
        
                   Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen
                       Der abenteuerliche Simplicissimus
              Ganz neu eingerichteter allentalben viel verbesserter
                           Abenteurlicher Simplicius
                                 Simplicissimus
                                    Das ist:
       Ausführliche, unerdichtete und recht memorable Lebensbeschreibung
    Eines einfältigen, wunderlichen und seltsamen Vaganten, namens Melchior
Sternfels von Fuchshaim, wie, wo, wann, auch welcher Gestalt er nämlich in diese
  Welt gekommen, wie er sich darinnen verhalten, was er Merk- und Denkwürdiges
gesehen, gelernet, gepraktizieret und hin und wieder mit vielfältiger Leibs- und
Lebensgefahr ausgestanden, auch warum er endlich solche wiederum freiwillig und
             ungezwungen verlassen habe. Annehmlich, erfreulich und
                                lustig zu lesen,
                    Wie auch sehr nützlich und nachdenklich
                                 zu betrachten.
Es hat mir so wollen behagen,
Mit Lachen die Wahrheit zu sagen.
                           Wohlgemeinte Vorerinnerung
                           An die grossgünstige Leser.
             Hochgeehrte, geneigte und sehr werte liebe Landsleute!
Hiermit erscheinet meine neue, ganz umbgegossne, mit schönen von mir, meinem
Knän, Meuder, Ursele und Sohn Simplicio inventierten Kupferstücken ausgezierte,
Lust erweckende und sehr nachdenkliche Lebensbeschreibung, worzu mich ein kühner
und recht verwegner Nachdrucker veranlasst, indem er meinem Herrn Verleger
seine höchstruhmwürdige Mühe und Unkosten, Fleiss und Arbeit, die er in erster
Einrichtung und annehmlicher Vorstellung dieses meines ihme allein mitgeteilten
Werkleins und den daraus erhobenen geringfügigen Gewinn, weiss nicht, ob aus
selbsteignem neidischen Herzen oder, wie ich eher darvorhalte, aus tollkühner
Anreizung etlicher Missgönner verwegnerweis sich unterstanden, aus den Händen zu
reissen und ganz unrechtmässig ihme selbst zuzueignen. Welches frevelhaftige
Beginnen mir, als ichs vernommen, so sehr zu Herzen gegangen, dass ich darüber in
eine höchst gefährliche Krankheit geraten, von welcher ich bis auf diese Stunde
noch nicht genesen kann. Nichtsdestoweniger habe ich meinem geliebten Sohn
Simplicio anbefohlen, anstatt meiner ein Traktätchen zu verfertigen und solches
euch, hochwerten Landsleuten, mit ehisten zuzuschicken, auch euer Judicium
darüber zu vernehmen, dessen Titul also lautet:
    Derer in frembde Ämter greifenden Frevler rechtmässige Nägelbeschneidung.
    Hoffe, solch Werklein werde ihnen nicht unangenehm sein, weil darinnen
solche arcana entalten, welche vortreffliche Mittel an die Hand geben, das
Seinige in höchster Zufriedenheit und angenehmster Sicherheit zu besitzen.
Indessen lasset euch diese Edition meiner Lebensbeschreibung, darbei meines
Verlegers Nam befindlich, vor andern lieb sein; dann die andern Exemplarien, da
das Widerspiel befindlich, werde ich, so wahr ich Simplicissimus heisse, nicht
vor meine Geburt erkennen, sondern, weil ich Atem hole, anzufeinden, und wo ichs
sehe, aus selben Scharmutzel zu machen, auch dem Nachspicker eine Kopie darvon
zu übersenden nicht unterlassen. Im übrigen kann ich auch nicht unangedeutet
lassen, dass mein Verleger meinen Ewigwährenden Kalender vor kurz verwichner Zeit
mit grosser Müh und Unkosten auch zu Ende gebracht, ingleichem noch viele
annehmliche Traktätel, als das Schwarz und Weiss oder Satirische Pilgram, die
Landstörzerin Courage, den Abenteurlichen Springinsfeld, Keuschen Joseph samt
seinem getreuen Diener Musai, und die anmutige Liebs- und Leidsbeschreibung
Dietwalds und Amelinden samt den zween-köpfigten Ratio Status ans Tagesliecht
gebracht, dabei auch künftig in einem kleinen Jahrbuch oder Kalender in Quarto
die Continuatio meiner wunderlichen Begebnüs, so ich und mein junger Simpli.
leben werden, folgen soll, nun euch, geliebten Landsleuten, dardurch einigen
Gefallen zu erzeigen. Sollte sich ein zutäppischer und frembdes Gut begehrender
Langfinger gleichfalls finden, selbigen nachzuspicken und nachzuformen, soll
ihmer gewiss ein solches Bad oder Vergeltung zugerichtet werden, dass er sein
Lebtag an Simplicissimum gedenken soll. Dies bitte ich, ihr Herren Landsleut,
wollet, wo ihr euch befindet, nicht ungeahntet lassen. Diene euch hinwiederum,
wo ich kann und weiss, und verbleibe
                        Euer
                                                      Stets beharrlich dienender
                                                      Simplicius Simplicissimus.
 
                               Das erste Kapitel
Simplex erzählet sein bäurisch Herkommen,
Was er vor Sitten hab an sich genommen.
Es eröffnet sich zu dieser unserer Zeit (von welcher man glaubt, dass es die
letzte sei) unter geringen Leuten eine Sucht, in deren die Patienten, wann sie
daran krank liegen und so viel zusammengeraspelt und erschachert haben, dass sie
neben ein paar Kellern im Beutel ein närrisches Kleid auf die neue Mode mit
tausenderlei seidenen Bändern antragen können oder sonst etwan durch Glücksfall
mannhaft und bekannt worden, gleich rittermässige Herren und adlige Personen von
uraltem Geschlecht sein wollen; da sich doch oft befindet und auf fleissiges
Nachforschen nichts anders herauskommt, als dass ihre Voreltern Schornsteinfeger,
Taglöhner, Karchelzieher und Lastträger, ihre Vettern Eseltreiber,
Taschenspieler, Gaukler und Seiltänzer, ihre Brüder Büttel und Schergen, ihre
Schwestern Nähterin, Wäscherin, Besenbinderinnen oder wohl gar Huren, ihre
Mütter Kupplerinnen oder gar Hexen, und in Summa ihr ganzes Geschlecht von allen
32 Anichen her also besudelt und befleckt gewesen, als des Zuckerbastels Zunft
zu Prag immer sein mögen; ja sie, diese neue Nobilisten, seind oft selbest so
schwarz, als wann sie in Guinea geboren und erzogen wären worden.
    Solchen närrischen Leuten nun mag ich mich nicht gleichstellen, obzwar, die
Wahrheit zu bekennen, nicht ohn ist, dass ich mir oft eingebildet, ich müsste
ohnfehlbar anch von einem grossen Herrn oder wenigst einem gemeinen Edelmann
meinen Ursprung haben, weil ich von Natur geneigt, das Junkernhandwerk zu
treiben, wann ich nur den Verlag und den Werkzeug darzu hätte. Zwar ungescherzt,
mein Herkommen und Auferziehung lässt sich noch wohl mit eines Fürsten
vergleichen, wann man nur den grossen Unterscheid nicht ansehen wollte. Was? Mein
Knän (dann also nennet man die Bätter im Spessert) hatte einen eignen Palast,
sowohl als ein andrer, ja so artlich, dergleichen ein jeder König, er mag auch
mächtiger als der grosse Alexander selbst sein, mit eignen Händen zu bauen nicht
vermag, sondern solches in Ewigkeit wohl unterwegen lassen wird; er war mit
Laimen gemalet, und anstatt des unfruchtbarn Schiefers, kalten Bleies und roten
Kupfers mit Stroh bedeckt, darauf das edel Getraid wächst, und damit er, mein
Knän, mit seinem hochgeachteten, und von Adam selbst herstammenden Adel und
Reichtum recht prangen möchte, liess er die Maur um sein Schloss nicht mit
Maursteinen, die man am Weg findet oder an unfruchtbaren Orten aus der Erde
gräbet, viel weniger mit liederlichen gebackenen Steinen, die in geringer Zeit
verfertigt und gebrennt werden können, wie andere grosse Herren zu tun Pflegen,
aufführen, sondern er nahm Eichenholz darzu, welcher nützliche edle Baum, als
worauf Bratwürste und fette Schunken wachsen, bis zu seinem vollständigen Alter
über 100 Jahre erfodert. Wo ist ein Monarch, der ihm dergleichen nachtut? Wo ist
ein Potentat, der ein Gleiches ins Werk zu richten begehret? Seine Zimmer, Säl
und Gemächer hatte er inwendig vom Rauch ganz erschwärzen lassen, nur darum,
dieweil dies die beständigste Farbe von der Welt ist, und dergleichen Gemäld bis
zu seiner Perfektion mehr Zeit brauchet, als ein kunstlicher Maler zu seinen
trefflichsten Kunststücken erheischet. Die Tapezereien waren das zärteste Geweb
auf dem ganzen Erdboden, dann diejenige machte uns solche, die sich vor alters
vermass, mit der Minerva selbst um die Wette zu spinnen. Seine Fenster waren
keiner andern Ursach halber dem Sant Nitglas gewidmet, als darum, dieweil er
wusste, dass ein solches, vom Hanf oder Flachssamen an zu rechnen, bis es zu
seiner vollkommenen Verfertigung gelanget, weit mehrere Zeit und Arbeit kostet,
als das beste und durchsichtigste Glas von Muran; dann sein Stand machte ihm ein
Belieben zu glauben, dass alles dasjenige, was durch viel Mühe zuwege gebracht
würde, auch eben darumb höchst schätzbar und desto köstlicher sei; was aber
köstlich sei, das sei auch dem Adel am anständigsten und stimme mit demselben am
allerbesten überein. Anstatt der Pagen, Lakaien und Stallknechte hatte er Schaf,
Böcke und Säu, jedes fein ordentlich in seine natürliche Liberei gekleidet,
welche mir auch oft auf der Weid aufgewartet, bis ich, ihres Dienstes ermüdet,
sie von mir gejaget und heimgetrieben. Die Rüst- oder Harnischkammer war mit
Pflügen, Kärsten, Äxten, Hauen, Schauflen, Mist- und Heugabeln genungsam und auf
das beste und zierlichste versehen, mit welchen Waffen er sich täglich übete.
Dann hacken und Reuten war seine disciplina militaris, wie bei den alten Römern
zu Friedenszeiten; Ochsen anspannen war sein hauptmannschaftliches Kommando,
Mist ausführen sein Fortifikationwesen, und Ackern sein Feldzug, Holzhacken war
sein tägliches exercitium corporis, wie auch das Stallausmisten seine adlige
Kurzweile und Türniernspiel. Hiermit bestritte er die ganze Weltkugel, soweit er
reichen konnte, und jagte ihr damit alle Ernden eine reiche Beute ab. Dieses
alles setze ich hindan und überhebe mich dessen ganz nicht, damit niemand
Ursache habe, mich mit andern meinesgleichen neuen Nobilisten auszulachen; dann
ich schätze mich nicht besser, als mein Knän war, welcher diese seine Wohnung an
einem sehr lustigen Ort, nämlich im Spessert (allwo die Wölfe einander Gute
Nacht geben) liegen hatte. Dass ich aber nichts Ausführliches von meines Knäns
Geschlecht, Stamm und Namen vor diesmal doziert, beschiehet um geliebter Kürze
willen; vornehmlich weil es ohne das allhier um keine adelige Stiftung zu tun
ist, da ich soll auf schwören; genug ist es, wann man weiss, dass ich im Spessert
geboren bin.
    Gleichwie nun aber meines Knäns Hauswesen in allen Stücken sehr adelig
vermerkt wird, also kann ein jeder Verständiger auch leichtlich schliessen, dass
meine Auferziehung derselben gemäss und ähnlich gewesen, und wer solches
darvorhält, findet sich auch nicht betrogen; dann in meinem zehenjährigen Alter
hatte ich schon die principia in obgemeldten meines Knäns adeligen Exerzitien
begriffen, aber der Studien halber konnte ich neben dem berühmten Amphistidi hin
passieren, von welchem Suidas meldet, dass er nicht über fünf zählen konnte; dann
mein Knän hatte vielleicht einen viel zu hohen Geist und folgete dahero dem
gewöhnlichen Gebrauch jetziger Zeit, in welcher viel vornehme Leute mit
Studieren oder, wie sie es nennen, mit Schulpossen sich nicht viel zu bekümmern
pflegen, weil sie ihre Leute haben, der Plackscheisserei abzuwarten. Sonst war
ich ein trefflicher Musikus auf der Sackpfeife, mit deren ich schöne
Jalemigesänge machen konnte, auch darinnen dem vortrefflichen Orpheus nichts
nachgab, also, dass wie dieser auf der Harpfe, so ich auf der Sackpfeife
exzellierte. Aber die Teologiam anbelangend, lasse ich mich nicht bereden, dass
einer meines Alters damals in der ganzen Christenwelt gewesen sei, der mir
darin hätte gleichen mögen; dann ich kannte weder Gott noch Menschen, weder
Himmel noch Hölle, weder Engel noch Teufel und wusste weder Gutes noch Böses zu
unterscheiden. Dahero unschwer zu gedenken, dass ich vermittelst solcher
Teologiae, wie unsere erste Eltern im Paradies gelebet, die in ihrer Unschuld
von Krankheit, Tod und Sterben, weniger von der Auferstehung, nichts gewusst. O
edels Leben! (du mögst wohl Eselsleben sagen) in welchem man sich auch nichts
umb die Medizin bekümmert. Eben auf diesen Schlag kann man meine vortreffliche
Erfahrenheit in dem studio legum und allen anderen Künsten und Wissenschaften,
soviel in der Welt sein, auch verstehen. Ja ich war so perfekt und vollkommen in
der Unwissenheit, dass mir unmüglich war, zu wissen, dass ich so gar nichts wusste.
Ich sage noch einmal: O edeles Leben, das ich damals führete! Aber mein Knän
wollte mich solche Glückseligkeit nicht länger geniessen lassen, sondern schätzte
billig sein, dass ich meiner adeligen Geburt gemäss auch adelig tun und leben
sollte; derowegen fieng er an, mich zu höhern Dingen anzuziehen und mir
schwerere Lectiones aufzugeben.
 
                              Das zweite Kapitel.
Simplex wird zu einem Hirten erwählet,
Und das Lob selbigen Lebens erzählet.
Er begabte mich mit der herrlichsten Dignität, so sich nicht allein bei seiner
Hofhaltung, sondern auch in der ganzen Welt befand, nämlich mit dem uralten
Hirtenamt. Er vertrauete mir erstlich seine Säu, zweitens seine Ziegen, und
zuletzt seine ganze Herde Schafe, dass ich selbige hüten, weiden, und vermittelst
meiner Sackpfeife (welcher Klang ohnedas, wie Strabo schreibet, die Schafe und
Lämmer in Arabia fett machet), vor dem Wolf beschützen sollte. Damal gleichete
ich wohl dem David, ausser dass jener anstatt der Sackpfeife nur eine Harpfe
hatte, welches kein schlimmer Anfang, sondern ein gut Omen für mich war, dass ich
noch mit der Zeit, wann ich anders das Glück darzu hätte, ein weltberühmter Mann
werden sollte. Dann von Anbeginn der Welt seind jeweils hohe Personen Hirten
gewesen, wie wir dann von Abel, Abraham, Isaak, Jakob, seinen Söhnen und Moyse
selbst in H. Schrift lesen, welcher zuvor seines Schwähers Schafe hüten musste,
eh er Heerführer und Legislator über 600000 Mann in Israel ward. Ja, möchte mir
jemand vorwerfen, das waren heilige, gottergebene Menschen und keine Spesserter
Bauernbuben, die von Gott nichts wussten. Ich muss gestehen und kann es nicht in
Abrede sein; aber was hat meine damalige Unschuld dessen zu entgelten? Bei den
alten Heiden fand man sowohl solche Exempla als bei dem auserwählten Volk
Gottes: Unter den Römern seind vornehme Geschlechter gewesen, so sich ohn
Zweifel Bubulcos, Statilios, Pomponios Vitulos, Vitellios, Annios Capros und
dergleichen genennet, weil sie mit dergleichen Viehe umgangen und solches auch
vielleicht gehütet. Zwar Romulus und Remus sein selbst Hirten gewesen;
Spartacus, vor welchem sich die ganze römische Macht so hoch entsetzet, war ein
Hirt. Was? Hirten sind gewesen (wie Lucianus in seinem »Dialogo Helenae«
bezeuget) Paris, Priami des Königs Sohn, und Anchises, des trojanischen Fürsten
Aeneae Vater. Der schöne Endimion, umb welchen die keusche Luna selbst gebuhlet,
war auch ein Hirt. Item der greuliche Polyphemus: ja die Götter selbst (wie
Phornutus saget) haben sich dieser Profession nicht geschämet. Apollo hütet
Admeti, des Königs in Tessalia, Kühe; Mercurius, sein Sohn Daphnis, Pan und
Proteus waren Erzhirten, dahero seind sie noch bei den närrischen Poeten der
Hirten Patronen; Mesa, König in Moab, ist, wie man im 2. Buch der Könige lieset,
ein Hirt gewesen; Cyrus, der gewaltige König Persarum, ist nicht allein vom
Mitridate, einem Hirten, erzogen worden, sondern hat auch selbst gehütet. Gygas
war ein Hirt und hernach durch Kraft eines Rings ein König. Ismael Sophi, ein
persischer König, hat in seiner Jugend ebenmässig das Viehe gehütet; also, dass
Philo der Jud in vita Moysis trefflich wohl von der Sache redet, wann er saget,
das Hirtenamt sei eine Vorbereitung und Anfang zum Regiment; dann gleichwie die
bellicosa und martialia ingenia erstlich auf der Jagt geübt und angeführet
werden, also soll man auch diejenige, so zum Regiment gezogen sollen werden,
erstlich in dem lieblichen und freundlichen Hirtenamt anleiten. Welches alles
mein Knän wohl verstanden haben muss, wie er dann ein trefflich verschlagnes
Capitolium gehabt und mit einem tiefsinnigen Verstand versehen war und mir noch
bis auf diese Stunde keine geringe Hoffnung zu künftiger Herrlichkeit machet.
    Aber indessen wieder zu meiner Herde zu kommen, so wisset, dass ich den Wolf
ebensowenig kannte, als meine eigne Unwissenheit selber; derowegen war mein
Knän mit seiner Instruktion desto fleissiger. Er sagte: »Bub, biss flissig, los di
Schoff nit ze wit vunananger lassen, und spill wacker uff der Sackpfiffa, dass
der Wolf nit komm und Schada dau, dann he yss a sölcher veirboinigter Schelm und
Dieb, der Menscha und Vieha frisst, un wan dau awer farlässi bist, so will eich
dir da Buckel arauma.« Ich antwortet mit gleicher Holdseligkeit: »Knäno, sag mir
aa, wei der Wolf seihet: Eich hunn noch kann Wolf gesien.« »Ah dau grober
Eselkopp (repliziert er hinwieder), dau bleiwest dein Lebelang a Narr, geit
meich wunner, was aus dir wera wird, biss schun su a grusser Dölpel, un waist
noch neit, was der Wolf für a veirfeussiger Schelm iss.« Er gab mir noch mehr
Unterweisungen und ward zuletzt unwillig, massen er mit einem Gebrümmel
fortgieng, weil er sich bedünken liess, mein grober und ungehobelter, durch seine
Unterweisung noch nicht genugsam auspolierter Verstand könnte seine subtile
Unterweisungen nicht fassen, noch zu dieser Zeit derselbigen fähig sein.
 
                              Das dritte Kapitel.
Simplex pfeift tapfer auf seiner Sackpfeifen,
Bis die Soldaten ihn mit sich fortschleifen.
Da fieng ich an, mit meiner Sackpfeife so gut Geschirr zu machen, dass man den
Krotten im Krautgarten damit hätte vergeben mögen, also dass ich vor dem Wolf,
welcher mir stetig im Sinn lag, mich sicher genug zu sein bedünkte; und weilen
ich mich meiner Meuder erinnert (also heissen die Mütter im Spessert und am
Vogelsberg), dass sie oft gesagt, sie besorge, die Hühner würden dermaleins von
meinem Gesang sterben, als beliebte mir auch zu singen, damit das Remedium wider
den Wolf desto kräftiger wäre, und zwar ein solch Lied, das ich von meiner
Meuder selbst gelernet hatte:
Du sehr verachteter Bauernstand,
Bist doch der beste in dem Land,
Kein Mann dich gnugsam preisen kann,
Wann er dich nur recht sieht an.
Wie stünd es jetzund um die Welt,
Hätt Adam nicht gebaut das Feld?
Mit Hacken nährt sich anfangs der,
Von dem die Fürsten kommen her.
Es ist fast alles unter dir;
Ja was die Erde bringt herfür,
Wovon ernähret wird das Land,
Geht dir anfänglich durch die Hand.
Der Kaiser, den uns Gott gegebn,
Uns zu beschützen, muss doch lebn
Von deiner Hand; auch der Soldat,
Der dir doch zufügt manchen Schad.
Fleisch zu der Speis zeugst auf allein;
Von dir wird auch gebaut der Wein,
Dein Pflug der Erden tut so not,
Dass sie uns gibt genugsam Brod.
Die Erde wär ganz wild durchaus,
Wann du auf ihr nicht hieltest Haus,
Ganz traurig auf der Welt es stünd,
Wann man kein Bauersmann mehr fünd.
Drum bist du billig hoch zu ehrn,
Weil du uns alle tust ernährn.
Natur, die liebt dich selber auch,
Gott segnet deinen Bauernbrauch.
Vom bitterbösen Podagram
Hört man nicht, dass an Bauern kam,
Das doch den Adel bringt in Not,
Und manchen Reichen gar in Tod.
Der Hoffart bist du sehr befreit,
Absonderlich zu dieser Zeit,
Und dass sie auch nicht sei dein Herr,
So gibt dir Gott des Kreuzes mehr.
Ja der Soldaten böser Brauch
Dient gleichwohl dir zum Besten auch;
Dass Hochmut dich nicht nehme ein,
Sagt er: Dein Hab und Gut ist mein.
    Bis hieher und nicht weiter kam ich mit meinem lieblich-tönendem Gesang,
dann ich ward gleichsam in einem Augenblick von einem Trupp Courassierer samt
meiner Herde Schafen umgeben, welche im grossen Wald verirret gewesen und durch
meine Musik und Hirtengeschrei wieder waren zurecht gebracht worden.
    »Hoho,« gedachte ich, »dies seind die rechten Kauzen! dies seind die
vierbeinigte Schelmen und Diebe, davon dir dein Knän sagte«; dann ich sähe
anfänglich Ross und Mann (wie hiebevor die Amerikaner die spanische Kavallerie)
vor eine einzige Kreatur an und vermeinte nicht anders, als es müssten Wölfe
sein, wollte derowegen diesen schröcklichen Centauris den Hundssprung weisen und
sie wieder abschaffen. Ich hatte aber zu solchem Ende meine Sackpfeife kaum
aufgeblasen, da ertappte mich einer aus ihnen beim Flügel und schleuderte mich
so ungestüm auf ein leer Bauernpferd, so sie neben andern mehr erbeutet hatten,
dass ich auf der andern Seite wieder herab auf meine liebe Sackpfeife fallen
musste, welche so erbärmlich anfieng zu schreien und einen so kläglichen Laut von
sich zu geben, als wann sie alle Welt zur Barmherzigkeit hätte bewegen wollen;
aber es half nichts, wiewohl sie den letzten Atem nicht sparete, mein Unfäll zu
beklagen; ich musste einmal wieder zu Pferd, Gott geb, was meine Sackpfeife sang
oder sagte. Und was mich zum meisten verdross, war dieses, dass die Reuter
vorgaben, ich hätte der Sackpfeife im Fallen weh getan, darum sie dann so
ketzerlich geschrieen hätte. Also ging meine Mähr mit mir dahin in einem
stetigen Trab, wie das Primum mobile, bis in meines Knäns Hof. Wunderseltsame
Tauben und kauderwelsche Grillen stiegen mir damals ins Hirn, dann ich bildete
mir ein, weil ich auf einem solchen Tier sässe, dergleichen ich niemals gesehen
hatte, so würde ich auch in einen eisernen Kerl vermetomophosiert werden, indem
ich diejenigen, die mich fortführten, auch ganz eisern sah. Weil aber solche
Verwandlung nicht folgte, kamen mir andere Grillen in meinen albern Kopf: ich
gedachte, diese fremde Dinger wären nur zu dem Ende da, mir die Schafe helfen
heimzutreiben, sintemal keiner von ihnen keines hinwegfrass, sondern alle so
einhellig, und zwar des geraden Wegs, in meines Knäns Hof zueileten. Derowegen
sah ich mich fleissig nach meinem Knän um, ob er und mein Meuder uns nicht bald
entgegengehen und uns willkommen sein heissen wollten. Aber vergebens, er und
meine Meuder samt unserm Ursele, welches meines Knäens einzige und liebste
Tochter war, hatten die Hintertür getroffen, das Reissaus gespielt und wollten
dieser heillosen Gäste nicht erwarten.
 
                              Das vierte Kapitel.
Simplicius' Residenz wird ausgeplündert,
Niemand ist, der die Soldaten verhindert.
Wiewohl ich nicht bin gesinnet gewesen, den friedliebenden Leser mit dieser
leichtfertigen Reuter-Bursch in meines Knäns Haus und Hof zu führen, weil es
schlimm genug darin hergehen wird, so erfodert jedoch die Folge meiner Histori,
dass ich der lieben Posterität hinterlasse, was vor abscheuliche und ganz
unerhörte Grausamkeiten in diesem unserm teutschen Krieg hin und wieder verübet
worden, zumalen mit meinem eigenen Exempel zu bezeugen, dass alle solche Übel von
der Güte des Allerhöchsten zu unserm Nutz oft notwendig haben verhängt werden
müssen. Dann, lieber Leser! wer hätte mir gesagt, dass ein Gott im Himmel wäre,
wann keine Krieger meines Knäns Haus zernichtet und mich durch solche Fahung
unter die Leute gezwungen hätten, von denen ich genugsamen Bericht empfangen?
Kurz zuvor konnte ich nichts anders wissen noch mir einbilden, als dass mein
Knän, Meuder, Ursele, ich und das übrige Hausgesind allein auf Erden sei, weil
mir sonst kein Mensch, noch einzige andre menschliche Wohnung bekannt war als
meines Knäns zuvor beschriebner adeliger Sitz, darin ich täglich aus und ein
ging.
    Aber bald hernach erfuhr ich die Herkunft der Menschen in diese Welt, und
dass sie keine bleibende Wohnung hätten, sondern oftermals, ehe sie sichs
versähen, wieder daraus müssten; ich war nur mit der Gestalt ein Mensch und mit
dem Namen ein Christenkind, im übrigen aber nur eine Bestia! Aber der
Allerhöchste sah meine Unschuld mit barmherzigen Augen an und wollte mich
beides, zu seiner und meiner Erkanntnus bringen. Und wiewohl er tausenderlei
Wege hierzu hatte, wollte er sich doch ohn Zweifel nur desjenigen bedienen, in
welchem mein Knän und Meuder, andern zum Exempel, wegen ihrer liederlichen
Auferziehung gestraft würden.
    Das erste, das diese Reuter täten und in den schwarz gemalten Zimmern meines
Knäns anfiengen, war, dass sie ihre Pferde einställeten; hernach hatte jeglicher
seine sonderbare Arbeit zu verrichten, deren jede lauter Untergang und Verderben
anzeigte. Dann obzwar etliche anfiengen zu metzgen, zu sieden und zu braten, dass
es sah, als sollte ein lustig Bankett gehalten werden, so waren hingegen
andere, die durchstürmten das Haus unten und oben; ja das heimliche Gemach war
nicht sicher, gleichsam ob wäre das gölden Fell von Kolchis darin verborgen.
Andere machten von Tuch, Kleidungen und allerlei Hausrat grosse Päck zusammen,
als ob sie irgends einen Krempelmarkt anrichten wollten; was sie aber nicht
mitzunehmen gedachten, ward zerschlagen und zugrunde gerichtet; etliche
durchstachen Heu und Stroh mit ihren Degen, als ob sie nicht Schaf und Schweine
genug zu stechen gehabt hätten; etliche schütteten die Federn aus den Betten und
fülleten hingegen Speck, andere Dürrfleisch und sonst Gerät hinein, als ob
alsdann besser darauf zu schlafen wäre. Andere schlugen Ofen und Fenster ein,
gleichsam als hätten sie einen ewigen Sommer zu verkündigen; Kupfer und
Zinngeschirr schlugen sie zusammen und packten die gebogene und verderbte
Stücken ein; Bettladen, Tische, Stühle und Bänke verbrannten sie, da doch viel
Klafter dürr Holz im Hof lag. Häfen und Schüsseln musste endlich alles entzwei,
entweder weil sie lieber Gebraten assen oder weil sie bedacht waren, nur eine
einzige Mahlzeit allda zu halten.
    Unsre Magd ward im Stall dermassen traktiert, dass sie nicht mehr daraus gehen
konnte, welches zwar eine Schande ist zu melden. Den Knecht legten sie gebunden
auf die Erde, steckten ihm ein Sperrholz ins Maul und schütteten ihm einen
Melkkübel voll garstig Mistlachenwasser in Leib: das nannten sie einen
schwedischen Trunk, der ihm aber gar nicht schmeckte, sondern in seinem Gesicht
sehr wunderliche Mienen verursachte, wodurch sie ihn zwungen, eine Partei
anderwärts zu führen, allda sie Menschen und Viehe hinwegnahmen und in unsern
Hof brachten, unter welchen mein Knän, meine Meuder und unsre Ursele auch waren.
    Da fieng man erst an, die Steine von den Pistolen und hingegen anstatt deren
der Bauern Daumen aufzuschrauben und die arme Schelmen so zu foltern, als wann
man hätte Hexen brennen wollen, massen sie auch einen von den gefangenen Bauern
bereits in Backofen steckten und mit Feuer hinter ihm her waren, unangesehen er
noch nichts bekannt hatte. Einem andern machten sie ein Seil um den Kopf und
raitelten es mit einem Bengel zusammen, dass ihm das Blut zu Mund, Nas und Ohren
heraussprang. In Summa, es hatte jeder seine eigne Invention, die Bauern zu
peinigen, und also auch jeder Baur seine sonderbare Marter. Allein mein Knän war
meinem damaligen Bedünken nach der glücklichste, weil er mit lachendem Munde
bekannte, was andere mit Schmerzen und jämmerlicher Weheklage sagen mussten, und
solche Ehre widerfuhr ihm ohn Zweifel darum, weil er der Hausvatter war; dann
sie satzten ihn zu einem Feur, banden ihn, dass er weder Hände noch Füsse regen
konnte, und rieben seine Fusssohlen mit angefeuchtem Salz, welches ihm unsre alte
Geiss wieder ablecken und dadurch also kützeln musste, dass er vor Lachen hätte
zerbersten mögen. Das kam so artlich und mir so anmutig vor (weil ich meinen
Knän niemals ein solches langwieriges Gelächter verführen gehöret und gesehen),
dass ich Gesellschaft halber, oder weil ichs nicht besser verstund, von Herzen
mitlachen musste. In solchem Gelächter bekannte er seine Schuldigkeit und öffnete
den verborgenen Schatz, welcher von Gold, Perlen und Kleinodien viel reicher
war, als man hinter den Bauern hätte suchen mögen. Von den gefangenen Weibern,
Mägden und Töchtern weiss ich sonderlich nichts zu sagen, weil mich die Krieger
nicht zusehen liessen, wie sie mit ihnen umgiengen. Das weiss ich noch wohl, dass
man teils hin und wieder in den Winkeln erbärmlich schreien hörte; schätze wohl,
es sei meiner Meuder und unserm Ursele nit besser gangen als den andern. Mitten
in diesem Elend wandte ich Braten und war umb nichts bekümmert, weil ich noch
nit recht verstunde, wie dieses alles gemeinet wäre; ich half auch Nachmittag
die Pferde tränken, durch welches Mittel ich zu unsrer Magd in Stall kam, welche
wunderwerklich zerstrobelt aussah; ich kannte sie nicht, sie aber sprach zu mir
mit kränklicher Stimme: »O Bub! lauf weg, sonst werden dich die Reuter
mitnehmen! guck, dass du davonkommst, du siehest wohl, wie es so übel -!« Mehrers
konnte sie nicht sagen.
 
                              Das fünfte Kapitel.
Simplex das Reissaus behendiglich spielet,
Wann sich Bäum regen, er Herzensangst fühlet.
Da machte ich gleich den Anfang, meinen unglücklichen Zustand, den ich vor Augen
sah, zu betrachten und zu gedenken, wie ich mich forderlichst ausdrehen und
davonlaufen möchte. Wohin aber? Dazu war mein Verstand viel zu gering, einen
Vorschlag zu tun; doch hat es mir so weit gelungen, dass ich gegen Abend in Wald
bin entsprungen und meine liebe Sackpfeife auch in diesem äussersten Elend nicht
verlassen. Wo nun aber weiters hinaus? sintemal mir die Wege und der Wald so
wenig bekannt waren, als die Strasse durch das gefrorne Meer, hinter Nova Zembla
bis gen China hinein. Die stockfinstre Nacht bedeckte mich zwar zu meiner
Versicherung, jedoch bedauchte sie meinen finstern Verstand nicht finster genug;
dahero verbarg ich mich in ein dickes Gesträuch, da ich sowohl das Geschrei der
getrillten Bauern als das Gesang der Nachtigallen hören konnte, welche Vögelein
sie, die Bauern, von welchen man teils auch Vögel zu nennen pflegt, nicht
angesehen hatten, mit ihnen Mitleiden zu tragen oder ihres Unglücks halber das
liebliche Gesang einzustellen; darumb legte ich mich auch ohn alle Sorg auf ein
Ohr und entschlief. Als aber der Morgenstern im Osten herfürflackerte, sah ich
meines Knäns Haus in voller Flamme stehen, aber niemand, der zu löschen
begehrte. Ich begab mich herfür in Hoffnung, jemanden von meinem Knän
anzutreffen, ward aber gleich von 5 Reutern erblickt und angeschrieen: »Jung,
komm heröfer, oder skall my de Tüfel halen, ick schiete dick, dat di de Dampff
tom Hals ut gaht!« Ich hingegen blieb ganz stockstill stehen und hatte das Maul
offen, weil ich nicht wusste, was der Reuter wollte oder meinte; und indem ich
sie so ansah, wie eine Katze ein neu Scheuntor, sie aber wegen eines Morastes
nicht zu mir kommen konnten, welches sie ohn Zweifel rechtschaffen vexierte,
lösete der eine seinen Karbiner auf mich, von welchem urplötzlichen Feur und
unversehnlichem Klapf, den mir Echo durch vielfältige Verdoppelung grausamer
machte, ich dermassen erschröckt ward, weil ich dergleichen niemals gehöret oder
gesehen hatte, dass ich alsobald zur Erde niederfiel, und alle viere von mir
streckete; ja ich regete vor Angst keine Ader mehr; und wiewohl die Reuter ihres
Wegs fortritten und mich ohn Zweifel vor tot liegen liessen, so hatte ich jedoch
denselbigen ganzen Tag das Herz nicht, mich aufzurichten noch mich nur ein wenig
hin und wieder umbzusehen. Als mich aber die Nacht wieder ergriff, stund ich auf
und wanderte so lang im Wald fort, bis ich von fern einen faulen Baum schimmern
sah, welcher mir eine neue Forcht einjagte, kehrete derowegen sporenstreichs
wieder um und ging so lang, bis ich wieder einen andern dergleichen Baum
erblickte, von dem ich mich gleichfalls wieder fortmachte, und auf diese Weise
die Nacht mit Hin- und Wiederrennen von einem faulen Baum zum andern vertrieb.
Zuletzt kam mir der liebe Tag zu Hülf, welcher den Bäumen gebot, mich in seiner
Gegenwart unbetrübt zu lassen; aber hiermit war mir noch nichts geholfen, dann
mein Herz stak voll Angst und Forcht, die Schenkel voll Müdigkeit, der leere
Magen voll Hunger, das Maul voll Durst, das Hirn voll närrischer Einbildung und
die Augen voller Schlaf. Ich ging dannoch fürter, wusste aber nicht wohin. Je
weiter ich aber ging, je tiefer ich von den Leuten hinweg in Wald kam. Damals
stund ich aus und empfand (jedoch ganz unvermerkt) die Würkung des Unverstands
und der Unwissenheit: wann ein unvernünftig Tier an meiner Stelle gewesen wäre,
so hätte es besser gewusst, was es zu seiner Erhaltung hätte tun sollen, als ich.
Doch war ich noch so witzig, als mich abermal die Nacht übereilte, dass ich in
einen hohlen Baum kroch, meine werte liebe Sackpfeife fleissig in acht nahme und
also mein Nachtlager zu halten gänzlich entschlossen war.
 
                              Das sechste Kapitel.
Simplex hört Worte, die lauten andächtig,
Sieht den Einsiedel, pfeift und wird ohnmächtig.
Kaum hatte ich mich zum Schlaf bequemet, da höret ich folgende Stimme: »O grosse
Liebe gegen uns undankbare Menschen! Ach mein einziger Trost, meine Hoffnung,
mein Reichtum, mein Gott!« und so dergleichen mehr, dass ich nicht alles merken
noch verstehen können.
    Dieses waren wohl Worte, die einen Christenmenschen, der sich in einem
solchen Stand, wie ich mich dazumal befunden, billig aufmuntern, trösten und
erfreuen hätten sollen. Aber, o Einfalt und Unwissenheit! es waren mir nur
böhmische Dörfer, und alles eine ganz unverständliche Sprache, aus deren ich
nicht allein nichts fassen konnte, sondern auch eine solche, vor deren
Seltsamkeit ich mich entsatzte. Da ich aber hörete, dass dessen, der sie redete,
Hunger und Durst gestillet werden sollte, riete mir mein ohnerträglicher Hunger
und fast vor Speisemangel ganz zusammengeschnurrter Magen, mich auch zu Gast zu
laden; derowegen fasste ich das Herz, wieder aus meinem hohlen Baum zu gehen und
mich der gehörten Stimme zu nähern. Da wurde ich eines grossen Manns gewahr in
langen schwarzgrauen Haaren, die ihm ganz verworren auf den Achseln herumlagen;
er hatte einen wilden Bart, fast formiert wie ein Schweizerkäs. Sein Angesicht
war zwar bleichgelb und mager, aber doch ziemlich lieblich, und sein langer Rock
mit mehr als 1000 Stückern von allerhand Tuch überflickt und aufeinander
gesetzt; um Hals und Leib hatte er eine schwere eiserne Ketten gewunden wie St.
Wilhelmus und sah sonst in meinen Augen so scheusslich und förchterlich aus, dass
ich anfieng zu zittern wie ein nasser Hund. Was aber meine Angst mehrete, war,
dass er ein Kruzifix, ungefähr 6 Schuhe lang, an seine Brust druckte, und weil
ich ihn nicht kannte, konnte ich nichts anders ersinnen, als dieser alte Greis
müsste ohn Zweifel der Wolf sein, davon mir mein Knän kurz zuvor gesagt hatte. -
In solcher Angst wischte ich mit meiner Sackpfeife herfür, welche ich als meinen
einzigen angenehmsten und wertesten Schatz noch vor den Reutern salviert hatte.
Ich blies zu, stimmte an und liess mich gewaltig hören, diesen greulichen Wolf zu
vertreiben, über welcher gählingen und ungewöhnlichen Musik, an einem so wilden
Ort, der Einsiedel anfänglich nicht wenig stutzte, ohn Zweifel vermeinende, es
sei etwan ein teuflisch Gespenst hinkommen, ihn, wie etwan dem grossen Antonio
widerfahren, zu tribulieren und seine Andacht zu zerstören. Sobald er sich aber
wieder erholete, spottete er meiner, als seines Versuchers im hohlen Baum,
wohinein ich mich wieder retirieret hatte; ja er war so getrost, dass er gegen
mir ging, den Feind des menschlichen Geschlechts genugsam auszuhöhnen. »Ha!«
sagte er, »du bist ein Gesell darzu, die Heiligen ohn göttliche Verhängnus« etc.
Mehrers habe ich nicht verstanden, dann seine Näherung ein solch Grausen und
Schröcken in mir erregte, dass ich des Amts meiner Sinne beraubet ward und
dortin in Ohnmacht niedersank.
 
                             Das siebente Kapitel.
Simplex wird in einer Herberg traktieret,
Obgleich wird sehr grosser Mangel gespüret.
Wasgestalten mir wieder zu mir selbst geholfen worden, weiss ich nicht, aber
dieses wohl, dass ich aus dem hohlen Baum mich befande, der Alte meinen Kopf in
seinem Schoss und vorn meine Juppe geöffnet gehabt. Als ich mich wieder erholete,
da ich den Einsiedler so nahe bei mir sah, fieng ich ein solch grausam Geschrei
an, als ob er mir im selben Augenblick das Herz aus dem Leib hätt reissen wollen.
Er aber sagte: »Mein Sohn, schweig! ich tue dir nichts! sei zufrieden, etc.« Je
mehr er mich aber tröstete und mir liebkoste, je mehr ich schrie: »O du frisst
mich! O du frisst mich! du bist der Wolf und willst mich fressen!« - »Ei ja wohl
nein, mein Sohn,« sagte er, »sei zufrieden, ich friss dich nicht!« Dies Gefecht
und erschröckliches Geheule verführt ich sehr lang, bis ich mich endlich so weit
liess weisen, mit ihm in seine Hütte zu gehen; darin war die Armut selbst
Hofmeisterin, der Hunger Koch und der Mangel Küchenmeister. Da wurde mein Magen
mit einem Gemüs und Trunk Wassers gelabet, und mein Gemüt, so ganz verwirrt war,
durch des Alten tröstliche Freundlichkeit wieder aufgerichtet und
zurechtgebracht. Derowegen liess ich mich durch die Anreizung des süssen Schlafes
leicht betören, der Natur solche Schuldigkeit abzulegen. Der Einsiedel merkte
meine Notdurft; darum liess er mir den Platz allein in seiner Hütte, weil nur
einer darin liegen konnte. Ungefähr um Mitternacht erwachte ich wieder und
hörete ihn folgendes Lied singen, welches ich hernach auch gelernet:
Komm, Trost der Nacht, o Nachtigall!
Lass deine Stimm mit Freudenschall
Aufs lieblichste erklingen:,:
Komm, komm und lob den Schöpfer dein,
Weil andre Vöglein schlafen sein,
Und nicht mehr mögen singen:
Lass dein Stimmlein
Laut erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Obschon ist hin der Sonnenschein,
Und wir im Finstern müssen sein,
So können wir doch singen:,:
Von Gottes Güt und seiner Macht,
Weil uns kann hindern keine Nacht,
Sein Lob zu vollenbringen.
Drum dein Stimmlein
Lass erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Echo, der wilde Widerhall,
Will sein bei diesem Freudenschall,
Und lässet sich auch hören:,:
Verweist uns alle Müdigkeit,
Der wir ergeben allezeit,
Lehrt uns den Schlaf betören.
Drum dein Stimmlein
Lass erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Die Sterne, so am Himmel stehn,
Sich lassen zum Lob Gottes sehn,
Und Ehre ihm beweisen:,:
Die Eul auch, die nicht singen kann,
Zeigt doch mit ihrem Heulen an,
Dass sie Gott auch tu preisen.
Drum dein Stimmlein
Lass erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
Nur her, mein liebstes Vögelein,
Wir wollen nicht die fäulste sein,
Und schlafend liegen bleiben:,:
Vielmehr bis dass die Morgenröt
Erfreuet diese Wälder öd,
In Gottes Lob vertreiben.
Lass dein Stimmlein
Laut erschallen, dann vor allen
Kannst du loben
Gott im Himmel hoch dort oben.
    Unter währendem diesem Gesang bedunkt mich wahrhaftig, als wann die
Nachtigall sowohl, als die Eule und Echo mit eingestimmet hätten, und wann ich
den Morgenstern jemals gehöret oder dessen Melodei auf meiner Sackpfeife
aufzumachen vermöcht, so wäre ich aus der Hütte gewischt, meine Karte mit
einzuwerfen, weil mich diese Harmonia so lieblich zu sein bedunkte; aber ich
entschlief und erwachte nicht wieder bis wohl in den Tag hinein, da der
Einsiedel vor mir stund und sagte: »Auf, Kleiner, ich will dir Essen geben, und
alsdann den Weg durch den Wald weisen, damit du wieder zu den Leuten und noch
vor Nacht in das näheste Dorf kommest!« Ich fragte ihn: »Was sind das für
Dinger, Leuten und Dorf?« Er sagte: »Bist du dann niemalen in keinem Dorf
gewesen und weisst auch nicht, was Leute oder Menschen seind?« - »Nein,« sagte
ich, »nirgends als hier bin ich gewesen. Aber sage mir doch, was seind Leute,
Menschen und Dorf?« - »Behüte Gott!« antwortete der Einsiedel, »bist du närrisch
oder gescheid?« - »Nein!« sagt ich, »meiner Meuder und meines Knäns Bub bin ich,
und nicht der Närrisch oder der Gescheid.« Der Einsiedel verwunderte sich mit
Seufzen und Bekreuzigung und sagte: »Wohl, liebes Kind, ich bin gehalten, dich
um Gottes willen besser zu unterrichten.« Darauf fielen unsere Reden und
Gegenreden, wie folgend Kapitel ausweiset.
 
                               Das achte Kapitel.
Simplex gibt seinen Verstand an den Tag
Durch seine törichte Antwort und Frag.
    Einsiedel: Wie heissest du?
    Simpl. Ich heisse Bub.
    Einsied. Ich sehe wohl, dass du kein Mägdlein bist; wie hat dir aber dein
Vatter und Mutter gerufen?
    Simpl. Ich habe keinen Vatter oder Mutter gehabt.
    Einsied. Wer hat dir dann das Hembd geben?
    Simpl. Ei, mein Meuder.
    Einsied. Wie hiesse dich dann dein Meuder?
    Simpl. Sie hat mich Bub geheissen, auch Schelm, langöhrichter Esel,
ungehobelter Rültz, ungeschickter Dölpel und Galgenvogel.
    Einsied. Wer ist dann deiner Mutter Mann gewesen?
    Simpl. Niemand.
    Einsied. Bei wem hat dann deine Meuder des Nachts geschlafen?
    Simpl. Bei meinem Knän.
    Einsied. Wie hat dich dann dein Knän geheissen?
    Simpl. Er hat mich auch Bub genennet.
    Einsied. Wie hiess aber dein Knän?
    Simpl. Er heisst Knän.
    Einsied. Wie hat ihn aber dein Meuder gerufen?
    Simpl. Knän, und auch Meister.
    Einsied. Hat sie ihn niemals anders genennet?
    Simpl. Ja, sie hat.
    Einsied. Wie dann?
    Simpl. Rülp, grober Bengel, volle Sau, alter Scheisser und noch wohl anders,
wann sie haderte.
    Einsied. Du bist wohl ein unwissender Tropf, dass du weder deiner Eltern,
noch deinen eignen Namen nicht weisst!
    Simpl. Eia, weisst dus doch auch nicht!
    Einsied. Kannst du auch beten?
    Simpl. Nein, unser Ann und mein Meuder haben alls das Bette gemacht.
    Einsied. Ich frage nicht hiernach, sondern ob du das Vaterunser kannst?
    Simpl. Ja ich.
    Einsied. Nun, so sprichs dann!
    Simpl. Unser lieber Vatter, der du bist Himmel, heiliget werde nam, zu
kommes dein Reich, dein Will schee Himmel ad Erden, gib uns Schuld, als wir
unsern Schuldigern geba, führ uns nicht in kein bös Versucha, sondern erlöss uns
von dem Reich, und die Krafft, und die Herrlichkeit, in Ewigkeit, Ama.
    Einsied. Bist du nie in die Kirche gangen?
    Simpl. Ja, ich kann wacker steigen und Hab alls ein ganzen Busem voll
Kirschen gebrochen.
    Einsied. Ich sage nicht von Kirschen, sondern von der Kirchen.
    Simpl. Haha, Kriechen! Gelt, es seind so kleine Pfläumlein? gelt du?
    Einsied. Ach, dass Gott walte! weisst du nichts von unserm Herrn Gott?
    Simpl. Ja, er ist daheim an unsrer Stubentür gestanden auf dem Helgen. Mein
Meuder hat ihn von der Kürbe mitgebracht und hingekleibt.
    Einsied. Ach, gütiger Gott! nun erkenne ich erst, was vor eine grosse Gnade
und Wohltat es ist, wem du deine Erkanndnus mitteilest, und wie gar nichts ein
Mensch sei, dem du solche nicht gibest. Ach Herr! verleihe mir, deinen heiligen
Namen also zu ehren, dass ich würdig werde, um diese hohe Gnade so eiferig zu
danken, als freigebig du gewesen, mir solche zu verleihen. Höre du, Simplici
(dann anders kann ich dich nicht nennen), wann du das Vaterunser betest, so musst
du also sprechen: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiliget werde dein
Name, zukomme uns dein Reich, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel, unser
täglich Brod gib uns heut und -
    Simpl. Gelt du, auch Käs darzu?
    Einsied. Ach, liebes Kind, schweig und lerne! solch ist dir viel nötiger als
Käs. Du bist wohl ungeschickt, wie dein Meuder gesagt hat. Solchen Buben, wie du
bist, stehet nicht an, einem alten Mann in die Rede zu fallen, sondern zu
schweigen, zuzuhören und zu lernen. Wüsste ich nur, wo deine Eltern wohneten, so
wollte ich dich gern wieder hinbringen und sie zugleich lehren, wie sie Kinder
erziehen sollten.
    Simpl. Ich weiss nicht, wo ich hin soll: Unser Haus ist verbrannt und mein
Meuder hinweggeloffen und wieder kommen mit dem Ursele, und mein Knän auch, und
unsre Magd ist krank gewesen und ist im Stall gelegen, die hat mich fortlaufen
heissen, was gist do, was host.
    Einsied. Wer hat dann das Haus verbrannt?
    Simpl. Ha, es sind so eiserne Männer kommen, die seind so auf Dingern
gesessen, gross wie Ochsen, haben aber keine Hörner; dieselbe Männer haben Schafe
und Kühe und Säu gestochen, Ofen und Fenster eingeschlagen, und da bin ich auch
weggeloffen, und da ist darnach das Haus verbrannt gewesen.
    Einsied. Wo war dann dein Knän?
    Simpl. Ha, die eiserne Männer haben ihn angebunden, da hat ihm unsre alte
Geiss die Füsse gelecket, da hat mein Knän lachen müssen und hat denselben
eisernen Männern viel Weisspfennige geben, grosse und kleine, auch hübsche gelbe,
und sonst schöne glitzerechte Dinger, und hübsche Schnüre voll weisse Kügelein.
    Einsied. Wann ist dies geschehen?
    Simpl. Ei, wie ich der Schafe habe hüten sollen; sie haben mir auch meine
Sackpfeife wollen nehmen.
    Einsied. Wann hast du der Schafe sollen hüten?
    Simpl. Ei, hörst du es nicht? da die eisern Männer kommen sind, und darnach
hat unser strobelkopfigte Ann gesagt, ich soll auch weglaufen, sonst würden mich
die Krieger mitnehmen; sie hat aber die eiserne Männer gemeinet, und da sein ich
weggeloffen und sein hieherkommen.
    Einsied. Wo hinaus willst du aber jetzt?
    Simpl. Ich weiss weger nit! ich will bei dir hier bleiben.
    Einsied. Dich hier zu behalten, ist weder meine, noch deine Gelegenheit. Iss,
alsdann will ich dich wieder zu Leuten führen.
    Simpl. Ei, so sage mir dann auch, was Leute vor Dinger sein?
    Einsied. Leut seind Menschen wie ich und du; dein Knän, deine Meuder und
eure Ann seind Menschen, und wann deren viel beieinander seind, so werden sie
Leute genennet.
    Simpl. Haha!
    Einsied. Nun gehe und iss! -
    Dies war unser Diskurs, unter welchem mich der Einsiedel oft mit den
allertiefsten Seufzen anschauete; nicht weiss ich, ob es darum geschahe, weil er
ein so gross Mitleiden mit meiner überaus grossen Einfalt und dummen Unwissenheit
hatte, oder aus der Ursache, die ich erst über etliche Jahre hernacher erfuhr.
 
                              Das neunte Kapitel.
Simplex ein Christenmensch anfängt zu werden,
Als er ein Bestia vor war auf Erden.
Ich fieng an zu essen und hörete auf zu papplen, welches nicht länger währete,
als bis ich nach Notdurft gefüttert hatte und mich der Alte fortgehen hiess. Da
suchte ich die allerzartesten Worte herfür, die mir meine bäurische Grobheit
immer mehr eingeben konnte, welche alle dahin giengen, den Einsiedel zu bewegen,
dass er mich bei ihm behielte. Obzwar nun es ihm beschwerlich gefallen, meine
verdrüssliche Gegenwart zu gedulten, so hat er jedoch beschlossen, mich bei ihm
zu leiden, mehr, dass er mich in der christlichen Religion unterrichtete, als
sich in seinem vorhandenen Alter meiner Dienste zu bedienen. Seine grösste Sorge
war, meine zarte Jugend dörfte ein solche harte und sehr strenge Art zu leben in
die Länge nicht ausharren mügen.
    Eine Zeit von ungefähr drei Wochen war mein Probierjahr, in welcher eben St.
Gertraud mit den Gärtnern zu Feld lag, also dass ich mich auch in deren
Profession gebrauchen liess. Ich hielt mich so wohl, dass der Einsiedel ein
sonderliches Gefallen an mir hatte, nicht zwar der Arbeit halber, so ich zuvor
zu vollbringen gewohnet war, sondern weil er sah, dass ich ebenso begierig seine
Unterweisungen hörete, als geschickt die wachswaiche und zwar noch glatte Tafel
meines Herzens solche zu fassen sich erzeigte. Solcher Ursachen halber ward er
auch desto eifriger, mich in allem Guten anzuführen. Er machte den Anfang seiner
Unterrichtung vom Fall Luzifers; von dannen kam er in das Paradeis; und als wir
mit unsern Eltern daraus verstossen wurden, passierte er durch das Gesetz Mosis
und lernete mich vermittelst der zehen Gebote Gottes und ihren Auslegungen (von
denen er sagte, dass sie eine wahre Richtschnure sein, den Willen Gottes zu
erkennen und nach demselben ein heiliges, Gott wohlgefälliges Leben
anzustellen), die Tugenden von den Lastern zu unterscheiden, das Gute zu tun und
das Böse zu lassen. Endlich kam er auf das Evangelium und sagte mir von Christi
Geburt, Leiden, Sterben und Auferstehung; zuletzt beschloss ers mit dem Jüngsten
Tag und stellete mir Himmel und Hölle vor Augen, und solches alles mit
gebührenden Umständen, doch nicht mit gar zu überflüssiger Weitläufigkeit;
sondern wie ihn dünkte, dass ichs am allerbesten fassen und verstehen möchte.
Wann er mit einer Materia fertig war, hub er eine andre an und wusste sich
bisweilen in aller Gedult nach meinen Fragen so artlich zu regulieren und mit
mir zu verfahren, dass ers mir auch nicht besser hätte eingiessen können. Sein
Leben und seine Reden waren mir eine immerwährende Predigt, welche mein
Verstand, der eben nicht so gar dumm und hölzern war, vermittels göttlicher
Gnade nicht ohne Frucht abgehen liess, allermassen ich alles dasjenige, was ein
Christ wissen soll, nicht allein in gedachten dreien Wochen gefasset, sondern
auch eine solche Liebe oftmals zu diesem meinem Unterrichter und zu dessen
Unterricht gewonnen, dass ich des Nachts nicht davor schlafen konnte.
    Ich habe seitero der Sache vielmal nachgedacht und befunden, dass Aristot.
lib. 3. de Anima wohl geschlossen, als er die Seele eines Menschen einer leeren
unbeschriebenen Tafel verglichen, darauf man allerhand notieren könne, und dass
solches alles darumb von dem höchsten Schöpfer geschehen sei, damit solche
glatte Tafel durch fleissige Impression und Übung gezeichnet und zur
Vollkommenheit und Perfektion gebracht werde. Dahero dann auch sein Kommentator
Averroës lib. 2. de Anima (da der Philosophus saget, der Intellektus sei alls
potentia, werde aber nichts in actum gebracht, als durch die scientiam, das ist,
es sei des Menschen Verstand allerdings fähig, könne aber nichts ohn fleissige
Übung hineingebracht werden), diesen klaren Ausschlag gibet, nämlich, es sei
diese scientia oder Übung die Perfektion der Seele, welche für sich selbst
überall nichts an sich habe. Solches bestätiget Cicero lib. 2. Tuscul. quaest.,
welcher die Seele des Menschen ohn Lehre, Wissenschaft und Übung einem solchen
Feld vergleichet, das zwar von Natur fruchtbar sei, aber wann man es nicht baue
und besame, gleichwohl keine Frucht bringe.
    Solches alles erwiese ich mit meinem eigenen Exempel; dann dass ich alles so
bald gefasset, was mir der fromme Einsiedel vorgehalten, ist daher kommen, weil
er die geschlichte Tafel meiner Seel ganz leer und ohn einzige zuvor
hineingedruckte Bildnüssen gefunden, so etwas anders hineinzubringen hätte
hindern mögen. Gleichwohl aber ist die pure Einfalt, gegen andern Menschen zu
rechnen, noch immerzu bei mir verblieben, dahero der Einsiedel (weil weder er
noch ich meinen rechten Namen gewusst) mich nur Simplicium genennet.
    Mit ihm lernete ich auch beten; und als er meinem steifen Vorsatz, bei ihm
zu bleiben, ein Genügen zu tun entschlossen, baueten wir vor mich eine Hütte
gleich der seinigen von Holz, Reisern und Erde, fast formiert wie der
Musketierer im Feld ihre Zelten, oder besser zu sagen, die Bauern an teils Orten
ihre Rubenlöcher haben, zwar so nieder, dass ich kaum aufrecht darin sitzen
konnte. Mein Bette war von dürrem Laub und Gras, und ebenso gross als die Hütte
selbst, so dass ich nicht weiss, ob ich dergleichen Wohnung oder Höhlen eine
bedeckte Lägerstatt oder eine Hütte nennen soll.
 
                              Das zehnte Kapitel.
Simplex lernt wunderlich lesen und schreiben,
Will auch beim Einsiedel willig verbleiben.
Als ich das erstemal den Einsiedel in der Bibel lesen sah, konnte ich mir nicht
einbilden, mit wem er doch ein solch heimlich und meinem Bedünken nach sehr
ernstlich Gespräch haben müsste. Ich sah wohl die Bewegung seiner Lippen, hörte
auch das Gebrummel, hingegen aber sah und hörte ich niemand, der mit ihm
redete, und obzwar ich nichts vom Lesen und Schreiben gewusst, so merkte ich doch
an seinen Augen, dass ers mit etwas in selbigem Buch zu tun hatte. Ich gab
Achtung auf das Buch, und nachdem er solches beigelegt, machte ich mich
darhinter, schlugs auf und bekam im ersten Griff das erste Kapitel des Hiobs und
die davorstehende Figur, so ein feiner Holzschnitt und schön illuminieret war,
in die Augen. Ich fragte dieselbige Bilder seltsame und meinem simplen Verstand
nach ganz ungereimte Sachen. Weil mir aber keine Antwort widerfahren wollte,
ward ich ungedultig und sagte eben, als der Einsiedel hinter mich schlich: »Ihr
kleine Hudler, habet ihr dann keine Mäuler mehr? habet ihr nicht allererst mit
meinem Vatter (dann also musste ich den Einsiedel nennen) lang genug schwätzen
können? Ich sehe wohl, dass ihr auch dem armen Knän seine Schafe heimtreibet und
das Haus angezündet habet. Halt, halt, ich will dies Feur noch wohl löschen und
euch Einhalt tun, dass es nicht weiter Schaden tue.« Damit stund ich auf, Wasser
zu holen, weil mich die Not vorhanden zu sein bedünkte. »Wohin, Simplici?« sagte
der Einsiedel, den ich hinter mir nicht wusste. »Ei, Vatter!« sagte ich, »da sind
auch Krieger; die haben Schafe und wollen sie wegtreiben; sie habens dem armen
Mann genommen, mit dem du erst geredet hast. So brennet sein Haus auch schon
liechterlohe; und wann ich nicht bald lösche, so wirds verbrennen.« Mit diesen
Worten zeigte ich ihm mit dem Finger, was ich sah. »Bleib nur!« sagte der
Einsiedel, »es ist noch keine Gefahr vorhanden.« Ich antwortete meiner
Höflichkeit nach: »Bist du dann blind? Wehre du, dass sie die Schafe nicht
forttreiben, so will ich Wasser holen.« »Ei!« sagte der Einsiedel, »diese Bilder
leben nicht, sie seind nur gemacht, uns vorlängst geschehene Dinge vor Augen zu
stellen.« Ich antwortete: »Du hast ja erst mit ihnen geredet; warum wollten sie
dann nicht leben?«
    Der Einsiedel musste wider seinen Willen und Gewohnheit über diese meine
kindische Einfalt und einfältige Kindheit lachen und sagte: »Liebes Kind, diese
Bilder können nicht reden. Was aber ihr Tun und Wesen sei, kann ich aus diesen
schwarzen Linien sehen, welches man lesen nennet, und wann ich dergestalt lese,
so hältest du davor, ich rede mit den Bildern, so aber nichts ist.« Ich
antwortete: »Wann ich ein Mensch bin wie du, so müsste ich auch an denen
schwarzen Zeilen können sehen, was du kannst. Wie soll ich mich in dein Gespräch
richten? Lieber Vatter, bericht mich doch eigentlich, wie ich die Sache
verstehen solle?« Darauf sagte er: »Nun wohlan, mein Sohn! ich will dich lehren,
dass du so wohl als ich mit diesen Bildern wirst reden und, was sie bedeuten,
wirst verstehen können. Allein wird es Zeit brauchen, in welcher ich Gedult und
du Fleiss anzulegen.« Demnach schrieb er mir ein Alphabet auf birkene Rinden,
nach dem Druck formiert; und als ich die Buchstaben kannte, lernete ich
buchstabieren, folgends lesen, und endlich besser schreiben, als es der
Einsiedel selbst konnte, weil ich alles dem Druck nachmalete.
 
                              Das eilfte Kapitel.
Simplex erzählet Speis, Hausrat und Sachen,
Die der Mensch ihme zunutzen kann machen.
Zwei Jahre ungefähr, nämlich bis der Einsiedel gestorben, und etwas länger als
ein halbes Jahr nach dessen Tod bin ich in diesem Wald verblieben; derohalben
sieht mich vor gut an, dem kuriosen Leser, der auch oft das geringste wissen
will, unser Tun, Handel und Wandel, und wie wir unser Leben durchgebracht, zu
erzählen.
    Unsre Speise war allerhand Gartengewächs, Rüben, Kraut, Bohnen, Erbsen,
Linsen, Hirsch und dergleichen; wir verschmäheten auch keine Buchen, wilde
Äpfel, Birn, Kirschen, ja die Eicheln machte uns der Hunger oft angenehm. Das
Brod oder, besser zu sagen, unsere Kuchen bucken wir in heisser Asche aus
zerstossenem welschen Korn. Im Winter fiengen wir Vögel mit Sprinkeln und
Stricken; im Frühling und Sommer aber bescherte uns Gott Junge aus den Nestern.
Wir behalfen uns oft mit Schnecken und Fröschen; so war uns auch mit Reussen und
Anglen das Fischen nicht zuwider, indem unweit von unserer Wohnung ein fisch-
und krebsreicher Bach hinfloss, welches alles unser grob Gemüs hinunter convoyren
musste. Wir hatten auf eine Zeit ein junges wildes Schweinlein aufgefangen,
welches wir in einen Pferch versperret, mit Eicheln und Buchen auferzogen,
gemästet und endlich verzehret, weil mein Einsiedel wusste, dass solches keine
Sünde sein könnte, wann man geniesst, was Gott dem ganzen menschlichen
Geschlecht zu solchem End erschaffen. Salz brauchten wir wenig und von Gewürz
gar nichts; dann wir dörften die Lust zum Trunk nicht erwecken, weil wir keinen
Keller hatten. Die Notdurft an Salz gab uns ein Pfarrer, der ungefähr 3 Meil
Wegs von uns wohnete, von welchem ich noch viel zu sagen habe.
    Unsern Hausrat betreffende, dessen war genug vorhanden: dann wir hatten eine
Schaufel, eine Haue, eine Axt, ein Beil und einen eisernen Hafen zum Kochen,
welches zwar nicht unser eigen, sondern von obgemeldtem Pfarrer entlehnet war.
Jeder hatte ein abgenütztes stumpfes Messer; selbige waren unser Eigentum und
sonsten nichts. Ferner bedorften wir auch weder Schüsseln, Teller, Löffel,
Gabeln, Kessel, Pfannen, Rost, Bratspiess, Salzbüchs noch ander Tisch- und
Küchengeschirr; dann unser Hafen war zugleich unsre Schüssel, und unsre Hände
waren auch unsere Gabeln und Löffel. Wollten wir aber trinken, so geschahe es
durch ein Rohr aus dem Brunnen, oder wir hiengen das Maul hinein wie Gideons
Kriegsleute. Von allerhand Gewand, Wolle, Seiden, Baumwolle und Leinen, beides
zu Betten, Tischen und Tapezereien, hatten wir nichts, als was wir auf dem Leib
trugen, weil wir vor uns genug zu haben schätzten, wann wir uns vor Regen und
Frost beschützen konnten. Sonsten hielten wir in unsrer Haushaltung keine
gewisse Regul oder Ordnung, ausserhalb an Sonn- und Feiertägen, an welchen wir
schon um Mitternacht hinzugehen anfiengen, damit wir noch frühe genug, ohn
männigliches Vermerken, in obgemeldten Pfarrherrn Kirche, die etwas vom Dorf
abgelegen war, kommen und dem Gottesdienst abwarten können. In derselben
verfügten wir uns auf die zerbrochene Orgel, an welchem Ort wir sowohl auf den
Altar als zu der Kanzel sehen konnten. Als ich das erstemal den Pfarrherrn auf
dieselbige steigen sah, fragte ich meinen Einsiedel, was er doch in demselben
grossen Zuber machen wollte? Nach verrichtetem Gottesdienst aber giengen wir
ebenso verstohlen wieder heim, als wir hinkommen waren, und nachdem wir mit
müdem Leib und Füssen zu unsrer Wohnung kamen, assen wir mit guten Zähnen übel;
alsdann brachte der Einsiedel die übrige Zeit zu mit Beten und mich in
gottseligen Dingen zu unterrichten.
    An den Werktägen täten wir, was am nötigsten zu tun war, je nachdem sichs
fügte und solches die Zeit des Jahrs und unsre Gelegenheit erforderte. Einmal
arbeiteten wir im Garten, das andere Mal suchten wir den feisten Grund an
schattigen Orten und aus hohlen Bäumen zusammen, unsern Garten anstatt der Tung
damit zu bessern. Bald flochten wir Körbe oder Fischreussen, oder machten
Brennholz, fischten, oder täten ja so etwas wider den Müssiggang. Und unter allen
diesen Geschäften liess der Einsiedel nicht ab, mich in allem Guten getreulichst
zu unterweisen. Unterdessen lernete ich in solchem harten Leben Hunger, Durst,
Hitze, Kälte und grosse Arbeit, ja alles Ungemach überstehen, und zuvorderst auch
Gott erkennen, und wie man ihm rechtschaffen dienen sollte, welches das
vornehmste war. Zwar wollte mich mein getreuer Einsiedel ein mehrers nicht
wissen lassen; dann er hielte darvor, es sei einem Christen genug, zu seinem
Ziel und Zweck zu gelangen, wann er nur fleissig bete und arbeite; dahero es
kommen, obzwar ich in geistlichen Sachen ziemlich berichtet ward, mein
Christentum wohl verstund und die teutsche Sprache so schön redete, als wann sie
die Ortographia selbst ausspräche, dass ich dannoch der Einfältigste verblieb,
gestalten ich, wie ich den Wald verlassen, ein solcher elender Tropf in die Welt
war, dass man keinen Hund mit mir aus dem Ofen hätte locken können.
 
                              Das zwölfte Kapitel.
Simplex merkt eine Art, selig zu sterben,
Eine Begräbnus auch leicht zu erwerben.
Zwei Jahre ungefähr hatte ich zugebracht und das harte eremitische Leben kaum
gewohnet, als mein bester Freund auf Erden seine Haue nahm, mir aber die
Schaufel gab und mich seiner täglichen Gewohnheit nach an der Hand in unsern
Garten führete, da wir unser Gebet zu verrichten pflegten. »Nun, Simplici,
liebes Kind!« sagte er, »dieweil gottlob! die Zeit vorhanden, dass ich aus dieser
Welt scheiden, die Schuld der Natur bezahlen und dich in dieser Welt hinter mir
verlassen solle, zumalen deines Lebens künftige Begegnüssen beiläuftig sehe und
wohl weiss, dass du in dieser Einöde nicht lang verharren wirst, so habe ich dich
auf dem angetretenen Weg der Tugend stärken und dir einzige Lehren zum
Unterricht geben wollen, vermittelst deren du, als nach einer unfehlbaren
Richtschnur, zur ewigen Seligkeit zu gelangen, dein Leben anstellen sollest,
damit du mit allen heiligen Auserwählten das Angesicht Gottes in jenem Leben
ewiglich anzuschauen gewürdiget werdest.«
    Diese Wort setzten meine Augen ins Wasser, wie hiebevor des Feindes
Erfindung die Stadt Villingen. Einmal sie waren mir so unerträglich, dass ich sie
nicht ertragen konnte, doch sagte ich: »Herzliebster Vatter, willst du mich dann
allein in diesem wilden Wald verlassen? soll dann -« Mehrers vermochte ich nicht
herauszubringen, dann meines Herzens Qual ward aus überflüssiger Lieb, die ich
zu meinem getreuen Vatter trug, also heftig, dass ich gleichsam wie tot zu seinen
Füssen niedersank. Er hingegen richtete mich wieder auf, tröstete mich, so gut es
Zeit und Gelegenheit zuliess, und verwiese mir, gleichsam fragend, meinen Fehler,
ob ich nämlich der Ordnung des Allerhöchsten widerstreben wollte? »Weisst du
nicht,« sagte er weiters, »dass solches weder Himmel noch Hölle zu tun vermügen?
Nicht also, mein Sohn! was unterstehest du dich, meinem schwachen Leib (welcher
vor sich selbst der Ruhe begierig ist) aufzubürden? Vermeinest du, mich zu
nötigen, länger in diesem Jammertal zu leben? Ach nein, mein Sohn, lass mich
fahren, sintemal du mich ohne das weder mit Heulen, noch viel weniger mit meinem
Willen, länger in diesem Elend zu verharren, wirst zwingen können, indem ich
durch Gottes ausdrücklichen Willen daraus gefodert werde, welchem göttlichen
Befehl ich auch mit allen, Freuden nachzukommen mich itzo bereite. Folge anstatt
deines unnützen Geschreis meinen letzten Worten, welche seind, dass du dich je
länger je mehr selbst erkennen sollest; und wanngleich du so alt als Matusalem
würdest, so lass solche Übung nicht aus dem Herzen. Dann dass die meiste Menschen
verdammt werden, ist die Ursache, dass sie nicht gewusst haben, was sie gewesen
und was sie werden können oder werden müssen.« Weiters riete er mir getreulich,
ich sollte mich jederzeit vor böser Gesellschaft hüten, dann derselben
Schädlichkeit wäre unaussprechlich. Er gab mir dessen ein Exempel und sagte:
»Wann du einen Tropfen Malvasier in ein Geschirr voll Essig schüttest, so wird
er alsbald zu Essig; wirst du aber so viel Essig in Malvasier giessen, so wird er
auch unter dem Malvasier hingehen. Liebster Sohn,« sagte er, »vor allen Dingen
bleib standhaftig; lasse dich die Kreuzes Hitze von deinem angefangenen
löblichen Werk nicht abwendig machen; dann wer verharret bis ans Ende, der wird
selig. Geschiehets aber wider mein Verhoffen, dass du aus menschlicher
Schwachheit fällst, so bleibe ja nicht boshaftigerweise in deinen Sünden
stecken, sondern stehe durch eine rechtschaffene Busse geschwind wieder auf!«
    Dieser sorgfältige fromme Mann hielt mir allein dies wenige vor, nicht zwar,
als hätte er nichts mehrers gewusst, sondern darum, dieweil ich ihn erstlich
meiner Jugend wegen nicht fähig genug zu sein bedünkte, ein mehrers in solchem
Zustand zu fassen, und dann, weil wenig Worte besser als ein langes Geplauder im
Gedächtnus zu behalten seind, und wann sie anders Saft und Nachdruck haben,
durch das Nachdenken grössern Nutzen schaffen als ein langer Sermon, den man
ausdrücklich verstanden hat und bald wieder zu vergessen pfleget.
    Diese drei Stücke: sich selbst erkennen, böse Gesellschaft meiden, und
beständig verbleiben, hat dieser fromme Mann ohn Zweifel deswegen vor gut und
nötig geachtet, weil er solches selber praktizieret, und dass es ihm dabei
nicht misslungen ist; dann, nachdem er sich selbst erkannt, hat er nicht allein
böse Gesellschaften, sondern auch die ganze Welt geflohen, ist auch in solchem
Vorsatz bis an das Ende verharret, an welchem ohn Zweifel die Seligkeit hänget;
welchergestalt aber, folget hernach.
    Nachdem er mir nun obige Stück vorgehalten, hat er mit seiner Reitaue
angefangen, sein eigenes Grab zu machen; ich half, so gut ich konnte, wie er mir
befahl, und bildete mir doch dasjenige nicht ein, worauf es angesehen war.
Indessen sagte er: »Mein lieber und wahrer einziger Sohn (dann ich habe sonsten
keine Kreatur als dich zu Ehren unsers Schöpfers erzeuget), wann meine Seele an
ihren Ort gangen ist, so leiste meinem Leib deine Schuldigkeit und die letzte
Ehre; scharre mich mit derjenigen Erde wieder zu, die wir anjetzo aus dieser
Grube gegraben haben.« Darauf nahm er mich in seine Arme und druckte mich
küssend viel härter an seine Brust, als einem Mann, wie er zu sein schiene,
hätte müglich sein können. »Liebes Kind!« sagte er, »ich befehle dich in Gottes
Schutz und sterbe um soviel desto fröhlicher, weil ich hoffe, er werde dich
darin aufnehmen.« Ich hingegen konnte nichts anders als klagen und heulen; ich
hieng mich an seine Ketten, die er am Hals trug, und vermeinte, ihn damit zu
halten, damit er mir nicht entgehen sollte. Er aber sagte: »Mein Sohn, lass mich,
dass ich sehe, ob mir das Grab lang genug sei«, legte demnach die Ketten ab, samt
dem Oberrock, und begab sich in das Grab, gleichsam wie einer, der sich sonst
schlafen legen will, sprechende: »Ach grosser Gott! nun nimm wieder hin die
Seele, die du mir gegeben. Herr, in deine Hände befehl ich meinen Geist, etc.«
Hierauf beschloss er seine Lippen und Augen sänftiglich; ich aber stund da wie
ein Stockfisch und meinte nicht, dass seine liebe Seele den Leib gar verlassen
haben sollte, dieweil ich ihn öfters in dergleichen Verzuckungen gesehen hatte.
    Ich verharrete, wie meine Gewohnheit in dergleichen Begebenheiten war,
etliche Stunden neben dem Grab im Gebet. Als sich aber mein allerliebster
Einsiedel nicht mehr aufrichten wollte, stieg ich zu ihm ins Grab hinunter und
fieng an, ihn zu schütteln, zu küssen und zu liebeln; aber da war kein Leben
mehr, weil der grimmige unerbittliche Tod den armen Simplicium seiner holden
Beiwohnung beraubet hatte. Ich begoss oder, besser zu sagen, ich balsamierte den
entseelten Körper mit meinen Zähren, und nachdem ich lang mit jämmerlichem
Geschrei hin und her geloffen und mich mit Haarausraufen übel gebärdet, fieng
ich an, ihn mit mehr Seufzen als Schaufeln voller Grund zuzuscharren; und wann
ich kaum sein Angesicht bedeckt hatte, stieg ich wieder hinunter, entblösste es
wieder, damit ichs noch einmal sehen und küssen möchte. Solches trieb ich den
ganzen Tag, bis ich fertig worden und auf diese Weise die funeralia, exequias
und luctus gladiatoris allein geendet, weil ohn das weder Bahre, Sark, Decke,
Liechter, Totenträger noch Gelaitsleute, und auch keine Klerisei vorhanden
gewesen, die den Toten besungen hätten.
 
                            Das dreizehnte Kapitel.
Simplex will seine Einöde verlassen,
Pflegt doch bald andre Gedanken zu fassen.
Über etliche Tage, nach meines so werten und herzlieben Einsiedels Ableiben
verfügte ich mich zu obgemeldtem Pfarrer und offenbarte ihm meines Herrn Tod,
begehrte benebenst Rat von ihm, wie ich mich bei so gestalter Sache verhalten
sollte? Unangesehen er mir nun stark widerraten, länger im Wald zu verbleiben,
und mir die augenscheinliche Gefahr, darinnen ich schwebte, vorhielte, so bin
ich jedoch tapfer in meines Vorgängers Fussstapfen getretten, massen ich den
ganzen Sommer hindurch tät, was ein frommer Monachus tun soll. Aber gleichwie
die Zeit alles ändert, also ringert sich auch nach und nach das Leid, so ich um
meinen Einsiedel trug, und die äusserliche scharfe Winterskälte löschte die
innerliche Hitze meines steifen Vorsatzes zugleich aus. Je mehr ich anfieng zu
wanken, je träger ward ich in meinem Gebet, weil ich, anstatt göttliche und
himmlische Dinge zu betrachten, mich die Begierde, die Welt auch zu beschauen,
überherrschen liess, und als ich dergestalt nichts nutz wurde, im Wald länger
gutzutun, gedachte ich wieder zu gedachtem Pfarrer zu gehen, zu vernehmen, ob er
mir noch wie zuvor aus dem Wald raten wollte. Zu solchem Ende machte ich mich
seinem Dorf zu; und als ich hinkam, fand ichs in voller Flamme stehen, dann es
eben eine Partei Reuter ausgeplündert, angezündet, teils Bauern niedergemacht,
viel verjaget und etliche gefangen hatten, darunter auch der Pfarrer selbst war.
Ach Gott! wie ist das menschliche Leben so viel Mühe und Widerwärtigkeit! Kaum
hat ein Unglück aufgehöret, so stecken wir schon in einem andern. Mich
verwundert nicht, dass der heidnische Philosophus Timon zu Aten viel Galgen
aufrichtete, daran sich die Menschen selber aufknüpfen und also ihrem elenden
Leben durch eine kurze Grausamkeit ein Ende machen sollten. Die Reuter waren
eben wegfertig und führten den Pfarrer wie einen armen Sünder an dem Strick
daher. Unterschiedliche schrieen: »Schiess den Schelmen nieder!« Andere aber
wollten Geld von ihm haben. Er aber Hub die Hände auf und bat um des Jüngsten
Gerichts willen um Verschonung und christliche Barmherzigkeit; aber umsonst;
dann einer ritte ihn übern Haufen und versetzte ihm zugleich einen Paragraphum
über den Kopf, dass der rote Saft darnach ging und er im Fallen alle vier von
sich streckte und Gott seine Seele befahl. Den andern noch übrigen gefangenen
Bauern giengs gar nicht besser.
    Da es nun sah, als ob diese Reuter in ihrer tyrannischen Grausamkeit ganz
unsinnig worden wären, kam ein solcher Schwarm bewehrter Bauern aus dem Wald,
als wann man in ein Wespennest gestochen hätte. Die fiengen an, so greulich zu
schreien, so grimmig dareinzusetzen und daraufzuschiessen, dass mir alle Haar gen
Berg stunden, weil ich noch niemals bei dergleichen Kürbe gewesen; dann die
Spesserter und Vogelsberger Bauern lassen sich fürwahr sowenig als die Hessen,
Sauerländer und Schwarzwälder auf ihrem Mist foppen. Davon rissen die Reuter aus
und liessen nicht allein das eroberte Rindviehe zurück, sondern warfen auch Sack
und Pack von sich, schlugen also ihre ganze Beute in Wind, damit sie nicht
selbst den Bauern zur Beute würden; doch kamen ihnen teils in die Hände, mit
denen sie leiden übel umgiengen.
    Diese Kurzweile benahm mir beinahe die Lust, mich aus meiner Einöde zu
begeben und die Welt zu beschauen; dann ich gedachte, wann es so darin hergehet,
so ist die Wildnus weit anmutiger. Doch wollte ich auch hören, was der Pfarrer
darzu sagte. Derselbe war wegen empfangener Wunden und Stösse ganz matt, schwach
und kraftlos; doch hielt er mir vor, dass er mir weder zu helfen noch zu raten
wisse, weil er damalen selbst in einen solchen Stand geraten wäre, in welchem er
besorglich das Brod am Bettelstab suchen müsste, und wanngleich ich noch länger
im Wald verbleiben würde, so hätte ich mich seiner Hülfleistung nichts zu
getrösten, weil, wie ich vor Augen sähe, beides, seine Kirche und Pfarrhof, im
Feur stünde. Hiermit verfügte ich mich ganz traurig gegen dem Wald zu meiner
Wohnung, und demnach ich auf dieser Reis sehr wenig getröstet, hingegen aber um
viel andächtiger worden, beschloss ich bei mir, die Wildnus nimmermehr zu
verlassen, sondern mein Leben, gleich meinem Einsiedel, in Betrachtung
göttlicher Dinge zu beschliessen; massen ich schon nachgedachte, ob nicht müglich
wäre, dass ich ohn Salz (so mir bisher der Pfarrer mitgeteilet hatte) leben und
also aller Menschen entbehren könnte?
 
                            Das vierzehnte Kapitel.
Simplex erzählt mit Entsetzen und Grausen,
Wie die Soldaten mit fünf Bauern hausen.
Damit ich aber diesem meinem Entschluss nachkommen und ein rechter Waldbruder
sein möchte, zog ich meines Einsiedlers hinterlassen härin Hembd an und gürtete
seine Kette darüber; nicht zwar, als hätte ich sie bedörft, mein unbändig
Fleisch zu mortifizieren, sondern damit ich meinem Vorfahren sowohl im Leben als
im Habit gleichen, mich auch durch solche Kleidung desto besser vor der rauhen
Winterskälte beschützen möchte.
    Den andern Tag, nachdem obgemeldtes Dorf geplündert und verbrannt worden,
als ich eben in meiner Hütte sass und zugleich neben dem Gebet gelbe Rüben zu
meinem Aufentalt im Feuer briet, umringten mich bei 40 oder 50 Musketierer;
diese, obzwar sie ob meiner Person Seltsamkeit erstauneten, so durchstürmten sie
doch meine Hütte, durchstankerten alles auf das genaueste und suchten, was da
nicht zu finden war; dann nichts als Bücher hatte ich, die sie mir durcheinander
geworfen, weil sie ihnen nichts taugten. Endlich, als sie mich besser
betrachteten und an meinen Federn sahen, was vor einen schlechten Vogel sie
gefangen hätten, konnten sie leicht die Rechnung machen, dass bei mir eine
schlechte Beute zu hoffen. Demnach verwunderten sie sich über mein hartes und
sehr strenges Leben und hatten mit meiner zarten Jugend ein grosses Mitleiden,
sonderlich der Offizierer, so sie kommandierte; ja er ehrte mich und begehrte
gleichsam bittend, ich wollte ihm und den Seinigen den Weg wieder aus dem Wald
weisen, in welchem sie schon lang in der Irre herumgangen wären. Ich widerte
mich ganz nicht, sondern, damit ich dieser unfreundlichen Gäste nur desto eher
wieder los werden möchte, führte sie den nächsten Weg gegen dem Dorf zu, allwo
der obgemeldte Pfarrer so übel traktiert worden, dieweil ich sonst keinen andern
Weg wusste. Eh wir aber vor den Wald kamen, sahen wir ungefähr einen Bauern oder
zehen, deren ein Teil mit Feurrohren bewehrt, die übrigen aber geschäftig waren,
etwas einzugraben. Die Musketierer giengen auf sie los und schrien: »Halt,
halt!« Jene aber antworteten mit Rohren. Und wie sie sahen, dass sie von den
Soldaten übermannet waren, lief einer da, der ander dort hinaus, also, dass die
müden Musketier keinen von ihnen ereilen konnten. Derowegen wollten sie wieder
herausgraben, was die Bauern eingescharret. Das schickte sich um so viel desto
besser, weil sie die Hauen und Schaufeln, so sie gebraucht, liegen liessen. Sie
hatten aber wenig Streiche getan, da höreten sie eine Stimme von unten herauf,
die sagte: »O ihr leichtfertige Schelmen! O ihr Erzböswichter! O ihr verfluchte
Lauren, vermeint ihr wohl, dass der Himmel eure unchristliche Grausamkeit und
Bubenstücke ungestraft hingehen lassen werde? Nein, es lebet noch mancher
redlicher Kerl, durch welche eure Unmenschlichkeit dermassen vergolten werden
soll, dass euch keiner von euren Nebenmenschen mehr den Hindern lecken dörfe.«
Hierüber sahen die Soldaten einander an, weil sie nicht wussten, was sie tun
sollten. Etliche vermeinten, sie hörten ein Gespenst; ich aber gedachte, es
träume mir. Ihr Offizier hiess tapfer zu graben. Sie kamen gleich auf ein Fass,
schlugens auf und fanden einen Kerl darin, der weder Nasen noch Ohren mehr hatte
und gleichwohl noch lebte. Sobald sich derselbe ein wenig ermunterte und vom
Haufen etliche kannte, erzählete er, was massen die Bauern den vorigen Tag, als
einzige seines Regiments auf Fütterung gewesen, ihrer sechs gefangen bekommen,
davon sie allererst vor einer Stund fünfe, so hintereinander stehen müssen,
totgeschossen; und weil die Kugel ihn, weil er der sechste und letzte gewesen,
nicht erlanget, indem sie schon zuvor durch fünf Körper gedrungen, hätten sie
ihm Nasen und Ohren abgeschnitten, zuvor aber gezwungen, dass er ihrer fünfen
(s.v.) den Hindern lecken müssen. Als er sich nun von den ehr- und
gottesvergessenen Schelmen so gar geschmähet gesehen, hätte er ihnen, wiewohl
sie ihn mit dem Leben davonlassen wollten, die allerunnützesten Worte gegeben,
die er erdenken mögen, und sie alle drei bei ihrem rechten Namen genennet, der
Hoffnung, es würde ihm etwan einer aus Ungedult eine Kugel schenken. Aber
vergebens; sondern, nachdem er sie verbittert gemacht, hätten sie ihn in
gegenwärtig Fass gesteckt und also lebendig begraben, sprechend, weil er des
Todes so eiferig begehre, wollten sie ihm zum Possen hierin nicht willfahren.
    Indem dieser seinen überstandenen Jammer also klagte, kam eine andre Partei
Soldaten zu Fuss überzwerchs den Wald herauf; die hatten obgedachte Bauern
angetroffen, fünf davon gefangenbekommen und die übrigen totgeschossen. Unter
den Gefangenen waren vier, denen der übelzugerichtete Reuter kurz zuvor so
schändlich zu Willen sein müssen. Als nun beide Parteien aus dem Anschreien
einander erkannten, einerlei Volk zu sein, traten sie zusammen und vernahmen
wiederum vom Reuter selbst, was sich mit ihm und seinen Kameraden zugetragen. Da
sollte man seinen blauen Wunder gesehen haben, wie die Bauern getrillt und
geschurigelt wurden. Etliche wollten sie gleich in der ersten Furi totschiessen,
andere aber sagten: »Nein! man muss die leichtfertigen Vögel zuvor rechtschaffen
quälen und ihnen eintränken, was sie an diesem Reuter verdienet haben.« Indessen
bekamen sie mit den Musketen so treffliche Ribbstösse, dass sie hätten Blut speien
mögen. Zuletzt tratt ein Soldat hervor und sagte: »Ihr Herren, dieweil es der
ganzen Soldateska eine Schande ist, dass diesen Schurken (deutet damit auf den
Reuter) fünf Bauern so greulich getrillt haben, so ist billig, dass wir solchen
Schandflecken wieder auslöschen und diese Schelmen den Reuter wieder hundertmal
lecken lassen.« Hingegen sagte ein anderer: »Dieser Kerl ist nicht wert, dass ihm
solche Ehre widerfahre; dann wäre er kein Bärnhäuter gewesen, so hätte er allen
redlichen Soldaten zu Spott diese schändliche Arbeit nicht verrichtet, sondern
wäre tausendmal lieber gestorben.« Endlich ward einhellig beschlossen, dass ein
jeder von den saubergemachten Bauern solches an zehen Soldaten also wettmachen
und zu jedem Mal sagen sollte: »Hiermit lösche ich wieder aus und wische ab die
Schande, die sich die Soldaten einbilden empfangen zu haben, als uns ein
Bärnhäuter hinten leckte.« Nachgehends wollten sie sich erst resolvieren, was
sie mit den Bauern weiters anfahen wollten, wann sie diese saubere Arbeit würden
verrichtet haben. Hierauf schritten sie zur Sache; aber die Bauern waren so
halsstarrig, dass sie weder durch Verheissung, sie mit dem Leben davonzulassen,
noch durch einzigerlei Marter hierzu gezwungen werden kunnten. Einer führete den
fünften Baur, der nicht geleckt war worden, etwas beiseits und sagte zu ihm:
»Wann du Gott und alle seine Heiligen verleugnen willt, so werde ich dich laufen
lassen, wohin du begehrest.« Hierauf antwortete der Baur, er hätte sein Lebtage
nichts auf die Heilige gehalten und auch bisher noch geringe Kundschaft mit Gott
selbst gehabt, schwur auch darauf solenniter, dass er Gott nicht kenne und kein
Teil an seinem Reich zu haben begehre. Hierauf jagte ihm der Soldat eine Kugel
an die Stirn, welche aber so viel effektuiert, als wann sie an einen stählernen
Berg gangen wäre. Darauf zuckte er seine Plaute und sagte: »Holla, bist du der
Haar? ich habe versprochen, dich laufen zu lassen, wohin du begehrest; siehe, so
schicke ich dich nun ins höllische Reich, weil du nicht in Himmel wilt«, und
spaltete ihm damit den Kopf bis auf die Zähne voneinander. Als er dortin fiel,
sagte der Soldat: »So muss man sich rächen und diese lose Schelmen zeitlich und
ewig strafen.«
    Indessen hatten die andern Soldaten die übrigen vier Bauern, so geleckt
waren worden, auch unterhanden; die banden sie über einen umgefallenen Baum mit
Händen und Füssen zusammen, so artlich, dass sie (s.v.) den Hindern gerad in die
Höhe kehrten, und nachdem sie ihnen die Hosen abgezogen, nahmen sie etliche
Klafter Lunden, machten Knöpfe daran und fiedelten ihnen so unsauberlich durch
solchen hindurch, dass der rote Saft hernachgieng. »Also«, sagten sie, »muss man
euch Schelmen den gereinigten Hindern auströcknen.« Die Bauern schrien zwar
jämmerlich, aber es war kein Erbarmen, sondern den Soldaten nur eine Kurzweil;
dann sie höreten nicht auf zu sägen, bis Haut und Fleisch ganz auf das Bein
hinweg war. Mich aber liessen sie wieder nach meiner Hütte gehen, weil die
letztgemeldte Partei den Weg wohl wusste. Also kann ich nicht wissen, was sie
endlich mit den Bauern vollends angestellet haben.
 
                            Das fünfzehnte Kapitel.
Simplex wird von den Soldaten spoliert,
Ihme träumt, wie es im Krieg trieben wird.
Als ich wieder heimkam, befand ich, dass mein Feurzeug und ganzer Hausrat samt
allem Vorrat an meinen armseligen Essenspeisen, die ich den Sommer hindurch in
meinem Garten erzogen und auf künftigen Winter vor mein Maul ersparet hatte,
miteinander fort war: »Wo nun hinaus?« gedacht ich. Damals lernete mich die Not
erst recht beten. Ich gebot aller meiner wenigen Witz zusammen, zu
beratschlagen, was mir zu tun oder zu lassen sein möchte. Gleichwie aber meine
Erfahrenheit schlecht und gering war, als konnte ich auch nichts Rechtschaffenes
schliessen: das beste war, dass ich mich Gott befahl und mein Vertrauen allein auf
ihn zu setzen wusste, sonst hätte ich ohn Zweifel desperieren und zugrunde gehen
müssen. Überdas lagen mir die Sachen mit dem verwundeten Pfarrer und denen fünf
so erbärmlich gefiedelten Bauern, so ich denselben Tag gehöret und gesehen, ohn
Unterlass im Sinn: ich dachte nicht soviel um Essenspeise und meiner Erhaltung
nach als derjenigen Antipatia, die sich zwischen Soldaten und Bauern entält;
doch konnte meine Alberkeit nichts ersinnen, als dass ich schlosse, auch
festiglich glaubte, es müssten ohnfehlbar zweierlei Menschen in der Welt sein, so
nicht einerlei Geschlechts von Adam her, sondern wilde und zahme wären, wie
andere unvernünftige Tiere, weil sie einander so grausam verfolgen.
    In solchen Gedanken entschlief ich vor Unmut und Kälte mit einem hungerigen
Magen. Da dünkte mich, gleichwie in einem Traum, als wann sich alle Bäume, die
um meine Wohnung stunden, gähling veränderten und ein ganz ander Ansehen
gewönnen. Auf jedem Gipfel sass ein Kavalier, und alle Äste wurden anstatt der
Blätter mit allerhand Kerlen gezieret; von solchen hatten etliche lange Spiesse,
andere Musketen, kurze Gewehr, Partisanen, Fähnlein, auch Trommeln und Pfeifen.
Dies war lustig anzusehen, weil alles so ordentlich und fein gradweis sich
aneinander teilete. Die Wurzel aber war von ungültigen Leuten, als Handwerkern,
Taglöhnern, mehrenteils Bauern und dergleichen, welche nichtsdestoweniger dem
Baum seine Kraft verliehen und wieder von neuem mitteilten, wann er solche
zuzeiten verlor; ja sie ersetzten den Mangel der abgefallenen Blätter aus den
ihrigen zu ihrem eigenen noch grössern Verderben. Benebenst seufzeten sie über
diejenige, so auf dem Baum sassen, und zwar nicht unbillig, dann die ganze Last
des Baums lag auf ihnen und druckte sie dermassen, dass ihnen alles Geld aus den
Beuteln, ja hinter sieben Schlössern herfürgieng. Wann es aber nicht
herfürwollte, so striegelten sie die Kommissarii mit Besemen, die man
militarische Exekution nennet, dass ihnen die Seufzer aus dem Herzen, die Tränen
aus den Augen, das Blut aus den Nägeln und das Mark aus den Beinen herausgieng.
Noch dannoch waren Leute unter ihnen, die man Fatzvögel nannte; diese
bekümmerten sich wenig, nahmen alles auf die leichte Achsel und hatten in ihrem
Kreuz anstatt des Trostes allerhand Gespei.
 
                            Das sechzehnte Kapitel.
Simplex träumt ferner vom kriegerischen Leben,
Dass man Geringe nicht pfleg zu erheben.
Also mussten sich die Wurzeln dieser Bäume in lauter Mühseligkeit und
Lamentieren, diejenige aber auf den untersten Ästen in viel grössrer Mühe, Arbeit
und Ungemach gedulden und durchbringen, doch waren diese jeweils lustiger als
jene, darneben aber auch trotzig, tyrannisch, mehrenteils gottlos und der Wurzel
jederzeit eine schwere unerträgliche Last. Um sie stund dieser Reim:
Hunger und Durst, auch Hitz und Kält,
Arbeit und Armut, wie es fällt,
Gewalttat, Ungerechtigkeit
Treiben wir Landsknecht allezeit.
    Diese Reimen waren um so viel desto weniger erlogen, weil sie mit ihren
Werken übereinstimmten; denn fressen und saufen, Hunger und Durst leiden, huren
und buben, rasslen und spielen, schlemmen und demmen, morden und wieder ermordet
werden, totschlagen und wieder zu Tod geschlagen werden, tribulieren und wieder
gedrillt werden, jagen und wieder gejaget werden, ängstigen und wieder
geängstiget werden, rauben und wieder beraubt werden, plündern und wieder
geplündert werden, sich förchten und wieder geförchtet werden, Jammer anstellen
und wieder jämmerlich leiden, schlagen und wieder geschlagen werden, und in
Summa nur verderben und beschädigen, und hingegen wieder verderbt und
beschädiget werden, war ihr ganzes Tun und Wesen: woran sie sich weder Winter
noch Sommer, weder Schnee noch Eis, weder Hitze noch Kälte, weder Regen noch
Wind, weder Berg noch Tal, weder Felder noch Morast, weder Gräben, Pässe, Meer,
Mauren, Wasser, Feur noch Wälle, weder Vatter noch Mutter, Brüder und
Schwestern, weder Gefahr ihrer eigenen Leiber, Seelen und Gewissen, ja weder
Verlust des Lebens noch des Himmels, oder sonst einzig ander Ding, wie das Namen
haben mag, verhindern liessen. Sondern sie weberten in ihren Werken immer emsig
fort, bis sie endlich nach und nach in Schlachten, Belägerungen, Stürmen,
Feldzügen und in den Quartieren selber (so doch der Soldaten irdische Paradeis
sind, sonderlich wann sie fette Bauern antreffen), umkamen, starben, verdarben
und krepierten, bis auf etliche wenige, die in ihrem Alter, wann sie nicht
wacker geschunden und gestohlen hatten, die allerbeste Bettler und Landstürzer
abgaben. Zunächst über diesen mühseligen Leuten sassen so alte Hühnerfänger, die
sich etliche Jahre mit höchster Gefahr auf den untersten Ästen beholfen,
durchgebissen und das Glück gehabt hatten, dem Tod bis dahin zu entlaufen. Diese
sahen ernstlich und etwas reputierlicher aus als die unterste, weil sie um einen
gradum hinaufgestiegen waren. Aber über ihnen befanden sich noch höhere, welche
auch höhere Einbildungen hatten, weil sie die unterste zu kommandieren: diese
nannte man Wammesklopfer, weil sie den Pikenierern mit ihren Prügeln und
Hellenpotzmarter den Rucken sowohl als den Kopf abzufegen und den Musketierern
Baumöl zu geben pflegten, ihr Gewehr damit zu schmieren. Über diesen hatte des
Baumes Stamm einen Absatz oder Unterscheid, welches ein glattes Stück war, ohn
Äste, mit wunderbarlichen Materialien und seltsamer Saifen des Missgunsts
geschmieret, also dass kein Kerl, er sei dann vom Adel, weder durch Mannheit,
Geschicklichkeit noch Wissenschaft hinaufsteigen konnte, Gott geb, wie er auch
klettern könnte: dann es war glätter poliert als eine marmorsteinerne Säule oder
stählerner Spiegel. Über demselben Ort sassen die mit den Fähnlein; deren waren
teils jung und teils bei ziemlichen Jahren; die Junge hatten ihre Vettern
hinaufgehoben, die Alte aber waren zum Teil von sich selbst hinaufgestiegen,
entweder auf einer silbernen Leiter, die man Schmiralia nennet, oder sonst auf
einem Steg, den ihnen das Glück aus Mangel anderer gelegt hatte. Besser oben
sassen noch höhere, die auch ihre Mühe, Sorge und Anfechtung hatten; sie genossen
aber diesen Vorteil, dass sie ihre Beutel mit demjenigen Speck am besten spicken
können, welchen sie mit einem Messer, das sie Kontribution nannten, aus der
Wurzel schnitten; am tunlichsten und geschicktesten fiel es ihnen, wann ein
Kommissarius daherkam und eine Wanne voll Geld über den Baum abschüttete,
solchen zu erquicken, dass sie das Beste von oben herab auffiengen und den
untersten soviel als nichts zukommen liessen. Dahero pflegten von den untersten
mehr Hungers zu sterben, als ihrer vom Feinde umkamen, welcher Gefahr
miteinander die höchste entübrigt zu sein schienen. Dahero war ein
unaufhörliches Gekrabbel und Aufklettern an diesem Baum, weil jeder gern an den
obristen glückseligen Orten sitzen wollte. Doch waren etliche faule liederliche
Schlingel, die das Kommissbrod zu fressen nicht wert waren, welche sich wenig um
eine Oberstelle bemüheten, und einen Weg als den andern tun mussten, was ihre
Schuldigkeit erfoderte. Die Unterste, was ehrgeizig war, hoffeten auf der Obern
Fall, damit sie an ihren Ort sitzen möchten, und wann es unter zehen Tausenden
einem geriet, dass er so weit gelangte, so geschahe solches erst in ihrem
verdriesslichen Alter, da sie besser hintern Ofen taugten, als im Feld vorm Feind
zu liegen und demselben die Spitze zu bieten; und wann schon einer wohl stund
und seine Sache rechtschaffen verrichtete, auch sich tapfer in allen Gefahren
verhielte, so ward er von andern geneidet oder sonst durch einen
unversehenlichen unglücklichen Dunst beides, der Scharge und des Lebens,
beraubt. Nirgends hielt es härter als an obgemeldtem glatten Ort; dann welcher
einen guten Feldwaibel oder Scherganten hatte, verlor ihn ungern, welches aber
geschehen musste, wann man einen Fähnrich aus ihm gemachet hätte. Man nahm dahero
anstatt der alten Soldaten viel lieber Plackscheisser, Kammerdiener, erwachsene
Pagen, arme Edelleute, irgends Vettern und sonst Schmarotzer und Hungerleider,
die denen, so etwas meritiert, das Brod vorm Maul abschnitten und Fähnrich
wurden.
 
                            Das siebzehnte Kapitel.
Simplex verstehet, der Adel allein
Im Krieg nicht pflegt beehret zu sein.
Dieses verdross einen Feldwaibel so sehr, dass er trefflich anfieng zu schmälen,
aber Adelhold sagte: »Weisst du nicht, dass man je und allwegen die Kriegsämter
mit adeligen Personen besetzt hat, als welche hierzu am tauglichsten sein? Graue
Bärte schlagen den Feind nicht, man könnte sonst eine Herde Böcke zu solchem
Geschäft dingen. Es heisst:
Ein junger Stier wird vorgestellt
Dem Haufen als erfahren;
Den er auch hübsch beisammen hält,
Trutz dem von vielen Jahren.
Der Hirt darf ihm vertrauen auch
Ohn Ansehn seiner Jugend,
Man judiziert nach bösem Brauch
Aus Altertum die Tugend.
    Sage mir, du alter Krachwadel, ob nicht edelgeborne Offizierer von der
Soldateska besser respektieret werden als diejenige, so zuvor gemeine Knechte
gewesen? und was ist von Kriegsdisziplin zu halten, wo kein rechter Respekt ist?
Darf nicht der Feldherr einem Kavalier mehr vertrauen, als einem Bauernbuben,
der seinem Vatter vom Pflug entlaufen und seinen eigenen Eltern kein gut tun
wollen? Ein rechtschaffener Edelmann, ehe er seinem Geschlecht durch Untreu,
Feldflucht oder sonst etwas dergleichen einen Schandflecken anhienge, eh würde
er ehrlich sterben. Zudem gebührt dem Adel der Vorzug in allwege, wie solches
leg. Honor. dig. de honor. zu sehen. Johannes de Platea will ausdrücklich, dass
man in Bestallung der Ämter dem Adel den Vorzug lassen und die Edelleute den
Plebejis schlecht soll vorziehen; ja solches ist in allen Rechten bräuchlich und
wird in Heiliger Schrift bestätiget, dann Beata terra, cujus Rex nobilis est,
saget Sirach, Kap. 10, welches ein herrlich Zeugnüs ist des Vorzugs, so dem Adel
gebühret. Und wann schon einer von euch ein guter Soldat ist, der Pulver riechen
und in allen Begebenheiten treffliche Anschläge geben kann, so ist er darum
nicht gleich tüchtig, andere zu kommandieren und vorsichtiglich sich zu
verhalten; dahingegen diese Tugend dem Adel angeboren oder von Jugend auf
angewöhnet wird. Seneca saget: Habet hoc proprium generosus animus, qoud
concitatur ad honesta, et neminem excelsi ingenii virum humilia delectant et
sordida, das ist: Ein heroisches Gemüt hat diese Eigenschaft an sich, dass es zur
Ehrerjagung aufgemuntert wird; so hat auch kein hoher Geist einiges Belieben an
geringen und nichtswürdigen Dingen. Welches auch Faustus Poeta in diesem
Disticho exprimieret hat:
Si the rusticitas vilem genuisset agrestis,
Nobilitas animi non foret ista tui.
Überdas hat der Adel mehr Mittel, ihren Untergehörigen mit Geld und den
schwachen Kompagnien mit Volk zu helfen, als ein Baur. So stünde es auch nach
dem gemeinen Sprichwort nicht sein, wenn man den Bauern über den Edelmann
setzte; auch würden die Bauern viel zu hoffärtig, wann man sie also strack zu
Herren machte, dann man saget:
Es ist kein Schwert, das schärfer schiert,
Als wann ein Baur zum Herren wird.
Hätten die Bauern durch langhergebrachte löbliche Gewohnheit die Kriegs- und
andere Ämter in Possession, wie der Adel, so würden sie gewisslich so bald keinen
Edelmann einkommen lassen; zudem, obschon euch Soldaten von Fortun (wie ihr
genennet werdet) man oft gern helfen wollte, dass ihr zu höhern Ehren erhaben
würdet, so seid ihr aber alsdann gemeiniglich schon so abgelebt, wann man euch
probieret hat und eines Bessern würdig schätzet, dass man Bedenken haben muss,
euch zu befördern; dann da ist die Hitze der Jugend verloschen, und gedenket ihr
nur schlechts dahin, wie ihr eueren kranken Leibern, die durch viel erstandene
Widerwärtigkeit ausgemergelt und zu Kriegsdiensten wenig mehr nutz seind,
gütlich tun und wohl Pflegen möget, Gott gebe, wer fechte und Ehre einlege;
hingegen aber ist ein junger Hund zum Jagen viel freudiger als ein alter Löw.«
    Der Feldwaibel antwortete: »Welcher Narr wollte dann dienen und sich in
augenscheinliche Todesgefahr begeben, wann er nicht hoffen darf, durch sein
Wohlverhalten befördert und also um seine getreue Dienste belohnet zu werden.
Der Teufel hole solchen Krieg! Auf diese Weise gilt es gleich, ob sich einer
wohl hält oder nicht, ob einer dem Feind frisch unter die Augen tritt oder das
Hasenpanier aufwirft. Ich habe von unserm alten Obristen vielmals gehöret, dass
er keinen Soldaten unter sein Regiment begehre, der ihm nicht festiglich
einbilde, durch Wohlverhalten ein General zu werden. So muss auch alle Welt
bekennen, dass diejenige Nationen, so gemeinen, aber doch rechtschaffenen
Soldaten fortelfen und ihre Tapferkeit bedenken, gemeiniglich viktorisieren,
welches man an den Persern und Türken wohl sieht. Es heisst:
Die Lampe leucht dir fein, doch musst du sie auch laben
Mit fett Olivensaft; die Flamm sonst bald verlischt:
Getreuer Dienst durch Lohn gemehrt wird und erfrischt;
Soldatentapferkeit will Unterhaltung haben.«
    Adelhold antwortete: »Wann man eines redlichen Manns rechtschaffene
Qualitäten sieht, so wird er freilich nicht übersehen, massen man heutigentags
viel findet, welche vom Pflug, von der Nadel, von dem Schusterleist und vom
Schäferstecken zum Schwert gegriffen, sich wohl gehalten und durch solche ihre
heroische Tapferkeit und rühmliche Unerschrockenheit weit über den gemeinen Adel
in Grafen und Freiherrenstand geschwungen. Wer war der Kaiserliche Johann von
Werd? Wer der Schwedische Stallhans? wer der Hessische kleine Jakob und St.
Andreas? Ihresgleichen sind noch viel bekannt, die ich Kürze halber nicht alle
nennen mag. Ist also gegenwärtiger Zeit nichts Neues, wird auch bei der
Posterität nicht abgehen, dass geringe, doch redliche Leute durch Krieg zu hohen
Ehren gelangen, welches auch bei den Alten geschehen. Tamerlanes ist ein
mächtiger König und schröckliche Forcht der ganzen Welt worden, der doch zuvor
nur ein Säuhirt war. Agatokles, König in Sizilien, ist eines Häfners Sohn
gewesen; Telephas, ein Wagner, ward König in Lydien; des Kaisers Valentiniani
Vatter war ein Seiler; Mauritius Cappadox, ein leibeigener Knecht, ward nach
Tiberio Kaiser; Johannes Zemisces kam aus der Schule zum Kaisertum. So bezeuget
Flavius Vopiscus, dass Bonosus Imperator eines armen Schulmeisters Sohn gewesen
sei; Hyperbolus, Chermidis Sohn, war erstlich ein Laternenmacher und nachgehends
Fürst zu Aten; Justinus, so vor Justiniano regierte, war vor seinem Kaisertum
ein Säuhirt; Hugo Capetus eines Metzgers Sohn, hernach König in Frankreich;
Pizarus gleichfalls ein Schweinhirt und hernach Markgraf in den westindischen
Ländern, welcher das Gold mit Zentnern auszuwägen hatte.«
    Der Feldwaibel antwortete: »Dies alles lautet zwar wohl auf meinen Schrot,
indessen sehe ich aber, dass uns die Türen, zu ein- und andrer Würde zu gelangen,
durch den Adel verschlossen gehalten werden. Man setzet den Adel, wann er nur
aus der Schale gekrochen, gleich an solche Örter, da wir uns nimmermehr keine
Gedanken hin machen dörfen, wanngleich wir mehr getan haben als mancher
Nobilist, den man jetzt für einen Obristen vorstellet. Und gleichwie unter den
Bauern manch edel Ingenium verdirbt, weil es aus Mangel der Mittel nicht zu den
Studiis angehalten wird, also veraltet mancher wackerer Soldat unter seiner
Musket, der billiger ein Regiment meritierte und dem Feldherrn grosse Dienst zu
leisten wüsste.«
                            Das achtzehnte Kapitel.
Simplex das erstemal in die Welt springt,
Welches ihm aber gar übel gelingt.
Ich mochte dem alten Esel nicht mehr zuhören, sondern gönnete ihm, was er
klagte, weil er oft die arme Soldaten prügelte wie die Hunde. Ich wandte mich
wieder gegen die Bäume, deren das ganze Land voll stund, und sah, wie sie sich
bewegten und zusammenstiessen; da prasselten die Kerl haufenweise herunter, Knall
und Fall war eins; augenblicklich frisch und tot; in einem hui verlor einer
einen Arm, der ander ein Bein, der dritte den Kopf gar. Als ich so zusah,
bedauchte mich, alle diejenige Bäume, die ich sah, wären nur ein Baum, auf
dessen Gipfel sasse der Kriegsgott Mars und bedeckte mit des Baums Ästen ganz
Europam. Wie ich davorhielt, so hätte dieser Baum die ganze Welt überschatten
können, weil er aber durch Neid und Hass, durch Argwohn und Missgunst, durch
Hoffart, Hochmut und Geiz und andere dergleichen schöne Tugenden, gleichwie von
scharfen Nordwinden angewehet ward, schien er gar dünn und durchsichtig, dahero
einer folgende Reimen an den Stamm geschrieben hat:
Die Steineich, durch den Wind getrieben und verletzet,
Ihr eigen Äst abbricht, sich ins Verderben setzet:
Durch innerliche Krieg und brüderlichen Streit
Wird alles umgekehrt, und folget lauter Leid.
    Von dem gewaltigen Gerassel dieser schädlichen Winde und Zerstümmlung des
Baums selber ward ich aus dem Schlaf erweckt und sah mich nur allein in
meiner Hütte. Dahero fieng ich wieder an zu gedenken und in meinem Hirnhäuselein
zu überschlagen, was ich doch immermehr anfangen sollte? Im Wald zu bleiben war
mir unmüglich, weil mir alles so gar hinweggenommen worden, dass ich mich nicht
mehr aufhalten konnte; nichts war mehr übrig als noch etliche Bücher, welche hin
und her zerstreut und durcheinander geworfen lagen. Als ich solche mit weinenden
Augen wieder auflase und zugleich Gott inniglich anrufte, er wollte mich doch
leiten und führen, wohin ich sollte, da fand ich ungefähr ein Brieflein, das
mein Einsiedel bei seinem Leben noch geschrieben hatte; das lautet also: »Lieber
Simplici, wann du dies Brieflein findest, so gehe alsbald aus dem Wald und
errette dich und den Pfarrer aus gegenwärtigen Nöten, dann er hat mir viel Gutes
getan. Gott, den du allweg vor Augen haben und fleissig beten sollest, wird dich
an ein Ort bringen, das dir am bequemsten ist. Allein habe denselbigen stets vor
Augen und befleissige dich, ihm jederzeit dergestalt zu dienen, als wann du noch
in meiner Gegenwart im Wald wärest. Bedenke und tue ohn Unterlass meine letzte
Reden, so wirst du bestehen mögen. Vale!«
    Ich küsste dies Brieflein und des Einsiedlers Grab zu viel tausend Malen und
machte mich ohn ferneres Aufhalten auf den Weg, Menschen zu suchen, bis ich
deren finden möchte; ging also zween Tage einen geraden Weg fort, und wo mich
die Nacht begriff, suchte ich einen hohlen Baum zu meiner Herberge; meine
Zehrung war nichts anders als Buchen, die ich unterwegs auflase. Den dritten Tag
aber kam ich ohnweit Gelnhausen auf ein ziemlich eben Feld; da genosse ich
gleichsam eines hochzeitlichen Mahls; dann es lag überall voller Garben auf dem
Feld, welche die Bauern, weil sie nach der namhaften Schlacht vor Nördlingen
verjagt worden, zu meinem Glück nicht einführen können. In deren einer machte
ich mein Nachtläger, weil es grausam kalt war, und sättigte mich mit
ausgeriebenen Waizen, welches mir die delikateste Speise war, weil ich
dergleichen lang nicht genossen.
 
                            Das neunzehnte Kapitel.
Simplex wird in dem Schloss Hanau gefangen,
Saget, wie er damals einhergegangen.
Da es tagete, fütterte ich mich wieder mit Waizen, begab mich zum nächsten auf
Gelnhausen und fand daselbst die Tore offen, welche zum Teil verbrannt und
jedoch noch halber mit Mist verschanzt waren. Ich ging hinein, konnte aber
keines lebendigen Menschen gewahr werden; hingegen lagen die Gassen hin und her
mit Toten überstreut, deren etliche aber bis aufs Hembd ausgezogen waren. Dieser
jämmerliche Anblick war mir ein erschröcklich Spektakul, massen ihm jedermann
selber wohl einbilden kann; meine Einfalt konnte nicht ersinnen, was vor ein
Unglück das Ort in einen solchen Stand gesetzt haben müsste. Ich erfuhre aber
unlängst hernach, dass die kaiserliche Völker etliche Weimarische daselbst
überrumpelt und also erbärmlich mit ihnen umbgangen. Kaum zween Steinwürfe weit
kam ich in die Stadt, als ich mich derselben schon satt gesehen hatte; derowegen
kehrete ich wieder um, ging durch die Aue neben hin und kam auf eine gänge
Landstrasse, die mich vor die herrliche Festung Hanau trug. Sobald ich deren
erste Wacht ersah, wollte ich durchgehen, aber mir kamen gleich zween
Musketierer auf den Leib, die mich anpackten und in ihre Corps de Garde führten.
    Ich muss dem Leser nur auch zuvor meinen damaligen visierlichen Aufzug
erzählen, eh dass ich ihm sage, wie mirs weiter ging; dann meine Kleidung und
Gebärden waren durchaus seltsam, verwunderlich und widerwärtig, so dass mich auch
der Gouverneur abmalen lassen. Erstlich waren meine Haare in drittalb Jahren
weder auf griechisch, teutsch noch französisch abgeschnitten, gekampelt, noch
gekräuselt oder gebüsst worden, sondern sie stunden in ihrer natürlichen
Verwirrung, noch mit mehr als jährigem Staub anstatt des Haarplunders, Puders
oder Pulvers (wie man das Narren- oder Närrinwerk nennet) durchstreut, so
zierlich auf meinem Kopf, dass ich darunter herfürsah mit meinem bleichgelben
Angesicht wie eine Schleiereule, die knappen will oder sonst auf eine Maus
spannet. Und weil ich allzeit barhäuptig zu gehen pflegte, meine Haare aber von
Natur kraus waren, hatte es das Ansehen, als wann ich einen türkischen Bund
aufgehabt hätte. Der übrige Habit stimmte mit der Hauptzier überein; dann ich
hatte meines Einsiedlers Rock an, wann ich denselben anders noch einen Rock
nennen darf, dieweil das erste Gewand, daraus er geschnitten worden, gänzlich
verschwunden, und nichts mehr davon übrig gewesen als die blosse Form, welche
mehr als tausend Stücklein allerhand färbiges zusammengesetztes oder durch
vielfältiges Flicken aneinandergenähetes Tuch noch vor Augen stellte. Über
diesem abgangenem und doch zu viel Malen verbessertem Rock trug ich das härin
Hembd, anstatt eines Schulterkleides (weil ich die Ärmel an Strümpfs Statt
brauchte und dieselbe zu solchem Ende herabgetrennet hatte); der ganze Leib aber
war mit eisernen Ketten, hinten und vorn fein kreuzweis, wie man St. Wilhelmum
zu malen pfleget, umgürtet, so dass es fast eine Gattung abgab, wie mit denen, so
vom Türken gefangen und vor ihre Freunde zu betteln im Land umziehen. Meine
Schuhe waren aus Holz geschnitten und die Schuhbändel aus Rinden von
Lindenbäumen gewebet; die Füsse selbst aber sahen so krebsrot aus, als wann ich
ein Paar Strümpfe von spanisch Leibfarbe angehabt oder sonst die Haut mit
Fernambuk gefärbet hätt. Ich glaube, wann mich damals ein Gaukler, Marktschreier
oder Landfahrer gehabt und vor einen Samojeden oder Grünländer dargeben, dass er
manchen Narren angetroffen, der einen Kreuzer an mir versehen hätte. Obzwar nun
ein jeder Verständiger aus meinem magern und ausgehungerten Anblick und
hinlässiger Aufziehung unschwer schliessen können, dass ich aus keiner Garkuchen
oder aus dem Frauenzimmer, weniger von irgendeines grossen Herrn Hofhaltung
entlaufen, so ward ich jedoch unter der Wacht streng examinieret, und gleichwie
sich die Soldaten an mir vergafften, also betrachtete ich hingegen ihres
Offizierers tollen Aufzug, dem ich Red und Antwort geben musste. Ich wusste nicht,
ob er sie oder er wäre; dann er trug Haare und Bart auf französisch, zu beiden
Seiten hatte er lange Zöpfe herunterhangen wie Pferdsschwänze, und sein Bart war
so elend zugerichtet und verstümpelt, dass zwischen Maul und Nase nur noch
etliche wenige Haare so kurz davonkommen, dass man sie kaum sehen konnte. Nicht
weniger satzten mich seine weite Hosen seines Geschlechts halber in nicht
geringen Zweifel, als welche mir vielmehr einen Weiberrock als ein paar
Mannshosen vorstellten. Ich gedachte bei mir selbst: ist dieser ein Mann, so
sollte er auch einen rechtschaffenen Bart haben, weil der Geck nicht mehr so
jung ist, wie er sich stellet. Ist es aber ein Weib, warum hat die alte Hure
dann so viel Stoppeln ums Maul? Gewisslich ist es ein Weib, gedachte ich, dann
ein ehrlicher Mann wird seinen Bart wohl nimmermehr so jämmerlich verketzern und
verstümmeln lassen; massen die Böcke aus grosser Schamhaftigkeit keinen Tritt
unter frembde Herden gehen, wann man ihnen die Bärte stutzte. Und demnach ich
also im Zweifel stund und nicht wusste, was die jetzige Mode war, hielt ich ihn
endlich vor Mann und Weib zugleich.
    Dieses männische Weib oder dieser weibische Mann, wie er mir vorkam, liess
mich überall besuchen, fand aber nichts bei mir als ein Büchlein von
Birkenrinden, darin ich meine tägliche Gebet geschrieben und auch dasjenige
Zettelein liegen hatte, das mir mein frommer Einsiedel, wie in vorigem Kapitel
gemeldet worden, zum Valete hinterlassen. Solches nahm er mir; weil ichs aber
ungern verlieren wollte, fiel ich vor ihm nieder, fasste ihn um beide Kniee und
sagte: »Ach mein lieber Hermaphrodit, lasst mir doch mein Gebetbüchlein!« - »Du
Narr,« antwortete er, »wer Teufel hat dir gesagt, dass ich Hermann heisse?« Befahl
darauf zweien Soldaten, mich zum Gubernator zu führen, welchen er besagtes Buch
mitgab, weil der Phantast ohndas, wie ich gleich merkte, selbst weder lesen noch
schreiben konnte.
    Also führete man mich in die Stadt, und jedermann lief zu, nicht anders, als
wann ein Meerwunder auf die Schau geführet würde; und gleichwie mich jedweder
sehen und meine wunderliche Gestalt genauer betrachten wollte, also machte auch
jeder etwas Besonders aus mir. Etliche hielten mich vor einen Spionen, andere
vor einen Unsinnigen, andere vor einen wilden Menschen, und aber andere vor
einen Geist, Gespenst oder sonst vor ein Wunder, welches etwas Besonders
bedeuten würde. Auch waren etliche, die hielten mich vor einen Narren, welche
wohl am nächsten zum Zweck geschossen haben möchten, wann ich den lieben Gott
nicht gekannt hätte.
 
                            Das zwanzigste Kapitel.
Simplex wird in das Gefängnus geführet,
Mitten in Ängsten noch Linderung spüret.
Als ich vor den Gubernator gebracht ward, fragte er mich, wo ich herkäme. Ich
aber antwortete, ich wüsste es nicht. Er fragte weiter: »Wo willst du dann hin?«
Ich antwortete abermal: »Ich weiss nicht!« - »Was Teufel weisst du dann?« fragte
er ferner; »was ist dann deine Hantierung?« Ich antwortete noch wie vor, ich
wüsste es nicht. Er fragte: »Wo bist du zu Haus?«, und als ich wiederum
antwortete, ich wüsste es nicht, veränderte er sich im Gesicht, nicht weiss ich,
obs aus Zorn oder Verwunderung geschahe. Dieweil aber jedermann das Böse zu
argwähnen pfleget, zumalen der Feind in der Nähe war, als welcher allererst, wie
gemeldet, die vorige Nacht Gelnhausen eingenommen und ein Regiment Dragoner
darin zuschanden gemachet hatte, fiel er denen bei, die mich vor einen Verräter
oder Kundschafter hielten, befahl darauf, man sollte mich besuchen. Als er aber
von den Soldaten von der Wacht, so mich zu ihm geführet hatten, vernahme, dass
solches schon beschehen und anders nichts bei mir wäre gefunden worden als
gegenwärtiges Büchlein, welches sie ihm zugleich überreichten, las er ein paar
Zeilen darnach und fragte mich, wer mir das Büchlein geben hätte. Ich
antwortete, es wäre von Anfang mein eigen gewesen; dann ich hätte es selbst
gemacht und überschrieben. Er fragte, warum eben auf birkene Rinden. Ich
antwortete, weil sich die Rinden von andern Bäumen nicht darzu schicken. »Du
Flegel,« sagte er, »ich frage, warumb du nicht auf Papier geschrieben hast.« -
»Ei!« antwortete ich, »wir haben keins mehr im Wald gehabt.« Der Gubernator
fragte: »Wo, in welchem Wald?« Ich antwortete wieder auf meinen alten Schrot,
ich wüsste es nicht.
    Da wandte sich der Gubernator zu etlichen von seinen Offizierern, die ihm
eben aufwarteten, und sagte: »Entweder ist dieser ein Erzschelm oder gar ein
Narr. Zwar kann er kein Narr sein, weil er so schreibt.« Und indem, als er so
redet, blättert er in meinem Büchlein so stark herum, ihnen meine schöne
Handschrift zu weisen, dass des Einsiedlers Brieflein herausfallen musste. Solches
liess er aufheben; ich aber entfärbte mich darüber, weil ich solches vor meinen
höchsten Schatz und Heiligtum hielt, welches der Gubernator wohl in acht nahm
und daher noch einen grössern Argwohn der Verräterei schöpfte, vornehmlich als er
das Brieflein aufgemacht und gelesen hatte; dann er sagte: »Ich kenne einmal
diese Hand und weiss, dass sie von einem mir wohlbekannten Kriegsoffizier ist
geschrieben worden; ich kann mich aber nicht erinnern, von welchem.« So kam ihm
auch der Inhalt selbst gar seltsam und unverständlich vor, dann er sagte: »Dies
ist ohn Zweifel eine abgeredte Sprache, die sonst niemand verstehet als
derjenige, mit dem sie abgeredet worden.« Mich aber fragte er, wie ich hiesse,
und als ich antwortete: »Simplicius,« sagte er: »Ja, ja, du bist eben des
rechten Krauts! Fort, fort, dass man ihn alsobald an Hand und Fuss in Eisen
schliesse, damit man etwas anders aus dem Gesellen bringen möge.« Also wanderten
beide obgemeldte Soldaten mit mir nach meiner bestimmten neuen Herberge, nämlich
dem Stockhaus, zu und überantworteten mich dem Gewaltiger, welcher mich seinem
Befehl gemäss mit eisernen Banden und Ketten an Handen und Füssen noch ein mehrers
zierte, gleichsam als hätte ich nicht genug an deren zu tragen gehabt, die ich
bereits umb den Leib herumbgebunden hatte.
    Dieser Anfang, mich zu bewillkommen, war der Welt noch nicht genug, sondern
es kamen Henker und Steckenknechte mit grausamen Folterungsinstrumenten, welche
mir, unangesehen ich mich meiner Unschuld zu getrösten hatte, meinen elenden
Zustand allererst grausam machten. »Ach Gott!« sagte ich zu mir selber, »wie
geschiehet mir so recht! Simplicius ist darum aus dem Dienst Gottes in die Welt
gelaufen, damit eine solche Missgeburt des Christentums den billigen Lohn
empfahe, den ich mit meiner Leichtfertigkeit verdienet habe. O du unglückseliger
Simplici! wohin bringt dich deine Undankbarkeit? Siehe, Gott hatte dich kaum zu
seiner Erkenntnüs und in seine Dienste gebracht, so laufst du hingegen aus
seinen Diensten und kehrest ihm den Rücken! Hättest du nicht mehr Eicheln und
Bohnen essen können wie zuvor, deinem Schöpfer unverhindert zu dienen? Hast du
nicht gewusst, dass dein getreuer Einsiedel und Lehrmeister die Welt geflohen und
ihm die Wildnüs auserwählet? O blindes Bloch! du hast dieselbe verlassen, in
Hoffnung, deinen schändlichen Begierden, die Welt zu sehen, genugzutun. Aber nun
schaue, indem du vermeinest, deine Augen zu weiden, musst du in diesem
gefährlichen Irrgarten untergehen und verderben. Hast du, unweiser Tropf, dir
nicht zuvor können einbilden, dass dein seliger Vorgänger der Welt Freude um sein
hartes Leben, das er in der Einöde geführet, nicht würde vertauschet haben, wann
er in der Welt den wahren Frieden, eine rechte Ruhe und die ewige Seligkeit zu
erlangen getrauet hätte? Du armer Simplici, jetzt fahre hin und empfahe den Lohn
deiner gehabten eitelen Gedanken und vermessenen Torheit! Du hast dich keines
Unrechten zu beklagen, auch keiner Unschuld zu getrösten, weil du selber deiner
Marter und darauf folgendem Tod bist entgegengeeilet und dir also bevorstehendes
Unglück selber hast über den Hals gebracht!« Also klagte ich mich selbst an,
bat Gott umb Vergebung und befahl ihm meine Seele. Indessen näherten wir dem
Diebsturn, und als die Not am grössten, da war die Hülfe Gottes am nähesten. Dann
als ich mit den Schergen umgeben war und samt einer grossen Menge Volks vorm
Gefängnüs stund, zu warten, bis es aufgemachet und ich hineingetan würde, wollte
mein Pfarrherr, dem neulich sein Dorf geplündert und verbrannt worden, auch
sehen, was da vorhanden wäre (dann er lag zunächst dabei auch im Arrest). Als
dieser zum Fenster aussah und mich erblickte, rufte er überlaut: »O Simplici!
bist du es?« Als ich ihn hörete und sah, konnte ich nichts anders, als dass ich
beide Hände gegen ihm aufhub und schrie: »O Vatter! O Vatter! O Vatter!« Er aber
fragte, was ich getan hätte? Ich antwortete, ich wüsste es nicht; man hätte
gewisslich mich darum daher geführet, weil ich aus dem Wald entlaufen wäre. Als
er aber vom Umstand vernahm, dass man mich vor einen Verräter hielte, bat er, man
wollte mit mir inhalten, bis er meine Beschaffenheit dem Herrn Gouverneur
berichtet hätte, dann solches beides zu meiner und seiner Erledigung taugen und
verhüten würde, dass sich der Herr Gouverneur an uns beiden nicht vergreife,
sintemal er mich besser kenne als sonst kein Mensch.
 
                         Das einundzwanzigste Kapitel.
Simplex bekommt durch Gottes Geschick
Von dem Glück einen sehr freundlichen Blick.
Ihm ward erlaubt, zum Gubernator zu gehen; und über eine halbe Stunde hernach
ward ich auch geholt und in die Gesindstube gesetzet, allwo sich schon zween
Schneider, ein Schuster mit Schuhen, ein Kaufmann mit Hüten und Strümpfen und
ein anderer mit allerhand Gewand eingestellt, damit ich ehist gekleidet würde.
Da zog man mir meinen allentalben zerlumpten und von vielfärbigen Flecken
zusammgespickten Rock ab samt der Ketten und dem härinen Hemd, auf dass die
Schneider das Mass recht nehmen könnten. Folgends erschiene ein Feldscherer mit
scharfer Lauge und wohlriechender Seife; und eben als dieser seine Kunst an mir
üben wollte, kam ein ander Befelch, welcher mich greulich erschreckte, weil er
lautete, ich sollte meinen Habit stracks wieder anziehen. Solches war nicht so
bös gemeint, wie ich wohl besorgte; dann es kam gleich ein Maler mit seinem
Werkzeug daher, nämlich mit Minien und Zinnober zu meinen Auglidern, mit Lack,
Endig und Lasur zu meinen korallenroten Lippen, mit Auripigmentum, Rauschschütt
und Bleigelb zu meinen weissen Zähnen, die ich vor Hunger bleckte, mit Kühnruss,
Kohlschwärz und Umbra zu meinen gelben Haaren, mit Bleiweiss zu meinen grässlichen
Augen, und mit sonst vielerlei Farben zu meinem wetterfarbigen Rock; auch hatte
er eine ganze Hand voll Pensel. Dieser fieng an, mich zu beschauen, abzureissen,
zu untermalen, den Kopf über eine Seite zu hängen, um seine Arbeit gegen meiner
Gestalt genau zu betrachten. Bald änderte er die Augen, bald die Haare,
geschwind die Nasenlöcher, und in Summa alles, was er im Anfang nicht recht
gemachet, bis er endlich ein natürliches Muster entworfen hatte, wie Simplicius
eins war, dass ich mich über meine eigne grässliche Gestalt heftig entsetzte.
Alsdann dorfte allererst der Feldscherer auch über mich herwischen: derselbe
zwagte mir den Kopf und richtete wohl andertalbe Stunde an meinen Haaren;
folgends schnitt er sie ab auf die damalige Mode, dann ich hatte Haar übrig.
Nachgehends satzte er mich in ein Badstüblein und säuberte meinen magern
ausgehungerten Leib von mehr als drei- oder vierjährigen Unlust. Kaum war er
fertig, da brachte man mir ein weisses Hemd, Schuhe und Strümpfe samt einem
Überschlag oder Kragen, auch Hut und Feder; so waren die Hosen auch schön
ausgemacht, und überall mit Galaunen verbrämt, allein manglets noch am Wams,
daran die Schneider zwar auf die Eil arbeiteten. Der Koch stellete sich mit
einem kräftigen Süpplein ein und die Kellerin mit einem Trunk. Da sass mein Herr
Simplicius wie ein junger Graf, zum besten akkommodiert. Ich zehrte tapfer zu,
unangesehen ich nicht wusste, was man mit mir machen wollte; dann ich wusste noch
von keinem Henkermahl nichts. Dahero tät mir die Erkostung dieses herrlichen
Anfangs so trefflich kirr und sanft, dass ichs keinem Menschen genugsam sagen,
rühmen und aussprechen kann. Ja, ich glaube schwerlich, dass ich mein Lebtag
einzigesmal eine grössere Wollust empfunden als eben damals. Als nun das Wams
fertig war, zog ichs auch an und stellete in diesem neuen Kleid ein solch
ungeschickte Postur vor Augen, dass es sah wie ein Trophäum, oder als wann man
einen Zaunstecken gezieret hätte, weil mir die Schneider die Kleider mit Fleiss
zu weit machen mussten, um der Hoffnung willen, die man hatte, ich würde in
kurzer Zeit zulegen, in welcher gefassten Hoffnung sie auch nicht betrogen
wurden, sintemal ich bei so guter Schnabelweit und Maulfutter augenscheinlich
zunahme. Mein Waldkleid samt der Ketten und aller Zugehör ward hingegen in die
Kunstkammer zu andern raren Sachen und Antiquitäten getan und mein Bildnüs in
Lebensgrösse darneben gestellet.
    Nach dem Nachtessen ward mein Herr (der war ich) in ein Bette geleget,
dergleichen mir niemals weder bei meinem Knän noch Einsiedel zuteil worden; aber
mein Bauch kurrete und murrete die ganze Nacht hindurch dass ich nicht schlafen
konnte, vielleicht keiner andern Ursach halber, als weil er entweder noch nicht
wusste, was gut war, oder weil er sich über die anmütige neue Speisen, die ihm
zuteil worden, verwunderte. Ich blieb aber einen Weg als den andern liegen, bis
die liebe Sonne wieder leuchtete (dann es war kalt), und betrachtete, was vor
seltsame Anstände ich nun etliche Tage gehabt, und wie mir der liebe Gott so
treulich durchgeholfen und mich an ein so gutes Ort geführet hätte.
 
                         Das zweiundzwanzigste Kapitel.
Simplex hört, wer sein Einsiedler gewesen,
Der ihn gelernet hat schreiben und lesen.
Denselben Morgen befahl mir des Gouverneurs Hofmeister, ich sollte zu
obgemeldtem Pfarrer gehen und vernehmen, was sein Herr meinetwegen mit ihm
geredet hätte. Er gab mir einen Leibschützen mit, der mich zu ihm brachte; der
Pfarrer aber führet mich in sein Museum, satzte sich, hiess mich auch sitzen und
sagte: »Lieber Simplici, der Einsiedel, bei dem du dich im Wald aufgehalten, ist
nicht allein des hiesigen Gouverneurs Schwager, sondern auch im Krieg sein
Beförderer und wertester Freund gewesen. Wie dem Gubernator mir zu erzählen
beliebet, so ist demselben von Jugend auf weder an Tapferkeit eines heroischen
Soldaten, noch an Gottseligkeit und Andacht, die sonst einem Religioso
zuständig, niemal nichts abgangen, welche beide Tugenden man zwar selten
beieinander zu finden pflegt. Sein geistlicher Sinn und widerwärtige Begegnüssen
hemmeten endlich den Lauf seiner weltlichen Glückseligkeit, so dass er seinen
Adel und ansehenliche Güter in Schotten, da er gebürtig, verschmähete und
hindansetzete, weil ihm alle Weltändel abgeschmackt, eitel und verwerflich
vorkamen. Er verhoffte mit einem Wort, seine gegenwärtige Hoheit um eine
künftige bessere Glori zu verwechseln, weil sein hoher Geist einen Ekel an allem
zeitlichen Pracht hatte, und sein Dichten und Trachten war nur nach einem
solchen erbärmlichen Leben gerichtet, darin du ihn im Wald angetroffen und bis
in seinen Tod Gesellschaft geleistet hast. Meines Erachtens ist er durch Lesung
vieler papistischen Bücher von dem Leben der alten Eremiten (oder auch durch das
widrige und ungünstige Glück) hierzu verleitet worden.
    Ich will dir aber auch nicht verhalten, wie er in den Spessert und seinem
Wunsch nach zu solchem armseligen Einsiedlerleben kommen sei, damit du
inskünftige auch andern Leuten etwas davon zu erzählen weisst. Die zweite Nacht
hernach, als die blutige Schlacht vor Höchst verloren worden, kam er einzig und
allein vor meinen Pfarrhof, als ich eben mit meinem Weib und Kindern gegen dem
Morgen entschlafen war, weil wir wegen des Lärmens im Land, den beides, die
Flüchtige und Nachjagende, in dergleichen Fällen zu erregen pflegen, die vorige
ganze und auch selbige halbe Nacht durch und durch gewachet hatten. Er klopfte
erstlich sittig an und folgends ungestüm genug, bis er mich und mein
schlaftrunken Gesind erweckte; und nachdem ich auf sein Anhalten und wenig
Wortwechseln, welches beiderseits gar bescheiden fiel, die Türe geöffnet, sah
ich den Kavalier von seinem mutigen Pferd steigen; sein kostbarlich Kleid war
ebensosehr mit seiner Feinde Blut besprengt, als mit Gold und Silber verbrämt,
und weil er seinen blossen Degen noch in der Faust hielt, so kam mich Forcht und
Schrecken an. Nachdem er ihn aber einsteckte und nichts als lauter Höflichkeit
vorbrachte, hatte ich Ursache, mich zu verwundern, dass ein so wacker Herr einen
schlechten Dorfpfarrer so freundlich um Herberge anredete. Ich sprach ihn seiner
schönen Person und seines herrlichen Ansehens halber vor den Mansfelder selbst
an. Er aber sagte, er sei demselben vor diesmal nur in der Unglückseligkeit
nicht allein zu vergleichen, sondern auch vorzuziehen. Drei Dinge beklagte er,
nämlich: 1. seine verlorne hochschwangre Gemahlin, 2. die verlorne Schlacht und
3. dass er nicht gleich andern redlichen Soldaten in derselben vor das Evangelium
sein Leben zu lassen das Glück gehabt hätte. Ich wollte ihn trösten, sah aber
bald, dass seine Grossmütigkeit keines Trostes bedorfte; demnach teilte ich mit,
was das Haus vermochte, und liess ihm ein Soldatenbett von frischem Stroh machen,
weil er in kein anders liegen wollte, wiewohl er der Ruhe sehr bedürftig war.
Das erste, das er den folgenden Morgen tät, war, dass er mir sein Pferd schenkte
und sein Geld (so er an Gold in keiner kleinen Zahl bei sich hatte) samt etlich
köstlichen Ringen unter meine Frau, Kinder und Gesinde austeilete. Ich wusste
nicht, wie ich mit ihm dran war, und konnte so geschwind nicht in ihn mich
richten, weil die Soldaten viel eher zu nehmen als zu geben pflegen; trug
derowegen Bedenkens, so grosse Verehrungen anzunehmen, und wandte vor, dass ich
solches um ihn nicht meritieret noch hinwiederum zu verdienen wisse; zudem,
sagte ich, wann man solchen Reichtum, und sonderlich das köstliche Pferd,
welches sich nicht verbergen liesse, bei mir und den Meinigen sehe, so würde
männiglich schliessen, ich hätte ihn berauben oder gar ermorden helfen. Er aber
sagte, ich sollte diesfalls ohn Sorg leben, er wollte mich vor solcher Gefahr
mit seiner eigenen Handschrift versichern; ja er begehre sogar, sein Hemd,
geschweige seine Kleider, aus meinem Pfarrhof nicht zu tragen. Und mit dem
öffnete er mir seinen Vorsatz, ein Einsiedel zu werden. Ich wehrete mit Händen
und Füssen, was ich konnte, weil mich bedünkte, dass solch Vorhaben zumal nach dem
Papsttum schmecke, mit Erinnerung, dass er dem Evangelio mehr mit seinem Degen
würde dienen können. Aber vergeblich; dann er machte so lang und viel mit mir,
bis ich alles eingieng und ihn mit denjenigen Büchern, Bildern und Hausrat
mondierte, die du bei ihm gefunden, wiewohl er nur der wüllinen Decke, darunter
er dieselbige Nacht auf dem Stroh geschlafen, vor all dasjenige begehrte, das er
mir verehret hatte; daraus liess er ihm einen Rock machen. So musste ich auch
meine Wagenketten, die er stetig getragen, mit ihm um eine göldene, daran er
seiner Liebsten Contrafait trug, vertauschen, also dass er weder Geld noch Geldes
Wert behielt. Mein Knecht führte ihn an das einödiste Ort des Walds und half ihm
daselbst seine Hütte aufrichten. Wasgestalt er nun sein Leben daselbst
zugebracht und womit ich ihm zuzeiten an die Hand gangen und ausgeholfen, weisst
du so wohl, ja zum Teil besser als ich.
    Nachdem nun neulich die Schlacht vor Nördlingen verloren und ich, wie du
weisst, rein ausgeplündert und zugleich übel beschädiget worden, habe ich mich
hieher in Sicherheit geflehnet, weil ich ohn das schon meine beste Sachen hier
hatte. Und als mir die bare Geldmittel aufgehen wollten, nahm ich drei Ringe und
obgemeldte goldene Kette mitsamt dem anhangenden Conterfait, so ich von deinem
Einsiedel hatte, massen sein Petschierring auch darunter war, und trugs zu einem
Juden, solches zu versilbern; der hat es aber der Köstlichkeit und schönen
Arbeit wegen dem Gubernator käuflich angetragen, welcher das Wappen und
Conterfait stracks gekannt, nach mir geschickt und gefragt, woher ich solche
Kleinodien bekommen? Ich sagte ihm die Wahrheit, wiese des Einsiedlers
Handschrift oder Übergabsbrief auf und erzählete allen Verlauf, auch wie er im
Wald gelebet und gestorben. Er wollte solches aber nicht glauben, sondern
kündete mir den Arrest an, bis er die Wahrheit besser erführe; und indem er im
Werk begriffen war, eine Partei auszuschicken, den Augenschein seiner Wohnung
einzunehmen und dich hieher holen zu lassen, so sehe ich dich in Turn führen.
Weil dann der Gubernator nunmehr an meinem Vorgeben nicht zu zweiflen Ursache
hat, indem ich mich auf den Ort, da der Einsiedel gewohnet, item auf dich und
andere lebendige Zeugen mehr, insonderheit aber auf meinen Mesner berufen, der
dich und ihn oft vor Tags in die Kirche gelassen, zumalen auch das Brieflein, so
er in deinem Gebetbüchlein gefunden, nicht allein der Wahrheit, sondern auch des
seligen Einsiedlers Heiligkeit ein treffliches Zeugnüs gibet; als will er dir
und mir wegen seines Schwagers sel., soviel ihme möglich, Gutes tun und uns
reichlich versorgen. Du darfst dich jetzt nur resolvieren, was du willt, dass er
dir tun soll. Willt du studieren, so will er die Unkosten darzu geben; hast du
Lust, ein Handwerk zu lernen, so will er dich eins lernen lassen; willt du aber
bei ihm verbleiben, so will er dich wie sein eigen Kind halten, dann er sagte,
wann auch ein Hund von seinem Schwager sel. zu ihm käme, so wolle er ihn
aufnehmen.« Ich antwortete, es gelte mir gleich; was der Herr Gubernator mit mir
mache, das sei mir angenehm und könne mir nicht anders als beliebig fallen.
 
                         Das dreiundzwanzigste Kapitel.
Simplex wird zu einem Page erkoren,
Seines Einsiedlers Frau wurde verloren.
Der Pfarrer zögerte mich auf in seinem Losament bis 10 Uhr, eh er mit mir zum
Gouverneur ging, ihm meinen Entschluss zu sagen, damit er bei demselben, weil er
eine freie Tafel hielt, zu Mittags Gast sein könne; dann es war damals Hanau
blockiert und eine solche klemme Zeit bei dem gemeinen Mann, bevorab den
geflehnten Leuten in selbiger Festung, dass auch etliche, die sich etwas
einbildeten, die angefrorne Rübschälen auf der Gassen, so die Reiche etwan
hinwarfen, aufzuheben nicht verschmäheten. Es glückte ihm auch so wohl, dass er
neben dem Gouverneur selbst über der Tafel zu sitzen kam, ich aber wartete auf
mit einem Teller in der Hand, wie mich der Hofmeister anwiese, in welches ich
mich zu schicken wusste, wie ein Esel ins Schachspiel und ein Schwein zur
Maultrommel. Aber der Pfarrer ersatzte allein mit seiner Zunge, was die
Ungeschicklichkeit meines Leibs nicht vermochte. Er sagte, dass ich, in der
Wildnüs erzogen, niemals bei Leuten gewesen und dahero wohl vor entschuldigt zu
halten, weil ich noch nicht wissen könnte, wie ich mich halten sollte; meine
Treue, die ich dem Einsiedel erwiesen, und das harte Leben, so ich bei demselben
überstanden, wären verwundernswürdig und allein wert, nicht allein meine
Ungeschicklichkeit zu gedulden, sondern auch mich dem feinsten Edelknaben
vorzuziehen. Weiters erzählete er, dass der Einsiedel alle seine Freude und
Ergötzlichkeit, auch höchstes Belieben an mir gehabt, weil ich, wie er öfters
gesagt, seiner Liebsten von Angesicht so ähnlich sei, und dass er sich oft über
meine Beständigkeit und unveränderlichen Willen, bei ihm zu bleiben, und sonst
noch über viel Tugenden, die er an mir gerühmt, verwundert hätte. In Summa, er
konnte nicht gnugsam aussprechen, wie mit ernstlicher Inbrünstigkeit er kurz vor
seinem Tod mich ihm, Pfarrern, rekommendieret und bekannt hätte, dass er mich so
sehr als sein eigen Kind liebe.
    Dieses kützelte mich dermassen in Ohren, dass mich bedünkte, ich hätte schon
Ergötzlichkeit genug vor alles dasjenige empfangen, das ich je bei dem Einsiedel
ausgestanden. Der Gouverneur fragte, ob sein sel. Schwager nicht gewusst hätte,
dass er derzeit in Hanau kommandiere? »Freilich,« antwortete der Pfarrer, »ich
hab es ihm selbst gesagt. Er hat es aber (zwar mit einem fröhlichen Gesicht und
kleinem Lächlen) so kaltsinnig angehört, als ob er niemals keinen Ramsay gekannt
hätte, also dass ich mich noch, wann ich der Sache nachdenke, über dieses Manns
Beständigkeit und festen Vorsatz verwundern muss, wie er nämlich über sein Herz
bringen können, nicht allein der Welt abzusagen, sondern auch seinen besten
Freund, den er doch in der Nähe hatte, so gar aus dem Sinn zu schlagen.« Dem
Gouverneur, der sonst kein weichherzig Weibergemüt hatte, sondern ein tapferer
heroischer Soldat war, stunden die Augen voll Wasser. Er sagte: »Hätte ich
gewusst, dass er noch im Leben, und wo er anzutreffen gewest wäre, so wollt ich
ihn auch wider seinen Willen haben zu mir holen lassen, damit ich ihm seine
Guttaten hätte erwidern können; weil mirs aber das Glück missgönnet, als will ich
anstatt seines seinen Simplicium versorgen und mich ihme auch nach dem Tod auf
solche Weise dankbar erzeigen. Ach!« sagte er weiters, »der redliche Kavalier
hat wohl Ursache gehabt, seine schwangere Gemahlin zu beklagen; dann sie ist von
einer Partei kaiserl. Reuter im Nachhauen, und zwar auch im Spessert, gefangen
worden. Als ich solches erfahren und nichts anders gewusst, als mein Schwager sei
bei Höchst tot geblieben, habe ich gleich einen Trompeter zum Gegenteil
geschickt, meiner Schwester nachzufragen und dieselbe zu ranzionieren, habe aber
nichts anders damit ausgerichtet, als dass ich erfahren, gemeldte Partei Reuter
sei im Spessert von etlichen Bauern zertrennt und in solchem Gefecht meine
Schwester von ihnen wieder verloren worden, also dass ich noch bis auf diese
Stunde nicht weiss, wohin sie kommen.«
    Dieses und dergleichen war des Gouverneurs und Pfarrers Tischgespräch von
meinem Einsiedel und seiner Liebsten, welches Paar Ehevolk um soviel desto mehr
bedauret wurde, weil sie einander nur ein Jahr gehabt hatten. Aber ich ward also
des Gubernators Page und ein solcher Kerl, den die Leute, sonderlich die Bauern,
wann ich sie bei meinem Herrn anmelden sollte, bereits Herr Jung nannten,
wiewohl man selten einen Jungen sieht, der ein Herr gewesen, aber wohl Herren,
die zuvor Jungen waren.
 
                         Das vierundzwanzigste Kapitel.
Simplex durchziehet und tadelt die Leut,
Sieht viel Abgötterei zu seiner Zeit.
Damals war bei mir nichts Schätzbarliches als ein reines Gewissen und aufrichtig
frommes Gemüt zu finden, welches mit der edlen Unschuld und Einfalt begleitet
und umgeben war. Ich wusste von den Lastern nichts anders, als dass ich sie etwan
hören nennen oder davon gelesen hatte, und wann ich deren eins würklich begehen
sah, war mirs eine erschröckliche und seltene Sache, weil ich erzogen und
gewehnet worden, die Gegenwart Gottes allezeit vor Augen zu haben und aufs
ernstlichste nach seinem heiligen Willen zu leben; und weil ich denselben wusste,
pflegte ich der Menschen Tun und Wesen gegen demselben abzuwägen. In solcher
Übung bedünkte mich, ich sähe nichts als eitel Greuel. Herrgott! wie verwunderte
ich mich anfänglich, wann ich das Gesetz und Evangelium samt den getreuen
Warnungen Christi betrachtete und hingegen derjenigen Werke ansah, die sich vor
seine Jünger und Nachfolger ausgaben! Ach leider! Anstatt der aufrichtigen
Meinung, die ein jedweder rechtschaffener Christ haben soll, fand ich eitel
Heuchelei und sonst so unzählbare Torheiten bei allen fleischlich gesinneten
Weltmenschen, dass ich auch zweifelte, ob ich Christen vor mir hätte oder nicht?
Dann ich konnte leichtlich merken, dass männiglich den ernstlichen Willen Gottes
wüsste; ich merkte aber hingegen keinen Ernst, denselben zu vollbringen.
    Also hatte ich wohl tausenderlei Grillen und seltsame Gedanken in meinem
Gemüt und geriet in schwere Anfechtung wegen des Befelchs Christi, da er
spricht: »Richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet!« Nichtsdestoweniger
kamen mir die Worte Pauli zu Gedächtnüs, die er zun Gal. am 5. Kap. schreibet:
»Offenbar sind alle Werke des Fleisches, als da sind Ehebruch, Hurerei,
Unreinigkeit, Unzucht, Abgötterei, Zauberei, Feindschaft, Hader, Neid, Zorn,
Zank, Zweitracht, Rotten, Hass, Mord, Saufen, Fressen und dergleichen, von
welchen ich euch habe zuvor gesagt, und sage es noch wie zuvor, dass, die solches
tun, werden das Reich Gottes nicht ererben!« Da gedachte ich: »Das tut ja fast
jedermann offentlich, warum sollte dann ich nicht auch auf des Apostels Wort
offenherzig schliessen dörfen, dass auch nicht jedermann selig werde?«
    Nächst der Hoffart und dem Geiz samt deren ehrbaren Anhängen waren Fressen
und Saufen, Huren und Buben bei den Vermüglichen eine tägliche Übung; was mir
aber am allererschröcklichsten vorkam, war dieser Greuel, dass etliche,
sonderlich Soldatenbursch, bei welchen man die Laster nicht am ernstlichsten zu
strafen pfleget, beides, aus ihrer Gottlosigkeit und dem heiligen Willen Gottes
selber, nur einen Scherz machten und denselben ganz heroischerweise
durchzogen. Zum Exempel, ich hörete einsmals einen Ehebrecher, welcher wegen
vollbrachter Tat noch gerühmt sein wollte, diese gottlose Worte sagen: »Es tuts
dem gedultigen Hahnrei genug, dass er meinetwegen ein Paar Hörner trägt, und wann
ich die Wahrheit bekennen soll, so hab ichs mehr dem Mann zuleid als der Frau
zulieb getan, damit ich mich an ihm rächen möge.« - »O kahle Rache!« antwortete
ein ehrbar Gemüt, so dabei stund, »dadurch man sein eigen Gewissen beflecket und
den schändlichen Namen eines Ehebrechers überkommt!« - »Was Ehebrecher?«
antwortete er ihm mit einem höhnischen Gelächter, »ich bin darum kein
Ehebrecher, wannschon ich diese Ehe ein wenig gebogen habe. Dies seind
Ehebrecher, wovon das sechste Gebot saget, allwo es verbeut, dass keiner einem
andern in Garten steigen und die Kirschen eher brechen solle als der
Eigentumsherr.« Und dass solches also zu verstehen sei, erklärte er gleich darauf
nach seinem Teufels-Catechismo das siebende Gebot, welches diese Meinung
deutlicher vorbringe, indem es saget: »Du sollt nicht stehlen, etc.« Solcher
Worte trieb er viel, also dass ich bei mir selbst seufzete und gedachte: »O
gotteslästerlicher Sünder! du nennest dich selbst einen Ehebieger und den
gütigen Gott einen Ehebrecher, weil er Mann und Weib durch den Tod voneinander
trennet.« - »Meinest du nicht,« sagte ich aus übrigem Eifer und Verdruss zu ihm,
wiewohl er ein Offizier war, »dass du dich mit diesen gottlosen Worten mehr
versündigest als mit dem Ehebruch selbst?« Er aber antwortete mir: »Halts Maul,
du Mauskopf! soll ich dir ein paar Ohrfeigen geben?« Ich glaube auch, dass ich
solche dicht und dutzentweis bekommen, wann der Kerl meinen Herrn nicht hätte
förchten müssen. Ich aber schwieg still und sah nachgehends, dass es gar keine
seltene Sache war, wann sich Ledige nach Verehlichten und Verehlichte nach
Ledigen umsahn und ihrer geilen Buhlerliebe Zügel und Zaum schiessen liessen.
    Als ich noch bei meinem Einsiedel den Weg zum ewigen Leben studierete,
verwunderte ich mich, warum doch Gott seinem Volk die Abgötterei so
hochsträflich verboten; dann ich bildete mir ein, wer einmal den wahren ewigen
Gott erkannt hätte, der würde wohl nimmermehr keinen andern ehren und anbeten,
schloss also in meinem dummen Sinn, dies Gebot sei unnötig und vergeblich gegeben
worden. Aber ach! ich Narr wusste nicht, was ich gedachte; dann sobald ich in die
Welt kam, vermerkte ich, dass (dies Gebot unangesehen) beinahe jeder Weltmensch
einen besondern Nebengott hatte; ja etliche hatten wohl mehr als die alte und
neue Heiden selber. Etliche hatten den ihrigen in der Küsten, auf welchen sie
allen Trost und Zuversicht satzten; mancher hatte den seinen bei Hof, zu welchem
er alle Zuflucht gestellet, der doch nur ein Favorit und oft ein liederlichrer
Bärnhäuter war, als sein Anbeter selbst, weil seine lüftige Gotteit nur auf des
Prinzen aprilenwetterischen Gunst bestund. Andere hatten den ihrigen in
Reputation und weltlichen Ansehen und bildeten sich ein, wann sie nur dieselbige
erhielten, so wären sie selbst auch halbe Götter. Noch andere hatten den ihrigen
im Kopf, nämlich diejenige, denen der wahre Gott ein gesund Hirn verliehen, also
dass sie einzige Künste und Wissenschaften zu fassen geschickt waren. Dieselbe
satzten den gütigen Geber auf eine Seite und verliessen sich auf die Gabe, in
Hoffnung, sie würde ihnen alle Wohlfahrt verleihen. Auch waren viel, deren Gott
ihr eigener Bauch war, welchem sie täglich die Opfer raichten, wie vorzeiten die
Heiden dem Bacho und der Cereri getan; und wann solcher sich unwillig erzeigte
oder sonst die menschliche Gebrechen sich anmeldeten, so machten die elende
Menschen einen Gott aus dem Medico und suchten ihres Lebens Aufentalt in der
Apoteke, aus welcher sie zwar öfters mit ihrer äussersten Ungedult und
Desperation zum Tod befördert wurden. Manche Narren machten ihnen Göttinnen aus
glatten Metzen; dieselbe nannten sie mit andern Namen, beteten sie Tag und Nacht
an mit vielen tausend Seufzen und machten ihnen Lieder, welche nichts anders als
ihr Lob in sich hielten, benebens einem demütigen Bitten, dass solche mit ihrer
Torheit ein barmherziges Mitleiden tragen und auch zu Närrinnen werden wollten,
gleichwie sie selbst Narren sein.
    Hingegen waren Weibsbilder, die hatten ihre eigne Schönheit vor ihren Gott
aufgeworfen. »Diese«, gedachten sie, »wird mich wohl vermannen; Gott im Himmel
sage darzu, was er will.« Dieser Abgott ward anstatt anderer Opfer täglich mit
allerhand Schminke, Salben, Wassern, Pulvern und sonst Schmiersel unterhalten
und verehret. Ich sah Leute, die wohlgelegene Häuser vor Götter hielten; dann
sie sagten, solang sie darin gewohnet, wäre ihnen Glück und Heil zugestanden und
das Geld gleichsam zum Fenster hineingefallen, welcher Torheit ich mich
höchstens verwunderte, weil ich die Ursache sah, warum die Einwohner so guten
Zuschlag gehabt. Ich kannte einen Kerl, der konnte in etlichen Jahren vor dem
Tabakhandel nicht recht schlafen, weil er demselben sein Herz, Sinne und
Gedanken, die allein Gott gewidmet sein sollten, geschenket hatte; er schickte
demselben so tags als nachts so viel tausend Seufzer, weil er dadurch
prosperierte. Aber was geschahe? Der Phantast starb und fuhr dahin wie der
Tabakrauch selbst. Da gedachte ich: »O du elender Mensch, du dem nichtigen Rauch
gleich verschwundener Mensch! wäre dir deiner Seelen Seligkeit und des wahren
Gottes Ehre so hoch angelegen gewesen als der Abgott, der in Gestalt eines
Brasilianers mit einer Rolle Tabak unterm Arm und einer Pfeifen im Maul auf
deinem Gaden stehet, so lebte ich der unzweifligen Zuversicht, du hättest ein
herrliches Ehrenkränzlein, in jener Welt zu tragen, erworben.« Ein ander gesell
hatte noch wohl liederlichere Götter; dann als bei einer Gesellschaft von jedem
erzählet ward, auf was Weise er sich in dem greulichen Hunger und teuren Zeit
ernähret und durchgebracht, sagte dieser mit teutschen Worten, die Schnecken und
Frösche sein sein Herrgott gewesen, er hätte sonst in Mangel ihrer müssen
Hungers sterben. Ich fragte ihn, was ihm dann damals Gott selbst gewesen wäre,
der ihm solche Insecta zu seinem Aufentalt bescheret hätte? Der Tropf aber
wusste nichts zu antworten, und ich musste mich um soviel desto mehr verwundern,
weil ich noch nirgends gelesen, dass die alte abgöttische Ägyptier, noch die
neulichste Amerikaner jemals dergleichen Ungeziefer vor Gott ausgeschrieen, wie
dieser Geck täte.
    Ich kam einsmals mit einem vornehmen Herrn in eine Antiquitäten- und
Kunstkammer, darin schöne Raritäten waren. Unter den Gemälden gefiel mir nichts
besser als ein Ecce-Homo wegen seiner erbärmlichen Darstellung, mit welcher es
die Anschauer gleichsam zum Mitleiden verzuckte. Darneben hieng eine papierne
Karte, in China gemalt; darauf stunden der Chineser Abgötter, in ihrer Majestät
sitzend, deren teils wie die Teufel gestaltet waren. Der Herr im Haus fragte
mich, welches Stück in seiner Kunstkammer mir am besten gefiele? Ich deutete auf
besagtes Ecce-Homo. Er aber sagte, ich irre mich; das Chineser Gemäld wäre rarer
und dahero auch köstlicher; er wolle es nicht um zehen solcher Ecce-Homo
manglen. Ich antwortete: »Herr! ist euer Herz wie euer Mund?« Er sagte: »Ich
versehe michs.« Darauf sagte ich: »So ist auch euers Herzens Gott derjenige,
dessen Conterfait ihr mit dem Munde bekennet, das köstlichste zu sein.« -
»Phantast,« sagte jener, »ich ästimiere die Rarität.« Ich antwortete: »Was ist
seltener und verwundernswürdiger, als dass Gottes Sohn selbst unsertwegen
gelitten, wie uns dies Bildnis vorstellet?«
 
                         Das fünfundzwanzigste Kapitel.
Simplex kann sich in die Welt nicht recht schicken,
Und die Welt pflegt ihn auch scheel anzublicken.
So sehr wurden nun diese und noch eine grössere Menge anderer Art Abgötterei
nicht geehret, so sehr ward hingegen die wahre göttliche Majestät verachtet;
dann gleichwie ich niemand sah, der sein Wort und Gebot zu halten begehrte,
also sah ich hingegen viel, die ihm in allem widerstrebten und die Zöllner
(welche zu den Zeiten, als Christus noch auf Erden wandelte, offene Sünder
waren) mit Bosheit übertrafen. Christus spricht: »Liebet euere Feinde, segnet,
die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet vor die, so euch
beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid euers Vaters im Himmel; dann
so ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? tun solches nicht
auch die Zöllner? und so ihr euch nur zu eueren Brüdern freundlich tut, was tut
ihr Sonderliches? tun nicht die Zöllner auch also?« Aber ich fand nicht allein
niemand, der diesem Befelch Christi nachzukommen begehrte, sondern jedermann tät
gerad das Widerspiel und täte schnurstracks darwider; es hiess: »Viel Schwäger,
viel Knebelspiesse«; und nirgends fand sich mehr Neid, Hass, Missgunst, Hader und
Zank als zwischen Brüdern, Schwestern und andern angebornen Freunden, sonderlich
wann ihnen ein Erb zu teilen zugefallen war; da stritten sie wohl Jahr und Tag
miteinander mit solcher Verbitterung, dass sie in grimmer Wut die Türken und
Tartern weit übertrafen. Auch sonst hasste das Handwerk allerorten einander, also
dass ich handgreiflich sehen und schliessen musste, dass vor diesem die offene
Sünder, Publikanen und Zöllner, welche wegen ihrer Bosheit und Gottlosigkeit bei
männiglich verhasst waren, uns heutigen Christen mit Übung der brüderlichen Liebe
weit überlegen gewesen, massen ihnen Christus selber das Zeugnus gibet, dass sie
sich untereinander geliebt haben. Dahero betrachtete ich, wann wir keinen Lohn
haben, so wir die Feinde nicht lieben, was vor grosse Strafen wir dann gewärtig
sein müssen, wann wir auch unsere Freunde hassen. Wo die grösste Liebe und Treue
sein sollte, fand ich die höchste Untreue und den gewaltigsten Hass, Zank, Zorn,
Feindschaft und Widerwärtigkeit. Mancher Herr schund seine getreue Diener und
Untertanen; hingegen wurden etliche Untertanen an ihren frommen Herren zu
Schelmen. Den kontinuierlichen Zank vermerkte sich zwischen vielen Eheleuten;
mancher Tyrann hielt sein ehrlich Weib ärger als einen Hund, und manche lose
Vettel ihren frommen Mann vor einen Narren und Esel. Viel hündische Herren und
Meister betrogen ihre fleissige Dienstboten umb ihren gebührenden Lohn und
schmälerten beides, Speis und Trank; hingegen sah ich auch viel untreu Gesinde,
die ihre fromme Herren entweder durch Diebstahl oder Fahrlässigkeit ins
Verderben satzten. Die Handelsleute und Handwerker rannten mit dem Judenspiess
gleichsam um die Wette und sogen durch allerhande Fünde und Vörtel dem
Bauersmann seinen sauren Schweiss ab; hingegen waren teils Bauern so gar gottlos,
dass sie sich auch darum bekümmerten, wann sie nicht rechtschaffen genug mit
Bosheit durchtrieben waren, andere Leute oder auch wohl ihre Herren selbst
unterm Schein der Einfalt zu berufen. Ich sah einsmals einen Soldaten einem
andern eine dichte Maulschelle geben und bildete mir ein, der Geschlagene würde
den andern Backen auch darbieten (weil ich noch niemal bei keiner Schlägerei
gewesen). Aber ich irrete, dann der Beleidigte zog von Leder und versetzte dem
Täter eine Wunde davor an Kopf. Ich schrie ihm überlaut zu und sagte: »Ach
Freund! was machst du?« - »Da war einer ein Bärnhäuter,« antwortete jener; »ich
will mich, der Teufel hol, etc. selbst rächen oder das Leben nicht haben! Hei,
müsste doch einer ein Schelm sein, der sich so kujonieren liesse.« Der Lärmen
zwischen diesen zweien Duellanten ergrösserte sich, weilen beiderseits Beiständer
samt dem Umstand und Zulauf einander auch in die Haare kamen; da hörete ich
schwören bei Gott und ihren Seelen so leichtfertig, dass ich nicht glauben
konnte, dass sie diese vor ihr edelstes Kleinod hielten. Aber das war nur
Kinderspiel; dann es blieb bei so geringen Kinderschwüren nicht, sondern es
folgte gleich hernach: »Schlag mich der Donner, der Blitz, der Hagel! zerreiss
und hol mich der, etc.! ja nicht einer allein, sondern hunderttausend, und
führen mich in die Luft hinweg!« Die Hl. Sakramenta mussten nicht nur
siebenfältig, sondern auch mit hunderttausenden, so viel Tonnen, Galeeren und
Stadtgräben voll heraus, also dass mir abermal alle Haare gen Berg stunden. Ich
gedachte: »Sollen das Christen sein, wo bleibt dann der Befelch Christi, da er
saget: Ihr sollet allerdings nicht schwören, weder bei dem Himmel, dann er ist
Gottes Stuhl, noch bei der Erden, dann sie ist seiner Füsse Schemel, noch bei
Jerusalem, dann sie ist eines grossen Königs Statt; auch sollt du nicht bei
deinem Haupt schwören, dann du vermagst nicht ein einziges Haar weiss oder
schwarz zu machen; eure Rede aber sei Ja, Ja, Nein, Nein! was drüber ist, das
ist vom Übel.« Dieses alles, und was ich sah und hörete, erwug ich und schloss
festiglich, dass diese Balger keine Christen sein, suchte derowegen eine andre
Gesellschaft.
    Zum allererschröcklichsten kam mir vor, wann ich etliche Grosssprecher sich
ihrer Bosheit, Sünden, Schande und Laster rühmen hörete; dann ich vernahm zu
unterschiedlichen Zeiten, und zwar täglich, dass sie sagten: »Potz Blut, wie
haben wir gestern gesoffen!« »Ich habe mich in einem Tag wohl dreimal
vollgesoffen und ebenso vielmal gekotzt.« »Potz Stern, wie haben wir die Bauern,
die Schelmen, tribuliert!« »Potz Strahl, wie haben wir Beuten gemacht!« »Potz
hundert Gift, wie haben wir einen Spass mit den Weibern und Mägden gehabt!« Item:
»Ich habe ihn darnieder gehauen, als wann ihn der Hagel hätte niedergeschlagen.«
»Ich habe ihn geschossen, dass er das Weisse über sich kehrte.« »Ich habe ihn so
artlich über den Dölpel geworfen, dass ihn der Teufel hätte holen mögen.« »Ich
habe ihm den Stein gestossen, dass er den Hals hätte brechen mögen.« »Ich habe ihn
getrillet, dass er hätte Blut speien mögen.« Solche und dergeichen unchristliche
Reden erfülleten mir alle Tage die Ohren, und überdas, so hörete und sah ich
auch in Gottes Namen sündigen, welches wohl zu erbarmen ist. Von den Kriegern
ward es am meisten praktiziert, wann sie nämlich sagten: »Wir wollen in Gottes
Namen auf Partei, plündern, mitnehmen, totschiessen, niedermachen, angreifen,
gefangennehmen, in Brand stecken«, und was ihrer schröcklichen Arbeiten und
Verrichtungen mehr sein mögen. Also wagens auch die Wucherer mit dem Verkauf in
Gottes Namen, damit sie ihrem teuflischen Geiz nach schinden und schaben mögen.
Ich habe zween Mausköpfe sehen hängen, die wollten einsmals bei der Nacht
stehlen, und als sie die Leiter angestellet und der eine in Gottes Namen
einsteigen wollte, warf ihn der wachtsame Hausvatter ins Teufels Namen wieder
herunter, davon er ein Bein zerbrach und also gefangen und über etliche Tage
hernach samt seinem Kamerad aufgeknüpfet ward. Wann ich nun so etwas hörete,
sah und beredete, wie meine Gewohnheit war, mit der Hl. Schrift hervorwischte
oder sonst treuherzig abmahnete, so hielten mich die Leute vor einen Narren und
Schwärmer; ja ich ward meiner guten Meinung halber so oft ausgepfiffen,
verhöhnet und ausgelachet, dass ich endlich auch unwillig ward und mir vorsatzte,
gar zu schweigen, welches ich doch aus christlicher Liebe nicht halten konnte.
Ich wünschete, dass jedermann bei meinem Einsiedel wäre auferzogen worden, der
Meinung, es würde alsdann auch männiglich der Welt Wesen mit Simplicii Augen
ansehen, wie ichs damals beschauete. Ich war nicht so witzig, wann lauter
Simplici in der Welt wären, dass man alsdann auch nicht so viel Laster sehen
werde. Indessen ist doch gewiss, dass ein Weltmensch, welcher aller Untugenden und
Torheiten gewohnt und selber mitmachet, im wenigsten nicht empfinden kann, auf
was vor einer bösen Strasse er mit seinen Gefährten wandelt.
 
