
        
                                Christian Weise
                Die drei ärgsten Ertz-Narren in der ganzen Welt
                             Aus vielen Närrischen
                        Begebenheiten hervorgesucht, und
                        Allen Interessenten zu besserem
                          Nachsinnen übergeben, durch
                              Catarinum Civilem.
                                Hochwehrter Leser.
Dies Buch hat einen närrischen Titul, und ich halte wohl, dass mancher meinen
wird, er wolle seine Narrheit daraus studiren. Doch es geht hier wie mit den
Apotecker Büchsen, die haben auswendig Satyros oder sonst Affengesichte
angemahlt, inwendig aber haben sie Balsam oder andre köstliche Artzneien
verborgen. Es sieht närrisch aus, und wer es obenhin betrachtet, der meint, es
sei ein neuer Simplicissimus oder sonst ein lederner Saalbader wieder
auffgestanden. Allein was darhinter versteckt ist, möchte ich denenselben ins
Hertz wünschen, die es bedürffen. Uber Fürsten und Herren haben andere gnug
geklaget und geschrieben: hier finden die Leute ihren Text, die entweder nicht
viel vornehmer sind, als ich, oder die zum wenigsten leiden müssen, dass ich mich
vor ihnen nicht entsetze. Den Leuten bin ich von Hertzen gut: dass aber etliche
Laster so beschaffen sind, dass ich sie weder loben noch lieben kann, solches geht
die Leute so eigentlich nicht an. Es ist auch keiner gemeint, als wer sichs
annehmen will. Und diesem wünsch ich gut Glück zur Besserung, vielleicht wirckt
diese Possierliche Apotecker-Büchse bei etlichen mehr, als wenn ich den Catonem
mit grossen Commentariis hätte auflegen lassen. Plato hat gesagt: Imperare est
legitimè fallere populum. Es scheint als müste man die Tugend auch per piam
fraudem, der kützlichten und neubegierigen Welt auf eine solche Manier
beibringen, drum wünsche ich nichts mehr, als die Welt wolle sich zu ihrem
Besten allhier betriegen lassen. Sie bilde sich lauter lustige und
zeitvertreibende Sachen bei diesen Narren ein: wenn sie nur unvermerckt die
klugen Lebens-Regeln mit lesen und erwegen will. Und wer will die Satyrische Art
zu schreiben der ietzigen Zeit verbieten, da solches bei den klugen Griechen und
Römern mit sonderbahrer Beliebung erhalten worden? Ich mache es ja so unhöfflich
und unchristlich nicht, dass ich mich befahren müsse, als würden sich mehr daran
ärgern als bessern. Vielmehr will ich die schreibsüchtigen Papier-verderber
beschämen, welche unter dem Deckmantel der Satyrischen Freiheit, solche
unverantwortliche Zoten vorbringen, darvor der Himmel verschwartzen möchte. GOtt
der unbetrogene Hertzenkündiger bringe den leichtfertigen Menschen zum
Erkenntnis, der unlängst den verfluchten und Henckermässigen Klunckermutz in die
Buchläden eingeschoben hat: gleich als wollte er die Abscheuligkeit der Unzucht
allen erschrecklich machen, da er doch mit seinen leichtfertigen und
unverschämten Umständen so viel junge unschuldige Gemüter geärgert hat, dass man
ihm tausend Mühlstein an seinen Hals wünschen möchte. In Franckreich ist vor
wenig Jahren eine Jungfer-Schule natürlich und ärgerlich gnug heraus kommen.
Doch nun haben wir auch ein Buch, dabei wir den Frantzosen nichts vorwerffen
können. Eine Schande ist es, dass solche Gewissenslose Drucker und Buchhändler
gefunden werden, welche sich so viel mehr dieser Sünden teilhaftig machen, so
viel mehr sie die Schand-Possen unter die Leute bringen. Nun ich wünsche noch
einmal, GOtt bringe die Liecht-scheuende Fleder-Maus zum Erkenntnis, damit ihm
die verdammten Bogen nicht einmal auf der Seele verbrennen, und die böse
Brunst, die er bei vielen erwecket, auf seinem Kopfe zu Pech und Schwefel werde.
Er mag sein wer er will, so weiss ich, dass ihn sein Gewissen eher verdammet hat,
als die ehrbare Welt davon hat urteilen können. Nun wie dem allen, hier lege
ich dem Kerlen mit der Sauglocke was anders vor, daran er mag zierlicher
schreiben lernen. Eines ist mir leid, dass ich die Sachen, welche meistenteils
vor acht Jahren mit flüchtiger Feder auffgesetzet worden, weder übersehn noch
leserlich abschreiben kann. Und dannenhero versehe ich mich unterschiedener
Druckfehler. Inmittelst hätte ich Lust mich zu nennen, würde ich wegen meiner
Verrichtungen leicht entschuldiget sein, wofern einige Nachlässigkeit an meinem
Orte mit unterlauffen sollte. So ist dies meine Bitte, es wolle ein iedweder die
Erinnerungen mit so gutem Hertzen annehmen, als gut meine Intention ist einem
iedweden zu dienen. Erhalte ich den Zweck nicht, so soll mich doch der gute
Willen ergetzen, welchen ich hierbei gehegt habe. Im übrigen habe ich dies lange
bedacht, gleich wie ein Schneider aus schlimmen Tuche kein gut Kleid machen kann;
also würde ich von bösen Sachen kein köstlich Buch schreiben. Doch weil es
einmal geschrieben ist, so bleibt es bei der guten recommendation, lebe und
urteile wohl.
 
                                    Eingang.
Teutschland hatte nunmehr den dreissig-jährigen Krieg beigeleget, und der
angenehme Friede fieng allbereit an seine Früchte ausszustreuen, als ein grosser
Herr, dem das Leben in den verschlossenen Festungen bisher gar verdriesslich
gefallen war, sich wiederumb auf seine Herrschaft begab und daselbst sein
zerstörtes Schloss auf eine neue und schönere Manier anlegen liess. Das Werck
ging wohl von statten, die Mauern wurden aus dem äussersten Grunde wohl
auffgeführt, die Dächer fügten sich zierlich zusammen, die Losamenter hatten
ihre ordentliche Abteilung, und die Sache kurtz zu geben, ein ieder freuete
sich schon, den Pallast in würcklicher Vollkommenheit anzuschauen. Doch wie es
in den Menschlichen Sachen pflegt herzugehen, dass sich die Hoffnung allzeit
weiter erstreckt, als die Tat selber: also befunden sich die Leute in ihrer
Freude, wo nicht betrogen, doch sehr lange auffgehalten. Denn obgedachter Herr
fiel in eine plötzliche Kranckheit, ward auch von dem hereinbrechenden Tode
übereilet, dass er kaum Zeit hatte seinen letzten Willen zu erklären, und in
Ermangelung eigener Leibes-Erben, die nächsten Freunde im Testament ordentlich
zu bedencken. Was geschach? Die Leiche wurde prächtig beigesetzt, und weinten
dieselben am trotzigsten, die sich der Erbschaft wegen am meisten freueten, dass
man also wohl in die Trauer-Fahne hätte schreiben mögen: NULLI JACTANTIUS
MOERENT, QUAM QUI MAXIME LÆTANTUR. Endlich bei Eröffnung des Testaments fand
sichs, dass dem jenigen, der des Hauses Besitzer sein würde, die Beschwerung,
doch ohne seinen Schaden aufferleget war, den angefangenen Bau nicht allein zu
vollenden, sondern auch in allen Stücken so wohl in grossen als in kleinen dem
auffgesetzten Verzeichnis zu folgen. Nun war gedachtes Verzeichnis so accurat
eingerichtet, dass fast nicht ein Balcken vergessen war, wo er sollte
eingeschoben, wie er sollte bekleidet oder gemahlet, wie er sollte behobelt und
beschnitzet werden. Was sollte der Erbe tun? wollte er den Pallast haben, musste
er die beigefügte Condition eingehen. Und also liess er in dem Bau gar sorgfältig
fortfahren, vergass auch nichts in Obacht zu nehmen, wie es vorgeschrieben war.
Nach langer Müh kam er auf die Gemächer, die er mit allerhand Schildereien
aussputzen sollte, wie denn alle Inventiones schon vorgeschrieben waren. Und da
war ein Saal, bei dem die Verordnung geschehen, es sollten in den drei grossen
Feldern der Türe gegen über die drei ärgsten Narren auf der Welt abgemahlet
werden. In diesem Stück ereigneten sich nun grosse Scrupel, indem niemand gewiss
sagen konnte, welches denn eben in der grossen und weitläufftigen Narrenschule
der Welt, die 3. grösten und vornehmsten Narren sein müsten, und ob nicht auf
allen Fall, wenn ein Schluss sollte getroffen werden, man einen præcedentz Streit
um die Narren-Kappe, oder wohl gar einen injurien-process möchte an den Hals
bekommen, nach dem bekanten Sprichwort: Quo stultior, eò superbior. Es fiel auch
dieses inconveniens mit ein, dass einer, der ietzund ein kleiner Narr wäre, in
kurtzer Zeit mit einer höhern Charge möchte versehen, und vielleicht über die
Obersten gesetzet werden. Denn weil heute zu Tage die Ehre nichts ist als ein
blosser Titel, so könnte man leicht verstehen was das heist, Seniores ludunt
titulis, ut pueri astragulis. Zwar der Sache musste endlich abgeholffen werden,
und kamen zu dem Ende die klügsten desselbigen Orts zusammen, ob sie nicht in
der zweifelhaftigen Frage könten einen richtigen Schluss treffen. Einer machte
den Handel sehr schwer, vorgebende, er hätte auf seiner Reise durch
Ober-Sachsen, in einem vornehmen Adelichen Hause einen Saal gesehn, da neun und
neuntzig Narren wären abgemahlt gewesen, und wäre noch ein ledig Feld gelassen
worden, wann sich unversehns irgend einer angegeben, den der Mahler vergessen
hätte. Dannenhero würde die Wahl unter so vielen nicht gar zu leicht sein. Ein
ander gab vor, der wäre der gröste Narr, welcher die grösten Schellen hätte:
Aber er musste sich berichten lassen, dass die meisten Schellen heimlich getragen
würden, sonderlich nach der Zeit, da man unter den Baruquen und breiten Hüten
viel verbergen könnte. Nach langem Beratschlagen, fing ein alter Grüllenfänger,
der bisher ganz still geschwiegen, also an: Ihr Herren, was wolt ihr in dieser
Stube die grösten Narren der ganzen Welt ausssuchen, ihr kommt mir vor als wie
Peter Sqventz, der meinte, weil er im Dorffe keinen Pfarherr hätte und derowegen
als Schulmeister der oberste zu Rumpels-Kirche wäre, so müste er unfehlbar der
Höchste in der ganzen Welt sein. Magnum & parva sunt relata. Will einer nun
wissen, was in diesem oder jenem Stücke das Gröste in der ganzen Welt sei, der
muss auch einen Blick in die ganze Welt tun. Und ich halte, der selige Herr
habe einen klugen Besitzer seines Hauses dadurch bestätigen wollen, indem
solcher Krafft der Bedingung, sich in der Welt zuvor versuchen, und also in
Betrachtung vielfältiger Narren, desto verständiger werden müste. Diese Rede
wollte dem jungen Fäntgen nicht zu Sinne, dass er sich so viel Meilen hinter den
Backofen verlauffen sollte: absonderlich war ihm dies zuwider, dass er seine
Liebste so lange verlassen müste, mit welcher er sich, nach der Gewonheit aller
reichen Erben, verplempert hatte. Aber es halff nichts, wollte er nicht, so war
schon ein ander da, der es umb dies Geld tun wollte. Derhalben weil wider den
Tod kein Kraut gewachsen war, so ward unverzüglich zu der Reise geschickt, und
freueten sich die andern, wenn dieser auf dem langen Wege umbkäme, in seinen
Gütern zu bleiben. Es machte ihm auch einer ein Propempticum, und setzte diese
Worte mit dazu:
                   I decus i nostrum, melioribus utere fatis.
    Er meinte aber, das wären die meliora fata, wenn er bald stürbe und in den
Himmel käme. Sit divus modo non vivus. Nun wäre viel zu gedencken, mit was vor
nassen Augen der Abschied genommen worden, und was ihm die Liebste vor Lehren
mit auf den Weg gegeben, wenn es nicht das Ansehen gewinnen möchte, als wäre
dieser Narren Ausskoster der erste in dem Register gewesen. Darumb sei nur
kürtzlich diss gesagt, er reisete fort und nahm niemand mit sich als drei Diener,
einen Hofmeister, einen alten Verwalter, der die Quartiermeister-Stelle
vertreten sollte, und einen Mahler, dass man das Ebenbild alsobald haben könnte,
wenn sich der gröste Narr sehen liesse. Lichter und Laternen bedurfften sie
nicht, denn sie meinten, sie wollten die Narren eher im Finstern finden, als
Diogenes die Menschen am hellen Mittage. Nun wir wollen die andern zu Hause, und
absonderlich die Ubelauffseher, bei ihrer administration lassen, und wollen der
schönen Compagnie zu allen wunderlichen und närrischen Begebenheiten das Geleite
geben.
 
                                    CAP. I.
Florindo der Herr selbst, Gelanor der Hoffmeister, und Eurylas der Verwalter,
zogen mit ihrem Mahler und drei Dienern von dannen, traffen auch innerhalb acht
Tagen wenig denckwürdiges an. Weil es doch allzeit die Art mit den Leuten hat,
dass sie nur das jenige hoch halten, was weit entlegen ist; und hingegen ihre
eigene Sachen verachten oder hindan setzen, nach dem Sprichwort: Asinus
peregrinus majori venit pretio, quàm eqvus domesticus. Also eileten sie von
ihrem Vaterlande hinweg, und meinten nicht in der Nachbarschaft viel
merckwürdiges anzutreffen. Als sie aber etliche funffzig Meilen hinter sich
hatten, kamen sie auf den Abend sehr müde in das Wirtshaus. Der Wirt war allem
Ansehen nach ein feiner höfflicher Mann, der sich gegen fremde Gäste sehr wohl
anlassen konnte. Absonderlich wusste er sich in Gesprächen mit iederman sehr
annehmlich aufzuhalten, dass die Compagnie vermeinte, es würde nun einmal Zeit
sein, etwas genauer in die närrische Welt zu gucken. Fragten derowegen, ob nicht
etwas sonderliches in selbiger Gegend zu sehen wäre? der Wirt gab zur Antwort,
es wäre ein schlechter Ort, da man viel Raritäten nicht antreffen würde: Doch
könnte er dieses rühmen, dass eine Meile von dar ein Warmes Bad sei, da nicht
allein die Natur viel vortreffliche Wunderwercke zu erweisen pflege: Sondern da
auch allerhand Gattung von grossen und geringen Leuten, sich häuffig antreffen
liessen. Sie baten, weil sie des Weges nicht kündig, möchte er ihnen das Geleite
geben, und sollte er vor gute Belohnung nicht sorgen. Er bedachte sich etwas;
doch nach wiederholter Bitte sagte er ja, und ward also noch den Abend zu der
Reise gewisse Anstalt gemacht. Hierauff wurden sie in ihre Schlaff-kammer
gewiesen, und hatte sich Florindo schon aussgekleidet, als der Mahler geschwind
gelauffen kam, mit dem Bericht, wofern sie wollten einen Ertznarren finden,
sollten sie ihm folgen. Sie waren froh, und liessen sich nicht auffhalten, kamen
auch in aller Stille vor des Wirtes Kammertür, da höreten sie, wie die Frau
mit dem Manne expostulirte. Was, sagte sie, du ehrvergessener Vogel, wilstu
wieder aus dem Hause lauffen, und mir die schweren Haussorgen allein auf dem
Halse lassen? Hätten dich die kahlen Schüffte vor 2. Jahren gemietet, so
möchten sie dich heuer vor einen Boten gebrauchen. Jetzt bistu mein Mann, und
dessentwegen hab ich dich in die Güter einsitzen lassen, dass du mir pariren
sollst. Oder hättestu wollen ein Landläuffer werden, so hättestu eine
Marcketener-Hure mögen aussuchen, ich hätte doch wohl so einen nackichten
Bernheuter gekriegt. Dass dich botz Regiment! mache mir es nicht zu bund, sonst
werden meine Nägel mit deinem Hurenspiegel treffliche Cameradschaft machen.
Gelt! du hast Blaubeltzgen im warmen Bade lange nicht besucht? du elender
Teufel, wenn du deine Haussarbeit recht versorgen köntest! Hier fiel ihr der Mann
in die Rede; ach hertzallerliebste Frau, sagt er, warumb erzürnet ihr euch doch
ümb so eine geringe Sache, ihr wisset ja, dass ihr allzeit darauff kranck werdet.
Soll ich nicht mitreisen, so sagt mir es nur mit guten, ich will von Hertzen
gern zu Hause bleiben, tut nur eurer Gesundheit keinen solchen Schaden. Ach du
Hunds- etc. fing sie hingegen an, du hast es wohl verdient, dass ich dir viel
gute Worte geben soll, wie lange hat das lauffen nun gewähret, und wielange soll
ich dein Schaubhütgen sein, der Hencker dancke dirs, dass ich mir deinetwegen das
Hertze und das Leben abfressen muss, und rede mir nur kein Wort darzwischen,
sonsten wollen wir sehen, wer Herr im Hause ist. Du Bettelhund, wer warestu, als
du in deinem lausichten Mäntelgen angestochen kamest, da dir das Hemd zu den
Hosen heraus hieng, und da dir der Steiss auf beiden Seiten heraus guckte,
hättestu auch einen blutigen Heller gehabt, wenn man dich hätte zu Boden
geworffen? Wer hat dich denn nun zum Manne gemacht, du Esel, als eben ich? Und
wer hat dir bessere Macht Ohrfeigen zu geben, als eben ich? Der Mann wollte etwas
reden, aber es fing abscheulich an zu klatschen, dass die Zuhörenden geschworen
hätten, der gute Kerle bekäme Maulschellen, da da, du Berenhäuter, rieff sie, da
hastu Geld auf die Reise, du verlauffener Schelm, da hastu die Lauge zum warmen
Bade, warte, ich will dir den Kopff mit der Mandel-Keule wieder abtrocknen. Der
Mann muckste kaum dargegen, nur bissweilen murmelte er diese Worte: o meine
güldene hertzallerliebste Frau, was hab ich denn getan? Endlich als das
Gefechte lange genug gewähret, und viel leichtfertge Worte vergossen worden,
sagte die Frau: das soltu wissen, du eingemachter Eselskopff, dass ich dich nicht
weg ziehen lasse, und damit du zu Hause bleiben must, siehe so will ich dir Schuh
und Strümpfe verstecken, und solstu morgen den ganzen Tag zur Straffe barfuss
gehn. Hiermit kam sie an die Türe, und wollte die Strümpfe heraus tragen, da riss
die Compagnie wieder aus, und verfügte sich in die Schlaff-kammer. Nun hätten
sie sich gerne über den Narren verwundert, aber ümb den Schlaff nicht zu
verstören, versparten sie solches biss auf den andern Tag, gaben unterdessen dem
Mahler Befehl, sich mit den Farben fertig zu halten, wenn er unversehens den
elenden Siemann abmahlen müste.
    Früh morgens ging der gute Mann mit seinen Grillen zu Rahte, wie er sich
doch gut genug entschuldigen möchte, wenn er von den Gästen zur Reise gefordert
würde, vornemlich schämte er sich vor den fremden Leuten mit nackichten Beinen
zu erscheinen, und gleichwol kunte er die Sache nicht ändern, doch zu seinem
Glücke sass der Mahler in der Stube, und machte die Farben zu rechte, der hatte
nun etwas in der Kammer oben vergessen, und wollte es holen, indessen wischet der
Wirt über die schwartze Farbe, und bestreichet sich die blossen Beine über und
über, dass zehen Blinden hätten sollen vorüber gehen, und nicht anders dencken,
es wären rechte nette Englische Strümpfe. In solchem Ornat steckte er die Füsse
in die Pantoffeln, und sprach seinen Gästen zu, fragte wie sie geschlaffen, und
ob sie gesonnen, nach dem warmen Bade zu reisen. Es sei ihm hertzlich leid, dass
seiner Liebsten diese Nacht ein schwerer Fluss auf die Brust gefallen, und er
selbst gezwungen würde hier zu bleiben, und der annehmlichen Gesellschaft zu
entraten. Solche entschuldigung wurde leicht angenommen, und nachdem das
Frühstück verzehret, und der Wirt bezahlet, namen sie einen andern Wegweiser,
und reiseten auf erwähntes warmes Bad zu. Unterwegen fieng Florindo an: Ist
dieses nit ein Anblick von einem rechtschaffenem Haupt-Narren, dass ein Mann, der
doch wohl in der Welt fort kommen könnte, üm einer eiteln und verdriesslichen
Nahrung willen, sich mit einer solchen Vettel verkuppelt, und sich zu einem
ewigen Sclaven macht. Und ist es nicht ein gedoppelter Narr, dass er sich so eine
matte krancke Frau lässet Ohrfeigen geben, und schmeist die alte Hexe nicht
wieder, dass ihr alle drei Zähne vor die Füsse fallen, da geht nun der arme
Donner, in seinen geschwärtzten Beinen, und wer weiss, wie ihm das Mittagsmahl
bekommen wird. Der Hoffmeister gab sein Wort auch dazu, doch war dieses seine
Erinnerung, man sollte sich über den ersten Narren nicht zu sehr verwundern, es
möchten noch grössere kommen, bei welchen man die Verwunderung noch mehr von
nöten hätte. Es währete auch nicht lange, so kamen sie an ein Dorff, da sahen
sie, dass ein grosser Zulauff von Leuten war, sie eileten hinzu, und befunden,
dass ein Mann, der sonst, den Kleidern nach, erbar genug war, seine Frau bei den
Haaren hatte, und ihr mit einem Brügel den Rücken mit aller Leibes-Macht
zerklopffte. Sie liessen die zween ungleiche Federfechter von einander reissen,
und fragten, was er denn vor Ursache hätte, mit seiner Frau so unmenschlich
umzugehen. Ach ihr Herren, sagte der Kerle, ich bin ein Spitzen-Händler, da hab
ich bei einem vornehmen Junckern einen guten Verdienst gehabt, und soll mir nur
die Frau, die lose Bestie, den Gefallen tun, dass sie spräche: nun Gott Lob und
Danck, dass die Spitzen verkaufft sind. Aber der Hencker hohlte sie, ehe sie mir
zu Liebe das Wort sagte, und doch muss sie noch so sagen, und solt ich ihr den
Hals in zehen Stücke brechen. Hierauff fragte Eurylas die Frau, warum sie so
widerwärtig wäre, da sie doch mit leichter Müh diesem Unglück entlauffen könnte.
Ach! sagte sie, es wäre viel davon zu reden, wer alles erzählen sollte, wenn mein
tummer Haus-Elephant den Narren in Kopff bekommt, so muss er was zu zancken
haben, und wenn er die Ursache vom Zaune brechen sollte. Es ist ihm nicht ümb die
liebe Gottesfurcht zu tun, hätte ich so gesagt, so wäre was anders heraus
kommen. Gelanor versetzte, gleichwohl hätte sie das Wort leicht nachsprechen
können, und also wäre sie desto mehr aus der Schuld gewesen, wenn ihr hernach
etwas ungebührliches wäre zugemutet worden. Ja wohl, sagte sie, hätte ich es
nachsprechen können, wenn ich nicht wüsste, was er vor ein liebes Hertzgen wäre;
das ist der Männer Gebrauch, sie fordern so viel von den Weibern, biss es
unmöglich ist alles zu tun, und derhalben ist diese am klügsten, die im Anfange
sich nicht läst zum Narren machen. Wer a. spricht, soll auch b. sprechen, und
das will ich meinem Kerl nimmermehr weiss machen, dass er mich das ganze A.b.c.
durchführen soll. Hierauff ritte Florindo fort, und sagte zu seinen Gefährten,
es verlohne sich nicht der Müh dem Lumpen-Gesinde zuzuhören, doch gab Gelanor
diese Anmerckung darzu, es wäre nicht eine geringe Narrheit mit untergelaufen:
denn, sagte er, sollte der Mann nicht mit dem schwachen Werckzeuge Geduld haben,
und wann er in der Weiber Gemüte einige Verdriessligkeit befünde, sollte er nicht
vielmehr auf Mittel und Wege dencken, sie zu begütigen, als dass er einen Teufel
heraus und zehen hingegen wieder hinein schlägt. Er muss sie doch einen Weg wie
den andern umb sich leiden, und wer wird mit ihrer Bosheit ärger gestrafft, als
der Mann selber. Eine geringe Schwachheit wollte er nicht vertragen, nun muss er
eine übermässige Bosheit einfressen, und kommt so zu reden aus dem Staube in die
Mühle, aus dem Regen in die Trauffe. Es ist nicht ohn, Alexander M. beim Curtio
hat es auch vor gut erkannt, dass ein Mann seine Frau schlagen möchte: allein es
bleibet doch dabei, was ein vornehmer ConsistorialRat gesagt: wer die Frau
schlägt, der ist ein elender Mann; wer sie aber aus geringen Uhrsachen schlägt,
der ist gedoppelt elende.
    In dergleichen Discursen hielt sich die Compagnie auf biss sie vor das
Städtgen gelangeten, allwo des Wirtes Aussage nach das warme Bad anzutreffen
war: Nun hatten sich eben viel Leute eingefunden, welche die Frülings-Cur
daselbst gebrauchen wollten, dass also wegen der Quartiere grosse Ungelegenheit
war. Nach vielen Bemühungen kamen sie bei einem Priester in das Losament, und
funden einen vornehmen Cavallier, der sich mit seiner Liebste etliche Stunden
zuvor eben in selbigem Hause einquartieret hatte. Sie machten bald
Bekanntschaft, und beschlossen, die Mahlzeit beisammen einzunehmen, inzwischen
liess Florindo einen Becher Wein langen, und brachte dem unbekannten Cavallier
eins auf Gesundheit zu: Allein wie er darnach greiffen wollte, kam die Liebste
darzwischen, ach mein Engel, sagte sie, was will er mit dem ungesunden Wein in
dem Leibe, er gedencke doch, dass er durch einen jedweden Becher etliche Tage von
seinem Alter, und noch einmal so viel Bluts-Tropfen von meinem Hertzen
absauffen muss. Ach er tu den Becher weg! Er schüttelt den Kopff, und gab zur
Antwort: meine Frau, das ist kein überfluss, wenn man vornehmen Leuten zu
bestätigung fernerer Bekanntschaft einen erleidlichen Ehren-Becher bescheid
tut, ich werde darum weder eher noch langsamer sterben, ob ich den Becher
trincke oder auf die Erde giesse. Gleichwohl dieser Worte ungeacht, grieff sie
noch härter zu, und bat ihn, er sollte doch seine Liebste bedencken, welche seine
Gesundheit so genau und sorgfältig in Acht nehme. Kurtz von der Sache zu reden,
sie brachte ihm so viel bewegliche Worte für, fing auch ein bissgen an zu weinen,
dass der gute Herr sich musste gefangen geben; und solches tat sie ohn unterlass,
wenn er einen Bissen wider ihren Willen essen oder sonst was vornehmen wollte,
das ihr nicht annehmlich war. Recht lächerrlich stund es, als in währender
Mahlzeit ein Mahler kam, und allerhand Schildereien zu verkauffen hatte. Denn
als die andern etwas von ihrem Gelde anlegten, und dieser eines Stückes gewahr
wurde, auf welchen die Einnehmung der grossen Chinesischen Mauer abgebildet war,
beliebte er es zu kauffen. Es mag sein, dass er sich in das Bild verliebte, oder
auch, dass er in der Gesellschaft nicht wollte vor karg angesehen werden. Doch
schlug sich die Liebste bald ins Mittel, und beredete ihn wunderliche Händel. Er
sollte doch sehen wie die Farben so unscheinbar auffgetragen, wie es hin und
wieder schon auffgesprungen, es wäre gewiss etliche Jahr ein Ladenhüter gewesen,
nun käme er und suchte einen Narren, der es über der Mahlzeit in voller Weise
behalten möchte. Sie wüste einen Mahler, der hätte Stücke, denen nichts fehlte
als das Leben, und welchen andre Taffelkleckereien nicht das Wasser reichten.
Uber dies wäre es Schande, dass er seine schöne Ducaten und Reichstaler vor
solchen Lumpenzeug sollte hinschleudern, wenn es noch Doppel-Schillinge oder
küpfferne Marien-Groschen wären, deren man ohn dies gern wollte los sein. Summa
Summarum, er durffte das Bild nicht kauffen. Nach verrichteter Mahlzeit zog
Gelanor den Florindo auf die Seite, und fragte ihn, ob er auch den abscheulichen
Narren in Acht genommen. Ach, sagte er, ist das nicht ein Muster von allen
elenden Sclaven. Das Weib stehet in solcher Furcht, dass sie im Ernste nichts
begehren darff, und gleichwol kann sie unter dem Schein einer demütigen und
untertänigen Bitte ihre Herrschaft glücklich manuteniren. Von grossen Herren
ist das Sprichwort, wenn sie bitten, so befehlen sie: aber es scheint, als wollte
solches auch bei dieser Frau wahr werden, und also ist ein schlechter
Unterscheid, ob sich der Mann befehlen läst, oder ob er in alle Bitten willigen
muss. Florindo, der allezeit die Helffte von den Gedanken bei seiner Liebsten
hatte, fiel ihm in die Rede, und wollte erweisen, dass alles aus reiner und
ungefärbter Liebe geschehen, und also der Mann wäre straffwürdig gewesen, wenn
er solch freundlich Ansinnen durch rauhe und unbarmhertzige Minen von sich
gestossen hätte. Allein Eurylas fing heftig an zu lachen, und fragte, ob er
nicht wüste, dass keine Sache so schlimm wäre, die sich nicht mit einem erbahren
Mäntelgen bedecken liesse. Man dürffe denselben nicht alsobald vor einen Engel
des Lichts ansehen, welcher dem äusserlichen Scheine nach also verstellet wäre.
Die Liebe bestünde in dem, dass beiderseits ein gleicher Wille in gleicher
Freiheit gelassen wäre: nun aber sei der gute Mann mit seinem Willen dermassen
gebunden, dass man notwendig schliessen könnte, dem Weibe sei es nicht darum zu
tun, dass sie dem Manne viel nach seiner Inclination machen wollte. Bei diesen
Worten kam der Priester, dem das Haus gehörte, in das Zimmer hinnein getreten,
und legte seine Complimente ab, sie sollten in der wenigen Bequemligkeit vorlieb
nehmen, und nur befehlen was sie begehrten. Hierauff gerieten sie in ein
Gespräche, und fragte Florindo, wer denn der unbekannte Gast sei? Der Priester
gab zur Antwort, es wäre ein vornehmer Mann, habe sich vor diesem in hohen
Fürstlichen Diensten auffgehalten, es sei ihm aber der Neid zuwider gewesen, dass
er nun von seinen Renten leben müsse. Itzt sei er mehrenteils wegen seiner
Liebsten in das warme Bad gezogen, als welche verhoffte hiedurch fruchtbar zu
werden. Florindo fragte in seiner Einfalt, ob denn das Wasser solche Krafft
hätte, doch halff ihm Gelanor bald aus dem Traume, indem er sagte, tuts das Bad
nit, so tuns die Badgäste. Der Priester stellte sich, als verstünde er die Rede
nicht, und nahm bald Abschied, mit wiederholter Bitte, das Losament nach ihrem
Willen zu brauchen. Da ging es nun an ein Lachen, über die Fruchtbarkeit des
Weibes, die nicht viel anders ausssah, als ein alter Meeraffe, und konnte man fast
erraten, warum der Mann seine hertzallerliebste Gemahlin nicht gern erzürnen
wollte, indem er ohn allen Zweifel die Beisorge haben musste, als möchte sich die
angefangene Fruchtbarkeit durch den Zorn wieder zerschlagen. Absonderlich wusste
Eurylas, der alte durchtriebene Susannenbruder, viel Historien auf diesen Schlag
beizubringen. Es habe einmal eines Schiffers Frau an ihren Mann so
hertzinniglich gedacht, und in solchen Gedancken habe sie einen Eisszapffen vom
Röhr-Kasten abgebrochen und verschluckt, also dass sie bloss von dieser Einbildung
durch Hülffe des Eiszapffens schwanger worden, und ein artiges schönes
weisshäriges Knäbgen an die Welt gebracht. Eine andere habe nur auf ihres
abwesenden Mannes Gesundheit getruncken, und alsobald hätte sie den Segen ihres
Leibes empfunden. Wieder eine andere hätte sich an Hechts-Lebern, und noch eine
andre an Heringsköpffen fruchtbar gegessen. Endlich kam die application, die
gute Frau müste gewiss solcher Mittel nicht kundig sein, dass sie alles auff so
eine weitläufftige Reise hätte spielen müssen, und würde genau ein Trinckgeld zu
verdienen sein, wenn iemand ein solches probatum est dem alten Herren eröffnen
wollte. Mehr dergleichen Händel kamen vor, als der Mahler dem Florindo einen
project vorstellete, was er auf seine ledigen Tafeln vor Narren wollte mahlen
lassen. Im ersten Bilde war eine Frau, die ritte auf einem Mann, dem Esels-Ohren
angehefftet waren, mit dieser Uberschrifft:
Das ist ein grosser Narr, der ümb das liebe Brot
Dess Weibes Esel wird, und leidet solche Not.
Auf der andern war ein Mann, der ritte auf der Frauen, und stach ihr die Sporn
weidlich in die Ribben, mit dieser überschrifft:
Das ist ein grösser Narr: er legt die Sporen an,
Da er sein treues Pferd mit Güte lencken kann.
Auf der dritten war ein Reuter, der keinen Zaum in der Hand hatte, mit dieser
überschrifft:
Das ist der gröste Narr, er reitet zwar sein Pferd,
Doch kommt er nur dahin, wohin der Gaul begehrt.
    Florindo sah die Kunststücke mit sonderlichen Freuden an, und vermeinte
nun, es wäre seine mühsame Reise glücklich abgelauffen, und würde er nun
innerhalb 14. Tagen seine Liebste zu sehen bekommen. Aber Gelanor halff ihm bald
aus dem Traume, es wäre noch lange nicht an dem, dass er von dem ärgsten Narren
in der Welt urteilen könnte, ob er schon etliche Proben von rechtschaffenen
Weiber-Narren angetroffen hätte. Er müsste noch weiter dran, ehe er die Zahl auf
neun und neuntzig brächte. Ja Eurylas brachte einen artigen Possen zu Marckte.
In Warheit, sagte er, Mons. Florindo, wo er sich seine Liebste zu sehr einnehmen
läst, so müssen wir über die drei Felder noch eines bauen, da er hinein gemahlt
wird. Gelanor lachte und bot sich an die Uberschrifft zu machen: Der Mahler
selbst trat ihm ins Gesichte, als wollte er schon auf den Grund-Riss studiren. Mit
einem Worte, der Händel wurden so viel, dass Florindo zusagte, er wollte die
Liebste zu Hause des ihrigen gern warten lassen, sie sollten ihn nur nicht in das
Narren-Register mit einschreiben, wegen der Reise möchte es nach ihrem Gefallen
lang oder kurtz währen.
 
                                    CAP. II.
Folgenden Tag wollten sie zur Kurtzweil sich des Bades gebrauchen, und gingen
also etliche Stunden vor Mittage fein gemach dahin. Nun meinte Florindo, weil in
seinem Dorffe alle Baurn-Jungen den Hut vor ihm abgezogen, so müsste ihm die
ganze Welt zu Fusse fallen, derhalben als ihm eine bequeme Stelle gefiel,
welche aber allbereit von einem andern eingenommen war, begehrte er von ihm, er
sollte doch auffstehen. Dieser gab ihm eine hönische Mine, und sagte nichts mehr
als: Monsieur, kann er warten? Florindo blieb stehen und vermeinte auf so eine
gute Stelle wäre noch wohl zu warten; allein wie ihm die Zeit etwas lang ward,
fragte er noch einmal, wie lang er warten sollte, der sagte nichts darauf, als:
er warte so lang es ihm beliebt, Florindo schüttelte den Kopff und beteurte
hoch, er hätte sich dergleichen Unhöfligkeit nicht versehen. Indem kam der
Hoffmeister darzu, und hielt ihm verweisslich vor, warum er mit aller Gewalt in
das Narren Register wolle gesetzt sein, es wäre hier ein freier Ort, da die
Ersten das beste Recht hätten, und da niemand des Andern Untertan wäre. Was?
sagte Florindo, soll einer von Adel nicht besser respectirt werden, als auf
diese Weise? wer weiss ob der lausigte Kerle so viel Groschen in seinem Vermögen
hat, als ich 1000. Taler? Gelanor schalt ihn noch härter, mit der Bedrauung, er
wolle gleich nach Hause reisen, und sein Bildnis dreifach abmahlen lassen, er
wüste nicht, was hinter dem unbekandten Menschen wäre, und sollte er sich gegen
der Freiheit dieses Ortes bedancken, dass jener nicht Gelegenheit zu fernerer
action gehabt. Was geschach, Florindo war mit dem Hoffmeister übel zufrieden,
und stellete sich, als hätte er schlechte Lust zu baden, ging auch mit einem
Pagen hinaus. Der Unbekante, der von ihm so übel angelassen war, und sich nur
vor dem Orte gescheuet hatte, Händel anzufangen, folgete ihm auff dem Fusse
nach, rencontrirte ihm auch in einen Gässgen, da wenig Leute zu gehn pflegten; da
gab es nun kurtze Complimenten, sie griffen beide zum Degen, und machten einen
abscheulichen Lermen, dass das Geschrei in das Bad kam, es wären zween frembde
Kerlen an einander geraten, die wollten einander die Hälse brechen. Gelanor fuhr
geschwind in seine Kappe, und eilte hinaus, da er denn sich eifrichst bemühete,
Friede zu machen. Jedennoch weil der andere auch seinen Beistand erhielt, konnte
die Sache anders nicht vertragen werden, als dass sie zusammen auf einem Platz
vor dem Tore revenge suchten. Was wollte der Hoffmeister tun, der Karren war in
den Kot gestossen, und ohne Müh konnte man nicht zurücke. Derhalben blieb es bei
der Resolution, und hatte Florindo das Glück, dass er im dritten Gange dem
unbekanten Eisenfresser eines in den Arm versetzte. Darauff ward die Sache
vertragen, und ob zwar der Beschädigte sich vorbehielt weitere satisfaction zu
suchen, gab ihm doch Gelanor höfflich zu verstehen, er würde nicht begehren, dass
sie als reisende Personen seinetwegen etliche Wochen verziehen sollten: sie
würden inzwischen niemahls vor ihm erschrecken, und allezeit parat sein ihm
auffzuwarten, hiermit verfügte sich ein ieder nach Hause, und ging Florindo mit
seiner Gesellschaft wieder in dess gedachten Priesters Losament. Nun hatte der
Priester von dem ganzen Handel schon Nachricht bekommen, und als sie zu der
Mahlzeit eilten, und den Wirt gern bei sich haben wollten, hatte er gute
Gelegenheit davon zu reden. Florindo zwar liess sich, als ein tapfferer Cavallier
heraus, er sei noch sein Tage vor keinem erschrocken, wolle auch ins künftige
in kein Mäuseloch kriechen. Gelanor ging etwas gelinder, und vermeinte es wäre
eine schlechte Ehre nach Streit und Schlägen zu ringen, doch hätte es bei denen
von Adel die Beschaffenheit, dass sie auch wider ihren Willen sich oft einlassen
müssen, denn, sagt er, es glaubt kein Mensch, wie weh es tut, wenn man aus
einer ehrlichen Compagnie gestossen, oder zum wenigsten in derselben schlecht
respectirt wird. Und gleichwohl ist es leicht geschehen, dass einer zur action
genötiget wird, und also entweder auf dem Platz erscheinen, oder den
garstigsten Titel von der Welt davon tragen muss. Hierauff kam die Reih an den
Priester, der bat, sie möchten ihm zu gute halten, wofern er seine Gedancken
etwas freier eröffnen würde. Ich vor meine Person, sprach er, halte diss vor die
höchste Torheit, dass einer nicht anders als im duelliren seine Revenge suchen
will, denn ich will nicht gedencken, wie gefährlich man Leib und Leben, ja
seiner Seelen Seligkeit in die Schantze schlägt; indem ich wohl weiss, dass viel
Politici dergleichen Pfaffen-Händel nicht gross achten, und ist mir ein vornehmer
Officirer bekant, welcher von einem Geistlichen gefragt, ob er nicht lieber auf
dieser Welt wollte ein Hunds etc. sein, als dass er ewig wollte verdammet, und
also, in erwegung der unendlichen Schmach ein ewiger und hundert
tausentfächtiger etc. werden. Dennoch die vermessene Antwort von sich hören
lassen, er wolle lieber verdammt sein, als solchen Schimpff ertragen. Nun darff
ich vielweniger auf die scharffen Edicta trotzen, welche numehr fast in allen
Ländern und Königreichen wider die Duellanten promulgirt sein. Angesehn,
heutiges Tages die beste Freiheit ist, wider die Gesetze zu streben. Und über
diss alles Fürsten und Herren selbst, ob sie schon die Sache verbieten, dennoch
von einem Edelman am meisten halten, der sich brav resolvirt erwiesen hat. Es
komme nur einer, und klage über eine affront, die er sonst mit dem Degen
aussführen sollte, und sehe darnach, ob er zu Hofe werde sonderlich respectirt
werden. Nur dieses scheinet wider die klare und helle Vernunft zu lauffen, dass
derjenige, welcher sich rächen will, seinen Gegner so viel in die Hände gibt,
als er selbst kaum hat, dannenhero es oft geschicht, dass der Beleidigte mit
einer drei- oder vierfachen Beleidigung wieder zu Hause kömmt. Man sehe das
gegenwärtige Exempel an, Mons. Florindo hat ohne Zweifel Ursach genug gegeben,
in solchen Streit zu geraten: aber wäre der gute Kerl mit seiner kleinen
Injurie zufrieden gewesen, so dürffte er ietzt nicht etliche Wochen in des
Barbierers Gewalt liegen. Bei den alten Teutschen, welche noch im blinden
Heidentum lebten, war es kein Wunder, dass dergleichen Duell gehegt wurden; denn
sie stunden in dem Aberglauben, als müste bei der besten Sache auch notwendig
das beste Glück sein. Nun aber wir Christen aus der hellen Erfahrung
vergewissert sind, dass oft die ärgsten Zäncker und Stäncker denen
unschuldigsten und frömsten Leuten überlegen sein, und dass mancher an statt
gesuchter satisfaction sein Leben in die Schantze geschlagen, so scheinet es ja
wunderlich, dass man noch ferner in seine eigene Gefahr hinein rennen will. Da
wäre es eine Sache, wenn der provocant seine drei Kreutzhiebe auf gut
Schweitzerisch dürffte vorauss tun, alsdenn möchte es zu gleichen Teilen gehen.
Gelanor fing ihm diese Rede auf, und sagte, ihr Herren Geistlichen, ihr habt gut
reden, indem ihr auf euren Hartzkappen das privilegium habt, dass ihr euch nicht
wehren dürfft, und man hat es nun erfahren, dass es grossen Doctoribus nichts am
Handwerck schadet, wenn sie sich gleich unter einander Schelm und Diebe heissen.
Tu, si hic esses, aliter sentires. Es muss wohl mancher mit machen, der sonst
schlechte Lust darzu hat. Die Gewonheit ist ein starcker Strom, dem ein
schlechter Baum nicht widerstehen kann. Der Priester sagte, er wisse wohl, dass
solches die allgemeine Entschuldigung wäre, aber wenn gleichwol einer darüber
zum Teufel führe, was würde ihm solche hergebrachte Gewonheit helffen. Gelanor
liess sich hierauff in die recht Christlichen Worte heraus: Freilich ist mancher
in dieser Gefahr umkommen, und sieht dannenhero ein Edelmann, was ihm für Netz
und Stricke gestellet werden, darunter ein gemeiner Mann leicht hinkrichen kann.
Doch der Gott, der uns zu solchen Leuten gemacht hat, kann auch alle Gefahr
abwenden, wohl dem, der sich mehr auf ein fleissig Gebet, als auf eine lange
Spanische Klinge verläst. Und hätte ich an des obgedachten Officirers Stelle die
Frage sollen beantworten, ob ich lieber zeitlich oder ewig wollte ein etc. sein,
so hätte ich gesagt, ich wollte Gott bitten, dass er mich vor beiden behüten, und
mir dort das ewige Leben, hier aber einen ehrlichen Namen, als das beste
Kleinod, geben wolle. Kaum waren die Worte geredet, als ein Diener gelauffen
kam, mit Vermeldung, der im Duell beschädigte Mensch gehöre einem Graffen zu,
welcher diesen Schimpff nicht leiden wolle, auch die Obrigkeit schon ersucht
habe, sie mit allen Helffers-Helffern in Arrest zu nehmen; was sollte Florindo
machen, er erschrack, und hätte seinen Hoffmeister gern umb Rat gefragt, wenn
er nicht alles wider sein treuhertzig Vermahnen verübet hätte. Der Priester
wusste den besten Rat, der sagte, sie sollten unverwandtes Fusses durchgehen, und
an einem Orte sich versichern, da der Graffe wenig schaden könnte. Also packten
sie über Hals über Kopff zusammen, und eilten durch des Priesters Garten
heimlich zum Städtgen hinaus. Ob nun die Obrigkeit nach ihrem Abschied den
Arrest angekündiget, oder nicht, darum hat sich niemand von unsern reisenden
Personen biss auf diese Stunde im geringsten nicht bekümmert.
 
                                   CAP. III.
So reiset nun die Narrenbegierige Compagnie dahin, und wusste sich sehr viel, dass
sie ein Recommendation-Schreiben von dem Priester mit nehmen kunten, an einen
vornehmen Mann, welcher in der nechsten Stadt vor den Gelehrtesten im ganzen
Lande gehalten wurde. Sie sahen sich auch unterwegens ümb, aus Furcht, die
Häscher und Landknechte möchten hinten nach galloppirt kommen; und legten also
die vier Meilen glücklich zurücke, dass sie vor der Sonnen Untergang in die Stadt
gelangten. Sie fragten nach dem besten Wirtshause, und als sie ein Losament
gefunden, auch die Abend-Mahlzeit bestellen lassen, kam ein fremder Kerle, der
von aussen Ansehens genug hatte, einen Candidatum Juris, oder wohl gar einen
Gräfflichen Gerichts-Verwalter zu bedeuten, diesen hiess der Wirt alsobald
wilkommen sein, fragte ob er nicht seinen Verrichtungen so viel abbrechen
könnte, den vornehmen Gästen Gesellschaft zu leisten. Er wegerte sich anfangs,
es wäre gleich Post-Tag, da er warten müsse, ob nicht Brieffe von seinem
Principalen ankämen: Doch habe er seinem Sekretario Befehl gegeben, im Postause
nach zufragen, und könne er endlich so lange, und nicht weiter verziehen.
Hierauff bat der Wirt, sie möchten sich nicht lassen zuwider sein, dass, in dem
er selbst ab und zugehen müsse, er einen andern zum Wirt gemacht hätte. Nun
schiene der Kerle anfangs trefflich reputirlich, dass dem Hoffmeister selbst
angst war, ob er den stattlichen qualificirten Menschen hoch genug respectiren
würde. Er schwatzte von lauter Staats-Sachen, und setzte zu allen Erzehlungen
solche artige Politische Regeln, wusste darneben höffliche Schertzreden mit
einzumischen, dass man gemeinet hätte, er müste einen Reichs-Rat in dem Leibe
haben. Niemand aber hatte das Hertze zu fragen, was er vor eine Charge bediente,
weil er alle seine Reden so einrichtete als sollte man an seinem Maule ansehen,
was er vor ein Miraculum hujus seculi wäre. Endlich als er etliche Becher Wein
auf das Hertz genommen hatte, gab er sich bloss, dass er einen Sparren zu wenig,
oder mehr als einen zu viel, haben müsse. Denn da liess er sich in wunderliche
discursen heraus. Ich lache, sagte er, wenn ich die Schwachheiten ansehe, die in
den vornehmsten Republiqven vorgenommen werden. Zwar die Potentaten sind selbst
Ursache daran. Einen Kerlen, der nicht weiss was vor ein Unterscheid ist inter
Rempublicam Laconicam aut Æsymneticam, und der nicht einmal speculiert hat, an
Aristocratia prævaleat Monarchiæ, den setzen sie oben an geben ihm Geld über
Geld, dass sie ihn nur gewiss behalten, hingegen wenn sie ein qualificirt
Subjectum meines gleichen nur mit geringer Bestallung begnadigen sollen, so ist
kein Geld vorhanden. Es tauret mich; dass ich dem Könige in Engeland so viel Ehre
angetan, und ihm einmal auffgewartet habe, weil ich nun befinde, dass meine
gutertzige Meinungen so liederlich verworffen worden. Was gilts, hätte er mir
gefolget, Holland und halb Franckreich sollte sein sein, ich riet, man sollte
einen Damm durch den Canal machen, und nur bei der Insul Wicht eine kleine
Durchfart lassen, etwan so gross als der Sund in Dennemarck. Zwar die Narren
lachten darüber, und gaben also ihren Verstand an den Tag; dass sie nicht
gelesen, wie der Cardinal Richelieu eben auf solche Masse die unüberwindliche
Stadt Rochelle bezwungen. Ach ihr stoltzen Hamburger, hättet ihr mich zu eurem
Bürgemeister gemacht, ietzt wäre die Fart von Lübeck bis in die Elbe fertig,
und sollten die Polnischen Korn-Schiffe den Zoll, der sonst im Sunde abgeleget
wird, bei euch bezahlen. Was hilffts? Serò sapiunt Phryges. Ich wollte euch nun
nicht kommen, wenn ihr mir die vier Lande darzu schencken wolltet. Der Marquis
Caracena, das war ein braver Herr, der wusste was hinter mir war, hätten mich
seine Pagen nicht bei ihm verkleinert, ich wollte ietzt Niederländischer
præsident sein: Es sollte auch ein bissgen besser umb die Spanische Armee stehen.
Denn ich weiss, dass die Catolischen und Calvinischen Kinder ohne dies nicht in
den Himmel kommen, drumb hätte ich dieselben nicht tauffen lassen, sondern hätte
das gewöhnliche Patengeld an die Soldaten verwendet. O Franckreich! wo hättestu
bleiben wollen. Aber ô ihr Christen wie glückselig seid ihr, dass ich ein
Gewissen habe, sonst, wann ich auf vielfältiges Ansuchen dess Türckischen Käysers
wäre Grandvezier worden, so wollte ich in der Stephans Kirche zu Wien dem Mahomet
zu Ehren die künftige Pfingst-Predigt halten lassen. Doch der Hencker hat die
Jesuiten erdacht, die mich no comma? vor ihre Käyserliche Maj. gelassen haben.
Ich wollte ein Mittel vorgeschlagen haben, dass dem Blutund in Constantinopel
sollte angst und bange worden sein. Denn wie leicht wäre es getan, dass ein
Befehl ausbracht würde, alle Mönche und Nonnen sollten etliche mal beisammen
schlaffen, und Kinder zeugen, daraus in 20. Jahren eine vollständige Armee könnte
formirt werden. Es schiene, als könnte der possierliche Sausewind kein Ende
finden, so sehr hatte er sich im discurse vertieffet, doch machte Gelanor einen
Auffstand, welcher einen Boten wegen aussenbleibendes Wechsels noch vor Tages
abfertigen sollte. Inzwischen machte sich Florindo, nach dem er etwas freiere
Lufft bekommen, über den Politicum her, verwunderte sich über die sonderbahre
Weisheit, und wünschte ihn zum Hoffmeister zu haben. Dem Kerln wackelte das
Hertz vor Freuden und weil er ihn vor einen jungen Fürsten hielt, liess er sich
desto eher zu solcher Charge behandeln. Da ging es nun an ein Vexieren, er
musste etliche grosse Humpen auf dess Fürstlichen Hauses Wohlergehen ausssauffen,
und dabei mit dem Mahler und etlichen Pagen auf den Tisch steigen, biss es
endlich auf Nasenstüber und Kopffstösse hinaus lieff, welche der Auffschneider
schwerlich würde vertragen haben, wenn ihm Florindo nicht ein paar Reichstaler
an den Hals geworffen hätte. Doch schnitten ihm die Jungen unterschiedene Löcher
in die Kappe, pinckelten ihm in die Degen-Scheide, heffteten ihm Hasen-Ohren an
die Krempe, mit einem Worte, sie taten alles was man bei einem perfecten
Hof-Narren nicht zu vergessen pflegt. Mit solchen Ceremonien schafften sie auch
die volle Sau von sich, und meinte Florindo, er würde bei seinem Hoffmeister
grossen Danck verdienen, wenn er ihm früh Morgens die artige Action erzählen
würde. Aber er musste wider sein Verhoffen einen dichten Filtz mitnehmen. Was
meint ihr wohl! sagte Gelanor, welcher die gröste Torheit begangen. Der gute
Mensch hat freilich in das Hasen-Fett tieff genung eingetütscht; aber wer klug
sein will, hat billich mit dessen Unglücke Mitleiden, dass er seine Vernunft
nicht besser anwenden kann. So habt ihr das Widerspiel erwiesen, und habt euch
von diesem Narren selbst lassen zum Narren machen. Und dazu was wollet ihr euch
einer solchen Vexiererei berühmen, da ein schlechter und einfältiger Gümpel
durch gute Worte berücket worden. Diese Kunst hätte der schlimste
Handwercks-Junge gleich so gut zu practiciren gewust: wer Auffzüge machen will,
der wage sich an verständige Leute, die vor übriger Klugheit das Gras wachsen
hören; und hat er da was erhalten, so will ich helffen mit lachen, und will
sagen, dass die Probe gut abgeleget sei. Diese Predigt hätte ohn allen Zweiffel
noch länger gewähret, wenn Eurylas nicht erinnert hätte, ob sie bald ihr
recommendation-Schreiben an den vornehmen gelehrten Mann übergeben wollten.
Gelanor war willig darzu, allein Eurylas gedachte, er hätte den Priester bei
Vollendung des Brieffes lachen sehen, und zweifelte also nicht, es müste was
lächerliches darin entalten sein. Wenn es ihnen gefiele, er wollte durch ein
sonderliches Kunststücke den Brieff auff und wieder zumachen, dass niemand etwas
daran mercken sollte. Nun wollte sich Gelanor schwerlich darzu verstehen, wenn er
nicht diss zum Stichblat behalten, auf allen Fall, Wenn der Brieff verderbet
würde, könnte man ihn ohne Schaden gar zurücke lassen. Also befanden sie folgends:
                                Vir Clarissime.
    Mitto tibi vulpem; mitto tibi leporem; utriusque curam sic habueris, ut
intelligant, meam apud the valere recommendationem. Cura ut valeas.
    Gelanor ruffte hierauff den Florindo auff einem Ort allein, hielt ihm den
Brieff vor, er sollte nun sehen, ob sein Tun von allen Leuten gebilliget würde,
und ob es eine sonderbahre Ehre geben würde, wenn er mit einem solchen
prächtigen Hasen-Titul auffgezogen käme: bat ihn darneben inständig, er sollte
sich der übermässigen Künheit entschlagen, und vielmehr in modesten und
höfflichen Sitten seine Ehre suchen: Zwar die rechte Warheit zu bekennen,
Florindo hätte den geistlichen Vater gerne auf die Klinge fordern lassen, wenn
er gekunt hätte. Also frass er die kurtze Lection mit aller Gedult in sich, und
begehrte nur, man möchte den Brieff zurücke lassen. Nein, sagte Gelanor, wie
hätten wir tun müssen, wenn der Brieff uns nicht wäre geöffnet worden, und über
dies wird er weder klüger noch närrischer, ob ihm ein ander einen verächtlichen
Titul auf solche Weise anhängt, er trachte vielmehr dahin, dass er den übel
informirten Brieffsteller zum Lügner mache. Diese Zurede nun würckte so viel,
dass sie den Brieff durch einen Diener hinschickten, mit vermelden, es wären
etliche frembde Leute im Wirtshause, welche inständig bitten liessen eine
Stunde zu benennen, an welcher sie ihm ohn grosse verhinderniss auffwarten
könten. Der Gelehrte Mann nahm so wohl den Brieff, als die beigefügte Complimente
mit aller Höffligkeit an, und sagte, es wäre ihm allezeit gelegen vornehmen
Leuten dienstfertig auffzuwarten, doch sollte es ihm lieber sein, wenn sie nach
Tische umb 1. Uhr sich einstellen wollten. Solche Stunde nahmen sie in Acht, und
ging Gelanor mit dem Florindo allein dahin, da sie denn mit vielfältigen
Ehrbezeigungen in die wolangelegte Studierstube geführet worden, und mit
Verwunderung ansehen müssen, wie alle Wände mit den schönsten repositoriis
bekleidet, die Bücher in lauter Frantzösischen Bänden mit vergüldten Rücken
aussgebutzet, und sonst alles so zierlich aussgeführet war, dass man vermeinte,
wenn Apollo selbst da residiren wollte, so würde ihm das Quartier nit schimpflich
oder geringe sein. Dazu wusste der ruhmrätige Besitzer die curieusen Gäste in
ihrer Verwunderung wohl zu unterhalten, denn da zeigte er auf seine Bücher:
dieses habe ich erst vor 8. Tagen aus Franckreich bekommen: dieses ist in
Irrland gedruckt, und bin ich versichert, dass nur zwei Exemplaria davon in
Teutschland gebracht worden. Dieses ist aus Rom verschrieben worden, und kömmt
mich ein iedweder Bogen auf einen halben Reichstaler zu stehen. Hier hab ich
etliche unbekannte Rabinen, die in Amsterdam gedruckt sind. etc. Diese
demonstration währete länger als eine Stunde, und vergnügte sich Gelanor an den
kostbahren und gelehrten Raritäten, welche er als einen Kern von allen
Weltberühmten Büchern heraus strich. Ach sagte er, ist es auch möglich, dass in
einem solchen Gemach etwas kann verdriesslich sein. Ach wohl dem, der mit so
schönem Zeitvertreib sein Leben geruhig und selig durchbringen kann. Hierauff
begunten sie des herum Spatzirens müde zu werden, und satzten sich an eine
kleine Tafel nieder, da brachte nun Gelanor etliche Fragen auf die Bahn, welche
dem grossen Bibliotecario gnug zu schaffen machten. Und erkennete dieser
schlaue Fuchs endlich, dass der Mann alle seine Kunst in dem erwiese, wie er
Historicè von diesem oder jenem Buche reden könnte, was vor ein Autor solches
hervorgegeben, wo er gelebet, in was vor einem Ehren-Stander gesessen, wo es
gedruckt worden, ob einer darwider geschriben etc. hingegen befand er in dem
fundament selbst so einen Mangel, dass wenn man ihm die Pralerei mit der grossen
und abscheulichen Bibliothek benommen hätte, er kaum einem Dorff-Schulmeister
wäre ähnlich gewesen. Drum als Gelanor wieder ins Wirts-haus kam, und Florindo
sich über den weltberühmten Mann trefflich verwunderte, bat ihn der Hoffmeister,
er möchte seine Verwunderung biss auf andere Gelegenheit lassen versparet sein.
Denn, sagte er, ist das nicht eine hauptsächliche Torheit, dass einer mit
etlichen 1000. Büchern die Erudition erzwingen will, gleich als wenn dieser ein
perfecter Medicus sein müste, der seine Simse mit lauter Apotecker-büchsen
besetzet hätte. Die Bücher sind gut, aber von den ausswendigen Schalen wird kein
Doctor. Ich weiss auch, dass der Türckische Keiser viel Gelt hat, aber darum bin
ich nicht reich: Also kann ich wohl wissen, wer von dieser oder jener Sache
geschrieben; unterdessen folgt es nicht dass ich die Sach selbst verstehe. Ach
wie wahr wird das Sprichwort: Mundus vult decipi. Denn wo die Frantzösische
Bände gleissen, da fallen die Judicia hin: Ungeacht, ob mancher vielmehr mit
seinem papiernen Hausrat aussrichte als ein Esel, der einen Sack voll Bücher
auff dem Rücken hat. Diese Leute gehören inter claros magis, quàm inter bonos.
Wie Tacitus redet, oder wie Salustii Worte sind. Magis vultum quàm ingenium
bonum habent.
 
