165) So zahrt- und unbeflekt-weis ist kein Schnee /wan er erst gefallen /
und noch unbeträhten ist / als der Himmel ihrer Stirne / die Burg ihres
Verstandes /war. So zierlich geflamt / so anmuhtig gekrült / so ahrtig geringelt
/ so hübsch gescheitelt / so schön gefärbt fand man kein Haar an irgend einem
Frauenbilde / wan es am schönsten geschmükt und gekünstelt war / als diese
schöne Naftalerin hatte: wiewohl es ihr ganz ungekünstelt üm die Stirne so wohl
/ als zu beiden Seiten der Wangen zu hängen pflegte.
    (166) So blank und glat ist kein Marmel / kein Albaster / so weis keine
Kreide / kein Hagel / keine Milch / wan sie am weissesten seind / als ihr
schlanker gerader Hals / und ihre zierlicherhobene Brust war: So angenehm und so
lieblich kann keine Luft sein / wan sie / mitten im heissen Sommer / am
klähresten / am reinesten ist / als die Ahtemluft war; welche durch die Brust
und den Hals hinauf gestiegen / ja durch den Mund ausgehauchet kahm. So anmuhtig
ist kein Klang / kein Laut / kein Hal / wan er am reinesten / am hällesten
klinget / als derselbe / welcher /wan sie sang / oder redete / durch ihren Mund
/ aus dem Halse hallete.
    (167) So schön und klahr konnte keine weisse Schmünke / kein blanker Anstrich
sein / wan er schon am künstlichsten zugerichtet ist / als ihre zahrtschlanke
nietliche Hände waren; die aus dem reinesten Kraftmähle / mit dem weissesten
Zukker vermischet / auf das künstlichste gebildet und gebakken zu sein schienen.
Von der Bildung ihres ganzen Heuptes / ja ganzen Liebes / und aller Glieder
desselben / die übertreflich künstlich war / wie auch von den Gebährden
desselben / die verwunderlich schön ihr anstunden / will ich nicht einmal
melden.
    (168) Bisher hat meine Feder zwar den Schatten ihrer Schönheit / nähmlich
die euserliche Leibesschönheit / die ganz gebrächlich / ganz vergänglich /ja
ganz nichts ist / beschrieben. Aber das rechte Licht ihrer Schönheit / nähmlich
die inerliche Seelenschönheit / die ganz unvergänglich / ja ewig / und schier
ungebrächlich war / zu beschreiben / wird eine schärfere Feder / eine
geschiktere / ja wohl gar unsterbliche Zunge erfordert. Meine Zunge / welche die
Sterbligkeit noch nicht abgeleget / kann hiervon nur lallen. Meine Feder / die
eine sterbliche Hand führet / fället zu stumpf / zu unbehände / ja wird nicht
klüglich genug gefasset / die eigendliche Beschreibung zu verfassen.
    (169) Gleichwohl will ich einen Versuch tuhn von dieser ihrer innerlichen
Schönheit einen kleinen Schattenris zu machen. Ich will die Schönheit ihrer Seele
/ die ewig tauret / und in ihres Taugenden bestehet / durch eine nichtige
flüchtige Feder / auf ein nichtiges Blat entwerfen. Ja ich will ihre Tugenden /
als dann schönste / das beste Teil ihres Selbstandes / beschreiben. Ich will
beschreiben / wie die ganze Reihe der Tugenden ihren Sitz in der schönen
Naftalerin schönen Seele / gleichals in ihrem eigenen Sitze / genommen.
    (170) Unter allen diesen Tugenden hatte die Liebe gleichsam den Vorsitz.
Diese Haupttugend /als die erste der Tugenden / leuchtete zum allerersten und
meisten aus ihr hervor. Diese machte sie tähtig zu allem Guhten. Und also
liebele sie GOTT über alles. Sie liebete ihren Nächsten / als sich selbst. Ja
sie liebete selbst ihre Feinde. Ach! wie schön und lieblich machte sie diese
Liebe! Wie schön und lieblich ward ihre Jugend / durch diese Tugend! Wie schön
und lieblich ward sie selbst in Gottes / und aller Menschen Augen! Sie schön und
lieblich priesen sie selbst die Engel! So wohl gefiel ihnen ihr schönes und
liebliches Wesen!
    (171) Dieser ersten Haupttugend folgete die zweite; der sie sich ganz
ergab. Der Glaube war ihr einiger Trost / ihr einiger Schild / ihr einiges Werk.
Hierinnen stund sie so fest / dass sie nichts darvon abwendig machen konnte.
Hierdurch vereitelte sie die Lagen aller / die ihrer Seelen / sie zu verderben
/nachstunden. Ja hierdurch nahete sie zu GOtt. Hierinnen schauete sie GOtt.
Hierdurch erlangte sie die Säligkeit.
    (172) Zu ihrem so festen / so starkem Glauben gesellete sich die Hoffnung /
die dritte Haupttugend. Diese richtete sie so beständig auf GOtt / dass sie sich
weder auf sich selbst / noch einigen andern Menschen verlies. Durch diese war
sie nach dem ewigen Guht so hertzverlangend / dass sie auf kein Zeitliches
hoffete. In dieser stund sie so gewis / dass sie nicht zweifeln / noch straucheln
konnte. Auf diese bauete sie so fest / dass sie sich zu schanden zu werden
nimmermehr befahren durfte.
    (173) Neben diesen drei Haupttugenden wohneten in ihr auch alle die andern
so wohl himlische / als irdische / so wohl geistliche / als weltliche Tugenden.
Die Gottesfurcht / die Wurtzel aller Weisheit / schien ihr gleichsam
verschwistert zu sein. Der wahren Gelassenheit war sie dermassen ergeben / dass sie
ihren Willen dem Willen GOttes ganz übergab. Und also wusste sie von keiner
Eigenwilligkeit / viel weniger von der Halsstarrigkeit. Diese lies ihre
Gehohrsamkeit nicht zu. Die Frömmigkeit / die Guht- und Barmhertzigkeit ziereten
ihren ganzen Wandel.
    (174) War iemand demühtig / war iemand niedrig / so achtete sie die Demuht /
die Niedrigkeit so hoch / dass sie ihr höchster Ehrenschmuk sein mussten. War
iemand sanftmühtig / so herschete die Sanftmuht in allen ihren Sinnen. War
iemand Guht- und Barm-hertzig / so lies sie die Guhtertzigkeit / die
Barmhertzigkeit nimmermehr aus ihrem Gemühte. War iemand langmühtig / war iemand
gedultig / war iemand verträglich / so erwiese sie die Langmuht gegen alle / die
ihr übels tähten / die Geduld in allen Widerwärtigkeiten / die Verträgligkeit in
iedermans ümgange.
    (175) In den grösten Unglücksfällen war die Grossmütigkeit ihre Stütze / die
Hertzhaftigkeit ihre Grundfeste / die Unverzagteit ihr Aufentalt. Wider alle
Verleitungen setzte sie sich mit einer unüberwindlichen Beständigkeit. Sie
wakkelte / noch wankte nie. Sie blieb ganz unbeweglich. Sie war gleich als ein
Fels / der keinem Sturme weichet. Sie wollte kein Rohr sein /das der geringste
Wind hin und her wehet. Und also war / in diesem Stükke / nichts Weibisches an
ihr.
    (176) Wiewohl nun diese schöne Naftalerin beides der Seelen und dem Leibe
nach so unvergleichlich schön war / so konnte sie doch den Simson zu keiner Liebe
bewägen. Ja ob er schon mit ihr / durch den Rechtshandel / den ihre Mutter
ihrentwegen mit der diebischen Filisterin gehabt /in nahe Bekantschaft gerahten;
so konnte doch diese Bekantschaft ihn keines Weges vermögen ihre so ausbündige
Schönheit in Betrachtung zu ziehen. Er sah sich gleichwohl nach einer andern
und ganz fremden üm. Seine Begierden trieben ihn gleichwohl abermahl nach dem
Filisterlande zu / ihm alda eine neue Buhlschaft zu suchen.
    (177) Man möchte zwar / dem euserlichen Scheine nach / wohl sagen / er hette
solches vielleicht nur darüm getahn; weil er in Bedenken gezogen ein Frauenbild
aus dem Volke Gottes / durch solche seine Liebe / die mehr geul / als keusch /
mehr unzüchtig als züchtig / zu sein schien / gleichsam zu beschmützen / oder
vielmehr zu verunehren. Aber mich deuchtet unter diesem ganzen Handel ein
sonderliches Geheimnis verborgen zu sehen. Ich lasse mich bedünken /er habe so
wohl hierinnen / als anderwärts / ein Vorbild unsers Heilandes sein sollen:
welcher eben als Simson / wiewohl auf eine ganz keusche / ja Götliche Weise /
die Menschenkinder / da sie noch Fremdlinge waren / da sie noch im Schlamme der
Sünden lagen / und so häslich aussahen / dass nichts schönes noch liebliches an
ihnen zu finden / geliebt /ja gar zu seiner Braut erkohren; wie wir schon
droben ausführlich gemeldet.
 