                        Das sechsundzwanzigste Kapitel.
Simplex hat von den Soldaten vernommen,
Wie sie einander schön heissen willkommen.
Als ich nun vermeinte, ich hätte Ursache zu zweifeln, ob ich unter Christen
wäre oder nicht, ging ich zu dem Pfarrer und erzählte alles, was ich gehöret
und gesehen, auch was ich vor Gedanken hatte, nämlich dass ich die Leute nur vor
Spötter Christi und seines Worts und keine Christen hielte, mit Bitte, er wolle
mir doch aus dem Traum helfen, damit ich wisse, wovor ich meine Nebenmenschen
halten sollte. Der Pfarrer antwortete: »Freilich sind sie Christen, und wollte
ich dir nicht raten, dass du sie anderst nennen solltest.« - »Mein Gott!« sagte
ich, »wie kann es sein? dann wann ich einem oder dem andern seinen Fehler, den
er wider Gott begehet, verweise und guter Meinung zu Gemüt führe, so werde ich
verspottet und ausgelacht.« - »Dessen verwundere dich nicht!« antwortete der
Pfarrer; »ich glaube, wann unsere erste fromme Christen, die zu Christi Zeiten
gelebt, ja die Aposteln selbst anjetzo auferstehen und in die Welt kommen
sollten, dass sie mit dir eine gleiche Frage tun und endlich auch so wohl als du
von jedermänniglich vor Narren gehalten würden. Das, was du bisher siehest und
hörest, ist eine gemeine Sache und nur Kinderspiel gegen demjenigen, das sonsten
so heimlich als öffentlich und mit Gewalt wider Gott und den Menschen vorgehet
und in der Welt verübet wird. Aber lass dich das nicht ärgern! Du wirst wenig
Christen finden, wie Herr Samuel sel. einer gewesen ist.«
    Indem als wir so miteinander redeten, führet man etliche, so vom Gegenteil
waren gefangen worden, übern Platz, welches unsern Diskurs zerstörete. Weil wir
die Gefangene auch beschaueten, da vernahm ich eine Unsinnigkeit, dergleichen
ich mir nicht hätte dörfen träumen lassen. Es war aber eine neue Mode, einander
zu grüssen und zu bewillkommen, dann einer von unsrer Garnison, welcher hiebevor
dem Kaiser auch gedienet hatte, kannte einen von den Gefangenen; zu dem ging
er, gab ihm die Hand, druckte jenem die seinige vor lauter Freude und
Treuherzigkeit und sagte: »Dass dich der Hagel erschlage (altteutsch), lebst du
auch noch, Bruder? Potz Fickerment, wie führt uns der Teufel hier zusammen! Ich
habe, schlag mich der Donner, vorlängst gemeint, du wärst gehängt worden!«
Darauf antwortete der ander: »Potz Blitz, Bruder! bist dus, oder bist dus nicht?
Dass dich der Teufel hole! wie bist du hieher kommen? Ich hätte mein Lebtag nicht
gemeint, dass ich dich wieder antreffen würde, sondern habe gedacht, der Teufel
hätte dich vorlängst hingeführet.« Und als sie wieder voneinander giengen, sagte
einer zum andern anstatt behüte dich Gott: »Strick zu! Strick zu! morgen kommen
wir vielleicht zusammen, dann wollen wir brav miteinander saufen und uns
exzellent lustig machen.«
    »Ist das nicht ein schöner gottseliger Willkomm?« sagte ich zum Pfarrer;
»sind das nicht herrliche christliche Wünsche? haben diese nicht einen heiligen
Vorsatz auf den morgenden Tag? wer wollte sie vor Christen erkennen oder ihnen
ohn Erstaunen zuhören? wann sie einander aus christlicher Liebe so zusprechen,
wie wird es dann hergehen, wann sie miteinander zanken? Herr Pfarrer, wann dies
Schäflein Christi sind, Ihr aber dessen bestellter Hirt, so will Euch gebühren,
sie auf eine bessere Weide zu führen.« - »Ja,« antwortete der Pfarrer, »liebes
Kind! es geht bei den gottlosen Soldaten nicht anders her, Gott erbarm es!
Wanngleich ich etwas sagte, so wäre es so viel, als wann ich Tauben predigte,
und ich hätte nichts anders davon als dieser gottlosen Bursch gefährlichen Hass.«
Ich verwunderte mich, schwätzte noch eine Weile mit dem Pfarrer und ging, dem
Gubernator aufzuwarten; dann ich hatte gewisse Zeiten Erlaubnus, die Stadt zu
beschauen und zum Pfarrer zu gehen, weil mein Herr von meiner Einfalt Wind hatte
und gedachte, solche würde sich legen, wann ich herumterminierte, etwas sähe,
hörete und von andern geschulet oder, wie man saget, gehobelt und gerülpt würde.
 
                        Das siebenundzwanzigste Kapitel.
Simplex macht einen Rauch in die Kanzelei,
Dass ihn auch selber ist übel darbei.
Meines Herrn Gunst vermehrte sich täglich und ward je länger je grösser gegen
mir, weil ich nicht allein seiner Schwester, die den Einsiedel gehabt hatte,
sondern auch ihm selber je länger je gleicher sah, indem die gute Speisen und
faule Täge mich in Kürze glattärig machten und mich anmutig genug vorstelleten.
Diese Gunst genosse ich bei jedermänniglich; dann wer etwas mit dem Gubernator
zu tun hatte, der erzeigte sich mir auch günstig, und sonderlich mochte mich der
Sekretarius wohl leiden: indem mich derselbe rechnen lernen musste, hatte er
manche Kurzweile von meiner Einfalt und Unwissenheit. Er war erst von den
Studien kommen und stak dahero noch voller Schulpossen, die ihm zuzeiten ein
Ansehen gaben, als wann er einen Sparrn zu viel oder zu wenig gehabt hätte. Er
überredete mich oft, schwarz sei weiss und weiss sei schwarz; dahero kam es, dass
ich ihm in der erste alles und aufs letzte gar nichts mehr glaubte. Ich tadelte
ihm einsmals sein schmierig Tintenfass, er aber antwortete, solches sei sein
bestes Stück in der ganzen Kanzelei, dann aus demselben lange er heraus, was er
begehre; die schönste Dukaten, Kleider und in Summa, was er vermöchte, hätte er
nach und nach herausgefischt. Ich wollte nicht glauben, dass aus einem so kleinen
verächtlichen Ding so herrliche Sachen zu bekommen wären; hingegen sagte er,
solches vermöge der Spiritus Papyri (also nannte er die Tinte), und das
Tintenfass würde darum ein Fass genennet, weil es grosse Sachen fasse. Ich fragte,
wie mans dann heraus bringen könnte, sintemal man kaum zween Finger
hineinstecken möchte? Er antwortete, er hätte einen Arm im Kopf, der solche
Arbeit verrichten müsse; er verhoffe, ihm bald auch eine schöne reiche Jungfer
herauszulangen, und wann er das Glück hätte, so getraue er auch, eigen Land und
Leute herauszubringen, welches gar nichts Neues sei, sondern wohl ehemals
geschehen wäre. Ich musste mich über diese künstliche Griffe verwundern und
fragte, ob noch mehr Leute solche Kunst könnten oder dieselbe zu begreifen fähig
wären. »Freilich!« antwortete er, »alle Kanzler, Doktorn, Sekretarii,
Procuratorn oder Advokaten, Commissarii, Notarii, Kauf- und Handelsherren und
sonst unzählig viel andere mehr, welche gemeiniglich, wann sie nur fleissig
fischen und ihr Interesse fleissig in acht genommen, zu reichen Herren daraus
werden.« Ich sagte: »So seind die Bauern und andere arbeitsame Leute nicht
witzig, dass sie im Schweiss ihres Angesichts ihr Brod essen und diese Kunst nicht
auch lernen.« Er antwortete: »Etliche wissen der Kunst Nutzen nicht, dahero
begehren sie solche auch nicht zu lernen; etliche wolltens gern lernen, manglen
aber des Arms im Kopf oder anderer Mittel; etliche lernen die Kunst und haben
Arms genug, wissen aber die Griffe nicht, so die Kunst erfodert, wann man
dadurch will reich werden; andere wissen und können alles, was dazu gehöret, sie
wohnen aber an der Fehlhalde und haben keine Gelegenheit wie ich, die Kunst
rechtschaffen zu üben.«
    Als wir dergestalt vom Tintenfass (welches mich allerdings an des Fortunati
Säckel gemahnete) diskurierten, kam mir das Titularbuch ungefähr in die Hände;
darin fand ich meines damaligen Davorhaltens mehr Torheiten, als mir bishero
noch nie vor Augen kommen. Ich sagte zum Sekretario: »Dieses alles sind ja
Adamskinder und eines Gemächts miteinander, und zwar nur von Staub und Asche! Wo
kommt dann ein so grosser Unterscheid her? Allerheiligst, Unüberwindlichst,
Durchleuchtigst! Sind das nicht göttliche Eigenschaften? Hier ist einer Gnädig,
dort ist der ander Gestreng, und was muss allzeit das Geborn darbei tun? man weiss
ja wohl, dass keiner vom Himmel fällt, auch keiner aus dem Wasser entstehet und
dass keiner aus der Erde wächst wie ein Krautskopf. Warum stehen nur Hoch-,
Wohl-, Vor-, Grossgeachte da und keine Geneunte? oder wo bleiben die Gefünfte,
Gesechste und Gesiebende? was ist das vor ein närrisch Wort: Vorsichtig? welchem
stehen dann die Augen hinten im Kopf.« Der Sekretarius musste meiner lachen und
nahm die Mühe, mir eines und des andern Titul und alle Worte insonderheit
auszulegen; ich aber beharrete darauf, dass die Titul nicht recht geben würden;
es wäre einem viel rühmlicher, wann er Freundlich titulieret würde, als
Gestreng. Item, wann das Wort Edel an sich selber nichts anders als
hochschätzbarliche Tugenden bedeute, warum es dann, wann es zwischen Hochgeborn
(welches Wort einen Fürsten oder Grafen anzeige) gesetzt werde, solchen
fürstlichen Titul verringere? Das Wort Wohlgeborn sei eine ganze Unwahrheit;
solches würde eines jeden Barons Mutter bezeugen, wann man sie fragte, wie es
ihr bei ihres Sohns Geburt ergangen wäre.
    Indem ich nun dieses also belachte, entrann mir unversehens ein solcher
grausamer Leibsdunst, dass beides, ich und der Sekretarius, darüber erschraken.
Dieser meldete sich augenblicklich sowohl in unsern Nasen als in der ganzen
Schreibstube so kräftig an, gleichsam als wann man ihn zuvor nicht genug gehöret
hätte. »Trolle dich, du Sau,« sagte der Sekretarius zu mir, »zu andern Säuen in
Stall, mit denen du, Rülp, besser zustimmen als mit ehrlichen Leuten
konversieren kannst!« Er musste aber sowohl als ich den Ort räumen und dem
greulichen Gestank den Platz allein lassen. Und also habe ich meinen guten
Handel, den ich in der Schreibstube hatte, dem gemeinen Sprichwort nach auf
einmal verkerbt.
 
                         Das achtundzwanzigste Kapitel.
Simplex ganz wunderlich lernet wahrsagen,
Pflegt auch noch eine Kunst davonzutragen.
Ich kam aber sehr unschuldig in dies Unglück, dann die ungewöhnliche Speisen und
Arzeneien, die man mir täglich gab, meinen zusammengeschrumpelten Magen und
eingeschnorrtes Gedärm wieder zurechtzubringen, erregten in meinem Bauch viel
gewaltige Wetter und starke Sturmwinde, welche mich trefflich quäleten, wann sie
ihren ungestümen Ausbruch sucheten, und demnach ich mir nicht einbildete, dass es
übel getan sei, wann man diesorts der Natur willfahre, massen einem solchen
innerlichen Gewalt in die Länge zu widerstehen ohndas unmüglich, mich auch weder
mein Einsiedel (weil solche Gäste gar dünn bei uns gesäet wurden) niemal nichts
davon unterrichtet, noch mein Knän verboten, solche Kerl ihres Wegs nicht ziehen
zu lassen, als liess ich ihnen Luft und alles passieren, was nur fort wollte, bis
ich erzähltermassen mein Kredit beim Sekretario verloren. Zwar wäre dessen Gunst
noch wohl zu entbehren gewesen, wann ich in keinen grössern Unfall kommen wäre;
dann mir giengs wie einem frommen Menschen, der nach Hof kommt, da sich die
Schlange wider den Nasicam, Goliat wider den David, Minotaurus wider Teseum,
Medusa wider Perseum, Circe wider Ulyssem, Ägistus wider Menelaum, Paludes
wider Coräbum, Medea wider den Peliam, Nessus wider Herculem, und was mehr ist,
Altäa wider ihren eigenen Sohn Meleagrum rüstet.
    Mein Herr hatte einen ausgestochenen Essig und durchtriebnen Funken zum Page
neben mir, welcher schon ein paar Jahre bei ihm gewesen; demselben schenkte ich
mein Herz, weil er mit mir gleichen Alters war. Ich gedachte: Dieser ist
Jonatan, und du bist David. Aber er eiferte mit mir wegen der grossen Gunst, die
mein Herr zu mir trug und täglich vermehrete; besorgte, ich möchte ihm
vielleicht die Schuhe gar austreten, sah mich derowegen heimlich mit
missgünstigen neidigen Augen an und gedachte auf Mittel, wie er mir den Stein
stossen und durch meinen Unfall dem seinigen vorkommen möchte. Ich aber hatte
Taubenaugen und auch einen andern Sinn als er; ja ich vertraute ihm alle meine
Heimlichkeiten, die zwar nicht anders als auf kindischer Einfalt und Frömmigkeit
bestunden, dahero er mir auch nirgends zukommen konnte. Einsmals schwätzten wir
im Bette lang miteinander, eh wir entschliefen, und indem wir vom Wahrsagen
redeten, versprach er, mich solches auch umsonst zu lernen, hiesse mich darauf
den Kopf unter die Decke tun, dann er überredete mich, auf solche Weise müsste er
mir die Kunst beibringen. Ich gehorchte fleissig und gab auf die Ankunft des
Wahrsagergeistes genaue Achtung. Potz Glück! derselbe nahm seinen Einzug in
meiner Nase, und zwar so stark, dass ich unter dem Bett vor unleidlichen Gestank
nicht mehr bleiben konnte, sondern den ganzen Kopf wieder unter der Decke
herfürtun musste. »Was ist es?« sagte mein Lehrmeister. Ich antwortete: »Du hast
einen streichen lassen.« - »Und du«, antwortete er, »hast wahrgesagt und kannst
also die Kunst am besten.« Dieses empfand ich vor keinen Schimpf, dann ich hatte
damals noch keine Galle, sondern begehrte allein von ihm zu wissen, durch was
vor einen Vortel man diese Kerl so stillschweigend abschaffen könnte? Mein
Kamerad antwortete: »Diese Kunst ist gering, du darfst nur das linke Bein
aufheben wie ein Hund, der an eine Ecke brunzt, darneben heimlich sagen: Je
pète, je pète, je pète, und mitin so stark gedruckt, als du kannst, so
spazieren sie so stillschweigends dahin, als wann sie gestohlen hätten.« - »Es
ist gut,« sagte ich, »und wann schon es hernach stinkt, so wird man vermeinen,
die Hunde haben die Luft verfälscht, sonderlich wann ich das linke Bein fein
hoch werde aufgehoben haben.« Ach! dachte ich, hätte ich doch diese Kunst heute
in der Schreibstube gewusst!
 
                         Das neunundzwanzigste Kapitel.
Simplex ein Auge von Kalbskopf erschnappt,
Über der Tafel das ander ertappt.
Des andern Tages hatte mein Herr seinen Offizierern und andern guten Freunden
eine fürstliche Gasterei angestellet, weil er die angenehme Zeitung bekommen,
dass die Seinigen das feste Haus Braunfels ohn Verlust einzigen Manns
eingenommen; da musst ich, wie dann mein Amt war, wie ein anderer Tischdiener
helfen Speisen auftragen, einschenken und mit einem Teller in der Hand
aufwarten. Den ersten Tag ward mir ein grosser fetter Kalbskopf (von welchen man
zu sagen pfleget, dass sie kein Armer fressen dörfe) aufzutragen eingehändiget;
weil nun derselbig ziemlich mürb gesotten war, liess er das eine Aug mit
zugehöriger ganzen Substanz ziemlich weit herauslappen, welches mir ein
anmutiger und verführischer Anblick war. Und weil mich der frische Geruch von
der Speckbrühe und aufgestreutem Ingwer zugleich anreizete, empfand ich einen
solchen Appetit, dass mir das Maul ganz voll Wasser ward. In Summa, das Aug
lachte meine Augen, meine Nase und meinen Mund zugleich an und bat mich
gleichsam, ich wollte es doch meinem heisshungerigen Magen einverleiben. Ich liess
mir nicht lang den Rock zerreissen, sondern folgte meinen Begierden; im Gang hub
ich das Aug mit meinem Löffel, den ich erst denselben Tag bekommen hatte, so
meisterlich heraus und schickte es ohn Anstoss so geschwind an seinen Ort, dass es
auch kein Mensch inward, bis das Schüppenessen auf den Tisch kam und mich und
sich selbst verriet. Dann als man ihn zerlegen wollte und eins von seinen
allerbesten Gliedmassen mangelte, sah mein Herr gleich, warum der Vorschneider
stutzte. Er wollte fürwahr den Spott nit haben, dass man ihm einen einäugigen
Kalbskopf aufzustellen das Herz haben sollte. Der Koch musste vor die Tafel, und
die, so aufgetragen hatten, wurden mit ihm examiniert; zuletzt kam das Fazit
über den armen Simplicium heraus, dass nämlich ihm der Kopf mit beiden Augen
aufzutragen wäre gegeben worden; wie es aber weiter gangen, davon wusste niemand
zu sagen. Mein Herr fragte meines Bedünkens mit einer schröcklichen Miene, wohin
ich mit dem Kalbsaug kommen wäre? Ich liesse mich sein sauersehendes Gesicht
nicht erschrecken, sondern geschwind wischte ich mit meinem Löffel wieder aus
dem Sack, gab dem Kalbskopf den andern Fang und wiese kurz und gut, was man von
mir wissen wollte, massen ich das ander Aug gleichwie das erste in einem Hui
verschlang. »Par Dieu!« sagte mein Herr, »dieser Akt schmeckt besser als zehen
Kälber!« Die anwesende Herren lobten diesen Ausspruch und nannten meine Tat, die
ich aus Einfalt begangen, eine wunderkluge Erfindung und Vorbedeutung künftiger
Tapferkeit und unerschrockenen Resolution, also dass ich vor diesmal meiner
Strafe durch Wiederholung eben desjenigen, damit ich solche verdienet hatte,
nicht allein glücklich entgieng, sondern auch von etlichen kurzweiligen
Possenreissern, Fuchsschwänzern und Tischräten dies Lob erlangte, ich hätte
weislich gehandelt, dass ich beide Augen zusammenlogiert, damit sie, gleichwie in
dieser, also auch in jener Welt einander Hülfe und Gesellschaft leisten könnten,
worzu sie dann anfänglich von der Natur gewidmet wären. Mein Herr aber sagte,
ich sollte ihm ein andermal nicht wieder so kommen.
 
                            Das dreissigste Kapitel.
Simplex sieht erstmals berauschete Leut,
meint, sie seien nicht worden gescheid.
Bei dieser Mahlzeit (ich schätze, es geschiehet bei andern auch) trat man ganz
christlich zur Tafel; man sprach das Tischgebet sehr still und allem Ansehen
nach auch sehr andächtig. Solche stille Andacht kontinuierte so lang, als man
mit der Suppe und den ersten Speisen zu tun hatte, gleichsam, als wann man in
einem Kapuzinerkonvent gessen hätte. Aber kaum hatte jeder drei- oder viermal
»Gesegnet Gott!« gesagt, da ward schon alles viel lauter. Ich kann nicht
beschreiben, wie sich nach und nach eines jeden Stimme je länger je höher erhub,
ich wollte dann die ganze Gesellschaft einem Orator vergleichen, der erstlich
sachte anfähet und endlich herausdonnert. Man brachte Gerichter, deswegen
Voressen genannt, weil sie gewürzt und vor dem Trunk zu geniessen verordnet
waren, damit derselbe desto besser ein- und fortgienge: item, Beiessen, weil sie
bei dem Trunk nicht übel schmecken sollten, allerhand französischen Potagen und
spanischen Olla Potriden zu geschweigen, welche durch tausendfältige künstliche
Zubereitungen und unzahlbare Zusätze dermassen verpfeffert, übertummelt,
vermummet, mixtiert und zum Trunk gerüstet waren, dass sie durch solche zufällige
Sachen und Gewürz mit ihrer Substanz sich weit anders verändert hatten, als sie
die Natur anfänglich hervorgebracht, also dass sie Cnäus Manlius selber,
wannschon er erst aus Asia kommen wäre und die beste Köche bei sich gehabt,
dannoch nicht gekannt hätte. Ich gedachte: Warum wollten diese einem Menschen,
der ihm solche und den Trunk dabei schmecken lässet (worzu sie dann vornehmlich
bereitet sind), nicht auch seine Sinne zerstören und ihn verändern oder gar zu
einer Bestia machen können? Wer weiss, ob Circe andere Mittel gebrauchet hat als
ebendiese, da sie des Ulyssis Gefährten in Schweine veränderte? Ich sah einmal,
dass diese Gäste die Trachten frassen wie die Säue, darauf soffen wie die Kühe,
sich dabei stelleten wie die Esel und alle endlich kotzten wie die Gerberhunde.
Den edlen Hochheimer, Bacheracher und Klingenberger gossen sie mit kübelmässigen
Gläsern in Magen hinunter, welche ihre Würkungen gleich oben im Kopf verspüren
liessen. Darauf sah ich meinen Wunder, wie sich alles veränderte, nämlich
verständige Leute, die kurz zuvor ihre fünf Sinne noch gesund beieinander gehabt
und treffliche Diskursen auf die Bahn gebracht hatten, wie sie jetzt urplötzlich
anfiengen, närrisch zu tun und die alberste Dinge von der Welt vorzubringen. Die
grosse Torheiten, die sie begiengen, und die grosse Trünke, die sie einander
zubrachten, wurden je länger je grösser, also dass es schiene, als ob diese beide
um die Wette miteinander stritten, welches unter ihnen am grössten wäre; zuletzt
verkehrte sich ihr Kampf in eine unflätige Sauerei. Nichts Artlichers war, als
dass ich nicht wusste, woher ihnen der Dürmel kam, sintemal mir die Würkung des
Weins oder die Trunkenheit selbst noch allerdings unbekannt gewesen, welches
dann lustige Grillen und Phantastengedanken in meinem werklichen Nachsinnen
satzte; ich sah wohl ihre seltsame minas, ich wusste aber den Ursprung ihres
Zustandes nicht. Bis dahin hatte jeder mit gutem Appetit das Geschirr geleert;
als aber die Mägen gefüllet waren, hielt es härter, als bei einem Fuhrmann, der
mit geruhetem Gespann auf der Ebne wohl fortkommen, am Berg aber nicht hotten
kann. Nachdem aber die Köpfe auch toll wurden, ersatzte ihre Unmüglichkeit
entweder des einen Courage, die er im Wein eingesoffen, oder beim andern die
Treuherzigkeit, seinem Freund eins zu bringen, oder beim dritten die teutsche
Redlichkeit, ritterlich Bescheid zu tun. Nachdem aber solches die Länge auch
nicht bestehen konnte, beschwur je einer den andern bei grosser Herren und sonst
lieber Freunde oder bei seiner Liebsten Gesundheit, den Wein massweis in sich zu
schütten, worüber manchem die Augen übergiengen und der Angstschweiss ausbrach;
doch musste es gesoffen sein. Ja, man machte zuletzt mit Trommeln, Pfeifen und
Saitenspiel Lärmen und schoss mit Stücken darzu, ohn Zweifel darum, dieweil der
Wein die Mägen mit Gewalt einnehmen musste. Mich verwundert, wohin sie ihn doch
alle schütten könnten, weil ich noch nicht wusste, dass sie solchen, eh er recht
warm bei ihnen ward, wiederum mit grossem Schmerzen aus ebendem Ort herfürgaben,
wohinein sie ihn kurz zuvor mit höchster Gefahr ihrer Gesundheit gegossen
hatten.
    Mein Pfarrer war auch bei dieser Gasterei, ihm beliebte sowohl als andern,
weil er auch sowohl als andere ein Mensch war und wider seinen Willen mitmachen
musste, einen Abtritt zu nehmen. Ich ging ihm nach und sagte: »Mein Herr
Pfarrer, warum tun doch die Leute so seltsam? woher kommt es doch, dass sie so
hin und her torkeln? mich dünkt schier, sie sein nicht mehr recht witzig. Sie
haben sich alle satt gessen und getrunken, und schwören bei Teufel holen, wann
sie mehr saufen können, und dannoch hören sie nicht auf, sich auszuschoppen!
Müssen sie es tun, oder verschwenden sie Gott zu Trutz aus freiem Willen so
unnützlich?« - »Liebes Kind!« antwortete der Pfarrer, »Wein ein, Witz aus! Das
ist doch nichts gegen dem, das künftig ist. Morgen gegen Tag ists noch
schwerlich Zeit bei ihnen, voneinander zu gehen; dann wann schon ihre Mägen
gedrungen voll stecken, so sind sie jedoch noch nicht recht lustig gewesen.« -
»Zerbersten dann«, sagte ich, »ihre Bäuche nicht, wann sie immer so unmässig
einschieben? können dann ihre Seelen, die Gottes Ebenbild sein, in solchen
Mastschweinkörpern verharren? in welchen sie doch gleichsam wie in finstern
Gefängnüssen und ungeziefermässigen Diebstürnen ohne alle gottselige Regungen
gefangen liegen? Ihre edle Seelen, sage ich, wie mögen sich solche so martern
lassen? warum bleiben sie in solchen stinkenden Kloaken verschlossen? seind
nicht ihre Sinne, welcher sich ihre Seelen bedienen sollten, wie in dem
Eingeweid der unvernünftigen Tiere begraben?« - »Halts Maul!« antwortete der
Pfarrer, »du dörftest sonst greulich Pumpes kriegen! hier ist keine Zeit zu
predigen, ich wollts sonst besser als du verrichten.« Als ich dieses hörete,
sah ich ferner stillschweigend zu, wie man Speise und Trank mutwillig
verderbte, unangesehen der arme Lazarus, den man damit hätte laben können, in
Gestalt vieler hundert vertriebenen Wetterauer, denen der Hunger zu den Augen
herausguckte, vor unsern Türen verschmachtete, weil »Naut im Schank« war.
 
                         Das einunddreitzigste Kapitel.
Simplex sein Kunst einmal fleissig probiert,
Welche macht, dass er wird tapfer geschmiert.
Als ich dergestalt mit einem Teller in der Hand vor der Tafel aufwartete und in
meinem Gemüt von allerhand Tauben und werklichen Gedanken geplagt ward, liess
mich mein Bauch auch nicht zufrieden, er kurrete und murrete ohn Unterlass und
gab dadurch zu verstehen, dass Bursch in ihm vorhanden wären, die in freien Luft
begehrten; ich gedacht, mir von dem ungeheuren Gerümpel abzuhelfen, den Pass zu
öffnen und mich dabei meiner Kunst zu bedienen, die mich erst die vorig Nacht
mein Kamerad gelernet hatte. Solchem Unterricht zufolg hub ich das linke Bein
samt dem Schenkel in alle Höhe auf, druckte von allen Kräften, was ich konnte,
und wollte meinen Spruch »Je pète« zugleich dreimal heimlich sagen. Als aber der
ungeheure Gespann, der zum Hindern hinauswischte, wider mein Verhoffen so
greulich tönete, wusste ich vor Schröcken nicht mehr, was ich täte: mir ward
einsmals so bang, als wann ich auf der Leiter am Galgen gestanden wäre und mir
der Henker bereits den Strick hätte anlegen wollen, und in solcher gählingen
Angst so verwirret, dass ich auch meinen eigenen Gliedern nicht mehr befehlen
konnte, massen mein Maul in diesem urplötzlichen Lärmen auch rebellisch wurde und
dem Hindern nichts bevorgeben noch gestatten wollte, dass er allein das Wort
haben, es aber, das zum Reden und Schreien erschaffen, seine Reden heimlich
brummlen sollte. Derowegen liess solches dasjenige, so ich heimlich zu reden im
Sinn hatte, dem Hindern zu Trutz überlaut hören, und zwar so schröcklich, als
wann man mir die Kehle hätte abstechen wollen. Je greulicher der Unterwind
knallete, je grausamer das »Je pète« oben herausfuhr, gleichsam als ob meines
Magens Ein- und Ausgang einen Wettstreit miteinander gehalten hätten, welcher
unter ihnen beiden die schröcklichste Stimme von sich zu donnern vermöchte.
Hierdurch bekam ich wohl Linderung in meinem Eingeweid, dargegen aber einen
ungnädigen Herrn an meinem Gouverneur. Seine Gäste wurden über diesem
unversehenen Hall, Trompetenschall und hintern Kartaunenknall fast wieder alle
nüchtern; ich aber, weil ich mit aller meiner angewandten Mühe und Arbeit keinen
Wind bannen können, in eine Futterwanne gespannet und also zerkarbäitscht, dass
ich noch bis auf diese Stunde daran gedenke. Solches waren die erste Bastonaden,
die ich kriegte, seit ich das erstemal Luft geschöpft, weil ich denselben so
abscheulich verderbt hatte, in welchem wir doch gemeinschaftlicherweise leben
müssen. Da brachte man Rauchtäfelein und Kerzen, und die Gäste suchten ihre
Bisemknöpfe und Balsambüchslein, auch sogar ihren Schnupftabak hervor, aber die
beste Aromata wollten schier nichts erklecken. Also hatte ich von diesem Actu,
den ich besser als der beste Komödiant in der Welt spielte, Friede in meinem
Bauch, hingegen Schläg auf den Buckel, die Gäste aber ihre Nasen voller Gestank
und die Aufwarter ihre Mühe, wieder einen guten Geruch ins Zimmer zu machen.
 
                         Das zweiunddreissigste Kapitel.
Simplex sieht seine Leut tapfer aussaufen,
Dass auch der Pfarrer muss endlich weglaufen.
Wie dies vorüber, musste ich wieder aufwarten wie zuvor. Mein Pfarrer war noch
vorhanden und wurde sowohl als andere zum Trunk genötiget; er aber wollte nicht
recht daran, sondern sagte, er möchte so bestialisch nicht saufen. Hingegen
erwiese ihm ein guter Zechbruder, dass er, Pfarrer, wie eine Bestia, er, der
Säufer und andere Anwesende aber wie Menschen söffen; »dann«, sagte er, »ein
Vieh säuft nur so viel, als ihm wohl schmecket und den Durst löschet, weil sie
nicht wissen, was gut ist, noch den Wein trinken mögen; uns Menschen aber
beliebt, dass wir uns den Trunk zunutz machen und den edlen Rebensaft
einschleichen lassen, wie unsere Voreltern auch getan haben.« - »So wohl!« sagte
der Pfarrer, »es gebühret mir aber, rechte Mass zu halten.« - »Wohl,« antwortete
jener, »ein ehrlicher Mann hält sein Wort!« und liess ihm darauf einen mässigen
Becher einschenken, denselben dem Pfarrer zuzuzottlen. Er hingegen ging durch
und liess den Säufer mit seinem Eimer stehen.
    Als dieser abgeschafft war, ging es drunter und drüber und liesse sich
ansehen, als wann diese Gasterei eine bestimmte Zeit und Gelegenheit sein
sollte, sich gegeneinander mit Vollsaufen zu rächen, einander in Schande zu
bringen oder sonst einen Possen zu reissen, dann wann einer expediert ward, dass
er weder sitzen, gehen oder stehen mehr konnte, so hiess es: »Nun ist es wett! Du
hast mirs hiebevor auch so gekocht; jetzt ist dirs eingetränkt«, und so fortan,
etc. Welcher aber ausdauern und am besten saufen konnte, wusste sich dessen
grosszumachen, und dünkte sich kein geringer Kerl zu sein; zuletzt türmelten sie
alle herum, als wann sie Bilsensamen genossen hätten. Es war eben ein
wunderliches Fassnachtspiel an ihnen zu sehen, und war doch niemand, der sich
darüber verwunderte, als ich. Einer sang, der ander weinete; einer lachte, der
ander traurete; einer fluchte, der ander betete; einer schrie überlaut:
»Courage!« der ander konnte nicht mehr reden; einer war stille und friedlich,
der ander wollte den Teufel mit Raufhändeln bannen; einer schlief und schwieg
still, der ander plauderte, dass sonst keiner vor ihm zukommen konnte. Einer
erzählte seine liebliche Buhlerei, der ander seine erschröckliche Kriegstaten;
etliche redeten von der Kirche und geistlichen Sachen, andere von Ratio status,
der Politik, Welt- und Reichshändeln; teils liefen hin und wieder als ein
Quecksilber und konnten an keiner Stelle bleiben; andere lagen und vermochten
nicht, den kleinesten Finger zu regen, geschweige aufrecht zu gehen oder zu
stehen; etliche frassen wie die Drescher, und als ob sie acht Tag Hunger gelitten
hätten; andere kotzten wieder, was sie denselbigen ganzen Tag eingeschlucket
hatten. Einmal, ihr ganzes Tun und Lassen war dermassen possierlich, närrisch,
seltsam und dabei so sündhaftig und gottlos, dass der mir entwischte üble Geruch,
darum ich gleichwohl so greulich zerschlagen worden, nur ein Scherz dargegen zu
rechnen. Endlich satzte es unten an der Tafel ernstliche Streitändel; da warf
man einander Gläser, Becher, Schüsseln und Teller an die Köpfe und schlug nicht
allein mit Fäusten, sondern auch mit Stühlen, Stuhlbeinen, Degen und allerhand
Siebensachen drein, dass etlichen der rote Saft über die Ohren lief; aber mein
Herr stillete den Handel gleich wiederum.
 
                         Das dreiunddreissigste Kapitel.
Simplex sieht, wie sein Herr ein Fuchsen schiesst,
Und er auch etliche Brocken geniesst.
Da es nun wieder Friede worden, nahmen die Meistersäufer die Spielleute samt dem
Frauenzimmer und wanderten in ein ander Haus, dessen Saal auch zu einer andern
Torheit erkoren und gewidmet war. Mein Herr aber satzte sich auf sein
Lotterbette, weil ihm entweder vom Zorn oder der Überfüllung wehe war. Ich liess
ihn liegen, wo er lag, damit er ruhen und schlafen könnte, war aber kaum unter
die Tür des Zimmers kommen, als er mir pfeifen wollte und solches doch nicht
konnte. Er rief, aber nicht anders als: »Simpls!« Ich sprang zu ihm und fand ihn
die Augen verkehren wie ein Viehe, das man absticht. Ich stund da vor ihm wie
ein Stockfisch und wusste nicht, was zu tun war; er aber deutet aufs Trysor und
lallete: »Br, bra, bring da das; du Schuft, la, la, lang, langs Lavor, ich m,
mu, muss, e, ein Fu, Fuchs schiessen.« Ich eilete und brachte das Lavorbecken, und
als ich zu ihm kam, hatte er ein paar Backen wie ein Trompeter. Er erwischte
mich geschwind bei dem Arm und akkommodierte mich zu stehen, dass ich ihm das
Lavor gerad vors Maul halten musste. Solches brach ihm mit schmerzlichen
Herzstössen unversehens auf und goss eine solche wüste Materi in bemeldtes Lavor,
dass mir vor unleidlichem Gestank schier ohnmächtig ward, sonderlich weil mir
etliche Brocken (sal. ven.) ins Gesicht sprützten. Ich hätte beinahe auch
mitgemacht, aber als ich sah, wie er verblaichte, liesse ichs aus Forcht
unterwegen und besorgte, die Seel würde ihm samt dem Unflat durchgehen, weil ihm
der kalte Schweiss ausbrach und sein Angesicht einem Sterbenden ähnlich sah. Als
er sich aber gleich wieder erholete, hiess er mich frisch Wasser bringen, damit
er seinen Weinschlauch wieder ausspülete.
    Demnach befahl er mir, den Fuchs hinwegzutragen, welcher mich, weil er in
einem silbern Lavor lag, nichts Verächtliches, sondern eine Schüssel voller
Voressen vor vier Mann zu sein bedünkte, das sich beileib nicht hinwegzuschütten
gebühre. Zudem wusste ich wohl, dass mein Herr nichts Schlimmes in seinen Magen
gesammlet, sondern herrliche und delikate Pastetlein, wie auch von allerhand
Gebackens, Geflügel, Wildpret und zahmen Viehe, welches man alles noch artlich
unterscheiden und kennen konnte. Ich schummelte mich damit, wusste aber nicht
wohin, oder was ich daraus machen sollte, dorfte auch meinem Herrn nicht fragen.
Ich ging zum Hofmeister; dem wiese ich dieses schöne Traktament und fragte, was
ich mit dem Fuchs machen sollte? Er antwortete: »Narr, gehe und bring ihn dem
Körschner, dass er den Balg bereite!« Ich fragte, wo der Körschner sei? »Nein,«
antwortete er, da er meine Einfalt sah, »bring ihn dem Doktor, damit er daran
sehe, was vor einen Zustand unser Herr habe.« Solchen Aprilengang hätte ich
getan, wann der Hofmeister nicht was anders geförchtet hätte; er hiess mich
derowegen den Bettel in die Küche tragen, mit Befelch, die Mägde solltens
aufheben und einen Pfeffer drüber machen, welches ich ernstlich ausrichtete und
deswegen von den Schleppsäcken mächtig agieret worden.
 
                         Das vierunddreissigste Kapitel.
Simplex kommt ohngefähr zu einem Tanz,
Da er dann wieder versiehet die Schanz.
Mein Herr ging eben aus, als ich meines Lavors los worden; ich trat ihm nach
gegen einem grossen Haus, allwo ich im Saal Männer, Weiber und ledige Personen so
schnell untereinander herumhaspeln sah, dass es frei wimmelte. Die hatten ein
solch Getrippel und Gejöhl, dass ich vermeinte, sie wären alle rasend worden;
dann ich konnte nicht ersinnen, was sie doch mit diesem Wüten und Toben vorhaben
möchten. Ja, ihr Anblick kam mir so grausam, förchterlich und schröcklich vor,
dass mir alle Haar gen Berg stunden, und konnte nichts anders glauben, als sie
müssten aller ihrer Vernunft beraubt sein. Da wir näher hinzukamen, sah ich, dass
es unsere Gäste waren, welche den Vormittag noch witzig gewesen. »Mein Gott!«
gedachte ich, »was haben doch diese arme Leute vor? Ach! es hat sie gewisslich
eine Unsinnigkeit überfallen.« Bald fiel mir ein, es möchten vielleicht
höllische Geister sein, welche in dieser angenommenen Weise dem ganzen
menschlichen Geschlecht durch solch leichtfertig Geläuf und Affenspiel
spotteten; dann ich gedachte, hätten sie menschliche Seelen und Gottes Ebenbild
in sich, so täten sie auch wohl nicht so unmenschlich. Als mein Herr in
Hausähren kam und zum Saal eingehen wollte, hörete die Wut eben auf, ohn dass sie
noch ein Buckens und Duckens mit den Köpfen und ein Kratzens und Schuhschleifens
mit den Füssen auf dem Boden machten, dass mich deuchte, sie wollten die
Fussstapfen wieder austilgen, die sie in währender Raserei getretten. Am Schweiss,
der ihnen über die Gesichter floss, und an ihrem Geschnäuf konnte ich abnehmen,
dass sie sich stark zerarbeitet hatten; aber ihre fröhliche Angesichter gaben zu
verstehen, dass sie solche Bemühungen nicht saur ankommen.
    Ich hätte trefflich gern gewusst, wohin doch das närrische Wesen gemeint sein
möchte; fragte derowegen meinen Kamerad und vermeinden aufrichtigen vertrauten
Herzbruder, der mich erst kürzlich das Wahrsagen gelernet, was solche Wut
bedeute oder worzu dieses rasende Trippen und Trappen angesehen sei. Der
berichtete mich vor eine gründliche Wahrheit, dass sich die Anwesende vereinbart
hätten, dem Saal den Boden mit Gewalt einzutretten. »Warum vermeinst du wohl,«
sagte er, »dass sie sich sonst so tapfer tummlen sollten? hast du nicht gesehen,
wie sie die Fenster vor Kurzweile schon ausgeschlagen? eben also wird es auch
diesem Boden gehen.« »Herr Gott!« antwortete ich, »so müssen wir ja mit zugrund
gehen und im Hinunterfallen samt ihnen Hals und Bein brechen?« - »Ja,« sagte
mein Kamerad, »darauf ists angesehen, und da geheien sie sich den Teufel darum.
Du wirst sehen, wann sie sich also in Todesgefahr begeben, dass jeder eine
hübsche Frau oder Jungfer erwischt; dann man sagt, es pflege denen Paaren, so
also zusammenhaltend fallen, nicht bald wehe zu geschehen.« Indem ich dieses
alles glaubte, überfiel mich eine solche Angst und Todessorge, dass ich nicht
mehr wusste, wo ich bleiben sollte; und als die Musikanten, deren ich bisher noch
nicht wahrgenommen, noch darzu sich hören liessen, auch die Kerl den Damen
zuliefen, wie die Soldaten ihrem Gewehr und Posten, wann sie die Trommel hören
Lärmen rühren, und jeder eine bei der Hand erdappte, ward mir nit anders, als
wann ich allbereit den Boden eingehen und mich und viel andere mehr die Hälse
abstürzen sähe. Da sie aber anfiengen zu gumpen, dass der ganze Bau zitterte,
weil man eben ein drollichten Gassenhauer aufmachte, gedachte ich: »Nun ist es
um dein Leben geschehen. Nun, Simplex, wirst du das letztemal ein Mensch gewesen
sein!« Ich vermeinte nicht anders, als der ganze Bau würde urplötzlich
einfallen; derowegen erwischte ich in der allerhöchsten Angst eine Dame von
hohem Adel und vortrefflichen Tugenden, mit welcher mein Herr eben konversierte,
unversehens beim Arm, wie ein Bär, und hielte sie wie eine Klette. Da sie aber
zuckte und nicht wusste, was vor närrische Grillen in meinem Kopf stecken,
spielte ich das Desperat und fieng aus Verzweifelung an zu schreien, als wann
man mich hätte ermorden wollen. Das war aber noch nicht genug, sondern es
entwischte mir auch ungefähr etwas in die Hosen, so einen über alle Massen üblen
Geruch von sich gab, dergleichen meine Nase lange Zeit nicht empfunden. Die
Musikanten wurden gähling still, die Tänzer und Tänzerinnen höreten auf, und die
ehrliche Dame, deren ich am Arm hieng, befand sich offendiert, weil sie ihr
einbildete, mein Herr hätte ihr solches zum Schimpf tun lassen. Darauf befahl
mein Herr, mich zu prügeln und hernach irgendhin einzusperren, weil ich ihm
denselben Tag schon mehr Possen gerissen hatte. Die Furierschützen, so
exequieren sollten, hatten nicht allein Mitleiden mit mir, sondern konnten auch
vor Gestank nicht bei mir bleiben; entübrigten mich derohalben der Stösse und
sperreten mich unter eine Stege in Gänsstall. Seitero hab ich der Sache
vielmals nachgedacht und bin der Meinung worden, dass solche Excrementa, die
einem aus Angst und Schrecken entgehen, viel üblern Geruch von sich geben, als
wann einer eine starke Purgation eingenommen.
 
                               Das erste Kapitel.
Simplex pflegt Händel im Stall zu erfahren,
Als sich ein Gänser und Gänsin will paaren.
In meinem Gänsstall konzipierte und überlegte ich, was beides vom Tanzen und
Saufen ich im ersten Teil meines »Schwarz und Weiss« hiebevor geschrieben, ist
derowegen unnötig, diesorts etwas Ferners davon zu melden. Doch kann ich nicht
verschweigen, dass ich damals noch zweifelte, ob die Tänzer den Boden
einzutretten so gewütet oder ob ich nur so überredet worden. Jetzt will ich
ferner erzählen, wie ich wieder aus dem Gänskerker kam. Drei ganzer Stunden,
nämlich bis sich das Praeludium Veneris (der ehrliche Tanz sollte ich gesagt
haben) geendet hatte, musste ich in meinem eigenen Unlust sitzen bleiben, eh
einer herzuschlich und an dem Riegel anfieng zu rappeln. Ich lausterte wie eine
Sau, die ins Wasser harnt; der Kerl aber, so an der Tür war, machte solche nicht
allein auf, sondern wischte auch ebenso geschwind hinein, als gern ich heraussen
gewesen wäre, und schleppte noch darzu ein Weibsbild an der Hand mit sich daher,
gleichwie ich beim Tanz hatte tun sehen. Ich konnte nicht wissen, was es abgeben
sollte; weil ich aber vieler seltsamen Abenteuren, die meinem närrischen Sinn
denselben Tag begegnet, schier gewohnt war und ich mich drein ergeben hatte,
fürterhin alles mit Gedult und Stillschweigen zu ertragen, was mir mein
Verhängnüs zuschicken würde; als schmiegte ich mich zu der Tür mit Forcht und
Zittern, das Ende erwartende. Gleich darauf erhub sich zwischen diesen beiden
ein Gelispel, daraus ich zwar nichts anders verstund, als dass sich das eine Teil
über den bösen Geruch desselben Orts (er war aber aus meinen Hosen) beklagte und
hingegen der ander Teil das erste hinwiederum tröstete. »Gewisslich, schönste
Dame,« sagte er, »mir ist versichert von Herzen leid, dass uns, die Früchte der
Liebe zu geniessen, vom missgünstigen Glück kein ehrlicher Ort gegönnet wird. Aber
ich kann darneben beteuren, dass mir Ihre holdselige Gegenwart diesen
verächtlichen Winkel anmutiger machet als das lieblichste Paradeis selber.«
Hierauf hörete ich küssen, und vermerkte seltsame Posturen; ich wusste aber
nicht, was es war oder bedeuten sollte, schwieg derowegen noch fürters so still
als eine Maus. Wie sich aber auch sonst ein possierlich Geräusch erhub und der
Gänsstall, so nur von Brettern unter die Stege getäfelt war, ziemlich und
kontinuierlich zu krachen anfieng, zumaln das Weibsbild sich anstellete, als ob
ihr gar weh bei der Sache geschähe, da gedachte ich: »Das seind zwei von denen
wütenden Leuten, die den Boden helfen eintretten und sich jetzt hieher begeben
haben, da gleicherweis zu hausen und dich ums Leben zu bringen.« Sobald diese
Gedanken mich einnahmen, so bald nahm ich hingegen die Tür ein, dem Tod zu
entfliehen, dadurch ich mit einem solchen Mordiogeschrei hinauswischte, das
natürlich lautete wie dasjenige, das mich an denselben Ort gebracht hatte; doch
war ich so gescheid, dass ich die Tür hinter mir wieder zuriegelte und hingegen
die offene Haustür suchte. Dieses nun war die erste Hochzeit, bei deren ich mich
mein Lebtag befunden, unangesehen ich nicht darzu geladen worden; hingegen
dorfte ich aber auch nichts schenken, wiewohl mir hernach der Hochzeiter die
Zeche desto teurer rechnete, die ich auch redlich bezahlte. Günstiger Leser! ich
erzähle diese Geschicht nicht darum, damit er viel darüber lachen solle, sondern
damit meine Histori ganz sei und der Leser zu Gemüt führe, was vor ehrbare
Früchte von dem Tanzen zu gewarten sein. Dies halte ich einmal vor gewiss, dass
bei den Tänzen mancher schlimmer und leichtfertiger Kauf gemacht wird, dessen
sich hernach eine ganze Freundschaft zu schämen hat.
 
                              Das zweite Kapitel.
Simplex anzeiget, wann gut sei zu baden,
Dass es dem Menschen werd nimmermehr schaden.
Obzwar ich nun dergestalt aus dem Gänsstall glücklich entkommen, so ward ich
jedoch erst meines Unglücks recht gewahr: dann meine Hosen waren voll, und ich
wusste nicht, wohin mit der Latwergen. In meines Herrn Quartier war alles still
und schlafend; dahero dorfte ich mich zur Schildwacht, die vorm Haus stund,
nicht nähern; in der Hauptwache, Corps de Garde, wollte man mich nicht leiden,
weil ich viel zu übel stank; auf der Gasse zu bleiben, war mirs gar zu kalt und
unmüglich, also dass ich nicht wusste, wo aus noch ein. Es war schon weit von
Mitternacht, als mir einfiel, ich sollte meine Zuflucht zu dem vielgemeldten
Pfarrer nehmen. Ich folgete meinem Gutbefinden, vor der Tür anzuklopfen; damit
war ich so importun, dass mich endlich die Magd mit Unwillen einliess. Als sie
aber roche, was ich mitbrachte (dann ihre lange Nase verriet gleich meine
Heimlichkeit), ward sie noch schelliger. Derowegen fieng sie an, mit mir zu
keifen, welches ihr Herr, so nunmehr fast ausgeschlafen hatte, bald höret. Er
rufte uns beiden vor sich ans Bett, gleichsam als ob er auch teil am guten
Geruch hätte haben wollen. Sobald er aber merkte, wo der Has im Pfeffer lag und
die Nase ein wenig gerümpft hatte, sagte er, es sei niemals, unangesehen was die
Kalender schreiben, besser baden, als in solchem Stand, darin ich mich anjetzo
befände. Er befahl auch seiner Magd, und zwar gleichsam bittsweise, sie sollte,
bis es vollends Tag würde, meine Kosen waschen und vor den Stubenofen hängen,
mich selbst aber in ein Bette legen; dann er sah wohl, dass ich vor Frost ganz
erstarrt war. Ich war kaum erwarmt, da es anfieng zu tagen, so stund der Pfarrer
schon vorm Bette, zu vernehmen, wie mirs gangen, und wie meine Händel beschaffen
wären, weil ich meines nassen Hemdes und der Hosen halber noch nicht aufstehen
konnte, zu ihm zu gehen. Ich erzählte ihm alles und machte den Anfang an der
Kunst, die mich mein Kamerad gelernet, und wie übel sie geraten. Folgends
meldete ich, dass die Gäste, nachdem er, der Pfarrer, hinweg gewesen, ganz
unsinnig wären worden, und (massen mich mein Kamerad also berichtet) ihnen
vorgenommen hätten, dem Haus den Boden einzutretten; item, in was vor eine
schröckliche Angst ich darüber geraten, und auf was Weise ich mich vorm
Untergang konservieren wollen, darüber aber in Gänsstall gesperret worden, auch
was ich in demselben von den zweien, so mich wieder erlöset, vor Wort und Werke
vernommen und welchergestalt ich sie beide an meine Statt eingesperret.
»Simplici!« sagte der Pfarrer, »deine Sachen stehen lausig! du hattest einen
guten Handel, aber ich sorge! ich sorge! es sei verscherzt. Packe dich nur
geschwind aus dem Bette und trolle dich aus dem Haus, damit ich nicht samt dir
in deines Herrn Ungnade komme, wann man dich bei mir findet.« Also musste ich mit
meinem feuchten Gewand hinziehen und zum erstenmal erfahren, wie wohl einer bei
männiglich daran ist, wann er seines Herrn Gunst hat, und wie scheel einer
hingegen angesehen wird, wann solche hinket oder dieselbe gar verscherzet ist.
    Ich ging in meines Herrn Quartier, darin noch alles steinhart schlief, bis
auf den Koch und ein paar Mägd. Diese butzten das Zimmer, darin man gestern
gezecht, jener aber rüstete aus den Abschrötlin wieder ein Frühstück oder
vielmehr ein Imbiss zu. Am ersten kam ich zu den Mägden; bei denen lag es hin und
wieder voller zerbrochener so Trink- als Fenstergläser: an teils Orten war es
[voll] von dem, so unten und oben weggangen, und an andern Orten waren grosse
Lachen von verschüttetem Wein und Bier, also dass der Boden einer Landkarten
gleichsah, darin man unterschiedliche Meere, Insulen und truckene oder fussfeste
Länder hätte abbilden und vor Augen stellen wollen. Es stank im ganzen Zimmer
viel übler als in meinem Gänsstall; derowegen war auch meines Bleibens nicht
lang daselber, sondern ich machte mich in die Küchen und liess meine Kleider
beim Feur am Leib vollends trücknen, mit Forcht und Zittern erwartend, was das
Glück, wann mein Herr ausgeschlafen hätte, ferners in mir würken wollte.
Darneben betrachtete ich der Welt Torheit und Unsinnigkeit und zog alles zu
Gemüte, was mir verwichenen Tag und selbige Nacht begegnet war, auch was ich
sonst gesehen, gehöret und erfahren hatte. Solche Gedanken verursachten, dass ich
damals meines Einsiedlers geführtes dörftig und elend Leben vor glückselig
schätzte und ihn und mich wieder in vorigen Stand wünschete.
 
                              Das dritte Kapitel.
Simplex des Page sein Lehrgeld erzählt,
Er selbst wird zu einem Narren erwählt.
Als mein Herr aufgestanden, schickte er seinen Leibschützen hin, mich aus dem
Gänsstall zu holen; der brachte Zeitung, dass er die Tür offen und ein Loch
hinter dem Riegel mit einem Messer geschnitten gefunden, vermittelst dessen der
Gefangene sich selbst erledigt hätte. Eh aber solche Nachricht einkam, verstund
mein Herr von andern, dass ich vorlängst in der Küche gewesen. Indessen mussten
die Diener hin und wieder laufen, die gestrige Gäste zum Frühestück einzuholen,
unter welchen der Pfarrer auch war, welcher zeitlicher als andere erscheinen
musste, weil mein Herr meinetwegen mit ihm reden wollte, eh man zur Tafel sasse.
Er fragte ihn erstlich, ob er mich vor witzig oder närrisch hielte, oder ob ich
so einfältig oder so boshaftig sei, und erzählete ihm damit alles, wie
unehrbarlich ich mich den vorigen Tag und Abend sowohl vor der Tafel als bei dem
Tanz gehalten, welches teils von seinen Gästen übel empfunden und aufgenommen
werde, als wäre es ihnen zum Despekt mit Fleiss so angestellet worden; item, dass
er mich hätte in einen Gänsstall versperren lassen, sich vor dergleichen Spott,
so ich ihm noch hätte zufügen können, zu versichern, aus welchem ich aber
gebrochen und nun in der Küchen umgehe wie ein Junker, der ihm nicht mehr
aufwarten dörfe; sein Lebtag sei ihm kein solcher Posse widerfahren, als ich ihm
in Gegenwart so vieler ehrlichen Leute gerissen, er wisse nichts anders mit mir
anzufangen, als dass er mich lasse abprügeln, und weil ich mich so dumm anliesse,
wieder vor den Teufel hinjage.
    Inzwischen, als mein Herr so über mich klagte, sammleten sich die Gäste nach
und nach. Da er aber ausgeredet hatte, antwortete der Pfarrer, wann ihm der Herr
Gouverneur eine kleine Zeit mit ein wenig Gedult zuzuhören beliebte, so wollte
er von Simplicio der Sachen halber eins und anders Lustiges erzählen, dass man
nichts Artlichers erdenken könnte, daraus nicht allein seine Unschuld zu
vernehmen sein, sondern auch denen, so sich seines Verhaltens halber
disgustieret befinden wollten, alle ungleiche Gedanken benommen würden. Dies
wurde beliebt, doch dass es über Tisch geschehe, damit die ganze Compagnia auch
part darvon hätte.
    Als man dergestalt oben in der Stube von mir redete, akkordierte der tolle
Fähnrich, den ich an meine Stelle selbander eingesperrt hatte, unten mit mir in
der Küchen und brachte mich durch Drohworte und einen Taler, den er mir
zusteckte, dahin, dass ich ihm versprach, von seinen Händeln reinen Mund zu
halten.
    Die Tafeln wurden gedeckt und wie den vorigen Tag mit Speisen und Leuten
besetzt. Wermut-, Salbei-, Alant-, Quitten- und Zitronenwein musste neben dem
Hippokras den Säufern ihre Köpfe und Mägen wieder begütigen; dann sie waren
schier alle des Teufels Märtyrer. Ihr erstes Gespräch war von ihnen selber,
nämlich wie sie gestern einander so brav vollgesoffen hätten, und war doch
keiner unter ihnen, der gründlich gestehen wollte, dass er voll gewesen, wiewohl
den Abend zuvor teils bei Teufelholen geschworen, sie könnten nicht mehr saufen,
auch »Wein, mein Herr!« geschrieen und [wieder] geschrieen hatten. Etliche zwar
sagten, sie hätten gute Räusche gehabt, andere aber bekannten, dass sich keiner
mehr vollsöffe, sint die Räusche aufkommen. Als sie aber von ihren eigenen
Torheiten beides zu reden und zu hören müde waren, musste sich der arme
Simplicius leiden; der Gouverneur selbst erinnerte den Pfarrer, die lustige
Sachen zu eröffnen, wie er versprochen hätte.
    Dieser bat zuvörderst, man wollte ihm nichts vor ungut halten, dafern er
etwan Wörter reden müsste, die seiner geistlichen Person übel anständig zu sein
vermerkt würden, fieng darauf an, zu erzählen, erstlich aus was natürlichen
Ursachen mich die Leibsdünste zu plagen pflegten, was ich durch solche dem
Sekretario vor eine Unlust in die Kanzlei angerichtet, was ich neben dem
Wahrsagen vor eine Kunst darwider gelernet und wie schlimm solche in der Prob
bestanden; item, wie seltsam mir das Tanzen vorkommen, weil ich dergleichen
niemalen gesehen; was ich vor Bericht deshalber von meinem Kameraden
eingenommen, welcher Ursachen halber ich dann die vornehme Dame ergriffen und
darüber in Gänsstall kommen. Solches aber brachte er mit einer wohlanständigen
Art zu reden vor, dass sie sich trefflich zerlachen mussten, entschuldigte dabei
meine Einfalt und Unwissenheit so bescheidentlich, dass ich wieder in meines
Herrn Gnade kam und der Tafel aufwarten dorfte, aber von dem, was mir im
Gänsstall begegnet und wie ich wieder daraus erlöset worden, wollte er nichts
sagen, weil ihn bedünkte, es hätten sich an seiner Person etliche saturnische
Holzböcke geärgert, die da vermeinten, Geistliche sollten nur immer saur sehen.
Hingegen fragte mich mein Herr, seinen Gästen einen Spass zu machen, was ich
meinem Kamerad geben hätte, dass er mich so saubere Künste gelehret, und als ich
antwortete: »Nichts!« sagte er: »So will ich ihm das Lehrgeld vor dich
bezahlen«, wie er ihn dann hierauf in eine Futterwanne spannen und allerdings
karbaitschen liess, wie man mirs den vorigen Tag gemacht, als ich die Kunst
probiert und falsch befunden hatte.
    Mein Herr hatte nunmehr genug Nachricht von meiner Einfalt, wollte mich
derowegen stimmen, ihm und seinen Gästen mehr Lust zu machen; er sah wohl, dass
die Musikanten nichts galten, solang man mich unterhanden haben würde; dann ich
bedünkte mit meinen närrischen Einfällen jedermann über 17 Lauten zu sein. Er
fragte, warum ich die Tür an dem Gänsstall zerschnitten und Reissaus gespielet
hätte. Ich antwortete: »Das mag jemand anders getan haben.« Er fragte: »Wer
dann?« Ich sagte: »Vielleicht der, so zu mir kommen.« - »Wer ist dann zu dir
kommen?« Ich antwortete: »Das darf ich niemand sagen.« Mein Herr war ein
geschwinder Kopf und sah wohl, wie man mir lausen musste; derowegen übereilte er
mich und fragte, wer mir solches dann verbotten hätte? Ich antwortete gleich:
»Der tolle Fähnrich!« Demnach ich aber an jedermanns Gelächter merkete, dass ich
mich gewaltig verhauen haben müsste, der tolle Fähnrich, so mit am Tisch sass,
auch so rot ward wie eine glühende Kohle, als wollte ich nichts mehr schwätzen,
es würde mir dann von demselben erlaubt. Es war aber nur um einen Wünk zu tun,
den mein Herr dem tollen Fähnrich anstatt eines Befehls gab, da dorft ich reden,
was ich wusste. Darauf fragte mich mein Herr, was der tolle Fähnrich bei mir im
Gänsstall zu tun gehabt? Ich antwortete: »Er brachte eine Jungfer zu mir
hinein.« - »Was tät er aber weiter?« sagte mein Herr; ich antwortete: »Mich
deuchte, er wollte im Stall sein Wasser abgeschlagen haben.« Mein Herr fragte:
»Was tät die Jungfer dabei? schämte sie sich nicht?« - »Jawohl nein Herr!« sagte
ich, »sie hub den Rock auf und wollte darzu (mein hochgeehrter zucht-, ehr- und
tugendliebender Leser verzeihe meiner unhöflichen Feder, dass sie alles so grob
schreibet, als ich damals vorbrachte) scheissen.« Hierüber erhub sich bei allen
Anwesenden ein solch Gelächter, dass mich mein Herr nicht mehr hören, geschweige
etwas weiters fragen konnte; und zwar war es auch nicht weiters vonnöten, man
hätte dann die ehrliche fromme Jungfer (scil.) auch in Spott bringen wollen.
    Hierauf erzählte der Hofmeister vor der Tafel, dass ich neulich vom Bollwerk
oder Wall heimkommen und gesagt, ich wüsste, wo der Donner und Blitz herkäme; ich
hätte grosse Blöcher auf halben Wägen gesehen, die inwendig hohl gewesen; in
dieselbe hätte man Zwiebelsamen samt einer eisernen weissen Rüben, deren der
Schwanz abgeschnitten, gestopft, hernach die Blöcher hintenher ein wenig mit
einem zinkigten Spiess gekützelt, davon wäre vornheraus Dampf, Donner und
höllisch Feur geschlagen. Sie brachten noch mehr dergleichen Possen auf die
Bahne, also dass man schier denselben ganzen Imbiss von sonst nichts als nur von
mir zu reden und zu lachen hatte. Solches verursachte einen allgemeinen Schluss
zu meinem Untergang, welcher war, dass man mich tapfer agieren sollte, so würde
ich mit der Zeit einen raren Tischrat abgeben, mit dem man auch den grössten
Potentaten von der Welt verehren und die Sterbende zu lachen machen könnte.
 
                              Das vierte Kapitel.
Simplex vom Mann, der Geld gibet, berichtet,
Was er dem Schweden vor Kriegsdienst verrichtet.
Wie man nun also schlampamte und wieder wie gestern gut Geschirr machen wollte,
meldet die Wacht mit Einhändigung eines Schreibens an den Gouverneur einen
Commissarium an, der vor dem Tor sei, welcher von der Kron Schweden Kriegsräten
abgeordnet war, die Garnison zu mustern und die Festung zu visitieren. Solches
versalzte allen Spass, und alles Freudengelach verlummerte wie ein
Sackpfeifenzipfel, dem der Blast entgangen. Die Musikanten und die Gäste
zerstoben, wie Tobackrauch verschwindet, der nur den Geruch hinter sich lässt;
mein Herr trollte selbst mit dem Adjutanten, der die Schlüssel trug, samt einem
Ausschuss von der Hauptwacht und vielen Windlichtern dem Tor zu, den
Plackschmeisser, wie er ihn nannte, selbst einzulassen. Er wünschte, dass ihm der
Teufel den Hals in tausend Stücken breche, ehe er in die Festung käme! Sobald er
ihn aber eingelassen und auf der innern Fallbrücke bewillkommte, fehlte wenig
oder gar nichts, dass er ihm nicht selbst an Stegreif griff, seine Devotion gegen
ihm zu bezeugen, ja die Ehrerbietung ward augenblicklich zwischen beiden so
gross, dass der Commissarius abstieg und zu Fuss mit meinem Herrn gegen seinem
Losament fortwanderte; da wollte jeder die linke Hand haben, etc. »Ach!«
gedachte ich, »was vor ein wunderfalscher Geist regieret doch die Menschen,
indem er je den einen durch den andern zum Narren machet!« Wir näherten also der
Hauptwacht, und die Schildwacht rufte ihr »Werda?«, wiewohl sie sah, dass es
mein Herr war. Dieser wollte nicht antworten, sondern jenem die Ehre lassen;
daher stellete sich die Schildwacht mit Wiederholung ihres Geschreis desto
heftiger. Endlich antwortete er auf das letztere »Werda?« »Der Mann, ders Geld
gibt!« Wie wir nun bei der Schildwacht vorbeipassierten und ich so hinden
nachzog, hörete ich ermeldte Schildwacht, die ein neugeworbener Soldat und zuvor
ihres Handwerks ein wohlhäbiger junger Baursmann auf dem Vogelsberg gewesen war,
diese Wort brummlen: »Du magst wohl ein verlogener Kund sein; ein Mann, ders
Geld gibt! Ein Schindhund, ders Geld nimmt, das bist du! Soviel Gelds hast du
mir abgeschweisst, dass ich wollte, der Hagel erschlüge dich, eh du wieder aus der
Stadt kämest.« Von dieser Stund an fasste ich die Gedanken, dieser fremde Herr im
sammeten Mutzen müsse ein heiliger Mann sein, weil nicht allein keine Flüche an
ihm hafteten, sondern dieweil ihm auch seine Hasser alle Ehre, alles Liebes und
alles Gutes erwiesen; er ward noch dieselbe Nacht fürstlich traktieret, blind
vollgesoffen und noch darzu in ein herrlich Bette gelegt.
    Folgende Tage giengs bei der Musterung bund über Eck her. Ich einfältiger
Tropf war selbst geschickt genug, den klugen Commissarium (zu welchen Ämtern und
Verrichtungen man wahrlich keine Kinder nimmt) zu betrügen und über den Tölpel
zu werfen, welches ich eher als in einer Stund lernete, weil die ganze Kunst nur
in 5 und 9 bestunde, selbige auf einer Trommel zu schlagen, weil ich noch zu
klein war, einen Musketierer zu präsentieren. Man staffierte mich zu solchem
Ende mit einem entlehnten Kleid und auch mit einer entlehnten Trommel (dann
meine geschürzte Pagehosen taugten nichts zum Handel), ohn Zweifel darum, weil
ich selbst entlehnt war; damit passierte ich glücklich durch die Musterung.
Demnach man aber meiner Einfalt nicht zugetraute, einen fremden Namen im
Gedächtnüs zu behalten, auf welchen ich antworten und hervortretten sollte,
musste ich der Simplicius verbleiben; den Zunamen ersatzte der Gouverneur
selber und liess mich Simplicius Simplicissimus in die Rolle einschreiben, mich
also wie ein Hurenkind zum ersten meins Geschlechts zu machen, wiewohl ich
seiner eigenen Schwester seiner Selbstbekenntnüs nach ähnlich sah. Ich behielt
auch nachgehends diesen Namen und Zunamen, bis ich den rechten erfuhr, und
spielte unter solchem meine Person zunutz des Gouverneurs und geringen Schaden
der Kron Schweden ziemlich wohl, welches dann alle meine Kriegsdienste sein, die
ich derselben mein Lebtag geleistet, derowegen dann ihre Feinde mich deswegen zu
neiden keine Ursache haben.
 
                              Das fünfte Kapitel.
Simplicem führen viel Teufel zur Höll,
Spanschen Wein trinkt er in selbiger Stell.
Als der Commissarius wieder hinweg, liess vielgemeldter Pfarrer mich heimlich zu
sich in sein Losament kommen und sagte: »O Simplici, deine Jugend dauret mich,
und deine künftige Unglückseligkeit bewegt mich zum Mitleiden. Höre, mein Kind,
und wisse gewiss, dass dein Herr dich aller Vernunft zu berauben und zum Narren zu
machen entschlossen, massen er zu solchem Ende bereits ein Kleid vor dich
verfertigen lässet. Morgen musst du in diejenige Schule, darin du deine Vernunft
verlernen sollt; in derselben wird man dich ohn Zweifel so greulich drillen, dass
du, wann anders Gott und natürliche Mittel solches nicht verhindern, ohn Zweifel
zu einem Phantasten werden musst. Weil aber solches ein misslich und sorglich
Handwerk ist, als habe ich um deines Einsiedlers Frömmigkeit und um deiner
eignen Unschuld willen aus getreuer christlicher Liebe dir mit Rat und
notwendigen guten Mitteln beispringen und gegenwärtige Arznei zustellen wollen.
Darum folge nun meiner Lehre und nimm dieses Pulver ein, welches dir das Hirn
und Gedächtnüs dermassen stärken wird, dass du unverletzt deines Verstandes alles
leicht überwinden magst. Auch hast du hierbei einen Balsam; damit schmiere die
Schläfe, den Würbel und das Genick samt den Naslöchern; und diese beide Stücke
brauch auf den Abend, wann du schlafen gehest, sintemal du keine Stunde sicher
sein wirst, dass du nicht aus dem Bette abgeholet werdest. Aber siehe zu und hüte
dich ja fleissig, dass niemand dieser meiner Warnung und mitgeteilten Arznei
gewahr werde, es möchte sonst dir und mir übel ausschlagen. Und wann man dich in
dieser verfluchten Kur haben wird, so achte und glaube nicht alles, was man dich
überreden will, und stelle dich doch, als wann du alles glaubtest. Rede wenig,
damit deine Zugeordnete nicht an dir merken, dass sie lär Stroh dröschen, sonsten
werden sich deine Plagen verlängern, wiewohl ich nicht wissen kann, auf was
Weise sie mit dir umgehen werden. Wann du aber den Strauss und das Narrenkleid
anhaben wirst, so komm wieder zu mir, damit ich deiner mit fernerm Rat pflegen
möge. Indessen will ich Gott vor dich bitten, dass er deinen Verstand und
Gesundheit erhalten wolle.« Hierauf stellete er mir gemeldtes Pulver und
Sälblein zu, und [ich] wanderte damit wieder nach Haus.
    Wie der Pfarrer gesagt hatte, also ging es. Im ersten Schlaf kamen vier
Kerl in schröcklichen Teufelslarven vermummt zu mir ins Zimmer vors Bette; die
sprungen herum wie Gaukler und Fastnachtsnarren; einer hatte einen glühenden
Haken, und der ander eine Fackel in Händen; die andere zween aber wischten über
mich her, zogen mich aus dem Bette, tanzten eine Weile mit mir hin und her und
zwangen mir meine Kleider an Leib. Ich aber stellete mich, als wann ich sie vor
rechte natürliche Teufel gehalten hätte, verführte ein jämmerliches
Zettergeschrei und liess die allerforchtsamsten Gebärden erscheinen; aber sie
verkündigten mir, dass ich mit ihnen fortmüsste. Hierauf verbanden sie mir den
Kopf mit einer Handzwell, dass ich weder hören, sehen noch schreien konnte. Sie
führten mich armen Tropfen, der ich wie ein Espenlaub zitterte, unterschiedliche
Umwege, viel Stegen auf und ab und endlich in einen Keller, darin ein grosses
Feur brannte, und nachdem sie mir die Handzwell wieder abgebunden, fiengen sie
an, mir in spanischen Wein und Malvasier zuzutrinken. Sie hatten mich gut
überreden, ich wäre gestorben und nunmehr im Abgrund der Höllen, weil ich mich
mit Fleiss also stellete, als wann ich alles glaubte, was sie vorlogen. »Sauf nur
tapfer zu,« sagten sie, »weil du doch ewig bei uns bleiben musst. Willst du aber
nicht ein gut Gesell sein und mitmachen, so musst du in gegenwärtiges Feur!« Die
arme Teufel wollten ihre Sprache und Stimme verquanten, damit ich sie nicht
kennen sollte; ich merkte aber gleich, dass es meines Herrn Furierschützen waren;
doch liess ichs mich nicht merken, sondern lachte in die Faust, dass diese, so
mich zum Narrn machen sollten, meine Narren sein mussten. Ich trank meinen Teil
mit vom spanischen Wein, sie aber soffen mehr als ich, weil solcher himmlischer
Nektar selten an solche Gesellen kommt, massen ich noch schwören dörfte, dass sie
eher voll worden als ich. Da michs aber Zeit zu sein bedünkte, stellete ich mich
mit Hin- und Hertorkeln, wie ichs neulich an meines Herrn Gästen gesehen hatte,
und wollte endlich gar nicht mehr saufen, sondern schlafen; hingegen jagten und
stiessen sie mich mit ihrem Haken, den sie allzeit im Feur liegen hatten, in
allen Ecken des Kellers herum, dass es sah, als ob sie selbst närrisch wären
worden, entweder dass ich mehr trinken oder aufs wenigste nicht schlafen sollte.
Und wann ich in solcher Hatze niederfiel, wie ich dann oft mit Fleiss tät, so
packten sie mich wieder auf und stelleten sich, als wann sie mich ins Feur
werfen wollten. Also ging mirs wie einem Falken, dem man wacht, welches mein
grosses Kreuz war. Ich hätte sie zwar Trunkenheit und Schlafs halber wohl
ausgedauret, aber sie verblieben nicht allweg beieinander, sondern lösten sich
untereinander ab; darum hätte ich zuletzt den Kürzern ziehen müssen. Drei Täge
und zwo Nächte habe ich in diesem raucherichten Keller zubracht, welcher kein
ander Liecht hatte, als was das Feur von sich gab; der Kopf fieng mir dahero an
zu brausen und zu wüten, als ob er zerreissen wollte, dass ich endlich einen Fund
ersinnen musste, mich meiner Qual samt den Peinigern zu entledigen; ich machte es
wie der Fuchs, welcher den Hunden ins Gesicht harnt, wann er ihnen nicht mehr zu
entrinnen getrauet; dann weil mich eben die Natur trieb, meine Notdurft (s.v.)
zu tun, bewegte ich mich zugleich mit einem Finger im Hals zum Unwillen
dergestalt, dass ich uf einmal die Hosen (mit Gunst) vollhofierte und das Wammes
vollkotzete, auch dergestalt mit einem unleidlichen Gestank die Zeche bezahlte,
also dass auch meine Teufel selbst schier nicht mehr bei mir bleiben konnten.
Damals legten sie mich in ein Leilach und zerplotzten mich so unbarmherzig, dass
mir alle innerliche Glieder samt der Seele heraus hätten fahren mögen, wovon ich
dermassen aus mir selber kam und des Gebrauchs meiner Sinnen beraubt ward, dass
ich gleichsam wie tot dalag; ich weiss auch nicht, was sie ferners mit mir
gemacht haben, so gar war ich allerdings dahin.
 
                              Das sechste Kapitel.
Simplex wird plötzlich in Himmel versetzet,
Wird zum Kalb, als er mit Trank sich ergötzet.
Als ich wieder zu mir selber kam, befand ich mich nicht mehr in dem öden Keller
bei den Teufeln, sondern in einem schönen Saal, unter den Händen dreier der
allergarstigsten alten Weiber, so der Erdboden je getragen. Ich hielt sie
anfänglich, als ich die Augen ein wenig öffnete, vor natürliche höllische
Geister; hätte ich aber die alte heidnische Poeten schon gelesen gehabt, so
hätte ich sie vor die Eumenides, oder wenigst die eine eigentlich vor die
Tisiphone gehalten, welche, mich, wie den Atamantem, meiner Sinne zu berauben,
aus der Höllen ankommen wäre, weil ich zuvor wohl wusste, dass ich darum da war,
zum Narren zu werden. Diese hatte ein Paar Augen wie zween Irrwische und
zwischen denselben eine lang-magere Habichsnase, deren Ende oder Spitze die
untere Lefzen allerdings erreichte. Nur zween Zähne sah ich in ihrem Maul, sie
waren aber so vollkommen, lang, rund und dick, dass sich jeder beinahe der
Gestalt nach mit dem Goldfinger, der Farb nach aber sich mit dem Gold selbst
hätte vergleichen lassen. In Summa, es war Gebeins genug vorhanden zu einem
ganzen Maul voll Zähne, es war aber gar übel ausgeteilt. Ihr Angesicht sah wie
spanisch Leder, und ihre weisse Haare hiengen ihr seltsam zerstrobelt um den Kopf
herum, weil man sie erst aus dem Bette geholet hatte. Ihre lange Brüste weiss ich
nichts anders zu vergleichen, als zweien lummerichten Kühblasen, denen zwei
Drittel vom Blast entgangen; unten hieng an jeder ein schwarzbrauner Zapf halb
Fingers lang. Wahrhaftig ein erschröcklicher Anblick, der zu nichts andern als
vor eine treffliche Arznei wider die unsinnige Liebe der geilen Böcke hätte
dienen mögen. Die andere zwo waren gar nicht schöner, ohn dass dieselbe stumpfe
Affennäslein und ihre Kleider etwas ordentlicher angetan hatten. Als ich mich
besser erkoberte, sah ich, dass die eine unser Schüsselwäscherin, die andre zwo
aber zweier Furierschützen Weiber waren. Ich stellete mich, als wann mir alle
Glieder abgeschlagen wären und ich mich nicht zu regen vermochte, wie mich dann
in Wahrheit auch nicht tanzerte, als diese ehrliche alte Mütterlein mich
splitternackend auszogen und von allem Unrat wie ein junges Kind sauberten. Doch
tät mir solches trefflich sanft; sie bezeugten unter währender Arbeit eine grosse
Gedult und treffliches Mitleiden, also dass ich ihnen beinahe offenbaret hätte,
wie wohl mein Handel noch stünde. Doch gedachte ich: »Nein Simplici! vertraue
keinem alten Weib, sondern gedenke, du habst Victori genug, wann du in deiner
Jugend drei abgefäumte alte Vetteln, mit denen man den Teufel im weiten Feld
fangen möchte, betrügen kannst; du kannst aus dieser Okkasion Hoffnung schöpfen,
bei zunehmenden Jahren und künftigem im Alter mehrers zu leisten.« Da sie nun
mit mir fertig waren, legten sie mich in ein köstlich Bette, darin ich ungewiegt
entschlief; sie aber giengen und nahmen ihre Kübel und andere Sachen, damit sie
mich gewaschen hatten, samt meinen Kleidern und allen Unflat mit sich hinweg.
Meines Davorhaltens schliefe ich diesen Satz länger als 24 Stunden; und da ich
wiedererwachte, stunden zween schöne geflügelte Knaben vorm Bette, welche mit
weissen Hemdern, taffeten Binden, Perlen, Kleinodien, göldenen Ketten und andern
scheinbarlichen Sachen köstlich gezieret waren. Einer hatte ein vergüldtes Lavor
voller Hippen, Zuckerbrot, Marzeban und ander Konfekt, der ander aber einen
verguldten Becher in Händen. Diese als Engel, davor sie sich ausgaben, wollten
mich bereden, dass ich nunmehr im Himmel sei, weil ich das Fegfeur so glücklich
überstanden und dem Teufel samt seiner Mutter entgangen; derohalber sollte ich
nur begehren, was mein Herz wünsche, sintemal alles, was mir nur beliebe, genug
vorhanden wäre oder doch sonst herbeizuschaffen in ihrer Macht stünde. Mich
quälete der Durst, und weil ich den Becher vor mir sah, verlangte ich nur den
Trunk, der mir auch mehr als gutwillig gereichet ward. Solches war aber kein
Wein, sondern ein lieblicher Schlaftrunk, welchen ich unabgesetzt zu mir nahm
und davon wieder entschlief, sobald er bei mir war erwärmet.
    Den andern Tag erwachte ich wiederum (dann sonst schlief ich noch), befand
mich aber nicht mehr im Bette, noch in vorigem Saal oder bei meinen Engeln, viel
weniger im Himmelreich selber, sondern in meinem alten Gänskerker. Da war
abermal eine greuliche Finsternus wie in vorigem Keller; und überdas hatte ich
ein Kleid an von Kalbfellen, daran das rauhe Teil auch auswendig gekehrt war;
die Hosen waren auf polnisch oder schwäbisch und das Wams noch wohl auf eine
närrischere Manier gemacht. Oben am Hals stund eine Kappe wie ein Mönchsgugel;
die war mir über den Kopf gestreift und mit einem schönen Paar grosser Eselsohren
gezieret. Ich musste meines Unsterns selbst lachen, weil ich beides, am Nest und
den Federn, sah, was ich vor ein Vogel sein sollte. Damals fieng ich erst an,
in mich selbst zu gehen und auf mein Bestes zu gedenken, und gleichwie ich
Ursach genug hatte, Gott zu danken, dass er mir meinen Verstand gesund erhalten,
also war ich auch bedürftig, denselben inbrünstig zu bitten, dass er mich ferner
behüten, regieren, leiten und führen wollte. Ich satzte mir vor, mich auf das
närrischte zu stellen, als mir immer müglich sein möchte, und darneben mit
Geduld zu erharren, wie sich mein Verhängnus weiters anlassen würde.
 
                             Das siebente Kapitel.
Simplex in seinen recht kälbrischen Stand
Schickt sich aufs beste, wird trefflich bekannt.
Vermittelst des Lochs, so der tolle Fähnrich hiebevor in die Tür geschnitten,
hätte ich mich wohl erledigen können; weil ich aber ein Narr sein sollte, liess
ichs bleiben und tät nicht allein wie ein Narr, der nicht so witzig ist, von
sich selbst herauszugehen, sondern stellte mich gar wie ein hungrig Kalb, das
sich nach seiner Mutter sehnet. Mein Geplärr ward auch bald von denjenigen
gehöret, die darzu bestellet waren, massen zween Soldaten vor den Gänsstall kamen
und fragten, wer darin wäre. Ich antwortete: »Ihr Narren, hört ihr dann nicht,
dass ein Kalb da ist?« Sie machten den Stall auf, nahmen mich heraus und
verwunderten sich, dass ein Kalb sollte reden können, welches ihnen anstund, wie
die gezwungene Aktionen eines neugeworbenen ungeschickten Komödianten, der die
Person, die er vertretten soll, nicht wohl agieren kann, also dass ich oft
meinte, ich müsste ihnen selbst zum Possen helfen. Sie beratschlagten sich, was
sie mit mir machen wollten, und wurden eins, mich dem Gubernator zu verehren,
als welcher ihnen, weil ich reden könnte, mehr schenken würde, als ihnen der
Metzger vor mich bezahlte. Sie fragten mich, wie mein Handel stünde. Ich
antwortete: »Liederlich genug!« Sie fragten: »Warum?« Ich sagte: »Darum, dieweil
hier der Brauch ist, redliche Kälber in Gänsstall zu sperren. Ihr Kerl müsst
wissen, dafern man will, dass ein rechtschaffener Ochs aus mir werden soll, dass
man mich auch aufziehen muss, wie einem ehrlichen Stier zustehet.« Nach solchem
kurzen Diskurs führeten sie mich über die Gass gegen des Gouverneurs Quartier zu;
uns folgte eine grosse Schar Buben nach, und weil dieselbe ebensowohl als ich das
Kälbergeschrei schrieen, hätte ein Blinder aus dem Gehör urteilen mögen, man
triebe eine Herde Kälber daher; aber dem Gesicht nach sah es einem Haufen so
junger als alter Narren gleich.
    Also ward ich von den beiden Soldaten dem Gouverneur präsentiert, gleichsam
als ob sie mich erst auf Partei erbeutet hätten. Dieselbe beschenkte er mit
einem Trinkgelt, mir selbst aber versprach er die beste Sach, so ich bei ihm
haben sollte. Ich gedacht wie des Goldschmieds Jung und sagte: »Wohl Herr, man
muss mich aber in keinen Gänsstall sperren; dann wir Kälber können solches nicht
erdulden, wann wir anders wachsen und zu einem Stück Hauptviehe werden sollen.«
Der Gouverneur vertröstete mich eines Bessern und dünkte sich gar gescheid sein,
dass er einen solchen visierlichen Narrn aus mir gemachet hätte; hingegen
gedachte ich: »Harre, mein lieber Herr, ich habe die Probe des Feuers
überstanden und bin darin gehärtet worden; jetzt wollen wir probieren, welcher
den andern am besten agieren wird können.« Indem trieb ein geflehnter Baur sein
Vieh zur Tränke; sobald ich das sah, verliess ich den Gouverneur und eilete mit
einem Kälbergeplärr den Kühen zu, gleichsam als ob ich an ihnen saugen wollte.
Diese, als ich zu ihnen kam, entsatzten sich ärger vor mir als vor einem Wolf,
wiewohl ich ihrer Art Haar trug; ja sie wurden so schellig und zerstoben
dermassen voneinander, als wann im Augusto ein Nest voll Hornüssen unter sie
gelassen wäre worden, also dass sie ihr Herr an selbigem Ort nicht mehr
zusammenbringen konnte, welches einen artlichen Spass abgab. In einem Hui war ein
Haufen Volk beieinander, das der Gaukelfuhr zusah; und als mein Herr lachte,
dass er hätte zerbersten mögen, sagte er endlich: »Ein Narr macht ihrer hundert.«
Ich aber gedachte: »Zupf dich selber bei der Nase: dann eben du bist derjenige,
dem du jetzt wahrsagest.«
    Gleichwie mich nun jedermann von selbiger Zeit an das Kalb nannte, also
nannte ich hingegen auch einen jeden mit einem besondern spöttischen Nachnamen;
dieselbe fielen mehrenteils der Leute und sonderlich meines Herrn Bedünken nach
gar sinnreich; dann ich taufte jedwedern, nachdem seine Qualitäten erfoderten.
Summariter davon zu reden, so schätzte mich männiglich vor einen ohnweisen
Toren, und ich hielte jeglichen vor einen gescheiden Narren. Dieser Gebrauch ist
meines Erachtens in der Welt noch üblich, massen ein jeder mit seinem Witz
zufrieden und sich einbildet, er sei der Gescheideste unter allen, da es doch
redlich heisst: Stultorum plena sunt omnia.
    Obige Kurzweile, die ich mit des Bauern Rindern anstellete, machte uns den
kurzen Vormittag noch kürzer; dann es war damals eben um die winterliche
Sonnenwende. Bei der Mittagsmahlzeit wartete ich auf wie zuvor, brachte aber
benebenst seltsame Sachen auf die Bahne; und als ich essen sollte, konnte
niemand einzige menschliche Speise oder Trank in mich bringen: ich wollte kurzum
nur Gras haben, so damals zu bekommen unmüglich war. Mein Herr liess ein paar
frische Kalbfell von den Metzgern holen und solche zweien kleinen Knaben über
die Köpfe straifen. Diese satzte er zu mir an den Tisch, traktierte uns in der
ersten Tracht mit Wintersalat und hiess uns wacker zuhauen; auch liess er ein
lebendig Kalb hinbringen und mit Salz zum Salat anfrischen. Ich sah so starr
darein, als wann ich mich darüber verwunderte, aber der Umstand vermahnete mich,
mitzumachen. »Jawohl,« sagten sie, wie sie mich so kaltsinnig sahen, »es ist
nichts Neues, wann Kälber Fleisch, Fische, Käse, Butter und anders fressen. Was?
sie saufen auch zuzeiten einen guten Rausch! Die Bestien wissen nunmehr wohl,
was gut ist.« - »Ja,« sagten sie ferner, »es ist heutigentags so weit kommen,
dass sich nunmehr ein geringer Unterscheid zwischen ihnen und den Menschen
befindet; wolltest du dann allein nicht mitmachen?«
    Dieses liesse mich um so viel desto ehender überreden, weil mich hungerte,
und nicht darum, dass ich hiebevor schon selbst gesehen, wie teils Menschen
säuischer als Schweine, grimmiger als Löwen, geiler als Böcke, neidiger als
Hunde, unbändiger als Pferde, gröber als Esel, versoffener als Rinder, listiger
als Füchse, gefrässiger als Wölfe, närrischer als Affen und giftiger als
Schlangen und Krotten waren, welche dannoch allesamt menschlicher Nahrung
genossen und nur durch die Gestalt von den Tieren unterschieden waren, zumalen
auch die Unschuld eines Kalbs bei weitem nicht hatten. Ich fütterte mit meinen
Mitkälbern, wie solches mein Appetit erfoderte, und wann ein Frembder uns
unversehns also beieinander zu Tisch hätte sitzen sehen, so hätte er sich ohn
Zweifel eingebildet, die alte Circe wäre wieder auferstanden, aus Menschen Tiere
zu machen, welche Kunst damals mein Herr konnte und praktizierte. Eben auf den
Schlag, wie ich die Mittagsmahlzeit vollbrachte, also ward ich auch auf den
Nachtimbiss traktieret. Und gleichwie meine Mitesser oder Schmarotzer mit mir
zehrten, damit ich auch zehren sollte, also mussten sie auch mit mir zu Bette,
wann mein Herr anders nicht zugeben wollte, dass ich im Kühestall über Nacht
schliefe; und das tät ich darum, damit ich diejenige auch genug narrete, die
mich zum Narren zu haben vermeinten, und machte diesen festen Schluss, dass der
grundgütige Gott einem jeden Menschen in seinem Stand, zu welchem er ihn
berufen, so viel Witz gebe und verleihe, als er zu seiner Selbsterhaltung
vonnöten, auch dass sich dannenhero, Doktor hin oder Doktor her, viel vergeblich
einbilden, sie sein allein witzig und Hans in allen Gassen; dann hinter den
Bergen wohnen auch Leute.
 
                               Das achte Kapitel.
Simplex Diskurs vom Gedächtnus hört an,
Drauf von Vergessung wird Meldung getan.
Am Morgen, als ich erwachte, waren meine beide verkälberte Schlafgesellen schon
fort; derowegen stund ich auf und schlich, als der Adjutant die Schlüssel
holete, die Stadt zu öffnen, aus dem Haus zu meinem Pfarrer. Demselben erzählte
ich alles, wie mirs sowohl im Himmel als in der Hölle ergangen. Und wie er sah,
dass ich mir ein Gewissen machte, weil ich so viel Leute und sonderlich meinen
Herrn betröge, wann ich mich närrisch stellete, sagte er: »Hierum darfst du dich
nicht bekümmern, die närrische Welt will betrogen sein. Hat man dir deine Witz
noch übriggelassen, so gebrauche dich derselben zu deinem Vorteil und danke
Gott, dass du überwunden hast, als welche Gabe nicht jedem gegeben wird. Bilde
dir ein, als ob du gleich dem Phönix vom Unverstand zum Verstand durchs Feur,
und also zu einem neuen menschlichen Leben auch neu geboren worden seist. Doch
wisse dabei, dass du noch nicht über den Graben, sondern mit Gefahr deiner
Vernunft in diese Narrenkappe geschloffen bist; die Zeiten sein so wunderlich,
dass niemand wissen kann, ob du ohn Verlust deines Lebens wieder herauskommest.
Man kann geschwind in die Hölle rennen, aber wieder heraus zu entrinnen wirds
Schnaufens und Bartwischens brauchen. Du bist bei weitem noch nicht so gewannet,
deiner bevorstehenden Gefahr zu entgehen, wie du dir wohl einbilden möchtest;
darum wird dir mehr Vorsichtigkeit und Verstand vonnöten sein, als zu der Zeit,
da du noch nicht wusstest, was Verstand oder Unverstand war. Befehle deine Sache
Gott, bete fleissig, bleib demütig und erwarte in Gedult der künftigen
Veränderung.«
    Sein Diskurs war vorsätzlich so variabel; dann ich bilde mir ein, er habe
mir an der Stirn gelesen, dass ich mich gross zu sein bedünke, weil ich mit so
meisterlichem Betrug und seiner Kunst durchgeschloffen. Und ich mutmassete
hingegen aus seinem Angesicht, dass er unwillig und meiner überdrüssig worden,
dann seine Mienen gabens; und was hatte er von mir? Derowegen veränderte ich
auch meine Reden und wusste ihm grossen Dank vor die herrliche Mittel, die er mir
zu Erhaltung meines Verstandes mitgeteilet hatte, ja ich tät unmügliche
Promessen, alles, wie meine Schuldigkeit erfordere, wieder dankbarlich zu
verschulden. Solches kützelte ihn und brachte ihn auch wieder auf eine andere
Laune; dann er rühmte gleich darauf seine Arznei trefflich und erzählte mir, dass
Simonides Melicus eine Kunst aufgebracht, die Metrodorus Sceptius nicht ohn
grosse Mühe perfektioniert hätte, vermittelst deren er die Menschen lehren
können, dass sie alles, was sie einmal gehöret oder gelesen, bei einem Wort
nachreden mögen, und solches wäre, sagte er, ohn hauptstärkende Arzneien, deren
er mir mitgeteilet, nicht zugangen. »Ja,« gedachte ich, »mein lieber Herr
Pfarrer, ich habe in deinen eigenen Büchern bei meinem Einsiedel viel anders
gelesen, worin Sceptii Gedächtnuskunst bestehe!« Doch war ich so schlau, dass ich
nichts sagte; dann wann ich die Wahrheit bekennen soll, so bin ich, als ich zum
Narrn werden sollte, allererst witzig und in meinen Reden behutsamer worden. Er,
der Pfarrer, fuhr fort und sagte mir, wie Cyrus einem jeden von seinen 30000
Soldaten mit seinem rechten Namen hätte rufen, Lucius Scipio alle Bürger zu Rom
bei den ihrigen nennen und Cyneas, Pyrrhi Gesandter, gleich den andern Tag
hernach, als er gen Rom kommen, aller Ratsherren und Edelleute Namen daselbst
ordentlich hersagen können. »Mitridates, der König in Ponto und Bitynia«,
sagte er, »hatte Völker von 22 Sprachen unter ihm, denen er allen in ihrer Zunge
Recht sprechen und mit einem jeden insonderheit, wie Sabell. lib. 10. cap. 9
schreibet, reden konnte. Der gelehrte Griech Charmides sagte einem auswendig,
was einer aus den Büchern wissen wollte, die in der ganzen Liberei lagen,
wannschon er sie nur einmal überlesen hatte. Lucius Seneca konnte 2000 Namen
herwieder sagen, wie sie ihm vorgesprochen worden, und, wie Ravisius meldet, 200
Vers, von 200 Schülern geredet, vom letzten an bis zum ersten hinwiederum
erzählen. Esdras, wie Euseb. lib. temp. Fulg. lib. 8. cap. 7 schreibet, konnte
die fünf Bücher Mosis auswendig und selbige von Wort zu Wort den Schreibern in
die Feder diktieren. Temistokles lernete die persische Sprache in einem Jahr.
Crassus konnte in Asia die fünf unterschiedliche Dialectos der griechischen
Sprach ausreden und seinen Untergebenen darin Recht sprechen. Julius Cäsar las,
diktierte und gab zugleich Audienz. Von Älio Hadriano, Portio Latrone, den
Römern und andern will ich nichts melden, sondern nur von dem heiligen Hieronymo
sagen, dass er Hebräisch, Chaldäisch, Griechisch, Persisch, Medisch, Arabisch und
Lateinisch gekönnt. Der Einsiedel Antonius konnte die ganze Bibel nur vom
Hörenlesen auswendig. So schreibet auch Colerus lib. 18. cap. 21 aus Marco
Antonio Mureto von einem Korsikaner, welcher 6000 Menschennamen angehöret und
dieselbige hernach in richtiger Ordnung schnell herwieder gesagt.«
    »Dieses erzähle ich alles darum,« sagte er ferner, »damit du nicht vor
unmüglich haltest, dass durch Medizin einem Menschen sein Gedächtnus trefflich
gestärket und erhalten werden könne, gleichwie es hingegen auch auf mancherlei
Weise geschwächet und gar ausgetilget wird, massen Plinius lib. 7. cap. 24.
schreibet, dass am Menschen nichts so blöd sei als eben das Gedächtnus, und dass
sie durch Krankheit, Schrecken, Forcht, Sorge und Bekümmernus entweder ganz
verschwinde oder doch einen grossen Teil ihrer Kraft verliere.
    Von einem Gelehrten zu Aten wird gelesen, dass er alles, was er je studiert
gehabt, sogar auch das Abc, vergessen, nachdem ein Stein von oben herab auf ihn
gefallen. Ein anderer schosse von einem Turn herunter und wurde dardurch so
vergesslich, dass er seiner Freunde und Nächstverwandten Namen nicht mehr nennen
konnte. Ein anderer kam durch eine Krankheit dahin, dass er seines Dieners Namen
vergass; und Messala Corvinus wusste seinen eigenen Namen nicht mehr, der doch
vorhin ein gut Gedächtnus gehabt. Schramhans schreibet in fasciculo Historiarum
fol. 60. (welches aber so aufschneiderisch klinget, als ob es Plinius selbst
geschrieben), dass ein Priester aus seiner eigenen Ader Blut getrunken und
dadurch schreiben und lesen vergessen, sonst aber sein Gedächtnus unverruckt
behalten; und als er übers Jahr hernach eben an selbigem Ort und damaliger Zeit
abermal desselbigen Bluts getrunken, hätte er wieder wie zuvor schreiben und
lesen können. Zwar ist es glaublicher, was Joh. Wierus de praestigiis daemon.
lib. 3. cap. 18. schreibet, wann man Bärnhirn einfresse, dass man dadurch in
solche Phantasei und starke Imagination gerate, als ob man selbst zu einem Bären
worden wäre, wie er dann solches mit dem Exempel eines spanischen Edelmanns
beweiset, der, nachdem er dessen genossen, in den Wildnussen umgeloffen und sich
nicht anders eingebildet, als er sei ein Bär. Lieber Simplici, hätte dein Herr
diese Kunst gewüsst, so dörftest du wohl ehender in einen Bären, wie die
Kallisto, als in einen Stier, wie Jupiter, verwandelt worden sein.«
    Der Pfarrer erzählte mir des Dings noch viel, gab mir wieder etwas von
Arznei und instruierte mich wegen meines fernern Verhalts. Damit machte ich mich
wieder nach Haus und brachte mehr als 100 Buben mit, die mir nachliefen und
abermals alle wie Kälber schrieen; derowegen lief mein Herr, der eben
aufgestanden war, ans Fenster, sah so viel Narren auf einmal und liesse ihm
belieben, darüber herzlich zu lachen.
 
                              Das neunte Kapitel.
Simplex das Lob der Jungfrauen beschreibet
Und die Zeit darmit sehr vielen vertreibet.
Sobald ich ins Haus kam, musste ich auch in die Stube, weil adelig Frauenzimmer
bei meinem Herrn war, welches seinen neuen Narrn auch gern hätte sehen und hören
mögen. Ich erschiene und stund da wie ein Stummer, dahero diejenige, so ich
hiebevor beim Tanz erdappet hatte, Ursache nahm zu sagen, sie hätte ihr sagen
lassen, dieses Kalb könne reden, so verspüre sie aber nunmehr, dass es nicht wahr
sei. Ich antwortete: »So habe ich hingegen vermeint, die Affen können nicht
reden, höre aber wohl, dass dem auch nicht also sei.« - »Wie?« sagte mein Herr,
»vermeinst du dann, diese Damen sein Affen?« Ich antwortete: »Seind sie es
nicht, so werden sie es doch bald werden: wer weiss, wie es fällt; ich habe mich
auch nicht versehen, ein Kalb zu werden und bins doch!« Mein Herr fragte, woran
ich sehe, dass diese Affen werden sollen? Ich antwortete: »Unser Affe trägt
seinen Hindern bloss, diese Damen aber allbereit ihre Brüste, dann andere
Mägdlein pflegten ja sonst solche zu bedecken.« - »Schlimmer Vogel,« sagte mein
Herr, »du bist ein närrisch Kalb, und wie du bist, so redest du. Diese lassen
billig sehen, was sehenswert ist; der Affe aber geht aus Armut nackend.
Geschwind bringe wieder ein, was du gesündiget hast, oder man wird dich
karbäitschen und mit Hunden in Gänsstall hetzen, wie man Kälbern tut, die sich
nicht zu schicken wissen. Lass hören, weisst du auch eine Dam zu loben und
abzumalen, wie sichs gebührt?« Hierauf betrachtete ich die Dame von Füssen an bis
oben aus und hinwieder von oben bis unten, sah sie auch so steif und lieblich
an, als hätte ich sie heiraten und noch einmal umfangen wollen. Endlich sagte
ich: »Herr, ich sehe wohl, wo der Fehler steckt; der Diebsschneider ist an allem
schuldig, er hat das Gewand, das oben um den Hals gehört und die Brüste bedecken
sollte, unten an dem Rock stehen lassen; darum schleift er so weit hinten
hernach; man sollte dem Hudler die Hände abhauen, wann er nicht besser
schneidern kann. Jungfer,« sagte ich zu ihr selbst, »schafft ihn ab, wann er
Euch nicht so verschänden soll, und sehet, dass Ihr meines Knäns Schneider
bekommt, der hiess Meister Paulgen; er hat meiner Meuder, unserer Ann und unserm
Ursele so schöne gebrittelte Röcke machen können, die unten herum ganz eben
gewesen sein; sie haben wohl nicht so im Dreck geschlappt wie Eurer. Ja Ihr
glaubt nicht, wie er den fänzigen Huren so schöne Kleider machen können,
darinnen sie geprangt wie Bartel.« Mein Herr fragte, ob dann meines Knäns Ann
und Ursele schöner gewesen als diese Jungfer? »Ach wohl nein, Herr!« sagte ich,
»diese Jungfer hat ja Haar, das ist so gelb wie kleiner Kinderdreck, und ihre
Scheiteln sind so weiss und so gerad gemacht, als wann man Säubürsten auf die
Haut gekappt hätte; ja ihre Haare sein so hübsch zusammengerollt, dass es sieht
wie hohle Pfeifen, oder als wann sie auf jeder Seite ein paar Pfund Liechter
oder ein Dutzent Bratwürste hangen hätte. Ach! sehet nur, wie hat sie so eine
schöne glatte Stirn; ist sie nicht feiner gewölbet als ein fetter Arsbacken und
weisser als ein Totenkopf, der viel Jahr lang im Wetter gehangen? Immer schad ist
es, dass ihre zarte Haut durch das Haarpulver so schlimm bemakelt wird; dann wann
es Leute sehen, die es nicht verstehen, dörften sie wohl vermeinen, die Jungfer
habe den Erbgrind, der solche Schuppen von sich werfe, welches noch grösser
Schade wäre vor die funklende Augen, die von Schwärze klärer zwitzern als der
Russ vor meines Knäns Ofenloch, welcher so schrecklich glänzete, wann unser Ann
mit einem Strohwisch davorstund, die Stube zu heizen, als wann lauter Feur darin
stecke, die ganze Welt anzuzünden. Ihre Backen sein so hübsch rotlecht, doch
nicht gar so rot, als neulich die neue Nestel waren, damit die schwäbische
Fuhrleute von Ulm ihre Lätz gezieret hatten. Aber die hohe Röte, die sie an den
Lefzen hat, übertrifft solche Farbe weit, und wann sie lachet oder redet (ich
bitte, der Herr gebe nur Achtung darauf), so sieht man zwei Reihen Zähne in
ihrem Maul stehen, so schön zeilweis und zuckerähnlich, als wann sie aus einem
Stück von einer weissen Rübe geschnitzelt wären worden. O Wunderbild! ich glaube
nicht, dass es einem wehe tut, wann du einen damit beissest. So ist ihr Hals ja
schier so weiss als eine gestandene Saurmilch, und ihre Brüstlein, die darunter
liegen, sein von gleicher Farbe und ohn Zweifel so hart anzugreifen wie ein Gaiss
Mämm, die von übriger Milch strotzt. Sie seind wohl nicht so schlapp, wie die
alte Weiber hatten, die mir neulich den Hindern butzten, da ich in den Himmel
kam. Ach Herr! sehet doch ihre Hände und Finger an, sie sind ja so subtil, so
lang, so gelenk, so geschmeidig und so geschicklich gemacht, natürlich wie die
Zügeinerinnen neulich hatten, damit sie einem in Schubsack greifen, wann sie
fischen wollen. Aber was soll dieses gegen ihrem ganzen Leib selbst zu rechnen
sein, den ich zwar nicht bloss sehen kann. Ist er nicht so zart, schmal und
anmutig, als wann sie acht ganzer Wochen die schnelle Katarina gehabt hätte?«
Hierüber erhub sich ein solch Gelächter, dass man mich nicht mehr hören, noch ich
mehr reden konnte, ging hiemit durch wie ein Holländer und liess mich, solang
mirs gefiel, von andern vexiern.
 
                              Das zehnte Kapitel.
Simplex pflegt vieles von tapferen Helden,
Und auch von trefflichen Künstlern zu melden.
Hierauf erfolgte die Mittagsmahlzeit, bei welcher ich mich wieder tapfer
gebrauchen liess, dann ich hatte mir vorgesetzt, alle Torheiten zu bereden und
alle Eitelkeiten zu strafen, wozu sich dann mein damaliger Stand trefflich
schickte; kein Tischgenoss war mir zu gut, ihm sein Laster zu verweisen und
aufzurupfen, und wann sich einer fand, der sichs nicht gefallen liesse, so ward
er entweder noch darzu von andern ausgelacht oder ihm von meinem Herrn
vorgehalten, dass sich kein Weiser über einen Narrn zu erzörnen pflege. Den
tollen Fähnrich, welcher mein ärgster Feind war, zoge ich gleich herüber und
setzte ihn auf den Esel. Der erste aber, der mir aus meines Herrn Winken mit
Vernunft begegnete, war der Sekretarius; dann als ich denselben einen
Titulschmied nannte, ihn wegen der eiteln Titul auslachte und fragte, wie man
der Menschen ersten Vatter titulieret hätte? antwortete er: »Du redest wie ein
unvernünftig Kalb, weil du nicht weisst, dass nach unsern ersten Eltern
unterschiedliche Leute gelebet, die durch seltene Tugenden, als Weisheit,
mannliche Heldentaten und Erfindung guter Künste sich und ihr Geschlecht
dermassen geadelt haben, dass sie auch von andern über alle irdische Dinge, ja gar
übers Gestirn zu Göttern erhoben worden. Wärest du ein Mensch, oder hättest aufs
wenigste wie ein Mensch die Historien gelesen, so verstündest du auch den
Unterscheid, der sich zwischen den Menschen entält, und würdest dannenhero
einem jeden seinen Ehrentitul gern gönnen; sintemal du aber ein Kalb und keiner
menschlichen Ehre würdig noch fähig bist, so redest du auch von der Sache wie
ein dummes Kalb und missgönnest dem edlen menschlichen Geschlecht dasjenige,
dessen es sich zu erfreuen hat.« Ich antwortete: »Ich bin sowohl ein Mensch
gewesen als du, hab auch ziemlich viel gelesen, kann dahero urteilen, dass du den
Handel entweder nicht recht verstehest oder durch dein Interesse abgehalten
wirst, anderst zu reden, als du weisst. Sage mir, was sein vor herrliche Taten
begangen und vor löbliche Künste erfunden worden, die genugsam sein, ein ganz
Geschlecht etlich hundert Jahre nacheinander auf Absterben der Helden und
Künstler selbst zu adeln? Ist nicht beides, der Helden Stärke und der Künstler
Weisheit und hoher Verstand, mit hinweggestorben? Wann du dies nicht verstehest
und der Eltern Qualitäten auf die Kinder erben, so muss ich davorhalten, dein
Vatter sei ein Stockfisch und deine Mutter ein Plateissin gewesen.« - »Ha!«
antwortete der Sekretarius, »wann es damit wohl ausgericht sein wird, wann wir
einander schänden wollen, so könnte ich dir vorwerfen, dass dein Knän ein grober
Spesserter Baur gewesen, und obzwar es in deiner Heimat und Geschlecht die
grösste Knollfinken abgibt, dass du dich annoch noch mehr verringert habest, indem
du zu einem unvernünftigen Kalb worden bist.« - »Da recht, da hab ich dich recht
bei der Kartausen,« antwortete ich, »das ist es, was ich behaupten will, dass
nämlich der Eltern Tugenden nicht allweg auf die Kinder erben und dass dahero die
Kinder ihrer Eltern Tugendtituln auch nicht allweg würdig sein. Mir zwar ist es
keine Schande, dass ich ein Kalb bin worden, dieweil ich in solchem Fall dem
grossmächtigen König Nabuchodonosor nachzufolgen die Ehre habe. Wer weiss, ob es
nicht Gott gefällt, dass ich auch wieder, wie dieser, zu einem Menschen, und zwar
noch grösser werde, als mein Knän gewesen? Ich rühme einmal diejenige, die sich
durch eigene Tugenden edel machen.« - »Nun gesetzt, aber nicht gestanden,« sagte
der Sekretarius, »dass die Kinder ihrer Eltern Ehrentitul nicht allweg erben
sollen, so musst du doch gestehen und mir unfehlbarlich zugeben, dass diejenige
alles Lobs wert sein, die sich selbst durch Wohlverhalten edel machen. Wann dann
dem also, so folget, dass man die Kinder wegen ihrer Eltern billig ehret, dann
der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wer wollte in Alexandri M. Nachkömmlingen,
wann anders noch einzige vorhanden wären, ihres alten Urahnherrn herzhafte
Tapferkeit im Krieg nicht rühmen? Dieser erwiese seine Begierde zu fechten in
seiner Jugend mit Weinen, als er noch zu keinen Waffen tüchtig war, besorgend,
sein Vatter möchte alles gewinnen und ihm nichts zu bezwingen übriglassen. Hat
er nicht noch vor dem dreissigsten Jahr seines Alters die Welt bezwungen, und
noch ein andere zu bestreiten gewünschet? Hat er nicht in einer Schlacht, die er
mit den Indianern gehalten, da er von den Seinigen verlassen war, aus Zorn Blut
geschwitzet? War er nicht anzusehen, als ob er mit lauter Feurflammen umgeben
war, so dass ihn auch die Barbaren vor Furcht streitend verlassen mussten? Wer
wollte ihn nicht höher und edler als andere Menschen schätzen, da doch Quintus
Curtius von ihm bezeuget, dass sein Atem wie Balsam, der Schweiss nach Bisem und
sein toter Leib nach köstlicher Spezerei gerochen? Hier könnte ich auch
einführen den Julium Cäsarem und den Pompejum, deren der eine über und neben den
Viktorien, die er in den Bürgerlichen Kriegen behauptet, funfzigmal in offenen
Feldschlachten gestritten, und 1152000 Mann erlegt und totgeschlagen hat. Der
ander hat neben 940 den Meerräubern abgenommenen Schiffen vom Alpgebürg an bis
in das äusserste Hispanien 876 Städte und Flecken eingenommen und überwunden. Den
Ruhm Marci Sergii will ich verschweigen und nur ein wenig von dem Lucio Siccio
Dentato sagen, welcher Zunftmeister zu Rom war, als Spurius Turpejus und Aulus
Eternins Burgermeister gewesen. Dieser ist in 110 Feldschlachten gestanden und
hat achtmal diejenigen überwunden, so ihn herausgesodert; er konnte 45 Wundmäler
an seinem Leib zeigen, die er alle vor dem Mann und keine rückwarts empfangen;
mit neun Obristfeldherren ist er in ihren Triumphen (die sie vornehmlich durch
ihre Mannheit erlangt) eingezogen. Des Manlii Capitolini Kriegsehre wäre nicht
geringer, wann er sie im Beschluss seines Lebens nicht selbst verkleinert; dann
er konnte auch 33 Wundmäler zeigen, ohn dass er einsmals das Capitolium mit allen
Schätzen allein vor den Franzosen erhalten. Wo bleiben die biblische Helden
Josua, David, Joab, die Assamoner und andere mehr, deren die erste das Gelobte
Land erobert und die letzte wieder in Freiheit gesetzt haben? Item, der starke
Herkules, Teseus und andere, die beinahe beides zu erzählen und ihr
unsterbliches Lob zu beschreiben unmüglich! Sollten diese in ihren
Nachkömmlingen nicht zu ehren sein?«
    »Ich will aber Wehre und Waffen fahren lassen und mich zu den Künsten
wenden, welche zwar etwas geringer zu sein scheinen, nichtsdestoweniger aber
ihre Meister ganz ruhmreich machen. Was findet sich nur für eine
Geschicklichkeit am Zeuxe, welcher durch seinen kunstreichen Kopf und geschickte
Hand die Vögel in der Luft betrog? item am Apelle, der eine Venus so natürlich,
so schön, so ausbündig und mit allen Lineamenten so subtil und zart dahermalete,
dass sich auch die Junggesellen darein verliebten? Plutarchus schreibet, dass
Archimedes ein gross Schiff, mit Kaufmannswaren beladen, mitten über den Markt zu
Syracusis nur mit einer Hand an einem einzigen Seil dahergezogen, gleich als ob
er ein Saumtier an einem Zaum geführet, welches 20 Ochsen, geschweige 200
deinesgleichen Kälber, nicht hätten zu tun vermöcht. Sollte nun dieser
rechtschaffene Meister nicht mit einem besondern Ehrentitul seiner Kunst gemäss
zu begaben sein? Wer wollte nicht vor andern Menschen preisen denjenigen, der
dem persischen König Sapor ein gläsernes Werk machte, welches so weit und gross
war, dass er mitten in demselben auf dessen Centro sitzen und unter seinen Füssen
das Gestirn auf- und niedergehen sehen konnte? Sollte Archita nicht zu loben
sein, der so künstliche hölzerne Tauben machte, dass sie auch gleich andern
Vögeln in der Luft herumflogen? Albertus Magnus machte ein ehrines Haupt,
welches ausdrückliche verständige Wort redete. So hat auch das Bild Memnonis,
sooft es von der aufgehenden Sonne beschienen wurde, einen grossen Ton oder
Gebrümm von sich geben. Gedachter Archimedes machte einen Spiegel, damit er der
Feinde Kriegsschiffe mitten im Meer anzündete. So gedenket auch Ptolomäus eine
wunderliche Art Spiegel, die so viel Angesichter zeigten, als Stunden im Tag
waren. Wer wollte die geschickte Hand desjenigen Schreibers nicht edel nennen,
welcher die Iliadem Homeri, so etliche 100000 Vers in sich begriffen, uf ein so
kleines Papier geschrieben, da in ein Nussschal mochte verborgen werden, massen
solches Plinius bezeuget. Ein anderer Künstler hatte ein ganz vollkommenes und
mit aller Zugehör versehenes Schiff so künstlich zugerichtet, dass eine Biene
solches unter ihre Flügel verbergen konnte. Welcher wollte den nicht preisen,
der die Buchstaben zuerst erfunden? Ja, wer wollte nicht vielmehr den über alle
Künstler erheben, welcher die edle und der ganzen Welt höchst nutzliche Kunst
der Buchdruckerei erfunden? Ist Ceres, weil sie den Ackerbau und das Mühlwerk
erfunden haben solle, vor eine Göttin gehalten worden, warum sollte dann
unbillig sein, wann man andern ihren Qualitäten gemäss ihr Lob mit Ehrentituln
berühmt? Zwar ist wenig daran gelegen, ob du, grobes Kalb, solches in deinem
unvernünftigen Ochsenhirn fassest oder nicht. Es geht dir eben wie jenem Hund,
der auf einem Haufen Heu lag und solches dem Ochsen auch nicht gönnete, weil er
es selbst nicht geniessen konnte. Du bist keiner Ehre fähig, und eben dieser
Ursachen halber missgönnest du solches denenjenigen, die solcher wert sein.«
    Da ich mich also gehetzt sah, antwortete ich: »Die herrliche Heldentaten
wären höchlich zu rühmen, wann sie nicht mit anderer Menschen Untergang und
Schaden vollbracht wären worden. Was ist das aber vor ein Lob, welches mit so
vielem unschuldig vergossenem Menschenblut besudelt? Und was ist das vor ein
Adel, der mit so vieler tausend anderer Menschen Verderben erobert und zuwegen
gebracht worden ist? Die Künste betreffend, was seinds anders, als lauter
Vanitäten und Torheiten? Ja, sie seind ebenso leer, eitel und unnütz als die
Titul selbst, die einem von denselbigen zustehen mögen; dann entweder dienen sie
zum Geiz, oder zur Wollust, oder zur Üppigkeit, oder zum Verderben anderer
Leute, wie dann die schröckliche Dinger auch sind, die ich neulich auf den
halben Wägen sah. So könnte man der Druckerei und Schriften auch wohl
entbehren, nach Ausspruch und Meinung jenes heiligen Manns, welcher davorhielt,
die ganze weite Welt sei ihm Buchs genug, die Wunder seines Schöpfers zu
betrachten und die göttliche Allmacht daraus zu erkennen.«
 
                               Das elfte Kapitel.
Simplex erzählt das mühselige Leben
Eines Regenten, dem er ist ergeben.
Mein Herr wollte auch mit mir scherzen und sagte: »Ich merke wohl, weil du nicht
edel zu werden getrauest, so verachtest du des Adels Ehrentitul.« Ich
antwortete: »Herr! wannschon ich in dieser Stunde an deine Ehrenstell tretten
sollte, so wollte ich sie doch nicht annehmen!« Mein Herr lachte und sagte: »Das
glaube ich, dann dem Ochsen gehöret Haberstroh. Wann du aber einen hohen Sinn
hättest, wie adelige Gemüter haben sollen, so würdest du mit Fleiss nach hohen
Ehren und Dignitäten trachten. Ich meinenteils achte es für kein geringes, wann
mich das Glück über andere erhebet.« Ich seufzete und sagte: »Ach, arbeitselige
Glückseligkeit! Herr! ich versichere dich, dass du der allerelendeste Mensch in
ganz Hanau bist.« - »Wie so? wie so? Kalb!« sagte mein Herr, »sage mir doch die
Ursache; dann ich befinde solches bei mir nicht.« Ich antwortete: »Wann du nicht
weisst und empfindest, dass du Gubernator in Hanau und mit wieviel Sorgen und
Unruhe du deswegen beladen bist, so verblendet dich die allzu grosse Begierde der
Ehre, deren du geniessest, oder du bist eisern und ganz unempfindlich. Du hast
zwar zu befehlen, und wer dir unter Augen kommt, muss dir gehorsamen; tun sie es
aber umsonst? bist du nicht ihrer aller Knecht? musst du nicht vor einen
jedwedern insonderheit sorgen? Schaue, du bist jetzt rundumher mit Feinden
umgeben, und die Konservation dieser Festung lieget dir allein auf dem Hals; du
musst trachten, wie du deinem Gegenteil einen Abbruch tun mögest, und musst
darneben sorgen, dass deine Anschläge nicht verkundschaftet werden. Bedörfte es
nicht öfters, dass du selber wie ein gemeiner Knecht Schildwacht stündest?
Überdas musst du bedacht sein, dass kein Mangel an Geld, Munition, Proviant und
Volk im Posten erscheine, deswegen du dann das ganze Land durch stetiges
Exequieren und Tribulieren in der Kontribution erhalten musst. Schickest du die
Deinige zu solchem Ende hinaus, so ist rauben, plündern, stehlen, brennen und
morden ihre beste Arbeit; sie haben erst neulich Orb geplündert, Braunfels
eingenommen und Staden in die Asche gelegt. Davon haben sie zwar ihnen Beuten,
du aber eine schwere Verantwortung bei Gott gemachet. Ich lasse sein, dass dir
vielleicht der Genuss neben der Ehre auch wohltut; weisst du aber auch, wer solche
Schätze, die du etwan sammlest, geniessen wird? Und gesetzt, dass dir solcher
Reichtum verbleibt (so doch misslich stehet), so musst du sie doch in der Welt
lassen und nimmst nichts davon mit dir als die Sünde, dadurch du selbigen
erworben hast. Hast du dann das Glück, dass du dir deine Beuten zunutz machen
kannst, so verschwendest du der Armen Schweiss und Blut, die jetzt im Elend
Mangel leiden oder gar verderben und Hungers sterben. O wie oft sehe ich, dass
deine Gedanken wegen Schwere deines Amts hin und wieder zerstreut sein, und dass
hingegen ich und andere Kälber ohn alle Bekümmernüs ruhig schlafen. Tust du
solches nicht, so kostet es deinen Kopf, dafern anders etwas verabsäumet wird,
das zu Konservation deiner untergebenen Völker und der Festung hätte observiert
werden sollen. Schaue, solcher Sorgen bin ich überhoben! Und weil ich weiss, dass
ich der Natur einen Tod zu leisten schuldig bin, sorge ich nicht, dass jemand
meinen Stall stürmet; oder dass ich mit Arbeit um mein Leben scharmützeln müsse.
Sterbe ich jung, so bin ich der Mühseligkeit eines Zugochsens überhoben; dir
aber stellet man ohn Zweifel auf tausendfältige Weise nach. Deswegen ist dein
ganzes Leben nichts anders, als eine immerwährende Sorge und Schlafbrechens;
dann du musst Freunde und Feinde förchten, die dich ohn Zweifel, wie du auch
andern zu tun gedenkest, entweder um dein Leben oder um dein Geld oder um deine
Reputation oder um dein Kommando oder um sonsten etwas zu bringen nachsinnen.
Der Feind setzt dir offentlich zu, und deine vermeinte Freunde beneiden heimlich
dein Glück; vor deinen Untergebenen aber bist du auch nicht allerdings
versichert. Ich geschweige hier, wie dich täglich deine brennende Begierden
quälen und hin und wider treiben, wann du gedenkest, wie du dir einen noch
grössern Namen und Ruhm zu machen, höher in Kriegsämtern zu steigen, grössern
Reichtum zu sammlen, dem Feind einen Tuck zu beweisen, sein Meister zu werden,
ein oder ander Ort zu überrumpeln, und in Summa fast alles zu tun, was andere
Leute geheiet und deiner Seele schädlich, der göttlichen Majestät aber missfällig
ist. Und was das allerärgste ist, so bist du von deinen Fuchsschwänzern so
verwähnt, dass du dich selber nicht kennest, und von ihnen so eingenommen und
vergiftet, dass du den gefährlichen Weg, den du gehest, nicht sehen kannst; dann
alles, was du tust, heissen sie recht, und alle deine Laster werden von ihnen zu
lauter Tugenden gemachet und ausgerufen. Deine Grimmigkeit ist ihnen eine
Gerechtigkeit, und wann du Land und Leute verderben lässest, so sagen sie, du
seist ein braver Soldat, hetzen dich also zu anderer Leute Schaden, damit sie
deine Gunst behalten und ihre Beutel darbei spicken mögen.«
    »Du Bärnhäuter! du Hudler!« sagte mein Herr, »wer lernet dich so predigen?«
Ich antwortete: »Liebster Herr! sage ich nicht wahr, dass du von deinen
Ohrenbläsern und Daumendrehern dergestalt verderbet seist, dass dir bereits nicht
mehr zu helfen. Hingegen sehen andere Leute deine Laster gar bald und urteilen
dich nicht allein in hohen und wichtigen Sachen, sondern finden auch genug in
geringen Dingen, daran wenig gelegen, an dir zu tadeln. Hast du nicht Exempel
genug an hohen Personen, so vor der Zeit gelebt? Die Atenienser murmelten wider
ihren Simonidem nur darum, dass er zu laut redete; die Tebaner klagten über
ihren Paniculum, dieweil er auswurf; die Lacedämonier schalten an ihrem Lycurgo,
dass er allezeit mit niedergeneigtem Haupt dahergieng; die Römer vermeinten, es
stünde dem Scipioni gar übel an, dass er im Schlaf so laut schnarche; es dünkte
sie hässlich zu sein, dass sich Pompejus nur mit einem Finger kratzte; des Julii
Cäsaris spotteten sie, weil er seinen Gürtel nicht artig und lustig antrug; die
Uticenser verleumdeten ihren guten Catonem, weil er, wie sie bedünkte, allzu
geizig auf beiden Backen ass; und die Kartaginenser redeten dem Hannibali übel
nach, weil er immerzu mit der Brust aufgedeckt und bloss dahergieng. Wie dünket
dich nun, mein lieber Herr? vermeinest du wohl noch, dass ich mit einem tauschen
sollte, der vielleicht neben zwölf oder dreizehen Tischfreunden, Fuchsschwänzern
und Schmarotzern mehr als 100 oder vermutlicher mehr als 10000 so heimliche als
offentliche Feinde, Verleumder und missgünstige Neider hat? Zu dem, was vor
Glückseligkeit, was für Lust und was vor Freude sollte doch wohl ein solch Haupt
haben können, unter welches Pfleg, Schutz und Schirm soviel Menschen leben? Ists
nicht vonnöten, dass du vor alle die Deinige wachest, vor sie sorgest und eines
jeden Klage und Beschwerden anhörest? Wäre solches allein nicht müheselig genug,
wannschon du weder Feinde noch Missgönner hättest? Ich sehe wohl, wie sauer du
dirs musst werden lassen und wieviel Beschwerden du doch erträgst. Liebster Herr!
was wird doch endlich dein Lohn sein? Sage mir, was hast du davon? Wann du es
nicht weisst, so lass dirs den griechischen Demostenem sagen, welcher, nachdem er
den gemeinen Nutzen und das Regiment der Atenienser tapfer und getreulich
befördert und beschützet, wider alles Recht und Billigkeit als einer, so eine
greuliche Missetat begangen, des Landes verwiesen und in das Elend verjaget
ward. Dem Socrati ward mit Gift vergeben; dem Hannibal ward von den Seinen so
übel gelohnet, dass er elendiglich in der Welt landflüchtig herumschwaifen musste.
Also geschahe dem römischen Camillo; und dergestalt bezahlten die Griechen den
Lycurgum und Solonem, deren der eine gesteiniget ward, dem andern aber, nachdem
ihm ein Aug ausgestochen wurde, als einem Mörder endlich das Land verwiesen. So
haben auch Moses und andere heilige Männer das Toben und Wüten des Pöbels oft
erfahren. Darum behalte dein Kommando samt dem Lohn, den du davon haben wirst;
du darfst deren keines mit mir teilen; dann wann alles wohl mit dir abgehet, so
hast du aufs wenigste sonst nichts, das du davonbringest, als ein böses
Gewissen. Wirst du aber dein Gewissen in acht nehmen wollen, so wirst du als ein
Untüchtiger beizeiten von deinem Kommando verstossen werden, nicht anders, als
wann du auch wie ich zu einem dummen Kalb wärest worden.«
 
                              Das zwölfte Kapitel.
Simplex zieht trefflich und rühmlich herfür
Den Verstand der unvernünftigen Tier.
Unter währendem meinem Diskurs sah mich jedermann an und verwunderten sich alle
Gegenwärtige, dass ich solche Reden sollte vorbringen können, welche, wie sie
vorgaben, auch einem verständigen Mann genug wären, wann er solche so gar ohn
allen Vorbedacht hätte vortragen sollen. Ich aber machte den Schluss meiner Rede
und sagte: »Darum dann nun, mein liebster Herr, will ich nicht mit dir tauschen!
Zwar ich bedarfs auch im geringsten nicht; dann die Quellen geben mir einen
gesunden Trank anstatt deiner köstlichen Weine, und derjenige, der mich zum Kalb
werden zu lassen beliebet, wird mir auch die Gewächse des Erdbodens dergestalt
zu segnen wissen, dass sie mir, wie dem Nabuchodonosore, zur Speis und Aufentalt
meines Lebens auch nicht unbequem sein werden. So hat mich die Natur auch
bereits mit einem guten Pelz versehen, da dir hingegen oft vor dem Besten ekelt,
der Wein deinen Kopf zerreisst und dich bald in diese oder jene Krankheit wirft.«
    Mein Herr antwortete: »Ich weiss nicht, was ich an dir habe: du bedünkest
mich vor ein Kalb viel zu verständig zu sein; ich vermeine schier, du seist
unter deiner Kalbshaut mit einer Schalkshaut überzogen.« Ich stellete mich
zornig und sagte: »Vermeinet ihr Menschen dann wohl, wir Tiere sein gar Narren?
Das dörft ihr euch wohl nicht einbilden! Ich halte davor, wann ältere Tiere als
ich, so wohl als ich reden könnten, sie würden euch wohl anderst aufschneiden.
Wann ihr vermeint, wir sein so gar dumm, so saget mir doch, wer die wilde
Blochtauben, Häher, Amseln und Rebhühner gelernet hat, wie sie sich mit
Lorbeerblättern purgieren sollen? und die Tauben, Turteltäublein und Hühner mit
St. Peterskraut. Wer lehret Hunde und Katzen, dass sie das betaute Gras fressen
sollen, wann sie ihren vollen Bauch reinigen wollen? Wer die Schildkrott, wie
sie die Bisse mit Schierling heilen? und den Hirsch, wann er geschossen, wie er
seine Zuflucht zu dem Dictamno oder wilden Polei nehmen solle? Wer hat das
Wieselein unterrichtet, dass es Rauten gebrauchen sollte, wann es mit der
Fledermaus oder irgendeiner Schlange kämpfen will? Wer gibet den wilden
Schweinen den Efeu, und den Bären den Alraun zu erkennen und saget ihnen, dass es
gut sei zu ihrer Arznei? Wer hat dem Adler geraten, dass er den Adlerstein suchen
und gebrauchen soll, wann er seine Eier schwerlich legen kann? Und welcher gibet
es der Schwalbe zu verstehen, dass sie ihrer Jungen blöde Augen mit Chelidonio
arzneien solle? Wer hat die Schlange instruiert, dass sie soll Fenchel essen,
wann sie ihre Haut abstreifen und ihren dunkeln Augen helfen will? Wer lehret
den Storck, sich zu klüstieren? den Pelikan, sich Ader zu lassen? und den Bärn,
wie er ihm von den Bienen solle schröpfen lassen? Was? ich dörfte schier sagen,
dass ihr Menschen eure Künste und Wissenschaften von uns Tieren erlernet habet!
Ihr fresst und sauft euch krank und tot: das tun wir Tiere aber nicht. Ein Löw
oder Wolf, wann er zu fett werden will, so fastet er, bis er wieder mager,
frisch und gesund wird. Welches Teil handelt nun am weislichsten? Über dieses
alles, betrachtet das Geflügel unter dem Himmel! betrachtet die unterschiedliche
Gebäue ihrer artlichen Nester! Und weil ihnen ihre Arbeit niemand nachmachen
kann, so müsst ihr ja bekennen, dass sie beides, verständiger und künstlicher,
sein als ihr Menschen selbst. Wer sagt den Sommervögeln, wann sie gegen dem
Frühling zu uns kommen und Junge hecken? und gegen dem Herbst, wann sie sich
wieder von dannen in die warme Länder verfügen sollen? Wer unterrichtet sie, dass
sie zu solchem Ende einen Sammelplatz bestimmen müssen? Wer führet sie, oder wer
weiset ihnen den Weg? Oder leihet ihr Menschen vielleicht ihnen euren Seekompass,
damit sie unterwegs nicht irrfahren? Nein, ihr lieben Leute, sie wissen den Weg
ohn euch, und wie lang sie darauf müssen wandern, auch wann sie von einem und
dem andern Ort aufbrechen müssen; bedörfen also weder eures Kompasses noch eures
Kalenders. Ferners beschauet die mühsame Spinne, deren Geweb beinahe ein
Wunderwerk ist! Sehet, ob ihr auch einen einzigen Knopf in aller ihrer Arbeit
finden möget? Welcher Jäger oder Fischer hat sie gelehret, wie sie ihr Netz
ausspannen und sich, je nachdem sie sich eines Netzes gebrauchet, ihr Wildpret
zu belaustern, entweder in den hintersten Winkel oder gar in das Zentrum ihres
Gewebs setzen solle? Ihr Menschen verwundert euch über den Raben, von welchem
Plutarchus bezeuget, dass er so viel Steine in ein Geschirr, so halb voll Wasser
gewesen, geworfen, bis das Wasser so weit oben gestanden, dass er bequemlich habe
trinken mögen. Was würdet ihr erst tun, wann ihr bei und unter den Tieren wohnen
und ihre übrige Handlungen, Tun und Lassen ansehen und betrachten würdet?
Alsdann würdet ihr erst bekennen, dass es sich ansehen lasse, als hätten alle
Tiere etwas besonderer eigener natürlicher Kräften und Tugenden in allen ihren
Affectionibus und Gemütsneigungen, in der Fürsichtigkeit, Stärke, Mildigkeit,
Forchtsamkeit, Rauchheit, Lehre und Unterrichtung. Es kennet je eines das
andere, sie unterscheiden sich vor einander, sie stellen dem nach, so ihnen
nützlich, fliehen das Schädlich, meiden die Gefahr, sammlen zusammen, was ihnen
zu ihrer Nahrung notwendig ist, und betrügen auch bisweilen euch Menschen
selbst. Dahero viel alte Philosophi solches ernstlich erwogen und sich nicht
geschämet haben, zu fragen und zu disputieren, ob die unvernünftigen Tiere nicht
auch Verstand hätten? Zwar was darfs viel Grammanzens! Schickt euch der weise
König Salomo doch selbst zu uns in die Schule, da er spricht, Sprüchw. 30: Es
seind vier kleine Dinge auf Erden, doch sein sie viel weiser als die Weisesten.
Die Ameisen, so ein schwach Völklein sein, doch sammlen sie im Sommer ihre
Nahrung ein vor den Winter; die Königlein, nicht ein starkes Völklein, doch
machen sie ihre Wohnungen in die Felsen; die Heuschrecken, welche keinen König
haben und jedoch scharweis ausziehen; die Spinne ergreifet mit beiden Armen und
wohnet in den Palästen der Könige. Ich mag aber nichts mehr von diesen Sachen
reden; geht hin zu den Immen und sehet, wie sie Wachs und Honig machen, und
alsdann sagt mir eure Meinung wieder.«
 
                            Das dreizehnte Kapitel.
Simplex erzählt viel, wers alles will wissen,
Lass es zu lesen ihm gar nicht verdriessen.
Hierauf fielen unterschiedliche Urteil über mich, die meines Herrn Tischgenossen
gaben. Der Sekretarius hielt davor, ich sei vor närrisch zu halten, weil ich
mich selbst vor ein unvernünftig Tier schätze und dargebe, massen diejenige, so
einen Sparren zu viel oder zu wenig hätten und sich jedoch weis zu sein dünkten,
die allerartlichste oder visierlichste Narren wären. Andere sagten, wann man mir
die Imagination benähme, dass ich ein Kalb sei, oder mich überreden könnte, dass
ich wieder zu einem Menschen worden wäre, so würde ich vor vernünftig oder
witzig genug zu halten sein. Mein Herr selbst sagte: »Ich halte ihn vor einen
Narrn, weil er jedem die Wahrheit so ungescheut sagt; hingegen seind seine
Diskursen so beschaffen, dass solche keinem Narrn zustehen.« Und solches alles
redeten sie auf Latein, damit ichs nicht verstehen sollte. Er fragte mich, ob
ich studiert hätte, als ich noch ein Mensch gewesen? »Ich wüsste nicht, was
studieren sei,« war meine Antwort; »aber lieber Herr,« sagte ich weiters, »sage
mir, was Studen vor Dinger sein, damit man studieret. Nennest du vielleicht die
Kegel so, damit man keglet?« Hierauf antwortete der tolle Fähnrich: »Wat wolts
meet deesem Kerl sin? hei hett den Tüfel in Liff, hei ist beseeten; de Tüfel, de
kühret ut jehme.« Dahero nahm mein Herr Ursache, mich zu fragen, sintemal ich
dann nunmehr zu einem Kalb worden wäre, ob ich noch, wie vor diesem, gleich
andern Menschen zu beten pflege und in Himmel zu kommen getraue? »Freilich!«
antwortete ich, »ich habe ja meine unsterbliche menschliche Seele noch, die wird
ja, wie du leichtlich gedenken kannst, nicht in die Hölle begehren, vornehmlich
weil mirs schon einmal so übel darin ergangen. Ich bin nur verändert, wie vor
diesem Nabuchodonosor, und dörfte ich noch wohl zu einer Zeit wieder zu einem
Menschen werden.« - »Das wünsche ich dir,« sagte mein Herr mit einem ziemlichen
Seufzen, daraus ich leichtlich schliessen konnte, dass ihn eine Reue ankommen,
weil er mich zu einem Narrn zu machen unterstanden. »Aber lass hören,« fuhr er
weiter fort, »wie pflegst du zu beten?«
Darauf kniete ich nieder, hub Augen und Hände auf gut einsiedlerisch gen Himmel,
und weilen meines Herrn Reue, die ich gemerkt hatte, mir das Herz mit
trefflichem Trost berührte, konnte ich auch die Tränen nicht entalten, bat also
dem äusserlichen Ansehen nach mit höchster Andacht nach gesprochenem Vatterunser
vor alles Anliegen der Christenheit, vor meine Freunde und Feinde, und dass mir
Gott in dieser Zeitlichkeit nach seinem Willen also zu leben verleihen wolle,
dass ich würdig werden möchte, ihn in ewiger Seligkeit zu loben; massen mich mein
Einsiedel ein solches Gebet mit andächtigen konzipierten Worten gelehret hat.
Hiervon fiengen etliche weichherzige Zuseher auch beinahe an zu weinen, weil sie
ein trefflich Mitleiden mit mir trugen; ja meinem Herrn selbst stunden die Augen
voller Wasser, dessen er sich, wie mich deuchte, selbst schämte und dahero sich
entschuldigt mit Vorwand, sein Herz im Leib möchte ihme zerspringen, wann er
eine solche betrübte Gestalt sehe, die seine verlorne Schwester so natürlich vor
Augen stelle.
    Nach der Mahlzeit schickte mein Herr nach obgemeldtem Pfarrherrn; dem
erzählte er alles, was ich vorgebracht hatte, und gab damit zu verstehen, dass er
besorge, es gehe nicht recht mit mir zu, und dass vielleicht der Teufel mit unter
der Decke läge, dieweil ich vor diesem ganz einfältig und unwissend mich
erzeigt, nunmehr aber Sachen vorzubringen wisse, dass sich darüber zu verwundern.
Der Pfarrer, dem meine Beschaffenheit am besten bekannt war, antwortete, man
sollte solches bedacht haben, eh man mich zum Narrn zu machen unterstanden
hätte; Menschen sein Ebenbilder Gottes, mit welchen, und bevorab mit so zarter
Jugend, nicht wie mit Bestien zu scherzen sei. Doch wolle er nimmermehr glauben,
dass dem bösen Geist zugelassen worden, sich mit in das Spiel zu mischen, dieweil
ich mich jederzeit durch inbrünstiges Gebet Gott befohlen gehabt. Sollte ihm
aber wider Verhoffen solches verhängt und zugelassen worden sein, so hätte man
es bei Gott schwerlich zu verantworten, massen ohnedas beinahe keine grössere
Sünde sei, als wann ein Mensch den andern seiner Vernunft berauben und also dem
Lob und Dienst Gottes, darzu er vornehmlich erschaffen worden, entziehen wollte.
»Ich habe hiebevor Versicherung getan, dass er Witz genug gehabt; dass er sich
aber in die Welt nicht schicken können, war die Ursache, dass er bei seinem
Vatter, einem groben Baur, und bei euerm Schwager in der Wildnüs in aller
Einfalt erzogen worden. Hätte man sich anfänglich ein wenig mit ihm geduldet, so
würde er sich mit der Zeit schon besser angelassen haben; es war eben ein fromm
einfältig Kind, das die boshaftige Welt noch nicht kannte. Doch zweifle ich gar
nicht, dass er nicht wiederum zurechtzubringen sei, wann man ihm nur die
Einbildung benehmen kann und ihn dahin bringt, dass er nicht mehr glaubt, er
sei zum Kalb worden. Man lieset von einem, der hat festiglich geglaubt, er sei
zu einem irdinen Krug worden, bat dahero die Seinige, sie sollten ihn wohl in
die Höhe stellen, damit er nicht zerstossen würde. Ein anderer bildete sich nicht
anders ein, als er sei ein Hahn; dieser krähete in seiner Krankheit Tag und
Nacht. Noch ein anderer vermeinte nicht anders, als er sei bereits gestorben und
wandere als ein Geist herum, wollte derowegen weder Arznei noch Speise und Trank
mehr zu sich nehmen, bis endlich ein kluger Arzt zween Kerl anstellete, die sich
auch vor Geister ausgaben, darneben aber tapfer zechten, sich zu jenem
geselleten und ihn überredeten, dass jetziger Zeit die Geister auch zu essen und
zu trinken pflegen, wodurch er dann wieder zurechtgebracht worden. Ich habe
selber einen kranken Baur in meiner Pfarr gehabt; als ich denselben besuchte,
klagte er mir, dass er auf drei oder vier Ohm Wasser im Leib hätte; wann solches
von ihm wäre, so getraute er wohl, wieder gesund zu werden, mit Bitte, ich
wollte ihn entweder aufschneiden lassen, damit solches von ihm laufen könnte,
oder ihn in Rauch hängen lassen, damit dasselbe auströckne. Darauf sprach ich
ihm zu und überredete ihn, ich könnte das Wasser auf eine andre Manier wohl von
ihm bringen, nahm demnach einen Hahn, wie man zu den Wein- oder Bierfässern
brauchet, band einen Darm daran, und das andere Ende band ich an den Zapfen
eines Bauchzubers, den ich zu solchem Ende voll Wasser tragen lassen, stellete
mich darauf, als wann ich ihm den Hahn in Bauch steckte, welchen er überall mit
Lumpen umwinden lassen, damit er nicht zerspringen sollte. Hierauf liess ich das
Wasser aus dem Zuber durch den Hahn hinweglaufen, darüber sich der Tropf
herzlich erfreuete, nach solcher Verrichtung die Lumpen von sich tät und in
wenig Tagen wieder allerdings zurechtkam. Auf solche Weise ist einem andern
geholfen worden, der sich eingebildet, er habe allerhand Pferdgezeug, Zäume und
sonst Sachen im Leib; demselben gab sein Doktor eine Purgation ein und legte
dergleichen Dinge untern Nachtstuhl, also dass der Kerl glauben musste, solches
sei durch den Stuhlgang von ihm kommen. So saget man auch von einem Phantasten,
der geglaubt habe, seine Nase sei so lang, dass sie ihm bis auf den Boden reiche;
dem habe man eine Wurst an die Nase gehängt, dieselbe nach und nach bis an die
Nase selbst hinweggeschnitten, und als er das Messer an der Nase empfunden,
hätte er geschrieen, seine Nase sei jetzt wieder in rechter Form; kann also, wie
diesen Personen, dem guten Simplicio wohl auch wieder geholfen werden.«
    »Dieses alles glaubte ich wohl,« antwortete mein Herr, »allein liegt mir an,
dass er zuvor so unwissend gewesen, nunmehr aber von Sachen zu sagen weiss, solche
auch so perfekt dahererzählet, dergleichen man bei älteren, erfahrnen und
belesneren Leuten, als er ist, nicht leichtlich finden wird. Er hat mir viel
Eigenschaften der Tiere erzählet und meine eigene Person so artlich beschrieben,
als wann er sein Lebtag in der Welt gewesen, also dass ich mich darüber
verwundern und seine Reden beinahe vor ein Orakul oder Warnung Gottes halten
muss.«
    »Herr!« antwortete der Pfarrer, »dieses kann natürlicherweise wohl sein. Ich
weiss, dass er wohl belesen ist, massen er sowohl als sein Einsiedel gleichsam alle
meine Bücher, die ich gehabt, und deren zwar nicht wenig gewesen, durchgangen,
und weil der Knabe ein gut Gedächtnüs hat, jetzo aber in seinem Gemüt müssig ist
und seiner eigenen Person vergisst, kann er gleich hervorbringen, was er hiebevor
ins Hirn gefasst. Ich versehe mich auch, dass er mit der Zeit wieder
zurechtzubringen sei.« Also satzte der Pfarrer den Gubernator zwischen Forcht
und Hoffnung; er verantwortete mich und meine Sache auf das beste und brachte
mir gute Tage, ihm selbst aber einen Zutritt bei meinem Herrn zuwege. Ihr
endlicher Schluss war, man sollte noch eine Zeitlang mit mir zusehen; und solches
tät der Pfarrer mehr um seines als meines Nutzens wegen; dann mit diesem, dass er
so ab- und zugieng und sich stellete, als wann er meinetalben sich bemühe und
grosse Sorge trage, überkam er des Gubernators Gunst; dahero gab ihm derselbige
Dienste und machte ihn bei der Garnison zum Kaplan, welches in so schwerer Zeit
kein Geringes war und ich ihm herzlich wohl gönnete.
 
                            Das vierzehnte Kapitel.
Simplex nach einem glückseligen Leben
Muss sich den tollen Kroaten ergeben.
Von dieser Zeit an besass ich meines Herrn Gnade, Gunst und Liebe vollkömmlich,
dessen ich mich wohl mit Wahrheit rühmen kann; nichts mangelte mir zu meinem
besserm Glück, als dass ich an meinem Kalbskleid zu viel und an Jahren noch zu
wenig hatte, wiewohl ich solches selbst nicht wusste. So wollte mich der Pfarrer
auch noch nicht witzig haben, weil ihn solches noch nicht Zeit und seinem Nutzen
vorträglich zu sein bedunkte. Und demnach mein Herr sah, dass ich Lust zur Musik
hatte, liess er mich solche lernen und verdingte mich zugleich einem
vortrefflichen Lautenisten, dessen Kunst ich in Bälde ziemlich begriff und ihn
um so viel übertraf, weil ich besser als er darein singen konnte. Also dienete
ich meinem Herrn zur Lust, Kurzweile, Ergetzung und Verwunderung. Alle
Offizierer erzeigten mir ihren geneigten Willen, die reicheste Bürger verehrten
mich, und das Hausgesind neben den Soldaten wollten mir wohl, weil sie sahen,
wie mir mein Herr gewogen war. Einer schenkte mir hier, der ander dort, dann sie
wussten, dass Schalksnarren oft bei ihren Herren mehr vermügen als etwas
Rechtschaffenes, und dahin hatten auch ihre Geschenke das Absehen, weil mir
etliche darum gaben, dass ich sie nicht verfuchsschwänzen sollte, andere aber
eben deswegen, dass ich ihrentwegen solches tun sollte, auf welche Weise ich
ziemlich Geld zuwegen brachte, welches ich mehrenteils dem Pfarrer wieder
zusteckte, weil ich noch nicht wusste, worzu es nutzete. Und gleichwie mich
niemand scheel ansehen dörfte, als hatte ich auch von nirgendsher keine
Anfechtung, Sorge oder Bekümmernüs. Alle meine Gedanken legte ich auf die Musik,
und wie ich dem einen und dem andern seine Mängel artlich verweisen möchte.
Daher wuchs ich auf wie ein Narr im Zwiebelland: der Hurnspiegel wurde mir
glatt, und meine Leibskräfte nahmen handgreiflich zu; man sah mir in Bälde an,
dass ich mich nicht mehr im Wald mit Wasser, Eicheln, Buchen, Wurzeln und
Kräutern mortifizierte, sondern dass mir bei guten Bisslein der rheinische Wein
und das hanauische Doppelbier wohl zuschlug, welches in so elender Zeit vor eine
grosse Gnade von Gott zu schätzen war; dann damals stund ganz Teutschland in
völligen Kriegsflammen, Hunger und Pestilenz; und Hanau selbst war mit Feinden
umlagert, welches alles mich im geringsten nicht kränken konnte. Nach
aufgeschlagner Belägerung nahm ihm mein Herr vor, mich entweder dem Kardinal
Richelieu oder Herzog Bernhard von Weimar zu schenken; dann ohn dass er hoffte,
einen grossen Dank mit mir zu verdienen, gab er auch vor, dass ihm schier
unmüglich wäre, länger zu ertragen, weil ich ihm seiner verlornen Schwester
Gestalt, deren ich je länger je ähnlicher würde, in so närrischem Habit täglich
vor Augen stellete. Solches widerriet ihm der Pfarrer; dann er hielt davor, die
Zeit wäre kommen, in welcher er ein Mirakul tun und mich wieder zu einem
vernünftigen Menschen machen wollte, gab demnach dem Gubernator den Rat, er
sollte ein paar Kalbfelle bereiten und solche andern Knaben antun lassen,
hernach eine dritte Person bestellen, die in Gestalt eines Arztes, Propheten
oder Landfahrers mich und bemeldte zween Knaben mit seltsamen Zeremonien
ausziehe, und vorwenden, dass er aus Tieren Menschen und aus Menschen Tiere
machen könnte. Auf solche Weise könnte ich wohl wieder zurechtgebracht und mir
ohn sonderliche grosse Mühe eingebildet werden, ich sei wie andere mehr, wieder
zu einem Menschen worden. Als ihm der Gubernator solchen Vorschlag belieben
liesse, kommunizierte mir der Pfarrer, was er mit meinem Herrn abgeredet hätte,
und überredete mich leicht, dass ich meinen Willen darein gab. Aber das neidige
Glück wollte mich so leichtlich aus meinem Narrenkleid nicht schliefen, noch
mich das herrliche gute Leben länger geniessen lassen. Dann indem als Gerber und
Schneider mit den Kleidern umgiengen, die zu dieser Komödia gehörten,
terminierte ich mit etlichen andern Knaben von der Festung auf dem Eis herum; da
führte, ich weiss nicht wer, unversehens eine Partei Kroaten daher, die uns
miteinander anpackten, auf etliche leere Bauernpferde satzten, die sie erst
gestohlen hatten, und miteinander davonführten. Zwar stunden sie erstlich im
Zweifel, ob sie mich mitnehmen wollten oder nicht, bis endlich einer auf
Böhmisch sagte: Mih weme doho Blasna sebao, bowe deme ho gbabo Oberstwoi. Dem
antwortete ein anderer: Prschis am bambo ano, mi ho nagonie possadeime, wan
rosumi niemezki, won bude mit Kratock wille sebao. Also musste ich zu Pferd und
inwerden, dass einem ein einzig unglückliches Stündlein aller Wohlfahrt entsetzen
und von allem Glück und Heil dermassen entfernen kann, dass es einem sein Lebtag
nachgehet.
 
                            Das fünfzehnte Kapitel.
Simplex muss bei den kroatischen Scharen
Unfalls und Übels genugsam erfahren.
Ob zwar nun die Hanauer gleich Lärmen hatten, sich zu Pferd herausliessen und die
Kroaten mit einem Scharmützel etwas aufhielten und bekümmerten, so mochten sie
ihnen jedoch nichts abgewinnen; dann diese leichte Ware ging sehr vorteilhaftig
durch und nahm ihren Weg auf Büdingen zu, allwo sie fütterten und den Bürgern
daselbst die gefangene hanauische reiche Söhnlein wieder zu lösen gaben, auch
ihre gestohlene Pferde und andere Ware verkauften. Von dannen brachen sie wieder
auf, schier eh es recht Nacht, geschweige wieder Tag worden, giengen schnell
durch den Büdinger Wald dem Stift Fulda zu und nahmen unterwegs mit, was sie
fortbringen konnten. Das Rauben und Plündern hinderte sie an ihrem schleunigen
Fortzug im geringsten nichts; dann sie konntens machen wie der Teufel, von
welchem man zu sagen pflegt, dass er zugleich laufe und (s.v.) hofiere und doch
nichts am Wege versaume; massen wir noch denselben Abend im Stift Hirschfeld,
allwo sie ihr Quartier hatten, mit einer grossen Beute ankamen: das ward alles
partiert, ich aber ward dem Obristen Corpes zuteil.
    Bei diesem Herrn kam mir alles widerwärtig und fast spanisch vor: Die
hanauische Schleckerbisslein hatten sich in schwarzes grobes Brot und mager
Rindfleisch, oder, wanns wohl abgieng, in ein Stuck gestohlnen Speck verändert.
Wein und Bier war mir zu Wasser worden, und ich musste anstatt des Bettes bei den
Pferden in der Streu vorliebnehmen. Vor das Lautenschlagen, das sonst jedermann
belustiget, musste ich zuzeiten gleich andern Jungen untern Tisch kriechen, wie
ein Hund heulen und mich mit Sporen stechen lassen, welches mir ein schlechter
Spass war. Vor das hanauische Spazierengehen dorfte ich mit auf Furage reiten,
Pferde striegeln und denselben ausmisten. Das Furagiern aber ist nichts anders,
als dass man mit grosser Mühe und Arbeit, auch oft nicht ohn Leib- und
Lebensgefahr, hinaus auf die Dörfer schwaifet, drischt, mahlt, backt, stiehlt
und nimmt, was man findet, drillt und verderbt die Bauern, ja schändet wohl gar
ihre Mägde, Weiber und Töchter, zu welcher Arbeit ich aber noch zu jung war. Und
wann den armen Bauern das Ding nicht gefallen will oder sie sich etwan erkühnen
dörfen, einen oder den andern Furagierer über solcher Arbeit auf die Finger zu
klopfen, wie es dann damals dergleichen Gäste in Hessen viel gab, so hauet man
sie nieder, wann man sie hat, oder schicket aufs wenigste ihre Häuser im Rauch
gen Himmel. Mein Herr hatte kein Weib (wie dann diese Art Krieger keine Weiber
mitzuführen pflegen, weil die nächste die beste deren Stell vertretten müssen),
keinen Page, keinen Kammerdiener, keinen Koch, hingegen aber einen Haufen
Reutknechte und Jungen, welche ihm und den Pferden zugleich abwarteten, und
schämte er sich selbst nicht, ein Ross zu satteln oder demselben Futter
fürzuschütten. Er schlief allezeit auf Stroh oder auf der blossen Erde und
bedeckte sich mit seinem Pelzrock; daher sah man oft die Müllerflöhe auf seinen
Kleidern herumwandern, deren er sich im geringsten nicht schämete, sondern noch
darzu lachte, wann ihm jemand eine herablas. Er trug kurze Hauptaar und einen
breiten Schweizerbart, welches ihm wohl zustatten kam, weil er sich selbst in
Bauernkleider zu verstellen und darin auf Kundschaft auszugehen pflegte. Wiewohl
er nun, wie gehöret, keine Grandezza speisete, so ward er jedoch von den Seinen
und andern, die ihn kannten, geehrt, geliebt und geförchtet. Wir waren niemals
ruhig, sondern bald hier, bald dort; bald fielen wir ein, und bald wurd uns
eingefallen; so gar war keine Ruhe da, der Hessen Macht zu ringern; hingegen
feirete uns Melander auch nicht, als welcher uns manchen Reuter abjagte und nach
Kassel schickte.
    Dieses unruhige Leben schmeckte mir ganz nicht, dahero wünschte ich mich oft
vergeblich wieder nach Hanau. Mein grösstes Kreuz war, dass ich mit den Burschen
nicht recht reden konnte und mich gleichsam von jedwederm hin und wieder stossen,
plagen, schlagen und jagen lassen musste. Die grösste Kurzweile, die mein Obrister
mit mir hatte, war, dass ich ihm auf teutsch singen und wie andere Reuterjungen
aufblasen musste, so zwar selten geschahe; doch kriegte ich alsdann solche dichte
Ohrfeigen, dass der rote Saft hernach ging und ich lang genug daran hatte.
Zuletzt fieng ich an, mich des Kochens zu unterwinden und meinem Herrn das
Gewehr, darauf er viel hielt, sauber zu halten, weil ich ohn das auf Furage zu
reiten noch nichts nutz war. Das schlug mir so trefflich zu, dass ich endlich
meines Herrn Gunst erwarb, massen er mir wieder aus Kalbfellen ein neu
Narrenkleid machen lassen mit viel grössern Eselsohren, als ich zuvor getragen;
und weil meines Herrn Mund nicht ekelicht war, bedorfte ich zu meiner Kochkunst
desto weniger Geschicklichkeit. Demnach mirs aber zum öftern an Salz, Schmalz
und Gewürz mangelte, ward ich meines Handwerks auch müde, trachtete derowegen
Tag und Nacht, wie ich mit guter Manier ausreissen möchte, vornehmlich weil ich
den Frühling wieder erlanget hatte. Als ich nun solches ins Werk setzen wollte,
nahm ich mich an, die Schaf- und Kühkutteln, deren es voll um unser Quartier
lag, fern hinwegzuschleifen, damit solche keinen so üblen Geruch mehr machten:
solches liess ihm der Oberste gefallen. Als ich nun damit umgieng, blieb ich, da
es dunkel ward, zuletzt gar aus und entwischt in den nächsten Wald.
 
                            Das sechzehnte Kapitel.
Simplex ein treffliche Beute erschnappet,
Als ein Waldbruder viel Speisen ertappet.
Mein Handel und Wesen ward aber allem Ansehen nach je länger je ärger, ja so
schlimm, dass ich mir einbildete, ich sei nur zum Unglück geboren; dann ich war
wenig Stunden von den Kroaten hinweg, da erhascheten mich etliche Schnapphahnen.
Diese vermeinten ohn Zweifel, etwas rechts an mir gefangen zu haben, weil sie
bei finstrer Nacht mein närrisch Kleid nicht sahen und mich gleich durch zween
aus ihnen an einen gewissen Ort weit hinein in Wald führen lassen. Als mich
diese dahin brachten und es zugleich stockfinster ward, wollte der eine Kerl
kurzum Geld von mir haben. Zu solchem Ende legte er seine Handschuh samt dem
Feuerrohr nieder und fieng an, mich zu visitieren, fragende: »Wer bist du? Hast
du Geld?« Sobald er aber mein haarig Kleid und die lange Eselsohren an meiner
Kappe (die er vor Hörner gehalten) begriff und zugleich die hellscheinende
Funken (welche gemeiniglich der Tiere Häute sehen lassen, wann man sie in der
Finstre streichet) gewahr ward, erschrak er, dass er ineinanderfuhr. Solches
merkte ich gleich; derowegen striegelte ich, eh er sich wieder erholen oder
etwas besinnen konnte, mein Kleid mit beiden Händen dermassen, dass es schimmerte,
als wann ich inwendig voller brennenden Schwefels gestocken wäre, und antwortete
ihm mit erschröcklicher Stimme: »Der Teufel bin ich und will dir und deinem
Gesellen die Hälse umdrehen!« welches diese Zween also erschreckte, dass sie sich
alle beide durch Stöcke und Stauden so geschwind davontrolleten, als wann sie
das höllische Feuer gejaget hätte. Die finstre Nacht konnte ihren schnellen Lauf
nicht hindern, und obgleich sie oft an Stöcke, Steine, Stämme und Bäume liefen
und noch öfter zuhaufen fielen, rafften sie sich doch geschwind wieder auf.
Solches trieben sie, bis ich keinen mehr hören konnte; ich aber lachte
unterdessen so schröcklich, dass es im ganzen Wald erschallete, welches ohn
Zweifel in einer solchen finstern Einöde förchterlich anzuhören war.
    Als ich mich nun abwegs machen wollte, strauchelte ich über das Feuerrohr;
das nahm ich zu mir, weil ich bereits mit dem Geschoss umzugehen bei den Kroaten
gelernet hatte. Da ich weiterschritte, stiess ich auch an einen Knappsack,
welcher gleich meinem Kleid von Kalbfellen gemacht war; ich hub ihn ebenmässig
auf und fand, dass eine Patrontäsche, mit Pulver, Blei und aller Zugehör wohl
versehen, unten daranhieng. Ich hieng alles an mich, nahm das Rohr auf die
Achsel wie ein Soldat und verbarg mich ohnweit davon in einen dicken Busch, der
Meinung, daselbst eine Weile zu schlafen. Aber sobald der Tag anbrach, kam die
ganze Partei auf vorbenannten Platz und suchten das verlorne Feuerrohr samt dem
Knappsack; ich spitzte die Ohren wie ein Fuchs und hielt mich stiller als eine
Maus. Wie sie aber nichts fanden, verlachten sie die Zween, so von mir entflohen
waren. »Pfui, ihr feige Tropfen!« sagten sie, »schämet euch ins Herz hinein, dass
ihr euch von einem einigen Kerl erschrecken, verjagen und das Gewehr nehmen
lasset!« Aber der eine schwur, der Teufel sollt ihn holen, wanns nicht der
Teufel selbst gewesen sei; er hätte ja die Hörner und seine rauhe Haut wohl
begriffen. Der ander aber gehub sich gar übel und sagte: »Es mag der Teufel oder
seine Mutter gewesen sein, wann ich nur meinen Ranzen wieder hätte.« Einer von
ihnen, welchen ich vor den Vornehmsten hielt, antwortete diesem: »Was meinst du
wohl, dass der Teufel mit deinem Ranzen und dem Feuerrohr machen wollte? ich
dörfte meinen Hals verwetten, wo nicht der Kerl, den ihr so schändlich entlaufen
lassen, beide Stücke mit sich genommen.« Diesem hielt ein ander Widerpart und
sagte, es könne auch wohl sein, dass seiter etliche Bauern da gewesen wären,
welche die Sachen gefunden und aufgehoben hätten. Solchem ward endlich von allen
Beifall gegeben und von der ganzen Partei festiglich geglaubt, dass sie den
Teufel selbst unter Händen gehabt hätten, vornehmlich weil derjenige, so mich in
der Finstere visitieren wollen, nicht allein solches mit grausamen Flüchen
bekräftiget, sondern auch die rauhe funklende Haut und beide Körner als gewisse
Wahrzeichen einer teuflischen Eigenschaft gewaltig zu beschreiben und
herauszustreichen wusste. Ich vermeine auch, wann ich mich unversehens hätte
wiederum sehen lassen, dass die ganze Partei entlaufen wäre.
    Zuletzt, als sie lang genug gesuchet und doch nichts funden hatten, nahmen
sie ihren Weg weiters; ich aber machte den Ranzen auf, zu frühstücken, und
langte im ersten Griff einen Säckel heraus, in welchem dreihundert und etliche
sechzig Dukaten waren. Ob ich nun hierüber erfreuet worden, bedarf zwar keines
Fragens: aber der Leser sei versichert, dass mich der Knappsack viel mehr
erfreuete, weil ich ihn mit Proviant so wohl versehen sah, als diese schöne
Summa Goldes selbst. Und demnach dergleichen Gesellen bei den gemeinen Soldaten
viel zu dünn gesäet zu sein pflegen, dass sie solche mit sich auf Partei
schleppen sollten, als mache ich mir die Gedanken, der Kerl müsse dies Geld auf
ebenderselben Partei erst heimlich erschnappt und geschwind zu sich in Ranzen
geschoben haben, damit er solches mit den andern nicht partiern dörfe.
    Hierauf zehrte ich fröhlich zu Morgen, fand auch bald ein lustig Brünnlein,
bei welchem ich mich erquickte und meine schöne Dukaten zählete. Wann mirs
allbereit das Leben gülte, ich sollte anzeigen, in welchem Land oder Gegend ich
mich damals befunden, so könnte ichs nicht. Ich blieb anfangs so lang im Wald,
als mein Proviant währete, mit welchem ich sparsam haushielt. Als aber mein
Ranzen leer worden, jagte mich der Hunger in die Baurnhäuser: da kroch ich bei
Nacht in Keller und Küchen und nahm von Essenspeise, was ich fand und tragen
mochte; das schleppte ich mit mir in Wald, wo er am allerwildesten war. Darin
führte ich wieder überall ein einsiedlerisch Leben wie hiebevor, ohn dass ich
sehr viel stahl und destoweniger betete, auch keine stetige Wohnung hatte,
sondern bald hie-, bald dortin schweifte. Es kam mir trefflich wohl zustatten,
dass es im Anfang des Sommers war; doch konnte ich auch mit meinem Rohr Feur
machen, wann ich wollte.
 
