
        
                   Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
                                 Trutz Simplex:
                                      Oder
              Ausführliche und wunderseltsame Lebensbeschreibung,
                      Der Erzbetrügerin und Landstörzerin
                                   Courasche
    Wie sie anfangs eine Rittmeisterin, hernach eine Hauptmännin, ferner eine
    Leutenantin, bald eine Marketenterin, Musketiererin, und letztlich eine
                             Zigeunerin angegeben;
                Meisterlich agieret, und ausbündig vorgestellt:
                     Ebenso lustig, annehmlich und nutzlich
                   zu betrachten, als Simplicissimus selbst.
                               Alles miteinander
                 Von der Courasche eigner Person, dem weit und
                 breit bekannten Simplicissimo zum Verdruss und
                 Widerwillen, dem Autori in die Feder diktiert,
                          der sich vor diesmal nennet
                               PHILARCHUS GROSSUS
                     von Trommenheim, auf Griffsberg, etc.
 
                             Erklärung des Kupfers:
                                    Oder die
                    Den geneigten Leser anredende Courasche.
Ob ich der Torheit Kram hier gleich herunterstreue,
So wirf ichs drum nicht weg, umb dass es mich gereue,
Dass ich ihn hiebevor geliebt und gebraucht,
Sondern dieweil er jetzt zu meinem Stand nichts taugt.
Haarpuder brauch ich nicht, noch Schmink, noch Haar zu kräusen;
Mein ganzer Anstrich ist nur Salbe zu den Läusen,
Tracht sonsten nur nach Gelt und mach mir das zunutz,
Und was ich möge tun, dem Simplici zu Trutz.
 
                  Kurzer, doch ausführlicher Inhalt und Auszug
  Der merkwürdigsten Sachen eines jeden Kapitels dieser lust- und lehrreichen
       Lebensbeschreibung der Erzlandstörzerin und Zigeunerin Courasche.
                                Das I. Kapitel.
Gründlicher und notwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen und aus was
    dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin Landstörzerin und Zigeunerin
    Courasche ihren wundernswürdigen und recht seltsamen Lebenslauf erzählet und
    der ganzen Welt vor die Augen stellet.
                                Das II. Kapitel.
Jungfrau Lebuschka (hernachmals genannte Courasche) kommt in den Krieg und
    nennet sich Janco, muss in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener
    abgeben; dabei wird vermeldet, wie sie sich verhalten und was sich
    Verwunderliches ferner mit ihr zugetragen.
                               Das III. Kapitel.
Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister
    umb den Namen Courasche.
                                Das IV. Kapitel.
Courasche wird darumb eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf
    wieder zu einer Witwe werden musste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine
    Weile ledigerweise getrieben hatte.
                                Das V. Kapitel.
Was die Rittmeisterin Courasche in ihrem Witwenstand vor ein ehrbares und
    züchtiges, wie auch verruchtes gottloses Leben geführet, wie sie einem
    Grafen zu Willen wird, einen Ambassador um seine Pistolen bringt und sich
    andern mehr, um reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.
                                Das VI. Kapitel.
Courasche kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und freiete einen
    Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.
                               Das VII. Kapitel.
Courasche schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine
    Leutenantin, triffts aber nicht so wohl als vorhero, schlägt sich mit ihrem
    Leutenant umb die Hosen mit Prügeln und gewinnet solche durch ihre tapfere
    Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie sitzen
    lässt.
                               Das VIII. Kapitel.
Courasche hält sich in einer Okkasion trefflich frisch, haut einem Soldaten den
    Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, dass ihr Leutenant als ein
    meineidiger Überlaufer gefangen und gehenket worden.
                                Das IX. Kapitel.
Courasche quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will und sie
    fast von jedermann vor einen Spott gehalten wird.
                                Das X. Kapitel.
Courasche erfähret nach langem Verlangen, Wünschen und Begehren, wer ihre Eltern
    gewesen, und freiet darauf wiederumb einen Hauptmann.
                                Das XI. Kapitel.
Die neue Hauptmännin Courasche ziehet wieder in den Krieg und bekam einen
    Rittmeister, Quartiermeister und gemeinen Reuter durch ihre heldenmässige
    Tapferkeit in einem blutigen Gefecht gefangen; verleurt darauf ihren Mann
    und wird eine unglückselige Witwe.
                               Das XII. Kapitel.
Der Courasche wird ihre treffliche Courage auch wieder trefflich von dem
    ehedessen von ihr gefangnen Major eingetränkt, wird jedermanns Hur, darauf
    nackend ausgezogen und muss eine gar schändliche Arbeit verrichten. Wird aber
    endlich von einem Rittmeister, den sie auch vorhero gefangen bekommen,
    erbetten, dass ihr nicht etwas Ärgers widerfuhr, und darauf auf ein Schloss
    geführt.
                               Das XIII. Kapitel.
Courasche wird als ein gräfliches Fräulein auf einem Schloss gehalten, von dem
    Rittmeister gar oft besucht und trefflich bedienet, aber endlich auf
    Erfahrung der Eltern des liebhabenden Rittmeisters durch zween Diener gar
    listig aus dem Schloss nacher Hamburg gebracht und daselbst elendiglich
    verlassen.
                               Das XIV. Kapitel.
Courasche wirft ihre Liebe auf einen jungen Reuter, der einen Korporal, so ihme
    Hörner aufsetzen wollte, also zeichnete, dass er des Aufstehens vergass.
    Darauf wird ihr Liebster harkebusiert, die Courasche aber mit
    Steckenknechten vom Regiment geschicket, die zweien Reutern, so Gewalt an
    sie legen wollten, ziemlich übel mitfuhre, da ihr ein Musketierer zu Hülfe
    kame.
                                Das XV. Kapitel.
Courasche hält sich bei einem Markedenter auf; ein Musketierer verliebt sich
    trefflich in sie, dem sie etliche gewisse Conditiones vorschreibet, wie sie
    den Ehestand ledigerweise mit ihme treiben möchte. Wird auch darauf eine
    Marketenterin.
                               Das XVI. Kapitel.
Courasche nennet ihren Courtisan, den Musketierer, mit dem Namen Springinsfeld;
    dem ein Fähnderich auf der Courasche Anstalt gar listig ein Paar grosser
    Hörner aufsetzet, darzu der Courasche vermeinte Mutter treulich hilft; kurz,
    sie ziehet ihn trefflich bei der Nasen herumb und schicket sich stattlich in
    den Handel.
                               Das XVII. Kapitel.
Der Courasche widerfährt ein lächerlicher Posse, den ihr eine Kürschnerin auf
    Anstiften einer italianischen Putanin erwiesen, als sie eben bei einem
    vornehmen Herren beim Nachtimbiss war; sie bezahlet aber sowohl die Putanen
    als die Kürschnerin wieder redlich und ausbündig, macht auch einem Apoteker
    ein wunderliches Stückchen.
                              Das XVIII. Kapitel.
Die gewissenlose Courasche erkauft von einem Musketierer einen Spiritus
    Familiarem, empfindet darbei grosses Glück, und geht ihr alles nach Wunsch
    und Willen vonstatten.
                               Das XIX. Kapitel.
Courasche richtet ihren Springinsfeld zu allerlei Schelmenstücklein trefflich
    ab, der sich bei einer vornehmen Dame vor einen Schatzgräber ausgibt, in den
    Keller gelassen wird, darauf etliche kostbare Kleinodien listig
    erpraktiziert und bei Nacht von Courasche aus dem Keller gezogen wird.
                                Das XX. Kapitel.
Courasche nebenst ihrem Springinsfeld bestiehlt zween Mailänder auf unerhörte
    Weise, indeme sie dem einen, der sehen wollte, was in ihrer Hütten vor ein
    Gepolter war und den Kopf zum Guckloch aussteckte, mit scharfem Essig in die
    Augen sprützte, dem andern aber den Weg mit scharfen Dornen verlegte.
                               Das XXI. Kapitel.
Courasche wird von ihrem Springinsfeld im Schlaf mit Ohrfeigen angepacket und
    übel zugerichtet, der aber, nachdem er erwachet, sie demütig umb Gnade und
    Verzeihung bittet, welches doch nichts helfen will.
                               Das XXII. Kapitel.
Courasche wird von ihrem Springinsfeld im Schlaf aus dem Bett nur im Hembd gegen
    des Obristen Wachtfeuer zugetragen, darüber sie erwacht und jämmerlich zu
    schreien beginnet, dass alle Offizierer zulaufen und des Possens lachen; sie
    schaffet ihn darauf von sich und gibt ihm das beste Pferd, nebenst 100
    Dukaten und dem Spiritu Familiari.
                              Das XXIII. Kapitel.
Courasche heuratet wiederumb einen Hauptmann, wird aber dessen, ehe er kaum bei
    ihr erwarmet, wieder beraubet. Lässet sich darauf auf ihres ersten
    Hauptmanns Güter in Schwabenland nieder und treibt ihr Huren-Handwerk wie
    zuvor, doch gar vorsichtig mit den eingequartierten Soldaten.
                               Das XXIV. Kapitel.
Courasche bekommt eine unflätige Krankheit, reiset darauf in den Sauerbronnen
    und macht mit Simplicio Kundschaft; als er sie betreugt, betreugt sie ihn
    redlich wieder und lässt ihm ihrer Magd neugebornes Kind vor seine Tür legen
    nebenst schriftlichem Bericht, als ob es Courasche mit ihm erzeugt hätte.
                               Das XXV. Kapitel.
Courasche treibet mit einem alten Susannen-Mann in ihrem Garten ungebührliche
    Händel, als eben zween Musketierer auf einem Baum Birnen mauseten und der
    eine aus Unvorsichtigkeit die geraubten Birnen alle fallen liess. Darüber die
    Courasche, mit ihrem alten Liebhaber vertrieben, endlich offenbaret und der
    Stadt verwiesen wird.
                               Das XXVI. Kapitel.
Courasche wird eine Musketiererin, schachert darbei mit Tabak und Branntewein.
    Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen toden Soldaten antrifft,
    den er ausziehet, und weil die Hosen nicht herunterwollten, ihm die Schenkel
    abhaut, alles zusammenpacket und bei einem Bauern einkehret, die Schenkel zu
    Nachts hinterlässet und Reissaus nimmt; darauf sich ein recht lächerlicher
    Poss zuträgt.
                              Das XXVII. Kapitel.
Nachdem der Courasche Mann in einem Treffen geblieben und Courasche selbst auf
    ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter welchen
    der Leutenant sie zum Weib nimmt, sie sagt einem verliebten Fräulein wahr,
    entwendet ihr darüber alle Kleinodien, behält sie aber nicht lang, sondern
    muss solche, wohlabgeprügelt, wieder zustellen.
                              Das XXVIII. Kapitel.
Courasche kommt mit ihrer Kompagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten
    wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todzuschiessen; ihr Mann
    stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jedermann im Dorf
    hinauslief, diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles
    Gebratens und Gebackens und machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und
    listig darvon.
 
                                Das I. Kapitel.
 Gründlicher und notwendiger Vorbericht, weme zu Liebe und Gefallen und aus was
    dringenden Ursachen die alte Erzbetrügerin, Landstörzerin und Zigeunerin
Courasche ihren wundernswürdigen und recht seltsamen Lebenslauf erzählet und der
                       ganzen Welt vor die Augen stellet.
Ja! (werdet ihr sagen, ihr Herren!) wer sollte wohl gemeint haben, dass sich die
alte Schell einmal unterstehen würde, dem künftigen Zorn Gottes zu entrinnen?
    Aber was wollt darvor sein? sie muss wohl! dann das Gumpen ihrer Jugend hat
sich geendigt! Ihr Mutwill und Vorwitz hat sich gelegt, ihr beschwertes und
geängstigtes Gewissen ist aufgewacht, und das verdrossene Alter hat sich bei ihr
eingestellt, welches ihre vorige überhäufte Torheiten länger zu treiben sich
schämet und die begangene Stück länger im Herzen verschlossen zu tragen ein Ekel
und Abscheu hat. Das alte Rabenaas fähet einmal an zu sehen und zu fühlen, dass
der gewisse Tod nächstens bei ihr anklopfen werde, ihr den letzten Abdruck
abzunötigen, vermittelst dessen sie unumbgänglich in ein andere Welt verreisen
und von allem ihrem hiesigen Tun und Lassen genaue Rechenschaft geben muss;
darumb beginnet sie im Angesicht der ganzen Welt ihren alten Esel von
überhäufter Last seiner Beschwerden zu entladen, ob, sie vielleicht sich umb so
viel erleichtern möchte, dass sie Hoffnung schöpfen könnte, noch endlich die
himmlische Barmherzigkeit zu erlangen!
    Ja, ihr liebe Herren! das werdet ihr sagen; andere aber wenden gedenken,
sollte sich die Courasche wohl einbilden dürfen, ihre alte zusammengerumpelte
Haut, die sie in der Jugend mit französischer Grindsalb, folgends mit allerhand
italian- und spanischer Schminke und endlich mit ägyptischer Läussalben und
vielem Gänsschmalz geschmieret, beim Feuer schwarz geräuchert und so oft eine
andere Farbe anzunehmen gezwungen, wiederumb weiss zu machen? Sollte sie wohl
vermeinen, sie werde die eingewurzelte Runzeln ihrer lasterhaften Stirn
austilgen und sie wiederumb in den glatten Stand ihrer ersten Unschuld bringen,
wann sie dergestalt ihre Bubenstück und begangne Laster berichtsweis daher
erzählet, von ihrem Herzen zu raumen? Sollte wohl diese alte Vettel jetzt, da
sie alle beide Füsse bereits im Grab hat, wann sie anders würdig ist, eines Grabs
teilhaftig zu werden, diese Alte (werdet ihr sagen), die sich ihr Lebtag in
allerhand Schand und Lastern umbgewälzt und mit mehrern Missetaten als Jahren,
mit mehrern Hurenstücken als Monaten, mit mehrern Diebsgriffen als Wochen, mit
mehrern Todsünden als Tagen und mit mehrern gemeinen Sünden als Stunden beladen;
die, deren, so alt sie auch ist, noch niemal keine Bekehrung in Sinn kommen,
sich unterstehen, mit Gott zu versöhnen? Vermeinet sie wohl, anjetzo noch
zurechtzukommen, da sie allbereit in ihrem Gewissen ansähet, mehr höllische Pein
und Marter auszustehen, als sie ihre Tage Wollüste genossen und empfunden? Ja!
wann diese unnütze, abgelebte Last der Erden neben solchen Wollüsten sich nicht
auch in andern allerhand Erzlastern herumbgewälzt, ja gar in der Bosheit
allertiefsten Abgrund begeben und versenkt hätte, so möchte sie noch wohl ein
wenig Hoffnung zu fassen die Gnad haben können.
    Ja, ihr Herren! das werdet ihr sagen, das werdet ihr gedenken, und also
werdet ihr euch über mich verwundern, wann euch die Zeitung von dieser meiner
Haupt- oder Generalbeicht zu Ohren kommt; und wann ich solches erfahre, so werde
ich meines Alters vergessen und mich entweder wieder jung oder gar zu Stücken
lachen!
    Warumb das, Courasche? warumb wirst du also lachen?
    Darumb, dass ihr vermeint, ein altes Weib, die des Lebens so lange Zeit wohl
gewohnet und die ihr einbildet, die Seele sei ihr gleichsam angewachsen,
gedenke an das Sterben; eine solche, wie ihr wisset, dass ich bin und mein Lebtag
gewesen, gedenke an die Bekehrung, und diejenige, so ihren ganzen Lebenslauf,
wie mir die Pfaffen zusprechen, der Höllen zugerichtet, gedenke nun erst an den
Himmel. Ich bekenne unverhohlen, dass ich mich auf solche Hinreis, wie mich die
Pfaffen überreden wollen, nicht rüsten, noch deme, was mich ihrem Vorgeben nach
verhindert, völlig zu resigniern entschliessen können; als worzu ich ein Stück
zuwenig, hingegen aber etlicher, vornehmblich aber zweier zuviel habe. Das, so
mir manglet, ist die Reu und, was mir manglen sollte, ist der Geiz und der Neid.
Wann ich aber meinen Klumpen Gold, den ich mit Gefahr Leib und Lebens, ja, wie
mir gesagt wird, mit Verlust der Seligkeit zusammengeraspelt, so sehr hasste, als
ich meinen Nebenmenschen neide, und meinen Nebenmenschen so hoch liebte als mein
Geld, so möchte vielleicht die himmlische Gabe der Reue auch folgen; ich weiss
die Art der unterschiedlichen Alter eines jeden Weibsbilds und, bestättige mit
meinem Exempel, dass alte Hund schwerlich bändig zu machen. Die Cholera hat sich
mit den Jahren bei mir vermehrt, und ich kann die Galt nicht herausnehmen,
solche, wie der Metzger einen Säumagen, umbzukehren und auszubuhen; wie wollte
ich dann dem Zorn widerstehen mögen? Wer will mir die überhäufte Phlegmam
evacuiern und mich also von der Trägheit kurieren? Wer benimmt mir die
melancholische Feuchtigkeit und mit derselbigen die Neigung zum Neid? Wer wird
mich überreden können, die Dukaten zu hassen, da ich doch aus langer Erfahrung
weiss, dass sie aus Nöten erretten und der einige Trost meines Alters sein können?
Damal, damal, ihr Herrn Geistliche! wars Zeit, mich auf denjenigen Weg zu
weisen, den ich euerm Rat nach jetzt erst antretten soll, als ich noch in der
Blüt meiner Jugend und in dem Stand meiner Unschuld lebte; dann ob ich gleich
damals die gefährliche Zeit der kützelhaften Anfechtung angieng, so wäre mir
doch leichter gewesen, dem sanguinischen Antrieb, als jetzunder der übrigen
dreien ärgsten Feuchtigkeiten gewaltsamen Anlauf zugleich zu widerstehen. Darumb
geht hin zu solcher Jugend, deren Herzen noch nicht, wie der Courasche, mit
andern Bildnissen befleckt, und lehret, ermahnet, bittet, ja beschwöret sie, dass
sie es aus Unbesonnenheit nimmermehr so weit soll kommen lassen, als die arme
Courasche getan.
    Aber höre, Courasche, wann du noch nicht im Sinn hast, dich zu bekehren,
warumb willst du dann deinen Lebenslauf beichtsweis erzählen und aller Welt
deine Laster offenbarn?
    Das tue ich dem Simplicissimo zu Trutz, weil ich mich anderer Gestalt nicht
an ihm rächen kann; dann nachdem dieser schlimme Vokativus mich im Saurbrunnen
geschwängert (scilicet!) und hernach durch einen spöttlichen Possen von sich
geschafft, geht er erst hin und ruft meine und seine eigne Schand, vermittelst
seiner schönen Lebensbeschreibung, vor aller Welt aus; aber ich will ihm
jetzunder hingegen erzählen, mit was vor einem ehrbarn Zobelchen er zu schaffen
gehabt, damit er wisse, wessen er sich gerühmt, und vielleicht wünschet, dass er
von unserer Histori allerdings stillgeschwiegen hätte; woraus aber die ganze
ehrbare Welt abzunehmen, dass gemeiniglich Gaul als Gurr, Hurn und Buben eins
Gelichters, und keins umb ein Haar besser als das ander sei. »Gleich und gleich
gesellt sich gern«, sprach der Teufel zum Kohler, und die Sünden und Sünder
werden wiederumb gemeiniglich durch Sünden und Sünder abgestraft.
 
                                Das II. Kapitel.
 Jungfrau Lebuschka (hernachmals genannte Courasche) kommt in den Krieg, nennet
sich Janco und muss in demselben eine Zeitlang einen Kammerdiener abgeben; dabei
 vermeldet wird, wie sie sich verhalten und was sich Verwunderliches ferner mit
                                ihr zugetragen.
Diejenige, so da wissen, wie die sclavonische Völker ihre leibeigne Untertanen
traktiern, dörften wohl vermeinen, ich wäre von einem böhmischen Edelmann und
eines Bauern Tochter erzeugt und geboren worden. Wissen und Meinen ist aber
zweierlei; ich vermeine auch viel Dings und weiss es doch nicht. Wann ich sagte,
ich hätte gewusst, wer meine Eltern gewesen, so würde ich lügen, und solches wäre
nicht das erstemal; dieses aber weiss ich wohl, dass ich zu Bragoditz zärtlich
genug auferzogen, zur Schulen gehalten und mehr als ein geringe Tochter zum
Nähen, Stricken, Sticken und anderer dergleichen Frauenzimmerarbeit angeführt
worden bin. Das Kostgelt kam fleissig von meinem Vatter, ich wusste aber drumb
nicht woher; und meine Mutter schickte manchen Gruss, mit deren ich gleichwohl
mein Tage kein Wort geredet. Als der Bayerfürst mit dem Bucquoy in Böhmen zog,
den neuen König wiederumb zu verjagen, da war ich eben ein fürwitzigs Ding von
dreizehen Jahren, welches anfieng nachzudichten, wo ich doch herkommen sein
möchte; und solches war mein grösstes Anliegen, weil ich nicht fragen dorfte und
von mir selbst nichts ergründen konnte. Ich wurde vor der Gemeinschaft der Leut
verwahrt wie ein schönes Gemäl vorm Staub; meine Kostfrau behielte mich immer in
den Augen, und weil ich mit andern Töchtern meines Alters keine Gespielschaft
machen dorfte, siehe, so vermehrten sich meine Grillen und Tauben, die der
Fürwitz in meinem Hirn ausheckte, ausser welchen ich mich auch mit sonst nichts
bekümmerte.
    Als sich nun der Herzog aus Bayern vom Bucquoy separierte, ging der Bayer
vor Budweis, dieser aber vor Bragoditz. Budweis ergab sich bei Zeiten und tät
sehr weislich; Bragoditz aber erwartet und erfuhr den Gewalt der kaiserlichen
Waffen, welche auch mit den Halsstarrigen grausam umbgiengen. Da nun meine
Kostfrau schmeckte, wo die Sach hinauswollte, sagte sie zeitlich zu mir:
»Jungfrau Libuschka, wann Ihr eine Jungfrau bleiben wollt, so müsst Ihr Euch
scheren lassen und Mannskleider anlegen; wo nicht, so wollte ich Euch keine
Schnalle umb Euer Ehre geben, die mir doch so hoch befohlen worden zu
beobachten.« Ich dachte: »Was vor frembde Reden sein mir das?« Sie aber kriegte
eine Scher und schnitte mir mein goldfarbes Haar auf der rechten Seiten hinweg,
das auf der linken aber liesse sie stehen in aller Mass und Form, wie es die
vornehmbste Mannspersonen damals trugen. »So, mein Tochter!« sagte sie, »wann
Ihr diesem Strudel mit Ehren entrinnet, so habt Ihr noch Haar genug zur Zierd,
und in einem Jahr kann Euch das ander auch wieder wachsen.« Ich liesse mich gern
trösten, dann ich bin von Jugend auf genaturt gewesen, am allerliebsten zu
sehen, wann es am allernärrischten hergieng; und als sie mir auch Hosen und
Wambst angezogen, lernte sie mich weitere Schritte tun, und wie ich mich in den
übrigen Gebärden verhalten sollte.
    Also erwarteten wir der kaiserlichen Völker Einbruch in die Stadt; meine
Kostfrau zwar mit Angst und Zittern, ich aber mit grosser Begierde, zu sehen, was
es doch vor eine neue ungewöhnliche Kürbe setzen würde. Solches wurde ich bald
gewahr; ich will mich aber drumb nicht aufhalten mit Erzählung, wie die Männer
in der eingenommenen Stadt von den Überwindern gemetzelt, die Weibsbilder
genotzüchtiget und die Stadt selbst geplündert worden; sintemal solches in dem
verwichenen langwierigen Krieg so gemein und bekannt worden, dass alle Welt genug
darvon zu fingen und zu sagen weiss. Dies bin ich schuldig zu melden, wann ich
anders mein ganze Histori erzählen will, dass mich ein teutscher Reuter vor einen
Jungen mitnahm, bei dem ich der Pferde warten und forragiern, das ist: stehlen
helfen sollte. Ich nennete mich Janco und konnte ziemlich teutsch lallen, aber
ich liesse michs, aller Böhmen Brauch nach, drumb nicht merken; darneben war ich
zart, schön und adeliger Gebärden, und wer mir solches jetzt nicht glauben will,
dem wollte ich wünschen, dass er mich vor 50 Jahren gesehen hätte, so würde er
mir dessentwegen schon ein ander gut Zeugnis geben.
    Als mich nun dieser mein erster Herr zur Compagnia brachte, fragte ihn sein
Rittmeister, welches in Wahrheit ein schöner junger tapferer Kavalier war, was
er mit mir machen wollte. Er antwortet: »Was andere Reuter mit ihren Jungen
machen; Mausen und der Pferde warten, worzu die böhmische Art, wie ich höre, die
beste sein soll. Man sagt vor gewiss, wo ein Böhm Kuder aus einem Haus trage, da
werde gewisslich kein Teutscher Flachs in finden.« - »Wie aber,« antwortet der
Rittmeister, »wann er dies böhmisch Handwerk an dir anfieng und ritte dir zum
Probstück deine Pferd hinweg?« - »Ich will«, sagt der Reuter, »schon Achtung auf
ihn geben, bis ich ihn aus der Küheweid bringe.« - »Die Bauernbuben,« antwortet
der Rittmeister, »die bei den Pferden erzogen worden, geben viel bessere
Reuterjungen als die Burgerssöhne, die in den Städten nicht lernen können, wie
einem Pferde zu warten; zudem dunkt mich, dieser Jung sei ehrlicher Leut Kind
und viel zu häkel auferzogen worden, einem Reuter seine Pferd zu versehen.« Ich
spitzte die Ohren gewaltig, ohne dass ich dergleichen getan hätte, dass ich etwas
von ihrem Diskurs verstünde, weil sie teutsch redeten; meine grösste Sorg war,
ich möchte wieder abgeschafft und nach dem geplünderten Bragoditz zuruckgejagt
werden, weil ich die Trommeln und Pfeifen, das Geschütz und die Trompeten, von
welchem Schall mir das Herz im Leib aufhupfte, noch nicht satt genug gehört
hatte. Zuletzt schickte sichs, ich weiss nicht zu meinem Glück oder Unglück, dass
mich der Rittmeister selbst behielte, dass ich seiner Person wie ein Page und
Kammerdiener aufwarten sollte; dem Reuter aber gab er einen andern böhmischen
Knollfinken zum Jungen, weil er ja einen Dieb aus unserer Nation haben wollte.
    Also schickte ich mich nun gar artlich in den Possen; ich wusste meinem
Rittmeister so trefflich zu fuchsschwänzen, seine Kleidungen so sauber zu
halten, sein weissleinen Zeug so nett zu akkomodiern und ihm in allem so wohl zu
pflegen, dass er mich vor den Kern eines guten Kammerdieners halten musste; und
weil ich auch einen grossen Lust zum Gewehr hatte, versah ich dasselbe
dergestalten, dass sich Herr und Knechte darauf verlassen durften, und dannenhero
erhielte ich bald von ihm, dass er mir einen Degen schenkte und mich mit einer
Maultasche wehrhaft machte. Über das, dass ich mich hierin so frisch hielte,
musste sich auch jedermann über mich verwundern und vor die Anzeigung eines
unvergleichlichen Verstands halten, dass ich so bald teutsch reden lernete, weil
niemand wusste, dass ichs so bereits von Jugend auf lernen müssen. Darneben
beflisse ich mich aufs höchste, alle meine weibliche Sitten auszumustern und
hingegen mannliche anzunehmen: ich lernte mit Fleiss fluchen wie ein anderer
Soldat und darneben saufen wie ein Bürstenbinder, soff Brüderschaft mit denen,
die ich vermeinte, dass sie meines gleichens wären, und wann ich etwas zu
beteuern hatte, so geschahe es bei Dieb- und Schelmenschelten, damit ja niemand
merken sollte, warumb ich in meiner Geburt zu kurz kommen oder was ich sonst
nicht mitgebracht.
 
                               Das III. Kapitel.
 Janco vertauschet sein edles Jungferkränzlein bei einem resoluten Rittmeister
                            umb den Namen Courasche.
Mein Rittmeister war, wie hieroben gemeldet, ein schöner junger Kavalier, ein
guter Reuter, ein guter Fechter, ein guter Tänzer, ein reuterischer Soldat und
überaus sehr auf das Jagen verpicht; sonderlich mit Windhunden die Hasen zu
Hetzen, war sein grösster Spass. Er hatte soviel Barts umbs Maul als ich, und wann
er Frauenzimmerkleider angehabt hätte, so hätte ihn der Tausendste vor eine
schöne Jungfrau gehalten. Aber wo komm ich hin? ich muss meine Histori erzählen.
Als Budweis und Bragoditz über, giengen beide Armeen vor Pilsen, welches sich
zwar tapfer wehrete, aber hernach auch mit jämmerlichem Würgen und Aufhenken
seine Straf empfieng; von bannen ruckten sie auf Rakonitz, allwo es die erste
Stöss im Feld setzte, die ich sah; und damals wünschte ich, ein Mann zu sein,
umb dem Krieg meine Tage nachzuhängen; dann es ging so lustig her, dass mir das
Herz im Leib lachte; und solche Begierde vermehrte mir die Schlacht auf dem
Weissen Berg bei Prag, weil die Unsere einen grossen Sieg erhielten und wenig Volk
einbüssten. Damals machte mein Rittmeister treffliche Beuten; ich aber liesse mich
nicht wie ein Page oder Kämmerling, viel weniger als ein Mägdchen, sondern wie
ein Soldat gebrauchen, der an den Feind zu gehen geschworen und darvon seine
Besoldung hat.
    Nach diesem Treffen marschiert der Herzog aus Bayern in Österreich, der
sächsische Kurfürst in die Lausnitz und unser General Bucquoy in Mähren, des
Kaisers Rebellen wiederumb in Gehorsam zu bringen; und indem sich dieser
letztere an seiner bei Rakonitz empfangenen Beschädigung kurieren liesse, siehe,
da bekam ich mitten in derselbigen Ruhe, so wir seinetalber genossen, eine
Wunden in mein Herz, welche mir meines Rittmeisters Liebwürdigkeit
hineindruckte; dann ich betrachtete nur diejenige Qualitäten, die ich oben von
ihm erzählet, und achtete gar nicht, dass er weder lesen noch schreiben konnte
und im übrigen so. ein roher Mensch war, dass ich bei meiner Treu schwören kann,
ich hätte ihn niemalen hören oder sehen beten. Und wann ihn gleich der weise
König Alphonsus selbst eine schöne Bestia genannt hätte, so wäre mein
Liebesfeur, das ich hegte, doch nicht darvon verloschen, welches ich aber
heimlich zu halten gedachte, weil mirs meine wenig übrighabende jungfräuliche
Schamhaftigkeit also riete; es geschahe aber mit solcher Ungedult, dass ich
unangesehen meiner Jugend, die noch keines Manns wert war, mir oft wünschte,
derjenigen Stelle zu vertretten, die ich und andere Leute ihm zu Zeiten
zukuppelten. So hemmte anfänglich auch nicht wenig den ungestümen und
gefährlichen Ausbruch meiner Liebe, dass mein Liebster von einem edlen und
namhaften Geschlecht geboren war, von dem ich mir einbilden musste, dass er keine,
die ihre Eltern nicht kennete, ehelichen würde; und seine Matresse zu sein,
konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich täglich bei der Armee so viel Huren
sah Preis machen.
    Ob nun gleich dieser Krieg und Streit, den ich mit mir selber führte, mich
greulich quälte, so war ich doch geil und ausgelassen darbei, ja von einer
solchen Natur, dass mir weder mein innerlichs Anliegen, noch die äusserliche
Arbeit und Kriegsunruhe etwas zu schaffen gab. Ich hatte zwar nichts zu tun als
einzig meinem Rittmeister aufzuwarten; aber solches lernete mich die Liebe mit
solchem Fleiss und Eifer verrichten, dass mein Herr tausend Eid vor einen
geschworen hätte, es lebte kein treuerer Diener auf dem Erdboden. In allen
Okkasionen, sie wären auch so scharf gewesen, als sie immer wollten, kame ich
ihme niemalen vom Rucken oder der Seiten, wiewohl ichs gar nicht zu tun schuldig
war; und überdas war ich allzeit willig, wo ich nur etwas zu tun wusste, das ihm
gefiele. So hätte er auch gar wohl aus meinem Angesicht lesen können, wann ihn
nur meine Kleider nicht betrogen, dass ich ihn weit mit einer anderen als eines
gemeinen Dieners Andacht geehrt und angebetet. Indessen wuchse mir mein Busen je
länger je grösser und druckte mich der Schuh je länger je heftiger dergestalt,
dass ich weder von aussen meine Brüste noch den innerlichen Brand im Herzen länger
zu verbergen getraute.
    Als wir Iglau bestürmet, Trebitz bezwungen, Znaim zum Akkord gebracht, Brünn
und Olmütz unter das Joch geworfen, und meistenteils alle andere Städte zum
Gehorsam getrieben, seind mir gute Beuten zugestanden, welche mir mein
Rittmeister meiner getreuen Dienste wegen alle schenkte, wormit ich mich
trefflich mundierte und selbst zum allerbesten beritten machte, meinen eignen
Beutel spickte und zu Zeiten bei dem Markedentern mit den Kerln ein Mass Wein
trank. Einsmals machte ich mich mit etlichen lustig, die mir aus Neid
empfindliche Wort gaben, und sonderlich war ein feindseliger darunter, der die
böhmische Nation gar zu sehr schmähete und verachtete. Der Narr hielte mir vor,
dass die Böhmen ein faulen Hund voller Maden vor ein stinkenden Käs gefressen
hätten, und foppte mich allerdings, als wann ich persönlich darbei gewesen wäre;
derowegen kamen wir beiderseits zu Scheltworten, von den Worten zu Nasenstübern
und von den Stössen zum Rupfen und Ringen, unter welcher Arbeit mir mein
Gegenteil mit der Hand in Schlitz wischte, mich bei demjenigen Geschirr zu
ertappen, das ich doch nicht hatte, welcher zwar vergebliche, doch mörderische
Griff mich viel mehr verdrosse, als wann er nicht leer abgangen wäre; und eben
darumb wurde ich desto verbitterter, ja gleichsam halber unsinnig, also dass ich
aller meiner Stärk und Geschwindigkeit zusammen gebotte und mich mit Kratzen,
Beissen, Schlagen und Tretten dergestalt wehrete, dass ich meinen Feind
hinunterbrachte und ihn im Angesicht also zurichtete, dass er mehr einer
Teufelslarven als einem Menschen gleichsah; ich hatte ihn auch gar erwürgt,
wann mich die andere Gesellschaft nicht von ihm gerissen und Fried gemacht
hätte. Ich kam mit einem blauen Aug darvon und konnte mir wohl einbilden, dass
der schlimme Kund gewahr worden, was Geschlechts ich gewesen, und ich glaub
auch, dass ers offenbart hätte, wann er nicht gefürchtet, dass er entweder mehr
Stösse bekommen oder zu denen, die er allbereit empfangen, ausgelacht worden
wäre, umb dass er sich von einem Mägdchen schlagen lassen; und weil ich sorgte,
er möchte noch endlich schnellen, siehe, so drehete ich mich aus.
    Mein Rittmeister war nicht zu Haus, als ich in unser Quartier kam, sondern
bei einer Gesellschaft anderer Offizier, mit denen er sich lustig machte, allwo
er auch erfuhr, was ich vor eine Schlacht gehalten, ehe ich zu ihm kam. Er
liebte mich als ein resolutes junges Bürschel, und eben darumb war mein Filz
desto geringer; doch unterliesse er nicht, mir dessentwegen einen Verweis zu
geben. Als aber die Predigt am allerbesten war und er mich fragte, warumb ich
meinen Gegenteil so gar abscheulich zugerichtet hätte, antwortet ich: »Darumb,
dass er mir nach der Courage gegriffen hat, wohin sonst noch keines Mannsmenschen
Hände kommen sein« (dann ich wollte es verzwicken und nicht so grob nennen, wie
die Schwaben ihre zusammengelegte Messer, welche man, wann ich Meister wäre,
auch nicht mehr so unhöflich, sondern unzüchtige Messer heissen müsste). Und weil
meine Jungfrauschaft ohnedas sich in letzten Zügen befand, zumalen ich wagen
musste, mein Gegenteil würde mich doch verraten, siehe, so entblösste ich meinen
schneeweissen Busen und zeigte dem Rittmeister meine anziehende harte Brüste.
»Sehet, Herr,« sagte ich, »hie sehet Ihr eine Jungfrau, welche sich zu Bragoditz
verkleidet hat, ihre Ehr vor den Soldaten zu erretten; und demnach sie Gott und
das Glück in Euere Hände verfügt, so bittet sie und hofft, Ihr werdet sie auch
als ein ehrlicher Kavalier bei solcher ihrer hergebrachten Ehr beschützen.« Und
als ich solches vorgebracht hatte, fieng ich so erbärmlich an zu weinen, dass
einer drauf gestorben, wäre, es sei mein gründlicher Ernst gewesen.
    Der Rittmeister erstaunete zwar vor Verwunderung und musste doch lachen, dass
ich mit einem neuen Namen viel Farben beschrieben hatte, die mein Schild und
Helm führte. Er tröstete mich gar freundlich und versprach mit gelehrten Worten,
meine Ehre wie sein eigen Leben zu beschützen; mit den Werken aber bezeugte er
alsobalden, dass er der erste wäre, der meinem Kränzlein nachstellte; und sein
unzüchtig Gekrabbel gefiel mir auch viel besser als sein ehrlichs Versprechen;
doch wehrete ich mich ritterlich; nicht zwar, ihme zu entgehen oder seinen
Begierden zu entrinnen, sondern ihn recht zu Hetzen und noch begieriger zu
machen; allermassen mir der Poss so artlich angieng, dass ich nichts geschehen
liesse, bis er mir zuvor bei Teufelholen versprach, mich zu ehelichen,
unangesehen ich mir wohl einbilden konnte, er würde solches sowenig im Sinn
haben zu halten, als den Hals abzufallen. Und nun schaue, du guter Simplex! Du
dürftest dir hiebevor im Saurbrunnen vielleicht eingebildet haben, du seist der
erste gewesen, der den süssen Milchraum abgehoben! Ach nein, du Tropf! du bist
betrogen; er war hin, ehe du vielleicht bist geboren worden, darumb dir dann
billig, weil du zu spat aufgestanden, nur der Zeiger gebührt und vorbehalten
worden. Aber dies ist nur Puppenwerk gegen dem zu rechnen, wie ich dich sonst
angeseilt und betrogen habe, welches du an seinem Ort auch gar ordentlich von
mir vernehmen sollt.
 