                                    CAP. IV.
Solche Anmerckungen hatte Gelanor über diesen vermeinten gelährten Wunder-Mann.
Inmittelst aber, als diese beide sich in der Bibliothek umsahn, satzte es im
Wirtshause einen lächerlichen Possen. Der Mahler hatte gesehen, dass Gelanor den
Brieff eröffnen lassen, und den Florindo stracks darauff allein zu sich gezogen,
dahero mutmassete er, es müste was sonderliches darinnen gewesen sein, und weil
Eurylas noch immer sein bester Patron war, fragte er ihn in allem Vertrauen, was
denn in dem Brieffe vor Heimligkeiten gestanden. Eurylas, dem nichts mehr zu
wieder war, als wenn sich jemand ümb frembte Händel bekümmerte, machte alsobald
den Schluss, er wollte dem vorwitzigen Kerln einen artigen Wurm schneiden. Sagte
derowegen, er hätte zwar den Inhalt gesehen, doch würde er bei dem Florindo
grosse Verantwortung bekommen, wenn er nicht reinen Mund halten wollte. Endlich
fügte er mit leiser Stimme dieses hinzu, ach ihr guter Mensch euch betraff das
meiste, ich darff nur nicht schwatzen, wie ich will. Dieses machte den
einfältigen Gesellen noch begieriger, dass er nicht allein viel heftiger
anhielt, sondern auch bei allen Engeln und Heiligen sich verschwur, im
geringsten nichts davon zu verraten. Auf solche Versicherung führte Eurylas den
Mahler in eine Kammer, und bat nochmahls er sollte ihm durch eine unzeitige
Schwätzerei keine ungelegenheit machen, vertraute ihm darbei, der Priester in
dem warmen Bade habe an den gelehrten Mann geschrieben, er sollte den Florindo um
seinen Mahler ansprechen, denn er habe eine schöne Stimme zu singen, und könne
im Schlaffe einmal capaunet, und hernachmahls bei der Music sehr schön
gebrauchet werden. Was? sagte der Mahler, soll ich vor meine Treu so
unmenschlich und Türckisch belohnet werden, so sei der ein Schelm, der noch eine
Stunde hier bleiben will. Eurylas beruffte sich auf die getane Versicherung er
sollte sich nichts mercken lassen, sonst würde er wissen, wie er mit einem
solchen Verräter umgehen wollte; also war nun der gute Kerle in tausend
Aengsten, und wusste nicht auf welcher Seite er es am ersten verderben sollte. Den
Eurylas mochte er nicht verraten, und gleichwol schien es auch nicht ratsam
seine zeitliche Wohlfahrt also zu verschlaffen: Er ging auf dem Boden hin und
wieder, und fing unzehlig viel Grillen, biss der Kopff voll ward, da kam ihm
Florindo und Gelanor gleich in den weg, bei denen er seine Bosheit ausslassen
wollte. Ihr Herren, sagte er, wollet ihr einen Narren haben, so schafft euch
einen, der sich wallachen läst, ich mag euch nit mehr dienen. Gelanor meinte der
Brandtewein wäre ihm in das Gehirn gestiegen, und bat also, er möchte doch
schlaffen gehen, sonst würde sein Gehirne und Verstand noch trefflich
gewallachet werden. Aber der Kerle befand sich noch mehr offendirt, und begehrte
gleich weg seinen Abschied. Florindo fragte wer ihm denn zuwider gelebt, oder
was ihm in der Compagnie missfallen, dass er nun so bald wollte durchgehen. Allein
es blieb dabei, er wollte kein Hammel sein. Endlich kam es heraus, dass Eurylas
ihm den Affen geschleiert, und zu dergleichen schrecklichen impression Ursache
gegeben. Da verwies nun Gelanor zwar dem Mahler seinen Vorwitz, welcher Gestalt
derselbe keinen geringen Platz im Narren-Register verdienet hatte, der sich um
solche Sachen gerne bekümmerte, die ihn doch im geringsten nichts angehen. Denn
vor eins gäbe er seine Schwachheit an den Tag, dass er sich selbst nicht erkenne,
sondern was anders erkennen wolle, das ihm nichts nütze wäre. Darnach müste er
gewärtig sein, dass ihm allerhand Narren-Schellen angehenckt, und er mit einem
unrechten Bericht abgewiesen würde. Da gienge darnach ein Fantast mit seiner
ungereimten Einbildung, und hätte dies zum Profit, dass ihn die Leute ausslachten.
Das war nun die Lection vor den Mahler: Aber Eurylas konnte sich bei dem Gelanor
nicht so gar entschuldigen, dass er nicht hätte hören müssen: Ein kluger, der
sich eines andern Einfalt missbrauchte, machte sich mutwillig mit zum Narren,
alldieweil es schiene, als gäbe er Ursach zur Narrheit, und hätte an einem
törichten Menschen Lust, den er leicht könne klüger machen. Wiewohl Eurylas
lachte, und meinte, zum wenigsten würde aus dieser Torheit der grosse Nutz zu
gewarten sein, dass der Mahler ins künftige nach keinen frembden Zeitungen
fragen würde. Endlich machte Florindo den besten Aussschlag, und spendirte dem
Mahler ein paar Ducaten, damit war die Sache verglichen. Nun war es noch zu
zeitlich zur Abendmahlzeit, darum meinten Gelanor und Florindo es würde am
besten sein, dass sie durch einen kleinen Spatziergang sich einen Appetit zum
Essen erweckten. Als sie aber an die Türe kamen, sahen sie in dem Hause gegen
über einen jungen Menschen, der allen ümbständen nach wollte vor einen Stutzer
angesehen sein, er war etwas subtil und klein von Person, doch hatte er eine
Parucke über sich hencken lassen, die fast das ganze Gesichte bedeckte, dass man
eine artige Comoedie vom Storchsneste hätte spielen können. Uberdiss waren in den
Diebs-Haaren wohl ein Pfund Buder, und etliche Pfund Pomade verderbet worden,
und aus solchem Gepüsche guckte das junge Geelschneblichen mit einem paar roten
Bäckgen herfür, als wenn er das Gesichte mit rotem Leder oder mit Leschpappier
gestrichen hätte. Die Lippen bies er bald ein, bald liess er sie wieder aus,
nicht anders als wie die Schiffer, wenn sie zu Hamburg das Vier ausskosten. In
der Krause steckte ein schöner Ring, der mit seinen hertzbrechenden Stralen die
Venus selbst überwunden hätte, wenn nicht ein bund Band im Wege gestanden. Auf
den Ermeln, absonderlich auf den Lincken, der von Hertzen geht, war ein ganzer
Kram von allerhand liederlichen Bändergen aufgehefft, welche, weil sie keine
Accordirende Farben hatten, sich ansehen liessen, als wären sie von
bändersüchtigen Personen zum Almosen spendiret worden. Zur Kappe baumelten wohl
sechs Trodelchen vom Schnuptuche heraus, die Schuh waren mit so viel Rosen
besetzt, dass man nicht wusste, ob sie von Corduan, oder von Englischen Leder
waren. Der Degen ging so lang hinaus, dass sieben Dutzent Sperlinge drauff
hätten Platz gehabt, und im Gehen schlug er so unbarmhertzig an die Waden, dass,
wenn die Kniebänder nicht etwas auffgehalten, er ohn Zweiffel in acht Tagen
hätte den Vulcanum agiren können. Und welches vor allen dingen zu mercken war,
so lieffen die artigen und verliebten Mienen dermassen nett, als wollte er die
Circe selbst bezaubern. Mit den Händen legte er sich in so schöne positur, dass
er gleichen Weg in den Schiebsack und auf den Hut haben könnte. Die Füsse setzte
er so ausswerts, dass man augenscheinlich abnehmen musste, der Mensch wäre über
vier Monden zum Tantzmeister gegangen. Mit einem Worte, das Muster von allen
perfecten Politicis stund da. Gelanor sah ihn wohl an endlich fragte er den
Florindo was er von dem Kerln hielte. Dieser gab zur Antwort, wenn er es zu
bezahlen hätte, könnte man ihn nicht viel tadeln, ein iedweder brauchte das Geld
nach seinem Belieben. Und darzu stünde es reputirlicher, wann ein Mensch etwas
von sich und seiner Schönheit hielte, als dass er auffgezogen käme, wie die
fliege aus der Buttermilch. Ey versetzte Gelanor, gefällt euch das schöne
Kartenmänngen, fürwar wer diesen hätte und drei Scharwentzel darzu, der könnte
50. Taler besser bieten. Sehet ihr nicht, dass er mit der höchsten Torheit von
der Welt schwanger geht. Wem zu Gefallen butzt er sich so? Die Männer achten es
nicht, und wo es der Weiber halben geschicht, so verlohnt sichs nicht der Müh.
Kaufft er solches vor sein Geld, so sollte man ihm einen Curatorem furiosi oder
prodigi, wolt ich sagen, bestellen, der ihm die Regulas parsimoniæ etwas
beibrächte: ist er aber allen Leuten schuldig, so sollte man seine Laus Deo die
er zu hause liegen hat, mit unter die Favörgen hefften, dass das Frauenzimmer
wüste, was vor Sorgen und Ungelegenheit er ihrentwegen einfressen müste.
Reinlich und nett soll ein junger Mensch gehen, denn an den Federn erkennet man
den Vogel, an den Kleidern das Gemüte. Allein es ist ein Unterscheid unter
erbaren und närrischen Kleidern. Æstimirt man doch einen fahlen Papagoy höher,
als einen bundscheckigten. Drumb ist es nicht die Meinung, wenn man solche
Kleider verspricht, als möchten sie nun kein Hemde mehr waschen lassen, die
Hosen möchten hinden und forn offen stehn, und alle Grobianismi möchten nun frei
practicirt werden. Sondern gleich wie der sündiget, der in der Sache zu wenig
tut, also ist ein ander in gleichem Verdamnis, der sich der Sache zu übermässig
annimmt. Hierauff spatzirte der Teutsche Frantzose die Gasse hin, und liess die
Augen an alle Fenster fliegen, sah sich auch bissweilen um, ob iemand oben oder
unten sich über den schönen Herrn verwunderte. Gelanor sagte, wir wollen eine
kleine Torheit begehen, und dem Kerlen nachfolgen, er wird ohn Zweifel in
solchem Ornat an einem vornehmen Ort erscheinen sollen. Nun ging er so langsam
und gravitätisch, als wäre er darzu gedingt, dass er die Fenster und die
Dachziegel zehlen sollte, und in Warheit, hätte man ihm einen Besem hinden hinein
gesteckt, so hätte ein Ehrnvester Rat derselben Stadt etliche Gassenkehrer
ersparen können. Wann sich etwas an einem Fenster regte, es möchte gleich eine
Muhme mit dem Kinde, oder ein weisser Blumen-Topff, oder gar eine bunte Katze
sein, so musste der Hut vom Kopffe, und hätte er noch so fest gestanden. Und
solches geschah mit einer unbeschreiblichen Höffligkeit, dass man nicht wusste, ob
er sich auf die Erde legen, oder ob er sich sonsten seiner Bequemligkeit nach,
ein bissgen aussdehnen wollte. Nach vielen weitläufftigen Umschweiffen kam er
wieder vor das Haus, daraus er gegangen war, und Gelanor, als ein Unbekanter
selbiges Orts, kam vor sein Wirtshaus, ehe er es war inne worden. Sie wunderten
sich, wie es zugienge, und hätten sich leicht bereden lassen ein Wirtshaus wäre
dem andern ähnlich, wann nicht der arme Mahler in dem Hause auf einem Steine
gesessen, und die Sorgenseule unter den Kopff gestützet hätte.
 
                                    CAP. V.
Gelanor fragte was er neues zu klagen hätte, ob ihm die Capaun-Angst noch nit
vergangen wäre. Der gute Kumpe seuffzete ein wenig, endlich fieng er an, ich
wollte dass der Hencker das Spielen geholt hätte, ehe die Kartenmacher wären jung
worden. Denn da hatte ich eben ein paar Ducaten vom Herrn geschenckt kriegt, die
wolt ich nun gar zu gut anlegen, und meinte, wenn ich im Spiele noch etliche
Stücke darzu bekäme, so könnte ich einen alsdenn mit besserm Gewissen
vertrincken. Aber ich meine ich habe sie kriegt. Ich halte es sind gar
Spitzbuben gewesen, so meisterlich zwackten sie mir das Geld ab. Im Anfang hatte
ich lauter Glücke, aber darnach machten sie mich auf tertia major Labet. O
hätte ich das Geld versoffen, so hätte ich noch was dafür in den Leib bekommen;
so muss ich mit dürrem Halse davon gehen, und habe nicht so viel darvon, dass die
losen Vögel mir gedanckt hätten. Nun das heist in einer halben Stunde bald
reich, bald arm, bald gar nichts. Gelanor hätte mit dem unglückseligen Tropffen
gern Mitleiden gehabt: Doch war der Casus gar zu lächerrlich, und Eurylas, der
ihm auch Trost zusprechen wollte, machte es so hönisch, dass es das Ansehn hatte,
als wäre alles Unglück dem guten Mahler allein über den Hals kommen. Das
schlimste war, dass Gelanor den Actum mit einer ziemlichen Straff-Predigt
beschloss. Ihr tummen Strohstepsel, sagte er, ist es auch möglich, dass ihr einen
Tag ohne Narrheit zubringen könnet. Da sitzt ihr nun und klagt über eine Sache,
die nicht zu ändern ist. Vor einer Stunde war es Zeit; nun macht ihr den Beutel
zu, da die gelben Vögelgen aussgeflogen sind. Wisst ihr nicht, was vor ein Erwerb
bei dem Spielen ist? Einen Vogel, den ihr in der Hand habt, lasset ihr fliegen,
und greiffet nach zehen andern, die auf dem Zaune sitzen. Uber diss, warumb habt
ihr Lust zu gewinnen? wisset ihr nicht, dass, wann einer gewinnet, ein ander
notwendig verspielen muss? Gedencket nun, so weh als euch der Verlust ietzund
tut, so weh hätte es einem andern auch getan: und dannenhero seid ihr wert,
ihr Unglücksvogel, dass euch die andern ausslachen, gleich wie ihr sie vielleicht
aussgelachet hättet. Behaltet ein andermal, was ihr habt, und verschlaudert nicht
in einer halben Stunde so viel, als ihr in einem halben Monat und länger kaum
verdienen könnet, sonsten sollet ihr euch selbst mitten unter die Ertz-Narren
abmahlen: hiermit giengen sie zur Mahlzeit, und hatte Eurylas noch manche
Stockerei mit dem armen Schächer; da fragte er ihn, ob er sich bald in den
Wechsel finden könnte, und ob er nicht eine Ost-Indianische Compagnie wollte
anlegen, weil er sich auf die Handlung cento pro cento so glücklich verstünde;
er sollte ein andermahl die Scharwentzel bekneipen, dass er wüste, wo sie lägen,
und dergleichen. Bei Tische fragte Gelanor den Wirt, wer dann der junge Mensch
wäre, der sich gegenüber auffhielte, da bekam er die Nachricht, es wäre ein
Bürgerskind, sein Vater hätte diesen eintzigen Sohn, und wollte ihn künftig zum
Studiren halten, dass er in zwei jahren könnte Doctor werden, er wüste nur nicht,
welche Facultät ihm und seiner Liebsten am besten anstehen würde. Unterdessen
müste er sich in Politischen und höflichen Sachen üben, dass er nicht so
Schulfüchsisch über den Büchern würde. So so, sagte Gelanor, wird mir nun aus
dem Traume geholffen. Ich meinte der Kerl wäre ein Narr, dass er die lange Weile
auf der Gasse vertrödeln müste: so sehe ich wohl der Vater ist noch ein ärger
Narr. So wird er einen Doctorem utriusque Juris bekommen, qui tantum sciverit in
uno, quantum in altero. Die Leute meinen gewiss, so leicht als man die Kinder
deponirt, so leicht sind sie auch zum Doctor gemacht, und sei es nur darumb zu
tun, dass man ein gedruckt testimonium darüber habe. Die Bauern judiciren sonst
von den Zeitungen, wann sie gedruckt sein, so müste alles wahr sein. Nun scheint
es, als wollte die Albertät unter den Bürgern auch aufkommen. Zwar der liebe
Mensch tauret mich, wo er das Frauenzimmer mit so tieffen Reverentzen grüssen
wird, möchte ihm das testimonium aus dem Schiebsack fallen; Und wann also der
Wind die Herrligkeit einmal wegführete, so wäre es misslich, ob iemand berichten
könnte, in welcher Facultät er Doctor worden. O du blinde Welt, bist du so
nachlässig in der Kinderzucht, und siehstu nicht, dass, welcher vor der Zeit zum
Juncker wird, solchen Titul in der Zeit schwerlich behaupten kann. Es bleibet
wohl darbei, wann die jungen Rotzlöffel sich an den Degen binden lassen, oder
die Beine über ein Pferd hencken, ehe ihnen die Torheit und das Kalbfleisch vom
Steisse abgekehret worden, so ist es mit ihnen, und sonderlich mit ihrem Studiren
geschehen. Die Jugend ist ohn diss des Sitzens und der Arbeit nicht viel gewohnt,
man darff ihr nur einen Finger bieten, sie wird gar bald die ganze Hand hernach
ziehen. Doch meinen die klugen und übersichtigen Eltern, welche sonst alle
Splitter zehlen können, es sei eine sonderbahre Tugend, wann sich die Knaben so
hurtig und excitat erweisen können, und bedencken nicht, dass die Magd in der
Küche klüger ist, die läst die Fische nicht sieden biss sie überlauffen, sondern
schlägt mit allen Kräfften drauff, dass die Hitze nicht zu mächtig wird. Solche
und andre dergleichen Reden führete Gelanor, biss er merckte, dass der Wirt mit
solchen discursen übel zu frieden war; doch liess er sich die Ungnade nichts
anfechten, sondern fragte, was er darvon hielte, der Wirt antwortete, er wäre
zwar zu wenig, von andern zu urteilen, die offtermals ihre gewisse Ursachen
hätten, diss oder jenes zu tun. Unterdessen meinte er, dass man eben von allen so
grosse Gelehrsamkeit nicht fodern dürffte, die schon so viel im Kasten hätten,
dass sie sich mit Ehren erhalten könten, die Eltern sehen mehrenteils dahin, dass
sie ihr Kind zu einer ansehnlichen Ehrenstelle, und also fort zu einer
anständigen Heirat bringen möchten. Gelanor wollte antworten, aber eben zu der
ungelegenen Zeit kam die Wirtin in die Stube, und rieff dem Mann, er sollte
hinunter gehen und die vornehmen Gäste empfangen, damit ward das köstliche
Gespräch verstört, und weil sie alle wissen wollten, wer dann in der Kutsche
sässe, blieben die schönen Anmerckungen zurücke.
 
                                    CAP. VI.
Als die Kutsche in das Haus gebracht worden, stiegen drei alte Herren heraus.
Einer hatte einen altväterischen Sammet-Peltz an, mit abscheulich grossen
Knöpffen. Der ander hatte ein ledern Collet an, und trug den Arm in einer Binde.
Der dritte hatte dicke dicke Strümpfe angezogen, als wann ihm Lunge und Leber in
die Waden gefahren wären. Der Wirt führete sie in ein absonderlich Zimmer, und
weil es ziemlich spät, trug er ihnen etwas von kalter Küche für, mit
Versprechen, das Frühstück besser anzurichten. Gelanor fragte zwar den Wirt,
was dieses vor Gäste wären; aber es wusste einer so viel als der ander, drumb
giengen sie auch zu Bette. Auf den Morgen kam Florindo und weckte den Gelanor
auf, mit Bitte, er sollte doch hören, was die drei alten Herren in der Kammer
darneben vor Gespräche führeten. Nun war die Wand an dem Orte ziemlich
durchlöchert, und jene gebrauchten sich auch einer feinen männlichen Ausssprache,
dass man wenig Worte verhören durffte. Ach! sagte einer, bin ich nicht ein Narr
gewesen, ich hatte meine köstlichen Mittel, davon ich herrlich leben kunte: Nun
hab ich zehen Jahr in frembden Ländern zugebracht, liege auch schon zwanzig Jahr
zu Hause, und sehe nicht, wer mir vor mein Reisen einen Pfifferling gibt. Ach
hätte ich die Kronen und die Ducaten wieder, die ich in Franckreich und Italien
vor unnutze Comödien gegeben, oder die ich in den vornehmen Compagnien
liederlich vertan habe. Anno 1627. hatte ich die Ehre, dass ich mit dem Hn.
Claude de Mesme Abgesandten aus Franckreich nach Venedig, und von dar nach Rom
gehen dürffte, da lernte ich viel Staatsgrieffe, welche zwischen Venedig und
Spanien, ingleichem zwischen Venedig und dem Pabste vorgenommen wurden, aber ach
hätte ich mein Geld wieder, das mir dabei zu schanden ging. Mein Herr schickte
mich endlich vor seiner Abreise wieder in Franckreich, da hieng ich mich an den
Herrn Claude de Buillion, als er anno 1631. nach Beziers reisete, und den
damahligen Hertzog von Orleans mit dem Könige vergleichen wollte; aber alles auf
meinen Beutel, wie es in Franckreich zu gehen pflegt, da man solche Volontiers
die ohne sonderliche Kosten den Staat vermehren, gar gerne leiden kann. Nachmahls
reisete ich mit obgedachtem de Mesme in Holland, da ging das Geld geben erst
recht an, dass ich seit dieser Zeit oft gedacht, die Holländer müsten die Zehen
Gebote in eines verwandelt haben, das heisse: gieb Geld her. Ferner ging dieser
Abgesandte Anno 1634. in Dennemarck, von dar in Schweden und Pohlen, den
damahligen Stillstand Anno 1635. zu befördern. Endlich als die Wexel bei mir
nicht zulangen wollten, und gleichwohl keine Fortun in Franckreich zu hoffen war,
begab es sich, dass offterwähnter de mesme Anno 1637. zu den Præliminar
Friedens-Tractaten in Teutschland geschickt ward, da danckte ich GOtt, dass ich
Gelegenheit hatte in mein Vaterland zu kommen. Aber der schlechte Zustand, und
die übergrosse Kriegs-Unruh verderbten mir alle Freude. Mein Geld, das ich bei
gewissen Kauffleuten in Hamburg stehen hatte, war verzehrt; die geringen
Feldgütergen erforderten mehr Unkosten, als ich davon nehmen kunte: und welches
mich am meisten schmertzte, ich hatte nichts gelernet, davon Geld zu nehmen war.
Meine ganze Kunst bestund in dem, dass ich von grossen Reisen, von Balletten,
Comedien, Masqueraden, Banqueten und ander Eitelkeiten auffschneiden kunte: und
meine Bibliothek war von zehen Frantzösischen Liebes Büchern, sechs
Italiänischen Comödien, zwei geschriebenen Büchern voller Lieder und Pasquille:
Mehr durffte mir kein Mensch abfordern. Ich hatte Anschläge ansehnliche
Hoffmeistereien anzutreten, aber zu meinem Unglück traffe ich lauter solche
Leute, die ihre Söhne deswegen in die Welt schickten, dass sie sollten klüger
werden, und also mussten sie sich an meiner Person ärgern: Ich aber musste meinen
Stab weiter setzen. Was ich nun vor Mühseligkeit, Not und Verachtung
aussgestanden, werde ich die Zeit meines Lebens nicht erzählen. Doch war Gottes
Gnade so gross, dass endlich Friede ward. So habe ich meine Feld-Güter nach
vermögen angerichtet, bringe mein Leben kümmerlich hin, wüste auch diese Stunde
meinen Leiden keinen Rat, wenn nicht mein Bruder vor 6. Jahren gestorben, und
mir etlich hundert Gülden Erbschaft verlassen hätte. Ach wer dreissig Jahr
zurücke hätte, ach bin ich nicht ein Narr gewesen; Ach was vor ein gediegener
Mann könnte ich ietzund sein, ach wie habe ich mir selbst im Liechte gestanden.
    Hierauff fing der ander seine Klaglieder an. Ach sagte er, das ist noch eine
schlechte Torheit, ich bin erst ein Narr gewesen. Mein Vater war ein
wolhabender Kauffmann, und hätte mich gern bei der Handlung erhalten, aber ich
verliebte mich in das Soldaten Wesen, dass ich wieder meiner Eltern Wissen und
Willen mit in den Krieg zog. Und ich abscheulicher Narr, hätte ich mich nur in
Teutschland unterhalten lassen: so zog ich mit Frantzösischen Werbern fort, und
meinte, nun würde ich in Schlaraffen-Land kommen, da würden mir die gebratenen
Tauben ins Maul fliegen. Ich meine aber, ja, ich hatte es wohlgetroffen. Ich
musste mit vor Rochelle, da lagen wir über ein Jahr wie die Narren, und wussten
nicht ob Krieg oder Friede war. Die Stadt sollte aussgehungert werden, und fürwar
wir Soldaten im Läger halffen bissweilen weidlich hunger leiden, dass die in der
Stadt desto eher fertig worden. Endlich übergab sich die Stadt, damit war der
Krieg zu Ende, keine Beute wurde gemacht, die Gage blieb zurücke, und ich war
ein stattlicher Cavallier. Ach wie gerne wär ich darvon gewischt; aber weil ich
sah, wie der Galgen hinden nach schnappte, mochte ich meinen Hals auch nicht
gern in dergleichen Ungelegenheit bringen, und liess mir lieber den Tag zweimal
prügelsuppe, und einmal zu fressen geben. Nun fieng der Cardinal Richelieu
wunderliche Possen an, und wollte Mantua entsetzen, da sollten die armen Soldaten
über Hals über Kopff, durch Frost und Schnee die Schweitzer-Gebürge hinnan
klettern. Alle Welt sagte es wäre unmüglich, die Soldaten würden nur
auffgeopffert, und wüste man aus allen Exempeln, dass solche Anschläge wären zu
Schanden worden. Aber der Starrkopff fragte nichts darnach, wir mussten fort, und
da hätte ich vor mein Leben nicht drei Heller gegeben. Etliche hundert mussten
voran, und den Schnee auf beiden Seiten weg schauffeln, darauff folgete die
Armee. Doch war an etlichen Orten die Arbeit ganz vergebens, denn wir mussten
die Klippen hinauff klettern, als wann wir dem Monden wollten die Augen
aussgraben. Mancher dachte, er wäre bald hinauff, so verstarten ihm die Hände,
dass er herunter portzelte, und der Schnee über ihm zusammen schlug. Wer sich nun
nicht selber helfen kunte, der mochte sich zu Bette legen. Da war Elend. Und man
dencke nur, mitten zwischen den höchsten Bergen, lag oben ein Schloss, das sollten
wir einnehmen. Nun hätten die tummen Kerlen uns mit Steinen oder mit
Schneeballen abwenden können, dass wir des kletterns und des Einnehmens weiter
nicht begehrt hätten. Aber ich weiss nicht, ob die Leute bezaubert, oder sonst
verblend waren, dass sie uns hinein liessen, darauff hatten wir in Italien guten
Fortgang. Doch werde ichs keinem Menschen sagen wie mich nach meines Vatern
Küche verlangte. Ich dachte die Frantzosen wären Hungerleider; aber nun schien
es, als wär ich zu Leuten kommen, die gar von der Lufft lebten. Ich halte auch
nicht, dass ich dazumal auf meinem ganzen Leibe ein Pfund Fleisch hätte zusammen
bracht, so sehr war ich aussgepöckelt, darum freuete ich mich, wie die Kinder auf
St. Martin, als wir in Franckreich zurück commendirt wurden. Da überliess nun der
König denen Schweden etliche Völcker, damit kam ich in Schwedische Dienste
gleich zu der rechten Zeit, dass ich in der Schlacht vor Nördlingen die Schläge
mit kriegte. Da hatte ich vollends des Krieges satt, denn eine Musqueten-Kugel
hatte mich am dicken Beine gestreifft, dass mir die Haut einer Spanne lang
abgegangen. Ins Fleisch konnte sie nicht kommen, denn ich hatte keines. Nun war
der Schaden nicht gefährlich: allein wie es brennte, und wie mir das Aussreissen
so sauer worden, lass ich dieselben urteilen, die dergleichen Bockssprünge
versucht haben. Hiermit eilte ich nach meinem Vater zu, und verhoffte, er werde
sich wohl begütigen lassen, wann er nur mein aussgestandenes Elend sehen und
behertzigen sollte. Aber ich kam zu langsam, er war vor acht Wochen gestorben,
und hatte mich meines Ungehorsams halben aussgeerbet bis auf hundert Gülden, was
sollte ich tun, der letzte Willen war nicht umbzustossen, meine zwei Schwäger
wollten mir nichts einräumen, ich hatte nichts gelernet; drumb musste ich wieder
an den Krieg gedencken. Und war dies mein Trost, wenn ich mich von den 100.
Gulden aussmundirt hätte, so würde ich als ein Cavallier besser fort kommen. Ich
begab mich unter die Bannirische Armee, gleich als sie in Meissen und Türingen
herum hausete. Und gewiss, dazumal gefiel mir das Wesen gar wohl, so lange wir
Beute machten, und kein Mensch da war, der uns das unserige wieder nehmen wollte:
Allein als Hatzfeld hinter uns drein war, und wir bei Zerbst stehen mussten, da
wer ich lieber im Qvartier vor Rochelle gewesen: ich wurde an unterschiedenen
Orten gequetscht, musste auch mit meinem Schaden fortreiten biss nach Magdeburg.
Da lag ich in einem wüsten Hause, davon im Brande die Küche war stehen blieben.
Und diss war meine Herrligkeit alle. Letzlich kam ich zu meiner Gesundheit, dass
ich wieder auf die Partei gehen kunte. Aber ich sehnte mich nach keiner Beute,
ich verlangte vielmehr eine Gelegenheit, da ich nieder geschossen würde, und der
Marter los käme. Diese Desperation ward von vielen vor eine sonderliche Courage
aussgeleget, dass ich endlich von einer Charge zu der andern kam, biss ich
Rittmeister ward. Wie nun der allgemeine Friede geschlossen war, hatte ich
gleich zu meinem Glücke in Prag brav Beute gemacht, die nahm ich und kauffte ein
wüst Gütgen vor 10000. Taler, darauff hätt ich wohl ausskommen können, doch war
ich zum andernmahl so ein Narr, dass ich meinte, ich müste noch ein mahl
versuchen, ob ich im Kriege 20000. Taler darzu erwerben könnte, und liess mich in
den Polnischen Krieg mit behandeln. Ich borgte auf mein Gütgen, so viel ich
kriegen kunte, mundirte unterschiedene Soldaten aus, und ging damit fort. Ich
muss gestehn, dass ich so unangenehm nicht war, aber ich fand alsobald einen
Knoten, dass in Polen keine Lust wäre, als in Teutschland. Es waren keine solche
Dörffer die man exeqviren könnte, und traff man ein Nest voll Bauern an, so waren
die Schelmen so bosshaftig, dass sie sich eher das Hertz aus dem Leibe reissen
liessen, ehe sie einem ehrlichen Manne etwas auf die Reise spendiret hätten.
Doch dass ich es kurtz mache, so will ich mein hauptsächliches Unglück erzählen.
In Warschau wollte ich einmal recht versuchen, wie die Tornische Pfefferkuchen
zu dem Polnischen Brandtewein schmeckten, und mochte die Probe zu scharff getan
haben, dass ich ganz truncken worden. In solcher vollen Weise gerate ich an
einen Polnischen Edelman, der mit in Schwedischen Diensten war, der verstehts
unrecht, und langt mir eines mit seinem Sebel über den rechten Arm, dass wenn
mein Collet nicht etwas aussgehalten hätte, ich unstreitig des Todes gewesen
wäre. Da lag ich nun vor einen todten Mann, und liess mich endlich nach Toren
führen, da ich durch einen Kauffmann einen Wechsel nach dem andern zahlen liess,
biss mein Gütgen hin war. Ich kam zwar wieder auf: doch ist mir die Hand
geschwunden, und wenn schwere Monat kommen, so fühle ich grosse Schmertzen oben
in der Achsel. Nun placke ich mich herumb und muss von blossen Gnadengeldern
kümmerlich und elend gnug meinen Leib ernehren. Ach bin ich nicht ein Narr
gewesen, ach hätte ich meinen Eltern gefolgt; Ach wäre ich das andermahl zu
Hause blieben, ach sollte ich ietzt die viertzig Jahr noch einmal leben, ach ich
wollte kein solcher Narr sein.
    Der Dritte hatte gedultig zugehöret, nun traff ihn die Reih, dass er reden
sollte, der sagte: ach ihr Herren, nehmet mich auch mit in eure Gesellschaft,
ich bin ja so ein grosser Narr gewesen, als vielleicht keiner von euch. Mein
Vater war ein vornehmer Advocat, der dachte, weil ich sein eintzig Kind wäre,
müste er mich in sonderlicher Wartung halten, dass ich nicht etwan stürbe, und
der Welt so eine angelegene Person entziehen möchte. Ich tat was ich wollte,
kein Nachbars Kind war vor mir sicher, ich schlug es an den Hals, die
Informatores sassen wie Schaubhütgen vor mir, das Gesinde musste meinen Willen
tun, er selbst der Vater musste sich von mir regieren lassen: Ich war kaum drei
Jahr, so hatte ich einen Degen an der Seite: Im achten Jahre kauffte mir der
Vater ein Pferdgen, etwan so gross als ein Windhund, das lernte ich nach aller
Hertzens-Lust tummeln: Im zehenden Jahr hatte ich schon ein seiden Ehren-Kleid,
darin ich konnte zur Hochzeit gehen. Im zwölfften Jahre dachte ich, es wäre eine
Schande, wann ich keine Liebste hätte. Aber in der ganzen Zeit durffte ich
nichts lernen oder vornehmen. Ein Præceptor musste deshalben von uns fort, dass er
mich mit dem Catechismo so sehr gebrühet. Ein ander kriegte den Abschied, weil
er behaupten wollen, ich müste in dem zehenden Jahre Mensa conjugiren können.
Wieder ein ander ward mit der Tür vor den Hindersten geschlagen, weil er
vorgab, ich sollte nicht mehr bei der jungen Magd im Bette liegen, bei welcher
ich doch von langer Zeit gewohnt war. Mit einem Worte viel zu begreiffen, wer
mich anrührete, der tastete meines Vaters Augapffel an. Endlich schämte ich mich
einen Præceptor zu haben, da kriegt ich einen Hoffmeister, der hiess mich
Monsieur, der nahm mich mit zum Schmause, und perfectionirte mich, dass ich pro
hic & nunc ein vollkommener Juncker war. Im 18. Jahre starb mein Vater, da
war Herrligkeit. Sie wollten mir einen Curator setzen, aber ich fieng Händel mit
ihm an, und schlug ihm ein paar Pistolen um den Kopff. Ich dachte, ich wäre
yperklug, meinen Stand ausszuführen. Nun war es nicht ohne, mein Vater hatte so
viel Causen gemacht, dass ich von den Capitalien wohl hätte leben können. Aber
ich meinte, ich müste dreimal prächtiger leben als er, ungeacht ich nicht den
zehenden Teil erwerben konnte. Da fanden sich viel gute Freunde, die mir einen
Schmauss nach dem andern aussführten, und ich hatte alle Freude daran; ja ich liess
michs verdriessen, wann mir einen Abend weniger als 10. Taler auffgingen. Alles
ging vom besten, wenn mir der Weinschencke 3. Nössel sechs Groschen Wein
schickte, hätte ich mich geschämt, dass ich ihm nicht vor zwei Kannen zehen
Groschen Wein bezahlet hätte; die Lerchen ass ich nicht eher, als biss eine Mandel
im Weinkeller 20. Groschen galt, die Gänse schmackten mir ümb Pfingsten vor
einen halben Taler am besten, und ich weiss wohl eh, dass ich vor einen
gebratenen Hasen 2. Gülden bezahlet habe. Ich wollte mich einmal mit dem
Gastwirte schlagen, dass er vor mich und vier Gäste 9. Tal. forderte, da ich
die guten Freunde gern vor 18. Tal. tractirt hätte. In Kleidern hielt ich mich
polit, die daffete Wämser und Kappen liess ich nicht füttern, es hätte sonst ein
Töpffgen-Stutzer gemeint, ich wollte es mit der Zeit wenden lassen. Wann das Band
etwas zusammen gelauffen war, mochte es mein Famulus abtrennen. Dann der
Kauffmann creditirte schon aufs neue, und was der Eitelkeiten mehr sein. Das
wusste die ganze Stadt, dass ich ein perfecter Narr war, und ich werde es meine
Lebtage nicht vergessen, was mein Beichtvater zu mir sagte: Ach Hänsgen, sprach
er, wie will das ablauffen, ach bestellt den Bettelstab, weil ihr Geld habt,
sonst werdet ihr einen Knittel von der ersten Weide abschneiden müssen. Ja wohl,
ich habe ihn gar zu oft abschneiden müssen. Dann ob sich zwar die Obrigkeit ins
Mittel schlug, und mir als einem vertulichen Menschen nichts folgen liess, war
es doch zu lang geharret, und ich hatte doch nichts anders gelernet, als böses
tun. Uber diss kunten sie mir meine notdürfftige Unterhaltung nicht wehren, dass
ich also mein ganzes Reichtum durchbracht, biss auf 200. Gülden, ehe ich 23.
Jahr alt war, darauff sollte ich nun in der Welt fort kommen, und wohl gar eine
Frau nehmen. Auf die letzt trat mich zwar die schwartze Kuh, aber zu spät, ich
wusste nicht wohin, meine Freunde hätten mich gern befördert, aber ich hätte
lieber einen Dienst gehabt, da ich einen Sammetpeltz alle Tage anziehen, und in
sechs Tagen kaum eine Stunde arbeiten dörffen. Gewiss ich wunderte mich von
Hertzen, dass so wenig Leute waren, welche Müssiggänger brauchten. Zwar ich begunt
es allmehlig näher zu geben. Und wie die liebe Not gar zu gross ward, liess ich
mich bei einem von Adel in Dienste ein. Er sagte zwar, ich sollte sein
Sekretarius heissen, aber wann ich vom Pferde fiel, so stund ein Schreiber und
Tafeldecker wieder auf, da ward mir wieder eingeschenckt, was ich an meinem
Vater verschuldet hatte. Die Frau schickte mich bald da bald dortin, die Kinder
begossen mich mit Wasser, das Gesinde setzte mir Eselsohren auf, kurtz von der
Sache zu reden, ich war der Narr von Haus. Es tat mir zwar unerhört bange: Aber
was solt ich tun, ich wusste nirgend hin, ohne Unterhalt konnte ich nicht leben,
also hiess es mit mir lieber ein Narr, als Hungers gestorben. Doch dass ich auf
meine rechte Torheit komme, so hatte der von Adel 2. Pfarrs-Töchter bei sich,
derer Eltern gestorben waren. Eine zwar ziemlich bei Jahren, zum wenigsten auf
einer Seite 18. biss 19. Jahr, und allem Ansehen nach, mochte sie wohl wissen,
was für ein Unterscheid zwischen einem gemeinen und einem Edelmann wäre. Die
andere war kaum 16. Jahr alt, und hatte so ein niedlich Gesichte, und so
freundliche Minen, dass auch ein steinern Hertze sich nur durch ihre
Freundligkeit bewegen lassen. Weil ich nun des courtoisirens schon lang gewohnt
war, dacht ich, da würde auch ein Füttergen unter mein Beltzgen sein. Ich fieng
erstlich von weitläufftigen Sachen an zu reden, und gedachte, sie würde mit mir
gewohnt werden, dass ich sie umb was anders desto kühner ansprechen dürffte, doch
weiss ich nicht, wie sie so kaltsinnig gegen mir war. Endlich nach 9. oder 10.
Wochen merckte ich dass sie lustiger ward. Sie grüste mich freundlich, sie
brachte mir wohl ein Sträussgen, und fragte mich, wie mir es gienge. Ja was noch
mehr ist, als ich sie küssen wollte, sagte sie, ich sollte sie ietzt mit frieden
lassen, ich wüste wohl wo die Possen hingehörten. Damit war ich gefangen, ich
præsentirte meinen Dienst mit der ganzen Schule an, und befand, dass ich bei dem
Mädgen noch weiter von solchen Sachen reden möchte. Kurtz, wir bestellten
einander auf den Abend umb 10. in eine Gastkammer, und damit war es richtig. Ich
versäumte die Zeit nicht, fand auch die Liebste schon in der Kammer, doch ohne
Licht, dann sie gab vor, es möchte iemand des ungewöhnlichen Lichtes an dem
Fenster gewahr werden. Und darzu bat sie mich, wir möchten nicht zu viel reden,
weil der Schall leicht könnte von übel passionirten Personen auffgefangen werden.
Ich liess mir alles gefallen, und stelle es einem iedweden zu reiffem Nachdencken
anheim, was darnach mag vorgelauffen sein: Aber die Lust währete nicht lange, so
kam der Edelmann mit mehr als 20. Mann in die Kammer hinein, und wollte wissen,
was ich hier zu schaffen hätte: Ich war von Erschrecken eingenommen, dass ich
nicht achtung gab, wer bei mir läge. Doch kont ich mit stillschweigen wenig
ausrichten, weil der Juncker mit dem blossen Degen mir auf den Leib kam, da
erschrack ich vor dem kalten Eysen, und wollte ein bissgen Trost bei meiner
Liebsten schöpffen: sieh da so war es nicht das junge artige Mädgen, sondern die
alte garstige Emerentze, die lachte mich über einen Zahn so freundlich an, dass
man alle eilffe davon sehen kunte. Ey, ei, wer war elender als ich: Und fürwar,
es hat mich oft getauert, dass ich mich nicht habe todt stechen lassen. Doch
dazumahl war mir das Leben lieb, dass ich, alles Unglück zu vermeiden, mich
gefangen gab, und auch in die Trauung einwilligte. Da sass ich nun mit meiner
Gemahlin, und hätte mich gern zu frieden gegeben, wann ich nur, wie Jacob die
Junge auch noch hohlen dürffen. So merckte ich, dass es mit mir hiess, O ho Bauer!
lass die Rösslein stahn, sie gehören für einen Edelmann. Was sollte ich aber für
Nahrung anfangen, graben mocht ich nicht, so schämte ich mich zu betteln, drum
musste ich mit einem geringen Verwalterdienstgen vorlieb nehmen, von welchem diss
accidens war, dass ich die Mahlzeit bei Hofe mit haben sollte. Ich liess es gut
sein, und legte mich mit meiner alten Schachtel alle Abend zu Bette, als hätte
ich die Junge nie lieb gehabt. Doch war diss meine Plage, dass ich allen Gästen
Gesellschaft leisten musste, dann wer Lust zu sauffen hatte, dem sollte ich zu
Gefallen das Tannzapffen-Bier in den Leib giessen, davon ward ich endlich so
ungesund, dass ich meinem Leibe keinen Rat wusste, zu grossen Glücke kam eine
Rechts Sache zu Ende, davon ich 2000. Tl. participirte, und meine alte Kachel
starb in Kindesnöten. Also ward ich wieder frei, und behelffe mich nunmehr auf
mein Geld so gut ich kann. Aber ach! bin ich nicht ein Narr gewesen, ach hätt ich
einen Curator angenommen, ach hätte ich was rechtes gelernet, ach könnte ich
ietzt dreissig Jahr jünger werden!
 
                                   CAP. VII.
Florindo hatte alle die Erzehlungen mit grosser Lust angehöret, Gelanor auch
liess sich die artlichen Begebenheiten nicht übel gefallen, doch hatte dieser
etliche Lehren darüber abgefast welche dem Florindo ganz in geheim communicirt
worden, also dass kein Mensch solcher biss auf diese Stunde habhaft werden kann.
Derhalben wird der geneigte Leser auch zu frieden sein, dass hier etwas mit
Stillschweigen übergangen wird. Es möchten sich etliche Leute der Sache
annehmen, die man nicht gern erzürnen will: Und wer will sich an allen alten
Gasconiern das Maul verbrennen. Wir gehen in unserer Erzehlung fort, und geben
unsern narrenbegierigen Personen das Geleite. Diese hatten sich auf des Wirts
Einraten in einen berühmten Lustgarten verfügt, und wollten die Herrligkeit
desselben Ortes auch mitnehmen. Aber Gelanor sagte den halben Teil von seinen
Gedanken nicht, dann so oft der Gärtner mit seinen frembden Gewächsen
herpralte, wie eines 10. das andere 20. das dritte 50. das vierdte gar hundert
Taler zu stehen käme, hielt er allzeit eine schlechte Feldblume dargegen, die
an vielen Stücken, sonderlich in Medicinischer Würckung weit besser war, und
machte den Schluss: STULTITIAM PATIUNTUR OPES. Doch sagte er nichts laut, weil
ihm als einem Narren-Probirer wohl bewust war, dass kein ärger Narr in der Welt
sei, als der alles sage, was er dencke. Immittelst erblickte er einen Mann,
welcher in der Galerie spazieren ging, und dem äusserlichen Ansehen nach vor
einen stattlichen Minister bei Hofe passiren möchte, zu diesem verfügte er sich,
und fieng von einem und dem andern an zu reden, vornehmlich verwunderten sie
sich über die arbeitsame Natur, welche dem Menschlichen Fleisse sich so
untertänig macht, dass alle Rosen, Nelcken und andere Blumen, welche sonst mit
wenig Blättern hervor kommen, durch fleissiges und ordentliches Fortsetzen leicht
vollgefüllt, und zu einer ungemeinen Grösse gebracht werden. Von solchen
natürlichen Dingen gerieten sie auf Politische Fragen, und Weil sich Gelanor in
dieses unbekandten gute Qualitäten etwas verliebete, giengen sie zusammen in das
Garten-Haus, und setzten sich in den Schatten, da druckte dieser frembde Gast
los, wer er wäre, und führte folgenden Discurs. Es ist eine wunderliche Sache,
dass man dem Glücke in dieser Welt so viel nachgeben muss; wie mancher zeucht von
einem Orte zum andern, und sucht Beförderung, doch weil er den Zweck nicht in
acht nimmt, darauff sein Glücke ziehlt, geht alles den Krebsgang. Hingegen wer
dem Glücke gleichsam in die prædestination hinein rennt, der mag es so närrisch
und so plump vornehmen, als er will, so muss er doch erhoben, und vielen andern
vorgezogen werden. Wie viel habe ich gekennt, die wollten entweder auf ihrer
Eltern Einraten, oder auch wohl auf ihr eigen plaisir Teologiam studiren:
allein es geriet ins Stecken, biss sie das Studium Juris vor die Hand nahmen,
darzu sie von dem Glücke waren gewidmet worden. Und alsdann musste man sich
verwundern, wie alles so glücklich und gesegnet war. Andere haben die Medicin
ergriffen, welche bei der Juristerei verdorben wären, und was ist gemeiner, als
dass ein Mensch, der mit Gewalt will einen Gelährten bedeuten, sich hernach in
das Bierbrauen, in die Handlung, in den Ackerbau und in andere Handtierungen
stecken muss, welcher ohn allen Zweiffel besser getan hätte, wann er Anfangs dem
Glücke wäre entgegen gangen. Und gewiss, ist iemand auf der Welt, der solches an
seiner eigenen Person erfahren hat, so kann ich wohl sagen, dass er mir nicht viel
nehmen soll. Ich war von Luterischen Eltern geboren und erzogen, vermeinte
auch, ich wollte bei eben derselben Religion leben und sterben. Allein wie mir
das Glücke dabei zuwider gewesen, kann ich nicht sagen. Numehr als ich auf
Zureden vornehmer und verständiger Leute zu der Catolischen Religion
geschritten bin, hab ich noch nichts unter die Hände bekommen, dass mir nicht
mehr als erwünscht wäre von statten gangen. Ich habe mein reichlich und
überflüssig Ausskommen, ich sitze in meinem Ehrenstande, und welches das beste
ist, so darff ich nicht befürchten, als möchte die Zeit schlimmer werden.
Solches alles nun muss ich dem blossen Glücke zuschreiben, welches mich bei
keiner andern Religion will gesegnet wissen. Gelanor wollte auch etwas darbei
geredt haben, drumb sagte er: Es wäre nicht ohne, der Menschen Glücke hielte
seinen verborgenen Lauff, doch meinte er, man müsse die endliche direction
solcher wunderbahren Fälle GOtt zuschreiben, welcher das Gemüte durch allerhand
heimliche inclinationes dahin zu lencken pflegte, dass man offtermahls nicht
wisse, warumb einer zu diesem, der andere zu jenem Lust habe. Was aber die
Religion betreffe, meinte er nicht, dass man mit so einem göttlichen Wercke gar
zu liederlich spielen sollte. Ey, versetzte der Weltmann, was soll man spielen,
die Sache ist noch streitig, und so lange nichts gewisses erwiesen wird, bleibt
die Catol. als die älteste, noch immer in possessione. Und darzu, man sehe nur
was die Luterische Lehre denen von Adel vor Herrligkeit macht. Sie heiraten
alle und vermehren sich wie die Ameisshauffen, und gleichwohl vermehren sich die
Güter nicht, ich lobe es bei den Catolischen, da gibt es stattliche præbenden,
die werden denen von Adel eingeräumt, und bleiben indessen die Lehngüter
unzertrent; dürffen die Geistlichen nicht heiraten, so haben sie andere
Gelegenheit, dabei sie die Lust des Ehstandes geniessen, und der Plage überhoben
sein. So höre ich wohl, antwortete Gelanor, man lebt nur darumb in der Welt, dass
man will reich werden. Mich dünckt, das ist ein starck Argument wider die
Catolischen, dass sie gar zu gross Glücke haben. Und er wird ohn Zweifel den
Spruch Christi gelesen haben: wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das ihre
lieb, weil ihr aber nicht von der Welt seid, so hasset euch die Welt. Derhalben
schätze ich die vor glückselig, welche durch viel Trübsal in das Reich Gottes
eingehen, und also nach Christi Befehl am ersten nach demselben Reich Gottes
trachten. Es hat sich wohl getracht, fieng jener hingegen an, wann man seinen
Stand führen soll, und hat nichts darzu. Gelanor fragte, welche Luterische von
Adel hungers gestorben wären? sagte darbei, er könne nicht läugnen, dass etlichen
das liebe Armut nahe genug wäre: doch wollte er hoffen, die Catolischen
Edelleute würden auch ihre Goldgülden nicht mit lauter Kornsäcken aussmessen, es
wäre eine andere Ursache, dadurch die Meisten in Armut gerieten. Dann da
hielte man es für eine Schande, auf bürgerliche Manier Geld zu verdienen, und
wann ja etliche das Studiren so hoch schätzten, dass sie dadurch meinten empor zu
kommen, so wären hingegen etliche hundert, die nichts könten als Fische fangen
und Vogel stellen. Derhalben wäre auch die Republic nicht schuldig, ihnen
grössere Unterhalt zu schaffen, als den Fischern und Vogelstellern zukäme. Mit
dem Geschlechte und dessen fortpflantzung hätte es ja seinen Ruhm: doch würden
die Ahnen nur geschimpfft, wann man ihre Wappen, und nicht ihre Tugenden
zugleich erben wollte. Man sollte auch nur in andere Republicqven sehen, wie sich
die von Adel weder der Kauffmanschaft noch der Feder schämeten, der Hertzog von
Churland, der Gross-Hertzog von Florentz, ja die Venetianisch- und Genuesischen
Patritii würden durch ihre Kauffschiffe im minsten nicht geringer; Und sie
selbst, bei den Catolischen, machten aus ihren Grafen und Hn. Doctores und
Professores. Dem guten Herrn wollte die Rede nicht in den Kopff, stund derhalben
auf, mit vorgeben, er müsse notwendig einem andern hohen Prælaten auffwarten,
recommendirte sich in seine Gunst, bat alles wohl auffzunehmen, und ging
hiermit zum Garten hinaus. Da liess nun Gelanor seine Gedancken etwas freier
heraus, ach sagte er, ist diss nicht Blindheit, dass, ehe man sich etwas drücken
und bücken wollte, man lieber Gott und Himmel vor eine Hand voll Eitelkeit
versetzen und verkauffen darff. Gesetzt die Catolische Lehre wäre so schlim
nicht, dass alle in derselben sollen verdammt sein: so frage ich doch, ob ein
solcher abgefallener Sausewind nicht in seinem Gewissen einen Scrupel befinde,
der ihm die Sache schwer mache. Dann die Lehre, darin er gelebt hat, kann er
nicht verdammen. Und gleichwohl gehört ein grosser Glaube darzu, zwei
gegenstreitende Sachen gleich gut zu heissen, Conscientia dubia nihil est
faciendum. Endlich was den Handel am schlimsten macht, so nehmen sie ja die
Enderung nit etwan vor, Gottes Ehre zu befördern, oder ihre Seligkeit gewisser
zu machen: sondern weil sie meinen, ihre zeitliche Glückseligkeit bestens
ausszuführen, das ist mit derben deutschen Worten so viel gesagt, weil sie an
Gottes Vorsorge verzweiffeln, als sei er nicht so Allmächtig, dass er einen in
der armseligen Religion ernehren könnte, nun überlege man den schönen Wechsel.
Ein Kind wird aussgelacht, wann es nach einem Apffel greifft, und einen Rosenobel
liegen läst. Eine Sau ist darum eine Sau, weil sie den Majoran veracht, und mit
dem Rüssel in alle weiche materie fährt. Aber der will vor einen klugen und
hochverständigen Menschen gehalten sein, der das Ewige verwirfft, und auf das
Zeitliche sieht, welches in lauter kurtzen Augenblicken besteht, die uns eher
unter den Händen entwischen, als wir sie recht erkennet haben. Doch wer will
sich wundern, Christus hat die Torheit alle zuvor gesehen, drum sagt er auch:
das Evangelium sei den Unmündigen offenbahret, aber den Klugen und Weisen
verborgen.
                                   CAP. VIII.
Hierauf giengen sie wieder nach Hause, und als sie kaum in ihr Zimmer kommen,
fragten etliche Kerlen von geringem Ansehen, ob sie nicht könten beherberget
werden, sie wollten gern eine Mahlzeit essen; der Wirt satzte sie an einen Tisch
bei der Hausstür, und gab ihnen so lang etliche Kannen Bier, biss sie etwas zu
essen kriegten. Gelanor, der mit Verlangen auf die Mahlzeit wartete, sah von
oben auf sie hinunter, und hörete, was sie vor Gespräche führen würden. Ja wohl,
sagte einer, ist es eine stattliche Sache, wer viel baar Geld hat, ich wollte,
ich fände einmal einen Schatz von zehn bis zwölff tausend Talern. Ja Bruder,
sagte der ander, was fängt man ietziger Zeit mit dem baaren Gelde an? Hoho,
antwortete jener, da lass mich davor sorgen, sind nicht wächselbäncke genug, da
man es hinlegen kann. Ja fragte der, wo kömmt man also bald unter, und es ist
ungewiss, ob sie drittalb pro cento geben. Es scheinet auch, als wann die Bäncke
wollten ihren credit allmehlig verlieren, was hätte man darnach, wann das schöne
Capital auf einmal vor die Hunde gienge. Dieser Axt weiss ich schon einen Stiel,
replicirte der erste, man darff nicht so ein Narr sein, und alles an einen Ort
stecken, hie Tausend Taler, dort tausend Taler, so müste es S. Velten gar
sein, dass man allentalben auf einmal geschnellt würde. Aber wie wäre es, sagte
der ander, wann du es an was anlägest, wann ich an deiner Stelle wäre, ich
kauffte ein Stücke gut, gäbe ein starck Angeld, liesse mir hernach die
Tagezeiten desto gnädiger machen, dass ich sie halb und halb von dem Gute nehmen
könnte. Ach Bruder, gab der zur Antwort, man sieht ja, was itzo die Güter
abwerffen, der Ackerbau trägt nichts, die Viehzucht ist auch gar ins Abnehmen
geraten, hätte ich Teiche, und käme mir der Fischotter hinein, so hätte ich
auch drei oder vier Jahr ümbsonst gehofft, zwar wenn trockene Zinsen dabei
wären, so wäre es gut; aber wer findet flugs ein Gut, das solche
Pertinentz-Stücke hat. Mit Holtzungen ists auch ein eben Tun, wann ein grosser
Wind käme, und risse die Helffte von den Bäumen aus, so hätte ich meinen Nutz.
Oder wenn ich einen bösen Nachbarn hätte, der mir sein Vieh auf die jungen
Bäumgen triebe, und liesse mir die Lohden wegfressen, so sollte ich wohl funffzig
Jahr warten, biss ich wieder Holtz kriegte. Das sollte mir der Nachbar wohl
bleiben lassen, sagte der ander, ich wollte ihm einen Advocaten über den Hals
führen, dass er des Hütens vergessen sollte: oder genauer davon zu kommen, ich
wollte ihn pfänden, dass er nicht einen Kälberfuss sollte zurück bekommen: was
sollten die Possen, wann einer möchte dem andern zu Schaden handtieren wie er
nur selber wollte. Nein das muss nicht sein, es ist noch Gerechtigkeit im Lande,
dahin man appelliren kann. Solche Worte stiess der gute Mensch aus allem Eifer
herfür, und gewisslich, wenn der Kühhirte ihm wäre in den Wurff kommen, er hätte
sich an ihm vergriffen. Doch war es umb einen Trunck Bier zu tun, damit war das
ungeheure Zorn-feuer gelöscht, und der Discurs hatte seinen Fortgang: denn da
sagte eben dieser: höre Bruder, was mir einfällt, ein Landgut stünde dir doch am
besten an, ich weiss wie du es köntest nutzbar machen. Lass eine grosse Grube
graben, darein schütte allen Unflat, der im Hause gesamlet wird: Und sieh in
etlichen Jahren darnach, ob nicht lauter Salpeter wird da sein. Da lass nun eine
Salpeter-Hütte bauen, und verlege etliche Materialisten, es ist darum zu tun,
dass du das Pfund umb 4. Pfennige wolfeiler gebest. Ey, sagte jener, was fragte
ich nach dem Dreckhandel, ich lasse mich doch zu keinem Landgute bringen, du
magst reden was du wilst, es ist allzeit in der Stadt bequemer, da will ich mir
lassen ein Haus bauen, mit schönen Erckern, mit grossen Sälen, mit zierlichen
Kammern, Summa Summarum, es soll sich kein Fürst schämen darinnen zu wohnen, nur
einen grossen Kummer hab ich, darvor ich bissweilen die Nacht nicht schlaffen
kann: Ich weiss nit, wo ich die Feuermauer und das Secret recht anbringe. Nun es
wird sich schon schicken, sagte dieser, ich wollte das Haus wäre fertig, und du
hättest mir eine Stube drinnen vermietet; du würdest doch discret sein, und
würdest mich mit dem Zinss nicht zu sehr forciren. Dis gefiel dem andern nit, der
wandte ein, der Zinss müste alle Ostern und Michaelis gefällig sein, sonst möchte
er es nicht einmal tun. Und in solchem Streit gerieten die guten Leute von
Worten zu Schlägen, dass dem Wirt angst und bange war, wie er Friede machen
könnte, dass der Richter nichts davon kriegte. Gelanor hatte inzwischen treffliche
Ergötzligkeit gehabt, und erzehlte bei Tische, woher sich der ganze Streit
entsponnen, fügte so dann diese Anmerckung hinzu. Sind das nicht Narren, die auf
eine ungewisse und wohl gar unmögliche Sache so grosse Lufft-Schlösser bauen? Da
bekümmern sie sich umb den Schatz, den sie nimmermehr finden werden, und
versäumen hingegen ihre eigene Sachen, darauff sie dencken sollten. Zwar man
sollte nicht meinen, dass die Welt so gar blind wäre, wenn nicht die sichtbaren
Exempel mit den Händen zu ergreiffen wären. Da heist es, ie hätt ich, ie dürfft
ich, ie könt ich, ie solt ich. Und kein Narr sieht auf das jenige, was er schon
hat, was er tun darff, was er kann und soll. Vielleicht müssen wir im Hause
einen Tisch noch hinan schieben, wann alle solche Lufftspringer sollten
mitgespeiset werden. Dann die Welt ist solcher Wünsche voll, und dencket, ob mir
es gleich nicht werden kann, hab ich doch meine Lust daran. Mit andern
dergleichen Gesprächen ward der Tag zugebracht, also dass keine sonderliche
Torheit auffs neue vorlieff, welche man hätte hauptsächlich belachen sollen.
 
                                    CAP. IX.
Den andern Morgen ging Gelanor in seiner Stuben hin und wieder, und weil ein
Schubkästgen unten am Tische war, trieb ihn seine Curiosität zu sehen, was
drinnen wäre. Nun waren allerhand Rechnungen und andere Acta drinnen verwahret,
an welchen man schlechte Ergetzligkeit haben kunte, dass auch Gelanor den Kasten
wieder hinein schieben wollte. Allein Florindo ward eins Seitenkästgens gewahr,
und als er solches öffnete, lagen etliche Brieffe mit Bändergen und bunter Seide
bewunden, dass man leicht schliessen mochte, es würden Liebes Brieffe sein. Sie
waren auch in solcher Meinung nicht betrogen, denn also lauteten die
hertzbrechende Complimentir-Schreiben:
                               Der erste Brieff.
        Mein Herr etc.
Sein Schreiben habe ich wohl gelesen; ersehe, dass er aus seiner überflüssigen
Höflichkeit mir solche Sachen zuschreibet, deren ich mich nicht anmassen darf:
Doch nehme ich alles an, nicht anders, als eine günstige Erinnerung, wie
nehmlich dieselbe solle beschaffen sein, welche sich dermahl eins seiner
Affection werde zu rühmen haben. Ich verbleibe inzwischen in den Schrancken
meiner Demut, und verwundere mich über die Tugenden, welche ich nicht verdienen
kann. Und zwar diss alles in Qvalität.
                                     Seine
                        getreue Dienerin
                                                                      Amaryllis.
In Wahrheit sagte Florindo, mit diesem Frauenzimmer möchte ich selbst Brieffe
wechseln, so gar zierlich und kurtz kann sie ein Complimentgen abstechen, also
dass man weder ihre Höflichkeit tadeln, noch aus ihrer Freimütigkeit einige Liebe
öffentlich schliessen kann.
                               Der andre Brieff.
        Mein Herr, etc.
So oft ich seine Hand erblicke, so oft muss ich mich über meine Gebrechligkeit
betrüben, welche mir nicht zuläst, dass ich seinen Lobes-Erhebungen statt geben
kann. Und in Warheit, ich zweifle oft, ob der Brieff eben mich angehe, und ob
nicht eine andere mich eines unbilligen Raubes beschuldigen werde, welche diese
angenehme Zeilen mit besserem Rechte sollte gelesen haben. Geschicht diss, so leb
ich der gewissen Hoffnung, er werde mich helffen entschuldigen und den Irrtumb
der Aussschrifft das Versehen beschützen lassen, alsdenn werde ich mit doppelter
Schuldigkeit heissen
                                     Seine
                                                                            N.N.
    Das heist bei der Nasen herumb geführt, sagte Gelanor, man mag die Worte
ausslegen wie man will, so heist alles, wasche mir den Peltz und mache mir ihn
nicht nass. Ich halte davor, dass sie eine von den qualificirtesten Personen sein
muss.
                               Der dritte Brieff.
        Mein Herr, etc.
Nunmehr will ich zugeben, dass auf dieser Welt nichts vollkommen ist, nachdem ich
in seiner vollkommenen Tugend, diese Unvollkommenheit befinde, dadurch er
veranlasst wird, mich höher zu loben, als ich verdient habe. Ob ich aber solche
Würckung der Liebe zuschreiben soll, kann ich eher nicht urteilen, als biss ich
durch seinen aussführlichen Bericht erfahre, was Liebe sei. Inzwischen lasse er
sich meine Kühnheit nicht missfallen, dass ich mich nenne
                          Meines unvollkommenen Herrn
                             unvollkommene Dienerin
                                                                      Amaryllis.
    Scheint doch der Brieff als ein halber Korb, sagte Florindo, ich wollte mir
dergleichen Zierligkeit nicht viel wünschen. Dem guten Menschen muss gewiss viel
daran gelegen sein, dass er Brieffe aussgewürckt, die nichts geheissen.
                              Der vierdte Brieff.
        Mein Herr, etc.
Ob sein Glück auf meiner Gunst beruhe, kann ich dannenhero schwerlich glauben,
weil er schon vor langer Zeit glückselig gewesen, ehe er das geringste von
meiner Person gewust. Doch trag ich mit seinem betrübten Zustande Mitleiden, dass
er mich umb etwas zu seiner Hülffe ansprechen muss, welches ich alsdenn geben
könnte, wenn ich es verstehen lernte. So weiss ich nicht, was Gunst oder Liebe
ist, und sehe auch nicht, welcher Gestalt man solche den Patienten beibringen
muss. So lange ich nun der Sachen ein Kind bin, muss ich wieder meinen Willen
heissen
                                     Seine
                        Dienstbegierig-ungehorsame
                        Dienerin
                                                                      Amaryllis.
    Gelanor sagte, wir kommen nicht aus dem Handel, wir müssen suchen, ob nicht
ein Concept vorhanden, welches der unglückselige Liebhaber stylisiret. Und zu
allem Glücke fanden sie etliche Bogen Papier, darauff die hertzbrechende
inventiones gestellt waren. Und sah man wohl, dass der gute Gümpel alle Worte
etlichemahl auf die Goldwage gelegt, weil hin und wieder etliche Zeilen mehr als
dreimal aussgestrichen waren. Also brachten sie auch mit genauer Not folgendes
zu wege.
        Schönste Gebieterin.
Glückselig ist der Tag, welcher durch das glutbeflammte Carfunckel Rad der
hellen Sonnen mich mit tausend süssen Strahlen begossen hat, als ich in dem
tieffen Meere meiner Unwürdigkeit, die köstliche Perle ihrer Tugend in der
Muschel ihrer Bekanntschaft gefunden habe, dazumahl lernte ich der Hoffart
einigen Dienst erweisen, in dem ich die schöne Himmels-Fackel mit verächtlichen
Augen ansah, gleich als wäre sie nicht würdig, bei dem hellblinckenden Lustfeuer
ihrer liebreitzenden Augen gleichscheinend sich einzustellen. Die Venus hat ihr
vorlängst den güldenen Apffel geschickt, und durch ihr eigenes Bekenntnis den
Ruhm der Schönheit auf sie geleget. Juno eiffert nun wieder mit ihrem Jupiter,
als möchte er sich auffs neue in etwas anders verwandeln und ihrer teilhaftig
werden. Diana will nicht mehr nackend baden, weil sie weiss, dass sie das Lob
ihres schneeweissen Leibes verloren hat. Apollo wünschet sie unter den Musen zu
haben, wenn das Verhängnis nicht den Schluss gemacht hätte, dass sie sollte lieben
und geliebt werden. Inzwischen freuen sich die Gratien, dass in ihrer angenehmen
Persohn alle Liebligkeit gleichsam als in einen Mittelpunct zusammen läufft.
Minerva schämet sich, dass sie in Tugendhaften Treffligkeiten nicht mehr die
vortrefflichste ist. Ach werteste Schöne, sie vergebe meinem Kiel, dass er die
Feuchtigkeit seines Schnabels an ihrem Ruhm wetzen will. Hier ward Gelanor
ungeduldig, und warff das Papier an seinen Ort. Es verlohnt sich nicht der Müh,
sagte er, dass wir über dem Ratten-Pulver die kalte Pisse kriegen. Nun muss ich
erst das Frauenzimmer loben, dass sie dergleichen abgeschmackte Narrenpossen mit
so einer höflichen Freundligkeit hat auffnehmen und beantworten können. Ich
hätte so einen höltzernen Peter gleich in den Kuhstall gewiesen, da hätte er
seine Liebes-Gedancken in die Pflaster-Steine eindrücken mögen. Doch ist es
nicht eine Torheit, sagte er weiter, dass ein junger Mensch mit solchen
Eitelkeiten kann schwanger gehen. Da fressen sie den Narren an einer Person, und
wissen darnach nicht, was sie haben wollen; sie lauffen und wissen nicht wohin,
drum ist es auch kein Wunder, dass solche schöne Brieffe an den Tag kommen, die
keinen Verstand in sich haben. Ich weiss nicht wer der verliebte Schäferknabe
sein muss: aber das will ich mich verwetten, er soll selbst nicht verstehen, was
der Brieff heissen soll. Und also wird es wahr; Stultus agit sine fine. Florindo
hörete es mit an, und furchte sich, der Hoffmeister möchte eine Application
machen auf das Liebes-Brieffgen, welchen er neulich von seiner Liebsten
erhalten. Drum machte er eine division und suchte das Papier wieder hervor,
begehrende, Gelanor möchte doch weiter nachsuchen. Es war aber so untereinander
geschmiert, auch so oft verändert, dass man schwerlich etwas daraus nehmen
konnte. Eines war noch mit Müh und Not zu lesen, welches auch Gelanor mit seinen
Glossen vermehrte, wie folget:
    Schöne Grausame, deswegen heist sie grausam, weil sie aus seinen confusen
Schreiben nicht erraten kann, was der Narr haben will: Es wundert mich, dass er
nicht geschrieben: schönes Ungetüm oder schöne Bestie.
    Nach dem ich in dem Spittal einer ungewissen Hoffnung kranck liege, und die
Schmertzen der Verzweiffelung alle Tage zunehmen, wird es umb mich geschehen
sein, wo ich das Pflaster ihrer Gunst und ungefärbten Liebe nicht umb meine
lächzende und durstige Seele schlagen darff. Hans spann an und führe den Kerl in
den Narren-Spittal. Sind das nicht Worte, und wird die angefangene allegorie
nicht schön aussgeführt? Denn eben darumb wird ein Pflaster auffgelegt, dass man
den Durst vertreiben will. O du elender Brieffsteller! wie viel Ursachen hast du
zu verzweifeln? Es geht fast wie beim Poeten steht:
Ich weiss nicht was ich will, ich will nicht was ich weiss
Im Sommer ist mir kalt, im Winter ist mir heiss.
Denn was hast du zu hoffen, was wilst du verzweifeln, und was soll dich die
eitele Einbildung der Gegenliebe helffen? Doch weiter in den Text. Die
gehorsamsten Dienstleistungen welche ich ihrer Gotteit gewidmet habe, müssen in
meiner verliebten Seele sterben, in dem mir die Gelegenheit ermangelt solche
heraus zu lassen. Mich dünckt ich habe die hertzbrechende Complimente in einem
Buche gelesen, daraus der Liebhaber seine Invention wird aussgeschrieben haben.
Sonsten halt ich davor, es wird trefflich umb den Menschen stincken, wo die
Dienstleistungen alle in der Seele verfaulen sollen. Mein Rat wäre, er legte
sich eine Quantität von Bisemküchlein zu, damit er den übeln Geruch bei der
Liebsten verbergen könnte, dass es nicht hiesse, Jungfer riecht ihr was, es kömmt
von mir her. Ach wie glückselig wolt ich mein Verhängiss preisen, wenn ich als
ihr geringster Sclave, ihre Schuhbänder auffzuknüpfen gewürdiget, oder sonst
durch ihren hochmögenden Befehl in dero würckliche (werckliche) Dienste
angenommen würde. Pfuy über die Berenheuterei, ist dies nun die Höffligkeit
alle, dass ein Kerle, der den lieben GOtt dancken sollte, weil er ihn zu einem
Mannsbilde erschaffen, sich gleichwohl nicht schämet, einem schwachen Werckzeuge
fussfällig zuwerden. Pfuy dass man dir nicht die Fleischsuppe über den Grind herab
giessen soll. Ich liege vor ihren Füssen, habe ich durch meine Kühnheit
gesündiget, so trette sie mich: hab ich Mitleiden verdienet, so erzeige sie nur
durch ein sachtes Anrühren, dass ich Gnade erhalten habe. Ich will gerne sterben,
ich will gerne leben, sie erwehle nur, welches sie mir am liebsten gönnen will.
O du barmhertziger Courtisan! ist dir das sterben so nahe, und schreibst noch
Brieffe? Mein Rat wäre, du stürbest, und liessest dich per metempyxosin
Pytagoricam in dasselbe Bret verwandeln, welches die Liebste täglich mit dem
Hinterteil ihres Leibes zu beküssen pfleget. Sonst soltest du dich ehe zu tode
complimentiren, ehe du so weit kämest. Sie wollten weiter lesen: doch kam der
Haussknecht und ruffte zur Mahlzeit, da legten sie die Sachen an ihre Stelle, und
sagte Gelanor diese kurtze Lehre: Ach studiere davor, mein armer Kerle, als denn
wirst du ohne dergleichen Weitläuffigkeit Liebsten genug finden. Wilst du aber
ietzt lieb haben und die notwendigen Sachen versäumen, so will ich wetten, du
wirst einmal bei deinem Unverstande kein Mädgen antreffen, welches dir den
Hindern weisete. Bei Tische brachte er es nun durch weitläufftige Fragen herumb,
wer etwan vor diesem in der Stube gewohnet hätte, da sagte der Wirt, es hätte
sie ein Tantz-Meister gehabt, und wäre der junge Stutzer gegenüber gleichsam als
sein Stuben-Geselle gewesen, welcher auch unterschiedene Sachen, die seiner
Gross-Mutter Erbschaft betreffen, annoch oben verwahret hätte, aus Beisorge, der
Vater möchte ihm sonsten eine unangenehme Visitation anstellen. Damit hatte
Gelanor genug, und wunderte sich nicht mehr, warum der elende Galan die Gassen
auf und nieder gestutzt, ohn dass ie einer Jungfer wirklich zu gesprochen wäre.
Doch wollte er gerne das Frauen-Zimmer kennen, welche unter dem Nahmen Amaryllis
sich so manirlich bezeuget hatte. Drumb brachte er den Wirt besser auf die
Sprünge, und erfuhr nicht allein die Person, sondern hörte auch, es würde
ehistes Tages eine Zusammenkunft ihrentalben angestellet werden. Hiermit liess
er es gut sein, und sagte nur dieses darzu, er hoffe alsdenn das Glücke zuhaben,
mit so vornehmen Leuten bekand zu werden.
 