                               Das zehende Buch.
                              Die (1) Einteilung.
SImson hatte nunmehr / in einem lustigen Tahle /gefunden / was er gesuchet. Alda
hatte sein Auge das Ziel seiner dritten Lustfahrt / am Bache Sorek / erreichet.
Bei diesem Bache hielt sich eine schöne Filisterin auf: wo sie nicht vielmehr
eine schnöde Tausendkünstlerin zu nennen. Also befand er sie auch in der Taht.
Kaum war sie seinen Augen aufgestossen /da ward er straks gewahr / dass sie ihr
Handwerk wohl gelernet. Das Loddern ihrer Augen lokasete die seinigen zur Stunde
sie mit Lust anzusehen. Das Lächlen ihres Mundes machte seinen Mund lüstern /
sie anzusprächen. Die Anmuhtigkeit ihrer Gebährden reizte seinen Fuss bei ihr
einzuträhten.
    (2) Der Eintrit geschahe. Die Ansprache folgete. Simson ward entzükt. Er
stolperte wieder in die gefährlichen Fussangeln / die ihm schon zweimahl /auf dem
Pfade geuler Liebe / den Fuss verletzet. Er gedachte nicht mehr an die gelittenen
Schmertzen. Mit den genäsenen Wunden / waren sie alle verschwunden. Sein Hertz
war unter den Gehorsam der Augen so gar gebracht / dass es dieselbe Schönheit /
daran sich jene vertgaften / straks als entzükt lieben musste.
    (3) Also konnte dann Simson dem Angelhaken /den ihm Delila / durch ihre
verliebte Blikke / zuwarf / keines Weges entgehen. Er ward gezwungen dem Befehle
seiner eigenen Augen zu gehorchen. Er wollte straks anbeissen. Er wollte das Ass /
zusamt dem Haken / einschlukken. Und hiermit war er fest. Hiermit war er
gefangen. Hiermit ward er verliebt.
    (4) Straks entstund in ihm ein Sturm von vielerlei Neugungen. Diese tobeten
und wühteten in seinem Gemühte dermassen / dass der Raum viel zu änge ward. Bald
rührete sich in ihm die Neugung / seine neue Liebste zu ümarmen. Bald ward er
lüstern sie zu küssen. Bald trug er Verlangen ihrer Liebe zu genüssen / bald sie
gar als eigen zu besitzen. Durch diese Leidenschaften / welche die geule Liebe
gemeiniglich mit sich schleppet / befand er sich so beängstiget /dass er eher
nicht ruhen konnte / er hette dann erlanget /was er verlangte.
    (5) Aber dieser Sturm währete nicht lange. Kaum war er begonnen / als er
sich schon endigte. Wo kein Widerstand ist / wird die Festung bald gewonnen.
Bewilfahrte Begierden seind leichtlich zu sättigen. Nach erlangtem Verlangen /
darf keiner mehr seufzen. Gewährte Wünsche der Verliebten seind ihr lachendes
Glük; das ihnen die Angst aller verzögerter Hoffnungen / und das Leiden so vieler
Folterungen benimt / ja das sie in einen Lustimmel vol Geigen / und in eine
Schatzkammer vol Freuden gleichsam einführet.
    (6) Simson fand alles straks nach seinem Willen. Er hatte bei seiner
Liebsten kaum angeklopfet /da stund ihm schon Tohr und Tühre zu allen seinen
Neugungen offen. Er zog ein / als ein Siegesheld. Seine Begierden erstoltzten in
ihrem so plötzlich erlangtem Siegesgepränge. Er selbst hielt das Freudenmahl im
Schosse seiner Liebsten: die ihm den Trank der ersinlichsten Wohllüste vol
einschenkte. Er genos der allersüssesten Speise / die ihm Delila in geheuften
Schüsseln vorsetzte. Hier liebelten ihm die blühenden Wohllüste des Frühlings /
und die gezeitigten Ergetzungen des Herbstes auf einmal alle zusammen.
    (7) Alle seine Sinne fanden alhier ihre Lustspeisen volauf. Nichts / ja gar
nichts ward ihnen verweigert. Er sah das liebliche Lächlen des Mundes / das
anmuhtige Lieblen der Augen. Er hörete das hertzentzükkende Schmeichlen ihrer
Zunge. Er roch die süsse Zimmetluft ihres Ahtems. Er fühlete das sanfte
Streucheln ihrer Hände. Und dieses alles täht er mit solcher Vergnügung / dass er
sich einbildete bei der Liebe-Göttin selber ein Gast zu sein.
    (8) Seine Begierden waren lange so gross nicht / als Delila milde zu sein
schien sie zu sättigen. Sein Lustunger befand sich lange so heftig nicht / als
sie freigebig war / ihn zu stillen. Ja sie war im Erlustigen verschwänderisch /
im Reden holdsälig / im Schmeicheln unvergleichlich / im Liebeuglen anmuhtig /
im Schertzen liebreich / in Gebährden höflich /im ganzen Wesen erfreulich.
    (9) Dieses Ergetzen / dieses Erlustigen hatte kein Ende. Sie ward nimmer
müde. Nimmer hörete sie auf diese Lustspiele zu treiben. Eines folgete straks
dem andern. Eines hing immer am andern. In dieser zusammengegliederten langen
Reihe der Lustspiele befand sich Simson so vol Freuden / dass es ihm ein
Vorschmak des Paradieses / aber ach leider! nicht des Himlischen / zu sein
schien. Er hatte die Liebe noch nie so erfreulich befunden. Noch nie war ihm ein
Frauenbild so gar liebreich / so gar leutsälig /so gar wilfärtig vorgekommen.
    (10) Aber es schien / dass ihm / im ersten Anbisse /die Liebe nur darüm so
süsse gemacht würde / damit sie ihm hinfort / wan er tieffer hinein geriete / üm
so viel bitterer schmäkte. Gemeiniglich pflegt man die Giftküchlein mit Zukker
zu überziehen; damit der Vorschmak süsse / der Nachschmak aber / der den Tod
würket / üm so viel herberer und bitterer sei. Gemeiniglich wird dieses wahr:
Trägt der Anfang die Lust /so trägt das Ende die Last.
    (11) Doch dieses gedachte Simson nicht. Er lies sich nichts Böses treumen.
Er vermuhtete keines weges / dass das Glük / das ihn itzund so lieblich
anlächlete / mit der Zeit eben so grausam / ja noch grausamer auf ihn zustürmen
würde. Und also lies er sich nichts anfechten. Er lies keine böse Schwahnsfeder
in seinem Gehirne wachsen. Er war in seiner Lust so vertieffet / dass er von
nichts / als von ewigwährenden Freuden treumete. Er betauerte bloss allein / dass
er aus stähtiger unaufhörlicher Ergetzung zuweilen müde würde. Es war ihm nur
leid / dass er nicht alle die Lustspeisen so oft und so färtig / als sie ihm
angebohten warden / einzuschlukken vermöchte.
    (12) Auf diese Weise belustigte sich Simson zimlich lange. Lange Zeit stund
ihm ein weites und breites Feld offen; da er / nach eignem Belieben / in voller
Wohllust sich weiden mochte. Auch blieb er immerfort lüstern. Seine Begierden
warden nie so sat /dass sie aufgehöret hetten ihn lüstern zu machen. Die Hitze
der Delila war dermassen stark /dass sie nimmer nachlies ihnen ein Teil darvon
mitzuteilen. Und also erhielt sie dieselben fort und fort in ihrem gewöhnlichen
Gange.
    (13) Daher kahm es / dass Simsons meister Zeitvertreib war sich bei dieser
Frauen zu erlustigen. Ja er wohnete schier gar bei ihr: weil er seine
Zufriedenheit nirgend besser / als in ihrem Schosse / zu finden vermochte. Diesen
hielt er für sein zeitliches Himmelreich / für sein irdisches Paradies; darinnen
er /der geblendete Simson / seine ganze Glüksäligkeit erlanget zu haben
wähnete. Und hierdurch begab es sich / dass seine Feinde zu eben der Zeit / da er
/ mitten in seinen Freuden / ganz unbesorgt / und am sichersten zu sein schien
/ der Gelegenheit wahr nahmen / ihm die lange gedreueten Lagen zu legen.
    (14) Die Filister / welche stähts auf ihn lauerten / kundschaften dieses
aus. Sie wurden seines stähtigen Umganges mit der Delila gewahr. Ihre
Fünffürsten selbst erfuhren es alsobald. Die Kundschaffer brachten es an. Doch
ging alles in der Stille zu. Man lies sich nichts märken / aus Furcht / Simson
möchte vielleicht den Brahten riechen / und ihnen eben also / wie er zu Gaza
getahn / entschlüpfen.
    (15) Die Fünffürsten kahmen heimlich zusammen. Sie hielten einen verborgenen
Raht. Es ward bei Leibesstrafe verbohten etwas auszusagen. Unter der Rose ward
alles gehandelt. Niemand unternahm sich nur ein Wort laute zu reden. Und darüm
flisterten diese Filister / mit zusammengestekten Köpfen / einander alles ins
Ohr. Ja selbst das Rauschen mit den Rökken / das Scharren und Trappen mit den
Füssen /das Rükken mit den Stühlen ward vermieden. So gar stille / so gar
behuhtsam ging alhier alles zu!
    (16) Die Erfahrung hatte sie so vielmahls gelehret /wer Simson war. Sie
wussten von langer Zeit her /was er im Schilde führete. Seine mehr als
Heldenmässige Tahten konten ihnen / aus so vielen seinen Siegsgeprängen / nicht
unbekant sein. Er sei / sagten sie alle / listiger / als ein Fuchs; grossmühtiger
und tapferer / als ein Leue; stärker / als ein Nasenhörning. Er achtete tausend
Filister anders nicht / als tausend Stoppeln. Darüm tähte man töhricht mit ihm
einen Tutz zu wagen. Darüm müste man ihn zu gelegener Zeit überlistigen.
    (17) Und diese Zeit schien ihnen itzund geboren /zu sein Itzund / da er im
Wohllustbette der Liebe faulentzete / schien es am füglichsten ihm einen
Listrang abzugewinnen. Das Einhorn / wie die Naturkündiger uhrkunden / soll kein
Jäger zu fangen wissen / als wan es seinen Kopf / aus Liebe zur Keuschheit / in
einer keuschen Jungfrauen Schoss geleget /und sich alda in den Schlaf wiegen
lassen. In einem solchen / wiewohl unkeuschem Schosse / gedachten sie den Simson /
weil sie ihn der Unkeuschheit ergeben / und alda sicher und unbesorgt schlafen
sahen / gleichmässig zu fangen.
    (18) Hierzu achteten sie kein besseres Mittel zu sein / als durch die Delila
listiglich bei ihm auszuwittern und zu erfahren / worinnen die Kraft seiner
übermenschlichen Starke bestünde. Sie wollten erforschen /woher ihm die gewaltige
/ ja schier algewaltige Macht seines Armes / alles zu überwinden / alles zu
zerreissen / und alles über einen Hauffen zu schmeissen /herkähme. Sie wollten
den Grund ergründen / darauf sie den Bau seines Gefängnisses / damit es wider
seine Stärke bestünde / fest genug aufzuführen vermöchten.
    (19) Darüm kahmen alle Fünffürsten zu ihr. Die Herscher und Heupter des
Filisterlandes selbst sprachen ihr zu. Doch dieses tähten sie heimlich / in
Simsons Abwesen: dessen sie sich zuvor erkundiget. Ihr erstes Anbringen waren
lauter Beschweerungen. Sie beschweerten sich / und klagten zum allerersten
häftig über des Simsons Muhtwillen. Hierdurch gedachten sie den Willen dieser
Frauen / in ihren Willen zu willigen / üm so viel eher zu bewegen. Darnach
begunten sie dem rechten Ziele /dessentwegen sie angelanget / almählich näher zu
trähten. Sie gaben ihr zu verstehen / was sie selbst verstanden: nähmlich dass
sie über den Willen des Simsons allein herschete; dass niemand / als sie /in die
Schatzkammer seiner Heimligkeiten einen freien Eintritt zu haben vermöchte; ja
dass nur sie allein /seine Geheimnisse zu erfahren / geschikt sei.
    (20) Diese Reden / welche sie / als ihr zum Ruhme gesprochen / aufnahm /
kützelten ihr das Ohr gewaltig. Sie tähten ihr so wohl / dass ihr Hertz für
grossen Freuden im Leibe gleichsam hupfete / ja dass es so gross ward / als der
gröste Kuhkmagen. Sie lauschte /sie horchte / da ihr ein solches Lob ihrer
Verdienste so übermässig zugemässen ward / nicht anders / als eine mit Unflaht
übersudelte Sau / die von einer Elster gelauset wird. Ja eben also / als diese
sich brüstet /wan sie mit einer güldenen Halskette behänget einhertrit /
brüstete sich auch und erstoltzte die unflähtige Delila: zuvoraus weil Fürsten
selbst ihr einen solchen Ehrenschmuk zueigneten.
    (21) Endlich kahm man zum Ziele selbst. Man baht sie vom Simson / bei dem
sie so überaus viel vermöchte / durch ihre Liebkoserei / auszuforschen /woher
dieselbe so ungeheure Stärke / dadurch er allen Menschen ein unvermeidliches
Schrökken einjagte / sich entsponnen? Was für ein Stern oder Unstern es sei /
der eine so gewaltige Kraft in ihm würkte? Und ob dieselbe Kraft und Stärke
nicht etwan zu gewissen Zeiten von ihm wiche?
    (22) Delila / die von den Grösten dess Landes sich besuchet / und als
gerühmet / ja gleichsam gar angeflöhet sähe / ward hierüber so Ehrgeitzig / dass
sie dem Begehren ihrer Anflöher / sie zu ihren Pflichtschuldigen zu machen /
anders nicht / als höflich begegnete. Ihre Weigerung / wiewohl sie sehr klein
war / geschahe nur des Wohlstandes wegen. So straks und auf einen Plotz zur
Verrähterin ihres Liebsten zu werden / wollte sich nicht geziemen. Zudem wollte
sie erst auch mit güldenen oder silbernen Zungen angesprochen sein. Die
Fleischerne / die einen so scharfen durchdringenden Klang nicht geben konten /
waren zu wenig / sie zu einer völligen Bewilligung zu bewegen.
    (23) Ein Weibesbild / zumahl ein solches / als Delila war / wird zwar /
durch Beweisung eiteler Ehre / zur Erfüllung eines fremden Willens gelokaset /
aber nicht so straks bewogen. Es mus was anders sein / als ein eitler Ahtem /
das es überteuben soll. Wan ein Esel mit Gelde beladen anklopfet / dann springet
die Tühre von sich selbst auf. Jupiter musste Gold auf der Danae Wächter regnen
lassen. Eher stund ihm die Tühre zu dieser bewachten und eingesperreten
Königlichen Fürstin nicht offen. Solte Simsons Verborgenheit ausgekundschaffet
werden / so musste Delila mit Gelde bestochen sein. Solte seine Geheimniskammer
den Filistern offen stehen / so mussten sie mit güldenen Schlüsseln der
Tührhühterin den Mund öfnen.
    (24) So boht ihr dann einieder Fünffürst eilfhundert Silberlinge zur
Belohnung an. Diese fünfmahl zusammengerechnet / belieffen sich auf fünftausend
und fünfhundert. Wan es Priestermüntze gewesen / so waren es so viel halbe
Tahler. War eb aber Bürgermüntze / so seind es so viel Ohrtstahler / nach unsrem
Gelde gerechnet. Das war ein fetter Bissen / der eine solche Mätze / wie Delila
war / leichtlich reitzen konnte darnach zu schnappen. Ein so grosses Versprächen
machte sie auch zur Stunde geschäftig / das versprochene zu überkommen. Ja ihr
grosses Verlangen nach dieser so reichen Verehrung spörnete sie gleichsam an der
Filister Begehren ie eher ie lieber zu vergnügen.
    (25) Der Geldgeitz ist den Weibern angebohren. Gemeiniglich trachten sie dem
Gelde nach. Gemeiniglich suchen sie Reichtuhm zu samlen. Und diesen erfordert
auch ihre Hofart. Ihre Pracht in Kleidern gebietet ihnen gleichsam zu geitzen.
Was für ein Wunder war es dann / dass Delila / durch den Anbot des Geldes / sich
verführen lies eine Kundschafferin / und eine Verrähterin ihres eigenen Liebsten
zu werden. Was neues war es dann / dass sie / aus eitelem Geldgeitze / diese
schändliche Tohrheit beging.
    (26) Mich deuchtet / ich sehe alhier an den Fünffürsten der Filister das
Vorbild der Hohen Priester zu Jerusalem. Mich dünket / ich sehe die Delila den
Verrähter Judas / und den Simson unsern Heiland vorbilden. Es ist zwischen einer
und der andern Geschicht schier kein anderer Unterscheid / als dieser / dass der
Heiland der ganzen Welt ungleich weniger gälten musste / dann der Heiland Israels
; und dass die Fünffürsten viel milder / als die Hohenpriester / im Ausbieten /
ja Delila weit geitziger / als Judas / im empfangen des Bluhtgeldes gewesen:
welches sich dort auf fünftausend und fünfhundert Silberlinge / hier aber nur
auf dreissig erstrekte.
    (27) Wan es auch wahr ist / wie die Jüdischen Meister meinen / dass dieselbe
Witwe / welcher Micha /ihr eigner Sohn / eilfhundert Silberlinge gestohlen /die
sie nachmahls selber zum Gottesdienste gewiedmet / eben diese Verrähterin
Delila gewesen- so scheinet sie zugleich in diesem Stükke den Verrähter Judas /
weil sie alle beide das empfangene Bluhtgeld / aus Bereuung ihrer begangenen
Verräterei /GOtte gleichsam wiedergeben wollen / vorgebildet zu haben.
    (28) Die mit grossen Verheissungen erkaufte Delila schritte dann alsobald zur
Sache. Sie grif den Handel an: doch erstlich nur mit Liebkosen. Hatte sie zuvor
geschmeuchelt / geliebelt / geliebkoset / so täht sie es itzund noch vielmehr.
Hierdurch wollte sie den Simson gewinnen. Hierdurch wollte sie ihn vorbereiten zur
Wilfahrung ihres Begehrens. Hierdurch wollte sie ihm sein ganzes Hertz stehlen:
damit sie durch dessen volle Besitzung auch eine Besitzerin seiner Geheimnisse
werden möchte. Und also wollte sie so straks nicht zuplumpen / das Augenmärk
ihres Verlangens mit Worten zu berühren.
    (29) Hiermit verzog sie dann so lange / bis sie sein Gemüht mit vielerhand
Lustspeisen gesättiget / sein Hertz durch tausend Ergetzungen durchsüsset / seine
Gedanken durch ihre verzukkerte Reden gestillet / ja den ganzen Simson
gleichsam beruhiget. Aus einem ruhigen Gemühte / das mit lauter Freuden erfüllet
ist / blikket die Freigebigkeit im Wilfahren allezeit ungezwungen hervor. Dieses
wusste die verschlagene Delila sehr wohl. Darüm unterlies sie nichts / ja gar
nichts / dadurch sie ihren Simson in solche so angenehme Gemühtsruhe versetzen
könnte.
    (30) Sie wusste / dass grossmühtige Helden besser nicht befriediget noch
befreudiget würden / als durch den Lobspruch ihrer Heldentahten. Darüm
vermischete sie endlich diese Wohllüste mit dergleichen Lobsprüchen / ihm sein
Hertz und seine Neugungen vollend abzustehlen. Sie könnte sich kaum einbilden
/sagte sie / dass es wahr sei / dass es nicht ein Traum sei einen so
unvergleichlichen Helden in ihren Armen zu sehen. Sie dürfte kaum glauben / dass
Simson sie liebete: dessen unüberwindliche Stärke die ganze Welt erschrökte;
dessen mehr als menschliche Heldentahten durch den ganzen Erdkreus sich
ausbreiteten / und der Ruhm darvon bis an den Himmel erschallete.
    (31) Einer solchen Glüksäligkeit sei sie nicht währt. Dass Simson / der Held
der Helden / sie zur Liebsten erkohren / sei sie nicht würdig. Dass nur sie die
Ehre hette sein Hertz zu besitzen / verdienete sie nicht. Eine Erdgöttin sei
allein würdig eines solchen Erdgottes Liebe zu geniessen: der durch den
mächtigen Nachdruk seines Armes alles / was er nur anrührete / zerschmetterte;
ja der / durch seinen Nahmen allein / alle / die ihn höreten / mit Furcht und
Schrökken überschüttete.
    (32) Ihre Schönheit sei zwar zu geringe sie in den Augen des
allerfürtreflichsten Siegsheldens so hochschätzbar zu machen / dass er sie selbst
einer Erdgöttin vorzöge. Gleichwohl gönte der Himmel ihr dieses Glük. Gleichwohl
hette sie die Ehre denselben zu besitzen; in dessen Gegenwart die erstaunten
Filister selbst als unbewegliche Bildseulen da stünden die Zurüstung seiner
herrlichen Siegesgepränge noch mehi zu verherrlichen. Und hierüber were sie gleich
als entzükket. Sie erstoltzte mitten in diesen ihren Glüksäligkeiten; da sie auf
nichts anders bedacht sei / als ihre Liebe mit tausend Ergetzlichkeiten zu
sättigen.
    (33) »Aber diese Gedanken« / fuhr sie fort / »stöhret / mit der Freude
zugleich / das fürwitzige Verlangen das mich plaget / etwas zu wissen / das ich
bisher nicht melden dürfen. Noch itzund weis ich nicht / ob ich so kühne sein
darf Ihm nur eine Frage vorzutragen. Dieser Zweifel benimt mir ein grosses Teil
der Lust ihn zu ergetzen. Ja er dürfte zuletzt das Feuer meiner Liebe wohl gar
unter die Asche der Furcht begraben. Ach! ich wollte / dass ich diesen Fürwitz aus
meinem Gedächtnisse vertilgen könnte; weil er mich die Zeit über / da ich ihn
vertuschen mus / zurückhält mich so wohl / als Ihn / wie ich sonst könnte / ja
wollte / recht vergnüglich zu ergetzen.«
    (34) Sobald Simson diese Reden seiner Liebsten verstund / war er bemühet sie
ihres Zweifelmuhtes zu benehmen. Er gab ihr die allerlieblichsten Worte. Er
strählete / küssete / hertzete sie. Er begehrte nicht länger vor ihr zu
vertuschen / was sie so ängstiglich zu wissen verlangte. Sie sollte die Frage /
die sie an ihn hette / nur kühnlich heraus sagen. Sie sollte dasselbe / was ihrer
beider Wohllust minderte / nur alsofort aus dem Wege schaffen. Er sei schon
bereit ihrem Begehren zu wilfahren.
    (35) Hierauf fing dann Delila alsobald an. »Ich kenne« / sagte sie / »meinen
Simson noch nicht recht / so lange mir unbekant ist / worinnen die Kraft seiner
übermenschlichen Stärke bestehet. Ich weis nicht / ob er ein Mensch / oder mehr
als ein Mensch ist / so lange mir der Grundris seines Wesens unbewust bleibet.
Darüm geschiehet an Ihn meine flöhendliche Bitte / mir zu entdekken / aus was
für einem Zeuge die Fürtreflichkeit seiner Stärke herrühret? Dieses ist das
einige / das ich von ihm zu erfahren suche; damit ich ihm die Ehre / die seiner
Hoheit gebühret /zu geben wisse.«
    (36) Mehr sagte sie nicht. Weitern Umschweif wollte sie nicht machen. Auch
lies sie bei dieser Bitte nicht alzugrossen Eifer spühren. Und dieses täht sie
darüm; damit er nicht etwan in einen Argwahn geriete / dass etwas anders hinter
ihrer Frage verborgen sei. Sie wollte sich bei ihrem Liebsten keines Weges
verdächtig machen / als begehrte sie seine Geheimnisse zu wissen / ihn darnach
in Ungelegenheit zu bringen.
    (37) Simson / der vielleicht den Betrug märkte /war in Beantwortung der
Frage so vorsichtig / dass er die rechte Wahrheit verschwieg. Alle die
Liebkosereien / alle die hinterlistige Verstellungen / die sie angewendet ihn zu
betöhren / waren so mächtig nicht /dass sie ihn hetten bewägen können sein
Geheimnis zu offenbahren. Er antwortete lächlende nichts anders /als / er sei
kein Gott. Dass er nur ein Mensch were /könnte sie leichtlich gewahr werden / wan
sie ihn mit sieben Seilern von frischem Baste / die noch nicht verdorret /
binden würde. Und also würde seine Kraft gebunden / seine Stärke verschwunden /
und er Selbsten nicht anders sein / als ein ander gebrächlicher Mensch.
    (38) Hierauf ümarmeten sie einander beiderseits. Beide küsseten einander
hertzinbrünstiglich. Simson war froh / dass er / durch eine blaue Dunst / die er
ihr vor die Augen gemahlet / eine so süsse Wohllust erworben. Und Delila schätzte
sich zum höchsten glücksälig / dass sie nunmehr dasselbe besässe / welches ihr
dienen sollte die Mänge der versprochenen Silberscheuben für ihre Verräterei
bald in ihren Geldkasten zu scharren.
    (39) Auch frohlokten die Fünffürsten / sobald ihnen Delila kund getan / dass
sie nunmehr dasselbe / was sie begehret / ausgeforschet: indem sie sich
einbildeten / die Zeit sei itzund geboren / da sie Gelegenheit bekommen sich am
Simson / nach eignem Belieben / zu rächen. Ja sie liessen die Seiler mit allem
Fleisse machen / damit sie stark genug sein möchten denselben anzuhalten / den
sie zu binden gedachten. Auch versuchten sie dieselben etliche mahl /ob sie fest
genug weren allem Gewaltzwange zu widerstehen.
    (40) Nachdem nun alle sieben auf das beste verfärtiget waren / zogen etliche
wohlgewafnet damit hin /und begaben sich heimlich in der Delila Haus. Alda
warteten sie / in einer Kammer / auf den gewünschten Ausgang. Sie warteten so
lange / bis Delila den fest genug gebundenen Simson ihren bluhtdürstigen Händen
überantworten würde. Eher wollten / noch durften sie sich an einen solchen Held
nicht machen / für dessen gewaltiger Stärke / so lange sich einiger Arm an ihm
regen könnte / sie nicht versichert waren.
    (41) Inzwischen kahm Simson auch an. Er traht wieder in dasselbe Haus / da
man ihm so tükkisch nachstellete. Delila lief ihm straks entgegen. Sie empfing
ihn mit einem hertzlichen Kusse; doch nur dem Scheine nach: weil er in der Taht
anders nicht /als ein falscher Judaskus war. Gleichwohl gefiel er ihm so wohl /
und machte seine Neugungen so lüstern / dass er sich von stunden an auf die Spuhr
der eiteln Wohllüste begab. Hierinnen befand er sich endlich so vertieffet / ja
selbst gleichals ermüdet / dass er sein Heupt / zum Schlafe geneugt / in dei
Delila Schoss sinken lies.
    (42) Unterdessen wachte die Verrähterin / als eine hungerige Katze / die den
Meusen nachstellet. Sie lauschte / sie lauerte / wie ein fressichter Wolf / den
Raub / auf den sie so begierig verlangte / zu erhaschen. Sie wartete / bis
Simson entschlafen; damit sie ihr Vorhaben üm so viel leichter volenden könnte.
Als sie nun märkte / dass er fest genug schlieffe / legte sie sein Heupt auf das
nächststehende Bette. Dieses täht sie so leise / dass er es nichtgewahr ward.
Darnach schlich sie eilend hin die Seiler / welche sie verborgen hatte / zu
hohlen.
    (43) Diese Seiler schlug sie ihm üm die Beine so wohl / als die Aerme. Sie
band beide Füsse zusammen; damit er / wan er wakker würde / nicht stehen /noch
gehen könnte. Sie fesselte beide Hände so fest /dass sie sich nicht bewegen
könten. Ja sie machte die Aerme selbst an den Leib fest. Und dieses alles
verrichtete sie mit solcher Behändigkeit / ja so geschwinde / dass es der
Schlafende nicht fühlete.
    (44) Hierauf traht sie zu den Filistern in die Kammer. Diese suchte sie
anzumuhtigen auf den nunmehr gebundenen und noch schlafenden Simson los zu
gehen. Aber sie hatten hierzu kein Ohr. Das blosse Binden konnte den Muht ihnen
nicht geben ihn anzufallen. Sie waren so oft gewitziget / dass sie einem so
schlüpferichten Grunde nicht traueten. Simsons überschwängliche Stärke hatte sie
so furchtsam gemacht / dass sie sich eher an ihm nicht reiben durften / sie weren
dann zuvor versichert / dass er ganz kein Vermögen / sich los zu reissen / mehr
hette.
    (45) In die Gefahr / von ihm überwältiget zu werden / so plumplings sich zu
wagen / stund ihnen nicht zu rahten. Sie wollten zuvor die Stärke der Bande /wan
er wakker sei worden / erfahren. Sie wollten zuvor versuchen / wie es alsdan mit
dem Binden der Delila ablauffen würde. Eher wollten sie ihren heimlichen Anschlag
/ der ihnen zum ärgsten ausschlagen möchte / zu keiner öffendlichen Gewalttaht
kommen lassen. Und darüm beschlossen sie / sich so lange vor der Tühre des
Zimmers stille zu halten / bis Delila mit einer fröhlichern Bohtschaft
wiederkähme den vollen Sieg über den Simson ihnen anzukündigen.
    (46) Unterdessen traht die Verrähterin nach dem Bette / zu. »Auf! auf!
Simson« / rief sie mit lauter Stimme: »die Filister überfallen dich.« Diese
Stimme drang in einem hui / durch die Ohren / zu den Sinnen hinein. Es ward
alles rege / was in und an dem bestürtzten Simson war. Er erwachte. Er stund
auf. Er schüttete alles / was seine Bewägung verhinderte /von den Armen und
Beinen weg. Ohne weitere Gewalt sprangen die Seiler in Stükken. Er zerrisse sie
/wie einen Faden / der von der Lohe versänget ist.
    (47) Und also fühlete er nicht einmal / dass er gebunden sei / bis er die
Stükke der zerrissenen Seiler erblikte / ja zugleich den Betrug der Delila
märkte: die er auch deswegen mit leunischen Augen anzusehen schien. Doch diese
sah viel zorniger aus. Sie gebährdete sich / als ein gestochener Bok. Es
schmertzte sie / dass sie sich so schändlich geteuschet sah. Sie war erzürnet io
auf sich selbst / ja sie spiehe sich schier an / dass sie so leichtgleubig
gewesen; dass sie Simsons Worten vielzuviel getrauet.
    (48) Endlich gab sie den Filistern ein Zeichen des unglücklichen Ausschlages.
Hierüber erschraken sie so heftig / dass sie nicht wussten / wie sie sich so
straks aus dem Staube machen sollten. Sie eilten schier über Hals über Kopf
darvon: und sahen einander / sobald sie an einen sichern Ort gelanget / ganz
bestürtzt an. Sie schnoben / sie keuchten / und liessen aus ihren verschlagenen
Angesichtern eben eine solche Farbe blikken / als weren sie der eusersten Gefahr
entlauffen.
    (49) Weil nun Delila die Zornflammen aus Simsons Angesichte noch immerzu
blikken sah /so musste sie aus der Noht eine Tugend machen. Sie musste den
Unwillen / den sie auf ihn geworfen / verbärgen. Sie musste geschmierte Worte
geben / und wieder anfangen zu schmeicheln: indem sie sich befahrete / sein
Zornfeuer möchte sonsten zum allerersten über sie ausbrächen.
    (50) Ja sie begunte sich zu entschuldigen. Sie wendete vor: ihr Fürwitz
allein hette sie bewogen / durch diese Seiler / die Wahrheit seiner Worte zu
erfahren. Sie hette damit / dass sie ihn gebunden / nichts anders / auch nichts
Böses im Sinne gehabt. Er sollte deswegen nicht über sie zürnen. Und hiermit fiel
sie ihm üm den Hals / und gab ihm einen Kus über den andern. Ja sie hielt zu
küssen / und zu schmeucheln nicht eher auf / als bis sie die Heftigkeit seines
Grimmes besänftiget.
    (51) Also verzog sich das Zornwetter in Simsons Gesichte. So veränderten
sich die düsteren Wolken in eine anmuhtige Heiterkeit. Mund und Augen lächelten
wieder. Der Sturm war vorbei. Die Liebesneugungen folgeten. Der Vergleich auf
beiden Seiten ward getroffen. Es ging alles verträglich / alles lieblich zu.
Delila schenkte dem Simson die Wohllust vol ein: und er hinwieder lies an seiner
liebe nichts mangeln.
    (52) Sobald Simson auf das neue verliebt worden / trachtete sie ihn auch
Mitleidend zu machen. Hierdurch gedachte sie gar gewis zu ihrem Ziele zu
gelangen. Hierdurch vermeinte sie dasselbe zu erreichen / was sie durch
keinerlei Liebesbezeugungen zu tuhn vermocht. Sie stellete sich / mitten in
ihren Ergetzungen / ganz kläglich an. Da Simson am verliebtesten zu sein schien
/ fing sie an sich über ihn erbärmlich zu beklagen.
    (53) Kein Hertz wird mehr beweget / als dasselbe /das die Liebe hitzig / und
das Mitleiden weich machet. Dieses wusste die listige Delila sehr wohl. Darüm
suchte sie beides in Simsons Hertzen zu stiften. Und hiermit vermeinte sie
gewonnenes Spiel zu haben. Das letztere zu befördern / brach sie aus in lauter
Klagen. »Ach! mein Simson! mein Liebster!« sagte sie / »verdienet nun meine so
hertzliche Liebe /die ich ihm bisher erwiesen / nichtsmehr / als dass er mich
itzund so schändlich geteuschet? Wie kann ich gleuben / dass der Mund / der so
vielmahls schwöret / dass er mich liebe / die Wahrheit rede; weil ich ihn itzund
lügenhaftig befunden?
    (54) Ich vermeinte / dass unserer beider Hertzen /durch die Liebe / so nahe
zusammen verbunden weren / dass seines mir eben so wohl / als ihm das meinige
/stähts offen stünde. Aber ich sehe nun viel ein anders; nachdem er sein Hertz
für mir dermassen verschlossen / dass mir / ein einiges Geheimnis daraus zu wissen
/nicht zugestanden wird. Ja ich mus noch darzu erfahren / wan ich etwan lüstern
werde darnach zu fragen /dass man meiner nur spottet; dass man mir eine blaue
Dunst vor die Augen mahlet.
    (55) Wan irgend unter meiner Frage / seinen Abschlag zu beschönen / einiger
Betrug / oder einiges Unheil verborgen were / so wollte ich meine Klage selbst
/als freventlich / strafen. Wan irgend meine Treue darunter zu hinken scheinen
möhte / so sollte mein Mund schweigen. Ich wollte darwider nichts sagen. Ich wollte
vielmehr guht heissen / dass er behuhtsam gehandelt / indem er mir die rechte
Wahrheit vertuschet.
    (56) Aber er hat sich von derselben / die ihn so hertzlich liebt / keines
Betruges / keines Unheils /noch einiger Untreue zu befahren. Kan er wohl mit
Wahrheit sagen / dass er mich iemahls betrügerisch oder untreu befunden? Vielmehr
kann ich ihn bezüchtigen / dass er mich betrogen / dass er untreulich an mir
gehandelt: indem er / an statt dankbar zu sein für meine so getreue / so stähtige
Liebe / so undankbar gewesen / dass er meine Begierde die Wahrheit zu wissen /
bloss mit Lügen abgespeiset.
    (57) Ja ich habe mehr / als alzuviel Uhrsache mich zu beklagen / dass ich die
Aufrichtigkeit seiner Liebe /deren ich mich zur Belohnung für die meinige
versichert hielt / auf so ungewissem Fusse befunden. Es schmertzet / ja kränket
mich / dass ich so leichtgleubig gewesen einem Manne zu trauen / bei dem keine
Treue zu finden. Nun mag ich / aus eigener Erfahrung / wohl sagen / dass dieselbe
recht närrisch ist / die den Männern eine andere Liebesneugung zuvertrauet / als
eine solche / die bloss auf den eitelen Eigennutz der Wohllust sich gründet.«
    (58) Unter alle diese Beschwerungen / unter alle diese Beschuldigungen
mischete sie gleichwohl noch immerzu ihre gewöhnliche Schmeucheleien. Sie lies
gleichwohl nicht nach denjenigen zu ergetzen / von dem sie noch immer
begünstiget zu werden verhofte. Und hierdurch vermeinte sie den sauren Essig der
Unlust / der etwan aus ihren herben Beklagungen entspringen möchte / zu
versüssen.
    (59) Daher konnte dann Simson anders nicht tuhn / als höflich sich
entschuldigen; indem er vorschützte: was er getahn / sei bloss aus Schertze
geschehen. Er hette die Gedanken sie zu betrügen keines Weges gehabt. Weil er
gesehen / dass ihr einfältiger Fürwitz mit einer wahrscheinlichen Antwort zu
frieden gewesen /so hette er unnöhtig erachtet den Grund der Wahrheit zu
entdekken. Es sei alles nur Kurtzweile gewesen. Darüm were sie in ihren Klagen
alzustachelicht. Darüm deutete sie seine Gedanken alzuübel aus.
    (60) Aber indem Simson sich also zu entschuldigen trachtete; indem er dieses
losen Weibes Beschuldigungen auf diese Weise zu begegnen suchte /gab er ihr nur
frischen Anlass / zur Volziehung ihrer Bosheit / noch einen Anfal zu wagen. Diese
seine Höfligkeit machte sie sich straks zu nütze. Straks fing sie wieder an das
vorige Liedlein zu singen. Sie täht wieder einen Versuch ihn zur verlangten
Wilfahrung zu bereden.
    (61) »Ach! mein Schatz« / sagte sie / »weil er dann bisher Belieben getragen
mit mir zu schertzen / so wollen wir nun / in rechtem Ernste / miteinander
handeln. Weil ich eben itzund die gewaltige Kraft seiner Stärke selbst gesehen /
so bin ich noch viel vorwitziger worden / die Uhrsache dessen zu wissen Ach! er
lasse mich doch nur einmal so bitsälig sein / dass ich diese Wilfahrung erlange.
Er lasse mein Hertz / das ihn inniglich anflöhet / keine Fehlbitte mehr tuhn.
    (62) Ich begehre ja nichts mehr / als den Grund seiner Herligkeiten / als
die Herstammung seiner Hoheiten zu wissen. Ich verlange ja nichts anders / als
diese Wissenschaft zu erlangen; damit ich seinen Glantz gebührlich ehren / und
ihn / sofern er mehr als ein Mensch ist / nach dem Währte seiner Verdienste
ehren möchte. Dieses Begehren ist ja nicht unziemlich. Diese Bitte kommet ja aus
einem redlichen Hertzen; das ihn höher schätzt / als alle Schätze der Welt; das
ihm alle seine Liebe gewiedmet / und in dieser Liebe sein Leben zu schlüssen
beschlossen.«
    (63) Simsons Hertz befand sich zwar / durch diese Reden / darunter stähtige
Liebesblikke spieleten / durch und durch erweichet. Gleichwohl erstrekte sich
dieses Erweichen so weit nicht / dass er were bewogen worden die Wahrheit zu
sagen. Er musste zwar antworten: aber die Wurtzel seiner Stärkt, verschwieg er.
Diese derjenigen zu zeigen / welche sie auszurotten vorhatte / war kein Raht. Er
wusste wohl / aus der Erfahrung / dass Delila die Wahrheit seiner Reden zu
untersuchen nicht nachliesse. Er wusste wohl / dass er hierdurch / obschon der
Versuch aus keiner Bosheit herrührete / dannoch aller seiner Stärke verlustig
sein würde.
    (64) Und also stellete sich Simson / als wan er die Wahrheit sagete. Er
stellete sich nur / als ob er ihr sein ganzes Hertz eröfnete. Unterdessen
vertuschete er doch das verlangte Geheimnis. Er sprach: wan man ihn mit neuen
Strükken / die noch nie gebrauchet worden / bestrükte / so würde seine Kraft
verschwinden / und er schwach werden / wie ein ander Mensch / Und dieses wusste
er ihr so wahrscheinlich vorzustellen / dass sie festiglich gleubte / sie hette
nunmehr ihr Verlangen erlanget.
    (65) Hierauf lies sie die Filister abermahl hohlen. Denen zeigete sie an /
mit was für listigen Ränken sie ausgefischet / was sie begehret. Sie versicherte
dieselben die Gewisheit des ganzen Sieges in Händen zu haben. Sie muhtigte sie
zur Hoffnung eines glücklichen Ausganges an. Und dieses täht sie / ihre Worte zu
beglaubigen / mit unaufhöhrlichem Frohlokken / ja selbst mit stähtigem
Händeklappen.
    (66) Aber die Filister traueten dem Landfrieden nicht. Sie wollten sich in
keine Gefahr wagen. Sie waren schon zuvor dermassen gewitziget / dass sie das
Bildnis der Furcht noch in ihren Angesichtern trugen. Delila hatte genug zu tuhn
/ sie wieder auf dieselbe Spuhr zu bringen / das sie das erste mahl ein so
heftiges Schrökken überfallen. Den vorigen unglücklichen Ausschlag sahen sie noch
vor Augen. Darüm waren sie scheu des andern zu erwarten.
    (67) Nach langem besinnen machten sie sich gleichwohl auf. Endlich gab ihnen
der Rachzorn so viel Muhtes / dass sie hinschlichen sich in ihrem alten
Schlaufwinkel zu verstekken. Alda lauschten und lauerten sie. Alda horchten sie
hinter der fest verrügelten / und mit Höbebeumen vermachten Tühre. Sie horchten
/ wie es ablauffen würde. Sie hielten sich so stille / dass sie kaum einen Hauch
von sich gaben. Und dieses tähten sie aus Furcht / Simson möchte sie hören; er
möchte sie überfallen / und das Garaus mit ihnen spielen.
    (68) Unterdessen spielete Delila ihr Spiel. Sie ergetzte den Simson mit
allerlei Kurtzweile. Sie liebelte / sie schmeuchelte / sie heuchelte. Sie
bemühete sich ihm allerlei Lust zu machen. Und also suchte sie ihn in den Schlaf
zu wiegen. Sie trachtete die Wache seines Lebens ihm zu entziehen. Und dieses
ging ihr so wohl an / dass sie nichts verhindern konnte zur gewünschten Erfüllung
ihrer Verräterei zu gelangen.
    (69) Sie nahm die Strükke. Sie schlug dieselben etliche mahl üm des
schlafenden Simsons Aerme /ja selbst üm die Füsse herüm. Sie zog sie so dichte
zusammen / und verknüpfte sie dermassen fest / dass es unmüglich schien / durch
menschliche Hand / aufgelöset zu werden. Auch hatte sie der Seiler so stark und
so dik und dichte drehen müssen / dass keine Stärke /wie gross und gewaltig sie
schien / sie zu zerreissen vermochte.
    (70) Aber des Seilers so wohl / als der Verstrükkerin Arbeit war alhier nur
vergebens. Vergebens war alle Hofhung / alle Bemühung der Filister. Ja es schien
/ als hette Simsons Schutz-Engel ihnen allen die Augen verblendet: weil sie
nicht straks zulieffen / da er im Schlafe gleichals ganz begraben lag / ihn zu
erwürgen. Ein einiger Schwertstoss hette diesem Starken das Leben / zusamt der
Stärke /bald rauben können. Viel leichter / viel geschwinder hette man ihn
ümzubringen / als mit Strükken so fest zu binden vermocht.
    (71) Man mus sich in Wahrheit verwundern / dass dieselben / welche der
Bluhtdurst doch antrieb Simsons Tod zu suchen / bei so gewünschter Gelegenheit
ihn zu töhten / so saumsälig / so zauderhaftig / so Muht- und Verstand-los
gewesen: indem sie ihn / an statt straks aus dem Wege zu reumen / erst zu binden
sich bemüheten; da doch der Schlaf ihn schon genug gebunden ihre Wühterei an ihm
ungehindert zu verüben.
    (72) Doch dieses Versehen war nicht so sehr ihrer eigenen Blind- und Tumheit
/ noch auch ihrer Saumsäligkeit / und Muht- ja Verstandlossheit / als wohl der
Vorsehung GOttes / zuzuschreiben: welcher den Simson / als seinen auserkohrnen
Knecht / indem er schlief / durch seinen Engel bewachen lies. Dieser verhühtete
/ dass die Bosheit der Filister / ihm das Leben zu nehmen / so weit nicht
greiffen durfte. Dieser widerstund ihren bluhtdürstigen Anschlägen /und
vereitelte sie ganz.
    (73) Die Gefahr derer / die GOtt erwehlet / bleibt allezeit ümschränkt. Sie
darf ihre Grentzen / die ihr seine Barmhertzigkeit vorschreibet / nicht
überschreiten. So haben die Trübnisse der Nachfolger GOttes auch allezeit ihre
gewisse Masse. Und diese wird also eingerichtet / dass die Betrübten mehr Nutzen /
als Schaden / mehr Vorteil / als Nachteil darvon tragen.
    (74) Wan uns die Menschliche Gebrächligkeit die Bahne zum Verderben glättet
/ bietet uns die Göttliche Barmhertzigkeit ihre hülfliche Hand. Wan uns aber
unsere Verwägenheit zum stürtzen treibet / wendet GOtt die Hand seines
Mitleidens von uns ab. Alsdan stekken und zappeln wir in der Gefahr. Alsdan
rennen wir Zaumloss in dasselbe Verderben / das wir uns selber zubereitet.
    (75) Weil Simson / aus angebohrner Gebrächligkeit / zum Sturtzfalle geneugt
war / half ihm GOttes mitleidende Hand. Weil er / aus Liebe desselben Weibes /
das ihm nunmehr zum zweiten mahle Falstrükke geleget / im Wege des Verderbens
fort irrete / übergab ihn zwar GOtt dem Triebe seiner Neugungen / doch also /
dass er zugleich die boshaftigen Unterwindungen seiner Feinde vereitelte.
    (76) Und also kahm er / als ein herrlicher Uberwinder / aus der zweiten
Gefahr / darein er im Schlafe gerahten / mit Ehren heraus. Sobald Delila
wiederüm anfing überlaut zu rufen ihm einen Schrik einzujagen; da ermunterte
sich Simson. Sobald sie gerufen /»auf! auf! die Feinde seind da«; da erwachte
seine Stärke: da erhub er sich aus dem Bette mit einer solchen gewaltigen
Bewägung / dass die Bande von Armen und Beinen straks absprangen.
    (77) Die Knöpfe gingen los. Die Knohten sprangen auf. Die Stränge / da sie
am dikkesten waren / rissen in Stükke / nicht anders / als weren sie Zwirnsfäden
gewesen. Diese lagen als Siegeszeichen vor seinen Füssen. Und er selber stund /
als ein Siegesheld /mitten ein. So viel vermochte seine nur gewöhnliche
Bewägung! So viel vermochte das blosse rekken und rütteln seiner Arme / seiner
Schultern / und seiner Füsse!
    (78) Inzwischen befand sich Delila zum höchsten beleidiget. Sie stund
schaamroht / und bestund in diesem zweiten Betruge / wie die Butter an der
Sonne. Ja sie glühete gleichsam vor Zorne / dass sie auf das neue so schändlich
betrogen war. Nichts schmertzte sie mehr / als dass sie die Hoffnung / welche sie
den Filistern so gar gross / so gar gewis eingebildet /in den Brunnen gefallen
sah. Ja es schmertzte sie noch vielmehr / dass sie den Lohn ihrer Verräterei
/den sie schon im Rachen zu haben wähnte / wider alles Vermuhten so plötzlich
verloren.
    (79) Sie musste den Bösewichtern / welche sie zu diesem Schelmstükke
gereitzet / abermahl ein Abzugszeichen geben Sie musste / wie ungern sie es auch
tähte / sie anmahnen ihr Leben mit der Flucht zu retten. Weit darvon / war guht
für den Schus. Sie lieffen / als hetten ihnen die Köpfe gebrant / eilend hinweg.
Sie sprangen / wie die schüchternen Hängste / wan sie die Peitsche klatschen
hören. Das Warten / das Zaudern brachte Gefahr. Geschwinde machten sie sich aus
dem Staube.
    (80) Unterdessen stund Delila gleichals vor den Kopf geschlagen. Weil sie
mit lauter Rasereien schwanger ging / konnte keine Schmeuchelei zur Ausgebuhrt
kommen. Auch die Scheinliebelung selber wollte nicht fort. Sie gedachte nun an
kein Lachen. Die Blikke / die aus ihren Augen schossen /waren nur Zornblikke.
Die Worte / die aus ihrem Munde gingen / brummeten / wie der Donner. Nirgend
fand sie Ruhe. Sie lief / als tolsinnig / im Zimmer herüm / und sprang / als
eine gescheuchte Ziege.
    (81) Aber Simson lachte mehr / als er zürnete. Es gefiel ihm überaus wohl /
dass er seine Liebste nun wieder geteuschet. Doch lies er sich dessen nicht
märken. Er bemühete sich vielmehr sie zu befriedigen. Erstlich ging es an ein
Schertzen. Darnach folgeten die allerfreundlichsten Schmeucheleien / die ihren
Zorneifer besänftigen / und ihr rachgieriges Hertz brächen sollten. Endlich
kahmen die Küsse darzu: welche sie unweigerlich annehmen musste; aus Furcht / er
möchte seinen Stab anderswohin setzen.
    (82) Und eben darüm durfte sie ihn / mit Verschmähungen / keines Weges
erbittern. Sie musste zulassen / was er begehrte. Sie hatte mit dem / dass sie ihn
nun zweimahl verrahten wollen / schon zu viel getahn: wiewohl er es selbst für
keine Verräterei annahm. Mehr Erweiterungen ihrer Verbrächen zu machen durfte
sie nicht wagen. Es war kein Raht ihn noch mehr zu beleidigen. Und also musste
sie sich dann freundlicher anstellen / als sie wollte / ja kaum konnte.
    (83) Die Weibsbilder brummen ihre Buhler / die ihnen die Geldtasche schweer
machen / nimmer an /wan sie nicht wissen bald darauf ein freundliches Lächlen
von sich zu geben. Nimmer runtzeln sie die Stirne zum Sauersehen / es sei dann /
dass sie bald darauf wieder ein süsses Gesichte machen wollten. Ja sie grollen nie
/ wo sie nicht zugleich auch liebsälig sich erweisen. Nie lassen sie einigen Has
blikken / wo nicht straks die Liebe darauf folget. Also behalten sie das Netze /
den Vogel / der ihnen entflügen will / zu bestrükken / stähts in der Hand.
    (84) Simson erweichte die Delila / durch alle seine Liebesbezeugungen /
anfangs nicht mehr /als einen Kieselstein. Er bewegte sie nicht mehr / als ein
steinernes Bild / das wider alle Stürme steif und fest stehet. Ja sie schien
selbst / als aus einem Felsen gehauen. So gar hart erwiese sie sich zuerst gegen
alle seine Schmeuchelungen! So gar unempfindlich war sie gegen alle seine Küsse!
Es verfing bei ihr kein Seufzen. Kein Wort / wie liebreich es war / mochte sie
befriedigen.
    (85) Endlich aber erhielt Simson / nach vielem Anhalten / eine kurtze / doch
übermühtige Antwort. Sofern er gegen sie / sagte Delila / noch immerzu
hartnäkkig verharren würde die Wahrheit zu vertuschen / wollte sie auch immerzu
gegen ihn so hart / als sie itzund were / verbleiben / Sobald sie diese
kützlende Worte gesprochen / sprung sie jähligen auf / und lief zum Zimmer
hinaus.
    (86) Flucht würkt Zuwachs der Liebe. Ie mehr die Liebste flüht / ie mehr sie
den Verliebten zieht. Delila ahmete den Voglern nach; die / nach gesteltem Netze
/ sich auf die Seite begeben / die Vogel / die anders ungern in das Netze wollen
/ üm so viel eher zu berükken. Ein Wild wird nicht so leicht in das Netze
gebracht / wan es den Jäger darbei sieht. Wan die Geliebte flüht / und der
Verliebte nachleuft / stolpert et unvorsichtig in ihre Strükke.
    (87) Der armsälige Simson stund hierüber ganz verschlagen. Er wusste nicht /
was er tuhn sollte. Er verzweifelte schier gar: weil der Delila Gunst anders
nicht / als mit seiner eusersten Gefahr / wieder zu erlangen war. Er konnte nun
nichts mehr erdenken /damit er ihr fürwitziges Verlangen befriedigen möchte. Er
konnte keine wahrscheinliche Lügen mehr finden / ihrem stähts anhaltendem
Begehren zu begegnen. Es schien ihm schier unmüglich zu sein ihr einzubilden
/dass man mit anderen Strükken seine Stärke bestrükken könnte; nachdem sie sich
schon zweimahl aus der allerfestesten Bestrükkung herausgerissen.
    (88) Er konnte / noch durfte sich nicht entschlüssen ihr die nakte Wahrheit zu
entdekken. Das Geheimnis war zu wichtig / dass es / ohne sein gröstes Nachteil
/nicht konnte geoffenbahret werden. Dan hieraus stund zu vermuhten / dass ihm ein
unvermeidliches Unglück aufstossen / ja wohl gar ein unümgänglicher Tod entstehen
würde. Gleichwohl mochte noch konnte sie durch kein anderes Mittel zu ihrer
vorigen Liebe wieder erweichet werden. Gleichwohl war es unmüglich durch einen
andern Weg zur Genüssung seiner vorigen Glüksäligkeit zu gelangen.
    (89) Ohne diese zu leben war ihm ein verdrüssliches Leben. Ja das Leben war
ihme kein Leben. Es war ihme vielmehr ein stähtiger Tod; weil er ohne Gegenliebe
liebte / und hierdurch in die eusersten Todesschmertzen versetzt ward. Kurtz /
er verschmachtete für Angst. Die unerleidliche Pein / sich alles Trostes
beraubet zu sehen / machte sein Hertz so matt / dass es keinen Raht erdenken
konnte / dass es kein Mittel zu finden vermochte sich aus diesen Todesängsten zu
wikkeln.
    (90) Nach langem nachsinnen fiel ihm gleichwohl endlich ein neuer Fund ein.
Endlich besan er sich auf eine neue Gattung der Wahrscheinligkeiten. Durch diese
/ ie wahrscheinlicher sie schien / ie mehr Glauben er bei seiner Liebsten zu
finden verhofte. Er war froh / dass er einen so guhten Fund erfunden / einen
solchen Fund / vermittelst dessen er ihm die Tühre seiner bisher verlohrnen
Ergetzlichkeiten wieder eröfnet sehen würde.
    (91) In dieser Freude gleichals entzükt / rief er die Delila zu sich. Er
stellete sich / als hette die Liebe sein Hertz ganz übermeistert; als hette sie
ihn gezwungen ihren Fürwitz zu vergnügen. Er erwiese sich gäntzlich entschlossen
zu sein ihr itzund mit der lauteren Wahrheit zu wilfahren. In diesem Augenblicke
sollte sie erfahren / wie hertzinniglich und so gar treulich er sie liebte / dass
er auch nicht vermöchte selbst das tiefste Geheimnis seines Hertzens vor ihr
verborgen zu halten.
    (92) Delila aber wollte seinen Worten nicht trauen. Sie blieb noch immerzu
widerspänstig. Sie kehrete sich weder an seine Liebe / noch an seine Reden. Sie
täht / als hörete sie nicht; als were sie taub / und stum zugleich. Ja sie sah
sich nicht einmal nach ihm üm. So verächtlich hielte sie ihn! So wenig achtete
sie /was er sagte! So gar wenig gleubte sie seinen Reden!
    (93) Doch endlich fuhr sie mit dieser spitzigen Antwort heraus. Er dürfte
sich / sagte sie / nicht bemühen sie zu beschwatzen / dass er ihr mit der
Wahrheit zu wilfahren gedächte. Sie wüste wohl / dass seine Gedanken viel anders
weren. Sie wüste wohl / dass er nichts anders könnte / dann Lügen / dann teuschen /
dann betrügen. Die Erfahrung hette sie solches bisher mehr als alzuviel gelehret.
Er sollte sich nicht einbilden /dass sie noch ferner so leichtglaubig sein würde
sich bei dem Narrenseile herümführen zu lassen.
    (94) Der gebrante scheuete das Feuer. Der Gerjetzte meidete die Dornen. Der
Gestulperte flöhe das Hulprige. So müste sie auch / als eine von ihm Geteuschte
seine Teuscherei flühen. Und eben darüm wollte sie künftig so einfältig / ja so
närrisch nimmermehr sein die Betrügligkeit seiner Worte für Wahrheit anzunehmen.
Sie wollte künftig ihm keine Gelegenheit mehr geben ihrer aufs neue zu spotten.
Sie were seines Gespöttes so sat / dass sie / solches zu verhühten /auf eine viel
andere Weise mit ihm ümzugehen gesonnen.
    (95) Bei schlüssung dieser Worte / warf sie dem armen Simson gleichwohl einen
halbfreundlichen Blik zu: welcher in seinem Hertzen so viel vermochte / dass es
vollend gefangen ward. Er bildete sich schon ein wieder einen Trit in den bisher
verweigerten Freudenhimmel zu tuhn. Er lies sich bedünken den Vorschmak seiner
wiedererlangten Glüksäligkeit schon gekostet zu haben. Und in solcher süssen
Einbildung gab er auf ihre Reden folgendes zur Antwort.
    (96) »Ach! meine Liebste« / sprach er / indem er sie hertzlich / ümhälsete.
»Ach! mein Schatz / mein Hertzchen / mein Seelchen! wie ist sie so gar
misgleubig? Wie trauet sie mir so gar wenig zu? Hat sie mich bisher zweimahl
schertzende befunden / so will ich itzund in rechtem Ernste mit ihr handeln. Ich
will ihr die klahre Wahrheit entdekken. Ich will ihr nichts vorlügen Ich will sie
nicht teuschen / noch betrügen. Hierauf verlasse sie sich nur.
    (97) Und dass ich dieses so festiglich beschlossen /bin ich veruhrsachet
worden durch das heftige Verlangen / das ich trage / wieder in ihre liebe Gunst
zu kommen; ohne die ich nicht leben kann. Ja ich darf wohl schwöhren / dass mir
keine Zeit meines ganzen Lebens so schmertzlich gewesen / als diese / darinnen
ich mich der Wohllust in ihrem Schösse zu spielen verlustig befinde. Auch darf
ich wohl hoch beteuren /dass meine Seele solcher Wohllust zu genüssen / niemahls
begieriger gewesen / als itzund / da sie mir ganz entzogen wird.«
    (98) Weil nun Delila sah / dass alle diese Reden aus einer ganz
heishungrigen Begierde herrühreten / so wollte sie eine so gewünschte Gelegenheit
zu ihrem Zwecke zu kommen / nicht entschlüpfen lassen. Und darüm trieb sie ihn
tapfer fort. Sie trieb ihn ungestühmiglich an mit der versprochenen wahren
Antwort ihr Verlangen zu stillen. Ja sie lies nicht nach /weil der Liebe Feuer
eben itzund in ihm am heftigsten flammete / fort und fort anzuhalten / bis sie
die Antwort erhalten.
    (99) Und also fing dann endlich Simson an / und sagte: er würde ganz
unvermögende sein / sobald man sieben Haarlokken seines Heuptes / mit einem
Flechtbande / würde geflochten / und mit einem Nagel in den Boden geheftet
haben. Mit dieser Antwort schien Delila so wohl zu frieden? zu sein / dass sie
nunmehr nicht zweifelte / sie hette dasjenige / was sie so ängstiglich verlanget
/ wahrhaftig erlanget.
    (100) Auch war sie gewislich so wohl ersonnen /dass ganz keine Redensahrt /
die einige Falschheit an sich hette / darinnen zu finden. Niemand konnte in
Zweifel ziehen / dass eher alle. Haarlokken aus dem Kopfe / als der so fest
eingeschlagene Nagel aus dem Boden / sollten herausgerissen werden. Ja es war
alles / in dieser Antwort / so wohl gestellet / so klüglich eingerichtet / dass
es anders nicht schien / als dass ihre Wahrheit in der Untersuchung unfehlbar
bestehen würde.
    (101) Daher ward diese Schälkin überaus froh. Die Freude sah man ihr aus
den Augen / und allen Gebährden flüssen. Alles inwendige war bei ihr befriediget
/ alles Verlangen gestillet / alle Begierde beruhiget. Es befand sich kein Glied
an ihrem Leibe / das ihres Hertzens Lust nicht anzeigete. Der Mund lachete. Die
Hände klatscheten. Die Füsse sprungen auf.. Der ganze Leib stund in freudiger
Bewägung.
    (102) Zuvoraus schien ihr Angesicht eine Schauburg der freudigen Liebespiele
geworden zu sein: da die Liebe ihre Rolle so wohl spielete / dass der
Anschauenden Augen und Hertzen mit lauter Freuden erfüllet warden. Und also
erwekte sie in Simsons Hertzen mehr Wohllüste / mehr Ergetzlichkeiten / als er
iemahls wünschen können. Ja sie schien im Geben viel freigebiger zu sein / als
er im Nehmen begierig sein konnte.
    (103) Das Schmeucheln / das Liebkosen hatte kein Ende. Keine Venus kann ihren
Adonis iemahls so überschwänglich ergetzet haben / als Delila itzund ihren
Simson ergetzte. Keine liebe konnte so volkommen nicht erdichtet werden / als
dieselbe war /welche sie ihm / dem Scheine nach / erwiese. So künstlich wusste
diese schlimme Schälkin ihr verrähterisches Gemüht mit dem Mantel der
Scheinliebe zu verhüllen! So behände konnte sie ihr tükkisches Hertz unter allen
ihren falschen Ergetzungen verbergen!
    (104) Simson ward über allen diesen so überflüssigen Ergetzungen ganz
entzükt. Er wusste nicht mehr / ob er noch bei dem Bache Sorek / oder aber schon
bei den Flüssen des Paradieses lustwandelte. Er bildete sich ein aus diesem
irdischen Lusttahle gar in die Elisischen Felder versetzet zu sein. So gar
ergetzlich kahm ihm alles vor! Er sah / ja fühlte nichts anders / als lauter
Lust / als lauter Ergetzungen. Er spührte nichts anders / als ein liebliches
Wohlleben; welches er ewig zu tauren sich festiglich einbildete (105) Und dieses
alles / dessen er mit voller Vergnügung genosse / gebahr in ihm so viel Lust /
dass er an die Unlust / die schon im Ankommen begriffen / ganz nicht gedachte.
Ja er gedachte nicht einmal / wie närrisch / wie stürrisch ihm Delila mitfahren
würde /sobald sie / durch vorwitziges Bewähren seiner Worte / sich abermahl
betrogen zu sein erführe. Und also war er ganz sicher. Er lebete ganz ohne
Bekümmernis. Ja er vermuhtete keines Weges / dass auf diese liebliche Windstille
so ein häsliches Sturmwetter folgen würde.
    (106) So vertieft ist ein Verliebter in seiner Liebe /dass er üm das
Zukünftige ganz unbekümmert lebet. So erpicht ist er auf seine gegenwärtige
Lust / dass er vergist auf Vorbereitschaft gegen die Unlust / die darauf folgen
möchte / zu gedenken. Wan er sich nur mit dem Gegenwärtigen nach Hertzens Lust
sättigen mag / so betrachtet er nicht / dass er darnach werde hungern / ja wohl
gar verschmachten müssen. Der volgeschänkte Bächer der Wohllust schmäkt ihm so
wohl / dass er des künftigen Durstleidens wenig achtet.
    (107) Gleichwohl war der verliebte Simson / in aller seiner Wohllust / noch
so vorsichtig / dass er sich auf das müglichste bearbeitete den Schlaf aus den
Augen zu halten. Er wollte wach und wakker bleiben so lange / ja so viel / als er
könnte. Und hierdurch war erbedacht die Zeit / darinnen er lügenhaftig sollte
befunden werden / zurück zu schüben: damit er nicht so bald wieder in das vorige
Weh unglücksälig zu werden verfallen möchte.
    (108) Aber wie wach und vorsichtig er war / so schlau und listig war auch
seine Verrähterin. Sie stellete sich an / als begehrte sie die Wahrheit seiner
Worte keines Weges zu untersuchen: damit sie bei ihm nicht etwan in Verdacht
kähme / sie trachtete /durch ihre Nachstellungen / ihn zu überlistigen; und er
seine Sorgfalt / sich in acht zu nehmen / und ihre Bosheit zu verhindern / üm so
viel eher fahren liesse.
    (109) Zu dem Ende wartete sie auch etliche Tage. Sie verschob ihren
boshaftigen Anschlag von einer Zeit zur andern. Sie verzog eine guhte Weile das
Vorhaben ihrer Grausamkeit zu volziehen. Und dieses täht sie bloss darüm; damit
er / aus übriger Behuhtsamkeit / des Schlusses ihrer gotlosen Bosheit nicht
gewahr würde / oder zum wenigsten keinen Argwahn auf sie würfe: dadurch sie dann
an der Volführung märklich konnte gehindert werden.
    (110) Sobald sie nun meinte / dass durch Langheit der Zeit aller Argwahn
verschwunden / und kein Verdacht mehr in Simsons Gedanken sich einnisteln könnte;
da berief sie die Filister zum dritten mahle. Sie sperrete sie wieder in den
gewöhnlichen Schlaufwinkel. Und diese Bösswichter gehorchten ihr üm so viel
lieber / als sie durch die Scheinbarheit der Antwort des Simsons betöhrter waren
ihm zu gleuben. Sonst würde man sie an einen solchen Ort /da sie anders nichts /
als geteuschet / oder wohl gar erwürget zu werden / gewärtig sein konten / mit
Schlagschlägen nicht gebracht haben.
    (111) Weil sie wähneten / dass Simsons Stärke fest genagelt / und alle seine
Kraft gefesselt sein würde / so waren sie zuerst des glücklichen Ausschlages
dieses Handels schon so versichert / dass sie gleichals unverzagt hinzueileten.
Ja sie waren schier ganz vol Muhtes / ganz vol Freuden; indem sie sich
einbildeten denselben Nagel / daran Simson fest hängen sollte / schon / als ein
Siegeszeichen / in den Boden eingeschlagen zu sehen.
    (112) Unterdessen war Simson / durch den genossenen Schlaftrunk des
Wohllustweines almählich eingeschläfert. Ja er geriet endlich in einen so
tieffen Schlaf / dass er / als toht und gestorben / ohne einige Bewägung da lag.
Und also bekahm Delila gewünschte Gelegenheit ihr fürgenommenes Schelmstükke zu
volziehen. Sie flochte dann von seinem Haare sieben Lokken zusammen in einen
Zopf. Diesen schlug und heftete sie / mit einem Nagel / so fest an den Bodem des
Zimmers / dass es unmüglich schien ihn los zu reissen.
    (113) Ja sie klopfte / sie hämmerte so lange / bis sie den Nagel so tief
hinein geschlagen / dass er mit keiner Zange wieder heraus zu ziehen war. Auch
versuchte sie selber mit eigenen Händen etliche mahl /ob es ihr müglich sein
könnte denselben heraus zu winden. Und ob sie wohl mit ganzer Gewalt wand / und
alle Kräfte daran sträkte / so vermochte sie ihn doch im geringsten nicht
waklende zu machen.
    (114) Also bildete sie sich dann ein / es sei alles wohl bestellet: sie habe
den Nagel stark und tief genug ein / und den Haarzopf des Simsons fest genug
angeschlagen. Sie gleubte nunmehr festiglich / Simsons Stärke sei in solchem
Zwange / dass sie sich nun / noch nimmermehr / nicht wieder los zu würken
vermöchte. Aber sie wusste doch gleichwohl nicht / dass in seinen dem Scheine nach
schwachen Haaren eine so starke ganz unüberwindliche Kraft /dass ihr alle die
andern Kräfte weichen müsten / verborgen sei.
    (115) In solcher so festen Meinung / darinnen sie schon zu siegesprangen
schien / konnte sie dannoch die Filister nicht überreden dergleichen zu meinen.
Diese waren und blieben noch immer so kleinhertzig / dass sie sich an dem
schlafenden / wiewohl auch fest genageltem Simson nicht reiben durften. Der
Schrik / den ihnen desselben ungeheure Stärke vor diesem so vielmahl eingejagt /
klebete noch so fest in ihren Gliedern / dass sie sich vor dem Zimmer des Simsons
kaum bewegen / ich schweige / selbst hinein wagen durften.
    (116) Die Erinnerung seiner allemahl glücklichen Siege vergewisserte sie /
dass dieser Siegesheld / sobald er sich los gemacht / unter ihnen eine bluhtige
Niederlage anrichten würde. Das Gedächtnis seiner mehr als heldenmässigen Tahten
versicherte sie / dass er / sobald er sich nur rühren könnte / sie allesamt auf
einen einigen Streich zu Bodem zu schlagen vermöchte. Und darüm durften sie sich
nicht erkühnen einen solchen Anfal / der den ihrigen veruhrsachen würde /mit
ihrem eignen Schaden zu tuhn.
    (117) Ja sie hielten es für eine Verwägenheit / oder vielmehr Tolkühnheit
einem solchen Blitze sich zu nahen; welcher / ob er sich schon itzund nicht
rührete / dannoch / wan er gezörget würde / mit einem greulichen Donnerwetter
über sie ausbrächen könnte. Daher schrieb ihnen ihre Klugheit / oder vielmehr
Verzagteit vor / so lange zu verziehen / bis man gewis erfahren / dass er aller
Kraft entblösset / und so ohnmächtig sei / dass er keinem Anfalle mehr zu
widerstehen vermöchte.
    (118) Delila schien über die Kleinmühtigkeit ihrer Landsleute sehr übel zu
frieden zu sein. Ja sie ging mit Unwillen von ihnen; weil ihr die Zeit viel zu
lang fallen wollte den Lohn ihrer Verräterei / darnach sie so heftig verlangte /
zu empfangen. Darüm sprang sie auch / mit poltern und klappern / zur Tühre
hinein / nicht anders / als wan sie rasendtol were. Darüm machte sie auch das
gewöhnliche Geschrei noch viel grösser / als sie zuvor iemahls getan / den
Schlafenden zur Gegenwehre zu ermahnen. Ja sie rief so laut /dass Simson aus dem
Schlafe für Schrökken aufsprang / und den Nagel / mit einem einigen Schwunge des
Heuptes / aus dem Boden heraus ris.
    (119) Dieser Nagel hing ihm / als ein Siegeszeichen seiner übermenschlichen
Stärke / noch im Zopfe / da er sich ganz entrüstet / wiewohl noch schlafirre
/die Feinde zu erblicken / auf allen Seiten ümsah. Im Anfange ward er dessen
nicht gewahr: aber als er ihm / mit dem Zopfe / den Hals berührete / da ris er
ihn heraus / und schmis ihn / gleichals erzürnet / vor den Füssen des Weibes
dermassen hart nieder / dass er vom Unterbodem aufsprang / und in den Oberbodem
hinein fuhr.
    (120) Inzwischen brante Delila für grimmigem Zorne. Die Augen
wetterleuchteten erschröklich. Die Stirne stund als in vollem Feuer. Die Wangen
glüheten. Der Mund donnerte. Die Zunge selbst war als ein Donnerkeil. Ja das
ganze Angesicht blitzete mit lauter Zornstrahlen / mit lauter Rachflammen. Sie
tobete. Sie wühtete. Sie rasete. Sie stellete sich ganz ungebährdig. Sie
stampfte mit den Füssen. Sie schlug üm sich mit den Händen. Bald lief und sprung
sie im Zimmer herüm. Bald stund sie ganz star und steif /als eine Bildseule.
    (121) In solcher Gestalt bildete sie ab die Abscheuligkeit / die Raserei /
die Rachgierigkeit / ja alles was häslich / was greulich / was erschröklich /
was wühterisch / was grimmig zu sein pfleget. Also wohneten alle diese
Gespenster / alle diese Spukereien in einem Leibe beieinander. Also hielten sie
alhier / als in ihrer eigenen Schauburg / ihren gleichals höllischen Aufzug.
    (122) Delila stund zwar Anfangs gleichals erstummet. Sie war als erstaunet;
weil sie sich nun zum dritten mahle geteuschet befand. Sie konnte für
alzuheftigem Zorne kein Wort reden. Sie schwieg stokstille. Doch darnach / als
der Zorndampf ihres Mundes /der als ein Brenofen rauchete / meist vorüber
war/fing sie erschröklich an zu schreien. Ihre Stimme klung / als ein Donner.
Ihre Worte waren lauter Donnerkeule / lauter Wetterpfeile / die auf den
armsäligen Simson hauffenweise zuschossen.
    (123) Sie rief / sie schrie so laut / als sie immer konnte: »du undankbahrer
/ du treuloser Bösewicht! Ist dieses der Dank / dadurch du meine so aufrichtige
/ so beständige Liebe vergiltest? Ist dieses die Treue /damit du meine so
ungeschmünkte / so hertzliche Treue / die ich dir iederzeit erwiesen /
erwiederst? Sol dieses die Wahrheit sein / die du mir zu entdekken schwuhrest;
indem du mich abermahl mit einer so schändlichen Lügen geteuschet? Ach! du
treulosester Lügner! Ach! du abgescheumter Betrüger! Was ich zu zweien mahlen
als einen höflichen unbetrüglichen Schertz / auf deine Beredung / angenommen /
ist nun zum dritten mahle / ach leider! in einen alzuwahren Schimpf
ausgeschlagen.
    (124) Dieser alzugroben / alzukenbahren Lügen wirstdu nun keinen Dekmantel
mehr ümhängen können; dadurch sie / mit deiner Meineidigkeit / nicht allezeit
hin zu scheinen vermöchte. Nun hastdu kein Zierfärblein mehr deine gottlose
Falschheit zu vertuschen / deine heillose Betrügerei zu beschönen / deine
schändliche Lügen / welche dir als angebohren zu sein scheinen / ihres
Schandflekkes zu entsetzen. Ich gleube dir nun nicht mehr. Deinen Glauben hastdu
bei mir ganz verloren.
    (125) Ich möchte wohl wissen / was dich bewogen mir die Wahrheit zu
verhehlen; da ich dir doch nichts / ja gar nichts verhehlet? Dieses must du
selbst gestehen. Dieses kanstdu nicht leugnen; wiewohl du sonst der Lügen
gewohnet bist. Ja du weist / wan du es wissen wilst / sehr wohl / dass ich dir
allezeit mein Hertz eröfnet.
    (126) Befahrestdu dich etwan eines Unheils / wan du meinen Fürwitz mit der
Wahrheit abspeisen soltest? Bistdu etwan darüm so schüchtern mir das verlangte
Geheimnis zu offenbahren; weil du die Einbildung hast / es möchte dir zum
Nachteile gereichen? Ach! nicht zum Nachteile! Dan dein Nachteil / und dein
Unheil würde das meinige mit sein. Wan du littest / würde ich mit leiden. Das
Ubel / das dir begegnete / würde mir selbst so übel / so weh tuhn / dass ich
daraus anders nichts / als den gewissesten Tod / zu gewarten hette.
    (127) Meinestdu etwan / ich würde dir untreu werden? Gedenkestdu etwan / ich
würde dich verrahten? Wähnestdu etwan / ich würde dich in die Hände der Filister
überantworten? Aber denke / noch meine nicht / dass du mich also befinden werdest
/ wie ich dich befinde. Bistdu untreu? Ich bin es nicht. Bistdu betrügerisch?
Ich nicht. Bistdu lügenhaftig? Ich nicht. Bistdu meineidig? Ich werde es
nimmermehr sein. Mein Gemüht ist ganz anders gesinnet. Mein Hertz /träget
Abscheu für allen diesen Lastern.
    (128) Es ist anders nicht / als eine betrügliche Folgerung: weil du
untreulich mit mir handelst / dass es strakt folgen müsse / ich werde dergleichen
an dir tuhn. Mit dem Masse / damit man dich abmisset / kann ich nicht abgemässen
werden Eines andern Untreu aus seiner eigenen schlüssen wollen / ist ein
unwahrhaftiger Folgeschlus. Eines andern Gemüht aus seinem eigenen erkennen
wollen / ist eine blosse Fehlerkentnis Von mir mus man in alwege anders urteilen
/ als von dir.
    (129) Ich habe dir ja die völlige Besitzung über meinen Leib / über meinen
Willen / über mein ganzes Hertz eingereumet. Ja ich habe dich selbst über mein
Gemüht / und meine Seele herschen lassen. Alle meine Neugungen seind unter deiner
Bohtmässigkeit gestanden. Du hast sie geneuget und gebeuget / wie du selbst
gewolt. Aber mit was für einem Danke hastdu meine so milde Wilfahrung erkennet?
Hastdu hingegen mich nicht betrogen? Hastdu mich nicht geäffet? Hastdu mich
nicht vor meinem ganzen Volke beleidiget? Hast du mir nicht den grösten Schimpf
angetahn?
    (130) Wie schön hastdu nun geschwohren mich zu lieben? Wie wahrhaftig hastdu
nun mich dein Hertz /dein Leben / deine Seele / deinen Schatz genennt? Wo seind
nun alle die Ehrennahmen / die du mir / als deiner einigen und eigenen Liebsten
/ zugeeignet / geblieben? Doch was will ich viel sagen? Was will ich viel fragen?
Es ist nichts fremdes / noch seltsames /wan derselbe / der ein Lügner von
Gebuhrt ist / sich in einen schönen Engel verstellet; da er doch ein häslicher
Teufel in der Taht ist.
    (131) Es verdreust mich nichts mehr / als dass ich so gar einfältig gewesen
deinen Lügenreden zu gleuben / ja sie gar mit den alleraufrichtigsten
Liebesbezeugungen zu vergälten. Es gereuet mich nichts mehr / als dass ich so
guht ja so albern gewesen deinen Worten zu trauen / da du mir / dass du mich über
alles liebetest / zuschwuhrest. Ja ich verpfuje mich selber / dass ich einem
solchen Unmenschen / den nur mich zu foltern gelüstet / nachdem er seinen
Lustunger an meinen Ergetzungen gebüsst / mich so gar zu eigen gegeben.
    (132) Ich will mehr sagen. Es tuht mir weh / wan ich daran gedenke / dass ich
bisher mehr dir / als mir zuliebe gelebet / und gleichwohl dadurch nichts anders
/ als Spot und Verachtung / verdienet. Ja es schmertzet mich von Hertzen / dass
ich so gar geäffet /geteuschet / und betrogen mus bleiben. Aber dem sei /wie ihm
wolle / so bin ich doch versichert / dass ich bei allen diesen Veracht- und
Verschmähungen / noch so viel Muhtes behalten / dass ich das Hertz gar wohl haben
kann mich zu rächen.
    (133) Ja ich will mich gewislich rächen: doch nicht anders / als durch
Veränderung meiner getreuen Liebe in einen unversühnlichen Has. Ich will dich
hassen / so lange sich ein Ahtem in mir beweget. Dieses ist mein fester / mein
unveränderlicher Schlus. Und hiermit soll dir alle meine Freundschaft / alle
meine Liebe / ja alles / was zur Liebe gehöret / ganz aufgekündiget sein.
Hiermit solstdu ewig verbannet sein / nicht allein aus diesem meinem Schosse /
von dieser meiner Brust / und aus diesem meinem Hertzen / sondern auch aus allen
meinen Sinnen und Gedanken.
    (134) Dein Gedächtnis will ich bei mir ganz ausrotten. Deine Liebe will ich /
samt der Wurtzel / ausjähten. Ich will sie ausjähten aus meinem Hertzen / mit
Strumpf und Stiele. Hingegen will ich / an deren statt /deinen ewigen Has hinein
pflantzen. Ich will dich hinfort nicht mehr achten / als meinen Liebsten. Ich will
dich halten für meinen Feind. Ja ich will deine Feindin sterben.
    (135) Ich kann zwar leichtlich gedenken / dass du diesen meinen Ban / diese
meine Rache / diesen meinen Has wenig achtest; indem du weder meine Liebe /noch
meine Treue / noch mich selber achtest. Gleichwohl bin ich in der Meinung /
dass ich deinen Undank / deine Falschheit / deine Teuscherei mehr als genug werde
gerochen haben / wan ich verschaffet /dass du die alleraufrichtigste Treue
derselben / die dich bisher so hertzlich geliebt / für ewig verlierest.«
    (136) Sobald sie diese Reden volendete / volendete sie auch zugleich den
Ban. Sie fing an ihre Rache zu volziehen: indem sie geschwinde zum Zimmer hinaus
lief; indem sie ihm ihre Gegenwart entzog / und sich in einer abgelegenen Kammer
versperrete. Ja sie lies ihm so viel Zeit nicht / dass er sich hette verantworten
können. Auch wollte sie ganz keine Verantwortung /noch Entschuldigung annehmen.
    (137) Simson stund als ein Stok. Er fühlete schier keine Bewägung mehr. Zorn
und Bestürtzung übermeisterten ihn dermassen / dass er ganz sinloss zu sein
schien. Ja der Schmertz / den er über diesen stachlichten Worten empfing / hatte
seil Gemüht so eingenommen / dass er nicht wusste / was er tuhn sollte. Er sah
sich nunmehr aller seiner Freuden entsetz. Er sah sich aus dem Paradiese der
Wohllust verbannet. Er sah sich aller Hoffnung zu seiner verlohrnen
Glüksäligkeit iemahls wieder zu gelangen / ganz beraubt.
    (138) Die Blösse seines Angesichtes deutete die jämmerliche Beschaffenheit
seines Gemühtes genug an. Auch konnte man hieraus die allerschmertzlichste Pein
seines Hertzens / das gleichals zwischen zwei Bretern eingeklämmet lag /
leichtlich erkennen. Ihn schmertzte nichts so sehr / als dass er seinen
Absagebrief albereit geschrieben / und das Banurteil über seine Liebe schon
volzogen sah.
    (139) Dieses war der allergrimmigste Streich / dessen gewaltiger Nachdruck
selbst bis in die Seele drung / ja sie gar / vom Leibe zu scheiden suchte. /Auch
stund der arme Simson gewislich schon halbentseelet da. Er stund ohne Bewäg- und
Empfindung / als eine Bildseule. Er hatte die Macht nicht zu reden. So
ohnmächtig war seine Zunge! So schwach war sein Ahtem! So kraftloss waren alle
seine Leibesglieder!
    (140) Er wusste zwar sehr wohl / wie nachteilig es seiner unvergleichlichen
Hoheit were / wan er einer solchen unreinen Mätze / wie Delila war / auf dem
Irwege der schnöden und unkeuschen Liebe nacheilete. Er erinnerte sich zwar sehr
wohl / dass sein hohes Ansehen / das ihn über alle Männer erhub / märklich
geschmählert würde / wan er sich so tief herunter liesse / dass er einem solchen
verächtlichen Weibe / mit Verlust alles Ruhmes und aller Ehren / eine so
flüchtige Lust und Ergetzung zu erbätteln / gleichsam zu Fusse fiele.
    (141) Auch hielt sein Gemüht ihm vor / er sei / bei so beschaffenen Sachen /
in alwege verpflichtet durch seine so unüberwindliche Stärke sein Ansehen zu
behaupten. Hierzu kahm nachmahls die Vernunft / die ihm riet diejenige / die ihn
doch nur in eine jämmerliche Dienstbarkeit zu stürtzen vorhette / fahren zu
lassen. Endlich traht das Urteil herbei. Dieses trachtete / durch Anzeigung
tausenterlei Unglücks / ihm die unzüchtige Delila dermassen zu verleiden / dass er
sich / dieselbe / die ihn erst verschmähen / wieder zu verschmähen / ja gar aus
seinem Hertzen zu verbannen / entschlüssen möchte.
    (142) Aber weder das Gemüht / noch die Vernunft / noch auch das Urteil waren
so mächtig den Eingebungen der ungestühmen Liebe zu widerstehen. Was jene /
durch unterliche Hülfe / gebauet / warf ein jähligen entstandener Sturm
verliebter Gedanken straks wieder über einen Hauffen. Und also konnte nichts
heilsames in Simsons Hertzen beschlossen werden: welches ein heftiger Schwarm
unsäliger Schlüsse dermassen verunruhigte / dass kein Mittel zu finden war diesem
so grossem Unheile zu steuern.
    (143) Ja die Liebe schwatzte dem Simson so viel Liebliches vor / dass er sich
nicht entziehen konnte sie zu höhren. Bald redete sie von der Holdsäligkeit der
Delila. Bald mahlete sie die Anmuhtigkeit ihrer Augen ab. Bald beschrieb sie die
Ahrtigkeit ihrer Schmeucheleien. Bald priese sie die Süssigkeit ihrer
Ergetzungen. Und hierdurch machte sie seinen Mund immer wässerichter / seine
Wunden immer tieffer / seine Begierden immer hitziger.
    (144) »Bistdu nicht töhricht« / sagte sie / »dass du deinen durch eigne
Verwahrlosung verlohrnen Schatz wiederzusuchen so verzögerst? Bistdu nicht
närrisch /dass du einen solchen Schatz / darinnen alle deine Glüksäligkeiten /
alle deine Wohllüste bestehen / so schändlich verschertzest? Wilstdu dich dann so
muhtwillig desselben Angesichtes berauben / darinnen man alle Schönheiten des
Himmels / als in einem kurtzen Begriffe / beschauet? Wilstdu nun ohne
Sonnenschein / in der Fünsternis leben; weil du dich von desselben zwo
Augensonnen entfernest?
    (145) Wo wilstdu deinen Liebesdurst leschen / wan deine trukne Lippen von
dem Honigseim ihres Mundes / nieht mehr können trunken werden? Und wo deinen
Lustunger stillen / wan du nicht mehr in dem Garten ihrer Schönheit Hertz und
Augen wirst lustsättigen dürfen? Dan die Labung und Weide / deren du alhier so
oft genossen / wirst du anderswo so süsse /so anmutig / so überflüssig / ja so
unversagt / nicht antreffen.
    (146) Bei welcher andern wird dir ein so köstliches / ein so anmuhtiges /
mit tausenterlei Liebkosungen angerichtetes Lustmahl vorgesetzet werden? Allein
Delila ist es / die alle deine Sinne zur besten Weide führet und einleitet /
deren du auch schon so oft mit Wohllust genossen. Eine andere möchte dir mehr
versprechen / als sie geben kann: bei der Delila suchestdu sicherlich / was du
bei ihr schon so oft gefunden.
    (147) Du kanst wohl bei irgend einer andern Haken anschlagen. Aber du wirst
gleichwohl immer zurück gedenken. Deine Delila wird dir doch immer im Sinne
liegen. Du wirst dieselbe / der du alle deine Neugungen gewiedmet / gleichwohl
noch immerzu in deinen Gedanken finden. Und also wjtd dir alle Speise / weil sie
die Liebe nicht würtzet / nur bitter schmäkken / wie süsse sie sonsten ansich
selber sein möchte.
    (148) Ich will mehr sagen. Du möchtest auch wohl an etwan eine gerahten /
derer Ubermuht / ich will nicht sagen Muhtwille / dich vielleicht eine langezeit
auf die Folterbank schleppen / und unmenschlich peinigen würde / ehe sie dir
erleubte die verlangte Lustkost zu kosten. Würdestdu nicht alsdan für Reue / dass
du deine Delila so unvorsichtig verlassen / wie ein Reif zerflüssen / und wie ein
Kraut / dem sein Saft /aus Mangel der Feuchtigkeit / entgehet / verdorren?
    (149) Ja du möchtest auch wohl zu noch einer anderen gelangen; derer
Geldgeitz dir deine Lust überflüssig verpfeffern / oder teuer genug anschlagen
würde. Alsdan würdestdu / bei allen und ieden Ergetzungen / den Bluhtiegel / den
Bluht und Geld dir auszusaugen gelüstet / wohl fühlen. Alsdan würdestdu /aber zu
spähte / wünschen / du werest bei deiner Delila geblieben.
    (150) Darüm / o Simson / kehre wieder! kehre wieder! Die Zeit hierzu ist
noch nicht gar verflossen. Der Weg stehet dir noch offen zu derselben
wiederzukehren / die allezeit willig und bereit gewesen dich mit aller Wohllust
nach der Fülle zu sättigen. Wan du diese Zeit verseumest / und aus diesem Wege
weichest / so wird dir darnach nichts / als Unruhe deines Hertzens / nichts /
als Kummer und Hertzleid aufstossen. Du wirst deine Plagegeister / ja deinen Tod
selber stähts vor deinen Augen sehen.«
    (151) Auf diesen Einspruch der Liebe / weil er dem Simson in allen Stükken
wahrscheinlich /wo nicht selbst wahrhaftig zu sein vorkahm / folgete von Stunden
an eine gleichals aberwitzige Verwürrung seiner Gedanken. Diese verbasterte die
Vernunft / die seinem Willen widerstrebete. Diese widerstund dem Urteile / das
seine betöhrte Neugungen einzuzeumen trachtete. Ja sie stieg so hoch / dass sie
den unglücksäügen Simson in einen jämmerlichen Zustand versetzte.
    (152) Seine Seele sass ihm schon auf der Zunge /die ihm den so Tod
ankündigte. Sein Leben hing an einem dünnen und broschem Fadem; und hiermit lief
es nach dem Ende zu. Es konnte gewislich auch anders nicht sein: weil seine
Gemühtsregungen alles rege machten / alles in ruhr stelleten / was in und an ihm
war / und ihn dermassen beängstigten / dass sein Geist ausgetrieben zu werden sich
augenblicklich befahrete.
    (153) Aus dergleichen Zufällen der Verliebten scheinet es / dass die
Dichtmeister / welche die Liebe nur mit Pfeilen gewafnet / zu wenig getahn: weil
sie zugleich auch Donnerkeule führet; damit sie / als eine Donnergöttin /
zuweilen die Verliebten gar zu Boden schläget und töhtet. Der Zustand eines
Verliebten /wan er die Glüksäligkeit seines Verlangens nicht erlanget / ist also
beschaffen / dass er augenbliklich dem Tode zueilet. Die Liebe / sooft sie mit
Grausamkeit sich rüstet / lesset sich mit verliebten Gedanken allein nicht
befriedigen. Sie will / ja mus zugleich auch den Willen haben ihren Befehl zu
volbringen. Wo sie diesen nicht erlanget / da wirft sie mit Donnerkeulen üm sich
/ und den Verliebten jämmerlich darnieder.
    (154) So zischelte dann der verliebte Simson /von der Peitsche so ungestühmer
Plagegeister angetrieben / auf dieser Glander seines Verderbens fort. Er
entschlos sich derselben / die er / durch Weigerung ihrer Bitte / zu seinem
höchsten Nachteile beleidiget /einen demühtigen Fussfal zu tuhn. Er wollte
derselben /die seines Hertzens Abgöttin war / weil et ihrem Willen so ungehorsam
gewesen / dass er darüm so grausam müste gestraft werden / mit einer Abbitte
begegnen.
    (155) Und in diesem entschlüssen begab er sich nach der Kammer zu / darinnen
sie sich eingesperret befand. Unter wegens zeigten ihm seine Betrachtungen den
Unstern / der ihm sein künftiges Unglück weissagete. Ja sie zeigten ihm an / dass
dieser Gang das Mittel sei dahin zu gelangen / dahin ihn die Schweere seines
Verhängnisses zu schleppen trachtete. Und darüm bemüheten sie sich ihn zu
warnen; damit ihn seine eigene Füsse nicht mitten in das Verderben hinein tragen
möchten.
    (156) Hingegen trieb ihn der ungestühme Trieb seiner Sinne noch immer fort.
Die noch immer anhaltende Schmertzen / die ihm Delila / durch ihr Entfernen /
veruhrsachet / dreueten ihm / wo er seines Lebens verlohrne Glüksäligkeit nicht
bald wieder erlangte / den endlichen Tod. Ja alle seine Gemühtsneugungen
stimmeten mitzu. Daher entstund in ihm ein solcher Sturm / dass er / sein eignes
Unglück zu suchen / nach der Kammer / zu nicht geschleppet /sondern gejaget ward.
    (157) Und also kahm er / eh er es wusste / darvor an. Er klopfte / mit leisem
Klopfe / gegen die Tühre. Er lösete / durch einen tiefgehohlten Seufzer / die
Zunge. Darauf folgete das Flöhen. Er baht / man möchte doch das Zimmer eröfnen /
darinnen er seine Delila / mit aller seiner Glüksäligkeit / eingeschlossen zu
sein wüste. Ja er hielt inständig an ihm den Eintrit zu derselben / ohne die er
nicht leben könnte / noch wollte / zu vergönnen.
    (158) Delila lies ihn eine lange weile klopfen. Sie lies ihn / als etwan
einen unverschähmten Bätler /eine guhte Zeit bätteln. Sie weigerte sich ihm die
Tühre zu eröfnen. Den verlangten Zutrit ihm zu vergönnen hatte sie kein Ohr. Sie
antwortete weder Böses / noch Guhtes. Sie schwieg ganz stille. Nicht ein
einiges Wörtlein kahm aus ihrem Munde. Und also stellete sie sich / als were sie
taub und stum zugleich.
    (159) Also macht es ein Weibesbild / dessen Hochmuht / weil es weis / dass es
geliebt wird / ihm einbildet eine Göttin zu sein. Also stellet es sich gegen
seinen verliebten Beleidiger unerbitlich. Also peinigt es ihn mit solchen
immerwährenden Schmertzen / dass es ihm scheinet mehr eine Hänkerin / ja Teufelin
/ als eine liebsälige Göttin zu sein. Ja es dünkt ihn nicht anders / als wan
sich sein Paradies / darinnen er sich / bei Genüssung aller Wohllüste / zuvor
befunden /in eine Hölle verwandelt.
    (160) Endlich machte sie gleichwohl / nach langem Anhalten / die Kammer auf.
Sie vergönte dem Simson den Zutrit. Sie lies seinen Augen zu / ihr Antlitz zu
schauen. Diese schweiften und flatterten gleichsam bald üm ihren Mund / bald üm
die Augen /bald üm ihr ganzes Angesicht Zaumloss herüm.
    (161) Aber er spührete von stunden an / dass die Ernstaftigkeit ihres
Angesichtes ihn auf das neue zu peinigen gesonnen. Daher stund er im Zweifel /
ob es rahtsam sei desselben Gewölke / daraus lauter Zornstrahlen geschossen
kahmen / beständig anzublikken: zuvoraus als er märkte / dass ihr Kopf mit
Meusenestern / und ihr Gehirn mit Spingeweben erfüllet war. Dieses alles hielt
ihn auch zurück mit vielen Worten sie anzuflöhen.
    (162) Und also entschlos er sich nur allein mit einem Fussfalle zu versuchen
/ ob er ihre Gnade wieder erlangen künte: weil er in den Gedanken stund /dass
diese seine Demuht die meiste Kraft haben würde den Hoch- und Uber-muht ihres
Hertzens zu überwinden. Ja er bükte sich schon / er neugte die Kniehe schon vor
ihr niederzusinken / als sie befahl seine Bitte stehende /und nicht kniehende zu
verrichten.
    (163) »Mit dieser Ehre« / sagte sie / »ist mir nicht gedienet. Ich verlange
nicht angebähtet / aber wohl aufrichtig geliebt zu sein. Ich bin nicht
Ehrgeitzig /aber wohl Liebebegierig. Auch rühret dieser mein Zorn aus keiner
Hofart her. Darüm vermag ihn kein Fussfal zu stillen. Es mus etwas anders sein /
das meinen schier unerleidlichen Schmertzen ein gewünschtes Ende machen soll.
Mein Verlangen wird mit keinem Rauche gesättiget. Alle deine Demuht / alle deine
Niedrigkeit / die du mir zu erweisen gedenkest / kann es nicht vergnügen: wan das
Wahrzeichen der verlangten Genugtuhung nicht darzu komt.
    (164) Ich begehre gewilfahrt / und nicht angebähtet zu sein. Jenes komt mir
/ als deiner Liebsten / und dieses nur einer Göttin zu. Ich verlange nach keiner
Götlichen Ehre / die im Anbähten / in Fussfällen bestehet. Ich heische nur allein
das Recht / das die Liebe mir gestattet / das unsere unterliche Liebe mir
zuerkennet. Das andere ist nur ein Uberflus eines schalkhaftigen / und kein
Zeichen eines getreulich lieben den Hertzens.
    (165) Mein Wille will durchaus bewilfahret sein. Du solst / ja du must /
unserer Liebe wegen / die dich dahin verpflichtet / in den Willen deiner
Liebsten einwilligen. Wan du dieses zu tuhn dich noch länger streubest / so
wisse / dass dein Urteil schon ausgesprochen ist: es mag dir sauer / oder süsse
scheinen. Hiermit hast du deine letzte Frist. Wan diese vorüber gestrichen so
sein wird / kanstdu keine Gnade mehr erwerben.
    (166) Wodurch ich begehre gewilfahret zu werden /ist dir schon so vielmahls
gesagt / dass mich ekelt mehr Worte darvon zu machen. Wilstdu in deiner
Halsstarrigkeit noch länger verharren; und wilstdu nicht tuhn / was ich getahn
haben will; so pakke dich dann immerhin / so sei dann ewig von meiner Gunst
ausgeschlossen / ja ewig von meiner Gegenwart verstossen. Diese Worte / die ich
jetzt gesprochen / und noch spräche / sollen die letzten sein. Anders werden zu
dir keine mehr aus meinem Munde gehen; es sei dann / dass du gegen dieselbe / die
du zu lieben vorgiebest / dich halsstarrig zu erweisen aufhörest.«
    (167) Der unglücklich Verliebte vernahm diese Worte mit euserster
Bestürtzung. Die Angst seines Hertzens war so überschwänglich gross / dass er
nicht wusste / wessen er sich entschlüssen sollte. Aus zween eusersten Wegen musste
der beste gewehlet / der schlimste vermieden werden. Beide zugleich zu bewandeln
war unmüglich. Sein Geheimnis nicht zu offenbahren / und gleichwohl auch
zugleich seiner Delila Gunst zu erhalten / waren zwei widereinander streitende
Dinge / die sich beide zugleich nicht tuhn liessen.
    (168) Simson wusste sehr wohl / wan er sein Geheimnis / seiner Liebsten Gunst
zu erhalten / offenbahrte / dass ihm dadurch die höchste Gefahr Leibes und Lebens
zustossen würde. Hingegen sah er auch /wan er solches nicht straks tähte / dass
ihn diesen Augenblick seine Liebste von ihr ewig zu verbannen /und also in die
euserste Todes- und Höllen-angst zu stürtzen beschlossen. Aus diesen zwei
eusersten Ubeln das erleidlichste zu erwählen fiel ihm / als einem euserst
Verliebtem / viel zu schweer. Hierzu rieht zwar die Vernunft / zusamt dem
Urteile. Aber die Liebe vereitelte diesen Raht / und gab / ja drang ihm auf den
schlimsten.
    (169) So entschlos er sich dann / auf ungestühmes einblasen der Liebe /
lieber / durch Entdekkung dieses Geheimnisses / seine Liebste zu vergnügen / und
also ihre Gunst zu erhalten / als durch Verschweigung dessen / sie noch ferner
zu beleidigen / und ewig von ihr verstossen zu leben: wiewohl er gewis wusste /
dass er durch jenes seine Herligkeit / ja wohl das Leben darzu verlieren würde.
Und eben hierzu brachte ihn seine so gar ungezeumt- und ungezähmte Leidenschaft;
welche wir / in einem so grossen Helden / ja von GOTT selbst erkohrnem Erlöser
seines Volkes / billich mit Verwunderung betrachten.
    (170) Er eröfnete der Delila / mit kurtzen / wiewohl auch gnugsamen Worten /
den lange verlangten Uhrsprung seiner mächtigen Stärke. Er gab ihr zu verstehen
/ sie rühre bloss von GOtt her: welcher ihm / als seinem Verlobten / gleichwohl
ausdrüklich befohlen / zur Erhaltung derselben / sein Haar nie verkürtzen zu
lassen / Aus diesem Haare /fuhr er fort / entstünde den Filistern der
unauflöseliche Unglücksknohten. Und dieses bekräftigte er mit oftwiederhohleten
Schwühren.
    (171) Doch die Schwühre weren alhier nicht nöhtig gewesen die ausgesprochene
Wahrheit damit zu versiegeln.Weil Simson aus der Erfahrung wusste /dass er durch
Lügen seinen Tod veruhrsachte; so trug er nunmehr Abscheu sich dardurch noch
ferner in Gefahr zu stürtzen. Und eben darüm durfte man itzund keinen Argwahn
der Lügen auf ihn werfen. Das Hertz kann einem solchen Munde / der ihm durch
seine Zunge / wan es mit dem Tode ringet / zu Hülfe kömt /keine Lügen eingeben.
    (172) Man durfte nicht gedenken / dass derselbe /der / durch Verkauffang
falscher Wahren / in die euserste Lebensgefahr gerahten / von neuem dergleichen
Wahren verkauffen würde Simson war schon dreimal / der Lügen wegen /
gewitziget. Darüm entzog er sich das vierde mahl zu lügen. Ein inbrünstig
Verliebter unterstehet sich nicht mehr / die Wahrheit derselben zu verschweigen
/ die ihn deswegen albereit in die euserste Todesnoht gebracht.
    (173) Delila begunte sich unter diesen des Simsons Worten algemach zu
stillen. Sie begab sich in Ruhe. Sie befand sich befriediget. Die Heftigkeit des
Zornes lies nach. Das düstere Gewölke / das den Glantz ihres Angesichtes
verdunkelte / verzog sich. Die Augensonnen fingen an wieder hervorzublikken. Sie
spitzte die Ohren. Sie lauschte / sie horchte fleissig? zu. Sie gab achtung auf
den innerlichen Verstand aller Worte / die aus dem tiefsten Grunde des Hertzens
heraus zu kommen schienen.
    (174) Hierüber ward sie so vergnügt / dass sie alle Zornstrahlen / die sich
unter die Schönheit ihres Angesichtes vermischet befanden / verbannete. Die
Liebe / die bisher bei ihr als erstorben gelegen / begunte nunmehr wieder zu
blühen. Auch lies sie dieselbe dem Simson ganz ehrerbietig blikken. Wie
lieblich die wiederaufgeklährte Luft / nach verzogenem Sturme / gleichsam lachet
/ so lieblich / so anmuhtig /so freundlich lachten auch alle ihre Gebährden.
Alle ihre Worte waren gleichals mit Zukker bestreuet /gleichals mit Seide
bekleidet / gleichals mit Bluhmen gezieret. So süsse / so sanfte / so liebreich
geschmükt gingen sie aus ihrem lächlenden Munde!
    (175) Simson ward über diese so plötzliche Veränderung seiner Liebsten ganz
entzükt. Er war zum höchsten erfreuet / dass dieselbe / die ihm bisher eine
zornige Rachgöttin zu sein geschienen / in eine liebreiche Huldgöttin verändert
worden. Und eben darüm veränderte sich auch sein ganzer Schmertz in lauter
Lust. Er vergass alles seines Kummers. Er gedachte nicht einmal mehr an das
heftige Wehleiden /das ihm ihre närrische Widerspänstigkeit bisnochzu
veruhrsachet. Ja er vergrub alles / was vorgegangen /in das Grab der ewigen
Undacht.
    (176) Nunmehr war er auf nichts mehr bedacht / als alles dessen zu genüssen /
was ein Verliebter zu begehren / und eine Geliebte zu gewähren vermag. Er
schifte nunmehr / in überchwänglichen Freuden / auf dem vollen Meere der
Wohllust / mit guhtem nachwinde. Alles ging nach Willen und Wunsche glücklich
fort. Er war kaum so begierig zu nehmen / als seine Delila zu geben sich
freigebig erwiese. Er befand sich kaum so lüstern nach ihren Begünstigungen /
als sie im Ausspenden derselben verschwänderisch war.
    (177) Unterdessen bemühete sich die Gotlose Frau abermahl die Filister
einzutagen. Sie trachtete dieselben aufs neue zu versamlen. Doch diese hatten
Schwahnsfedern in den Ohren. Sie besorgeten sich wieder geteuschet zu werden.
Und darüm wollten sie nicht kommen. An statt sich einladen zu lassen / schikten sie
der Delila die schmählichsten Worte zu. Sie beschuldigten sie einer närrischen
Leichtgleubigkeit. Sie verwiesen ihr / dass sie allen Lügen zu gleuben so gar
einfältig / so gar albern sei. Ja sie hielten ihr schimpflich vor / dass sie sich
so leichtlich / so lüderlich über den Tülpel werfen liesse.
    (178) Sie konten / noch wollten nicht begreiffen /dass in den Haaren / die nur
aus den Dämpfen und Dünsten des Heuptes entstünden / eine so wunderbahre Stärke
stekken sollte. Sie wollten nicht gleuben / dass die Göttliche Almacht / derer
Geheimnisse sie nicht verstunden / eine solche Kraft / selbst durch ein
schwaches Haar / irgend einem Menschen mitteilen könnte. Ja sie hielten es ganz
für unmüglich. Und darüm verlachten und verspotteten sie nur alles / was Delila
sagte.
    (179) Aber diese Schälkin urteilte ganz anders. Sie wusste wohl / wie
schweer es zugegangen / diese Worte dem Simson aus dem Munde zu lokken. Sie
hatte gnugsam verspühret / was für ein Selbstreit und Widerwille bei ihm
entstanden / ehe sie ihn dahin bringen können sie auszusprächen. Und darüm sei
es wohl gleublich / dass sie mit dem Safte der Wahrheit angefüllet weren.
    (180) Wie bald / und wie leichtlich die Lügen verschwinden / so bald und so
leichtlich springen sie auch über die Zunge. Aber die Wahrheit / die in den
tiefsten Winkeln des Hertzens verborgen lieget / eusert sich so bald / und so
leichtlich nicht. Es geht mit ihrem Ausbruche sehr schweerlich / sehr langsam
zu; weil sie den Has der Lügen liebenden Welt flühet /und sich daher in eine so
tieffe Kluft verbürget.
    (181) Delila lies nicht nach die schläferigen Filister aufzumuntern. Sie
hielt immer an die Ungleubigen gleubig / und die Zweiflenden Hoffnungsvol zu
machen. Und hierzu führete sie ihnen so kräftige Bewägreden zu Gemühte / dass sie
ihr endlich mussten gewonnen geben. Endlich überwältigte sie dann die
Ungestühmigkeit ihres Anhaltens. Endlich liessen sie die Abrahtungen ihres
eigenen Urteils fahren / und begaben sich auf die Spuhr / die ihnen Delila
zeigete / des glücklichen Ausschlages ihrer gemachten Hoffnung zu erwarten.
    (182) Sie gingen wieder in die gewöhnliche Kammer / die ihnen einen sicheren
Schlaufwinkel für Simsons Grimme, verhies. Straks darauf begunte sie zu
schmeucheln. Straks fing sie an zu liebkosen. Straks ergetzte sie ihn mit den
allerersinlichsten Liebespielen. Sie boht ihm ihren Schoss zum Hauptküssen an
/damit sie ihn üm so viel eher in den Schlaf wiegen möchte. Auch konnte die
Verräterei keine bessere Wiege finden / als diese / die ein unglückliches Grab
ist der unvorsichtig Verliebten.
    (183) Die Ergetzungen / die Simson alda kostete / waren ihm so süsse / dass er
von dar in das Paradies entzükt zu sein schien. Ja er war auch gäntzlich
entzükt. Er befand sich nicht mehr bei sich selbst: weil der Schlaf ihn mit
solcher Gewalt überfiel / dass alles Empfinden von ihm wiche. Er fühlete nun
nichts mehr. Er schlief ganz sicher und unbesorgt. Selbst schlief er so fest /
dass er mehr toht / als lebendig zu sein schien: indem man nichts lebendiges an
ihm spührte / dann das blosse Röcheln und Schnarchen.
    (184) Mitler weile setzte Delila die Schähre verrähterisch an. Sie schnitte
das glücksfällige Haar vom Heupte herunter.
    In sieben Schnitten lag es auf ihrem Schosse. Und hiermit verwüstete sie
dasselbe Haar / das die Wunder Göttlicher Almacht in Simsons Stärke / so lange
es auf seinem Heupte gestanden / erhalten hatte. Ja hiermit lag es / samt dieser
übermenschlichen Stärke /vom Leibe geschieden.
    (185) Also hatte dann der armsälige Simson dieselbe Hoheit / die ihn über
alle Menschen erhub / so lüderlich verloren. Also war er nunmehr der
Menschlichen Schwachheit unterworfen; weil er sich seiner übermenschlichen
Stärke verlustig gemacht sah. Also war dann derselbe / der an Herligkeit / an
Kraft und Macht alle Sterblichen so weit übertraf /dass er alle ihre Macht / alle
ihre Kraft vereitelte / nunmehr anders nicht / als ein ander gebrächlicher
Mensch.
    (186) Alhier erblicken wir / in dieser Begäbnis /die Wahrheit dessen / das
man saget: Menschliche Hoheiten hängen an einem zahrten Hährlein. Menschliche
Herligkeiten kleben an einem dünnen Drähtlein. Sobald dieses Hährlein / dieses
Drähtlein bricht / lieget die Hoheit / lieget die Herligkeit gefället. Sobald
Simsons Haar / das seine Hoheit / seine Herligkeit / seine Macht und Kraft
bewahrete / zerbrach / oder vielmehr ab-oder zerschnitten ward; da hatten alle
diese Fürtrefligkeiten / alle diese Schätzbarkeiten bei ihm ein Ende.
    (187) Was ist zährter / was ist dünner / was ist zerbrächlicher / was kann
leichter versänget / und zerstükket werden / als ein Haar? Ach! wie eine
schwache Stütze war dieses / den ehmals glücksäligen Simson bei solcher seiner
überschwänglichen Glüksäligkeit zu erhalten! Ach! wie bald kann das Glükshaar /
das wir mit unsern Händen vermeinen fest zu halten / zerbrächen! Ach! wie bald
werden die Wohllüste dieser Welt / die nichts / als Haare / das ist eitel
Eitelkeiten seind! durch Trübsalen unterbrochen / ja gar vereitelt!
    (188) Darüm möchte man sich nicht unbillig wundern / dass der Entzug dieser
Eitelkeiten uns so gar entstellet / dass das Gemühte dadurch alle seine Ruhe
verlieret / desselben Neugungen aufrührisch gemacht /und die Gedanken zum
unterlichen Kriege gereitzet werden: darauf dann nichts / als Unlust / als
Schmertzhafigkeit / ja nichts / als Verzweiflung folget. Zu diesen Jammern
führet uns die Gewalttähtigkeit unserer Gemühtstriften / ja stürtzet uns endlich
wohl gar in das euserste Verderben.
    (189) Wie mancher entziehet sich nicht üm den Verlust eines Hährleins alle
seine Wohlfahrt und Ehre / ja das Leben selbst zu verschertzen! Wie mancher
peiniget sich selber mit schmertzlicher Unruhe / ja begehet wohl gar einen
Selbmord / wan er sieht / dass er dasselbe / darnach ihn verlanget / nicht zu
erlangen vermag! Wie manchen betrübet eine nichtswürdige Buhlschaft / die ihm
nicht werden kann / so heftig / dass er darüber in euserste Verzweifelung / oder
wohl gar in Todesnoht verfält!
    (190) Ein solcher in seiner eigenen Lustsucht ersoffener eigensinniger
Starkopf war auch Simson: der aller seiner Hoheit / aller seiner Herligkeit /
aller seiner Wohlfahrt / und Ruhe viellieber entbähren wollte /als einer einigen
eigensinnigen Lust: darauf er dermassen erpicht war / dass er sich selbst zu
foltern eher nicht nachlies / als bis er sie / mit unersetzlichem Verluste
seiner Ehren / ja seiner Augen selbst / erlangte.
    (191) Als er nun / über dem Schreien und Rufen seiner Liebsten / oder
vielmehr seiner Ate / sie eigendlicher zu nennen / erwachte / da gedachte er:
»ich will ausreissen / wie ich ehmahls getahn. Ich will meinen Feinden entflühen.«
Aber er wusste nicht / dass der HERR von ihm gewichen. Er wusste nicht / dass er
seine Kraft verloren / und ganz schwach / wie andere Menschen / geworden.
Dieses vernahm er erst / als er seine sieben Lokken auf dem Boden erblikte.
Hieraus ward ihm der Verlust seiner Stärke straks kund. Hieraus nahm er straks
ab / dass er verrahten sei.
    (192) Nunmehr erblikte man an ihm die Wahrzeichen der Schwäche. Sein
Angesicht ward ganz blas. Seine Hände böbeten. Die Furcht schien ihm aus den
Augen. Das Schrökken lies sich an allen seinen Gliedmassen sehen. Der ganze Leib
zitterte. Er richtete sich zwar auf die Füsse. Doch dieses ging so schweerlich zu
/ dass er den Verlust seiner Kraft märklich spührete; weil er kaum so viel Ahtems
hatte sich zu bewägen.
    (193) Er blikte sich selbst ganz bestürtzt / ganz beschähmt / mit
traurigen Augen / an. Bestürtzt war er über sich selbst / dass er / der kurtz
zuvor unter allen Sterblichen der Stärkeste gewesen / nunmehr schier der
Schwächste sein müste. Beschähmt war er /dass er seine Stärke selber
verwahrloset / selber verschertzet; ja dass er sie / durch seinen eigenen
Muhtwillen / so gar lüderlich verschertzet. Darüm war er auch so traurig / so
betrübt. Darüm sah er so kümmerlich aus.
    (194) Durch diese Märkzeichen der Schwachheit warden die Filister ermuntert
ihn anzufallen. Sie gaben ihrer gewöhnlichen Zaghaftigkeit Uhrlaub /und fasseten
einen ungemeinen Muht einen so grossen Feind zu dämpfen. Sie rüsteten sich mit
Grausamkeit zur Rache. Endlich fielen sie über ihn her mit solcher Grimmigkeit /
als wollten sie ihn ganz zerfleischen /zergliedern / und in tausend Stükke
zerreissen.
    (195) Inzwischen stund der arme Simson ganz ohne Bewägung. Er hatte das
Hertz nicht sich nur im geringsten zu wehren. Seine Gemühtsmuhtigkeit war fort.
Seine Tapferkeit verlies ihn. Die Mattigkeit herschete über seinen ganzen Leib.
Er knikbeinete für Schwachheit der Gelenke / wie ein Trunkenbold. In seiner
Faust / die sonst alles zerschmetterte / war itzund schier so viel Kraft nicht /
dass er sie aufhöben konnte. Ja sein Arm / der so viel Ritterliche Tahten verübet
/ so viel mächtige Feinde geschlagen / so viel herrliche Siege / mit grossen Ehren
/ erhalten / hing als gelähmet am Leibe herunter.
    (196) Ich will mehr sagen. Die ungeheure Bildseule / darinnen die Kraft und
Stärke der tapfersten Helden / als in einem kurtzen Begriffe / beieinander war /
und die Herligkeit Götlicher Almacht sich blikken liessen /war itzund so schwach
/ so ohnmächtig / dass sie dem geringsten Anlauffe dieser tobenden Feinde nicht
widerstehen konnte. Und also musste derselbe / der ehemahls ihre Peitsche gewesen
/ sie / als seine Hänker /hänkermässig mit ihm ümspringen lassen.
    (197) Sie stachen ihm die Augen aus. Und dieses tähten sie vielleicht darüm;
weil nichts erschröklichers an ihm war / als eben dieselben / wan sie /durch
ihre Blikke / Zornflammen aus-streueten: oder aber weil sie / als Anstifter des
Aufruhrs wider Simsons Hoheit / allein ein solches Todesurteil verdienet. Sonst
tähten sie ihm nichts weder an seinem Leibe / noch an seinem Leben. Sie führeten
ihn nur also geblendet / und in Fessel geschlagen nach Gaza.
    (198) Sobald man mit ihm vor die Stadt gelanget /lief schon eine grosse
Mänge Volkes heraus / denselben / der sich unterstehen dürfen ihr Stadttohr über
einen Hauffen zu schmeissen / und dessen Tohrflügel darvon zu tragen / gefangen
und gebunden zu sehen. Es konnte kein Siegeseinzug mit grösserem Frohlokken / und
Freudengeschrei gehalten werden / als dieser der Filister / mit dem
unglücksäligen überwundenem Simson.
    (199) In der Stadt selber ward der Zulauf noch zehenmahl grösser. Es blieb
schier kein Mensch in den Heusern; ohne nur in denen Gassen / da man ihn
durchführete. Alhier waren alle Heuser volgepfropft mit Menschen. Alle Dächer
stunden so dichte mit Volke besetzt / dass sie eine so schweere Last kaum tragen
konten. Man drängete / ja zertraht schier einander auf den Gassen. So dichte
lieffen die Leute / klein und gross / zusammen / wo Simson hinkahm!
    (200) Dieselben / die ihn gefesselt führeten / trahten einher mit stoltzem
Tritte / und prangeten mit ihm / als die tapfersten Siegshelden mit etwan einem
gefangenen Fürsten / in den her-lichsten Siegsgeprängen. Also ward dann der
armsälige Simson / unter dem erschröklichen Klange der Spotreden / und
Schmähworte / darbei ihn auch einer hier / der andere dort zupfete / nach dem
Gefängnisse gebracht. Alhier war es / da er / als ein geblendetes Pferd / oder
ein Esel / in der Stampfmühle das Rad ümtreiben musste.
    (201) Man kann leichtlich gedenken / wie dem armen Simson / bei so
plötzlicher Glüks- und Standes-veränderung / mus zu muhte gewesen sein: indem er
aus einem Stahtsrichter des ganzen Volks GOttes / ja aus einem so
unüberwindlichen Helden ein so gar verachteter Mühlenesel hat werden müssen. Man
kann leichtlich erachten / wie heftig es ihn geschmertzet / dass er / seiner
herrlichen Hoheit und hohen Herligkeit beraubt / nicht in einen Knechtischen
/nicht in einen Gefänglichen / sondern gar in den Stand eines verächtlichen
Lasttieres herunter gestürtzet worden.
    (202) Doch dieses alles könnte man nicht besser beschreiben / als aus seinen
eigenen Reden / die er mit sich selbst gesprochen; oder aus seinen eigenen
Gedanken / die er dazumahl / in seinem Elende / gehabt. Unter andern / weis ich
gewis / wird er sich / als einen töhrichten Anbähter derselben stünkenden Götzin
/die ihn in diesen Jammerstand gestürtzet / selber gescholten / verpfujet /
und angespiehen haben.
    (203) Ja mich dünkt / ich höre noch itzund ihn also reden: »O unglücksäliger
Simson! wo ist nun dein Ruhm / dass du ein Wunder der Welt gewesen / geblieben?
Wo ist nun deine Hoheit / deine Herligkeit /dein Ansehen / das du gehabt deiner
unüberwindlichen Stärke wegen von iederman gefürchtet / ja von denen / welche
die Vielheit der Gotteiten gestehen /gar für einen Gott gehalten zu werden /
hingekommen? Ach! wie ist alles dieses verschwunden; nachdem du ein
verächtliches Schauspiel der Welt / eine Zielscheibe des Spottes und höhnischen
Gelächters geworden!
    (204) Was hülft es dich nun / dass du so viel Helden- ja Wunder-tahten
getahn? Was hülft es dich eine so unvergleichliche Stärke gehabt zu haben / dass
du /ohne Beistand einiger Menschen / ganze Kriegsheere verheeret / so viel
Feinde geschlagen / und allezeit ein Uberwinder gewesen; weil nun deine Stärke
gefesselt / und du selbst / in einem schweeren Gefängnisse / der Rachgierigkeit
deiner Feinde Zielmärk sein must?
    (205) Aber was will ich viel sagen? Was will ich viel klagen? Dass ich aus
einer euser- sten Glüksäligkeit in diesen eusersten Unglücksstand so tief
herunter gestürtzt bin / daran hat niemand Schuld / als ich selbst. Ich bin
selbst die Uhrsache meines Verderbens: indem ich meinen unbändigen
Gemühtsneugungen den Zügel zu lang gelassen; indem ich ein unreines Weibsbild /
das nichts kann / als Lügen und Betrügen / mich leiten / oder vielmehr verleiten
lassen. Von dar komt mir alles Elend her. Dieses ist der Uhrsprung meines
Verderbens.
    (206) Ich wusste wohl / dass ein solches Weibesbild in ihrem Schilde die
Verräterei / in ihrem Wapen die Untreue führete. Ich wusste / dass alle Gänge /
die ich zu ihr tähte / mich mit ihren Scheinliebelungen zu ergetzen / nur lauter
Sturtzfälle weren; dadurch ich mein hohes Ansehen verlieren / und aller meiner
Herligkeit mich beraubet sehen würde. Noch dannoch war ich so hartnäkkig / dass
ich weder die Vernunft / noch das Urteil / die mich darvon abrieten / iemahls
hörete; dass ich nur allein meinen bösen Lüsten folgete.
    (207) Ich will mehr sagen. Die Erfahrung selbst warnete mich für der
Verräterei dieser Gottlosen Mätze. Doch gleichwohl war ich so achtloss mich zu
hühten / und ihren betrügerischen Lagen zu entflühen. Ach! weh mir / dass ich so
leichtsinnig / so leichtgleubig / ja gegen eine solche Betrügerin so gar guht-
und offen-hertzig gewesen / dass ich ihr alle Geheimnisse meines Hertzens
geoffenbahret! Ach! weh mir / dass ich einer solchen Ertzbetrügerin / üm eine
Hand vol eiteler Wohllüste / so gar mein Hertz verpfänden /meine Sinne wiedmen /
meine Liebe zueignen / ja mich selbst so lüderlich verkauffen müssen / dass ich
nunmehr in die schmählichste Leibeigenschaft gerahten!
    (208) Ich will hiermit alle Jünglinge treulich warnen sich für solchen
Weibsbildern zu hühten; derer Schönheit sie nachlauffen ein Paradies zu suchen
/und doch nur eine Hölle finden. Ich will sie / durch dieses mein Beispiel /
warnen / sich in solcher Liebe /die den Mund mit Honige / das Hertz aber mit
Galle beschmieret / und so einen trübsäligen Ausgang gewinnet / nicht zu
vertieffen. An mir können sie sich spiegeln. Mit meinem Schaden können sie
lernen den ihrigen zu verhühten.«
    (209) Diese und dergleichen Jammergedanken /oder vielmehr Jammerreden /
führete Simson in und mit sich selbst / als er eine grosse Mänge Spötter /seine
Schmertzen zu vervielfältigen / vor seinem Gefängnisse stehen sah. Hierdurch /
indem man ihn mit den allerschärfsten Schmähworten zu beladen immerfort anhielt
/ ward sein Grim in ihm dermassen aufgereitzet / dass er schier rasendtol zu
werden begunte. Ja er schien auch zu rasen / als die Einbildung ihm zum Troste
vorhielt / er sei nicht derselbe Simson / dessen Glüksäligkeit ehmahls so
herrlich geblühet. Und eben daher war er üm so viel weniger betrübt / dass er
itzund so unglücksälig sei.
    (210) Seiner Feinde Vorsatz war ihn nicht zu tönten. Sie vermeinten ihrer
Grausamkeit ein grösseres Genügen zu tuhn / wan sie ihn lange Zeit folterten
/als wan sie ihn straks auf ein-mahl hinrichteten. Und dieses scheinet auch die
Almacht GOttes verhindert zu haben; damit er sich vor seinem Ende noch kräftiger
/ als er iemahls getahn / rächen möchte. Ja darüm ward ihm sein Haar / zum
Wahrzeichen seiner wiederanwachsenden Stärke / selbst im Gefängnisse
wiedergegeben.
    (211) Unterdessen beschlossen die Fünffürsten der Filister ihrem Korn- und
Fladen-götzen / dem Dagon /ein algemeines Dankfest zu halten; weil er ihnen
ihren Feind Simson in ihre Hände gegeben. Die Vorbereitung hierzu war schon
volbracht. Das Götzenhaus stund auf das prächtigste / mit vielerhand Schmukke
/versehen. Ja alles stund färtig / als die Fünffürsten /mit einem grossen
Gepränge / den Einzug hielten.
    (212) Mitten im Götzenhause fanden sie eine lange Tafel gedekt. Alda sollten
sie / mit den Priestern / ein Freudenmahl halten. Alda setzte man sich nach der
Reihe herüm. Die Speisemeister liessen die Speisen /in etlichen Gängen /
auftragen. Diese hatte man alle zum köstlichsten / zum nietlichsten zugerichtet.
Die Üppigkeit und der Uberflus waren Tafeldiener. Der Mässigkeit / der
Rahtsamkeit vergönte man keinen Zutrit. Bei diesem Freudenmahle sich finden zu
lassen war ihnen verbohten.
    (213) Die Tafelreden / die alhier vorgingen / waren schier allein vom
gefangenen Simson / und seiner Verrähterin. Jener ward jämmerlich durch die
Spotechel gezogen / und diese / ihrer wohlausgeführten Verräterei wegen / gar
bis in den Himmel erhoben. Niemand war zugegen / der hierüber nicht von Hertzen
gefrohlokket / gejauchzet / und mit grossen Worten geprahlet hette. Und also
mochte dieses Mahl billich ein Freudenmahl heissen: doch nur so lange / bis es
Simson dem ganzen Filisterlande nachmahls zu einem jämmerlichen Trauermahle
machte.
    (214) Als sie sich nun alle wohl gemästet und wohl bezechet hatten / da
stund man auf sich mit allerhand Spielen / wie bei Schlüssung dergleichen
Feiertage gebreuchlich / zu erlustigen. Zu diesen Spielen ward auch Simson / ihr
gröster Spielnarre zu sein / gehohlet. Das ganze Volk frohlokte / bei seiner
Ankunft /mit einem so überausgrossem Geschrei / dass das Götzenhaus darvon vol
ward. Auch lobete man den Abgott Dagon / dass er so mächtig und so gühtig gewesen
den Filistern ihren Feind / der ihr Land verderbet /und so viel Einwohner
erschlagen / in ihre Hand zu geben.
    (215) Simson ward dann / durch einen Knaben /in das Götzenhaus hinein
geführet: welches die Schauburg seiner Verspottung / doch auch zugleich die
Siegesburg seiner wiedererlangten Stärke / wo nicht auch das Grabmahl der
Filister sein sollte. Eine schier unzählbare Mänge der Menschen war alda schon
von allen Enden her zusammen gelauffen. Man wartete seiner mit grossem Verlangen.
Und als er durch den Drang mitten in das Götzenhaus hinein ging / da ward er von
einem hier / vom andern dort bald gezupfet / bald verspottet.
    (216) Das Lachen / das Spotten / das Hohnekken /das Lästern / das Schmähen /
das Beschimpfen hatte kein Ende. Rund üm ihn her / auf allen Seiten / ja selbst
von oben / vom Dache herunter vernahm man nichts / als lauter Beleidigungen /
als lauter Stichelreden / die dem armen Manne / gleichals spitzige Pfeile / das
Hertz schier töhtlich verwundeten. Daher stund er von der Mänge so vieler
Schmertzen gleichals beteubt. Er stund / in voller Bestürtzung / gleichals
unbewäglich / gleichals unempfindlich.
    (217) Unterdessen vergass gleichwohl seines GOttes die Seele nicht. Sie
bewägte sich Ihn / als ihr Endziel / eifrig zu suchen; weil sie unter den
Menschen nichts / als Trübsaal / als Verfolgung litte. Ja sie bewägte sich in
Simsons Hertzen dermassen / dass er von stunden an Muht fassete die Almacht GOttes
/ die seine Schmaach allein rächen / und seine verlohrne Kraft ihm allein
wiedergeben könnte / hertzinniglich anzuflöhen.
    (218) »Ach! mein GOTT« / sprach er bei sich selbst / »wilstdu dann ewig über
mich zürnen? Sol dann dein Grim / weil ich gesündiget / fort und fort währen?
Ach! ich habe gesündiget. An dir habe ich gesündiget. Das weis ich / das bekenne
ich / das betrübet mich / das ängstiget mich / das reuet mich. Ach ja! es reuet
mich / dass ich so schweerlich gesündiget. Darüm hoffe ich auch / Du werdest
meine Sünde vertilgen. Ja ich habe das Vertrauen zu deiner grundlosen Gühte / Du
werdest deine Gnade wieder über mir aufgehen lassen.
    (219) Ich bin ja dein Knecht. Ich bin das Heupt deines Volkes / zu dessen
Erlösung Du mich selbst erkohren. Ich bin ja derselbe Simson / der vom Beginne
seiner Gebuhrt an das Vorrecht gehabt / in der Rolle deiner Liebsten zu stehen.
Du hast mir gleichwohl das Amt anvertrauet deinen auserwehlten Kindern die
Wunder deiner Almacht kund zu tuhn. Warüm soll mich dann nun einieder deines
Schutzes beraubt / und in der Gewalt dieser deiner Feinde verlassen sehen?
    (220) Du sihest ja selber / wie bosshaftig sie mit mir handeln. Ja du
siehest / der Du alles siehest /mein euserstes Elend.Dieses sehen / und sich
nicht erbarmen; dieses anschauen / und keine Rettung leisten / ist der
Uberschwängligkeit deiner liebe / ja der unendlichen Grosse deiner
Barmhertzigkeit alzunachteilig. Darüm darf ich auch nicht zweifeln / Du werdest
mir zu derselben Rache / die ich deiner / meiner / und deines Volkes Schmaach
wegen / an diesen Gottlosen auszuüben verlange / diejenige Stärke / die Du mir
entzogen / wieder verleihen.
    (221) Ei! so verziehe dann nicht / mein Helfer! Teile deinem Diener ein
Gnadenstüklein aus der Schatzkammer deiner Almacht mit! Stärke diesen Arm!
Bekräftige diese Faust! Gib diesem Leibe neue Stärke /neue Kraft / neues
Vermögen; damit ich Dich und mich / vor meinem Ende / noch emmahl räche! Es
sterbe Simson / mit den Filistern / das Verdienst deiner Herligkeit / durch
seinen / und ihren Tod / zu ehren! Es sterbe Simson / wan er nur / durch
Ertöhtung vieler seiner Feinde / ein ruhmherrlicher Uberwinder kann werden!
    (222) Ich bin des Lebens müde. Die Erfahrung so vieler Trübsalen verleidet
es mir. Daher wird es mir lieber sein in meiner Rache zu sterben / als in der
Peinigung länger zu leben. Zu dieser Rache treibet mich nicht so sehr an mein
eigener Grol / als der Eifer für deine Ehre. Darüm verleihe mir / mein GOtt /
aus dem Schosse deiner Almacht so viel Stärke / dass ich das letzte Wunder / zum
Zeugnisse deiner Gotteit /und deines Beistandes / glücklich volende!«
    (223) Nachdem er diese Reden ausgesprochen /fühlete sich seine Stärke von
stunden an erneuert. Ja er fühlete / dass seine Glieder kräftiger / sein Arm
stärker / und sein Hertz muhtiger zu werden begunte. Und darüm baht er den
Knaben / der ihn leitete / dass er ihn zu einer der zwo Hauptseulen / darauf das
Götzenhaus stund / bringen möchte / seinen ermüdeten Leib daran zu lähnen. Diese
Bitte ward straks volzogen. Auch war niemand / der es verhinderte; weil dieselbe
Gegend vielleicht dienlicher schien den Simson vor aller Augen spielen zu sehen.
    (224) Sobald er dahin gelanget / erneuerte er seine Bitte zu seinem GOtte /
welcher der Kraftgeber zur Volziehung einer so so herrlichen Wundertaht sein
sollte. Er flöhete / mit innerlicher Andacht / Ihn an /seinen Arm zu stärken /
und seine Faust zu führen; damit er diese seine Feinde teils lebendig begraben
/teils im Begraben entseelen mochte. Hierauf fing er alsobald an zu einem so
ruhmwürdigen Anschlage /der in einem Stieiche sein Leben / und zugleich seine
Siege schlüssen sollte / sich färtig zu machen.
    (225) Er ümarmete die zwo Seulen / auf denen der ganze Bau ruhete / die
eine mit seinem rechten / die andere mit seinem linken Arme. Diese hielt er so
fest /und schüttelte sie so gewaltig / dass das ganze Gebeu kaum zu wakkeln
begunte / als man es schon über einen Hauffen gefallen sah. Und also schien es
/ dass er / als ein Erlöser des Volkes Gottes / mit solchen seinen aus- und
voneinander-gesträkten Armen dasselbe Kreutz vorbilden wollte / daran der Erlöser
der ganzen Welt hängen / und das allerherrlichste Siegsgepränge über die
höllischen Filister / in seinem Tode selbst halten sollte.
    (226) Ja es schien / als wollte dieses durch das gewaltige schütteln bewägte
böbende / knakkende und krachende Götzenhaus selber das Schütteln und Bewägen
der Grundfeste des Erdbodems bei dem allerheiligsten Leiden und Sterben unsers
algemeinen Erlösers und Heilandes vorbilden: da zugleich der Vorhang im Hause
GOttes in zwei Stükke zerris / von oben an bis unten aus; da die Felsen
zersprangen / die Gräber sich auftähten / und viel Leiber der Heiligen /auch
Simson selber / wie etliche der Kirchenlehrer gemeinet / aufstunden. Und also
scheinet schier alles /was in Simsons Leben bis in seinen Tod vorging
/ausgenommen sein sündliches Wesen / das allheiligste Leben / Leiden und Sterben
unsers Heilandes gleichsam vorgebildet zu haben.
    (227) Die Filister warden Anfangs über dieser des Simsons kreutzweise
gemachten Stellung veranlasst / ihn fast eben also / wie unserem leidenden
gekreutzigtem Heilande geschahe / zu verhohnekken /zu verspotten / und auf das
schmählichste zu verschimpfen. Aber ihr höhnisches Gelächter verkehrte sich bald
in Weinen. Ihr spöttisches Frohlokken verwandelte sich bald in ein trauriges
Jammergeschrei. Ihr schmähliches Narrenspiel veränderte sich bald in ein
erschrökliches Schauspiel. So bald sie das Gebeu wakkeln sahen / und desselben
knakken / knakken /krachen und prasseln höreten; da sahen sie schon ihr Grab vor
Augen / da höreten sie schon die Bohtschaft / die ihnen den Tod verkündigte.
    (228) Simson hatte den zweiten Ruk mit gewaltiger Stärke kaum getahn; kaum
war dieses Wort / es sterbe Simson / mit den Filistern / aus seinem Munde: da
wichen die Seulen und Balken aus ihrem Stande: da fiel das Dach / darauf bei
dreitausend Männer und Weiber stunden / plötzlich herunter / und das ganze
Götzenhaus / darinnen die Fünffürsten selbst waren / mit allen Umgängen / über
einen Hauffen. Also stürmete Simson dem Dagon sein Haus /gleichwie Kristus
nachmahls dem höllischen Dagon sein Raubschlos gestürmet. Also ward er / in
seinem Tode selbst / ein Siegesheld über die Filister / gleichwie Kristus / in
seinem Tode / ein Siegesfürst über die höllischen Filister / den Teufel und Tod
/ geworden. So viel vermochte der Grim eines Menschen! So viel würkte GOttes
Gerechtigkeit!
    (229) Das Geheule / das Geschrei / das Jammern der gedrükten / der
verletzten / und halberschlagenen Filister erfüllete zur Stunde die Luft. Die
andern /die entweder für Furcht / oder unter der Last des Gebeues straks toht
blieben / hielten ein ewiges Stilschweigen. Und dieser zehlete man über
dreitausend. Also warden / mit ihm / und in seinem Tode / ungleich mehr Menschen
getöhtet / als er / in seinem Leben / und in allen seinen Schlachten /
erschlagen. Also ward dieses Götzenhaus das allerberühmteste Wundergrab /
darinnen der Dagonsgötze selbst / mitten unter seinen Götzendienern / begraben
sein musste.
    (230) Dagon ward gebildet / als ein Fisch / mit eines Menschen Kopfe / Füssen
/ und Händen / oder vielleicht mehr mit einer Fischhaut überzogen. Diese
Fischgestalt deutet auch Samuel an / wan er saget: dass Dagon / in Gegenwart der
Lade des Bundes / seinen Kopf / und beide Hände verloren / aber die Gestalt des
Fisches behalten; wie es die Ebräischen Sprachmeister erklähren. Ja der Nahme
Dagon selbst zeigt eben dieselbe Gestalt an. So kahm dann eben dieser Nahme so
wohl / als die Gestalt selber /einem Götzen als eigen zu; weil alle solche
Götzen nichts anders / als stumme Bildseulen / und eben so stum / als die Fische
/ seind: wiewohl etliche dem Dagon auch eine Menschliche Sprache zuschreiben /ja
wohl gar sagen dürfen / er habe die Menschen den Akkerbau gelehret; daher es
auch vielleicht kommen /dass ihn seine Götzendiener / als einen Gott der
Feldfrüchte geehret.
    (231) Simson scheuete sich für einem so jämmerlichen Tode ganz nicht: weil
er wusste / dass er der Filister Tod sein sollte. Er flohe nicht die Sense des
Todes; weil er wusste / dass sie sowohl seinen Feinden / als ihm selber / den
Lebensfaden abschneiden sollte. Derselbe Tod / der den Tod der Feinde befördert /
ist besser / als das Leben selbst / welches in stähter Gefahr stehet geraubet zu
werden. Es ist rühmlicher und glücksäliger mit Ehren sterben / als in Schmaach
und Schande leben; da das Leben selbst ein Tod ist.
    (232) Ein solches Ende nahm derselbe Mensch /den alle / die nicht wussten /
dass er eine Wundergebuhrt der Almacht GOttes sei / seiner übermenschlichen Macht
wegen alr einen Gott ehren mussten. Ein solches Ende nahm Simson / dessen
Herligkeiten so hoch gestiegen / auch so tief wieder herunter gefallen / dass ihn
die Nachwelt selbst als ein Weltwunder /ja zugleich als ein Beispiel des
vergänglichen Wesens Menschlicher Hoheit / und der grausamen Wühterei unserer
Gemühtstriebe fort und fort so wohl mit höchster Verwunderung / als mitleidender
Bestürtzung betrachten mus.
    (233) Wie unglücklich er kurtz vor seinem Ende war / so glücklich ward er
wieder im Ende selbst. Dieses machte er treflich guht. Er starb / als ein
Siegesheld /in vollem Siegesgepränge. Er lies einen solchen Ruhm / ein solches
Wunderzeichen seiner Stärke hinter sich / dass man dessen ewig gedenken wird
Mitten in seinem Siegesgepränge fand er sein Grab / das ihm seine Hände selbst
aus den Zeichen seines Sieges gebauet. Die erschlagene Leichen ziereten es /
gleihals so viel tausend Bildseulen / so überaus herrlich / als kein königliches
Grabmahl / so lange die Welt gestanden / iemahls hat können gezieret werden.
    (234) Ich will mehr sagen. Es war ein grosses Vorteil seines Ruhmes / dass
niemand / als er selbst / dieses Heldenwunder / welches niemahls ohne Niederlage
seiner Feinde gefochten / niemahls ohne Siegeseroberung gestritten / erlegt zu
haben sich rühmen konnte. Von seinem selbst eigenem Arme bekahm er den
Todesstreich / eben als er den allerhöchsten /allerstahtlichsten /
allerruhmwürdigsten Sieg darvon trug / ja einen solchen Sieg / von dem man reden
und schreiben wird / so lange die Sonne / die dazumahl Zuschauerin war eines so
grossen Wunderwerkes / den Erdkreus bescheinet.
    (235) Und obschon der Verlust seiner Säligkeit /aus diesem scheinbarem
Selbmorde / könnte gemuhtmasset werden; so wollen wir doch lieber der unendlichen
Gühte GOttes das Wort reden / als gleuben / dass dieser algemeine Richter den
Richter von Israel /einiger Sünde wegen / nach seiner gestrengen Gerechtigkeit /
sollte verurteilet haben: zumahl weil Er ihn iederzeit von seiner Gebuhrt an /
aus eigenem Triebe /so sonderlich beschirmet / ja ihm auch überdas eine so gar
sonderliche Stärke / dadurch er alle Menschen weit übertraf / verliehen / dass er
sich selber wider alle Gewalt der mächtigsten Kriegsheere zu beschirmen
vermochte.
    (236) Ja was noch mehr ist / ob Er ihn schon / seines Verbrächens wegen /
auf eine gar kurtze Zeit dieser Stärke beraubet / und selbst in der Feinde Hand
übergegeben; so hat Er ihn doch / auf sein ängstliches Bitten und Flöhen /
straks wieder dermassen gestärket / dass er an seinen Feinden eine so grosse Rache
volbringen können / unangesehen er selbst das Leben miteingebüsset. In
Betrachtung alles dessen wird auch niemand gleuben / dass der grundgühtige GOTT
denselben / den Er so hoch begnadiget / in eben der Zeit / da Er ihm seine Hülfe
so kräftiglich blikken lies / sollte verlassen / und seine Seele dem höllischen
Reuber zum Raube gegeben haben.
    (237) Zudem weil GOTT ihn zum Erlöser und Rächer seines Volkes / ja zugleich
zur Geissel der Filister erwehlet / und er keine andere Gelegenheit hatte / als
mit Verlierung seines Lebens / diese von seinem Gesetze niemahls verbohtene / ja
von GOtt vielmehr gebohtene Rache zu verüben; so war es nur ein Zufal sein
Selbmörder zu werden. Und also hat er sich / durch diese Taht / keiner Sünde
mehr teilhaftig gemacht / als irgend ein ander Held / der nicht aus
Verzweifelung / sondern aus Tapfermühtigkeit /sich mitten in die Feinde hinein
wagt / und dahinein setzt / da er seinen gewissen Tod vor Augen sieht.
    (238) Ein solcher hat den Vorsatz nicht seinen Tod zu befördern / sondern
den Feind zu erlegen. Darüm ist er auch kein Selbmörder / wan er schon das Leben
einbüsset; sondern ein tapferer Kriegesman / welcher /weil er seine
Kriegespflicht getreulich beobachtet /billich zu preisen. Den Tod nicht achten
ist kein selbstangetahner Tod. Auch ist es keine Sünde / sondern ein Zeichen
einer Grossmütigkeit / das aus der Tugend herrühret. Dem sei nun / wie ihm wolle
/ so kann doch kein Zweifel / worauf er sich auch immermehr gründen mag / den
grossen Ruhm des Simsons verkleinern. Sein Lebenslauf wird dannoch ein klahrer
Spiegel sein / darinnen man die Hoheit der Menschligkeit viel höher erblickt /
als sie in aller andern Menschen Lebensgeschicht erblickt kann werden.
    (239) Dieses zu beschlüssen fügen wir noch hinzu /dass Simsons Gebrächen /
dadurch er sich sonst versündigt? zu haben möchte bezüchtiget werden / nur
Liebegebrächen gewesen: Kein Irtuhm verdienet mehr entschuldiget zu werden / als
der aus Liebe geschiehet. Die Liebe ist den Menschet so eigen / dass die
Menschligkeit ohne sie nicht zu bestehen vermag. Wo die liebe aufhöret / höret
das Menschliche Leben auf. Darüm ist es nicht fremde / wan wir / durch den
Anblik einer Schönheit / verliebt werden.
    (240) Das schön und lieblich ist / nicht lieben wollen / fält unsrem Willen
alzuschweer; weil ihm das Gesetz dasselbe / was ihm die Vernunft als ein solches
vorhält / zu ergreiffen / gleichsam eingebohren ist. Lieben ist an und vor sich
selber keine Sünde /kein Laster. Es ist vielmehr eine Tugend. Die Sünde stekt
im alzuviel: ja sie stekt in der Unordnung. Alzuviel lieben / und in der Liebe
die Geschöpfe dem Schöpfer vorziehen / das ist Sünde.
    (241) Wan der Wille / durch die Nohtwendigkeit das Schöne zu lieben
angereitzet / die Schranken der Liebe / welche die Vernunft ihm vorschreibet /
zaumloss überschreitet: das ist das Alzuviel / und die Unordnung / welches wir
für Sünde rechnen.
    (242) Ach! wie gern wollte der Mensch sich rechtfärtigen / er fehle nicht /
wan er ein Weibesbild liebt; oder zum wenigsten erweisen / dieser Fehler
verdiene Verzeihung / weil er den Nohtzwang zum Vorsprecher hat. Die Macht der
Weibesbilder / deren sie sich über unsere Gemühtsneugungen anmassen / ist auch in
Wahrheit so gross / dass keine andere Macht zu finden / die uns so gewalttähtig /
als der Weibsbilder ihre /begegnet.
    (243) Darum handelt derselbe klüglich / der die Liebe zu rechter Zeit zeumet
/ und ihr selber Mass und Ziel vorschreibet. Der Schiffer / der sich
unvorsichtig oder muhtwillig in den Sturm begibt / verdienet nicht beklaget /
vielweniger entschuldiget zu werden / wan er Schifbruch gelitten: weil er seinem
Urteile folgen sollen / das ihm gerahten aus dem Sturme zu bleiben. Wer die
Gefahr meidet / die er vor Augen sieht / und meiden kann / der tuht weislich.
Hingegen handelt derselbe töhricht / der mit vollen Springen darnachzu eilet /
ob er schon vorher weis / dass er in das Verderben rennet.
    (244) Aber es schien unziemlich zu sein / dass ein solcher Rüstzeug GOttes /
als Simson war / unter den Gottlosen liegen sollte. Es schien einem Richter /ja
Erlöser des Volkes GOttes nachteilig zu sein / dass er in einem solchen Grabe /
darein die Göttliche Rache den Hochmuht der Heiden durch ihn gestürtzet /
wiewohl er es ihm zugleich selbst gebauet / sollte begraben bleiben. GOtt wollte
den Leichnam desselben /der sein Verlobter / und unter die Zahl seiner Liebsten
gezehlet war / in der Gewalt seiner Feinde nicht lassen. Er wollte nicht zulassen /
dass er / mitten unter den Leichen der Unbeschnittenen / unter dem Schutte dieses
niedergestürtzten Götzenhauses / an einer so unheiligen Stätte / bei einem so
greulichen Götzen /seiner Verwäsung erwarten sollte.
    (245) Es war genug / dass Simson alda sein letztes Siegsgepränge volbracht.
Er hatte nun / nach seinem sieghaften Tode / dieser allerruhmherrlichsten
Siegsehre lange genug genossen / als seine Brüder sich aufmachten seinen
Leichnam abzuhohlen. Sein ganzes Väterliche Haus machte sich auf. Alle seine
Befreundte zogen gen Gaza. Alda huben sie ihn auf / und führeten ihn in ihr
Land. Die Filister durften nichts darwider sagen. Sie durften es nicht
verhindern; weil es GOTT also haben wollte.
    (246) Und also brachten sie ihn ungehindert zum Grabmahle seines Vaters
Manoah / welches zwischen Estaol / und Zarea lag. Alhier setzten sie ihn bei.
Alhier sollte Simson / dem Leibe nach / ruhen. Alhier sollte dieser ruhmherrliche
Richter des Volks GOttes der letzten Zukunft / wo nicht der Auferstehung /
seines und aller Menschen Richters erwarten. Alhier blieb er dann / zu seinen
Eltern versamlet / liegen; nachdem er das Volk GOttes zwanzig Jahr mit Ruhm und
Ehren / wiewohl auch mit vielen Mühsäligkeiten beladen / gerichtet.
                                     ENDE.
 