                                Das IV. Kapitel.
  Courasche wird darumb eine Ehefrau und Rittmeisterin, weil sie gleich darauf
wieder zu einer Witwe werden musste, nachdem sie vorhero den Ehestand eine Weile
                         ledigerweise getrieben hatte.
Also lebte ich nun mit meinem Rittmeister in heimlicher Liebe und versah ihm
beides, die Stelle eines Kammerdieners und seines Eheweibs. Ich quälte ihn oft,
dass er dermaleneins sein Versprechen halten und mich zur Kirchen führen sollte;
aber er hatte allzeit eine Ausrede, vermittelst deren er die Sach auf die lange
Bank schieben konnte. Niemalen konnte ich ihn besser zu Chor treiben, als wann
ich eine gleichsam unsinnige Liebe gegen ihn bezeugte und darneben meine
Jungfrauschaft wie des Jephtä Tochter beweinte; welchen Verlust ich doch nicht
dreier Heller wert schätzte; ja, ich war froh, dass mir solche als ein schwerer
untrüglicher Last entnommen war, weil mich nunmehr der Fürwitz verlassen. Doch
brachte ich mit meiner liebreizenden Importunität so viel zuwegen, dass er mir zu
Wien ein toll Kleid machen liesse auf die neue Mode, wie es damalen das adelige
Frauenzimmer in Italia trug (so dass mir nichts anders manglete als die
Kopulation, und dass man mich einmal Frau Rittmeisterin nennete), wormit er mir
eine grosse Hoffnung machte und mich willig behielte. Ich dorfte aber drumb
dasselbig Kleid nicht tragen noch mich vor ein Weibsbild, viel weniger aber vor
seine Gespons ausgeben; und was mich zum allermeisten verdrosse, war dies, dass
er mich nicht mehr »Janco«, auch nicht »Libuschka«, sondern »Courasche« nannte.
Denselben Namen ähmten andere nach, ohne dass sie dessen Ursprung wussten, sondern
vermeinten, mein Herr hiesse mich dessentwegen also, weil ich mit einer
sonderbaren Resolution und unvergleichlichen Courage in die allerärgste
Feindsgefahrn zu gehen pflegte; und also musste ich schlucken, was schwer zu
verdauen war. Darumb, o ihr lieben Mägdchen! die ihr noch euer Ehr und
Jungfrauschaft unversehrt erhalten habt, seid gewarnet und lasset euch solche so
liederlich nicht hinrauben; dann mit derselbigen geht zugleich euere Freiheit
in Duckas, und ihr geratet in ein solche Marter und Sklaverei, die schwerer zu
erdulden ist als der Tod selber: ich habs erfahren und kann Wohl ein Liedlein
darvon singen. Der Verlust meines Kränzleins tat mir zwar nicht wehe, dann ich
hab niemal kein Schloss darumb zu kaufen begehrt, aber dieses ging mir zu
Herzen, dass ich mich noch deswegen foppen lassen und noch gute Wort darzu geben
musste, wollte ich nicht in Sorgen leben, dass mein Rittmeister aus der Schul
schwatzen und mich aller Welt zu Spott und Schand darstellen möchte. Auch ihr
Kerl, die ihr mit solcher betrüglichen Schnapphahnerei umbgehet, sehet euch vor,
dass ihr nicht den Lohn euerer Leichtfertigkeit von deren empfahet, die ihr zu
billiger Rach beweget, wie man ein Exempel zu Paris hat, allwo ein Kavalier,
nachdem er eine Dame betrogen und sich folgends an ein andere verheuraten
wollte, wiederumb zum Beischlaf gelockt, des Nachts aber ermordet, elend
zerstümmelt und zum Fenster hinaus auf die offene Strass geworfen wurde. Ich muss
von mir selbst bekennen, wann mich mein Rittmeister nicht mit allerhand
herzlichen Liebsbezeugungen unterhalten und mir nicht stetig Hoffnung gemacht
hätte, mich noch endlich ohne allen Zweifel zu ehelichen, dass ich ihm einmal
unversehens in einer Okkasion ein Kugel geschenkt hätte. Indessen marschierten
wir unter des Bucquoy Kommando in Ungarn und nahmen zum ersten Pressburg ein,
allwo wir auch unsere meiste Bagage und beste Sachen hinderlegeten, weil sich
mein Rittmeister versah, wir würden mit dem Betlen Gabor eine Feldschlacht
wagen müssen. Von bannen giengen wir nach St. Georgi, Possing, Moder und andere
Ort, welche erstlich geplündert und hernach verbrennt wurden; Tirnau, Altenburg
und fast die ganze Insul nahmen wir ein, und vor Neusoll kriegten wir einige
Stösse, allwo nicht allein mein Rittmeister tödlich verwundet, sondern auch unser
General, der Graf Bucquoy, selber niedergemacht wurde, welcher Tod dann
verursachte, dass wir anfiengen zu fliehen und nicht aufhöreten, bis wir nach
Pressburg kamen. Daselbst pflegte ich meinem Rittmeister mit ganzen Fleiss, aber
die Wundärzte prophezeiten ihm den gewissen Tod, weil ihm die Lung verwundet
war. Derowegen wurde er auch durch gute Leute erinnert und dahin bewögt, dass er
sich mit Gott versöhnet; dann unser Regimentskaplan war ein solcher eiferiger
Seelensorger, dass er ihm keine Ruhe liess, bis er beichtet und kommunizierte.
Nach solchem wurde er beides, durch seinen Beichtvatter und sein eigen Gewissen
angespart und getrieben, dass er mich mit ihme im Bette kopulieren liesse, welches
nicht seinem Leib, sondern seiner Seelen zum Besten angesehen war; und solches
ging desto ehender, weil ich ihn überredet, dass ich mich von ihm schwanger
befände. So verkehrt nun gehets in der Welt her: andere nehmen Weiber, mit ihnen
ehelich zu leben, dieser aber ehelichte mich, weil er wusste, dass er sollte
sterben! Aus diesem Verlauf mussten die Leute nun glauben, dass ich ihn nicht als
ein getreuer Diener, sondern als seine Matress bedient und sein Unglück beweinet
hatte. Das Kleid kam mir wohl zu der Hochzeitszeremonien zupass, welches er mir
hiebevor machen lassen; ich dorfte es aber nicht lang tragen, sondern musste ein
schwarzes haben, weil er nach wenig Tagen mich zur Wittib machte; und damals
ging mirs allerdings wie jenem Weib, die bei ihres Manns Begräbnis einem ihrer
Befreundten, der ihr das Leid klagte, zur Antwort gab: »Was einer zum liebsten
hat, führt einem der Teufel zum ersten hin.« Ich liesse ihn seinem Stand gemäss
prächtig genug begraben, dann er mir nicht allein schöne Pferd, Gewehr und
Kleider, sondern auch ein schön Stück Gelt hinterlassen, und umb alle diese
Begebenheit liesse ich mir von den Geistlichen schriftlichen Urkund geben, der
Hoffnung, dardurch von seiner Eltern Verlassenschaft noch etwas zu erhaschen.
Ich konnte aber auf fleissiges Nachforschen nichts anders erfahren, als dass er
zwar gut edel von Geburt, aber hingegen so blutarm gewesen, dass er sich elend
behelfen müssen, wann ihm die Böhmen keinen Krieg geschickt oder zugericht
hätten. Ich verlore aber zu Pressburg nicht allein diesen meinen Liebsten,
sondern wurde auch in selbiger Stadt vom Betlen Gabor belägert; dieweil aber
zehen Kompagnien Reuter und zwei Regiment zu Fuss aus Mähren durch ein Strategema
die Stadt entsetzet, Betlen an der Eroberung verzweifelt und die Belägerung
aufgehoben, habe ich mich mit einer guten Gelegenheit samt meinen Pferden,
Dienern und ganzer Bagage nach Wien begeben, umb von bannen wiederumb in Böhmen
zu kommen, zu sehen, ob ich vielleicht meine Kostfrau zu Bragoditz noch lebendig
finden und von ihr erkundigen möchte, wer doch meine Eltern gewesen. Ich
kützelte mich damals mit keinen geringen Gedanken, was ich nämlich vor Ehr und
Ansehens haben würde, wann ich wieder nach Haus käme und so viel Pferd und
Diener mitbrächte, das ich alles laut meiner Urkund im Krieg redlich und ehrlich
gewonnen.
 
                                Das V. Kapitel.
     Was die Rittmeisterin Courasche in ihrem Wittibstand vor ein ehrbares,
züchtiges, wie auch verruchtes gottloses Leben geführet; wie sie einem Grafen zu
 Willen wird, einen Ambassador umb seine Pistolen bringt und sich andern mehr,
              umb reiche Beute zu erschnappen, willig unterwirft.
Weil ich meine vorhabende Reise Unsicherheit halber von Wien aus nach Bragoditz
so bald nicht ins Werk zu setzen getraute, zumalen es in den Wirtshäusern
grausam teuer zu zehren war, als verkaufte ich meine Pferde und schaffte alle
meine Diener ab, dingte mir aber hingegen eine Magd und bei einer Wittib eine
Stube, Kammer und Kuchel, umb genau zu hausen und Gelegenheit zu erwarten, mit
deren ich sicher nach Haus kommen könnte. Dieselbe Wittib war ein rechtes
Tauss-Es, die nicht viel ihresgleichen hatte. Ihre zwo Töchter aber waren unsers
Volks und beides, bei der Hofbursch und den Kriegsoffiziern, wohlbekannt, welche
mich auch bei denselben bald bekannt machten, so dass dergleichen Schnapphahnen
in Kürze die grosse Schönheit der Rittmeisterin, die sich bei ihnen entielte,
untereinander zu rühmen wussten. Gleichwie mir aber mein schwarzer Traurhabit ein
sonderbares Ansehen und ehrbare Gravität verliehe, zumalen meine Schönheit desto
höher herfürleuchten machte, also hielte ich mich auch anfänglich gar still und
eingezogen. Meine Magd musste spinnen, ich aber begab mich aufs Nähen, Wirken und
andere Frauenzimmerarbeit, dass es die Leute sahen; heimlich aber pflanzte ich
meine Schönheit auf und konnte oft eine ganze Stund vorm Spiegel stehen, zu
lernen und zu begreifen, wie mir das Lachen, das Weinen, das Seufzen und andere
dergleichen veränderliche Sachen anstunden; und diese Torheit sollte mir ein
genugsame Anzeigung meiner Leichtfertigkeit und eine gewisse Prophezeiung
gewesen sein, dass ich meiner Würtin Töchtern bald nachähmen würde; welche auch,
damit solches bald geschähe, samt der Alten anfiengen, gute Kundschaft mit mir
zu machen, und, mir die Zeit zu kürzen, mich oft in meinem Zimmer besuchten, da
es dann solche Diskurse setzte, die so jungen Dingern, wie ich war, die
Frommkeit zu erhalten gar ungesund zu sein pflegen, sonderlich bei solchen
Naturen, wie die meinige inkliniert gewesen. Sie wusste mit weitläufigen
Umbschweifen artlich herumbzukommen und lernete meine Magd anfänglich, wie sie
mich recht auf die neue Mode aufsetzen und ankleiden sollte. Mich selbst aber
unterrichtet sie, wie ich meine weisse Haut noch weisser und meine goldfarbe Haar
noch glänzender machen sollte; und wann sie mich dann so gebutzt hatte, sagte
sie, es wäre immer schad, dass so ein edele Kreatur immerhin in einem schwarzen
Sack stecken und wie ein Turteltäublein leben sollte. Das tät mir dann trefflich
kirr und war Öl zu dem ohnedas brennenden Feur meiner anreizenden Begierden. Sie
lehnete mir auch den »Amadis«, die Zeit darin zu vertreiben und Komplimenten
daraus zu ergreifen; und was sie sonst erdenken konnte, das zu Liebeslüsten
reizen machte, das liesse sie nicht unterwegen.
    Indessen hatten meine abgeschafte Diener ausgesprengt und unter die Leute
gebracht, was ich vor eine Rittmeisterin gewesen und wie ich zu solchem Titul
kommen; und weil sie mich nicht anders zu nennen wussten, verbliebe mir der Nam
»Courasche«. Auch fieng ich nach und nach an, meines Rittmeisters zu vergessen,
weil er mir nicht mehr warm gab; und indem ich sah, dass meiner Würtin Töchter
so guten Zuschlag hatten, wurde mir das Maul allgemach nach neuer Speise
wässerig, welche mir auch meine Würtin lieber als ihr selbst gern gegönnt hätte.
Doch dorfte sie mir, solang ich die Traur nicht ablegte, noch nichts dergleichen
so öffentlich zumuten, weil sie sähe, dass ich die Anwürf, so hierauf zieleten,
gar kaltsinnig annahm. Gleichwohl unterliessen etliche vornehme Leute nicht, ihr
täglich meinetwegen anzuliegen und umb ihr Haus herumbzuschwärmen wie die
Raubbienen umb ein Immenfass. Unter diesen war ein junger Graf, der mich neulich
in der Kirchen gesehen und sich aufs äusserste verliebt hatte. Dieser spendierte
trefflich, einen Zutritt zu mir zu bekommen, und damit es ihm anderwärts
gelingen möchte, weil ihn meine Würtin noch zur Zeit nicht kecklich bei mir
anzubringen getraute (die er dessentwegen oft vergeblich ersucht), erkundigte er
von einem meiner gewesenen Diener alle Beschaffenheit des Regiments, darunter
mein Rittmeister gelebt; und als er der Offizier Namen wusste, demütigt er sich,
mir aufzuwarten oder mich persönlich zu besuchen, umb seinen Bekannten
nachzufragen, die er sein Lebtag nicht gesehen hatte. Von dannen kam er auch auf
meinen Rittmeister, von welchem er aufschnitte, dass er in der Jugend neben ihm
studiert und allzeit gute Kundschaft und Verträulichkeit mit ihm gehabt hätte,
beklagte auch seinen frühezeitigen Abgang und lamentierte damit zugleich über
mein Unglück, dass es mich in einer solchen zarten Jugend so bald zu einer Wittib
gemacht, mit Anerbieten, da ich in irgendwas seiner Hülfe bedürftig wäre, etc.
Mit solchen und dergleichen Aufzügen suchte der junge Herr, sein erste
Kundschaft mit mir zu machen, die er auch bekam; und ob ich zwar greifen konnte,
dass er im Reden irrete (dann mein Rittmeister hatte ja das geringste nicht
studiert), so liesse ich mir doch seine Weise Wohlgefallen, weil feine Meinung
dahin ging, des abgangnen Rittmeisters Stell bei mir zu ersetzen. Doch stellte
ich mich gar frembt und kaltsinnig, gab kurzen Bescheid und zwang ein zierlichs
Weinen daher, bedankte mich seines Mitleidens und der anerbottenen Gnad mit so
beschaffnen Komplimenten, die genugsamb waren, ihme anzudeuten, dass sich seine
Liebe vor diesmal mit einem guten Anfang genügen lassen, er selbst aber
wiederumb einen ehrlichen Abscheid von mir nehmen sollte.
    Den andern Tag schickte er seinen Lakaien, zu vernehmen, ob er mir kein
Ungelegenheit machte, wann er käme, mich zu besuchen. Ich liesse ihm wider sagen,
er machte mir zwar keine Ungelegenheit, und ich möchte seine Gegenwart auch wohl
leiden, allein weil es wunderliche Leute in der Welt gäbe, denen alles
verdächtig vorkäme, so bäte ich, er wolle meiner verschonen und mich in kein bös
Geschrei bringen. Diese unhöfliche Antwort machte den Grafen nicht allein nicht
zornig, sondern viel verliebter; er passierte maulhenkolisch bei dem Hause
vorüber, der Hoffnung, aufs wenigst nur seine Augen zu weiden, wann er mich am
Fenster sähe, aber vergeblich: ich wollte meine War recht teuer an Mann bringen
und liesse mich nicht sehen. Indessen nun dieser vor Liebe halber vergieng, legte
ich meine Trauer ab und prangte in meinem andern Kleid, darin ich mich dorfte
sehen lassen; da unterliesse ich nichts, das mich ziern möchte, und zohe damit
die Augen und Herzen vieler grossen Leut an mich, welches aber nur geschahe, wann
ich zur Kirchen ging, weil ich sonst nirgends hinkam. Ich hatte täglich viel
Grüsse und Bottschaften von diesen und von jenen anzuhören, die alle in des
Grafen Spital krank lagen; aber ich bestunde so unbewöglich wie ein Felsen, bis
ganz Wien nicht allein von dem Lob meiner unvergleichlichen Schönheit, sondern
auch von dem Ruhm meiner Keuschheit und anderer seltenen Tugenden erfüllt ward.
Da ich nun meine Sach so weit gebracht, dass man mich schier vor eine halbe
Heiliginne hielte, dunkte mich Zeit sein, meinen bisher bezwungenen Begierden
den Zaum einmal schiessen zu lassen und die Leute in ihrer guten von mir gefassten
Meinung zu betrügen. Der Graf war der erste, dem ich Gunst bezeugte und
widerfahren liesse, weil er, solche zu erlangen, weder Mühe noch Unkosten
sparete. Er war zwar liebenswert und liebte mich auch von Herzen, und ich hielte
ihn vor den Besten unterm ganzen Haufen, mir meine Begierden zu sättigen; aber
dannoch so wäre er nicht darzu kommen, wann er mir nicht gleich nach abgelegter
Traur ein Stück kolumbinen Adlas mit aller Ausstaffierung zu einem neuen Kleid
geschickt und vor allen Dingen 100 Dukaten in meine Haushaltung, umb dass ich
mich über meines Manns Verlust desto besser trösten sollte, verehrt hätte. Der
ander nach ihm war eines grossen Potentaten Ambassador, welcher mir die erste
Nacht 60 Pistolen zu verdienen gabe; nach diesem kamen auch andere, und zwar
keine, die nicht tapfer spendieren konnten; dann was arm war oder wenigst nicht
gar reich und hoch, das mochte entweder draussen bleiben oder sich mit meiner
Würtin Töchtern behelfen. Und solchergestalt richtete ichs dahin, dass meine
Mühle gleichsamb nie leer stunde; ich malzerte auch so meisterlich, dass ich
inner Monatsfrist über 1000 Dukaten in Specie zusammenbrachte, ohne dasjenige,
was mir an Kleinodien, Ringen, Ketten, Armbändern, Sammet, Seiden- und
Leinengezeug (mit Strümpfen und Handschuhen dorfte wohl keiner aufziehen), auch
an Viktualien, Wein und anderen Sachen verehrt wurde; und also gedachte ich, mir
meine Jugend fürderhin zunutz zu machen, weil ich wusste, dass es heisst:
»Ein jeder Tag bricht dir was ab
Von deiner Schönheit bis ins Grab.«
    Und es müsste mich auch noch auf diese Stund reuen, wann ich weniger getan
hätte. Endlich machte ichs so grob, dass die Leute anfiengen mit Fingern auf mich
zu zeichen und ich mir wohl einbilden konnte, die Sach würde so in die Länge
kein gut tun; dann ich schlug zuletzt dem Geringen auch keine Reis ab. Meine
Würtin war mir treulich beholfen und hatte auch ihren ehrlichen Gewinn davon.
Sie lernete mich allerhand feine Künste, die nicht nur leichtfertige Weiber
können, sondern auch solche, damit sich teils lose Männer schleppen, sogar, dass
ich mich auch fest machen und einem jeden, wann ich nur wollte, seine Büchsen
zubannen konnte, und ich glaube, wann ich länger bei ihr blieben wäre, dass ich
auch gar hexen gelernt hätte. Demnach ich aber getreulich gewarnet wurde, dass
die Obrigkeit unser Nest ausnehmen und zerstören würde, kaufte ich mir eine
Kalesch und zwei Pferd, dingte einen Knecht und machte mich damit unversehens
aus dem Staub, weil ich eben gute Gelegenheit hatte, sicher nach Prag zu kommen.
 
                                Das VI. Kapitel.
Courasche kommt durch wunderliche Schickung in die zweite Ehe und freiete einen
        Hauptmann, mit dem sie trefflich glückselig und vergnügt lebte.
Ich hätte zu Prag feine Gelegenheit gehabt, mein Handwerk ferners zu treiben;
aber die Begierde, meine Kostfrau zu sehen und meine Eltern zu erkundigen,
triebe mich auf Bragoditz zu reisen, welches ich als in einem befriedeten Land
sicher zu tun getraute; aber potz Herz, da ich an einem Abend allbereit den Ort
vor mir liegen sah, da kamen eilf Mansfeldische Reuter, die ich, wie sonst
jedermann getan hatte, vor Kaiserisch und gut Freund ansah, weil sie mit roten
Scharpen oder Feldzeichen mundiert waren. Diese packten mich an und wanderten
mit mir und meinem Kalesch dem Böhmerwald zu, als wann sie der Teufel selbst
gejagt hätte. Ich schriee zwar, als wann ich an einer Folter gehangen wäre, aber
sie machten mich bald schweigen. Umb Mitternacht kamen sie in eine Meierei, die
einzig vorm Wald lag, allwo sie anfiengen zu füttern und mit mir umbzugehen, wie
zu geschehen pflegt, welches mir zwar der schlechteste Kummer war; aber es wurde
ihnen gesegnet wie dem Hund das Gras: dann indem sie ihre viehische Begierden
sättigten, wurden sie von einem Hauptmann, der mit dreissig Dragonern eine Convoi
nach Pilsen verrichtet hatte, überfallen, und weil sie durch falsche Feldzeichen
ihren Herren verleugnet, alle miteinander niedergemacht. Das Meinige hatten die
Mansfeldische noch nicht gepartet, und demnach ich kaiserlichen Pass hatte und
noch nicht 24 Stund in Feinds Gewalt gewesen, hielte ich dem Hauptmann vor, dass
er mich und das Meinige vor keine rechtmässige Beuten halten und behalten könnte.
Er musste es selbst bekennen, aber gleichwohl, sagte er, wäre ich ihm umb meiner
Erlösung willen obligiert, er aber nicht zu verdenken, wann er einen solchen
Schatz, den er vom Feind erobert, nicht mehr aus Händen zu lassen gedächte; sei
ich eine verwittibte Rittmeisterin, wie mein Pass auswiese, so sei er ein
verwittibter Hauptmann. Wann mein Will darbei wäre, so würde die Beut bald
geteilt sein; wo nicht, so werde er mich gleichwohl mitnehmen und hernach ererst
mit einem jedwedern disputiern, ob die Beute rechtmässig sei oder nicht. Hiermit
liesse er genugsamb scheinen, dass er allbereit den Narrn an mir gefressen; und
damit er das Wasser auf seine Mühl richtete, sagte er, diesen Vorteil wollte er
mir lassen, dass ich erwählen möchte, ob er die Beute unter seine ganze Bursch
teilen sollte, oder ob ich vermittelst der Ehe sambt dem Meinigen allein sein
verbleiben wollte, auf welchen Fall er seine bei sich habende Leute schon
bereden wollte, dass ich mit dem Meinigen keine rechtmässige Beute, sondern ihme
allein durch die Verehelichung zuständig worden wäre. Ich antwortete, wann die
Wahl bei mir stünde, so begehrte ich deren keins, sondern meine Bitte wäre, sie
wollten mich in meine Gewahrsam passieren lassen; und damit fienge ich an zu
weinen, als wann mirs ein gründlicher Ernst gewesen wäre, nach den alten Reimen:
»Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
Aber es geht ihn nicht von Herzen,
Sie pflegen sich nur so zu stellen,
Sie können weinen, wann sie wollen.«
    Aber es war meine Meinung, ihm hierdurch Ursach zu geben, mich zu trösten,
sich selbst aber stärker zu verlieben, sintemal mir wohl bewusst, dass sich die
Herzen der Mannsbilder am allermeisten gegen dem weinenden und betrübten
Frauenzimmer zu öffnen pflegen. Der Poss gienge mir auch an, und indem er mir
zusprach und mich seiner Liebe mit hohem Beteuren versicherte, gab ich ihm das
Jawort, doch mit diesem ausdrücklichen Beding und Vorbehalt, dass er mich vor der
Kopulation im geringsten nicht berühren sollte, welches er beides verheissen und
gehalten, bis wir in die Mansfeldische Befestigungen zu Weidhausen ankamen,
welches eben damals dem Herzogen aus Bayern vom Mansfelder selbst per Akkord
übergeben worden. Und demnach meines Serviteurs heftige Liebe wegen unsers
Hochzeitfests keinen längern Verzug gedulten mochte, liesse er sich mit mir
ehelich zusammengeben, ehe er möchte erfahren, wormit die Courasche ihr Geld
verdienet, welches kein geringe Summa war. Ich war aber kaum einen Monat bei der
Armee gewesen, als sich etliche hohe Offizierer fanden, die mich nicht allein zu
Wien gekannt, sondern auch gute Kundschaft mit mir gehabt hatten; doch waren sie
so bescheiden, dass sie weder meine noch ihre Ehr öffentlich ausschrieen. Es
ging zwar so ein kleines Gemurmel umb, darüber ich aber gleichwohl keine
sonderliche Beschwerung empfand, ausser dass ich den Namen »Courasche« wiederumb
gedulden musste.
    Sonst hatte ich einen guten gedultigen Mann, welcher sich ebenso hoch über
meine gelbe Batzen als wegen meiner Schönheit erfreute. Diese hielte er
gesparsamer zusammen, als ich gerne sah; gleich wie ich aber solches geduldete,
also gab er auch zu, dass ich mit Reden und Gebärden gegen jedermann desto
freigebiger sein dorfte. Wann ihn dann jemands vexierte, dass er mit der Zeit
wohl Hörner kriegen dürfte, antwortet er auch im Scherz, es sei sein geringstes
Anliegen; dann ob ihm gleich einer über sein Weib komme, so lasse ers jedoch bei
dem, was ein solcher ausgerichtet, nicht verbleiben, sondern nehme Zeit,
dieselbe frembde Arbeit wieder anders zu machen. Er hielte mir jederzeit ein
trefflich Pferd, mit schönen Sattel und Zeug mondiert; ich ritte nicht wie
andere Offiziersfrauen in einem Weibersattel, sondern auf einen Mannssattel, und
ob ich gleich überzwergs sasse, so führte ich doch Pistolen und einen türkischen
Säbel unter dem Schenkel, hatte auch jederzeit einen Stegreif auf der andern
Seiten hangen, und war im übrigen mit Hosen und einem dünnen taffeten Röcklein
darüber also versehen, dass ich all Augenblick schrittling sitzen und einen
jungen Reuterskerl präsentieren könnte; gab es dann eine Rencontra gegen dem
Feinde, so war mir unmüglich, apart nicht mitzumachen. Ich sagte vielmalen, eine
Dame, die sich gegen einem Mann zu Pferd zu wehren nicht wagen dürfte, sollte
auch kein Plümage wie ein Mann tragen; und demnach mir es bei etlichen
Betteltänzen glückte, dass ich Gefangne kriegte, die sich keine Bärnhäuter zu
sein dunkten, wurde ich so kühn, wann dergleichen Gefecht angieng, auch einen
Karbiner oder, wie mans nennen will, ein Bandelierrohr an die Seite zu hängen
und neben dem Truppen auch zweien zu begegnen, und solches desto hartnäckiger,
weil ich und mein Pferd vermittelst der Kunst, die ich von vielgedachter meiner
Würtin erlernet, so hart war, dass mich keine Kugel öffnen konnte.
    So giengs und so stund es damal mit mir: ich machte mehr Beuten als mancher
geschworner Soldat, welches auch manchen und manche verdross; aber da fragte ich
wenig nach, dann es gab mir Schmalz auf meine Suppen. Die Verträulichkeit meines
sonst (gegen meiner Natur zu rechnen) ganz unvermöglichen Manns verursachte, dass
ich ihm gleichwohl Farb hielte, ob sich gleich Höhere als Hauptleute bei mir
anmeldeten, die Stelle seines Leutenants zu vertretten; dann er liesse mir
durchaus meinen Willen. Hingegen war ich nichtsdestoweniger bei den
Gesellschaften lustig, in den Konversationen frech, aber auch gegen den Feind so
heroisch als ein Mann, im Feld so häuslich und zusammenhebig als immer ein Weib,
in Beobachtung der Pferde besser als ein guter Stallmeister und in den
Quartieren von solcher Prosperität, dass mich mein Hauptmann nicht besser hätte
wünschen mögen; und wann er mir zu Zeiten einzureden Ursach hatte, litte er
gerne, dass ich ihm Widerpart hielte und auf meinen Kopf hinausfuhr, weil sich
unser Geld so sehr dardurch vermehrte, dass wir einen guten Partikul darvon in
eine vornehme Stadt zu verwahren geben mussten. Und also lebte ich trefflich
glückselig und vergnügt, hätte mir auch meine Tage keinen anderen Handel
gewünscht, wann nur mein Mann etwas besser beritten gewest wäre. Aber das Glück
oder mein Fatum liesse mich nicht lang in solchem Stand; dann nachdem mir mein
Hauptmann bei Wisslach todgeschossen wurde, siehe, so ward ich wiederumb in einer
kurzen Zeit zu einer Wittib.
 