                                    CAP. X.
Nun war diese Compagnie niemahls müssig, sondern gebrauchten sich aller
Zeitvertreibung, welche an selbigem Orte frembden Personen zugelassen war Sie
unterliessen auch nicht alle närrische Actiones wohl zu observiren, doch würde
der geneigte Leser mit unserer Weitläufftigkeit nicht zufrieden sein, wenn wir
alle minutias allhier hätten einmischen wollen. Dannenhero wir auch verhoffen
entschuldiget zu sein, wofern wir das jenige nur kürtzlich erwähnen, welches
unserm Bedüncken nach, das merckwürdigste sein wird. Und daher wird die
obgedachte Jungfer Zusammenkunft notwendig müssen berühret werden, wenn wir
nur nur etlicher Händel, so vorhergangen, werden gedacht haben. Einmahl traff
Gelanor in der Kirche einen alten Bekandten an, mit welchem er vor diesem auf
Universitäten ganz vertraulich gelebt hatte. Von diesem liess er sich in ein
ander Wirts-haus nötigen, da er auch seinen Florindo Ehrenhalben mit nehmen
musste. Sie satzten sich, und liessen sich die Mahlzeit wohlbekommen. Unter
andern war ein Kerle bei Tische, der noch einen Fuchspeltz von Winters her am
Leibe hatte, und meinten die andern alle, er möchte gern ein Sommerkleid
angezogen haben, wenn es eines gehabt hätte. Nun wollten die andern Wein
trincken, und weil der Wirt keinen selbst im Keller hatte, legten die Gäste
zusammen und liessen hohlen. Als aber die Reih an den frostigen Peltz-Stutzer
kam, gab er vor, es wäre ihm von den Medicis verboten, Wein zu trincken, doch
damit sie nit meinten als wollte er sich der Compagnie entbrechen, so wollte er
gern sein Contingens mit beitragen, sie möchten es in Gottes-Namen ausstrincken,
damit warff er ein Goldstück von zehen bis zwölff Talern auf den Tisch, und
begehrte man sollte ihm heraus geben, aber die andern merckten bald, wie viel es
bei dem guten Menschen geschlagen, dass er leicht schliessen kunte, niemand würde
so unhöfflich sein, und irgend eines Ortstalers wegen, das schöne Stücke zu
wechseln begehren: drumb sagten sie, ein iedweder bezahle was er trincket,
beliebt einem nicht mit zutrincken, so wäre es auch nicht von nöten, Geld
zugeben, sie hätten schon so viel bei sich, dass sie die Unkosten tragen könten.
Damit grieff der Stutzer gar willig zu, und steckte den Goldfünckler wider in
seine Tasche, dass er dadurch ins künftige noch etliche mal möchte vom Geldgeben
erlöset werden. Der Wein ward in dessen gebracht, sie truncken herumb; doch
wollte der im Winterkleide nicht Bescheid tun, sondern nachdem er sich etliche
mahl bedancket, ging er davon. Gelanor fragte den Wirt, wer dies gewesen wäre,
der gab ihm diesen Bericht, es wäre ein reicher Kerle, der von seinem Vater mehr
als 30000. Reichs-Taler geerbet: Allein er wäre so karg und knickerhaftich,
dass er sich eher ein Haar aus dem Barte, als einen Zweier aus dem Beutel
vexieren liesse. Der Peltz were in der Erbschaft mit gewesen, diesen trüge er
nur, dass er kein Geld an ein Sommer-Kleid wenden dürffte. Ja er würde nimmermehr
so viel auf seinen Leib spendieren, dass er die Mahlzeit im Wirtshause esse. So
habe er eine Schuld auf dem Hause stehen, die also veraccordiret worden, dass er
sie abfressen müste: doch sei er so genau, dass, wenn er einen andern haben
könne, der ihm 4. Groschen gäbe, er indessen zu Hause vor einen Pfenning Brot in
Bier brockte, und das Essen darbte. Es käme oft, dass, wenn er Hoffnung hätte,
die Fresserei zu verhandeln, er die Mahlzeit zuvor etliche Stücke Brod
einsteckte, dass er das Brod zum einbrocken nicht bezahlen dürffte. Den
vergangenen Winter habe er sein Holtz verkaufft, und sei biss gegen Mittag im
Bette gelegen; hernach habe er den Tag in fremden Stuben zugebracht. Man könnte
auch seiner nicht los werden, als biss man Geld herumb geben wolle, da liesse er
sein Goldstück sehen, und wenn niemand wieder zu geben hätte, so suchte er
Gelegenheit wegzugehen. Er habe nicht weit auf dem Lande eine Schwester, die
schickte ihm bissweilen etwas von kalter Küche: aber er böte solches entweder der
Trödel-Frauen an, dass sie es umb ein lumpen Geld verschleppen müste: oder er
ässe so sparsam, dass gemeiniglich das meiste verdürbe. Da sagte einer, es wäre
noch Wunder, dass er eine Bier-Merte machen liesse. Ach sagte der Wirt, es ist
auch eine Merte, darauff ich sein Gast nicht sein will. Er hat Bier zu brauen:
Nun will er mit allen auf das teuerste hinaus, und gleichwohl läst er es an
Hopffen und Maltz allentalben fehlen, ja er geust den Kofent mit in die
Bier-Fässer. Da kann es nicht anders kommen, das elende Gesöffe muss ihm über dem
Halse bleiben. Und also kömmt das saure Bier an ihn, da wirfft er ein bissgen
Saltz hinein, krumelt Brod darzu, dass man die Seure nicht so hauptsächlich
schmecket: Neulich begieng er ein hauswirtisch Stücke, sagte der Wirt ferner,
da kam ihn eine Lust Wein zu trincken an, doch war ihm das Geld zu lieb. Drum
borgte er bei mir ein Wein-Fass darauf noch etliche Hefen waren, die ich sonst
weggegossen hätte. Darzu goss er Wasser, rührete es weidlich unter einander, gab
ihm darnach mit einem Nössel Brandtewein den Einschlag, welchen die Trödel-Frau
an statt baaren Geldes gebracht hatte. Daraus ward ein Tranck, er roch nicht wie
Wein, er sah nicht wie Wein, er schmackte nicht wie Wein, er wärmte nicht wie
Wein, und war doch Wein. Florindo, dem das Maul allezeit nach der Liebsten
wässerte, fragte, warum sich der wunderliche Kummpe nicht verheiratet hätte, so
könnte er oft ein gutes bissgen zurichten lassen, und dürffte dem Wirte nit
gleich vier Groschen davor bezahlen. Ja wohl, gab der Wirt zur Antwort, hätte
er die Courage, er will immer verhungern, weil er allein ist, was würde er tun,
wenn er heiraten sollte? Hencken könnte er sich nicht, denn die zween Pfennige
tauerten ihn, davor er den Strick kauffen müste. Vielleicht hungerte er sich
selbst zu Tode. Gelanor fragte, womit er denn die Zeit passirte? Mit Sorgen,
sagte der Wirt, denn es ist ihm alle Stunden leid, sein Geld möchte gestolen
werden, oder die Capitalia möchten caduc werden, oder es möchte sonst ein
Unglück kommen, das er nicht zurücke treiben könnte. Er behält zwar nicht über
dreissig Taler im Hause, es muss verliehen werden und Nutzen bringen, doch hat
er fast nichts zu tun, als dass er Geld zehlt, da hat er sich an einem
Dreiheller, dort an einem Vierpfenniger verrechnet, und wann man ihn umb einen
Spatziergang anspricht, so ist kein Mensch auf der Welt der mehr zutun hat. Das
ärgste ist, dass er keinen rechtschaffenen Menschen zu Rate zeucht, wenn er was
vornimt: sondern da sind lauter Trödelhuren und Wettermacherin, denen er seine
Wohlfahrt anvertraut. Ach du Ertznarr, ruffte Gelanor überlaut, hab ich doch
deines gleichen noch nie angetroffen. Gott hat die Mittel bescheret, dadurch du
dein Leben mit höchster reputation führen köntest; und gleichwohl bistu nicht
wehrt, dass du einen Heller davon geniessen solst. O wer ist ärmer als du? Ein
Bettelmann darff leicht etliche Pfennige zusammen raspeln, so stelt er einen
Schmauss an, darzu er den folgenden Tag noch vier Heller betteln muss: du aber
sitzt bei deinem Reichtum mit gebundenen Händen, und führst ein Leben,
dergleichen sich kein Vieh wünschen soll. Du bist nicht Herr über das Geld: das
Geld ist Herr über dich. Bedencke doch, was Geld ist. Es ist ja nichts anders,
als ein Mittel, dadurch man alle andere Sachen an sich bringen kann. Vor sich
selbst ist es ein gläntzend Metall, das so viel hilfft, als ein bissgen Glas,
oder ein zerbrochener Kieselstein. Wäre der Schmiedt nicht ein Narr, der nicht
arbeiten wollte, aus Ursachen, er möchte den Hammer verderben? Oder sollte man den
Müller nicht in die Lache werffen, der die Räder nicht lauffen liesse, aus
Beisorge es möchte zu viel Wasser darneben weg fliessen. Warumb setzt man denn
solchen Geld Narren keine Esels-Ohren auf, der elende Schöpsbraten möchte alle
Jahr 500. Taler verzehren, ich wollte ihm gut davor sein, ehe sechtzig Jahr ins
Land kämen, würde er kein Geld bedürffen. So nimt er noch die jährlichen Renten
darzu ein, und schlägt sie lieber zum Capital, als dass er seine Lust davon
hätte. Nun freuet euch ihr zukünftigen Erben, die Lust soll bei euch zusammen
kommen; ihr sollet die Heller wieder unter die Leute bringen; ihr sollet wissen,
wohin das Geld gehört; ihr sollet die Gastwirt, und Weinschencken besser
erfreuen.
 
                                    CAP. XI.
Die andern stimmeten mit ein, und wofern die alten Aberglauben noch kräfftig
sind, so ist kein Zweifel, die Ohren müssen dem ehrlichen Stümper wohl geklungen
haben. In dem sie nun in dem Gespräche begriffen waren, kam ein Kerl, und fragte
ob ein Herr unter dem Hauffen einen Schreiber bedürffte. Gelanor, dem es an
solcher Auffwartung schon oft gemangelt hatte, nahm ihn mit auf seine Stube,
und sagte, er sollte ihm zur Probe einen Brieff schreiben (denn er war mehr als
ein Copiste) darin er einen guten Freund complimentirte, der unlängst hätte
Hochzeit gehalten; Mit Bitte sein aussenbleiben zuentschuldigen, und mit einem
wenigen Hochzeit-Geschencke vorlieb zunehmen. Nun war der Schreiber geschwind
über das Tintenfass her, und setzte folgenden wunderschönen Brieff innerhalb
sechs Viertelstunden auf.
                         Hoochgeneugter und Follkommen
                               liebender Freund.
    Dass seine sich-so plötzlich fergnügenwollende Jugend, in das lüstrende und
augenreizzende Lachchen der holdreuchesten Fenus angefässelt worden, haabe ich
wohl fernommen, lasse auch den Preisswürdigsten Einladungs-Brieff deswegen in dem
Tageleuchter liegen, dahmit ich das Ahndänkken der fohrstehenden Lustbarkeit
nicht aus den Lichtern meines Haubtes ferlihren möhge. Die Fakkel des Himmels
wird nicht fihlmahl umm den Tihrkreuss lustwandeln fahren, so wird die
gänzzlich-herfor gekwollen seinde Süssigkeit der freundlichsten Libinne, sein
ganzes Läben erkwikkend beseligen. Und da müste Zizero sälbst ferstummen, ja
dem Firgilius und Horazius ingleichen dem Ofidius würde es an gleichmässigen
Glückwünschungs-Wohrten fermangelbahren. Bei so angelaassenen Sachchen, sollte
ich schweugen, umb meine in der Helden sprachmässiger Wohlsäzzenheit gahr wänig
aussgekünstelt habende, und nicht allzu woortsälig erscheunende
Schreibrichtigkeit, oder dass ich bässer vernünftele, umb meine sich unwissend
erkännende Gemüts Gebrächchen nicht zu ferblössen. Entzwischen ist die
Ohngedult meiner begirig auffsteugenden Härzzens-Neugungen so gross, dass ich den
Mangel der an den Himmel der Ewigkeit zu schreiben würdig seinden Worte, mit
gegenwärtiger Geringfügigkeit zu er säzzen beschlossen habende, mein Ohnvermögen
entschuldigt zu haben bittend, und in forliebnähmender Gunst-gesinnenschaft
aufgenommen zu werden hoffend, mich in stäter und unwandelbahr blühender
Dienstfärtigkeit wünsche zu nännen
                            Meines Härzzengebieters
                        dienstsamen und auffwartsbahren
                        Knächts
                                                                            N.N.
Gegäben mit flüchtiger
Fäder den 10. dess
    Rosenmonds
im 1656. H. Jahre.
Gantz unten war angeschrieben, Kristoff Ziriacks Fogelbauer Erz-Königlicher
bestätigter und Freiheitsferbrieffter offener Schreiber.
    Gelanor lass den Brieff durch, und wusste nicht, was er daraus machen sollte.
Er fragte den ehrlichen Ziriäkel, was er mit den verwirrten Possen meinte, und
warumb er die ganze Schreib-Art so liederlich verderbet hätte. Nun war dieser
mit der Antwort nicht langsam: Es ist zu beklagen, sagte er, dass die Kunst so
viel Verächter hat. Man sollte dem Himmel mit gefaltenen Händen dancken, dass
nunmehr etliche vornehme Männer mit unbeschreiblich grosser Müh, der Teutschen
Helden-Sprache zu der alten Reinligkeit geholffen: So müssen die stattlichen
Leute vor die saure Arbeit nichts als Spott und Verachtung einnehmen. Doch
stellt man den endlichen Aussschlag der grauen Ewigkeit anheim. Meint mein Herr,
also redte er weiter, dass ich verwirrt schreibe? Ach nein, er sehe nur die neuen
Bücher an, und bedencke, was vor ein Unterscheid zwischen schlecht Teutsch und
Hochteutsch ist. Er schlage nur die Schrifften vieler Weltberühmten Poeten auf,
und erwege, was sie vor Fleiss getan, die unreinen Wörter aus der Helden-Sprache
ausszumustern, und hingegen schöne, reine und natürliche an die Stelle zu
schaffen. Was soll ich den Lateinern die Ehre gönnen, dass ich ihnen zugefallen
sagen soll Fenster: Ich mache lieber ein Teutsch Wort Tageleuchter. Und fragt
iemand, was ein Fenster in der Nacht heist, so sag ich, ebensowohl Tageleuchter,
wie ein Nachtkleid in dem Tage auch ein Nachtkleid, und die Sonntagshosen in der
Woche auch Sontagshosen heissen. So ist es mit den andern Wörtern auch
beschaffen. Wundert sich ferner iemand über die neue Schreibrichtigkeit: So muss
ich sagen, dass derselbe noch nicht Teutsch versteht. C. ist kein Teutscher
Buchstabe, V. auch nicht, Y. auch nicht, ja auch das Q. Warumb solt ich nun
falsch schreiben, da ich es besser wüste? Gesetzt auch, dass die Gewohnheit nun
im Gegenteil eingerissen wäre: So folgt es nicht, dass die Menge der Irrenden
die Sache deswegen gut machen müste. Gelanor hörete mit grosser Gedult zu, wie
der gute Stümper in seiner Torheit ersoffen war. Letzlich fieng er also an: Ihr
lieber Mensch, seid ihrs, der dem Vaterlande wieder auf die Beine helffen will.
Ach besinnet euch besser, und lasset euch die Schwachheiten nicht so sehr
einnehmen, denn was wollet ihr vors erste sagen, es wäre Hoch-Teutsch
geschrieben, ja wohl, dencket ihr, euere Sachen sind noch so hoch, dass sie keine
Ziege weglecken soll. Aber es hat die Gefahr nicht. Das Hochteutsche muss auch
verständlich sein, und muss nicht wieder die Natur der Sprache selbst lauffen.
Uber dis könnte auch eine Eitelkeit grösser sein, als dass man sich einbildet, es
sei ein Wort besser als das ander? Ein Wort ist ein Wort, das ist, ein blosser
Schall, der vor sich nichts heist, und nur zu einer Bedeutung gezogen wird, nach
dem der Gebrauch und die Gewonheit solches bestätigen. Und also muss man den
Gebrauch am meisten herrschen lassen. Ein Tisch heist darum ein Tisch, weil es
von den alten Teutschen so beliebet und gebraucht worden. So heist auch ein
Fenster, ein Pistol, eine Orgel, etc. das jenige, wozu es von den ietzigen
Teutschen ist geleget worden. Ich frage auch, ist diss nicht der eintzige Zweck
von allen Sprachen, dass man einander verstehen will? Nun wird es niemand
leugnen, dass dieselben Wörter, die ihr aussmustert, von iederman besser
verstanden werden, als euere neue Gauckel-Possen. Nehmet ein Exempel. Wann ein
Soldat seinen Lieutenant wollte einen Hr. Platzhalter, den Quartiermeister Hr.
Wohnungs- oder Herbergenmeister nennen: Oder wenn einer die Pistolen haben
wollte, und forderte die Reit-Puffer: Oder wann er einen in die Corps de Garde
schicken wollte, und sagte, er sollte in die Wacht-Versamlung gehen, wer würde ihn
mit den neugebackenen Wörtern verstehen? Und fürwahr, eben so tumm kömmt es mit
euren Erfindungen heraus. Es ist nicht so bald geschehen, dass andere Leute
erraten können, was ihr haben wollet. Und wo habt ihr eure Autorität
stabilirt, dass die Sprache, welche von Fürsten und Herren gebraucht wird, nach
eurem Gefallen soll umgeschmeltzet werden? Mit den elenden Buchstaben ist es
noch erbärmlicher, die werden ohn Ursach relegirt, und aus dem ABC gestossen,
welches künftig ABD heissen muss. Gesetzt sie wären bei den Alten nicht
gebraucht worden: Mein was sollen die alten Pritschmeister, welche die Teutsche
Schreiberei durch viel Secula fortgepflantzt haben, uns vor Gesetze geben, und
warumb soll man nicht dabei bleiben, nachdem etliche Secula geruhig und
einstimmig so geschrieben haben? Darzu, was stecket dann vor Klugheit dahinder,
ob ich die neue oder die alte Mode brauchen will? Lesebengel und Papierverderber
seid ihr. Wäre es euer Ernst der Welt nütze zu sein, so würdet ihr nicht an den
blossen Schalen kleben, und den Kern ganz dahinden lassen. Wann ihr auch die
Antiquität so gar lieb habt, warumb wärmet ihr nicht alle altväterische
Redens-Arten wieder auf? Ich habe ein Alt Complimentir-Buch, welches Petrus
Dresdensis, der das Lied In dulci jubilo gemacht, ungefehr A. 1400 bei seiner
Liebsten gebraucht, meint  ihr, dass alles daraus wieder mag gebraucht werden, so
will ich endlich gern sehen, was Hochteutsch heissen wird. Hr. Ziriacks machte
eine ungnädige Mine, daraus Gelanor abnahm, er würde nunmehr schlechte Lust zu
dienen haben. Derhalben gab er ihm einen halben Taler vor die Schreibgebühr,
und gedachte, es wäre doch alles Zureden vergebens, wann sich ein Mensch
allbereit in die süsse Torheit so tieff eingelassen hätte.
 
                                   CAP. XII.
Nach diesem gedachte unsere Compagnie weiter zu reisen, als der Wirt bat, sie
möchten doch etlichen vornehmen Leuten in seinem Garten Gesellschaft leisten, es
hätte der junge Stutzer gegen über eine Collation angestellt, und sei zwar viel
Frauenzimmer gebeten, doch möchte er sonst niemands bekanntes dabei haben. Dann
es sei ein alter Doctor von 60. Jahren, der habe sich in ein Mädgen verliebt,
und wolle gern allein bei ihr sein, dass ihn kein ander Bürgers-Sohn abstechen
möchte. Nun wollte zwar Gelanor die Leute gerne eigentlich kennen lernen: Doch
meinte er, es möchte bei dem Wirt nur ein Ehren-Wort sein, und bedanckte sich
also auffs beste. Immittelst musste der Mahler hinaus lauffen, und zusehen, ob
nicht im Hause darneben Gelegenheit wäre, dass man den artigen Liebhabern könnte
in die Karte sehen. Dieser kam zurücke, mit der Zeitung, es wäre ein Garten hart
darbei, da man durch einen geflochtenen Zaun nicht allein alles hören könnte:
sondern es wäre auch ein bequem Gartenhaus, das etliche Fenster gegen dem Garten
zu hätte, hierauf liessen sich Gelanor, Florindo und Eurylas nicht lang
auffhalten, und traffen in dem Garten eine alte Wittfrau an, welche sie mit
aller Höffligkeit empfieng, mit dem Erbieten, sie möchten alles nach ihrem
Gefallen gebrauchen. Sie nahmen es zu Danck an, und baten, man möchte nur die
Tür zuschliessen, und sie allein ihrer Lust gebrauchen lassen, es sollte schon
ein gutes Trinck-Geld erfolgen. Aber wer wollte nun so viel Papier verklecken,
als die Eitelkeit erforderte, deren sie in dem andern Garten mehr als zu viel
ansichtig worden. Da war lauter Höffligkeit, lauter Complimenten, lauter Liebe.
Der Tisch war mit dem besten Confect besetzt, etliche Mägde und Jungen hatten
nur zu tun, dass sie Zucker in den Wein taten. Der junge Kerle selbst
trenschirte die Kirschen, und machte lauter Affen-Gesichter daraus. Der Alte
frass nichts als Mandelkerne, und hatte in einem heimlichen Büchsgen Confectio
Alkermes, die lapperte er so stillschweigend mit hinein. Die Jungfern fassen da
in aller Herrlichkeit, bald lachten sie, bald redeten sie heimlich, bald
schrieben sie Buchstaben auf die Mandelkerne, bald hatten sie sonst etwas vor,
doch wie gedacht, es würde zu lang, alles ausszuführen. Darumb wollen wir bloss
zweier Gespräche gedencken, welche darbei gehalten worden. Denn als die Gäste
des Trinckens müde worden, kriegten sie eine Karte und spielten. Da machte sich
der alte Doctor mit seiner Liebsten in einen schattichten Gang. Eurylas, auf der
andern Seite, lieff hinnach, und gab auf alle Worte genau Achtung.
                              Das erste Gespräch.
                                Chremes. Lissgen.
Chremes. Jungfer Lissgen, ich weiss, die Zeit ist ihr bei dem Tisch lang worden.
Lissgen. Ach warum? Ist doch die Gesellschaft gar angenehm.
Chr. Man geht aber ietziger Zeit lieber spazieren, weil man sich im Winter müde
    genug gesessen hat.
L. Ach nein Hr. Doctor, ich bin noch so alt nicht, dass ich einen Unterscheid
    unter den Jahrzeiten machen könnte.
Chr. Es mag sein. Doch gefält ihr nicht der schöne Spaziergang.
L. Der Gang ist gut gnug.
Chr. Aber wie gefält ihr die Persohn, die mit ihr geht.
L. Ich werde ja so unhöfflich nicht sein, und werde sagen, sie gefiele mir
    nicht.
Chr. Ich mag keine Complimente haben, sie soll von Hertzen sagen, ob ihr die
    Person gefällt.
L. Wen ich in Ehren halte, der gefällt mir.
Chr. Wie hält sie mich aber in Ehren?
L. So hoch als meinen Vater.
Chr. Jungf. Lissgen, das ist zu viel, vor dem Vater muss man sich fürchten, das
    darff man bei mir nicht tun.
L. Aber ich fürchte mich vor ihm Herr Doctor.
Chr. Darzu hat sie keine Ursach.
L. Ich werde mich ja vor so einem vornehmen Manne fürchten.
Chr. Ein vornehmer Mann tut so einem schönen Mädgen nichts.
L. Das weiss ich wohl.
Chr. So muss sie ohne Furcht sein.
L. Ach Herr Doctor, ich versteh nicht, was er saget.
Chr. Sie versteht, was sie will. Aber warumb ist die Frau Mutter nicht mit
    heraus kommen.
L. Sie hat sich schon entschuldigen lassen, es gibt ietzund allerhand zu tun,
    dass sie gar übel abkommen kann, und darzu was hat eine alte Frau vor Freude
    im Garten.
Chr. Es ist so eine Entschuldigung; doch steht mirs frei, dass ich andere
    Gedancken darbei habe.
L. Ich will nicht hoffen Hr. Doctor, dass er meine Mutter wird was Unfreundliches
    zutrauen.
Chr. Bei Leibe nicht. Ich dachte nur, was sie zu tun hätte.
L. Geht nicht alle Stunden was in der Haushaltung vor?
Chr. Mich deucht, sie schickt auf eine Hochzeit zu.
L. Was vor eine Hochzeit?
Chr. Hat sie nicht die grosse Tochter?
L. Dass mir nicht die grosse Tochter wegkömmt; Ach es ist noch Zeit vor mich,
    eine Butterbamme davor, die ist mir gesünder.
Chr. Ach Jungf. Liessgen, sie rede nicht wider ihr Gewissen.
L. Was soll ich denn anders reden? Er verdencke mich nicht wider sein Gewissen.
Chr. Es muss doch einmal sein. Deswegen läst Gott so schöne Kreaturen
    auffwachsen, dass sie sich verlieben, und wiederum andere schöne Kreaturen
    auffziehen sollen.
L. Herr Doctor, der Discurs gehört vor schöne Kreaturen, und nicht vor mich.
Chr. Es ist ihre Höffligkeit also zu reden. Sie antworte nur darauff, ob sie
    nicht einmal will Hochzeit machen?
L. Ich weiss nit, vielleicht gehe ich ins Kloster.
Chr. Ich sehe sie nicht davor an.
L. Eh ich auch einen Kerln nähme, den ich nicht könnte lieb haben, ehe wolt ich
    auf allen Vieren ins Kloster kriechen, wann ich auf zweien Beinen nicht fort
    könnte.
Chr. Da lob ich sie drumb, es ist aber kein Zweiffel, es wird ihr an stattlichen
    Freiern nicht mangeln.
L. Ja wohl, sie werden sich sehr üm mich reissen, wie umb das saure Bier.
Chr. Die tat wird es anders aussweisen. Sie bleibe nur bei ihren Gedancken, und
    nehme lieber einen rechtschaffenen, stattlichen, ehrlichen Mann, als einen
    liederlichen Kerln, der mehr Geld vertun als erwerben kann.
L. Ich muss vor warten, ob ich das ausslesen habe.
Chr. Das ist das beste, wenn ein Mädgen in einen ansehnlichen Ehrenstand kömmt,
    dass nicht alle Aschenbrödel über sie gehen: sind darnach feine Mittel
    darbei, so ist es desto bequemer. Mit den andern Narrenpossen, darein sich
    junge Leute oft verlieben, ist es lauter Eitelkeit.
L. Hr. Doctor, ist es doch Schade, dass er nicht etliche dreissig Jahr jünger ist,
    und kömmt zu mir auf die Freite, ich müste ihn doch unter vier und
    zwantzigen ausslesen.
Chr. Ich bin ietzt noch so gut als ein Junggeselle, ich könnte noch kommen.
L. Ja, so ein Kind wäre ihm nütze.
Chr. Nütze genug. Und fürwahr sie schertze nicht zu lang, ich mache sonst Ernst
    drauss.
L. Ist er so hitzig Hr. Doctor, so will ich mein Schertzen wohl bleiben lassen.
Chr. Ach nein, sie schertze nach ihrem Belieben. Doch was sollte ihr wohl bei mir
    fehlen, wo wär ein Junggeselle, da sie dergleichen antreffen würde?
L. Herr Doctor, er ist hönisch; doch kurtz auf seine Frage zu antworten: Jetzt
    leben wir im Frühlinge, da halten wir von dem schlimsten Rosenstocke mehr
    als von dem besten Weinstocke.
Chr. Das Gleichniss reimt sich hieher nicht.
L. Er gehe nur zu dem Wittweibigen in seiner Gasse, die wird ihm die Sache schon
    ausslegen.
Chr. Wer fragt nach den Witfrauen, wann Jungfern da sind.
L. Wenn nun die Jungfern auch so dächten, und fragten nach Wittbern nicht, so
    lang sie Junggesellen hätten.
Chr. Das möchten sie tun, wenn sie nur das bei den jungen Kerlen finden, was
    sie bei den Wittwern aussschlagen.
L. Was sollen wir denn finden?
Chr. Ach mein Jungfer Liessgen, die Zeit ist zu köstlich, dass wir Reden führen
    sollen, die nichts zur Sache dienen. Ich habe hier Gelegenheit gesucht, mit
    ihr bekand zu werden, und will auch hoffen, sie wird mir vor eins zutrauen,
    dass ich ihr rechtschaffen zugetan bin, und vors andere, wird sie gegen mich
    dergleichen tun. Sie sei versichert, die Wahl soll sie nicht gereuen.
L. Herr Doctor, ich halte ihn vor meinen Vater, er wird ja seine Tochter nicht
    heiraten?
Chr. Jungfer Liessgen, ich habe sie in Ernst gefragt, sie wird mir ja auch in
    Ernst antworten.
L. Herr Doctor, daran sieht er, dass wir uns nicht zusammen schicken, er tut
    ernstlich, und ich schertze gern.
Chr. Das Schertzen soll sich schon finden, sie sage nur ihre Gedancken.
L. Ich dachte die Doctor wüsten alles, weiss er denn nicht, was ich dencke?
Chr. Die Doctor wissen alles, was sich wissen läst. Aber andere Gedancken können
    sie nicht erraten.
L. Herr Doctor, kurtz von der Sache zu kommen, ich bin mein eigen Herr nicht,
    will er bei meiner Mutter hören, so wird er mehr erfahren, als bei mir. Das
    sei er versichert, dass ich den Spruch allzeit vor Augen habe, den mir mein
    alter Præceptor vorgeschrieben: Vor einem grauen Haupte solt du dich neigen.
    Hier kamen etliche darzwischen, und verstöreten die verliebten Gespräche,
also dass Eurylas nichts weiter vernehmen kunte. Immittelst sass der junge Kerle,
welchen wir Storax heissen wollen, und spielte so raisonabel, dass Gelanor seine
Freude an ihm hatte. Alles ging par force auff Gesundheit, dass ehe der Herr
Doctor mit seinem Gespräche fertig war, etliche und funffzig Taler hinflogen.
Endlich ward er des Sitzens müde, und satzte den Wirt an seine Stelle, gab ihm
auch zehen Taler, davon er zusetzen sollte. Er selbst folgte seiner Amaryllis
nach, welche, weil sie mit einer andern einen Karren gelegt, ihre Gesellin
spielen liesse, und kurtz zuvor hinter die Johannis-Beeren spatzieret war. Da
war nun der Ort so gelegen, dass Gelanor alles deutlich verstehen kunte.
                              Das andere Gespräch.
                               Storax, Amaryllis.
St. Jungfer Mariegen, wie so allein? Suchet sie Johannis-Beeren?
Am. Wie er siht.
St. Soll ihr niemand helffen?
Am. Was ich pflücke, schmeckt mir am besten.
St. Sie bemühe sich nicht, ich will schon pflücken.
Am. Ich will aber nun selber die Lust haben.
St. Der Diener ist gewiss nicht angenehm.
Am. Ach nein, er ist mir zu vornehm.
St. Ich bin unter ihren Dienern der Geringste.
Am. Wo hätte ich denn die andern, die besser wären?
    (Hier stunde der gute Stor. stille, und sah nach der Seite, wie eine
Wetter-Gans; ob es ihm an Materie zu weitern Discurse mangelte, oder ob er sich
auf die Hochteutschen Reden nicht besinnen kunte, die er von acht Tagen her aus
dem Complimentir-Buche sehr fleissig ausswendig gelernet hatte, hätte er nur
gesagt, wie Peter Sqventz, er wollte es mit seinem Famulus bezeugen, dass er alles
zu Haus gar fertig gekunt. Gelanor musste unterdessen lachen, dass mancher Stümper
Tag und Nacht seuffzet, biss er zur Liebsten kommen kann, und wenn sich das Glück
nach seinem Wunsche füget, so steht er wie ein ander Maul-Affe, und weiss kein
Wort vor zu bringen. Also gehen oft etliche Personen von einander, unwissend
was sie beide gewolt haben. Ja wann der Sammet-peltz oder die streifichte Kappe
reden könnte. Doch still, dem Courtisan wird die Zunge wieder gelöst.)
St. Jungfer Marigen, sie sei doch nicht so andächtig, sie dencke doch zurück, ob
    sich auch ihre Gespielin mit der Karte in Acht nimmt.
Am. Will sie verspielen, so mag sie den Schaden mit haben.
St. Ich weiss nicht, was mein Factor machen wird. Ich bin heut brav eingeritten.
Am. Es ist seines Ruhms ein Stückgen.
St. Die Occasion brachte es so mit.
Am. Wo bleiben unterdessen die Gross-mutter-Pfennige.
St. Das darff ein Politicus nicht achten, wer geheit sich umbs Geld.
Am. Ach Gott straffe mich nicht mit einem solchen Liebsten.
St. Man kann es ja nicht ändern.
Am. Wie machen es andere Leute.
St. Wer ein Prülcker sein will, der mag sich ümb ein paar kahle Ducaten
    schimpffen lassen.
Am. Die Reputation hat manches mahl nicht die Folge.
St. Ich will es bei mir nicht hoffen.
    (Das war der ander Actus, und hatte der gute Kerle nichts mehr in seinem
Zettel. Gelanor hatte nur seine Freude über den schönen Liebs-Gesprächen, die
sich so vortrefflich zu der Sache reimten, wie eine Faust auf ein Auge.
Gleichwohl meinte der Galan, er hätte seine Liebe köstlich anbracht, und nun
müste es Jungfer Marigen ihm an dem krummen Maule ansehen, dass er in sie
verliebt wäre. Inzwischen weil er nichts zu reden hatte, spielte er mit den
Johannissbeer-Blättern, und riess eines nach dem andern vom Stocke, dass die
Jungfer nicht anderst meinte, er wollte den Meikäfer suchen, der ihm die Sprache
entführet hätte. Doch endlich traff er das rechte Blat! da überfiel ihn die
ganze Redens-Kunst auf einmal.)
St. Jungfer Marigen, ich sehe was.
Am. Mons. Storax ich sehe auch was.
St. Ach nein, ich sehe fürwahr was, da kreucht eine Raupe auf der Krause herum.
Am. Und da tappt mir einer auf dem Latze herumb; Er lasse die Hand zurücke, oder
    ich gehe davon.
St. Soll ich die Raupe nicht weg jagen?
Am. Das mag er tun, er lege nur nicht etwas her, das mir verdriesslicher ist als
    eine Raupe.
St. Ach du unglückselige Hand! darffst du deiner Inclination nicht nachgehen?
    ach wie oft solstu noch so elend abgewiesen werden? ach du elende, du arme,
    du unvergnügte Hand.
Am. Weiss er nichts mehr?
St. Die Sonne hat wohl keinen unglückseligern Menschen beschienen, als mich, ach
    Himmel! ach verwandele dieses Holtz in ein Messer, damit ich mein
    trübseliges Hertze abstechen, und von der Angst erlösen kann.
Am. Wird ihm übel, Mons. Storax?
St. Ach freilich ist mir übel, und sie gibt die meiste Ursach darzu.
Am. Ich bekenne meine Unschuld.
St. Sie bekenne den Todschlag, den sie an mir begehen wird.
Am. Betrübt er sich etwan über das Geld, das wir gewonnen haben. Er verzieh nur,
    ehe er sich darüber zu Tode grämt, wollen wirs ihm wieder geben.
St. Ey der Hencker hole das Geld. Ihre zahrten Augen haben mir alle
    Lebens-Krafft aussgesauget.
Am. So will ich ein andermahl die Augen von ihm wegkehren.
St. Das mag ich auch nicht haben: sie sehe mich nur freundlicher an.
Am. Was wird denn aus der Freundligkeit.
St. Dass ich leben bleibe.
Am. Ich muss lachen.
    (Hier entfiel dem halbtodten Liebhaber die Sprache, und kunte sich Gelan.
kaum entalten, dass er nicht dem Gärtner geruffet, dass er nachgegraben hätte, ob
die Sprache wäre in ein Hamsterloch gekrochen. Nun gab es einen vortreflichen
Anblick, wie der gute Mensch da stund, mit dem Hute unter dem lincken Arme, und
dem Kopffe auf der rechten Achsel, dass man ihm die Liebes-Kranckheit wohl
abmercken kunte. Nach langem Bedencken grieff er in den Schiebsack, und langete
ein güldenes Balsambüchsgen in Form eines Hertzen heraus, welches an einem
zierlichen Kettgen hieng, und an etlichen Orten mit Diamanten versetzt war.)
St. Ach soll ich davon Krafft haben!
Am. Ist das nicht ein schönes Balsam-Büchsgen.
St. Es ist nicht schöne, als biss sie es in ihren Händen hat.
Am. Gewiss es ist recht schöne, da hat ers wieder.
St. Ach nein, es steht zu ihren Diensten.
Am. Ey das sollte mir trefflich anstehn.
St. Ich nehme es nicht wieder. Sie behalt es nur und mein Hertz darzu.
Am. Ich werde ihn nicht in solchen Schaden bringen.
St. Das ist kein Schaden, ich bin ihr Leibeigener, so ist es nun kein
    Unterscheid, ob meine Sachen bei mir oder bei ihr in Verwahrung liegen.
Am. Ich bitte er nehme es wieder, was würden die Leute sprechen.
St. Sie mögen sprechen was sie wollen, sie sprechen nur alles Gutes dazu.
Am. Weil er mich dann so zwingt, dass ich seinen Schaden begehren muss, so will
    ich zwar gehorsam sein: doch mag er es wieder abfordern lassen, wenn er
    will.
St. Wenn das Gold wird blass werden, so werde ich auch auffhören, ihr
    auffzuwarten.
    Hiermit ergriff er sie bei dem Kinne, und gab ihr einen sachten Kuss, welchen
Amaryllis durch einen heimlichen Gegenkuss erwiederte, dannenhero Gelanor
abmerckte, die Jungfer müsse von der Gattung sein, die nichts umbsonst, und
alles umbs Geld tun. Wie er sich denn besann, dass zu seiner Zeit, als er auf
Universitäten gelebt, ein Courtisan gewesen, welcher allzeit 6. Ducaten zuvor
verspielen müssen, ehe er zu einem armseligen Kusse gelanget. Nun die Lust war
aus, und Amaryllis kam wieder zur Compagnie. Da foderte der Junge Geld zu Wein,
Storax griff in den Beutel, und langete eine Hand voll klein Geld heraus,
welches er kurtz zuvor wechslen lassen. Ach mit dem Lumpen-Geld, sagte er, ist
es doch als wenn ich einen Bettelmann erschlagen hätte, so viel Dreier und
Zweier hab ich bei mir: nahm darauff die Groschen und legte sie besonders, die
kleinere Müntze warff er unter die Jungen, dass sie sich drumb schlagen mochten,
was sonst vorgelauffen, weiss unsere Compagnie nicht, weil sie von Zusehen müde
nach Hause eilete.
 
                                   CAP. XIII.
Sie hatten sich aber kaum recht gesetzt, als der Wirt aus dem Garten zurücke
kam, und so wohl obgedachten Mons. Storax, als auch etliche andere mitbrachte.
Sie nahmen ihren Platz bei Tische, und stellten sich Anfangs ganz erbar.
Endlich als Gelanor weg ging, von etlichen guten Freunden Abschied zu nehmen,
ward das Bürschgen lustiger. Da mussten lauter Gesundheiten getruncken werden,
und Florindo, der seine Lust an dem Courtisan hatte, machte alles mit. Je mehr
nun der Wein in den Kopff stieg, desto schärffer fieng die Liebe an zu brennen:
also dass Herr Storax dem Florindo eine Humpe zutranck auf des liebsten Mädgens
Gesundheit, er soff sie haustikôs aus, riess damit das Halstuch ab, und
verbrennte es auf Gesundheit über dem Lichte. Solches sollte Florindo nachtun,
der verstund sich endlich auf die Humpe, aber wegen der Hals-Krause bat er, man
möchte ihm solche Torheit nicht zumuten. Das junge Fäntgen fragte wieder, ob
man seine Liebste schimpfen wollte, und solches Knarren währete so lange, biss
Florindo sich erbarmete, und mit seinen fünff Fingern auf seinem Backen
spielete; da wollten zwar die andern zugreiffen, allein der Mahler hatte die
Diener schon aufgeboten, die sich in voller battaille ins Mittel schlugen, und
den armen Stutzer ohne Hals-Krause dermassen koberten, dass er seines Kusses und
seines Balsambüchsgens hätte vergessen mögen. Letzlich machte der Wirt Friede,
und da liess der gute blau-augichte Storax seines Unglücks ungeacht die
Stadtpfeiffer hohlen, und spendierte einem iedweden einen Taler, dass sie vor
der Liebsten Türe ein Ständgen machten. Dazumahl war das Lied noch neu: Hier
lieg ich nun, mein Kind, in deinen Armen: das musste nun ein Discantist mit
heller Stimme in eine Bassgeige singen. In währendem Liede will Storax nach
seiner Amaryllis sehen, ob sie auch im Fenster audienz gäbe, tritt darüber fehl,
dass er mit seinem ganzen Ornat in die Pfütze fällt. Da machte eine Magd gegen
über diese Parodie: Hier liegt mein Schatz im etc. biss an die Armen. Solches
sah der Mahler, und referirte es seinen Principalen, welche sich allsachte
schickten, den folgenden Tag auffzubrechen. Was aber Florindo vor Lehren von
seinem Hoffmeister wegen der possierlichen Begebenheiten hat anhören müssen, ist
unnötig zu erzählen. Denn es kann ein iedweder verständiger Leser die
abgeschmackten Torheiten selbst mit Händen greiffen. Eins war bei dem Gelanor
abzumercken, dass er zurücke dachte, wie er in seiner blühenden Jugend der Liebe
auch durch die Spiessruten gelauffen, und dannenhero die gute Hoffnung hatte, es
würde sich auch mit diesen jungen Liebhabern schicken, wenn sie die Hörner etwas
würden abgelauffen haben. Und in diesem judicirte er nicht unrecht. Denn die
Liebe ist bei einem jungen Kerlen von 15. Jahren gleichsam als ein Malum
necessarium, wer auch damit zu derselben Zeit verschont bleibt, der muss hernach
Haare lassen, wenn er älter wird, und mit grösserm Schimpff solchen Eitelkeiten
nachsetzet. Wohl dem, der das Medium oder Teutsch zu reden, die Masse halten
kann.
 
                                   CAP. XIV.
Der Tag brach an: der Kutscher kam vor die Türe. Sie reiseten fort, und traffen
viel Torheiten an, doch hatten sie schon die Resolution gefast, nichts
auffzuzeichnen, als was notabel wäre, und solcher Registratur haben wir folgen
müssen. Auf dem Wege gesellete sich ein Advocat zu ihm, der in derselben Gegend
an einem Fürstlichen Hofe etwas zu solicitiren hatte. Der gedachte unter andern,
er habe seinen Sohn an demselben Orte bei einem Menschen, der in informations-
Sachen in Europa seines gleichen nit haben würde. Er verhoffte, sie würden sich
auch an gedachtem Orte etwas auffhalten, und da sollten sie mit Verwunderung
sehen, was der Knabe von zwölff Jahren vor profectus in philosophicis,
Historicis, Geographicis, Politicis, Oratoriis: Summa sumarum, fast in omni
scibili hätte. Gelanor freuete sich, und meinte, er würde ein Exempel sehen, das
sich mit dem kleinen Canter zu Friderici III. Zeiten vergleichen liesse. Und in
Warheit, als sie an den Ort kamen, und der Knabe gehohlet ward, mussten sie
erstaunen, dass er mit dieser artigen Rede ex tempore auffgezogen kam.
    Viri spectatissimi, ignoscite, quod pueritia mea sui paulisper officii
oblita, vobis se sistat audaciùs. Ex Lipsio enim jam tribus abhinc annis didici,
pudorem in omnibus rebus laudabilem, tunc debere abjici, quoties præclari
cujusdam hominis ambienda esset notitia. Neque est, cur de benevola apud vos
admissione dubitem, quippe quod literas non ametis solum in superbo maturitatis
statu; sed etiam in ipsis progerminandi initiis. Præsertim cum vestram non
lateat prudentiam, foveri herbam solere magis in semine, quam in caule. Unicus
mihi restat scrupulus, qui malè animum habet meum, nihil in me reperiri, cujus
indicio vel minima constet diligentia. Interim sufficere credidi professionem
perpetui erga literas amoris mei, ut proinde rogare non dubitem, velitis infimo
servorum vestrorum loco meum quoque adscribere nomen, non sine spe, fore, ut
affulgente annorum numero, facilior etiam inserviendi occasio affulgeat. Quod
reliquum est, Te, pater oculissime, qua par est, filiali obtestor observantia,
ut, quando maximum fortunæ meæ arbitrium à natura tibi permissum est, sermone
plus gravitatis autoritatisque habituro, meam agere causam digneris, ne ab
expectatione tam luculenta dejectus, de felici studiorum successu desperare
incipiam. Sic DEUS vos servet quam diutissimè.
    Dem Vater fielen die Tränen hauffenweise aus den Augen, als welcher sich
bei diesem wohlgezognen Sohne einen Mann einbildete, qui futurus esset, Turnebo
doctior, Mureto disertior, Sigonio profundior. Allein Gelanor, der auch wusste,
wo man den Speck auf Kohlen zu braten pflegte, dachte alsbald der Sache etwas
tieffer nach, und beantwortete des Knabens Rede kurtz: Adolescentulorum optime;
Laudamus conatum tuum, ex quo probamus indolem non vulgarem. Provehat DEUS quæ
feliciter incepisti. Nostra utinam tibi prodesse queat amicitia. Parente
interprete non indiges, qui laudabiliter dixisti. Accede saltem propius, ut, qui
orationem admiramur, singulos tuos profectus ordine inspiciamus. Id autem fieri
pace honoratissimi parentis tui, non despero.
    Sein Informator merckte den Braten, und gab derhalben vor, er könnte ihn
besser examiniren, und solches musste Gelanor geschehen lassen. Da fielen nun
hohe Fragen vor, welche in diesen schweren Zeiten manchem Doctor sollten zu
schaffen machen. Endlich als diese Fragen kamen: Quid est metaphysica? R. est
Scientia Entis quatenus Ens. Quid est Ens? R. Ens est quod habet essentiam. Quid
est essentia? est primus rei conceptus. Da fiel ihm Gelanor in die Rede:
Metaphysica cujus generis? cujus declinationis? der Knabe sah den Informator an,
gleich als wollte er sagen, was sind das vor rotwellische Sachen? dieser aber
entschuldigte sich, dergleichen Dinge wären dem Knaben nichts nütze, indem er
ihm das Latein alles ex usu beibringen könnte. Gelanor musste sich abweisen
lassen: Allein als weiter gefragt wurde, Polonia, estne regnum aut est
Aristocratia? und der Knabe sagte: est Aristocratia. Fieng er noch einmal an:
mi adolescentule, dicis, Poloniam esse Aristocratiam. Ego sic argumentor: ubi
Rex propria autoritate Episcopos & Senatores eligit, ibi non est
Aristocratia. Atqui in Polonia etc. E. Das gute Kind war wieder in tausend
Aengsten und wusste keine Hülffe als bei Herr Casparn dem Informator, der wandte
wieder ein, es wäre Eitelkeit, dass man die Jugend zu solchem schulfüchsischen
Gezäncke angewehnte, die Logica Naturalis dürffte halbicht im discuriren
exercirt werden, so wären die regulæ Syllogisticæ nicht von nöten. Gelanor war
hiemit nicht zu frieden, sondern begehrte, weil der Discipulus nicht disputiren
könne, so sollte er der Informator selbst das Argument auf sich nehmen, weil er
die gedachte hypotesin seinem Untergebenen hätte beigebracht. Doch an statt,
dass er sich in ein disputat einliess, wickelte er sich mit des Horatii Versen
heraus:
... ergo fungar vice cotis, acutum
Reddere quæ ferrum valet, exsors ipsa secandi.
    Und damit hatte Gelanor seine dritte Abfertigung, also dass er sich in das
stoltze Examen nicht mehr einmischen wollte. Aber als die Probe ganz abgelegt
war, suchte Gelanor mit dem Vater allein zu reden, und sagte, es käme ihm vor,
als wäre der Kerle ein Praler, der seinen Sohn mehr confundiren, als gelehrt
machen würde. Untersuchte hierauff den metodum informandi, da er denn befand,
dass der gute Knabe nichts anders tun musste, als etliche Lateinische formulas
sine judicio ausswendig lernen, die er bei vorfallender Gelegenheit, nicht viel
klüger als ein Papagoy herbeten kunte: er mochte nun von der Sache ichts oder
nichts verstehn. Da remonstrirte nun Gelan. dem ehrlichen Manne, wie er mit
seiner sonderlichen Hoffnung wäre hinter das Licht geführet worden, und wie
schlim er sein väterliches Gewissen verwahren würde, wenn er den Sohn nicht in
Zeiten aus dem Labyrint heraus führte. Der Advocat entschuldigte sich, er hätte
hierin vornehmer Leute Gutachten angesehen: und darzu so könnte es vielleicht mit
jungen Leuten nicht im ersten Jahre zur Vollkommenheit gebracht werden: Er sähe
gleichwohl, dass noch hübsche Compendia discendi darbei getrieben würden.
Erstlich wüste er, dass sein Sohn den Orbem pictum perfect durchgetrieben hätte.
Gelanor wusste nicht, was es vor ein Buch wäre, doch als er solches nur ein wenig
in die Hände bekam, so sagte er: Ich finde viel Zeugs, das zu lernen ist, doch
sehe ich nichts, das ins künftige zu gebrauchen ist, die wunderlichen Leute
wollen nur Latein gelernt haben, und sehen nit auf den scopum, warum man eben
solcher Sprache von nöten hat.
    Es gemahnt mich wie mit jenem Bürgermeister, der schrieb an drei Universi
täten ümb einen Magister, der seinen Sohn in allen Handwercks-Officinen
herumführte, und ihm sagte, wie alles Lateinisch hiesse, gleich als bestünde die
Kunst darin, dass man solche Sachen Lateinisch verstünde: die wohl der
vornehmste Professor nicht Teutsch zu nennen weiss. Unterdessen lernt ein Kind
viel nomina die Verba hingegen und die particulæ connectendi bleiben aussen.
Wenn nun ein Moral-discurs oder sonst eine Disciplin soll tractiret werden, so
stehen die Kerlen mit ihrem bettelsäckischen Latein, und können ihre Schauffeln,
Qverle, Mistgabeln und Ofenkrücken nicht anbringen. Wer heutiges Tages einen
Historicum, Philosophum, Teologum und andere Disciplinen Lateinisch versteht:
darneben selbst eine nette Epistel, und zur Not eine Oration schreiben kann. Und
endlich im Reden so fertig ist, dass er im disputiren seine Sachen vorzubringen
weiss, der ist perfect genug, er wollte denn Latinam linguam ex professo vor sich
nehmen. Nun aber ist es zu diesem allen kaum die Helffte aus dem Orbe picto und
aus dergleichen gemahlten Narren-Possen von nöten. Gesetzt auch, es käme zu
weilen ein ungewöhnlich Wort in diesem und jenem Autore vor, so ist doch bekant,
dass sich die Gelehrtesten Leute bei so raren Exempeln des Lexici als eines
Trösters bedienen. Endlich, dass man meint, es würde ein prægustus omnium
disciplinarum hierdurch beigebracht, das ist Eitelkeit. Denn die Knaben haben
lange das Judicium nicht, solche Sache zu penetriren. Und folgt nicht, der Herr
Præceptor von 40. Jahren versteht es, ergò kann es ein kleiner Bachant von 9.
Jahren alsobald auf dem Butterbrot in den Bauch einfressen. Es wäre zu wünschen,
dass ein Künstler auffträte, und mit kurtzen Sprüchen auf die Regulas Grammaticas
zielte, damit solche per exempla eingebildet würden, hätte man hernach das
exercitium, so würden sich die Vocabula wohl geben. Nun aber wird es umbgekehrt,
die Gramatica soll sich ex usu geben. Ja sie gibt sich, dass man niemahls
weniger Latein gekunt hat, als seit der übersichtige Autor Orbis picti mit
seinen vielfältigen Büchern auffkommen, der alles, was er zu Hause teoreticè
vor gut befunden, nescio quo fati errore, den Schulen zu practiciren
auffgetrungen hat. Und ist zu beklagen, dass niemand klüger wird, obgleich die
janua Linguarum aurea mehr porta inscitiæ plumbea möchte genennet werden.
    Der gute Vater empfand hierauss einigen Trost, weil er sah, dass sein Sohn
nicht allein in die vergebene Weitläufftigkeit geführet würde. Doch wollte er es
auf einer andern Seite verbessern: gab derhalben vor, er liesse solches die
philologos verantworten, es wäre zum wenigsten ein Zeitvertreib darbei, dadurch
die Jugend angewehnet würde, etwas ausswendig zu lernen. Sonsten wäre der
historische metodus desto besser, liess darauff etliche Kupperstücke hohlen, auf
welchen viel wunderlich Zeugs gemahlet war, darbei man sich der Nahmen in sacra
& profana historia errinnern sollte. Ein Teichdamm mit A. bezeichnet sollte
Adam heissen. Ein Sack mit I Isaac. Ein Apt mit einer Fensterrahme Abram. Eine
Semmel mit Butter beschmiert, bedeutete Sem und Japhet, quasi du Narr, friss doch
die Semmel, sie ist ja fett. Eine Amme hatte den Bietz in der Hand, das war so
viel als Bizanz. Ein Bauer guckte zu seinem Fenster heraus, und sah dass das
Wasser aussgetreten war biss an seinem Mistauffen, gleich als sagte er die See
mir am Mist. Und das war Semiramis. Gelanor warff die Figuren aus Ungedult von
sich, und ruffte überlaut. O ihr armen Eltern! wie jämmerlich werden eure Kinder
betrogen! wie elend werden eure unsägliche Unkosten angeleget! Sollen nun die
abgeschmackten Gauckel-Possen memoriam artificialem machen, die vielleicht
memoriam so sehr confundiren oder obruiren möchten, dass ein Kind zwirbelsichtig
darüber würde. O wohl dem der die Namen recht wie sie heissen durch offtmalige
repetition sich einbildet und bekand macht. Wo die notiones secundæ schwerer
gemacht werden als die primæ, da ist ein compendium übel gefast und wird ein
dispendium daraus.
    Hier ward der Advocat auch disjustirt, und fragte, wenn gleichwohl alles
sollte verachtet werden, wo man denn guten Rat hernehmen wolle. Nun sass einer
mit am Tische, der bei währendem discurse sich mit hinzugefunden, der zwar den
Kleidern nach gar zu viel Ansehn nicht hatte, doch endlich der Wissenschaft
nach einer von den geringsten nicht war. Dieser bat, man möchte ihm vergönnen,
seine Gedancken von den Information Sachen etwas weitläufftiger zu eröffnen. Es
ist zu verwundern, sagte er, warumb von etlichen seculis daher, seit die literæ
humaniores wiederumb aus der finstern Barbarei hervorgezogen worden, die Schulen
so gar wenig zur Besserung kommen, und die Jugend einmal wie das andere
verdriesslich und weitläufftig genug herumb geführet wird. Die meisten werffen
die Schuld auf die præceptores, welche gemeiniglich è fæce Eruditorum genommen
worden, also dass, wenn man mit einem seichtgelehrten Kerlen weder in dem
Predigampt noch in der Richter-Stube fortkommen kann, ein jeder meint, er schicke
sich am besten in die Schule. Nun ist dies nicht ohne, und möchte sich mancher
Patron in das Hertze hinein schämen, dass er die Jugend nicht besser versorget,
da er doch sich zehn mal in den Finger bisse, eh er vor seine Pferde einen
ungeschickten Stallbuben, oder vor die Schweine einen nachlässigen Hirten
annehme. Doch ist zum wenigsten in den Schulen ein Rector oder sonst ein
College, dem man nicht alle erudition absprechen darff, also dass obangeführte
Ursache nicht eben die rechte zu sein scheinet. Soll ich offenhertzig bekennen,
was die Schulen verderbt, so ist es nichts anders, als dass die Inspectiones und
Ordinationes solchen Leuten anvertrauet werden, welche sich umb das Informations
Wesen niemahls bekümmert, zum wenigsten in praxi nichts versucht haben. Siehet
nun gleich ein geübter Schulmann, wie man eines oder das andere bessern sollte,
so darff er doch nichts sagen, er möchte sonst den Namen haben, als wollte er
solche grosse und gelehrte Leute tadeln, ja wenn es vorbracht wird, so bleiben
solche lumina mundi doch auf ihren neun Augen, und ändern es der geringen Person
zu trotze nicht. Nun möchte man doch dies erwegen, es studieret mancher etliche
zwantzig, dreissig Jahr, von Morgen bis in die Nacht, ehe er in Schul-Sachen
recht hinter die Springe kömmt. Gleichwohl soll er sich von einem andern
reformiren, und dictatoria voce eintreiben lassen, der in seiner facultät zwar
gelehrt gnug ist: doch aber in diesen Studiis kaum dasselbige noch weiss, dessen
er sich von der Schule her oben hin erinnern möchte. O wie würde ein Schuster,
ein Schneider, oder wohl gar ein Drescher lachen, wenn ein Doctor trium
facultatem sagen wollte, so mustu das Leder zerren, so must du das Band frisiren,
so must du den Flegel in der Hand herumb lauffen lassen: denn die præsumptio
wäre da, dass die guten Leute ihre Handgriffe besser verstünden: aber in der
Schule mag iedermann stören, wer ein Bissgen zu befehlen hat. Die Teologi, wenn
sie gefragt werden, wieweit sich ein Fürst vi Superioritatis in die
Consistorial-Sachen mit ein zu mischen habe, bringen die distinction vor, inter
actus religionis internos & externos. Das ist, etliche Sachen giengen die
Religion und Artickel selbst an, und beträffen ihre Warheit, die bloss aus der
Schrifft müsten decidirt werden, und solches wäre derselben Ammt, welche dem
Studio lang obgelegen, und von den Fragen judiciren könten: Etliche Sachen aber
giengen die Religion nur zufälliger Weise an, e.g. ob die Teologi auch ihre
actus internos recht exercirten, ob etwas im Lande sich ereignete, das der
Religion könnte schädlich sein u.d.g. Und solche gehörten dem jenigen, der nechst
der Hohen Obrigkeit auch Inspectionem & potestatem religionis auf sich habe.
Ich will diese distinction auf die Schule appliciren, damit niemand meine, als
wollte ich lauter Freiherren haben. Die externa inspectio ist gar gut, ob alle
Præceptores ihr Ampt verrichten, ob sie der Jugend einige Bosheit gestatten, ob
sie ihrem selbst beliebten Metodo nachkommen etc. Aber dass die Obrigkeit sich
umb die interna bekümmern will, und doch keine erfahrne Schulmänner zu Rate
zeucht, zum Exempel, dass sie die Autores vorschreibt, ja wohl gar den modum
tractandi beifügt, das ist zu viel. Wer einen rechtschaffenen Rector in der
Schule hat, der soll ihm die Lectiones samt der Jugend auf sein Gewissen binden,
dass, so gut als er es vor dem Richterstul Christi dermahleins verantworten
wolle, er auch seine Wissenschaft hierinn anwenden möge. Vielleicht würde es an
manchem Orte besser, und würden sich die Collegen hernach so nach Belieben
vergleichen, damit die Jugend nicht confundiret würde. Man sehe die meisten
Schulen an; Früh umb sechs werden Teologica gehandelt. Umb 7. kömmt einer mit
dem Cicerone angestochen. Umb achte kömmt der dritte und läst ein Carmen machen.
Umb neun ist ein privat Collegium über das Griechische. Um zehen ein anders über
den Muretum. Umb zwölff wird ein exercitium Styli vorgegeben. Umb eins werden
die præcepta Logices recitirt. Umb zwei wird der Plautus erklärt; umb drei ist
privatim ein Hebräisch dictum zu resolviren. Umb viere lieset man etwas aus dem
Curtio. Und dies wird alle Tage geändert, dass wenn die Jugend auf alles sollte
achtung geben, entweder lauter divina ingenia oder lauter confuse Köpffe daraus
würden, nun gehen zwar etliche Stunden oft dahin, da mancher nichts lernt; doch
ist es Schade, dass so viel edle Stunden vorbei gehen. Ach dörffte ein Rector mit
seinen Collegen, wie er wollte, wie ordentlich würde er seine Labores einteilen.
Ein halb Jahr würde er nichts als Oratoria, ein anders nichts als Epistolica,
ein anders Græca, weiter fort Logica, und so ferner vornehmen, damit die Jugend
bei einerlei Gedancken bliebe. Es könten doch gewisse Repetitiones angestellet
werden, dass man in dem andern halben Jahre nicht vergesse, was in dem ersten
gelernet worden. Denn in dem Oratorischen halben Jahre, müste ein College die
Logicam also tractiren, dass er den Usum Oratoricum darin zeigte, ein ander
müste einen Historicum lesen, und zu Collectaneis Anleitung geben. Ja was von
Teologicis Quæstionibus vorkäme, das müste man zu lauter Chrien und Orationen
machen, so böten die Collegen einander die Hand, und beratschlagten sich alle
halbe Jahr, was künftig von nöten wäre. Ach wie glücklich würde die
Information ablauffen, besser als bei uns, da ein Præceptor hie, der ander dort
hinaus will, und sich hernach mit der Obrigkeit entschuldiget, die habe es also
verordnet.
 