                                  Die Fehler /
Derer sich eine zimliche Anzahl / weil ich / aus Abwesenheit / den ersten Abdruk
nicht lesen können / in diesem Werke / nach ihrer gemeinen Gewohnheit
/unverhuhts eingeschlichen / sollten zwar billich allesamt angezeiget werden.
Weil sie aber zuviel Raumes wegnehmen würden / will ich nur die fürnehmsten /die
im eilfärtigen nachlesen / meinen Augen aufgestossen / anher setzen. ( ...)
    (...) Was sonsten in denen auf keit ausgehenden Wörtern / da das Endglied
lich / als in herrlich / lieblich / zierlich / u.d.m. durch die Endung keit
erlängert worden / versehen ist; indem man vielmahls / Herlichkeit Lieblichkeit
/ Zierlichkeit / usf. meiner Schreibahrt / und der besten Aussprache zuwider /
gesetzet: darvon mus ich nohtwendig erinnern / dass der Wohlklang den anstossenden
Ubelklang des gemeldten Endgliedes lich aus der Mitte dergleichen verlängerten
Wörter / in der ganzen Meisnischen / Ober Sächsischen / ja in allen andern
wohlklingenden Sprachen / von uhralten Zeiten her allezeit ausgebannet / und
solches Endglied lich / so oft es in der mitte sollte zu stehen kommen / in lig /
weil dieses in der Mittelstelle lieblicher klinget / auch flüchtiger von der
Zunge schüsset / verändert. Und also mus man nicht Herlichkeit / Häslichkeit /
sondern Herligkeit /Häsligkeit / wie der Wohlklang und die gemeine beste
Gewohnheit solche Wörter wollen ausgesprochen haben / auch allezeit schreiben.
Dieses erinnere ich darüm; damit ich / wan man dergleichen neue so wohl / als
wider den Wohlklang lauffende Schreibahrt in meinen Büchern sehen würde / nicht
einer Neurung oder Wankelmühtigkeit im Schreiben möchte beschuldiget werden.
Eben also ist der Unterscheid des lieblich zischenden ss in lassen / stossen /
süssen / und des hart klingenden ss / in hassen / rossen / müssen / udg. nicht
allezeit / wie ich wohl gern gewünschet / beobachtet / sondern eines vielmahls
für das andere gesetzt worden. Doch dieses wird mir der günstige Leser nicht
zumässen: den ich hiermit dem Schutze des Allerhöchsten anbefehle!
 
                  Zugabe oder Anmärkungen über seinen Simson /
                                        
                    zur nohtwendigen Erklähr- und Bewährung
                                        
                       etlicher Dunkelen und sonderlichen
                                        
                          Reden desselben / den Lieb-
                                        
                              habern zum besten zu
                                        
                                Lichte gegeben.
 
                           Den guhtertzigen Lesern.
Mein Simson hat nunmehr sein Grab verlassen. Er hat sich in die heitere Luft
begeben. Er ist aus der Nacht zu Lichte gegeträhten. Nichtsdeszuweniger scheinet
Er / mitten in der offenen Luft / noch halb begraben. Doch dünkt mich / Er sei
mit der nächtlichen Dunkelheit noch etwas ümhüllet. Doch gleichwohl deucht mich
/ Ihm fehle noch hier und dar / mitten im Lichte / das Licht. Dannoch darf ich
zweifeln /ob Ihm / im Tage selber / nicht zuweilen der Tag mangele. Nicht zwar
der Scharfsichtigen wegen; denen ein kleiner Schein genug ist: sondern der
schwachen und blöden Gesichter wegen; denen die Macht und Kühnheit / samt der
Kunst und Wissenschaft alles zu sehen gebricht. Ob nun schon jene /derer so gar
wenig seind / keines fremden Lichtes bedürfen; indem ihnen ihr eigenes Licht
genug leuchten kann: so mus ich doch diesen zu liebe / derer überaus grosse Mänge
vermuhtlich lüsterner sein wird diesen Wunderheld so wohl von innen / als von
aussen zu beschauen / ja ihm selbst / so zu reden / ins Hertze zu schauen / ein
sonderliches Licht / ihnen die Augen des Verstandes aufzuklähren / anzünden. Ja
ich mus meinem durch Hoch-deutschland reisendem Simson / ob er schon
Hoch-deutsch zu reden von mir begriffen / einen Sprachdeuter / oder vielmehr
Erklährer seiner Reden zufügen: welche den Ungelehrten / und so mancherlei
Wissenschaften noch Unkündigen / ihrer Kürtzbündigkeit wegen / auch sonsten
etwas dunkel und undeutlich vorkommen möchten. Und hierzu sollen ihm folgende
Anmärkungen dienen: welche nicht allein den Nebel etlicher dunkelen Reden
zertreiben / sondern auch zugleich anzeigen werden / woher eine oder die andere
geflossen / auch wohin sie zielet. Doch diese begleiten Ihn /nicht die Gelehrten
/ sondern die Ungelehrten zu unterweisen. Nur den Unwissenden zu gefallen hat
sie diese Feder aufgesetzt. Den Wissenden redet Simson selbst Deutsch und
deutlich genug. Sie bedürfen keines Anmärkens / noch erklährens. Gleichwohl
stehet es ihnen frei / neben dem Simson / auch zugleich seinen Geleitsman zu
hören. Ich mag es wohl leiden: doch mit dem Bedinge / dass sie ihn / mit eben der
Guhtertzigkeit hören / als er redet; und mit keiner ungewaschenen Zunge sich
über ihn zu Splitterrichtern machen: indem es ihnen vielleicht scheinen möchte /
dass er in etlichen, Dingen alzuweitschweiffig / in andern alzukurtz redete / ja
viel nöhtiges mit Stilschweigen gar überhüpfte. Was dieses letztere betrift /
mus ich freilich bekennen / dass wegen änge der Zeit / und Heuffigkeit meiner so
mancherlei Geschäfte / nicht alles also / wie mein Wille war / hat können
erklähret werden. Auch war mit / bei gleichsam gestohlener Zeit / anders nicht
vergönnet / als nur obenhin / und mit ganz flüchtig-färtiger Feder folgende
Märkzeilen aufzusetzen. Gleichwohl darf ich hoffen /man werde / dieser
Entschuldigung zu liebe / alles im besten aufnehmen. Und in solcher so guhten
Hoffnung / will ich diese Voransprache schlüssen / und meine Leser / nächst
befehlung in GOttes Obhuht / auf was mehres / gegen künftige Zeit / sofern der
Ewiglebende mein Leben fristet / hiermit vertröstet haben.
 