                               Das VII. Kapitel.
    Courasche schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine
  Leutenantin, triffts aber nicht so wohl als vorhero, schlägt sich mit ihrem
   Leutenant umb die Hosen mit Prügeln und gewinnet solch durch ihre tapfere
  Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie sitzen
                                     lässt.
Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich schon wiederumb ein ganz
Dutzent Freier und die Wahl darunter, welchen ich aus ihnen nehmen wollte; dann
ich war nicht allein schön und jung, sondern hatte auch schöne Pferd und
ziemlich viel alt Geld; und ob ich mich gleich vernehmen liesse, dass ich meinem
Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb Jahr trauren wollte, so konnte ich jedoch
die importune Hummeln, die umb mich wie umb einen fetten Honighafen, der Innen
Deckel hat, herumbschwärmbten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir bei
dem Regiment Unterhalt und Quartier, bis ich meine Gelegenheit anders anstellte;
hingegen liesse ich zween von meinen Knechten Herrendienste versehen; und wann es
Gelegenheit gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind etwas zu erschnappen
getraute, so sparte ich meine Haut sowenig als ein Soldat, allermassen ich in dem
anmutigen und fast lustigen Treffen bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen
unweit Heilbrunn einen Kornett samt seiner Standart gefangen bekommen; meine
beide Knechte aber haben bei Plünderung der Wägen ziemliche Beuten an barem Gelt
gemacht, welche sie unserem Akkord gemäss mit mir teilen mussten. Nach dieser
Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach ich bei meinem vorigen
Mann mehr gute Täge als gute Nächte gehabt, zumalen wider meinen Willen seit
seinem Tod gefastet, siehe, so gedachte ich, durch meine Wahl alle solche
Versaumnus wiedereinzubringen und versprach mich einem Leutenant, der meinem
Bedunken nach alle seine Mitbuhler beides, an Schönheit, Jugend, Verstand und
Tapferkeit, übertraf. Dieser war von Geburt ein Italianer, und zwar schwarz von
Haaren, aber weiss von Haut, und in meinen Augen so schön, dass ihn kein Maler
hätte schöner malen können. Er bewiese gegen mir fast eine Hundsdemut, bis er
mich erlöffelt, und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich so
freudenvoll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein beseligt hätte.
Wir wurden in der Pfalz kopuliert und hatten die Ehre, dass der Obriste selbst
neben den meinsten hohen Offiziern des Regiments bei der Hochzeit erschienen,
die uns alle vergeblich viel Glück in eine langwürige Ehe wünschten.
    Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der Sonnen beisammen
lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand liebreichem und freundlichem Gespräch
unterhielten, ich auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte mein Leutenant
seinem Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, dass er zween starke Prügel
herbeibringen sollte. Er war gehorsamb, und ich bildete mir ein, der arme Schelm
würde dieselbe am allerersten versuchen müssen; unterliesse derowegen nicht, vor
den Jungen zu bitten, bis er beide Prügel brachte und auf empfangenen Befelch
auf den Tisch zum Nachtzeug legte. Als nun der Jung wieder hinweg war, sagte
mein Hochzeiter zu mir: »Ja! Liebste, Ihr wisst, dass jedermann darvorgehalten und
geglaubt, Ihr hättet bei Euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen getragen,
welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht geringerer Beschimpfung
nachgeredet worden; weil ich dann nicht unbillig zu besorgen habe, Ihr möchtet
in solcher Gewohnheit verharren und auch die meinige tragen wollen, welches mir
aber zu leiden unmüglich oder doch sonst schwer fallen würde; sehet, so liegen
sie dorten auf dem Tische und jene zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir
beide uns, wann Ihr sie etwan wie vor diesem Euch zuschreiben und behaupten
wolltet, zuvor darumb schlagen könnten, sintemal mein Schatz selbst erachten
kann, dass es besser getan ist, sie fallen gleich jetzt im Anfang dem einen oder
andern Teil zu, als wann wir hernach in stehender Ehe täglich darumb kriegen.«
Ich antwortete: »Mein Liebster! (und damit gab ich ihm gar einen herzlichen Kuss)
ich hätte vermeint gehabt, diejenige Schlacht, so wir einander vor diesmal zu
liefern, sei allbereit gehalten; so hab ich auch niemalen in Sinn genommen,
Euere Hosen zu prätendiern, sondern, gleich wie ich wohl weiss, dass das Weib
nicht aus des Manns Haupt, aber wohl aus seiner Seiten genommen worden, also
habe ich gehofft, meinem -Herzliebsten werde solches auch bekannt sein, und er
werde derowegen sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wann ich von
seinen Fusssohlen genommen worden wäre, vor sein Fusstuch, sondern vor sein
Ehegemahl halten, vornehmblich, wann ich mich auch nicht unterstünde, ihme auf
den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe mit demütiger Bitte,
er wollte diese abendteurliche Fechtschul einstellen.« - »Ha ha!« sagte er, »das
sein die rechte Weibergriffe, die Herrschaft zu sich zu reissen, ehe mans gewahr
wird; aber es muss zuvor darumb gefochten sein, damit ich wisse, wer dem anderen
künftig zu gehorsamen schuldig.« Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie
ein anderer Narr; ich aber sprang aus dem Bette und legte mein Hembt und
Schlafhosen an, erwischte den kürzten, aber doch den stärksten Prügel und sagte:
»Weil Ihr mir je zu fechten befehlet und dem obsiegenden Teil die
Oberherrlichkeit (an die ich doch keine Ansprach zu haben begehrt) über den
Überwundenen zusprecht, so wäre ich wohl närrisch, wann ich eine Gelegenheit aus
Händen liesse, etwas zu erhalten, daran ich sonst nicht gedenken dörfte.« Er
hingegen auch nicht faul; dann nachdem ich also seiner wartete und er seine
Hosen auch angelegt, ertappete er den andern Prügel und gedachte, mich beim Kopf
zu fassen, umb mir alsdann den Buckel fein mit guter Musse abzuraumen. Aber war
ihm viel zu geschwind, dann ehe er sichs versah, hatte er eins am Kopf, davon
er hinaustürmelte wie ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween
Stecken zusammen, sie zur Tür hinauszuwerfen, und da ich solche öffnete, stunden
etliche Offizier darvor, die unserem Handel zugehöret und zum Teil durch einen
Spalt zugesehen hatten; diese liesse ich lachen, solang sie mochten, schlug die
Tür vor ihnen wieder zu, warf meinen Rock umb mich und brachte meinen Tropfen,
meinen Hochzeiter wollte ich sagen, mit Wasser aus einem Lavor wieder zu sich
selbst; und da ich ihn zum Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte,
liesse ich die Offizier vor der Tür auch zu uns ins Zimmer kommen.
    Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich selbst erachten.
Ich merkte wohl, dass mein Hochzeiter diese Offizier veranlasst, dass sie sich umb
diese Zeit vorm Zimmer einstellen und seiner Torheit Zeugen sein sollten; dann
als sie den Hegel gefoppet, er würde mir die Hosen lassen müssen, hatte er sich
gegen ihnen gerühmt, dass er einen sonderbaren Vorteil wisse, welchen er den
ersten Morgen ins Werk setzen und mich dardurch so geschmeidig machen wollte,
dass ich zittern würde, wann er mich nur scheel ansähe; aber der gute Mensch
hätte es gegen einer anderen als der Courasche probiern mögen. Gegen mir hat er
so viel ausgerichtet, dass er jedermanns Gespött worden, und ich hätte nicht mit
ihm gehauset, wann mirs nicht von Höheren befohlen und auferlegt worden wäre.
Wie wir aber miteinander gelebet, kann sich jeder leicht einbilden, nämblich wie
Hund und Katzen. Als er sich nun anderergestalt an mir nicht revanchiern und
auch das Gespött der Leute nicht mehr gedulten konnte, rappelte er einsmals alle
meine Barschaft zusammen und ging mit den dreien besten Pferden und einem
Knecht zum Gegenteil.
 
                               Das VIII. Kapitel.
Courasche hält sich in einer Okkasion trefflich frisch, haut einem Soldaten den
  Kopf ab, bekommt einen Major gefangen und erfährt, dass ihr Leutenant als ein
              meineidiger Überläufer gefangen und gehenket worden.
Also wurde ich nun zu einer Halbwittib, welcher Stand viel elender ist, als wann
eine gar keinen Mann hat. Etliche argwohneten, ich würde ihm folgen und wir
hätten unsere Flucht also miteinander angelegt; da ich aber den Obristen umb Rat
und Befelch fragte, wie ich mich Verhalten sollte, sagte er, ich möchte bei dem
Regiment verbleiben, so wollte er mich, solang ich mich ehrlich hielte, wie
andere Wittweiber verpflegen lassen; und damit benahme ich jedermann den
gedachten Argwohn. Ich musste mich ziemlich schmal behelfen, weil mein Barschaft
ausgeflogen und meine stattliche Soldatenpferd fort waren, auf denen ich auch
manche stattliche Beut gemacht; doch liesse ich meine Armut nicht merken, damit
mir keine Verachtung zuwüchse. Meine beide Knechte, die Herrndienste versahn,
hatte ich noch sambt einem Jungen und noch etlichen Schindmärren oder
Bagagepferden; davon und von meiner Männer Bagage versilberte ich, was Geld
galte, und machte mich wieder trefflich beritten. Ich dorfte zwar als ein Weib
auf keine Partei reiten, aber unter den Fouragieren fand sich nicht
meinesgleichen. Ich wünschte mir oft wieder eine Battaglia wie vor Wimpfen; aber
was halfs? ich musste der Zeit erwarten, weil man mir zu Gefallen doch keine
Schlacht gehalten, wann ichs gleich begehrt hätte. Damit ich aber gleichwohl
auch wiederumb zu Geld kommen möchte, dessen es auf dem Fouragieren selten
setzte, liesse ich (beides, umb solches zu verdienen und meinen Ausreisser umb
seine Untreu zu bezahlen) mich von denen treffen, die spendierten; und also
brachte ich mich durch und dingte mir noch einen starken Jungen zum Knecht, der
mir musste helfen stehlen, wann die andere beide mussten wachen. Das trieb ich so
fort, bis wir den Braunschweiger über den Main jagten und viel der Seinigen
darin ersäuften, in welchem Treffen ich mich unter die Unserige mischte und in
meines Obristen Gegenwart dergestalt erzeigte, dass er solche Tapferkeit von
keinem Mannsbild geglaubt hatte; dann ich nahme in der Caracolle einen Major vom
Gegenteil vor seinem Truppen hinweg, als er die Charge reduplieren wollte; und
als ihn einer von den Seinigen zu erretten gedachte und mir zu solchem Ende eine
Pistol an den Kopf losbrennete, dass mir Hut und Federn darvonstobe, bezahlte ich
ihn dergestalt mit meinem Säbel, dass er noch etliche Schritte ohne Kopf mit mir
ritte, welches beides, verwunderlich und abscheulich, anzusehen war. Nachdem nun
dieselbe Eskadron getrennet und in die Flucht gewendet worden, mir auch der
Major einen ziemlichen Stumpen Goldsorten sambt einer güldenen Ketten und
kostbarlichen Ring vor sein Leben gegeben hatte, liesse ich meinen Jungen das
Pferd mit ihm vertauschen und lieferte ihn den Unserigen in Sicherheit, begab
mich darauf an die zerbrochne Brucken, allwo es in dem Wasser an ein erbärmlichs
Ersaufen und auf dem Land an ein grausambs Niedermachen ging; und alldieweil
noch ein jeder bei seinem Truppen bleiben musste, soviel immer möglich, packte
ich eine Kutsche mit sechs schönen Bräunen an, auf welcher weder Geld noch
lebendige Personen, aber wohl zwo Kisten mit kostbaren Kleidern und weissen Zeug
sich befanden. Ich brachte sie mit meines Knechts oder Jungen Hülf dahin, wo ich
den Major gelassen hatte, welcher sich schier zu Tod kränkte, dass er von einem
solchen jungen Weib gefangen worden; da er aber sah, dass sowohl in meinen
Hosensäcken als in den Halftern Pistolen staken, die ich sambt meinem Karbiner
dort wieder lüde und fertig machte, auch hörete, was ich hiebevor bei Wimpfen
ausgerichtet, gab er sich wiederumb etwas zufrieden und sagte: »Der Teufel
möchte mit so einer Hexen etwas zu schaffen haben!« Ich ging mit meinem Jungen
(den ich ebenso fest als mich und mein Pferd gemacht hatte) hin, noch mehr
Beuten zu erschnappen, fand aber den Obristleutenant von unserem Regiment dort
unter seinem Pferde liegen, der mich kannte und umb Hülf anschriee. Ich packte
ihn auf meines Jungen Pferd und führte ihn zu den Unserigen in meine erst
eroberte Kutsche, allda er meinem gefangnen Major Gesellschaft leisten musste. Es
ist nicht zu glauben, wie ich nach dieser Schlacht sowohl von meinen Neidern als
meinen Gönnern gelobt wurde; beide Teil sagten, ich wäre der Teufel selber; und
eben damals war mein höchster Wunsch, dass ich nur kein Weibsbild wäre; aber was
wars drumb? es war Null und verhimpelt. Ich gedachte oft, mich vor einen
Hermaphroditen auszugeben, ob ich vielleicht dardurch erlangen möchte,
öffentlich Hosen zu tragen und vor einen jungen Kerl zu passiern; hergegen hatte
ich aber durch meine unmässige Begierden so viel Kerl empfinden lassen, wer ich
wäre, dass ich das Herz nicht hatte, ins Werk zu setzen, was ich gerne gewollt;
dann so viel Zeugen würden sonst ein anders von mir gesagt und verursacht haben,
dass es dahin kommen wäre, dass mich beides, Medici und Hebammen, beschauen
müssten; behalfe mich derowegen, wie ich konnte; und wann man mir viel verweisen
wollte, antwortet ich, es wären wohl ehe Amazones gewesen, die so ritterlich als
die Männer gegen ihren Feinden gefochten hätten. Damit ich nun des Obristen Gnad
erhalten und von ihme wider meine Missgünstige beschützt werden möchte,
präsentierte ich ihm neben dem Gefangnen auch meine Kutsche mitsambt den
Pferden, darvor er mir 200 Reichstaler verehrete, welches Geld ich sambt dem,
was ich sonst auf ein neues erschnappt und sonst verdienet hatte, abermal in
einer namhaften Stadt verwahrte.
    Indem wir nun Mannheim eingenommen und Frankental noch belagert hielten und
also den Meister in der Pfalz spielten, siehe, da schlugen Corduba und der von
Anhalt abermal den Braunschweiger und Mansfelder bei Floreack, in welchem
Treffen mein ausgerissener Mann, der Leutenant, gefangen, von den Unserigen
erkannt und als ein meineidiger Überläufer mit seinem allerbesten Hals an einen
Baum geknüpft worden; wordurch ich zwar wieder von meinem Mann erlöst und zu
einer Wittib ward; ich bekam aber so ein Kaufen Feinde, die da sagten: »Die
Strahl-Hex hat den armen Teufel umbs Leben gebracht!«, dass ich ihm das Leben
gern länger gönnen und mich noch ein Weil mit ihm gedulden mögen, bis er
gleichwohl anderwärts ins Gras gebissen und einen ehrlichern Tod genommen, wann
es nur hätte sein können.
 
                                Das IX. Kapitel.
Courasche quittiert den Krieg, nachdem ihr kein Stern mehr leuchten will und sie
               fast von jedermann vor einen Spott gehalten wird.
Also kam es nach und nach dahin, dass ich mich je länger je mehr leiden musste.
Meine Knechte wurden mir verführt, weil zu ihnen gesagt wurde: »Pfui Teufel, wie
möcht ihr Kerl einer solchen Vettel dienen?« Ich hoffte, wieder einen Mann zu
bekommen, aber ein jeder sagte: »Nimb du sie, ich begehr ihrer nicht!« Was
ehrlich gesinnet war, schüttelt den Kopf über mich, und also täten auch beinahe
alle Offizier; was aber geringe Leut und schlechte Potentaten waren, die dorften
sich nicht bei mir anmelden; so hätte ich ohnedas auch keinen aus denselbigen
angesehen. Ich empfande zwar nicht am Hals, wie mein Mann, was unser närrisch
Fechten ausgerichtet; aber doch hatte ich länger daran, als er am Henken, zu
verdauen. Ich wäre gerne in eine andere Haut geschloffen, aber beides, die
Gewohnheit und meine tägliche Gesellschaften, wollten mir keine Besserung
zulassen, wie dann die allermeinste Leute in Krieg viel eher ärger als frömmer
zu werden pflegen. Ich butzte mich wieder und richtete dem einen und andern
allerhand Netz und Strick, ob ich etwan diesen oder jenen anseilen und ins Garn
bringen möchte; aber es half nichts; ich war schon allbereit viel zu tief im
Geschrei; man kannte die Courasche schon allerdings bei der ganzen Armee, und wo
ich bei den Regimentern vorüberritte, wurde mir meine Ehre durch viel tausend
Stimmen öffentlich ausgerufen, also dass ich mich schier wie ein Nachteule bei
Tage nicht mehr dorfte sehen lassen. Im Marschieren äusserten mich ehrliche
Weiber; das Lumpengesindel beim Tross schurrigelte mich sonst, und was etwan vor
ledige Offizier wegen ihrer Nachtweid mich gern geschützt hätten, mussten bei den
Regimentern bleiben, bei welchen mir aber durch ihr schändlichs Geschrei mit der
allerschärfsten Laugen aufgegossen ward, also dass ich wohl sah, dass meine Sach
so in die Länge kein gut mehr tun werde. Etliche Offizier hatte ich noch zu
Freunden, die aber nicht meinen, sondern ihren Nutzen suchten; teils suchten
ihre Wollüste, teils mein Geld, andere meine schöne Pferd; sie alle aber machten
mir Ungelegenheit mit Schmarotzen, und war doch keiner, der mich zu heiraten
begehrte, entweder dass sie sich meiner schämten, oder dass sie mir eine
unglückliche Eigenschaft zuschrieben, die alle meinen Männern schädlich wäre,
oder aber dass sie sich sonst, ich weiss nicht warumb, vor mir förchteten.
    Derowegen beschlosse ich mit mir selber, nicht nur dies. Regiment, sondern
auch die Armada, ja den ganzen Krieg zu quittiern, und konnte es auch umb soviel
desto leichter ins Werk setzen, weil die hohe Offizier meiner vorlängst gern
losgewesen wären; ja ich kann mich auch nicht überreden lassen zu glauben, dass
sich unter andern ehrlichen Leuten viel gefunden haben, die umb meine Hinfahrt
viel geweinet, es seien dann etliche wenige junge Schnapper ledigs Stands unter
den mittelmässigen Offiziern gewest, denen ich zu Zeiten etwan ein Paar
Schlafhosen gewaschen. Der Obriste hatte den Ruhm nicht gern, dass seine schöne
Kutsche durch die Courasche vom Feind erobert und ihm verehrt worden sein
sollte. Dass ich den verwundeten Obristleutenant aus der Battalia und Todsgefahr
errettet und zu den Unserigen geführt, darvon schriebe er ihm so wenig Ehr zu,
dass er mir meiner Mühe nicht allein mit »Potz Velten!« dankte, sondern auch,
wann er mich sah, mit griesgramenden Mienen errötet und mir, wie leicht zu
gedenken, lauter Glück und Heil an den Hals wünschte. Das Frauenzimmer oder die
Offiziersweiber hasseten mich, weil ich weit schöner war als eine unter dem
ganzen Regiment, zumalen teils ihren Männern auch besser gefiele; und beides,
hohe und niedere Soldaten, waren mir feind, umb dass ich trutz einem unter ihnen
allen das Herz hatte, etwas zu unterstehen und ins Werk zu setzen, das die
grösste Tapferkeit und verwegneste Hazarde erfordert und darüber sonst manchen
das kalte Wehe angestossen hätte.
    Gleichwie ich nun leicht merkte, dass ich viel mehr Feinde als Freunde hatte,
also konnte ich mir auch wohl einbilden, es würde ein jedwedere von meiner
widerwärtigen Gattung gar nicht unterlassen, mir auf ihre sonderbare Manier eins
anzumachen, wann sich nur die Gelegenheit darzu ereignet. »O Courasche,« sagte
ich zu mir selbst, »wie willst du so vielen unterschiedlichen Feinden entgehen
konnen, von denen vielleicht ein jeder seinen besonderen Anschlag auf dich hat?
Wann du sonst nichts hättest als deine schöne Pferde, deine schöne Kleider, dein
schönes Gewehr und den Glauben, dass du viel Geld bei dir habest, so wären es
Feinde genug, einige Kerl anzuhetzen, dich heimlich hinzurichten. Wie? wann dich
dergleichen Kerl ermordeten oder in einer Okkasion niedermachten? was würde wohl
für ein Hahn darnach krähen? wer würde deinen Tod rächen? Was? solltest du auch
wohl deinen eignen Knechten trauen dörfen?« Mit dergleichen Sorgen quälte ich
mich selbst und fragte mich auch selbst, was Rats? weil ich sonst niemand hatte,
ders treulich mit mir meinte; und eben deswegen musste ich mir auch selbst
folgen.
    Demnach sprach ich den Obristen umb einen Pass an in die nächste Reichsstadt,
die mir eben an der Hand stunde und wohlgelegen war, mich von dem Kriegsvolk zu
rettiriern; den erlangte ich nicht allein ohne grosse Mühe, sondern noch anstatt
eines Abschieds einen Urkund, dass ich einem Haubtmann vom Regiment (dann von
meinem letzten Mann begehrte ich keinen Ruhm zu haben) ehrlich verheiratet
gewesen und, als ich solchen vorm Feind verloren, mich eine Zeitlang bei dem
Regiment aufgehalten und in solcher währenden Zeit also wohl, fromm und ehrlich
gehalten, wie einer rechtschaffnen ehr- und tugendliebenden Damen gebühre und
wohlanständig sei, mich derowegen jedermänniglichen umb solchen meines
untadelhaften tugendlichen Wandels willen bestens rekommandierend. Und solche
fette Lügen wurden mit eigenhändiger Subskription und beigedrucktem Sigill in
bester Form bekräftigt. Solches lasse sich aber niemand wundern; dann je
schlimmer sich einer hält, und je lieber man eines gerne los wäre, je
trefflicher wird der Abschied sein, den man einem solchen mit auf den Weg gibt;
sonderlich wann derselbe zugleich sein Lohn sein muss. Einen Knecht und ein Pferd
liesse ich dem Obristen unter seiner Kompagnie, welcher trutz einem Offizier
mundiert war, umb meine Dankbarkeit darmit zu bezeugen; hingegen brachte ich
einen Knecht, einen Jungen, eine Magd, sechs schöne Pferd (darunter das eine 100
Dukaten wert gewesen) sambt einem wohlgespickten Wagen darvon; und kann ich bei
meinem grossen Gewissen (etliche nennen es ein weites Gewissen) nicht sagen, mit
welcher Faust ich alle diese Sachen erobert und zuwegen gebracht habe.
    Da ich nun mich und das Meinige in bemeldte Stadt in Sicherheit gebracht
hatte, versilberte ich meine Pferd und gab sonst alles hinweg, was Geld golte
und ich nicht gar nötig brauchte; mein Gesind schaffte ich auch miteinander ab,
einen geringen Kosten zu haben. Gleichwie mirs aber zu Wien war gangen, also
ging mirs auch hier: Ich konnte abermal des Namens Courasche nicht los werden,
wiewohl ich ihn unter allen meinen Sachen am allerwohlfeilsten hinweggeben
hätte; dann meine alte oder vielmehr die junge Kunden von der Armee ritten mir
zu Gefallen in die Stadt und fragten mir mit solchem Namen nach, welchen auch
die Kinder auf der Gassen ehender als das Vatterunser lerneten; und eben darumb
wiese ich meinen Galanen die Feigen. Als aber hingegen diese den Stadtleuten
erzählten, was ich vor ein Tauss-Es wäre, so erwiese ich hinwiederumb denselben
ein anders mit Brief und Siegel und beredet sie, die Offizier gäben keiner
anderen Ursachen halber solche lose Stück von mir aus, als weil ich nicht
beschaffen sein wollte, wie sie mich gerne hätten. Und dergestalt bisse ich mich
ziemlich heraus und brachte vermittelst meiner guten schriftlichen Zeugnis
zuwegen, dass mich die Stadt, bis ich meine Gelegenheit anders machen konnte, umb
ein geringes Schirmgelt in ihren Schutz nahm; allwo ich mich dann wider meinen
Willen gar ehrbarlich, fromm, still und eingezogen hielte und meiner Schönheit,
die je länger je mehr zunahm, aufs beste pflegte, der Hoffnung, mit der Zeit
wiederumb einen wackern Mann zu bekommen.
 
                                Das X. Kapitel.
  Courasche erfährt, wer ihre Eltern gewesen, und bekommt wieder einen andern
                                     Mann.
Aber ich hätte lang harren müssen, bis mir etwas Rechts angebissen; dann die
gute Geschlechter verblieben bei ihresgleichen, und was sonst reich war, konnte
auch sonst reiche und schöne und vornehmlich (welches man damals noch in etwas
beobachtete) auch ehrliche Jungfrauen zu Weibern haben, also dass sie nicht
bedorften, sich an eine verlassene Soldatenhur zu henken. Hingegen waren
etliche, die entweder Bankerott gemacht oder bald zu machen gedachten; die
wollten zwar mein Gelt, ich wollte aber darum sie nicht; die Handwerksleut waren
mir ohnedas zu schlecht. Und damit blieb ich ein ganz Jahr sitzen, welches mir,
länger zu gedulten, gar schwer und ganz wider die Natur war, sintemal ich von
der guten Sache, die ich genosse, ganz kützelig wurde; dann ich brauchte mein
Gelt, so ich hie und dort in den grossen Städten hatte, den Kauf- und
Wechselherren zuzeiten beizuschiessen, daraus ich so ein ehrlichen Gewinnchen
erhielte, dass ich ziemliche gute Tag davon haben konnte und nichts von der
Haubtsumma verzehren dorfte. Weilen es mir dann an einem andern Ort mangelte und
meine schwache Beine diese gute Sache nicht mehr ertragen konnten oder wollten,
machte ich mein Gelt per Wechsel auf Prag, mich selbst aber mit etlichen
Kaufherren hernach und suchte Zuflucht bei meiner Kostfrauen zu Bragoditz, ob
mir vielleicht alldorten ein besser Glück anstehen möchte.
    Dieselbe fand ich gar arm, weder ich sie verlassen; dann der Krieg hatte
sie nit allein sehr verderbt, sondern sie hatte auch allbereit vor dem Krieg mit
mir und ich nit mit ihr gezehret. Sie freuete sich meiner Ankunft gar sehr,
vornehmlich als sie sah, dass ich nicht mit leerer Hand angestochen kam.
    Ihr erstes Willkommheissen aber war doch lauter Weinen, und indem sie mich
küsste, nennete sie mich zugleich ein unglückseliges Fräulin, welches seinem
Herkommen gemäss schwerlich würde sein Leben und Stand führen mögen, mit fernerem
Anhang, dass sie mir fürderhin nit mehr wie vor diesem zu helfen, zu raten und
vorzustehen wisse, weil meine besten Freund und Verwandten entweder verjagt oder
gar tod wären; und überdas, sagte sie, würde ich mich schwerlich vor den
Kaiserlichen dörfen sehen lassen, wann sie meinen Ursprung wissen wollten. Und
damit heulete sie immer fort, also dass ich mich in ihre Rede nicht richten noch
begreifen konnte, ob es gehauen oder gestochen, gebrannt oder gebohrt wäre. Da
ich sie aber mit Essen und Trinken (dann die gute Tröpfin musste den jämmerlichen
Schmalhansen in ihrem Quartier herbergen) wiederum gelabt und also zurecht
gebracht, dass sie schier ein Tummel hatte, erzählte sie mir mein Herkommen gar
offenherzig und sagte, dass mein natürlicher Vatter ein Graf und vor wenig Jahren
der gewaltigste Herr im ganzen Königreich gewesen, nunmehr aber wegen seiner
Rebellion wider den Kaiser des Lands vertrieben worden und, wie die Zeitungen
mitgebracht, jetzunder an der türkischen Porten sei; allda er auch sogar sein
christliche Religion in die türkische verändert haben solle. Meine Mutter, sagte
sie, sei zwar von ehrlichem Geschlecht geboren, aber ebenso arm als schön
gewesen; sie hätte sich bei des gedachten Grafen Gemahlin vor eine Staatsjungfer
aufgehalten, und indem sie der Gräfin aufgewartet, wäre der Graf selbst ihr
Leibeigener worden und hätte solche Dienste getrieben, bis er sie auf einen
adeligen Sitz verschafft, da sie mit mir niederkommen; und weilen eben damals
sie, meine Kostfrau, auch einen jungen Sohn entwöhnet, den sie mit desselbigen
Schlosses Edelmann erzeugt, hätte sie meine Säugamme werden und mich folgends zu
Bragoditz adelig auferziehen müssen, worzu dann beides, Vater und Mutter,
genugsame Mittel und Unterhaltung hergeben. »Ihr seid zwar, liebes Fräulin,«
sagte sie ferner, »einem tapferen Edelmann von Euerem Vatter versprochen worden;
derselbe ist aber bei Eroberung Pilsen gefangen und als ein Meineidiger neben
andern mehr durch die Kaiserlichen aufgehenkt worden.«
    Also erfuhr ich, was ich vorlängst zu wissen gewünscht, und wünschte doch
nunmehr, dass ichs niemal erfahren hätte, sintemal ich so schlechten Nutzen von
meiner hohen Geburt zu hoffen; und weil ich keinen andern und bessern Rat wusste,
so machte ich einen Akkord mit meiner Säugamm, dass sie hinfort meine Mutter und
ich ihre Tochter sein sollte. Sie war viel schlauer als ich, derowegen zog ich
auch auf ihren Rat mit ihr von Bragoditz auf Prag; nicht allein zwar, dass wir
den Bekannten aus den Augen kämen, sondern zu sehen, ob uns vielleicht alldorten
ein anders Glück anscheinen möchte. Im übrigen so waren wir recht vor einander.
Nicht, dass sie hätte kupplen und ich huren sollen, sondern weil sie eine
Ernährerin, ich aber eine getreue Person bedorfte (gleich wie diese eine
gewesen), deren ich beides. Ehr und Gut, vertrauen konnte. Ich hatte ohne
Kleider und Geschmuck bei 3000 Reichstaler bar Gelt beieinander und dannenhero
damals keine Ursach, durch schändlichen Gewinn meine Nahrung zu suchen. Meine
neue Mutter kleidete ich wie eine ehrbare alte Matron, hielte sie selbst in
grossen Ehren und erzeigte ihr vor den Leuten allen Gehorsam; wir gaben uns vor
Leute aus, die auf der teutschen Grenz durch den Krieg vertrieben worden wären,
suchten unseren Gewinn mit Nähen, auch Gold-, Silber- und Seidensticken, und
hielten uns im übrigen gar still und eingezogen, meine Batzen genau
zusammenhaltend, weil man solche zu vertun pflegt, ehe mans vermeint, und deren
keine andere kann gewinnen, wann man gern wollte.
    Nun, dies wäre ein feines Leben gewest, das wir führten, ja gleichsam ein
klösterliches, wann uns nur die Beständigkeit nicht abgangen wäre. Ich bekam
bald Buhler: etliche suchten mich wie das Frauenzimmer im Bordelt, und andere
Tropfen, die mir meine Ehre nit zu bezahlen getrauten, sagten mir viel vom
Heuraten; beide Teil aber wollten mich bereden, sie würden durch die grausame
Liebe, die sie zu mir trügen, zu ihren Begierden angesporet. Ich hätte aber
keinem geglaubt, wann ich selbst ein keusche Ader in mir gehabt; es ging halt
nach dem alten Sprichwort: Gleich und gleich gesellt sich gern. Dann gleich wie
man sagt: Das Stroh in den Schuhen, ein Spindel im Sack und eine Hur im Haus
lässt sich nicht verbergen, also wurde ich auch gleich bekannt und wegen meiner
Schönheit überall berühmt. Dannenhero bekamen wir viel zu stricken, und unter
anderem einem Haubtmann ein Wehrgehenk, welcher Vorgabe, dass er vor Liebe in den
letzten Zügen läge. Hingegen wusste ich ihm von der Keuschheit so ein Haufen
aufzuschneiden, dass er sich stellte, als wollte er gar verzweifeln; dann ich
ermasse die Beschaffenheit und das Vermögen meiner Kunden nach der Regul meines
Wirt »Zum guldenen Löwen« zu N. Dieser sagte: »Wann mir ein Gast kommt und gar
zu unmässig viel höflicher Komplimenten macht, so ist eine gewisse Anzeigung, dass
er entweder nicht viel zum besten oder sonst nicht im Sinn hat, viel zu
vergeben; kommt aber einer mit Trutzen und nimmt die Einkehr bei mir gleichsam
mit Pochen und einer herrischen Bottmässigkeit, so gedenke ich: Holla, diesem
Kerl ist der Beutel geschwollen, dem musst du schrepfen. Also traktiere ich die
Höfliche mit Gegenhöflichkeit, damit sie mich und meine Herberg anderwärts
loben, die Schnarcher aber mit allem, das sie begehren, damit ich Ursach habe,
ihren Beutel rechtschaffen zu aktionieren.« Indem ich nun diesen meinen
Haubtmann hielte, wie dieser Wirt seine höfliche Gast, als hielte er mich
hingegen wo nicht gar vor ein halben Engel, jedoch wenigst vor ein Muster und
Ebenbild der Keuschheit, ja schier vor die Frommkeit selber. In Summa, er kam
so weit, dass er von der Verehlichung mit mir anfieng zu schwätzen, und liesse
auch nicht nach, bis er das Jawort erhielte. Die Heuratspunkten waren diese, dass
ich ihm 1000 Reichstaler Bargelt zubringen, er aber hingegen mich in Teutschland
zu seinem Heimat um dieselbige versichern sollte, damit, wann er vor mir ohne
Erben sterben sollte, ich deren wieder habhaft werden könnte; die übrige 2000
Reichstaler, die ich noch hätte, sollten an ein gewiss Ort auf Zins gelegt und in
stehender Ehe die Zins von meinem Haubtmann genossen werden, das Kapital aber
ohnverändert bleiben, bis wir Erben hätten; auch sollte ich Macht haben, wann
ich ohne Erben sterben sollte, mein ganz Vermögen, darunter auch die 1000
Reichstaler verstanden, die ich ihm zugebracht, hin zu vertestieren, wohin ich
wollte etc. Demnach wurde die Hochzeit gehalten; und als wir vermeinten, zu Prag
beieinander, solang der Krieg währete, in der Garnison gleich wie im Frieden in
Ruhe zu leben, siehe, da kam Ordre, dass wir nach Holstein in den dänemärkischen
Krieg marschieren müssten.
 
                                Das XI. Kapitel.
Nachdem Courasche anfähet, sich fromm zu halten, wird sie wieder unversehens zu
                                 einer Wittib.
Ich rüstete mich trefflich ins Feld, weil ich schon besser als mein Haubtmann
wusste, was darzu gehörete; und indem ich mich ängstigte, dass ich wieder dahin
musste, wo man die Courasche kennete, erzählte ich meinem Mann mein ganzes
geführtes Leben bis auf die Hurenstücke, die ich hie und da begangen, und was
sich mit mir und dem Rittmeister zugetragen; vom Namen »Courasche« überredet ich
ihn, dass er mir wegen meiner Tapferkeit zugewachsen wäre, wie dann sonst auch
jedermann von mir glaubte. Mit dieser Erzählung kam ich denjenigen vor, die mir
sonst etwan bei ihm einen bösen Rauch gemacht, wann sie ihm vielleicht solches
und noch mehr darzu, ja mehr, als mir lieb gewesen, erzählet hätten. Und
gleichwie er mir damal schwerlich glaubte, wie ich mich in offenen Schlachten
gegen dem Feind gehalten, bis es folgends andere Leut bei der Armee bezeugten,
also glaubte er nachgehends auch andern Leuten nicht, wann sie ihm von meinen
schlimmen Stücken aufschnitten, weil ich solche leugnete. Sonst war er in allen
seinen Handlungen sehr bedächtig und vernünftig, ansehenlich von Person und
einer von den Beherzten, also dass ich mich selbst oft verwunderte, warumb er
mich genommen, da ihm doch billiger etwas Ehrliches gebührt hätte.
    Meine Mutter nahm ich mit mir vor eine Haushalterin und Köchin, weil sie nit
zuruckbleiben wollt. Ich versah unseren Bagagewagen mit allem dem, was man
ersinnen hätte mögen, das uns im Feld sollt nötig gewesen sein, und machte eine
solche Anstalt unter dem Gesind, dass weder mein Mann selbst drum sorgen, noch
einen Hofmeister darzu bedorfte; mich selbst aber mundierte ich wieder wie vor
diesem mit Pferd, Gewehr, Sattel und Zeug, und also staffiert kamen wir bei den
Häusern Gleichen zu der Tillyschen Armee, allwo ich bald erkannt und von den
mehristen Spottvögeln zusammengeschrieen wurde: »Lustig, ihr Brüder, wir haben
ein gut Omen, künftige Schlacht zu gewinnen!« - »Warum?« - »Darum, die Courasche
ist wieder bei uns angekommen!« Und zwar diese Lappen redeten nicht übel von der
Sach, dann das Volk, mit dem ich kam, war ein Sukkurs von drei Regimentern zu
Pferd und zweien zu Fuss, welches nicht zu verachten, sondern der Armada Courage
genug mitgebracht, wann ich gleich nicht dabei gewesen wäre.
    Meines Behalts den zweiten Tag nach dieser glücklichen Konjunktion gerieten
die Unserige dem König von Dänemark bei Lutter in die Haar, allwo ich fürwahr
nicht bei der Bagage bleiben mochte, sondern, als des Feinds erste Hitze
verloschen und die Unserige das Treffen wieder tapfer erneuert, mich mitten ins
Gedräng mischte, wo es am allerdicksten war. Ich mochte keine geringe Kerl
gefangen nehmen, sondern wollte meinem Mann gleich in der erste weisen, dass mein
Zunamen an mir nicht übel angelegt wäre, noch er sich dessen zu schämen hätte;
machte derowegen meinem edlen Hengst, der seinesgleichen in Prag nicht gehabt,
mit dem Säbel Platz, bis ich einen Rittmeister von vornehmen dänischen
Geschlecht beim Kopf kriegte und aus dem Gedräng zu meinem Bagagewagen brachte.
Ich und mein Pferd bekamen zwar starke Püff, wir liessen aber keinen Tropfen Blut
auf der Walstatt, sondern trugen nur etliche Mäler und Beulen darvon. Weilen ich
dann sah, dass es so glücklich abgieng, machte ich mein Gewehr wieder fertig,
jagte hin und holete noch einen Quartiermeister sambt einem gemeinen Reuter,
welche nicht ehe gewahr wurden, dass ich ein Weibsbild war, als bis ich sie zu
obengedachten Rittmeister und meinen Leuten brachte. Ich besuchte keinen von
ihnen, weil jeder selbst sein Gelt und Geltswert herausgab, was er hatte;
vornehmblich aber liesse ich den Rittmeister fast höflich; traktiern und nit
anrühren, viel weniger gar ausziehen; aber als ich mich mit Fleiss ein wenig
beiseits machte, vertauschten meine Knecht mit den andern beiden ihre Kleider,
weil sie trefflich wohl mit Köllern mondiert waren. Ich hätte es zum drittenmal
gewagt und fort geschmiedet, dieweil das Eisen weich gewesen und die Schlacht
gewähret; so mochte ich aber meinem guten Pferd nicht zu viel zumuten. Indessen
bekam mein Mann auch etwas wenigs an Beuten von denen, die sich aufs Schloss
Lutter retiriert und ewiglich auf Gnad und Ungnad ergeben hatten, also dass wir
beide in und nach dieser Schlacht in allem und allem auf tausend Gulden Wert vom
Feind erobert, welches wir gleich nach dem Treffen zugemacht und, ohnverweilt
per Wechsel nacher Prag zu meinen alldortigen 2000 Reichstalern überschaft,
weil wir dessen im Feld nicht bedürftig und täglich hofften, noch mehr Beuten zu
machen.
    Ich und mein Mann bekamen einander je länger je lieber, und schätzte sich
als das eine glückselig, weil es das andere zum Ehegemahl hatte; und wann wir
uns nit beide geschämt hätten, so glaub ich, ich wäre Tag und Nacht in den
Laufgräben, auf der Wacht und in allen Okkasionen niemals von seiner Seiten
kommen. Wir vermachten einander alles unser Vermögen, also, dass das Letztlebende
(wir bekämen gleich Erben oder nicht) das Verstorbene erben, meine Säugamme oder
Mutter aber gleichwohl auch ernähren sollte, solang sie lebte, als welche uns
grossen Fleiss und Treu bezeugte. Solche Vermächtnus hinterlegten wir, weil wirs
in duplo ausgefertigt, eine zu Prag hinter den Senat und die ander in meines
Manns Heimat in Hochteutschland, so damals noch in seinem besten Flor stunde und
von dem Kriegswesen das geringste nicht erlitten.
    Nach diesem lutterischem Treffen nahmen wir Steindruck, Verben, Langenwedel,
Rotenburg, Ottersberg und Hoya ein, in welchem letztgenannten Schloss Hoya mein
Mann mit etlichen kommandierten Völkern ohne Bagage musste liegen verbleiben.
Gleichwie mich aber sonst nirgends keine Gefahr von meinem Mann behalten konnte,
also wollte ich ihn auch auf diesem Schloss nit allein lassen aus Furcht, die
Läuse möchten mir ihn fressen, weil keine Weibsbilder da waren, so die
Soldateska gesäubert hätten. Unsere Bagage aber verblieb bei dem Regiment,
welches hingieng, die Winterquartier zu geniessen, bei welcher ich auch
verbleiben und solchen Genuss hätte einziehen sollen.
    Sobald nun solches bei angehendem Winter geschehen und Tilly dergestalt
seine Völker zerteilt, siehe, da kam der König in Dänemark mit einer Armee und
wollte im Winter wieder gewinnen, was er im Sommer verloren; er stellte sich,
Verben einzunehmen; weil ihm aber die Nuss zu hart zu beissen war, liesse er
selbige Stadt liegen und seinen Zorn am Schloss Hoya aus, welches er in 7 Tagen
mit mehr als tausend Kanonschüssen durchlöchert, darunter auch einer meinen
lieben Mann traf und mich zu einer unglückseligen Wittib machte.
 