                                    CAP. XV.
Gelanor hörte diese Consilia gedultig an. Endlich fügte er sein Judicium bei.
Mein Herr, sagte er, es ist alles gut, was er vorbringt: Nur diss ist mir leid,
dass es sich schwerlich practiciren läst. Denn gesetzt, die Obrigkeit könne etwas
darzu, so weiss ich den Schulmann nicht, welcher der Katze die Schelle anhencken
wolle. Uber dies sind die Rectores allentalben mit den Collegen nicht so einig,
dass man mit gutem Gewissen die Lectiones ihrem Gezäncke anheim stellen könne. Ja
wo sind Leute, welche so gar sonderlich der Jugend bestes, und nicht vielmehr
ihren Privat-Nutzen ansehen? Und welches das ärgste ist, so werden zu den
untersten Collegen oft gute ehrliche Leute gebraucht, welche ausser ihren
elaborirten Argument-Büchern wenig vorgeben können: Hingegen wo ein Rector zu
erwählen ist, da muss es ein grosser Philosophus oder Philologus sein. Ein
Philologus aber heist ins gemein, der sich in alle Critische Subtilitäten
vertiefft, oder der nichts als Syrische, Chaldeische, Persische, Aetiopische,
Samaritanische Grillen an die Tafel mahlen kann, Gott gebe die Jugend versäume
die notwendigen Sachen darbei oder nicht. Ein anderer armer Mann, der nicht so
wohl dahin geht, dass er ausswärtig will vor einen Gelehrten aussgeschryen werden,
als dass er die Jugend fundamentaliter möchte pro captu anweisen, der sieht nicht
stoltz gnug aus.
    Der Advocat sagte, diss sei eben die Ursache, warumb er vor den Scholis
publicis einen Abscheu gehabt, und seine Kinder viel lieber privatim unterweisen
liesse. Der unbekandte Gast aber gab zur Antwort, es wäre auch zu Hause nicht
alles schnurgleich abgemessen. Vor eins hätten die Knaben kein Exempel vor sich,
dadurch sie excitirt würden: Da hingegen in einer Classe von funffzig biss
sechzig Personen zwei oder drei leichtlich gefunden würden, welche den andern
zur Nachfolge dienten. Nechst diesem wäre es vermutlicher, dass man eher einen
gelehrten Mann vor alle Kinder finden könnte, als dass ein jedweder Burger vor
sich einen gleich-gelehrten Menschen antreffen sollte. Man wüste warum die
meisten armen Kerlen præceptorirten, nicht dass sie den Untergebenen wollten so
viel nütze sein; sondern dass sie den Hals so lang ernehren möchten, biss sich das
Glück zu fernerer Promotion fügte. Und endlich wäre einem geübten Manne mehr zu
trauen, als einem armseligen Anfänger, der selber Information bedürffte.
    Gelanor gab den letzten Aussschlag. Wir sitzen da, sagte er, und meinen, die
Leute sind wunderlich, welche die Schulsachen so am unrechten Orte angreiffen;
Aber wir begehen viel eine ärgere Torheit, dass wir meinen, als könnte in dieser
Welt alles abgezirckelt werden. Hier ist der Stand der Unvollkommenheit, da
nichts an allen Stücken vollkommen ist. Absonderlich ist es mit den Schulen so
bewandt, dass der böse Feind sie hindert, so viel er weiss und kann, indem er wohl
sieht, dass ihm dardurch der gröste Schaden kann zugefügt werden. Doch ist etwas
zu wünschen, so sag ich:
    Sint Mæcenates non deerunt, Flacce, Marones, hielten grosse Herren viel von
gelehrten Leuten, so würden sich die Ingenia wohl selber treiben, wenn sie ihren
rechtschaffenen Nutz vor Augen hätten. Jetzt da mancher zehen mahl besser fort
kömmt, der nichts studirt hat, kann man es dem hundertsten nicht einbilden, dass
die Gelehrsamkeit selbst ihr bester Lohn, und ihre reicheste Vergeltung sei.
Hiermit gingen sie von einander, und hatte das Gespräch ein Ende.
 
                                   CAP. XVI.
Nun war Gelanor so attent gewesen, dass er nicht in Acht genommen, was
unterdessen vor eine Lust vorgangen, deren Eurylas und Florindo wohl genossen
hatten. Dann als diese beide in der Tafel-Stube sich befanden, und durch das
Fenster die Leute auf der Gasse betrachteten, höreten sie ein gross Geschrei im
Hause. Sie lieffen zu, und sahen einen Kerln, der sich stellte, als wenn er
rasend wäre. Wo ist der Hund, schrye er, gebt ihn her, ich will ihn in tausend
Stücke zerhauen, die Ameissen sollen ihn wegtragen. Was? soll mich so ein
Schurcke nicht vor voll ansehen, und ich soll ihm nicht den Hals brechen?
Herauss, heraus du quinta Essentia, von allen Ertzbernheutern; komm her, ich will
dein Hertz vor die Hunde werffen, komm her, bist du besser als ein eingemachter
etc. Halt mich nicht, last mich gehn, halt mich nicht, ich begeh noch heut einen
Todschlag, und wenn ich wissen sollte, dass mein Blut morgen in des Henckers Namen
wieder springen müste. Ach lieber ehrlich gestorben, als wie ein Lumpenhund
gelebt; Sa sa ich zerreisse mich, sa sa wo bist du? steh etc. wo bist du! steh!
Eurylas hörte dem Tyrannen ein wenig zu, und wünschte nichts mehr, als dass er
den andern könnte herschaffen, umb zu erfahren, ob der böse Kerle so grausam
verfahren würde. Doch es bedurffte keines langen Wünschens, er kam mit einem
Spanischen Rohr, und stellte sich ein, fragte auch alsobald, wer seiner begehrt
hätte. Der Provocant tat, als könnte er sich vom Wirt und vom Haussknecht nit
los reissen, und biss ganz stillschweigend die Zähn zusammen. Bissweilen schnipte
er in den Schiebsack, bissweilen sagte er dem Haussknecht etwas in das Ohr.
Endlich kam jener, und wollte wissen, was sein Begehren wäre. Du Schaum von allen
rechtschaffenen Kerlen, hast du auch so viel Hertze, dass du mich provociren
kanst, oder bist du auch so viel wert, dass ich deinen Buckel meines Stockes
würdige. Du elende Kreatur, rede doch ietzund etwas, dass ich böse auf dich
werden kann oder schreibe es meiner Barmherzigkeit zu, wofern ich dich nach
würden nicht tractiren kann. Da stund nun der Türckenstecher, und hatte alle
Bosheit inwendig, wie die Ziegen das Fett. Nach langem Warten, nahm der andere
ihm den Degen aus der Hand, und prügelte ihn so zierlich im Hause herum, dass der
Wirt sich darzwischen legen musste. Damit war die Comoedie zu Ende, und hatten
die andern das Ansehen umbsonst gehabt. Als nun Gelanor die tröstliche Historie
erzählen hörete, fragten sie weiter, was denn der Kerle vor Ursache gehabt,
solch einen Tumult anzufangen. Da kam einer, und gab diesen Bericht; der gute
Mensch habe sich so sehr in den König von Schweden verliebt, dass er nicht leiden
könnte, wenn iemand eine widrige Zeitung von demselben erzählen wollte. Weil nun
der andere vorgegeben, der König wäre von den Dantzigern auf die Weichselmünde
gefangen geführt worden, so hätte dieser sich so sehr erzürnet, dass er nicht
geruhet, biss die Extremitäten vorgangen. Eurylas sagte hierauff, der Kerl möchte
in Schweden reisen, und umb ein Genaden-Geld solicitiren, weil er des Königs
Respect zu erhalten, so grosse Gefahr über sich genommen. Florindo sagte, wenn
der König lauter Soldaten hätt, die mit den Händen so grimmig wären, als dieser
mit dem Maule, so würde der Türcke am längsten zu Constantinopel residiret
haben. Der Wirt sagte, wenn iemand käme und sagte, die Moscowiter hätten sich
zu den Schweden geschlagen; so wollte er wetten, der Bote bekäme einen Taler
Trinckgeld. Andre wussten was anders. Gelanor sagte dies, es wäre ein blöder
Narr, der kein medium hätte inter fortissima & timidissima, man sollte sein
Elend mehr betauren, als belachen. Und darbei blieb es dasselbe mahl.
 
                                   CAP. XVII.
Den folgenden Tag brachten sie noch zu, in Besichtigung der Raritäten, und
Besuchung vornehmer Leute, als dass nichts sonderliches vorlieff. Darauff nahmen
sie bei guter Zeit Abschied und fuhren davon. Etliche Tage hernach fütterten sie
Mittags in einem kleinen Städtgen, da gleich Jahr-Marckt gehalten ward. Da hatte
Florindo seine sonderliche Lust an einem Qvacksalber, der seine Bude dem
Gast-Hofe gegenüber auffgeschlagen hatte. Secht ihr Herren, sagte er, am Anfang
schuff Gott Himmel und Erde, am letzte Tage hat er auch den Mensche erschaffe.
Darumb schreibe alle Gelährte davon, dass das Mensche Schmaltz alle andere
Schmältze über trifft, wie das Gold das Kupffer. Wenn ich nun mein Salb mach, so
nimm ich erstlich darzu Mensche Schmaltz. Darnach nimm ich Wachs, Wachs sag ich
ist in einer Apotecke von nöten, denn in einer Apotecke sind vier Seule, ohne
welche vier Seule keine Apotecke über Jahr ganz bleiben kann, und wenn sie des
Römischen Käsers Apotecke wär. Die erste Seule ist Wachs, die andere Honig, die
dritte Zucker, und die vierte Wass i nit. Weiter nim ich dazu das Johannis Oel,
das fleust im Lande Tucia aus die harte Steinfelse, aus die wunderbahre
Schickung GOttese. Mehr brauche ich das Oleum Poppolium, Schmaltz von einer
wilden Katze, die schläfft auff dem Schweitzer Gebürge von Sanct-Gallen biss
Sanct-Görgen Tag, und wird im Schlaffe so faist, dass, wer es nicht gesehen hat,
meinen sollte, es wär erlogen. Summirum Summarum, ich nimm darzu die Kräuter
Herba, die wachsen in dem Land Regio, auf dem Berge Mons, an dem Wasser Aqua, in
dem Monat Mensis genannt, daraus wird mein Salb, und i will kain ehrlicher Mann
syn, wo iemand im Römische Reiche solch Salb hat. Kommt her ihr Herre, käfft in
der Zeit, so habt ihr in der Not. Der gleichen lahme Fratzen brachte er vor,
und erzehlte etliche wunderliche und ungläubliche Exempel von seinen Curen.
Nichts desto weniger hatten sich viel Leute umb ihn gesamlet und kaufften ihn
fast mit seinem Krame ganz aus, denn die Salbe halff inwendig und ausswendig vor
alles. Uber diss kamen viel Patienten, und consulirten diesen Herrn Doctor. Einer
beschwerete sich, er dürffte auf den Abend kaum zwölff Kannen Bier, und irgend
ein halb Nössel Brandtewein trincken, so fühlte ers den folgenden Tag immer im
Kopffe. Ein anderer klagte, sein Pferd wäre ihm gestohlen worden, ob er keine
Artznei hätte, dass er es wieder kriegte. Der dritte gab vor seine Ellebogen
wären so spitzig, er dürffte kein Wammes vier Wochen anziehen, so wären die
Ermel durch gebohrt. Der 4. kunte kein Geld im Hause sehn, drum wollte er sich
den Staar stechen lassen, dass er Geld zu sehen kriegte. Der fünfte war ein
Schulmeister, der hätte gern eine helle liebliche Stimme gehabt. Der Sechste war
ein Bote, der klagte er lieffe sich stracks über einer Meile den Wolff. Der
Siebende hatte ein Hünerauge in der Nase. Der Achte klagte er dürffte nicht vor
neun Pfennige Kirschen essen, so legen ihm die Kerne im Magen, als wollten sie
ihm das Hertz abdrücken. Der Neundte war schon dreissig Jahr alt und hatte noch
keinen Bart. Der zehende wollte der Spulwürmer gerne los sein. Die andern suchten
was anders. Und da hatte der gute Meister ein trefflich Compendium curandi, dass
seine Salbe sich eben zu allen Beschwerungen schickte. Florindo lachte wohl
darüber, und hätte gern gesehen, dass Gelanor mit gelacht hätte. Doch sagte
dieser, man dürffte sich über den Quacksalber nicht zu tode wundern, hätte doch
ein iedweder fast das principium, MUNDUS VULT DECIPI, in seinen actionibus
gleichsam forn angeschrieben. Vnd wer von der Politischen Quacksalberei reden
sollte, da man oft quid pro quo nehmen müste, der würde vielleicht grössern
Betrug antreffen, als in dieser elenden Bude, da nichts als einfältige Bauern zu
sammen kämen. Florindo fragte, ob die Politici auch mit Salben handelten? Ja
wohl, sagte der Hoffmeister, sind Salbenbüchsen genug, damit den Leuten die
Augen verkleistert werden, aber es ist nicht von nöten, dass man solches allen
Leuten weiss macht. Florindo ward begierig die sonderlichen Sachen zu erfahren,
und hielt inständig an, Gelanor möchte doch etwas deutlicher reden. Da sagte
dieser, habt ihr nicht das Buch gesehen, da forn auf dem Titel steht, der
Politische Quacksalber? seht dasselbe durch, so wird euch die Türe zum
Verständnis schon geöffnet werden. Mehr sagte er nicht, denn es ist vergebene
Arbeit, dass man jungen unverständigen Leuten viel von Politischen Staatshändeln
auffbriefen will, weil sie doch mit ihrem einfältigen Verstande so weit nit
langen, und alle dergleichen actiones vielmehr ansehen, wie die Kuh das neue
Tor. Und fürwar hierinn erwies Gelanor eine ungemeine Klugheit, die man vielen
grossen und hochtrabenden Leuten vergebens wünschen muss.
 
                                  CAP. XVIII.
Florindo hätte sich so kurtz nicht abweisen lassen: Allein der Wirt kam und
wollte seinen Gästen Gesellschaft leisten. Da legte sich Gelan. mit ihm ins
Fenster und schwatzte bald dies, bald jenes mit ihm. Endlich giengen zween
Männer vorbei. Einer hatte ein grau Röckgen an, und wäre leicht vor einem Bauer
mit hingelauffen, wenn er nicht ein Hälsgen umbgehabt. Der andre hatte eine
Kappe an, der zehende hätte geschworen, es wäre ein Sammeter Peltz gewesen, und
nun hätte sie der Schneider wenden müssen: Darüber hieng ein beschäbter Mantel
mit einem geblümeten Sammet-Kragen, den vielleicht der alte Cantzler Brück bei
Ubergebung der Augspurgischen Confession mochte zum erstenmahl umbgehabt haben.
Gelanor wollte wissen, was dieses vor ein par nobile fratrum wäre. Darauff sagte
der Wirt, es wären zwei Brüder, die zwar gute Mittel gehabt, ietzt aber in
euserster Armut lebten. Der graurock habe das seinige alles auf Processe
spendiret: denn da habe er keine Schuld gestanden, biss er judicialiter darzu
condemnirt worden. Und da habe er dem Gegenteil die Unkosten erstatten, auch
oft wegen vergossener losen Worte hauptsächlich in die Büchse blasen müssen,
dadurch sei er von den schönsten Mitteln so elend herunter kommen. Der andere
Bruder habe Anfangs Teologiam studiert, hernachmahls habe er sich in die
Alchimisterei verliebt, dabei er so viel Gold gemacht, dass er ietzund in seinem
ganzen Vermögen nicht eines Ducatens mächtig sei. Gelanor sagte, so büssen die
guten Brüder woll vor ihre Narrheit. Wer hats den ersten geheissen, dass er die
Richter-Stube ohne Not beschweret hat. Ach wer bei den Juristen in die
Information, und bei den Apoteckern zu Tische geht, dem kömmt es ein Jahr über
sehr hoch. Der andere hätte seine Postille davor reiten mögen, so hat ihn der
Hencker geritten, dass er gemeint hat, ein Hirsch im Walde, sei besser als der
Hase in der Küche. Solche tumme Geldverderber sind nicht wert, dass man sie
klagt. Der Wirt gab hierauff sein Bedencken darzu, es wäre nicht ohne, die
guten Leute hätten ihre Sachen besser können wahrnehmen, als dass sie nun in
diesem Lumpen-Städtgen nicht viel herrlicher, als die Bauern leben müsten. Doch
aber bildete er sich gäntzlich ein, es sei GOttes Straffe, die selten das
unrecht erworbene Gut an den dritten Erben kommen lasse. Ihr Vater habe ehrliche
Mittel hinterlassen, aber auf unehrliche Manier erworben. Ach sagte er, da ist
wohl kein Groschen im Kasten gewesen, da nicht etliche Seufftzer von armen
Leuten daran geklebet. So viel Steine hat er in seinen Häusern nicht zusammen
bracht, als er heisse Tränen von Wittwen und Wäysen aussgeprest hat. Sein
Reichtum war anderer Leute Armut. Er selbst war nicht viel anders, als eine
gemeine Plage. Geld war die Losung, damit mochte GOtt und Himmel bleiben, wo sie
kunten; Endlich fuhr er dahin wie eine Bestie. Ins Gemein gab man vor, er wäre
an einem Schlagflusse gestorben: Doch waren viel vornehme Leute, die munckelten,
als hätte er sich selbst gehenckt, und wäre darnach von den Seinen los
geschnitten worten, so wohl die Schande als des Scharffrichters Unkosten zu
vermeiden. Es war viel Pralens von der grossen Erbschaft, doch nun haben die
Adlers-Federn alles verzehret, dass sie nicht mehr ein tüchtig Federbette
auffweisen können. Gelanor stimmte mit dem Wirte ein, und setzte den Discurs
fort. Ich glaube es wohl, sagte er, dass Gott dies Zorn-Exempel nicht vergebens
vorgestellt hat. Dies ist nur zu beklagen, dass niemand gebessert wird. Es
bezeugets die tägliche Erfahrung mehr, als zu viel, dass unrecht Gut nicht auf
den dritten Erben kömmt. Ein jedweder, der in seinem Ampte sitzet, hat entweder
seiner Antecessorum oder anderer dergleichen Kinder vor sich, daran er so wohl
den Segen, als den Unsegen seinen Kindern gleichsam als ein gewisses Nativität
prognosticiren kann. Ist das nun nicht Torheit? Sie scharren viel zusammen: zu
Essen, Trincken und Kleidern brauchen sie nicht alles, den Kindern wollen sie es
verlassen, doch wo sie nicht ganz blind sein, so wissen sie, dass es nicht
wudelt, ja dass die Kinder an ihrem andern Glücke dadurch gehindert werden. Wir
lachen die Affen aus, dass sie ihre Jungen aus Liebe zu tode drücken. Aber ist
dergleichen Vorsorge, dadurch manches umb seine zeitliche und ewige Wohlfahrt
gebracht wird, nicht eben so töricht? die Griechen satzten die Kinder weg,
welche sie nicht ernehren kunten. Die Leute kehren es umb, und setzen die Kinder
weg, welche sie auffs beste ernehren wollen. Das ärgste ist, dass die Eltern
selbst ihre eigene Wohlfahrt dabei in die Schantze schlagen. Und also kommen sie
mir vor wie die Schlangen, von welchen Plinius fabulirt, dass sie über der Geburt
ihrer jungen notwendig sterben müssen. Nun mit einem Worte, das heist aus Liebe
in die Hölle gefahren. Als sie noch redeten brachten die Bauern einen Spitzbuben
vor sich her gejagt, der hatte einer Frauen Geld aus dem Schiebsacke entführen
wollen, war aber aus Unvorsichtigkeit in den Schiebsack darneben kommen. Nun
warff er die Beine hurtig nach einander auf, und fragte nicht viel darnach, ob
sie gleich mit Erdklössern hinden drein spieleten. Doch währete die
Geschwindigkeit nicht lange, denn ein Baur warff ihm einen Knittel unter die
Beine, dass er notwendig fallen musste. Da ging nun das Ballspiel an, und musste
Gelanor gestehen, er hätte nicht geglaubet, dass ein Bauer so justement auf eine
Stäte schmeissen könnte, als nach dem er so eine vollkommene Probe mit angesehen.
Es hätte auch leicht geschehen können, dass der gute Kerl wäre um sein Leben
kommen. Wenn nicht der Mann, der in dem Städgen, Häscher, Türknecht,
Stundenrüffer, Marckmeister, Gerichtsfron, Blutschreier, Stockmeister und alles
war, ihn aus dem Gedränge heraussgerissen, und mit sich in das Wirtshaus zur
Apfelkammer geführet hätte. Gelanor sagte hierauff, er hätte nur gemeint, es
wären solche Schnaphäne in grossen Städten anzutreffen. Da habe er sich oft
verwundert, warum ein Mensche seinem eigenem Glücke so feind sei, dass er sich
dem Beutelschneider-Leben so unbesonnen ergeben könne. Bei einem Herrn wolle
mancher nicht ein loses Wort einfressen, da er doch alle Beförderung von ihm zu
gewarten hätte; hingegen liesse er sich hernach die Bauern lahm und ungesund
prügeln, und müste wohl darzu gewärtig sein, dass er mit einem gnädigen
Staupbesen zum überfluss bedacht würde: Der Wirt kehrte sich weg, und stellte
sich als wäre im Hause etwas zu befehlen, denn er hatte auch einen Vetter, der
zu Hamburg auf dem Kack etliche Ballette getantzt hatte.
 
                                   CAP. XIX.
Gelanor ging also auch vom Fenster hinweg und ging hinunter in das Haus, da
stund der Hausknecht und weinte bittere Zähren, Eurylas, der dabei war, fragte
was ihm zu Leide geschehen wäre. Ach ihr Herren, sagte er, soll ich nicht über
mein Unglück Tränen vergiessen? Da wollen alle Leute an mir die Schuh wischen,
O wer sich nur sollte ein Leid antun! gedenckt nur wie mirs geht! da ist meine
Frau in die Wochen kommen, und hat einen jungen Sohn bracht. Nun soll ich ja vor
allen Dingen drauf dencken, wie ich des jungen Heidens los werde, und einen
neuen Christen davor kriege. Aber ihr Herren, ihr wist es selber, das Werck läst
sich nit tun, ich muss ehrliche Leute zu Gevattern haben. Gleichwohl geht mirs
so närrisch, dass ich flugs möchte davon lauffen. Da ist ein Kerle, dem hab ich
in diesem Gastoffe wohl sechstausend Gläser Bier eingeschenckt, den wolt ich
bei diesem Ehrenwercke gerne haben, wegen der alten Bekanntschaft. Aber er hat
mir den Gevatterbrieff zurück geschickt aus Ursachen, weil ich ihn nicht Edler,
Wohl-Ehrenvester titulirt. Eurylas fragte weiter, wer es denn wäre, ob es ein
vornehmer Mann sei, der den Titel verdienet habe? der Knecht gab zur Antwort, er
wisse nicht wie hoch einer vor dem andren geschoren sei; doch sagten alle Leute,
der Kerle sei im Kriege bei einem Obersten ein Bissgen vornehmer als ein
Schuhputzer gewesen; so habe der Herr Rector (also ward der Præceptor Classicus
genant, der Cantor, Baccalarius, und infima & suprema Collega zugleich war)
gemeint, es sei genug wenn er schriebe Ehrenwohlgeachter. Nun sei der Groschen
vergebens aussgegeben, da der Steiss-Paucker vor das Geld hätte Edel und
Wohl-Ehrenvest können hinschreiben. Eurylas sprach ihm Trost zu, er sollte sich
zu frieden geben, wenn es ja an Gevattern mangelte, so hätten sie einen Mahler
bei sich, der das Christliche Werck auf sich nehmen könnte. Der Hausknecht wollte
sich noch nicht zu frieden geben, biss er einen andren Brieff geschrieben, und
seinen ausserlesenen Gevatter versöhnet hätte; da nam Eurylas den Mahler und
dictirte ihm folgenden Brieff.
    Edler, Wohl-Ehrenvester, Grossachtbarer, Hochbenahmter, Hoch- und
        Wohl-Mannhafter, Hoch- Ehren-Wohlgeachter und Hocherbarer Herr.
    Eurer Edlen und Wohl-Ehrenvesten Herrligkeit kann ich nicht bergen, dass meine
Tugendsame Hausehre die Christliche Kirche mit einer Männlichen Person
vermehret. Wenn ich denn aus tragendem väterlichen Ampte mich nach vornehmen
Paten ümbsehen muss, Und aber Eure Edle Wohl-Ehrenveste Herrligkeit mir iederzeit
mit guter Affection zugetan gewesen. Als ist an Eure obgedachte Edle
Wohl-Ehrenveste Herrligkeit mein gehorsamstes Bitten, dieselbe wolle geruhen,
durch dero Edle und Wohl-Ehrenveste Præsenz die Christliche Versammlung zu
vermehren, und das arme Kind in dero Edle und Wohlehrenveste Affection auf- und
anzunehmen. Solche Edle und Wohlehrenveste Wohltat werde ich in meiner
Niedrigkeit nicht allein erkennen: sondern werde auch in dessen Edlen und
Wohlehrenvesten Diensten zu leben und zu sterben befliessen sein.
                        E. Edl. und Wohlehrenv. Herrligk.
                        Untertäniger Haus-Knecht
                                                               Steffen Leipeltz.
    Solchen Brieff gab Eurylas dem Haus-Knechte, und weil er nicht lesen konnte,
lass er ihm was anders vor, dass der gute Tropff gar wohl mit zu frieden war,
damit schickte er die Kindfrau fort. Nun gefiel dem neuen Herr Gevatter die
Aussschrifft sehr wohl, dass er die Frau gar freundlich abfertigte, allein das
inwendige fuhr ihm in der Nase auf wie Pfeffer. Er schickte also fort nach dem
Hausknechte, und fragte ihn, wer diesen Brieff gestellet hätte? der Knecht
besorgte sich nichts Böses, und sagte die rechte Wahrheit: da fieng der
Fincken-Ritter an, ich sehe es, du bist ausser Schuld, denn du kanst nicht
lesen, da hastu ein Goldgülden Patengeld, unser Haus-Knecht soll vor mich
stehen, aber morgen will ich zu euch zum Biere kommen, und da will ich dem
Schreiber seine Arbeit gesegnen. Der Knecht referirte solches dem Eurylas, der
war unerschrocken, und vexierte unterdessen den Mahler, als welchem immer leid
war, dass man ihn in der Patschke stecken lasse. Denn ob sie zwar nicht Willens
gewesen, sich an dem Orte lang auf zu halten, war doch ein Pferd vernagelt
worden, dass sie also wieder ihren Willen dem Tiere seine Ruh gönnen mussten. Der
morgende Tag kam, das Mittagsmahl war fertig, als sich der Edle Wohl-Ehrenveste
Herr Ober Stiefel Inspector einstellete. Er hatte eine braune Kappe an, und ein
elend Camisol darunter, das hieb und stich frei war: an der Seite hieng eine
breite Blötze, damit er auf einen Hieb sieben Krautköpfe hätte können abhauen.
Ein Junge musste ihm einen Säbel nachtragen, der so schrecklich ausssah, dass einem
von dem ersten Anblicke hätte mögen der Kopff vor die Füsse fallen.
    Mit einem Worte alles zu begreiffen, dem Eurylas war zu mute, als wenn ihm
die Türcken und Tartarn wären zu gleich ins Land gefallen. Gelanor und Florindo
stellten sich ganz unbekant, und assen vor sich fort, ingleichen machte Eurylas
auch nicht viel Wesens. Nun war dem guten Stümper, welcher vor diesmal
Horribilicribrifax heissen mag, immer leid, die Gäste möchten etwan nicht
wissen, wer er wäre, und möchten dannenhero vor seinem Zorne nicht gar zu hoch
erschrecken: Gleichwohl aber wollte sich kein Discurs fügen, dabei er seine
Heldenmässige Taten hätte angebracht. Darum musste er sich mit des Wirts Sohn
einlassen, der sich auf der nechsten Schule sonsten auffhielt und dazumal zu dem
Hr. Vater in patriam verreiset war: Junge sagte er zu seinem Serviteur, wo hast
du meinen Säbel, bring ihn nur in der Scheide her, zeuch ihn nicht aus, du
möchtest Schaden tun. Hiemit wandte er sich zu dem jungen Lappen, der viel
wusste, was der Krieg vor ein Ding wäre, und sagte: Das ist ein Säbel, der mir im
Polnischen Kriege Dienste getan hat. Ich wollte ihm so viel Ducaten gönnen, so
viel als Tartar-Köpffe davor abgeflogen sind. Ich ward bei der köstlichen Klinge
des Blutvergiessens so gewohnt: dass ich oft mit meinen besten Freunden anfieng,
nur damit ich Händel kriegte, und einem ein Zeichen geben kunte. Sie wusstens
auch alle, darum schickten sie mich mehrenteils auf die Partei, nur dass sie im
Quartier unbeschädigt blieben. Ja Czarnetzky hatte Glücke, dass er mir aus den
Händen entwischte, ich hatte ihm, soll mich der und jener, schon die Charpe vom
Leibe weggehauen: doch man weiss wohl, was die Pohlnischen Klöpper vor Kröten
sein, wie sie durch gehen: Sonst hätte es geheissen, Bruder, gib eine Tonne
Goldes Rantzion, oder ich haue dich, dass dir die Caldaunen am Sattelknopffe
hängen bleiben. Ach das war ein Leben: drei Teutsche, sieben Pohlen, zehen
Cosacken, vierzehn Tartarn, und ein halbschock Muscowitter waren mir als ein
Morgenbrod. Ich achte sie oft nicht so gut, dass ich auf sie lossgeschlagen
hätte, biss mir die Hunde sagten, ob ihrer nicht mehr wären. Aber ich wusste, dass
ich mich auf mein Gewehr verlassen konnte. Hätte ich meinen Bachmatt, der mir in
der Schlacht vor Warschau erschossen ward, nur ein halb Jahr eher kriegt, ich
wollte funffzigtausend Taler reicher sein. Er ging in einem Futter dreissig
Meilen hin und her, als wenn ihm nichts drum wäre. Ein Morast, der nicht breiter
war, als etliche Acker, war seine Lust, dass er drüber springen sollte. Einmahl
jagte ich den Pohlen nach, biss in ein Städgen, da schlossen sie das Tor zu, und
meinten sie hätten mich gar gewiss. Aber da sie zu Rate giengen, wie sie mir
beikämen, setzte ich über die Stadtmauer weg, und stellte mich ins blancke Feld:
der Hencker hätte die Kerlen geritten, dass sie mir wären nachkommen. Ein
andermahl umbringte mich eine ganze Compagnie Tartarn, aber ich sprengte über
die ganze Schwadrone weg, und schmiess mit dem Förderbeine den Rittmeister, mit
den Hinterbeinen den Cornet, vor die Köpffe, dass sie wohl ihres Parteigehens
vergessen haben. Ich möchte mir wohl so viel dergleichen Pferde wünschen, als
ich mit diesem eintzigen durch die Weichsel und durch den Dnieper geschwummen
bin. Und was das beste war, das Tier hatte einen Verstand, als ein Mensch, es
legte sich flugs auf die Streu zu mir, und schlieff die ganze Nacht mit. Hatte
ich Meet oder Brandtewein, das Pferd soff so einen dichten Rausch, als ein Kerl.
Ewig Schade war es, dass es so liederlich sollte drauff gehen, und ich sollte es
nicht aussstopffen, oder zum wenigsten begraben lassen. Ja wohl, es ist eine
brave Sache umb den Krieg, wenn einer courage hat, und weiss sie recht zu
gebrauchen. Doch wollte ich es keinem raten, dass er sich so übel verwahrte, als
ich. Mein Oberster, bei dem ich war, wusste, dass er sich auf mich verlassen
kunte, drum verhinderte er mich an meinem Glück, dass ich bei allen
Officir-Stellen, die mir angetragen wurden, darneben hingieng. Nun gibt sich
noch ein Krieg an, mein Säbel soll mir noch eine Graffschaft erwerben, du
ehrlicher Säbel, hastu nichts zu tun, möchtestu nicht einmal einem guten
Freunde eine Schmarre über den Kopff hauen, dass ein Bachmatt, wie meiner war,
daraus sauffen könnte? Ja fürwar, du hast ein Lüstgen. Nun sei zu frieden, wo
dich dürst, ich will dir bald zu trincken geben.
    Der Mahler hatte sich dazumahl müssen mit zu Tische setzen, dem war nun
Angst und bange, was aus dem Blutvergiessen werden sollte, und ob er nicht auch
etwas von Cinnober darzu spendiren müste. Eurylas hingegen, dem sonst mehr
solche Praler bekant waren, lachte heimlich, und wollte nur sehn, ob sich der
Kerl an den Mahler reiben würde, doch als seine Auffschneiderei zu lange währte,
trunck er ihm eins zu, und sagte: Mein Herr, ich höre, er ist in dem Polnischen
Kriege gewesen, hat er nicht den Obristen Widewitz gekennt, der die alte
Timmertze oberhalb der Weichsel eingenommen hat? Der gute Kumpe verstund die
Wörter nicht, doch meinte er, es wäre ihm schimpfflich, wenn ihm etwas in Pohlen
sollte unbekant sein. Darumb sagte er, er sei ihm gar wohl bekant, und habe er
oft im Namen seines Obersten Brieffe hin zu bestellen gehabt. Eurylas hatte ihn
auf dem rechten Wege, darumb fragte er weiter, ob er nicht gehöret hätte, dass
derselbige Obriste einen Hirsch durch das lincke Ohr und durch die rechte Pfote
mit einer Kugel zugleich geschossen hätte? Ja sagte er, ich kam gleich darzu,
wie der Schuss geschehen war. Eurylas wiess hiermit auf den Mahler, und fragte ob
er denn diesen guten Freund nicht kennte, er hätte eben über demselben Stücke
das Weidmesser kriegt. Der ehrliche Horribilicribrifax wusste nicht, wie er dran
war, doch wickelte er sich wieder heraus, er wäre gleich fortgeritten, und hätte
nicht observirt, was sonst passirt wäre. Eurylas sagte weiter, gleichwohl hätte
sich dieser rechtschaffene Kerle über ihn beschwert, als wäre er sein Verräter
gewesen, und wenn es wahr wäre, so wollte er diesen nicht mehr vor seinen
Compagnon erkennen, wo er den Schimpf nicht revengirte. Horribilicribrifax
versetzte, er wüste nichts davon, doch wollte er es keinem raten, dass er sich an
ihn machte, wenn er nicht sein Leben in Gefahr setzen wollte. Eurylas kriegte
hierauff den Mahler bei dem Flügel, und sagte, wie sitzt ihr da, als wenn ihr
eure drei Pfund allein behalten wollet, macht fort, und schmeist euren Verräter
an den Hals, oder der kleinste Junge, den ich auf der Gasse finde, soll euch
Nasenstüber geben. Habt ihr ihm gestern zur Bravade einen Brieff schreiben
können, so trettet ihm auch heute unter das Gesichte. Indem sich nun der Mahler
besann, ob er sich in Leib- und Lebens Gefahr wagen wollte, ging der andere mit
rechten Bachmattss-Schritten zu der Stube hinaus. Und wie der Hausknecht
erzehlte, hatte er vorgegeben, er wäre übermannet gewesen, und wüste wohl, wie
hoch ein Todschlag gestraffet würde, wenn man ihn noch so raisonable begangen
hätte; doch sollte ihm einer aus der ganzen Compagnie im Kriege begegnen, er
wollte ihm den Säbel zu kosten geben. Ho, ho! sagte Eurylas, haben wir so lang
noch Zeit, so vexiren wir den Moscowiter noch einmal. Damit redte einer dies,
der ander das von dem elenden närrischen Auffschneider: Etliche verwunderten
sich über die ungereimten Lügen: Andere lachten darüber, dass mancher so streng
über solchen Tituln hielte, die er kaum halb verdient hätte. Aber Gelanor machte
nicht viel Wunders, was ist es nun mehr, sagte er, dass ein Kerl etwas liberal im
reden ist, wenn er seine Reputation dadurch bestätigen soll. Tut es doch die
ganze Welt, was rühmen die Gelehrten nicht von ihren sonderlichen Meinungen,
die Medici von ihren arcanis, die Juristen von ihren Exceptionibus, die
Philologi von ihren Manuscriptis, die Kauffleute von ihren Wahren, die Schäffer
von ihrer Keule, und was des Pralens mehr ist? Hat es nun der gute Schöps zu
mercklich gemacht, was kann er davor, dass er den Schalck nicht so wohl verbergen
und vermänteln kann, als die andern? Auch was die Titul betrifft, warumb soll er
eben der Narr alleine sein, da sich so viel Leute umb die Narrenkappe schlagen
und schmeissen wollen, und da nunmehr die ganze Brieffschreiberei in dieser
Zierligkeit besteht, dass man die Eminentzen, Exellentzen, Reverentzen und
Pestilentzen fein nach der Tabulatur herschneiden kann. Darumb dürffen wir den
guten Menschen nicht ausslachen, oder wenn wir solches tun wollen, haben wir
nicht Ursache, dass wir vornehmere Leute vorbei gehen, und bei dieser elenden
Kreatur den Anfang machen wollen. Und dies war dazumahl das Lied vom Ende.
 
                                    CAP. XX.
Weiter begegnete der Compagnie nichts sonderliches, biss sie fortreiseten, da kam
ein alter Mann mit in die Gesellschaft, nebenst einem jungen Menschen von fünff
biss sechs und zwantzig Jahren. Nun wussten sie nicht, was sie von diesem jungen
Kerl gedencken sollten. Denn bissweilen sprang er vom Wagen, und ging ein wenig:
Bald spitzte er das Maul, und pfiffe eine Sarabande daher, als trotz ein
Canarien-Vogel: Bald nahm er den Kamm aus der Tasche, und kämte sich: bald fieng
er an zu singen, tira tira tira, Soldat tira, bald fistulirte er wie ein Capaun,
Aymable bergere quand tromperons nous, la garde sefere d'un mary jaloux. Sil
n'est pas honeste il est du devoir, de luy mettre au teste ce q'il croit avoir;
bald zog er einen Puffer aus der Ficke, und künstelte dran: bald knüpffte er die
Ermelbänder anders: bald war ihm die Schleiffe auf gefahren, damit er die Haare
biss an die Ohren auffgebunden hatte; Bald nahm er den Hut, und drehte ihn auf
dem Finger etliche mahl herumb. Als sie ins Wirts-Haus kamen, und die andern
ihre Messer und Gabel ausszogen, grieff dieser mit allen Fünffen in den Salat,
und machte sonst abscheuliche Gauckelpossen. Endlich tadelte er das Brod, es
wäre nicht recht aussgebacken, in Franckreich könnte man schön Brod backen: da
sagte der Alte: Ach du elender Teufel, das Brod ist länger im Backofen gewesen,
als du in Franckreich. Da merckten die anderen, dass der Kerl ein gereister
Monsieur wär, und dass er eben deswegen so liederlich getan, dass man ihm die
Frantzösische Reise ansehen sollte. Darneben observirten sie, dass der gute Mensch
vielleicht auf der Post durch Paris möchte geritten sein, wie jener, der
beklagte sich, es hülffe ihm nichts, dass er auf Paris gezogen wäre, denn es wäre
zu seiner Zeit so finster drinn gewesen, dass man kein Haus von dem andern
unterscheiden können. Und als man nachfragte, war der Postilion gleich in der
Mitternacht mit ihm durch passirt, als der Mond im letzten Viertel gewesen. Doch
war keiner, der ihn in seinen Gedancken besser entschuldigte, als Gelanor: denn
er hatte raison liederlich zu tun. Ein ander, der sich etliche Jahr in fremden
Ländern versucht hat, kann durch seine Actiones leicht dartun, dass er kein
Haus-Veix sei: Aber so ein Mensch, mit dem es etwas geschwinde zugegangen,
möchte sich leicht unter den Aepffelbratern verliehren, wenn er nicht alle Leute
mit ganzer Gewalt bereden sollte, wo er gewesen wäre. Nach der Mahlzeit geriet
Gelanor, mit dem Alten in Discurs, und befand, dass es kein unebener Mann war;
dieser beklagte sich nun über diesen jungen Frantzosen, man könne ihn zu nichts
bringen, dass er mit Lust täte, und darbei er beständig bliebe: alle Tage wolle
er etwas anders werden, bald ein Gelehrter, bald ein Kauffmann, bald ein Soldat,
bald ein Hoffman; und solche Abwechselung hab er nun biss in dass fünff und
zwantzigste Jahr getrieben. Neulich sei er gleichsam verschwunden, dass kein
Mensch gewust, wo er blieben. Endlich in acht Wochen hab er sich wieder
præsentirt, in dieser Frantzösischen Gestalt, als wie mann ihn noch sehen könnte.
Nun wolle er an einem vornehmen Orte Hoffmeister werden, aber die Lust würde
auch nicht lang währen. Eurylas sagte: der wunderliche Kautz habe wohl
verdienet, dass man ihn etwas vexirte, der Alte war es wohl zu frieden.
Derhalben, als sie wieder zusammen in die Kutsche sassen, fiengen sie darvon an
zu reden, wie das dieser Sausewind in keiner Sache beständig wäre, als in seiner
Unbeständigkeit. Er entschuldigte sich, und wusste seine Ursachen recht
vernünftig und nachdencklich anzuführen. Denn als Eurylas fragte, warumb er
sein Studieren nicht fortgesetzt, so erzehlte er seinen ganzen Lebenslauff. Ich
sollte, sagte er, freilich studieren, und einen Juristen abgeben, aber ich
bedachte dies, wie leicht könnte ich eine Sache wider einen Edelmann gewinnen,
der mirs nachtrüge, und mir wohl gar einen Fang mit dem kalten Eisen gäbe: Oder
wenn ich im Winter einen Termin hätte, und stolperte mein Pferd auf dem Eise,
dass mir das Bein im Stieffel zerbräche, und niemand wäre bei mir, müste ich
nicht als ein Hund verderben? Oder wenn ich von meinen Clienten tractirt würde,
dass ich in der Nacht reisen müste, und führte mich ein Irrwisch in das Wasser;
Nein, nein, ich möchte nicht. Die Kaufmannschaft beliebte mir, aber in wenig
Wochen fiel mir ein, sieh da, wenn du einem Kauffmann in einer andern Stadt vor
10000. Rtl. Wahren creditirst, und es käme ein Erdbeben, dass die Stadt mit
allen Leuten untergienge, wo kriegest du deine Bezahlung? Oder wenn du kein
Gewölbe zu mieten kriegst, wo wolstu deine Wahren ausslegen? Oder wenn du einen
Pack von inficirten Orten her bekämest, dass du möchtest des Todes über dem
Ausspacken sein. Nein, nein, unverworren mit so einer gefährlichen Profession.
Drauff wollte ich die Haushaltung vor die Hand nehmen, dass ich mit der Zeit ein
Adeliches Gut hätte pachten können; Aber ich bedachte mich, wie leicht wäre es
geschehen, dass deine Frau mit Butter und Käsen zu tun hätte, und gebe das Kind
einem Bauermädgen zu warten, das tumme Rabenaass trüge es im Hoffe herum, und
käme gleich der Klapperstorch, und wollte sich auf dem Schorstein ein Nest zu
rechte bauen, der schmiess einen Stein auf die Dachziegel, das ein halb Schock
herunter flögen, wer hätte nun das Hertzeleid, wenn dem Kinde die Hirnschale
enzwei geschmissen wäre, als eben ich? Oder wenn der unachtsame Aschenbrödel das
Kind an die Tür legte, und kämen die Schweine und frässen ihm, mit züchten zu
melden, wer weiss was vom Leibe ab. Oder wenn im Winter ein Dieb in den Kühstall
bräch, und zöge den Kühen Stieffel an, dass man die Spur nicht merckte. Ach nein,
in solche Gefahr begehrte ich mich nicht zu stecken. Also dacht ich wieder an
das Studieren, und wollte ein Medicus werden. Allein in vierzehen Tagen ward ich
klüger. Wie leicht hätte mir eine Retorte können zu springen, dass mir die
Scherben im Gesichte wären stecken blieben. Oder wie leicht könnte die Magd eine
Katze in das Laboratorium lassen, die mir vor tausent Taler Gläser auf einmal
umbwürffe. Oder wie leicht könnte mich ein Bandit niedermachen, wenn ich wollte zu
Padua Doctor werden? Damit änderte ich meinen Vorsatz, und hatte zum Bierbrauen
Lust; Doch erwog ich dieses, wenn ich einmal ein ganz Bier zu brauen hätte,
und fiele unversehens ein Hund in den Bottich, so wäre das Bier zu meinem
Schaden verdorben. Oder wenn meine Frau die Fässer ein wenig mit frischem
Brunnwasser wollte füllen lassen, es hätte aber ein schabernäckischer Nachbar
Heckerling in den Brunnen geschütt, dass also die Leute früh lauter Heckerling im
Bier fünden, würde mir dies nicht eine Ehre sein?
    Es wäre zu lang alles vorzubringen; dies war der Inhalt seiner Rede, er
hätte nach diesem bald ein Mahler, bald ein Priester, bald ein Goldschmied, bald
ein Schreiber, bald ein Hoffmann, bald ein Dintenklecker werden wollen; doch sei
er allzeit durch dergleichen Erhebligkeiten abgeschreckt worden. Eurylas fiel
ihm in den Discurs, und sagte, warum bedenckt er denn nicht, was ihm bei seiner
Hoffmeisterei möchte zu Handen stossen, weiss er nicht, dass die von Adel auf
ihren Vorwergen Hoffmeister haben die nicht viel besser sein, als ein
Grossknecht? Wenn nun sein Principal einmal ruffte, komm her Hoffmeister, du
etc. könnte nicht leichtlich ein Missverstand daraus erwachsen? Der Teutsche
Frantzos besann sich etwas, doch fiel ihm endlich dies expediens bei, er wolle
sich à la francoise lassen Gouverneur heissen. Eurylas wandte ein, dies wäre ein
böse  Zeichen, denn gleich wie ein Spanischer Gouverneur selten über 3. Jahr zu
guberniren hätte, also möchte mancher urteilen, er würde es nicht viel über
drei Wochen bringen. Sein Rat wäre er fienge einen Gewandschnitt mit Tauben an.
Denn wo ein Paar sechs Pfennige gülte, und er verkauffte tausend, so hätte er
unfehlbar zwantzig Taler und zwantzig Groschen. Der Alte lachte hierauff, und
verwies seinem Vetter, dass er nicht allein so liederlich lebte, sondern auch den
Lebenslauff zu erzählen keinen Scheu trüge. Das wäre die höchste Narrheit, dass
man auf keiner Meinung beständig bliebe, und habe Seneca wohl gesagt: Stultus
quotidie incipit vivere. Uber dies habe er sich dergleichen Ursachen abschrecken
lassen, welche mehr zu verlachen, als zu bedencken wären. Denn auf solche Masse
dürffte man nicht in der Welt bleiben, alldieweil man auf allen Seiten der
Gefahr unterworffen sei. Ein andermahl solle er dencken, dass ein andächtiges
Gebete, und ein gnädiger Gott, allen furchtsamen Sachen leicht abhelffen könne.
 
                                   CAP. XXI.
Mit solchen Reden brachten sie die Zeit hin, biss in die Stadt, da sie gleich im
Wirtshause viel Personen antraffen, welche in einer benachbarten Stadt auf der
Messe gewesen. Gelanor fragte, ob was Neues daselbst passirte, und da sagte
einer diss, der ander das. Endlich sagte ein Kerl der am schwartzen Gefieder fast
einem Studenten ähnlich war, er schätzte sich glückselig, dass er eben diese
Messe besucht hätte, denn er habe einen trefflichen Extract von allerhand
wunderschönen Tractätgen aussgesucht, daraus er sich in allen Facultäten
perfectioniren wollte. Gelanor bekam ein Verlangen in die Raritäten zu sehen, bat
derhalben, er möchte ihm doch etwas auf eine Viertel-Stunde communiciren. Der
Student war willig darzu, nur dies entschuldigte er, die Materien wären nicht
nach ihren Facultäten und Disciplinen aussgelesen, sondern er würde alles wie
Kraut und Rüben unter einander gemenget finden. Hiermit öffnete er seinen
Kuffer, und da fand Gelanor folgende Stücke, welche wir in der Ordnung, wie sie
gelegen, referiren wollen.
   1. De tribus literis X.Y.Z. in antiquo lapide repertis.
   2. De Abstractione abstractissimâ.
   3. An spatium imaginarium sit substantia?
   4. An Socrates intellexerit Quadraturam Circuli?
   5. An Gymnosophistæ potuerint formaliter disputare?
   6. De modo pingendi cucurbitas secundum proportionem Geometricam, tractatus
  sex.
   7. An si mansissent homines in statu integritatis, excrementa eorum
  foetuissent?
   8. An Stolæ, quas Josephus fratribus dedit, fuerint holosericæ?
   9. De Vaticinio Sauli Regis, cum esset inter Prophetas.
   10. An Secta Mexicanorum propior sit nostræ religioni, quàm Peruvianorum?
   11. An si Papa Alexander III. non calcaverit cervicem Friderici Barbarossæ,
  Pontifex nihilominus sit Antichristus?
   12. An tres Reges sepulti sint Coloniæ?
   13. Quomodo Chinenses expellere possint Tartaros?
   14. An utile sit Regi Galliæ, ut parium potestas reducatur? Quæstio
  singularis.
   15. An Imp. Justinianus Instit. de J. & J. definiverit Justitiam
  particularem, an universalem? Dissertationes quinque.
   16. Cur partus septimestris rectiùs admittatur quàm octimestris?
   17. An Politica sit prudentia? Disputationes XXIII.
   18. An fundi Dominus jus habeat altiùs tollendi usque in tertiam aeris
  regionem?
   19. An licentia peccandi pertineat ad Jura Majestatis?
   20. In quo Prædicamento sit litis contestatio, quod ejus proprium Genus, quæ
  optima Definitio? Liber unus.
   21. An mulier arcta non sit sana?
   22. An passeres laborent epilepsia?
   23. An lues Gallica fuerit in usu tempore Caroli M.?
   24. Quomodo antiqui Japonienses curaverint malum Hypochondriacum?
   25. An vetulæ possint rejuvenescere?
   26. De quartâ figurâ Galeni. Disputatio Medica.
   27. Hippocrates resolutus per quatuor causas.
   28. An pictor depingere possit ægrotum, ut ex imagine Medicus de genere morbi
  judicare queat?
   29. De origine Nili.
   30. De Hominibus in Sole viventibus.
   31. De legitimâ consequentiâ argumentorum purè negativorum.
   32. De ponte Asinorum, & modo eum ornatè depingendi, cum figuris æneis.
   33. An ignis sit accidens?
   34. An Darapti & Felapton aliquid significent ex sua essentia?
   35. An, si Metaphysica sit Lexicon Philosophicum, ea referenda sit ad
  Grammaticam? &, si hoc concedatur, an ea tractanda sit in Etymologia aut in
  Syntaxi? quæstiones illustres XVII.
   36. De discrimine Mahumetismi apud Turcas & Persas & an Sperandus
  inter eos sit Syncretismus?
   37. De umbra Asini, disputatio optica.
   38. An Asina Bileami locuta fuerit Hebraicè?
   39. An primi parentes deficiente adhuc ferro pedum manuumque ungues dentibus
  aut silicibus abraserint?
   40. An Judas Ischariot rupto fune, quo se suspenderat, inciderit lapidi aut
  gladio?
   41. An Abelus ante mortem locutus sit cum Parentibus?
   42. An Daniel Propheta intellexerit ludum Schachicum seu latrunculorum?
   43. Utrum Batseba an Susanna fuerit formosior?
   44. De Modo acquirendi pecuniam.
   45. An Ulysses projectus fuerit usque in Americam?
   46. An Græci in bello Trojano præcisè habuerint mille naves?
   47. An Hollandi debeant tolerare piratas Africanos?
   48. An objectum Politicæ sint res omnes?
   49. An Politica sit supra Metaphysicam?
   50. An Romani antiqui gestaverint pileos, & an rectiùs scribatur pilleus?
   51. De perfectissima Rep.
   52. An Asini annumerandi sint feris animalibus?
   53. An qui in duello læsus est ad necem, condere possit testamentum militare?
   54. An apud Aurifabros quisquiliæ spectent ad Geradam?
   55. An pecunia à sponso spontè perdita vocari debeat donatio ante nuptias?
   56. An hodie inter Senatores retinenda distinctio, Illustrium,
  Superillustrium, Spectabilium & Clarissimorum?
   57. An oppidana ancilla cum rustico concumbens per Sctum Claudianum, fiat
  ejus Nobilis subdita, cui subest rusticus?
   58. An primicerius sit, qui secundicerium non habet?
   59. An Autor noctium Atticarum vocetur Gellius aut Agellius?
   60. Quis fuerit Merdardus, cujus mentionem in colloquiis facit Erasmus?
   61. De usu quæstionum Domitianarum?
   62. An Cicero usurpaverit vocabulum Ingratitudo?
   63. An, quemadmodum dicitur Mus die Maus, sic dici queat Lus die Laus,
  exercitationes XX.
   64. An crepitum ventris emittenti sit apprecanda salus?
   65. Quatenus per vim Magneticam & occultas qualitates solvi possint omnes
  difficultates Physicæ?
   66. An posita atomorum rotunditate sequatur vacuum in rerum natura?
   67. An, quoties à muribus vivorum porcorum adeps arroditur, aliqua simul
  devoretur formæ substantialis particula?
   68. An inter rusticum esurientem & frustum panis aliqua sit antipatia,
  sicut inter lupos & oves?
   69. Quoto grano adjecto fiat cumulus?
   70. An per potentiam absolutam vulpes possit esse anser?
   71. De distinctionibus latè & strictè, explicitè & implicitè in omni
  disputatione adhibendis. Quæstiones selectiores.
   72. An Lipsius de Constantia scribens habuerit summum bonum?
   73. De perfecte habea Hermolai Barbari Schediasma.
   74. An puer sit dignus Auditor Etices? & an quispiam ante duodecimum
  ætatis annum debeat corrigere septuaginta interpretes? opus postumum.
   75. An tot sint Prædicamenta, quod sunt hydriæ positæ in Cana Galilææ.
   76. An in ea disciplina, quæ docet, qui sit prædicamentum, explicari commodè
  possit Prædicamentalitas?
   77. De Steganographia Antediluvianorum, eorumque obeliscis.
   78. Quomodo Characteres nihil significantes per commodam explicationem
  aliquid significare incipiant? Quæstiones curiosæ.
   79. De eadem omnium Linguarum scriptura.
   80. De ritu assuendi stultis tintinabula, cum notis perpetuis & figuris.
Gelanor suchte immer fort, und vermeinte, die Sachen wären nur als Maculatur
oben angelegt. Doch als lauter solch Zeug nach einander folgte, schmiess er den
Bettel hin und nahm einen weissen Bogen Papier, und schrieb oben drauff: Exerpta
rerum utilium ex his tractatibus. Der Studente kam darzu, und fragte, wie ihm
die Wercklein gefielen. Gelanor sagte, da habe er die besten Sachen
herausgezogen. Dieser verwunderte sich, wo er denn die Excerpta hätte, doch
bekam er zur Antwort, man hätte nichts merckwürdiges gefunden, und also hätte
man auch nichts excerpiren können. Denn es ist warlich zubeklagen, dass man aus
dem Studieren lauter Eitelkeit macht, und an statt der herrlichen
Wissenschaften, solche brodlose Grillenfängereien auf die Bahne bringt, gleich
als hätte man gar wohl Zeit darzu: daher ist es auch kein Wunder, dass man
bissweilen nicht gern ein Gelehrter heissen will, aus Beisorge, man möchte auch
vor ein solch animal disputax & æs tinniens gehalten werden. Es wäre zu
wünschen, dass mancher zu einem Bunde dergleichen disputationen noch so viel Geld
spendirte, und liesse mit groben Buchstaben forn an drücken:
                            NECESSARIA IGNORABIMUS,
                          QUIA SUPERVACANEA DISCIMUS.
Der Studente hörte die Rede mit an, und dachte, der unbekannte Praler verstünde
viel, was ein rechtschaffener Gelährter wissen müste, packte darauff ein, und
reisete fort.
 
                                   CAP. XXII.
Gelanor wäre mit den Seinigen auch fort gereiset, allein er hörte, dass eine
vornehme Stands-Person auff den andern Tag eben in dem Wirtshause abtreten
wollte. Dieser zu Gefallen, blieben sie zurücke. Gegen Mittage kamen zween
wohlmundirte Kerlen zu Pferde und bestelleten es nochmals, dass in andertalb
Stunden alles sollte parat sein. Endlich folgte die ganze Suite, welche in
etliche 20. Personen bestund. Der jenige, welcher vor den Principal angesehen
ward, hielt sich sehr prächtig. Seine Diener, welche zwar an Kleidern auch
nichts mangeln liessen, mussten ihn als die halben Sclaven veneriren. Ja als
Gelanor, Florindo und die andern ihm mit einer tieffen reverenz begegneten, tat
er nichts dargegen, als dass er eine gnädige Mine über die Achsel schiessen liess.
Da war nun alles auf das kostbarste zugeschickt, wie denn der Wirt schon
hundert Taler auf die Hand bekommen, dass er nichts sollte mangeln lassen. Zu
allem Unglück hatte Florindo einen alten Diener, der vor diesem der
Kauffmanschaft war zugetan gewesen, der kante diesen vornehmen Fürsten, dass er
eines Kauffmanns Sohn aus einer wohlbekandten Stadt in Franckreich wäre. Gelanor
straffte ihn, er sollte sich besinnen, in dem leicht ein Gesicht dem andern etwas
könne ähnlich sein. Doch bestund dieser drauff, und sagte darzu, er kenne wohl
ihrer sechs aus der Suite, Der Fourirer sei ein Schneider, der Marschalck sei
etliche Jahr mit den Stapelherrn herumb gelauffen: die zween Hoffjunckern hätten
sich zu seiner Zeit auf die Balbier-Kunst verdingt, und möchten nun aussgelernet
haben: ein Kammerjuncker sei ein verdorbener Kauffman, und der Kutscher sei vor
diesem bei einem von Adel Reitknecht gewesen. Sie betraueten ihn nochmals, er
sollte wohl zusehen, ehe er solche gefährliche Sachen gewiss machte: Aber er blieb
dabei, und bat, man möchte ihm doch solche Torheit nicht zumessen, dass er etwas
ohne allen Grund würde vorbringen; Er wolle drauff leben und sterben. Nun waren
etliche von Adel und andere Studenten im Gastoffe, welche des Knechts relation
angehöret. Zu diesen sagte Gelanor, was düncket euch, ihr Herren, wollen wir dem
neubackenen Fürsten die Herrschaft gesegnen. Er ist uns noch eine Complimente
schuldig, vor die Bicklinge, die wir gemacht haben, die müssen wir notwendig
abfordern. Sie waren allerseits willig darzu, und versicherte sie der Knecht,
sie würden solche verzagte Berenheuter antreffen, dass es keiner sonderlichen
Gewalt würde von nöten sein. Sie giengen zu Rate, wie man die Sache am
artigsten anfangen möchte. Endlich sagte Eurylas, er wolle seinen Knecht vor
einen Hoffnarren aussgeben, diesen möchten etliche dem Fürsten schencken. Gelanor
wusste, was dieser vor ein Kautz war, und liess sich den Anschlag gefallen.
Hierauff deputirten sie etliche, welche sich mussten anmelden lassen, als wären
etliche Baronen, die Verlangen trügen, Ih. Durchl. auffzuwarten. Mit genauer
Not konten sie vorkommen: doch war die Gnade hernachmahls so gross, dass sie bei
der Tafel blieben. Unterdessen musste der Mahler mit den Fürstl. Dienern
bekandschaft machen und sie ausser dem Hause in einen Keller führen, damit der
Tumult nicht zu gross würde. Also stund nun der Hoffnarr vor dem Tische, und
machte einen lustigen Blick nach dem andern, biss der Fürst fragte, was diss vor
ein Landsmann wäre. Alsbald sagte einer, es wäre ein guter Mensch, der bei hohen
Personen condition suchte vor einen kurtzweiligen Rat auffzuwarten. Und damit
war es richtig, der Fürst nahm ihn in Bestallung, und fieng seine Kurtzweil mit
ihm an. Nun machte der Kerle wunderliche Possen, Herr, sagte er, wolt ihr mein
Vater sein, so will ich euer Sohn sein, gebt mir nur zu Fressen und zu Sauffen,
so soll es an meinen Kindlichen Gehorsam nicht mangeln. Aber, Vater, bistu nicht
ein Narr, dass du so viel Schüsseln auf dem Tische stehn hast. Kan sich einer
meines gleichen an ein paar Gerichten satt essen, so meint ich, du soltest auch
ausskommen. Oder glaubstu es nicht, so komm her und weise auf, wer den grösten
Bauch hat. Ich habe wohl ein besser Fürstlich Zeichen, als du. Die sämtlichen
Bedienten lachten von Hertzen über diesen neuen Pickelhering, doch sie kriegten
auch ihr Teil, denn er sagte, Vater, was machstu mit den Müssiggängern,
verlohnt sichs auch der Müh mit den Mast-Schweinen, dass du so viel Tischgeld vor
sie giebst. Mein Rat wäre, du versuchst es etliche Wochen, ob sie wollten lernen
Heckerling fressen. Oder vielleicht kanst du sie gar zum Hungerleiden angewehnen
wie ich meinen Esel. Der kunte die Kunst, doch da er sie am besten inne hatte,
da starb er, sonst solt er vor den Tisch herkommen, und sollte da mit seinen
Bluts-Freunden eines herum trincken: Der Fürst liess sich die freimütige Natur
des jungen Kerlen wohl gefallen, und vertiefte sich mit ihm in einen Discurs,
welchen wir bequemerer Erzehlung halben hersetzen wollen. Der Fürst mag Sinobie,
der Narr Pizlipuzli heissen.
Sinob. Höre, wenn du wilst mein Sohn sein, must du dich im Reden besser in Acht
    nehmen.
Piz. Ey Vater lass du mich ungehoffmeistert, du verstehest viel, was zu einem
    Narren erfodert wird.
Sinob. Nun du wirst es machen, aber sag uns doch, wie heist du.
Piz. Ich habe keinen Namen. Aber, Vater, sage du mir, wo ist dein Land.
Sin. Das wirstu Zeit genug erfahren.
Piz. Vater, du wirst ohne Zweiffel sehr reich sein, ich höre der Pfeffer und
    Ingwer, Streusand, Bindfaden und Löschpapier wachsen in deinem Lande, wie
    anders wo die Tanzapffen.
Sin. O du alberner Tropff.
Piz. Ey nun Vater, ich frage, wie ich es versteh. Aber was soll ich denn vor ein
    Aemtgen kriegen, wenn du in deine Residenz wieder kömmst.
Sin. Du solst Futter Marschalck über die Canarien Vögel werden.
Piz. Ach Vater, mache du mich zum Futter-Marschalck über den Zucker Kasten, und
    gib mir eine Mörsel-Keule in die Hand, dass ich läuten kann, wenn mir was
    fehlt.
Sin. Ein schön Aemptgen. Aber warumb heist du deinen Vater du?
Piz. Je sieh doch, es verlohnte sich mit so einem neubackenen - - Vater, dass ich
    ihm grosse Titel gäbe. Doch wo du mir sagst, wie weit dein Land von hier
    ist, so will ich dich 12. mahl Ihr heissen.
Sin. Es ist so weit von hier biss dortin, als von dort biss hieher.
Piz. Vater, das hätte mir ein klug Mensch gesagt. Scheint es doch, als wärestu
    auch einmal ein Kurtzweiliger Rat gewesen, huy dass sich das Blätgen
    umbkehrt, ich werde Fürste, und du wirst Narr.
Sin. Du solst dich wohl schicken.
Piz. Vater denckstu denn, dass du dich so wohl in den Fürsten Stand schickest,
    wenn ich nicht gewiss wüste, dass du ein vornehmer Herr wärest: so schätzte
    ich dich aus deinen Minen vor einen Tabackpfeiffenkrämer.
Sin. Ey du respectirst deinen Herrn Vater schlecht.
Piz. Es ist ja wahr. Frage nur deinen Cammerdiener, was du vor Reden im Schlaffe
    führest.
Sin. Was sag ich denn?
Piz. Ich habe nichts gehöret, aber der Cammerdiener spricht, du kanst kaum
    einschlaffen, so ruffstu: Heinrich, wo ist die Wage? ach fürwar es ist ohn
    dies halb geschenckt, noch sechs Pfennige auf das Lot, nun vor diessmahl mag
    es hingehen. Heinrich, wo ist der Faden, etc.
    Gelanor stund mit der ganzen Compagnie vor der Türe, und hatten ihre
sonderliche Freude an dem vortrefflichen Fürsten. Doch mochten die letzten Reden
zu empfindlich sein, dass er solche mit einem Nasenstüber belohnen wollte: Aber
der gute Pizlipuzli fieng an zu schreien, und der vermeinte Baron, der den
Narren recommendirt hatte, gab sein Wort auch darzu. Monsieur Printz, sagte er,
lasset den guten Menschen unberührt, oder es wird sich einer angeben, der euch
tractiren soll, als den geringsten auf der ganzen Welt. Der Fürst sah sich
umb, und begehrte, man sollte seiner Gnade nicht missbrauchen: Er hätte Diener,
die ihn leicht darzu bringen könten, dass er seine Unbesonnenheit bereuen müste.
Was, replicirte dieser, sollen diese elende Kreaturen mich darzu zwingen? so muss
ich zuvor tod sein: schmiess darauff ein Glas mit Wein vor dem Fürsten auf den
Tisch, dass ihm der Wein in das Gesichte spritzete. Indem trat Gelanor mit den
Seinigen in die Stube, der Fürst sah sich nach seinen Leuten ümb: Aber sie
fassen bei dem Mahler in dem Weinkeller, und truncken ihres Fürstens Gesundheit:
und also war Not vorhanden. Kurtz von der Sache zu reden, der Printz kam in das
Gedränge, dass er mehr Maulschellen einfrass, als er Untertanen hatte. Seine
Junckern machten sich bei Zeiten darvon, und nahmen mit etlichen Creutzhieben
vorlieb, doch der Principal musste ausshalten. Da war nun alles preiss, die Kasten
wurden zerschmissen, die Fürstlichen mobilia in den Kot getreten, die schönsten
Kleider in Stücken zerschnitten, das Geld teilten die Diener unter sich, und ob
schon der Wirt sein bestes zum Frieden sprechen wollte; musste er doch Knebel
inne halten, weil er leicht etliche Tachteln hätte können davon tragen. Endlich
kam Florindo über das Fürstliche Archivum, welches in einem Beikästgen ganz
heilig auffgehoben war; da waren nun unterschiedene Wechselbrieffe, absonderlich
etliche Frantzösische Schreiben, darin der Kauffmann seinen Sohn ermahnete, er
sollte sich nur resolut halten, an Gelde sollte kein Mangel sein. Ho ho, sagte
Eurylas, ist es umb die Zeit, dem ehrlichen Manne ist gewiss bange, wo er mit dem
Gelde hin soll. Ich halte, es wird sich am Ende aussweisen, dass arme Witwen und
waysen oder sonst gute Leute werden darben müssen, was dieser Pracher in seinem
Fürstenstande so liederlich und unverantwortlich durchgebracht hat. Nun wäre
noch viel zu schreiben, was vor eine Passion mit dem Fürsten gespielet worden:
was er vor Beschimpffungen eingefressen, was er vor Stirnnippel auf die Nase
genommen, wie zierlich die güldenen Spitzen auf seinem Silberstück, das nun
lauter stücke war, herumb gebaumelt; doch ruffte der Wirt die Obrigkeit umb
Hülffe an, dass letztlich hundert Bürger kamen, und die Comoedie zerstörten,
wiewohl dem Fürsten zum schlechten Trost, weil er bei Erkenntnis der Sache, mit
in das Loch wandern, und biss auf des liberalen Vaters kostbare Ausslösung allda
verpausiren musste. Was nun weiter vorgelauffen, darumb haben sich die andern
nicht viel bekümmert, ohn dass sie leicht geschlossen, er würde brav in die
Büchse blasen müssen. Also machte sich Gelanor mit den seinen auf den Weg, und
zogen auf die Messe.
 