                            Das siebzehnte Kapitel.
Simplex sieht Hexen zum Tanz hinwegfahren,
Kommt auch zu ihren verteufelten Scharen.
Unter währendem diesem meinem Umschweifen haben mich hin und wieder in den
Wäldern unterschiedliche Bauersleute angetroffen; sie seind aber allzeit vor mir
geflohen, nicht weiss ich, wars die Ursache, dass sie ohndas durch den Krieg scheu
gemacht, verjagt und niemals recht beständig zu Haus waren, oder ob die
Schnapphahnen diejenige Abenteur, so ihnen mit mir begegnete, in dem Land
ausgesprengt haben, also, dass hernach diese, so mich nachgehends gesehen,
ingleichem geglaubt, der böse Feind wandere wahrhaftig in selbiger Gegend umher.
Einsmals ging ich in dem Wald etliche Tage in der Irr herum, derowegen musste
ich sorgen, das Proviant möchte mir aufgehen und ich dadurch endlich ins
äusserste Verderben kommen, ich wollte dann wieder Wurzeln und Kräuter essen,
deren ich nicht mehr gewohnt war. In solchen Gedanken hörete ich zween
Holzhauer, so mich höchlich erfreuete; ich ging dem Schlag nach, und als ich
sie sah, nahm ich eine Handvoll Dukaten aus meinem Säckel, schlich nahe zu
ihnen, zeigte ihnen das anziehende Gold und sagte: »Ihr Herren, wann ihr meiner
wartet, so will ich euch die Handvoll Gold schenken!« Aber sobald sie mich und
mein Gold sahen, ebenso bald gaben sie auch Fersengeld und liessen Schlegel und
Keil samt ihrem Käs und Brotsack liegen. Mit solchem versah ich meinen Ranzen
wieder, verschlug mich in den Wald und verzweifelte schier, mein Lebtag wieder
einmal zu Menschen zu kommen.
    Nach langem Hin- und Hersinnen gedachte ich: »Wer weiss, wie dirs noch geht;
hast du doch Geld, und wann du solches zu guten Leuten in Sicherheit bringest,
so kannst du ziemlich lang wohl darum leben.« Also fiel mir ein, ich sollte es
einnähen; derowegen machte ich mir aus meinen Eselsohren, welche die Leute so
flüchtig machten, zwei Armbänder, gesellete meine hanauische zu den
schnapphahnischen Dukaten, tät solche in besagte Armbänder wohl arrestieren und
oberhalb den Ellenbogen um meine Arme binden. Wie ich nun meinen Schatz
dergestalt versichert hatte, fuhr ich den Bauern wieder ein und holte von ihrem
Vorrat, was ich bedorfte und erschnappen konnte. Und wiewohl ich noch einfältig
gewesen, so war ich jedoch so schlau, dass ich niemal, wo ich einst einen
Partikul geholt, wieder an dasselbige Ort kam; dahero war ich sehr glückselig im
Stehlen und ward niemals auf der Mauserei ertappt.
    Einsmals, zu Ende des Mai, als ich abermal durch mein gewöhnlich, obzwar
verbotenes Mittel, meine Nahrung holen wollte und zu dem Ende zu einem Baurnhof
gestrichen war, kam ich auf das allerheimlichste in die Küche, merkte aber bald,
dass noch Leute auf waren (Nota, wo sich Hunde befanden, da kam ich wohl nicht
hin); derowegen sperrete ich die eine Küchentüre, die in Hof ging, angelweit
auf, damit, wann es etwan Gefahr setzte, ich stracks ausreissen könnte, blieb
also mausstill sitzen, bis ich erwarten möchte, dass sich die Leute niedergeleget
hätten. Unterdessen nahm ich eine Spalte gewahr, die das Küchenschälterlein
hatte, welches in die Stube ging; ich schlich hinzu, zu sehen, ob die Leute
nicht bald schlafen gehen wollten. Aber meine Hoffnung war nichts, dann sie
hatten sich erst angezogen und anstatt des Liechts eine schweflichte blaue
Flamme auf der Bank stehen, bei welcher sie Stecken, Besem, Gablen, Stühle und
Bänke schmierten und nacheinander damit zum Fenster hinausflogen. Ich
verwunderte mich schröcklich und empfand ein grosses Grauen; weil ich aber
grösserer Erschröcklichkeiten gewohnt war, zumal mein Lebtag von den Unholden
weder gelesen noch gehöret hatte, achtete ichs nicht sonderlich, vornehmlich
weil alles so still hergieng, sondern verfügte mich, nachdem alles davongefahren
war, auch in die Stube, bedachte, was ich mitnehmen und wo ich solches suchen
wollte, und satzte mich in solchen Gedanken auf eine Bank schrittling nieder.
Ich war aber kaum aufgesessen, da fuhr, ja schnurrte ich samt der Bank gleichsam
augenblicklich zum Fenster hinaus und liess meinen Ranzen und Feuerrohr, so ich
von mir geleget hatte, vor den Schmierberlohn und so künstliche Salbe dahinten.
Das Aufsitzen, Davonfahren und Absteigen geschahe gleichsam in einem Nu! Dann
ich kam, wie mich bedunkte, augenblicklich zu einer grossen Schar Volks, es sei
dann, dass ich aus Schrecken nicht geachtet habe, wie lang ich auf dieser weiten
Reise zugebracht. Diese tanzten einen wunderlichen Tanz, dergleichen ich mein
Lebtag nie gesehen; dann sie hatten sich bei den Händen gefasst und viel Ring
ineinander gemacht mit zusammengekehrten Rücken, wie man die drei Grazien
abmalet, also, dass sie die Angesichter herauswarts kehrten. Der inner Ring
bestund etwan in 7 oder 8 Personen; der ander hatte wohl noch so viel, der
dritte mehr als diese beide, und so fortan, also dass sich in dem äussern Ring
über 200 Personen befanden. Und weil ein Ring oder Kreis um den andern links-
und die andere rechtsherum tanzten, konnte ich nicht sehen, wieviel solcher
Ringe gemachet, noch was sie in der Mitten, darum sie tanzten, stehen hatten. Es
sah eben greulich seltsam aus, weil die Köpfe so possierlich durcheinander
haspelten. Und gleichwie der Tanz seltsam war, also war auch ihre Musik; auch
sang, wie ich vermeinte, ein jeder am Tanz selber drein, welches eine
wunderliche Harmoniam abgab. Meine Bank, die mich hintrug, liess sich bei den
Spielleuten nieder, die ausserhalb der Ringe um den Tanz herum stunden; deren
etliche hatten anstatt der Flöten, Zwerchpfeifen und Schalmeien nichts anders
als Nattern, Vipern und Blindschleichen, darauf sie lustig daherpfiffen. Etliche
hatten Katzen, denen sie in Hindern bliesen und auf dem Schwanz fingerten: das
lautete den Sackpfeifen gleich. Andere geigeten auf Rossköpfen wie auf dem besten
Diskant, und aber andere schlugen die Harfe auf einem Kühgerippe, wie solche auf
dem Wasen liegen. So war auch einer vorhanden, der hatte eine Hündin unterm Arm,
deren leierte er am Schwanz und fingerte ihr an den Dütten. Darunter trompeteten
die Teufel durch die Nase, dass es im ganzen Wald erschallete; und wie dieser
Tanz bald aus war, fieng die ganze höllische Gesellschaft an zu rasen, zu rufen,
zu rauschen, zu brausen, zu heulen, zu wüten und zu toben, als ob sie alle toll
und töricht gewesen wären. Da kann jeder gedenken, in was Schrecken und Forcht
ich gesteckt.
    In diesem greulichen Lärmen und abscheulichem Wesen kam ein Kerl auf mich
dar, der hatte eine ungeheure Krotte unterm Arm, gern so gross als eine
Heerpauke; deren waren die Därme aus dem Hindern gezogen und wieder zum Maul
hineingeschoppt, welches so garstig aussah, dass mich darob kotzerte. »Sieh hin,
Simplici,« sagte er, »ich weiss, dass du ein guter Lautenist bist, lass uns doch
ein fein Stückchen hören.« Ich erschrak, dass ich schier umfiel, weil mich der
Kerl mit Namen nannte, und in solchem Schrecken verstummte ich gar und bildete
mir ein, ich läge in einem so schweren Traum, bat derowegen innerlich im Herzen
Gott den Allmächtigen, dass er mich doch erwachen lassen und mir aus diesem Traum
helfen wollte. Der mit der Krott aber, den ich steif ansah, zog seine Nase aus
und ein wie ein kalekutischer Hahn und stiess mich endlich auf die Brust, dass ich
schier davon erstickte. Derowegen fieng ich an, überlaut zu Gott zu rufen, und
sagte: »Herr Jesu Christe!« Kaum ward dies kräftige Wort ausgeredet, da
verschwand das ganze Heer. In einem Hui ward es stockfinster und mir so
förchterlich ums Herz, dass ich zu Boden fiel und wohl 100 Kreuz vor mich machte.
 
                            Das achtzehnte Kapitel.
Simplex bitt, man woll ja etwan nicht meinen,
Als woll er mit grossem Messer erscheinen.
Demnach es etliche, und zwar auch vornehme, gelehrte Leute darunter, gibt, die
nicht glauben, dass Hexen oder Unholden sein, geschweige, dass sie in der Luft hin
und wieder fahren sollten; als zweifele ich nicht, es werden sich etliche
finden, die sagen werden, Simplicius schneide hier mit dem grossen Messer auf.
Mit denselben begehre ich nun nicht zu fechten, dann weil Aufschneiden keine
Kunst, sondern jetziger Zeit fast das gemeinste Handwerk ist, als kann ich nicht
leugnen, dass ichs nicht auch könnte, dann ich müsste ja sonst wohl ein schlechter
Tropf sein. Welche aber der Hexen Ausfahren verneinen, die stellen ihnen nur
Simonem den Zauberer vor, welcher vom bösen Geist in die Luft erhaben ward und
auf St. Petri Gebet wieder heruntergefallen. Nikolaus Remigius, welcher ein
tapferer, gelehrter und verständiger Mann gewesen und im Herzogtum Lotringen
nicht nur ein halb Dutzet Hexen verbrennen lassen, erzählet von Johanne von
Hembach, dass ihn seine Mutter, die eine Hexe war, im sechzehnten Jahr seines
Alters mit sich auf ihre Versammlung genommen, dass er ihnen, weil er hatte
lernen pfeifen, beim Tanz aufspielen sollte. Zu solchem Ende stieg er auf einen
Baum, pfiff daher und sieht dem Tanz mit Fleiss zu (vielleicht, weil ihm alles
so wunderlich gedeuchte; dann da geht alles auf eine närrische Weise zu);
endlich spricht er: »Behüte, lieber Gott, woher kommt so viel närrisch und
unsinniges Gesind?« Er hatte aber kaum diese Worte ausgesaget, da fiel er vom
Baum herab, verrenkte eine Schulter und rufte ihnen um Hülfe zu; aber da war
niemand als er. Wie er dieses nachmals ruchbar machte, hieltens die meiste vor
ein Fabel, bis man kurz hernach Catarinam Prävotiam Zauberei halber fieng,
welche auch bei selbigem Tanz gewesen; die bekannte alles, wie es hergangen,
wiewohl sie von dem gemeinen Geschrei nichts wusste, das Hembach ausgesprengt
hatte. Majolus setzet zwei Exempel, von einem Knecht, so sich an seine Frau
gehängt, und von einem Ehebrecher, so der Ehebrecherin Büchsen genommen, sich
mit deren Salbe geschmieret und also beide zu der Zauberer Zusammenkunft kommen
sein. So sagt man auch von einem Knecht, der frühe aufgestanden und den Wagen
geschmieret; weil er aber die unrechte Büchse in der Finstre ertappt, hat sich
der Wagen in die Luft erhoben, also dass man ihn wieder herabziehen müssen. Olaus
Magnus erzählet in lib. 3. Hist. de gentibus Septentrional. I. cap. 19., dass
Hadingus, König in Dennemark, wieder in sein Königreich, woraus er durch etliche
Aufrührer vertrieben worden, fern über das Meer auf des Otini Geist durch die
Luft gefahren, welcher sich in ein Pferd verstellet hätte. So ist auch mehr als
genugsam bekannt, wasgestalt teils Weiber und ledige Dirnen in Böhmen ihre
Beischläfer des Nachts einen weiten Weg auf Böcken zu sich holen lassen. Was
Torquemadius in seinem Hexamerone von seinem Schulgesellen erzählet, mag bei ihm
gelesen werden. Ghirlandus schreibt auch von einem vornehmen Mann, welcher, als
er gemerkt, dass sich sein Weib salbe und darauf aus dem Haus fahre, habe er sie
einsmals gezwungen, ihn mit sich auf der Zauberer Zusammenkunft zu nehmen. Als
sie daselbst assen und kein Salz vorhanden war, habe er dessen begehrt, mit
grosser Mühe auch erhalten und darauf gesagt: »Gott sei gelobt, jetzt kommt
Salz!« darauf die Liechter erloschen und alles verschwunden. Als es nun Tag
worden, hat er von den Hirten verstanden, dass er nahend der Stadt Benevento im
Königreich Neapolis und also wohl 100 Meil von seiner Heimat sei. Derowegen,
obwohl er reich gewesen, habe er doch nach Haus bettlen müssen; und als er
heimkam, gab er alsbald sein Weib vor eine Zauberin bei der Obrigkeit an, welche
auch verbrannt worden. Wie Doktor Faust neben noch andern mehr, die gleichwohl
keine Zauberer waren, durch die Luft von einem Ort zum andern gefahren, ist aus
seiner Historie genugsam bekannt. So lieset man bei dem Boccaccio von einem
Edelmann aus Lombardia, dessen Vatter vorzeiten den Sultan in Ägypten
unbekannterweise beherberget; als dieser gefangen, dem Sultan überliefert und
erkannt worden, habe er ihn in ein köstlich Bett legen, mit vielen Gold
schlafend nach Pavia durch einen Zauberer führen und in die Hauptkirche daselbst
niedersetzen lassen. So habe ich selbst auch eine Frau und eine Magd gekannt,
seind aber, als ich dieses schreibe, beide tot, wiewohl der Magd Vatter noch im
Leben. Diese Magd schmierte einsmals auf dem Herd beim Feuer ihrer Frau die
Schuhe, und als sie mit einem fertig war und solchen beiseit setzte, den andern
auch zu schmieren, fuhr der geschmierte unversehens zum Kamin hinaus; diese
Geschicht ist aber vertuscht geblieben. Solches alles melde ich nur darum, damit
man eigentlich darvorhalte, dass die Zauberinnen und Hexenmeister zuzeiten
leibhaftig auf ihre Versammlungen fahren, und nicht deswegen, dass man mir eben
glauben müsse, ich sei, wie ich gemeldet habe, auch so dahingefahren; dann es
gilt mir gleich, es mags einer glauben oder nicht, und wers nicht glauben will,
der mag einen andern Weg ersinnen, auf welchem ich aus dem Stift Hirschfeld oder
Fulda (dann ich weiss selbst nicht, wo ich in den Wäldern herumgeschwaift hatte)
in so kurzer Zeit ins Erzstift Magdeburg marschiert sei.
 
                            Das neunzehnte Kapitel.
Simplex wird wieder zum Narren erlesen,
Wie er auch war zuvor einer gewesen.
Ich fange meine Historie wieder an und versichere den Leser, dass ich auf dem
Bauch liegen blieb, bis es allerdings heller Tag war, weil ich nicht das Herz
hatte, mich aufzurichten; zudem zweifelte ich noch, ob mir die erzählte Sachen
geträumt hatten oder nicht. Und obzwar ich in ziemlichen Ängsten stak, so war
ich doch so kühn zu entschlafen, weil ich gedachte, ich könnte an keinem ärgern
Ort als in einem wilden Wald liegen, in welchem ich die meiste Zeit, sint ich
von meinem Knän war, zubracht und dahero derselben ziemlich gewohnt hatte.
Ungefähr um 9 Uhr vormittag war es, als etliche Furagierer kamen, die mich
aufweckten; da sah ich erst, dass ich mitten im freien Feld war. Diese nahmen
mich mit ihnen zu etlichen Windmühlen, und nachdem sie ihre Früchte allda
gemahlen hatten, folgends in das Läger vor Magdeburg, allda ich einem Obristen
zu Fuss zuteil ward. Der fragte mich, wo ich herkäme und was vor einem Herrn ich
zugehörig wäre? Ich erzählte alles haarklein, und weil ich die Kroaten nicht
nennen konnte, beschrieb ich ihre Kleidungen und gab Gleichnussen von ihrer
Sprache, auch dass ich von denselben Leuten geloffen wäre; von meinen Dukaten
schwieg ich still, und was ich von meiner Luftfahrt und dem Hexentanz erzählete,
das hielt man vor Einfälle und Narrenteidungen, vornehmlich weil ich auch sonst
in meinem Diskurs das Tausende ins Hunderte warf. Indessen sammlete sich ein
Haufen Volks um mich her (dann ein Narr machet 1000 Narren): unter denselben war
einer, so das vorige Jahr in Hanau gefangen gewesen und allda Dienste angenommen
hatte, folgends aber wieder unter die Kaiserlichen kommen war. Dieser kannte
mich und sagte gleich: »Hoho, dies ist des Kommandanten Kalb zu Hanau!« Der
Obrist fragte ihn meinetwegen mehrere Umstände; der Kerl wusste aber nichts
weiters von mir, als dass ich wohl auf der Laute schlagen könnte, item dass mich
die Kroaten von des Obrist Corpes Regiment zu Hanau vor der Festung
hinweggenommen hätten, sodann, dass mich besagter Kommandant ungern verloren,
weil ich gar ein artlicher Narr wäre. Hierauf schickte die Obristin zu einer
andern Obristin, die ziemlich wohl auf der Laute konnte und deswegen stetigs
eine nachführete; die liesse sie um ihre Laute bitten. Solche kam und ward mir
präsentieret mit Befelch, ich sollte eins hören lassen. Aber meine Meinung war,
man sollte mir zuvor etwas zu essen geben, weil ein leerer und dicker Bauch, wie
die Laut einen hatte, nicht wohl zusammenstimmen würden. Solches geschahe, und
demnach ich mich ziemlich bekröpft und zugleich einen guten Trunk Zerbster Bier
verschlucket hatte, liess ich beides, mit der Lauten und meiner Stimme hören, was
ich konnte; darneben redete ich allerlei untereinander, wie mirs einfiel, so dass
ich mit geringer Mühe die Leute dahinbrachte, dass sie glaubten, ich wäre von
derjenigen Qualität, die meine possierliche Kalbskleidung vorstellete. Der
Obriste fragte mich, wo ich weiters hin wollte, und da ich antwortete, dass es
mir gleich gelte, wurden wir des Handels eins, dass ich bei ihm bleiben und sein
Hofjunker sein sollte. Er wollte auch wissen, wo meine Eselsohren hinkommen
wären. »Ja,« sagte ich, »wann du wüsstest, wo sie wären, so würden sie dir nicht
übel anstehen.« Aber ich konnte wohl verschweigen, was sie vermochten, weil all
mein Reichtum darin lagen.
    Ich ward in kurzer Zeit bei den meisten hohen Offizieren, sowohl im
kursächsischen als kaiserlichen Läger bekannt, sonderlich bei dem Frauenzimmer,
welches meine Kappe, Ärmel und abgestutzte Ohren überall mit seidenen Banden
zierte von allerhand Farben, so dass ich schier glaube, dass etliche Stutzer die
jetzige Mode darvon abgesehen. Was mir aber von den Offizierern an Geld
geschenkt ward, das teilte ich wieder mildiglich mit; dann ich verspendierte
alles bei einem Heller, indem ichs mit guten Gesellen in Hamburger und Zerbster
Bier, welche Gattungen mir trefflich wohl zuschlugen, versoffe; unangesehen ich
an allen Orten, wo ich nur hinkam, genug zu schmarotzen hatte.
    Als mein Obrister aber eine eigne Laute vor mich überkam, dann er gedachte
ewig an mir zu haben, da dorft ich nicht mehr in den beiden Lägern so hin und
wieder schwärmen, sondern er stellete mir einen Hofmeister dar, der mich
beobachten und dem ich hingegen gehorsamen sollte. Dieser war ein Mann nach
meinem Herzen, dann er war still, verständig, wohlgelehrt, von guter, aber nicht
überflüssiger Konversation, und was das grösste gewesen, überaus gottsförchtig,
wohlbelesen und voll allerhand Wissenschaften und Künsten. Bei ihm musste ich des
Nachts in seiner Zelten schlafen, und bei Tag dorfte ich ihm auch nicht aus den
Augen. Er war eines vornehmen Fürsten Rat und Beamter, zumal auch sehr reich
gewesen; weil er aber von den Schwedischen bis in Grund ruinieret worden, zumaln
auch sein Weib mit Tod abgangen und sein einziger Sohn Armut halber nicht mehr
studieren konnte, sondern unter der kursächsischen Armee vor einen
Musterschreiber dienete, hielt er sich bei diesem Obristen auf und liess sich vor
einen Stallmeister gebrauchen, um zu verharren, bis die gefährliche Kriegsläufe
am Elbstrom sich änderten und ihm alsdann die Sonne seines vorigen Glücks wieder
scheinen möchte.
 
                            Das zwanzigste Kapitel.
Simplex geht mit seim Hofmeister spazieren,
Siehet Leut ihr Geld mit Würfeln verlieren.
Weil mein Hofmeister mehr alt als jung war, also konnte er auch die ganze Nacht
nicht durchgehend schlafen; solches war eine Ursache, dass er mir in der ersten
Woche hinter die Briefe kam und ausdrücklich vernahm, dass ich kein solcher Narr
war, wie ich mich stellete, wie er dann zuvor auch etwas gemerkt und von mir aus
meinem Angesicht ein anders geurteilet hatte, weil er sich wohl auf die
Physiognomiam verstund. Ich erwachte einsmals um Mitternacht und machte über
mein eigen Leben und seltsame Begegnussen allerlei Gedanken, stund auch auf und
erzählete Gott dem Allmächtigen danksagungsweise alle Guttaten, die er mir mein
Lebtag erwiesen, und alle Gefahren, aus welchen er mich errettet hatte, befahle
ihme auch ferner mein Tun und Lassen mit inbrünstiger Andacht und bat nicht
allein um Vergebung meiner Sünden, die ich in meinem Narrenstand begienge,
sondern auch, dass mich Gott aus meinem Narrenkleid erretten und unter andere
vernünftige Menschen rechnen zu lassen gnädiglich belieben wolle; legte mich
hernach wieder nieder mit schweren Seufzen und schlief vollends aus.
    Mein Hofmeister hörete alles, tät aber, als wann er hart schliefe; und
solches geschahe etliche Nächte nacheinander, also dass er sich gnugsam
versichert hielt, dass ich mehr Verstand hätte als mancher Betagter, der sich
viel einbilde; doch redete er nichts mit mir im Zelt hiervon, weil sie zu dünne
Wände hätte und er gewisser Ursachen halber nicht haben wollte, dass noch
zurzeit, und eh er meiner Unschuld versichert wäre, jemand anders dieses
Geheimnus wüsste. Einsmals ging ich hinter das Läger spazieren, welches er gern
geschehen liess, damit er Ursache hätte, mich zu suchen, und also die Gelegenheit
bekäme, allein mit mir zu reden. Er fand mich nach Wunsch an einem einsamen Ort,
da ich meinen Gedanken Audienz gab, und sagte: »Lieber guter Freund! weil ich
dein Bestes zu suchen unterstehe, erfreue ich mich, dass ich hier allein mit dir
reden kann. Ich weiss, dass du kein Narr bist, wie du dich stellest, zumalen auch
in diesem elenden und verächtlichen Stand nicht zu leben begehrest. Wann dir nun
deine Wohlfahrt lieb ist und du von Herzen wünschest, was du alle Nacht von Gott
bittest, auch zu mir als einem ehrlichen Mann dein Vertrauen setzen willst, so
kannst du mir deiner Sachen Vewandtnus erzählen; so will ich hingegen, wo
müglich, mit Rat und Tat bedacht sein, wie dir etwan zu helfen sein möchte,
damit du aus deinem Narrenkleid kommest.«
    Hierauf fiel ich ihm um den Hals und erzeigte mich vor übriger Freude nicht
anders, als wann er ein Engel oder wenigst Prophet gewesen wäre, mich von meiner
Narrnkappe zu erlösen. Und nachdem wir auf die Erde gesessen, erzählete ich ihm
mein ganzes Leben; er beschauete meine Hände und verwunderte sich beides, über
die verwichene und künftige seltsame Zufälle, wollte mir aber durchaus nicht
raten, dass ich in Bälde mein Narrenkleid ablegen sollte, weil er, wie er sagte,
vermittelst der Chiromantia sah, dass mir mein Fatum eine Gefängnus androhe, die
Leib- und Lebensgefahr mit sich brächte. Ich bedankte mich seiner guten Neigung
und mitgeteilten Rats und bat Gott, dass er ihm seine Treuherzigkeit belohnen,
ihn selber aber, dass er (weil ich von aller Welt verlassen wäre) mein getreuer
Freund und Vatter sein und bleiben wollte.
    Demnach stunden wir auf und kamen auf den Spielplatz, da man mit Würfeln
turnieret und alle Schwüre mit hunderttausend mal tausend Galleen,
Rennschifflein, Tonnen und Stadtgräben voll etc. herausfluchte. Der Platz war
ungefähr so gross als der Alte Markt zu Köln, überall mit Mänteln überstreut und
mit Tischen bestellt, die alle mit Spielern umgeben waren. Jede Gesellschaft
hatte drei viereckichte Schelmenbeiner, denen sie ihr Glück vertrauten, weil sie
ihr Geld teilen und solches dem einen geben, dem andern aber nehmen mussten. So
hatte auch jeder Mantel oder Tisch einen Schunderer (Scholderer wollte ich sagen
und hätte doch schier Schinder gesagt). Dieser Amt war, dass sie Richter sein und
zusehen sollten, dass keinem unrecht geschehe; sie liehen auch Mäntel, Tische und
Würfel her und wussten deswegen ihr Gebühr so wohl vom Gewinn einzunehmen, dass
sie gewöhnlich das meiste Geld erschnappten; doch faselt es nicht, dann sie
verspieltens gemeiniglich wieder; oder wanns gar wohl angelegt ward, so bekams
der Marketender oder der Feldscherer, weil ihnen die Köpfe oft gewaltig geflickt
wurden.
    An diesen närrischen Leuten sah man sein blaues Wunder, weil sie alle zu
gewinnen vermeinten, welches doch unmüglich, sie hätten dann aus einer fremden
Tasche gesetzt, und obzwar sie alle diese Hoffnung hatten, so hiess es doch: Viel
Köpfe, viel Sinne, weil sich jeder Kopf nach seinem Glück sinnete; dann etliche
trafen, etliche fehlten; etliche gewannen, etliche verspielten. Derowegen auch
etliche fluchten, etliche donnerten, etliche betrogen, und andere wurden wieder
über den Tölpel geworfen. Dahero lachten die Gewinner, und die Verspieler bissen
die Zähne aufeinander; teils verkauften Kleider und was sie sonst liebhatten,
andere aber gewannen ihnen das Geld wieder ab; etliche begehrten redliche
Würfel, andere hingegen wünschten falsche auf den Platz und führten solche
unvermerkt ein, die aber andere wieder hinwegwurfen, zerschlugen und mit Zähnen
zerbissen, und den Scholderern die Mäntel zerrissen. Unter den falschen Würfeln
befanden sich Niederländer, welche man schleifend hineinrollen musste; diese
hatten so spitzige Rucken, darauf sie die Fünfer und Sechser trugen, als wie die
magere Esel, darauf man die Soldaten setzt. Andere waren oberländisch; denselben
musste man die bayrische Höhe geben, wann man treffen wollte. Etliche waren von
Hirschhorn, leicht oben und schwer unten gemacht; andere waren mit Quecksilber
oder Blei, und aber andere mit zerschnittenen Haaren, Schwämmen, Spreu und
Kohlen gefüttert; etliche hatten spitzige Ecken, an andern waren solche gar
hinweggeschliffen; teils waren lange Kolben und teils sahen aus wie breite
Schildkrotten. Und alle diese Gattungen waren auf nichts anders als auf Betrug
verfertigt; sie taten dasjenige, worzu sie gemacht waren, man mochte sie gleich
wippen oder sanft schleichen lassen; da half kein Knüpfens, geschweige jetzt
deren, die entweder zween Fünfer oder zween Sechser, und im Gegenteil entweder
zwei Ess oder zwei Dauss hatten. Mit diesen Schelmenbeinern zwackten, laureten und
stahlen sie einander ihr Geld ab, welches sie vielleicht auch geraubt oder
wenigst mit Leib- und Lebensgefahr oder sonst saurer Mühe und Arbeit erobert
hatten.
    Als ich nun so stund und den Spielplatz samt den Spielern in ihrer Torheit
betrachtete, sagte mein Hofmeister, wie mir das Wesen gefalle. Ich antwortete:
»Dass man so greulich Gott lästert, gefällt mir nicht; im übrigen aber lasse ichs
in seinem Wert und Unwert beruhen als eine Sache, die mir unbekannt ist und auf
welche ich mich noch nichts verstehe.« Hierauf sagte mein Hofmeister ferner: »So
wisse, dass dieses der allerärgste und abscheulichste Ort im ganzen Läger ist;
dann hier suchet man eines andern Geld und verlieret das seinige darüber. Wann
einer nur einen Fuss hieher setzt in Meinung zu spielen, so hat er das zehende
Gebot schon übertretten, welches will: Du sollt deines Nächsten Gut nicht
begehren! Spielest du und gewinnest, sonderlich durch Betrug und falsche Würfel,
so übertrittest du das siebend und achte Gebot. Ja, es kann kommen, dass du auch
zu einem Mörder an demjenigen wirst, dem du sein Geld abgewonnen hast, wann
nämlich dessen Verlust so gross ist, dass er darüber in Armut, in die äusserste Not
und Desperation oder sonst in andere abscheuliche Laster gerät, davor die
Ausrede nichts hilft, wann du sagest: Ich habe das Meinige darangesetzt und
redlich gewonnen; dann du Schalk bist auf den Spielplatz gangen der Meinung, mit
eines andern Schaden reich zu werden. Verspielest du dann, so ist es mit der
Busse darum nicht ausgericht, dass du des Deinigen entbehren musst, sondern du hast
es, wie der reiche Mann, bei Gott schwerlich zu verantworten, dass du dasjenige
so unnütz verschwendet, welches er dir zu dein und der Deinigen Lebensaufentalt
verliehen gehabt! Wer sich auf den Spielplatz begibt, zu spielen, derselbe
begibt sich in eine Gefahr, darin er nicht allein sein Geld, sondern auch sein
Leib, Leben, ja, was das allerschröcklichste ist, sogar seiner Seelen Seligkeit
verlieren kann. Ich sage dir dieses zur Nachricht, liebster Simplici, weil du
vorgibst, das Spielen sei dir unbekannt, damit du dich all dein Leben lang davor
hüten sollest.«
    Ich antwortete: »Liebster Herr! wann dann das Spielen ein so schröcklich und
gefährlich Ding ist, warum lassens dann die Vorgesetzte zu?« Mein Hofmeister
antwortete mir: »Ich will nicht sagen darum, dieweil teils Offizierer selbst
mitmachen; sondern es geschiehet deswegen, weil es die Soldaten nicht mehr
lassen wollen, ja auch nicht lassen können; dann wer sich dem Spielen einmal
ergeben, oder welchen die Gewohnheit oder vielmehr der Spielteufel eingenommen,
der wird nach und nach (er gewinne oder verspiele) so verpicht darauf, dass ers
weniger lassen kann als den natürlichen Schlaf; wie man da sieht, dass etliche
die ganze Nacht durch und durch rasslen und vor das beste Essen und Trinken
hineinspielen, und sollten sie auch ohn Hemd davongehen. Das Spielen ist bereits
zu unterschiedlichen Malen bei Leib- und Lebensstrafe verboten und aus Befelch
der Generalität durch Rumormeister, Profosen, Henker und Steckenknechte mit
gewaffneter Hand offentlich und mit Gewalt verwehret worden. Aber das half alles
nicht; dann die Spieler kamen anderwärts in heimlichen Winkeln und hinter den
Hecken zusammen, gewannen einander das Geld ab, entzweiten sich und brachen
einander die Hälse darüber, also dass man solcher Mord- und Totschläge halber,
und vornehmlich auch, weil mancher sein Gewehr und Pferd, ja sogar sein weniges
Kommissbrot verspielete, das Spielen nicht allein wieder offentlich erlauben,
sondern sogar diesen eigenen Platz darzu widmen musste, damit die Hauptwacht bei
der Hand wäre, die allem Unheil, so sich etwan ereignen möchte, vorkäme, welche
doch nicht allezeit verhüten kann, dass nicht einer oder der ander auf dem Platz
bleibet. Und weil das Spielen des leidigen Teufels eigne Invention ist und ihm
nicht wenig einträget, also hat er auch absonderliche Spielteufel geordnet und
in der Welt herumschwärmen, die sonst nichts zu tun haben, als die Menschen zum
Spielen anzureizen. Diesen ergeben sich unterschiedliche leichtfertige Gesellen
durch gewisse Pakten und Bündnus, dass er sie gewinnen lasse; und wird man doch
unter zehentausend Spielern selten einen reichen finden, sondern sie sind
gewöhnlich im Gegenteil arm und dürftig, weil ihr Gewinn leicht geschätzet und
dahero gleich entweder wieder verspielet oder sonst liederlich verschwendet
wird. Hiervon ist das allzu wahre, aber sehr erbärmliche Sprichwort entsprungen,
der Teufel verlasse keinen Spieler, er lasse sie aber blutarm werden; dann er
raubet ihnen Gut, Mut und Ehre, und verlässt sie alsdann nicht mehr, bis er sie
endlich auch gar (Gottes unendliche Barmherzigkeit komme ihm dann zuvor) um
ihrer Seelen Seligkeit bringt. Ist aber ein Spieler von Natur eines so lustigen
Humors und so grossmütig, dass er durch kein Unglück oder Verlust zur Melancholei,
Grillen, Schwermütigkeit, Unmut und andere hieraus entspringende schädliche
Laster gebracht werden mag, so lässt ihn der arglistige böse Feind deswegen
tapfer gewinnen, damit er ihn durch Verschwendung, Hoffart, Fressen, Saufen,
Huren und Buben endlich ins Netz bringe.«
    Ich verkreuzigte und versegnete mich, dass man unter einem christlichen Heer
solche Sachen üben liesse, die der Teufel erfunden sollte haben, sonderlich weil
augenscheinlich und handgreiflich soviel zeitliche und ewige Schäden und
Nachteile daraus folgeten. Aber mein Hofmeister sagte, das sei noch nichts, was
er mir erzählt hätte; wer alles Unheil beschreiben wollte, das aus dem Spielen
entstünde, der nähme ihm eine unmügliche Sache vor, weil man sagt, der Wurf,
wann er aus der Hand gangen, sei des Teufels; so sollte ich mirs nicht anders
einbilden, als dass mit jedem Würfel (wann er aus des Spielers Hand auf dem
Mantel oder Tisch daherrolle) ein kleines Teufelchen daherlaufe, welches ihn
regiere und Augen geben lasse, wie es seiner Prinzipalen Interesse erfordere.
dabei sollte ich bedenken, dass sich der Teufel freilich nicht umsonst des
Spielens so eiferig annehme, sondern ohn Zweifel seinen trefflichen Gewinn
darbei zu schöpfen wisse. »dabei merke ferner, dass, gleichwie neben dem
Spielplatz auch einzige Schacherer und Juden zu stehen pflegen, die von den
Spielern wohlfeil aufkaufen, was sie etwan an Ringen, Kleidern oder Kleinodien
gewonnen, oder, noch zu verspielen, versilbern wollen, dass eben also auch
allhier die Teufel aufpassen, damit sie bei den abgefertigten Spielern, sie
haben gleich gewonnen oder verloren, andere seelenverderbliche Gedanken erregen
und hegen. Bei den Gewinnern zwar bauet er schreckliche Schlösser in die Luft,
bei denen aber, so verspielt haben, deren Gemüt ohndas ganz verwirrt und desto
bequemer ist, seine schädliche Eingebungen anzunehmen, setzet er ohn Zweifel
lauter solche Gedanken und Anschläge, die auf nichts anders als das endliche
Verderben zielen. Ich versichere dich, Simplici! dass ich willens bin, von dieser
Materi ein ganz Buch zu schreiben, sobald ich wieder bei den Meinigen zu Ruhe
komme: da will ich den Verlust der edlen Zeit beschreiben, die man mit dem
Spielen unnütz hinbringet; nicht weniger die grausamen Flüche, mit welchen man
Gott bei dem Spielen lästert. Ich will die Scheltwort erzählen, mit welchen man
einander antastet, und viel schröckliche Exempel und Historien mit einbringen,
die sich bei, mit und in dem Spielen zutragen; dabei ich dann die Duell und
Totschläge, so Spielens wegen entstanden, nicht vergessen will. Ja, ich will den
Geiz, den Zorn, den Neid, den Eifer, die Falschheit, den Betrug, die
Vortelsucht, den Diebstahl und mit einem Wort alle unsinnige Torheiten beides,
der Würfel- und Kartenspieler, mit ihren lebendigen Farben dermassen abmalen und
vor Augen stellen, dass diejenige, die solches Buch nur einmal lesen, ein solch
Abscheuen vor dem Spielen gewinnen sollen, als wann sie Säumilch (welche man den
Spielsüchtigen wider solche ihre Krankheit unwissend eingibt) gesoffen hätten,
und also damit der ganzen Christenheit dartun, dass der liebe Gott von einer
einzigen Compagnia Spieler mehr gelästert als sonst von einer ganzen Armee
bedienet werde.« Ich lobte seinen Vorsatz und wünschte ihm Gelegenheit, dass er
solchen ins Werk setzen möchte.
 
                         Das einundzwanzigste Kapitel.
Simplex macht mit dem Herzbruder Freundschaft,
Welche ihm gabe vortreffliche Kraft.
Mein Hofmeister ward mir je länger je holder und ich ihm hingegen wiederum; doch
hielten wir unsere Verträulichkeit sehr geheim. Ich agierte zwar einen Narrn,
brachte aber keine grobe Zotten noch Büffelspossen vor, so dass meine Gaben und
Aufzüge zwar einfältig genug, aber jedoch mehr sinnreich als närrisch fielen.
Mein Obrister, der eine treffliche Lust zum Weidwerk trug, nahm mich einsmals
mit, als er ausspazierte, Feldhühner zu fangen mit dem Tyras, welche Invention
mir trefflich wohlgefiel. Dieweil aber der vorstehende Hund so hitzig war, dass
er einzufallen pflegte, ehe man tyrassieren konnte, deswegen wir dann wenig
fangen konnten, da gab ich dem Obristen den Rat, er sollte die Hündin mit einem
Falken oder Steinadler belegen lassen, wie man mit Pferden und Eseln zu tun
pflege, wann man gerne Maultiere hätte, damit die jungen Hunde Flügel bekämen,
so könnte man alsdann mit denselbigen die Hühner in der Luft fangen. Auch gab
ich den Vorschlag, weil es mit Eroberung der Stadt Magdeburg, die wir belägert
hielten, so schläferig hergienge, man sollte ein mächtig langes Seil so dick als
ein halbfüderiges Fass verfertigen, solches um die Stadt ziehen und alle Menschen
samt dem Vieh in beiden Lägern daran spannen und dergestalt die Stadt in einem
Tag übern Haufen schleifen lassen. Solcher närrischen Tauben und Grillen ersann
ich täglich einen Überfluss, weil es meines Handwerks war, so dass man meine
Werkstatt nie leer fand. So gab mir auch meines Herrn Schreiber, der ein arger
Gast und durchtriebener Schalk war, viel Materi an die Hand, dadurch ich auf dem
Weg, den die Narren zu wandern pflegen, unterhalten ward; dann was mich dieser
Speivogel überredte, das glaubte ich nicht allein vor mich selber, sondern
teilte es auch andern mit, wann ich etwan diskurierte und sich die Sache dahin
schickte.
    Als ich einsmals fragte, was unser Regimentskaplan vor einer sei, weil er
mit Kleidungen von andern unterschieden, sagte er: »Er ist der Herr Dicis et non
facis, das ist auf teutsch soviel geredt als ein Kerl, der andern Leuten Weiber
gibet und selbst keine nimmt. Dieser ist den Dieben spinnenfeind, weil sie nicht
sagen, was sie tun, er aber hingegen saget, was er nicht tut. So können ihm
hingegen die Diebe auch nicht so gar hold sein, weil sie gemeiniglich gehenkt
werden, wann sie die beste Kundschaft mit diesen Leuten haben.« Da ich nun
nachgehends den guten ehrlichen Pater so nannte, ward er ausgelacht, ich aber
vor einen bösen schalkhaftigen Narrn gehalten und seinetwegen gebaumölt. Ferners
überredete er mich, man hätte die offentliche gemeine Häuser zu Prag hinter der
Maur abgebrochen und verbrannt, davon die Funken und der Staub wie der Samen
eines Unkrauts in alle Welt zerstoben wäre; item, es kämen von den Soldaten
keine tapfere Helden und herzhafte Kerl in Himmel, sondern bloss einfältige
Tropfen, feige Memmen, gutwillige Krapfen, Bärnhäuter und dergleichen, die sich
an ihrem Sold genügen liessen; sodann keine politische Alamode-Cavaliers und
galante Dames, sondern nur gedultige Job, Siemänner, langweilige Mönche,
melancholische Pfaffen, Betschwestern, arme Bettelhurn, allerhand Auswürflinge,
die in der Welt weder zu sieden noch zu braten taugen, und junge Kinder, welche
die Bänke überall vollhofierten. Auch log er mir vor, man nenne die Gastgeber
nur darum Würte, weil sie in ihrer Hantierung unter allen Menschen am
fleissigsten betrachteten, dass sie entweder Gott oder dem Teufel zuteil würden.
Vom Kriegswesen überredte er mich, dass man zuzeiten mit güldenen Kugeln schiesse,
und je kostbarer solche wären, je grössern Schaden pflegten sie zu tun. »Ja«,
sagte er, »man führet wohl eh ganze Kriegsheere mitsamt der Artollerei, Munition
und Bagage in güldenen Ketten gefangen daher.« Weiters überredete er mich von
den Weibern, dass mehr als der halbe Teil Hosen trügen, obschon man sie nicht
sähe, und dass viel ihren Männern, wannschon sie nicht zaubern könnten, noch
Göttinnen wären, als Diana gewesen, grössere Hörner auf die Köpfe gaukelten, als
Aktäon getragen; item, dass ihrer gar viel den Ehestand ledigerweise trieben;
welches ich ihm alles glaubte, so ein dummer Narr war ich.
    Hingegen unterhielte mich mein Hofmeister, wann er allein bei mir war, mit
viel einem andern Diskurs. Er brachte mich auch in seines Sohns Kundschaft,
welcher, wie hiebevor bemeldet worden, bei der kursächsischen Armee ein
Musterschreiber war und weit andere Qualitäten an sich hatte als meines Obristen
Schreiber; dahero mochte ihn mein Obrister nicht allein gerne leiden, sondern er
war auch bedacht, ihn von seinem Kapitän loszuhandeln und zu seinem
Regimentssecretario zu machen, auf welche Stelle obgemeldter sein Schreiber sich
auch spitzete.
    Mit diesem Musterschreiber, welcher auch, wie sein Vatter, Ulrich Herzbruder
hiess, machte ich eine solche Freundschaft, dass wir ewige Brüderschaft zusammen
schwuren, kraft deren wir einander in Glück und Unglück, in Liebe und Leid
nimmermehr verlassen wollten. Und weil dieses mit Wissen seines Vatters
geschahe, hielten wir den Bund desto fester und steifer. Demnach lag uns nichts
härter an, als wie wir meines Narrenkleids mit Ehren los werden und einander
rechtschaffen dienen möchten; welches aber der alte Herzbruder, den ich als
meinen Vatter ehrete und vor Augen hatte, nicht gutiess, sondern ausdrücklich
sagte, wann ich in kurzer Zeit meinen Stand änderte, dass mir solches eine
schwere Gefängnüs und grosse Leib- und Lebensgefahr gebären würde. Und weil er
auch ihm selbst und seinem Sohn einen grossen bevorstehenden Spott
prognostizierte und dahero Ursache zu haben vermeinte, desto vorsichtiger und
behutsamer zu leben; als wollte er sich um soviel desto weniger in einer Person
Sachen mischen, deren künftige grosse Gefahr er vor Augen sehen konnte. Dann er
besorgte, er möchte meines künftigen Unglücks teilhaftig werden, wann ich mich
offenbare, weil er bereits vorlängst meine Heimlichkeit gewusst und mich
gleichsam in- und auswendig gekannt, meine Beschaffenheit aber dem Obristen
nicht kundgetan hatte.
    Kurz hernach merkte ich noch besser, dass meines Obristen Schreiber meinen
neuen Bruder schröcklich neidete, weil er besorgte, er möchte vor ihm zu der
Sekretariatstelle erhoben werden; dann ich sah wohl, wie er zuzeiten
griesgramete, wie ihm die Missgunst so gedrang tät, und dass er in schweren
Gedanken allezeit seufzete, wann er entweder den alten oder den jungen
Herzbruder ansah. Daraus urteilete ich und glaubte ohn allen Zweifel, dass er
Kalender machte, wie er ihm ein Bein vorsetzen und zu Fall bringen möchte. Ich
kommunizierte meinem Bruder beides aus getreuer Affektion und tragender
Schuldigkeit dasjenige, was ich argwähnete, damit er sich vor diesem Judasbruder
ein wenig vorsehen sollte. Er aber nahm es auf die leichte Achsel, Ursache: weil
er dem Schreiber sowohl mit der Feder als mit dem Degen mehr als genug überlegen
war und darzu noch des Obristen grosse Gunst und Gnade hinweghatte.
 
                         Das zweiundzwanzigste Kapitel.
Simplex sieht ein ganz leichtfertig Diebsstück,
Einen zu bringen ins äusserst Unglück.
Weil der Gebrauch im Krieg ist, dass man gemeiniglich alte versuchte Soldaten zu
Profosen machet, also hatten wir auch einen dergleichen bei unserm Regiment, und
zwar einen solchen abgefeumten Erzvogel und Kernböswicht, dass man wohl von ihm
sagen konnte, er sei viel mehr als vonnöten erfahren gewesen; dann er war ein
rechter Schwarzkünstler, Siebdreher und Teufelsbanner und von sich selber
nicht allein so fest als Stahl, sondern auch überdas ein solcher Geselle, der
andere fest machen und noch darzu ganze Eskadronen Reuter ins Feld stellen
konnte. Sein Bildnus sah natürlich aus, wie uns die Maler und Poeten den
Saturnum vorstellen, ausser dass er weder Stelzen noch Sense trug. Obzwar nun die
arme gefangene Soldaten, so ihm in seine unbarmherzige Hände kamen, wegen dieser
seiner Beschaffenheit und stetigen Gegenwart sich desto unglückseliger
schätzten, so waren doch Leute, die gern mit diesem Wenddenschimpf umgiengen,
sonderlich Olivier, unser Schreiber; und je mehr sich sein Neid wider den jungen
Herzbruder (der eines sehr fröhlichen Humors war) vermehrete, je fester wuchs
die grosse Verträulichkeit zwischen ihm und dem Profosen. Dahero konnte ich mir
gar leichtlich die Rechnung machen, dass die Konjunktion Saturni und Mercurii dem
redlichen Herzbruder nichts Gutes bedeuten würde.
    Eben damals ward meine Obristin mit einem jungen Sohn erfreuet und die
Taufsuppe fast fürstlich dargereichet, bei welcher der junge Herzbruder
aufzuwarten ersuchet war; und weil er sich aus Höflichkeit gern einstellete, war
solches dem Olivier eine gewünschte Gelegenheit, seine Schelmenstücke, mit
welchen er lang schwanger gangen, auf die Welt zu bringen. Dann als nun alles
vorüber war, manglete meines Obristen grosser vergüldter Tischbecher, welchen er
so leichtlich nicht verloren haben wollte, weil er noch vorhanden gewesen, da
alle frembde Gäste schon hinweg waren. Der Page sagte zwar, dass er ihn das
letztemal bei dem Olivier gesehen, er war dessen aber nicht geständig. Hierauf
ward der Profos geholet, der Sache Rat zu schaffen, und ward ihm benebens
anbefohlen, wann er durch seine Kunst den Diebstahl wieder herzu könnte bringen,
dass er das Werk so einrichten sollte, damit der Dieb sonst niemand als dem
Obristen kund würde, weil noch Offizier von seinem Regiment vorhanden waren,
welche er, wann sich vielleicht einer davon übersehen hätte, nicht gern
zuschanden machen wollte.
    Weil sich nun jeder unschuldig wusste, so kamen wir auch alle lustig in des
Obristen grosses Zelt, da der Zauberer die Sache vornahm. Da sah je einer den
andern an und verlangte zu vernehmen, was es endlich abgeben und wo der verlorne
Becher doch herkommen würde. Als er nun etliche Worte gemurmelt hatte, sprangen
einem hier, dem andern dort ein, zwei, drei, auch mehr junge Hündlein aus den
Hosensäcken, Ärmeln, Stiefeln, Hosenschlitzen und wo sonst die Kleidungen offen
waren. Diese wuselten behend in der Zelt hin und wieder herum, waren alle
überaus schön, von mancherlei Farben und jeder auf eine sonderbare Manier
gezeichnet, also dass es ein recht lustig Spektakul war. Mir aber wurden meine
enge kroatische Kälberhosen so voll junger Hunde gegaukelt, dass ich solche
abziehen, und weil mein Hemd im Wald vorlängst am Leib verfaulet war, nackend
dastehen und alles sehen lassen musste, was ich hinden und vornen vermochte.
Zuletzt sprang eins dem jungen Herzbruder aus dem Schlitz, welches das
allerhurtigste war und ein gölden Halsband anhatte; dieses verschlang alle
andere Hündlein, deren es doch so voll im Zelt herumkrabbelte, dass man vor ihnen
keinen Fuss weiterssetzen konnte. Wie es nun alle aufgerieben hatte, ward es
selber je länger je kleiner, das Halsband aber nur desto grösser, bis es sich
endlich in des Obristen Tischbecher verwandelte.
    Da musste nun nicht allein der Obriste, sondern auch alle andere Gegenwärtige
davorhalten, dass sonst niemand als der junge Herzbruder den Becher gestohlen;
derowegen sagte der Obriste zu ihm: »Siehe da, du undankbarer Gast! hab ich
dieses Diebstücke, das ich dir nimmermehr zugetrauet hätte, mit meinen Guttaten
umb dich verdienet? Schaue! ich habe dich zu meinem Sekretario des morgenden
Tags wollen machen, aber nun hast du verdienet, dass ich dich noch heut aufhängen
liesse, welches auch unfehlbar geschehen sollte, wann ich deines ehrlichen alten
Vatters nicht verschonete. Geschwind mache dich aus meinem Läger und lass dich
die Tage deines Lebens vor meinen Augen nicht mehr sehen!« Er wollte sich
entschuldigen, ward aber nicht gehört, dieweil seine Tat so sonnenklar am Tag
lag; und indem er fortgieng, ward dem guten alten Herzbruder ganz ohnmächtig,
also dass man genug an ihm zu laben und der Obrister selbst an ihm zu trösten
hatte, welcher sagte, dass ein frommer Vatter seines ungeratenen Kindes gar nicht
zu entgelten hätte. Also erlangte Olivier durch Hülfe des Teufels dasjenige,
wornach er vorlängst gerungen, auf einem ehrlichen Weg aber nicht ereilen mögen.
 
                         Das dreiundzwanzigste Kapitel.
Simplex gibt Herzbruder 100 Dukaten,
Macht dadurch, dass er kriegt Abschied in Gnaden.
Sobald des jungen Herzbruders Kapitän diese Geschicht erfuhr, nahm er ihm auch
die Musterschreiberstelle und lud ihm eine Pike auf, von welcher Zeit an er bei
männiglich so veracht ward, dass ihn die Hunde hätten anpissen mögen, darum er
ihm dann oft den Tod wünschete! Sein Vatter aber bekümmerte sich dergestalt
darüber, dass er in eine schwere Krankheit fiel und sich auf das Sterben gefasst
machte. Demnach er aber ihm ohndas hiebevor selbst prognostizieret hatte, dass er
den 26. Julii Leib- und Lebensgefahr ausstehen müsste (welcher Tag dann nächst
vor der Türe war), als erlangte er bei dem Obristen, dass sein Sohn noch einmal
zu ihm kommen dorfte, damit er wegen seiner Verlassenschaft mit ihm reden und
seinen letzten Willen eröffnen möchte. Ich ward bei ihrer Zusammenkunft nicht
ausgeschlossen, sondern ward der dritte Mitgesell ihres Leides. Da sah ich, dass
der Sohn keiner Entschuldigung bedörft gegen seinem Vatter, weil er seine Art
und gute Auferziehung wohl wusste und dahero seiner Unschuld genugsam versichert
war. Er, als ein weiser, verständiger und tiefsinniger Mann, ermass unschwer aus
den Umständen, dass Olivier seinem Sohn dies Bad durch den Profos hatte zurichten
lassen; was vermochte er aber wider einen Zauberer, von dem er noch Ärgers zu
besorgen hatte, wann er sich anders einziger Rache hätte unterfangen wollen.
Überdies versah er sich seines Todes und wusste doch nicht geruhiglich zu
sterben, weil er seinen Sohn in solcher Schande hinter sich lassen sollte, in
welchem Stand der Sohn desto weniger zu leben getrauete, um wieviel mehr er
ohndas wünschete, vor dem Vatter zu sterben. Es war versichert dieser beiden
Jammer so erbärmlich anzuschauen, dass ich von Herzen weinen musste! Zuletzt war
ihr gemeiner, einhelliger Schluss, Gott ihre Sache in Gedult heimzustellen, und
der Sohn sollte auf Mittel und Wege gedenken, wie er sich von seiner Compagnia
loswürken und anderwärts sein Glück suchen könnte. Als sie aber die Sache bei
dem Liecht besahen, da manglets am Geld, mit welchem er sich bei seinem Kapitän
loskaufen sollte, und indem sie betrachteten und bejammerten, in was vor einem
Elend sie die Armut gefangen hielt und alle Hoffnung abschnitte, ihren
gegenwärtigen Stand zu verbessern, erinnerte ich mich erst meiner Dukaten, die
ich noch in meinen Eselsohren vernähet hatte, fragte derowegen, wieviel sie dann
Gelds zu dieser ihrer Notdurft haben müssten? Der junge Herzbruder antwortete:
»Wann einer käme und uns hundert Taler brächte, so getraute ich, aus allen
meinen Nöten zu kommen.« Ich antwortete: »Bruder! wann dir damit geholfen wird,
so habe ein gut Herz, dann ich will dir hundert Dukaten geben.« - »Ach Bruder!«
antwortete er mir wiederum, »was ist das? bist du dann ein rechter Narr oder so
leichtfertig, dass du uns in unsrer äussersten Trübseligkeit noch scherzest?« -
»Nein, nein!« sagte ich, »ich will dir das Geld herschiessen«; streifte darauf
mein Wams ab und tät das eine Eselsohr von meinem Arm, öffnete es und liess ihn
selbst hundert Dukaten daraus zählen und zu sich nehmen; das übrige behielte ich
und sagte: »Hiermit will ich deinen kranken Vatter auswarten, wann er dessen
bedarf.« Hierauf fielen sie mir um den Hals, küssten mich und wussten vor Freuden
nicht, was sie taten, nennten mich auch einen Engel, den ihnen Gott zum Trost
gesendet hätte, wollten mir auch eine Handschrift zustellen und mich darin
versichern, dass ich an dem alten Herzbruder neben seinem Sohn ein Miterb sein
sollte oder dass sie mich, wann ihnen Gott wieder zu dem Ihrigen hülfe, um diese
Summam samt dem Interesse wiederum mit grossem Dank befriedigen wollten, deren
ich aber keines annahm, sondern allein mich in ihre beständige Freundschaft
befahl. Hierauf wollte der junge Herzbruder verschwören, sich an dem Olivier zu
rächen oder darum zu sterben! Aber sein Vatter verbot ihm solches und
versicherte ihn, dass derjenige, der den Olivier totschlüge, wieder von mir, dem
Simplicio, den Rest kriegen werde. »Doch«, sagte er, »bin ich dessen wohl
vergewissert, dass ihr beide einander nicht umbringen werdet, weil keiner von
euch durch Waffen umkommen solle.« Demnach hielte er uns an, dass wir eidlich
zusammen schwuren, einander bis in den Tod zu lieben und in allen Nöten
beizustehen. Der junge Herzbruder aber entledigte sich mit dreissig Reichstalern,
davor ihm sein Kapitän einen ehrlichen Abschied gab, verfügte sich mit dem
übrigen Geld und guter Gelegenheit nach Hamburg, mondierte sich allda mit zweien
Pferden und liess sich unter der schwedischen Armee vor einen Freireuter
gebrauchen, mir indessen unsern Vatter befehlende.
 
                         Das vierundzwanzigste Kapitel.
Simplex pflegt von zwei Wahrsagung zu sagen,
Welche mit Herzbruder sich zugetragen.
Keiner von meines Obristen Leuten schickte sich besser, dem alten Herzbruder in
seiner Krankheit abzuwarten als ich; und weil der Kranke auch mehr als wohl mit
mir zufrieden war, so ward mir auch solches Amt von der Obristin aufgetragen,
welche ihm viel Guts erwiese; und demnach er neben so guter Pflege auch wegen
seines Sohnes sattsam erquickt worden, besserte es sich von Tage zu Tage mit
ihm, also dass er noch vor dem 26. Julii fast wieder überall zu völliger
Gesundheit gelangte. Doch wollte er sich noch inhalten und krank stellen, bis
bemeldter Tag, vor welchem er sich merklich entsatzte, vorbei wäre. Indessen
besuchten ihn allerhand Offizierer von beiden Armeen, die ihr künftig Glück und
Unglück von ihm wissen wollten; dann weil er ein guter Matematikus und
Nativitätensteller, benebens auch ein vortrefflicher Physiognomist und
Chiromantikus war, fehlte ihm seine Aussag selten; ja er nannte sogar den Tag,
an welchem die Schlacht vor Wittstock nachgehends geschahe, sintemal ihm viel
zukamen, denen um dieselbige Zeit einen gewalttätigen Tod zu leiden angedrohet
war. Die Obristin versicherte er, dass sie ihr Kindbette noch im Läger aushalten
würde, weil vor Ausgang der Wochen Magdeburg an die Unsere nicht übergehen
würde. Dem falschen Olivier, der sich gar zutäppisch bei ihm zu machen wusste,
sagte er ausdrücklich, dass er eines gewalttätigen Todes sterben müsste und dass
ich seinen Tod, er geschehe, wann er wolle, rächen und seinen Mörder wieder
umbringen würde, weswegen mich Olivier folgenderzeit hochhielt. Mir selber
aber erzählte er meinen künftigen ganzen Lebenslauf so umständlich, als wann er
schon vollendet und er allezeit bei mir gewesen wäre, welches ich aber wenig
achtete und mich jedoch nachgehends vielen Dings erinnerte, das er mir zuvor
gesagt, nachdem es schon geschehen oder wahr worden; vornehmlich aber warnete er
mich vorm Wasser, weil er besorgte, ich würde meinen Untergang darin leiden.
    Als nun der 26. Julii eingetretten war, vermahnete er mich und einen
Furierschützen (den mir der Obrister auf sein Begehren denselben Tag zugegeben
hatte) ganz treulich und zum öfternmal, wir sollten niemand zu ihm ins Zelt
lassen. Er lag also allein darin und betete ohn Unterlass; da es aber um den
Nachmittag ward, kam ein Leutenant aus dem Reuterläger dahergeritten, welcher
noch des Obristen Stallmeister fragte. Er ward zu uns und gleich darauf wieder
von uns abgewiesen; er wollte sich aber nicht abweisen lassen, sondern bat den
Furierschützen mit untergemischten Verheissungen, ihn vor den Stallmeister zu
lassen, mit welchem er noch diesen Abend notwendig reden müsste. Weil aber
solches auch nicht helfen wollte, fieng er an zu fluchen, mit Donner und Hagel
dreinzukollern und zu sagen, er sei schon so vielmal dem Stallmeister zu
Gefallen geritten und hätte ihn noch niemals daheim angetroffen; so er nun jetzt
einmal vorhanden sei, sollte er abermal die Ehre nicht haben, nur ein einzig
Wort mit ihm zu reden; stieg darauf ab und liess sich nicht verwehren, das Zelt
selbst aufzuknüpfen, worüber ich ihn in die Hand biss, aber eine dichte
Maulschelle davor bekam. Sobald er hineingekommen war, meinen Alten sah, sagte
er: »Der Herr sei gebeten, mir zu verzeihen, dass ich die Frechheit brauche, ein
Wort mit ihm zu reden.« - »Wohl!« antwortete der Stallmeister, »was beliebt denn
dem Herrn?« - »Nichts anders,« sagte der Leutenant, »als dass ich den Herrn
bitten wollte, ob er sich liesse belieben, mir meine Nativität zu stellen.« Der
Stallmeister antwortete: »Ich will verhoffen, mein hochgeehrter Herr werde mir
vergeben, dass ich demselben vor diesmal meiner Krankheit halber nicht willfahren
kann; dann weil diese Arbeit viel Rechnens brauchet, wirds mein blöder Kopf
jetzo nicht verrichten können; wann Er sich aber bis morgen zu gedulten
beliebet, will ich Ihm verhoffentlich genugsame Satisfaktion tun.« - »Herr!«
sagte hierauf der Leutenant, »Er sage mir nur etwas dieweil aus der Hand.« -
»Mein Herr!« antwortete der alte Herzbruder, »dieselbe Kunst ist gar misslich und
betrüglich; derowegen bitte ich, der Herr wolle mich damit so weit verschonen;
ich will morgen hergegen alles gern tun, was der Herr an mich begehret.« Der
Leutenant wollte sich doch nicht abweisen lassen, sondern trat meinem Vatter
vors Bette, streckte ihm die Hand dar und sagte: »Herr! ich bitte nur um ein
paar Worte, meines Lebens Ende betreffend, mit Versicherung, wann solches etwas
Böses sein sollte, dass ich des Herrn Rede als eine Warnung von Gott annehmen
will, um mich desto besser vorzusehen; darum bitte ich um Gottes willen, der
Herr wolle gerad herausgehen und mir die Wahrheit nicht verschweigen!« Der
redliche Alte antwortete ihm hierauf kurz und sagte: »Nun wohlan, so sehe sich
dann der Herr wohl vor, damit er nicht in dieser Stunde noch aufgehängt werde.«
- »Was? du alter Schelm!« sagte der Leutenant, der eben einen rechten Hundssoff
hatte, »solltest du einem Kavalier solche Worte vorhalten dürfen?« zog damit von
Leder und stach meinen lieben alten Herzbruder im Bette zu Tode. Ich und der
Furierschütze riefen alsbald Lärmen und Mordio, also dass alles dem Gewehr
zulief; der Leutenant aber machte sich unverweilet auf seinen Schnellfuss, wäre
auch ohn Zweifel entritten und davonkommen, wann nicht eben persönlich der
Kurfürst zu Sachsen mit vielen Pferden vorbeigeritten wäre und ihn hätte
einholen lassen. Als derselbe den Handel vernahm, wendte er sich zu dem von
Hatzfeld als unserm General und sagte nichts anders als dieses: »Das wäre eine
schlechte Disziplin in einem kaiserlichen Läger, wann auch ein Kranker im Bette
vor den Mördern seines Lebens nicht sicher sein sollte!« Das war ein scharfer
Sentenz und gnugsam, den Leutenant um das Leben zu bringen; gestalt ihn unser
General alsobald an seinen allerbesten Hals aufhängen und also in der Luft
verarrestieren liesse.
 
                         Das fünfundzwanzigste Kapitel.
Simplex wird in eine Jungfer verwandelt,
Saget, was seine Buhlschaften gehandelt.
Aus dieser wahrhaftigen Histori ist zu ersehen, dass nicht sogleich alle
Wahrsagungen zu verwerfen sein, wie etliche Gecken tun, die gar nichts glauben
können. So kann man auch hieraus abnehmen, dass der Mensch sein aufgesetztes Ziel
schwerlich überschreiten mag, wanngleich ihm sein Unglück lang oder kurz zuvor
durch dergleichen Weissagungen angedeutet worden. Auf die Frage, die sich
ereignen möchte, ob einem Menschen nötig, nützlich und gut sei, dass er sich
wahrsagen und die Nativität stellen lasse, antworte ich allein dieses, dass mir
der alte Herzbruder so viel gesagt habe, dass ich oft gewünschet und noch
wünsche, dass er geschwiegen hätte; dann die unglücklichen Fälle, die er mir
angezeiget, habe ich niemals umgehen können, und diejenigen, die mir noch
bevorstehen, machen mir nur vergeblich graue Haare, weil mir besorglich
dieselbige auch wie die vorige zuhanden gehen werden, ich sehe mich gleich für
denselben vor oder nicht. Was aber die Glücksfälle anbelanget, von denen einem
geweissaget wird, davon halte ich, dass sie öfter betrügen oder aufs wenigste den
Menschen nicht so wohl gedeihen als die unglückselige Prophezeiungen. Was half
mich, dass mir der alte Herzbruder hoch und teuer schwur, ich wäre von edlen
Eltern geboren und erzogen worden, da ich doch von niemand anderst wusste als von
meinem Knän und meiner Meuder, die grobe Bauersleute im Spessert waren? Item,
was halfs dem von Wallenstein, Herzog in Friedland, dass ihm prophezeiht ward, er
werde gleichsam mit Saitenspiel zum König gekrönet werden? weiss man nicht, wie
er zu Eger eingewieget worden? Mögen derowegen andere ihre Köpfe über dieser
Frage zerbrechen; ich komme wieder auf meine Histori.
    Als ich erzähltermassen meine beide Herzbrüder verloren hatte, verleidete mir
das ganze Läger vor Magdeburg, welches ich ohndas nur eine leinerne und
ströherne Stadt mit irdenen Mauren zu nennen pflegte. Ich ward meines
Narrenkleides und Standes so müd und satt, als wann ichs mit lauter eisernen
Kochlöffeln gefressen hätte; einmal ich gedachte, mich nicht mehr von jedermann
so foppen zu lassen, sondern meines Narrnkleides los zu werden, Gott gebe, was
der alte Herzbruder gesaget hatte, und sollte ich gleich Leib und Leben darüber
verlieren. Das setzte ich folgendergestalt sehr liederlich ins Werk, weil mir
sonst keine bessere Gelegenheit anstehen wollte.
    Olivier, der Sekretarius, welcher nach des alten Herzbruders Tod mein
Hofmeister worden war, erlaubte mir oft mit den Knechten auf Furage zu reiten.
Als wir nun einsmals in ein gross Dorf kamen, darin etliche den Reutern
zuständige Bagage logierte, und jeder hin und wieder in die Häuser ging, zu
suchen, was etwan mitzunehmen wäre, stahl ich mich auch hinweg und suchte, ob
ich nicht ein altes Bauernkleid finden möchte, um welches ich meine Narrnkappe
vertauschen könnte. Aber ich fand nicht, was ich wollte, sondern musste mit einem
Weiberkleid vorliebnehmen. Ich zog selbiges an, weil ich mich allein sah, und
warf das meinige in ein Sekret, mir nicht anders einbildende, als dass ich
nunmehr aus allen meinen Nöten errettet worden. In diesem Aufzug ging ich über
die Gasse gegen etlichen Offiziersweibern und machte so enge Schrittlein, als
etwan Achilles getan, da ihn seine Mutter dem Lycomedi rekommandierte. Ich war
aber kaum ausser Dach hervorkommen, da mich etliche Furagierer sahen und besser
springen lerneten. Dann als sie schrieen: »Halt! halt!« lief ich nur desto
stärker, als wann mich höllisch Feur brennete, und kam ehender als sie zu
obgemeldten Offiziererinnen; vor denselben fiel ich auf die Knie nieder und bat
um aller Weiber Ehre und Tugend willen, sie wollten meine Jungferschaft vor
diesen geilen Buben beschützen, allda meine Bitte nicht allein stattfand,
sondern ich ward auch von einer Rittmeisterin vor eine Magd angenommen, bei
welcher ich mich beholfen, bis Magdeburg, item die Werberschanze, auch Havelberg
und Perleberg von den Unsern eingenommen worden.
    Diese Rittmeisterin war kein Kind mehr, wiewohl sie noch jung war, und
vernarrete sich dermassen in meinen glatten Spiegel und geraden Leib, dass sie mir
endlich nach langgehabter Mühe und vergeblicher umschwaifender Weitläufigkeit
nur allzu teutsch zu verstehen gab, wo sie der Schuh am meisten drucke. Ich aber
war damals noch viel zu gewissenhaft, tät, als wann ichs nicht merkte, und liess
keine andere Anzeigungen scheinen als solche, daraus man nichts anders als eine
fromme Jungfer urteilen möchte. Der Rittmeister und sein Knecht lagen in
gleichem Spital krank; derowegen befahl er seinem Weib, sie sollte mich besser
kleiden lassen, damit sie sich meines garstigen Bauernküttels nicht schämen
dörfte. Sie tät mehr, als ihr befohlen war, und butzte mich heraus wie eine
französische Poppe, welches das Feur bei allen dreien noch mehr schürete; ja es
ward endlich bei ihnen so gross, dass Herr und Knecht eiferigst von mir begehrten,
was ich ihnen nicht leisten konnte und der Frau selbst mit einer schönen Manier
verwaigerte. Zuletzt satzte ihm der Rittmeister vor, eine Gelegenheit zu
ergreifen, bei deren er mit Gewalt von mir haben könnte, was ihm doch zu
bekommen unmüglich war. Solches merkete sein Weib, und weil sie mich noch
endlich zu überwinden verhoffte, verlegte sie ihm alle Pässe und lief ihm alle
Ränke ab, also dass er vermeinte, er müsse toll und töricht darüber werden.
Keines von ihnen dreien taurete mich mehr als unser Knecht, der arme Schöps,
weil Herr und Frau einander selbst ihre geile Brunst löschen konnten, dieser
Tropf aber nichts dergleichen hatte. Einsmals, als Herr und Frau schlafen war,
stund der Knecht vor dem Wagen, in welchem ich alle Nacht schlafen musste, klagte
mir seine Liebe mit heissen Tränen und bat ebenso andächtig um Gnade und
Barmherzigkeit. Ich aber erzeigte mich härter als ein Stein und gab ihm zu
verstehen, dass ich meine Keuschheit bis in Ehestand bewahren wollte. Da er mir
nun die Ehe wohl tausendmal anbot und doch nichts anders dargegen vernahm, als
dass ich ihn versicherte, dass es unmüglich sei, mich mit ihm zu verehlichen,
verzweifelte er endlich gar oder stellete sich doch aufs wenigste nur so; dann
er zog seinen Degen aus, satzte die Spitze an die Brust und den Knopf an Wagen
und tät nicht anderst, als wann er sich jetzt erstechen wollte. Ich gedachte:
»Der Teufel ist ein Schelm«, sprach ihm derowegen zu und gab ihm Vertröstung, am
Morgen früh einen endlichen Bescheid zu erteilen. Davon war er kontent und ging
schlafen, ich aber wachte desto länger, dieweil ich meinen seltsamen Stand
betrachtete. Ich befand wohl, dass meine Sache in die Länge kein gut tun würde,
dann die Rittmeisterin ward je länger je importuner mit ihren Reizungen, der
Rittmeister verwegener mit seinen Zumutungen und der Knecht verzweifelter in
seiner beständigen Liebe; ich wusste mir aber darum nicht aus solchem Labyrint
zu helfen. Ich musste oft meiner Frau bei hellem Tage Flöhe fangen nur darum,
damit ich ihre alabasterweisse Brüste sehen und ihren zarten Leib genug betasten
sollte, welches mir, weil ich auch Fleisch und Blut hatte, in die Läng zu
ertragen schwer fallen wollte. Liess mich dann die Frau zufrieden, so quälete
mich der Rittmeister, und wann ich vor diesen beiden bei Nacht Ruhe haben
sollte, so peinigte mich der Knecht, also dass mich das Weiberkleid viel saurer
zu tragen ankam als meine Narrnkappe. Damal (aber viel zu spat) gedachte ich
fleissig an meines sel. Herzbruders Weissag- und Warnung und bildete mir nichts
anders ein, als dass ich schon würklich in derjenigen Gefängnüs, auch Leib- und
Lebensgefahr stecke, davon er mir gesaget hatte; dann das Weiberkleid hielt mich
gefangen, weil ich darin nicht ausreissen konnte, und der Rittmeister würde übel
mit mir gespielet haben, wann er mich erkannt und einmal bei seiner schönen Frau
über dem Flöhfangen ertappt hätte. Was sollte ich tun? Ich beschloss endlich,
dieselbe Nacht mich dem Knecht zu offenbaren, sobald es Tag würde; dann ich
gedachte: »Seine Liebsregungen werden sich alsdann legen, und wann du ihm von
deinen Dukaten spendierest, so wird er dir wieder zu einem Mannskleid und also
in demselben aus allen deinen Nöten helfen.« Es wäre wohl ausgesonnen gewesen,
wann nur das Glück gewollt hätte; aber es war mir zuwider.
    Mein Hans liess ihm gleich nach Mitternacht tagen, das Jawort zu holen, und
fieng an, am Wagen zu rappeln, als ich eben anfieng, am allerstärksten zu
schlafen, weil ich die ganze Nacht gewachet und meinen Sachen nachgedacht hatte.
Er rief etwas zu laut: »Sabina! Sabina! Ach mein Schatz! stehet auf und haltet
mir Euer Versprechen!«, also dass er den Rittmeister eher als mich damit
erweckte, weil er sein Zelt am Wagen stehen hatte. Diesem ward ohn Zweifel grün
und gelb vor den Augen, weil ihn die Eifersucht ohndas zuvor eingenommen; doch
kam er nicht heraus, unser Tun zu zerstören, sondern stund nur auf, zu sehen,
wie der Handel ablaufen wollte. Zuletzt weckte mich der Knecht mit seiner
Importunität und nötigte mich, entweder aus dem Wagen zu ihm zu kommen oder ihn
zu mir einzulassen; ich aber schalt ihn aus und fragte, ob er mich dann vor eine
Hure ansehe; meine gestrige Zusage sei auf den Ehestand gegründet, ausser dessen
er meiner nicht teilhaftig werden könnte. Er antwortete, so sollte ich je
dannoch aufstehen, weil es anfieng zu tagen, damit ich dem Gesind das Essen
beizeiten verfertigen könnte; er wollte Holz und Wasser holen und mir das Feuer
zugleich anmachen. Ich antwortete: »Wann du das tun willt, so kann ich desto
länger schlafen; gehe nur hin, ich will bald folgen.« Weil aber der Narr nicht
ablassen wollte, stund ich auf, mehr meine Arbeit zu verrichten, als ihm viel zu
hofieren, sintemal, wie mich deuchte, ihn die gesterige verzweifelte Torheit
wieder verlassen hatte. Ich konnte sonst ziemlich wohl vor eine Magd im Feld
passieren, dann kochen, backen und wäschen hatte ich bei den Kroaten gelernet;
so pflegen die Soldatenweiber ohndas im Feld nicht zu spinnen. Was ich aber
sonst vor Frauenzimmerarbeit nicht konnte, als wann ich etwan die Frau bürsten
(strählen) und Zöpfe machen (flechten) sollte, das übersah mir meine
Rittmeisterin gern, dann sie wusste wohl, dass ichs nicht gelernet.
    Wie ich nun mit meinen hinter sich gestreiften Ärmeln vom Wagen herabstieg,
ward mein veramorierter und mit Liebesschröten geschossner Hans durch meine weisse
Arme so heftig inflammiert, dass er ihm nicht abbrechen konnte, mich zu küssen;
und weil ich mich nicht sonderlich wehrete, vermochte es der Rittmeister, vor
dessen Augen es geschahe, nicht zu erdulten, sondern sprang mit blossem Degen aus
dem Zelt, meinem armen Liebhaber einen Fang zu geben; aber er ging durch und
vergass das Wiederkommen. Der Rittmeister aber sagte zu mir: »Du Bluture! ich
will dich lernen etc.« Mehrers konnte er vor Zorn nicht sagen, sondern schlug
auf mich zu, als wann er unsinnig gewesen wäre. Ich fienge an zu schreien; darum
musste er aufhören, damit er keinen Alarm erregte; dann die beide Armeen, die
sächsische und kaiserliche, lagen damals gegeneinander, weil sich die
schwedische unter dem Banier näherte.
 
                        Das sechsundzwanzigste Kapitel.
Simplex wird als ein Verräter gefangen,
Muss als ein Zaubrer in Fesselen prangen.
Als es nun Tag worden, gab mich mein Herr den Reuterjungen preis, eben als beide
Armeen völlig aufbrachen; das war nun ein Schwarm von Lumpengesind, und dahero
die Hatze desto grösser und erschrecklicher, die ich auszustehen hatte. Sie
eileten mit mir einem Busche zu, ihre viehische Begierden desto besser zu
sättigen, wie dann die Teufelskinder im Brauch haben, wann ihnen ein Weibsbild
dergestalt übergeben wird. So folgeten ihnen auch sonst viel Bursche nach, die
dem elenden Spass zusahn, unter welchen mein Hans auch war. Dieser liess mich
nicht aus den Augen, und als er sah, dass es mir gelten sollte, wollte er mich
mit Gewalt erretten, und sollte es seinen Kopf kosten. Er bekam Beiständer, weil
er sagte, dass ich seine versprochne Braut wäre. Diese trugen Mitleiden mit mir
und ihm und begehrten, ihm Hülfe zu leisten. Solches war aber den Jungen, die
besser Recht zu mir zu haben vermeinten und eine so gute Beute nicht aus den
Händen lassen wollten, allerdings ungelegen; derowegen gedachten sie, Gewalt mit
Gewalt abzutreiben. Da fieng man an, Stösse auszuteilen von beiden Seiten her;
der Zulauf und der Lärmen ward je länger je grösser, also dass es schier einem
Turnier gleichsah, in welchem jeder um einer schönen Dame willen das Beste tut.
Ihr schröcklich Geschrei lockte den Rumormeister herzu, welcher eben ankam, als
sie mich hin und her zerreten, mir die Kleider vom Leib gerissen und gesehen
hatten, dass ich kein Weibsbild war. Seine Gegenwart machte alles stockstill,
weil er viel mehr geförchtet ward als der Teufel selbst; auch verstoben alle
diejenige, die wider einander Hand ausgeleget hatten; er informierte sich der
Sache kurz, und indem ich hoffte, er würde mich erretten aus allen meinen Nöten,
nahm er mich dargegen gefangen, weil es ungewöhnliche und fast argwöhnische
Sache war, dass sich ein Mannsbild bei einer Armee in Weiberkleidern sollte
finden lassen. Dergestalt wanderten er und seine Bursch mit mir neben den
Regimentern daher (welche alle im Feld stunden und marschieren wollten), der
Meinung, mich dem Generalauditor oder Generalgewaltiger zu überliefern. Da wir
aber bei meines Obristen Regiment vorbeiwollten, wurde ich erkannt,
angesprochen, schlechtlich durch meinen Obristen bekleidet und unserm alten
Herrn Profosen gefänglich überliefert, welcher mich an Händen und Füssen an die
Eisen schloss.
    Es kam mich gewaltig sauer an, so in Ketten und Banden zu marschieren; so
hätte mich auch der Schmalhans trefflich gequälet, wann mir der Sekretarius
Olivier nicht spendiert hätte; dann ich dorfte meine Dukaten, die ich noch
bisher davonbracht hatte, nicht an des Tages Liecht kommen lassen, ich hätte
dann solche miteinander verlieren und mich noch darzu in grössere Gefahr stecken
wollen. Gedachter Olivier kommunizierte mir noch denselbigen Abend, warum ich so
hart gefangen gehalten würde, und unser Regimentsschulteiss bekam gleich
Befelch, mich zu examinieren, damit meine Aussage dem Generalauditor desto
ehender zugestellet werden möchte; dann man hielt mich nicht allein vor einen
Kundschafter und Spionen, sondern auch gar vor einen, der hexen könnte, dieweil
man kurz hernach, als ich von meinem Obristen ausgetretten, einige Zauberinnen
verbrannt, die bekannt hatten und darauf gestorben wären, dass sie mich auch bei
ihrer Generalzusammenkunft gesehen hätten, da sie beieinander gewesen, die Elbe
auszutrücknen, damit Magdeburg desto eher eingenommen werden könnte. Die
Punkten, darauf ich Antwort geben sollte, waren diese:
    Erstlich, ob ich nicht studiert hätte oder aufs wenigste Schreibens und
Lesens erfahren wäre.
    Zweitens, warum ich mich in Gestalt eines Narrn dem Läger vor Magdeburg
genähert, da ich doch in des Rittmeisters Diensten sowohl als jetzt witzig genug
sei.
    Drittens, aus was Ursachen ich mich in Weiberkleider verstellet.
    Viertens, ob ich mich nicht auch neben andern Unholden auf dem Hexentanz
befunden.
    Fünftens, wo mein Vatterland und wer meine Eltern gewesen sein.
    Sechstens, wo ich mich aufgehalten, ehe ich in das Läger vor Magdeburg
kommen.
    Siebendens, wo und zu was End ich die Weiberarbeit, als wäschen, backen,
kochen etc. gelernet; item das Lautenschlagen.
    Hierauf wollte ich mein ganzes Leben erzählen, damit die Umstände meiner
seltsamen Begegnüssen alles recht erläutern und diese Fragen mit der Wahrheit
fein verständiglich unterscheiden könnten. Der Regimentsschulteiss war aber
nicht so kurios, sondern vom Marschieren müd und verdrossen; derowegen begehrte
er nur eine kurze runde Antwort auf das, was gefragt würde. Demnach antwortete
ich folgendergestalt, daraus man nichts Eigentliches und Gründliches fassen
konnte, und zwar
    auf die erste Frage: Ich hätte zwar nicht studiert, könnte aber doch Teutsch
lesen und schreiben;
    auf die zweite: Weil ich kein ander Kleid gehabt, hätte ich wohl im
Narrnkleid aufziehen müssen;
    auf die dritte: Weil ich meines Narrnkleids müd gewesen und keine
Mannskleider haben können;
    auf die vierte: Ja, ich sei aber wider meinen Willen hingefahren, könnte
aber gleichwohl nicht zaubern;
    auf die fünfte: Mein Vatterland sei der Spessert und meine Eltern
Bauersleute;
    auf die sechste: Zu Hanau bei dem Gubernator und bei einem Kroatenobrist,
Corpes genannt;
    auf die siebende: Bei den Kroaten habe ich wäschen, backen und kochen wider
meinen Willen müssen lernen, zu Hanau aber das Lautenschlagen, weil ich Lust
darzu hatte.
    Wie diese meine Aussage geschrieben war, sagte er: »Wie kannst du leugnen
und sagen, dass du nicht studiert habest, da du doch, als man dich noch vor einen
Narrn hielt, einem Priester unter währender Messe auf die Worte Domine, non sum
dignus auch in Latein geantwortet, er dörfte solches nicht sagen, man wisse es
zuvor wohl.« - »Herr!« antwortete ich, »das haben mich damals andere Leute
gelernet und mich überredet, es sei ein Gebet, das man bei der Messe sprechen
müsste, wann unser Kaplan den Gottesdienst verrichte.« - »Ja, ja,« sagte der
Regimentsschulteiss, »ich sehe dich vor den Rechten an, dem man die Zunge mit
der Folter lösen muss.« Ich gedachte: »So helfe Gott, wanns deinem närrischen
Kopf nach geht.«
    Am andern Morgen früh kam Befehl vom Generalauditor an unsern Profos, dass er
mich wohl in acht nehmen sollte, dann er war gesinnt, sobald die Armeen still
lägen, mich selbst zu examinieren, aus welchen Fall ich ohn Zweifel an die
Folter gemüsst, wann es Gott nicht anderst gefügt hätte. In dieser Gefangenschaft
dachte ich stetigs an meinen Pfarrer zu Hanau und an den verstorbenen alten
Herzbruder, weil sie beide wahrgesaget, wie mirs ergehen würde, wann ich wieder
aus meinem Narrnkleid käme. Ich betrachtete auch, wie schwer und unmöglich es
hergehe, wann ein armes Mägdlein seine Jungferschaft im Krieg unverletzt
durchbringen und erhalten sollte.
 
                        Das siebenundzwanzigste Kapitel.
Simplex bei Wittstock selbst sieht in der Schlacht,
Wie es Herzbruder dem Profosen macht.
Denselben Abend, als wir uns kaum gelägert hatten, ward ich zum Generalauditor
geführet; der hatte meine Aussage samt einem Schreibzeug vor sich und fieng an,
mich besser zu examinieren; ich hingegen erzählte meine Händel, wie sie an sich
selbst waren. Es ward mir aber nicht geglaubt, und konnte der Generalauditor
nicht wissen, ob er einen Narrn oder ausgestochenen Böswicht vor sich hatte,
weil Frage und Antwort so artlich fiel und der Handel an sich selbst seltsam
war. Er hiess mich eine Feder nehmen und schreiben, zu sehen, was ich könnte und
ob etwan meine Handschrift bekannt oder doch so beschaffen wäre, dass man etwas
daraus abnehmen möchte. Ich ergriff Feder und Papier so geschicklich als einer,
der sich täglich damit übte, und fragte, was ich schreiben sollte. Der
Generalauditor (welcher vielleicht unwillig war, weil sich mein Examen tief in
die Nacht hinein verzog,) antwortete: »Hei! schreib: Deine Mutter, die Hure!«
Ich satzte ihm diese Wort dahin, und da sie gelesen wurden, machten sie meinen
Handel nur desto schlimmer; dann der Generalauditor sagte, jetzt glaube er erst,
dass ich ein rechter Vogel sei. Er fragte den Profos, ob man mich visitiert und
ob man nichts Argwöhnliches von Schriften bei mir funden hätte. Der Profos
antwortete: »Nein! was sollte man an ihm visitieren, weil ihn der Rumormeister
gleichsam nackend zu uns gebracht!« Aber ach! das half nichts; der Profos musste
mich in Gegenwart ihrer aller besuchen, und indem er solches mit Fleiss
verrichtet, findet er, o Unglück! meine beide Eselsohren mit den Dukaten um
meine Arme herumgemacht. Da hiess es: »Was dörfen wir ferner Zeugnus? Dieser
Verräter hat ohn Zweifel ein gross Schelmstück zu verrichten auf sich genommen;
dann warum sollte sich sonst ein Gescheider in ein Narrenkleid stecken oder ein
Mannsbild in ein Weiberkleid verstellen? Warum vermeint man wohl, zu was End er
sonst mit einem so ansehnlichen Stück Geld versehen sei, als etwas Grosses zu
verrichten? Saget er nicht selbst, er habe bei dem Gubernator zu Hanau, den
allerverschlagnesten Soldaten in der Welt, lernen auf der Lauten schlagen? Was
vermeint ihr Herren wohl, was er sonst bei denselben Spitzköpfen vor listige
Praktiken ins Werk zu setzen begriffen habe? Der nächste Weg ist, dass man morgen
mit ihm auf die Folter und, wie ers wird verdient haben, dem Feuer zueile, massen
er sich ohn das bei den Zauberern befunden und nichts Bessers wert ist.« Wie mir
damals zumut gewesen, kann sich jeder leicht einbilden; ich wusste mich zwar
unschuldig und hatte ein starkes Vertrauen zu Gott; aber dannoch sah ich meine
Gefahr und bejammerte den Verlust meiner schönen Dukaten, welche der
Generalauditor zu sich steckte.
    Aber ehe man diesen strengen Prozess mit mir ins Werk satzte, gerieten die
Banierische den Unserigen in die Haare; gleich anfänglich kämpften die Armeen um
den Vorteil und gleich darauf um das schwere Geschütz, dessen die Unserige
stracks verlustigt wurden. Unser sauberer und so schöne Hund machende Profos
hielt zwar ziemlich weit mit seinen Leuten und den Gefangenen hinter der
Batallia; gleichwohl aber waren wir unsrer Brigade so nahe, dass wir jeden von
hinterwärts an den Kleidern erkennen konnten; und als eine schwedische Eskadron
auf die unserige traf, waren wir sowohl als die Fechtende in Todsgefahr; dann in
einem Augenblick flog die Luft so häufig voller singenden Kugeln über uns her,
dass es das Ansehen hatte, als ob die Salve uns zu Gefallen wäre gegeben worden.
Davon duckten sich die Forchtsame, als ob sie sich in sich selbst hätten
verbergen wollen; diejenige aber, so Courage hatten und mehr bei dergleichen
Scherz gewesen, liessen solche unverblichen über sich hinstreichen. Im Treffen
selbst aber suchte ein jeder seinem Tod mit Niedermachung des Nächsten, der ihm
aufstiess, vorzukommen. Das greuliche Schiessen, das Gekläpper der Harnische, das
Krachen der Piken und das Geschrei beides, der Verwundten und Angreifenden,
machten neben den Trompeten, Trommeln und Pfeifen eine erschreckliche Musik! Da
sah man nichts als einen dicken Rauch und Staub, welcher schien, als wollte er
die Abscheulichkeit der Verwundten und Toden bedecken. In demselbigen hörete man
ein jämmerliches Wehklagen der Sterbenden und ein lustiges Geschrei derjenigen,
die noch voller Mut staken; die Pferde selbst hatten das Ansehen, als wann sie
zu Verteidigung ihrer Herren je länger je frischer würden, so hitzig erzeigten
sie sich in dieser Schuldigkeit, welche sie zu leisten genötiget waren. Deren
sah man etliche unter ihren Herrn tot darniederfallen, voller Wunden, welche
sie unverschuldterweise zu Vergeltung ihrer getreuen Dienste empfangen hatten;
andere fielen um gleicher Ursache willen auf ihre Reuter und hatten also in
ihrem Tod die Ehre, dass sie von denjenigen getragen wurden, welche sie in
währendem Leben tragen müssen. Wiederum andere, nachdem sie ihrer herzhaften
Last, die sie kommandiert hatte, entladen worden, verliessen die Menschen in
ihrer Wut und Raserei, rissen aus und suchten im weiten Feld ihre erste
Freiheit. Die Erde, deren Gewohnheit ist, die Toten zu bedecken, war damals an
selbigem Ort selbst mit Toten überstreut, welche auf unterschiedliche Manier
gezeichnet waren. Köpf lagen dorten, welche ihre natürliche Herrn verloren
hatten, und hingegen Leiber, die ihrer Köpfe mangleten; etliche hatten grausam-
und jämmerlicherweise das Ingeweid heraus, und andern war der Kopf zerschmettert
und das Hirn zersprjetzt. Da sah man, wie die entseelte Leiber ihres eigenen
Geblüts beraubet und hingegen die Lebendige mit frembdem Blut beflossen waren.
Da lagen abgeschossene Arme, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam
als ob sie wieder mit in das Gedräng wollten; hingegen rissen Kerles aus, die
noch keinen Tropfen Bluts vergossen hatten. Dort lagen abgelöste Schenkel,
welche, obwohl sie der Bürde ihres Körpers entladen, dannoch viel schwerer waren
worden, als sie zuvor gewesen. Da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung
ihres Tods bitten, ohnangesehen sie dem gewissen Tod nahe genug waren; hingegen
fanden sich andere, die um Quartier und Verschonung ihres Lebens baten. Summa
Summarum, das war nichts anders als ein elender, jämmerlicher Anblick! Die
schwedische Sieger trieben unsere Überwundene von der Stelle, darauf sie so
unglücklich gefochten, nachdem sie solche zuvor zertrennt hatten, sie mit ihrer
schnellen Verfolgung vollends zerstreuende, bei welcher Bewandnus mein Herr
Profos mit seinen Gefangenen auch nach der Flucht griff, wiewohl wir mit
einziger Gegenwehr um die Überwinder keine Feindseligkeit verdienet hatten; und
indem der Profos uns mit dem Tod bedrohete und also nötigte, samt ihm
durchzugehen, jagte der junge Herzbruder daher mit noch fünf Pferden und grüsste
ihn mit einer Pistoln: »Sehe da, du alter Hund!« sagte er, »ist es noch Zeit,
junge Hündlein zu machen? Ich will dir deine Mühe bezahlen!« Aber der Schuss
beschädigte den Profos so wenig als einen stählernen Amboss: »Oho, bist du der
Haar?« sagte Herzbruder, »ich will dir nicht vergeblich zu Gefallen herkommen
sein; du Hundsmacher musst sterben, und wäre dir gleich die Seele angewachsen!«
nötigte darauf einen Musketierer von des Profosen bei sich gehabter Wache, dass
er ihn, dafern er anderst selbst Quartier haben wollte, mit einer Axt zu Tod
schlug. Also bekam der Profos seinen Lohn; ich aber ward vom Herzbruder erkannt,
welcher mich meiner Ketten und Bande entledigen, auf sein Pferd setzen und durch
seinen Knecht in Sicherheit führen liess.
 
                         Das achtundzwanzigste Kapitel.
Simplex vermeldet, wie Herzbruder wird,
Als er obsieget, gefangen geführt.
Gleichwie mich nun meines Erretters Knecht aus fernerer Gefahr führete, also
liess sich sein Herr hingegen erst durch Begierde der Ehre und Beute recht
hineintreiben, allermassen er sich so weit verhauen, dass er gefangen ward.
Demnach die sieghafte Überwinder die Beuten teilten und ihre Toden begruben,
mein Herzbruder aber manglete, erbte dessen Rittmeister mich mitsamt seinem
Knecht und Pferden, bei welchem ich mich vor einen Reuterjungen musste gebrauchen
lassen, wovor ich nichts hatte als diese Promessen, wann ich mich wohlhielte und
ein wenig besser meiner Jugend entgienge, dass er mich alsdann aufsetzen, das
ist, zu einem Reuter machen wollte, womit ich mich dann also dahin gedulten
musste.
    Gleich hernach ward mein Rittmeister zum Obr. Leutenant vorgestellt; ich
aber bekam das Amt bei ihm, welches David vor alten Zeiten bei dem König Saul
vertretten; dann in den Quartieren schlug ich auf der Laute, und im Marschieren
musste ich ihm seinen Küriss nachführen, welches mir eine beschwerliche Sache war.
Und obzwar die Waffen, ihren Träger vor feindlichen Püffen zu beschützen,
erfunden worden, so befand ich jedoch allerdings das Widerspiel, weil mich meine
eigene Jungen, die ich ausheckte, unter ihrem Schutz desto sicherer verfolgten.
Darunter hatten sie ihren freien Pass, Spass und Tummelplatz, so dass es das
Ansehen hatte, als ob ich den Harnisch ihnen und nicht mir zur Beschützung
antrüge, sintemal ich mit meinen Armen nicht darunterkommen und keinen Streif
unter sie tun konnte. Der Soldaten Tageweis reimte sich damal trefflich auf
mich, welche also lautete:
Jetzund will ich von Herzen singen eine Tageweis,
Uf meiner linken Achsel, da gehen bei 1000 Läus,
Und auf der rechten noch viel mehr,
Dahinden auf dem Buckel, da steht das ganze Heer.
    Ich war auf allerhand Stratagemata bedacht, wie ich diese Armada vertilgen
möchte; aber ich hatte weder Zeit noch Gelegenheit, sie durchs Feur (wie in den
Backöfen geschiehet), noch durchs Wasser oder durch Gift (massen ich wohl wusste,
was das Quecksilber vermochte) auszurotten; viel weniger vermochte ich die
Mittel, sie durch ein ander Kleid oder weisse Hemder abzuschaffen, sondern musste
mich mit ihnen schleppen und Leib und Blut zum besten geben. Wann sie mich dann
so unter dem Harnisch plagten und nagten, so wischte ich mit einer Pistoln
heraus, als ob ich hätte Kugeln mit ihnen wechseln wollen, nahm aber nur den
Ladstecken und stiess sie damit von der Kost. Endlich erfand ich diese Kunst, dass
ich einen Pelzfleck darum wickelte und ein artlich Klebgarn vor sie zurichtete;
wann ich dann mit diesem Lausangel unter den Harnisch fuhr, fischte ich sie
duzetweis aus ihrem Vortel, unter welchen ich manchen fetten Prinzen gefangen
bekam, welche ich wie die geringe traktierte und die Häls über das Pferd
abstürzte; es mochte aber wenig erklecken.
    Einsmals ward mein Obristleutenant kommandieret, eine Cavalcada mit einer
starken Partei in Westfalen zu tun, und wäre er damals so stark an Reutern
gewesen als ich an Läusen, so hätte er die ganze Welt erschreckt; weil solches
aber nicht war, musste er behutsam gehen, auch solcher Ursachen halber sich in
der Gemmer Mark, das ist ein so genannter Wald zwischen Hamm und Soest, heimlich
halten. Damals war es mit den Meinigen aufs höchste kommen; sie quäleten mich so
hart mit Minieren, dass ich sorgte, sie möchten sich gar zwischen Fell und
Fleisch hineinlogieren. Kein Wunder ist es, dass die Brasilianer ihre Läuse aus
Zorn und Rachgier fressen, weil sie einen so drängen! Einmal ich getraute, meine
Pein nicht länger zu gedulten, sondern ging, als teils Reuter fütterten, teils
schliefen und teils Schildwacht hielten, ein wenigs beiseits unter einen Baum,
meinen Feinden eine Schlacht zu liefern. Zu solchem Ende zog ich den Harnisch
aus, unangesehen andere denselben anziehen, wann sie fechten wollen, und fieng
ein solches Würgen und Morden an, dass mir gleich beide Schwerder an den Daumen
von Blut troffen und voller toten Körper oder vielmehr Bälge hiengen; welche ich
aber nicht umbringen mochte, die verwies ich ins Elend und liess sie unter dem
Baum herumspazieren. Ich denke an das zweite Gesetzel der Tagweis; das hab ich
folgender Gestalt hören singen:
Da ich anfieng zu schlachten, die Nägel wurden rot,
Sprach ein Laus zu der andern: »O wie ein bittrer Tod!
O dass er nicht herkommen wär!
So wär unmolestiert unser hochbetrübtes Heer.«
    So oft mir diese Renkontre zu Gedächtnus kommt, beisst mich die Haut noch
allentalben, natürlich, als ob ich noch mitten in der Schlacht begriffen wäre.
Ich dachte zwar, ich sollte nicht so wider mein eigen Geblüt wüten wie Herodes,
vornehmlich wider so getreue Diener, die sich mit einem hängen und radbrechen
liessen, und auf deren Menge ich oft im freien Feld auf harter Erde sanft gelegen
wäre. Aber ich fuhr doch in meiner Tyrannei so unbarmherzig fort, dass ich auch
nicht gewahr ward, wie die Kaiserlichen meinen Obristenleutenant chargierten,
bis sie endlich auch an mich kamen, die arme Läus entsetzten und mich selbst
gefangennahmen; dann diese scheueten meine Mannheit gar nicht, vermittelst deren
ich kurz zuvor viel tausend erlegt und den Titul eines Schneiders (sieben auf
einen Streich) überstiegen hatte. Mich kriegte ein Dragoner, und die beste
Beute, die er von mir hatte, war meines Obristenleutenants Küriss, welchen er zu
Soest, da er im Quartier lag, dem Kommandanten ziemlich wohl verkaufte. Also
ward er im Krieg mein sechster Herr, weil ich sein Jung sein musste.
 
                         Das neunundzwanzigste Kapitel.
Simplex erzählet, wie einem Soldaten
Alles im Paradies trefflich geraten.
Unsere Wirtin, wollte sie nicht, dass ich sie und ihr ganzes Haus mit meinen
Völkern besetzte, so musste sie mich auch davon entledigen; sie machte ihnen den
Prozess kurz und gut, steckte meine Lumpen in Backofen und brannte sie so sauber
aus wie eine alte Tabakpfeife, also dass ich wieder dies Unziefers halber wie in
einem Rosengarten lebte; ja es kann niemand glauben, wie mir so wohl war, dass
ich aus dieser Qual war, in welcher ich etliche Monat wie in einem Ameishaufen
gesessen. Hingegen hatte ich gleich ein ander Kreuz auf dem Hals, weil mein Herr
einer von denjenigen Soldaten war, die in Himmel zu kommen getrauen; er liess
sich glatt an seinem Sold genügen und betrübte im übrigen kein Kind; seine ganze
Prosperität bestund in dem, was er mit Wachen verdienete und von seiner
wochentlichen Lehnung erkargete. Solches, wiewohl es wenig war, hub er höher auf
als mancher die orientalische Perlen; einen jeden Blomeiser nähete er in seine
Kleider, und damit er deren einzige in Vorrat kriegen möchte, musste ich und sein
armes Pferd daran sparen helfen. Davon kams, dass ich den treugen Pumpernickel
gewaltig beissen und mich mit Wasser, oder wanns wohl ging, mit dünn Bier
behelfen musste, welches mir eine abgeschmackte Sache war, massen mir meine Kehle
von dem schwarzen truckenen Brot ganz rauh, und mein ganzer Leib ganz mager
ward. Wollte ich aber besser fressen, so mochte ich stehlen, aber mit
ausdrücklicher Bescheidenheit, dass er nichts davon inwürde. Seinetalben hätte
man weder Galgen, Esel, Henker, Steckenknechte noch Feldscherer bedörft, auch
keine Marketender noch Trommelschlager, die den Zapfenstreich getan hätten, dann
sein ganzes Tun war fern von Fressen, Saufen, Spielen und allen Duellen. Wann er
aber irgendshin auf Konvoi, Partei oder sonst einen Anschlag kommandieret ward,
so schlenderte er mit dahin wie ein alt Weib am Stecken. Ich glaube auch
gänzlich, wann dieser gute Dragoner solche heroische Soldatentugenden nicht an
sich gehabt, dass er mich auch nicht gefangen bekommen hätte; dann er hätte mich
lausigen Jungen ja nicht geachtet, sondern wäre meinem Obristleutenant
nachgerennt. Ich hatte mich keines Kleides bei ihm zu getrösten, weil er selbst
über und über zerflickt dahergieng, gleichsam wie mein Einsiedel. So war sein
Sattel und Zeug auch kaum drei Batzen wert und das Pferd von Hunger so
hinfällig, dass sich weder Schwede noch Hesse vor seinem dauerhaften Nachjagen zu
förchten hatte.
    Solches alles bewegte seinen Hauptmann, ihn ins Paradeis, ein so genanntes
Frauenkloster, auf Salvaguardi zu legen, nicht zwar, als wäre er viel nutz darzu
gewesen, sondern damit er sich begrasen und wieder mondieren sollte, vornehmlich
aber auch, weil die Nonnen um einen frommen, gewissenhaften und stillen Kerl
gebeten hatten. Also ritt er dahin, und ich ging mit, weil er leider nur ein
Pferd hatte. »Potz Glück! Simprecht« (dann er konnte den Namen Simplicius nicht
behalten), sagte er unterwegs, »kommen wir in das Paradeis, wie wollen wir
fressen!« Ich antwortete: »Der Name ist ein gut Omen. Gott gebe, dass der Ort
auch so beschaffen sei!« - »Freilich,« sagte er (dann er verstand mich nicht
recht), »wann wir alle Tage zwei Ohmen von dem besten Vier saufen könnten, so
wirds uns nicht abgeschlagen. Halt dich nur wohl, ich will mir jetzt bald einen
braven neuen Mantel machen lassen, alsdann hast du den alten, das gibet dir noch
einen guten Rock.« Er nannte ihn recht den alten, dann ich glaube, dass ihm die
Schlacht vor Pavia noch gedachte, so gar wetterfärbig und abgeschaben sah er
aus, also dass er mich wenig damit erfreuete.
    Das Paradeis fanden wir, wie wirs begehrten und noch darüber; anstatt der
Engel schöne Jungfern darin, welche uns mit Speise und Trank also traktierten,
dass ich in Kürze wieder einen glatten Balg bekam; dann da satzte es das fetteste
Bier, die beste westfälische Schinken und Knackwürste, wohlgeschmack und sehr
delikat Rindfleisch, das man aus dem Salzwasser kochte und kalt zu essen
pflegte. Da lernete ich das schwarze Brod fingersdick mit gesalzener Butter
schmieren und mit Käs belegen, damit es desto besser rutschte; und wann ich so
über einen Hammelskolben kam, der mit Knoblauch gespickt war, und eine gute
Kanne Bier darneben stehen hatte, so erquickte ich Leib und Seele und vergass all
meines ausgestandenen Leides. Kurzab, dies Paradeis schlug mir so wohl zu, als
ob es das rechte gewesen wäre; kein ander Anliegen hatte ich, als dass ich wusste,
dass es nicht ewig währen würde und dass ich so zerlumpt, zersetzt und zerlappet
einhergehen musste.
    Aber gleichwie mich das Unglück haufenweis überfiel, da es anfieng, mich
hiebevor zu reiten, also bedunkte mich auch jetzt, das Glück wollte es wieder
wett spielen. Dann als mich mein Herr nach Soest schickte, seine Bagage vollends
zu holen, fand ich unterwegs einen Pack und in demselbigen etliche Ehlen
Scharlach zu einem Mantel samt rotem Sammet zum Futter. Das nahm ich mit und
vertauschte es zu Soest mit einem Tuchhändler um gemein grünwüllen Tuch zu einem
Kleid samt der Ausstaffierung mit dem Geding, dass er mir solches Kleid auch
machen lassen und noch darzu einen neuen Hut aufgeben sollte. Und demnach mir
nur noch ein Paar neuer Schuhe und ein Hemd abgieng, gab ich dem Krämer die
silberne Knöpfe und Galaunen auch, die zu dem Mantel gehörten, wovor er mir dann
schaffte, was ich noch brauchte, und mich also nagelneu herausbutzte. Also
kehrete ich wieder ins Paradeis zu meinem Herrn, welcher gewaltig kollerte, dass
ich ihm den Fund nicht gebracht hatte; ja, er sagte mir vom Brügeln und hätte
ein geringes genommen (wann er sich nicht geschämt und ihm das Kleid gerecht
gewesen wäre), mich auszuziehen und das Kleid selbst zu tragen, wiewohl ich mir
eingebildet, gar wohl gehandelt zu haben.
    Indessen musste sich der karge Filz und Nagenranft schämen, dass sein Junge
besser gekleidet war als er selber; derowegen ritt er nach Soest, borgte Geld
von seinem Hauptmann und mondierte sich damit aufs beste mit Versprechen,
solches von seinen wochentlichen Salvaguardigeldern wiederzuerstatten, welches
er auch fleissig tät. Er hätte zwar selber noch wohl so viel Mittel gehabt; er
war aber viel zu schlau, sich anzugreifen; dann hätte ers getan, so wäre ihm die
Bärnhaut entgangen, auf welcher er denselbigen Winter im Paradeis liegen konnte,
und wäre ein ander nackender Kerl an seine Statt gesetzt worden. Mit der Weise
aber musste ihn der Hauptmann wohl liegen lassen, wollte er anders sein
ausgeliehen Geld wiederhaben. Von dieser Zeit an hatten wir das allerfäuleste
Leben von der Welt, in welchem Keglen unser allergrösste Arbeit war. Wann ich
meines Dragoners Klepper gestriegelt, gefüttert und getränkt hatte, so trieb ich
das Junkernhandwerk und lustwandelte. Das Kloster war auch von den Hessen,
unserm Gegenteil, von der Lippstadt aus mit einem Musketier salvaguardiert;
derselbe war seines Handwerks ein Kürschner und dahero nicht allein ein
Meistersänger, sondern auch ein trefflicher Fechter; und damit er seine Kunst
nicht vergässe, übte er sich täglich mit mir vor die Langeweile in allen
Gewehren, wovon ich so fix ward, dass ich mich nicht scheuete, ihm Bescheid zu
tun, wann er wollte. Mein Dragoner aber kegelte anstatt des Fechtens mit ihm,
und zwar um nichts anders, als wer über Tisch das meiste Bier aussaufen musste:
damit ging eines jeden Verlust übers Kloster.
    Das Stift vermochte eine eigne Wildbahne und hielt dahero auch einen eigenen
Jäger; und weil ich auch grün gekleidet war, gesellete ich mich zu ihm und
lernete ihm denselben Herbst und Winter alle seine Künste ab, sonderlich was das
kleine Waidwerk anbelanget. Solcher Ursachen halber und weil der Name Simplicius
etwas ungewöhnlich und den gemeinen Leuten vergesslich oder sonst schwer
auszusprechen war, nannte mich jedermann »dat Jäjerken«. Darbei wurden mir alle
Wege und Stege bekannt, welches ich mir hernach trefflich zunutz machte. Wann
ich aber wegen üblen Wetters in Wäldern und Feldern nicht herum konnte
schwärmen, so las ich allerhand Bücher, die mir des Klosters Verwalter liehe.
Sobald aber die adeliche Klosterfrauen gewahr wurden, dass ich neben meiner guten
Stimme auch auf der Laute und etwas wenigs auf dem Instrument schlagen konnte,
ermassen sie auch mein übriges Tun desto genauer, und weil eine ziemliche
Leibsproportion und schönes Angesicht darzukam, hielten sie alle meine Sitten,
Wesen, Tun und Lassen vor adelig und einer liebwerten Person sehr anständig.
Dergestalt nun musste ich unversehens ein sehr beliebter Junker sein, über
welchem man sich verwunderte, dass er sich bei einem so liederlichen Dragoner
behülfe.
    Als ich nun solchergestalt denselben Winter in aller Wollust hingebracht
hatte, ward mein Herr abgelöst, welches ihm auf das gute Leben so and tät, dass
er darüber erkrankte; und weil auch ein starkes Fieber dazuschlug, zumalen auch
die alte Mucken, die er sein Lebtag im Krieg aufgefangen, darzukamen, machte ers
kurz, allermassen ich in drei Wochen hernach etwas zu begraben hatte. Ich machte
ihm diese Grabschrift:
Der Schmalhans lieget hier, ein tapferer Soldat,
Der all sein Lebetag kein Blut vergossen hat.
    Von Rechts und Gewohnheit wegen hätte der Hauptmann Pferd und Gewehr, der
Führer aber die übrige Verlassenschaft zu sich nehmen und erben sollen; weil ich
aber damals ein frischer aufgeschossener Jüngling war und Hoffnung gab, ich
würde mit der Zeit meinen Mann nicht förchten, ward mir alles zu überlassen
angeboten, wann ich mich anstatt meines verstorbenen Herrn unterhalten lassen
wollte. Ich nahms um soviel desto lieber an, weil mir bekannt, dass mein Herr in
seinen alten Hosen eine ziemliche Anzahl Dukaten eingenähet verlassen, an
welchen er sein Lebtag zusammengekratzt hatte; und als ich zu solchem Ende
meinen Namen, nämlich Simplicius Simplicissimus, angab, der Musterschreiber
(welcher Cyriacus genannt war) solchen aber nicht ortographice schreiben
konnte, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, der also heisst!« Und weil
ich ihn hierauf geschwind fragte, ob dann einer in der Hölle wäre, der Cyriacus
hiesse, er aber nichts zu antworten wusste, obschon er sich klug zu sein dünkte,
gefiel solches meinem Hauptmann so wohl, dass er gleich im Anfang viel von mir
hielt und ihme gute Hoffnung von meinen künftigen Kriegstaten machte.
 
                            Das dreissigste Kapitel.
Simplex heisst Jäger und wird ein Soldat,
Weist, was zu merken ein solcher wohl hat.
Weil dem Kommandanten in Soest ein Kerl im Stall mangelte, wie ich ihn einer zu
sein gedünkte, sah er nicht gern, dass ich ein Soldat worden war, sondern
unterstund sich, mich noch zu bekommen, massen er meine Jugend vorwandte und mich
vor keinen Mann passieren lassen wollte. Und als er solches meinem Herrn
vorhielt, schickte er auch nach mir und sagte: »Hör, Jägerchen, du sollt mein
Diener werden.« Ich fragte, was dann meine Verrichtungen sein sollten? Er
antwortete: »Du sollst meiner Pferde helfen warten.« - »Herr,« sagte ich, »wir
sind nicht voreinander; ich hätte lieber einen Herrn, in dessen Diensten die
Pferde auf mich warten; weil ich aber keinen solchen werde haben können, will
ich ein Soldat bleiben.« Er sagte: »Dein Bart ist noch viel zu klein.« - »O
nein!« sagte ich, »ich getraue einen Mann zu bestehen, der achtzig Jahr alt ist;
der Bart schlägt keinen Mann, sonst würden die Böcke hoch ästimieret werden.« Er
sagte: »Wann die Courage so gut ist als das Maulleder, so will ich dich noch
passieren lassen.« Ich antwortete: »Das kann in der nächsten Okkasion probiert
werden«, und gab damit zu verstehen, dass ich mich vor keinen Stallknecht wollte
gebrauchen lassen. Also liess er mich bleiben, der ich war, und sagte, das Werk
würde den Meister loben und in kurzem zu verstehen geben, ob ich dasjenige
leisten werde, was ich mir einbilde.
    Hierauf wischte ich hinter meines Dragoners alte Hosen her, und nachdem ich
dieselbe anatomiert hatte, schaffte ich mir aus deren Eingeweid noch ein gut
Soldatenpferd und das beste Gewehr, so ich kriegen konnte: das musste mir alles
glänzen wie ein Spiegel. Ich liess mich wieder von neuem grün kleiden, weil mir
der Name Jäger sehr beliebte; mein altes Kleid aber gab ich meinem Jungen, weil
mirs zu klein worden. Also ritt ich selbander daher wie ein junger Edelmann und
dünkte mich fürwahr keine Sau zu sein. Ich war so kühn, meinen Hut mit einem
tollen Federbusch zu zieren wie ein Offizier; dahero bekam ich bald Neider und
Missgönner; zwischen denselben und mir satzte es ziemlich empfindliche Worte und
endlich gar Ohrfeigen. Ich hatte aber kaum einem oder dreien gewiesen, was ich
im Paradeis vom Kürschner gelernet hatte und dass ich Stösse auszuteilen gewohnt,
wie man mir sie darzählte, da liess mich nicht allein jedermann zufrieden,
sondern es suchte auch ein jeglicher meine Freundschaft. Darneben liess ich mich
beides, zu Ross und Fuss, aufs Parteigehen gebrauchen, dann ich war wohlberitten
und schneller auf den Füssen als einer meinesgleichen; und wann es etwas mit dem
Feind zu tun gab, warf ich mich herfür wie das Böse in einer Wanne und wollte
allzeit vorndran sein. Davon ward ich in kurzer Zeit bei Freunden und Feinden
bekannt und so berühmt, dass beide Teile viel von mir hielten, allermassen mir die
gefährlichste Anschläge zu verrichten und zu solchem Ende ganze Parteien zu
kommandieren anvertraut wurden. Da fieng ich an zuzugreifen wie ein Böhme, und
wann ich etwas Namhaftes erschnappte, gab ich meinen Offizierern so reich Part
davon, dass ich selbig Handwerk auch an verbotenen Orten treiben dorfte, weil mir
überall durchgeholfen ward. Der General Graf von Götz hatte in Westfalen drei
feindliche Garnisonen übriggelassen, nämlich zu Dorsten, Lippstadt und Koesfeld;
denen war ich gewaltig molest, dann ich lag ihnen mit geringen Parteien bald
hier, bald dort schier täglich vor den Toren und erhaschte manche gute Beute;
und weil ich überall glücklich durchkam, hielten die Leute von mir, ich könnte
mich unsichtbar machen und wäre so fest wie Eisen und Stahl. Davon ward ich
geförchtet wie die Pestilenz, und schämten sich 30 Mann vom Gegenteil nicht, vor
mir durchzugehen, wann sie mich nur mit 15 in der Nähe wussten. Zuletzt kam es
dahin, wo nur ein Ort in Kontribution zu setzen oder sonst mit Gefahr bei den
saumseligen Kontribuenten militarisch zu exequieren war, dass ich solches alles
verrichten musste. Davon ward mein Beutel so gross als mein Name; meine Offizierer
und Kameraden liebten ihren Jäger; die vornehmste Parteigänger vom Gegenteil
entsatzten sich, und den Landmann hielt ich durch Forcht und Liebe auf meiner
Seiten; dann ich wusste meine Widerwärtige zu strafen und die, so mir nur den
geringsten Dienst täten, reichlich zu belohnen, allermassen ich beinahe die
Hälfte meiner Beuten wieder verspendierte und auf Kundschaften auslegte. Solcher
Ursachen halber ging keine Partei, keine Konvoi, noch keine Reis aus des
Gegenteils Posten, deren Ausfahrt mir nicht zu wissen getan ward; alsdann
konjekturierte ich ihr Vorhaben und machte meine Anschläge darauf, und weil ich
solche mehrenteils durch Beistand des Glücks wohl ins Werk satzte, verwunderte
sich jedweder über meine Jugend so gar, dass mich auch viel Offizierer und
wackerer Soldaten vom Gegenteil nur zu sehen wünscheten. Darneben erzeigte ich
mich gegen meine Gefangenen überaus diskret, also dass sie mich oft mehr
kosteten, als meine Beuten wert waren; und wann ich einem vom Gegenteil,
sonderlich den Offizierern, obschon ich sie nicht kannte, ohn Verletzung meiner
Pflicht und Herrendienste eine Courtoisie tun konnte, unterliess ichs nicht.
    Durch solch mein Verhalten wäre ich zeitlich zu Offizien befördert worden,
wann meine Jugend es nicht verhindert hätte; dann welcher in solchem Alter, als
ich trug, ein Fähnlein haben wollte, musste ein guter von Adel sein; zudem konnte
mich mein Hauptmann nicht befördern, weil keine ledige Stellen bei seiner
Kompagnie waren, und keinem andern mochte er mich gönnen, weil er an mir mehr
als eine melkende Kuhe verloren hätte; doch ward ich ein Gefreiter. Diese Ehre,
dass ich alten Soldaten vorzogen ward, wiewohl es eine geringe Sache war, und das
Lob, das man mir täglich verliehe, waren gleichsam wie Sporn, die mich zu höhern
Dingen antrieben. Ich spekulierte Tag und Nacht, wie ich etwas anstellen möchte,
mich noch grösser, namhaftiger und verwunderlicher zu machen; ja ich konnte vor
solchem närrischen Nachsinnen oft nicht schlafen. Und weil ich sah, dass es mir
an Gelegenheit manglete, im Werk zu erweisen, was ich vor einen Mut trüge,
bekümmerte ich mich, dass ich nicht täglich Gelegenheit haben sollte, mich mit
dem Gegenteil in Waffen zu üben. Ich wünschte mir oft den Trojanischen Krieg
oder eine Belägerung wie zu Ostende, und ich Narr gedachte nicht, dass der Krug
so lang zum Brunnen geht, bis er einmal zerbricht. Es geht aber nicht anders,
wann ein junger, unbesonnener Soldat Geld, Glück und Courage hat; dann da folget
Übermut und Hoffart, und aus solcher Hoffart hielt ich anstatt eines Jungen
zween Knechte, die ich trefflich herausstaffierte und beritten machte, womit ich
mir aller Offizierer Neid aufbürdete, als welche mir missgönneten, was sie selbst
zu erobern das Herz nicht hatten.
 
                         Das einunddreissigste Kapitel.
Simplex erzählt, wie der Teufel dem Pfaffen
Seinen Speck stiehlt und macht ihm viel zu schaffen.
Ich muss ein Stücklein oder etliche erzählen, die mir hin und wieder begegnet, eh
ich wieder von meinen Dragonern kam; und obschon sie nicht von Importanz sein,
sind sie doch lustig zu hören, dann ich nahm nicht allein grosse Dinge vor,
sondern verschmähete auch die geringe nicht, wann ich nur mutmassete, dass ich
Ruhm und Verwunderung bei den Leuten dadurch erwecken möchte. Mein Hauptmann
ward mit etlich und fünfzig Mann zu Fuss in das Vest von Recklinckhusen
kommandiert, einen Anschlag daselbst zu verrichten; und weil wir gedachten, wir
würden, eh wir solchen ins Werk setzen könnten, einen Tag oder etliche uns in
den Büschen heimlich halten müssen, nahm jeder auf acht Tage Proviant zu sich.
Demnach aber die reiche Caravana, deren wir aufpassten, die bestimmte Zeit nicht
ankam, ging uns das Brod auf, welches wir nicht rauben dorften, wir hätten uns
dann selbst verraten und unser Vorhaben zu nichts werden lassen wollen; dahero
uns der Hunger gewaltig presste. So hatte ich auch diesorts keine Kunden wie
anderswo, die mir und den Meinigen etwas heimlich zutrugen; derowegen mussten
wir, Fütterung zu bekommen, auf andere Mittel bedacht sein, wann wir anders
nicht wieder lär heim wollten. Mein Kamerad, ein lateinischer Handwerksgesell,
der erst kürzlich aus der Schule entloffen und sich unterhalten lassen, seufzete
vergeblich nach den Gerstensuppen, die ihm hiebevor seine Eltern zum Besten
verordnet, er aber verschmähet und verlassen hatte; und als er so an seine
vorigen Speisen gedachte, erinnerte er sich auch seines Schulsacks, bei welchem
er solche genossen. »Ach Bruder!« sagte er zu mir, »ists nicht eine Schande, dass
ich nicht so viel Künste erstudiert haben soll, vermittelst deren ich mich
jetzund füttern könnte? Bruder! ich weiss revera, wann ich nur zum Pfaffen in
jenes Dorf gehen dörfte, dass es ein trefflich Convivium bei ihm setzen sollte.«
Ich überlief diese Worte ein wenig und ermass unsern Zustand, und weil diejenige,
so Wege und Stege wussten, nicht hinaus dörften, dann sie wären sonst erkannt
worden, die Unbekannte aber keine Gelegenheit wussten, etwas heimlich zu stehlen
oder zu kaufen, als machte ich meinen Anschlag auf unsern Studenten und hielt
die Sache dem Hauptmann vor. Wiewohl nun dasselbige Gefahr auf sich hatte, so
war doch sein Vertrauen so gut zu mir und unsere Sache so schlecht bestellet,
dass er darein willigte und nach wenigem Tergiversieren den Konsens gab.
    Ich verwechselte meine Kleider mit einem andern und zottelte mit meinem
Studenten besagtem Dorf zu durch einen weiten Umschweif, wiewohl es nur eine
halbe Stunde von uns lag. In demselben erkannten wir das nächste Haus bei der
Kirche vor des Pfarrers Wohnung, weil es auf städtisch gebauet war und an einer
Maur stund, die um den ganzen Pfarrhof ging. Ich hatte meinen Kameraden schon
instruiert, was er reden sollte, dann er hatte sein abgeschaben
Studentenkleidlein noch an; ich aber gab mich vor einen Malergesellen aus; dann
ich gedachte, ich würde dieselbe Kunst im Dorf nicht üben dörfen, weil die
Bauern nicht bald gemalte Häuser haben. Der geistliche Herr war höflich; als ihm
mein Gesell eine tiefe lateinische Reverenz gemachet und einen Haufen
dahergelogen hatte, wasgestalt ihn die Soldaten auf der Reise geplündert und
aller seiner Zehrung beraubt hätten, bot er ihm selbst ein Stück Butter und Brot
neben einem Trunk Bier an; ich aber stellete mich, als ob ich nicht zu ihm
gehörte und sagte, ich wollte im Wirtshaus etwas essen und ihm alsdann rufen,
damit wir noch denselben Tag ein Stück Wegs hinter sich legen könnten. Also
ging ich dem Wirtshaus zu, mehr auszuspähen, was ich dieselbe Nacht holen
wollte, als meinen Hunger zu stillen; hatte auch das Glück, dass ich unterwegs
einen Baur antraf, der seinen Backofen zukleibte, welcher grosse Pumpernickel
darin hatte, die 24 Stunden da sitzen und ausbacken sollten. Ich gedachte:
»Klaib nur zu! wir wollen schon einen Weg als den andern einen Eingang zu diesem
köstlichen Proviant finden.« Ich machte es beim Wirt kurz, weil ich schon wusste,
wo Brot zu bekommen war, kaufte etliche Stutten (das ist ein so genanntes
Weissbrot), solche meinem Hauptmann zu bringen; und da ich in Pfarrhof kam,
meinen Kameraden zu mahnen, dass er gehen sollte, hatte er sich auch schon
gekröpft und dem Pfarrer gesagt, dass ich ein Maler sei und in Holland zu wandern
vorhabens wäre, meine Kunst daselber vollends zu perfektionieren. Der
Pfarrherr hiesse mich sehr willkommen sein und bat mich, mit ihm in die Kirche zu
gehen, da er mir etliche Stücke weisen wollte, die zu reparieren wären. Damit
ich nun das Spiel nicht verderbte, musste ich folgen. Er führete uns durch die
Küchen, und als er das Nachtschloss an der starken eichenen Tür aufmachte, die
auf den Kirchhof ging, o mirum! da sah ich, dass der schwarze Himmel auch
schwarz voller Lauten, Flöten und Geigen hieng; ich vermeint aber die Schinken,
Knackwürste und Speckseiten, die sich im Kamin befanden. Diese blickte ich
trostmütig an, weil mich bedünkte, als ob sie mit mir lachten, und wünschte sie,
aber vergeblich, meinen Kameraden in Wald; dann sie waren so hartnäckig, dass sie
mir zu Trotz hangen blieben. Da gedachte ich auf Mittel, wie ich sie obgedachtem
Backofen voll Brod zugesellen möchte, konnte aber so leicht keines ersinnen,
weil, wie obgemeldt, der Pfarrhof ummauret und alle Fenster mit eisernen Gittern
genugsam verwahret waren; so lagen auch zween ungeheure grosse Hunde im Hof,
welche, wie ich sorgte, bei Nacht gewisslich nicht schlafen würden, wann man
dasjenige hätte stehlen wollen, daran ihnen auch zu Belohnung ihrer getreuen Hut
zu nagen gebührete.
    Wie wir nun in die Kirche kamen, von den Gemälden allerhand diskurierten und
mir der Pfarrer etliche Stücke auszubessern verdingen wollte, ich aber allerhand
Ausflüchte suchete und meine Wanderschaft vorwandte, sagte der Mesner oder
Glöckner: »Du Kerl, ich sehe dich eh vor einen verloffenen Soldatenjungen an als
vor einen Malergesellen.« Ich war solcher Reden nicht mehr gewohnt und sollte
sie doch verschmerzen; doch schüttelte ich nur den Kopf ein wenig und antwortete
ihm: »O du Kerl! gib mir nur geschwind Pensel und Farben her, so will ich dir in
Hui einen Narrn dahergemalt haben, wie du einer bist, der dir in allem gleich
und ähnlich sein soll.« Der Pfarrer machte ein Gelächter daraus und sagte zu uns
beiden, es gezieme sich nicht, an einem so heiligen Ort einander wahrzusagen;
gab damit zu verstehen, dass er uns beiden glaubte, liess uns noch einen Trunk
langen und also dahinziehen. Ich aber liess mein Herz bei den Knackwürsten.
    Wir kamen noch vor Nacht zu unsern Gesellen, da ich meine Kleider und Gewehr
wieder nahm, dem Hauptmann meine Verrichtung erzählete und sechs gute Kerle
auslase, die das Brod heimtragen sollten helfen. Wir kamen um Mitternacht ins
Dorf und huben in aller Stille das Brod aus dem Ofen, weil wir einen bei uns
hatten, der die Hunde bannen konnte; und da wir bei dem Pfarrhof vorüber
wollten, konnte ichs nicht übers Herz bringen, ohn Speck weiters zu passiern.
Ich stund einmals stille und betrachtete mit Fleiss, ob nicht in des Pfaffen
Küchen zu kommen sein möchte, sah aber keinen andern Eingang als das Kamin,
welches vor diesmal meine Tür sein musste. Wir trugen Brod und Gewehr auf den
Kirchhof ins Beinhaus und brachten ein Laiter und Sail aus einer Scheur zuwege,
und weil ich so gut als ein Schornsteinfeger in den Kamin auf- und absteigen
konnte (als welches ich von Jugend auf in den hohlen Bäumen gelernet hatte),
stieg ich selbander aufs Dach, welches von hohlen Ziegeln doppelt belegt und zu
meinem Vorhaben sehr bequem gebauet war. Ich wickelte meine lange Haare über dem
Kopf auf einen Büschel zusammen, liess mich mit einem End des Sails hinunter zu
meinem geliebten Speck und besann mich daselbst nicht lang, sondern band einen
Schinken nach dem andern und eine Speckseite nach der andern an das Seil,
welches der auf dem Dach fein ordentlich zum Kamin hinausfischete und den andern
in das Beinhäuslein zu tragen gab. Aber potz Unstern! da ich allerdings
Feirabend gemacht hatte und wieder über sich wollte, brach eine Stange mit mir,
also dass der arme Simplicius herunterfiele und der elende Jäger sich selbst wie
in einer Mausfalle gefangen befand. Meine Kameraden auf dem Dach liessen das Seil
herunter, mich wieder hinaufzuziehen, aber es zerbrach, ehe sie mich vom Boden
brachten. Ich gedachte: »Nun Jäger, jetzt musst du eine Hatze ausstehen, in
welcher dir selbst wie dem Aktäon das Fell gewaltig zerrissen wird werden!« Dann
der Pfarrer war von meinem Fall erwacht und befahl seiner Köchin alsbald ein
Liecht anzuzünden. Sie kam im Hembd zu mir in die Küchen, hatte den Rock über
der Achsel hangen und stund so nahe neben mich, dass sie mich damit rührete; sie
griff nach einem Brand, hielt das Liecht daran und fieng an zu blasen; ich aber
blies viel stärker zu als sie selber, davon das gute Mensch so erschrak, dass
sie vor Ängsten zitterte und bebte, auch Feuer und Liecht fallen liess und sich
zu ihrem Herrn retirierte. Also bekam ich Luft, mich zu bedenken, durch was
Mittel ich mir davonhelfen möchte; es wollte mir aber nichts einfallen. Meine
Kameraden gaben mir durchs Kamin herunter zu verstehen, dass sie das Haus
aufstossen und mich mit Gewalt herausnehmen wollten; ich gabs ihnen aber nicht
zu, sondern befahl, sie sollten ihr Gewehr in acht nehmen und allein den
Springinsfeld oben bei dem Kamin lassen und erwarten, ob ich ohn Lärmen und
Rumor davonkommen könnte, damit unser Anschlag nicht zu Wasser würde; wofern
aber solches nicht sein möchte, sollten sie alsdann ihr Bestes tun. Interim
schlug der Geistliche selbst ein Liecht an; seine Köchin aber erzählete ihm, dass
ein greulich Gespenst in der Küchen wäre, welches zween Köpfe hätte (dann sie
hatte vielleicht meinen Büschel Haar auf dem Kopf gesehen und auch vor einen
Kopf gehalten). Das hörete ich alles, machte mich derowegen mit meinen
schmutzigen Händen, darin ich Asche, Russ und Kohlen rieb, im Angesicht und an
Händen so abscheulich, dass ich ohn Zweifel keinem Engel mehr (wie hiebevor die
Klosterfrauen im Paradeis sagten) gleichsah, und der Mesner, wann ers gesehen,
mich wohl vor einen geschwinden Maler hätte passieren lassen. Ich fieng an, in
der Küchen schröcklich zu poldern und mit Hin- und Wiederwerfen, Schmeissen und
Schlagen mich gewaltig mausig zu machen und allerlei Küchengeschirr
untereinander zu werfen; der Kesselring geriet mir in die Händ, den hieng ich an
den Hals, den Feuerhaken aber behielt ich in den Händen, mich damit auf den
Notfall zu wehren. Solches liess sich aber der fromme Pfaffe nicht irren; dann er
kam mit seiner Köchin prozessionsweis daher, welche zwei Wachsliechter in den
Handen und einen Weihwasserkessel am Arm trug. Er selber aber war mit dem
Chorrock bewaffnet samt den Stollen und hatte den Sprengel in der einen und ein
Buch in der andern Hand; aus demselben fieng er an, mich zu exorzieren,
fragende, wer ich sei und was ich da zu schaffen hätte. Weil er mich dann nun
vor den Teufel selbst hielt, so gedachte ich, es wäre billig, dass ich auch wie
der Teufel täte, dass ich mich mit Lügen behülfe; antwortete derowegen: »Ich bin
der Teufel und will dir und deiner Köchin die Hälse umdrähen!« Er fuhr mit
seinem Exorcismo weiter fort und hielt mir vor, dass ich weder mit ihm noch
seiner Köchin nichts zu schaffen hätte, hiess mich auch mit der allerhöchsten
Beschwörung wieder hinfahren, wo ich herkommen wäre. Ich aber antwortete mit
ganz förchtlicher Stimme, dass solches unmüglich sei, wannschon ich gern wollte.
Indessen hatte Springinsfeld, der ein abgefeumter Erzvogel war und kein Latein
verstund, seine seltsame Tausendhändel auf dem Dach; dann da er hörete, um
welche Zeit es in der Küche war, dass ich mich nämlich vor den Teufel ausgab,
mich auch der Geistliche also hielt, wixte er wie eine Eule, bellete wie ein
Hund, wieherte wie ein Pferd, blekte wie ein Geissbock, schrie wie ein Esel und
liess sich bald durch den Kamin herunter hören wie ein Haufen Katzen, die im
Hornung rammlen, bald wie eine Henne, die legen wollte; dann dieser Kerl konnte
aller Tiere Stimmen nachmachen und, wann er wollte, so natürlich heulen, als ob
ein ganzer Haufen Wölfe beieinander gewesen wäre. Solches ängstigte den Pfarrer
und seine Köchin auf das höchste, ich aber machte mir ein Gewissen, dass ich mich
vor den Teufel beschwören liesse, vor welchen er mich eigentlich hielt, weil er
etwan gelesen oder gehöret hatte, dass sich der Teufel gern in grünen Kleidern
sehen lasse.
    Mitten in solchen Ängsten, die uns beiderseits, sonderlich die arme Köchin,
umgeben hatten, ward ich zu allem Glück gewahr, dass das Nachtschloss an der Türe,
die auf den Kirchhof ging, nicht eingeschlagen, sondern der Riegel nur
vorgeschoben war. Ich schob denselben geschwind zurück, wischte zur Türe hinaus
auf den Kirchhof (da ich dann meine Gesellen mit aufgezogenen Hahnen stehen
fand), und liess den Pfaffen Teufel beschwören, solang er immer wollte. Und
demnach Springinsfeld mir meinen Hut von dem Dach gebracht, wir auch unsern
Proviant aufgesackt hatten, giengen wir zu unsrer Bursch, weil wir im Dorf
nichts mehr zu verrichten hatten, als dass wir die entlehnte Laiter samt dem Sail
wieder hätten heimliefern sollen.
    Die ganze Partei erquickte sich mit demjenigen, das wir gestohlen hatten,
und bekam doch kein einziger den Klucksen davon: so gesegnete Leute waren wir!
Auch hatten alle über diese meine Fahrt genugsam zu lachen; nur dem Studenten
wollte es nicht gefallen, dass ich den Pfaffen bestohlen, der ihm das Münkelspiel
so grandig besteckt hatte; ja er schwur auch hoch und teuer, dass er ihm seinen
Speck gern bezahlen wollte, wann er die Mittel nur bei der Hand hätte, und frass
doch nichtsdestoweniger mit, als ob ers verdingt hätte. Also lagen wir noch
zween Tage an selbigem Ort und erwarteten diejenige, denen wir schon so lang
aufgepasst hatten. Wir verloren keinen einzigen Mann im Angriff und bekamen doch
über dreissig Gefangene und so herrliche Beuten, als ich jemals teilen helfen.
Ich hatte wegen meiner Courage und sonderlichen Wohlverhaltens doppelt Part,
weil ich das Beste getan: das waren drei schöner friesländischer Hengst, mit
Kaufmannswaren beladen, was sie in Eil forttragen möchten; und wann wir Zeit
gehabt, die Beuten recht zu suchen und solche in Salvo zu bringen, so wäre jeder
vor sein Teil reich genug worden, massen wir mehr stehen lassen, als wir
davonbrachten, weil wir mit dem, was wir fortbringen konnten, sich in
schnellster Eile tummlen mussten; und zwar so retirierten wir uns mehrer
Sicherheit halber auf Rehnen, da wir fütterten und die Beuten teilten, weil
unsers Volks da lag, wiewohl es umb und unsers Wegs nicht war. Daselbst gedachte
ich wieder an den Pfaffen, dem ich den Speck gestohlen hatte. Der Leser mag
denken, was ich vor einen verwegenen, freveln und ehrgeizigen Kopf hatte, indem
mirs nicht genug war, dass ich den frommen Geistlichen bestohlen und so
schröcklich geängstiget, sondern ich wollte noch Ehre davon haben. Derowegen
nahm ich einen Saphir, in einen güldenen Ring gefasst, den ich auf selbiger
Partei erschnappt hatte, und schickte ihn von Rehnen aus durch einen gewissen
Boten meinem Pfarrer mit folgendem Brieflein:
    »Wohlehrwürdiger etc.! Wann ich dieser Tagen im Wald noch etwas von Speisen
zu leben gehabt hätte, so hätte ich nicht Ursache gehabt, E. Wohl-Ehrw. Ihren
Speck zu stehlen, worbei Sie vermutlich sehr erschröckt worden. Ich bezeuge beim
Höchsten, dass Sie solche Angst wider meinen Willen eingenommen, hoffe derowegen
die Vergebung desto ehender. Was aber den Speck selbst anbelangt, so ists
billig, dass selbiger bezahlt werde, schickte derohalben anstatt der Bezahlung
gegenwärtigen Ring, den diejenige hergeben, um welcher willen die Ware
ausgenommen werden müssen, mit Bitte, E. Wohl-Ehrwürd, belieben damit
vorliebzunehmen; versichere darneben, dass dieselbe im übrigen auf alle
Begebenheit einen dienstfertigen und getreuen Diener hat an dem, den dero Mesner
vor keinen Maler hält, welcher sonst genannt wird
                                                                     Der Jäger.«
    Dem Bauern aber, welchem sie den Backofen ausgeleert hatten, schickte die
Partei aus gemeiner Beute 16 Reichstaler vor seine Pumpernickel; dann ich hatte
sie gelernet, dass sie solchergestalt den Landmann auf ihre Seite bringen müssen,
als welche einer Partei oft aus allen Nöten helfen oder hingegen eine andere
verraten, verkaufen und um die Hälse bringen könnten. Von Rehnen giengen wir auf
Münster und von dar auf Hamm und heim nach Soest in unser Quartier, allwo ich
nach wenig Tagen eine Antwort von dem Pfaffen empfieng, die also lautet:
    »Edler Jäger etc.! Wann derjenige, dem Ihr den Speck gestohlen, hätte
gewusst, dass Ihr ihm in teuflischer Gestalt erscheinen würdet, hätte er sich
nicht so oft gewünscht, den landberufenen Jäger auch zu sehen. Gleichwie aber
das geborgte Fleisch und Brod viel zu teuer bezahlt worden, also ist auch der
eingenommene Schrecken desto leichter zu verschmerzen, vornehmlich weil er
 
                               Das erste Kapitel.
Simplex, der Jäger, geht etwas zu weit
Wegen der Beuten auf die linke Seit.
Der günstige Leser wird in vorhergehendem Buch verstanden haben, wie ehrgeizig
ich in Soest worden, und dass ich Ehre, Ruhm und Gunst in Handlungen suchte und
auch gefunden, die sonst bei andern wären strafwürdig gewesen. Jetzt will ich
erzählen, wie ich mich meine Torheit weiter verleiten lassen und dadurch in
stetiger Leib- uud Lebensgefahr gelebet. Ich war (wie bereits erwähnet) so
beflissen, Ehre und Ruhm zu erjagen, dass ich auch nicht davor schlafen konnte;
und wann ich so Grillen hatte und manche Nacht lag, neue Fündichen und List zu
ersinnen, hatte ich wunderliche Einfälle. Daher erfand ich eine Gattung Schuhe,
die man das Hinderst zu vorderst anziehen konnte, also dass die Absätze unter den
Zehen stunden. Deren liesse ich auf meinen Kosten bei dreissig unterschiedliche
Paar machen, und wann ich solche unter meine Bursch austeilete und damit auf
Partei ging, wars unmüglich, uns auszuspüren; dann wir trugen bald diese und
bald unsere rechte Schuhe an den Füssen und hingegen die übrige im Ranzen; und
wann jemand an einen Ort kam, da ich die Schuhe verwechseln lassen, sah es
nicht anders in der Spure, als wann zwo Parteien allda zusammenkommen, auch
miteinander wieder verschwunden wären. Behielt ich aber meine letzte Schuhe an,
so sah es, als ob ich erst hingangen wäre, wo ich schon gewesen, oder als ob
ich von dem Ort herkäme, dahin ich erst ging. So waren ohndas meine Gänge, wann
es eine Spure hatte, viel verwirrter als in einem Irrgarten, also dass es
denjenigen, die mich vermittelst der Spure hätten auskündigen oder sonst
nachjagen sollen, unmüglich gefallen wäre, mich zu kriegen und in ihr Netz zu
bringen. Ich war oft allernächst bei denen vom Gegenteil, die mich in der Fern
sollten suchen, und noch öfters etliche Meil Wegs von demjenigen Busch, den sie
jetzt umstelleten und durchstreiften, mich darin zu fangen. Und gleichwie ichs
machte mit den Parteien zu Fuss, also tät ich ihm auch, wann ich zu Pferd draussen
war; dann das war mir nichts Seltsams, dass ich an Scheid-und Kreuzwegen
unversehens absteigen und den Pferden die Eisen das Hinderst zu vörderst
aufschlagen liess. Die gemeine Vörtel aber, die man brauchet, wann man schwach
auf Partei ist und doch vor stark aus der Spure judizieret, oder wann man stark
ist und doch vor schwach gehalten werden will, waren mir so gemein, dass ich
selbige zu erzählen nicht achte. Darneben erdachte ich ein Instrument, mit
welchem ich bei Nacht, wann es windstill war, eine Trompete auf drei Stund Wegs
von mir blasen, ein Pferd auf zwo Stunden schreien oder Hunde bellen, und auf
eine Stunde weit die Menschen reden hören konnte, welche Kunst ich sehr
geheimhielt und mir damit ein Ansehen machte, weil es bei jedermann unmüglich zu
sein schien. Bei Tag aber war mir besagtes Instrument (welches ich gemeiniglich
neben einem Perspektiv im Hosensack trug) nicht so viel nutz, es wäre dann an
einem einsamen stillen Ort gewesen; dann man musste von den Pferden und dem
Rindvieh an bis auf den geringsten Vogel in der Luft oder Frosch im Wasser alles
hören, was sich in der ganzen Gegend nur regte und eine Stimme von sich gab,
welches dann nicht anderst lautete, als ob man sich (wie mitten auf einem Markt)
unter viel Menschen und Tieren befände, deren jedes sich hören lässt, da man vor
des einen Geschrei den andern nicht verstehen kann.
    Ich weiss zwar wohl, dass auf diese Stunde Leute sein, die mir dieses nicht
glauben, was ich jetzt erzählet habe; aber sie mögen es glauben oder nicht, so
ists doch die Wahrheit. Ich will einen Menschen bei Nacht, der nur so laut
redet, als seine Gewohnheit ist, an der Stimme durch ein solches Instrument
erkennen, er sei gleich so weit von mir, als ihn einer durch ein Perspektiv bei
Tag an den Kleidern erkennen mag. Ich kann aber keinen verdenken, wann er mir
nicht glaubt, was ich jetzund schreibe; dann es wollte mir keiner glauben von
denjenigen, die mit ihren Augen sahen, als ich mehr bedeut Instrument gebrauchte
und ihnen sagte: »Ich höre Reuter reiten, dann die Pferde sein beschlagen; ich
höre Bauern kommen, dann die Pferde gehen barfuss; ich höre Fuhrleute, aber es
sind nur Bauern, ich kenne sie an der Sprache; es kommen Musketierer, ungefähr
so viel, dann ich höre es am Gekläpper ihrer Bandelier; es ist ein Dorf um diese
oder jene Gegend, ich höre die Hahnen krähen, Hunde bellen etc.; dort geht eine
Herde Vieh, ich höre Schafe bleken, Kühe schreien, Schweine grunzen, und so
fortan. Meine eigene Kameraden hielten anfangs diese Reden vor Possen, Torheiten
und Aufschneiderei, und als sie im Werk befanden, dass ich jederzeit wahr sagte,
musste alles Zauberei und mir, was ich ihnen gesaget, vom Teufel und seiner
Mutter offenbaret worden sein. Also, glaube ich, wird der günstige Leser auch
gedenken. Nichtsdestoweniger bin ich dem Gegenteil hierdurch oftmals wunderlich
und sehr artlich entronnen, wann er Nachricht von mir kriegte und mich
aufzuheben kam; halte auch davor, wann ich diese Wissenschaft offenbaret hätte,
dass sie seiter sehr gemein worden wäre, weil sie denen im Krieg trefflich
zustatten käme, sonderlich in Belägerungen, da die Belägerer und Belägerte ihnen
solches zunutz machen könnten. Ich schreite aber zu meiner Histori.«
    Wann ich nicht auf Partei dorfte, so ging ich sonst aus zu stehlen, und
dann waren weder Pferde, Kühe, Schweine noch Schafe in den Ställen vor mir
sicher, welche ich auch etliche Meil Wegs holete; Rindviehe und Pferden wusste
ich Stiefeln oder Schuhe anzulegen, bis ich sie auf eine gänge Strasse brachte,
damit man sie nicht spüren konnte. Alsdann schlug ich den Pferden die Eisen
hinterst zuvörderst auf; oder wanns Küh und Ochsen waren, tät ich ihnen Schuh
an, die ich dazu gemacht hatte, und brachte sie also in Sicherheit. Die grosse
fette Schweinspersonen, die Faulheit halber bei Nacht nicht reisen mögen, wusste
ich auch meisterlich fortzubringen, wann sie schon grunzten und nicht
dranwollten; ich machte ihnen mit Mehl und Wasser einen wohlgesalzenen Brei,
liess solchen einen Baderschwamm in sich saufen, an welchen ich einen starken
Bindfaden gebunden hatte, liess nachgehends diejenige, um welche ich löffelte,
den Schwamm voll Mus fressen und behielt die Schnur in der Hand, worauf sie ohn
fernern Wortwechsel gedultig mitgiengen und mir die Zeche mit Schinken und
Würsten bezahleten; und wann ich so was heimbrachte, teilete ich sowohl den
Offizierern als meinen Kameraden getreulich mit. Dahero dorfte ich ein andermal
wieder hinaus; und da mein Diebstahl verraten oder ausgekundschaftet ward,
halfen sie mir hübsch durch. Im übrigen dünkte ich mich viel zu gut darzu sein,
dass ich die Arme bestehlen oder Hühner fangen und andere geringe Sachen hätte
mausen sollen. Dahero fieng ich an, nach und nach mit Fressen und Saufen ein
epikurisch Leben zu führen, weil ich meines Einsiedlers Lehre vergessen und
niemand hatte, der meine Jugend regierte oder auf den ich sehen dorfte; dann
meine Offizierer machten selbst mit, wann sie bei mir schmarotzten; und die mich
hätten strafen und abmahnen sollen, reizten mich vielmehr zu allen Lastern.
Davon ward ich endlich so gottlos, verwegen und verrucht, dass kein Schelmstück
in der Welt war, welches zu begehen ich mich nicht unterstehen hätte dörfen.
Zuletzt ward ich auch heimlich geneidet, zumal von meinen Kameraden, dass ich
eine glücklichere Hand zu stehlen hatte als ein anderer, von meinen Offizierern
aber, dass ich mich so toll hielt, glücklich auf Parteien handelte, und mir einen
grössern Namen und Ansehen machte, als sie selbst hatten. Ich halte auch gänzlich
davor, dass mich ein ander Teil zeitlich aufgeopfert hätte, wann ich nicht so
spendieret hätte.
 
                              Das zweite Kapitel.
Simplex, der Jäger von Soest, schafft ab
Einen, der sich vor den Jäger ausgab.
Als ich nun so fort hausete und im Werk begriffen war, mir einzige Teufelslarven
und darzu gehörige schröckliche Kleidungen mit Ross- und Ochsenfüssen machen zu
lassen, vermittelst deren ich die Feinde erschrecken, zumal auch den Freunden
als unerkannt das Ihrige zu nehmen, darzu mir dann die Begebenheit mit dem
Speckstehlen Anlass gab, bekam ich Zeitung, dass ein Kerl sich in Werle aufhielte,
welcher ein trefflicher Parteigänger sei, sich grün kleiden lassen und hin und
her auf dem Land, sonderlich aber bei unsern Kontribuenten, unter meinem Namen
mit Weiberschänden und Plünderungen allerhand Exorbitantien verübe, massen dahero
greuliche Klagen auf mich einkamen, dergestalt, dass ich übel eingebüsst hätte, da
ich nicht ausdrücklich dargetan und erwiesen, dass ich in denjenigen Zeiten, da
er ein und ander Stücklein auf mich verrichtet, mich anderswo befunden. Solches
gedachte ich ihm nicht zu schenken, viel weniger zu leiden, dass er sich länger
meines Namens bedienen, unter meiner Gestalt Beuten machen und mich dadurch so
schänden sollte. Ich liess ihn mit Wissen des Kommandanten in Soest auf einen
Degen oder paar Pistolen ins freie Feld zu Gast laden; nach dem er aber das Herz
nicht hatte zu erscheinen, liess ich mich vernehmen, dass ich mich an ihm
revanchieren wollte, und sollte es zu Werle in desselbigen Kommandanten Schoss
geschehen, als der ihn nicht drum strafe. Ja ich sagte offentlich, dass, so ich
ihn auf Partei ertappte, er als ein Feind von mir traktiert werden sollte! Das
machte, dass ich meine Larven liegen liess, mit denen ich ein Grosses anzustellen
vorhatte, sondern auch mein ganz grünes Kleid in kleine Stücken zerhackte und in
Soest vor meinem Quartier offentlich verbrannte, unangesehen allein meine
Kleider ohn Federn und Pferdgezeug über die 100 Dukaten wert waren. Ja ich
fluchte in solcher Wut noch drüber hin, dass der nächste, der mich mehr einen
Jäger nenne, entweder mich ermorden oder von meinen Händen sterben müsse, und
sollte es auch meinen Hals kosten! Wollte auch keine Partei mehr führen (so ich
ohndas nicht schuldig, weil ich noch kein Offizier war), ich hätte mich dann
zuvor an meinem Widerpart zu Werle gerochen. Also hielt ich mich ein und tät
nichts Soldatisches mehr, als dass ich meine Wacht versah, ich wäre dann
absonderlich irgendshin kommandieret worden, welches [ich] jedoch alles wie ein
anderer Bärnhäuter sehr schläferig verrichtete. Dies erscholl gar bald in der
Nachbarschaft und wurden die Parteien vom Gegenteil so kühn und sicher davon,
dass sie schier täglich vor unsern Schlagbäumen lagen, so ich in die Länge auch
nicht ertragen konnte. Was mir aber gar zu unleidlich fiel, war, dass der Jäger
von Werle noch immerzu fortfuhr, sich vor mich auszugeben und ziemliche Beute in
meinem Namen zu machen.
    Indessen nun, als jedermann vermeinte, ich hätte mich auf eine Bärnhaut
schlafen gelegt, von deren ich so bald nicht wieder aufstehen würde, kündigte
ich meines Gegenteils von Werle Tun und Lassen aus und befand, dass er mir nicht
nur mit dem Namen und in den Kleidern nachäffte, sondern auch bei Nacht heimlich
zu stehlen pflegte, wann er etwas erhaschen kunnte; derhalben erwachte ich
wieder unversehens und machte meinen Anschlag darauf. Meine beiden Knechte hatte
ich nach und nach abgerichtet wie die Wachtelhunde; so waren sie mir auch
dermassen getreu, dass jeder auf den Notfall für mich durch ein Feur geloffen
wäre, weil sie ihr gut Fressen und Saufen bei mir hatten und treffliche Beuten
machten. Deren schickte ich einen nach Werle zu meinem Gegenteil; der wande vor,
weil ich, als sein gewesener Herr, nunmehr anfienge zu leben wie ein Schlingel
und ander Kujon und verschworen hätte, nimmermehr auf Partei zu gehen, so hätte
er nicht mehr bei mir bleiben mögen, sondern sei kommen ihm zu dienen, weil er
anstatt seines Herrn ein Jägerkleid angenommen und sich wie ein rechtschaffener
Soldat gebrauchen lasse. Er wisse alle Wege und Stege im Lande und könnte ihm
manchen Anschlag geben, gute Beuten zu machen etc. Mein guter einfältiger Narr
glaubte meinem Knecht und liess sich bereden, dass er ihn annahm und auf eine
bestimmte Nacht mit seinem Kameraden und ihm auf eine Schäferei ging, etliche
fette Hammel zu holen, da ich und Springinsfeld mit einem andern Knecht schon
aufpassten und den Schäfer bestochen hatten, dass er seine Hunde anbinden und die
Ankömmlinge in die Scheure unverhindert minieren lassen sollte, so wollte ich
ihnen das Hammelfleisch schon gesegnen. Da sie nun ein Loch durch die Wand
gemachet hatten, wollte der Jäger von Werle haben, mein Knecht sollte gleich zum
ersten hineinschliefen. Er aber sagte: »Nein, es möchte jemand darin aufpassen
und mir eins vorn Kopf geben; ich sehe wohl, dass Ihr nicht recht mausen könnet,
man muss zuvor visitieren«; zog darauf seinen Degen aus und hieng seinen Hut an
die Spitze, stiess ihn also etlichemal durchs Loch und sagte: »So muss man zuvor
sehen, ob Bläsi zu Haus sei oder nicht.« Als solches geschehen, war der Jäger
von Werle selbst der erste, so hineinkroch. Aber Springinsfeld erwischte ihn
gleich beim Arm, darin er seinen Degen hatte, und fragte ihn, ob er Quartier
wollte. Das hörete sein Geselle und wollte durchgehen; weil ich aber nicht
wusste, welches der Jäger, und geschwinder als dieser auf den Füssen war, eilete
ich ihm nach und ertappte ihn in wenig Sprüngen. Ich fragte: »Was Volks?« Er
antwortete: »kaiserisch!« Ich fragte: »Was Regiments? Ich bin auch kaiserisch,
ein Schelm, der seinen Herrn verleugnet!« Jener antwortete: »Wir sein von den
Dragonern aus Soest und kommen, ein paar Hämmel zu holen; Bruder, ich hoffe,
wann Ihr auch kaiserisch seid, Ihr werdet uns passieren lassen.« Ich antwortete:
»Wer seid Ihr dann aus Soest?« Jener antwortete: »Mein Kamerad im Stall ist der
Jäger.« »Schelmen seid ihr!« sagte ich; »warum plündert ihr dann euer eigen
Quartier? Der Jäger von Soest ist so kein Narr, dass er sich in einem Schafstall
fangen lässet.« - »Ach, von Werle wollt ich sagen«, antwortete mir jener
wiederum; und indem ich so disputierte, kam mein Knecht und Springinsfeld mit
meinem Gegenteil auch daher. »Siehe da, du ehrlicher Vogel,« sagte ich zu ihm,
»kommen wir hier zusammen? wann ich die kaiserliche Waffen, die du wider den
Feind zu tragen aufgenommen hast, nicht respektierte, so wollte ich dir gleich
eine Kugel durch den Kopf jagen! Ich bin der Jäger von Soest bis dahero gewesen,
und dich halte ich vor einen Schelmen, bis du einen von gegenwärtigen Degen zu
dir nimmst und den andern auf Soldatenmanier mit mir missest!« Indem legte mein
Knecht (der, sowohl als Springinsfeld, ein abscheuliches Teufelskleid mit grossen
Bockshörnern anhatte) uns zween gleiche Degen vor die Füsse, die ich mit aus
Soest genommen hatte, und gab dem Jäger von Werle die Wahl, einen davon zu
nehmen, welchen er wollte, davon der arme Jäger so erschrak, dass es ihm ging
wie mir zu Hanau, da ich den Tanz verderbte. Dann er hofierte die Hosen so voll,
dass schier niemand bei ihm bleiben konnte: er und sein Kamerad zitterten wie
nasse Hunde, sie fielen nieder auf die Kniee und baten um Gnade! Aber
Springinsfeld kollerte wie aus einem hohlen Hafen heraus und sagte zum Jäger:
»Du musst einmal raufen, oder ich will dir den Hals brechen!« - »Ach hochgeehrter
Herr Teufel,« antwortete er hingegen, »ich bin nicht Raufens halber herkommen;
der Herr Teufel überhebe mich dessen, so will ich hingegen tun, was du willt.«
In solchen verwirrten Reden gab ihm mein Knecht den einen Degen in die Hand und
mir den andern; er zitterte aber so sehr, dass er ihn nicht halten konnte. Der
Mond schien sehr hell, so dass der Schäfer und sein Gesinde alles aus ihrer
Hütten sehen und hören konnten. Ich rufte demselben, herbeizukommen, damit ich
einen Zeugen dieses Handels hätte. Dieser, als er kam, stellete sich, als ob er
die zween in den Teufelskleidern nicht sähe, und sagte, was ich mit diesen
Kerlen lang in seiner Schäferei zu zanken; wann ich etwas mit ihnen hätte,
sollte ichs an einem andern Ort ausmachen, unsere Händel giengen ihn nichts an;
er gebe monatlich seine Konterbission, hoffte darum bei seiner Schäferei in Ruhe
zu leben. Zu jenen zweien aber sagte er, warum sie sich nur so von mir geheien
liessen und mich nicht niederschlügen. Ich sagte: »Du Flegel, sie haben dir deine
Schafe wollen stehlen.« Der Baur antwortete: »So wollte ich, dass sie mich und
meine Schafe müssten im Hindern lecken«, und ging damit hinweg. Hierauf drang
ich wieder auf das Fechten; mein armer Jäger aber konnte schier nicht mehr vor
Forcht auf den Füssen stehen, also dass er mich daurete; ja, er und sein Kamerad
brachten so bewegliche Worte vor, dass ich ihm endlich alles verziehe und vergab.
Aber Springinsfeld war damit nicht zufrieden, sondern zwang den Jäger, dass er
drei Schafe (dann so viel hatten sie stehlen wollen) musste im Hindern küssen,
und zerkratzte ihm noch dazu so abscheulich im Gesicht, dass er aussah, als ob
er mit den Katzen gefressen hätte, mit welcher schlechten Sache ich zufrieden
war. Aber der Jäger verschwand bald aus Werle, weil er sich viel zu sehr
schämte; dann sein Kamerad sprengte allerorten aus und beteuret es mit heftigen
Flüchen, dass ich wahrhaftig zween leibhaftiger Teufel hätte, die mir auf den
Dienst warteten, darum ich noch mehr geförchtet, hingegen aber desto weniger
geliebt ward.
 