                               Das XII. Kapitel.
     Der Courasche wird ihr treffliche Courage auch trefflich eingetränkt.
Als nun die Unserige das Schloss aus Forcht, es möchte einfallen und uns alle
bedecken, dem König übergaben und herauszogen, ich auch also ganz betrübt und
weinend mitmarschierte, sah mich zu allem Unglück derjenige Major, den ich
hiebevor von den Braunschweigischen bei dem Mainstrom gefangen bekommen; er
erkundiget alsobalden die Gewissheit meiner Person von den Unserigen, und als er
auch meinen damaligen Stand erfuhre, dass ich nämlich allererst zu einer Wittib
worden wäre, da nahme er die Gelegenheit in acht und zwackte mich ohnversehens
von den Truppen hinweg. »Du Blut-Hex!« sagte er, »jetzt will ich dir den Spott
wieder vergelten, den du mir vor Jahren bei Höchst bewiesen hast, und dich
lehren, dass du hinfort weder Wehr noch Waffen mehr führen noch dich weiters
unterstehen sollest, einen Kavalier gefangen zu nehmen.« Er sah so grässlich
aus, dass ich mich auch nur vor seinem Anblick entsetzte; wäre ich aber auf
meinem Rappen gesessen und hätte ihn allein für mir im Feld gehabt, so hätte ich
getraut, ihn eine andere Sprache reden zu lernen. Indessen führte er mich mitten
unter einen Truppen Reuter und gab mich dem Fahnenjunker in Verwahrung, welcher
alles, was ich mit dem Obristleutenant (dann er hatte seiter diese Stell
bekommen) zu tun hatte, von mir erkundigt; der erzählte mir hingegen, dass er
beinahe damals, als ich ihn gefangen bekommen, schier den Kopf oder wenigst sein
Majorstell verloren hätte, umb dass er sich von einem Weibsbild von der Brigaden
hinweg fangen lassen, und dardurch dem Truppen eine Unordnung und gänzliche
Zertrennung verursachet, wofern er nicht sich damit ausgeredet, dass ihn
diejenige, so ihn hinweggenommen, durch Zauberei verblendet; zuletzt hätte er
doch aus Scham resigniert und dänische Dienst angenommen.
    Die folgende Nacht logierten wir in einem Quartier, darin wenig zum besten
war, allwo mich der Obristleutenant zwang, zu Revanche seiner Schmach, wie ers
nennete, seine viehische Begierden zu vollbringen, worbei doch (pfui der
schändlichen Torheit!) weder Lust noch Freud sein konnte, indem er mir anstatt
der Küss, ob ich mich gleich nit sonderlich sperret, nur dichte Ohrfeigen gab.
Den andern Tag rissen sie unversehens aus wie die flüchtige Hasen, hinter denen
die Windhund herstreichen, also dass ich mir nichts anders einbilden konnte, als
dass sie der Tilly jagte, wiewohl sie nur flohen aus Forcht, gejagt zu werden.
Die zweite Nacht fanden sie Quartier, da der Bauer den Tisch deckte; da lude
mein tapferer Held von Offiziern seines Gelichters zu Gast, die sich durch mich
mit ihm verschwägern mussten, also dass meine sonst ohnersättliche fleischliche
Begierden dermalen genugsam kontentiert wurden. Die dritte Nacht, als sie den
ganzen Tag abermal geloffen waren, als wann sie der Teufel selbst gejagt, ging
es mir gar nit besser, sondern viel ärger; dann nachdem ich dieselbe kümmerlich
überstanden und alle diese Hengste sich müd gerammelt hatten (pfui! ich schämte
michs beinahe zu sagen, wann ichs dir, Simplicissime, nit zu Ehren und Gefallen
täte!), musste ich auch vor der Herren Angesicht mich von den Knechten treffen
lassen. Ich hatte bisher alles mit Gedult gelitten und gedacht, ich hätte es
hiebevor verschuldet; aber da es hierzu kam, war mirs ein abscheulicher Greuel,
also dass ich anfieng zu lamentieren, zu schmalen und Gott um Hülf und Rach
anzurufen; aber ich fand keine Barmherzigkeit bei diesen viehischen Unmenschen,
welche, aller Scham und christlichen Ehrbarkeit vergessen, mich zuerst nackend
auszogen, wie ich auf diese Welt kommen, und ein paar Handvoll Erbsen auf die
Erden schütteten, die ich auflesen musste, worzu sie mich dann mit Spiessruten
nötigten; ja, sie würzten mich mit Salz und Pfeffer, dass ich gumpen und blitzen
musste wie ein Esel, dem man ein Handvoll Dorn oder Nesseln unter den Schweif
gebunden; und ich glaube, wann es nicht Winterszeit gewesen wäre, dass sie mich
auch mit Brennesseln gegeisselt hätten.
    Hierauf hielten sie Rat, ob sie mich den Jungen preisgeben oder mir als
einer Zauberin den Prozess durch den Henker machen lassen wollten. Das letzte,
bedunkte sie, gereiche ihnen allen zu schlechter Ehr, weil sie sich meines Leibs
teilhaftig gemacht; zudem sagten die Verständigste (wann anders diese Bestien
auch noch ein Fünklein des menschlichen Verstands gehabt haben), wann man ein
solche Prozedur mit mir hätte vornehmen wollen, so sollte mich der
Obristleutenant gleich anfangs unberührt gelassen und in die Hände der Justiz
geliefert haben. Also kam das Urtel heraus, dass man mich den Nachmittag (dann
sie lagen denselben Tag in ihrer Sicherheit still) den Reuterjungens preisgeben
sollte. Als sie sich nun des elenden Spektakuls, des Erbsenauflesens satt
gesehen, dorfte ich meine Kleider wieder anziehen; und da ich allerdings damit
fertig, begehrte ein Kavalier mit dem Obristleutenant zu sprechen, und das war
eben derjenige Rittmeister, den ich vor Lutter gefangen bekommen; der hatt von
meiner Gefangenschaft gehört. Als dieser den Obristleutenant nach mir fragte und
zugleich sagte, er verlange, mich zu sehen, weil ich ihn vor Lutter gefangen,
führete ihn der Obristleutenant gleich bei der Hand in das Zimmer und sagte: »Da
sitzt die Karania! ich will sie jetzt strack den Jungen preisgeben!« Dann er
nicht anders vermeinte, als der Rittmeister würde sowohl als er ein grausame
Rach an mir üben wollen. Aber der ehrliche Kavalier war ganz anders gesinnet; er
sah mich kaum so kläglich dort sitzen, als er anfieng, mit einem Seufzen den
Kopf zu schütteln. Ich merkte gleich sein Mitleiden, fiele derowegen auf die
Kniee nieder und bat ihn um aller seiner adeligen Tugenden willen, dass er sich
über mich elende Dame erbarmen und mich vor mehrerer Schand beschirmen wollte.
Er hub mich bei der Hand auf und sagte zu dem Obristleutenant und seinen
Kameraten: »Ach, ihr rechtschaffene Brüder! was habt ihr mit dieser Damen
angefangen?« Der Obristleutenant, so sich bereits halber bierschellig gesoffen,
fiele ihm in die Red und sagte: »Was? sie ist eine Zauberin!« - »Ach, mein Herr
verzeihe mir,« antwortet der Rittmeister, »soviel ich von ihr weiss, so bedunkt
mich, sie sei des tapfern alten Grafen von T. seiner leiblichen Frauen Tochter,
welcher rechtschaffene Held bei dem gemeinen Wesen Leib und Leben, ja Land und
Leut aufgesetzt, also dass mein gnädigster König nicht guteissen wird, wann man
dessen Kinder so traktiert, ob sie gleich ein paar Offizier von uns auf die
kaiserliche Seiten gefangen bekommen! Ja ich dörfte glauben, ihr Herr Vatter
richtet auf diese Stunde in Ungarn noch mehr wider den Kaiser aus, als mancher
tun mag, der eine fliegende Armada gegen ihn zu Felde führet.« - »Ha!« antwortet
der flegelhaftige Obristleutenant, »was hab ich gewusst? warum hat sie das Maul
nicht aufgetan?« Die andere Offizier, welche den Rittmeister wohl kannten und
wussten, dass er nicht allein von einem hohen dänischen Geschlecht, sondern auch
bei dem König in höchsten Gnaden war, baten gar demütig, der Rittmeister wollte
dies übersehen, als eine geschehene Sach zum Besten richten und vermittlen, dass
sie hierdurch in keine Ungelegenheit kämen; dahingegen obligierten sie sich,
ihme auf alle begebende Gelegenheit mit Darsetzung Guts und Bluts bedient zu
sein. Sie baten mich auch alle auf den Knieen um Verzeihung, ich konnte ihnen
aber nur mit Weinen vergeben; und also kam ich, zwar übel geschändt, aus dieser
Bestien Gewalt in des Rittmeisters Hände, welcher mich weit höflicher zu
traktieren wusste; dann er schickte mich alsobalden, ohne dass er mich einmal
berührt hatte, durch einen Diener und einen Reuter von seiner Compagnia in
Dänemark auf ein adelig Haus, das ihm kürzlich von seiner Mutter Schwester
erblich zugefallen war, allwo ich wie ein Prinzessin unterhalten wurde, welche
unversehens Erlösung ich beides, meiner Schönheit und meiner Säugamme, zu
danken, als die ohne mein Wissen und Willen dem Rittmeister mein Herkommen
verträulich erzählt hatte.
 
                               Das XIII. Kapitel.
Was vor gute Täge und Nächte die gräflich Fräulein im Schloss genosse und wie sie
                            selbige wieder verloren.
Ich pflegte meiner Gesundheit und bähete mich aus, wie einer, der halb erfroren
aus einem kalten Wasser hinter einem Stubenofen oder zum Feuer kommt; dann ich
hatte damals auf der Welt sonst nichts zu tun, als auf der Streu zu liegen und
mich wie ein Streitpferd im Winterquartier auszumästen, um auf den künftigen
Sommer im Feld desto geruheter zu erscheinen und mich in den vorfallenden
Okkasionen desto frischer gebrauchen zu lassen. Davon wurde ich in Bälde wieder
ganz heil, glattärig und meines Kavaliers begierig. Der stellte sich auch bei
mir ein, ehe die längste Nächt gar vergiengen, weil er der lieblichen
Frühlingszeit so wenig als ich mit Gedult erwarten konnte.
    Er käme mit vier Dienern, da er mich besuchte, davon mich doch nur der eine
sehen dorfte, nämlich derjenige, der mich auch hingebracht hatte. Es ist nicht
zu glauben, mit was vor herzbrechenden Worten er sein Mitleiden, das er mit mir
trug, bezeugete, umb dass ich in den leidigen Wittibstand gesetzt worden, mit was
vor grossen Verheissungen er mich seiner getreuen Dienste versicherte und mit was
vor Höflichkeit er mir klagte, dass er beides, mit Leib und Seel, vor Lutter mein
Gefangner worden wäre. »Hochgeborne schönste Dam,« sagte er, »dem Leib nach hat
mich mein Fatum zwar gleich wieder ledig gemacht und mich doch in übrigen ganz
und gar Eueren Sklaven bleiben lassen, welcher jetzt nichts anders begehrt und
darum hieher kommen, als aus Ihrem Munde dem Sentenz zum Tod oder zum Leben
anzuhören: zum Leben zwar, wann Ihr Euch über Eueren elenden Gefangenen
erbarmet, ihn in seinem schweren Gefängnus der Liebe mit tröstlichem Mitleiden
tröstet und vom Tod errettet; oder zum Tod, wann ich Ihrer Gnad und Gegenliebe
nicht teilhaftig werden oder solcher Euerer Liebe unwürdig geschätzt werden
sollte. Ich schätzte mich glückselig, da Sie mich wie eine andere ritterliche
Pentesilea mitten aus der Schlacht gefangen hinweg geführt hatte; und da mir
durch äusserliche Lediglassung meiner Person meine vermeintliche Freiheit wieder
zugestellet wurde, hube sich allererst mein Jammer an, weil ich diejenige nicht
mehr sehen konnte, die mein Herz noch gefangen hielte, zumalen auch kein
Hoffnung machen konnte, dieselbe wegen beiderseits wider einander strebenden
Kriegswaffen jemals wiederum ins Gesicht zu bekommen. Solchen meinen bisherigen
elenden Jammer bezeugen viel tausent Seufzer, die ich seitero zu meiner
liebwürdigen Feindin gesendet; und weil solche alle vergeblich in die leere Luft
giengen, geriete ich allgemach zur Verzweifelung und wäre auch etc.« Solche und
dergleichen Sachen brachte der Schlossherr vor, mich zu demjenigen zu
persuadieren, wornach ich ohnedas so sehr als er selbst verlangte. Weil ich aber
mehr in dergleichen Schulen gewesen und wohl wusste, dass man dasjenige, was einem
leicht ankommt, auch gering achtet, als stellte ich mich, gar weit von seiner
Meinung entfernet zu sein, und Nagte hingegen, dass ich im Werk befande, dass ich
sein Gefangner wäre, sintemal ich meines Leibs nit mächtig, sondern in seinen
Gewalt aufgehalten würde. Ich müsste zwar bekennen, dass ich ihm vor allen andern
Kavalieren in der ganzen Welt zum allergenauesten verbunden, weilen er mich von
meinen Ehrenschändern errettet; erkennete auch, dass meine Schuldigkeit sei,
solche ehrliche und lobwürdige Rat wieder gegen ihm mit höchster Dankbarkeit zu
beschulden; wann aber solche meine Schuldigkeit unter dem Deckmantel der Liebe
mit Verlust meiner Ehr abgelegt werden müsste, und dass ich eben zu solchem Ende
in dieses Ort gebracht worden wäre, so könnte ich nicht sehen, was er bei der
ehrbarn Welt vor die beschehene ruhmwürdige Erlösung vor Ehr und bei mir vor
einen Dank zu gewarten, mit demütiger Bitte, er wolle sich durch eine Tat, die
ihn vielleicht bald wieder reuen würde, keinen Schandflecken anhenken, noch dem
hohen Ruhm eines ehrliebenden Kavaliers den Nachklang zufreien, dass er ein armes
verlassenes Weibsbild in seinem Kaufe wider ihren Willen etc. Und damit fieng
ich an zu weinen, als wann mirs ein lauterer gründlicher Ernst gewesen wäre nach
dem alten Reimen:
»Die Weiber weinen oft mit Schmerzen,
Gleich als ging es ihn von Herzen,
Sie pflegen sich nur so zu stellen
Und können weinen, wenn sie wöllen.«
Ja, damit er mich noch höher ästimieren sollte, botte ich ihm 1000 Reichstaler
vor meine Ranzion an, wann er mich unberührt lassen und wiederum zu den Meinigen
sicher passieren lassen wollte. Aber er antwortet, seine Liebe gegen mir sei so
beschaffen, dass er mich nicht vor das ganze Königreich Böhmen verwechseln
könnte; zudem sei er seines Herkommens und Standes halber mir gar nit ungleich,
dass es eben etwan wegen einer Heurat zwischen uns beiden viel Diffikultäten
brauchen sollte. Es hatte mit uns beiden natürlich ein Ansehen, als wann ein
Täubler irgendeinen Tauber und eine Täubin zusammensperret, dass sie sich paaren
sollen, welche sich anfänglich lang genug abmatten, bis sie des Handels endlich
eins werden, eben also machten wirs auch. Dann nachdem mich Zeit sein bedunkte,
ich hätte mich lang genug widersetzt, wurde ich gegen diesem jungen Buhler,
welcher noch nicht über zweiundzwanzig Jahr auf sich hatte, so zahm und
geschmeidig, dass ich auf seine güldene Promessen in alles einwilligte, was er
begehrte. Ich schlug ihm auch so wohl zu, dass er einen ganzen Monat bei mir
bliebe; doch wusste niemand warum als obgemeldter einiger Diener und eine alte
Haushofmeisterin, die mich in ihrer Pfleg hatte und Ew. Gräfliche [Gnaden]
titulieren musste. Da hielte ich mich, wie das alte Sprichwort lautet:
»Ein Schneider auf eim Ross,
Ein Hur aufm Schloss,
Ein Laus auf dem Grind
Seind drei stolzer Hofgesind.«
    Mein Liebhaber besuchte mich denselben Winter gar oft, und wann er sich
nicht geschämt hätte, so glaub ich, er hätte den Degen gar an einen Nagel
gehenkt, aber er musste beides, seinen Herrn Vattern und den König selbst,
scheuen, als der sich den Krieg, wiewohl mit schlechtem Glück, ernstlich
angelegen sein liesse; doch macht ers mit seinem Besuchen so grob und kam so oft,
dass es endlich sein alter Herr Vatter und Frau Mutter merkten und auf fleissiges
Nachforschen erfuhren, was er vor einen Magnet in seinem Schloss heimlich
aufhielte, der seine Waffen so oft aus dem Krieg an sich zoge. Derowegen
erkundigten sie die Beschaffenheit meiner Person gar eigentlich und trugen grosse
Sorge für ihren Sohn, dass er sich vielleicht mit mir verplempern und hangen
bleiben möchte an einer, davon ihr hohes Hause wenig Ehr haben konnte. Derowegen
wollten sie ein solche Ehe beizeiten zerstören und doch so behutsam damit
umgehen, dass sie sich auch nicht an mir vergriffen, noch meine Verwandte vor den
Kopf stiessen, wann ich etwan, wie sie von der Haushofmeisterin vernommen, von
einem gräflichen Geschlecht geboren sein und ihr Sohn auch mir allbereit die Ehe
versprochen haben sollte.
    Der allererste Angriff zu diesem Handel war dieser, dass mich die alte
Haushofmeisterin gar verträulich warnete, es hätten meines Liebsten Eltern
erfahren, dass ihr Herr Sohn eine Liebhaberin heimlich entielte, mit derer er
sich wider ihrer, der Eltern, Willen zu verehlichen gedächte, so sie aber
durchaus nicht zugeben könnten, dieweil sie ihn allbereit an ein fast hohes Haus
zu verheuraten versprochen; wären derowegen gesinnet, mich beim Kopf nehmen zu
lassen; was sie aber weiters mit mir zu tun entschlossen, sei ihr noch
verborgen. Hiermit erschreckte mich zwar die Alte, ich liesse aber meine Angst
nicht allein nicht merken, sondern stellte mich darzu so freudig, als wann mich
der grosse Moger aus India, wo nit beschützen, doch wenigst revanchiern würde,
sintemal ich mich auf meines Liebhabers grosse Liebe und stattliche Verheissung
verlassen, von welchem ich auch gleichsam alle acht Tage nit nur blosse
liebreiche Schreiben, sondern auch jedesmal ansehenliche Verehrungen empfieng.
Dargegen beklagte ich mich in Widerantwort gegen ihm, wes ich von der
Haushofmeisterin verstanden, mit Bitt, er wollte mich aus dieser Gefahr
erledigen und verhindern, dass mir und meinem Geschlecht kein Spott widerführe.
Das End solcher Korrespondenz war, dass zuletzt zween Diener, in meines
Liebhabers Liberei gekleidet, angestochen kamen, welche mir Schreiben brachten,
dass ich mich alsobalden mit ihnen verfügen sollte, um mich nacher Hamburg zu
bringen, allda er mich, es wäre seinen Eltern gleich lieb oder leid, offentlich
zur Kirchen führen wollte; wann alsdann solches geschehen wäre, so würden
beides, Vatter und Mutter, wohl Ja sagen und als zu einer geschehenen Sach das
Beste reden müssen. Ich war gleich fix und fertig wie ein alt Feuerschloss und
liesse mich so tags, so nachts erstlich auf Wismar und von bannen auf gedachtes
Hamburg führen, allda sich meine zween Diener abstohlen und mich so lang nach
einem Kavalier aus Dänemark umbsehen liessen, der mich heiraten würde, als ich
immer wollte. Da wurde ich allererst gewahr, dass der Hagel geschlagen und die
Betrügerin betrogen worden wäre. Ja, mir wurde gesagt, ich möchte mit
stillschweigender Patienz verliebnehmen und Gott danken, dass die vornehme Braut
unterwegs nicht in der See ertränkt worden wäre, oder man sei auf des
Hochzeiters Seiten noch stark genug, mir auch mitten in einer Stadt, da ich mir
vielleicht ein vergebliche Sicherheit einbilde, einen Sprung zu weisen, der
einer solchen gebühre, worvon man wüsste, dass ich zu halten sei. Was sollt ich
machen? mein Hochzeiterei, meine Hoffnung, meine Einbildungen und alles, worauf
ich gespannet, war dahin und miteinander zu Grund gefallen. Die verträuliche
liebreiche Schreiben, die ich an meinen Liebsten von einer Zeit zur andern
abgehen lassen, waren seinen Eltern eingeloffen, und die jeweilige
Widerantwortbriefe, die ich empfangen, hatten sie abgeben, mich an den Ort zu
bringen, da ich jetzt sasse und allgemach anfienge, mit dem Schmalhansen zu
konferiern, der mich leichtlich überredete, mein täglich Maulfutter mit meiner
nächtlichen Handarbeit zu gewinnen.
 
                               Das XIV. Kapitel.
  Was Courasche ferners anfieng und wie sie nach zweier Reuter Tod sich einem
                         Musketierer teilhaftig machte.
Ich weiss nit, wie es meinem Liebhaber gefallen, als er mich nicht wieder in
seinem Schloss angetroffen, ob er gelacht oder geweint habe; mir wars leid, dass
ich seiner nicht mehr zu geniessen hatte, und ich glaub, dass er auch gern noch
länger mit mir vorliebgenommen hätte, wann ihm nur seine Eltern das Fleisch
nicht so schnell aus den Zähnen gezogen. Um diese Zeit überschwemmte der
Wallensteiner, der Tilly und der Graf Schlick ganz Holstein und andere dänische
Länder mit einem Haufen Kaiserlicher Völker wie mit einer Sündflut, deren die
Hamburger sowohl als andere Ort mit Proviant und Munition aushelfen mussten;
dannenhero gab es viel Aus- und Einreutens und bei mir ziemliche Kundenarbeit.
Endlich erfuhre ich, dass meine angenommene Mutter sich zwar noch bei der Armee
aufentielte, hingegen aber alle meine Bagage bis auf ein paar Pferde verloren,
welches mir den Kompass gewaltig verruckte. Es schlug mir in Hamburg zwar wohl
zu, und ich hätte mir mein Lebtage kein bessere Händel gewünscht; weil aber
solche Fortuna nicht länger bestehen konnte, als solang das Kriegsvolk im Land
lag, so musste ich bedacht sein, meine Sach auch anders zu karten. Es besuchte
mich ein junger Reuter; der bedeuchte mich fast liebwürdig, resolut und bei
Geltmitteln zu sein. Gegen diesem richtet ich alle meine Netz und unterliesse
kein Jägerstücklein, bis ich ihn in meine Strick brachte und so verliebt machte,
dass er mir Salat aus der Faust essen mögen ohne einigen Ekel. Dieser versprach
mir bei Teufelholen die Ehe und hätte mich auch gleich in Hamburg zur Kirchen
geführt, wann er nicht zuvor seines Rittmeisters Konsens hierzu hätte erbitten
müssen, welchen er auch ohnschwer erhielte, da er mich zum Regiment brachte,
also dass er nur auf Zeit und Gelegenheit wartete, die Kopulation würklich
vollziehen zu lassen. Indessen verwunderten sich seine Kameraten, woher ihm das
Glück so, eine schöne junge Maistresse zugeschickt, unter welchen die
allermeiste gern seine Schwäger hätten werden mögen; dann damals waren die
Völker bei dieser sieghaften Armee wegen langwürigen glücklichen Wohlergehens
und vieler gemachten Beuten durch Überfluss aller Dinge dergestalt fett und
ausgefüllt, dass der grösste Teil, durch Kützel des Fleisches angetrieben, mehr
ihrer Wollust nachzuhängen und solchen abzuwarten, als um Beuten zu schauen oder
nach Brod und Fourage zu trachten gewohnt war; und sonderlich so war meines
Hochzeiters Korporal ein solcher Schnapphahn, der auf dergleichen Nascherei am
allermeisten verpicht war, als welcher gleichsam eine Profession daraus machte,
anderen die Körner aufzusetzen und sichs vor eine grosse Schand gerechnet hätte,
wann er solches irgends unterstanden und nicht werkstellig machen mögen. Wir
lagen damals in Stormaren, welches noch niemals gewusst, was Krieg gewesen;
dannenhero war es noch voll von Überfluss und reich an Nahrung, worüber wir uns
Herren nannten und den Landmann vor unsere Knechte, Köch und Tafeldecker
hielten; da währete Tag und Nacht das Bankedieren, und lude je ein Reuter den
andern auf seines Hauswirts Speis und Trank zu Gast. Diesen Modum hielte mein
Hochzeiter auch, worauf angeregter Korporal sein Anschlag machte, mir hinter die
Haut zu kommen; dann als mein besagter Hochzeiter sich mit zween von seinen
Kameraten (so aber gleichwohl auch des Korporals Kreaturen gewesen) in seinem
Quartier lustig machte, kam der Korporal und kommandierte ihn zu der Standarten
auf die Wacht, damit, wann mein Hochzeiter fort wäre, er sich selbst mit mir
ergötzen könnte. Weil aber mein Hochzeiter den Possen bald merkte und ungern
leiden wollte, dass ein anderer seine Stell vertretten oder (dass ichs fein
teutsch gebe), dass ihn der Korporal zum Gauch machen sollte, siehe, da sagte er
ihm, dass noch etliche wären, denen vor ihm gebührte, solche Wacht zu versehen.
Der Korporal hingegen sagte ihm, er sollte nicht viel disputiern, sondern seinem
Kommando pariern, oder er wollte ihm Füsse machen; dann er wollte diese feine
Gelegenheit, meiner teilhaftig zu werden, einmal nicht aus Handen lassen.
Demnach ihm aber solche mein Liebster nicht zu gönnen gedachte, widersetzte er
sich dem Korporal so lang, bis er von Leder zog und ihn auf die Wacht nötigen
oder in Kraft habenden Gewalts so exemplarisch zeichnen wollte, dass ein andermal
ein anderer wisse, wieweit ein Untergebener seinem Vorgesetzten zu gehorsamen
schuldig wäre. Aber ach! mein lieber Stern verstund den Handel leider übel, dann
er [war] ebensobald mit seinem Degen fertig und verdingte dem Korporal eine
solche Wunden in Kopf, die ihn des unkeuschen und erhitzen Geblüts alsobald
entledigte und allen Kützel dergestalt vertriebe, dass ich wohl sicher vor ihm
sein konnte. Die beide Gäst giengen ihrem Korporal auf sein Zuschreien zu Hülf
und mit ihren Fochteln auch auf meinen Hochzeiter los, davon er den einen
alsobalden durchstach und den andern zum Haus hinaus jagte, welcher aber gleich
wiederkam und nit allein den Feldscherer vor die Verwundte, sondern auch etliche
Kerl brachte, die meinen Liebsten und mich zum Profosen führten, allwo er an
Händ und Füssen in Band und Ketten geschlossen wurde. Man machts gar kurz mit
ihm; dann den andern Tag ward Standrecht über ihn gehalten, und obzwar
sonnenklar an Tag kam, dass der Korporal ihn keiner andern Ursachen halber auf
die Wacht kommandiert, als selbige Nacht anstatt seiner zu schlafen, so wurde
doch erkannt, um den Gehorsam gegen den Offiziern zu erhalten, dass mein
Hochzeiter aufgehenkt, ich aber mit Ruten ausgehauen werden sollte, weil ich an
solcher Tat ein Ursächerin gewesen. Jedoch wurden wir beide so weit erbetten,
dass mein Hochzeiter harkebusiert, ich aber mit dem Steckenknecht vom Regiment
geschickt wurde, welches mir gar ein abgeschmackte Reis war.
    So sauer kam mich aber diese Reis nicht an, so fanden sich doch zween Reuter
in unserm Quartier, die mir und ihnen solche versüssen wollten; dann ich war kaum
ein Stund gehend hinweg, da sassen diese beide in einem Busch, dardurch ich musste
passieren, mich willkommen zu heissen. Ich bin zwar, wann ich die Wahrheit
bekennen muss, meine Tage niemals so Hechel gewesen, einem guten Kerl eine Fahrt
abzuschlagen, wann ihn die Not begriffen; aber da diese zween Halunken mitten in
meinem Elend ebendasjenige von mir mit Gewalt begehrten, wessentwegen ich
verjagt und mein Auserwählter todgeschossen worden, widersetzte ich mich mit
Gewalt; dann ich konnte mir wohl einbilden, wann sie ihren Willen erlangt und
vollbracht, dass sie mich auch erst geplündert hätten, als welches Vorhaben ich
ihnen gleichsam aus den Augen und von der Stirnen ablesen konnte, sintemal sie
sich nicht schämten, mit entblössten Degen auf mich wie auf ihren Feind
loszugehen, beides, mich zu erschrecken und zu dem, was sie suchten, zu nötigen.
Weil ich aber wusste, dass ihre scharfe Klingen meiner Haut weniger als zwo
Spiessgerten abhaben würden, siehe, da waffnete ich mich mit meinen beiden
Messern, von denen ich in jede Hand eins nahm und ihnen dergestalt begegnete,
dass der eine eins davon im Herzen stecken hatte, ehe er sichs versah. Der ander
war stärker und vorsichtiger als der erste, wessentwegen ich ihme dann so wenig
als er mir an den Leib kommen konnte. Wir hatten unter währendem Gefecht ein
wildes Geschrei; er hiesse mich eine Hur, eine Vettel, eine Hex und gar einen
Teufel; hingegen nannte ich ihn einen Schelmen, einen Ehrendieb, und was mir
mehr von solchen ehrbarn Tituln ins Maul kam, welches Balgen einen Musketierer
überzwergs durch den Busch zu uns lockte, der lang stunde und uns zusah, was
wir vor seltsame Sprüng gegeneinander verübten, nicht wissend, welchem Teil er
unter uns beistehen oder Hülfe leisten sollte; und als wir ihn erblickten,
begehrte ein jedes, er wollte es von dem andern erretten. Da kann nun ein jeder
wohl gedenken, dass Mars der Veneri viel lieber als dem Vulcano beigestanden,
vornehmblich, als ich ihm gleich güldene Berg versprach und ihn meine ausbündige
Schönheit blendet und bezwang. Er passte auf und schlug auf den Reuter an und
brachte ihn mit Bedrohung dahin, dass er mir nicht allein den Rücken wendet,
sondern auch anfieng darvon-zulaufen, dass ihm die Schuchsohlen hätten
herunterfallen mögen, seinen entseelten Kameraten, sich in seinem Blut walzend,
hinterlassend.
    Als nun der Reuter seines Wegs war und wir uns allein beisammen befanden,
erstummte dieser junge Musketierer gleichsam über meiner Schönheit und hatte nit
das Herz, etwas anders mit mir zu reden, als dass er mich fragte, durch was vor
ein Geschick ich so gar allein zu diesem Reuter kommen wäre? Darauf erzählte ich
ihm alles haarklein, was sich mit meinem gehabten Hochzeiter, item mit dem
Korporal und dann auch mit mir zugetragen, sodann, dass mich diese beide Reuter,
nämlich der gegenwärtige Tode und der Entloffene, als ein armes verlassenes
Weibsbild mit Gewalt schänden wollen, deren ich mich aber bisher, wie er selbst
zum Teil wohl gesehen, ritterlich erwehrt; mit Bitt, er wollte als mein
Notelfer und Ehrenretter mich ferner beschützen helfen, bis ich irgendshin zu
ehrlichen Leuten wieder in Sicherheit käme, versicherte ihn auch ferner, dass ich
ihme vor solche seine erwiesene Hülfe und Beistand mit einem ehrlichen Rekompens
zu begegnen nicht ermanglen würde. Er besuchte darauf den Toden und nahme zu
sich, was er Schätzbarliches bei sich hatte, welches ihm seine Mühe ziemlich
belohnte. Darauf machten wir uns beide bald aus dem Staub, und indem wir unseren
Füssen gleichsam über Vermögen zusprachen, kamen wir desto ehender durch den
Bosch und erreichten denselben Abend noch des Musketierers Regiment, welches
fertig stunde, mit dem Colalto, Altrinniger und Gallas in Italia zu gehen.
 