                                  CAP. XXIII.
Da fiel nun nichts merckwürdiges vor: dann was gemeiniglich pflegt vor zugehen,
ist unvonnöten zu erzählen. Ob zum Exempel einer feil gehabt, und die Wahren
gerne doppelt teuer hätte verkauffen wollen; der andere noch zehenmahl lieber
ümb das halbe Geld noch einmal so viel kauffen wollen, diese und dergleichen
Händel gehen allzeit vor. Da geht ein Narr, und vertrödelt das Geld beim
Frantzosen: der hänckt es einem Italiäner auf; der will die Holländer gern reich
machen. Einer kaufft die Schlesische Leinwad bei einem Niedersachsen; die
Westphalischen Schincken bei einem Türinger; den Reinischen Wein von einem
Holsteiner; die Würtze bei einem Pohlen; die Nürnberger Wahre bei einem
Schlesier: Alles umbgekehrt und umb das doppelte Geld. Doch wer wollte
dergleichen Dinge auffschreiben. Miracula assiduitate vilescunt. Ein Possen trug
sich zu, der Lachens wert ist. Dann da war ein Kerle, der sich gern bei dem
Frauenzimmer wollte beliebt machen, aber er hatte eine ganz unangenehme Sprache,
und absonderlich konnte er das R. nicht ausssprechen, sondern schnarrte, wie eine
alte Regalpfeiffe, die ein stücke von der zunge verloren hat. Dieser hatte sich
lassen weiss machen, es wäre in einem Gastoffe ein alter Doctor, der solchem
vitio lingvæ gar leicht abhelffen könnte. Nun glaubte der gute Mensch der
Relation, und kam eben dahin, wo unsere Compagnie ihr Qvartier auffgeschlagen
hatte. Eurylas stunde im Hause, und konnte in seinem Schimmelkopffe wohl gar vor
einen Doctor mit lauffen. Zu diesem verfügte sich der Patient, und klagte ihm
seine Not, welcher Gestalt er mit so einem vexierlichen Malo behaftet, dadurch
er oft bei dem Frauenzimmer in sonderliche Verachtung geraten wäre, dann da
könne kein Königsspiel, oder des Pfandausslösens oder sonst etwas gespielet
werden, so müste er herhalten. Unlängst habe ihm eine Jungfer auffgelegt, er
sollte sechs mahl in einem Atem sprechen; drei und dreissig gebratene Erffurter
Nürnberger oder Regenspurger Bratwürste: Und da sei ein solch Gelächter
entstanden, dass er bei sich beschlossen, nicht eher in eine Gesellschaft zu
kommen, als biss er dem Gebrechen geraten wüste. Nun habe er den Hr. Doctor
wegen der glückseligen Curen rühmen gehört, also dass er seine Zuflucht zu keinem
andern nehmen könne, bäte nur mit derselben dexterität, dadurch er vielen
behülfflich gewesen, auch seiner gegenwärtigen Not beirätig zu erscheinen.
Eurylas, der keinen Possen aussschlug, wann einer zu machen war, hörte den
Menschen mit grosser Gedult, und bliess die Backen so gross auf, dass man
geschworen hätte, er wäre ein Doctor. Endlich als er reden sollte, sagte er, mein
Freund, ich bin deswegen da, ehrlichen Leuten auffzuwarten. Ich weiss mich auch
zu besinnen, dass ich unterschiedene Personen von dem grossen Gebrechen der Zunge
befreit habe. Allein der Herr kömmt mir zu alt vor, dass ich nicht glauben kann,
als würde er die Schmertzen darbei ausstehen. Dann er dencke selbst nach, wann
einem die Zunge auf das neue soll gelöset werden, so muss das Fleisch im Rachen
noch jung sein. Gleichwohl dieser Reden ungeacht, bat der gute Kerle Himmelhoch,
er möchte sich doch über ihn erbarmen; er hätte sein ganz Vertrauen auf ihn
gesetzt, und wollte er nun nicht hoffen, als sollte diese seine Hoffnung zu Wasser
werden. Kurtz, das Bitten währte so lang, biss sich Eurylas resolvirte, einen
Doctor zu agiren, und dem Menschen das Schnarren zu vertreiben. Allhier wird
mancher Medicus lachen, als wäre diese Cur wohl mit Schanden aussgeführet worden,
und ich frage den Klügsten unter allen, und wann er sich bei einem Comite
Palatino hätte creiren lassen, was hätte er wohl in dergleichen casu verordnen
wollen, gelt er weiss nichts? Und wann Eurylas mit seinem Specifico wird
auffgezogen kommen, so wird es ihm gehen, wie dem Columbo mit seinem Ey, das
konnte niemand zu stehen machen: Aber als er es auf die Spitze schlug, konten es
alle nach tun. Nun wir wollen sie raten lassen, und unterdessen etwas anders
erzählen. Es waren, wie in Messen zu geschehen pflegt, viel fremde Leute in dem
Gastofe beisammen. Unter andern war ein junger Mensch, der in seinem
Sammetpeltze was sonderliches sein wollte, dieser kam zum Wirte, und begehrte,
man möchte ihm die Oberstelle geben, sonst habe er nicht in willens bei Tische
zu bleiben. Er sei eines vornehmen Mannes Sohn, mit welchem sich die andern
nicht vergleichen dürfften. Der Wirt sagte, er habe damit nichts zu tun, die
Gäste möchten sich selbst ordnen, so gut sie wollten: doch ging er zu etlichen
und gedachte, was dieser gesucht hätte. Gelanor lachte der eiteln Torheit des
Menschen: dann so fern an allen Orten die præcedentz Streite nicht zu verwerffen
sind; so ist es doch Eitelkeit, dass man die Narrenkappe im Wirtshause suchen
will, da ein ieder oben an sitzt, der Geld und gute Qualitäten hat. Nun sie
legten es mit einander ab, wie sie den ehrsüchtigen Kerlen wollten zu schanden
machen, drumb als die Mahlzeit fertig war, und des Wirts kleiner Sohn vor dem
Tische gebetet hatte, stunden sie ganz stille, und sahen einander an, gleich
als wüsten sie nicht, wer der vornehmste wäre. Der gute Stutzer wollte sich den
Zweiffel zu Nutz machen, und sagte, Messieurs, es nehme ein jeder seinen Platz,
satzte sich hierauff an die Stelle, die sonst vor die Oberste an der Tafel
pflegt gehalten zu werden. Gelanor mit den seinigen satzten sich auch, und
machten die vornehmste Reihe von unten auf, dass der Mahler und etliche lumpichte
Diener, die sonst hätten auffwarten müssen, neben dem Juncker oben an zu sitzen
kamen, der Vorschneider nahm es auch in Acht, dass der Unterste sein Stück zu
erst kriegte: was sollte der gute Kerl oben anfangen, sein Wille ward erfüllet,
er hatte die Stelle selbst aussgelesen, denen andern stund frei zu sitzen wo sie
wollten: Also liess er etliche Gerichte vorbei gehen: alsdann stund er auf, und
nahm seinen freundlichen Abschied. Hierauff erhub sich ein trefflich Gelächter,
und sagte Gelanor, ist das nicht ein barmhertziger Geelschnabel mit seinem
vornehmen Vater, wäre der Vater selbst hier, und es träffe ein, was der Sohn vor
ein Zeugnis gibt, so wollten wir sehen, ob wir ihn vor den vornehmsten in der
Compagnie könten passiren lassen. Aber wie kömmt der Haussfeix darzu, dass er sich
in allem mit dem Vater vergleichen will. Der Vater mag vielleicht 50. Jahr alt
sein; ist denn deswegen dieser elende Sechzehnpfenniger auch so alt. Es heist,
folge des Vaters Taten nach, und lass dirs so saur werden, so wird die Ehre
ungedrungen und ungezwungen darzu kommen. Mit der Ehre ist es so beschaffen:
                  Quod sequitur fugio, quod fugit ipse sequor.
Solche discursen fielen vor, also dass sie nicht einmal gedachten, wo der schöne
Vater-Sohn seine affront verfressen würde.
 
                                   CAP. XXIV.
Immittelst begunte einem am Tische sehr übel zu werden, weil er den vorigen Tag
einen ziemlichen excess im trincken begangen, und also den Magen schändlich
verderbt hatte, dem riet Gelanor, er sollte sich eine Schale geglüeten Wein
bringen lassen, dadurch er den Magen wieder erwärmte. Solches war beliebt, und
brachte der Wirt eine ganze Kanne voll, daraus er in eine Schale einschencken
kunte. Nun sass ein vernaschter Kerl darbei, der alsobald meinte, er müste
sterben, wann er nicht alles beschnopern sollte. Dieser gab allzeit Achtung
drauff, wann der Nachbar auf die Seite sah, und wischte stracks über die Schale,
und nippte einmal. Eurylas merckte es, und gedachte stracks den Näscher zu
bezahlen: dann er stellte sich, als wäre ihm auch nicht wohl, und liess etliche
eingemachte Qvitten holen: doch hatte er dem Diener befohlen, dass er eine
ausshöhlen, und mit Saltz und Pfeffer füllen sollte. Es ging an, Eurylas sass in
seiner Grandezze und ass Qvitten: der gute Schlucker gegenüber verwandte kein
Auge von ihm, und hatte grössere Lust als eine schwangere Frau: nur dieses war
so kläglich, dass er kein Mittel sah, wie er darzu kommen sollte. Endlich als
lucta carnis & spiritus lange genug gewähret hatte, sagte er, Monsieur, er
vergebe mir, ich kauffte gestern eben dergleichen Qvitten, die waren nicht
wehrt, dass man sie sollte zum Fenster hinaus werfen, ich muss doch versuchen, ob
diese besser sein? Eurylas rückte ihm die rechtschüldige vor, und da war der
arme Schlucker so geitzig, als wollte ihm iemand die Qvitten nehmen, und steckte
sie auf einen Bissen in das Maul. Da sass nun mein Narr, und empfand einen
Geschmack in der Kehle, darüber er hätte vergehen mögen. Anfangs zwar wollte er
den Possen vor den andern verbergen; Aber es erfolgte ein trefflicher Husten,
der ihm die Tränen zu den Augen, und ich weiss nicht, was zu dem Halse heraus
trieb. Eurylas stellte sich unterdessen als hätte er kein Wasser betrübt, und
fragte etlichmahl, ob ihm irgend ein Qvittenkern wäre in die unrechte Kehle
kommen. Doch wusste der gute Mensch am besten, wie ihm zu Mute war, und stunde
vom Tische auff, dem die andern auch folgten. Als nun Eurylas bei dem Gelanor
und Florindo allein war, und den Possen erzehlte, folgte diss Morale darauff, es
sollte sich niemand mercken lassen, was er gern hätte: absonderlich sollte man
lernen an sich halten, wann ja etwas wäre, dass fein und annehmlich ausssähe, nach
dem Reimen des alten Philippi Melanchtonis, was mir nicht werden kann, da wende
mir Gott mein Hertz davon. Uber dies gedachte Gelanor an ein Buch, welches er
bei einem guten Freunde, geschrieben gesehen, mit dem Titul der Politische
Näscher. Florindo sagte, es wäre Schade, dass diss Scriptum nicht sollte gedruckt
werden. Ach, sagte Gelanor, es ist ietzund so ein Tun mit dem drucken, dass
mancher schlechte Lust darzu hat. Es wendet ein ehrlicher Mann seine Unkosten
drauff, dass er zu einem Buche kömmt; hernach wischt ein obscurer Berenheuter
herfür, dem sonst die liebe Sonne eher ins Haus kommt, als das Liebe Brod, der
druckt es nach und zeucht entweder den Profit zu sich, oder zum wenigsten
verderbt er den Ersten, dem es von Gott und Rechtswegen zukömmt. Und gewiss
hieran redte Gelanor nicht unrecht. Denn man hat es bisher etlichmahl erfahren,
wie ein und ander Buch alsobald hat müssen nachgedruckt werden. Unlängst sind
etliche Bogen herausskommen, darin von den dreien Hauptverderbern in Teutschland
gehandelt wird. Allein der GUTE Kerle ist mehr als bekandt, der solches zu sich
gezogen, und möchte er künftig, wenn die vornehmen Narren vorbei, wohl mit
einer sonderlichen Narren-Kappe bedacht werden. Iezunder ist er noch zu GUTH,
oder dass ich recht sage, zu geringe darzu. Nun wir kommen zu weit von der Sache.
Wiewohl ietzt hätten wir Zeit genug etwas zu reden, denn es war schon tieff in
die Nacht, dass alle zu Bette giengen, und sich umb die Narren wenig bekümmerten.
Also würden wir verhoffentlich keinen verstören. Doch es ist auch Zeit, dass wir
zu Bette gehn, morgen soll was bessers erfolgen, diesen Abend hiesse es
                       Interdum magnus dormitat Homerus.
                                  Gute Nacht.
 
                                   CAP. XXV.
Doch wir werden nicht lange schlaffen, denn es gibt schon etwas neues zu
schreiben. Eurylas hatte die Qvitten zu sich genommen, und mochte etliche
Trüncke Bier drauff getan haben, also dass er vocation kriegte, das jenige zu
verrichten, welches der Römische Keiser in eigener Person, und nicht durch einen
Ambassideur, tun muss. Nun musste er den Gang hingehen, und ward beim
Mondenscheine gewahr, dass ein Mann, der bei Tische erbar genug aussgesehen, sich
zu der Magd gefunden, und ihr mit so freundlichen Worten begegnete, als hätte er
ein Lüstgen, die Holländische Manier zu versuchen. Eurylas behorchte sie ein
wenig, und nach abgelegter Expedition kam er in die Kammer und erzehlte es
seinen Schlaffgesellen. Gelanor empfand in seinem Gemüte einen sonderbahren
Abscheu, und sagte, pfuy dich an mit der Pestie. Muss der Kerle nicht ein Narr
sein, dass er offentlich zwar die Erbarkeit spielen kann; heimlich aber sich an
einen solchen Schandnickel henckt, die doch nichts anders ist als communis
matula da Kutscher und Fuhrleute ihren überflüssigen Unflat hinschütten. Denckt
denn der böse Mensch nicht zurücke, dass er zu Hause eine Frau hat, die mit
solcher Untreu höchst beleidiget und betrogen wird? Und ich halte nicht, dass er
hier vielmehr delicatesse wird angetroffen haben, wo ihn die närrische
Einbildung nicht secundirt hat, dass er im Finstern Kühmist vor Butter
angegriffen. Er fuhr in dieser Rede fort biss ihm der Schlaff den Mund verschloss.
Früh konnte er die Schande noch nicht vergessen, und als der Wirt in die Stube
kam, sagte er, wie dass er von der Magd dergleichen Leichtfertigkeit in acht
genommen, welche nicht dörffte ungestrafft bleiben. Der Wirt lachte, und gab
zur Antwort, er könnte die Mägde nicht hüten, wann sie ihre Arbeit täten, wäre
er zu frieden: wollten sie im übrigen die Nacht sonst anwenden, und ein
Trinckgeld verdienen, so gienge ihm an der Tags Arbeit nichts ab. Und darzu
wollten sie sich etwas zimmern lassen, möchten sie zusehn, wo sie einen
Ammendienst antreffen, er wollte sehen, wo er andere Mägde kriegte. Gelanor
verwies ihm, dass er hierinn dem Ampte eines rechtschaffenen Haussvaters nicht
nachkäme, indem er von GOtt darzu gesetzt wäre, dass er in dem Hause alles erbar
und züchtig regieren sollte. Auf die Masse würde er selbst nicht viel besser als
ein Huren Wirt. Der rümpffte die Nase, und sagte, wenn er so scharff verfahren
wollte, würde er wenig Gesinde behalten. Gelanor sagte weiter, wenn es ja mit den
Mägden nicht so viel zubedeuten hätte, so wäre es doch zu beklagen, dass manch
unschuldiges Blut durch solche Betzen in sein zeitlich und ewigs Verderben
gestürtzet würde. Absonderlich wäre es schrecklich, dass sich auch Ehemänner aus
solchen Mistpfützen ableschen wollten. Der Wirt zog die Achsel ein, und meinte,
man dürffte in dieser Welt nicht alles so genau suchen, es wäre der gemeine
Lauff also, und welcher ohne Sünde wäre, möchte den ersten Stein auf solche
Leute werffen. Es wären in der Stadt wohl vornehmere Leute, die dergleichen
Sachen täten, und die es als hochvernünftige Menschen nicht tun würden, wenn
es wahr wäre, dass man eben um einer solchen Lust willen müste zur Höllen fahren.
Gelanor sagte darauff; es ist nichts desto besser, dass vornehme Leute, durch ihr
ärgerlich Exempel, den andern Anlass zu sündigen geben; doch wenn der Teufel die
Grossen hohlen wird, so mögen die kleinen sehen, hinter welchem sie sich
verstecken wollen: Entweder Gott muss zum lügner werden, oder die Worte stehen
noch feste, dass die Hurer und Ehebrecher Gott richten wird, und dass diejenigen,
welche die Wercke des Fleisches vollbringen, das Reich Gottes nicht ererben
sollen; aber wer bedenckt diss schreckliche Gericht? und gleichwohl bilden sich
die unverständigen Blindschleichen gross Glück ein, ja Gott hat es wohl Ursache,
dass er euch freundlich tractiren sollte, indem ihr mit seinen Geboten so höfflich
wisset ümbzugehen: Blitz und Donner, Pestilentz und teuer Zeit, Krieg und
Blutvergiessen hättet ihr verdienet, wann nicht etliche arme Kinder, die
vielleicht ihr Brod vor den Türen suchen, durch ihr Vater unser den Himmlischen
Vater noch bewegten, dass er umb zehen Gerechter willen dieses Sodoma nicht
verderbte. Der Wirt, der sonst im Geschrei war, nicht dass er wie Elisabet
unfruchtbar, sondern dass er hier und da gar zu fruchtbar wäre, hatte keinen
Gefallen an der Predigt: Stellte sich derhalben, als müste er weggehen und
fragte kürtzlich, ob sie noch etwas zu bestellen hätten. Gelan. begehrte man
möchte ihm doch einen Schneider verschaffen, der mitgienge, wenn sie zu Kleidern
einkaufften. Der Wirt versprach einen köstlichen Meister in einer halben Stunde
mit zubringen. Indessen legte sich Gelanor und Florindo an das Fenster und
sahen, was auf der Gasse neues vorlieff, weiln ein vornehmer Fürst gleich fort
gereiset, dem zu ehren etliche Compagnien Bürger auffgezogen waren: die schossen
in der zurückkunft ihre Musqueten los, und platzten, dass es vor frembden Leuten
eine Schande war. Unter andern wollte ein armer Tagelöhner, der vor einen andern
Bürger auffzog, seine Büchse auch versuchen: Aber als er es knallen hörte,
erschrack er so heftig, dass er die Büchse in die Pfütze fallen liess. Florindo
fieng an zu lachen, dass der Narr nicht sein Platzen bleiben liesse, wann ers
nicht besser gelernet hätte, doch hatte Gelanor gar andere Gedancken darbei, der
sagte: Mein Florindo, was wolt ihr den armen Menschen ausslachen, der ehe hat
schiessen wollen, ehe er es gelernet hat? Geht es nicht in der ganzen Welt also
her, dass einer ein Ampt begehrt, darauff er sich sein Lebetage nicht geschickt
hat: Gott gebe er lasse darnach die Büchse fallen, oder lasse sich vor die Ohren
schlagen, dass ihm der Kopff brummt. Ich kenne Priester, die wenig an das
Predigen gedacht haben: wie viel sind Juristen, die ihren Volckmann nicht eher
auffgeschlagen, als biss sie keine Bratwurst im Hause gehabt, und aus Not
advociren müssen? da wird ein Professor Matematum, der sich bei Antritt der
Profession den Euclidem erst kauffen muss. Ein ander wird Professor Poeseos der
sich selbst verwundert, wo er zum Poeten worden, und dem die sämptlichen
Studenten nachsingen.
             Quid mirum? Si septipedem versum facit ipse Professor.
    Wie sich mancher Officirer in den Krieg schickt, ist mehr als zu bekandt.
Wie mancher Kauffmann mit seinem Sonnen-krämgen zu rechte kommt, das sieht man
alle Tage. Absonderlich ist in dem Bücherschreiben so eine Menge, die fast im
Franckfurter Catalogo nicht mehr Raum hat, und doch wenn man die Liederlichen
Tractaten mit den stoltzen Titeln ansieht, so hätte mancher mögen zu hause
bleiben, ehe er in der Tat erwiesen, dass er sich zum Bücherschreiben schicke,
wie die Kuh zum Orgelschlagen. In solchen Reden vergieng eine Stunde nach der
andern, und verwunderten sich alle, wo doch der Schneider blibe. Endlich kam er,
und entschuldigte sich, er hätte gerne eher kommen wollen; allein es sei ihm im
Heraussgehen zuerst eine alte Frau begegnet, und weil er aus der Erfahrung wüste,
dass solches lauter Unglück bedeute, so habe er notwendig müssen zurückegehen.
Gelanor lachte über die Entschuldigung, und weil es bald Tischzeit war,
bestellte er den Schnipschnap nach der Mahlzeit wieder zu sich.
 
                                   CAP. XXVI.
Uber dem essen gedachte Gelanor an den alten Gänse-Glauben, welchen er an dem
Schneider observiret, und belustigte sich trefflich mit der Einfalt der
Menschen. Doch hörte er, dass dergleichen Aberglauben sowohl bei vornehmen, als
gemeinen Leuten in dem Schwange gingen. Denn da war ein fremder von Adel, der
erzehlte folgendes. Mein Herr, sagte er, wird hier zu Lande nicht viel bekandt
sein, denn sonst würde er von solchen Albertäten etwas erfahren haben: Indem die
Leute auf die lauteren Einbildungen mehr halten, als auf GOttes Wort. Da geht
mancher und will GOttes Befehl zur schuldigen Folge in die Kirche gehn. Doch
weil ihm eine alte Frau begegnet, so muss GOttes Befehl nachbleiben, warumb? Es
ist nicht gut. Da liesse sich mancher eher erschlagen, ehe er durch zwei Weibes
Personen durch gienge: Ein ander zeucht sein weiss Hembde am Montage an, und
gienge lieber nackend, als dass er sich am Sonntage sollte weiss anziehen: etliche
halten den Tag, auf welchen der ehrliche Sanct Velten gefällig ist, durch das
ganze Jahr vor Fatal, und nehmen an demselben nichts vor: ich kenne Leute, die
stehn in der Meinung, wenn sie nicht an der Aschermittwoche gelbe Muss, am
Grünendonnerstage ein grün Kraut von neunerlei Kräutern, an der Pfingstmitwoche
Schollen mit Knobloche fressen, so würden sie noch dasselbe Jahr vor Martini zu
Eseln. Und was soll ich sagen von Braut und Bräutigam, was sie mehrenteils vor
Sachen mercken müssen. Da sollen sie dicht zusammen treten, wann sie sich trauen
lassen, dass niemand durch sehen kann: da sollen sie den Zapffen vom ersten Bier-
oder Weinfasse in acht nehmen: da sollen sie zugleich in das Bette steigen, ja
was das Possirlichste ist, da soll sich der Bräutigam wohl gar in einer
Badeschürtze trauen lassen. Mit einem Worte der Händel sind so viel, dass man ein
gross Buch davon schreiben könnte.
    Gelanor fragte, was doch solche Aberglauben müsten vor einen Ursprung haben?
Dieser sagte, ich habe den Sachen oft mit verwunderung nachgedacht, und befinde
zwar, dass etliche aus blossen Possen vorgebracht, und hernach von einfältigen
Leuten im Ernste verstanden worden: Da nähme mancher nicht viel Geld und wüschte
das Maul an das Tischtuch, denn es heisst: wer das Maul an das Tischtuch wischt,
der wird nicht satt. Ja wohl möchte ein Narr hundert Jahr wischen, er sollte doch
vom wischen nicht satt werden. Ingleichen sprechen sie, es sei nicht gut, wenn
man das Kleid am Leibe flicken liesse. Und mancher lieffe lieber durch ein
Feuer, als dass er sich einen Stich liesse am Leibe tun: doch ist es nicht
Torheit, wenn es gut wäre, dürffte man es nicht flicken. Was vor Händel
geglaubt werden, wie man tun solle, wenn ein Wolff oder ein Hase über den Weg
läufft, ist verhoffentlich bekandt: denn wenn der Wolff davon läufft, ist es ein
besser Zeichen, als wenn er da bleibt. Aber läufft der Hase davon, so ist es ein
böse Zeichen, dass er nicht soll in der Schüssel liegen. Ingleichen ist an
etlichen Orten der Brauch, dass sie das Brod, welches zu letzt in den Backoffen
geschoben wird, sonderlich zeichnen, und es den Wirt nennen, da halten sie
davor, so lange der Wirt im Hause sei, mangele es nicht am Brodte, und glauben
derwegen, wenn das gezeichnete Brod vor der Zeit angeschnitten würde, so müste
teuer Zeit erfolgen. Doch es sind Torheiten, so lange das Brod da ist, mangelt
es nicht. Wie jener liesse sich einen Zweier in die Hosen einnehen, und rühmte
sich er hätte stets Geld bei sich. Doch darff man alle Aberglauben auf solche
possirliche Ausslegungen nicht führen. Das meiste kommt meines erachtens daher,
weil die Eltern ihren Kindern ein und ander Morale haben wollen beibringen, und
haben ihrem Kindischen Verstande nach eine Ursache beigefüget, welche doch
hernachmals vor wahr angenommen und in der Welt als eine sonderliche Weisheit
fort gepflantzet worden. Zum Exempel, es steht unhöflich, wann man auf alles mit
den Fingern weiset. Drumb hat ein Vater ungefehr wider sein Kind gesagt, bei
leibe weise nicht mit dem Finger, du erstichst einen Engel. Solches ist von dem
Kinde auffgefangen, und auf die Nachkommen gebracht worden, dass ietzund mancher
nit viel Geld nehme, und wiese mit dem Finger in die Höh, wenn es auch die
höchste Not erforderte. Ingleichen weiss ein iedweder, wie gefährlich es ist,
wenn man das Messer auf den Rücken legt, denn es kann ein ander leicht drein
greiffen, und sich Schaden tun, drum hat der Vater gesagt, liebes Kind, lege
das Messer nicht so, die lieben Engel treten sich hinein. Nun ist der Glaube so
eingerissen, dass ich einen Priester in einer vornehmen Stadt kenne, der in einem
Gastgebot offentlich gesagt, wenn man zugleich ein Kind im Feuer und ein Messer
auf dem Rücken liegen sähe, sollte man eher dem Messer, als dem Kinde zulauffen,
und hätte ein solcher Kerl nit verdient, dass man ihn mit blossem Rücken in die
heisse Asche setzte, und liesse ihn so lange zappeln, biss man ein Messer zur
Ruhe gelegt hätte. Noch eins zu gedencken. Es ist nicht fein, dass man die Becher
oder Kannen überspannt, denn es kann dem Nachbar ein Eckel entstehen, wenn man
alles mit den Fäusten betastet: so hat der Vater gesagt, mein Kind, tue es
nicht, wer daraus trinckt, bekömmt das Hertzgespann. Nun sind die Leute so
sorgfältig darbei, dass auch keine Magd im Scheuern über die Kanne spannen darff.
Mehr könnte ich anführen, wenn es von nöten wäre. Gleich bei diesen Worten kam
der Schneider, und fragte, ob es Zeit wäre in den Laden zu gehen. Sie liessen
ihn etwas nieder sitzen, und fragte Eurylas, wie stehts, Meister Fabian, ist
euch keine alte Frau begegnet? Der Schneider war fix mit der Antwort; Ja, sagte
er, es begegnete mir eine, sie kam mir bald vor, wie des Herrn erste Liebste.
Florindo wollte wissen, warumb er nicht zurücke gangen? doch versetzte dieser, er
hätte sie noch vor eine reine Jungfer gehalten. Und in Warheit ie mehr sie
fragten, ie possirlicher kam die Antwort heraus, dass sie endlich gewahr wurden,
dass sich dieser Schneider nicht eine alte Frau, sondern irgends ein gutes
Frühstück abhalten lassen: drumb lachten sie wohl über die Entschuldigung, und
giengen hierauff in den Laden.
 
                                  CAP. XXVII.
Doch wir müssen unsern ehrlichen Schnarrpeter mit seinen Nürnberger, Erffurter
und Regenspurger Bratwürsten nicht zu lange warten lassen, ich weiss, dass sich
keiner auff ein remedium besonnen hat, dass also ein jedweder, der das Wort
Daradiritarum tarides gern ausssprechen will, dem Eurylas wird zu dancken haben.
Denn er nahm seinen Patienten vor, und sagte, mein Freund, ich wolt euch gern
geholffen wissen, aber es ist ein zärtlich Gliedmass ümb die Kehle, das man nicht
Bleche anflicken kann, wie an die Regalpfeiffen. Es kann sein, dass sich eure
Mutter bei schwangerm Leibe an einem andern solchen Knisterbart versehen hat.
Was nun in Mutterleibe schon der Natur mit geteilet wird, das lässet sich so
spät nicht ändern. Doch aber damit ihr meine Treu verspühren möget, so lasset
euch diss gesagt sein, und hütet euch vor allen Worten die ein R. haben. Sprecht
zu niemanden, mein Herr, sondern Monsieur, weil solches Wort der Frantzösischen
Sprache und ihrer pronunciation nach Mossie heist. An statt Frau sagt Madame,
vor Jungfer Madamoiselle. Wann ihr etwas kaufft, so resolviert die Groschen zu
Pfennigen oder zu Kopffstücken, die Taler zu Gülden oder Ducaten, und Summa
Summarum nehmt einen Pfriemen zu euch, und wenn euch ein R. entfährt, so stecht
euch selbst zur Straffe in den Arm oder sonst wohin, was gilts es soll mit euer
Sprache besser kommen. Der Gute Mensch schittelte den Kopff, und meinte, es
würde sich mit allen Reden nicht tun lassen, dass man so einen notwendigen
Buchstaben aussliesse. Ey sagte Eurylas, warumb sollte sichs nicht tun lassen,
seht da will ich euch etliche Manieren von Complimenten in die Feder dictiren.
Vor allen Dingen habt ihr zwar zu mercken, was ich zuvor gedacht, dass ihr euch
vor Worten hütet, welche den hesslichen Buchstaben führen. Da last alles heissen
Madamoiselle, mein Kind, mein Engel, mein Liebgen, mein Goldmädgen, mein tausend
Kindgen. Nur werdet nicht so ein Narr, dass ihr dergleichen Possen mit einmenget,
mein Mäussgen, mein Lämgen, mein Blumentöpffgen, mein Engelköpffgen, und was der
Schwachheiten mehr sind. Absonderlich gebet Achtung auf den Namen, ob sie ein R.
drinne hat. Denn es ist ohne diss ein gemeiner Glauben, dass die Jungfern am
besten geraten, welche dergleichen Buchstaben nicht haben. Und gewiss ich muss
oft lachen über die ietzige mode, welche die R. so künstlich verstecken kann,
denn da steht es alber, wenn man spricht Jungfer Liessgen, Jungfer Susgen,
Jungfer Fickgen, u.d.g. sondern man sagt viel lieber gleich weg, Liessgen,
Sussgen, Fickgen, warumb? man kann das R ausslassen. Ingleichen weiss man diesen
hündischen Buchstaben in dem Namen selbst sehr appetitlich zu verbeissen. Maria
heist Micke, Dorotee Tee oder Teie, Regine Gine, oder Hine, Rosine Sine,
Christine Tine, Barbare Bäbe, Gertraud Teutgen, und so fort. Solte auf allen
Fall der Name sich nicht zwingen lassen, so haben die meisten mehr als einen,
und kann man endlich sich mit einem andern Titel behelffen. In Böhmen sprechen
sie an statt Margrite Heusche, aber es möchte sich bei allen Geitgen nicht
practiciren lassen: doch nun schreiten wir zur Sache. Zum Exempel, ihr wäret bei
einer Hochzeit, so ist gemeiniglich die erste Höffligkeit, dass man ein Mädgen
zum Tantze auffführet; darbei kann etwann also geredet werden.
    Madamoiselle sie wolle sich nicht missfallen lassen, dass ich so kühn gewesen,
und sie zum Tantze auffgezogen. Es hat mich die Annehmligkeit, damit sie
allentalben bekandt ist, so weit eingenommen, dass ich nichts wünsche, als mich
auf solche Masse, mit meinen Diensten bekand zu machen.
    Hier wird die Jungfer sich entschuldigen, und wird bitten, er soll sie nicht
so sehr in das Gesichte loben, drumb sei er bald mit der Antwort hinden drein.
    Ich habe mich auf die Complimente mein Tage nicht gelegt, und was ich sage,
das soll die Tat selbst aussweisen: doch habe ich gesündigt, dass ich die
Annehmligkeit in das Gesichte lobe, so kann ich ins künftige stillschweigen, und
gedoppelt dencken, dass sie die Annehmligkeit selber ist.
    Hier ist kein Zweiffel, die Jungfer wird dencken, er ist ein Narr, dass er
mit solchen weitläufftigen Fratzen auffgezogen kömmt, doch also kann er alles gut
machen.
    Was soll ich machen, meine Liebste, ich bin unbekand, von Sachen kann ich
nicht schwatzen, die sich zwischen unss begeben hätten, so muss ich mich in
weitläufftigen Complimenten auffhalten. Doch will sie mich als einen Bekandten
annehmen, dass ich sie mein Kind und meine Liebste heissen mag, so will ich sehen
lassen, dass ich den Complimenten Tod feind bin.
    Da wird sie Schande halben bekennen müssen, dass sie an seiner Bekanntschaft
ein gross Glücke zu hoffen hätte, und derowegen wird sich folgende Antwort wohl
schicken:
    Nun so sei es gewagt, ich habe sie als meine Bekante angenommen und hoffe
nicht, dass meine Kühnheit und Unhöffligkeit sollten eine übele Ausslegung finden:
doch was meint sie, dass sie sich mit so einem schlechten Menschen auffhalten
muss, da vielleicht iemand zugegen ist, dem sie alle Lust und Bedienung zu
gedacht hat.
    Dies ist genug: denn ehe sie zur Antwort kömmt, so fängt der Spielmann an,
doch botz tausend dass ich die Herren Stadtpfeiffer, oder Lateinisch Musicanten
genant, nicht erzürne, so fängt der Herr Musicante seinen Tantz an, und da kann
einer mit gutem Gewissen stillschweigen, weil es doch das Ansehen hat, als müsse
man alle Kräffte auf den Tantz spendiren. Immittelst wird sichs nicht schicken,
dass man das Mädgen gar zu lang an der Hand behält. Denn was ist das vor Not,
wann eine Jungfer, die gerne mit einem andern tantzen wollte, einen höltzernen
Peter am Halse haben muss, als ein Fieber. Drumb bringt die Jungfer weiter, und
bedanckt euch erstlich gegen sie:
    Nun ich muss nicht so unhöflich sein, und sie mit meinem schlechten Tantzen
zu viel belästigen. Sie habe schönen Danck, dass sie sich so gütig bezeigen
wollen, und sei gewiss, dass ich im steten Andencken solches hoch schätzen, und
nach Mögligkeit bedienen will. Inzwischen ist es vielleicht nicht übel getan,
dass ich Monsieur N. bitte dasselbige gut zu machen, was ich so genau nicht habe
nach Wunsche vollenden können.
    Mehr dergleichen Redens-Arten hatte Eurylas in einem Büchlein beisammen,
welche er dem guten Menschen fideliter communicirte. Doch würde es zu lang, wenn
alles hier sollte angeführet werden, und es trug Eurylas auch Bedencken, dass er
seine Kunst so gar ümb sonst sollte weggeben. Wenn er von der Person fünffzehen
Gülden zu gewarten hätte, würde er leicht zu behandeln sein, dass er die schönen
Inventiones publicirte, dieses wollen wir noch hinzufügen. Es bat der gute
Stümper, es möchte ihm doch eine Anleitung gegeben werden, wie er bei
Gelegenheit eine Rede, auf dergleichen Manier, halten sollte, denn er versähe
sich alle Stunden, dass ein vornehmer Mann sterben möchte, da würde er
vermutlich einen Goldgülden zu verdienen, das ist, die Abdanckung zu halten
haben. Eurylas hatte einen Studenten bei sich, der halff ihm folgende Rede
schmieden, welche vielleicht zu lesen nicht unangenehm sein wird. Ja es gilt
eine Wette, ehe ein Jahr in das Land kömmt, so hat ein guter Kerle die Invention
darvon genommen. Sed ad rem.
                            Hochgeneigte Anwesende.
Philippus ein König in Macedonien, hatte die löbliche Gewohnheit, dass alle Tage,
ehe die Sonne auffzugehen pflegte, ein Knabe mit hellem Halse folgendes
gedencken musste: Philippe memento, the esse hominem, das ist, Philippe besinne
dich, dass du ein Mensch seist. Mit welchem hoch-notwendigen Denckmahl sich
dieses Königliche Gemüte, ohne allen Zweifel in den Eitelkeiten des
menschlichen Lebens umbgesehen hat, wie dass alles, es mag so köstlich und so
annehmlich sein, als es will, dem ungewissen und unbeständigem Glücke zu Gebote
stehe, und ehe man es meint , zu boden fallen müsse. Denn es fünckelte ja wohl
das Königliche Gold umb seinem Weltbekanten Scheitel, und schickte, gleichsam
als eine lebhafte Sonne, den ungemeinen Glantz in alle umbliegende
Landschaften hinaus. Seine Hand hatte den gewaltigen Stab des gemeinen Wesens
klug genug befestiget, und alles, was sonst einen König nicht annehmen wollte,
suchte bei ihm Schutz und Hülffe. Allein das wusste dieses kluge Gemüte schon an
den Händen abzuzehlen, es sei um einen schlechten Augenblick zu tun, so könnte
ein Feind, ein aufgewiegelt Volck, und endlich ein schnelles Todesstündgen alle
Gewalt und Glückseligkeit zu nichte machen. Hochgeneigte Anwesende, sollte ich
auch zu tadeln sein, wann ich diesem Heiden solche Denckzeichen ablehnen, und
dem instehenden Leidwesen also entgegen gehen wollte? das weiss ich wohl, es hat
mit uns diese Gelegenheit nicht, dass man sich einem Könige gleich stellen könnte.
Jedennoch was das Menschliche Leben und dessen vielfältige Abwechselung belangt,
so ist es gewiss, dass alle Menschen, sie mögen so wohl Könige als schlechte
Stadt- und Landleute sein, solches alle Tage bedencken und zu Sinne nehmen
mögen. O homines mementote, vos esse homines. O du Menschliches Geschlechte
bedencke, dass alles in deinem Tun und Glücke menschlich sei. Keinen Tag hastu
in deinem Gefallen, es kann sich am Abend etwas zufälliges begeben. Keine Stunde,
kein Augenblick ist also lieblich, es kann ein Wechselstand mitten in dem
lieblichen Wesen entstehen: Keine Gesundheit ist so unbeweglich, sie ist dem
Tode einen Dienst schuldig. Und was am meisten zu beklagen scheint, so gilt
alsdann kein Wunsch, welchen Teodosius mag in dem Munde gehabt haben: wollte
Gott, ich könnte Todten auffwecken. Nein es bleibt bei dem, die Sonne legt sich
Abends gleichsam zu Bette, und kömmt allzeit den folgenden Tag an die alte
Stelle: die Bäume lassen das Laub auf eine Zeit fallen, und putzen sich in wenig
Monaten mit neuen Knospen aus. Doch so bald ein Mensch seinen endlichen Zufall
aussgestanden hat, so ist es geschehen, und kann man keine Hoffnung schöpffen, ihn
noch einmal ins Gesichte zu bekommen. Also dass die Johanna des Philippi Königes
in Hispanien Gemahlin sich nicht uneben dieses Sinnbildes bedienet, dass sie
einen Pfau auf eine Kugel gesetzt, und die Ausslegung beigefüget. Vanitas,
Eitelkeit.
    Ach ja wohl ist alles eitel: dann sonst hätte diese hochlöbliche Stadt, die
hochedle familie, dieses hochgeschätzte Haus, diesen Weltbeliebten und niemahls
gnug belobten Mann nicht so zeitlich eingebüsst. Die entseelten Gebeine hätten
sich so bald nicht in das kalte Todtenbette gesehnet, welche nun da stehen,
gleich als wollten sie das unbeständige Leben in einem gewissen Bilde kendlich
machen. O du edle Tugend! hast eben ietzt von uns weichen müssen, da man deine
Schätze am meisten von nöten hat! O du seliges und gesegnetes Haupt! hastu uns
die Wissenschaft, die Weissheit, die Liebe so bald entzogen, ehe man sich an
denselben nach Wunsche sättigen kann? O du gebenedeite Seele! wilst du dem
angenehmen Leibe mit keinem Leben ins künftige beistehen?
    Doch was klage ich? hochgeneigte Anwesende, soll ich dem Heidnischen Könige
Philippo in allen Stücken nachfolgen? soll ich diss allein bedencken, was ein
Mensch in seinem schwachen und hinfälligen Zustande sei? Nein, ich müste in den
Gedancken stehen, als beleidigte ich den gütigen Himmel, dessen Gnade so mächtig
gewesen, dass uns das Licht des hellgläntzenden Evangelii beschienen, und solche
Gewissheit unss zugewendet hat, damit eine iedwede Seele in Not und Tod sich fest
setzen, und von allen Anfechtungen entledigen kann. Dann was heist Tod? was heist
Unglück? da diese Welt nichts ist, als ein Hauffen voll Tod und Unglück. Soll
man klagen, dass iemand zu bald in den Himmel kömmt? gleich als hätte ein Mensch
den Himmel in diesem Angstause empfunden. Soll man nicht im Gegenteil mit
Glückwünschenden Händen dem angenehmen Gaste, dem süssen und lieblichen Tode
entgegen lauffen, als bei welchem ein sanftes Schlaffen, ein seliges Wohlwesen,
ein ewiges Gedeien zu befinden und zu kosten ist. Nein, ich will die Heidnischen
Gedancken nicht gesagt haben. Memento, the esse hominem, sed beatum. Ich sage
auch, die Seele ist glückselig, welche den Leichnam so bald von sich ablegen,
und als eine mühsame Last abweltzen kann. Ja ein Mensch soll diss, als sein bestes
Kleinod annehmen, dass sein Leben nicht ewig in dem Angstwesen stecken muss. Und
also will ich auch den kühlen Sand, die sanfte Schlaffstätte mit diesen Zeilen
kentlich machen:
Lebe wohl, du liebe Seele,
Lebe nun und ewig wohl,
Biss des blassen Leibes Höle,
Deinem Sitze folgen soll.
Du bist selig, wo dein Gott
Ohne Seuffzen Angst und Spott
Seine liebsten Söhne weidet,
Und mit Gnad und Wonne kleidet.
Wolte Gott, es könten alle
Gleich so Tod und selig sein,
Dass sie mit beliebtem Schalle
Hüpften in des Himmels Schein.
Nun wohlan es kömmt die Zeit,
Dass die süsse Seligkeit,
Uns ingleichem soll entbinden
Deine Wollust zu empfinden.
    Nun dieses sei die Letze, und damit lasset uns hingehen, biss des Himmels
Gewalt solches auch bei uns gebieten will. Immittelst haben sie sämmtlichen ein
Lob und danckgeziemendes Mitleiden bei den jenigen vollkömmlich abgestattet,
welche in das hohe Leidwesen gesetzet sind, und solches als das eintzige Labsal
annehmen, dass sie mit so einem ansehnlichen Comitat den entseelten Leichnam biss
an diese Stelle begleiten können. Sie wünschen Gelegenheit zu haben, alles mit
gutem Danck zu bedienen, und bitten Gott, dass solches in einem annehmlichen
Stande und nicht mitten in Seuffzen und Klagen geschehen möge. Und solches habe
ich im Namen des gesampten hochadelichen Hauses abstatten sollen. Sie können
ietzt so viel nicht sagen, nachdem das Leid den Mund zugeschlossen hat, doch
soll die Tat und die danckschuldige Bedienung niemahls zugeschlossen sein.
                                Ich habs gesagt.
    Setzt immer dieses Final darzu, ob es gleich nicht accurat eintrifft, was
bei den Lateinern Dixi geheissen hat, solche kleine absurditäten gehen wohl hin.
Endlich beschloss Eurylas, ihr guter Freund, ihr seht wie weit euch aus dem Elend
geholffen ist. Nehmt die Lehren in Acht, und hütet euch vor dem Hunds-Buchstaben
Nerr Nerr ärger, als vor dem kalten Fieber. Ich weiss dass an einem Orte die
Comoedie nach gespielet ward, welche Anno 1650. bei der Friedens-Execution zu
Nürnberg vor den sämptlichen anwesenden hohen Gevollmächtigten war præsentiret
worden, da hatte ein solcher Schnarr-Peter diese Person. Hände die der Zepter
ziert, haben oft den Stab genommen, den ein schlechter Schäffer führt, Helden
sind aus Hürden kommen. Mancher grosser Welt-Regierer legte Cron und Purpur hin,
ward ein armer Herdenführer, und liebt eine Schäfferin. Ingleichen kam ein ander
bei einem Leichenbegängnis mit solchen Worten auffgezogen: Ich armer verirrter
und verwirrter Erdenbürger werde durch hertzbrechenden Kummer hart und
schrecklich angegriffen. Und da kann ich nicht beschreiben, wie es knasterte:
warlich es schien, als hätte iemand einen Sack voll Erbsen auf ein Bret
aussgeschütt. Der gute Kerle bedanckte sich, und fragte, was vor die Mühe sein
sollte. Doch Eurylas sagte, ich begehre nichts, habt ihr aber so viel Mittel, dass
ihr ohn euren Schaden 20. Taler entraten könnt, so spendirt sie auf meine und
eure Gesundheit einem armen Studenten. Und hierinn tat Eurylas sehr klug, da
hingegen mancher Narr, wann er ehrenhalben das Geld nicht nehmen will, solches
der Compagnie zu versauffen gibt.
 
                                  CAP. XXVIII.
Indessen als dieses in der Herberge vorgieng, kaufften Gelanor und Florindo zu
Kleidern ein, und verwunderten sich wohl über die Närrische Welt, dass alle halbe
Jahr fast eine hauptsächliche Veränderung in Zeugen und Kleidern vorgenommen
wird. Doch weil die Narrheit so gemeine ist, so lacht sichs nicht mehr, wann man
viel von ihren Gedancken wollte anführen. Ferner kamen sie in den Buchladen, da
traff Gelanor etliche von seiner Tischgesellschaft aus dem Wirtshause an, mit
diesen geriet er in einen discurs von den neuen Büchern. Absonderlich war ein
neuer Prophete auffgestanden, der hatte etliche zwantzig Jahr hinaus
geweissaget, was sich in der Welt unfehlbar begeben würde. Zum Exempel von dem
Jahr 1672. hatte er folgende Mutmassung:
                              VENIO NUNC AD ANNUM
                                 M. DC. LXXII.
                                      Cui
                     Ob visum in Cassiopeia sidus seculare,
                         sed ominosum debemus Jubileum.
                        Reviviscent seculares historiæ.
                                    Ebulliet
                         Effusus in laniena Parisiensi
                             Hugonottarum sanguis.
                                Nam seculum est
                            Quod clamavit ad coelum.
                        Quem quidem clamorem compescere
                                   videbatur
                          Edicti Nannetensis lenitas,
                                  Henrico IV.
                      Regie & fideliter præstita, nisi
                               quietem turbasset
                           Indigna Rupellæ oppressio,
                                    Fallor?
                       An à Ludovico Rege, an ab Armando
                         ministro cum stupore universi
                         orbis suscepta & perfecta.
                        Ab hujus enim civitatis interitu
                               dependere videtur,
                        Quicquid calamitatis ac miseriæ
                                  Hugonottarum
                           postea pressit Ecclesiam.
                                      Sed
                    Extollite capita vestra, Cives Europæi,
                                     Lilia
                         Hugonottis denuo infesta sunt,
                          Aut extirpaturi religionem,
                               Aut Daturi poenas.
                          Galli exercitum conscribunt.
                                   Nam forte
                             Sic visum est superis,
                          Ut illata Religioni injuria,
                                  Per neminem,
                      Nisi per ejusdem religionis asseclas
                                  vindicetur.
                      O Europa, quando vidisti aut videbis
                            tantum belli apparatum?
                                    Interim
                            Vos spectatores cavete,
                             Ne, qui fabulam agunt,
                      Spectaculi mercedem à vobis exigant,
                              Imprimis O Germani!
                            Præparate vos ad futuri
                               Anni solennitates:
                         Quatuor enim tunc effluxerint
                                     Secula
                          Ab instaurata Habsburgensium
                                  Felicitate,
                        Fortassis quod numerum septimum
                                   dimidiat,
                       Et seculi septimi medium obtinet,
                            Vim habet climacterici.
                      Hungaria parturit, & Lucina Seu
                           Mahometis Luna opem feret.
                     O notabilem & posterorum historiis
                             Annum celebratissimum!
                                   Nam etiam
                               Seculum tunc est,
                                     Ex quo
                         Romani ultimum viderunt Papam,
                                Qui fuerit pius.
                      Cui parentandum esse, nisi opinantur
                                     Itali,
                                Turca judicabit.
                              O annum admirabilem!
                             Ne quid addam amplius.
    Gelanor sah sich in den Weissagungen etwas umb. Endlich ruffte er überlaut.
Ach sind das nicht Schwachheiten mit den elenden Stroh-Propheten, die alle
zukünftige Dinge aus den blossen Zahlen erzwingen wollen. Was hat es auff sich,
ob nun hundert oder mehr Jahr verflossen sind? Ich sehe keine Notwendigkeit die
mir anzeigte, warumb ietzund eben viel mehr als sonst, diss oder jenes vorgehen
sollte. Es steckt ein betrüglicher Gänse-Glauben dahinter: dann dieses ist gewiss,
dass in dem eitelen Weltwesen nichts über hundert Jahr in einem Lauffe verbleiben
kann. Also dass man sich schwerlich verrechnet, wann man spricht, über hundert
Jahr werde diss Reich stärcker, ein anders schwächer sein. Aber warum es nicht
eher oder längsamer geschehen möge, das sehe ich nicht. Hier gaben die andern
ihr Wort auch darzu, und kamen also von einer Frage auf die andere. Einer lachte
dieselben aus, welche meinen, sie haben unserm Herrn Gott in das Cabinet
gekuckt, und haben observirt, was er in seinem Calender vor einen Tag zum
Jüngsten Gericht anberaumet. Ein ander nahm diejenigen vor, welche in ihren
annis Climactericis grosse Wunderwercke suchen, da es doch hiesse, wie Käyser
Maximilianus II. gesagt: Quilibet annus mihi est climactericus, die andern
brachten was anders vor. Letzlich kam die Frage auf die Bahn, was man von Nativi
tätstellen halten sollte? da sagte ein Unbekanter, der sich in das Gespräche mit
eingemischet, ihr Herren, diese Frage ist etwas kürtzlich, es denckt oft einer
etwas, das er doch nicht sagen mag, immittelst will ich sagen was meine Meinung
ist: die Sterne und des Himmels Einfluss kann niemand leugnen; ob iemand aus
denselben könne urteilen, mag ich nicht decidirn, gesetzt die principia träffen
ein, und man könnte einem den ganzen Lebens-lauff gleichsam als in einem Spiegel
vorstellen, so ist doch diss zu beklagen, dass die meisten, welche sich
dergleichen Rat geben lassen, solches aus einem blossen, und ich hätte bald
gesagt Ateistischen, Fürwitz tun. Da ist die Verheissung Gottes viel zu wenig,
dass man auf sie trauen sollte; Man muss bessere Versicherung aus der Constellation
erhalten und niemand gibt achtung auff das allgemeine Nativität, welches Gott
nicht lang nach Erschaffung der Welt allen Menschen gestellet hat: bistu fromm,
so bist du angenehm, bist du aber nicht fromm, so ruhet die Sünde vor deiner
Tür. Das heist so viel, wirst du dich ümb einen gnädigen GOtt bekümmern, so
wirstu wohl leben, alles soll dir zum Besten aussschlagen, es mag Armut,
Kranckheit, Verachtung, Krieg und ander Unglück einbrechen, so soll es dir doch
zu lauter Glücke gedeien. Wirst du aber auf andere Sachen dich verlassen, und
gleichsam andere Götter machen, so wird alles Glücke, es mag an deiner Hand,
oder in deinem Temate natalitio stehen, zu lauter bellenden Hunden werden,
welche dich endlich in Not und Tod so erschrecken sollen, dass die böse Stunde
aller vorigen Freude und Herrligkeit vergessen wird. Ach was vor ein schön
Fundament haben die Ateisten zu ihrem absoluto decreto, zu ihrer
prædeterminatione voluntatis, und was die andern Grillen sein, dadurch man Gott
entweder per directum oder per indirectum zu der Sünden Ursache machen will. Und
dieses ist die Ursache, dass bisher vornehme Politici in ihren Schrifften solches
ziemlich hochgehalten, weil sie durch die allgemeine Notwendigkeit, etwas
erzwingen können, das in ihrem Statistischen Kram dienet. Hier fiel ihm ein
ander in die Rede, und sagte, das wäre die beste Nativität, hastu viel Geld, so
wirst du reich, lebst du lang, so wirst du alt: Und wüste er einen Studenten,
dem habe die Mutter sollen Geld schicken, allein sie hätte sich entschuldiget,
das Bier, davon sie sich nehren müste, verdürbe so oft, er sollte zuvor ein
Mittel schicken, damit das Bier gut würde: drauff hätte der Sohn einen Zettel
genommen, und darauff geschrieben: Liebe Mutter brauet gut Bier so habt ihr
guten Abgang. Solchen hätte die Mutter angehenckt, und wäre auch ihre
Braunahrung besser von statten gangen. Andere Sachen giengen weiter vor, welche
doch von keiner Wichtigkeit waren, dass man sie auffzeichnen sollte. Es lieff auch
hernach nichts denckwürdiges vor, weil sie den Tag darauff, so bald etliche
Kleider gemacht waren, aus der Stadt reiseten und anderswo mehr Narren suchen
wollten.
 
                                   CAP. XXIX.
Sie reiseten etliche Tage und traffen wenig sonderliches an. Einen Mittag
kehreten sie auf einem Adelichen Schloss ein, wurden auch von dem Herrn
desselben Ortes gar höflich empfangen, bei der Mahlzeit klagte der von Adel, was
er vor eine possierliche action mit seinen zween Priestern habe. Einer hätte dem
andern hinter dem Rücken nach geredet, als wäre er auf der Universität mit Fidel
Treutgen wohl bekandt gewesen, solches habe dieser nicht leiden wollen, sondern
habe ihm durch Notarien und Zeugen eine schimpfliche und ehrenrührige Retorsion
in das Haus geschickt. Jener wäre nicht zu gegen gewesen, und hätte in seiner
Abwesenheit des Priesters Sohn die Sachen angenommen. Nun habe er sich in allen
Juristen-Facultäten belernen lassen, ob er die vermeinte retorsion nicht vor
eine hauptsächliche Injurie annehmen, und derhalben sich seines Juris
retorquendi gebrauchen möge. Und als gesprochen worden, wofern er die
Bekanntschaft mit Fidel Treutgen nicht anders als in Ehren verstanden, so hätte
freilich das Recht statt, und wäre der erste ein grausamer Injuriant: sei er
hingangen und habe ihm eine Schkarteke in das Haus geschickt, darvor dem Hencker
grauen möchte. Der erste habe gesehn die Notarien und Zeugen mit ihren Papiergen
auffpassen, derwegen den Hausknecht geruffen, und nachdem er gebeten, sie
möchten doch von den Sachen, die sie sehen würden, gleichfals ihr Zeugnis
beitragen, gesagt: gehe Haussknecht, lege diesen Brieff, eh ich ihn lese, auf den
Hackstock, und haue so lange drauff, biss er in kleine Stückgen ist, alsdann gehe
auffs secret, wirff den Plunder hinein, und tue etwas drauff, ihr Herren aber
werdet euch in eurem Instrumente darnach zu richten wissen, und werdet es meiner
Gütigkeit zuschreiben, dass ich euch mein Hausrecht nicht getan habe. Florindo,
der mit seinem Maule sehr fix war, sagte hier, ist der geistliche Vater nicht
ein Narr, dass er in die Juristen-Facultät schickt, ob er retorquiren darff, und
schickt nicht in die Teologische Facultät, ob es ihm als einem Geistlichen wohl
anstehe, dass er wie Petrus mit dem Schwerd hinein schlägt, oder als ein
Donnerkind Feuer vom Himmel wündscht. Ich halte der Spruch: vos autem non sic,
gehört auch hieher.
    Gelanor hatte über den freien Reden ein sonderliches Missfallen und straffte
ihn der halben, er sollte nicht so unbedachtsam von dergleichen Sachen urteilen,
so lang er nicht den Unterscheid wüste, was geistliche und was weltliche Händel
wären: denn deswegen werde niemand ein Teologus, dass er ohne Unterscheid,
absonderlich wo die Ehre GOttes nicht darunter versirte, sollte mit allen
unhöflichen Injurien vor lieb nehmen: die Richter wären den Geistlichen so wohl
zum Besten gesetzt als den Weltlichen. Und gewiss, Gelanor hatte Zeit, dass er die
Sache wieder gut machte, denn der von Adel hatte einen Præceptor, der spielte
schon mit den Augen, wie eine Meerkatze auf den Aepffelkram, als er hörte, ein
Geistlicher dürffte sich nicht wehren. Wie er dann erst vor etlichen Tagen sich
mit etlichen Pfeffersäcken brav herumb geschmiessen, und sich einen Drescher,
der vor diesem im Kriege Leutenant gewesen, secundiren lassen. Wiewohl Florindo
entsetzte sich nicht, und als er die trockene Correction eingesteckt, fragte er
den bösen Mann, Hr. Præceptor, was halt ihr davon? dieser sagte, Mons. Gelanor
habe sehr vernünftig von der Sache geurteilt, sonst würde es ihm, als einem
Teologo nicht angestanden haben, solche unverantwortliche Reden zu vertragen.
Hier fieng sich ein artig disputat an, worinn Florindo seinen alten Schulsack
ganz aussschüttete.
Flor. Domine Præceptor, an igitur es Teologus?
Præc. Ita, ita.
Flor. Sed si es Teologus, dic quæso, quot jam refutaveris hæreticos.
Præc. Ego sum Teologus, qui conciones habet.
Flor. Intelligo rem, Teologus es non disputax, sed concionax.
Præc. Ita, ita.
Flor. At ego quidem credideram concionandi artem sine notitia Teologiæ tam
    positivæ quàm polemicæ subsistere non posse.
Præc. Ego distinguo inter Teologum teoreticum & practicum.
Flor. Ego verò novum distinctionis monstrum video.
Præc. Teologus teoreticus discit articulos fidei: sed practicus discit
    conciones.
Flor. Discit igitur? utinam ipse faceret. Interim ut intelligo, teoreticum
    vocatis Professorem; practicum, Concionatorem.
Præc. Ita, ita.
Flor. Quid autem si argumentis evicero, Professorem esse debere practicum;
    Concionatorem vero ne quidem esse Teologum?
Præc. Ego negarem conclusionem.
Flor. Citra jocum. Ego sic argumentor. Quæ professio versatur circa agenda &
    credenda, ea est practica. Atqui professio Teologiæ sic se habet. E.
Præc. Conclusio est falsa.
Flor. Eâdem ego operâ dicam, tuam tesin esse falsam.
Præc. Sed ego hoc audivi à Doctore celeberrimo.
Flor. Si Doctor ille celeberrimus, præfiscini, adesset, sententiam suam fortè
    defenderet melius, nunc ordo loquendi the tangit.
Præc. Quicquid dicas, ego aliter non statuam.
Flor. Sed obstat argumentum à me propositum.
Præc. Hoc ego non curo, sicut malam nucem.
Flor. Neque tamen aliter emerget veritas & cogita, quantum tuum sit
    peccatum, si me relinquas in errore, cum ipsa charitas Christiana cupiat,
    informari proximum.
Præc. Si vis, ut tibi ad pudorem respondeam, ego dico, Professores Teologiæ
    legunt saltem in libris, & vident quid bonum est, & hoc dicunt
    aliis, qui concionantur.
Flor. Id videris statuere, Teologos illos dicere quidem, quid agendum aut
    credendum sit; sed tamen vi professionis suæ adstrictos non esse, ut ipsi
    talia agant aut credant. Et inde dici teoreticos.
Præc. Ita, ita.
Flor. Sed ubi jam ostendes Teologos practicos, cùm ipsi plerumque concionatores
    dicant & non faciant?
Præc. Nonne praxis est, quod concionantur?
Flor. Nonne praxis est, quod illi legunt & disputant? Studia practica non
    dicuntur à tractatione, quæ practica esse videtur; sed ab objecto
    tractationis, quod ad praxin terminatur, seu agendo absolvitur.
Præc. Qui ad omnes distinctiones debet respondere, illum oportet sibi emere
    Lexicon Philosophicum Rodolphi Goclenii.
Flor. Quid audio? an Goclenius, qui contradictiones philosophicas conciliavit,
    nostræ etiam controversiæ medelam afferre poterit?
Præc. Quid ego curo; credat unusquisque, quicquid vult.
Fl. Mirum est, Teologum practicum adeò propendere ad Syncretismum.
Præc. Hoc ego non facio.
Flor. Provoco ad auditores. Interim si displicet quæstio prior, veniamus ad
    alteram. Concionatores enim quatenus tales sunt, mihi quidem non videntur
    Teologi.
Præc. Rogo the, noli tam absurda statuere.
Flor. Ego sic argumentor; Artifex non est Teologus, Concionator quatenus talis
    est artifex. E.
Præc. Me oportet ridere, quòd Syllogismum profers, in quo omnes tres
    propositiones sunt absurdæ.
Flor. Cupis probationem?
Præc. Non non, impossibile est, ut probari possit.
Flor. Sic ego nunquam memini disputare.
Præc. Ego sæpè disputavi cum Pastoribus hujus loci, sed nemo me taxavit.
Flor. Quanti the taxaverint alii, id equidem meâ non refert. Fac saltem, ut
    videant reliqui, quid sentias de meo argumento.
Præc. Eja, eja quasi ego nescirem, quòd tu me vis confundere, sed tamen ut omnes
    audiant, quàm absurda sint omnia. Tu dicis, artifex non est Teologus. An
    nescis hinc inde à Teologis proponi artem moriendi, artem bene vivendi,
    artem credendi etc. eja, eja, ergò Teologus non est artifex.
Flor. Miserum est, ut video, cum iis disputare qui terminos philosophicos
    hauriunt ex Calepino aut Dasypodio. Distinguo inter artis acceptionem
    philosophicam & vulgarem, vulgaris de quavis sumitur notitia quæ
    practica est; Philosophica præcise denotat habitum effectivum.
Præc. Ego non disco philosophiam ex Calepino, ego habeo tabulas Stierii, ostende
    mihi hanc distinctionem.
Flor. Quem tu mihi opponis arietem? Sed consultum vix est, ut optima mea
    argumenta in pumice cerebri tui deteram, faciam quod olim domini bellaturi
    adversus servos. Illi enim non hastis aut gladiis, sed scuticis &
    ferulis victoriam reportabant. Sic ego leviori quadam viâ the aggrediar.
Præc. Nescio, quid dicis.
Flor. Dicebas antea, the esse Teologum, quæ res cum mihi displiceat, hoc mihi
    enascitur argumentum: Teologus est mortuus: Tu non es mortuus, E. Tu non es
    Teologus.
Præc. Nego minorem.
Flor. Cum mortuo igitur disputavi? egregiam vero umbram, quæ nullam mihi
    incussit formidinem.
Præc. Ego mortuus sum huic mundo.
Flor. Et vivis huic seculo?
    Hier legte sich Gelanor darzwischen, und sagte, sie sollten sich in der
Lateinischen Weisheit nicht zu tieff versteigen, doch fragte er seinen Nachbar,
wer dieser Præceptor wäre; Da erzehlte dieser, es wäre ein Magister, hätte feine
Dona zu predigen, und könnte er den Heerman fast ad unguem ausswendig. Sein Vater
wäre ein Pastor paganus, und ob gleich derselbe nicht promotus Magister wäre, so
liesse er ihn doch oben an gehen. Mit dergleichen passirten sie die Zeit biss sie
auffbrachen, und weiter reiseten.
 