                              Das dritte Kapitel.
Simplex bekommt den Gott Jovem gefangen,
Höret der Götter Ratschlag mit Verlangen.
Solches ward ich bald gewahr; derhalben stellete ich mein vorig gottlos Leben
allerdings ab und befliss mich allein der Tugend mit Frömmigkeit. Ich ging zwar
wie zuvor wieder auf Partei, erzeigte mich aber gegen Freunden und Feinden so
leutselig und diskret, dass alle diejenige, so mir unter die Hände kamen, ein
anders glaubten, als sie von mir gehört hatten; überdas hielt ich auch inn mit
den überflüssigen Verschwendungen und sammlete mir viel schöne Dukaten und
Kleinodien, welche ich hin und wieder in der Soestischen Börde auf dem Land in
hohle Bäume verbarg, weil mir solches die bekannte Wahrsagerin zu Soest riet und
mich versicherte, dass ich mehr Feinde in derselben Stadt und unter meinem
Regiment als ausserhalb und in den feindlichen Garnisonen hätte, die mir und
meinem Geld nachstelleten. Und indem man hin und her Zeitung hatte, dass der
Jäger ausgerissen wäre, sass ich denen, die sich damit kützelten, wieder
unversehens auf der Haube; und eh ein Ort recht erfuhr, dass ich an einem andern
Schaden getan, empfand dasselbige schon, dass ich noch vorhanden war; dann ich
fuhr herum wie eine Windsbraut, war bald hie, bald dort, also dass man mehr von
mir zu sagen wusste als zuvor, da sich noch einer vor mich ausgab.
    Ich sass einsmals mit 25 Feurröhren nicht weit von Dorsten und passte einer
Konvoi mit etlichen Fuhrleuten mit sonderlicher Verschlagenheit auf, die nach
Dorsten kommen sollte. Ich hielt meiner Gewohnheit nach selbst Schildwacht, weil
wir dem Feind nahe waren. Da kam ein einziger Mann daher, fein ehrbar gekleidet;
der redte mit ihm selbst und hatte mit seinem Meerrohr, das er in Händen trug,
ein seltsam Gefechte. Ich konnte nichts anders verstehen, als dass er sagte: »Ich
will einmal die Welt strafen, es wolle mirs dann das grosse Numen nicht
zugeben!«, woraus ich mutmassete, es möchte etwan ein mächtiger Fürst sein, der
so verkleidterweise herumgienge, seiner Untertanen Leben und Sitten zu
erkündigen, und sich nun vorgenommen hätte, solche (weil er sie vielleicht nicht
nach seinem Willen gefunden) gebührend zu strafen. Ich gedachte: »Ist dieser
Mann vom Feind, so setzt es eine gute Ranzion; wo nicht, so wiltu ihn so höflich
traktieren und ihm dadurch das Herz dermassen abstehlen, dass es dir künftig dein
Lebtag wohl bekommen soll«, sprang derhalben hervor, präsentierte mein Gewehr
mit aufgezogenem Hahn und sagte: »Der Herr wird ihm belieben lassen, vor mir hin
in Busch zu gehen, wofern er nicht als ein Feind will traktiert sein.« Er
antwortete sehr ernstaftig: »Solcher Traktation ist meinesgleichen nicht
gewohnt.« Ich aber tummelte ihn höflich fort und sagte: »Der Herr wird ihm nicht
zuwider sein lassen, sich vor diesmal in die Zeit zu schicken!« Und als ich ihn
in den Busch zu meinen Leuten gebracht und die Schildwachten wieder besetzt
hatte, fragte ich ihn, wer er sei. Er antwortete gar grossmütig, es würde mir
wenig daran gelegen sein, wannschon ich es wüsste; er sei doch ein grosser Gott.
Ich gedachte, er möchte mich vielleicht kennen und etwan ein Edelmann von Soest
sein und so sagen, mich zu hetzen, weil man die Soester mit dem grossen Gott und
seinem göldenen Fürtuch zu vexieren pfleget, ward aber bald innen, dass ich
anstatt eines Fürsten einen Erzphantasten gefangen hätte, der sich überstudieret
und sonderlich in der Poeterei gewaltig verstiegen; dann da er bei mir ein wenig
erwarmete, gab er sich vor den Gott Jupiter aus.
    Ich wünschte zwar, dass ich diesen Fang nicht getan; weil ich den Narrn aber
hatte, musste ich ihn wohl behalten, bis wir von dannen rückten, und demnach mir
die Zeit ohndas ziemlich lang ward, gedachte ich, diesen Kerl zu stimmen und mir
seine Gaben zunutz zu machen, sagte derowegen zu ihm: »Nun dann, mein lieber
Jove, wie kommt es doch, dass deine hohe Gotteit ihren himmlischen Tron
verlässet und zu uns auf Erden steiget? Vergib mir, o Jupiter, meine Frage, die
du vor fürwitzig halten möchtest; dann wir seind den himmlischen Göttern auch
verwandt und eitel Sylvani, von den Faunis und Nymphis geboren, denen diese
Heimlichkeit billig unverborgen sein solle.« - »Ich schwöre dir beim Styx,«
antwortete Jupiter, »dass du hiervon nichts erfahren solltest, wann du meinem
Mundschenken Ganymede nicht so ähnlich sähest, und wannschon du Pans eigener
Sohn wärest; aber von seinetwegen kommuniziere ich dir, dass ein gross Geschrei
über der Welt Laster zu mir durch die Wolken gedrungen, darüber in aller Götter
Rat beschlossen worden, ich könnte mit Billigkeit wie zu Lykaons Zeiten den
Erdboden wieder mit Wasser austilgen. Weil ich aber dem menschlichen Geschlecht
mit sonderbarer Gunst gewogen bin und ohndas allezeit lieber die Güte als eine
strenge Verfahrung brauche, vagiere und terminiere ich jetzt herum, der Menschen
Tun und Lassen selbst zu erkündigen; und obwohl ich alles ärger finde, als mirs
vorkommen, so bin ich doch nicht gesinnt, alle Menschen zugleich und ohn
Unterscheid auszureuten, sondern nur diejenige zu strafen, die zu strafen sind,
und hernach die übrige nach meinem Willen zu ziehen.«
    Ich musste zwar lachen, verbiss es doch, so gut ich konnte, und sagte: »Ach
Jupiter! deine Mühe und Arbeit wird besorglich allerdings umsonst sein, wann du
nicht wieder, wie vor diesem, die Welt mit Wasser oder gar mit Feur heimsuchest.
Dann schickest du einen Krieg, so laufen alle böse verwegene Buben mit, welche
die friedliebende fromme Menschen nur quälen werden; schickest du eine Teurung,
so ists eine erwünschte Sache vor die Wucherer, weil alsdann denselben ihr Korn
viel gilt; schickest du aber ein Sterben, so haben die Geizhälze und alle übrige
Menschen ein gewonnen Spiel, indem sie hernach viel erben; wirst derhalben die
ganze Welt mit Butzen und Stiel ausrotten müssen, wann du anderst strafen
willt.«
 
                              Das vierte Kapitel.
Simplex hört Jovem vom teutschen Held sagen,
Der die Welt zwingen werd und Fried erjagen.
Jupiter antwortete: »Du redest von der Sache wie ein natürlicher Mensch, als ob
du nicht wüsstest, dass uns Göttern müglich sei, etwas anzustellen, dass nur die
Bösen gestraft und die Guten erhalten werden. Ich will einen teutschen Helden
erwecken, der soll alles mit der Schärfe des Schwerts vollenden; er wird alle
verruchte Menschen umbringen und die fromme erhalten und erhöhen.« Ich sagte:
»So muss ja ein solcher Held auch Soldaten haben, und wo man Soldaten braucht, da
ist auch Krieg, und wo Krieg ist, da muss der Unschuldige sowohl als der
Schuldige herhalten!« - »Seid ihr irdische Götter dann auch gesinnt wie die
irdische Menschen,« sagte Jupiter hierauf, »dass ihr so gar nichts verstehen
könnet? Ich will einen solchen Helden schicken, der keinen Soldaten bedarf und
doch die ganze Welt reformieren soll; in seiner Geburtstunde will ich ihm
verleihen einen wohlgestalten und stärkern Leib, als Herkules einen hatte, mit
Fürsichtigkeit, Weisheit und Verstand überflüssig geziert; hier soll ihm Venus
geben ein schön Angesicht, also dass er auch Narcissum, Adonidem und meinen
Ganymedem selbst übertreffen solle; sie soll ihm zu allen seinen Tugenden eine
sonderbare Zierlichkeit, Aufsehen und Anmütigkeit vorstrecken und dahero ihn bei
aller Welt beliebt machen, weil ich sie eben der Ursachen halber in seiner
Nativität desto freundlicher anblicken werde. Mercurius aber soll ihn mit
unvergleichlich sinnreicher Vernunft begaben, und der unbeständige Mond soll ihm
nicht schädlich, sondern nützlich sein, weil er ihm eine unglaubliche
Geschwindigkeit einpflanzen wird. Die Pallas soll ihn auf dem Parnasso
auferziehen, und Vulcanus soll ihm in hora Martis seine Waffen, sonderlich aber
ein Schwert schmieden, mit welchem er die ganze Welt bezwingen und alle
Gottlosen niedermachen wird ohne fernere Hülfe eines einzigen Menschen, der ihm
etwan als ein Soldat beistehen möchte: er soll keines Beistandes bedörfen. Eine
jede grosse Stadt soll von seiner Gegenwart erzittern, und eine jede Festung, die
sonst unüberwindlich ist, wird er in der ersten Viertelstunde in seinem Gehorsam
haben und unter sein Joch bringen; zuletzt wird er den grössten Potentaten in der
Welt befehlen und die Regierung über Meer und Erden so löblich anstellen, dass
beides, Götter und Menschen, ein Wohlgefallen darob haben sollen.«
    Ich sagte: »Wie kann die Niedermachung aller Gottlosen ohn Blutvergiessen und
das Kommando über die ganze weite Welt ohn sonderbare grosse Gewalt und starken
Arm beschehen und zuwegengebracht werden? O Jupiter, ich bekenne dir
unverhohlen, dass ich diese Dinge weniger als ein sterblicher Mensch begreifen
kann!« Jupiter antwortete: »Das gibt mich nicht Wunder, weil du nicht weisst, was
meines Helden Schwert vor eine seltene Kraft an sich haben wird. Vulcanus wirds
aus denen Materialien verfertigen, daraus er mir meine Donnerkeil machet, und
dessen Tugenden dahin richten, dass mein grossmütiger teutscher Held, wann er
solches entblösset und nur einen Streich damit in die Luft tut, einer ganzen
Armada, wanngleich sie hinter einem Berg eine ganze Schweizer Meil Wegs weit von
ihm stünde, auf einmal die Köpfe herunterhauen kann, also dass die arme Teufel
ohn Köpfe daliegen müssen, ehe sie einmal wissen, wie ihnen geschehen! Wann er
dann nun seinem Lauf den Anfang machet und vor eine Stadt oder Festung kommt, so
wird er des Tamerlanis Manier brauchen und zum Zeichen, dass er Friedens halber
und zu Beförderung aller Wohlfahrt vorhanden sei, ein weisses Fähnlein
aufstecken. Kommen sie dann zu ihm heraus und bequemen sich, wohl gut; wo nicht,
so wird er von Leder ziehen und durch Kraft mehrgedachten Schwerts allen
Zauberern und Zauberinnen, so in der ganzen Stadt sein, die Köpfe herunterhauen
und ein rotes Fähnlein aufstecken; wird sich aber dannoch niemand einstellen, so
wird er alle Mörder, Wucherer, Diebe, Schelmen, Ehebrecher, Huren und Buben auf
die vorige Manier umbbringen und ein schwarzes Fähnlein sehen lassen. Wofern
aber nicht so bald diejenige, so noch in der Stadt übrigblieben, zu ihm kommen
und sich demütig einstellen, so wird er die ganze Stadt und ihre Inwohner als
ein halsstarrig und ungehorsam Volk ausrotten wollen, wird aber nur diejenige
hinrichten, die den andern abgewehrt haben und eine Ursache gewesen, dass sich
das Volk nicht eh ergeben. Also wird er von einer Stadt zur andern ziehen, einer
jeden Stadt ihr Teil Landes, um sie her gelegen, im Frieden zu regieren
übergeben und von jeder Stadt durch ganz Teutschland zween von den klügsten und
gelehrtesten Männern zu sich nehmen, aus denselben ein Parlament machen, die
Städte miteinander auf ewig vereinigen, die Leibeigenschaften samt allen Zöllen,
Akzisen, Zinsen, Gülten und Umgelten durch ganz Teutschland aufheben und solche
Anstalten machen, dass man von keinem Fronen, Wachen, Kontribuieren, Geld geben,
Kriegen, noch einziger Beschwerung beim Volk mehr wissen, sondern viel seliger
als in den Elysischen Feldern leben wird. Alsdann (sagte Jupiter ferner) werde
ich oftmals den ganzen Chorum Deorum nehmen und herunter zu den Teutschen
steigen, mich unter ihren Weinstöcken und Feigenbäumen zu ergötzen; da werde ich
den Helikon mitten in ihre Grenzen setzen und die Musen von neuem darauf
pflanzen; die drei Grazien sollen meinen Teutschen viel 1000 Lustbarkeiten
erwecken. Ich werde Teutschland höher segnen mit allem Überfluss als das
glückselige Arabiam, Mesopotamiam und die Gegend um Damasco. Die griechische
Sprache werde ich alsdann verschwören und nur Teutsch reden, und mit einem Wort
mich so gut teutsch erzeigen, dass ich ihnen auch endlich, wie vor diesem den
Römern, die Beherrschung über die ganze Welt werde ankommen lassen.« Ich sagte:
»Höchster Jupiter, was werden aber Fürsten und Herren darzu sagen, wann sich der
künftige Held unterstehet, ihnen das Ihrige so unrechtmässiger Weis abzunehmen
und den Städten zu unterwerfen? Werden sie sich nicht mit Gewalt widersetzen
oder wenigst vor Göttern und Menschen darwider protestieren?« Jupiter
antwortete: »Hierum wird sich der Held wenig bekümmern! Er wird alle Grosse in
drei Teile unterscheiden und diejenige, so unexemplarisch und verrucht leben,
gleich den Gemeinen strafen, weil seinem Schwert keine irdische Gewalt
widerstehen mag; denen übrigen aber wird er die Wahl geben, im Land zu bleiben
oder nicht. Was bleibet und sein Vatterland liebt, die werden leben müssen wie
andere gemeine Leute; aber das Privatleben der Teutschen wird alsdann viel
vergnügsamer und glückseliger sein als jetzund das Leben und der Stand eines
Königs, und die Teutsche werden alsdann lauter Fabricii sein, welcher mit dem
König Pyrrho sein Königreich nicht teilen wollte, weil er sein Vatterland neben
Ehre und Tugend so hoch liebte; und das sein die andern. Die dritte aber, die ja
Herrn bleiben und immerzu herrschen wollen, wird er durch Ungarn und Italien in
die Moldau, Walachei, in Macedoniam, Traciam, Gräciam, ja über den Hellespontum
in Asiam hineinführen, ihnen dieselbe Länder gewinnen, alle Kriegsgurgeln in
ganz Teutschland mitgeben und sie alldort zu lauter Königen machen. Alsdann wird
er Konstantinopel in einem Tag einnehmen und allen Türken, die sich nicht
bekehren oder gehorsamen werden, die Köpfe vor den Hindern legen; daselbst wird
er das römische Kaisertum wieder aufrichten und sich wieder in Teutschland
begeben und mit seinen Parlamentsherren (welche er, wie ich schon gesagt habe,
aus allen teutschen Städten paarweis sammlen und die Vorsteher und Vätter seines
teutschen Vatterlandes nennen wird) eine Stadt mitten in Teutschland bauen,
welche viel grösser sein wird als Manoah in Amerika und goldreicher, als
Jerusalem zu Salomons Zeiten gewesen, deren Wälle sich dem tirolischen Gebürg
und ihre Wassergräben der Breite des Meers zwischen Hispania und Afrika
vergleichen soll. Er wird einen Tempel hineinbauen von lauter Diamanten,
Rubinen, Smaragden und Saphiren; und in der Kunstkammer, die er aufrichten wird,
werden sich alle Raritäten in der ganzen Welt versammlen von den reichen
Geschenken, die ihm die Könige in China, in Persia, der grosse Mogol in den
orientalischen Indien, der grosse Tartar Cham, Priester Johann in Afrika und der
grosse Zar in der Moskau schicken. Der türkische Kaiser würde sich noch fleissiger
einstellen, wofern ihm bemeldter Held sein Kaisertum nicht genommen und solches
dem römischen Kaiser zu Lehen gegeben hätte.«
    Ich fragte meinen Jovem, was dann die christlichen Könige bei der Sach tun
und ausrichten würden. Er antwortete: »Der in Engelland, Schweden und Dennemark
werden, weil sie teutschen Geblüts und Herkommens, der in Hispania, Frankreich
und Portugal aber, weil die alte Teutschen selbige Länder hiebevor auch
eingenommen und regieret haben, ihre Kronen, Königreiche und inkorporierte
Länder von der teutschen Nation aus freien Stücken zu Lehen empfahen; und
alsdann wird wie zu Augusti Zeiten ein ewiger beständiger Friede zwischen allen
Völkern in der ganzen Welt sein.«
 
                              Das fünfte Kapitel.
Simplex vernimmt, wie der teutsche Held werde
Alle Religion schlichten auf Erde.
Springinsfeld, der uns auch zuhörete, hätte den Jupiter schier unwillig gemacht
und den Handel beinahe verderbet, weil er sagte: »Und alsdann wirds in
Teutschland hergehen wie im Schlauraffenland, da es lauter Muskateller regnet
und die Kreuzerpastetlein über Nacht wie die Pfifferlinge wachsen! Da werde ich
mit beiden Backen fressen müssen wie ein Drescher und Malvasier saufen, dass mir
die Augen übergehen.« - »Ja freilich!« antwortete Jupiter: »vornehmlich wann ich
dir die Plage Erysichtonis anhängen würde, weil du, wie mich dünken will, meine
Hoheit verspottest.« Zu mir aber sagte er: »Ich habe vermeint, ich sei bei
lauter Sylvanis; so sehe ich aber wohl, dass ich den neidigen Momum oder Zoilum
angetroffen habe. Ja man sollte solchen Verrätern das, was der Himmel
beschlossen, offenbaren und so edle Perlen vor die Säue werfen! ja freilich! auf
den Buckel geschissen vor ein Brusttuch!« Ich gedachte: »Dies ist mir wohl ein
visierlicher und unflätiger Abgott, weil er neben so hohen Dingen auch mit so
weicher Materi umgehet.« Ich sah wohl, dass er nicht gern hatte, dass man lachte,
verbiss es derowegen so gut, als ich immer konnte, und sagte zu ihm:
»Allergütigster Jove, du wirst ja eines groben Waldgotts Unbescheidenheit halber
deinem andern Ganymede nicht verhalten, wie es weiter in Teutschland hergehen
wird.« - »O nein!« antwortete er, »aber befiehle zuvor diesem Teoni, dass er
seine Hipponacis-Zunge fürderhin im Zaum halten solle, eh ich ihn (wie Mercurius
den Battum) in einen Stein verwandele. Du selbst aber gestehe mir, dass du mein
Ganymedes seist, und ob dich nicht mein eifersichtige Juno in meiner Abwesenheit
aus dem himmlischen Reich gejaget habe.« Ich versprach, ihm alles zu erzählen,
da ich zuvor würde gehört haben, was ich zu wissen verlange. Darauf sagte er:
»Lieber Ganymede (leugne nur nicht mehr, dann ich sehe wohl, dass du es bist), es
wird alsdann in Teutschland das Goldmachen so gewiss und so gemein werden als das
Hafnerhandwerk, also dass schier ein jeder Rossbub den lapidem phliosophorum wird
umschleppen!« Ich fragte: »Wie wird aber Teutschland bei so unterschiedlichen
Religionen einen so langwierigen Frieden haben können? Werden so
unterschiedliche Pfaffen nicht die Ihrige hetzen und wegen ihres Glaubens
wiederum einen neuen Krieg über den andern anspinnen?« - »O nein!« sagte
Jupiter, »mein Held wird dieser Sorge weislich vorkommen und vor allen Dingen
alle christliche Religionen in der ganzen Welt miteinander vereinigen.« Ich
sagte: »O Wunder, das wäre ein gross, rares und recht vortreffliches Werk! Wie
müsste das zugehen?« Jupiter antwortete: »Das will ich dir herzlich gern
offenbaren. Nachdem mein Held den Universalfrieden der ganzen Welt verschafft,
wird er die geist- und weltliche Vorsteher und Häupter der christlichen Völker
und unterschiedlichen Kirchen mit einer sehr beweglichen Sermon anreden und
ihnen die bisherige hochschädliche Spaltungen in den Glaubenssachen trefflich zu
Gemüt führen, sie auch durch hoch vernünftige Gründe und unwidertreibliche
Argumenta dahinbringen, dass sie von sich selbst eine allgemeine Vereinigung
wünschen und ihm das ganze Werk seiner hohen Vernunft nach zu dirigiern
übergeben werden. Alsdann wird er die allergeistreichste, gelehrteste und
frömmste Teologos von allen Orten und Enden her aus allen Religionen
zusammenbringen und ihnen einen Ort, wie vor diesem Ptolomäus Philadelphus den
72 Dolmetschern getan, in einer lustigen, doch stillen Gegend, da man wichtigen
Sachen ungehindert nachsinnen kann, zurichten lassen, sie daselbst mit Speise
und Trank, auch aller anderer Notwendigkeit versehen und ihnen auflegen, dass
sie, sobald immer müglich und jedoch mit der allerreifsten und fleissigsten
Wohlerwägung, die Strittigkeiten, so sich zwischen ihren Religionen entalten,
erstlich beilegen und nachgehends mit rechter Einhelligkeit die rechte, wahre,
heilige und christliche Religion, der Hl. Schrift, der uralten Tradition und der
probierten Hl. Vätter Meinung gemäss schriftlich verfassen sollen. Um dieselbige
Zeit wird sich Pluto gewaltig hintern Ohren kratzen, weil er alsdann die
Schmälerung seines Reichs besorgen wird; ja, er wird allerlei Fünd, Ränk,
Bosheit und List erdenken, ein Que dareinzumachen und die Sache, wo nicht gar zu
hintertreiben, jedoch solche ad infinitum oder indefinitum zu bringen, sich
gewaltig bemühen. Er wird sich unterstehen, einem jeden Teologo sein Interesse,
seinen Stand, sein geruhig Leben, sein Weib und Kinder, sein Ansehen und je so
etwas, das ihm seine Opinion zu behaupten einraten möchte, vorzumalen. Aber mein
tapferer Held wird auch nicht feiern; er wird, solang dieses Concilium währet,
in der ganzen Christenheit alle Glocken läuten und damit das christliche Volk
zum Gebet an das höchste Numen unablässig anmahnen und um Sendung des Geistes
der Wahrheit bitten lassen. Wann er aber merken würde, dass sich einer oder ander
von Plutone einnehmen lässt, so wird er die ganze Kongregation wie in einem
Konklave mit Hunger quälen: und wann sie noch nicht daran wollen, ein so hohes
Werk zu befördern, so wird er ihnen allen vom Hängen predigen oder ihnen sein
wunderbarlich Schwert weisen und sie also erstlich mit Güte, endlich mit Ernst,
Erschrecken und Bedrohungen dahin bringen, dass sie ad rem schreiten und mit
ihren halsstarrigen falschen Meinungen die Welt nicht mehr wie vor alters
foppen. Nach erlangter Einigkeit wird er ein gross Jubelfest anstellen und der
ganzen Welt diese geläuterte Religion publizieren; und welcher alsdann darwider
glaubt, den wird er mit Schwefel und Pech martyrisieren oder einen solchen
Ketzer mit Buchsbaum bestecken und dem Plutoni zum Neuen Jahr schenken. Jetzt
weisst du, lieber Ganymede, alles, was du zu wissen begehret hast; nun sage mir
aber auch, was die Ursache ist, dass du den Himmel verlassen, in welchem du mir
so manchen köstlichen und vortrefflichen Trunk Nektar eingeschenkt hast.«
 
                              Das sechste Kapitel.
Simplex hört weiter von Jove erdicht,
Was die Flöh haben bei ihm ausgericht.
Ich gedachte bei mir selbst: Der Kerl dörfte vielleicht kein Narr sein, wie er
sich stellet, sondern mirs kochen, wie ichs zu Hanau gemacht, um desto besser
von uns durchzukommen; gedachte ihn derowegen mit dem Zorn zu probieren, weil
man einen Narrn am besten bei solchem erkennet, und sagte: »Die Ursache, dass ich
aus dem Himmel kommen, ist, dass ich dich selbst darin mangelte, nahm derowegen
des Dädali Flügel und flog auf Erden, dich zu suchen. Wo ich aber nach dir
fragte, fand ich, dass man dir aller Orten und Enden ein schlechtes Lob verliehe,
dann Zoilus und Moscus haben dich und alle andere Götter in der ganzen weiten
Welt vor so verrucht, leichtfertig und stinkend ausgeschrieen, dass ihr bei den
Menschen allen Kredit verloren. Du selbst, sagen sie, seist ein filzlausiger
ehebrecherischer Hurenhengst. Mit was vor Billigkeit du dann die Welt wegen
solcher Laster strafen mögest? Vulcanus sei ein gedultiger Hahnrei und habe den
Ehebruch Martis ohn sonderbare namhafte Rache müssen hingehen lassen; was der
hinkende Gauch dann vor Waffen werde schmieden können? Venus sei selber die
verhassteste Vettel von der Welt wegen ihrer Unkeuschheit; was sie dann vor Gnade
und Gunst einem andern werde mitteilen können? Mars sei ein Mörder und Rauber,
Apollo ein unverschämter Hurenjäger, Mercurius ein unnützer Plauderer, Dieb und
Kuppler, Priapus ein Unflat, Hercules ein hirnschelliger Wüterich, und kurzab,
die ganze Schar der Götter sei so verrucht und leichtfertig, dass man sie sonst
nirgendshin als in des Augei Stall logieren sollte, welcher ohndas durch die
ganze Welt stinkt.« - »Ach!« sagte Jupiter, »wär es ein Wunder, wann ich meine
Güte beiseitsetzte und diese heillose Ehrendiebe und Gott schändende Verleumder
mit Donner und Blitz verfolgte? Was dünket dich, mein getreuer und allerliebster
Ganymede? Soll ich diese Schwätzer mit ewigem Durst plagen wie den Tantalum?
oder soll ich sie neben dem mutwilligen Plauderer Daphitas auf dem Berg Terace
aufhängen lassen? oder sie mit Anaxarcho in einem Mörsel zerstossen? oder soll
ich sie zu Agrigento in Phalaris' glühenden Ochsen stecken? Nein, nein!
Ganymede! diese Strafen und Plagen sind alle miteinander viel zu gering. Ich
will der Pandorae Büchse von neuem füllen und selbe den Schelmen auf ihre
heillose Köpfe ausleeren lassen; die Nemesis soll die Alecto, Megaera und
Tesiphone erwecken und ihnen über den Hals schicken, und Hercules soll den
Cerberum vom Pluto entlehnen und diese böse Buben damit hetzen wie die Wölfe.
Wann ich sie dann dergestalt genugsam gejaget, gepeiniget und geplaget haben
werde, so will ich sie erst neben den Hesiodum und Homerum in das höllische Haus
an eine Säule binden und sie durch die Eumenides ohn einzige Erbarmung ewiglich
abstrafen lassen.« Indem Jupiter so drohete, zog er in Gegenwart meiner und der
ganzen Partei die Hosen herunter ohn einzige Scham und stöberte die Flöhe
daraus, welche ihn, wie man an seiner sprenklichten Haut wohl sah, schröcklich
tribuliert hatten. Ich konnte mir nicht einbilden, was es abgeben sollte, bis er
sagte: »Schert euch fort, ihr kleine Schinder! Ich schwöre euch beim Styx, dass
ihr in Ewigkeit nicht erhalten sollet, was ihr so sorgfältig sollizitiert!« Ich
fragte ihn, was er mit solchen Worten meine? Er antwortete, dass das Geschlecht
der Flöhe, als sie vernommen, dass er auf Erden kommen sei, ihre Gesandten zu ihm
geschickt hätten, ihn zu komplimentieren. Diese hätten ihm darneben angebracht,
obzwar er ihnen die Hundshäute zu bewohnen assigniert, dass dannoch zuzeiten
wegen etlicher Eigenschaften, welche die Weiber an sich hätten, teils aus ihnen
sich verirreten und den Weibern in die Pelze gerieten; solche verirrete arme
Tropfen aber würden von den Weibern übel traktieret, gefangen und nicht allein
ermordet, sondern auch zuvor zwischen ihren Fingern so elendiglich gemartert und
zerrieben, dass es einen Stein erbarmen möchte. »Ja,« sagte Jupiter ferner, »sie
brachten mir die Sache so beweglich und erbärmlich vor, dass ich Mitleiden mit
ihnen haben musste und also ihnen Hülfe zusagte, jedoch mit Vorbehalt, dass ich
die Weiber zuvor auch hören möchte. Sie aber wandten vor, wann den Weibern
erlaubet würde, Widerpart zu halten und ihnen zu widersprechen, so wüssten sie
wohl, dass sie mit ihren giftigen Hundszungen entweder meine Frömmigkeit und Güte
betäuben, die Flöhe selber aber überschreien oder aber durch ihre liebliche
Worte und Schönheit mich betören und zu einem falschen, ihnen höchst
nachteiligen Urteil verleiten würden; mit fernerer Bitte, ich wollte sie ihrer
untertänigen Treue geniessen lassen, welche sie mir allezeit erzeiget und ferner
zu leisten gedächten, indem sie allezeit am nächsten darbei gewesen und am
besten gewusst hätten, was zwischen mir und der Jo, Kallisto, Europa und andern
mehr vorgangen, hätten aber niemals nichts aus der Schule geschwätzt, noch der
Juno, wiewohl sie sich auch bei ihr pflegten aufzuhalten, einziges Wort gesagt,
massen sie sich noch solcher Verschwiegenheit beflissen, wie dann kein Mensch bis
dato (unangesehen sie sich gar nahe bei allen Buhlschaften finden liessen) von
ihnen wie Apollo von den Raben etwas dergleichen erfahren hätte. Wann ich aber
je zulassen wollte, dass die Weiber sie in ihren Bann jagen, fangen und nach
Waidmanns Recht metzeln dörften, so wäre ihre Bitte, zu verschaffen, dass sie
hinfort mit einem heroischen Tod hingerichtet und entweder mit einer Axt wie
Ochsen niedergeschlagen oder wie Wildpret gefället würden, und nicht mehr so
schimpflich zwischen ihren Fingern zerquetschen und radbrechen sollten, wodurch
sie ohndas ihre eigene Glieder, damit sie oft was anders berührten, zu
Henkersinstrumenten machten, welches allen ehrlichen Mannsbildern eine grosse und
unausleschliche Schande wäre. Ich sagte: Ihr Herren müsst sie greulich quälen,
weil sie euch so schröcklich tyrannisieren! - Jawohl, gaben sie mir zur Antwort,
sie sind uns sonst so neidig und vielleicht darum, dass sie sorgen, wir sehen,
hören und empfinden zuviel, eben als ob sie unsrer Verschwiegenheit nicht
genugsam versichert wären. Was wollte es sein? Können sie uns doch in unserm
eigenen Territorio nicht leiden, gestalt manche ihr Schosshündlein mit Bürsten,
Kämmen, Seifen, Laugen und andern Dingen dermassen durchstreift, dass wir unser
Vatterland notdringlich quittieren und andere Wohnungen suchen müssen,
unangesehen sie solche Zeit besser anlegen und etwan ihre eigene Kinder von den
Läusen säubern könnten. Darauf erlaubte ich ihnen, bei mir einzukehren und
meinen menschlichen Leib ihre Beiwohnung, Tun und Lassen empfinden zu machen,
damit ich ein Urteil darnach fassen und aussprechen könnte. Da fieng das
Lumpengesind an, mich zu geheien, dass ich sie, wie ihr gesehen habet, wieder
abschaffen müssen. Ich will ihnen ein Privilegium auf die Nase hofieren, dass sie
die Weiber verrieblen und vertrieblen mögen, wie sie wollen; ja wann ich selbst
so einen schlimmen Kunden ertappe, will ichs ihm nicht besser machen.«
 
                             Das siebente Kapitel.
Simplex, der Jäger, macht abermal Beuten
Und gelangt wieder nach Soest mit Freuden.
Wir dorften nicht rechtschaffen lachen, beides, weil wir sich stillhalten mussten
und weils der Phantast nicht gern hatte, wovon Springinsfeld hätte zerbersten
und zerspringen mögen. Eben damals zeigte unsere hohe Wacht an, die wir auf
einem Baum hatten, dass er in der Ferne etwas kommen sehe. Ich stieg auch hinauf
und sah durch mein Perspektiv, dass es zwar die Fuhrleute sein müssten, denen wir
aufpassten; sie hatten aber niemand zu Fuss, sondern ungefähr etlich und dreissig
Reuter zur Konvoi bei sich. Dahero konnte ich mir die Rechnung leicht machen,
dass sie nicht oben durch den Wald, darin wir lagen, gehen, sondern sich im
freien Feld behelfen würden, da wir ihnen nichts hätten abgewinnen mögen,
wiewohl es daselbst einen bösen Weg hatte, der ungefähr 600 Schritte von uns und
etwan 300 Schritte vom Ende des Waldes oder Berges durch die Ebne vorbeigieng.
Ich wollte ungern so lang daselbst umsonst gelegen oder nur einen Narrn erbeutet
haben, machte derhalben geschwind einen andern Anschlag, der mir auch wohl
angienge.
    Von unsrer Lägerstatt ging eine Wasserrunze in einer Klämme hinunter (die
bequem zu reiten war) gegen dem Feld warts. Deren Ausgang besatzte ich mit 20
Mann, nahm auch selbst meinen Stand bei ihnen und liess den Springinsfeld schier
an dem Ort, wo wir zuvor gelegen waren, sich in seinem Vorteil halten; befahl
auch meiner Bursch, wann die Konvoi hinkomme, dass jeder seinen Mann gewiss nehmen
sollte, sagte auch jedem, wer Feur geben und welcher seinen Schuss im Rohr zum
Vorrat behalten sollte. Etliche alte Kerl sagten, was ich gedächte, und ob ich
wohl vermeinte, dass die Konvoi an diesen Ort kommen würde, da sie nichts zu tun
hätten und dahin wohl in hundert Jahren kein Baur kommen sei. Andere aber, die
da glaubten, ich könne zaubern (massen ich damals deswegen in einem grossen Ruf
war), gedachten, ich würde den Feind in unsere Hände bannen. Aber ich brauchte
hierzu keine Teufelskunst, sondern nur meinen wohlabgefeimten und durchtriebenen
Springinsfeld; dann als die Konvoi, welche ziemlich Truppen hielte, recta gegen
uns über vorbeipassieren wollte, fieng Springinsfeld aus meinem Befelch so
schröcklich an zu brüllen wie ein Ochs und zu wiehern wie ein Pferd, dass der
ganze Wald einen Widerschall davon gab und einer hoch geschworen hätte, es wären
Rosse und Rinder vorhanden. Sobald die Konvoi das hörete, gedachten sie, Beuten
zu machen und an diesem Ort etwas zu erschnappen, das doch in derselben ganzen
Gegend nicht anzutreffen, weil das Land ziemlich erödet war. Sie ritten sämtlich
so geschwind und unordentlich in unsern Halt, als wann ein jeder der erste hätte
sein wollen, die beste Schlappe zu holen, welche es dann so dichte setzte, dass
gleich im ersten Willkommen, den wir ihnen gaben, 13 Sättel geläret und sonst
noch etliche aus ihnen gequetscht wurden.
    Hierauf lief Springinsfeld gegen ihnen die Klämme herunter und schriee:
»Jäger, hieher! hieher, Jäger!« davon die Kerl noch mehr erschreckt und so irr
wurden, dass sie weder hinter sich, für sich, noch nebenaus reiten konnten,
absprangen und sich zu Fuss davonmachen wollten. Aber ich bekam sie alle
siebenzehen samt dem Leutenant, der sie kommandiert hatte, gefangen und ging
damit auf die Wägen los, spannete 24 Pferde aus und bekam nur etliche wenige
Seidenware und holländische Tücher; dann ich dorfte nicht so viel Zeit nehmen,
die Tode zu plündern, geschweige die Wägen recht zu durchsuchen, weil sich die
Fuhrleute zu Pferd bald aus dem Staub gemacht, als die Aktion angieng, durch
welche ich zu Dorsten hätte verraten und unterwegs wieder aufgehoben werden
können. Da wir nun aufgepackt hatten, lief Jupiter auch aus dem Wald und schriee
uns nach, ob ihn dann Ganymedes verlassen wollte? Ich antwortete ihm, ja, wann
er den Flöhen das begehrte Privilegium nicht mitteilen wollte. »Ich wollte
lieber (antwortete er wieder), dass sie miteinander im Cocyto lägen!« Ich musste
lachen, und weil ich ohndas noch läre Pferde hatte, liess ich den Narren
aufsitzen; demnach er aber nicht besser reiten konnte als eine Nuss, musste ich
ihn aufs Pferd binden lassen. Da sagte er, dass ihn unser Scharmützel an
diejenige Schlacht gemahnet hätte, welche die Lapitae hiebevor mit den
Centauris bei des Piritoi Hochzeit angefangen hätten.
    Wie nun alles vorüber war und wir mit unsern Gefangenen davonpostierten, als
ob jemand hinter uns her wäre und uns jagte, bedachte erst der gefangene
Leutenant, was er vor einen groben Fehler begangen, dass er nämlich einen so
schönen Trupp Reuter dem Feind so unvorsichtig in die Hände geführet und 13 so
wackere Kerl auf die Fleischbank geliefert hätte, fieng derowegen an zu
desperieren und kündete mir das Quartier wieder auf, das ich ihm selber
gegeben hatte; ja er wollte mich gleichsam zwingen, ich sollte ihn totschiessen
lassen, dann er gedachte nicht allein, dass dieses übersehen ihm eine grosse
Schande sein und unverantwortlich fallen, sondern auch an seiner künftigen
Beförderung verhinderlich sein würde, wofern es anders nicht gar darzu käme, dass
er den Schaden mit seinem Kopf bezahlen müsste. Ich aber sprach ihm zu und hielt
ihm vor, dass manchem rechtschaffenem Soldaten das unbeständig Glück seine Tücke
bewiesen; ich hätte aber darum noch keinen gesehen, der deswegen verzagt oder
gar verzweifelt sei. Sein Beginnen sei ein Zeichen der Kleinmütigkeit; tapfere
Soldaten aber gedächten, die empfangene Schäden ein andermal wieder einzubringen
und wettzumachen; mich würde er nimmermehr dahin bringen, dass ich das Kartell
verletze oder eine so schändliche Tat wider alle Billigkeit und löblicher
Soldaten Gewohnheit und Herkommen begienge. Da er nun sah, dass ich nicht dran
wollte, fieng er an mich zu schmähen in Meinung, mich zum Zorn zu bewegen, und
sagte, ich hätte nicht aufrecht und redlich mit ihm gefochten, sondern wie ein
Schelm und Strauchmörder gehandelt und seinen bei sich gehabten Soldaten das
Leben als ein Dieb und Erzkujon abgestohlen, worüber seine eigene Bursch, die
wir gefangen hatten, mächtig erschraken, die Meinigen aber ebensosehr
ergrimmten, also dass sie ihn wie ein Sieb durchlöchert hätten, wann ichs nur
zugelassen, massen ich genug abzuwehren bekam. Ich aber bewegte mich nicht einmal
über seine Reden, sondern nahm beides, Freund und Feind, zum Zeugen dessen, was
da geschahe, und liess ihn, Leutenant, binden und als einen Unsinnigen verwahren;
versprach auch ihn, Leutenant, sobald wir in unsern Posten kämen und es meine
Offizier zulassen wollten, mit meinen eigenen Pferden und Gewehr, worunter er
dann die Wahl haben sollte, auszustaffieren und ihm offentlich mit Pistolen und
Degen zu weisen, dass Betrug im Krieg wider seinen Gegenteil zu üben, im Rechten
erlaubt sei; warum er nicht bei seinen Wägen geblieben, darauf er bestellt
gewesen, oder, da er ja hätte sehen wollen, was im Walde stecke, warum er dann
zuvor nicht rechtschaffen hätte rekognoszieren lassen, welches ihm besser
angestanden wäre, als dass er jetzund so unsinnige Narrenpossen anfienge, daran
sich doch niemand im geringsten kehren würde. Hierüber gaben mir beides, Freund
und Feind, recht und sagten, sie hätten unter hundert Parteigängern nicht einen
angetroffen, der auf solche Schmäheworte nicht nur den Leutenant totgeschossen,
sondern auch alle Gefangene mit der Leiche geschickt hätte. Also brachte ich
meine Beute und Gefangene den andern Morgen glücklich in Soest und bekam mehr
Ehre und Ruhm von dieser Partei als zuvor nimmer. Jeder sagte: »Dies gibt wieder
einen jungen Joh. de Werd!« welches mich trefflich kützelte; aber mit dem
Leutenant Kugeln zu wechseln oder zu raufen, wollte der Kommandant durchaus
nicht zugeben, dann er sagte, ich hätte ihn schon zweimal überwunden. Je mehr
sich nun dergestalt mein Lob wieder vermehrte, je mehr nahm der Neid bei denen
zu, die mir ohndas mein Glück nicht gönneten.
 
                               Das achte Kapitel.
Simplex den Teufel im Weg sieht liegen,
Springinsfeld pflegt schöne Pferd zu kriegen.
Meines Jupiters konnte ich nicht los werden, dann der Kommandant begehrte ihn
nicht, weil nichts an ihm zu ropfen war, sondern sagte, er wollte mir ihn
schenken. Also bekam ich einen eigenen Narrn und dorfte keinen kaufen, wiewohl
ich das Jahr zuvor selbst vor einen mich hatte gebrauchen lassen müssen. So
wunderlich ist das Glück und so veränderlich die Zeit! Kurz zuvor tribulierten
mich die Läuse, und jetzt hatte ich den Flöhegott in meiner Gewalt. Vor einem
halben Jahr dienete ich einem schlechten Dragoner vor einen Jungen; nunmehro
aber vermochte ich zween Knechte, die mich Herr hiessen. Es war noch kein Jahr
vergangen, dass mir die Buben nachliefen, mich zur Hure zu machen; jetzt war es
an dem, dass die Mägdlein selbst aus Liebe sich gegen mir vernarrten. Also ward
ich beizeiten gewahr, dass nichts Beständigers in der Welt ist als die
Unbeständigkeit selber. Dahero musste ich sorgen, wann das Glück einmal seine
Mucken gegen mich auslasse, dass es mir meine jetzige Wohlfahrt gewaltig
eintränken würde.
    Damals zog der Graf von der Wahl als Obrister- des Westfälischen Kreises aus
allen Garnisonen einzige Völker zusammen, eine Cavalcada durchs Stift Münster
gegen der Vecht, Meppen, Lingen und der Orten zu tun, vornehmlich aber zwo
Kompagnien hessische Reuter im Stift Paderborn auszuheben, welche zwo Meilen von
Paderborn lagen und den Unserigen daselbst viel Dampfs antäten. Ich ward unter
unsern Dragonern mitkommandiert, und als sie einzige Truppen zum Hamm gesammlet,
giengen wir schnell fort und berannten bemeldter Reuter Quartier, welches ein
schlechtverwahrtes Städtlein war, bis die Unserige hernachkamen. Sie
unterstunden durchzugehen, wir jagten sie aber wieder zurück in ihr Nest. Es
ward ihnen angeboten, sie ohn Pferd und Gewehr, jedoch mit dem, was der Gürtel
beschliesse, passieren zu lassen; aber sie wollten sich nicht darzu verstehen,
sondern mit ihren Karbinern wie Musketierer wehren. Also kam es darzu, dass ich
noch dieselbe Nacht probieren musste, was ich vor Glück im Stürmen hätte, weil
die Dragoner vorangiengen; da gelang es mir so wohl, dass ich samt dem
Springinsfeld gleichsam mit den ersten ganz unbeschädigt in das Städtlein kam.
Wir leerten die Gassen bald, weil niedergemacht ward, was sich im Gewehr befand,
und sich die Bürger nicht hatten wehren wollen; also ging es mit uns in die
Häuser. Springinsfeld sagte, wir müssten ein Haus vornehmen, vor welchem ein
grosser Haufen Mist läge; dann in denselben pflegten die reichste und
wohlhabenste Kauzen zu sitzen, denen man gemeiniglich die Offizierer
einlogierte. Darauf griffen wir ein solches an, in welchem Springinsfeld den
Stall, ich aber das Haus zu visitieren vornahm, mit dieser Abrede, dass jeder
dasjenige, was er bekäm, mit dem andern parten sollte. Also zündete jeder seinen
Wachsstock an; ich rufte nach dem Vatter im Haus, kriegte aber keine Antwort,
weil sich jedermann versteckt hatte, geriet indessen in eine Kammer, fand aber
nichts als ein lär Bette darin und einen beschlossenen Trog; den hämmerte ich
auf, in Hoffnung, etwas Kostbares zu finden: aber da ich den Deckel auftät,
richtete sich ein kohlschwarzes Ding gegen mir auf, welches ich vor den Luzifer
selbst ansah. Ich kann schwören, dass ich mein Lebtag nie so erschrocken bin als
eben damals, da ich diesen schwarzen Teufel so unversehens erblickte. »Dass dich
dieser und jener erschlage!« sagte ich gleichwohl in solchem Schröcken und
zuckte mein Äxtlein, damit ich den Trog aufgemacht, und hatte doch das Herz
nicht, ihm solches in Kopf zu hauen. Er aber knieete nieder, hub die Hände auf
und sagte: »Min leve Heer, ick bidde ju doer Gott, schinckt mi min Levend!« Da
hörete ich erst, dass es kein Teufel war, weil er von Gott redete und um sein
Leben bat, sagte demnach, er sollte sich aus dem Trog geheien. Das tät er und
ging mit mir so nackend, wie ihn Gott erschaffen hatte. Ich schnitt ein Stück
von meinem Wachsstock und gabs ihm, mir zu leuchten; das tät er gehorsamlich und
führete mich in ein Stüblein, da ich den Hausvatter fand, der samt seinem Gesind
dies lustige Spektakul ansah und mit Zittern und demütigen Worten umb sein
Leben und um Gnade bat. Diese erhielte er leicht, weil wir den Bürgern ohndas
nichts tun dorften und er mir des Rittmeisters Bagage, darunter ein ziemlich
wohl gespickt verschlossen Felleisen war, einhändigte mit Bericht, dass der
Rittmeister und seine Leute bis auf einen Knecht und gegenwärtigen Mohren, sich
zu wehren, auf ihre Posten gangen wären. Indessen hatte der Springinsfeld
besagten Knecht mit sechs gesattelten schönen Pferden auch im Stall erwischt;
die stellten wir ins Haus, verriegelten solches und liessen den Mohren sich
anziehen, den Wirt aber auftragen, was er vor seinen Rittmeister zurichten
müssen. Als aber die Tore geöffnet, die Posten besetzt und unser
Generalfeldzeugmeister, Herr Graf von der Wahl, eingelassen ward, nahm er sein
Logiment in ebendemselben Haus, darin wir uns befanden; darum mussten wir bei
finsterer Nacht wieder ein ander Quartier suchen. Das fanden wir bei unsern
Kameraden, die auch mit Sturm ins Städtlein kommen waren; bei denselbigen liessen
wir uns wohl sein und brachten den übrigen Teil der Nacht mit Fressen und Saufen
und trefflichem Wohlleben zu, nachdem ich und Springinsfeld miteinander unsere
Beuten geteilet hatten. Ich bekam vor mein Teil den Mohren und die zwei besten
Pferde, darunter ein spanisches war, auf welchem ein Soldat sich gegen seinem
Gegenteil dorfte sehen lassen, mit dem ich nachgehends nicht wenig prangte. Aus
dem Felleisen aber kriegte ich unterschiedliche köstliche Ringe und in einer
güldenen Kapsel, mit Rubinen besetzt, des Prinzen von Uranien Conterfait, weil
ich dem Springinsfeld das übrige alles liesse; kam also, wann ich alles halber
hinweg hätte schenken wollen, mit Pferden und allem über die 200 Dukaten; vor
den Mohren aber, der mich am allersaursten ankommen war, ward mir vom
Gen.-Feldzeugmeister, als welchen ich ihm präsentierte, nicht mehr als zwei
Dutzet Taler verehret. Von dannen giengen wir schnell an die Ems, richteten aber
wenig aus; und weil sichs eben traf, dass wir auch gegen Recklinghausen zu kamen,
nahm ich Erlaubnus, mit Springinsfeld meinem Pfaffen zuzusprechen, dem ich
hiebevor den Speck gestohlen hatte. Mit demselben machte ich mich lustig und
erzählte ihm, dass mir der Mohr den Schröcken, den er und seine Köchin neulich
empfunden, wieder eingetränkt hätte, verehrte ihm auch eine schöne schlagende
Halsuhr zum freundlichen Valete, so ich aus des Rittmeisters Felleisen bekommen
hatte; pflegte also allerorten diejenige zu Freunden zu machen, so sonsten
Ursache gehabt hätten, mich zu hassen.
 
                              Das neunte Kapitel.
Simplex tut Meldung vom ungleichen Kampf,
Schiesst einen, dass von ihm geht der Dampf.
Meine Hoffart vermehrete sich mit meinem Glück, daraus endlich nichts anders als
mein Fall erfolgen konnte. Ungefähr eine halbe Stunde von Rehnen kampierten wir,
als ich mit meinem besten Kameraden Erlaubnus begehrte, in dasselbe Städtlein zu
gehen, etwas an unserm Gewehr flicken zu lassen, so wir auch erhielten. Weil
aber unsre Meinung war, sich einmal rechtschaffen miteinander lustig zu machen,
kehreten wir im besten Wirtshaus ein und liessen Spielleute kommen, die uns Wein
und Bier hinuntergeigen mussten. Da giengs in floribus her und blieb nichts
unterwegen, was nur dem Geld wehe tun möchte, ja ich hielt Bursch von andern
Regimentern zu Gast und stellete mich nicht anders als wie ein junger Prinz, der
Land und Leute vermag und alle Jahr ein gross Geld zu verzehren hat. Dahero ward
uns auch besser als einer Gesellschaft Reuter, die gleichfalls dort zehrete,
aufgewartet, weils jene nicht so toll hergehen liessen; das verdross sie und
fiengen an, mit uns zu kippeln. »Woher kommts« sagten sie untereinander, »dass
diese Stiegelhupfer« (dann sie hielten uns vor Musketierer, massen kein Tier in
der Welt ist, das einem Musketierer gleicher sieht als ein Dragoner, und wann
ein Dragoner vom Pferd fällt, so stehet ein Musketierer wieder auf) »ihre Heller
so weisen?« Ein anderer antwortet: »Jener Säugling ist gewiss ein Strohjunker,
dem seine Mutter etliche Milchpfennige geschicket, die er jetzo seinen Kameraden
spendiert, damit sie ihn künftig irgendswo aus dem Dreck oder etwan durch einen
Graben tragen sollen.« Mit diesen Worten zieleten sie auf mich, dann ich ward
vor einen jungen Edelmann bei ihnen angesehen. Solches ward mir durch die
Kellerin hinterbracht; weil ichs aber nicht selbst gehört, konnte ich anders
nichts darzu tun, als dass ich gleich darauf ein gross Bierglas mit Wein
einschenken und solches auf Gesundheit aller rechtschaffenen Musketierer
herumgehen, auch jedesmal solchen Alarm darzu machen liess, dass keiner sein eigen
Wort hören konnte. Das verdross sie noch mehr, derowegen sagten sie offentlich:
»Was Teufels haben doch die Stiegelhupfer vor ein Leben?« Springinsfeld
antwortete: »Was gehets die Stiefelschmierer an?« Das ging ihm hin, dann er
sah so grässlich drein und machte so grausame und bedrohliche Mienen, dass sich
keiner an ihn reiben dorfte. Doch stiess es ihnen wieder auf, und zwar einen
ansehnlichen Kerl, der sagte: »Und wann sich die Maurenscheisser auch auf ihrem
Mist (er vermeinte, wir lägen da in der Garnison, weil unsere Kleidungen nicht
so wetterfärbig aussahen wie derjenigen Musketierer, die Tag und Nacht im Felde
liegen) nicht so breit machen dörften, wo wollten sie sich dann sehen lassen?
Man weiss ja wohl, dass jeder von ihnen in offenen Feldschlachten unser Raub sein
muss, gleichwie die Taube eines jeden Stossfalken!« Ich antwortete ihm: »Wir
müssen Städt und Festungen einnehmen, und solche werden uns auch zu verwahren
vertrauet, dahingegen ihr Reuter auch vor dem geringsten Rattennest keinen Hund
aus dem Ofen locken könnet. Warum wollten wir sich dann in dem, was mehr unser
als euer ist, nicht dörfen lustig machen?« Der Reuter antwortete: »Wer Meister
im Felde ist, dem folgen die Festungen; dass wir aber die Feldschlachten gewinnen
müssen, folget aus dem, dass ich so drei Kinder, wie du eins, bist, mitsamt ihren
Musketen nicht allein nicht forchten, sondern ein paar davon auf den Hut stecken
und den dritten erst fragen wollte, wo deiner noch mehr wären? Und sässe ich nur
bei dir,« sagte er gar höhnisch, »so wollte ich dem Junker Glattmaul zu
Bestätigung der Wahrheit ein paar Dachteln geben!« Ich antwortete ihm: »Obzwar
ich vermeine, ein so gut paar Pistolen zu haben als du, wiewohl ich kein Reuter,
sondern nur ein Zwidder zwischen ihnen und den Musketierern bin, schau! so hat
doch ein Kind das Herz, mit seiner Musketen allein einem solchen Prahler zu
Pferd, wie du einer bist, gegen all seinem Gewehr im freien Feld nur zu Fuss zu
erscheinen.« - »Ach! du Kujon,« sagte der Kerl, »ich halte dich vor einen
Erz-Bärnhäuter, wann du nicht, wie ein redlicher von Adel, alsbald deinen Worten
eine Kraft gibest.« Hierauf warf ich ihm einen Handschuh zu und sagte: »Siehe
da, wann ich diesen im freien Feld durch meine Muskete nicht zu Fuss wieder von
dir bekomme, so habe gnugsame Macht und Gewalt, mich vor denjenigen zu halten
und auszuschreien, wie mich deine Vermessenheit gescholten hat.« Hierauf zahlten
wir den Wirt, und der Reuter, als mein Antagonist und Widerpart, machte seinen
Karbiner und Pistolen, ich aber meine Muskete fertig; und da er mit seinen
Kameraden von uns an den bestimmten Ort ritt, sagte er zu meinem Springinsfeld,
er sollte mir nur allgemach das Grab bestellen. Dieser aber antwortete ihm, er
möchte solches auf eine Vorsorge seinen eigenen Kameraden vor ihn selbst zu
bestellen anbefehlen; mir aber verwies er meine Frechheit und sagte unverhohlen,
er besorge, ich werde aus dem letzten Loch pfeifen. Ich lachte hingegen, weil
ich mich schon vorlängst besonnen hatte, wie ich einem wohlmondierten Reuter
begegnen müsse, wann mich einmal einer zu Fuss mit einer Muskete im weiten Feld
feindlich angreifen sollte. Da wir nun an den Ort kamen, wo der Betteltanz
angehen sollte, hatte ich meine Muskete bereits mit zweien Kugeln geladen,
frisch Zindkraut aufgerührt und den Deckel auf der Zündpfanne mit Unschlitt
verschmiert, wie vorsichtige Musketierer zu tun pflegen, wann sie das Zindloch
und Pulver auf der Pfannen im Regenwetter vor Wasser verwahren wollen.
    Eh wir nun auf einander giengen, bedingten beiderseits Kameraden
miteinander, dass wir uns im freien Feld angreifen und zu solchem Ende der eine
von Ost, der ander aber von West in ein umgezäuntes Feld eintretten sollten, und
alsdann möge ein jeder sein Bestes gegen dem andern tun, wie ein Soldat tun
soll, welcher dergestalt seinen Feind vor Augen kriegt. Es sollte sich auch
weder vor, in, noch nach dem Kampf keiner von beiden Parteien unterstehen,
seinem Kameraden zu helfen, noch dessen Tod oder Beschädigung zu rächen. Als sie
solches einander mit Mund und Hand versprochen hatten, gaben ich und mein Gegner
einander auch die Hände und verziehe je einer dem andern seinen Tod; in welcher
allerunsinnigsten Torheit, welche je ein vernünftiger Mensch begehen kann, ein
jeder hoffte, seiner Gattung Soldaten das Prä zu erhalten, gleichsam als ob des
einen oder andern Teils Ehre und Reputation an dem Ausgang unsers teuflischen
und höchst freveln Beginnens gelegen gewesen wäre. Da ich nun an meinem
bestimmten Ende mit doppeltbrennendem Lunden in angeregtes Feld trat und meinen
Gegenteil vor Augen sah, stellete ich mich, als ob ich das alte Zindkraut im
Gang abschütte; ich täts aber nicht, sondern rührte Zindpulver nur auf den
Deckel meiner Zindpfanne, blies ab und passte mit zween Fingern auf der Pfanne
auf, wie bräuchlich ist; und eh ich meinem Gegenteil, der mich auch wohl im
Gesicht hielt, das Weisse in Augen sehen konnte, schlug ich auf ihn an und
brannte mein falsch Zündkraut auf dem Deckel der Pfannen vergeblich hinweg. Mein
toller Gegner vermeinte, die Muskete hätte mir versagt und das Zündloch wäre mir
verstopft, sprengte derowegen mit einer Pistol in der Hand gar zu begierig recta
auf mich dar in Meinung, mir meinen Frevel zu bezahlen und den letzten Rest zu
geben. Aber eh er sichs versah, hatte ich die Pfanne offen und wieder
angeschlagen, hiess ihn auch dergestalt willkommen sein, dass Knall und Fall eins
war.
    Ich retirierte mich hierauf zu meinen Kameraden, die mich gleichsam küssend
empfiengen; die seinige aber entledigten ihn aus seinem Stegraif und täten gegen
ihm und uns wie redliche Kerl, massen sie mir auch meinen Handschuh mit grossem
Lob wieder schickten. Aber da ich mein Ehre am grössten zu sein schätzte, kamen
25 Musketierer aus Rehnen, welche mich und meine Kameraden gefangennahmen. Ich
zwar ward alsbald in Ketten und Banden geschlossen und der Generalität
überschickt, weil alle Duell bei Leib- und Lebensstraf verbotten waren.
 
                              Das zehnte Kapitel.
Simplex wird vom Feldzeugmeister befreit,
Machet ihm Hoffnung, die ihm nicht gedeiet.
Demnach unser Generalfeldzeugmeister strenge Kriegsdisziplin zu halten pflegte,
besorgte ich die Verlierung meines Kopfs. Hingegen hatte ich noch Hoffnung,
davonzukommen, weil ich bereits in so blühender Jugend jederzeit mich gegen dem
Feind wohl gehalten und einen grossen Ruf und Namen der Tapferkeit erworben. Doch
war solche Hoffnung ungewiss, weil dergleichen täglichen Händel halber die
Notdurft erfodert, ein Exempel zu statuieren. Die Unserige hatten eben damals
ein festes Rattennest berennet und auffodern lassen, aber eine abschlägige
Antwort bekommen, weil der Feind wusste, dass wir kein grob Geschütz führten.
Derowegen ruckte unser Graf von der Wahl mit dem ganzen Corpo vor besagten Ort,
begehrte durch einen Trompeter abermal die Übergabe und drohete zu stürmen; es
erfolgte aber nichts anders als dieses nachgesetzte Schreiben:
    »Hochwohlgeborner Graf, etc. Aus E. Gräfl. Exzell. an mich Abgelassenem habe
vernommen, was Dieselbe im Namen der Röm. Kais. Maj. an mich gesinnen. Nun
wissen aber Euer Hoch-Gräfl. Exzell., Dero hohen Vernunft nach, wie
übelanständig, ja unverantwortlich einem Soldaten fallen würde, wann er einen
solchen Ort, wie dieser ist, dem Gegenteil ohn sonderbare Not einhändigte:
wessentwegen Dieselbe mich dann verhoffentlich nicht verdenken werden, wann ich
mich befleissige zu verharren, bis die Waffen Euer Exzell. dem Ort zusprechen.
Kann aber E. Exzell. meine Wenigkeit ausserhalb Herrendiensten in ichtwas zu
gehorsamen die Gelegenheit haben, so werde ich sein
                                  Eu. Exzell.
                                                    Allerdienstwilligster Diener
                                                                           N.N.«
    Hierauf ward in unserm Läger unterschiedlich von dem Ort diskuriert; dann
solches liegen zu lassen, war gar nicht ratsam, zu stürmen ohn eine Presse hätte
viel Blut gekostet und wäre doch noch misslich gestanden, ob mans übermeistert
hätte oder nicht. Hätte man aber erst die Stücke und alle Zugehör von Münster
oder Hamm herholen sollen, so wäre gar viel Mühe, Zeit und Unkosten darauf
geloffen. Indem man nun bei Grossen und Kleinen ratschlagte, fiel mir ein, ich
sollte mir diese Okkasion zunutz machen, um mich zu erledigen. Also gebot ich
meinem Witz und allen fünf Sinnen zusammen und bedachte mich, wie man den Feind
betrügen möchte, weils nur an den Stücken mangelte. Und weil mir gleich zufiel,
wie der Sache zu tun sein möchte, liess ich meinen Obristleutenant wissen, dass
ich Anschläge hätte, durch welche der Ort ohne Mühe und Unkosten zu bekommen
wäre, wann ich nur Perdon erlangen und wieder auf freien Fuss gestellet werden
könnte. Etliche alte und versuchte Soldaten lachten darüber und sagten: »Wer
hangt, der langt! Der gute Gesell gedenket, sich loszuschwätzen!« Aber der
Obristleutenant selbst und andere, die mich kannten, nahmen meine Reden an wie
einen Glaubensartikul, weswegen er selber zum Generalfeldzeugmeister ging und
demselben mein Vorgeben anbrachte, mit Erzählung vielen Dings, das er von mir zu
sagen wusste. Weil dann nun der Graf hiebevor vom Jäger gehöret hatte, liess er
mich vor ihn bringen und so lang meiner Bande entledigen. Der Graf hielt eben
Tafel, als ich hinkam, und mein Obristleutenant erzählte ihm, als ich
verwichenen Frühling meine erste Stunde unter St. Jakobspforte zu Soest
Schildwacht gestanden, sei unversehens ein starker Platzregen mit grossem Donner
und Sturmwind kommen, deswegen sich jedermann aus dem Feld und den Gärten in die
Stadt salviert, und weil das Gedräng beides, von Laufenden und Reitenden,
ziemlich dick worden, hätte ich schon damals den Verstand gehabt, der Wacht ins
Gewehr zu rufen, weil in solchem Geläuf eine Stadt am besten einzunehmen sei,
welches manchem alten Soldaten nicht eingefallen wäre. »Zuletzt«, sagte der
Obristleutenant ferner, »kam ein altes Weib ganz tropfnass daher, die sagte, eben
als sie beim Jäger vorbeipassierte: Ja, ich habe dies Wetter schon wohl 14 Tage
in meinem Rucken stecken gehabt! Als der Jäger solches hörete und eben einen
Stecken in Händen hatte, schlug er sie damit übern Buckel und sagte: Du alte
Hex, hast dus dann nicht eher herauslassen können? Hast du eben müssen warten,
bis ich anfahe, Schildwacht zu stehen? Da ihm aber sein Offizier abwehrete,
antwortete er: Es geschiehet ihr recht! Das alte Rabenaas hat schon vor vier
Wochen gehört, dass jedermann nach einem guten Regen geschrien, warum hat sie ihn
den ehrlichen Leuten nicht eher gegönnet? so wäre vielleicht Gerste und Hopfen
besser geraten!, worüber der Generalfeldzeugmeister, wiewohl er sonst ein
ernstafter Herr war, trefflich lachte. Ich aber gedachte: Erzählt der
Obristleutenant dem Grafen solche Schwachheiten und Narrnpossen, so hat er ihm
gewiss auch nicht verschwiegen, was ich sonst angestellet habe. Ich aber ward
vorgelassen.«
    Als mich nun der Generalfeldzeugmeister fragte, was mein Anbringen wäre,
antwortete ich: »Gnädiger Herr! etc. Obzwar mein Verbrechen und E. Exzell.
rechtmässig Gebot und Verbot mir beide das Leben absprechen, so heisset mich
jedoch meine alleruntertänigste Treue (die ich Dero Röm. Kais. Maj., meinem
Allergnädigsten Herrn, bis in Tod zu leisten schuldig bin) einen Weg als den
andern meines wenigen Orts dem Feind einen Abbruch tun und erst
Allerhöchstgedachter Röm. Kais. Maj. Nutzen und Kriegswaffen befördern.« Der
Graf fiel mir in die Rede und sagte: »Hast du mir nicht neulich den Mohren
gebracht?« Ich antwortete: »Ja, gnädiger Herr!« Da sagte er: »Wohl! dein Fleiss
und Treue möchte vielleicht meritiern, dir das Leben zu schenken; was hast du
aber vor einen Anschlag, den Feind aus gegenwärtigem Ort zu bringen ohn
sonderbaren Verlust der Zeit und Mannschaft?« Ich antwortete: »Weil der Ort vor
grobem Geschütz nicht bestehen kann, so hält meine Wenigkeit davor, der Feind
würde bald akkordiern, wann er nur eigentlich glaubte, dass wir Stücke bei uns
haben.« - »Das hätte mir wohl ein Narr gesagt,« antwortete der Graf, »wer wird
sie aber überreden, solches zu gläuben?« Ich antwortete: »Ihre eigene Augen. Ich
habe ihre hohe Wacht mit einem Perspektiv gesehen; die kann man betrügen; wann
man nur etliche Blöcher, den Brunnenteichlen gleich, auf Wägen ladet und
dieselbe mit einem starken Gespann in das Feld führet, so werden sie schon
glauben, es sein grobe Stück, vornehmlich wann E. Gräfl. Exzell. irgendswo im
Feld etwas aufwerfen lässt, als ob man Stücke dahin pflanzen wollte.« - »Mein
liebes Bürschlein!« antwortete der Graf, »es sein keine Kinder darin; sie werden
diesem Spiegelfechten nicht glauben, sondern die Stücke auch hören wollen; und
wann der Posse dann nicht angehet,« sagte er zu den umstehenden Offizierern, »so
werden wir von aller Welt verspottet!« Ich antwortete: »Gnädiger Herr! ich will
schon Stücke in ihren Ohren lassen klingen, wann man nur ein paar Doppelhaken
und ein ziemlich gross Fass haben kann; allein wird ohn den Knall sonst kein
Effekt vorhanden sein. Sollte aber ja wider Verhoffen die Sache nicht angehen
und man nur Spott damit erlangen, so werde ich, der Inventor, weil ich ohndas
sterben muss, solchen Spott mit mir dahinnehmen und denselben mit meinem Leben
aufheben.« Obzwar nun der Graf nicht daran wollte, so persuadierte ihn jedoch
mein Obristleutenant dahin, dann er sagte, dass ich in dergleichen Sachen so
glückselig sei, dass er im wenigsten zweifele, dass dieser Posse nicht auch
angehen werde. Derowegen befahl ihm der Graf, die Sache anzustellen, wie er
vermeinte, dass sichs tun liesse, und sagte im Scherz zu ihm, die Ehre, so er
damit erwürbe, sollte ihm allein zustehen.
    Also wurden drei solche Blöcher zuwegen gebracht und vor jedes 24 Pferde
gespannet, wiewohl nur zwei genug gewesen wären; diese führten wir gegen Abend
dem Feind ins Gesicht; indessen aber hatte ich auch drei Doppelhaken und ein
Stückfass, so wir von einem Schloss bekamen, unterhanden, und richtete ein und
anders zu, wie ichs haben wollte; das ward bei Nacht zu unsrer visierlichen
Artollerei verschafft. Den Doppelhaken gab ich zweifache Ladung und liess sie
durch berührtes Fass (dem der vördere Boden benommen war) losgehen, gleich ob es
drei Losungschüsse hätten sein sollen; das donnerte dermassen, dass jedermann
Stein und Bein geschworen hätte, es wären Quartierschlangen oder halbe Kartaunen
gewesen. Unser Generalfeldzeugmeister musste der Gaukelfuhre von Herzen lachen
und liess dem Feind abermal einen Akkord anbieten mit dem Anhang, wann sie sich
nicht noch diesen Abend bequemen würden, dass es ihnen morgen nicht mehr so gut
werden sollte. Darauf wurden alsbald beiderseits Geisel geschickt, der Akkord
geschlossen und uns noch dieselbige Nacht ein Tor der Stadt eingegeben, welches
mir trefflich zugut kam, dann der Graf liess alsobald sehen, wie hoch er mich
ästimierte, schenkte mir nicht allein das Leben, das ich kraft seines Verbots
verwürkt hatte, sondern liess mich noch selbige Nacht auf freien Fuss stellen und
befahl dem Obristleutenant in meiner Gegenwart, dass er mir das erste Fähnlein,
so ledig würde, geben sollte, welches ihm aber ungelegen war, dann er hatte der
Vettern und Schwäger so viel, die aufpassten, dass ich vor denselben nicht
zugelassen werden konnte.
 
                               Das elfte Kapitel.
Simplex erzählt unterschiedliche Sachen,
Die nicht gar wichtig, doch Lustbarkeit machen.
Es begegnete mir auf demselbigen Marsch nichts Merkwürdiges mehr. Da ich aber
wieder nach Soest kam, hatten mir die lippstädtische Hessen meinen Knecht, den
ich bei meiner Bagage im Quartier gelassen, samt einem Pferd auf der Waid
hinweggefangen. Von demselben erkündigte der Gegenteil mein Tun und Lassen,
dahero hielten sie mehr von mir als zuvor, weil sie hiebevor durch das gemeine
Geschrei beredet worden, zu glauben, dass ich zaubern könnte. Er erzählte ihnen
auch, dass er einer von denen Teufeln gewesen sei, die den Jäger von Werle auf
der Schäferei so erschröckt hatten. Da solches erstbesagter Jäger erfuhr,
schämte er sich so sehr, dass er abermal das Reissaus spielete und von Lippstadt
zu den Holländern lief. Aber es war mein grösstes Glück, dass mir dieser Knecht
gefangen worden, massen aus der Folge meiner Histori zu vernehmen sein wird.
    Ich fieng an, mich etwas reputierlicher zu halten als zuvor, weil ich so
stattliche Hoffnung hatte, in Bälde ein Fähnlein zu haben. Ich gesellete mich
allgemach zu den Offizieren und jungen Edelleuten, die eben auf dasjenige
spannten, was ich in Bälde zu kriegen mir einbildete. Diese waren deswegen meine
ärgsten Feinde und stelleten sich doch gegen mir als meine beste Freunde; so war
mir der Obristleutenant auch nicht so gar grün, weil er Befelch hatte, mich vor
seinen Verwandten zu befördern. Mein Hauptmann war mir darum abhold, weil ich
mich an Pferden, Kleidern und Gewehr viel prächtiger hielt als er und dem alten
Geizhals nicht mehr wie hiebevor spendierte. Er hätte lieber gesehen, dass mir
neulich der Kopf hinweggeschlagen, als ein Fähnlein versprochen worden wäre,
dann er gedachte, meine schöne Pferde zu erben; so hasste mich mein Leutenant
eines einzigen Worts halber, das ich neulich unbedachtsam laufen lassen. Das
fügte sich also: Wir waren miteinander in letzter Cavalcada kommandiert, eine
gleichsam verlorne Wacht zu halten. Als nun das Schildwachtalten an mir war
(welches liegend geschehen musste, unangesehen es stockfinstre Nacht war), kroch
er, Leutenant, auch auf dem Bauch zu mir wie eine Schlange und sagte:
»Schildwacht, merkst du was?« Ich antwortete: »Ja Herr Leutenant!« - »Was da?
was da?« sagte er. Ich antwortete: »Ich merke, dass sich der Herr förchtet.« Von
dieser Zeit an hatte ich kein Gunst mehr bei ihm, und wo es am ungeheursten war,
musste ich fort und ward zum ersten hinkommandieret; ja er suchte an allen Orten
und Enden Gelegenheit und Ursache, mir, noch eh ich Fähnrich würde, das Wams
auszuklopfen, weil ich mich gegen ihm nicht wehren dörfte. Nicht weniger
feindeten mich auch alle Feldwaibel an, weil ich ihnen allen vorgezogen ward.
Was aber gemeine Knechte waren, die fiengen auch an, in ihrer Liebe und
Freundschaft zu wanken, weil es das Ansehen hatte, als ob ich sie verachte,
indem ich mich nicht sonderlich mehr zu ihnen, sondern, wie obgemeldt, zu
grössern Hansen gesellete, die mich drum nicht desto lieber sahen. Das
allerärgste war, dass mir kein einziger Mensch sagte, wie jedermann gegen mir
gesinnet; so konnte ichs auch nicht merken, weil mir mancher die besten Worte
unter Augen gab, der mich doch lieber tot gesehen hätte! Ich lebte eben dahin
wie ein Blinder in aller Sicherheit und ward je länger je hoffärtiger, und
wannschon ich wusste, dass es ein oder andern verdross, so ichs etwan denen von
Adel und vornehmen Offizierern mit Pracht bevortät, so liess ichs drum nicht
unterwegen; ich scheuete mich nicht, nachdem ich Gefreiter worden, ein Koller
von sechzig Reichstalern, rote scharlachne Hosen und weisse atlassene Ärmel,
überall mit Gold und Silber verbrämt, zu tragen, welches damals eine Tracht der
höchsten Offizierer war; darum stachs einen jeden in die Augen. Ich war aber ein
schröcklich junger Narr, dass ich den Hasen so laufen liess; dann hätte ich mich
anders gehalten und das Geld, das ich aus Hoffart so unnützlich an den Leib
hieng, an gehörige Ort und Ende verschmieret, so hätte ich nicht allein das
Fähnlein bald bekommen, sondern mir auch nicht so viel zu Feinden gemacht. Ich
liess es aber hierbei noch nicht bleiben, sondern butzte mein bestes Pferd, das
Springinsfeld vom hessischen Rittmeister bekommen hatte, mit Sattel, Zeug und
Gewehr dergestalt heraus, dass man mich, wann ich darauf sass, gar wohl vor einen
andern Ritter St. Georgen hätte ansehen mögen. Nichts vexierte mich mehr, als
dass ich mich keinen Edelmann zu sein wusste, damit ich meinen Knecht und Jungen
auch in meine Liberei hätte kleiden mögen. Ich gedachte: »Alle Dinge haben ihren
Anfang; wann du ein Wappen hast, so hast du schon ein eigne Liberei, und wann du
Fähnrich wirst, so musst du ja ein Petschier haben, wannschon du kein Junker
bist.« Ich war nicht lang mit solchen Gedanken schwanger gangen, als ich mir
durch einen Comitem Palatinum ein Wappen geben liess; das waren drei rote Larven
in einem weissen Feld und auf dem Helm ein Brustbild eines jungen Narrn in
kälbernem Habit mit einem Paar Hasenohren, vorn mit Schellen gezieret; dann ich
dachte, dies schickte sich am besten zu meinem Namen, weil ich Simplicius heisse.
So wollte ich mich auch des Narrn gebrauchen, mich in meinem künftigen hohen
Stand dabei stetigs und fleissig zu erinnern, was ich zu Hanau vor ein Gesell
gewesen, damit ich nicht gar zu hoffärtig würde, weil ich mich schon jetzt keine
Sau zu sein bedünken liess. Also ward ich erst rechtschaffen der erste meines
Namens, Stammens und Wappens, und wann mich jemand damit foppen wollen, so hätte
ich ihm ohn Zweifel einen Degen oder paar Pistolen anpräsentieret.
    Wiewohl ich damals noch nichts nach dem Weibervolk fragte, so ging ich doch
gleichwohl mit denen von Adel, wann sie irgends Jungfern besuchten, deren es
dann viel in der Stadt gab, mich sehen zu lassen und mit meinen schönen Haaren,
Kleidern und Federbüschen zu prangen. Ich muss bekennen, dass ich meiner Gestalt
halber allen andern vorgezogen ward, musste aber darneben hören, dass mich die
verwähnte Schleppsäcke einem schönen und wohlgeschnjetzten hölzernen Bild
verglichen, an welchem ausser der Schönheit sonst weder Kraft noch Saft wäre;
dann es war sonst nichts an mir, das ihnen gefiele. So konnte ich auch ohn das
Lautenschlagen sonst noch nichts machen oder vorbringen, das ihnen angenehm
gewesen wäre, weil ich noch nichts vom Lieben wusste. Als mich aber auch
diejenige, die sich um das Frauenzimmer umtun konnten, meiner holzböckischen Art
und Ungeschicklichkeit halber anstachen, um sich selbst dadurch beliebter zu
machen und ihre Wohlredenheit zu rühmen, sagte ich hingegen, dass mirs genug sei,
wann ich noch zurzeit meine Freude an einem blanken Degen und einer guten
Muskete hätte. Nachdem auch das Frauenzimmer diese meine Rede billigte, verdross
es sie so sehr, dass sie mir heimlich den Tod schwuren, unangesehen keiner war,
der das Herz hatte, mich herauszufodern oder Ursache zu geben, dass ich einen von
ihnen gefodert hätte, darzu ein paar Ohrfeigen oder sonst ziemlich empfindliche
Worte genug wären gewesen, zudem ich mich auch ziemlich breit machte, woraus das
Frauenzimmer mutmassete, dass ich ein resoluter Jüngling sein müsste, sagten auch
unverhohlen, dass bloss meine Gestalt und rühmlicher Sinn bei einer Jungfer das
Wort besser tun könne als alle andere Komplimenten, die Amor je erfunden,
welches die Anwesende noch mehr verbitterte.
 
                              Das zwölfte Kapitel.
Simplex bekommt einen Schatz durch das Glück,
Bringet denselben mit Freuden zurück.
Ich hatte zwei schöne Pferde, die waren alle meine Freude, die ich selbiger Zeit
in der Welt genoss. Alle Tage ritt ich mit denselben auf die Reitschule oder
sonst spazieren, wann ich sonst nichts zu tun hatte; nicht zwar, als hätten die
Pferde noch etwas bedörft zu lernen, sondern ich täts darum, damit die Leute
sehen sollten, dass die schöne Kreaturen mir zugehörten. Wann ich dann so durch
eine Gasse daherprangete oder vielmehr das Pferd mit mir dahintanzte und das
albere Volk zusah und zueinander sagte: »Sehet, das ist der Jäger! Ach! welch
ein schön Pferd! Ach! wie ein schöner Federbusch!« oder: »Min God! wat vor en
prave Kerl is mi dat!«, so spitzte ich die Ohren gewaltig und liess mirs so sanft
tun, als ob mich die Königin Nichaula dem weisen Salomon, in seiner höchsten
Majestät sitzend, verglichen hätte. Aber ich Narr hörete nicht, was vielleicht
damals verständige und erfahrne Leute von mir hielten oder meine Missgönner von
mir sagten. Diese letztere wünschten mir ohn Zweifel, dass ich Hals und Bein
brechen sollte, weil sie mirs nicht gleichtun konnten. Andere aber gedachten
gewisslich, wann jedermann das Seinige hätte, dass ich nicht so toll daherziehen
würde. Kurz, die Allerklügste müssen mich ohn allen Zweifel vor einen jungen
Lappen gehalten haben, dessen Hoffart notwendig nicht lang dauern noch Bestand
haben würde, weil sie auf einem schlechten Fundament bestünde und nur aus
ungewissen Beuten unterhalten werden müsste. Und wann ich selber die Wahrheit
bekennen soll, muss ich gestehen, dass diese letztere nicht unrecht urteilten,
wiewohl ichs damals nicht verstund, dann es war nichts anders mit mir, als dass
ich meinem Mann oder Gegenteil, wann einer mit mir zu tun bekommen, das Hemd
rechtschaffen heiss machen, also wohl vor einen einfachen guten Soldaten
passieren hätte können, wiewohl ich gleichsam noch ein Kind war. Aber diese
Ursache machte mich so gross, dass jetziger Zeit der geringste Rossbub den
allertapfersten Held von der Welt totschiessen kann; wäre aber das Pulver noch
nicht erfunden gewesen, so hätte ich die Pfeife wohl im Sack müssen stecken
lassen.
    Meine Gewohnheit war, wann ich so herumterminierte, dass ich alle Wege und
Stege, alle Gräben, Moräste, Büsche, Bühel und Wasser beritten, dieselbige mir
bekannt machte und ins Gedächtnüs fasste, damit, wanns etwan an ein oder andern
Ort künftig eine Okkasion setzte, mit dem Feind zu scharmützeln, ich mir des
Orts Gelegenheit beides offensive und defensive zunutz machen könnte. Zu solchem
Ende ritt ich einsmals unweit der Stadt bei einem alten Gemäur vorüber, darauf
vorzeiten ein Haus gestanden. Im ersten Anblick gedachte ich, dies wäre ein
gelegener Ort, darin aufzupassen oder sich dahin zu retiriern, sonderlich vor
uns Dragoner, wann wir von Reutern übermannt und gejagt werden sollten. Ich ritt
in den Hof, dessen Gemäur ziemlich verfallen war, zu sehen, ob man sich auch auf
den Notfall zu Pferd dahin salvieren und wie man sich zu Fuss daraus wehren
könnte. Als ich nun zu solchem Ende alles genau besichtigen und bei dem Keller,
dessen Gemäur noch rundumher aufrechtstund, vorüberreiten wollte, konnte ich
mein Pferd, welches sonst im geringsten nichts scheuete, weder mit Liebe noch
Leid nicht hinbringen, wo ich hin wollte. Ich sporte es, dass michs daurte, aber
es half nichts, und konnte ichs im geringsten nicht fortbringen. Ich stieg ab
und führte es an der Hand die verfallene Kellerstiegen hinunter, wovon es doch
scheuete, damit ich mich ein andermal darnach richten könnte. Aber es hupfte
zurück, so sehr es immer mochte; doch brachte ichs endlich mit guten Worten und
Streichen hinunter, und indem ichs strich und ihm liebkoste, ward ich gewahr,
dass es vor Angst schwitzte und die Augen stets in eine Ecke des Kellers
richtete, dahin es am allerwenigsten wollte und ich auch das geringste nicht
sah, darob der schlimmste Kollerer hätte wetterläunisch werden mögen. Als ich
nun so mit Verwunderung dastund und dem Pferd zusah, wie es vor Furcht
zitterte, kam mich auch ein solches Grausen an, dass mir nicht anderst ward, als
ob man mich bei den Haaren über sich zöge und einen Kübel voll kalt Wasser über
mich abgösse. Doch konnte ich nichts sehen; aber das Pferd stellte sich noch
viel seltsamer, also dass ich mir nichts anders einbilden konnte, als ich müsste
vielleicht samt dem Pferd verzaubert sein und in demselben Keller mein Ende
nehmen. Derowegen wollte ich wieder zurück, aber mein Pferd wollte mir durchaus
nicht folgen; dahero ward ich noch ängstiger und so verwirrt, dass ich schier
nicht wusste, was ich tät. Zuletzt nahm ich eine Pistol auf den Arm und band das
Pferd an einen starken Holderstock (der im Keller aufgewachsen war) der Meinung,
aus dem Keller zu gehen und Leute in der Nähe zu suchen, die meinem Pferd wieder
heraufhülfen; und indem ich hiermit umgehe, fällt mir ein, ob nicht vielleicht
in diesem alten Gemäur ein Schatz verborgen läge, dahero es so ungeheur sein
möchte. Ich glaubte meinem Einfall und sah mich genauer um; und sonderlich in
der Ecke, dahin mein Pferd so gar nicht wollte, ward ich eines Stück Gemäuers
gewahr, ungefähr so gross als ein gemeiner Kammerladen, welches dem andern alten
Gemäur beides an der Farb und Arbeit nicht allerdings gleichte. Da ich aber
hinzugehen wollte, ward mir abermal wie zuvor, nämlich als ob mir alle Haare gen
Berg stünden, welches mich in meiner Meinung stärkte und bekräftigte, dass
nämlich ein Schatz daselbst verborgen sein müsste.
    Zehen-, ja hundertmal lieber hätte ich Kugeln gewechselt, als mich in
solcher Angst befunden. Ich ward gequält und wusste doch nicht von wem, dann ich
sah oder hörte nichts. Ich nahm das ander Pistol auch von meinem Pferd und
wollte damit durchgehen und das Pferd stehen lassen, vermochte aber die Stiegen
nicht hinaufzukommen, weil mich, wie mich deuchte, eine starke Luft aufhielt; da
lief mir erst die Katze den Buckel hinauf! Zuletzt fiel mir ein, ich sollte
meine Pistolen lösen, damit die Bauern, so in der Nähe im Feld arbeiteten, mir
zuliefen und mit Rat und Tat zu Hülf kämen. Das tät ich, weil ich sonst kein
Mittel, Rat noch Hoffnung hatte oder wusste, aus diesem ungeheuren Wunderort zu
kommen. Ich war auch so erzörnt oder vielmehr so desperat (dann ich weiss selber
nicht mehr, wie mir gewesen ist), dass ich im Losschiessen meine Pistolen gerad an
den Ort kehrete, allwo ich vermeinte, dass die Ursache meiner seltsamen Begegnus
stecke, und traf obangeregtes Stück Gemäuer mit zweien Kuglen so hart, dass es
ein Loch gab, darein man zwo Fäuste hätte stecken mögen. Als der Schuss
geschehen, wieherte mein Pferd und spitzte die Ohren, welches mich herzlich
erquickte; nicht weiss ich, ist damals das Ungeheur oder Gespenst verschwunden
oder hat sich das arme Tier über das Schiessen erfreuet? Einmal, ich fasste wieder
ein frisch Herz und ging ganz unverhindert und ohn alle Furcht zu dem Loch, das
ich erst durch den Schuss geöffnet hatte. Da fieng ich an, die Maur vollends
einzubrechen und fand von Silber, Gold und Edelgesteinen einen solchen reichen
Schatz, der mir noch auf diese Stunde wohl bekäme, wann ich ihn nur recht zu
verwahren und anzulegen gewusst hätte. Es waren aber sechs Dutzet altfränkische
silberne Tischbecher, ein gross gulden Pokal, etliche Duplet, vier silberne und
ein guldenes Salzfass, eine altfränkische guldne Kette, unterschiedliche
Diamanten, Rubinen, Saphiren und Schmaragden, beides in Ringen und andern
Kleinodien gefasset; item ein ganz Lädlein voll grosser Perlen, aber alle
verdorben oder abgestanden, und dann in einem versporten ledernen Sack achtzig
von den ältisten Joachimstalern aus feinem Silber, sodann 893 Goldstücke mit dem
französischen Wappen und einem Adler, welche Münze niemand kennen wollte, weil
man, wie sie sagten, die Schrift nicht lesen konnte. Diese Münze, die Ringe und
Kleinodien steckte ich in meine Hosensäcke, Stiefeln, Hosen und Pistolhulftern,
und weil ich keinen Sack bei mir hatte, sintemal ich nur spassgeritten war,
schnitt ich meine Schaberacke vom Sattel und packte in dieselbige (weil sie
gefüttert war und mir gar wohl vor einen Sack dienen konnte) das übrige
Silbergeschirr, hing die güldene Kette an Hals, sass fröhlich zu Pferd und ritt
meinem Quartier zu. Wie ich aber aus dem Hof kam, ward ich zweier Bauern gewahr,
welche davonlaufen wollten, sobald sie mich sahen; ich ereilte sie leichtlich,
weil ich sechs Füsse und ein eben Feld hatte, und fragte sie, warum sie hätten
wollen ausreissen und warum sie sich so schrecklich förchteten. Da erzählten sie
mir, dass sie vermeint hätten, ich wäre das Gespenst, das in gegenwärtigem öden
Edelhof wohne, welches die Leute, wann man ihm zu nahe käme, elendiglich zu
traktieren pflege. Und als ich ferner um dessen Beschaffenheit fragte, gaben sie
mir zur Antwort, dass aus Furcht des Ungeheuers oft in vielen Jahren kein Mensch
an denselben Ort komme, es sei dann jemand Fremder, der verirre und ungefähr
dahin gerate. Die gemeine Sage gienge im Land, es wäre ein eiserner Trog voller
Geldes darin, den ein schwarzer Hund hüte zusamt einer verfluchten Jungfer; und
wie die alte Sage gienge, sie auch selber von ihren Grosseltern gehört hätten,
so sollte ein fremder Edelmann, der weder seinen Vatter noch Mutter erkenne, ins
Land kommen, dieselbe Jungfer erlösen, den eisernen Trog mit einem feurigen
Schlüssel aufschliessen und das verborgene Geld davonbringen. Dergleichen albern
Dings erzählten sie mir noch viel und sagten, es wäre nie gehört worden, dass
jemand ohnverletzt oder sonst ohne Abenteur dort gewesen oder ohne überstandne
schröckliche Angst, die ihm greuliche Ungeheur eingejaget, wieder glücklich
darvon kommen wäre. Es hätten sich zwar noch bei Mannsgedenken einige fahrende
Schuler oder Teufelsbanner dortin begeben, den Platz zu graben, sie seien aber
seltsam empfangen und wieder abgewiesen worden, dass seitero niemand gelüste,
demselben weiters nachzusuchen, vornehmlich weil sie den Bescheid mitgebracht,
dass der Schatz keinem zuteil werden möge, der nur ein einigsmal Weibermilch
getrunken hätte. Ich sagte, so müsste er wohl ewig da liegen bleiben. »Wer sagt
euch aber, dass eine verfluchte Jungfrau da wohne?« Die Bauern antworteten, es
wäre vor wenig Jahren ein Mägdlein aus ihrem Dorf mit etlichen Gaissen derorten
auf der Waid gewesen, solche zu hüten. Als ihr aber eine davon entloffen und in
besagten Hof kommen, hätte ihr das Mägdlein, als welches von dem Ungeheur nichts
gewusst, nachgefolget, solche wieder zu den andern zu treiben; zu demselben sei
die Jungfrau kommen und hätte es gefragt, was es da zu schaffen habe; und
demnach das Mägdlein geantwortet, es wolle seine Gaiss wieder holen, die ihm
wider seinem Willen daher geloffen wäre, hätte die Jungfrau demselben ein
Körblein voller Kirschen gewiesen und gesagt: »So gehe und nimm dort von dem,
was du vor dir siehest, mitsamt deiner Gaiss; komme mir aber nicht wieder und
siehe dich auch nicht um, damit dir nichts Arges widerfahre.« Darauf sei das
Mägdlein erschrocken und habe in solcher Angst sieben Kirschen ertappet, welche,
sobald sie vor das Gemäuer kommen, zu Geld worden. Hernach fragte ich sie, was
dann sie beide da gewollt hätten, da sie doch ohndas nicht in das Gemäur gehen
dörften. Sie antworteten, sie hätten einen Schuss samt einem lauten Schrei
gehöret; da sein sie zugeloffen, zu sehen, was da zu tun sein möchte. Als ich
ihnen aber sagte, dass ich zwar geschossen hätte, der Hoffnung, es würden Leute
zu mir ins Gemäur kommen, weil mir auch ziemlich angst worden, wüsste aber von
keinem Geschrei nichts, da antworteten sie: »Man möchte in diesem Schloss lang
hören schiessen, bis jemand hineinlauft aus unsrer Nachbarschaft; dann es ist in
Wahrheit so abenteurlich damit beschaffen, dass wir dem Junkern nicht glauben
würden, wann er sagte, er wäre darin gewesen, dafern wir ihn nicht selbst wieder
hätten sehen herausreuten.« Hierauf wollten sie viel Dings von mir wissen,
vornehmlich wie es darin beschaffen wäre und ob ich die Jungfer samt dem
schwarzen Hund auf dem eisernen Trog nicht gesehen hätte, also dass ich ihnen,
wann ich nur aufschneiden wollen, seltsame Bären hätte anbinden können; aber ich
sagte ihnen im geringsten nichts, auch nicht einmal, dass ich den köstlichen
Schatz ausgehoben, sondern ritt meines Wegs in mein Quartier und beschauete
meinen Fund, der mich herzlich erfreuete.
 
                            Das dreizehnte Kapitel.
Simplex hat törichte Grillen bei sich,
Lässt sein gefunden Geld nicht gern im Stich.
Diejenige, die wissen, was das Geld gilt, und dahero solches vor ihren Gott
halten, haben dessen nicht geringe Ursache; dann ist jemand in der Welt, der
dessen Kräfte und beinahe göttliche Tugenden erfahren hat, so bin ichs. Ich
weiss, wie einem zumut ist, der dessen einen ziemlichen Vorrat hat; so habe ich
auch nicht nur einmal erfahren, wie derjenige gesinnet sei, der keinen einzigen
Heller vermag. Ja, ich dörfte mich vermessen zu erweisen, dass es alle Tugenden
und Würkungen viel kräftiger hat und vermag, als alle Edelgestein; dann es
vertreibet alle Melancholei wie der Diamant; es machet Lust und Beliebung zu den
Studiis wie der Smaragd; darum werden gemeiniglich mehr reicher als armer Leute
Kinder Studenten. Es nimmt hinweg Forchtsamkeit, machet den Menschen fröhlich
und glückselig wie der Rubin; es ist dem Schlaf oft hinderlich wie die Granaten;
hingegen hat es auch eine grosse Kraft, die Ruhe und den Schlaf zu befördern wie
der Hyazint; es stärket das Herz, vertreibet vergebliches Erschröcken und
machet den Menschen freudig, sittsam, frisch und mild wie der Saphir und
Ametyst; es vertreibet böse Träume, machet fröhlich, schärfet den Verstand, und
so man mit jemand zanket, machet es, dass man sieget wie der Sardus, vornehmlich
wann man alsdann den Richter brav damit schmieret. Es löschet aus die geile und
unkeuschen Begierden, sonderlich weil man schöne Weiber um Geld kriegen kann. In
Kürze, es ist nicht auszusprechen, was das liebe Geld vermag, wie ich dann
hiebevor in meinem »Schwarz und Weiss« etwas davon geschrieben, wann man es nur
recht zu gebrauchen und anzulegen weiss.
    Was das meinige anbelanget, das ich damals beides, mit Rauben und Findung
dieses Schatzes, zuwegen gebracht, so hatte dasselbe eine seltsame Natur an
sich; dann erstlich machte es mich hoffärtiger, als ich zuvor war, so gar, dass
mich auch im Herzen verdross, dass ich nur Simplicius heissen sollte. Es hinderte
mir den Schlaf wie der Ametyst; dann ich lag manche Nacht und spekulierte, wie
ich solches anlegen und noch mehr darzu bekommen möchte. Es machte mich zu einem
perfekten Rechenmeister; dann ich überschlug, was mein ungemünztes Silber und
Gold wert sein möchte, summierte solches zu demjenigen, das ich hin und wieder
verborgen und noch bei mir im Säckel hatte, und befand ohn die Edelgesteine ein
namhaftes Fazit. Es gab mir auch seine eigne angeborne Schalkheit und böse Natur
zu versuchen, indem es mir das Sprichwort: wo viel ist, begehrt man immer mehr,
rechtschaffen auslegte und mich so geizig machte, dass mir jedermann hätte feind
werden mögen. Ich bekam von ihm wohl närrische Anschläge und seltsame Grillen
ins Hirn und folgte doch keinem einzigen Einfall, den ich kriegte. Einmal kam
mirs in Sinn, ich sollte den Krieg quittieren, mich irgendhin setzen und mit
einem schmutzigen Maul zum Fenster aussehen. Aber geschwind reuete michs wieder,
vornehmlich da ich bedachte, was vor ein freies Leben ich führte und was vor
Hoffnung ich hätte, ein grosser Hans zu werden; da gedachte ich dann: »Hui,
Simplici, lass dich adeln und wirb dem Kaiser eine eigene Kompagnie Dragoner aus
deinem Säckel, so bist du schon ein ausgemachter junger Herr, der mit der Zeit
noch hoch steigen kann.« Sobald ich aber zu Gemüt führete, dass meine Hoheit
durch ein einzig unglücklich Treffen fallen oder sonst durch einen Friedenschluss
samt dem Krieg in Bälde ein End nehmen könnte, liess ich mir diesen Anschlag auch
nicht mehr belieben. Alsdann fieng ich an, mir mein vollkommen männlich Alter zu
wünschen. »Dann wann ich solches hätte,« sagte ich zu mir selber, »so nähmest du
eine schöne, junge, reiche Frau; alsdann kauftest du irgendeinen adeligen Sitz
und führtest ein geruhiges Leben.« Ich wollte mich auf die Viehzucht legen und
mein ehrlich Auskommen reichlich haben können; da ich aber wusste, dass ich noch
viel zu jung hierzu war, musste ich diesen Anschlag auch fahren und unterwegen
lassen. Solcher und dergleichen Einfälle hatte ich viel, bis ich endlich
resolvierte, meine beste Sachen irgendhin in einer wohlverwahrten Stadt einem
begüterten Mann in Verwahrung zu geben und zu verharren, was das Glück ferner
mit mir machen würde. Damals hatte ich meinen Jupiter noch bei mir, dann ich
konnte seiner nicht los werden; derselbe redte zuzeiten sehr subtil und war
etliche Wochen gar klug, hatte mich auch über alle Massen lieb, weil ich ihm viel
Gutes täte; und demnach er mich immer in tiefen Gedanken gehen sah, sagte er zu
mir: »Liebster Sohn! schenket Euer Schindgeld, Gold und Silber hinweg!« Ich
sagte: »Warum, mein lieber Jove?« - »Darum,« antwortete er, »damit Ihr Euch
Freunde dadurch machet und Eurer unnützen Sorgen los werdet.« - Ich sagte, dass
ich lieber gern mehr hätte. »Wer weiss, wo ichs noch brauche?« Darauf sagte er:
»So sehet, wo Ihr mehr bekommt; aber auf solche Weise werdet Ihr Euch Euer
Lebtag weder Ruhe noch Freunde schaffen. Lasset die alte Schabhälse geizig sein,
Ihr aber haltet Euch, wie es einem jungen wackern Kerl zustehet; Ihr sollt noch
viel eher Mangel an guten Freunden als Geld erfahren.« Ich dachte der Sache nach
und befand zwar, dass Jupiter wohl von der Sache rede, der Geiz aber hatte mich
schon dergestalt eingenommen, dass ich gar nicht gedachte, etwas hinzuschenken.
Doch verehrte ich zuletzt dem Kommandanten ein paar silberne und übergoldte
Duplet, meinem Hauptmann aber ein paar silberne Salzfässer, damit ich aber
nichts anders ausrichtete, als dass ich ihnen nur das Maul auch nach dem übrigen
wässerig machte, weil es rare Antiquitäten waren. Meinem getreusten Kameraden
Springinsfeld schenkte ich zwölf Reichstaler; der riet mir dargegen, ich sollte
mein Reichtum von mir tun oder gewärtig sein, dass ich dadurch in Unglück käme,
dann die Offizierer sähen nicht gern, dass ein gemeiner Soldat mehr Geld hätte
als sie. So hätte er auch wohl ehmals gesehen, dass ein Kamerad den andern um
Geldes halber heimlich ermordet; bisher hätte ich wohl heimlich halten können,
was ich an Beuten erschnappt und erüberigt, dann jedermann glaubete, ich hätte
alles wieder an Kleider, Pferde und Gewehr gehängt, nunmehr aber würde ich
niemand kein Ding mehr verklaiben oder weismachen können, dass ich kein übrig
Geld hätte, dann jeder machte den gefundenen Schatz jetzt grösser, als er an sich
selbst sei, und ich ohndas nicht mehr wie hiebevor spendierte. Er müsse oft
hören, was unter der Bursch vor ein Gemurmel gehe; sollte er anstatt meiner
sein, so liesse er den Krieg Krieg sein, setzte sich irgendhin in Sicherheit und
liesse den lieben Gott walten. Seine Meinung wäre, ich sollte das Glück nicht
weiters versuchen, ich hätte Ehr und Gut genug erworben und meine Sache so weit
gebracht, dass es unter tausenden kaum einem so wohl geraten. Ich antwortete:
»Höre Bruder! wie kann ich die Hoffnung, die ich zu einem Fähnlein habe, so
leichtlich in Wind schlagen?« - »Ja, ja!« sagte Springinsfeld, »hole mich dieser
und jener, wann du ein Fähnlein bekommst; die andere, so auch darauf hoffen,
sollten dir eh tausendmal den Hals brechen helfen, wann sie sehen, dass eins
ledig und du bekommen solltest. Lerne mich nur keine Karpfen kennen; dann mein
Vatter war ein Fischer. Halt mirs zugut, Bruder! dann ich habe länger zugesehen,
wie es im Krieg hergehet, als du! Siehest du nicht, wie mancher Feldwaibel bei
seinem kurzen Gewehr grau wird, der vor vielen eine Kompagnie zu haben
meritierte; vermeinest du, sie sein nicht auch Kerl, die etwas haben hoffen
dörfen? zudem so gebühret ihnen von Rechts wegen mehr als dir solche
Beförderung, wie du selber erkennest.« Ich musste schweigen, weil Springinsfeld
aus einem teutschen aufrichtigen Herzen mir die Wahrheit so getreulich sagte und
nicht heuchelte; jedoch biss ich die Zähne heimlich übereinander, dann ich
bildete mir damals trefflich viel ein.
    Doch erwug ich diese und meines Jupiters Reden sehr fleissig und bedachte,
dass ich keinen einzigen angebornen Freund hätte, der sich meiner in Nöten
annehmen oder meinen Tod, so er geschehe, heimlich oder öffentlich rächen würde.
Auch konnte ich mir leicht einbilden, wie die Sache umständlich und an sich
selber war, dannoch aber liess weder mein Ehr-noch Geldgeiz zu, viel weniger
die Hoffnung, gross zu werden, den Krieg zu quittiern und mir Ruhe zu schaffen;
sondern ich verblieb bei meinem ersten Vorsatz, und indem sich eben eine
Gelegenheit auf Köln präsentierte (indem ich neben 100 Dragonern etliche
Kaufleute und Güterwägen von Münster dortin konvojirn helfen musste), packte ich
meinen gefundenen Schatz zusammen, nahm ihn mit und gab ihn einem von den
vornehmsten Kaufleuten daselbst gegen Aushändigung einer spezifizierten
Handschrift aufzuheben. Das waren vierundsiebenzig Mark ungemünzt fein Silber,
fünfzehen Mark Gold, achtzig Joachimstaler und in einem verpetschierten Kästlein
unterschiedliche Ringe und Kleinodien, so mit Gold und Edelgesteinen achtalb
Pfund in allem gewogen, samt 893 antiquische gemünzte Goldstücke, deren jedes
andertalb Goldgülden schwer war. Meinen Jupiter brachte ich auch dahin, weil
ers begehrte und in Köln ansehnliche Verwandten hatte. Gegen denselben rühmte er
die Guttaten, die er von mir empfangen, und machte, dass sie mir viel Ehre
erwiesen. Mir aber riet er noch allezeit, ich sollte mein Geld besser anlegen
und mir Freunde davor kaufen, die mich mehr als das Gold in der Kisten nutzen
würden.
 
                            Das vierzehnte Kapitel.
Simplex, der Jäger, wird vom Feind gefangen,
Pfleget auch bald gute Gunst zu erlangen.
Auf dem Zuruckweg machte ich mir allerhand Gedanken, wie ich mich inskünftige
halten wollte, damit ich doch jedermanns Gunst erlangen möchte, dann
Springinsfeld hatte mir einen unruhigen Floh ins Ohr gesetzt und mich zu glauben
persuadieret, als ob mich jedermann neide, wie es dann in der Wahrheit auch
nicht anders war. So erinnerte ich mich auch dessen, was mir die berühmte
Wahrsagerin zu Soest ehmals gesagt, und belud mich deshalber mit noch grössern
Sorgen. Mit diesen Gedanken schärfte ich meinen Verstand trefflich und nahm
gewahr, dass ein Mensch, der ohne Sorgen dahinlebet, fast wie ein Vieh sei. Ich
sann aus, welcher Ursache halber mich einer oder ander hassen möchte, und erwug,
wie ich einem jeden begegnen müsse, damit ich dessen Gunst wiedererlange,
verwunderte mich darneben zum höchsten, dass die Kerl so falsch sein und mir
lauter gute Worte geben sollten, da sie mich nicht liebten! Derowegen gedachte
ich, mich anzustellen wie die andere und zu reden, was jedem aufs beste gefiel
und am annehmlichsten war, auch jedem mit Ehrerbietung zu begegnen, obschon es
mir nicht ums Herz wäre; vornehmlich aber merkte ich klar, dass meine eigne
Hoffart mich mit den meisten Feinden beladen hatte. Deswegen hielt ich vor
nötig, mich wieder demütig zu stellen, obschon ichs nicht sei, mit den gemeinen
Kerlen wieder unten und oben zu liegen, vor den Höhern aber den Hut in Händen zu
tragen und mich des Kleiderprachts in etwas abzutun, bis sich etwan mein Stand
änderte. Ich hatte mir von dem Kaufherrn in Köln 100 Taler geben lassen, solche
samt Interesse wieder zu erlegen, wann er mir meinen Schatz aushändigte;
dieselbe gedachte ich unterwegs der Konvoi halb zu verspendiern, weil ich
nunmehr erkannte, dass der Geiz keine Freunde machet. Solchergestalt war ich
resolviert, mich zu ändern und noch auf diesem Weg den Anfang zu machen. Ich
machte aber die Zeche ohn den Wirt und wurde mein Anschlag aller auf einmal zu
Wasser. Dann da wir durch das bergische Land passieren wollten, passten uns an
einem sehr vortelhaften Ort 80 Feurröhrer und 50 Reuter auf, eben als ich
selbfünft mit einem Korporal geschickt ward, voranzureiten und die Strasse zu
partieren. Der Feind hielt sich still, als wir in ihren Halt kamen, liess uns
auch passieren, damit, wann sie uns angegriffen hätten, die Konvoi nicht
gewarnet würde, bis sie auch zu ihnen in die Enge käme, schickte uns aber einen
Kornett mit acht Reutern nach, die uns im Gesicht behielten, bis die ihrige
unser Konvoi selbst angriffen und wir umkehrten, uns auch zun Wägen zu tun. Da
giengen sie auf uns los und fragten, ob wir Quartier wollten? Ich vor meine
Person war wohl beritten, dann ich hatte mein bestes Pferd unter mir; ich wollte
aber gleichwohl nicht ausreissen, schwang mich herum auf eine kleine Ebne, zu
sehen, ob da Ehre einzulegen sein möchte. Indessen hörte ich stracks an der
Salve, welche die Unserigen empfiengen, was die Glocke geschlagen, trachtete
derowegen nach der Flucht, aber der Kornett hatte alles vorbedacht und uns den
Pass schon abgeschnitten; und indem ich durchzuhauen bedacht war, bot er mir,
weil er mich vor einen Offizier ansah, nochmals Quartier an. Ich gedachte: »Das
Leben eigentlich davonzubringen, ist besser als eine ungewisse Hasart«; sagte
derowegen, ob er mir Quartier halten wollte als ein redlicher Soldat. Er
antwortet: »Ja rechtschaffen!« Also präsentierte ich ihm meinen Degen und gab
mich dergestalt gefangen. Er fragte mich gleich, was ich vor einer sei, dann er
sähe mich vor einen Edelmann und also auch vor einen Offizierer an. Da ich ihm
aber antwortete, ich würde der Jäger von Soest genannt, antwortete er: »So hat
Er gut Glück, dass Er uns vor vier Wochen nicht in die Hände geraten; dann zu
selbiger Zeit hätte ich Ihm kein Quartier geben noch halten dörfen, dieweil man
Ihn damal bei uns vor einen offentlichen Zauberer gehalten hat.«
    Dieser Kornett war ein tapferer junger Kavalier und nicht über zwei Jahre
älter als ich. Er erfreuete sich trefflich, dass er die Ehre hatte, den berühmten
Jäger gefangen zu haben; deswegen hielt er auch das versprochene Quartier sehr
ehrlich und auf holländisch, deren Gebrauch ist, ihren gefangenen spanischen
Feinden von demjenigen, was der Gürtel beschleusst, nichts zu nehmen; ja er war
der Diskretion, dass er mich nicht einmal visitieren liess, ich aber war selbst
der Bescheidenheit, das Geld aus meinen Schubsäcken zu tun und ihnen solches
zuzustellen, da es an ein Partens ging; sagte auch dem Kornett heimlich, er
sollte sehen, dass ihm mein Pferd, Sattel und Zeuch zuteil würde, dann er im
Sattel 30 Dukaten finden würde und das Pferd ohndas seinesgleichen schwerlich
hätte. Von deswegen ward mir der Kornett so hold, als ob ich sein leiblicher
Bruder wäre; er sass auch gleich auf mein Pferd und liess mich auf dem seinigen
reiten. Von der Konvoi aber blieben nicht mehr als 6 tot, und 13 wurden
gefangen, darunter 8 beschädigt; die übrige giengen durch und hatten das Herz
nicht, dem Feind im freien Feld die Beute wieder abzujagen, das sie fein hätten
tun können, weil sie alle zu Pferd waren.
    Nachdem die Beuten und Gefangene geteilet worden, giengen die Schweden und
Hessen (dann sie waren aus unterschiedlichen Garnisonen) noch selbigen Abend
voneinander. Mich und den Korporal samt noch dreien Dragonern behielt der
Kornett, weil er uns gefangen bekommen; dahero wurden wir in eine Festung
geführet, die nicht gar zwei Meilen von unsrer Garnison lag. Und weil ich
hiebevor demselben Ort viel Dampfs angetan, war mein Name daselbst wohl bekannt,
ich selber aber mehr geförcht als geliebt. Da wir die Stadt vor Augen hatten,
schickte der Kornett einen Reuter voran, seine Ankunft dem Kommandanten
anzukündigen, auch anzuzeigen, wie es abgeloffen und wer die Gefangene sein,
davon es ein Geläuf in der Stadt geben, das nit auszusagen, weil jeder den
Wunder auszurichten gewohnten Jäger gern sehen wollte. Da sagte einer dies, der
ander jenes von mir, und war nicht anderst anzusehen, als ob ein grosser Potentat
seinen Einzug gehalten hätte.
    Wir Gefangene wurden strack zum Kommandanten geführet, welcher sich sehr
über meine Jugend verwunderte. Er fragte mich, ob ich nie auf schwedischer Seite
gedienet hätte und was ich vor ein Landsmann wäre. Als ich ihm nun die Wahrheit
sagte, wollte er wissen, ob ich nicht Lust hätte, wieder auf ihrer Seite zu
bleiben. Ich antwortete ihm, dass es mir sonst gleich gülte; allein weil ich dem
römischen Kaiser einen Eid geschworen hätte, so dünkte mich, es gebühre mir,
solchen zu halten. Darauf befahl er, uns zum Gewaltiger zu führen, und erlaubte
doch dem Kornett auf sein Anhalten, auf den Abend uns zu gastiern, weil ich
hiebevor meine Gefangene (darunter sein Bruder sich befunden) auch
solchergestalt traktieret hätte. Da nun der Abend kam, fanden sich
unterschiedliche Offizierer, sowohl Soldaten von Fortun als geborne Kavaliers,
beim Kornett ein, der mich und den Korporal auch holen liess; da ward ich, die
Wahrheit zu bekennen, von ihnen überaus höflich traktiert. Ich machte mich so
lustig, als ob ich niemals verloren gehabt, und liess mich so vertreulich und
offenherzig vernehmen, als ob ich bei keinem Feind gefangen, sondern bei meinen
besten Freunden wäre; darbei beflisse ich mich der Bescheidenheit, soviel mir
immer müglich war, dann ich konnte mir leicht einbilden, dass dem Kommandanten
mein Verhalten wieder notifiziert würde, so auch geschehen, massen ich nachmals
erfahren.
    Den andern Tag wurden wir Gefangene, und zwar einer nach dem andern, vor den
Regim. Schulzen geführet, welcher uns examinierte. Der Korporal war der erste
und ich der ander. Sobald ich in den Saal trat, verwunderte er sich auch über
meine Jugend und sagte, mir solche vorzurücken: »Mein Kind! was hat dir der
Schwede getan, dass du wider ihn kriegest?« Das verdross mich, vornehmlich da ich
ebenso junge Soldaten bei ihnen gesehen, als ich war, antwortete derhalben: »Die
schwedische Krieger haben mir meine Schnellkugeln oder Klicker genommen, die
wollte ich gern wieder holen.« Da ich ihn nun dergestalt bezahlte, schämten sich
seine beisitzende Offizierer, massen einer anfieng, auf Latein zu sagen, er
sollte von ernstlichen Sachen mit mir reden, er hörte wohl, dass er kein Kind vor
sich hätte. Da merkte ich, dass er Eusebius hiesse, weil ihn derselbe Offizier so
nannte. Darauf fragte er mich um meinen Namen, und nachdem ich ihm denselben
genennet, sagte er: »Es ist kein Teufel in der Hölle, der Simplicissimus
heisset.« Da antwortete ich: »So ist auch vermutlich keiner in der Hölle, der
Eusebius heisst!«, bezahlte ihn also gar artlich, wie unsern Musterschreiber
Cyriacum, so aber von den Offizierern nicht am besten aufgenommen ward, massen
sie mir sagten, ich sollte mich erinnern, dass ich ihr Gefangener sei und nicht
Scherzens halber wäre hergeholet worden. Ich ward dieses Verweises wegen drum
nicht rot, bat auch nicht um Verzeihung, sondern antwortete, weil sie mich vor
einen Soldaten gefangen hielten und nicht vor ein Kind wieder laufen lassen
würden, so hätte ich mich versehen, dass man mich auch nicht als ein Kind gefoppt
hätte; wie man mich gefragt, so hätte ich geantwortet, hoffte auch, ich würde
nicht unrecht daran getan haben. Darauf fragten sie mich um mein Vatterland,
Herkommen und Geburt, und vornehmlich, ob ich nicht auch auf schwedischer Seiten
gedient hätte, item, wie es in Soest beschaffen, wie stark selbige Garnison sei,
und was des Dings mehr ist etc. Ich antwortete auf alles behend, kurz und gut,
und zwar wegen Soest und selbiger Garnison so viel, als ich zu verantworten
getrauete, konnte aber wohl verschweigen, dass ich das Narrnhandwerk getrieben,
weil ich mich dessen schämte.
 
                            Das fünfzehnte Kapitel.
Simplex von Schweden wird ledig gemacht,
Darnach er hatte gleich anfangs getracht.
Indessen erfuhr man zu Soest, wie es mit der Konvoi abgeloffen, und dass ich mit
dem Korporal und andern mehr gefangen, auch wo wir hingeführet worden; derhalben
kam gleich den andern Tag ein Trommelschläger, uns abzuholen; dem ward der
Korporal und die drei andere gefolget und ein Schreiben mitgegeben, folgenden
Einhalts, das mir der Kommandant zu lesen überschickte:
    »Monsieur etc. Durch Wiederbringern, diesen Tambour, ist mir dessen
Schreiben eingehändigt worden, schicke darauf hiermit gegen empfangener Ranzion
den Korporal samt den übrigen dreien Gefangenen; was aber Simplicium den Jäger
anbelanget, kann selbiger, weil er hiebevor auf dieser Seite gedienet, nicht
wieder hinübergelassen werden. Kann ich aber dem Herrn im übrigen ausserhalb
Herrnpflichten in etwas bedient sein, so hat derselbe an mir einen willigen
Diener, als der ich so weit bin und verbleibe
                        Des Herrn
                                                           Dienst-bereitwilliger
                                                                    N. de S. A.«
    Dieses Schreiben gefiel mir nicht halb, und musste mich doch vor diese
Kommunikation bedanken. Ich begehrte, mit dem Kommandanten zu reden, bekam aber
die Antwort, dass er schon selbst nach mir schicken würde, wann er zuvor den
Trommelschlager abgefertigt hätte, so morgen früh geschehen sollte, bis dahin
ich mich zu gedulten.
    Da ich nun die bestimmte Zeit überwartet hatte, schickte der Kommandant nach
mir, als es eben Essenszeit war. Da widerfuhr mir das erstemal die Ehre, zu ihm
an seine Tafel zu sitzen. Solang man ass, liess er mir mit dem Trunk ziemlich und
sehr freundlich zusprechen und gedachte weder Klein- noch Grosses von demjenigen,
was er mit mir vorhatte, und mir wollte es auch nicht anstehen, etwas davon
anzufangen. Demnach man aber abgegessen und ich einen ziemlichen Tummel hatte,
sagte er: »Lieber Jäger! Ihr habet aus meinem Schreiben verstanden, unter was
vor einem Prätext ich Euch hier behalte; und zwar so habe ich gar keine
unrechtmässige Sache oder etwas vor, das wider Räson oder Kriegsgebräuch wäre,
dann Ihr habet mir und dem Regim. Schulteiss selbst gestanden, dass Ihr hiebevor
auf unsrer Seite bei der Hauptarmee gedienet, werdet Euch derhalben resolvieren
müssen, unter meinem Regiment Dienst anzunehmen; so will ich Euch mit der Zeit,
und wann Ihr Euch wohl verhaltet, dergestalt akkommodieren, dergleichen Ihr bei
den Kaiserl. nimmer hättet hoffen dörfen. Widrigenfalls werdet Ihr mich nicht
verdenken, wann ich Euch wiederum demjenigen Obristleutenant überschicke,
welchem Euch die Dragoner hiebevor abgefangen haben.« Ich antwortete:
»Hochgeehrter Herr Obrister! (dann damals war noch nicht der Brauch, dass man
Soldaten von Fortun Ihr Gnaden titulierte, obgleich sie Obristen waren) ich
hoffe, weil ich der Krone Schweden noch deren Konföderierten, viel weniger dem
Obristleutenant niemalen mit Eid verpflichtet, sondern nur ein Pferdjung
gewesen, dass dannenher ich nicht verbunden sei, schwedische Dienste anzunehmen
und dadurch den Eid zu brechen, den ich dem Römischen Kaiser geschworen,
derowegen meinen Hochg. Herrn Obristen allergehorsamst bittend, Er beliebe mich
dieser Zumutung zu überheben.« - »Was?« sagte der Obrister, »verachtet Ihr dann
die schwedische Dienste? Ihr müsst wissen, dass Ihr mein Gefangener seid, und eh
ich Euch wieder nach Soest lasse, dem Gegenteil zu dienen, eh will ich Euch
einen andern Prozess weisen oder im Gefängnus verderben lassen; darnach wisset
Euch einmal vor allemal zu richten!« Ich erschrak zwar über diese Worte, gab
mich aber darum noch nicht, sondern antwortete, Gott wolle mich vor solcher
Verachtung sowohl als vor dem Meineid behüten. Im übrigen stünde ich in
untertäniger Hoffnung, der Herr Obrister würde mich seiner weitberühmten
Diskretion nach wie einen Soldaten traktieren. »Ja!« sagte er, »ich wüsste wohl,
wie ich Euch traktieren könnte, da ich der Strenge nach prozedieren wollte. Aber
bedenket Euch besser, damit ich nicht Ursachen ergreife, Euch etwas anders zu
weisen.« Darauf ward ich wieder ins Stockhaus geführet.
    Jedermann kann unschwer erachten, dass ich dieselbe Nacht nicht viel
geschlafen, sondern allerhand Gedanken gehabt habe. Den Morgen aber kamen
etliche Offizierer mit dem Kornett, so mich gefangen bekommen, zu mir unterm
Schein, mir die Zeit zu kürzen, in Wahrheit aber mir weiszumachen, als ob der
Obrister gesinnet wäre, mir als einem Zauberer den Prozess machen zu lassen, da
ich mich nicht anderst bequemen würde; wollten mich also erschröcken und sehen,
was hinter mir stecke. Weil ich mich aber meines guten Gewissens tröstete, nahm
ich alles gar kaltsinnig an und redete nicht viel, merkte dabei, dass es dem
Obristen um nichts anders zu tun war, als dass er mich ungern in Soest sah; so
konnte er sich auch leicht einbilden, dass ich selbigen Ort, wann er mich ledig
liesse, wohl nicht verlassen würde, weil ich meine Beförderung dort hoffte und
noch zwei schöne Pferde und sonst köstliche Sachen allda hatte. Den folgenden
Tag liess er mich wieder zu sich kommen und fragte mich nochmals ernstlich, ob
ich mich auf ein und anders resolviert hätte. Ich antwortete: »Dies, Herr
Obrister! ist mein Entschluss, dass ich eh sterben als meineidig werden will! Wann
aber mein Hochg. Herr Obrister mich auf freien Fuss zu stellen und mit keinen
Kriegsdiensten zu belegen belieben wird, so will ich dem Herrn Obristen mit
Herz, Mund und Hand versprechen, in sechs Monaten keine Waffen wider Schwed- und
Hessische zu tragen oder zu gebrauchen.« Solches liess ihm der Obrister stracks
gefallen, bot mir darauf die Hand und schenkte mir zugleich die Ranzion, befahl
auch dem Sekretario, dass er deswegen einen Revers in Duplo aufsetzte, den wir
beide unterschrieben, darin er mir Schutz, Schirm und alle Freiheit, solang ich
in der ihm anvertrauten Festung verbliebe, versprach. Ich hingegen reversierte
mich über obige zwei Punkten, dass ich, solang ich mich in derselben Festung
aufhalten würde, nichts Nachteiliges wider dieselbige Garnison und ihren
Kommandanten praktizieren noch etwas, das ihr zu Nachteil und Schaden
vorgenommen würde, verhehlen, sondern vielmehr deren Nutzen und Frommen fördern
und ihren Schaden nach Müglichkeit wenden, ja wann der Ort feindlich attackieret
würde, denselben defendieren helfen sollte und wollte.
    Hierauf behielt er mich wieder bei dem Mittagimbiss und tät mir mehr Ehre an,
als ich von den Kaiserlichen mein Lebtag hätte hoffen dörfen. Dadurch gewann er
mich dergestalt nach und nach, dass ich nicht wieder nach Soest gangen wäre,
wannschon er mich dahin lassen und meines Versprechens ledig zählen wollen. Das
heisst dem Feind ohne Blutvergiessung einen Abbruch getan; dann von dieser Zeit an
war es mit den Soester Parteigängern soviel als nichts, weil sie mich nicht mehr
hatten, welches ich ihnen zwar nicht zum Nachteil, noch mir zum Ruhm nachgeredet
haben will.
 
                            Das sechzehnte Kapitel.
Simplex will einen Freiherren abgeben,
Führet ein rechtes freigebiges Leben.
Wann ein Ding sein soll, so schickt sich alles darzu. Ich vermeinte, das Glück
hätte mich zur Ehe genommen oder wenigst sich so eng zu mir verbunden, dass mir
die allerwiderwärtigste Begegnussen zum besten gedeihen müssten, da ich über des
Kommandanten Tafel sass und vernahm, dass mein Knecht mit meinen zwei schönen
Pferden von Soest zu mir kommen wäre. Ich wusste aber nicht (wie ichs hernach im
Auskehren befand), dass das tückische Glück der Syrenen Art an sich hat, die
demjenigen am übelsten wollen, denen sie sich am geneigtesten erzeigen, und
einen der Ursache halber desto höher hebet, damit es ihn hernach desto tiefer
stürze.
    Dieser Knecht (den ich hiebevor von den Schweden gefangen bekommen hatte)
war mir über alle Massen getreu, weil ich ihm viel Gutes tät; dahero sattelte er
alle Tage meine Pferde und ritt dem Trommelschlager, der mich abholen sollte,
ein gut Stück Wegs von Soest aus entgegen, solang er aus war, damit ich nicht
allein nicht so weit gehen, sondern auch nicht nackend oder zerlumpt (dann er
vermeinte, ich wäre ausgezogen worden) in Soest kommen dörfte. Also begegnete er
dem Trommelschläger und seinen Gefangenen und hatte mein bestes Kleid
aufgepackt. Da er mich aber nicht sah, sondern vernahm, dass ich bei dem
Gegenteil Dienste anzunehmen aufgehalten werde, gab er den Pferden die Sporn und
sagte: »Adieu Tambour und Ihr Korporal; wo mein Herr ist, da will ich auch
sein!« ging also durch und kam zu mir, eben als mich der Kommandant ledig
gesprochen hatte und mir grosse Ehre antät. Er verschafte darauf meine Pferde in
ein Wirtshaus, bis ich mir selber ein Logiment nach meinem Willen bestellen
möchte, und priese mich glückselig wegen meines Knechts Treue, verwunderte sich
auch, dass ich als ein gemeiner Dragoner und noch so junger Kerl so schöne und
vortreffliche Pferde vermögen und so wohl mondiert sein sollte, lobte auch das
eine Pferd, als ich Valet nahm und in besagtes Wirtshaus ging, so trefflich,
dass ich gleich merkte, dass er mirs gern abgekauft hätte. Weil er mirs aber aus
Diskretion nicht feil machte, sagte ich, wann ich die Ehre begehren dorfte, dass
ers von meinetwegen behalten wollte, so stünde es zu seinen Diensten. Er schlugs
aber anzunehmen rund ab, mehr darum, dieweil ich einen ziemlichen Rausch hatte
und er die Nachrede nicht haben wollte, dass er einem Trunkenen etwas
abgeschwätzt, so ihn vielleicht nüchtern reuen möchte, als dass er des edlen
Pferdes gern gemangelt.
    Dieselbige Nacht bedachte ich, wie ich künftig mein Leben anstellen wollte,
entschloss mich derohalben, die sechs Monat über zu verbleiben, wo ich wäre, und
also den Winter, der nunmehr vor der Tür war, in Ruhe dahinzubringen, worzu ich
dann Geldes genug wusste, hinauszulangen, wannschon ich meinen Schatz zu Köln
nicht angriffe. »In solcher Zeit«, gedachte ich, »wächst du vollends aus und
erlangest deine völlige Stärke und kannst dich darnach auf den künftigen
Frühling wieder desto tapferer unter die Kaiserliche Armee ins Feld begeben.«
    Des Morgens frühe anatomierte ich meinen Sattel, welcher weit besser
gespickt war als derjenige, den der Kornett von mir bekommen; nachgehends liess
ich mein bestes Pferd vor des Obristen Quartier bringen und sagte zu ihm,
demnach ich mich resolviert, die sechs Monat, in welchen ich nicht kriegen
dörfte, unter des Herrn Obristen Schutz allhier ruhig zuzubringen, als sein mir
meine Pferde nichts nutz, um welche es schad wäre, wann sie verderben sollten,
bitte ihn derowegen, er wollte belieben, gegenwärtigem Soldatenklepper einen
Platz unter den seinigen zu gönnen und solches von mir als ein Zeichen dankbarer
Erkanntnus vor empfangene Gnaden unschwer annehmen. Der Obrister bedankte sich
mit grosser Höflichkeit und sehr courtoisen Offerten, schickte mir auch, seine
Gunstgewogenheit gegen mir scheinen zu lassen, denselben Nachmittag seinen
Hofmeister mit einem gemästen lebendigen Ochsen, zwei fetten Schweinen, einer
Tonnen Wein, vier Tonnen Bier, zwölf Fuder Brennholz, welches alles er mir vor
mein neu Losament, das ich eben auf ein halb Jahr bestellet hatte, bringen und
sagen liess, weil er sehe, dass ich bei ihm hausen wollte und sich leicht
einbilden könnte, dass es im Anfang mit Viktualien schlecht bestellet sei, so
schickte er mir zur Haussteur neben einem Trunk ein Stück Fleisch mitsamt dem
Holz, solches dabei kochen zu lassen, mit fernerm Anhang, dafern er mir in etwas
behülflichen sein könnte, dass ers nicht unterlassen wollte. Ich bedankte mich so
höflich, als ich konnte, verehret dem Hofmeister zwo Dukaten und bat ihn, mich
seinem Herrn bestens zu rekommandieren.
    Da ich sah, dass ich meiner Freigebigkeit halber bei dem Obristen so hoch
geehret ward, gedachte ich, mir auch bei dem gemeinen Mann ein Ansehen und gutes
Lob zu machen, damit man mich vor keinen kahlen Bärnhäuter hielte, liess
derowegen in Gegenwart meines Hauswirts meinen Knecht vor mich kommen; zu
demselben sagte ich: »Lieber Niklas! du hast mir mehr Treue erwiesen, als ein
Herr seinem Knecht zumuten darf; nun aber, da ichs um dich nicht zu verschulden
weiss, weil ich dieser Zeit keinen Herrn und also auch keinen Krieg habe, dass ich
etwas erobern könnte, dich zu belohnen, wie mirs wohl anstünde, zumalen auch
wegen meines stillen Lebens, das ich hinfort zu führen gedenke, keinen Knecht
mehr zu haben bedacht, als gebe ich dir hiemit vor deinen Lohn das ander Pferd
samt Sattel, Zeug und Pistolen mit Bitte, du wollest damit vorliebnehmen und dir
vor diesmal einen andern Herrn suchen. Kann ich dir inskünftige in etwas bedient
sein, so magst du jederzeit mich darum ersuchen.« Darauf fieng mein guter Niklas
an zu weinen und sagte: »Ach mein Herr! Ich habe in einem einzigen Vierteljahr
so viel nicht um Euch verdienet; behaltet das Pferd zu Eurem Nutz und mich
darzu, wann Euch beliebt; ich will ehe bei Euch Hunger leiden, als bei einem
andern Herrn stattlich leben, wann ich nur weiss, dass ich Euch darmit wohl
diene.« - »Nein!« sagte ich, »ich kann keinen Knecht vor mir sehen, wann ich
nicht selbst wie ein Herr leben darf; suche dir eine bessere Gelegenheit, dann
ich will einmal nicht haben, dass du ein Mitgenoss meines Unglücks seist.« Also
küssete er mir die Hände und konnte vor Weinen schier nicht reden, wollte auch
durchaus das Pferd nicht annehmen, sondern hielt vor besser, ich sollte es
versilbern und zu meinem Unterhalt gebrauchen. Zuletzt überredete ich ihn doch,
dass ers annahm, nachdem ich ihm versprochen, ihn wieder in Dienste zu nehmen,
sobald ich jemand brauche. Über diesem Abscheid ward mein Hausvatter so
mitleidig, dass ihm auch die Augen übergiengen, und gleichwie mich mein Knecht
bei der Soldateska, also erhub mich mein Hausvatter bei der Bürgerschaft wegen
dieser Tat mit grossem Lob über alle schwangere Bauern. Der Kommandant hielt mich
vor einen so resoluten Kerl, dass er auch getraute, Schlösser auf meine Parole zu
bauen, weil ich meinen Eid, dem Kaiser geschworen, nicht allein treulich,
sondern auch dasjenige, das ich mich gegen ihm verschrieben, desto steifer zu
halten, mich selbst meiner herrlichen Pferde, Gewehrs und des getreuen Knechts
entblösste. Also ward ich ein Herr vor mich selber, wie jeder Bettler, der
niemand untertan ist. Dergestalt verkehrt sich alles in der verkehrten Welt,
indem andere schweren müssen, wann sie Kriegsdienste annehmen; ich aber musste
mich verpflichten, da ich sie einstellte.
 
                            Das siebzehnte Kapitel.
Simplex sagt, was er sechs Monat will machen,
Und die Wahrsagerin sagt ihm viel Sachen.
Ich glaube, es sei kein Mensch in der Welt, der nicht einen Hasen im Busen habe,
dann wir sind ja alle einerlei Gemächts, und kann ich bei meinen Birn wohl
merken, wann andere zeitig sein. »Hui Geck!« möchte mir einer antworten, »wann
du ein Narr bist, meinst du darum, andere sein es auch?« Nein, das sage ich
nicht; dann es wäre zu viel geredt. Aber dies halte ich davor, dass einer den
Narrn besser verbirgt als der ander. Es ist einer darum kein Narr, wannschon er
närrische Einfälle hat, dann wir haben in der Jugend gemeiniglich alle
dergleichen: welcher aber solche herauslässt, wird vor einen gehalten, weil teils
ihn gar nicht, andere aber nur halb sehen lassen. Welche ihren gar unterdrücken,
sein rechte Saurtöpfe; die aber den ihrigen nach Gelegenheit der Zeit bisweilen
ein wenig mit den Ohren herfürragen und Atem schöpfen lassen, damit er nicht gar
bei ihnen ersticke, dieselbige halte ich vor die beste und verständigste Leute.
Ich liess den meinen nur zu weit heraus, da ich mich in einem so freien Stand
sah und noch Geld wusste, massen ich einen Jungen annahm, den ich als einen
Edelpage kleidete, und zwar in die närrischte Farben, nämlich veielbraun und
gelb ausgemacht, so meine Liberei sein musste, weil mirs so gefiel; derselbe
musste mir aufwarten, als wann ich ein Freiherr und kurz zuvor kein Dragoner oder
vor einem halben Jahr ein armer lausiger Rossbub gewesen wäre.
    Dies war die erste Torheit, so ich in dieser Stadt begieng, welche, obgleich
sie ziemlich gross war, ward sie doch von niemand gemerkt, viel weniger getadelt.
Aber was machet es? Die Welt ist der Torheiten so voll, dass sie keiner mehr acht
noch selbige verlacht oder sich darüber verwundert, weil sie deren gewohnt ist.
So hatte ich auch den Ruf eines klugen und guten Soldaten, und nicht eines
Narrn, der die Kinderschuhe noch träget. Ich dingte mich und meinen Jungen
meinem Hausvatter in die Kost und gab ihm an Bezahlung auf Abschlag, was mir der
Kommandant wegen meines Pferdes an Fleisch und Holz verehret hatte; zum Getränk
aber musste mein Jung den Schlüssel haben, weil ich denen, die mich besuchten,
gern davon mitteilete, dann sintemal ich weder Bürger noch Soldat war und also
keinen meinesgleichen hatte, der mir Gesellschaft leisten mögen, hielt ich mich
zu beiden Teilen und bekam dahero täglich Kameraden genug, die ich ungetränkt
nicht bei mir liess. Zum Organisten allda machte ich aus den Bürgern die beste
Kundschaft, weil ich die Musik liebte und (ohn Ruhm zu melden) eine treffliche
gute Stimme hatte, die ich bei mir nicht verschimmlen lassen wollte. Dieser
lehrete mich, wie ich komponieren sollte, item auf dem Instrument besser
schlagen sowohl als auch auf der Harpfe; so war ich ohndas auf der Laute ein
Meister, schaffte mir dahero eine eigne und hatte schier täglich meinen Spass
damit. Wann ich dann satt war zu musizieren, liess ich den Kürschner kommen, der
mich im Paradeis in allen Gewehren unterwiesen; mit demselben exerzierte ich
mich, um noch perfekter zu werden. So erlangte ich auch beim Kommandanten, dass
mich einer von seinen Konstablen die Büchsenmeistereikunst und etwas mit dem
Feurwerk umzugehen um die Gebühr lernete. Im übrigen hielt ich mich sehr still
und eingezogen, also dass sich die Leute verwunderten, wann sie sahen, dass ich
stets über den Büchern sass wie ein Student, da ich doch Raubens und
Blutvergiessens gewohnt gewesen.
    Mein Hausvatter war des Kommandanten Spürhund und mein Hüter, massen ich
merkte, dass er all mein Tun und Lassen demselben hinterbrachte. Zwar konnte ichs
dem Obristen nicht verdenken, dann wann ich Kommandant gewesen wäre und einen
solchen Gast gehabt hätte, wie ich geachtet wurde, so hätte ichs auch so
gemacht. Ich konnte mich aber artlich darein schicken; dann ich gedachte des
Kriegswesens kein einzig Mal, und wann man davon redte, tät ich, als wäre ich
niemals kein Soldat gewesen und nur darumb da wäre, meinen täglichen Exerzitien,
deren ich erst gedacht, abzuwarten. Ich wünschte zwar, dass meine sechs Monat
bald herum wären; es konnte aber niemand abnehmen, welchem Teil ich alsdann
dienen wollte. Sooft ich dem Obristen aufwartete, behielt er mich auch an der
Tafel; da setzte es dann je zuweilen solche Diskurse, dadurch mein Vorsatz, Sinn
und Gedanken ausgeholt werden sollte; ich antwortete aber jederzeit so
vorsichtig, dass man nicht wissen konnte, was Sinns ich sei und sich doch alles
Gutes gegen mir versehen musste. Einsmals sagte er zu mir: »Wie stehet es, Jäger?
wollet Ihr noch nicht schwedisch werden? gestern ist mir ein Fähnrich
gestorben.« Ich antwortete: »Hochg. Herr Obrister! stehet doch einem Weib wohl
an, wann sie nach ihres Manns Tod nicht gleich wieder heuratet; warum sollte ich
mich dann nicht sechs Monat patientieren?« Dergestalt entgieng ich jederzeit und
kriegte doch des Obristen Gunst je länger je mehr, so gar, dass er mir sowohl in-
als ausserhalb der Festung herumzuspazieren [vergonnte]; ja ich dorfte endlich
den Hasen, Feldhühnern und Vögeln nachstellen, welches seinen eigenen Soldaten
nicht gegönnet war. So fischte ich auch in der Lippe und war so glücklich damit,
dass es das Ansehen hatte, als ob ich beides, Fische und Krebse, aus dem Wasser
bannen könnte. Darum liess ich mir nur ein schlechtes Jägerkleid machen; in
demselbigen strich ich bei Nacht (dann ich wusste alle Wege und Stege) in die
Soestische Börde und holete meine verborgene Schätze hin und wieder zusammen,
schleppte solche in gedachte Festung und liess mich an, als ob ich ewig bei den
Schweden wohnen wollte.
    Auf demselbigen Weg kam die Wahrsagerin von Soest zu mir, die sagte:
»Schaue, mein Sohn! habe ich dir hiebevor nicht wohl geraten, dass du dein Geld
ausserhalb der Stadt Soest verbergen solltest? Ich versichere dich, dass es dein
grösstes Glück gewesen, dass du gefangen worden; dann wärest du heimkommen, so
hätten dich einzige Kerl, welche dir den Tod geschworen, weil du ihnen beim
Frauenzimmer bist vorgezogen worden, auf der Jagt erwürgt.« Ich antwortete: »Wie
kann jemand mit mir eifern, da ich doch dem Frauenzimmer nichts nachfrage?« -
»Versichert!« sagte sie, »wirst du des Sinns nicht verbleiben, wie du jetzt
bist, so wird dich das Frauenzimmer mit Spott und Schande zum Land hinausjagen.
Du hast mich jederzeit verlacht, wann ich dir etwas zuvorgesagt habe; wolltest
du mir abermal nicht glauben, wann ich dir mehr sagte? Findest du an dem Ort, wo
du jetzt bist, nicht geneigtere Leute als in Soest? Ich schwöre dir, dass sie
dich nur gar zu lieb haben und dass dir solche übermachte Liebe zum Schaden
gereichen wird, wann du dich nicht nach derselbigen akkommodierest.« Ich
antwortete ihr, wann sie ja soviel wüsste, als sie sich davor ausgebe, so sollte
sie mir davor sagen, wie es mit meinen Eltern stünde und ob ich mein Lebtag
wieder zu denselben kommen würde, sie sollte aber nicht so dunkel, sondern sein
teutsch mit der Sprache heraus. Darauf sagte sie, ich sollte alsdann nach meinen
Eltern fragen, wann mir mein Pflegvatter unversehens begegne und führe meiner
Säugammen Tochter am Strick daher, lachte darauf überlaut und hienge daran, dass
sie mir von sich selbst mehr gesagt als andern, die sie darum gebeten hätten.
Hinfort würde ich wenig von ihr vernehmen; dies wollte sie mir noch zu guter
Letzt vertrauet haben, dass ich nämlich, wann ich wohl fahren wollte, tapfer
schmieren und anstatt des Frauenzimmers Wehr und Waffen lieben müsste. »Alte
Schelle,« sagte ich, »das tue ich ja!« Sie antwortete: »Ja, ja, es wird schon
bald anderst kommen!« Hernach machte sie sich, weil ich sie nur anfieng zu
foppen, geschwind von mir, als ich ihr zuvor etliche Taler verehret, weil ich
doch schwer am Silbergeld zu tragen hatte. Ich hatte damals ein schön Stück Geld
und viel köstliche Ringe und Kleinodien beieinander; dann wo ich hiebevor unter
den Soldaten etwas von Edelgesteinen wusste oder auf Partei und sonst antraf,
brachte ichs an mich, und darzu nicht einmal um halb Geld, was es gültig war.
Solches schrie mich immerzu an, es wollte gern wieder unter die Leute; ich
sollte es auslassen, wann ich angesehen sein wollte. Ich folgte auch gar gern;
dann weil ich ziemlich hoffärtig war, prangte ich mit meinem Gut und liess
solches meinen Wirt ohn Scheu sehen, der bei den Leuten mehr daraus machte, als
es war. Dieselbige aber verwunderten sich, wo ich doch alles hergebracht haben
müsste, dann es war genugsam erschollen, dass ich meinen gefundenen Schatz zu Köln
liegen hatte, weil der Kornett des Kaufmanns Handschrift gelesen, da er mich
gefangen bekommen.
 
                            Das achtzehnte Kapitel.
Simplex, der Jäger, zu buhlen fängt an,
Ihm sein die Jungfrauen gar sehr zugetan.
Mein Vorsatz, die Büchsenmeisterei und Fechtkunst in diesen sechs Monaten
vollkommen zu lernen, war gut, und ich begriffs auch. Aber es war nit genug,
mich vorm Müssiggang, der ein Ursprung vielen Übels ist, allerdings zu behüten,
vornehmlich weil niemand war, der mir zu gebieten hatte. Ich sass zwar emsig über
allerhand Büchern, aus denen ich viel Gutes lernete, es kamen mir aber auch
teils unter die Hände, die mir wie dem Hund das Gras gesegnet wurden. Die
unvergleichliche Arcadia, aus deren ich die Wohlredenheit lernen wollte, war das
erste Stück, das mich von den rechten Historien zu den Liebebüchern und von den
wahrhaften Geschichten zu den Heldengedichten zog. Solcherlei Gattungen brachte
ich zuwege, wo ich konnte, und wann mir eins zuteil ward, hörete ich nicht auf,
bis ichs durchgelesen, und sollte ich Tag und Nacht darüber gesessen sein. Diese
lerneten mich vor das Wohlreden mit der Leimstange laufen. Doch ward dieser
Mangel damals bei mir nicht so heftig und stark, dass man ihn mit Seneca ein
göttliches Rasen oder, wie es in Tomä Tomai Weltgärtlein beschrieben wird,
eine beschwerliche Krankheit hätte nennen können; dann wo meine Liebe hinfiel,
da erhielt ich leichtlich und ohne sonderbare Mühe, was ich begehrete, also dass
ich keine Ursache zu klagen bekam wie andere Buhler und Leimstängler, die voller
phantastischer Gedanken, Mühe, Begierden, heimlich Leiden, Zorn, Eifer,
Rachgier, Rasen, Weinen, Protzen, Drohen und dergleichen tausendfältigen
Torheiten stecken und ihnen vor Ungedult den Tod wünschen. Ich hatte Geld und
liess mich dasselbe nicht dauern, und überdas eine gute Stimme, übte mich stetig
auf allerhand Instrumenten. Anstatt des Tanzens, dem ich nie bin hold worden,
weil ich mich nicht recht darein [zu] schicken wusste, auch es ohnedas vor eine
unsinnige Torheit hielte, wiese ich die Gerade meines Leibes, wann ich mit
meinem Kürschner fochte. Überdas hatte ich einen trefflichen glatten Spiegel und
gewöhnte mich zu einer freundlichen Lieblichkeit, also dass mir das Frauenzimmer,
wannschon ich mich dessen nicht sonderlich annahm, (wie Aurora dem Clito,
Cephalo und Titoni, Venus dem Anchise, Atidi und Adoni, Ceres dem Glauco,
Ulysse und Jasioni, und die keusche Diana selbst ihrem Endimione) von sich
selbst nachlief, mehr als ich dessen begehrete.
    Um dieselbige Zeit fiel Martini ein; da fängt bei uns Teutschen das Fressen
und Saufen an und währet bei teils bis in die Fassnacht. Da ward ich an
unterschiedliche Örter, sowohl bei Offizierern als Bürgern, die Martinsgans
verzehren zu helfen, eingeladen. Da setzte es dann zuzeiten so etwas, weil ich
bei solchen Gelegenheiten mit dem Frauenzimmer in Kundschaft kam. Meine Laute
und Gesang, die zwangen eine jede, mich anzuschauen, und wann sie mich also
betrachteten, wusste ich zu meinen neuen Buhlenliedern, die ich selber machte, so
anmutige Blicke und Gebärden hervorzubringen, dass sich manches hübsches Mägdlein
darüber vernarrte und mir unversehens hold ward. Und damit ich nicht vor einen
Hungerleider gehalten würde, stellete ich auch zwo Gastereien, die eine zwar vor
die Offizierer und die andere vor die vornehmste Bürger, an, dadurch ich mir bei
beiden Teilen Gunst und einen Zutritt vermittelte, weil ich kostbar auftragen
und trefflich traktieren liess. Es war mir aber alles nur um die liebe Jungfern
zu tun; und obgleich ich bei einer oder der andern nicht fand, was ich suchte
(dann es gab auch noch etliche, die es verhalten konnten) so ging ich doch
einen Weg als den andern zu ihnen, damit sie diejenige, die mir mehr Gunst
erzeigeten, als ehrlichen Jungfern gebühret, in keinen bösen Verdacht bringen,
sondern glauben sollten, dass ich mich bei denselbigen auch nur Diskurs halber
aufhielte. Und das überredete ich eine jede insonderheit, dass sie es von den
andern glaubte und nicht anders meinte, als wäre sie allein diejenige, die sich
meiner erfreuete.
    Ich hatte gerad sechs, die mich liebten und ich sie hinwiederum, doch hatte
keine mein Herz gar oder mich allein; an der einen gefielen mir nur die schwarze
Augen, an der andern die goldgelbe Haare, an der dritten die liebliche
Holdseligkeit und an den übrigen auch so etwas, das die andere nicht hatte. Wann
ich aber ohn diese andere besuchte, so geschahe es nur entweder aus obgesagter
Ursache, oder weilen es fremd und neu war und ich ohndas nichts ausschlug oder
verachtete, indem ich nicht immer an demselben Ort zu bleiben gedachte. Mein
Jung, der ein Erzschelm war, hatte genug zu tun mit Kuppeln und Buhlenbrieflein
hin und wieder zu tragen und wusste reinen Mund und meine lose Händel gegen einer
und der andern so geheimzuhalten, dass nichts drüber war; davon bekam er von den
Schleppsäcken ein Haufen Favor, so mich aber am meisten kosteten, massen ich
hierdurch ein Ansehnliches verschwendete und wohl sagen konnte: »Was mit
Trommeln gewonnen wird, geht mit Pfeifen wieder dahin.« dabei hielt ich meine
Sachen so geheim, dass mich der hunderte vor keinen Buhler halten konnte, ohn der
Pfarrer, bei welchem ich nicht mehr so viel geistliche Bücher entlehnete als
zuvor.
 
                            Das neunzehnte Kapitel.
Simplex, der Jäger, machet ihm viel Freund,
Hört eine Predigt von eim, ders gut meint.
Wann das Glück einen stürzen will, so hebet es ihn zuvor in alle Höhe, und der
gütige Gott lässet auch einen jeden vor seinem Fall so treulich warnen. Das
widerfuhr mir auch, ich nahms aber nicht an! Ich hielt in meinem Sinn gänzlich
davor, dass mein damaliger glücklicher Stand so fest gegründet wäre, dass mich
kein Unglück davon stürzen könnte, weil mir jedermann, insonderheit aber der
Kommandant selbst, so wohl wollte. Diejenige, auf welche er viel hielt, gewann
ich mit allerhand Ehrerbietungen, seine getreue Diener brachte ich durch
Spendieren und Geschenke auf meine Seite, und mit denen, so etwas mehr als
meinesgleichen waren, soff ich Brüderschaft und schwur ihnen unverbrüchliche
Treue und Freundschaft; die gemeine Bürger und Soldaten waren mir deswegen hold,
weil ich jedem freundlich zusprach. »Ach was vor ein freundlicher Mensch«,
sagten sie oft zusammen, »ist doch der Jäger! er redet ja mit dem Kind auf der
Gasse und erzörnt keinen Menschen!« Wann ich ein Häschen oder etliche Feldhühner
fieng, so schickte ichs denen in die Küchen, deren Freundschaft ich suchte, lud
mich darbei zu Gast und liess etwan einen Trunk Wein, welcher derorten teuer war,
darzu holen, ja ich stellte es also an, dass schier aller Kosten über mich ging.
Wann ich dann mit jemand bei solchen Gelachen in ein Gespräch kam, so redete
ich, was jeder gern hörte, lobte jedermann, ohn mich selbst nicht, und wusste
mich so demütig zu stellen, als ob ich die Hoffart nie gekannt hätte, wiewohl
ich wusste, dass dieselbe im Krieg eine Ehre ist. Weil ich dann nun hierdurch
eines jeden Gunst kriegte und jedermann viel von mir hielt, gedachte ich nicht,
dass mir etwas Unglückliches widerfahren könnte, vornehmlich weil mein Säckel
noch ziemlich gespickt war.
    Ich ging oft zum ältesten Pfarrer derselbigen Stadt, als der mir aus seiner
Bibliotek viel Bücher lehnete, und wann ich ihm eins wiederbrachte, so
diskurierte er von allerhand Sachen mit mir; dann wir akkommodierten uns so
miteinander, dass einer den andern gern leiden mochte. Als nun nicht nur die
Martinsgäns und Metzelsuppen hin und wieder, sondern auch die heilige
Weihnachtfeiertäge vorbei waren, verehrete ich ihm eine Flaschen voll
Strassburger Branntewein zum Neuen Jahr, welchen er, der Westfälinger Gebrauch
nach, mit Kandelzucker gern einläpperte, und kam darauf hin, ihn zu besuchen,
als er eben in meinem »Joseph« las, welchen ihm mein Wirt ohn mein Wissen
geliehen hatte. Ich entfärbte mich, dass einem solchen gelehrten Mann meine
Arbeit in die Hände kommen sollte, sonderlich weil man davorhält, dass einer am
besten aus seinen Schriften erkannt werde. Er aber machte mich zu ihm sitzen und
lobte zwar meine Invention, schalt aber, dass ich mich so lang in der Seliche
(die Potiphars Weib gewesen) Liebehändeln hätte aufgehalten. »Wessen das Herz
voll ist, geht der Mund über,« sagte er ferners; »wann der Herr nicht selber
wüsste, wie einem Buhler ums Herz ist, so hätte Er dieses Weibes Passiones nicht
so wohl ausführen oder vor Augen stellen können.« Ich antwortete, was ich
geschrieben hätte, das wäre meine eigne Erfindung nicht, sondern hätte es aus
andern Büchern, die Zeit zu vertreiben, extrahiert, mich um etwas im Schreiben
zu üben. »Ja, ja,« antwortete er, »das glaub ich gern (scil.), aber Er
versichere sich, dass ich mehr von Ihm weiss, als Er sich einbildet!« Ich
erschrak, da ich diese Worte hörete, und gedachte: »Hat dirs dann St. Velten
gesagt?« und weil er sah, dass sich meine Farbe änderte, fuhr er ferner fort und
sagte: »Der Herr ist frisch und jung, Er ist müssig und schön, Er lebet ohn Sorge
und, wie ich vernehme, in allem Überfluss; darum bitte und ermahne ich Ihn im
Herrn, dass Er bedenken wolle, in was vor einem gefährlichen Stand Er sich
befindet; Er hüte sich vor dem Tier, das Zöpfe hat, will Er anders sein Glück
und Heil beobachten. Der Herr möchte zwar gedenken: Was gehts den Pfaffen an,
was ich tu und lasse (ich gedachte: Du hast es erraten!), oder was hat er mir zu
befehlen? Es ist wahr, ich bin ein Seelsorger! Aber Herr, seid versichert, dass
mir Eure, als meines Guttäters, zeitliche Wohlfahrt aus christlicher Liebe so
hoch angelegen ist, als ob Ihr mein eigener Sohn wäret. Immer schade ist es, und
Ihr könnet es bei Euerm himmlischen Vatter in Ewigkeit nicht verantworten, wann
Ihr Eur Talent, das er Euch verliehen, vergrabet und Euer edel Ingenium, das ich
aus gegenwärtiger Schrift erkenne, verderben lasset. Mein getreuer und
vätterlicher Rat wäre, Ihr legtet Eure Jugend und Eure Mittel, die ihr hier so
unnützlich verschwendet, zum Studieren an, damit Ihr heut oder morgen beides,
Gott und Menschen, und Euch selbst bedient sein könnet, und liesset das
Kriegswesen, zu welchem Ihr, wie ich höre, so grosse Lust traget, sein, wie es
ist, eh Ihr ohnversehens einmal eine Schlappe davontraget und dasjenige
Sprüchwort wahr zu sein an Euch befindet, welches heisst: Junge Soldaten, alte
Bettler.« Ich hörete diesen Sentenz mit grosser Ungedult, weil ich dergleichen zu
vernehmen nicht gewohnt war, jedoch stellete ich mich viel anders, als mirs ums
Herz war, damit ich mein Lob, dass ich ein feiner Mensch wäre, nicht verliere;
bedankte mich zumal auch sehr vor seine erwiesene Treuherzigkeit und versprach,
mich auf sein Einraten zu bedenken, gedachte aber bei mir selbst wie des
Goldschmieds Junge, und was es den Pfaffen geheie, wie ich mein Leben anstelle,
weil es damals mit mir aufs höchste kommen war und ich die nunmehr gekostete
Liebewollüste nicht mehr entbehren wollte. Es geht aber mit solchen Warnungen
nicht änderst her, wann die Jugend schon des Zaums und der Sporen der Tugenden
entwohnet ist und in vollen Sprüngen ihrem Verderben zurennet.
 
                            Das zwanzigste Kapitel.
Simplex dem Pfarrer viel Händel fürmacht,
Und ihms darbei in die Faust hineinlacht.
Ich war in den Wollüsten doch nicht so gar ersoffen oder so dumm, dass ich nicht
gedacht hätte, jedermanns Freundschaft zu behalten, solang ich noch in
derselbigen Festung zu verbleiben (nämlich bis der Winter vorüber) willens war.
So erkannte ich auch wohl, was es einem vor Unrat bringen könnte, wann er der
Geistlichen Hass hätte, als welche Leute bei allen Völkern, sie sein gleich was
Religion sie wollen, einen grossen Kredit haben; derowegen nahm ich meinen Kopf
zwischen die Ohren und trat gleich den andern Tag wieder auf frischem Fuss zu
obgedachtem Pfarrer und log ihm mit gelehrten Worten einen solchen zierlichen
Haufen daher, wasgestalten ich mich resolviert hätte, ihm zu folgen, dass er
sich, wie ich aus seinen Gebärden sehen konnte, herzlich darüber erfreuete.
»Ja,« sagte ich, »es hat mir seitero, auch schon in Soest, nichts anders als
ein solcher engelischer Ratgeber gemangelt, wie ich einen an meinem hochgeehrten
Herrn angetroffen habe. Wann nur der Winter bald vorüber oder sonst das Wetter
bequem wäre, dass ich fortreisen könnte!« Bat ihn darneben, er wollte mir doch
ferner mit gutem Rat beförderlich sein, auf welche Academiam ich mich begeben
sollten. Er antwortete, was ihn anbelange, so hätte er zu Leiden studieret, mir
aber wollte er nach Genf geraten haben, weil ich der Aussprache nach ein
Hochteutscher wäre. »Jesus Maria!« antwortete ich, »Genf ist weiter von meiner
Heimat als Leiden.« - »Was vernehme ich?« sagte er hierauf mit grosser
Bestürzung, »ich höre wohl, der Herr ist ein Papist! O mein Gott, wie finde ich
mich betrogen!« - »Wie so, wie so, Herr Pfarrer?« sagte ich, »muss ich darum ein
Papist sein, weil ich nicht nach Genf will?« - »O nein,« sagte er, »sondern
daran höre ichs, weil Ihr die Mariam anrufet.« Ich sagte: »Sollte dann einem
Christen nicht gebühren, die Mutter seines Erlösers zu nennen?« - »Das wohl,«
antwortete er, »aber ich ermahne und bitte Ihn, so hoch als ich kann, Er wolle
Gott die Ehre geben und mir gestehen, welcher Religion Er beigetan sei. Dann ich
zweifle sehr, dass Er dem Evangelio glaube (obzwar ich ihn alle Sonntage in
meiner Kirche gesehen), weil Er das verwichene Fest der Geburt Christi weder bei
uns noch den Luterischen zum Tisch des Herrn gangen!« Ich antwortete: »Der Herr
Pfarrer höret ja wohl, dass ich ein Christ bin, und wann ich keiner wäre, so
würde ich mich nicht so oft in der Predigt eingefunden und dem Gottesdienst
beigewohnt haben; im übrigen aber gestehe ich, dass ich weder Petrisch noch
Paulisch bin, sondern allein simpliciter glaube, was die zwölf Artikul des
allgemeinen Hl. christlichen Glaubens in sich halten, werde mich auch zu keinem
Teil vollkommen verpflichten, bis mich ein oder ander durch genugsame
Erweisungen persuadieret zu glauben, dass er vor den andern die rechte, wahre und
alleinseligmachende Religion habe.« - »Jetzt«, sagte er, »glaube ich erst recht,
dass Er ein kühnes Soldatenherz habe, sein Leben wacker dran zu wagen, weil Er
gleichsam ohn Religion und Gottesdienst auf den alten Kaiser hinein dahinleben
und so frevelhaftig seine Seligkeit in die Schanze schlagen darf! Mein Gott! wie
kann aber ein sterblicher Mensch, der entweder verdammt oder selig werden muss,
immermehr so keck sein? Ist der Herr in Hanau erzogen und nicht anders im
Christentum unterrichtet worden? Er sage mir doch, warum Er seiner Eltern
Fussstapfen in der reinen christlichen Religion nicht nachfolget. Oder warum Er
sich ebensowenig zu dieser als zu einer andern begeben will, deren Fundamenta
sowohl in der Natur als Hl. Schrift doch so sonnenklar am Tag liegen, dass sie
auch in Ewigkeit weder Papist noch Luteraner nimmermehr wird umstossen können?«
Ich antwortete: »Herr Pfarrer! das sagen auch alle andere von ihrer Religion;
welchen soll ich aber Glauben zustellen? Vermeinet der Herr wohl, es sei so ein
Geringes, wann ich einem Teil, den die andern zwei lästern und einer falschen
Lehre bezüchtigen, meiner Seelen Seligkeit vertraute? Er sehe doch (aber mit
meinen unparteischen Augen), was Konrad Vetter und Johannes Nas wider Luterum
und hingegen Luter und die Seinige wider den Papst, sonderlich aber Spangenberg
wider Franziskum, der etliche hundert Jahre vor einen heiligen und gottseligen
Mann gehalten worden, in offenen Druck ausgehen lassen. Zu welchem Teil soll ich
mich dann tun, wann je eins das ander ausschreiet, es sei kein gut Haar an ihm?
Vermeinet der Herr Pfarrer, ich tue unrecht, wann ich einhalte, bis ich meinen
Verstand völliger bekomme und weiss, was schwarz oder weiss ist? Sollte mir wohl
jemand raten, hineinzuplumpen wie die Fliege in einen heissen Brei? O nein! das
wird der Herr Pfarrer verhoffentlich mit gutem Gewissen nicht tun können. Es muss
unumgänglich eine Religion recht haben und die andern beide unrecht; sollte ich
mich nun zu einer ohn reiflichen Vorbedacht bekennen, so könnte ich ebensobald
eine unrechte als die rechte erwischen, so mich hernach in Ewigkeit reuen würde.
Ich will lieber gar von der Strasse bleiben als nur irrlaufen; zudem seind noch
mehr Religionen dann nur die in Europa, als die Armenier, Abyssiner, Griechen,
Georgianer und dergleichen, und Gott geb, was ich vor eine davon annehme, so muss
ich mit meinen Religionsgenossen den andern allen widersprechen. Wird nun der
Herr Pfarrer mein Ananias sein, so will ich ihm mit grosser Dankbarkeit folgen
und die Religion annehmen, die er selbst bekennet.«
    Darauf sagte er: »Der Herr steckt in grossem Irrtum und herannahenden höchst
schädlichem Seelenverderben; aber ich hoffe zu Gott, er werde ihn erleuchten und
aus dem Schlamm helfen; zu welchem Ende ich ihm dann unsere Konfession
inskünftige dergestalt aus hl. Schrift bewähren will, dass sie auch wider die
Pforten der Hölle bestehen solle.« Ich antwortete, dessen würde ich mit grossem
Verlangen gewärtig sein, gedachte aber bei mir selber: »Wann du mir nur nichts
mehr von meinen Liebchern vorhältest, so bin ich mit deinem Glauben wohl
zufrieden!« Hierbei kann der Leser abnehmen, was ich damals vor ein gottloser
böser Bub gewesen; dann ich machte dem guten Pfarrer deswegen vergebliche Mühe,
damit er mich in meinem ruchlosen Leben ungehindert liesse, und gedachte: »Bis du
mit deinen Beweistümen fertig bist, so bin ich vielleicht, wo der Pfeffer
wächset.«
 
                         Das einundzwanzigste Kapitel.
Simplex geht fenstern, wird darüber bekommen,
Sagt, was man weiter mit ihm vorgenommen.
Gegen meinem Quartier über wohnete ein reformierter Obristleutenant; der hatte
eine überaus schöne Tochter, die sich ganz adelig trug. Ich hätte längst gern
Kundschaft zu ihr gemachet, unangesehen sie mir anfänglich nicht beschaffen zu
sein deuchte, dass ich sie allein lieben und auf ewig haben möchte; doch schenkte
ich ihr manchen Gang und noch viel mehr liebreicher Blicke; sie ward mir aber so
fleissig verhütet, dass ich kein einzig Mal, als ich mir wünschete, mit ihr zu
reden kommen konnte. So dorfte ich auch so unverschämt nicht hineinplatzen, weil
ich mit ihren Eltern keine Kundschaft hatte und mir der Ort vor einen Kerl von
so geringem Herkommen, als mir das meinige bewusst war, viel zu hoch vorkam. Am
allernächsten gelangte ich zu ihr, wann wir etwan in oder aus der Kirche
giengen; da nahm ich dann die Zeit so fleissig in acht, mich ihr zu nähern, dass
ich oft ein paar Seufzer anbrachte, das ich meisterlich konnte, obzwar sie alle
aus falschem Herzen giengen. Hingegen nahm sie solche auch noch kaltsinnig an,
dass ich mir einbilden musste, dass sie sich nicht so leicht wie eines schlechten
Bürgers Tochter verführen lassen würde; und indem ich gedachte, sie würde mir
schwerlich zuteil, wurden meine Begierden nach ihr nur desto heftiger.
    Mein Stern, der mich das erstemal zu ihr vermittelte, war derjenige, den die
Schüler zu immerwährendem Gedächtnüs um selbige Zeit des Jahrs herumtragen,
damit anzuzeigen, dass die drei Weisen durch einen solchen nach Betlehem
begleitet worden, so ich anfänglich vor ein gut Omen hielt, weil mir dergleichen
einer in ihre Wohnung leuchtete, da ihr Vatter selbst nach mir schickte:
»Monsieur,« sagte er zu mir, »Seine Neutralität, die Er zwischen Bürgern und
Soldaten hält, ist eine Ursache, dass ich Ihn zu mir bitten lassen, weil ich
wegen einer Sache, die ich zwischen beiden Teilen ins Werk zu richten vorhabe,
einen unparteischen Zeugen bedarf.« Ich vermeinte, er hätte was Wundergrosses im
Sinn, weil Schreibzeug und Papier auf dem Tisch war, bot ihm derowegen zu allen
ehrlichen Geschäften meine bereitfertigste Dienste an mit sondern Komplimenten,
dass ich mirs nämlich vor eine grosse Ehre halten würde, wann ich so glückselig
sei, ihm beliebige Dienste zu leisten. Es war aber nichts anders, als (wie an
vielen Orten der Gebrauch ist) ein Königreich zu machen, massen es eben an der
hl. drei Könige Abend war; dabei sollte ich zusehen, dass es recht zugienge und
die Ämter, ohn Ansehung der Personen, durch das Los ausgeteilet würden. Zu
diesem Geschäft, bei welchem des Obristen Sekretarius auch war, liess der
Obristleutenant Wein und Konfekt langen, weil er ein trefflicher Zechbruder und
es ohndas nach dem Nachtessen war. Der Sekretarius schrieb, ich las die Namen,
und die in meinem Herzen eingewurzelte Jungfer zog die Zettel, ihre Eltern aber
sahen zu; und ich mag eben nicht ausführlich erzählen, wie es hergangen, dann
ich die erste Kundschaft an diesem Ort machte. Sie beklagten sich über die lange
Winternächte und gaben mir damit zu verstehen, dass ich, solche desto leichter zu
passieren, wohl zu ihnen zu Liecht kommen dörfte, indem sie ohndas keine
besonders grosse Geschäfte hätten. Dies war nun eben das, was ich vorlängsten
gewünschet.
    Von diesem Abend an (da ich mich zwar nur ein wenig bei der Jungfer
zutäppisch machte) fieng ich wieder auf ein neues an, mit der Leimstangen zu
laufen und am Narrensail zu ziehen, also dass sich beides, die Jungfer und ihre
Eltern, einbilden mussten, ich hätte den Angel geschluckt, wiewohl mirs nicht
halber Ernst, sondern nur darum zu tun war, wie ich den Ehestand ledigerweise
treiben möchte. Ich butzte mich alls nur gegen der Nacht, wann ich zu ihr
wollte, wie die Hexen, und den Tag über hatte ich mit den Liebsbüchern
(Liebegrillen) zu tun; daraus stellete ich Buhlenbrieflein an meine Liebste,
eben als ob ich hundert Meil Wegs von ihr gewohnt hätte oder in viel Jahren
nicht zu ihr käme. Zuletzt machte ich mich gar gemein, weil mir meine Löffelei
nicht sonderlich von den Eltern gewehret, sondern zugemutet ward, ich sollte
ihre Tochter auf der Laute lernen schlagen. Da hatte ich nun einen freien
Zutritt bei Tag sowohl als hiebevor des Abends, also dass ich meinen gewöhnlichen
Reimen:
»Ich und eine Fledermaus
Fliegen nur bei Nachtzeit aus«
änderte und ein Liedlein machte, in welchem ich mein Glück lobte, weil es mir
auf so manchen guten Abend auch so freudenreiche Täge verliehe, an denen ich in
meiner Liebsten Gegenwart meine Augen waiden und mein Herz um etwas erquicken
könnte. Hingegen klagte ich auch in ebendemselbigen Lied über mein Unglück und
bezüchtigte dasselbige, dass es mir die Nächte verbitterte und mir nicht gönnete,
solche auch wie die Täge mit liebreicher Ergetzung hinzubringen! Und obzwar es
um etwas zu frei kam, so sang ichs doch meiner Liebsten mit andächtigen Seufzen
und einer lustreizenden Melodei, darzu die Laute das ihrige trefflich tät und
gleichsam die Jungfer mit mir bat, sie wollte doch kooperieren, dass mir die
Nächte so glücklich als die Täge bekommen möchten. Aber ich bekam ziemlich
abschlägige Antwort, dann sie war trefflich klug und konnte mich auf meine
Erfindungen, die ich bisweilen artlich anbrachte, gar höflich beschlagen. Ich
nahm mich auf solche Weise künftig besser in acht, von der Verehlichung zu
schweigen, ja, wann schon diskursweis davon geredet ward, stellete ich doch alle
meine Worte auf Schrauben. Welches meiner Jungfer Schwester, die schon
verheiratet war, bald merkte und dahero mir und meinem lieber Mägdlein alle
Pässe verlegte, damit wir nicht so oft wie zuvor allein beisammen sein sollten;
dann sie sah wohl, dass mich ihre Schwester von Herzen liebete und dass die Sache
in die Länge kein gut tun würde.
    Es ist unnötig, alle Torheiten meiner Löffelei umständlich zu erzählen, weil
dergleichen Possen ohndas alle Liebsschriften voll sein. Genug ist es, wann der
günstige Leser weiss, dass es zuletzt dahinkam, dass ich erstlich mein liebes
Dingelchen zu küssen und endlich auch andere Narrenpossen zu tun mich erkühnen
dorfte. Solchen erwünschten Fortgang verfolgte ich mit allerhand Reizungen, bis
ich bei Nacht von meiner Liebsten eingelassen ward und mich so hübsch zu ihr ins
Bette fügte, als wann ich zu ihr gehört hätte. Weil jedermann weiss, wie es bei
dergleichen Kürben pfleget gemeiniglich herzugehen, so dörfte sich wohl der
Leser einbilden, ich hätte etwas Ungebührliches begangen. Jawohl nein! Ich wusste
zwar wohl, warum ich da war, weil es nicht das erstemal gewesen, dass ich mich
dergestalt beim Frauenzimmer eingefunden; ich wusste auch wohl, was und wie ich
suchen sollte, aber da war alles umsonst, alle meine Liebreizungen waren nichts
und alle meine Verheissungen geschahen vergeblich. Ja, ich fand einen solchen
Widerstand, dergleichen ich mir nimmermehr bei keinem Weibsbild anzutreffen
gedenken können, weil ihr Absehen einzig und allein auf Ehre und den Ehestand
gegründet war; und wanngleich ich ihr solchen mit den allergrausamsten Flüchen
versprach, so wollte sie jedoch vor der ehelichen Kopulation kurzum nichts
geschehen lassen; doch gönnete sie mir, auf ihrem Bette neben ihr liegen zu
bleiben, auf welchem ich auch ganz ermüdet vor Unmut sanft einschlummerte. Ich
ward aber gar ungestüm aufgeweckt; dann morgens um 4 Uhr stund der
Obristleutenant vorm Bette mit einer Pistol in der einen und einer Fackel in der
andern Hand. »Krabat,« schrie er überlaut seinem Diener zu, der auch mit einem
blossen Säbel neben ihm stund, »geschwind, Krabat, hole den Pfaffen!«, wovon ich
dann erwachte und sah, in was vor einer Gefahr ich mich befand. »O weh!«
gedachte ich, »du sollst gewiss zuvor beichten, ehe er dir den Rest gibet!« Es
ward mir ganz grün und gelb vor den Augen, und wusste nicht, ob ich sie recht
auftun sollte oder nicht. »Du leichtfertiger Geselle!« sagte er zu mir, »soll
ich dich finden, dass du mein Haus schändest? Tät ich dir unrecht, wann ich dir
und dieser Vettel, die deine Hure worden ist, den Hals bräche? Ach du Bestia!
wie kann ich mich doch nur entalten, dass ich dir nicht das Herz aus dem Leib
herausreisse und, zu kleinen Stücken zerhackt, den Hunden darwerfe?« Damit biss er
die Zähne übereinander und verkehrte die Augen als ein unsinnig Tier. Ich wusste
nicht, was ich sagen sollte, und meine Beischläferin, die er auch schröcklich
ausmachte, konnte nichts als weinen. Endlich, da ich mich ein wenig erholete,
wollte ich etwas von unserer Unschuld vorbringen, er aber hiess mich das Maul
halten und wollte kurzum kein Wort hören; also musste ich schweigen und ihme das
Wort allein lassen, allermassen er wieder auf ein neues anfieng, mir aufzurucken,
dass er mir viel ein anders vertrauet, ich aber hingegen ihn mit der allergrössten
Untreue von der Welt gemeint hätte. Indessen kam seine Frau auch darzu, die
fieng eine nagelneue Predigt an, also dass ich wünschte, ich läge irgends in
einer Dornhecke; ich glaube auch, sie hätte in zweien Stunden nicht aufgehört,
wann der Krabat mit dem Pfarrer nicht kommen wäre.
    Eh dieser ankam, unterstund ich etlichemal aufzustehen, aber der
Obristleutenant machte mich mit bedrohlichen Mienen liegend bleiben, also dass
ich erfahren musste, wie gar keine Courage ein Kerl hat, der auf einer bösen Tat
ertappt wird, und wie einem Dieb ums Herz ist, den man erwischt, wann er
eingebrochen, obgleich er nie nichts gestohlen hat. Ich gedenke der lieben Zeit,
wann mir der Obr. Leutenant samt zwei solchen Kroaten aufgestossen wäre, dass ich
sie alle drei zu jagen unterstanden, aber jetzt lag ich da wie ein ander
Bärnhäuter und hatte nicht das Herz, nur das Maul, geschweige die Fäuste, recht
aufzutun. »Sehet, Herr Pfarrer!« sagte er, »das schöne Spektakul, zu welchem ich
Euch zum Zeugen meiner Schande berufen muss!« Und kaum hatte er diese Worte
ordentlich vorgebracht, da fieng er wieder an zu wüten und das Tausendste ins
Hundertste zu werfen, dass ich nichts anders als vom Halsbrechen und Hände in
Blut wäschen verstehen konnte. Er schaumte ums Maul wie ein Eber und stellte
sich nicht anderst, als ob er gar von Sinnen kommen wollte, also dass ich alle
Augenblick gedachte: »Jetzt jagt er dir eine Kugel durch den Kopf!« Der Pfarrer
aber wehrte mit Händen und Füssen, dass nichts Tödliches geschähe, so ihn hernach
reuen möchte. »Was?« sagte er, »Herr Obristleutenant, brauchet Eure hohe
Vernunft und bedenket das Sprüchwort, dass man zu geschehenen Dingen das Beste
reden soll. Dies schöne junge Paar, das seinesgleichen schwerlich im Land hat,
ist nicht das erste und auch nicht das letzte, so sich von den unüberwindlichen
Kräften der Liebe meistern lassen; dieser Fehler, den sie beide begangen, kann
auch durch sie, da es anders ein Fehler zu nennen, wieder leichtlich gebessert
werden. Zwar lobe ichs nicht, sich auf diese Art zu verehlichen, aber gleichwohl
hat dieses junge Paar hierdurch weder Galgen noch Rad verdienet, der Herr
Obristleutenant auch keine Schande davon zu gewarten, wann er nur diesen
geschehenen Fehler (der ohndas noch niemand bewusst) heimlich halten und
verzeihen, seinen Konsens zu beider Verehlichung geben und diese Ehe durch den
gewöhnlichen Kirchgang offentlich bestätigen lassen wird.« - »Was?« antwortete
er, »sollte ich ihnen anstatt billiger Strafe erst noch hofieren und grosse Ehre
antun? ich wollte sie eh morgenden Tags beide zusammenbinden und in der Lippe
ertränken lassen! Ihr müsst mir sie in diesem Augenblick kopulieren, massen ich
Euch deswegen holen lassen, oder ich will sie alle beide wie die Hühner
erwürgen.«
    Ich gedachte: »Was willt du tun? es heisst: Vogel friss oder stirb; zudem, so
ist es eine solche Jungfer, deren du dich nicht schämen darfst; ja wann du dein
Herkommen bedenkest, so bist du kaum wert hinzusitzen, wo sie ihre Schuh
hinstellet.« Doch schwur ich und bezeugte hoch und teuer, dass wir nichts
Unehrliches miteinander zu schaffen gehabt hätten. Aber mir ward geantwortet,
wir sollten uns gehalten haben, dass man nichts Böses von uns argwöhnen können,
diesen Weg aber würden wir dem einmal gefassten Verdacht niemand benehmen.
Hierauf wurden wir von gemeldtem Pfarrer, im Bette sitzend, zusammengegeben, und
nachdem solches geschehen, aufzustehen und miteinander aus dem Haus zu gehen
gemüssigt. Unter der Tür sagte der Obristleutenant zu mir und seiner Tochter,
wir sollten uns in Ewigkeit vor seinen Augen nicht mehr sehen lassen. Ich aber,
als ich mich wieder erholte und den Degen auch an der Seite hatte, antwortete
gleichsam im Scherz: »Ich weiss nicht, Herr Schwährvatter, warum Er alles so
widersinns anstellet: wann andere neue Eheleute kopuliert werden, so führen sie
die nächste Verwandte schlafen, Er aber jaget mich nach der Kopulation nicht
allein aus dem Bette, sondern auch gar aus dem Haus, und anstatt des Glücks, das
er mir in Ehestand wünschen sollte, will Er mich nicht so glückselig wissen,
meines Schwähers Angesicht zu sehen und ihm zu dienen. Wahrlich, wann dieser
Brauch aufkommen sollte, so würden die Verehlichungen wenig Freundschaft mehr in
der Welt stiften.«
 
                         Das zweiundzwanzigste Kapitel.
Simplex erzählt, wie ablief die Hochzeit,
Was er darzu auch geladen vor Leut.
Die Leute in meinem Losament verwunderten sich alle, da ich diese Jungfer mit
mir heimbrachte, und noch viel mehr, da sie sahen, dass sie so ungescheut mit mir
schlafen ging; dann obzwar mir dieser Posse, so mir widerfahren, grandige
Grillen in Kopf brachte, so war ich doch so närrisch nicht, meine Braut zu
verschmähen. Ich hatte zwar die Liebste im Arm, hingegen aber tausenderlei
Gedanken im Kopf, wie ich meine Sache heben und legen wollte. Bald gedachte ich:
»Es ist dir recht geschehen!« und bald vermeinte ich, es wäre mir der
allergrösste Schimpf von der Welt widerfahren, welchen ich ohn billige Rache mit
Ehren nicht verschmerzen könnte. Wann ich aber besann, dass solche Rache wider
meinem Schwährvatter, und also auch wider meine unschuldige fromme Liebste
laufen müsste, fielen alle meine Anschläge dahin. Ich schämete mich so sehr, dass
ich mir vornahm, mich einzuhalten und vor keinem Menschen mehr sehen zu lassen,
befand aber, dass ich alsdann erst die allergrösste Narrheit begehen würde.
Endlich war mein Schluss, ich wollte vor allen Dingen meines Schwährvatters
Freundschaft wieder gewinnen und mich im übrigen gegen jedermann anlassen, als
ob mir nichts Übels widerfahren und wegen meiner Hochzeit alles wohl
ausgerichtet hätte. Ich sagte zu mir selber: »Weil alles auf eine seltsame
ungewöhnliche Weise sich geschickt und seinen Anfang genommen, so musst du es
auch auf solche Gattung ausmachen. Sollten die Leute erfahren, dass du Verdruss an
deiner Heurat hättest und wider deinen Willen kopuliert worden wärest, wie eine
arme Jungfer an einen alten reichen Ehekrippel, so hättest du nur Spott davon.«
    In solchen Gedanken liess ich mir früh tagen, wiewohl ich lieber länger im
Bette verblieben wäre. Ich schickte am allerersten nach meinem Schwager, der
meines Weibes Schwester hatte, und hielt ihm kurz vor, wie nahe ich ihm verwandt
worden, ersuchte ihn darneben, er wollte seine Liebste kommen lassen, um etwas
zurichten zu helfen, damit ich den Leuten auch bei meiner Hochzeit zu essen
geben könnte, er aber wollte belieben, unsern Schwähr und Schwieger meinetwegen
zu begütigen, so wollte ich indessen ausgehen, Gäste zu bitten, die den Frieden
zwischen mir und ihm vollends machten. Solches nahm er willig und gerne zu
verrichten auf sich, und ich verfügte mich zum Kommandanten. Dem erzählte ich
mit einer kurzweiligen und artlichen Manier, was ich und mein Schwährvatter vor
eine neue Mode angefangen hätten, Hochzeit zu machen, welche Gattung so
geschwind zugehe, dass ich in einer Stunde die Heuratsabred, den Kirchgang und
die Hochzeit auf einmal vollzogen; allein weil mein Schwährvatter die
Morgensuppe gesparet hätte, wäre ich bedacht, anstatt deren ehrlichen Leuten von
der Specksuppen mitzuteilen, zu deren ich ihn untertänig eingeladen haben
wollte. Der Kommandant wollte sich meines lustigen Vortrags schier in Stücken
lachen; und weil ich sah, dass sein Kopf recht stund, liess ich mich noch freier
heraus und entschuldigte mich deswegen, dass ich notwendig jetzt nicht wohl klug
sein müsste, weil andere Hochzeiter vier Wochen vor und nach der Hochzeit nicht
recht bei Sinnen sein; andere Hochzeiter zwar hätten vier Wochen Zeit, in
welchen sie allgemach ihre Torheiten unvermerkt herauslassen und also ihren
Mangel an der Witz ziemlich verbergen könnten; weil mich aber die ganze
Bräuterei vollkommen überfallen, so müsste ich auch die Narrenpossen häufig
fliegen lassen, damit ich mich hernach desto vernünftiger im Ehestand anlassen
könnte. Er fragte mich, wie es mit der Heuratsnotul beschaffen wäre und wieviel
mir mein Schwährvatter Füchse, deren der alte Schabhals viel hätte, zum
Heuratgut gäbe? Ich antwortete, dass unser Heuratsabrede nur in einem Punkt
bestünde, der laute, dass ich und seine Tochter sich in Ewigkeit vor seinen Augen
nicht mehr sollten sehen lassen; dieweil aber weder Notarien noch Zeugen dabei
gewesen, hoffe ich, er sollte wieder revoziert werden, vornehmlich weil alle
Heurat zu Fortpflanzung guter Freundschaft gestiftet würden, es wäre dann Sache,
dass er mir seine Tochter wie Pytagoras die seinige verheiratet hätte, so ich
aber nimmermehr glauben könnte, weil ich ihn meines Wissens niemal beleidiget.
    Mit solchen Schwänken, deren man an mir diesorts sonst nicht gewohnt war,
erhielt ich, dass der Kommandant samt meinem Schwährvatter, welchen er hierzu
wohl persuadieren wollte, bei meiner Specksuppen zu erscheinen versprach. Er
schickte auch gleich ein Fass köstlichen Wein und einen Hirsch in meine Küchen;
ich aber liess dergestalt zurichten, als ob ich viel Fürsten, Grafen und andere
hohe Standspersonen hätte traktieren wollen, brachte auch eine ansehenliche
Gesellschaft zuwege, die sich nicht allein miteinander recht lustig machten,
sondern auch vor allen Dingen meinen Schwährvatter und Schwieger dergestalt mit
mir und meinem Weib versöhneten, dass sie uns mehr Glücks wünschten, als sie uns
die vorige Nacht fluchten. In der ganzen Stadt aber ward ausgesprengt, dass unsre
Kopulation mit Fleiss auf so eine fremde Gattung wäre angestellet worden, damit
uns beiden kein Posse von bösen Leuten widerfahre. Mir aber war diese schnelle
Hochzeit trefflich gesund, dann wann ich doch verehlichet und gemeinem Gebrauch
nach über die Kanzel hätte abgeworfen werden sollen, so hätten sich besorglich
Schleppsäcke gefunden, die mir ein verhinderliches Gewirr dreinzumachen
unterstanden; dann ich hatte solcher unter den Bürgerstöchtern ein ganz halb
Dutzet, die mich mehr als allzuwohl kannten und nunmehr recht in der Brühe
sassen.
    Den andern Tag traktierte mein Schwährvatter die Hochzeitgäste, aber bei
weitem nicht so wohl als ich, dann er war karg; da ward erst mit mir geredet,
was ich vor eine Handierung treiben und wie ich die Haushaltung anstellen
wollte. Da merkte ich erst, dass ich meine edle Freiheit verloren hatte und unter
einer Bottmässigkeit leben sollte. Ich liess mich gar gehorsamlich an und begehrte
zuvor meines lieben Schwährvatters, als eines verständigen Kavaliers, getreuen
Rat zu vernehmen und dem zu folgen, welche Antwort der Kommandant lobte und
sagte: »Dieweil er ein junger frischer Soldat ist, so wäre es eine grosse
Torheit, wann er mitten in jetzigen Kriegsläuften ein anders als das
Soldatenhandwerk zu treiben vor die Hand nähme; es ist weit besser, sein Pferd
in eines andern Stall zu stellen, als eines andern in dem seinigen zu füttern.
Was mich anbelangt, so will ich ihm ein Fähnlein geben, wann er will.« Mein
Schwäher und ich bedankten sich, und ich schlugs nicht mehr aus wie zuvor, wiese
doch dem Kommandanten des Kaufmanns Handschrift, der meinen Schatz zu Köln in
Verwahrung hat. »Dieses«, sagte ich, »muss ich zuvor holen, eh ich schwedische
Dienste annehme; dann sollte man gewahr werden, dass ich ihrem Gegenteil diene,
so werden sie mir zu Köln die Feige weisen und das Meinige behalten, welches
sich so leichtlich nicht im Weg finden lässet.« Sie gaben mir beide recht, und
ward also zwischen uns dreien abgeredet, zugesaget und beschlossen, dass ich in
wenig Tagen mich nach Köln begeben, meinen Schatz dort erheben und nachgehend
wieder damit in der Festung einstellen und ein Fähnlein annehmen sollte; dabei
ward auch ein Tag ernennet, an welchem meinem Schwähervatter eine Kompagnie samt
der Obristleutenantstelle bei des Kommandanten Regiment übergeben werden sollte,
dann sintemal der Graf von Götz damals mit vielen kaiserlichen Völkern in
Westfalen lag und sein Quartier zu Dortmund hatte, versah sich der Kommandant
auf den künftigen Frühling einer Belägerung und bewarb sich dahero um gute
Soldaten, wiewohl diese Sorge vergeblich war, dieweil ermeldter Graf von Götz,
weil Johann de Werd in Brissgäu geschlagen worden, selbigen Frühling Westfalen
quittieren und am Ober-Rheinstrom wegen Breisach wider den Fürsten von Weimar
agieren musste.
 