                        Anmärkungen über seinen Simson.
                             Zur ersten Einteilung
                               Des ersten Buches.
Fürst Abdon] der eilfte Richter über Israels Kinder nach Mose / war ein Sohn
Hillels oder Elels / wie ihn Flavius Josef / der Jüdische Geschichtschreiber
nennet / von Pireaton oder Faraton / aus Efraims Stamme / bürtig. Er hatte
vierzig Söhne / und dreissig Kindskinder / die allesamt auf jungen Eselsfüllen /
als Landesjunkern / einher trabeten. Seine Herschaft über das Volk Gottes
währete nicht länger / als acht jahre: wie im Buche der Richter / am Ende des 12
Hauptstükkes zu lesen. Und hierzu füget obgemeldter Geschichtschreiber / in der
9 Abteilung seines 5 Buches von den Jüdischen Alteiten / noch dieses: Bei ihm
(dem Abdon) finden wir nichts Denkwürdiges / als die Vielheit seiner Kinder. Dan
der Friede / der zu seiner Zeit in höchster Blühte stund / gab ihm keine
Gelegenheit etwas tapferes und ruhmwürdiges zu verrichten. Er hatte vierzig
Söhne / und dreissig Enkel: und ward / wan er ausritte / mit diesen siebenzig
auserlesenen Reitern begleitet. Die hinterlies er alle bei Leben / üm das 1191
Jahr vor der Heilgebuhrt.
    Die Bosheit nahm Oberhand.] Der Begin des 13 Hauptstükkes im 1 Buche der
Richter lautet hiervon also: die Kinder Israels tähten fürder übel vor dem
HErrn: und der HErr gab sie in die Hände der Filister vierzig Jahre. Flavius
Josef aber gedenket keiner Bosheit / deswegen das Volk GOttes diese Strafe
leiden müssen; indem er / in der 10 Abteilung obangeführten Ortes / folgender
gestalt schreibet: nach dieses (des Abdons) Tode / überwältigten die Filister
das Israelische Volk / und machten es ihnen schatzbar vierzig Jahre lang.
                               Zur 2 Einteilung.
Aus diesem Frieden keumete die Wohllust auf /] die ein. Lokaas ist zu allem
Bösen / zu allem Muhtwillen / zu allen Untugenden: weil dadurch die Menschen
/eben als durch einen Hahmen die Fische / gefangen werden; wie / dem Plato zur
folge / Plautus und Tullius von ihr ganz einstimmig / und schier mit einerlei
Worten urteilen / wan sie sagen / und zwar jener / in seinem Kaufmanne /
VOLUPTAS EST MALORUM ESCA, QUÒD EÂ NON MINUS HOMINES, QUÁM HAMO CAPIANTUR
PISCES; dieser aber /in seinem Kato dem ältern / MALORUM ESCA VOLUPTAS, QUÂ
HOMINES CAPIUNTUR, UT HAMÔ PISCES. Nichts anders will auch eben derselbe Tullius
andeuten / wan er in seinem 5 Buche an den Attikus schreibet: MAXIMAS VIRTUTES
jacere OPORTET, VOLUPTATE DOMINANTE, wo die Wohllust herschet / müssen die
grösten Tugenden unterliegen: und im 2 Buche seiner Freundespflichte
/VOLUPTATES, BLANDISSIMÆ DOMINÆ, SÆPE MAJORES PARTES ANIMÆ À VIRTUTE DETOR
QUENT, die Wohllüste seind so liebreitzende / so hertzentzükkende Herscherinnen
/ dass sie oftmahls die meisten Teile der Seele von der Tugend abziehen: wie auch
in seinem Kato dem altern / IN VOLUPTATIS REGNO VIRTUS CONSISTERE NON POTEST, im
Reiche der Wohllust kann die Tugend nicht bestehen: welchen Spruch Salust
folgender gestalt etwas kurtzbündiger gefasset / IN REGNO VOLUPTATIS VIRTUTI NON
EST LOCUS, im Wohllustreiche findet die Tugend keine statt: weil den Wohllüsten /
und der Tugend zugleich niemand zu dienen vermag; wie man anderswo lieset. Ja
eben dahin zielet Seneka / wan er in seinem 52 Sendeschreiben schreibet: QUIDAM
SE VOLUPTATIBUS IMMERGUNT, QUIBUS IN CONSUETUDINEM ADDUCTIS, CARERE NON POSSUNT:
& OB HOC MISERRIMI SUNT, etliche vertieffen sich in den Wohllüsten / durch
Angewohnheit so sehr / dass sie derer nicht entbähren können: und daher seind sie
die armsäligsten Menschen: wie auch mehrgemeldter Tullius / wan er die Wohllust
/ in seinem 1 Buche von den Satzungen / also abmahlet: IMITATRIX EST BONI
VOLUPTAS, MALORUM MATER OMNIUM, CUJUS BLANDITIIS CORRUMPUNTUR, QUÆ NFATURÂ SUNT
BONA, die Wohllust ahmet dem Guhten nach / wiewohl sie eine Mutter ist alles
Bösen; die durch ihre Schmeuchlungen / was von Gebuhrt Guht ist / verbastert.
Daher hat die Natur / wie Erasmus von Roterdam meint  / die Menschen keiner
töhtlichern Haupt- und Gift-seuche / dann der Wohllust / unterwerfen können;
indem aus diesem Brunnen /alle Laster / und alles Elend Menschlichen Lebens
hervorkwällen. Aber / was noch am allerschlimsten ist / wie süsse sie sich bei
uns eingeschlichen / so bitteren Nachschmak / wan sie den Rükken kehret / lesset
sie hintersich: ja sie flühet / und uns bleibet / an ihre statt / aller der
Jammer bei / darein sie uns gestürtzet. Darum ist es wohl alzuwahr / was
mehrerwähnter Tullius / aus dem Musonius / schreibet: SI QUID FECERIS HONESTUM,
CUM LABORE, LABOR ABIT, HONESTUM MANET: SI QUID TURPE, CUM VOLUPTATE, TURPITUDO
MANET, VOLUPTAS ABIT, wan du was Ehrliches / mit Arbeit /ausgerichtet hast / so
verschwindet die Arbeit / und die Ehre bleibt: aber auf eine schändliche Taht /
mit Wohllust verrichtet / bleibet die Schande / und die Wohllust verschwindet.
Darüm INDURANDUS EST ANIMUS, & À BLANDIMENTIS VOLUPTATUM PROCUL
ABSTRAHENDUS, soll man das Gemüht gleich als erhärten / und von den
Schmeuchlungen der Wohllüste weit abziehen / schreibet Seneka in seinem
Sendeschreiben.
    Diese Stille war ihm ein Lokaas zum Bösen.] Eben dahin zielet zugleich mit
dieser des Kato Spruch:
NAM DIUTURNA QUIES VITIIS ALIMENTA MINISTRAT.
Der Unfug nährt und mehrt und heuft sich eben /
wan wir zu lang' in stiller Ruhe leben.
wie auch der Redner Demostenes / wan er saget: ie sicherer und ruhiger man ist /
ie eher sündiget man.
    So schläget auch das Guhte.] BONARUM RERUM CONSUETUDO PESSIMA, Gunter Dinge
Gewohnheit schläget zum schlimsten aus / saget fast auf diesen Schlag Publius
Sirus / in seinen Gaukel-und Possen-sprüchen. Auch zielet fast eben dahin der
Franzosen NUL SOULAS SANS HELAS, keine Freuden ohne Leiden / oder den Freuden
folgt Leiden. Eben hierher gehöret mit / was Tullius / in seinem Buche von den
Satzungen / saget: BONUS ANIMUS IN RE MALÂ. DIMIDIUM MALI, ein guhtes Gemüht in
einer bösen Sache / befindet sich halb Böse /oder ist die Helfte des Bösen.
                               Zur 3 Einteilung.
Zu gar zu guhten und friedlichen Tagen gehören starke Schultern.] Dan das
Alzuviel / das Garzuviel / oder das Ubermass des Guhten ist so ein Böses Ding /
dass alle Bosheit daraus entstehet; wie Teognis in seinen Sprüchen spricht. Daher
saget auch Plautus: NIMIA OMNIA NIMIUM EXHIBENT NEGOTIUM, alles Alzuviel macht
dem Menschen alzuviel zu schaffen. Ja die Uberviel- und Ubervolheit ist eine
Mutter alles Trotzes / und Muhtwillens. Tiktei Koros ybrin, SATIETAS FEROCIAM
SIVE PETULANTIAM PARIT, seind Solons / und aus ihm des Teognis Worte / bei dem
Timäus. Selbst ist sie eine Feindin der Natur. So urteilt von eben derselben
Hippokrates / wan er im 2 Buch seiner Artzneisätze setzet: pan to Poly t Pysei
polemion OMNE NIMIUM NATURAE INIMICUM. Daher schreibet Tullius / in seinen
Tuskelischen Fragen: AJUNT NIMIA RESECARI OPORTERE, NATURALIA RELINQUI, man sagt
/das Alzuviele müsse man abschneiden / und das Natürliche bleiben lassen: wie
auch Plutarch / in seinem Kamillus: h de eilabeia, kai To Mhden agan ariston,
die Frömmigkeit / und das Nichtzuviel ist das allerbeste. Dieses Nichtzuviel /
Mhden agan, welches Terentz / in seinen Schauspielen / auf lateinisch NE QUID
NIMIS gegeben / ist / nach dem Urteile des Sokrates / wie Laertz meldet / die
eigne Tugend der Jünglinge: ja es stund / als ein sonderlicher Lehrspruch / im
Delfischen Götzenhause / mit unter andern ausbündigsten Sprüchen angeschrieben.
Wir Hochdeutschen sagen darvor gemeiniglich: Alzuviel ist ungesund / Alzuviel
zerreist den Sak / Alzuvieles Spannen zerbricht den Bogen / Alzuscharf macht
scharticht / und dergleichen: welche sämtlich eben so viel bedeuten / als
Nichtzuviel; weil man durch beiderlei Sprüchwortsweisen von der Un- oder
Uber-mässigkeit ab- und zur Mässigkeit an-zumahnen pfleget. Auch gehöret zu
gemeldtem Nichtzuviel oder Nichtzusehr dieses des Juvenahls Dichtband aus seinem
11 Schimpfgedichte:
ATQUE VOLUPTATES COMMENDAT RARIOR USUS,
Der seltne Wohllustbrauch macht nur die Wohllust gut;
die sonst vol Bosheit stekt / und Böses würkt / und tuht.
Noch gehöret hierher / was ich zum 11 / und 36 Gemälde des 1 Teils meiner
Horazischen Sittenlehre gefüget:
1. Die Wohllust wohnt in dir / nicht in der Schöhnheit Zierde /
 Natur hat keine Schuld. Sie gibt zwar die Begierde /
 doch durch Gewicht und Mass. Wer mehr tuht / als sie will /
 der findt / in seiner Lust / noch Wind / noch Wetter stil.
2. Die Ubertaht in Pracht / im Tantz' / in Lieb' / im Weine
 hat vor so kurtze Wonn' ein alzulanges Leid.
 Schmertz / Reu / und Weh gehn auf nach diesem Wohllustscheine /
 wie nach der Sonne folgt der Wolken Düsterheit.
                               Zur 4 Einteilung.
Müssiggang würkt aller Tugenden Untergang.] Sxolh terpnon kakon, der Müssiggang
ist ein angenehmes Ubel / sagt Euripides / in seinem Hippolitus. Ja der
Müssiggang ist es / der die Wohllust / und aller ahrt Bosheit / wie ihn der
gelehrte Roterdammer beschrieben / zur Friedenszeit nähret: dessen anmuhtiges
Gift die Tugend erstikket / dessen Ledigkeit nichts Guhtes schaffet / doch dem
Menschen so viel zu schaffen giebet / dass er sich aus allen den Unheilen /
darein er ihn gleichsam eingewikkelt / schweerlich wieder auszuwiklen vermag.
Daher hat jener Dichtmeister sehr wohl gesagt:
BLANDÆQUE VENENO
DESIDIÆ VIRTUS, PAULATIM EVICTA, SENESCIT.
Des Ledigganges süsses Gift /
das Hertz und Muht und Seele trift /
wird algemach der Tugend mächtig /
und macht sie alt / und schwach und schmächtig.
wie auch Sofokles / wan er von diesem guhtscheinendem Ubel also geurteilet: der
ledige Lediggang gebähret nichts Guhtes. Auch ist GOtt von den Lediggängern
entfernet. Eben dahin zielet auch Lukan / wan er / in seinem 4 Buche / spricht:
PRAVAM SEMPER DANT OTIA MENTEM, der Müssiggang gibt allezeit ein verkehrtes
Gemüht. Dan wie der Fleis reich machet / so macht der Unfleis / im Lediggehen /
ein verdorbenes Gemüht / sagt schier eben also der Verfasser des Buches an den
Herennius; dessen eigene Worte folgende seind: DILIGENTIA COMPARAT DIVITIAS,
NEGLIGENTIA CORRUMPIT ANIMUM. Hierher gehöret dieses bekannte Sprichwort: HOMINES
NIHIL AGENDO MALÈ AGERE DISCUNT, die Menschen lernen / durch nichts tuhn / böses
tuhn: wie auch / was Ennius sagte: OTIO QUI NESCIT UTI, PLUS NEGOTII HABET, QUÀM
CÙM EST NEGOTIUM IN NEGOTIO, Wer der Musse nicht zu gebrauchen weis / der hat
mehr Unmusse / dann in der Unmusse selber ist / oder der macht ihm mehr Mühe /
als wan die Mühe mitten in der Mühe ist: welches die Griechen / bei dem Suidas
/in diese drei Worte gefasset / PragmatA ex apraxias, EX OTIO NEGOTIUM (OTIUM
NEGANS OTIUM) aus der Musse komt Unmusse / oder Musse hägt Unmusse; dem unser
Hochdeutsches Lust häget Last / welches ich ümgekehret / Last häget Lust / in
der Edlen Rosenzunft / zu meinem Zunftspruche gewehlet /nicht ungleich. Nirgend
andershin zielet auch eben derselbe Ennius / in den Atehnischen Nächten des
Gellius / oder Agellius / wie ihn etliche nennen / wan er spricht: OTIUM QUI
MALÈ COLLOCAT, PLUS MOLESTIAE SIBI EX IGNAVIÂ ADSCISCIT, wer die Musse
übelanwendet / der wendet ihm / aus dem Müssiggange / nur Unmusse zu / oder der
schaffet ihm / im Lediggange / mehr zu schaffen / als ihm die Geschäfte selbst
schaffen.
    Durch ihn werden die Muhtigsten Muht- die Mächtigsten Macheloss.] Der
Franzosen Sprichwort ist: NE SOIS PAS PARESSEUX, SI NE VEUX ESTRE DISERTEUX;
welches ich also erklähre:
Wan du wilst Muht und Bluht und Guht erhalten /
so lass bei dir die Faulheit ja nicht schalten.
dem seind diese folgende zwei des Kato nicht ungleich:
CONSERVA POTIUS, QUÆ SUNT TIBI PARTA LABORE.
CUM LABOR IN DAMNO EST, CRESCIT MORTALIS EGESTAS.
Erhalte / was du hast / durch Fleis und Schweis / erworben:
komt der erst nach Verlast / so bist du schon verdorben.
Der Sin ist: es fället dir viel leichter das mit Arbeit erworbene / durch Arbeit
/ zu erhalten / als durch eben dieselbe das mit Faulheit verlohrne zu ersetzen;
weil alsdan das Armuht sich mehret.
SEGNITIEM FUGITO, QUÆ VITÆ IGNAVIA FERTUR:
NAM CÙM ANIMUS LANGUET, CONSUMIT INERTIA CORPUS.
Ergib dich nie dem müssig-faulem Leben /
das weder Muht / noch Stärke dir kann geben.
    Durch ihn gerahten die stärksten Stahtswesen zum Falle.] IGNAVIA PESTIS
MAXIMA REIPUBLICÆ, die Faulheit ist die gröste Giftseuche des gemeinen Wesens /
sagt der gelehrte Roterdammer. Und Katul schreibet an seine Lesbie: OTIUM REGES
PRIUS, & BEATAS PERDIDIT URBES, das Faulentzen in lediger Zeit hat die
Könige / samt den glücksäligen Städten / in das Verderben gestürtzt. Hierher
zielet auch Demostenes / wan er saget: der Glüksfal fället behände von einer
Seite zur andern /bald auf die guhte / bald auf die böse: was aber durch der
Menschen Faulheit und Nachlässigkeit geschiehet /dem folget die gewisse
Niederlage / mit dem endlichen Verderben. Ein so gar böser Unstern feuret / bei
so süsser lediger Zeit / über unserem Heupte / dass er uns alles Böses / was in
einigem Stahtswesen kann gefunden werden / verkündiget / oder vielmehr andreuet.
Da heisset es dann wohl recht / NUL OR SANS ESCUME, kein Gold ohne Schaum; wie
die Franzosen sprichwortsweise zu sagen pflegen: indem der güldne Freudenblik
der Friedensmusse so ein abgescheumtes verderbliches Wesen / wiewohl durch unsere
selbsteigene Verwahrlosung / mit sich schleppet. Dan da werden die
Stahtsordnungen verunachtsamet / ja fallen endlich gar über einen Hauffen. Da
heist es dann wieder / OU MANQUE POLICE, ABONDE MALICE,
Wo der Staht verliert den Zaum /
da findt alle Bosheit Raum /
nach dem Französischen / und unserem Sprichworte. Da werden alle heilsame
Satzungen mit Füssen geträhten. Da tuht einieder / was ihn lüstet. Da lebet /ja
herschet schier einieder nach seinem verkehrten eigenem Sinne. Und dann heist es
abermahl: OU SENSUALITÉ DOMINE, EST FORT PROCHE LA RUINE, wo die Sinligkeit
herschet / ist der Untergang sehr nahe.
Herscht der eigne Kopf und Sin /
fält der Staht zu Trümmern hin.
    Dagegen stehet ein Staht / dessen Volk in stähter Arbeit bleibet.] Dan die
Arbeit / sagt Xenofon / im 2 seiner Lehrbücher / ist eine Führerin des
glücksäligen Lebens. Und ponoy xoris oyden eityxei, ohne die Arbeit ist nichts
glücklich / seind des Sofokles Worte / in seiner Elektra: der auch dieses
Lehrgebot giebet: moxtein anagkh toys telontas, die glücksälig sein wollen /
müssen arbeiten: welches Salust im Lateinischen mit folgenden Worten
ausgedrükket: QUI FELICES ALIQUANDO ESSE VOLUNT, LABORARE DEBENT. Zur Arbeit
wird auch der Mensch /nach Adams Falle geboren; wie der Vogel zum Flügen. Ja
GOtt selbst hat ihm / schon im Paradiese / die Arbeit auferlegt / dass er / im
Schweisse seines Angesichtes / sein Broht essen sollte. Hieraus flüssen gleichsam
diese / des Epicharms Worte / bei dem Stobäus: Ton ponon poloysin hmin panta tA
agata oi teoi, durch die Arbeit verkauffen uns die Götter alles / was Guht ist:
wie auch / was Timokles / bei eben demselben Stobäus / spricht: antropos esti
zoon epiponon pysei, der Mensch ist / seiner Gebuhrt nach / ein arbeitsames (wo
nicht vielmehr arbeitsäliges) Tier. Keine gebrahtene Taube komt ihm in den Mund
geflogen. Kein Ding erlangt er / ohne die Arbeit / sagt Fozilides: Und Xenofon /
im 6 B. seiner Griechischen Begäbnisse: alles / was süsse / was angenehm ist
/wird durch Arbeit zu wege gebracht. Alles / was schön ist / wird durch
unendliche Arbeit erlangt /seind des Euripides Worte; welche Diodor der Sikuler
also erklähret: alles / was schön / und dem Menschen wunderbar ist / wird durch
Arbeit / und Gefahr erhalten. Seneka stimmet mit ein / wan er schreibet: NATURA
PULCHERRIMAE CUIQUE REI LABOREM PRAEPOSUIT, die Zeugerin der Dinge hat über oder
für ein iedes der schönsten unter ihnen die Arbeit gesetzt. Ja die Arbeit ist
selbst eine Mutter des ehrlichen Nahmens; wie sie Euripides nennet. Darüm peigon
ponoys, peigei kai timas, wer Arbeit ausschläget / schläget auch die Ehre aus /
sagte Tuzidides.
ATRIA PRIMA LABOR, TECTI PENITRALIA VIRTUS,
SERVAT. IN EXTREMÂ PARTE LOCATUR HONOR.
seind des Mantuans Dichtbände / die wir also erklähren:
Die Arbeit geht voran / die Tugend in der Mitte:
die Ehre folgt zu letzt / mit langsam-leisem Tritte.
Eben derselbe gibt uns auch / im 2 B. seiner Wälder / folgenden Saffischen
Satz:
OTIUM CLARI FUGIUNT HONORES.
NOBILES DUCIT LABOR AD TRIUMPHOS.
SUDOR INSIGNES ITER AD CORONAS MONSTRAT APERTUM.
Kein' Ruhm / noch Ehre wird / durch Müssiggang / erlanget /
Kein' edle Siegespracht. Dass man mit Krohnen pranget /
mit Ehre / Ruhm / und Preis' / im Siegsgepränge geht /
das macht die Arbeit nur / die niemahls stille steht.
Fast auf diesen Schlag schläget sein Seitenspiel der gelehrte Verien:
NON NISI PER MAGNOS AD PRÆMIA MAGNA LABORES
ITUR: AT IGNAVIS NULLA CORONA DATUR.
Nicht / als durch sauren Fleis und Schweis /
erlangt man einen süssen Preis.
Kein fauler Kopf verdient die Krohne /
die bloss der Arbeit wird zu Lohne.
Auch zielet abermahl eben dahin / wiewohl auf geistliche Weise / mehrangezogener
Mantuan / wan er also singet:
NON NISI PER MULTOS VOLUIT DEUS ESSE LABORES
AD SUA REGNA VIAM, NEC SLDERA SEGNIBUS OFFERT.
GOTT will den Weg zum Himmel hin
nicht ohne Mühe wandeln lassen.
Kein träger Fuss / kein fauler Sin
naht iemahls sich den Sternenstrassen.
                               Zur 5 Einteilung.
Von diesem Solon schreibet Alex(ander) von Alex(ander) in seinem 3 B. dass er
dieselben / welche / durch Faulentzen / und böse Tükke / den Leuten überlästig
waren / allezeit mit schweeren Strafen zu belegen erkennet. Eben derselbe
gedenkt auch alda /im 13 Hauptst. des Drakonischen Gesetzes wider den Müssiggang.
    Von den Sardischen Gesetzen meldet Elian / im 4 B. seiner mancherlei
Geschichte.
    Der Atehner Satzung führet / unter andern Einsetzungen der Alten / in seinem
2 B. Valerius Maximus mit an; wie auch Stobäus / in seiner 42 Rede.
    Von den Nabatäern giebet uns Nachricht obgemeldter Alex(ander) von Alex
(ander) im 13 Hauptst. seines 3 B.
                               Zur 6 Einteilung.
Der Lukaner strengen Satzung wider das Laster des Faulentzens / und üppigen
Lebens gedenket Nikolaus / in seinem Buche von den Sitten der Völker; wie auch
Stobäus / in seiner 42 Rede.
    Die den Müssiggängern.] Wer diesen Leuten guhtes tuht / der entzihet ihm
dadurch selbst das Guhte / ja tuht ihm selbst Böses. Daher sagt Teognis:
Deiloys dA ei erdonti dyo kaka: ton the lar aytoy
xhrosei pollon, kai xaris oydemia.
Zwei Ubel schaff' ich mir / der Faulen Guhtes tuh:
die Mindrung meines Guhts / und Undank noch darzu.
    Von den Massiliern bezeuget dieses Valer(ius) Max(imus) im 2 B. von den
Satzungen der Alten.
    Keiser Wentzel ward / seiner Faulheit wegen / vom Reichsgebiete verstossen:
wie Volaterran / im 23 Buche / wie auch Nikolaus Witte von Liljenau / unter den
Deutschgesinten der Selbliche / in seinem Röhmischen Adler / und Kuspinian / im
2 Teil von den Röm(ischen) Keisern / bezeugen. Eben dieselben haben auch
geuhrkundet / dass Keiser Romahn der Jüngere / des Romahns Laukapenus des ältern
Tochtersohn / seines faulen und wohllüstigen Lebens wegen / dem Heerführer Josef
Bringen das Reich übergeben müssen.
                               Zur 7 Einteilung.
Der dreiköpfichte Höllenhund / Kerver oder Zerber / Kerberos oder CERBERUS, wie
er von den Dichtmeistern insgemein genennet wird / war eigendlich eine
selbsterdichtete oder zum wenigsten ümgestaltete vielköpfichte Schlange / oder
vielmehr ein Schlangenhund; welcher vor Plutons Höllenburg / in einer fünsteren
Höhle / das Höllentohr zu bewahren / soll gelegen / und den Eingehenden überaus
geschmeuchelt /die Ausgehenden aber gefressen / oder doch / mit erschröklichem
Geklaffe / ihnen den Ausgang verwehret haben. Daher schreibet Hesiodus / in
seinem Gedichte von der Göttergebuhrt / von der 769 Zeile bis auf die 775 /
unter andern folgender Gestalt:
deinos de kyon proparoite pylassei;
nhleihs, texnhn de kakhn exei: es men iontas
sainei omos oyrh the kai oyasin ampoteroisin:
exeltein dA oyk aytis ea palin, alla dokeion
estiei, on ke labhsi pyleon ektosten ionta
iptimoy tAAideo kai epainhs Perseponeihs.
welches / schier von Worten zu Worten verhochdeutscht / also lautet: aber ein
rauer grimmiger Hund hühtet vor der Tühre; der eine böse tükkische Ahrt an sich
hat. Den Eingängern schmeuchelt er zwar mit dem Schwantze so wohl / als mit
beiden Ohren: aber er lesset sie nicht wieder hinaus gehen; sondern lauret / und
frisset einen ieden / den er / im ausgehen aus der Tühre des starken Plutons /
und der ansehnlichen Proserpine / betrappet.
    Diese greuliche Schlange hat Homerus / wie Pausanias bezeuget / zum
allerersten einen Hund genennet; vielleicht daher / weil sie voran drei Köpfe /
die den Hundesköpfen nicht ungleich / soll gehabt haben: wiewohl er sonsten von
ihrer Gestalt nichts gemeldet /gleichwie die folgende Dichter getahn: die ihr so
viel /doch der eine mehr / der andere weniger Köpfe / ja selbst den Nahmen
Kerver oder Zerber zugeeignet.
    Von gemeldten drei Hundesköpfen scheinet es auch entsprossen zu sein / dass
die meisten alten Dichtmeister / ja Tullius selber / in seinen Tuskelischen
Fragen / diesem Ungeheuer nicht mehr / als nur drei Köpfe / zugeschrieben / und
es darüm gemeiniglich das dreiköpfichte / dreischnauzichte / wie auch
dreizüngichte / und dreihälsichte genennet. Als / unter andern / Sofokles / wan
er / in seinem Trachinischen Heldenspiele / also saget: tondA ypo xtonos Aidoy
trikranon skylakA aprosmaxon teras deinhs Exitnhs tremma; welches Tullius / im 2
B. seiner Tuskelischen Fragen / mit folgenden Lateinischen steigenden Bänden
ausgedrükt:
HÆC À TARTAREÂ TENEBRICÂ ABSTRACTUM PLAGÂ
TRICIPITEM DUXIT HYDRÂ GENERATUM CANEM.
das ist / diese Faust hat den dreiköpfichten Hund /den die Schlange (Echidna /
die Schlangenfrau / die Halbschlange / Halbfraue war / dem Tifon) geboren / aus
der fünsteren Hölle hervorgezogen; wie auch Virgiel / im 6 B. vom Eneas:
CERBERUS HÆC INGENS LATRATU REGNA TRIFAUCI
PERSONAT, ADVERSO RECUBANS IMMANIS IN ANTRO,
der ungeheure Höllenhund Zerber erfüllet dieses Höllenreich mit dem Gebälle
seines dreifachen oder dreischnauzichten Rachens; indem er in der
nächstgelegenen Höhle lieget / und lauret: und Tibullus / in seinem 3 Buche:
NEC CANIS ANGUINEÂ REDIMITUS TERGA CATENÂ
CUI TRES SUNT LLNGU Æ, TERGEMINUMQUE CAPUT.
Auch nicht der Höllenhund / dessen Rükken mit einer Schlangenkette ümgeben / und
der drei Zungen / und einen dreifachen Kopf hat. Ja Horatz selber beschreibet
diesen Höllenwächter / wiewol er ihn anderwärts ein hundertköpfichtes Untier
nennet / im 3 B. seiner Leierlieder / gleichesfals mit drei Zungen / wan er
saget:
CESSIT IMMANIS TIBI BLANDIENTI
JANITOR AULÆ
CERBERUS: QUAMVIS FURIALE CENTUM
MUNIANT ANGUES CAPUT EJUS, ATQUE
SPIRITUS TETER, SANIESQUE MANAT
ORE TRILINGUI.
Zerber / der abscheulich-greulichen Höllenburg Tohrhühter / wich dir selbst aus
dem Wege / da du ihm liebkosetest: wiewohl üm seinen grimmigen Kopf herüm
hundert Schlangen schlingern / auch ein giftiger Ahtem / und stünkender
Eiterschaum aus seinem dreizüngichtem Rachen flüsset.
    Eben also eignet ihm Ovidius auch drei Zungen oder vielmehr drei Hälse zu /
wan er spricht:
EXORANDA CANIS TRIA SUNT LATRANTIA COLLA,
Man mus des Höllenhundes drei bällende Hälse / das ist drei Köpfe / darzu
erbitten.
    Weil aber mehrgemeldtes Greueltier / nach dem gemeinen Wahne / wie es
Apollodor / in seinem 2 B. beschreibet / einen Drachen- oder Schlang-schwantz
/und nicht allein drei Hundesköpfe / sondern auch auf dem Rükken
unterschiedliche Schlangenköpfe gehabt; daher Katullus / am jetzt angeführten
Orte / seinen Rükken mit einer Schlangenkette gleichsam ümwunden / ja Horatz
auch seinen Kopf mit hundert Schlangen / die üm denselben / an Haare statt /
gezottelt und geschlottert / abgemahlet: so hat ihm Hesiodus fünfzig Köpfe
zugeeignet. Seine Worte lauten / in seiner Göttergebuhrt / hiervon also:
Deiteron aytis etikten amhxanon, oyti pateion,
Kerberon, omhstn, Aideo Kyna xalkeoponon,
pentkontakaranon, anaidea the, krateron the,
darnach gebahr sie (die eben itzund erwähnte Halbjungfrau Echidna / aus dem
Beischlafe des Sturmwindes Tifons) wieder den grimmigen / unfreundlichen /und
fressichten Zerber / des Plutons gewaltigbällenden / funfzigköpfichten /
unverschähmten und starken Hund.
    Ja Isazius dichtet ihm gar noch eins so viel an /nähmlich hundert Köpfe /
wan er also schreibet: alda /(in der Hölle) sagen sie / sollen der Menschen
Seelen sein; welche des Plutons Hund / der hundert Köpfe hat / bewahret. Sie
sagen auch überdas / er heisse die Ankommenden Seelen mit liebeln wilkommen:
aber die Ausgehenden treibe er zurück. Darüm wan sich etwan eine zu entschnappen
unterstünde / die ergriffe er straks / und fresse sie auf.
    Hiemit stimmet auch Horatz überein / wan er / im 2 B. seiner Leiergesänge
gemeldten Hundes mit folgenden Worten gedenket:
QUID MIRUM? UBI ILLIS CARMINIBUS STUPENS
DEMITTIT ATRAS BELLUA CENTICEPS
AURES; & INTORTI CAPILLIS
EUMENIDUM RECREANTUR ANGUES,
was für ein Wunder ist es? indem das hundertköpfichte Tier / über diese Lieder
(der Saffo / und des Alzäus) bestürtzt / seine schwartze Ohren lest hängen; und
die Schlangen / die in den Haaren der Rasereien /oder Höllischen Plagegespänster
verwürret liegen /und krübbeln / sich daran erlustigen.
    Wiewohl nun alles dieses / was die alten Dichter ihrem Kerver oder Zerber
zueignen / sie mögen ihn als einen Drachen oder eine Schlange / oder aber als
einen Hund / oder auch als einen Schlangenhund / das ist Halbhund / und
Halbschlange / beschreiben / überal für ein Mährlein und Dichtwerk gehalten
wird; so scheinen sie doch den Faden hierzu nicht bloss aub ihrem müssigen Gehirne
/ sondern zugleich und zuförderst aus zweierlei wahrhaftigen Geschichten /
welche sie / ein einiges Mährlein daraus zu schmieden / ihrer Gewohnheit nach /
zusammen und durcheinander gemischet / angesponnen zu haben.
    Nähmlich wan sie ihren Kerver oder Zerber / als eine Schlange oder
Halbschlange / oder aber als ein Untier / mit vielen Schlangen und Nattern
gleichsam bewachsen / beschrieben / das ist aus der Lakonischen Geschicht von
der ungeheuren Tenarischen Schlange geflossen: welche / wie Pausanias und
Hekatäus uhrkunden / in einer tieffen / schlammichten / und fünstern Kluft oder
Gruft / vol abscheulichen Geheules und Gereusches / des Tenarischen Vorgebürges
/nicht weit von Sparta / ihr Schlaufloch gehabt / und so giftig gewesen / dass
sie / durch ihren Bis / iederman / der ihr zu nahe gekommen / von Stunden an
getöhtet; daher sie auch ohne Zweifel den Nahmen Kerver / Kerberos, welches aus,
Kreoboros, das ist Fleischfresser gebildet zu sein scheinet / indem sie zugleich
das Fleisch der ertöhteten Menschen und Tiere gefressen / bekommen / ja endlich
gar der Höllische Hund / von ihrem abscheulichtöhnenden und gleich als
klaffendem Gezische / genennet worden. Ja es stärket mich in solcher Meinung
noch dieses / dass die Alten gemeldte Kluft für den Eingang zur Hölle gehalten;
wie / unter andern / Virgiel seinen Wahn hiervon frei heraus bekennet / wan er /
im 4 B. seines Gedichtes vom Feldbau / mit folgenden Worten sich hören lesset:
TÆNACRIAS ETIAM FAUCES, ALTA OSTIA DLTIS,
das ist / auch den Tenakrischen Schlund / das hohe Tohr des Höllenwühterichs.
Hierzu komt auch / dass man gedichtet / Herkules habe diese Schlange / durch eben
dieselbe Tenakrische Kluft oder Höhle / herauf aus der Hölle geführet: da sie
dann / so bald sie das Tagesliecht erblickt / einen abscheulichen giftigen
Schaum auf das Erdreich gespiehen; daraus die Tol-oder Teufels-wurtz / welche
sonst auch Wolfswurtz /und Eisenhuht / von den Griechen aber und Lateinern
ACONITIS genennet wird / sei aufgewachsen: wie Strabo / in seinem 8 Buche /
bezeuget.
    Wan sie aber eben demselben Kerver die Gestalt eines Hundes angedichtet /
oder ihm einen dreifachen Hundeskopf zugeeignet / des haben sie aus der Begäbnis
des Piritous / welcher Ixions / des unglücklichen Königes der Lapiter in
Tessalien / eben so unglücklicher Sohn und Nachsas im Reiche war / genommen.
Dieser Piritous entführete / mit dem Teseus / des Atehnischen Königes Egeus /
aus der Etra / Sohne /und Nachsassen / wie Strabo im 9 B. meldet / die
weltberufene schöne Helene: die nachmahls auch Paris geraubet; da dann / aus
ihren durch Reue entstandenen Trähnen / das zur Liebe reitzende Kraut / wan es
im Weine getrunken wird / welches / nach ihrem Nahmen / die Griechen elenion,
die Lateinei auch HELENIUM, ja wir selber / wiewohl etwas verändert / Aland /
als sagte man Helend / nennen / entsprossen zu sein Alexander Kornelius / in
seinen Frigischen Begäbnissen / aufgezeichnet.
    Weil aber Piritous die Geraubte seinem Gefährten /dem Teseus / der sie durch
das Los gewonnen / zu besitzen überlassen musste; so musste Teseus dagegen /aus
Kraft ihrer zuvor erneuerten und fester geschlossenen Freundschaft / und ihres,
unterlichen mit einem Eidschwuhre bekräftigten Vergleichs / dem Piritous /im
entführen einer andern dergleichen Schönheit /wiederüm hülfliche Hand leisten.
Dem zur folge begab sich dann dieses getreue Freundepaar in das Epirische oder
Tesprotische Reich / zum Könige der Molossen / dem Adoneus / welcher zugleich
Pluto und Dis / oder Aistes und Orkus Ines / dessen aus der Zeres fürtreflich
schöne Königliche Tochter Proserpine zu rauben. Dan weil der Königliche Vater /
unter andern grossen und starken Hunden / die man in Molossien / daher es auch
diesen Nahmen bekommen / in grosser Mänge fand / einen gewaltig-ungeheuren
Kettenhund / der Kerver hies / hatte / mit dem alle Freuer der Proserpine zuvor
fechten mussten / ehe man den Zutrit ihnen vergönte; da sie dann von ihm / sofern
sie den kürtzern zogen / alsobald gefressen warden: so wollte Piritous sein Leben
keines weges so lüderlich auf die Wageschahle setzen; sondern entschlos sich
jetztgenente Königliche Schöne mit List zu entführen. Doch diese List mislung.
Der Anschlag schlug fehl. Die Sache brach aus. Beide / Piritous und Teseus
/warden gefangen: ja jener dem Kerverhunde / der ihn auch auffrass / wie Seneka /
in seinem Herkules / meldet / straks vorgeworfen; dieser aber / weil ihn die
Sache des Piritous selbst nicht eigendlich anging / mit dem Leben begnadigt /
doch gleichwohl / bis auf des Herkules Ankunft / der ihn erlösete / gefänglich
gehalten.
    Auf jetzterzehlte Weise haben diese Begäbnis zwar Plutarch / in seinem Teseus
/ und Zezes / im 2 hunderte seiner Geschichte / der Nachwelt hinterlassen. Aber
Pausanias meldet / in seinen Attischen Händeln / dass Piritous und Teseus die
Proserpine nicht mit List zu rauben sich unterfangen; sondern sie hetten den
König der Molosser mit gewafneter Macht / ihm die Königliche Tochter abzuzwingen
/ überfallen: da dann Piritous / mit seinen meisten Völkern / in der Schlacht
geblieben / Teseus aber gefangen worden.
    Aus dieser Begäbnis haben die alten Dichter nachmahls / unter andern /
gedichtet / dass gemeldte beide Helden sich, hinunter in die Hölle begeben / und
dem Pluto seine Gemahlin die Proserpine zu entführen unterwunden: welches dann
Virgiel / in seinem 6 B. vom Eneas / selber berühret / wan er also spricht:
NEC VERÖ ALCIDEM ME SUM LÆTATUS EUNTEM
ACCEPISSE LACU; NEC THESEA, PIRITHOUMQUE:
DÎS QUANQUAM GENITI, ATQUE INVICTI VIRIBUS ESSENT.
TARTAREUM ILLE MANU CUSTODEM IN VINCLA PETIVTT,
IPSIUS À SOLIO REGIS TRAXITQUE TREMENTEM.
HI DOMINAM DITIS THALAMO DEDUCERE ADORTI.
Auch war es mir nicht lieb (redet der Höllische Fährman Karon) den ankommenden
Herkules wie auch den Teseus / und Piritous mit auf den Höllenflus zu nehmen: ob
sie schon von den Göttern gezeuget / und einer unüberwindlichen Tapferkeit
waren. Dan jener hat den Höllischen Wächter (Kerver) in die Fessel geschlagen /
und von des Höllischen Königes Reichsstuhle selbst / dahin er sich zitternde
begab / weggerissen: ja beide haben sich gar die Gemahlin des Plutons aus seinem
Ehbette zu entführen unterfangen.
    Zudem haben auch eben dieselben Dichtmeister ihren Höllenflus Acheron
selber aus dieser Gegend / da sich gemeldte Geschicht mit dem Piritous und
Teseus begeben / genommen. Dan dass ein sogenenter Flus aus dem Epirischen
Seebusem Acheruse / bei der Stadt Heraklee / nicht weit von Sinape / sich
ergossen / und bei demselben ein Ort / den man für den Eingang zur Hölle
gehalten / gewesen / dadurch auch Herkules den Höllenhund Kerver soll herauf
geschleppet haben / bezeuget Aretades / im 2 B. seiner Mazedonischen Geschichte
/ und Apollonius / in seinem 2 Buche / sowohl selbst / als dessen / und
Nikanders Anmärker / wie auch Pomponius / Nimfis / und Strabo / im 5 Buche.
    So sehen wir dann alhier / aus jetzt angeführten / augenscheinlich genug / dass
der alten Dichtmeister Künstelwerk nicht allezeit ein solches eiteles und leeres
Dicht- oder Mährlein-werk sei / darunter gar nichts wahres verborgen / wie etwan
die alten Spinweiber herzuschwatzen pflegen; sondern mehrern teils entweder aus
wahrhaftigen Geschichten / oder aus der Angebohrenheit der Dinge / oder auch aus
der Sittenlehre / ja zuweilen aus allen dreien zugleich geflossen.
    Was die Angebohrenheit oder angebohrene Kraft der Dinge betrift / so darf
ich schier sagen / dass sie durch ihren dreischnauzichten Höllenhund Kerber
/indem sie gedichtet / dass ihn Tifon / dadurch sie die Hitze der Sonne verstehen
/ mit der Echidna / das eine Natter heisset / die ein ganz kaltes Ungeziefer
ist /gezeuget / die Gebuhrt der Natürlichen Dinge gleichsam abbilden wollen:
weil diese Gebuhrt aus der Vermischung solcher hitzigen und kalten Eigenschaft
oder Sotabnigkeit eigendlich entstehet.
    Wan sie ferner dichten / dass der Höllenhund den Eingehenden geschmeuchelt /
und die Ausgehenden abgeschrökket und zurück getrieben; so scheinet es /dass sie
dadurch die Eigenschaft der Natur bezeichnen wollen: welche den Eingehenden in
das Leben liebkoset / den Ausgehenden aber widerstrebet / als eine solche / die
aus eigner Ahrt das Sterben scheuet.
    Auch kann die fünstere schlammichte Höhle / darinnen Kerver sein Lager gehabt
/ auf die Unwissenheit seiner selbst / und den Unflaht / daraus alles entsprüsset
/ gedeutet werden: wo man hierdurch nicht lieber die fünsteren Gräber verstehen
will; darinnen auch die Nattern / welche man dem Kerver angedichtet / gern zu
wohnen / und das Fleisch der Abgeseelten / wie von ihm gemeldet wird / zu
verzehren pflegen: daher auch der Höllenhund Kerver / das ist Fleischfresser
/genennet zu sein scheinet.
    Was endlich die Sittenlehre betrift / darinnen kann mehrgemeldter Höllenhund
nichts besser und eigendlicher abbilden / als den Geldgeitz / und die Begierde
des Reichtuhmes: weil sein Herr selber sowohl / als dessen Sohn / der auch
deswegen / wie Aristofanes /und Timokreon melden / vom Jupiter geblendet zu sein
scheinet / wiewohl es Teokritus / und Plato leugnen / über die Reichtühmer
geherschet: daher dann jener Pluto und Dis / dieser aber Plutus / beide vom
Reichtuhme genennet worden. Dan wie Kerver den Ankommenden Seelen sein
Wohlgefallen / mit Ohrenspitzen und Schwantzwedeln / den Weggehenden aber sein
Misfallen / mit erschröklichem Bällen / bezeuget: so empfänget der Geitzhals den
ankommenden Reichtuhm mit grossen Freudenbezeigungen; wan er aber nur etwas
darvon missen / und ausgeben soll / ob es auch schon die höchste Nohtwendigkeit
erfordert /alsdan ist er so karg / so filtzicht / so hündisch / und ahrtet dem
Höllenhunde so eigendlich nach / dass er darwider bället / und bälvert / ja für
Widerwillen schier tol zu werden beginnet.
    Wie ferner aus diesem Untiere schier unzehliche Schlangen und Schlangenköpfe
hervorrageten; so sprüssen aus dem Geitze / dem eigenen Brunnen alles Ubels /
schier unzehlige Laster und Sünden / ja nicht weniger Gefährligkeiten. Wie eben
dasselbe in einem düsteren unflähtigem Schlaufloche hausete; so hauset auch der
Geitz / als das allerhäslichste Laster / in einer fünstern und garstigen Seele /
ja der Geitzige gesellet sich zu keinen / als unflätigen Garstämmeln /und
lieget / mit der Sündennacht ümfangen / gleich als im stünkenden Modder aller
Untugenden versunken: da er weder ihm / noch dem Nächsten dienet /und weder
seine / noch eines andern Ehre suchet.
    Wie endlich mehrgemeldtes Greueltier mit drei Hundesköpfen zugleich bället /
zugleich beisset / zugleich frisset; so sieht man den Geitzhals / mit dem
dreifachen Hauptlaster der Vergessenheit GOttes / des Nächsten / und seiner
selbst / sich zugleich wider GOtt / zugleich wider seinen Nächsten / und
zugleich wider sich selbst versündigen: wo man nicht vielmehr durch seine drei
Hundesschnautzen / mit meinem Simson / den Müssiggang / die Sünde / und den Zorn
GOttes / das dreifache Ubel im Menschlichen Leben; oder aber noch vielmehr / mit
dem seeligen Luhter /die Sünde / das Gesetz / und den Tod / darunter die erste
zur Geschicht / das zweite zur Sittenlehre / der dritte zur Natur kann gezogen
werden / verstehen wolle.
                               Zur 8 Einteilung.
Nichts in der Welt ist leichter / als Sündigen.] Der Weg zur Untugend / seind
des Plato Worte / ist leicht / aber zur Tugend schweer: weil wir alle von Natur
heimlich und öffendlich zu sündigen geneugt seind; wie Diodor saget. Hierher
gehören mit diese des Tullius Worte: HUMANUM EST ERRARE, SED FERINUM PERSEVERARE
IN ERRORE, Irren ist Menschlich; aber im Irtuhme verharren ist Viehisch: welche
anderwärts eben derselbe / etwas verändert /folgender gestalt ausspricht: CUIVIS
EST HOMINIS ERRARE: NULLIUS, NISI INSIPIENTIS, PERSEVERARE IN ERRORE, einieder
Mensch irret: aber keiner / als ein Tohr / bleibet im Irtuhme. QUILIBET
MORTALIUM ERRORIBUS OBNOXIUS, einieder unter den Sterblichen ist den Irtühmern
unterworfen /sagt fast auf eben den Schlag Guikziardien. Salomon zielet eben
dahin / wan er / im 20 h. seiner Sprüchwörter / also spricht: wer kann sagen /
ich bin rein in meinem Hertzen / und lauter von meinen Sünden? Wie auch Job im
24 Hauptst. seines Buchs: wer will einen Reinen finden / da keiner rein ist: und
Esaias im 64 h. seiner Weissagung: Wir seind alzumahl / wie die Unreinen / und
alle unsere Gerechtigkeit ist vor GOtt / wie ein unflähtiges Kleid.
                               Zur 9 Einteilung.
An ihres GOttes statt ehreten sie fremde Götzen.] TURBATA RELIGIO POLITIAM
TURBAT, der verunruhigte Gottesdienst verunruhigt den Staht / sagt Lipsius / in
seinem Buche vom Gottesdienste. Ja er füget hinzu: À NULLÂ RE MAJUS PERICULUM
IMPERIIS & SCEPTRIS, QUÀM AB INNOVATÂ & INSIMULATÂ RELIGIONE, nichts
bringt den Herschaften und Königen grössere Gefahr / als der veränderte und
heuchlerische Gottesdienst. Hierher gehöret auch dieses des Tullius: PIETATE
ADVERSUS DEOS SUBLATÂ, FIDES ETIAM, & SOCIETAS GENERIS HUMANI, & UNA
EXCELLENTTSSIMA VIRTUS, JUSTITIA, TOLLATUR NECESSE EST, wo der Gottesdienst
aufgehaben wird / da mus auch die Treue / mit der Gesellschaft des Menschlichen
Geschlächts / und, die fürtreflichste Tugend / die Gerechtigkeit / zugleich
nohtwendig aufgehoben werden.
    Darum übergab Er sie.] FELIX GRIMINIBUS NULLUS ERIT DIU, keiner / der sich
mit Lastern beschmützet / wird lange glücksälig sein / sagt Ausonius: dem Juvenal
/ in seinem 4 Schimpfgedichte zustimmet / wan er schreibet: NEMO MALUS FELIX,
kein Böser ist glücksälig. Hierher gehöret auch dieser Stahtsspruch: CRESCENTIBUS
PECCATIS, INDE USQUE AB INITIO CREVIT SERVITUS, & IMPERIORUM ASPERITAS, wo
die Sünde zunimt / da hat allezeit vom Begin an die Dienstbarkeit / und harte
Herschaft zugenommen: NUL VICE SANS SUPPLICE, kein Laster ohne Strafe / ist der
Franzosen Sprichwort: dem nicht ungleich / was Horatz in seinem 5 Leierliede des
4 B. saget: CULPAM POENA PREMIT COMES, die Strafe folgt der Sünde straks auf den
Hakken nach. Ja es reimet sich hierher am allerbesten / was ebenderselbe im 2
Leierliede seines 3 B. singet:
SÆPE DIESPITER
NEGLECTUS, INCESTO ADDIDIT INTEGRUM.
RARÒ ANTECEDENTEM SCELESTUM
DESERUIT PEDE POENA CLAUDO,
Der verunachtsamte Gott Jupiter hat oftmahls den Keuschen / mit dem Unkeuschen /
den Unschuldigen /mit dem Schuldigen / gestraft. Die verzügerte Strafe /wiewohl
sie gleich als auf Steltzen geht / folget dem Bösewichte doch allezeit auf dem
Fusse nach. Auf diese Worte habe ich auch mein Absehen gehabt / als ich zum 20
Gemälde meiner Horazischen Sittenlehre /folgende Reimbände fügte:
Die Rache schleicht dir nach / gleich als mit Kröplem Gange:
doch steht sie nimmer stil. Verweilt sie sich was lange /
so streicht sie schärfer zu / und bringt die Straf' und Pein /
dir / der du andre strafst / doch endlich zweifach ein.
                               Zur 12 Einteilung.
Dessen Gebuhrt.] Hiervon meldet das Buch der Richter im 13 Hauptst. wie auch der
mehrangeführte Jüdische Geschichtschreiber Flav[ius] Jos[ef] in der 10 Abteil.
seines 5 Buches.
    Ja als der Sonne selbst ihres Heiles.] Durch hiesige Worte zielen wir so
wohl auf Simsons Nahmen / als auf Jakobs des Ertzvaters Weissagung. Diese lautet
/im 48 Hauptst. des 1 B. Mos(e) / da er seinen letzten Willen oder vielmehr
Segen seinen Söhnen giebet /also: Dan wird Richter sein in seinem Volke / wie
ein anderes Geschlächt in Israel. Dan wird eine Schlange werden auf dem Wege /
und eine Natter auf dem Steige / und das Pferd in die Ferschen beissen / dass
sein Reiter zurückfalle. HERR / ich warte auf dein HEIL. Hiervon kann Val(erius)
Herberger / in der 58 Uberdenkung seines 4 Teiles von den Grossen Tahten GOttes /
gelesen werden. Der Nahme Simson aber heisset in seiner Grundsprache / nach der
meisten Gottsgelehrten Verdeutschung / soviel als Sonneman / oder /wie ihn
andere erklähren / ihre / nähmlich der Israeler / Sonne / oder aber die Sonne
derselben / SOL EORUM: weil er / Simson selber / des Volkes Israels
Landessonne sein sollte / und solcher sein Nahme zweifelsfrei aus dem Worte , das
ist Sonne / gebildet; darinnen auch dieses FENESTRÆ, die Fenster / da die Sonne
durchhinscheinet / seinen Uhrsprung findet: wiewol Flav(ius) Josef / und ihm zur
folge der Wälsche Pallavizien / in seinem Simson / diesen Nahmen vom Ebräischen
Worte , oder /wie es Sebast(ian) Münster schreibet / , das bei dem Jeremias / im
17 Hauptstükke / so viel heisset /als ROBUSTUS, TERRIBILIS, stark / erschröklich
/ oderaber als FORTTS, ROBUSTUS, tapfer, kräftig / wie auch / im 3 Hauptst. des
Ezechiels /ein Demant / herzuleiten scheinen; daher sie ihn dann beiderseits
SAMSON, als wan im Ebräischen geschrieben stünde , und nicht SIMSON aussprechen.
Des Pallaviziens / durch den Herrn von Stubenberg / unter den Durchleuchtigen
Fruchtbringenden den Unglücksäligen / verhochdeutschte Worte seind hiervon
folgende: mit dem Nahmen SAMSON / welcher Kräftig oder Stark heisset / richteten
sie ihm die Ehrenseule auf / ehe dann er noch das Fussgestelle seiner herrlichen
Siege gelegt hatte. Fast eben also schreibet auch Flav(ius) Josef im 5 B. der
Jüdischen Alteiten: NATO DEINDE INFANTI SAMSON EST NOMEN INDITUM, QUOD ROBUSTUM
SIGNIFICAT: QUI MOX EGREGIÂ ANIMI AC CORPORIS INDOLE PRÆDITUS, PRO-MISSO
CAPILLITIO, VICTUS QUE SOBRIETATE DIVINUM NESCIO QÜID PRÆ SE FEREBAT, dem
erstgebohrnem Knaben ward nachmahls der Nahme Samson /welches stark heisset /
gegeben: und er / dessen Gemühts- und Leibes-gaben fürtreflich waren / schien
straks ich weis nicht was götliches / durch sein abhängendes langes Haar / und
seine sehr mässige Lebensweise / anzuzeigen.
                               Zur 13 Einteilung.
Simson Danssohn.] Also verdeutschen wir des Simsons Ebräischen Bei- oder
Zu-nahmen , BEDAN, den ihm der Verfasser des 1 Buchs Samuels / im 12 Hauptst.
giebet / und der seelige Luhter selbst / in seiner Hochdeutschen Ubersetzung
behalten / wan er also schreibet: da sandte der HERR Jerub Baal /Bedan / Jeftah
/ und Samueln; und er errettete euch von eurer Feinde Händen ümher / u.s.f.
Dieser Nahme Bedan / das ist der Sohn des Dans / ist aus zwei Wörtlein und , Ben
und Dan zusammengezogen /und darinnen das erste oder N / hinter dem Wörtlein
oder Wortgliede , BEN, das ist Sohn / weggeworfen. Dergleichen Ausstossung des
oder N bei gemeldtem Wörtlein / die in der Ebräischen Sprache / sonderlich in
Bildung der Eignen Nahmen / nichts neues oder ungemeines ist / befindet sich /
unter andern /auch im Kartagischen Nahmen , BEANAK; welches volkommen ,
BEN-ANAK, das ist der Sohn Anaks oder Anakssohn / wie man sonst eigendlich einen
Riesen / sonderlich einen solchen / der einer aus Anaks Nachkommen ist / zu
nennen pfleget /heissen sollte. Ja selbst im Wörtlein,, BATH, das ist eine
Tochter / welches aus , BENETH gebildet / fället eben dasselbe vor. Hierbei
können wir nicht unterlassen beileuftig zu erinnern / dass die Griechen /aus dem
eben itzund angeführten verzwiktem WORTE BEANAK, erstlich / wie es scheinet /
nach ihrer gewöhnlichen Weise / PHEANAK, darnach gar poinix, und aus diesem die
Lateiner wiederüm PHOENIX, ja selbst ihr POENUS und PUNICUS gebildet. Und also
ist endlich ausfündig gemacht / dass der Föniker oder Fönizier Nahme / über
dessen Erklährung Skaliger / Füller / und viel andere hochgelehrte
Sprachengrübler ihre Köpfe tapfer zerbrochen / nirgend andersher gebildet worden
/ als aus dem einigen , BEN-ANAK, das ist Anakssohn / oder , BENE-ANAK, das ist
Anakskinder.
                               Zur 14 Einteilung.
Tugend kennet keinen Haustrümmel.] Hierher gehöret / was Putean / in seiner 9
Rede saget: CÙM NIMIUM DESIDET DITIORIS INDOLIS VIGOR IN SINU MATERNO,
CONTABESCIT. PEREGRINA-TIONE DELENDA PARENTUM INDULGENTIA, UT À PUERITIÂ
JUVENTUTIS ILLE GENIUS DISCERNATUR. ALIOS ANNOS ALII MORES DECENT, & ALIOS
MORES ALII ANNI DOCENT. SEMPER ILLE PUER, QUI DOMI EST; QUI EXTRA PATERNI AGELLI
AMBITUM SOLEM NON VIDIT, wan ein wakkeres Gemüht / im mütterlichen Schosse / zu
lange faulentzet / wird es schläfferig und schmächtig. Durch Reisen in die
Fremde /mus man der Eltern Verzährt- und Verhähtschelung entwohnen; damit der
Jugendgeist von der Kindheit unterschieden werde. Anderen Jahren geziemen andere
Sitten / und anderen Sitten dienen andere Jahre. Der zu Hause lieget / und
ausserhalb seines väterlichen Erbländleins die Sonne nicht sieht / bleibt
alzeit ein Kind: wie auch was eben derselbe / an gemeldtem Orte / weiter redet:
OPUT HERBAS & FRUCTUS NATURÆ DELQUIO SEROTINAS, PRO-CURATO CALORE, PRÆCOCES
REDDIMUS; ITA MENTEM LICETPORTUNÂ PEREGRINATIONE , wie man Kreuter und Früchte /
die aus eigner eingebohrner Schwachheit spähte zu zeitigen pflegen / indem man
ihnen Wärme verschaffet / zeitig machet; so wird auch das Gemüht / durch Reisen
zu rechter Zeit / in der Fremde gezeitiget.
                               Zur 15 Einteilung.
Sein Zarea.] So heisset Simsons Gebuhrtsstadt / da sein Vater Manoah oder / wie
ihn Flav(ius) Josef nennet / Manoches / aus dem Geschlächte Dans bürtig /wie im
13 Hauptstükke des Buchs der Richter gemeldet wird / wohnete. Zwischen dieser
Stadt / und Estaol war das Dannische Läger.
                               Zur 19 Einteilung.
Als er das erste Morgenroht hinter ihm schimmern sah.] Hier sagen wir nicht
ohne Uhrsache / hinter ihm. Dan Simson / der in das Filisterland zog / welches /
nach seinem Vaterlande zu rechnen / gegen Abend zu lag / hatte freilich den
Morgen oder Aufgang der Sonne hinter seinem Rükken: wie aus des Esaias Worten
erscheinet / wan er in seinem 9 Hauptst. also schreibet: der HERR wird ihre
Feinde zu Hauffe rotten / die Sirer / (die nach dem Morgen zu liegen) vornen her
/ und die Filister / (die gegen Abend an sie grentzen) von hinten zu / dass sie
Israel fressen / u.s.w.
                               Zur 20 Einteilung.
Die fünf Kreuse des Filisterlandes.] Dass dieses Land in fünf sonderliche
Fürstentühmer oder Kreuse sei unterschieden gewesen / kann man / unter andern /
aus dem Beginne des dritten Hauptst. im B. der Richter leichtlich abnehmen; da
der Verfasser desselben also schreibet: Dis seind die Heiden / die der HERR lies
bleiben / dass Er an ihnen Israel versuchte; das nicht wusste üm die Kriege
Kanaans: und dass die Geschlächter der Kinder Israels wüsten und lerneten
streiten / die vorhin nichts darüm wussten. Nähmlich die fünf Fürsten der
Filister / u.a.m. Ja noch deutlicher meldet hiervon Samuel im 6 Haubtst. seines
1 Buchs; da zugleich die fünf Hauptstädte des Filisterlandes / in denen die fünf
Kreusfürsten Hof hielten /nahmkündig gemacht werden. Seine Worte seind diese: da
die fünf Fürsten der Filister zugesehen hatten / zogen sie wieder gen Ekron. Dis
seind aber die güldenen Aerse / welche die Filister dem HERRN zum Schuldopfer
gaben: Asdod oder Azot einen /Gasa oder Gaza einen / Asklon oder Askalon einen
/Gat oder Get einen / und Ekron oder Akkaron einen: und die güldenen Meuse /
nach der Zahl aller Städte der Filister unter den fünf Fürsten / u.s.f. Dass aber
gemeldte fünf Kreuse der Filister sich dazumahl zu Timnat versamlet gehabt /
bezeuget Flav(ius) Josef /in seinem 5 Buche / mit folgenden Worten; als er
(Simson) erwachsen war / begleitete er seine Eltern nach Tamna (wie er Timnat
nennet) da die Filister eben ihre Zusammenkunft hielten.
                               Zur 21 Einteilung.
Timnat heisset ein Bild.] Wir lesen in heiliger Schrift von vier
unterschiedlichen Städten / welche diesen oder dergleichen Nahmen geführet. Die
erste / deren im 1 Hauptst. des 1 Buchs der Zeitgeschichte gedacht wird / war
die Hauptstadt der Kinder Edoms / und ein Sitz ihrer Fürsten. Altammer nennet
sie / in seinem Buche von den Eigenen Nahmen der heiligen Schrift /THIMNA,
Hieronimus aber / in einem dergleichen Werklein / THAMNA. Die andern drei waren
/ durch das Los / drei unterschiedlichen Geschlächtern der Kinder des Israels
zugefallen: nähmlich die eine dem Stamme des Juda / die andere dem Stamme des
Efraims / die dritte dem Stamme des Dans; wiewohl dieser Stam / zu Simsons
Zeiten / die seinige noch nicht in würkliche Besitzung gebracht. Die erste
dieser drei nennet das Buch des Josua / schier am Ende des Hauptst. Timna /
Hieronimus aber / in seinem Werklein von den Ebräischen Oertern / Tamna oder
THAMNA, sonsten vom Schafeschähren des Ertzvaters Juda bekant. Die zweite / die
an der Nordseite des Berges Gaas / auf dem Gebürge der Kinder des Efraims lag /
und dem Josua / dessen Begräbnis sich auch alda befunden / zum Erbteile gegeben
worden / ward von den Filistern nicht nur schlechtin Timnat / sondern auch /
und öfter Timnat-Heres / das ist ein Sonnenbild / oder die Stadt des Bildes der
Sonne / von den Israelern aber nachmahls /indem sie das Wörtlein Heres
ümkehreten / oder hintersich zurücklasen / Timnat-Serah / oder Timnat-Sarah / das
ist ein stünkendes Bild / oder eine Stadt des stünkenden Bildes / wie im Buche
des Josua das 24 Hauptst. andeutet / genennet. Die dritte /nähmlich dieselbe /
die dem Stamme des Dans zugeteilet war / und von der alhier gehandelt wird /
nennet das Buch der Richter straks im beginne des 14 Hauptst. Timnat / das Buch
des Josua aber im 19 Hauptst. Timnata / und Altammer / in seinem obangeführten
Buche / ebenmässig THIMNATHA, auch Tamna /Flav(ius) Josef Tamna. Und hierbei /
darf ich schier sagen / haben die Filister oder auch Israeler allezeit das Wort
, das ist eine Stadt / verstanden; also dass der volkommene Nahme vielleicht ,
Kirjat-Timnat / das ist die Stadt des Bildes / heissen sollen: weil sie sonsten
solches Wort bei etlichen andern Nahmen ihrer Städte stähts auszusprächen
pflegten: als wan sie sagten /, Kirjat-Sefer / das ist die Stadt der Lehre /
oder , Kirjat-Sanna /die Stadt des Gesetzes / oder , Kirjat-Arche /URBS
ARCHIVORUM, die Stadt des Ertzschreines; welche drei Nahmen die einige Stadt
Debir / im Stamme des Juda / führete: wie auch , Kirjat-Arba / die Stadt der
Viere / oder des Arba / der sie erbauet; die ebenmässig im Stamme des Juda lag /
und nachmahls den Kindern des Levi eingereumet ward: welche sie / nach dem
Nahmen des Sohns Kalebs /Hebron genennet: und den , Kirjat-Baal / sonst auch und
, eine Stadt der Hiveer / im Stamme des Juda. Ja wer will in Abrede sein / dass
oberwähnte vier Städte nicht darum also genennet worden; weil man in dieser
dieses / in jener jenes Götzenbild / oder auch etliche zugleich / für andern
Städten geehret.
                               Zur 23 Einteilung.
Hebe / welche vor Alters / wie Pausanias / in seinen Korintischen Geschichten /
meldet / auch Ganimede /und nachmahls bei den Lateinern JUVENTAS, das ist die
Jugend / weil man sie für eine Göttin und Vorsteherin der Jugend / und des
jugendlichen Wohllebens hielt / genennet worden / war eine Tochter des
Frigischen Jupiters / des Tros / Königes zu Trojen / oder /wie Echemenes
gemeinet zu haben scheinet / des Kretischen Jupiters / des Minos / und der
Frigischen /oder aber Kretischen Juno / das ist Königin: welche /nachdem sie
sich / im Gastmahle des Apollons / durch starken Wein zu sehr erhitzet / einen
Lattichsalat gegessen / und damit die überflüssige Hitze / die sie zur Empfängnis
und Gebuhrt untüchtig / und unfruchtbar gemacht / gleichsam abgekühlet / und so
wohl gemässiget / dass sie mit dieser Hebe schwanger geworden. Weil nun die
gebohrne Tochter überaus schön war /hat sie gemeldter Jupiter / wie Homerus / im
4 Buche seines Heldengedichtes von Trojen / meldet / nicht allein zu seiner
Tafeldienerin und Mundschenkin bestellet / sondern auch gar zur Vorsteherin der
Jugend gemacht / und nachmahls selbst dem Herkules / wie eben derselbe Homerus /
im 11 Buche seines Heldengedichtes vom Ulisses / bezeuget / sobald er in den
Himmel aufgenommen worden / vermählet. Dass sie aber / im Tafeldienen / soll
gestulpert / und einen solchen Fal getahn haben / dass sie das jenige / was die
natürliche Zucht verborgen haben will / ohnvorsichtig / im beisein aller
Umstehenden / entblösset / und der schöne Jüngling Ganimedes deswegen an ihre
statt /zum Mundschenken bestellet worden; hierdurch haben die Alten Dichtmeister
ohne Zweifel auf den Abgang der Jugend / und des Sommers / den Hebe bezeichnet /
und die Ankunft des Alters / und Winters /dadurch Ganimedes verstanden wird /
ein Auge gehabt: wo man nicht lieber sagen will / dass Hebe /damit ihr hinfort
solches Unglück nicht wieder zustossen möchte / ihre leichten und leichtlich
aufflügenden Frauenkleider in Manskleider verändern / und sich also in einen
Ganimedes gleichsam verstellen müssen. Aber hiervon wird mein Dichterischer
Sternhimmel am 92. 93. und 94 Bl. im Wassermanne / und im Antinous am 180 Bl.
wie auch Natalis Komes / im 5 Hauptst. seines 2 Buches von den Erklährungen der
Dichterischen Mährlein / und Ravisius Textor / im 8 B. seines Schauplatzes / am
839 Bl. ein mehres berichten.
    Omfale / eine Königin in Lidien / hatte den Herkules / durch ihre Schönheit
/ dermassen entzükt / dass er / ihr zu gefallen / wie Donatus / bei dem Terentz /
angemärket / selbst gesponnen; indem sie / an statt des Spinkorbes und Wokkens /
Pfeil und Keule / ja an statt Weiberkleider / die Leuenhaut / welche sonst
Herkules zu tragen pflegte / zur Dekke gebrauchete: welches ihm dann seine
Dejanire / bei dem Oviden /sehr hoch aufgemutzet / und als eine grosse Schande
zugerechnet. Daher schreibet auch Propertz / in seinem 3 Buche:
OMPHALE IN TANTUM FORMÆ PROCESSIT HONOREM,
LYDIA GYGÆO TINCTA PUELLA LACU,
UT QUI PACATO STATUISSET IN ORBE COLUMNAS,
TAM DURÂ TRAHERET MOLLIA PENSA MANU.
Omfale / die Lidische Jungfrau / die im Gigischen Seebusem sich gebadet / hat
die Schönheit ihrer Gestalt zu so hohen Ehren gebracht / dass derselbe / der die
zwo Seulen in der befriedigten Welt aufgerichtet /das ist Herkules / mit so
harter Faust den weichen Wokken zog.
    Jole war des Euritus / Königes in Etolien Tochter; die dem Herkules
versprochen / aber nachmahls wieder versaget ward: weil ihr Bruder / der ihn
beschuldigte / dass er seine vorige Frau / die Megäre / zusamt den Kindern / die
er mit ihr gezeuget / umgebracht /solches abgerahten. Daher verwandelte sich dann
die Liebe des Herkules in einen so heftigen Zorn / dass er der Geliebten
Vaterland zu grunde verwüstete / ja den Vater selber / mit seinen Söhnen /
töhtete; wie Virgiel / im 8 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas /bezeuget /
und Servius darbei noch ein mehres angemärket. Nach dieser grausamen Taht / oder
vielleicht noch mitten in derselben / soll sich die Königliche Tochter Jole
selbst von der Mauer herab gestürtzet haben; wie Plutarch aufgezeichnet.
    Briseis war eine sehr anmuhtige schöne Jungfrau /oder vielmehr Magd von
Laresse / aus Frigien; welche / nachdem sie gefangen worden / dem Achilles /des
Königlichen Fürstens Peleus / und der Tetis Sohne / dem Tapfersten aller
Griechen / wie ihn Homerus / im 9 B. seines Heldengedichtes von Trojen
/beschreibet / und derselben Feldherrn vor Trojen /durch das Los zufiel; aber
ihm nachmahls / durch den Mizenischen König Agamemnon / des Königs Menelaus
Bruder / den Tullius einen König aller Könige nennet / abhändig gemacht ward:
daher dann Achilles /aus grossem Unwillen / wie sehr man ihn gebähten /wie
reichlich man ihn beschenket / ja selbst bedreuet /keines Weges mehr fechten
wollen / bis er endlich vernommen / dass sein liebster Spiesgeselle / durch den
Hektor / erschlagen sei. Dessen gedenket Horatz /im 4 Leierliede seines 2 Buches
/ mit folgenden Worten:
- - PRIUS INSOLENTEM.
SERVA BRISEIS NIVEO COLORE
MOVIT ACHILLEM.
Die Magd Briseis bewegte / durch ihre schneeweisse Farbe / den zuvor verwägenen
und tapfermühtigen Achilles: wie auch Mantuan / wan er spricht:
ÆSTUAT, AMISSÂ BRISEIDE, MAGNUS ACHILLES,
LANGUET, & ARGOLICIS FERRE RECUSAT OPEM.
    Der grosse Achilles brennet für Zorne / ja er lesset die Hände sinken; und
versaget den Argoliern seine Hülfe; nachdem er seine Briseis verloren. Hiervon
kann auch Homerus / im 1 B. seines Heldengedichtes von Trojen / wie auch Ovidius
/ im 11 seiner Verwandlungsbücher / und im 8 seiner Sendeschreiben /gelesen
werden.
    Andromede war des Mohrenkönigs Zefeus / und der Kassiope Tochter; welche bei
der Stadt Joppe /wegen der Hofart ihrer Mutter / die sich gerühmet die Nereinnen
an Schönheit zu überträffen / an eine Klippe fest gebunden / und einem
ungeheuren Walfische zu verschlingen vorgesetzt / vom Argolischen Königlichen
Fürsten aber / dem Perseus / des Argischen Jupiters Prötus / und der Danae Sohne
/ von dieser Gefahr erlöset / und geehliget ward: wie Herodotus / im 7 B.
Euripides / in seiner Andromede / Kares / im 2 B. Strabo / im 1 und 16 B.
Plinius / im 13 und 31 Hauptst. des 5 B. und im 5 Hauptst. des 9 Buchs seiner
Natürlichen Geschichte / Vossius / im 30 Hauptst. des 1 B. vom Götzendienste /
wie auch Aristides / Dionisiokles / Pindarus / Hesiodus / Simonides / in seinem
Perseus / Ovidius / Libanius / Verulamius / und viel andere so wohl Geschicht-
als Gedicht-schreiber mehr bezeugen. Aus dieser des Perseus / und der Adromede
glücklichen Ehe ward / unter andern Kindern /derselbe Perseus geboren / von dem
die Perser / wie Herodotus / im 7 B. uhrkundet / ihren Uhrsprung gewonnen / und
die Pfeile / wie Plinius im 56 Hauptst. seines 7 B. bezeuget / zum allerersten
erfunden worden. Sonsten gedenket auch dieser Geschicht Propertz / im 1 B. mit
diesen Worten:
QUALIS & ACCUBUIT PRIMO CEPHEIA SOMNO,
LIBERA JAM DURIS COTIBUS ANDROMEDA.
und dann im 2 B. wan er spricht:
ANDROMEDE MONSTRIS FUERAT DEVOTA MARINIS.
HÆC EADEM PERSEI NOBILIS UXOR ERAT.
Dass endlich nicht nur Andromede / mit ihrem Perseus / sondern auch ihr
Königlicher Vater Zefeus / ja selbst ihre Mutter / die übermühtige Kassiope / an
den Himmel / unter das Gestirn / gesetzt worden / darvon geben uns Nachricht
Aratus / Higinus / Manilius /Dezimator / und alle dieselben / die von den
Gestirnen oder Sternzeichen geschrieben. Zuvoraus aber kann hierbei mein
Dichterischer Sternhimmel / da ich alles weitleuftig ausgeführet / und was noch
erdichtetes in hiesiger Geschicht etwan sein möchte / durch dasselbe / was sich
wahrhaftig begeben zu haben scheinet / zu erklähren mich bemühet / bei den
Sternzeichen des Zefeus / der Kassiope / der Andromede / und des Perseus / vom
114 Blatte / bis auf das 124; wie auch mein Güldener Regen / ein Gedicht dem
Göttlichen Ferdinanden dem Dritten Kristsäligsten Andenkens /auf dem Reichstage
zu Regensburg / im 1653 Jahre gewiedmet / gelesen werden.
                               Zur 24 Einteilung.
Sobald dem Gesichte der Zügel gelassen wird.] Darüm sagt Isokrates / oder / wie
andere wollen / Perikles /als er den Sofokles / einen schönen Jüngling /
alzusehr loben höhrete / wie Plutarch im Lebenslauffe der zehen Redner
angemärcket: oy monon dei tas xeiras exein parA ayto, alla kai toys optalmoys,
es geziemet sich nicht allein die Hände / sondern auch die Augen in seiner
Gewalt zu haben.
                               Zur 31 Einteilung.
Der Weinstok ümarmet ja / aus Liebe / den Ulmbaum.] Daher sagt Ovidius:
HÆC QUOQUE QUÆ JUNCTÂ VITIS REQUIESCIT IN ULMO,
SI NON JUNCTA FORET, TERRÆ ACCLINATA JACERET.
Auch dieser Weinstok / der an der angefügten Rüster ruhet / wan er nicht
angefüget were / würde zur Erde niedergesunken ligen. Der Ulmbaum / oder die
Ulme /der Ilmenbaum oder die Ilme / welche Wörter / alle viere vom Lateinischen
ULMUS gebildet / wird auch gewislich / aus keiner andern Uhrsache / bei uns /
mit unserem eigenen rechtdeutschem Worte / Rüster oder Rustbaum / das ist
Ruhebaum / genennet / als weil der Weinstok / mit seinen Reben / so gern an der
Rüster hänget / und ruhet oder rustet. Es wollen zwar etliche zwischen den Ilmen
/ und Rüstern einen Unterscheid machen / als wan es zweierlei Beume weren: aber
sie irren; indem jener Nahme / wie schon gesagt /aus dem Lateinischen ULMUS
flüsset / dieser aber der Hochdeutschen eigener ist / damit sie eben denselben
Baum / den die Griechen ptelea, die Lateiner ULMUS, auch wir zu weilen / ihnen
zur Folge / Ulmbaum / Ulme oder Ilmenbaum / oder auch Ilme / nennen / zu
benahmen pflegen. Die Franzosen heissen ihn ORME, die Wälschen OLME, beide
gleichmässig nach dem Lateinischen ULMUS; die Niederdeutschen aber gemeiniglich
IEPENBOOM, welches aus dem Hochdeutschen Iffenbaum oder Iffenholtz / oder
vielmer Jeper / wie eben derselbe Ulm- oder Rust-baum an etlichen Oertern des
Hochdeutschlandes auch heisset / gebildet ist. Sonst gebrauchen die
Niederdeutschen gleich so wohl / als wir / das Wort RUSTBOOM, das ist Ruhebaum:
dann Rust / als sagte man Ruhest / Ruhst / daher Rühester / Rühster / oder auch
Rast heisset bei ihnen / wie bei uns / eben so viel / als Ruhe; wiewohl es bei
unsrem gemeinen Völklein öfter für Rost / RUBIGO, FERRUGO, ÆERUGO, den das Eisen
/ aus langer Rust oder Ruhe / wan es nicht genützet wird / zu bekommen pfleget /
verstanden wird. Doch die Niederdeutschen schreiben nicht RUST oder RUSTE, wan
es so viel heissen soll / als Rost / RUBIGO; sondern, ROEST, zum Unterscheide des
Wortes RUSTE, welches bei ihnen so viel / als Ruhe / bedeutet. Zu unsern Zeiten
ist es zwar / so viel als ich gesehen / nicht gebreuchlich / dass man die Wein-
oder Reben-stökke neben die Rüstern zu pflantzen pfleget / und sie an denselben
hinauf wachsen lesset: gleichwohl ist es nicht zu leugnen / dass sie / aus einer
verborgenen unterlichen Liebe / beide gern beieinander stehen und wachsen
wollen; da hingegen die Weinstökke / wan man sie zu nahe neben andere Beume
pflantzet / ausgehen und verdorren. Und dass es vor Alters üblich gewesen / haben
wir eben itzund aus des Ovidius Worten vernommen. Ja neben mehr andern so wohl
Geschicht- als Gedicht-schreibern /bezeuget es noch eigendlicher Virgiel
selber / der ein fürtreflicher Ahrtforscher gewesen / wan er spricht:
SEMIPUTATA TIBI FRONDOSA VITIS IN ULMO EST.
Du hast einen halbbeschnittenen Weinstok an einer grühnenden Rühster stehen.
    Der Magneht oder Liebestein.] Wir nennen alhier diesen Stein den Liebestein:
weil er aus einer sonderlichen verborgenen Kraft und Eigenschaft / ja gleich als
aus einem heimlichen Triebe der Liebe / das Eisen an sich ziehet / oder / wo es
ihm zu schweer / und unbeweglich fället / gleichwohl allezeit sich darnachzu
wendet: wie man in dem Schifzeiger sieht / da die Spitze der Nahtel / mit einem
solchen Steine versehen / stähts nach Mitternacht zu weiset. Ja man drehe und
kehre den Schifzeiger / wie man wolle / so wird diese Spitze gleichwohl wieder
nach dem Nordstriche /dahin der Stein so begierig verlanget / zulauffen:
vielleicht darüm / weil nach Mitternacht zu / wie die Naturkündiger gemeiniglich
meinen / das meiste Eisenwerk pfleget gegraben zu werden. Aus diesen und keinen
andern Uhrsachen haben ihm auch die Franzosen eben einen solchen Nahmen gegeben
/ nähmlich AIMANT, das ist Liebende / als wollten sie sagen / der liebende Stein
/ das eben so viel ist / als Liebestein. Und darüm irret derselbe gröblich / der
/ in einem Französischen Wortbuche / das Wort AIMANTIN, eben als wan es aus
DIAMANTIN gebildet worden /auf Lateinisch ADAMANTINUS giebet; wie auch FOI
AIMANTINE, FIDEM ADAMANTINAM, für MAGNETICAM, das ist ein magnetischer / Gott
gleichsam mit starker Kraft an sich ziehender Glaube / und nicht Demantischer;
wiewohl er seiner harten Tauerhaftigkeit und Beständigkeit wegen / sonsten auch
also könnte genennet werden. Anders nennen ihn die Hochdeutschen auch einen
Segelstein / und die Niederteutschen SEYLSTEEN; weil die Schiffer nach desselben
Anweisung im jetztgemeldten Schifzeiger so wohl bei Nacht / als bei Tage / mitten
auf der weitesten und breitesten See / da sie sonst nicht wissen könten / wo sie
weren / ohne Sorge fortsegeln können. Aber sein gemeinester Nahme / den er bei
uns hat /nähmlich Magneht / ist vom Griechischen magnhtis des Galenus / oder
magnhs des Porfirius / oder aber magnhssa des Kallimachs Worte / oder auch aus
dem Lateinischen MAGNES, MAGNÉTIS, gebildet: welche sämtlich ihren Uhrsprung vom
Völkernahmen der Magneten / oder dem Landesnahmen Magnesien / da dieser Stein in
grosser Mänge wächset / wie Laertz meint  / oder wie Plinius im 16 B. schreibet /
von seinem Erfinder / der Magnus geheissen / bekommen. Von seiner ziehenden
Wunderkraft / wie ihm gleichwohl der Knoblauch / wan er mit desselben Safte
bestrichen wird / wie Plutarch in seinen Aufgaben angemärket / benimt / scheinet
er bei dem Plinius im 10 Hauptst. des 37 B. auch SIDERITIS, siderits genennet
zu sein; eben wie von der Stadt Heraklee hrakleotis bei dem Hesichius / oder
hrakleia, HERACLIUS LAPIS, der Heraklische Stein / oder der Herakleer. CALAMITA
PIETRA ist sein Nahme bei den Wälschen: wiewohl CALAMITES bei den Lateinern ein
ander Stein ist.
    Ja selbst der Salmander.] So ist der gemeineste Nahme dieses giftigen
Ungeziefers / das im Feuer zu leben gewähnet wird / und einer Heidexe nicht
ungleich ist / in allen Europischen Sprachen; daher wir ihn auch alhier behalten
wollen: unangesehen / dass es im Hochdeutschlande sonsten auch ein Molch / und an
etlichen Oertern ein Mahlen / oder Moldwurm /und Olm genennet wird. Neben dem
salamandra, daher der Lateinische SALAMANDRA, und unser Salmander sprüsset / hat
er bei den Griechen zugleich den Nahmen moggh; bei den Franzosen aber PLUVINE ,
das ist ein Regenwurm / weil er den Regen verkündiget / und MIRTIL, wie auch
SOURD, vielleicht weil er taub / auch als stum / dahin vermuhtlich der Nahme
moggh zielet / zu sein scheinet. Von dessen Eigenschaft kann Aristoteles /
Galenus / Plinius / Elian /und Dioskorides / im 67 Hauptst. seines 2 B. wie auch
im 5 Hauptst. des 6 B. gelesen werden.
                               Zur 34 Einteilung.
Die Augen / als Fenster zum Hertzen.] Derer Gestalt und Blikke des Hertzens
Gedanken / ja alle desselben Heimligkeiten verrahten. Dahin zielet Filostratus
/wan er saget: Polla men optalmoi ton antropinon hton ermhneioysi, die Augen
zeigen die Menschlichen Sitten gemeiniglich an.
                               Zur 40 Einteilung.
Fehlet es dann deinem Geschlächte an Jungfrauen.] Hiervon redet das Buch der
Richter im 14 Hauptst. wie folget: Sein Vater und seine Mutter sprachen zu ihm:
ist dann nun kein Weib unter den Töchtern deiner Brüder / und in deinem ganzen
Volke / dass du hingehest / und nimst ein Weib bei den Filistern / die
unbeschnitten seind? Und hierbei hat L(ukas) Osiander angemärket: als wollten sie
sagen / wir verwundern uns /was du damit meinst / dass / da du wohl köntest eine
ehrliche Jungfrau aus deinem Stamme / oder doch sonst aus dem Israelischen Volke
bekommen / du dir dannoch unter dem Gottlosen Volke der Filister ein Weib
aussuchest / welches von dem Bunde Gottes /der durch die Beschneidung
bestähtiget worden / entfernet ist. Auch schreibet eben hiervon Flavius Josef
also: als die Eltern sich weigerten / indem sie ihm vorhielten / sie sei eines
andern und ganz widerwärtigen Geschlächtes / wie auch / dass der Gottesdienst
eine solche Hochzeit nicht zuliesse; da überwand sie gleichwohl des Jünglings
Hartnäkkigkeit / und brachte es so weit / dass die Jungfrau mit ihm verlobet
ward.
                               Zur 46 Einteilung.
War es dem Josef.] Diese Heurraht des Josefs beschreibet Moses in seinem 41
Hauptst. des 1 Buchs. Auch wird eben dieselbe in meiner Assenat weitleuftiger
ausgeführet.
                               Zur 47 Einteilung.
Scheuete sich Moses.] Diese ganze Geschicht erzählt eben derselbe Moses im 2
und 18 Hauptst. seines 2 Buches / wie auch im 12 Hauptst. des 4 Buches.
                           Zur 48 und 52 Einteilung.
Die meinen Augen gefället.] Hiermit wird gezielet auf Simsons eigene Worte / die
er zu seinen Eltern redet /wan er / im erstangezogenem Orte des Buchs der
Richter / also saget: gib mir diese; dann sie gefället meinen Augen.
                               Zur 58 Einteilung.
Aber es war beiden Eltern noch zur Zeit verhohlen.] Hiervon meldet ebenmässig das
Buch der Richter / in der folge / folgender Gestalt: aber sein Vater / und seine
Mutter wussten nicht / dass es vom HERRN were. Dan Er suchte Uhrsache an den
Filistern. Die Filister aber herscheten zu der Zeit über Israel.
                               Zur 59 Einteilung.
Da den Fal des ersten Mansbildes / und zugleich aller nach ihm das allererste
Weibesbild veruhrsachte.] Durch dieses Weibesbild verstehen wir die Eva: welche
vom Homerus / im 19 B. seines Heldengedichtes von Trojen / Ate / und vom
Hesiodus / in seinem ersten Buche der Werke und Tage / Pandore genennet wird.
Des Homerus Worte seind diese:
Presba Dios tygatr At, h pantas aatai
oylomenh, etc.
FILIA PRIMA JOVIS, QUÆQUE OMNES PERDIDIT, ATE
PERNITIOSA, etc.
Die erste Tochter des Jupiters / die schädliche Ate /die alle (Menschen) ins
Verderben gebracht. Diesen Nahmen At, Ate hat Homerus ohne Zweifel aus Adam /
als wollte er Ade / Ada / oder Adame / das ist die Adamin / sagen / gebildet;
weil er vielleicht vom rechten Nahmen dieser ersten Fraue / der Eva war /nicht
gehöret. Sonst stimmet er mit der Geschicht des Adams und der Even zimlich
überein; indem er saget /dass Ate / die der Anfang und Uhrsprung alles Böses sei
/ den Klügesten unter allen Menschen betrogen. Fast eben also tuht an gemeldtem
Orte Hesiodus / der auch im 3 Buche von der Göttergebuhrt / das Weib aus dem
Zorne Gottes geboren zu sein saget / und es kalon kakon, das ist das guhte Ubel
/ nennet; wie es Zirillus wider den Julian mitangeführet: wiewohl Paläfatus /
und Fulgentz sein Gedichte von der Pandore ander wärtshin ziehen.
                               Zur 60 Einteilung.
Jesabel / Achabs des Königs in Israel Gemahlin /deren Geschicht das 19 und 24
Hauptst. des 1 Buches der Könige beschreibet.
    Atalia / Jorams des Königes in Juda Gemahlin /und Tochter des Amri / Königs
in Israel; welche vom Flav(ius) Josef / im 7 Hauptst. des 9 B. von den Alteiten
der Jüden / Gotalia / und Achabs Tochter / weil sie desselben verkehrten Sitten
folgete / genennet wird. Was sie für ein Gott- und heil-loses Leben geführet /
zeigt das 8 und 11 Hauptst. des 2 B. der Könige / wie auch das 22 und 23
Hauptst. des 2 B. der Zeitgeschichte genug an.
    Helene / des Tindars / eines Oebalischen oder Lakonischen Königs / und der
Lede Tochter / des Pollux Schwester / und Gemahlin des Menelaus / Königes zu
Sparta. Diese ward / ihrer überausgrossen Schönheit wegen / zweimahl entführet:
erstlich / als ein Freulein / vom Teseus / wie wir droben / bei der 7 Einteilung
/schon angemärket; darnach / als eine Gemahlin des Spartischen Königes / vom
Paris / des Priams / Königes der Trojer / und der Hekube Sohne / den man
nachmahls / seiner tapferen Tahten wegen / Alexandern genennet. Aus hiesiger
letzten Entführung entstund der zehenjährige Krieg der Griechen mit den Trojern:
in welchem auch die gewaltige Stadt Troje selbst eingeäschert ward. Die ganze
Geschicht hat Homerus / unter andern / sehr herrlich beschrieben. Auch gedenket
derselben Ovidius in seinen Gedichten sehr oft; desgleichen Propertz / wan er in
seinem 2 Buche schreibet:
OLIM MIRABAR, QUÒD TANTI AD PERGAMA BELLI
EUROPÆ ATQUE ASIÆ CAUSA PUELLA FUIT.
Vor diesem war ich verwundert / dass eine junge Frau (nähmlich die Helene) eines
so gewaltigen Europischen und Asischen Krieges vor Pergama (das ist Troja)
Uhrsache gewesen.
    Hippodamie / eine Tochter des Oenomaus / Königes der Elider und Piser;
welchen Pelops / der Frigische König / weil er ihm diese Tochter zu vermählen
abgeschlagen / mit einer grossen Kriegesmacht überfiel.
    Noch eine andere Hippodamie / des Piritous Gemahlin / welche die vom Weine
trunkene Zentauren entführet / veruhrsachte den gewaltigen Krieg / der zwischen
ihrem Ehherrn / und den Entführern entstund. Daher nennet sie auch Propertz / in
seinen Gedichten / Isomachen / das ist eine Stteitführerin / wan er schreibet:
QUALIS & ISOMACHE LAPITHÆ GENUS HEROINE
CENTAURIS MEDIO GRATA RAPINA MERO.
    Aspasie / eine gelehrte Mileserin / und Beischläferin des Perikles / welcher
das Atehnische Stahtswesen vierzig Jahre beherschet / war die Uhrsache zu zween
heftigen Kriegen: nähmlich zum Samischen / weil die Samier den Milesern feind
waren; und dem Peloponnesischen / wie Plutarch / und Aristofanes bezeugen.
    Lavinie / des Königs Latinus Tochter / und Gemahlin des Eneas / veruhrsachte
den bluhtigen Krieg zwischen dem Eneas / und Turnus / ihren beiden Freuern; wie
Pontan / im 4 Buche von den Sternen angezeichnet.
    Arsinoe / des Egiptischen Königes Ptolemäus Tochter / und des Mazedonischen
Lisimachs Gemahlin / verrejetzte ihren Ehherrn so weit / dass er den Agatokles /
ihren Stiefsohn / unangesehen dass er dem Vater viel Kriege glücklich ausgeführet
/ mit Gifte hinrichtete; wie Volaterran meldet.
    Anaxarete / eine wunderschöne Jungfrau / die aus Königlichem Bluhte
herentsprossen / fiel dem Ifis /der sie überaus liebete / so hart / dass er vor
ihrer Tühre sich erhing; wie Ovidius im 14 seiner Verwandlungsbücher erzählt.
    Deianire / des Etolischen Königes Tochter / war nicht allein die Uhrsache
des Krieges zwischen dem Herkules / und Achelous / wie auch des Gefechtes
zwischen eben demselben Herkules / und dem Nessus / sondern auch dieselbe / die
den Herkules / ihren Ehherrn selber ümbrachte; wie Sofokles in seinem Rasenden
Herkules / als auch. Perottus / und Seneka /der Heldenspielschreiber / bezeugen.
Der letztere bricht unter andern mit diesen Worten heraus.
O TURPE FATUM! FÆMINA
HERCULEÆ NECIS AUCTOR FERTUR.
O welch ein schändlicher Glüksfal! Eine Frau wird gesagt des Herkulischen Todes
Veruhrsacherin zu sein.
    Berenize / des Seleuks / welcher / nach Alexanders des Grossen Tode / König
in Sirien ward / Stiefmutter / und Schwester des Ptolemäus / Königes in Egipten
/war eine Anstifterin des Krieges zwischen ihrem Bruder / und Stiefsohne; wie
Justinus im 27 Buche bezeuget.
    Eurifile / des Amfiaraus / eines Griechischen Wahrsagers / Ehfraue / verriet
ihren Ehherrn dem Argirischen Könige / Adrast / der ihn mit sich in den Krieg
vor Tehbe führen wollte; nachdem er sie mit einem güldnen Armbande bestochen. Dan
weil Amfiaraus / vermittelst seiner Wahrsagerkunst / wohl wusste / dass er in
diesem Kriege ümkommen sollte; so hielt er sich an einem heimlichen Orte
verborgen. Als er aber / durch die Verräterei seiner Fraue / gefunden / und
gezwungen ward mitzuziehen; da begegnete ihm das Unglück / das er ihm selbst
geweissaget / indem er von der Erde / die sich voneinander spaltete /
verschlungen ward. Dieser Geschicht gedenket Statz in seinem 1 Buche vom
Tebisschen Kriege / wie auch Strabo im 9 Buche / und Euformion am 267 Bl. seines
2 Teiles.
    Nikostrata / des Evanders aus Arkadien Mutter /eine Wahrsagerin / und
Dichterin / welche diesen ihren Sohn zum Vatermorde verreitzete; wie Tortellius
meldet. Sonst wird sie von den Lateinern auch CARMENTA oder CARMENTIS genennet:
weil sie die Aussprüche der Götter in Gedichte gebracht. Daher ist ein Tohr zu
Rohm CARMENTALIS PORTA genennet worden / dessen Virgiel / im 8 B. seines
Heldengedichtes vom Eneas / gedenket / wan er also schreibet:
ET CARMENTALEM ROMANO NOMINE PORTAM.
Nachmahls aber hat man dieses Tohr PORTAM SCELERATAM geheissen: weil dadurch
dreihundert und sechs Fabier / mit fünf tausend der ihrigen / wider die
Hetrusker ausgezogen / und allesamt erschlagen warden; wie Strabo / im 5 B. und
Solinus / in seiner Beschreibung der Stadt Rohm / angezeichnet.
    Fedra war des Kretischen Königes Minos / und der Pasifae Tochter / auch des
Teseus Gemahlin. Diese hatte sich in ihren Stiefsohn / den Hippolitus / dermassen
verliebet / dass sie aus Unmuht und Verzweifelung / indem sie ihn zur Gegenliebe
keines Weges bewegen konnte / sich selber erhing; und ihn / in einem
hinterlassenen Schreiben an den Teseus / beschuldigte / dass er sie notzüchtigen
wollen / und der Uhrhöber ihres Todes so sei. Daher gedachte der erzürnete Vater
den Hippolitus zu erwürgen: der aber / indem er ihm entflühen wollte / von den
wühtenden Pferden zerträhten ward. Dieser Begäbnis gedenken / wiewohl auf
unterschiedliche Weise / Servius / Ausonius /Ovidius / u.a.m.
    Hermione / des Menelaus Königs von Sparta zweite Tochter aus der Helene.
Diese war so schön / dass sie / durch ihre Schönheit / wonicht vielmehr
Wankelmühtigkeit / den Orestes / des Agamemnons Sohn /dem sie erstlich
versprochen war / bewog / den nachmahls geehligten Pirrus / des Achilles Sohn /
zu töhten; damit er ihrer Besitzung genüssen möchte. Daher schreibet Marzial im 3
Buche:
DIC MIHI, QUID SIMILE EST, THAIS, & HERMIONE?
    Zille / des Megarischen Königes Nisus Tochter /hatte sich in den Minos /
König von Kreta / dermassen verliebet / dass sie ihm ihren eigenen Vater / den er
bekriegete / verriet; indem sie ihm sein Haar / an dessen Verluste der Verlust
des Reiches hing / abgeschnitten / und seinem Feinde zugeschikt. Weil sie aber
nachmahls vom Minos verschmähet ward / soll sie für grosser Betrübnis / eben wie
auch ihr Vater Nisus / in einen Vogel verwandelt sein worden / und zwar jene in
einen uns unbekanten ihres Nahmens /dieser aber in einen Sperber / den der Nahme
Nisus bezeichnet; welche beide Vogel noch heute zu Tage /dieser Begäbnis wegen /
in stähter Feindschaft leben sollen: wie Servius / bei dem 6 Hürtengedichte des
Virgiels / angemärket. Auch gedenket dessen / unter andern / Ovidius / mit
diesen Worten:
FILIA NEVE MAGIS CAPITI SIT FIDA PARENTIS,
QUÀM TUA VEL PTERELA, VEL TUA, NISE FUIT.
    Kleopatre / eine Egiptische Königliche Tochter und nachmahlige Königin / war
nicht allein die Uhrsache des gewaltigen Krieges zwischen ihrem Königlichen
Vater / und dem Sirischen Könige Alexandern; sondern veruhrsachte darnach auch
dasselbe Kriegesunwetter / das zwischen dem Antohn / und dem Keiser Augusten
entstund: indem sie den Antohn / der dazumahl Römischer Feldherr in Afriken war
/ beredete sie zu ehligen / und des Augusts Schwester / die seine Gemahlin war /
zu verstossen. Dan dieses nahm der Keiser so übel auf / dass er von stunden an
beschlos ihn zu bekriegen. Aber Antohn kahm ihm zuvor / und machte sich mit
einer gewaltigen Heersmacht auf /den August zu überrumpeln. Doch dieser schlug
ihn /in einer gewaltigen Seeschlacht / und bekahm die Kleopatre gefangen. Ja
Antohn selbst musste sein Leben einbüssen, Gemeldtes Seetreffen beschreibet /unter
andern / Virgiel / im 8 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas / überaus ahrtig.
    Tullia / des Servius Tullius / des sechsten Röhmischen Königes / Tochter /
brachte bei dem Tarkwien dem Hofärtigen so viel zu wege / dass er ihren Vater
ümbrachte / und sich des Reichs bemächtigte.
    Fridegunde / Hülfrichs / der des Klohtars Sohn war / Gemahlin / hatte die
Uhrsache / dass ihr Ehherr auf der Jagt sein Leben einbüssen musste.
    Isabelle / Luchiens / eines Wälschen Grafens Gemahlin / welche Ugolien
Gonzaga geschändet / war die Uhrsache des Krieges / den ihr Ehherr wider den
Schänder führete.
                               Zur 63 Einteilung.
Tais / welche von der Hofahrt des Pfauens / der bei den Griechen Taos heisset /
diesen Nahmen bekommen zu haben scheinet / war eine Huhre von Alexandrien /
welche die Atehnische Jugend verführete / und den grausamen Brand in der Stadt
Persepolis anrichtete. Hiervon schreibet / unter andern / Kurtz / in seinem
Buche / wie auch Zelius / im 35 Hauptst. seines 8 Buches: und Menander / ein
Griechischer Dichtmeister / hat sie / in seinen Gedichten / dermassen heraus
gestrichen / dass sie die Menandrische Tais genennet ward. Daher schreibet
Propertz:
TURBA MENANDREÆ FUERAT NEC THAIDOS OLIM
TANTA, IN QUA POPULUS LUSIT ERICHTHONIUS.
Das Gedränge üm die Menandrische Tais / darinnen das Volk zu Atehn spielete /
war ehmahls so gross nicht.
                               Zur 74 Einteilung.
Ein Leue / wan er erzürnet wird.] Hiervon schreibet Val(erius) Herberger / im 57
Hauptst. des 11 Teiles seines Werkes von den grossen Tahten GOttes.
    Indem der Geist GOttes seinen Muht bemuhtigte.] Im 14 Hauptst. des Buches
der Richter stehen hiervon diese Worte: Und der Geist des HERRN geriet über ihn
/ und er zerris ihn / wie man ein Böklein zerreisset: und hatte doch gar nichts
in seiner Hand.
                               Zur 76 Einteilung.
Nachdem er ihn in die Streucher verstekt hatte.] Flav(ius) Josef schreibet
hiervon / im 10 Hauptst. seines 5 Buches / also: und er warf das Ass desselben in
ein Dorngehäkke / nahe bei dem Wege.
                               Zur 77 Einteilung.
Von einer so kühnen Taht schwieg dieser Leuenkämpfer stok-stille.] Das Buch der
Richter führet hiervon diese Worte: und (Simson) sagte nicht an seinem Vater /
noch seiner Mutter / was er getahn hatte. Hieraus ist zugleich genugsam
abzunehmen / dass Simson seine Eltern / wie in meinem Simson angeführet wird /
vor den Weinbergen verlassen / und einen andern Weg / hinter denselben hin /
genommen: ob es schon der Schreiber des jetztangezogenen Buches / der Kürtze
wegen / nicht ausdrüklich gemeldet.
                               Zur 84 Einteilung.
Auch füget sich das Wort / das dieses Band bindet /nur aus zween Buchstaben
zusammen.] Dieses Wort ist / JA / darinnen der erste Buchstab / nähmlich das j /
ein Mitlauter / und Weiblich ist / der zweite / nähmlich das a / dagegen ein
Selblauter / und Mänlich.
                              Zur 110 Einteilung.
Was unter der Rose bleiben soll.] Die Rose war vor Alters ein Sinbild der
Verschwiegenheit. Und darum pflegte man über die Tafeln oder Tische / sonderlich
in heimlichen Raht- auch wohl Gülde-stuben / eine Rose zu mahlen / oder aus
Holtze geschnitten zu hängen; damit einieder sich dabei seiner Pflicht
verschwiegen zu sein / sooft er sie anblikte / erinnern möchte. Und dieser
Gebrauch ist ohne Zweifel daher entsprossen: weil die Rose der Liebe / derer
Werke heimlich und verschwiegen wollen gehalten sein / geheiliget ist; wie aus
folgenden Dichtbänden zu sehen:
EST ROSA FLOS VENERIS, CUJUS QUÒ FURTA LATERENT,
HARPOCRATI MATRIS DONA DICAVIT AMOR.
INDE ROSAM MENSIS HOSPES SUSPENDIT AMICIS,
CONVIVÆ UT SUB EÂ DICTA TACENDA SCIANT.
Die Rose ist eine Bluhme der Liebe / derer Diebstal verborgen zu halten hat sie
selber ihrer Mutter Geschenk dem Harpokrates / das ist der Verschwiegenheit /
geheiliget. Daher pfleget der Würt seinen Gästen eine Rose über den Tisch zu
hängen; damit sie /was unter derselben geredet würde / zu verschweigen wüsten.
Hierbei mus ich auch des Gedichtes / welches ich unlängst auf Herrn Filip Jakob
Zeiters / unter den Deutschgesinten des Verschwiegenen / Hochfürstlichen
Würtenbergischen Geheimverpflegers und Ertzschreinbewahrers / Zunftzeichen /
Zunftnahmen und Zunftspruch verfärtigte / gedenken; weil es schier nach dem
jetztangeführten Lateinischen seinen Anfang gewinnet. Es lautet aber wie folget:
Die Rose / die noch roht vom Bluhte des Adonen /
auch wohl der Venus selbst / der sie geheiligt blieb /
hat Liebereitz verehrt / dem unsre Buhler frohnen /
dem Schweiger Harpokrat; damit der kleine Dieb /
und was er in der Lieb' ausübt / verschwiegen bliebe.
Drüm wird Verschwiegenheit durch Rosen vorgebildt /
durch Rosen / die zugleich ein Zeichen seind der Liebe.
Drüm ziert die Ros' auch oft der Tafeln Oberschild.
Drüm führt sie gleich also Herr Filip Jakob Zeiter /
wiewohl mit Näglichen / die weis seind / ganz ümringt /
im Schilde / das Ihm dient zu einem Tugendleiter:
darbei sein Zunftwort auch / Hierunter bleib' es / klingt.
Der Fürsten Heimligkeit mus unter Rosen bleiben /
mus mit Verschwiegenheit durchaus gehandhabt sein.
Wer dieses tuht / der mag sich den Verschwiegnen schreiben mit recht und ohne
scheu; der ziert den Rosenschrein. Dieser Harpokrates ist ein Weisemeister
gewesen / welcher gelehret: die Verschwiegenheit sei die gröste Tugend. Daher
ist sein Bildnis / welches /mit seinen auf den Mund gelegten Fingern / wie die
Göttin Angerone zu Rohm / zur Verschwiegenheit anmahnete / bei dem Götzendienste
der Isis / und des Serapis gebraucht worden. Dass er aus der Insel Farien bürtig
gewesen / zeigt Alziat in folgenden Bänden an:
CÙM TACET, HAUD QUICQUAM DIFFERT SAPIENTIBUS, AMENS,
STULTITIÆ EST INDEX LINGUAQUE VOXQUE SUÆ.
ERGO PREMAT LABIUM, DIGITOQUE SILENTIA SIGNET,
& SESE PHARIUM VERTAT IN HARPOCRATEM.
                              Zur 121 Einteilung.
Dass die Bienen desselben Rachen zum Honigstokke gemacht.] Am mehrgemeldten Orte
des Buches der Richter lauten die Worte hiervon also: und er traht aus dem Wege
/ dass er das Ass des Leuen besähe. Sihe! da war ein Bienenschwarm im Ase des
Leuen /und Honig. Und er nahm es in seine Hand / und ass darvon unter Wegens: und
ging zu seinem Vater / und zu seiner Mutter / und gab ihnen / dass sie auch assen.
Er sagte ihnen aber nicht an / dass er den Honig von des Leuen Ase genommen
hatte.
                              Zur 125 Einteilung.
Auch vergass er hierbei seiner Liebsten nicht.] Flavius Josef schreibet hiervon /
im 10 Hauptst. seines 5 Buches / also: und er nahm daraus drei Honigscheiben
/und überreichte sie / neben andern Geschenken / seiner Liebsten.
                              Zur 129 Einteilung.
Er ist die grosse Sonne der Gerechtigkeit.] So nennet unsern HErrn und Heiland
Maleachi / wan er im 4 Hauptst. seines Buches saget: Euch aber / die ihr meinen
Nahmen fürchtet / soll aufgehen die Sonne der Gerechtigkeit. Eben dasselbe will
auch Johannes sagen /wan er im 21 Hauptst. seiner Offenbahrung / also spricht:
und die Stadt darf keiner Sonne / noch des Mohnes / dass sie ihr scheinen. Dan
die Herligkeit Gottes erleuchtet sie / und ihre Leuchte ist das Lam. Und die
Heiden / die da sälig werden / wandeln in demselben Lichte. Ja der Heiland
selbst will dieses sagen / wan Er / im 8 Hauptst. der Heilverkündigung des
Johannes / saget: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolget / wird nicht in
der Fünsternis wandeln; sondern das Licht des Lebens haben.
    Wie der Engel von ihm mit Vorbedacht sagte.] Nähmlich im 13 Hauptst. des B.
der Richter: und er (Simson) wird anfangen Israel zu erlösen aus der Filister
Hand.
    Eine ganz volkommene und ewige Erlösung.] Hiervon redet das Sendeschreiben
an die Ebräer / im 9 Hauptst. wie folget: Kristus ist kommen / dass Er ein Hoher
Priester der zukünftigen Gühter sei / durch eine grössere und volkomnere Hütte.
Auch ist Er nicht durch der Kälber oder Bökke Bluht / sondern durch sein eigenes
einmal in das Heilige eingegangen / und hat eine ewige Erlösung erfunden. Ja Er
hat die ewige Gerechtigkeit gebracht; wie Daniel / im 9 Hauptst. seiner
Weissagung / redet.
                              Zur 132 Einteilung.
Das heilige Kind Gottes.] Also nennen die Jünger des HErrn unsern Heiland / in
ihrem Gebähte / wan sie zu Gotte dem Vater folgender Gestalt bähten: sie haben
sich versamlet über dein Heiliges Kind JESUS; welchen Du gesalbet hast / u.s.f.
wie die Apostelgeschicht / im 4 Hauptstükke / bezeuget. Ja der Engel Gabriel
nennet Ihn gar den Allerheiligsten / wan er zum Daniel / in dessen 9 Hauptstükke
spricht: siebenzig Wochen seind bestimmt über dein Volk / und über deine heilige
Stadt: da wird dem Uberträhten gewehret / und die Sünde zugesiegelt / und die
Missetaht versühnet / - - - und der Allerheiligste gesalbet werden. Eben
derselbe Gabriel ist es / der Ihn auch das Heilige Kind nennet / wan er zur
Jungfrauen Marien /bei dem Lukas / im 1 Hauptstükke / folgender Gestalt spricht:
der Heilige Geist wird über dich kommen /und die Kraft des Höchsten wird dich
überschatten. Darüm soll auch das Heilige / das von dir geboren wird / Gottes
Sohn genennet werden.
    Ja Er heiligte sich selbst für uns.] Dieses bezeuget unser Heiland von sich
selbst / in seinem Gebähte zu seinem Vater / wan Er / bei dem Heilverkündiger
Johannes / im 17 Hauptst. unter andern spricht: heilige sie in der Wahrheit.
Dein Wort ist Wahrheit. Ich heilige mich selbst für sie; aufdass auch sie
geheiliget seind in der Wahrheit / u.s.f. Eben derselbe Johannes bezeuget auch
in seinem 8 Hauptst. was / in meinem Simson / straks hierauf folget. Ja er
führet zugleich /im 6 Hauptst. diese des Heilandes eigene Worte mit an: Ich bin
vom Himmel kommen / nicht / dass Ich meinen Willen tuhe / sondern Dessen / der
Mich gesandt hat / u.s.w. Das übrige findet man bei dem Lukas / 2. Esaias / 9.1
Pet(rus) 5. Matt(eus) 4. Offenb(arung) Joh(annes) 5. Esa(ias) 7. u.a.m.
                              Zur 134 Einteilung.
Sie lauerte darauf / mit unverwanten Blikken.] Hierher zielet / was Mantuan / im
1 seiner Hürtengedichte saget:
NON CELARE SUAS, NEC VINCERE FOEMINA CURAS,
NEC DIFFERRE POTEST. TANTUM LEVITATIS IN ILLÂ EST.
                              Zur 138 Einteilung.
Dreissig der muhtigsten Timnattischen Jünglinge.] Das Buch der Richter meldet
hiervon / im 14 Hauptst. folgender Gestalt: und da sie ihn sahen / gaben sie ihm
dreissig Gesellen zu / die bei ihm sein sollten. Diese Worte werden / im
oftangezogenem 5 Buche des Flavius Josefs / also erklähret: darnach lud er zur
Hochzeit die Timnatter: welche dem Jünglinge / weil sie ihn / seiner Stärke
wegen / verdächtig hielten /zum scheine der Ehren / dreissig Brautdiener aus
derer Zahl / die ihm Alters halben gleich waren / zufügten / mit dem Befehle /
dass sie auf ihn acht schlügen / damit er nicht etwan einen Muhtwillen verübete.
                              Zur 142 Einteilung.
Uber Lehi.] So ward derselbe Ort genennet / da Simson nicht lange hiernach
tausend Filister / mit einem Eselskinbakken erschlug; wie das 15 Hauptst. des B.
der Richter / schier am Ende / beschreibet. Dagons Götzenhaus war dasselbe / das
Simson über einen Hauffen warf / und dadurch mehr Filister töhtete / als er
zuvor iemahls getahn; wiewohl er selbst sein Leben darbei einbüssen musste; wie im
16 Hauptst. des jetzt angezogenen Buches zu lesen.
                         Anmärkungen des zweiten Buches
                               Zur 1 Einteilung.
Gesichtskreus / das ist derselbe Kreus und Umschweif des Erdbodems / der sich so
weit erstrekket / als wir mit unsern Augen sehen können. Sonst wird er bei uns
auch Gesichtsendiger / und bei den Griechen und Lateinern HORIZON, ja selbst bei
den letzteren FINITOR, oder FINIENS genennet.
    Gegenfüsser / das seind dieselben Menschen / welche / auf der Unterfläche des
Erdbodems / unsern Füssen ihre Füsse zukehren. Sonst werden sie auch Gegengänger /
Gegenwandler / aber so eigendlich nicht /genennet. Die Griechen und Lateiner
gebrauchen beide das Wort ANTIPODES, wie auch ANTICHTHONES. Hiervon kann Plinius
/ im 65 Hauptstükke seines 2 Buches / wie auch im 22 Hauptst. des 6 Buches
gelesen werden.
                               Zur 6 Einteilung.
Die Französischen Haarstulpen.] Das ist ein falsches Haar / oder eine
Hauptzierde von falschen Haaren /welche von den Franzosen PERRUQUE, oder
vielmehr FAUSSE PERRUQUE, MENTITA CÆSARIES genennet / und über das rechte
angebohrne Haar / oder das Heupt / als eine Haarmütze / oder Haarhaube /
gleichsam hingestülpet wird. Simson trug lieber sein eigenes langgewachsenes
Haar / wie die Sparter /und Lazedemonier; denen dort Likurgus / hier Agesilaus
eine Satzung vorgeschrieben ihre Haare wachsen zu lassen: weil ein
langgewachsenes Haar ein Zierraht sei / der wenig kostete; wie Nikander / und
ebengemeldter Agesilaus gemeinet.
                               Zur 8 Einteilung.
Es geziemet keinen Man.] Hierher zielet Ovidius /wan er schreibet;
SINT PROCUL À VOBIS JUVENES UT FOEMINA COMTI.
FINE COLI MODICO FORMA VIRILIS AMAT.
                         Zur 13, 14, und 16 Einteilung.
Ich will euch ein Rähtsel aufgeben.] Hiervon redet das Buch der Richter / im 14
Hauptst. also; Simson sprach zu ihnen: ich will euch ein Rähtsel aufgeben. Wan
ihr mir das errahtet / und treffet / diese sieben Tage der Hochzeit; so will ich
euch dreissig Hemden geben / und dreissig Feierkleider. Könt ihr es aber nicht
errahten / so solt ihr mir dreissig Hemden / und dreissig Feierkleider geben.
Und sie sprachen zu ihm: gib dein Rähtsel auf / lass es uns hören. Er sprach zu
ihnen: Speise ging von dem Frässer / und Süssigkeit von dem Starken, u.a.m.
                               Zur 22 Einteilung.
Aus den immergebährenden Bergen.] Hier haben wir auf das Dichtband des Horaz
gesehen:
PARTURIUNT MONTES, NASCETUR RIDICULUS MUS.
Wie auch auf dieses Griechische Sprichwort: odine oyros, eita myn apektiken,
MONS PARTURIBAT, DEINDE MUREM PRODIDIT, der Berg lag in Kindesnöhten / darnach
gab er eine Maus hervor.
                               Zur 91 Einteilung.
Den die trüpfende Regentropfen ermürben.] Hiermit haben wir auf des Ovidius
Dichtband ein Absehen gehabt:
GUTTA CAVAT LAPIDEM, CONSUMITUR ANNULUS USU.
Wie auch auf folgenden Spruch bei dem Stobäus: durch die vielen Tropfen / die
fort und fort trüpfen /wird auch ein Stein selber so ausgehöhlet / dass er
endlich zerspaltet. Dieses gibt Tullius ganz kurtzbündig: ASSIDUA GUTTA
LAPIDEM EXCAVAT, ein stähtstrüpfender Tropfe trüpfet den Stein in Stükken / und
höhlet ihn aus: und einander also:
GUTTA CAVAT LAPIDEM CONTINUATA CADENS.
                              Zur 141 Einteilung.
Der Krammetsvogel.] Alhier sehen wir auf das gemeine Sprüchwort der Griechen:
kixla xizei aytoy kakon, TURDUS SIBI IPSI MALUM CACAT. Dieser Vogel / der
sonsten auch ein Ziemer oder Wacholdervogel / weil er die Wacholderbeere so
gerne frisset / genennet wird / pfleget seinen Mist / wieman saget /gemeiniglich
auf die bemoseten Zakken der Aepfelbeume zu werfen: da dann ein Baumgewächse /mit
weissen klebrichten Beeren / daraus der Vogelleim gesotten wird / entsprüsset.
In Meissen wird dieses Baumgewächse Kenster genennet / und meistenteils auf den
alten Aepfelbeumen gefunden: wiewohl es zuweilen auf den Eichen / da man es den
Eichenmispeln oder vielmehr Eichenmisteln nennet / zu sehen (ist). Dieser der
Ziemer Mist / weil aus ihm gemeldte Vogelbeere / daraus der Leim zum Vogelfangen
gekocht wird / samt ihrem ganzen Gewächse /wachsen / hat also Ursache zu
gemeldtem Sprichworte gegeben; welches von denen / die ihnen selbst ein Unglück
verursachen / gesagt wird.
    Hette Simson der Eingebung seiner Liebe gefolget.] Von diesem ganzen Handel
führet das Buch der Richter / am 14 Hauptst. keine Worte mehr / als diese: Aber
Simson sprach zu ihnen: wan ihr nicht hettet mit meinem Kalbe gepflüget / ihr
hettet mein Rähtsel nicht getroffen. Und der Geist des HErrn geriet über ihn:
und er ging hinab gen Asklon / und schlug dreissig Männer unter ihnen / und nahm
ihr Gewand / und gab Feierkleider denen / die das Rähtsel errahten hatten. Auch
ergrimmete er in seinem Zorne / und ging hinauf in seines Vaters Haus. Dass durch
diese letzten Worte Simsons Grol / den er auf seine Liebste / weil sie sein
Geheimnis geoffenbahret / geworfen / wie auch dass er sie deswegen eine Zeit lang
verlassen wollen / gemeinet sei / können wir aus der folge leichtlich schlüssen:
nähmlich da sein Schwiegervater zu ihm also spricht: ich meinte / du werest ihr
(meiner Tochter) gram worden / u.a.m.
                              Zur 142 Einteilung.
Das Mittelmass ist das beste.] Eben dasselbe will Tullius andeuten / wan er in
seinem Buche von den Freundespflichten saget: MEDIOCRITAS REGULA OPTIMA, die
Mittelmässigkeit ist die beste Richtschnur / oder das Mittelmass ist das beste
Mass: welches gleichsoviel gesagt ist / als des Apollodorus Spruch bei dem
Stobäus / h mesots en pasin aspalestera. Marzial zielet eben hierher / wan er
spricht:
ILLUD, QUOD MEDIUM EST, ATQUE INTER UTRUMQUE, PROBATUR.
wie auch Ovidius mit diesem halben Dichtbande:
- - MEDIO TUTISSIMUS IBIS,
auf der Mittelstrasse ist der sicherste Weg / oder in der Mitte gehestdu am
sichersten. Dan
    VIRTUS EST MEDIUM VITIORUM UTRINQUE REDUCTUM, HOC EST, VIRTUS EST MEDIA
INTER DUO EXTREMA VITIOSA; wie Horatz urteilt.
    Durch alzugrosse Guhtwilligkeit.] Tullius saget / in seiner Rede an den
Brutus: MODUS EST OPTIMUS, DECUS IPSUM TENERE, NEC PROGREDI LONGIUS , den
Wohlstand beobachten / und nicht alzuweit fortschreiten / ist das beste Mass. Ja
eben derselbe drükt die Meinung dessen noch deutlicher aus /wan er anderwärts
spricht: SUUS CUIQUE MODUS EST; TAMEN MAGIS OFFENDIT NIMIUM, QUÀM PARUM,
einiedes hat seine Masse: doch schadet das Alzuviel mehr / als das Alzuwenig.
 
