
        
                                Christian Weise
                    Kurtzer Bericht vom Politischen Näscher
  wie nehmlich dergleichen Bücher sollen gelesen / und von andern aus gewissen
                        Kunst-Regeln nachgemachet werden
                           Erklärung des Kupfer Tituls.
                                        
   B Titelkupfer
                                        
               Was ist ein lustig Buch? ein hellpolirter Spiegel:
              Nachdem der Anblick ist / nachdem ist auch das Bild:
               Ein weisser Engel steht in Perlen len eingehüllt:
               Ein schwartzer Belial zeigt seine Drachen-Flügel.
              Man findet was man sucht: man sieht sich selber an.
                 Wer Englisch leben wildem fehlen keine Lehren:
             Wil jemand seine Brust durch Grim und Neid verseeren /
                So trifft er manches Blat das er verfolgen kann.
              Wolan es fehlet nicht. Ein jeder wird sich kennen /
                Ob er ein schwartzes Kind / ob er ein Engel ist:
                  Er schaue sich nur an wen er im Buche list:
             Ein Engel muss vor Lieb' / ein Feind vor Eifer brennen.
                 Und also wird das Wort die beste Losung sein:
            Den Schlimmen bin ich schlim / den Reinen bin ich rein.
                                        
                                        
 
                                Geliebter Leser.
Es sind numehr fast acht Jahr verflossen / seit man etliche Bücher / als die
drei klügsten Leute / die Ertznarren / die Haupt-Verderber / und endlich den
Politischen Näscher / der Welt zu Kauffe angeboten hat: und dass dergleichen Art
zu schreiben bei unterschiedenen Liebhabern müste gebilliget sein /solches hat
der vielfältige Nachdruck am besten erwiesen. Hingegen ist auff der andern Seite
gleichfalls kein Mangel gewesen / da man die unschuldigen Bücher entweder
verachtet / oder auch fast biss auf die Galeen verdammet hat. Ja die Liebhaber
selbst haben das ganze Wesen nur von aussen angesehn / und weil sie / jhrer
Meinung nach / etwas possirliches zum Zeitvertreib in Händen hatten / ist
offtmahls ein Klunckermutz / oder sonst eine liederliche Schrifft / bei dem
Buchbinder in einen Band darzu gebracht worden.
    Alldieweil nun der Auctor hin- und wieder bekandt genug ist / und seine
itzige Gelegenheit nicht zulassen will / dass man ihm ärgerliche und verderbliche
Schrifften beimessen sollte: Vornehmlich da er sonst bei der Jugend / die mit
solchen Büchern am liebsten umgeht / sich eines hohen Ergernüsses schuldig geben
müste: Als will von nöten sein / etwas ausführliches von dieser lustigen
Schreib-Art aufzusetzen / und hiedurch etliche Censores zu berichten / wie man
mir guten Gewissen solche Bücher selbst schreiben / auch anderweit kauffen und
lesen / und im Fall der Not zur Ausfüllung einer kleinen Haus-Bibliothek vor
sich oder seine Kinder auffheben könne: Ja wie sich ferner ein curieuser Kopff
anstellen müsse / wen er etwan dergleichen Schrifften unter seinen Nahmen / oder
zum wenigsten unter einem erdichteten Rätzel / in den Franckfurter Catalogium
bringen wollte.
    Und also wird sich das ganze Werck in zwei Haupt-Fragen abhandeln lassen.
Erstlich ob es recht sei / wenn man solche Bücher schreibet? zum andern / was
man im Schreiben vor Kunst-Stücke brauchen müsse?
    Die erste Frage muss der Auctor mehrenteils seinetwegen beantworten. Den
weil er wegen anderer Verrichtungen auf diese lustige Philosophie nunmehr keine
Nebenstunden spendiren kann / es wäre denn noch eine Comoedie mit der gesamten
Jugend vorzustellen; als hat er Gelegenheit alle gute Freunde zu bitten / sie
möchten ins künftige die Bücher von solchen Tituln nicht vor seine Arbeit
halten / noch viel weniger die Sachen selbst zu seiner Verantwortung ausstellen.
Er hat in diesem Stücke so viel getan /dass ein ander / der es besser machen will
/ leicht die Wege finden wird. Und wie sich alle sieben Jahr die Inclination
eines Menschen sehr mercklich zu verändern pfleget; also ist es kein Wunder /
wen er auch die Lust zu vieler Zeitvertreibenden Weitläufftigkeit verloren
hätte.
    Die andere Frage wird seinen Nachfolgern zum Unterrichte dienen / welche
sich vielleicht einbilden / es wäre nur umb die Müh dass man die Feder ansetzte
/so müste der Politische Näscher alsobald mit Kupferstich und Titulbogen fertig
sein. Ja wenn das Kunst-Stücke nun am Tage liegen wird / so möchte die Art
zuschreiben etwas gütiger æstimiret, und etwas furchtsamer / oder doch mit
bessern Bedachte imitiret werden. Wiewohl es ist Zeit / das zu der Sache
geschritten wird.
 
                                Die erste Frage.
            Ob es recht sei / dass lustige Bücher geschrieben werden?
                                       I.
Diese Frage habe ich zwei mahl aussühren wollen /und bin wegen anderer
Verhinderung allezeit abgehalten worden. Erstlich / als die Disputation De
Moralitate Complimentorum in Weissenfels gehalten war /so hatte ich bald darauf
eine andere unter der Hand De Moraliate Facetiarum, da ich so wohl die Fontes
aller anmutigen Reden / als auch zufördest die gebührende Masse untersuchen
wollte. Nach diesen sollte der Politische Redner mit einem Anhange / das ist mit
dem lustigen Redner vermehret werden: Darinn ich durch gewisse Reguln gezeiget
hätte / nicht wie man sich im Reden als ein närrischer Pickelhering anstellen /
oder wie man ungeschickte Reden / zu eiteler und recht ungeschickter Belustigung
des Lesers / wiederhohlen und durchhecheln sollte; sondern wie man als ein
anmutiger Redner bei allen Fällen / vornehmlich bei traurigen Zusammenkunften
/ den Zuhörern lauter annehmliche / fröliche / und anständige Sachen vortragen
und / also zu reden / die ernste Invention mit liebreichen Zucker bestreuen
könnte. Ob aber nun das Buch jemahls an das Licht kommen werde / davon zwar die
meisten Exempel ausgearbeitet / auch die Fontes an sich selber etlicher massen
eingeteilet sind; solches kann ich so viel weniger versprechen / jemehr ich alle
Tage meiner Arbeit etwas neues zuwachsen sehe. Und derohalben wird auch die
vollkommene Erörterung der gedachten Frage mit dem Buche zurücke bleiben.
 
                                      II.
Weil es aber numehr an diesem Orte geschehen soll /so müssen wir zuförderst
bedencken / was durch lustige Bücher verstanden wird? gewiss nicht dieselbigen /
welche mit hohen Ergernüsse der Jugend / oder mit Verdrusse aller rechtschaffen
Leute gelesen werden. Und also nenne ich dieses keine Lust / wen unzüchtige
Sauzoten mit eingemischet werden. Den gesetzt es wäre ein Epicurisches Weltkind
/ welches sich eine Ergetzligkeit darbei einbildete; so hat es doch mit den
Wercken der Finsternis eine solche Beschaffenheit / dass sie gerne im Dunckeln
verrichtet /und in listiger Verschwiegenheit vertuschet werden. Dannenhero
scheut man sich dergleichen Händel offentlich zu lesen / so geneigt als man ist
dieselbigen heimlich zu vollbringen. Ja wer an diesem Orte am meisten / (wie man
zu reden pfleget) zurissen ist / der suchet wohl eine Entschuldigung hierinn /
dass er die Schriffen von solcher Gattung desto eifriger vordamen hilfft. Was ist
es nun vor eine Torheit / dass man etwas schreiben will / darüber GOtt erzürnet /
die Jugend zu ärgerlichen Exempeln angewiesen / alle verständige Leute von jhrer
Gunst und Beförderung abgehalten / ja endlich die Personen selbst / denen der
meiste Gefallen geschehen soll / zu schimpfflichen Urteile angereitzet werden.
 
                                      III.
So ist es auch keine Lust / wenn man viel unflätige Redens-Arten oder andere
säuische Erzehlungen anführet / und die kotigen Sachen in den Mund nimt /
welche niemand gerne an den äussersten Absatze seines Schuches erleiden mag. Den
ob gleich etliche aus dem groben und gemeinen Pöbel in solchen Sprichwörtern
etwas sonderliches suche wollen / also dass auch ein Quacksalber mit seinem
Pickelheringe die Bauern nie besser zum lachen bewegen kann / als wenn er solche
Reden frei heraus fahren lässet / darbei wir in erbarer Conversation das Wort /
mit Gunst / mit Urlaub / Salvo honore, mit Züchten zu reden /und dergleichen
vorzusetzen pflegen: Jedennoch wird dieser Lumpen Gattung wegen kein Buch
geschrieben; und wenn es auch auff solche Leser eingerichtet würde / so müste
doch Anfangs eine Erinnerung ergehen / dass sich erbare Leute vor der Unfläterei
zu hüten wüsten. Inmassen ich einmal den Rat gegeben / man möchte bei einen
anitzo ungenanten Buche die Unkosten daran wagen / und ein Kupfer darzu
bestellen / da sich eine Sau in jhren gewöhnlichen Ambra herum weltzete / mit
der Uberschrifft: CUI NON EST BALSAMUM; HUIC NON EST PHARMACUM. Das ist / wer
diese Materie vor keinen Balsam hält / der mag sich davon keine Artznei wieder
die lange Weile bestellen.
 
                                      IV.
Wiewol im Schreiben muss unterweilen eines unzüchtigen oder unflätigen Werckes
gedacht werden / wofern die Erzehlung nicht unvollkommen und verstümmelt bleiben
soll. Und da ist unverboten dass man durch weitgesuchte Rätzel eine Sache höfflich
und nachdencklich beschreibet. Den ein Verständiger verwundert sich über die
Scharffsinnigkeit: ein unverständiger weiss nicht was darunter verborgen lieget
/und hat keine Gefahr vom Ergernüsse. Hr. Opiz ist noch nie getadelt worden /
dass er etliche schlimme Verse dahin verdammet / da man die Wand mit dem blossen
Rücken anstehet. Und nicht vor langer Zeit / bat einer die Würtzkrämer / sie
möchten in die Verse keinen Pfeffer tun / den sie gehöreten zu einem Dienste /
da der Pfeffer schlimme Händel machen dürffte. Ins gemein heisset es der Sache
ein Mäntelgen umgeben / und ist also denn zugelassen /wen man / wie oben gedacht
/ eines solchen Werckes notwendig erwähnen muss / und wen unter den Reden etwas
nützliches und erbauliches gesuchet wird.
 
                                       V.
Doch weiter fort zufahren / so ist es keine Lust / wen aus der Bibel oder sonst
aus Geistlichen Gesängen oder Gebeten ein Possen gesucht wird / da es entweder
auff eine öffentliche Gotteslästerung /oder zum wenigesten auf ein solch
Ergernüss hinauslaufft / dessen man die Zeit des Lebens nicht kann los werden. Ich
gestehe es gerne / ich habe vor langer Zeit einen und den andern Spottvogel
anhören müssen / und GOtt behüte mich in Gnaden davor / das ich solche
unverantwortliche Possen wiederhohlen sollte: doch wen die Lieder oder Sprüche
vorkommen / so wüste ich mich auch bei Verlust meines Lebens der Gedancken nicht
zu entschlagen / und ich muss den höchsten Verdruss darbei empfinden / wen die
Andacht entweder verstört / oder doch aus dem ordentlichen Concepte gebracht
wird. Und in solcher Betrachtung gibt es schlechte Lust / wen man erstlich
lacht / und die ganze Zeit des Lebens / also zu reden /einen Dorn in dem Fusse
behält. Wer die Collectanea der Römischen Pasquille gelesen hat / der findet wie
ganze Reden aus der Versione vulgata missbrauchet sind: doch weil diese Version
bei uns nicht sehr getrieben wird; so scheint das Ergernüss desto schlechter.
Immittelst wäre es doch zu wünschen / sie hätten die Manier behalten / da /
meines Behalts / zu Pii V. Zeiten gewisse Verse aus dem Virgilio und Horatio auf
die gesamten Cardinäle höhnisch genug applicirt worden. Den bei diesen Heiligen
wäre die Sünde noch zu verbeten. Ich will nur ein Exempel geben /welches
verhoffentlich von keinen unter die Ergernüsse gezehlet wird. Den es fraget einer
was die Nase hiesse? und gibt zur Antwort: Qvod parasti ante facîem omnium
populorum. Ob nun wohl alles in der deutschen Bibel anders klingt: welchen du
bereitet hast vor allen Völckern; so ist gleichwol dieses Wort von dem HErrn
CHristo 'geredet / und wird auch in vielen Kirchen noch so Lateinisch gesungen;
dass also mancher von der Andacht abweichet / und sich um die grossen oder
kleinen Nasen bekümmert. Wäre es nun nicht besser / dass man solche Schertzreden
etwas genauer einschrenckte / und vornehmlich die Bachanten / bei der also
genanten Deposition mit dergleichen Fragen verschonete.
 
                                      VI.
So ist es ferner keine Lust / wen abgeschmackte Lügen vorgebracht werden / wie
fast Lucianus mit seiner Schiffahrt auff diese Kurtzweil gezielet hat. Da wissen
etliche von kalten Ländern zu sagen / da die Worte vor dem Maule gefrieren / und
da bei dem nachfolgenden Tauwetter ein Geschrei entstehet /davor man sein
eigenes Wort nicht hören kann. Da hat einem Reiter der Schutz Gatter am Tore das
halbe Pferd weggeschlagen / und er ist mit der zweibeinigten Möhre noch biss in
das Wirtshaus geritten. Da ist gedörrter Schnee vor Saltz verkauft worden: und
was man sonst mit grosser Unlust hören muss. Doch ein verständiger Leser schämt
sich der Possen / die keinen Nachdruck haben; und weil eine Fabel die beste
grace hat / weñ sie der Warheit in etwas ehnlich ist /so ist es kein Wunder /
wenn bei solchen Leuten die Annehmligkeit gar sparsam zu erfolgen pfleget.
 
                                      VII.
In diese Classe gehören auch die Fantasten / welche aus ungeschickten / und
alberen Redens-Arten /einen Possen erzwingen wollen / davor sich alle Welt in
vollem Gelächter / wie die Soldaten mit jhrem Gewehren / præsentiren soll. Wenn
sich jemand setzet / so heisset es / er hat die Wichtigkeit des Ober Leibes
durch zutuung des Mittelgestelles auf den breternen Eckstein verschraubet. Wen
man isset / so hat man die Landstrasse der Beredsamkeit aus jhren Falten
geschoben / und per posta einen verliebten Brieff in die Residenz des Obriste
Hungers hinunter geschickt. Wen sich jemand zu Bette leget / so hat er in dem
Schatten des Wollen weichen Federmarcktes / die unermässlichen Woltaten des
Gänsslichen Geschlechts in genaue Observanz ziehen wollen: und was sonsten vor
rare Stückgen könnte abgemahlet werden / wofern sich jemand mit dieser
Phraseologia bemühen wollte. Denn vor eins sind solche Reden allzuweitläufftig /
und führen den Leser von dem Verstande des Werckes selber ab; vors andere sind
sie von aller klugen Manier so weit abgesondert / dass sie unter den alten
Scribenten keinen zu nennen wissen / welcher sich / nur zum Schertz / solcher
Werckstücke bedienet hätte. Endlich sieht man daraus / wie desperat ein
Schreiber sein müsse / der in Mangel derer Realien solche Eitelkeiten ergreiffen
/und alles / nicht nach der Sache / sondern nach den Zeilen und Blättern
abteilen will.
 
                                     VIII.
Endlich suchen etliche jhre Lust in dem / das sie einen andern mit höhnischen
Stichelreden durchziehen / und ein Meister-Stücke aus Scioppii Buche De Arte
cavillandi ablegen. Es ist auch nicht ohne /wen die Welt eine Torheit erzählen
hört / so werden die wenigsten mit jhren Lache / gleich als mit den Applausu bei
den Comoedianten / langsam sein. Doch wer mit dieser Lust nicht behutsam handelt
/ der kann sich leicht alle Lust und aller Wolfahrt auf einmal verderben. Indem
ich selbst offtmahls darbei gewesen bin / da sich einer durch solches Schreiben
zu Feindschaft Hass und Verfolgung gleichsam genötigt hat. Und eben deswegen
habe ich die jungen Magistros niemahls loben können / welche nur darum
disputiren wollen / dass sie einen andern offentlich prostituiren und jhren
Gedancke nach / dem Auditorio ein kleines Possenspiel bringen können: denn die
Auditores haben alles in wenig Tagen vergessen; und wen ja davon geredet wird /
so denckt niemand / dass er dem Comoedianten einen Birnstiel vor die Lust
spendieren wollte: da hingegen der andere / der Subjectum patiens gewesen / bei
vielen ein Mitleiden verdienet /oder auch selbst die Zeit seines Lebens auff
einen Wiedergelt bedacht ist. Und solches um so viel desto leichter / alldieweil
niemand lebt / der nicht einem Stücke wider könnte ausgehechelt werden.
 
                                      IX.
Immittelst wer in abstracto bissweilen von einem übelanständigen Laster redet /
und eigentlich auf keine gewisse Person geht / auch keine Umstände darbei
gebrauchet / daher sich jemand der Sache öffentlich annehmen darff; der ist
hierinne nicht gemeinet: sondern gleichwie die Philosophia Satyrica jhren Nutzen
hat / dass sich mancher heimlich über etwas schämen muss / der sich mit Nahmen
nicht gerne würde nennen lassen; also werden alle rechtschaffene Leute von
solchen Büchern gar ein gütiges Urteil zu fällen wissen.
 
                                       X.
Doch ich halte mich auf. Es ist Zeit das ich die rechtschaffene Lust eines
anmutigen Bücherschreibers vorstelle / weil ich viel verworffen habe / damit
sich die Welt ungebührlicher massen zu kützeln pfleget. Und also spreche ich /
das ist eine rechte Lustigkeit / dadurch das Gemüte erfreuet / das Leben
erbauet / oder zum wenigsten ein zulässlicher Zeitvertreib ohne Ergernüss gefunden
wird.
 
                                      XI.
Ich sage das Gemüte soll erfreuet werden. Das ist / es soll etwas vorkomen /
welches eine Verwunderung / und ein annehmliches Nachdencken verursachet. Zwar
der Schertz ist zweierlei: Etlicher will bei den Zuhörer ein Gelächter erwecken /
und dieses ist eben Dictio ludicra, oder wie die Frantzosen sprechen Brules qve
dawieder unlängst ein Frantzösischer Jesuit ein ganz Buch geschrieben hat:
Etlicher hingegen erwecket eine lustige Verwunderung / und möchte Dictio amoena
heissen / dabei man keines weitläufftigen Lachens bedürfftig ist: und dieser
wird an gegenwärtigen Orte meistens gemeinet: dessen Fontes wollte ich auch in
dem lustigen Redner gerne abgeteilet haben / wenn ich bei meiner damahligen
Musse wäre gelassen worden.
 
                                      XII.
Nur mit wenigen etwas zu wiederhohlen / so bestehet alle Anmut im Schreiben
entweder in einer lustigen Sache / oder in lustigen Worten / damit die Sache
vorgebildet wird. Die Sache oder die Erzehlung vor sich selbst / darff zu einem
ganzen Buche nicht so kurtz sein / wie man sich etwan bei einem Epigrammate
vergnügen kann / gesetzt dass vier oder fünff Worte zu der ganzen Invention
genung sind: sondern es müssen so viel Umstände darzu erfunden werden /darbei
man sich einer Materie von vielen Bogen versichern kann.
 
                                     XIII.
Dannenhero ist es am besten / wen man sich entweder auf Historien / oder auff
Historisch-erzehlte Fabeln / und hiernächst auf annehmliche Gespräche gefast
machen kann. Die Historien sind uns lieblich / weil das Menschliche Gemüte immer
etwas neues wissen will: und es erscheinet alsobald an den jungen Kindern / wie
sich die Ammen und Muhmen durch einfältige Fabeln hei jhnen so gar wunderlich
insinuiren können. Die Gespräche sind eben deswegen anmutig / weil sich das
Menschliche Gemüte gern um fremde Händel bekümmert; welches daher abzunehmen
ist / dass die meisten jhre notwendigste Verrichtungen liegen lassen / wenn sie
nur auch ein paar schlechte Personen in einem Discurse behorchen sollen. Ich
hatte auff der Universität einen guten Freund / der bediente sich alle Tage vor
der Mittags und Abend-Mahlzeit eines dunckeln Gitters am Haus Fenster: den weil
es ein Eckhaus war / und der Weg aus zwei Gassen vorüber ging / fügte sichs
gemeiniglich / das Weiber und Magde gleich bei dem Fenster stehen blieben / und
nach dem Masse jhres Verstandes eine halbe Stunde oder noch was mehr mit
schwatzen zubrachten: Also kundte er alles hören /und niemand durffte sich vor
einem Verräter fürchten: Immittelst genoss er einer bessern Lust / als wenn er
die artigste Comödie besucht hätte. Und was sind die Comödien selbst anders /
als zusammen gesetzte Gespräche darbei sich der Zuschauer als ein Richter über
frembde Worte belustigen soll.
 