                         Das dreiundzwanzigste Kapitel.
Simplex kommt in ein Stadt, die er Köllen heisst,
Sein Geld zu holen er da sich befleisst.
Es schicket sich ein Ding auf mancherlei Weise: Des einen Unstern kommt
staffelweis und allgemach, und einen andern überfällt das seinige mit Haufen;
das meinige aber hatte einen süssen und angenehmen Anfang, dass ich mirs wohl vor
kein Unglück, sondern vor das höchste Glück rechnete. Kaum über acht Tage hatte
ich mit meinem lieben Weib im Ehestand zugebracht, da ich in meinem Jägerkleid
mit einem Feuerrohr auf der Achsel von ihr und ihren Freunden den Abschied nahm,
dasjenige, was ich zu Köln in Verwahrung geben, wieder abzuholen. Ich schlich
mich glücklich durch, weil mir alle Wege bekannt, also dass mir keine Gefahr
unterwegs aufstiess; ja, ich ward von keinem Menschen gesehen, bis ich nacher
Dütz, so gegen Köln über diesseits Rhein lieget, vor den Schlagbaum kam. Ich
aber sah viel Leute, sonderlich einen Bauern im bergischen Land, der mich
allerdings an meinen Knän im Spessert gemahnete, sein Sohn aber dessen Simplicio
sich am besten vergliche. Dieser Bauernbub hütete der Schweine, als ich bei ihm
vorüberpassieren wollte, und weil die Säue mich spüreten, fiengen sie an zu
grunzen, der Knabe aber über sie zu fluchen, dass sie der Donner und Hagel
erschlagen und »de Tüfel darto halen skolde«. Das höret die Magd und schriee
dem Jungen zu, er sollte aufhören zu fluchen, oder sie wollts dem Vatter sagen.
Deren antwortete der Knabe, sie sollte ihn im Hintern lecken und »ihr Mour
darto brühen«. Der Baur hörete seinem Sohn gleichfalls zu, lief derowegen mit
seinem Brügel aus dem Haus und schrie: »Halt, du hunderttausend etc. Schelm, ick
sall di lehren sweren, de Hagel schla di dann, dat di de Tüfel int Liff fahr!«
erwischte ihn darmit bei der Kartause, brügelte ihn wie einen Tanzbär und sagte
zu jedem Streich: »Du böse Bof, ick sall di leeren flocken; de Tüfel hat di dann,
ick sal di im Arse lecken, ick sal di leeren dine Mour brühen etc.« Diese Zucht
erinnerte mich natürlich an mich und meinen Knän, und ich war doch nicht so
ehrlich oder gottselig, dass ich Gott gedanket hätte, weil er mich aus solcher
Finsternüs und Ignoranz gezogen und zu einer bessern Wissenschaft und Erkanntnus
gebracht; warum wollte dann mein Glück, das er mir täglich zuschickete, in die
Länge haben harren können? Da ich nun nach Köln kam, kehrete ich bei meinem
Jupiter ein, so damals ganz klug und bei Sinnen war. Als ich ihm nun vertraute,
warum ich da wäre, sagte er mir gleich, dass ich besorglich lär Stroh dreschen
würde, weil der Kaufmann, dem ich das Meinige aufzuheben geben, Bankerott
gespielet und ausgerissen wäre; zwar seien meine Sachen obrigkeitlich
verpetschiert, er selbst aber sich wieder einzustellen zitieret worden; aber man
zweifle sehr an seiner Wiederkunft, weil er das Beste, so fortzubringen gewesen,
mit sich genommen; bis nun die Sache erörtert würde, könnte viel Wasser den
Rhein hinunterlaufen. Wie angenehm mir diese Bottschaft war, kann ein jeder
leicht ermessen; ich fluchte ärger als ein Fuhrmann, aber was halfs? ich hatte
darum meine Sachen nicht wieder und überdas keine Hoffnung, solche zu bekommen.
So hatte ich auch über zehn Taler Zehrgelt nicht zu mir genommen, dass ich also
mich nit so lang aufhalten konnte, als es die Zeit erforderte. Überdas hatte es
auch Gefahr auf sich, so lang dazubleiben, dann ich musste sorgen, dass, weil ich
einer feindlichen Garnison zugetan wäre, ich verkundschaft würde und also nicht
allein gar um das Meinige, sondern noch darzu in grössere Ungelegenheit kommen;
sollte ich dann unverrichter Sache wieder zurück, das Meinige mutwillig dahinden
lassen und den Hingang vor den Hergang haben, das dünkte mich auch nicht ratsam,
sondern gar zu spöttisch sein. Zuletzt ward ich mit mir selber eins, ich wollte
mich in Köln aufhalten, bis die Sache erörtert würde, und die Ursache meines
Ausbleibens meiner Liebsten berichten, verfügte mich demnach zu einem
Prokurator, der ein Notarius war, und erzählete ihm mein Tun, bat ihn, mir um
die Gebühr mit Rat und Tat beizuspringen, ich wollte ihm neben dem Tax, wann er
meine Sache beschleunigte, mit einer guten Verehrung begegnen. Weil er dann
hoffte, es würde an mir etwas zu fischen sein, nahm er mich gutwillig an und
dingte mich auch in die Kost; darauf ging er andern Tags mit zu denjenigen
Herren, welche die Fallimentssachen zu erörtern haben, gab vidimierte Kopei von
des Kaufmanns Handschrift ein und legte das Original vor, worauf wir zur Antwort
bekamen, dass wir uns bis zu gänzlicher Erörterung und Ausgang der Sache
patientieren müssten, weil die Sachen, davon die Handschrift sage, nicht alle
vorhanden wären.
    Also versah ich mich des Müssiggangs wieder auf eine Zeitlang, bis ich sehen
wollte, wie es in grossen Städten hergehet. Mein Kosterr war, wie gehört, ein
Notarius und Prokurator, darneben hatte er etwan ein halb Dutzet Kostgänger und
hielt stets acht Pferde auf der Streu, welche er den Reisenden um Geld
hinzuleihen pflegte, darbei hatte er einen teutschen und einen welschen Knecht,
die sich beides, zum Fahren und Reiten, wie die Postillionen auf alle
vorfallende Reisen gebrauchen liessen und der Pferde warteten, mit welcher drei-
oder viertalbfachen Handierung er nicht allein seine Nahrung reichlich gewann,
sondern auch ohn Zweifel trefflich vorschlug; dann weil keine Juden in selbige
Stadt kommen dörfen, konnte er mit allerlei Sachen desto besser wuchern.
    Ich lernete viel in der geringen Zeit, die ich bei ihm war, vornehmlich aber
alle Krankheiten kennen, so die grösste Kunst an einem Doctor Medicinae ist; dann
man sagt, wann man eine Krankheit recht erkenne, so sei dem Patienten schon halb
geholfen. Dass ich nun solche Wissenschaft begriffe, daran war mein Wirt
Ursacher; dann von seiner Person fieng ich an, auch auf andere zu sehen und ihre
Komplexion zu betrachten. Da fand ich manchen totkrank, der seine Krankheit oft
selbst nicht wusste und auch von andern Menschen, ja von den Doctoribus selbst,
vor einen Gesunden gehalten ward. Ich fand Leute, die waren vor Zorn krank, und
wann sie die Krankheit anstiess, so verstelleten sie die Gesichter wie die
Teufel, brülleten wie die Löwen, kratzten wie die Katzen, schlugen um sich wie
die Bären, bissen drein wie die Hunde, und damit sie sich ärger stellen möchten
als die rasende Tiere, warfen sie auch mit allem, das sie in die Hände kriegten,
um sich wie die Narren. Man saget, diese Krankheit komme von der Galle her, aber
ich glaube, dass sie ihren Ursprung daher habe, wann ein Narr hoffärtig sei;
derhalben wann du einen Zornigen rasen hörest, sonderlich über ein gering Ding,
so halt kecklich davor, dass er mehr stolz als klug sei. Aus dieser Krankheit
folget unzählig viel Unglück, sowohl dem Kranken selbst als andern; dem Kranken
zwar endlich die Lähme, Gicht und ein frühzeitiger, wo nicht gar ewiger Tod! Und
kann man diese Kranken, obschon sie gefährlich krank sein, mit gutem Gewissen
keine Patienten nennen, weil ihnen die Patienz am allermeisten mangelt. Etliche
sah ich am Neid darniederliegen, von welchen man saget, dass sie ihr eigen Herz
fressen, weil sie immer so bleich und traurig dahertretten. Diese Krankheit
halte ich vor die allergefährlichste, weil sie vom Teufel ihren Ursprung hat,
wiewohl sie von lauter Glück herrühret, das des Kranken Feind hat; und welcher
einen solchen von Grund aus kurieret, der dörfte sich beinahe rühmen,er hätte
einen Verlornen zum christlichen Glauben bekehrt, weil diese Krankheit keinen
rechtschaffenen Christen anstösst, als die da nur die Sünde und Laster neiden.
Die Spielsucht hielte ich auch vor eine Krankheit, nicht allein weil es der Name
mit sich bringt, sondern weil diejenige, so damit behaftet, ganz giftig darauf
verpicht sein. Diese hat ihren Ursprung vom Müssiggang und nicht vom Geiz, wie
etliche vermeinen, und wann du Wollust und Müssiggang hinwegnimmest, vergehet
diese Krankheit von sich selbst. So befand ich, dass Fressen und Saufen auch eine
Krankheit ist, und dass solche aus der Gewohnheit und nicht aus dem Überfluss
herkommt. Armut ist zwar gut davor, aber sie wird dadurch nicht von Grund aus
geheilet; dann ich sah Bettler im Luder und reiche Filze Hunger leiden.Sie
bringt ihre Arznei auf dem Rucken mit sich, der heisst Mangel, wo nicht am Gut,
doch an der übrigen Gesundheit des Leibes, also dass endlich diese Kranke
gemeiniglich von sich selbst gesund werden müssen, wann sie nämlich entweder aus
Armut oder andrer Krankheit halber nicht mehr zehren können. Die Hoffart hielt
ich vor eine Art der Phantasterei, welche ihren Ursprung aus der Unwissenheit
habe; dann wann sich einer selbst kennet und weiss, wo er her ist und endlich
hinkommt, so ists unmüglich, dass er mehr so ein hoffärtiger Narr sein kann. Wann
ich einen Pfau oder welschen Hahn sehe, der sich ausspreitet und so etwas daher
kollert, muss ich mich vernarren, dass diese unvernünftige Tiere dem armen
Menschen in seiner grossen Krankheit so artlich spotten können. Ich habe keine
sonderliche Arznei darwider finden können, weil diese, so daran krank liegen,
ohn die Demut ebensowenig als andere Narren zu kurieren sein. Ich fand auch, dass
Lachen eine Krankheit ist; dann Philemon ist ja dran gestorben, und Democritus
ist bis an sein Ende damit infiziert gewesen. So sagen auch noch auf den
heutigen Tag unsere Weiber, sie möchten sich zu Tot lachen! Man saget, es habe
seinen Ursprung von der Leber, aber ich glaube ehender, es komme aus übriger
Torheit her; sintemal viel Lachen kein Anzeigen eines vernünftigen Mannes ist.
Es ist unvonnöten und sich nicht viel zu bemühen, eine Arznei darwider zu
verordnen, weil es nicht allein eine lustige Krankheit ist, sondern auch manchem
vergehet, eh ers gern hat. Nicht weniger merkte ich, dass der Fürwitz auch eine
Krankheit und sonderlich dem weiblichen Geschlecht schier angeboren sei; ist
zwar gering anzusehen, aber in Wahrheit sehr gefährlich, massen wir noch alle an
unsrer ersten Mutter Kuriosität zu däuen haben. Von den übrigen, als Faulheit,
Rachgier, Eifer, Frevel, Gebrechen der Liebe und andern dergleichen Krankheiten
und Lastern will ich vor diesmal schweigen, weil ich mir niemals vorgenommen,
etwas davon zu schreiben, sondern wieder auf meinen Kosterrn kommen, der mir
Ursach gab, dergleichen Gebrechen nachzusinnen, weil er vom Geiz bis aufs
äusserste Haar eingenommen und besessen war.
 
                         Das vierundzwanzigste Kapitel.
Simplex ein Hasen fängt selbst in der Stadt,
Dessen sich wohl wird, wers liest, lachen satt.
Dieser hatte, wie oben gemeldet, unterschiedliche Handierungen, dadurch er Geld
zusammenkratzte; er zehrte mit seinen Kostgängern und seine Kostgänger nicht mit
ihm, und er hätte sich und sein Hausgesind mit demjenigen, was sie ihm
eintrugen, gar reichlich ernähren können, wann es der Schindhund nur darzu hätte
angewendet; aber er mästete uns auf schwäbisch und hielt gewaltig zurück. Ich ass
anfangs nicht mit seinen Kostgängern, sondern mit seinen Kindern und Gesind,
weil ich nicht viel Geld bei mir hatte; da satzte es schmale Bisslein, so meinem
Magen, der nunmehr zu den westfälischen Traktamenten gewöhnet war, ganz spanisch
vorkam; kein gut Stück Fleisch kriegten wir auf den Tisch, sondern nur
dasjenige, so acht Tage zuvor von der Studenten Tafel getragen, von denselben
zuvor überall wohl benagt und nunmehr vor Alter so grau als Matusalem worden
war. Darüber machte dann die Kostfrau (welche die Küche selbst versehen musste,
dann er dingte ihr keine Magd) eine schwarze saure Brühe und überteufelts mit
Pfeffer; da wurden dann die Beiner so sauber abgeschleckt, dass man alsbald
Schachsteine daraus hätte drehen können, und doch waren sie alsdann noch nicht
recht ausgenutzt, sondern sie kamen in einen hierzu verordneten Behalter, und
wann unser Geizhals deren ein Quantität beisammen hatte, mussten sie erst klein
zerhackt und das übrige Fett bis auf das alleräusserste herausgesotten werden;
nicht weiss ich, wurden die Suppen daraus geschmälzt oder die Schuhe damit
geschmieret. An den Fasttägen, deren mehr als genug einfielen und alle
solenniter gehalten wurden, weil der Hausvatter diesfalls gar gewissenhaft war,
mussten wir uns mit stinkenden Bückingen, versalzenen Bolchen, faulen Stock- und
andern abgestandenen Fischen herumbeissen; dann er kaufte alles der Wohlfeile
nach und liess sich die Mühe nicht dauern, zu solchem Ende selbst auf den
Fischmarkt zu gehen und anzupacken, was jetzt die Fischer auszuschmeissen und
hinzuwerfen im Sinn hatten. Unser Brod war gemeiniglich schwarz und altbacken,
der Trank aber ein dünn saur Bier, das mir die Därme hätte zerschneiden mögen,
wiewohl es mein Kosterr vor ein gut abgelegen Märzbier darstellte. Überdas
vernahm ich von seinem teutschen Knecht, dass es Sommerszeit noch schlimmer
hergehe; dann da sei das Brot schimmlig, das Fleisch voller Würme und ihre beste
Speisen wäre irgends zu Mittag ein paar Rettiche und auf den Abend eine Handvoll
Salat. Ich fragte, warum er dann bei dem Filz bleibe. Da antwortete er mir, dass
er die meiste Zeit auf der Reise sei und derhalben mehr auf der Reisenden
Trinkgelder als seinen Schimmeljuden bedacht sein müsste. Er getraute seinem Weib
und Kindern nicht in Keller, weil er ihm selbst den Tropfwein kaum gönne, und
sei in Summa ein solcher Geldwolf, dergleichen kaum noch einer zu finden. Das,
so ich bisher gesehen, sei noch nichts; wann ich noch eine Weile da verbliebe,
würde ich gewahr nehmen, dass er sich nicht schäme, einen Esel um einen Fettmönch
zu schinden. Einsmals brachte er sechs Pfund Sülzen oder Rindernkutteln heim;
das setzte er in seinen Speiskeller, und weil zu seiner Kinder grossem Glück das
Tagfenster offen stund, banden sie eine Essgabel an einen langen Stecken und
angelten damit alle Kuttelflecke heraus, welche sie alsobald und halb gekocht in
grosser Eil verschlangen, und vorgaben, die Katze hätte es getan. Aber der
Erbsenzähler wollte es nicht glauben, sondern, nachdem er lang deswegen im Hause
rumort hatte, fieng er die Katze, wug sie und befand, dass sie mit Haut und Haar
nicht so schwer war, als seine Kutteln gewesen. Dieser kahlen Possen schämte er
sich nicht allein [nicht], sondern wollte noch wegen solcher klugen Erfindung,
die ihm sein Geiz gelernet, Ruhm haben. Weil er dann so gar unverschämt
handlete, als begehrte ich nicht mehr an seiner Leute, sondern an gemeldter
Studententafel, es koste auch, was es wolle, zu essen, worbei es zwar etwas
herrlicher hergieng, ward mir aber wenig damit geholfen; dann alle Speisen, die
man uns fürsatzte, waren nur halb gar, so unserm Kosterrn an zwei Orten zupass
kam, erstlich am Holz, so er gesparet, und dass wir nicht so viel verdauen
konnten. Überdas, so dünkte mich, er zählete uns alle Mundvoll in Hals hinein,
und kratzte sich hintern Ohren, wann wir recht fütterten. Sein Wein war ziemlich
gewässert und nicht derart, die Däuung zu befördern; der Käs, den man am Ende
jeder Mahlzeit aufstellete, war gemeinlich steinhart, die holländische Butter
aber dermassen versalzen, dass keiner über ein Lot davon auf einen Imbiss geniessen
konnte. Das Obs musste man wohl so lang auf und ab tragen, bis es mürbe und zu
essen tauglich war; wann dann etwan ein oder ander darauf stichelte, so fieng er
einen erbärmlichen Hader mit seinem Weibe an, dass wirs hörten; heimlich aber
befahl er ihr, sie sollte nur bei ihrer alten Geigen bleiben. Sonsten wars
sauber in seinem Haus und aufgeraumt, weil er nichts unter den Füssen litte, auch
kein geringes Strohhälmlein oder Abschnützling vom Papier, noch sonst etwas,
welches das Feuer verzehren kann; dann er hubs ehe selbst auf und trugs in die
Küchen, sagend: »Viel kleine Wasser geben auch einen Bach«; dann er gedachte:
»Viel Zahnsticher geben auch eine Hitz.« Die Asche hub er viel säuberer auf als
mancher den Safran, weil er solche zu verkaufen wusste. Einsmals brachte ihm
einer von seinen Klienten einen Hasen zur Verehrung, den sah ich in der
Speiskammer hangen und gedachte, wir würden einmal Wildpret essen dörfen; aber
der teutsche Knecht sagte mir, dass er uns nicht an die Zähne brennen würde, dann
sein Herr hätte den Kostgängern ausgedingt, dass er so keine Schnabelweide
speisen dörfte; ich sollte nur nachmittag auf den Alten Markt gehen und sehen,
ob ich ihn nicht dorten zu verkaufen finden würde. Darauf schnitt ich dem Hasen
ein Stücklein vom Ohr, und als wir über dem Mittagimbiss sassen und unser Kosterr
nicht bei uns war, erzählete ich, dass unser Geizhals einen Hasen zu verkaufen
hätte, um den ich ihn zu betrügen gedächte, wann mir einer aus ihnen folgen
wollte, also dass wir nicht allein Kurzweile anrichten, sondern den Hasen selbst
kriegen wollen. Jeder sagte ja, dann sie hätten unserm Wirt gern vorlängst einen
Schabernack angetan, dessen er sich nicht beklagen dorfte. Also verfügten wir
uns den Nachmittag an denjenigen Ort, den ich vom Knecht erlernet hatte, da
unser Kosterr zu stehen pflegte, wann er so etwas zu verkaufen hingab, um
aufzupassen, was der Verkäufer lösete, damit er nicht etwan um ein Fettmönchlein
betrogen würde. Wir sahen ihn bei vornehmen Leuten, mit denen er diskutierte.
Ich hatte einen Kerl angestellet, der ging zu dem Hocken, der den Hasen
verkaufen sollte, und sagte: »Landsmann! der Has ist mein, und ich nehme ihn als
ein gestohlen Gut auf Recht hinweg; er ist mir heunt nacht von meinem Fenster
hinweggefischet worden, und lässt du ihn nicht gutwillig folgen, so gehe ich auf
deine Gefahr und Unrechtskosten mit dir hin, wo du willt.« Der Unterkäufer
antwortete, er sollte sehen, was er zu tun hätte; dort stünde ein vornehmer
Herr, der ihm den Hasen zu verkaufen geben hätte, welcher ihn ohn Zweifel nicht
gestohlen haben würde. Als nun diese zween so wortwechselten, bekamen sie gleich
einen Umstand, so unser Geizhals stracks in acht nahm und hörete, wieviel die
Glocke schlug, winkte derowegen dem Unterkäufer, dass er den Hasen folgen lassen
sollte, weil er sich gewaltig schämte und den Namen nicht haben wollte, dass er
Hasen zu verkaufen und doch so viel Kostgänger hätte, zumalen auch nicht wüsste,
wo der Kerl den Hasen hergebracht hätte, der ihme solchen verehret hatte. Mein
Kerl aber, den ich hierzu angestellet hatte, wusste dem Umstand gar artlich das
Stück vom Ohr zu weisen und dasselbe in dem Ritz zu messen, dass ihm also
jedermann recht gab und den Hasen zusprach. Indessen näherte ich mich auch mit
meiner Gesellschaft, als ob wir ungefähr daherkämen, stund an dem Kerl, der den
Hasen hatte, und fieng an mit ihm darum zu marken, und nachdem wir des Kaufs
eins wurden, stellte ich den Hasen meinem Kosterrn zu mit Bitte, solchen mit
sich heimzunehmen und auf unsern Tisch zurichten zu lassen, dem Kerl aber, den
ich hierzu bestellet, gab ich anstatt der Bezahlung vor den Hasen ein Trinkgeld
zu zwei Kannen Bier. Also musste uns unser Geizhals den Hasen wider seinen Willen
zukommen lassen und dorfte noch darzu nichts sagen, dessen wir genug zu lachen
hatten; und wann ich länger in seinem Haus hätte verbleiben sollen, wollte ich
ihm noch viel dergleichen Stücklein bewiesen haben.
 
                               Das erste Kapitel
Simplex wird praktiziert nacher Frankreich,
Gehet ihm wunderlich zu Anfangs gleich.
Allzucharf machet schartig, und wann man den Bogen überspannet, so muss er
endlich zerbrechen. Der Bosse, den ich meinem Kosterrn mit dem Hasen riss, war
mir nicht genug, sondern ich unterstund noch mehr, seinen unersättlichen Geiz zu
strafen. Ich lernete seine Kostgänger, wie sie die versalzene Butter wässern und
dadurch das überflüssige Salz herausziehen, die harte Käs aber wie die
Barnesaner schaben und mit Wein anfeuchten sollten, welches dem Geizhals lauter
Stiche ins Herz waren. Ich zog durch meine Kunststücke über Tisch das Wasser aus
dem Wein und machte ein Lied, in welchem ich den Geizigen einer Sau vergliche,
von welcher man nichts Gutes zu hoffen, bis sie der Metzger tot auf dem Schragen
liegen hätte. Solches sang ich in eine Laute und verursachte meines damaligen
Davorhaltens darmit, dass er mich mit folgender Untreue wieder hurtig bezahlete,
weil ich solche Sachen in seinem Haus zu üben nicht bestellet war.
    Die zween Zunge vom Adel bekamen einen Wechsel und Befelch von ihren Eltern,
sich in Frankreich zu begeben und die Sprache zu lernen, eben als unsers
Kosterrn teutscher Knecht anderwärts auf der Reise war, und dem welschen (sagte
unser Kosterr) dörfte er die Pferde in Frankreich nicht vertrauen, weil er ihn
noch nicht recht kennet, dann er besorge, wie er vorgab, er möchte das
Wiederkommen vergessen und ihn um die Pferde bringen; bat mich derowegen, ob ich
ihm nicht den grossen Dienst tun und beide Edeleute mit seinen Pferden, weil
ohndas meine Sache in vier Wochen noch nicht erörtert werden könnte, nach Paris
führen wollte; er hingegen wollte indessen meine Geschäften, wann ich ihm
deswegen vollkommen Gewalt geben würde, so getreulich urgieren und befördern,
als ob ich persönlich gegenwärtig wäre. Die von Adel ersuchten mich deswegen
auch, und mein eigener Fürwitz, Frankreich zu besehen, riet mir solches
gleichfalls, weil ichs jetzt ohn sondere Unkosten tun konnte und ich ohndas die
vier Wochen auf der faulen Bärenhaut daliegen und noch Geld darzu verzehren
müsste. Also machte ich mich mit diesen Edelleuten anstatt eines Postillions auf
den Weg, auf welchem mir nichts Merk- und Schreibwürdiges zuhanden stiess. Da wir
aber nach Paris kamen und bei unsers Kosterrn Korrespondenten, bei dem die
Edelleute auch ihren Wechsel empfiengen, einkehreten, ward ich den andern Tag
nicht allein mit den Pferden arrestiert, sondern derjenige, so vorgab, mein
Kosterr wäre ihm eine Summa Geldes zu tun schuldig, griffe mit Guteissung
desselben Viertelscommissario zu und versilberte die Pferde, Gott gebe, was ich
darzu sagte. Also sass ich da wie Matz von Dresden und wusste mir selbst nicht zu
helfen, viel weniger zu raten, wie ich einen so weiten und damals sehr unsichern
Weg wieder zurückkommen sollte. Die von Adel bezeugten ein gross Mitleiden mit
meiner widerwärtigen Begegnus und verehreten mich desto ehrlicher mit einem
guten Trinkgelt, wollten mich auch nicht ehender von sich lassen, bis ich
entweder einen guten Herrn oder eine gute Gelegenheit hätte, wieder in
Teutschland zu kommen. Sie dingten ihnen ein Losament, und ich hielt mich
etliche Tage bei ihnen auf, damit ich dem einen, so wegen der fernen Reise,
deren er nicht gewohnt, etwas unpässlich worden, aufwartete. Und demnach ich mich
so fein anliess, schenkte er mir sein Kleid, so er ablegte, dann er sich auf die
neue Mode kleiden liess. Ihr Rat war, ich sollte nur immer ein paar Jahre in
Paris bleiben und die Sprache lernen; das ich zu Köln zu holen hätte, würde mir
nicht entlaufen, als welches unser Kosterr zu seinen verwahrlichen Handen zu
nehmen nicht unterlassen würde. Da ich nun so in der Wahl stund und noch
zweifelte, was ich tun wollte, hörte mich einsmals der Medikus, so meinen
kranken Junker zu kurieren alle Tage zu uns kam, auf der Laute schlagen und ein
teutsch Liedlein dareinsingen, das ihm so wohl gefiel, dass er mir eine gute
Bestallung anbot samt seinem Tisch, da ich mich zu ihm begeben und seine zween
Söhne unterrichten wollte; dann er wusste schon besser, wie mein Handel stund,
als ich selbst, und dass ich einen guten Herrn nicht ausschlagen würde. Also
wurden wir des Handels miteinander bald eins, weil beide Edelleute das Beste
darzu redeten und mich trefflich rekommandierten. Ich verdingte mich aber nicht
länger als von einem Vierteljahr zum andern.
    Dieser Doktor redte so gut Teutsch als ich und das Italienisch wie seine
Muttersprache; derhalben versprach ich mich desto lieber zu ihm. Als ich nun die
Letze zehrte mit meinen Edelleuten, war er auch dabei, und mir giengen üble
Grillen im Kopf herum; dann da lag mir mein frisch genommen Weib, mein
versprochen Fähnlein und mein Schatz zu Köln im Sinn, von welchem allem ich mich
so leichtfertig hinwegzubegeben bereden lassen; und da wir von unsers gewesenen
Kosterrn Geiz zu reden kamen, fiel mir zu, und ich sagte auch über Tisch: »Wer
weiss, ob vielleicht unser Kosterr mich nicht mit Fleiss hieherpraktizieret,
damit er das Meinige zu Köln erheben und behalten möge.« Der Doktor antwortete,
das könne wohl sein, vornehmlich wann er glaube, dass ich ein Kerl von geringen
Herkommen sei. »Nein,« antwortete der eine Edelmann, »wann er zu solchem Ende
hiehergeschickt worden ist, dass er hier bleiben solle, so ists darum geschehen,
weil er ihm seines Geizes wegen so viel Drangsal antäte.« Der Kranke fieng an:
»Ich glaube aber eine andere Ursache. Als ich neulich in meiner Kammer stund und
unser Kosterr mit seinem Welschen ein laut Gespräch hielt, horchte ich, warum
es doch zu tun sein möchte, und vernahm endlich aus des Welschen geradbrechten
Worten, dass er seinen Abschied begehrte, dann der Jäger verfuchsschwänze ihn bei
der Frau und sage, er warte der Pferde nicht recht, welches aber der
eifersüchtige Gauch wegen seiner üblen Redkunst unrecht und auf etwas
Unehrliches verstund und derowegen dem Welschen zusprach, er sollte nur bleiben,
der Jäger müsse bald hinweg. Er hatte auch seiter sein Weib scheel angesehen
und mit ihr viel ernstlicher gekollert als zuvor, so ich an dem Narrn mit Fleiss
in acht genommen.«
    Der Doktor sagte: »Es sei geschehen, aus was vor einer Ursache es wolle, so
lasse ich wohl gelten, dass die Sache so angestellet worden, dass Er hier bleiben
muss. Er lasse sich aber das nicht irren: ich will Ihm schon wieder mit guter
Gelegenheit nach Teutschland verhelfen; Er schreibe ihm nur, dass er den Schatz
wohl beobachte, sonst werde er scharfe Rechenschaft darum geben müssen. Dies
gibet mir einen Argwahn, dass es ein angestellter Handel sei, weil derjenige, so
sich vor den Kreditor dargeben, Eures Kosterrn und seines hiesigen
Korrespondenten sehr guter Freund ist, und ich will glauben, dass Ihr die
Obligation, kraft deren er die Pferde angepacket und verkauft hat, jetzt erst
mit Euch gebracht habet.«
 
                              Das zweite Kapitel.
Simplex bekommt einen bessern Patron,
Dessen Gunst träget er völlig darvon.
Monsigneur Canard, so hiess mein neuer Herr, erbot sich, mir mit Rat und Tat
beholfen zu sein, damit ich des Meinigen zu Köln nicht verlustigt würde; dann er
sah wohl, dass ich traurig war. Sobald er mich in seine Wohnung brachte,
begehrte er, ich wollte ihm erzählen, wie meine Sachen beschaffen wären, damit
er sich drein finden und Ratschläg ersinnen könnte, wie mir am besten zu helfen
sei. Ich gedachte wohl, dass ich nicht viel gülte, wann ich mein Herkommen öffnen
sollte, gab mich derhalben vor einen armen teutschen Edelmann aus, der weder
Vatter noch Mutter, sondern nur noch etliche Verwandte in einer Festung hätte,
darin schwedische Garnison läge, welches ich aber vor meinem Kosterrn und
beiden von Adel, als welche Kaiserliche Partei hielten, verborgen halten müssen,
damit sie das Meinige als ein Gut, so dem Feind zuständig, nicht an sich zögen.
Meine Meinung wäre, ich wollte an den Kommandanten bemeldter Festung schreiben,
als unter dessen Regiment ich die Stelle eines Fähnrichs hätte, und ihn nicht
allein berichten, wasgestalten ich hieher praktiziert worden, sondern ihn auch
bitten, dass er belieben wollte, sich des Meinigen habhaft zu machen und solches,
bis ich wieder Gelegenheit kriege, zum Regiment zu kommen, indessen meinen
Freunden zuzustellen. Canard befand mein Vorhaben ratsam und versprach mir, die
Schreiben an ihren gehörigen Ort zu bestellen, und sollten sie gleich nach
Mexiko oder in China lauten. Demnach verfertigte ich Schreiben an meine Liebste,
an meinen Schwährvatter und an den Obristen de S.A., Kommandanten in L., an
welchen ich auch das Kopert richtete und ihm die übrige beide beischloss. Der
Einhalt war, dass ich mit ehistem mich wieder einstellen wollte, da ich nur
Mittel an die Hand kriegte, eine so weite Reise zu vollenden, und bat beides,
meinen Schwäher und den Obristen, dass sie vermittels der Militiae das Meinige zu
bekommen unterstehen wollten, eh das Gras darüber wüchse, berichtete darneben,
wieviel es an Gold, Silber und Kleinodien sei. Solche Briefe verfertigte ich in
Duplo; ein Teil bestellte Mons. Canard, das ander gab ich auf die Post, damit,
wann irgend das eine nicht überkäme, jedoch das ander einliefe. Also ward ich
wieder fröhlich und instruierte meines Herrn zween Söhne desto leichter, die als
junge Prinzen erzogen wurden; dann weil Mons. Canard sehr reich, als war er auch
überaus hoffärtig und wollte sich sehen lassen, welche Krankheit er von grossen
Herren an sich genommen, weil er gleichsam täglich mit Fürsten umgieng und ihnen
alles nachäffte, was allein mächtigen Prinzen geziemet. Sein Haus war wie eines
Grafen Hofhaltung, in welcher kein anderer Mangel erschien, als dass man ihn
nicht auch einen gnädigen Herrn nannte, und seine Imagination war so gross, dass
er auch einen Marquis, da ihn etwan einer zu besuchen kam, nicht höher als
seinesgleichen traktierete. Es musste ein Prinz vom Geblüt oder sonst ein
gewaltiger Fürst sein und nicht allein viel zu spendieren haben, sondern auch
sonst viel gelten, wann er von ihm rechtschaffen bedient hätte sein wollen. Er
teilete zwar geringen Leuten auch von seinen Mitteln mit, er nahm aber kein
gering Geld, sondern schenkte ihnen eher ihre Schuldigkeit, damit er einen
grossen Namen haben möchte. Wie er sich dann allerorten herfürzuwerfen und
zutäppisch zu machen wusste und dahero nicht allein beim königlichen Hof und in
der Stadt Paris, sondern auch sonst im ganzen Königreich hoch ästimieret wurde,
also dass andere Doctores von ihme zu sagen pflegten, wann er seinen Patienten
nur das verbrannte Mehl vom Brod schabe, so hätten sie einen bessern Glauben
dran, als wann sie die quintam essentiam anbrächten. Solches trug ihm trefflich
ein, und er lebte davon wie der reiche Mann, welches ich mitgenosse, dann da
schneiete sowohl das Geld als alle andere Victualia von allen Orten überflüssig
her, also dass ich wohl neben ihm mit einem schmutzigen Maul zum Fenster
hinaussehen konnte. Weil ich ziemlich kurios war und wusste, dass er mit meiner
Person prangte, wann ich neben andern Dienern hinter ihm her trat und er Kranke
besuchte, als half ich ihm auch stets in seinem Laboratorio arzneien. Davon ward
ich ziemlich gemein mit ihm, wie er dann ohndas die teutsche Sprache gern
redete; sagte derowegen einsmals zu ihm, warumb er sich nicht von seinem
adeligen Sitz schreibe, den er neulich nahend Paris um 20000 Kronen gekauft
hätte? item, warum er lauter Doctores aus seinen Söhnen zu machen gedenke und
sie so streng studieren lasse, ob nicht besser wäre, dass er ihnen (indem er doch
den Adel schon hätte), wie andere Cavaliers, irgends Ämter kaufe und sie also
vollkommen in den adeligen Stand tretten lasse. »Nein!« antwortete er, »wann ich
zu einem Fürsten komme, so heisst es: Herr Doktor, Er setze sich nieder; zum
Edelmann aber wird gesagt: Wart auf!« Ich sagte: »Weiss aber der Herr Doktor
nicht, dass ein Arzt dreierlei Angesichter hat, das erste eines Engels, wann ihn
der Kranke ansichtig wird, das ander eines Gottes, wann er hilft, das dritte
eines Teufels, wann man gesund ist und ihn wieder abschaffet? Also währt solche
Ehre nicht länger, als solang dem Kranken der Wind im Leib herumgehet; wann er
aber hinaus ist und das Rumpeln aufhöret, so hat die Ehre ein Ende und heisst
alsdann auch: Doktor, vor der Tür ists dein! Hat demnach der Edelmann mehr Ehre
von seinem Stehen als ein Doktor von seinem Sitzen, weil er nämlich seinem
Prinzen beständig aufwartet und die Ehr hat, niemals von seiner Seite zu kommen.
Der Herr Doktor hat neulich etwas von einem Fürsten in Mund genommen und
demselben seinen Geschmack abgewinnen müssen; ich wollte lieber zehen Jahr
stehen und aufwarten, eh ich eines andern Kot versuchen wollte, und wanngleich
man mich auf lauter Rosen setzen wollte.« Er antwortete: »Das musste ich nicht
tun, sondern tats gern, damit, wann der Fürst sähe, wie sauer michs ankäme,
seinen Zustand recht zu erkündigen, meine Verehrung desto grösser würde. Und
warum wollte ich dessen Kot nicht versuchen, der mir etliche hundert Pistolen
davor zu Lohn gibet, ich aber hingegen ihm nichts gebe, wann er noch gar was
anders von mir muss fressen? Ihr redet von der Sache wie ein Teutscher; wann Ihr
aber einer andern Nation wäret, so wollte ich sagen, Ihr hättet davon geredet
wie ein Narr!« Mit diesem Sentenz nahm ich vorlieb, weil ich sah, dass er sich
erzörnen wollte, und damit ich ihn wieder auf einen guten Laun brächte, bat ich,
er wollte meiner Einfalt etwas zugute halten, und brachte etwas Annehmlichers
auf die Bahne.
 
                              Das dritte Kapitel.
Simplex einen Komödianten abgibt,
Macht, dass viel Jungfern sich in ihn verliebt.
Gleichwie Monsigneur Canard mehr Wildpret hinwegzuwerfen als mancher zu fressen
hatte, der eine eigne Wildbahne vermag, und ihm mehr zahmes verehrt ward, als er
und die Seinigen verzehren konnten; also hatte er täglich viel Schmarotzer, so
dass es bei ihm gleichsam einen ansah, als ob er eine freie Tafel gehalten
hätte. Einsmals besuchten ihn des Königs Zeremonienmeister und andere vornehme
Personen vom Hof, denen er eine fürstliche Kollation darstellete, weil er wohl
wusste, wen er zum Freund behalten sollte, nämlich diejenige, so stets um den
König waren oder sonst bei demselbigen wohl stunden. Damit er nun denselben den
allergeneigtesten Willen erzeigte und ihnen alle Lust machen möchte, begehrte
er, ich wollte ihm zu Ehren und der ansehnlichen Gesellschaft zu Gefallen ein
teutsch Liedlein in meine Laute hören lassen. Ich folgte gern, weil ich eben in
Laune war, wie dann dir Musici gemeiniglich seltsame Grillenfänger sind, befliss
mich derhalben, das beste Geschirr zu machen, und kontentierte demnach die
Anwesende so wohl, dass der Zeremonienmeister sagte, es wäre immer schade, dass
ich nicht die französische Sprache könnte, er wollte mich sonst trefflich wohl
beim König und der Königin anbringen. Mein Herr aber, so besorgte, ich möchte
ihm aus seinen Diensten entzuckt werden, antwortete ihm, dass ich einer von Adel
sei und nit lang in Frankreich zu verbleiben gedächte, würde mich demnach
schwerlich vor einen Musikanten gebrauchen lassen. Darauf sagte der
Zeremonienmeister, dass er seine Tage nicht eine so seltne Schönheit, eine so
klare Stimme und einen so künstlichen Lautenisten an einer Person gefunden; es
sollte ehist vorm König im Louvre eine Comödia gespielet werden; wann er mich
darzu gebrauchen könnte, so verhoffte er, grosse Ehre mit mir einzulegen. Das
hielt mir Mons. Canard vor; ich antwortete ihm, wann man mir saget, was vor eine
Person ich präsentieren und was vor Lieder ich in meine Laute singen sollte, so
könnte ich ja beides, die Melodeien und Lieder, auswendig lernen und solche in
meine Laute singen, wannschon sie in französischer Sprache wären; es möchte ja
leicht mein Verstand so gut sein als eines Schülerknabens, die man hierzu auch
zu gebrauchen pflege, unangesehen sie erst beides, Worte und Gebärden, lernen
müssten. Als mich der Zeremonienmeister so willig sah, musste ich ihm
versprechen, den andern Tag ins Louvre zu kommen, um zu probieren, ob ich mich
darzu schickte. Also stellete ich mich auf die bestimmte Zeit genommener Abrede
nach ein. Die Melodeien der unterschiedlichen Lieder, so ich zu singen hatte,
schlug ich gleich perfekt auf dem Instrument, weil ich das Tabulaturbuch vor mir
hatte, empfieng demnach die französische Lieder, solche auswendig und die
Aussprache recht zu lernen, welche mir zugleich verteutscht wurden, damit ich
mich mit den Gebärden darnach richten könnte. Solches kam mich gar nicht schwer
an, also dass ichs eher konnte, als sichs jemand versah, und zwar dergestalt,
wann man mich singen hörte (massen mir Monsigneur Canard das Lob gab), dass der
tausendste geschworen hätte, ich wäre ein geborner Franzos. Und da wir, die
Comödia zu probieren, das erstemal zusammenkamen, wusste ich mich so kläglich mit
meinen Liedern, Melodeien und Gebärden zu stellen, dass sie alle glaubten, ich
hätte des Orphei Person mehr agiert, als den ich damals präsentieren und mich um
meine Euridice so übel gehaben musste. Ich habe die Tage meines Lebens keinen so
angenehmen und lieblichen Tag gehabt, als mir derjenige war, an welchem diese
Comödia gespielet ward. Monsigneur Canard gab mir etwas ein, meine Stimme desto
klärer zu machen, und da er meine Schönheit mit Oleo Talci erhöhern und meine
halbkrause Haare, die von Schwärze glitzerten, verpudern wollte, fand er, dass er
mich nur damit verstellte. Ich ward mit einem Lorbeerkranz bekrönet und in ein
antiquisch meergrün Kleid angetan, in welchem man mir den ganzen Hals, das
Oberteil der Brust, die Arme bis hinter die Ellenbogen und die Knie von den
halben Schenkeln an bis auf die halbe Waden nackend und bloss sehen konnte. Um
solches schlug ich einen leibfarben-taffeten Mantel, der sich mehr einem
Feldzeichen vergliche. In solchem Kleid leffelte ich um meine Euridice, rufte
die Venus mit einem schönen Liedlein um Beistand an und brachte endlich meine
Liebste davon; in welchem Actu ich mich trefflich zu stellen und meine Liebste
mit Seufzen und spielenden Augen anzublicken wusste. Nachdem ich aber meine
Euridicen verloren, zog ich einen ganz schwarzen Habit an, auf die vorige Mode
gemacht, aus welchem meine weisse Haut hervorschien wie der Schnee. In solchem
beklagte ich meine verlorne Gemahlin und bildete mir die Sache so erbärmlich
ein, dass mir mitten in meinen traurigen Liedern und Melodeien die Tränen
herausrucken und das Weinen dem Singen den Pass verlegen wollte. Doch langte ich
mit einer schönen Manier hinaus, bis ich vor Plutonem und Proserpinam in die
Hölle kam; denselben stellete ich in einem sehr beweglichen Lied ihre Liebe, die
sie beide zusammen trügen, vor Augen und erinnerte sie, dabei abzunehmen, mit
was grossem Schmerzen ich und Euridice voneinander wären geschieden worden; bat
demnach mit den allerandächtigsten Augen und Gebärden, und zwar alles in meine
Harfe singend, sie wollten mir solche wieder zukommen lassen. Und nachdem ich
das Jawort erhalten, bedankte ich mich mit einem fröhlichen Lied gegen ihnen und
wusste das Angesicht samt Gebärden und Stimme so fröhlich zu verkehren, dass sich
alle anwesende Zuseher darüber verwunderten. Da ich aber meine Euridice wieder
unversehens verlor, bildete ich mir die grösste Gefahr ein, darein je ein Mensch
geraten könnte, und ward davon so bleich, als ob mir ohnmächtig werden wollen.
Dann weil ich damals allein auf der Schaubühne war und alle Spectatores auf mich
sahen, befliss ich mich meiner Sachen desto eiferiger und bekam die Ehre davon,
dass ich am besten agieret hätte. Nachgehends satzte ich mich auf einen Fels und
fieng an, den Verlust meiner Liebsten mit erbärmlichen Worten und einer
traurigen Melodei zu beklagen und alle Kreaturen um Mitleiden anzurufen. Darauf
stelleten sich allerhand zahme und wilde Tiere, Berge, Bäume und dergleichen bei
mir ein, also dass es in Wahrheit ein Ansehen hatte, als ob alles mit Zauberei
übernatürlicherweise wäre zugerichtet worden. Keinen andern Fehler begieng ich
als zuletzt, da ich allen Weibern abgesagt, von den Bacchis erwürget und ins
Wasser geworfen war (welches zugerichtet gewesen, dass man nur meinen Kopf sah;
dann mein übriger Leib stund unter der Schaubühne in guter Sicherheit), da mich
der Drache benagen sollte, der Kerl aber, so im Drachen stak, denselben zu
regieren, meinen Kopf nicht sehen konnte und dahero den Drachenkopf neben dem
meinigen grasen liess; das kam mir so lächerrlich vor, dass ich mir nicht abbrechen
konnte, darüber zu schmollen, welches die Dames, so mich gar wohl betrachteten,
in acht nahmen.
    Von dieser Comödia bekam ich neben dem Lob, das mir männiglich gab, nicht
allein eine treffliche Verehrung, sondern ich kriegte auch einen andern Namen,
indem mich fortin die Franzosen nicht anders als Beau Alman nannten. Es wurden
noch mehr dergleichen Spiele und Ballett gehalten, dieweil man die Fassnacht
zelebrierte, in welchen ich mich gleichfalls gebrauchen liess, befand aber
zuletzt, dass ich von andern geneidet ward, weil ich die Spectatores und
sonderlich die Weiber gewaltig zog, ihre Augen auf mich zu wenden; tät michs
derowegen ab, sonderlich als ich einsmals ziemlich Stösse bekam, da ich als ein
Hercules gleichsam nackend in einer Löwenhaut mit Acheloo um die Deianiram
kämpfete, da man mirs gröber machte, als in einem Spiel der Gebrauch ist.
 
                              Das vierte Kapitel.
Simplex, Beau Alman geheissen, der wird
Ganz wider Willen in Venusberg geführt.
Hierdurch ward ich bei hohen Personen bekannt, und es schien, als ob mir das
Glück wieder auf ein neues hätte leuchten wollen; dann mir wurden gar des Königs
Dienste angebotten, welches manchen grossen Hansen nicht widerfähret.. Einsmals
kam ein Lakai, der sprach meinen Monsigneur Canard an und brachte ihm
meinetwegen ein Brieflein, eben als ich bei ihm in seinem Laboratorio sass und
reverberierte (dann ich hatte aus Lust bei meinem Doktor schon perlutieren,
resolvieren, sublimieren, koagulieren, digerieren, kalcinieren, filtrieren und
dergleichen unzählig viel alkühmistische Arbeit gelernet, dadurch er seine
Arzneien zuzurichten pflegte). »Monsieur Beau Alman,« sagte er zu mir, »dies
Schreiben betrifft Euch. Es schicket ein vornehmer Herr nach Euch, der begehret,
Ihr wollet gleich zu ihm kommen, er wolle Euch ansprechen und vernehmen, ob Euch
nicht beliebe, seinen Sohn auf der Laute zu informieren. Er bittet mich, Euch
zuzusprechen, dass Ihr ihm diesen Gang nit abschlagen wollet, mit sehr cortoisem
Versprechen, Euch diese Mühe mit freundlicher Dankbarkeit zu belohnen.« Ich
antwortete, wann ich seinet- (verstehe Monsigneur Canard) wegen jemand dienen
könne, so würde ich meinen Fleiss nicht sparen. Darauf sagte er, ich sollte mich
nur anders anziehen, mit diesem Lakaien zu gehen; indessen, bis ich fertig,
wollte er mir etwas zu essen machen lassen, dann ich hätte einen ziemlich weiten
Weg zu gehen, dass ich kaum vor Abend an den bestimmten Ort kommen würde. Also
butzte ich mich ziemlich und verschluckte in Eil etwas von der herzugeschaften
Kollation, sonderlich aber ein paar kleiner delikaten Würstlein, welche, als
mich deuchte, ziemlich stark apotekerten; ging demnach mit gedachtem Lakai
durch seltsame Umwege einer Stunde lang, bis wir gegen Abend vor eine Gartentür
kamen, die nur zugelehnt war. Dieselbe stiess der Lakai vollends auf, und demnach
ich hinter ihm hineingetretten, schlug er selbige wieder zu und beschlosse das
Nachtschloss, so inwendig an der Tür war, führete mich nachgehends in das
Lustaus, so in einer Eck des Gartens stund, und demnach wir einen ziemlich
langen Gang passierten, klopfte er vor einer Tür, so von einer alten adeligen
Dame stracks aufgemachet ward. Diese hiess mich in teutscher Sprache sehr höflich
willkommen sein und zu ihr vollends hineintretten; der Lakai aber, so kein
Teutsch konnte, blieb zurück, gegen welchem ich mich auch mit einem Kopfwinken
bedankte, [und] nahm mit tiefer Reverenz seinen Abschied. Die Alte nahm mich bei
der Hand und führete mich vollend ins Zimmer, das rundumher mit den köstlichsten
Tapeten behängt, sonsten auch zumal schön gezieret war. Sie hiess mich
niedersitzen, damit ich verschnauben und zugleich vernehmen könnte, aus was
Ursachen ich an diesen Ort geholet worden wäre. Ich folgte gern und satzte mich
auf einen Sessel, den sie mir zu einem Feur stellete, so in demselben Saal wegen
ziemlicher Kälte brannte; sie aber satzte sich neben mich auf einen andern und
sagte: »Monsieur! wann Er etwas von den Kräften der Liebe weiss, dass nämlich
solche die allertapferste, stärkste und klügste Männer überwältige und zu
beherrschen pflege, so wird Er sich um so viel desto weniger verwundern, wann
dieselbe auch ein schwaches Weibsbild meistert. Er ist nicht seiner Laute
halber, wie man Ihn und Monsigneur Canard überredet gehabt, von einem Herrn,
aber wohl seiner übertrefflichen Schönheit halber von der allervortrefflichsten
Dame in Paris hieher berufen worden, die sich allbereit des Todes verstehet, da
sie nicht bald des Herrn überirdische Gestalt zu beschauen und sich damit zu
erquicken das Glück haben sollte. Derowegen hat sie mir befohlen, dem Herrn als
meinem Landsmann solches anzuzeigen und ihn höher zu bitten, als Venus ihren
Adonidem, dass er diesen Abend sich bei ihr einfinden und seine Schönheit
genugsam von ihr betrachten lasse, welches er ihr verhoffentlich als einer
vornehmen Damen nicht abschlagen wird.« Ich antwortete: »Madame! ich weiss nicht,
was ich gedenken, viel weniger hierauf sagen solle. Ich erkenne mich nicht,
darnach beschaffen zu sein, dass eine Dame von so hoher Qualität nach meiner
Wenigkeit verlangen sollte. Überdas kommt mir in Sinn, wann die Dame, so mich zu
sehen begehret, so vortrefflich und vornehm sei, als mir meine hochgeehrte Frau
Landsmännin vorbracht und zu verstehen gegeben hat, dass sie wohl bei früher
Tagszeit nach mir schicken dörfen und mich nicht erst hieher an diesen einsamen
Ort bei so spätem Abend hätte berufen lassen. Warum hat sie nicht befohlen, ich
solle strackswegs zu ihr kommen? Was habe ich in diesem Garten zu tun? Mein
hochgeehrte Frau Landsmännin vergebe mir, wann ich als ein verlassener Fremder
in die Forcht gerate, man wolle mich sonst hintergehen, sintemal man mir gesagt,
ich sollte zu einem Herrn kommen, so sich schon im Werk anders befindet. Sollte
ich aber merken, dass man mir so verräterisch mit bösen Tücken an Leib wollte
kommen, würde ich vor meinem Tod meinen Degen noch zu gebrauchen wissen!« -
»Sachte, sachte, mein hochgeehrter Herr Landsmann! Er lasse diese unnötige
Gedanken aus dem Sinn,« antwortete sie mir; »die Weibsbilder sind seltsam und
vorsichtig in ihren Anschlägen, dass man sich nicht gleich anfangs so leicht
darein schicken kann. Wann diejenige, die ihn über alles liebt, gern hätte, dass
Er Wissenschaft von ihrer Person haben sollte, so hätte sie Ihn freilich nicht
erst hieher, sondern den geraden Weg zu sich kommen lassen. Dort liegt eine
Kappe (wiese damit auf den Tisch): die muss der Herr ohnedas aufsetzen, wann Er
von hier aus zu ihr geführet wird, weil sie auch so gar nicht will, dass Er den
Ort, geschweige, bei wem Er gesteckt, wissen sollte; bitte und ermahne demnach
den Herrn, so hoch als ich immer kann, Er erzeige sich gegen diese Dame sowohl
wie es ihre Hoheit als ihre gegen Ihm tragende unaussprechliche Liebe meritiret,
da Er anders nicht gewärtig sein will, zu erfahren, dass sie mächtig genug sei,
Seinen Hochmut und Verachtung auch in diesem Augenblick zu strafen. Wird Er sich
aber der Gebühr nach gegen ihr einstellen, so sei Er versichert, dass Ihm auch
der geringste Tritt, den Er ihrentwegen getan, nicht unbelohnt verbleiben wird.«
    Es ward allgemach finster, und ich hatte allerhand Sorgen und forchtsame
Gedanken, also dass ich dasass wie ein geschnitzt Bild, konnte mir auch wohl
einbilden, dass ich von diesem Ort so leicht nicht wieder entrinnen könnte, ich
willigte dann in alles, so man mir zumutete, sagte derohalben zu der Alten: »Nun
dann, meine hochgeehrte Frau Landsmännin, wann ihm dann so ist, wie Sie mir
vorgebracht, so vertraue ich meine Person Ihrer angebornen teutschen
Redlichkeit, der Hoffnung, Sie werde nicht zulassen, viel weniger selbst
vermittlen, dass einem unschuldigen Teutschen eine Untreue widerfahre. Sie
vollbringe, was Ihr meinetwegen befohlen ist; die Dame, von deren Sie mir
gesagt, wird verhoffentlich keine Basiliskenaugen haben, mir den Hals
abzusehen.« - »Ei behüte Gott!« sagte sie, »es wäre schade, wann ein solcher
wohlproportionierter Leib, mit welchem unsre ganze Nation prangen kann, jetzt
schon sterben sollte. Er wird mehr Ergetzung finden, als er sich sein Tag
niemals einbilden dörfen.« Wie sie meine Einwilligung hatte, rufte sie Jean und
Pierre; diese tratten alsobald, jeder in vollem blanken Küriss, von der Scheitel
bis auf die Fusssohlen gewaffnet, mit einer Helleparten und Pistol in der Hand,
hinter einer Tapezerei herfür, davon ich dergestalt erschrak, dass ich mich ganz
entfärbte. Die Alte nahm solches wahr und sagte lächelnd: »Man muss sich so nicht
förchten, wann man zum Frauenzimmer geht!«, befahl darauf ihnen beiden, sie
sollten ihren Harnisch ablegen, die Latern nehmen und nur mit ihren Pistolen
mitgehen. Demnach streifte sie mir die Kappe, die von schwarzem Sammet war,
übern Kopf, trug meinen Hut unterm Arm und führete mich durch seltsame Wege an
der Hand. Ich spürete wohl, dass ich durch viel Türen und auch über einen
gepflasterten Weg passierte. Endlich musste ich etwan nach einer halben
Viertelstunde eine kleine steinerne Stege steigen. Da tät sich ein klein Türlein
auf; von dannen kam ich über einen besetzten Gang und musste eine Windelstege
hinauf, folgends etliche Staffeln wieder hinab, allda sich etwa sechs Schritte
weiters eine Tür öffnete. Als ich endlich durch solche kam, zog mir die Alte die
Kappe wieder herunter; da befand ich mich in einem Saal, der da überaus zierlich
aufgebutzet war. Die Wände waren mit schönen Gemälden, das Trysur mit
Silbergeschirr und das Bette, so darin stund, mit Umhängen von güldenen Stücken
gezieret. In der Mitten stund der Tisch prächtig gedeckt, und bei dem Feur
befand sich eine Badwanne, die wohl hübsch war; aber meinem Bedünken nach
schändete sie den ganzen Saal. Die Alte sagte zu mir: »Nun willkommen, Herr
Landsmann! Kann Er noch sagen, dass man Ihn mit Verräterei hintergehe? Er lege
nur allen Unmut ab und erzeige sich wie neulich auf dem Teatro, da Er Seine
Euridicen vom Plutone wieder erhielt. Ich versichere Ihn, Er wird hier eine
schönere antreffen, als er dort eine verloren.«
 
                              Das fünfte Kapitel.
Simplex im Venusberg wird wohl traktiert,
Und nach 8 Tagen von dannen geführt.
Ich hörete schon an diesen Worten, dass ich mich nicht nur an diesem Ort
beschauen lassen, sondern noch gar was anders tun sollte, sagte derowegen zu
meiner alten Landsmännin, es wäre einem Durstigen wenig damit geholfen, wann er
bei einem verbottenen Brunn sässe. Sie aber sagte, man sei in Frankreich nicht so
missgünstig, dass man einem das Wasser verbiete, sonderlich wo dessen ein Überfluss
sei. »Ja,« sagte ich, »Madame, Sie saget mir wohl davon, wann ich nicht schon
verheiratet wäre!« - »Das sind Possen!« antwortete das gottlose Weib, »man wird
Euch solches heunt nacht nicht glauben; dann die verehelichte Cavaliers ziehen
selten in Frankreich; und obgleich dem so wäre, kann ich doch nicht glauben, dass
der Herr so alber sei, eher Durst zu sterben, als aus einem fremden Brunn zu
trinken, sonderlich wann er vielleicht lustiger ist und besser Wasser hat als
sein eigener.« Dies war unser Diskurs, dieweil mir eine adelige Jungfer, so dem
Feur pflegte, Schuhe und Strümpfe auszog, die ich überall im Finstern besudelt
hatte, wie dann Paris ohndas eine sehr kotige Stadt ist. Gleich hierauf kam
Befehl, dass man mich noch vor dem Essen baden sollte, dann bemeldtes
Jungfräulein ging ab und zu und brachte das Badgezeug, so alles nach Bisem und
wohlriechender Seife roch. Das Leinengerät war vom reinesten Cammertuch und mit
teuren holländischen Spitzen besetzt. Ich wollte mich schämen und vor der Alten
nicht nackend sehen lassen; aber es half nichts: ich musste dran, mich ausziehen
und von ihr ausreiben lassen; das Jungferchen aber musste eine Weile abtretten.
Nach dem Bad ward mir ein zartes Hemd gegeben und ein köstlicher Schlafpelz von
veielblauem Taffet angelegt samt einem Paar seidener Strümpfe von gleicher
Farben. So war die Schlafhaube samt den Pantoffeln mit Gold und Perlen gestickt,
also dass ich nach dem Bad dort sass zu protzen wie der Herzkönig. Indessen mir
nun meine Alte das Haar trücknete und kämpelte, dann sie pflegte meiner wie
einem Fürsten oder kleinen Kind, trug mehrgemeldtes Jungfräulein die Speisen
auf, und nachdem der Tisch überstellet war, tratten drei heroische junge Damen
in den Saal, welche ihre alabasterweisse Brüste zwar ziemlich weit entblösst
trugen, vor den Angesichtern aber ganz vermaskiert. Sie dünkten mich alle drei
vortrefflich schön zu sein, aber doch war eine viel schöner als die andre. Ich
machte ihnen ganz stillschweigend einen tiefen Bückling, und sie bedankten sich
gegen mir mit gleichen Zeremonien, welches natürlich sah, als ob etliche Stumme
beieinander gewesen, so die Redende agieret hätten. Sie satzten sich alle drei
zugleich nieder, dass ich also nicht erraten konnte, welche die vornehmste unter
ihnen gewesen, viel weniger, welcher ich zu dienen da war. Die erste Rede war,
ob ich nicht Französisch könnte? Meine Landsmännin sagte: »Nein!« Hierauf
versetzte die andre, sie sollte mir sagen, ich wollte mir belieben
niederzusitzen. Als solches geschehen, befahl die dritte meiner Dolmetschin, sie
sollte sich auch setzen, woraus ich abermal nicht abnehmen mögen, welche die
vornehmste unter ihnen war. Ich sass neben der Alten gerad gegen diesen dreien
Damen über, und ist demnach meine Schönheit ohn Zweifel neben einem so alten
Gerippe desto besser hervorgeschienen. Sie blickten mich alle drei sehr anmutig,
lieb- und huldreich an, und ich dörfte schwören, dass sie viel hundert Seufzen
gehen liessen. Ihre Augen konnte ich nicht sehen funklen wegen der Masken, die
sie vor sich hatten. Meine Alte fragte mich (sonst konnte niemand mit mir
reden), welche ich unter diesen dreien vor die schönste hielte. Ich antwortete,
dass ich keine Wahl darunter sehen könnte. Hierüber fieng sie an zu lachen, dass
man ihr alle vier Zähne sah, die sie noch im Maul hatte, und fragte: »Warum
das?« Ich antwortete, weil ich sie nit recht sehen könnte; doch soviel ich sähe,
wären sie alle drei nicht hässlich. Dieses, was die Alte gefraget und ich
geantwortet, wollten die Damen alsobald auch wissen; meine Alte verdolmetschte
es und log noch darzu, ich hätte gesagt, einer jeden Mund wäre hunderttausendmal
küssenswert; dann ich konnte ihnen die Mäuler unter den Masken wohl sehen,
sonderlich deren, so gerad gegen mir über sass. Mit diesem Fuchsschwanz machte
die Alte, dass ich dieselbe vor die vornehmste hielt und sie auch desto eiferiger
betrachtete. Dies war all unser Diskurs über Tisch, und ich stellete mich, als
ob ich kein französisch Wort verstünde. Weil es dann so still hergieng und eine
so stumme Mahlzeit nit lustig sein konnte, machten wir desto eher Feirabend.
Darauf wünschten mir die Damen eine gute Nacht und giengen ihres Wegs, denen ich
das Geleite nicht weiter als bis an die Tür geben dörfte, so die Alte gleich
nach ihnen zuriegelte. Da ich das sah, fragte ich, wo ich dann schlafen müsste.
Sie antwortete, ich müsste bei ihr in gegenwärtigem Bette vorliebnehmen. Ich
sagte, das Bette wäre gut genug, wann nur auch eine von jenen Dreien darin läge.
»Ja,« sagte die Alte, »es wird Euch fürwahr heunt keine von ihnen zuteil, Ihr
müsst Euch zuvor mit mir behelfen.« Indem wir so plauderten, zog eine schöne
Dame, die im Bette lag, den Umhang etwas zurück und sagte zu der Alten, sie
sollte aufhören zu schwätzen und schlafen gehen! Darauf nahm ich ihr das Liecht
und wollte sehen, wer im Bette läge. Sie aber löschte solches aus und sagte:
»Herr, wann Ihm Sein Kopf lieb ist, so unterstehe Er sich dessen nicht, was Er
im Sinn hat! Er lege sich und sei versichert, da Er mit Ernst sich bemühen wird,
diese Dame wider ihren Willen zu sehen, dass Er nimmermehr lebendig von hinnen
kommt!« Damit ging sie durch und beschloss die Tür; die Jungfer aber, so dem
Feuer gewartet, leschte das auch vollend aus und ging hinter einer Tapezerei
durch eine verborgne Tür auch hinweg. Hierauf sagte die Dame, so im Bette lag: »
Alle, Monsieur Beau Alman, gee schlaff, mein Herz! gom, rick su mir!« So viel
hatte sie die Alte Teutsch gelernet. Ich begab mich zum Bette, zu sehen, wie
dann dem Ding zu tun sein möchte; und sobald ich hinzukam, fiel sie mir um den
Hals, bewillkommte mich mit vielem Küssen und bisse mir vor hitziger Begierde
schier die unter Lefzen herab; ja sie fieng an, meinen Schlafpelz aufzuklöpfeln
und das Hemde gleichsam zu zerreissen, zog mich also zu ihr und stellete sich vor
unsinniger Liebe also an, dass nicht auszusagen. Sie konnte nichts anders Teutsch
als »Rick su mir, mein Herz!« Das übrige gab sie sonst mit Gebärden zu
verstehen. Ich gedachte zwar heim an meine Liebste, aber was half es? Ich war
leider ein Mensch und fand eine solche wohlproportionierte Kreatur und zwar von
solcher Lieblichkeit, dass ich wohl ein Bloch hätte sein müssen, wann ich keusch
hätte davonkommen sollen; überdas operierten die Würste, die mir mein Doktor zu
fressen geben hatte, dass ich mich von selbst stellte, als ob ich ein Bock worden
wäre.
    Dergestalt brachte ich acht Täg und so viel Nächte an diesem Ort zu, und ich
glaube, dass die andern drei auch bei mir gelegen sein; dann sie redeten nicht
alle wie die erste und stelleten sich auch nicht so närrisch. Und weil man mir
auch so Würste am selben Ort vorstellte, musste ich glauben, dass Mons. Canard
solche auch zugerichtet und gnugsame Wissenschaft umb meine Händel gehabt habe.
Ich war damals in der besten Blüt meiner Jugend, und sah man blösslich die
schwarze Milchhaar über den Lefzen herausstäuben. Wiewohl ich nun acht ganzer
Tage bei diesen vier Damen war, so kann ich doch nicht sagen, dass mir zugelassen
worden, eine einzige anders als durch eine Florhauben, oder es sei dann finster
gewesen, im blossen Angesicht zu beschauen. Nach geendigter Zeit der acht Tage
satzte man mich im Hof mit verbundenen Augen in eine zugemachte Kutsche zu
meiner Alten, die mir unterwegs die Augen wieder aufband, und führete mich in
meines Herrn Hof; alsdann fuhr die Kutsche wieder schnell hinweg. Meine
Verehrung war 200 Pistolet, und da ich die Alte fragte, ob ich niemand kein
Trinkgeld davon geben sollte, sagte sie: »Beileib nicht, dann wann Ihr solches
tätet, so würde es die Dames verdriessen; ja sie würden gedenken, Ihr bildet Euch
ein, Ihr wäret in einem Hurenhaus gewesen, da man alles belohnen muss.«
Nachgehends bekam ich noch mehr dergleichen Kunden, welche es mir so grob
machten, dass ich endlich aus Unvermügen der Narrenpossen ganz überdrüssig ward,
weiln die gewürzte Würste schier nichts mehr helfen wollten, woraus ich abnahm,
dass sich Mons. Canard auch vor einen halben Ruffianen gebrauchen liesse, weil er
dieselbe zurichtete.
 
                              Das sechste Kapitel.
Simplex sich heimlich aus Frankreich begibt,
Kriegt die Kindsblattern, wird höchlich betrübt.
Durch diese meine Hantierung brachte ich beides, an Geld und andern Sachen, so
viel Verehrungen zusammen, dass mir angst dabei ward, und verwunderte ich mich
nicht mehr, dass sich die Weibsbilder ins Bordell begeben und ein Handwerk aus
dieser viehischen Unfläterei machen, weil es so trefflich wohl einträget. Aber
ich fieng an und ging in mich selber, nicht zwar aus Gottseligkeit oder Trieb
meines Gewissens, sondern aus Sorge, dass ich einmal auf so einer Kürbe ertappt
und nach Verdienst bezahlt werden möchte. Derhalben trachtete ich, wieder in
Teutschland zu kommen, und das um so viel desto mehr, weil der Kommandant zur L.
mir geschrieben, dass er etliche Kölnische Kaufleute bei den Köpfen gekriegt, die
er nicht aus Händen lassen wollte, es sein ihm dann meine Sachen zuvor
eingehändigt; item dass er mir das versprochene Fähnlein noch aufhalte und meiner
noch vor dem Frühling gewärtig sein wollte, dann sonst, wo ich in der Zeit nit
käme, müsste er die Stelle mit einem andern besetzen. So schickte mir mein Weib
auch ein Brieflein dabei, das voll liebreicher Bezeugungen ihres grossen
Verlangens war. Hätte sie aber gewusst, wie ich so ehrbar gelebet, so sollte sie
mir wohl einen andern Gruss hineingesetzt haben.
    Ich konnte mir wohl einbilden, dass ich mit Monsign. Canard Konsens
schwerlich hinwegkäme, gedachte derhalben, heimlich durchzugehen, sobald ich
Gelegenheit haben könnte, so mir zu meinem grossen Unglück auch angieng. Dann als
ich einsmals etliche Offizierer von der weimarischen Armee antraf, gab ich mich
ihnen zu erkennen, dass ich nämlich ein Fähnrich von des Obristen de S.A.
Regiment und in meinen eigenen Geschäften eine Zeitlang in Paris gewesen,
nunmehr aber entschlossen sei, mich wieder zum Regiment zu begeben, mit Bitte,
sie wollten mich in ihre Gesellschaft zu einem Reisgefährten mitnehmen. Also
eröffneten sie mir den Tag ihres Aufbruchs und nahmen mich willig auf; ich
kaufte mir einen Klepper und mondierte mich auf die Reise so heimlich als ich
konnte, packte mein Geld zusammen (so ungefähr bei 500 Duplonen waren, die ich
alle den gottlosen Weibsbildern durch schändliche Arbeit abverdienet hatte), und
machte mich ohn von Mons. Canard gegebne Erlaubnüs mit ihnen fort, schrieb ihm
aber zurück und datierte das Schreiben zu Maastrich, damit er meinen sollte, ich
wäre auf Köln gangen. Darin nahm ich meinen Abschied mit Vermelden, dass mir
unmüglich gewesen, länger zu bleiben, weil ich seine aromatische Würste nicht
mehr hätte verdauen können.
    Im zweiten Nachtläger von Paris aus ward mir natürlich wie einem, der den
Rotlauf bekommt, und mein Kopf tät mir so grausam weh, dass mir unmüglich war
aufzustehen. Es war in einem gar schlechten Dorf, darin ich keinen Medicum haben
konnte, und was das Ärgste war, so hatte ich auch niemand, der mir wartete und
mir beisprange, dann die Offizierer reisten des Morgens früh ihres Wegs fort
gegen dem Elsass zu und liessen mich als einen, der sie nichts angienge, gleichsam
totkrank daliegen. Doch befahlen sie bei ihrem Abschied dem Wirt mich und mein
Pferd, und hinterliessen bei dem Schulzen im Dorf, dass er mich als einen
Kriegsoffizier, der dem König diene, beobachten sollte.
    Also lag ich ein paar Tage dort, dass ich nichts von mir selber wusste,
sondern wie ein Hirnschelliger fabelte. Man brachte den Pfaffen; derselbe konnte
aber nichts Verständiges von mir vernehmen. Und weil er sah, dass er mir die
Seele nicht arzneien konnte, gedachte er auf Mittel, dem Leib nach Vermögen zu
Hülf zu kommen, allermassen er mir eine Ader öffnen, einen Schweisstrank eingeben
und in ein warmes Bette legen lassen, zu schwitzen. Das bekam mir so wohl, dass
ich mich in derselben Nacht wieder besann, wo ich war, und wie ich dahin kommen
und krank worden wäre. Am folgenden Morgen kam obgemeldter Pfaff wieder zu mir
und fand mich ganz desperat, dieweil mir nicht allein all mein Geld entführt
war, sondern auch nicht anders meinte, als hätte ich (s.v.) die liebe
Franzosen, weil sie mir billiger als so viel Pistolen gebühreten und ich auch
über dem ganzen Leib so voller Flecken war als ein Tiger. Ich konnte weder
gehen, stehen, sitzen noch liegen: da war keine Gedult bei mir, dann gleichwie
ich nicht glauben konnte, dass mir Gott das verlorne Geld bescheret hätte, also
war ich jetzt so ungehalten, dass ich sagte, der Teufel hätte mirs wieder
weggeführet. Ich schwur, dass der Himmel hätte erschwarzen mögen, ja ich stellete
mich nicht anders, als ob ich ganz hätte verzweifeln wollen, dass also der gute
Pfarrer genug an mir zu trösten hatte, weil mir der Schuh an zwei Orten so
heftig druckte. »Mein Freund!« sagte er, »stellet Euch doch als ein vernünftiger
Mensch, wann Ihr Euch ja nicht in Euerm Kreuz anlassen könnet wie ein frommer
Christ! Was machet Ihr? wollet Ihr zu Euerm Geld auch das Leben, und was mehr
ist, auch die Seligkeit verlieren?« Ich antwortete: »Nach dem Geld frage ich
nichts, wann ich nur diese abscheuliche verfluchte Krankheit nicht am Hals
hätte, oder wäre nur an Ort und Enden, da ich wieder kuriert werden könnte!« -
»Ihr müsst Euch gedulden!« antwortete der Geistliche; »wie müssen die arme kleine
Kinder tun, deren in hiesigem Dorf über 50 daran krank liegen?« Wie ich hörete,
dass auch Kinder damit behaftet, war ich alsbald herzhafter; dann ich konnte ja
leicht gedenken, dass selbige diese garstige Seuch nicht kriegen würden; nahm
derowegen mein Felleisen zur Hand und suchte, was es etwan noch vermöchte; aber
da war ohn das weisse Gezeug nichts Schätzbares in, als eine Kapsel mit einer
Damen Conterfait, rund herum mit Rubinen besetzt, so mir eine zu Paris verehret
hatte. Ich nahm das Conterfait heraus und stellete das übrige dem Geistlichen
zu, mit Bitte, solches in der nächsten Stadt zu versilbern, damit ich etwas zu
verzehren haben möchte. Dies ging dahin, dass ich kaum den dritten Teil seines
Werts davor kriegte; und weil es nicht lang daurte, musste auch mein Klepper
fort. Damit reichte ich kärglich hinaus, bis die Purpeln anfiengen zu dörren und
mir wieder besser ward.
 
                             Das siebente Kapitel.
Simplex hat Grillen, lernt schwimmen, dieweil
Ihm aus Maul geht das Wasser in Eil.
Womit einer sündiget, damit pflegt einer auch gestraft zu werden. Diese
Kindsblattern richteten mich dergestalt zu, dass ich hinfüro vor den Weibsbildern
gute Ruhe hatte. Ich kriegte Gruben im Gesicht, dass ich aussah wie eine
Scheurtenne, darin man Erbsen gedroschen; ja ich ward so hässlich, dass sich meine
schöne krause Haar, in welchen sich so manch Weibsbild verstrickt, meiner
schämten und ihre Heimat verliessen. Anstatt deren bekam ich andere, die sich den
Säuborsten vergleichen liessen, dass ich also notwendig eine Parücke tragen musste;
und gleichwie auswendig an der Haut keine Zierde mehr übrigblieb, so ging meine
liebliche Stimme auch dahin, dann ich den Hals voller Blattern gehabt. Meine
Augen, die man hiebevor niemal ohn Liebefeur finden können, eine jede zu
entzünden, sahen jetzt so rot und triefend aus wie eines achtzigjährigen Weibes,
das den Cornelium hat. Und über das alles so war ich in fremden Landen, kannte
weder Hund noch Menschen, der es treulich mit mir meinte, verstund die Sprache
nicht und hatte allbereit kein Geld mehr übrig.
    Da fieng ich erst an, hinter sich zu gedenken und die herrliche
Gelegenheiten zu bejammern, die mir hiebevor zu Beförderung meiner Wohlfahrt
angestanden, ich aber so liederlich und ohnachtsam hatte verstreichen lassen.
Ich sah erst zurück und merkte, dass mein extraordinari Glück im Krieg und mein
gefundener Schatz nichts anders als eine Ursach und Vorbereitung zu meinem
Unglück gewesen, welches mich nimmermehr so weit hinunter hätte werfen können,
da es mich nit zuvor durch solche falsche Blick angeschauet und so hoch erhaben
hätte; ja ich fand, dass dasjenige Gute, so mir begegnet und ich vor gut
gehalten, bös gewesen und mich in das äusserste Verderben geleitet hatte. Da war
kein Einsiedel mehr, der es treulich mit mir gemeinet, kein Obrister Ramsay, der
mich in meinem Elend aufgenommen, kein Pfarrer, der mir das Beste geraten, und
in Summa kein einziger Mensch, der mir etwas zugut getan hätte; sondern da mein
Geld hin war, hiess es, ich sollte auch fort und meine Gelegenheit anderswo
suchen, und hätte ich wie der verlorne Sohn mit den Säuen vorliebnehmen sollen.
Damals gedachte ich erst an desjenigen Pfarrherrn guten Rat, der da vermeinte,
ich sollte meine Mittel und Jugend zu den Studiis anwenden; aber es war viel zu
spät mit der Scher, dem Vogel die Flügel zu beschneiden, weil er schon
entflogen. O schnelle und unglückselige Veränderung! Vor vier Wochen war ich ein
Kerl, der die Fürsten zur Verwunderung bewegte, das Frauenzimmer entzuckte und
dem Volk als ein Meisterstück der Natur, ja wie ein Engel vorkam, jetzt aber so
unwert, dass mich die Hunde anpissten. Ich machte wohl tausend und
abertausenderlei Gedanken, was ich angreifen wollte; dann der Wirt wollte mich
nicht mehr leiden und stiess mich aus dem Haus, da ich nichts mehr bezahlen
konnte. Ich hätte mich gern unterhalten lassen, es wollte mich aber kein Werber
vor einen Soldaten annehmen, weil ich als ein grindiger Kuckuck und schäbichter
Leinenweber aussah. Arbeiten konnte ich nit, dann ich war noch zu matt und
überdas noch keiner Arbeit gewohnt. Sollte ich dann wieder ein Hirt werden, wie
ich bei meinem Knan einer gewesen, oder gar betteln, dessen schämte ich mich.
Nichts tröstete mich mehr, als dass es gegen den Sommer ging und ich mich zur
Not hinter einer Hecken behelfen konnte, weil mich niemand mehr im Haus wollte
leiden. Ich hatte mein stattlich Kleid noch, das ich mir auf die Reise machen
lassen, samt einem Felleisen voll kostbar Leinengezeug, das mir aber niemand
abkaufen wollte, weil jeder sorgte, ich möchte ihm auch eine Krankheit damit an
Hals hängen. Solches nahm ich auf den Buckel, den Degen in die Hand und den Weg
unter die Füsse, der mich in ein klein Städtlein trug, so gleichwohl eine eigne
Apoteke vermochte. In dieselbe ging ich und liess mir eine Salbe zurichten, die
mir die Urschlechtenmäler im Gesicht vertreiben sollte; und weil ich kein Geld
hatte, gab ich dem Apotekergesellen ein schön zart Hemd davor, der nicht so
ekel war wie andere Narren, so keine Kleider von mir haben wollten. Ich
gedachte, wann du nur der schandlichen Flecken los wirst, so wird sichs schon
auch wieder mit deinem Elend bessern. Und weil mich der Apoteker tröstete, man
würde mir über acht Tage ohn die tiefe Narben, so mir die Purpeln in die Haut
gefressen, wenig mehr ansehen, war ich schon beherzter. Es war eben Markt
daselbst, und auf demselben befand sich ein Zahnbrecher, der trefflich Geld
lösete, da er doch liederlich Ding den Leuten dafür anhieng. »Narr,« sagte ich
zu mir selber, »was machst du, dass du nicht auch so einen Kram aufrichtest bist
du so lang bei Monsigneur Canard gewesen und hast nicht so viel gelernet, einen
einfältigen Bauer zu betrügen und dein Maulfutter davon zu gewinnen, so musst du
wohl ein elender Tropf sein.«
 
                               Das achte Kapitel.
Simplex ein Storcher und Landfahrer ist,
Bringet die Bauern um ihr Geld mit List.
Ich mochte damals fressen wie ein Drescher, dann mein Magen war nicht zu
ersättigen und wollte immerzu mehr von mir haben, wiewohl ich nichts mehr im
Vorrat hatte als noch einen einzigen güldenen Ring mit einem Diamant, der etwa
zwanzig Kronen wert war. Den versilberte ich um zwölfe, und demnach ich mir
leicht einbilden konnte, dass dies bald aus sein würde, da ich nichts darzu
gewinnete, resolvierte ich mich, ein Arzt zu werden. Ich kaufte mir die
Materialia zu dem Teriaca Diatesseron und richtete ihn zu, um denselben in
kleinen Städten und Flecken zu verkaufen. Vor die Bauern aber nahm ich ein Teil
Wacholder Latwerge, vermischte solche mit Eichenlaub, Weidenblättern und
dergleichen herben Ingredienzien. Alsdann machte ich auch aus Kräutern, Wurzeln,
Butter und etlichen Olitäten eine grüne Salbe zu allerhand Wunden, damit man
auch wohl ein gedruckt Pferd hätte heilen können; item aus Galmei,
Kieselsteinen, Krebsaugen, Schmirgel und Trippel ein Pulver, weisse Zähne damit
zu machen; ferner ein blau Wasser aus Lauge, Kupfer, Sal armoniacum und Camphor
vor den Scharbock, Mundfäule, Zahn- und Augenwehe, bekam auch ein Haufen
blecherne und hölzerne Büchslein, Papier und Gläslein, meine Ware
dareinzuschmieren, und damit es auch ein Ansehen haben möchte, liess ich mir
einen französischen Zettel konzipieren und drucken, darin man sehen konnte,
worzu ein und anders gut war. In dreien Tagen war ich mit meiner Arbeit fertig
und hatte kaum drei Kronen in die Apoteke und vor Geschirr angewendet, da ich
dies Städtlein verliess. Also packte ich auf und nahm mir vor, von einem Dorf zum
andern bis in das Elsass hinein zu wandern und meine Ware unterwegs an Mann zu
bringen, folgends zu Strassburg, als in einer neutralen Stadt, mich mit
Gelegenheit auf den Rhein zu sehen, mit Kaufleuten wieder nach Köln zu begeben
und von dort aus meinen Weg zu meinem Weib zu nehmen. Das Vorhaben war gut, aber
der Anschlag fehlete weit.
    Da ich das erstemal mit meiner Quacksalberei vor eine Kirche kam und
failhatte, war die Losung gar schlecht, weil ich viel zu blöd war, mir auch
sowohl die Sprache als storgerische Aufschneiderei nicht vonstatten gehen
wollte; sah demnach gleich, dass ichs anderst angreifen müsste, wann ich Geld
einnehmen und meinen Quark an den Mann bringen wollte. Ich ging mit meinem Kram
in das Wirtshaus und vernahm über Tisch vom Wirt, dass den Nachmittag allerhand
Leute unter der Linden vor seinem Haus zusammenkommen würden, da dörfte ich dann
wohl so etwas verkaufen, wann ich gute Ware hätte; allein es gäbe der Betrüger
so viel im Land, dass die Leute gewaltig mit dem Geld zurückhielten, wann sie
keine gewisse Probe vor Augen sehen, dass der Teriak ausbündig gut wäre. Als ich
dergestalt vernahm, wo es mangele, bekam ich ein halbes Trünkgläslein voll guten
Strassburger Branntewein und fing eine Art Krotten, die man Reling oder Möhmlein
nennet, so im Frühling und Sommer in den unsaubern Pfützen sitzen und singen,
sind goldgelb oder fast rotgelb und unten am Bauch schwarzgescheckigt, gar
unlustig anzusehen. Ein solches satzte ich in ein Schoppenglas mit Wasser und
stellets neben meine Ware auf einen Tisch unter der Linden. Wie sich nun die
Leute anfiengen häufig zu versammeln und um mich herumstunden, vermeinten
etliche, ich würde mit der Kluft, so ich von der Wirtin aus ihrer Küchen
entlehnt, die Zähne ausbrechen; ich aber fieng an: »Ihr Herren und gueti Freund!
(dann ich konnte noch gar wenig Französisch reden). Bin ich kein
Brech-dir-die-Zahn-aus, allein hab ich gut Wasser vor die Aug, es mag all die
Fluss aus die rode Aug.« - »Ja,« antwortet einer, »man siehets an Euren Augen
wohl; die sehen ja aus wie zween Irrwische.« Ich sagte: »Das ist wahr; wann ich
aber der Wasser vor mich nicht hab, so wär ich wohl gar blind werd. Ich verkauf
sonst der Wasser nit; der Teriak und der Pulver vor die weisse Zähn und das
Wundsalb will ich verkauf und der Wasser noch darzuschenk. Ich bin kein Schreier
oder Bescheiss-dir-die-Leut. Hab ich mein Teriak feil, wann ich sie habe
probiert und sie dir nicht gefallt, so darfst du sie mir nit kauf ab.« Indem
liess ich einen von dem Umstand eins von meinen Teriakbüchslein auswählen; aus
demselben tät ich etwan einer Erbse gross in meinem Brantewein, den die Leute vor
Wasser ansahen, zertrieb ihn darin und kriegte hierauf mit der Kluft das
Möhmlein aus dem Glas mit Wasser und sagte: »Secht, ihr gueti Freund! wann dies
giftig Wurm kann mein Teriak trink und sterbe nit, so ist der Ding nit nutz,
dann kauf ihr mir nit ab!« Hiemit steckte ich die arme Krotte, welche im Wasser
geboren und erzogen und kein ander Element oder Liquorem leiden konnte, in
meinen Branntewein und hielt es mit einem Papier zu, dass es nicht herausspringen
konnte. Da fieng es dergestalt an darin zu wüten und zu zablen, ja viel ärger zu
tun, als ob ichs auf glühende Kohlen geworfen hätte, weil ihm der Branntewein
viel zu stark war; und nachdem es so eine kleine Weil getrieben, verreckte es
allgemach und streckte alle viere von sich. Die Bauern sperreten Maul und Beutel
auf, da sie diese so gewisse Probe mit ihren Augen angesehen hatten. Da war in
ihrem Sinn kein besserer Teriak in der Welt als der meinige, und hatte ich gnug
zu tun, den Plunter in die Zettel zu wickeln und Geld davor einzunehmen. Es
waren etliche unter ihnen, die kauftens wohl drei-, vier-, fünf- und sechsfach,
damit sie auf den Notfall mit so köstlicher Giftlatwerge versehen wären; ja sie
kauften auch vor ihre Freunde und Verwandte, die an andern Orten wohneten, dass
ich also mit der Narrnweise, da doch kein Marktag war, denselben Abend zehen
Kronen löste und doch noch mehr als die Hälfte meiner Ware behielt. Ich machte
mich noch dieselbe Nacht in ein ander Dorf, weil ich besorgte, es möchte etwan
auch ein Bauer so kurios sein und eine Krotte in ein Wasser setzen, meinen
Teriak zu probieren, und wann es dann misslinge, mir der Buckel geraumt werden.
Ich hatte nicht vonnöten, diejenige Betrügereien zu gebrauchen, die der
hochgelehrte Mattiolus im sechsten Buch Dioscoridis de Venenis von den Storgen
und Markschreiern entdecket. Solange ich gedachte Möhmlein haben konnte, so
bedorfte ich auch keines Affen oder anderer seltsamen Tier zum Stand, die
närrische Leute herzuzubringen. Dann ich hatte zu Paris von einem teutschen
Taschenspieler artliche Stücklein mit der Karten zu üben gelernet, damit ich die
Leut herbeigaukeln und aufhalten konnte, bis ich meinen Teriak obigergestalt
probierte und den Umstand bewegte, die Riemen zu ziehen. Damit ich aber
gleichwohl auch die Vortrefflichkeit mainer Giftlatwerge auf eine andere Manier
erweisen könnte, machte ich mir aus Mehl, Safran und Gallus einen gelben
Arsenicum, und aus Mehl und Victril einen Mercurium Sublimatum. Und wann ich die
Probe tun wollte, hatte ich zwei gleiche Gläser mit frischem Wasser auf dem
Tisch, davon das eine ziemlich stark mit Aquafort oder Spiritus Victril
vermischt war. In dasselbe zerrührte ich ein wenig von meinem Teriak und
schabte alsdann von meinen beiden Giften so viel, als genug war, hinein. Davon
ward das ein Wasser, so keinen Teriak und also auch kein Aquafort hatte, so
schwarz wie eine Tinte; das ander aber blieb wegen des Scheidwassers, wie es
war. »Ha!« sagten dann die Leut, »sehet, das ist fürwahr ein köstlicher Teriak
so um ein gering Geld!« Wann ich dann beide untereinander goss, so ward wieder
alles klar. Davon zogen dann die gute Bauern ihre Beutel und kauften mir ab,
welches nicht allein meinem hungerigen Magen wohl zupass kam, sondern ich machte
mich auch wieder beritten, prosperierte noch darzu viel Geld auf meiner Reise
und kam glücklich an die teutsche Grenze. Darum, ihr liebe Bauern, glaubt den
fremden Marktschreiern so leicht nit! ihr werdet sonst von ihnen betrogen, als
welche nicht eure Gesundheit, sondern euer Geld suchen.
 
                              Das neunte Kapitel.
Simplex als Doktor nimmt eine Musketen,
Hilft ihm selbst durch Hasenfangen aus Nöten.
Da ich durch Lotringen passierte, ging mir meine Ware aus; und weilen ich die
Garnisonen scheuete, hatte ich keine Gelegenheit, andere zuzurichten. Derhalben
musste ich wohl was anders anfangen, bis ich wieder Teriak machen könnte. Ich
kaufte mir zwei Mass Branntewein, färbte ihn mit Safran, füllete ihn in
halblötige Gläslein und verkaufte solchen den Leuten vor ein köstlich
Göldenwasser, das gut vors Fieber sei, brachte also diesen Branntewein auf 30
fl. Demnach mirs auch an kleinen Gläslein zerrinnen wollte, ich aber von einer
Glashütte hörete, die in dem Fleckensteinischen Gebiet läge, begab ich mich
darauf zu, mich wieder zu mondieren; und indem ich so Abwege suchte, ward ich
ungefähr von einer Partei aus Philippsburg, die sich auf dem Schloss Wagelnburg
aufhielt, gefangen; kam also um all dasjenige, was ich den Leuten auf der Reise
durch meine Betrügerei abgezwackt hatte. Und weil der Baur, so mir den Weg zu
weisen mitgieng, zu den Kerln gesagt, ich wäre ein Doktor, ward ich wider des
Teufels Dank vor einen Doktor nach Philippsburg geführet.
    Daselbst ward ich examinieret und scheuete mich gar nicht zu sagen, wer ich
wäre, so man mir aber nicht glauben, sondern mehr aus mir machen wollte, als ich
hätte sein können; dann ich sollte und müsste ein Doktor sein. Ich musste
schwören, dass ich unter die kaiserliche Dragoner in Soest gehörig und von den
Schwedischen in L. gefangen worden wäre. Item sagte ich, dass ich vom Gegenteil,
so mich um die Ranzion nicht losgeben wollen, auf Köln durchgangen, mich wieder
zu mondieren, von dannen ich wider meinen Willen in Frankreich, und also jetzt
wieder herauskommen, mich wieder bei meinem Regiment einzustellen. Dass ich aber
ein Weib beim Gegenteil genommen und Fähndrich alldort werden sollen, das konnte
ich meisterlich verschweigen, der Hoffnung, mich ledig zu reden. So wollte ich
alsdann den Rhein hinunter gewischet sein und die westfälische Schinken wieder
einmal versuchet haben. Aber es hiesse weit anders, dann mir wurde geantwortet,
der Kaiser brauche sowohl in Philipptsburg als in Soest Soldaten; man würde mir
bei ihnen Aufentalt geben, bis ich gleichwohl mit guter Gelegenheit zu meinem
Regiment kommen könnte. Wann mir aber dieser Vorschlag nicht schmecke, so möchte
ich im Stockhaus vorliebnehmen und mich, bis ich wieder loskäme, als einen
Doktor traktieren lassen, vor welchen sie mich dann auch gefangen bekommen
hätten.
    Also kam ich vom Pferd auf den Esel und musste ein Musketierer werden wider
meinen Willen. Das kam mich blutsaur an, weil der Schmalhans dort herrschte und
das Kommissbrod daselbst schröcklich klein war. Ich sage nicht vergeblich:
schröcklich klein; dann ich erschrak alle Morgen, wann ichs empfieng, weil ich
wusste, dass ich mich denselben ganzen Tag damit behelfen musste, da ich's doch ohn
einzige Mühe auf einmal aufreiben konnte. Und die Wahrheit zu bekennen, so ist
es wohl eine elende Kreatur um einen Musketierer, der solchergestalt sein Leben
in einer Garnison zubringen und sich allein mit dem lieben trocken Brod, und
noch darzu kaum halb satt, behelfen muss. Dann da ist keiner anders als ein
Gefangener, der mit Wasser und Brod der Trübsal sein armselig Leben verzögert.
Ja, ein Gefangener hat es noch besser und ist weit glückseliger; dann er darf
weder wachen, Runden gehen, noch Schildwacht stehen, sondern bleibet in seiner
Ruhe liegen und hat so wohl Hoffnung als ein so elender Garnisoner, mit der Zeit
einmal aus solcher Gefängnus zu kommen. Zwar waren auch etliche, die ihr
Auskommen um ein kleines besser hatten, und auf unterschiedliche Gattungen, doch
keine einzige Manier, die mir beliebte und, solchergestalt mein Maulfutter zu
erobern, anständig sein wollte. Dann etliche nahmen (und sollten es auch
verloffene Huren gewesen sein) in solchem Elend keiner andern Ursache halber
Weiber, als dass sie durch solche entweder mit Arbeiten als Nähen, Wäschen,
Spinnen oder mit Krämpeln und Schachern oder wohl gar mit Stehlen ernährt werden
sollen. Da war eine Fähnrichin unter den Weibern, die hatte ihre Gage wie ein
Gefreiter; eine andre war Hebamme und brachte dardurch sich selber und ihrem
Mann manchen guten Schmaus zuwege. Eine andre konnte stärken und wäschen; diese
wuschen den ledigen Offizierern und Soldaten Hemde, Strümpfe, Schlafhosen und
ich weiss nicht was als mehr, davon sie ihre sondere Namen kriegten. Andere
verkauften Toback und versahn der Kerl ihre Pfeifen, die dessen Mangel hatten;
andere handelten mit Branntewein und waren im Ruf, dass sie ihn mit Wasser, so
sich von ihnen selber distilliert, verfälschten, davon es doch seine Probe
nicht verlor. Eine andre war eine Näherin und konnte allerhand Stich und Mödel
machen, damit sie Geld erwarb; eine andre wusste sich blösslich aus dem Feld zu
ernähren: im Winter grub sie Schnecken, im Frühling grasete sie Salat, im Sommer
nahm sie Vogelnester aus, und im Herbst wusste sie sonst tausenderlei
Schnabelwaide zu kriegen. Etliche trugen Holz zu verkaufen wie die Esel, und
andere handelten auch mit etwas anders. Solchergestalt nun meine Nahrung zu
haben und das Maulfutter zu erwerben, war nicht vor mich, dann ich hatte schon
ein Weib. Etliche Kerl ernährten sich mit Spielen, weil sie es besser als
Spitzbuben konnten und ihren einfältigen Kameraden das Ihrige mit falschen
Würfeln und Karten abzuzwacken wussten; solche Profession aber war mir ein Ekel.
Andere arbeiteten auf der Schanze und sonsten wie die Bestien; aber hierzu war
ich zu faul. Etliche konnten und trieben etwan ein Handwerk; ich Tropf aber
hatte keins gelernet. Zwar wann man einen Musikanten vonnöten gehabt hätte, so
wäre ich wohl bestanden; aber dasselbe Hungerland behalf sich nur mit Trommeln
und Pfeifen. Etliche schillerten vor andere und kamen Tag und Nacht niemal von
der Wacht; ich aber wollte lieber hungern als meinen Leib so abmergeln. Etliche
brachten sich mit Parteigehen durch; mir aber ward nicht einmal vor das Tor zu
gehen vertraut. Etliche konnten besser mausen als Katzen; ich aber hasste solche
Hantierung wie die Pest. In Summa, wo ich mich nur hinkehrte, da konnte ich
nichts ergreifen, das meinen Magen hätte stillen mögen. Und was mich am
allermeisten verdross, war dieses, dass ich mich noch darzu musste foppen lassen,
wann die Bursch sagten: »Solltest du ein Doktor sein und kannst anders keine
Kunst als Hunger leiden?« Endlich zwang mich die Not, dass ich etliche schöne
Karpfen aus dem Graben zu mir auf den Wall gaukelte; sobald es aber der Obrister
inward, musste ich den Esel darvor reiten, und war mir meine Kunst ferner zu üben
bei Hängen verbotten. Zuletzt war anderer Unglück mein Glück; dann nachdem ich
etliche Gelbsüchtige und ein paar Febrizitanten kurierte, die einen besondern
Glauben an mir gehabt haben müssen, ward mir erlaubt, vor die Festung zu gehen,
meinem Vorwand nach, Wurzeln und Kräuter zu meinen Arzneien zu sammlen. Da
richtete ich hingegen den Hasen mit Stricken und hatte das sonderbare Glück, dass
ich die erste Nacht zween bekam; dieselbe brachte ich dem Obristen und erhielt
dadurch nicht allein einen Taler zur Verehrung, sondern auch Erlaubnüs, dass ich
hinaus dörfte gehen, den Hasen nachzustellen, wann ich die Wacht nicht hätte.
Weil dann nun das Land ziemlich erödet und niemand war, der diese Tiere
auffieng, zumal sie sich trefflich gemehret hatten, als kam das Wasser wieder
auf meine Mühle, massen es das Ansehen hatte, als ob es mit Hasen schneiete oder
ich in meine Strick bannen könnte. Da die Offizierer sahen, dass man mir trauen
dörfte, ward ich auch mit andern hinaus auf Partei gelassen. Da fieng ich nun
mein soestisch Leben wieder an, ausser dass ich keine Parteien führen und
kommandieren dörfte wie hiebevor in Westfalen; dann es war vonnöten, zuvor Wege
und Stege zu wissen und den Rheinstrom zu kennen.
 
                              Das zehnte Kapitel.
Simplex fällt aus einem Nachen in Rhein,
Wird doch errettet nach Angst, Not und Pein.
Noch ein paar Stücklein will ich erzählen, eh ich sage, wie ich wieder von der
Muskete erlöset worden: eins von grosser Leib- und Lebensgefahr, daraus ich durch
Gottes Gnade entronnen, das ander von der Seelengefahr, darin ich
hartnäckigerweise steckenblieb; dann ich will meine Untugenden so wenig
verhehlen als meine Tugenden, damit nicht allein meine Histori ziemlich ganz
sei, sondern der ungewanderte Leser auch erfahre, was vor seltsame Kauzen es in
der Welt gibet, die sich nämlich wenig um Gott bekümmern.
    Wie zu Ende des vorigen Kapitels gemeldet, so dorfte ich auch mit andern auf
Partei, so in Garnisonen nit jedem liederlichen Kunden, sondern rechtschaffenen
Soldaten, die das Pulver schmecken können, gegönnet wird. Also giengen nun unser
neunzehn einsmals miteinander durch die Untermarkgrafschaft hinauf, oberhalb
Strassburg einem Baslerischen Schiff aufzupassen, worbei heimlich etliche
weimarische Offizierer und Güter sein sollten. Wir kriegten oberhalb Ottenheim
einen Fischernachen, uns danit überzusetzten und in ein Werder zu legen, so gar
vortelhaftig lag, die ankommende Schiff ans Land zu zwingen, massen zehen von uns
durch den Fischer glücklich übergeführet wurden. Als aber einer aus uns, der
sonst wohl fahren konnte, die übrigne neune, darunter ich mich befand, auch
holete, schlug der Nachen unversehens um, dass wir also urplötzlich miteinander
im Rhein lagen und zwar am allergefährlichsten Ort, wo der Fluss am strengsten
war. Ich sah mich nicht viel nach den andern um, sondern gedachte auf mich
selbst. Obzwar nun ich mich aus allen Kräften spreizte und alle Vörtel der guten
Schwimmer brauchte, so spielte dannoch der Strom mit mir wie mit einem Ball,
indem er mich bald über, bald unter sich in Grund warf. Ich hielt mich so
ritterlich, dass ich oft über sich kam, Atem zu schöpfen; wäre es aber um etwas
kälter gewesen, so hätte ich mich nimmermehr so lang entalten und mit dem Leben
entrinnen können. Ich versuchte oft, ans Ufer zu gelangen, so mir aber die
Würbel nicht zuliessen, als die mich von einer Seite zur andern warfen; und
obzwar ich in Kürze unter Goldscheur kam, so ward mir doch die Zeit so lang, dass
ich schier an meinem Leben verzweifelte. Demnach ich aber die Gegend bei dem
Dorf Goldscheur passiert hatte und mich bereits drein ergeben, ich würde meinen
Weg durch die Strassburger Rheinbrücke entweder tot oder lebendig nehmen müssen,
ward ich eines grossen Baums gewahr, dessen Äste unweit vor mir aus dem Wasser
herfürreichten. Der Strom ging streng und recta darauf zu; derhalben wandte ich
alle übrige Kräfte an, den Baum zu erlangen, welches mir dann trefflich glückte,
also dass ich beides, durchs Wasser und meine Mühe, auf den grössten Ast, den ich
anfänglich für einen Baum angesehen, zu sitzen kam. Derselbe ward aber von den
Strudeln und Wellen dergestalt tribuliert, dass er ohn Unterlass auf und nieder
knappen musste, und derhalben mein Magen also erschüttert, dass ich Lung und Leber
hätte ausspeien mögen. Ich konnte mich kümmerlich darauf halten, weil mir ganz
seltsam vor den Augen ward: da musste alles von mir heraus, was ich auch noch in
Frankreich und Westfalen gefressen hatte; und indem ich kotzte wie ein
Gerberhund, flossen auch die Hosen voll, welches doch der Rhein gleich wieder
hinwegflosse, weil mich der Ast alle Augenblicke einmal hinunter tunkte. Ich
hätte mich gern wieder ins Wasser gelassen, befand aber wohl, dass ich nit Manns
genug wäre, nur den hunderten Teil solcher Arbeit auszustehen, dergleichen ich
schon überstritten hatte; musste derowegen verbleiben und auf eine ungewisse
Erlösung hoffen, die mir Gott ungefähr schicken müsste, da ich anderst mit dem
Leben davonkommen sollte. Aber mein Gewissen gab mir hierzu einen schlechten
Trost, indem es mir vorhielt, dass ich solche gnadenreiche Hülfe nun ein paar
Jahre her so liederlich verscherzt. Jedoch hoffte ich ein Bessers und fieng so
andächtig an zu beten, als ob ich in einem Kloster wäre erzogen worden; ich
satzte mir vor, inskünftige frömmer zu leben und tät unterschiedliche Gelübde.
Ich widersagte dem Soldatenleben und verschwur das Parteigehen auf ewig, schmiss
auch meine Patrontäsch samt dem Ranzen von mir und liess mich nicht anderst an,
als ob ich wieder ein Einsiedel werden, meine Sünden büssen und der
Barmherzigkeit Gottes vor meine hoffende Erlösung bis in mein Ende danken
wollte. Und indem ich dergestalt auf dem Ast bei zwei oder drei Stunden lang
zwischen Furcht und Hoffnung zugebracht, kam dasjenige Schiff den Rhein
herunter, dem ich hätte aufpassen helfen sollen. Ich erhub meine Stimme
erbärmlich und schriee um Gottes und des Jüngsten Gerichts willen um Hülfe; und
nachdem sie unweit von mir vorüberfahren mussten und dahero meine Gefahr und
elenden Stand desto eigentlicher sahen, ward jeder im Schiff zur Barmherzigkeit
bewegt, massen sie gleich ans Land fuhren, sich zu unterreden, wie mir möchte zu
helfen sein.
    Weil dann wegen der vielen Strudel und Würbel, die es rund um mich herum gab
und von den Wurzeln und Ästen des Baums verursachet wurden, ohn Lebensgefahr
weder zu mir zu schwimmen, noch mit grossen und kleinen Schiffen zu mir zu fahren
war, als erforderte meine Hülfe lange Bedenkzeit. Wie aber mir unterdessen zumut
gewesen, ist leicht zu erachten. Zuletzt schickten sie zween Kerl mit einem
Nachen oberhalb meiner in den Fluss, die mir ein Seil zufliessen liessen und das
eine End davon bei sich behielten; das andere Ende aber brachte ich mit grosser
Mühe ungefähr zuwege und band es um meinen Leib, so gut ich konnte, dass ich also
an demselben wie ein Fisch an einer Angelschnur in den Nachen gezogen und auf
das Schiff gebracht ward.
    Da ich nun dergestalt dem Tod durch Gottes Gnad entronnen, hätte ich billig
am Ufer auf die Kniee fallen und der göttlichen Güte vor meine Erlösung danken,
auch sonst mein Leben zu bessern einen Anfang machen sollen, wie ich dann
solches in meinen höchsten Nöten gelobet und versprochen. Aber ach leider! ich
armer Mensch liess es weit fehlen. Dann da man mich fragte, wer ich sei und wie
ich in diese Gefahr geraten wäre, fieng ich an, diesen Burschen vorzulügen, dass
der Himmel hätte erschwarzen mögen. Dann ich dachte: wann du ihnen sagst, dass du
sie hast plündern helfen wollen, so schmeissen sie dich alsbald wieder in Rhein;
gab mich also vor einen vertriebenen Organisten aus und sagte, nachdem ich auf
Strassburg gewollt, um über Rhein irgendeinen Schul- oder andern Dienst zu
suchen, hätte mich eine Partei ertappt, ausgezogen und in den Rhein geworfen,
welcher mich auf gegenwärtigen Baum geführet. Und nachdem ich diese meine Lügen
wohl füttern konnte, zumalen auch mit Schwören bekräftigte, ward mir festiglich
geglaubt und mit Speis und Trank alles Gutes erwiesen, mich wieder zu erquicken,
wie ichs dann trefflich vonnöten hatte.
    Beim Zoll zu Strassburg stiegen die meiste ans Land und ich mit ihnen, da ich
mich dann gegen dieselbe hoch bedankte und unter andern eines jungen Kaufherrn
gewahr ward, dessen Angesicht, Gang und Gebärden mir zu erkennen gaben, dass ich
ihn zuvor mehr gesehen, konnte mich aber nicht besinnen, wo, vernahm aber an der
Sprache, dass es ebenderjenige Kornett war, so mich hiebevor gefangen bekommen.
Ich wusste aber nicht zu ersinnen, wie er aus einem so wackern jungen Soldaten zu
einem Kaufmann worden, vornehmlich weil er ein geborner Kavalier war. Die
Begierde, zu wissen, ob mich meine Augen und Ohren betrügen oder nicht, trieben
mich dahin, dass ich zu ihm ging und sagte: »Monsieur Schönstein, ist ers oder
ist ers nicht?« Er aber antwortete: »Ich bin keiner von Schönstein, sondern ein
Kaufmann.« Da sagte ich: »So bin ich auch kein Jäger von Soest nicht, sondern
ein Organist oder vielmehr ein landläufiger Bettler.« - »O Bruder!« sagte
hingegen jener, »was Teufels machst du? wo ziehest du herum?« Ich sagte:
»Bruder, wann du vom Himmel versehen bist, mir das Leben erhalten zu helfen, wie
nun zum zweitenmal geschehen ist, so erfodert ohn Zweifel mein Fatum, dass ich
alsdann nicht weit von dir sei.« Hierauf nahmen wir einander in die Arme als
zwei getreue Freunde, die hiebevor beiderseits versprochen, einander bis in Tod
zu lieben. Ich musste bei ihm einkehren und alles erzählen, wie mirs ergangen,
sint ich von L. nach Köln verreist, meinen Schatz abzuholen, verschwieg ihm auch
nicht, wasgestalt ich mit einer Partei ihrem Schiff hätte aufpassen wollen, und
wie es uns darüber ergieng. Aber wie ich zu Paris gehaust, davon schwieg ich
stockstill, dann ich sorgte, er möchte es zu L. ausbringen und mir deswegen bei
meinem Weib einen bösen Rauch machen. Hingegen vertraute er mir, dass er von der
hessischen Generalität zu Herzog Bernhard, dem Fürsten von Weimar, geschickt
worden, wegen allerhand Sachen von grosser Importanz, das Kriegswesen betreffend,
Relation zu tun und künftiger Kampagne und Anschläg halber zu konferieren,
welches er nunmehr verrichtet und in Gestalt eines Kaufmanns, wie ich dann vor
Augen sehe, auf der Zurückreis begriffen sei. Benebens erzählte er mir auch, dass
meine Liebste bei seiner Abreise grossen Leibes und neben ihren Eltern und
Verwandten noch in gutem Wohlstand gewesen; item dass mir der Obrister das
Fähnlein noch aufhalte, und vexierte mich daneben, weil mich die Urschlechte so
verderbt hätten, dass mich weder mein Weib noch das andre Frauenzimmer zu L. vor
den Jäger mehr annehmen und mir einige Courtesie erweisen werde etc. Demnach
redten wir miteinander ab, dass ich bei ihm verbleiben und mit solcher
Gelegenheit wieder nach L. kehren sollte, so eine erwünschte Sache vor mich war.
Und weil ich nichts als Lumpen an mir hatte, streckte er mir etwas an Geld vor,
damit ich mich wie ein Gadendiener mondierte.
    Man saget aber, wann ein Ding nit sein soll, so geschiehet es nicht. Das
erfuhr ich auch; dann da wir den Rhein hinunterfuhren und das Schiff zu
Rheinhausen visitiert ward, erkannten mich die Philippsburger, welche mich
wieder anpackten und nach Philippsburg führeten, allda ich wieder wie zuvor
einen Musketierer abgeben musste, welches meinen guten Kornett ja so sehr verdross
als mich selber, weil wir uns wiederum scheiden mussten. So dorfte er sich auch
meiner nicht hoch annehmen, dann er hatte mit ihm selbst zu tun, sich
durchzubringen.
 
                               Das elfte Kapitel.
Simplex dem Geistlichen ist nicht gar günstig,
Welcher doch suchet sein Wohlfahrt ganz brünstig.
Also hat nun der günstige Leser vernommen, in was vor einer Lebensgefahr ich
gesteckt. Betreffend aber die Gefahr meiner Seelen ist zu wissen, dass ich unter
meiner Muskete ein recht wilder Mensch war, der sich um Gott und sein Wort
nichts bekümmerte: keine Bosheit und schlimmes Stücklein war mir zuviel. Da
waren alle Gnaden und Wohltaten, die ich von Gott jemals empfangen, allerdings
vergessen; so bat ich auch weder um das Zeitliche noch Ewige, sondern lebete auf
den alten Kaiser hinein wie ein Viehe. Niemand hätte mir glauben können, dass ich
bei einem so frommen Einsiedel wäre erzogen worden. Selten kam ich in die Kirche
und gar nicht zur Beichte, und gleichwie mir meiner Seelen Heil und alle
göttliche Sachen nichts anlagen, als betrübte ich meinen Nebenmenschen desto
mehr. Ich tadelte die Leute nicht nur heimlich, sondern offendierte sie auch
öffentlich, wo ich nur zukommen konnte. Wo ich nur jemand berücken konnte,
unterliess ichs nicht, ja ich wollte noch Ruhm davon haben, so dass schier keiner
ungeschimpft von mir kam. Davon kriegte ich oft dichte Stösse und noch öfter den
Esel zu reiten; ja man bedrohete mich mit Galgen und Wippe; aber es half alles
nichts: ich trieb meine gottlose Weise fort, dass es das Ansehen hatte, als ob
ich desperat spiele und mit Fleiss der Höllen zurenne. Und obgleich ich keine
Übeltat begieng, dadurch ich das Leben verwürkt hätte, so war ich jedoch so
ruchlos und lasterhaft, dass man (ausser den Zauberern und Sodomiten) kaum einen
wüstern Menschen antreffen mögen.
    Dies nahm unser Regimentskaplan an mir in acht, und weil er ein rechter
frommer Seeleneiferer war, schickte er auf die österliche Zeit nach mir, zu
vernehmen, warum ich mich nicht bei der Beichte und Kommunion eingestellet
hätte. Ich traktierte ihn aber nach seinen vielen treuherzigen Erinnerungen wie
hiebevor den Pfarrer zu L., also dass der gute ehrliche Herr nichts mit mir
ausrichten konnte. Und indem es schien, als ob Chrisam und Tauf an mir verloren
wäre, sagte er zum Beschluss: »Ach, du elender Mensch! ich habe vermeint, du
irrest aus Unwissenheit, aber nun merke ich, dass du aus lauter Bosheit und
gleichsam vorsätzlicherweis zu sündigen fortfährest. Ach, wer vermeinest du
wohl, der ein Mitleiden mit deiner armen Seele und ihrer Verdammnus haben werde?
Meinesteils protestiere ich vor Gott und der Welt, dass ich an deiner Verdammnus
keine Schuld habe, weil ich getan und noch ferner gern unverdrossen tun wollte,
was zu Beförderung deiner Seligkeit vonnöten wäre. Es wird mir aber besorglich
künftig mehrers zu tun nicht obliegen, dann dass ich deinen Leib, wann ihn deine
arme Seele in solchem verdammten Stand verlässt, an kein geweiht Ort zu andern
frommen abgestorbenen Christen begraben, sondern auf den Schindwasen bei die
Cadavera des verreckten Viehs hinschleppen lasse, oder an denjenigen Ort, da man
andere Gottsvergessene und Verzweifelte hintut!«
    Diese ernstliche Bedrohung fruchtete ebensowenig als die vorige Ermahnungen,
und zwar nur der Ursache halber, weil ich mich vorm Beichten schämte. O ich
grosser Narr! Ich erzählte oft meine Bubenstücke bei ganzen Gesellschaften und
log noch darzu; aber jetzt, da ich mich bekehren und einem einzigen Menschen
anstatt Gottes meine Sünden demütig bekennen sollte, Vergebung zu empfangen, war
ich ein verstockter Stummer! Ich sage recht: verstockt, blieb auch verstockt,
dann ich antwortete: »Ich diene dem Kaiser vor einen Soldaten; wann ich nun auch
sterbe als ein Soldat, so wirds kein Wunder sein, da ich gleich andern Soldaten
(die nicht allezeit auf das Geweihte begraben werden können, sondern irgends auf
dem Felde, in Gräben oder in der Wölf und Raben Mägen vorliebnehmen müssen) mich
auch ausserhalb des Kirchhofs behelfen werde.«
    Also schied ich vom Geistlichen, der mit seinem heiligen Seeleneifer anders
nichts um mich verdienet, als dass ich ihm einsmals einen Hasen abschlug, den er
inständig von mir begehrte, mit Vorwand, weil er sich selbst an einem Strick
erhangen und ums Leben gebracht, dass sich dannenhero nicht gebühre, dass er als
ein Verzweifelter in ein geweihtes Erdreich sollte begraben werden.
 
                              Das zwölfte Kapitel.
Simplex wird von dem Herzbruder erkennt,
Und zugleich damal sein Unfall gewendt.
Also folgte bei mir keine Besserung, sondern ich ward je länger je ärger. Der
Obriste sagte einsmals zu mir, er wollte mich, da ich kein gut tun wollte, mit
einem Schelmen hinwegschicken. Weil ich aber wohl wusste, dass es ihm nicht Ernst
war, sagte ich, dies könne ohne sondere Mühe und Unkosten, zumalen auch ohne
meinen Verdruss leicht geschehen, wann er mir nur den Steckenknecht mitgebe. Also
liess er mich wieder passieren, weil er sich wohl einbilden konnte, dass ichs vor
keine Strafe, sondern vor eine Wohltat halten würde, wann er mich laufen liesse;
musste demnach wider meines Herzens Willen ein Musketier bleiben und Hunger
leiden bis in den Sommer hinein. Je mehr sich aber der Graf von Götz mit seiner
Armee näherte, je mehrers näherte sich auch meine Erlösung. Denn als selbiger zu
Bruchsal das Hauptquartier hatte, ward mein Herzbruder, dem ich im Läger vor
Magdeburg mit meinem Geld getreulich geholfen, von der Generalität mit etlichen
Verrichtungen in die Festung geschickt, da man ihm die höchste Ehre antät. Ich
stund eben vor des Obristen Quartier Schildwacht, als er daselbst einen guten
Rausch geholet hatte; und obzwar er einen schwarzen sammeten Rock antrug, so
erkannte ich ihn jedoch gleich im ersten Anblick, hatte aber nicht das Herz, ihn
sogleich anzusprechen, dann ich musste sorgen, er würde der Welt Lauf nach sich
meiner schämen oder mich sonst nicht kennen wollen, weil er den Kleidern nach in
einem hohen Stand, ich aber nur ein lausiger Musketierer wäre. Nachdem ich aber
abgelöst ward, erkundigte ich bei dessen Dienern seinen Stand und Namen, damit
ich versichert sei, dass ich vielleicht keinen andern vor ihn anspräche, und
hatte dannoch das Herz nicht, ihn anzureden, sondern schrieb dieses Brieflein
und liess es ihm am Morgen durch seinen Kammerdiener einhändigen:
    »Monsieur etc. Wann meinem Hochg. Herrn beliebte, denjenigen, den er
hiebevor durch Seine Tapferkeit in der Schlacht bei Wittstock aus Eisen und
Banden errettet, auch anjetzo durch Sein vortrefflich Ansehen aus dem
allerarmseligsten Stand von der Welt zu erlösen, wohinein er als ein Ball des
unbeständigen Glücks geraten; so würde Ihm solches nicht allein nicht schwer
fallen, sondern er würde Ihm auch vor einen ewigen Diener obligieren Seinen
ohnedas getreu verbundenen, anjetzo aber allerelendesten und verlassenen
                                                             S. Simplicissimum.«
    Sobald er solches gelesen, liess er mich zu ihm hineinkommen, sagte:
»Landsmann, wo ist der Kerl, der Euch dies Schreiben gegeben hat?« Ich
antwortete: »Herr, er liegt in hiesiger Festung gefangen.« - »Wohl!« sagte er,
»so geht zu ihm und saget, ich wolle ihm davonhelfen, und sollte er schon den
Strick an Hals kriegen.« Ich sagte: »Herr, es wird solcher Mühe nicht bedörfen;
doch bedanke ich mich vor die seltne Bereitfertigkeit.« - Und weil ich sah, dass
er so willfährig war, fuhr ich ferner fort und sagte: »Ich bin der arme
Simplicius selber, der jetzt kommt, Demselben sowohl vor die Erlösung bei
Wittstock zu danken, als ihn zu bitten, mich wieder von der Muskete zu
erledigen, so ich wider meinen Willen zu tragen gezwungen wurde.« Er liess mich
nicht völlig ausreden, sondern bezeugte mit Umfahen, wie geneigt er sei, mir zu
helfen. In Summa, er tät alles, was ein getreuer Freund gegen dem andern tun
solle; und eh er mich fragte, wie ich in die Festung und in solche Dienstbarkeit
geraten, schickte er seinen Diener zum Juden, Pferd und Kleider vor mich zu
kaufen. Indessen erzählte ich ihm, wie mirs ergangen, sint sein Vatter vor
Magdeburg gestorben, und als er vernahm, dass ich der Jäger von Soest (von dem er
so manch rühmlich Soldatenstück gehöret) gewesen, beklagte er, dass er solches
nicht eher gewüsst hätte, dann er mir damals gar wohl zu einer Kompagnie hätte
verhelfen können.
    Als nun der Jud mit einer ganzen Taglöhnerlast von allerhand
Soldatenkleidern daherkam, las er mir das beste heraus, liess michs anziehen und
nahm mich mit ihm zum Obristen. Zu dem sagte er: »Herr, ich habe in Seiner
Garnison gegenwärtigen Kerl angetroffen, dem ich so hoch verobligiert bin, dass
ich ihn in so niedrigem Stand, wannschon seine Qualitäten keinen bessern
meritierten, nicht lassen kann; bitte derowegen den Herrn Obristen, Er wolle mir
den Gefallen erweisen, und ihn entweder besser akkommodieren, oder zulassen, dass
ich ihn mit mir nehme, um ihm bei der Armee fortzuhelfen, worzu vielleicht der
Herr Obrister hier die Gelegenheit nicht hat.« Der Obrister verkreuzigte sich
vor Verwunderung, dass er mich einmal loben hörte, und sagte: »Mein hochgeehrter
Herr vergebe mir, wann ich glaube, Ihm beliebe nur zu probieren, ob ich Ihm auch
so willig zu dienen sei, als Er dessen wohl wert ist; und wofern Er so gesinnet,
so begehre Er etwas anders, das in meiner Gewalt stehet, so wird Er meine
Willfährigkeit im Werk erfahren. Was aber diesen Kerl anbelanget, ist solcher
nit eigentlich mir, sondern seinem Vorgeben nach unter ein Regiment Dragoner
gehörig, darneben ein solch abenteurlicher und schlimmer Gast, der meinen
Profosen, sint er hier ist, mehr Arbeit geben, als sonst eine ganze Kompagnie,
so dass ich von ihm glauben muss, er könne in keinem Wasser ersaufen.« Endete
damit seine Rede lächlende und wünschte mir Glück ins Feld.
    Dies war meinem Herzbruder noch nicht genug, sondern er bat den Obristen
auch, er wolle sich nicht zuwider sein lassen, mich mit an seine Tafel zu
nehmen, so er auch erhielt. Er täts aber zu dem Ende, dass er dem Obristen in
meiner Gegenwart erzähle, was er in Westfalen nur diskursent von dem Grafen von
der Wahl und dem Kommandanten in Soest von mir gehöret hätte, welches alles er
nun dergestalt herausstriche, dass alle Zuhörer mich vor einen von den besten
Soldaten halten mussten. dabei hielt ich mich so bescheiden, dass der Obrister und
seine Leute, die mich zuvor gekannt, nicht anders glauben konnten, als ich wäre
mit andern Kleidern auch ein ganz anderer Mensch worden. Und demnach der
Obrister auch wissen wollte, woher mir der Name Doktor, wie man mich damals
gemeiniglich nennet, zukommen wäre, erzählte ich ihm meine ganze Reise von Paris
aus bis nach Philippsburg und wieviel Bauern ich betrogen, mein Maulfutter zu
gewinnen, darüber sie ziemlich lachten. Endlich gestund ich unverhohlen, dass ich
willens gewesen, ihn, Obristen, mit allerhand Bosheiten, Insolenzien und
Plackereien dergestalt zu perturbiern und abzumatten, dass er mich endlich aus
der Garnison hätte schaffen müssen, dafern er anders wegen der vielen Klagen in
Ruhe vor mir leben wollen.
    Darauf erzählte der Obrister viel Bubenstücklein, die ich begangen, solang
ich in der Garnison gewesen, wie ich nämlich Erbsen gesotten, oben mit Schmalz
übergossen und solche voi eitel Schmalz verkauft; item ganze Söck voll Sand für
Salz, indem ich die Säcke unten mit Sand und oben mit Salz gefüllet; sodann, wie
ich einem hier, dem andern dort einen Bärn angebunden und die Leute mit
Pasquillen vexieret, also dass man die ganze Mahlzeit nur von mir zu reden hatte,
welches alles zur Verwunderung und Gelächter taugte. Hätte ich aber keinen so
ansehenlichen Freund gehabt, so wären alle meine Taten strafwürdig gewesen.
Darbei nahm ich ein Exempel, wie es bei Hof hergehen müsse, wann ein böser Bub
des Fürsten Gunst hat.
    Nach geendigtem Imbiss hatte der Jud kein Pferd, so meinem Herzbruder vor
mich gefallen wollte; weil er aber in solcher Ästimation war, dass der Obrister
seine Gunst schwerlich entbehren konnte, als verehrete er ihm eins mit Sattel
und Zeug aus seinem Stall, auf welches sich Herr Simplicius satzte und mit
seinem Herzbruder freudenvoll zur Festung hinausritte. Teils seiner Kameraden
riefen ihm nach: »Glück zu! Bruder, Glück zu!« teils aber aus Neid: »Je grösser
Schalk, je grösser Glück!«, weil sie mich meines guten Glücks halber hasseten.
 
                            Das dreizehnte Kapitel.
Simplex mit vielen weitläufigen Worten
Handelt von der Merodebrüder Orden.
Unterwegs redete Herzbruder mit mir ab, dass ich mich vor seinen Vetter ausgeben
sollte, damit ich desto mehr geehret würde; hingegen wollte er mir noch ein
Pferd samt einem Knecht verschaffen und mich zum Neuneckischen Regiment tun, bei
dem ich mich als ein Freireuter aufhalten könnte, bis eine Offizierstelle bei
der Armee ledig würde, zu deren er mir helfen könnte.
    Also ward ich wider alle meine Hoffnung in Eil wieder ein Kerl, der einem
braven Soldaten gleichsah; ich tät aber denselben Sommer wenig Taten, als dass
ich am Schwarzwald hin und wieder etliche Kühe stehlen half und mir das Brisgau
und Elsass ziemlich bekannt machte. Im übrigen hatte ich abermal wenig Stern;
dann nachdem mir mein Knecht samt dem Pferd bei Kenzingen von den Weimarischen
gefangen ward, musste ich das ander desto härter strapeziern und endlich gar
hinreuten, dass ich mich also in den Orden der Merodebrüder begeben musste. Mein
Herzbruder hätte mich zwar gern wieder mondieret; weil ich aber so bald mit den
ersten zweien Pferden fertig worden, hielt er zurück und gedachte, mich zappeln
zu lassen, bis ich mich besser vorzusehen lernete. So begehrte ich solches auch
nicht; dann ich fand an meinen Mitkonsorten eine so angenehme Gesellschaft, dass
ich mir bis an die Winterquartier keinen bessern Handel wünschte.
    Ich muss nur ein wenig erzählen, was die Merodebrüder vor Leute sind, weilen
sich ohn Zweifel etliche finden, sonderlich die Kriegsunerfahrne, so nichts
davon wissen. So habe ich bisher noch keinen Skribenten angetroffen, der etwas
von ihren Gebräuchen, Gewohnheiten, Rechten und Privilegien seinen Schriften
einverleibt hätte, unangesehen es wohl wert ist, dass nicht allein die jetzige
Feldherrn, sondern auch der Baursmann wisse, was es vor eine Zunft sei.
Betreffend nun erstlich ihren Namen, will ich nicht hoffen, dass es demjenigen
tapfern Kavalier, unter dem sie solchen bekommen, ein Schimpf sei, sonst wollte
ichs nicht einem jeden so offentlich auf die Nase binden. Ich habe eine Art
Schuhe gesehen, die hatten anstatt der Löcher krumme Nähte; dieselbigen wurden
Mansfelder Schuh genannt, weil dessen Kriegsknecht selbige erfunden, damit sie
desto besser durch den Kot stampfen sollten. Sollte nun einer deswegen den
Mansfelder selbst vor einen Pechfarzer schelten, den wollte ich vor einen
Phantasten halten. Ebenso muss man diesen Namen auch verstehen, der nicht abgehen
wird, solang die Teutsche kriegen. Es hat aber eine solche Beschaffenheit damit.
Als dieser Kavalier einsmals ein neugeworben Regiment zur Armee brachte, waren
die Kerl so schwacher, baufälliger Natur wie die französische Britannier, dass
sie also das Marschieren und ander Ungemach, das ein Soldat im Feld ausstehen
muss, nicht erleiden konnten, derowegen dann ihre Brigade zeitlich so schwach
ward, dass sie kaum die Fähnlein mehr bedecken konnte; und wo man einen oder mehr
kranke und lahme Leinenweber auf dem Markt, in Häusern und hinter den Zäunen und
Hecken antraf und fragte: »Wes Regiments?« so war gemeiniglich die Antwort: »Von
Merode!« Davon entsprang, dass man endlich alle diejenige, sie wären gleich krank
oder gesund, verwundt oder nit, wann sie nur ausserhalb der Zugordnung
daherzottelten oder sonst nicht bei ihren Regimentern ihr Quartier im Feld
nahmen, Merodebrüder nannte, welche Bursch man zuvor Säusenger und
Immenschneider geheissen hatte. Dann sie sind wie die Brumser in den
Immenfässern, welche, wann sie ihren Stachel verloren haben, nicht mehr
arbeiten, noch Honig machen, sondern nur fressen können. Wann ein Reuter sein
Pferd und ein Musketier seine Gesundheit verleurt oder ihm Weib und Kind
erkrankt und zurückbleiben will, so ists schon andertalb Paar Merodebrüder, ein
Gesindlein, so sich mit nichts besser als mit den Zügeinern vergleichet, weil es
nicht allein nach seinem Belieben vor, nach, neben und mitten unter der Armee
herumstreicht, sondern auch demselben beides, an Sitten und Gewohnheit, ähnlich
ist. Da sieht man sie haufenweis beieinander (wie die Feldhühner im Winter)
hinter den Hecken, im Schatten oder nach ihrer Gelegenheit an der Sonne oder
irgends um ein Feur herum liegen, Tabak zu saufen und zu faulenzen, wann
unterdessen anderwärts ein rechtschaffener Soldat beim Fähnlein Hitze, Durst,
Hunger, Frost und allerhand Elend überstehet. Dort geht eine Schar neben dem
Marsch her auf die Mauserei, wann indessen manch armer Soldat vor Mattigkeit
unter seinen Waffen versinken und verschmachten möchte. Sie spolieren vor, neben
und hinter der Armee alles, was sie antreffen; und was sie nicht geniessen
können, verderben sie, also dass die Regimenter, wann sie in die Quartier oder
ins Läger kommen, oft nicht einen guten Trunk Wasser finden; und wann sie alles
Ernstes angehalten werden, bei der Bagage zu bleiben, so wird man oft beinahe
dieselbe stärker finden, als die Armee selbst ist. Wann sie aber gesellenweis
marschieren, quartieren, kampieren und hausieren, so haben sie keinen
Wachtmeister, der sie kommandiert, keinen Feldwaibel oder Schergianten, der
ihnen das Wams ausklopft oder vielmehr ausstäubt, keinen Korporal, der sie
wachen heisst, keinen Tambour, der sie des Zapfenstreichs, der Schar- und
Tagwacht erinnert, und in Summa niemand, der sie anstatt des Adjutanten in
Battaglia stellet oder anstatt des Furiers einlogieret, sondern leben vielmehr
wie die Freiherrn. Wann aber etwas an Kommiss der Soldateska zukommt, so sind sie
die erste, die ihr Teil holen, obgleich sie es nicht verdienet. Hingegen sind
die Rumormeister und Generalgewaltiger ihr allergrösste Pest, als welche ihnen
zuzeiten, wann sie es zu bunt machen, eiserne Silbergeschirr an Hände und Füsse
legen oder sie wohl gar mit einem hänfinen Kragen zieren und an ihre allerbeste
Hälse anhängen lassen.
    Sie wachen nicht, sie schanzen nicht, sie stürmen nicht und kommen auch in
keine Schlachtordnung, und sie ernähren sich doch! Was aber der Feldherr, der
Landmann und die Armada selbst, bei deren sich viel solches Gesindes befindet,
vor Schaden darvon haben, ist nicht zu beschreiben. Der heilloseste Reuterjung,
der nichts tut als furagieren, ist dem Feldherrn nützer als tausend
Merodebrüder, die ein Handwerk draus machen und ohn Not auf der Bärnhaut liegen.
Sie werden vom Gegenteil hinweggefangen und von den Bauern an teils Orten auf
die Finger geklopft. Dadurch wird die Armee gemindert und der Feind gestärkt;
und wanngleich ein so liederlicher Schlingel (ich meine nicht die arme Kranke,
sondern die unberittene Reuter, die unachtsamerweise ihre Pferde verderben
lassen und sich auf Merode begeben, damit sie ihre Haut schonen und ihrer
Faulheit auf der Bärnhaut pflegen können) durch den Sommer davonkommt, so hat
man nichts anders von ihm, als dass man ihn auf den Winter mit grossem Kosten
wieder mondieren muss, damit er künftigen Feldzug wieder etwas zu verlieren habe.
Man sollte sie zusammenkuppeln wie die Windhunde und sie in den Garnisonen
kriegen lernen oder gar auf die Galeeren schmieden, wann sie nicht auch zu Fuss
im Feld in ihres Herrn Dienst das ihrige tun wollten, bis sie gleichwohl wieder
Pferde kriegten. Ich geschweige hier, wie manches Dorf durch sie sowohl
unachtsamer- als vorsätzlicherweise verbrennt wird, wie manchen Kerl sie von
ihrer eigenen Armee absetzen, plündern, heimlich bestehlen und wohl gar
niedermachen, auch wie mancher Spion sich unter ihnen aufhalten kann, wann er
nämlich nur ein Regiment und Kompagnie aus der Armada zu nennen weiss. Ein
solcher ehrbarer Bruder nun war ich damals auch und verbliebs bis den Tag vor
der Wittenweier Schlacht, zu welcher Zeit das Hauptquartier in Schuttern war;
dann als ich damals mit meinen Kameraden in das Geroldseckische ging, Kühe oder
Ochsen zu stehlen, wie unsre Gewohnheit war, ward ich von den Weimarischen
gefangen, die uns viel besser zu traktieren wussten; dann sie luden uns Musketen
auf und stiessen uns hin un wieder unter die Regimenter. Ich zwar kam unter das
Hattsteinische.
 
                            Das vierzehnte Kapitel.
Simplex kämpft mit einem um Leib und Leben,
Der sich auch ihme hat endlich ergeben.
Ich konnte damals greifen, dass ich nur zum Unglück geboren; dann ungefähr vier
Wochen zuvor, eh das gedachte Treffen geschahe, hörete ich etliche Götzische
gemeine Offizier von ihrem Krieg diskurrieren; da sagte einer: »Ungeschlagen
gehets diesen Sommer nicht ab! Schlagen wir dann den Feind, so müssen wir den
künftigen Winter Freiburg und die Waldstädte einnehmen; kriegen wir aber Stösse,
so kriegen wir auch Winterquartier.« Auf diese Prophezei machte ich meinen
richtigen Schluss und sagte bei mir selbst: »Nun freue dich, Simplici, du wirst
künftigen Frühling guten See- und Neckerwein trinken und geniessen, was die
Weimarische verdienen werden.« Aber ich betrog mich weit, dann weil ich nunmehr
weimarisch war, so war ich auch prädestiniert, Breisach belägern zu helfen,
massen solche Belägerung gleich nach mehrbemeldter Wittenweier Schlacht völlig
ins Werk gesetzt ward, da ich dann wie andere Musketier Tag und Nacht wachen und
schanzen musste und nichts davon hatte, als dass ich lernete, wie man mit den
Approchen einer Festung zusetzen muss, darauf ich vor Magdeburg wenig Achtung
geben. Im übrigen aber war es lausig bei mir bestellt, weil je zwo oder drei
aufeinander sassen; der Beutel war leer und öd, Wein, Bier und Fleisch eine
Rarität, Äpfel und hart schimmlig Brot (jedoch kümmerlich genug) mein bestes
Wildpret.
    Solches war mir saur zu ertragen, Ursache, wann ich zurück an die ägyptische
Fleischtöpfe, das ist an die westfälischen Schinken und Knackwürste zu L.
gedachte. Ich gedachte niemal mehr an mein Weib, als wann ich in meinem Zelt lag
und vor Frost halb erstarrt war. Da sagte ich dann oft zu mir selber: »Hui,
Simplici, meinst du auch wohl, es geschehe dir unrecht, wann dir einer wieder
wettspielte, was du zu Paris begangen?« Und mit solchen Gedanken quälte ich mich
wie ein ander eifersichtiger Hahnrei, da ich doch meinem Weib nichts anders als
Ehre und Tugend zutrauen konnte. Zuletzt war ich so ungedultig, dass ich meinem
Kapitän eröffnete, wie meine Sachen bestellet wären, schrieb auch auf der Post
nach L. und erhielt vom Obristen de S.A. und meinem Schwährvatter, dass sie durch
ihre Schreiben bei dem Fürsten von Weimar zuwege brachten, dass mich mein Kapitän
mit einem Pass musste laufen lassen.
    Ungefähr eine Woche oder vier vor Weihnachten marschierte ich mit einem
guten Feurrohr vom Läger ab, das Brissgäu hinunter der Meinung, selbige
Weihnachtmesse zu Strassburg 20 Taler, von meinem Schwähr übermacht, zu empfahen
und mich mit Kaufleuten den Rhein hinunter zu begeben, da es doch unterwegs viel
kaiserliche Garnisonen hatte. Als ich aber bei Endingen vorbeipassiert und zu
einem einigen Haus kam, geschahe ein Schuss nach mir, so dass mir die Kugel den
Rand am Hut verletzt, und gleich darauf sprang ein starker vierschrötiger Kerl
aus dem Haus auf mich los, der schriee, ich sollte das Gewehr ablegen. Ich
antwortete: »Bei Gott, Landsmann, dir zu Gefallen nicht!« und zog den Hahnen
über. Er aber wischte mit einem Ding von Leder, das mehr einem Henkersschwert
als Degen gleichete, und eilete damit auf mich zu. Wie ich nun seinen Ernst
spürete, schlug ich an und traf ihn dergestalt an die Stirn, dass er
herumdurmelte wie eine Garnwinde und endlich zu Boden fiel. Dieses mir zunutz zu
machen, rang ich ihm geschwind sein Schwerd aus der Faust und wollts ihm in Leib
stossen; da es aber nicht durchgehen wollte, sprang er wieder unversehens auf die
Füsse, erwischte mich beim Haar und ich ihn auch; sein Schwert aber hatte ich
schon weggeworfen, weil ich ihn nicht damit beschädigen konnte. Darauf fiengen
wir ein solch ernstlich Spiel miteinander an, so eines jeden verbitterte Stärk
genugsam zu erkennen gab, und konnt doch keiner des andern Meister werden. Bald
lag ich, bald er oben, und im Hui kamen wir wieder auf die Füsse, so aber nicht
lang dauerte, weil je einer des andern Untergang und Tod suchte. Das Blut, so
mir häufig zu Nas und Mund herauslief, speiete ich meinem Feind ins Gesicht,
weil ers so hitzig begehrte: das war mir gut, dann es hinderte ihn am Sehen.
Also zogen wir einander bei andertalb Stund im Kot und Schnee herum; davon
wurden wir so matt, dass allem Ansehen nach des einen Unkräften des andern
Müdigkeit allein mit den Fäusten nicht völlig überwinden, noch einer den andern
aus eigenen Kräften und ohne Waffen vollends zum Tod hätte bringen mögen.
    Die Ringkunst, darin ich mich zu L. oft übte, kam mir damals wohl zustatten,
sonst hätte ich ohne Zweifel eingebüsst und den kürzern gezogen, dann mein Feind
war viel stärker als ich und überdas eisenfest. Als wir einander fast tödlich
abgemattet und ich meinen Gegenteil unter mir fast schwerlich mehr halten
konnte, sagte er endlich: »Bruder, höre auf, ich ergebe mich dir zu eigen.« -
Ich sagte: »Du solltest mich anfänglich haben passieren lassen!« - »Was hast du
mehr,« antwortete jener, »wanngleich ich sterbe?« - »Und was hättest du gehabt,«
sagte ich, »wann du mich hättest niedergeschossen, sintemal ich keinen Heller
Geld bei mir habe?« Darauf bat er um Verzeihung, und ich liess mich erweichen und
ihn aufstehen, nachdem er mir zuvor teuer geschworen, dass er nicht allein Friede
halten, sondern auch mein treuer Freund und Diener sein wollte. Ich hätte ihm
aber weder geglaubt noch getraut, wann mir seine verübte leichtfertige
Handlungen und greuliche Taten bekannt gewesen wären.
    Da wir nun beide auf waren, gaben wir einander die Hände, dass alles, was
geschehen, vergessen sein sollte, und verwunderte sich einer über den andern,
dass er seinen Meister gefunden; dann jener meinte und bildete sich nicht anders
ein, ich sei auch mit einer solchen Schelmenhaut wie er überzogen gewesen. Ich
liess ihn auch dabei bleiben, damit, wann er sein Gewehr bekäme, [er] sich nicht
noch einmal an mich reiben dörfte. Er hatte von meinem Schuss eine grosse Beule an
der Stirn, und ich hatte mich sehr verblutet; doch klagte keiner mehr als den
Hals, welche so zugerichtet, dass keiner den Kopf aufrechttragen konnte: so
langwierig hatten wir einander bei den Haaren herumgezauset.
    Weil es dann gegen Abend war und mir mein Gegenteil erzählete, dass ich bis
an die Kitzing weder Hund noch Katze, viel weniger einen Menschen antreffen
würde, er aber hingegen unweit von der Strasse in einem abgelegenen Häuslein ein
gut Stück Fleisch und einen Trunk zum besten hätte, also liess ich mich überreden
und ging mit ihm, da er dann unterwegs oft mit Seufzen bezeugte, wie leid ihm
sei, dass er mich beleidigt habe.
 
                            Das fünfzehnte Kapitel.
Simplex erfährt, dass Olivier war,
Welcher ihm kurz vorher kam in die Haar.
Ein resoluter Soldat, der sich darein ergeben, sein Leben zu wagen und gering zu
achten, ist wohl ein dummes Vieh, welches sich wie ein Schaf zur Schlachtbank
führen lässt. Man hätte tausend Kerl gefunden, darunter kein einziger das Herz
gehabt hätte, mit einem solchen, der ihn erst als ein Mörder angegriffen, an ein
unbekannt Ort zu Gast zu gehen. Ich fragte ihn auf dem Weg, wes Volks er sei; da
sagte er, er hätte vor diesmal keinen Herrn, sondern kriege vor sich selbst und
fragte zugleich, wes Volks dann ich sei. Ich sagte, dass ich weimarisch gewesen,
nunmehr aber meinen Abschied hätte und gesinnet wäre, mich nach Haus zu begeben.
Darauf fragte er, wie ich hiesse, und da ich antwortete: »Simplicius«, kehrete er
sich um (dann ich liess ihn vorangehen, weil ich ihm nit traute) und sah mir
steif ins Gesicht. »Heisst du«, sagte er, nachdem er mich ein wenig betrachtet
hatte, »nicht auch Simplicissimus?« - »Ja,« antwortete ich, »der ist ein Schelm,
der seinen Namen verleugnet. Wie heisst aber du?« - »Ach Bruder,« antwortete er,
»so bin ich Olivier, den du wohl vor Magdeburg wirst gekannt haben«; warf damit
sein Rohr von sich und fiel auf die Kniee nieder, mich um Verzeihung zu bitten,
dass er mich so übel gemeint hätte, sagend, er könnte sich wohl einbilden, dass er
keinen bessern Freund in der Welt bekomme, als er an mir einen haben würde, weil
ich nach des alten Herzbruders Prophezei seinen Tod so tapfer rächen sollte. Ich
hingegen wollte mich über eine so seltsame Zusammenkunft verwundern; er aber
sagte: »Das ist nichts Neues! Berg und Tal kommt nicht zusammen; das ist mir
aber seltsam, dass wir beide uns so verändert haben, sintemal ich aus einem
Sekretario und braven Offizier ein Waldfischer, du aber aus einem Narrn zu so
einem tapfern Soldaten worden! Sei versichert, Bruder, wann unserer zehentausend
wären, dass wir morgenden Tags Breisach entsetzen und endlich [uns] zu Herrn der
ganzen Welt machen wollten.«
    In solchem Diskurs passierten wir, da es eben Nacht worden, in ein klein
abgelegen Taglöhnerhäuslein; und obzwar mir solche Prahlerei nit gefiel, so gab
ich ihm doch recht, vornehmlich weil mir sein schelmisch falsch Gemüt bekannt
war. Ich musste ihn in Laun behalten, damit er mir, bis ich wieder von ihm käme,
kein Untreu bewiese. Und obzwar ich ihm im geringsten nichts Gutes zutrauete, so
ging ich doch mit ihm in besagtes Häuslein, in welchem ein Bauer eben die Stube
einhjetzte. Zu dem sagte er: »Hast du etwas gekocht?« - »Nein,« sagte der Bauer,
»ich habe ja den gebratenen Kalbsschlegel noch, den ich heute von Waldkirch
brachte.« - »Nun dann,« antwortete Olivier, »so gehe und lang her, was du hast,
und bringe zugleich das Fässlein Wein mit!«
    Als der Bauer fort war, sagte ich zu Olivier: »Bruder (ich nannte ihn so,
damit ich desto sicherer vor ihm wäre, wiewohl ich ihme meines Herzbruders
halber den Hals lieber zerbrochen, wann ichs nur vermocht hätte), du hast einen
willigen Wirt!« - »Das dank,« sagte er, »dem Schelmen der Teufel; ich ernähre
ihn ja mit Weib und Kindern, und er machet noch darzu vor sich selbst gute
Beuten. Jch lasse ihm alle Kleider, die ich erobere, solche zu seinem Nutzen
anzuwenden.« Ich fragte, wo er dann sein Weib und Kinder hätte, da sagte
Olivier, dass er sie nach Freiburg geflehnet, die er alle Wochen zweimal besuche
und ihm von dort aus sowohl die Victualia als Kraut und Lot zubringe. Ferner
berichtete er mich, dass er diese Freibeuterei schon lang getrieben und ihm
besser zuschlage, als wann er einem Herrn diene; er gedächte auch nit
aufzuhören, bis er seinen Beutel rechtschaffen gespickt hätte. Ich sagte:
»Bruder, du lebest in einem gefährlichen Stand, und wann du über solcher
Rauberei ergriffen würdest, wie meinst du wohl, dass man mit dir umgieng?« -
»Ha!« sagte er, »ich höre wohl, dass du noch der alte Simplicius bist: ich weiss
wohl, dass derjenige, so kugeln will, auch aufsetzen muss. Du musst aber das
wissen, dass die Herrn von Nürnberg keinen henken lassen, sie haben ihn dann.«
Ich antwortete: »Gesetzt aber, Bruder, du werdest nicht ertappt (das doch sehr
misslich stehet, dann der Krug geht so lang zum Brunnen, bis er einmal
zerbricht), so ist dannoch ein solch Leben, wie du führest, das
allerschändlichste von der Welt, dass ich also nicht glaube, dass du darin zu
sterben begehrest.« - »Was,« sagte er, »das schändlichste? Mein tapferer
Simplici, ich versichere dich, dass die Rauberei das alleradeligste Exerzitium
ist, das man dieser Zeit auf der Welt haben kann! Sage mir, wie viel Königreiche
und Fürstentümer sind nicht mit Gewalt erraubt und zuwege gebracht worden? Oder
wo wird einem König oder Fürsten auf dem ganzen Erdboden vor eine Schande
gerechnet oder vor übel aufgenommen, wann er seiner Länder Intraden geneusst, die
doch gemeinlich durch ihrer Vorfahren verübte Gewalt erraubt und zuwegen
gebracht worden? Was könnte doch adeliger genennet werden als eben das Handwerk,
dessen ich mich jetzt bediene? Siehest du nicht täglich vor Augen, dass die
höchste Potentaten meistenteils einander selbst berauben? Siehest du nicht, wie
der Stärkste den Schwächern in Sack zu stecken trachtet? Ich merke dir an, dass
du mir gern vorhalten wolltest, dass ihrer viel wegen Mordens, Raubens und
Stehlens sein gerädert, gehängt und geköpft worden: das weiss ich zuvor wohl,
dann das befehlen die Gesetze; du wirst aber keine andere als arme und geringe
Diebe haben hängen sehen, welches auch billig ist, weil sie sich dieser
vortrefflichen Übung haben unterfangen dörfen, die doch niemanden als herzhaften
Gemütern gebührt und vorbehalten ist. Wo hast du jemals eine vornehme
Standsperson durch die Justitiam strafen sehen, um dass sie ihr Land zu viel
beschwert habe? Ja, was noch mehr ist, wird doch kein Wucherer gestraft, der
diese herrliche Kunst heimlich treibet, und zwar unter dem Deckmantel der
christlichen Liebe! Warum wollte dann ich strafbar sein, der ich solche
offentlich auf gut Altteutsch ohn einzige Bemäntelung und Gleisnerei übe? Mein
lieber Simplici, du hast den Machiavellum noch nicht gelesen. Ich bin eines
recht aufrichtigen Gemüts und treibe diese Manier zu leben frei offentlich ohn
alle Scheu. Ich fechte und wage mein Leben darüber wie die alte Helden, weiss
auch, dass diejenige Hantierungen, dabei der, so sie treibt, in Gefahr stehen
muss, zugelassen sind. Weil ich dann mein Leben in Gefahr setze, so folgt
unwidersprechlich, dass mirs billig und erlaubt sei, diese Kunst zu üben.«
    Hierauf antwortete ich: »Gesetzt, Rauben und Stehlen sei dir erlaubt oder
nicht, so weiss ich gleichwohl, dass es wider das Gesetz der Natur ist, das da
nicht will, dass einer einem andern tun solle, das er nicht will, dass es ihm
geschehe. So ist solche Unbilligkeit auch wider die weltliche Gesetz, welche
befehlen, dass die Dieb gehängt, die Räuber geköpft und die Mörder geradbrecht
werden sollen. Und letztlich, so ist es auch wider Gott, so das Fürnehmste ist,
weil er keine Sünde ungestraft lässt.« - »Es ist, wie ich vor gesagt,« antwort
Olivier, »du bist noch Simplicius, der den Machiavellum noch nicht studiert hat.
Könnte ich aber auf solche Art eine Monarchiam aufrichten, so wollte ich sehen,
wer mir alsdann viel darwider predigte.« Wir hätten noch mehr miteinander
disputiert; weil aber der Bauer mit dem Essen und Trinken kam, sassen wir
zusammen und stilleten unsere Mägen, dessen ich dann trefflich hoch vonnöten
hatte.
 
                            Das sechzehnte Kapitel.
Simplex sich in des Oliviers Haus
Labet und wieder aufs neu putzt heraus.
Unser Essen war Weissbrot und ein gebratener kalter Kalbsschlegel; dabei hatten
wir einen guten Trunk Wein und eine warme Stube. »Gelt, Simplici,« sagte
Olivier, »hier ist es besser als vor Breisach in den Laufgräben!« Ich sagte:
»Das wohl, wann man solch Leben mit gewisser Sicherheit und bessern Ehren zu
geniessen hätte.« Darüber lachte er überlaut und sagte: »Sind dann die arme
Teufel in den Laufgräben sicherer als wir, die sich alle Augenblicke eines
Ausfalls besorgen müssen? Mein lieber Simplici, ich sehe zwar wohl, dass du deine
Narrnkappe abgeleget, hingegen aber deinen närrischen Kopf noch behalten hast,
der nicht begreifen kann, was gut oder bös ist; und wann du ein anderer als
derjenige Simplicius wärest, der nach des alten Herzbruders Wahrsagung meinen
Tod rächen solle, so wollte ich dich bekennen lernen, dass ich ein edler Leben
führe als ein Freiherr.« Ich gedachte: Was will das werden? Du musst andere Worte
hervorsuchen als bisher, sonst möchte dich dieser Unmensch, so jetzt den Bauern
fein zu Hülf hat, erst kaput machen, sagte derohalben: »Wo ist sein Tag je
erhört worden, dass der Lehrjung das Handwerk besser verstehe als der
Lehrmeister? Bruder, hast du ein so edel glückselig Leben, wie du vorgibst, so
mache mich deiner Glückseligkeit alter Bekanntschaft wegen auch teilhaftig,
sintemal ich eines guten Glücks hoch vonnöten.« Darauf antwortete Olivier:
»Bruder, sei versichert, dass ich dich so hoch liebe als mich selber, und dass
mir die Beleidigung, so ich dir heut zugefüget, viel weher tut als die Kugel,
damit du mich an meine Stirn getroffen, als du dich meiner wie ein tapferer
rechtschaffener Kerl erwehrtest; warum wollt ich dir dann etwas versagen können?
Wann dirs beliebet, so bleib bei mir; ich will vor dich sorgen als vor mich
selber; hast du aber keine Lust, bei mir zu sein, so will ich dir ein gut
Stück Geld geben und begleiten, wohin du willt. Damit du aber glaubest, dass mir
diese Worte von Herzen gehen, so will ich dir die Ursache sagen, warum ich dich
so herzlich liebe und so hoch halte, wiewohl meine Gewohnheit sonst nicht ist,
einen Menschen gross zu achten. Du weisst dich zu erinnern, wie richtig der alte
Herzbruder mit seinen Prophezeiungen zugetroffen; schaue, derselbe hat mir vor
Magdeburg diese Worte geweissaget, die ich bishero fleissig im Gedächtnus
behalten: Olivier, siehe unsern Narrn an, wie du willt, so wird er dannoch durch
seine Tapferkeit dich erschröcken und dir den grössten Possen erweisen, der dir
dein Lebtag je geschehen wird, weil du ihn darzu verursachest in einer Zeit,
darin ihr beide einander nicht erkannt gehabt. Doch wird er dir nicht allein
dein Leben schenken, so in seinen Händen gestanden, sondern er wird auch über
eine Zeitlang hernach an dasjenige Ort kommen, da du erschlagen wirst; daselbst
wird er glückselig als ein Überwinder deinen Tod rächen. Dieser Weissagung
halber, liebster Simplici, bin ich bereit, mit dir das Herz im Leib zu teilen;
dann gleichwie schon ein Teil davon erfüllet, indem ich dir unbekannterweise
Ursache gegeben, dass du mich als ein tapferer Soldat vor den Kopf geschossen und
mir mein Schwerd genommen (das mir freilich noch keiner getan), mir auch das
Leben gelassen, da ich unter dir lag und gleichsam im Blut erstickte, also
zweifle ich nicht, dass das übrige von meinem Tod auch im wenigsten
fehlgeschlagen werde. Aus solcher Rache nun, liebster Bruder, muss ich schliessen,
dass du mein getreuer Freund seist oder noch werden wirst; dann dafern du es
nicht wärest, so würdest du solche Rache auch nicht über dich nehmen. Da hast du
nun die Concepta meines Herzens: jetzt sage mir auch, was du zu tun gesinnet
seist.« Ich gedachte: »Traue dir der Teufel, ich nicht! Nehme ich Geld von dir
auf den Weg, so möchtest du mich erst niedermachen; bleib ich dann bei dir, so
muss ich sorgen, ich dörfte mit dir gevierteilt werden.« Satzte mir demnach vor,
ich wollte ihm eine Nase drehen, bei ihm zu bleiben, bis ich mit Gelegenheit von
ihm kommen könnte; sagte derhalben, so er mich leiden möchte, wollte ich mich
ein Tag oder acht bei ihm aufhalten, zu sehen, ob ich solche Art zu leben
gewohnen könnte: gefiele mirs, so sollte er beides, einen getreuen Freund und
guten Soldaten, an mir haben; gefiele mirs nicht, so sei allezeit gut
voneinander scheiden. Darauf satzte er mir mit dem Trunk zu; ich getraute aber
auch nicht und stellete mich voll, eh ichs war, zu sehen, ob er vielleicht an
mich wollte, wann ich mich nicht mehr defendieren könnte.
    Indessen plagten mich die Müllerflöhe trefflich, deren ich eine ziemliche
Quantität von Breisach mit mir gebracht hatte; dann sie wollten sich in der
Wärme nicht mehr in meinen Lumpen behelfen, sondern spazierten heraus, sich auch
lustig zu machen. Dieses nahm Olivier an mir gewahr und fragte, ob ich Läuse
hätte. Ich sagte: »Ja freilich, mehr als ich mein Lebtag Dukaten zu bekommen
getraue.« - »So musst du nit reden!« sagte Olivier. »Wann du bei mir bleibest, so
kannst du noch wohl mehr Dukaten kriegen, als du jetzt Läuse hast.« Ich
antwortete: »Das ist so unmüglich, als ich jetzt meine Läuse abschaffen kann,
die mich so grausam quälen.« - »O ja,« sagte er, »es ist beides müglich!« und
befahl gleich dem Baur, mir ein Kleid zu holen, das unfern vom Haus in einem
hohlen Baum stak. Das war ein grauer Hut, ein Koller von Elend, ein Paar rote
scharlachne Hosen und ein grauer Rock; Strümpfe und Schuhe wollte er mir morgen
geben. Da ich solche Guttat von ihm sah, getraute ich ihm schon etwas Bessers
zu als zuvor und ging fröhlich schlafen.
 