                                Das XV. Kapitel.
    Mit was vor Konditionen sie den Ehestand ledigerweis zu treiben einander
                                  versprochen.
Wann eine ehrliche Ader in meinem Leibe gewesen wäre, so hätte ich damals meine
Sach anders anstellen und auf einen ehrlichern Weg richten können; dann meine
angenommene Mutter mit noch zweien von meinen Pferden und etwas an baren Gelt
erkundigt mich und gab mir den Rat, ich sollte mich aus dem Krieg zu meinem Gelt
auf Prag oder auf meines Hauptmanns Gütter tun und mich im Frieden haushäblich
und geruhlich ernähren; aber ich liesse meiner unbesonnenen Jugend weder Weisheit
noch Vernunft einreden, sondern je toller das Bier gebrauet wurde, je besser es
mir schmeckte. Ich und gedachte meine Mutter hielten sich bei einem Markedenter
unter demjenigen Regiment, darunter mein Mann, der zu Hoya umkommen, Hauptmann
gewesen, allwo man mich seinetwegen ziemlich respektierte; und ich glaub auch,
dass ich wieder einen wackern Offizier zum Mann bekommen hätte, wann wir geruhig
gewest und irgends in einem Quartier gelegen wären. Aber dieweil unsere
Kriegsmacht von 20000 Mannen in drei Heeren bestehend, schnell auf Italia
marschierte und durch Graubünden, das viel Verhinderungen gemacht, brechen
musste, siehe, da gedachten wenig Witzige an das Freien, und dannenhero verbliebe
ich auch desto länger eine Wittib; überdas hatten auch etliche nicht das Herz,
andere aber sonst ihr Bedenken, mich um die Verehlichung anzureden und sonst mir
extra oder nebenher etwas zuzumuten; darzu hielten sie mich vor viel zu ehrlich,
weil ich mich bei meinem vorigen Mann gehalten, dass mich männiglich vor
ehrlicher hielte, als ich gewesen. Gleichwie mir aber mit einer langwürigen
Fasten wenig gedienet, also hatte sich hingegen derjenige Musketier, so mir in
der Okkasion, die ich mit obengedachten beiden Reutern gehabt, zu Hülfe kommen,
dergestalt an mir vergafft und vernarret, dass er Tag und Nacht keine Ruhe hatte,
sondern mir manchen Trab schenkte, wann er nur Zeit haben und abkommen konnte.
Ich sah wohl, was mit ihm umgieng und wo ihn der Schuch druckte; weil er aber
die Courage nicht hatte, sein Anliegen der Courasche zu entdecken, war bei mir
die Verachtung so gross als das Mitleiden. Doch änderte ich nach und nach meinen
stolzen Sinn, der anfangs nur gedachte, eine Offiziererin zu sein; dann als ich
des Markedenters Gewerb und Hantierung betrachtete und täglich vor Augen sah,
was ihm immerzu für Gewinn zugieng, und dass hingegen mancher braver Offizier mit
dem Schmalhansen Tafel halten musste, fieng ich an darauf zu gedenken, wie ich
auch eine solche Markedenterei aufrichten und ins Wert stellen möchte. Ich
machte den Überschlag mit meinem bei mir habenden Vermögen und fand solches,
weil ich noch ein ziemliche Quantität Goldstücker in meiner Brust vernähet
wusste, gar wohl bastand zu sein. Nur die Ehr oder Schand lag mir noch im Weg,
dass ich nämlich aus einer Hauptmännin ein Markedenterin werden sollte; als ich
mich aber erinnerte, dass ich damals keine mehr war, auch wohl vielleicht keine
mehr werden würde, siehe, da war der Würfel schon geworfen, und ich fieng
bereits an, in meinem Sinn Wein und Bier um doppelt Gelt auszuzapfen und ärger
zu schinden und zu schachern, als ein Jud von 50 oder 60 Jahren tun mag.
    Eben um diese Zeit, als wir nämlich mit unserem dreifachen kaiserlichen Heer
über die Alpes oder das hohe Gebürg in Italiam gelangt, war es mit meines
Galanen Liebe aufs höchste kommen, ohne dass er noch das geringste Wort darvon
mit mir gesprochen. Er kam einsmals unter dem Vorwant, ein Mass Wein zu trinken,
zu meines Markedenters Zelt und sah so bleich und trostlos aus, als wann er
kürzlich ein Kind bekommen und keinen Vatter, Mehl noch Milch darzu gehabt oder
gewüsst hätte. Seine traurige Blick und seine sehnliche Seufzer waren seine beste
Sprach, die er mit mir redet, und da ich ihn um sein Anliegen fragte, erkühnete
er gleichwohl also zu antworten: »Ach, meine allerliebste Frau Hauptmännin (dann
Courasche dorfte er mich nicht nennen), wann ich Ihr mein Anliegen erzählen
sollte, so würde ich Sie entweder erzörnen, dass Sie mir Ihre holdselige
Gegenwart gleich wieder entzuckt und mich in Ewigkeit Ihres Anschauens nicht
mehr würdigt, oder ich würde einen Verweis meines Frevels von Ihr empfangen,
deren eins von diesen beiden genugsam wären, mich dem Tod vollends aufzuopfern.«
Und darauf schwiege er wieder stockstill. Ich antwortet: »Wann Euch deren eins
kann umbringen, so kann Euch auch ein jedes davon erquicken; und weil ich Euch
dessentwegen verbunden bin, dass Ihr mich, als wir in den Vierlanden zwischen
Hamburg und Lübeck lagen, von meinen Ehrenschänderen errettet, so gönne ich Euch
herzlich gern, dass Ihr Euch gesund und satt an mir sehen möget«. - »Ach meine
hochgeehrte Frau!« antwortet er, »es befindet sich hierin ganz das Widerspiel;
dann da ich Sie damals das erstemal ansah, fieng auch meine Krankheit an,
welche mir aber den Tod bringen wird, wann ich Sie nicht mehr sehen sollte! Ein
wunderbarlicher und seltsamer Zustand, der mir zum Rekompens widerfahren,
dieweil ich mein hochehrende Frau aus Ihrer Gefährlichkeit errettete!« Ich
sagte: »So müsste ich einer grossen Untreu zu beschuldigen sein, wann ich
dergestalt Gutes mit Bösem vergolten hätte?« - »Das sag ich nicht!« antwortet
mein Musketierer. Ich replizierte: »Was habt Ihr dann zu klagen?« - »über mich,
über meine Unglückseligkeit«, antwortet er, »und über meine Verhängnus, oder
vielleicht über meinen Vorwitz, über meine Einbildung oder, ich weiss selbst
nicht, über was! Ich kann nicht sagen, dass die Frau Hauptmännin undankbar sei,
dann um der geringen Mühe willen, die ich anlegte, als ich den noch lebenden
Reuter verjagte, der ihrer Ehr zusetzte, bezahlte mich dessen Verlassenschaft
genugsam, welchen mein hochehrende Frau zuvor des Lebens hochrühmlich beraubte,
damit er Sie Ihrer Ehr nicht schändlich berauben sollte. Meine Frau Gebieterin,«
sagte er ferner, »ich bin in einem solchen verwirrten Stand, der mich so
verwirret, dass ich auch weder meine Verwirrung noch mein Anliegen noch mein oder
Ihre Beschuldigung, weniger meine Unschuld oder so etwas erläutern möchte,
dardurch mir geholfen werden könnte. Sehet, allerschönste Dam! ich sterbe, weil
mir das Glück und mein geringer Stand nicht gönnet, Ihrer Hoheit zu erweisen,
wie glückselig ich mich erkennete, Ihr geringster Diener zu sein.« Ich stunde da
wie eine Närrin, weil ich von einem geringen und noch sehr jungen Musketierer
solche, wiewohl untereinander und, wie er selbst sagte, aus einem verwirrten
Gemüt laufende Reden hörete; doch kamen sie mir vor, 'als wann sie mir
nichtsdestoweniger einen muntern Geist und sinnreichen Verstand anzeigten, der
einer Gegenlieb würdig und mir nicht übel anständig sei, mich dessen zu meiner
Markedenterei, mit welcher ich damals gross schwanger ging, rechtschaffen zu
bedienen. Derowegen machte ichs mit dem Tropfen gar kurz und sagte zu ihm: »Mein
Freund! Ihr nennet mich fürs erste Euer Gebieterin, fürs zweite Euch selbst
meinen Diener, wann Ihrs nur sein könntet; fürs dritte klagt Ihr, dass Ihr ohne
meine Gegenwart sterben müsst. Daraus nun erkenne ich eine grosse Liebe, die Ihr
vielleicht zu mir traget. Jetzt sagt mir nur, wormit ich solche Liebe erwidern
möge; dann ich will gegen einen solchen, der mich von meinen Ehrenschändern
errettet, nicht undankbar erfunden werden.« - »Mit Gegenlieb,« sagte mein Galan;
»und wann ich dann würdig wäre, so wollte ich mich vor den allerglückseligsten
Menschen in der ganzen Welt schätzen.« Ich antwortet: »Ihr habt allererst selbst
bekennet, dass Euer Stand zu gering sei, bei mir zu sein, der Ihr zu sein
wünschet, und was Ihr gegen mir mit weitläuftigen Worten weiters zu verstehen
gegeben habt. Was Rats aber, damit Euch geholfen und ich von aller Bezüchtigung
der Undankbarkeit und Untreu, Ihr aber Euers Leidens entübrigt werden möchtet?«
Er antwortet, seinesteils sei mir alles heimgestellt, sintemal er mich mehr vor
eine Göttin als vor eine irdische Kreatur halte, von deren er auch jederzeit
entweder den Sentenz des Todes oder des Lebens, die Servitut oder Freiheit, ja
alles gern annehmen wollte, was mir nur zu befehlen beliebte. Und solches
bezeugte er mit solchen Gebärden, dass ich wohl erachten konnte, ich hätte einen
Narren am Strick, der eher in seiner Dienstbarkeit mir zu Gefallen erworgen als
in seiner Libertät ohne mich leben würde.
    Ich verfolgte das, was ich angefangen, und unterstunde zu fischen, dieweil
das Wasser trüb war; und warum wollte ichs nicht getan haben, da doch der Teufel
selbst diejenige, die er in solchem Stand findet, wie sich mein Leffler befande,
vollends in seine Netze zu bringen unterstehet? Ich sage dies nicht, dass ein
ehrlicher Christenmensch, den Werken dieses seines abgefeimten bösen Feindes zu
folgen, an mir ein Exempel nehmen soll, weil ich ihm damals nachahmte, sondern
dass Simplicius, dem ich diesen meinen Lebenslauf allein zueigne, sehe, was er
vor eine Dame an mir geliebt. Und höre nur zu, Simplex, so wirst du erfahren,
dass ich dir dasjenige Stücklein, so du mir im Sauerbrunnen erwiesen, dergestalt
wieder eingetränkt, dass du vor ein Pfund, so du ausgeben, wieder ein Zentner
eingenommen. Aber diesen meinen Galanen brachte ich so weit, dass er mir folgende
Punkten eingieng und zu halten versprach:
    Erstlich sollte er sich von seinem Regiment loswürken, weil er
anderergestalt mein Diener nicht sein könnte, ich aber keine Musketiererin sein
möchte.
    Alsdann sollte er zweitens bei mir wohnen und mir, wie ein anderer Ehemann
alle Lieb und Treu seiner Ehefrauen zu erweisen pflege, ebendesgleichen zu tun
schuldig sein und ich ihme hinwiederum.
    Jedoch sollte solche Verehlichung drittens vor der christlichen Kirche nicht
ehe bestättigt werden, ich befände mich dann zuvor von ihm befruchtet.
    Bis dahin sollte ich viertens die Meisterschaft nicht allein über die
Nahrung, sondern auch über meinen Leib, ja auch über meinen Serviteur selber
haben und behalten, in aller Mass und Form, wie sonst ein Mann das Gebiet über
sein Weib habe.
    Kraft dessen sollte er fünftens nicht Macht haben, mich zu verhindern noch
abzuwehren, viel weniger sauer zu sehen, wann ich mit andern Mannesbildern
konversiere oder etwas dergleichen unterstünde, das sonst Ehemänner zum Eifern
verursachte.
    Und weil ich sechstens gesinnet sei, eine Markedenterin abzugeben, sollte er
zwar in solchem Geschäfte das Haubt sein und der Handelschaft wie ein getreuer
und fleissiger Hauswirt so tags so nachts emsig vorstehen, mir aber das
Oberkommando sonderlich über das Gelt und ihn selber lassen und gehorsamlich
gedulten, ja ändern und verbessern, wann ich ihne wegen einiger seiner Saumsal
korrigiern würde. In Summa, er sollte von männiglich vor den Herrn zwar gehalten
und angesehen werden, auch solchen Namen und Ehre haben, aber gegen mir
obenangeregte Schuldigkeit in allweg in acht nehmen. Und solches alles
verschrieben wir einander.
    Damit er auch solcher Schuldigkeit sich allezeit erinnern möge, sollte er
zum siebenden gedulten, dass ich ihn mit einem sonderbaren Namen nennete, welcher
Nam aus den ersten Wörtern des Befehls genommen werden sollte, wormit ich ihn
das erstemal etwas zu tun heissen würde.
    Als er mir nun alle diese Punkten eingangen und zu halten geschworen,
bestättigte ich solches mit einem Kuss, liesse ihn aber vor diesmal nicht weiter
kommen. Darauf brachte er bald sein Abscheid; ich hingegen griffe mich an und
brachte unter einem andern Regiment zu Fuss zuwegen alles, was ein Markedenter
haben sollte, und fieng an, mit dem Judenspiess zu laufen, als wann ich das
Handwerk mein Lebtag getrieben hätte.
 
                               Das XVI. Kapitel.
             Wie Springinsfeld und Courasche miteinander hauseten.
Mein junger Mann liesse sich trefflich Wohl an in allem demjenigen, worzu ich ihn
angenommen und zu brauchen hatte; so hielte er auch oben vermeldte Artikul so
nett und erzeigte sich so gehorsam, dass ich die geringste Ursach nicht hatte,
mich über ihn zu beschweren. Ja, wann er mir ansehen konnte, was mein Will war,
so war er schon bereit, solchen zu vollbringen; dann er war in meiner Liebe so
gar ersoffen, dass er mit hörenden Ohren nit hörete, noch mit sehenden Augen nit
sah, was er an mir und ich an ihm hatte; sondern er vermeinte vielmehr, er
hätte die allerfrömmste, getreueste, verständigste und keuscheste Liebste auf
Erden, worzu mir und ihm dann meine angenommene Mutter, die er meinetwegen auch
in grossen Ehren hielte, trefflich zu helfen wusste. Diese war viel listiger als
eine Füchsin, viel geiziger als eine Wölfin, und ich kann nicht sagen, ob sie in
der Kunst, Gelt zu gewinnen oder zu kupplen, am vortrefflichsten gewesen sei.
Wann ich ein los Stücklein in dergleichen Sachen im Sinn hatte und ich mich um
etwas scheuete (dann ich wollte vor gar fromm und schamhaftig angesehen sein),
so dorfte ichs ihr nur anvertrauen und war damit soviel als versichert, dass mein
Verlangen ins Werk gestellt würde; dann ihr Gewissen war weiter als des Rhodiser
Colossi Schenkel auseinandergespannet, zwischen welchen die grösste Schiff ohne
Segelstreichung durchpassieren können. Einmal hatte ich grosse Begierden, eines
jungen von Adel teilhaftig zu sein, der selbigerzeit noch Fähndrich war und mir
seine Liebe vorlängsten zu verstehen gegeben; wir hatten eben damals, als mich
diese Lust ankam, das Läger bei einem Flecken geschlagen, wessentwegen sowohl
mein Gesind als ander Volk um Holz und Wasser aus war; mein Markedenter aber
ging beim Wagen herum nisteln, als er mir eben mein Zelt aufgeschlagen und die
Pferd zunächst bei uns zu andern auf die Weid laufen lassen. Weil ich nun mein
Anliegen meiner Mutter eröffnet, schaffte sie mir denselben Fähndrich, wiewohl
zur Unzeit, an die band; und als er kam, war das erste Wort, dass ich ihn in
Gegenwart meines Manns fragte, ob er Gelt hätte. Und da er mit Ja antwortet,
dann er vermeinte, ich fragte allbereit um s.v. den Hurenlohn, sagte ich zu
meinem Markedenter: »Spring ins Feld und fange unsern Schecken! Der Herr
Fähndrich wollte ihn gern bereuten und uns denselben abhandle und gleich bar
bezahlen.« Indessen nun mein guter Markedenter gehorsamlich hingieng, meinen
ersten Befelch zu vollbringen, hielte die Alte Schildwacht, dieweil wir den Kauf
miteinander machten und auch einander ritterlich bezahlten. Demnach sich aber
das Pferd nicht von meinem Markedenter so leichtlich wie seine Markedenterin vom
Fähndrich fangen lassen wollte, kam er ganz ermütet wiederum zum Zelt, ebenso
ungedultig, als sich der Fähndrich wegen seines langen Wartens stellet. Dieser
Geschichten halber hat besagter Fähndrich nachgehends ein Lied gemacht, »Der
Scheck« genannt, anfahend: »Ach was für unaussprechliche Pein« etc., mit welchem
sich in folgender Zeit ganz Teutschland etliche Jahr geschleppt, da doch niemand
wusste, woher es seinen Ursprung hatte. Mein Markedenter aber bekam hierdurch
kraft unserer Heuratsnotul den Namen »Springinsfeld«, und dies ist eben der
Springinsfeld, den du, Simplicissime, in deiner Lebensbeschreibung oftermal vor
einen guten Kerl rühmest. Du musst auch wissen, dass er alle diejenige Stücklein,
die er und du beides, in Westfalen und zu Philippsburg, verübet, und sonst noch
vielmehr darzu von sonst niemand als von mir und meiner alten Mutter gelernet;
dann als ich mich mit ihm paaret, war er einfältiger als ein Schaf und kam
wieder abgefeimbter von uns, als ein Luchs und Kernessig sein mag.
    Aber die Wahrheit zu bekennen, so sind ihm solche seine Wissenschaften nicht
umsonst ankommen, sondern er hat mir das Lehrgelt zuvor genug bezahlen müssen.
Einsmals, da er noch in seiner ersten Einfalt war, diskurierten er, ich und
meine Mutter von Betrug und Bosheit der Weiber, und er entblödete sich zu
rühmen, dass ihn kein Weibsbild betrügen sollte, sie wäre auch so schlau, als sie
immer wollte. Gleichwie er nun seine Einfalt hiermit genugsam an den Tag legte,
also bedauchte mich hingegen, solches wäre meiner und aller verständigen Weiber
Dexterität viel zu nahe und nachteilig geredet; sagte ihm derowegen unverhohlen,
ich wollte ihn neunmal vor der Morgensuppe betrügen können, wann ichs nur tun
wollte. Er hingegen vermass sich zu sagen, wann ich solches könnte, so wollte er
sein Lebtag mein leibeigner Sklave sein, und trutzte mich noch darzu, wann ich
solches zu tun mich nicht unterstünde, doch mit dem Geding, wann ich in solcher
Zeit gar keinen Betrug von den neunen bei ihm anbrächte, dass ich mich alsdann
zur Kirchen führen und mit ihm ehrlich kopulieren lassen sollte. Nachdem wir nun
solchergestalt der Wettung eins worden, kam ich des Morgens frühe mit der
Suppenschüssel, darin das Brod lag, und hatte in der andern Hand das Messer samt
einem Wetzstein, mit Begehren, er sollte mir das Messer ein wenig schärfen,
damit ich die Suppe einschneiden könnte. Er nahm Messer und Stein von mir, weil
er aber kein Wasser hatte, leckte er den Wetzstein mit der Zunge, um selbigen zu
befeuchtigen. Da sagte ich: »Nun das walt Gott, das ist schon zweimal!« Er
befremdet sich und fragte, was ich mit dieser Rede vermeine. Hingegen fragte ich
ihn, ob er sich dann unserer gestrigen Wettung nicht mehr zu erinnern wisse. Er
antwortet: »Ja« und fragte, ob und womit ich ihn dann schon betrogen? Ich
antwortet: »Erstlich machte ich das Messer stumpf, damit du es wieder schärfer
wetzen müsstest; zweitens zog ich den Wetzstein durch ein Ort, das du dir leicht
einbilden kannst, und gab dir solchen mit der Zung zu schlecken.« - »Oho!« sagte
er, »ists um diese Zeit, so schweig nur still und höre auf; ich gib dir gern
gewonnen und begehre die restierende Mal nit zu erfahren.«
    Also hatte ich nun an meinem Springinsfeld einen Leibeignen; bei Nacht, wann
ich sonst nichts Bessers hatte, war er mein Mann, bei Tag mein Knecht, und wann
es die Leute sahen, mein Herr und Meister überall. Er konnte sich auch so
artlich in den Handel und in meinen Humor schicken, dass ich mir die Tage meines
Lebens keinen bessern Mann hätte wünschen mögen, und ich hätte ihn auch mehr als
gern geehlicht, wann ich nicht besorget, er würde dardurch den Zaum des
Gehorsams verlieren und in Behauptung der billigen Oberherrlichkeit, die ihm
alsdann gebühren würde, mir hundertfältig wiederum eintränken, was ich ihm etwan
ohnverehlicht zuwider getan und er ohn Zweifel mit grossem Verdruss zu Zeiten
verschmerzen müssen. Indessen lebten wir bei- und miteinander so einig, aber
nicht so heilig als wie die liebe Engel. Mein Mutter versah die Stelle einer
Markedenterin an meiner Statt, ich den Stand einer schönen Köchin oder Kellerin,
die ein Wirt darumb auf der Streu hält, damit er viel Gast bekommen möge. Mein
Springinsfeld aber war Herr und Knecht und was ich sonst haben wollte, das er
sein sollte. Er musste mir glatt pariern und meiner Mutter Gutachten, folgen;
sonst war ihm alles mein Gesind gehorsam als ihrem Herrn, dessen ich mehr hielte
als mancher Haubtmann; dann wir hatten liederliche Kommissmetzger bei dem
Regiment, welche lieber Gelt zu versaufen als zu gewinnen gewohnt waren. Darum
drang ich mich durch Schmiralia in ihre Profession und hielte zween
Metzgerknecht vor einen, also dass ich das Prä allein behielte und jene nach und
nach kaput spielte, weil ich einem jeden Gast, er wäre auch herkommen, woher er
immer wollte, mit einem Stück von allerhand Gattung Fleisch zu Hülf kommen
konnte, ob er es gleich rohe, gesotten, gebraten oder lebendig haben wollen.
Gieng es dann an ein Stehlen, Rauben und Plündern (wie es dann in dem vollen und
reichen Italia treffliche Beuten setzt), so mussten nit nur Springinsfeld samt
meinem Gesind ihre Hälse daran wagen, etwas einzuholen, sondern die Courasche
selbst fieng ihre vorige Gattung zu leben, die sie in Teutschland getrieben,
wiederum an, und indem ich dergestalt gegen dem Feind Mit Soldatengewehr, gegen
den Freunden aber im Lager und in den Quartiern mit dem Judenspiess fochte, auch
wo man mir in aller Freundlichkeit offensive begegnen wollte, den Schild
vorzusetzen wusste, wuchse mein Beutel so gross darvon, dass ich beinahe alle Monat
einen Wechsel von 1000 Kronen nach Prag zu übermachen hatte, und litte samt den
Meinigen doch niemals keinen Mangel; dann ich beflisse mich dahin, dass mein
Mutter, mein Springinsfeld, mein übrig Gesind und vornehmlich meine Pferde zu
jederzeit ihr Essen, Trinken, Kleid und Fütterung hatten, und hätte ich gleich
selbst Hunger leiden, nackend gehen und Tag und Nacht unter dem freien Himmel
mich behelfen sollen. Hingegen aber mussten sie sich auch befleissen, einzutragen
und in solcher Arbeit weder Tag noch Nacht zu feiern, und sollten sie Hals und
Kopf darüber verloren haben.
 
                               Das XVII. Kapitel.
Was der Courasche vor ein lächerlicher Poss widerfuhre, und wie sie sich deswegen
                                wieder rächete.
Schaue, mein Simplice! also war ich bereits deines Kameraten Springinsfelds
Matresse und Lehrmeisterin, da du vielleicht deinem Knan noch der Schwein
hütetest, und ehe du geschickt genug warest, anderer Leute Narr zu sein, und
hast dir doch einbilden dörfen, du habest mich im Saurbrunnen betrogen!
    Nach der ersten mantuanischen Belägerung bekamen wir unser Winterquartier in
einem lustigen Städtlein, allwo es bei mir anfieng, ziemlich Kundenarbeit zu
geben. Da vergieng kein Gasterei oder Schmaus, dabei sich nicht die Courasche
fand, und wo sie sich einstellete, da galten die italienische Putani Wohl
nichts; dann bei den Italienern war ich Wildbret und etwas Fremds, bei den
Teutschen konnte ich die Sprach, und gegen beiden Nationen war ich viel zu
freundlich, darneben noch trefflich schön; so war ich auch nicht so gar
hoffärtig und teuer, und hatte sich niemands keines Betrugs von mir zu besorgen,
dem aber die Italienerinnen dichte vollstaken. Solche Meine Beschaffenheiten
verursachten, dass ich den welschen Huren viel gute Kerl abspannete, die jene
verliessen und mich hingegen besuchten, welches bei ihnen kein gut Geblüt gegen
mir setzte. Einsmals lude mich ein vornehmer Herr zum Nachtessen, der zuvor die
berühmteste Putana bedient, sie aber auch meinetwegen verlassen hatte. Solches
Fleisch gedachte mir jene wiederum zu entziehen und brachte mir derowegen
wiederum durch eine Kürschnerin bei demselben Nachtimbiss etwas bei, davon sich
mein Bauch blähete, als ob er hätte zerspringen wollen; ja die Leibsdünste
drängten mich dergestalt, dass sie endlich den Ausgang mit Gewalt öffneten und
eine solche liebliche Stimm über Tafel hören liessen, dass ich mich deren schämen
musste; und sobald sie die Tür einmal gefunden, passierten sie mit einer solchen
Ungestüm nacheinander heraus, dass es daherdonnerte, als ob etliche Regimenter
eine Salve geben hätten. Als ich nun dessentwegen vom Tisch aufstunde, um
hinwegzulaufen, ging es bei solcher Leibsbewegung allererst rechtschaffen an:
Alle Tritt entwischte mir aufs wenigst einer oder zehen, wiewohl sie so
geschwind aufeinander folgten, dass sie niemand zählen konnte; und ich glaube,
wann ich sie alle wohl anlegen oder der Gebühr nach fein ordentlich austeilen
können, dass ich zwo ganzer geschlagener Glockenstund trutz dem besten Tambour
den Zapfenstreich darmit hätte verrichten mögen. Es währete aber ungefähr nur
eine halbe Stund, in welcher Zeit beides, Gäst und Aufwarter, mehr Qual von dem
Lachen als ich von dem kontinuierlichen Trompeten erlitten.
    Diesen Possen rechnete ich mir vor einen grossen Schimpf und wollte vor Scham
und Unmut ausreissen; ebenalso tät auch mein Gasterr, als der mich zu etwas
anders, als diese schöne Musik zu halten, zu sich kommen lassen, hoch und teuer
schwörend, dass er diesen Affront rächen wollte, wann er nur erfahren könnte,
durch was vor Pfefferkörner- und Ameiseneier-Köch diese Harmonia angestimmt
worden wäre. Weil ich aber daran zweifelt, ob nicht er vielleicht selbst den
ganzen Handel angestellt, siehe, so sasse ich dort zu Protzen, als wann ich mit
den blitzenden Strahlen meiner zornigen Augen alles hätte töden wollen, bis ich
endlich von einem Beisitzenden erfuhr, dass obengedachte Kürschnerin damit
umgehen könnte; und weil er sie unten im Hause gesehen, müsste er gedenken, dass
sie irgends von einer eifersichtigen Damen gedinget worden, mich einem oder
andern Kavalier durch diesen Possen zu verleiden, massen man von ihr wüsste, dass
sie ebendergleichen einem reichen Kaufherrn getan, der durch eine solche Musik
seiner Liebsten Gunst verloren, weil er sie in ihrer und ander ehrlichen Leute
Gegenwart hören lassen. Darauf gab ich mich zufrieden und bedachte mich auf eine
schleunige Rach, die ich aber weder öffentlich noch grausam ins Werk setzen
dorfte, weil wir in den Quartiern (ohnangesehen wir das Land dem Feind
abgenommen) gute Ordre halten mussten.
    Demnach ich nun die Wahrheit erfahren, dass es nämlich nit anderst hergangen,
als wie oben gedachter Tischgenoss geargwohnet, als erkundigt ich derjenigen
Damen, die mir den Possen hatt zugerichtet, Handel und Wandel, Tun und Lassen
auf das genaueste, als ich immer konnte, und als mir ein Fenster gewiesen wurde,
daraus sie bei Nacht denen, so zu ihr wollten, Audienz zu geben pflegte,
offenbart ich meinen auf sie habenden Grollen zween Offiziern; die mussten mir,
wollten sie anders meiner noch fürderhin geniessen, die Rach zu vollziehen
versprechen, und zwar auf solche und kein andere Weis, als wie ich ihnen
vorschriebe; dann mich deuchte, es wäre billig, weil sie mich nur mit dem Dunst
vexiert, dass ich sie mit nichts anders als mit dem Dreck selbst belohnen sollte.
Und solches geschahe folgendergestalt: ich liesse eine rinderne Blasen mit dem
ärgsten Unrat füllen, der in den untersichgehenben Kaminen durch M. Assmussen,
deren Säuberern, zu finden. Solche ward an eine Stange oder Schwinggerten, damit
man die Nüss herunterschlägt oder die Rauchkamin zu säubern pflegt, angebunden
und von dem einen bei finsterer Nacht, als der ander mit der Putanen leffelte,
welche oben an ihrem gewöhnlichen Audienzfenster lag, ihr mit solcher Gewalt in
das Angesicht geschlagen, dass die Blase zersprang und ihn der Speck beides,
Nasen, Augen, Maul und ihren Busen samt allen Zierden und Kleinodien besudelte,
nach welchem Streich sowohl der Leffler als Exekutor davonliefen und die Kur am
Fenster lamentieren liessen, solang sie wollte. Die Kürschnerin bezahlte ich
also: Ihr Mann war gewohnet, alle Haar, und sollten sie auch von den Katzen
gewesen sein, so genau zusammenzuhalten, als wann er sie von dem güldenen
Widderfell aus der Insul Kolchis abgeschoren hätte, so gar, dass er auch kein
Abschrödlin von dem Pelzflecklin hinwarf oder in die Dung kommen liesse, es wäre
gleich vom Biber, Hasen oder dem Lamm gewesen, er hätte solches dann zuvor
seiner Haar oder Woll blutt hinwegberaubt gehabt. Und wann er dann so ein paar
Pfund beisammen hatte, gab ihm der Hutmacher Gelt darum, welches ihm auch etwas
zu bröslen ins Haus verschafte; und wann es gleich langsam und gering kam, so
kam es doch wohl zu seiner Zeit. Solches wurde ich von einem andern Kürschner
innen, der mir denselben. Winter einen Pelz fütterte; derowegen bekam ich von
dergleichen Woll und Haaren soviel, als genug war, und macht eitel Schermesser
daraus. Als solche fertig oder, besser zu erläutern, als mit ihrer Materi wie
der Quacksalber ihre Büchslin versehen oder besalbet waren, liesse ich sie einem
von meinen Jungen dem Kürschner unden umb sein Sekret herumstreuen, als welches
ziemlich weit hinauf offenstunde. Da nun der erbsenzählerische Haushalter diese
Klumpen Haar und Woll sonder liegen sah und sie vor die seinige hielte, konnte
er sich nicht anderst einbilden, als sein Weib müsste sie dergestalt verunehrt
und zuschanden gemacht haben, fienge derowegen an, mit ihr zu kollern, gleichsam
als wann sie allbereit Mantua und Casal verwahrloset und verloren hätte; und
weil sie ja so beständig als eine Hex leugnete und noch darzu trutzige Wort gab,
schlug er sie so lederweich, als gelind er sonst anderer wilder und bissiger
Tieren Felle bereiten konnte, der heimischen Katzenbalg zu geschweigen, welches
mich so wohl kontentierte, dass ich keinen Dutzent Kronen darvor genommen haben
wollte.
    Nun war der Apoteker noch übrig, der meines Vermutens das Rezept verfertigt
hatte, dardurch ich aus der Niedere hin so variable Stimme erheben müssen; dann
er hielte Singvögel, die solche Sachen zur Speise genossen, so die Würkungen
haben sollen, einen Lärmen zu erregen, wie ich allererst einen erzählet. Weil er
aber bei hohen und niedern Offiziern wohl dran war, zumaln wir ihn täglich bei
unseren Kranken, die den italienischen Luft nicht wohl vertragen konnten,
brauchen mussten, ich auch selbst zu sorgen, ich möchte ihm etwan heut oder
morgen in die Kur kommen, als dorfte ich mich nicht kecklich an ihn reiben;
gleichwohl wollte und konnte ich so viel Luftkerls, die zwar vorlängst wieder in
der Luft zerstoben waren, ohngerochen nicht verdauen, obwohl sie auch andere
riechen mussten, da gleichwohl sie selbst schon verdauet waren. Er hatte einen
kleinen gewelbten Nebenkeller unter seinem Hause, darin er allerhand War
entielte, die zu ihrer Aufentaltung einen solchen Ort erfoderten. Dahinein
richtete ich das Wasser aus dem Röhrbrunnen, der auf dem Platz zunächst
darbeistunde, durch einen langen Ochsendarm, den ich am Brunnenröhrn anbande,
mit dem andern Ende aber zum Kellerloch hineinhenken und also das Brunnenwasser
die ganze lange Winternacht so ordentlich hineinlaufen liesse, dass der Keller am
Morgen geschwappelt voll Wasser war. Da schwammen etliche Fässlein Malvasier,
spanischer Wein und was sonst leicht war; was aber nit schwimmen konnte, lag
mannstief unter dem Wasser zu verderben; und demnach ich den Darm vor Tags
wieder hinwegnehmen liesse, vermeinte jedermann des Morgens, es wäre entweder im
Keller eine Quell entsprungen, oder dieser Posse sei dem Apoteker durch
Zauberei zugerichtet worden. Ich aber wusste es zum besten, und weil ich alles so
wohl ausgerichtet, lachte ich in die Fäuste, als der Apoteker um seine
verderbte Materialia lamentierte. Und damals war mirs gesund, dass der Name
Courasche bei mir so tief eingewurzelt gewesen, dann sonst hätten mich die
unnütze Bursch ohne Zweifel die Generalfarzern genannt, weil ichs besser als
andere gekönnt.
 