                        Anmärkungen des dritten Buches.
                               Zur 5 Einteilung.
Mit deiner Gebuhrt ging es ganz wunderlich zu.] Im 13 Hauptst. des Buchs der
Richter findet man / unter andern. / diese Worte: und der Engel des HErrn (der
in der folge sich selbst Wundersam nennet / auch mit der Schlachtgabe wunderlich
ümging) erschin dem Weibe des Manoah / und sprach zu ihr: siehe! du bist
unfruchtbar / und gebierest nichts; aber du wirst schwanger werden / und einen
Sohn gebähren. So hühte dich nun / dass du nicht Wein / noch starkes Getränke
trinkest / und nichts Unreines essest. Dan du wirst schwanger werden / und einen
Sohn gebähren / dem kein Schährmesser auf das Heupt kommen soll: dann der Knabe
wird ein Verlobter Gottes sein von Mutterleibe / und er wird anfangen Israel zu
erlösen aus der Filister Hand.
                               Zur 10 Einteilung.
Die Schönheit deiner Mutter / die dazumahl überaus schön war.] Hiervon redet
Flavius Josef / im 10 Hauptstükke des 5 Buchs / unter andern also: Manoches /
ein fürtreflicher Man unter Dans Kindern / und ohne Widersprächen ein Fürst
seines Vaterlandes /hatte eine so überaus schöne Frau / dass sie an Schönheit
alle Weibsbilder zu ihrer Zeit übertraf / u.s.f. Er liebete sie aber so
übermässig / dass er für grosser Liebe schier tol ward. Auch war er auf das
heftigste Liebeseifrig.
    Ja er zog sie selbst in Verdacht.] Dieses ist aus des jetztgemeldten Flavius
Josefs Worten genommen; der in der folge solcher gestalt fortredet: Sie gab
ihrem Ehherrn / sobald sie wieder zu ihm kahm / des Engels Worte zu verstehen.
Auch priese sie desselben jugendliche Leibesgestalt und Schönheit dermassen /dass
ihr Ehherr / durch ein solches Lob / zum Liebeseifer / und die Keuschheit seines
Weibes in einen Argwahn zu ziehen bewogen ward. Weil sie nun dem Manne seinen
närrischen Unmuht zu benähmen gedachte / rief sie Gott inständig an / Er wolle
doch den Engel noch einmal erscheinen lassen: damit ihn ihr Man auch sehen
möchte / u.s.f.
                               Zur 11 Einteilung.
Den nennete sie einen Man Gottes.] Im Buche der Richter stehen / am
obangezogenem Orte / folgende Reden: Es kahm ein Man Gottes zu mir / und seine
Gestalt war anzusehen / wie eines Engels Gottes / fast erschröklich / dass ich
Ihn nicht fragte / woher? oder wohin? und er sagte mir nicht / wie er hiesse.
                               Zur 23 Einteilung.
Sie war ungleich muhtiger und behertzter / als dein Vater.] Hiervon seind an
mehrgedachtem Orte / des Buchs der Richter / folgende Worte zu lesen: da erkannte
Manoah / dass es ein Engel des HErrn war / und sprach zu seinem Weibe: wir müssen
des Todes sterben / weil wir GOtt gesehen haben. Aber sein Weib antwortete ihm:
wan der HErr Lust hette uns zu töhten / so hette Er das Brandopfer und
Speisopfer nicht genommen von unsern Händen; Er hette uns auch nicht solches
alles erzeiget / noch uns solches hören lassen / wie jetzt geschehen ist.
                               Zur 47 Einteilung.
Sie war veränderlicher / als die Rattenheidexe.] Dieses Ungeziefer / welches bei
den Griechen und Lateinern CHAMÆLEON, bei uns aber / weil es mit den Füssen und
dem Schwantze der Ratte / doch mit dem übrigen Leibe der Heidexe gleichet / eine
Rattenheidexe heisset / und seiner Furchtsamkeit wegen / wie Plinius im 8 Buche
meldet / bald diese / bald jene Farbe annimt / hat Alziat / bei seinen
Sinbildern / mit den Heuchlern und Schmeuchlern sehr artig verglichen / wan er
also schreibet:
SEMPER HIAT, SEMPER TENUEM, QUÂ VESCITUR, AURAM
RECIPROCAT CHAMÆLEON:
& MUTAT FACIEM, VARIOS SUMITQUE COLORES:
PRÆTER RUBRUM, VEL CANDIDUM.
SIC & ADULATOR POPULARI VESCITUR AURÂ,
HIANSQUE CUNCTA DEVORAT:
& SOLÙM MORES IMITATUR PRINCIPIS ATROS,
ALBI ET PUDICI NESCIUS.
Die Rattenheidexe ziehet / mit aufgesperter Schnautze / die Luft / dadurch sie
sich erhohlet / allezeit nach sich. Auch, verändert sie ihre Gestalt / und nimt
mancherlei Farben an / ohne die Rohte und Weisse. Also schnappet der Heuchler
nach der Luft des gemeinen Völkleins / und verschlinget / mit aufgespertem
Rachen / alles / was ihm vorkömt: ja er ahmet den schwartzen Sitten der Fürsten
nach / und weis von der weissen Farbe der Aufrichtigkeit / und der Röhte der
Schaam nichts.
    Die Kreutlein der Liebe / Vergismeinnicht / und Ielängerielieber.] Dieses
wird von den Griechen xamaipitys, und yperikon, von den Lateinern AJUGA, oder
ABIGA, CUCURBITULARIS, und bei dem Plinius THUS TERRÆ, von den Wälschen IUA,
CHAMEPITIO, von den Franzosen IUE MOSCATE oder ARTHETIQUE, und von den Spaniern
PENILHO der IUA ARTHETICA genennet. Es hat einen Geruch schier / wie das
Fiechtenhartz / und wird vom Dioskorides / im 171 Hauptst. seines 3 Buches /
beschrieben. Jenes aber wird sonst auch Gamanderlin / und bei den Lateinern
QUERCULA MINOR genennet. Es ist ein blau- und lieblichblühendes Kreutlein / mit
zahrten Blühmlein / wiewol etwas harten Stängeln.
                               Zur 53 Einteilung.
Wie es jenem Mahler müglich war.] Dieser Mahler war Apelles / der alle
Schönheiten der Jungfrauen zu Kroton zusammensamlete / und in einem einigen
Bilde der Venus entwarf / damit es unvergleichlich schön sein möchte.
                               Zur 69 Einteilung.
Sie sei schon einem andern verheurrahtet.] Flavius Josef führet hiervon / an
oftangezogenem Orte / diese Worte: aber die verschmähete Frau / damit sie ihm
wieder einen Possen spielen möchte / verheurrahtete sich an einen seiner
Mitgesellen / welcher die vorige Heurraht gemacht.
                               Zur 75 Einteilung.
Zu dem Ende schlug er ihm seine jüngere Tochter zur Ehe vor.] Im 15 Hauptst. des
Buchs der Richter spricht Simsons Schwiegervater also: sie hat aber eine jüngere
Schwester / die schöner ist / dann sie: die lass dein sein für diese.
                               Zur 82 Einteilung.
Weil man dergleichen schon zu des Noah Zeiten erfahren.] Diese Geschicht
beschreibet Moses / im 6 und 7 Hauptstükke seines Buches von der Schöpfung /
ausführlich.
                               Zur 84 Einteilung.
Dass die Holländer den Fund ihrer Brandschiffe.] Diese Bränder oder Brandschiffe
sind in der gewaltigen Seeschlacht in Duins vor Engelland zum allerersten
gebraucht worden / die Spanische mächtige Kriegsfluht / welche mit der
Englischen der Königin Elisabet in ein hartes Treffen gerahten / zu verbrennen:
wie Famian Strada / in seinem Buche vom Niederdeutschen Kriege / da er zugleich
die erschrökkliche Gewalt solcher Bränder sehr ahrtig beschrieben / bezeuget.
                               Zur 88 Einteilung.
Nähmlich der Fariseer / Saduzeer / und Esseer.] Hiervon kann Val(erius) Herberger
/ in seinem 11 Teile von den grossen Tahten Gottes / über das 15 Hauptst. des
Buchs der Richter gelesen werden.
                               Zur 94 Einteilung.
Er weidete seine Begierde selbst in den Weinbergen.] Dieses giebet das Buch der
Richter klahr genug zu verstehen / wan desselben Schreiber / im 11 Hauptst.
folgender Gestalt spricht: Er zündete (die Bränder) an mit Feuer / und lies sie
unter das Korn der Filister: und zündete also an die Mandeln / samt dem
stehenden Korne / und Weinberge / und Oehlbeume.
                               Zur 96 Einteilung.
Uber Sodoma und Gomorra.] Die Verwüstung dieser zween Städte durch Feuer / Pech
/ und Schwefel / beschreibet uns Moses im 18 und 19 Hauptst. des Buches der
Schöpfung,
                              Zur 107 Einteilung.
Die Vermuhtungen gerieten endlich gar stark auf den einigen Simson.] Hiervon
redet das Buch der Richter /im 15 Hauptstükke / wie folget: da sprachen die
Filister: wer hat das getahn? Da sagte man: Simson / der Eidam des Timnatters /
darüm dass er ihm sein Weib genommen / und seinem Freunde gegeben hat. Da zogen
die Filister hinauf / und verbranten sie / samt ihrem Vater / mit Feuer. Aber
Flavius Josef erzählt diese Begäbnis etwas anders / wan er / im 10 Hauptstükke
des 5 Buches der Jüdischen Alteiten / also spricht: nachdem die Fürsten des
Volkes dieses erfahren / wie auch was den Simson hierzu bewogen ausgeforschet /
da schikten sie ihre Beamteten nach Timnat / und liessen Simsons gewesene Frau /
mit ihren Verwanten / die man schuldig befunden / öffentlich verbrennen.
 