                                   CAP. XXX.
In wenig Tagen kamen sie in eine vornehme Stadt: und da legten sie sich in das
beste Wirtshaus: bei Tische nahm einer die Oberstelle, welcher vor eins länger
im Hause gewesen, und vors andere eine grosse und vornehme Person bedeuten
sollte. Er sass ganz Gravitätisch, wie ein Spanischer Ambassadeur, und wenn die
anderen die Discurse liessen herumb gehen, machte er mit seinem Stillschweigen,
dass man ihn vor einen köstlichen Mann hielt. Endlich setzte sein Junge vor dem
Tische, indem er auffwarten sollte, die Beine etwas krumm, da fieng er an zu
fulminiren als wäre ihm etwas grosses wiederfahren. Du Stück von allen
Ertzschelmen, sagte er, wie oft soll ich mich wegen deiner Unhöffligkeit
erzürnen? nahm darmit sein Spanisch Rohr, und kurrentzte den armen Lauer durch
alle prædicamenta durch, und gewiss, es war sehr verwunderlich anzusehen, wie der
gute Junge so gedultig war, bald musste er die Schienbeine hinstellen, und sich
aus aller Macht drauff prügeln lassen: Balt musste er mit den Händen Pfötgen
halten: Bald musste er mit den Backen auffblasen, und eine Maulschelle nach der
andern einfressen, und was der Händel mehr war.
    Nachdem nun der arme Tropff wohl strappezirt war, fieng der Herr an, Ach du
Bösewicht, siehe wie ich mir deinetwegen das Leben abkürtzen muss, ist es auch
möglich, dass ein Tag vorbei geht, da ich mich nicht erzürnen muss. Wolte ich doch
das Leben keinem Hunde gönnen. Ach Herr Wirt, ist keine Citrone da, die Galle
läufft mir in Magen. Ach der Schelme wird noch zum Mörder an meinem Leibe, etc.
die Compagnie sah den Narren an und liess ihn reden. Doch als ihn der Wirt in
sein Zimmer gebracht, sagte Eurylas, nun das Glücke hält sich wohl, die Narren
präsentiren sich von Tage zu Tage besser. Der Zwecken-Peter möchte sich nicht
erzürnen, wann ihm die Bosheit so geschwind in die Caldaunen fährt. So will er
erstlich sehen lassen, dass er Macht hat so einen elenden Jungen zu prügeln, und
vors andere tut er fein närrisch, dass die Leute dencken sollen, er wird flugs
sterben. Ja es mag vielleicht ein trefflicher Handel an seiner Person gelegen
sein, dass die Leute deswegen vor der Zeit Flöre auf die Hüte knüpfften. Und
gewiss es verlohnte sich wohl der Müh, dass er so einer Lumpen-Ursach willen einen
Fladenkrieg anfieng. Hätte auch der Junge was getan, so weiss ich gewiss, der
Hausknecht hätte nichts darnach gefragt, und hätte ihm umb sechs Pfennige in dem
Stalle eine Galliarde mit der Spiessrute gespielt. Da sagte ein ander am Tische,
mein Herr verwundere sich nicht zu sehr, das ist noch nichts, gestern
karbatschte er den Kutscher im Hofe herumb, als einen Tantzbär, nur dass er nicht
stracks gehöret, da er zum Fenster hinaus gepfiffen: da er doch erwiesen, dass er
eben dazumahl die Pferde gefüttert. Nachmittage schleppte er seinen Schreiber in
der Stube bei den Haaren herum, und pauckte mit einem Banckbein hinten nach, dass
wir alle dachten, er würde ihn krum und lahm schmeissen, und als wir fragten,
was er getan, so hatte er die Sandbüchse in der Tafel-Stube vergessen. Der
Junge, der ietzund so tractirt wurde, mag sichs vor eine Ehre achten, dass er ein
Spanisch Rohr zu kosten kriegt: denn sonst muss er allzeit auf der Stube die
Hosen abziehen, und da tritt der grosse Staatsmann mit der Rute davor, und
besieht die postprædicamenta vom Auffgang biss zum Niedergang. Unterdessen
schreit der lose Dieb, als steckte er an einem Spiesse, und rufft seinen
hertzlieben, güldenen, geblümelten Herrn ümb Gnade und Barmhertzigkeit an.
Gelan. sagte darauff ein Esel mag sich in die Löwenhaut so tieff verbergen als
er will, es kucken doch die langen Ohren hervor. Und ein Kerle, welchen die
Natur zu einem Baculario in der A.B.C. Schule deputirt hat, mag so Politisch
werden als er will, so kuckt doch die Rute und der Stecken, gleichsam als zwei
lange Esels-Ohren unter seiner Staats-Mütze hervor. Hiermit kam der Wirt wieder
in die Stube, da fragte Eurylas, wer dieses gewesen wäre; Der Wirt sagte, es
sei ein vornehmer Mann, er habe ein hohes Ampt, doch hätte es so einen langen
Lateinischen Namen, dass er es nicht behalten könnte. Zwar dieses wüste er von ihm
zu rühmen, dass sich alle über ihn beklagten, als kennte er sich vor Hoffart
selbst nicht, und hätte zwar geringe Meriten, doch sehr hohe Gedancken. Gelanor
brach hierauff in folgende Worte heraus: Der Kerle strebt mit aller Gewalt nach
dem Superlativo in der Narrheit. Was bildet er sich mit seiner vornehmen Charge
ein? weiss er nicht, wenn die Schweine auf den Möhren- oder Rüben-Acker kommen,
so erwischt die gröste Sau gemeiniglich das gröste Stücke. Es fällt mir bei, was
in der alten Kirchen-Historie von einem Bischoff erzählt wird. Dieser liess sich
viel düncken, dass er so ein vornehmes Ammt erlanget hätte, und sah alle andere
Leute gegen ihm zu rechnen vor Katzen an. Endlich erschien ihm im Schlaffe ein
Engel, und redete ihn also an: Warumb erhebst du dich deines hohen Beruffs,
meinst du, dass deine Qvalitäten solches verdient haben? Ach nein, die Gemeine
ist keines bessern Bischoffs wert gewesen. Mich dünckt, wer manchen Rat,
Superintendenten, Bürgermeister, Ammtmann, Richter und dergleichen anatomiren
sollte, es würde nichts anders herausskommen, als Gott habe die Gemeine nicht
ärger straffen können, als mit so einem geschnitzten Palm-Esel, dem man nun fast
göttliche Ehre antun müsse. Hier sagte einer am Tische, er hätte solches in der
Tat oft erfahren. Ich kenne, sagte er, einen Burgemeister, der will sich an
den Griechischen Patribus zu tode lesen: einen Superintendenten, der schreibt
Commentarios über die Politica und vertirt Frantzösische Romanen: Einen Stadt-
Physicum, der will Bartii Adversaria continuiren: Einen Schul-Rector, der
refutirt die Ketzer: Einen Kauffmann, der ist ein Chymicus: Einen Soldaten, der
sitzt Tag und Nacht über Teutschen Versen: Einen Schuster, der Advocirt und
heist novo nomine Licentiat Absatz: Einen Bauer, der schreibt Calender. Das
heist mit kurtzen Worten so viel gegeben, ein iedweder Narr tut, was er nicht
tun soll, und darzu er von Gott beruffen ist, das setzt er hinten an, gleich
müste das ergon dem parergo weichen. Eurylas sagte hierauff, mein lieber Herr,
diss geht wohl hin, da tut gleichwohl ein iedweder etwas, und zeigt dadurch an,
dass er nicht ganz einen Grützkopff hat. Zum wenigsten dienen diese Sachen, wie
mein alter Edelmann aus dem Tacito oft sagte, ad velandum segne otium: aber was
soll man bei den Leuten tun, die gar nichts verstehn, und doch, wie jener, der
Teufel gar bei der Cantzlei sein. Gelanor fiel ihm in die Rede, es bleibt
darbei, wo dergleichen vorgeht, da ist die Gemeine oder das Land keines bessern
wert gewesen. Gott strafft nicht nur mit Fürsten, die Kinder sind, oder doch
Kindische Gedancken haben: sondern wo man kluge und vernünftige Leute bedarff,
da kann er ein Kind hinsetzen, dadurch die allgemeine Wohlfahrt in das Decrement
gebracht wird. Und dannenhero sieht ein iedweder, was dieselbe vor Narren sind,
welche auf die übele Administration bei hoher und niedriger Obrigkeit schmähen
wollen. Du elender Mensch, gib achtung auf dich, ob du mit deinem bösen Leben
was bessers verdienet hast. Vielleicht hat ein Fürst oder sonst ein hoher
Minister offtmahls mehr auf die Untertanen zu schelten, dass sie mit ihren
Sünden und Schanden GOtt erzürnen, und also viel gute Consilia von ihrem guten
Event zu rücke halten. Es dencke auch ein iedweder Bürger und Bauer nach, es
wird alle Sonntage von der Cantzel vor die Obrigkeit gebetet. Aber wo ist einer,
der solches mit Andacht nachspricht? dass es also kein Wunder ist, dass Gott so
sparsam mit den Gütern gegen uns ümbgeht, darumb er so sparsam oder wohl gar
nicht angeruffen wird. Unterdessen mag ein solcher zur Straff eingesetzter
Grosssprecher sich nicht zu viel auf seine Farbe verlassen. Käyser Caligula wollte
seinem Pferde Göttliche oder Fürstliche Ehre erweisen lassen, gleichwohl blieb
es ein Pferd und ward an sich selbst zu keinem Fürsten. Also wenn Gott einen
Fuchs, einen Wolff, eine Sau, einen Esel oder wohl gar eine Fledermauss von den
Menschen zur Straffe will geehret wissen, so ist es zwar billig, dass man Gottes
willen mit ganzem Hertzen erfüllt, doch das unvernünftige Tier wird deswegen
kein Mensch. Ja es geht endlich wie mit dem Attila, der nennete sich Flagellum
Dei; Aber nun liegt die Rut im Höllischen Feuer und brennet. Wie ein Vater,
wenn er die Rute gegen die Kinder gebrauchet hat, sie zuletzt in den Ofen
wirfft. Mehr dergleichen wurden vorgebracht, biss die Compagnie auf einen andern
Discurs geriet, und endlich vom Wirte vernahm, wie dass instehende Woche eine
grosse Hochzeit, und auch ein gross Leichenbegängnis würde angestellet werden.
Weil nun ein iedweder ohn disem gern aussgeruhet hätte, ward alsobald
beschlossen, beide Actus in Augenschein zu nehmen.
 
                                   CAP. XXXI.
Nun hatten sich bei währender Mahlzeit etliche Kerlen in die Stube gefunden,
welche einen sonderlichen Tisch einnahmen und zu Trincken begehrten, die waren
so treuhertzig auf das Bier und den Wein erpicht, dass sie ein gross Straff-Glas
in die Mitten setzten, welches der jenige ausssauffen sollte, der über drei Gläser
würde vor sich stehen lassen, und wie die Redens-Art hiess, zum Schaffhäuser
werden. Da ging Bier und Wein unter einander, da truncken sie carlemorlepuff,
da soffen sie Flores, da verkaufften sie den Ochsen, da schrieben sie einen Reim
auf den Teller, in Summa, da plagten sie einander mit dem Sauffen, dass es eine
Schande anzusehen war. Die Gäste über der Tafel stunden auf und giengen in ihre
Gemächer, diese aber stocherten die Zähne biss nach Mitternacht; und ob gleich
etliche das überflüssige Geträncke nicht vertragen kunten, so stund doch schon
ein Becken auf dem Tische, in welchem man S. Ulrichen ein Kälbgen auffopffern
kunte, und damit ging es von forn an. Ja es kam so weit, dass die Gläser und
Kannen zu schlecht waren, und dass sie aus umgekehrten Leuchtern, aus Hüten, aus
Schuhen, und aus andern possirlichen Geschirr soffen, biss einer da, der andere
dort in seinem eigenen Södgen liegen blieb. Der Mahler hatte diss Cyclopische und
Bestialische Wesen mit angesehen, als er nun alles nach der Ordnung referirte,
sagte Gelanor: Ist das nicht eine Torheit bei uns Teutschen, dass wir so
unbarmhertzig auf das liebe Geträncke lossgehn, als könten Gottes Gaben sonst
nicht durchgebracht werden; und dass wir uns einander selbst solche Ungelegenheit
machen. Es wird einer in dem Hauffen gewesen sein, dem zu Ehren der Schmauss wird
angestellet sein, und da wird es morgen heissen, ha ich bin stattlich tractirt
worden, ich habe die Tür nicht finden können, der Kopff tut mir drei Tage
darnach weh, und dies heist auf Teutsch, dem zu Gefallen bin ich ein Narr, eine
Bestie, ja wohl gar ein Teufel worden. Nun wird niemand leugnen, dass oft einer
in der Compagnie den andern zwinget, da doch keiner rechte Lust zum Sauffen hat.
Und doch muss die Gewonheit ihren Lauff behalten, und es heist, sie sind lustig
gewesen. Wann ich einen Feind hätte, und könnte ihn so weit bringen, dass er einen
Tag sich an stellte als ein rechter gebohrner Narr, und den andern Tag vor
Schmertzen nicht wüste, wo er den Kopff lassen sollte, so meinte ich, meine Rache
wäre sehr köstlich abgelauffen. Nun aber tun sie solches nicht ihrem Feinde,
sondern ihrem besten Kern-Freunde, den sie sonderlich respectiren wollen, und
iemehr sie einen obligiren wollen, desto schärffer setzen sie einem zu, dass
mancher Glückselig ist, der wenig Freunde hat, und also bei seiner Vernunft
ungehindert gelassen wird.
    Eurylas sagte hierauff: es nimt mich oft wunder, warum ein Mensch solche
grosse Lust an seiner Unvernunft und an anderer hernachfolgenden
Verdriesslichkeit haben kann: dann, dass niemand den Befehl Christi in acht nimmt,
hütet euch vor Fressen und Sauffen, das ist in der Ateistischen Welt kein
Wunder, da man Gottes Gebote oft hintan setzt. Sondern diss scheinet vor solche
Politicos zu ungereimt, dass, indem sie in allem auf ihr Bestes sehen und dencken
wollen, gleichwol ihre Vernunft, ihre Gesundheit und alles in dem Weinfasse
zurück lassen. Da kömmt ein Priester, und hätte die Gaben, dass er eine feine
andächtige Predigt ablegen könnte: Aber weil der gestrige Rausch noch nicht
verdauet ist, so geht es ab wie Pech vom Ermel, und hat er selbst neben seinen
Zuhörern, die höchste Ungelegenheit darbei. Das Nachsinnen kömmt ihn sauer an,
kein Wort henckt an dem andern, das Maul ist so dürr, dass ihm die Zunge als ein
alter Peltzfleck an dem Gaumen herum zappelt.
    Von andern Ständen mag ich nichts sagen, wollte Gott! die jungen Leute
spiegelten sich an den alten podagrischen, trieffäugigten, zitterenden Herren,
welche in Städten und Dörffern oft verursachen, dass ein gemeines Wesen auff
schwachen Füssen steht, da sie doch solcher Schwachheit wohl könten geübrigt
sein, wann sie in der Jugend ihre gesunde und starcke Naturen nicht so sehr
forcirt hätten. Und wie mancher wäre ein beliebter und gesegneter Mann blieben,
wann er im Truncke nicht alle Heimligkeit geoffenbahrt, oder mit einem andern
unnötigen Streit angefangen oder sich sonst mit närrischen Reden und Geberden
prostituirt hätte.
    Gelanor gedachte darbei an einen Studenten, welchen er zu seiner Zeit auf
Universitäten gekennt hatte, von diesem sagte er, ich habe mein Tage keinen
Menschen gesehn, der sich mit bessrer Manier vom Sauffen abfinden kunte. Einmahl
sollte er ein Glas voll Wein ungefehr von einer Kanne ausstrincken, und stellte
sich der andere, der es ihm zugetruncken, so eifrig an, als wollte er sich
zureissen, doch dieser sagte; Mein Freund, ich habe ihn vom Hertzen lieb, doch
ist mirs lieber, er wird mein Feind, als dass ich soll sein Narr werden. Ein
ander sagte zu ihm, entweder das Bier in den Bauch, oder den Krug auf den Kopff,
da war seine Antwort: Immer her, ich habe lieber nüchtern Händel, als in voller
Weise. Wieder ein ander trunck ihm eines grossen Herrn Gesundheit zu, da sagte
er: GOTT gebe dem lieben Herrn heute einen guten Abend, meine Gesundheit ist mir
lieber als seine. Ferner sollte er seines guten Freundes Gesundheit trincken, da
war diss seine Entschuldigung: Es wär mir leid, dass ich die Gesundheit oben oder
unten so bald weglassen sollte. Einmahl bat ihn einer, er sollte ihn doch nicht
schimpfen, dass er ihn unberauscht sollte von der Stube lassen, aber er replicir
the: Mein Herr schimpffe mich nicht, und sauffe mir einen Rausch zu. Mehrenteils
war dies seine Exception. Herr, sagte er, will er mir eine Ehre antun, so sei er
versichert, ich suche meine Ehre in der Freiheit, dass ich trincken mag, so viel
mir beliebt: will er mich aber zwingen, und mir zuwider sein, so nehme ich es vor
eine Schande an, und dancke es ihm mit etwas anders, dass er mich gebeten hat.
Gleich in dem fragte Florindo, ob sie nicht wollten zu Bette gehn, und verstörte
also das schöne Gespräche.
 
                                  CAP. XXXII.
Am Morgen stunden sie auf und spatzierten durch die Stadt, als sie nach Hause
kamen, war der Richter an demselben Orte von einem andern pro hospite genommen
worden, der führte lauter Christliche Discurse. Ja sagte er, was hat ein Mensch,
das ihm Gott nicht gibt. Ach Gottes Vorsorge muss das beste bei unserer Nahrung
tun. Wie müssen doch die Menschen dencken, welche Gott nicht vor Augen haben,
und ihr Hertze an das Zeitliche hencken? Ach ein gutes Gewissen ist ein ewiges
Wohlleben. Ich wollte lieber Saltz und Brod essen, als einen gemesteten Ochsen
mit Unrecht. Diesen Ruhm will ich einmal mit in die Erde nehmen, dass ich
niemanden sein Recht gebeugt habe. Gelanor sperrete Augen und Ohren auf, und
verliebte sich fast in den Gewissenhaftigen Richter. Aber als die Mahlzeit
geendigt war, und Gelanor seine Gedancken dem Wirte eröffnete, sagte dieser,
mein lieber Herr, weiss er nicht, dass sich die schwartzen Engel oft in Engel des
Lichts verstellen. Es ist kein ärger Finantzen-Fresser im Lande, als der Mann,
zwar dieses muss ich ihm nachsagen, er ist so heilig, als ein Bettelmünch, dann
gleich wie dieser kein Geld anrührt, so greifft er kein Geschencke an; er
spricht nur, Jungefrau nehmt ihrs, ich kans mit gutem Gewissen nicht nehmen, ich
habe geschworen. Quasi verò, als wäre Mann und Weib nicht ein Leib. Uber diss
nimmt er alle accidentia mit Recht ein, denn er verdoppelt die
Gerichts-Gebühren, und spielt die Sachen, welche man in einem Termin debattiren
könnte, in die lange Banck hinaus, dass viel unnötige Zeugen abgehöret, viel
nichtige Exceptiones zugelassen werden, nur dass die Gebühren fein hoch lauffen,
weil man solche doch mit gutem Gewissen einstreichen kann. Item, er hält etliche
Advocaten auf der Streu, die müssen ihm jährlich etliche hundert Gülden geben.
Und dieses läst sich mit gutem Gewissen nehmen, denn donatio inter vivos ist ja
ein titulus Juris: Inzwischen tut er den guten Wohltätern die courtoisie, und
fördert ihre Sachen, dass sie zuträgliche Clienten bekommen, und also heist es
recht; Ach GOTT der teure Nahme dein, muss ihrer Schalckheit Deckel sein.
Hierauff sagte Gelanor, nun so hab ich noch keinen solchen Heuchel-Narren
angetroffen: der blinde Mann meint , es sei gar wohl aussgericht, wann er nur den
Nahmen GOttes im Munde führe, gesetzt, dass er solchen in der Tat mehr als zu
sehr verleugne. Nun, nun verlasse dich auf dein fas & nefas, das heist, auf
deine Besoldung und accidentia, du wirst zu recht kommen, nur sieh dich vor, dass
keiner auf den Jüngsten Tag appellirt, da möchte der Hencker zum Strassenrauber
werden, und möchte dich hohlen, ehe du alle deine Liquidationes legitimirt
hättest. Als dann wirst du erfahren, welches du manchem Inquisiten nicht glauben
wilst; Ex carcere malè respondetur. Indem fiengen sie an zu läuten, da eilte der
Wirt, dass er kunte zu der Leiche gehn, und gab seinen Gästen Anleitung, wo sie
in der Kirche die Predigt hören sollten, denn die Eitelkeit, die so wohl im
Prozess, als in der Trauer selbst gehalten worden, mag ich nicht berühren: Weil
es doch so gemein damit ist, dass sich niemand mehr darüber verwundert. Darumb
eilen wir zu der Predigt. Nun war die ganze Stadt voll, was der verstorbene vor
ein böser Mensch gewesen, also dass etliche sagten, er wäre nicht einmal wehrt,
dass er auf den Gottes-Acker begraben würde, dessen aber ungeacht, war die
Leichpredigt so tröstlich und delicat eingericht, dass mancher vor Freuden
gestorben wäre, wann er sich an seinem Ende solcher Predigten hätte versichern
sollen.
    Endlich kam es an den Lebens-Lauff, da war es voller Christlicher und
Himmlischer Tugenden, da hatte er in der Schule die vortrefflichsten specimina
abgeleget, und alle Leute sagten, er hätte sich mit etlichen Præceptoribus
geschlagen, wäre hernach zum Fenster hinaus gesprungen, und was dergleichen
Leichtfertigkeiten mehr waren. Ferner sollte er sich auf Universitäten eine
geraume Zeit mit sonderbahren Nutzen auffgehalten haben, und iederman sagte, er
wäre einmal auf die Leiptziger Messe gezogen, und hätte sich im Auerbachs-Hoffe
auf dem Bilderhause umbgesehen, wäre darnach in das rote Collegium gangen, und
hätte der Deposition zugesehen, von dar hätte er in dem Fürsten Collegio eine
Kanne Bier getruncken, und damit wäre er wieder nach Hause kommen. Absonderlich
musste Eurylas lachen, dass erzählt wurde, wie er sich so wohl mit den bösen
Nechsten vertragen, alles mit Christlicher Gedult übersehn, und niemahls böses
mit bösem vergolten hätte: denn er fragte, wo denn der böse Nechste wäre, dem
man alles müsse zu gut halten, weil dergleichen Ruhm in allen Leichpredigten zu
befinden wäre. Es müsten vielleicht diejenigen sein, welche mit der halben
Schule begraben würden, und keine Predigt kriegten. Gelanor sagte, es wäre nicht
so zu verstehen, als wenn sie eben so gut und heilig gelebt hätten, sondern dass
sie also hätten leben sollen, damit die Lebenden sich ihrer Schuldigkeit dabei
erinnern, und das Leben genauer anstellen möchten. Ja wohl versetzte Eurylas,
hätten sie also leben sollen; aber wer will sich einbilden, dass iemand durch
diese Erinnerung gebessert wird. Ich meinte vielmehr, weil andere mit ihrem
liederlichen Wesen so ein Lob verdienet hätten, so wollte ich es gleich so bunt
treiben, und doch die stattlichsten Personalia darvon tragen. Nein nein,
antwortete Gelanor, die Meinung hat es nicht, sondern es wird so viel darunter
verstanden. Seht ihr Leute, dieser Mensch hat an seinem letzten Ende noch die
Gnade gehabt, dass er zum Erkenntnis kommen ist. Ihr andern wagt es nicht darauff,
ihr habt kein Brieff und Siegel darüber, dass ihr auch mit solcher Vernunft
hinfahren könnet. Unter diesen Reden hatten sie auf das übrige nicht achtung
gegeben, dass sie also nichts mehr davon zu hören kriegten: alldieweil die Music
wieder angieng, und alle mit hellem Halse zu sammen anstimmten, denn der Tod
kömmt uns gleicher Weiss. Als sie nach Hause kamen, brachte der Wirt einen Pack
Leichen Carmina mit, darein er hätte vor zehen Taler Pfeffer und vor fünffzehn
Gülden Ingwer einwickeln können, Gelanor sah sich in denselben etwas umb, und
fand unter andern folgende Kern-Verse, oder dass ich einer iedweden Sache ihren
rechten Namen gebe, folgendes Madrigal, von viertzig Versen weniger eins.
O Tod du grimmer Menschen Frass,
Du Streckebein du Leute-Schlächter,
Du Lebens-Dieb, du Blecke-Zahn,
Du Schatten-Kind, du Sensen-Mann,
Du Freund der Atropos, O du der Cloto Schwager,
Du Hertz der Lachesis, sag an, was heist denn das?
Du bist von Knochen nur und bleibest allzeit mager.
Wesswegen frist du denn die Menschen so dahin?
Hier stirbt ein grosser Mann, ist dieses denn dein rechter?
Bewegt dich nicht der Tugendhafte Sinn?
Hörst du nicht unsre Klagen?
Ach nein du kanst es aus dem Sinne schlagen,
Du grausams Ebenbild, du gifftigs Wundertier,
Du Basiliske du, du Stadt und Land-Verderber,
Das Tiger oder doch du Tiger Kind.
Du bist mit deiner Sichel blind, etc.
    Gelanor hatte grosse Gedult, dass er es im Lesen noch so weit gebracht. Doch
weiter mochte er die Niesswurtzel nicht in sich fressen, sondern warff das Papier
in das Fenster, und sagte, es bleibt darbei, der Kerle ist ein Narr, und wenn
sonst kein Poete ein Narr mehr wäre. Was hat der übersüchtige Sausewind auf den
Tod zu lästern? Der Tod ist GOttes Ordnung, der läst die Menschen sterben, und
setzt uns ein Ziel, welches niemand überschreiten kann. Dass die Heidnischen
Poeten, welche von Gott nichts gewust, unterweilen solche Fratzen mit
eingemengt, das ist kein Wunder; Aber dass ein Christ dem Tode gleichsam vor der
Türe wetzt und ihn heraus fordert als einen andern Berenheuter, das ist fürwar
eine von den grösten Schwachheiten. In währendem Gespräche kam ein hesslicher
Dampff in die Stube gezogen, dass alle meinten, sie müsten von dem widrigem
Geruche vergehen. Als sie nun hinaus sahen, wurden sie etliche Kerlen gewahr,
welche Tabackpfeiffen im munde hatten, und so abscheulich schmauchten, als wenn
sie die Sonne am Firmament verfinstern wollten. Gelanor sah ein wenig zu,
endlich sagte er, sind das nicht Narren, dass sie dem Teufel alles nachtun und
Feur fressen. Ich möchte wohl wissen, was vor Kurtzweil bei dem Lumpenzeuge
wäre. Der Wirt hörte es, und meinte, es müste mancher wegen seiner
Phlegmatischen Natur dergleichen Mittel gebrauchen. Doch Eurylas fragte, wie
sich denn die Phlegmatischen Leute vor zweihundert Jahren curirt hätten, ehe der
Taback in Europa wäre bekandt worden, sagte darneben, es wären etliche
Einbildungen, dass der Taback sollte die Flüsse abziehen, er brächte zwar
Feuchtigkeit genug in dem Munde zusammen: Allein dieses wären nicht die
rechtschüldigen Flüsse, sondern die Feuchtigkeit, welche im Magen der concoction
als ein vehiculum dienen sollte, würde hierdurch abgeführet: dannenhero auch
mancher dürre, matt, hartleibicht, und sonst elende und kranck davon würde. Der
Wirt wandte ein, gleich wohl kennte er vornehme Doctores und andere Leute, die
auch wüsten, was gesund wäre, bei welchen der Taback gleichsam als das tägliche
Brot im Hause gehalten würde. Ey sagte Eurylas, ist denn nun alles recht, was
grosse Leute tun? In Warheit es steht schön, wann man in ihre Studierstuben
kömmt, und nicht weiss, ob man in einer Bauer-Schencke, oder in einem Wachhause
ist, vor Rauch und Stancke. Warumb müssen etliche den Taback verreden und
verschweren, wollen sie anderst bei der Liebsten keinen Korb kriegen! warumb
schleichen die armen Männer in die Küche, und setzen sich umb den Herd, dass der
Rauch zum Schorstein hinaus steigen kann? warumb ziehen sie andere Kleider an,
und setzen alte Mützen auf? Gelt, wenn sie sich des Bettelments nicht schämen
müsten, sie würden es nicht tun. Florindo sagte hierauff, ei was sollen sich
die Leute schämen. Wisset ihr nit, wie wir unlängst in einer namhaftigen Stadt
auf die Trinckstube gehen wollten, und vor der Stube einen Tisch voll Doctores
antraffen, welche Collegialiter die Tabackpfeiffen in dem Munde hatten. Dazumahl
lernte ich, was die weitläufftigen Programmata an den Doctoraten nütze wären,
dann zur Not könten die lieben Herren fidibus daraus machen, und
Mussquetier-Taback vor Virginischen gebrauchen. Dem Wirte waren die Reden nicht
angenehm, drum ging er fort und sagte, wem der Gestanck zuwider wäre, der
möchte sich eine Balsambüchse zulegen, er könnte den Geruch nicht besser
schaffen, als er von Natur wäre.
 
                                  CAP. XXXIII.
Folgenden Tag war die Hochzeit angesetzt, da musste unsere Compagnie Maul und
Nase auffsperren, dass sie alles recht betrachten und einnehmen kunten. Die Gäste
waren auf das Köstlichste heraus geputzt, die Tractamenten waren sehr delicat,
die Music liess sich mit sonderlicher Annehmligkeit hören, die Täntze wurden mit
grossem Tumult vollbracht. Einer schnitt Capreolen, der andere machte Floretten,
der dritte stolperte über die hohen Absätze: da mochte sauffen, wer ein Maul
hatte. Denn andern Tag ward die Braut mit ihrem neuen Schlaffgesellen unerhört
auffgezogen, da kamen die Weiber und Männer, und versuchten ihr Heil.
Absonderlich hätten ihr die Junggesellen, oder die Herren Braut-Lümmel bald den
Kopff mit Band und Haaren abgerissen, weil sie den Krantz mit starckem Drate
unter den Haaren fest verwahret hatte. Und bei diesem Actu giengen solche
obscoena æquivoca vor, dass sich züchtige Ohren billig davor zu schämen hatten.
Als nun der Wirt mit unsrer Compagnie wieder zu sprechen kam, sagte Eurylas, es
gefällt mir an diesem Orte sehr wohl, indem es lauter wohlhabende und vergnügte
Leute hier gibt. Ich sehe alles in Kostbahren Kleidern, in köstlichem Essen und
Trincken, in Wollust und Herrligkeit daher stutzen. Doch der Wirt gab zur
Antwort; mein Herr, es ist nicht alles Gold, was gleisset. Solte er unsere
Hoffart auf den Probierstein streichen, sie würde nicht gülden heraus kommen. Es
geht manche Jungfer, die hat ihr ganz Patrimonium an den Hals gehenckt, nur dass
sie desto eher ein ander Patrimonium mit verdienen will. Zu Hause zotteln sie in
Leinwat-Kütteln, und essen trocken Brod, nur dass sie allen Alamodischen Bettel
schaffen können. Mancher wirfft den Spielleuten, oder Hochteutsch zu reden, den
Herren Instrumentisten einen Taler auf, den er an drei und zwantzig Ecken
zusammen geborgt hat. Mancher tantzt die Schuh entzwei, ehe er weiss, wo das Geld
herkommen soll, damit er den Schuster contentirt. Braut und Bräutigam selber
werden in drei Jahren nicht so viel einnehmen, als sie auf ihre Pralerei
auffgewendet haben. Da sagte Eurylas, du blinde Welt, bist du so närrisch, und
knüpffst keine Schellen an die Ohren? da hätte mancher meinen sollen, es wäre
lauter Fürstlich und Gräfflich Reichtumb darhinder, so sehe ich wohl, es ist
mit einem Quarge versiegelt.
    Gelanor gab sein Wort auch darzu. So haben die Leute, sagte er, schlechte
Ursache so üppig und wohllüstig ihre Sachen anzustellen. Sie möchten an statt
ihrer Zotten und unzüchtigen Rätzel etliche Gebete sprechen, dass sie GOtt aus
ihrer Armut erretten, und ihnen ein zuträgliches Ausskommen bescheren wolle.
    Es ist ohn diss eine Schande, dass die zarte Jugend durch dergleichen
ärgerliche Händel zu böser Lust angereitzet wird. Und da möchte man nachdencken,
warumb vor alters bei denen Hochzeiten Nüsse unter das junge Volck aussgeworffen
worden? nehmlich dass sie nicht sollten umb die Tische herumb stehen, wenn irgend
ein mutwilliger Hochzeit-Gast ein schlipffrich Wort liesse über die Zunge
springen. Nun wer will sich wundern, dass so wenig Heiraten wohl aussschlagen, da
mit solcher Uppigkeit alles angefangen wird. Wenn nun die Nachfolge nicht so süss
ist, als sich manches die Einbildung gemacht hat, so geht es auf ein Klagen und
Lamentiren hinaus: da hingegen andere, welche den Ehestand als einen Wehestand
annehmen, hernachmahls alle gute Stunden gleichsam als einen unverhofften Gewinn
erkennen, das Böse aber nicht anders als ein telum prævisum gar leicht entweder
vermeiden, oder doch mit Gedult beilegen können.
    Hierauff gedachten sie an das Tantzen, und meinte Eurylas, es wäre eine
Manier von der klugen Unsinnigkeit, dass eines mit den andern herumb springe und
sich müde machte: aber Gelanor führte diese entschuldigung an. Es ist nicht
ohne, sagte er, es scheinet etwas liederlich mit dem Tantzen. Doch die ganze
Jugend kömmt den alten Leuten eitel und liederlich vor. Und darzu kann es auch
von Alten mit Masse gebrauchet werden: denn die Bewegung ist dem Menschen nicht
schädlich, absonderlich wenn im trincken ein klein Excesgen vorgegangen, da sich
der Wein desto eher verdauen und aus dem Magen bringen läst, und also desto
weniger exhalationes das Gehirne beschweren. Wie man oft sieht, dass einer, der
am Tische ein Narr war, auf dem Tantzboden wieder nüchtern wird. Zwar etliche
Teologi sind heftig darwider, doch sind etliche nicht so wiederwärtig und
Tantzen eins mit, dass ihnen die Kappe wackelt. Die Warheit davon zu sagen, so
haben auch etliche alte Kirchenlehrer gar scharff darauff geschrieben, dass sie
auch gesagt: chorea est circulus, cujus centrum est Diabolus: doch ist es der
alten Väter Brauch, dass sie das Kind oft mit dem Bade aussschütten, und da sie
den Missbrauch tadeln sollten, den rechten Gebrauch verdammen wollen. Denn solche
leichtfertige Täntze, wie der Zeuner Tantz bissweilen gehalten wird, und wie Anno
1530. zu Dantzig einer von lauter vermummten nackichten Personen angestellet
worden: oder wie Anno 1602. zu Leipzig auf dem damahligen Rabet ein Schneider
Geselle mit einer unzüchtigen Breckin vor allen Leuten nackend herumb
gesprungen: oder wie auf Kirmsen und andern gemeinen Sonntagen, Knechte und
Mägde zusammen lauffen, oder auch in Städten heimliche Rantzwinckel gehalten
werden, die soll man mit Prügeln und Staupbesen von einander treiben. Und da
heists, non centrum modo, sed ipsum circulum possidet Diabolus. Aber dieses
alles auf die sittsamen und züchtigen Ehren-Täntze bei Hochzeiten und Gastereien
zu appliciren, ist etwas zu scharff gebutzt. Ach wie ist mancher Vater so
gewissenhaftig, ehe er sein Kind auf eine Hochzeit gehen läst; oder wenn er
Schande und naher Freundschaft halben sie nicht zu Hause behalten kann, so muss
sie doch alsbalde vom Tische wieder heim, da er sie doch mit besserm Gewissen
von andern heimlichen Zusammenkunften abhalten möchte: denn auf einem
öffentlichen Tantzboden wird keine so leicht verführet, als wenn sie hinter der
Haus-Tür einen Rendezvous von zwei Personen anstellet, und mit drei Personen
wieder hervor kommet.
    Eurylas fragte, warumb aber die Täntze bei Hochzeiten so gemein worden?
Gelanor antwortete, die lieben Alten hätten es darumb angestellet, dass ein
Junger Mensch, der sich nunmehr nach einer Liebsten zu seiner Heirat umbsehen
wolle, an einem Orte Gelegenheit hätte, ohne sonderlichen Verdacht mit etlichen
bekandt zu werden. Allein die heutige Welt habe es umbgekehrt, denn, sagte er,
da müssen alles gelschneblichte Stutzergen sein, die noch in vierzehen Jahren
keine rechte Liebste bedürffen. Und manche Jungfer steht sich selbst im Lichten,
die oft einen ehrlichen Kauff- oder Handwercksmann, der sie in allen Ehren
meint , über Achsel ansieht, und einen Buntbändrichten Monsieur ihm zu Trotze
mit vortrefflichen Liebkosungen bedienet, darüber sie endlich zur alten Magd
wird: und da mag sie wohl versichert sein, wann sie den Kirch-Turm scheuern
wird, so wird ihr keiner von den vorigen Auffwärtern Wasser zutragen. Hier ward
etwas anders drein geredet, und Eurylas erinnerte, ob man nicht künftigen Tag
weiter reisen wollte. Solches ward beliebet, und weil gleich eine Landkutsche auf
eine andere Stadt abfahren wollte, setzten sich Florindo, Gelanor und Eurylas
darauff, und liessen ihre übrigen Leute mit den Pferden hinten nach kommen.
 
                                  CAP. XXXIV.
Die Kutsche war mit acht Personen besetzt, und unter denselben befanden sich
zween Studenten, welche erstlich von ihren Büchern und Collegiis viel zu reden
hatten. Endlich kam es heraus, dass einer ein Sperlingianer, der andere ein
Zeisoldianer war. Denn da fiengen sie de Materia prima so eiffrig an zu
disputiren, als wenn die Seeligkeit dran gelegen wär. Einer sagte, materia tua
prima est eus rationis, der andere retorquirte, & materia tua simplex
insignem tuam arguit simplicitatem. Und in dergleichen Streite mangelte es
wenig, dass es nicht zu Schlägen kam. Gelanor schlug sich zu letzt ins Mittel,
und sagte, ihr Herren, warumb zancket ihr euch, ihr habt alle beide recht. Eure
Magistri haben euch was weiss gemacht, das ihr in kurtzer Zeit vor Eitelkeit
halten werdet. Denn seht die Philosophie, ob sie zwar in partem principalem
& instrumentalem abgeteilet wird, so ist sie doch in unserm studieren
nichts mehr als ein Instrument oder ein Werckzeug, dessen wir uns in den höhern
Facultäten bedienen müssen. Ihr wisset ohne Zweiffel das Sprichwort: Philosophia
ancillatur Teologiæ, oder wie es ein vornehmer Mann nicht uneben extendirt,
Philosophia inservit superioribus facultatibus. Nun sagt Aristoteles, servus est
instrumentum Domini. Und folgt also, quòd Philosophia sit instrumentum
superiorum facultatum. Nun will ich euch die ganze Sache in einem Gleichnüsse
vorbilden. Es sind drei Zimmerleute, die haben drei Beile, einer hat Affen und
Meerkatzen lassen drauff stechen. Der andere führt Blumen und Gartengewächse
drauff. Der dritte hat auf seinem nichts, als das Zeichen von der Schmiedte, da
das Beil gemacht ist. Sie kommen in der Schencke zusammen, und disputirt ein
ieglicher, sein Beil ist das schönste. Aber wenn sie den Tag hernach an die
Arbeit kommen, schmeist einer sowohl drauff, als der andere, und ist im Effect
kein Unterscheid. So geht es mit der Philosophie auch her. Weil ihr auf Universi
täten seid, da wollet ihr ein ander tod disputiren, über solchen Sachen, die
nicht viel besser heraus kommen, als Affen und Meerkatzen; Aber wenn es zum
Gebrauch selber kömmt, so macht es einer so gut als der andere. Ob einer
Metaphysicam per Sapientiam oder per Scientiam definirt. Ob es ein Lexicon
Philosophicum, oder eine sonderliche disciplin ist: ob drei Affectiones Entis
sind Unum, Verum, Bonum, oder ob Ubicatio und Quandicatio darzu gerechnet
werden, so versteht einer die terminos so wohl als der andere, und ist in den
Haupt-disciplinen einer so glückselig als der andere. Ingleichen ob einer
materia primam oder materiam simplicem statuirt, ob er transelementationem
beweist oder verwirfft; ob er sagt, Calidum est, quod calefacit, oder Calidum
est, quod congregat homogenea & separat heterogenea. Ja ob einer gar dem
Cartesio in das Gehäge geht, und ausser der Materie und des Menschen Seele keine
andere Substanz annimmt, und alle Aristotelische formas substantiales auf einen
confluxum certorum accidentium hinaus lauffen läst, so ist es doch in dem
Hauptwercke bei einem so wohl getroffen, als bei dem andern, wie in der
Astronomie keiner irret, er mag das Systema Coperniceum oder Tychonicum
annehmen. Drumb ihr lieben Herren, lernet nur gut hacken, ihr mögt einen
Sperling oder einen Zeisig auf dem Beile haben. Zu wündschen wäre es, dass
etliche gute Leute auf Universitäten sich hierinn mässigten, und die jungen
Studenten nicht in dergleichen Teoretische Irrtümer führten, sondern vielmehr
den usum in den höhern disciplinen zeigten, und in den andern adiaphoris einen
ieglichen bei seinen neun Augen liessen. Die jungen Studenten machten ein paar
grosse Augen, und verwunderten sich, dass ein Politicus in bunten Kleidern von
solchen Sachen also frei urteilen wollte. Doch war der Respect gegen ihre
Præceptores so gross, dass sie die Erinnerung so gar umbsonst und undisputirt
nicht begehrten anzunehmen, drumb fragte einer, ob es ratsam wäre, zwei
contradictoria vor wahr zu halten? Es wäre ja unmöglich, dass nicht eines von
beiden müste falsch sein. Gelanor sagte, ihr lieber Mensch reissen euch die
contradictoria so sehr im Leibe? gebt doch zuvor achtung drauff, ob dieselbe
sich in dem Hauptwercke oder in dem Nebenwercke befinden? oder dass ich
deutlicher rede, sehet ob die contradictoria den finem oder die media betreffen?
die media oder die Hypoteses mögen wohl bei andern von contradictoriè
angenommen werden, wenn nur die conclusiones allentalben richtig sind. Wie es
ein schlechter Unterscheid ist, ob man die Erde stille stehn oder herumb lauffen
lasse, wenn nur auf beiden Teilen die Phænomena einerlei heraus kommen. Ich
gebe ein Gleichniss. Es wollen ihr zween von Leipzig auf Hamburg. Einer zeucht
mit der fahrenden Post über Magdeburg, der andere geht zu Pferde über
Qvedlinburg, hier sind in medio sichtbare contradictoria. Denn Magdeburg ist
nicht Qvedlinburg, und Qvedlinburg ist nicht Magdeburg: allein es nimmt der
Sache nichts, wenn sie nur in fine einig sind, und alle beide auf Hamburg, und
nicht auf Bremen oder Lübeck kommen, wie jener Eulenburgische Bote der auf
Torgau wollte, und sich verirrete, dass er auf Leipzig kam. Wären aber dieses
nicht abscheuliche Narren, wenn sie einander zu Ketzern machten, dass einer nicht
so wohl als der andere über Magdeburg oder Qvedlinburg reisen wollte? Also machen
es manche Philosophi, die suchen andere Wege genauer zum Zwecke zu kommen. Und
da fangen sie ein Gezäncke darüber an, als wenn der Himmel einfallen wollte.
Endlich aber im Zwecke selbst sind sie so einig, wie Zweckenpeter mit
Hirsemerten in der Schencke. Hier fieng einer an zu klaffen, Eja Eja
contradictoria non sunt simul vera. Aber Florindo wollte ihm gleich den Schnabel
wischen mit den contradictoriis veris & apparentibus, wenn nicht etwas wäre
darzwischen kommen. (notetur hæc formula, sagte jener Bacularius).
 
                                   CAP. XXXV.
Es sass einer auf der Kutsche, der hatte sich im währenden Gespräche zu rechte
gelegt und schlieff eines auf der Philosophie Gesundheit. Endlich fiel ihm der
Hut vom Kopffe, darüber erwachte er, und fieng eben zu der Zeit, da Florindo am
notwendigsten zu disputiren hatte, an zu schreien: halt, halt, halt Kutscher,
mein Hut, mein Hut. Der Kutscher mochte auch seine Liebes-Grillen vor sich
haben, also dass er das Geschrei nicht in Acht nam, nach langem Ruffen hielt er
still. Aber als er den Hut wieder auffheben wollte, hatte sich ein grosser
schwartzer Wasserhund darüber gemacht, und lieff damit querfeld ein. Der gute
Mensch wollte hinden nach setzen; doch vier Beine lieffen schärffer als zwei
Beine, und damit war der Hut verloren. Er lamentirte abscheulich, der Hut koste
an sich selbst zwei Reichstaler, die Krempe hätte er keinem umb vierdtalb
Taler gelassen, das Futter käme ihn auf sieben Groschen zu stehen, und die
Schnure würde er unter funfzehn Groschen nicht wiederschaffen, und da war es
erschrecklich, was der Hund vor injurien und vor hässliche Ehren-Titul musste über
sich nehmen, ja er hätte sich lieber an den Kutscher gemacht: Allein dieser gab
ihm Wahre dran, dass die ganze Compagnie lachte, und er Schande halben
stillschweigen musste. Eurylas gab ihm einen Trost, wie wär es, sagte er, wenn er
zu Schiffe gewesen, und der Hut wäre ihm in das Wasser gefallen, so hätte der
Schiffer nicht einmal können stillhalten. Florindo sagte, der Tor-Wärter in
der Stadt wird stoltz werden, denn er wird sich einbilden, als habe er den Hut
ihm zu Ehren abgenommen; Der Dritte sagte, man sollte ihn gehen lassen, wenn er
einen neuen Hut kauffte, so hätte er das beste Ansehen in der Compagnie. Der
Vierdte sagte, es würde mich greulich kräncken, wenn ich den Schaden hätte,
absonderlich wenn ich nicht wüste, ob dieses ein ehrlicher Kerl wäre, der ihn
nach mir tragen sollte. Der Fünfte sagte, wenn ich nicht wüste, wie er wäre
darum kommen, so meinte ich, er hätte kein Geld, und hätte den Hut müssen zum
Pfande lassen. Der sechste brachte dieses vor, ihr Herren, sagte er, ihr wisset
viel, was der Handel zu bedeuten hat. Wer weiss, wo ein Frauen Zimmer in der
Nachbarschaft ist, die den Hut hohlen läst, wenn er nur nachlieffe, und sein
Glücke zu suchen wüste: denn es kam mir vor, als wäre es kein natürlicher Hund.
Gelanor sagte zuletzt, ei lasset ihn zu seinem Schaden unvexirt, es ist ein
Zufall, da er nichts davor kann. Wer weiss wo ihm das Glücke günstig ist, dass er
einen Hut vor vier Taler, und eine Krempe vor sieben Taler geschenckt kriegt.
Inzwischen sass der arme Donner und spintisirte, wo er einen andern Hut schaffen
wollte. Doch als sie an ein Dorff kamen, hielt ein Kerle auf einem Pferde, und
fragte, ob iemand von der Kutsche einen Hut verloren hätte, es wäre ümb ein
Trinckgeld zu tun, so wollte er ihm solchen wieder zuweisen. Dem guten Menschen
wackelte das Hertz vor Freuden wie ein Lämmer-Schwäntzgen. Nur das Trinckgeld
verstörte ihm die Freude ein wenig, doch es halff nichts davor, und sagte der
obgedachte Sperlingianer zu seinem Troste, è duobus malis minus est eligendum.
Hierauff sahen sie Unterschiedene zu Pferde, welche wohl zwantzig Stücke Jagt-,
Wind- und Wasser-Hunde nach sich lauffen hatten. Da sagte Eurylas, wenn der
Wallensteiner hier wäre, so würde er sprechen, da läufft eine kleine Bestie, und
eine andere kleine Bestie kömmt hinten nach, dem folgt eine grosse Bestie,
drauff sitzt wieder eine Bestie, die jagen einander im Felde herumb. Hierauff
sagte ein Studente, es wäre eine Schande, dass man solch ungezieffer an allen
Höffen so häuffig auffziehen liesse, man sollte die Bestien in das Wasser
werffen, die Hasen und die Füchse würden sich doch wohl fangen lassen. Florindo
lachte und fragte, ob er etwan auch Hasen schiessen wollte, wie jener der hätte
drei Hasen im Lager schlaffend gefunden, und wäre hingangen, und hätte einen
nach dem andern auffgehoben, und gefühlt, welcher der schwerste wäre, hernach
wäre er zurück getreten, und hätte den schwersten aus dem Hauffen heraus
geschossen, dass die Haare gestoben. Er wüste viel, was die Hunde vor ein Nutzen
hätten, er sollte solche Sachen unreformirt lassen. Gelan. fiel ihm in die Rede:
Es ist war, sagte er, die Hunde haben ihr Lob, doch dass mancher so viel im Hause
herumb lauffen läst, die ihm den ganzen Kornboden möchten kahl fressen, da er
doch alle seine Jagten mit einem paar guten Zwittern oder Bauerhunden bestreiten
könnte, das ist eine Sache, die Abmahlens wert ist. Uber dies sind etliche so
gesinnet, dass ehe sie einem Hunde was abgehen oder zu Leide tun liessen, ehe
schlügen sie drei Knechte, 6. Bauern und wohl gar das beste Pferd in die
Schantze, und wenn man hernach das Raben-Aass beim Licht ansiehet, so verdienet
es kaum die Beine, geschweige das Fleisch und das liebe Brot. Eurylas sagte; Ey
mit den grossen Hunden geht es wohl hin, denn wenn sie sonst nichts nütze sind,
so dienen sie zum Staat. Es sieht gleichwol prächtig, wenn mann in ein Haus
kömmt, und solche schöne Tiere herumb lauffen sieht. Und ich gesteh es, wäre
ich ein grosser Herr worden, ich hätte mich trefflich auf rare Hunde befliessen.
Doch dieses ist ein erbärmlicher Handel, dass viel Leute ein halb Schock kleine
und unnütze Stubenklecker halten, die nicht wert sind, dass man sie mit
Heckerling mästet, geschweige dass sie mit den delicatsten Süppgen und müssergen
sollen gefretzet werden, welche man oft mit besserm Gewissen krancken und
notleidenden Leuten zuwenden könnte. Ich kenne, sagte er ferner, eine vornehme
Frau, die lebt sonst sehr prächtig und kostbar; allein in ihrem Zimmer ist ein
Stanck von Hunden, dass man eher einen Schinder, als etwas rechtschaffenes da
suchen sollte. Hierauff sagte ein ander, diese Torheit geht noch hin: Allein wo
man die Meerschweingen, Caninichen, Eichhörngen, und ander solch Gezichte in
Stuben und Cammeru hegt, davon ein Gestanck entstehet, als wäre man in die
tieffste Schundgrube gefallen, das giebet ansehnlichen und grossen Leuten
schlechte reputation. Florindo konnte dies wieder nicht leiden. Was? sagte er,
soll vornehmen Leuten alle Ergetzligkeit zur Torheit gemacht werden? Ich gesteh
es, dass mich keine curiosität so sehr afficirt, als wenn ich solche Tiere zahm
und gewohnet sehe, die sonsten wild und furchtsam sein. Jener replicirte, er
wollte niemanden seine Lust abdisputiren. Dieses verwunderte ihn nur, dass etliche
ihre Lust zur Unlust, und ihr divertissement zu lauter Gestanck machten. Doch
sagte er, es ist Gottes Ordnung so wunderlich, dass reiche Leute auch ihre liebe
Not haben müssen. Wer sich in der Schule mit Kindern blacken muss, der wird vor
unglückselig aussgeschrien, weil er von den selben, ich weiss nit was aufflesen
muss, und es nähme manch delicat Gemüte nicht viel Geld, und bliebe einen halben
Tag in einer solchen Stube. Doch die Kinder sind noch vernünftige Kreaturen. Da
sie hingegen von solchen unnützen Bestien sechsmahl mehr Unflat und
Widerwertigkeit aufflesen, und endlich zur schuldigen Danckbarkeit sich in die
Hand oder in den Finger beissen lassen. Hier fiengen sie an von den grossen
Tieren zu reden, ob es an hohen Höfen verantwortlich wäre, Löwen, Beeren,
Tigertier, Luchse und dergleichen zu halten, weil man unzehlige Exempel hätte,
dass sie entweder los gerissen und Schaden getan, oder doch ihre Wärter
bissweilen so empfangen wären dass ihnen das Fell über dem Kopffe herunter
gehangen. Doch sie kamen zu bald an die Stadt, dass sie dem discurs seine
endschaft nicht gaben.
 