                                      XIV.
Wenn aber die Erzehlung oder das Gespräche recht lustig heraus kommen soll / so
pfleget man stracks im Anfange auff gewisse Affecten zu gedencken / welche bei
dem Leser müssen erwecket werden. Den wo keine Bewegung vorläufft / da ist alles
einen todten krafftlosen Wercke zu vergleichen. Nun befinde ich bei dem Menschen
vier sonderliche Affecten, durch derer Anreitzung die meiste Lust im Gemüte
erwecket wird. Erstlich wünscht man sich das beste Glücke. Zum andern / ist man
Curieus und will allzeit was neues wissen: Zum dritten / bildet man sich grosse
Klugheit ein und will an frembden Sachen was zu tadeln / oder zu verbessern
finden. Zum vierdten / wollte man gern ein Richter werden / und nachdem sich die
Barmhertzigkeit / oder im Gegenteil der Zorn erreget hat / nachdem belustigen
wir uns an des andern Glücke / und an des andern Straffe. Und gewiss / wer die
Erzehlung angreifft ehe er sich eines solchen Affects darbei getrösten kann / der
mag nur kühnlich dencken / dass er an seiner Müh Hopffe und Maltz verliehren
möchte.
 
                                      XV.
Ich sage zwar nicht dass diese Affecten allemahl zu loben sind. Den was GOtt dem
Menschen zu gute eingepflantzet hat / dasselbe wird hernach zu dem schändlichen
Missbrauche / gar wieder Schöpffers Intention gezogen. Was ist ehrlicher auff der
Welt / als der Durst / der Hunger / und das Verlangen nach einem Weibesbilde?
doch worinn pflegen auch die Menschen mehr zu sündigen / als eben in diesen
hochnötigen Begierden / welche zu erhaltung des Menschlichen Geschlechtes
geordnet sind: Derowegen ist die Curiosität nicht böse: den darum haben wir eine
vernünftige Seele / dass wir viel lernen: die Begierde zu censiren ist auch gut
/ weil hiedurch viel böses kann verhütet werden. Endlich die Barmhertzigkeit und
Zorn sind so notwendig / dass mancher hohe Sünde tut / welcher sich zur unzeit
solcher Affecten eussern will. Und wer dieses bedencket / der entschuldiget die
Redenskunst gar wohl / wen sie manchen Grieff nach den Affecten einrichtet: den
der Missbrauch wird nicht mit eingeschlossen. Und muss ein Bereiter / ein Jäger /
ein Vogelsteller sich nach der Natur und nach dem eingepflantzten Affecten der
unvernünftigen Tiere zu richten wissen / wen er in seiner Profession nicht will
betrogen werden: warumb soll nicht ein Mensch / der seinen Nächsten zu etwas
gutes abrichten will / die genaue Beschaffenheit des innerlichen Gemütes
erlernet haben? doch wir müssen eines nach dem andern vornehmen.
 
                                      XVI.
Der erste Affect ist / da man sich alles gutes wünschet. Und derentwegen
gefallen uns die Erzehlungen / da von grosser Beforderung / von Reichtum / yon
Ehre / und andern Gewerbe viel dicentes gemachet werden / ungeacht dass
mehrenteils eine fremde Glückseligkeit darin zu betrachten ist. Den wir
behalten doch zum wenigsten diesen Trost / weil es bei andern möglich gewesen /
so könne es auch bei uns möglich werden. Die Menschliche Gebrechligkeit lässet
uns gemeiniglich zu keiner glückseligen Hoffnung kommen / und also bilden wir uns
immer das ärgste ein: wen nun irgend ein lustiges Exempel uns vor Augen kömmet /
so vergessen wir aller Furcht / und bringen in der süssen Einbildung / gleich
als in einem Traume / etliche Stunden zu / da wir uns alles Glücke mehr als
möglich vorstellen. Und wen auch unser unvollkommener Zustand der Gedancken Lust
wiedersprechen will / so haben wir doch an diesen heimlichen Selbstbetruge ein
solches Vergnügen / dass wir uns bei der nächsten Gelegenheit gar gern wieder
fangen lassen.
 
                                     XVII.
Und eben aus dieser Ursache werden die Liebs-Historien so begierig gelesen /
absonderlich von jungen unverheirateten Personen / welche sich in dem
künftigen Ehestande desto mehr Glücke versprechen / je mehr Lustigkeit durch
ein fremdes Exempel ist möglich gemacht worden. Wer auch in seinen Schrancken
bleibt / wie Barclajus in seiner Argenis, und ein Frantzose in seiner Ariana
sehr moderat verfahren sind / der hat deswegen im Schreiben keine Sünde
begangen; sondern er hat ein Kunststücke gefunden /damit sich die Gemüter zu
immerwährender Attention gewinnen lassen.
 
                                     XVIII.
Der andere Affect ist / da man sich aus heftiger Curiosität um etwas neues und
sonderliches bekümmert: den man sucht gemeiniglich eine grosse Ehre darin / dass
man mehr als ein ander wissen will. Und ich halte / es würde mancher mit seiner
Heimligkeit eher hinter dem Berge halten / wen er sich nicht vor dem Schimpffe
fürchten müste / als möchte ihm eine Unwisseheit zugetrauet werden. Ja wie viel
tausend Taler würde dem allgemeinen Postwesen ein Jahrlang abgekürtzet werden /
wen die Montags Zeitungen nicht um einen Ducaten besser wären / als wenn es mit
der langsamen Gelegenheit erst an der Mittwoch / und zwar in gedruckten Zetteln
gelesen wird / da hernach ein jedweder davon reden kann.
 
                                      XIX.
Und diese Curiosität belustiget sich an neuen / an unerhörten / und an
unverhofften Dingen. Vor eins mag die Sache nur neu sein so wird sie mit Anmut
gehöret / und wohl gar mit grosser Begierde nachgesaget. Man erzehle nur bei dem
Frauen Zimmer was vor eine facon von Zeuch oder Band mit der nechste Post aus
Frankreich komen ist; ich will wetten Chrysostomus wen er auffstünde / und seine
güldene Worte in deutsch übersetzen lernte / so würde er mit solcher Attention
nicht gehöret werden. Und dieses Kunst-Stücke wissen etliche wohl zu practiciren
/ welche die gemeinsten Sachen aus neuen und frembden Auctoribus anführen /
darbei sie den Applausum vor andern erhalten. Es ist wohl ein Ding / ob ich meine
kluge Sprüche aus dem Seneca gelernet habe / oder ob ich den Balzac zu rate
ziehe. Doch weil dieser nicht so alt ist / so lassen sich seine Worte viel
anmutiger vorbringen. Und worzu dienen die Inscriptiones der neuen Müntzen /
die Inventiones von neuen Triumphbogen und Ehren-Pforten / oder was man sonst in
offentlichen Reden zur recommendation bedarff; äls dass sich ein Redner bei den
curieusen Zuhörer desto besser insinuiren will.
 
                                      XX.
Die Sache mag auch unerhört sein. Ich hätte bald gesagt sie mag einer halben
Fabel ähnlich sein. Ich besinne mich auff ein Exempel / welches im lustigen
Redner zum Grunde einer Leichen Sermon gelegt wird. Den da sagt Cardanus in
seinem Buche de vita propriâ, es wäre jhm sein Sohn gestorben; darüber hätte er
sich dergestalt alterirt, dass er weder bei Tische / noch im Bette / ja so gar
nicht in seiner Studierstube vor Angst zu bleiben gewust. Endlich hätte er im
Traume eine Stimme gehöret / er sollte nur den Smaragd vom Finger ziehen /und
unter die Zunge nehmen / damit würde Ihm das Hertzeleid auff einmal vergehen.
Solches wäre mit gutem Fortgange practiciret worden /also dass er auch nicht die
geringste Bewegug empfunde; doch wen er bei dem Essen / wege der Speise / und
auf der Cateder wegen des Discurses, den Ring als ein Hindernüs aus dem Munde
genommen / so wäre der alte Schmertz wieder so heftig dagewesen / biss der Ring
unter der Zunge gelegen hätte. Der Mann schreibt es von sich selber /und wo er
kein Testimonium mit bringt / dass er in der Zauberei etwas versirt gewesen / so
weiss ich nicht ob ich es glauben soll: Indessen gibt es der Rede eine Anmut /
und bei den Zuhörern eine ungemeine Attention.
 
                                      XXI.
Zu den unerhörten Sachen wird auch dasselbe vornehmlich gezehlet / welches von
unsern Landes-Gebrauchen in etwas abschreitet. Angelus Politianus gedencket
etlicher Völcker / da sich die Männer and Weiber statt in das Wochen-Bette
legen: Der Jesuit Weberus schreibt der König in Monomotapa pflege niemahls zu
niesen / das nicht die ganze Stadt über eine Meile hinaus auf jhre Sprache
Profit sprechen müste: den die nechsten müsten solches mit hellem Halse
ausruffen: welche es nun hörten / die schrien bei Lebens-Straffe nach / biss der
Schall durch alle Gassen fortgepflantzet würde. Petrus della Valle ein Italiäner
hat in den Morgenländern / sonderlich bei der Königin von Olala gemercket / das
die Gemächer alle vierzehn Tage mit neuen grünen Kühmiste / der Gesundheit wegen
/ bestrichen werden. So ist aus den Americanischen Reisen bekand / dass bei den
Völckern die nackend gehen /keine grössere Straffe vor die Ehebrecher könne
erdacht werden / als dass sie bei offentlichen Versamlungen jhr Corpus delicti
mit einem Badeschürtzgen bedecken müssen. Den ob wohl dergleichen Sachen eine
Albertät bei sich führen /welche wir höhnisch verachten; so werden sie doch an
den gedachten Orten mit volle Ernste / und ohne alles Gelächter verrichtet; und
dass wir uns darüber verwunden / solches geschieht darum / weil es vor unsern
Ohren unerhört ist.
 
                                     XXII.
Ja diese Lust entstehet auch bei den ernhaftesten Sachen / wie ich mich besinne
dass ich im lustigen Redner ein Exempel aus dem Gramondo gebraucht / da bei
Krönung eines Königes in Franckreich viel Vogel aus jhren Gebauren heraus
gelassen werden / und in der Kirche hin und wieder fliegen: item wie ein
güldenes und silbernes Brod auf den Altar gleich als zum Opffer-Pfennige gelegt
wird; wie der König einen Ring zur Verehrudg annimt / und sich mit selbigen als
ein Bräutigam an die gesamte Republic vermählet. Den ob wohl diese Ceremonien
ziemlich alt sind: dennoch können sie bei manchen der sich um Ausländische Dinge
nicht viel bekümmert hat / unerhört heissen / und also den Effect bei seinem
Curieusen Gemüte erhalten.
 
                                     XXIII.
So mag anch die Sache unverhofft sein / das ist / es muss in der Rede was
vorgehen / oder es kann etwas erzählt werden / dessen sich der Zuhörer nicht
versehen hätte. Vom ersten habe ich ein Exempel im Polischen Redner / da ein
guter Frennd in stürmischen Wetter abdancken sollte / und alsobald seine
Invention änderte / dass er sagte / er wüste aller Umstehenden jhre Gedancken:
Ach wen es nur aus wäre / dass wir dürfften nach Hause gehen. Und noch einen
artigen Casum habe ich erzählen hören / von Einem von Krosigk / Geheimen Rat am
Hessen-Casselischen Hofe. Den als selbiger in wichtigen Expeditionen in
Franckreich geschickt worden / gleich als im Deutschen Kriege das gedachte Haus
mit selbiger Krone in Bündnüs begrieffen gewesen / und numehr nach dem
Friedenschlusse die alte Freundschaft sollte continuiret werden: so fügte sichs
/ das er Zeitung bekam / die Fr. Landgräfin Æmilia wäre gestorben / und es würde
von nöten sein / dass solcher Todes-Fall der Königin solenniter bekandt gemacht
würde. Dannenhero wird eine Zeit zur Audienz bestimmet: die Königin erwartet
seiner im Gemache / zwischen den vornehmsten Damen und Cavalliern: Alleine wie
der Page von der Türe den Tapet empor heben / und dem Abgesandten den Eingang
eröffnen will / ergreifft der unvorsichtige Mensch die Peruqve zugleich / das er
in seinem Trauer-Habit / und im kahlen Kopffe vor der ganzen Versamlung gesehen
wird. Was hat dieser resolvirte Herr zu tun? Er empfängt die Peruqve von dem
Pagen alsobald wieder: doch behält er sie in der Hand / und führet allerhand
sinnreiche Discurse davon / was vor Zufälle dem Menschen begegnen / und wie
leichtlich man seines Zierates könne beraubet werden: hiermit appliciret er
alles auf fein Vaterland / welches ebenfalls an dem Hanpte etwas wichtiges
verloren hätte /setzte also die Peruqve wieder auff / und so wohl als man zuvor
fast zum lachen geneigt war / so beweglich legte er die Notifications
Complimente ab / welche desto mehr Nachdruck hatte / je unverhoffter das
vorhergehende begegnet war.
 
                                     XXIV.
Doch solches bestehet erstlich bei dem Glücke / dass eben dergleichen Fälle sich
ereignen / und den bei einer guten Resolution, dass man aus allen Umständen ex
tempore was erdencken kann. Immittelst lassen sich unverhoffte Dinge leicht
vorbringen / derer sich der Zuhörer nie versehen hätte: und darauff sich
gleichwol ein Redner zuvorher kann gefast machen. Zum Exempel kurtz vor meiner
Abreise aus Weissenfels sollte ich dem Seel. Hrn Ambts-Voigt Rüdinger die
Leichabdanckung verrichten. So gebrauchte ich mich eben dieses unverhoften
Kunstgrieffes. Den ich sagte / ich wäre ersuchet worden / so wohl denen
Leichbegleitern Danck zu sagen / als auch einen Trost vor die Leidtragenden
beizufügen; Aber ich befände / dass keines von Beiden nötig wäre. Nicht nötig
wegen der Begleiter / weil sie den Dienst seiner Tugend wären schuldig gewesen:
nicht nötig vor die Leidtragenden / weil sie durch des Mannes Pietät, als durch
ein tägliches Exempel zu einer Göttlichen Gelassenheit wären angewiesen / auch
allbereit von der Cantzel zu Fortsetzung solches Osterglaubens erinnert worden.
Hier kam alles vor / was man insgemein dem Verstorbenen zum Nachruhm / und den
Hinterbliebenen zum Troste ordentlich gedencken muss. Nur das unverhoffte
Paradoxum, als wen die eingeführte Manir nicht nötig wäre / musste dem alten
Wercke ein neues Färbgen anstreichen.
 
                                      XXV.
Ingleichen habe ich im lustigen Redner ein Exempel auf den Todes-Fall einer
Jungfer. Da ich an statt des Vortrages die Eltern gluckselig preise / welche
jhren Kindern zu stattlichen Heiraten verhelffen können /und weil in der
Application gesagt wird / dass die selige Tochter im Himmel eine beständige
Vermählung eingegangen wäre / so wird gegen die Begleiter nicht Danck gesagt /
das sie einen Trauergang über sich genommen / sondern dass sie als Zeugen der
unfehlbahren Verlöbnüs / gleichsam auff den Tag vor dem Hochzeit-Feste zu
erscheinen beliebet hätten.
 
                                     XXVI.
Wer die Music versteht / dem kann ich ein Gleichnüs geben. Gleichwie eine
schlechte Arie, welche mit lauter Tertien und Qvinten fortgehet / und weder im
Basse noch im Discante von den gemeinen Clausuln abweichet / gar selte einige
Grace bei einem curieusen Zuhörer verdienen kann; da hingegen der Klang noch
einmal so lieblich heraus kömt / wen unversehens eine fremde Cadence oder ein
unverhoffter Accord die Ohren gleichsam zu einer Auffmercksamkeit anlocket: Eben
also geht es mit den Worten / welche in vielen Stücken sich nach den
Musicalischen Tone / oder doch nach jhren Regeln / accomodiren müssen.
 
                                    XXVIII.
Und worin besteht das beste Kunststück in Comödien / als wen die Fabel oder die
Historie mit solchen unverhofften Abwechselungen durchgeführet wird. Da der
Zuschauer mitten in einem traurigen Auffzuge /straks etwas lustiges zu vernehmen
hat; da er vom Zorne zur Barmhertzigkeit / von der Freude zur Furcht / von der
Hoffnung zum Schrecken / und allzeit von dem Gegenwärtigen auf etwas geleitet
wird /dessen er sich nicht versehen hätte. Indem ich aber der Comödien gedencke
/ so besinne ich mich / dass in denen Notwendigen Gedancken etwas von diesen
Kunst-Stücken versprochen worden. Allein ich habe es nach der Zeit nicht vor
nötig befunden: Weil die Comödien so gar überflüssigen Nutz nicht haben / dass
man jhre Manier so eigendlich in einem richtigen Buche beschreiben müste; und
weil sie mehrenteils einen solchen Geist erfordern / der bei seiner
Wissenschaft gute Naturalia, sonderlich ein hurtiges Judicium und einen lustigen
Hunor gebrauchen kann. Doch ist dieses wohl das vornehmste / dass man die Zuschauer
allzeit betreugt / und wen sie etwas in diesen Affecte hoffen / den Ausgang auf
andere Dinge zu spielen weiss. Wie ich den auch deswegen nicht viel davon halte /
wen der ganze Inhalt so deutlich im Cartel vorgeschrieben wird / dass hernach
die Anwesenden alle inexpectata zuvorher sehen / und sich also in dem süssen
Wechsel derer Affecten nimmermehr so annehmlich auffhalten können.
 
                                    XXVIIII.
Ich habe von denen Inexpectatis noch nicht genug gesagt; den ich muss auch den
Grund sehen lassen / darauff sie beruhen. Erstlich kommen sie daher / wen man
enie Ursache erdichtet / deren niemand wäre vermutend gewesen: als zum Exempel
/ im lustigen Redner hab ich den Tod eines jungen und wohl qvalificirten Ehmanns
durch lauter unverhoffte Ursachen / oder wie es in Schulen genennet wird / per
fallaciam non Causæ ut Causæ beschrieben. Er ward geboren / dass er denen
geliebten Seinigen einen sterblichen Gast liefern möchte: Er liess sich in der
Aufferziehung wohl an / damit er die Hoffnung gross / und seinen bevorstehenden
Abschied desto schmertzlicher machen könnte. Er kam zur vollkommenen
Wissenschaft / dass man seiner desto langsamer vergessen sollte. Er trat sein
Ehren-Ampt an / dass er einen bessern Titul auf dem Grabstein hätte. Er liess sich
mit einer Tugendbelobten Person vermählen / damit er im Tode gewiss und ernstlich
beklaget würde.
 
                                     XXIX.
Vornehmlich giebet solches zu kurtzweiligen Erfindungen Anlass: als wen man
spricht: Der gute Mensch gibt seine Wort gar kurtz / er fürchtet sich gewiss er
möchte im Zoll-Ampte angehalten werden / dass er von zehn Stücken sechs Pfennige
Accise zahlen müste. Oder. Der Mensch geht in seinen Sachen so leise und
heimlich / er hat gewiss die Kunst vor einem Wochen-Bette gelernet / da man die
Kinder nicht auffwecken darf; oder er gedencket noch mit der Zeit ein Epitaphium
in einer solchen Kinder Stube zu werden.
 
                                      XXX.
Ferner kommen die Inexpectata sehr schön heraus /wen sie mit artigen und
weitgesuchten Gleichnüssen zu tun haben. Es ist gemein dass die Liebe einem
Feuer verglichen wird / oder dass man spricht / ein Fürste sei als ein
fruchtbahrer Baum / als eine Seule /oder sonst als ein kostbahres Kleinot. Denn
wem sind diese Gedancken nicht allbereit bekand? Aber wer die Liebe einer
Kaufmannschaft / den Fürsten einer Raqvete vergleichet / wie etwan König
Fridericus III. in Dennemarck / vor seinem Ende eben dergleichen getan; der
bringt gewiss Sachen vor / darauff alle Anwesende nicht gedacht haben.
 