                              Das XVIII. Kapitel.
          Gar zu übermachte Gottlosigkeit der gewissenlosen Courasche.
Der Gewinn, der mir in so mancherlei Handtierungen zugieng, tät mir so sanft,
dass ich dessen je länger je mehr begehrte. Und gleich wie es mir allbereit eines
Dings war, ob es mit Ehren oder Unehren geschähe, also fieng ichs auch an, nicht
zu achten, ob es mit Gottes oder des Mammons Hülf besser prosequiert werden
möchte. Einmal es galte mir endlich gleich, mit was für Vörteilen, mit was für
Griffen, mit was für einem Gewissen und mit was für Handtierungen ich
prosperierte, wann ich nur reich werden möchte. Mein Springinsfeld musste einen
Rosstäuscher abgeben, und was er nit wusste, das musst er von mir lernen, in
welcher Profession ich mich tausenterlei Schelmstücke, Diebsgriff und Betrüge
gebrauchte. Keine War, weder von Gold, Silber, Edelgesteinen, geschweige des
Zinns, Kupfers, Getüchs, der Kleidung, und was es sonst sein mögen, es wäre
gleich rechtmässig erbeutet, geraubet oder gar gestohlen gewesen, war mir zu
köstlich oder zu gering, dass ich nicht daran stunde, solches zu erhandeln; und
wann einer nicht wusste, wohin mit demjenigen, das er zu versilbern, er hätte es
gewonnen, wie er wollte, so hatte er einen sichern Zutritt zu mir, wie zu einem
Juden, die den Dieben getreuer sein, sie zu konserviern, als ihrer Obrigkeit,
selbige zu strafen. Dannenhero waren meine beide Wägen mehr einem
Materialistenkram gleich, als dass man nur kostbare Victualia bei mir hätte
finden sollen, und ebendeswegen konnte ich hinwiederum auch einem jedwedern
Soldaten, er wäre gleich hoch oder nieder gewest, mit demjenigen ums Gelt
helfen, dessen er benötigt war. Hingegen musste ich auch spendieren und
schmieren, um mich und meine Handtierungen zu beschützen: der Profoss war mein
Vatter, seine alte Merr (seine alte Frau wollt ich sagen) meine Mutter, die
Obristin meine gnädige Frau und der Obrist selbst mein gnädiger Herr, welche
mich alle vor allem demjenigen sicherten, dardurch ich und mein Anhang oder auch
meine Handelschaft einbüssen mögen.
    Einsmals brachte mir ein alter Hühnerfänger, ich wollt sagen, so ein alter
Soldat, der lang vor dem böhmischen Unwesen eine Musket getragen hatte, so etwas
in einem verschlossenen Gläslein, welches nicht recht einer Spinnen und auch
nicht recht einem Skorpion gleichsah; ich hielte es vor keine Insekt oder
lebendige Kreatur, weil das Glas keinen Luft hat, dardurch das beschlossene Ding
sein Leben hätte erhalten mögen, sondern vermeinte, es wäre irgends ein
Kunststück eines vortrefflichen Meisters, der solches zugerichtet, um dardurch
ein Gleichnus, ich weiss nit von was vor einer ewigwährenden Bewegung,
vorzustellen, weil sich dasselbe ohn Unterlass im Glas regte und herumkrabbelte.
Ich schätzte es hoch, und weil mirs der Alte zu verkaufen anbotte, fragte ich,
wie teuer. Er botte mir den Bettel um zwo Kronen, die ich ihm auch alsobalden
darzahlte, und wollte ihm noch ein Feldmass Wein darzuschenken; er aber sagte,
die Bezahlung sei allbereit zu Genügen geschehen, welches mich an einem solchen
alten Weinbeisser verwunderte und verursachte, ihn zu fragen, warum er einen
Trunk ausschlüge, den ich doch einem jeden im Kauf zu geben pflegte, der mir nur
das geringste verhandelte. »Ach Frau Courasche!« antwortet er, »es ist hiermit
nicht wie mit anderer War beschaffen; sie hat ihren gewissen Kauf und Verkauf,
vermög dessen die Frau zusehen mag, wann sie dies Kleinod wieder hingibt, dass
sie es nämlich wohlfeiler verkaufe, als sie es selber erkauft hat.« Ich sagte,
so würde ich auf solche Weis wenig daran gewinnen. Er antwortet: »Darum lasse
ich sie sorgen. Was mich anbelangt, so hab ichs allbereit bei 30 oder mehr
Jahren in Händen und noch keinen Verlust dabei gehabt, wiewohl ichs um 3 Kronen
kauft und um 2 wieder hingeben.« Dies Ding war mir ein Gesäg, darein ich mich
nicht richten konnte oder vielleicht auch nicht richten wollte; dann weil ich
ein satten Rausch [und] zu gewarten hatte, ich würde etliche Abgesandte der
Venere abzufertigen kriegen, war mirs eine desto geringere Bekümmernus; oder
(lieber Leser, sag mir selbst, wie ich sagen soll) ich wusste nit, was ich mit
dem alten Kracher machen sollte. Er deuchte mich nicht Manns genug zu sein, die
Courasche zu betrügen, und die Gewohnheit, dass mir andere, die ein besser
Ansehen als dieser hatten, oft etwas um ein Dukaten hingaben, das deren hundert
wert war, machte mich so sicher, dass ich mein erkauften Schatz einsteckte.
    Des Morgens, da ich meinen Rausch verschlafen, fand ich meinen
Kaufmannschatz in meinem Hosensack (dann man muss wissen, dass ich allzeit Kosen
und meinen Rock trug); ich erinnerte mich gleich, welchergestalt ich das Ding
kauft hatte, legte es derowegen zu andern meinen raren und lieben Sachen, als
Ringen, Kleinodien und dergleichen, um solches aufzuheben, bis mir etwan ein
Kunstverständiger an die Hand käme, der mich um seine Beschaffenheit berichtete.
Als ich aber ungefähr unter Tags wieder in meinen Sack griffe, fand ich
dasselbe nicht, wohin ichs aufgehoben, sondern wieder in meinem Hosensack,
welches mich mehr verwunderte als erschreckte; und mein Fürwitz, zu wissen, was
es doch eigentlich wäre, machte, dass ich mich fleissig nach dessen Verkäufer
umsah; und als derselbe mir aufstiesse, fragte ich ihn, was er mir zu kaufen
gegeben hätte? erzählte ihm darneben, was vor ein Wunderwerk sich damit
zugetragen, und bat ihn, er wollte mir doch desselben Wesen, Kraft, Würkung,
Künste, und wie es umständlich damit beschaffen, nicht verhalten. Er antwortet:
»Frau Courasche! es ist ein dienender Geist, welcher demjenigen Menschen, der
ihn erkauft und bei sich hat, gross Glück zuwegen bringt. Er gibt zu erkennen, wo
verborgene Sachen liegen, er verschafft zu jedwederer Handelschaft genugsame
Kaufleute und vermehret die Prosverität; er macht, dass sein Besitzer von seinen
Freunden geliebt und von seinen Feinden gefürchtet werde. Ein jeder, der ihn hat
und sich auf ihn verlässt, den macht er so fest als Stahl und behütet ihn vor
Gefängnis; er gibt Glück, Sieg und Überwindung wider die Feinde und bringt
zuwegen, dass seinen Besitzer fast alle Welt lieben muss.« In Summa, der alte
Lauer schnitte mir so einen Haufen daher, dass ich mich glückseliger zu sein
dauchte als Fortunatus mit seinem Säckel und Wünschhütel! Weil ich mir aber wohl
einbilden können, dass der sogenannte dienende Geist diese Gaben nit umsonst
geben würde, so fragte ich den Alten, was ich hingegen dem Ding zu Gefallen tun
müsste? dann ich hätte gehöret, dass diejenige Zauberer, welche andere Leute in
Gestalt eines Galgenmännels bestehlen, das sogenannte Galgenmännel mit
wochentlicher gewisser Badordnung und anderer Pfleg verehren müssten. Der Alte
antwortet, es dürfte des Dings hier gar nicht; es sei viel ein anders mit einem
solchen Männel als mit einem solchen Ding, das ich von ihm gekauft hätte. Ich
sagte, es wird ohne Zweifel mein Diener und Narr nicht umsonst sein wollen; er
sollte mir nur kecklich und verträulich offenbaren, ob ichs so gar ohne Gefahr
und auch so gar ohne Belohnung haben und solcher seiner ansehenlichen Dienste
ohne andere Verbindung und Gegendienste geniessen könnte? »Frau Courasche,«
antwortet der Alte, »Ihr wüsst bereits genug, dass Ihrs nämlich um geringern Preis
hingeben sollt (wann Ihr dessen Diensten müd seid), als Ihrs selber erkauft
habt, welches ich Euch gleich damals, als Ihr mirs abgehandelt, nicht verhalten
habe. Die Ursach zwar, warum, mag die Frau von andern erfahren.« Und damit ging
der Alte seines Wegs.
    Meine böhmische Mutter war damals mein innerster Rat, mein Beichtvatter,
mein Favorit, mein bester Freund und mein Sabud Salomonis: ihr vertrauet ich
alles und also auch, was mir mit dem erkauften Markschatz begegnet wäre. »He,«
antwortet sie, »es ist ein Stirpitus flammiliarum, der alles dasjenige leistet,
was Euch der Verkaufer von ihm erzählet; allein wer ihn hat, bis er stirbt, der
muss, wie mir gesagt worden, mit ihm in die ander Welt reisen, welches ohne
Zweifel seinem Namen nach die Höll sein wird, allwo es voller Feuer und Flammen
sein soll; und ebendeswegen lässt er sich nicht anderst als je länger, je
wohlfeiler verkaufen, damit ihm endlich der letzte Kaufer zuteil werden müsse.
Und Ihr, liebe Tochter! stehet in grosser Gefahr, weil Ihr ihn zum allerletzten
zu verkaufen habt; dann welcher Narr wird ihn von Euch kaufen, wann er ihn nit
mehr verkaufen darf, sondern eigentlich weiss, dass er seine Verdammnus von Euch
erhandelt?« Ich konnte leichtlich erachten, dass mein Handel schlimm genug
bestellt war, doch machte mein leichter Sinn, meine blühende Jugend, die
Hoffnung eines langen Lebens und die gemeine Gottlosigkeit der Welt, dass ich
alles auf die leichte Achsel nahm. Ich gedachte: »Du willst dieser Hülfe, dieses
Beistands und dieser glückseligen Avantage geniessen, solang du kannst. Indessen
findest du wohl einen leichtfertigen Gesellen in der Welt, der entweder beim
schweren Trunk oder aus Armut, Desperation, blinder Hoffnung grossen Glückes,
oder aus Geiz, Unkeuschheit, Zorn, Neid, Rachgier oder etwas dergleichen diesen
Gast wieder von dir um die Gebühr annimmt.«
    Diesem nach gebrauchte ich mich dessen Hülf in aller Mass und Form, wie er
mir beides, von dem alten Verkäufer als auch meiner Kostfrauen oder angenommenen
böhmischen Mutter, beschrieben worden. Ich verspürte auch seine Würkung täglich;
dann wo ein Markedenter ein Fass Weins auszapfte, vertrieb ich deren drei oder
vier; wo ein Gast einmal meinen Trank oder meine Speise kostete, so bliebe er
das andermal nit aus. Welchen ich ansah und wünschte, seiner zu geniessen,
derselbe war gleich fix und fertig, mir in der alleruntertänigsten Andacht
aufzuwarten, ja mich fast wie eine Göttin zu ehren; kam ich in ein Quartier, da
der Hauswirt entflohen, oder dass es sonsten ein Herberg oder verlassene Wohnung
war, darin sonst niemand wohnen konnte (massen man die Markedenter und
Kommissmetzger in keinem Palast zu logieren pfleget), so fand ich gleich, wo das
Messer steckte, und, weiss nit, durch was vor ein innerliches Einsprechen, solche
Schätze zu finden, die in vielen, vielleicht 100 Jahren keine Sonne beschienen
etc. Hingegen kann ich nicht leugnen, dass auch etliche waren, die der Courasche
nichts nachfragten, sondern sie viel mehr verachteten, ja verfolgten, als
ehreten, ohne Zweifel darum, weil sie von einem grösseren Lumen erleuchtet, als
ich von meinem Flamme betört gewesen. Solches machte mich zwar witzig und
lernete mich durch allerhand Nachdenken philosophieren und betrachten, wie? was?
und dergleichen! Ich war aber allbereit in der Gewinnsüchtigkeit und allen ihren
nachgehenden Lastern dermassen ertränkt, dass ichs bleiben liesse, wie es war, und
nichts zum Fundament zu raumen gedachte, darauf meine Seligkeit bestunde, wie
auch noch. Dies, Simplice, sage ich dir zum Überfluss, dein Lob zu bekrönen, weil
du dich in deiner Lebensbeschreibung gerühmt hast, einer Damen im Saurbrunnen
genossen zu haben, die du doch noch nicht einmal kanntest.
    Indessen wurde mein Geltaufen je länger, je grösser, ja so gross, dass ich
mich auch bei meinem Vermögen fürchtete.
    Höre, Simplice, ich muss dich wieder etwas erinnern. Wärest du etwas nutz
gewest, als wir miteinander im Sauerbrunnen das Verkehren spielten, so wärest du
mir weniger ins Netze geraten als diejenige, die im Schutz Gottes waren, da ich
den Spiritum familiarem hatte.
 
                               Das XIX. Kapitel.
  Was Springinsfeld vor einem Lehrmeister gehabt, bis er zu seiner Perfektion
                                    kommen.
Und noch ein anders musst du auch wissen, Simplice! Nicht nur ich ging den oben
erzählten Weg, sondern auch mein Springinsfeld (den du allerdings vor deinen
besten Kameraten und vor einen braven Kerl in deiner Lebensbeschreibung gerühmt
hast) musste mir auch folgen. Und was wollts gehindert haben oder vor ein grosses
Meerwunder gewesen sein, sintemal andere meinesgleichen lose Weiber ihre
liederliche Männer (wann ich anders Männer sagen darf, ich hätte aber schier
»fromme Männer« gesagt) eben zu dergleichen losen Stücken vermögen (ich will
nicht sagen: zwingen), ob sie gleich bei ihrer Vermählung keinen solchen Akkord
eingangen, wie Springinsfeld getan? Höre die Histori:
    Als wir vor dem berühmten Casal lagen, fuhren ich und Springinsfeld in eine
benachbarte Grenzstadt, die neutral war, Victualia einzukaufen und in unser
Läger zu bringen. Gleichwie nun aber ich in dergleichen Fällen nicht allein
ausgieng, als ein Nachkömmling der hierosolymitanischen Burger zu schachern,
sondern auch als ein cyprianische Jungfrau meinen Gewinn zu suchen, als hatte
ich mich auch wie eine Jesebell herausgebutzt und galte mir gleich, ob ich einen
Ahab oder Jehu verführen möchte. Zu solchem Ende ging ich in eine Kirche, weil
ich mir sagen lassen, die meinste Buhlschaften würden in Italia an solchen
heiligen Ortern gestiftet und zu Faden geschlagen, aus Ursach, dass man die
schöne Weiber daselber, so liebeswürdig zu sein scheinen, sonst nirgends
hinkommen lasse. Ich kam neben eine junge Dame zu stehen, mit deren Schönheit
und Schmuck ich zugleich eiferte, weil mich derjenige nicht ansah, der ihr so
manchen liebreichenden Blick schenkte. Ich gestehe es, dass mich im Herzen
verdross, dass sie mir vorgezogen und ich vor einem Leimstängler gegen ihr, wie
ich mir einbildete, verachtet werden sollte! Solcher Verdruss, und dass ich mich
zugleich auf eine Rache bedacht, war meine grösste Andacht unter dem ganzen
Gottesdienst. Ehe nun solcher gar geendigt war, stellte sich mein Springinsfeld
auch ein. Ich weiss aber darum nit, warum, kann auch schwerlich glauben, dass ihn
die Gottesfurcht dahin getrieben, dann ich hatte ihn nicht darzu gewöhnet; so
wars ihm auch weder angeborn noch aus Lesung der heiligen Schriften oder Hörung
der Predigten eingepflanzt. Nichtsdestoweniger stellte er sich neben mich und
kriegte den Befehl von mir in ein Ohr, dass er Achtung geben sollte, wo gemeldte
Dame ihre Wohnung hätte, damit ich des überaus schönen Smaragds, den sie am Hals
hatte, habhaft werden möchte.
    Er tät seinem schuldigen Gehorsam gemäss wie ein treuer Diener und
hinderbrachte mir, dass sie eine vornehme Frau eines reichen Herrn wäre, der sein
Palatium an den Markt stehen hätte. Ich hingegen sagte ihm ausdrücklich, dass er
fürderhin weder meiner Huld länger geniessen noch meinen Leib einigmal mehr
berühren sollte, es wäre dann Sach, dass er mir zuvor ihren Smaragd einhändigte,
worzu ich ihm aber sichere Anschlag, Mittel und Gelegenheit an die Band geben
wollte. Er kratzte sich zwar hinder den Ohren und entsetzte sich vor meinem
Zumuten als wie vor einer unmüglichen Sach; aber da es lang herumgieng, erklärt
er sich, meinetwegen in Tod zu gehen.
    Solchergestalt, Simplice, hab ich deinen Springinsfeld gleichsam wie einen
jungen Wachtelhund abgerichtet. Er hatte auch die Art darzu und vielleicht
besser als du, wäre aber nimmermehr von ihm selber zu einem solchem Ausbund
worden, wann ich ihn nicht in meiner Schul gehabt hätte.
    Eben damals musste ich mir wieder einen neuen Stiel in meinen Faustammer
machen lassen, welchen ich beides, vor ein Gewehr und einen Schlüssel, brauchte,
der Bauern Trög oder Kästen zu öffnen, wo ich zukommen konnte; ich liesse
denselben Stiel inwendig hohl drehen in gemessener Weite, dass ich entweder
Dukaten oder eine Schiedmünz in selbiger Grösse hineinpacken möchte; dann weil
ich selbigen Hammer jederzeit bei mir zu haben pflegte (indem ich weder ein
Degen dorfte oder ein paar Pistolen mehr führen wollte), so gedachte ich, ihn
inwendig mit Dukaten zu spicken, die ich auf alle Glücks- oder Unglücksfäll
(deren es unterschiedliche im Krieg abgibt) bei der Hand hatte. Da er fertig,
probierte ich seine Weite mit etlichen Lutzern, die ich zu mir genommen, solche
um ander Gelt zu veralienieren; die Hohle meines Stabs hatte eben die Weite
ihres Bezirks, doch also eng und beschnitten, dass ich sie, die Lutzer, um etwas
hineinnötigen musste, doch bei weitem nicht so stark, als wann man eine halbe
Kartaunen laden tut. Ich konnte aber den Stiel nicht damit ausfüllen, weil ihrer
zu wenig waren, dahero kams gar artlich, dass, wann die Lutzer gegen dem Hammer
lagen und ich das Eisen in der Hand hatte, mich des Stiels anstatt eines
Steckens zu gebrauchen, dass zuweilen, wann ich mich darauf steuerte, etlich
Lutzer herunter gegen der Handhaben klunkerten und ein dünsteres Geklingel
machten, welches seltsam und verwunderlich genug lautet, weil niemand wusste,
woher das Getön rührete. Was darfs vieler weitläuftigen Beschreibung? Ich gab
meinem Springinsfeld den Faustammer mit einer richtigen Instruktion,
welchergestalt er mir den Smaragd damit erhandeln sollte.
    Darauf verkleidet sich mein Springinsfeld, fetzt eine Parücke auf. wickelt
sich in einem entlehnten schwarzen Mantel und tat zween ganzer Tag nicht anders,
als dass er gegen der Damen Palatio hinüberstunde und das Haus vom Fundament an
bis übers Dach hinaus beschauete, gleichsam als ob ers hätte taufen wollen. So
hatte ich auch einen Tambour im Taglohn bestellt, welcher ein solcher Erzessig
war, mit dem man andere Essig hatte sauer machen können; der dorfte auch sonst
im geringsten nichts tun, als auf dem Platz herumvagieren und auf meinen
Springinsfeld Achtung zu geben, wann er etwan seiner notwendig bedürfte; dann
der Vogel redete so gut Italienisch als Teutsch, welches aber jener nicht
konnte. Ich selber aber hatte ein Wasser, hier ohnnötig zu nennen, durch einen
Alchimisten zuwegen gebracht, das in wenig Stunden alle Metalla durchfrisst und
mürb macht oder wohl gar auch zu Wasser resolviert; mit demselben bestrich ich
ein stark Gegitter vor einem Kellerloch. Als nun den dritten Tag Springinsfeld
noch nit abliesse, das Haus anzugaffen wie die Katz ein neu Scheuertor, siehe, da
schickte angeregte Dame hin und liesse fragen um die Ursach seines
kontinuierlichen Dastehens, und was er an, ihrem Haus auszukundschaften hätte.
Springinsfeld hingegen liehe bemeldten Tambour kommen und dolmetschen, dass ein
solcher Schatz im Hause verborgen läge, den er nicht allein zu erheben, sondern
auch eine ganze Stadt damit reich zu machen getrauete. Hierauf liesse die Dame
beides, den Springinsfeld und den Tambour zu sich ins Hause kommen, und nachdem
sie wieder von dem verborgenen Schatz Springinsfelds Lügen angehört und grosse
Begierten geschöpft, solchen zu holen, fragte sie den Tambour, was dieser vor
einer wäre, ob er ein Soldat sei und dergleichen etc. »Nein,« antwortet der
Tausendschelm, »er ist ein halber Schwarzkünstler, wie man sagt, und hält sich
nur zu dem Ende bei der Armee auf, damit er verborgene Sachen finde, hat auch,
wie ich gehöret, in Teutschland auf alten Schlössern ganze eiserne Trög und
Kästen voll Gelt gefunden und zuwegen gebracht.« Im übrigen aber sei er,
Springinsfeld, ihme, Tambour, gar nicht bekannt.
    In Summa, nach langem Diskurs wurde die Glock gegossen und beschlossen, dass
Springinsfeld den Schatz suchen sollte. Er begehrte zwei geweihte Wachsliechter,
er selbst aber zündete das dritte an, welches er bei sich hatte und vermittelst
eines messenen Drahts, der durch die Kerze ging, auslöschen konnte, wann er
wollte. Mit diesen dreien Liechtern giengen die Dame, zween ihrer Diener,
Springinsfeld und der Tambour im Haus herumzuleuchten, weil eben der Herr nicht
zu Haus war; dann Springinsfeld hatte sie überredet, wo der Schatz läge, da
würde seine Kerzen von sich selbst ausgehen. Da sie nun viel Winkel also
prozessionsweis durchstrichen und Springinsfeld an allen Orten, da sie
hingeleuchtet, wunderbarliche Wörter gebrummelt, kamen sie endlich in den
Keller, allwo ich das eiserne Gegitter mit meinem A.R. befeuchtet hatte; da
stunde Springinsfeld vor einer Mauer, und indem er seine gewöhnliche Zeremonien
machte, zuckte er sein Liecht aus: »Da! da!« liesse er durch den Tambour sagen,
»liegt der Schatz eingemauret!« brummelte darauf noch etliche närrische Wörter
und schlug etlichmal mit meinem Faustammer an die Mauer, davon die Lutzer nach
und nach, so manchen Streich er an die Mauer tat, herunterrollten und ihr
gewöhnliches Getön machten. »Höret ihr,« sagte er darauf, »der Schatz hat
übermal verblühet, welches alle sieben Jahr einmal geschieht. Er ist zeitig und
muss ausgenommen werden, dieweil die Sonne noch im Igel geht, sonst wirds
künftig vor Verfliessung anderer sieben Jahr umsonst sein.« Weil nun die Dame und
ihre beide Diener 1000 Eid geschworen hätten, das Geklingel wäre in der Mauer
gewesen, als stellten sie meinem Springinsfeld völligen Glauben zu, und die Dame
begehrte an ihn, er wollte um die Gebühr den Schatz erheben, wollte auch gleich
um ein Gewisses mit ihm akkordiern. Als er sich aber hören liesse, er pflege in
dergleichen Fällen nichts zu heischen, noch zu nehmen, als was man ihm mit gutem
Willen gebe, liesse es die Dame auch dabei bewenden, mit Versicherung, dass sie
ihn dergestalt kontentiern wollte, dass er damit zufrieden sein würde.
    Demnach begehrte er 17 erlesene Körner Weihrauch, vier geweihte Wachskerzen,
acht Ellen vom besten Scharlach, einen Diamant, einen Smaragd, einen Rubin und
einen Saphir, welche Kleinodien ein Weibsbild beides, in ihrem jungfräulichen
und fräulichen Stand am Halse getragen hätte; zweitens sollte er alleinig in den
Keller geschlossen oder versperrt und von der Damen selbst der Schlüssel zur
Hand genommen werden, damit sie sowohl um ihre Edelgestein und den Scharlach
versichert sein, als auch er, bis er den Schatz glücklich zur Hand gebracht,
unverhindert und ohnbeschrieen verbleiben möchte. Hierauf gab man ihm und dem
Tambour eine Kollation, und ihme, Tambour, wegen seines Dolmetschens ein
Trinkgelt. Indessen wurden die begehrte Zugehörungen herbeigeschaft, nach
solchen Springinsfeld in Keller verschlossen, woraus unmöglich schiene, einen
Kerl zu entrinnen; dann das Fenster oder Tageliecht, so auf die Gaffe oder den
Platz ging, war hoch und noch darzu mit gedachtem eisernen Gegitter wohl
verwahret. Der Dolmetsch aber ward fortgelassen, welcher gleich zu mir kam und
mich allen Verlauf berichtete.
    Weder ich noch Springinsfeld verschliefen die rechte Zeit, darin die Leute
am härtesten zu schlafen pflegen, sondern nachdem ich das Gegitter so leicht als
einen Rübschnitz hinweggebrochen, liesse ich ein Seil hinunder zu meinem
Springinsfeld in Keller und zoge ihn daran samt aller Zugehör zu mir herauf, da
ich dann auch den verlangten schönen Smaragd fand.
    Die Beut erfreuete mich bei weitem nicht so sehr als das Schelmstück,
welches mir so wohl abgangen war. Der Tambour hatte sich bereits den Abend zuvor
schon aus der Stadt gemacht, mein Springinsfeld aber spazierte den Tag nach
vollbrachter Schatzerhebung mit andern in der Stadt herum, die sich über den
listigen Dieb verwunderten, eben als man unter den Toren Anstalt machte, solchen
zu erhaschen. Und nun siehe, Simplice, solchergestalt ist deines Springinsfelds
Dexterität durch mich zuwegen gebracht und ausgeübet worden. Ich erzähle dir
auch dieses nur zum Exempel; dann wann ich dir alle Buben- und Schelmenstück
sagen sollte, die er mir zu Gefallen werkstellig machen müssen, so dorfte ich
wetten, es würde mir und dir, wiewohl es lustige Schossen seind, die Zeit zu
lang werden. Ja, wann man alles beschreiben sollte, wie du deine Narrenpossen
beschrieben hast, so würde es ein grösser und lustiger Buch abgeben als deine
ganze Lebensbeschreibung; doch will ich dich noch ein Kleines lassen hören.
 
                                Das XX. Kapitel.
     Welchergestalt Springinsfeld und Courasche zween Italiener bestohlen.
Als wir uns versahn, wir würden noch lang vor Casal liegen bleiben müssen,
lagen wir nit nur in Zelten, sondern ihrer viel baueten ihnen auch sonst Hütten
aus andern Materialien, sich desto besser in die Länge zu behelfen. Unter
anderen Schacherern befanden sich zween Mailänder im Lager; die hatten ihnen
eine Hütte von Brettern zugerichtet, ihre Kaufmannswaren desto sicherer darin zu
verwahren, welche da bestunde in Schuhen, Stiefeln, Kollern, Hemdern und sonst
allerhand Kleidungen, beides, vor Offizierer und gemeine Soldaten zu Ross und
Fuss. Diese täten mir meines Bedunkens viel Abtrag und Schaden, indem sie nämlich
von den Kriegsleuten allerhand Beuten von Silbergeschmeid und Jubeln um den
halben, ja den vierten Teil ihres Werts an sich erhandelten, welcher Gewinn mir
zum Teil zukommen wäre, wann sie nit vorhanden gewesen. Solches nun gedachte ich
an ihnen auf wenigst zu wuchern, weil in meiner Macht nit stunde, ihnen das
Handwerk gar niederzulegen.
    Unten in der Hütten war die Behaltnus ihrer War, und dasselbige war auch
zugleich ihr Gaben; oben auf dem Boden aber unter dem Dach war ihr Liegerstatt,
allwo sie schliefen, wohinauf ungefähr sieben oder acht Staffeln giengen; und
durch den Boden hatten sie ein offenes Loch gelassen, um dadurch nicht allein
desto besser zu hören, wann etwan Mauser einbrächen, sie zu bestehlen, sondern
auch solche Diebe mit Pistolen zu bewillkommen, mit welchen sie trefflich
versehen waren. Als ich nun selbst wahrgenommen, wie die Tür ohne sonderlichen
Rumor aufzumachen wäre, machte ich meinen Anschlag gar gering. Mein
Springinsfeld musste mir eine Welle scharpfer Dörner in Mannslänge zuwegen
bringen, woran auch beinahe ein Mann zu tragen hatte, und ich füllete eine
messene Spritze, die eine Feldmass hielte, mit scharpfem Essig. Also versehen,
giengen wir beide an die gedachte Hütte, als jedermann im besten Schlaf war. Die
Tür in der Stille zu öffnen, war mir gar keine Kunst, weil ich zuvor alles
fleissig abgesehen; und da solches vollbracht und geschehen, stackte
Springinsfeld die Dornwell vor die Stiegen, als welche vor sich selbst keine Tür
hatte, von welchem Geräusch beide Italiener erwachten und zu rumpeln anfiengen.
Wir konnten uns wohl einbilden, dass sie zum ersten zu obigen Loch
herunterschauen würden, als dann auch geschahe; ich aber spritzte dem einen die
Augen alsobald so voller Essig, dass ihm seine Vorsichtigkeit in einem Augenblick
vergieng; der ander aber liefe im Hembd und Schlafhosen die Stiegen hinunter und
wurde von der Dornwell so unfreundlich empfangen, dass er, gleichwie auch sein
Kamerat, in solcher unversehenen Begebenheit und grossem Schrecken sich nichts
anders einbilden konnten, als es wäre eitel Zauberei und Teufelsgespenst
vorhanden. Indessen hatte Springinsfeld ein Nutzet zusammengebundene
Reuterkoller erwischt und sich damit fortgemacht; ich aber liesse mich mit einem
Stück Leinwat genügen, drehete mich damit aus und schlug die Tür hinter mir
wieder zu, die beide Welsche also in ihrer Anfechtung hinterlassend, wovon der
eine ohne Zweifel die Augen noch gewischt, der ander aber noch mit seiner
Dornwell zu handeln gehabt haben wird.
    Schaue, Simplice, so konnte ichs! und also habe ich den Springinsfeld nach
und nach abgerichtet. Ich stahle, wie gehöret, nicht aus Not oder Mangel,
sondern mehrenteils darum, damit ich mich an meinen Widerwärtigen revangieren
möchte; Springinsfeld aber lernete indessen die Kunst und kam so meisterlich in
die Griff, dass er sich unterstanden hätte, alles zu Mausen, es wäre dann gar mit
Ketten an das Firmament geheftet gewesen. Und ich liesse ihn solches auch
treulich geniessen, dann ich gönnete ihm, dass er einen eigenen Säckel haben und
mit dem halben gestohlenen Gut (massen wir solche Eroberungen mit einander
teilten) tun und handeln dürfte, was er wollte. Weil er aber trefflich auf das
Spielen verpicht war, so kam er selten zu grossem Gelt, und wann er gleich
zuzeiten den Anfang zu einer ziemlichen Summa zuwegen brachte, so verblieb er
jedoch die Länge nicht in Possession, sintemal ihm sein unbeständig Glück das
Fundament zum Reichtum durch den unbeständigen Würfel jederzeit wieder
hinwegzwackte. Im übrigen verblieb er mir ganz getreu und gehorsam, also dass ich
mir auch keinen besseren Sklaven in der ganzen Welt zu finden getrauet hätte.
Jetzt höre auch, was er damit verdienet, wie ich ihm gelohnet und wie ich mich
endlich wieder von ihm geschieden.
 