                            Das siebzehnte Kapitel.
Simplex im Rauben andächtiger ist,
Als wann Olivier in der Kirch liest.
Am Morgen gegen Tag sagte Olivier: »Auf, Simplici! wir wollen in Gottes Namen
hinaus, zu sehen, was etwan zu bekommen sein möchte.« - »Ach Gott!« gedachte
ich, »soll ich dann nun in deinem hochheiligen Namen auf die Rauberei gehen? und
bin hiebevor, nachdem ich von meinem Einsiedel kam, nit so kühn gewesen, ohn
Erstaunen zuzuhören, wann einer zum andern sagte: Komm, Bruder, wir wollen in
Gottes Namen ein Mass Wein miteinander saufen!, weil ichs vor eine doppelte Sünde
hielt, wann einer in deinem Namen sich vollsöffe. O himmlischer Vatter, wie habe
ich mich verändert! O getreuer Gott, was wird endlich aus mir werden, wann ich
nicht wieder umkehre? Ach hemme meinen Lauf, der mich so richtig zur Hölle
bringt, da ich nicht aufhöre und Busse tue!« Mit dergleichen Worten und Gedanken
folgete ich Olivier in ein Dorf, darin keine lebendige Kreatur war; da stiegen
wir des fernen Aussehens halber auf den Kirchturn, und uns der heilige Ort
anstatt eines Raubschlosses zur Mördergruben dienen musste. Auf demselben hatte
er die Strümpfe und Schuhe verborgen, die er mir den Abend zuvor versprochen,
darneben zwei Laib Brad, etliche Stücke gesotten Dörrfleisch und ein Fässlein
halb voll Wein im Vorrat, mit welchem er sich allein gern acht Tag hätte
behelfen können. Indem ich nun meine Verehrung anzog, erzählete er mir, dass er
an diesem Ort pflege aufzupassen, wann er eine gute Beute zu holen gedächte,
deswegen er sich dann so wohl proviantieret mit dem Anhang, dass er noch etliche
solcher vorteilhaftiger Örter hätte, die mit Speis und Trank versehen wären,
damit, wann Bläsi an einem Ort nicht zu Haus wäre, er ihn am andern finden
könnte. Ich musste zwar seine Klugheit loben, gab ihm aber zu verstehen, dass es
doch nicht schön stünde, einen so heiligen Ort, der Gott gewidmet sei,
dergestalt zu beflecken. »Was,« sagte er, »beflecken? die Kirchen, da sie reden
könnten, würden gestehen, dass sie dasjenige, was ich in ihnen begehe, gegen
denen Lastern, so hiebevor in ihnen begangen worden, noch vor gar gering
aufnehmen müssten. Wie mancher und wie manche meinst du wohl, die sint Erbauung
dieser Kirche hereingetretten sein unter dem Schein, Gott zu dienen, da sie doch
nur herkommen, ihre neue Kleider, ihre schöne Gestalt, ihre Präminenz und sonst
so etwas sehen zu lassen? Da kommt einer zur Kirche wie ein Pfau und stellet
sich vor den Altar, als ob er den Heiligen die Füsse abbeten wollte; dort stehet
einer in einer Eck, zu seufzen wie der Zöllner im Tempel, welche Seufzer aber
nur zu seiner Liebsten gehen, in deren Angesicht er seine Augen weidet, um
derentwillen er sich auch eingestellet. Ein ander kommt vor, oder wanns wohl
gerät, in die Kirche mit einem Gebund Briefen, wie einer, der eine Brandsteur
sammlet, mehr seine Zinsleute zu mahnen als zu beten; hätte er aber nicht
gewusst, dass seine Debitores zur Kirche kommen müssten, so wäre er fein daheim
über seinen Registern sitzen blieben. Ja es geschieht zuzeiten, wann teils
Obrigkeiten einer Gemeinde im Dorf etwas anzudeuten hat, so muss es der Bote am
Sonntag bei der Kirche tun, daher sich mancher Baur vor der Kirche ärger als ein
armer Sünder vor dem Richtaus förchtet. Meinest du nicht, es werden auch von
denenjenigen in die Kirche begraben, die Schwert, Galgen, Feur und Rad verdienet
hätten? Mancher könnte seine Buhlerei nicht zu Ende bringen, da ihm die Kirche
nicht beförderlich wäre. Ist etwas zu verkaufen oder zu verleihen, so wird es an
teils Orten an die Kirchtür geschlagen. Wann mancher Wucherer die ganze Woche
keine Zeit nimmt, seiner Schinderei nachzusinnen, so sitzt er unter währendem
Gottesdienst in der Kirche, spindisieret und dichtet, wie der Judenspiess zu
führen sei. Da sitzen sie hier und dorten unter der Messe und Predigt,
miteinander zu diskurrieren, gerad als ob die Kirche nur zu dem Ende gebauet
wäre: da werden dann oft Sachen beratschlaget und beschlossen, deren man an
Privatörtern nicht gedenken dörfte. Teils sitzen dort und schlafen, als ob sie
es verdingt hätten. Etliche tun nichts anders als Leut ausrichten und sagen:
Ach, wie hat der Pfarrer diesen oder jenen so artlich in seiner Predigt
getroffen! Andere geben fleissig Achtung auf des Pfarrers Vorbringen, aber nicht
zu dem Ende, dass sie sich daraus bessern, sondern damit sie ihren Seelsorger,
wann er nur im geringsten anstösst (wie sie es verstehen), durchziehen und tadeln
möchten. Ich geschweige hier derjenigen Historien, so ich gelesen, was vor
Buhlschaften durch Kupplerei in den Kirchen hin und wieder ihren Anfang und Ende
genommen; so fället mir auch, was ich von dieser Materi noch zu reden hätte,
jetzt nicht alles ein. Dies musst du doch noch wissen, dass die Menschen nicht
allein in ihrem Leben die Kirchen mit Lastern beschmitzen, sondern auch nach
ihrem Tod dieselbe mit Eitelkeit und Torheit erfüllen. Sobald du in die Kirche
kommest, so wirst du an den Grabsteinen und Epitaphien sehen, wie diejenige noch
prangen, die doch die Würme schon längst gefressen. Siehest du dann in die Höhe,
so kommen dir mehr Schilde, Helme, Waffen, Degen, Fahnen, Stiefeln, Sporn und
dergleichen Dinge ins Gesicht als in mancher Rüstkammer, dass also kein Wunder,
dass sich die Bauern diesen Krieg über an etlichen Orten aus den Kirchen wie aus
Festungen um das Ihrige gewehret. Warum sollte mir nicht erlaubt sein, mir, sage
ich, als einem Soldaten, dass ich mein Handwerk in der Kirche treibe, da doch
hiebevor zween geistliche Vätter in einer Kirche nur des Vorsitzes halber ein
solch Blutbad angestellet, dass die Kirche mehr einem Schlachtaus der Metzger
als heiligen Ort gleichgesehen? Ich zwar liesse es noch unterwegen, wann man nur
den Gottesdienst zu verrichten herkäme, da ich doch ein Weltmensch bin; jene
aber als Geistliche respektieren doch die hohe Majestät des römischen Kaisers
nicht. Warum sollte mir verbotten sein, meine Nahrung vermittelst der Kirche zu
suchen, da sich doch sonst so viel Menschen von derselben ernähren? Ist es
billig, dass mancher Reicher um ein Stück Geld in die Kirche begraben wird, seine
und seiner Freundschaft Hoffart zu bezeugen, und dass hingegen der Arme, der doch
so wohl ein Christ als jener, ja vielleicht ein frömmer Mensch gewesen, so
nichts zu geben hat, ausserhalb in einem Winkel verscharret werden muss? Es ist
ein Ding, wie man es machet. Wann ich hätte gewusst, dass du Bedenken trügest, in
der Kirche aufzupassen, so hätte ich mich bedacht, dir anderst zu antworten;
indessen nimm eine Weile mit diesem vorlieb, bis ich dich einmal eines andern
berede.«
    Ich hätte dem Olivier gern geantwortet, dass solches auch liederliche Leute
wären, sowohl als er, welche die Kirchen verunehren, und dass dieselbige ihren
Lohn schon drum finden würden. Weil ich ihm aber ohnedas nicht trauete und
ungern noch einmal mit ihm um mein Leben gefochten und gestritten hätte, liess
ich ihn recht haben. Hernacher begehrte er, ich wollte ihm erzählen, wie mirs
ergangen, sint wir vor Wittstock voneinander kommen, und dann warum ich
Narrnkleider angehabt, als ich im magdeburgischen Läger angelanget? Weil ich
aber wegen Halsschmerzen gar zu unlustig, entschuldigte ich mich mit Bitte, er
wollte mir doch zuvor seinen Lebenslauf erzählen, der vielleicht possierliche
Schnitzer genug in sich hielte, und solches hiesse mich Gott reden, dann er war
dessen willig und erzählte mir solche Sachen, daraus ich wohl urteilen konnte,
dass, wofern ich ihme gesagt, was ich alles angestellet, seit ich ein Soldat
gewesen, dass er mich ohne Zweifel über den Kirchturn herabgeworfen hätte, massen
der Leser aus nachfolgenden Kapiteln vernehmen wird.
 
                            Das achtzehnte Kapitel.
Simplex hört von dem Olivier an,
Was er als ein Jung in der Schul getan.
»Mein Vatter«, sagte Olivier, »ist unweit der Stadt Aach von geringen Leuten
geboren worden, derowegen er dann bei einem reichen Kaufmann, der mit dem
Kupfer-Handel schacherte, in seiner Jugend dienen musste. Bei demselben hielt er
sich so fein, dass er ihn schreiben, lesen und rechnen lernen liess und ihn über
seinen ganzen Handel satzte, wie eherzeiten Potiphar den Joseph über alle
Hausgeschäfte. Dies schlug auch beiden Teilen wohl zu, dann der Kaufmann ward
wegen meines Vatters Fleiss und Vorsichtigkeit je länger je reicher, mein Vatter
selbst aber der guten Tage halber je länger je stölzer, so gar, dass er sich auch
seiner Eltern schämete und solche verachtete, das sie oft vergeblich beklagten.
Wie nun mein Vatter das 25. Jahr seines Alters erreichte, starb der Kaufmann und
verliess seine alte Witwe samt deren einzigen Tochter, die kürzlich in eine
Pfanne getretten und ihr von einem Gadenhengst ein Junges zweigen lassen;
selbiges aber folgte seinem Grossvatter am Totenreihen bald nach. Da nun mein
Vatter sah, dass die Tochter vatter- und kinder-, aber nicht geldlos worden,
achtete er nicht, dass sie keinen Kranz mehr tragen dorfte, sondern erwug ihren
Reichtum und machte sich bei ihr zutäppisch, so ihre Mutter gern zuliess, nit
allein damit ihre Tochter wieder zu Ehren käme, sondern weil mein Vatter um den
ganzen Handel alle Wissenschaft hatte, zumalen auch sonst mit dem Judenspiess
trefflich fechten konnte. Also ward mein Vatter durch solche Heurat unversehens
ein reicher Kaufmann, ich aber sein erster Erbe, den er wegen seines überflusses
zärtlich aufziehen liess. Ich ward in Kleidungen gehalten wie ein Edelmann, in
Essen wie ein Freiherr und in der übrigen Wartung wie ein Graf, welches ich
alles mehr dem Kupfer und Galmei als dem Silber und Gold zu danken.
    Eh ich das siebende Jahr völlig überlebte, erzeigte sich schon, was aus mir
werden wollte, dann was zur Nessel werden soll, brennt beizeiten. Kein
Schelmstücke und Buberei war mir zuviel, und wo ich einem konnte einen Possen
reissen, unterliess ichs nicht, dann mich weder Vatter noch Mutter hierum strafte.
Ich terminierte mit ältern als meinesgleichen bösen Buben durch dünn und dick
auf der Gasse herum und hatte schon das Herz, mit stärkern, als ich war,
herumzuschlagen; kriegte ich dann Stösse, so sagten meine Eltern: Was ist das?
soll so ein grosser Flegel sich mit einem Kind schlagen? überwand dann ich (massen
ich kratzte, biss und warf), so sagten sie: Unser Olivierchen wird ein braver
Kerl werden! Davon wuchs mir der Mut gewaltig. Zum Beten war ich noch zu klein,
wann ich aber fluchte wie ein Fuhrmann, so hiess, ich verstünde es nicht. Also
ward ich immer ärger, bis man mich zur Schule schickte. Was dann andere böse
Buben aus Bosheit ersannen und aus Furcht der Schläg nicht praktizieren dorften,
das satzte ich ins Werk. Wann ich meine Bücher verkletterte oder zerriss, so
schaffte mir die Mutter wieder andere, damit mein geiziger Vatter sich nicht
erzörnte; stiftete ich aber gröbere Stücklein an, als wann ich etwan den Leuten
die Fenster auswarf (dann solches war mir auch nicht zuviel), so wusste ich mich
so kläglich zu entschuldigen, dass mir mein Vatter abermal nichts tun könnte.
Meinem Schulmeister tät ich grossen Dampf an, dann er dorfte mich nicht hart
halten, weil er ziemliche Verehrungen von meinen Eltern bekam, als deren
unziemliche Affenliebe gegen mir ihm wohl bekannt war. Im Sommer fieng ich
Feldgrillen und satzte sie fein heimlich in die Schule, die uns ein lieblich
Gesang machten; im Winter aber stahl ich Nieswurz und stäubte sie an den Ort, da
man die Knaben zu kastigieren pflegte. Wann sich dann etwan ein Halsstarriger
wehrte, wie oft geschahe, so stob mein Pulver herum und machte mir eine
angenehme Kurzweile, weil alles niessen musste. Ich kochte einsmals zwei Muser in
einer Pfannen, und solches ging mir gar glücklich vonstatten; als ich nämlich
gern dem Schulmeister einen Possen gerissen und mich auch gern gleich an einem,
der mir meine Schlüsselbichsen verraten, gerochen hätte. Er höre nur, wie ichs
so schlau angriffe. Ich nahme eine gefrorne Morchel, wie sie die Bauern hinter
die Zäune legen; mit derselben machte ich mich zeitlich in die Schul und nähete
sie dem Schulmeister in sein Stuhlküssen, welches ich zu solchem Ende
aufgetrennet hatte. Die Nadel aber samt einem Stück grünen Zwirn, so sie noch im
Ähr hatte, steckte ich meinem Feind unter seinen Mantelkragen, da wir beim
Stubenofen stunden und uns wärmeten, also dass man den Faden herunterhängen sah.
Wie nun der Schulmeister mein Rauchwerk besasse, erwärmte und bewegte, fieng es
an, so grausam zu stinken, dass kein Mensch schier mehr bei ihm bleiben konnte.
Das gab nun einen artlichen Spass, dann da musste je einer den andern vorm Hintern
schmecken wie bei Zusammenkunft der Hunde; zuletzt fand man den Senf an dem Ort,
wohin ich ihn logiert hatte. Der Schulmeister sah am grünen Faden wohl, dass er
erst hinein genähet worden, zumaln auch an der Arbeit, dass es kein Schneider
getan. Indem sich nun jeder entschuldiget, dass ers nicht getan hätte, liesse der
Schulmeister visitieren, bei welchem man eine Nadel fände. Deren trafe man zwar
etliche unter den Knaben an, solche hatten aber alle weissen Zwirn in sich, also
dass der Schulmeister keinem von solchen ans Leder kommen konnte. Da nun alle
vermeinten, die Gefahr wäre vorüber, sahen die Knaben erst den grünen Faden
unter meines Feindes Mantelkragen herfürgucken; das wurde gleich angezeigt und
darauf der Unschuldige, als genugsam überzeugt, erbärmlich herumgeschwungen,
dessen ich in die Faust hineinlachte. Hernach dünkte ich mich viel zu gut sein,
nur so gemeine Schelmstücke anzustellen, sondern all mein Tun ging auf obigen
Schlag. Ich stahl oft dem einen etwas und steckte es einem andern in Sack, dem
ich gern Stösse angerichtet; und mit solchen Griffen konnte ich so behutsam
umgehen, dass ich fast niemals darüber ertappt ward. Von den Kriegen, die wir
damals geführet, bei denen ich gemeiniglich ein Obrister gewesen, item von den
Stössen, die ich oft bekommen (dann ich hatte stets ein zerkratzt Gesicht und den
Kopf voll Beulen), mag ich jetzt nichts sagen; es weiss ja jedermann ohnedas
wohl, was die Buben oft anstellen. So kannst du auch an oberzählten Stücken
leicht abnehmen, wie ich mich sonst in meiner Jugend angelassen.«
 
                            Das neunzehnte Kapitel.
Simplex hört an des Oliviers Taten,
Was er zu Lüttich gestiftet vor Schaden.
»Weilen sich meines Vatters Reichtum täglich mehrete, als bekam er auch desto
mehr Schmarotzer und Fuchsschwänzer, die meinen guten Kopf zum Studieren
trefflich lobten, sonsten aber alle meine Untugenden verschwiegen oder aufs
wenigste zu entschuldigen wussten, dann sie spürten wohl, dass derjenige, so
solches nicht tät, weder bei Vatter noch Mutter wohl dran sein könnte. Derowegen
hatten meine Eltern eine grössere Freude über ihren Sohn als die Grasmücke, die
einen Guguck aufzeucht. Sie dingten mir einen eigenen Präceptorem und schickten
mich mit demselben nach Lüttich, mehr dass ich dort Welsch lernen als studieren
sollte, weilen sie keinen Teologum, sondern einen Handelsmann aus mir ziehen
wollten. Dieser hatte Befelch, mich beileib nicht streng zu halten, dass ich kein
forchtsam knechtisch Gemüt überkäme. Er sollte mich fein unter die Bursch
lassen, damit ich nicht leutscheu würde, und gedenken, dass sie keinen Mönch,
sondern einen Weltmann aus mir machen wollten, der wissen müsse, was schwarz
oder weiss sei.
    Ermeldter mein Präceptor aber war dieser Instruktion unbedürftig, sondern
von sich selber auf alle Büberei geneigt; was hätte er mir dann solche
verbieten oder mich um meine geringe Fehler hart halten sollen, da er selbst
gröbere begieng? Aufs Buhlen und Saufen war er am meisten geneigt, ich aber von
Natur aufs Balgen und Schlagen; daher ging ich schon bei Nacht mit ihm und
seinesgleichen gassatim und lernete ihm in Kürze mehr Untugenden ab als Latein.
Soviel das Studieren anbelanget, verliess ich mich auf mein gut Gedächtnüs und
scharfen Verstand und war deswegen desto fahrlässiger, im übrigen aber in allen
Lastern, Bubenstücken und Mutwillen ersoffen; mein Gewissen war bereits so weit,
dass ein grosser Heuwagen hindurch hätte fahren mögen. Ich fragte nichts darnach,
wann ich in der Kirche unter der Predigt den Bernium, Burchiellum oder den
Aretinum lase, und hörete nichts Liebers vom ganzen Gottesdienst, als wann man
sagete: Ite, missa est. Darneben dünkte ich mich keine Sau zu sein, sondern
hielt mich recht stutzerisch. Alle Tage war mirs Martinsabend oder Fassnacht; und
weil ich mich dergestalt hielte wie ein gemachter Herr und nicht nur das, so
mein Vatter zur Notdurft reichlich schickte, sondern auch meiner Mutter fette
Milchpfennige tapfer durchgehen liesse, lockte uns auch das Frauenzimmer an sich,
sonderlich meinen Präceptorem. Bei diesen Schleppsäcken lernete ich leffeln,
buhlen und spielen; hadern, balgen und schlagen konnte ich zuvor, und mein
Präceptor wehrte mir das Fressen und Saufen auch nicht, weil er selber gern
mitmachte und mit mir schmarotzen musste. In solchem edlen freien Studentenleben
behenkten wir uns mit mehr Huren als die Jakobsbrüder mit Muscheln, wiewohl ich
noch ziemlich jung war. Es währete dieses herrliche Leben andertalb Jahr, eh es
mein Vatter erfuhr, welches ihn sein Faktor zu Lüttich, bei dem wir auch anfangs
zu Kost giengen, berichtet. Der bekam hingegen Befelch, auf uns genauer Achtung
zu geben, den Präceptorn abzuschaffen, mir den Zügel fürterhin nicht mehr so
lang zu lassen und mich ferner mit Geldgeben genauer zu halten. Solches verdross
uns alle beide, und obschon er, Präceptor, geurlaubt ward, so staken wir jedoch
ein als den andern Weg Tag und Nacht beieinander. Demnach wir aber nicht mehr
wie hiebevor spendieren konnten, geselleten wir uns zu einer Bursch, die den
Leuten des Nachts auf der Gasse die Mäntel abzwacken oder sie gar in der Maas
ersäuften. Was wir dann solchergestalt mit höchster Gefahr eroberten,
verschlemmeten wir mit unsern Huren und liessen das Studieren beinahe ganz
unterwegen.
    Als wir nun einsmals unsrer Gewohnheit nach bei der Nacht herumschlingelten,
den Studenten ihre Mäntel hinwegzuvulpinieren, wurden wir überwunden, mein
Präceptor erstochen und ich neben andern fünfen, die rechte Spitzbuben waren,
ertappt und eingezogen. Als wir nun den folgenden Tag examiniert wurden und ich
meines Vatters Faktor nannte, der ein ansehnlicher Mann war, ward derselbe
beschickt, meinetwegen befragt und [ich] auf seine Verbürgung losgelassen; doch
dass ich bis auf weitern Bescheid in seinem Haus im Arrest verbleiben sollte.
Indessen ward mein Präceptor begraben, jene fünf als Spitzbuben, Räuber und
Mörder gestraft, mein Vatter aber berichtet, wie mein Handel stünde. Der kam
eiligst selbst auf Lüttich, richtete meine Sache mit Geld aus, hielt mir eine
scharfe Predigt und verwiese mir, was ich ihm vor Kreuz, Herzeleid und Unglück
machte, item dass sich meine Mutter stelle, als ob sie wegen meines
Übelverhaltens verzweifeln wollte, bedrohete mich auch, dafern ich mich nicht
bessere, dass er mich enterben und vorn Teufel hinwegjagen wollte. Ich versprach
Besserung und ritte mit ihm nach Haus; und also hat mein Studieren ein Ende
genommen.«
 
                            Das zwanzigste Kapitel.
Simplex hört, wie der Olivier wird
Im Krieg befördert nach seiner Begierd.
»Da mich mein Vatter heimbrachte, befand er, dass ich in Grund verderbt wäre. Ich
war kein ehrbarer Domine worden, als er wohl gehofft hatte, sondern ein
Disputierer und Schnarcher, der sich einbildete, er verstehe trefflich viel und
sei superklug! Ich war kaum ein wenig daheim erwarmet, als er zu mir sagte:
Höre, Olivier, ich sehe deine Eselsohren je länger je mehr herfürreichen; du
bist eine unnütze Last der Erden, ein Schlingel, der nirgends zu mehr taug! Ein
Handwerk zu lernen, bist du zu gross; einem Herrn zu dienen, bist du zu
flegelhaftig, und meine Hantierung zu begreifen und zu treiben, bist du nichts
nutz. Ach, was habe ich doch mit meinem grossen Kosten, den ich an dich gewendet,
ausgericht? Ich habe gehofft, Freude an dir zu erleben und dich zum Mann zu
wachen; so habe ich dich hingegen jetzt aus des Henkers Händen kaufen müssen,
und nun sehe ich mit höchster Betrübnus dich vor meinen Augen herumbgehen,
faulenzen, als wann du zu keinem andern End da wärest, als mir mein Kreuz grösser
zu machen. Pfui der Schande! Das beste wird es sein, dass ich dich in eine
Kelmüssmühl tue und Miseriam cum aceto schmelzen lasse, bis dir ohndas ein besser
Glück aufstösst, wann du dein übel Verhalten abgebüsst haben würdest.
    Solche und dergleichen Lectiones musste ich täglich hören, bis ich zuletzt
auch ungedultig ward und zu meinem Vatter sagte, ich wäre an allem nicht
schuldig, sondern er und mein Präceptor, der mich verführet hätte; dass er keine
Freude an mir erlebe, wäre billig, sintemal seine Eltern sich auch seiner nicht
zu erfreuen, als die er gleichsam im Bettel verhungern lasse. Er aber ertappte
einen Prügel und wollte mir um meine Wahrsagung lohnen, hoch und teuer sich
verschwörend, er wollte mich nach Amsterdam ins Zuchtaus tun. Da ging ich
durch und verfügte mich selbige Nacht auf seinen unlängst erkauften Meierhof,
sah meinen Vortel aus und ritte seinem Meyer den besten Hengst, den er im Stall
hatte, auf Köln zu.
    Denselben versilberte ich und kam abermal in eine Gesellschaft der
leichtfertigsten Schelmen, Spitzbuben und Diebe, wie ich zu Lüttich eine
verlassen hatte. Diese erkannten mich gleich am Spielen und ich sie hinwieder,
weil wirs beiderseits so wohl konnten. Ich verfügte mich gleich in ihre Zunft
und half bei Nacht einfahren, wo ich zukommen möchte. Demnach aber kurz hernach
einer aus uns ertappt ward, als er einer vornehmen Frau auf dem Alten Markt
ihren schweren Beutel toll machen wollte, zumal ich ihn einen halben Tag mit
einem eisern Halskragen am Pranger stehen, ihm auch ein Ohr abschneiden und mit
Ruten aushauen sah, erleidet mir das Handwerk, liess mich derowegen vor einen
Soldaten unterhalten, weil eben damals unser Obrister, bei dem wir vor Magdeburg
gewesen, sein Regiment zu verstärken, Knechte annahm. Indessen hatte mein Vatter
erfahren, wo ich hinkommen, schrieb derhalben seinem Faktor zu, dass er mich auf
das genaueste auskündigen sollte. Dies geschahe eben, als ich bereits Geld auf
die Hand empfangen hatte; der Faktor berichtete solches meinem Vatter wieder,
der befahl, er sollte mich wieder ledig kaufen, es koste auch, was es wolle. Da
ich solches hörete, förchtete ich das Zuchtaus und wollte einmal nicht ledig
sein. Hierdurch vernahm mein Obrister, dass ich eines reichen Kaufherrn Sohn
wäre, spannete derhalben den Bogen gar zu hoch, dass mich also mein Vatter liesse,
wie ich war, der Meinung, mich im Krieg eine Weile zappeln zu lassen, ob ich
mich vielleicht bessern möchte.
    Nachgehends stund es nicht lang an, dass meinem Obristen sein Schreiber mit
Tod abgieng, an dessen Statt er mich zu sich nahm, massen du mich in solchem
Stand bei ihme angetroffen. Damal fieng ich an, hohe Gedanken zu machen, der
Hoffnung, von einer Staffel zur andern höher zu steigen und endlich gar zu einem
General zu werden. Ich lernete von unserm Sekretario, wie ich mich halten
sollte, und mein Vorsatz, gross zu werden, verursachete, dass ich mich ehrbar und
reputierlich einstellete und nicht mehr wie hiebevor meiner Art nach mich mit
Lumpenpossen, Buben und Bärnhäutern schleppete. Es wollte aber gleichwohl nicht
hotten, bis unser Sekretarius starb; da gedachte ich: Du musst sehen, dass du
dessen Stelle bekommst. Ich schmierte und spendierte, wo ich konnte; dann als
meine Mutter erfuhr, dass ich anfienge, gutzutun, schickte sie mir noch immer
Geld. Diese Mutterpfennige wandte ich überall an, wo ich vermeinte, dass es etwas
fruchten möchte. Weil aber der junge Herzbruder meinem Obristen gar ins Hemd
gebacken war und mir vorgezogen ward, trachtete ich, ihn aus dem Weg zu räumen,
vornehmlich da ich inward, dass der Obrister gänzlich gewillet, ihm die
Sekretariatstelle zu geben. In Verzögerung solcher meiner Beförderung, die ich
so heftig suchte, ward ich so ungedultig, dass ich mich von unserm Profos so fest
als Stahl machen liess des Willens, mit dem Herzbruder zu duellisieren und ihn
durch die Klinge hinzurichten. Aber ich konnte niemals mit Manier an ihn kommen.
So wehrete mir auch unser Profos mein Vorhaben und sagte: Wanngleich du ihn
aufopferst, so wird es dir doch mehr schäd- als nützlich sein, weil du des
Obristen liebsten Diener würdest ermordet haben; gab mir aber den Rat, dass ich
etwas in Gegenwart des Herzbruders stehlen und ihm solches zustellen sollte, so
wollte er schon zuwege bringen, dass er des Obristen Gnade verliere. Ich folgte,
nahm bei des Obristen Kindtauf seinen übergöldten Becher und gab ihn dem Profos,
mit welchem er dann den jungen Herzbruder abgeschafft hat, als du dich dessen
noch wohl wirst zu erinnern wissen, als er dir in des Obristen grossen Zelt die
Kleider auch voll junger Hündlein gaukelte.«
 
                         Das einundzwanzigste Kapitel.
Simplex hört aus des Oliviers Mund,
Was ihm Herzbruder zuvor gemacht kund.
Es ward mir grün und gelb vor den Augen, als ich aus Olivier eigenem Maul hören
musste, wie er mit meinem allerwertesten Freund umgangen, und gleichwohl keine
Rache vornehmen dorfte. Ich musste noch darzu mein Anliegen verbeissen, damit ers
nicht merkte, sagte derowegen, er sollte mir auch erzählen, wie es ihm nach der
Schlacht vor Wittstock, sintemal mir sein Lebenslauf bis dahin wohlbekannt,
ferner ergangen wäre.
    »In demselben Treffen,« sagte Olivier, »hielt ich mich nicht wie ein
Federspitzer, der nur auf das Tintenfass bestellt ist, sondern wie ein
rechtschaffener Soldat, dann ich war wohlberitten und so fest als Eisen, zumal
in keine Squadron eingeschlossen, liess derhalben meinen Valor sehen als einer,
der durch den Degen hochzukommen oder zu sterben gedenket. Ich vagierte um
unsere Brigade herum wie ein Windsbraut, mich zu exerzieren und den Unsern zu
weisen, dass ich besser zu den Waffen als zu der Feder tauge. Aber es half
nichts: das Glück der Schweden überwand, und ich musste der Unsern
Unglückseligkeit teilhaftig werden, allermassen ich Quartier nehmen musste,
wiewohl ich es kurz zuvor keinem geben wollte.
    Also ward ich nun wie andere Gefangene unter ein Regiment zu Fuss gestossen,
welches, sich wieder zu erholen, in Pommern gelegt ward; und demnach es viel
neugeworbene Bursche gab, ich aber eine treffliche Courage verspüren liess, ward
ich gleich befördert und zum Korporal gemacht. Aber ich gedachte, da nicht lang
Mist zu machen, sondern bald wieder unter die Kaiserlichen zu kommen, als deren
Partei ich besser affektionieret war, da ich doch ohn Zweifel bei den Schweden
bessere Beförderung gefunden hätte. Mein Ausreissen satzte ich folgendergestalt
ins Werk. Ich ward mit sieben Musketierern ausgeschickt, in unsern abgelegenen
Quartieren die ausständige Kontribution durch militarische Exekution zu
erpressen. Als ich nun über 800 Gülden zuwegen gebracht, zeigte ich meinen
Burschen das Geld und machte ihre Augen nach demselben lüsterend, also dass wir
des Handels miteinander einig wurden, solches unter uns zu teilen und damit
durchzugehen. Als solches geschehen, persuadierte ich ihrer drei, dass sie mir
halfen, die andere vier totschiessen, und nach solcher Verrichtung teilten wir
das Geld, nämlich jedem 200 Gülden. Damit marschierten wir gegen Westfalen.
Unterwegs überredete ich noch einen aus denselben dreien, dass er auch die zween
übrige niederschiessen half, und als wir das Geld abermal miteinander teilen
sollten, erwürgte ich den letzten auch und kam mit dem Geld glücklich nach
Werle, allwo ich mich unterhalten liess und mit diesem Geld ziemlich lustig
machte.
    Als solches auf die Neige ging und ich ein als den andern Weg gern Tag und
Nacht bankettiert hätte, zumaln viel von einem jungen Soldaten in Soest hört
rühmen, was treffliche Beuten und grossen Namen er ihm mit Parteigehen machte,
ward ich angefrischt, ihm nachzufolgen. Man nannte ihn wegen seiner grünen
Kleidung den Jäger, derhalben ich auch eins machen liess und stahl auf ihn in
seinen und unsern eignen Quartieren mit Verübung sonst allerhand Exorbitantien
dermassen, dass uns beiden das Parteigehen niedergelegt werden wollte. Jener zwar
blieb daheim, ich aber mausete noch immerfort in seinem Namen, soviel ich
konnte, also dass besagter Jäger um solcher Ursache willen mich auch herausfodern
liess; aber der Teufel hätte mit ihm fechten mögen, den er auch, wie mir gesagt
ward, in Haaren sitzen hatte; er würde mir meine Festigkeit schön aufgetan
haben.
    Doch konnte ich seiner List nicht entgehen; dann er praktizierte mich mit
Hülfe und Beistand seines Knechts in eine Schäferei samt meinem Kameraden, und
wollte mich zwingen, ich sollte daselbst beim Mondenschein in Gegenwart zweier
leibhafter Teufel, die er als Sekundanten bei sich hatte, mit ihm raufen. Weil
ichs aber nicht tun wollte, zwangen sie mich zu der spöttlichsten Sache von der
Welt, so mein Kamerad unter die Leute brachte, davon ich mich dergestalt
schämte, dass ich von dort hinweg auf Lippstadt lief und bei den Hessen Dienst
annahm; verblieb aber auch daselbst nicht lang, weil man mir nicht trauete,
sondern trabete fürters in holländische Dienste, allwo ich zwar richtigere
Bezahlung, aber einen langweiligen Krieg vor meinen Humor fand; dann da wurden
wir eingehalten wie die Mönche und sollten züchtiger leben als die Nonnen.
    Weil ich mich dann nun weder unter Kaiserlich-, Schwedisch- noch Hessischen
nicht mehr dorfte sehen lassen, ich hätte mich dann mutwillig in Gefahr geben
wollen, in der freien Luft arrestiert zu werden, indem ich bei allen dreien
ausgerissen, zumal unter den Holländern nicht länger zu bleiben hatte, weil ich
ein Mägdlein mit Gewalt entunehrt hatte, welches allem Ansehen nach in Bälde
seinen Ausbruch nehmen würde, gedachte ich, meine Zuflucht bei den Spanischen zu
haben, der Hoffnung, von denselben heimzugehen und zu sehen, was meine Eltern
machten. Aber als ich solches ins Werk zu setzen ausgieng, ward mir der Kompass
so verruckt, dass ich unversehens unter die Bayrische geriet. Mit denselben
marschierte ich unter den Merodebrüdern aus Westfalen bis ins Brissgäu und
ernährte mich mit Spielen und Stehlen. Hatte ich etwas, so lag ich bei Tags
damit auf dem Spielplatz und bei Nacht bei den Marketentern; hatte ich aber
nichts, so stahl ich hinweg, was ich kriegen konnte. Ich stahl oft auf einen Tag
zwei oder drei Pferde, beides, von der Waid und aus den Quartieren, verkaufte
und verspielte hinwieder, was ich löste, und minierte alsdann bei Nacht den
Leuten in die Zelten und zwackte ihnen ihr Bestes unter den Köpfen herfür. War
es aber auf dem Marsch, so hatte ich an den engen Pässen ein wachtsames Auge auf
die Felleisen, so die Weiber hinter sich führeten; die schnitte ich ab und
brachte mich also durch, bis das Treffen vor Wittenweier vorübergieng, in
welchem ich gefangen, abermal unter ein Regiment zu Fuss gestossen und also zu
einem weimarischen Soldaten gemacht ward. Es wollte mir aber im Läger vor
Breisach nicht gefallen; darum quittierte ichs auch beizeiten und ging davon,
vor mich selbst zu kriegen, wie du dann siehest, dass ich tue. Und sei
versichert, Bruder, dass ich seitero manchen stolzen Kerl niedergelegt und ein
herrlich Stück Geld prosperieret habe, gedenke auch nicht aufzuhören, bis dass
ich sehe, dass ich nichts mehr bekommen kann. Jetzund nun wird es an dir sein,
dass du mir auch deinen Lebenslauf erzählest.«
 
                         Das zweiundzwanzigste Kapitel.
Simplex hört, was es sei, und klar versteht,
Wanns einem katzen- und hundsübel geht.
Als Olivier seinen Diskurs dergestalt vollführete, konnte ich mich nicht gnugsam
über die göttliche Vorsehung verwundern. Ich konnte greifen, wie mich der liebe
Gott hiebevor in Westfalen vor diesem Unmenschen nicht allein vätterlich
bewahret, sondern noch darzu versehen hatte, dass er sich vor mir entsetzt.
Damals sah ich erst, was ich dem Olivier vor einen Possen erwiesen, davon ihm
der alte Herzbruder prophezeiet, welches er, Olivier, aber selbst, wie hiervon
im 16. Kapitel zu sehen, zu meinem grossen Vortel anders ausgeleget. Dann sollte
diese Bestia gewusst haben, dass ich der Jäger von Soest gewesen wäre, so hätte er
mir gewisslich wieder eingetränkt, was ich ihm hiebevor auf der Schäferei getan.
Ich betrachtete auch, wie weislich und obskur Herzbruder seine Weissagungen
geben, und gedachte bei mir selber, obzwar seine Wahrsagungen gemeinlich
unfehlbar einzutreffen pflegten, dass es dannoch schwer fallen würde und seltsam
hergehen müsste, da ich eines solchen Tod, der Galgen und Rad verdient hätte und
seines leichtfertigen Sinnes halber nicht wert sei, dass er den Erdboden
betrette, rächen sollte. Ich befand auch, dass mirs trefflich gesund gewesen, dass
ich ihm meinen. Lebenslauf nicht zuerst erzählt; dann mit der Weise hätte ich
ihm ja selber gesagt, womit ich ihn hiebevor beleidiget; schlosse auch hieraus,
dass mir der liebe Gott noch wohlwollte und fieng an zu hoffen, dass er mich
wieder mit Glück und guten Ehren von ihme bringen werde. Indem ich nun solche
Gedanken machte, ward ich in Oliviers Angesicht etlicher Ritze gewahr, die er
vor Magdeburg noch nicht gehabt, bildete mir derhalben ein, dieselbe Narben sein
noch die Wahrzeichen des Springinsfeld, als er ihm hiebevor in Gestalt eines
Teufels das Angesicht so zerkratzte; fragte ihn derhalben, woher ihm solche
Zeichen kämen, mit dem Anhang, ob er mir gleichwohl seinen ganzen Lebenslauf
erzähle, bass ich jedoch unschwer abnehmen müsse, er verschweige mir das beste
Teil, weil er mir noch nicht gesagt, wer ihn so gezeichnet hätte. »Ach Bruder,«
antwortete er, »wann ich dir alle meine Bubenstücke und Schelmerei erzählen
sollte, so würde beides, mir und dir, die Zeit zu lang werden. Damit du aber
gleichwohl sehest, dass ich dir von meinen Begegnussen nichts verhehle, so will
ich dir hievon auch die Wahrheit sagen, obschon es scheinet, als gereiche es mir
zum Spott.
    Ich glaube gänzlich, dass ich von Mutterleib an zu einem gezeichneten
Angesicht prädestinieret gewesen sei: dann gleich in meiner Jugend ward ich von
meinesgleichen Schülerjungen so zerkratzt, wann ich mit ihnen ropfte. So hielt
mich auch einer von denen Teufeln, die dem Jäger von Soest aufwarteten, überaus
hart, massen man seine Klauen wohl sechs Wochen in meinem Gesicht spürete; aber
solches heilete ich wieder alles sauber hinweg. Die Striemen aber, die du jetzt
noch in meinem Angesicht siehest, haben einen andern und zwar diesen Ursprung:
Als ich noch unter den Schweden in Pommern in dem Quartier lag und eine schöne
Matresse hatte, musste mein Wirt aus seinem Bette weichen und uns hineinliegen
lassen. Seine Katze, die auch alle Abend in demselbigen Bette zu schlafen
gewohnt war, kam alle Nacht und machte uns grosse Ungelegenheit, indem sie ihre
ordentliche Liegerstatt nit so schlechtlich entbehren wollte, wie ihr Herr und
Frau getan. Solches verdross meine Matresse (die ohndas keine Katze leiden
konnte) so sehr, dass sie sich hoch verschwur, sie wollte mir in keinem Fall mehr
Liebes erweisen, bis ich ihr zuvor die Katze hätte abgeschafft. Wollte ich nun
ihrer Freundlichkeit länger geniessen, so gedachte ich, ihr nicht allein zu
willfahren, sondern mich auch dergestalt an der Katze zu rächen, dass ich auch
eine Lust daran haben möchte, steckte sie derhalben nicht ohne grosse Mühe in
einen Sack, nahm meines Wirts beide starke Bauernhunde (die den Katzen ohndas
ziemlich grämisch, bei mir aber wohlgewohnt waren) mit mir und die Katze im Sack
auf eine breite lustige Wiese und gedachte, da meinen Spass und lustige Kurzweil
zu haben; dann ich vermeinte, weil kein Baum in der Nähe war, auf den sich die
Katze retirieren konnte, würden sie die Hunde eine Weile auf der Ebne hin und
wieder jagen, wie einen Hasen raumen und mir eine treffliche Kurzweile
anrichten. Aber potz Stern! es ging mir nit allein hundsübel, wie man zu sagen
pfleget, sondern auch katzenübel (welches Übel wenig erfahren haben werden, dann
man hätte sonst ohn Zweifel vorlängsten auch ein Sprüchwort daraus gemacht),
massen die Katze, sobald ich den Sack auftäte, nur ein weites Feld und auf
demselbigen ihre zwei starke Feinde und nichts Hohes vor ihr sah, dahin sie
ihre Zuflucht hätte nehmen können. Derowegen wollte sie sich nicht so
schlechtlich in die Niedere begeben und ihr das Fell zerreissen lassen, sondern
sie begab sich auf meinen eigenen Kopf, weil sie keinen höhern Ort wusste; und
als ich ihr wehrte, fiel mir der Hut herunter. Je mehr ich sie nun
herunterzuzerren trachtete, je fester schlug sie ihre Nägel ein, sich zu halten.
Solch unserm Gefecht konnten beide gierige und ohnedas zum Katzenkrieg
abgerichtete Hunde nicht lang zusehen, sondern mengten sich mit ins Spiel; sie
sprangen mit offenem Rachen hinden, vorne und zur Seite nach der Katze, die sich
aber gleichwohl von meinem Kopf nicht hinwegbegeben wollte, sondern sich beides,
sowohl in meinem Angesicht als sonsten auf dem Kopf, mit Einschlagung ihrer
Klauen hielt, so gut sie konnte. Tät sie aber mit ihrem Dornhandschuh ein
Fehlstreich nach den Hunden, so traf mich derselbe gewiss. Weil sie aber auch
bisweilen die Hunde auf die Nase schlug, beflissen sich dieselbige, sie mit
ihren Talpen herunterzubringen, und gaben mir damit manchen unfreundlichen Griff
ins Gesicht. Wann ich aber selbst mit beiden Händen nach der Katze tastete, sie
herabzureissen, biss und kratzte sie nach ihrem besten Vermügen. Also ward ich
beides, von den Hunden und von der Katze, zugleich bekriegt, zerkratzt und
dergestalt schröcklich zugerichtet, dass ich schwerlich einem Menschen mehr
gleichsah; und was das allerschlimmste war, musste ich noch darzu in der Gefahr
stehen, wann sie so nach der Katze schnappten, es möchte mir etwan einer
ungefähr die Nase oder ein Ohr erwischen und ganz hinwegbeissen. Mein Kragen und
Koller sah so blutig aus als wie vor eines Schmieds Notstall an St. Stefanstag,
wann man den Pferden zur Ader lässt; und wusste ich ganz kein Mittel zu ersinnen,
mich aus diesen Ängsten zu erretten. Zuletzt so musste ich von freien Stücken auf
die Erde niederfallen, damit beide Hunde die Katze erwischen könnten, wollte ich
anderst nicht, dass mein Capitolium noch länger ihr Fechtplatz sein sollte. Die
Hunde erwürgten zwar die Katze, ich hatte aber bei weitem keinen so herrlichen
Spass davon, als ich gehofft, sondern nur Spott und ein solch Angesicht, wie du
noch vor Augen siehest. Dessentwegen ward ich so ergrimmt, dass ich nachgehends
beide Hunde totschoss und mein Matress, die mir zu dieser Torheit Anlass geben,
dergestalt abprügelte, dass sie hätte Öl geben mögen und darüber von mir
hinweglief, weil sie ohn Zweifel keine so abscheuliche Larve länger lieben
konnte.«
 
                         Das dreiundzwanzigste Kapitel.
Simplex Oliviers Grausamkeit sieht,
Von ihm zu kommen sich ernstlich bemühet.
Ich hätte über dieser des Oliviers Erzählung gern gelacht und musste mich doch
mitleidentlich erzeigen. Und als ich eben auch anfieng, meines Lebens Lauf zu
erzählen, sahen wir eine Kutsche samt zweien Reutern das Land heraufkommen;
derohalben stiegen wir vom Kirchturn und satzten uns in ein Haus, das an der
Strasse lag und sehr bequem war, die Vorüberreisende anzugreifen. Mein Rohr musste
ich zum Vorrat geladen behalten; Olivier aber legte mit seinem Schuss gleich den
einen Reuter und das Pferd, eh sie unsrer inwurden, weswegen dann der ander
gleich durchgieng; und indem ich mit überzognem Hahn den Kutscher halten und
absteigen gemachet, sprang Olivier auf ihn dar und spaltete ihm mit seinem
breiten Schwert den Kopf voneinander bis auf die Zähne hinunter, wollte auch
gleich darauf das Frauenzimmer und die Kinder metzgen, die in der Kutschen sassen
und bereits mehr den toten Leichen als den Lebenden gleichsahn. Ich aber wollte
es rund nicht gestatten, sondern sagte, wofern er solches ja ins Werk setzen
wollte, müsste er mich zuvor erwürgen. »Ach!« sagte er, »du närrischer Simplici,
ich hätte mein Tage nicht gemeint, dass du so ein heilloser Kerl wärest, wie du
dich anlässt.« Ich antwortete: »Bruder, was willst du die unschuldige Kinder
zeihen? Wann es Kerl wären, die sich wehren könnten, so wäre es ein anders.« -
»Was?« antwortete er, »Eier in die Pfannen, so werden keine Junge draus. Ich
kenne diese junge Blutsauger wohl; ihr Vatter, der Major, ist ein rechter
Schindhund und der ärgste Wamsklopfer von der Welt.« Und mit solchen Worten
wollte er immer fortwürgen und die armen Kinder abschlachten; doch entielt ich
ihn so lang, bis er sich endlich erweichen liesse. Es waren aber eines Majors
Weib, ihre Mägde und drei schöne Kinder, die mich von Herzen daureten; diese
sperreten wir in einen Keller, auf dass sie uns so bald nicht verraten sollten,
in welchem sie sonst nichts als Obs und weisse Rüben zu beissen hatten, bis sie
gleichwohl wiederum von jemanden erlöst würden. Demnach plünderten wir die
Kutschen und ritten mit sieben schönen Pferden in Wald, wo er zum dicksten war.
    Als wir solche angebunden hatten und ich mich ein wenig umschauete, sah ich
unweit von uns einen Kerl stockstill an einem Baum stehen; solchen wiese ich dem
Olivier und vermeinte, es wäre sich vorzusehen, »Ha, Narr!« antwortet er, »es
ist ein Jud, den hab ich hingebunden; der Schelm ist aber vorlängsten erfroren
und verreckt.« Und indem ging er zu ihm, klopfte ihm mit der Hand unten aus
Kinn und sagte: »Ha! du Hund, hast mir auch viel schöne Dukaten gebracht.« Und
als er ihm dergestalt das Kinn bewegte, rolleten ihm noch etliche Duplonen zum
Maul heraus, welche der arme Schelm noch bis in seinen Tod davonbracht hatte.
Olivier griff ihm darauf in das Maul und brachte zwölf Duplonen und einen
köstlichen Rubin zusammen. »Diese Beute,« sagte er, »habe ich dir, Simplici, zu
danken!« schenkte mir darauf den Rubin, stiess das Geld zu sich, und ging hin,
seinen Bauern zu holen, mit Befelch, ich sollte indessen bei den Pferden
verbleiben, sollte aber wohl zusehen, dass mich der tote Jud nicht beisse, womit
er mir meine Weichherzigkeit einriebe, dass ich keine solche Courage hätte wie
er.
    Als er nun nach dem Bauer aus war, machte ich indessen sorgsame Gedanken und
betrachtete, in was vor einem gefährlichen Stand ich lebe. Ich nahm mir vor, auf
ein Pferd zu sitzen und durchzugehen, besorgte aber, Olivier möchte mich über
der Arbeit ertappen und erst niederschiessen; dann ich argwöhnte, dass er meine
Beständigkeit vor diesmal nur probiere und irgends stehe, mir aufzupassen. Bald
gedachte ich, zu Fuss davonzulaufen, musste aber doch sorgen, wann ich dem Olivier
gleich entkäme, dass ich nichtsdestoweniger den Bauern auf dem Schwarzwald, die
damals im Ruf waren, dass sie den Soldaten auf die Hauben klopften, nicht würde
entrinnen können. Nimmst du aber, gedachte ich, alle Pferde mit dir, auf dass
Olivier kein Mittel hat, dir nachzujagen, und würdest von den Weimarischen
erwischt, so wirst du als ein überzeugter Mörder aufs Rad gelegt. Kurzab, ich
konnte kein sicher Mittel zu meiner Flucht ersinnen, vornehmlich da ich mich in
einem wilden Wald befand und weder Weg noch Steg wusste; überdas wachte mir mein
Gewissen auch auf und quälete mich, weil ich die Kutsche aufgehalten und ein
Ursacher gewesen, dass der Kutscher so erbärmlich ums Leben kommen und beide
Weibsbilder und unschuldige Kinder in Keller versperret worden, worin sie
vielleicht wie dieser Jude auch sterben und verderben müssten. Bald wollte ich
armer Mensch mich meiner Unschuld getrösten, weil ich wider Willen und gleichsam
gezwungen angehalten würde; aber mein Gewissen hielt mir vor, ich hätte
vorlängsten mit meinen andern begangenen bösen Stücken verdienet, dass ich in
Gesellschaft dieses Erzmörders in die Händ der Justiz gerate und meinen billigen
Lohn empfange, und vielleicht hätte der gerechte Gott versehen, dass ich
solchergestalt gestraft werden sollte. Zuletzt fieng ich an, ein Bessers zu
hoffen, und bat die Güte Gottes, dass sie mich aus diesem Stand erretten wollte;
und als mich so eine Andacht ankam, sagte ich zu mir selber: »Du Narr, du bist
ja nicht eingesperrt oder angebunden; die ganze weite Welt stehet dir ja offen.
Hast du jetzt nicht Pferde genug, zu deiner Flucht zu greifen? oder da du nicht
reuten willt, so sein deine Füsse ja schnell genug, dich davonzutragen.« Indem
ich mich nun selbst so marterte und quälete und doch nichts entschliessen konnte,
kam Olivier mit unserm Bauer daher. Der führte uns mit den Pferden auf einen
Hof, da wir fütterten und einer um den andern ein paar Stunden schliefen. Nach
Mitternacht ritten wir weiters und kamen gegen Mittag an die äusserste Grenzen
der Schweizer, allwo Olivier wohl bekannt war und uns stattlich auftragen liess.
Und dieweil wir uns lustig machten, schickte der Wirt nach zweien Juden, die uns
die Pferde gleichsam nur um halb Geld abhandelten. Es war alles so nett und just
bestellet, dass es wenig Wortwechselns brauchte. Der Juden grösste Frage war, ob
die Pferde kaiserisch oder schwedisch gewesen. Und als sie vernahmen, dass sie
von den Weimarischen herkämen, sagten sie: »So müssen wir solche nicht nach
Basel, sondern in das Schwabenland zu den Bayrischen reuten!«, über welche grosse
Kundschaft und Verträulichkeit ich mich nicht wenig verwundern musste.
    Wir bankettierten edelmännisch, und ich liess mir die gute Waldforellen und
köstliche Krebs daselbst wohlschmecken. Wie es nun Abend war, so machten wir uns
wieder auf den Weg, hatten unsern Bauer mit Gebratens und andern Viktualien wie
einen Esel beladen; damit kamen wir den andern Tag auf einen einzeln Baurnhof,
allwo wir freundlich bewillkommt und aufgenommen wurden und uns wegen
ungestümmen Wetters ein paar Tage aufhielten, weil es mit Wind, Regen und Schnee
ein widerwärtiges Wetter gab. Folgends kamen wir durch lauter Wald und Abwege
wieder in ebendasjenige Häuslein, dahin mich Olivier anfänglich führte, als er
mich zu sich bekam.
 
                         Das vierundzwanzigste Kapitel.
Simplex ist bei des Oliviers Tod,
Rächet denselben mit äusserster Not.
Wie wir nun so dasassen, unserer Leiber zu pflegen und auszuruhen, schickte
Olivier den Bauer aus, Essenspeise samt etwas von Kraut und Lot einzukaufen. Als
selbiger hinweg, zog er seinen Rock aus und sagte zu mir: »Bruder, ich mag das
Teufelsgeld nicht mehr allein so herumschleppen«; band demnach ein paar Würste
oder Wülste, die er auf blossem Leib trug, herunter, warf sie auf den Tisch und
sagte ferner: »Du wirst dich hiemit bemühen müssen, bis ich einmal Feierabend
mache und wir beide gnug haben; das Donnergeld hat mir Beulen gedruckt, so dass
ichs nicht mehr tragen kann.« Ich antwortete: »Bruder, hättest du so wenig als
ich, so würde es dich nicht drücken.« - »Was?« fiel er mir in die Rede, »was
mein ist, das ist auch dein, und was wir ferner miteinander erobern, soll
gleiche Part gelten.« Ich ergriff beide Wülste und befand sie trefflich
gewichtig, weil es lauter Goldsorten waren. Ich sagte, es sei alles gar unbequem
gepackt: da es ihm gefiele, wollte ichs also einnähen, dass einen das Tragen
nicht halb so saur ankäme. Als er mirs heimstellete, ging ich mit ihm in einen
hohlen Eichbaum, allda er Schere, Nadeln und Faden brachte; da machte ich mir
und ihm ein Skapulier oder Schulterkleid aus einem Paar Hosen und versteppte
manchen schönen roten Batzen darein. Demnach wir nun solche unter die Hemden
anzogen, war es nicht anders, als ob wir vorn und hinten mit Gold bewaffnet
gewesen wären, wie wir dann dessentwegen gar wohl, wo nicht schuss-, doch wenigst
stichfrei gewesen. Und demnach mich wundernahm und fragte, warum er kein
Silbergeld hätte, bekam ich zur Antwort, dass er mehr als 1000 Taler in einem
Baum liegen hätte, aus welchem er den Bauer hausen liesse, und um solches nie
keine Rechnung begehret, weil er solchen Schafmist nicht hochachte.
    Als dies geschehen und das Geld eingepackt war, giengen wir nach unserm
Logiment, darin wir dieselbe Nacht über kochten und uns beim Ofen ausbäheten.
Und demnach es eine Stund Tag war, kamen, als wir uns dessen am wenigsten
versahn, sechs Musketierer samt einem Korporal mit fertigem Gewehr und
aufgepassten Lunden ins Häuslein, stiessen die Stubentür auf und schrieen, wir
sollten uns gefangen geben! Aber Olivier (der sowohl als ich jederzeit seine
gespannte Musket neben sich liegen und sein scharf Schwert allzeit an der Seite
hatte und damals eben hinterm Tisch sass, gleichwie ich hinter der Tür beim Ofen
stund) antwortete ihnen mit einem paar Kuglen, durch welche er gleich zween zu
Boden fällete; ich aber erlegte den dritten und beschädigte den vierten durch
einen gleichmähigen Schuss. Darauf wischte Olivier mit seinem notfesten Schwert,
welches Haar schure (und wohl des Königs Arturi in England Caliburn verglichen
werden möchte) von Leder und hieb den fünften von der Achsel an bis auf den
Bauch hinunter, dass ihme das Eingeweid heraus- und er neben demselben
abscheulicherweis darniederfiel. Indessen schlug ich den sechsten mit meinem
umgekehrten Feurrohr auf den Kopf, dass er alle vier von sich streckte. Einen
solchen Streich kriegte Olivier von dem siebenden, und zwar mit solcher Gewalt,
dass ihm das Hirn heraussprjetzte; ich aber traf denselben, ders ihm getan,
wiederum dermassen, dass er gleich seinen Kameraden am Totenreihen Gesellschaft
leisten musste. Als der Beschädigte, den ich anfänglich durch meinen Schuss
getroffen, dieser Püffe gewahr ward und sah, dass ich ihm mit umgekehrten Rohr
auch ans Leder wollte, warf er sein Gewehr hinweg und fieng an zu laufen, als ob
ihn der Teufel selbst gejaget hätte. Und dieses Gefecht währte nicht länger als
eines Vatterunsers Länge, in welcher kurzen Zeit diese sieben tapfere Soldaten
ins Gras bissen.
    Da ich nun solchergestalt allein Meister auf dem Platz blieb, beschauete ich
den Olivier, ob er vielleicht noch einen lebendigen Atem in sich hätte; da ich
ihn aber ganz entseelet befand, dünkte mich ungereimt zu sein, einem toten
Körper so viel Gelds zu lassen, dessen er nicht vonnöten, zog ihm derowegen das
gölden Fell ab, so ich erst gestern gemacht hatte, und hieng es auch an Hals zu
dem andern. Und demnach ich mein Rohr zerschlagen hatte, nahm ich Oliviers
Muskete und scharfes Schlachtschwerd zu mir; mit demselben versah ich mich auf
allen Notfall und machte mich aus dem Staub, und zwar auf den Weg, da ich wusste,
dass unser Bauer darauf herkommen müsste. Ich satzte mich beiseit an ein Ort,
seiner zu erwarten und mich zugleich zu bedenken, was ich ferner anfangen
wollte.
 
                         Das fünfundzwanzigste Kapitel.
Simplex bereichert sich, trifft an drauf bald
Seinen Herzbruder in armer Gestalt.
Ich sass kaum eine halbe Stunde in meinen Gedanken, so kam unser Bauer daher und
schnaubte wie ein Bär; er lief von allen Kräften und ward meiner nicht gewahr,
bis ich ihm auf den Leib kam. »Warum so schnell?« sagte ich; »was Neues?« Er
antwortete: »Geschwind machet Euch abwegs! es kommt ein Korporal mit sechs
Musketierern, die sollen Euch und den Olivier aufheben und entweder tot oder
lebendig nach Liechteneck liefern. Sie haben mich gefangen gehabt, dass ich sir
zu Euch führen sollte, bin ihnen aber glücklich entronnen und hieherkommen, Euch
zu warnen.« Ich gedachte: O Schelm! du hast uns verraten, damit dir Oliviers
Geld, so im Baum liegt, zuteil werden möge; liesse mich aber doch nichts merken,
weil ich mich seiner als eines Wegweisers gebrauchen wollte, sondern sagte ihm,
dass beides, Olivier und diejenige, so ihn hätten fangen sollen, tot wären. Da es
aber der Bauer nicht glauben wollte, war ich noch so gut und ging mit ihm hin,
dass er das Elend an den sieben Körpern sehen konnte. »Den siebenden, die uns
fangen sollen,« sagte ich, »habe ich laufen lassen, und wollte Gott, ich könnte
auch diese wieder lebendig machen, so wollte ichs nicht unterlassen!« Der Bauer
erstaunte vor Schröcken und Entsetzen und sagte: »Was Rats?« Ich antwortete:
»Der Rat ist schon beschlossen. Unter dreien Dingen geb ich dir die Wahl:
entweder führe mich alsbald durch sichere Abwege über den Wald hinaus nach
Villingen, oder zeige mir Oliviers Geld, das in Baum liegt, oder stirb hier und
leiste gegenwärtigen Toten Gesellschaft! Führest du mich nach Villingen, so
bleibt dir Oliviers Geld allein; wirst du mirs aber weisen, so will ichs mit dir
teilen; tust du aber deren keines, so schiess ich dich tot und gehe gleichwohl
meines Wegs.« Der Bauer wäre gern entloffen, aber er forchte die Muskete, fiele
derhalben auf die Kniee nieder und erbot sich, mich über Wald zu führen. Also
wanderten wir eilend fort, giengen denselben Tag und folgende ganze Nacht, weil
es zu allem Glück trefflich hell war, ohn Essen, Trinken und einzige Ruhe immer
hin, bis wir gegen Tag die Stadt Villingen vor uns liegen sahen, allwo ich
meinen Bauer wieder von mir liess. Auf diesem Weg trieb den Bauer die
Todesforcht, mich aber die Begierde, mich selbst und mein Geld davonzubringen,
und muss fast glauben, dass einem Menschen das Gold grosse Kräften mitteilet; dann
obzwar ich schwer genug daran trug, so empfand ich jedoch keine sonderbare
Müdigkeit.
    Ich hielt es vor ein glücklich Omen, dass man die Pforte eben öffnete, als
ich vor Villingen kam. Der Offizier von der Wacht examinierte mich, und als er
vernahm, dass ich mich vor einen Freireuter ausgab von demjenigen Regiment, wobei
mich Herzbruder getan, als er mich zu Philippsburg von der Muskete erlöste, wie
auch, dass ich aus dem Läger vor Breisach von den Weimarischen herkäme, unter
welche ich vor Wittenweir gefangen und untergestossen worden, und nunmehr wieder
zu meinem Regiment unter die Bayrische begehrte, gab er mir einen Musketierer
zu, der mich zum Kommandanten führte. Derselbe lag noch in seiner Ruhe, weil er
wegen seiner Geschäften mehr als die halbe Nacht wachend zugebracht hatte, also
dass ich wohl andertalbe Stunde vor seinem Quartier aufwarten musste und, well
eben die Leute aus der Frühmess giengen, einen grossen Umstand von Bürgern und
Soldaten bekam, die alle wissen wollten, wie es vor Breisach stünde, von welchem
Geschrei der Kommandant erwachte und mich ohn länger Verweilen vor ihn kommen
liess.
    Er fieng an, mich zu examinieren, und meine Aussage war wie unterm Tor.
Hernach fragte er mich sonderliche Partikularitäten von der Belagerung und
sonsten, und damit bekannte ich alles, wie dass ich nämlich ein Tag oder
vierzehen mich bei einem Kerl aufgehalten, der auch durchgangen, und mit
demselben eine Kutsche angegriffen und geplündert hätte der Meinung, von den
Weimarischen so viel Beuten zu holen, dass wir uns daraus beritten machen und
rechtschaffen mondiert wieder zu unsern Regimentern kommen möchten; wir sein
aber erst gestern von einem Korporal mit noch sechs andern Kerlen, die uns
aufheben sollen, ohnversehens überfallen worden, dadurch mein Kamerad mit noch
sechsen vom Gegenteil auf dem Platz geblieben: der siebende aber sowohl als ich,
und zwar jeder zu seiner Partei, entloffen sei. Von dem aber, dass ich nacher L.
in Westfalen zu meinem Weib gewollt, und dass ich zwei so wohlgefütterte Hinder-
und Vorderstücke anhatte, schwieg ich stockstill, und zwar so machte ich mir
auch kein Gewissen darum, dass ichs verhehlete, dann was ging es ihn an? Er
fragte mich auch nicht einmal darum, sondern verwunderte sich vielmehr und
wollte es fast nicht glauben, dass ich und Olivier sollten sechs Mann
niedergemachet und den siebenden verjagt haben, obzwar mein Kamerad mit
eingebüsst. Mit solchem Gespräch gab es Gelegenheit, von Oliviers vortrefflichen
Schwerd zu reden, so ich lobte und an der Seite hatte. Das gefiel ihm so wohl,
dass ichs ihm, wollte ich anders mit guter Manier von ihm kommen und Pass
erlangen, gegen einem andern Degen, den er mir gab, überlassen musste. In
Wahrheit aber so war dasselbe trefflich schön und gut, es war ein ganzer
ewigwährender Kalender daraufgeätzet, und lass ich mir nicht ausreden, dass es
nicht in hora Martis von Vulcano selbst geschmiedet und allerdings zugerichtet
worden sei, wie im Heldenschatz eines beschrieben wird, wovon alle andere
Klingen entzweispringen und die beherzteste Feinde und Löwengemüter wie
forchtsame Hasen entlaufen müssen. Nachdem er mich nun entliess und befohlen,
einen Pass vor mich zu schreiben, ging ich den nächsten Weg ins Wirtshaus und
wusste nicht, ob ich am ersten schlafen oder essen sollte, dann es war mir beides
nötig. Doch wollte ich zuvor meinen Magen stillen, liess mir derhalben etwas zu
essen und einen Trunk langen und machte Gedanken, wie ich meine Sachen
anstellen, dass ich mit meinem Geld sicher nach L. zu meinem Weib kommen möchte,
dann ich hatte so wenig im Sinn, zu meinem Regiment zu gehen, als den Hals
abzufallen.
    Indem ich nun so spekulierte und ein und andern listigen Anschlag bei mir
aussanne, hinkte ein Kerl an einem Stecken in der Hand in die Stube; der hatte
einen verbundenen Kopf, einen Arm in der Schlinge und so elende Kleider an, dass
ich ihm keinen Heller darum geben hätte. Sobald ihn der Hausknecht sah, wollte
er ihn austreiben, weil er übel stank und so voll Läuse war, dass man die ganze
Schwabenheide damit besetzen könnte. Er aber bat, man wollte ihm doch um Gottes
willen zulassen, sich nur ein wenig zu wärmen, so aber nichts half. Demnach ich
mich aber seiner erbarmete und vor ihn bat, ward er kümmerlich zum Ofen
gelassen. Er sah mir, wie mich dünkte, mit begierigem Appetit und grosser
Andacht zu, wie ich draufhieb, und liess etliche Seufzer laufen; und als der
Hausknecht ging, mir ein Stück Gebratenes zu holen, ging er gegen mir zum
Tisch zu und reichte ein irden Pfennighäfelein in der Hand dar. Als ich mir wohl
einbilden konnte, warum er käme, nahm derhalben die Kanne und goss ihm seinen
Hafen voll, eh er hiesch. »Ach Freund,« sagte, er, »um Herzbruders willen, gebet
mir auch zu essen!« Da er solches sagte, ging mirs durchs Herz, und befand, dass
es Herzbruder selber war. Ich wäre beinahe in Ohnmacht gesunken, da ich ihn in
einem so elenden Stand sah; doch erhielt ich mich, fiel ihm um den Hals und
satzte ihn zu mir, da uns dann beiden, mir aus Mitleiden und ihm aus Freude, die
Augen übergiengen.
 
                        Das sechsundzwanzigste Kapitel.
Simplex hört von dem Herzbruder mit Schmerzen,
Seinen Zustand, der ihm geht zu Herzen.
Unsre unversehene Zusammenkunft machte, dass wir fast weder essen noch trinken
konnten; nur fragte einer den andern, wie es ihm ergangen, sint wir das
letztemal beisammen gewesen. Dieweil aber der Wirt und Hausknecht stets ab- und
zugiengen, konnten wir einander nichts Verträuliches erzählen. Der Wirt
wunderte, dass ich einen so lausigen Kerl bei mir litte, ich aber sagte, solches
sei im Krieg unter rechtschaffenen Soldaten, die Kameraden wären, der Brauch. Da
ich auch verstund, dass sich Herzbruder bisher im Spital aufgehalten, vom Almosen
sich ernähret und seine Wunden liederlich verbunden worden, dingte ich dem Wirt
ein sonderlich Stüblein ab, legte Herzbrudern in ein Bette und liess ihm den
besten Wundarzt kommen, den ich haben konnte, wie auch einen Schneider und eine
Näherin, ihn zu kleiden und den Läufen aus den Zähnen zu ziehen. Ich hatte eben
diejenige Duplonen, so Olivier einem toten Juden aus dem Maul bekommen, bei mir
in einem Säckel; dieselbe schlug ich auf den Tisch und sagte dem Wirt zu Gehör
zu Herzbrudern: »Schau, Bruder, das ist mein Geld; das will ich an dich wenden
und mit dir verzehren!«, davon der Wirt uns wohl aufwartete. Dem Barbier aber
wies ich den Rubin, der auch des bedeuten Juden gewesen und ungefähr 20 Taler
wert war, und sagte, weil ich mein wenig Geld, so ich hätte, vor uns zur Zehrung
und meinem Kamerad zur Kleidung aufwenden müsste, so wollte ich ihm denselben
Ring geben, wann er besagten meinen Kamerad in Bälde von Grund aus darvor
kurieren wollte; dessen er dann wohl zufrieden und seinen besten Fleiss zur Kur
anwandte.
    Also pflegte ich Herzbrudern wie meinem andern Ich und liess ihm ein schlecht
Kleidlein von grauem Tuch machen; zuvor aber ging ich zum Kommandanten wegen
des Passes und zeigte ihm an, dass ich einen übelbeschädigten Kameraden
angetroffen hätte, auf den wollte ich warten, bis er vollend heilete; dann ihn
hinter mir zu lassen, getraue ich bei meinem Regiment nicht zu verantworten. Der
Kommandant lobte meinen Fürsatz und gönnete mir zu bleiben, solang ich wollte,
mit fernerm Anerbieten, wann mir mein Kamerad würde folgen können, dass er uns
beide alsdann mit gnugsamem Pass versehen wollte.
    Demnach ich nun wieder zu Herzbrudern kam und allein neben seinem Bette bei
ihm sass, bat ich ihn, er wollte mir unbeschwert erzählen, wie er in einen so
armseligen Stand geraten wäre; dann ich bildete mir ein, er möchte vielleicht
wichtiger Ursachen oder sonst eines Übersehens halber von seiner vorigen
Dignität verstossen, unredlich gemachet und in gegenwärtig Elend gesetzt worden
sein. Er aber sagte: »Bruder, du weisst, dass ich des Grafen von Götz Faktotum und
allerliebster geheimster Freund gewesen; hingegen ist dir auch gnugsam bekannt,
was die verwichene Kampagne unter seinem Generalat und Kommando vor eine
unglückliche Endschaft erreichet, indem wir nicht allein die Schlacht bei
Wittenweier verloren, sondern noch darzu das belagerte Breisach zu entsetzen
nicht vermöcht haben. Weil dann nun deswegen hin und wieder vor aller Welt sehr
ungleich geredet wird, zumalen wohlermeldter Graf, sich zu verantworten, nach
Wien zitiert worden, so lebe ich beides, vor Scham und Forcht, freiwillig in
dieser Niedere und wünsche mir oft, entweder in diesem Elend zu sterben oder
doch wenigst mich so lang verborgen zu halten, bis mehr wohlbesagter Graf seine
Unschuld an Tag gebracht; dann soviel ich weiss, ist er dem Römischen Kaiser
allezeit getreu gewesen. Dass er aber diesen verwichenen Sommer so gar kein Glück
gehabt, ist meines Erachtens mehr der göttlichen Vorsehung (als welcher die
Siege gibet, wem er will) als des Grafen Übersehen beizumessen.«
    Da wir Breisach zu entsetzen im Werk waren und ich sah, dass es unserseits
so schläferig hergieng, armierte ich mich selbst und ging dergestalt auf die
Schiffbrücke mit an, als ob ichs allein hätte vollenden wollen, da es doch
damals weder meine Profession noch Schuldigkeit war; ich täts aber den andern
zum Exempel, und weil wir den vergangenen Sommer so gar nichts ausgerichtet
hatten, wollte mir das Glück oder vielmehr das Unglück, dass ich unter den ersten
Angängern dem Feind auch am ersten auf der Brücke das Weisse in Augen sah, da es
dann scharf hergieng. Und gleichwie ich im Angriff der erste gewesen, also ward
ich, da wir der Franzosen ungestümmen Ansetzen nicht mehr widerstunden, der
allerletzte und kam dem Feind am ersten in die Hände. Ich empfieng zugleich
einen Schuss in meinen rechten Arm und den andern in Schenkel, also dass ich weder
ausreissen noch meinen Degen mehr gebrauchen konnte; und als die Enge des Orts
und der grosse Ernst nicht zuliess, viel vom Quartiergeben und -nehmen zu
parlementieren, kriegte ich einen hieb in Kopf, davon ich zu Boden fiel, und
weil ich sein gekleidet war, von etlichen in der Furie ausgezogen und vor tot in
Rhein geworfen ward. In solchen Nöten schriee ich zu Gott und stellete alles
seinem heiligen Willen heim, und indem ich unterschiedliche Gelübde tät, spürete
ich auch seine Hülfe: Der Rhein warf mich an Land, allwo ich meine Wunden mit
Moos verstopfte; und obzwar ich beinahe erfror, so verspürte ich jedoch eine
absonderliche Kraft, davonzukriechen, massen mir Gott half, dass ich, zwar
jämmerlich verwundet, zu etlichen Merodebrüdern und Soldatenweibern kam, die
sämtlich ein Mitleiden mit mir hatten, obzwar sie mich nicht kannten. Diese
verzweifelten bereits an einem glücklichen Entsatz der Festung, das mir weher
tät als meine Wunden. Sie erquickten und bekleideten mich bei ihrem Feur, und eh
ich ein wenig meine Wunden verband, musste ich sehen, dass sich die Unserige zu
einem spöttlichen Abzug rüsteten und die Sache vor verloren gaben, so mich
trefflich schmerzte; resolvierte derhalben bei mir selber, mich niemand zu
offenbaren, damit ich mich keinen Spotts teilhaftig machte, massen ich mich zu
etlichen Beschädigten von unsrer Armee gesellet, welche einen eigenen
Feldscherer bei sich hatten; denen gab ich ein gülten Kreuzlein, das ich noch am
Hals davongebracht, vor welches er mir bis hieher meine Wunden verbunden. In
solchem Elend nun, werter Simplici, hab ich mich bisher beholfen, gedenke, mich
auch keinem Menschen zu offenbaren, bis ich zuvor sehe, wie des Grafen von Götz
seine Sache einen Ausgang gewinnet. Und demnach ich deine Guterzigkeit und
Treue sehe, gibt mir solches einen grossen Trost, dass der liebe Gott mich noch
nicht verlassen, massen ich heut morgen, als ich aus der Frühmesse kam und dich
vor des Kommandanten Quartier stehen sah, mir eingebildet, Gott hätte dich
anstatt eines Engels zu mir geschickt, der mir in meiner Armseligkeit zu Hülf
kommen sollte.«
    Ich tröstete Herzbrudern, so gut ich konnte, und vertraute ihm, dass ich noch
mehr Geld hätte als diejenige Duplonen, die er gesehen, welches alles zu seinen
Diensten stünde; und indem erzählete ich ihm auch Oliviers Untergang, und
wasgestalt ich seinen Tod rächen müssen, welches sein Gemüt dermassen erquickte,
also dass es ihm auch an seinem Leib wohl zustatten kam, gestalt es sich an allen
Wunden täglich mit ihm besserte.
 
                               Das erste Kapitel.
Simplex ein Pilger wirb, lässt ihm gefallen,
Mit dem Herzbruder herumberzuwallen.
Nachdem Herzbruder wieder allerdings erstärkt und an seinen Wunden geheilet war,
vertrauere er mir, dass er in den höchsten Nöten eine Wallfahrt nach Einsiedlen
zu tun gelobt. Weil er dann jetzt ohndas so nahe am Schweizerland wäre, so
wollte er solche verrichten, und sollte er auch dahin bettlen! Das war mir sehr
angenehm zu hören; derhalben bot ich ihm Geld und meine Gesellschaft an, ja ich
wollte gleich zween Klepper kaufen, auf selbigen die Reise zu verrichten, nicht
zwar der Ursache, dass mich die Andacht darzu getrieben und angehalten, sondern
die Eidgnossschaft als das einzige Land, darin der liebe Friede noch grünete, zu
besehen. So freuete mich auch nicht wenig, dass ich die Gelegenheit hatte,
Herzbrudern auf solcher Reise zu dienen, massen ich ihn fast höher als mich
selbst liebte; er aber schlug beides, meine Hülfe und meine Gesellschaft, ab,
mit Vorwand, seine Wallfahrt müsste zu Fuss und darzu auf Erbsen geschehen. Sollte
ich nun in seiner Gesellschaft sein, so würde ich ihn nicht allein an seiner
Andacht verhindern, sondern auch mir selbst wegen seines langsamen mühseligen
Gangs grosse Ungelegenheit aufladen. Das redete er aber, mich von ihm zu
schieben, weil er sich ein Gewissen machte, auf einer so heiligen Reise von
demjenigen Geld zu zehren, das mit Morden und Rauben erobert worden; überdas
wollte er mich auch nicht in allzu grosse Unkosten bringen und sagte unverhohlen,
dass ich bereits mehr bei ihm getan, als weder ich schuldig gewesen und er zu
erwidern getraue. Hierüber gerieten wir in ein freundlich Gezänke; das war so
lieblich, dass ich dergleichen noch niemals habe hören hadern; dann wir brachten
nichts anders vor, als dass jeder sagte, er hätte gegen dem andern noch nicht
getan, was ein Freund dem andern tun sollte, ja bei weitem die Guttaten, so er
vom andern empfangen, noch nicht wettgemachet. Herzbruders grösste Klage über
mich war diese, dass er saget, ich überhäufe ihn dergestalt mit Wohltaten,
Dienstbezeugungen und Erweisung wahrer Freundschaft, dass er solches nimmermehr
verdienen könnte; hingegen warf ich ihm vor, jetzt da ich Gelegenheit hätte,
ihme zu dienen und die empfangene Guttaten dankbarlich zu erkennen, ihm auch im
Werk zu erweisen, dass ich sein wahrer Freund und Diener wäre, so verwerfe er
mich als einen, der zu seinen Diensten unwürdig sei, erinnerte ihn damit seines
Vattern sel. letzten Willens, und wasgestalten wir uns vor Magdeburg eidlich
zusamm verbunden, von welcher Freundschaft er mich ausschliessen und dardurch uns
beide gleichsam meineidig machen wollte. Solches alles aber wollte ihn noch
nicht bewegen, mich vor einen Reisgefährten zu gedulten, bis ich endlich merkte,
dass er beides, an Oliviers Geld und meinem gottlosen Leben, ein Ekel hatte.
Derhalben behalf ich mich mit Lügen und überredete ihn, dass mich mein
Bekehrungsvorsatz nach Einsiedlen triebe; sollte er mich nun von einem so guten
Werk abhalten und ich darüber sterben, so würde ers schwerlich verantworten
können. Hierdurch persuadierte ich ihn, dass er zuliess, den heiligen Ort mit ihm
zu besuchen, sonderlich weil ich (wiewohl alles erlogen war) eine grosse Reue
über mein böses Leben von mir scheinen liess, als ich ihn dann auch überredete,
dass ich mir selbst zur Busse aufgelegt hätte, sowohl als er auf Erbsen nach
Einsiedlen zu gehen.
    Dieser Zank war kaum vorbei, da gerieten wir schon in einen andern; dann
Herzbruder war gar zu gewissenhaft. Er wollte kaum zugeben, dass ich einen Pass
vom Kommandanten nahm, der nach meinem Regiment lautete. »Was?« sagte er, »haben
wir nit im Sinn, unser Leben zu bessern und nach Einsiedlen zu gehen? Und nun
siehe um Gottes willen, du willst den Anfang mit Betrug machen und den Leuten
mit Falschheit die Augen verkleiden! Wer mich vor der Welt verleugnet, den will
ich auch vor meinem himmlischen Vatter verleugnen, saget Christus! Was seind wir
vor verzagte Maulaffen? Wann alle Martyrer und Bekenner Christi so getan hätten,
so wären wenig Heilige im Himmel! Lass uns in Gottes Namen und Schutzempfehlung
gehen, wohin uns unser heiliger Vorsatz und Begierden hintreiben, und im übrigen
Gott walten, so wirb uns Gott schon hinführen, wo unsere Seelen Ruhe finden.«
Als ich ihm aber vorhielt, man müsste Gott nicht versuchen, sondern sich in die
Zeit schicken und die Mittel gebrauchen, deren wir nicht entbehren könnten,
vornehmlich weil das Wallfahrtengehen bei der Soldateska ein ungewöhnlich Ding
sei, und wann wir unser Vorhaben entdeckten, eher vor Ausreisser als Pilger
gehalten würden, das uns dann grosse Ungelegenheit und Unglück bringen könnte,
und wir darüber in Leibs- und Lebensgefahr geraten möchten, zumalen auch der
heilige Apostel Paulus, dem wir noch bei weitem nicht zu vergleichen, sich
wunderlich in die Zeit und Gebräuche dieser Welt geschicket, liess er endlich zu,
dass ich einen Pass bekam, nach meinem Regiment zu gehen. Mit demselben giengen
wir bei Beschliessung des Tors samt einem getreuen Wegweiser aus der Stadt, als
wollten wir nach Rottweil, wandten uns aber kurz durch Nebenwege und kamen noch
dieselbige Nacht über die schweizerische Grenze und den folgenden Morgen in ein
Dorf, allda wir uns mit schwarzen langen Röcken, Pilgerstäben und Rosenkränzen
mondierten und den Boten mit guter Bezahlung wieder zurückschickten.
    Das Land kam mir so fremd vor gegen andern teutschen Ländern, als wann ich
in Brasilia oder in China gewesen wäre. Da sah ich die Leut in dem Frieden
handeln und wandeln; die Ställe stunden voll Viehe, die Bauernhöfe liefen voll
Hühner, Gäns und Enten; die Strassen wurden sicher von den Reisenden gebrauchet,
die Wirtshäuser sassen voll Leute, die sich lustig machten. Da war ganz keine
Forcht vor dem Feind, keine. Sorge vor der Plünderung und keine Angst, sein Gut,
Leib noch Leben zu verlieren: ein jeder lebte sicher unter seinem Weinstock und
Feigenbaum, und zwar, gegen andern teutschen Ländern zu rechnen, in lauter
Wollust und Freude, also dass ich dieses Land vor ein irdisch Paradies hielt,
wiewohln es von Art rauh genug zu sein schiene. Das machte, dass ich auf dem
ganzen Weg nur hin und her gaffte, wann hingegen Herzbruder an seinem Rosenkranz
betete; deswegen ich dann auch manchen Filz bekam, dann er wollte haben, ich
sollte wie er an einem Stück beten, welches ich aber nicht gewohnen konnte.
    Zu Zürch kam er mir recht hinter die Briefe, und dahero sagte er mir die
Wahrheit auch am tröcknesten heraus, dann als wir zu Schaffhausen (allwo mir die
Füsse von den Erbsen sehr weh täten) die vorige Nacht geherberget und ich mich
den künftigen Tag wieder auf den Erbsen zu gehen förchtete, liess ich sie kochen
und tät sie wieder in die Schuhe, deswegen ich dann Wohl zu Fuss nach Zürch
gelangte; er aber gehub sich gar übel und sagte zu mir: »Bruder, du hast grosse
Gnade von Gott, dass du unangesehen der Erbsen in den Schuhen dannoch so wohl
fortkommen kannst.« - »Ja,« sagte ich, »hochgeehrter und liebster Herzbruder,
ich habe sie gekocht, sonst hätte ich so weit nicht drauf gehen können.« - »Ach
dass Gott erbarme!« antwortet er, »was hast du getan? du hättest sie lieber gar
aus den Schuhen gelassen, wann du nur dein Gespötte damit treiben willt. Ich muss
sorgen, dass Gott dich und mich zugleich strafe. Halt mirs nicht vor ungut,
Bruder, wann ich dir aus brüderlicher Liebe teutsch heraussage, wie mirs ums
Herz ist, nämlich dies, dass ich besorge, wofern du dich nicht anderst gegen Gott
schickest, es stehe deine Seligkeit in höchster Gefahr. Ich bekenne gerne und
versichere dich in der Wahrheit, dass ich keinen Menschen in der Welt mehr liebe
als eben dich, leugne aber auch nit, dass, wofern du dich nicht bessern würdest,
ich mir ein Gewissen machen muss, solche Liebe zu kontinuieren.« Ich verstummte
vor Schrecken, dass ich mich schier nit wieder erholen konnte; zuletzt bekannte
ich ihm frei, dass ich die Erbsen nit aus Andacht, sondern allein ihm zu Gefallen
in die Schuhe getan, damit er mich mit ihm auf die Reise genommen hätte. »Ach
Bruder!« antwortet er, »ich sehe, dass du weit vom Weg der Seligkeit bist, wann
gleich die Erbsen nit wären. Gott verleihe dir Besserung, dann ohne dieselbe
kann unsre Freundschaft nit bestehen.«
    Von dieser Zeit an folgte ich ihm traurig nach, gleichsam als einer, den man
zum Galgen führet; mein Gewissen fiengt an, mich zu drücken, und indem ich
allerlei Gedanken machte, stelleten sich alle meine Bubenstücke vor meine Augen,
die ich mein Lebtag je begangen. Da beklagte ich erst die verlorne Unschuld, die
ich aus dem Wald gebracht und in der Welt so vielfältig verscherzt hatte; und
was meinen Jammer vermehrete, war dieses, dass Herzbruder nicht viel mehr mit mir
redete und mich nur mit Seufzen anschauete, welches mir nicht anders vorkam, als
hätte er meine Verdammnus gewusst und an mir bejammert.
 
                              Das zweite Kapitel.
Simplex tut Buss, klagt und will frömmer werden,
Als ihm der Satan antät viel Beschwerden.
Solchergestalt langten wir zu Einsiedlen an und kamen eben in die Kirche, als
ein Priester einen Besessenen exorzisieret; das war mir nun auch etwas Neues und
Seltsams, derowegen liess ich Herzbrudern knieen und beten, solang er mochte, und
ging hin, diesem Spektakul aus Fürwitz zuzusehen. Aber ich hatte mich kaum ein
wenig genähert, da schriee der böse Geist aus dem armen Menschen: »Oho, du Kerl,
schlägt dich der Hagel auch her? Ich habe vermeint, dich zu meiner Heimkunft bei
dem Olivier in unsrer höllischen Wohnung anzutreffen; so sehe ich wohl, du lässt
dich hier finden, du ehebrecherischer, mörderischer Hurenjäger. Darfst du dir
wohl einbilden, uns zu entrinnen? O ihr Pfaffen! nehmet ihn nur nicht an, er ist
ein Gleisner und ärgerer Lügner als ich, er foppt sich nur und spottet beides,
Gott und der Religion.« Der Exorzist befahl dem Geist zu schweigen, weil man ihm
als einen Erzlügner ohndas nicht glaube. »Ja ja!« antwortete er, »fraget dieses
ausgesprungenen Mönchs Reisgesellen, der wird euch wohl erzählen können, dass
dieser Ateist sich nit gescheuet, die Erbsen zu kochen, auf welchen er hieher
zu gehen versprochen.« Ich wusste nit, ob ich auf dem Kopf oder Füssen stund, da
ich dieses alles hörete und mich jedermann ansah; aber der Priester strafte den
Geist und machte ihn stillschweigen, konnte ihn aber denselben Tag nicht
austreiben. Indessen kam Herzbruder auch herzu, als ich eben vor Angst mehr
einem Toten als Lebendigen gleichsah und zwischen Hoffnung und Verzweiflung vor
Furcht nicht wusste, was ich tun sollte. Dieser tröstete mich, so gut als er
konnte, versicherte darneben die Umstehende und sonderlich die Patres, dass ich
mein Tage nie kein Mönch gewesen, aber wohl ein Soldat, der vielleicht mehr
Böses als Gutes getan haben möchte, sagte darneben, der Teufel wäre ein Lügner,
wie er dann auch das von den Erbsen viel ärger gemachet hätte, als es an sich
selbst wäre. Ich aber war in meinem Gemüt dermassen verwirret, dass mir nicht
anders war, als ob ich allbereit die höllische Pein selbst empfände, also dass
die Geistlichen genug an mir zu trösten hatten. Sie vermahnten mich zur Beichte
und Kommunion, aber der Geist schrie abermal aus dem Besessenen: »Ja ja, er wird
fein beichten! er weiss nicht einmal, was beichten ist! Und zwar, was wollet ihr
aus ihm machen? Er ist einer ketzerischen Art und uns zuständig, seine Eltern
sein mehr wiedertäuferisch als kalvinisch gewesen etc.« Der Exorzist befahl dem
Geist abermal stillzuschweigen und sagte zu ihm: »So wird dichs nur desto mehr
verdriessen, wann dir das arme verlorne Schäflein wieder aus dem Rachen gezogen
und der Herde Christi einverleibet wird.« Darauf fieng der Geist so grausam an
zu brüllen, dass es schröcklich zu hören war; aus welchem greulichen Gesang ich
meinen grössten Trost schöpfte, dann ich gedachte, wann ich keine Gnade von Gott
mehr erlangen könnte, so würde sich der Teufel nicht so übel gehaben.
    Wiewohl ich mich damals auf die Beichte nicht gefasst gemachet, auch mein
Lebtag nie in Sinn genommen zu beichten, sondern mich jederzeit aus Scham davor
gefürchtet, wie der Teufel vorm hl. Kreuz, so empfand ich jedoch in selbigem
Augenblick in mir eine solche Reue über meine Sünden und eine solche Begierde
zur Busse und mein ärgerliches und recht gottloses Leben zu bessern, dass ich
alsobald einen Beichtvatter begehrte, über welcher gählingen Bekehrung und
Besserung sich Herzbruder höchlich erfreuete, weil er wahrgenommen und wohl
gewusst, dass ich bisher noch keiner Religion beigetan gewesen. Demnach bekannte
ich mich öffentlich zu der katolischen Kirche, ging zur Beichte und
kommunizierte nach empfangener Absolution, worauf mir dann so leicht und wohl
ums Herz ward, dass ichs nicht aussprechen kann. Und was das verwunderlichste
war, ist dieses, dass mich der Geist in dem Besessenen fürterhin zufrieden liess,
da er mir doch vor der Beicht und Absolution unterschiedliche Bubenstücke, die
ich begangen gehabt, so eigentlich vorgeworfen, als wann er auf sonst nichts als
meine Sünden anzumerken bestellet gewesen wäre: doch glaubten ihm als einem
Lügner die Zuhörer nichts, sonderlich weil mein ehrbarer Pilgerhabit ein anders
vor die Augen stellete.
    Wir verblieben vierzehen ganzer Tage an diesem gnadenreichen Ort, allwo ich
Gott um meine Bekehrung dankte und die Wunder, so allda geschehen, betrachtete,
welches alles mich zu ziemlicher Andacht und Gottseligkeit reizete. Doch währete
solches auch solang, als es mochte, dann gleichwie meine Bekehrung ihren
Ursprung nicht aus Liebe zu Gott genommen, sondern aus Angst und Furcht verdammt
zu werden, also ward ich auch nach und nach wieder ganz lau und träg, weil ich
allmählich des Schreckens vergass, den mir der böse Feind eingejaget hatte; und
nachdem wir die Reliquien der Heiligen, die Ornat und andere sehenswürdige
Sachen des Gotteshauses gnungsamen beschauet, begaben wir uns nach Baden,
alldorten vollends auszuwintern.
 
                              Das dritte Kapitel.
Simplex erzählet und zeigt deutlich an,
Was er im Winter mit seim Freund getan.
Ich dingete daselbst eine lustige Stube und Kammer vor uns, deren sich sonsten,
sonderlich Sommerszeit, die Badgäste zu gebrauchen pflegen, welches gemeiniglich
reiche Schweizer sein, die mehr hinziehen, sich zu erlustieren und zu prangen
als einiger Gebrechen halber zu baden. So verdingte ich uns auch zugleich in die
Kost, und als Herzbruder sah, dass ichs so herrlich angriff, vermahnete er mich
zur Gesparsamkeit und erinnerte mich des langen rauhen Winters, den wir noch zu
überstehen hätten, massen er nicht getraue, dass mein Geld so weit hinauslangen
würde. Ich würde meinen Vorrat, sagte er, auf den Frühling wohl brauchen, wann
wir wieder von hinnen wollen; viel Geld sei bald vertan, wann man nur davon und
nichts darzu tue; es stäube hinaus wie der Rauch und verspreche nimmermehr
wiederzukommen etc. Auf solche treuherzige Erinnerung konnte ich Herzbrudern
nicht länger verbergen, wie reich mein Säckel wäre, und dass ich bedacht, uns
beiden Gutes davon zu tun, sintemal dessen Ankunft und Erwerbung ohndas alles
Segens so unwürdig wäre, dass ich keinen Meierhof daraus zu erkaufen gedächte:
und wannschon ichs nicht anlegen wollte, meinen liebsten Freund auf Erden damit
zu unterhalten, so wäre doch billig, dass er, Herzbruder, aus Oliviers Geld
vergnüget würde um diejenige Schmach, die er hiebevor von ihm vor Magdeburg
empfangen. Und demnach ich mich in aller Sicherheit zu sein wusste, zog ich meine
beide Skapulier ab, trennete die Dukaten und Pistoleten heraus und sagte zu
Herzbrudern, er möge nun mit diesem Geld nach seinem Belieben disponieren und
solches anlegen und austeilen, wie er vermeine, dass es uns beiden am
nützlichsten wäre.
    Da er neben meinem Vertrauen, das ich zu ihm trug, so viel Geld sah, mit
welchem ich auch ohn ihn Wohl ein ziemlicher Herr hätte sein können, sagte er:
»Bruder, du tust nichts, solang ich dich kenne, als deine gegen mir habende
Liebe und Treue zu bezeugen! Aber sage mir, womit vermeinst du wohl, dass ichs
wieder um dich werde beschulden können? Es ist nicht nur um das Geld zu tun,
damit du mich dir obligierest, dann solches ist vielleicht mit der Zeit wieder
zu bezahlen, sondern umb deine Liebe und Treue, vornehmlich aber um dein zu mir
habendes hohes Vertrauen, so nicht zu schätzen ist. Dasselbe machet mich
schamrot, wann ich bekennen muss, dass ich nimmermehr so viel einem einzigen
Menschen in der Welt vertrauet hätte, als du mir vertrauet hast. Bruder, mit
einem Wort, dein tugendhaft Gemüt machet mich zu deinem Sklaven, und was du
gegen mir tust, ist mehr zu verwundern, als zu widergelten müglich. O ehrlicher
Simplici, dem bei diesen gottlosen Zeiten, in welchen die Welt voll Untreue
stecket, nicht in Sinn kommt, der arme und hochbedörftige Herzbruder möchte mit
einem so ansehnlichen Stück, Geld fortgehen und ihn anstatt seiner in Mangel
setzen! Versichert, Bruder, dieser Beweistum deiner wahren Freundschaft
verbindet mich mehr gegen dir als ein reicher Herr, der mir viel tausend
verehrete. Allein bitte ich, mein Bruder, bleib selber Herr, Verwahrer und
Austeiler über dein Geld; mir ist gnug, dass du mein Freund bist!« Ich
antwortete: »Was wunderliche Reden sein das, hochgeehrter Herzbruder! Er gibt
mündlich zu vernehmen, dass er mir verbunden sei, und will doch nicht davor sein,
dass ich unser Geld, beides ihm und mir zu Schaden, nicht unnütz verschwende.«
Also redeten wir beiderseits gegeneinander läppisch genug, weil je einer in des
andern Liebe trunken war, welches mich schier glauben machte, dass eine schlechte
Liebe und Vertraulichkeit zwischen denenjenigen Menschen sei, zwischen denen
die Reden zuzeiten nicht auch fein närrischen fallen. Also ward Herzbruder
zugleich mein Hofmeister, mein Säckelmeister, mein Diener und mein Herr, und in
solcher müssigen Zeit erzählete er mir seinen Lebenslauf, und durch was Mittel er
bei dem Grafen von Götz bekannt und befördert worden, worauf ich ihm auch
erzählete, wie mirs ergangen, sint sein Vatter sel. gestorben, dann wir uns
bisher noch niemal so viel Zeit genommen; und da er hörete, dass ich ein junges
Weib zu L. hatte, verwiese er mir, dass ich mich nicht ehender zu derselbigen als
mit ihm in das Schweizerland begeben; dann solches wäre mir anständiger und auch
meine Schuldigkeit gewesen. Demnach ich mich aber entschuldiget, dass ich ihn als
meinen allerliebsten Freund in seinem Elend zu verlassen nicht übers Herz
bringen können, beredete er mich, dass ich meinem Weib schrieb und ihr meine
Gelegenheit zu wissen machte, mit Versprechen, mich mit ehistem wieder zu ihr zu
begeben; tät auch meines langen Ausbleibens halber meine Entschuldigungen, dass
ich nämlich allerhand widriger Begegnüssen halber, wie gern ich auch gewollt,
mich nicht ehender bei ihr hätte einfinden können.
    Dieweil dann Herzbruder aus den gemeinen Zeitungen erfuhr, dass es um den
Grafen von Götz wohl stünde, sonderlich dass er mit seiner Verantwortung bei der
Kaiserl. Majestät hinauslangen, wieder auf freien Fuss kommen und gar wiederum
das Kommando über eine Armee kriegen würde, berichtete er demselben seinen
Zustand nach Wien, schrieb auch nach der kurbayrischen Armee wegen seiner
Bagage, die er noch dort hatte, und fieng an zu hoffen, sein Glück und Aufkommen
würde wieder grünen; derhalben machten wir den Schluss, künftigen Frühling
voneinander zu scheiden, indem er sich zu bemeldtem Grafen, ich aber mich nach
L. zu meinem Weib begeben wollte. Damit wir aber denselben Winter nicht müssig
zubrächten, lerneten wir von einem Ingenieur auf dem Papier mehr fortifizieren,
als die Könige in Hispanien und Frankreich ins Werk setzen können. Darneben kam
ich mit etlichen Alchimisten in Kundschaft. Die wollten mich, weil sie Geld
hinter mir merkten, Gold machen lernen, da ich nur den Verlag darzu hergeben
wollte, und ich glaube, sie hätten mich überredet, wann ihnen Herzbruder nicht
abgedankt hätte, dann er sagte, wer solche Kunst könnte, würde nicht so
bettelhaftig dahergehen, noch andere um Geld ansprechen.
    Gleichwie nun Herzbruder von hochermeldtem Grafen eine angenehme
Wiederantwort und treffliche Promessen von Wien aus erhielt, also bekam ich von
L. keinen einzigen Buchstaben, unangesehen ich unterschiedliche Posttäge in
duplo hinschriebe. Das machte mich unwillig und verursachete, dass ich denselben
Frühling meinen Weg nicht nach Westfalen antrat, sondern von Herzbrudern
erhielt, dass er mich mit ihm nach Wien nahm, mich seines verhoffenden Glücks
geniessen zu lassen. Also mondierten wir uns aus meinem Geld wie zwei Kavaliers,
beides mit Kleidungen, Pferden, Dienern und Gewehr, giengen durch Konstanz auf
Ulm, allda wir uns auf die Donau satzten und von dort aus in acht Tagen zu Wien
glücklich anlangeten. Auf demselben Weg observierte ich, weil wir eilten, sonst
nichts, als dass die Weibsbilder, so an dem Strand wohnen, den Vorüberfahrenden,
so ihnen zuschrieen, nicht mündlich, sondern schlechtin mit dem Beweistum
selbst antworten, davon ein Kerl manch seines Einsehen haben kann.
 
                              Das vierte Kapitel.
Simplex und Herzbruder in den Krieg kommen,
Kommen bald los, wie wird deutlich vernommen.
Es geht wohl seltsam in der veränderlichen Welt her! Man pfleget zu sagen: Wer
alles wüsste, der würde bald reich; ich aber sage: Wer sich allweg in die Zeit
schicken könnte, der würde bald gross und mächtig. Mancher Schindhund oder
Schabhals (dann diese beide Ehrentitul werden den Geizigen gegeben) wird wohl
bald reich, weil er einen und andern Vorteil weiss und gebrauchet, er ist aber
darum nicht gross, sondern ist und verbleibet vielmals von geringrer Ästimation,
als er zuvor in seiner Armut war. Wer sich aber weiss gross und mächtig zu machen,
dem folget der Reichtum auf dem Fuss nach. Das Glück, so Macht und Reichtum zu
geben pfleget, blickte mich trefflich holdselig an und gab mir, nachdem ich ein
Tag oder acht zu Wien gewesen, Gelegenheit genug an die Hand, ohne einzige
Verhinderungen auf die Staffeln der Hoheit zu steigen; ich täts aber nicht.
Warum? Ich halte, weil mein Fatum ein anders beschlossen, nämlich dasjenige,
dahin mich meine Fatuitas leitete.
    Der Graf von der Wahl, unter dessen Kommando ich mich hiebevor in Westfalen
bekannt gemacht, war eben auch zu Wien, als ich mit Herzbrudern hinkam; dieser
ward bei einem Bankett, da sich verschiedene kaiserliche Kriegsräte neben dem
Grafen von Götz und andern mehr befanden, als man von allerhand seltsamen
Köpfen, unterschiedlichen Soldaten und berühmten Parteigängern redete, auch des
Jägers von Soest eingedenk und erzählete etliche Stücklein von ihm so rühmlich,
dass sich teils über einen so jungen Kerl verwunderten und bedaureten, dass der
listige hessische Obrister S.A. ihm ein Wehbengel angehängt, damit er entweder
den Degen beiseits legen oder doch schwedische Waffen tragen sollte. Dann
wohlbesagter Graf von der Wahl hatte alles erkündiget, wie derselbige Obrister
zu L. mit mir gespielet. Mein treuer Herzbruder, der eben dort stund und mir
meine Wohlfahrt gern befördert hätte, bate um Verzeihung und Erlaubnus zu reden
und sagte, dass er den Jäger von Soest besser kenne als sonst einen Menschen in
der Welt; er sei nicht allein ein guter Soldat, der Pulver riechen könnte,
sondern auch ein ziemlicher Reuter, ein perfekter Fechter, ein trefflicher
Büchsenmeister und Feuerwerker und über dies alles einer, der einem Ingenieur
nichts nachgeben würde; er hätte nicht nur sein Weib, weil er mit ihr so
schimpflich hintergangen worden, sondern auch alles, was er gehabt, zu L.
hinterlassen und wiederum kaiserliche Dienste gesuchet, massen er in verwichener
Kampagne sich unter dem Grafen von Götz befunden, und als er von den
Weimarischen gefangen worden und von denselben sich wieder zu den Kaiserlichen
begeben wollen, neben seinem Kamerad einen Korporal samt sechs Musketierern, die
ihnen nachgesetzet und sie wieder zurückführen sollen, niedergemacht und
ansehenliche Beuten davongebracht, massen er mit ihm selber nach Wien kommen,
des Willens, sich abermal wider der Römischen Kaiserlichen Majestät Feinde
gebrauchen zu lassen, doch sofern er solche Conditiones haben könnte, die ihm
anständig sein, dann keinen gemeinen Knecht begehre er mehr zu agieren.
    Damals war diese ansehnliche Kompagnie mit dem lieben Trunk schon dergestalt
begeistert, dass sie ihre Kuriosität, den Jäger zu sehen, kontentiert haben
wollte, massen Herzbruder geschickt ward, mich in einer Kutsche zu holen.
Derselbe instruierte mich unterwegs, wie ich mich bei diesen ansehenlichen
Leuten halten sollte, weil meine Beförderung und künftig Glück daran gelegen
wäre. Ich antwortete derhalben, als ich hinkam, auf alles sehr kurz und
apophtegmatisch, also, dass man sich über mich zu verwundern anfieng, dann ich
redete nichts, es müsste dann sein; und wann ich was redete, so musste es einen
klugen Nachdruck haben. In Summa, ich erschien dergestalt, dass ich jedem
angenehm war, weil ich ohnedas vom Herrn Grafen von der Wahl auch das Lob eines
guten Soldaten hatte. Mitin kriegte ich auch einen Rausch und glaube wohl, dass
ich alsdann auch habe scheinen lassen, wie wenig ich bei Hof gewesen. Endlich
war dieses das Ende, dass mir ein Obrister zu Fuss eine Kompagnie unter seinem
Regiment versprochen, welches ich dann gar nicht ausschlug; dann ich dachte:
»Ein Hauptmann zu sein, ist fürwahr kein Kinderspiel!« Aber Herzbruder verwiese
mir den andern Tag meine Leichtfertigkeit und sagte, wann ich nur noch länger
gehalten hätte, so wäre ich noch wohl höher ankommen.
    Also ward ich einer Kompagnie vor einen Hauptmann vorgestellt, welche,
obzwar sie samt mir in prima plana ganz komplett, aber nicht mehr als sieben
Schillergäste hatte. Ich sagte zu mir selber, als ich solche betrachtete:
»Wann ich Feldherr wäre und einen Hauptmann hätte, der nicht mehr Soldaten
vermöchte als du, so wollte ich ihn vorn Teufel wegjagen.« Zudem waren meine
Unteroffizierer mehrenteils alte Krachwedel, darüber ich mich hintern Ohren
kratzte; als ward ich mit ihnen bei der unlängst hernach vorgangenen scharfen
Okkasion desto leichter gemartscht, in welcher der Graf von Götz das Leben,
Herzbruder aber seine Testiculos einbüsste, die er durch einen Schuss verlor; ich
bekam meinen Teil in einen Schenkel, so aber gar eine geringe Wunde war.
Dannenhero begaben wir uns auf Wien, um sich kurieren zu lassen, weil wir
ohnedas unser Vermögen dort hatten. Ohn diese Wunden, so zwar bald geheilet,
ereignete sich an Herzbrudern ein ander gefährlicher Zustand, den die Medici
anfänglich nicht gleich erkennen konnten, dann er ward lahm an allen vieren wie
ein Cholericus, den die Galle verderbt, und war doch am wenigsten, selbiger
Komplexion nach, dem Zorn beigetan. Nichtsdestoweniger ward ihm die
Sauerbrunnenkur geraten und hierzu der Griessbacher an dem Schwarzwald
vorgeschlagen.
    Also veränderte sich das Glück unversehens: Herzbruder hatte kurz zuvor den
Willen gehabt, sich mit einem vornehmen Fräulein zu verheuraten und zu solchem
Ende sich zu einem Freiherrn, mich aber zu einem Edelmann machen zu lassen.
Nunmehr aber musste er andere Gedanken konzipieren; dann weil er dasjenige
verloren, damit er ein neues Geschlecht propagieren wollen, zumalen von seiner
Lähme mit einer langwierigen Krankheit bedrohet ward, in deren er guter Freunde
vonnöten, machte er sein Testament und satzte mich zum einzigen Erben aller
seiner Verlassenschaft, vornehmlich weil er sah, dass ich seinetwegen mein Glück
in Wind schlug und meine Kompagnie quittiert, damit ich ihn in Saurbrunn
begleiten und daselber, bis er seine Gesundheit wiedererlangen möchte,
auswarten könnte.
 
                              Das fünfte Kapitel.
Simplex lauft bottenweis wie Merkur, höret,
Was ihn der Jupiter von dem Krirg lehret.
Als nun Herzbruder wieder reuten konnte, übermachten wu unser Barschaft (dann
wir hatten nunmehr nur ein Säckel miteinander) per Wechsel nach Basel,
mondierten uns mit Pferden und Dienern und begaben uns die Donau hinauf nacher
Ulm und von dannen in den obgesagten Sauerbrunnen, weil es eben im Mai und
lustig zu reisen war. Daselbst dingten wir eir Losament, ich aber ritte nach
Strassburg, unser Gelt, welches wir von Basel aus dortin übermachet, nicht
allein zum Teil zu empfangen, sondern auch mich um erfahrne Medicos umzusehen,
die Herzbrudern Recepta und Badordnung vorschreiben sollten. Dieselben begaben
sich mit mir und befanden, dass Herzbrudern vergeben worden; und weil das Gift
nicht stark genug gewesen, ihn gleich hinzurichten, dass solches ihm in die
Glieder geschlagen wäre, welches wieder durch Pharmaca, Antidota, Schweissbäder
evacuieret werden müsste, und würde sich solche Kur auf ungefähr eine Woche oder
acht belaufen. Da erinnerte sich Herzbruder gleich, wann und durch wen ihm wäre
vergeben worden, nämlich durch diejenige, die gern seine Stelle im Krieg
betretten hätten; und weil er auch von den Medicis verstunde, dass seine Kur eben
keinen Sauerbrunn erfordert hätte, glaubte er festiglich, dass sein Medicus im
Feld durch ebendieselbe seine Aemulos mit Gelt bestochen worden, ihn so weit
hinwegzuweisen: jedoch resolvierte er sich, im Saurbrunn seine Kur zu vollenden,
weil es nicht allein eine gesunde Luft, sondern auch allerhand anmutige
Gesellschaften unter den Badgästen hatte.
    Solche Zeit mochte ich nicht vergeblich hinbringen, weil ich eine herzliche
Begierd hatte, dermalen eins mein Weib auch wiederum zu sehen; und weil
Herzbruder meiner nicht sonderlich vonnöten, eröffnete ich ihm mein Anliegen.
Der lobte meine Gedanken und gab mir den Rat, ich sollte mich ja weiters nichts
abhalten lassen, sondern sie je eher je besser besuchen, gab mir auch etliche
kostbare Kleinodien, die ich ihr seinetwegen verehren und sie damit um
Verzeihung bitten sollte, dass er ein Ursache gewesen sei, dass ich sie nicht
ehender besuchet. Also ritt ich nach Strassburg und machte mich nicht allein mit
Geld gefasst, sondern erkundigte auch, wie ich meine Reise anstellen möchte, dass
ich am sichersten fortkäme, befand aber, dass es so alleinzig zu Pferde nicht
geschehen könne, weilen es zwischen so vielen Garnisonen der beiderseits
kriegenden Teilen von den Parteien ziemlich unsicher war; erhielt derowegen
einen Pass vor einen Strassburger Bottenläufer und machte etliche Schreiben an
mein Weib, ihre Schwester und Eltern, als wann ich ihn damit nach L. schicken
wollte, stellete mich aber, als wann ich wieder andern Sinns wäre worden,
erpraktizierte also den Pass vom Botten, schickte meine Pferd und Diener wieder
zurück, verkleidete mich in eine weisse und rote Liberei und fuhr also in einem
Schiff hin und bis nach Köln, welche Stadt damals zwischen den kriegenden
Parteien neutral war.
    Ich ging zuvorderst hin, meinen ehemals bekannten Jovem zu besuchen, der
mich hiebevor zu seinem Ganymede erkläret hatte, um zu erkundigen, wie es mit
meinen hinterlegten Sachen eine Bewandnüs hätte. Der war aber damals wiederum
ganz hirnschellig und unwillig über das menschliche Geschlecht. »O Mercuri,«
sagte er zu mir, als er mich sah, »was bringst du Neues von Münster? vermeinen
die Menschen wohl ohn meinen Willen Friede zu machen? Nimmermehr! Sie hatten
ihn, warum haben sie ihn nicht behalten? Giengen nicht alle Laster im Schwang,
als sie mich bewegten, ihnen den Krieg zu senden? womit haben sie seitero
verdienet, dass ich ihnen den Frieden wiedergehen sollte? haben sie sich dann
selbigerzeit her bekehret? seind sie nicht ärger worden und selbst mit in Krieg
geloffen wie zu einer Kirchmess? oder haben sie sich vielleicht wegen der Teurung
bekehret, die ich ihnen zugesandt, darin so viel tausend Seelen Hungers
gestorben? Oder hat sie vielleicht das grausame Sterben erschröcket (das so viel
Millionen hingerafft), dass sie sich gebessert? Nein, nein, Mercuri, die übrig
verbliebene, die den elenden Jammer mit ihren Augen angesehen, haben sich nicht
allein nicht gebessert, sondern seind viel ärger worden, als sie zuvor jemals
gewesen! Haben sie nun sich wegen so vieler scharfen Heimsuchungen nicht
bekehret, sondern unter so schwerem Kreuz und Trübsal gottlos zu leben nicht
aufgehöret was werden sie dann erst tun, wann ich ihnen den wohl-lustbarlichen
goldenen Frieden wieder zusendete? Ich müsste sorgen, dass sie mir, wie hiebevor
die Riesen getan, den Himmel abzustürmen unterstehen würden. Aber ich will
solchem Mutwillen wohl beizeit steuren und sie im Krieg eine gute Zeit
kümmerlich genug hocken lassen.«
    Weil ich nun wusste, wie man diesen Gott lausen musste, wann man ihn recht
stimmen wollte, sagte ich: »Ach grosser Gott, es seufzet aber alle Welt nach dem
Friede und versprechen eine grosse Besserung, warum wolltest du ihnen dann
solchen noch länger verweigern können?« - »Ja, ja!« antwortete Jupiter, »sie
seufzen wohl, aber nicht meint -, sondern umb ihrentwillen; nicht dass jeder
unter seinem Weinstock und Feigenbaum Gott loben, sondern dass sie deren edle
Früchte mit guter Ruhe und in aller Wollust geniessen möchten. Ich fragte neulich
einen grindigen Schneider, ob ich den Frieden geben sollte? Aber er antwortete
mir, was er sich darum geheie, er müsse sowohl zu Kriegs- als Friedenszeiten mit
der stählernen Stange fechten. Eine solche Antwort kriegte ich auch von einem
Rotgiesser, der sagte, wann er im Friede keine Glocken zu giessen hätte, so hätte
er im Krieg genug mit Stücken und Feurmörseln zu tun. Also antwortete mir auch
ein Schmied und sagte: Habe ich keine Pflüge und Bauernwägen im Krieg zu
beschlagen, so kommen mir jedoch genug Reuterpferde und Heerwägen unter die
Hände, also dass ich des Friedens wohl entbehren kann. Siehe nun, lieber Mercuri,
warumb sollte ich ihnen dann den Frieden verleihen? Ja, es sind zwar etliche,
die ihn wünschen, aber nur, wie gesagt, um ihres Bauchs Wollust und guten
Gemachs willen; hingegen aber sind auch andere, die den Krieg behalten wollen,
nicht zwar weil es mein Wille ist, sondern weil er ihnen eintraget. Und
gleichwie die Mäurer und Zimmerleute den Frieden wünschen, damit sie in
Auferbauung und Reparierung der eingeäscherten Häuser Geld verdienen, also
verlangen andere, die sich im Friede mit ihrer Hand Arbeit nicht zu ernähren
getrauen, die Kontinuation des Kriegs, in selbigem zu stehlen.«
    Weilen dann nun mein Jupiter mit diesen Sachen umgieng, konnte ich mir
leicht einbilden, dass er mir in solchem verwirrten Stand von dem Meinigen wenig
Nachricht würde geben können, entdeckte mich ihm derhalben nicht, sondern nahm
meinen Kopf zwischen die Ohren und ging durch Abwege, die mir dann alle wohl
bekannt waren, nach L., fragte daselbst nach meinem Schwähervatter allerdings
wie ein fremder Botte und erfuhr gleich, dass er samt meiner Schwieger bereits
vor einem halben Jahr diese Welt gesegnet, und dann dass meine Liebste, nachdem
sie mit einem jungen Sohn niederkommen, den ihre Schwester bei sich hätte,
gleichfalls stracks nach ihrem Kindbette diese Zeitlichkeit verlassen. Darauf
lieferte ich meinem Schwager diejenige Schreiben, die ich selbst an meinen
Schwäher, an meine Liebste und an ihn, meinen Schwager, geschrieben; derselbe
nun wollte mich selbst herbergen, damit er von mir als einem Botten erfahren
könnte, was Standes Simplicius sei und wie ich mich verhielte. Zu dem Ende
diskurrierte meine Schwägerin lang mit mir von mir selber, und ich redete auch
von mir, was ich nur Löbliches von mir wusste, dann die Urschlechten hatten mich
dergestalt verderbt und verändert, dass mich kein Mensch mehr kannte ausser der
von Schönstein, welcher aber als mein getreuster Freund reinen Mund hielt.
    Als ich ihr nun nach der Länge erzählete, dass Herr Simplicius viel schöner
Pferde und Diener hätte, in grossem Ansehen wäre und in einem schwarzen sammeten
Mutzen aufzöge, der überall mit Gold verbrämt wäre, sagte sie: »Ja, ich habe mir
jederzeit eingebildet, dass er keines so schlechten Herkommens sei, als er sich
davor ausgeben. Der hiesige Kommandant hat meine Eltern sel. mit grossen
Verheissungen persuadiert, dass sie ihm meine Schwester sel., die wohl eine fromme
Jungfer gewesen, ganz vortelhaftigerweise aufgesattelt, davon ich niemalen ein
gutes Ende habe hoffen können; nichtsdestoweniger hat er sich wohl angelassen
und resolviert, in hiesiger Garnison schwedische oder vielmehr hessische Dienste
anzunehmen, massen er zu solchem Ende seinen Vorrat, was er zu Köln gehabt,
hieher holen wollen, das sich aber gesteckt, und er darüber ganz
schelmischerweise in Frankreich praktiziert worden, meine Schwester, die ihn
noch kaum vier Wochen gehabt, und sonst noch wohl ein halb Dutzet Bürgerstöchter
schwanger hinterlassend; wie dann eine nach der andern (und zwar meine Schwester
am allerletzten) mit lauter jungen Söhnen niederkommen. Weil dann nunmehr mein
Vatter und Mutter tot, ich und mein Mann aber keine Kinder miteinander zu
hoffen, haben wir meiner Schwester Kind zum Erben aller unser Verlassenschaft
angenommen und mit Hülfe des hiesigen Herrn Kommandanten seines Vatters hab zu
Köln erhoben, welches sich ungefähr auf 3000 Gülden belaufen möchte, dass also
dieser junge Knab, wann er einmal zu seinen Jahren kommt, sich unter die Arme zu
rechnen keine Ursache haben wird. Ich und mein Mann lieben das Kind auch so
sehr, dass wirs seinem Vatter nicht liessen, wannschon er selbst käme und ihn
abholen wollte; überdas, so ist er der Schönste unter allen seinen Stiefbrüdern
und sieht seinem Vatter so gleich, als wann er ihm aus den Augen geschnitten
wäre; und ich weiss, wann mein Schwager wüsste, was er vor einen schönen Sohn hier
hätte, dass er ihm nicht abbrechen könnte, hieherzukommen (da er schon seine
übrige Hurenkinder scheuen möchte), nur das liebe Herzchen zu sehen.«
    Solche und dergleichen sehr viel andere Sachen brachte mir meine Schwägerin
vor, woraus ich ihre Liebe gegen meinem Kind leicht spüren können, welches dann
dort in seinen ersten Hosen herumlief und mich im Herzen erfreuete. Derhalben
suchte ich die Kleinodien herfür, die mir Herzbruder geben, solche seinetwegen
meinem Weib zu verehren; dieselbige (sagte ich) hätte mir Herr Simplicius
mitgeben, seiner Liebsten zum Gruss einzuhändigen; weil aber selbige tot wäre,
schätzte ich, es wäre billig, dass ich sie seinem Kind hinterliesse, welche mein
Schwager und seine Frau mit Freuden empfiengen und daraus schlossen, dass ich an
Mitteln keinen Mangel haben, sondern viel ein ander Gesell sein müsste, als sie
sich hiebevor von mir eingebildet. Mitin drang ich auf meine Abfertigung, und
als ich dieselbe bekam, begehrete ich im Namen Simplicii den jungen Simplicium
zu küssen, damit ich seinem Vatter solches als ein Wahrzeichen erzählen könnte.
Als es nun auf Vergünstigung meiner Schwägerin geschahe, fieng beides, mir und
dem Kind, die Nase an zu bluten, darüber mir das Herz hätte brechen mögen; doch
verbarg ich meine Affekten, und damit man nicht Zeit haben möchte, der Ursache
dieser Sympatiae nachzudenken, machte ich mich stracks aus dem Staub und kam
nach vierzehn Tagen durch viel Mühe und Gefahr wieder in Bettlersgestalt in
Saurbrunn, weil ich unterwegs ausgeschotet worden.
 
                              Das sechste Kapitel.
Simplex ein artliches Stücklein verricht
In dem Saurbrunnen, das gar nicht erdicht.
Nach meiner Ankunft ward ich gewahr, dass es sich mit Herzbrudern mehr gebösert
als gebessert hatte, wiewohl ihn die Doctores und Apoteker strenger als eine
fette Gans gerupft; überdas kam er mir auch ganz kindisch vor und konnte
kümmerlich mehr recht gehen. Ich ermunterte ihn zwar, so gut ich konnte, aber es
war schlecht bestellt; er selbst merkte an Abnehmung seiner Kräften wohl, dass er
nicht lang mehr würde dauern können. Sein grösster Trost war, dass ich bei ihm
sein sollte, wann er die Augen würde zutun.
    Hingegen machte ich mich lustig und suchte meine alte leichtfertige Freude,
wo ich solche zu finden vermeinte, doch solchergestalt, dass meinem Herzbruder
an seiner Pflege nichts manglete. Und weil ich mich einen Witwer zu sein wusste,
reizten mich die guten Täge und meine Jugend wiederum zur Buhlerei, deren ich
dann trefflich nachhieng, weil mir der zu Einsiedlen eingenommene Schröcken
allerdings wieder vergessen war. Es befand sich im Saurbrunn eine schöne Dame,
die sich vor eine von Adel ausgab und meines Erachtens doch mehr mobilis als
nobilis war. Derselben Mannsfallen wartete ich trefflich auf den Dienst, weil
sie ziemlich glattärig zu sein schiene, erhielt auch in kurzer Zeit nicht
allein einen freien Zutritt, sondern auch alle Vergnügung, die ich hätte
wünschen und begehren mögen. Aber ich hatte gleich ein Abscheuen ab ihrer
Leichtfertigkeit, trachtete derhalben, wie ich ihrer wieder mit Manier los
werden könnte, dann wie mich dünkte, so ging sie mehr darauf umb, meinen Säckel
zu scheren als mich zur Ehe zu bekommen. Zudem übertrieb sie mich mit
liebreizenden feurigen Blicken und andern Bezeugungen ihrer brennenden
Affektion, wo ich ging und stund, dass ich mich beides, vor mich und sie,
schämen musste.
    Nebendem befand sich auch ein vornehmer reicher Schweizer im Bad; dem ward
nicht nur sein Geld, sondern auch seines Weibes Geschmuck, der in Gold, Silber,
Perlen und Edelgesteinen bestund, entfremdet. Weil dann nun solche Sachen ebenso
ungern verloren werden, als schwer sie zu erobern sein, derhalben suchte
bemeldter Schweizer allerhand Rat und Mittel, dadurch er selbige wieder zur Hand
bringen möchte, massen er den berühmten Teufelsbanner aus der Geisshaut kommen
liess, der durch seinen Bann den Dieb dergestalt tribulierte, dass er das
gestohlene Gut in eigener Person wieder an seine gehörige Örter liefern musste,
deswegen der Hexenmeister dann 10 Reichstaler zur Verehrung bekam.
    Diesen Schwarzkünstler hätte ich gern gesehen und mit ihm konferiert, es
möchte aber, wie ich davorhielt, ohn Schmälerung meines Ansehens (dann ich
dünkte mich damals keine Saue sein) nicht geschehen; derhalben stellete ich
meinen Knecht an, mit ihm denselben Abend zu saufen, weil ich vernommen, dass er
ein Ausbund eines Weinbeissers sein sollte, um zu sehen, ob ich vielleicht
hierdurch mit ihm in gute Kundschaft kommen und eins und anders mir nicht
Undienliches erfahren möchte; dann es wurden mir so viel seltsame Sachen von ihm
erzählet, die ich nicht glauben konnte, ich hätte sie dann selbst von ihm
vernommen. Ich verkleidete mich wie ein Landfahrer, der Salben feilhat, satzte
mich zu ihm an Tisch und wollte vernehmen, ob er erraten oder ihm der Teufel
eingeben würde, wer ich wäre. Aber ich konnte nit das geringste an ihm spüren,
dann er soff immer hin und hielt mich vor einen, wie meine Kleider anzeigten,
also dass er mir auch etliche Gläser zubrachte und doch meinen Knecht höher als
mich respektierte. Demselben erzählte er vertraulich, wann derjenige, so den
Schweizer bestohlen, nur das geringste davon in ein fliessend Wasser geworfen und
also dem leidigen Teufel auch Partem geben hätte, so wäre unmüglich gewesen,
weder den Dieb zu nennen, noch das Verlorne wieder zur Hand zu bringen.
    Diese närrische Possen hörete ich an und verwunderte mich, dass der
heimtückische und tausendlistige Feind den armen Menschen durch so geringe
Sachen in seine Klauen bringt. Ich konnte leicht ermessen und ohnschwer
schliessen, dass dieses Stücklein ein Teil des Pakts sei, den er mit dem Teufel
getroffen, und konnte wohl gedenken, dass solche Kunst den Dieb nichts helfen
würde, wann ein ander Teufelsbanner geholt würde, den Diebstahl zu offenbaren,
in dessen Pakt diese Klausul nicht stünde; befahl demnach meinem Knecht, welcher
ärger stehlen konnte als ein Böhme, dass er ihn gar vollsaufen und ihm hernach
seine zehen Reichstaler stehlen, alsobalden aber ein paar Batzen davon in die
Rench werfen sollte. Dies tät mein Kerl gar fleissig. Als nun dem Teufelsbanner
am Morgen frühe sein Geld mangelte, begab er sich gegen der wüsten Rench in
einen Busch, ohn Zweifel seinen Spiritum familiarem deswegen zu besprechen; er
ward aber so übel abgefertigt, dass er mit einem blauen und zerkratzten Angesicht
wieder zurückkam; weswegen mich dann der arme alte Schelm dergestalt daurete,
dass ich ihm sein Geld wiedergeben und darbei sagen liesse, weil er nunmehr sähe,
was vor ein betrüglicher böser Gast der Teufel sei, könnte er hinfort dessen
Dienst und Gesellschaft wohl aufkünden und sich wieder zu Gott bekehren. Aber
solche Vermahnung bekam mir wie dem Hund das Gras; dann ich hatte von dieser
Zeit an weder Glück noch Stern mehr, massen mir gleich hernach meine schöne
Pferde durch Zauberei hinfielen. Und zwar, was hätte davor sein sollen? Ich
lebte gottlos wie ein Epikurer und befahl das Meine niemal in Gottes Schutz;
warum hätte sich dann dieser Zauberer nicht wiederum an mir sollen rächen
können?
 
                             Das siebente Kapitel.
Simplex vertrauter Freund Herzbruder stirbt,
Und er viel liebliche Buhlen erwirbt.
Der Saurbrunn schlug mir je länger je besser zu, weil sich nicht allein die
Badgäste gleichsam täglich mehreten, sondern weil der Ort selbst und die Manier
zu leben mich anmutig zu sein dunkte. Ich machte mit den Lustigsten Kundschaft,
die dahin kamen, und fieng an courtoise Reden und Komplimenten zu lernen, deren
ich mein Tage sonst niemal viel geachtet hatte.
    Ich ward vor einen vom Adel gehalten, weil mich meine Leute Herr Hauptmann
nannten, sintemal dergleichen Stellen kein Soldat von Fortun so leichtlich in
einem solchen Alter erlanget, darin ich mich damals befand. Dannenhero machten
die reichen Stutzer mit mir und hingegen ich hinwiederum mit ihnen nicht allein
Kund-, sondern auch gar Brüderschaft, und war alle Kurzweile, Spielen, Fressen
und Saufen meine allergrösste Arbeit und Sorge, welches aber manchen schönen
Dukaten hinwegnahm, ohn dass ich es sonderlich wahrgenommen und geachtet hätte;
dann mein Säckel von dem Olivierischen Erbgut war noch trefflich schwer.
    Unterdessen ward es mit Herzbrudern je länger je ärger, also dass er endlich
die Schuld der Natur bezahlen musste, nachdem ihn die Medici und Ärzte verlassen,
als sie sich zuvor genugsam an ihm begraset hatten. Er bestätigte nachmalen sein
Testament und letzten Willen und machte mich zum Erben über dasjenige, so er von
seines Vatters sel. Verlassenschaft zu empfangen; hingegen liess ich ihn ganz
herrlich begraben und seine Diener mit Traurkleidern und einem Stück Geld ihres
Wegs laufen.
    Sein Abschied tät mir schmerzlich weh, vornehmlich weil ihm vergeben worden,
und obzwar ich solches nicht ändern konnte, so änderts doch mich, weil ich mich
von Tag zu Tag mehr und mehr bekümmerte; dann ich flohe alle Gesellschaften und
suchte nur die Einsamkeit, meinen betrübten Gedanken Audienz zu geben. Zu dem
Ende verbarg ich mich etwan irgends in einen Busch und betrachtete nicht allein,
was ich vor einen Freund verloren, sondern auch, dass ich mein Lebtag
seinesgleichen nicht mehr bekommen würde. Mitin machte ich auch von Anstellung
meines künftigen Lebens allerhand Anschläge und beschloss doch nichts Gewisses.
Bald wollte ich wieder in Krieg, und unversehens gedachte ich, es hättens die
geringste Bauern in selbiger Gegend besser als ein Obrister; dann in dasselbe
Gebürg kamen keine Parteien. So konnte ich mir auch nit einbilden, was eine
Armee darin zu schaffen haben müsste, dieselbe Landsart zu ruinieren, massen noch
alle Bauernhöfe, gleich als zu Friedenszeiten, in trefflichem Bau und alle
Ställe voll Viehe waren, unangesehen auf dem ebenen Land in den Dörfern weder
Hund noch Katze anzutreffen.
    Einsmals hatte ich mich zwischen dem Weg und dem Wasser unter einem dicken
schattigten Baum ins Gras niedergelegt, den Nachtigallen zuzuhören, welcher
Gesang mich dann in meiner Betrübnus am allermeisten belustigte; dann ich hörte
dieser lieblichen Melodei nicht nur ohnachtsamlich, sondern mit grossem Fleiss zu
und erwoge aus angenommener Gewohnheit gleichsam täglich, wie doch eine so helle
hohe Stimme und wohllautender Klang aus einem so kleinen Pfeiflein oder
Kanälchen kommen könnte. Als ich mich nun mit Anhörung des lieblichsten
Vogelgesangs also eine ziemliche Zeit ergötzte und mir einbildete, dass die
Nachtigall durch ihre Lieblichkeit andere Vögel banne, stillzuschweigen und
ihnen zuzuhören, entweder aus Scham oder ihr etwas von solchem anmutigen Klang
abzustehlen, da näherte sich jenseit dem Wasser eine Schönheit an das Gestad,
die mich mehr bewegte (weil sie nur den Habit einer Bauerndirne antrug), als
eine stattliche Damoiselle sonst nicht hätte tun mögen. Diese hub einen Korb vom
Kopf, darin sie einen Ballen frische Butter trug, solchen im Sauerbrunnen zu
verkaufen; denselben erfrischte sie im Wasser, damit er wegen der grossen Hitze
nicht schmelzen sollte; unterdessen satzte sie sich nieder ins Gras, warf ihren
Schleier und Bauernhut von sich und wischte den Schweiss vom Angesicht, also dass
ich sie genug betrachten und meine vorwitzige Augen an ihr weiden konnte. Da
dünkte mich, ich hätte die Tage meins Lebens kein schöner Mensch gesehen, die
Proportion des Leibes schien vollkommen und ohn Tadel, Arme und Hände
schneeweiss, das Angesicht frisch und lieblich, die schwarze Augen aber voller
Feur und liebreizender Blicke. Als sie nun ihre Butter wieder einpackte schrie
ich hinüber: »Ach Jungfer! Ihr habt zwar mit Euren schönen Händen Eure Butter im
Wasser abgekühlt, hingegen aber mein Herz durch Eure klare Augen ins Feur
gesetzt!« Sobald sie mich sah und hörete, lief sie davon, als ob man sie gejagt
hätte, ohn dass sie mir ein Wörtlein geantwortet hatte, mich mit all denjenigen
Torheiten beladen hinterlassend, damit die verliebte Phantasten gepeinigt zu
werden pflegen.
    Aber meine Begierden, von dieser Sonne mehr beschienen zu werden, liessen
mich drum nicht in meiner Einsamkeit, die ich mir auserwählt, sondern machten,
dass ich den Gesang der Nachtigallen nicht höher achtete als ein Geheul der
Wölfe. Derhalben trollete ich auch dem Saurbrunn zu und schickte meinen Jungen
voran, die Butterverkäuferin anzupacken und mit ihr zu marken, bis ich hernach
käme. Dieser tät das seinige und ich nach meiner Ankunft auch das meinige; aber
ich fand ein steinern Herz und eine solche Kaltsinnigkeit, dergleichen ich
hinter einem Baurnmägdlein nimmermehr zu finden getrauet hätte, welches mich
aber viel verliebter machte, unangesehen ich als einer, der mehr in solchen
Schulen gewesen, mir die Rechnung leicht machen können, dass sie sich nicht so
leicht würde betören lassen.
    Damals hätte ich entweder einen strengen Feind oder einen guten Freund haben
sollen: einen Feind, damit ich meine Gedanken gegen demselbigen hätte richten
und der närrischen Liebe vergessen müssen, oder einen Freund, der mir ein anders
geraten und mich von meiner Torheit, die ich vornahm, hätte abmahnen mögen.
Aber, ach leider! ich hatte nichts als mein und Herzbruders Geld, das mich
verblendete, meine blinde Begierden, die mich verführeten, weil ich ihnen den
Zaum schiessen liess, und meine grobe Unbesonnenheit, die mich verderbete und in
alles Unglück stürzete. Ich wendete viel auf Kuppler und Kupplerinnen, ob ich
vielleicht durch dieselbe meinen Zweck erreichen und durch eine noch grössere
Sünde meinen sündlichen Begierden Satisfaktion erlangen könnte: aber ich traf
nit, wornach ich zielte, sondern fand, dass ein Bauerndirne dasjenige
verschmähet, was etwan vor diesem andere gewünschet, welches mich schier halb
unsinnig machte. Ich Narr hätte ja aus unsern Kleidungen, als aus einem bösen
Omen, judizieren sollen, dass mir ihre Liebe nicht wohl ausschlagen würde; dann
weil mir Herzbruder, diesem Mägdlein aber ihre Eltern gestorben und wir dahero
alle beide in Traurkleidern aufzogen, als wir einander das erstemal sahen, was
hätte unsre Buhlschaft vor eine Fröhlichkeit bedeuten sollen? Mit einem Wort,
ich war mit den Stricken Veneris oder besser zu sagen mit dem Narrnsail
rechtschaffen verstrickt und derhalben ganz blind und ohn Verstand wie das Kind
Cupido selber, und weil ich meine viehische Begierden nicht anders zu sättigen
getrauet, entschloss ich, sie zu heiraten. »Was?« gedachte ich, »du bist deines
Herkommens doch nur ein Bauernsohn und wirst deine Tage kein Schloss besitzen;
diese Revier ist ein edel Land, das ich gleichwohl dies grausame Kriegswesen
hindurch, gegen andern Orten zu rechnen, im Wohlstand und Flor befunden; überdas
hast du noch Geld genug, auch den besten Baurnhof in dieser Gegend zu bezahlen;
du willst dies ehrliche Baurngretlein heiraten und dir einen geruhigen
Herrnhandel mitten unter den Bauern schaffen. Wo wolltest du dir eine lustigere
Wohnung aussehen können als bei dem Saurbrunn, da du wegen der zu- und
abreisenden Badgäste gleichsam alle sechs Wochen eine neue Welt sehen und dir
dabei einbilden kannst, wie sich der Erdkreis von einem Säculo zum andern
verändert?« Solche und dergleichen mehr tausendfältige Gedanken machte ich, bis
ich endlich meine Geliebte zur Ehe begehrete und, wiewohl nicht ohn Mühe, das
Jawort erhielt.
 
                               Das achte Kapitel.
Simplex zum andernmal freiet, hört an,
Wer seine Eltern gewesen, vom Knan.
Ich liess trefflich zur Hochzeit zurüsten, dann der Himmel hieng mir voller
Geigen: das Bauerngut, darauf meine Braut geboren worden, lösete ich nicht
allein ganz an mich, sondern fieng noch darzu einen schönen neuen Bau an, gleich
als ob ich daselbst mehr hof- als haushalten hätte wollen; und ehe ich die
Hochzeit vollzogen, hatte ich bereits über dreissig Stücke Viehe dastehen, weil
man so viel das Jahr hindurch auf demselben Gut erhalten konnte. In Summa, ich
bestellet alles auf das beste, auch sogar mit köstlichem Hausrat, wie es mir nur
meine Torheit eingab. Aber die Pfeife fiel mir bald in Dreck, dann da ich
nunmehr vermeinte, mit gutem Wind in Engeland zu schiffen, kam ich wider alle
Zuversicht in Holland, und damals, aber viel zu spat, ward ich erst gewahr, was
Ursache mich meine Braut so ungern nehmen wollen; das mich aber am allermeisten
schmerzete, war, dass ich mein spöttlich Anliegen keinem Menschen klagen dorfte.
Ich konnte zwar wohl erkennen, dass ich nach dem Mass der Billigkeit Schulden
bezahlen musste, aber solche Erkänntnus machte mich darum nichts desto
gedultiger, viel weniger frömmer; sondern weil ich mich so betrogen befand,
gedachte ich, meine Betrügerin wieder zu betrügen, massen ich anfieng, grasen zu
gehen, wo ich immer mehr zukommen konnte; überdas stak ich mehr bei guter
Gesellschaft im Saurbrunn als zu Haus: in Summa, ich liess meine Haushaltung
allerdings ein gut Jahr haben. Andernteils war meine Frau Gemahlin ebenso
liederlich: sie hatte einen Ochsen, den ich ins Haus schlagen lassen, in etliche
Körbe eingesalzen; und als sie mir auf eine Zeit ein Spänsau zurichten sollte,
unterstund sie, solche wie einen Vogel zu ropfen, wie sie mir dann auch Krebse
auf dem Rost, einen Hasen brühen und Forellen an einem Spiess braten wollen. Bei
diesen paar Exempeln kann man unschwer abnehmen, wie ich im übrigen mit ihr bin
versorgt gewesen. Nicht weniger trank sie auch das liebe Weinchen gern und
teilete andern guten Leuten auch mit, das mir dann in mein künftig Verderben
prognostizierte.
    Einsmals spazierte ich mit etlichen Stutzern das Tal hinunter, eine
Gesellschaft im untern Bad zu besuchen; da begegnete uns ein alter Baur mit
einer Geiss am Strick, die er verkaufen wollte; und weil mich dünkte, ich hätte
dieselbe Person mehr gesehen, fragte ich ihn, wo er mit dieser Geiss herkäme. Er
aber zog sein Hütlein ab und sagte: »Gnädiger Hearr, eich darffs ouch werli neit
sän.« Ich sagte: »Du wirst sie ja nicht gestohlen haben?« - »Nein,« antwortete
der Baur, »sondern ich bringe sie aus dem Städtechen unten im Tal, welches ich
eben gegen dem Herrn nicht nennen darf, dieweil wir von einer Geiss reden.«
Solches bewegte meine Gesellschaft zum Lachen, und weil ich mich im Angesicht
entfärbte, gedachten sie, ich hätte einen Verdruss oder schämte mich, weil mir
der Baur so artlich eingeschenkt. Aber ich hatte andere Gedanken; dann an der
grossen Warze, die der Baur gleichsam wie das Einhorn mitten auf der Stirn stehen
hatte, ward ich eigentlich versichert, dass es mein Knän aus dem Spessert war,
wollte derhalben zuvor einen Wahrsager agieren, eh ich mich ihm offenbaren und
mit einem so stattlichen Sohn, als damals meine Kleider auswiesen, erfreuen
wollte, sagte derhalben zu ihm: »Mein lieber alter Vatter, seid Ihr nicht im
Spessert zu Haus?« - »Ja Hearr!« antwortete der Baur. Da sagte ich weiter:
»Haben Euch nicht vor ungefähr 18 Jahren die Reuter Euer Haus und Hof geplündert
und verbrannt?« - »Ja, Gott erbarms!« antwortete der Baur, »es ist aber noch
nicht so lang.« Ich fragte weiter: »Habet Ihr nicht damals zwei Kinder, nämlich
eine erwachsene Tochter und einen jungen Knaben, gehabt, der Euch der Schaf
gehütet?« - »Hearr,« antwortete mein Knän, »die Tochter war mein Kind, aber der
Bub nicht; ich habe ihn aber an Kindes Statt aufziehen wollen.« Hieraus
verstunde ich wohl, dass ich dieses groben Knollfinken Sohn nicht sei, welches
mich einenteils erfreuete, hingegen aber auch betrübete, weil mir zugefallen,
ich müsste sonsten ein Bankert oder Findling sein, fragte derowegen meinen Knän,
wo er dann denselben Buben aufgetrieben, oder was vor Ursache er gehabt,
denselben an Kindes Statt zu erziehen. »Ach,« sagte er, »es ist mir seltsam mit
ihm gangen: der Krieg hat mir ihn geben, und der Krieg hat mir ihn wieder
genommen.« Weil ich dann besorgte, es dürfte wohl ein wunderliches Fazit
herauskommen, das mir wegen meiner Geburt nachteilig sein möchte, verwandte ich
meinen Diskurs wieder auf die Geiss und fragte, ob er sie der Wirtin in die Küche
verkauft hätte, das mich befremde, weil die Sauerbrunngäste kein alt Geissfleisch
zu geniessen pflegten. »Ach nein, Hearr,« antwortete der Baur, »die Wirtin hat
selber Geissen genug und gibt auch nichts vor ein Ding. Ich bringe sie der
Gräfin, die im Saurbrunn badet, und hat ihr der Doktor Hans in allen Gassen
etliche Kräuter geordnet, so die Geiss essen muss, und was sie dann vor Milch
davon gibt, die nimmt der Doktor und machet der Gräfin noch so ein Ärtznei
drüber; so muss sie die Milch trinken und wieder gesund davon werden. Man säit,
es mangle der Gräfin am Gehäng, und wann ihr die Geiss hilft, so vermag sie mehr
als der Doktor und seine Abdecker miteinander.« Unter währender solcher Relation
besann ich, auf was Weise ich mehr mit dem Baur reden möchte, bot ihm derhalben
einen Taler mehr um die Geiss, als der Doktor oder die Gräfin darum geben
wollten; solches ging er gleich ein (dann ein geringer Gewinn persuadieret die
Leute bald anders), doch mit dem Beding, er sollte der Gräfin zuvor anzeigen,
dass ich ihm einen Taler mehr darauf gebotten; wollte sie dann so viel darum
geben als ich, so sollte sie den Vorkauf haben, wo nicht, so wollte er mir die
Geiss zukommen lassen und, wie der Handel stünde, auf den Abend anzeigen.
    Also ging mein Knän seines Wegs, und ich mit meiner Gesellschaft den
unserigen auch; doch wusste, konnte und mochte ich nicht länger bei der Kompagnie
bleiben, sondern drehete mich ab und ging hin, wo ich meinen Knän wiederfand:
der hatte seine Geiss noch, weil ihm andere nicht so viel als ich darum geben
wollten, welches mich an so reichen Leuten wunderte und doch nicht kärger
machte. Ich führte ihn auf meinen neu erkauften Hof, bezahlte ihm seine Geiss,
und nachdem ich ihm einen halben Rausch angehängt, fragte ich ihn, woher ihm
derjenige Knab zugestanden wäre, von dem wir heut geredet. »Ach Herr,« sagte er,
»der Mansfelder Krieg hat mir ihn beschert, und die Nördlinger Schlacht hat mir
ihn wieder genommen.« Ich sagte: »Das muss wohl eine lustige Histori sein!«, mit
Bitte, weil wir doch sonst nichts zu reden hätten, er wollte mirs doch vor die
Langeweile erzählen. Darauf fieng er an und sagte: »Als der Mansfelder bei
Höchst die Schlacht verlor, zerstreuete sich sein flüchtig Volk weit und breit
herum, weil sie nicht alle wussten, wohin sie sich retirieren sollten. Viel kamen
in Spessert, weil sie die Büsche suchten, sich zu verbergen; aber indem sie dem
Tod auf der Ebne entgiengen, fanden sie ihn bei uns in den Bergen, und weil
beide kriegende Teile vor billig achteten, einander auf unserm Grund und Boden
zu berauben und niederzumachen, griffen wir ihnen auch auf die Hauben. Damals
ging selten ein Bauer in den Büschen ohne Feuerrohr, weil wir zu Haus bei
unsern Hauen und Pflügen nicht bleiben konnten. In demselben Tumult bekam ich
nicht weit von meinem Hof in einem wilden ungeheuren Wald eine schöne junge
Edelfrau samt einem stattlichen Pferd, als ich zuvor nicht weit davon etliche
Büchsenschüsse gehöret hatte. Ich sah sie anfänglich vor einen Kerl an, weil
sie so mannlich daherritt; aber indem ich sie beides, Händ und Augen, gegen dem
Himmel aufheben sah und auf Welsch mit einer erbärmlichen Stimme zu Gott rufen
hörete, liess ich mein Rohr, damit ich Feuer auf sie geben wollte, sinken und zog
den Hahn wieder zurück, weil mich ihr Geschrei und Gebärden versicherten, dass
sie ein betrübtes Weibsbild wäre und mich alsobald zum Mitleiden bewegte. Mitin
näherten wir uns einander, und da sie mich sah, sagte sie: Ach! wann Ihr ein
ehrlicher Christenmensch seid, so bitte ich Euch um Gottes und seiner
Barmherzigkeit, ja um des Jüngsten Gerichts willen, vor welchem wir alle um
unser Tun und Lassen Rechenschaft geben müssen, Ihr wollet mich zu ehrlichen
Weibern führen, die mich durch göttliche Hülfe von meiner Leibesbürde entledigen
helfen! Diese Worte, die mich so grosser Dinge erinnerten, samt der holdseligen
Aussprache und zwar betrübten, doch überaus schönen und anmutigen Gestalt der
Frau zwangen mich zu solcher Erbärmde, dass ich ihr Pferd beim Ziegel nahm und
sie durch Hecken und Stauden an den allerdicksten Ort des Gesträuchs führete, da
ich selbst mein Weib, Kind, Gesind und Viehe hingeflehnt hatte. Daselbst genass
sie ehender als in einer halben Stunde desjenigen jungen Knaben, von dem wir
heut miteinander geredet haben.«
    Hiermit beschloss mein Knän seine Erzählung, weil er eins trank; dann ich
sprach ihm gar gütlich zu. Da er aber das Glas ausgeleeret hatte, fragte ich:
»Und wie ist es darnach weiter mit der Frau gangen?« Er antwortete: »Als sie
dergestalt Kindbetterin worden, bat sie mich zu Gevattern, und dass ich das Kind
ehistens zu der Taufe fördern wollte, sagte mir auch ihres Manns und ihren
Namen, damit sie möchten in das Taufbuch geschrieben werden; und indem tät sie
ihr Felleisen auf, darin sie wohl vortreffliche und sehr köstliche Sachen hatte,
und schenkte mir, meinem Weib und Kind, der Magd und sonst noch einer Frau so
viel, dass wir wohl mit ihr zufrieden sein können. Aber indem sie so damit
umgieng und uns von ihrem Mann erzählete, starb sie uns unter den Händen, als
sie uns ihr Kind zuvor wohl befohlen hatte. Weil es dann nun so gar ein grosser
Lärmen im Land war, dass niemand bei Haus bleiben konnte, vermochten wir kaum ein
Pfarrherrn, der bei der Begräbnus war und das Kind taufte; da aber endlich
beides geschehen, ward mir von unserm Schulzen und Pfarrherrn befohlen, ich
sollte das Kind aufziehen, bis es gross würde, und vor meine Mühe und Kosten der
Frauen ganze Verlassenschaft behalten, ausgenommen etliche Paternoster,
Edelgesteine und so Geschmeiss, welches ich vor das Kind aufbehalten sollte. Also
ernährte mein Frau das Kind mit Gaissmilch, und wir behielten den Buben gar gern
und dachten, wir wollten ihm, wann er gross würde, unser Mädchen zur Frau geben;
aber nach der Nördlinger Schlacht habe ich beides, das Mägdlein und den Buben,
verloren samt allem dem, was wir vermochten.«
    »Ihr habet mir«, sagte ich zu meinem Knän, »eine artliche und recht
annehmliche Geschicht erzählet und doch das Beste vergessen; dann Ihr habet
nicht gesagt, weder wie die Frau, noch ihr Mann oder das Kind geheissen.« -
»Herr,« antwortete er, »ich habe nicht gemeint, dass Ihrs auch gern hättet wissen
mögen. Die Edelfrau hiesse Susanna Ramsi, ihr Mann Kapitän Sternfelss von
Fuchsheim; und weil ich Melchior hiess, so liess ich den Buben bei der Taufe auch
Melchior Sternfelss von Fuchsheim nennen und ins Taufbuch schreiben.«
    Hieraus vernahm ich umständlich, dass ich meines Einsiedlers und des
Gubernator Ramsay Schwester leiblicher Sohn gewesen; aber ach leider! viel zu
spat, dann meine Eltern waren beide tot, und von meinem Vetter Ramsay konnte ich
anders nichts erfahren, als dass die Hanauer ihn mitsamt der schwedischen
Garnison ausgeschaft hätten, weswegen er dann vor Zorn und Ungedult ganz
unsinnig worden wäre.
    Ich deckte meinen Petter vollends mit Wein zu und liess den andern Tag sein
Weib auch holen. Da ich mich ihnen nun offenbarete, wollten sie es nicht eher
glauben, bis ich ihnen zuvor einen schwarzen haarigen Flecken aufgewiesen, den
ich vorn auf der Brust hatte.
 
                              Das neunte Kapitel.
Simplex bekommt Kindsweh, die ihn anstossen,
Er wird zum Witwer, das acht er vor Possen.
Ohnlängst hernach nahm ich meinen Petter zu mir und tät mit ihm einen Ritt
hinunter in Spessert, glaubwürdigen Schein und Urkund meines Herkommens und
ehelicher Geburt halber zuwege zu bringen, welches ich ohnschwer aus dem
Taufbuch und meines Petters Zeugnus erhielt. Ich kehrte auch gleich bei dem
Pfarrer ein, der sich zu Hanau aufgehalten und meiner angenommen; derselbe gab
mir einen schriftlichen Beweis mit, wo mein Vatter sel. gestorben, und dass ich
bei demselben bis in seinen Tod und endlich unter den Namen Simplicii eine
Zeitlang bei Herrn Ramsay, dem Gubernator in Hanau, gewesen wäre; ja ich liess
über meine ganze Histori aus der Zeugen Mund durch einen Notarium ein Instrument
aufrichten, dann ich gedachte: »Wer weiss, wo du es noch einmal brauchest.«
Solche Reise kostete mich über 400 Taler, dann auf dem Zurückweg ward ich von
einer Partei erhascht, abgesetzt und geplündert, also dass ich und mein Knän oder
Petter allerdings nackend und kaum mit dem Leben davonkamen.
    Indessen ging es daheim auch schlimm zu; dann nachdem mein Weib vernommen,
dass ihr Mann ein Junker sei, spielte sie nicht allein der grossen Frauen, sondern
verliederlichte auch alles in der Haushaltung, welches ich, weil sie grossen
Leibes war, stillschweigend übertrug; überdas war mir ein Unglück in den Stall
kommen, so mir das meiste und beste Viehe hingerafft.
    Dies alles wäre noch zu verschmerzen gewesen, aber o mirum! kein Unglück
allein! in der Stunde, darin mein Weib genase, ward die Magd auch Kindbetterin.
Das Kind zwar, so sie brachte, sah mir allerdings ähnlich; das aber, so mein
Weib gebar, sah dem Knecht so gleich, als wann es ihm aus dem Gesicht wäre
geschnitten worden. Zudem hatte diejenige Dame, deren oben gedacht, in
ebenderselben Nacht auch eins vor meine Tür legen lassen mit schriftlichem
Bericht, dass ich der Vatter wäre, also dass ich auf einmal drei Kinder
zusammenbrachte, und war mir nicht anders zu Sinn, als es würde aus jedem Winkel
noch eins herfürkriechen, welches mir nicht wenig graue Haar machte. Aber es
geht nit anders her, wann man in einem so gottlosen und verruchten Leben, wie
ich eins geführet, seinen viehischen Begierden folget.
    Nun was halfs? Ich musste taufen und mich noch darzu von der Obrigkeit
rechtschaffen strafen lassen; und weil die Herrschaft damals eben schwedisch
war, ich aber hiebevor dem Kaiser gedienet, ward mir die Zeche desto höher
gemachet, welches lauter Präludia meines abermaligen gänzlichen Verderbens
waren. Gleichwie mich nun so vielerlei unglückliche Zufälle höchlich betrübten,
also nahm es andernteils mein Weibchen nur auf die leichte Achsel, ja sie
trillete, tribulierte und plagte mich noch darzu Tag und Nacht wegen des schönen
Fundes, der mir vor die Tür geleget, und dass ich um so viel Geldes wäre gestraft
worden. Hätte sie aber gewusst, wie es mit mir und der Magd beschaffen gewesen,
so würde sie mich noch wohl ärger gequälet haben; aber das gute Mensch war so
aufrichtig, dass sie sich durch so viel Geld, als ich sonst ihrentwegen hätte
Strafe geben müssen, bereden liess, ihr Kind einem Stutzer zuzuschreiben, der
mich das Jahr zuvor unterweilen besuchet und bei meiner Kochzeit gewesen, den
sie aber sonst weiters nit gekannt. Doch musste sie aus dem Haus, dann mein Weib
argwähnete, was ich ihrentwegen vom Knecht gedachte und dorfte doch nichts
ahnden, dann ich hätte ihr sonst vorgehalten, dass ich in einer Stunde nicht
zugleich bei ihr und der Magd sein können. Indessen ward ich mit dieser
Anfechtung heftig gepeiniget, dass ich meinem Knecht ein Kind aufziehen und die
meinige nicht meine Erben sein sollten, und dass ich noch darzu stillschweigen
und froh sein musste, dass gleichwohl sonst niemand nichts davon wusste.
    Mit solchen Gedanken marterte ich mich täglich, aber mein Weib delektierte
sich stündlich mit Wein, dann sie hatte ihr das Kännchen sint unsrer Hochzeit
dergestalt angewehnt, dass es ihr selten vom Maul und sie selber gleichsam
keine Nacht ohne einen ziemlichen Rausch schlafen ging. Davon soff sie ihrem
Kind zeitlich das Leben ab und entzündete ihr selber das Gehäng dergestalt,
dass es ihr auch bald hernach entfiel und mich wiederum zu einem Witwer machte,
welches mir so zu Herzen ging, dass ich mich fast krank hierüber gelachet hätte.
 
                              Das zehnte Kapitel.
Simplex hört an von den Bauern mit Lust,
Was ihnen vom Mummelsee ist bewusst.
Da ich mich nun solchergestalt wieder in meine erste Freiheit gesetzt befand,
mein Beutel aber von Geld ziemlich geläret, hingegen meine grosse Haushaltung mit
vielem Biehe und Gesind beladen, nahm ich meinen Petter Melchior vor einen
Vatter, meine Göt, seine Frau, vor meine Mutter und den Bankert Simplicium, der
mir vor die Tür geleget worden, vor meinen Erben an und übergab diesen beiden
Alten Haus und Hof samt meinem ganzen Vermögen bis auf gar wenig gelbe Batzen
und Kleinodien, die ich noch auf die äusserste Not gesparet und hinterhalten;
dann ich hatte einen Ekel ab aller Weiber Beiwohnung und Gemeinschaft gefasst,
dass ich mir vornahm, weil mirs so übel mit ihnen gangen, mich nicht mehr zu
verheuraten. Diese beide alte Eheleute, welche in re rusticorum nicht wohl
ihresgleichen mehr hatten, gossen meine Haushaltung gleich in ein ander Modell;
sie schafften von Gesind und Viehe ab, was nichts nutzte, und bekamen hingegen
auf den Hof, was etwas eintrug. Mein alter Knän oder neuer Vatter samt meiner
alten Meuder vertrösteten mich alles Guten und versprachen, wann ich sie nur
hausen liesse, so wollten sie mir allweg ein gut Pferd auf der Streu halten und
so viel verschaffen, dass ich je zuzeiten mit einem ehrlichen Biedermann ein Mass
Wein trinken könnte. Ich spürete auch gleich, was vor Leute meinem Hof
vorstunden: mein Petter bestellte mit dem Gesind den Feldbau, schacherte mit
Viehe und mit dem Holz- und Harzhandel ärger als ein Jud, und meine Göttel legte
sich auf die Viehzucht und wusste die Milchpfennige besser zu gewinnen und
zusammenzuhalten als zehen solcher Weiber, wie ich eins gehabt hatte. Auf solche
Weise ward mein Bauernhof in kurzer Zeit mit allerhand notwendigem Vorrat, auch
gross und kleinem Viehe genugsam versehen, also dass er in Bälde vor den besten in
der ganzen Gegend geschätzet ward. Ich aber ging dabei spazieren und wartete
allerhand Kontemplationen ab; dann weil ich sah, dass meine Göttel mehr aus den
Immen an Wachs und Honig vorschlug, als mein Weib hiebevor aus Rindviehe,
Schweinen und anderm eroberte, konnte ich mir leicht einbilden, dass sie im
übrigen nichts verschlafen würde.
    Einsmals spazierte ich im Sauerbrunn, mehr einen Trunk frisch Wasser zu tun,
als mich meiner vorigen Gewohnheit nach mit den Stutzern bekannt zu machen; dann
ich fieng an, meiner angenommenen Eltern Kargheit nachzuöhmen, welche mir nicht
rieten, dass ich mit den Leuten viel umgehen sollte, die ihre und ihrer Eltern
Hab so unnützlich verschwendeten. Gleichwohl aber geriet ich zu einer
Gesellschaft mittelmässigen Standes, weil sie von einer seltenen Sache, nämlich
von dem Mummelsee, diskurierten, welcher unergründlich und in der Nachbarschaft
auf einem von den höchsten Bergen gelegen sei; sie hatten auch unterschiedliche
alte Bauersleute beschickt, die erzählen mussten, was einer oder der ander von
diesem wunderbarlichen See gehöret hätte, deren Relation ich dann mit grosser
Lust zuhörete, wiewohl ichs vor eitel Fabuln hielt, dann es lautete also
lügenhaftig und lächerrlich in meinen Ohren als etliche Schwänke des Plinii.
    Einer sagte, wann man ungerad, es sein gleich Erbsen, Steinlein oder etwas
anders, in ein Nastüchlein binde und hineinhänge, so verändere es sich in gerad;
also auch wann man gerad hineinhänge, so finde man ungerad. Ein anderer, und
zwar die meiste, gaben vor und bestätigten es auch mit Exempeln: wann man einen
oder mehr Steine hineinwürfe, so erhebe sich gleich, Gott gebe, wie schön auch
der Himmel zuvor gewesen, ein grausam Ungewitter mit schröcklichem Regen,
check und Sturmwinden. Von diesem kamen sie auch auf allerhand seltsame
Historien, so sich darbei zugetragen, und was sich vor wunderbarliche Spektra
von Erd- und Wassermännlein darbei hätten sehen lassen und was sie mit den
Leuten geredet. Einer erzählete, dass auf eine Zeit, da etliche Hirten ihr Viehe
bei der See gehütet, ein brauner Stier herausgestiegen, welcher sich zu dem
andern Rindviehe gesellet, dem aber gleich ein kleines Männlein nachgefolget,
ihn wieder zurück in See zu treiben; er hätte aber nicht parieren wollen, bis
ihm das Männlein gewünscht hätte, es sollte ihn aller Menschen Leiden ankommen,
wann er nicht wieder zurückkehre, auf welche Worte er und das Männlein sich
wieder in den See begeben hätten. Ein ander sagte, es sei auf eine Zeit, als der
See überfroren gewesen, ein Baursmann mit seinen Ochsen und etlichen Blöchern,
daraus man Dielen schneidet, über den See gefahren ohn einzigen Schaden; als ihm
aber sein Hund nachkommen, sei das Eis mit ihm gebrochen und der arme Hund
allein hinuntergefallen und von selbiger Zeit an nicht mehr gesehen worden. Noch
ein ander behauptete bei grosser Wahrheit, es sei ein Schütze auf der Spur des
Wildes bei der See vorübergangen, der hatte auf demselben ein Wassermännlein
sitzen sehen, das einen ganzen Schoss voll gemünzte Goldsorten gehabt und
gleichsam damit gespielet hätte; und als er nach demselbigen Feur geben wollen,
hätte sich das Männlein geduckt und diese Stimme hören lassen: »Wann du mich
gebeten, deiner Armut zu Hülf zu kommen, so wollte ich dich und die Deinige
reich genug gemachet haben. Auf solche Weise aber wirst du und deine
Nachkömmlinge wohl in der Armut verbleiben müssen.« Das Allerfabelhaftigste
aber, das sie erzählten, war dieses: Es sei vor Jahren ein kleines Männlein auf
einen späten Abend zu einem Bauern auf die Heidenhöf kommen mit Bitt, er wollte
ihn doch über Nacht behalten; der Baur hätte sich entschuldiget, dass er keine
übrige Bette vermöchte; wollte er aber in der Stube auf der Bank oder in der
Scheur im Heu vorliebnehmen, so wollte er ihme die Nachterberg gern gönnen.
Darauf hätte das Männlein gebeten, er sollte ihm nur erlauben, in seiner
Hanfräzen zu schlafen, die ihm lieber sei, als wann er ihn in das beste Bett
legte. »Meinetalben,« hätte der Bauer geantwortet, »wann dir damit gedienet
ist, so magst du wohl gar in den Weihr oder Brunnentrog schliefen.« Auf solche
Bewilligung hätte sich das Männlein in Gegenwart des Bauern in die Hanfräzen
begeben und zwischen das binzechtig Grasgewächs im Wasser und Morast
hineingewühlet wie ein Frosch, oder als einer, der sich zu kalter Zeit ins Heu
vergräbet, darinnen über Nacht zu schlafen. Demnach nun der Bauer des Morgens
früh am Tag aufgestanden, sein Gesind zur Arbeit aufzuwecken, da sei das
bemeldte Männlein auch aus dem Wasser hervorkommen und vor dem Bauern allerding
mit trucknen Kleidern erschienen, wie er sich damit ins Wasser gelegt, dessen
sich dann der Bauer nicht unbillig verwundert und gesagt: »Du musst mir wohl ein
seltsamer und wunderbarlicher Gast sein!« - »Ja,« hätte das Männlein
geantwortet, »es kann wohl sein, dass meinesgleichen in etlich 100 Jahren hier
nicht übernachtet.« Von solchen Reden sei das Männlein mit dem Bauern endlich so
weit ins Gespräch kommen, dass es ihme vertrauet, wasmassen er ein Wassermännlein
sei, welches sein Gemahl verloren und in den Mummelsee wollte, dasselbe
darinnen zu suchen mit Bitt, er, der Bauer, wollte ihme so viel zu Gefallen sein
und ihme den Weg dahin weisen, worzu sich dann der Bauer gern bewegen lassen,
weil er bereits an seinen Kleidern gesehen, dass etwas Seltnes an der Person
selbst sein müsste, und dass noch mehr verwunderliche Sachen an ihm zu sehen sein
würden. Unterwegs hätte der Kleine dem Bauern viel wunderliche Sachen erzählet,
wie es hin und wieder in den Seen, darinnen er sein entführtes Weib bereits
gesuchet und nicht gefunden, beschaffen, vornehmlich, dass es viel Ungeziefer und
sonderlich im Schwarzen See Krotten gebe so gross als ein Bachofen. Als sie aber
zum Mummelsee kommen, hätte sich das Männlein hinuntergelassen, doch zuvor den
Bauern gebeten, er wollte darbei bis zu seiner Wiederkunft oder bis er ihme ein
Wahrzeichen schicke, verziehen. Wie er nun ohngefähr ein paar Stunden bei dem
See aufgewartet, sei der Stecken, den das Männlein gehabt, samt ein paar
Handvoll Bluts mitten im See durchs Wasser heraufkommen und etliche Schuh hoch
in die Luft gesprungen, darbei der Bauer wohl hätte abnehmen mögen, dass dieses
das Wahrzeichen gewesen, welches das Männlein zu geben versprochen, auf welche
Geschicht dann der Bauer den See wieder quittiert und sich nacher Hause begeben
hätte.
    Solche und dergleichen mehr Historien, die mir alle als Märlein vorkamen,
damit man die Kinder aufhält, hörete ich an, verlachte sie und glaubte nicht
einmal, dass ein solcher unergründlicher See auf einem hohen Berge sein könnte;
aber es fanden sich noch andere Baursleute, und zwar alte glaubwürdige Männer,
die erzähleten, dass noch bei ihrem und ihrer Vätter Gedenken hohe fürstliche
Personen den besagten See zu beschauen sich erhoben, wie dann ein regierender
Herzog zu Württenberg etc. einen Floss machen und mit demselbigen darauf
hineinfahren lassen, seine Tiefe abzumessen; nachdem die Messer aber bereits
neun Zwirnnetz (ist ein Mass, das die Schwarzwälder Bauernweiber besser als ich
oder ein ander Geometra verstehen) mit einem Senkel hinuntergelassen und
gleichwohl noch keinen Boden gefunden, hätte das Floss wider die Natur des Holzes
ansahen zu sinken, also dass die, so sich darauf befunden, von ihrem Vornehmen
abstehen und sich aus Land salvieren müssen, massen man noch heutzutag die
Stücken des Flosses am Ufer des Sees und zum Gedächtnus dieser Geschicht das
fürstliche württenbergische Wappen und andere Sachen mehr in Stein gehauen vor
Augen sehe. Andere bewiesen mit vielen Zeugen, dass ein Erzherzog von Österreich
etc. den See gar hätte wollen abgraben lassen, es sei ihm aber von vielen Leuten
widerraten und durch Bitte der Landleute sein Vornehmen hintertrieben worden aus
Forcht, das ganze Land möchte untergehen und ersaufen. Überdas hätten
höchstgedachte Fürsten etliche Lägeln voll Forellen in den See sehen lassen; die
sein aber alle eh als in einer Stunde in ihrer Gegenwart abgestanden und zum
Auslauf des Sees hinausgeflossen, unangesehen das Wasser, so unter dem Gebürg,
darauf der See liege, durch das Tal, so von dem See den Namen habe, hinfleusst,
von Natur solche Fische hervorbringe, da doch der Auslauf des Sees in dasselbe
Wasser sich ergiesse.
 