                                     XXXI.
Ich gehe vielleicht weiter / als die vorgegebene Frage verstatten will. Doch weil
ich die Lust legitimiren soll / so muss ich allerdings dieselbe in jhren
Fundamente untersuchen. Und also will ich ein Exempelaus dem lustigen Redner
beibringen. Dass die Liebe einer Kaufmannschaft ähnlich sei / dass sieht man
daher /indem eines dem andern sein Hertze verkauffet. Die Advis-Brieffe sind die
ersten Blicke: die Wechsel-Zettel sind die Verliebten Gespräche / welche
niemahls mit protest zu rücke kommen. Das Wechsel-Geld ist die treue Auffwartung
/ welche in jhren Schrot und Korn richtig befunden wird. Die Zahlwoche geht in
der Hochzeit an / und lässet sich offtmahls an tägliche Termine / biss auff
funfzig Jahr hinaus weisen. An Zinsen wird beiderseits nichts geschencket / noch
viel weniger durch Compensation abgerechnet / sondern ein jedwedes bezahlet das
seinige; so hat man desto mehr einzucassiren, und desto mehr an den
Correspondenten zu addressiren. der Gewinn findet sich endlich an lebendiger
Wahre / die allzeit den grösten Profit gibt / wen sie lang in dem Laden
verbleiben soll. Kömt es auch so weit / dass man sich des Handels nicht ferner
gebrauchen will / so lebt man von Renten /und lässet andere neben sich
auffwachsen / welche die nutzbare und fröliche Kaufmannschaft fortsetzen.
 
                                     XXXII.
Was sind auch die anmutigen Rätzel anders / als solche zweideutige
Vergleichungen / welche durch den ersten Anblick nicht zuerraten sind. Wie ich
mich besinne / dass etwa vor 28. Jahren eine Zeitung von Jehna geschrieben ward /
es giengen gewisse Propheten in Türingen herum / die verstünden sich trefflich
auff das Gewitter / trügen bundte Kleider / und was dergleichen mehr wahr; ja /
sie sollten auch über der Fürstlichen Taffel zu Weimar gewesen sein / aber nichts
geredet haben. Doch endlich / wie man alles bei dem Lichte besah / so waren es
Haus-Hähne /welche über der Taffel in der Schüssel gelegen / und allen vermuten
nach / gar wenig geredet hatten.
 
                                    XXXIII.
Eben ein solches Rätzel hab ich im lustigen Redner anbracht. Denn Tuanus
schreibt / dem Könige in Franckreich wäre zu seiner Zeit ein wunderlicher
Edelstein præsentiret worden von dieser Beschaffenheit: sein Glantz war
unvergleichlich / nicht anders / als wenn er ganz angebrandt wäre / dass auch
die umstehenden / kaum den schein ertragen kunten. Wenn er mit Erde bedecket
ward / so drang er vor sich selbst in die Höhe heraus. In keinen engen
Behältnüsse konnte er verschlossen werden / und also musste er an einem weiten
Orte verwahret sein. Er war schön und liedt keine Unreinigkeit. Die Gestalt war
unbeständig und veränderte sich alle Augenblicke. Dem ansehen nach war er schöne
/ doch liess er sich nicht gerne begreiffen. Ja wer sich zu gemein damit machen
wollte / der hatte Schaden davon. Gesetzt auch /dass jemand etwas davon brach /
weil er nicht allzuharte war / so blieb er doch so gross als zuvor. Und diese
Erzehlung hat gedachter Tuanus von einem Medico, welcher unter diesen Rätzel
das Feuer verstanden hatte / wie solches Hr. Conring in seinen Notis ad
Præsationem Lampadii artig ausführet. Ich will nicht sagen / wie ich es
appliciret habe; die Umstände sind so klar / dass man bei einer Leichen-Rede ohne
sonderbahre Mühe damit zu rechte kommen sollte.
 
                                     XXXIV.
Noch viel artiger kommen die kurtzweiligen Reden /welche daher genommen sind.
Jener arme Mann sagte / es gienge bei ihm zu als wie im Himmel: den man hätte
nichts zu essen noch zu trincken. Ein ander sagte / sein guter Freund / ein
Poete / wäre wie eine Meerkatze: diese sähe aus halb wie Affe / halb wie Katze;
Jener schiene halb klug / und halb ein Fantasie. Und ich weiss mich von meiner
Jugend her eines Spieles zuerinnern / welches ich auch mit guten Freunden und
Stuben Gesellen zur Lust oft gebrauchet habe / das heisset die Gedancken
vergleichen. Zum Exempel ich gedächte heimlich an ein Tintenfass / und fragte den
andern / wormit er das jenige das ich in Gedanken hätte vergleiche wollte? wen er
nun spräche / er wollte sie mit einer Trödel-Frau vergleichen; so sagte ich
hernach meine Gedancken / und er müste die Vergleichung in einem tertio
anstellen / vielleicht also: Gleichwie ein Tintenfass beqvem ist / wen man das
Papier beklicken will; also dienet eine Trödel-Frau / die einfältigen Leute zu
beschmutzen. Gewiss wen etliche rechtschaffene Kerlen beisammen sind / und
dergleichen Fragen nacheinander lassen herum gehen / so muss man sich wundern /
was vor possierliche und oftmahls lächerliche Händel auff die Bahne gebracht
werden: und allein daher / weil ein unverhofft Gleichnüss darzwischen kömt.
 
                                     XXXV.
Letzlich werden allerhand Allusiones mit Exempeln /Sprichwörtern / Sinnbildern /
Müntzen / und was sonst angenehm ist / auff unverhoffte Manier anbracht Als wen
einer im Krieg gefangen wird / so heist es /er hat des Caroli V. Symbolum
gebraucht / Plus ultra. Oder wen einer eine kleine Frau heiratet / so sagt man
/ E duobus malis minus est eligendum: Also wen jemand den Korb auff seiner
Heirat bekömt / so kann man sprechen: der Mensch mag auff die Pabst-Wahl in das
Conclave gehen / hier ist das Jus excludendi gegen ihn gebrauchet worden.
 
                                     XXXVI.
Im lustigen Redner habe ich eine Hochzeit Sermon da wird die Invention von
Könige Ludovico XIII. in Franckreich angeführet / welcher seine Gemahlin aus
Spanien zwar 1615. erhalten / aber erst 1621. als eine Gemahlin bedienet hat.
Erstlich erzählt man die Seuffzer / die Wünsche / die Verdriessligkeiten welche
bei dergleichen langen warten auszustehen sind. Hierauff lobt man die
nachfolgende Vergnügung / welche durch das vorhergehende Verlangen jederzeit
verdoppelt wird. In der Application spricht man / es wäre billich / dass man dem
neuvermählten Paare eben eine solche Frist bestimmete: Doch besinnet man sich
einer artigen Begebenheit aus der Ariana, da von der Epicharis erzählt wird /
wie sie einen einfältigen Liebhaber versichert über zwei Jahr Hochzeit zu machen
/ doch mit dem Bedinge / wen er etwas angenehmes tun würde / sollten nach
Gelegenheit etliche Tage abgeschrieben / und wofern er was versehen oder
sündigen möchte / sollten jhm zur Straffe etliche Wochen darzu geschrieben
werden. Und läufft also die endliche Application dahin / es wäre zwar billig
/dass man dem Königlichen Exempel nachlebete: gleichwohl würden die angenehmen
Diensterweisungen dermassen überhäuffet / dass noch diesen Tag ein grosses Teil
möchte abgeschrieben werden. Hierauff ist es leicht die Glückwünschung gegen die
neuen Vermählten / so dann auch die Dancksagung gegen die gesamten Gäste
abzulegen.
 
                                    XXXVII.
Ich komme zu dem dritten Affect, welcher sich gleichsam in seine Klugheit
verliebet / dass er an fremden Händeln was zu censiren, dass ist / was zu tadeln
oder zu verbessern finden will. Und eben darumb belustiget man sich über andrer
Leute Torheit / weil man zugleich über seine bessere Klugheit erfreuet ist. Zum
Exempel warum lacht man so über die alten Pritschmeister Verse / welche doch so
elend und erbärmlich klingen / dass man darüber weinen /oder das kläglichste
Lamento darüber setzen möchte? Gewiss aus keiner anderen Ursache / als dass einer
die Verse seinen Gedancken nach besser machen kann /oder dass er doch mit Leuten
bekand ist / von welchen er bessere gesehen hat. Ich kenne eine Frau / die
allzeit ganz ernstaftig daher geht / und niemahls in Gesellschaften zu
lachen geneigt ist: doch es galt bei guten Freunden eine Wette / ich wollte es zu
wege bringen / dass sie hertzlich lachen / und die Sache hernach mit grosser Lust
anderweit erzählen sollte. Hiermit geriet ich mit jhr in ein Gespräche / und
erzehlte / wie sich unlängst eine berühmte Köchin angegeben /und wie schlecht
sie in dieser Kunst bestanden wäre. Also brachte ich so viel absurda culinaria
auff die Bahn / dass die Frau / welche von dieser Kunst fast Profession machen
wollte / notwendig in eine Betrachtung jhrer Klugheit / hierauff in eine
Verwunderung der fremden Ungeschickligkeit; endlich in ein lautes Gelächter
gelocket ward.
 
                                    XXXVIII.
Sol ich die Händel etwas genauer betrachten / darüber wir unsere Censur gern
auslassen wollen / so ist es entweder eine rechte Narrheit / oder eine Einfalt
/ein Versehen / ein ungereimtes Beginnen / oder endlich eine überflüssige
Klugheit darin man betrogen wird.
 
                                     XXXIX.
Uber die rechten leibhaftigen Narren / das ist über solche Leute / welche jhren
Menschlichen Verstand fast umgekehret haben / und mehrenteils eine beiwohnende
Hoffart blicken lassen / dadurch sie / absonderlich bei Hofe / vollends
perfectionirt werden; Uber solche Narren / sag ich / belustiget sich mancher /
der gerne lacht / aber wer ein Mittleiden mit der Menschlichen Schwachheit hat;
der läst sich in anmutigen Reden nicht gerne auf solche Exempel führen. Ein
andere Bewandnüs hat es mit den drei Ertz-Narren / da man das Wort Narr / nicht
in diesen engen Verstande / sondern wie es im Sprüchen Salomonis / und im Jesus
Syrach genommen wird / etwas weiter auslegen muss / dass alle Menschen darunter
begrieffen werden / welche sich die blinden Affecten zu einer verderblichen und
schädlichen Lust verleiten lassen.
 
                                      XL.
Die Einfalt kömt in vielen Stücken der Narrheit nahe. Den wäre mancher nicht
einfältig und leichtglaubig /so würde er etwas langsamer in das Narren Register
geschrieben. Doch dient es zu gar anmutigen Reden. Lachte doch Johann Huss / da
er auff dem Scheiterhaussen geführet ward / als ein Pfaffe ausrusste / wer ein
Bund Holtz zutragen würde / dass der Ertzketzer desto leichter könnte verbrannt
werden / der sollte es mit grosser Erleichterung in dem Fegefeuer zu geniessen
haben; und hierauff ein armer Bauer aus ganzen Leibeskräfften zwei Bund mit
einander brachte: und eben die Ursache sagte er darzu / indem er lachende sagte:
O Sancta Simplicitas. Was ward zu Rom vor ein Gelächter / als Keiser Claudius
die also genañten Ludos Seculares begieng / wen wieder hundert Jahr von Erbauung
der Stadt Rom vorbei waren / und ein Soldate aus heiliger Andacht überlaut
ruffete / wie etwan in andern Spielen gebräuchlich war: Sæpe Facias. Item als
Keiser Nero in einer Comödie nach Inhalt des Spieles von etlichen Personen musste
überfallen werden / und ein Soldate solches vor lauteren Ernst hielt / dass er
auch darzwischen sprang und seinen Herrn secundiren wollte / so musste er diese
Einfalt zu grosser Lust der Zuschauer dienen lassen. Ja noch ein Exempel
anzuführen / wer belacht die Einfalt etlicher Türckischen Bauern in der Insul
Chio nicht /welche jhrem Keiser alle Jahr 1000. Ducaten geben /dass sie nur
Bürger und keine Bauern dürffen genennet werden. Ich dürfte fast aus des
Piccarti Ridiculis der alten Böhmen gedencken / welche keinen Löwen mit einem
vermutzten Schwantze im Wappen haben wollten / biss sie der Keiser besänftigte /
und dem Löwen einen doppelten Schwantz anmahlen liess.
 
                                      XLI.
Zu der Einfalt gehören die Historien / darin erzählt wird / wie sich viel
Leute von Dieben / leichtfertigen Weibesbildern / und anderen Personen betriegen
lassen. Oder wen ein Politicus dem andern was versetzt / wie jener beim
Gramondo, welcher alles nach der alten Mode recht scharff haben wollte / biss jhm
der König ein Bisstum gab / da ward er from und fand etliche Tage darauff an der
Haus-Türe geschrieben: Et homo factus est. Den wer es hört / der bildete sich
ein / er hätte den Vexierungen etwas klüger begegnen wollen / und in solcher
Philavtie muss jhm das fremde Unglück oder der fremde Schimpff / zur heimlichen
Freude dienen.
 
                                     XLII.
Das Versehen nenne ich / wen ein kluger Mensch /der sonst in allen Verichtungen
gar geschickt aussiehet / etwas verderbet / und / wie man zu reden pfleget / dem
Glücke eine Torheit schuldig ist. Gewiss man soll mit solchen Mitleiden haben.
Doch ich frage alle aufs Gewissen / wen sie auch den leibhaftigen Catonem im
Kopffe stecken hätten / ob sie offentlich oder heimlich das Lachen lassen können
/ wen sie auff der Gasse / sonderlich im Winter auff dem Eise / einen andern
fallen sehen? Wie vielmehr ist die Erzehlung nicht allerdings unangenehm /wen
die Fälle etwas tieffer und etwas politischer geschehen sind? Und eben darum
haben die Politici in jhren Staats-Kammern einen alten abgetragenen Mantel / der
heisset Bona intentio, den sie alsodann pflegen umzunehmen / wen die Händel da
und dorte versehen sind / dass sie nur zum wenigsten etlicher massen wollen bei
ehren bleiben.
 
                                     XLIII.
Hieher gehören auch die Straffen / welche aus Versehen als ein Unglücke über
etliche Leute kommen /dass hernach andere was lustiges zu lesen haben. Wie die
Bürger zu Meiland als sie Keiser Friedrichs Gemahlin zum Schimpff auff einen
Esel gesetzt / und also zur Stadt hinaus gewiesen / hernachmahls entweder
sterben / oder etwas unflätiges aus dem Esel beissen mussten. Wie die Genueser
vom Carolo V. gestrafft worden / dass sie jhren Weibern allzeit die Oberstelle
geben / und also die Prævogativ des Männlichen Geschlechts gleichsam verleugnen
mussten. Wie etliche Polnische Edelleute zu Zeiten Königs Jagellonis unter die
Banck kriechen / und als Hunde hervor bellen müssen und dergleichen.
 
                                     XLIV.
Ungereimte Händel sind / welche sich mit unserer hergebrachten Weise nicht
vertragen wollen / wie ich einmal in einem Actu Oratorio den weinenden
Hercalitum und lachenden Democritum einführete / und im Programmate aller
Facultäten erwähnete / wie selbige in jhren ernsten Qvæstionibus eine und andere
lustige Materie antreffen könten. Zum Exempel man darf die Teologiam myticam
bei den Juden den nur propriè verstehen / so hat man gnung zu lachen / wen sie
sprechen im Paradiese würde ein grosser Vogel geschlachtet werden / der habe in
einem See gestanden / darin eine Axt kaum in sieben Jahren zu Boden fallen
könnte / und wäre jhm doch das Wasser kaum über den Fuss gegangen. Og der König zu
Basan wäre so gross gewesen / dass Moses ein Mann 10. Elen lang / mit einer Stange
von 10. Ellen / als er 10. Ellen in die Höhe gesprungen / jhn nur an den
Fuss-Knöchel getroffen habe. Was haben die Juristen nicht vor Gesetze hin und
wieder anzutreffen / darüber man lachen muss. Claudius gab ein Gesetze man sollte
die Weinfässer pichen / und wen jemand von einer Schlange gestochen würde /
sollte man nichts anders brauchen / als Safft vom Eschenbaume. Wer es nicht tat
/der war schon reiff zur Straffe: einmal war alles Getraide verdorben / un der
befahl durch ein Gesetze / man sollte das Korn wolfeil verkauffen. Die Politici
dürffen nur zu Hofe die ordentlichen Ceremonien durchgehen / und die täglichen
Absurda dargegen halten / so wird es klar werden / dass Haterius beim Tacito noch
viel seines gleichen hat / welcher dem Kayser aus Höfligkeit die Knie küssen
wollte / und jhn mit solcher Complimente zu Boden warff.
 
                                      XLV.
Es fehlet auch bei dem Medicis nicht an Fällen die sich mit keinem klugen
Principiis rejmen wollen. Jener wusste dass Speck und Kohl einem Westpfälischen
Schmiede vor das Fieber gut wäre: doch er hatte noch nicht erfahren / dass ein
Niedersächsischer Schneider daran sterben musste. Und es ist aus dem Martiali
bekandt / das ein Medicus mit hundert Studenten einen Patienten besucht / und
als sie nach einander mit jhren kalten Fäusten dem armen Menschen nach der Pulse
gefühlet / jhme hierdurch das kalte Fieber zuwege bracht. Von denen Philosophis
darff man nicht viel sagen: weil es in betrachtung der Scholastische Grillen zu
Antwerpen so weit kommen ist / dass der Nahme Philosophus vor eine Injurie
angenommen wird. Und ich besinne mich auch auff eine Tragoedie vom Tamerlan da
sich der Pickelhering vor einen Philosophum ausgeben muss: nicht als wen sich die
rechten Philosophi dessen anzunehmen hätten / von welchen Plato sagt: Resp. tum
fore felices, si Reges philosopharentur: sondern in betrachtung der ungereimten
Dinge / welche unter dem Deckmantel der Philosophie begangen werden.
 
                                     XLVI.
In der Philologie mangelt es auch nicht. Was werden doch vor ungereimte
Etymologien hervorgesucht Als wie jener bei Limnæo welcher das Wort Grave oder
Richter / halb aus dem Englischen / halb aus dem Lateinischen herführt. Den
Englisch heist der Friede Grit / und auf Lateinisch heisset Weh Væ. Nun macht
ein Richter aus den Gesetzen Friede / wen jemand dem Vaterlande will weh tun /
oder wie es in der tröstlichen Grundsprache lautet: Qvi Patriæ faciunt væ. Ja
was werden anitzo vor unschuldige Bogen von den Sprachverderbern verklicket /
die mit jhren wunderlichen Einfällen dem gedruckten Deutschlande wieder auf
einen festen Fuss helffen / und die alsogenannte Helden-Sprache zu einem Mittel
wieder alles Unglücke setzen wollen. Wiewol ich möchte die meisten an ein
kurtzes Tractätgen weisen / das im Titul heisset: der deutsche Pickelhering auf
de Französischen Schavot / da ein Kerle recht zierlich durch gehechelt wird /
der sich an des Jarrigii Jesuitam in ferali pegmate gemacht / und die recht
noble Lateinische Ubersetzung in seine Helden-Sprache versprachwechseln wollte.
 
                                     LXVII.
Doch wer will alle Gattungen der ungereimten Händel auff einmal nennen. Nur
dieses will ich noch erwähnen / dass in solchen Redensarten der Stylus etwas
höhnisch geführet wird. Und darum gibt es eine sonderbahre Anmut / wen bei
einer Rede etwas heimlich abgebildet wird damit gewisse Personen vexieret
werden. Als die Jungfern sind bei iederman in der Opinion dass sie gerne Männer
hätten. Hierauff habe ich im lustigen Redner einen sachten Schertz bei einer
Begräbnis Rede appliciret. Ich erzehle wie der Gross-Fürst in Moscau seine
Heirat anstellet. Er verschreibt die schönsten Jungfern / aus dem ganzen Lande
/ und wen sie beisammen sind / läst er sie in gewissen Gemächern bleiben /
darein er heimlich sehen / und jhrer Reden / Minen und Affecten kundig werden
kann. Wen jhme eine vor andern recht gefället /so wird ein Tag zum Beilager
ausgesetzet. In der Kirche wird alles zu der Trauung / zu Hofe alles zu einem
Hochzeitlichen Panqvet angestellet / und niemand weiss / welche Braut isi.
Endlich kommen die Jungfern in einen grossen Saal / und stellen sich auf beiden
Seiten. Der Gross-Fürst geht unterschiedene mahl durch sie hin / biss er der
rechten ein Schnuptuch überreichet / und sie hiermit zu seiner Gemahlin
erkläret. Hier kann durch eine artige Beschreibung gedacht werden / wie den
Jungfern mus das Hertze geklopffet haben / wie eine nach der andern auff das
hohe Glücke gewartet / und wen der Fürst vorbei gegangen / fast nach dem
Schnuptuche gegrieffen hat. Biss die Application alles zu einem vollen Ernste
dirigirt: Den das Schnuptuch welches der Himlische Bräutigam einer Jungfer in
dieser Welt überreichet /ist das Leichen-Tuch. Die Blicke die er nach jhr tut
/sind die Vorboten des Todes. Und gleichwie jene Moscowitische Jungfern dencken
/ Ach wen er doch auf dich sehen wollte! also dencket auch eine Christliche Seele
/ ach wen doch die Zeit da wäre / dass du vor andern das Verliebte Tuch empfangen
soltest.
 