                        Anmärkungen des vierden Buches.
                               Zur 4 Einteilung.
Im Agrigentischen glühendem Ofen.] Diesen hat Perillus / ein Künstler von Atehn
/ auf Befehl des Falaris / Königes von Agrigent / den Tullius den grausamsten
aller Wühtriche nennet / aus Ertze gegossen / und so künstlich erfunden / dass
die Menschen / die man darinnen versperret brahten lies / eben als ein Ochse
/wie Plinius / im 8 Hauptst. seines 34 Buches / meldet / zu bölken schienen.
Daher schreibet Ovidius / im seiner Trauergedichte:
IPSE PERILLÆO PHALARIS PERMISIT IN ÆRE
EDERE MUGITUS, & BOVIS ORE QUERI.
wie auch anderwärts:
ÆRE PERILLÆO VEROS IMITERE JUVENCOS,
AD FORMAM TAURI CONVENIENTE SONO.
Aber der Erfinder / als er vom Falaris / der an dergleichen neuen Peinwerkzeugen
sich überaus ergetzte /eine Verehrung forderte / musste der erste sein / welcher
/ auf Befehl des Wühterichs / darinnen verbrant ward. Ja Falaris ward endlich
selbst / samt seiner Gemahlin / und den Kindern / durch das aufrührisch gemachte
Volk / in eben demselben Ochsen hingerichtet; wie es ebenmässig Ovidius mit
folgenden Worten berühret:
UTQUE FEROX PHALARIS, LINGUÂ PRIUS ENSE RESECTÂ,
MORE BOVIS PHARIO CLAUSUS IN ÆRE GEMAS.
                               Zur 5 Einteilung.
Kreuse / die auch Glauke genennet wird / des Korintischen Königs Kreons Tochter
/ welche Jason geehliget / nachdem er die Medee / des Kolchischen Königs Eta
Tochter / verlassen: darüm dann diese / sich zu rächen / jener ein Kästlein /
darinnen sich ein verborgenes Feuer befand / zur Verehrung geschickt; aus
welchem / sobald man es eröfnet / das eingeschlossene Feuer heraus gefahren /
und das ganze Schlos /mit der Kreuse / verbrant. Daher schreibet Propertz im 2
Buche seiner Gedichte:
ASPICE, QUID DONIS ERYPHILA INVENIT AMARIS,
ARSERIT & QUANTIS NUPTA CREUSA MALIS.
Siehe doch / was Erifile / das ist Medee / mit ihren bitteren Geschenken
erfunden / und wie die Gemahlin Kreuse so unglücklich verbrant worden. Aber
Nigidius schreibet / dass Kreuse / dem Feuer und Gifte der Medee zu entflühen /
sich zu Korint in einen Brunnen / den man nachmahls Glauke genennet / sollte
gesturtzt haben.
    Alzibiades / ein fürtreflicher Kriegs- und Stahts-man zu Atehn / der so
grosse Tugenden / und zugleich auch so grosse Laster an sich hatte / dass man
zweifelte / ob er mehr zu preisen / oder zu schälten sei / war überaus wohl
gestaltet / und mit einer sonderlichen Schönheit begabet / zu derer Erhalt-oder
Vermehrung / er die wilde Ochsenzunge / eine Gattung der Rohten / die sonst
ANCHUSA, nach ihm aber alkibiadion, das ist Alzibiadeskraut / genennet worden.
Dieser /als er Atehn verlassen / und sich in Frigien aufhalten musste / ward alda
von denen / die ihn zu verfolgen ausgeschikt waren / in seinem Bette verbrant;
wie Plutarch / Elian / Justien / im 5 Buche / und Plinius /im 22 Hauptstükke
seines 34 Buches / angezeichnet.
    Pitagoras war der weltbekante fromme Samische Weisemeister / dessen Lob
Ovidius / im 15 seiner Verwandlungssbücher also erhöbet:
MENTE DEOS ADIIT, & QUÆ NATURA NEGAVIT
USIBUS HUMANIS, OCULIS EA PECTORIS HAUSIT.
Von diesem meldet Laertz / dass er / im Wälschlande zu Kroton / da er zur Zeit
des Servius Tullius / wie Livius / Suidas / und Dionisius schreiben / gelehret
/in des Nikokles oder Milons Hause / von einem Jünglinge / den er in seine
Schuhle nicht aufnehmen wollen / verbrant / oder vielmehr / nachdem er aus dem
brennenden Hause geflohen / ermordet worden. Aber Plutarch beschuldiget hiermit
/ in seinem Buche vom Sokratischen Geiste / die Kiklonier; indem er meldet /dass
eben diese den fürtreflichen Man zu Metapont /welches eine Griechische Stadt war
/ in / und samt dem Hause seiner Gesellschaft / eingeäschert. Hingegen wird vom
Dizearch / bei dem Laertz / gegleubet /dass er nicht verbrant / auch nicht
ermordet / sondern im Heiligtuhme der Musen zu Metapont / dahin er geflohen /
nachdem er vierzig Tage gefastet / im achtzigsten Jahre seines Alters / wie
Heraklides / bei dem Laertz / angemärket / gestorben sei. Man hielt ihn /seines
überaus mässigen und halbgötlichen Lebens wegen / so hoch / dass er auch nach
seinem Tode /gleichals ein Gott geehret / und seine Wohnung zum Götzenhause
gemacht ward; wie Trogus im 20 Buche bezeuget.
                               Zur 24 Einteilung.
Wie Bitus und Bachius.] Diese / derer Swetohn gedenket / waren zween
fürtrefliche Fechter / die weder an Kühnheit / noch Kunst einander nicht wichen.
Dan nachdem sie viel andere Fechter niedergemacht / gingen sie endlich auch auf
einander selbst los / und erstachen sich / nach langem Fechten / alle beide.
Daher sagt Horatz:
UT NON COMPOSITI MELIUS CUM BITHO BACCHIUS.
Hiervon komt das Sprichwort / Bitus wider den Bachius: welches gebraucht wird /
wan zween Böse mit gleicher Bosheit einander begegnen.
                               Zur 26 Einteilung.
Arba / der Enaker oder Enakskinder Stamvater / den Jakob Kapelle / weil , ARBA,
bei den Ebräern so viel als Viere bedeutet / und das Wort , das ist ein
Ellebogen / darbei sollte verstanden werden / vier Ellebogen lang gewesen zu sein
meint . Aber er hat diesen Nahmen / indem eine Länge von vier Ellebogen zu einem
solchen Riesen / welcher der gröste unter den Enakskindern / wie es in der
Grundsprache lautet / im 14 Hauptst. des Buchs des Josua / genennet wird / viel
zu wenig ist / durch das Wort Ellebogen ganz nicht recht erklähret. Dan weil
dieser Arba gleichsam ein Vater der vier Riesen war / nähmlich des Enaks /
Achimans / Sesai / und des Telmai / derer drei letzten im 1 Hauptstükke des
Buchs der Richter gedacht wird / so kann man anders nicht urteilen / als dass
dieser Nähme volkömlich , ABI-ARBA, das ist der Vater der Viere / nähmlich der
Vier Riesen / heissen soll. Dergleichen Beispiel finden wir im 26 Hauptst. des 4
der Bücher des Moses / am Nahmen Hieser oder Ihezer / den das Buch des Josua im
17 Hauptst. volkommen Abiezer ausspricht. Dieses Ihesers oder vielmehr Abiesers
Vater war Gilead / und Grossvater Machir / der Sohn des Manasse.
                               Zur 27 Einteilung.
Kirjat-Arba / , das ist des Arba Stadt.] Diese lag auf dem Gebürge des Juda /
und war eine von den sechs Freistädten der Kinder des Israels / wie Josua im 20
Hauptst. seines Buches anzeiget: wie auch eine von den Städten der Kinder des
Levi; darvon das 21 Hauptstükk des gemeldten Buches also spricht: so gaben sie
ihnen (den Kindern Aarons / des Geschlächts der Kahatiter / aus den Kindern des
Levi) Kirjat-Arba / die des Vaters Enaks war / das ist Hebron / auf dem Gebürge
des Juda. Ja eben dieselbe Stadt war es / die erstlich dem Kaleb / dem Sohne des
Jefunne / straks nach ihrer Eroberung / der Stam des Juda erblich zu besitzen
übergab. Die Worte des 1 Hauptstükkes des Buchs der Richter lauten hiervon also:
und Juda zog hin wider die Kananiter / die zu Hebron wohneten (Hebron aber hies
vor Zeiten Kirjat-Arba) und schlug den Sesai / und Achiman / oder Ahiman / und
Talmai. Und sie gaben dem Kaleb Hebron / wie Moses gesagt hatte. Und er vertrieb
daraus die drei Söhne des Enak. Eben dasselbe meldet auch das 15 Hauptst. des
Buches des Josua. Hierbei kann zugleich nachgelesen werden das 14 Hauptst.
jetztangezogenen Buchs / wie auch was wir droben bei der 21 Einteilung unsers
ersten Buches / und Matt(eus) Aurogallus / in seinem Buche von den Eignen Nahmen
der Ebräer / hiervon erinnert. Kirjat-Arche / das ist der Uhrkunden Stadt.] Von
den dreierlei Nahmen dieser Stadt haben wir droben / bei der 21 Einteilung
unsers 1 Buches schon etwas angemärket. Den jetztgemeldten findet man in der
Kaldäischen Ubersetzung aus dem Arabischen. Dass ihr aber der Nähme Debir / das
ist Dornenstadt / wie es Altammer / in seinem Walde der Eignen Schriftnahmen /
erklähret / erst nach der Zeit / da sie von den Kindern des Israels erobert
worden / gegeben sei / erscheinet aus dem 15 Hauptst. des Buchs des Josua / und
aus dem 1 Hauptst. des Buchs der Richter / da man diese Worte lieset: Und Juda
zog von dannen / wider die Einwohner zu Debir. Debir aber hies vor Zeiten
Kirjat-Sefer. Und Kaleb sprach: wer Kirjat-Sefer schläget / und gewinnet / dem
will ich meine Tochter Achsa zum Weibe geben / u.a.m. Auch saget das jetztgemeldte
15 Hauptst. des Buches des Josua ferner / und weiter nach dem Ende zu:
Kirjat-Sanna / das ist Debir.
                               Zur 28 Einteilung.
Enak oder Anak.] , das ist ein Halsschmukträger /Halskettenträger / TORQUATOS,
war ein Uhrhöber der , ANAKIM, der Anaker oder Enaker / oder der , Anakskinder
oder Enakskinder. Jenes gedenket die heilige Schrift an vielen Oertern: nähmlich
im 4 B. des Moses 13; 29;34: im 5 B. Mos(e) 9; 2: und im Buche des Josua / 15;
13, 14: 21; 12: wie auch im Buche der Richter / 1; 20: dieser aber / im 5 B. des
Moses 1; 28: und im B. des Josua / 11; 21, 22: 14; 12, 15. Auch nennet eben
dieselbe die drei Söhne des Enaks / aus denen alle die andern eigendlich also
genenten Enaker oder Enakskinder entsprossen / im 4 B. des Moses 13; 23: wie
auch im Buche des Josua /15; 4: und im B. der Richter / 1; 10, 20, ausdrüklich
mit Nahmen. Am erstangeführten Orte stehen hiervon diese Worte: da (zu Hebron)
war Achiman / Sesai /und Talmai / die Kinder des Enak. Hebron aber war sieben
Jahr gebauet vor Zoan in Egipten / u.a.m.
    Der Föniker oder Fönizier / oder auch Pöner / und Puniker Nahme.] Hiervon
kann droben unsere Anmärkung / bei der 13 Einteilung unsers 1 Buchs nachgelesen
werden.
    Darunter man nicht allein die Riesen von Kanaan.] Dass aber die Föniker ins
gemein für Anakskinder oder Anaker haben wollen gehalten sein / obschon die
wenigsten von Anak herstammeten / sieht man /unter andern / deutlich genug am
Nahmen der Stadt Kartago / welche sie gebauet / und in ihrer Sprache
CHADRE-ANAK, , das ist den Sitz der Anaker / genennet: wie / im 2 Aufzuge der 5
Handlung seines so genenten POENULUS, Plautus anzeiget /und Bochard / in seinem
Kanaan / am 804 Bl. weitleuftig angemärket. Auch ist es kein Wunder; weil es
schier bei allen Völkern gebreuchlich / dass sie nach ihrem edlesten und
berühmtesten Teile sich zu nennen pflegen.
                           Zur 29 und 30 Einteilung.
Achiman / wird von den Ebräischen Sprachmeistern solcher Gestalt erklähret / als
wan es aus und gebildet were / und als hiesse es , das ist durch die Faust 20
den Brüdern überlägen. Sesai / , war der mitteste Sohn des Enaks / wiewohl ihn
das Buch des Josua / und der Richter voran setzet. Talmai / , scheinet aus das
ist eine Furche /oder Akkerfuhre / gebildet zu sein.
                               Zur 31 Einteilung.
Des Landes Einwohner.] Diese Worte stehen im 4 Buche des Moses /13; 29, 32, 33,
34.
                               Zur 32 Einteilung.
Gleichwohl überwand sie Josua.] Hiervon handelt das 11 Hauptst. des Buches des
Josua also: zu der Zeit kahm Josua / und rottete aus die Enakim von dem Gebürge
/ von Hebron / von Debir / von Anab / von allem Gebürge des Juda / und von allem
Gebürge Israels / und verbannete sie / mit ihren Städten; und lies keinen der
Enakim übrig bleiben / im Lande der Kinder Israels / ohne zu Gaza / zu Gad / zu
Asdod: da blieben sie übrig.
    Der Riese Goliat.] Von diesem handelt das 17 Hauptst. des 1 Buchs Samuels:
da unter andern stehet / dass gemeldter Riese einen ehernen Helm auf seinem
Heupte / und ein schupichtes Pantzer getragen / dessen Gewicht 5000 Sekkel
Ertzes gewesen. Auch hab' er ein ehernes Beinharnisch an seinen Schenkeln / und
ein ehernes Schild auf seiner Schulter gehabt. Und der schafft seines Spiesses
sei wie ein Weberbaum gewesen / dessen Eisen 600 Sekkel gewogen. Hierbei hat M
(agister) Johan Vogel / in Joh(an) Kassions Berichte von den Riesen / folgendes
angemärket: wan man verstehet / schreibt er / SICLUM tetradraxmon, und ihn auf
ein Loht rechnet / so machen 5000 Sekkel 156 Pfund / und ein Vierteil. Lesset
man es aber / wie vermuhtlich ist / auch nur SICLUM PROFANUM oder tetradraxmon
sein / so macht es gleichwohl 78 Pfund / und ein halbes Vierteil. Also machen
auch die 600 Sekkel zum Eisen am Spiesse / SICLO SANCTUARII, 19 Pfund / und
andertalbes Vierteil.
    Vom Lahemi findet man im 21 Hauptst. des 1 Buchs der Zeitgeschichte folgende
Worte: da schlug Elhanan / der Sohn Jairs / den Lahemi / den Bruder Goliats /
den Gatiter / welcher eine Spiesstange hatte /wie ein Weberbaum. Sibai oder
Sippai / der auch einer aus den Kindern der Riesen war / wird an eben demselben
Orte mitangezogen. Vom Isbibenob stehet / im Hauptst. des 2 B. Samuels / also:
und Isbi zu Nob / welcher war der Kinder Rafa einer / und das Gewücht seines
Speers war 300 Gewücht Ertzes / und hatte neue Warfen: der gedachte David zu
schlagen Aber Abisai / der Sohn des Zeruja half ihm / und schlug den Filister
toht. In der Folge dieses Hauptstükkes wird auch des Sippai / der alda Saf
heisset /und des Lachemi / unter Goliats seines Bruders Nahmen / wie auch
desselben Riesen mit den vielen Zeen und Fingern gedacht. Vom letzteren lauten
die Worte / wie folget: und es erhub sich wieder ein Krieg zu Gat. Da war ein
langer Man / der hatte sechs Finger an seinen Händen / und sechs Zeen an seinen
Füssen /das ist vier und zwanzig an der Zahl; und er war auch geboren von Rafa.
Und da er Israel hohn sprach /schlug ihn Jonatan / der Sohn des Simea / des
Bruders Davids. Diese viere waren dem Rafa zu Gat geboren / oder von den Riesen
zu Gat / wie im 21 Hauptst. des 1 B. der Zeitgeschichte stehet / und fielen
durch die Hand Davids / und seiner Knechte.
                               Zur 33 Einteilung.
Der Egiptische Riese von fünf Ellen.] Von diesem /und seinem Uberwinder dem
Benaja / dem Sohne des Jojada / handelt / unter andern / das 12 Hauptst. des 1
Buchs der Zeitgeschichte.
                               Zur 34 Einteilung.
Das erste war Basan.] Hiervon handelt das 21 Hauptstük des 4 Buchs des Moses;
wie auch das 3. und 29 Hauptst. des 5 B. Mos(e).
                               Zur 35 Einteilung.
Den Kindern Ammons / und Moabs.] Hiervon zeuget das 2 Hauptstük des 5 B. des
Moses.
    Die Emer.] Von diesen Riesen lauten / im jetztgemeldten Hauptstükke / die
Worte / wie folget: Ich habe Ar den Kindern Lots zu besitzen gegeben. Die Emim
haben vor Zeiten darinnen gewohnet. Das war ein grosses / starkes / und hohes
Volk / wie die Enakim. Man hielt sie auch für Riesen / gleichwie die Enakim: und
die Moabiter heissen sie auch Emim.
    Die Sammesumer.] Hiervon findet man / in eben demselben Hauptstükke / diese
Worte: Ich will dir des Landes der Kinder Ammons nichts zu besitzen geben: dann
ich hab es den Kindern Lots zu besitzen gegeben. Es ist auch geschätzt für der
Riesen Land. Auch haben vor Zeiten Riesen darinnen gewohnet: und die Ammoniter
heissen sie Sammesumim. Das war ein grosses / starkes / und hohes Volk / wie die
Enakim /u.s.f.
                               Zur 36 Einteilung.
Das vierde gemeldter Riesenländer.] Hiervon spricht mehrgemeldtes Hauptstük
ebenfals. Dessen eigene Worte lauten / wie folget: auch wohneten vor Zeiten in
Seir die Horiter: und die Kinder des Esau vertrieben und vertilgeten sie von
ihnen / und wohneten an ihre statt.
                               Zur 37 Einteilung.
Jener Französische Riese.] Von diesem schreibet Livius / im 4 B. des 1 Teils /
und aus ihm Joh(an) Kassion / im 5 Hauptst. von den Riesen. Der Röhmer Manlius /
welcher gemeldten Riesen straks im ersten Gange / wiewohl er nicht halb so lang
/ und noch sehr jung war / erlegte / ist eben derselbe / der seinen eignen Sohn
/ nachdem er ihn zuvor mit Ruhten gestrichen / enteupten lies / nur allein
darüm / weil er /wider seinen Befehl / mit den Samniten / die ihn ausgefordert /
geschlagen / unangesehen / dass er den Sieg darvon getragen. Daher spricht
Virgiel / im 6 B. seines Heldengedichtes vom Eneas:
- SÆVUMQUE SECURI
ASPICE TORQUATUM.
Ja daher / scheinet es / hat er auch zu dem ersten Zunahmen TORQUATUS, der
nachmahls sein Geschlächtsnahme ward / noch einen bekommen /indem er IMPERIOSUS,
das ist der Gebietende oder Herscherische genennet worden; wie Gellius / im 13
Hauptst. seines 9 Buches / und Livius an gemeldtem Orte / bezeugen.
                               Zur 39 Einteilung.
Dan als die Kuhrkinder GOttes.] Hiervon meldet die heilige Schrift im 6 Hauptst.
des Buches der Schöpfung also: Als sich die Menschen zu mehren begunten auf
Erden / und zeugeten ihnen Töchter; da sahen die Kinder GOttes nach den Töchtern
der Menschen / wie sie schön waren / und nahmen zu Weibern / welche sie wollten.
Es waren auch zu der Zeit Tirannen auf Erden. Dan da die Kinder GOttes die
Töchter der Menschen beschlieffen / und Kinder zeugeten / wurden daraus
Gewaltige in der Welt / und berühmte Leute. Da aber der HERR sah / dass der
Menschen Bosheit gross war auf Erden / und alles Dichten und Trachten ihres
Hertzens nur böse fort und fort; da reuete es Ihn / dass Er die Menschen gemacht
hatte /und es bekümmerte Ihn in seinem Hertzen; und Er sprach: Ich will die
Menschen / die Ich geschaffen habe / vertilgen von der Erde / u.s.f. Noah fand
Gnade vor dem HERRN. Aber die Erde war verderbet vor GOttes Augen / und vol
Frevels / u.s.f. Da sprach GOTT zu Noah: alles Fleisches Ende ist vor Mich
kommen. Dan die Erde ist vol Frevels von ihnen: und siehe da! Ich will sie
verderben / mit der Erde / u.s.f.
                               Zur 40 Einteilung.
Nimrod / der erste König zu Babel / da eine grosse Mänge des edlesten Weines
wuchs / und er also mit rechte ein Herr des Weines heissen mochte / war eben
derselbe / den die Griechen Bakxos, und die Lateiner / ihnen zur folge /
BACCHUS, wie auch die Deutschen Bachus nennen. Und diesen Nahmen haben sie aus
BAR-CHUS, das ist der Sohn Kus / gebildet; indem die Griechen nur allein das r
in Bar / das so viel / als Sohn / bedeutet / in ein oder k / und die Lateiner in
ein C verwandelt / die Deutschen aber ganz weggeworfen. Er war auch warhaftig
ein Sohn Kus oder CHUS, und ein Sohnssohn des Hams / oder Jupiter Ammons; wie
den Harn die Götzendiener nachmahls benahmet: wie auch ein Vater des Ninus /der
die gewaltige Stadt Ninive gestiftet. Daher ward auch dieser Bachus oder Sohn
des Kus bei den Griechen zugleich Dionysos, als sagte man Dios yios, das ist
Gottes Sohn / FILIUS JOVIS, und bei den Lateinern ebenmässig DIONISUS, wie auch
seiner Fürtreflichkeit wegen / schlechtin LIBER, das ist ein Kind oder Sohn /
genennet. Ja der Nahme Nimrod selbst hat den Dichtern Anlass gegeben / dass sie
ihren Weingötzen / den Bachus / auch Nebrod / Nebrodea, und nebridopeplon
hiessen; gleich als were er mit Hirsch-oder Reh-fellen / wie das Griechische
Wort nebris bedeutet / bekleidet / und zugleich ein gewaltiger Jäger gewesen:
wiewohl ihm andere / doch eben daher / an statt der Hirsch- oder Reh-felle /
Tiegerfelle / weil NIMRA, bei den Kaldäern ein Tieger heisset /angedichtet: ja
selbst seinen Wagen mit Tiegern bespannet. Gleichwie auch Nimrod / im Hauptst.
des Buchs der Schöpfung / ein gewaltiger Jäger vor Gott genennet wird / also
haben die Dichter ihrem Weingötzen den Nahmen Zagreis, der eben so viel heisset
/ nähmlich ein starker oder gewaltiger Jäger / gegeben. Wie endlich Nimrod in
den Morgenländern / und bis in Indien Kriege geführet / so dichten sie auch eben
solche Kriege dem Weingötzen Bachus an. Aber weil wir dieses alles / in den
Anmärkungen über unsere Assenat / vom 356 Bl. bis auf das 362. ausführlich
erörtert / so wollen wir den Leser eben dahin gewiesen haben.
                                Zur 45 Einteilung.
Nasenhörning oder Nasenhorn nennen wir dasselbe starke und gewaltige Indische
Tier / das im Wasser so wohl / als auf dem Lande / lebet / und bei den Griechen
rinokeros, RHINOCERUS, weil es ein kurtzes / doch zimlich starkes und spitziges
Horn auf der Nase führet / oder vielmehr eine Hörnerne Nase hat /heisset. Sonst
wird es auch bei uns von etlichen Elefantenmeister / ELEPHATIS VICTOR benahmet:
weil es mit dem Elefanten / als seinem gleichsam gebohrnem Feinde / zu fechten /
und ihm mit seinem andern Horne / das weiter hinauf nach dem Rükken zu stehet /
nachdem er es an den Steinen geschärfet /unten in den Pansch stosset / da er die
weicheste Haut hat / und ihn also mit Gewalt aufreisset; wie Plinius /im 20
Hauptst. seines 8 B. der Natürlichen Geschichte / Solinus / im 63 Hauptst. Elian
/ im 44 Hauptst. des 16 B. seiner Tiergeschichte / Jonstohn / am 19 Bl. seiner
Natürlichen Begäbnisse / Aldrovand / Gesner /und andere in dergleichen Schriften
aufgezeichnet.
                               Zur 46 Einteilung.
Den Nahmen Enak / oder Anak.] Hiervon kann Bochard / im 1 Hauptst. des 1 B.
seines Kanaans / wie auch mein Dichterischer Sternhimmel./ im Zeichen der
Zwillinge gelesen werden.
                               Zur 47 Einteilung.
Der Rise Abkamazi.] Hiervon schreibet der Ebräer Benjamin von Tudele / in seinem
Reisebuche / am 16 Bl.
                               Zur 48 Einteilung.
Antäus.] Von diesem meldet Volaterran / dass er /durch den Herkules / indem
dieser gemärket / dass jener / sobald er das Erdreich berührete / straks wieder
zu völligen Kräften gelangte / in die Luft / oder in die Höhe / wie Natalis
Komes im 1 Hauptst. seines 7 B. saget / sei gezogen / und alda getöhtet worden.
Daher schreibet von ihm Lukahn / im 4 B. seiner Dichtereien:
HOC QUOQUE TAM VASTAS CUMULAVIT MUNERE VIRES
TERRA SUI FOETUS, QUOD QUAM TETIGERE PARENTEM,
JAM DEFECTA VIGENT RENOVATO CORPORE MEMBRA
Dahin zielet auch Seneka / wan er in seinem Herkules / also saget: NULLUS ANTÆUS
ANIMAM RESUMIT. Dass aber Antäus / sobald er / im fechten mit dem Herkules /
seine Mutter / die Erde / berühret /seine geschwächten Kräfte soll wiederbekommen
haben: das verstehen wir vom Seegefechte desselben mit dem Herkules in der
Libisschen See; da er zwar vielmahls geschlagen / aber auf dem Libisschen Erdbodem
/ von dannen er bürtig war / sich allezeit wieder gestätket: deswegen ihn
Herkules auch endlich in die Höhe des Meeres / das ist ferne vom Libisschen Lande
weg / und weit in die See hinein gezogen / ja ihm also den Weg / frische Völker
in Libien zu hohlen / abgeschnitten; damit er ihn üm so viel eher übermeistern
möchte.
                               Zur 49 Einteilung.
Die Güldenen Aepfel / in den Hesperischen Gärten.] Hiesige Gärte / darinnen /
wie man gedichtet / die Güldene der Venus geheiligte Aepfel stunden / kahmen den
Hesperinnen zu. Diese waren Jungfrauen /und Töchter des Hespers; von denen man
schreibet /dass er auf seines Bruders des Atlas Berge / da er das Gestirn
beschauet / in den Abendstern soll verwandelt sein: wiewohl Eubulus / und Servius
sie für Töchter des Atlas selbst / und andere für des Forkus ausgeben. Die
meisten nennen sie Egle / Aretuse / Hespertuse /Veste / und Eritie. Den Drachen
/ der Ladon hies /und diese Güldenen Aepfel beschirmete / hatte der Riese Tifon
/ aus der Echidna / gezeuget. Er war mit hundert Köpfen versehen / und gab
mancherlei Stimmen von sich; wie des Apollonius Anmärker erzählt. Ohne Zweifel
wird hierdurch der Riese / und Riesen-oder Anaks-sohn Antäus / mit seinen
hundert Schiffen / und vielerlei Sprachen / die er redete / verstanden:
gleichwie durch die Hesperinnen / die / als Priesterinnen oder Nonnen / das
Hesperische Götzenhaus bewahreten / und den Drachen warteten / etliche Edele /ja
Königliche Jungfrauen / die den Schatz des Antäus in ihrer Huht hatten / und ihn
selbst / zur Seereise /mit Lebensmitteln versahn. Dass aber gemeldte Gärte nicht
in Wälschlande / dahin sie etliche / weil es vom Hesper den Nahmen Hesperien /
wie Higinus meldet /bekommen / zu setzen pflegen / sondern / nach der meisten
Meinung / im Mohrenlande / und zwar im eusersten Ende desselben / nach dem
Abende zu / unfern von der Stadt Lixen / auch nicht weit von Meroe / und dem
Rohten Meere / sich befunden / ist zugleich aus des Virgiels Worten zu schlüssen
/ wan er / im 4 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas / also saget:
    OCEANI FINEM JUXTA, SOLEMQUE CADENTEM
    ULTIMUS ÆTHIOPUM LOCUS EST; UBI MAXIMUS ATLAS
    AXEM HUMERO TORQUET STELLIS ARDENTIBUS APTUM.
    HINC MIHI MASSYLÆ GENTIS MONSTRATA SACERDOS,
    HESPERIDUM TEMPLI CUSTOS, EPULASQUE DRACONI
    QUÆ DABAT, ET SACROS SERVABAT IN ARBORE FRUCTUS.
Dan eben alda / da der Mohrenberg Atlas / oder der Mohrenkönig Atlas selbst den
Himmel mit seinen Schultern zu unterstützen gedichtet ward / wohneten /an der
eusersten Grentze des Landes / die Hesperinnen; wie Dionisius / in seinem Buche
von der Gelegenheit der Welt / bezeuget. Seine Worte lauten / in der
Lateinischen Ubersetzung / also:
    SUSTINET HIC ATLAS COELUM. SIC FATA JUBEBANT.
    ULTIMUS HESPERIDUM LOCUS EST IN MARGINE TEERÆ:
    HIC CAPITE & MANIBUS FERT VASTI PONDERA MUNDI.
Auch bezeuget Ferezides / in seinem 10 Buche / da er das Beilager der Juno
beschreibet / welche dem Jupiter die Hesperischen Aepfelbeume / die güldene
Aepfel trugen / verehrete / dass das nächst bei der Weltsee / nach dem
Niedergange zu / gelegene Land goldfärbige Aepfel getragen: welche nachmahls
Herkules / auf Befehl des Argolischen Jupiters oder Königes Euristus / nachdem
er den Drachen erschlagen / geraubet; wie Luzian bezeuget / wan er spricht:
    ABSTULIT ARBORIBUS PRETIUM, NEMORIQUE DECORUM
    ALCIDES: PASSUSQUE INOPES SINE PONDERE RAMOS,
    RETTULIT ARGOLICO FULGENTIA POMA TYRANNO.
Aber Agretas schreibet / in seinen Libisschen Begäbnissen / dass es keine Güldene
Aepfel gewesen / die Herkules geraubet / sondern Schafe mit güldener oder
goldgälber Wolle: von denen man vorgegeben / weil sie ein grober unmenschlicher
Schäfer gehühtet / dass sie ein Drache beschirmete. Daher sagt auch Servius bei
dem Virgiel: es seind aber in Wahrheit Edele Jungfrauen gewesen / derer Heerden
Herkules weggetrieben / nachdem er ihren Hühter getöhtet. Und Natalis Kornes
erzählt / nicht weis ich aus wem diese Begäbnis noch ausführlicher / wiewohl
mit etwas andern Umständen / als sie sonsten erzählt wird; indem er schreibet:
es sind zween berühmte Brüder gewesen /Hesper / und Atlas. Diese hatten
überausschöne gälbe oder goldfärbigte Schaf. Hesper zeugete mit seiner Ehegattin
eine Tochter / die Hesperide / und gab sie /nachdem sie erwachsen / seinem
Bruder zur Ehe. Nach dieser nennete man das Land Hesperitis oder Hesperien. Sie
gebahr aber dem Atlas sechs Töchter /welche vom Vater her Atlantinnen / und von
der Mutter her Hesperinnen benahmet warden. Diese waren /ihrer Schönheit wegen /
so berühmt / dass Busiris (des Neptuns und der Libie Sohn / wie Eusebius im Buche
von den Zeiten meldet / und zur Zeit des Danaus / der Archiver König / wie
Augustien / im Buche von der Stadt Gottes / bezeuget) durch unmässige Liebe
bewogen / etliche Seereuber ausschikte sie entführen zu lassen / eben damahls /
als Herkules mit dem Antäus stritte. Die Seereuber fanden sie spielen / in einem
Garten / und schlepten sie mit Gewalt auf ihr Schiff /mit ihnen darvon zu fahren.
Aber Herkules / der solches erfahren / überfiel die Seereuber / indem sie am
Seeufer Mahlzeit hielten / und erwürgete sie alle. Also erlösete er die
Gefangenen / und brachte sie wieder zu ihrem Vater: der ihm / zur Vergältung
einer so hohen Wohltaht / überaus schöne Schafe / samt vielen andern Geschenken
/ verehrete. Ja er teilete ihm zugleich die Sternkunst mit: die er mit sich in
Griechenland brachte. Und daher ist der Ruf erschollen / dass Herkules / an des
Atlas statt / den Himmel auf seinen Schultern getragen.
    Dem sei nun / wie ihm wolle / so sieht man doch aus allem / was wir alhier
nur kürtzlich / und gleichsam bei Brokken angeführet / augenscheinlich / dass die
alten Dichter in ihrem Dichtwerke von den Hesperinnen / und Hesperischen Gärten
/ mehr als eine Geschicht zusammengeflikt: welches ausfündig zu machen / wohl ein
ganzes Buch erforderte / und alhier / da wir die Weitleuftigkeit nohtwendig
meiden müssen / unsers Tuhns nicht ist. Gleichwohl ist nöhtig /ehe wir die Feder
hiervon abziehen / noch dieses zuerinnern: nähmlich dass die zwei Arabischen
Wörter , MAL, und , MALON oder MELON, deren das erste so viel als Vieh / das
andere Reichtuhm oder Geld und Guht bezeichnet / ja noch mehr das Griechische
mhlon oder / nach der Dorischen Mundahrt / malon, weil es beides einen Apfel /
den die Lateiner gleichesfals MALUM nennen / und ein Schaf / auch wohl allerlei
Vieh / ja selbst die Liebe / darüm dass der Apfel der Liebe heilig / und eine
Bakke oder Wange / welche / der Gestalt nach / dem Apfel gleichet / bedeutet /
den Dichtmeistem / indem der eine gemeldte Wörter auf diese / der andere auf
jene Weise verstanden / fast den meisten Anlass gegeben / dass sie diese Begåbnis
von den Hesperinnen auf so vielerlei unterschiedliche Ahrt ümgekünstelt / und so
mancherlei Mährlein daraus gemacht. Dan etliche haben den Hesperinnen / nach der
Bedeutung des Arabischen Wortes MALON, einen Schatz / andere / wieder nach dem
Arabischen MAL, und der zweiten Bedeutung des Griechischen Wortes mhlon oder
malon, die Schafe oder anderes Vieh / noch andere / nach der ersten Bedeutung
des Griechischen / die Aepfel zu bewahren gegeben. Hierbei dünket uns gleichwol
der ersten Vorstellung vom Schatze oder Reichtuhme die wahrhaftigste zu sein:
weil sie aus dem Arabischen Worte MALON, oder vielmehr aus desselben Bedeutung
geflossen / und die Hesperischen Gärte viel weiter von den Griechen / als von
den Arabern / lagen; daher auch diese solche Begäbnis ohne Zweifel viel eher und
wahrhaftiger / als jene / beschreiben können. Aber hiervon kann zugleich unser
Dichterischer Sternhimmel / im Zeichen des Widers / gelesen werden.
                               Zur 50 Einteilung.
Nattern- oder Schlangen-füsser.] Also nennet die Riesen Ovidius / im 1 seiner
Verwandlungsbücher / wan er spricht:
- QUÆ CENTUM QUISQUE PARABAT
INJICERE ANGUIPEDUM CAPTIVO BRACHIA COELO.
wie auch Pontan / im folgenden Dichtbande:
TUNE DEUS, TÚNE ANGUIPEDES VICTURE GIGANTES?
    Schlangen- oder Drachen-gebuhrten.] So heisset sie eben derselbe Ovidius /
in seinem vierden Buche der Traurigen / wan er schreibet:
SPHINGAUQE & HARPYIAS, SERPENTIGENOSQUE GIGANTES.
    Wiewohl sie etliche aus der Erde.] Daher nennet Lukan die Riesen TERRIGENAS,
das ist aus der Erde gebohrne / oder Erdenkinder / wan er also schreibet:
AUT SI TERRIGENÆ TENTARENT ASTRA GIGANTES.
Dahin zielet auch eben er / im 4 Buch seiner Gedichte / wan er also saget:
NONDUM POST GENITOS TELLUS EFFOETA GIGANTES, etc.
Die Gebuhrt derselben aus der Erde / durch des Himmels Bluht gleichsam
geschwängert / zeigt Hesiodus / in seiner Göttergebuhrt / folgender Gestalt an:
ossai gar ratamigges apessyten aimatoessai,
pasas dexato Gaia. periplomenon dAeniayton,
geinatA Erinnys the krateras, megaloys de Gigantas
    SANGUINEÆ QUOTQUOT GUTTÆ CECIDERE, RECEPIT
    TERRA OMNES: EADEM RURSUS VOLVENTIBUS ANNIS
    HORRENDAS PEPERIT FURIAS, MAGNOSQUE GIGANTES, etc.
Alle Bluhtstropffen / die aus des Himmels Schaam /welche sein Sohn Saturn mit
einer Sichel abgeschnitten / geflossen kahmen / empfing die Erde / und gebahr /
nach verlauffe der Zeit / die gewaltigen Hölhuhren / mit den ungeheuren Riesen.
Fast eben dasselbe hat Orfeus in seinem 8 B. wie auch Akusilaus geschrieben:
dessen Meinung des Apollonius Anmärker mit aufgezeichnet. Dargegen meint 
Apollodor /in seinem 1 Buche / dass die Riesen nur allein von der Erde sollten
entsprossen sein: welche die Schmaach /die von den Göttern ihr zugefüget worden
/ indem sie die Titanen / das ist die Riesen vor der Sündfluht /durch das Wasser
vertilget / zu rächen / andere Riesen nach der Sündfluht geboren. Ja es zielet
fast eben dahin Hesiodus selbst / in seiner Göttergebuhrt / da er ganz
weitleuftig von beiderlei Riesen handelt: wie auch Apollonius / wan er also
spricht:
AST HIC HORRIBILIVE TYPHOËO, PIGNORIBUSVE
TERRÆ PERSIMILIS; QUÆ TELLUS EDIDIT OLIM
ALMOIRATA JOVI, etc.
                               Zur 51 Einteilung.
Dass Noah / der Uhrhöber des Menschlichen Geschlächts nach der Sündfluht.] Diese
Geschicht beschreibet uns Moses / im 9 Hauptstükke seines 1 Buches / also: Noah
aber fing an / und ward ein Akerman / und pflantzete Weinberge. Und da er des
Morgens trank / ward er trunken / und lag in der Hütten aufgedekt. Da nun Ham /
Kanaans Vater / seines Vaters Schaam sah / sagte er es seinen beiden Brüdern
draussen. Da nahm Sem und Jafet ein Kleid / und legtens auf ihre beide Schultern
/ und gingen rüklings hinzu / und dekten ihres Vaters Schaam zu / dass sie ihres
Vaters Schaam nicht sahen. Als nun Noah erwachte / und erfuhr / was ihm sein
kleiner Sohn getahn hatte; da sprach er: Verflucht sei Kanaan / und sei ein
Knecht aller Knechte unter seinen Brüdern /u.s.f.
                               Zur 53 Einteilung.
Von den ersten Riesen vor / und von den andern nach der Sündfluht.] Von jenen
handelt Hesiodus / in seiner Göttergebuhrt / vom 147 Dichtbande bis auf das 169;
von diesen aber / in eben demselben Buche /vom gemeldten 169 Bande bis auf das
186.
    Für Kinder des Himmels / und der Erde.] Daher sagt Orfeus in seinen
Himmelsliedern:
Titnes Gaihs the kai Oaranoy aglaa tekna.
TITANES COELI AC TERRÆ CLARISSIMA PROLES.
Eben also nennet die Titanen Eschiel in seinem Prometeus / Oyranoy the kai xtonos
tekna, das ist des Himmels / und der Erde Kinder.
                                Zur 54 Einteilung.
Seiner drei getreuesten Nachfolger.] Vom ersten derselben handelt das 4 und 5
Hauptst. von dem zweiten ebenmässig das 5 Hauptst. und vom dritten wieder das 5,
wie auch 6, 7, 8, 9 und 10 Hauptst. des Buches der Schöpfung.
                               Zur 55 Einteilung.
Uber einer aufgerichteten Reucherhöhe.] Hiervon schreibet des Aratus Anmärker
also: es bezeuget aber Eratostenes / dass diese Reucherhöhe / die unter dem
Gestirne stehet / eben dieselbe sei / welche die Ziklopen / des Vulkans
Schmiedeknechte / gebauet / und über welcher die Götter zuvor schwöhren müssen
/ehe sich Jupiter zum Kriege wider die Titaner gefast gemacht.
    Aus der Geschicht des Noah entlehnet.] Diese Geschicht beschreibet Moses /
im 8 und 9 Hauptstükke seines 1 Buches.
                               Zur 57 Einteilung.
Dass aus dem Bluhte der Titaner.] Dieses findet man /unter andern / bei dem
Nikander / welcher also schreibet:
AllA htoi kakoerga Palaggia syn kai anigroys, etc.
SERPENTES, PARITERQUE PHALANGIA NOXIA, & ATRUM
VIPERUM GENUS, ET QUÆ TERRÆ PLURIMA MONSTRA
PRODUCUNT, SUNT TITANUM DE SANGUINE NATA.
Die Schlangen / die giftige Erdspinnen / die schwartze Nattern / und was für
giftiges Ungeziefers die Erde mehr erzielet / seind alle aus dem Bluhte der
Titaner geboren.
                               Zur 58 Einteilung.
Dass sie den Himmel zu stürmen.] Den Riesenkrieg wider die Götter beschreibet
Ovidius / im 5 seiner Jahrbücher / nicht unahrtig / wan er spricht:
TERRA FEROS PARTUS, IMMANIA MONSTRA, GIGANTES
    EDIDIT AUSUROS IN JOVIS IRE DOMUM.
MILLE MANUS ILLIS DEDIT, & PRO CRURIBUS ANGUES;
    ATQUE AIT: IN MAGNOS ARMA MOVETE DEOS.
EXTRUERE HI MONTES AD SIDERA SUMMA PARABANT,
    & MAGNUM BELLO SOLLICITARE JOVEM.
FULMINA DE COELI JACULATUS JUPITER ARCE
    VERTIT IN AUCTORES PONDERA VASTA SUOS.
So tuht auch Homerus / in seinem Heldengedichte vom Ulisses / da er die Riesen /
den Otus / und Efialtes / für Kinder des Neptuns / und der Ifimedee ausgiebet /
wan er spricht:
- POST HANC EST IPHIMEDEA
VISA MIHI: QUÆ NEPTUNO DUO PIGNORA MAGNO
EDIDIT, HI PARVI SUNT PRIMO TEMPORE NATI:
OTUS DIVINUS, VALDE INCLYTUS INDE EPHIALTES.
ATQUE NOVEM CUBITOS AMBO CREVERE NOVENNES
IN LATUM, LONGUMQUE NOVEM CORPUS FUIT ULNAS.
HI SUPERIS PUGNAM GRAVEM, BELLUMQUE MINATI,
PRÆGRANDES MONTES, UT COELUM POSSET ADIRI,
INVOLVERE, OSSAM FRONDOSUM, MOX & OLYMPUM
CUM SYLVIS, STABULISQUE SUPER TE PELION ALTUM.
Aber wir wollen auch hören / was Isazius hiervon meldet. Die Erde / sagt er /
die das Verfahren der Götter mit den Titanen sehr übel aufnahm / hat / in den
Flegrischen Feldern / bei Pallene / die mit Schlangenfüssen / strauben Haaren /
und grossen Bährten versehene Riesen geboren: welche ganze brennende Eichen /
und ungeheure grosse Steine nach dem Himmel zu geschleidert. Ihre fürnehmsten
waren Porfirio / und Alzioneus. Dass aber dieser Himmelsstürmer und
Götterbekrieger eine grosse Mänge gewesen sei / kann aus den Worten des Sofokles
geschlossen werden / wan er spricht:
oytA o ghgenhs stratos Giganton
NEQUE TERRIGENUM EXERCITUS GIGANTUM.
Selbst Virgiel gedenket unterschiedlicher dieser Riesen / und ihres Krieges /
sonderlich im 1 Buche von der Feldarbeit / da er unter andern also spricht:
            - TUM PARTU TERRA NEFANDO
    CÆUMQUE, JAPETUMQUE CREAT, SÆVUMQUE TYPHOEA,
    & CONJURATOS COELUM CONSCENDERE FRATRES.
    TER SUNT CONATI IMPONERE PELIO OSSAM,
    SCILICET ATQUE OSSÆ FRONDOSUM IMPONERE OLYMPUM.
    TER PATER EXTRUCTOS DEJECIT FULMINE MONTES.
    Aus denen dieselben / die auf die See gefallen / zu Inseln / die aber auf
die Erde fielen / zu Bergen sollen geworden sein.] Dieses bezeuget / unter
andern /Duris der Samier.
    Das haben sie aus der Geschicht der Nachkömlinge des Noah.] Hiervon meldet
Moses / im 11 Hauptstükke seines 1 Buchs / also: es hatte aber alle Welt
einerlei Zungen und Sprache. Da sie nun zogen gegen Morgen / funden sie ein
ebenes Land / im Lande Sinear / und wohneten daselbst. Und sprachen
untereinander: wohlauf! lasst uns Ziegel streichen / und brennen. Und sie nahmen
Ziegel zu Steinen / und Tohn zu Kalke / und sprachen: wohlauf! lasset uns eine
Stadt /und einen Turn bauen / dessen Spitze bis an den Himmel reiche / dass wir
uns einen Nahmen machen: dann wir werden vielleicht zerstreuet in alle Länder. Da
fuhr der HERR hernieder / dass Er sehe die Stadt / und den Turn / welche die
Menschenkinder baueten. Und der HERR sprach: siehe! es ist einerlei Volk / und
einerlei Sprache unter ihnen allen / und haben das angefangen zu tuhn. Sie
werden nicht ablassen von allem /was sie fürgenommen zu tuhn. Wohlauf! lasst uns
hernieder fahren / und ihre Sprache daselbst verwürren /dass keiner des andern
Sprache vernehme. Also zerstreuet sie der HErr von dannen in alle Länder / dass
sie mussten aufhören die Stadt zu bauen. Daher heist ihr Nahme Babel / dass der
HErr daselbst verwürret hatte aller Länder Sprache / und sie zerstreuet von
dannen in alle Länder.
    Und hierbei wird Nimrod.] Von diesem schreibet Johan Kassion / im 2 Buche
seines Berichtes von den Riesen fast eben dasselbe ganz weitleuftig. Auch ist
es aus den Worten des Hauptst. im Buche der Schöpfung / da von diesem Nimrod
gehandelt wird / nicht unschweer zu schlüssen.
                               Zur 59 Einteilung.
Porfier den Pangäischen / und Adamaster den Rodope.] Dieses bezeuget Sidonius /
wan er spricht:
HIC ROTAT EXCUSSUM VIBRANS IN SIDERA PINDUM
ENCELADUS, RAPIDO FIT MISSILIS OSSA TYPHOEO,
PORPHYRIO PANGÆA RAPIT, RODOPENQUE ADAMASTER.
    Die Asträe.] Von dieser meldet Aratus / dass zu ihrer Zeit / da sie noch auf
der Erde gewohnet / und die Menschen sich von ihr lenken lassen / die Eintracht
überal geblühet / wan er spricht:
NONDUM VESANOS RABIES NUDAVERAT ENSES,
NEC CONSANGUINEIS FUERAT DISCORDIA NOTA, etc.
Aber nachmahls / als die Ungerechtigkeit überhand nahm / und die Laster wuchsen
/ flohe sie nach dem Himmel zu; wie eben derselbe / mit den folgenden zwei
Dichtbänden / andeutet:
    ET COELI SORTITA LOCUM, QUO PROXIMUS ILLI
    TARDUS IN OCCASUM SEQUITUR SUA PLAUSTRA BOOTES.
Doch hiervon haben wir / in unsrem Dichterischen Sternhimmel / bei dem
Himmelszeichen der Wage /mit mehr Umständen gehandelt.
                               Zur 60 Einteilung.
Es scheinet zwar lächerrlich.] Hiervon schreibet Ovidius / im 5 seiner
Verwandlungsbücher / also:
    BELLA CANIT SUPERUM, FALSOQUE IN HONORE GIGANTES
    PONIT, & EXTENUAT MAGNORUM FACTA DEORUM;
    EMISSUMQUE IMÂ DE SEDE TYPHOËA TERRÆ
    COELITIBUS FECISSE METUM, CUNCTOSQUE DEDISSE
    TERGA FUGÆ, DONEC FESSOS ÆGYPTIA TELLUS
    CEPERIT, & SEPTEM DISCRETUS IN OSTIA NILUS.
    HUC QUOQUE TERRIGENAM VENISSE TYPHOËA NARRAT,
    & SE MENTITIS SUPEROS CELASSE FIGURIS,
    DUXQUE GREGIS, DIXIT, FIT JUPITER: UNDE RECURVIS
    NUNC QUOQUE FORMATUS LIBYS EST CUM CORNIBUS HAMMON.
    DELIUS IN CORVO, PROLES SEMELIA CAPRÔ,
    FELE SOROR PHOEBI, NIVEÂ SATURNIA VACCÂ,
    PISCE VENUS LATUIT, CYLLENIUS IBIDIS ALIS.
    Er singet die Kriege der Götter / und dichtet den Riesen einen falschen Ruhm
an: indem er die Tahten der grossen Götter so gar klein machet / und vorgiebet /
dass Tifoeus / aus dem Abgrunde herauf geschikt /die Götter dermassen erschrökket
/ dass sie alle die Flucht genommen / bis sie endlich in Egipten / bei dem
siebenströhmigen Niele / ganz ermüdet angelanget. Ja er saget / dass Tifoeus
auch hierher gekommen sei / und die Götter gezwungen sich unter einer andern
Gestalt zu verbärgen: indem sich Jupiter in einen Wider / daher Hammon noch
itzund in Libien mit Hörnern gebildet ist / Apollo in einen Raben / Bachus in
einen Bok / Diane in eine Katze / Juno in eine weisse Kuh / Venus in einen Fisch
/ Merkuhr in einen schwartzen Egiptischen Storch verwandeln müssen. Auch
gedenket dieser der Venus ümgestaltung in einen Fisch Manilius / wan er / im 4
Buche seines Werkes von den Gestirnen / also schreibet:
SCILICET IN PISCEM SESE CYTHEREA NOVAVIT,
CÙM BABYLONIACAS SUBMERSA PROFUGIT IN UNDAS
ANGUIPEDEM ALATIS HUMERIS TYPHONA FURENTEM;
INSERUITQUE SUOS SQUAMOSIS PISCIBUS IGNES.
    Hierbei kann auch unser Dichterischer Sternhimmel / im Sternzeichen der
Fische / am 97, 98 und 99 Bl. gelesen werden.
    In der Geschicht Abrahams und Jakobs.] Diese beschreibet uns Moses / im 12
und 15 Hauptst. seines 1 Buches / und im 46 / und folgenden Hauptstükken eben
desselben Buches.
    Dass die Egipter ihre Götter unter mancherlei Tiere Gestalt geehret.] Hiervon
schreibet Johan Ravisius Textor / in seinem Schauplatze / am 126 / und 821 Bl.
Auch meldet Herodotus / in seinem 2 Buche / dass die Egipter / eben daher / die
gestorbenen Katzen zu beweinen / in ihre Heiligtühmer / sie alda einzusaltzen /
zu tragen / und dann in Bubast zu begraben pflegten. Eben also tähten sie auch
mit den gestorbenen Bähren / Wölfen / und Krokodilen; welche sie alle götlich
ehreten / doch nicht zu Bubast begruben.
    Dass sie den Josef / Jakobs Sohn.] Hiervon kann unser Dichterischer
Sternhimmel / am 37 Bl. bei dem Gestirne des Stiers / wie auch unsere Assenat /
im 7 Buche / gelesen werden.
                               Zur 63 Einteilung.
Des nimmernüchternen Silenus Esel.] Von diesem meldet Natalis Komes / im 4 Buche
seines Mährleinwerkes / am 640 / und 641 Bl. Von Bileams redendem Esel aber
handelt Moses / im 22 Hauptst. seines 4 Buches.
                               Zur 64 Einteilung.
Dass endlich mehrerwähnte Riesen.] Hiervon schreiben Ovidius im 5 seiner
Verwandlungsbücher / Virgiel / im 10 seines Heldengedichtes vom Eneas / Hesiodus
/ u.a.m.
    Was sie aber vom Riesen Enzeladus dichten.] Von diesem redet Virgiel / in
seinem Gedichte vom Berge Etna / also:
MURMURE TRINACRIO MORIENTEM JUPITER ÆTNÂ
OBRUIT ENCELADUM, ETC.
Auch gedenket er dessen / im 3 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas / mit
diesen Worten:
    FAMA EST ENCELADI SEMIUSTUM FULMINE CORPUS
    URGERI MOLE HAC, INGENTEMQUE INSUPER ÆTNAM
    IMPOSITAM RUPTIS FLAMMAM EXPIRARE CAMINIS:
    & FESSUM QUOTIES MOTAT LATUS, INTREMERE OMNEM
    MURMURE TRINACRIAM, & COELUM SUBTEXERE FUMO.
Vom Riesen Tifoeus aber schreibet eben derselbe /wie folget:
    VASTA GIGANTEIS INGESTA EST INSULA MEMBRIS
    TRINACRIS, & MAGNIS SUBJECTUM MOLIBUS URGET,
    ÆTHERIAS AUSUM SPIRARE TYPHOËA SEDES.
    NITITUR ILLE EQUIDEM, PUGNATQUE RESURGERE SÆPE:
    DEXTRA SED AUSONIO MANUS EST SUBJECTA PELORO,
    LÆVA, PACHINE, TIBI, LILYBÆO CRURA PREMUNTUR;
    PRÆGRAVAT ÆTNA CAPUT, etc.
Ja er erwähnet auch des Titius / den Apollo / weil er die Latone nohtzüchtigen
wollen / mit seinen Pfeilen durchschossen / wan er / in seinem 6 Buche vom Eneas
/ also spricht:
    NEC NON & TYTIUM, TERRÆ OMNIPARENTIS ALUMNUM,
    CERNERE ERAT; CUI TOTA NOVEM PER JUGERA CORPUS
    PORRIGITUR, ROSTROQUE IMMANIS VULTUR ADUNCO
    IMMORTALE JECUR TUNDENS, FOECUNDAQUE POENIS
    VISCERA, NEC VIBRIS REQUIES DATUR ULLA RENATIS.
                               Zur 65 Einteilung.
Dass etliche Riesen wohl hundert Hände sollen gehabt haben.] Unter diesen seind
gewesen Egeon / und Briareus. Von jenem meldet es Virgiel / im 10 Buche seines
Heldengedichtes vom Eneas / da er also spricht:
    ÆGÆON QUALIS, CENTUM CUI BRACHIA DICUNT,
    CENTENASQUE MANUS, QUINQUAGINTA ORIBUS IGNEM
    PECTORIBUS ARSISSE, JOVIS CUM FULMINA CONTRA
    TOT PARIBUS STREPERET CLYPEIS, TOT STRINGERET ENSES.
Von diesem aber Klaudian / in folgenden Dichtbänden:
- QUÆ BRACHIA CENTUM
BRIAREUS ALIIS NUMERO CRESCENTE LACERTIS
TOT SIMUL OBJECTIS POSSET CONFLIGERE REBUS.
    Gleich also urteilen wir von dem Riesengebeine.] Von diesem meldet Johan
Ravisius Textor in seinem Schauplatze der erdichteten so wohl / als wahrhaftigen
Geschichte / im 37 Hauptst. des 2 Buches / am 127 Bl.
                                Zur 66 Einteilung.
Wan man dem Mohrischen Riesen und Könige / dem Atlas.] Man findet drei
unterschiedliche Könige dieses Nahmens. Der erste Atlas / der ein Vater der
Elektra gewesen / herschete im Wälschlande: der andere /der Maje / die den
Merkuhr geboren / Vater / in Arkadien: und der dritte / der unter allen der
gröste soll gewesen sein / wie Servius / des Virgiels Anmärker /meldet / im
Mohrenlande. Dieser letztere ist eben derselbe der die Sternkunst / wie Plinius
aufgezeichnet /erfunden / und in den höchsten Libisschen oder Mohrischen Berg /
den die Einwohner / wie Herodotus bezeuget / des Himmels Stütze nennen /
verwandelt zu sein gedichtet wird. Daher eignet auch diesem Berge /der von
gemeldtem Könige den Nahmen Atlas führet /Virgiel die Gestalt eines Mannes zu /
wan er also schreibet:
    JAMQUE VOLANS APICEM, & LATERA ARDUA CERNIT
    ATLANTIS DURI, COELUM QUI VERTICE FULCIT:
    ATLANTIS, CINCTUM ASSIDUÈ CUI NUBIBUS ATRIS
    PINIFERUM CAPUT & VENTO PULSATUR, & IMBRI.
    NIX HUMEROS INFUSA TEGIT, TUM FLUMINA MENTO
    PRÆCIPITAT SENIS, & GLACIE RIGET HORRIDA BARBA.
Dass er auf seinen Schultern den Himmel getragen /deutet eben derselbe Virgiel
noch deutlicher an / wan er im 4 Buche seines Heldengedichtes spricht:
- - UBI COELIFER ATLAS
AXEM HUMERIS TORQUET STELLIS ARDENTIBUS APTUM.
Eben dasselbe tuht auch Eschiel / in seinem Prometeus / in folgenden
verlateinischten Worten:
HOC SIC PROFECTÒ TORQUET INFORTUNIUM
ATLANTIS INDE FRATRIS. ILLE PONDERA
SOLEM AD CADENTEM SUSTINET PRÆGRANDIA,
COELI COLUMNAM, TOTIUS TERRÆQUE ONUS.
Dass ferner die Pleione / der Tetis Tochter / dieses Atlas Gemahlin gewesen
bezeuget Ovidius / im 5 seiner Jahrbücher:
DUXERAT OCEANUS QUANDAM TITANIDA THETYN;
QUI TERRAM LIQUIDIS, QUA PATET, AMBIT AQUIS.
HINC SATA PLEIONE CUM STELLIFERO ATLANTE
JUNGITUR, UT FAMA EST, PLEIADESQUE PARIT.
Hiesige Plejaden oder Pleioinnen / des Atlas und der Pleione Töchter / sollen an
der Zahl sieben gewesen /und fünf Jahre nacheinander / durch den Orion / zum
Beischlafe / samt der Mutter / angetrieben worden sein: daher sie dann Jupiter /
aus Mitleiden / und durch ihr flöhen bewogen / in Sterne verwandelt / an den
Sternhimmel gesetzet / und sie also aus der Gewalt des Orions errettet. Aratus
nennet sie alle mit Nahmen / wan er / nach unser Verhochdeutschung / also
spricht: man sagt / dass ihrer sieben seind / wiewohl man nur sechs Sterne darvon
sieht: nähmlich Alzione / Merope / Zeleno / Elektra / Sterope / Taigete und
Maje. Sie stehen aber alle am Kopfe des Himlischen Stiers; indem zween die Augen
/ andere zween die Naselöcher / noch andere zween die Hörner bezeichnen / und
dann einer vor der Stirne des Stiers / da die Haare sich drehen / stehet. Wie sie
nun Aratus / und Ovidius eben itzund PLEIADES, das ist Pleioinnen /von der
Mutter der Pleione / genennet; so nennet sie Virgiel / im 1 Buche seines
Feldgedichtes / nach ihrem Vater dem Atlas / ATLANTIADES, das ist Atlassinnen.
Die übrigen fünf Töchter aber / welche der König Atlas / ausser diesen gemeldten
sieben / gezeuget / seind des Hias Schwestern / und wie es scheinet /von einer
andern Mutter gewesen: daher sie zwar /eben wie jene / Atlassinnen / aber nicht
zugleich Pleioinnen genennet warden. Hesiodus heisset sie /hiergegen mit dem
algemeinen Nahmen / yadas, HYADES, das ist Hiaden / oder viel mehr Hiassinnen
/Hiessinnen / oder Hiainnen; und giebet ihnen auch zugleich folgende
absonderliche fünf Nahmen. Nähmlich die erste nennet er Feole oder Fajole / die
zweite Koronis / die dritte Kleia oder Kleeia / die vierde Feo oder Fajo / und
die fünfte Eudore. Doch andere geben ihnen andere Nahmen / nähmlich Ambrosie /
Dione /Esile / Prolixo / und Fileto; auch wohl Tiene / und Proidile. Den
algemeinen Nahmen / HYADES, scheinen sie entweder vom Dionisus / der auch Hies
geheissen / und von ihnen soll erzogen sein / oder aber von ihrem Bruder / dem
Hias / dessen Tod / den ihm ein Schlangenbis veruhrsachet / sie so lange
beweinet /bis sie gestorben / und vom Jupiter in fünf Sterne verwandelt worden /
bekommen zu haben. Von diesen fünf Sternen / die man das Regengestirn / weil
dessen Aufgang den Regen andeutet / zu nennen pfleget /seind ihrer Zahl wegen
unterschiedliche Meinungen. Tahles der Milesier zehlet derer nur zween / davon
der eine der Nordliche / der andere der Sudliche hiesse: Euripides / in seinem
Schauspiele vom Faeton /drei: Achäus vier; und Ferezides gar sechs. Doch hiervon
kann auch unser Dichterischer Sternhimmel / bei dem Zeichen des Stiers gelesen
werden.
                               Zur 68 Einteilung.
Gemagog.] Von diesem Riesen schreibet Architrenius folgender Gestalt:
- - CUBITIS TER QUATUOR ALTUM
GEMAGOG HERCULEÂ SUSPENDIT IN AËRE LUCTÂ.
    Ganges /] ein Etiopischer König und Riese / von dem der grosse Indische Flus
Ganges / wie Suidas meldet / seinen Nahmen bekommen. Von diesem Flusse bezeuget
Ovidius / dass er Indien ümströhmete / wan er im 4 seiner Verwandlungsbücher also
spricht:
DECOLOR EXTREMO QUA CINGITUR INDIA GANGE,
Daher wird auch Indien das Gangische Land / GANGETICA TELLUS, bei dem Lukan
genennet. Seine Worte seind diese:
ET QUAS SENTIT ARABS, & QUAS GANGETICA TELLUS.
    Hartbeen / den Saxo der Sprachlehrenschreiber HARTHLENUM, vielleicht will er
HARTHBENUM sagen / nennet / war so ein wüster und unmenschlicher grausamer Riese
/ dass er es ihm für einen Ruhm schätzte / wan er Königliche Töchter schändete /
und alle dieselben / die ihm seine Unzucht wehren wollten / straks erwürgete; wie
/ im 5 Hauptstükke des Berichts von den Riesen / bei dem Johan Kassion zu lesen.
    Orestes / dessen Tohtengebeine man / auf Befehl der Göttersprache / lies
aufgraben / war dazumahl noch sieben Ellebogen lang; wie Plinius anzeiget. Daher
sagt Architrenius:
STATURAM CUBITIS SEPTEM DISTENDIT ORESTES.
Dieser Orestes / und Pilades / des Fozeers Strofius Sohn / hatten eine so nahe
und unvergleichliche Freundschaft untereinander / dass Tullius selber dieselbe
zu beschreiben die Feder anfassete. Daher sagt Ovidius:
    NON ITA VIXERUNT STROPHIÔ, & AGAMEMNONE NATI.
Wie auch:
    ADFUIT INSANO JUVENI PHOCÆUS ORESTI.
Des Orestes Unsinnigkeit aber rührete daher; weil er seine eigene Mutter / die
den Vater ümgebracht / und im Heiligtuhme selber / den König Pirrus erwürget /
damit ihm die Hermione / seine Gemahlin / möchte zu teile werden. Marzial
gedenket beider ebenmässig /wan er im 6 B. spricht:
    UT PRÆSTEM PYLADEN, ALIQUIS, MIHI PRÆSTET ORESTEM.
    Ein Sirer.] Von diesem Sirischen Riesen meldet Nizeforus / im 37 Hauptst.
des 12 Buches seiner Kirchengeschichte / dass er krumme Schenkel gehabt / die
dermassen eingebogen gestanden / dass sie seiner übrigen Leibesgestalt wenig
ähnlich gewesen.
    Eleazar / ein Jüde.] Diesen schikte der König zu Babel / Artaban / dem
Keiser Tiberius zum Geschenke; wie Flavius Josef / im 8 Hauptst. seines 18
Buches von den Alteiten der Jüden / bezeuget.
    Ein Märkischer Bauer.] Von diesem schreibet Magister Johan Vogel / in seinen
Anmärkungen zum Berichte von den Riesen Johan Kassions.
    Artachäus / ein Perser.] Von diesem meldet Herodotus in seinem 7 Buche.
    König Porus.] Dessen Grösse beschreibet Ravisius / im 37 Hauptst. des 2
Buchs / und Arrian im 5 Buche.
    Pusio / und Sekundilla.] Von diesen Leutchen meldet Plinius / im 16 Hauptst.
des 7 Buches.
    Gabbaras ward aus Arabien nach Rohm zur schaue gebracht; wie eben derselbe
Plinius am jetzt-angeführten Orte bezeuget. Dessen gedenket auch Architrenius mit
folgenden Worten:
IN HIS QUINQUE PEDES PRODUXIT GABBARUS ARTUS.
    Agato.] Von diesem schreibet Filostratus / im Lebenslauffe des Herodes von
Atehn also: er / als ein Jüngling / war in seiner ersten Jugend dem grossen
Gallier gleich / und acht Füsse lang. Er hatte ein starkes Haar / rauhe und
gleich als in eins zusammengewachsene Augen / und eine Habichtnase / mit einem
fröhlichen Angesichte / u.a.m. Auch gedenkket eben desselben Volaterran / im 13
Buche.
                               Zur 71 Einteilung.
Keiser Julius Maximinus / der ältere.] Von diesem schreibet / unter andern /
Julius Kapitolinus / dass ihn der Keiser Aurelius Alexander Severus / der sich
über seiner / als eines Schäferknechtes / Grösse nicht wenig verwundert / durch
die allerstärkesten Küchenrökel erstlich tapfer abrichten lassen: da er dann / in
einer Hitze / derer sechszehen mit Ringen überwunden / und eben so viel
Verehrungen darvon getragen. Darnach hette der Keiser auch versuchen wollen /
was er im Lauffen vermöchte: da er dann einen muhtigen Gaul eine lange Zeit in
einem Kreuse herüm getummelt / und gleichwohl nicht müde geworden. Ja er hette
straks darauf sieben der allermuhtigsten und stärkesten / die der Keiser mit ihm
ringen lassen / schier in einem Augenblicke bezwungen: daher ihn der Keiser nicht
allein mit etlichen silbernen Müntzen /sondern auch mit einer güldenen Kette
beschenket / ja gar zum Trabanten und Lakkeien bestellet. Was er für ein
gewaltiger Seuffer und Fresser gewesen / bezeuget Kordus / und viel andere. Auch
wird gemeldet / dass er seines Wassers auf einmal bei drei Nösseln in ein Geschir
gelassen / und damit gleichsam gepranget. Seine gröste Lust war / wan er mit den
allertapfersten und muhtigsten Kriegshelden ringen sollte. Und derselben konnte er
/ selbst in seinem hohen Alter / oft fünfe / ja wohl sieben nacheinander zu
Bodem werfen. Ja er war so stark / und seine Faust hatte einen solchen Nachdruk
/ dass einem Pferde / wan er es damit an den Kopf schlug / die Zähne wakkelten /
wo sie nicht gar ausfielen. Schlug er es aber an einen Schenkel / so brach
derselbe straks inzwei. Sein Schuch am Stiefel ist einen ganzen Schuch
längergewesen / als anderer gemeiner Leute. Und daher allein kann man leichtlich
schlüssen / wie gross und stark sein ganzer Leib mus gewesen sein. Aber von
diesem Ungeheuer wird man im Röhmischen Adler des Selblichen / wie auch in
Michel Sachsens / und andern Zeitbüchern von den Keisern / wie auch im 8
Hauptst. des Berichtes von den Riesen Johan Kassions / mehr zu lesen finden.
                               Zur 72 Einteilung.
Der so genente Firmius.] Von diesem Riesen / der üm das 275 Jahr nach der
Heilgebuhrt gewühtet / schreibet Flavius Vopiskus / dass er ein grosser langer Man
/dem die Augen aus dem Kopfe gestanden / und über den ganzen Leib rauch und vol
Haare gewesen.
                               Zur 75 Einteilung.
Zwärglein / sonst auch Ellenbogener / und Dreispanlinge.] Pygmaioi, PYGMÆI,
werden sie von den Griechen und Lateinern genennet; von pygmh, das ist eine
zusammgezogene Hand / oder Faust / oder auch die Länge zwischen dem Gelenke des
Ellenbogens und den geschlossenen Fingern; welches das Wort phxys ebenmässig
bezeichnet: daher phxyaios, QUI UNIUS CUBITI EST, der eines Ellenbogens lang
ist. Aber andere wollen das Wort pygmaios zugleich von pygmh, wan es so viel
heist / als ein Streit / Gefechte /herleiten: weil die Zwärglein sehr geschikte
Streiter und Fechter weren; wie Hieronimus bei dem 27 Hauptst. Ezechiels
angemärket: daher auch ein Indischer König / wie Kassion schreibet / dieser
Zwärglein drei tausend üm sich gehabt / und sie zu seinen Bogenschützen
gebrauchet. Strabo nennet sie /in seinem 2 Buche / sonsten auch trispitamoys,
das ist dreispännige / weil sie gemeiniglich dreier Spannen lang weren. Eben
dasselbe tuht auch Plinius im 2, und 15 Hauptst. seines 7 Buches.
    Einen überaus scharfsinnigen Verstand.] Dass solches wahr sei / kann man aus
der Beschreibung des Sisifus / und eines Egiptischen Zwärgleins / derer straks
wird gedacht werden / wie auch anderer dergleichen /genugsam schlüssen.
    Sisifus.] Hiervon meldet Johan Kassion / im 12 Hauptst. seines Berichts von
den Riesen. Er war aber ein ganz anderer Sisifus / als derselbe / den Teseus
/als einen Strassenreuber / erschlug / und Ovidius / im 4 seiner
Verwandlungsbücher / also anspricht:
AUT PETIS, AUT URGES REDITURUM, SISYPHE, SAXUM.
Dan dieser Sisifus ward / seiner begangenen Ubeltahten wegen / zu einer solchen
Strafe verdammet / dass er / in der Hölle / fort und fort einen grossen
Felsenstein auf einen hohen Berg hinauf wältzen musste; weil eben der Stein /
sobald er ihn auf die Spitze gebracht /immer wieder herunter rollete. Dahin hat
auch Virgiel gesehen / wan er / im 6 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas /
also saget:
SAXUM INGENS VOLVUNT ALII, RADIISQUE ROTARUM
DISTRICTI PENDENT.
    Ein anderes befand sich in Egipten.] Dessen gedenket Nizeforus / im 37
Hauptstükke des 12 Buches seiner Kirchengeschichte. Hierbei kann zugleich gelesen
werden / was Martin Borraus über das 21 Hauptst. Samuels angemärket. Zu diesen
Zwärglein gehören auch Manius Maximus / und Markus Tullius / zween Edle Röhmer /
die zween Ellebogen lang waren; wie Varro bei dem Plinius meldet: wie auch
Konopas /Luzius / die zween Moloner. Konopas war zween Füsse und einer Handbreite
lang / wie Plinius schreibet / und ward von der Julia / des Keisers Augusts
Enkelin / zur Lust gehalten. Luzius / den August auf den Schauplatz bringen lies
/ war ein Jüngling von fürtreflichen Eltern / und noch nicht zween Füsse lang.
Andromede / welcher Julia Augusta die Freiheit geschenket / war zween Füsse und
einer Zwerghand lang. Die zween Moloner / daher das Sprichwort entstanden /
PUSILLUS, QUANTUS MOLON, so klein / als Molon / waren ganz kleine Menschen /
deren der eine ein Gaukelspieler / der andere ein berufener Reuber gewesen.
                               Zur 76 Einteilung.
Die man vor Zeiten in Trazien.] Dass diese Zwergahrt eine lange Zeit in Trazien /
in der Stadt Geranea / sich aufgehalten / aber von dar von den Kranchen
vertrieben worden / bezeuget Plinius / im 11 Hauptst. seines 4 Buches. Eben
dasselbe hat auch Juvenal andeuten wollen / wan er in seinem 13 Schimpfgedichte
schreibet:
    AD SUBITAS THRACUM VOLUCRES, NUBEMQUE SONORAM
    PYGMÆUS PARVIS CURRIT BELLATOR IN ARMIS,
    MOX IMPAR HOSTI, RAPTUSQUE PER AËRA CURVIS
    UNGIBUS, À SÆVÂ FERTUR GRUE. SI VIDEAS HOC
    GENTIBUS IN NOSTRIS, RISU QUATIÉRE: SED ILLIC,
    QUANQUAM EADEM ASSIDUÈ SPECTENTUR PRÆLIA, RIDET
    NEMO: UBI TOTA COHORS PEDE NON EST ALTIOR UNO.
Darüm ist auch klein sein unter den Zwärglein keine Schande; wie Mantuan meint 
/ wan er also schreibet:
INTER PYGMÆOS NON PUDET ESSE BREVEM.
    An der Egiptischen See.] Aristoteles bezeuget / im 12 Hauptst. seines 8
Buches von den Tieren / dass die Kranche aus den Zitischen Flachfeldern an die
Obersee / daher der Niel gelauffen kähme / in Egipten zu flügen / und in
derselben Gegend mit den Zwärglein zu streiten pflegten. Ja er setzet
ausdrüklich darzu /dass solches kein Mährlein / sondern die lautere Wahrheit sei
/ und dass alda solche kleine Menschlein / und Pferdlein gewislich weren / und in
Löchern und Erdhöhlen sich aufhielten: daher sie auch Trogloditen /das ist
Grubenheimer oder Höhlenwohner genennet worden. Aber andere schreiben / dass sie
ihnen kleine Hütlein von Leimen machten / und dieselben mit Eierschahlen und
Vogelfedern ausfütterten.
    Wie auch üm ein Indianisches Gebürge.] Johan Ravisius Textor schreibet / im
44 Hauptst. des 2 Buches seines Schauplatzes: die Zwärglein wohnen im eusersten
Teile der Indischen Berge. Ihre Weiberchen gebähren im fünften Jahre / und
werden alt im achten. So meldet auch Plinius / im 2 Hauptst. des 7 Buches /dass
zu euserst in Indien Leutlein üm das Gebürge wohneten / welche nicht über drei
Spannen / oder fünftehalb Vierteil einer Elle lang weren. Aber Ktesias setzet
sie mitten in Indien hinein / und beschreibet sie mit Flätschnasen / und ganz
ungestalten Angesichtern / wie auch langen Haaren / und Bährten.
    Dass sie ihr Haar hinten / und den Bahrt vornen.] Dieses meldet von den
Zwärgen / die vielleicht daher Albertus für keine Menschen / sondern für eine
Affenahrt halten will / Augustien / im 16 Buche von der Stadt GOttes: da er /
unter andern / auch saget / dass sie sich im Frühlinge mit grossen Hauffen
aufmachten / an das Meer zögen / und den Kranchen ihre Jungen und Eier
verderbeten: weil sie anders keinen Raht wüsten einer so grossen Mänge der
Kranche zu widerstehen. Und zu diesem Meerszuge pflegeten sie alle Jahr drei
Mohnden zu nehmen. Wer mehr von den Zwärglein zu wissen begehret / der lese /
was Homerus / der ihrer am allerersten erwähnet / im dritten Buche seines
Heldengedichtes von Troje / wie auch Strabo darvon schreibet.
                               Zur 78 Einteilung.
Das Gerippe des Orestes.] Hiervon schreibet Herodotus / im ersten Buche / und
Kassion / aus ihm / im 9 Hauptst. seines Berichts von den Riesen.
    Und dasselbe von 22 Schuhen.] Dieses Riesengerippes gedenket Johan Marius in
seinem Buche von Frankreich. Eben dieselbe Länge hat das Riesengerippe im
Hertzogtuhme Safojen / in einem Kloster der Predigermünche / an der Mauer
abgemahlet; welches Budäus und Kassion / als Augenzeugen / beschrieben. Der Kopf
ist zween Ellebogen / oder guhter andertalben Elle dikke. Die Schultern seind
fast vier Ellebogen / oder bei drei Ellen breit. Es ist aber gewis /seind des
Kassions eigene Worte / dass man solche grosse Riesengebeine vor Zeiten etwan
daherüm gefunden / und sie nicht / als etwas erdichtetes / nur Lust halben /
sondern vielmehr darüm also daselbst abgemahlet / damit es bei den Nachkommen
zum ewigen Gedächtnisse bleiben sollte.
    Wie auch des Pallas / den Turnus erleget:] wie Virgiel / im 10 Buche seines
Heldengedichtes vom Eneas / beschreibet. Dass die Wunde / die Turnus gemeldtem
Riesen in die Brust gegeben / fünftehalben Schuch /oder neun Vierteile von einer
Elle sei lang gewesen /bezeuget Vinzenz von Beluak / im 16 Buche seines
Geschichtspiegels: da er zugleich meldet / dass man in seinem Grabe / bei dem
Heupte / ein ewigbrennendes Liecht gefunden; welches nicht eher verleschen
können / als bis man / mit einer Pfrieme / den Tacht untergraben / also dass die
Luft hineingedrungen / und das Flämlein ausgewehet. Hiervon kann auch Baptista
Fulgosus / im 6 Hauptst. seines 1 Buches / gelesen werden. Hierbei mus ich auch
der grossen marmelsteinernen Bildseule / die zu Antorf oder Antwerpen / am
Rahtause stehet / gedenken. Diese soll / wie man saget / eines Riesen Bildnis
sein: der vor Zeiten / in einem Sumpfe bei der Schelde / sein Schlos gehabt /und
alle Kaufleute / die etwan einige Wahren über gemeldten Flus führen lassen /
gezwungen ihm die Helfte darvon / an Zolles statt / zu geben. Erfuhr er aber /
dass iemand seine Wahren nicht allesamt angegeben / so behielt er alles / was er
hatte / und hieb ihm noch darzu die Faust ab. Doch endlich war ihm einer zu
stark / der ihm selbst die Faust abschlug / und sie straks ins Wasser warf. Von
diesem Handwurfe soll auch gemeldte Stadt den Nahmen Antwerpen oder Handwerpen /
nach der alda gebreuchlichen Mundahrt / ja selbst die abgehauene Faust in ihr
Wapen bekommen haben.
                               Zur 79 Einteilung.
Was man aber von Kandien oder Krete meldet.] Dieses findet man bei dem Plinius /
im 16 Hauptst. seines 7 Buches. Hierbei kann auch Filostratus / in seinen
Heldengeschichten / da er viel wunderseltsame Dinge von den Riesen schreibet /
gelesen werden; wie auch Sabellikus / und Solinus.
    Des droben erwähnten Antäus von 60 Ellebogen:] zu dessen Grabe der Röhmer
Sertorius reumen lassen. Hiervon schreibet Strabo / in seinem 17 Buche vom
Weltkreuse.
    Ein Zahn darvon / der einen Schuch lang / und vier Finger breit war.] Die
ganze Geschicht beschreibet Johan Kassion / in seinem 11 Hauptst. des Berichtes
von den Riesen ganz weitleuftig. Darbei kann auch Kalamäus / in seinen Büchern
von den Biturigern /und Baptista Fulgosus / im 6 Hauptst. seines 1 Buches /
gelesen werden. Einen dergleichen ungeheuren Riesenzahn hat Augustien / wie er /
im 9 Hauptst. seines 15 Buches von der Stadt GOttes / schreibet / am Ufer der
See bei der Stadt Utike selber gesehen. Dieser / der ein Bakkenzahn war /
befand sich so gross / dass man viel hundert gemeine Zähne / wie er selber
bezeuget / daraus machen können. Aber was Ludwich Vives von einem ungeheuren
Bakkenzahne des heiligen Kristoffels / den er zum Heiligen Kristoffel / als er
dahin auf die Walfahrt gezogen / angetroffen / bei gemeldtem Orte des Augustiens
angemärket; das kömt mir von einem so weisen Manne / weil es gewis ist / dass
kein solcher Kristoffel iemahls in der Welt gewesen / sehr wunderlich vor.
                               Zur 80 Einteilung.
Noch vielmehr könnte man denselben Sizilischen Riesen.] Von diesem schreibet
Johan Bokatz / im 68 Hauptstükke seines 4 Buches von der Göttergebuhrt /ganz
weitleuftig. Unter andern erzählt er auch / dass etliche Sizilische Bauern /
indem sie den Grund eines Hürtenhauses unten am Berge suchen wollen / dieses
Riesens Höhle mit dem Spahten von ohngefähr eröfnet / und ihn weit hinein
sitzend gefunden. Doch sei sein Leib / wiewohl er noch ganz und unversehret
gewesen / dazumahl in Staub und Asche / darinnen man drei erschröklichgrosse
Zähne gefunden / und an einem eisernen Drahte zu Drepan / in der Kirche / zum
ewigen Andenken aufgehänget / zerfallen. Auch sei ein Teil seiner Hirnschahle /
und ein Schienbein noch zimlich ganz und unverweset gefunden worden.
                               Zur 81 Einteilung.
Dass dasselbe Meusegerippe.] Hiervon meldet Magister Johan Vogel in seiner
Anmärkung bei dem 11 Buche von den Riesen des Kassions / der in seinem Werke
selber mehr dergleichen Gerippen von Eseln und Meusen gedenket.
                               Zur 84 Einteilung.
Dass alle geschaffene Dinge die Kraft ihrer Jugend schon längst verloren.]
Hierbei kann Johan Kassion /im 12 Hauptst. seines Berichts von den Riesen / wie
auch Ziprian / und Augustien gelesen werden.
                               Zur 86 Einteilung.
Unter denen die Gohten Keiser Justinian deswegen zu preisen pflegte.] Hiervon
schreibet / unter andern Prokopius. Hingegen meldet Julius Zeser / dass die
Röhmer von den Franzosen oder Galliern darüm seind verhöhnet worden; weil sie so
kleine Leute weren.
                               Zur 95 Einteilung.
Mein Zorn / sprach er / ist noch nicht gesättiget.] Hiervon redet das 15
Hauptst. des Buchs der Richter also: Simson aber sprach zu ihnen: ob ihr schon
das getahn habet / so will ich mich doch an euch selbst rächen; und darnach
aufhören.
                               Zur 96 Einteilung.
Mit langsamen Tritte schreitet auch ihre Rachbegierde fort.] Hier wird auf des
Valerius Maximus schönen Spruch / LENTO QUIDEM GRADU PROCEDIT VINDICTA DIVINA,
SED TARDITATEM GRAVITATE COMPENSAT, gesehen.
                              Zur 104 Einteilung.
Ward Totila / der Gotten König.] Von diesem schreibet Johan Ravisius Textor / im
33 Hauptstükke des 5 Buches seines Schauplatzes: da er unter andern auch meldet
/ dass er die Stadt Rohm erobert / ihre Mauren geschleiffet / und ihr Rahtaus
angezündet.
    Der Ungrische König Attila.] Dieser war derselbe /welcher Aken verwüstete /
und die euserste Grausamkeit / wo er hin kahm / verübete; wie jetztgemeldter
Ravisius / an gemeldtem Orte / bezeuget.
                              Zur 106 Einteilung.
Hatte Samgar.] Von dieses Heldentaht redet das Buch der Richter / am Ende des 3
Hauptstükkes / also: darnach war Samgar / der Sohn des Anat. Der schlug
sechshundert Filister mit einem Ochsenstekken / und erlösete Israel.
 
                        Anmärkungen des fünften Buches.
                               Zur 11 Einteilung.
Als ein Lehrling in des Pitagoras Schuhle.] Dieser Pitagoras / des Demaratus
Sohn / der aus Samos bürtig / zu Metopont gestorben / wie Frantz Petrarcha
bezeuget / hat nach vielem hin und wiederreisen und untersuchen heilsamer
Gesetze / die Wälschen zu Kroton zur Mässigkeit gebracht / die Frauen zur
Schaamhaftigkeit / und die Jünglinge zur Zucht ermahnet. Ja er bewog die
Weibsbilder / durch die Heiligkeit und Eingezogenheit seines Lebens / so weit /
dass sie ihre mit Golde gezierte Kleider / und allen ihren übermässigen Schmuk der
Alsgöttin Juno weiheten / und in ihrem Götzenhause aufhingen. Daher kahm er auch
überal in ein solches Ansehen / dass man aus seiner Wohnung ein Götzenhaus machte
/ ja ihn selbst als einen Gott ehrete; wie Trogus / in seinem 20 Buche /Laertz /
und Suidas / die seinen Lebenslauf beschrieben / und andere / die ihn zum
höchsten rühmen / in ihren Schriften / aufgezeichnet. Niemand aber hat ihn mehr
gerühmet / als Ovidius / der im 15 seiner Verwandlungsbücher ihm / unter andern
/ dieses herrliche Zeugnis giebet:
MENTE DEOS ADIIT, & QUÆ NATURA NEGAVIT
VISIBUS HUMANIS, OCULIS EA PECTORIS HAUSIT.
Er lehrete zu Kroton / zu eben der Zeit / da Servius Tullius im Wälschlande
herschete; wie Livius / und Dionisius bezeugen. Wan er einen Lehrling / nachdem
er seine Geburtsahrt untersuchet / in seine Schuhlgeselschaft aufnahm / da war
das erste Schuhlgesetz / das er ihm gab: er sollte zween Jahre schweigen / und
unterdessen nichts tuhn / als hören; wie Gellius / im 9 Hauptst. seines 1 Buches
der Attischen Nächte meldet. Wan er ihn aber wieder von sich lies / da musste er
zuvor diese Wort hersagen:
Ph parebhn, ti dA erexa, ti moi deon oyk etelest.
QUO TRANSGRESSUS SUM? QUID VERO EFFECI? QUID MIHI DECENS NON PERFECTUMEST? Wohin
bin ich gegangen? Was aber hab' ich begangen? Wie weit bin ich von dem / das
mich geziemete / abgegangen? Und also achtete Pitagoras die Verschwiegenheit für
die gröste Tugend / darzu ein Jüngling sich gewöhnen sollte. Ja ihm folgete
hierinnen sein Lehrling Agato / den der König Archelaus /wie Elian meldet / so
gern üm sich hatte / dermassen eifrig nach / dass er einen Stein / damit er das
Stilschweigen lernete / drei Jahre lang im Munde zu halten pflegete. Eben also
schwieg auch der berühmte Tohmas / der Akwiner / schier allezeit / und hörete
nur allein / was man sagte: daher ihn auch seine Mitlehrlinge nicht anders / als
einen stummen Ochsen nenten. Also schwieg / auf Befehl seines Lehrmeisters / des
Einsiedlers Paulus des ersten / drei ganzer Jahre lang Paulus Simplex so
hartnäkkig / dass er auch nicht ein Wort redete. Also entielt sich der Rede Zeno
/welchen Tullius / in seinem Redner / für den Urhöber der Ernstsittigen
ausgiebet / als er des Königs Antigonus Gesanten / die er nach Atehn geschikt /
neben etlichen Weisemeistern / mit einem Gastmahle bewürtete / so gar / dass er
anders nichts redete / als da er von seinen Gästen / die ihre Gelehrteit mit
überflüssigen Worten sehen liessen / was die Uhrsache seines Stilschweigens sei
gefragt ward / nur allein zur Antwort gab: den Mund halten sei unter allen
Dingen das schweereste. Ja also schwieg ewig stil der Weisemeister Sekundus /
nachdem er Bluhtschande mit seiner eigenen Mutter getrieben / und sie sich
deswegen / als sie aus der Stimme des Beischläfers vernommen / dass es ihr Sohn
sei / für grossem Hertzleide selber ermordet: damit er seine Stimme / die ihn
der Mutter verrahten / strafen möchte; wie Diogenes Laertz aufgezeichnet.
    Den Nahmen Etam.] Etam heisset in der Ebräischen Sprache so viel / als
Vogelreich.
    Wie irgend ein Melampus.] Dieser war ein berühmter Artzt / und Wahrsager aus
dem Vogelgeschrei / und ein Sohn des Amitaons; wie Homerus /im 15 Buche seines
Heldengedichtes vom Ulisses /anzeiget. Nach seinem Nahmen scheinet die Schwartze
Niesewurtzel / darvon Plinius im 5 Hauptst. seines 25 B. handelt / melampodion,
MELAMPODIUM genennet zu sein: weil er mit diesem Kraude des Prötus / Königes der
Argiver / vier Töchter / welche Juno /mit Unsinnigkeit geschlagen / wieder / zu
recht gebracht; daher eben dasselbe Kraut auch proition, PRÆTIUM heisset.
Virgiel scheinet / im 3 Buche seines Feldgedichtes / da er von den Artzneien
wider die Sterbeseuche handelt / auch eben hierher gezielet zu haben. Des
Melampus selber gedenket / unter andern / Propertz / im 2 Buche seiner
Gedichte. Dass aber des Königs Prötus Töchter / von der Göttin oder vielmehr
Königin Juno / weil sie schöner sein wollen / als dieselbe Juno / so rasend und
unsinnig gemacht worden / dass sie sich Kühe zu sein eingebildet / und aus Furcht
/ sie möchten etwan vor den Pflug gespannet werden / in den Wald geflohen;
dieses alles bezeuget Ferezides. Auch zielet eben hierher Virgiel / wan er / in
seinem Gedichte vom Silenus / also schreibet.
PROETIDES IMPLERUNT FALSIS MUGITIBUS AGROS.
                               Zur 26 Einteilung.
Man rükte ganz unvermuhtlich auf das Jüdische Land zu.] Hiervon lautet die
Geschicht im 15 Hauptstükke des Buchs der Richter also: da zogen die Filister
hinauf / und belägerten Juda / und liessen sich nieder zu Lehi.
                               Zur 27 Einteilung.
Die Uhrsachen eines so unversehenen Uberfals zu erfahren.] Dieses zeigt der
jetztangezogene Ort mit folgenden Worten an: aber die von Juda sprachen: Warüm
seid ihr wider uns herauf gezogen? Sie antworteten: wir seind herauf kommen /
den Simson zu binden / dass wir ihm tuhn / wie er uns getahn hat.
                         Zur 34, 37, und 38 Einteilung.
Sie selbst wollten hinziehen ihn zu greiffen.] Die Worte hiervon lauten / am
schon jetztangeführtem Orte des Buchs der Richter / also: da zogen drei tausend
Männer von Juda hinab in die Steinkluft zu Etam /und sprachen zum Simson /
weissestdu nicht / dass die Filister über uns herschen? Warum hastdu dann das an
uns getahn?
                           Zur 38 und 40 Einteilung.
Der ihnen anders nicht getahn / als wie sie erstlich tähten.] So lauten die
Worte der Geschicht im oftgemeldtem Buche der Richter: Er sprach zu ihnen: wie
sie mir getahn haben / so habe ich ihnen wieder getahn. Sie sprachen zu ihm: Wir
seind herab gekommen dich zu binden / und in der Filister Hände zu geben.
                         Zur 45, 46, und 47 Einteilung.
Weil nun Simson / aus Eingebung des Geistes GOttes / wohl wusste.] Das Buch der
Richter schleust dieses alles in folgende kurtze Worte zusammen: Simson sprach
zu ihnen: so schwöhret mir / dass ihr mir nicht wehren wollet. Sie antworteten
ihm: wir wollen dir nicht wehren; sondern wollen dich nur binden / und in ihre
Hände geben / und wollen dich nicht töhten.
                               Zur 51 Einteilung.
Also ward dann ein zweifacher Strük.] Hiervon spricht das vielgemeldete Buch der
Richter abermahl kurtzbündig: und sie banden ihn mit zween neuen Strükken / und
führeten ihn herauf vom Felsen.
                       Zur 54, 55, 57, und 60 Einteilung.
Sobald die Filister von ferne den Simson erblikten.] Die heilige Schrift fasset
dieses alles / an oftangeführtem Orte / wieder ganz kurtz zusammen / wan sie
also spricht: und da er kahm bis gen Lehi / jauchzeten die Filister zu ihm zu.
Aber der Geist des HErrn geriet über ihn / und die Strükke an seinen Armen
warden wie Faden / die das Feuer versänget hat / dass die Bande an seinen Händen
zerschmaltzen.
                         Zur 64, 65, und 85 Einteilung.
Simson erblikte von ohngefähr alda einen faulen Eselskinbakken.] Hiervon redet
das 15 Hauptstükke des Buchs der Richter folgender Gestalt / ebenmässig mit ganz
kurtzen Worten: und er fand einen faulen Eselskinbakken. Da rekte er seine Hand
aus / und schlug damit tausend Männer.
                       Zur 87 und folgenden Einteilungen.
Da er zu denen vom Stamme des Juda sagte.] Alle diese Reden deutet das Buch der
Richter wiederüm mit ganz kurtzen Worten an / wann es also spricht: und Simson
sprach: da liegen sie bei Hauffen. Ich habe / durch einen Eselskinbakken /
tausend Männer erschlagen.
                          Zur 106 und 107 Einteilung.
Kaum hatte Simson seine Rede zu denen aus dem Stamme des Juda volendet.] Hiervon
führet der Schreiber des Buches der Richter / nur allein diese wenige Worte: und
da er das ausgeredet hatte / warf er den Kinbakken aus seiner Hand / und hies
die Stätte Ramat Lehi. Da ihn aber sehr dürstete / rief er den HErrn an / und
sprach / u.s.f.
                              Zur 116 Einteilung.
Eben also verschmachtete für Durste der Grosse Rohland.]
    Von diesem / wie auch von den Glogauischen Rahtsherren / die auf Befehl
Hertzog Johans von Sagan / im 1488 Jahre gefänglich gehalten warden /und in
einem Schreiben / mit Dinte von Lichtputzenschwärtze gemacht / geschrieben /
ihren unerleidlichen Durst selbst zu verstehen gaben / meldet Valerius Herberger
im 60 Hauptst. des 11 Teils seiner Grossen Tahten GOttes.
    Wie dort des Reichen Wanstes.] Diese Geschicht vom Reichen Manne findet man
am Ende des 16 Hauptstükkes bei dem Heilverkündiger Lukas.
                              Zur 117 Einteilung.
Die Geschicht vom Einzuge des Heilandes zu Jerusalem auf einem Esel.] Diese
beschreibet Matteus im 21, und Markus / im 11 seiner Heilverkündigung.
                          Zur 122 und 123 Einteilung.
Ach! HErr / rief er mit wehmühtigem Hertzen.] Dieses des Simsons Gebähtes
erwähnet der Schreiber des Buches der Richter nur mit kurtzen Worten / wan er
also schreibet: und Simson sprach: Du hast ein solches grosses Heil gegeben /
durch deinen Knecht. Nun aber mus ich Durstes sterben / und in der
Unbeschnittenen Hände fallen.
                              Zur 128 Einteilung.
So bohrte dann seine Almacht in eben den Eselskinbaken.] Hiervon redet das Buch
der Richter / am Ende des 15 Hauptstükkes / also: da spaltete GOtt einen
Bakkenzahn im Kinbakken / dass Wasser heraus flos. Und als er trank / kahm sein
Geist wieder / und ward erkwikt. Darüm heist er noch heutiges Tages des Anrufers
Brun / der im Kinbakken ward.
                              Zur 129 Einteilung.
Eben einen solchen Wunderbrun.] Von diesem schreibet Moses selber / im 17
Hauptstükke seines 2 Buches.
                              Zur 131 Einteilung.
Ein solcher Brun / darnach Davids Hertz dürstete.] Hiervon lauten die Worte des
2 Buchs Samuels / im 23 Hauptstükke / wie folget: und David ward lüstern /und
sprach: wer will mir zu trinken hohlen des Wassers aus dem Brunnen zu Betlehem
unter dem Tohre?
 