                               Das elfte Kapitel.
Simplex recht wunderlich Danksagen höret,
Drauf er zu heiligen Gedanken sich kehret.
Dieser letztern Aussage machte, dass ich denen zuerst beinahe völligen Glauben
zustellete, und bewog meinen Fürwitz, dass ich mich entschloss, den wunderbaren
See zu beschauen. Von denen, so neben mir alle Erzählung gehöret, gab einer
dies, der ander jenes Urteil darüber, daraus dann ihre unterschiedliche und
wider einander laufende Meinungen gnugsam erhelleten. Ich zwar sagte, der
teutsche Name Mummelsee gebe gnugsam zu verstehen, dass es um ihn wie um eine
Maskarade ein verkapptes Wesen sei, also dass nicht jeder seine Art sowohl als
seine Tiefe ergründen könne, die doch auch noch nicht wäre erfunden worden, da
doch so hohe Personen sich dessen unterfangen hätten; ging damit an denjenigen
Ort, allwo ich vorm Jahr mein verstorbenes Weib das erstemal sah und das süsse
Gift der Liebe einsoff.
    Daselber legte ich mich auf das grüne Gras in Schatten nieder; ich achtete
aber nicht mehr als hiebevor, was die Nachtigallen daherpfiffen, sondern ich
betrachtete, was vor Veränderung ich seitero erduldet. Da stellete ich mir vor
Augen, dass ich an ebendemselbigen Ort den Anfang gemachet, aus einem freien Kerl
zu einem Knecht der Liebe zu werden, dass ich seitero aus einem Offizier ein
Baur, aus einem reichen Baur ein armer Edelmann, aus einem Simplicio ein
Melchior, aus einem Witwer ein Ehemann, aus einem Ehemann ein Gauch und aus
einem Gauch wieder ein Witwer worden wäre; item, dass ich aus eines Baurs Sohn zu
einem Sohn eines rechtschaffenen Soldaten und gleichwohl wieder zu einem Sohn
meines Knäns worden. Da führete ich zu Gemüt, wie mich seitero mein Fatum des
Herzbruders beraubet und hingegen vor ihn mit zweien alten, Eheleuten versorget
hätte. Ich gedachte an das gottselige Leben und Absterben meines Vatters, an den
erbärmlichen Tod meiner Mutter und darneben auch an die vielfältige
Veränderungen, deren ich mein Lebtag unterworfen gewesen, also dass ich mich des
Weinens nicht entalten konnte. Und indem ich zu Gemüt führete, wieviel schön
Geld ich die Tage meines Lebens gehabt und unnützlich durch die Gurgel gejaget
und verschwendet, zumal solches zu bedauern anfieng, kamen zween gute Schlucker
oder Weinbeisser, denen die Colica in die Glieder geschlagen, deswegen sie dann
erlahmet und das Bad samt dem Saurbrunn brauchten. Die satzten sich zunächst bei
mir nieder, weil es eine gute Ruhestatt hatte, und klagte je einer dem andern
seine Not, weil sie vermeinten, allein zu sein. Der eine sagte: »Mein Doktor
hat mich hieher gewiesen als einen, an dessen Gesundheit er verzweifelt, oder
als einen, der neben andern dem Wirt um das Fässlein mit Butter, so er ihm
neulich geschickt, Satisfaktion tun solle; ich wollte, dass ich ihn entweder die
Tage meines Lebens niemals gesehen oder dass er mir gleich anfangs in Saurbrunn
geraten hätte, so würde ich entweder mehr Geld haben oder gesünder sein als
jetzt, dann der Saurbrunn schlägt mir wohl zu.« - »Ach!« antwortete der ander,
»ich danke meinem Gott, dass er mir nicht mehr überflüssig Geld bescheret hat,
als ich vermag; dann hätte mein Doktor noch mehr hinter mir gewusst, so hätte er
mir noch lang nicht in Saurbrunn geraten, sondern ich hätte zuvor mit ihm und
seinen Apotekern, die ihn deswegen alle Jahr schmieren, teilen müssen, und
hätte ich darüber sterben und verderben sollen. Die Schabhälse raten unsereinem
nicht eher an ein so heilsam Ort, sie getrauen dann nit mehr zu helfen oder
wissen nichts mehr an einem zu ropfen. Wann man die Wahrheit bekennen will, so
muss ihnen derjenige, so sich hinter sie lässt, und hinter welchem sie Geld
wissen, nur lohnen, dass sie einen krank erhalten.«
    Diese zween hatten noch viel Schmähens über ihre Doctores, aber ich mags
darum nicht alles erzählen, dann die Herren Medici möchten mir sonst feind
werden und künftig eine Purgation eingeben, die mir die Seele austreiben möchte.
Ich melde dies allein deswegen, weil mich der letztere Patient mit seiner
Danksagung, dass ihm Gott nicht mehr Geld bescheret, dergestalt tröstete, dass ich
alle Anfechtungen und schwere Gedanken, die ich damals des Geldes halber hatte,
aus dem Sinn schlug. Ich resolvierte mich, weder mehr nach Ehren noch Geld noch
nach etwas anders, das die Welt liebt, zu trachten. Ja, ich nahm mir vor zu
philosophieren und mich eines gottseligen Lebens zu befleissen, zumalen meine
Unbussfertigkeit zu bereuen und mich zu erkühnen, gleich meinem Vatter sel., auf
die höchste Staffeln der Tugenden zu steigen.
 
                              Das zwölfte Kapitel.
Simplex mit Sylphis ins Zentrum der Erden
Fähret urplötzlich und ohne Beschwerden.
Die Begierde, den Mummelsee zu beschauen, vermehrete sich bei mir, als ich von
meinem Petter verstund, dass er auch dabei gewesen und den Weg darzu wisse. Da er
aber hörete, dass ich überein auch darzu wollte, sagte er: »Und was werdet Ihr
dann davontragen, wann Ihr gleich hinkommt? Der Herr Sohn und Petter wird nichts
anders sehen als ein Ebenbild eines Weihers, der mitten in einem grossen Wald
liegt, und wann er seine jetzige Lust mit beschwerlicher Unlust gebüsst, so wird
er nichts anders als Reue, müde Füsse (dann man kann schwerlich hinreuten) und
den Hergang vor den Hingang davon haben. Es sollte mich kein Mensch hingebracht
haben, wann ich nicht hätte hinfliehen müssen, als der Doktor Daniel (er wollte
Duc d'Anguin sagen) mit seinen Kriegern das Land hinunter vor Philippsburg zog.«
Hingegen kehrete sich mein Fürwitz nicht an seine Abmahnung, sondern ich
bestellete einen Kerl, der mich hinführen sollte. Da er nun meinen Ernst sah,
sagte er, weil die Habersaat fürüber und auf ôem Hof weder zu hauen noch zu
ernten, wollte er selbst mit mir gehen und den Weg weisen; dann er hatte mich so
lieb, dass er mich ungern aus dem Gesicht liess, und weil die Leute im Land
glaubten, dass ich sein leiblicher Sohn sei, prangte er mit mir und tät gegen mir
und jedermann, wie etwan ein gemeiner armer Mann gegen seinem Sohn tun möchte,
den das Glück ohn sein Zutun und Befürderung zu einem grossen Herrn gemachet
hätte.
    Also wanderten wir miteinander über Berg und Tal und kamen zu dem Mummelsee,
eh wir sechs Stunden gegangen hatten, dann mein Petter war noch so käfermässig
und so wohl zu Fuss als ein Junger. Wir verzehreten daselbst, was wir von Speis
und Trank mit uns genommen, dann der weite Weg und die Höhe des Bergs, auf
welchem der See liegt, hatte uns hungerig und hellig gemacht. Nachdem wir sich
aber erquickt, beschauete ich den See und fand gleich etliche gezimmerte Hölzer
darin liegen, die ich und mein Knän vor Rudera des württenbergischen Flosses
hielten. Ich nahm oder mass die Länge und Breite des Wassers vermittelst der
Geometriae, weil gar beschwerlich war, um den See zu gehen und denselben mit
Schritten und Schuhen zu messen, und brachte seine Beschaffenheit vermittelst
des verjüngten Massstabs in mein Schreibtäfelein; und als ich damit fertig,
zumaln der Himmel durchaus hell und die Luft ganz windstill und wohltemperiert
war, wollte ich auch probieren, was Wahrheit an der Sagmär wäre, dass ein
Ungewitter entstehe, wann man einen Stein in die See werfe; sintemal ich
allbereit die Hörsage, dass der See keine Forellen leide, am mineralischen
Geschmack des Wassers wahr zu sein befunden.
    Solche Probe nun ins Werk zu setzen, ging ich gegen der linken Hand am See
hin an denjenigen Ort, da das Wasser, welches sonst so hell ist als ein
Kristall, wegen der abscheulichen Tiefe des Sees gleichsam kohlschwarz zu sein
scheinet und deswegen so förchterlich aussiehet, dass man sich auch nur vor dem
Anblick entsetzet. Daselbst fieng ich an, so grosse Steine hineinzuwerfen, als
ich sie immermehr erheben und ertragen konnte. Mein Petter oder Knän wollte mir
nicht allein nicht helfen, sondern warnete und bat mich, davon abzustehen,
soviel ihm immer müglich; ich aber kontinuierete meine Arbeit emsig fort, und
was ich von Steinen ihrer Grösse und Schwere halben nicht ertragen mochte, das
walgerte ich herbei, bis ich deren über 30 in See brachte. Da fieng die Luft an,
den Himmel mit schwarzen Wolken zu bedecken, in welchen ein grausames Donnern
gehöret ward, also dass mein Petter, welcher jenseit des Sees bei dem Auslauf
stund und über meine Arbeit lamentierte, mir zuschriee, ich sollte mich doch
salvieren, damit uns der Regen und das schröckliche Wetter nicht ergreife oder
noch wohl ein grösser Unglück betreffe. Ich aber antwortete ihm hingegen:
»Vatter, ich will bleiben und des Endes erwarten, und sollte es auch Helleparten
regnen.« - »Ja,« antwortete mein Knän, »Ihr macht es wie alle verwegene Buben,
die sich nichts darum geheien, wanngleich die ganze Welt untergienge.«
    Indem ich nun diesem seinem Schmälen so zuhörete und mich doch nichts daran
kehrte, verwandte ich die Augen nicht von der Tiefe des Sees, in Meinung, etwan
etliche Blattern oder Blasen vom Grund desselbigen aufsteigen zu sehen, wie zu
geschehen pfleget, wann man in andere tiefe, so stillstehende als fliessende
Wasser, Steine wirft; aber ich ward nichts dergleichen gewahr, sondern sah sehr
weit gegen den Abyssum etliche Kreaturen im Wasser herumfladern, die mich der
Gestalt nach an Frösche ermahneten und gleichsam wie Schwärmerlein aus einer
aufgestiegenen Raket, die in der Luft ihre Würkung der Gebühr nach vollbringet,
herumvagierten; und gleichwie sich dieselbige mir je länger je mehr näherten,
also schienen sie auch in meinen Augen je länger, je grösser und an ihrer Gestalt
den Menschen desto ähnlicher, weswegen mich dann erstlich eine grosse
Verwunderung und endlich, weil ich sie so nahe bei mir hatte, ein Grausen,
Schrecken und Entsetzen ankam. »Ach!« sagte ich damal vor Schrecken und
Verwunderung zu mir selber und doch so laut, dass es mein Knän, der jenseit dem
See stund, wohl hören konnte, wiewohl es schröcklich donnerte, »wie seind die
Wunderwerke des Schöpfers auch sogar im Bauch der Erden und in der Tiefe des
Wassers so gross!« Kaum hatte ich diese Wort recht ausgesprochen, da war schon
eins von diesen Sylphis oben auf dem Wasser, das antwortete: »Siehe, das
bekennest du, ehe du etwas davon gesehen hast; was würdest du wohl sagen, wann
du erst selbst im Centro terrae wärest und unsre Wohnung, die dein Fürwitz
beunruhiget, beschauetest?« Unterdessen kamen noch mehr dergleichen
Wassermännlein hier und dort, gleichsam wie die Tauchentlein, hervor, die mich
alle ansahen und die Steine wieder herausbrachten, die ich hineingeworfen,
worüber ich ganz erstaunete. Der erste und vornehmste aber unter ihnen, dessen
Kleidung wie lauter Gold und Silber glänzete, warf mir einen leuchtenden Stein
zu, so gross als ein Taubenei und so grün und durchsichtig als Schmaragd, mit
diesen Worten: »Nimm hin dies Kleinod, damit du etwas von uns und diesem See zu
sagen wissest!« Ich hatte ihn aber kaum aufgehoben und zu mir gesteckt, da ward
mir nicht anderst, als ob mich die Luft hätte ersticken oder ersäufen wollen,
derhalben ich mich dann nicht länger aufrechtbehalten konnte, sondern
herumtaumelte wie eine Garnwinde und endlich gar in See hinunterfiel. Sobald ich
aber ins Wasser kam, erholete ich mich wieder aufs neue und brauchte aus Kraft
des Steins, den ich bei mir hatte, im Atmen das Wasser anstatt der Luft; ich
konnte auch gleich so wohl als die Wassermännlein mit geringer Mühe im See
herumwebern, massen ich mich mit denselben in Abgrund hinabtät, so mickh an
nichts anders ermahnete, als wann sich eine Schar Vögel mit Umschweifen aus dem
obersten Teil der temperierten Luft gegen der Erde niederlässet.
    Da mein Knän dies Wunder zum Teil (nämlich soviel oberhalb des Wassers
geschehen) samt meiner gählingen Verzückung gesehen, trollete er sich vom See
hinweg und heim zu, als ob ihm der Kopf brennte. Daselbst erzählte er allen
Verlauf, vornehmlich aber, dass die Wassermännlein diejenige Steine, so ich in
See geworfen, wieder in vollem Donnerwetter heraufgetragen und an ihre vorige
Statt gelegt, hingegen aber mich mit ihnen hinuntergenommen hätten. Etliche
glaubten ihm, die meiste aber hielten es vor eine Fabel; andere bildeten sich
ein, ich hätte mich wie ein anderer Empedokles Agrigentinus (welcher sich in den
Berg Aetnam gestürzt, damit jedermann gedenken sollte, wann man ihn nirgend
finde, er wäre gen Himmel gefahren) selbst im See ertränkt und meinem Vatter
befohlen, solche Fabuln von mir auszugeben, um mir einen unsterblichen Namen zu
machen; man hätte eine Zeitlang an meinem melancholischen Humor wohl gesehen,
dass ich halber desperat gewesen wäre, etc. Andere hätten gern geglaubt, wann sie
meine Leibskräften nicht gewusst, mein angenommener Vatter hätte mich selbst
ermordet, damit er als ein geiziger alter Mann meiner los würde und allein Herr
auf meinem Hof sein möchte, also, dass man um diese Zeit von sonsten nichts als
von dem Mummelsee, von mir und meiner Hinfahrt und von meinem Petter beides, im
Saurbrunn und auf dem Land, zu sagen und zu raten wusste.
 
                            Das dreizehnte Kapitel.
Simplex vom Prinzen der Mummelsee höret
Wunderding, dran er sich nicht wenig kehret.
Plinius schreibet im Ende des zweiten Buchs vom Geometra Dionysio Doro, dass
dessen Freunde einen Brief in seinem Grab gefunden, den er, Dionysius,
geschrieben und darin berichtet, dass er aus seinem Grab bis in das mittelste
Zentrum der Erden sei kommen und befunden, dass 42000 Stadia bis dahin sein. Der
Fürst über die Mummelsee aber, so mich begleitet und obigergestalt vom Erdboden
hinweggeholet hatte, sagte mir vor gewiss, dass sie aus dem Centro terrae bis an
die Luft durch die halbe Erde just 900 teutscher Meilen hätten, sie wollten
gleich in Teutschland oder zu denen Antipodibus, und solche Reisen müssten sie
alle durch dergleichen See nehmen, deren hin und wieder so viel in der Welt als
Tage im Jahr sein, welcher Ende oder Abgründe alle bei ihres Königs Wohnung
zusammenstiessen. Diese grosse Weite nun passierten wir eh als in einer Stunde,
also dass wir mit unserer schnellen Reise des Monden Lauf sehr wenig oder gar
nichts bevor gaben; und dannoch geschahe solches so gar ohne alle Beschwerung,
dass ich nicht allein keine Müdigkeit empfand, sondern auch in solchem sanften
Abfahren mit obgemeldten Mummelseeerprinz allerhand diskurieren konnte; dann da
ich seine Freundlichkeit vermerkte, fragte ich ihn, zu was Ende sie mich einen
so weiten, gefährlichen und allen Menschen ungewöhnlichen Weg mit sich nähmen.
Da antwortete er mir gar bescheiden, der Weg sei nicht weit, den man in einer
Stunde spazieren könnte, und nicht gefährlich, dieweil ich ihn und seine
Gesellschaft mit dem überreichten herrlichen Stein bei mir hätte; dass er mir
aber ungewöhnlich vorkomme, sei sich nichts zu verwundern; sonst hätte er mich
nicht allein aus seines Königs Befelch, der etwas mit mir zu reden, abgeholet,
sondern dass ich auch gleich die seltsame Wunder der Natur unter der Erde und in
Wassern beschauen sollte, deren ich mich zwar bereits auf dem Erdboden
verwunderte, eh ich noch kaum einen Schatten davon gesehen. Darauf bat ich ihn
ferner, er wollte mich doch berichten, zu was Ende der gütige Schöpfer so viel
wunderbarliche Seen erschaffen, sintemal sie, wie mich dünkte, keinem Menschen
nichts nutzten, sondern viel ehender Schaden bringen könnten. Er antwortete: »Du
fragst billig um dasjenige, was du nicht weisst oder verstehest. Diese Seen sind
dreierlei Ursachen willen erschaffen: dann erstlich werden durch sie alle Meere,
wie die Namen haben, und sonderlich der grosse Oceanus, gleichsam wie mit Nägeln
an die Erde geheftet; zweitens werden von uns durch diese See (gleichsam als wie
durch Teichel, Schläuche oder Stiefeln bei einer Wasserkunst, deren ihr Menschen
euch gebrauchet) die Wasser aus dem Abyssu des Oceani in alle Quellen des
Erdbodens getrieben (welches dann unser Geschäft ist), wovon alsdann alle
Brünnen in der ganzen Welt fliessen, die grossen und kleinen Wasserflüsse
entstehen, der Erdboden befeuchtiget, die Gewächse erquicket und beides,
Menschen und Viehe, getränket werden; drittens, dass wir als vernünftige
Kreaturen Gottes hierin leben, unser Geschäfte verrichten und Gott den Schöpfer
in seinen grossen Wunderwerken loben sollen. Hierzu nun seind wir und solche Seen
erschaffen und werden auch bis an den Jüngsten Tag bestehen. Wann wir aber gegen
derselben letzten Zeit unsere Geschäfte, darzu wir von Gott und der Natur
erschaffen und verordnet sind, aus einer oder andern Ursache unterlassen müssen,
so muss auch notwendig die Welt durchs Feur untergehen, so aber vermutlich nicht
ehender geschehen kann, es sei dann, dass ihr den Mond (donec auferatur luna,
Psal. 71), Venerem oder Martem als Morgen- und Abendstern verlieret; dann es
müssten die generationes fructuum et animalium erst vergehen und alle Wasser
verschwinden, eh sich die Erde von sich selbst durch der Sonnen Hitze entzünde,
calciniere und wiederum regeneriere. Solches aber gebühret uns nicht zu wissen,
ist auch allein Gott bekannt, ausser was wir etwan mutmassen und eure Chymici aus
ihrer Kunst daherlallen.«
    Da ich ihn so reden und die Hl. Schrift anziehen hörete, fragte ich, ob sie
sterbliche Kreaturen wären, die nach der jetzigen Welt auch ein künftiges Leben
zu hoffen hätten, oder ob sie Geister sein, welche, solang die Welt stünde, nur
ihre anbefohlene Geschäfte verrichten. Darauf antwortete er: »Wir sind keine
Geister, sondern sterbliche Leutlein, die zwar von Gott wie ihr Menschen mit
vernünftigen Seelen begabet, welche aber samt den Leibern dahinsterben und
vergehen. Gott ist zwar so wunderbar in seinen Werken, dass sie keine Kreatur
auszusprechen vermag; doch will ich dir, soviel unsre Art anbelanget,
simpliciter erzählen, dass du daraus fassen kannst, wieweit wir von den andern
Kreaturen Gottes zu unterscheiden sein. Die heilige Engel sind Geister zum
Ebenbild Gottes, gerecht, verständig, frei, keusch, hell, schön, klar, geschwind
und unsterblich, zu dem Ende erschaffen, dass sie in ewiger Freude Gott loben,
rühmen, ehren und preisen, in dieser Zeitlichkeit aber der Kirche Gottes hier
auf Erden auf den Dienst warten und die allerheiligste göttliche Befelche
verrichten sollen deswegen sie dann auch zuzeiten Nuncii genennet werden. Und
ihrer seind auf einmal so viel hundert tausendmal tausend Millionen erschaffen
worden, als der göttlichen Weisheit wohlgefällig gewesen. Nachdem aber aus ihrer
grossen Anzahl unaussprechlich viel, die sich ihres hohen Adels überhoben, aus
Hoffart gefallen, seind erst euere erste Eltern von Gott mit einer vernünftigen
und unsterblichen Seele zu seinem Ebenbild erschaffen und deswegen mit Leibern
begabet worden, dass sie sich aus sich selber vermehren sollten, bis ihr
Geschlecht die Zahl der gefallenen Engel wiederum erfülle. Zu solchem Ende nun
ward die Welt erschaffen mit allen andern Kreaturen, dass der irdische Mensch,
bis sich sein Geschlecht so weit vermehrete, [dass] die angeregte Zahl der
gefallenen Engel damit ersetzt werden könnte, darauf wohnen, Gott loben und sich
aller anderer erschaffenen Dinge auf der ganzen Erdkugel, als worüber ihn Gott
zum Herrn gemachet, zu Gottes Ehren und zu seines Nahrung bedörftigen Leibes
Aufentaltung bedienen sollte. Damals hatte der Mensch diesen Unterscheid
zwischen ihm und den hl. Engeln, dass er mit der irdischen Bürde seines Leibes
beladen und nicht wusste, was gut und böse war, und dahero auch nicht so stark
und geschwind als ein Engel sein konnte, hatte hingegen aber auch nichts
Gemeines mit den unvernünftigen Tieren. Demnach er aber durch den Sündenfall im
Paradeis seinen Leib dem Tod unterwarf, schätzten wir ihn das Mittel zu sein
zwischen den heiligen Engeln und den unvernünftigen Tieren. Dann gleichwie eine
heilige entleibte Seele eines zwar irdischen, doch himmlisch gesinnten Menschen
alle gute Eigenschaft eines heiligen Engels an sich hat, also ist der entseelte
Leib eines irdischen Menschen, der Verwesung nach, gleich einem andern Aas eines
unvernünftigen Tiers. Uns selber aber schätzen wir vor das Mittel zwischen
euch und allen andern lebendigen Kreaturen der Welt, sintemal, obgleich wir wie
ihr vernünftige Seelen haben, so sterben jedoch dieselbige mit unsern Leibern
gleich hinweg, gleichsam als wie die lebhafte Geister der unvernünftigen Tiere
in ihrem Tod verschwinden. Zwar ist uns kundbar, dass ihr durch den ewigen Sohn
Gottes, durch welchen wir dann auch erschaffen, aufs allerhöchste geadelt
worden, indem er euer Geschlecht angenommen, der göttlichen Gerechtigkeit
genuggetan, den Zorn Gottes gestillet und euch die ewige Seligkeit wiederum
erworben, welches alles euer Geschlecht dem unserigen weit vorziehet. Aber ich
rede und verstehe hier nichts von der Ewigkeit, weil wir deren zu geniessen nicht
fähig sein, sondern allein von dieser Zeitlichkeit, in welcher der allergütigste
Schöpfer uns gnugsam beseligt, als mit einer guten gesunden Vernunft, mit
Erkenntnüs des allerheiligsten Willens Gottes, soviel uns vonnöten, mit gesunden
Leibern, mit langem Leben, mit der edlen Freiheit, mit gnugsamer Wissenschaft,
Kunst und Verstand aller natürlichen Dinge; und endlich, so das allermeiste ist,
sind wir keiner Sünde, und dannenhero auch keiner Strafe, noch dem Zorn Gottes,
ja nicht einmal der geringsten Krankheit unterworfen, welches alles ich dir
darum so weitläufig erzählet und auch deswegen der hl. Engel, irdischen Menschen
und unvernünftigen Tieren gedacht, damit du mich desto besser verstehen
könnest.« Ich antwortete, es wollte mir dannoch nicht in Kopf, da sie keiner
Missetat und also auch keiner Strafe unterworfen, worzu sie dann eines Königs
bedürftig; item, wie sie sich der Freiheit rühmen könnten, wann sie einem König
unterworfen; item, wie sie geboren werden und wieder sterben könnten, wann sie
gar keinen Schmerzen oder Krankheit zu leiden geartet wären. Darauf antwortete
mir das Prinzlein, sie hätten ihren König nicht, dass er Justitiam
administrieren, noch dass sie ihm dienen sollten, sondern dass er wie der König
oder Weisel in einem Immenstock ihre Geschäfte dirigiere, und gleichwie ihre
Weiber in coitu keine Wollust empfänden, also sein sie hingegen auch in ihren
Geburten keinen Schmerzen unterworfen, welches ich etlichermassen am Exempel der
Katzen abnehmen und glauben könnte, die zwar mit Schmerzen empfahen, aber mit
Wollust gebären. So stürben sie auch nicht mit Schmerzen oder aus hohem
gebrechlichem Alter, weniger aus Krankheit; sondern gleichsam als ein Liecht
verlösche, wann es seine Zeit geleuchtet habe, also verschwinden auch ihre
Leiber samt der Seelen. Gegen der Freiheit, deren er sich gerühmt, sei die
Freiheit des allergrössten Monarchen unter uns irdischen Menschen gar nichts, ja
nicht soviel als ein Schatten zu rechnen; dann sie könnten weder von uns noch
andern Kreaturen getötet noch zu etwas Unbeliebigem genötiget, viel weniger
befängnüst werden, weil sie Feuer, Wasser, Luft und Erde ohn einzige Mühe und
Müdigkeit (von deren sie gar nichts wüssten) durchgehen könnten. Darauf sagte
ich: »Wann es mit euch so beschaffen, so ist euer Geschlecht von unserm Schöpfer
weit höher geadelt und beseligt als das unserige.« - »Ach nein!« antwortete der
Fürst, »ihr sündiget, wann ihr dies glaubt, indem ihr die Güte Gottes einer
Sache beschuldiget, die nicht so ist; dann ihr seid weit mehrers beseligt als
wir, indem ihr zu der seligen Ewigkeit, um das Angesicht Gottes unaufhörlich
anzuschauen, erschaffen, in welchem seligen Leben eurer einer, der selig wird,
in einem einzigen Augenblick mehr Freude und Wonne als unser ganzes Geschlecht
von Anfang der Erschaffung bis an den Jüngsten Tag geneusst.« Ich sagte: »Was
haben darum die Verdammte davon?« Er antwortete mir mit einer Widerfrage und
sagte: »Was kann die Güte Gottes davor, wann euer einer sein selbst vergisset,
sich der Kreaturen der Welt und deren schändlichen Wollüsten ergiebet, seinen
viehischen Begierden den Zügel schiessen lässet, sich dadurch dem unvernünftigen
Viehe, ja durch solchen Ungehorsam gegen Gott mehr den höllischen als seligen
Geistern gleichmachet? Solcher Verdammten ewiger Jammer, worein sie sich selbst
gestürzt haben, benimmt darum der Hoheit und dem Adel ihres Geschlechts nichts,
sintemal sie so wohl als andere in ihrem zeitlichen Leben die ewige Seligkeit
hätten erlangen mögen, da sie nur auf dem darzu verordneten Weg hätten wandlen
wollen.«
 
                            Das vierzehnte Kapitel.
Simplex noch weiter sehr viel diskuriert,
Als er vom Prinzen wird weitergeführt.
Ich sagte zu dem Fürstlein, weil ich auf dem Erdboden ohndas mehr Gelegenheit
hätte, von dieser Materia zu hören, als ich mir zunutz machte, so wollte ich ihn
gebeten haben, er wollte mir doch davor die Ursache erzählen, warum zuzeiten ein
so gross Ungewitter entstehe, wann man Steine in solche See werfe; dann ich
erinnerte mich von dem Pilatussee im Schweizerland ebendergleichen gehört, und
vom See Camarina in Sicilia ein solches gelesen zu haben, von welchem die
Phrasis entstanden »Camarinam movere«. Er antwortete: »Weil alles, das schwer
ist, nicht eher gegen dem Centro terrae zu fallen aufhöret, wann es in ein
Wasser geworfen wird, es treffe dann einen Boden an, darauf es unterwegs liegen
verbleibe, hingegen diese Seen alle miteinander bis auf das Zentrum ganz
bodenlos und offen seind, also dass die Steine, so hineingeworfen werden,
notwendig und natürlicherweise in unsere Wohnung fallen und liegen bleiben
müssten, wann wir sie nicht wieder zu ebendem Ort, da sie herkommen, von uns
hinausschaften; als tun wir solches mit einer Ungestüme, damit der Mutwille
derjenigen, so sie hineinzuwerfen pflegen, abgeschreckt und im Zaum gehalten
werden möge, so dann eins von den vornehmsten Stücken unsers Geschäfts ist,
darzu wir erschaffen. Sollten wir aber gestatten oder gleichsam stillschweigend
leiden, dass ohn dergleichen Ungewitter die Steine eingeschmissen und wieder
ausgeschaft würden, so käme es endlich darzu, dass wir nur mit denen mutwilligen
Leuten zu tun hätten, die uns täglich von allen Orten der Welt her aus Kurzweile
Steine zusendeten. Und an dieser einzigen Verrichtung, die wir zu tun haben,
kannst du die Notwendigkeit unsers Geschlechts abnehmen, sintemal, da
obigergestalt die Steine von uns nicht ausgetragen und doch täglich durch soviel
dergleichen unterschiedliche Seen, die sich hin und wieder in der Welt befinden,
dem Centro terrae, darin wir wohnen, so viel zugeschickt würden, so müssten
endlich zugleich die Gebäude, damit das Meer an die Erde geheftet und
befestiget, zerstöret, und die Gänge, dadurch die Quellen aus dem Abgrund des
Meers hin und wieder auf die Erde geleitet, verstopft werden, das dann nichts
anders als eine schädliche Konfusion und der ganzen Welt Untergang mit sich
bringen könnte.«
    Ich bedankte mich dieser Kommunikation und sagte: »Weil ich verstehe, dass
euer Geschlecht durch solche See alle Quellen und Flüsse auf dem ganzen Erdboden
mit Wasser versiehet, so werdet ihr auch Bericht neben können, warum sich die
Wasser nicht alle gleich befinden, beides, an Geruch, Geschmack etc. und der
Kraft und Würkung, da sie doch ihre Wiederkehrung, wie ich verstanden,
ursprünglich alle aus dem Abgrund des grossen Oceani hernehmen, darein sich alle
Wasser wiederum ergiessen. Dann etliche Quellen seind liebliche Saurbrünnen und
taugen zu der Gesundheit; etliche sind zwar saur, aber unfreundlich und
schädlich zu trinken, und andere seind gar tödlich und vergift, wie derjenige
Brunn in Arcadia, damit Jolla dem Alexandro Magno vergeben haben solle. Etliche
Brunnquellen seind laulicht, etliche siedent heiss, und andere eiskalt; etliche
fressen durch Eisen als Aqua fort, wie einer in Zepusio oder der Grafschaft Zips
in Ungarn; andere hingegen heilen alle Wunden, als sich dann einer in Tessalia
befinden solle; etliche Wasser werden zu Stein, andere zu Salz und etliche zu
Victriol. Der See bei Zirknitz in Kärnten hat nur Winterszeit Wasser, und im
Sommer liegt er allerdings trocken; der Brunn bei Aengstlen lauft nur
Sommerszeit und zwar nur zu gewissen Stunden, wann man das Viehe tränket; der
Schändlebach bei Obernähenheim lauft nicht eher, als wann ein Unglück übers Land
kommen solle. Und der Fluvius Sabbaticus in Syria bleibet allezeit den siebenden
Tag gar aus, worüber ich mich oftermal, wann ich der Sache nachgedacht und die
Ursache nit ersinnen können, zum allerhöchsten verwundern musste.«
    Hierauf antwortete der Fürst, diese Dinge alle miteinander hätten ihre
natürliche Ursachen, welche dann von den Naturkündigern unsers Geschlechtes
mehrenteils aus denen unterschiedlichen Gerüchen, Geschmacken, Kräften und
Würkungen der Wasser genugsam erraten, abgenommen und auf dem Erdboden wären
offenbaret und bekannt gemacht worden. Wann ein Wasser von ihrer Wohnung an bis
zu seinem Auslauf, welchen wir die Quelle nenneten, nur durch allerhand Steine
laufe, so verbleibe es allerdings kalt und süss; dafern es aber auf solchem Weg
durch und zwischen die Metalla passiere (dann der grosse Bauch der Erden sei
innerlich nicht an einem Ort wie am andern beschaffen), als da sei Gold, Silber,
Kupfer, Zinn, Blei, Eisen, Quecksilber etc., oder durch die halbe Mineralia,
nämlich Schwefel, Salz mit allen seinen Gattungen, als naturale, sal gemmae, sal
petrae, sal nativum, sal radicum, sal nitrum, sal armoniacum, sal petrae, etc.
weisse, rote, gelbe und grüne Farben, Victril, marchasita aurea, argentea,
plumbea, ferrea, lapis lazuli, alumen, arsenicum, antimonium, risigallum,
Electrum naturale, Chrisocolla, sublimatum etc., so nehme es deren Geschmack,
Geruch, Art, Kraft und Würkung an sich, also dass es den Menschen entweder
heilsam oder schädlich werde. Und ebendaher hätten wir so unterschiedlich Salz;
dann etliches sei gut und etliches schlecht. »Zu Cervia und Comachio ist es
ziemlich schwarz, zu Memphis rötlich, in Sicilia schneeweiss, das centaropische
ist purpurfärbig und das cappadocische gelblecht. Betreffend aber die warme
Wasser,« sagte er, »so nehmen dieselbe ihre Hitze von dem Feuer an sich, das in
der Erde brennet, welches sowohl als unsere See hin und wieder seine Luftlöcher
und Kamine hat, wie man am berühmten Berg Ätna in Sicilia, Hekla in Island,
Gumapi in Banda, und andern mehr abnehmen mag. Was aber den Zirknitzer See
anlanget, so wird dessen Wasser Sommerszeit bei der Kärntner Antipodibus gesehen
und der Aengstlerbrunn an andern Orten des Erdbodens zu gewissen Stunden und
Zeiten des Jahrs und Tags anzutreffen sein, ebendasjenige zu tun, was er bei den
Schweizern verrichtet. Gleiche Beschaffenheit hat es mit der Obernäheimer
Schändlibach, welche Quellen alle durch unsers Geschlechtes Leutlein nach dem
Willen und Ordnung Gottes, um sein Lob dadurch bei euch zu vermehren,
solchergestalt geleitet und geführet werden. Was den Fluvium Sabbaticum in Syria
betrifft, pflegen wir in unsrer Wohnung, wann wir den siebenden Tag feiern, uns
in dessen Ursprung und Kanal, als das lustigste Ort unsers ganzen Aequatori,
sich zu lägern und zu ruhen, deswegen dann ermeldter Fluss nicht laufen mag,
solang wir daselbst dem Schöpfer zu Ehren feierlich verharren.«
    Nach solchem Gespräch fragte ich den Prinz, ob auch müglich sein könnte, dass
er mich wieder durch einen andern als den Mummelsee auch an ein ander Ort der
Erden auf die Welt bringen könnte. »Freilich,« antwortete er, »warum das nicht,
wann es nur Gottes Wille ist? Dann auf solche Weise haben unsere Voreltern vor
alten Zeiten etliche Kananäer, die dem Schwert Josua entronnen und sich aus
Desperation in einen solchen See gesprenget, in Americam geführet, massen deren
Nachkömmlinge noch auf den heutigen Tag den See zu weisen wissen, aus welchem
ihre Ureltern anfänglich entsprungen und hervorgekommen.« Als ich nun sah, dass
er sich über meine Verwunderung verwunderte, gleichsam als ob seine Erzählung
nicht verwundernswürdig wäre, sagte ich zu ihm, ob sie sich dann nicht auch
verwunderten, da sie etwas Seltenes und Ungewöhnliches von uns Menschen sahen.
Hierauf antwortete er: »Wir verwundern uns an euch nichts mehrers, als dass ihr
euch, da ihr doch zum ewigen seligen Leben und den unendlichen himmlischen
Freuden erschaffen, durch die zeitliche und irdische Wollüste, die doch so wenig
ohne Unlust und Schmerzen als die Rosen ohn Dörner sind, dergestalt betören
lassen, dass ihr dardurch eure Gerechtigkeit am Himmel verlieret, euch der
fröhlichen Anschauung des allerheiligsten Angesichtes Gottes beraubet und zu den
verstossenen Engeln in die ewige Verdammnüs stürzet! Ach, möchte unser Geschlecht
an eurer Stelle sein, wie würde sich jeder befleissen, in dem Augenblick eurer
nichtigen und flüchtigen Zeitlichkeit die Probe besser zu halten als ihr. Dann
das Leben, so ihr habet, ist nicht euer Leben; sondern euer Leben oder der Tod
wird euch erst gegeben, wann ihr die Zeitlichkeit verlasset; das aber, was ihr
das Leben nennet, ist gleichsam nur ein Moment und Augenblick, so euch verliehen
ist, Gott darin zu erkennen und ihm euch zu nähern, damit er euch zu sich nehmen
möge. Dannenhero halten wir die Welt vor einen Probierstein Gottes, auf welcher
der Allmächtige die Menschen, gleichwie sonst ein reicher Mann das Gold und
Silber, probieret und, nachdem er ihren Valor am Strich befindet oder nachdem
sie sich durchs Feuer läutern lassen, die gute und seine Gold- und Silbersorten
in seinen himmlischen Schatz leget, die böse und falsche aber ins ewige Feuer
wirft, welches euch dann euer Heiland und unser Schöpfer mit dem Exempel vom
Weizen und Unkraut gnugsam vorgesaget und offenbaret hat.«
 
                            Das fünfzehnte Kapitel.
Simplex sich selbst mit dem König besprachet,
Welcher von sehr vielen Dingen ihn fraget.
Dies war das Ende unsers Gesprächs, weil wir uns dem Sitz des Königs näherten,
vor welchen ich ohn Zeremonien oder Verlust einziger Zeit hingebracht ward. Da
hatte ich nun wohl Ursache, mich über Seine Majestät zu verwundern, da ich doch
weder eine wohlbestellte Hofhaltung noch einziges Gepräng, ja aufs wenigste
keinen Kanzler oder geheime Räte, noch einzigen Dolmetschen oder Trabanten und
Leibguardi, ja sogar keinen Schalksnarrn, noch Koch, Keller, Page, noch einzigen
Favoriten oder Tellerlecker nicht sah; sondern rings um ihn her schwebten die
Fürsten über alle Seen, die sich in der ganzen Welt befinden, ein jedweder in
derjenigen Landesart aufziehend, in welches sich ihr unterhabender See von dem
Centro terrae aus erstreckte. Dannenhero sah ich zugleich die Ebenbilder der
Chineser und Afrikaner, Troglodyten und Novazembler, Tartarn und Mexikaner,
Samogeden und Moluccenser, ja auch von denen, so unter den Po1is arctico und
antarctico wohnen, das wohl ein seltsames Spektakul war. Die zween, so über den
Wilden und Schwarzen See die Inspektion trugen, waren allerdings bekleidet wie
der, so mich convoyrt, weil ihre See zunächst am Mummelsee gelegen; zog also
derjenige, so über den Pilatussee die Obsicht trug, mit einem breiten ehrbaren
Bart und einem Paar Ploderhosen auf, wie ein reputierlicher Schweizer, und
derjenige, so über den obgemeldten See Camarina die Aufsicht hatte, sah beides,
mit Kleidern und Gebärden, einem Sicilianer so ähnlich, dass einer tausend Eid
geschworen hätte, er wäre noch niemaln aus Sicilia kommen und könnte kein
teutsches Wort. Also sah ich auch wie in einem Trachtenbuch die Gestalten der
Perser, Japonier, Moskowitter, Finnen, Lappen und aller andern Nationen in der
ganzen Welt.
    Ich bedorfte nicht viel Komplimenten zu machen; dann der König fieng selbst
an, sein gut und herrlich Teutsch mit mir zu reden, indem sein erstes Wort war,
dass er fragte: »Aus was Ursache hast du dich unterfangen, uns gleichsam ganz
mutwilligerweise so einen Haufen Steine zuzuschicken?« Ich antwortete kurz:
»Weil bei uns einem jeden erlaubt ist, an einer verschlossenen Türe
anzuklopfen.« Darauf sagte er: »Wie, wann du aber den Lohn deiner fürwitzigen
Importunität empfiengest?« Ich antwortete: »Ich kann mit keiner grössern Strafe
beleget werden, als dass ich sterbe; sintemal ich aber seitero so viel Wunder
erfahren und gesehen, die unter so viel Millionen Menschen keiner das Glück
nicht hat, würde mir mein Sterben ein geringes und mein Tod vor gar keine Strafe
zu rechnen oder aufzunehmen sein.« - »Ach elende Blindheit!« sagte hierauf der
König und hub damit die Augen auf gleichwie einer, der aus Verwunderung gen
Himmel schauet, ferner sagende: »Ihr Menschen könnt nur einmal sterben, und ihr
Christen solltet den Tod nicht eher getrost zu überstehen wissen, ihr wäret dann
vermittelst euers Glaubens und Liebe gegen Gott durch eine unzweifelhafte
Hoffnung versichert, dass euere Seelen das Angesicht des Höchsten eigentlich
anschauen würden, sobald der sterbende Leib die Augen zutäte. Aber ich habe vor
dieses Mal weit anders mit dir zu reden.«
    Darauf sagte er: »Es ist mir referiert worden, dass sich die irdische
Menschen, und sonderlich ihr Christen, des Jüngsten Tags ehistes versehen,
weilen nicht allein alle Weissagung, sonderlich was die Sybillen hinterlassen,
erfüllet, sondern auch alles, was auf Erden lebet, den Lastern so schröcklich
ergeben sei, also dass der allmächtige Gott nicht länger verziehen werde, der
Welt ihr Endschaft zu geben. Weilen dann nun unser Geschlecht mitsamt der Welt
untergehen und im Feuer, wiewohl wir des Wassers gewohnt sein, verderben muss,
als entsetzen wir sich nicht wenig wegen Zunahung solcher erschröcklichen Zeit,
haben dich derowegen zu uns holen lassen, um zu vernehmen, was etwan deswegen
vor Sorge oder Hoffnung zu machen sein möchte. Wir zwar können aus dem Gestirn
noch nichts dergleichen abnehmen, auch nichts an der Erdkugel vermerken, dass
eine so nahe Veränderung obhanden sei, müssen sich derowegen von denen
benachrichtigen lassen, welchen hiebevor ihr Heiland selber etliche
Wahrzeichen seiner Zukunft hinterlassen, ersuchen dich derowegen ganz holdselig,
du wollest uns bekennen, ob derjenige Glaube noch auf Erden sei oder nicht,
welchen der zukünftige Richter bei seiner Ankunft schwerlich mehr finden wird?«
Ich antwortete dem König, er hätte mich Sachen gefraget, die mir zu beantworten
viel zu hoch sein, zumaln Künftigs zu wissen, und sonderlich die Ankunft des
Herrn, allein Gott bekannt. »Nun wohlan dann,« antwortete der König hinwiederum,
»so sage mir dann, wie sich die Stände der Welt in ihrem Beruf halten, damit ich
daraus entweder der Welt und unsers Geschlechtes Untergang oder gleich meinen
Worten mir und den Meinigen ein langes Leben und glückselige Regierung
konjekturieren könne. Hingegen will ich dich sehen lassen, was noch wenig zu
sehen bekommen, und hernach mit einer solchen Verehrung abfertigen, deren du
dich dein Lebtag wirst zu erfreuen haben, wann du mir nur die Wahrheit
bekennest.« Als ich nun hierauf stillschwieg und mich bedachte, fuhr der König
ferner fort und sagte: »Nun dran, dran! fang am Höchsten an und beschliess es am
Niedersten; es muss doch sein, wann du anders wieder auf den Erdboden willst.«
    Ich antwortete: »Wann es dann nicht anders sein kann [und] ich an dem
Höchsten ansahen soll, so mache ich billig den Anfang an den Geistlichen.
Dieselbe nun seind gemeiniglich alle, sie sein auch gleich was vor Religion sie
immer wollen, wie sie Eusebius in einer Sermon beschrieben, nämlich:
rechtschaffene Verächter der Ruhe, Vermeider der Wollüste, in ihrem Beruf
begierig zur Arbeit, gedultig in Verachtung, ungedultig zur Ehre, arm an Hab und
Geld, reich am Gewissen, demütig gegen ihren Verdiensten und hochmütig gegen den
Lastern; und gleichwie sie sich allein befleissen, Gott zu dienen und auch andere
Menschen mehr durch ihr Exempel als ihre Worte zum Reich Gottes zu bringen; also
haben die weltliche hohe Häupter und Vorsteher allein ihr Absehen auf die liebe
Justitiam, welche sie dann ohn Ansehen der Person, einem jedwedern, Armen und
Reichen, durch die Bank hinaus schnurgerad erteilen und widerfahren lassen. Die
Teologi sind gleichsam lauter Hieronymi und Bedä, die Kardinäle eitel Borromäi,
die Bischöfe Augustini, die Äbte andere Hylariones und Pachomi, und die übrige
Religiosen miteinander wie die Kongregation der Eremiten in der tebanischen
Wildnüs. Die Kaufleute handeln nicht aus Geiz oder um Gewinns willen, sondern
damit sie ihren Nebenmenschen mit ihrer Ware, die sie zu solchem Ende mit grosser
Mühe und Gefahr aus fernen Landen herbringen, bedient sein können. Die Wirte
treiben nicht deswegen ihre Wirtschaften, reich zu werden, sondern damit sich
der Hungerige, Durstige und Reisende bei ihnen erquicken und sie die Bewirtung
als ein Werk der Barmherzigkeit an den müden und kraftlosen Menschen üben
können. Also suchet der Medikus nicht seinen Nutz, sondern die Gesundheit seines
Patienten, wohin dann auch die Apoteker zielen. Die Handwerker wissen von
keinen Vörteln, Lügen und Betrug, sondern befleissigen sich, ihre Kunden mit
daurhafter und rechtschaffener Arbeit am besten zu versehen. Den Schneidern tut
nichts Gestohlenes im Aug wehe, und die Weber bleiben aus Redlichkeit so arm,
dass sich auch keine Mäus bei ihnen ernähren können, denen sie etwan ein Knäul
Garn nachwerfen müssten. Man weiss von keinem Wucher, sondern der Wohlhäbige hilft
dem Dürftigen aus christlicher Liebe ganz ungebeten. Und wann ein Armer nicht zu
bezahlen hat ohn merklichen Schaden und Abgang seiner Nahrung, so schenkt ihm
der Reiche die Schuld von freien Stücken. Man spüret keine Hoffart, dann jeder
weiss und bedenkt, dass er sterblich ist. Man merket keinen Neid, dann es weiss und
erkennet je einer den andern vor ein Ebenbild Gottes, das von seinem Schöpfer
geliebt wird. Keiner erzörnt sich über den andern, weil sie wissen, dass
Christus vor alle gelitten und gestorben. Man höret von keiner Unkeuschheit oder
unordentlichen fleischlichen Begierden, sondern was so vorgehet, das geschiehet
aus Begierde und Liebe zur Kinderzucht, damit das Reich Gottes gemehret werde.
Da findet man keine Trunkenbolde oder Vollsäufer, sondern wann einer den andern
mit einem Trunk ehret, so lassen sich beide nur mit einem christlichen
Räuschlein benügen. Da ist keine Trägheit im Gottesdienst, dann ein jeder
erzeiget einen emsigen Fleiss und Eifer, wie er vor allen andern Gott
rechtschaffen dienen möge; und eben deswegen sind jetzund so schwere Kriege auf
Erden, weil je ein Teil vermeint, das andere diene Gott nicht recht. Es gibet
keine Geizige mehr, sondern Gesparsame, keine Verschwender, sondern Freigebige,
keine Kriegsgurgeln, so die Leute berauben und verderben, sondern Soldaten, die
das Vatterland beschirmen, keine mutwillige faule Bettler, sondern Verächter der
Reichtümer und Liebhaber der freiwilligen Armut, keine Korn- und Weinjuden,
sondern vorsichtige Leute, die den überflüssigen Vorrat auf den besorgenden
künftigen Notfall vor das Volk aufheben und sein zusammen halten.«
 
                            Das sechzehnte Kapitel.
Simplex ins Mare del Zur wird geführet,
Da er sehr seltsame Sachen verspüret.
Ich pausierte ein wenig und bedachte mich, was ich noch ferners vorbringen
wollte; aber der König sagte, er hätte bereits so viel gehöret, dass er nicht
mehrers zu wissen vonnöten oder aufs wenigste zu wissen begehre. Wann ich
wollte, so sollten mich die Seinige gleich wieder an den Ort bringen, wo sie
mich genommen; wollte ich aber (»Dann ich sehe wohl,« sagte er, »dass du ziemlich
kurios bist«) in seinem Reich eins und anders beschauen, das meinesgleichen ohn
Zweifel seltsam sein würde, so sollte ich in seiner Jurisdiktion sicher
hinbegleitet werden, wohin ich nur wollte; und alsdann so wollte er mich mit
einer Verehrung abfertigen, dass ich damit zufrieden sein könnte. Da ich mich
aber nichts entschliessen und ihm nicht antworten konnte, wandte er sich zu
etlichen, die eben in den Abgrund des Mare del Zur sich begeben und dorten
beides, wie aus einem Garten und wie von einer Jagd, Nahrung holen sollten; zu
denen sagte er: »Nehmet ihn mit und bringt ihn bald wieder her, damit er noch
heut wieder auf den Erdboden gestellet werde!« Zu mir aber sagte er, ich könnte
mich indessen auf etwas besinnen, das in seiner Macht stünde, um solches mir zum
Rekompens und einer ewigen Gedächtnüs mit auf den Erdboden zu geben. Also
wischte ich mit den Sylphis davon durch ein Loch, welches etliche hundert Meilen
lang war, eh wir auf den Grund des obgedachten friedsamen Meers kamen. Darauf
stunden Korallenzinken, so gross als die Eichbäume, von welchen sie zur Speise
mit sich nahmen, was noch nicht erhartet und gefärbet war; dann sie pflegen sie
zu essen, wie wir die junge Hirschgeweihe. Da sähe man Schneckenhäuslein, so
hoch als ein ziemlich Rondell und so breit als ein Scheuertor; item, Perlen, so
dick als Fäuste, welche sie anstatt der Eier assen, und andere viel seltsamere
Meerwunder, die ich nicht alle erzählen kann; der Boden lag überall mit
Smaragden, Türkis, Rubinen, Diamanten, Saphiren und andern dergleichen
herrlichen, von den Menschen hochgeschätzten Steinen überstreuet, gemeiniglich
in der Grösse wie bei uns Wackensteine, so hin und wieder in den fliessenden
Bächen liegen. Da sah man hier und dort gewaltige Schröffen viel Meilwegs hoch
in die Höhe ragen, welche vor das Wasser hinausgiengen und lustige Insulen
trugen. Diese waren rundherum mit allerhand lustigen und wunderbarlichen
Meergewächsen gezieret und von mancherlei seltsamen kriechenden, stehenden und
gehenden Kreaturen bewohnet, gleichsam als wie der Erdboden mit Menschen und
Tieren; die Fische aber, deren wir gross und klein und von unzahlbarer Art eine
grosse Menge hin und wieder über uns im Wasser herumvagieren sahen, ermahneten
mich allerdings an so vielerlei Vögel, die sich Frühlingszeit und im Herbst bei
uns in der Luft erlustieren; und weil es eben Vollmond und eine helle Zeit war
(dann die Sonne war damals über unserm Horizont, also dass ich damals mit unsern
Antipodibus Nacht, die Europäer aber Tag hatten), konnte ich durch das Wasser
hinauf den Mond und das Gestirn samt dem Polo antarctico sehen, dessen ich mich
wohl verwundern musste. Aber der, dem ich in seine Obhut befohlen war, sagte mir,
wann wir sowohl den Tag hätten als die Nacht, so würde mir alles noch
verwunderlicher vorkommen, dann man könnte alsdann von weitem sehen, wie es
sowohl im Abgrund des Meers als auf dem Land schöne Berge und Täler abgebe,
welches schöner schiene als die schönste Landschaften auf dem Erdboden. Als er
auch sah, dass ich mich über ihn und alle die, so mit ihm waren, verwunderte,
dass sie als Peruaner, Brasilianer, Mexikaner, Japaner, Indosianer und Insulaner
de los latronos aufgezogen und dannoch so gut Teutsch redeten; da sagte er, dass
sie nicht mehr als eine Sprache könnten, die aber alle Völker auf dem ganzen
Umkreis der Erden in ihrer Sprache verstünden, und sie hingegen dieselbe
hinwiederum, welches daher komme, dieweil ihr Geschlecht mit der Torheit, so bei
dem babylonischen Turn vorgangen, nichts zu schaffen hätte.
    Als sich nun meine Convoy genugsam proviantiert hatte, kehreten wir wiederum
durch eine andere Höhle aus dem Meer in das Centrum terrae. Unterwegs erzählete
ich ihrer etlichen, dass ich vermeint hätte, das Zentrum der Erden wäre inwendig
hohl, in welchem hohlen Teil die Pigmaei wie in einem Kranrad herumliefen und
also die ganze Erdkugel herumtrilleten, damit sie überall von der Sonne, welche
nach Aristarchi und Copernici Meinung mitten am Himmel unbeweglich stillstünde,
beschienen würde; welcher Einfalt wegen ich schrecklich ausgelachet ward mit
Bericht, ich sollte sowohl deren obigen beiden Gelehrten Meinung als meine
gehabte Einbildung mir einen eitelen Traum sein lassen. Ich sollte mich, sagten
sie, anstatt dieser Gedanken besinnen, was ich von ihrem König vor eine Gabe
begehren wollte, damit ich nicht mit leerer Hand wiederum auf den Erdboden
dürfte. Ich antwortete, die vielfältigen Wunder, die ich seitero gesehen,
hätten mich so gar aus mir selbst gebracht, dass ich mich auf nichts bedenken
könnte, mit Bitte, sie wollten mir doch raten, was ich von dem König begehren
sollte. Meine Meinung wäre, sintemal er alle Brunnenquellen in der Welt zu
dirigieren hätte, von ihm einen Gesundbrunn auf meinen Hof zu begehren, wie
derjenige wäre, der neulich von sich selbst in Teutschland entsprungen, der
gleichwohl doch nur Süsswasser führe. Der Fürst oder Regent über das stille Meer
und dessen Hülen antwortete, solches würde in seines Königs Macht nicht stehen;
und wanngleich es bei ihm stünde und er mir gern gratifizieren wollte, so hätten
jedoch dergleichen Heilbrunnen in die Länge keinen Bestand, etc. Ich bat ihn, er
wollte mir doch unbeschwert die Ursache erzählen. Da antwortete er: »Es befinden
sich hin und wieder in der Erden leere Stätte, die sich nach und nach mit
allerhand Metallen ausfüllen, weil sie daselbst aus einer exhalatione humida,
viscosa et crassa generieret werden; indem nun solche Generation geschiehet,
schläget sich zuzeiten durch die Spälte der Marchasitae aureae vel argenteae aus
dem Centro, davon alle Quellen getrieben werden, Wasser darzu, welches dann um
und zwischen den Metallis viel hundert Jahr sich entält und der Metallen edle
Art und heilsame Eigenschaften an sich nimmt. Wann sich dann das Wasser aus dem
Centro je länger je mehr vermehret und durch seinen starken Trieb einen Auslauf
auf dem Erdboden suchet und findet, so wird das Wasser, welches so viel hundert
oder tausend Jahre zwischen den Metallen verschlossen gewesen und dessen Kräfte
an sich genommen, zum allerersten ausgestossen und tut alsdann an denen
menschlichen Körpern diejenige wunderbarliche Wartung, die man an solchen neuen
Heilbrünnen sieht. Sobald nun solches Wasser, das sich so lang zwischen den
Metallen entalten, verflossen, so folget gemein Wasser hernach, welches zwar
auch durch dieselbige Gänge passieret, in seinem schnellen Lauf aber keine
Tugenden oder Kräften von den Metallen an sich nehmen, und also auch nicht wie
das erste heilsam, kräftig und dem Menschen zur Gesundheit dienlich sein kann.«
Wann ich, sagte er, die Gesundheit so sehr affektiere, so sollte ich seinen
König ersuchen, dass er mich dem König der Salamandrae, mit welchem er in guter
Korrespondenz stünde, in eine Kur rekommendiere; derselbe könne die menschliche
Corpora zurichten und durch ein Edelgestein begaben, dass sie in keinem Feuer
verbrennen mögen, wie eine sonderbare Leinwat, die wir auf Erden hätten und im
Feuer zu reinigen pflegten, wann sie schmutzig worden wäre; alsdann setze man
einen solchen Menschen wie eine schleimige alte stinkende Tabakpfeifen mitten
ins Feuer; da verzehreten sich dann alle böse Humores und schädliche
Feuchtigkeiten und komme der Patient wieder so jung, frisch, gesund und
neugeschaffen hervor, als wann er das Elixier Teophrasti eingenommen hätte. Ich
wusste nicht, ob mich der Kerl foppete oder ob es ihm ernst war; doch bedankte
ich mich der vertraulichen Kommunikation und sagte, ich besorge, diese Kur sei
mir, als einem Colerico, zu hitzig; mir würde nichts liebers sein, als wann ich
meinen Mitmenschen eine heilsame rare Quelle mit mir auf den Erdboden bringen
könnte, welches ihnen zunutz, ihrem König aber zur Ehre, mir aber zu einem
unsterblichen Namen und ewigem Gedächtnus gereichen würde. Darauf antwortete mir
der Fürst, wann ich solches suche, so wollte er mir schon ein gut Wort
verleihen, wiewohl ihr König so beschaffen, dass er der Ehre oder Schande, so ihm
auf Erden zugeleget werde, gleich viel achte. Mitin kamen wir wiederum in den
Mittelpunkt der Erden und vor des Königs Angesicht, als er und seine Prinzen
sich eben speisen wollten. Es war ein Embiss wie die griechische Nephalia, da man
weder Wein noch stark Getränke brauchte; aber anstatt dessen tranken sie Perlen
wie rohe oder weichgesottene Eier aus, als welche noch nicht erhartet waren und
treffliche Stärke gaben, oder, wie die Bauern sagen, fütterten.
    Da observierte ich, wie die hellglänzende Sonne einen See nach dem andern
beschiene und ihre Strahlen durch dieselbige bis in diese schröckliche Tiefe
hinunter warf, also dass es diesen Sylphis niemal an keinem Liecht nicht
mangelte. Man sah sie in diesem Abgrund so heiter wie auf dem Erdboden
leuchten, also dass sie auch einen Schatten warf, so dass ihnen, den Sylphis, die
See wie Taglöcher oder Fenster taugten, durch welche sie beides, Helle und
Wärme, empfiengen; und wann sich solches nicht überall schickte, weil etliche
Seen gar krumm hinumgiengen, ward solches durch die Reflexion ersetzt, weil die
Natur hin und wieder in die Winkel ganze Felsen von Kristall, Diamanten und
Karfunkeln geordnet, so die Hellung und Heitere hinunterfertigten.
 
                            Das siebzehnte Kapitel.
Simplex wird wieder auf die Erd gebracht,
Luftgebäu, Grillen, Kalender er macht.
Indessen hatte sich die Zeit genähert, dass ich wieder heim sollte; derhalben
befahl der König, ich sollte mich vernehmen lassen, womit ich vermeine, dass er
mir einen Gefallen tun könnte. Da sagte ich, es könnte mir keine grössere Gnade
widerfahren, als wann er mir einen rechtschaffenen medizinalischen Saurbrunn auf
meinem Hof würde zukommen lassen. »Ist es mir das?« antwortete der König. »Ich
hätte vermeint, du würdest etliche grosse Smaragden aus dem amerikanischen Meer
mit dir genommen und gebeten haben, dir solche auf den Erdboden passieren zu
lassen. Jetzt sehe ich, dass kein Geiz bei euch Christen ist.« Mitin reichte er
mir einen Stein von seltsamen variierenden Farben und saute: »Diesen stecke zu
dir, und wo du ihn hin auf den Erdboden legen wirst, daselbst wird er anfahen,
das Zentrum wieder zu suchen und die bequemste Mineralia durchgehen, bis er
wieder zu uns kommt und dir unsertwegen eine herrliche Sauerbrunnquelle
zuschicket, die dir so wohl bekommen und zuschlagen soll, als du mit Eröffnung
der Wahrheit um uns verdienet hast.« Darauf nahm mich der Fürst vom Mummelsee
alsbald wieder in sein Geleit und passierte mit mir den Weg und See wieder
zurück, durch welchen wir herkommen waren, etc.
    Diese Heimfahrt dünkte mich viel weiter als die Hinfahrt, also dass ich auf
drittalb tausend wohlgemessener teutscher Schweizermeilen rechnete; es war aber
gewiss die Ursache, dass mir die Zeit so lang ward, weil ich nichts mit meiner
Convoy redete als blösslich, dass ich von ihnen vernahm, sie würden bis 3-, 4-
oder 500 Jahre alt, und solche Zeit lebten sie ohne einzige Krankheit. Im
übrigen war ich im Sinn mit meinem Saurbrunn so reich und gross, dass alle meine
Gedanken und Witz genug zu tun hatten, zu beratschlagen, wo ich ihn hinsetzen
und wie ich mir ihn zunutz machen wollte. Da hatte ich allbereit meine Anschläge
wegen der ansehnlichen Gebäue, die ich darzu setzen müsste, damit die Badgäste
auch rechtschaffen akkommodiert sein und ich hingegen ein grosses Losamentgelt
aufheben möchte. Ich ersann schon, durch was vor Schmiralia ich die Medicos
persuadieren wollte, dass sie meinen neuen Wunder-Saurbrunn allen andern, ja gar
dem Schwalbacher vorziehen und mir einen Haufen reiche Badgäste zuschaffen
sollten. Ich machte schon ganze Berge eben, damit sich die Ab- und Zufahrende
über keinen mühesamen Weg beschwereten; ich dingete schon verschmitzte
Hausknechte, geizige Köchinnen, vorsichtige Bettmägde, wachtsame Stallknechte,
saubere Bad- und Brunnenverwalter, und sann auch allbereits einen Platz aus, auf
welchen ich mitten im wilden Gebürge bei meinem Hof einen schönen ebenen
Luftgarten pflanzen und allerlei rare Gewächse darin zielen wollte, damit sich
die fremde Herren Badgäste und ihre Frauen darin erspazieren, die Kranke
erfrischen und die Gesunde mit allerhand kurzweiligen Spielen ergötzen und
errammlen können. Da mussten mir die Medici, doch um die Gebühr, einen herrlichen
Traktat von meinem Wunderbrunn und dessen köstlichen Qualitäten zu Papier
bringen, welchen ich alsdann neben einem schönen Kupferstück, darein mein
Baurnhof, im Grundriss entworfen, wollte drucken lassen, aus welchem ein jeder
abwesender Kranker sich gleichsam halb gesund lesen und hoffen möchte. Ich liess
alle meine Kinder von L. holen, sie allerhand lernen zu lassen, das sich zu
meinem neuen Bad schickte; doch dorfte mir keiner kein Bader werden, dann ich
hatte mir vorgenommen, meinen Gästen, obzwar nicht den Rücken, doch aber ihren
Beutel tapfer zu schrepfen.
    Mit solchen reichen Gedanken und überglückseligem Sinnhandel erreichte ich
wiederum die Luft, massen mich der vielgedachte Prinz allerdings mit trockenen
Kleidern aus seinem Mummelsee ans Land satzte; doch musste ich das Kleinod, so er
mir anfänglich geben, als er mich abgeholet, stracks von mir tun, dann ich hätte
sonst in der Luft entweder ersaufen oder, Atem zu holen, den Kopf wieder ins
Wasser stecken müssen, weil gedachter Stein solche Würkung vermochte. Da nun
solches geschehen und er denselben wieder zu sich genommen, beschirmten wir
einander als Leute, die einander nimmermehr wiederzusehen würden bekommen. Er
duckte sich und fuhr wieder mit den Seinigen in seinen Abgrund; ich aber ging
mit meinem lapide, den mir der König geben hatte, so voller Freuden davon, als
wann ich das goldene Fell aus der Insel Kolchis davongebracht hätte.
    Aber ach! meine Freude, die sich selbst vergeblich auf eine immerwährende
Beständigkeit gründete, währete gar nicht lang; dann ich war kaum von diesem
Wundersee hinweg, als ich bereits anfieng, in dem ungeheuren Wald zu verirren,
weil ich nicht Achtung geben hatte, von wannen her mein Knän mich zum See
gebracht. Ich ging ein gut Stück Wegs fort, eh ich meiner Verirrung gewahr
ward, und machte noch immerfort Kalender, wie ich den köstlichen Saurbrunn auf
meinem Hof setzen, wohl anlegen und mir dabei einen geruhigen Herrnhandel
schaffen möchte. Dergestalt kam ich unvermerkt je länger je weiter von dem Ort,
wohin ich am allermeisten begehrete, und was das schlimmste war, ward ichs nicht
eher inn, bis sich die Sonne neigete und ich mir nicht mehr zu helfen wusste. Da
stund ich mitten in einer Wildnus wie Matz von Dresden, beides ohn Speis und
Gewehr, dessen ich gegen die bevorstehende Nacht wohl bedörftig gewesen wäre.
Doch tröstete mich mein vortrefflicher Stein, den ich mit mir aus dem innersten
Eingeweide der Erden herausgebracht hatte. »Gedult! Gedult!« sagte ich zu mir
selber, »dieser wird dich aller überstandenen Not wiederum ergötzen! Gut Ding
will Weile haben, und vortreffliche Sachen werden ohne grosse Mühe und Arbeit
nicht erworben. Wer den Nusskern essen will, muss zuvor die harte Schalen
aufbeissen, sonst würde jeder Narr ohn Schnaufens und Bartwischens einen solchen
edlen Saurbrunn, wie du einen bei dir in der Tasche hast, seines Gefallens
zuwege bringen.«
    Da ich mir nun solchergestalt zugesprochen, fasste ich zugleich mit der neuen
Resolution auch neue Kräfte, massen ich weit tapferer als zuvor auf die Sohlen
trat, obgleich mich die Nacht darüber ereilete. Der Vollmond leuchtete mir zwar
sein, aber die hohe Tannen liessen mir sein Liecht nicht so wohl gedeihen, als
denselben Tag das tiefe Meer getan hatte. Doch kam ich so weit fort, bis ich um
Mitternacht von weitem ein Feuer gewahr ward, auf welches ich den geraden Weg
zugieng und von fern sah, dass sich etliche Waldbauren darbei befanden, die mit
dem Harz zu tun hatten. Wiewohl nun solchen Gesellen nicht allzeit zu trauen, so
zwang mich doch die Not und riet mir meine eigne Courage, ihnen zuzusprechen;
ich hinterschlich sie unversehens und sagte: »Gute Nacht, oder guten Tag, oder
guten Morgen, oder guten Abend, ihr Herren! Saget mir zuvor, um welche Zeit es
sei, damit ich euch darnach zu grüssen wisse.« Da stunden und sassen sie alle
sechse, vor Schrecken zitternd, und wussten nicht, was sie mir antworten sollten;
dann weil ich einer von den Längsten bin und eben damals noch wegen meines
jüngst verstorbenen Weibleins sel. ein schwarz Trauerkleid anhatte, zumalen
einen schrecklichen Prügel in Händen trug, auf welchen ich mich wie ein wilder
Mann steurete, kam ihnen meine Gestalt recht abscheulich und entsetzlich vor.
»Wie?« sagte ich, »will mir dann keiner antworten?« Sie verblieben aber noch
eine gute Weile erstaunt, bis sich endlich einer erholete und sagte: »Wear ischt
dann der Hair?« Da hörete ich, dass es eine schwäbische Nation sein müsste, die man
zwar (aber vergeblich) vor einfältig schätzet, sagte derowegen, ich sei ein
fahrender Schüler, der jetzo erst aus dem Venusberg komme und einen ganzen
Haufen wunderliche Künste gelernet hätte. »Oho!« antwortete der älteste Bauer,
»jetzt glaube ich gottlob! dass ich den Frieden wieder erleben werde, weil die
fahrende Schüler wieder anfangen zu reisen.«
 
                            Das achtzehnte Kapitel.
Simplex verzettet am unrechten Ort
Seinen Saurbronnen und geht weiter fort.
Also kamen wir miteinander ins Gespräch, und ich genoss so vieler Höflichkeit von
ihnen, dass sie mich hiessen zum Feur niedersitzen und mir ein Stück Schwarzbrot
und magern Kühkäs anboten, welches ich dann alle beide acceptierte. Endlich
wurden sie so verträulich, dass sie mir zumuteten, ich sollte ihnen als ein
fahrender Schüler gute Wahrheit sagen. Und weil ich mich sowohl auf die
Physiognomiam als Chiromantiam um etwas verstund, fieng ich an, einem nach dem
andern aufzuschneiden, was ich meinte, dass sie kontentieren würde, damit ich
bei ihnen meinen Kredit nicht verliere; dann es war mir bei dieser wilden
Waldbursche nicht allerdings heimlich. Sie begehreten, allerhand fürwitzige
Künste von mir zu lernen, ich aber vertröstete sie auf den künftigen Tag und
begehrete, dass sie mich ein wenig wollten ruhen lassen. Und demnach ich
solchergestalt einen Zigeiner agiert hatte, legte ich mich ein wenig beiseits,
mehr zu horchen und zu vernehmen, wie sie gesinnet, als dass ich grossen Willen
(wiewohl es am Appetit nit mangelte) zu schlafen gehabt hätte. Je mehr ich nun
schnarchte, je wachtsamer sie sich erzeigeten; sie stiessen die Köpfe zusammen
und fiengen an, um die Wette zu raten, wer ich doch sein möchte. Vor keinen
Soldaten wollten sie mich halten, weil ich ein schwarz Kleid antrug, und vor
keinen Burgerskerl konnten sie mich nicht schätzen, weil ich zu einer solchen
ungewöhnlichen Zeit so fern von den Leuten in das Mückenloch (so heisset der
Wald) angestochen käme. Zuletzt beschlossen sie, ich müsste ein lateinischer
Handwerksgeselle sein, der verirret wäre, oder meinem eigenen Vorgeben nach ein
fahrender Schüler, weil ich so trefflich wahrsagen könnte. »Ja«, fieng dann ein
ander an und sagte: »Er hat darum nicht alles gewusst; er ist etwan ein loser
Krieger und hat sich so verkleidet, unser Viehe und die Schliche im Wald
auszukündigen. Ach, dass wir es wüssten, wir wollten ihn schlafen legen, dass er
das Aufwachen vergessen sollte. Es ist nit jeden zu trauen: Eier in die Pfanne,
so werden keine Jungen daraus.« Geschwind war ein ander da, der diesem
Widerstand hielt und mich vor etwas anders ansah. Indessen lag ich dort und
spitzte die Ohren; ich gedachte: »Werden mich diese Knollfinken angreifen, so
muss mir zuvor einer oder drei ins Gras beissen, eh sie mich mitnehmen und
aufopfern.«
    Demnach nun diese so ratschlagten und ich mich mit Sorgen ängstigte, ward
mir gähling, als ob einer bei mir läge, der ins Bett brunzte; dann ich lag
unversehens ganz nass. 0 mirum! da war Troja verloren, und alle meine treffliche
Anschläge waren dahin, dann ich merkte am Geruch, dass es mein Saurbrunn war. Da
geriet ich vor Zorn und Unwillen in eine solche Raserei, dass ich mich beinahe
allein hinter die sechs Baurn gelassen und mit ihnen herumgeschlagen hätte. »Ihr
gottlose Flegel,« sagte ich zu ihnen, als ich mit meinem schröcklichen Prügel
aufgesprungen war, »an diesem Sauerbrunn, der auf meiner Lägerstatt
hervorquillet, könnet ihr merken, wer ich sei. Es wäre kein Wunder, ich strafte
euch alle, dass euch der Teufel holen möchte, weil ihr so böse Gedanken in Sinn
nehmen dörfen!« machte darauf so bedrohliche und erschröckliche Mienen, dass sie
sich alle vor mir entsatzten. Doch kam ich gleich wieder zu mir selber und
merkte, was ich vor eine Torheit begieng. »Nein,« gedachte ich, »besser ist es,
den Saurbrunn als das Leben verloren, das du leicht einbüssen kannst, wann du
dich hinter diese Limmel und Knollfinken machest«; gab ihnen derhalben wieder
gute Worte und sagte, eh sie sich etwas anders entsinnen konnten: »Stehet auf
und versuchet den herrlichen Saurbrunn, den ihr und alle Harz- und Holzmacher
hinfort in dieser Wildnus meinetwegen zu geniessen haben werdet!« Sie konnten
sich in mein Gespräch nicht richten, sondern sahen einander an wie lebendige
Stockfische, bis sie sahen, dass ich sein nüchtern aus meinem Hut den ersten
Trunk tät. Da stunden sie nacheinander vom Feuer auf, darum sie gesessen,
besahen das Wunder und versuchten das Wasser, und anstatt dass sie mir darum
hätten dankbar sein sollen, fiengen sie an zu lästern und sagten, sie wollten,
dass ich mit meinem Saurbrunn an ein ander Ort geraten wäre; dann sollte ihre
Herrschaft dessen innwerden, so müsste das ganze Amt Dornenstet frönen und Wege
darzu machen, welches ihnen dann eine grosse Beschwerlichkeit sein würde.
»Hingegen«, sagte ich, »habet ihr dessen alle zu geniessen, euere Hühner, Eier,
Butter, Viehe und anders könnet ihr besser aus Geld bringen!« - »Nein, nein,«
sagten sie, »nein! die Herrschaft setzt einen Wirt hin, der wird allein reich,
und wir müssen seine Narren sein, ihm Wege und Stege erhalten und werden noch
keinen Dank darzu davon haben!« Zuletzt entzweiten sie sich, zween wollten den
Saurbrunn behalten und ihrer vier muteten mir zu, ich sollte ihn wieder
abschaffen, welches, da es in meiner Macht gestanden wäre, ich wohl ohn sie
wollte getan haben, es wäre ihnen gleich lieb oder leid gewesen.
    Weil dann nunmehr der Tag vorhanden war und ich nichts mehr da zu tun hatte,
zumalen besorgen muhte, wir würden, da es noch lang herumgieng, einander endlich
in die Haare geraten, sagte ich, wann sie nicht wollten, dass alle Kühe im ganzen
Baiersbrunner Tal rote Milch geben sollten, solang der Brunn liefe, so sollten
sie mir alsobald den Weg in Seebach weisen, dessen sie dann wohl zufrieden, und
mir zu solchem Ende zwei mitgaben, weil sich einer allein bei mir fürchtete.
    Also schied ich von dannen, und obzwar dieselbe ganze Gegend einem wüsten
Arabien gleich und sehr unfruchtbar war und nichts als Tannzapfen trug, so hätte
ich sie doch noch elender verfluchen mögen, weil ich alle meine Hoffnung
daselbst verloren. Doch ging ich stillschweigend mit meinen Wegweisern fort,
bis ich auf die Höhe des Gebürgs kam, allwo ich mich dem Geländ nach wieder ein
wenig erkennen konnte. Da sagte ich zu ihnen: »Ihr Herren könnet euch euren
neuen Saurbrunn trefflich zunutz machen, wann ihr nämlich hingehet und eurer
Obrigkeit dessen Ursprung anzeiget; dann da würde es eine treffliche Verehrung
setzen, weil alsdann der Fürst selbigen zur Zierde und Nutz des Landes aufbauen
und zu Vermehrung seines Interesse aller Welt wird bekanntmachen lassen.« -
»Ja,« sagten sie, »da wären wir wohl Narren, dass wir uns eine Rute auf unsern
eigenen Hindern machten; wir wollten lieber, dass dich der Teufel mitsamt deinem
Saurbrunn holete: du hast genug gehört, warum wir ihn nicht gern sehen.« Ich
antwortete: »Ach ihr heillose Tropfen, sollte ich euch nicht meineidige Schelmen
schelten, dass ihr aus der Art eurer frommen Voreltern so fern abtrettet?
Dieselbige waren ihrem Fürsten so getreu, dass er sich ihrer rühmen dorfte, er
getraue, in eines jeden seiner Untertanen Schoss seinen Köpf zu legen und darin
sicherlich zu schlafen; und ihr Mausköpfe seid nicht so ehrlich einer
besorgenden geringen Arbeit willen, darum ihr doch mit der Zeit wieder ergötzt
würdet, und deren all euere Nachkömmlinge reichlich zu geniessen hätten, beides,
eurem hochlöblichen Fürsten zunutz und manchem elenden Kranken zur Wohlfahrt und
Gesundheit, diesen heilsamen Sauerbrunn zu offenbaren. Was sollte es sein,
wanngleich etwan jeder ein paar Tage darzu frönte und es ihm sauer werden
liesse?« - »Was?« sagten sie, »wir wollten dich, damit dein Sauerbrunn verborgen
bleibe, ehender im Fron totschlagen!« - »Ihr Vögel,« sagte ich, »es müssten eurer
mehr sein!« zuckte darauf meinen Prügel und jagte sie damit für alle Sankt
Velten hinweg, ging folgends gegen Niedergang und Mittag bergabwärts und kam
nach vieler Mühe und Arbeit gegen Abend wieder heim auf meinen Bauernhof, im
Werk wahr zu sein befindende, was mir mein Knän zuvor gesaget hatte, dass ich
nämlich von dieser Wallfahrt nichts als müde Beine und den Hergang vor den
Hingang haben würde.
 
                            Das neunzehnte Kapitel.
Simplex von den Wiedertäufern erzählet,
Welche in Ungarn zu wohnen erwählet.
Nach meiner Heimkunft hielt ich mich gar eingezogen; meine grösseste Freude und
Ergötzung war, hinter den Büchern zu sitzen, deren ich mir dann viel
beischafte, die von allerhand Sachen traktierten, sonderlich solche, die eines
grossen Nachsinnens bedürfen. Das, was die Grammatici und Schulfüchse wissen
müssten, war mir bald erleidet, und eben also ward ich der Aritmeticae auch
gleich überdrissig; was aber die Musicam anbelanget, hassete ich dieselbe
vorlängst wie die Pestilenze, wie ich dann meine Laute zu tausend Stückern
schmiss. Die Matematica und Geometria fand noch Platz bei mir; sobald ich aber
von diesen ein wenig zu der Astronomia geleitet ward, gab ich ihnen auch
Feierabend und hieng dieser samt der Astrologia eine Zeitlang an, welche mich
dann trefflich delektiereten. Endlich kamen sie mir auch falsch und ungewiss vor,
also dass ich mich auch nicht länger mit ihnen schleppen mochte, sondern griff
nach der »Kunst« Raymundi Lullii, fand aber viel Geschrei und wenig Wolle, und
weil ich sie vor eine Topicam hielt, liess ich sie fahren und machte mich hinter
die Cabbalam der Hebräer und Hieroglyphicas der Ägyptier, fand aber die
allerletzte und aus allen meinen Künsten und Wissenschaften, dass keine bessere
Kunst sei als die Teologia, wann man vermittelst derselbigen Gott liebt und
ihm dienet. Nach der Richtschnur derselben erfand ich vor die Menschen eine Art
zu leben, die mehr englisch als menschlich sein könnte, wann sich nämlich eine
Gesellschaft zusammentäte, beides, von verehlichten und ledigen, so Manns- als
Weibspersonen, die auf Manier der Wiedertäufer allein sich beflissen, unter
einem verständigen Vorsteher durch ihrer Hände Arbeit ihren leiblichen Unterhalt
zu gewinnen und sich die übrige Zeiten mit dem Lob und Dienst Gottes und ihrer
Seelen Seligkeit zu bemühen. Dann ich hatte hiebevor in Ungarn auf den
wiedertäuferischen Höfen ein solches Leben gesehen, also dass ich, wofern
dieselbe gute Leute mit andern falschen und der allgemeinen christlichen Kirchen
widerwärtigen ketzerischen Meinung nicht wären verwickelt und vertieft gewesen,
ich mich von freien Stücken zu ihnen geschlagen oder wenigst ihr Leben vor das
seligste in der ganzen Welt geschätzet hätte, dann sie kamen mir in ihrem Tun
und Leben allerdings für, wie Josephus und andere mehr die jüdische Essäer
beschrieben. Sie hatten erstlich grosse Schätze und überflüssige Nahrung, die sie
aber keineswegs unnützlich oder liederlich verschwendeten; kein Fluch, Murmelung
noch Ungedult ward bei ihnen gespüret, ja man hörete kein unnützes Wort. Da sah
ich die Handwerker in ihren Werkstätten arbeiten, als wann sie es verdingt
hätten; ihr Schulmeister unterrichtete die Jugend, als wann sie alle seine
leibliche Kinder gewesen wären; nirgends sah ich Manns- und Weibsbilder
untereinander vermischt, sondern an jedem bestimmten Ort auch jedes Geschlecht
absonderlich seine obliegende Arbeit verrichten. Ich fand Zimmer, in welchen nur
Kindbetterinnen waren, die ohn Obsorge ihrer Männer durch ihre Mitschwestern mit
aller notwendigen Pflege samt ihren Kindern reichlich versehen wurden; andere
sonderbare Säle hatten nichts anders in sich, als viele Wiegen mit Säuglingen,
die von hierzu bestimmten Weibern mit Wischen und Speisen beobachtet wurden, dass
sich deren Mütter ferners nicht um sie bekümmern dorften, als wann sie täglich
zu dreien gewissen Zeiten kamen, ihnen ihre milchreiche Brüste zu bieten, und
dieses Geschäft, den Kindbetterinnen und Kindern abzuwarten, war allein den
Witwen anbefohlen. Anderswo sah ich das weibliche Geschlecht sonst nichts tun
als spinnen, also dass man über die hundert Kunkeln oder Spinnrocken in einem
Zimmer beieinander antraf. Da war eine eine Wäscherin, die andre eine
Bettmacherin, die dritte Viehmagd, die vierte Schüsselwäscherin, die fünfte
Kellerin, die sechste hatte das weisse Zeug zu verwalten, und also auch die
übrige alle wusste eine jedwedre, was sie tun sollte. Und gleichwie die Ämter
unter dem weiblichen Geschlecht ordentlich ausgeteilet waren, also wusste auch
unter den Männern und Jünglingen jeder sein Geschäfte auf das rühmlichste und
ungezwungenste zu verwalten. Ward einer oder eine krank, so hatte er oder
dieselbe einen sonderbaren Krankenwarter oder Warterin, auch beide Teile einen
allgemeinen Medicum und Apoteker, wiewohl sie wegen löblicher Diät und guter
Ordnung selten erkranken, wie ich dann manchen seinen Mann in hohem gesundem und
geruhigem Alter bei ihnen sah, dergleichen anderswo wenig anzutreffen. Sie
hatten ihre gewisse Stunden zum Essen, ihre gewisse Stunden zum Schlafen, aber
keine einzige Minute zum Spielen noch Spazieren, ausserhalb die Jugend, welche
mit ihrem Präzeptor jedesmal nach dem Essen der Gesundheit halber eine Stunde
spaziereten, mitin aber beten und geistliche Gesänge singen musste. Da war kein
Zorn, kein Eifer, keine Rachgier, kein Neid, keine Feindschaft, keine Sorge um
Zeitliches, keine Hoffart, kein Geiz, keine Spielsucht, keine Tanzbegierde,
keine Reue! In Summa, es war durchaus eine solche liebliche Harmonia, die auf
nichts anders angestimmt zu sein schien, als das menschliche Geschlecht und das
Reich Gottes in aller Ehrbarkeit zu vermehren. Kein Mann sah sein Weib, als
wann er auf die bestimmte Zeit sich mit derselbigen in seiner Schlafkammer
befand, in welcher er sein zugerichtes Bette und sonst nichts darbei als sein
Nachtgeschirr neben einem Wasserkrug und weissen Handzwell fand, damit er mit
gewaschenen Händen beides, schlafen gehen und den Morgen wieder an seine Arbeit
aufstehen möchte. Überdas hiessen sie all einander Schwestern und Brüder, und war
doch eine solche ehrbare Verträulichkeit keine Ursache, unkeusch zu sein. Ein
solch edles und seliges Leben, wie diese wiedertäuferische Ketzer führen, hätte
ich gern auch aufgebracht; dann soviel mich dünkte, so übertraf es auch das
klösterliche. Ich gedachte: »Könntest du ein solches ehrbares christliches Tun
aufbringen unter dem Schutz deiner Obrigkeit, so wärest du ein ander Dominikus
oder Franziskus! Ach,« sagte ich oft, »könntest du doch die Wiedertäufer
bekehren, dass sie unsere Glaubensgenossen ihre Manier zu leben lerneten, wie
wärest du doch so ein seliger Mensch! Oder wann du nur deine Mitchristen bereden
könntest, dass sie wie diese Wiedertäufer ein solches, dem Schein nach,
christliches und ehrbares Leben führeten, was hättest du nicht ausgerichtet?«
Ich sagte zwar zu mir selber: »Narr, was gehen dich andere Leute an? Werde ein
Kapuziner! Dir sind ohndas alle Weibsbilder erleidet!« Aber bald gedachte ich:
»Du bist morgen nicht wie heut, und wer weiss, was du künftig vor Mittel
bedörftig, den Weg Christi recht zu gehen? Heut bist du geneigt zur Keuschheit,
morgen aber kannst du brennen.«
    Mit solchen und dergleichen Gedanken ging ich lang um und hätte gern so
einer vereinigten christlichen Gesellschaft meinen Hof und ganzes Vermögen zum
besten gegeben, unter derselben ein Mitglied zu sein. Aber mein Knän prophezeite
mir stracks, dass ich wohl nimmermehr solche Bursche zusammenbringen würde.
 
                            Das zwanzigste Kapitel.
Simplex von Schwarzwald nach Moskau in Reussen
Reiset; die Reis ist kurzweilig zu heissen.
Denselbigen Herbst näherten sich französische, schwedische und hessische Völker,
sich bei uns zu erfrischen und zugleich die Reichsstadt in unserer
Nachbarschaft, die von einem engländischen König erbauet und nach seinem Namen
genennet worden, blockiert zu halten, deswegen dann jedermann sich selbst samt
seinem Viehe und besten Sachen in die hohe Wälder flehnte. Ich machte es wie
meine Nachbarn und liess das Haus ziemlich leer stehen, in welches ein
reformierter schwedischer Obrister logieret ward. Derselbe fand in meinem
Kabinett noch etliche Bücher, dann ich in der Eil nicht alles hinwegbringen
konnte, und unter andern einzige matematische und geometrische Abrisse, auch
etwas vom Fortifikationwesen, womit vornehmlich die Ingenieurs umgehen, schloss
derhalben gleich, dass sein Quartier keinem gemeinen Bauer zuständig sein müsste,
fieng derowegen an, sich um meine Beschaffenheit zu erkündigen und meiner Person
selber nachzutrachten, massen er selber durch courtoise Zuentbietungen und
untermischte Drohworte mich dahinbrachte, dass ich mich zu ihm auf meinen Hof
begab. Daselbst traktierte er mich gar höflich und hielt seine Leute dahin, dass
sie mir nichts unnützlich verderben oder umbringen sollten. Mit solcher
Freundlichkeit brachte er zuwege, dass ich ihm alle meine Beschaffenheit,
vornehmlich aber mein Geschlecht und Herkommen vertraute. Darauf verwunderte er
sich, dass ich mitten im Krieg so unter den Bauern wohnen und zusehen möchte, dass
ein ander sein Pferd an meinen Zaun binde, da ich doch mit bessern Ehren das
meinige an eines andern binden könnte; ich sollte, sagte er, den Degen wieder
anhängen und meine Gaben, die mir Gott verliehen hätte, nicht so hinter dem Ofen
und bei dem Pflug verschimmlen lassen; er wüsste, wann ich schwedische Dienste
annehmen würde, dass mich meine Qualitäten und Kriegswissenschaften bald hoch
anbringen würden und ich noch zum vornehmen Cavalier ausschlagen könnte. Ich
liess mich hierzu gar kaltsinnig an und sagte, dass die Beförderung in weitem Feld
stünde, wann einer keine Freunde hätte, die einem unter die Arme griffen.
Hingegen replizierte er, meine Beschaffenheiten würden mir schon beides, Freunde
und Beförderung, schaffen; überdas zweifle er nicht, dass ich nicht Verwandte bei
der schwedischen Hauptarmee antreffen würde, die auch etwas gälten, dann bei
derselben viel vornehme Schottische von Adel sich befänden. Ihm zwar, sagte er
ferner, sei vom Torstenson ein Regiment versprochen; wann solches gehalten
würde, woran er dann gar nicht zweifele, so wollte er mich alsbald zu seinem
Obristleutenant machen. Mit solchen und dergleichen Worten machte er mir das
Maul ganz wässerig, und weilen noch schlechte Hoffnung auf den Frieden zu machen
war und ich deswegen sowohl fernerer Einquartierung als gänzlichen Ruins
unterworfen, als resolvierete ich mich, wiederum mitzumachen, und versprach dem
Obristen, mich mit ihm zu begeben, wofern er mir seine Parola halten und die
Obristleutenantstelle bei seinem künftigen Regiment geben und anvertrauen
wollte.
    Also ward die Glocke gegossen; ich liess meinen Knän oder Petter holen, dann
derselbe war noch mit meinem Vieh zu Bayrischbrunn. Dem und seinem Weib
verschrieb ich meinen Hof vor Eigentum, doch dass ihn nach seinem Tod mein
Bastart Simplicius, der mir vor die Türe geleget worden, samt aller Zugehörde
erben sollte, weil keine eheliche Erben vorhanden. Folgends holete ich mein
Pferd und was ich noch vor Geld und Kleinodien hatte; und nachdem ich alle meine
Sachen richtig und wegen Auferziehung erstermeldten meines wilden Sohns Anstalt
gemachet, ward angeregte Blockada unversehens aufgehoben, also dass wir
aufbrechen und zu der Hauptarmee marschieren mussten, eh wir sichs versahn. Ich
agierte bei diesem Obristen einen Hofmeister und erhielt mit seinen Knechten und
Pferden ihn und seine ganze Haushaltung mit Stehlen und Rauben, welches man auf
soldatisch furagieren nennet.
    Die Torstensonische Promessen, mit deren er sich auf meinem Hof so breit
gemachet, waren bei weitem nicht so gross, als er vorgeben, sondern, wie mich
bedünkte, ward er vielmehr nur über die Achsel angesehen. »Ach!« sagte er dann
gegen mir, »was vor ein schlimmer Hund hat mich bei der Generalität eingehauen?
Da wird meines Verbleibens nicht lang sein.« Und demnach er argwöhnete, dass ich
mich bei ihm in die Länge nicht gedulden würde, dichtete er Briefe, als wann er
in Livland, allwo er dann zu Haus war, ein frisch Regiment zu werben hätte, und
überredete mich damit, dass ich gleich ihm zu Wismar aufsass und mit ihm in
Livland fuhr. Da war es nun auch nobis, dann er hatte nicht allein kein Regiment
zu werben, sondern war auch sonsten ein blutarmer Edelmann, und was er hatte,
war seines Weibes Habe und zugebrachtes Gut.
    Obzwar nun ich mich zweimal betrügen und soweit hinwegführen lassen, so
ging ich doch auch das drittemal an; dann er wiese mir Schreiben vor, die er
aus der Moskau bekommen, in welchen ihm, seinem Vorgeben nach, hohe
Kriegschargen angetragen wurden, massen er mir dieselbige Schreiben so
verteutschte und von richtiger und guter Bezahlung trefflich aufschnitte. Und
weiln er gleich mit Weib und Kindern aufbrach, dachte ich: »Er wird ja um der
Gänse willen nicht hinziehen«; begab mich derowegen voll guter Hoffnung mit ihm
auf den Weg, weil ich ohndas kein Mittel und Gelegenheit sah, vor diesmal
wieder zurück in Teutschland zu kehren. Sobald wir aber über die reussische
Grenze kamen und uns unterschiedliche abgedankte teutsche Soldaten, vornehmlich
Offizierer, begegneten, fieng mir an zu graueln und sagte zu meinem Obristen:
»Was Teufels machen wir? wo Krieg ist, da ziehen wir hinweg, und wo es Friede
und die Soldaten unwert und abgedankt worden, da kommen wir hin!« Er aber gab
mir noch immer gute Worte und sagte, ich sollte ihn nur sorgen lassen, er wisse
besser, was zu tun sei als diese verzagte Kerles, an denen nicht viel gelegen.
    Nachdem wir nun sicher in der Stadt Moskau ankommen, sah ich gleich, dass es
gefehlet hatte; mein Obrister konferierte zwar täglich mit den Magnaten oder
viel mehr mit den Metropoliten als den Knesen, welches mir gar nicht spanisch,
aber viel zu pfäffisch vorkam, so mir auch allerhand Grillen und Nachdenkens
erweckte, wiewohl ich nicht ersinnen konnte, nach was vor einem Zweck er
zielete. Endlich notifizierete er mir, dass es nichts mehr mit dem Krieg wäre,
und dass ihn sein Gewissen treibe, die griechische Religion anzunehmen. Sein
treuherziger Rat wäre, weil er mir ohndas nunmehr nicht helfen könnte, wie er
versprochen, ich sollte ihm nachfolgen. Des Zarn Majestät hätte bereits gute
Nachricht von meiner Person und guten Qualitäten; die würden gnädigst belieben,
wofern ich mich akkommodieren wollte, mich als einen versuchten Cavalier mit
einem stattlichen adeligen Gut und vielen Untertanen zu begnädigen, welches
allergnädigste Anerbieten nicht auszuschlagen wäre, indem einem jedwedern
ratsamer wäre, an einem solchen grossen Monarchen mehr einen allergnädigsten
Herrn als einem ungeneigten Grossfürsten zu haben. Ich ward hierüber ganz
bestürzt und wusste nichts zu antworten, weil ich dem Obristen, wann ich ihn an
einem andern Ort gehabt, die Antwort lieber im Gefühl als im Gehör zu verstehen
geben hätte, musste aber den Mantel nach dem Wind hängen, meine Leire anders
stimmen und mich nach demjenigen Ort richten, darin ich mich gleichsam wie ein
Gefangener befand, weswegen ich dann, eh ich mich auf eine Antwort resolvieren
konnte, so lang stillschwieg. Endlich sagte ich zu ihm, ich wäre zwar der
Meinung kommen, Ihrer Zarischen Majestät als ein Soldat zu dienen, worzu er, der
Herr Obrister, mich daselbst veranlasst hätte; sein nun Dieselbe meiner
Kriegsdienste nicht bedörftig, so könnte ichs nicht ändern, viel weniger
Derselben Schuld zumessen, dass ich Ihrentwegen einen so weiten Weg vergeblich
gezogen, weil sie mich nicht zu Ihro zu kommen beschrieben; dass aber Dieselbe
mir eine so hohe Zarische Gnade allergnädigsten widerfahren zu lassen geruheten,
wäre mir mehr rühmlich, aller Welt zu rühmen, als solche alleruntertänigst zu
akzeptieren und zu verdienen, weil ich mich, meine Religion zu mutieren, noch
zurzeit nicht entschliessen könne, wünschende, dass ich wiederum am Schwarzwald
auf meinem Bauernhof sässe, um niemanden einziges Anliegen noch Ungelegenheiten
zu machen. Hierauf antwortete er: »Der Herr tue nach seinem Belieben; allein
hätte ich vermeint, wann ihn Gott und das Glück grüssete, so sollte er beiden
billig danken. Wann er ihm aber ja nicht helfen lassen, noch gleichsam wie ein
Prinz leben will, so verhoffe ich gleichwohl, er werde davorhalten, ich habe an
ihm das meinige nach äusserstem Vermögen zu tun keinen Fleiss gesparet.« Daraufhin
machte er einen tiefen Bückling, ging seines Wegs und liess mich dort sitzen,
ohn bass er zulassen wollte, ihm nur bis vor die Türe das Geleite zu geben.
    Als ich nun ganz perplex dort sass und meinen damaligen Zustand betrachtete,
hörete ich zween reussische Wägen vor unserm Losament, sah darauf zum Fenster
hinaus und wie mein guter Herr Obrister mit seinen Söhnen in den einen, und die
Frau Obristin mit ihren Töchtern in den andern einstieg. Es waren des
Grossfürsten Fuhren und Liberei, zumalen etliche Geistliche dabei, so diesem
Ehevolk gleichsam aufwarteten und allen guten geneigten Willen erzeigeten.
 
                         Das einundzwanzigste Kapitel.
Simplex sagt, wies ihm in Moskau ergangen;
Pulver zu machen hat er angefangen.
Von dieser Zeit an ward ich zwar nicht offentlich, sondern heimlich durch
etliche Strelitzen verwachet, ohn dass ichs einmal gewusst hätte, und mein
Obrister oder die Seinige wurden mir nicht einmal mehr zu sehen, also dass ichs
nicht wissen konnte, wo er hinkommen. Damals satzte es, wie leicht zu erachten,
seltsame Grillen und ohn Zweifel auch viele graue Haare auf meinem Kopf. Ich
machte Kundschaft mit den Teutschen, die sich beides, von Kauf- und
Handwerksleuten, in der Moskau ordinari aufhalten, und klagte denselben mein
Anliegen, und welchergestalt ich mit Gefährten hintergangen worden; die gaben
mir Trost und Anleitung, wie ich wieder mit guter Gelegenheit in Teutschland
kommen könnte. - Sobald sie aber Wind bekamen, dass der Zar mich im Land zu
behalten entschlossen und mich hierzu dringen wollte, wurden sie alle zu Stummen
an mir, ja sie äusserten sich auch meiner, und ward mir schwer, auch nur vor
meinen Leib Herberge zu bekommen; dann ich hatte mein Pferd samt Sattel und Zeug
bereits verzehret und trennete heut einen und morgen den andern Dukaten aus, die
ich hiebevor zum Vorrat so weislich in meine Kleider vernähet hatte. Zuletzt
fieng ich auch an, meine Ringe und Kleinodien zu versilbern, als der Hoffnung,
mich solang zu entalten, bis ich eine gute Gelegenheit, wieder in Teutschland
zu kommen, erharren möchte. Indessen lief ein Vierteljahr herum, nach welchem
oftgemeldter Obrister samt seinem Hausgesind wieder umgetauft und mit einem
ansehenlichen adeligen Gut und vielen Untertanen wieder versehen ward.
    Damals ging ein Mandat aus, dass man, gleichwie unter den Einheimischen,
also auch unter den Fremden keine Müssiggänger bei hoher unausbleiblicher Strafe
mehr leiden sollte, als die den Arbeitenden nur das Brod vor dem Maul wegfrässen,
und was von Fremden nicht arbeiten wollte, das sollte das ganze Land in einem
Monat, die Stadt aber in vierundzwanzig Stunden raumen. Also schlugen sich
unserer bei fünfzig zusammen der Meinung, unsern Weg in Gottes Namen durch
Podoliam nacher Teutschland miteinander zu nehmen; wir wurden aber nicht gar zwo
Stunden weit von der Stadt von etlichen reussischen Reutern wieder eingeholet mit
dem Vorwand, dass Ihre Zarische Majestät ein gross Missfallen hätte, dass wir uns
frevelhafterweise unterstanden, in so starker Anzahl sich zusammenzurotten und
ohn Pass unsers Gefallens Dero Landen zu durchziehen, mit fernerm Anhang, dass
Ihre Majestät nicht unbefugt wären, uns unsers groben Beginnens halber nach
Syberien zu schicken. Auf demselben Zuruckweg erfuhr ich mit grosser Betrübnus,
wie mein Handel beschaffen war; dann derjenige, so den Troppen Reuter führete,
sagte mir ausdrücklich, dass Ihre Zarische Majestät mich nicht aus dem Land
lassen würden, sein treuherziger Rat wäre, ich sollte mich nach Dero
Allergnädigstem Willen akkommodieren, mich zu ihrer Religion verfügen und, wie
der Obrister getan, ein solch ansehenlich adelig Gut nicht verachten, mit
Versicherung, wo ich dieses ausschlagen und bei ihnen nicht als ein Herr leben
wollte, dass ich wider meinen Willen als ein Knecht dienen müsste; und würden auch
Ihr Zarische Majestät nit zu verdenken sein, dass sie einen solchen wohlerfahrnen
Mann, wie mich der oftgemeldte Obrister beschaffen zu sein beschrieben, nicht
aus dem Land lassen wollten. Ich verringerte mich hierauf und sagte, der Herr
Obrister würde mir vielleicht mehr Künste, Tugenden und Wissenschaften
zugeschrieben haben, als ich vermöchte. Zwar wäre ich darum ins Land kommen,
Ihrer Zarischen Majestät und der löblichen reussischen Nation auch mit Darsetzung
meines Bluts wider Dero Feinde zu dienen; dass ich aber meine Religion ändern
sollte, könnte ich mich noch nicht entschliessen. Wofern ich aber in einzigerlei
Wege Ihrer Zarischen Majestät ohne Beschwerung meines Gewissens würde dienen
können, würde ich an meinem äussersten Vermögen nichts erwinden lassen.
    Ich ward von den andern abgesondert und zu einem Kaufherrn logieret, allwo
ich nunmehr offentlich verwachet, hingegen aber täglich mit herrlichen Speisen
und köstlichem Getränk von Hof aus versehen wurde, hatte auch täglich Leute, die
mir zusprachen und mich hin und wieder zu Gast luden. Sonderlich war einer, dem
ich ohn Zweifel insonderheit befohlen war, ein schlauer Mann; der unterhielt
mich täglich mit freundlichem Gespräch, dann ich konnte schon ziemlich reussisch
reden. Dieser diskurierte mehrenteils mit mir von allerhand mechanischen
Künsten, item von Kriegs- und andern Maschinen, vom Fortifikationwesen und der
Artollerei etc. Zuletzt, als er unterschiedlich Mal auf den Busch geklopft, um
zu vernehmen, ob ich mich endlich nicht Ihres Zaren Intention nach bequemen
wollte, und keine Hoffnung fassen konnte, dass ich mich im geringsten ändern
würde, begehrete er und lag mir sehr an, wann ich ja nicht reussisch werden
wollte, so sollte ich doch dem grossen Zar zu Ehren ihrer Nation etwas von meinen
Wissenschaften kommunizieren und mitteilen; ihr Zar würde meine Willfährigkeit
mit hohen kaiserlichen Gnaden erkennen. Darauf antwortete ich, meine Affektion
wäre jederzeit dahin gestanden, Ihrer Zarischen Majestät untertänigst zu dienen,
massen ich zu solchem Ende in Dero Land kommen wäre, sei auch noch solchergestalt
intentionieret, wiewohl ich sähe, dass man mich gleichsam wie einen Gefangenen
aufhalte. »Ei nicht so, Herr,« antwortete er, »Ihr seid nicht gefangen, sondern
Ihre Zarische Majestät lieben Euch so hoch, dass sie Eurer Person schier nicht
wissen zu entbehren!« - »Warum,« sagte ich, »werde ich dann verwachet?« -
»Darum,« antwortete er, »weil Ihre Zarische Majestät besorgen, es möchte Euch
etwas Leids und Widerwärtiges widerfahren.«
    Als er nun meine Offerten verstund, sagte er, dass Ihre Zarische Majestät
allergnädigst bedacht wären, in Dero Landen selber Salpeter graben und Pulver
zurichten zu lassen; weil aber niemand unter ihnen wäre, der damit umgehen
könnte, würde ich der Zarischen Majestät einen angenehmen Dienst erweisen, wann
ich mich des Werks unterfienge; sie würden mir hierzu Leute und Mittel genug an
die Hand schaffen, und er vor seine Person wolle mich aufs treuherzigste gebeten
haben, ich wollte solches allergnädigstes Ansinnen nicht abschlagen, dieweil sie
bereits gnugsame Nachricht hätten, dass ich mich auf diese Sachen trefflich wohl
verstünde. Darauf antwortete ich: »Herr, ich sage vor wie nach, wann der
Zarischen Majestät ich in etwas dienen kann, ausser dass Sie gnädigst geruhen,
mich in meiner Religion passieren zu lassen, so soll an meinem Fleiss nichts
erwinden.« Hierauf ward dieser Reusse, welches einer von den vornehmsten Knesen
war, trefflich lustig, also dass er mir mit dem Trunk mehr zusprach als ein
Teutscher.
    Den andern Tag kamen vom Zar zween Knesen und ein Dolmetsch, die ein
Endliches mit mir beschlossen und von wegen des Zaren mir ein köstliches
reussisches Kleid verehreten. Also fieng ich gleich etliche Tage hernach an,
Salpetererde zu suchen, und diejenige Reussen, so mir zugegeben waren, zu lernen,
wie sie denselben von der Erde separieren und läutern sollten, und mitin
verfertigte ich die Abrisse zu einer Pulvermühle und lehrete andere die Kohlen
brennen, dass wir also in gar kurzer Zeit sowohl des besten Bürsch- als des
groben Stückpulvers eine ziemliche Quantität verfertigten; dann ich hatte Leute
genug darzu und darneben auch meine sonderbare Diener, die mir aufwarten, oder
besser und teutscher zu sagen, die mich hüten und verwahren sollten.
    Als ich mich nun so wohl anliess, kam der vielgemeldte Obrister zu mir in
reussischen Kleidern und mit vielen Dienern ganz prächtig aufgezogen, ohn
Zweifel, durch solche scheinbarliche Herrlichkeit mich zu persuadieren, dass ich
mich auch sollte umtaufen lassen. Aber ich wusste wohl, dass die Kleider aus des
Zars Kleiderkasten und ihm nur angeliehen waren, mir die Zähne wässerig zu
machen, weil solches an dem Zarischen Hof der allergewöhnlichste Brauch ist.
    Und damit der Leser verstehe, wie es damit pfleget herzugehen, will ich ein
Exempel von mir selbst erzählen. Ich war einsmals geschäftig auf den
Pulvermühlen, die ich ausserhalb Moskau an den Fluss bauen lassen, Verordnung zu
tun, was einer und ander von meinen zugegebenen Leuten denselben und folgenden
Tag vor Arbeit verrichten sollte; da ward unversehens Alarm, weilen sich die
Tartarn bereits vier Meilen weit auf 100000 Pferde stark befanden, das Land
plünderten und also immerhin fort avancierten. Da mussten ich und meine Leute
sich alsobald und unverzüglich nach Hof begeben, allwo wir aus des Zars
Rüstkammer und Marstall mondiert wurden. Ich zwar ward anstatt des Kürisses mit
einem gestöpften seidenen Panzer angetan, welcher einen jeden Pfeil aufhielt,
aber vor keiner Kugel schussfrei sein konnte; Stiefeln, Sporen und eine
fürstliche Hauptzierde mit einem Reigerbusch samt einem Säbel, der Haare schur,
mit lauter Gold beschlagen und mit Edelgesteinen verseht, wurden mir dargegeben
und von des Zarn Pferden ein solches vortreffliches untergezogen, dergleichen
ich zuvor mein Lebtag keins gesehen, geschweige beritten. Ich und das
Pferdgezeug glänzten von Gold, Silber, Edelgesteinen und Perlen; ich hatte eine
stählerne Streitkolbe anhangen, die glitzerte wie ein Spiegel und war so wohl
gemacht und so gewichtig, dass ich einen jeden, dem ich eins damit versatzte, gar
leicht totschlug, also dass der Zar selbst besser mondiert daher nicht reiten
könnte. Mir folgete eine weisse Fahne mit einem doppelten Adler, welcher von
allen Orten und Winkeln gleichsam Volk zuschniee, also dass wir, eher zwei
Stunden vergiengen, bei vierzig-, und nach vier Stunden bei sechzigtausend
Pferde stark waren, mit welchen wir gegen die Tartarn fortruckten. Ich hatte
alle Viertelstunden neue mündliche Order von dem Grossfürsten, die nichts anders
in sich hielten als: ich sollte mich heut als ein tapferer Soldat erzeigen, weil
ich mich vor einen ausgeben, damit Seine Majestät mich auch vor einen halten und
erkennen könnten. Alle Augenblicke vermehrte sich unser Haufe beides, von
Kleinen und Grossen, so Troppen als Personen, und ich konnte doch in solcher Eile
keinen einzigen erkennen, der das ganze Korpus kommandieren und die Battaglia
anordnen sollte.
    Ich mag eben nicht alles erzählen, dann es ist meiner Histori an diesem
Treffen nicht viel gelegen; ich will allein dies sagen, dass wir die Tartarn, so
mit müden Pferden und vielen Beuten beladen, urplötzlich in einem Tal oder
ziemlich tiefen Geländ antrafen, als sie sich dessen am allerwenigsten versahn,
und von allen Orten mit solcher Furi dareingiengen, dass wir sie gleich im ersten
Anfang trenneten. Im ersten Angriff sagte ich zu meinen Nachfolgern auf
reussische Sprache: »Nun wohlan! es tue jeder wie ich!« Solches schrieen sie
einander alle zu, und damit rannte ich mit verhängtem Zaum an die Feinde und
schlug dem ersten, den ich antraf, welcher ein Mirsa war, den Kopf entzwei, also
dass sein Hirn, mit Blut untermischt, an meinem stählernen Kolbe hängenblieb. Die
Reussen folgeten meinem heroischen Exempel, so dass die Tartarn ihren Angriff
nicht erleiden mochten, sondern sich in eine allgemeine Flucht wandten. Ich tät
wie ein Rasender oder vielmehr wie einer, der aus Desperation den Tod suchte und
nicht finden kann. Ich schlug alles nieder, was mir vorkam, es wäre gleich
Tartar oder Reusse gewesen. Und die, so vom Zar auf mich bestellet waren, drangen
mir so fleissig nach, dass ich allezeit einen sichern Rücken behielt. Die Luft
flog so voller Pfeile, als wann Immen oder Bienen geschwärmt hätten, wovon mir
dann einer in Arm zuteil ward; dann ich hatte meine Ärmel hinter sich gestreift,
damit ich mit meinem Säbel und Streitkolbe desto unverhinderlicher metzlen und
totschlagen könnte. Eh ich den Pfeil auffieng, lachte mirs Herz in meinem Leib
an solcher Blutvergiessung; da ich aber mein eigen Blut fliessen sah, verkehrete
sich das Lachen in eine unsinnige Wut. Demnach sich aber diese grimmige Feinde
in eine hauptsächliche Flucht wandten, ward mir von etlichen Knesen im Namen des
Jars befohlen, ihrem Kaiser die fröhliche Botschaft zu bringen, wasgestalt wir
die Tartarn überwunden. Also kehrete ich auf ihr Wort zurück und hatte ungefähr
hundert Pferde zur Nachfolge. Ich ritte durch die Stadt der zarischen Wohnung zu
und ward von allen Menschen mit Frohlocken und Glückwünschung empfangen; sobald
ich aber von dem Treffen Relation getan hatte, obzwar der Grossfürst von allem
Verlauf schon Nachricht hatte, musste ich meine fürstliche Kleider fein sauber
wieder ablegen, welche wieder in des Zars Kleiderbehaltnüs aufgehaben wurden,
wiewohl sie samt dem Pferdgezeug über und über mit Blut besprengt und besudelt
und also fast gar zunicht gemachet waren und ich also nicht anders vermeint
hätte, weil ich mich so ritterlich in diesem Tressen gehalten, sie sollten mir
zum wenigsten samt dem Pferd zum Rekompens überlassen worden sein; konnte
demnach hieraus wohl abnehmen, wie es mit der Reussen Kleiderpracht beschaffen,
deren sich mein Obrister bedient, weil es lauter gelehnte Ware ist, die dem Zar,
wie auch alle andere Sachen in ganz Reussen, allein zuständig.
 
                         Das zweiundzwanzigste Kapitel.
Simplex erzählt, durch was vor einen Gang
Er zum Knan kommen, von dem er war lang.
Solang meine Wunde zu heilen hatte, ward ich allerdings fürstlich traktiert; ich
ging allezeit in einem Schlafpelz von güldenem Stück mit Zobeln gefüttert,
wiewohl der Schade weder tödlich noch gefährlich war, und ich habe die Tage
meines Lebens niemals keiner solchen fetten Küchen genossen als eben damals.
Solches waren aber alle meine Beuten, die ich von meiner Arbeit hatte ohn das.
Lob, so mir der Zar verliehe, welches mir aber aus Neid etlicher Knesen
verbittert ward.
    Als ich aber gänzlich heil war, ward ich mit einem Schiff die Walga hinunter
nach Astrachan geschickt, daselbst wie in der Moskau ein Pulvermacherei
anzuordnen, weil dem Zar unmöglich war, dieselbe Grenzfestungen allezeit von
Moskau aus mit frischem und gerechtem Pulver, das man einen so weiten Weg auf
dem Wasser durch viel Gefährlichkeit hinführen musste, zu versehen. Ich liess mich
gern gebrauchen, weil ich Promessen hatte, der Zar würde mich nach Verrichtung
solches Geschäfts wiederum in Holland fertigen und mir seiner Hochheit und
meinen Verdiensten gemäss ein namhaftes Stück Geld mitgeben. Aber ach! wann wir
in unseren Hoffnungen und gemachten Konzepten am allersichersten und gewissesten
zu stehen vermeinen, so kommt unversehens ein Wind, der allen Bettel auf einmal
übern Haufen wehet, woran wir so lange Zeit gebauet. Der Gubernator in Astrachan
traktierte mich wie seinen Zar, und ich stellete alles in Kürze auf einen guten
Fuss; seine verlegene Munition, die allerdings faul und versport war und keinen
Effekt mehr tun konnte, goss ich gleichsam wiederum von neuem um, wie ein
Spengler aus dem alten neue zinnerne Löffel machet, so bei den Reussen damals ein
unerhörtes Ding war, weswegen und anderer Wissenschaften mehr mich dann teils
vor einen Zauberer, andere vor einen neuen Heiligen oder Propheten, und aber
andere vor einen andern Empedoclem oder Gorgiam Leontinum hielten. Als ich aber
im besten Tun war und mich ausserhalb der Festung über Nacht in einer Pulvermühle
befand, ward ich von einer Schar streifender Tartarn diebischerweise gestohlen
und aufgehoben, welche mich samt andern mehr so weit in ihr Land hineinführeten,
dass ich auch das Schafgewächs Borametz nicht allein wachsen sehen konnte,
sondern auch davon essen dorfte. Diese vertauschten mich mit den niuchischen
Tartarn um etliche chinesische Kaufmannswaren, welche mich hernach dem König in
Korea, mit welchem sie eben Stillstand der Waffen gemachet hatten, vor ein
sonderbares Präsent verehreten. Daselbst ward ich wert gehalten, weil keiner
meinesgleichen in Dusecken sich befinden liess und ich den König lernete, wie er
mit dem Rohr, auf der Achsel liegend und den Rucken gegen der Scheibe kehrende,
dannoch das Schwarze treffen könnte, weswegen er mir dann gar günstig wurde und
auch auf mein untertäniges Anhalten die Freiheit wiederschenkte und mich durch
Japonia nach Macao zu den Portugesen gefertigt, die aber meiner wenig achteten;
ging derowegen bei ihnen herum wie ein Schaf, das sich von seiner Herde
verirret, bis ich endlich wunderbarlicherweise von etlichen türkischen oder
mahometanischen Meerräubern gefangen und, nachdem sie mich wohl ein ganzes Jahr
auf dem Meer bei seltsamen fremden Völkern, so die ostindianische Insulen
bewohnen, herumgeschleppet, von denselben etlichen Kaufleuten von Alexandria in
Ägypten verhandelt ward. Dieselbe nahmen mich mit ihren Kaufmannswaren mit sich
nach Konstantinopel; und weil der türkische Kaiser eben damaln etliche Galeeren
wider die Venediger ausrüstete und Mangel an Ruderern erschien, mussten viel
türkische Kaufleute ihre christliche Sklaven, jedoch um bare Bezahlung,
hergeben, worunter ich mich dann als ein junger starker Kerl auch befand. Also
musste ich lernen rudern; aber solche schwere Dienstbarkeit währete nicht über
zween Monat, dann unsre Galeera ward in Levante von den Venezianern ritterlich
übermannet und ich samt allen meinen Gespanen aus der Türken Gewalt erlediget.
Als nun besagte Galeera zu Venedig mit reicher Beute und etlichen vornehmen
türkischen Gefangenen aufgebracht ward, war ich auf freien Fuss gestellet, weil
ich nach Rom und Loretta pilgerweis wollte, selbige Örter zu beschauen und Gott
um meine Erledigung zu danken. Zu solchem Ende bekam ich gar leichtlich einen
Pass und von ehrlichen Leuten, sonderlich etlichen Teutschen, eine ziemliche
Steuer, also dass ich mich mit einem langen Pilgerkleid versehen und meine Reise
antretten konnte.
    Demnach begab ich mich den nächsten Weg auf Rom, allwo mirs trefflich
zuschlug, weil ich beides, von Grossen und Kleinen, viel erbettelte; und nachdem
ich mich ungefähr sechs Wochen daselbst aufgehalten, nahm ich meinen Weg mit
andern Pilgern, darunter auch Teutsche und sonderlich etliche Schweizer waren,
die wieder nach Haus wollten, auf Loretta. Von dannen kam ich über den Gottart
durchs Schweizerland wieder auf den Schwarzwald zu meinem lieben Knän, welcher
meinen Hof bewahret und unterdessen aufs beste alles verwaltet hatte, und
brachte nichts Besonders mit heim als einen Bart, der mir in der Fremde
gewachsen war.
    Ich war drei Jahr und etliche Monaten ausgewesen, in welcher Zeit ich
etliche unterschiedliche Meere überfahren und vielerlei Völker gesehen, aber bei
denenselben gemeiniglich mehr Böses als Gutes empfangen, von welchem allem ein
grosses Buch zu schreiben wäre. Indessen war der teutsche Friede geschlossen
worden, also dass ich bei meinem Knän in sichrer Ruhe leben konnte; denselben
liess ich sorgen und hausen, ich aber satzte mich wieder hinter die Bücher,
welches dann beides, meine Arbeit und Ergetzung war.
 
                         Das dreiundzwanzigste Kapitel.
Simplex betrachtet sein mühsames Leben,
Will sich bekehren, der Frömmkeit ergeben.
Ich lase einmals, wasmassen das Oraculum Apollinis den römischen Abgesandten, als
sie fragten, was sie tun müssten, damit ihre Untertanen friedlich regieret
würden, zur Antwort geben: Nosce the ipsum, das ist, es sollte sich jeder selbst
erkennen. Solches machte, dass ich mich hintersann und von mir selbst Rechnung
über mein geführtes Leben begehrete. Weil ich ohndas müssig war, da sagte ich zu
mir selber: »Dein Leben ist kein Leben gewesen, sondern ein Tod; deine Tage ein
schwerer Schatten, deine Jahre ein schwerer Traum, deine Wollüste schwere
Sünden, deine Jugend eine Phantasei und deine Wohlfahrt ein Alchimistenschatz,
der zum Schornstein hinausfähret und dich verlässt, eh du dich dessen versiehest!
Du bist durch viel Gefährlichkeiten dem Krieg nachgezogen und hast in
demselbigen viel Glück und Unglück eingenommen, bist bald hoch, bald nieder,
bald gross, bald klein, bald reich, bald arm, bald fröhlich, bald betrübt, bald
beliebt, bald verhasst, bald geehrt und bald veracht gewesen. Aber nun du, o
meine arme Seele, was hast du von dieser ganzen Reise zuwege gebracht? Dies hast
du gewonnen: Ich bin arm an Gut, mein Herz ist beschwert mit Sorgen, zu allem
Guten bin ich faul, träg und verderbt, und was das allerelendeste, so ist mein
Gewissen ängstig und beschwert, du selber aber bist mit vielen Sünden
überhäuft und abscheulich besudelt! Der Leib ist müde, der Verstand verwirrt,
die Unschuld ist hin, meine beste Jugend verschlissen, die edle Zeit verloren.
Nichts ist, das mich erfreuet, und über dies alles bin ich mir selber feind. Als
ich nach meines Vatters seligen Tod in diese Welt kam, da war ich einfältig und
rein, aufrecht und redlich, wahrhaftig, demütig, eingezogen, mässig, keusch,
schamhaftig, fromm und andächtig, bin aber bald boshaftig, falsch, verlogen,
hoffärtig, unruhig und überall ganz gottlos worden, welche Laster ich alle ohn
einen Lehrmeister gelernet. Ich nahm meine Ehre in acht, nicht ihrer selber,
sondern meiner Erhöhung wegen. Ich beobachtete die Zeit, nicht solche zu meiner
Seligkeit wohl anzulegen, sondern meinem Leib zunutz zu machen. Ich habe mein
Leben vielmal in Gefahr geben und habe mich doch niemal beflissen, solches zu
bessern, damit ich auch getrost und selig sterben könnte. Ich sah nur auf das
Gegenwärtige und meinen zeitlichen Nutz und gedachte nicht einmal an das
Zukünftige, viel weniger, dass ich dermaleins vor Gottes Angesicht müsse
Rechenschaft geben!« Mit solchen Gedanken quälete ich mich täglich, und eben
damals kamen mir etliche Schriften des Guevarae unter die Hände, davon ich etwas
hieher setzen muss, weil sie so kräftig waren, mir die Welt vollends zu
verleiden. Diese lauten also:
 
                         Das vierundzwanzigste Kapitel.
Simplex vermeldet, warum er die Welt
Wieder verlassen, weils ihm nicht gefällt.
»Adieu Welt! dann auf dich ist nicht zu trauen, noch von dir nichts zu hoffen:
in deinem Haus ist das Vergangene schon verschwunden, das Gegenwärtige
verschwindet uns unter den Händen, das Zukünftige hat nie angefangen, das
Allerbeständigste fällt, das Allerstärkste zerbricht und das Allerewigste nimmt
ein Ende, also dass du ein Toter bist unter den Toten, und in hundert Jahren lässt
du uns nicht eine Stunde leben.
    Adieu Welt! dann du nimmst uns gefangen und lässt uns nicht wieder ledig; du
bindest uns und lösest uns nicht wieder auf; du betrübest und tröstest nicht; du
raubest und gibest nichts wieder; du verklagest uns und hast keine Ursache; du
verurteilest und hörest keine Partei, also dass du uns tötest ohn Urteil und
begrabest uns ohn Sterben! Bei dir ist keine Freude ohn Kummer, kein Fried ohn
Uneinigkeit, keine Liebe ohn Argwohn, keine Ruhe ohn Forcht, keine Fülle ohn
Mängel, keine Ehre ohn Makel, kein Gut ohn bös Gewissen, kein Stand ohn Klage
und keine Freundschaft ohn Falschheit.
    Adieu Welt! dann in deinem Palast verheisset man, ohn Willen zu geben; man
dienet ohn Bezahlen; man liebkoset, um zu töten; man erhöhet, um zu stürzen; man
hilft, um zu fällen; man ehret, um zu schänden; man entlehnet, um nicht wieder
zu geben; man straft ohn Verzeihen.
    Behüte dich Gott, Welt! dann in deinem Haus werden die grosse Herren und
Favoriten gestürzet, die Unwürdige herfürgezogen, die Verräter mit Gnaden
angesehen, die Getreue in ein Winkel gestellet, die Boshaftige ledig gelassen
und die Unschuldige verurteilt; den Weisen und Qualifizierten gibt man Urlaub
und den Ungeschickten grosse Besoldung; den Hinterlistigen wird geglaubet, und
die Aufrichtige und Redliche haben keinen Kredit; ein jeder tut, was er will,
und keiner, was er tun soll.
    Adieu Welt! dann in dir wird niemand mit seinem rechten Namen genennet: Den
Vermessenen nennet man kühn, den Verzagten fürsichtig, den Ungestümen emsig und
den Nachlässigen friedsam. Einen Verschwender nennet man herrlich und einen
Kargen eingezogen; einen hinterlistigen Schwätzer und Plauderer nennet man
beredt und den Stillen ein Narrn oder Phantasten; einen Ehebrecher und
Jungferschänder nennet man einen Buhler; einen Unflat nennet man einen Hofmann;
einen Rachgierigen nennet man einen Eiferigen und einen Sanftmütigen einen
Phantasten, also dass du uns das Gäbige vor das Ungäbige und das Ungäbige vor das
Gäbige verkaufest.
    Adieu Welt! dann du verführest jedermann: Den Ehrgeizigen verheissest du
Ehre, den Unruhigen Veränderung, den Hochtragenden Gnade bei Fürsten, den
Nachlässigen Ämter; den Geizhälsen viel Schätze, den Fressern und Unkeuschen
Freude und Wollust, den Feinden Rache, den Dieben Heimlichkeit, den Jungen
langes Leben, und den Favoriten verheissest du beständige fürstliche Hulde.
    Adieu Welt! dann in deinem Palast findet weder Wahrheit noch Treue ihre
Herberge! Wer mit dir redet, wird verschamt; wer dir trauet, wird betrogen; wer
dir folget, wird verführet; wer dich förchtet, wird am allerübelsten gehalten;
wer dich liebt, wird übel belohnet, und wer sich am allermeisten auf dich
verlässt, wird auch am allermeisten zuschanden gemachet. An dir hilft kein
Geschenke, so man dir gibet, kein Dienst, so man an dir erweiset, keine
liebliche Worte, so man dir zuredet, keine Treue, so man dir hält, und keine
Freundschaft, so man dir erzeiget; sondern du betreugest, stürzest, schändest,
besudelst, drohest, verzehrest und vergisst jedermann; dannenhero weinet,
seufzet, jammert, klaget und verdirbt jedermann, und jedermann nimmt ein Ende.
Bei dir sieht und lernet man nichts als einander hassen bis zum Würgen, reden
bis zum Lügen, lieben bis zum Verzweifeln, handlen bis zum Stehlen, bitten bis
zum Betrügen und sündigen bis zum Sterben.
    Behüte dich Gott, Welt! dann dieweil man dir nachgehet, verzehret man die
Zeit in Vergessenheit, die Jugend mit Rennen, Laufen und Springen über Zaun und
Stiege, über Weg und Stege, über Berg und Tal, durch Wald und Wildnus, über See
und Wasser, in Regen und Schnee, in Hitze und Kälte, in Wind und Ungewitter. Die
Mannheit wird verzehret mit Erzschneiden und Schmelzen, mit Steinhauen und
Schneiden, Hacken und Zimmern, Pflanzen und Bauen, in Gedanken Dichten und
Trachten, in Ratschlägen Ordnen, Sorgen und Klagen, in Kaufen und Verkaufen,
Zanken, Hadern, Kriegen, Lügen und Betrügen. Das Alter verzehret man in Jammer
und Elend: der Geist wird schwach, der Atem übelrüchend, das Angesicht
runzlicht, die Länge krumm, und die Augen werden dunkel, die Glieder zittern,
die Nase trieft, der Kopf wird kahl, das Gehör verfällt, der Geruch verliert
sich, der Geschmack geht hinweg, er seufzet und ächzet, ist faul und schwach
und hat in Summa nichts als Mühe und Arbeit bis in Tod.
    Adieu Welt! dann niemand will in dir fromm sein. Täglich richtet man die
Mörder, vierteilet die Verräter, hänget die Diebe, Strassenräuber und Freibeuter,
köpft Totschläger, verbrennet Zauberer, straft Meineidige und verjaget
Aufrührer.
    Behüte dich Gott, Welt! dann deine Diener haben keine andre Arbeit noch
Kurzweile als faulenzen, einander vexieren und ausrichten, den Jungfern
hofieren, den schönen Frauen aufwarten, mit denselben liebäuglen, mit Würfeln
und Karten spielen, mit Kupplern traktieren, mit den Nachbarn kriegen, neue
Zeitungen erzählen, neue Fünde erdenken, mit dem Judenspiess rennen, neue
Trachten ersinnen, neue List aufbringen und neue Laster einführen.
    Adieu Welt! dann niemand ist mit dir kontent oder zufrieden. Ist er arm, so
will er haben; ist er reich, so will er viel gelten; ist er veracht, so will er
hoch steigen; ist er injuriert, so will er sich rächen; ist er in Gnaden, so
will er viel gebieten; ist er lasterhaftig, so will er nur bei gutem Mut sein.
    Adieu Welt! dann bei dir ist nichts Beständiges. Die hohe Türne werden vom
Blitz erschlagen, die Mühlen vom Wasser hinweggeführet; das Holz wird von den
Würmen, das Korn von Mäusen, die Früchte von Raupen und die Kleider von Schaben
gefressen; das Viehe verdirbt vor Alter und der arme Mensch vor Krankheit. Der
eine hat den Grind, der ander den Krebs, der dritte den Wolf, der vierte die
Franzosen, der fünfte das Podagram, der sechste die Gicht, der siebende die
Wassersucht, der achte den Stein, der neunte das Gries, der zehende die
Lungensucht, der eilfte das Fieber, der zwölfte den Aussatz, der dreizehende das
Hinfallen und der vierzehende die Torheit! In dir, o Welt, tut nicht einer, was
der ander tut: dann wann einer weinet, so lachet der ander; einer seufzet, der
ander ist fröhlich; einer fastet, der ander zechet; einer bankettiert, der ander
leidet Hunger; einer reitet, der ander geht; einer redet, der ander schweiget;
einer spielet, der ander arbeitet; und wann der eine geboren wird, so stirbt der
ander. Also lebet auch nicht einer wie der ander: der eine herrschet, der ander
dienet; einer weidet die Menschen, ein ander hütet der Schweine; einer folget
dem Hof, der ander dem Pflug; einer reist auf dem Meer, der ander fährt über
Land auf die Jahr- und Wochenmärkte; einer arbeitet im Feuer, der ander in der
Erde; einer fischt im Wasser, und der ander fängt Vögel in der Luft; einer
arbeitet härtiglich, und der ander stiehlet und beraubet das Land.
    O Welt, behüte dich Gott! dann in deinem Haus führet man weder ein heilig
Leben noch einen gleichmässigen Tod. Der eine stirbt in der Wiege, der ander in
der Jugend auf dem Bette, der dritte am Strick, der vierte am Schwert, der
fünfte auf dem Rad, der sechste auf dem Scheiterhaufen, der siebende im
Weinglas, der achte in einem Wasserfluss, der neunte erstickt im Fresshafen, der
zehende erworgt am Gift, der eilfte stirbt gähling, der zwölfte in einer
Schlacht, der dreizehende durch Zauberei und der vierzehende ertränkt seine arme
Seele im Tintenfass.
    Behüte dich Gott, Welt! dann mich verdreusst deine Konversation. Das Leben,
so du uns gibest, ist eine elende Pilgerfahrt, ein unbeständiges, ungewisses,
hartes, rauhes, hinflüchtiges und unreines Leben, voll Armseligkeit und Irrtum,
welches viel mehr ein Tod als ein Leben zu nennen, in welchem wir alle
Augenblicke sterben durch viel Gebrechen der Unbeständigkeit und durch
mancherlei Wege des Todes. Du lässest dich der Bitterkeit des Todes, mit deren
du umgeben und durchsalzen bist, nicht genügen, sondern betreugst noch darzu die
meiste mit deinem Schmeicheln, Anreizung und falschen Verheissungen; du gibest
aus dem goldenen Kelch, den du in deiner Hand hast, Bitterkeit und Falschheit zu
trinken und machest sie blind, taub, toll, voll und sinnlos. Ach! wie wohl
denen, die deine Gemeinschaft ausschlagen, deine schnelle, augenblicklich
hinfahrende Freude verachten, deine Gesellschaft verwerfen und nicht mit einer
solchen arglistigen, verlornen Betrügerin zugrunde gehen. Dann du machest aus
uns einen finstern Abgrund, ein elendes Erdreich, ein Kind des Zorns, ein
stinkendes Aas, ein unreines Geschirr in der Mistgrube, ein Geschirr der
Verwesung voller Gestank und Greuel; dann wann du uns lang mit Schmeicheln,
Liebkosen, Drohen, Schlagen, Plagen, Martern und Peinigen umgezogen und gequälet
hast, so überantwortest du den ausgemergelten Körper dem Grab und setzest die
Seele in eine ungewisse Schanze. Dann obwohl nichts Gewissers ist als der Tod,
so ist doch der Mensch nicht versichert, wie, wann und wo er sterben und
(welches das erbärmlichste ist) wo seine Seele hinfahren und wie es derselben
ergehen wird. Wehe aber alsdann der armen Seele, welche dir, o Welt, hat
gedienet, gehorsamt und deinen Lüsten und Üppigkeiten gefolget; dann nachdem
eine solche sündige und unbekehrte arme Seele mit einem schnellen und
unversehenen Schrecken aus dem armseligen Leib ist geschieden, wird sie nicht
wie der Leib im Leben mit Dienern und Befreundten umgeben sein, sondern von der
Schar ihrer allergreulichsten Feinde für den sonderbaren Richterstuhl Christi
geführet werden. Darum, o Welt, behüte dich Gott, weil ich versichert bin, dass
du dermaleins von mir wirst aussetzen und mich verlassen, nicht allein zwar,
wann meine arme Seele vor dem Angesicht des strengen Richters erscheinen,
sondern auch wann das allerschröcklichste Urteil: Gehet hin, ihr Verfluchten,
ins ewige Feuer etc. gefällt und ausgesprochen wird.
    Adieu o Welt, o schnöde, arge Welt! O stinkendes, elendes Fleisch! dann von
deinetwegen und um dass man dir gefolget, gedienet und gehorsamet hat, wird der
gottlose Unbussfertige zur ewigen Verdammnus verurteilet, in welcher in Ewigkeit
anders nichts zu gewarten als anstatt der verbrachten Freude Leid ohne Trost,
anstatt des Zechens Durst ohne Labung, anstatt des Fressens Hunger ohn Fülle,
anstatt der Herrlichkeit und Prachts Finsternus ohn Liecht, anstatt der Wollüste
Schmerzen ohne Linderung, anstatt des Dominierens und Triumphierens Heulen,
Weinen und Weheklagen ohn Aufhören, Hitze ohne Kühlung, Feuer ahne Leschung,
Kälte ohne Mass und Elend ohne Ende.
    Behüte dich Gott, o Welt! dann anstatt deiner verheissenen Freude und
Wollüste werden die böse Geister an die unbussfertige verdammte Seele Hand
anlegen und sie in einem Augenblick in Abgrund der Höllen reissen; daselbst wird
sie anders nichts sehen und hören als lauter erschröckliche Gestalten der Teufel
und Verdammten, eitele Finsternus und Dampf, Feuer ohn Glanz, Schreien, Heulen,
Zähnklappern und Gottslästern. Alsdann ist alle Hoffnung der Gnade und Milterung
aus: kein Ansehen der Person ist vorhanden; je höher einer gestiegen, und je
schwerer einer gesündiget, je tiefer er wird gestürzt, und je härter Pein er muss
leiden. Dem viel geben ist, von dem wird viel gefodert, und je mehr einer sich
bei dir, o arge, schnöde Welt! hat herrlich gemachet, je mehr schenket man ihm
Qual und Leiben ein: dann also erforderts die göttliche Gerechtigkeit.
    Behüte dich Gott, o Welt! dann obwohl der Leib bei dir eine Zeitlang in der
Erde liegen bleibet und verfaulet, so wird er doch am Jüngsten Tag wieder
aufstehen und nach dem letzten Urteil mit der Seele ein ewiger Höllenbrand sein
müssen. Alsdann wird die arme Seele sagen: Verflucht seist du, Welt! weil ich
durch dein Anstiften Gottes und meiner selbst vergessen und dir in aller
Üppigkeit, Bosheit, Sünde und Schande die Tage meines Lebens gefolget habe!
Verflucht sei die Stunde, in deren mich Gott erschuf! Verflucht sei der Tag,
darin ich in dir, o arge böse Welt, geboren bin! O ihr Berge, Hügel und Felsen,
fallet auf mich und verberget mich vor dem grimmigen Zorn des Lamms, vor dem
Angesicht dessen, der auf dem Stuhl sitzet! Ach wehe und aber wehe in Ewigkeit!
    O Welt! du unreine Welt! derhalben beschwöre ich dich, bitte dich, ich
ersuche dich, ich ermahne [dich] und protestiere wider dich, du wollest kein
Teil mehr an mir haben. Und hingegen begehre ich auch nicht mehr, in dich zu
hoffen, dann du weisst, dass ich mir habe fürgenommen, nämlich dieses: Posui finem
curis, spes et fortuna valete!«
    Alle diese Worte erwog ich mit Fleiss und stetigem Nachdenken und bewogen
mich dermassen, dass ich die Welt verliess und wieder ein Einsiedel ward. Ich hätte
gern bei meinem Saurbrunn im Muckenloch gewohnet, aber die Bauern in der
Nachbarschaft wollten es nicht leiden, wiewohl es vor mich eine angenehme
Wildnus war. Sie besorgten, ich würde den Brunn verraten und ihre Obrigkeit
dahin vermögen, dass sie wegen nunmehr erlangten Friedens Weg und Steg darzu
machen müssten; begab mich derohalben in eine andere Wildnus und fieng mein
Spesserter Leben wieder an; ob ich aber wie mein Vatter sel. bis an mein Ende
darin verharren werde, stehet dahin. Gott verleihe uns allen seine Gnade, dass
wir allesamt dasjenige von ihm erlangen, woran uns am meisten gelegen, nämlich
ein seliges
                                     Ende.
 
O wunderbares Tun! O unbeständigs Stehen,
Wann einer wähnt, er steh, so muss er fürter gehen,
O schlipferigster Stand! dem vor vermeinte Ruh
Schnell und zugleich der Fall sich nähert immer zu,
Gleichwie der Tod selbst tut; was solch hinflüchtig Wesen
Mir habe zugefügt, wird hierin auch gelesen;
Woraus zu sehen ist, dass Unbeständigkeit
Allein beständig sei sowohl in Freud als Leid.
 
                               Das erste Kapitel.
Simplex in einer Vorrede zeigt an,
Was er im Einsiedlerstand hab getan.
Wann ihm jemand einbildet, ich erzähle nur darum meinen Lebenslauf, damit ich
einem und andern die Zeit kürzen oder, wie die Schalksnarren und Possenreisser zu
tun pflegen, die Leute zum Lachen bewegen möchte, so findet sich derselbe weit
betrogen! Dann viel Lachen ist mir selbst ein Ekel, und wer die edle,
unwiederbringliche Zeit vergeblich hinstreichen lässet, der verschwendet
diejenige göttliche Gabe unnützlich, die uns verliehen wird, unsrer Seelen Heil
in und vermittelst derselbigen zu würken. Warum sollte ich dann zu solcher
eitelen Torheit verhelfen und ohn Ursache vergebens anderer Leute kurzweiliger
Rat sein? Gleichsam als ob ich nicht wüsste, dass ich mich hierdurch fremder
Sünden teilhaftig machte. Mein lieber Leser, ich bedünke mich gleichwohl zu
solcher Profession um etwas zu gut zu sein; wer derowegen einen Narren haben
will, der kaufe ihm zween, so hat er einen zum besten. Dass ich aber zuzeiten
etwas possierlich aufziehe, geschiehet der Zärtlinge halber, die keine heilsame
Pillulen können verschlucken, sie sein dann zuvor überzuckert und vergöldt,
geschweige, dass auch etwan die allergravitätischte Männer, wann sie lauter
ernstliche Schriften lesen sollen, das Buch ehender hinwegzulegen pflegen als
ein anders, das bei ihnen bisweilen ein kleines Lächeln herauspresset. Ich
möchte vielleicht auch beschuldiget werden, ob ging ich zuviel satyrice darein;
dessen bin ich aber gar nit zu verdenken, weil männiglich lieber gedultet, dass
die allgemeine Laster generaliter durchgehechelt und gestrafet, als die eigne
Untugenden freundlich korrigieret werden. So ist der teologische Stylus bei
Herrn Omnes (dem ich aber diese meine Histori erzähle) zu jetzigen Zeiten leider
auch nicht so gar angenehm, dass ich mich dessen gebrauchen sollte. Solches kann
man an einem Markschreier oder Quacksalber (welche sich selbst vornehme Ärzte,
Okulisten, Brüch- und Steinschneider nennen, auch ihre gute pergamentine Briefe
und Siegel darüber haben) augenscheinlich abnehmen, wann er am offnen Markt mit
seinem Hans Wurst oder Hans Supp auftritt und auf den ersten Schrei und
phantastischen krummen Sprung seines Narrn mehr Zulaufs und Anhörer bekommt als
der eiferigste Seelenhirt, der mit allen Glocken dreimal zusammenläuten lassen,
seinen anvertrauten Schäflein eine fruchtbare heilsame Predig zu tun.
    Dem sei nun, wie ihm wolle, ich protestiere hiemit vor aller Welt, keine
Schuld zu haben, wann sich jemand deswegen ärgert, dass ich den Simplicissimum
auf diejenige Mode ausstaffiert, welche die Leute selbst erfodern, wann man
ihnen etwas Nutzliches beibringen will. Lässet sich aber indessen ein und andrer
der Hülsen genügen und achtet der Kern nicht, die darin verborgen stecken, so
wird er zwar als von einer kurzweiligen Histori seine Zufriedenheit, aber
gleichwohl dasjenige bei weitem nicht erlangen, was ich ihn zu berichten
eigentlich bedacht gewesen: sah darnach wiederum an, wo ichs im End des fünften
Buchs bewenden lassen.
    Daselbst hat der geliebte Leser verstanden, dass ich wiederum ein Einsiedler
worden, auch warum solches geschehen: gebühret mir derowegen, nunmehr zu
erzählen, wie ich mich in solchem Stand verhalten. Die erste paar Monat,
alldieweil auch die erste Hitze noch dauret, giengs trefflich wohl ab: die
Begierde der fleischlichen Wollüste oder, besser zu sagen, Unlüste, denen ich
sonst trefflich ergeben gewesen, dämpfte ich gleich anfangs mit ziemlicher
geringer Mühe, dann weil ich dem Baccho und der Cereri nicht mehr dienete,
wollte Venus auch nicht mehr bei mir einkehren. Aber darmit war ich darum bei
weitem nicht vollkommen, sondern hatte stündlich tausendfältige Anfechtungen,
wann ich etwan an meine alte begangene lose Stücklein gedachte, um eine Reue
dadurch zu erwecken, so kamen mir zugleich die Wollüste mit ins Gedächtnus,
deren ich etwan da und dort genossen, welches mir nicht allemal gesund war noch
zu meinem geistlichen Fortgang auferbaulich. Wie ich mich seitero erinnert und
der Sache nachgedacht, ist der Müssiggang mein grösster Feind und die Freiheit
(weil ich keinem Geistlichen unterworfen, der meiner gepflegt und wahrgenommen
hätte) die Ursach gewesen, dass ich nicht in meinem angefangenem Leben beständig
verharret. Ich wohnete auf einem hohen Gebürg, »die Moos« genannt, so ein Stück
vom Schwarzwald und überall mit einem finstern Tannenwald überwachsen ist; von
demselben hatte ich ein schönes Aussehen gegen Aufgang in das Oppenauer Tal und
dessen Nebenzinken, gegen Mittag in das Kinzinger Tal und die Grafschaft
Geroldseck, allwo dasselbe hohe Schloss zwischen seinen benachbarten Bergen das
Ansehen hat, wie der König in einem aufgesetzten Kegelspiel; gegen Niedergang
konnte ich das Ober- und Unterelsass übersehen, und gegen Mitternacht, der
niedern Marggrafschaft Baden zu, den Rheinstrom hinunter, in welcher Gegend die
Stadt Strassburg mit ihrem hohen Münsterturn gleichsam wie das Herz mitten mit
einem Leib beschlossen hervorpranget. Mit solchem Aussehen und Betrachtungen so
schöner Landesgegend delektierte ich mich mehr, als ich eiferig betete: worzu
mich mein Perspektiv, dem ich noch nit resigniert, trefflich anfrischte. Wann
ich mich aber desselbigen wegen der dunklen Nacht nicht mehr gebrauchen konnte,
so nahm ich mein Instrument, welches ich zu Stärkung des Gehörs erfunden,
zuhanden und horchte dadurch, wie etwan auf etliche Stunden Wegs weit von mir
die Bauernhunde bellen oder sich ein Gewild in meiner Nachbarschaft regte. Mit
solcher Torheit ging ich um und liess mit der Zeit zugleich Arbeiten und Beten
bleiben, wodurch sich hiebevor die alte ägyptische Einsiedel beides, leib- und
geistlicherweise, erhalten. Anfänglich, als ich noch neu war, ging ich von Haus
zu Haus in den nächsten Tälern herum und suchte zu Aufentaltung meines Lebens
das Almosen, nahm auch nit mehr, als was ich blösslich bedorfte, und sonderlich
verachtete ich das Gelt, welches die umliegende Nachbarn vor ein gross Wunder, ja
für eine sonderbare apostolische Heiligkeit an mir schätzten. Sobald aber meine
Wohnung bekannt ward, kam kein Waldgenoss mehr in Wald, der mir nit etwas von
Essenspeisen mit sich gebracht hätte. Diese rühmeten meine Heiligkeit und
ungewöhnliches einsiedlerisches Leben auch anderwärts, also dass auch die etwas
weiters wohnende Leute, entweder aus Fürwitz oder Andacht getrieben, mit grosser
Mühe zu mir kamen und mich mit ihren Verehrungen besuchten. Da hatte ich an
Brod, Butter, Salz, Käs, Speck, Eiern und dergleichen nicht allein keinen
Mangel, sondern auch einen Überfluss, ward aber darum nicht desto gottseliger,
sondern je länger, je kälter, saumseliger und schlimmer, also dass man mich
beinahe einen Heuchler oder heiligen Schalk hätte nennen mögen. Doch unterliess
ich nicht, die Tugenden und Laster zu betrachten und zu gedenken, was mir zu tun
sein möchte, wann ich in Himmel wollte. Es geschahe aber alles unordentlich, ohn
rechtschaffenen Rat und einen festen Vorsatz, hierzu einen Ernst anzulegen,
welchen mein Stand und dessen Verbesserung von mir erforderte.
 
                              Das zweite Kapitel.
Simplex meldt Luzifers ganzes Verhalten,
Als er vom teutschen Fried Zeitung erhalten.
Wir lesen, dass vorzeiten bei denen Gott ergebenen heiligen Gliedern der
christlichen Kirche die Mortifikation oder Abtödung des Fleisches vornehmlich in
Beten, Fasten und Wachen bestanden; gleichwie nun aber ich mich der ersten
beiden Stücke wenig beflisse, also liesse ich mich auch die süsste Betöberung des
Schlafs stracks überwinden, sooft mir nur zugemutet ward, solche Schuldigkeit
(das wir dann mit allen Tieren gemein haben) der Natur abzulegen. Einsmals
faulenzte ich unter einer Tanne im Schatten und gab meinen unnützen Gedanken
Gehör, die mich fragten, ob der Geiz oder die Verschwendung das grösste oder
ärgste Laster sei. Ich habe gesagt: meinen unnützen Gedanken; und das sage ich
noch! Dann, Lieber, was hatte ich mich um die Verschwendung zu bekümmern, da ich
doch nichts zu verschwenden vermochte? und was ging mich der Geiz an, in dem
mein Stand, den ich mir selbst freiwillig erwählet, von mir erforderte, in Armut
und Dürftigkeit zu leben? Aber o Torheit, ich war dannoch so hart verbeisst,
solches zu wissen, dass ich mir dieselbige Gedanken nicht mehr ausschlagen
konnte, sondern darüber einschlummerte. Womit einer wachend handieret, damit
pflegt einer gemeiniglich auch traumend vexiert zu werden, und solches widerfuhr
mir damals auch; dann sobald ich die Augen zugetan hatte, sah ich in einer
tiefen abscheulichen Klingen das höllische Heer und unter denenselben den
Grossfürsten Luzifer zwar auf seinem Regimentsstuhl sitzen, aber mit einer Ketten
angebunden, dass er seines Gefallens in der Welt nicht wüten könnte: die viele
der höllischen Geister, mit denen er umgeben, begnügten durch ihr fleissiges
Aufwarten die Grösse seiner höllischen Macht. Als ich nun dieses Hofgesind
betrachtete, kam unversehens ein schneller Postillion durch die Luft geflogen,
der liess sich vorm Luzifer nieder und sagte: »O grosser Fürst, der geschlossene
teutsche Friede hat beinahe ganz Europam wiederum in Ruhe gesetzt. Das Gloria in
Excelsis und Te Deum Laudamus erschallet allerorten gen Himmel, und jedermann
wird sich befleissen, unter seinem Weinstock und Feigenbaum hinförder Gott zu
dienen.«
    Sobald Luzifer diese Zeitung kriegte, erschrak er anfänglich ja so sehr, als
heftig er den Menschen solche Glückseligkeit missgönnet. Indem er sich aber
wieder ein wenig erholete und bei ihm selbst erwug, was vor Nachteil und Schaden
sein höllisches Reich am bishero gewohnten Interesse leiden müsste, griesgramete
er schröcklich; er knarpelte mit den Zähnen so greulich, dass er weit und breit
förchterlich zu hören war, und seine Augen funkelten so grausam vor Zorn und
Ungedult, dass ihm schwefelichte Feuerflammen gleichsam wie der Blitz
herausschlugen und seine ganze Wohnung erfülleten; also dass sich nicht allein
die arme verdammte Menschen und geringe höllische Geister, sondern auch seine
vornehmste Fürsten und geheimste Räte selbst davor entsatzten. Zuletzt lief er
mit den Hörnern wider die Felsen, dass die ganze Hölle davon zitterte, und fieng
dergestalt an zu wüten und toben, dass die Seinige sich nichts anders einbilden
konnten, als er würde entweder gar abreissen oder ganz toll und töricht werden,
massen sich eine Zeitlang niemand erkühnen dorfte, zu ihm zu nahen, weniger ein
einziges Wörtlein mit ihm zu sprechen.
    Endlich ward Belial so keck und sagte: »Grossmächtiger Fürst! was seind das
vor Gebärden von einer solchen unvergleichlichen Hochheit? Wie? Hat der grösste
Herr seiner selber vergessen? oder was soll uns doch diese ungewöhnliche Weise
bedeuten, die Euerer herrlichen Majestät weder nutzlich noch rühmlich sein
kann?« - »Ach!« antwortete Luzifer, »ach! ach, wir haben allesamt verschlafen
und durch unsere eigene Faulheit zugelassen, dass lerna malorum, unser liebstes
Gewächs, das wir auf dem ganzen Erdboden hatten und mit so grosser Mühe
gepflanzet, mit so grossem Fleiss erhalten und die Früchte davon jeweils mit so
grossem Wucher eingesammlet, nunmehr aus den teutschen Grenzen gereutet, auch,
wann wir nicht anders darzutun, besorglich aus ganz Europa geworfen wird! Und
gleichwohl ist keiner unter euch allen, der solches recht beherzige! Ist es uns
nit allen eine Schande, dass wir die wenige Täglin, welche die Welt noch vor sich
hat, so liederlich verstreichen lassen? Ihr schläferige Maulaffen, wisset ihr
nicht, dass wir in dieser letzten Zeit unsere reicheste Ernde haben sollen? Das
ist mir gegen dem Ende der Welt auf Erden schön dominieret, wann wir wie die
alten Hunde zur Jagt verdrossen und untüchtig werden wollen. Der Anfang und
Fortgang des Kriegs sah unserm verhofften fetten Schnitt zwar gleich; was haben
wir aber jetzt zu hoffen, da Mars Europam bis auf Polen quittiert, dem lerna
malorum auf dem Fuss nachzufolgen pfleget?«
    Als er diese Meinung vor Bosheit und Zorn mehr herausgedonnert als geredet
hatte, wollte er die vorige Wut wieder angehen; aber Belial machte, dass er sichs
noch entielt, da er sagte: »Wir müssen deswegen den Mut nicht sinken lassen
noch sich gleich stellen wie die schwachen Menschen, die ein widerwärtiger Wind
anbläset. Weisst du nit, o grosser Fürst, dass mehr durch den Wein als durchs
Schwerd fallen? Sollte dem Menschen, und zwar den Christen, ein geruhiger
Friede, welcher die Wollust auf dem Rucken mit sich bringt, nit schädlicher
sein als der Mars? Ist nicht gnug bekannt, dass die Tugenden der Braut Christi
nie heller leuchten, als mitten in höchstem Trübsal?« - »Mein Wunsch und Wille
aber ist,« antwortete Luzifer, »dass die Menschen sowohl in ihrem zeitlichen
Leben in lauter Unglück als nach ihrem Hinsterben in ewiger Qual sein sollen;
dahingegen unsere Saumsal endlich zugeben wird, dass sie zeitliche Wohlfahrt
geniessen und endlich darzu die ewige Seligkeit besitzen werden.« - »Ha!«
antwortete Belial, »wir wissen ja beide meine Profession, vermittelst deren ich
wenig Feiertäge halten, sondern mich dergestalt tummlen werde, deinen Willen und
Wunsch zu erlangen, dass lerna malorum noch länger bei Europa verbleiben oder
doch diese Dam andere Kletten ins Haar kriegen soll; allein wird deine Hochheit
auch bedenken, dass ich nichts erzwingen kann, wann ihr das Numen ein anders
gönnet.«
 
                              Das dritte Kapitel.
Simplex Aufzüge der höllischen Geister
Siehet mit Entsetzen samt ihrem Meister.
Das freundliche Gespräche dieser zweien höllischen Geister war so ungestüm und
schröcklich, dass es einen Haubtlärmen in der ganzen Höllen erregte, massen in
einer Geschwinde das ganze höllische Heer zusammenkam, um zu vernehmen, was
etwan zu tun sein möchte. Da erschien Luzifers erstes Kind, die Hoffart mit
ihren Töchtern, der Geiz mit seinen Kindern, der Zorn samt Neid und Hass,
Rachgier, Missgunst, Verleumdung und was ihnen weiters verwandt war, sodann auch
Wollust mit seinem Anhang, als Geilheit, Frass, Müssiggang und dergleichen, item
die Faulheit, die Untreue, der Mutwill, die Lügen, der Fürwitz, so Jungfern
teuer machet, die Falschheit mit ihrem lieblichen Töchterlein, der Schmeichelei,
die anstatt der Windfach einen Fuchsschwanz trug, welches alles einen seltsamen
Aufzug abgab und verwunderlich zu sehen war: dann jedes kam in sonderbarer
eigner Liberei daher. Ein Teil war aufs prächtigste herausgeputzt, das ander
ganz bettelhaftig angetan, und das dritte, als die Unschamhaftigkeit und
dergleichen, ging beinahe überall nackend. Ein Teil war so fett und wohlleibig
wie ein Bacchus, das ander so gelb, bleich und mager wie eine alte dürre
Ackermähre; ein Teil schien so lieblich und anmutig wie eine Venus, das ander
sah so sauer wie Saturnus, das dritte so grimmig wie Mars, das vierte so
tückisch und dockmäusig wie Mercurius. Ein Teil war stark wie Hercules oder so
gerad und schnell wie Hippomenes, das ander lahm und hinkend wie Vulcanus, also
dass man so unterschiedlicher seltsamen Arten und Aufzüge halber vermeinen hätte
mögen, es wäre das wütende Heer gewesen, davon uns die Alte so viel wunderlichen
Dings erzählet haben. Und ohne diese obgenannte erschienen noch viel, die ich
nicht kannte noch zu nennen weiss, massen auch etliche ganz vermummet und verkappt
aufgezogen.
    Zu diesem ungeheuren Schwarm tät Luzifer eine scharfe Rede, in welcher er
dem ganzen Haufen in genere und einer jeden Person insonderheit ihre
Nachlässigkeit verwiese und allen aufrupfte, dass durch ihre Saumsal lerna
malorum Europam raumen müssen; er musterte auch gleich die Faulheit aus als
einen untüchtigen Bankert, der ihm die Seinige verderbe, ja er verwiese ihr sein
höllisches Reich auf ewig mit Befelch, dass sie gleichwohl ihren Unterschleif auf
dem Erdboden suchen sollte.
    Demnach hetzte er die übrige alles Ernstes zu grösserm Fleiss, als sie bishero
bezeuget, sich bei den Menschen einzunisteln; bedrohete darbeneben schröcklich,
mit was vor Strafen er diejenige ansehen wollte, von welchen er künftig im
geringsten verspüre, dass durch deren Amtsgeschäfte seiner Intention gemäss nicht
eiferig genug verfahren worden wäre; er teilete ihnen benebens auch neue
Instructiones und Memorial aus, und tat stattliche Promessen gegen denen, die
sich tapfer gebrauchen würden.
    Da es nun sah, als wann diese Reichsversammlung sich endigen und alle
höllische Stände wiederum an ihre Geschäfte gehen wollten, ritt ein zerlumpter
und von Angesicht sehr bleicher Kerl auf einem alten schäbigen Wolf hervor: Ross
und Mann sah so verhungert, mager, matt und hinfällig aus, als wann beides
schon lange Zeit in einem Grab oder auf der Schindgrube gelegen wäre. Dieser
beklagte sich über eine ansehnliche Dame, die sich auf einem neapolitanischen
Pferd von 100 Pistoletten Wert tapfer vor ihm tummlete. Alles an ihren und des
Pferdes Kleidungen und Zierden glänzte von Perlen und Edelgesteinen; die
Stegreifen, die Buckeln, die Stangen, alle Rinken, das Mundstück oder Gebiss samt
der Kinnketten war von klarem Gold; die Hufbeschläge aber an des Pferdes Füssen
von seinem Silber, dahero man sie auch keine Hufeisen nennen kann. Sie selbst
sah ganz herrlich, prächtig und trotzig aus, blühete darneben im Angesicht wie
eine Rose am Stock oder war doch wenigst anzusehen, als wann sie einen halben
Rausch gehabt hätte, massen sie sich auch sonst in allen ihren Gebärden so frisch
stellete. Es roch um sie herum so stark nach Haarpulver, Balsam, Bisam, Ambra
und andern Aromaten, dass wohl einer andern, als sie war, die Mutter hätte
rebellisch werden mögen. In Summa, es war alles so kostbarlich um sie bestellt,
dass ich sie vor die allermächtigste Königin gehalten hätte, wann sie nur auch
wäre gekrönet gewesen, wie sie dann auch eine sein muss, weil man von ihr saget,
sie allein herrsche über das Gelde und das Geld nit über sie; gab mich derowegen
anfänglich wunder, dass obengedachter elender Schindhund auf dem Wolf wider sie
mutzen dorfte; aber er machte sich mausiger, als ich ihm zugetraut.
 