                                    XLVIII.
Das Letzte / darüber wir gern censiren wollen / ist die überflüssige Klugheit /
dabei mancher betrogen wird. Warum lässet sich mancher auslachen / wen jhm eine
Respublica Platonica im Kopffe steckt / da alles recht und gleich zugehen soll;
als eben darum /weil solche Grillen zwar im Kopffe können ausgesonnen / nicht
aber im Wercke selbst geliefert werden. Das heist / der Herr war gar zu klug;
der gegenwärtige Zustand kann solche überflüssige Weissheit nicht ertragen. Ach wer
nur die Judicia in Schul-Sachen zusammen lesen sollte / der würde manchen
Klüglinge /der seine Philosophie auf eine Qvartblat bringen will /in die Ohren
zischeln / wie dort Apelles dem Alexandro, der auch als ein König viel von der
Malerei wissen wollte: Er schweige doch stille / sieht er nicht /wie meine
Jungen / die noch Farbe reiben / darüber lachen müssen. Den dieses Unglück
müssen die Leute in Schulen noch über jhre tägliche Arbeit erdulden /dass alle /
welche kaum jhre Nahme absq; vitiis Lateinisch schreiben können / so viel
Klugheit zu verschenken haben / darbei sie in einen halben Tage zwei
Universitäten und ein halb Schock Gymnasia die gemeinen Schulen ungedacht / ex
fundamento reformiren könten. Und da sich niemand einen Schuster / einen
Leinweber oder gar einem Feuermauerkehrer in seiner Arbeit zu tadeln unterstehet
/ so muss die Schule so gering sein / dass ein jedweder was darin verbessern uñ
klügeln will. Doch eben solche Gedancken dienen hernach den Leuten die es
verstehen / an statt eines perfecten Possen-Spieles.
 
                                     XLIX.
Allein wir Gelehrten / wie wir genennet werden /haben auch oft von dieser
überflüssigen Einbildung etwas eingenommen / dass wir unsere Sachen gar zu gut und
köstlich machen wollen / und nicht bedencken / wie lächerrlich es einem andern zu
lesen ist. Fürwar als ich des Chytræi Delicias mit meinen Untergebenen
durchgieng / habe ich etliche Grabschrifften unter lächerliche Titul bracht /
weil sie gar zu nachdencklich lauten. Laurentius Valla hat auf seinem
Leichenstein den Ruhm / Jupiter hätte jhn nicht mögen in den Himmel nehmen /
weil er sich vor dessen Censur gefürchtet hätte; Auch Pluto wäre numehr verzagt
ein Lateinisch Wörtgen zu reden. Zu Neapolis stehet bei einer Fürstin Grabe /
man sollte die Schrifft sachte lesen / damit die schlaffende nicht auffgeweckt
würde. Zu Padua ist einen Jungen Doctori Medicinæ das Lob beigeschrieben worden
/ der Tod hätte jhn deswegen dahin gerissen / damit er jhm nicht schaden / und
in seinem täglichen Handwerke Eintrag tun möchte / das ist / dass er jhm nicht
weniger Leichen verstatten möchte. Ja zu Anjou in Franckreich hat sich ein
Bischoff selbiges Ortes ein Begräbnis machen lassen / und auff solchen
unterschiedene Sprüche / als von MOSE, Priamo, Aristotele, Horatio, Ovidio,
Cicerone, PAULO, Diogene, Usediæ, Catone, Juda Maccabæo, Seneca, Solone,
Platone; HIOBO, etc. untereinander schreiben lassen.
 
                                       L.
So hat man auch im Politischen Leben viel Complimenten die etwas sonderliches
bedeuten sollen / und doch mit lächerlichen Glossen zurücke kommen. Wer kann
sauer sehen / wen er bei dem Camdeno lieset /der Pabst hatte die Königin Maria
von Schottland /durch ein Handschreibe versichert / er wollte sie unter seinen
Schutz nehmen / wie eine Henne jhre Küchlein unter jhre Flügel. Oder wie jener
Jude /der in Engelland sterben sollte / im Hinausführen / der Königin zu
verstehen gab / er hätte sie so lieb als den Herrn Christum. Und was sonst vor
zweifelhafte Formuln sind / welche sich besser schicken sollten /wen ich die
Disputation de Complimentis noch einmal heraus geben möchte.
 
                                      LI.
Es ist Zeit dass ich den Vierdten Affect betrachte / da man gern etwas zu richten
hat / und da man sich in solche Fälle verliebt / die nach unsrer Freundschaft
oder Barmhertzigkeit wohl abgelauffen sind. Wie froh wird doch das Frauen Zimmer
wen ein Verächter jhres Geschlechtes irgendwo schlecht abgewiesen worden: Und
wie süsse scheint die Erzehlung /wen ein treuer Liebhaber am Ende mit einer
rechtschaffenen Gegenliebe erfreuet worden. Es geht auch in aller Conversation
fast nicht anders her. Einer verliebt sich in die Frantzosen / dass man leicht
etliche Kannen Wein verdient / wen ihm was glückliches davon zu Ohren gebracht
wird. Hingegen ein ander spendiret nicht eher ein Nössel Wein auff seinen Leib /
als wenn die Frantzosen in den offentlichen Zeitungen geschlagen worden. Drum
ist auch so viel daran gelegen / dass ein Politicus sich um die unterschiedenen
Gemüter bekümmert / was zum Exempel / ein Fürst / ein Staatsmann / ein
Gelehrter / ein Soldat /ein Kauffmann / ein Bauer vor bewegungen an Hass und
Freundschaft bei sich fühlet; indem er also leicht etwas lustiges / nach eines
jedweden Humor daher schwatzen / und alle Welt mit leichter Mühe zu Freunden
behalten kann.
 
                                      LII.
Und so viel von den lustigen Sachen. Noch mehr Lust kömt darzu / wen die Worte
auch beistimmen / und wie etwan ein schönes Lied durch die Melodei noch schöner
wird; also gleichfals bei der angenehmen Sache die Redens-Art nicht unangenehmer
zu lesen kömmet. Inmassen hiervon etwas schon bei den Gleichnüssen gedacht ist.
 
                                     LIII.
Die beste Kunst ist / wen alles mit lebhaften und gebräuchlichen Worten
abgebildet wird. Den wie es schlechte Lust giebet / wen eine Soldaten-Historie
soll erzählt werden / der nicht einmal weiss / was Qvartier / Runde / Proviant /
Kraut und Lot / Officirer und Mussqvetierer vor Dinger sind; also ist es eben so
kläglich anzuhören / wen jemand diese Nahmen durch einen Sprachwechsel entweder
undeutlich oder ungewöhnlich anzudrücken bemühet ist. Ich frage auch den
Unparteiyschen Leser / welche Rede sich vor die Ohren eines rechtschaffenen
Zuhörers am besten schicken möchte / wen ich die vergebene Hoffnung eines
betrogenen Politici beschreiben wollte: ob diese: Er liess sich bei dem Patron
anmelden / und wusste sich mit allerhand Ceremonien hervor zu tun: Allein es
mochte jhm entweder an der rechten Stunde fehlen / oder die beste Recommendation
von Doctor Schencken war vergessen worden / dass er mit leeren Complimenten davon
ziehen musste. Oder diese: Bei dem hohen Beförderer seinen demütigsten Zutritt
suchend / wurde er mit liebreitzender Lustseligkeit aus sich selbst gesetzet /
als jhm ein betriegender Augenbliks-Comet die Freiheit in die Hände spielete /
seine Wortgepränge glückwünschend bei seinem Hoffnungs Alter auffzuopffern. Ich
will nicht die Kühnheit eines Richters auff mich nehmen / ob die missgünstige
Gelegenheit die Uhr der beglückten Erfolgung zu unrechter Zeit gestellet / oder
ob vielmehr die Schwachheit seiner schreckenden Auffwartung / zu einem
stetswierigen Warten / sei verstossen worden. Den gesetzt dass mancher solche
Schwachheiten unter dem Nahme einer hohe Schreib-Art bedecken wollte; so hat man
doch nichts mehr davon / als einen Verdruss des Lesers / und ein Verderbnüs der
besten Invention zugewarten.
 
                                      LIV.
Und eben darum kann ich denen Ausländischen Worten nimmermehr so gar feind sein /
dass ich der Frau Mutter Sprache (wie jener Klügling sagte) einen Abbruch an
jhrem Heldenmässigen Ruhme zu tun gedächte / wen etwas von solcher Gattung mit
eingemischet würde. Den weil die lustigen Sachen einen Stylum familiarem
erfodern; und gleichwol die Gewohnheit etliche Wörter der massen angenommen /
und wie sie in Franckreich reden / in das Jus naturalitatis gezogen hat / dass
man sich einen bessern Klang auch wohl einen heftigern Nachdruk darbei einbilde
muss: so heist es: rede mit der Welt / und lasse dir die neue Mode gefallen /
sonst bleibstu ein kluger Mensch vor dich alleine. Es mag mir einer sagen was er
will / so klingt es vor den heutigen Ohren lustiger / Sie wird so gütig sein /
und nur die Affection erweisen: als / Sie wird mir die Gunst erweisen. Item:
Seine courtoisie verbindet mich darzu / als Seine Höfligkeit verbindet mich.
Ferner: Ich bin an einem angenehmen Orte engagirt, als / ich habe mich da
eingelassen. u.s.w. Ich sage nicht dass alle Neulinge Recht haben: sondern ich
spreche nur / ich und vielleicht alle meines gleichen / sind zu wenig / dass wir
den Strom der allgemeinen Gewohnheit auffhalten sollen. Und warum reden wir
nicht / nach dem es die Leute gern hören; wofern wir unsere Reden nicht so wohl
uns / als andern zu gefallen vorbringen. Wiewol von dieser Materi ist anderswo
schon geredet worden.
 
                                      LV.
Nebenst diesem lassen sich die Sprichwörter mit guter Manier vorbringen /
absonderlich dieselben /welche etwas spitzfindig eingerichtet / und darneben in
der gemeinen Conversation nicht gar zu unbekandt sein. Wie ich mich den
offtmahls wundere / woher so ein allgemeiner Consens durch ganz Deutschland
entstanden ist / dass viel Sprichwörter an einem Orte so wohl als dem andern im
Schwange gehen. Den dass man zum Exempel spricht / mein Felix ist mir aus dem
Donaten gerissen / darin läst sich die Erfindung leicht erraten / weil dieses
Buch in allen Schulen bekandt ist. So gibt es auch etliche Redens Arten /
welche auff bekandten Gleichnüssen beruhen. Doch warum spricht man allentalben.
Es bekömt dir wie dem Hunde das Gras / und nicht / wie der Kuh die
Schindel-Nägel; Die Arbeit geht dir als wie Pech vom Ermel / und nicht / wie
Hartz vom Mantel: Du bestehst wie Butter an der Sonne / und nicht / wie Speck
hinter dem Ofen. Der lacht wie ein Bauer der ein Huffeisen gefunden bat / warum
nicht wie ein Weitze-Bauer / der den scheffel um 4. Taler verkauft hat. Der ist
lustig wie der Hund im Ziehborne / warum nicht wie der Bauer im Turme. Und
daraus sieht man / dass man sich einmal müsse in einer Sache vergliechen haben.
Sonderlich wen die Allusion auf eine gewisse Historie geht. Wer hat es an allen
Orten äusbracht / dass einmal ein Goldschmieds Junge ziemlich garstige Gedancken
gehabt? Woher wissen alle Leute / dass einmal dem Cantori an einem gewissen Orte
die Fackel aus geleschet ist? Wie haben es alle erfahren / dass des Gross Vaters
Hund einmal ohne Schwantz wieder nach Hause kommen ist: und was sonst vor
Historien sind / die ich an allen Orten durch solche Allusiones gehöret habe.
 
                                      LVI.
So viel ich erraten kann / so wird das meiste von den Soldaten und von den
Studenten in die Welt gebracht. Die Soldaten verändern jhre Qvartiere oft / und
da lassen sie gemeiniglich ein Gedächtnis von etlichen Possen zurücke. Als vor
dreihundert Jahren entstund ein Sprichwort: Es wird dir gehen wie den Schwaben
vor Lucke: und bei vorigen deutschen Kriege ist das Formulgen entstanden /
welches auch im gemeinen Complementir Buche angemercket ist: Der Kerl ist vor
Bautzen geschossen worden. Die Studenten kommen aus allen Ecken zusammen / und
bringen entweder was lustiges mit / oder finden etwas / das sie nach Hause
tragen. Und dannenhero ist es auch manchen ein gross Unglück / wen er auf der
Universität leben soll: alldieweil seine Torheit die sonst an einem obscuren
Orte gar leicht durchgelauffen wäre / fast in allen Städten / und conseqventer
in vielen lustigen Schrifften zur Kurtzweil dienen muss. Ob die Kauffleute erwas
darzu contribuiren, welche gleichfals auf viel Messen und Jahrmärckte unter
vielerlei Landsleuten herum reisen / daran zweifle ich nicht. Warum heisset in
Schlesien und weiter ein Mutzrauffer / ein Schmarützer der anderswo umsonst mit
fressen und sauffen will? Ich sehe es in Münsteri Cosmographie dass ein Kauffmann
aus der Schweitz die Redens Art biss hierher muss gebracht haben: den es ist ein
Ort daselbst / da geht es so scharff her mit den Schuldnern /dass sie erstlich
erinnert und gemahnet werden / hernach setzt man ein Bild mit einem hässlichen
Kopffe und mit grünen Reisern umwunden vor die Türe /das heisset der Matz. Und
also hat ein jeder Freiheit zu nehmen / was er finden kann. Alldieweil sich nun
viel Leute darbei angeben / die von rechtswegen nichts zu suchen haben / und die
sich in die Victualien an Brodt und Geträncke teilen / biss nichts mehr zu
verschmausen da ist / so heist es / der hat auch ein Reisgen von Matzen
ausgeraufft.
 
                                     LVII.
Es ist auch allerdings nicht zu verwerffen / wen bei der ungebundenen Rede
etliche Lieder und Verse mit eingemischet werden / wie solches im Politischen
Näscher geschehen ist: den es steckt doch in den Reimen / und vornehmlich in den
Liedern / die sich auf eine bekandte Melodei schicken / eine heimliche
Ergetzligkeit: und solches um so viel desto mehr / weil die Abwechselung der
Schreibart selber eine Lust macht / nach dem Sprichworte: Varietas delectat.
Doch ist von nöten / dass die Verse ganz ungezwungen gehen / und dass / wie
allbereit in Notwendigen Gedancken erfodert wird / alle Constructiones recht
naturell, nicht anders als man in prosâ gewohnt ist /heraus fliessen. Den
sonsten wird der Leser durch den harten Klang abgeschreckt / dass er sein
günstiges Judicium etwas sparsamer verleihen muss.
 
                                     LVIII.
Im übrigen will ich alle Figuras Rhetoricas allhier nicht ausschreiben / welche
etlicher massen zu der anmutigen Rede dienlich sind. Wer Lust hat / weiss sie
schon zu finden. Die einzige Description, oder wie sie dem ordentlichen und
Griechischen Nahmen nach genennet wird / Hypotyposis, ist wehrt dass man jhrer
gedencket. Den wer eine Historie erzählen will / der tut am besten / dass er die
Personen mit solchen Umständen gleichsam abmahlet / als wen die Zuhörer in eine
Comödie geführet würden / da sie alles auf dem Schauplatze mit leibhaftigen
Augen anzusehen hätten. Und schickt sich hernach die Sermocinatio sehr wohl darzu
/ dass die anmutige Manier desto vollkommener ausgeführet wird.
 
                                      LIX.
Ich muss ein Exempel geben. Es ist eine gemeine Historie vom König Ludovico XI.
in Franckreich / welcher einem Diener / der jhm ein bewusstes Tiergen vom Kleide
abgelesen / vor die Auffwartung 40. Kronen bezahlet / und dass hingegen ein ander
/ der sich gestellet als hätte er einen Floch gefunden / 40. Streiche mit einem
dichten Prügel zu lohne empfangen. Aber wie viel lustiger klinget sie / wen die
Umstände etwan dergestalt observiret werden. Der König war gleich in einem
Wercke begrieffen / darbei sich alle Hoffleute zusammen gefunden hatten: und wie
ein solcher Herr von den meisten genau angesehen und betrachtet wird / so stund
ein Diener / ich weiss nicht ob es ein Page oder ein Cammerdiener gewesen ist
/und verwandte kein Auge von dem Baume / davon er täglich bessern Schatten
verhoffete. Doch in dem er sich in dem Anblicke gar zu sehr vertieffet / siehe
da so kreucht ein Tiergen auff dem Kleide herum / welches wir / der Jahres-Zeit
zu ehren / da man die meisten antreffen mag / ein Margreten Würmgen heissen. Der
gute Mensch liess sich die Kühnheit zu Hertzen gehen / dass ein so verachtetes
Creatürgen auff einen solchen Potentaten mit Füssen herum lauffen sollte /und
wusste gleichwol nicht / wie der kleinen Bestie ein Monitorium zu insinuiren wäre
/ dass sie jhr Nest an einem beqvemeren Orte auffschlagen möchte. Er durffte
seinen Herrn nicht erinnern / noch viel weniger durffte er seine Hand an das
Kleid bringen; so wenig als jhm vergönnet war / dem Könige Ungelegenheit zu
verursachen. Endlich als Furcht und Barmhertzigkeit / Liebe und Ehre lange mit
einander gestritten hatte / so trat er auff die Zehen / und schliech so leise
auf seinen Herrn zu / wie ein Kätzgen nach der Fleischkammer / und erwischte das
Tiergen mit der eussersten Finger-Spitze / und warss es ohne Gepolter auff den
Boden dahin / dass er in guter Sicherheit lebte / es würde so wohl vor dem Könige
selbst / als auch vor den Umstehenden verborgen bleiben. Doch was geschicht? der
König sieht sich um / und will mit einer recht ungnädigen Mine wissen / was er
an seinem Kleide hätte zu suchen gehabt? der getreue Diener wusste nicht was vor
eine Antwort die beste sein möchte. Und so ungerecht es schiene / wen er seinem
Herrn eine Rede schuldig bliebe; so unhöfflich kam es jhm vor / wen er jhn vor
allen Hofeleuten beschämen sollte. Er fieng an zu zittern als ein Espenlaub / und
jemehr ihm zugesetzet ward / desto weniger Blut behielt er im Angesichte. Nach
langen Fragen ward seine Kühnheit so gross / dass er bekandte / es wäre ein
verlauffnes Würmgen gewesen / welches einen richtigen Wegweiser zu seiner
Herberge bedurfft hätte. An statt aber dass er mit einiger Straffe wäre
angegrieffen worden / so hörte er die tröstliche Antwort / diese Dingergen wären
bei dem Menschen am liebsten und dahero könnte sich ein König erinnern dass er ein
Mensch sei / doch sollte er vor diese Dienstleistung vierzig Kronen zum Recompens
haben. Ein ander sah / wie sich der liebe Herr im spendieren vertieffet hatte /
und gedachte auff einen Fund / der jhm auch zum wenigsten viertzig Kronen
eintragen möchte: und so bald es Gelegenheit gab / dass der König am selbigen
Orte in einem wichtigen Geschäffte begrieffen war / kam er mit leisen Tritten
hinzu und nahm nichts weg / dass man etwas von jhm forschen sollte. Und wer jhm
die Hand bei dem ersten Angrieffe visitiret hätte / dem würde es gegangen sein /
als wie bei jenen Bauer / der zwei Finger in Klingelbeutel steckte / und doch
nichts darzwischen hatte. Der schlaue König machte sich bald die Rechnung / es
würde wieder was abzuzahlen sein / und damit stellete er sich ganz ernstaftig
/ und fragte jhn ebenfalls / wer jhm die Macht gegeben hätte / das Königliche
Kleid anzurühren? er sollte stracks bekennen / wodurch er zu dieser Freiheit wäre
bewogen worden. Der Kerle stellte sich halb erschrocken und halb schamhaftig /
irgend wie die jungen Mädgen / wen sie um das Jawort gefraget werden; und jemehr
er sich wegerte / desto lieber wollte er noch einmal gefraget sein. Ja er
furchte sich / der König möchte des Nachforschens üdrüssig werden / und seiner
Antwort nicht verlangen; drum eilte er auch mit der Nachricht / und sagte kurtz
und gut /es hätte jhm ein Floh auff der Kappe gesessen / und wieder solche Gäste
dürffte man nicht säumig sein /wen sie dem Herrn zu nahe kommen. Wer war froher
als der Diener? die Boltzen waren verschossen / / und er sah immer darnach / ob
er nicht einem Juncker die Schlüssel zum geheimsten Schatzkästgen vertraute
/welcher das Geld in lauter Geburts-Tags-Müntze heraus hohlen sollte. Allein ach
wie erbärmlich war der Ausgang! der König fuhr jhn mit harten Worten an /was!
sagte er / du Ertzvogel / wilstu mich zu einem Hunde machen? vor solche
Leichfertigkeit solstu vierzig Streiche mit einen harten Eichenen Prügel zum
Trinckgeld haben. Da stund der Fantaste mit seiner schönen Erfindung / wie ein
Spielmann der den Tantz verderbet / und weil er gedachte: Je später daran /desto
langsamer davon; so buckte er nur geduldig über / und liess sich vor vierzig
Kronen ein Mass zu einem paar Hosen nehmen / damit er sich biss auf weitern
Bescheid behelffen kunte.
 