                               Das XXI. Kapitel.
             Erzählung eines Treffens, welches im Schlaf vorgangen.
Kurz zuvor, ehe Mantua von den Unsrigen eingenommen wurde, musste unser Regiment
von Casal hinweg und auch in die mantuanische Belägerung; daselber liefe mir
mehr Wasser auf meine Mühl als in dem vorigen Lager, dann gleich wie alldorten
mehr Volk war, sonderlich Teutsche, also bekame ich auch mehr Kunden und
Kundenarbeit, davon sich mein Geltaufen wieder ein merkliches geschwinder
vergrösserte, so dass ich etlichmal Wechsel nach Prag und anderswohin in die
teutsche Reichsstädte übermachte; bei welcher glücklichen Prosperität, grossem
täglichen Gewinn und genugsamen Überfluss, dessen ich und mein Gesindel genossen,
da sonst mancher Hunger und Mangel leiden musste, mein Springinsfeld anfienge,
allerdings das Junkernhandwerk zu treiben. Er wollte eine tägliche Gewohnheit
daraus machen, nur zu fressen und zu saufen, zu spielen und spazieren zu gehen
und zu faulenzen, und liesse allerdings die Handelschaft der Markedenterei und
die Gelegenheiten, sonsten irgend etwas zu erschnappen, ein gut Jahr haben;
überdas hatte er auch etliche ungeratene und verschwenderische Kameraten an sich
gehenkt, die ihn verführten und zu allen demjenigen untüchtig machten, worzu ich
ihn zu mir genommen und auf allerlei Art und Weise abgeführet hatte. »Ha!«
sagten sie, »bist du ein Mann, und lässt deine Hur beides, über dich und das
Deinige, Meister sein? Es wäre noch genug, wann du ein böses Eheweib hättest,
von deren du dergleichen leiden müsstest. Wann ich in deinem Hembd verborgen
stäke, so schlüg ich sie, bis sie mir parierte, oder jagte sie vor aller Teufel
hinweg etc.« Solches alles vernahm ich beizeiten mit grossem Unwillen und Verdruss
und gedacht auf Mittel und Weg, wie ich meinen Springinsfeld möchte ins Feld
springen machen, ohne dass ich mich im geringsten etwas dergleichen gegen ihm
oder seinem Anhang hätte vermerken lassen. Mein Gesind (darunter ich auch vier
starke Tremel zu Knechten hatte) war mir getreu und auf meiner Seiten; alle
Offizierer des Regiments waren mir nit übel gewogen, der Obrist selbst wollte
mir wohl und die Obristin noch viel besser, und ich verbande mir alles noch
mehrers mit Verehrungen, wo ich vermeinte, dass ich Hülf zu meinem künftigen
Hauskrieg zu hoffen hätte, dessen Ankündigung ich stündlich von meinem
Springinsfeld gewärtig war.
    Ich wusste wohl, dass der Mann, welchen mir Springinsfeld aber nur pro forma
repräsentieren musste, das Haubt meiner Markedenterei darstellte, und dass ich
unter dem Schatten seiner Person in meiner Handelschaft agierte, auch dass ich
bald ausgemarkedentert haben würde, wann ein solches Haubt mir mangelte;
derohalben ging ich gar behutsam. Ich gab ihm täglich Gelt beides, zu spielen
und zu bankettieren, nicht dass ich die Beständigkeit seiner vorigen Verhaltung
bestätigen wollen, sondern ihn desto kirrer, verwegener und ausgelassener gegen
mir zu machen, damit er sich dardurch verplumpen und durch ein rechtschaffenes
grobianisches Stückel dem Besitz meiner und des Meinigen sich unwürdig machen,
mit einem Wort, dass er mir Ursach geben sollte, mich von ihme zu scheiden; dann
ich hatte allbereit schon so viel zusammengeschunden und verdienet, zumalen auch
anderwärtshin in Sicherheit gebracht, dass ich mich weder um ihn noch die
Markedenterei, ja um den ganzen Krieg und was ich noch darin kriegen und
hinwegnehmen konnte, wenig mehr bekümmerte.
    Aber ich weiss nicht, ob Springinsfeld das Herz nicht hatte, seinen Kameraten
zu folgen, um die Oberherrschaft öffentlich von mir zu begehren, oder ob er
sonst in erzähltem seinem liederlichen Leben unachtsamerweis fortfuhre. Dann er
stellte sich gar freundlich und demütig und gab mir niemalen kein sauern Blick,
geschweige ein böses Wort. Ich wusste sein Anliegen wohl, worzu ihn seine
Kameraten verhetzt hatten. Ich konnte aber aus seinen Werken nicht spüren, dass
er etwas dergleichen wider mich zu unterstehen bedacht gewesen wäre; doch
schickte sichs endlich wunderbarlich, dass er mich offendierte, wessentwegen wir
dann, es sei ihm nun gleich lieb oder leid gewesen, voneinander kamen.
    Ich lag einsmals neben ihm und schlief ohne alle Sorg, als er eben mit einem
Rausch heimkommen war. Siehe, da schlug er mich mit der Faust von allen Kräften
ins Angesicht, dass ich nicht allein darvon erwachte, sondern das Blut liefe mir
auch häufig zum Maul und der Nasen heraus, und wurde mir von selbigem Streich so
törmisch im Kopf, dass mich noch wundergibt, dass er mir nit alle Zähn in Hals
geschlagen. Da kann man nun wohl erachten und abnehmen, was ich ihm vor eine
andächtige Letenei vorbetete: ich hiesse ihn einen Mörder und was mir sonst noch
mehr von dergleichen ehrbaren Titul ins Maul kommen. Er hingegen sagte: »Du
Hundsfott, warum lässest du mir mein Gelt nicht? Ich hab es ja redlich
gewonnen!« und wollte noch immer mehr Stösse hergeben, also dass ich zu schaffen
hatte, mich deren zu erwehren, massen wir beede im Bette aufrecht zu sitzen kamen
und gleichsam anfiengen, miteinander zu ringen. Und weil er noch fort und fort
Gelt von mir haben wollte, gabe ich ihm eine kräftige Ohrfeigen, die ihn wieder
niederlegte; ich aber wischt zum Zelt hinaus und hatte ein solches Lamentieren,
dass nit nur meine Mutter und übriges Gesind, sondern auch unsere Nachbaren davon
erwachten und aus ihren Hütten und Gezeiten hervorkrochen, um zu sehen, was da
zu tun oder sonst vorgangen wäre. Dasselbe waren lauter Personen vom Stab, als
welche gemeiniglich hinter die Regimenter zu den Markedenter logiert werden,
nämlich der Kaplan, Regiments-Schulteiss, Regiments-Quartiermeister,
Proviantmeister, Profos, Henker, Hurenwaibel und dergleichen. Denen erzählet ich
ein langs und ein breits, und der Augenschein gab auch, wie mich mein schöner
Mann ohne einige Schuld und Ursach traktiert: mein angehender milchweisser Busem
war überall mit Blut besprengt, und des Springinsfelds unbarmherzige Faust hatte
mein Angesicht, welches man sonst niemalen ohne lustreizende Lieblichkeiten
gesehen, mit einem einzigen Streich so abscheulich zugerichtet, dass man die
Courasche sonst nirgendsbei als an ihrer erbärmlichen Stimme kennete,
unangesehen niemands vorhanden war, der sie anderwärts jemalen hätte klagen
hören. Man fragte mich um die Ursach unserer Uneinigkeit und daraus erfolgten
Schlacht. Weil ich nun allen Verlauf erzählte, vermeinte der ganze Umstand,
Springinsfeld müsste unsinnig worden sein; ich aber glaubte, er habe dieses Spiel
aus Anstiftung seiner Kameraten und Saufbrüder angefangen, um mir ernstlich
hinter die Hosen, zweitens hinter die Oberherrlichkeit und letzlich hinter
meines vielen Gelts zu kommen. Indem wir nun so miteinander pappelten und
etliche Weiber umgiengen, mir das Blut zu stellen, krabbelte Springinsfeld auch
aus unserem Zelt. Er kam zu uns zum Wachtfeuer, das bei des Obristen Bagage
brandte, und wusste beinahe nicht Wort genug zu ersinnen und vorzubringen, mich
und jedermann wegen seines begangenen Fehlers um Verzeihung zu bitten; es
mangelte wenig, dass er nicht vor mir auf die Kniee niederfiel, um Vergebung und
die vorige Huld und Gnad wieder von mir zu erlangen; aber ich verstopfte die
Ohren und wollte ihn weder wissen noch hören, bis endlich unser Obrist-Leutenant
von der Rund darzukam, gegen welchen er sich erbotten, einen leiblichen Eid zu
schweren, dass ihm geträumet hätte, er wäre auf dem Spielplatz gesessen, allwo
ihm einer um eine ziemliche Schanz auf dem Spiel gestandenen Gelts unrecht tun
wollen, gegen welchem er deswegen geschlagen und wider seinen Willen und Meinung
seine liebe unschuldige Frau im Schlaf getroffen. Der Obrist-Leutenant war ein
Kavalier, der mich und alle Huren wie die Pest hasste, hingegen aber meinem
Springinsfeld nit ohngewogen war; derowegen sagte er zu mir, ich sollte mich
wieder mit ihm alsobald in die Zelt packen und das Maul halten, oder er wollte
mich zum Profosen setzen und wohl gar, wie ich vorlängsten verdient, mit Ruten
aushauen lassen.
    »Potz Blech, das ist ein herber Sentenz, dieser Richter [richtet] nicht viel
(gedachte ich bei mir selber), aber es schadet nichts, bist du gleich
Obrist-Leutenant, und beides, vor meiner Schönheit und meinen Verehrungen,
schussfrei, so seind doch andere, und zwar deren mehr als deiner, die sich gar
gern dadurch berücken lassen, mir recht zu geben.« Ich schwieg so still wie ein
Mäusel, mein Springinsfeld aber auch, als dem er sagte, wann er noch mehrmal so
kommen würde, so wollte er ihn bei Tag auf einmal dergestalt strafen um das, was
er bei Nacht zu zweien Malen gegen mir gesündigt, dass er gewisslich das dritte
Mal nicht wieder kommen würde. Uns beiden zugleich aber sagte et, wir sollten
den Frieden machen, ehe die Sonne aufgieng, damit er den künftigen Morgen kein
Ursach hätte, uns einen Tätigsmann zu geben, aber über dessen Procedere wir uns
hinter den Ohren zu kratzen würden Ursachen haben. Also giengen wir wieder
miteinander zu Bette und hatten beiderseits unsere Stösse, massen ich dem
Springinsfeld sowenig gefeiret als er mir. Er bekräftigt nochmals seinen
gehabten Traum mit grossen Schwüren, ich aber behauptete, dass alle Träume falsch
wären, derentwegen ich aber nichtsdestoweniger keine falsche Maulschelle
bekommen. Er wollte mit den Werken seine Liebe bezeugen, aber der empfangene
Streich, oder vielmehr, dass ich seiner gern los gewest wäre, entzogen ihm bei
mir alle Willfährigkeit. Ja, ich gab ihm auch den andern Tag nicht allein kein
Gelt mehr zum Spielen, sondern auch zum Saufen und sonst wenig guter Wort; und
damit er mir nicht hinder die Batzen käme, die ich noch bei mir behalten, unser
Handelschaft damit zu treiben, verbarg ich solche hinter meine Mutter, welche
solche so tags, so nachts wohl eingenähet auf ihrem blossen Leib tragen musste.
 
                               Das XXII. Kapitel.
Aus was Ursachen Springinsfeld und Courasche sich gescheiden, und wormit sie ihn
                               zur Letze begabt.
Gleich nach dieser unserer nächtlichen Schlacht stunde es wenig Zeit an, dass
Mantua mit einem Kriegspossen eingenommen wurde; ja, der Fried selbst zwischen
den Röm. Kaiserl. und Franzosen, zwischen den Herzogen von Sophoia und Nivers
folgte ohnlängst hernach, gleichsam als wann der welsche Krieg mit unsern
Treffen hätte geendigt werden müssen. Und ebendeswegen giengen die Franzosen aus
Savoya und stürmeten wieder in Frankreich, die kaiserlichen Völker aber in
Teutschland, zu sehen, was der Schwed machte, mit denen ich dann so wohl
fortschlendern musste, als wann ich auch ein Soldat gewesen wäre. Wir wurden, uns
entweder zu erfrischen, oder weil die rote Ruhr und die Pest selbst unter uns
regierte, an einem Ort in den kaiserlichen Erblanden etliche Wochen an die Donau
ins freie Feld mit unserem Regiment logiert, da es mir bei weitem nicht solche
Bequemlichkeiten sehte wie in dem edlen Italia. Doch behalfe ich mich so gut,
als ich konnte, und hatte mit meinem Springinsfeld (weil er mehr als eine
Hundsdemut gegen mir verspüren liesse) den Frieden wiederum, doch nur pro forma,
geschlossen, dann ich laurete täglich auf Gelegenheit, vermittelst deren ich
seiner los werden möchte.
    Solcher mein inniglicher Wunsch widerfuhre mir folgendergestalt, welche
Begebenheit genugsam bezeuget, dass ein vorsichtiger, verständiger, ja
unschuldiger Mann, dem wachend und nüchtern weder Weib, Welt, noch der Teufel
selbst nicht zukommen kann, gar leichtlich durch seine eigene blöde
Gebrechlichkeit schlaf- und weintrunkenerweis in alles Unheil und Unglück
gestürzt und also um alles sein Glück und Wohlfahrt gebracht werden mag.
    Gleichwie nun aber ich in meinem Gemüt auch um die allergeringste Schmach
und vermeinte zugefügte Unbilligkeit ganz rachgierig und unversöhnlich war, als
erzeigte sich auch mein Leib, wann er im geringsten verletzt würde, gleichsam
ganz unheilsam; nicht weiss ich, ob derselbe dem Gemüt nachähmte oder ob die
Zärte meiner Kaut und sonderbaren Komplexion so grobe Stösse wie ein Salzburger
Holzbauer nicht ertragen konnte. Einmal, ich hatte meine blaue Fenster und von
Springinsfelds Faust die Wahrzeichen noch in meinem sonst zarten Angesicht, die
er mir im Lager vor Mantua eingetränkt, da er mich in obbemeldten Lager an der
Donau, als ich abermal mitten im besten Schlaf lag, bei der Mitten kriegte, auf
die Achsel nahm, mit mir also im Hembd, wie er mich erdappt gehabt, gegen des
Obristen Wachtfeuer zuliefe und mich allem Ansehen nach hinwegwerfen wollte. Ich
wusste, nachdem ich erwachte, zwar nicht, wie mir geschahe, aber gleichwohl
merkte ich meine Gefahr, da ich mich ganz nackend befande und den Springinsfeld
mit mir so schnell gegen dem Feuer zueilen sah; derowegen fienge ich an zu
schreien, als wann ich mitten unter die Mörder gefallen wäre. Davon erwachte
alles im Lager, ja der Obrist selbst sprang mit seiner Partisan aus seiner
Zelten und andere Offizier mehr, welche kamen der Meinung, einen entstandenen
grossen Lärmen zu stillen (dann wir hatten damals ganz keine Feindsgefahr),
sondern aber nichts anders als ein schönes lächerliches Einsehen und närrisches
Spektakul. Ich glaube auch, dass es recht artlich und kurzweilig anzusehen
gewesen sein muss. Die Wacht empfienge den Springinsfeld mit seiner unwilligen
und schreienten Last, ehe er dieselbige ins Feuer werfen konnte; und als sie
solche nackend sahen und vor seine Courasche erkannten, war der Korporal so
ehrliebend, mir einen Mantel um den Leib zu werfen. Indessen kriegten wir einen
Umstand von allerhand hohen und niedern Offiziern, der sich schier zu Tod lachen
wollte und welchem nicht allein der Obrist selbst, sondern auch der
Obriste-Leutenant gegenwärtig war, der allererst neulich den Frieden zwischen
mir und dem Springinsfeld durchs Drohung gestiftet hatte.
    Als indessen Springinsfeld sich wieder witzig stellte, oder (ich weiss selbst
schier nit, wie es ihm ums Herz war) als er wieder zu seinen sieben Sinnen
kommen, fragte ihn der Obriste, was er mit dieser Gugelfuhr gemeint hätte. Da
antwortet er, ihm hätte geträumt, seine Courasche wäre überall mit giftigen
Schlangen umgeben gewesen, derowegen er sie, seinem Einfall nach, zu erretten
und davon sich befreien, entweder in ein Feuer oder Wasser zu tragen vors Beste
gehalten, hätte sie auch zu solchem Ende aufgepackt und wäre, wie sie alle vor
andern sähen, also mit ihr daher kommen, welches ihm mehr als von Grund seines
Herzens leid sei. Aber beides, der Obrist selbst und der Obrist-Leutenant, der
ihm vor Mantua beigestanden, schüttelten die Köpf darüber und liessen ihn, weil
sich schon jedermann satt genug gelacht hatte, vor die Langeweil zum Profosen
führen, mich aber in mein Gezelt gehen, vollents auszuschlafen.
    Den folgenden Morgen ging unser Prozess an und sollte auch gleich ausgehen,
weil sie im Krieg nicht so lang zu währen pflegen als an einigen Orten im
Frieden. Jedermann wusste zuvor wohl, dass ich Springinsfelds Ehefrau nicht war,
sondern nur seine Matress, und dessentwegen bedorften wir auch vor kein
Konsistorium zu kommen, um uns scheiden zu lassen, welches ich begehrte, weil
ich im Bette meines Lebens bei ihm nicht sicher war; und ebendessentwegen hatte
ich einen Beifall schier von allen Assessoribus, die davor hielten, dass ein
solche Ursach auch eine rechte Ehe scheiden könnte. Der Obrist-Leutenant, so vor
Mantua ganz auf Springinsfelds Seiten gewesen, war jetzt ganz wider ihn, und die
übrige vom Regiment schier alle auf meiner Seiten. Demnach ich aber mit meinem
Kontrakt schriftlich hervorkam, wasgestalt wir beisammen zu wohnen einander
versprachen bis zur ehrlichen Kopulation, zumalen meine Lebensgefahr, die ich
künftig bei einem solchen Ehegatten zu sorgen hätte, trefflich aufzumutzen und
vorzuschützen wusste, fiel endlich der Bescheid, dass wir bei gewisser Strafe
voneinander gescheiden und doch verbunden sein sollten, uns um dasjenig, so wir
miteinander errungen und gewonnen, zu vergleichen. Ich replizierte hingegen, dass
solches letzte wider den Akkord unserer ersten Zusammenfügung laufe und dass
Springinsfeld, seit er mich bei ihm hätte oder, teutscher zu reden, seit ich ihn
zu mir genommen und die Markedenterei angefangen, mehr vertan als gewonnen
hätte, welches ich dann mit dem ganzen Regiment beweisen und dartun könnte.
Endlich hiesse es, wann der Vergleich nach Billigkeit solcher Umstände zwischen
uns beeden selbst nicht gütlich getroffen werden könnte, dass alsdann nach
befindenden Dingen von dem Regiment ein Urtel gesprochen werden sollte.
    Ich liesse mich mit diesem Bescheid mehr als gern genügen, und Springinsfeld
liesse sich auch gern mit einem geringen beschlagen; dann weil ich ihn und mein
Gesind nach dem eingehenden Gewinn und also nit mehr wie in Italia traktierte,
also dass es schiene, als ob der Schmalhans bei uns anklopfen wollte, vermeinte
der Geck, es wäre mit meinem Gelt auf der Neige und bei weitem nicht mehr so
viel vorhanden, als ich noch hatte und er nicht wusste. Und es war billig, dass
ers nicht wusste, dann er wusste ja auch nicht, warum ich damit so halsstarrig
zuruckhielte.
    Eben damals, Simplice, wurde das Regiment Dragoner, darunter du etwan zu
Soest dein Abc gelernet hast, durch allerhand junge Bursch, die sich hin und
wieder bei den Offiziern der Regimenter zu Fuss befanden und nun erwachsen waren,
aber keine Musketierer werden wollten, verstärkt, welches eine Gelegenheit vor
den Springinsfeld war, wessentwegen er sich auch mit mir in einen desto
leidenlichern Akkord einliesse, den wir auch allein mit einander getroffen,
solchergestalt: Ich gab ihm das beste Pferd, das ich hatte, samt Sattel und
Zeug: item einhundert Dukaten Bargelt und das Dutzet Reuterkoller, so er in
Italia durch meine Anstalt gestohlen; dann wir hatten uns bisher nicht dörfen
sehen lassen. Damit wurde auch eingedingt, dass er mir zugleich meinen Spiritus
familiaris um eine Kron abkaufen sollte, welches auch geschahe. Und in solcher
Mass habe ich den Springinsfeld abgeschafft und ausgesteuret. Jetzt wirst du auch
bald hören, mit was vor einer feinen Gab ich dich selbst beseligt und deiner
Torheit im Sauerbrunnen belohnet hab. Habe nur eine kleine Gedult und vernimm
zuvor, wie es dem Springinsfeld mit seinem Ding im Glas gangen.
    Sobald er solches hatte, bekam er Würm über Würm im Kopf. Wann er nur einen
Kerl ansah, der ihme sein Tag niemal nichts Leids getan, so hätte er ihn gleich
an Hals schlagen mögen, und er spielte auch in allen seinen Duellen den Meister.
Er wusste alle verborgene Schätze zu finden und andere Heimlichkeiten mehr, hier
ohnnötig zu melden. Demnach er aber erfuhre, was vor einen gefährlichen Gast er
herbergte, trachtet er, seiner loszuwerden; er konnte ihn aber drum nicht wieder
verkaufen, weil der Satz oder der Schlag seines Kaufschillings aufs Ende kommen
war. Ehe er nun selbst Haar lassen wollte, gedachte er, mir denselbigen wieder
anzuhenken und zuruckzugeben, wie er mir ihn dann auch auf dem Generalrendevous,
als wir vor Regenspurg ziehen wollten, vor die Füsse warf. Ich aber lachte ihn
nur aus und solches zwar nicht darum vergebens, dann ich hube ihn nicht allein
nicht auf, sondern da Springinsfeld wieder in sein Quartier kam, da fand er ihn
wieder in seinem Schubsack. Ich hab mir sagen lassen, er habe den Bettel
etlichmal in die Donau geworfen, ihn aber alleweg wieder in seinem Sack
gefunden, bis er endlich denselbigen in einen Bachofen geworfen und also seiner
losworden. Indessen er sich nun so hiermit schleppte, wurde mir ganz ungeheuer
bei der Sach; derowegen versilberte ich, was ich hatte, schaffte mein Gesind ab
und setzte mich mit meiner böhmischen Mutter nach Passau, vermittelst meines
vielen Gelts des Kriegs Ausgang zu erwarten, sintemal ich zu sorgen hatte, wann
Springinsfeld solches Kaufs und Verkaufs halber über mich klagen würde, dass mir
alsdann als einer Zauberin der Prozess gemacht werden dörfte.
 
                              Das XXIII. Kapitel.
   Wie Courasche abermal einen Mann verloren und sich darnach gehalten habe.
Zu Passau schlug es mir bei weitem nicht so wohl zu, als ich mich versehen
hatte; es war mir gar zu pfäffisch und zu andächtig: ich hätte lieber anstatt
der Nonnen Soldaten oder anstatt der Mönche einige Hofbursch dort sehen mögen.
Und gleichwohl verharrete ich daselber, weil damals nicht nur Böhmen, sondern
auch fast alle Provinzen des Teutschlandes mit Krieg überschwemmt waren. Indem
ich nun sähe, dass alles der Gottesforcht daselbst zugetan zu sein schiene,
akkommodierte ich mich gleichfalls aufs wenigst äusserlich nach ihrer Weis und
Gewohnheit, und was mehr ist, so hatte meine böhmische Mutter oder Kostfrau das
Glück, dass sie an diesem andächtigen Ort unter dem Glanz der angenommenen
Gottseligkeit den Weg aller Welt ging, welche ich denn auch ansehenlicher
begraben liesse, als wann sie zu Prag bei St. Jakobs Tor gestorben wäre. Ich
hielte es vor ein Omen meiner künftigen Unglückseligkeit, weil ich nunmehr
niemanden auf der Welt mehr hatte, dem ich mich und das Meinige rechtschaffen
hätte vertrauen mögen; und derentwegen hasste ich den unschuldigen Ort, darin ich
meiner besten Freundin, Säugammen und Auferzieherin war beraubt worden; doch
patientiert ich mich daselbst, bis ich Zeitung bekam, dass der Wallensteiner
Prag, die Haubtstadt meines Vatterlands eingenommen und wiederum in des Röm.
Kaisers Gewalt gebracht; dann auf solche erlangte Zeitung, und weil der Schweb
zu München und in ganz Bayern dominiert, zumalen in Passau seinetwegen grosse
Forcht war, machte ich mich wieder in besagtes Prag, wo ich mein meistes Gelt
liegen hatte.
    Ich war aber kaum dort eingenistelt, ja ich hatte mich noch nicht recht
daselbst gesetzt, mein zusammengeschundenes Gelt und Gut im Frieden und, meinem
Bedunken nach, in einer so grossen und dannenhero auch meinem Vermuten nach sehr
sichern Stadt wollustbarlich zu geniessen; siehe, da schlug der Arnheim die
Kaiserlichen bei Liegnitz, und nachdem er daselbst 53 Fähnlin erobert, kam er,
Prag zu ängstigen. Aber der Allerdurchläuchtigst dritte Ferdinand schickte
seiner Stadt (als er selber Regenspurg zusetzte) den Gallas zu Hülfe, durch
welchen Sukkurs die Feinde nicht allein Prag, sondern auch ganz Böhmen wiederum
zu verlassen genötigt wurden.
    Damal sah ich, dass weder die grosse und gewaltige Städte noch ihre Wäll,
Türn, Mauren und Gräben mich und das Meinige vor der Kriegsmacht derjenigen, die
nur im freien Feld, in Hütten und Zelten logieren und von einem Ort zum andern
schweifen, beschützen könnte; derowegen trachtet ich dahin, wir ich mich
wiederum einem solchen Kriegsheer beifügen möchte.
    Ich war damal noch ziemlich glatt und annehmlich, aber gleichwohl doch bei
weitem nicht mehr so schön als vor etlich Jahren. Dannoch brachte mein Fleiss und
Erfahrenheit mir abermal ans dem Gallaschischen Sukkurs einen Haubtmann zuwegen,
der mich ehelichte, gleichsam als wann es der Stadt Prag Schuldigkeit oder sonst
ihr eigne Art gewest wäre, mich auf allen Fall mit Männern, und zwar mit
Haubtleuten zu versehen. Unsere Hochzeit wurde gleichsam gräflich gehalten, und
solche war kaum vorüber, als wir Ordre kriegten, uns zu der kaiserlichen Armada
vor Nördlingen zu begeben, die sich kurz zuvor mit dem hispanischen Ferdinand
Kardinal-Infant konjungiert, Donawert eingenommen und Nördlingen belagert
hatte. Diese nun kamen der Fürst von Weimar und Gustavus Horn zu entsetzen,
worüber es zu einer blutigen Schlacht geriete, deren Verlauf und darauf erfolgte
Veränderung nicht vergessen werden wird, solang die Welt stehet. Gleichwie sie
aber auf unserer Seiten überall glücklich abliefe, also war sie mir gleichsam
allein schädlich und unglückhaft, indem sie mich meines Manns, der noch kaum bei
mir erwarmet, im ersten Angriff beraubte; überdas so hatte ich nicht das Glück,
wie mir etwan hiebevor in anderen Schlachten widerfahren, vor mich selber und
mit meiner Hand Beuten zu machen, weil ich wegen anderer, die mir vorgiengen,
sodann auch wegen meines Manns allzu frühen Tod nirgends zukommen konnte.
Solches bedunkten mich eitel Vorbedeutungen meines künftigen Verderbens zu sein,
welches dann die erste Melancholia, die ich mein Tage rechtschaffen empfunden,
in meinem Gemüt verursachte.
    Nach dem Treffen zerteilte sich das sieghafte Heer in unterschiedliche
Tropften, die verlorne teutsche Provinzen wiederzugewinnen, welche aber mehr
ruiniert als eingenommen und behauptet worden. Ich folgte mit dem Regiment,
darunder mein Mann gedienet, demjenigen Corpo, das sich des Bodensees und
Wirtenberger Landes bemächtigt, und ergriffe dardurch Gelegenheit, in meines
ersten Hauptmanns (den mir hiebevor Prag auch gegeben, Hoya aber wiedergenommen)
Vatterland zu kommen und nach seiner Verlassenschaft zu sehen, allwo mir
dasselbe Patrimonium und des Orts Gelegenheit so wohl gefiele, dass ich mir
dieselbige Reichsstadt gleich zu einer Wohnung erwählete, vornehmlich darum,
weil die Feinde des Erzhauses Österreich zum Teil bis über den Rhein und
anderwärts, ich weiss als nit wohin, verjagt und zerstreuet waren, also dass ich
mir nichts Gewissers einbildete, dann ich würde ihrentwegen mein Lebtage dort
sicher wohnen. So mochte ich ohnedas nicht wieder in Krieg, weil nach dieser
namhaften Nördlinger Schlacht überall alles dergestalt aufgemauset wurde, dass
die Kaiserlichen wenige rechtschaffene Beuten meiner Mutmassung nach zu hoffen.
    Derowegen fienge ich an, auf gut bäurisch zu hausen: ich kaufte Viehe und
liegende Güter, ich dingte Knecht und Mägd und schickte mich nit anderst, als
wann der Krieg durch diese Schlacht allerdings geendigt oder als ob sonst der
Friede vollkommen beschlossen worden wäre; und zu solchem Ende liesse ich alles
mein Gelt, das ich zu Prag und sonst in grossen Städten liegen hatte, herzukommen
und verwendete das meiste hierzu an. Und nun siehe, Simplice, dergestalt seind
wir meiner Rechnung und deiner Lebensbeschreibung nach zu einer Zeit zu Narren
worden, ich zwar bei den Schwaben, du aber zu Hanau. Ich vertät mein Gelt
unnützlich, du aber deine Jugend; du aber kamest zu einem schlechten Krieg, ich
aber bildet mir vergeblich eine Friedenszeit ein, die noch in weitem Feld
stunde. Dann ehe ich recht eingewurzelt war, da kamen Durchzüg und
Winterquartier, die doch die beschwerliche Contributiones mit Nichten aufhuben;
und wann die Menge meines Gelts nicht ziemlich gross oder ich nicht so witzig
gewesen wäre, dessen Besitzung weislich zu verbergen, so wäre ich zeitlich
kaputt worden. Dann niemand in der Stadt ware mir hold, auch meines gewesenen
Manns Freunde nicht, weil ich dessen hinterlassene Güter genosse, die sonst
ihnen erblich zugefallen wären, wann mich, wie sie sagten, der Hagel nicht
hingeschlagen hätte. Dannenhero wurde ich mit starken Geltern belegt und
nichtsdestoweniger auch mit Einquartierungen nicht verschonet. Es ging mir halt
wie den Wittiben, die von jedermann verlassen sein. Aber solches erzähle ich dir
darum nicht klagenderweis, begehre auch dessentwegen weder Trost, Hülf, noch
Mitleiden von dir, sondern ich sage dirs darum, dass du wissen solltest, dass ich
mich gleichwohl nicht viel deswegen bekümmerte noch betrübte, sondern dass ich
mich noch darzu freuete, wann wir einem Regiment mussten Winterquartier geben;
dann sobald solches geschahe, machte ich mich bei den Offiziern zutäppisch. Da
war Tag und Nacht nichts als Fressen und Saufen, Huren und Buben in meinem
Hause; ich liesse mich gegen ihnen an, wie sie wollten, und sie mussten sich auch
hinwiederum, wann sie nur einmal angebissen hatten, gegen mir anlassen, wie ichs
haben wollte, also dass sie wenig Gelt mir sich aus dem Quartier ins Feld trugen;
worzu ich dann mehr als tausenderlei Vörtel zu gebrauchen wusste und trutz jeder
mann, der damals etwas darwider gesagt hätte. Ich hielte allezeit ein paar Mägd,
die kein Haar besser waren als ich gienge aber so sicher, klüglich und behutsam
damit um, dass auch der Magistrat, meine damalige liebe Obrigkeit, selber mehr
Ursach hatte, durch die Finger zu sehen, als mich deswegen zu strafen, sintemal
ihre Weiber und Töchter, solang ich vorhanden war und mein Netz ausspannen
dörfte, nur desto länger fromm verblieben. Dies Leben führete ich etliche Jahr,
eh ich mich übel dabei befande, zu welcher Zeit ich jährlich gegen dem Sommer,
wann Mars wieder zu Felde ging, meinen Überschlag und Rechnung machte, was mich
denselbigen Winter der Krieg gekostet, da ich dann gemeiniglich fand, dass mein
Prosperität und Einnahm die Ausgab meiner schuldigen Kriegs kosten übertroffen.
Aber, Simplice, jetzt ists an dem, dass ich dir auch sage, mit was vor einer
Laugen ich dir gezwaget; will derowegen jetzt nicht mehr mit dir, sondern mit
dem Lese reden; du magst aber wohl auch zuhören, und wann du vermeinest, dass ich
lüge, mir ohngehindert in die Rede fallen.
 
                               Das XXIV. Kapitel.
   Wie Simplicissimus und Courasche Kundschaft zusammen bekommen und einander
                                   betrogen.
Wir mussten in unserer Stadt eine starke Besatzung gedulten, als die Kurbayrische
und Französische-Weimarische in der schwäbischen Grenze einander in den Haaren
lagen und sich zwackten. Unter denselbigen waren die meiste Offizierer trefflich
geneigt auf dasjenige, was ich ihnen gern um die Gebühr mitzuteilen pflegte;
demnach ichs aber beides, aus grosser Begierd des Gelts, [das ich] wieder damit
gewonnen, als meiner eigenen unersättlichen Natur halber, gar zu grob machte und
beinahe ohne Unterschied zuliefe, wer nur wollte, siehe, da bekam ich dasjenige,
was mir bereits vor zwölf oder funfzehen Jahren rechtmässigerweise gebühret
hätte, nämlich die liebe Franzosen mit wohlgeneigter Gunst. Diese schlugen aus
und begunnten mich mit Rubinen zu zieren, als der lustige und fröhliche Frühling
den ganzen Erdboden mit allerhand schönen wohlgezierten Blumen besetzte. Gesund
war mirs, dass ich Mittel genug hatte, mich wiederum darvon kuriern zu lassen,
welches dann in einer Stadt am Bodensee geschahe. Weil mir aber meines Medici
Vorgeben nach das Geblüt noch nicht vollkommen gereinigt gewesen, da riete er
mir, ich sollte die Saurbrunnenkur brauchen und also meine vorige Gesundheit
desto völliger wiederum erholen. Solchem zu folgen rüstet ich mich aufs beste
aus mit einem schönen Kalesch, zweien Pferden, einem Knecht und einer Magd, die
mit mir vier Hosen eines Tuchs war, ausser dass sie die oben gemeldte lustige
Krankheit noch nicht am Hals gehabt.
    Ich war kaum acht Tag in Saurbrunnen gewesen, als Herr Simplicius Kundschaft
zu mir machte; dann »Gleich und gleich gesellt sich gern«, sprach der Teufel zum
Kohler. Ich trug mich ganz adelig, und weil Simplicius so toll aufzoge und viel
Diener hatte, hielte ich ihn auch vor einen tapfern Edelmann und gedachte, ob
ich ihm vielleicht das Seil über die Körner werfen und ihn (wie ich schon zum
öftern mehr praktiziert) zu meinem Ehemann kriegen konnte. Er kam, meinem Wunsch
nach, mit völligem Wind in den gefährlichen Port meiner sattsamen Begierden
angesegelt, und ich traktierte ihn, wie etwan die Circe den irrenden Ulyssem;
und alsobald fasste ich eine gewisse Zuversicht, ich hätte ihn schon gewiss an der
Schnur, aber der lose Vogel risse solche entzwei vermittelst eines Funds,
dardurch er mir seine grosse Undankbarkeit zu meinem Spott und seinem eigenen
Schaden bezeugte, sintemal er durch einen blinden Pistolenschuss und einer
Wasserspritze voll Blut, das er mir durch ein Sekret beibrachte, mich glauben
machte, ich wäre verwundet, wessentwegen mich nicht nur der Balbierer, der mich
verbinden sollte, sondern auch fast alles Volk in Saurbrunnen hinten und vornen
beschauete, die nachgehends alle mit Fingern auf mich zeigten, ein Lied darvon
sangen und mich dergestalt aushöhneten, dass ich den Spott nicht mehr vertragen
und erleiden konnte, sondern [ehe] ich die Kur gar vollendet, den Sauerbrunnen
mitsamt dem Bad quittierte.
    Der Tropf Simplex nennet mich in seiner Lebenserzählung im 5. Buch an 6.
Kapitel »leichtfertig«. Item, sagt er, ich sei mehr mobilis als nobilis gewesen.
Ich gebe beides zu; wann er selbst aber nobel oder sonst ein gut Haar an ihm
gewesen wäre, so hätte er sich an so keine leichtfertige und unverschämte Dirne,
wie er mich vor eine gehalten, nicht gehenkt, viel weniger sein eigene Unehr und
meine Schand also vor der ganzen Welt ausgebreitet und ausgeschrieen. Lieber
Leser! was hat er jetzt vor Ehr und Ruhm darvon, dass er (damit [ich] seine
eigene Wort gebrauche) in kurzer Zeit einen freien Zutritt und alle Vergnügung,
die er begehren und wünschen mögen, von einer Weibsperson erhalten, von deren
Leichtfertigkeit er ein Abscheuen bekommen? Ja von deren, die noch kaum der
Holzkur entronnen? Der arme Teufel hat eine gewaltige Ehre darvon, sich dessen
zu rühmen, welches er mit besseren Ehren billig hätte verschweigen sollen. Aber
es geht dergleichen Hengsten nicht anderst, die wie das unvernünftige Viehe
einem jedwedern geschleierten Tier, wie der Jäger einem jeden Stück Wild,
nachsetzen. Er sagt, ich sei glattärig gewesen; da muss er aber wissen, dass ich
damals den siebenzehenden Teil meiner vorigen Schönheit bei weitem nicht mehr
hatte, sonderlich behalfe mich allbereit mit allerhand Anstrich und Schminke,
deren er mir nicht wenig, sondern einer grossen Menge abgeleckt. Aber genug
hiervon: Narren soll man mit Kolben lausen. Das war noch ein gerings; jetzt
vernehme der Leser, wormit ich ihn endlich bezahlet. Ich verliesse den
Sauerbrunnen mit grossem Verdruss und Unwillen; also bedachte [ich] mich auf eine
Nach, weil ich vom Simplicio beides, beschimpft und verachtet worden. Und meine
Magd hatte sich daselber ebenso frisch gehalten als ich und (weil die arme
Tröpfin keinen Scherz verstehen konnte) ein junges Söhnlein vor ein Trinkgelt
aufgebündelt, welches sie auch auf meinem Meierhof ausser der Stadt glücklich zur
Welt gebracht. Dasselbe musste sie den Namen Simplicium nennen lassen, wiewohl
sie Simplicius sein Tage niemals berührte. Sobald ich nun erfahren, dass sich
Simplicius mit einer Bauerntochter vermählet, musste meine Magd ihr Kind
entwöhnen und dasselbige, nachdem ichs mit zarten Windeln, ja seidenen Decken
und Wickelbinden ausstaffieret, um meinem Betrug eine bessere Gestalt und Zierde
zu geben, in Bekleidung meines Meiersknecht zu Simplici Haus tragen, dass sie es
dann bei nächtlicher Weile vor seine Tür gelegt mit einem beigelegten
schriftlichen Bericht, dass er solches mit mir erzeugt hätte. Es ist nicht zu
glauben, wie herzlich mich dieser Betrug erfreuete, sonderlich da ich hörete,
dass er dessentwegen von seiner Obrigkeit so trefflich zur Straf gezogen worden
und dass ihm diesen Fund sein Weib alle Tag mit Merrettich und Senf auf dem Brod
zu essen gab, item, dass ich dem Simpeln guten Glauben gemacht, die Unfruchtbare
hätte geboren, da ich doch, wann ich der Art gewest wäre, nicht auf ihn
gewartet, sondern in meiner Jugend verrichtet haben würde, was er in meinem
herzunahenden Alter von mir glaubte; dann ich hatte damals allbereit schier
vierzig Jahr erlebt und war eines schlimmen Kerls nicht würdig, als Simplicius
einer gewesen.
 