                        Anmärkungen des sechsten Buches.
                               Zur 15 Einteilung.
Kein Herkules vermag sich für den Liebesblikken einer Omfale.] Von der Zahl
derer / die den Nahmen Herkules geführet / seind unterschiedliche Meinungen.
Diodor der Sikuler zehlet ihrer drei: Tullius / im 3 Buche von der Götter Natur
/ sechse. Der erste soll derselbe gewesen sein / der mit dem Apollo üm den
güldenen Tisch gestritten; wie Pausanias meldet: der zweite vom Berge Ida: der
dritte / Jupiters / und der Asterie / die eine Schwester der Latone war / und in
eine Wachtel / ja endlich gar in eine Klippe soll verwandelt sein / Sohn / den
fürnähmlich die Tirer geehret: der vierde / ein Egipter / aus dem Niele geboren
/ der die Frigischen Buchstaben erfunden / und einer von den zwölf Egiptischen
Göttern gewesen / von dem die Griechen den Nahmen entlehnet / und ihrem Herkules
/ des Amfitruons Sohne / wie Herodotus schreibet / gegeben: der fünfte / ein
Indier / der sonst auch Belus geheissen: der sechste / von Tehbe / des dritten
Jupiters / und der Alkmene / die des Amfitruons Fraue / und des Elektrions
Tochter war /Sohn; dem die Griechen aller der andern Tahten zugeeignet. Ja Varro
rechnet derer wohl drei und vierzig her; die aber alle diesen Nahmen vom
Griechischen Herkules / dem Sohne der Alkumene / welche Jupiter / in Gestalt
ihres Ehmannes / des Amfitruons / geschwängert / wie Plautus meldet / bekommen.
Makrobius hingegen will behaupten / dass die Sonne der rechte Herkules sei: weil
sie / unter andern / wie Herkules zwölferlei Arbeit sollte verrichtet haben /
also in einem Jahre die zwölf Himlischen Zeichen durchzulauffen pflegte. Dass
aber der Griechische oder Tehbische Herkules den Nemeischen Leuen / der /durch
Zutuhn des Mohnes / aus einem Schaume / wie Griserm in seinem 2 Buche / und
Demodokus / in den Herakleischen Geschichten aufgezeichnet / geboren worden /
und eine undurchdringbare feste Haut / die Herkules nachmahls / an Schildes oder
Pantzers statt /stähts getragen / gehabt / mit seiner mit Eisen stark
beschlagenen / oder gar eisernen Keule / wie sie Sokrates an den Jodoteus / und
Pisander beschreiben / in seiner ersten Jugend / da er / auf des Amfitruons
Befehl / zwischen Filunt / und Kleone das Vieh gehühtet / zu seinem ersten
Meisterstükke gefället und erschlagen / bezeuget / unter andern / Euripides / in
seinem Rasenden Herkules / wie auch Seneka. Ja dass er die Omfale / des Lidischen
Königes Tochter / und des Tmolus Gemahlin / dermassen geliebt / dass er ihr seine
Leuenhaut überlassen / und unter ihren Zofen / in Frauenkleidern / als eine
Spinnerin / drei Jahre lang gedienet / ja gar ihr Leibeigner geworden / bezeuget
er selber / bei dem Propertz / wan er also redet:
IDEM EGO SIDONIÂ FECI SERVILIA PALLÂ
OFFICIA, & LYDA PENSA DIURNA COLO.
MOLLIS & HIRSUTUM CEPIT MIHI FASCIA PECTUS,
& MANIBUS DURIS APTA PUELLA FUI.
Eben dasselbe verweiset und rechnet es ihm / als eine grosse Schande / zu seine
Deianire / bei dem Ovidius /wan sie folgender Gestalt spricht:
NON PUDET, ALCIDE, VICTRICEM MILLE LABORUM
RASILIBUS CALATHIS IMPOSUISSE MANUM?
CRASSAQUE ROBUSTO DEDUCIS POLLICE FILA,
ÆQUAQUE FORMOSÆ PENSA REPENDIS HERÆ.
DICERIS INFELIX SCUTICÆ TREMEFACTUS HABENIS
ANTE PEDES DOMINÆ PERTIMUISSE MINAS.
    Malide war eine von der gemeldten Omfale Zofen oder Hofjungfrauen / mit
welcher er den Azelus / von dem die Lidische Stadt Azele / diesen Nahmen
bekommen / gezeuget.
    Melite / des Egäus Tochter / und des Hillus Mutter / den sie dem Herkules
gebahr / von welcher die im Sizilischen Meere gelegene Insel / als auch die
Stadt auf derselben / derer Plinius im 3 Buche gedenket /den Nahmen Melite oder
Malte bekommen.
    Pirene / von welcher das Pirenische Gebürge zwischen Spanien und Frankreich
/ wie Silius / in seinem 3 Buche meldet / den Nahmen empfangen; weil Herkules
auf diesem Gebürge die Pirene geschwängert /und sie selber alda nachmahls
begraben worden: wiewohl Diodor / in seinem 6 Buche / eine andere Uhrsache
beibringet / warüm dieses Gebürge / das Plinius im 3 Hauptst. des 3 Buches / und
Strabo gleichmässig im 3 Buche beschrieben / gemeldten Nahmen führet.
    Jole war des Etolischen Königes Euritus Tochter /den Herkules / weil er ihm
die zu erst versprochene Jole nachmahls zu geben geweigert / bekriegte; wie
Menekrates aufgezeichnet.
    Hebe / der Juno Tochter / ohne Vater / die dem nunmehr unter die Götter
gezehletem Herkules vermählet worden; wie Plato / der ihre Hochzeit beschrieben
/ als auch Apollodor im 2 Buche / und Pausanias in den Attischen Begäbnissen
aufgezeichnet. Aber hiervon / wie auch von der Jole / kann unser Dichterischer
Sternhimmel / und was wir droben bei der 23 Einteilung des 1 Buches unsers
Simsons angemärket / gelesen werden.
    Filone / des Alzidemons eines Arkadischen Heldens Tochter; welche dem
Herkules den Echmagoras geboren / und mit ihm / den wilden Tieren zum Raube /
auf einem Berge an einem Baum angebunden / aber vom Herkules aus solcher Gefahr
erlöset worden.
    Megare / des Königes zu Tehbe Kreons Tochter /die er dem Herkules / wie die
Jokaste dem Oedipus /vermählete / aber nachmahls Herkules selbst / als er
tolsinnig worden / wie Seneka / in seinem Schauspiele vom Rasenden Herkules /
bezeuget / ümbrachte.
    Astidamie war des Ormenus Tochter / welche Herkules / nachdem er ihren Vater
entleibet / entführete.
    Astiochie / die Herkules / aus der Lakonischen Stadt Efire / gleichmässig
entführet / und den Tlepolemus mit ihr gezeuget; wie Bokatz aufgezeichnet.
Dieser Tlepolemus ward nachmahls der Rodier König /den Sarpedon / im Kriege vor
Trojen / ümbrachte; wie Homerus / im andern Buche seines Heldengedichtes von
Trojen / meldet.
    Deianire / den Etolischen Königes Eneus Tochter /welche zuerst dem Könige
Achelous versprochen /aber nachmahls dem Herkules / als er jenen seinen
Mitbuhler überwunden / zu Teile ward; wie Perottus aufgezeichnet. Diese
unterstund sich Nessus am Ufer eines Etolischen Flusses zu nohtzüchtigen. Aber
Herkules durchschos ihn mit Pfeilen / die er mit Schlangengifte bestrichen. Weil
nun Nessus seinen Tod /den er jetzt vor Augen sah / rächen wollte; so gab er der
Deianire sein Kleid mit Gift und Bluhte besudelt /und sagte darbei / wan sie es
ihren Ehman anziehen liesse / dass es alsdan ein guhtes Artzneimittel wider die
Liebe der Huhren sein würde. Deianire nahm dieses zu Ohren / bewahrete das Kleid
/ und als Herkules / mit der entführten Jole / nachdem er die Feinde besieget /
bei einem Euböischen Vorgebürge angelanget / auch den Licha seinen Knecht voran
geschikt der Deianire seinen Sieg / samt seiner Ankunft / ansagen zu lassen; da
schikte sie dem Herkules solches Kleid zu; damit es ihm zum Gegengifte wider die
Liebe der Jole / die ihr verdächtig war / dienen möchte. Sobald nun Herkules
dieses Kleid anzog / da begunte sein Leib von stunden an heftig zu jükken / und
mit hitzigen Blattern auszuschlagen. Auch ward er so rasend /dass er seinen
Knecht / der ihm das Kleid gebracht /von einem Felsen ins Wasser stürtzte. Ja er
sprang endlich für unerleidlichen Schmertzen / auf dem Berge Eta / selbst in das
angezündete Tohtenfeuer. Und hiernach erhing sich die Deianire / sobald sie des
Herkules unglücklichen Tod erfahren / aus Verzweifelung / mit eigenen Händen: wie
Euripides / und Seneka / in ihren Schauspielen vom Rasenden Herkules / wie auch
Apollodor / Luzian / Filip von Bisantz /und viel andere weitleuftig beschrieben.
    Noch auch der funfzig königlichen Töchter des Tespius.] Dieser Tespius /
oder Tespis / wie ihn andere nennen / der in Beozien König / und des Erichteus
/Königes zu Atehn / Sohn war / nachdem er des Herkules tapfere Tahten vernommen
/ vermeinte / dass es ein grosses Glük für ihn sein würde / wan er von einem
solchen Helden aus seinen funfzig Töchtern /die er hatte / gleich so viel
tapfere Söhne bekommen möchte. Und darüm baht er den Herkules auf ein köstliches
Gastmahl / und trank ihm so tapfer zu / dass Herkules berauschet alle Töchter /
bis auf eine / welche / wie Pausanias / in seinen Beotischen Geschichten /
bezeuget / in ewiger Jungfrauschaft zu leben geschworen / in einer Nacht
beschlief.
                               Zur 17 Einteilung.
Diese wohnete zu Gaza / in einer von den damahligen drei Riesenstädten.] Hiervon
redet der Verfasser des Buches der Richter / straks im Anfange des 16
Hauptstükkes / also: Simson ging hin gen Gaza / und sah daselbst eine Huhre /
und schlief bei ihr. Von der Stadt Gaza schreibet Stefanus / in seinem Buche von
den Städten / folgender Gestalt: sie wird auch Aza genennet / und die Sirer
nennen sie noch itzund Aza /vom Azon / des Herkules Sohne. Dieses Nahmens
zweierlei Aussprache rühret vom Ebräischen her; da der erste Buchstab / nähmlich
das Ajin / von etlichen wie ein g gelesen / von andern gar weggelassen wird. Und
weil dieses Ebräische Wort feste / befestiget / oder eine befestigte Stadt
bezeichnet / so ist es nur ein Mährlein / dass gemeldte Stadt den Nahmen Gaza
oder Aza / welches einerlei ist / vom Azon / des Herkules Sohne / sollte bekommen
haben. Dass sie aber in der Taht so wohl / als dem Ebräischen Nahmen nach / eine
feste Stadt oder Festung gewesen /bezeuget Mela / wan er spricht: im
Filisterlande befindet sich Gaza / die eine gewaltige und sehr befestigte Stadt
ist. Und eben daher durfte Batis / ihr Befehlhaber / wie Arrianus in seinem 2
Buche bezeuget /sich dem Grossen Alexander so lange widersetzen: welches auch
Kurtz / in seinem 4 Buche / meldet.
                               Zur 24 Einteilung.
Dem die heilige Schrift den allerschändlichsten Nahmen giebet.] Diesen Nahmen
hat uns eben itzund der Verfasser des Buches der Richter / da er kein Blat vor
den Mund nimt / ungescheuet genennet.
                               Zur 25 Einteilung.
Ach! wie wenig Joseffe findet man.] Von der unvergleichlichen Keuschheit des
Josefs ist zu lesen im 39 Hauptstükke des Buches der Schöpfung / wie auch in
unserer Assenat / und in Jakob Katsens Selbstreite.
                               Zur 27 Einteilung.
Sei eine Gastgäberin gewesen.] Dieses meldet Valerius Herberger / im 61 Hauptst.
seines 11 Teiles von den Grossen Tahten Gottes. Auch findet man bei dem Flavius
Josef / im 10 Hauptst. seines 5 Buches von den Alteiten der Jüden / diese
Worte: nach dieser Schlacht / indem er nunmehr die Filister nichts achtete /
kahm er nach Gaza / und hielt sich alda in einem öffendlichen Würtshause auf.
Von der itzigen Liebe des Simsons aber schweiget dieser Geschichtschreiber ganz
stil. Ja er gedenket der Würtin selbst; oder eines andern Weibesbildes / darein
sich Simson sollte verliebt haben / mit keinem einigen Worte / gleich als hette
er diesen Fehler eines solchen Helden mit Vorbedachte verschweigen wollen.
                               Zur 31 Einteilung.
Die bei den Röhmern von den Verdiensten.] Eine Huhre heisset auf Lateinisch
MERETRIX, das ist QUÆ MERET ÆRE SIVE PECUNIÂ, die üm Geld dienet / oder Geld
verdienet / QUÆ CORPUS SUUM AD TURPEM QUÆSTUM PROSTITUIT, die üm einen
schändlichen Verdienst oder Gewin ihren Leib aussetzet / feil bietet / MULIER
MERITORIA SIVE MERCENARIA IMPUDICA, QUÆ MERCEDE CONDUCITUR, eine unzüchtige /
unverschähmte Mietfraue / die man üm Lohn dinget oder mietet /QUÆ TURPISSIMAM
EXERCET MERCATURAM. Welche die allerschändlichste Kaufmanschaft treibet.
    Bei den Griechen von den Verkauffungen.] Eben dieselbe nennen die Griechen
pornhn, von perao, wan es so viel heisset / als VENDO ich verkauffe /oder IN
ULTERIORE REGIONE VENDO ich verkauffe es auf der andern Seite; oder IN ULTERIORA
LOCA TRANSFERO, UT VENDAM, ich bringe es über auf die andere Seite zu
verkauffen; wie es Eustatius erklähret: oder vielmehr von pernao oder pernhmi,
welche beide gleichmässig verkauffen bezeichnen. Daher ist bei den Griechen das
Wort pornh; das ist eine Huhre / so viel gesagt / als eine /die ihren Leib
gleichsam zu kauffe setzet / oder verkauffet. Und porneion heisset bei eben
denselben ein Ort / da die Huhren sich feil bieten / GANEA, LUPANAR, ein
Huhrenhaus / BORTHELHUSE, wie es die Engelländer von BORTHEL, das ist Huhre /
nennen. Die Franzosen sagen auch / wan sie von einem solchen unzüchtigen Orte
reden / BORDEAU, die Niederteutschen BORDEEL, die Wälschen BORDELLO, die Spanier
BURDE: welche letztere Wörter alle sechse dem Griechischen pornh oder porneion
sehr nahe kommen; wiewohl sie sonsten aus dem Niederdeutschen BORDELEN, das ist
ÆSTUARE, übersich / oder über den Bord oder Rand steigen / wie ein siedendes
Wasser / hitzig / feurig / und brünstig sein /gebildet zu sein scheinen. Ja das
Wort dhmioyrgos damit die Griechen zuweilen ebenmässig eine Huhre bezeichnen /
bedeutet nicht viel anders / als ihr pornh; weil es sonst so viel heisset / als
einer / dessen Werk oder Arbeit öffendlich und iedermanne zu Kauffe stehet; wie
der Huhren ihre Werke / Schönheit /oder Leiber zu tuhn pflegen. Auch wird dhmos
oder dhmos selber / daraus dhmioyrgos zusammen gesetzt und gebildet ist / bei
dem Archiloch für eine Huhre /ich will sagen Allemanshuhre / gemeine öffendliche
Mätze / die sich dem ganzen Volke / welches das Wort dhmos; eigendlich
bezeichnet / dar- oder zu kauffe bietet / genommen.
    Und bei uns von den Vermietungen oder Verheurungen ihrer Leiber.] Das Wort
Huhre bedeutet bei den Deutschen eigendlich anders nicht / als ein Heuerweib /
ein geheuertes oder gehüertes / das ist gemietetes Weib / ein Mietweib / das man
zur Unzucht mietet / hüert / dinget / oder das seinen Leib darzu verhuert oder
vermietet / und ein gewisses Geld bedinget / ja sich also auf eine Zeitlang
einem ieden / dem sie anstehet / gleichsam verkauffet: Daher dann Ovidius saget:
STAT MERETRIX CERTO CUIVIS MERCABILIS ÆRE.
                               Zur 37 Einteilung.
Die Zintokbeume.] Diese wachsen in etlichen / wiewohl sehr wenigen Oertern im
Ostindien / und seind unsern Aertzten in Europa bisher ganz unbekant gewesen.
Der erste / der sie / indem er ein überaus starkes und kräftiges Oehl / aus
ihrer Rinde gezogen / zu nützen gesuchet / war der nunmehr durch den Tod uns
vielzufrüh entzogene Vielerfahrne Preusse / Johan von Kempen: welcher mir
solches Oehl / zusamt der Rinde / und dem Holtze / selber aus Ostindien
mitgebracht. Das Oehl pflegte er denen / die einen übelvertauenden erkälteten
Magen hatten / als ein heilsames Artzneimittel / in etwan einer Brühe
einzugeben. Ein Tropfen darvon ist so stark und so kräftig / dass er seinen
Geschmak einem ganzen Masse warmen Weines oder Bieres kräftiglich mitteilet. Das
Holtz / welches / schier wie das alte Brasilienholtz / dunkelbraun ist / rieb er
ganz klein / und gebrauchte dasselbe / zur Hertzstärkung / im Weine; der darvon
straks einen ganz lieblichen Geschmak und Geruch bekahm. Wan es angezündet /
und straks wieder ausgeleschet wird /giebet es den alleranmühtigsten Geruch /
der in der Welt zu finden. Auch stärket dieser Geruch das Gehirn auf eine ganz
sonderliche Weise. Die Borke / die fast eines kleinen Fingers dikke ist / und
was graulicht aussiehet / ist so kräftig / dass ein Stüklein darvon / als ein
Nahtelknöpflein gross / in den Mund genommen / und zerkauet / eben einen solchen
Geschmak giebet / als hette man allerlei Gewürtze von Näglichen / Zimmet /
Muskatenbluhmen und Nüssen genossen.
                               Zur 54 Einteilung.
Dass es in der Danae Schoss Gold regnen müste.] Die Geschicht der Danae / des
Argischen Königes Akrisius Tochter / und nachmahliger Gemahlin des Königes
Pilumnus / welcher das Brohtbakken / wie sein Bruder Pitumnus die Aekker zu
misten / soll erfunden haben / wird in meinem Güldenen Regen / den ich des
dreimal Grossen Ferdinandens des Dritten Keiserlicher Majestäht / auf dem im
1653 Jahre zu Regensburg gehaltenem Reichstage / untertähnigst gewiedmet / unter
den Anmärkungen / folgender gestalt erzählt: Nachdem Akrisius / der Argische
König / der ein Sohn des Abas war / seinem Bruder dem Prötus /wie Eusebius / und
Laktantz melden / im Reiche gefolget / und seinen Stuhl in der Königlichen
Hauptstadt Argos befestiget / hat er die Götter oder vielmehr Götzen gefraget:
was er für Glük in seinem angeträhtenem Reiche haben würde? Weil er nun zur
Antwort bekommen; dass er von der Hand desselben /den seine Freulein Tochter /
die Danae / gebähren würde / sterben sollte: so hat er sie in einen Turn gesetzt
/ und so stark und fleissig zu bewachen befohlen / dass ja niemand zu ihr
gelangen möchte. Jupiter aber / oder ein ander König / der in die Zahl der
Heidnischen Götter aufgenommen / und zum Obersten unter ihnen erkohren worden /
durch das Gerüchte von ihrer übermenschlichen Schönheit angereitzet /
verwandelte sich in einen Güldenen Regen / und lies sich / durch das Dach
desselben Turnes / in der schönen Danae Schoss / herunter. Ich will sagen / er
bestach die Wächter solches Turnes mit Golde / dass er zur Königlichen Fürstin
gelangen / und sich mit ihr in Liebeslust ergötzen konnte. Als sich nun die Danae
/ aus solchem Güldenen Regen / oder vielmehr aus solcher Liebesergetzung /
geschwängert befand; da ward der Königliche Vater Akrisius überaus zornig / und
lies sie in einen Kasten setzen / und in das Meer werfen. Die Armsälige
schwebete so lange auf dem Meere herüm /bis sie endlich an das Apulische Seeufer
angetrieben /und alda von einem Fischer von ohngefähr aufgefangen ward. Dieser
brachte sie / samt dem Knaben Perseus / den sie im Kasten geboren / zum Könige
Pilumnus; den die Bäkker nachmahls / weil er sie das Brohtbakken gelehret / für
ihren Gott aufwarfen. Pilumnus fragte von stunden an / wer sie sei / und von
wannen sie were; und als er ihr Vaterland / und Königliches Herkommen verstanden
/ entschlos er sich sie ohne Verzug zu ehligen. Nach dieser Vermählung erwuchs
Perseus / und verrichtete viel tapfere Heldentahten. Unter andern überwand er
die drei ungeheuren Gorgonen / die Stenno / Euriale / und die Meduse. Diese
waren Jungfrauen in Afriken / bei dem Berge Atlas; die alle drei nur ein Auge /
oder / wie andere melden / einerlei Schönheit gehabt; dadurch alle dieselben /
welche sie angesehen / sich in Steine verwandelt / oder vielmehr aus heftiger
Liebe erstarret: wie Servius über diese des Virgiels / im 6 Buche seines
Heldengedichtes vom Eneas / ausgelassene Worte /
GORGONES, HARPYIÆQUE & FORMA TRICORPORIS UMBRÆ, ETC.
angemärket / u.a.m. Der letzten dieser Jungfrauen hieb der tapfere Königliche
Fürst Perseus den Kopf herunter / und lies ihn / als ein Zeichen seines Sieges
/auf sein Schild mahlen: damit er seine Feinde freilich in Schrökken / Furcht /
und ewige Erstarrung gebracht / wan er sie durch seine Waffen und sein Schild /
darauf der Medusen Heupt entworfen stund /in eine ewige Unbewöglichkeit / ich
will sagen / in den Tod selber / versetzet. Und also verstehen wir auch
dasselbe / was uns die Scheinwahrheit der alten Dichtmeister vormahlet / dass
Perseus seinen Grossvater den Akrisius / indem er ihm der Medusen Kopf
vorgehalten / in einen Stein verwandelt / und sich seines Reichs / daraus er ihn
/ samt seiner Mutter / der Danae / vertrieben / bemächtiget: wie Bokatz /
Virgiel / Ovidius / Herodotus / Natalis Komes / als auch Eusebius in seinen
Zeitgeschichten / und viel andere mehr aufgezeichnet. Gleichwohl wird der Danae
/ von ihrem Vater dem Akrisius / noch der Zunahme Akrisioneis gegeben; wie aus
folgenden Virgilischen Worten zu sehen:
PROTINUS HINC FUSCIS TRISTIS DEA TOLLITUR ALIS
AUDACIS RUTILI AD MUROS: QUAM DICITUR URBEM
ACRISIONEIS DANAË FUNDASSE COLONIS
PRÆCIPITI DELATA NOTO.
Ja es hat auch dieser tapfermühtige Perseus die Königliche Etiopische Fürstin
Andromede nicht allein von ihren Fesseln / sondern auch aus dem Rachen eines
ungeheuren Walfisches / aus Liebe so wohl / als aus Mitleiden / erlöset / und
sich nachmahls mit ihr vermählet. Diese Andromede war des Mohrenköniges Zefeus /
und der Kassiope Freulein Tochter / eine überaus schöne Fürstin / aber ihrer
Frau Mutter Hofart wegen / weil sie mit den Nereinnen üm den Preis der Schönheit
zu streiten sich unterfangen / deswegen sie auch unter das Gestirn gesetzt
worden / wohl recht armsälig; indem sie / auf Befehl der Götter / an einen
Steinfels / bei der Stadt Joppe gebunden / und obgemeldtem Walfische zum Raube
dargestellet ward; wie Euripides / in seiner Andromede / Ovidius im 4 seiner
Verwandlungsbücher / als auch Perottus hiervon / mit mehren Umständen / können
gelesen werden. Endlich ward auch üm solcher des Perseus Tapferkeit willen
/seine liebe Andromede / aus Gunst der Weisheit Göttin Minerve / zugleich mit
ihm unter das Gestirne gestellet. Hierbei kann auch nachgelesen werden / was wir
droben / in der 23 Einteilung des ersten Buches /bei dem Nahmen Andromede
angemärket / wie auch was wir hiervon / in unserem Dichterischen Sternhimmel /
unter dem Sternzeichen des Zefeus / Perseus /der Kassiope / und Andromede /
gemeldet. Nun wollen wir diese Geschicht vom Perseus / und seiner Mutter der
Danae mit den Worten des Horatz / aus dem 16 Leierliede seines 3 Buches /
schlüssen / da er also singet:
INCLUSAM DANAËN TURRIS AËNEA
ROBUSTÆQUE FORES, & VIGILUM CANUM
TRISTES EXCUBIÆ MUNIERANT SATIS
NOCTURNIS AB ADULTERIS;
SI NON ACRISIUM, VIRGINIS ABDITÆ
CUSTODEM PAVIDUM JUPITER, & VENUS
RISISSENT: FORE ENIM TUTUM ITER, & PATENS,
CONVERSO IN PRETIUM DEO.
AURUM PER MEDIOS IRE SATELLITES,
& PERRUMPERE AMAT SAXA POTENTIUS
ICTU FULMINEO.
Und also heisset es wohl recht / wie wir in unserer Horazischen Sittenlehre /
bei dem 49 Sinbilde des 1 Teiles / geschrieben:
Gold dringt durch Stahl und Eisen hin /
schlägt Mauren / Wal / und Turn zu trümmern.
Das Schlos springt auf / nach unsrem Sin /
wan güldne Schlüssel vor ihm schimmern.
Gold macht / dass niemand standfest ist /
ein Weiser seinen Witz vergist /
das Recht die Pflicht / der Mensch die Lehre /
die Wach' ihr Amt / die Frau ihr' Ehre.
                           Zur 64 und 67 Einteilung.
Kaum war er in dieses Haus eingekehret.] Hiervon redet das Buch der Richter im
16 Hauptst. mit kurtzen Worten also: da ward denen von Gaza gesagt: Simson ist
herein gekommen. Und sie ümgaben ihn / und liessen auf ihn lauren die ganze
Nacht / in der Stadt Tohre. Und sie waren die ganze Nacht stil / und sprachen:
harre! morgen / wan es liecht wird / wollen wir ihn erwürgen. Simson aber lag
bis zur Mitternacht.
                           Zur 73 und 85 Einteilung.
Zu dem Ende stund er dann mitten in der Nacht auf.] Die Worte des Buchs der
Richter lauten hiervon also: da stund er auf zur Mitternacht / und ergrif beide
Tühren am Stadttohre / samt den beiden Pfosten / und hub sie aus mit den Riegeln
/ und legte sie auf seine Schultern / und trug sie hinauf auf die Höhe des
Berges vor Hebron. Hierbei kann auch gelesen werden /was Valerius Herberger im 41
Hauptst. seines 11 Teiles von den Grossen Tahten Gottes / angemärket.
                               Zur 96 Einteilung.
Als ein zweiter Jason.] Dieser Jason / der zuvor Diomedes hies / war des Kreteus
Enkel / und Esons / des damahligen Tessalischen Königes Pelias Bruders /und der
Polimede / die etliche Polimelen / oder auch Polifemen nennen / des Autolikus
Tochter Sohn; wie Apollonius / Valerius Flakkus / Herodotus / und andere melden:
wiewohl dieser des Jasons Mutter Ferezides den Nahmen der Alzimede / die des
Filax Tochter war / Andronis der Teogenete / Stesichor der Eteoklimene /
Demetrius der Röus oder Rius zu geben pflegen Gemeldter Pelias / seines Vaters
Bruder /schikte ihn von Jolk / welches Jasons Grossvater Kreteus zur Königlichen
Hauptstadt gebauet / nach Kolch / das ihm durch List dahin entführete Güldene
Fel wiederzuhohlen: welches er auch glücklich erhielt /und nach überstandenen
vielen Gefährligkeiten auf solcher Seereise / mit sich nach Jolk brachte; da er
den Pelias endlich erwürget / und sich seines Väterlichen Königreichs
bemächtiget. Dieses Güldene Fel /meint  Plutarch / sei eine Goldschacht / oder
ein verborgener Schatz in Kolch unter der Erde gewesen. Justien aber / der des
Jasons Reise weitleuftig beschreibet / in seinem 42 Buche / dass das Mährlein des
Güldenen Felles von den durchbohreten und mit wollichten Fellen überzogenen
Bretern / damit die Kolcher den Goldsand aus den Flüssen zu fischen pflegten
/entsprossen sei. Hingegen erzählen andere / dass Frixus des Tehbisschen Königes
Atamas aus der Nefele Sohn / und der Helle / davon der Hellespont / das ist der
Helle Meer / den Nahmen bekommen / Bruder /als er der Nachstellung seiner
Stiefmutter der Ino /samt seiner Schwester / entflühen wollen / auf einem
güldenen Wider / durch die Luft hin / in Kolch geführet worden: da er den Wider
geschlachtet / und sein güldenes oder mit güldener Wolle bewachsenes Fel dem
Mars zu Ehren an einen Baum aufgehänget. Und hierher zielet Ovidius / wan er /
in einem Sendeschreiben des Leanders / also spricht:
FLUCTIBUS IMMODICIS ATHAMANTIDOS ÆQUORA CANENT,
VIXQUE MANET PORTU TUTA CARINA SUO.
HOC MARE CÙM PRIMÙM DE VIRGINE NOMINA MERSÂ,
QUÆ TENET, EST NACTUM, TALE FUISSE PUTO.
EST SATIS AMISSÂ LOCUS HIC INFAMIS AB HELLE,
UTQUE MIHI PAREAT, NOMINE CRIMEN HABET.
INVIDEO PHRIXO, QUEM PER FRETA TRISTIA TUTUM
AUREA LANIGERO VELLERE VEXIT OVIS.
wie auch Manilius / im vierden Buche seiner Sternkunst / mit folgenden Worten:
- TESTIS TIBI LANIGER IPSE,
CÙM VITREUM FINDENS AURATO VELLERE PONTUM,
ORBATUMQUE SUÂ PHRIXUM PER FATA SORORE
PHASIDOS AD RIPAS, & COLCHIDA REGNA REVEXIT.
    Doch dieser Wider ist kein Schafbok oder Hammel gewesen / sondern ein
Bedienter / oder vielmehr Hofmeister des Frixus / der Krius / welches eben so
viel als Wider gesagt ist / geheissen / und seines weisen Rahtes wegen / den er
dem Frixus gegeben / der Güldene Krius / daraus die Dichtkünstler / durch diesen
Nahmen verführet / der eine einen Güldenen Wider oder einen Wider mit güldener
Wolle / der andere ein Güldenes Schaf / und dergleichen Dinge mehr gemacht /
genennet worden. Aber hiervon kann der Liebhaber in meinem Dichterischen
Sternhimmel / unter dem Sternzeichen des Widers / wie auch bei dem Natalis Komes
/ im 9 Hauptstükke seines 4 Buches von den Lehrdichtereien / mehr zu lesen
finden. Darüm will ich auch alhier weder vom Frixus / der das erdichtete Güldene
Fel nach Kolch soll gebracht / noch vom Jason / der es von dar / durch Hülfe der
Medee / des Kolchischen Königes Eta Tochter / wieder soll weggeführet haben /
keinen weiteren Bericht tuhn: sondern diese Anmärkung mit dem herrlichen und
märkwürdigem Lobe / das Xenofon dem Jason giebet / schlüssen / wan er im 6 Buche
seiner Griechischen Geschichte folgender gestalt schreibet: Er / der Jason / ist
so ein behuhtsamer und kluger Kriegsheld / dass ihm sein Anschlag / wan er die
Feinde zu überlistigen / oder zu überrumpeln / oder mit Gewalt zu überfallen
vorhat /schier niemahls fehl schläget. Er ist so wohl des Nachtes / als bei Tage
/ stähts bereit; ja selber /wan er / in Gastereien / müssig zu sein scheinet.
Auch ruhet er eher nicht / als bis er dahin / da er hin gedenket / gelanget /
und dasselbe / das ersprüsslich sein kann / verrichtet. Eben also gewöhnet er auch
seine Kriegsleute: denen er / wan sie eine tapfere Taht getahn / viel
nachgiebet. Daher meinen alle / die ihm üm Sold dienen / dass Wohllust und Musse
nur allein durch Arbeit erlanget werde. Er selbst genüsset unter allen / die ich
kenne / der Wohllust am allerspaarsamsten. Darüm kann auch diese ihn nicht
verhindern seiner Sachen auf das beste wahrzunehmen.
                               Zur 99 Einteilung.
Ohne Morgenverschub gewan Alexander der Grosse.] Alhier sehen wir auf die Antwort
dieses Grossen Alexanders / die er demselben gab / der ihn fragte: wie er in so
kurtzer Zeit so viel mächtige Königreiche bezwingen können? Nähmlich diese /
mhden anaballomenos, NON PROCRASTINANDO. Etliche schreiben sie auch dem Julius
Zesar zu. Hierher gehöret mit / was Hesiodus / in seinem 2 Buche saget:
Oy gar etosioergos anhr pimpghse kalihn,
oydA anaballomenos.
NEQUE HOMO OTIOSUS SUAM IMPLET DOMUM, NEQUE QUI PROCRASTINAT, weder ein
Müssiggänger / noch ein Zauderer füllet sein Haus. Aiei dA amboliergos anhr
ataisi palaiei, SEMPER PROCRASTINATOR VIR LUCTATUR CUM DAMNO, ein Zauderer oder
Verzögerer ringet allezeit mit dem Schaden / spricht eben derselbe.
 
                       Anmärkungen des siebenden Buches.
                               Zur 2 Einteilung.
Dieser gefährliche Staffeltag des 63 seiner Krankheit.] Die Lehre von den
Wechsel- oder Staffel-tagen hat nicht allein Hippokrates und Galenus kurtzbündig
/sondern auch der berühmte Artzt und Lehrer auf der Hohen Schuhle zu Helmstet /
Jakob Horst / in seinem Berichte von gemeldten Tagen / wie auch Mohnden /und
Jahren an den Freiherrn zu Waldstein / damahligen Landeshauptman in Mähren /
ausführlich beschrieben. Dass aber diese Lehre sich selbst auf das Wort GOttes
gründet / sehen wir daraus / dass GOtt auf den siebenden Tag der Schöpfung
gefeiert / und ihn auch den Menschen iederzeit zu feiern befohlen. Ja wir sehen
/ dass / durch seine Schikkung / auf den vierzigsten Tag die grössesten
Veränderungen in der Welt vorgefallen: nähmlich bei der Sündfluht / die auf den
vierzigsten Tag sich geendet / wie auch bei dem Fasten unsers Heilandes / der /
in der Wüste / vierzig Tage gefastet / auch am vierzigsten Tage nach seiner
Auferstehung wieder gen Himmel gefahren. Eine solche Veränderung fiel auch vor
im vierzigsten Jahre nach dem Auszuge des Volkes GOttes aus Egipten. Der
jetztgemeldte Galenus schreibet / unter andern /dass er die Veränderung oder
Abwechselung der Krankheiten von Jugend auf bis in sein höchstes Alter fleissig
in acht genommen / und befunden / dass zwar alle und iede Tage die Krankheiten
sich verändert /und in etlichen mehr / in andern weniger / auch in etlichen zur
Verbesserung / in andern zur Verschlimmerung. Aber auf den zwölften Tag hette
sich die Krankheit nicht verändert / und auf den sechszehenden niemahls: welches
auch Diokles und Archigenes angemärket. Dass aber der Wechsel oder die
Veränderung der Krankheit auf gewisse Tage / die man aus der Erfahrung für
Wechseltage zu halten pfleget / sich oftmahls nicht begiebet / dessen ist die
Uhrsache entweder der Artzt / oder der Kranke selbst: wan sie den Lauf der Natur
/ jener durch unzeitige Artzneien / dieser durch Nachlässigkeit / indem er dem
heilsamen Rahte des Artztes zu folgen nachlässet / oder durch Unbehuhtsamkeit /
indem er sich / bei euserlichen Zufällen / zu sehr bewägen / ich will sagen / zur
Schweermuht / zum Schrökken / zum Zorne / und zu dergleichen heftigen
Gemühtsbewägungen zu sehr treiben und reitzen lesset / dergestalt verhindern und
gleichsam irre machen / dass sie / in ihrer ordentlichen Würkung stutzig gemacht
/ dasselbe / was sie gern wollte / nicht zu verrichten vermag. Und eben daher
komt es / dass die Krankheiten / wan ihre Veränderung an solchen Wechsel-tagen
auf gemeldte Weise verhindert wird / sich verlängern / ja in eine langwierige
Lungen- und Wasser-sucht / oder dergleichen gefährliche Zufälle / wo nicht gar
ein schnäller Tod folget / ausschlagen.
                               Zur 3 Einteilung.
Dieses drei und sechszigste Lebensjahr ist das allergefährlichste.] Wie das 7,
14, 17, 20, 27, 34, 40, 60, und 80 Jahr / so auch der 7, 14, 17, 20, 27, 34, 40,
60, und 80 Mohnd / und der 4, 7, 9, 11, 14, 17, 20, 27, 34, 40, 60, 80, und 120
Tag für guhte Wechseljahre / Mohnden / und Tage gehalten werden; also helt man
hingegen das 3, 6, 63, und 66 Jahr / wie auch eben diese Mohnden / und Tage für
die allerärgesten der bösen Wechseljahre / Mohnden und Tage. Was das 63
Lebensjahr betrift / welches / nach der Rechnung des Diokles / und Archigenes /
die Galenus längst widerlegt / sonsten das rechte guhte Wechseljahre sein sollte;
dieses ist darüm das allerschlimmeste Stufen- oder Staffel-jahr des Menschlichen
Lebens /daher es auch Galenus / eben wie das dritte / und sechste / ja sechs und
sechszigste / einen Wühterich des Lebens genennet: weil der 63 Tag / in der
zehenden Woche nach der Aertzte rechter Rechnung / der dritte Tag ist / oder
weil es das dritte Jahr / wie Jakob Horst redet / in der zehenden Woche ist. Dan
was sich in diesem 63 Jahre / Mohnden / oder Tage Böses reget / oder wechseln
will / das wechselt oder reget sich zur Unzeit: welches die grosse Mänge des
Unflahts im menschlichen Leibe veruhrsachet. Daher müssen auch die meisten / die
in diesem Jahre krunken / die Zeche bezahlen; wie Gellius / im 7 Hauptst. des 15
Buches seiner Attischen Nächte / da er auch des Keisers Augusts gedenket /
angemärket.
                               Zur 6 Einteilung.
Entweder zum Guhten / oder Bösen verändert.] Doch mehr zum Guhten; weil diese
zwei Jahre / Mohnden /oder Tage unter die guhten Wechseljahre / Mohnden /oder
Tage gehören: Die wir / weil sie guht und glücklich seind / schlechtin
Wechseljahre / Wechselmohnden / und Wechseltage / CRITICOS oder DECRETORIOS; die
andern aber / welche gefährlich / und böse seind / Stufen- oder Staffel-jahre /
Stufen- oder Staffel-mohnden / und Stufen- oder Staffel-tage / CLIMACTERICOS,
oder SCALARES, eigendlich zu nennen pflegen.
                               Zur 10 Einteilung.
Der 40 Tag nach der Gebuhrt.] Kornelius Zelsus schreibet hiervon im 1 Hauptst.
seines 2 Buches also: mit allen Kindern ist es gefährlich üm den 40 Tag nach der
Gebuhrt; darnach üm das siebende Jahr ihres Alters und zuletzt üm das
vierzehende.
                               Zur 11 Einteilung.
Dieses 63 Jahr / so auch der 63 Mohnd / und Tag des Menschlichen Lebens / ja
selbst der 63 Tag der Krankheit / ist auch gewislich am allergefährlichsten.
Hiervon schreibet Levien Lemnius / oder vielmehr aus ihm Jakob Horst / in dem
verhochdeutschten Werke von den verborgenen Wundern der Natur /also: wie das 3
Jahr / mit dem 6, das gefährlichste in der ersten Woche / also ist auch in der
zehenden Woche das dritte / weil es zum zehenden mahle wiederkomt / zehen mahl
ärger. Dan die ersten drei Wochen machen (nach seiner Rechnung) zwanzig Tage /
die andern drei Wochen 40 Tage / abermahl drei Wochen 60 Tage. So fänget mit dem
61 Tage die zehende Woche sich an: und der 63 Tag / und Mohnd / wie auch das 63
Jahr seind eine der ärgsten / gefährlichsten / und unglücklichsten Wechsel- oder
Stufen-zeiten / ja die allerschlimste; weil das 63 Jahr das dritte der zehnden
Woche ist. Also ist auch das 66 Jahr / eben dieser Rechnung nach / das
gefährlichste oder ärgeste; und alle beide seind als Wühteriche des Lebens zu
halten / u.a.m. Was er alda von der unterschiedlichen Ausrechnung des 63 Jahres
/ Mohndes /oder Tages schreibet / kann alda in der Folge gelesen werden.
                               Zur 17 Einteilung.
Die erste Schicht / welche die Glüklichen Jahre begreiffet.] Hiervon handelt
Wolfgang Hildebrand / im dritten Teile seiner natürlichen Kunstgriffe / oder im
ersten seines Planetenbuches am 40 und 41 Blatte.
                               Zur 36 Einteilung.
Die verborgene Kraft der Siebenden Zahl.] Die Uhrsache dessen / dass die Siebende
Zahl solche Kraft und Volkommenheit hat / ist nicht den sieben Irsternen /wie
etliche wollen / sondern dem Schöpfer aller Dinge selber zuzuschreiben; weil
Er sie geheiliget und gesegnet / indem Er den siebenden Tag der Schöpfung
gefeiert / und ieder Woche siebenden Tag dem Menschen zu feiern befohlen. Daher
pfleget auch die heilige Schrift / wan sie eine volkommene Zahl nennen will / die
Siebende zu gebrauchen: als wan sie saget / dem Nächsten solstdu vergeben nicht
siebenmahl / sondern siebenzig mahl sieben mahl: wie auch im andern Hauptst. des
1 Buchs Samuels / da Hanna in ihrem Gebähte spricht / bis die Unfruchtbare
Sieben gebähre: darnach im 110 Harfenliede Davids / Siebenmahl habe ich Dich im
Tage gelobet: und dann im 26 Hauptst. der Sprüche Salomons / ein Narre ist weiser
in seinen Gedanken / als sieben / die vernünftigen Bescheid geben. Auch mussten
die Aussetzigen / nach ihrer Reinigung / noch sieben Tage eingesperret bleiben.
Als Noah am 40 Tage / da die Sündfluht ablief /einen Raben / und darnach eine
Tauben flügen lassen /und die Taube / weil sie nicht fand / da ihr Fuss ruhen
konnte / wiederkahm; da lies er am siebenden Tage darnach abermahl eine Taube
flügen / die kahm gegen Abend wieder / mit einem Oehlblatte im Schnabel. Aller
Geschlächter vom Abraham bis auf David waren zweimahl sieben / das ist
vierzehen. Soviel Geschlächter zehlete man auch von David bis auf die
Babilonische Gefängnis: und wieder so viel von dieser Gefängnis bis auf den
Heiland der Welt. Ja Josef musste zweimahl sieben / das ist vierzehen Jahre lang
im Gefängnisse sitzen / ehe mit ihm so eine grosse Veränderung / die ihm die
zweimahl siebende Zahl brachte / vorfiel / dass er zum Schaltkönige des
Egiptischen Reichs erkohren ward. Dieses Josefs Vater /Jakob / dienete dem Laban
üm seine Tochter Rahe ebenmässig zweimahl sieben Jahre; wie Moses / im 29
Hauptst. seines 1 Buches / bezeuget. Dergleichen Beispiele von der siebenden
Zahl haben wir noch vielmehr in der Heiligen / ja selbst in andern Weltlichen
Schriften: daraus dann zu schlüssen / dass GOtt diese Zahl gar sonderlich / und
vielmehr / als andere / geheiliget / gesegnet / und ihr eine so gar grosse Kraft
unerforschlicher Weise mitgeteilet / dass sie noch itzund dem Menschen in
Krankheiten und andern Dingen gemeiniglich grosse Veränderungen zum Guhten und
Bösen / doch mehr zum Guhten / mitbringet. Hierher gehöret / was Galenus / im 6
Hauptst. seines 2 Buchs von den Wechseltagen / bezeuget / wan er also schreibet:
ich habe gesehen / dass in einem Sommer / da hitzige schnälle Krankheiten sich
euserten /400 Kranke am 7 und 9 Tage der Krankheit alle miteinander ihren
Wechsel bekommen / und ein guhtes Ende gehabt / oder zur Gesundheit gelanget. In
andern Jahren befand ich / dass viele / durch Nasebluhten / etliche am 7, andere
am 9, wieder andere am 14, auch wohl am 20 Tage volkömlich gesund worden. So
habe ich auch im Herbste wahrgenommen / dass alle Kranke / welche gestorben / auf
den 6 Tag den bösen Wechsel bekommen / und an diesem Tage das Leben eingebüsst.
                               Zur 38 Einteilung.
Weil Lamech / des Metusaels Sohn.] Dieser Lamech ist auch des Tubalkains Vater:
der ein Meister war in allerlei Ertz- und Eisen-werke / und von den Heidnischen
Dichtern Vulkan / welches sie aus Tubalkan gebildet / wie ich im 2 Hauptstükke
meines Egiptens /ausführlich erwiesen / benahmet wird. Seine Geschicht erzählt
Moses / im 4 Hauptst. seines 1 Buches / mit kurtzen Worten also: Lamech sprach
zu seinen Weibern / der Ada / und Zilla: ihr Weiber Lamechs / höret auf meine
Rede / und märket / was ich sage. Ich habe einen Man erschlagen / mir zur Wunde
/ und einen Jüngling / mir zur Beule / u.s.f. Andere aber / als Hieronimus / in
unterschiedlichen. Schriften / Augustien / im 17 Hauptst. des 15 Buches von der
Stadt GOttes / Abulensis / im 1 seiner Zeitbücher /wie auch Tostatus / Lipomanus
/ Rabanus / Liranus /Kajetanus / Pierius / Delrio / und mehr dergleichen
Schreiber / erklähren sie / aus den Geschichten der Ebräer / folgender Gestalt:
Lamech ging einesmahls auf die Jagt / in einen Wald; dahin seines Grossvatern
Grossvater Kain / entweder einen Lustwandel zu tuhn / oder aber im kühlen
Schatten der Beume sich zu erfrischen / begeben hatte. Als nun des Lamechs
Handleiter / oder Waffenträger / welcher Tubalkain / des Lamechs Sohn soll
gewesen sein / das Gereusche der Streucher / das Kain machte / vernahm; da
deutete er dem Lamech an / dass alda ein Wild vorhanden: und Lamech richtete
seinen Pfeil nach dem Gereusche zu /und erschos also den Kain. Sobald er aber
erfuhr /dass ihn sein Waffenträger fälschlich berichtet / ergrimte er dermassen /
dass er ihn mit dem Bogen / oder einem Stokke straks erschlug. Wiewohl Teodoretus
diese Erklähr- oder Erzehlung / in seinem 44 Hauptst. für ein Mährlein der
Ebräer helt / so streitet sie doch nicht wider den Bericht des Moses: welcher
die Begäbnisse der Gottlosen nur obenhin und mit ganz kurtzen Worten zu
berühren pfleget. Aber hiervon wird meine Egiptische Beschreibung / im 2
Hauptst. da ich / unter andern / erwiesen / dass Tubalkain oder Vulkan der erste
König in Egipten vor der Sündfluht gewesen / ein mehrers berichten.
                               Zur 51 Einteilung.
Diese böse Wechseljahre / wie auch Wechseltage.] Hierbei müssen wir auch
erinnern von den Aertzten angemärket zu sein / dass im 8, 12, und 16 Tage /Mohnde
/ und Jahre so wohl des Menschlichen Alters / als der Krankheiten keine
sonderliche Veränderungen vorzufallen pflegten. Und hieraus allein könnte man den
Unterscheid der Tage wider dieselben / welche nicht gestehen wollen / dass der
Wechsel oder die Veränderung auf gewisse Tage / Mohnden / oder Jahre fället /
behaupten.
                               Zur 68 Einteilung.
Sie war eben / als eine Turteltaube.] Diese hat ihren Nahmen bei uns so wohl /
als bei den Lateinern / da sie TURTUR, und bei den Wälschen / da sie TORTORE
oder TORTORA, wie auch bei den Franzosen / da sie TURTURELLE oder TORTORELLE
heisset / vom traurigen Klange / den sie giebet / und durch den sie ihren Gatten
zu suchen scheinet / bekommen. Die Ebräer nennen sie gleichfals THOR, von der
Wurtzel THOR, welches so viel heisset / als er hat gesucht / nachgeforschet /
nachgespühret durch einen Kreus: weil sie / mit ihrer kläglichen Stimme /ihren
Turtelteubricht suchet / sonderlich / wan er toht ist. Daher sagt Tullius:
TURTURES EREPTÂ COMPARE SEMPER GEMUNT, & CASTITATEM SERVANT, die
Turteltauben / wan sie ihren Gatten verloren / seufzen / und bewahren ihre
Keuschheit allezeit: wie auch Virgiel / im 1 seiner Hirtengedichte:
NEC GEMERE AËREÂ CESSABIT TURTUR AB ULMO.
                               Zur 74 Einteilung.
Zwischen das Leuen- und Wage-gestirn.] Hier verstehen wir die Jungfrau oder das
Frauengestirn / das / im so genenten Tierkreuse / zwischen dem Leuen / und der
Wage stehet.
                               Zur 78 Einteilung.
Dass derselbe / der einen Menschen gestohlen.] Diese Satzung hat Moses im 21
Hauptstükke seines 2 Buches aufgezeichnet.
                              Zur 124 Einteilung.
Niemahls war in Kedes.] So hies der schönen Naftalerin Gebuhrtsstadt / welche /
neben Adama /Hama / Hazor / und andern Städten der Kanaaner /dem Stamme Naftali
/ durch das Los / zugefallen; wie Josua / im 19 Hauptst. seines Buches /
angezeiget.
 
                         Anmärkungen des achten Buches.
                               Zur 4 Einteilung.
Ein solches öffendliche Lob / nach desselben Tode /zuerkante.] Dass die Röhmer
ein Gesetz gegeben bei den Begräbnissen der Frauen eine öffendliche Lobrede zu
halten / deutet Plutarch an / wan er / in seinem Buche von der Weiber Tugenden /
also schreibet: arista de o Pomaion dokei nomos exein, osper andrasi, kai
gynaixi dhmosia meta tn teleitn toys proshkontas apodidoys epainoys, gefället
mir der Röhmer Satzung überaus wohl; welche befielet den Frauen so wohl / als
den Männern / nach ihrem Absterben ihr verdientes Lob öffendlich widerfahren zu
lassen. Es hat aber der Raht zu Rohm diese Ehre den Frauen darüm zuerkant / weil
sie / als kein Gold im gemeinen Kasten vorhanden war / den Galliern die
bedungene tausend Pfund Goldes zu entrichten / allen ihren Goldschmuk / den man
sonst aus den Heiligtühmern nehmen müssen / hergegeben; wie Livius bezeuget /
wan er in seinem 5 Buche also spricht: MATRONIS PRO AURO AD LIBERANDAM À GALLIS
ROMAM COLLATO GRATIÆ ACTÆ, HONOSQUE ADDITUS, UT EARUM, SICUT VIRORUM, POST
MORTEM SOLEMNIS ESSET LAUDATIO, man dankte den Frauen für das Gold / welches sie
/ die Stadt Rohm von den Galliern zu erlösen / zusammengebracht / und täht ihnen
noch darzu diese Ehre / dass ihnen so wohl / als den Männern / nach ihrem
Ableiben / eine öffendliche Lobrede sollte gehalten werden. Dieses geschahe nach
Erbauung der Stadt im 363 Jahre / wie Sidonius meldet: wiewohl es Plutarch / im
Leben des Kamillus / da er die Geschicht auch etwas anders erzählet / üm das 358
geschehen zu sein schreibet.
    Bei dem Begräbnisse der Popillia.] Hiervon schreibet Tullius / im 2 Buche
seines Redners / also: IN EO QUIDEM GENERE SCIO & ME, & OMNES, QUI
AFFUERUNT, DELECTATOS ESSE VEHEMENTER TER, CUM ABS TE (CATULE) EST POPILLIA
MATER VESTRA LAUDATA: CUI PRIMUM MULIERI HUNC. HONOREM IN NOSTRÂ CIVITATE
TRIBUTUM PUTO. Und dieses war ein grosses Wunder / dass die Frauen zu Rohm sich
solcher vergönten Freiheit nicht eher gebrauchet / als nach so langer Zeit:
zumahl weil sie gemeiniglich ehrgeitzig waren / und einen hohen Geist hatten.
Aber hiervon kann Johan Kirchman / im 2 Buche von den Röhmischen Begräbnissen /
da er alles dieses weitleuftiger ausführet / gelesen werden.
                                Zur 6 Einteilung.
Bei den Griechen / und Röhmern.] In den ersten Zeiten der Röhmer / und Griechen
war es zwar gebreuchlich / dass man die Verstorbenen in ihren eignen Heusern
begrub; wie Servius / bei dem 5 Buche des Virgilischen Heldengedichtes vom Eneas
/ und Plato / in seinem Buche vom Kretischen Könige Minos / des Xantus Sohne /
bezeugen. Aber nachmahls ist selbst der Römische König Numa / wie Plutarch /
Dionisius / Livius / und Plinius / aus des Kassius Hemina 4 Buche seiner
Jahrgeschichte / im 13 Hauptst. des 13 Buches / aufgezeichnet / ausserhalb der
Stadt Rohm /da sie kaum ihren Uhrsprung gewonnen / begraben worden: so auch
Servius Tullius / wie Dionisius im 4 Buche meldet. Und diese Gewohnheit ist
lange Zeit vor der Stiftung der zwölf Gesetztafeln durch die Zehenmänner im
Schwange gegangen: darinnen / unter andern / diese Satzung / wie sie Tullius /
in seinem 2 Buche von den Gesetzen / aufgezeichnet / HOMINEM MORTUUM IN URBE NE
SEPELITO, NEVE URITO, einen Tohten begrabe / noch verbrenne nicht in der Stadt /
gefunden ward. Nach gestifteten diesen Gesetztafeln / weil gemeldte Gewohnheit
zuweilen verseumet / und darwider gehandelt ward / erneuerte der Röhmische Raht
selbst / üm das 490 Jahr nach Erbauung der Stadt / da Duillius Bürgermeister war
/ jetzterwähnte Satzung / durch einen algemeinen Rahtschlus; wie Servius / bei
dem 11 Buche des Virgiels / angemärket. Ja die Römischen Keiser / obschon der
Röhmische Staht unter ihnen ein ganz anders aussehen gewan / liessen gleichwohl
solche Gewohnheit nicht verfallen / sondern stützten sie mit so scharfen
Gesetzen / dass auch Keiser Adrian eine Geldbusse von 40 Goldgülden nicht allein
denen / die ihre Tohten in der Stadt begruben / sondern auch den Obrigkeiten /
die es zugelassen / zu erlegen ansetzte /ja die Leiche wieder aufzugraben / und
anderswohin zu tragen befahl; wie Ulpian / in seinem 30 Buche /meldet. Eben
dasselbe bezeuget Julius Kapitolinus vom Keiser Antohn dem Frommen. Ja selbst
auf ganzen Inseln / von den Städten will ich nicht einmal melden / war es bei
den Griechen verbohten die Tohten zu begraben. Von der Insel Dele bezeuget
dieses Strabo / wan er in seinem 10 Buche also schreibet: Renea ist eine kleine
und unbewohnte Insel / ohngefähr vier wälsche Meilichen von Dele. Alda seind die
Begräbnisse der Delier. Dan auf der Insel Dele durfte kein Tohter weder begraben
/ noch verbrant werden.
    Aus zweierlei Uhrsachen.] Hiervon handelt Johan Kirchman im 21 Hauptst.
seines 2 Buches von den Leichen und Begräbnissen der Röhmer; wie auch Isidorus /
in seinem 14 Buche / und Origenes / im 11 Hauptstükke.
                               Zur 7 Einteilung.
Zu den Tohten zu gehen verbohten.] Dieses bezeuget Gellius oder Agellius im 15
Hauptst. seines 10 Buches der Attischen Nächte / wie auch Servius / in seinen
Anmärkungen bei dem 10 B. des Virgiels.
    Die Grab- und Klage-lieder pfeiffen hören.] NEC TIBIAS FUNEBRES AUDIRE
LICEBAT, sagt Festus.
    Selbst die Schuhe.] Hiervon meldet eben derselbe Festus / wie auch Servius /
in seinen Anmärkungen bei dem 4 Buche des Virgiels vom Eneas.
                               Zur 8 Einteilung.
Die Bildseulen der Götzen.] Dieses bezeuget Dion /in seinem letzten Buche.
                               Zur 9 Einteilung.
Dass Josias / der Jüden König.] Hiervon kann das 23 Hauptstük des 2 Buchs der
Könige gelesen werden.
    Der Leermachende Götze Viduus.] Von diesem schreibet Ziprian / in seinem
Buche von der Eitelkeit der Götzen / also; IN TANTUM VERÒ DEORUM VOCABULA APUD
ROMANOS FINGUNTUR, UT SIT APUD ILLOS & VIDUUS DEUS; QUIA ANIMÂ CORPUS
VIDUET: QUI QUASI FERALIS & FUNEBRIS INTRA MUROS NON HABETUR, SED FORIS
COLLOCATUR, man erfindet bei den Röhmern so viel Götzennahmen / dass sie auch
einen Gott oder Abgott haben / der Viduus heisset; weil er aus dem Leibe die
Seele leeret. Dieser wird / als ein trauriger Leichengötze / nicht innerhalb der
Stadtmauer geduldet / sondern mus ausserhalb stehen.
                           Zur 10 und 11 Einteilung.
Dadurch dann solche heilige Örter enteiliget.] Hiervon handelt Johan von
Beverwig / im 2 Teile seines Schatzes der Ungesundheit / den ich vor etlichen
Jahren verhochdeutschet zu Lichte gegeben / wan er von der Peste schreibet /
zimlich weitleuftig.
                               Zur 14 Einteilung.
Den Pelusischen Hafen.] Diesen nennet Wilhelm Tirius Karabes. Nahe bei ihm
lieget die Stadt Peluse /davon er auch den Nahmen bekommen: welche / wie
Sabellikus meldet / vor Alters Eliopel / vom Fürsten Elius / der sie mit einer
dreifachen Mauer ümzogen /oder aber Helviopel vom Helvius Pertinax / wie Platina
/ im Leben Keisers Honorius des dritten / anzudeuten scheinet / oder auch Kaftor
/ dessen Amos im 9 Hauptst. seines Buches gedenket / wie Benjamin meint  /
nachmahls aber Belbais / wie Wilhelm Tirius / Jakob Vitriakus / und Nigrus
bezeugen / oder Bilbis / nach Augustien Kurions Zeugnisse / geheissen. Dass aber
gemeldter Pelusische Hafen gleichals ein Schlüssel des Egiptischen Königreichs
gewesen / ist aus dem Suidas bekant.
                               Zur 48 Einteilung.
Die Fönizische Göttin Onke.] So ward bei den Föniziern die Göttin der Weisheit
Minerve genennet. Daher schreibet Steffanus von Bizanz aus dem Euforion: Ogka h
Atna kata Poinikas. Eben dasselbe bezeuget auch des Eschiels Anmärker; wie auch
derselbe des Sofokles / im Oedipus / wan er saget: dyo iera en tais Tbais
idrytai t Atna. to men ogkaias, to de Ismenias, er hat zwei Götzenheuser der
Minerve zu Tehbe gestiftet / eines der Onkischen /das andere der Ismenischen.
Daher hatte man zu Tehbe ein Tohr / das das Onkische genennet ward. Nonnus
giebet / in seinem 4 Buche / der Atehne oder Pallas auch den Nahmen Onke / indem
er sie die Onkische Atehne nennet.
                               Zur 50 Einteilung.
Gemeldter Göttin war der Leue heilig.] Nähmlich wan sie für die Mutter der
Götter / das ist Veste / genommen ward. Auch spannete man die Leuen für der
Sirischen Göttin / das ist der Onke / Wagen / sowohl wan sie als eine Göttin der
Liebe / als der Erde betrachtet ward. Von dieser bezeugt es Virgiel / wan er im
3 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas / also saget:
ET JUNCTI CURRUM DOMINÆ SUBIERE LEONES.
wie auch im 10 Buche:
ALMA PARENS IDÆA DEÛM, CUI DINDYMA CORDI,
TURRIGERÆQUE URBES, BIJUGIQUE AD FRÆNA LEONES.
                               Zur 88 Einteilung.
Ein Leue schläft mit offenen Augen.] Hiervon kann Jonstohn / und Aldrovand / in
ihrer Tieregeschicht /gelesen werden / wie auch / was wir / in unsrem
Dichterischen Sternhimmel / bei dem Leuengestirne / am 65 Bl. angemärket. Weil
der Leue / wan er schläfet /beide Augen offen hat / und zugleich fort und fort
mit dem Schwantze wedelt / so wähnete Maneton / wie Herodotus bezeuget / dass er
niemahls schlieffe. Und darüm war der Leue bei den Egiptern der Wachsamkeit und
Huht Sinbild / eben wie die Sonne / die ewig wachet. Aber es ist unmüglich / dass
ein lebendiges Geschöpf ohne Schlaf leben könne. Und warüm der Leue / mit
offenen Augen / und waklendem Schwantze / schlafe / dessen Uhrsache haben wir /
in unserem Simson selber schon angezeiget.
                               Zur 99 Einteilung.
Dass Justien / und Mandro.] Justien / des Keisers Justinians Vorsasse / ist
Anfangs ein Viehhürte und Sautreiber gewesen; aber darnach Keiser worden.
    Mandro war ein schlechter Bohtsgeselle / und ward endlich Keiser. Daher ist
das Sprichwort entstanden: FUIT & MAN-DRONI FICULNEA NAVIS. Dieses wird von
denen gesagt / die ihres alten geringen Standes / wan sie zu hohen Ehren
gelanget / vergessen.
    Primislaus / der in seiner Jugend das Vieh hühtete /ward zum Böhmischen
Könige gekröhnet.
    Darius / des Histaspis Sohn / der vierde König in Persien / dem Xerxes im
Reiche gefolget / ist zuvor des Königes Zirus Pfeil- und Bogen-träger / ja
selbst ein Häscher gewesen. Dieser ward ein überaus reicher und mächtiger König;
gleichwohl überwand ihn /nachdem er 36 Jahre geherschet / der Grosse Welterr
Alexander; da er in der Flucht von seines eigenen Dieners / des Verrähters
Bessus / Hand sterben musste. Daher schreibet auch Klaudian:
DARIUM FAMULIS MANIBUS DOLUISSE PEREMTUM.
Agatokles / ein Töpfer / und Töpferssohn / nachmahls König in Sizilien / dessen
Justien / im 22 Buche / gedenket: wie auch Plutarch / in seinen Gedenksprüchen
der Keiser und Könige; da er / unter andern aufgezeichnet / dass er über seiner
Tafel / damit er sich seiner schlechten Ankunft stähts erinnerte / keine andere
/ als töpferne Geschirre gebrauchet. Daher schreibet auch von ihm Ausonius also:
FAMA EST FICTILIBUS COENASSE AGATHOCLEA REGEM,
ATQUE ABACUM SAMIO SÆPE ONERASSE LUTO;
FERCULA GEMMATIS CÙM PONERET AUREA VASIS,
& MISCERET OPES, PAUPERIEMQUE SIMUL.
QUÆRENTI CAUSAM RESPONDIT: REX EGO QUI SUM
SICANIÆ, FIGULO SUM GENITORE SATUS.
FORTUNAM REVERENTER HABE, QUICUNQUE REPENTÈ
DIVES AB EXILI PROGREDIERE LOCO.
    Telefanes / ein Wagner / ward / auf Befehl der Göttersprache / zum Könige
der Lidier erwehlet; wie Steffanus in seinem Buche von den Eigenen Nahmen /und
Johan Ravisius Textor / im 24 Hauptstükke seines 2 Buches bezeugen.
    Hiperbolus. Von diesem meldet / an gedachtem Orte / eben derselbe Ravisius.
    Viriat / ein Portugallier / ist in Spanien erstlich ein Hürte / darnach ein
Jäger / und dann ein Strassenreuber gewesen / bis er endlich aus einem
Strassenreuber ein Heerführer worden / und das ganze Portugal erobert.
    Gadareus / ein Landstreicher und Bätler / den Maximinian zum Röhmischen
Bürgermeisteramte befördert.
    Ventidius Bassus / lebte in seiner Jugend in einem ganz armsäligen
Bättelstande / darnach erhielt er sich mit Genäsung der Maulesel. Endlich aber
wusste er sich bei dem Julius Zesar so einzuschmeucheln / dass er / durch seine
Beförderung / erst Zunftmeister / darnach Oberschultze / und zuletzt gar
Bürgermeister ward. Ja er stieg so hoch / und ward so mächtig / dass er der erste
war / der die Parter unter der Röhmer Bohtmässigkeit gebracht / und über sie
Siegesgepränge gehalten. Aber die Röhmer misgönneten ihm dieses ruhmherrliche
Glük dermassen / dass sie folgende Stichelreden über ihn ausliessen:
CONCURRITE OMNES AUGURES, ARUSPICES:
PORTENTUM INUSITATUM CONFLATUM EST RECENS.
NAM MULOS QUI FRICABAT CONSUL FACTUS EST.
Hiervon meldet / unter andern Gellius / im 14 Hauptstükke seines 15 Buches.
    Rodope oder Rodopis / war eine wunderschöne Trazische Huhre / welche mit dem
Aesopus zugleich gefangen sass / und vom Karaxes / dem Bruder der Saffo / durch
eine grosse Mänge Geldes / aus dem Gefängnisse wieder erlöset ward; wie Herodotus
/ in seinem 2 Buche schreibet. Dieser Begäbnis gedenket auch Saffo selber / in
einem Schreiben an den Faon / bei dem Ovidius. Auch schreibet Plinius / im 12
Hauptst. seines 36 Buches / dass diese Rodope so eine kostbahre Grabspitze
gebauet / dass sich iederman verwundert / wie sie so ein grosses Geld / als dieser
Bau gekostet / mit ihrer Huhrerei verdienen können. Ja erstgemeldter Plinius /
und Herodotus bezeugen /dass sie des Aesopus Mitgesellin gewesen. Gleichwohl ist
sie endlich / durch die Vermählung mit dem Psamnites / auf den Egiptischen
Reichsstuhl erhoben worden.
                              Zur 143 Einteilung.
Darinnen Abrahams Dienstmagd und Beiweib die Hagar.] Die Geschicht dieser
Egiptischen Magd Hagar erzählt Moses / im 16, und 21 Hauptstükke seines ersten
Buches.
 
                        Anmärkungen des neunden Buches.
                               Zur 18 Einteilung.
Dass der fürnehmste der Reuber Pammenes geheissen.] Dieses Pammenes gedenket
Eusebius / im 1 seiner Zeitbücher am 43 Blatte / da er also schreibet: damahls
blühete Demokritus von Abdere / ein Naturkündiger / den / in Egipten / der Meder
Ostanes / welcher dahin geschikt worden / dass er / mit andern Priestern / und
Weisemeistern / dem Egiptischen Gottes dienste zu Memfis vorstehen sollte / zum
allerersten unterwiesen. Unter diesen Weisemeistern war auch Marie / eine
Ebreische weise Frau; und Pammenes /welcher vom Golde und Silber / wie auch von
den Steinen / und vom Purpur auf ümschweiffende Weise geschrieben. Eben dasselbe
hat auch Maria getahn. Und diese hat Ostanes darüm gepriesen; weil sie die Kunst
mit vielen und gelehrten Rähtseln verdekket.
                               Zur 22 Einteilung.
Hanno / ein Fönizier.] Dieser war von Kartago / einer der fürnehmsten
Fönizischen Städte bürtig / und ein fürtreflicher Seeman: den man deswegen /
weil er am allerersten die Leuen gezähmet / aus dem Vaterlande verbannet; indem
man sich befahrete / dass ein solcher / der die wilden Tiere zu bändigen wüste /
sich vielleicht zum Wühteriche aufwerfen / oder doch sonst die Menschen ihm zu
gehorchen bereden würde. Dahin hat ohne Zweifel Ovidius gesehen / wan er / in
seinem 4 B. der Traurigen / also saget:
TEMPORE POENORUM COMPESCITUR IRA LEONUM.
Und hiervon schreibet Jonstohn / in der 2 Abteilung des 4 Hauptst. von den
vierfüssigen Tieren / also: PRIMUS AUTEM HOMINUM LEONEM MANU TRACTARE AUSUS,
& OSTENDERE MANSUEFACTUM, HANNO, È CLARISSIMIS POENORUM TRADITUR:
DAMNATUSQUE EO ARGUMENTO, QUONIAM NIL NON PERSUASURUS VIR TAM ARTIFICIS INGENII
VIDEBATUR; & MALÈ CREDI LIBERTATEM EI, CUI IN TANTUM ETIAM CESSISSET
FERITAS, & C.
    Aber nach des Hanno Lebezeit findet man mehr dergleichen Beispiele der
gezähmten Leuen. Onomarch / der Katanische Wühterich / hatte dergleichen Leuen
stähts ümsich: wie auch der Portugallische König Johan der Zweite / dem ein
solcher / eben als ein Hund / zur Seite zu sitzen pflegte. Im Elimischen
Götzenhause des Adonis waren sie so zahm / dass sie denen / die in das Heiligtuhm
kahmen /schmeuchelten. Die Königin Berenize hatte einen Leuen / der ihr das
Angesicht mit der Zunge lekte. Marzial gedenket im 79 Hauptst. seines 9 Buches
noch eines andern / der mit einem Wider so verträglich lebete / dass der eine des
Schrökkens / der andere der Grausamkeit vergessen zu haben schien.
    Zum allerersten hat nachmahls Markus Antohn die Leuen.] Hiervon lauten des
jetztangezogenen Jonstohns Worte / wie folget: JUGO SUBDIDIT EOS (LEONES)
PRIMUSQUE ROMÆ AD CURRUM JUNXIT M. ANTONIUS, & QUIDEM CIVILI BELLO, CÙM
DIMICATUM ESSET IN PHARSALICIS CAMPIS, NON SINE QUODAM OSTENTO TEMPORUM,
GENEROSOS SPIRITUS SUBIRE JUGUM ILLO PRODIGIO SIGNIFICANTE, etc.
    Was vom Mentor.] Diesen treflichen Künstler /dessen Plinius / im 12 B. und
Juvenal / im 8 Schimpfgedichte / gedenken / begegnete / in Sirien / ein Leue
/der dem Flüchtigen überal den Weg verhieb / und seine Fussstapfen lekte / so
lange / bis er / in seiner Pfohte / einer Geschwulst gewahr ward: daraus er
einen Splitter zog / und das Tier von seinen Schmertzen erlösete.
    Ja was vom Elpis.] Dieser / nachdem er zu Schiffe nach Afriken gereiset /
erblikte / am Ufer der See /einen Leuen mit aufgesperretem Rachen. Hierüber
erschrak er so heftig / dass er auf den nächststehenden Baum die Flucht nahm /
und seinen Abgott Liber üm Rettung anflöhete. Aber der Leue / wiewohl er wohl
konnte / wollte gleichwohl dem Flüchtigen nicht nacheilen; sondern legte sich nur
unter den Baum nieder /und sah den Elpis / mit dem aufgesperretem Rachen /ganz
kläglich und erbärmlich an. Hieraus märkte der Flüchtige / dass dem Leuen etwas
mangelte: zuvoraus weil er ihn / mit erbärmlichen Geheule / gleichsam üm
Beistand anlangete. Und also ward er kühner /stieg vom Baume herunter / besah
dem Leuen den zugerekten Rachen / und zog ihm einen Knochen / der / aus
alzugeitzigem fressen / ihm zwischen den Zähnen stekken blieben / heraus. Dieser
Wohltaht wegen soll auch der Leue / wie man schreibet / dem Elpis alle Tage / so
lange das Schiff alda liegen blieb / frisches Wild / zu Bezeugung seiner
Dankbarkeit / gebracht haben. Fast dergleichen Begäbnis findet man auch vom
Androdus / in des Gellius Atehnischen Nächten: wie auch bei dem Seneka; der
selber gesehen / dass ein Leue seinen Tierwärter / sobald er ihn erkant / auf
dem Schauplatze für dem Anfalle der andern wilden Tiere beschirmet. Daher sagt
Plinius / im 16 Hauptst. des 8 Buches seiner Tiergeschichte: LEONI TANTÙM EX
FERIS CLEMENTIA IN SUPPLICES. PROSTRATIS PARCIT: & UBI SÆVIT, IN VIROS
PRIUS, QUÀM IN FOEMINAS FREMIT; IN INFANTES NON NISI MAGNÂ FAME. Hier mus ich
auch beifügen / dass der Keiser Heliogabalus so gezähmete und abgerichtete Leuen
gehabt / dass sie selbst mit zu Tische zu sitzen pflegen: wie auch der Keiser
August etliche / die mit den Hasen gespielet und gekurtzweilet: welches auch
Bellonius zu Konstantinopel selber gesehen zu haben / im letzten Hauptst. des
1 Buches seiner Anmärkungen / bezeuget.
                               Zur 37 Einteilung.
Die berühmte Jungfrau Sidon.] Hiervon schreibet /aus dem Damasker / Fozius am
1062 Blatte folgender gestalt: apo de toy pontoy ginetai Sidon h katA yperbolhn
eiponias prot ymnon odhs eire, aus der See aber wird die Sidon geboren; welche
/ der Fürtrefligkeit ihrer anmuhtigen Stimme wegen / den Lobgesang des
Leierliedes am ersten erfunden.
    Die weltberühmte Handelsstadt Sidon.] Dass die jetztgemeldte Jungfrau Sidon
der Stadt Sidon Stifterin gewesen sei gedenket Sanchoniaton mit keinem Worte.
Auch scheinet Moses die Stiftung dieser Stadt / im 10 Hauptstükke seines 1
Buches / dem Zidon /dem erstgebohrnen Sohne des Kanaans / zuzuschreiben. Darüm
sollte vielleicht der Nahme der Stadt eigendlich Zidon / mit einem oder Z / der
Nahme der Jungfrauen aber Sidon / mit einem oder S geschrieben werden; zumahl
weil dieselbe Liederahrt / welche die Sängerin Sidon erfunden / bei den Ebräern
/ im 2 Hauptstükke der Sprüche Salomons / SIDDA, und SIDDOTH genennet zu sein
scheinet.
                               Zur 39 Einteilung.
Durch die Ebräerin Marie.] Von dieser Marie haben wir schon droben bei der 18
Einteilung des Eusebius Zeugnis angeführet.
                          Zur 109 und 110 Einteilung.
Das oft unaufhörliche rasche Winken der Augen.] Also beschreibet die Heilige
Schrift selber einen Gottlosen Man. Und der abtrünnige Keiser Julian wird von
den Geschichtschreibern schier eben also /wie alhier Pammenes / abgemahlet; wie
der sälige Kristian Mattias / in seiner Geschicht von den vier Weltreichen /
unter gemeldtem Keiser Julian bezeuget.
                              Zur 113 Einteilung.
Die Tugend / die ihn lehren können sein angebohrnes bosshaftiges Wesen zu
zwingen.] Hierher gehöret /was man vom Sokrates schreibet. Dieser / als ein
Weisemeister / der aus der Gestalt des Leibes / und der Bildung des Angesichtes
vom Gemühte des Menschen zu urteilen wusste / nachdem er den Sokrates gesehen /
sich verlauten lassen / er sei ein tummer / weibischer / und lasterhaftiger
Mensch / gab seinen Lehrlingen / die ihm solches andieneten / und den
Weisemeister für einen Lügner ausmachten / zur antwort: er hette die Wahrheit
gesagt / und nichts gelogen: dann er würde freilich ein solcher geworden sein /
wo ihn die Tugend nicht gelehret seine böse Unahrt zu zwingen. Besiehe hiervon
des Erasmus von Roterdam kurtzbündige Sprüche.
                              Zur 154 Einteilung.
Die berufene Kamille.] Diese war eine Volskerin /welche dem Turnus wider die
Lateiner / und dem Eneas / mit ihrer Kriegesmacht / zu Hülfe kahm / und in
selbigem Kriege das Leben auch einbüssete; wie Steffanus meldet. Virgiel gedenket
ihrer / im 7 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas / gar weitleuftig /wan er
folgender gestalt schreibet:
    HOS SUPER ADVENIT VOLSCÂ DE GENTE CAMILLA,
    AGMEN AGENS EQUITUM, & FLORENTEIS ÆRE CATERVAS,
    BELLATRIX, NON ILLA COLO CALATHISVE MINERVÆ
    FÆMINEAS ASSUETA MANUS, SED PRÆLIA VIRGO
    DURA PATI, CURSUQUE PEDUM PRÆVERTERE VENTOS,
    ILLA VEL INTACTÆ SEGETIS PER SUMMA VOLARET
    GRAMINA, NEC TENERAS CURSU LÆESISSET ARISTAS;
    VEL MARE PER MEDIUM, FLUCTU SUSPENSA TUMENTI,
    FERRET ITER, CELERES NEC TANGERET ÆQUORE PLANTAS.]
    ILLAM OMNIS TECTIS AGRISQUE EFFUSA JUVENTUS,
    TURBAQUE MIRATUR MATRUM, & PROSPECTAT EUNTEM,
    ATTONITIS INHIANS ANIMIS: UT REGIUS OSTRO
    VELET HONOS LEVEIS HUMEROS; UT FIBULA CRINEM
    AURO INTERNECTAT, LYCIAM UT GERAT IPSA PHARETRAM,
    & PASTORALEM PRÆFIXA CUSPIDE MYRTUM.
Hierüber kahm auch an vom Volskischen Geschlächte /
die tapfre Kriegerin / Kamille / zum Gefechte /
samt ihrer Reuterei / und Kriegsmacht / alzumahl
mit Harnischen versehn von Eisen / Ertz und Stahl.
Sie hatt' ein Kriegeshertz / und keine Faust zum Wokken:
lies stehen Woll und Korb: ging nicht geschmükt / wie Tokken /
noch weibisch ausgebutzt. Sie war ein Freulein zwar:
doch liebte sie nur Streit / und Krieg / und Kriegsgefahr.
Auch kahm ihr schnäller Fuss selbst vor dem schnälsten Winde /
wan er flog über Feld und Saaten so geschwinde /
dass er noch nie gerührt der Ahren Spitzen an /
ja trokken über See den raschen Lauf gewan.
Es lies die Jugend stehn Stadt / Dorf / und allen Plunder:
die Mütter lieffen zu / und sahen dieses Wunder /
mit ganz bestürtztem Geist' / und starren Augen / an;
dass sie / mit Männern / zog so mänlich auf den Plan /
und so vol Muhtes war / und freudiger Begierde;
wie ihre Schulter trug recht Königliche Zierde /
und eingeflochten lag mit Gold' ihr ganzes Haar /
so / dass gleich als ein Blitz es anzuschauen war:
wie sie so zierlich sich den Köcher lassen gürten
üm Leib und Lenden hin / und einen Speer von Mürten
führt' in der Heldenfaust; den sonst ein Hürte trägt /
doch stumpf und ungespjetzt für seine Heerden hägt.
In dieser ganzen Beschreibung der Geschwind- und Behändigkeit seiner Kamille /
scheinet Virgiel / wie Makrobius / im 8 Hauptst. seines 5 Buches / und Fabius /
im letztern Hauptst. seines 8 Buches ebenmässig angemärket / dem Homerus
nachgeahmet zu haben: welcher von den zwölf Füllen / die der verliebte Boreas /
nachdem er sich in einen schwartzen Hängst verwandelt / mit des Erichtohns
Mähren oder Mutterpferden / deren er drei tausend in seiner Stuhterei unterhielt
/ gezeuget / im 20 Buche seines Heldengedichtes von Trojen / wie es Eoban aus
dem Griechischen in Lateinische Bände gebracht / folgender Gestalt schreibet:
    - BOREAS, QUAS CÙM VIOLENTUS AMARET,
    IN NIGRUM CONVERSUS EQUUM, SERVIVIT AMORI
    INDULGENS: EX QUO GRAVIDÆ PEPERERE QUATER TRES
    PULLOS EXIMIOS; QUI SI PER SUMMA VOLARENT
    GRAMINA, NEC SUMMÆ CURSU QUATERENTUR ARISTÆ
    LUXURIANTIS AGRI, NEC TINCTA HUMORIBUS ULLIS
    PER MEDIOS PELAGI FERRENT VESTIGIA FLUCTUS.
Eben eine solche Schnälheit und Geschwindigkeit der Füsse eignet Orfeus dem
Ifiklus zu / der aus einer Leibestracht des Herkules Bruder / und nur eine Nacht
jünger war / als er; wan er in seinem Lobgesange der Götter also spricht:
Oyde men oyde teoys peigois oyk ennoma rizon, etc.
NON POTERIT FUGISSE DEOS QUI TURPIA PATRAT,
SIT LICET IPHICLO MULTO VELOCIOR IPSO:
QUI SUPER EXTREMIS SEGETUM CURREBAT ARISTIS,
NEC SICCOS FRACTUS LÆDEBAT PONDERE PLANTÆ.
Obgemeldter Homerus führet / im zehenden Buche seines Heldengedichtes von Trojen
/ den Dolon /einen Trojer / und des Eumedes Sohn / ein; dem er fast eben eine
solche Geschwindigkeit der Füsse zueignet. Gleichwohl geriet dieser schnälle
Leuffer in des Ulisses Hände; wie man alda weitleuftig lesen kann.
 