                                      LX.
Es ist mit willen geschehen dass ich ein recht gemein Exempel genommen habe /
welches in allem Schimpf-und Ernst-Büchern gelesen wird; nur damit man erkennen
soll / was dergleichen Descriptiones bei den Erzehlunge vor eine sonderbahre
Wirkung haben. Und dieses mag auch genung sein / vor einen der etwas
ausführlich wissen will / was zu einer lustigen Rede erfodert wird.
 
                                      LXI.
Ob nun dergleichen Schrifften und solche Rhetorische Annehmligkeit manchmahl
können missbrauchet werden / davon will ich nicht sagen. Ich beziehe mich auff §.
X. da ich die Lustigkeit alsdenn erst lobe / wen das Gemüte erfreuet / das
Leben erbauet / und ohne Ergernüss ein zulässlicher Zeitvertreib gesuchet wird:
den wo die letzteren Reqvisitæ nicht aussen bleiben / da hat man auch wegen der
Lust wenig zuver antworten.
 
                                     LXII.
Ich sage das Leben soll erbauet werden. Das ist /man soll nichts schreiben / da
nicht eine Tugend dem Leser eingepflantzet / oder zum wenigsten ein Laster mit
durchdringenden Beweis verdammet wird. Es soll alles zur Ehre GOttes geschehen.
Nun weiss man dass GOtt seine Ehre nicht allein darin suchet / wen ein Mensch die
erste Gesetz-Taffel in acht nimt; sondern das ander Gebot ist dem gleich / dass
man seinen Nächsten lieben soll. Und / O wie hoch möchte sich mancher Ausflügling
bedancken / wen er aus solchen Schrifften seine eigene Torheit verlassen / und
klug werden wollte. Etliche Philosophi haben mit blossen Sprüchen / etliche mit
Gleichnüssen oder Bildern / etliche mit Fabeln und Erzehlungen die
unverständigen Leute auf den rechten Weg bringen wollen. Doch die Lehren sehen
der kützlichen Welt zu sauertöpfisch aus; die Bilder wollen zu unser Zeit in
kostbare Kupffer gegraben / und derohalben wegen des teuren Kauffes / den armen
und sparsamen Leuten verborgen sein. Was ist nun zu tun? Ich meine die lustigen
Historien / welche sich mit leichter Mühe durchlesen lassen / werden zum
wenigsten so gut sein / als ein gebratener Apffel / oder eine Ungerische Pflaume
/darin man die bittern Pillen unvermercket hinein schlucken kann.
 
                                     LXIII.
Gesetzt auch / dass etliche Reden so eigentlich des Nechsten Nutz nicht
beförderten / so ist es genung dass er eine Erqvickung des Gemütes / und eine
lustige Ruhe von seiner Arbeit daher empfinden kann. Den sollte dieses dem
Nechsten nicht nützlich sein / welches jhn zu der künftigen Arbeit desto
munterer macht? oder hat man ein grösser Gotteslohn verdient /wen einem faulen
unnützen Schelmen vor der Tür ein Groschen in die Jacke geworffen wird / oder
wen ein ehrlicher Mann nach seiner Mühwaltung etwas neues und lustiges zu lesen
bekömt / dass er in den nachfolgenden Stunden / vor viel tausend Groschen /dem
Vaterlande / oder sonst dem gemeinen Wesen nutzen kann? Und aus diesen Ursachen
habe ich die Lust also restringirt, dass man auf der andern Seite nichts
verderben / und wegen eines Ergernüsses die Lust zur Unlust machen soll.
 
                                     LXIV.
Ich weiss wohl / wie mancher / der im Leben viel Exempel aus dem Politischen
Näscher / oder wohl gar aus den drei Ertz-Narren agirt hat / vielleicht darum
böse wird / dass er wieder des Auctoris Intention sein eigenes Bildnüs antreffen
muss / weil er auch mit Sprüchen aus der Schrifft um sich werffen will. Doch der
Sache kann auch ohne Beleidigung des heiligen Buches geraten werden. Den es sind
zwei sonderbahre und nachdrückliche Erinnerungen / welche bei dieser Begebenheit
anzuführen sind. Eine steht Ephes. 5. v. 4. da der Apostel verbietet Schandbare
Wort / Narrenteidung und Schertz / welche den Christen nicht geziemen. Die
andere ist noch wichtiger / Matt. 12. 36. da unser Heiland selbst zuvorher
saget / dass die Menschen sollen Rechenschaft geben von einem jeglichen unnützen
Worte / das sie geredt haben.
 
                                      LXV.
Nun soll ein Mensch billig erzittern / wen er an die Rechenschaft vor dem
Göttlichen Richter-Stuhl gedencket. Doch halte ich davor / dass allhier nicht die
Fehler der Menschlichen Schwachheit / sondern vielmehr die unnützen Worte aus
eigenwilliger und vorsetzlicher Bosheit verstanden werden. Den wo wollte auch der
beste Prediger seine Sermon legitimiren, wen selbige vor der strengen
Gerechtigkeit GOttes examiniret würde? Ist es möglich dass ein gebrechlicher
Mensch so einen Eifer / so einen Ernst / und so eine Heiligkeit / der Erbsünde
zu trotze bei sich empfinden kann / darbei er sich / wie etwan die Qvacker pralen
/ ohne Sünde wissen möchte? Gewiss ein jedweder / in welchen Stande er lebet /
wen er seine Künste am besten anbracht hat / so ist er nicht einmal wehrt ein
unnützer Knecht zu heissen: weil dieser Titul auff die jenigen zielet / die
alles getan haben / was jhnen befohlen ist; sondern er wird sich auch zum
Uberfluss so vieler unnützer Worte schuldig geben müssen / darbei er zu nichts
als zur Göttlichen Barmhertzigkeit seine Zuflucht nehmen könnte.
 
                                     LXVI.
Es ist mir leid / dass unsere Druckerei noch bei dem Schrifftgiesser auff das
Griechische warten muss /sonst wäre aus der Betrachtung des Grund-Textes die
Antwort gar leicht abzufassen. Das unnütze Wort heisset eigentlich / ein solches
Wort / daraus kein gutes Werck zu erfolgen pfleget / oder / dass ich noch
deutlicher rede / welches auff kein gutes Werck / und auff keine Glaubens-Frucht
abzielet. Und weil dannenhero der liebste Heiland offtermahls die faulen Bäume
zu dem Feuer verdammet / weil sie keine lebendige Glaubens-Früchte tragen
wollen; eben also wird aus solchen unnützen faulen und recht unglaubigen Worten
diese schwere Rechenschaft / und conseqventer, wo keine Busse erfolget / eine
noch schwerere Verdamnüss zu erwarten sein.
 
                                     LXVII.
Dannenhero wen der Apostel die Eutrapeliam verdammen will / so gebraucht er sich
einer nachdenklichen Limitation, welche nehmlich den Christen nicht geziemet.
Was ist ein Christe? ein Mensch der an CHristum gläubet. Was geziemet jhm? dass
er den Glauben durch die Heiligkeit seines Lebens kundbar machet / und dass er
durch kein unnütze Wort seinen Glauben wissentlich verleugnet.
 
                                    LXVIII.
Nun ist die Frage / ob aus den lustigen Büchern kein Nutz / und noch deutlicher
zu reden / keine Glaubens-Frucht / und keine Liebe des Nächsten erkennet werde?
Was meine Gedancken sind /davon habe ich schon oben gnug gesaget. Und ich
spreche noch / wer seinen Nechsten zur rechten Zeit erfreuet / der tut jhm
einen besseren Liebesdienst /als wen er jhm güldene Aepffel in silbernen Schalen
vorsetzte: wie vielmehr wird solche Liebe zu æstimiren sein / wen er an fremden
und verblümten Unglück die Mittel zeigt / dem vorstehenden Schaden zu entgehen.
Ein Schadenweiser ist auch ein Freund / ob gleich ein Vorsorger etwas besser
ist. Gesetzt auch dass der Leser allemahl nach des Auctoris Intention die Lehren
zu seinem Nutze nicht anwenden möchte; so muss jhn doch die hergebrachte
Entschuldigung vertreten / dass man die Schrifften nicht nach der Besserung des
Lesers / sondern nach dem guten Gemüte des Verfassers urteilen soll.
 
                                     LXIX.
Was soll ich sagen? Ich weiss wohl / es hat sich mancher an den Uberflüssigen
Gedancken geärgert /dem ich solchen Eifer wohl hätte schencken mögen. Doch / ob
ich wohl / ein Scriptum anonymum so eigentlich zu defendiren nicht auff mich
nehme / so muss ich nur beiläufftig gedencken / dass überflüssig nicht alsobald
unnütze genennet wird. Manche Complimente / mancher Glückwunsch / manche
Solennität im Processe / mancher Spantziergang / ja manches Exordium bei der
Predigt ist überflüssig: aber der müste ein ungereimter Mensch sein / der solchen
wolgemeinten Uberfluss unnütze heissen / dass ist / der jhn von allen guten
Wercken / vnd von der Pflicht eines gläubigen Christen ausschliessen wollte Und
solches hat ein bekandter Freund in einer mir dazumahl unbewussten Præfation
etlicher massen erkläret / dass ich so eigentlich nicht sehe / was man darbei zu
erinnern hätte. Nur dieses sage ich vor aller Welt: Ist es war /was mich etliche
bereden wollen / dass ich der Jugend was nütze bin / und dass ich noch solche
Worte im Vorrate habe / darbei mich meine Untergebene verstehen / und sich
selbst zu einer guten Nachfolge erbauen können; so habe ich das meiste meiner
grünen Jugend zu dancken / welche sich an statt des müssigen Spatzierns / und
anderer ungesunden Zeitvertreibungen / mit den überflüssigen Gedancken ergetzet
hat. Ich will es auch allen Jungen Leuten vorher gesaget haben /werden sie jhr
Gemüte durch keine lustige Erfindungen bei den müssigen Nebenstunden erqvicken /
so werden sich die Notwendigen Gedancken ziemlich schwer und verdriesslich
einstellen.
 
                                      LXX.
Ich komme wieder auff ein Gleichnüs von der Musick. Was scheinet unnützer als
wen ein Scholare bei dem Organisten eine Alemande, Sarabanda, Giqve und
dergleichen lernen soll? Doch wo nähmen wir Leute her / die uns in der Kirche das
Fundament zu den deutschen Liedern / und zu dem Glauben spieleten / wen sie
nicht durch solche Eitelkeiten wären zu bessern Künsten angeführet worden. Man
laffe es nun sein / dass sich ein junger Kerl in eine Alemande, das ist in eine
überflüssige Grille; in eine Courante, das ist in eine lustige Erfindung; in eine
Sarabande, das ist in eine freimütige Verachtung aller Dinge; endlich in eine
Giqve, das ist in ein höhnisches Urteil der Weltlichen Torheiten / oder auch
wohl gar in ein verliebtes Lamento vertieffet hätte: was liegt daran /wen er
sich hierdurch / auch wohl gar in Geistlichen Dingen / desto geschickter und
gewisser bei der Lust bleibet / davon sich ein junger Mensch gar zu leichtlich
abführen lasset.
 
                                     LXXI.
Wer von dieser Frage mehr wissen will / der schlage nur die Commentatores über
die obgedachten Sprüche auff / und sehe was so wohl die Patres, als auch die
Recentiores von der lustigen Art zu schreiben geurteilet haben. Ich beschliesse
hiermit: Hat uns GOtt dergleichen Affecten eingepflantzet / welche zu lustigen
Erfindungen geneigt sind: hat er uns auch eine Geschickligkeit gegeben solche
Kurtzweil auszuführen: so muss eine Gelegenheit zuvermuten sein / da man die
Sachen anbringen mag. Den es heist: Deus & Natura nihil faciunt frustra,
oder das ich das Zweideutige Axioma deutsch gebe: Was Gott der Kreatur verleihet
/ das muss zu etwas nütze sein / und dasselbige muss zu gewisser Zeit ehrlich und
ohne verletzung des Gewissens gebrauchet werden.
 
                               Die andere Frage.
          Was vor Kunstgrieffe zu dergleichen Bücher von nöten sind?
                                       I.
Wer die lustigen Bücher von aussen ansiehet / der meint  vielleicht / es sei nur
um die Mühe / dass man die Feder ansetzte / und allerhand lächerliche Fälle aus
der vergangenen Zeit zusammen schriebe / sie möchten nun gleich die Länge oder
die Qvere eingerichtet sein. Und ich halte / dass auch kluge und gelehrte Leute
oftmals nicht anders davon judiciren, aus Ursach / weil das Artificium ziemlich
versteckt / und durch eine äusserliche Confusion aus den Augen des Lesers
gerücket wird. Doch wen ich etliche Blätter werde zurücke haben / so wird sich
verhoffentlich mancher wundern / wie ordentlich / wie nachdencklich / ja wie
beschwerlich und arbeitsam dieses Werck müsse angegrieffen werden.
 
                                      II.
Ich rede aber eigentlich von solchen Büchern / welche gewisse Moralia bei sich
führen / und zu Erbauung oder zur Warnung des Lesers geschrieben werden. Die man
sonst mit einem bekandten Nahmen Satyrica heisset. Und da ist es um drei kurtze
Wörtgen zu tun / die man bedencket: das ist / man soll es 1. Heimlich / 2.
Ordentlich / 3. Nützlich anfangen und ausführen.
 
                                      III.
Heimlich soll man es anfangen / den weil sich niemand gern die Warheit
vorfiedeln lässet / und mancher die Fiedel zu Lohne auff seinem eigen Scheddel
zerbrechen sieht / der sich mit dieser Music gar zu gemein machen will; so
begehet man eine sonderliche Torheit / dergleichen ich oben schon verworffen
habe. Inmassen ich alsobald darbei sagte / es wäre ratsam dass die Vitia nicht
so wohl in Concreto und in den Personen / als nur in abstracto berühret würden.
Nun aber lässet sichs in abstracto nicht so bloss hin treffeu / wen absonderlich
die Erzehlung in etlichen Fabeln oder Historien Gespräche bestehen soll / da man
ohne allen Zweifel gewisser Personen von nöten hat.
 
                                      IV.
Dannenhero hat man gar ein köstliches Exempel an den alten Fabeln Æsopi, welche
vielleicht in bessern Ehren wären / wen sie nicht in der Kinder Schule gar zu
gemein würden / wie etwan der gelehrte Grotius sich ebenfalls wegen der
Officiorum Ciceronis beklaget. Den ob er sagte Croesus war mit seinem
Königreicht nicht zu frieden / und wollte ein bessers haben / darüber er betrogen
/ und seiner ganzen Gewalt verlustig ward; oder ob er sagte / der Hund hatte
ein Stück Fleisch im Munde / und lieff über den Steg / da er den Schatten im
Wasser sah /und meinte es wäre das Stücke Fleisch unten noch einmal so gross /
damit liess er das seinige fahren / und schnappte nach dem Schatten; so ist es
gewiss in erwegung der nachfolgenden Lehre einerlei /und beiderseits wird dieser
Schluss gemacht: Behalt was du hast / und dencke ein Sperling in der Hand ist
besser als zehen Lerchen auff dem Felde.
 
                                       V.
Und was hat der also genante Reinicke Fuchs anders in acht genommen? der
ehrliche Mann / der die Invention heraus gegeben / war zu anfang des vorigen
Seculi bei einem Fürsten am Rheinstrom / ich weiss nicht ob zu Jülich oder zu
Cleve Cantzler / und musste von seinen Wiederwärtigen sehr viel Neid / Hass und
Drangsal ausstehen / biss er auch seine Dimission erhielt / und hernach als ein
Privatus vor sich lebte. In solcher Einsamkeit hatte er Zeit auff das Vergangene
zu gedencken / und stellte sein bissheriges Glücke in lauter Bildern vor /
darunter der Fuchs allezeit lose Händel gemacht / und dennoch im Ausgange an den
besten und nützlichsten Minister des Reichs gehalten worden. Gewiss die es
gelesen haben / denen hat es zwar an einer heimlichen Erinnerung nicht gemangelt
/ dass sie möchten getroffen sein: doch sie waren nicht genennet. Solten sie viel
Wesens darüber gemacht haben / so würde sich der Auctor wegen der guten
Auslegung bedancket haben: dass eben der Hund geschrien hätte / den er unter dem
Haussen mit den Prügel getroffen. Also geht es hin / wen es gleich die Leute
heimlich verdriest / wen sie nur nicht offentlich dürffen böse sein.
 
                                      VI.
Doch weil man heute zu Tage mit den Fabeln wenig Ruhm erjagen möchte / so weiss
ich einen Weg / da auch der Leser nicht darff böse sein / biss er in der
Application sich heimlich schämen muss / dass er eine Action verdammet / damit er
gleichfals behaftet ist. Der Prophet Natan gebrauchte es gegen seinen König /
und sagte jhm etwas vom Reichen Manne /der dem armen sein einziges Schäfgen mit
Gewalt entzogen hatte / also dass er Anfangs nicht die geringste Mutmassung
haben kunte / als würde der Pfeil eben seines Gewissens wegen gefiedert. Hiermit
ward er desto eher gefangen / und an statt dass er über eine deutliche Erinnerung
würde gezürnet haben / so stacke er in seiner Scham und Schande / und liess sich
ohne alle Müh gewinnen.
 
                                      VII.
Es ist war / die beste Mode lustige Sache zu schreiben ist wohl / wen man auff
die Torheiten zurücke sieht / welche einem auf der Welt begegnet sind. Doch
was zum Exempel ein grosser Mann tut das muss so lange ein Kauffmann getan
haben; was ein Politicus fehlet / das erzählt man von einem Bauer. Ich möchte
fast die neuliche Comödie vom Bäurischen Machiavello anführen / darin ich
nichts als Kleinstädtelische Personen auff das Teatrum kommen lasse / welche
sich wegen einer verledigten Charge trefflich grossen Kummer zu machen wissen.
Doch wer etwas darbei gewesen ist / da man einander von dem Dienste abstechen
muss / dem werden leicht etliche Exempel beifallen / die sich gar naturell hieher
schicken. Also mögen sich einfältige Leser an der Schale / das ist an den
eusserlichen Possen begnügen / und wer seinen Kopff spitzfündigen Händeln
angewehnet hat / der mag den Kern suchen / und weiter dencken. Plura enim
proponuntur cogitanda qvàm scribenda.
 
                                     VIII.
Hier fällt mir ein artiges Scriptum bei / welches 1659. vermutlich / wie es die
Mundart und der Druck ausweiset / in Hessen oder um Franckfurt heraus kommen:
darin werden zwei Beratschlagungen entalten / wie von den Podagrische Stande
jhre enervirte und abgemattete Republic. wiederum auf festen Fuss zustellen / und
hernach wie jhr Estat Honorabel und Formidabel zu machen sei. Nun geht das
eusserliche Absehen auff lauter Possen /welche um so viel desto angenehmer sind
/ weil in Actis publicis unterschie-Redens-Arten vorkommen /die in eigentlichen
Verstande niemand weniger zu gehören / als den Podagrischen. Da wollen sie zum
Exempel / jhre Republic auff einen festen Fuss stellen / und darauff trachten dass
jhr Estat vor weiterer Dismembration und Zergliederung verwahret /hingegen
möglichst fulcirt, corrobirt, und in Auffnehmen gebracht werde. Sonderlich bei
diesen weit aus sehenden Läuften. Da wird deliberirt, ob man sich bei itzigen
turbis moviren solle! und beschlossen / das Stillsitzen wäre das beste / und
sollte bei Leibes-Straffe verboten sein / von keinem fremden Herren / Lauffgeld
auff die Hand zu nehmen / und was der lustigen Formuln mehr sind /welche ohne
Lachen schwerlich können gelesen werden: dennoch lasse ich mir die Gedancken
nicht benehmen / weil der Stylus zu nachdencklich ist / und keiner auff solche
Invention geraten wird / der nicht bei dergleichen Consulationibus herkommen
ist; der Auctor muss ein Absehen auff etliche Personen haben / die bei
unmöglichen und desperaten Dingen noch grosse Zusammenkünfte und
Beratschlagungen vorgenommen. Sie mögen nun hoch oder mittelmässig /oder auch
gar aus dem niedrigsten Stande sein /davon will ich nicht urteilen.
 