                               Das XXV. Kapitel.
     Courasche wird über ihren Übeltaten erwischt und der Stadt verwiesen.
Jetzt sollte ich zwar abbrechen und aufhören, von meinem fernern Lebenslauf zu
erzählen, weilen genugsam verstanden worden, was vor eine Dame Simplicius
übertölpelt zu haben sich gerühmet; gleichwie er aber von deme, was allbereit
gesagt worden, ohne Zweifel fast nichts als Spott und Schand haben wird, also
wirds ihm auch wenig Ehr bringen, was ich noch fürters anzeigen werde.
    Ich hatte hinter meinem Hause einen Garten in der Stadt, beides von
Obsgewächs, Kräuter und Blumen, der sich dorfte sehen lassen und alle andere
trutzte, und neben mir wohnete ein alter Mechaberis oder Susannenmann, welcher
ein Weib hatte, die viel älter war als er selber. Diese wurde zeitlich innen,
von was vor einer Gattung ich war, und ich schlug auch nicht ab, in Notfall mich
seiner Hülf zu bedienen, wessentwegen wir dann oft in besagtem Garten
zusammenkamen und gleichsam im Raub und höchster Eil Blumen brachen, damit es
sein eifersüchtige Alte nit gewahr würde, wie wir dann auch nirgends so sicher
als in diesem Garten zusammenkommen konnten, als da das grüne Laub und die
verdeckte Gäng unserer Meinung nach vor dem Menschen, aber nicht vor den Augen
Gottes unsere Schand und Laster bedeckten. Gewissenhafte Leut werden
darvorhalten, unser Sündenmass sei damal entweder voll und überhäuft gewesen,
oder die Güte Gottes hätte uns zur Besserung und Busse berufen wollen. Wir hatten
einander im Anfang des Septembris Losung gegeben, denselben lieblichen Abend im
Garten unter einem Birnbaum zusammenzukommen, eben als zween Musketierer aus
unserer Garnison ein Anschlag gemacht hatten, selbigen Abend ihren Part von
meinen Birn zu stehlen, wie sie auch den Baum bestiegen und zu brechen
anfiengen, ehe ich und der Alte in Garten kommen. Es war ziemlich finster, und
mein Buhler stellte sich ehender ein als ich, bei dem ich mich aber auch gar
bald befande und dasjenige Werk mit ihm angienge, das wir ehmalen miteinander zu
treiben gewohnt waren. Potzherz! ich weiss nicht, wie es gienge; der eine Soldat
regte sich auf dem Baum, um unserer Gaukelfuhr besser wahrzunehmen, und war so
unvorsichtig, dass er alle seine Birn, die er gebrochen hatte, verschüttelt; und
als selbige auf den Boden fielen, bildeten ich und der Alte sich nichts anders
ein, als es wäre etwan ein starkes Erdbiden von Gott gesendet und verhängt, uns
von unsern schandlichen Sünden abzuschrecken, wie wir dann einander auch solches
mit Worten zu verstehen gaben und beide in Angst und Schrecken von einander
liefen. Die auf dem Baum aber konnten sich des Lachens nicht entalten, welches
uns noch grössere Furcht einjagte, sonderlich dem Alten, der da vermeinte, es
wäre ein Gespenst, das uns plagte. Derowegen begab sich ein jedes von uns in
seine Gewahrsam.
    Den andern Tag kam ich kaum auf den Markt, da schriee ein Musketierer: »Ich
weiss was!« Ein anderer fragte ihn mit vollem Hals: »Was weisst du dann?« Jener
antwortet: »Es hat heut Birnen geerdbidmet.« Dies Geschrei kam je länger je
stärker, also dass ich gleich merkte, was die Glocke geschlagen, und mich im
Angesicht anrötete, wiewohl ich mich sonst zu schämen nit gewohnet war. Ich
machte mir gleich die Rechnung, dass ich eine Hatz ausstehen müsste, gedachte aber
nicht, dass es so grob hergehen würde, wie ich hernach erfuhr. Dann nachdem die
Kinder auf der Gassen von unserer Geschicht zu sagen wussten, konnte der
Magistrat nichts anders tun, als dass er mich und den Alten beim Kopf nehmen und
jedweders besonders gefangen setzen liesse. Wir leugneten aber beide wie die
Hexen, ob man uns gleich mit dem Henker und der Tortur dräuete.
    Man inventiert und verpetschiert das Meinige und examiniert mein Hausgesind
bei dem Eid, deren Aussag aber widereinander liefe, weil sie nit alle von meinen
losen Stücken wussten und mir die Mägd getreu waren. Endlich verschnappte ich den
Handel selbst, als nämlich der Schulteiss, welcher mich Frau Bas nennete, oft zu
mir in das Gefängnis kam und grosses Mitleiden vorwandte, in Wahrheit aber mehr
ein Freund der Gerechtigkeit als mein Vetter war. Dann nachdem er mich in aller
falschen Verträulichkeit überredet, mein Alter hätte den begangenen und oftmals
wiederholten Ehebruch gestanden, fuhre ich unversehens heraus und sagte: »So
schlag ihm der Hagel ins Maul, weils der alte Scheuster nicht hat halten
können!« bate demnach meinen vermeinten Freund, er wollte mir doch getreulich da
durchhelfen. Er aber hingegen machte mir eine scharfe Predigt daher, tät die Tür
auf und wiese mir einen Notarium und bei sich habende Zeugen, die alle meine und
seine Reden und Gegenreden angehört und aufgemerkt hatten.
    Darauf ging es wunderlich her: die meiste Ratsherrn hielten darvor, man
sollte mich an die Folter werfen, so würde ich viel mehr dergleichen Stücke
bekennen und alsdann nach befindenden Dingen als eine unnütze Last der Erden um
eines Kopfs kürzer zu machen sein, welcher Sentenz mir auch weitläuftig
notifiziert wurde. Ich hingegen liesse mich vernehmen, man suche nicht so sehr
der lieben Gerechtigkeit und den Gesehen ein Genügen zu tun, als mein Gelt und
Gut zu konfiszieren. Würde man so streng mit mir prozediern, so würden noch
viel, die vor ehrliche Burger gehalten werden, mit mir zur Leiche gehen oder mir
das Geleit geben müssen. Ich konnte schwätzen wie ein Rechtsgelehrter, und meine
Wort und Protestationes fielen so scharpf und schlau, dass sich Verständige
darvor entsetzten. Zuletzt kam es dahin, dass ich auf eine Urfehd die Stadt
quittieren und zu mehr als wohlverdienter Strafe alle meine Mobilia und liegende
Güter dahinden lassen musste, darunter sich gleichwohl mehr als über 1000
Reichstaler bar Geld befande. Meine Kleidungen, und was zu meinem Leib gehörte,
wurde mir gefolgt, ausser etliche Kleinodien, die einer hier, der ander dort zu
sich zwackte. In Summa, was wollte ich tun? Ich hatte wohl Grössers verdienet,
wann man strenger mit mir hätte prozedieren wollen, aber es war halt im Krieg,
und dankte jedermänniglich dem gütigen Himmel (ich sollte gesagt haben »jeder
weiberlich«), dass die Stadt meiner so taliter qualiter losworden.
 
                               Das XXVI. Kapitel.
 Courasche wird eine Musketiererin, schachert dabei mit Tabak und Branntewein.
Ihr Mann wird verschicket, welcher unterwegs einen toten Soldaten antrifft, den
er ausziehet, und weil die Hosen nicht herunterwollten, ihm die Schenkel abhaut,
  alles zusammenpacket und bei einem Bauern einkehret, die Schenkel zu Nachts
hinterlässet und Reissaus nimmt, darauf sich ein recht lächerlicher Poss zuträgt.
Damals lagen weit herumb keine kaiserliche Völker oder Armeen, zu welchen ich
mich wieder zu begeben im Sinn hatte. Weil mirs dann nun an solchen mangelte, so
gedachte ich, mich zu den Weimarischen oder Hessen zu machen, welche damal im
Kinzger Tal und derorten herumb sich befanden, umb zu sehen, ob ich etwan wieder
einen Soldaten zum Mann bekommen könne. Aber ach! die erste Blüte meiner
ohnvergleichlichen Schönheit war fort und wie eine Frühlingsblum verwelket, wie
mich dann auch mein neulicher Unfall und daraus entstandene Bekümmernus nicht
wenig verstellet. So war auch mein Reichtumb hin, der oft die alte Weiber wieder
an Männer bringt. Ich verkaufte von meinen Kleidern und Geschmuck, so mir noch
gelassen worden, was Geld golte, und brachte etwan zweihundert Gulden zuwegen;
mit denen machte ich mich sambt einen Boten auf den Weg, umb mein Glück zu
suchen, wo ichs finden möchte. Ich trafe aber nichts als Unglück an; dann ehe
ich Schiltach erlanget, kriegte uns eine weimarische Partei Musketierer, welche
den Boten abprügelten, plünderten und wieder von sich jagten, mich aber mit sich
in ihr Quartier schleppeten. Ich gab mich vor ein kaiserliches Soldatenweib aus,
deren Mann vor Freiburg in Breissgau tot blieben wäre, und überredet die Kerl,
dass ich in meines Mannes Heimat gewesen, nunmehr aber willens sei, mich ins
Elsass nach Haus zu begeben. Ich war, wie obgedacht, bei weitem nicht mehr so
schön als vor diesem, gleichwohl aber doch noch von solcher Beschaffenheit, die
einen Musketierer aus der Partei so verliebt machte, dass er meiner zum Weib
begehrte. Was wollte oder sollte ich tun? Ich wollte lieber diesem einzigen mit
gutem Willen gönnen, als von der ganzen Partei mit Gewalt zu demjenigen
gezwungen werden, was dieser aus Lieb suchte. In Summa, ich wurde eine Frau
Musketiererin, ehe mich der Kaplan kopulierte. Ich hatte im Sinn, wieder wie zu
Springinsfelds Zeiten eine Markedenterin abzugeben, aber mein Beutel befand sich
viel zu leicht, solches ins Werk zu setzen. So mangelte mir auch meine böhmische
Mutter, und überdas bedunkte mich, mein Mann wäre viel zu schlecht und
liederlich zu solchen Handel; doch fienge ich an, mit Tabak und Branntewein zu
schachern, gleichsam als ob ich wieder halbbatzenweis hätte gewinnen wollen, was
ich kürzlich bei taufenden verloren. Es kam mich blutsauer an, so zu Fuss
daherzumarschieren und noch darzu eine schweren Pack zu tragen, neben dem, dass
es auch zuzeiten schmal Essen und Trinken setzte, welches unangenehmlichen Dings
ich mein Lebtag nicht versucht, viel weniger gewohnet hatte. Zuletzt brachte ich
einen trefflichen Maulesel zuwegen, der nicht allein schwer tragen, sondern auch
schneller laufen konnte als manch gutes Pferd. Gleichwie ich nun dergestalt
zween Esel zusammenbrachte, also verpflegte ich sie auch besten Fleisses, damit
ein jeder seine Dienste desto besser versehen könnte. Solchergestalt nun, weil
ich und meine Bagage getragen wurde, konnte ich mich auch um etwas besser
patientiern und verzögerte also mein Leben, bis uns der von Mercy in Anfang des
Maien bei Herbstausen treffliche Stösse gab. Ehe ich aber fortfahre, solchen
meinen Lebenslauf weiters hinaus zu erzählen, so will ich dem Leser zuvor ein
artliches Stückel eröffnen, das mein damaliger Mann wider seinen Willen ins Werk
setzte, als wir noch im Kinzger Tal lagen.
    Er ging ein, auf seiner Offizier Zumuten und mein Gutbefindung, sich in
alte Lumpen zu verkleiden und mit einer Axt auf der Achsel in Gestalt eines
armen exulierenden Zimmermanns einige Brief an Ort und Ende zu tragen, dahin
sonst niemand zu schicken wegen der Kaiserl. Parteien, welcher wegen es unsicher
war. Solche Briefe betrafen die Konjunktion etlicher Völker und anderer
Kriegsanschläg. Es ware damals von grimmiger Kälte, gleichsam Stein und Bein
zusammengefroren, so dass mich das arme Schaf auf seiner Reise schier gedauret
hätte; doch musste es sein, weil ein ziemlich Stück Gelt zu verdienen war, und er
verrichtet auch alles sehr glücklich. Unterwegs, aber fand er einen toten
Körper in seinen Abwegen, die er der Enden wohl wusste, welcher ohne Zweifel
eines Offiziers gewesen sein muss, weil er ein paar roter scharlachener Hosen mit
silbern Galaunen verbrämt anhatte, welcherlei Gattung damal die Offizier zu
tragen pflegten; so war sein Köller samt. Stiffeln und Sporen auch den Hosen
gemäss. Er besah den Fund und konnte nicht ersinnen, ob der Kerl erfroren oder
von den Schwarzwäldern totgeschlagen worden wäre; doch galte es ihm gleich,
welches Tods er gestorben. Das Koller gefiele ihm so wohl, dass ers ihm auszog,
und da er dasselbige hatte, gelüstet ihn auch nach den Hosen, welche zu bekommen
er zuvor die Stiefel abziehen musste; solches glückte ihm auch. Als er aber die
Hosen herabstreifte, wollten solche nicht hotten, weil die Feuchtigkeit des
allbereit verwesenden Körpers sich unter den Knieen herum, allwo man dazumal die
Hosenbändel zu binden pflegte, sich beides, in das Futter und den Überzug,
gesetzt hatte und dannenhero Schenkel und Hosen wie ein Stein zusammengefroren
waren. Er hingegen wollte diese Hosen nicht dahinden lassen, und weil der Tropf
sonst kein ander Mittel in der Eil sah, eins vom andern zu ledigen, hiebe er
dem Corpo mit seiner Axt die Füsse ab, packte solche, samt Hosen und Koller
zusammen und fand mit seinem Bündel bei einem Bauern ein solche Gnad, dass er
bei ihme hintern warmen Stubenofen übernachten dorfte.
    Dieselbe Nacht kälbert dem Bauern zu allem Unglück eine Kuhe, welches Kalb
seine Magd wegen der grossen Kälte in die Stuben trug und zunächst bei meinem
Mann auf eine halbe Well Stroh zum Stubenofen setzte. Indessen war es gegen Tag,
und meines Manns eroberte Hosen allbereit von den Schenkeln aufgetauet;
derowegen zog er seine Lumpen zum Teil aus und hingegen das Köller und die Hosen
(die er umkehrte oder letz machte) an, liesse sein altes Gelümp samt den
Schenkeln beim Kalb liegen, stiege zum Fenster hinaus und kam wieder glücklich
in unser Quartier.
    Des Morgens frühe kam die Magd wiederum, dem Kalb Rat zu schaffen; als sie
aber die beide Schenkel samt meines Mannes alten Lumpen und Schurtzfell darbei
liegen sah und meinen Mann nicht fand, fienge sie an zu schreien, als wann sie
mitten unter die Mörder gefallen wäre. Sie liefe zur Stuben hinaus und schlug
die Tür hinter ihr zu, als wann sie der Teufel gejagt hätte, von welchem Lärmen
dann nicht allein der Bauer, sondern auch die ganze Nachbarschaft erwachte und
sich einbildete, es wären Krieger vorhanden, wessenwegen ein Teil ausrisse, das
ander aber sich in die Wehr schickte. Der Bauer selbst vernahm von der Magd,
welche vor Forcht und Schrecken zitterte, die Ursach ihres Geschreis, dass
nämlich das Kalb den armen Zimmermann, den sie über Nacht geherbergt, bis auf
die Füsse gefressen und ein solches grässliches Gesicht gegen ihr gemacht hätte,
dass sie glaube, wann sie sich nicht aus dem Staub gemacht, dass es auch an sie
gesprungen wäre. Der Bauer wollte das Kalb mit seinem Knebelspiess niedermachen,
aber sein Weib wollte ihn in solche Gefahr nicht wagen, noch in die Stub lassen,
sondern vermittelte, dass er den Schulteissen um Hülf ansuchte. Der liesse
alsobald der Gemein zusammenläuten, um das Haus gesamter Hand zu stürmen und
diesen gemeinen Feind des menschlichen Geschlechts, ehe er gar zu einer Kuhe
aufwüchse, beizeiten auszureuten. Da sah man nun ein artliches Spektakel, wie
die Bäurin ihre Kinder und den Hausrat zum Kammerladen nacheinander
herauslangte, hingegen die Bauern zu den Stubenfenstern hineinguckten und den
schröcklichen Wurm samt bei sich liegenden Schenkeln anschaueten, welches ihnen
genugsame Zeugnüs einer grossen Grausamkeit einbildete. Der Schulteiss gebote,
das Haus zu stürmen und dieses gräuliche Wundertier niederzumachen, aber es
schonete ein jeder seiner Haut; jeder sagte: »Was hat mein Weib und Kind darvon,
wann ich umkäme?« Endlich wurde aus eines alten Bauern Rat beschlossen, dass man
das Haus mitsamt dem Kalb, dessen Mutter vielleicht von einem Lindwurm oder
Drachen besprungen worden, hinwegbrennen und dem Bauern selbst aus gemeinem
Säckel eine Ergötzung und Hülfe tun sollte, ein anders zu bauen. Solches wurde
fröhlich ins Werk gesetzet, dann sie sich damit trösteten, sie müssten gedenken,
es hätten solches die Diebskrieger hinweggebrannt.
    Diese Geschichte machte mich glauben, mein Mann würde trefflich Glück zu
dergleichen Stücken haben, weil ihm dieses ungefähr begegnet; ich gedachte, was
würde er erst ins Werk setzen, wann ich ihn wie hievor den Springinsfeld
abrichte? Aber der Tropf war viel zu eselhaftig und hundsklinkerisch darzu;
überdas ist er mir auch bald hernach in dem Treffen vor Herbstausen tot
geblieben, weil er keinen solchen Scherz verstehen konnte.
 
                              Das XXVII. Kapitel.
 Nachdem der Courasche Mann in einem Treffen geblieben und Courasche selbst auf
 ihrem Maulesel entrunnen, trifft sie eine Zigeunerschar an, unter welchen der
Leutenant sie zum Weib nimmt; sie sagt einem verliebten Fräulein wahr, entwendet
  ihr darüber alle Kleinodien, behält sie aber nicht lang, sondern muss solche,
                       wohlabgeprügelt, wieder zustellen.
In erstgemeldtem Treffen kame ich vermittelst meines guten Maulesels darvon,
nachdem ich zuvor meine Zelt und schlechteste Bagage hinweggeworfen, retterierte
mich auch mit dem Rest der übriggebliebenen Armee so wohl als der Touraine
selber bis nach Kassel; und demnach mein Mann tot geblieben und ich niemand
mehr hatte, zu dem ich mich hätte gesellen mögen oder der sich meiner
angenommen, nahme ich endlich meine Zuflucht zu den Zigeunern, die sich von der
schwedischen Haubtarmada bei den Königsmarkischen Völkern befanden, welche sich
mit uns bei Wartburg konjungiert, und indem ich bei ihnen einen Leutenant
antrafe, der gleich meiner guten Qualitäten und trefflichen band zum Stehlen,
wie auch etwas Geldes hinter mir wahrnahm, samt andern mehr Tugenden, deren sich
diese Art Leut gebrauchen, siehe! so wurde ich gleich sein Weib und hatte diesen
Vorteil, dass ich weder Oleum Talci noch ander Schmiersel mehr bedorfte, mich
weiss und schön zu machen, weil sowohl mein Stand selber als mein Mann
diejenige Coleur von mir erforderte, die man des Teufels Leibfarb nennet.
Derowegen fienge ich an, mich mit Gänsschmalz, Läussalbe und andern
haarfärbenden Unguenten also fleissig zu beschmieren, dass ich in kurzer Zeit so
höllrieglerisch aussah, als wann ich mitten in Ägypten geboren worden wäre. Ich
musste oft selbst meiner lachen und mich über meine vielfältige Veränderung
verwundern. Nichtsdestoweniger schickte sich das Zigeunerleben so wohl zu meinem
Humor, dass ich es auch mit keiner Obristin vertauscht haben wollte. Ich lernete
in kurzer Zeit von einer alten ägyptischen Grossmutter wahrsagen; lügen und
stehlen aber kunnte ich zuvor, ausser dass ich der Zigeuner gewöhnliche Handgriff
noch nicht wusste; aber was darfs viel Wesens? ich wurde in Kürze so perfekt, dass
ich auch vor eine Generalin aller Zigeunerinnen hätte passieren mögen.
    Gleichwohl aber war ich so schlau nicht, dass es mir überall ohne Gefahr, ja
ohne Stösse abgangen wäre, wiewohl ich mehr einheimbschte und meinem Mann zu
verschlemmen zubrachte als sonst meiner zehne. Höret, wie mirs einsmals so übel
gelungen. Wir lagen über Nacht und ein Tag ohnweit von einer Freundsstadt im
Vorbeimarschieren, da jedermann hineindorfte, um seinen Pfenning einzukaufen,
was er wollte. Ich machte mich auch hinein, mehr einzunehmen und zu stehlen, als
Geld auszugeben oder etwas zu kaufen, weil ich sonst nichts zu erkaufen
gedachte, als was ich mit fünf Fingern oder sonst einem künstlichen Griff zu
erhandeln verhoffte. Ich war nicht weit die Stadt hineinpassiert, als mir eine
Madamoiselle eine Magd zuschickte und mir sagen liesse, ich sollte kommen, ihrer
Fräulein wahrzusagen; und von diesem Boten selber vernahm ich gar von weiten
und gleichsam Über hundert Meilen her, dass ihrer Fräulein Liebhaber rebellisch
worden und sich an eine andere gehenkt. Solches machte ich mir nun trefflich
zunutz; dann da ich zu der Damen kame, trafe ich mit meiner Wahrsagung so nett
zu, dass sie auch alle Kalendermacherei, ja der elenden Madamoisellen Meinung
nach alle Propheten samt ihren Prophezeiungen übertrafe. Sie klagte mir endlich
ihre Not und begehrte zu vernehmen, ob ich kein Mittel wisse, den variablen
Liebhaber zu bannen und wieder in das gerechte Gleis zu bringen. »Freilich,
tapfere Dame!« sagte ich, »er muh wieder umkehren und sich zu Eurem Gehorsam
einstellen, und sollte er gleich einen Harnisch anhaben wie der grosse Goliat.«
Nichts Angenehmers hätte diese verliebte Tröpfin hören mögen als eben dies und
begehrte auch nichts anders, als dass meine Künst alsobald ins Werk gesetzt
würden. Ich sagte: »Wir müssen allein sein und es müsste alles unbeschrieen
zugehen.« Darauf wurden ihre Mägd abgeschafft und ihnen das Stillschweigen
auferlegt; ich aber ging mit der Madamoisellen in ihr Schlafkammer. Ich
begehrte von ihr einen Trauerschleier, den sie gebraucht, als sie um ihren
Vatter Leid getragen, item zwei Ohrgehäng, ein köstlich Halsgehäng, das sie eben
anhatte, ihren Gürtel und liebsten Ring. Als ich diese Kleinodien hatte, wickelt
ich sie zusammen in den Schleier, machte etliche Knöpf daran, murmelte
unterschiedliche närrische Wörter darzu und legte alles zusammen in der
Verliebten Bette; hernach sagte ich, wir müssen miteinander in Keller. Da wir
hinkamen, überredet ich sie, dass sie sich auszöge bis aufs Hembd; und
unterdessen als solches geschahe, machte ich etliche wunderbare Characteres an
den Boden eines grossen Fasses voll Wein, zoge endlich den Zapfen heraus und
befahl der Damen, ihren Finger vorzuhalten, bis ich die Kunst mit dem Zapfen
droben im Hause auch der Gebühr nach verrichtet hätte. Da ich nun das einfältige
Ding dergestalten gleichsam angebunden, ging ich hin und holete die Kleinodien
aus ihrem Bette, mit welchen ich mich ohnverweilt aus der Stadt machte.
    Aber entweder wurde dieser fromme leichtglaubige Verliebte samt den Seinigen
vom gütigen Himmel beschützt, oder ihre Kleinodia waren mir sonst nicht
bescheret; dann ehe ich unser Lager mit meiner Beute gar erreichte, ertappte
mich ein vornehmer Offizier aus der Garnison, der solche wieder von mir fordert.
Ich leugnete zwar, er wiese mir aber was anders; doch kann ich nicht sagen, dass
er mich geprügelt, hingegen aber schweren, dass er mich rechtschaffen gedegelt
habe. Dann nachdem er seinen Diener absteigen lassen, um mich zu besuchen, ich
aber demselbigen mit meinem schröcklichen Zigeunermesser begegnet, mich dessen
zu erwehren, siehe! da zog er von Leder und machte mir nicht allein den Kopf
voller Beulen, sondern färbte mir auch Arm, Lenden und Achseln so blau, dass ich
wohl 4 Wochen daran zu salben und zu verblauen hatte. Ich glaube auch, der
Teufel hätte bis auf diese Stund noch nicht aufgehöret zuzuschlagen, wann ich
ihm meine Beut nicht wieder hingeworfen. Und dieses war vor diesmal der Lohn
beides, meiner artlichen Erfindung und des künstlichen Betrugs selber.
 
                              Das XXVIII. Kapitel.
  Courasche kommt mit ihrer Kompagnie in ein Dorf, darinnen Kirchweih gehalten
   wird, reizet einen jungen Zigeuner an, eine Henne todzuschiessen; ihr Mann
stellet sich, solchen aufhenken zu lassen; wie nun jedermann im Dorf hinauslief,
   diesem Schauspiel zuzusehen, stahlen die Zigeunerinnen alles Gebratens und
 Gebackens und machten sich samt ihrer ganzen Zunft eiligst und listig darvon.
Unlängst nach diesem überstandenen Strauss kam unsere zigeunerische Rott von den
Königsmarkischen Völkern wieder zu der schwedischen Haubtarmee, die damals
Torstenson kommandiert und in Böhmen geführt, allwo dann beide Heer
zusammenkamen. Ich verbliebe samt meinem Maulesel nicht allein bis nach dem
Friedenschluss bei dieser Armada, sondern verliesse auch die Zigeuner nicht, da es
bereits Frieden worden war, weil ich mir das Stehlen nicht mehr abzugewöhnen
getrauete. Und demnach ich sehe, dass mein Schreiber noch ein weiss Blatt Papier
übrig hat, also will ich noch zu guter Letzt oder zum Valete ein Stücklein
erzählen und darauf setzen lassen, welches mir erst neulich eingefallen und
alsobalden probiert und praktiziert hat werden müssen, bei welchen der Leser
abnehmen kann, was ich sonst möchte ausgerichtet haben, und wie artlich ich mich
zu den Zigeunern schicke.
    Wir kamen im lotringischen Gebiet einsmals gegen Abend vor einen grossen
Flecken, darinnen eben Kürbe war, welcher Ursachen wegen und weil wir einen
ziemlichen starken Troppen von Männern, Weibern, Kindern und Pferden hatten, uns
das Nachtläger rund abgeschlagen wurde. Aber mein Mann, der sich vor den
Obrist-Leutenant ausgab, versprach bei seinen adeligen Worten, dass er gut vor
allen Schaden sein und, weme etwas verderbt oder entwendet würde, solches aus
dem Seinigen bezahlen und noch darzu den Täter an Leib und Leben strafen wollte,
wormit er dann endlich nach langer Mühe erhielte, dass wir aufgenommen wurden. Es
roche überall im Flecken so wohl nach dem Kürbe-Gebratens und Gebackens, dass ich
gleich auch einen Lust darzu bekam und einen Verdruss empfande, dass die Bauern
allein solches fressen sollten, erfand auch gleich folgenden Vorteil, wie wir
dessen teilhaftig werden könnten. Ich liesse einen wackern jungen Kerl aus den
Unserigen eine Kenne vor dem Wirtshause todschiessen, worüber sich alsobald bei
meinem Mann eine grosse Klage über den Täter erhube. Mein Mann stellte sich
schröcklich erzörnet und liesse gleich einen, den wir vor einen Trompeter bei uns
hatten, die Unserigen zusammenblasen. Indeme nun solches geschahe und sich
beides, Bauern und Zigeuner, auf dem Platz versammleten, sagte ich etlichen auf
unsere Diebssprach, was mein Anschlag wäre, und dass sich ein jedes Weib zum
Zugreifen gefasst machen sollte. Also hielte mein Mann über den Täter ein kurzes
Standrecht und verdammte ihn zum Strang, weil er seines Obrist-Leutenanten
Befelch übergangen. Darauf erscholle alsobald im ganzen Flecken das Geschrei,
dass der Obrist-Leutenant einen Zigeuner nur wegen einer Hennen wollte henken
lassen. Etlichen bedunkte solche Prozedur zu rigorose, andere lobten uns, dass
wir so gute Ordre hielten. Einer aus uns musste den Henker agieren, welcher auch
alsobalden dem Malefikanten die Hände auf den Rucken bande; hingegen tät sich
eine junge Zigeunerin vor dessen Weib aus, entlehnte von andern drei Kinder und
kam damit auf den Platz geloffen. Sie bat um ihres Manns Leben, und dass man ihre
kleine Kinder bedenken wollte, stellte sich darneben so kläglich, als wann sie
hätte verzweifeln wollen; mein Mann aber wollte sie weder sehen noch hören,
sondern liesse den Übeltäter hinaus gegen einen Wald führen, an ihm das Urteil
exequieren zu lassen, eben als er vermeinte, der ganze Flecken hätte sich
nunmehr versammelt, den armen Sünder henken zu sehen, wie sich dann auch zu
solchem Ende fast alle Inwohner, jung und alt, Weib und Mann, Knecht und Mägd,
Kind und Kegel mit uns hinausbegab. Hingegen liesse gedachte junge Zigeunerin mit
ihren dreien entlehnten Kindern nicht ab zu heulen, zu schreien und zu bitten;
und da man an den Wald und zu einem Baum kam, daran der Hennenmörder dem Ansehen
nach geknüpft werden sollte, stellte sie sich so erbärmlich, dass erstlich die
Bauernweiber und endlich die Bauern selbst anfiengen, vor den Misstäter zu
bitten, auch nicht aufhöreten, bis sich mein Mann erweichen liesse, dem armen
Sünder ihrentwegen das Leben zu schenken. Indessen wir nun ausserhalb dem Dorf
diese Komödie agierten, mausten unsere Weiber im Flecken nach Wunsch; und weil
sie nicht nur die Bratspiess und Fleischhäfen leereten, sondern auch hie und da
namhafte Beuten aus den Wägen gefischt hatten, verliessen sie den Flecken und
kamen uns entgegen, sich nicht anders stellend, als wann sie ihre Männer zur
Rebellion wider mich und meinen Mann verhetzten, um dass er einer kahlen Kennen
halber einen so wackern Menschen hätte aufhenken lassen wollen, dardurch sein
armes Weib zu einer verlassenen Wittib und drei unschuldige junge Kinder zu
armen Waisen gemacht wären worden. Auf unsere Sprache aber sagten sie, dass sie
gute Beuten erschnappt hätten, mit welchen sich beizeiten aus dem Staub zu
machen sei, ehe die Bauern ihren Verlust innen würden. Darauf schriee ich den
Unserigen zu, welche sich rebellisch stellen und, sich dem Flecken zu entfernen,
in den Wald hinein ausreissen sollten. Denen setzte mein Mann, und was noch bei
ihm war, mit blossem Degen nach, ja, sie gaben auch Feuer drauf, und jene
hinwiederum, doch gar nicht der Meinung, jemand zu treffen. Das Bauersvolk
entsetzte sich vor der bevorstehenden Blutvergiessung, wollte derowegen wieder
nach Haus; wir aber verfolgten einander mit stetigem Schiessen bis tief in Wald
hinein, worin die Unsern alle Weg und Steg wussten. In Summa, wir marschierten
die ganze Nacht, teilten am Morgen frühe nicht allein unsere Beuten, sondern
sonderten uns auch selber voneinander in geringere Gesellschaften, wordurch
wir dann aller Gefahr und den Bauern mit unserer Beut entgangen.
    Mit diesen Leuten habe ich gleichsam alle Winkel Europä seitero
unterschiedlichmal durchstrichen und sehr viel Schelmenstück und Diebsgriffe
ersonnen, angestellt und ins Werk gerichtet, dass man ein ganz Ries Papier haben
müsste, wann man solche alle miteinander beschreiben wollte. Ja, ich glaube
nicht, dass man genug damit hätte; und eben dessentwegen habe ich mich mein
Lebtag über nichts mehrers verwundert, als dass man uns in den Ländern gedultet,
sintemal wir weder Gott noch den Menschen nichts nützen, noch zu dienen
begehren, sondern uns nur mit Lügen, Betriegen und Stehlen genähret, beides, zu
Schaden des Landmanns als der grossen Herren selbst, denen wir manches Stück Wild
verzehren. Ich muss aber hiervon schweigen, damit ich uns nicht selbst einen
bösen Rauch mache, und vermeine nunmehr ohnedas, dem Simplicissimo zu ewigen
Spott genugsam geoffenbart zu haben, von waserlei Haaren seine Beischläferin im
Sauerbrunnen gewesen, deren er sich vor aller Welt so herrlich gerühmet; glaube
auch wohl, dass er an andern Orten mehr, wann er vermeint, er habe eines schönen
Frauenzimmers genossen, mit dergleichen französischen Huren oder wohl gar mit
Gabelreuterinnen betrogen und also gar des Teufels Schwager worden sei.
 
                                Zugab des Autors
Darum dann nun, ihr züchtige Jüngling, ihr ehrliche Witwer und auch ihr
verehlichte Männer, die ihr euch noch bishero vor diesen gefährlichen Chimeris
vorgesehen, denen schröcklichen Medusen entgangen, die Ohren vor diesen
verfluchten Sirenen verstopft und diesen unergründlichen und bodenlosen
Belidibus abgesagt oder wenigst mit der Flucht widerstanden seid, lasset euch
auch fürterhin diese Lupas nicht betören; dann einmal mehr als gewiss ist, dass
bei Hurenlieb nichts anders zu gewarten als allerhand Unreinigkeit, Schand,
Spott, Armut und Elend und, was das meiste ist, auch ein bös Gewissen. Da wird
man erst gewahr, aber zu spat, was man an ihnen gehabt, wie unflätig, wie
schändlich, lausig, gründig, unrein, stinkend, beides, am Atem und am ganzen
Leib, wie sie inwendig so voll Franzosen und auswendig voller Blattern gewesen,
dass man sich endlich dessen bei sich selber schämen muss und oftermals viel zu
spat beklagt.
                                     Ende.
 
        Wahrhaftige Ursach und kurzgefasster Inhalt dieses Traktätleins.
Demnach die Zigeunerin Courage aus Simplicissimi Lebensbeschreibung lib. 5. cap.
6. vernimmt, dass er ihrer mit schlechtem Lob gedenkt, wird sie dermassen über ihn
erbittert, dass sie ihm zu Spott, ihr selber aber zu eigner Schand (worum sie
sich aber wenig bekümmert, weil sie allererst unter den Zigeunern aller Ehr und
Tugend selbst abgesagt) ihren ganzen liederlich geführten Lebenslauf an Tag
gibt, um vor der ganzen Welt gedachten Simplicissimum zuschanden zu machen,
weiln er sich mit einer so leichten Vettel, wie sie sich eine zu sein bekennet,
auch in Wahrheit eine gewesen, zu besudeln kein Abscheuen getragen und noch
darzu sich seiner Leichtfertigkeit und Bosheit berühmet; massen daraus zu
schliessen, dass Gaul als Gur, Bub als Kur kein Teil um ein Haar besser sei als
das ander; reibet ihm darneben trefflich ein, wie meisterlich sie ihn hingegen
bezahlt und betrogen habe.
 
    