                                  CAP. XXXVI.
Im Wirts-Hause war etliche Stunden zu vor eine Kutsche von 6. Personen
ankommen, also dass der Wirt eine grosse Taffel decken liess. Nun befand sich
unter den Gästen ein junger Kerl, der wollte mit ganzer Gewalt ein Narr sein,
denn da mochte man vorbringen, was man wollte, so hatte er einen Possen fertig,
zwar bissweilen kam es so uneben nicht heraus: doch gemeiniglich klang es so
lahm, dass den andern das Weinen so nahe war, als das Lachen. Weil er aber bloss
dahin zielte, dass die Compagnie lachen sollte, nahm Eurylas seine Gelegenheit in
Acht, als der vermeinte Pickelhering in der Küche war, und der Köchin den
Planeten lesen wollte. Ihr Herren, sagte er, wir können diesen Abend keine
bessere Freude haben, als dass wir den lustigen Menschen vor uns nehmen. Er will
uns mit aller Gewalt zum Lachen zwingen; wir wollen ihm den Possen tun, und
allzeit sauer sehen, so oft er einen Schnaltzer fahren läst. Dessen waren sie
alle zu frieden und satzten sich zu Tisch, da kam der gute Hans Wurst aus der
Küche gelauffen, und dachte die Suppe wäre schon versäumet, halt, halt ihr
Herren, schrie er, nehmt mich auch mit, ich sehe wohl, wenn ich den grünen
Scharwentzel nicht besetzt hätte, ich wäre auf drei Däuser Labet. Darauff sah
er sich um und verwunderte sich, dass niemand lachte, doch sagte er, botz
tausend, es geht scharff, es geht gewiss vor vier und zwantzig Pfennige, wie
Eulenspiegel einmal gefressen hat, doch des Schwanckes ungeacht, sassen sie alle
vor sich, und machten saure Gesichte. Er satzte mit an, und ass seinen Teil auch
mit. Endlich, als er so viel Händel vorbrachte, und gleichwohl nicht einen zum
Lachen bewegen kunte, schämte er sich, dass ihm seine Kunst nicht besser
ablauffen sollte, und grieff sich derhalben aus allen Kräfften an. Ihr Herren
sagte er, wir sitzen da an der Taffel zu trocken und zu stille. Ich muss euch
etwas von meinem Lebens-Lauffe erzählen. Der Wirt, der von dem abgelegten
Karren nichts wusste, bat ihn gar sonderlich, er möchte es doch erzählen, und die
Gäste lustig machen, darauff fieng er also an. Es sind nun vier Jahr, dass mich
mein Vater an einen fremden Ort schickte, da hatte ich mir vorgenommen, mit dem
Frauengezieffer recht bekand zu werden, und wollte so lange auf die Courtoisie
gehen, biss ich ein wichtig Weiber Stipendium zusammen bringen könnte; Aber wie
ich eingeplumpt bin, das ist unbeschreiblich: Wie ich mich aber revengirt, das
ist unerhört. Meine erste Liebe warff ich auf ein Mädgen, die kam mir vor als
ein Meerkätzgen. Denn gleich wie dieses halb ein Affe, und halb eine Katze ist,
so war jene auch halb eine Magd, und halb eine Jungfer. Unter dem Gesichte sah
sie ein Bissgen aus wie ein abgeklaubter Kirmess-Kuchen, sonsten mochte sie in
ihren essentialibus noch gut genug sein. Da lieff ich nun mit der Latte, und
wusste nicht, wo ich den Rosenstock sollte angreiffen. Ich mochte tun, was ich
wollte, so war es vergebens, biss mir das Glück die Gedancken eingab, dass ich sie
anbinden sollte, da deuchte mich, als hätte sich der böse Sinn umb ein paar
Querfinger gebessert. Zwar das Angebinde an sich selbst, bestund in einer Teute
Zucker, und einem Stück Band vor acht Groschen, nebenst diesen hertzbrechenden
Versen, die ich halb und halb aus einer gedruckten und flüchtigen Feld Rose sehr
künstlich nach machte.
Halt, halt Cupido halt, du Schelme,
Du tust mich gar zu sehr quälen.
Ich schwere bei deinem offenen Helme,
Und bei deiner armen Seelen,
Läst Du mein Hertz in liebes-Feuer verlodern,
So will ich dich auf den Hieb und auf den Stoss wie einen andern etc. heraus
    fodern.
Siehst du nicht meine abscheuliche Liebe,
Ach weh mir armen Schäffer-Knaben!
Mein Hertz sieht aus wie eine welche Rübe,
Da die Mäuse den Zippel abgebissen haben,
Und ie länger ich muss hoffen und harren,
Je mehr werd ich zum klugen Menschen.
Galatee die Schönste von unsern Nimpfen,
Besjetzt mein Hertze und tut mich erhitzen,
Nun kann sie mich nicht leichtfertiger schimpfen,
Als wenn ich ihr Hertze nicht soll wieder besitzen,
Ich seh euch schon so wacker,
Wie eine vierzehn-tägige Kuhblum auf dem Acker.
Viel Glücks zu deinem erwünschten Nahmens-Feste,
Ich wünsche dir von Gold ein Häusgen,
Das Dach von Pfefferkuche auf das allerbeste,
Und die Latten von Zuckerstengeln, mein liebstes Mäussgen
Von Rossmarin Fensterlein
Und von Zimmetrinde Scheiben drein.
Biss der Ochse wird Filtz-Stiefeln tragen,
Biss der Quarck wird die Sau fressen,
Biss die Kuh wird auf der Teorbe schlagen,
Als denn will ich deiner vergessen,
Biss der Esel seinen Schwantz hat forne,
Und die Ziege auf dem Steiss ein Horne.
    Das war ungefehr meine herrliche Erfindung, die mich so beliebt machte, dass
ich den Tag darauff zu ihr in das Haus bestellt ward. Ich war gehorsam, und
folgte meiner Gebieterin, wie der Kuhschwantz dem Hornbocke: doch, als ich
angestochen kam, erinnerte sie mich, ich möchte ja kein grossen Lermen machen,
sie hätte einen Vater, bei dem sie nicht des Lebens sicher wäre, wenn er hinter
die Sprünge kommen sollte. Ich zischelte meine Complimenten so heiser zu, als
hätte ich den Wolff tausendmahl gesehen, doch meiner stillen Music ungeacht,
knasterte was an der Tür, und wollte in die Küche: da war mein Hertze wie eine
gefrorne Pferde-Qvitte. Die Liebste bat mich, ich möchte sie nicht in Leibs- und
Lebens-Gefahr bringen: Ich bat sie wieder, sie möchte mir eine Aussflucht weisen.
Nach langem Nachdencken musste ich in ein Wasserfass steigen, und etliche Brete
darüber legen lassen, da sass mein Narr frisch genug. Und ich werde es mein Tage
nicht vergessen, wie sich meine lederne Hosen an dem Leib anlegten, darumb
dachte ich auch, und wenn dich alles verläst, so halten die lederne Hosen bei
dir. Aber als ich das kalte Wasser etwas schärffer empfand, ward mir die Zeit
allmählich lang, doch es wollte mit dem herumblauffen in der Küche kein Ende
werden. Nach dritalb Stunden ward es still, und da kam meine Liebste
geschlichen, und fragte mich, ob ich meine Liebes-Hitze abgekühlet hätte? Aber
ich bat umb schön Wetter, dass ich nur zum Fasse und Hause hinaus kam. In meinem
Quartier zog ich mir den Possen erst zu Gemüte, und wusste nicht, was ich der
untreuen Seele vor einen Schimpff erweisen wollte. Nach langem Nachsinnen erfuhr
ich, die Jungfer würde auf eine Hochzeit gehen, und ihre Mutter würde
Tutsche-Mutter sein, da bewarb ich mich bei dem Bräutigam, dass er mich auch
bitten liess. Nun wollte sich keiner zum Vorschneiden verstehen, ich aber bot mich
selbst an, die Jungfer Tafel zu versorgen, da musste die gute Jungfer einen
Verdruss nach dem andern einfressen, denn ich legte ihr alle Keulen, und sonst
nichts rechtes vor; wann die andern Schmerlen kriegten, musste sie auf ihrem
Teller mit Petersilge vor lieb nehmen. Summa Summarum, ich machte sie trefflich
böse, doch dieses alles war mir noch nicht genug: sondern ich liess meinen Jungen
unter die Tafel kriechen, und liess gleich unter die Jungfer ein gross Glas Bier
ganz sachte aussgiessen, dass es nicht anders ausssah, als hätte das liebe Mensch
garstig getan. Als denn nahm ich meine Gelegenheit in Acht, als die Tutsche
Mutter in die Stube kam, und zum rechten sehen wollte, da ruffte ich sie zu mir,
fieng mit ihr an zu schwatzen, fragte sie, ob es ihr sauer würde, und ob sie ein
Stück Marcipan haben wollte? Indem entfiel mir das Messer, da war die gute Frau
höfflich, und nahm das Licht vom Musicanten-Tische weg, und wollte das Messer
suchen. Allein wie sie der grossen Katz-Bach unter dem Tische ansichtig ward,
und den ersten Qvell bei ihrer Tochter abmerckte, überlieff sie eine
schamhaftige und bosshaftige Röte, dass sie ausssah wie ein Zinss-Hahn, und der
Tochter alsobald befahl, sie sollte auffstehn. Die gute Schwester wusste nicht,
was die Mutter in der Küchen- so heimlich mit ihr zu reden hätte, ich halte sie
stund in den Gedancken, weil keine Hochzeit vorbracht würde, da man nicht eine
andere erdächte, so würde sie nun die Reihe treffen, und würde ihr die Mutter
Instruction geben, wem sie am höfflichsten begegnen sollte. Aber mich deucht, sie
kriegte die Instruction, dass ihr die Ohren summten, und dass ihr das Geschmeide
vom Kopffe fiel. Da war kein erbarmen, da halff keine Entschuldigung, da folgte
ein Schlag auff den andern; das beste Glück war, dass eine kleine Seiten-Treppe
zur Hinter-Türe zu ging, da diese geputzte Venus mit der Magd heimlich
fortschleichen kunte. Es hat mir auch ein guter Freund, der neben anwohnte,
erzehlt, dass der Bettel-Tantz zu Hause erst recht angangen, und dass man aus
allen Umständen hätte schweren sollen, das liebe Kind von neunzehen Jahren wäre
umb das hinterste Teil ihres Leibes mit der Rute verbrämet worden. An diesem
Unglücke hätte ich sollen besänftiget werden; doch die unbarmhertzigen
Angst-Läuse stacken mir in Haaren, dass ich die Historie in der ganzen Stadt
aussbreitete, und das Mensch in einen unerhörten Schimpff brachte. Ja, weil ich
eine sonderliche Vene zu teutschen Versen bei mir merckte, setzte ich folgendes
Lied auf, und liess es vor ihrer Tür absingen. Ihr Herren, dass ihr die Melodei
mit begreiffen könnet, so will ichs auch singen im Ton: Ach traute Schwester
mein, etc.
                                       1.
Bullé Bullé Bullé
Ach weh, ach weh, ach weh!
Hättestu die Stube nicht nass gemacht,
So hätten wir dich nicht aussgelacht,
Bullé Bullé Bullé :,:
                                       2.
Bullé Bullé Bullé
Ach weh, ach weh, ach weh!
Wie schmecken dir die Kuchen fein,
Die in der Kuchen-Kammer zum besten sein,
Ach weh, ach weh, ach weh :,:
                                       3.
Bullé Bullé Bullé
Ach weh, ach weh, ach weh :,:
Hättestu nicht zu tieff in das Bier getütscht,
So hätte dich die Mutter nicht mit der Rute geklitscht,
Ach weh, ach weh, ach weh :,:
                                  CAP. XXXVII.
Hier sah sich der Stümper um, und wusste nicht, was es heissen sollte, dass sich
niemand über seine Possen verwundern wollte. Doch dessen ungeacht, wollte er in
der Erzehlung fortfahren. Allein Gelanor machte eine unfreundliche Mine, und
redete ihn folgender Gestalt an: Ihr Kerle, wer ihr seid, habt ihr nun das
grosse Wort über dem Tische allein, und sind wir gut genug eure Zotten und
Saupossen anzuhören. Wollt ihr einen Stocknarren agiren, so habt ihr in unserer
Compagnie nichts zu tun, vor den Tisch gehören solche Gauckeler, da sie die
Nasenstüber zur Hand haben. In ehrlichen Gesellschaften soll es ehrlich und
vernünftig zugehen, so kommt ihr und verunehret uns mit euren unvernünftigen
und unverantwortlichen Narrenteidungen, gleich als wäre kein GOtt, der von
allen unnützen Worten Rechenschaft fordern wollte. Oder, als wenn der Apostel
gelogen hätte, indem er von Schertz und Narrenteidung gesagt, die den Christen
nicht geziemen. Es sollte ein jedweder froh sein, der seinen gesunden Verstand
gebrauchen könnte. Doch es ist eine Schande, dass sich mancher stellt als wäre er
aus dem Tollhause entlauffen. Ein höflicher Schertz zu seiner Zeit geredt, wird
von niemanden getadelt. Vielmehr werden dergleichen sinnreiche und anmutige
Köpffe bei allen in sonderlichen Ehren gehalten. Allein wer mit seinen
abgeschmackten Pickelherings-Possen überall auffgezogen kömmt, und die
Sau-glocke brav darzu läuten läst, der ist nicht wert, dass er einem ehrlichen
Manne soll an der Seite sitzen. Dass Fürsten und Herren ihre Hoffnarren halten,
das hat gar eine andere Ursache, die den Politicis bekandt ist, wie man auch
oft erfahren, dass so ein kurtzweiliger Rat mit einem Worte mehr Nutz geschafft
als andere, die sich so kühn und offenhertzig nicht dürffen heraus lassen.
Gleichwohl muss ich bekennen, dass ich dergleichen Leute vor die Elendesten halte,
und fast so lieb wollte von dem Türcken gefangen sein, als in solcher Qvalität zu
Hoffe leben. Und wie schwer werden es dieselben bei Gott zu verantworten haben,
welche bissweilen ein Kind mit Wissen und Willen verwarlosen, und zum Narren
machen, nur dass es nicht an kurtzweiligen Personen mangelt.
    Als nun Gelanor solche Discurse führete, sass der lustige Pickelhering mit
niedergeschlagenen Augen, und schämete sich: denn seine Vernunft sagte es ihm
klar genug, dass er sich vor erbaren Leuten scheuen, und mit dergleichen
liederlichem Wesen hätte sollen zurücke halten. Doch was wollte er machen,
verantworten kunte er sich nicht, und darzu musste er in furchten stehen, es
möchten noch Berenheuter und Ohrfeigen unter einander auf ihn zufliegen, wie
denn Florindo ein gutes Lüstgen gehabt, wenn Gelanor sein Votum darzu gegeben
hätte. Das beste war, dass er auffstund und sich unsichtbar machte. Da erzehlte
einer seinen ganzen Lebens-Lauff, wie dass er von Jugend an nichts anders
vorgehabt, als lächerliche Possen zu machen, und in der Compagnie vor einen Jean
potage zu dienen. Er wäre auch dessentwegen in grosse Verachtung, offtmahls auch
wegen seiner freien und ungezäumten Zunge in grosse Ungelegenheit geraten: also
dass sein Vater ihn längst vor verloren gehalten, und seine Hoffnung von ihm
abgesetzt, doch lasse er sich unbekümmert, und bleibe bei seiner Natur. Hierauff
sagte Eurylas, ich wüste, wie dem Menschen zu raten wäre, das Zucht-Haus möchte
ihm zu beschwerlich sein. Ich kenne einen Mann der bringt sich mit seinen
Sau-Possen durch die Welt, und wo er was zu suchen hat, da schicket er etliche
Zötgen voran, die ihm gleichsam den Weg zur guten expedition bahnen müssen. Wie
wär es, wenn wir den Menschen hin recommendirten, sie würden treffliche Boltzen
mit einander finden. Ja, sagte Gelanor, es wäre von nöten, dass man die Narren
dahin recommendirte; schickt einen klugen Menschen davor hin, der ihm die Possen
vertreiben kann, und damit stunden sie auff. Nun war einer bei Tische, der sass
die ganze Zeit traurig, und tat weder dem Essen noch Trincken gar zu übrig
viel nicht. Gelanor sah ihn etliche mahl genau an, und liess sich seine Person
nicht übel gefallen. Darumb fragte er ihn, warumb er so Melancholisch gegewesen?
Mich dünckt, ihr beide seid zu ungerechten Teilen kommen, einer hat die Lust,
der andere die Melancholie mit einander kriegt. Doch dieser gab zur Antwort: Ach
wie kann der frölich sein, der zu lauter Unglück geboren ist? Gelanor versetzte:
Was, im Unglücke soll man sich freuen, denn man hat die Hoffnung, dass es besser
wird. Ein Glückseliger muss traurig sein, denn er hat die Furcht, es möchte
schlimmer werden. Dieser unbekannte sagte drauff: Die Erfahrung habe ihm oft
genung dargetan, dass er sich in seinem Glücke keiner Besserung trösten dürffte.
Gelanor sprach ihm einen Trost zu, und nach weniger Wortwechselung fragte er,
worinn denn eben sein Unglück bestünde? Da erzehlte er folgendes. Ich, sagte er,
habe dem Studieren in das achte Jahr obgelegen, und habe mich an meinem Ingenio
so unglücklich nit befunden, dass ich nicht in all meinem Vornehmen guten
Fortgang gespüret. Meine Studiergenossen hielten viel von mir, und beredeten
mich endlich, als wüste ich etwas, weil sie alle von mir lernen wollten. Und
gewiss, es mangelte mir auch an Patronen nicht, welche mich schon zu
unterschiedenen Functionen bestimmten; Ach hätte ich nur eine Sache
nachgelassen, die mich nun biss in die Grube drücken wird. Denn da war ein
vornehmer Mann, der hatte eine grosse Cyprische Katze, die ihm mochte ziemlich
lieb sein, die fieng an einem Beine etwas an zu hincken, wie sie denn allem
Ansehen nach in dem Gedränge gewesen war. Allein des Mannes Sohn, ein Knabe von
sechs Jahren gab vor, ich hätte sie mit dem Stabe geschlagen, und davon wäre sie
lahm worden, und da halff keine Entschuldigung, es dauert mich auch diese Stunde
noch, dass ich der liederlichen Sache halben so viel Schwüre habe heraus stossen
müssen: denn dies war nicht ohne, ich mochte sie mit dem Stabe angerühret, und
im Vorübergehen mit ihr gespielet haben, doch wusste ich wohl, dass sie davon
nicht wäre hinckend worden. Dessen aber ungeacht, warff der Mann so einen
unendlichen Hass auf mich, dass er sich also bald verschworen, er wollte mich an
meinem Glücke hindern, wo er wüste und könnte. Und gewiss, er hat seinen Schwur
nicht vergebens getan, Gott weiss, wie er mich gedruckt, wie er mich bei allen
Leuten verkleinert, wie er mir die Patronen auffsätzig gemacht; Ja wie er mir
viel falsche und unverantwortliche Sachen angedichtet. Offt meinte ich, mein
Glücke wäre noch so fest eingericht, so hatte mir der Bosshaftige Mann schon in
die Karte gesehen, und damit musste ich wieder das Nachsehen haben. Ja wenn ich
Gelegenheit gesucht, anderswo fortzukommen, hat er mich allezeit daran
verhindert, nur dass er sein Mütgen länger an mir kühlen kunte. Gelanor sagte
hierauff: Mein Freund, gebet euch zufrieden? der böse Mann denckt es schlimm mit
euch zu machen; Aber ihr wisset nicht, dass er euch zu eurem Besten verhindert
hat: GOtt hat euch was bessers auffgehoben. Doch muss ich gestehen, der grosse
Mann wer er auch ist, mag ein rechter Hauptnarr sein. Erstlich dass er umb einer
Feder willen einen bleiern Zorn fassen kann. Darnach, dass er den Hass so lange bei
sich halten kann. Er muss ja das Vater unser niemahls beten, oder er muss es machen
wie jener Narr, der liess in der fünften Bitte allzeit die Worte aus: Als wir
vergeben unsern Schuldigern: und dachte, er wäre der Gottsfürchtigste Mensch in
der Welt. Ja, ja, du bist auff dem rechten Wege, zürne nur stattlich mit deinem
Nächsten, und gieb dem lieben GOtt Anleitung, wie er es einmal mit dir machen
soll. Hiermit kam er auff unterschiedene Fragen, und befand, dass der Mensch sehr
wohl qualificirt war, ein und ander vornehmes Ampt mit Ruhm zu verwalten, darumb
resolvirte er sich, ihn mit in die Compagnie auffzunehmen, biss sich das Glücke
günstiger fügen wollte. Und diesem werden wir ins künftige den Nahmen Sigmund
geben.
 
                                 CAP. XXXVIII.
Den andern Tag wollten sie weiter reisen, allein Florindo befand sich so übel,
dass sie, grössere Gefahr zu vermeiden, zurück blieben. Gelanor zwar bildete sich
so grosse Not nicht ein, und liess ihn etwas von der tincturâ Bezoardi
einnehmen, darauff er schwitzen sollte. Doch die Artznei war zu schwach, also dass
sich in wenig Tagen ein hitziges Fieber anmeldete. Und da musste Gelanor lachen,
so wenig als er Ursach darzu hatte, denn der Wirt sollte einen Medicum schaffen,
der dem Ubel im Anfang zuvor käme: So brachte er nicht mehr als ihrer drei
zusammen, die curirten alles contra. Einer kam, und sagte, ich bitte euch um
Gottes willen, gebt dem Patienten nichts zu trincken, weil er den Paroxysmum
hat, es ist so viel, als wenn im Bade Wasser auff die heissen Steine gegossen
wird, und es wäre kein Wunder, dass er die Kanne im Munde behielte und gählinges
Todes stürbe. Der andere kam: Was wolt ihr den Menschen quälen, gebt ihm zu
trincken, was er haben will, Kofent, gebrande Wasser, Julep, Stärck-Milch etc.
wenn er trinckt, wird die Hitze præcipitirt, und darzu das Fieber muss etwas
angreiffen. Ist nichts im Magen, so greiffts die Natur an, wird es schaden, so
will ich davor stehen. Der Dritte sagte: Mann lasse es gehn, und beschwere den
Patienten mit keiner überflüssigen Artznei, wir wollen vor sehen, wie sich der
neunte Tag an läst. In dessen verschrieben die andern brav in die Apotecken.
Einer verordnete grosse Galenische Träncke, der andere hatte kleine Chymische
Pulver, und gewiss es lieff contrar durch einander. Ja es blieb bei dem nicht, es
meldeten sich auch alte Weiber an, die wollten ihre Wunderwercke sehen lassen,
eine hatte eine Rute aus einem alten Zaun gebrochen, die hatte neun Enden oder
Zweige, und damit sollte sich der Patient beräuchern lassen. Eine andere lieff in
eine Erbscheune und hohlte ungeredt und ungescholten vom Boden etliche Hand voll
Heu, und mischte andern Quarck darunter, das sollte zum Räuchern gut sein. Die
dritte gab vor, er hätte das Mass verloren, er müste sich auf das neue Messen
lassen. Andere machten andere Gauckelpossen. Gelanor und Eurylas hätten gerne
das beste heraus genommen: doch sie waren so klug nicht, die Heimligkeit der
Natur ausszuforschen. Gleichwol aber hielten sie sein Leben zu köstlich, dass er
durch solche contraria sollte zum Tode befördert werden. Nun es lieffen etliche
Tage dahin, ohn einige Anzeigung zur Besserung. Endlich geriet Florindo auf
einen possierlichen appetit, und wolt einiger Nöten Sauerkraut essen. Es
widerrieten solches zwar alle, mit Vorgeben die Speise wäre oft gesunden
Leuten gleichsam als eine Gift, was sollte sie nicht einem Krancken schaden
können: Doch dessen allen ungeacht, blieb Florindo bei seinem Sauerkraute, und
bat seinen Hoffmeister Himmel hoch, wenn er ja nichts davon essen sollte, er
möchte ihm doch etwas bringen lassen, daran er nur riechen könnte. Wiewol es
blieb darbei, der Patiente sollte kein Kraut essen. Aber was hat Florindo zu
tun? er kriegte einen Pagen auff die Seite, bei dem vernimmt er, dass die Köchin
einen grossen Topff voll Sauer-Kraut gekocht, und in den Küchen-Schranck gesetzt
habe: Damit als es Abend wird, und ein Diener nebenst einer alten Frau bei ihm
wachen, schickt er den Diener in die Apotecke nach Julep; der alten Frau
befiehlt er, sie sollte noch ein Hauptküssen bei der Wirtin borgen, und wenn sie
aus dem Schlaffe müste erwecket werden. Nachdem er also allein ist, schleichet
er aus allen Leibeskräfften zur Stuben hinaus, und die Treppen hinunter zur
Küchen zu und über den Kraut-Topff her, fristu nicht, so hastu nicht, die Frau
und der Diener kommen wieder, und weil der Patiente nicht da ist, vermeinen sie,
er sei mit Leib und Seele davon gefahren. Machen derohalben einen Lermen und
ruffen alle im Hause zusammen. Es weiss niemand, wie es zugeht, biss die Köchin
zugelauffen kömmt, und rufft, sie möchten nur in die Küche kommen, da lag er und
hatte den Topff so steiff in die Arme gefast, als wäre alle Gesundheit daran
gelegen, und schmatzte etlich mahl mit der Zunge, als hätte es noch so gut
geschmeckt. Gelanor wusste nicht, was er darzu sagen sollte, bald wollte er sagen,
er wäre ein Mörder an seinem eigenen Leibe worden, bald furchte er sich, die
harte Zurede möchte ihm am letzten Ende ein böse  Gewissen machen, weil er es doch
nicht lang mehr treiben würde. Das ratsamste war, dass sie ihn auffsackten und
wieder hinauff trügen, und da erwartete Gelanor mit Schmertzen, wie es den
künftigen Tag ablauffen würde. Und weil er in solchen Gedancken biss gegen
Morgen gelegen, geriet er in einen matten und annehmlichen Schlaff, also dass er
vor neun Uhr nicht wieder erwachte. Indessen hatte er viel schwere und
verdriessliche Träume, wie es bei denselben kein Wunder ist, die sich in der
Nacht müde gewacht haben. Bald dauchte ihn, als käme ein Hund, der ihn beissen
wollte: bald fiel er ins Wasser, und wenn er umb Hülffe ruffen wollte, so kunte er
nicht reden: bald sollte er eine Treppe hinan steigen und kunte die Füsse nicht
auffheben. Bald ging er im Schlamme, bald in einem unbekanten Walde. Und gewiss
wenn solches einem andern vorkommen wäre, der hätte sich in allen Traumbüchern
belernen lassen, was die Händel bedeuten sollten.
    So war Gelanor in dergleichen zweifelhaften Sachen schon durchtrieben, dass
er wusste, ob gleich etliche Träume einzutreffen schienen, dennoch etliche
tausend dargegen zu fehlen pflegten, und dass hernach die gewissen gemercket und
fleissig auffgeschrieben; die ungewissen hingegen leichtlich vergessen würden.
Drum liess er sich solche Grillen nicht viel anfechten, und, nachdem er erwachte,
fuhr er aus dem Bette heraus, und wollte sehen, was er seinem untergebenen vor
einen Leichen-Text bestellen würde. Doch siehe da! Florindo hatte seine
Unter-Kleider angelegt, und ging nach aller Herrligkeit in der Stube spazieren
herum. Wäre iemand anders hinein kommen als Gelanor, der hätte geglaubt, er wäre
schon todt, und fienge schon an umbzugehen oder zu spücken. So fragte er doch,
warumb er nicht im Bette bliebe. Allein er musste sich berichten lassen, dass er
vom Sauerkraute so weit restituirt wäre, und endlich keines schlimmern Zufalls
sich besorgen durffte. Gleich indem stellete sich ein guter Bekandter ein, der
dem Patienten die visite geben, und Abschied nehmen wollte. Mit diesem überlegte
Gelanor die wunderliche und gleichsam übernatürliche Cur; Doch wusste er bald
seine Ursachen anzuführen, denn sagte er, Leib und Seele stehen in steter
Gemeinschaft mit einander, und wie es einem geht, so gehts dem andern auch,
doch ist die Seele mehrenteils am geschäfftigsten, und dannenhero auch am
kräfftigsten, also dass sie so wohl ihre Freude als ihre Betrübnüss dem Leibe weiss
mit zuteilen. Drum heist es, die Einbildung ist ärger, als die Pestilentz, und
drum sagen auch die Doctores, keine Artznei wircke besser, als da man den
Glauben darzu habe. Weil nun dieser Patiente sich das Sauerkraut heilsam
eingebildet hat, ist der Leib der Seele nach gefolget, und hat sich eben dieses
zur Artznei dienen lassen, was sonst vielleicht sein Gift gewesen wäre. Gelanor
dachte dieser Sympatetischen Cur etwas nach; Eurylas aber fieng an zu lachen,
gefraget warumb? sagte er, ich erinnere mich eines jungen Doctors in Westfahlen,
der hatte den Brauch, dass er allzeit eine Schreib-Tafel bei sich führte, und
also bald eine Artznei glücklich angeschlagen, solches mit sonderbahrem Fleisse
einzeichnete. Nun sollte er einen Schmiedt am viertägichtem Fieber curiren,
dieser wollte ohne des Henckers Danck, Speck und Kohl fressen, der gute Medicus
hatte seine Bücher alle auffgeschlagen, doch fand er kein gut votum vor den
Kohl, darum bat er die Frau, so lieb sie ihres Mannes Leben hätte, so fleissig
sollte sie sich vorsehen, dass er keinen Speck mit Kohl zu essen kriegte. Was
geschicht da die Frau nicht wollte, bat der Meister seinen Schmiedknecht, er
möchte ihm was bei dem Nachbar zu wege bringen. Der ist nicht faul und trägt ihm
unter dem Schurtzfell eine Schüssel zu, daran sich drei Meissnische Zeisigmagen
hätten zu tode gessen, die nimmt der arme Krancke, schwache Mann auff das
Hertze, den Tag hernach, als der Medicus in seiner Erbarkeit daher getreten
kömmt, und mit grosser Bekümmernis der gefährlichen Kranckheit nachdenckt, siehe
da, so stehet der Schmied wieder in der Werckstadt, und schmeist auff das Amboss
zu, gleich als hätte er die Zeit seines Lebens kein Fieber gehabt, der Doctor
verwundert sich über die schleunige Veränderung, und als er sich berichten läst,
fährt er geschwind über seine Schreibtaffel, und schreibt, Speck und Kohl sind
gut für das viertägige Fieber.
    In kurtzer Zeit bekam der wohl und hocherfahrne Practicus einen matten
Schneidergesellen, der eben mit dem Fieber behaftet war, nun schien er nicht
von sonderlichen Mitteln zu sein, dass er viel aus der Apotecke hätte bezahlen
können, drumb gab er ihm das Haus-Mittel, er sollte nur fein viel Speck und Kohl
zu sich nehmen, doch der gute Mensch starb wie er noch den Kohl in Zähnen
stecken hatte. Da wischte er noch einmal über seine Eselshaut, und Schrieb:
Speck und Kohl helffen vor das viertägige Fieber; aber nur einem Westphälischen
Schmiede.
 
                                  CAP. XXXIX.
Die lachten darüber, doch hatten sie ihre gröste Freude daran, dass Florindo so
leicht darvon kommen. Nur dies besorgten sie es möchte leicht ein recidiv
zuschlagen, wenn sie gar zu bald die Lufft verändern wollten, drumb beschlossen
sie, weil ohn dies der Winter einbrechen wollte, und darzu der Ort so
unannehmlich nicht war, etliche Monat ausszuruhen. Da lieffen nun viel Torheiten
vor, doch waren die meisten von der Gattung, derer oben gedacht sind, also dass
sie nur mehr Exempel zu einer Torheit antraffen. Eines kann ich nicht unberühret
lassen. Es kam die Zeit, da man die Weinacht Feiertage zu begehen pfleget, da
hatten sich an dem vorhergehenden heiligem Abend unterschiedene Parteien bunt
und rauch unter einander angezogen, und gaben vor; sie wollten den heilgen Christ
agiren. Einer hatte Flügel, der ander einen Bart, der dritte einen rauchen
Peltz. In Summa, es schien als hätten sich die Kerlen in der Fastnacht verirret,
und hätten sie andertalb Monat zu früh angefangen. Der Wirt hatte kleine
Kinder, drum bat er alle Gäste, sie möchten doch der solennität beiwohnen. Aber
Gelanor hörete so viel Schwachheiten, so viel Zoten und Gotteslästerungen, die
absonderlich von denen also genanten Rupperten vorgebracht worden, dass er mitten
in währender action darvon ging. Den andern Tag als sie zu Tische kamen, sagte
Gelanor, ist das nicht ein rechtes Teufelswerck, dass man in der heiligen Nacht,
da ein iedweder sich erinnern soll, was vor einen schönen und tröstlichen Anfang
unser Heil und unsere Erlösung genommen, alles hingegen in üppigen und
leichtfertigen Mummereien herum läufft. Ich halte mancher trägt es einer Magd
das ganze Jahr nach, biss er sie bei dieser anständigen Gelegenheit auff die
Seite bringen, und die Beschwerung mit ihr teilen kann. Darnach gehts, wie mir
die Gotteslästerliche Rede einmal vorgebracht worden. Ich weiss nicht wer (Gott
vergebe mirs, dass ich es nur halb vorbringe) habe der Magd ein Kind gemacht. Ja
es geschicht dass der Nahme bei etlichen bekleibt, und also einer oder der andere
etliche Jahr der heilige Christ heissen muss. Wie man nun darbei den hochheiligen
Namen, davor die Teufel erzittern, missbraucht, ist unnot viel zu erzählen. Ja
bei dem gemeinen Volcke sind so grobe unbedachtsame Redens-Arten im Schwange,
darbei die Kinder von Jugend an sich liederlicher und Gottsvergessener Reden
angewehnen. Ein Schuster, wenn er seinen Kindern ein paar Schuh hinleget, so ist
die gemeine Redensart, der heilige Christ habe sie aus dem Laden gestohlen,
gleich als wären die Kinder nicht so klug, dass sie könnten nachdencken, darff
der stehlen, der heilig ist, und den ich anbeten muss, so darff ichs auch tun.
Dergleichen tun andere Leute auch. Der Wirt hörte ihm zu, endlich sagte er: Ey
wer kann alle Missbräuche abschaffen; Die Gewonheit ist doch an sich selbst
löblich. Es wird den Kindern eine Furcht beigebracht, dass sie desto eingezogener
leben, und aus Begierde der Christbescherung sich frömmer und fleissiger
erweisen. Gelanor versetzte dies, mein Freund, sagte er, das ist auch das
eintzige Mäntelgen, darunter die Papistischen Alfentzereien sich verdecken
wollen. Doch gesetzt, es wäre ein Nutz darbei, weiss man denn nicht, dass der Nutz
kein Nutz ist, wenn er einen grössern Missbrauch nach sich zeucht. Es ist ein
eben tun umb die Furcht und um die Freude, die etwan drei oder vier Tage
währet. Ist die Furcht gross, so ist die Verachtung desto grösser, wenn sie
hernach den heilgen Christ kennen lernen, da haben sie ein gut principium
gefast, sie dürffen nicht allem glauben, was die Eltern von der Gottesfurcht
vorschwatzen. Ja weil sie noch in ihrer Einfalt dahin gehen, sehen sie
augenscheinlich, dass der heilige Christ seine Gaben nicht nach der Gerechtigkeit
aussteilet. Reicher Leute Kinder sind die mutwilligsten, und die bekommen das
Beste. Die Armen haben bissweilen den Psalter und den Catechismus etliche mahl
aus gelesen, und müssen mit ein paar Krautaupten und etlichen Möhren oder Rüben
vorlieb nehmen. Mich dünckt der Eltern Rute ist der beste Ruppert, und ihr
Zucker oder was sie sonst Jahr aus Jahr ein pflegen ausszuteilen, ist der beste
heilige Christ. Dieses muss 360. Tage kräfftig sein. Warumb will man einen
solchen Lermen auf fünff oder sechs Tage anfangen, der niemanden zuträglicher
ist, als den Puppen-Krämern. Ich besinne mich, sagte er ferner, dass in einer
vornehmen Stadt ein gelehrter Mann war, der sich mit den Gauckel-Possen nicht
wohl vertragen kunte, der liess die Kinder kaum drei Jahr alt werden, so sagte er
ihnen den ganzen Handel, und stellte ihnen an dessen Statt die Rute für, die
operirte mehr als bei den Nachbarn ein vermumter Küster-Junge. Drumb als sich
auch die Andern beschwerten, es hätten dessen Kinder ihre verführt, und ihnen
den heiligen Christ kennen lernen, lachte dieser und sagte, warumb seid ihr
nicht so klug und sagts ihnen selbst, so dürfften es meine Kinder nicht tun.
Hier gab der jenige, von dem wir cap. 37. gedacht haben, dass er in die Compagnie
auffgenommen worden, und der ins künftige Sigmund heissen soll, sein Wort auch
darzu. Die Gewonheit, sagte er, ist so weit eingerissen, dass man schwerlich eine
Enderung hoffen kann, und über diss scheint es zwar, als wären die Mummereien den
Kindern zu gefallen angestellt. Doch die Alten tun es ihrer eigenen
Ergetzlichkeit wegen, indem sie aus übermässiger Liebe den Narren an den Kindern
fressen, und dannenhero in ihren Affecten nie besser vergnügt sind, als wenn sie
dergleichen Auffzüge vornehmen sollen. Drumb worzu die Leute ingesamt Lust
haben, das läst sich schwerlich abbringen.
    Solche Discurse wurden continuirt, biss sie auf etwas anders fielen. Da war
ein vornehmer Hoffrat mit am Tische, welcher sich der Ferien zu gebrauchen,
etliche Meilen von dar auf eine Gevatterschaft begeben wollte. Der hatte an den
Gesprechen ein sonderlich Gefallen, und damit er auch etwas von dem seinigen
möchte beitragen, sagte er: Ihr Herren, ihr habt viel Sachen auf die Bahn
gebracht, ich will auch etwas vorbringen, darin ich eure Meinung gern hören
möchte. Unlängst war ein ansehnlicher Pfarrdienst ledig worden. Zu diesem gaben
sich unterschiedene Candidati tàm Ministerii quàm Conjugii an. Unter andern
waren etliche Supplicationen sehr possierlich eingericht, die ich abschreiben
liess, in Hoffnung, ich könnte mich auf der instehenden Zusammenkunft nicht
lustiger machen, als wenn ich die Händel mit guten Freunden belachen sollte. Ich
muss sie doch communiciren, und hören, welchen sie wohl am ersten befördert
hätten, wenn sie an des Fürsten Stelle gewesen.
                            Die erste Supplication.
    P.P. E. Fürstl. Durchl. besinnen sich gnädigst, dass ich schon vor sechs
Jahren in dero Consistorio examinirt und unter die Expectanten eingeschrieben,
auch bisher auf gewisse promotion vertröstet worden. Ob ich nun wohl gemeinet,
ich würde in so langer Zeit meines Wunsches gewähret werden, dass ich meine
wohlhergebrachten Studia, GOtt und der Christlichen Kirchen zu Ehren hätte
können an den Mann bringen, so will es doch fast scheinen, als hätte ich meine
fünff Disputationes auf der Universität, und meine hundert und
fünffundsiebentzig Predigten in währender Expectantz gar umbsonst gehalten.
Sonderlich weil andere, die mir nicht zu vergleichen, ganz auf
unverantwortliche Weise vorgezogen worden, also dass andere Leute an meiner
Erudition zu zweiffeln anfangen, da es doch denen, so mich examinirt, am besten
wird bekant sein, dass ich nicht in einer Frage die geringste Satisfaction bin
schuldig blieben. Und dieses hab ich etliche mahl so heftig ad animum revocirt,
dass ich gäntzlich beschlossen, nicht einmal anzuhalten; weil sie doch meine
Qualitäten wüsten: und bei vorfallenden Bedürfftniss mich leicht erlangen könten.
Jedennoch solches hätte bei etlichen passionirten Gemütern, dergleichen ich
mehr als zu viel wider mich habe, vor eine Verachtung mögen aussgeleget werden,
gleich als hielte ich E.F. Durchl. nicht so würdig, dass sie ein untertänigstes
Supplicat von mir sehen sollten. Uber diss hätte sich E.F. Durchl. einmal
entschuldigen mögen, als hätte ich mich nicht zu rechter Zeit angegeben, dass sie
also bei dero hochwichtigen Angelegenheiten meiner vergessen. Drumb will ich mein
letztes Bitten hier in optimâ formâ ablegen. E.F. Durchl. wolle gnädigst
geruhen, mir das verledigte Pfarrdienst zu NN. vor andern zu gönnen, und in
gnädigster Versicherung zu leben, dass ich keine Stücke von meiner Erudition
werde unangewendet lassen. Ist keine Schande mehr in der Welt, dass ich über
Verhoffen sollte darhinter hingehen, so will ich auch die Zeit meines Lebens
nicht mehr anhalten, und will meine schöne studia aller Welt zu schimpffe
verderben lassen. Nun ich versehe mich noch des Besten, und wünsche dannenhero
etc.
    Gelanor sagte hierauff: der Kerle muss ein vielfältiger Narr sein, erstlich
weil er seine Erudition so hoch rühmet, da sie doch allen Umbständen nach nicht
viel über das mittelste Fenster wird gestiegen sein: darnach weil er vom Fürsten
und Herren eine Gnade abtrotzen will. Es heist ja ex beneficii negatione nulla
est injuria. Und wie würde der Mensch beten, wenn er sich in Gottes horas &
moras schicken sollte, da er in sechs Jahren an allem Glücke verzweifeln will.
Wäre ich Fürste gewesen, ich hätte ihm an statt des Dienstes eine Expectantz auf
zwölff Jahr gegeben, mit angehängter Vertröstung, wenn er nach verflossener
Zeit, höflicher würde, und sich gebührlich angebe, sollte er nach Befindung
seiner meriten accommodirt werden.
                            Die andere Supplication.
    P.P. E. Durchl. haben viel Brieffe zu lesen, drumb muss ich meinen kurtz
machen. Es hat sich zu N.N. das Pfarrdienst verlediget, das möchte ich gern
haben. Nun weiss ich, wer nicht supplicirt, bekömmt nichts: Aber ich sehe, dass
viel suppliciren, die auch nichts bekommen. Dannenhero ist an E.F.D. mein
untertänigst gehorsamstes Bitten und Flehen, sie wollen doch dero angebohrnen
Gnade nach, mir einen Weg an die Hand geben, darbei dero Hochfürstlichen Gemüte
ich gewinnen, und den Dienst darvon tragen möchte. Solche, etc.
    Gelanor sagte, wo dieses dem Fürsten zur guten Stunde ist überreicht worden,
so ist kein Zweiffel, er wird sich an der artigen Invention ergetzt, und desto
lieber in des supplicanten Begehren eingewilligt haben: hat er aber die Zeit
nicht getroffen, so möchte er eher eine Vocation zur Superintendentur, in der
Narren-Schule, als zu diesem Kirchendienste bekommen haben, ich wollte es keinem
raten, der nicht Patronen auf der Seite hätte, die es bei vorfallender Ungnade,
mit einer milden und angenehmen Ausslegung entschuldigen könten.
 
                            Die dritte Supplication.
               Ehrnvester, Hochweiser und Allmächtiger Hr. Fürst.
    Euer Ehrentugenden tue ich mich ganz und gar befehlen, und bitte euch gar
sehr, macht mich doch zum Pfarr in NN. Ich habe predigen gelernt, ich kann auch
die Lateinischen Bücher verstehn, ich weiss auch das Examen eorum qui ganz
ausswendig, und ich halte nicht, dass sich einer so hübsch an den Ort schicke als
ich, ach gnädiger Juncker, lasst euch nicht andere Leute überreden, die grosse
Complemante machen, ihr sollet so einen rechtschaffenen Mann an mir haben, der
alle Wochen acht Buss-Psalmen vor euch beten soll. Nun lieber Herr, meint ihr,
dass ich mit dem Dienste versorget werde, so schreibt mirs doch fein bald wieder.
Im Gastoffe zur güldenen Lauss ist ein Fuhrmann Karsten Frantze, der kann den
Brieff biss auf die halbe Meile nehmen, da will ich auf ihn warten, dass er meiner
nicht verfehlt. Unterdessen Gott befohlen.
                                                 Euer guter Freund, und wann ihr
                        wollt zukünftiger Pfarr.
                                                                            N.N.
    Sigmund sagte, dieses muss ein blöder einfältiger Schöps sein, der sich
vielleicht besser zu einem Schweintreiber, als einem Seelsorger schickte, da
möchte man seinen Namen auf die Schweinkoben schreiben, und darzu setzen Pastor
hujus loci.
                           Die vierdte Supplication.
        Serenissime Princeps.
    Vacat in oppido N.N. munus Ecclesiasticum, quod Te agnoscit Patronum.
Proinde ut locum suppleas, necessitatis est; ut è multis unum eligas, clementiæ
tribuitur, cujus utinam ego tam fierem particeps, quàm hactenus egens fui. Nulla
hominum est gratia, quæ me commendet: sed eâ nec opus est in divino munere.
Splendidam & superciliosam non profiteor doctrinam; sed sine quâ Deo placere
possumus. Paupertas me premit; sed quæ Christum & Apostolos non oppressit.
Deum veneror in cujus manu corda Principum. Sanè quid rogare debeam? ignoro:
quid cupiam, scio. Tu quid faciendum, judicaveris. Id saltem oro, si Deo visum
fuerit eam mihi committere provinciam, nolis paterne ejus directioni resistere,
An vicem exsoluturus sim, non addo. Beneficium quippe quod refundi postulat
locatum videtur opus. Neque indiget Princeps subditorum praemiis, nisi præmiorum
loco ponere velis obedientiam, precesque ad Deum pro incolumitate tuâ
indefessas, quam quidem solutionem plenis tibi manibus offero. Vive Pater Patriæ
& Vale.
    Gelanor hatte wieder seine Gedancken darbei. Der gute Mensch mag seine
Lateinische Autores wohl gelesen haben. Doch weiss ich nicht, ob man allzeit auf
die alte Manier schreiben darff. Die Welt will sich lieber in abstracto, anreden
lassen, und es scheint annehmlicher tua serenitas, als tu, ob man gleich nicht
leugnen kann, dass viel Redens-Arten bei solchen weitläufftigen abstractis zu
schanden werden. Sonst leuchtet eine affectirte Art zu schreiben heraus, die
einer kleinen Teologischen Hoffart ähnlich sieht. Er hätte seine Meinung viel
deutlicher können von sich geben, so hat er was sonderliches wollen vorbringen.
Gott gebe dass er nicht einmal im Ministerio mit hohen Worten auffgezogen kömmt.
Darzu ist es nicht unrecht, dass man einem Fürsten, sonderlich zu der Zeit, wenn
man umb Gnade bitten will, mit demütigen und untertänigen Worten begegnet.
    Der Hoffrat hatte gedultig zugehöret. Endlich sagte er, der andere hätte
das beste Glücke davon getragen. Dem vierdten wäre anderweit Beförderung
versprochen worden. Die übrigen hätte man schimpflich abgewiesen. Eines
referirte er von den Prob-Predigten, dass einer ohne die beide noch dazu begehret
worden, der eine prächtige aber nicht allzu trostreiche Predigt gehalten. Doch
wäre ein Juncker in der Kirche gewesen, der hätte ihn verraten, dass sie von
Wort zu Wort aus einem Frantzösischen Jesuiten übersetzt, und dannenhero von
wenig Trost und geistlicher Erquickung gewesen. Drumb hätten die Censores auch
sich verlauten lassen. Sie wollten lieber einen blossen Postillen-Reiter haben,
der fromme und geistreiche Männer imitirte, als einen solchen Hülsen-Krämer, der
unter dem Schein einer sonderlichen Wissenschaft und eines unvergleichlichen
Fleisses nichts als Spreu und lehre Worte vorbrächte. Man hätte aus der
Erfahrung, dass solche Prediger zwar delectirten, doch bei den Zuhörern,
sonderlich bei einfältigen Leuten, auf welche man vornehmlich sehen sollte, gar
schlechten Nutz schafften.
 
                                    CAP. XL.
Hier ward der discurs durch einen unverhofften Lermen verstört, der sich vor der
Stube zwischen der Frau und den Mägden erhub. Der Wirt lieff zu, und wollte zum
Rechten sehn. Doch ward es viel ärger, und tät er nichts bei der Sache, als dass
er das Geschrei grösser machte. Endlich kam der Hausknecht, den fragten sie, was
für ein Unglücke entstanden wäre, dieser berichte, die Mägde wollten alle viere
in die Kirche gehen, die Frau wollte hingegen haben, es sollte eine bei den
Kindern zu Hause bleiben. Eurylas verwunderte sich über die grosse Andacht, die
er bei dem heutigen Mägde-Volcke nicht gesucht hätte. Der Knecht halff ihm aus
der Verwunderung. Denn er sagte, sie rissen sich nicht umb die Predigt oder
sonst umb den Gottesdienst: sondern sie würden in der Kirche das Kind wiegen,
den Vogelgesang und den Stern mit den Cimbeln gehen lassen, deswegen wollte keine
die schönen Sachen versäumen. Sonst wüste er wohl, dass man vier Wochen zu
schelten hätte, ehe man sie einmal könnte in die Kirche bringen. Eurylas sah
die andern an, und als sie nichts darzu reden wollten, fragte er, was sie von
dieser Kirchen-Gauckelei hielten. Ob es nicht ein Anhang wäre von dem vermummten
heiligen Christo? Sigmund gab zur Antwort, in diesem Stücke möchte er leicht zum
Puritaner werden, und die Papistischen Ceremonien mit dem kindischen
Kinderwiegen abschaffen. Die Leute würden zwar delectirt, absonderlich hätte es
bei den Kindern gar ein schönes Ansehen, doch wäre es besser, man delectirte sie
mit geistlichen Weinacht-Liedern, als dass man sie mit solchen Vanitæten von der
Andacht abführte. Der Hof-Rat sagte, das wäre ein geringes, gegen den Chosen,
die sonsten auff der Orgel getrieben würden. Er wäre unlängst an einem Orte in
der Kirche gewesen, da hätte die Gemeine gesungen, Erbarm dich mein, O HErre
Gott, der Organist hätte indessen drein gespielet mit lauter sechsvierteil und
zwölff achteil Tact, dass man also lieber getantzet als die Sünden beweinet
hätte. Ingleichen wüste er anders wo einen Organisten, der hätte an statt des
Subjecti, das altväterische Lied durch geführt; So wollen wir auff den
Eckartsberg gehn. Ja er hätte wohl eher in der Kirche Sonaten gehört, die nicht
viel geistreicher heraus kommen, als Hertze-liebe Liese. Doch hiermit fiengen
sie an in die Kirche zu läuten, und stunden alle vom Tische auff. Etliche
giengen in die Predigt, etliche blieben zu Hause. Nach der Kirche kam ein junger
Stutzer, der wollte ungeacht des heiligen Tages auff dem Schlitten fahren, und
hatte sich den Zeug darzu gar prächtig auffgeputzt: doch er mochte wohl an keinem
Fürstlichen Hofe sein Stallmeister gewesen, oder zum wenigsten mochte das Pferd
kein Hochdeutsch verstehn. Denn es kam alles so verkehrt und seltzam heraus, dass
wohl hundert Jungen hinter drein lieffen, und mit hellem Halse schrien, Haber,
Haber, Haber, Haber. Der Handel verdross ihn, und gewiss, 15. Taler wären ihm
lieber gewesen, als der Schimpf, doch meinte er, es wäre noch zu verbessern, und
wollte auff dem grossen Platze gleich vor dem Wirtshause etliche Rädgen herum
drehen, und kam den alten Weibern, die Aepffel, Nüsse, Kraut, Käse und andere
Höckereien feil hatten, mit den Kuffen in ihre Körbe, dass eines hin das andere
her flog. Die Jungen lieffen zu und lasen auff, die alten Weiber warffen mit
ihren Feuerpfängen darzwischen, und wollten ihre Wahren nicht preiss geben. Das
Pferd ward von dem Getöse scheu gemacht, dass es durchgieng, biss der Schlitten an
einem Eckstein in tausend Stücke zersprang, und der Stutzer in seinem
Luchsbeltze auff dem Eise herum baddelte, wie ein Floh im Ohre. Wo das Pferd
hinlieff, konten sie aus dem Gastofe nicht sehn. Doch in kurtzer Zeit kamen
etliche Jungen, die hatten es angepackt, und ritten so lange in der Stadt herum,
biss der Kerl, dem das Pferd zustund die Reuterei zerstörete. Florindo hatte
seine sonderliche Lust daran, und sagte, ein andermal bleib an dem heiligen Tage
zu Hause, und den folgenden Tag sieh zu, ob dir das Schlittenfahren von statten
geht, wo nicht so bleib wieder zu Hause. Eurylas sagte: Ich möchte gerne wissen,
warum einer so gern in der Stadt auff dem Schlitten fährt. Ich lobe es im freien
Felde, da mag ich turnieren nach meinem Gefallen, und stosse an keinem Eckstein
an: Ich mag auch so oft umwerffen als ich will, und ist doch niemand, der mich
ausslacht, oder mir das Unglück gönnt. Ja wohl, sagte Sigmund, ist die Lehre
nicht zu tadeln, wenn man aus Lust auff dem Schlitten fährt. Wo man aber dem
Frauenzimmer zu gefallen sich will sehen lassen, da gibt es auf dem freien Felde
schlechte Possen. Drumb gleich wie iener blinde Bettelman nirgend lieber ging,
als wo er von dem Volcke gedränget und gedruckt ward: also fahren auch solche
verliebte Hertzen am liebsten, wo die Ecksteine und die Qvergassen am gemeinsten
sind. Indem sie noch davon redeten, kam der gewöhnliche Postwagen, welcher Tag
vor Tag fort zu gehen pfleget, im Wirtshause an, und hatte unterschiedene
Personen auffgeladen, denen der Wirt mit einem Trunck warmen Seckt begegnete,
daher sie nach der Kälte gar wohl erquicket wurden. Doch hatten sich etliche so
sehr erkältet, dass sie den Abend drauff nicht wieder fort wollten: sondern biss
auf bessere Gelegenheit in der warmen Stube sitzen blieben. Auff den Abend bei
der Mahlzeit kamen sie mit zu Tische, da sass einer ganz ernstaftig, als ein
erstochener Bock, dass auch die andern nicht wussten, woher ihm einiges disgusto
möchte entstanden sein. Eurylas, der solche Sauertöpfische Gesichter in der
Gesellschaft nicht gerne leiden konnte, fragte ihn, warum er sich so betrübt
befände? Dieser gab die unbescheidene Antwort von sich, er habe in acht Tagen
kein süsses gessen. Eurylas merckte den Bauer wohl, dass er von derselben Gattung
wäre, die keinen Schertz vertragen können; drum hatte er seine Lust, dass er ihm
noch mehr Verdruss erwecken sollte, und sagte, mein Herr, hat er nichts süsses
gessen, so hat er doch vor dem Essen süssen Wein getruncken. Dieser fuhr
ungestümm heraus, es hätte ihm niemand seinen Wein vorzuwerffen, hätte er was
getruncken, so wäre es auch von seinem Gelde bezahlet worden, es gienge einen
andern nichts daran ab, was er endlich verzehren wollte. Eurylas der höhnische
Gast hatte den Trotzer auf dem rechten Wege, dannenhero winckte er auch den
andern, absonderlich dem Florindo, sie möchten nichts darzwischen reden, dadurch
die Lust verderbet würde, und sagte hingegen, der Herr habe keinen Ungefallen an
meinem Schertze, die Freundschaft, die ich bei ihm verlange gibt mir Anlass
darzu. Der gute Mopsus warff das Maul auff und sagte, er hätte ihm noch keinen
Boten geschickt, der ihn um die Freundschaft ansprechen sollte. Und vielleicht
schickt sichs, dass wir das ganze Gespräche ordentlich fortsetzen.
Euryl. Hat er mir keinen Boten geschickt, so will ichs tun, und will selbst mein
    grosser Bote sein.
Mops. Solchen Boten pfleget man schlecht zulohnen.
Euryl. Eine schlechte Belohnung ist besser, als gar keine.
Mops. Ey was soll das heissen? wollet ihr einen Narren haben, so schaffet euch
    einen, ich zehre hier vor mein Geld, und bin so gut als ein ander, ich lass
    mich keinen vexiren, und sollte der Hagel drein schlagen.
Euryl. Ich sehe, bei dem Herrn ist ein kleiner Missverstand.
Mops. Was? was? wer hat einen Mistverstand? ich habe keinem Bauer Mist geladen,
    und ich halte den jenigen selbst vor einen Ertz-Mist-Hammel, der mir solches
    will Schuld geben.
Euryl. Wenn der Herr an D. Luters Stelle wäre gewesen, sollte er nicht eine
    schöne Ausslegung über den Catechismum gemacht haben.
Mops. Und ihr sollet die Ausslegung über den Eulenspiegel machen.
Euryl. Was ist denn der Eulenspiegel vor ein Ding?
Mops. Er ist ein Kerle gewesen, vor dem niemand hat können zu frieden bleiben.
Euryl. Hat er auch können Schertz verstehen?
Mops. Ja wenn es ihm gelegen war.
Euryl. Nun so gilt es ein halbes auff Mons. Eulenspiegels gute Gesundheit.
Mops. Ihr möcht wohl selbst ein Eulenspiegel sein.
Euryl. Ich wollte viel schuldig sein, dass ichs wäre, so hätte ich ohne Zweiffel
    bei dem Herrn bessere addresse, als itzund.
    Bei diesen Worten stund Mopsus vom Tische auff, warff Teller, Messer und
Gabel von sich, und fluchte alle Elemente nach der Ordnung daher, biss er oben in
sein Zimmer kam, da er die Bosheit nach seinem Gefallen ausslassen mochte. Einer,
der mit ihm auf dem Postwagen gesessen, konnte nicht gnug erzählen, was sie vor
Müh auff der Reise mit ihm gehabt; es hätte niemand den geringsten Schertz
dürffen vorbringen, so hätte er alles auff sich gezogen, und zwar mit so einer
lächerlichen ausslegung, dass man fast ein Buch davon schreiben möchte. Und über
diss hätte er keinen Schimpff wollen auff sich ersitzen lassen, sondern hätte
sich allezeit mit lächerlichen retorsionibus gewehret. Ich muss, sagte dieser,
nur etliche Exempel anführen. Einmal ward auff dem Wagen gefragt, was man guts
im Wirtshause zu hoffen habe, und sagte einer diss, der andere was anders. Ich
sagte, haben wir sonsten nichts, so haben wir einen guten Stockfisch. Da befand
er sich also bald offendirt, und sagte, er wäre darumb kein Stockfisch, wenn er
schon bei einem Fischhändler wäre zu Tische gangen; wer ihn davor hielte, möchte
wohl ein gedoppelter Stockfisch sein. Nun konnte ich wohl mit Grund der Warheit
sagen, dass ich nicht gewust, woher er gewesen, viel weniger wo er zu Tische
gegangen, also dass ich wohl ausser verdacht war, dass ich ihn nicht gemeinet
hatte. Ferner fragte einer ob Nürnberg in Schwaben läge? Da fuhr dieser auff als
eine Wasserblase im Bade, und sagte, es könnte ihm kein ehrlicher Kerle
nachsagen, dass er ein Schwabe wäre, er hätte sein Vaterland viertzig Meilen von
Schwaben abgelegen, doch sehe er wohl, sie hätten es ihm zum Verdruss und zum
Angehör vorgebracht. Ein ander schwatzte von Kleidern, und meinte, wer jetzt
einen Beltz wollte machen lassen, der sollte nur nach guten Futter fragen, der
Uberzug möchte leicht von Berenheuterzeug gut genug sein. Da wollte er
schliessen, man hätte ihn einen Berenheuter geheissen. Doch es fehlete nicht
viel, dass er nicht ein paar dichte Maulschellen davon getragen. Eurylas sagte,
der Kerle müste ein wunderlicher Narr sein, der sich in keine Gesellschaft
schicken könnte. Doch nam sich Gelanor seiner an, und redete sein Wort. Lasst ihn
einen Narren sein, sagte er, was kann er davor? seine Natur bringt es nicht
anders mit sich. Er hat ein Melancholisch verdriessliches Temperament, dadurch er
von aller Lust und Kurtzweil abgehalten wird. Muss man doch leiden, dass in einer
Compagnie, da alle Käse essen, einer die Nase zuhält und nicht mit macht.
Mancher isset keine Buttermilch, ein ander trinckt kein Bier, ja man findet
Leute, die kein Brot riechen können. Gleich wie nun solche Menschen deswegen
vor keine Narren zu halten sein, ob sie gleich dasselbe nicht nachtun, was
andern angenehm ist: Also muss man auch von diesen urteilen, die an Schertz und
andern Lustigkeiten gleichsam von Natur einen Abscheu haben. Doch sollte ein
solcher Mensch sich entweder der Gesellschaft ganz äussern, und sein Vergnügen
in der Einsamkeit suchen: Oder wenn er ja nicht Umbgang nehmen könnte, bei
Leuten zu sein, so sollte er seine Natur zwingen, und nicht alles mit so grosser
und lächerlicher Ungedult aufnehmen. Denn was hat ein ander darvon, dass er seine
Worte so übel ausslegen lassen, und dass er seiner Freimütigkeit wegen sich
allerhand Ungelegenheit über den Hals ziehen soll.
 
                                   CAP. XLI.
Den folgenden Tag kamen unterschiedene junge Weibergen, und besuchten die
Wirtin, welche allem äusserlichen Ansehen nach, bald wollte zu Winckel kriechen.
Nun hatte Gelanor mit den seinigen das Zimmer neben ihrer Stube eingenommen,
also dass man alles vernehmen konnte, was darüber geredet ward. Solcher
Beqvemligkeit bediente sich Florindo, und hörete die anmutigen Gespräche mit
sonderbahrer Freuden an. Die Wirtin fragte eine, Schwestergen, gehestu nicht
zur Hochzeit? da antwortete diese ach was sollte ich zur Hochzeit machen, ist es
doch eine Schande, wie man hinunter gestossen wird. Es hat meinen Mann wohl
tausend mal getauret, dass er nicht ist Doctor oder zum wenigsten Magister
worden. Da hat er das seinige verreiset, und hat wohl mehr gesehen als ein
ander. Aber es geht hier zu Lande nicht nach Geschickligkeit. Sonst wollten ich
und mein Mann wohl über die Taffel kommen. Eine andere sagte. Eben darumb habe
ichs meinem Manne gar fein abgewehnet, dass er an keinen vornehmen Ort zur Leiche
oder zur Hochzeit gehen darff. Ich lobe es bei geringen Leuten, da hat man das
Ansehen allein, und geht über die andern weg. Es ist auch wahr, die Vornehmen
haben es doch keine Spanne höher, als die andern; Die dritte sagte: Ja hätte diss
nicht getan, mein Mann hätte nicht so viel Geld dürffen hingeben, dass er wäre
Fürstlicher Rat worden. So dencke ich, sechshundert Taler sind leicht zu
vergessen, wenn man nur allen stoltzen Kluncker-Füchsen nicht darff nach treten.
Die erste fiel ihr in die Rede: Ja Schwestergen, sagte sie, wer weiss, wie lange
es mit der Herrligkeit währet, weist du nicht, wie viel Leute Geld dargegen
spendiren wollen, dass sie deinen Mann wieder herunter bringen. Ach täte dass
nicht, ich hätte lang ein stücke Gut verkaufft, dass wir auch einen solchen
Ehrenstand kriegt hätten. Die andere sagte: Ich will mich umb den Gang nicht zu
Tode grämen. Nur das verdreust mich an meinem Mann, das er nicht vier biss
fünffhundert Taler dran wagt, dass wir dürffen Sammet-Peltze tragen. Die dritte
sagte: Ich weiss wohl, es sind viel Leute, die uns unsere Ehre nicht gönnen. Aber
wir wollen darbei bleiben, und sollte es uns noch tausend Taler kosten. Es ist
ein eben tun umb den Grosssprecher, der uns zu wider ist, wenn er sat zu fressen
hätte. Da frisst der kahle Hund welcke Rüben, und hertzt die Frau, damit tritt
er an die Hausstüre, und stochert in den Zähnen, so dencken alle Bauern, die
vorübergehen, er hat Fleisch gessen. Die vierdte hatte bisher still geschwiegen,
nun ging ihre Klapperbüchse auch los. Ach sagte sie, ich lasse mir auff die
Hochzeit ein schön Kleid machen. Wir sind Freundschaft, da werden wir
vorgezogen. Ach es gefält mir gar zu wohl, wenn die stoltzen Weiber, die sonst
immer oben hinaus und nirgend an wollen, so brav das Nachsehen haben, und mir
hinten nach zotteln. Die erste sagte: Ja ich besinne mich, was ich bei meiner
Mutter Begräbnis vor eine Freude hatte, dass ich durffte über die Burgemeisters
Weiber gehn. Die andere sagte: Ja, als hätte ich neulich die Ehre nicht gehabt,
da mein Vater begraben ward, da giengen mir zwölff Doctors Weiber nach. Die
dritte sagte, unlängst ging mein Mann über etliche Edelleute, und es soll mich
mein Lebetage reuen, dass ich bin zu Hause blieben, wie hätte ich die grossen
Frauen von Adel wollen über Achsel ansehn, wann sie wären hinter mir angestochen
kommen. Die Vierdte sprach: Ach botz tausend hätte ich doch bald das beste
vergessen, sprechen doch die Leute Herr N.N. ist Ratsherr worden, wer wird nun
mit seiner Frau ausskommen, die stoltze Noppel wusste ohn dem nicht, wie sie das
Maul sollte krum genug ausszerren. Mein Mann ist sonst gut Freund mit ihm gewesen;
Aber der Hencker sollte ihm nun das Liecht halten, wenn er weiter mit ihm
Freundschaft hielte. Ja wohl, dass er ihn liesse oben an gehen. Ach nein trinckt
dort numm, es sind der Sauren, ich mag sie nicht. Es verlohnte sich der Müh mit
der Bauer-Magd. Vor sechs Jahren hätte sie noch die Gähse gehütet, und
Qvarck-Käse gemacht, nun sollte sie mir vorgezogen werden. Ja, ja schiers
künftig wenn Pfiengsten auf den Grünen-Donnerstag fällt. Ich tue es nicht, und
wenn ich sechs Jahr nicht sollte aus dem Hause gehen. Die erste versetzte: Ey
Schwestergen, glaube es nicht, sie werden so einen höltzernen Peter nicht zum
Ratsherrn machen. Ja wenn es Mistladens gülte, so möchte er weise gnug darzu
sein, und wenn er auch so klug wäre, als der weise König Salomon, so täten sie
es der Frauen wegen nicht, wer wird denn einen solchen Nickel lassen oben an
gehen, wo wollten wir Strümpffe kriegen, die wir dem Bauer-Mutze anzögen: denn du
weists wohl, die Beine geschwellen den gemeinen Leuten, wenn sie zu viel Ehre
kriegen. Die Wirtin hatte zwar zum Gespräche Anlass gegeben, doch konnte sie
nicht wieder zu einem Worte kommen. Und da gemahnete sie dem Florindo, wie jener
Superintendens, der war zur Hochzeit, und als einer sagte, es wunderte ihn,
warumb die Weiber so stille sässen, sagte dieser hingegen, gebt euch zufrieden,
ich will den Weibern bald zu reden machen, und ruffte seiner Frau überlaut:
Jungefrau wie viel gabt ihr gestern vor einen Stein Flachs? damit war das
Wespen-Nest rege gemacht, dass die Männer ihr eigen Wort nicht vernehmen konten,
und ihre retirade zur Stuben hinaus nehmen mussten. Also hatte die gute Wirtin
mit einer Frage so viel zuwege gebracht, dass sie stillschweigen kunte, weil ihr
doch das Reden etwas saur ankam: doch war es ihr unmöglich, dass sie gar ungeredt
darbei sitzen sollte, drumb sagte sie dies darzu: Ach mein Mann hätte lange
können Ratsherr werden, wenn er gewolt hätte, aber das Prackdezeren bringt ihm
mehr ein. Sonst dürffte er wider den Rat nichts annehmen. Er ist bei einem
Freiherrn Gerichts-Verwalter, das wird ja so vornehm sein als ein junger
Ratsherr.
    Bei diesem Gespräche war eine alte Frau, welche bei der Wirtin Niederkunft
sollte Wärterin werden, die musste ihren Dreihellers-Pfennig auch darzu geben. Ihr
jungen Weibergen, haltet mirs als einer unverständigen Frau zu gute, dass ich
auch was drein rede. Sind es nicht rechte Narren-Possen mit dem oben an gehen.
Ich dächte, wenn man gute Kleider am Leibe, und gut Essen, und Trincken im
Bauche hätte, so tät ich was auf die elende Ehre. Man wird ja weder fett noch
dürre davon, ob mann im ersten oder im letzten Paar geht. Ich hätte mei Sile
nicht zu einen Manne getocht, wäre mir eine Frau mit den Obenangehen auffgezogen
kommen, ich hätte ein Banckbein aussgetreten, wann sonst kein Stecken wäre zur
Hand gewesen, und hätte ihr die sechshundert Taler zu gezehlt. Zu meiner Zeit
waren auch vornehme Leute, sie giengen in ihren mardernen Schauben daher, dass
einem das Hertze im Leibe lachte. Allein von solchen Narren-Possen, wie die
Leute jetzt vornehmen, hab ich nie gehört. Ach ihr jungen Spritzen, lasset es bei
den alten Löchern bleiben, und lasset die neuen ungebohrt.
 