                                      IX.
Wiewol es ist nicht allezeit von nöten dass man auff gewisse Historien abzielet:
sondern man gedencke nur / was einem rechtschaffenen klugen Menschen zu tun
oblieget / und setze hernach das Wiederspiel / es mag einmal geschehen sein
oder nicht / so wird genung zu censiren und zu lachen vorfallan. Was ist der
also genannte Grobianus anders / als da ein spitziger Kopff alle Höfligkeiten
die vornehmlich ber Mahlzeit gebräuchlig sind nacheinder bedacht / und hernach
durch das Wiederspiel beschrieben hat. So ist auch unlängst der Poëtische Hans
Wurst sehr lustig und nachdencklich gedruckt worden / da der Verfasser viel
Exempel genung vor Augen gehabt / darauff er hätte zielen können. Doch er hat
nur Ideam boni Poëtæ, welche jhn nicht unbekand sein kann / im Gedancken
durchgehen / und eines nach dem andern umgekehrt setzen dürffen / so ist materia
genug vorhanden gewesen.
 
                                       X.
Nur diese Caution darff nicht aussen bleiben / dass man keinen beleidiget / der
sich durch solche unbesonnene Rede getroffen findet. Ich meine etwan einen hohen
und vornehmen Patron / welcher dem Auctori aus bösen Verdacht schaden könnte: den
wer ohne Bedacht in die Laster hinein stürmet / der ist wie ein voller
närrischer Mensch / der mit dem blossen Degen Lufft-Streiche tut / und hernach
unversehens einen beleidiget / dem er gewiss nichts böses zugedacht /oder
gegönnet hätte. Das ist war; Die Laster werden darum getadelt / dass sich jemand
der Censur annehmen soll. Doch muss man mit einem Laster seuberlicher eingehen /
als mit dem andern. Zum Exempel wen ich zu Leipzig etwas schriebe / so mag sich
jemand in Hamburg oder Dantzig des Handels annehmen: er wird doch schwerlich so
unbesonnen handeln / das er mich als einen unbekandten eines specialen Absehens
beschuldigen wollte: Aber wen ich auff das jenige gar zu scharff mit der
spitzigen Feder los gienge / welches an dem Orte da ich lebte / oder da auch die
Schrifft gedruckt würde / an kundbaren Personen erst begegnet / und demnach in
frischen Andencken noch entalten wäre; so möchte ich mich entschuldigen wie ich
ich wollte / die Præsumption wäre da / ich hätte eben hierauff gezielet: Gesetzt
dass auch die heilige Innocentia selber vor mich eine Intercession einlegen / und
mir ein Privilegium Inconsideratæ Scriptionis zuwege bringen wollte / wie etwan
dort die Lacedæmonii, welche ausruffen liessen: Liceat Cluzomeniis ineptè
facere.
 
                                      XI.
Also muss die Schreib-Art heimlich geschehen / oder wen die obengedachte
Abteilung etwas deutlicher klingen soll / sie muss heimlich das ist Politisch /
ordentlich / das ist künstlich / nützlich das ist Christlich eingeteilet
werden. Und weil von der heimlichen und Politischen Intention genung gesaget ist
/ wofern sich jemand an die kurtze Regel halten will; so fragen wir nun / worin
die Ordnung oder die Kunst stecket.
 
                                      XII.
Nun sind die Titul / und dergestalt auch die Temata selbst entweder propriè
oder allegoricè zu verstehen: Ja die Allegorischen Titul können nicht eher
erkläret werden / als biss man den eigentlichen und richtigen Verstand gefunden
hat. Zum Exempel ich wollte ein Buch schreiben / und solches im Titul den
Politischen Qvacksalber nennen / so würde gewiss die meiste Müh vergebens sein /
wen ich nicht zuvor bedacht hätte / was ich durch einen solchen Qvacksalber
wolle verstanden haben. Ja wen die Beschreibung nur richtig wäre / so müste man
auch wissen / ob dessentwegen ein Mensch mit einem Marckschreier könnte
vergliechen werden. Uberdiess wen hernach der Politische Leiermann / oder gar
eine Politische Trödel-Frau erfodert würde / so müste man etwas neues finden /
dass in dem Qvacksalber nicht wäre gedacht worden.
 
                                     XIII.
Ich bleibe bei einem leichten und fast lächerlichen Exempel / damit die Meinung
desto sicherer zu begreiffen ist. Und was ist ein Qvacksalber / eine Person die
von geringen und betrieglichen Sachen grosse dicentes macht / und die mit
solcher Pralerei die Leute des Nuzens wegen an sich locken will / und welcher
doch am Ende von rechtschaffenen Leuten verspottet / ja wohl gar mit seiner
Auffschneiderei zu schanden wird: wen er nicht bei Zeiten ein Loch in die Welt
lauffet / dadurch man seiner nicht weiter gewahr werden kann. Nun sehe ich dass
ein Politischer Qvacksalber heissen wird / Eine Person die sich durch solche
Auffschneiderei zu grosser Beförderung / oder wen die Promotion erfolget ist /
zu einem Vorzuge gegen andere seines gleichen / und conseqventer zu einem
bessern Profit dringen will / ungeacht die Tat selbst das Wiederspiel ausweiset.
Mit einem Worte sagte ich: der Eigennützige Auffschneider.
 
                                      XIV.
Ein Politischer Leiermann müste also verstanden werden. Ein Leiermann ist ein
Kerl der mit eitlem Klange / und mit einer recht närrischen Music denen Leuten
eine Lust erwecken / und sich dadurch etliche Groschen erwerben will: ob schon
die Music verständigen jhren Spott damit treiben / und zum wenigsten etliche
einfältige Bauern durch solchen Orpheus-Gesang bezaubert werden. Nun wird ein
Politischer Leiermann sein / welcher sich mit schlechten Sachen hervor tut /
davon doch die Welt keinen Nutzen hat / und daran endlich die wenigsten jhre
Vergnügung erlangen. Man wollte den die Leier also auslegen / wie selbige auf
einer Seite herum zu fahren pfleget / also könne sich mancher in Politischen
Leben auff keine Novität und Verbesserung verstehen / und müste nur / wie das
Sprichwort lautet / bei der alten Leier verbleiben.
 
                                      XV.
Eine Trödel-Frau ist endlich eine Person / die mit alten verlegenen Wahren
auffgezogen kömt / und nach eines jeglichen Verlangen das alte Gerumpel in der
ganzen Stadt zusammen suchet. Also wird ein Mensch im gemeinen Leben gar wohl
einer Trödel-Frau zuvergleichen sein / welcher sich üm alle Zeitungen bekümmert
/ der sich zu geringen Vergleichen / Kauff-Contracten, Heirats-Handlungen und
so ferner gebrauchen läst / und der an allen Orten von der Leute Tun und Lassen
genaue Nachricht einzeucht.
 
                                      XVI.
Allein was ist nun zu tun? diese blosse Wissenschaft wird mir schlechte
Vergnügung geben / wen ich nicht sehe / wie ein jedwedes Tema zu disponiren
ist. Ich gebrauche mich dieser Manier / und gleichwie ich eine Disputation zuvor
ganz ordentlich abteile / ehe zu der richtigen Ausarbeitung geschritten wird;
also muss ich gleichfals alle Realien gar genau beisammen haben / wen ich mit
einem lustigen Buche will zu rechte kommen. Nur dieser Unterscheid ist / wie oben
gesagt / das ich hernach das Artificium verberge / und das förderste klüglich
zum hintersten /das mittelste zum fördersten kehre.
 
                                     XVII.
Wolan ich will zur Probe die obgedachten Temata einrichten / damit ich mein
Bedencken desto verständlicher beifügen kann. Inmassen ich mich absonderlich
eines sehr artigen und nachdencklichen Buches besinne / welches Herr Placcius zu
Hamburg De Medicina Morali heraus gegeben / wie man nehmlich die Kranckheit der
anklebenden Laster gebührend erforschen / genau unterscheiden / und durch
bewehrte Mittel curiren solle. Den eben auff diesen Schlag wird man die Laster /
so man vorstellen will erstlich in gewisse Sorten einteilen / und bei einem
jeden auff gute Artzneien oder Lebens-Regeln bedacht sein. Dahero leicht zu
schliessen ist /wer also eine Special-disciplin verfertigen / und in einem
sonderlicher. Buche von einer Sache aus dem Fundamente handeln will / der müsse
sich zuvor in den Büchern umgesehen / und den Metodum der in solchen Dingen
gebrauchet wird / von andern gelernet haben.
 
                                     XVIII.
Drum wen ich vom Politischen Quacksalber ein Buch machen sollte: so frage ich /
wie schriebe ich eine Disputation von der Eigennützigen Auffschneiderei?
Erstlich würde die Frage kommen / wie soll dergleichen Laster oder
Gemüts-Kranheit beschrieben werden? darnach in was vor Classen werden die
Aufschneider eingeteilet? da geschiehet nun die Auffschneiderei von
unterschiedenen Leuten / da sind Auffschneider untern den Gelehrten / unter den
Soldaten / unter den Kaufleuten: Ja wohl gar unter solchen Personen / die man
deswegen offentlich nicht nennen darff / weil sie keine Information von uns
verlangen. Da geschiehet die Auffschneiderei bei unterschiedenen Leuten: manche
gehen nach Hofe und legen jhre Wahre da aus / manche suchen junge Kerlen /
manche alte Weiber / da sie am besten wollen gehöret sein; manche dencken bei
der Geistligkeit /manche bei Weltlichen Patronen was grosses auszurichten:
Manche lassen sich an gemeinen Admiratoribus begnügen. Da geschiehet die
Auffschneiderei in unterschiedenen Sachen. Einer rühmet seine Wissenschaft und
Geschickligkeit / ein ander sein Glücke / das ist den Adel / das Reichtum / die
Freunde / die Ehre; der dritte macht sich mit seinen Taten gross /die allbereit
sollen am Tage liegen. Wen nun diese Abteilung / mit guten Bedacht jhre
Richtigkeit erlanget haben / so fraget man auff die letzt / wie ist dem übel zu
steuren? da man vielerlei Medicamenta zu gebrauchen hat. Erstlich wen man die
nachfolgende Gefahr / den Schimpff und die Verachtung ausführet /die aus solcher
Pralerei notwendig herfliessen muss; darnach dass man durch gewisse Tugend
-Reguln weiset / wie sich die Mediocrität erhalten lasse / das man in seinem
Ruhme keinen Exzess begehet / uñ gleichwol nichts unterlässet.
 
                                      XIX.
In einer Tabelle liesse sich alles dergestalt abfassen. Und ich bitte wer sich
nicht zuvor in solche Ordnung einlässet / der bleibe nur davon / und vermenge
sich nicht mit dem Büchermachen.
JACTANTIÆ, cujus impræsentiarum consideratio reqviritur, observanda.
DEFINITIO. Jactantia est deprædicatio propriæ præstantia in excessu peccans, ac
    propositam sibi habens utilem aliorum amicitiã.
DIVISIO
    respectu Subjeti, s. hominis jactabundi, qvi esse solet
        Eruditus
        Miles
        Mercator
        Oeconomus etc.
    respectu Objecti personalis s. hominis qvem decipere conamur. & vero
    decipimus.
        Superiorem,
        Æqvalem,
        Inferiorem.
        Et ex ejusmodi Personis
        Publicam vel privatam.
            Virum vel Foeminam. etc.
    respectu Objecti realis s. rei qvam jactamus: qvæ vel est.
        Eruditio,
        Prudentia,
        Nobilitas,
        Opulentia,
        Amicorum copia,
        Honor,
        Res gestæ.
        Imo apud malos, audacia & occasio peccandi.
    respectu Formæ s. Excessus.
        Aliqui minus excendunt, qvi magis jactãt ea qvæ minus adsunt.
        Aliqvi magis excedunt qvi mentiendojactãt qva planè absunt
    respectu Modi, cujus interventu excedimus.
        Aliqvi suis verbis se magnifaciunt.
        Aliqvi subornant debuccinatores.
        Aliqvi vel editis libellis vel ostensis Adulatorum epistolis tentant
            honoris aucupium.
        Pertinet huc fallacia, sub virtutum larva qvodvis flagitium vel
            excusans, velprobans
    respectu Finis s. Amicitiæ utilis.
        Aliqvi cupiunt promoveri.
        Aliqvi post acqvisitam promotionem altius extolli.
        Aliqvos vel delicatum prandium, vel accidens qvoddam lucellum allicit.
MEDICINA.
    ANTECEDENS qvæ morbi naturam aperit his regulis
        1. Jactantia reportat ludibrium eorum, qvi deprehendunt vanitatem.
        2. Reportat odium eorum, qvi suam præstantiam intelligunt impugnari.
        3. Reportat periculum & damnum, erumpentibus odiis: nec tamen
            meretur commiserationem, commune alioqvi miseriæ solatium.
    CONSEQVENS, quæ expellendi morbi, restituendæq; sanitatis media suppediat,
        qvæ sunt Generalia.
        1. Omnia sunt dona Naturæ & Fortunæ, seu ut Philosophus Christian 9
            loqvitur, dona Dei: cur igitur ea jactemus tanqvam nostra?
        2. Fudamentum jactantiæ vel vanitas est vel mendacium: cur igitur
            nostram fortunam credamus rei minus constanti?
        3. Vivimus in statu imperfecto: Qvamobrem siqvis nimiam sibi tribuat
            perfectionem, simplicitatis arguitur qvæ ulterius pergere nititur,
            qvam pemittit conditio humana.
Specialia
    Qvæ diriguntur ad singulas Circumstantias actionum & Personarum. e.g.
        Cur jactabundus es in Aulâ, siqvidem Aulici superbis delectantur maximè,
        qvod proximum habent gradum ad statum Morionis? Cur jactabundus es
        Doctor apud tuos Auditores, cunc isti ad annos discretionis progressi,
        tuam execraturi sint vanitatem? etc.
 
                                      XX.
Die Tabelle ist nicht vollkommen: doch ist so viel daran geschehen / dass man
leicht weiter nachsinnen /auch eines nach dem andern erweitern kann. Nun wir
wollen darzu tun / dass der Politische Leiermann auch seine richtige Tafel
bekommen soll. Das Laster hiesse an sich selber Sordidum & ineptum placendi
Studium. Sordidum weil es auf einen schlechten Gewinn hinaus läufft / Ineptum
weil es durch alberne und verächtliche Mittel gesuchet wird. Das übrige wurde so
aussgeführet.
    COMPLACENDI STUDIUM qvale qvidem nunc considerandum suscepimus, cognoscitur
        qvoad DEFINITIONEM. Est Obseqvium alterius hilaritati obnoxium cum.
        Jacturâ honoris lucri sordidissimi causâ susceptum.
    DIVISIONEM
        respectu subjecti s. hominis in obseqvio excedentis.
        nam qvo majorem qvis honoris curam habere jubentur, tanto deformior hic
            est excessus.
        Fuit Magistratus,
        Fuit Juventutis informætor,
        Fuit Ecclesiastes. etc.
    respectu Objecti Personalis s. hominum qvos delectamus.
        sunt homines nobis obnoxii, subditi, Auditores, Liberi, Servi,
        sunt homines a nostris studiis alieni: Studiosus delectar Militem, Miles
            Mercatorem.
        Sunt homines patriæ nostræ infensi. Germanus delectat Polonum. Hispanus
            Gallum.
    respectu Objecti realis, seu rerum qvæ delectationis faciunt argumentum, qvæ
        sunr
        vel moraliter malæ, h.e. violant Deum & honestatem, ac inclinant in
            scurrilitatem
        vel civiliter ineptæ. Si tristibus læta, severis ludicra, senibus
            puerilia objiciamus, qvæ propendeant ad Stoliditatem.
    respectu Formæ s. Excessus. Qvi judicatur e Circumstantiis
        Ubi? lusit, cum agenda essent seria.
        Qvado? lusit ea tempore, qvod a lusibus erat alienum.
        Qvomodo? gestibus, sermonibus, omniq; cultu id egit, ut aliorum
            hilaritati videretur inservire,
    respectu Finis, seu lucri sordidi. Nam aliqvi
        se putant felices, si deprædicentur ob virorum clariorum conversationem.
         vel si stoliditatis causà reliqvis dicantur superiores, & velut
            excellentiores
        vel si levissimo donario demulceantur,
MEDICINA
    ANTECEDENS qvæ morbi naturam aperit
        1. Plerumq; lusus amatur, ludens contemnitur.
        2. Magis contemptum est, qvod lucri sordidi s. alienæ liberalitatis
            causa fieri solet; cum præsertim ipse excessus pariat hilaritatis
            nauseam.
        3. Pertinent huc exempla ludibriorum, qvibus hinc inde laboraverunt
            sordidi homunciones.
    CONSEQVENS.
        1. Pulchrum est serváre honorem & Auctoritatem.
        2. Satius est alios ridere, qvam rideri ab allis.
        3. Pertinent huc qvæ de usu rectæ rationis, de studio Severitatis, ac de
            conversatione honestâ inculcantur a Philosophis.
 
                                      XXI.
Ich habe mich zu sehr im Lateinischen vertieffet /welches vielleicht manchem
Leser nicht gefallen möchte. Aber es bleibt darbei / wer seine Künste nicht aus
dem Lateinischen sucht / der kann im Deutschen hernach gar selten zu rechte
kommen. Nun wäre die Ordnung richtig / und wie leichte liesse sich hernach das
Werck untereinander werffen. Zum Exempel wie lustig sollte der Politischen
Qvacksalber in dieser versteckten Disposition zu lesen sein.
 
                                     XXII.
Ein Grafe zu Lorindo, das heisset an einem erdichteten Orte / da man nicht
schuldig ist / alle Circumstantias zu legitimiren / er mag nun Catolisch oder
Luterisch gewesen sein. Doch es sei ein Graf zu Lorindo, legte eine neue Stadt
an / und als er die Gemeine in ziemliche Ordnung gebracht hatte / also / dass ihm
weder Burgermeister noch Stadtschreiber fehlete / so war er um einen Historicum
bekümmert / der ihm den Ansang ordentlich registriren / und zu Continuation der
Chronicka einen guten Grund legen möchte. Als er nun wusste / dass auf einer
benachbarten Messe viel Leute von allerhand Gattung erscheinen würden / so
schickte er zwei kluge Bedienten dahin / die im Wirtshause etwas stille liegen
/ und nach einem qvalificirten subjecto nachforschen sollten. Nun haben sie bald
im Weinkeller / bald im Buchladen / bald in anderer Conversation eine und andern
Gattung von obengedachten Leuten gesehen: Sie haben auch von andern Anwesenden
die Lehren angehört / wie die Ruhmrätigen Praler sind verspottet / und zu
bessern Nachdencken angewiesen worden.
 
                                     XXIII.
Oder man sprache. Ein Vater hätte seinen Sohne ein stattliches Erbteil
verlassen / doch mit diesem Bedinge / dieweil er sein Studieren schon ziemlich
weit gebracht / sollte er in einer bekandten Stadt ein Jahr im Wirtshause zu
Tische gehen / und alle pralende Fantasten / die sich täglich einstellen würden
/ in ihren discursen observiren. Und hiermt wäre das Journat sehr leicht zu
machen / wie sich die Anleitung aus der obgesetzten disposition darzu fügte.
 
                                     XXIV.
Kürtzlich an ein solches Exempel zu gedencken / das eben von dergleichen Gattung
ist / so weiss ich / dass einmal ein guter Freund bei mir anhielt ich möchte doch
ein Buch schreiben / und solches in Titul das Politische Podagra heissen. Und da
war meine Antwort: Monsieur, ein Titul ist leicht erdacht / da darff man gar
wenig rote Dinte darzu: aber wer sich darnach bedencken soll / ut nigrum rubro
respondeat, der muss etwas längere Bedenckzeit bitten. Indessen gab ein Wort das
ander / dass ich gleichwohl / der Politischen Kranckheit etwas nachdachte. Denn
ich sagte / heute will jemand von mir wissen / wie das Politische Podagra zu
curiren ist: morgen möchte mir jemand das Politische Zahnweh / oder wie es in
Schlesien heisst / den Politischen Bauer-Wetzel /das Politische Fieber / das
Politische Reissen in Leibe / und so fortan zu curiren bringen. Und also würde
ich bei einer Kranckheit die Vergleichung so anstellen müssen / dass ich in der
andern was neues zu tadlen / oder zu curiren hätte.
 