                        Anmärkungen des zehenden Buches.
                               Zur 1 Einteilung.
Am Bache Sorek.] Also beschreibet und nennet den Ort des Filisterlandes / da
Simson zum dritten mahle verliebt ward / das Buch der Richter / im 16
Hauptstükke. Die Worte seind diese: Darnach gewan er (Simson) ein Weib lieb am
Bache Sorek; die hies Delila. Andere dagegen wollen / dass das Tahl / darinnen
sich der Bach / bei welchem Delila gewohnet / befunden / und nicht der Bach
selber / Sorek geheissen. Und also scheinet es / als wollten sie die
obangezogenen Worte des Buches der Richter verstanden haben /als lauteten sie:
Darnach gewan Er ein Weib lieb am Bache des Tahles Sorek. Daher ist auch der
berühmte Pallavizien ohne Zweifel veranlasst worden / dass er /in seinem Simson /
gar ohne meldung einiges Baches / schlechtin geschrieben: Er ward im Tahle
Sorek /das auch in der Filister Land gehörete / wieder in ein neues Weibesbild /
das Dalila hies / verliebet / u.s.f. Aber es war freilich ein Bach / und zwar
ein Bach Soreks / wie es eigendlich sollte geschrieben werden /das ist ein Bach
des Tahles oder im Tahle Sorek / darbei Delila sich aufhielt / und also ein
zweifach lustiger und lieblicher Ort / der auch daher üm so viel mehr zur Liebe
bewögen konnte.
                               Zur 17 Einteilung.
Das Einhorn.] Dieses Tier / wie es die Tiergeschichte beschreiben / ist so gross
/ als ein Pferd / und mit Mähnen im Nakken gezieret / auch den Pferden ziemlich
gleich; ohne dass es einen Kopf hat / wie ein Hirsch / einen Bahrt / wie ein
Ziegenbok / und einen Schwantz / wie ein Eber. Es ist sehr grausam / und so wild
/ dass es niemand zähmen kann. Gleichwohl legt es seine Grausamkeit und
Unbändigkeit ab / wan es ein Frauenbild erblickt: zu dem es sich von sich
selber und so gern gesellet / dass es kein Bedenken träget in dessen Gegenwart
zu spielen / ja selbst zu schlafen. Die meisten Naturkündiger wollen zwar keines
Weges gestehen / dass es im Wesen der Dinge gefunden werde: aber Julius Zeser
Skaliger führet / in seinem Buche wider den Kardanus / eines Freundes /der es
selbst gesehen / Zeugnis an. Was hiervon mehr zu erinnern sein möchte / kann bei
Wolfgang Frantzen / in seiner Tiergeschicht / am 127, 128 und 131 Bl. wie auch
bei andern / die dergleichen geschrieben /gelesen werden.
                                Zur 18 Einteilung.
Worinnen die Kraft seiner übermenschlichen Stärke bestünde.] Hiervon redet das
Buch der Richter am obangezogenem Orte / wie folget: Zu der / nähmlich zur
Delila / kahmen der Filister Fürsten hinauf / und sprachen zu ihr: überrede ihn
/ und besiehe / worinnen er solche grosse Kraft hat / und womit wir ihn übermögen
/ dass wir ihn binden / und zwingen; so wollen wir dir geben ein jeglicher
tausend und hundert Silberlinge.
                               Zur 20 Einteilung.
Ja dass es so gross ward / als der gröste Kuhkmagen.] Dieses ist ein Sprichwort an
etlichen Orten in Ober Sachsen / von einem Hertzen oder Muhte / den eine
gegebene guhte Hofhung oder Vertröstung gleichsam aufblöhet und schwängert.
Durch den Kuhkmagen aber verstehet man die gröste Wurst / welche die Gestalt
eines Magens zu haben pfleget.
                               Zur 23 Einteilung.
Wan ein Esel / mit Gelde beladen / anklopfet / u.s.f.] König Filip von
Mazedonien pflegte fast auf eben diesen Schlag zu sagen: Keine Festung sei so
feste /dass sie nicht könnte erobert werden / wan sie nur ein Tührlein hette / das
so gross were / dass ein Esel / mit Gelde beladen / durchhin schlüpfen möchte.
    Jupiter musste Gold auf der Danae Wächter regnen lassen.] Dieses Lehrgedicht /
dessen wir droben albereit umständlich gedacht / beschreibet unter andern Horatz
/ im 6 Leierliede seines dritten Buches. Auch ist es / in unserer Horazischen
Sittenlehre / am 97 Bl. des 1 Teiles / abgebildet: darunter wir folgende
Bilderreime gefüget:
Gold dringt durch Stahl und Eisen hin /
schlägt Mauren / Wal / und Turn zu trümmern:
Das Schlos springt auf / nach unsrem Sin /
wan güldne Schlüssel vor ihm schimmern.
Gold macht / dass niemand standfest ist /
ein Weiser die Vernunft vergist /
das Recht die Pflicht / der Mensch die Lehre /
die Wach' ihr Amt / die Frau ihr' Ehre.
Die Erklährung des abgebildeten Lehrgedichtes kann alda / auf der vorhergehenden
96 Blatseite / ein ieder /dem es beliebet / zu lesen bekommen.
                               Zur 24 Einteilung.
Einieder Fünffürst boht ihr eilfhundert Silberlinge zur Belohnung an.] Von
tausend und hundert Silberlingen / welches eben so viel ist / meldet / am
obangeführten Orte / das Buch der Richter. Weil nun fünf Fürsten das
Filisterland beherscheten / und einieder Fürst ihr so viel zu geben angelobet;
so stieg die sämtliche Zahl auf fünftausend und fünfhundert Silberlinge /welche
die Verrähterin Delila / die den Heiland Israels verriet / von den Fünffürsten
empfing: da hergegen der ganzen Welt Heiland / als er vom Verrähter Judas den
Hohen Priestern verrahten ward / nur dreissig Silberlinge / und also fünftausend
vierhundert und siebenzig weniger gälten musste / dann Simson /der Heiland
Israels.
                               Zur 37 Einteilung.
Wan sie ihn mit sieben Seilern von frischem Baste binden würde.] Hiervon redet /
in obangezogenem Hauptstükke / das Buch der Richter also: Simson sprach zu ihr:
wan man mich bünde mit sieben Seilern von frischem Baste / die noch nicht
verdorret seind; so würde ich schwach / und were / wie ein ander Mensch.
                               Zur 46 Einteilung.
Auf! auf Simson! die Filister überfallen dich.] So werden die Worte des Buchs
der Richter / die Filister über dir / Simson / erklähret.
                               Zur 53 Einteilung.
Verdienet nun meine so hertzliche Liebe nichts mehr /u.s.f.] Im Buche der
Richter spricht Delila zum Simson zwar nur schlecht hin und ohne langen
Umschweif: Siehe! du hast mich geteuschet / und mir gelogen. Nun so sage mir
doch / womit kann man dich binden? Aber es stehet leichtlich zu vermuhten / dass
ihre eigene Worte / die der Aufzeichner / der sich der kürtze beflissen / nicht
alle / sondern nur allein den Kern daraus / erzählen wollen / viel weitleuftiger
und durchdringender müssen gewesen sein.
                              Zur 103 Einteilung.
Keine Venus kann ihren Adonis / u.s.f.] Dieser Adonis war des Priapus / des
Schutzgötzens oder Alsgottes der Gärte / den er mit der Venus / wie Apollonius
meldet / gezeuget / Vater / und der Ziprischen Königlichen Fürstin Mirre Sohn;
den sie / aus dem heimlichen Beischlafe / ihres Vaters des Tias / oder vielmehr
/ wie Ovidius / im 10 seiner Verwandlungsbücher / schreibet / des Ziprischen
Königes Ziniras /empfangen / und nachmahls / als es der Vater erfahren / und sie
sich des Väterlichen Beischlafes geschämet /selber / auf ihr Begehren / von
den Göttern in einen Mirrenbaum / wie Likofron bezeuget / verwandelt worden.
Sobald das Kind / nach der Gebuhrt / zu erwachsen und ein überaus schöner
Jüngling zu werden begunte; da verliebte sich die Venus in ihn dermassen / dass
sie nicht allein seiner Liebe bei seinem Leben zu geniessen eifrig trachtete /
sondern auch nach seinem Tode sich mit der höllischen Königin Proserpine
verglich / dass er die erste Helfte des Jahres bei dieser /die andere bei jener
sich aufhalten möchte. Die Uhrsache seines Todes schreibet Teokritus / in des
Adonis Grabschrift / einem Eber zu / der ihm / mit seinem Hauerzahne / die Hüfte
verwundet. Die Dichterin Saffo aber / der alzuheftigkühlenden Kraft des
Lattichkraudes / darein ihn die Venus selber / seine so gar übermässige
Liebeshitze abzukühlen / geleget. Andere fügen hinzu / dass der Kriegsgötze Mars
/ damit er ihn / als seinen Mitbuhler / aus dem Wege reumen /und der Venus Liebe
nur allein besitzen möchte / gemeldten Eber selbst angereitzet ihn ümzubringen:
da dann die Venus / ihrem Adonis zu Hülfe zu kommen /so geschwinde hinzu geeilet
/ dass sie / aus Unvorsichtigkeit / an einem stachlichten Rosenstrauche den Fuss
geritzet und blutrünstig gemacht / und also durch ihr Blut / welches
Hauffenweise herümgespritzet / die Rosen / die zuvor weis gewesen / purpurfärbig
gemacht. Dass auch die Venus den Adonis gewarnet sich für allen reissenden und
beissenden Tieren zu hühten /und ihm / seinen Tod zu verhühten / im Jagen
allezeit gefolget / erzählt Ovidius / am obgedachten Orte /ganz weitleuftig:
wiewohl ihn Virgiel nicht für einen Jäger / sondern für einen Schäfer / der sich
üm die Jagt wenig bekümmert / zu halten scheinet; wan er /in einem seiner
absonderlichen Gedichte / also schreibet:
- FORMOSUS OVES AD FLUMINA PAVIT ADONIS.
                              Zur 104 Einteilung.
In die Elisischen Felder.] Diese waren der Heiden Himmel / dahin die Seelen der
Abgestorbenen / wan sie zuvor / in der Hölle / die durch ihre Missetahten
verdiente Strafe gelitten / und gleich als in einem Fegefeuer / von ihren Sünden
/ sofern sie nicht alzugross waren / gereiniget / und genug gebanzerfeget worden
/wie sie wähneten / vorsetzet warden / der ewigen Glüksäligkeit / bei dem
auserwehlten Hauffen der Frommen / zu geniessen. Und dieses hat Virgiel im 6
Buche seines Heldengedichtes / folgender Gestalt kurtzbündig beschrieben:
ERGO EXERCENTUR POENIS, VETERUMQUE MALORUM
SUPPLICIA EXPENDUNT. ALIÆ PANDUNTUR INANES
SUSPENSÆ AD VENTOS: ALIIS SUB GURGITE VASTO
INFECTUM ELUITUR SCELUS, AUT EXURITUR IGNI.
QUISQUE SUOS PATIMUR MANES. EXINDE PER AMPLUM
MITTIMUR ELYSIUM, & PAUCI LÆTA ARVA TENEMUS.
Wo aber diese Elisischen Felder oder der Heiden Himmelreich sich eigendlich
befunden / darinnen stimmeten ihre Meinungen nicht überein. Etliche setzten sie
mitten in die Hölle: von welcher sie gleichwohl / durch eine Kluft ringst herum
dermassen abgeschieden weren / dass die Verdamten in der Hölle zu den Glüksäligen
Seelen in den Elisischen Feldern /noch diese zu jenen keines Weges gelangen
könten. Andere reumeten ihnen einen Ort ein bei der Kugel des Mohnes / da die
Luft am reinesten sei: oder stelleten sie gar in die Oberfläche der
Himmelskreuse; von dannen die Seelen / durch drei Uhrwesen / in die Menschen
herunter zu fahren vor Alters gegleubet warden. Noch andere wähneten / dass
gemeldte Felder der Glüksäligen in Spanien / oder in den Glüksäligen Inseln
anzutreffen. Und Isazius meinte / dass sie nicht weit von den zwo Herkulsseulen
/ Alibe und Abene /die Herkules selber / im Niedergange / mit dieser
Uberschrift / dass man nicht weiter gehen könnte oder sollte / aus Ertze gestiftet
/ da die Insel Gades / und der Flus Betis lieget / zu finden weren. Auch hat man
diese Gegend / an der eusersten Europischen Grentze / den Glüksäligen Inseln
gemeiniglich zugeeignet. Plutarch schreibet unter andern hiervon / dass Sertorius
/ indem er nach Gades zu geschiffet / etliche / die aus den Glüksäligen Inseln
zurückgekehret / angetroffen. Diese hetten erzählt: dass es zwo kleine Inseln
weren / zwischen denen die See durchspühlete: wie auch / dass alda gemeiniglich
sehr gelinde und so wohlrüchende Winde bliesen / als weren sie durch eine Gegend
vol allerlei lieblicher Bluhmen gegangen. Dan eben denselben lieblichen Geruch /
der aus vielen Rosen / Liljen / Näglein / Violen / Hiazinten / Narzissen /
Mirten- Lorbeer- und Zipres-büschen entstünde /hette man an den Winden
verspüret: die auch in den Büschen / indem sie die Blätter ganz langsam und
gelinde bewäget / ein überaus liebliches Gereusche veruhrsachet. Das Erdreich
selber sei so fet und fruchtbar / dass es nicht allein sehr leichtlich könnte
gepflüget / besäet und bepflantzet werden / sondern auch vielerhand Früchte von
sich selbst / und ohne Menschliche Bearbeitung / zu tragen pflegte. Ja es trüge
jährlich wohl drei mahl: daher es dann eine ungleubliche Mänge der Menschen /
selbst ohne derselben Beschweerligkeit / ernähren könnte. Im übrigen hette man
alda einen ewigen Frühling. Keine Winde weheten / als der anmuhtige West. Keine
Bluhmen /noch heilsame Pflantzen weren irgendwo zu finden /die alda nicht
hauffenweise wüchsen. Keine Weinstökke stünden alda / die nicht alle Mohnden
reiffe Trauben trügen. Die Luft sei so heilsam und gemiltert / dass sie schier
keine Veränderung der Jahrszeiten /noch des Gewitters zuliesse: dann der Nord und
andere scharfe Winde würden / durch die Weite des Raumes / den sie
durchstreichen müsten / dermassen abgemattet / dass sie ihre Schärfe ganz
verloren / ehe sie dahin angelangten. Die Westlichen und andere gelinden Winde
pflegten zu weilen einen sanften Regen mitzubringen. Auch mangelte der Luft
selbst keine Feuchtigkeit / noch fruchtbares Gewitter alle Tiere /Pflantzen und
Gewächse zu erhalten. Auf den Aesten der Beume hüpfeten allerlei Vogel
allendhalben herüm / und erfülleten die Luft und Ohren der Menschen mit ihrem
anmuhtigen Gesange. Ja die Jungfrauen und Jünglinge tantzeten alda / nach dem
Singen und Spielen der berühmtesten Sangmeister und Kunstspieler: nähmlich des
Arions / des Eunomus /des Stesichors / des Anakreons. Alle Speisefrüchte /die
alda wüchsen / weren ganz heilsam / und vol des allerlieblichsten gesündesten
Saftes. Man wüste von keiner Eraltung / von keiner Krankheit / noch von einer
heftigen Gemühtsregung. Die Gemühter der Menschen würden von keinen Begierden
des Goldes und Reichtuhmes / noch vom Ubermuhte der Obrigkeiten angefochten.
Alle lebeten / mit nohtwendigen Dingen vergnüget / vor sich hin / abgeneugt von
allen Frohndiensten: dann sie hielten darfür / dass über viele herschen wollen /
nichts anders sei / als vielen dienstbar zu werden trachten. Die ganze Gegend
sei / als eine der alleranmuhtigsten Wiesen / mit einem Lustwalde vol allerlei
fruchttragender Beume ümgeben. Alda würden / unter dem Schatten der Beume /
stähtige Gastereien gehalten / und die Gäste sässen auf lauter Bluhmen. Dem
Mansvolke warteten die schönsten Jungfrauen / und diesen wieder die schönsten
Jünglinge fort und fort auf. Beiderseits brächten sie einander die Bächer der
Fröhligkeit zu. Ja die Lust und Liebligkeit dieser Glüksäligen Inseln sei so
überschwänglich gross / dass kein Ort / da die Seelen der Frommen nach ihrem Tode
wohnen sollten / oder dahin man die Elisischen Felder setzen könnte / geschikter
sei / als dieser. Sonsten gedenket auch mehrgemeldter Elisischen Felder /
Virgiel / wan er sie / im obangezogenem 6 Buche seines Heldengedichtes vom Eneas
/also beschreibet:
DEVENERE LOCOS LÆTOS, & AMOENA VIRETA
FORTUNATORUM NEMORUM, SEDESQUE BEATAS.
LARGIOR HIC CAMPOS ÆTHER & LUMINE VESTIT
PURPUREO: SOLEMQUE SUUM, SUA SIDERA NORUNT.
Dass alhier ein anderer Himmel / eine andere Sonne /die allezeit lieblich scheine
/ und ein anderes Gestirn /ja selbst eine andere Welt sei / hat auch Plato / der
aus dem Virgiel ohne Zweifel diese seine Beschreibung genommen / gemeldet. Aber
wir müssen hierbei des Tibullus nicht vergessen / der fast alle die Wohllüste
der Elisischen Felder sehr ahrtig / wiewohl kurtzbündig zusammen gefasset / wan
er in seinem 1 Buche also schreibet:
SED ME, QUOD FACILIS TENERO SUM SEMPER AMORI,
IPSA VENUS CAMPOS DUCET IN ELYSIOS.
HÎC CHOREÆ, CANTUSQUE VIGENT, PASSIMQUE VAGANTES
DULCE SONANT TENUI GUTTURE CARMEN AVES,
FERT CASIAM NON CULTA SEGES, TOTOSQUE PER AGROS
FLORET ODORATIS TERRA BENIGNA ROSIS.
AC JUVENUM SERIES TENERIS IMMISTA PUELLIS
LUDIT, & ASSIDUÈ PRÆLIA MISCET AMOR.
Diese Lust gefiel dem Julius Zesern / der in einem Schiffe / mit drei hundert
Kriegsknechten versehen /in gemeldte Glüksälige Inseln soll gelanget sein / so
überaus wohl / dass er alda zu verbleiben beschlossen. Aber weil er noch einen
rauhen / groben / und nicht einen solchen Leib hatte / wie die daselbst wohnende
glücksälige Seelen; so haben sie ihn / wie man saget /gar bald / und wider seinen
Willen / von dannen gejaget. Von den Leibern aber dieser glücksäligen Seelen
/welche von gewissen Fischern oder Schiffern / an der Weltsee / unweit von
Britannien wohnhaftig / an gemeldten Lustort übergeführet worden / schreibet
Luzian / im 2 Buche seiner mancherlei Geschichte: dass die Menschen / welche alda
wohneten / weder Fleisch /noch Beine / noch etwas anders / das dem Angriffe
widerstünde / an sich hetten: sondern sie weren nur eine Gestalt des Leibes /
und einige Seelen / mit einem Uberzuge / der dem Leibe gleich / ümgeben: welche
sich bewegten / redeten / und einen Verstand hetten / ja alles tähten / was die
Lebendigen zu tuhn pflegten; aber niemahls eralteten / sondern ihr Alter /und
ihre Kräfte zu allen Zeiten behielten. Eben also weren auch alle Gattungen der
Früchte / welche solche Menschen zu essen pflegten. Hierbei ist märkwürdig / was
Arrian von der Libisschen Schiffahrt / welche Hanno / der Kartagische Seeheld /
verrichtet / aufgezeichnet: alhier aber / lauten seine Worte / war noch eine
andere Insel / (die in einem Seebusem der grossen Insel lag) auf welcher man bei
Tage nichts / als Busch / sah; aber bei der Nacht viel angezündeter Feuer. Auch
hörete man zugleich einen Klang von Pfeiffen /Zimbeln / und Pauken / mit einem
grossen Geschrei. Aber alda überfiel sie ein so heftiges Schrökken / dass Hanno
gezwungen ward diese Gegend über den Herkulsseulen / da die spükende Seelen sich
befanden /zu verlassen.
                              Zur 184 Einteilung.
Delila setzte die Schähre verrähterisch an.] Das Buch der Richter meldet zwar
hiervon / dass Delila / nachdem sie den Simson auf ihrem Schosse einschlafen lassen
/ einem Filister gerufen / der ihm die sieben Lokken seines Heuptes abschnitte.
Aber weil die Filister zuvor allemahl so furchtsam und schüchtern gewesen waren
/ dass sie sich dem Simson / ehe sie ein gewisses Zeichen seiner verlohrnen
Stärke gesehen /nicht nahen dürfen; so ist vermuhtlich / dass sie auch itzund
eine solche Furcht abgehalten hinein zu gehen /und ihm das Haar / auf der Delila
begehren / abzuschneiden / also dass sie es endlich selbst verrichten müssen; wie
etlichen hiervon zu urteilen beliebet. Fast auf diese Weise hat Nisus / der
Megarer König /als ihn Minos / der Kreter König / belägert hielt / sein
glücksfälliges Haar / aus dessen Verluste der Verlust seines Königreichs ihm
zuwachsen sollte / durch Verräterei seiner eigenen Tochter / der Zille / die
sich in den König Minos verliebet / und ihm das abgeschnittene Haar ihres Vaters
eingehändiget / verloren. Daher sagt Ovidiüs:
FILIA NÉVE MAGIS CAPITI SIT FIDA PARENTIS,
QUÀM TUA VEL PTERELA, VEL TUA, NISE, FUIT.
Dass aber die Zille / nachdem der König Minos ihre Liebe verschmähet / aus
Wehmuht / in einen Vogel /wie auch ihr Vater Nisus selber / nach seinem Tode /
in einen Sperber / den der Nahme Nisus bei den Lateinern bezeichnet / verwandelt
worden / ja dass beide diese Vogel noch itzund eine stähtige Todfeindschaft
untereinander hetten / hat Servius bei dem Virgiel angemärket.
                              Zur 200 Einteilung.
In der Stampfmühle.] Das Buch der Richter redet hiervon / im mehrgemeldten 16
Hauptstükke / folgender Gestalt: aber die Filister griffen ihn / und stachen ihm
die Augen aus / und führeten ihn gen Gaza / und bunden ihn mit zween ehernen
Strükken: und er musste mahlen im Gefängnisse.
                              Zur 211 Einteilung.
Ihrem Korn- und Fladen-götzen / dem Dagon.] Dieser Dagon war der Fönizier und
Filister Jupiter / das ist höchster Abgott / der / nach ihrem Wahne / das
Gedeien gab zu ihren Früchten; und nicht Saturn / wie Favorinus meint : der ihn
auch überdas Betagon / Phtagon welches aus , BETH-DAGON, das ist Dagons
Götzenhaus / ümgestaltet / ganz ungereimt nennet: weil er / nähmlich der
Fönizische Saturn / eigendlich EL oder ILUM geheissen / und des Dagons oder
Fönizischen Jupiters Bruder / den der Himmel aus der Erde sowohl / als den Dagon
selber / gezeuget / gewesen; wie Sanchoniaton / aus der Fönizier Götzenlehre /
angemärket. Ja ich dürfte schier sagen / dass der Jupiter Aldos oder Aldemios
Aldhmios, weil er das Getreidich zu vermehren / wie sein Zunahme / der aus
aldainein AUGERE FRUCTUS, gebildet scheinet / zu verstehen giebet / gewähnet /
auch eben wie der Dagon zu Gaza geehret ward /mit dem Dagon einerlei Abgott
gewesen / und von den Föniziern in ihrer Sprache / vielleicht BAAL-HALDA,
DOMINUS SECULI, oder BAAL ALDIM, DOMINUS SECULORUM genennet worden. Ein solcher
Jupiter war auch der Euböer Abgott / der epikarpios Zeis, dessen Hesichius
gedenket / genennet ward.
                              Zur 226 Einteilung.
Auch Simson selber aus dem Grabe wieder aufstund.] Dass unter den Leibern der
Heiligen / die da schlieffen / derer Gräber / im währenden Erdböben bei dem
Sterben unsers Heilandes / da die Felsen zerrissen / sich auftähten / und sie
wieder auferstunden /und aus den Gräbern gingen / nach seiner Auferstehung / wie
Matteus im 27 Hauptst. meldet / auch Simsons Leichnam gewesen sei / war
unterschiedlicher Kirchenlehrer Meinung: wie Valerius Herberger /in seinem Werke
von den Grossen Tahten GOttes / bei dem 16 Hauptst. des Buchs der Richter
gleichesfals angemärket.
                              Zur 230 Einteilung.
Dagon ward gebildet / als ein Fisch.] Dass dieser Dagon ein Menschenbild gewesen
/ aber wie ein Fisch ausgesehen / weil er mit einer Walfischhaut überzogen war /
meldet Helladius. Berosus aber eignet ihm / bei dem Eusebius / eine Gestalt /
die halb einem Menschen / halb einem Fische geglichen / zu. to men allo soma
eixe ixtyos, ypo de tn kepalhn parapepykyian allhn kepalhn ypokato ts toy
ixtyos kepalhs, kai podas omoios antropoy, parapepykotas de ekts oyras toy
ixtyos. einai de ayto ponhn antrotoy tn de eikona aytoy eti kai nyn
diapylassestai. Den übrigen Leib hatte er zwar eines Fisches / aber unter dem
Kopfe einen andern Kopf / der unter des Fisches Kopfe hervor und übersich wuchs
/ wie auch Füsse / den Menschenfüssen gleich / die aus des Fisches Schwantze
gewachsen kahmen. Man schreibet ihm eines Menschen Stimme zu. Auch soll sein
Bildnis noch itzund bewahret werden. Der Geschichtschreiber Alexander gedenket
eines Fisches / den er oannhn nennet. Dieser hatte zween Köpfe / und aus dem
Fischschwantze rageten Füsse herfür / die den Menschenfüssen gleich waren. Auch
hatte er eine Menschliche Stimme. Er kahm aus dem rohten Meere / nach Babilonien
zu. Mit dem Untergange der Sonne begab er sich wieder in das Meer. Von ihm
sollen die Menschen allerhand Künste / den Akker- und Heuser-bau / wie auch die
Weihung der Gottesheuser / und die Bürgerlichen Satzungen gelernet haben. Ja es
gedenket dieses Halbfisches nicht allein jetztgenenter Geschichtschreiber /
sondern auch mehr andere: als Filo / und Abidenus. Von vieren dergleichen Oannen
oder Halbfischen / die alle hundert Jahre sich aus dem Rohten Meere begeben /
und halb Menschen / und halb Fische gewesen / bezeuget auch Apollodorus. Noch
dergleichen Tier / dessen Nahme Odakon, daraus vielleicht Dagon, Dagon /
gebildet /hat sich zur Lebezeit Ardorachs / des Kaldäischen Königes / aus der
Rohten See erhoben. Aus dieser Erzehlung / sie mag wahr / oder erdichtet sein /
sieht man augenscheinlich / woher die Fönizier / und Filister / wie auch die
Sirer das Götzenbild ihres Dagons genommen / nähmlich von diesen Halbfischen den
Oannen / oder Odakonen; welche sie ohne Zweifel /weil die Menschen den Akkerbau
und andere Wissenschaften und Künste von ihnen sollen gelernet haben /selber
als Abgötter und Vermehrer oder Vorsteher der Früchte geehret.
Diese Fischgestalt deutet auch Samuel an.] Seine Worte lauten im 5 Hauptstükke
seines 1 Buches also: da sie aber des andern Tages aufstunden / fanden sie den
Dagon abermahl auf seinem Antlitze liegen / auf der Erden / vor der Lade des
HErrn; aber sein Heupt /und seine beiden Hände abgehauen auf der Schwelle /dass
der Strumpf allein darauf lag. Den Schlus dieser Worte / der in der Grundsprache
sich also befindet / erklähret der Ebräische Sprachenmeister David Kimchi / wie
folget: TANTUMMODO FORMA PISCIS RELICTA EST IN EO, nur allein die Gestalt des
Fisches war an ihm übrig gelassen.
    Ja der Nahme Dagon selbst zeigt eben dieselbe Gestalt an.] Nähmlich die
Fischgestalt / die an ihm mehr / als die Menschengestalt / erschien. Dan der
Nahme Dagon ist aus dem Ebräischen DAG, das ist ein Fisch / gebildet.
                                     Ende.
 
                     Blatweiser der merkwürdigsten Dinge /
So in diesem Werk entalten; da dann zu wissen / dass / wo ein  befindlich / die
Anmerkungen müssen verstanden werden.
                                       A.
Abdon / der eilfte Richter über die Kinder
Israel.
                                                                            493 
Acheron / Höllen-Fluss.
                                                                            510 
Achiman war ein überaus groser und
starker Riese.
                                                                       160. 556 
Adelstand ist von den Riesen entstanden. 163. ist mit der Zeit immer edeler und
    edeler worden. 164. Unterscheid zwischen dem Riesen- und darauf erfolgendem
    Adel.
                                                                             164
Adonis / wer er gewesen.
                                                                            638 
Agato ein Ries von Aten.
                                                                       174. 579 
Agatokles / wird aus einem Töpfer ein König.
                                                                            624 
Alzibiades / ein Kriegs- und Stahtsman zu Aten.
                                                                            552 
Anak / von ihme führeten die Riesen ihren Nahmen.
                                                                 160. 555.  561 
Anaxarete / eine wunderschöne Jungfrau.
                                                                            531 
Andromede / des Mohrenkönigs Zefeus Tochter.
                                                                            522 
Antæus / ein erdichteter Riese. 166. 168. 562.  sein Gerippe.
                                                                       178. 585 
Apelles / ein künstlicher Mahler.
                                                                            547 
Arantas ein Ries.
                                                                             174
Arba / von ihme ist das Riesengeschlächt
entsprossen.
                                                                       158. 553 
Arbeit richtet viel gutes an.
                                                                      500.  501 
Arsinoë / des Mazedonischen Königes Lisimachus Gemahlin.
                                                                            531 
Artachäes ein Ries.
                                                                       174. 579 
Aspasie / eine gelehrte Mileserin.
                                                                            530 
Asträa.
                                                                            571 
Atalia / Jorams / des Königes in Juda
Gemahlin.
                                                                            529 
Astidamie / von Herkules entführet.
                                                                            597 
Atlas / der Mohren König / soll unter allen Riesen der gröste gewesen sein. 173.
    von ihm hat der ungeheure sehr hohe Mohrenberg den Nahmen bekommen, IBID.
    soll die Sternschaukunst erfunden haben. IBID. man findet drei Könige dieses
    Nahmens.
                                                                            575 
Astiochie / von Herkules entführet.
                                                                            597 
Attila / der Ungarische König / erwürgte 11000. Jungfrauen zu Köln.
                                                                       186. 587 
Augen sind Fenster zum Herzen.
                                                                            527 
                                       B.
Bachius / ein fürtrefflicher Fechter.
                                                                            553 
Bachus / ein Herr des Weins.
                                                                            560 
Begräbnis / der Röhmischen Frauen mit einer Lobrede beehret. 619.  der Popillia.
    619.  warum auser den Städten.
                                                                      620.  621 
Berenize / Seleuks / des Königs in Sirien Stiefmutter.
                                                                            531 
Bitus / ein fürtreflicher Fechter.
                                                                            553 
Brandschiffe der Holländer. 127. sind in Duins vor Engelland zum allerersten
    gebraucht worden.
                                                                            548 
Briseis des Achilles Liebste.
                                                                            522 
                                       D.
Dagon / der Filister Abgott / wie er gestaltet.
                                                           479. 645.  646.  647 
Danae / ihre Geschicht.
                                                                            602 
Darius wird aus einem Häscher ein König.
                                                                            624 
Deianire / eine Ursache des Kriegs / zwischen dem Herkules und Achelous.
                                                               531.  596.  598. 
Delila wird von Simson geliebt. 421. SEQQ. von den Filistern beredet / des
    Simsons Stärke auszuforschen. 426. 427. ihr werden grose Versprechungen
    getahn.428. versuchet von Simson die Heimlichkeit seiner Stärke zu erfahren.
    431. 436. 446. 462. wird geteuschet. 431. 439. 450. deswegen entrüstet. 441.
    452. 453. 454. 455. 456. erfähret den rechten Grund. 463. verräht ihn den
    Filistern zum öftern. 432. 434. 435. 439. 449. 465. schneidet ihm sein Haar
    ab. 467. übergibt ihn den Filistern.
                                                                             468
Durst des Simsons. 230. und anderer. 231. des grosen Rolands.
                                                                            593 
                                       E
Egæon / der Ries / soll wohl hundert Hände gehabt haben.
                                                                             172
Egipter haben ihre Götter unter mancherlei Tiere Gestalt verehret.
                                                                       171. 573 
Ehliche Liebe / wann sie am besten erkannt werde.
                                                                             295
Einhorn wird beschrieben.
                                                                            635 
Einsamkeit / suchen die Verliebte.
                                                                             109
Emim / waren erschrökliche Riesen.
                                                                       162. 558 
Enak. S. Anak.
Enzeladus ein ungeheurer Ries.
                                                                       172. 574 
Esel / des Silenus / jaget die Riesen
in die Flucht.
                                                                       171. 573 
Eva / wie sie von den Heiden genennet
werde.
                                                                      528.  529 
Eurifile / des Amfiaraus Ehfraue.
                                                                            531 
                                       F.
Faulenzen / darwider haben die Alten gute Sazungen gestiftet. 14. richtet nichts
    gutes an.
                                                                     498.  499. 
                                                          500.  501.  502.  503 
Fedra / des Teseus Gemahlin.
                                                                            532 
Filister / denen mus ein Weibesbild / aus ihren Töchtern selbst / zum
    Fallstrükke dienen. 28. haben ein böses Gewissen. 55. werden von Simson
    geschlagen. 92. durch die von Simson mit feurigen Bränden versehene Füchse
    geschicht ihnen groser Schade. 126. 127. 130. ihr Entsetzen darob. 131.
    halten deswegen einen allgemeinen Landtag. 136. 137. 138. 139. verdammen
    Simsons treuloses Weib / Schwiegervatter und neuen Ehemann zum Feuer. 138.
    139. 147. 149. sprechen hingegen die Mutter und andere Tochter los. 141.
    142. 143. SEQQ. fürchten sich sehr vor Simson. 184. 185. werden von
    demselben häuffig umgebracht. 185. verfolgen den / ihrer Meinung nach /
    flüchtigen Simson. 196. 197. 198. fordern ihn vom Hause Juda. 200. Simson
    wird ihnen gebunden überantwortet. 208. Ihrer tausend werden von ihm mit
    einem faulen Eselskinbacken erschlagen. 211. 212. 213. SEQQ. fürchten sich
    sehr vor ihm. 242. trachten ihn zu Gaza zu fangen. 258. aber vergeblich.
    263. straffen ihre Wächter wegen des entronnenen Simsons. 269. 270. 271.
    272. wollen den Simson aufs neue bekriegen. 345. stellen aber solch
    Vornehmen wieder ein. 347. stellen ihme durch Delila listig nach. 426. 432.
    434. SEQQ. bekommen ihn in ihre Hände. 469. stechen ihm die Augen aus. 470.
    führen ihn gen Gaza. 470. halten ihrem Götzen Dagon ein Freudenfest. 473.
    verspotten den Simson im Götzenhaus. 474. müssen / mit Simson / sterben.
                                                                             477
Filisterland / war in fünf sonderliche Fürstentühmer unterschieden.
                                                                            517 
Filone / Herkules Buhlschaft.
                                                                            597 
Firmius / ein Ries / zu Zeiten Keiser
Aurelians.
                                                                       175. 580 
Füchse / werden von Simson mit angebundnen feurigen Bränden in die Felder der
    Filister gejaget. 126. 127. tun daselbst grosen Schaden. 130. sind ein
    Vorbild der Fariseer / Saduzeer und Esseer. 128. der Ketzer und Irrgeister.
    129. ihre Listgriffe.
                                                                             191
                                       G.
Gabbaras / ein Araber / zehen Schuhe
lang.
                                                                       174. 579 
Gadareus / wird aus einem Bätler ein Bürgermeister.
                                                                            625 
Ganges ein Ries / gibt dem Fluss Ganges den Nahmen.
                                                                       173. 577 
Gaza / eine Riesenstadt.
                                                                            599 
Geitz / was darunter zu verstehen. 54. gleichet dem Höllenhund Zerber.
                                                                      511.  512 
Gemagog / ein Ries von zwölf Ellebogen.
                                                                       173. 577 
Geschwindigkeit / eine wunderselzame / wird der Kamille und dem Ifiklus
    zugeschrieben.
                                                                      631.  632 
Gerechtigkeit / warum sie geblendet gemahlet werde.
                                                                             306
Gesichts-Kreus.
                                                                            541 
Glücksäligkeit dieses Lebens / wird allezeit mit Unglücks-Fällen umgewechselt.
                                                                             229
Glücks-Fälle. Sehr wunderliche.
                                                                            624 
Gold bringt alles zu wege.
                                                                            636 
Goliat / dessen Rüstung.
                                                                            557 
GOtt handelt nie ohne Mittel.
                                                                              16
Gottesdienst / der falsche richtet nichts
gutes an.
                                                                            513 
Grossmühtige werden langsam ergrimmet / doch auch langsam versühnet.
                                                                             183
Guhtes / dessen Ubermass ist so ein böses Ding / dass alle Bosheit daraus
    entstehet.
                                                                            496 
Güldenes Fell des Jasons / was es eigentlich gewesen.
                                                                            607 
                                       H.
Hanno hat zum ersten die Leuen
gezähmet.
                                                                      627.  628 
Hartbeen / war ein Ries / neun Ellebogen
lang.
                                                                       173. 578 
Hebe / Göttin der Jugend.
                                                                      520.  597 
Helene / die Schöne / aus Griechenland.
                                                                            529 
Herkules. Viel haben diesen Namen geführet.
                                                                            595 
Hermione / des Königs von Sparta Tochter.
                                                                            532 
Hesperinnen / wer sie gewesen.
                                                                            562 
Hiaden / des Atlas Töchter.
                                                                            577 
Hippodamie / verursachet / mit ihrer Schöne / grose Kriege.
                                                                            530 
Horer waren vorzeiten ungeheure Riesen.
                                                                             162
Huhren. Ihre Art und Weise. 247. woher sie den Nahmen bekommen. 600.  eine
    Wunderschöne wird Königin.
                                                                            625 
                                       J.
Jahr / das drei und sechszigste ist das gefährlichste. 277. 280. 612.  613.  man
    pfleget die menschlichen Jahre durch zweierlei Zahlen zu schichten und
    einzuteilen. 278. sind teils glückliche / teils unglückliche.
                                                                             282
Jason / wer er gewesen / und was er verrichtet.
                                                                            606 
Ielängerielieber / ein Kräutlein.
                                                                            547 
Jesus / wird durch den Simson vorgebildet. 51. 52. 53. 113. 114. 115. 116. 207.
    208. 231. 232. 274. 275. ist die Sonne der Gerechtigkeit. 537.  das heilige
    Kind GOttes. 538.  539.  heiliget sich selbst für uns.
                                                                            539 
Ifiklus / seine Geschwindigkeit.
                                                                            632 
Jole / des Königs in Etolien Tochter.
                                                                      521.  597 
Irrgeister werden durch die Füchse Simsons vorgebildet.
                                                                             129
Israel sondert sich / durch vielerlei Sünden / von seinem Schöpfer. 14. GOtt
    lässet dasselbe unter dem Joch der Filister wohl genug zappeln.
                                                                              15
Jüdisches Volk wird wegen des Simsons von den Filistern bekrieget. 199. erbietet
    sich / den Simson in der Filister Gewalt zu schaffen. 202. will ihn greiffen
    und binden. 203. richtets auch ins Werk.
                                                                             207
Jugend ist gemeiniglich verwägen.
                                                                              33
Julius Maximinus / der Keiser / ein Ries.
                                                                       174. 579 
Justien / wird aus einem Sautreiber ein Keiser.
                                                                            624 
                                       K.
Kaetzer / werden durch die Füchse Simsons vorgebildet.
                                                                             129
Kamille eine tapfere Volskerin. 631.  ihre Geschwindigkeit.
                                                                            632 
Kirjat-Arba / eine Freistadt der Israeler.
                                                                      519.  554 
Kirjat-Arche / eine Stadt der Israeler.
                                                                      519.  555 
Kleopatre / eine Egiptische Königin.
                                                                            533 
Kranche / streiten mit den Zwärglein.
                                                                  177. 582.  583
Krankheiten. In denselben mus man auf die Tage Achtung geben.
                                                                        285. 286
Kreuse / Jasons Gemahlin / kommt elendig um.
                                                                            551 
Kreutzschuhle. Warum uns GOtt in dieselbe
führet.
                                                                             227
Kus. Nur einer wurde bei Befestigung eines Eheverlöbnisses zugelassen. 38.
    Kuslied.
                                                                          41. 46
                                       L.
Lahemi / ein Ries.
                                                                            557 
Lamech des Metusaels Sohn.
                                                                            616 
Lasterhafter Mensch / ist nicht lang glücksälig.
                                                                            513 
Lavinie / verursacht einen blutigen Krieg.
                                                                            531 
Leue wird von Simson zerrissen. 32. in dessen Rachen wird ein Honigstokk
    gefunden. 50. flehet die schöne Timnatterin um Hülffe an. 331. bringt ihr zu
    essen. 332. und wartet ihrer. 332. wer die Leuen am ersten gezähmet. 376.
    627.  628.  schlaffen mit offnen Augen. 623.  unterschiedliche Geschichten.
                                                                      628.  629 
Liebe befesselt die Freiheit. 19. 20. das Leben ohne Lieben ist kein Leben. 20.
    kann keine Gesellschaft leiden. 35. was darunter zu verstehen. 54. die
    derselben ergeben / suchen die Einsamkeit. 109. ihre Kraft. 110. 243. wann
    die Ehliche am besten erkannt werde. 295. wurzelt durch Angewohnheit sehr
    tief ein. 413. ihr wird das Lob gesprochen.
                                                                             482
                                       M.
Magnet / wird billig ein Liebestein genennet.
                                                                      525.  526 
Malide / der Omfale Hofjungfrau.
                                                                            596 
Mandro / wird aus einem Bohtsgesellen ein Keiser.
                                                                            624 
Manoah / Simsons Vatter / trachtet seinen Sohn von der Liebe zur Timnatterin
    abwendig zu machen. 22. gibet endlich seinen Willen darein. 26. 27. freuet
    sich / dass sein Sohn Richter über Israel worden. 240. wird krank. 277.
    segnet seinen Sohn. 283. stirbt. 295. seiner Frauen Betrübnis. 295. 296.
    sein Leichengepräng. 296. seine Frau stirbt ingleichen. 298. wird begraben.
    319. warum auf freiem Felde.
                                                                             320
Melampus / ein berühmter Artzt und
Wahrsager.
                                                                            590 
Melite / des Egäus Tochter.
                                                                            596 
Mittelmass ist das beste.
                                                                            544 
Müssiggang würkt aller Tugenden Untergang. 13. ist ein angenehmes Ubel. 497. 
    durch ihn werden die Muhtigsten Muht- die Mächtigsten Machtlos. 498.  durch
    ihn gerahten die stärksten Statswesen zum Fall. 499.  ist vorzeiten nicht
    ungestraft geblieben. 502.  503.  machet das Haus leer.
                                                                            609 
                                       N.
Naftalerin / ihre Tugendschönheit.
                                                         313. 314. 315. 415. 417
Nasenhorn / was es vor ein Tier.
                                                                            561 
Nikostrata / des Evanders Mutter.
                                                                            532 
Nimrod ist ein Ries gewesen. 164. der Lateiner und Teutschen Bacchus.
                                                                            560 
                                       O.
Ochs / die Leute in einem Ehernen zu martern / hat Perillus erfunden. 551.  der
    aber selbst darin umkommen müssen.
                                                                            551 
Og / ein ungeheurer Ries.
                                                                             162
Omfale / Königin in Lidien.
                                                                      521.  596 
Onke / wurde von den Föniziern Göttlich verehret. 333. 623.  ihr ware der Leu
    heilig.
                                                                       333. 623 
Orestes / ein Ries. 174. sein Gerippe. 177. 578.  584.  hatte am Pilades einen
    treuen Freund.
                                                                            578 
                                       P.
Pallas / eines Riesen Gerippe.
                                                                       178. 584 
Pammenes / eines Egiptischen Raubers Lebensbeschreibung. 377. entführet die
    schöne Timnatterin. 322. ersaufft. 325. wird tod an einen Baum gehenket.
    397. seine Gestalt. 399. seiner gedenket Eusebius.
                                                                            627 
Peluse / eine Stadt.
                                                                            622 
Perruquen.
                                                                            541 
Pilades / ein sonderbarer Freund des Orestes.
                                                                            578 
Pirene / des Herkules Buhlerin.
                                                                            597 
Pitagoras / ein frommer Samischer Weisemeister.
                                                                      552.  589 
Plejaden / des Atlas und der Plejone Töchter.
                                                                            576 
Primislaus / wird aus einem Viehhirten ein König.
                                                                            624 
Porus / der Indische König / ein Ries.
                                                                       174. 579 
Psamnes / der Egiptische Königliche Fürst / verliebt sich in die schöne
    Timnatterin. 390. schicket einen Gesanten an den Fünffürsten der Filister.
    391. der kommt wieder zurück. 398. und machet ihn noch verliebter. 402. der
    Fürst will in seiner Liebe vergnüget sein. 403. 404. wird aber davon
    abwendig gemachet.
                                                                 406. 407. SEQQ.
Pusio / ein Ries über zehen Schuhe lang.
                                                                       174. 579 
                                       R.
Raetsel wird von Simson den 30. Jünglingen aufgegeben. 62. dessen wunderliche
    und unrichtige Deutung.
                                                                      64. 65. 66
Rattenheidexe / ist sehr veränderlich.
                                                                            546 
Reisen / Nutzbarkeit. 16. muntert auf.
                                                                      516.  517 
Riesen. Ihr Ursprung. 158. 167. vor den Kanaanischen erschrecken die Israeler.
    160. wo sie gewohnet. 161. 162. ein Französischer wird überwunden. 163. 559.
     von ihnen ist der Adelstand entstanden. 163. die Göttliche Schrifft redet
    von zweierlei. 168. 568.  unterschiedliche Mährlein von ihnen. 168. 169.
    170. 171. 172. 173. 174. 570.  572.  574.  Erzehlung der jenigen Riesen / so
    nach Davids Zeiten gelebet. 173. 578.  warum sie ins gemein der Bosheit und
    Wühterei ergeben gewesen. 175. die jenigen werden widerleget / welche alles
    was von Riesen gemeldet wird / vor Mährlein halten. 179. woher es komme /
    dass heut zu Tage keine mehr gefunden werden. 180. 181. 182. teils werden
    Schlangenfüser / und Drachengeburten genennet. 566.  Himmelstürmer.
                                                                            569 
Riesen-Gerippe / so ungleublich gross.
                                                      177. 178. 575.  584.  586 
Ringspiel der Riesen.
                                                                             157
Rodope eine wunderschöne Trazische Huhre wird Königin.
                                                                            625 
Rohland / der Grosse / starb für Durst.
                                                                            593 
Rose / war vor Alters ein Sinbild der Verschwiegenheit.
                                                                            535 
Ruhe / alzuviel / macht faul und träge zur Tugend.
                                                                              13
                                       S.
Salmander lebt im Feuer.
                                                                            526 
Sammesummer / waren ungeheure Riesen.
                                                                       162. 558 
Schönheit / wird treflich herausgestrichen.
                                                                             314
Sesai war ein grosser Kanaanischer Riese.
                                                                             160
Sidon / die Jungfrau / wird aus der See geboren. 629.  von ihr hat die berühmte
    Stadt ihren Nahmen.
                                                                            629 
Sieben. Auf die siebende Zahl ist fleissig Achtung zu geben. 288. 289. ihre
    verborgene Kraft.
                                                                            614 
Silenus / sein Esel jaget die Riesen in die Flucht.
                                                                             172
Simson / wie es mit seiner Geburt zugegangen. 102. 103. u.f. 545.  546.  was
    sein Nahme heisse. 514.  sein Zunahm 515.  bekommet Lust / der Filister Land
    und Landes-Weise zu besichtigen. 15. kommt nach Timnat. 17. verliebet sich
    daselbst in eine Weibsperson. 19. eröfnet seinen Eltern seinen Willen / und
    lässet sich durch seinen Vatter hiervon nicht abwendig machen. 23. 26. warum
    er auf seiner Reise die Weinberge gemeidet. 31. zerreisst einen Leuen. 32.
    warum er diese Tat verhalten. 33. 51. wie er seine Liebste empfangen. 36.
    was sie ihme geantwortet. 38. ist zweifelschlüssig / wohin er seiner
    Liebsten den ersten Kus geben sollte. 38. 40. sein Kus- und Schlus-Lied. 41.
    46. hält das Verlöbnis-Mahl. 47. macht Hochzeit-Anstalt. 47. findet in des
    zerrissnen Leuen Rachen einen Hohnigstokke. 50. teilt davon seinen Eltern
    und der Braut mit. 50. die ihn freundlich empfängt. 53. hat bei seinem
    Hochzeitmahl dreissig Aufwarter. 54. ein Strobelstern erscheinet über Timnat
    vor und nach seinem Ehverlöbnis. 55. sein Hochzeitkleid. 60. Hochzeitmahl.
    61. gibt den 30. Jünglingen ein Rähtsel auf. 62. welches sie von sich selbst
    nicht errahten können. 64. 65. 66. wird von seinem Weib ersuchet / ihr das
    Rähtsel zu offenbahren. 69. 70. 71. will nicht daran; bekommt deswegen einen
    harten Verweis. 72. seines Weibes deswegen geführte Klagworte. 77. SEQQ. er
    erzählt ihr die Deutung des Rähtsels. 87. schlägt dreissig Filistern bei
    Asklon den Hals inzwei. 92. befriediget mit deren Kleidern und Hemden die
    Jünglinge / denen sein Weib das Rähtsel eröfnet hatte. 95. verlässet seine
    Liebste aus Widerwillen eine Zeitlang. 96. 97. SEQQ. kehret sich wieder zu
    ihr. 112. 119. 120. wird aber schimpflich abgewiesen. 121. seine Entstellung
    hierüber. 123. will sich von seinem Schwiegervatter nicht besänftigen
    lassen. 124. lässet die gefangenen Füchse mit feurigen Bränden in die Felder
    der Filister lauffen. 126. 127. sein Schwiegervatter und treulose Ehliebste
    sind deswegen in grosser Angst. 133. 134. werden von den Filistern zum Feuer
    verdammt. 138. 139. die Schwiegermutter und Schwägerin werden / als
    unschuldige / verschonet. 140. 141. 142. 143. 144. drohet den Filistern aufs
    neue. 183. 184. tödtet derselben eine grosse Mänge. 185. warum er sich im
    Stamme dess Juda aufgehalten. 190. hat Fuchs-Art an sich. 191. sihet einer
    Vogelbegäbnis bestürzt zu. 193. wird von den Filistern zu tödten gesuchet
    198. 199. 200. das Jüdische Volk will ihn selbst den Feinden überantworten.
    203. was er deswegen mit demselben geredt. 203. 204. 205. 206. lässet sich
    binden. 207. und den Filistern zuführen. 208. 209. entlediget sich der
    Stricke und bringt die Filister auf die Flucht. 210. tut mit einem Esels
    Kinbacken eine grosse Schlacht unter ihnen. 212. SEQQ. seine ruhmredige und
    aufgeblasene Wort hiervon. 221. SEQQ. leidet grossen Durst. 230. flöhet zu
    Gott. 233. wird erhöret / und überkommt Wasser aus einem Zahn des
    Kienbackens. 235. wird Richter über Israel. 240. verliebet sich in eine
    Filisterin zu Gaza. 243. SEQQ. fliehet des Nachts von dannen / und nimmt das
    Tohr mit sich. 260. 261. SEQQ. lädet es ab / auf dem Berggüpfel vor Hebron.
    267. wird von seinem Vater gesegnet. 283. 285. sein Vater stirbt. 295. und
    seine Mutter. 298. 299. 300. entscheidet den Streit zwischen einer
    Filistischen Frauen und einer Ebräerin. 300. ist ein Liebhaber der
    Gerechtigkeit. 306. fället ein kluges Urteil 307. 308. 309. 311. 312. war
    ein Held und Staats- Mann zugleich. 313. sein Vetter verliebt sich in die
    schöne Naftalerin. 315. und stirbt darüber. 317. Simson hält seiner Mutter
    Leichenbegängnis. 319. warum er sie auf offnem Felde begraben lassen. 320.
    buhlet mit Delila. 421. die stellet ihm listig nach. 431. sihe Delila. Wird
    von den Filistern gefangen. 469. und der Augen beraubet. 470. wird gen Gatza
    geführet. 470. seine Klagreden. 471. wird von den Filistern im Götzenhause
    verspottet. 474. flöhet die Allmacht GOttes an. 475. wirfft das Götzenhaus
    über den Haufen / und stirbt mit den Filistern. 477. 479. ob er seelig
    gestorben. 481. SEQQ. ist / mit seiner Geschicht / des HErrn JEsus Vorbild
    gewesen. 51. 52. 53. 113. 114. 115. 116. 207. 208. 231. 232. 274. 275. 477.
    479
Sisifus / ein Zwärg. 581.  ein Strassenräuber. IBID.
Sokrates zwinget sein angebohrnes bosshaftiges Wesen.
                                                                           630. 
Staat / dessen Glückseligkeit fusset auf der Vorsichtigkeit desselben / der ihn
    beherschet.
                                                                             241
Strobelsterne wollen bisweilen Glücks- und Unglückssterne genennet werden.
                                                                              56
Stufenjahre / sind gemeiniglich
gefährlich.
                                                                 278. 279. 612. 
Stufenjahre. Sihe Tage.
Sündigen / in der Welt ist nichts leichter als dasselbe.
                                                                        14. 512 
                                       T.
Tage. Was von den Wechseltagen zu halten. 292. 293. 294. 617.  S. Wechseltage.
    warum der siebende nicht für ganz heilig zu rechnen sei.
                                                                             289
Tais / eine Huhre von Alexandrien.
                                                                            534 
Talmai / war ein ungeheurer Kanaanischer Riese.
                                                                             160
Telefanes / wird aus einem Wagner ein König.
                                                                            625 
Tespius / König in Beozien.
                                                                            598 
Tiere / ob alle / auser dem Menschen / mit Recht unvernünftig zu nennen.
                                                                   385. 386. 387
Tiföus ein grausamer Ries.
                                                                       172. 574 
Timnat / Kreustag daselbst. 17. was es heisse. 17. vier unterschiedliche Städte
    dieses Nahmens.
                                                                            518 
Timnatterin / die Gottlose / Simsons Weib / wird verbrennet. 139. 140. 147. 149.
    Lied hiervon. 150. ihr Geist schwärmete eine geraume Zeit alle Nacht herum.
    156. ihre Schwester / die Schöne / erlanget samt ihrer Mutter Gnade. 141.
    142. 143. 144. kommt bei einem Fünffürsten der Filister wohl an. 153. wird
    von einem Räuber entführet. 322. leidet Schiffbruch. 324. 325. kommt ans
    Land. 325. 327. ihre Klagworte. 328. bekommet einen Leuen zum
    Gesellschafter. 329. wird vor die Göttin Onke gehalten. 333. wird von einer
    verliebten Weibsperson angeflöhet. 335. 336. hält eine Unterredung mit einem
    Jäger. 341. 342. schicket selbigen an den Fünffürsten der Filister mit
    Schreiben. 344. 350. der kommt bei ihr wieder an. 357. 358. sie reiset nach
    dem Fünffürsten. 363. wird von ihm empfangen. 369. 370. 371. 372. vernimt
    von ihrer Mutter des Raubers Pammenes Lebensbeschreibung.
                                                                             377
Titanen / entpöhren sich als Riesen wider den Jupiter. 168. 569  aus ihrem
    Bluhte soll allerlei Ungeziefer sein gezeuget worden.
                                                                       169. 569 
Tohte warum man sie auser den Städten zu begraben pflege? 320. 321. 620.  621. 
    zu denen zu gehen / ware vor Zeiten verbotten.
                                                                            621 
Totila / der Gohten König / Gottes
Peitsche.
                                                                       186. 587 
Trauen / solle man nicht iederman.
                                                                             401
Traum eines Bätlers.
                                                                             228
Tullia / des Servius Tullius Tochter.
                                                                            534 
Turteltaube / ihr Nahme und Eigenschaft.
                                                                            617 
Ventidius Bassus wird aus einem Bätler ein Burgermeister.
                                                                            625 
Vergismeinnicht / ein Kräutlein.
                                                                            547 
Verschwiegenheit. Deren Sinbild ware vorzeiten die Rose.
                                                                            535 
Verzagte trotzen am meinsten / wann sie märken / dass man sich für ihnen
    fürchtet.
                                                                             201
Viduus / der leermachende Götze.
                                                                            622 
Viriat wird aus einem Strassenrauber ein Heerführer.
                                                                            625 
Ulmbaum stehet gern beim Weinstock.
                                                                      524.  525 
Vogelleim / woher er entspringe.
                                                                            543 
                                       W.
Wechseljahre / Bericht von denselben. 278. SEQQ. 612.  617  Wechseltage. Was von
    denselben zu halten. 285. 611.  612. 
                                                                            617 
Weibsbilder / sind ein gewöhnliches Mittel zum Fall der Mansbilder. 28. auf
    dreierlei Weise. 29. denen / so schläfrig in der Liebe seind / scheinet die
    Begierde sich zu bereichern angebohren. 53. 54. Weinen und Wehklagen seind
    die zwo fürnehmsten Rüstungen derselben. 75. die nicht lieben / sind auch
    nicht verschwiegen. 89. sind unbeständig. 117. weich und zart. 118. den
    Unzüchtigen gefället anderer Leibesgestalt allezeit mehr / als ihres
    Ehgatten. 119. Beschreibung der Unzüchtigen.
                                                                        334. 335
Wein / dessen Wirkung.
                                                                             360
Weinstock hat grosse Beliebung zum Ulmbaum.
                                                                      524.  525 
Wiganten / waren Riesen nach der Sündfluht. 170. sollen die Götter heftig
    erschrecket haben.
                                                                             171
Wille Gottes / wo der mit waltet / da erlanget man alles / was man verlanget.
                                                                              29
Wohllust / ist ein Lokaas zu allem Bösen.
                                                                            494 
Wunderbrunn.
                                                                             235
                                       Z.
Zahl. Auf die siebende ist wohl Achtung zu geben. 288. 289. ihre verborgene
    Kraft.
                                                                            614 
Zahn. Ungeheurer eines Riesen.
                                                                            585 
Zarea / Simsons Geburtstadt.
                                                                            517 
Zerber / der dreiköpfigte Höllenhund. 503.  504.  505.  SEQQ. bildet den Geitz
    vor.
                                                                            511 
Zille / des Megarischen Königs Nisus Tochter.
                                                                            533 
Zimmet.
                                                                             248
Zintokbeume sind sehr kostbar.
                                                                       249. 602 
Zwärglein / haben einen überaus scharfsinnigen Verstand. 175. 177. 581.  gar
    kleine. 177. 581.  582.  583.  in Trazien / streiten mit den Kranchen. IBID.
    177. 582.  583 
 
                                  Kupferstiche
   B Titelkupfer
   B Kapitel I., Seite 18.
   B Kapitel I., Seite 34.
   B Kapitel I., Seite 57.
   B Kapitel II., Seite 63.
   B Kapitel II., Seite 81.
   B Kapitel II., Seite 94.
   B Kapitel III., Seite 106.
   B Kapitel III., Seite 122.
   B Kapitel III., Seite 132.
   B Kapitel IV., Seite 148.
   B Kapitel IV., Seite 159.
   B Kapitel IV., Seite 176.
   B Kapitel V., Seite 195.
   B Kapitel V., Seite 214.
   B Kapitel V., Seite 236.
   B Kapitel VI., Seite 264.
   B Kapitel VI., Seite 273.
   B Kapitel VII., Seite 284.
   B Kapitel VII., Seite 297.
   B Kapitel VII., Seite 310.
   B Kapitel VIII., Seite 326.
   B Kapitel VIII., Seite 330.
   B Kapitel VIII., Seite 362.
   B Kapitel IX., Seite 373.
   B Kapitel IX., Seite 394.
   B Kapitel IX., Seite 411.
   B Kapitel X., Seite 422.
   B Kapitel X., Seite 433.
   B Kapitel X., Seite 451.
   B Kapitel X., Seite 478.
 
    