                                   CAP. XLII.
Florindo hätte gern gehört, was die Weibergen vor eine Antwort würden gegeben
haben, doch der Wirt kam in die Stube, und empfieng sie, brachte auch
hernachmahls andere Fragen auf die Bahne, dass der præcedenz mit keinem Worte
mehr gedacht ward. Es lieff auch in seiner Stube etwas vor, dass er abgehalten
ward ferner zu zuhören. In etlichen Tagen aber begab sich ein possierlicher
Casus, denn Florindo mochte den künstlichen Schlittenfahrer einen gedoppelten
Berenheuter geheissen haben, und solches war dem Kerlen durch den Haussknecht
hinterbracht worden. Drumb weil er sich mit dem Degen nicht erkühnete alles
ausszuführen, ging er zu einem Notario publico, und liess sich eine Klage
auffsetzen, übergab solche dem Stadtrichter, welcher auch aus obliegendem Ampt
dieselbe alsobald insinuiren liess, mit Begehren, mit der Gegen-Notdurfft bei
Straff Ungehorsams ehistes einzukommen. Florindo zeigte die Klage dem Gelanor,
welche folgender Massen eingerichtet war.
                       Hochweise Herren Stadt-Gerichten.
    E. Hochw. bei dieser heil. und hochfeierl. Zeit zu belästigen, hab ich aus
hochdringender Not nicht Umbgang nehmen können. Indem ein junger von Adel, der
sich Florindo nennet, und im Gastoffe zum güldenen Kachelofen zur Herberge
liegt, mich verschiehenen 25. Decembr. halb vier Uhr nach Mittage, ohne alle
meine Schuld und Verbrechung einen doppelten Berenheuter gescholten. Wenn ich
denn solche grausame und unverdiente Injurie mir nicht allein, wie einem
ehrlichen Menschen zusteht, gebührender Massen ad animum revocirt, sondern auch
in Primo motu iracundiæ so sehr erbittert worden, dass ich aus Zorn in meiner
Stuben zwei Fenster eingeschmissen, hernach drei Venedische Gläser vom Simmse
geworffen, endlich auch mit einem grossen Stocke einen Schieffer-Tisch in
Stücken geschlagen, dadurch ich, leichtlichem Ermessen nach, in grossen und
hauptsächlichen Schaden bin gesetzt worden. Als gelanget an E. hochw. mein
unterdienstliches Bitten und Suchen, sie wollen obgedachten Florindo aus
Obrigkeitlicher Macht und Gewalt, krafft welcher sie über alle Einheimische und
Einquartierte gleich zu gebieten haben, aufferlegen, mir nicht allein vor meinen
erlittenen Schaden, welcher sich auf eilff Gülden siebenzehen Groschen acht
Pfennige belauffen tut: sondern auch vor allen Dingen, wegen des angetanen
Schimpffes, welchen ich auff eilff tausend siebenhundert und acht und viertzig
Gülden ex legitimâ affectione, qvam famæ meæ debeo schätzen und æstimiren will,
gebührende und vollkömmliche satisfaction zu geben. Wenn auch uber alles
Vermuten, offterwähnter Florindo sich auf die Klage nicht einlassen, und so
lang in possession verbleiben wollte, dass ich ein gedoppelter Berenheuter sei,
biss ich solches in petitorio aussgeführet hätte; Als will ich alles in sein
Christliches Gewissen zur endlichen Eröffnung geschoben haben. Und weil er
alsdenn solches nicht wird leugnen können, versehe ich mich bei E. Hochw. einer
gerechten decision und verbleibe etc.
    Florindo wusste nicht, ob er lachen oder fluchen sollte, doch ruffte er
überlaut, halt du Cujon, ich will in possess bleiben, dass du ein doppelter etc.
bist, und deiner funffzehen sollen mich nicht heraus setzen, du solst mit mir in
das petitorium, und da will ich dir sehen lassen, dass ich die leges besser
versteh, als du, und dein kahler Concipient: doch Gelanor dachte den Sachen
besser nach und sagte:
Hoc scio pro certo, quoties cum stercore certo;
Vinco seu vincor, semper ego maculor.
Liess also den Wirt kommen, hielt ihm die Klage für, und bat er möchte den
Stadtrichter dahin disponiren, dass sie als fremde nicht ohn Ursach discommodirt
würden, und an höheren Orten Hülffe suchen müsten. Doch war dieser kaum aus dem
Haus, so kam der Stadtrichter selbst, der mit dem Gelanor auf Universi täten
wohl bekand gewesen, und auf solche Masse mit ihm suchte wieder in Freundschaft
zu treten. Da lieff die ganze action auf eine sonderliche Lustigkeit hinaus,
daher Florindo leicht abnehmen kunte, dass er bei seiner ruhigen possess wohl
würde geschützet werden. Absonderlich delectirten sich alle an der schönen
Klage, die so artig war auffgesetzt worden; Doch hatte der Richter noch etliche
Inventiones bei sich, welche noch besser kamen, und daran sich Florindo am
besten besänftigen liess.
                         Die Erste verhielt sich also:
                        P.P.
    Vor N. erscheinet N. mit Vorbehalt aller rechtlichen Woltaten: Insonderheit
sich zu keinem überflüssigen Beweis, denn so viel ihm zu bestätigung seiner
Gerechtigkeit von nöten sein wird, zu verstricken und zu verbinden, bestellet
und setzet seine Klage nicht in Form eines zierlichen libells, sondern
schlechter Narration kürtzlich sagende, dass ob wohl im Rechten deutlich
versehen, dass ein iedweder ehrlicher Biederman in seinem Hause ruhig und
unmolestirt wohnen solle, dessen allen dennoch ungeacht, beklagter N. sich
gelüsten lassen bei Nächtlicher Weile vor klägers Hause vorbei zu gehen, und
einen grossen abscheulichen Wind, salva reverentia, streichen zu lassen. Weil
demnach solche unmenschliche Injurien ungerochen nicht dürffen hingehen, als
bittet Kläger im Rechten zu erkennen und ausszusprechen, dass Beklagter den
Staupenschlag verwircket, und nebenst demselben vier tausend Reichstaler in
specie Klägern wegen des erlittenen Schimpffs ausszuzahlen schuldig sei. Rufft
hierüber das richterliche Ampt an, und bittet ihm Gerechtigkeit mit zu teilen,
und Beklagten durch ordentliche Mittel dahin zu zwingen und anzuhalten, damit
sowohl der hochheiligen Justitz als zuförderst ihm Klägern satisfaction
geschehen möge. Solches etc.
                            Die Andere lautete also.
                        P.P.
    Kläger erscheinet, und gibt mit wehmütigen Klagen zu verstehen, dass
Beklagter N. sein Nachbar einen Birnbaum habe, der mit etlichen Zweigen in
seinen Klägers Hoff hinnüber reiche. Ob nun wohl Beklagter gewust, dass hierdurch
alle Birnen, so auf den hinüber hangenden Zweigen wachsen, ihm als Nachbarn
verfallen wären: Auch keine Mittel gesehen, wie er sich solcher Birnen
teilhaftig machen könnte: hat er doch aus unchristlichem boshaftigen Gemüte
bei dunckler Nacht-Zeit oft erwähnte Birnen, mit Gunst und reverenz zu melden,
mit Menschen-Kot beschmieret, und hierdurch Anlass gegeben, dass, als er
folgendes Tages eine abgeschlagen und essen wollen, ihm ein heftiger Eckel
zugestanden, der wohl gar in ein hitzig Fieber hätte degeneriren können, wenn
ihm nicht durch kräfftige medicamenta wäre begegnet worden. Weil denn solch
freventliches Beginnen andern zu mercklichem Abscheu muss gestraffet werden; Als
bittet Kläger im Rechten ausszusprechen, dass er schuldig sei, eben eine solche
beschmierte Birne mit Haut und Haar auffzufressen. Und gleich wie es einem
hochweisen Richterlichen Ammte an Mitteln nicht ermangelt, ihn auf
vorhergegangene Wegerung dahin an zuhalten, also verspricht Kläger etc.
    Mehr dergleichen schöne libelli kamen vor, die der Richter, als ein
sonderlicher Liebhaber dergleichen Händel colligirt hatte. Einer klagte den
Nachbar an, er habe einen Schweinsdarm mit einem Ende an den Röhrkasten und mit
dem andern in sein Kellerloch geleget, dadurch der Keller voll Wasser worden,
und als er solches per legitimam retorsionem wollen nachtun, sei er mit allen
Haussgenossen heraus gefallen und habe ihm Schläge darzu gegeben. Der Andere
beschwerte sich über Titium, er habe einen Churfürstlichen Reichstaler in ein
Schnuptuch gebunden, und solchen an die Decke gehangen, mit Versprechen, wer ihn
mit dem Maule erschnappen würde, der sollte ihn behalten. Allein als er Kläger
solchen gefangen, sei ein Kuhfladen an statt des Talers darin gewesen; bitte
derhalben Beklagten anzuhalten, dass er ihm geschehener Abrede nach, den Rtl.
zahlen sollte. Der Dritte klagte, Sempronius habe eine Kugel von assa foetida in
seinen Taubenschlag geschossen, dadurch ihm 600. Paar Tauben vertrieben worden,
und weil er hiermit über 20. Ducaten gefähret worden, vermeinte er, Beklagter
hätte den Galgen wohl verdienet, und was die anderen Possen mehr waren. Kurtz,
der Abend ward mit solchen lustigen Rechts-Sachen passirt.
 
                                  CAP. XLIII.
Uber etliche Tage wurden sie zu gedachtem Stadtrichter wieder zu Gaste gebeten,
da befand sich ein Kerle, der sich vor einen perfecten Lautenisten aussgab. Der
schüttete seinen ganzen Sack voll aus, und meinte, es fehlte nicht viel, dass
nicht die Steine wie bei dem Orpheus zu tantzen anfiengen. Doch waren alle
Stücke von altväterischen Manieren, von alberer application, von confusen tacte,
mit einem Worte, wer einem andern wäre einen elenden Lautenisten schuldig
gewesen, und hätte mit diesem Musicanten bezahlt, der hätte noch drittalb
Groschen wieder heraus bekommen. Endlich sagte der Richter, ob niemand in der
Compagnie wäre, der Lust hätte ein Schulrecht abzulegen, er hätte neulich auf
ihrer Stuben eine Laute gesehen, und könnte leicht abnehmen, dass unter dem
Hauffen ein Liebhaber wäre. Florindo, der bei einem guten Meister von Jugend
auff war informirt worden, und im Lautenspiel wenig seines gleichen hatte,
bekandte zwar, dass er vor etlichen Jahren zwei oder drei Stückgen gelernet; doch
schämte er sich an einem solchen Orte sich damit hervor zu tun, da er Meister
vor sich hätte. Der Lautenist präsentirte ihm also bald seine Laute, und sagte:
Monsieur, ich mache profession von diesem Instrument, ob ich nun gleich geübter
darauff bin, so ist es doch keinem eine Schande, der seine profession in anderen
Sachen sucht. Ich bin der schlechten Stückgen bei meinen Discipuln wohl gewohnt,
er lasse hören, ob er einen bessern Meister gehabt hat, dann ich erkenne es bald
am ersten Griffe, was hinter einem ist. Florindo dachte, halt ich will dir den
ersten Griff weisen, dass du des letzten darbei vergessen solst, und nahm die
Laute an. Aber was machte der Ertzkünstler vor grosse Augen, als er solche
Händel auff der Laute hörete, die er sein, Lebtage nicht in der partitur gesehen
hatte. Es ging ihm wie einem Calecutischen Hahn, oder wie man das zahme
Wildpret auff hoch Teutsch nennet, einem Trutahn, der zeucht den Schwantz wie
ein Pfau, lässet die Flügel biss auf die Erde hangen, und stellet sich, als wollte
er die ganze Welt braviren: doch wenn der kleineste Hausshahn die Courage nimmt,
und auff ihn zu läufft, so ist Schwantz, Flügel, Bauch und Rücken ein Ding, und
aller bravade ist vergessen. Und ohn allen Zweiffel würde er ohne sonderliches
Vexieren nicht sein darvon kommen: doch zu seinem Glücke, und zu der ganzen
Compagnie Verdruss, kam eine Frau mit einem Notario, die brachte klagend vor, ihr
Mann wäre von dem Nachbar schelmischer und hinterlistiger Weise erschossen
worden; der Richter sollte ex officio das Corpus delicti in Augenschein nehmen.
Hiermit war die Lust verstört, und weil der Wirt weggehen musste, gaben ihm die
Gäste das Geleite, und wollten auch sehen, ob ein erschossener Mensch anders
gestalt wäre, als eine gemeine Leiche. Sie kamen in das Haus, da lag die Leiche,
und war mit dem Rücken ganz bloss und voll Blut. Der Richter befand kein Leben
da, drum befahl er dem Balbier, er sollte darnach sehen, ob der Schuss tödlich
gewesen, oder nicht! (quasi verò non potius ex intentione agentis, quàm ex
effectu judicandum sit. Sed Mundus vult decipi: ac proinde in favorabilibus
excusat intentionem, in odiosis negligit effectum, ne utrinque via claudatur
patrocinio) der Balbirer war fleissig drüber her, wischte das Blut mit warmen
Wasser rein ab; doch da war keine Wunde, da man sich eines Blutvergiessens her
vermuten sollen. Der Rücken und was dran hangt, war unversehrt, und iemehr sie
nachsuchten, desto weniger funden sie. In dem kamen die Häscher, und brachten
den Täter, der trat vor den Richter, und entschuldigte sich folgender Massen:
Hochweiser Herr Stadtrichter, ich weiss nicht, warum ich so geschimpfft werde,
dass mich die gemeine Knechte auffsuchen müssen. Ich will gleich heraus sagen,
was die Sache ist. Der Kerle der sich stellt, als wäre er erschossen, hat bisher
den löblichen Gebrauch gehabt, dass er Abends vor meine Türe kommen, und mir was
anders, das ich nicht nennen mag, davor gesetzt. Nun ist er oft freundlich
erinnert worden, er sollte seine bürgerliche Pflicht bedencken, und seine
Nachbarn ungeschimpfft lassen, doch dessen ungeacht, hat er solches
unterschiedene mahl continuiret.
    Dannenhero ich endlich gezwungen worden, ihn von dergleichen bösen und
leichtfertigen Beginnen abzuhalten. Gestalt ich eine Büchse mit Rinds-Blut
geladen, und als er, seiner täglichen Gewonheit nach, mit dem blossen Rücken
meine Hausstüre angesehen, unversehens Feuer gegeben, und ihn so blutig gemacht,
dass er sich leicht eines grössern Schadens hat befürchten können.
    Ist er nun vom Erschrecken gestorben, so mag man ihn mit was anders zu Grabe
läuten. Ich bin aus aller Schuld. Denn dieser ist kein Schalck, der einen
Schalck mit Schalckheit bezahlt.
    Der Richter hätte bald über der artigen Erzehlung gelacht, wenn ihn das
Ansehen seines tragenden Amptes nicht davon abgehalten. Doch befahl er, man
sollte dem Todten Cörper brennende Liechtschnuppe vor die Nase halten, ob er
dadurch wieder lebendig würde; und fürwar der Anschlag war so uneben nicht, denn
der Todte regte sich, und weil er meinte, er wäre schon in den Campis Elysiis,
hätte er gerne Hebräisch geredet, wenn er nur hätte den unterscheid zwischen
Schibolet und Sibolet machen können.
    Er hatte in einer Disputation gelesen in jener Welt würden die Leute
Hebräisch reden, und weil er nicht darauff achtung gegeben, was ein anderer
opponirt, quòd in altera vita planè non simus locuturi, cum æternitas consistat
in puncto: locutio autem inferat prius & posterius, seu quod idem sonat,
generationem & corruptionem, so war es kein Wunder, dass er bei solcher
Einbildung verblieb. Doch fragte der Richter nach seiner Sprache nicht; sondern
da er ihn nur lallen hörete, befahl er den Haus-Genossen, seiner zu warten, und
ging davon. Zwar es hätte so übel nicht gestanden, wenn die Gäste wieder wären
mit ihrem Wirte gegangen, doch der Stundenrüffer hatte die Uhr verschlaffen,
und ruffte eins aus, als er 11. ruffen sollte. Damit ging ein ieglicher nach
Hause.
 
                                   CAP. XLIV.
Den folgenden Tag ging Florindo in der Stube hin und wieder, als er auff dem
Simse eines Buches gewahr ward, welches forne am Titul seiner intention sehr
bequem schiene. Denn es hiesse die närrische Welt. Er nahm es mit grosser
Begierde vor sich, und befand zwar, dass die Sachen ohne allen Unterschied ganz
confuss unter einander geworffen waren, doch notirte er folgende Sachen daraus.
    Einer wollte dem andern eine Heimligkeit vertrauen, und bat höchlich, er
möchte sie bei sich behalten, und keinem Menschen davon gedencken, da sagte
dieser: du Narr, wenn ich schweigen soll, warumb schweigstu nicht, so bistu am
sichersten. Oder meinestu, dass mir das Schweigen möglich ist, da es dir
unmöglich ist?
    Einer hätte gerne ein Weib genommen, es war ihm nur keine schön genug, da
sagte sein Schwager: ihr närrischer Kerle, nehmt doch eine, die eures gleichen
ist, deswegen lässet GOTT auch hässliche Männer leben, dass er damit gedenckt die
hässlichen Jungfern zu vertun.
    Einer hielt um ein recommendation-Schreiben an, damit er an andern Orten
möchte vor fromm gehalten werden, zu diesem sagte der Patron: Ihr wunderlicher
Mensch, mein Schreiben wird euch nicht fromm machen, ihr aber könnet mich wohl
zum Lügner machen, ein rechtschaffener Kerle recommendirt sich selbst.
    Einer beschwerte sich, es wäre Schande, dass keine Land-Kinder mehr
befördert, und hingegen lauter Fremde vorgezogen würden, dem antwortete ein
ander, du Narr, wenn man keine Pferde zu Hause hat, muss man freilich Esel von
andern Orten hohlen.
    Einer wündschete, dass er brav sauffen könnte, so wollte er wohl in der Welt
fortkommen, zu diesem sagte ein ander: du Narr, wünsche dir, dass du klug wirst,
so kömmstu noch besser fort.
    Ein Kauffmann hatte sich an der Messe in den Weinkeller gesetzt und soff
einen Rausch über den andern, diesen fragte einer, ob er auch wüste, was dieses
heisse: wer in der Erndte schläft, der ist ein Narr. Ein Student sass darneben,
der gab es Lateinisch also: Bibite vos Domini, ne Diabolus vos inveniat otiosos.
    Einer wollte nirgend hingehn, da er nicht oben an sitzen durffte, diesem gab
einer die Lehre: du Narr, zeuch auffs Dorff und geh in die Schencke, da lassen
die Bauern einen Bürger oben an sitzen.
    Ein junger Stutzer kauffte eine Kutsche mit zwei kostbahren Pferden, zu
diesem sprach sein alter Tischwirt: Ihr tut wohl, dass ihr die Beine schont, im
Alter werdet ihr gnug müssen zu Fusse lauffen.
    Einer wollte ein Pferd mieten, und gab einen Taler drauff, als er nun
meinte, es wäre gewiss, war der Pferdhändler davon geritten. Zu dem sagte einer:
Du Narr, ein andermahl gib das Geld mehr vorauss.
    Ein Verwalter bat seinen Edelmann zu Gaste, und hatte herrlich zugeschickt,
des Edelmanns Narr wollte nicht mitgehn, denn er sagte: Zween Narren vertragen
sich nicht. Nun muss der Verwalter ein Narr sein, dass er sich so läst in die
Karte gucken. Ich frässe mein Wildpret allein, und bestreute das Gesichte mit
Bohnen-Meel, dass ich nur vor dem Juncker elend gnug ausssehe. Aber wenn man
fallen soll, so wird man zuvor ein Narr.
    Einer liess sich von etlichen Sauff-Brüdern einen grossen Schmauss aussführen.
Gefragt, warum er solches liedte? sagte er, ich tue es, dass ich will Friede
haben; doch er musste die Antwort hören: du Narr, wenn du mit Bratwürsten unter
die Hunde wirffst, so wirstu ihr nicht los, wiewol er retorquirte: du Narr, wer
keine Knüttel hat, muss wohl Bratwürste nehmen.
    Einer wollte vor den andern Bürge werden, da sagte sein Vetter: du Narr,
fühle doch zuvor an den Hals, ob du kützlich bist, denn es heist: Bürgen soll man
würgen.
    Einer wollte mit keinem Freundschaft halten, der geringer war, als er, zu
diesem sagte ein ander: du Narr, wenn deine Höhern auch so gedächten, mit wem
wollestu umbgehen?
    Einer rühmte sich, als wär er wegen seines losen Mauls allentalben im
Beruff, diesen fragte einer, ob er aus den Worten Salomonis könnte einen
Syllogismum machen: Wer verleumdet, der ist ein Narr. Ein Narren-Maul wird
geschlagen.
    Einer konnte keinen Anschlag heimlich halten, diesen erinnerte ein ander, du
Narr, wenn du wilst das Netze ausswerffen, dass die Vögel zusehn, so wirstu
langsam auf den Vogelmarckt kommen.
    Einer fieng mit etlichen Grossen an zu zancken, da sagte sein Bruder: du
Narr, haue nicht über dich, die Späne fallen dir in die Augen.
    Einer kandte sich nicht vor Hoffart, von diesem sagte einer: Der Kerle ist
ein Narr; doch möchte ich sein, was er sich einbildt.
    Einer draute dem andern, wo er ihm kein Geld liehe, wollte er sein Feind
werden. Der sagte: Immer hin, die erste Feindschaft ist mir lieber, als die
letzte, wenn es zum bezahlen kömmt.
    Einer sagte, es ist natürlich, dass Männer und Weiber einander lieb haben,
dem begegnete ein ander: Du Narr, wenn dich der Teufel holt so ist es auch
natürlich.
    Einer klagte die Zeit wäre ihm lang, den fragte ein ander: Du Narr, warumb
klagstu denn, dass dir das Leben kurtz ist.
    Ein Student wollte alle Handwercke begreiffen, dem schrieb ein ander ins
Stammbuch: Wer unnötigen Sachen nachgeht, der ist ein Narr. Prov. 12.
    Einer hielt einen andern hönisch, weil er einen Buckel hatte, diesen schalt
einer: Du Narr, was kann er davor, dass ihn GOtt so buckelicht haben will, ficht
es mit seinem Schöpffer aus.
    Einer musste in der Gesellschaft sein Maul allzeit forne fürhaben, diesen
erinnerte ein ander: Du Narr, schweig doch still, so halten dich die Leute auch
vor einen Philosophum.
    Einer trotzte auff seine Erbschaft, die doch in lauter papiernen
Schuld-Verschreibungen bestund, zu diesem sagte ein Kauffmann: du Narr, hebe die
Zettel auff biss an den jüngsten Tag, da gelten sie so viel als baar Geld.
    Einer rühmete sich, er hätte auff der Franckfurter Mess über sechs hundert
Tahler aussgegeben, und wüste nicht wovor, diesem halff ein ander aus dem Traum:
Wenn Narren zu Marckte ziehen, so lösen die Krämer Geld.
    Einer praalte mit vielen Geschencken, die ihm hin und wieder wären verehret
worden, diesem gab ein ander folgende Antwort: Du Narr, du hast deine Freiheit
viel zu wohlfeil verkaufft.
    Einer lachte den andern aus, weil er in eine Pfütze fiel, doch musste er
dieses hören: Du Narr, du lachst, da mir es übel geht, und erschrickst nicht, da
dir es auch begegnen kann.
    Einer sagte, das kalte Fieber diente zur Gesundheit, diesen wiederlegte ein
ander: Du Narr, das ist eine elende Artznei, wo man der Gesundheit halber kranck
wird.
    Einer lobte seinen Patron gar zu sehr, doch dieser rieff ihm zu: Du Narr,
was schimpffstu mich, lieber schilt mich auf das heftigste, so glauben es die
Leute nicht, und ich werde gelobet.
    Einer befliess sich sehr obscur und unverständlich zu schreiben, diesem
ruffte ein ander zu: Du Narr, wilstu nicht verstanden werden, so schreib nichts:
so hastu deinen Zweck gewiss.
    Es kriegte einer Gäste, und wollte eine Henne abwürgen lassen, doch als die
Henne auff die Scheune flog und nicht herunter wollte, sagte er, ich will dich
wohl herunter langen, und schoss damit die Henne von dem Dache weg. Allein das
Dach brennete an, und ging das ganze Haus zu Grunde, da sagte sein Gast, du
Narr, wenn du in Stroh schiessen wilst, mustu eine Windbüchse nehmen.
    Eine vornehme Frau hatte eine krancke Tochter, auff welche sie viel
gewendet. Als sie aber der guten Wartung ungeacht sterben musste, und nunmehr in
den letzten Zügen lag, ging die Mutter hin, gab ihr eine dichte Maulschelle,
und sagte du ungeratenes Teufelskind, das hab ich nun vor meine Müh und vor
meine Wohltaten, dass du mir stirbst. Darüber fielen unterschiedene Judicia.
Einer sagte, in diesem Hause ist übel zu leben, aber noch übeler zu sterben. Der
andere sagte: Wer bei dieser Frauen sterben will, muss eine Sturmhaube
auffsetzen. Der dritte: Je lieber Kind, je schärffer Rute. Der vierdte: die
Tochter kriegt eine Ohrfeige, wo der Mann stirbt, der kriegt gar einen
Schilling. Der fünfte: Ich halte wenn sie sterben wollte, sie kriegte
dessentwegen keine Maulschelle Der sechste: Es ist Wunder, dass der Medicus keine
Wespe davon getragen hat: doch sie hat sich gefürcht, er möchte sich mit einem
bissgen Hütterauch revengiren. Der siebende: Die Frau soll den Teuffel vom
Todtbette vertreiben. Der achte: Es ist ein Dieng, ob der Teufel da ist, oder ob
er seinen Stadtalter da hat. Der neundte: Wenn die Frau mein wäre, ich liesse
sie vergülden und mit Rossmarien bestecken, gebe ihr eine Pomerantze ins Maul,
und verkauffte sie dem Hencker vor ein Spanferckel. Der zehnde: Vielleicht hat
sie die Seele wollen erschrecken, dass sie sollte drinne bleiben. Der eilffte: Die
liebe Jungfer hat gewiss gedacht, S. Peter schlegt sie mit dem Schlüssel vor den
Kopf. Der zwölffte: Wenn ich sollte eine Grabschrifft machen, so liesse ich eine
Hand mahlen, und schriebe darüber: Die mütterliche Verlassenschaft.
    Einer wollte fallen, und hielt sich an ein Bierglass, zu dem sagte einer, du
Narr, das Bier hilfft wider den Durst, aber nicht wider das Fallen.
    Einer wollte Geld borgen zu spielen, da sagte der ander, du Narr, was ich dir
leihe, das nehme ich dir, und was ich dir nicht leihe, das schenck ich dir.
    Einer sagte: Ich habe es verschworen, ich will dich nicht mehr grüssen,
dieser gab zur Antwort: du Narr, ist das was sonderliches? Ein Esel grüsset mich
nicht und hat es doch nicht verschworen.
    Einer sagte: Es verdreust mich, dass ich den Mann respectiren muss, dem
antwortete ein ander: du Narr, ich weiss ihrer zehen, die verdreust es, dass sie
dich respectiren müssen:
    Einer erzehlte etwas, und sagte darbei, es wäre gewiss wahr, er habe es von
einem vornehmen Manne gehört. Ein ander versetzte, du Narr, ein vornehmer Mann
hat gut reden, er weiss, dass du ihm glauben must.
    Ein Causenmacher verwunderte sich, dass er zu nichts kommen könnte, da sagte
einer: Du Narr, was mit Drummeln kömmt, geht mit Pfeiffen wieder weg.
 
                                   CAP. XLV.
Florindo hätte weiter gelesen, doch er ward verstört, und musste zu Tische gehn,
und ob er gleich den Vorsatz hatte, noch weiter drine zu lesen, schob er es doch
in die lange Banck, biss nichts drauss ward. Nun begunte unsrer Compagnie die Zeit
allmählich lang zu werden, indem sie auff des Florindo Besserung so lang
gewartet, und nun wegen des unfreundlichen Winterwetters nicht fort kunte, doch
es halff nichts, sie mussten verziehen biss auff Fastnacht. Und da gab es so ein
Land voll Narren, dass der Mahler furchte es möchte an Farben mangeln, wo er alle
abschildern sollte. Der Priester hatte zwar den Sontag zuvor nicht allein
erinnert, dass man um die heilige Zeit der gleichen Heidnisches Unwesen
unterlassen, und sich zu einer Christlichen und bussfertigen Fasten schicken
sollte; sondern er hatte auch aus des blinden Bartimæi Worten: Herr, dass ich
sehen möge, sehr schön angeführt, was vor ein edel tun es wäre so wohl umb das
Gesichte des Leibes, als vornehmlich umb das Gesichte des Gemühtes oder umb die
Klugheit: und wie unverantwortlich sich dieselben bezeigten, welche als blinde
und närrische Leute, ihren Verstand gleichsam verleugneten. Doch die Predigt
hatte so viel gewirckt, als sie gekönnt. Unterdessen blieb es bei der alten
Gewonheit, man musste die heilige Fastnacht feiern, drumb sagte auch Gelanor, er
wollte nit viel Geld nehmen, und einen unter dem Hauffen einen Narren heissen, da
doch alle mit einander sich vor Narren angezogen, und nichts anders als
Narrenpossen vornehmen. Einen lächerlichen Possen gab es, denn es war eines
vornehmen Mannes Sohn zum Mahler gelauffen, hatte sich da liederlich angezogen,
und hatte begehrt, er sollte ihm das Gesichte ganz schwartz mahlen: denn unter
der Masque könnte er nicht sauffen, der Mahler war auch mit seinen Farben vor ihn
getreten; aber er hatte die Pinsel nur in klar Wasser gesteckt, und ihn über und
über nass gemacht, der gute Kumpe meinte, nun sollte ihn niemand kennen und lieff
herum als ein unsinnig Mensch. Endlich geriet er an eine Magd, die rieff, Herr
Frantze, seid ihr ein Narr? da erschrack er und machte sich auff die Seite, doch
die Sache war verraten, und durffte er in einem viertel Jahre seinem Herrn
Vater nicht vor die Augen kommen.
    Bei solcher Gelegenheit erinnerte Florindo seinen Hofmeister, ob es nicht
bald Zeit wäre nach Hause zu reisen. Es wären ja Narren gnung hin und wieder
betrachtet worden, dass man leicht die drei grösten heraus lesen, und abmahlen
könnte. Doch Gelanor war ganz einer andern Meinung. Der sagte: Mein Freund, wir
haben noch nicht ganz Deutschland durchwandert, und sollten nun von der ganzen
Welt urteilen, wir müssen weiter gehen, In Franckreich, Spanien, Engeland,
Polen. Ja absonderlich in Italien wird auch etwas auffzuzeichnen sein. Florindo
machte zwar ein saur Gesichte: Allein Gelanor trotzte auf seine Instruction,
also dass der gute untergebene sich wegen der Liebste noch keine süsse Gedancken
durffte ankommen lassen. Derhalben bat er auch, man möchte an einem Orte die
Zeit nicht so vergebens verlieren; sondern ehe heute als morgen sich zur Reise
schicken, wiewohl Gelanor trauete der ungesunden Lufft nicht, und blieb biss
gegen Ostern still liegen, immittelst kam etliche mahl Post, dabei Florindo
Brieffe von seiner Liebsten erhielt, doch kunte er alles so verbergen, dass man
so eigentlich nicht wusste, in was vor terminis die Sache bestehen möchte, zu
grossem Versehen, hatte er den Schlüssel am Reiss-Kuffer stecken lassen, und war
zu einem guten Freunde gangen, da er allem Vermuten nach, sobald nicht gedachte
wieder zu kommen, drumb liess sich Gelanor die Curiosität verleiten, den Brieffen
nach zu suchen, wiewohl er fand keinen, als den neulichsten, welcher dieses
Inhalts war:
        Liebster Besitzer meiner verliebten Gedancken.
    Nachdem ich die Bitterkeit der Liebe sattsam empfunden, wäre es Zeit, dass
ich durch einige Süssigkeit erfreuet würde. Wie lange ist es, dass ich mein Hertz
und meine Seele in fremden Ländern herumb schweben lasse? und wie lange soll ich
meine Hoffnung noch auffschieben. Ach mein Kind! weist du was mir vor Gedancken
einfallen? Ach die Liebe ist furchtsam, drumb halt mir auch meine Furcht zu
gute, denn es scheinet, als wäre die versprochene und mit so vielen Eydschwüren
bekräfftigte Liebe, etwas kaltsinnig worden. Wäre es so wohl in meiner Gewalt,
dir zufolgen, als du Gelegenheit hast mich zu suchen, ach ich wollte den Adlern
die Flügel abborgen, und zu dir eilen. Nun bleibst du an einem Orte, da du
erweisest, dass du ohne mich vergnügt leben kanst. Wir armen Weibesbilder lassen
uns die Leichtgläubigkeit oft übel belohnen, der gütige Himmel helffe, dass ich
solches nicht durch mein Exempel bestätigen müsse. Doch komm Ende, komm Tod, und
verzehre mich zu vor, ehe ich solches erleben, und mein süsses Kleinot einer
andern Besitzerin überlassen solle, doch mein Hertz, ich traue dir solche
Falschheit nicht zu. Erkenne du nur aus dieser Furcht meine Beständigkeit, und
wo du Lust hast mich bei dem Leben zu erhalten, so komm der Kranckheit zuvor,
welche sich durch nichts wird erquicken lassen, als durch deine höchstverlangte
Gegenwart. Und diese wird mir das Glücke erteilen, dass ich noch ferner heissen
kann
                        Deine
                        lebendige und treuverbund.
                        Dienerin
                                                                         Silvia.
    Gelanor sagte zu Sigmunden, das Frauen-Zimmer hat das Ansehen, als wenn sie
ihre Brieffe mehr aus Alamode-Büchern, als aus dem Hertzen schrieben. Rechte
Liebe braucht andere Reden, welche mehr zu Hertzen gehen. Und wer weiss, wo sie
einen Tröster hat, der diesen Brieff zu erst auffgesetzet. Sigmund war nicht
sonderlich darwider, doch suchten sie weiter, und fanden seine Antwort, die er
ehistes Tages fortschicken wollte, und darin er sich bemühet hatte, den Senecam,
Tacitum, Curtium und andere zuverteutschen oder doch zu imitiren
        Mein Hertz, meine Seele, meine Göttin.
    Deine Furcht tödtet mich, deine Liebe erquicket mich, ich sterbe über deinem
Misstrauen, und erhalte mich bei meinem guten Gewissen. Meine Liebste rufft mir,
und mein Verhängnis hält mich zu rücke. Ich will etwas, und darff nicht sagen,
was ich will. O mein liebstes Hertz, vergib deinem diener, dass er so verwirrt
schreibt, daraus solst du meine verwirrte Seele erkennen und beklagen lernen,
ach wie gern wäre ich zu Hause! hätte mir mein Unstern nicht einen Hoffmeister
zugeführet, der seine Lust in der Welt suchte, unter dem Vorwand, mir zu Nutzen,
da ich doch den Mittelpunct aller meiner Nutzbarkeit in die Feste gestellet
habe, du bist meine Reise, dahin ich meine Gedancken abfertige, wenn gleich der
Leib sichtbarlicher Weise anderswo gefangen lebt. Ich weiss du bist dem Schweren
feind; sonst wollte ich alles zu Zeugen anruffen, dass ich so wohl äusserlich, als
im Hertzen stets dahin getrachtet zu verbleiben
                        Meiner lieb-wertesten Silvie
                        unbefleckter und unveränderter
                                                                       Florindo.
    Gelanor schüttelte zwar etlichmahl den Kopff darüber, doch wusste er, dass ein
Liebhaber nicht allzeit verbunden wäre, die Warheit zu schreiben, und schloss
derhalben den Kuffer gar höfflich wieder zu, mit vorbehalt, dass er bei erster
Gelegenheit solches auffmutzen wollte.
    Also vergieng die Zeit biss auf Ostern, da sie keinen sonderlichen Narren
angetroffen, mit dem sich es der Müh verlohnet, dass sie ihn auffgezeichnet. Zwar
sie waren nicht nachlässig, und liessen sich in dem benachbarten Walde das
neuangelegte Bergwerck gefallen. Da sie denn allerhand Spiele der Natur
abmerckten, welche wohl so annehmlich waren, als die Narrenkuckerei.
 
                                   CAP. XLVI.
Nach Ostern diengten sie einen Kutscher, der sie mit auf die Leipziger Messe
nehmen sollte, von dar sie in Holland und ferner in Engeland mit der Post reisen
könten. Und sie erfreueten sich, dass, nach dem sie in vielen Städten waren
bekand worden, sie auch in Leipzig einig divertissement haben sollten, angesehen
diese Stadt ihnen sehr oft war gerühmet worden, sonder dass sie Gelegenheit
gehabt, dieselbe in Augenschein zu nehmen. Sie hatten in dem verdeutschten Lucas
de Linda gelesen, es wäre daselbst Frauenzimmer, das auch aus einem steinern
Hertzen die Liebe erzwingen könnte. Ja sie wussten sich zu besinnen, dass schon vor
andertalbhundert Jahren D. Ecken von D. Lutern vorgeworffen worden, wie dass er
sich die venereas veneres daselbst auffhalten lassen: doch glaubten sie nicht,
dass dieses der eintzige Ruhm sei, dadurch die hochlöbliche Stadt fast in der
ganzen Welt bekand und beruffen wäre, sondern sie verhofften daselbst gleichsam
in einem kurtzen begrieff anzutreffen, was sie anderswo zu einzelen Stücken
gefunden und rühmlich observirt hatten. Die herrliche Universität, den
wohlgefasten Rat, die hochansehnlichen Rechts Collegia, die nutzbare
Kaufmannschaft, und was sonst an zierlichen und bequemen Wohnungen, an
niedlicher Schnabelweide, an köstlicher Music, und an anderer Lustigkeit mag
gefunden werden. Doch in solcher Hoffnung wurden sie zwar nicht betrogen, wenn
sie nur solche hätten fortsetzen können. Denn als sie auf Leipzig kamen, fügte
sich das Glücke oder das Unglücke, dass sie gleich eine anständige Gelegenheit
biss auf Amsterdam antraffen, mit welcher sie fortgiengen, mit vorbehalt, bei
künftiger Zeit die visite, welche sie dieser annehmlichen Stadt schultig
geblieben, gebührend abzustatten. Also reiseten sie durch Holland, hielten sich
zu Leiden, absonderlich aber in Haag eine ziemliche Zeit auf, giengen von dar
auf Roterdam und ferner in Engeland, da sie die herrliche Stadt Londen, wie sie
vor dem Brande aussgesehen, unter der höchsten Gewalt des damahligen Königl.
Protectoris mit verwunderung betrachteten. Sie wären gern tieffer in das Land
hinein gangen, hätten auch gern eine tour biss Edenburg getan, doch sie liessen
sich berichten, wer Londen gesehen hätte, der hätte ganz Engeland gesehen.
Drumb liessen sie es bei dem bewenden, und satzten sich zu Doevers auf die
Frantzösische Post, und fuhren über dass Canal biss Cales, da säumten sie sich
nicht, und machten einen kleinen Umschweiff durch die Spanischen Niederlanden,
biss sie auf Paris kamen, da hielten sie sich lang auff, biss sie auf Nantes zu
giengen da sie Gelegenheit fanden in Spanien und Portugal zu reisen. Von Lisabon
wandten sie sich gegen die Strasse, und giengen an den Spanischen und
Frantzösischen Cüsten biss in Italien. Zu Venedig giengen sie über das Tyrolische
Gebürge biss auf Wien, da wären sie gern in Pohlen gereiset. Doch der Krieg
machte alles unsicher, dass also Gelanor wider seinen Willen den Florindo
vertrösten musste, nun wollten sie wieder nach Hause.
    Nun möchte aber einer fragen, ob sie denn in so weiten und grossen Ländern
keine Narren observirt? doch es ist zu antworten, dass solches zwar mit eben so
grossem Fleiss geschehen, als in Teutschland. Gleichwohl haben sie vor gut
angesehen, einen iedweden in seiner eigenen Sprache zu beschreiben. Wie der
Sigmund diese müh auf sich genommen und die Frantzösische, Spanische, Englische,
Italiänische Reisebeschreibung fleissig in Ordnung zu bringen, und mit
Kupfferstücken heraus zu geben versprochen hat. Ob es wird geschehen, das stehet
bei der Zeit. Ohne Zweiffel wird er seinen Fleiss nicht sparen. Solte auch ein
Liebhaber gefunden werden, der seine Curiosität nicht länger befriedigen könnte,
so ist es umb eine kleine Nachfrage zutun. Massen die Compagnie so discret ist,
dass sie einen iedweden mit richtiger Antwort versehen wird.
 
                                  CAP. XLVII.
Nun mangelte nichts, als dass Florindo zu seiner Liebsten reisen sollte, doch
Gelanor sagte, man müste zuvor einen vollkommenen Schluss machen, welches eben
die drei grösten Narren gewesen, damit die Malerei im Schloss könnte ihren
Fortgang haben. Und also setzten sie sich zusammen, und wussten viel von Narren
zu reden: Gleichwohl befanden sie den Mangel, dass sie so eigentlich nicht
erwogen hatten, worine eben die Narrheit bestünde: Dannenhero man desto
eigentlicher im urteilen hätte können fortfahren. Nun Florindo war hitzig und
sehnte sich nach Hause: Gelanor hingegen wollte zuvor den rechten Grund treffen,
biss endlich diss conveniens vorgeschlagen wurde, Sigmund sollte in ein Collegium
Prudentium reisen, und sich daselbst in der gedachten zweiffelhaftigen Frage
informiren lassen. Solches ward alsobald beliebt und satzte Gelanor folgende
Urteilsfrage auf:
        Hochgelehrte etc.
    Demnach in einer wichtigen Angelegenheit die Frage vorgestellt, worinne die
Narrheit bestehe? und so fort, welches vor die höchste Torheit zuschätzen sei?
Und aber hierinn einiger Streit sich ereignet, dadurch man schwerlich zum Zwecke
gelangen kann. Als ist das gute und zuversichtliche Vertrauen auff Dero
Weltbekandte dexterität und Wissenschaft gesetzet worden, das jenige, was Sie
in dieser Frage setzen und schliessen werden, vor gut und bekand anzunehmen.
Gelanget derowegen an Dieselben unser Dienstfreundliches Ansinnen, sie wollen
sich belieben lassen, der Sache nachzudencken, und gegen Danckgeziemende
Vergeltung dero vielgültige Meinung schrifftlich zu eröffnen. Solches werden wir
sämtlich als eine sonderbahre Woltat erkennen, und mit anderweit bereiten
Diensten schuldigst zu erwiedern befliessen sein.
                                                       E. Hochgelahrt. Herrligk.
                        Dienstergebenste
                                                         Compagnie zu Suchstedt.
    Hiermit reisete Sigmund ab, und versprach seinen Fleiss nicht zu sparen, dass
er zum wenigsten, innerhalb acht biss zehen Wochen mit guter Verrichtung wieder
zu kommen verhoffte, sie sollten sich nur nit zu weit von dem Orte weg machen,
dass er bei abgelegter expedition sie alsobald zur Hand hätte. Nun war dieselbe
Gegend sehr lustig, dass man einen Früling daselbst wohl passiren kundte. Wie sie
denn von einem Dorffe zu dem andern, von einem Flecken und Städgen zu dem andern
zu reisen pflegten, und sich bald im Gebürge bald auff der Ebene eine neue
Lustigkeit erweckten. Einsmahls kehrten sie in ein Wirtshaus ein, da Gelanor
oben auff dem Gange die Melancholischen Grillen vertreiben und aussspatziren
wollte, unterdessen hatten die Diener mit dem Mahler unten im Hofe ein Gespräch,
warumb mit der Heim-Reise so lang verzogen würde. Einer meinte diss, der ander
was anders. Endlich als der Mahler vorgab, es wäre umb die drei grösten Narren
zu tun, da fieng ein Diener an: Das sind Händel, hätten sie mich gefraget, ich
wollte ihnen längst aus dem Traume geholffen haben. Der Mahler wollte gern was
neues hören, und bat den Diener, er möchte ihm doch die sonderlichen Sachen
vertrauen, dieser wollte nicht mit heraus, endlich liess er sich überbitten, und
sagte, es sind drei grosse Narren in der Welt. Der Türmer oder der Haussmann
bläst den Tag ab, und er kömmt von sich selber. Der Stundenrüffer bläst in ein
kalt Loch, und er könnte wohl in ein warmes blasen. Hier liess er sein Messer
fallen, und stellte sich, als müste er es wieder auffheben und abputzen. Da
fragte der Mahler unterschiedene mahl, wer ist denn der Dritte? wer ist denn der
Dritte. Da fuhr der Diener heraus: Der ist der Dritte, der darnach fragt. Also
war der Mahler gefangen, und hatte keinen andern Trost, als dass er dachte, es
würde ihm wohl ein ander wieder kommen, den er betriegen könnte. Doch musste er
sich ziemlich ausslachen lassen. Der andere Diener hatte bisher stille
geschwiegen. Nun sagte er, sein voriger Herr habe diss Sprichwort an sich gehabt:
Ein jeglicher Mensch ist ein Narr, aber der wird ins gemein davor gehalten, der
es mercken läst. Ja sagte der Mahler, der es mercken läst, der ist gar ein
kleiner: aber der sich vor klug hält, der ist viel grösser, und wer an den
beiden seine Freude hat, der ist der allergröste. Der erste Diener sagte: Es kann
sein, dass alle Leute Narren sind, wie ich mich besinne, dass ein vornehmer Mann
gedachte, er hätte in seinem Kopffe sechs Stühle und im Bauche sieben Haasen,
wenn er einen Becher Wein trüncke, so stiege ein Haase hinauff und nehme einen
Stuhl ein. Wenn er aber den siebenden Becher getruncken hätte, und der Letzte
Haase keinen Sitz finden könnte, so wollte er die andern herunter werffen, biss
endlich so ein Rumor entstünde, dass er selbst nicht wüste, wo ihm der Kopff
stünde. Hier fragte einer den Mahler, wieviel er Haasen im Leibe hätte? es wäre
umb einen Ortsgülden zu tun, so nehme ein Wurmschneider die Müh auff sich, und
suchte nach. Sie lachten darüber, und nach vielfältigen Gespötte sagte ein
Diener: Sie möchten doch fragen lassen, wer der Klügste wäre, so könnte man die
Narren leicht dargegen halten. Der andere gab zur Antwort: Die Frage wäre leicht
auffzulösen, ist sie doch neulich an des Türckischen Käysers Hofe vorgegangen.
Der Mahler hatte seiner vorigen Vexirerei schon vergessen, und fragte inständig,
was neues vorgegangen wäre? Der Diener gab ihm diesen Bericht: Der Römische
Käyser sollte zu dem Türkischen Käyser etliche Abgesandten schicken, so begehrte
der Türcke, er sollte ihm die drei klügsten Leute aus seinem Lande schicken,
sonst sei er nicht willens einen anzunehmen. Hierauff fertigte der Römische
Käyser einen Münch, einen Soldaten und eine alte Frau ab. Denn er sagte: Der
Münch ist klug, ehe er am Freitage hunger litte und hätte keinen Fisch, ehe
wirfft er eine Bratwurst in das Wasser, und langte sie mit dem Fischhamen wieder
heraus. Der Soldate ist klug, ehe er ungesaltzen Fleisch isset, ehe saltzet er
mit Pulver und wirfft dem Feinde die Patron-Tasche ins Gesichte. Hier zog er
sein Schnuptuch heraus, und verstreute etwas Geld, das suchte er langsam wieder
zusammen. Unterdessen stund der Mahler in voller Curiosität, und fragte stets:
Ey wie war es denn mit der alten Frau. Endlich stellte sich der Diener gar
ungedultig, und sagte: Die solstu sonst wo lecken, dass sie wieder jung wird,
damit war der Haase wieder gefangen, nach dem Sprichwort, die Haasen sind
nirgend lieber, als wo sie gehetzet worden. Hierauff ging Gelanor zur Mahlzeit,
und fragte den Mahler, was er vor vertrauliche discurse mit dem Diener geführet.
Dieser dachte er wollte einen von der Compagnie fangen, und erzehlte seine
Klugheit von seinen drei Narren, nämlich von dem Türmer und von dem
Stundenrüffer, als er aber lauschte, ob niemand fragen wollte, sagte Eurylas: Und
ich höre die Mahler sind die Dritten, die mahlen die Narren in papiernen
Krausen, und könten mit eben den Unkosten Daffente mahlen. Damit sass der Mahler
wieder, also dass ihn Gelanor ermahnte, er wäre nun so weit gereisst, er sollte
doch klüger werden. Sonst gienge es ihm wie jenem Schweitzer, der fünf und
zwantzig Jahr zu Paris gedienet, und doch nicht Frantzösisch reden gelernet
hatte. Und als er gefraget worden, warumb er so nachlässig gewesen, hatte er
geantwortet: was könnte man in so kurtzer Zeit lernen; Doch hätte es noch sollen
ein halb Jahr währen, so hätte er die Sprache wollen weg haben. Eurylas sagte
hierauff: Ach last ihn gehn, er ist klug genug, aber er schont die Klugheit, dass
er sie spanfunckelneu mit nach Hause bringen kann. Florindo sagte: Was soll er
sie schonen, schont er doch sein Geld nicht. Es ist ihm gangen wie jenem
kleinstädtischen Bürgemeister, dem begegneten etliche im harten Winter, und
sagten: Eure Weissheit ist treflich erfroren. Der Bürgemeister dachte, das wäre
sein Ehren-Titul, und gab zur Antwort: Ach ja, ich bin trefflich erfroren. Der
Mahler konnte nicht länger zuhören, und ging zur Tür hinaus. Da sagte der
Wirt, Ihr Herren, morgen ist der erste April, der Mensch sollte sich der
Jahr-Zeit zu Ehren brauchen lassen. Florindo stimmte bald mit ein, und bot sich
an, er wollte ihn mit einem Korb voll Steine wohin schicken, doch Gelanor verwies
ihm solches. Denn, sagte er, das April-schicken ist darumb erdacht worden, dass
man hat vorwitzige Leute wollen klug machen. So missbrauchen es etliche Narren,
die geben ihren Knechten und Mägden wunderliche commissiones auff, die sie nicht
freiwillig, sondern gezwungen verrichten müssen, der Kerl ist leichtgläubig
gnung darzu, er wird bald ins Netz gehen. Man schwatze ihm nur was curieuses
vor, ehe er davon bliebe, ehe lieffe er auff den Sturtzeln fort, wenn er keine
Beine hätte. Hierauff gerieten sie auff unterschiedene April-Possen. Eurylas
referirte dieses: An einem bekandten Orte war ein Kauffman, der hielt fleissige
Correspondentz, und so bald er eine Zeitung im Briefe gesehn, lieff er nach
Hofe, und wusste sich viel damit. Am ersten April bekam er ein Schreiben; Umb
Wittenberg stellten sich die Qvacker häuffig ein, und wäre allbereit der Oberste
Knepner wider sie aus commandiret worden. Der lass die erschreckliche novelle
nicht bedachtsam, sondern eilte brühheiss damit nach Hofe. Da merckten die
Hoffleute, dass unter den Quackern die Frösche verstanden würden, weil der
Klapperstorch an etlichen Orten Knepner hiesse, und musste sich der gute
unzeitige Quacker wohl damit leiden. Gelanor erzehlte folgendes: Als ich zu
Leiden in Holland studierte, beratschlagten unser etliche, wie wir einem
stoltzen auffgeblasenen Kerl in unserer Compagnie möchten die Brille auffsetzen.
Nun hatten wir geheime Nachricht, dass sein Vater, der bei einem Fürsten Ammtmann
war, sollte abgesetzet werden. Drumb kleideten wir einen unbekandten Mann vor
einen Boten aus, der musste die Zeitung bringen, sein Vater wäre Hoff-Rat und
über etliche Aempter Hauptmann worden. Auff diese Zeitung ward der gute Mensch
so courage, dass er denselben Tag einen Schmauss spendirte, der ihn über sechzig
Taler zu stehen kam. Aber in wenig Tagen kriegte er sein miserere hinten nach,
dass er das krauen im Nacken davon bekam. Der Wirt sagte: Ihr Herren, mir fällt
ein possierlicher Handel ein. Es sind jetzt gleich sechs Jahr, da hatte ich
unterschiedene Gäste, denen erzehlte ich, wie damahls vor etlichen Jahren ein
Reuter von der Brücke in das Wasser gefallen. Solches hörte ein Junger
Aussfliegling, und meinte nicht anders, als wäre es diesen Tag geschehen, lieff
derowegen Spornstreichs nach dem Wasser zu, und fragte, wo der Kerl wäre, den
man unter der Brücke gefunden hätte. Die Fischer hörten es bald, dass der junge
Geelschnabel wollte vexiret sein, und schickten ihn fast eine halbe Meile den
Strohm hinauff. Als die andern fort wollen, wissen sie nicht, wo ihr Compagni
önichen hinkommen, schicken auff allen Strassen nach ihm aus. Endlich kam er
wieder und brauste vor Lauffen, als ein Hamster. Die andern scholten auff ihn
los: Doch kam er vor zu mir, und klagte, er hätte den ersoffenen Kerl nicht
finden können. Und da kann ich nicht beschreiben, was vor ein Gelächter bei den
andern entstund, dass sich dieser wunderliche Mensch selbst zum April geschickt
hatte. Andere erzehlten etwas anders. Den folgenden Tag, als sie zur Mahlzeit
kamen, war der Mahler nicht da. Sie fragten nach ihme, doch es wollte ihn niemand
in viel Stunden gesehen haben. Zuletzt sagte der Wirt, das ist ein lustiger
April, darüber man das Essen versäumt. Erzehlte hierauff, er hätte ihn früh
sehen im Hause stehen, da habe er der Wirt gleich iemand bei sich gehabt, zu
dem er gesagt Sieht der Herr heute den Fürstlichen Einzug? Er wird sehr prächtig
werden. Nun hielte er davor, er würde auff den Einzug warten, dass er ihn in
Lebens-Grösse auff einen Teller abmahlen könne. Und hierinn hatte der Wirt
nicht gefehlt, denn der Mahler hatte sich von einem Tore lassen zum andern
schicken, biss er von einem ehrlichen Manne vernommen, was vor einem Heiligen zu
Ehren dieser Einzug geschehen solle. Da schliech er nach Hause, und stellte sich
ganz truncken, als wenn er an einem andern Orte so sehr gesoffen hätte. Doch
die Sache war verraten, und musste der arme Schächer wohl herhalten. Aber es
schien als wär er in einem unglücklichen Monden, denn als sie in etlichen Tagen
anderswohin reiseten, war in der Stube hinter dem Ofen ein Knecht mit der Magd
angemahlt, die hatten alle beide Narren-Schellen, und stund darüber geschrieben:
Unser sind drei. Der gute Mahler, der allentalben nach raren Inventionen
trachtete, tratt davor, und spintesirte lang darüber, wo denn der dritte wär.
Endlich gab ihm Eurylas den Bericht, der dritte ist der Narr, der sich neulich
liess zum April schicken, damit war er wieder klüger.
 
                                  CAP. XLVIII.
Ich sehe wohl, sagte Gelanor, das Reisen hilfft nicht wider die Torheit. Es mag
einer in Franckreich und Italien gewesen sein, so heist es doch mit ihm: fleucht
eine Ganss hinüber, kömmt eine Ganss wieder herüber. Ich dachte unser Mahler würde
ins künftige zu etwas höhers gebraucht werden. Allein es wird ihm gehen wie
ienen Manne, zu dem sagte die Frau: Mann, wenn ihr so ein Narr seid, so werdet
ihr kein Ratsherr. Im übrigen gebrauchten sie sich allerhand Ergötzligkeit,
welche die schöne Frühlings-Zeit mit sich brachte, und indem sie der Narren
inquisition müde waren, hatten sie grössere Lust mit klugen Leuten zu conversi
ren.
    Endlich kam Sigmund wieder und brachte folgende resolution mit, welche
alsobald in der Compagnie deutlich verlesen ward.
        Grossgünstige, etc.
    Derselben freundliches Schreiben ist uns durch Mons. Sigmund wohl übergeben
worden. Ersehen daraus, welcher Gestalt einiger Zweiffel in einer
Philosophischen Frage entstanden, dessen Erörterung sie uns wollen günstig
anheim gestellet haben. Ob wir nun wohl nicht zweiffeln, es würden dieselben
ihrer beiwohnenden Geschickligkeit nach, solches vor sich selbst am besten
beilegen können: Dennoch weil ihnen beliebet hat, dergleichen Müh uns
auffzutragen: Als haben wir so wohl aus Erforderung unsers Ammtes, als
vornehmlich aus sonderbahrer Begierde demselben auffwärtig zu erscheinen,
folgende Sätze kürtzlich zusammen bringen, und dadurch dero abgelassene Frage,
wo nicht gäntzlich abtun, doch zum wenigsten erklären sollen. Befehlen uns
hiermit in deroselben günstiges Urteil, und verbleiben der Hochlöblichen
Compagnie
                        Dienstwillige
                                                                            N.N.
                                   Erörterung
                                   Der Frage
                          Welcher der gröste Narr sei?
                                       I.
Die Torheit ist nichts anders, als ein Mangel der Klugheit. Darumb wer die
Klugheit erkennet, kann aus dem Wiederspiel leicht abnehmen, was ein Narr sei.
    II. Es bestehet aber die Klugheit vornehmlich in Erwehlung des Guten und
vermeidung des Bösen, also dass der jenige vor den Klügsten gehalten wird, der
sich am besten vor der instehenden Gefahr hüten, und seinen Nutzen in allen
Stücken befördern kann.
    III. Und hierauss folget, dass derjenige ein Narr sei, der entweder das Böse
dem Guten vorsetzt, oder doch die Sachen, welche an sich selbst gut genug sind,
nicht recht unterscheiden kann.
    IV. Zwar die Natur hat einen jedweden so klug gemacht, dass niemand mit
Wissen und Willen etwas verlangen oder erwählen wird, welches er vor Böss hielte.
Dannenhero wenn Leute gefunden werden, die sich selbst den Tod antun, geschicht
solches, weil sie den Tod vor gut und angenehm halten, als dadurch sie ihrer
Gefahr und anderer Widerwärtigkeit entsetzet würden.
    V. Unterdessen ist diss zu beklagen, dass etliche Sachen zwar recht und in der
Warheit gut befunden werden: Etliche aber an ihm selbst grundböse sind, und aber
einen äusserlichen Schein des Guten bei sich führen. Wie ein überzuckerter
Gift, so lang er in dem Munde und in der Kehle ist, sehr süsse schmeckt, und
einen sonderlichen Schein des guten hat: doch endlich im Bauche sich also
verhält, dass man die böse Natur mehr als zu viel erkennen muss.
    VI. Derhalben ist diss der endliche Unterscheid zwischen klugen und
törichten Leuten. Ein Kluger erwehlet das Gute, welches in der Tat und in der
Warheit gut ist. Ein Narr lässet sich den äusserlichen Schein betören, dass er,
wie des Esopi Hund, das warhaftige Stück Fleisch aus dem Munde fallen läst, und
nach dem Schatten schnappt.
    VII. Solche närrische Leute aber werden in dreierlei Sorten abgeteilet.
Etliche ziehen das Böse dem Guten für, aus Einfalt und Unwissenheit. Wie ein
Kind sich den schönen Glantz des Feuers betriegen läst, dass es hinein greifft
und sich die Finger verbrennt. Oder wie ein unerfahrner Knabe sich durch den
Schein der Freundschaft in Gefahr verleiten läst. Denn solche Leute wissen es
nicht besser, und weil sie durch die Erfahrung nicht geübt sind, können sie es
nicht besser wissen.
    VIII. Die andere Sorte begeht die Torheit aus geschwinden und übereileten
Affecten. Wie ein zorniger Mensch aus unbedachtsamer Begierde zur Rache, darin
er sich einige Süssigkeit einbildet, den andern beleidiget: welches er nicht
täte, wann er dem Verstande Raum liesse, und bedächte, was er selbst vor
Straffe und Unglück darauff zu gewarten hätte.
    IX. Die letzte Sorte erkennet das Gute und das Böse gar wohl, doch fält es
wissentlich in die Torheit, dass ein kleines und scheinbares Gut, das
gegenwärtig ist, trotz allen künftigen und bevorstehenden Straffen und
Belohnungen, dem warhaftigen und wesentlichen Gute vorgezogen wird. Und da
entschuldigt keine angemassete Unwissenheit. Sondern alle Torheit wird
wissentlich begangen, da man es hätte sollen und können besser wissen.
    X. Denn gleich wie ein Koch, der Schlangen vor Aal speiset, sich mit der
Unwissenheit nicht entschuldigen kann. Weil er als ein Koch krafft seiner
Profession diss hat wissen sollen: Also hilfft es nicht, wenn einer sprechen
wollte, ich habe es nicht gewust, dass im Kriege so böse Leben ist, sonst wäre ich
nit hinein gezogen, denn er hätte es können wissen, hätte er nur den
Vermahnungen statt gegeben. Ja er hätte es sollen wissen, weil ihm die Vernunft
leicht eingegeben, dass, wo Rauben, Brennen, Todschlagen ein tägliches Handwerck
ist, kein gutes Leben erfolgen könne. Und dass man nicht allein von dar hin
schiest, sondern auch von dort wieder her schiest.
    XI. Mit der ersten Gattung hat man billig Mitleiden. Die andere wird
etlicher Massen, doch nicht allerdings, entschuldiget. Die dritte steht
gleichsam auf der höchsten Spitze der Torheit, und wer den grösten Narren
finden will, der muss ihn hier suchen.
    XII. Nun sind in dieser letzten Classe die Narren auch unterschiedlich, nach
dem die Güter sind, welche man in die Schantze zu schlagen, und andern
nichtswürdigen Diengen nachzusetzen pfleget.
    XIII. Das höchste Gut ist ohne Zweiffel GOTT, oder weil sich GOTT dadurch
will geniessen lassen, hier der Glaube, dort die Seligkeit; Denn weil GOtt alles
schöne Frauen-Zimmer, alle helle Sterne, Gold und Silber, alle niedliche
Speisen, alle annehmliche Music, in Summa was hier schön und erfreulich ist,
geschaffen hat: So muss freilich folgen, dass der Ursprung solcher Treffligkeiten
viel schöner und annehmlicher sein muss.
    XIV. Nach diesem Gute folgen die zeitlichen Gaben, welche uns GOtt, dem
mühseligen Leben zu Trost überlassen hat. Und da sind zwei Sachen, welche
einander gleiche Wage halten. Auf einer Seite Leib, Leben und Gesundheit; Auf
der andern Ehre, Ruhm und redlicher Namen.
    XV. Zuletzt kommen die anderen Ergötzligkeiten, als Geld, Freunde, Lust, und
dergleichen.
    XVI. Nun ist zwar dieser ein rechtschaffener Narr, der seine Lust in dem
Spielen sucht, und dadurch viel Geld verlieret, oder der eine Heimligkeit
verrät, und seines Freundes dadurch verlustig wird: Oder der umb Essen und
Trincken willen sich umb seine Freiheit und gleichsam in Frembde Dienstbarkeit
bringt. Doch weil man bei diesen allen gesund, ehrlich, und Gottesfürchtig
bleiben kann, so ist hierdurch die höchste Narrheit noch nicht erfüllet.
    XVII. Diese sind ohne Zweifel ärger, welche zum Exempel den Wein nicht
lassen, ungeacht sie das Podagra, trieffende Augen und andere Ungelegenheit
davon haben, oder welche aus Geitz Hunger leiden, und schwindsüchtig darüber
werden, oder welche eiteler revenge wegen sich in Leib- und Lebens-Gefahr
setzen, und was vor Leute mehr sind, die auf ihre Gesundheit hinein stürmen, als
hätten sie das Gedienge, dass ihnen nichts schaden sollte.
    XVIII. Eben so verhalten sich die Andern, welche ihre Ehre und Redligkeit
entweder an den Nagel hencken oder unter die Banck stellen. Etliche fragen
nichts nach Ehr und Respect, wie die jungen Leute, welche Müssiggangs halben
unwissend und ungeschickt verbleiben. Etliche rennen gar in den bürgerlichen Tod
hinein, und stehlen, lügen, huren und buben so lang, biss sie dem Hencker in die
Fäuste geraten, oder mit dem Schelmen zum Tor hinaus lauffen.
    XIX. Ob nun wohl solche Leute, welche die heilige Schrifft selbst Narren
heisset, im Grunde Gottes Verächter sind: dennoch sind noch die letzten
dahinden, welche auf eine Wag-Schaale die ewige Seligkeit, auf die andere
zeitliche Ehre, Reichtum und andere Eitelkeiten legen. Und ob sie gleich den
Aussschlag auf Seiten der Seligkeit sehen, gleichwohl sich mit den Hertzen so
fest an die Eitelkeit anhencken, biss der Himmel von der Erde überwogen wird.
    XX. Nun ist leicht die Rechnung zu machen, wer der gröste Narr sei: Nemlich
derselbe, der umb zeitliches Kotes willen den Himmel verschertzt. Nechst
diesem, der umb lüderlicher Ursachen willen entweder die Gesundheit und das
Leben, oder Ehre und guten Namen in Gefahr setzet.
 
                                   CAP. XLIX.
Sie waren sämptlich über diesem Bericht gar wohl vergnüget, und erfreuten sich,
dass sie eine rechte Elle gefunden, damit sie alle ihre Narren nach der Länge und
nach der Breite messen könten. Machten derowegen eifrige Anstallt mit ehester
Gelegenheit nach Hause zu kommen, da sie denn alles in gutem Zustand antraffen,
und die leeren Felder in dem Anfangs erwähnten Saale also aussputzen liessen.
Oben über ward mit grossen Buchstaben geschrieben:
                                    DIOGENES
                                 AMOVE LATERNAM
                         HOMINES HIC SUNT NON HOMINES.
    Das mittelste Feld war etwas höher, da stund ein Mensch, der umbfieng eine
Jungfrau, welche von hinten zu lauter Feuerflammen aussspie, mit der
Uberschrifft:
                                     STULTE
                                DUM MUNDUM COLIS
                             INFERNUM AMPLECTERIS.
    Auf einem Seiten-Felde war ein Mensch, der küste eine Jungfrau, welche vorn
lieblich bekleidet, hinten als ein Todengerippe war, mit beigefügten Worten:
                                     STULTE
                             DUM VANITATES DEPERIS
                              MORTEM AMPLECTERIS.
    Auf dem andern Seiten-Felde stund ein Mensch, der liebte eine Jungfrau,
welche hinten als eine Bettelmagd ausssah, mit der Uberschrifft:
                                     STULTE
                            DUM DULCEDINEM SECTARIS,
                             INFAMIAM AMPLECTERIS.
    Unten stund eine kleine Taffel, darauf diese Worte zu lesen waren:
                                     FELIX
                            QVIA STULTORUM PERICULIS
                                 CAUTIOR FACTUS
                             INEPTORUM MAGISTRORUM
                                PRUDENS DISCEDIT
                                  DISCIPULUS.
                               APERTA EST SCHOLA
                             STULTORUM OMNIA PLENA.
 
                                    CAP. L.
Hierauff nahm Florindo die völlige Besitzung seiner Herrschaft ein, belohnte
alle Gefährten nach Verdienst, und bat vornehmlich seinen wohlverdienten
Gelanor, er möchte ins künftige ihm allezeit mit erspriesslichem Rat behülflich
sein. Eurylas tratt wieder in sein Verwalter-Ampt. Sigmund sollte so lange auf
promotion warten, biss die aussländischen Narren wären beschrieben worden. Der
Mahler blieb zu Hofe, und mahlte Narren, und war selbst ein Narr. Niemand aber
war vergnügter, als Florindo, dass er nunmehr in den Armen seiner angenehmsten
Sylvie sich entschuldigen könnte, warumb er so lang aussen blieben. Wer
dergleichen Süssigkeit empfunden hat, wird desto eher des Florindo
Glückseligkeit erraten, die andern mögen zusehen, dass sie nicht zu Narren
werden, ehe sie darzukommen, wir beschliessen mit dem nachdenklichen Spruche:
    Wenn ein Narr aussgelacht wird, und sich darüber erzürnt, so ist er ein
                gedoppelter, und das ist das Lied vom
                                     ENDE.
 
    