                                      XXV.
Ich dachte / es wäre an dieser Antwort genug. Doch wie die Erklärungen immer
besser folgen sollten / so kam es endlich dahin / dass ich sagte / Mein Herr / das
Podagra ist im Fusse / und entstehet von dem Tataro, der sich an die Nerven
leget / und dasselbe Glied mit grossen Schmertzen an seiner Bewegung verhindert.
Nun wohlan / was ist der Politische Fuss? in Warheit das jenige / darauf sich der
übrige Politische Leib gründet / das ist / das Fundament unserer Hoffnung /
darauf wir unsre Beförderung und alle Wolfart setzen wollen. Was ist der
Tartarus? Das jenige / welches die Bewegung und den Fortgang solcher Beförderung
verhindern will. Und also weiss ich nun /was das Politische Podagra ist: nämlich
/ eine Bekümernüs / welche daher entstehet / weñ das eingebildete Glücke will
auf Steltzen gehen. Und da müste man sich besinnen / wie vielerlei die Personen
wären / welche sich den Lauff ihres Glückes gut eingebildet hätten; wie
vielerlei Verhinderungen sich begeben könten / und wie man solchen Tartarum
entweder geduldig übertragen / oder klüglich aus dem Wege räumen sollte.
 
                                     XXVI.
Was wird nun das Politische Zahnweh sein? Die Zähne sind an dem Orre / welchen
wir zum essen und zum reden gebrauchen; die Ursache entstehet von warmen oder
kalten Flüssen / die sich an die subtilen Nerven setzen / welche dessentwegen
sehr empfindlich sein / alldiweil sie mit den Augen und mit den Gehirne gar zu
nahe Nachtbarschaft halten. Denn ob ein armer Mensch in seinen Zahn-Schmertzen
flugs Würmer bekömmt / die ihn das Zahnfleisch durchreiten / das mag ein
Politicus beiseite setzen / der sich taliter, qvaliter, um ein Fundament vor
seine Allegorie bekümert. Nun das Politische Essen ist nichts anders als die
Einnahme / das Politische Reden ist die Correspondentz. Wer nun in diesen Stücke
entweder durch warme Flüsse / das ist / durch falsche Freundschaft / oder durch
kalte Flüsse / das ist / durch offentliche Feindseligkeit verhindert wird /
kriegt das Politische Zahnweh. Und davon / auch von nichts anders / dörffte
einer schreiben / der sich einmal diesen Titul hätte gefallen lassen.
 
                                     XXVII.
Wolte ich den Bauerwetzel appliciren / welcher also genennet wird / wenn einen
der Backen nach den Zahnweh zerschwillet; so ist es nicht ohne / dass dieser
affect ein ungestaltes Gesichte machet. Dahero müste man die jenigen / welche
sich des obgedachten Schmertzens wegen etwas schimpfflich bezeigen /unter die
Patienten von Politischen Bauer-Wetzeln rechnen.
 
                                    XXVIII.
Das Fieber ist von einem vornehmen Medico den Schorsteine verglichen worden /
der so lange brennet /biss noch ein stück Russ vorhande ist: hernach aber von sich
selbst wieder aufhöret. Was wird nun in Politischen Leben dieser Kranckheit
ähnlich sein? ich halte / die Leute gehören hieher / welche sich in ihrem
Affect, in der Liebe / in der übermässigen Affection gegen die Clienten / und
sonst in andern Begierden nicht zähmen könne; und die sich mit der Zeit alle die
Begierde vergehen lassen. Wie auch kein Mensch gestehen wird / dass er gute Tage
habe / als wenn er das Fieber bekömmt / da man endlich die Formul gebraucht /
gestern war mein böser Tag / heute NB. ist mein guter Tag. So mag in diesen
Politischen Fieber der gute Tag sein / wenn sich von weiten eine Hoffnung
erweiset / dadurch unsern Verlangen / wo nicht eine Hülffe / doch ein kurtzer
Trost gemacht wird.
 
                                     XXIX.
Letzlich / woher kömt das reissen im Leibe? Gewiss wen sich etliche unnütze Gäste
welche sonsten spiritus sylvestres flatulenti heissen / nicht auff die rechte
Strasse finden können / die es hernach machen / wie die Soldaten in Qvartiere /
da der Wirt am meisten leiden muss. Nun was ist den flatibus ähnlicher / als der
Hochmut? und also / wer einen Schösser / einen Ambtmann / einen Cantzler /
einen General oder sonst etwas im Leibe hat / dem hernach allerhand
obstructiones entgegen kommen / der empfindet einen Schmertzen / das ist / in
der Politischen Medicin so viel gesagt / er hat Reissen im Leibe.
 
                                      XXX.
Wiewol es ist nicht von nöten / dass man allezeit ein Laster / oder ein Irrtum
in den Titul nennet: sondern es kann wohl eine Tugend oder sonst ein löbliches
Werck angefuhret werden / da hernach die Satyrica gleichsam è loco contrariorum
qverfeld darzu kome. Inmassen ich an diesen Orte das Kunststücke nicht
verschweigen kann / welches ich meinen Untergebenen zu guter Imitation sehr oft
gezeiget habe.
 
                                     XXXI.
Denn so oft ich Claudiani wunderschönes Carmen de Laudibus Stiliconis erkläre /
so sage ich / wie aus dem ersten Buche Idea boni Militis, aus dem andern Idea
boni Aulici, oder noch besser zu reden / Primarii Ministri, könne gezogen
werden. Und hierauff lasse ich mir unterschiedene Dispositiones machen /darin
zum Exempel Idea boni Sacerdotis, Consiliarii, Mercatoris und so fort abgebildet
wird. Es liegt aber an einem kleinen Kunst-stücke / welches ein jedweder wissen
muss / der nur einmal in die Politicam geguckt hat. Denn erstlich frage ich /
was hat der Mensch vor einen Finem? Zum andern / was wird vor eine Person darzu
erfodert / welche zu solchem Fine capabel ist? Zum dritten / was hat man vor
Mittel und kluge Anschläge / dadurch dieser Zweck kann befördert werden? damit
habe ich nicht allein gute Gelegenheit zu artigen Sententiis, sondern wofern ich
dictionem amoenam gebrauchen will / so gibt das Widerspiel allerhand lustige
Gedancken.
 
                                     XXXII.
Es wird dem begierigen Leser nicht zuwieder sein /wen ich das jenige beitrage /
welches ich de Idea boni Studiosi gegeben habe.
    I. Qvi considerare velit. Ideam BONI STUDIOSI, primò sit solicitus de FINE,
postmodum de MEDIIS ad finem acqvirendum facientibus.
    II. FINIS Studiosi vel est ultimus væl Intermedius.
    III. Ultimus alio nomine vocatur GLORIA DEI, alio nomine JUSTA ERUDITIO. Ut
n. qvilibet creatus est ad gloriam DEI: sic ipsum hunc finem rectissimè
asseqvitur, si faciat officium ad qvod vocatus est. Et verò qvi sentit in animo
suo discendi aptitudinem, tacitam, imo apertam DEI vocationem excolenda
Eruditionis audire se crodat.
    IV. Cæterum Eruditio duplex est: PRIMARIA & SECUNDARIA.
    V. Eruditio primaria est qvæ facit ad Amorem proximi, h.e. ad utilitatem tum
Ecclesiæ, tum Reipublicæ.
    VI. Ita falluntur, qvi propriis saltem commodis studia destinaverunt, qvos
mercenarios vel cerdones dixeris; non eruditos.
    VII. Eruditio secundaria est, qvæ facit ad commendationem, vel ad
recreationem: hæc est JUCUNDA; illam dicimus GLORIOSAM.
    VIII. Utriusq; non exigua cognoscitur necessitas. Commendatione indigemus,
ut inveniamus locum, cui applicentur studia nostra utilia: Recreatione opus est
deficiat industria Studiis utilibus debita.
    IX. MEDIA ad hunc sinem pertinentia vel sunt VIRTUTES, vel sunt CONSILIA.
    X. E virtutibus primaria est PIETAS. Hæc, enim si est utilis ad prasentem
& futur am vitam; utilis futura est ad eruditionem, qvæ homines manuducit ad
felicitatem in hâc vitâ retinendam, in alterâ inveniendam.
    XI. Pietatis fugiendus defectus & excessus. Defectus est, si qvis velit
laborare, non orare. Excessus superstitio sive hypocrysis est, si qvis orando
velit negligere labores â DEO mandatos.
    XII. Altera Virtus & ea qvidem Generalis, est STUDIOSITAS, qvæ in
excessu habet nimiam Curiositatem, in Defectu nimiam Oscitantiam.
    XIII. Seqvuntur nunc Virtutes, qvæ qvidem Christiano semper sunt necessariæ;
Studioso tamen non immediate sed mediate conducunt, h.e. non faciunt ad ipsa
studia, benè tamen promovent studiorum media.
    XIV. Habemus hic Mediocritatem inter Audaciam & Timiditatem: (sivelis
dicere fortitudinem togatam, non repugnaverim) qvi enim nimiu audet, aut
inimicos aut contemptores invenit potentioresqvi nocent promotioni: qvi parum
audetvel ipsa studia deserit, vel Patronis ac Viris clarioribus non innotescit.
    XV. Porrò reqviritur Virtus huic sanè affinis h.e. mediocritas inter
superbiam & timiditatem, qvam aliqvi dixerunt, studium inclarescendi. Nam
qvi superbus est, contemptis aliis vult inclarescere: qvæ ipsa res tot affert
difficultates, qvot superandi sunt æmuli. Ex adverso, qvi nimium humilis ac
modestus est, aut sibi saltom discit, aut illis prærogativam concedit, qvi minus
merentur.
    XVI. Est etiam aliqva Virtus, Mediocritas in rebus ad curam corporis
pertinentibus, ut in cibo, in potu, in somno ac si fortè sunt recreationes aliæ,
tantum observet, qvantum ad servitium animi sufficit. Nam organon animi corpus
est, qvod nec nimium negligi debet, nec nimium expoliri.
    XVII. Maximè necessaria virtus est, Mediocritas in acqvirendis ac
custodiendis pecuniis. Qvi nihil vult acqvirere, si pauper sit, unde vitam
sustineat Academicam? qvi qvodvis acqvirendi medium arripuerit, ad sordidum
qræstum prolabitur. Ita nimium prodigus & luxuriam, ejusque comitem
paupertatem acceler abit; tenax vicissim ipsos etiam benefactores ac Præceptores
reddet alienas.
    XVIII. Neque minorem Utilitatem habet Officiositas, qvæ mediocritatem servat
inter nimiam promptitudinem, & nimiam inserviendi morositatem.
    XIX. Et officia qvidem per hanc virtutem dirigenda vel concernunt ipsa
studia, vel actiones â studiis alienas. In ipsis studiis officiosus est, qvi in
alterius gratiam vel certam sectam eligit, vel certam disciplinam. Et sanè
favorem merentur apud Professores, qvi, præsertim in re controversâ ad eorum
partes secedum: sed videndum, ne simul discedant â studiis utilioribus.
Officiosi aliqvi sunt in sublevandis negotiis domesticis, & qvicqvid in vita
communi alterius opem postulat, neque desunt Fautores: utinam si planè
negligantur studia, non desint promotores.
    XX. Et facile judicium est, illud officiorum genus arguere simplicitatem; ex
hoc colligi libidinem otiandi: ut sub velamento Officiositatis lateat defectus
non exiguus.
    XXI. Tandem non infimi pretii est mediocritas in qværendis amicitiis seu
familiaritatibus. Multi Amici sunt fures temporis & pecuniæ; nullos vicissim
qvi habet, nec in studiis agnoscit æmulum vel socium, nec in periculis
adjutorinm.
    XXII. Et ipsa hæc mediocritas tum proficiscitur â prudentia, cum &
electio sibi constat, & eliguntur meliores, & interim non irritantur,
qvi in amicitiâ admissionem non inveniunt, h.e. qvod dicitur: familaris paucis,
civilis seu comis omnibus.
    XXIII. Hæc de virtutibus. nunc de CONSILIIS , qvæ faciunt ad finem, h.e.
Eruditionem. Et cum Eruditio dupliciter consideretur, vel qvatenus est
acqvirenda, vel qvatenus est applicanda, h. e, qvatenus interventu promotioniis
eadem ad gloriam DEI, proximique salutem adhiberi potest, duarum qvoque classium
habebimus consilia.
    XXIV. Consilia qvæ concernunt Eruditionem acqvirendam, his comprehenduntur
regulis: altiora nunqvam attingantur, nisi cautum sit de fundamentis
inferioribus. Insignis enim miseria, tractare sublimia, cum perpetuo erroris
metu?
    XXV. (2.) Ea discantur, non qvæ valent apud extraneos, sed qvæ praxin
ostendunt in patriâ. Sic aliqui mirantur Matematicos in Belgio, Philologos imò
& Curiosos in Angliâ: qvi tamen reversi in Patriam nihil didicisse
judicantur.
    XXVI. (3.) Nunqvam velit esse Autodidactus. Sive enim quis ex proprio
ingenio divinare voluerit, singula, inversam & contrariam, ut solent
novatores eruditionem referet; sive saltem è libris ac manuscriptis collegiis
voluerit proficere, tandem deplorabit vivam Magistri vocem fuisse neglectam.
    XXVII. (4.) In omnibus sit aliqvid h.e. studeat Polymatiæ; sed unum habeat,
qvod præ cæteris, & ut loqvi mur ex fundamento tractet. Alias enim in toto
futurus est nihil.
    XXVIII. (5.) Qvæ disci debent ex fundamento, prius addiscantur in compendio,
qvàm in prolixis qvæstionibus: prius in tesi, qvam in antitesi.
    XXIX. CONSILIA, qvæ faciunt ad promotionem certas itidem habent regulas, è
qvarum numero liceat delibare paucas. Et generalissima quidem regula est: Facut
sis eruditus, ac ut ultro seqvatur commendatio.
    XXX. Prodeamus in lucem, nec studiorum nos patri credamus jacturam, si
possimus interim Promotoribus innotescere.
    XXXI. Nemo temerè judicet, nec quos tacitè agnoscit pro ineptis, apertè
refutet. Fortassis enim refutatur elle, quem habituri sumus Patronum.
 
                                    XXXIII.
Dieses wäre schon genug einen Tractat vom Rechtschaffene Studenten zu schreiben:
sonderlich wen man zu letzt allerhand Arcana mit anhenckte. Wie ich den auf der
Universität in so vielen Jahren / an mir und an andern / manchen Irrtum
gemercket / daraus ich ein gutes Consilium nach dem andern fassen kunte / dass
ich endlich willens war Statistam Academicum herauszugeben / und darin
Anleitung zu tun / wie man in erwehlung des Tisches / der Stube / der Freunde /
der Information, der Patronen des Zeitvertreibs /und was dem anhängig / allen
Schaden verhüten / und seine Besserung suchen solle. Wiewol ich bekam darnach
andere Gedancken. Vor eins hätte ich keinen Irrtum beschreiben dürffen / man
würde solchen fast mit Händen an mir oder an meinen guten Freunden gegriffen
haben; ja es hätte ein Patron oder ein Præceptor einige Censur auff sich
appliciren können. Ferner sah ich / dass die Studenten-Reguln nicht durchaus von
allen auff eine Manier erfodert werden. Ein Armer ein Reicher / ein Ignorant ein
Fundamental Kerl / ein künftiger Philologus und einer der sich in seiner Haupt-
Disciplin ad praxin zu begeben gedenket / die können gewiss nicht auff einerlei
Patronen / auff einerlei Conversation, und so weiter / gewiesen werden. Ja die
Arcana bleiben nicht Arcana, wen sie bekand sind. Ich will nur eines gedencken
/daraus von den andern mag judicirt werden. Ein guter Freund kam aus Holland /
und gedachte wie sich ein Landsmann bei einem Professori trefflich insinuiret
hätte / weil er jhm / bei schlechter Freqvenz des Auditorii, die Lectiones
beständig besucht / und in der kurtzen Reihe nach verflossener Stunde / allemahl
Gelegenheit gehabt mit jhm zu reden / und die Affection besser zu suchen. Und
eben dieser sagte: wer dieselben Lectiones erwehlet / da sich etliche 100.
Kerles um die Bäncke dringen / der hat von dem Professor wenig danck: den er hat
so viel / dass er etliche Personen verschenken möchte. Allein wer sich dahin
hält / ubi paucitas reddit visibiles, der kann desto eher bekandt / auch desto
leichter dem Gedächtnis recommendirt werden. Nun will ich nicht reden / was von
dem Arcano zu halten ist. Doch wer es nicht heimlich hielte / der möchte sich
nur deswegen alle gute Hoffnung vergehen lassen. Und ich zweifle / dass ein
Professor grosse Affection würde schuldig sein /wen einer offentlich / oder auch
wohl gegen vertraute Freunde / wie man sie in diesen schweren Zeiten hat
/sprechen wollte: Ich gehe nicht Lernens halben in die Stunde / ich suche nur in
seine bekandtschaft / und wils GOtt / zu besserer Beförderung zu kommen. Also
lasse ich solche Reguln nicht an das Tageliecht bringen: sondern wen ich einen
Untergebenen sehe /der seine Fortun durch einen oder den andern Statistischen
Kunstgrieff verbessern möchte; Dem gebe ich einen Vorrat / im Vertrauen / mit
auf den Weg /und solch Viaticum ist so gut / als jenes Philosophi, der einen
Hexameter vor 600. Kronen verkaufft hat.
 
                                     XXXIV.
So viel von der Ordnung. Doch indem ich oben gedacht / es sollte ein Buch von
solcher lustigen Art auch nützlich sein; als darff ich dieses nicht schuldig
bleiben. Es heist aber so viel / der Leser soll etliche kluge und wolanständige
Lebens-Regeln daraus zu mercken haben. Den weil die Philosophia moralis so wohl
durch Leges als durch Consilia ein gut Fundament leget / dass hernach die
siñreichen und klugen Sprüche desto leichter hervorzusuchen sind; so wird man
bei dieser Gelegenheit eine gute Probe ablegen / wie weit man in der gedachten
Disciplin kommen ist. Ach es fehlet noch viel / wenn man etliche krancke
Definitiones daher beten kann / und darnach keine Geschickligkeit zum appliciren
vorhanden ist. Was hilfft mich die Beschreibung der Gerechtigkeit /wen ich nicht
weiss / wie ich selbst nach dieser Tugend leben / auch andern durch gewisse
Persvasiones darzu anleiten soll / oder wie die entgegengesetzten Laster
vertrieben und vermieden werden. Ich muss auch oft bei mir lachen / wenn die
gemeine Klage in der Welt geführet wird / es lebte niemand schlimmer als die
Etici welche jhre Affecten durchaus nicht zu guberniren wüsten. Denn vor eins
gibt man auf solche Leute nur fleissig Achtung / dass also jhre Fehler nicht
können verborgen sein. Vors andern behilfft sich mancher mit jenem Magister, der
sollte ein Collegium disputatorium halten / und als etliche die Eticam
vorschlugen / so sagte er Ihr Herren / was wollet jhr in der Disciplin machen:
qvæ maximè est sterilis: Ich glaube nicht dass wir dreissig Qvæstiones heraus
klauben werden / die sich bei dem disputiren der Müh verlohnen. Und freilich
wird man durch dieses elende halbe Schock nicht gebessert / wen es nicht etwas
accurater gesucht / und recht practicè erlernet wird.
 
                                     XXXV.
Und aus diesen Ursachen / ist in denen drei Ertz-Narren / ein Judicium hinten
angefügt / dass man keine grössere Fantasten in der Welt antreffen würde / als
wen jemand des Zeitlichen Gutes wegen / die Ewige Seligkeit; einer vergänlichen
Lust wegen /seine Zeitliche Ehre / und einer eingebildeten Freude wegen seine
Gesundheit in die Schantze schlagen wollte. In den Klügsten Leuten wird der
Epictetus meistenteils übersetzt / damit also durch fremde Testimonia die Lehre
zur Klugheit desto mehr Auctorität erlangen möchte. Endlich im Politischen
Näscher ist so eine Beschreibung der wahren Glückseligkeit beigefüget / daran
einer genug hat / der sich den Weg zu der rechten Etica will führen lassen. Dass
dannenhero die Censur gar zur Unzeit angebracht ist /welche mit diesen
unschuldigen Büchern / nicht anderes als mit einer Schrifft von lauter unnützen
Worten /hat verfahren wollen.
 
                                     XXXVI.
Den dass die Lustigkeit fast in keinem Capitel vergessen worden / solches
geschiehet eventualiter des Nutzens wegen. Ach wie mancher würein solch Buch
ungelesen lassen / wen es in dem Titul ein ernstes Catonis-Gesichte abgemahlet
hätte. So will man etwas suchen / damit auf der Reise / oder sonsten bei dem
Müssiggange / nur ein ernstliches Zeichen eines Bücher-Fleisses solle erkennet
werden: ja man will sich erlustigen / und mitten in dem Zucker-Naschen wird die
Artznei angebracht / welche wie ein Pfeil in das Hertze dringt / und nimmermehr
so leicht wieder heraus gezogen / als hineingeschossen wird. Also bleibt es
darbei / wer keine Pflaster schmieren kann / der werde kein Balbier; wer keine
Purgation zu dispensiren weiss / der werde kein Leib-Medicus; und wer keine
Special Lehren vor irrende Personen im Vorrate hat / der begebe sich nicht auff
das lustige Bücherschreiben.
 
                                    XXXVII.
Alldieweil auch des Politischen Näschers wegen das meiste hier geschrieben wird
/ so muss ich etwas von dem andern Teile anführen / welches bei so vielen
Verhinderungen schwerlich an das Tagelicht kommen / und vielmehr bei meinen
Untergebenen durch privat-Reden hervorbrechen möchte. Den im ersten Teile hatte
ich mehrenteils darauf gezielt / wie ein Mensch im gemeinen oder im Politischen
Leben / das ist in der Menschlichen Gesellschaft / welche in der Policei
angestellet wird / sich vor überflüssigen Begierden hüten / und allen daher
entstehenden Schaden möglichst vermeiden sollte: daher sind auch Exempel von
Universitäten / oder gar von Privat-Personen angeführet worden. Doch numehr
sollte im andern Teile Crescentio an einen Hoff kommen / und daselbst erkennen
wie sich ein unzeiti-Näscher das Maul schändlich zuverbrennen pflegte. Hat
jemand Lust die Müh auff sich zu nehmen / und die Ausarbeitung zu vollenden / so
will ich einen kürtzlichen Entwurff hieher setzen / absonderlich auf was vor eine
Art ich diese Politische Hoff-Philosophe hätte anbringen wollen.
 
                                    XXXVIII.
Crescentio bekam bei einem Vornehmen Minister zu Hofe Dienste / dass er seinen
Kindern als ein Informator oder Hofemeister vorstehen sollte. Je mehr sich nun
Personen bei diesem Herrn als bei dem Fac totum angaben / welche aus der
Politischen Beförderungs Schüssel etwas naschen wollten / desto mehr sah er
Leute vor sich / die in das Register vom Politischen Näscher gehöreten. Vor eins
fand er etliche die waren reich und durften jhres guten Lebens halben keinen
Menschen zu gebote stehen / wen sie nicht eine Sehnsucht nach der Politischen
Hofe-Suppen empfunden hätten. Er sah etliche Fantasten die nicht einmal
capabel waren eine Ziege zu hüten / oder nur in einer Dorff-Schule sechs Jungen
eine Stunde lang from u. still zu halten: und dennoch lieber in dem vornehmsten
Collegio eine Charge bekleidet hätten; sonderlich wo man die Accidentia durch
seine / die Arbeit aber durch eines Secretatii Hände guberniren könnte. Da kam
ein Alter / da ein Junger / da ein Soldat / da ein Kauffmann / und alle hatten
was grosses im Sinne / das ist / sie wollten mit ganzen Compagnien / aus einer
Schüssel naschen / darinnen das Fleisch kaum auff Zehn Personen angerichtet
ward.
 
                                     XXXIX.
Ferner sah er / was vor possierliche Mittel ergrieffen worden / dass einer
allzeit einen Vorteil vor den andern haben wollte. Der gebrauchte sich der
Calumnien, ein ander verliess sich auf die Weiber-Recommendation, der dritte auff
das Spendieren /auff das höfliche Spielen / ich will sagen auf das freiwillige
Verliehren / auff kostbare Schmause; ein ander tat kläglich und meinte durch
Barmhertzigkeit viel zu erhalten. Im gegenteil kehrete mancher die trotzige
Praler Seiten heraus / ob sich jemand schämen wollte / der jhm den Vorzug in der
Beförderung missgönnet hätte. Ja es kamen noch andere Dinge vor /davon keiner
schreiben oder urteilen kann / der es nicht mit eigenen Augen angesehen hat.
 
                                      XL.
Durch solche Anmerckungen ward er endlich so weit qvalificirt. dass jhm eine
Reise in Franckreich angetragen ward / alldieweil ein Abgesandter dahin ging
/der einen geschickten Sekretarium bedurffte. Und da sah Crescentio was mancher
auff der Reise durch grosses Geld erkauffte / davor er im Vaterlande nicht einen
Pfifferling dargegen empsangen könnte. Endlich bei der Zurückkunft hatte er
Hoffnung zu einem Dienste. Allein es ward jhm durch Politische Künste so schwer
gemacht / dass er alle bisherige Observationes zusammen nehmen musste / ehe ehe er
sich aus allen Händeln herauswicklen kunte. Hierauff ging es auf eine
Staats-Heirat los / die gleichfals gefährliche Nebenbuhler / und viel andere
Ungelegenheit bei sich führte / dass er in manchen sauren Apffel beissen / und
die verlangte Näscherei ziemlich teuer lösen musste /ehe der Priester durch das
offentliche Aufgebot alle Impedimenta auff einmal beilegte. Er hatte aber kaum
die Fruchtbarkeit seiner Liebsten genossen /und wollte numehr das Wochenbette aus
der Stube schlagen lassen / als er einem Patron zu Ehren eine Comödie auffsetzte
/ welche bei dessen Tochter Hochzeit sollte præsentiret werden. Allein es ward
auf etwas alludirt, welches bei dem Fürsten so übele Auslger hatte / dass
alsobald Befehl ergieng / jhn bei dem Kopffe zu nehmen / damit er in dem
schimpflichsten Gefängnisse vor solchen Frevel büssen möchte. Wiewol ein Freund
war noch so treu / der jhm die gefährliche Anordnung in guter Zeit entdeckte /
dass er sich verborgener weise in einem Wein-Fasse zu dem Tore hinaus partirte.
 
                                      XLI.
Hiermit war er wohl auf freien Fusse / doch nicht in voller Sicherheit. Er hatte
in Eil sein bestes Reichtum an Jubelen und Ducate zu sich gestakt: doch musste
er vor allen rauschenden Blättern erschrecken /aus Beisorge / dass ein Verräter
darhinter möchte verborgen sein. Also schrieb er an seine Liebste kürtzlich
zurücke / sie sollte nur gedultig sein / und wen sie von Haus und Hoff gejaget
würde / sollte sie bei einer bekandten Muhme in der Nachbarschaft verbleiben /
biss GOtt bessere Zeiten und neue Mittel bescheren würde. Er eilte zu der
bestimmten Stadt zu /ward aber von der Nacht überfallen / dass er sich nach einer
andern Herberge umsehen möchte. Nun begegnete jhm eine erbare Matron / welche
gleich mit jihrem Sohne auff dem Felde gewesen: dieselbe hatte ein artiges
Rittergut im Besitz / und lebte mit jhren einzigen Sohne von funffzehn Jahren
gar vergnugt. Und wie sie vernahm / dass er um sein Nachtlager bekümmert wäre /
so war sie ganz willig jhm guten Rat zu schaffen. Ja so bald sie hörete / dass
er von Gelehrten Sachen einziger massen professiion machte / wollte sie von jhm
vernehmen / was mit jhrem Sohne anzufangen wäre / der vor etlichen Wochen seinen
treufleissigen Præceptor verloren hätte / unwissend wie sein Fleiss numehr sollte
fortgesetzt werden; da er sich / aus vielen Ursachen aus den Armen seiner Mutter
nicht begeben könnte. Crescenrio sah die Gelegenheit an / wie schön er die
Correspondenz mit seiner Liebsten so nahe würde unterhalten können / und erbot
sich zu allen Diensten / wofern sie Ihm nur die Höfligkeit erweisen / und an
statt des Salarii, weder nach seinem Stande forsche / noch seine Anwesenheit
jemanden zu wissen tun wollten: den er würde sich mehrenteils auff der Stube
halten / und aus solchen Ursachen / die mit der Zeit heraus brechen könten /die
Gesellschaft der Leute etwas beiseite setzen.
 
                                     XLII.
Die Frau erschrack erstlich vor der nachdencklichen Bedingung / weil solche
liechtscheuende Personen mehrenteils ein Bubenstücke auf dem Hertzen haben /
welches sie von aller Gesellschaft desto weiter absondert. Doch seine sittsame
Geberden / seine anmutige und Gottselige Discurse, sonderlich sein Versprechen
/ den Sohn wohl zu informiren, würckte so viel / dass sie noch denselben Abend mit
einander richtig wurden. Und es mochte sein / dass die Frau gedachte / man könnte
alle Tage auff einen Abschied bereit sein / wofern sich die Person nicht
allerdings legitimiren sollte.
 
                                     XLIII.
Hiermit grieff er die Information mit sonderlicher Klugheit an / und je mehr der
Knabe zu allen Künsten fähig war / desto grössere Lust befand er bei sich
/diesem schönen Ingenio auff zu helffen. Es erwuchs von Tage zu Tage eine Liebe
gegen diesen jungen Menschen / und die Gegenliebe war nicht geringer /dass sie
auch selten einen Augenblick ohn einander zubringen kunten. Nur in dem eintzigen
Stücke wollte sich Crescentio nicht gewinnen lassen / dass er seinen Nahmen gesagt
/ oder auch bei verfliessung eines Jahres einig Salarium begehrt hätte / sondern
als jhm gleichsam mit gewalt etwas obtrudirt wurde / so bat er / sie sollten jhm
alles auffheben / er wollte schon bei vorfallender Bedürfftnüs solches aus jhrer
Verwahrung abfodern. Immittels machte er sich mit einer vertrauten Bauer-Frau im
Dorffe so bekandt / das sie mit seiner Liebsten die heimliche Correspondenz
unterhielt / auch zu gewisser Zeit / unvermerckte Zusammenkunften anstellete.
 
                                     XLIV.
Solches währte drei Jahr / da unterdessen der alte Hass zu Hofe noch immer neu
blieb / und keine Hoffnung auch zur geringsten Aussöhnung erscheinen wollte. Ja
es ward etlicher massen laut / wo der Vogel könnte gefangen werden: dass
Crescentio gute Ursache hatte seinen Stab weiter zu setzen / und etwas tieffer
in das Land hinein zu rücken. Darum gab er bei seinen Untergebenen numehr von
achtzehn Jahren vor /er wollte eine kurtze Reise auff drei Tage über sich nehmen
/ und verhoffte bei seiner Wiederkunft alles in guten Stande anzutreffen. Der
junge Mensch bot sich an / Gesellschaft zu leisten / und als jhm auch dieser
Trost abgeschlagen wurde / fieng er bitterlich an zu weinen. Doch was wollte er
tun? Das nahe wiederkommen machte / dass er die Schmertzen dieses Scheidens
nicht so sehr empfinden durffte. Also machte sich Crescentio zu seiner Liebsten
/ setzte sich auf eine Kutsche / und begab sich an einen Ort /da er das Glücke
viel günstiger / und seine Wolfahrt viel reichlicher zu geniessen hatte.
 
                                      XLV.
Indessen ehe er sich völlig davon machte / hatte er allbereit vor einiger Zeit
eine Schrifft auffgesetzet / welche er seinem geliebtesten Untergebenen
versiegelte zu rücke schickte / ungefehr dieses Innhalts:
                                Liebster Freund.
Was ich vor Liebe und Treue gegen euch getragen /solches wird mein bissheriger
Wandel sattsam bewiesen haben. Ich müste auch einer hohen Untreu schuldig sein /
wen ich eure Gegenliebe nicht mit allen möglichen Fleisse vergnüget hätte.
Allein gleichwie mein Leben unbekandt gewesen ist / also muss auch mein Abschied
verborgen sein. Ich weiss diese Worte werden euch etliche Tränen heraus locken.
Doch bedenckt dass ich Zeit genung auff eure Liebe gewendet habe. Ihr seid numehr
in dem Stande / dass jhr meiner Handreichung nicht ferner von nöten habet. Gehet
nur der Strasse treulich nach / welche von mir ist gebähnet worden. Und wofern
jhr gedencket / dass ich etwas möchte von euch zufordern habon / so tut mir
folgende Stück zu gefallen; und bezahlet mich durch solchen Gehorsam vor meine
Dienste. Erstlich bemühet euch nicht meine Reise oder meinen Zustand
auszuforschen: den es wird euch unmöglich sein; wen es auch einiger massen
möglich werden könnte / so seid versichert / ich würde ein hohes Missfallen / und
nichts wenigers als Liebe daraus empfinden. Zum andern lasset euch diese
innliegende Schrifft recommendirt sein / und leset sie alle Tage mit guten
Bedacht ganz durch. Ihr wisset wie wir eine Stunde vor der Abend-Mahlzeit
mehrenteils mit einander herumspatzirten / und bei allerhand Gesprächen die
Zeit zum Essen erwarteetn. Wolan lasset mir dieselbe Stunde noch geschencket
sein / uñ wiederhohlet mein Gedächtnüs in dieser Schrifft / welche euch alsdann
zu meinem vollkommenen Freunde machen wird /wen die Regeln an eurem Leben / das
ist in der Tat selbst / bekleiden werden. Im übrigen soll euch das auffgehobene
Lehrgeld / zum Zeichen meiner auffrichtigen Freundschaft geschenckt sein. Ist
es möglich dass jhr meinen Sohn dermahl eins was zu gute tun könnet / soll will
ich der Wohltat nicht wiederstreben. Ihr sehet einen halben Ducaten
schlangenweiss zerschnitten: wer euch mit der Zeit eine Helffte vorzeiget / die
sich gleich in dem Schnitt füget / der ists / welchen ich anitzo recommendire.
Gott helffe / dass auff beiden Teilen so viel Glück und Wachstum erscheine /
dass wir des Ausganges getrost erwarten können. Und hiermit zu tausend guter
Nacht / mein liebstes Hertze. Last euch diesen Abschied nicht missfallen.
Vielleicht wird mein kleiner Sohn / der euch noch unbekand lebet / die
Entschuldigungen erzählen. Itzo wird die Frau Mutter danckbarlich und getreulich
gegrüsset: Aber mein Hertzens Freund hat in diesem Briefe tausend Küsse / und
noch so viel tausend Wünsche / von seinem
                              Allzeit unbekandten
                                    und doch
                             mehr als zu bekandten
                                                                        Freunde.
 
                                     XLVI.
Was die Schrifft anlangt / derer im Briefe meldung geschehn / so weren
unterschiedene Regeln darin abgefasset / wie man sich im Politischen Leben unter
Freunden und Feinden / in Glück und Wiederwärtigkeit / bei Hohen und Niedrigen
Personen verhalten müste / wofern man sein Glücke nicht verschertzen /sondern
vielmehr alle Wohlfahrt bei der besten Gelegenheit ergreiffen wollte. Und eben
dieses sollte der Mittelpunct sein / darauff sich die ganze Lehre von
Politischen Näscher bezogen hätte. Die Historie an sich selbst / indem sie
angenehme Affecten bei sich führete / so hätte sie dem Leser desto mehr Lust
gegeben der Sache nachzudencken.
 
                                     XLVII.
Nun hier ist ein kurtzer Innhalt des andern Teils vom Politische Näscher. Hätte
man des Crescentio Sohn mit seinen halben Ducaten auch einführen / und also den
dritten Teil verfertigen wollen / so könnte der rechtschaffene Student artig
beschrieben werden. Gesetzt der Untergebene ware wohl fortkommen / und endlich
auff der Universität zu einem wichtigen Ampte employret worden: der junge
Crescentio hätte sich als ein Tisch Pursche bei jhm aufgehalten / biss er
Abschied genommen / und nechst freundlichen Gruss vom Herrn Vater den
Gedächtnis-Pfennig überliefert: da es den so weit gemittelt worde / dass er noch
eine Zeit zurücke blieben / und sich mit des Tischwirts Tochter versprochen:
wodurch jhm die rückständigen und bisher aufgehobenen Informations-Gelder
reichlich / und mit gutem Interesse erstattet worden.
 
                                    XLVIII.
Wil mir jemand die Freundschaft erweisen / und diese geringe Disposition einer
bessern Ausarbeitung würdigen / so werde ich davor dancken- Ich bin kein Phidias
dessen Statue kein ander Künstler vollenden könne. Barclajus hat zwar mit seiner
Argenis das Unglück / das jhm einer den andern Teil angeflickt hat /der es wohl
hätte mögen anstehen lassen / und der einmal aus grosser Armut ein ganz
Capitel aus Erasmi Colloqviis von Wort zu Wort ausgeschrieben hat. Doch mit
diesem unvergleichlichen Manne darf sich niemand vergleichen / sonderlich wer
alles mit einer flüchtigen und extemporalischen Feder / nicht anders als zur
Ergetzligkeit / bei den Neben-Stunden auff das Papier auszuschütten pfleget.
 
                                     XLIX.
Derohalben mag schreiben wer da will / auch so gut und so schlimm als er will; nur
das bitte ich / man gebe mich nicht als einen Auctor aus. Ist es gut / so will
ich einen andern seines Ruhmes nicht berauben: ist es schlim / so mag man mir
verzeihen / dass ich gleichfals den Hass und die höhnische Censur mit jhm nicht
teilen will. Ich weiss wohl / dass ich einmal eines Buches beschuldiget ward /
also dass ein nicht allzugeringer Mann gefragt hatte / ob ich schon so weit bei
Jahren wäre / und ob ich Alters halben schon Kindisch würde / dass ich auf die
letzt mit dergleichen Albertaten auffgezogen käme: Aber ich hoffe es wird mir an
Freunden nicht mangeln / welche sich mit einer gewierigen Entschuldigung werden
einstellen. Zum wenigsten kann ich allen Fantasten weder das Schreiben / noch
alle ungleiche Gedancken verbieten: und also muss ich in meiner Freimütigkeit /
und bei meinem guten Gewissen den Trost dargegen halten / das sie gleichfals
über mich / und über meine Vergnügung nichts zu gebieten haben. Publica Fama ist
ein wunderliches Ding / und man möchte wohl lachen / dass manche Gelehrten so
übermässig darnach streben können. den dieser Ruhm bestehet in der Opinion. Sind
viel Leute die sich etwas grosses bei jemand einbilden / so muss sein Nahme
unsterblich heissen. Wie den auch eben darumb die jenigeu am ersten einigen
Applausum verdienen / welche mit guten Naturalibus, das ist mit einer guten
Memorie / einer geläufftigen Zunge / einer geschwinden Feder / und so fortan
begabet sind. Ich möchte fast sagen / im gemeinen Hauffen wären die wenigsten zu
einem rechtschaffenen Urtel geschickt / und dannenhero ging es nicht anders
als in den alten Schauspielen / da auch der Aplausus mit gutem Rechte hiess /
Consensus & Opinio hominum recto judicio carentium. Also gebrauchen wir der
allgemeinen Einfalt / und wer so glückselig ist / dass er eine Compagnie Blinden
antrifft / der kann sich mit seinen schielenden und blöden Gesichte dennoch vor
einen König auffwerffen. Wol dem der in allen Verrichtungen mehr auff sein gutes
Gewissen / als auff fremde Lobeserhebungen gegründet ist.
 
                                       L.
Ich vertieffe mich in einer Sache die nicht eigentlich hieher gehört: drum ist
es Zeit dass ich einlencke. Sonderlich weil mein Intent dem geneigten Leser also
wird bekandt sein / dass ich keine fernere Müh allhier bedürffen werde. Gestalt
ich numehr in GOttes Nahmen mich zu diesem Abschieds-Liede beqvemen will.
                                       1.
Zu guter Nacht jhr süssen Schrifften /
Nehmt noch das letzte Denckmahl an;
Ich soll numehr was anders stifften /
Darbei ich nichts verseumen kann.
Und so verschwindet mir die Zeit /
Zu aller Lust und Eitelkeit.
                                       2.
Ihr habet gnung von mir empfangen.
Wer immer schertzt / der tut zu viel.
Mein Früling ist hiermit vergangen /
Der Blühe-Monat hat sein Ziel.
Der späte Sommer kömt herein /
Und will durch Früchte kundbar sein.
                                       3.
Bekümmert euch um andre Kielen /
Wo solche Bücher nötig sind:
Und lasset eine Jugend spielen /
Die mich im schreiben überwindt.
Wer erstlich eine Bahne bricht /
Der scheut dem Uberwinder nicht.
                                       4.
Deswegen schreib ich gute Lehren /
Dass ich will überwunden sein.
Ein ander mag das Werck vermehren.
Ich gebe mich geduldig drein.
Ein Lehrer hat den Zweck erreicht.
Wen er noch bessere Schüler zeucht.
                                       5.
Nur suchet Tugendhafte Seelen
Die nicht auf Schimpf und Schande gehn.
Gleich wie die duncklen Laster Hölen /
Nicht an der hellen Sonne stehn;
So schickt sich auch der Bücher Licht /
Vor keine schnöde Spötter nicht.
                                        6.
Wievol jhr möget euch versorgen /
Ich habe nichts darbei zu tun.
Drum soll die Feder niemand borgen /
Sie mag auff diesem Blate ruhn /
Das sich noch um ein Abschieds Lied /
Als um die letzte Lust bemüht.
                                       7.
Wolan ich bin vom schreiben müde.
Mein Zeitvertreib zu guter Nacht.
Du hast vor meinen Sorgen Friede /
Wen auch mein Leben frölich lacht.
Doch habe nochmahls schönen Danck
Vor den genossnen Liebes-Zwang.
 
    