                              Das vierte Kapitel.
Simplex hört einen verdriesslichen Streit
Zwischen Verschwendung und der Geizigkeit.
Dann er drang sich vor den Luzifer selber und sagte: »Grossmächtiger Fürst!
beinahe auf dem ganzen Erdboden ist mir niemand mehr zuwider als eben
gegenwärtige Bräckin, die sich bei den Menschen vor die Freigebigkeit ausgibet,
um unter solchem Namen mit Hülfe der Hoffart, des Wollustes und des Frasses mich
allerdings in Verachtung zu bringen und zu unterdrucken. Diese ist, die sich
überall wie das Gebröse in einer Wanne hervorwirft, mich in meinen Werken und
Geschäften zu verhindern und wieder niederzureissen, was ich zu Aufnehmung und
Nutzen deines Reichs mit grosser Mühe und Arbeit auferbaue. Ist nicht dem ganzen
höllischen Reich bekannt, dass mich die Menschenkinder selbst eine Wurzel alles
Übels nennen? was vor Freude oder was vor Ehre habe ich mich aber von einem
solchen herrlichen Titul zu getrösten, wann mir diese junge Rotznase will
vorgezogen werden? soll ich erleben, dass ich, ich sage ich! ich! der
wohlverdientesten Ratspersonen und vornehmesten Diener einer oder grössester
Beförderer deines Staats und höllischen Interesse, dieser Jungen, in Wollust und
Hoffart Erzeugten müsste von meinem Gedenken und Tun jetzt erst in meinem Alter
weichen und ihr den Vorzug lassen? Nimmermehr nit! Grossmächtiger Fürst! würde es
deiner Hochheit anstehen, noch deiner Intention nach gelebet sein, die du hast,
das menschliche Geschlecht sowohl hie als dort zu quälen, wann du dieser
Allemodenärrin gewonnen gäbest, dass sie in ihrer Verfahrung wider mich recht
handele? Ich habe zwar missgeredet, indem ich gesagt: recht handele; dann mir ist
recht und unrecht eines wie das ander; ich wollte soviel damit sagen, es
gereiche zu Schmälerung deines Reichs, wann mein Fleiss, den ich von
unvordenklichen Jahren hero bis auf diese Stunde so unverdrossen vorgespannet,
mit solcher Verachtung belohnet, mein Ansehen, Ästimation und Valor bei den
Menschen dadurch verringert und endlich ich selber auf solche Weise aus ihrer
aller Herzen gar ausgelöschet und vertrieben werden sollte! Befiehl derohalben
dieser jungen unverständigen Landläuferin, dass sie mir als einem Ältern weichen,
fortin meinem Beginnen nachgeben und mich in deinen Reichsgeschäften
unverhindert fürfahren lassen solle, in aller Mass und Form, als vor diesem
beschehen, da man in der ganzen Welt von ihr nichts wusste.«
    Demnach der Geiz diese Meinung mit noch weit mehrern Umständen vorgebracht
hatte, antwortete die Verschwendung, es verwundere sie nichts mehrers, als dass
ihr Grossvatter so unverschämt in sein eigen Geschlecht hinein, gleichwie ein
anderer Herodes Ascalonita in das seinige, wüten dörfe. »Er nennet mich,« sagt
sie, »eine Bräckin. Solcher Titul gebühret mir zwar, weil ich seine Enklin bin;
meiner eignen Qualitäten halber aber wird mir derselbe nimmermehr zugeschrieben
werden können. Er rucket mir auf, dass ich mich bisweilen vor die Freigebigkeit
ausgebe und unter solchem Schein meine Geschäfte verrichte. Ach, einfältiges
Anbringen eines alten Gecken, welches mehr zu verlachen als meine Handlungen zu
bestrafen! Weiss der alte Narr nicht, dass keiner unter allen höllischen Geistern
ist, der sich zuzeiten nit nach Gestaltsam der Sache und erheischender Notdurft
nach in einen Engel des Liechts verstelle? Zwar mein ehrbarer Herr Ähne nehme
sich bei der Nasen! überredet er nicht die Menschen, wann er anklopft, Herberge
bei ihnen zu suchen, er sei die Gesparsamkeit? sollte ich ihn darum deswegen
tadeln oder gar verklagen? Nein, mitnichten! Ich bin ihm deswegen nit einmal
gehässig, sintemaln wir sich alle mit dergleichen Vorteln und Betrügereien
behelfen müssen, bis wir bei den Menschen einen Zutritt bekommen, und sich
unvermerkt eingeschleichet haben. Und möchte ich mir wohl einen rechtschaffenen
frommen Menschen (die wir aber allein zu hintergehen haben, dann die Gottlose
werden uns ohndas nit entlaufen) hören, was er sagte, wann einer von uns
angestochen käme und sagte: Ich bin der Geiz, ich will dich zur Höllen bringen!
Ich bin die Verschwendung, ich will dich verderben! Ich bin der Neid, folge mir,
so kommst du in die ewige Verdammnus! Ich bin die Hoffart, lass mich bei dir
einkehren, so mache ich dich dem Teufel gleich, der von Gottes Angesicht
verstossen worden! Ich bin dieser oder der, wann du mir nachähmest, so wird es
dich viel zu spat reuen, weil du alsdann der ewigen Pein nimmermehr wirst
entrinnen können! Meinest du nicht,« sagte sie zum Luzifer, »grossmächtiger
Fürst, ein solcher Mensch werde sagen, trolle dich geschwind in aller hunderten
tausenden Namen in Abgrund der Höllen zu deinem Grossvatter hinunter, der dich
gesandt hat, und lass mich zufrieden? Wer ist unter euch allen,« sprach sie
darauf zum ganzen Umstand, »dem nit solchergestalt abgedankt worden, wann er mit
der Wahrheit, die ohndas überall verhasst ist, aufzuziehen sich unterstanden?
Sollte ich dann allein der Narr sein, mich mit der Wahrheit schleppen und unser
aller Grossvatter nicht nachfolgen dörfen, dessen grösseste Arcana die Lügen
seind?
    Ebenso kahl kommt es, wann der alte Pfetzpfenning zu meiner Verkleinerung
vorgeben will, die Hoffart und die Wollust sein meine Beiständer. Und zwar, wann
sie es sein, so tun sie erst, was ihre Schuldigkeit und die Vermehrung des
höllischen Reichs von ihnen erfodert. Das gibet mich aber wunder, dass er mir
missgönnen will, was er selbst nicht entbehren kann. Weiset es nicht das
höllische Protokoll aus, dass diese beide manchem armen Tropfen ins Herz
gestiegen und dem Geiz den Weg bereitet, ehe er, der Geiz, einmal gedachte oder
sich erkühnen dürfte, einen solchen Menschen zu attackieren? Man schlage nur
nach, so wird man finden, dass denen, so der Geiz verführt, entweder zuvor die
Hoffart eingeblasen, sie müssen zuvor etwas haben, eh sie sich sehen lassen zu
prangen, oder dass ihnen die Reizung des Wollusts geraten, sie müssen zuvor etwas
zusammenschachern, eh sie in Freude und Wollust leben können. Warum will mir
dann nun dieser mein schöner Grossvatter diejenige nit helfen lassen, die ihm
doch selbst so manchen guten Dienst getan? Was aber den Frass und die Füllerei
anbelangt, kann ich nichts davor, dass der Geiz seine Untersassen so hart hält,
dass sie sich ihrer wie die meinige nit ebensowohl auch annehmen dörfen. Ich zwar
halte sie darzu, weil es meiner Profession ist, und er lässt sie die seinige auch
nit ausschlagen, wann es nur nit über ihren Säckel geht. Und ich sage dannoch
nicht, dass er etwas Ungereimtes daran begehe, sintemal es in unserm höllischen
Reich ein altes Herkommen, dass je ein Mitglied dem andern die Hand bieten und
wir allesamt gleichsam wie eine Kette aneinanderhangen sollen. Betreffende
meines Ahnherrn Titul, dass er nämlich je und allwege, wie dann auch noch, die
Wurzel alles Übels genennet worden, und dass ich besorglich ihn durch mein
Aufnehmen verkleinern oder ihm gar vorgezogen werden möchte, darüber ist meine
Antwort, dass ich ihm seine gebührende und wohlhergebrachte Ehre, die ihm die
Menschenkinder selbst geben, weder missgönne noch ihm solche abzurauben trachte;
allein wird mich auch niemand unter allen höllischen Geistern verdenken, wann
ich mich befleisse, durch meine eigene Qualitäten meinen Grossvatter zu
übertreffen oder ihm doch wenigst gleichgeschätzt zu werden, welches ihm dann
mehr zu Ehre als Schande gereichen wird, weil ich aus ihm meinen Ursprung zu
haben bekenne. Zwar hat er meines Herkommens halber etwas Irriges auf die Bahne
gebracht, weil er sich meiner schämet: indem ich nicht, wie er vorgibet, des
Wollustes, sondern eigentlich seines Sohns, des Überflusses, Tochter bin,
welcher mich aus der Hoffart, des allergrössten Fürsten ältisten Tochter, und
eben damals die Wollust aus der Torheit erzeuget. Dieweil dann nun Geschlechtes
und Herkommens halber ich ebenso edel bin, als Mammon immer sein mag, zumalen
durch meine Beschaffenheiten (obzwar ich nicht so gar klug zu sein scheine)
ebensoviel, ja noch wohl mehr als dieser alter Kracher zu nutzen getraue, als
gedenke ich, ihm nicht allein nicht zu weichen, sondern noch gar den Vorzug zu
behaupten; versehe mich auch gänzlich, der Grossfürst und das ganze höllische
Heer werde mir Beifall geben und ihm auferlegen, dass er die wider mich
ausgegossene Schmäheworte widerrufen, mich hinfort in meinem Tun unmolestieret
und als einen hohen Stand und vornehmstes Mitglied des höllischen Reichs
passieren lassen solle.«
    »Welchen wollte es nicht schmerzen,« antwortete der Geiz auf dem Wolf, »wann
einer so widerwärtige Kinder erzeuget, die so gar aus seiner Art schlagen? und
ich soll mich noch darzu verkriechen und stillschweigen, wann dieser Schleppsack
mir nicht allein alles, was er nur erdenken kann, zuwider tut, sondern, was mehr
ist, noch drüberhin durch solche Widerspenstigkeit mein ansehenlich Alter zu
vernitzen und über mich selbst zu steigen gedenket?« - »O Alter!« antwortete die
Verschwendung, »es hat wohl eher ein Vatter Kinder erzeuget, die besser gewesen
als er!« - »Aber noch öfter«, antwortete Mammon, »haben die Eltern über ihre
ungeratene Kinder zu klagen gehabt.«
    »Worzu dienet dies Gezänk?« sagte Luzifer, »jedes Teil erweise, was es vor
dem andern unserm Reich vor Nutzen schaffe, so wollen wir daraus judizieren,
welchem unter euch der Vorzug gebühre, als umb welchen es vornehmlich zu tun.
Und in solchem unserm Urteil wollen wir weder Alter noch Jugend, noch Geschlecht
noch ichtwas anders ansehen: dann wer dem grossen Numen am allermeisten zuwider
und den Menschen am schädlichsten zu sein befunden wird, soll unserm alten
Gebrauch und Herkommen nach auch der vornehmste Hahn im Korb sein.« -?
    »Sintemal, grosser Fürst! mir zugelassen ist,« antwortete Mammon, »meine
Qualitäten, und auf wie vielerlei Weise ich mich dadurch bei dem höllischen
Staat verdient mache, an Tag zu legen, so zweifelt mir nicht, wann ich anders
recht gehöret und alles umbständlich und glücklich genug vorbringen würde, dass
mir nit allein das ganze höllische Reich den Vorzug vor der Verschwendung
zusprechen, sondern noch darzu die Ehre und den Sitz des alten abgangnen
Plutonis, unter welchem Namen ich ehemalen vor das höchste Oberhaupt allhier
respektiert worden, wiederum gönnen und einraumen werde, als welcher Stand mir
billig gebühret. Zwar will ich nit rühmen, dass mich die Menschen selbst die
Wurzel alles Übels, das ist einen Ursprung, Kloak und Grundsuppe nennen alles
desjenigen, was ihnen an Leib und Seele schädlich und hingegen unserm höllischen
Reich nutz sein mag: dann solches seind nun allbereit so bekannte Sachen, dass
sie auch die Kinder wissen; will auch nicht, herausstreichen, wie mich deswegen
die, so dem grossen Numen beigetan sein, täglich loben und wie das saure Bier
ausschreien, mich bei allen Menschen verhasst zu machen, wiewohl mirs zu nicht
geringer Ehre gereichet, wann hieraus erscheinet, dass ich unangesehen aller
solchen numinalischen Verfolgungen dannoch bei den Menschen meinen Zugang
erpraktiziere, mir einen festen Sitz stelle und auch endlich wider alle solche
Sturmwinde behaupte. Wäre mir dieses allein nit Ehre genug, dass ich diejenige
gleichwohl beherrsche, denen das Numen selbst treuherziger Warnungsweise sagte,
sie könnten ihm und mir nit zugleich dienen, und dass sein Wort unter mir wie der
gute Samen unter den Dörnen erstickt? Hiervon aber will ich durchaus
stillschweigen, weil es, wie gemeldet, schon so alte Possen sein, die bereits
gar zu bekannt. Aber dessen, dessen, sage ich, will ich mich rühmen, dass keiner
unter allen Geistern und Mitgliedern des höllischen Reichs die Intention unsers
Grossfürsten besser ins Werk setze als eben ich; dann derselbe will und wünschet
nichts anders, als dass die Menschen sowohl in ihrer Zeitlichkeit kein geruhiges,
vergnügsames und friedliches als auch in der Ewigkeit kein seliges Leben haben
und geniessen sollen.
    Sehet doch alle euren plauten Wunder, wie sich diejenige anfahen, zu quälen,
bei denen ich nur einen geringen Zutritt bekomme; wie unablässig sich diejenige
ängstigen, die mir ihr Herz zum Quartier beginnen einzuraumen; und betrachtet
nur ein wenig die Wegen dessen, den ich ganz besitze und eingenommen. Darnach
saget mir, ob auch eine elendre Kreatur auf Erden lebe oder ob jemalen ein
einziger höllischer Geist einen grössern oder standhaftigern Martyrer vermögt und
zugerichtet habe, als eben derselbige einer ist, den ich zu unserm Reich ziehe?
Ich benehme ihm kontinuierlich den Schlaf, welchen doch seine eigne Natur selbst
so ernstlich von ihm erfodert; und wanngleich er solche Schuldigkeit nach
Notdurft abzulegen gezwungen wird, so tribuliere und vexiere ich ihn jedoch
hingegen dergestalt mit allerhand sorgsamen und beschwerlichen Träumen, dass er
nit allein nicht ruhen kann, sondern auch schlafend vielmehr, als mancher
wachend, sündiget. Mit Speise und Trank, auch allen andern angenehmen
Leibesverpflegungen traktiere ich die Wohlhabige viel schmäler, als andere
Dürftigste zu geniessen pflegen. Und wann ich der Hoffart zu Gefallen nicht
bisweilen ein Auge zutäte, so müssten sie sich auch elender bekleiden als die
armseligste Bettler. Ich gönne ihnen keine Freude, keine Ruhe, keinen Frieden,
keine Lust und in Summa nichts, das gut genennet und ihren Leibern, geschweige
denen Seelen, zum besten gedeihen mag, ja auch aufs äusserste diejenige Wollüste
nicht, die andere Weltkinder suchen und sich dadurch zu uns stürzen. Die
fleischliche Wollüste selbst, denen doch alles von Natur nachhänget, was sich
nur auf Erden reget, versalze ich ihnen mit Bitterkeit, indem ich die blühende
Jünglinge mit alten abgelebten unfruchtbaren garstigen Vetteln, die
allerholdseligste Jungfern aber mit eisgrauen eifersichtigen Hahnreiern
verkuppele und beunselige. Ihre grösseste Ergötzung muss sein, sich mit Sorg und
Bekümmernus zu grämen, und ihr höchstes Contentament, wann sie ihr Leben mit
schwerer saurer Mühe und Arbeit verschleissen, sich bemühen um ein wenig rote
Erde, die sie doch nicht mitnehmen können, die Hölle härtiglich zu erarnen.
    Ich gestatte ihnen kein rechtschaffenes Gebet, noch weniger dass sie aus
guter Meinung Almosen geben; und obzwar sie oft fasten oder, besser zu reden,
Hunger leiden, so geschiehet jedoch solches nicht Andacht halber, sondern mir zu
Gefallen etwas zu ersparen. Ich jage sie in Gefährlichkeit Leibes und Lebens,
nicht allein mit Schiffen über Meer, sondern auch gar unter die Wellen in
desselbigen Abgrund hinunter, ja sie müssen mir das innerste Eingeweid der Erde
durchwühlen, und wann etwas in der Luft zu fischen wäre, so müssten sie mir auch
fischen lernen. Ich will nicht sagen von den Kriegen, die ich anstifte, noch von
dem Übel, das daraus entstehet, dann solches ist aller Welt bekannt; will auch
nicht erzählen, wieviel Wucherer, Beutelschneider, Diebe, Rauber und Mörder ich
mache, weil ich mich dessen zum höchsten rühme, dass sich alles, was mir beigetan
ist, mit bittrer Sorge, Angst, Not, Mühe und Arbeit schleppen muss; und gleichwie
ich sie am Leib so greulich martere, dass sie keines andern Henkers bedörfen,
also peinige ich sie auch in ihrem Gemüt, dass kein anderer höllischer Geist
weiters vonnöten, sie den Vorgeschmack der Hölle empfinden zu lassen, geschweige
in unsrer Andacht zu behalten. Ich ängstige, den Reichen, ich unterdrucke den
Armen, ich verblende die Justitiam, ich verjage die christliche Liebe, ohn
welche niemand selig wird; die Barmherzigkeit findet bei mir keine Statt.«
 
                              Das fünfte Kapitel.
Simplex kommt aus seiner Wildnus aufs Meer,
Fährt zwischen England und Frankreich daher.
Indem der Geiz so daherplauderte, sich selbst zu loben und der Verschwendung
vorzuziehen, kam ein höllischer Gast dahergefladert, der vor Alter gleichsam
hinfällig, ausgemergelt, lahm und buckelt zu sein schiene; er schnaufte wie ein
Bär oder als wann er einen Hasen erloffen hätte, weswegen dann alle Anwesende
die Ohren spitzeten, zu vernehmen, was er Neues brächte oder vor ein Wildpret
gefangen hätte; dann er hatte hierzu vor andern Geistern den Ruhm einer
sonderbaren Dexterität. Da sie es aber bei Liecht besahen, war es nihil und ein
nisi darhinder, das ihn an seiner Verrichtung verhindert; dann da ihm stattgeben
ward, Relation zu tun, verstunde man gleich, dass er Julo, einem Edelmann aus
England, und seinem Diener Avaro (die miteinander aus ihrem Vatterland in
Frankreich reiseten) vergeblich aufgewartet, entweder beide, oder einen allein
zu berücken: dem ersten hätte er wegen seiner edlen Art und tugendlichen
Auferziehung, dem andern aber wegen seiner einfältigen Frömmigkeit nicht
beikommen mögen; bat derowegen den Luzifer, dass er ihm mehr Sukkurs zuordnen
wollte.
    Eben damals hatte es das Ansehen, als wann Mammon seinen Diskurs beschliessen
und die Verschwendung den ihrigen hätte anfahen wollen; aber Luzifer sagte: »Es
bedarf nicht vieler Worte: das Werk lobet den Meister. Einem jeden von euch
beiden Gegenteilen sei auferlegt, einen von diesen Engländern vor die Hand zu
nehmen, ihn anzuwenden, zu versuchen, zu hetzen und durch seine Kunst und
Geschicklichkeit anzufechten, so lang und so viel, bis dass ein oder ander Teil
den seinigen angefesselt, in seine Stricke gebracht und unserm höllischen Reich
einverleibt habe; und welches Teil den seinigen alsdann am gewissesten und
festesten anherschaffet oder heimbringet, der soll den Preis gewonnen und die
Präeminenz vor dem andern haben.« Diesen Bescheid lobten alle höllische Geister,
und die beide streitige Parteien verglichen sich selbst gütlich aus Rat der
Hoffart, dass Mammon den Avarum und die Verschwendung den Julum vor die Hand
nehmen sollten mit dem ausdrücklichen Geding und Vorbehalt, dass kein Teil dem
andern bei dem seinigen den geringsten Eintrag nicht tun, noch sich unterstehen
sollte, solchen auf seine anderwärtige Art zu neigen, es sei dann Sache, dass des
höllischen Reichs Interesse dasselbige ausdrücklich erfodere. Da sollte man
Wunder gesehen haben, wie die andere Laster diesen beiden Glück wünschten und
ihnen ihre Gesellschaft, Hülfe und Dienst anbotten. Mitin schied die ganze
höllische Versammlung voneinander, worauf sich ein starker Wind erhub, der mich
mitsamt der Verschwendung und dem Geiz samt ihren Anhängern und Beiständern in
einem Nun zwischen Engeland und Frankreich führete und in dasjenige Schiff
niederliess, worin beide Engeländer überfuhren und gleich aussteigen wollten.
    Die Hoffart machte sich den geraden Weg zum Julo und sagte: »Tapferer
Kavalier, ich bin die Reputation; und weil Ihr jetzt ein fremd Land betrettet,
wird mir nicht übel anstehen, wann Ihr mich zur Hofmeisterin behaltet. Hier
könnt Ihr die Einwohner durch eine sonderbare Pereleganz sehen lassen, dass Ihr
kein schlechter Edelmann, sondern aus dem Stamm der alten Könige entsprossen
seid; und wanngleich solches nicht wäre, so würde Euch jedoch gebühren, Euerer
Nation zu Ehren den Franzosen zu weisen, was Engeland vor wackere Leute trage.«
    Darauf liess Julus durch Avarum seinen Diener dem Schiffpatron die Fracht in
lauter wiewohl groben, jedoch anmutig- und holdseligen Goldsorten entrichten,
weswegen dann der Schiffherr dem Julo einen demütigen Bückling machte und ihn
gar vielmal einen gnädigen Herrn nannte. Solches machte ihm die Hoffart zunutz
und sagte zum Avaro: »Schaue, wie einer geehret wird, der dieser Gesellen viel
herberget!« Der Geiz aber sagte zu ihm: »Hättest du solcher Gäste so viel
besessen, als dein Herr nur jetzt ausgibet, du solltest sie wohl anders angelegt
haben; dann weit besser ist es, der Vorrat und Überfluss werde zu Haus auf ein
gewisses Interesse angeleget, damit man künftig etwas davon zu geniessen habe,
als dass man denselbigen auf einer Reise, die ohndas voller Mühe, Sorge und
Gefahr stecket, so unnützlich durchjaget.«
    Sobald betratten beide Jünglinge das feste Land nicht, als Hoffart die
Verschwendung vertreulich avisierte, dass sie nicht allein einen Zutritt, sondern
allen Vermuten nach einen unbeweglichen Sitz auf ihr erstes Anklopfen in des
Juli Herzen bekommen, mit angehängter Erinnerung, sie möchte noch mehrer
anderwärtlichen Assistenz sich bewerben, damit sie desto sicherer und gewisser
ihr Vorhaben ins Werk stellen könnte: Sie wolle ihr zwar nicht weit von der Hand
gehen, aber gleichwohl müsste sie ihrem Gegenteil, dem Geiz, ebenso grosse Hülfe
leisten, als sie (die Verschwendung) von ihr zu hoffen.
    Mein grossgünstiger, hochgeehrter Leser, wann ich eine Histori zu erzählen
hätte, so wollte ichs kürzer begreifen und hier nicht so viel Umstände machen.
Ich muss selbst gestehen, dass mein eigner Vorwitz von jedem Geschichtschreiber
stracks erfodert, mit seinen Schriften niemand lang aufzuhalten; aber dieses,
was ich vortrage, ist eine Vision oder Traum, und also weit ein anders. Ich darf
nit so geschwind zum Ende eilen, sondern muss etliche geringe Partikularitäten
und Umstände mit einbringen, damit ich etwas vollkommner erzählen möge, was ich
den Leuten dieses Orts zu kommunizieren vorhabens, welches dann nichts anders
ist, als ein Exempel zu weisen, wie aus einem geringen Fünklein allgemach ein
gross Feuer werde, wann man die Vorsichtigkeit nit beobachtet. Dann gleichwie
selten jemand in dieser Welt auf einmal den höchsten Gradum der Heiligkeit
erlanget, also wird auch keiner gähling und sozusagen in einem Augenblick aus
einem Frommen zu einem Schelmen; sondern jeder Teil steiget allgemach, sacht und
sacht sein staffelweise hinan, welche Staffeln des Verderbens dann in diesem
meinem Gesicht billig nicht ausser acht zu lassen, damit sich ein jeder zeitlich
davor zu hüten wisse, zu welchem Ende ich dann vornehmlich solche beschreibe,
massen es diesen beide Jünglingen gangen wie einem jungen Stück Wild, welches,
wann es den Jäger sieht, anfänglich nicht weiss, ob es fliehen oder stehen soll,
oder doch ehender gefället wird, als es den Schützen erkennet. Zwar giengen sie
etwas geschwinder als gewöhnlich ins Netz, aber solches war die Ursache, dass bei
jedem der Zunder bequem war, die Funken des einen und andern Lasters also gleich
zu fangen. Dann wie das junge Vieh, wann es wohl ausgewintert ist und im
Frühling aus dem verdriesslichen Stall auf die lustige Waide gelassen wird,
anfahet zu gumpen, und sollte es auch zu seinem Verderben in eine Spalte oder
Zaunstecken springen, also machet es auch die unbesonnen Jugend, wann sie sich
nicht mehr unter der Rute der vätterlichen Zucht, sondern aus der Eltern Augen
in der lang erwünschten Freiheit befindet, als deren gemeiniglich Erfahrenheit
und Vorsichtigkeit manglet.
    Das obgemeldte sagte die Hoffart nicht nur vor die Langeweile zu der
Verschwendung, sondern wandte sich gleich zu dem Avaro selber, bei dem sie den
Neid und Missgunst fand, welche Kameraden der Geiz geschickt hatte, ihm den Weg
zu bereiten; derowegen richtete sie ihren Diskurs darnach ein und sagte zu ihm:
»Höre du, Avare! bist du nicht so wohl ein Mensch als dein Herr? bist du nicht
so wohl ein Engeländer als Julus? Was ist dann das, dass man ihn einen gnädigen
Herrn und dich seinen Knecht nennet? hat euch beide dann nicht Engeland, und
zwar den einen wie den andern, geboren und auf die Welt gebracht? Wo kommt es
her, dass er hier im Land, da er so wenig eignes hat als du, vor einen gnädigen
Herrn gehalten, du aber als ein Sklav traktieret würdest? Seid nicht ihr beide,
einer wie der ander, über Meer herkommen? hätte er nicht so wohl als du und ihr
beide als Menschen zugleich ersaufen müssen, wann euer Schiff unterweges
gescheitert? oder wäre er, weil er ein Edelmann ist, etwan wie ein Delphin unter
den Wellen der Ungestüme in einen sichern Port entrunnen? oder hätte er sich
vielleicht als ein Adler über die Wolken (darin sich der Anfang und die grausame
Ursache euers Schiffbruchs entalten) schwingen und also dem Untergang entgehen
können? Nein, Avare! Julus ist so wohl ein Mensch als du, und du bist so wohl
ein Mensch als er! Warum aber wird er dir so weit vorgezogen?« Mit dem fiel
Mammon der Hoffart in die Rede und sagte: »Was ist das vor ein Handel, einen zum
Fliegen anzusporen, eh ihm die Federn gewachsen, gleichsam als wann man nicht
wüsste, dass solches das Geld sei, was Julus ist? Sein Geld, sein Geld ist es, was
er ist, und sonst ist er nichts! nichts, sage ich, ist er, als was sein Geld aus
ihm machet. Der gute Geselle harre nur ein wenig und lasse mich gewähren, ob ich
dem Avaro durch Fleiss und Gehorsamkeit nicht ebensoviel Geld, als Julus
verschwendet, zuwege bringen und ihn dadurch zu einem solchen Stutzer, wie Julus
einer ist, gleichmachen möchte.«
    So hatten des Avari erste Anfechtungen eine Gestalt, denen er nicht allein
fleissig Gehör gab, sondern sich auch entschloss, denselben nachzuhängen; so
unterliess Julus auch nicht, demjenigen mit allem Fleiss nachzuleben, was ihm die
Hoffart eingab.
 
                              Das sechste Kapitel.
Simplex des Julus sein Reisen beschreibet,
Wie ihm Avarus die Zeiten vertreibet.
Der gnädige Herr, das ist Herr Julus, übernachtete an demjenigen Ort, da wir
angeländet, und verblieb den andern Tag und die folgende Nacht noch darzu
daselber, damit er ausruhen, seinen Wechsel empfangen und Anstalt machen
möchte, von dar durch die spanische Niederlande in Holland zu passieren, welche
vereinigte Provinzen er nicht allein zu besehen verlangte, sondern auch, dass er
solches tun sollte, von seinem Herrn Vatter ausdrücklichen Befelch hatte. Hierzu
dingte er eine sonderbare Landkutsche, zwar nur allein vor sich und seinen
Diener Avarum, aber beides, Hoffart und Verschwendung, samt dem Geiz und ihrer
aller Anhänger, wollten gleichwohl nicht zuruckverbleiben, sondern ein jeder
Teil satzte sich, wohin er konnte, Hoffart oben an die Decke, Verschwendung an
des Juli Seiten, der Geiz in des Avari Herz, und ich hockte und behalf mich auf
dem Narrenkistlein, weil Demut nicht vorhanden war, denselbigen Platz
einzunehmen.
    Auch hatte ich das Glück, im Schlaf viel schöner Städte zu beschauen, die
unter tausenden kaum einem wachend ins Gesicht kommen oder zu sehen werden. Die
Reise ging glücklich ab, und wannschon gefährliche Ungelegenheiten sich
ereigneten, so überwand jedoch des Juli schwerer Säckel solche alle, weil er
sich kein Geld tauren liesse und sich um solches (weil wir durch unterschiedliche
widerwärtige Garnisonen reisen mussten) allerorten mit notwendigen Convoyen und
Passbriefen versehen liesse. Ich achtete derjenigen Sachen, so sonst in diesen
Landen sehenswürdig sein, nicht sonderlich, sondern betrachtete nur, wie beide
Jüngelinge nach und nach von den obgemeldten Lastern je mehr und mehr
eingenommen würden, zu welchen sich je länger je mehr sammleten. Da sah ich,
wie Julus auch von dem Vorwitz und der Unkeuschheit (welche davorgehalten wird,
dass sie eine Sünde sei, damit die Hoffart gestraft werde) angerennet und
eingenommen ward, weswegen wir dann oft an den Örtern, da sich leichte Dirnen
befanden, länger stilliegen mussten und mehr Geldes vertäten, als sonst wohl die
Notdurft erfoderte. Andernteils quälete sich Avarus, Geld zusammenzuschrappen,
wie er mochte; er bezwackte nicht allein seinen Herrn, sondern auch die Wirte
und Gastgeber, wo er zukommen mochte; gab mitin einen trefflichen Kuppler ab
und scheuete sich nicht, hie und da unterwegs unsere Herberger zu bestehlen, und
hätte es auch nur ein silberner Leffel sein sollen. Solchergestalt passierten
wir durch Flandern, Brabant, Hennegau, Holland, Seeland, Zutphen, Geldern,
Mecheln und folgends an die französische Grenze, endlich gar auf Paris, allwo
Julus das lustigste und bequemste Losament bestellete, das er haben konnte.
Seinen Avarum kleidete er edelmännisch und nennete ihn einen Junker, damit
jedermann ihn selbst desto höher halten und gedenken sollte, er müsste kein
kleiner Hans sein, weil ihm einer von Adel aufwartete, der ihn einen gnädigen
Herrn hiess, massen er auch vor einen Grafen gehalten ward. Er verdingte sich
gleich einem Lautenisten, einem Fechter, einem Tanzmeister, einem Bereiter und
einem Ballmeister, mehr sich sehen zu lassen, als ihnen ihre Künste und
Wissenschaften abzulernen. Diese waren lauter solche Kauzen, die dergleichen neu
ausgeflogenen Gästen das ihrige abzulausen vor Meister passierten; sie machten
ihn bald beim Frauenzimmer bekannt, da es ohn Spendieren nicht abgieng, und
brachten ihn auch sonst zu allerlei Gesellschaften, da man dem Beutel zu
schräpfen pflegte und er allein den Riemen ziehen musste. Dann die Verschwendung
hatte bereits die Wollust mit allen ihren Töchtern eingeladen, diesen Julum
bestreiten und kaput machen zu helfen.
    Anfänglich zwar liess er sich nur mit dem Ballenschlagen, Ringelrennen, den
Komödien, Balletten und dergleichen zulässigen und ehrlichen Übungen, denen er
beiwohnet und selbst mitmachte, genügen; da er aber erwarmete und bekannt ward,
kam er auch an diejenige Örter, da man seinem Gelt mit Würfeln und Karten
zusatzte, bis er endlich auch die vornehmste Hurenhäuser durchschwärmte. In
seinem Losament aber ging es zu, wie bei des Königs Arturi Hofhaltung, da er
täglich viel Schmarotzer nicht schlecht hinweg mit Kraut oder Rüben, sondern mit
teuren franzischen Pottagien und spanischen Olla Pattriden köstlich traktierte;
massen ihn oft ein einziger Imbiss über 25 Pistoletten gestund, sonderlich wann
man die Spielleut rechnete, die er gemeiniglich dabei zu haben pflegte; über
dieses brachten ihn die neue Moden der Kleidungen, welche geschwind nacheinander
folgten und aufstunden und sich bald wieder veränderten, um ein grosses Gelt, mit
welcher Torheit er desto mehr prangte, weil ihm, als einem fremden Kavalier,
keine Trachte verbotten war. Da musste alles mit Gold gestickt und verbrämt sein,
und vergieng kein Monat, in dem er nicht ein neues Kleid angezogen, und kein
Tag, daran er nicht sein Parücke etlichmal gepudert hätte; dann wiewohl er von
Natur ein schönes Haar hatte, so beredete ihn doch die Hoffart, dass er solches
abschneiden und sich mit Fremdem zieren lassen, weil es so der Brauch war; dann
sie sagte, die Sönderlinge, so sich mit ihrem natürlichen Haar behälfen, wann
solches gleichwohl schön sei, gäben damit nichts anders zu verstehen, als dass
sie arme Schurchen sein, die nit so viel vermöchten, ein kahl Hundert Dukaten an
ein paar schöne Parücken zu verwenden. In Summa, es musste alles so kostbarlich
hergehen und bestellet sein, als es die Hoffart immermehr ersinnen und ihm die
Verschwendung eingeben konnte.
    Obzwar nun dem Geiz, welcher den Avarum schon ganz besass, eine solche Art zu
leben durchaus widerwärtig zu sein erschien, so liess er, Avarus, ihm jedoch
solche wohlgefallen, weil er sie ihm wohl zunutz zu machen gedachte; dann Mammon
hatte ihn allbereit beweget, sich der Untreu zu ergeben, wann er anders etwas
prosperieren wollte, weswegen er dann keine Gelegenheit vorüberlaufen liess,
seinem Herrn, der ohndas sein Geld so unnützlich hinausschlauderte, abzuzwacken,
was er konnte. Im wenigsten bezahlete er keine Näherin oder Wäscherin, deren er
ihren gewöhnlichen Lohn nicht allein ringerte, und was er denen abbrach,
heimlich in seinen Beutel steckte. Kein Kleidflicker oder Schuhschmiererlohn war
so klein, den er seinem Herrn nicht vergrösserte, und den Überfluss zu sich schob;
geschweige, wie er in grossen Ausgaben per fas et nefas zu sich rappte und
sackte, wo er nur konnte und möchte. Die Sesselträger, mit denen sein Herr viel
Geld hinrichtete, veränderte er gleich, wann sie ihm nit Part an ihren Verdienst
gaben; der Pastetenbäcker, der Garkoch, der Weinschenker, der Holzhändler, der
Fischverkaufer, der Bäcker, und also andere Viktualisten mussten beinahe ihren
Gewinn mit ihm teilen, wollten sie anders an dem Julo länger einen guten Kunden
behalten: dann er war dergestalt eingenommen, seinem Herrn durch Besitzung
vielen Geldes und Gutes gleich zu werden, als etwan hiebevor Luzifer, da er
wegen seiner vom Allerhöchsten verliehenen Gaben erkühnete, seinen Stuhl an den
mächtigen Tron des grossen Gottes zu setzen. Also lebten beide Jünglinge ohn
alle andere Anfechtungen zwar dahin, eh sie wahrnahmen, wie sie lebeten; dann
Julus war an zeitlicher Habe ja so reich, als Avarus bedörftig, und deswegen
vermeinte jeder, er verführe seinem Stand nach gar recht und wohl, ich will
sagen, wie es eines jeden Stand und Gelegenheit erfodere, jener zwar seinem
Reichtum gemäss sich herrlich und prächtig zu erzeigen, dieser aber seiner Armut
zu Hülfe zu kommen und etwas zu prosperieren und sich der gegenwärtigen
Gelegenheit zu bedienen, die ihm sein vertunlicher Herr an die Hand gab. Jedoch
unterliess der innerliche Wächter, das Liecht der Vernunft, der Zeuge, der nimmer
gar stillschweiget, nämlich das Gewissen, indessen nicht, einem jeden seine
Fehler zeitlich genug vorzuhalten und ihn eines andern zu erinnern.
    »Gemach! gemach!« ward zu dem Julo gesprochen, »halt ein, dasjenige so
unnützlich zu verschwenden, welches deine Vorderen vielleicht mit saurer Mühe
und Arbeit, ja vielleicht mit Verlust ihrer Seligkeit erworben und dir so
getreulich vorgesparet haben; vielmehr lege es also an, damit du künftig
deswegen beides, vor Gott, der ehrbarn Welt und deinen Nachkommen, bestehen und
Rechenschaft darum geben mögest etc.« Aber diesen und dergleichen heilsamen
Erinnerungen oder innerlichen guten Einsprechungen, die Julum zur Mässigkeit
reizen wollten, ward geantwortet: »Was? ich bin kein Bärnhäuter noch
Schimmeljud, sondern ein Kavalier; sollte ich meine adelige Exercitia in Gestalt
eines Bettelhundes oder Schurken begreifen? Nein! das ist nicht der Gebrauch
noch Herkommens! ich bin nit hier, Hunger und Durst zu leiden, viel weniger wie
ein alter karger Filz zu schachern, sondern als ein rechtschaffener Kerl von
meinen Renten zu leben!« Wann aber die gute Einfälle, die er melancholische
Gedanken zu nennen pflegte, auf solche Gegenwürfe dannoch nicht ablassen
wollten, ihn aufs beste zu ermahnen, so liess er ihm das Lied: »Lasst uns unser
Tag geniessen, Gott weiss, wo wir morgen sein etc.« aufspielen, oder besuchte das
Frauenzimmer oder sonst eine lustige Gesellschaft, mit deren er einen Rausch
soff, wovon er je länger je ärger und endlich gar zu einem Epikurer ward.
    Nicht weniger ward andernteils Avarus von innerlichen Zusprechen erinnert,
dass dieser Weg, den er zum Besitz der Reichtum zu gehen antrette, die
allergrösste Untreu von der Welt sei, mit fernerer Ermahnung, er sei seinem Herrn
nit allein mitgeben worden, ihm zu dienen, sondern auch durchaus seinen Schaden
zu wenden, seinen Nutzen zu fördern, ihn zu allen ehrlichen Tugenden anzureizen,
vor allen schändlichen Lastern zu warnen und vornehmlich seine zeitliche Habe
nach müglichsten Fleiss zusammenzuheben und beobachten, welche er aber im
Gegenteil selbst zu sich reisse, und ihn, Julum, noch darzu in allerhand Laster
stürzen helfe; item, auf was Weise er wohl vermeine, dass er solches gegen Gott,
dem er um alles Rechenschaft geben müsste, gegen des Juli frommen Eltern, die ihm
ihren einzigen Sohn anvertrauet und getreulich zu beobachten befohlen, und
endlich gegen dem Julo selber zu verantworten getraue, wann derselbe zu seinen
Tagen kommen und heut oder morgen verstehen werde, dass aus seiner Verwahrlosung
und Untreu beides, seine Person zu allen guten verderbt und sein Reichtum
unnützlich verschwendet worden? »Hiemit zwar, o Avare, ist es noch nicht genug;
dann über solche schwere Verantwortung, die du dir des Juli Person und Geltes
wegen aufbürdest, besudelst du dich selbst auch mit dem schändlichen Laster des
Diebstahls und machest dich des Strangs und Galgens würdig; du unterwirfst deine
vernünftige, ja himmlische Seele dem Schlamm der irdischen Güter, die du
ungetreuer- und hochsträflicherweise zusammenzuscharren gedenkest, welche doch
der Heide Crates Tebanus ins Meer warf, damit sie ihn nit verderben sollten,
wiewohl er solche rechtmässig besass. Wie vielmehr kannst du wohl erachten, werden
sie dein Untergang sein, indem du solche im Gegenspiel aus dem grossen Meer
deiner Untreu erfischen willst! Solltest du dir wohl einbilden dörfen, sie
werden dir wohlgedeien?«
    Solche und dergleichen mehr guter Ermahnungen beides, von der gesunden
Vernunft und seinem Gewissen, empfand zwar Avarus in sich selber; aber es
mangelte ihm hingegen mitnichten an Entschuldigungen, sein böses Beginnen zu
beschönen und gut zu sprechen. »Was?« sagte er mit Salomone, Proverbior. 26,
wegen des Juli Person, »was soll dem Narrn Ehre, Gelt und gute Tage? sie könnens
doch nicht brauchen! Zudem hat er ohnedas genug, und wer weiss, wie es seine
Eltern gewonnen haben? Ist es nicht besser, ich packe selbst dasjenige an, das
er doch sonst ohn mich verschwendet, als dass ichs unter Fremde kommen lasse?«
    Dergestalt folgten beide Jünglinge ihren verblendeten Begierden und
ersäuften sich mitin in Abgrund der Wollust, bis endlich Julus die liebe
Franzosen bekam und eine Woche oder vier schwitzen und beides, seinen Leib und
Beutel, purgieren lassen musste, welches ihn darum nicht besser machte oder ihm
zur Warnung gediege; dann er machte das gemeine Sprichwort wahr: »Da der Krank
wieder genas, je ärger er was.«
 
                             Das siebente Kapitel.
Simplex sieht, wie der Avarus abstiehlt,
Julus hingegen die Schulden wohl fühlt.
Avarus stahl so viel Geld zusammen, dass ihm angst dabei war, massen er nicht
wusste, wo er damit hin sollte, damit dem Julo seine Untreue verborgen bliebe;
ersonn derowegen diese List, ihm ein Auge zu verkleiben: er verwechselte zum
Teil sein Gold in grobe teutsche silberne Sorten, tät solche in ein grosses
Felleisen und kam damit bei nächtlicher Weile vor seines Herren Bette geloffen,
mit gelehrten Worten daherlügende, oder, höflicher zu reden, dahererzählende,
was ihm vor ein Fund geraten wäre. »Gnädiger Herr,« sagte er, »ich stolperte
über diese Beute, als ich von etlichen von dero Liebsten Losament gejagt ward,
und wann der Ton des gemünzten Metalls nit einen andern Klang von sich geben
hätte, als das Eingeweid eines Abgestorbenen nit tut, so hätte ich geschworen,
ich wäre über einen Toden geloffen.« Damit schüttete er das Geld aus und sagte
ferner: »Was geben mir Eur. Gn. wohl für einen Rat, dass dies Geld seinem
rechtmässigen Herrn wieder zukommt? Ich verhoffte, derselbe sollte mir wohl ein
stattlich Trinkgeld davon zukommen lassen.« - »Narr,« antwortete Julus, »hast du
was, so behalts! Was bringst du aber vor eine Resolution von der Jungfer?« -
»Ich konnte«, antwortete Avarus, »diesen Abend mit ihr nicht zu sprechen kommen,
weil ich, wie gehört, etlichen mit grosser Gefahr entrinnen müssen und mir dieses
Geld unversehens zugestanden.« Also behalf sich Avarus mit Lügen, so gut er
konnte, wie es alle junge angehende Diebe zu machen pflegen, wann sie vorgeben,
sie haben gefunden, was sie gestohlen.
    Eben damal bekam Julus von seinem Vatter Briefe und in denselbigen einen
scharfen Verweis, dass er so ärgerlich lebe und so schrecklich viel Geldes
verschwende; dann er hatte von denen englischen Kaufherren, die mit ihm
korrespondiereten und dem Julo jeweils seine Wechsel entrichteten, alles des
Juli und seines Avari Tun erfahren, ohn dass dieser seinen Herrn bestahl, jener
aber solches nit merkte, weswegen er sich dann solchergestalt bekümmerte, dass er
darüber in eine schwere Krankheit fiel. Er schriebe bemeldten Kaufherren, dass
sie fortin seinem Sohn mehrers nicht geben sollten als die blosse Notdurft, die
ein gemeiner Edelmann haben müsste, sich in Paris zu behelfen, mit dem Anhang,
wofern sie ihm mehr reichen würden, dass er ihnen solches nit wieder gutmachen
wollte. Den Julum aber bedrohete er, wofern er sich nicht bessern und ein ander
Leben anstellen würde, dass er ihn alsdann gar enterben und nimmermehr vor seinen
Sohn halten wollte.
    Julus ward zwar darüber trefflich bestürzt, fassete aber darum keinen
Vorsatz, gesparsamer zu leben, und wanngleich er, seinem Vatter zu begnügen, vor
den gewöhnlichen grossen Ausgaben hätte sein wollen, so wäre es ihm vor diesmal
doch unmüglich gewesen, weil er schon allbereit viel zu tief in den Schulden
stak; er hätte dann seinen Kredit erstlich bei seinen Kreditoren und
konsequenter auch bei jedermann verlieren wollen, welches ihm aber die Hoffart
mächtig widerriet, weil es wider seine Reputation war, die er mit vielen
Spendieren erworben. Derowegen redete er seine Landsleute an und sagte: »Ihr
Herren wisset, dass mein Herr Vatter an vielen Schiffen, die beides, nach Ost-
und Westindien, gehen, nicht allein Part, sonder auch in unsrer Heimat auf
seinen Gütern jährlich bei 4 bis 5000 Schafe zu scheren hat, also dass es ihm
auch kein Kavalier im Land gleich, noch weniger vorzutun vermag; ich geschweige
jetzt der Barschaft und der liegenden Güter, so er besitzet. Auch wisset ihr,
dass ich alles seines Vermögens heut oder morgen ein einziger Erbe bin und dass
gedachter mein Herr Vatter allerdings auf der Grube geht; wer wollte mir dann
nun zumuten, dass ich hier als ein Bärnhäuter leben sollte? Wäre solches, wann
ich es täte, nit unserer ganzen Nation ein Schande? Ihr Herren, ich bitte,
lasset mich in solche Schande nicht geraten, sondern helfet mir aus wie bisher
mit einem Stück Gelt, welches ich euch wieder dankbarlich ersetzen und bis zur
Bezahlung mit Kaufmannsinteresse verpensionieren, auch einem jeden insonderheit
mit einer solchen Verehrung begegnen will, dass er mit mir zufrieden sein wird.«
    Hierüber zogen etliche die Achsel ein und entschuldigten sich, sie hätten
derzeit nicht übrige Mittel; in Wahrheit aber waren sie ehrlich gesinnet und
wollten des Juli Vatter nit erzörnen; die andere aber gedachten, was sie vor
einen Vogel zu rupfen bekämen, wann sie den Julum in die Klauen kriegten. »Wer
weiss,« sagten sie zu sich selber, »wielang der Alte lebet? zudem will ein
Sparer einen Verzehrer haben. Will ihn der Vatter gleich enterben, so kann er
ihm doch das Mütterliche nicht benehmen.« In Summa, diese schossen dem Julo noch
1000 Dukaten dar, wovor er ihnen verpfändete, was sie selbst begehrten, und
ihnen jährlich acht pro cento versprach, welches dann alles in bester Form
verschrieben ward. Damit reichte Julus nit weit hinaus; dann bis er seine
Schulden bezahlete und Avarus sein Part hinwegzwackte, verblieb wenig mehr
übrig, massen er in Bälde wieder entlehnen und neue Unterpfande geben musste,
welches seinen Vatter von andern Engelländern, die nit interessiert waren,
zeitlich avisiert ward, darüber sich der Alte dergestalt erzörnete, dass er
denen, so seinem Sohn über seine Ordre Gelt geben hätten, eine Protestation
insinuieren und sie seinen vorigen Schreibens erinnern, benebens andeuten liesse,
dass er ihnen keinen Heller wiederum davor gutmachen, sondern sie noch darzu,
wann sie wieder in Engelland anlangen würden, als Verderber der Jugend und die
seinem Sohn zu solcher Verschwendung verholfen gewesen, vorm Parlament verklagen
wollte. Dem Julo selbst aber schrieb er mit eigner Hand, dass er sich hinfüro nit
seinen Sohn mehr nennen noch vor sein Angesicht kommen sollte.
    Als solche Zeitungen einliefen, fieng des Juli Sache abermal an zu hinken.
Er hatte zwar noch ein wenig Gelt, aber viel zu wenig, weder seinen
verschwenderischen Pracht hinauszuführen noch sich auf eine Reise zu mondieren,
irgendseinem Herrn mit einem paar Pferden im Krieg zu dienen, worzu ihn beides,
Hoffart und Verschwendung, anhetzte; und weil ihm auch hierzu niemand nichts
vorsetzen wollte, flehete er seinen getreuen Avarum an, ihm von dem, was er
gefunden, die Notdurft vorzustrecken. Avarus antwortete: »Euer Gnaden wissen
wohl, dass ich ein armer Schüler bin gewesen und sonst nichts vermag, als was mir
neulich Gott bescheret.« (Ach, heuchlerischer Schalk, gedachte ich, hätte dir
das nun Gott bescheret, was du deinem Herrn abgestohlen hast, solltest du ihm in
seinen Nöten nit mit dem Seinigen zu Hülf kommen? und das um soviel desto
ehender, dieweil du, solang er etwas hatte, mitgemachet und das Seinige hast
verfressen, versaufen, verhuren, verbuben, verspielen und verbankettieren
helfen? O Vogel, gedachte ich, du bist zwar aus England kommen wie ein Schaf,
aber seiter dich der Geiz besessen, in Frankreich zu einem Fuchs, ja gar zu
einem Wolf worden.) »Sollte ich nun«, sagte er weiter, »solche Gaben Gottes nit
in acht nehmen und zu meines künftigen Lebens Aufentalt anlegen, so müsste ich
sorgen, ich möchte mich dadurch alles meines künftigen Glücks unwürdig machen,
das ich noch etwan zu hoffen. Wen Gott grüsset, der soll ihm danken! Es dörfte
mir vielleicht mein Leben lang kein solcher Fund wieder geraten. Soll ich nun
dieses an ein Ort hingeben, dahin auch reiche Engelländer nichts mehr lehnen
wollen, weil sie die beste Unterpfande bereits hinweg haben? Wer wollte mir
solches raten? Zudem haben mir Euer Gnaden selbst gesagt, wann ich etwas habe,
so sollt ichs behalten; und überdies alles lieget mein Geld auf der Wechselbank,
welches ich nicht kriegen kann, wann ich will, ich wollte mich dann eines grossen
Interesse verzeihen.«
    Diese Worte waren dem Julo zwar schwer zu verdauen, als deren er sich weder
von seinem getreuen Diener versehen noch von andern zu hören gewohnet war; aber
der Schuh, den ihm Hoffart und Verschwendung angeleget, druckte ihn so hart, dass
er sie leichtlich verschmerzete, vor billig hielt und durch Bitten so viel vom
Avaro brachte, dass er ihm alles sein erschundenes und abgestohlenes Geld
vorliehe mit dem Geding, dass sein, des Avari, Liedlohn samt demjenigen, so er
noch in vier Wochen an Interesse davon haben können, zur Hauptsumma geschlagen,
mit 8 pro cento jährlich verzinset und, damit er um Hauptsumma und Pension
versichert sein möchte, ihm ein frei adelig Gut, so Julo von seiner Mutter
Schwester vermachet worden, verpfändet werden sollte; welches auch alsobalden in
Gegenwart der andern Engeländer als erbetene Zeugen in der allerbesten Form
geschahe; und belief sich die Summa allerdings auf sechshundert Pfund Sterling,
welches nach unsrer Münze ein namhaftes Stück Geldes machet.
    Kaum war obiger Kontrakt geschlossen, die Verschreibung verfertiget und das
Geld dargezählet, da kam Julo die Verkündigung eines erfreulichen Leides, dass
nämlich sein Herr Vatter die Schuld der Natur bezahlet hätte, weswegen er dann
gleichsam eine fürstliche Traur anlegte und sich gefasst machte, ehistens nach
Engeland zu verreisen, mehr die Erbschaft anzutretten, als seine Mutter zu
trösten. Da sah ich meinen Wunder, wie Julus wieder einen Haufen Freunde bekam,
weder er vor etlichen Tagen gehabt. Auch ward ich gewahr, wie er heuchlen
konnte; dann wann er bei den Leuten war, so stellete er sich um seinen Vatter
gar leidig; aber bei dem Avaro allein sagte er: »Wäre der Alte noch länger
lebendig blieben, so hätte ich endlich heimbettlen müssen, sonderlich wann du,
Avare, mir mit deinem Gelt nicht wärest zu Hülfe kommen.«
 
                               Das achte Kapitel.
Simplex dem Julus den Kopf sieht abschlagen
Und den Avarus am Galgen verzagen.
Demnach machte sich Julus mit Avaro schleinig auf dem Weg, nachdem er zuvor sein
ander Gesinde, als Lakaien, Pagen und dergleichen unnützer, gefrässiger oder
vertunlicher Leute mit guten Ehren abgeschaffet. Wollte ich nun der Histori ein
Ende sehen, so müsste ich wohl mit; aber wir reiseten mit gar ungleicher
Kommodität: Julus ritt auf einem ansehenlichen Hengst, weil er nunmehr nichts
Bessers als das Reuten gelernet hatte, und hinter ihm sasse die Verschwendung,
gleichsam als ob sie seine Hochzeiterin oder Liebste gewesen wäre. Avarus sass
auf einen Minchen oder Wallachen, wie man sie nennet, und führete hinter sich
den Geiz: das hatte eben ein Ansehen, als wann ein Markschreier oder Storger mit
seinem Affen auf eine Kirchmesse geritten wäre. Die Hoffart hingegen flog hoch
in der Luft daher, eben als wann sie die Reise nit sonderlich angangen hätte;
die übrige assistierende Laster aber marschierten beneben her, wie die Beiläufer
zu tun pflegen; ich aber hielt mich bald da, bald dort einem Pferd an den
Schwanz, damit ich auch mit fortkommen und Engeland beschauen möchte, dieweil
ich mir einbildete, ich hätte bereits viel Länder gesehen, dagegen mir dieses
enge ein seltener Anblick sein würde. Wir erlangten bald den Ort der
Schifflände, allwo wir hiebevor auch ausgestiegen waren, und segelten in kurzer
Zeit mit gutem Wind glücklich über.
    Julus fand seine Frau Mutter zu seiner Ankunft auch in letzten Zügen, massen
sie noch gleich denselben Tag ihren Abscheid nahm, also dass er als ein einziger
Erbe, der nunmehr aus seinen vogtbaren Jahren getretten, zu einem Mal Herr und
Meister über seiner Eltern Verlassenschaft ward. Da ging nun das gute Leben
wieder besser an als zu Paris, weil er eine namhafte Barschaft ererbet: er
lebete wie der reiche Mann Lucä am 16., ja wie ein Prinz. Bald hatte er Gäste,
und bald ward er wieder zu Gast geladen, und nahm seine Konversation fast
täglich zu. Er führete zu Wasser und Land anderer Leut Töchter und Weiber nach
engeländischem Gebrauch spazieren, hielte einen eigenen Trompeter, Bereiter,
Kammerdiener, Schalksnarrn, Reitknecht, Kutscher, zween Lakaien, einen Page,
Jäger, Koch und dergleichen Hofgesind. Gegen solchen, insonderheit aber gegen
dem Avaro, den er als seinen getreuen Reisgesellen zu seinem Hofmeister und
Faktor oder Faktotum gemachet hatte, erzeigte er sich gar mild, wie er dann auch
gedachtem Avaro dasjenige adelige Gut, so er ihm zuvor in Frankreich
verhypotecieret, vor Hauptsumma, Interesse und seinen Liedlohn vor frei ledig
und eigen gab und verschreiben liess, wiewohl es viel ein mehrers wert war. In
Summa, er verhielt sich gegen jedermann, dass ich nicht allein glaubte, er müsste
aus dem Geschlecht der alten Könige sein geboren worden, wie er sich dessen in
Frankreich oft gerühmet, sondern ich hielt festiglich darvor, er wäre aus dem
Stamm Arturi entsprossen, welcher das Lob seiner Freigebigkeit bis an das End
der Welt behalten wird.
    Andernteils unterliesse Avarus nicht, in solchem Wasser zu fischen und seine
Schanze in acht zu nehmen: er bestahl seinen Herrn mehr als zuvor und schacherte
darneben ärger als ein 50jähriger Jud. Das loseste Stücklein aber, das er dem
Julo tät, war dieses, dass er sich mit einer Dame von ehrlichem Geschlecht
verplemperte, folgends selbige seinem Herrn kuppelte und demselben über
dreiviertel Jahr den jungen Balg zuschreiben liess, den er ihr doch selbst
angehängt hatte; und weil sich Julus gar nicht entschliessen konnte, selbige zu
ehelichen, gleichwohl aber ihrer Befreundten halber in Gefahr stehen musste, trat
der aufrichtige Avarus ins Mittel, liess sich bereden, diejenige wieder zu Ehren
zu bringen, deren er ehender und mehr als Julus genossen und sie selbst zu Fall
gebracht, wodurch er abermalen ein namhaftes von des Juli Gütern zu sich zwackte
und durch solche Treue seines Herrn Gunst verdoppelte. Und dannoch unterliess er
nicht, da und dort zu rupfen, solang Pflaumfedern vorhanden, und als es auf die
Stupflen losgieng, verschonete er deren auch nicht.
    Einsmals fuhr Julus auf der Tems in einem Lustschiff mit seinen nähesten
Verwandten spazieren, unter welchen sich seines Vatters Bruder, ein sehr weiser
und verständiger Herr, auch befand. Dieser redete damal etwas verträulicher mit
ihm als sonsten und führete ihm mit höflichen Worten und glimpflicher Strafe zu
Gemüt, dass er keinen guten Haushalter abgeben werde; er sollte sich und das
Seinige besser beobachten, als er bishero getan etc. Wann die Jugend wüsste, was
das Alter brauchet, so würde sie einen Dukaten eher hundertmal umkehren als
einmal ausgeben etc. Julus lachte darüber, zog einen Ring vom Finger, warf ihn
in die Tems und sagte: »Herr Vetter, sowenig als mir dieser Ring wieder
zuhanden kommen mag, so wenig werde ich das Meinige vertun können.« Aber der
Alte seufzete und antwortete: »Gemach, Herr Vetter! es lässet sich wohl eines
Königs Gut vertun und ein Brunn erschöpfen. Sehet, was Ihr tut!« Aber Julus
kehrete ich von ihm und hassete ihn solcher getreuen Vermahnung wegen mehr, als
er ihn darum sollte geliebt haben.
    Unlängst hernach kamen etliche Kaufherren aus Frankreich; die wollten um das
Hauptgut, so sie ihm zu Paris vorgesetzet, samt dem Interesse bezahlt sein, weil
sie gewisse Zeitung hatten, wie Julus lebte, und dass ihm ein reichbeladenes
Schiff, so seine Eltern nach Alexandriam geschicket hatten, von den Seeräubern
auf dem Mittelländischen Meer wäre hinweggenommen worden. Er bezahlete sie mit
lauter Kleinodien, welches eine gewisse Anzeigung war, dass es mit der Barschaft
an die Neige ging; überdas kam die gewisse Nachricht ein, dass ihm ein ander
Schiff am Gestad von Brasilien gescheitert und eine englische Flotte, an deren
des Juli Eltern am allermeisten interessieret gewesen, unweit den Molukkischen
Insulen von den Holländern zum Teil ruiniert und der Rest gefangen worden.
Solches alles ward bald landkündig, dannenhero ein jeder, der etwas an Julum zu
prätentieren, sich um die Bezahlung anmeldete, also dass es das Ansehen hatte,
als wann ihn das Unglück von allen Enden der Welt her bestreiten wollte. Aber
alle solche Stürme erschröckten ihn nicht so sehr als sein Koch, der ihm Wunders
wegen einen göldenen Ring wiese, den er in einem Fisch gefunden, weil er
denselbigen gleich vor den seinigen erkannte und sich noch nur zu wohl zu
erinnern wusste, mit was vor Worten er denselbigen in die Tems geworfen.
    Er war zwar ganz betrübt und beinahe desperat, schämte sich aber doch, vor
den Leuten scheinen zu lassen, wie es ihm ums Herz war. Indem vernimmt er, dass
des entaubten Königs ältister Prinz mit einer Armee in Schottland ankommen
wäre, hätte auch glücklichen Sukzess und gute Hoffnung, seines Herrn Vatters
Königreich wiederum zu erobern. Solche Gelegenheit gedachte ihm Julus zunutz zu
machen und seine Reputation dadurch zu erhalten. Derowegen mondierte er sich und
seine Leute mit demjenigen, so er noch übrig hatte, und brachte eine schöne
Kompagnie Reuter zusammen, über welche er Avarum zum Leutenant machte und ihm
göldene Berge verhiess, dass er mitgieng, alles unter dem Vorwand, dem Protektor
zu dienen. Als er aber sich reisfertig befand, ging er mit seiner Compagnia in
schnellen Marsch dem jungen schottischen König entgegen und konjungierte sich
mit dessen Corpo, hätte auch wohl gehandelt gehabt, wann es dem König damals
geglückt. Als aber Cromwell dieselbe Kriegsmacht zerstöberte, entrannen Julus
und Avarus kaum mit dem Leben und dorften sich doch beide nirgendsmehr sehen
lassen. Derowegen mussten sie sich wie die wilden Tiere in den Wäldern behelfen
und sich mit Rauben und Stehlen ernähren, bis sie endlich darüber ertappt und
hingerichtet wurden, Julus zwar mit dem Beil und Avarus mit dem Strang, welchen
er schon längst verdient hatte.
    Hierüber kam ich wieder zu mir selber oder erwachte aufs wenigste aus dem
Schlaf und dachte meinem Traum oder Geschicht nach, hielt endlich dafür, dass die
Freigebigkeit leichtlich zu einer Verschwendung und die Gesparsamkeit leicht zum
Geiz werden könne, wann die Weisheit nicht vorhanden, welche Freigebigkeit und
Gesparsamkeit durch Mässigkeit regiere und im Zaum halte. Ob aber der Geiz oder
die Verschwendung den Preis davongetragen, kann ich nicht sagen, glaube aber
wohl, dass sie noch täglich miteinander zu Feld liegen und um den Vorzug
streiten.
 
                              Das neunte Kapitel.
Simplex mit Baldanders viel diskurieret,
Bei dem er treffliche Künste verspüret.
Ich spazierte einsmals im Wald herum, meinen eitelen Gedanken Gehör zu geben; da
fand ich ein steinerne Bildnus liegen in Lebensgrösse, die hatte das Ansehen, als
wann sie irgendeine Statua eines alten teutschen Helden gewesen wäre; dann sie
hatte ein altfränkische Tracht von romanischer Soldatenkleidung, vorn mit einem
grossen Schwabenlatz, und war meinem Bedünken nach überaus künstlich und
natürlich ausgehauen. Wie ich nun so da stund, das Bild betrachtete und mich
verwunderte, wie es doch in diese Wildnus kommen sein möchte, kam mir in Sinn,
es müsste irgends auf diesem Gebürg vor langen Jahren ein heidnischer Tempel
gestanden und dieses der Abgott darin gewesen sein, sah mich derowegen um, ob
ich nichts mehr von dessen Fundament sehen kunnte, ward aber nichts dergleichen
gewahr; sondern dieweil ich einen Hebel fand, den etwan ein Holzhauer liegen
lassen, nahm ich denselben und trat an diese Bildnus, sie umzukehren, um zu
sehen, wie sie auf der andern Seite eine Beschaffenheit hätte. Ich hatte aber
derselben den Hebel kaum untern Hals gesteckt und zu lupfen angefangen, da fieng
sie selbst an, sich zu regen und zu sagen: »Lass mich mit Frieden, ich bin
Baldanders!« Ich erschrak zwar heftig, doch erholte ich mich gleich wiederum und
sagte: »Ich sehe wohl, dass du bald anders bist; dann erst warest du ein toder
Stein, jetzt aber bist du ein beweglicher Leib; wer bist du aber sonst, der
Teufel oder seine Mutter?« - »Nein,« antwortete er, »ich bin deren keins,
sondern Baldanders, massen du mich selbst so genannt und davor erkannt hast; und
konnte es auch wohl müglich sein, dass du mich nit kennen solltest, da ich doch
alle Zeit und Täge deines Lebens bin bei dir gewesen? Dass ich aber niemal mit
dir mündlich geredet habe, wie etwan Anno 1534 den letzten Julii mit Hans
Sachsen, dem Schuster von Nürnberg, ist die Ursache, dass du meiner niemalen
geachtet hast, unangesehen ich dich mehr als andere Leute bald gross, bald klein,
bald reich, bald arm, bald hoch, bald nieder, bald lustig, bald traurig, bald
bös, bald gut, und in Summa bald so und bald anders gemachet habe.« Ich sagte:
»Wann du sonst nichts kannst als dies, so wärest du wohl vor diesmal auch von
mir blieben.« Baldanders antwortete: »Gleichwie mein Ursprung aus dem Paradeis
ist und mein Tun und Wesen bestehet, solang die Welt bleibet, also werde ich
dich auch nimmermehr gar verlassen, bis du wieder zur Erde wirst, davon du
herkommen, es sei dir gleich lieb oder leid.« Ich fragte ihn, ob er dann den
Menschen zu sonst nichts tauge, als sie und alle ihre Händel so mannigfaltig zu
verändern. »O ja,« antwortete Baldanders, »ich kann sie eine Kunst lehren,
dadurch sie mit allen Sachen, so sonst von Natur stumm sein, als mit Stühlen und
Bänken, Kesseln und Häfen etc. reden können, massen ich solches Hans Sachsen auch
unterwiesen, wie dann in seinem Buch zu sehen, darin er ein paar Gespräche
erzählet, die er mit einem Dukaten und einer Rosshaut gehalten.« Auch sagte ich:
»Lieber Baldanders! wann du mich diese Kunst mit Gottes Hülfe auch lernen
könntest, so wollte ich dich mein Lebtag liebhaben.« - »Ja freilich,« antwortete
er, »das will ich gern tun«; nahm darauf mein Buch, so ich eben bei mir hatte,
und nachdem er sich in einen Schreiber verwandelt, schrieb er mir nachfolgende
Worte darein.
    »Ich bin der Anfang und das Ende und gelte an allen Orten.
    Manoha, gilos, timad, isaser, sale, lacob, salet, enni nacob idil dadele
neuavv ide eges Eli neme meodi eledid emonatan desi negogag editor goga nanag
eriden, hohe ritatan auilac, hohe ilamen eriden diledi sisac usur sodaled auar,
amu salif ononor macheli retoran; Vlidon dad amu ossosson, Gedal amu bede
neuavv, aliis, dilede, ronodavv agnoh regnoh eni tatæ hyn lamini celotah, isis
tolostabas oronatah assis tobulu, Wiera saladid egrivi nanon ægar rimini sisac,
heliosole Ramelu ononor vvindelishi timinitur bagoge gagoe hananor elimitat.«
    Als er dies geschrieben, ward er zu einem grossen Eichbaum, bald darauf zu
einer Sau, geschwind zu einer Bratwurst und unversehens zu einem grossen
Bauerndreck (mit Gunst); er machte sich zu einem schönen Kleewasen und, eh ich
mich versah, zu einem Kühfladen, item zu einer schönen Blume oder Zweig, zu
einem Maulbeerbaum und darauf in einem schönen seidenen Teppich etc., bis er
sich endlich wieder in menschliche Gestalten veränderte und dieselbe öfter
verwechselte, als solche gedachter Hans Sachs von ihm beschrieben. Und weil ich
von so unterschiedlichen schnellen Verwandlungen weder im Ovidio noch sonsten
nirgends gelesen (dann den mehrgedachten Hans Sachsen hatte ich damals noch
nicht gesehen), gedachte ich, der alte Proteus sei wieder von den Toden
auferstanden, mich mit seiner Gaukelei zu äffen, oder es sei vielleicht der
Teufel selbst, mich als einen Einsiedler zu versuchen und zu betrügen. Nachdem
ich aber von ihm verstanden, dass er mit bessern Ehren den Mond in seinem Wappen
führe als der türkische Kaiser, item dass die Unbeständigkeit sein Aufentalt,
die Beständigkeit aber seine ärgste Feindin sei, um welche er sich gleichwohl
keine Schnalle schere, weil er mehrenteils sie flüchtig mache, veränderte er
sich in einen Vogel, flohe schnell davon und liess mir das Nachsehen.
    Darauf satzte ich mich nieder in das Gras und fieng an, diejenigen Worte zu
betrachten, die mir Baldanders hinterlassen, die Kunst, so ich von ihm zu lernen
hatte, daraus zu begreifen; ich hatte aber nicht das Herz, selbige
auszusprechen, weil sie mir vorkamen, wie diejenige, damit die Teufelsbanner die
höllischen Geister beschweren und andere Zauberei treiben, massen sie dann auch
ebenso seltsam, unteutsch und unverständlich scheinen. Ich sagte zu mir selber:
»Wirst du sie anfahen zu reden, wer weiss, was du alsdann vor Hexengespenst damit
herbeilockest? Vielleicht ist dieser Baldanders der Satan gewesen, der dich
hierdurch verführen will; weisst du nicht, wie es den alten Einsiedlern
ergangen?« Aber gleichwohl unterliess mein Vorwitz nit, die geschriebene Worte
stetig anzuschauen und zu betrachten, weil ich gern mit stummen Dingen hätte
reden können, sintemalen auch andere die unvernünftige Tiere verstanden haben
sollen; ward demnach je länger je verpichter darauf, und weil ich, ohn Ruhm zu
melden, ein ziemlicher Zifferant bin und meine geringste Kunst ist, einen Brief
auf einen Faden oder wohl gar auf ein Haar zu schreiben, den wohl kein Mensch
wird aussinnen oder erraten können, zumalen auch vorlängsten wohl andere
verborgene Schriften ausspekulieret, als die Steganographie Tritemii sein mag;
als sah ich auch diese Schrift mit andern Augen an und fand gleich, dass
Baldanders mir die Kunst nicht allein mit Exempeln, sondern auch in obiger
Schrift mit guten teutschen Worten viel aufrichtiger kommunizieret, als ich ihm
zugetrauet. Damit war ich nun wohl zufrieden und achtete meiner neuen
Wissenschaft nit sonderlich, sondern ging zu meiner Wohnung und las die
Legenden der alten Heiligen, nicht allein durch gute Beispiele mich in meinem
abgesonderten Leben geistlich zu erbauen, sondern auch die Zeit zu passieren.
 
                              Das zehnte Kapitel.
Simplex, der Eremit, wird ein Wallbruder
Und gerät wiederum ziemlich ins Luder.
Das Leben des heiligen Alexii kam mir im ersten Griff unter die Augen, als ich
das Buch aufschlug; da fand ich, mit was vor einer Verachtung der Ruhe er das
reiche Haus seines Vatters verlassen, die heiligen Örter hin und wieder mit
grosser Andacht besuchet und endlich beides, seine Pilgerschaft und Leben, unter
einer Stiegen in höchster Armut mit unvergleichlicher Gedult und wunderbaren
Beständigkeit seliglich beschlossen hätte. »Ach!« sagte ich zu mir selbst,
»Simplici, was tust du? Du liegst hier auf der faulen Bärenhaut und dienest
weder Gott noch Menschen! Wer allein ist, wann derselbe fället, wer wird ihm
wieder aufhelfen? ist es nicht besser, du dienest deinen Nebenmenschen und sie
dir hingegen hinwiederum, als dass du hier ohn alle Leutseligkeit in der Einsame
sitzest wie eine Nachteule? Bist du nicht ein todes Glied des menschlichen
Geschlechts, wann du hier verharrest? Und zwar wie wirst du den Winter ausdauern
können, wann dies Gebürge mit Schnee bedeckt und dir nit mehr wie jetzt von den
Nachbarn dein Unterhalt gebracht wird? Zwar diese ehren dich jetzunder wie ein
Orakul; wann du aber verneujahren hast, werden sie dich nicht mehr würdigen,
über eine Achsel anzuschauen, sondern anstatt dessen, das sie dir jetzt
hertragen, dich vor ihren Türen mit Helf dir Gott! abspeisen. Vielleicht ist dir
Baldanders darum persönlich erschienen, damit du dich beizeiten vorsehen und in
die Unbeständigkeit dieser Welt schicken sollest.« Mit solchen und dergleichen
Anfechtungen und Gedanken ward ich gequälet, bis ich mich endlich entschloss, aus
einem Wald- ein Wallbruder oder Pilger zu werden.
    Demnach ertappte ich unversehens meine Schere und stutzte meinen langen
Rock, der mir allerdings auf die Füsse ging und, solang ich ein Einsiedel
gewesen, anstatt eines Kleides, auch Unter- und Oberbetts gedient hatte; die
abgeschnittene Stück aber satzte ich darauf und darunter, wie es sich schickte,
doch also, dass es mir zugleich Säcke und Taschen abgab, dasjenige, so ich etwan
erbettlen möchte, darin zu verwahren; und weil ich keinen proportionierlichen
Jakobsstab mit feinen gedreheten Knöpfen haben konnte, überkam ich einen wilden
Äpfelstamm, damit ich einen, wanngleich er seinen Degen in der Faust gehabt, gar
wohl schlafen zu legen getrauet, welchen böhmischen Ohrleffel mir folgends ein
frommer Schlosser auf meiner Wanderschaft mit einer starken Spitze trefflich
versehn, damit ich mich vor den Wölfen, die mir etwan unterwegs begegnen
möchten, erwehren konnte.
    Solchergestalt ausstaffiert, machte ich mich in das wilde Schapbach, und
erbettlete von selbigem Pastor einen Schein oder Urkund, dass ich mich unweit
seiner Pfarr als ein Eremit erzeiget und gelebet hätte, nunmehr aber willens
wäre, die heilige Örter hin und wieder andächtig zu besuchen, unangesehen mir
derselbe vorhielte, dass er mir nicht recht traue. »Ich schätze, mein Freund,«
sagte er, »du habest entweder ein schlimm Stück begangen, dass du deine Wohnung
so urplötzlich verlässest, oder habest im Sinn, einen andern Empedoclem
Agrigentinum abzugeben, welcher sich in den Feuerberg Aetnam stürzete, damit man
glauben sollte, er wäre, weil man ihn sonst nirgends finden könnte, gen Himmel
gefahren. Wie wäre es, wann es mit dir eine von solchen Meinungen hätte und ich
dir mit Erteilung meiner bessern Zeugnus darin hülfe?« Ich wusste ihm aber mit
meinen guten Maulleder unter dem Schein frommer Einfalt und heiliger
aufrichtiger Meinung dergestalt zu begegnen, dass er mir gleichwohl angeregte
Urkund mitteilete; und bedünkte mich, ich spürete einen heiligen Neid oder Eifer
an ihm, und dass er meine Wegkunft gern sehe, weil der gemeine Mann wegen eines
so ungewöhnlichen strengen und exemplarischen Lebens mehr von mir hielt als von
etlichen Geistlichen in der Nachbarschaft, unangesehen ich ein schlimmer
liederlicher Kund war, wann man mich gegen den rechten wahren Geistlichen und
Dienern Gottes hätte abschätzen sollen.
    Damal war ich zwar noch nicht so gar gottlos, wie ich hernach ward, sondern
hätte mich noch wohl vor einen solchen Vergangenen, der eine gute Meinung und
Vorsatz [hat]. Sobald ich aber mit andern alten Landstörzern bekannt ward und
mit denselben vielfältig umgieng und konversierte, ward ich je länger je ärger,
also dass ich zuletzt gar wohl vor einen Vorsteher, Zunftmeister und Präzeptor
derjenigen Gesellschaft hätte passieren mögen, die aus der Landfahrerei zu
keinem andern Ende ein Profession machen, als ihre Nahrung damit zu gewinnen.
Hierzu war mein Habit und Leibesgestalt fast bequem und beförderlich, sonderlich
die Leut zur Freigebigkeit zu bewegen. Wann ich dann in einen Flecken kam oder
in eine Stadt gelassen ward, vornehmlich an den Sonn- und Feiertägen, so kriegte
ich gleich von Jungen und Alten einen grössern Umstand als der beste
Markschreier, der ein paar Narren, Affen und Meerkatzen mit sich führet. Alsdann
hielten mich teils wegen meines langen Haars und wilden Barts vor einen alten
Propheten, weil ich, es war gleich Wetter, wie es wollte, barhäubtig ging,
andere vor sonst einen seltsamen Wundermann, die allermeiste aber vor den ewigen
Juden, der bis an den Jüngsten Tag in der Welt herumlaufen soll. Ich nahm kein
Gelt zum Almosen an, weil ich wusste, was mir solche Gewohnheit in meiner
Eremitage genutzt; und wann mich jemand dessen etwas zu nehmen dringen wollte,
sagte ich: »Die Bettler sollen kein Gelt haben!« Damit brachte ich zuwege, wo
ich etwan ein paar Heller verschmähete, dass mir hingegen beides, an Speise und
Trank, mehrers geben würde, als ich sonst um ein paar Kopfstück hätte kaufen
mögen.
    Also marschierte ich die Gutach hinauf über den Schwarzwald auf Villingen,
dem Schweizerland zu, auf welchem Weg mir nichts Notabels oder Ungewöhnliches
begegnete, als was ich allererst gemeldet. Von dannen wusste ich den Weg selbst
auf Einsiedlen, dass ich deswegen niemand fragen dorfte; und da ich Schaffhausen
erlangte, ward ich nicht allein eingelassen, sondern auch nach vielem Fatzwerk,
so das Volk mit mir hatte, von einem ehrlichen wohlhäbigen Burger freundlich zur
Herberge aufgenommen; und zwar so war es Zeit, dass er kam und sich meiner als
ein wohlgereister Junker, der ohn Zweifel in der Fremde auf seinen Reisen viel
Sauers und Süsses erfahren, erbarmete, weil gegen Abend etlich böse Buben
anfiengen, mich mit Gassenkot zu werfen.
 
                               Das elfte Kapitel.
Simplex wird von eim vom Adel gastiert,
Seltsam Diskurs mit eim Schermesser führt.
Mein Gasterr hatte ein halbes Tümmelchen, da er mich heimbrachte; dahero wollte
er desto genauer von mir wissen, woher, wohin, was Profession und dergleichen?
Und da er hörete, dass ich ihm von so vielen unterschiedlichen Ländern, die ich
mein Tage durchstrichen, zu sagen wusste, welche sonst nicht bald einem jeden zu
sehen werden, als von der Moskau, Tartarei, Persien, China, Türkei und unsern
Antipodibus, verwunderte er sich trefflich und traktierte mich mit lauter
Veltliner- und Ötschwein. Er hatte selbst Rom, Venedig, Ragusa, Konstantinopel
und Alexandriam gesehen; als derowegen ich ihm viel Wahrzeichen und Gebräuche
von solchen Örtern zu sagen wusste, glaubte er mir auch, was ich ihm von fernern
Ländern und Städten aufschnitt, dann ich regulierte mich nach Samuel von Golau
Reim, wann er spricht:
»Wer lügen will, der lüg von fern!
Wer zieht dahin, erfährets gern?«
Und da ich sah, dass es mir so wohl gelung, kam ich mit meiner Erzählung fast in
der ganzen Welt herum: da war ich selbst in des Plinii dicken Wald gewesen,
welchen man bisweilen bei den Aquis Cutiliis antreffe, denselben aber hernach,
wann man ihn mit höchstem Fleiss suche, gleichwohl weder bei Tag und Nacht mehr
finden könne. Ich hatte selbst von dem lieblichen Wundergewächs Borametz in der
Tartarei gessen, und wiewohl ich dasselbe mein Tage nit gesehen, so konnte ich
jedoch meinem Wirt von dessen anmutigem Geschmack dermassen diskurieren, dass ihm
das Maul wässerig davon ward. Ich sagte: »Es hat ein Fleischlein wie ein Krebs;
das hat eine Farbe wie ein Rubin oder roter Pfersig, und einen Geruch, der sich
beides, den Melonen und Pomeranzen, vergleichet.« Benebens erzählete ich ihm
auch, in was Schlachten, Scharmützlen und Belägerungen ich mein Tage gewesen
wäre, log aber auch etwas mehrers darzu, weil ich sah, dass ers so haben wollte,
massen er sich mit solchen und dergleichen Geschwätz wie die Kinder mit den
Mährlein aufziehen liess, bis er darüber entschlief und ich in eine
wohlakkommodierte Kammer zu Bett geführet ward, da ich dann in einem sanften
Bett uneingewiegt einschliefe, welches mir lang nit widerfahren war.
    Ich erwachte viel früher als die Hausgenossen selbst, kunnte aber darum
nicht aus der Kammer kommen, ein Last abzulegen, der zwar nicht gross, aber doch
sehr beschwerlich war, sie über die bestimmte Zeit zu tragen; fand mich aber
hinter einer Tapezerei mit einem herzu bestimmten Ort, welchen etliche eine
Kanzlei zu nennen pflegen, viel besser versehen, als ich in solcher Not hätte
hoffen dörfen. Daselbstin satzte ich mich eilend zu Gericht und bedachte,
wieweit meine edle Wildnus dieser wohlgezierten Kammer vorzuziehen wäre, als in
welcher beides, Fremd und heimisch, an jeden Orten und Enden ohn Erdulten einer
solchen Angst und Drangsal, die ich dazumal überstanden hatte, stracks
niederhocken könnte. Nach Erörterung der Sache, als ich eben an des Baldanders
Lehre und Kunst gedachte, langte ich aus einem neben mir hangenden Garvier ein
Oktav von einem Bogen Papier, an demselben zu exequieren, worzu es neben andern
mehr seinen Kameraden kondemnieret und daselbst gefangen war. »Ach!« sagte
dasselbige, »so muss ich dann nun auch vor meine treue geleiste Dienste und lange
Zeit überstandene vielfältige Peinigungen, zugenötigte Gefahren, Arbeiten,
Ängsten, Elend und Jammer, nun ererst den allgemeinen Dank der ungetreuen Welt
erfahren und einnehmen! Ach, warum hat mich nit gleich in meiner Jugend ein Fünk
oder Goll aufgefressen und alsobald Dreck aus mir gemachet, so hätte ich doch
meiner Mutter, der Erden, gleich wiederum dienen und durch meine angeborne
Feistigkeit ihro ein liebliches Waldblümlein oder Kräutlein herfürbringen helfen
können, eh dass ich einem solchen Landfahrer den Hindern hätte wischen und meinen
endlichen Untergang im Scheisshaus nehmen müssen? Oder warum werde ich nicht in
eines Königs von Frankreich Sekret gebrauchet, dem der von Navarra den Arsch
wischet, wovon ich dann viel grössere Ehre gehabt hätte, als einem entlaufenen
Monacho zu Dienst zu stehen?« Ich antwortete: »Ich höre an deinen Reden wohl,
dass du ein nichtswertiger Gesell und keiner andern Begräbnus würdig seist als
eben derjenigen, darin ich dich jetzunder senden werde; und wird gleich gelten,
ob du durch einen König oder Bettler an einen solchen stinkenden Ort begraben
wirst, davon du so grob und unhöflich sprechen darfst, dessen aber ich mich
hingegen herzlich gefreuet. Hast du aber etwas deiner Unschuld und dem
menschlichen Geschlecht treugeleister Dienste wegen vorzubringen, so magst du es
tun; ich will dir gern, weil noch jedermann im Hause schläft, Audienz geben und
dich nach befindenden Dingen von deinem gegenwärtigen Untergang und Verderben
konservieren.«
    Hierauf antwortete das Schermesser: »Meine Voreltern seind erstlich nach
Plinii Zeugnus lib. 20, cap. 23, in einem Wald, da sie auf ihrem eignen Erdreich
in erster Freiheit wohneten und ihr Geschlecht ausbreiteten, gefunden, in
menschliche Dienste als ein wildes Gewächs gezwungen und samentlich Hanf
genennet worden; von denselbigen bin ich zu Zeiten Wenceslai in dem Dorf
Goldscheur als ein Samen entsprossen und erzielt; von welchem Ort man sagt, dass
der beste Hanfsamen in der Welt wachse. Daselbst nahm mich mein Erzieler von den
Stengeln meiner Eltern und verkaufte mich gegen dem Frühling einem Kramer, der
mich unter andern fremden Hanfsamen mischte und mit uns schacherte. Derselbe
Kramer gab mich folgends einem Bauer in der Nachbarschaft zu kaufen und gewann
an jedem Sester einen halben Goldgülden, weil wir unversehens aufschlugen und
teuer wurden: war also gemeldter Kramer der zweite, so an mir gewann, weil mein
Erzieler, der mich anfänglich verkaufte, den ersten Gewinn schon hinweghatte.
Der Bauer aber, so mich vom Kramer erhandelt, warf mich in einen wohlgebauten
fruchtbaren Acker, allwo ich im Gestank des Ross-, Schwein-, Kühe- und andern
Mists vermodern und ersterben musste; doch brachte ich aus mir selber einen
hohen stolzen Hanfstengel hervor, in welchen ich mich nach und nach veränderte
und stracks zu mir selbst in meiner Jugend sagte: Nun wirst du, gleich deinen
Urahnen, ein fruchtbarer Vermehrer deines Geschlechts werden und mehr Körnlein
Samen hervorbringen, als jemals einer aus ihnen nicht getan. Aber kaum hatte
sich meine Freiheit mit solcher eingebildeten Hoffnung ein wenig gekitzelt, da
musste ich von vielen Vorübergehenden hören: Schauet, was vor ein grosser Acker
voll Galgenkraut! welches ich und meine Brüder alsobalden vor kein gut Omen vor
uns hielten. Doch trösteten uns hinwiederum etlicher ehrbarn alten Bauern Reden,
wann sie sagten: Sehet! was vor ein schöner trefflicher Hanf ist das! Aber
leider! wir wurden bald hernach gewahr, dass wir von den Menschen beides, wegen
ihres Geizes und ihrer armseligen Bedörftigkeit, nit dagelassen würden, unser
Geschlecht ferner zu propagieren, allermassen, als wir bald Samen zu bringen
vermeinten, wir von unterschiedlichen starken Gesellen ganz unbarmherzigerweise
aus dem Erdreich gezogen und als gefangene Übeltäter in grosse Gebund
zusammengekuppelt worden, vor welche Arbeit sie dann ihren Lohn und also den
dritten Gewinn empfiengen, so die Menschen von uns einzuziehen pflegen.
    Damit aber war es noch lang nicht genug, sondern unser Leiden und der
Menschen Tyrannei fieng ererst an, aus uns, einem namhaften Gewächs, ein pures
Menschengedicht (wie etliche das liebe Bier nennen) zu verkünstlen; dann man
schleppte uns in eine tiefe Grube, packte uns übereinander und beschwerte uns
dermassen mit Steinen, gleichsam als wann wir in einer Presse gestecket wären;
und hiervon kam der vierte Gewinn denjenigen zu, die solche Arbeit verrichteten.
Folgends liess man die Gruben voll Wasser laufen, also dass wir überall
überschwemmt würden, gleichsam als ob man uns ererst hätte ertränken wollen,
unangesehen allbereit schwache Kräften mehr bei uns waren. In solcher Beisse liess
man uns sitzen, bis die Zierde unserer ohndas bereits verwelkten Blätter
folgends verfaulte und wir selbst beinahe erstickten und verdurben; alsdann liess
man ererst das Wasser wieder ablaufen, trug uns aus und setzte uns auf einen
grünen Wasen, allwo uns bald Sonne, bald Regen, bald Wind zusetzte, also dass
sich die liebliche Luft selber ob unserm Elend und Jammer entsatzte,
veränderte und alles um uns herum verstänkerte, dass schier niemand bei uns
vorübergieng, der nit die Nase zuhielt oder doch wenigst sagte: Pfui Teufel!
Aber gleichwohl bekamen diejenige, so mit uns umgiengen, den fünften Gewinn zu
Lohn. In solchem Stand mussten wir verharren, bis beides, Sonne und Wind, uns
unserer letzteren Feuchtigkeit beraubet und uns mitsamt dem Regen wohl gebleicht
hatten; darauf wurden wir von unseren Bauern einem Hänfer oder Hanfbereiter um
den sechsten Gewinn verkauft. Also bekamen wir den vierten Herrn, seit ich nur
ein Samkörnlein gewesen war. Derselbe legte uns unter einen Schopf in eine kurze
Ruhe, nämlich so lang, bis er anderer Geschäften halber der Weil hatte und
Taglöhner haben könnte, uns ferners zu quälen. Da dann der Herbst und alle
andere Feldarbeiten vorbei waren, nahm er uns nacheinander hervor, stellete uns
zweidutzetweis in ein kleines Stübel hinter dem Ofen und heizte dermassen ein,
als wann wir die Franzosen hätten ausschwitzen sollen, in welcher höllischen Not
und Gefahr ich oft gedachte, wir würden dermaleins samt dem Haus in Flammen gen
Himmel fahren, wie dann auch oft geschiehet. Wann wir dann durch solche Hitze
viel feurfähiger wurden als die beste Schwebelhölzlein, überantwortete er uns
noch einem strengeren Henker, welcher uns handvollweis unter die Breche nahm und
alle unsere innerliche Gliedmassen hunderttausendmal kleiner zerstiesse, als man
dem ärgsten Erzmörder mit dem Rad zu tun pfleget, uns hernach aus allen Kräften
um einen Stock herum schlagende, damit unsere zerbrochene Gliedmassen sauber
herausfallen sollten, also dass es ein Ansehen hatte, als wann er unsinnig worden
wäre und ihm der Schweiss und zuzeiten auch ein Ding, so sich darauf reimet,
darüber ausgieng. Hierdurch ward dieses der siebende, so unsertwegen einen
Gewinn hintrug.
    Wir gedachten, nunmehr, könnte nichts mehr ersonnen werden, uns ärger zu
peinigen, vornehmlich weil wir dergestalt voneinander separiert und hingegen
doch miteinander also konjungiert und verwirret waren, dass jeder sich selbst und
das Seinige nicht mehr kannte, sondern jedweder Haar oder Bast gestehen musste,
wir wären gebrächter Hanf. Aber man brachte uns ererst auf eine Blaul, allda wir
solchermassen gestampft, gestossen, zerquetscht, geschwungen und, mit einem Wort
zu sagen, zerrieben und abgeblaulet worden, als wann man lauter Amiantum,
Asbeston, Bissinum, Seiden, oder wenigst einen zarten Flachs aus uns hätte
machen wollen. Und von solcher Arbeit genoss der Blauler den achten Gewinn, den
die Menschen von mir und meinesgleichen schöpfen. Noch selbigen Tag ward ich als
ein wohlgeblauleter und geschwungner Hanf ererst etlichen alten Weibern und
jungen Lehrdienern übergeben, die mir ererst die allergrösste Marter antäten, als
ich noch nie erfahren; dann sie anatomierten mich auf ihren unterschiedlichen
Hechlen dermassen, dass es nicht auszusprechen ist. Da hechelte man erstlich den
groben Kuder, folgends den Spinnhanf und zuletzt den schlechten Hanf von mir
hinweg, bis ich endlich als ein zarter Hanf und feines Kaufmannsgut gelobt und
zum Verkauf zierlich gestrichen, eingepackt und in einen feuchten Keller gelegt
ward, damit ich im Angriff desto linder und am Gewicht desto schwerer sein
sollte. Solchergestalt erlangte ich abermal eine kurze Ruhe und freuete mich,
dass ich dermaleins durch Überstehung so vielen Leides und Leidens zu einer
Materi worden, die euch Menschen so nötig und nützlich wäre. Indessen hatten
besagte Weibsbilder den neunten Lohn von mir dahin, welches mir einen
sonderbaren Trost und Hoffnung gab, wir würden nunmehr (wie wir die Neune als
eine englische und allerwunderbarlichste Zahl erlanget und erstritten hätten)
aller Marter überhoben sein.«
 
                              Das zwölfte Kapitel.
Simplex noch weiter am heimlichen Ort
Seine Red mit dem Schermesser führt fort.
»Den nächsten Marktag trug mich mein Herr in ein Zimmer, welches man eine Fass-
oder Packkammer nennet; da ward ich geschauet, vor gerechte Kaufmannsware
erkannt und abgewogen, folgends einem Fürkäufler verhandelt, verzollet, auf
einen Wagen verdingt, nach Strassburg geführet, ins Kaufhaus geliefert, abermals
geschauet, vor gut erkannt, verzollet und einem Kaufherrn verkauft, welcher mich
durch die Kärchelzieher nach Haus führen und in ein sauber Zimmer aufheben liess,
bei welchem Aktu mein gewesener Herr, der Hänfer, den zehenden, der Hanfschauer
den eilften, der Wäger den zwölften, der Zöller den dreizehenden, der Vorkäufler
den vierzehenden, der Fuhrmann den funfzehenden, das Kaufhaus den sechzehenden,
und die Kärchelzieher, die mich dem Kaufmann heimführeten, den siebenzehenden
Gewinn bekamen. Dieselbe nahmen auch mit ihrem Lohn den achtzehenden Gewinn hin,
da sie mich auf ihren Kärchen zu Schiff brachten, auf welchem ich den Rhein
hinunter bis nach Zwoll gebracht ward, und ist mir unmüglich, alles zu erzählen,
wer alls unterwegs sein Gebühr an Zöllen und anderen, und also auch einen Gewinn
von meinetwegen empfangen; dann ich war dergestalt eingepackt, dass ichs nicht
wissen konnte.
    Zu Zwoll genoss ich wiederum eine kurze Ruhe; dann ich ward daselber von
der mittlern oder engeländischen Ware ausgesondert, wiederum von neuem
anatomiert und gemartert, in der Mitten voneinander gerissen, geklopft und
gehechelt, bis ich so rein und zart ward, dass man wohl reiner Ding als
Klosterzwirn aus mir hätte spinnen mögen. Darnach ward ich nach Amsterdam
gefertiget, alldorten gekauft und verkauft und dem weiblichen Geschlecht
übergeben, welche mich auch zu zartem Garn machten und mich unter solcher Arbeit
gleichsam alle Augenblicke küssten und leckten, also dass ich mir einbilden müsste,
alles mein Leiden würde dermaleins seine Endschaft erreichet haben; aber kurz
darnach ward ich gewaschen, gewunden, dem Weber unter die Hände geben, gespult,
mit einer Schlicht gestrichen, an Weberstuhl gespannet, gewebet und zu einem
feinen holländischen Leinwad gemachet, folgends gebleicht und einem Kaufherrn
verkauft, welcher mich wiederum ellenweis verhandelte. Bis ich aber so weit kam,
erlitte ich viel Abgang. Das erste und gröbste Werk, so von mir abgieng, ward zu
Lunden gesponnen, in Kühedreck gesotten und hernach verbrannt. Aus dem andern
Abgang spannen die alte Weiber ein grobes Garn, welches zu Zwilch und Sacktaffet
gewebet ward; der dritte Abgang gab ein ziemlich grobes Garn, welches man
Bärtleingarn nennet und doch vor Hänfin verkauft ward; aus dem vierten Abgang
ward zwar ein feiner Garn und Tuch gemachet, es mochte mir aber nicht gleichen,
geschweige jetzt der gewaltigen Säuler, die aus meinen Kameraten, den andern
Hanfstengelen, daraus man Schleisshanf machte, zugerichtet wurden, also dass mein
Geschlecht den Menschen trefflich nutz, ich auch beinahe nicht erzählen kann,
was ein und anders vor Gewinn von denselbigen schöpfet. Den letzten Abgang litte
ich selbst, als der Weber ein paar Knäul Garn von mir nach den diebischen Mäusen
warf.
    Von obgemeldtem Kaufherrn erhandelte mich eine Edelfrau, welche das ganze
Stück Tuch zerschnitte und ihrem Gesind zum Neuen Jahr verehrete. Da ward
derjenige Partikul, davon ich mehrenteils meinen Ursprung habe, der Kammermagd
zuteil, welche ein Hemd daraus machte und trefflich mit mir prangte. Da erfuhr
ich, dass es nicht alle Jungfer seind, die man so nennet; dann nicht allein der
Schreiber, sondern auch der Herr selber wussten sich bei ihr zu behelfen, weil
sie nicht hässlich war. Solches hatte aber die Länge keinen Bestand, dann die
Frau sah einsmals selber, wie ihre Magd ihre Stelle vertratt; sie bollerte
aber deswegen darum nit so gar greulich, sondern tät als eine vernünftige Dame,
zahlte ihre Magd aus und gab ihr einen freundlichen Abschied. Dem Junker aber
gefiel es nicht beim besten, dass ihm solch Fleisch aus den Zähnen gezogen ward,
sagte derowegen zu seiner Frau, warum sie diese Magd abschaffe, die doch ein so
hurtig, geschicktes und fleissiges Mensch sei. Sie aber antwortete: Lieber
Junker, seid nur unbekümmert, ich will hinfort ihre Arbeit schon selber
versehen.
    Hierauf begab sich meine Jungfer mit ihrer Bagage, darunter ich ihr bestes
Hemd war, in ihre Heimat nach Cammerich und brachte einen ziemlichen schweren
Beutel mit sich, weil sie vom Herrn und der Frau ziemlich viel verdienet und
solchen ihren Lohn fleissig zusammengesparet hatte. Daselbst fand sie keine so
fette Küchen, als sie eine verlassen müssen, aber wohl etliche Buhler, die sich
in sie vernarreten und ihr beides, zu wäschen und zu nähen, brachten, weil sie
eine Profession daraus machte und sich damit zu ernähren gedachte. Unter solchen
war ein junger Schnauzhahn, dem sie das Seil über die Hörner warf und sich vor
ein Jungfer verkaufte. Die Hochzeit ward gehalten; weil aber nach verflossenem
Küssmonat gnugsam erschien, dass sich bei jungen Eheleuten das Vermügen und
Einkommen nit so weit erstrecke, sie zu unterhalten, wie sie bisher bei ihren
Herrn gewohnet gewesen, zumalen eben damal im Land von Lützemburg Mangel an
Soldaten erschiene; als ward meiner jungen Frau ihr Mann ein Kornett, vielleicht
deswegen, weil ihm ein anderer den Raum abgehoben und Hörner aufgesetzet hatte.
Damal fieng ich an, ziemlich dürr und brechhaftig zu werden; derowegen
zerschnitte mich meine Frau zu Windeln, weil sie ehistens eines jungen Erben
gewärtig wär. Von demselbigen Bankart ward ich nachgehends, als sie genesen,
täglich verunreinigt und ebensooft wieder ausgewaschen, welches uns dann endlich
so blöd machte, dass wir hierzu auch nichts mehr taugten und derowegen von meiner
Frau gar hingeworfen, von der Wirtin im Haus aber, welche gar eine gute
Haushalterin war, wieder aufgehoben, ausgewäschen und zu andern dergleichen
alten Lumpen auf die obere Bühne geleget. Daselbst mussten wir verharren, bis ein
Kerl von Spinal kam, der uns von allen Orten und Enden her versammlete und mit
sich heim in eine Papiermühle führete. Daselbst wurden wir etlichen alten
Weibern übergeben, die uns gleichsam zu lauter Streichpletzen zerrissen, allwo
wir dann mit einem rechten Jammergeschrei unser Elend einander klagten. Damit
hatte es aber darum noch kein Ende, sondern wir wurden in der Papiermühle gleich
einem Kinderbrei zerstossen, dass man uns wohl vor keinen Hanf oder Flachsgewächs
mehr hätte erkennen mögen, ja endlich eingebeizt, in Kalch und Alaun und gar in
Wasser zerflöst, also dass man wohl von uns mit Wahrheit hätte sagen können, wir
sein ganz vergangen gewesen. Aber unversehens ward ich zu einem feinen Bogen
Schreibpapier kreiert, durch andere mehr Arbeiten neben anderen meinen Kameraden
mehr erstlich in ein Buch, endlich in ein Riss und alsdann ererst wieder unter
die Presse gefördert, zuletzt zu einen Ballen gepackt und die einstehende Messe
nach Zurzach gebracht, daselbst einem Kaufmann von Zürch verhandelt, welcher uns
nach Haus brachte und dasjenige Riss, darin ich mich befand, einem Faktor oder
Haushalter eines grossen Herrn wiederverkaufte, der ein gross Buch oder Journal
aus mir machte. Bis aber solches geschahe, ging ich den Leuten wohl
sechsunddreissigmal durch die Hände, seiter ich ein Lump gewesen.
    Dieses Buch nun, worin ich als ein rechtschaffner Bogen Papier auch die
Stelle zweier Blätter vertrat, liebte der Faktor so hoch als Alexander Magnus
den Homerum; es war sein Virgilius, darin Augustus so fleissig studiert, sein
Oppianus, darin Antonius, Kaisers Severi Sohn, so emsig gelesen, seine
Commentarii Plinii Junioris, welche Largius Licinus so wert gehalten, sein
Tertullianus, den Cyprianus allezeit in Händen gehabt, seine Paedia Cyri, welche
ihm Scipio so gemein gemachet: sein Philolaus Pytagoricus, daran Plato so
grossen Wohlgefallen getragen, sein Speusippus, den Aristoteles so hoch geliebt,
sein Cornelius Tacitus, der Kaiser Tacitum so höchlich erfreuet, sein Comminäus,
den Carolus Quintus vor allen Skribenten hochgeachtet, und in Summa Summarum
seine Bibel, darin er Tag und Nacht studierete, zwar nicht deswegen, dass die
Rechnung aufrichtig und just sein, sondern dass er seine Diebsgriffe bemänteln,
seine Untreue und Bubenstücke bedecken und alles dergestalt setzen möchte, dass
es mit dem Journale übereinstimme.
    Nachdem nun bemeldtes Buch überschrieben war, ward es hingestellet, bis Herr
und Frau den Weg aller Welt giengen, und damit genosse ich eine ziemliche Ruhe.
Als aber die Erben geteilet hatten, ward das Buch von denselben zerrissen und zu
allerhand Packpapier gebraucht, bei welcher Okkasion, ich zwischen einen
verbrämten Rock geleget ward, damit beides, Zeug und Possamenten, keinen Schaden
litten, und also ward ich hiehergeführet und nach der Wiederauspackung an diesen
Ort kondemniert, den Lohn meiner dem menschlichen Geschlecht treugeleisten
Dienste mit meinem endlichen Untergang und Verderben zu empfangen, wovor du mich
aber wohl erretten könntest.«
    Ich antwortete: »Weil dein Wachstum und Fortzielung aus Feistigkeit der
Erde, welche durch die Excrementa der Animalien erhalten werden muss, ihren
Ursprung, Herkommen und Nahrung empfangen, zumalen du auch ohndas solcher Materi
gewohnet und, von solchen Sachen zu reden, ein grober Gesell bist, so ist
billig, dass du wieder zu deinem Ursprung kehrest, worzu dich dann auch dein
eigner Herr verdammt hat.« Damit exequierte ich das Urtel; aber das Schermesser
sagte: »Gleichwie du jetzunder mit mir prozedierest, also wird auch der Tod mit
dir verfahren, wann er dich nämlich wieder zur Erden machen wird, davon du
genommen worden bist, und davor wird dich nichts fristen mögen, wie du mich vor
diesmal hättest erhalten können.«
 
                            Das dreizehnte Kapitel.
Simplex erzählet, was vor eine Kunst
Er seinen Gastwirt gelehrt vor die Gunst.
Ich hatte den Abend zuvor eine Spezifikation verloren aller meiner gewissen
Künste, die ich etwan hiebevor geübet und aufgeschrieben hatte, damit ich solche
nicht so leichtlich vergessen sollte; es stund aber darum nicht dabei,
welchergestalt und durch was Mittel solche zu praktizieren. Zum Exempel setze
ich den Anfang solcher Verzeichnus hieher:
    »Lunten oder Zindstrick zuzurichten, dass sie nicht rieche, als durch welchen
Geruch oft die Musketierer verraten und dero Anschläg zunicht werden.
    Lunten zuzurichten, dass sie brenne, wanngleich sie nass wird.
    Pulver zuzurichten, dass es nicht brenne, wanngleich man einen glühenden
Stahl hineinstecket, welches den Festungen nützlich, die des gefährlichen Gastes
eine grosse Quantität herbergen müssen.
    Menschen oder Vögel allein mit Pulver zu schiessen, dass sie eine Zeitlang vor
tod liegen bleiben, hernach aber ohn allen Schaden wieder aufstehen.
    Einem Menschen eine doppelte Stärke ohn Eberswurzel und dergleichen
verbottene Sachen zuwegen zu bringen.
    Wann man in Ausfällen verhindert wird, dem Feind seine Stücke zu vernaglen,
solche in Eil zuzurichten, dass sie zerspringen müssen.
    Einem ein Rohr zu verderben, dass es alles Wildbret damit zu Holz scheusst,
bis es wiederum mit einer andern gewissen Materi ausgeputzt wird.
    Das Schwarze in der Scheibe ehender zu treffen, wann man das Rohr auf die
Achsel leget und der Scheibe den Rücken kehret, als wann man gemeinem Gebrauch
nach aufleget und anschläget.
    Eine gewisse Kunst, dass dich keine Kugel treffe.
    Ein Instrument zuzurichten, vermittelst dessen man, sonderlich bei stiller
Nacht, wunderbarlicherweise alles hören kann, was in unglaublicher Ferne tönet
oder geredet wird (so sonst unmenschlich und unmüglich), den Schildwachten und
sonderlich in den Belägerungen sehr nützlich etc.«
    Solchergestalt waren in besagter Spezifikation viel Künste beschrieben,
welche mein Gasterr gefunden und aufgehaben hatte; derowegen trat er selber zu
mir in die Kammer, wiese mir die Verzeichnus und fragte, ob wohl müglich sei,
dass diese Stücke natürlicherweise verrichtet werden könnten: er zwar könnte es
schwerlich glauben, doch müsse er gestehen, dass in seiner Jugend, als er sich
knabenweise bei dem Feldmarschall von Schauenburg in Italia aufgehalten, von
etlichen wäre ausgeben worden, die Fürsten von Savoya sein alle vor den Kuglen
versichert. Solches hätte gedachter Feldmarschall an Prinz Tomae versuchen
wollen, den er in einer Festung belägert gehalten; dann als sie einsmals
beiderseits eine Stunde Stillstand beliebet, die Tode zu begraben und
Unterredung miteinander zu pflegen, hätte er einem Korporal von seinem Regiment,
der vor den gewissesten Schützen unter der ganzen Armee gehalten worden, Befelch
geben, mit seinem Rohr, damit er auf fünfzig Schritte eine brennende Kerze
unausgelescht butzen können, gedachtem Prinzen, der sich zur Konferenz auf die
Brustwehre des Walls begeben, aufzupassen und, sobald die bestimmte Stunde des
Stillstandes verflossen, ihme eine Kugel zuzuschicken. Dieser Korporal hätte nun
die Zeit fleissig in acht genommen und mehrermeldten Prinz die ganze Zeit des
Stillstandes fleissig im Gesicht und vor seinem Absehen behalten, auch, als sich
der Stillstand mit dem ersten Glockenstreich geendet und jeder von beiden Teilen
sich in Sicherheit retiriert, auf ihn losgedruckt. Das Rohr hätte ihm aber wider
alles Vermuten versagt, und sei der Prinz, bis der Korporal wieder gespannt,
hinter die Brustwehre kommen, worauf der Korporal dem Feldmarschall, der sich
auch zu ihm in den Laufgraben begeben gehabt, einen Schweizer aus des Prinzen
Quardi gewiesen, auf welchen er gezielet und denselben dergestalt getroffen, dass
er über und über gepurzelt, woraus dann handgreiflich abzunehmen gewesen, dass
etwas an der Sache sei, dass nämlich kein Fürst von Savoya von Büchsenschüssen
getroffen oder beschädigt werden möge. Ob nun solches auch durch dergleichen
Künste zugieng, oder ob vielleicht dasselbe hohe Fürstliche Haus eine
absonderliche Gnade von Gott habe, weil es, wie man saget, aus dem Geschlecht
des Königlichen Propheten Davids entsprossen, könnte er nicht wissen.
    Ich antwortete: »So weiss ichs auch nicht; aber dies weiss ich gewiss, dass die
verzeichnete Künste natürlich und keine Zauberei sein.« Und wann er ja solches
nicht glauben wollte, so sollte er mir nur sagen, welche er vor die
wunderlichste und unmüglichste halte, so wollte ich ihm dieselbige gleich
probieren, doch sofern es eine sei, die nicht längre Zeit und andre Gelegenheit
erfodere, als ich übrig hätte, solche ins Werk zu setzen, weil ich gleich
fortwandern und meine vorhabende Reise befördern müsste. Darauf sagte er, dies
käme ihm am unmüglichsten vor, dass das Büchsenpulver nit brennen soll, wann
Feuer darzu komme, ich würde dann zuvor das Pulver ins Wasser schütten. Wann ich
solches natürlicherweise probieren könne, so wolle er von den andern Künsten
allen, deren gleichwohl über die 60 wären, glauben, was er nicht sehe und vor
solcher Prob nicht glauben könne. Ich antwortete, er sollte mir nur geschwind
einen einzigen Schuss Pulver und noch eine Materia, die ich darzu brauchen müsste,
samt Feuer herbeibringen, so würde er gleich sehen, dass die Kunst just sei. Als
solches geschahe, liess ich ihn der Behör nach prozedieren, folgends anzünden;
aber da vermochte er nicht mehr, als etwan nach und nach ein paar Körnlein zu
verbrennen, wiewohl er eine Viertelstunde damit umgieng und damit nichts anders
ausrichtete, als dass er sowohl glühende Eisen als Lunten und Kohlen im Pulver
selbst über solcher Arbeit auslöschete. »Ja,« sagte er zuletzt, »jetzt ist aber
das Pulver verderbt.« Ich aber antwortete ihm mit dem Werk und machte das Pulver
ohn einzigen Kosten, ehender man 16 zählen konnte, dass es hinbrannte, da ers mit
dem Feuer kaum anrührete. »Ach!« sagte er, »hätte Zürch diese Kunst gewüsst, so
hätten sie verwichen so grossen Schaden nicht gelitten, als das Wetter in ihren
Pulverturn schlug.«
    Wie er nun die Gewissheit dieser natürlichen Kunst gesehen, wollte er kurzum
auch wissen, durch was Mittel ein Mensch sich vor den Büchsenkuglen versichern
könnte; aber solches ihm zu kommunizieren war mir ungelegen. Er satzte mir zu
mit Liebkosungen und Verheissungen; ich aber sagte, ich bedörfe weder Gelt noch
Reichtum. Er wandte sich zu Bedrohungen, ich aber antwortete, man müsste die
Pilger nach Einsiedlen passieren lassen. Er ruckte mir vor die Undankbarkeit vor
empfangene freundliche Bewürtung; hingegen hielt ich ihm vor, er hätte bereits
genug von mir davor gelernet. Demnach er aber gar nicht von mir ablassen wollte,
gedachte ich, ihn zu betrügen; dann wer solche Kunst von mir entweder mit Liebe
oder Gewalt erfahren wöllen, hätte ein höhere Person sein müssen. Und weil ich
merkte, dass ers nicht achtete, obs mit Wörtern oder Kreuzen zugieng, wann er nur
nicht geschossen würde, beschlug ich ihn auf den Schlag, wie mich Baldanders
beschlagen, damit ich gleichwohl nicht zum Lügner würde und er doch die rechte
Kunst nicht wüsste, massen ich ihm folgenden Zettel davor gab.
»Das Mittel folgender Schrift
Behütet, dass dich keine Kugel trifft.
    Asa, vitom, rahoremati, ahe, menalem renah, oremi, nasiore ene, nahores,
ore, eldit, ita, ardes, inabe, ine, nie nei, alomade, sas, ani, ita, elime,
arnam, asa, locre, rahel, nei, vivet, aroseli, ditan, Veloselas, Herodan, ebi
menises, asa elitira, eve, harsari erida, sacer, elachimai, nei elerisa.«
    Als ich ihm diesen Zettel zustellete, gab er demselbigen auch Glauben, weil
es so kauderwelsche Worte waren, die niemand verstehet, wie er vermeinte. Aber
gleichwohl würkte ich mich solchergestalt von ihm los und verdiente die Gnade,
dass er mir ein paar Taler auf den Weg zur Zehrung mitgeben wollte; aber ich
schlug die Annehmung ab und liess mich mehr als gern nur mit einem Frühstück
abfertigen. Also marschierte ich den Rhein hinunter auf Eglisau zu, unterwegs
aber bliebe ich sitzen, wo er, der Rhein, seinen Fall hat und mit grossen Sausen
und Brausen Teils seines Wassers gleichsam in Staub verwandelt.
    Damals fieng ich an zu bedenken, ob ich der Sache nicht zu viel getan, indem
ich meinen Gasterrn, der mich gleichwohl so freundlich bewürtet, mit Dargebung
der Kunst hinters Liecht geführet. Vielleicht, gedachte ich, wird er diese
Schrift und närrische Wörter künftig seinen Kindern oder sonst seinen Freunden
als eine gewisse Sache kommunizieren, die sich alsdann darauf verlassen, in
unnötige Gefahr geben und darüber ins Gras beissen werden, eh sie zeitig; wer
wäre alsdann an ihrem frühen Tod anders schuldig als du? Wollte derowegen
wiederum zurücklaufen, Widerruf zu tun; weil ich aber sorgen musste, wann ich ihm
wieder in die Kluppen käme, würde er mich härter als zuvor halten oder mir doch
wenigst den Betrug eintränken, als begab ich mich ferner nach Eglisau; daselbst
erbettelte ich Speise, Trank, Nachterberge und einen halben Bogen Papier.
Darauf schrieb ich folgends: »Edler, frommer und hochgeehrter Herr! Ich bedanke
mich nochmalen der guten Herberge und bitte Gott, dass ers dem Herrn wieder
tausendfältig vergelten wolle. Sonst habe ich Sorge, der Herr möchte sich
vielleicht künftig zu weit in Gefahr wagen und Gott versuchen, weil er so eine
treffliche Kunst von mir wider das Schiessen gelernet; als habe ich den Herrn
warnen und ihm die Kunst erläutern wollen, damit sie ihm vielleicht nicht zu
unstatten und Schaden gereiche. Ich habe geschrieben:
Das Mittel der folgenden Schrift
Behütet, dass dich keine Kugel trifft.
    Solches verstehe der Herr recht und nehme aus jedem unteutschen Wort, als
welche weder zauberisch noch sonst von Kräften sein, den mittlern Buchstaben
heraus, setze sie der Ordnung nach zusammen, so wird es heissen: Steh an ein
Ordt, da niemant hinscheust, so bistu sicher. Dem folge der Herr, denke meiner
zum besten und bezeihe mich keines Betrugs, wormit ich uns beiderseits Gottes
Schutz befehle, der allein beschützet, welchen er will. Dat. etc.«
    Des andern Tages wollte man mich nicht passieren lassen, weil ich kein Gelt
hatte, den Zoll zu entrichten, musste derowegen wohl zwo Stunden sitzen bleiben,
bis ein ehrlicher Mann kam, der die Gebühr um Gottes willen vor mich darlegte.
Dasselbe muss mir aber sonst niemand als ein Henker gewesen sein, dann der
Zöllner sagte zu ihm: »Wie dunkt Euch, Meister Christian? getrautet Ihr wohl an
diesem Kerl einen zeitlichen Feierabend zu machen?« - »Ich weiss nicht,«
antwortete Meister Christian, »ich habe meine Kunst noch nie an den Pilgern
probieret wie an Euersgleichen Zöllnern.« Davon kriegte der Zöllner eine lange
Nase, ich aber trollte fort Zürch zu, allwo ich auch ererst mein Schreiben
zurück auf Schaffhausen bestellete, weil mir nicht geheur bei der Sache war.
 
                            Das vierzehnte Kapitel.
Simplex possierliche Sachen bringt vor,
Welche nur glaubt ein einfältiger Tor.
Damal erfuhr ich, dass einer nicht wohl in der Welt fortkommt, der kein Gelt hat,
wanngleich einer dessen zu seines Lebens Aufentalt gern entbehren wollte.
Andere Pilger, die Gelt hatten und auch nach Einsiedlen wollten, sassen zu Schiff
und liessen sich die See hinaufführen; dahingegen musste ich durch Umwege zu Fuss
forttanzen keiner andern Ursache halber, als weil ich den Fergen nit zu bezahlen
vermochte. Ich liess mich solches aber mitnichten anfechten, sondern machte desto
kürzere Tagreisen und nahm mit allen Herbergen vorlieb, wie sie mir anstunden,
und hätte ich auch in einem Beinhäusel übernachten sollen. Wann mich aber
irgends ein Fürwitziger meiner Seltsamkeit wegen aufnahm, um etwas Wunderliches
von mir zu hören, so traktierte ich denselben, wie ers haben wollte, und
erzählete ihm allerhand Storgen, die ich hin und wieder auf meinen weiten Reisen
gesehen, gehöret und erfahren zu haben vorgab, schämte mich auch gar nit, die
Einfälle, Lügen und Grillen der alten Skribenten und Poeten vorzubringen und vor
eine Wahrheit darzugeben, als wann ich selbst überall mit und dabei gewesen
wäre; exempelsweise: Ich hatte ein Geschlecht der pontischen Völker, so Tybi
genannt, gesehen, die in einem Aug zween Augäpfel, in dem andern die Bildnus
eines Pferdes haben, und bewiese solches mit Philarchi Zeugnus; ich war bei dem
Ursprung des Flusses Gangis, bei den Astomis gewesen, die weder essen noch
Mäuler haben, sondern nach Plinii Zeugnus allein durch die Nase vom Geruch sich
ernähren; item bei den bitynischen Weibern in Scytia und den Tribalis in
Illyria, die zween Augenäpfel in jedem Aug haben; massen solches Apollonides und
Hesigonus bezeugen. Ich hatte vor etlich Jahren mit den Einwohnern des Berges
Mili gute Kundschaft gehabt, welche, wie Megastenes saget, Füsse haben wie die
Füchse und an jedem Fuss acht Zehen; bei den Troglodytis gegen Niedergang
wahrhaftig hatte ich mich auch eine Weile aufgehalten, welche, wie Ktesias
bezeuget, weder Kopf noch Hals, sondern Augen, Maul und Nase auf der Brust
stehen haben, nicht weniger bei Monoscelis oder Sciopodibus, die nur einen Fuss
haben, damit sie den ganzen Leib vor Regen und Sonnenschein beschirmen, und
dannoch mit solchem einzigen grossen Fuss einen Hirsch überlaufen können. Ich
hatte gesehen die Antropophagi in Scytia und die Caffres in India, die
Menschenfleisch fressen, die Andabati, so mit zugetanen Augen streiten und in
den Haufen schlagen, die Agriophani, die Löwen- und Pantertierfleisch fressen,
die Arimphäi, so unter den Bäumen ohn alle Verwahrung sicher hineinschlaffen,
die Bactriani, welche so mässig leben, dass bei ihnen kein Laster verhasster ist
als Fressen und Saufen; die Samogeden, die hinter der Moskau unter dem Schnee
wohnen, die Insulaner im Sinu Persarum als zu Ormus, die wegen grosser Hitze im
Wasser schlafen, die Grünländer, deren Weiber Hosen tragen, die Berberi, welche
alle die, so über 50 Jahre leben, schlachten und ihren Göttern opfern; die
Indianer hinter der Magellanischen Strasse, am Mare Pacifico, deren Weiber kurze
Haar, die Männer selbst aber lange Zöpfe tragen; die Condei, die sich von
Schlangen ernähren, die Unteutsche hinter Livland, die sich zu gewissen Zeiten
des Jahrs in Werwölfe verwandlen, die Caspii, welche ihre alte nach erlangtem
siebenzigstem Jahr mit Hunger hinrichten; die schwarze Tartern, deren Kinder
ihre Zähne mit auf die Welt bringen; die Getae, so alle Dinge, auch die Weiber,
gemeinhaben; die Himantopodes, welche auf der Erden kriechen wie die Schlangen;
Brasilianer, so die Fremde mit Weinen, und die Mosineci, so ihre Gäste mit
Prügeln empfangen. Ja, ich hatte auch die selenitische Weiber gesehen, welche,
wie Herodotus behauptet, Eier legen und Menschen draus hecken, die zehenmal
grösser werden als wie in Europa.
    Also hatte ich auch viel wunderbarliche Brunnen gesehen, als am Ursprung der
Weichsel einen, dessen Wasser zu Stein wird, daraus man Häuser bauet; item den
Brunnen bei Zepusio in Ungarn, welches Wasser Eisen verzehret oder, besser zu
reden, in eine Materiam verändert, aus deren hernach durchs Feuer Kupfer
gemachet wird, da sich der Regen in Viktril verändert; mehr daselbst einen
giftigen Brunnen, dessen Wasser, wo der Erdboden damit gewässert wird, nichts
anders als Wolfskraut herfürbringet, welcher wie der Mond ab- und zunimmt; mehr
daselbst einen Brunnen, der winterszeit warm, im Sommer aber nichts als lauter
Eis ist, den Wein damit zu kühlen. Ich hatte die zween Brünnen in Irland
gesehen, darin das eine Wasser, wann es getrunken wird, alt und grau, das ander
aber hübsch jung machet, den Brunnen zu Ängstlen im Schweizerland, welcher nie
lauft, als wann das Viehe auf der Weide zur Tränke kommt; item unterschiedliche
Brunnen in Island, da einer heiss, der ander kalt Wasser, der dritte Schwefel,
der vierte geschmolzen Wachs herfürbringet; mehr die Wassergruben zu St. Stephan
gegen Saanenland in der Eidgnossschaft, welche die Leute vor einen Kalender
brauchen, weil das Wasser trüb wird, wann es regnen will, und hingegen sich klar
erzeiget, wann schön Wetter obhanden; nicht weniger den Schantlibach bei
Obernähenheim im Elsass, welcher nit eh fleusst, es solle dann ein gross Unglück,
als Hunger, Sterben oder Krieg übers Land gehen; den giftigen Brunn in Arcadia,
der Alexandrum Magnum ums Leben brachte; die Wasser zu Sybaris, welche die graue
Haare wieder schwarz machen; die Aquae Sinessuanae, die den Weibern die
Unfruchtbarkeit benehmen; die Wasser in der Insul Aenaria, welche Gries und
Stein vertreiben; die zu Clitumno, darin die Ochsen weiss werden, wann man sie
damit badet; die zu Solennio, welche die Wunden der Liebe heilen; den Brunn
Aleos, dadurch das Feuer der Liebe entzündet wird; den Brunn in Persia, daraus
lauter Öl, und einen unfern von Kronweissenburg, daraus nur Karchsalb und
Wagenschmier quillet; die Wasser in der Insul Naxo, darin man sich kann trunken
trinken; den Brunnen Aretusam, darin lauter Zuckerwasser. Auch wusste ich alle
berühmte Paludes, Seen, Sümpfe und Lachen zu beschreiben, als den See bei
Zircknitz in Kärnten, dessen Wasser Fisch, zwo Ellen lang, hinderlässt, folgends
wann solche gefangen, von den Bauern besamet, abgemähet und eingeerntet, hernach
aber auf den Herbst wieder von sich selbst 18 Ellen tief mit Wasser angefüllet
wird, welches den künftigen Frühling abermal eine solche Menge Fische zum besten
gibet; das Tode Meer in Judäa, der See Leomondo in der Landschaft Lemnos,
welcher 24 Meilen lang und viel Insulen, darunter auch eine schwimmende Insul
hat, die mit Viehe und allem, was drauf ist, vom Wind hin und her getrieben
wird. Ich wusste zu sagen vom Federsee in Schwaben, vom Bodensee bei Costnütz,
vom Pilatussee auf dem Berg Fractmont, vom Camarin in Sicilia, von dem Lacu
Bebeide in Tessalia, vom Gigeo in Lydia, vom Mareote in Ägypten, vom
Stymphalide in Arcadia, vom Lasconio in Bytinia, vom Icomede in Ätiopia, vom
Tesprotio in Ambratia, vom Trasimeno in Umbria, vom Maeotide in Scytia und
vielen andern mehr.
    So hatte ich auch alle namhafte Flüsse in der Welt gesehen, als Rhein und
Donau in Teutschland, die Elbe in Sachsen, die Moldau in Böhmen; den Inn in
Bayern, die Wolgau in Reussen, die Tems in England, den Tagum in Hispania, den
Amphrisum in Tessalia, den Nilum in Ägypten, den Jordan in Judäa, den Hypanim
in Scytia, den Bagradam in Afrika, den Gangem in India, Rio de la Platta in
Amerika, den Eurotam in Laconia, den Euphratem in Mesopotamia, die Tyber in
Italia, den Cidnum in Cilicia, den Acheloum zwischen Aetolia und Acarnania, den
Boristenem in Tracia und den Sabbaticum in Syria, der nur sechs Tage fleusst
und den siebenden verschwindet; item in Sicilia einen Fluss, in welchem nach
Aristotelis Zeugnus die erwürgte und erstückte Vögel und Tiere wieder lebendig
werden; sodann auch den Gallum in Phrygia, welcher nach Ovidii Meinung unsinnig
machet, wann man daraus trinket. Ich hatte auch des Plinii Brunnen zu Dodona
gesehen und selbst probieret, dass sich die brennende Kerzen ausleschen, die
ausgeleschte aber anzünden, wann man solche daranhält. So war ich auch bei den
Brunn zu Apollonia gewesen, des Nymphaei Becher genannt, welcher denen, so
daraus trinken, wie Teopompus meldet, alles Unglück zu verstehen gibet, so
ihnen noch begegnen wird.
    Gleichermassen wusste ich auch von andern wunderbarlichen Dingen in der Welt
aufzuschneiden, als von den Calaminischen Wäldern, die sich von einem Ort zum
andern treiben lassen, wo man sie nur haben will; so war ich auch in dem
Ciminischen Wald gewesen, allwo ich meinen Pilgerstab nicht in die Erde stecken
dorfte, weil alles, was dort in die Erde kommt, stracks einwurzelt, dass man es
nicht wieder herauskriegen kann, sondern geschwind zu einem grossen Baum wird. So
hatte ich auch die zween Wälder gesehen, deren Plinius gedenket, welche
bisweilen dreieckicht, bisweilen viereckicht und bisweilen stumpf sein; nicht
weniger den Felsen, den man zuzeiten mit einem Finger, bisweilen aber mit keiner
Gewalt bewegen kann.
    In Summa Summarum, ich wusste von seltsamen und verwunderungswürdigen Sachen
nicht allein etwas daherzulügen, sondern hatte alles selbst mit meinen eignen
Augen gesehen, und sollten es auch berühmte Gebäu, als die sieben Wunderwerke
der Welt, der babylonische Turn und dergleichen Sachen gewesen sein, so vor
vielen hundert Jahren abgangen. Also machte ich es auch, wann ich von Vögeln,
Tieren, Fischen und Erdgewächsen zu reden kam, meinen Beherbergern, die solches
begehrten, die Ohren damit zu krauen. Wann ich aber verständige Leute vor mir
hatte, so hieb ich bei weitem nicht so weit über die Schnur, und also brachte
ich mich nach Einsiedlen, verrichtete dort meine Andacht und begab mich gegen
Bern zu, nicht allein auch dieselbige Stadt zu besehen, sondern von dar durch
Savoya in Italia zu gehen.
 
                            Das fünfzehnte Kapitel.
Simplex sieht ein Gespenst auf einem Schloss,
Das ihn sehr ängstet und die Furcht macht gross.
Es glückte mir ziemlich auf dem Weg, weil ich treuherzige Leute fand, die mir
von ihrem Überfluss beides, Herberge und Nahrung, gern mitteileten, und das um
soviel desto lieber, weil sie sahen, dass ich nirgends weder Geld foderte noch
annahm, wanngleich man mir ein Angster oder zween geben wollte. In der Stadt
sah ich einen sehr jungen, wohlgebutzten Menschen stehen, um welchen etliche
Kinder liefen, die ihn Vatter nenneten, weswegen ich mich dann verwundern musste,
dann ich wusste noch nit, dass solche Söhne darum so jung heiraten, damit sie
desto ehender Staatspersonen abgeben und desto früher auf die Präfekturen
gesetzet werden möchten. Dieser sah mich vor etlichen Türen bettlen, und da ich
mit einem tiefen Bückling (dann ich konnte keinen Hut vor ihm abziehen, weil ich
barhäuptig ging) bei ihm vorüber passieren wollte, ohn dass ich etlicher
unverschämten Bettlerbrauch nach ihn auf der Gasse angeloffen hätte, griff er in
Sack und sagte: »Ha, warum foderst du mir keine Almosen ab? Siehe hier, da hast
du auch ein Lutzer.« Ich antwortete: »Herr, ich konnte mir leicht einbilden, dass
Er kein Brod bei sich träget, darum habe ich Ihn auch nicht bemühet; so trachte
ich auch nicht nach Geld, weil den Bettlern solches zu haben nicht gebühret.«
Indessen sammlete sich ein Umstand von allerhand Personen, dessen ich dann schon
wohl gewohnet war; er aber antwortete mir: »Du magst mir wohl ein stolzer
Bettler sein, wann du das Geld verschmähest.« - »Nein, Herr, Er beliebe nur zu
glauben,« sagte ich, »dass ich dasselbe darum veracht, damit es mich nicht stolz
machen soll.« Er fragte: »Wo willst du aber herbergen, wann du kein Geld hast?«
Ich antwortete: »Wann mir Gott und gute Leute gönnen, unter diesem Schopfe meine
Ruhe zu nehmen, die ich jetzt trefflich wohl bedarf, so bin ich schon versorgt
und wohlkontent.« Er sagte: »Wann ich wüsste, dass du keine Läuse hättest, so
wollte ich dich herbergen und in ein gut Bett legen.« Ich hingegen antwortete,
ich hätte zwar so wenig Läuse als Heller, wüsste aber gleichwohl nicht, ob mir
ratsam wäre, in einem Bette zu schlafen, weil mich solches verleckern und von
meiner Gewohnheit, hart zu leben, abziehen möchte. Mildem kam noch ein feiner
reputierlicher alter Herr daher, zu dem sagte der Junge: »Schauet um Gottes
willen einen andern Diogenem Cynicum!« - »Ei, ei, Herr Vetter,« sagte der Alte,
»was redet Ihr? hat er dann schon jemand angebollen oder gebissen? gebet ihm
davor ein Almosen und lasset ihn seines Wegs gehen.« Der Junge antwortete: »Herr
Vetter, er will kein Geld, auch sonst nichts annehmen, was man ihm Gutes tun
will;« erzählete dem Alten darauf alles, was ich geredet und getan hatte. »Ha!«
sagte der Alte, »viel Köpfe, viel Sinne!«, gab darauf seinen Dienern Befelch,
mich in ein Wirtshaus zu führen und dem Wirt gutzusprechen vor alles, was ich
dieselbe Nacht über verzehren würde; der Junge aber schriee mir nach, ich sollte
bei Leib und Leben morgen frühe wieder zu ihm kommen, er wollte mir eine gute
kalte Küche mit auf den Weg geben.
    Also entrann ich aus meinem Umstand, da man mich mehr gehetzt, als ich
beschreibe; kam aber aus dem Fegfeur in die Hölle, dann das Wirtshaus stak
voller trunkener und toller Leute, die mir mehr Dampfs antäten, als ich noch nie
auf meiner Pilgerschaft erfahren. Jeder wollte wissen, wer ich wäre: Der eine
sagte, ich wäre ein Spion oder Kundschafter, der ander sagte, ich sei ein
Wiedertäufer, der dritte hielt mich vor einen Narrn, der vierte schätzte mich
vor einen heiligen Propheten, die allermeiste aber glaubten, ich wäre der ewige
Jude, davon ich bereits oben Meldung getan, also dass sie mich beinahe
dahinbrachten, aufzuweisen, dass ich nicht beschnitten wäre. Endlich erbarmete
sich der Wirt über mich, riss mich von ihnen und sagte: »Lasset mir den Mann
ungeheiet; ich weiss nicht, ob er oder ihr die grösste Narren seind.« Und damit
liess er mich schlafen führen.
    Den folgenden Tag verfügte ich mich vor des jungen Herrn Haus, das
versprochene Frühstück zu empfangen; aber der Herr war nicht daheim; doch kam
seine Frau mit ihren Kindern herunter, vielleicht meine Seltsamkeit zu sehen,
davon ihr der Mann gesagt haben möchte. Ich verstund gleich aus ihrem Diskurs,
gleichsam als ob ichs hätte wissen müssen, dass ihr Mann beim Senat wäre und
ungezweifelte Hoffnung hätte, denselben Tag die Stelle eines Landvogts oder
Landamtmanns zu bekommen; ich sollte, sagte sie, nur noch ein wenig verziehen,
er würde bald wieder daheim sein. Wie wir nun so miteinander redeten, tritt er
die Gassen dorter und sah meinem Bedunken nach bei weitem so lustig nicht aus
als gestern abend. Sobald er unter die Türe kam, sagte sie zu ihm: »Ach Schatz,
was seid Ihr worden?« Er aber lief die Stiege hinauf und im Vorbeigehen sagte er
zu ihr: »Ein Hundsfutt bin ich worden!« Da gedachte ich: Hie wird es vor diesmal
schlechten guten Willen setzen; schlich derowegen allgemach von der Türe hinweg,
die Kinder aber folgeten mir nach, sich übergnug zu verwundern; dann es
geselleten sich andere zu, welchen sie mit grossen Freuden rühmten, was ihr
Vatter vor ein Ehrenamt bekommen. »Ja,« sagten sie zu jeglichem, das zu ihnen
kam, »unser Vatter ist ein Hundsfutt worden«, welcher Einfalt und Torheit ich
wohl lachen musste.
    Da ich nun merkte, dass es mir in den Städten bei weitem nicht so wohl ging
als auf dem Land, setzte ich mir vor, auch in keine Stadt mehr zu kommen, wann
es anders müglich sein könnte, solche umzugehen. Also behalf ich mich auf dem
Land mit Milch, Käse, Zieger, Butter und etwan ein wenig Brod, das mir der
Landmann mitteilete, bis ich beinahe die savoyische Grenzen überschritten hatte.
Einsmals wandelte ich in derselben Gegend im Kot daher bis über die Knöchel
gegen einem adeligen Sitz, als es eben regnete, als wann mans mit Kübeln
heruntergegossen hätte. Da ich mich nun demselben adeligen Haus näherte, sah
mich zu allem Glück der Schlossherr selber. Dieser verwunderte sich nicht
allein über meinen seltsamen Aufzug, sondern auch über meine Gedult; und weil
ich in solchem starken Regenwetter nicht einmal unterzustehen begehrte,
unangesehen ich daselbst Gelegenheit genug darzu hatte, hielt er mich beinahe
vor einen puren Narrn. Doch schickte er einen von seinen Dienern herunter, nicht
weiss ich, ob es aus Mitleiden oder Fürwitz geschahe; der sagte, sein Herr
begehre zu wissen, wer ich sei, und was es zu bedeuten habe, dass ich so in dem
grausamen Regenwetter um sein Haus daherum gehe.
    Ich antwortete: »Mein Freund, saget Euerm Herrn wiederum, ich sei ein Ball
des wandelbaren Glücks, ein Exemplar der Veränderung und ein Spiegel der
Unbeständigkeit des menschlichen Wesens. Dass ich aber so im Ungewitter wandele,
bedeute nichts anders, als dass mich, seit es zu regnen angefangen, noch niemand
zur Herberg eingenommen.« Als der Diener solches seinem Herrn wieder
hinterbrachte, sagte er: »Dies seind keine Worte eines Narrn; zudem ist es gegen
Nacht und so elend Wetter, dass man keinen Hund hinausjagen sollte!« liess mich
derowegen ins Schloss und in die Gesindstube führen, allwo ich meine Füsse wusch
und meinen Rock wieder tröcknete.
    Dieser Kavalier hatte einen Kerl, der war sein Schaffner, seiner Kinder
Präzeptor und zugleich sein Schreiber, oder, wie sie jetzt heissen wollen, sein
Sekretarius; der examinierte mich, woher, wohin, was Landes und was Standes. Ich
aber bekannte ihm alles, wie meine Sache beschaffen, wo ich nämlich haushäblich
und auch als ein Einsiedler gewohnet, und dass ich nunmehr willens wäre, die
heilige Örter hin und wieder zu besuchen. Solches alles hinterbrachte er seinem
Herrn wiederum; derowegen liess mich derselbe bei dem Nachtessen an seine Tafel
sitzen, da ich nicht übel traktiert ward und auf des Schlossherrn Begehren alles
wiederholen musste, was ich zuvor seinem Schreiber von meinem Tun und Wesen
erzählet hatte. Er fragte auch allen Partikularitäten so genau nach, als wann er
auch dort zu Haus gewesen wäre; und da man mich schlafen führete, ging er
selber mit dem Diener, der mir vorleuchtete, und führete mich in ein solch
wohlgerüstetes Gemach, dass auch ein Graf darin hätte vorliebnehmen können, über
welche allzu grosse Höflichkeit ich mich verwunderte und mir nichts anders
einbilden konnte, als täte er solches gegen mir aus lautrer Andacht, weil ich
meiner Einbildung nach das Ansehen eines gottseligen Pilgers hätte. Aber es stak
ein ander Que darhinter; dann da er mit dem Liecht und seinem Diener unter die
Türe kam, ich mich auch bereits geleget hatte, sagte er: »Nun wohlan, Herr
Simplici! Er schlafe wohl! Ich weiss zwar, dass Er kein Gespenst zu förchten
pfleget, aber ich versichere Ihn, dass diejenige, so in diesem Zimmer gehen, sich
mit keiner Karbatsch verjagen lassen.« Damit schloss er das Zimmer zu und liess
mich in Sorgen und Angst liegen.
    Ich gedachte hin und her und konnte lang nicht ersinnen, woher mich dieser
Herr erkennen müsste oder gekannt haben möchte, dass er mich so eigentlich mit
meinen vorigen Namen nannte; aber nach langem Nachdenken fiel mir ein, dass ich
einsmals, nachdem mein Freund Herzbruder gestorben, im Saurbrunn von den
Nachtgeistern mit etlichen Kavalieren und Studenten zu reden kommen, unter
welchen zween Schweizer, so Gebrüder gewesen, Wunder erzählet, welchergestalt es
in ihres Vatters Haus nicht nur bei Nacht, sondern auch oft bei Tag rumore,
denen ich aber Widerpart gehalten und mehr als vermessen behauptet, dass
derjenige, so sich vor Nachtgeistern förchte, sonst ein feiger Tropf sei, darauf
sich der eine aus ihnen weiss angezogen, sich bei Nacht in mein Zimmer
praktiziert und angefangen zu rumpeln der Meinung, mich zu ängstigen und
alsdann, wann ich mich entsetzen und aus Forcht still liegen bleiben würde, mir
die Decke zu nehmen, nachgehends aber, wann der Posse solchergestalt abgehe,
mich schröcklich zu vexieren und also meine Vermessenheit zu strafen. Aber wie
dieser anfieng zu agieren, also dass ich darüber erwachte, wischte ich aus dem
Bette und ertappte ungefähr eine Karbatsche, kriegte auch gleich den Geist beim
Flügel und sagte: »Holla, Kerl, wann die Geister weiss gehen, so pflegen die
Mägde, wie man sagt, zu Weibern zu werden; aber hier wird der Herr Geist irr
sein gangen!« schlug damit tapfer zu, bis er sich endlich von mir entriss und die
Türe traf.
    Da ich nun an diese Histori gedachte und meines Gasterrn letztere Worte
betrachtete, konnte ich mir unschwer einbilden, was die Glocke geschlagen. Ich
sagte zu mir selber: »Haben sie von den förchterlichen Gespenstern in ihres
Vatters Haus die Wahrheit gesaget, so liegst du ohn Zweifel in ebendemjenigen
Zimmer, darin sie am allerärgsten poldern; haben sie aber nur vor die Langeweile
aufgeschnitten, so werden sie dich gewisslich wieder karbatschen lassen, dass du
eine Weile daran zu dauen haben wirst.« In solchen Gedanken stund ich auf, der
Meinung, irgends zum Fenster hinauszuspringen; es war aber überall mit Eisen so
wohl vergittert, dass mirs unmüglich, ins Werk zu setzen; und was das ärgste war,
so hatte ich auch kein Gewehr, ja aufs äusserste auch meinen kräftigen Pilgerstab
nicht bei mir, mit welchem ich mich auf den Notfall trefflich wollte gewehret
haben; legte mich derowegen wieder ins Bette, wiewohl ich nicht schlafen konnte,
mit Sorg und Angst erwartende, wie mir diese herbe Nacht gedeihen würde.
    Als es nun um Mitternacht ward, öffnete sich die Türe, wiewohl ich sie
inwendig wohl verriegelt hatte. Der erste, so hineintrat, war eine ansehnliche
gravitätische Person mit einem langen weissen Part, auf die antiquitätische
Manier mit einem langen Talar von weissen Atlas und goldenen Blumen, mit Genet
gefüttert, bekleidet; ihm folgten drei auch ansehenliche Männer; und indem sie
eingiengen, ward auch das ganze Zimmer so hell, als wann sie Fackeln mit sich
gebracht hätten obwohl ich eigentlich kein Liecht oder etwas dergleichen sah.
Ich steckte die Schnauze unter die Decke und behielt nichts haussen als die
Augen, wie ein erschrockenes und forchtsames Mäuslein, das da in seiner Höhle
sitzet und aufpasset, zu sehen, ob es Blasy sei oder nicht, hervorzukommen. Sie
hingegen tratten vor mein Bette und beschaueten mich wohl, und ich sie hingegen
auch. Als solches eine gar kleine Weile gewähret hatte, tratten sie miteinander
in eine Ecke des Zimmers, huben eine steinerne Platte auf, damit der Ort besetzt
war, und langten dort all Zugehör heraus, die ein Barbierer zu brauchen pfleget,
wann er jemand den Bart butzet. Mit solchen Instrumenten kamen sie wieder zu
mir, satzten einen Stuhl in die Mitte des Zimmers und gaben mit Winken und
Deuten zu verstehen, dass ich mich aus dem Bette begeben, auf den Stuhl sitzen
und mich von ihnen barbieren lassen sollte. Weil ich aber still liegen blieb,
griff der Vornehmste selbst an das Deckbett, solches aufzuheben und mich mit
Gewalt auf den Stuhl zu setzen: da kann jeder wohl denken, wie mir die Katze den
Rucken hinaufgeloffen. Ich hielt die Decke fest und sagte: »Ihr Herren, was
wollet ihr? was habet ihr mich zu scheren? Ich bin ein armer Pilger, der sonst
nichts als seine eigne Haare hat, seinen Kopf beides, vor Regen, Wind und
Sonnenschein, zu beschirmen. Zudem siehe ich euch auch vor kein Scherergesindel
an; darum lasset mich ungeschoren.« Darauf antwortete der Vornehmste: »Wir seind
freilich Erzscherer; aber du kannst uns helfen, musst uns auch zu helfen
versprechen, wann du anderst ungeschoren bleiben willst.« Ich antwortete: »Wann
euer Hülfe in meiner Macht stehet, so verspreche ich zu tun alles, was mir
müglich und zu eurer Hülfe vonnöten sei; werdet mir derowegen sagen, wie ich
euch helfen soll.« Hierauf sagte der Alte: »Ich bin des jetzigen Schlossherrn
Urähne gewesen und habe mit meinem Vetter von Geschlecht N. um zwei Dörfer N.N.,
die er rechtmässig inhatte, einen unrechtmässigen Hader angefangen und durch
Arglist und Spitzfindigkeit die Sache dahin gebracht, dass diese drei zu unsern
willkürlichen Richtern erwählet wurden, welche ich sowohl durch Verheissung als
Bedrohung dahin brachte, dass sie mir bemeldte beide Dörfer zuerkannten. Darauf
fieng ich an, dieselbigen Untertanen dergestalt zu scheren, schrepfen und
zwagen, dass ich ein merklich Stück Gelt zusammenbrachte. Solches nun lieget in
jener Ecke und ist bisher mein Scherzeug gewesen, damit mir meine Schererei
wiedergolten werde. Wann nun dies Gelt wieder unter die Menschen kommt (dann
beide Dorfschaften seind gleich nach meinem Tode wieder an ihre rechtmässige
Herren gelangt), so ist mir so weit geholfen, als du mir helfen kannst, wann du
nämlich diese Beschaffenheit meinem Urenkel erzählest. Und damit er dir desto
bessern Glauben zustelle, so lass dich morgen in den sogenannten grünen Saal
führen; da wirst du mein Conterfait finden; vor demselben erzähle ihm, was du
von mir gehöret hast.« Da er solches vorgebracht hatte, streckte er mir die Hand
dar und begehrete, ich sollte ihm mit gegebener Handtreue versichern, dass ich
solches alles verrichten wollte. Weil ich aber vielmal gehöret hatte, dass man
keinem Geist die Hand geben sollte, streckte ich ihm den Zipfel vom Leilachen
dar; das brannte alsobald hinweg, soweit ers in die Hand kriegte. Die Geister
aber trugen ihre Scherinstrumenten wieder an voriges Ort, deckten den Stein
wieder darüber, stelleten auch den Stuhl hin, wo er zuvor gestanden, und giengen
wieder nacheinander zum Zimmer hinaus. Indessen schwitzte ich wie ein Braten
beim Feur und war doch noch so kühn, in solcher Angst einzuschlafen.
 
                            Das sechzehnte Kapitel.
Simplex nun aus dem Schloss wieder abscheidet,
Wird mit eim Rock von Dukaten bekleidet.
Es war schon ziemlich lang Tag gewesen, als der Schlossherr mit seinem Diener
wieder vor mein Bette kam. »Wohl! Herr Simplici,« sagte er, »wie hats Ihm heint
nacht zugeschlagen? hat Er keine Karbatsch vonnöten gehabt?« - »Nein, Monsieur,«
antwortete ich, »diese, so hierin zu wohnen pflegen, brauchten es nicht wie
derjenige, so mich im Saurbrunn foppen wollte.« - »Wie ist es aber abgangen?«
fragte er weiters; »förchtet Er sich noch nicht vor den Geistern?« Ich
antwortete: »Dass es ein kurzweilig Ding um die Geister sei, werde ich nimmermehr
sagen; dass ich sie darum aber eben förchte, werde ich nimmermehr gestehen. Aber
wie es abgangen, bezeuget zum Teil dies verbrannte Leilachen; und ich werde es
dem Herrn erzählen, sobald er mich nur in seinen grünen Saal führet, allwo ich
ihm des Prinzipalgeistes, der bisher hierin gangen, wahren Conterfait weisen
soll.« Er sah mich mit Verwunderung an und konnte sich leicht einbilden, dass
ich mit den Geistern geredet haben müsste, weil ich nicht allein vom grünen Saal
zu sagen wusste, den ich noch nie sonst, von jemand hatte nennen hören, sondern
auch, weil das verbrannte Leilachen solches bezeugte. »So glaubt Er dann nun,«
sagte er, »was ich Ihm hievor im Saurbrunn erzählet habe?« Ich antwortete: »Was
bedarf ich des Glaubens, wann ich ein Ding selbst weiss und erfahren habe?« -
»Ja,« sagte er weiters, »tausend Gülden wollte ich darum schuldig sein, wann ich
dies Kreuz aus dem Haus hätte!« Ich antwortete: »Der Herr gebe sich nur
zufrieden; er wird davon erlediget werden, ohne dass es ihn einen Heller kosten
solle; ja er wird noch Geld darzu empfangen.«
    Mitin stund ich auf, und wir giengen stracks miteinander dem grünen Saal
zu, welches zugleich ein Lustzimmer und eine Kunstkammer war. Unterwegs kam des
Schlossherrn Bruder an, den ich im Saurbrunn karbaitscht hatte; dann ihn sein
Bruder meinetwegen von seinem Sitz, der etwan zwo Stunden von dannen lag,
eilends holen lassen; und weil er ziemlich mürrisch aussah, besorgte ich mich,
er sei etwan auf eine Rache bedacht. Doch erzeigte ich im geringsten keine
Forcht; sondern als wir in den gedachten Saal kamen, sah ich unter anderen
kunstreichen Gemälden und Antiquitäten eben dasjenige Conterfait, das ich
suchte. »Dieser«, sagte ich zu beiden Gebrüdern, »ist euer Urähne gewesen und
hat dem Geschlecht von N. zwei Dörfer, als N. und N., unrechtmässigerweise
abgedrungen, welche Dörfer aber jetzunder ihre rechtmässige Herren wieder
inhaben. Von denselbigen Dörfern hat euer Urähne ein namhaftes Stück Geld
erhoben und bei seinen Lebzeiten in demjenigen Zimmer, darin ich heint gebüsst,
was ich hiebevor im Saurbrunn mit der Karbeitsch begangen, einmauren lassen,
weswegen er dann samt seinen Helfern bishero an hiesigem Haus so schröcklich
sich erzeiget.« Wollten sie nun, dass er zur Ruhe komme und das Haus hinfort
geheur sei, so möchten sie das Geld erheben und anlegen, wie sie vermeinten, dass
sie es gegen Gott verantworten können. Ich zwar wollte ihnen weisen, wo es läge
und alsdann in Gottes Namen meinen Weg weiters suchen. Weilen ich nun wegen der
Person ihres Urähnen und beider Dörfer die Wahrheit geredet hatte, gedachten sie
wohl, ich würde des verborgenen Schatzes halber auch nicht lügen, verfügten sich
derowegen mit mir wiederum in mein Schlafzimmer, allwo wir die steinerne Platte
erhuben, daraus die Geister den Schererzeug genommen und wieder hingestecket
hatten. Wir fanden aber anders nichts als zween irdene Häfen, so noch ganz neu
schienen, davon der eine mit rotem, der ander aber mit weissem Sand gefüllt war,
weswegen beide Brüder die gefasste Hoffnung, diesorts einen Schatz zu fischen,
allerdings fallen liessen. Ich aber verzagte darum nicht, sondern freuete mich,
dermaleins die Gelegenheit zu haben, dass ich probieren könnte, was der
wunderbarliche Teophrastus Paracelsus in seinen Schriften Tom. 9, in
Philosophia occulta von der Transmutation der verborgenen Schätze schreibet;
wanderte derowegen mit den beiden Häfen und in sich habenden Materien in die
Schmiede, die der Schlossherr im Vorhof des Schlosses stehen hatte, satzte sie
ins Feur und gab ihnen ihre gebührliche Hitze, wie man sonst zu prozedieren
pfleget, wann man Metall schmelzen will. Und nachdem ichs von sich selber
erkalten liess, fanden wir in dem einen Hafen eine grosse Massa Dukatengold, in
dem andern aber einen Klumpen vierzehenlötig Silber, und konnten also nicht
wissen, was es vor Münze gewesen war. Bis wir nun mit dieser Arbeit fertig
wurden, kam der Mittag herbei, bei welchem Imbiss mir nicht allein weder Essen
noch Trinken schmecken wollte, sondern mir ward auch so übel, dass man mich zu
Bette bringen musste; nicht weiss ich, war es die Ursache, dass ich mich etliche
Tage zuvor im Regenwetter gar unbescheiden mortifizieret oder dass mich die
verwichne Nacht die Geister so erschröcket hatten.
    Ich musste wohl zwölf Tage des Bettes hüten und hätte ohn Sterben nicht
kränker werden können. Eine einzige Aderlässe bekam mir trefflich neben der
Gutwartung, die ich empfieng. Indessen hatten beide Gebrüder ohn mein Wissen
einen Goldschmied holen und die zusammengeschmolzene Massaten probieren lassen,
weil sie sich eines Betrugs besorgeten. Nachdem sie nun dieselbige just
befunden, zumalen sich kein Gespenst im ganzen Haus mehr merken liess, wussten sie
beinahe nicht zu ersinnen, was sie mir nur vor Ehr und Dienst erweisen sollten;
ja sie hielten mich allerdings vor einen heiligen Mann, dem alle Heimlichkeiten
unverborgen, und der ihnen von Gott insonderheit wäre zugeschickt worden, ihr
Haus wiederum in richtigen Stand zu setzen. Derowegen kam der Schlossherr selbst
schier nie von meinem Bette, sondern freuete sich, wann er nur mit mir
diskurieren konnte. Solches währete, bis ich meine vorige Gesundheit wieder
völlig erlangete.
    In solcher Zeit erzählete mir der Schlossherr ganz offenherzig, dass, als er
noch ein junger Knabe gewesen, sich ein frevler Landstörtzer bei seinem Herrn
Vatter angemeldet und versprochen, den Geist zu fragen und dadurch das Haus von
solchem Ungeheuer zu entledigen; wie er sich dann auch zu solchem Ende in das
Zimmer, darin ich über Nacht liegen müssen, einsperren lassen. Da sein aber
ebendiejenige Geister in solcher Gestalt, wie ich sie beschrieben hatte, über
ihn hergewischet, hätten ihn aus dem Bette gezogen, auf einen Sessel gesetzet,
ihn seines Bedunkens gezwagt, geschoren und bei etlichen Stunden dergestalt
tribulieret und geängstiget, dass man ihn am Morgen halbtod dort liegend
gefunden; es sei ihm auch Bart und Haar dieselbe Nacht ganz grau worden, wiewohl
er den Abend als ein dreissigjähriger Mann mit schwarzen Haaren zu Bette gangen
sei; gestund mir auch darneben, dass er mich keiner andern Ursachen halber in
solches Zimmer geleget, als seinen Bruder an mir zu revanchieren und mich
glauben zu machen, was er vor etlichen Jahren von diesen Geistern erzählet und
ich nicht glauben wollen; bat mich mitin gleich um Verzeihung und obligierte
sich, die Tage seines Lebens mein getreuer Freund und Diener zu sein.
    Als ich nun wiederum allerdings gesund worden und meinen Weg ferner nehmen
wollte, offerierte er mir die Pferde, Kleidung und ein Stück Gelt zur Zehrung;
weil ich aber alles rund abschlug, wollte er mich auch nicht hinweglassen mit
Bitte, ich wollte ihn doch nicht zum allerundankbarsten Menschen in der Welt
machen, sondern aufs wenigste ein Stück Gelt mit auf den Weg annehmen, wann ich
je in solchem armseligen Habit meine Wallfahrt zu vollenden bedacht wäre. »Wer
weiss,« sagte er, »wo es der Herr bedarf?« Ich musste lachen und sagte: »Mein
Herr, es gibet mich wunder, wie Er mich einen Herrn nennen mag, da Er doch
sieht, dass ich mit Fleiss ein armer Bettler zu verbleiben suche.« - »Wohl,«
antwortete er, »so verbleibe Er dann Sein Lebtag bei mir und nehme Sein Almosen
täglich an meiner Tafel.« - »Herr,« sagte ich hingegen, »wann ich solches täte,
so wäre ich ein grösser Herr, als Er selber. Wie würde aber alsdann mein
tierischer Leib bestehen, wann er so ohn Sorge wie der reiche Mann auf den alten
Kaiser hineinlebte? würden ihn so gute Tag nicht gumpen machen? Will mein Herr
mir aber je eine Verehrung tun, so bitte ich, Er lasse mir meinen Rock füttern,
weil es jetzt auf den Winter losgehet.« - »Nun gottlob,« antwortete er, »dass
sich gleichwohl etwas findet, meine Dankbarkeit zu bezeugen!« Darauf liess er mir
einen Schlafpelz geben, bis mein Rock gefüttert ward, welches mit wüllenem Tuch
geschahe, weil ich kein ander Futter annehmen wollte. Als solches geschehen,
liess er mich passieren und gab mir etliche Schreiben mit, selbige unterwegs an
seine Verwandte zu bestellen, mehr, mich ihnen zu rekommendieren, als dass er
viel Nötiges zu berichten gehabt hätte.
 
                            Das siebzehnte Kapitel.
Simplex nun über das Mittelmeer reist,
Wird verführt an ein Ort, das Rot Meer heisst.
Also wanderte ich dahin des Vorsatzes, die allerheiligste und berühmteste Örter
der Welt in solchem armen Stand zu besuchen; dann ich bildete mir ein, dass Gott
einen sonderbaren gnädigen Blick auf mich geworfen; ich gedachte, er hätte ein
Wohlgefallen an meiner Gedult und freiwilligen Armut, und würde mir derowegen
wohl durchhelfen, wie ich dann dessen Hülfe und Gnade handgreiflich verspüret
und genossen. In meiner ersten Nachterberge gesellete sich ein Botenläufer zu
mir, der vorgab, er sei bedacht, ebenden Weg zu gehen, den ich vor mir hätte,
nämlich nach Loretto. Weilen ich nun den Weg nit wusste, noch die Sprache recht
verstund, er aber vorgab, dass er kein sonderlicher schneller Laufer wäre, wurden
wir eins, beieinander zu bleiben und einander Gesellschaft zu leisten. Dieser
hatte gemeiniglich auch an den Enden zu tun, wo ich meines Schlossherrn Schreiben
abzulegen hatte, allwo man uns dann fürstlich traktierte. Wann er aber in einem
Wirtshaus einkehren musste, nötigte er mich zu ihm und zahlte vor mich aus,
welches ich die Länge nicht annehmen wollte, weil mich dauchte, ich würde ihm
auf solche Weise seinen Lohn, den er so säurlich verdienen musste, verschwenden
helfen. Er aber sagte, er geniesse meiner auch, wo ich Schreiben zu bestellen
habe, als wo er meinetwegen schmarotzen und sein Geld sparen können.
Solchergestalt überwanden wir das hohe Gebürge und kamen miteinander in das
fruchtbare Italia, da mir mein Gefährt ererst erzählete, dass er von obgedachtem
Schlossherrn abgefertigt wäre, mich zu begleiten und zehrfrei zu halten; bat mich
derowegen, dass ich ja bei ihm verliebnehmen und das freiwillige Almosen, das mir
sein Herr nachschickte, nicht verschmähen, sonder lieber als dasjenige geniessen
wollte, das ich ererst von allerhand unwilligen Leuten erpressen müsste. Ich
verwunderte mich über dieses Herrn redlich Gemüt, wollte aber darum nicht, dass
der verstellte Bot länger bei mir bleiben noch etwas mehrers vor mich auslegen
sollte, mit Vorwand, dass ich allbereit mehr als zu viel Ehr und Guttaten von ihm
empfangen, die ich nicht zu wiedergelten getraute; in Wahrheit aber hatte ich
mir vorgesetzt, allen menschlichen Trost zu verschmähen und in niedrigster
Demut, Kreuz und Leiden mich allein an den lieben Gott zu ergeben, und mich ihm
zugelassen. Ich hätte auch von diesem Gefährten weder Wegweisung noch Zehrung
angenommen, wann mir bekannt gewesen, dass er zu solchem End wäre abgefertigt
worden.
    Als er nun sah, dass ich kurzrund seine Beiwohnung nicht mehr haben wollte,
sondern mich von ihm wandte, mit Bitt, seinen Herrn meinetwegen zu grüssen und
ihm nachmalen vor alle erzeigte Wohltaten zu danken, nahm er einen traurigen
Abscheid und sagte: »Nun dann wohlan, werter Simplici! obzwar Ihr jetzt nicht
glauben möchtet, wie herzlich gern Euch mein Herr Gutes tun möchte, so werdet
Ihrs jedoch erfahren, wann Euch das Futter im Rock zerbricht oder Ihr denselben
sonst ausbessern wollet.« Und damit ging er davon, als wann ihn der Wind
hinjagte.
    Ich gedachte: »Was mag der Kerl mit diesen Worten andeuten? ich will ja
nimmermehr glauben, dass seinen Herrn dies Futter reuen werde. Nein, Simplici,«
sagte ich zu mir selbst, »er hat diesen Boten einen so weiten Weg auf seine
Kosten nicht geschickt, mir ererst hier aufzurupfen, dass er meinen Rock füttern
lassen; es stecket etwas anders darhinder.« Wie ich nun den Rock visitierte,
befand ich, dass er unter die Näht einen Dukaten an den andern hatte nähen
lassen, also dass ich ohn mein Wissen ein gross Stück Geld mit mir davongetragen.
Davon wurd mir mein Gemüt ganz unruhig, also dass ich gewollt, er hätte das
Seinige behalten. Ich machte allerhand Gedanken, worzu ich solches Geld anlegen
und gebrauchen wollte: bald gedachte ichs wieder zuruckzutragen und bald
vermeinte ich, wieder eine Haushaltung damit anzustellen oder mir irgendeine
Pfrund zu kaufen; aber endlich beschloss ich, durch solche Mittel Jerusalem zu
beschauen, welche Reise ohne Gelt nicht zu vollbringen.
    Demnach begab ich mich den geraden Weg auf Loretto und von dannen nach Rom.
Als ich mich daselbst eine Zeitlang aufgehalten, meine Andacht verrichtet und
Kundschaft zu etlichen Pilgern gemachet hatte, die auch gesinnet waren, das
Heilige Land zu beschauen, ging ich mit einem Geneser aus ihnen in sein
Vatterland. Daselbst sahen wir sich nach Gelegenheit um, über das
Mittelländische Meer zu kommen, trafen auch auf geringe Nachfrage gleich ein
geladen Schiff an, welches fertig stund, mit Kaufmannsgütern nach Alexandriam zu
fahren, und nur auf guten Wind wartete. Ein wunderliches, ja göttliches Ding
ists ums Gelt bei den Weltmenschen! Der Patron oder Schiffherr hätte mich meines
elenden Aufzugs halber nit angenommen, wanngleich ich eine göldene Andacht und
hingegen nur bleiern Gelt gehabt hätte; dann da er mich das erstemal sah und
hörete, schlug er mein Begehren rund ab; sobald ich ihm aber eine Handvoll
Dukaten wies, die zu meiner Reise employiert werden sollen, war der Handel ohn
einziges ferneres Bitten bei ihn schon richtig, ohne dass wir sich um den
Schifflohn miteinander verglichen, worauf er mich selber instruierte, mit was
vor Proviant und andern Notwendigkeiten ich mich auf die Reise versehen sollte.
Ich folgete ihm, wie er mir geraten, und fuhr also in Gottes Namen dahin.
    Wir hatten auf der ganzen Fahrt Ungewitters oder widerwärtigen Windes halber
keine einzige Gefahr; aber den Meerräubern, die sich etlichemal merken liessen
und Mienen machten, uns anzugreifen, musste unser Schiffherr oft entgehen, massen
er wohl wusste, dass er wegen seines Schiffs Geschwindigkeit mehr mit der Flucht,
als sich zu wehren, gewinnen könnte; und also langten wir zu Alexandria an,
ehender als sichs alle Seefahrer auf unserm Schiff versehen hatten, welches ich
vor ein gut Omen hielt, meine Reise glücklich zu vollenden. Ich bezahlte meine
Fracht und kehrete bei den Franzosen ein, die alldorten jeweils sich aufzuhalten
pflegen, von welchen ich erfuhr, dass vor diesmal, meine Reise nach Jerusalem
fortzusetzen, unmüglich sei, indem der türkische Bassa zu Damasco eben damals in
armis begriffen und gegen seinem Kaiser rebellisch war, also dass keine Karawane,
sie wäre gleich stark oder schwach gewesen, aus Ägypten in Judäam passieren
mögen, sie hätte sich dann freventlich, alles zu verlieren, in Gefahr geben
wollen.
    Es war damals eben zu Alexandria, welches ohnedas ungesunde Luft zu haben
pfleget, eine giftige Kontagion eingerissen, weswegen sich viele von dar
anderwärtlichen hin reterierten, sonderlich europäische Kaufleut, so das Sterben
mehr förchten als Türken und Araber. Mit einer solchen Compagnia begab ich mich
über Land auf Rosseten, einen grossen Flecken am Nilo gelegen. Daselbst sassen wir
zu Schiff, und fuhren auf dem Nilo mit völligem Segel aufwärts bis an ein Ort,
so ungefähr eine Stunde Wegs von der grossen Stadt Alkayr gelegen, auch
Alt-Alkayr genennet wird; und nachdem wir allda schier um Mitternacht
ausgestiegen, unsere Herbergen genommen und des Tags erwartet, begaben wir uns
vollends nach Alkayr, der jetzigen rechten Stadt, in welcher ich gleichsam
allerhand Nationen antraf. Daselbst gibet es auch ebenso vielerlei seltsame
Gewächse als Leute; aber was mir am allerseltsamsten vorkam, war dieses, dass die
Einwohner hin und wieder in darzu gemachten Öfen viel hundert junge Hühner
ausbrüteten, zu welchen Eiern nit einmal die Hennen kamen, seit sie solches
gelegt hatten; und solchem Geschäft warten gemeiniglich alte Weiber ab.
    Ich habe zwar niemalen keine so grosse, volkreiche Stadt gesehen, da es
wohlfeiler zu zehren als eben an diesem Ort; gleichwie aber nichtsdestoweniger
meine übrige Dukaten nach und nach zusammengiengen, wanns schon nit teuer war,
also konnte ich mir auch leicht die Rechnung machen, dass ich nit würde erharren
können, bis sich der Aufruhr des Bassä von Damasco legen und der Weg sicher
werden würde, meinem Vorhaben nach Jerusalem zu besuchen; verhängte derowegen
meinen Begierden den Zügel, andere Sachen zu beschauen, worzu mich der Vorwitz
anreizete. Unter andern war jenseit des Nili ein Ort, da man die Mumia gräbt;
das besichtigete ich etlichmal; item an einem Ort die beide Pyramides Pharaonis
und Rhodope; machte mir auch den Weg dahin so gemein, dass, obschon ich fremd und
unkenntlich, alleinig dahin führen dorfte. Aber es gelung mir zum letztenmal nit
beim besten; dann als ich einsmals mit etlichen zu den ägyptischen Gräbern
ging, Mumia zu holen, wobei auch fünf Pyramides stehen, kamen uns einzige
Rauber auf die Haube, welche derorten die Straussenfänger zu fangen ausgangen
waren: diese kriegten uns bei den Köpfen und führten uns durch Wildnussen und
Abwege an das Rote Meer, allwo sie den einen hier, den andern dort verkauften.
 
                            Das achtzehnte Kapitel.
Simplex, als wilder Mann umhergeführet,
Wird wieder frei und gross Glücke verspüret.
Ich allein blieb übrig, dann als vier vornehmste Räuber sahen, dass die närrische
Leute sich über meinen grossmächtigen Schweizer- oder Kapuzinerbart und langes
Haar, dergleichen sie zu sehen nit gewohnt waren, verwunderten, gedachten sie,
ihnen solches zunutz zu machen, nahmen mich derowegen vor ihren Part, sonderten
sich von ihrer übrigen Gesellschaft, zogen mir meinen Rock aus und bekleideten
mich um die Scham mit einer schönen Art Moos, so in Arabia Felice in den Wäldern
an etlichen Bäumen zu wachsen pfleget, und weil ich ohnedas barfuss und
barhäuptig zu gehen gewohnt war, gab solches ein überaus seltsames und fremdes
Ansehen. Solchergestalt führeten sie mich als einen wilden Mann in den Flecken
und Städten an dem Roten Meer herunter und liessen mich um Gelt sehen mit
Vorgeben, sie hätten mich in Arabia deserta fern von aller menschlichen Wohnung
gefunden und gefangen bekommen. Ich dorfte bei den Leuten kein Wort reden, weil
sie mir, wann ich es tun würde, den Tod droheten, welches mich schwer ankam,
dieweil ich allbereit etwas wenigs Arabisch lallen konnte; hingegen war es mir
erlaubt, wann ich mich allein bei ihnen befand. Da liesse ich mich dann gegen
ihnen vernehmen, dass mir ihr Handel wohlgefalle, welches ich auch genoss, dann
sie unterhielten mich mit Speise und Trank so gut, als sie es selbst
gebrauchten, welches gemeiniglich Reis und Schaffleisch war. So erhielt ich auch
von ihnen, dass ich mich bei Nacht und sonst unter Tags auf der Reise, wann es
etwas kalt war, mit meinem Rock beschirmen dorfte, in welchem noch etliche
Dukaten staken.
    Solchergestalt fuhr ich über das Rote Meer, weil meine vier Herren den
Städten und Markflecken, die beiderseits daran gelegen, nachzogen. Diese
sammleten mit mir in kurzer Zeit ein grosses Geld, bis wir endlich in eine grosse
Handelstadt kamen, allwo ein türkischer Bassa Hof hält und sich eine Menge Leute
von allerhand Nationen aus der ganzen Welt befinden, weil alldorten die
indianische Kaufmannsgüter ausgeladen und von dannen über Land nach Aleppo und
Alkayr, von dorten aber fürders auf das Mittelländische Meer geschaffet werden.
Daselber giengen zween von meinen Herren, nachdem sie Erlaubnüs von der
Obrigkeit bekommen, mit Schalmeien an die fürnehmste Örter der Stadt und
schrieen ihrer Gewohnheit nach aus, wer einen wilden Mann sehen wollte, der in
der Wüstenei des steinigten Arabiae wäre gefangen worden, der sollte sich da und
da hin verfügen. Indessen sassen die andere beide bei mir im Losament und zierten
mich, das ist, sie kämpelten mir Haare und Bart beim zierlichsten und hatten
grössere Sorge darzu, als ich meine Tage jemal getan, damit ja kein Härlein davon
verloren würde, weil es ihnen so viel eintrug. Hernach sammlete sich das Volk in
unglaublicher Menge mit grossem Gedräng, unter welchem sich auch Herren befanden,
denen ich an der Kleidung wohl ansah, dass es Europäer waren. Nun, gedachte ich,
jetzt wird deine Erlösung nahen und deiner Herren Betrug und Buberei sich
offenbaren. Jedoch schwieg ich noch so lang stille, bis ich etliche aus ihnen
Hoch- und Niederteutsch, etliche Franzisch und andere Italienisch reden hörete.
Als nun einer dies und der ander jenes Urtel von mir fällete, konnte ich mich
nicht länger entalten, sondern brachte noch so viel verlegen Latein (damit mich
alle Nationen in Europa auf einmal verstehen sollen) zusammen, dass ich sagen
konnte: »Ihr Herren, ich bitte euch allesamt um Christi unsers Erlösers willen,
dass ihr mich aus den Händen dieser Rauber erretten wollet, die schelmischerweise
ein Spektakul mit mir anstellen.« Sobald ich solches gesagt, wischte einer von
meinen Herrn mit dem Säbel heraus, mir das Reden zu legen, wiewohl er mich nicht
verstanden; aber die redliche Europäer verhinderten sein Beginnen. Darauf sagte
ich ferner auf Franzisch: »Ich bin ein Teutscher; und als ich pilgersweise nach
Jerusalem wallfahrten wollte, auch mit genugsamen Passbriefen von denen Bassen zu
Alexandria und dem zu Alkayr versehen gewesen, aber wegen des damaszenischen
Kriegs nicht fortkommen mochte, sondern mich eine Zeitlang zu Alkayr aufhielt,
Gelegenheit zu erwarten, meine Reise zu vollenden, haben mich diese Kerl unweit
besagter Stadt neben andern mehr ehrlichen Leuten diebischerweise hinweggeführet
und bisher, Geld mit mir zu sammelen, viel tausend Menschen betrogen.« Folgends
bat ich die Teutsche, sie wollten mich doch der Landsmannschaft wegen nicht
verlassen. Interim wollten sich meine unrechtmässige Herren nicht zufriedengeben;
weilen aber unterm Umstand Leute von der Obrigkeit von Alkayr hervortratten, die
bezeugeten, dass sie mich vor einem halben Jahr in ihren Vatterland bekleidet
gesehen hätten, hierauf beruften sich die Europäer vor den Bassa, vor welchem zu
erscheinen meine vier Herren genötiget worden. Von demselben ward nach gehörter
Klage und Antwort, auch der beiden Zeugen Aussage zu Recht erkannt und
ausgesprochen, dass ich wieder auf freien Fuss gestellet, die vier Rauber, weil
sie der Bassen Passbrief violieret, auf die Galeeren im Mittelländischen Meer
verdammt, ihr zusammengebrachtes Geld halber dem Fisco verfallen sein, der ander
halbe Teil aber in zwei Teile geteilet, mir ein Teil vor mein ausgestanden Elend
zugestellet, aus dem andern aber diejenige Personen, so mit mir gefangen und
verlauft worden, wieder ausgelöset werden sollten. Dies Urtel ward nicht allein
offentlich ausgesprochen, sondern auch alsobald vollzogen, wodurch mir neben
meiner Freiheit mein Rock und eine schöne Summa Geldes zustund.
    Als ich nun meiner Ketten, daran mich die Mausköpfe wie einen wilden Mann
herumgeschleppet, entledigt, mit meinem alten Rock wiederum bekleidet und mir
das Geld, das mir der Bussa zuerkannt, eingehändiget worden, wollte mich einer
jeden europäischen Nation Vorsteher oder Resident mit sich heimführen; die
Holländer zwar darum, weil sie mich vor ihren Landsmann hielten, die übrige
aber, weil ich ihrer Religion zu sein schiene. Ich bedankte mich gegen allen
vornehmlich aber darumb, dass sie mich gesamter Hand so christlich aus meiner
zwar närrischen, aber doch gefährlichen Gefangenschaft entledigt hatten,
[bedachte mich anbei,] wie ich etwan meine Sache anstellen möchte, weil ich
nunmehr auch wider meinen Willen und Hoffnung wiederum viel Geld und Freunde
bekommen hatte.
 
                            Das neunzehnte Kapitel.
Simplex leidt Schiffbruch mit eim Zimmermann,
Kommen in ein Insel, richten sich an.
Meine Landsleut sprachen mir zu, dass ich mich anders kleiden liesse; und weil ich
nichts zu tun hatte, machte ich Kundschaft zu allen Europäern, die mich beides,
aus christlicher Liebe und meiner wunderbarlichen Begegnus halber gern um sich
hatten und oft zu Gast luden. Und demnach sich schlechte Hoffnung erzeigte, dass
der damascenische Krieg in Syria und Judäa bald ein Loch gewinnen würde, damit
ich meine Reise nach Jerusalem wiederum vornehmen und vollenden möchte, ward ich
andern Sinnes und entschloss mich, mit einer grossen portugiesischen Kracke (so
mit grossem Kaufmannschatz nach Haus zu fahren wegfertig stund) in Portugal zu
begeben, und anstatt der Wallfahrt nach Jerusalem, St. Jakob zu Kompostell zu
besuchen, nachgehend aber mich irgends in Ruhe zu setzen und dasjenige, so mir
Gott bescheret, zu verzehren. Und damit solches ohn meinen sondern Kosten (dann
sobald ich so viel Geld kriegte, fieng ich an zu kargen) beschehen könnte,
überkam ich mit dem portugesischen Oberkaufmann auf dem Schiff, dass er alles
mein Geld annehmen, selbiges in seinen Nutzen verwenden, mir aber solches in
Portugal wieder zustellen und interim anstatt Interesse mich auf das Schiff an
seine Tafel nehmen und mit sich nach Haus führen sollte; dahingegen sollte ich
mich zu allen Diensten zu Wasser und Land, wie es die Gelegenheit und des
Schiffs Notdurft erfodern würde, unverdrossen gebrauchen lassen. Also machte ich
die Zeche ohn den Wirt, weil ich nicht wusste, was der liebe Gott mit mir zu
verschaffen vorhatte; und nahm ich diese weite und gefährliche Reise um soviel
desto begieriger vor, weil die verwichene auf dem Mittelländischen Meer so
glücklich abgangen.
    Als wir nun zu Schiff gangen, vom Sinu Arabico oder Roten Meer auf den
Oceanum kommen und erwünschten Wind hatten, nahmen wir unsern Lauf, das Caput
Bonae Speranzae zu passieren, segelten auch etliche Wochen so glücklich dahin,
dass wir uns kein ander Wetter hätten wünschen können. Da wir aber vermeinten,
nunmehr bald gegen der Insul Madagaskar über zu sein, erhub sich gähling solch
ein Ungestüm, dass wir kaum Zeit hatten, die Segel einzunehmen. Solche vermehrete
sich je länger je mehr, also dass wir auch die Mast abhauen und das Schiff dem
Willen und Gewalt der Wellen lassen mussten. Dieselbe führten uns in die Höhe
gleichsam an die Wolken, und im Augenblick senkten sie uns wiederum bis auf den
Abgrund hinunter, welches bei einer halben Stunde währete und uns trefflich
andächtig beten lernete. Endlich warfen sie uns auf eine verborgene Steinklippe
mit solcher Stärke, dass das Schiff mit grausamen Krachen zu Stücken zerbrach,
wovon sich ein jämmerlichs und elendes Geschrei erhub. Da ward dieselbe Gegend
gleichsam in einem Augenblick mit Kisten, Ballen und Trümmern vom Schiff
überstreuet; da sah und hörte man hie und dort oben auf den Wellen und unten in
der Tiefe die unglückseligen Leute an denjenigen Sachen hangen, die ihnen in
solcher Not am allerersten in die Hände geraten waren, welche mit elendem Geheul
ihren Untergang bejammerten und ihre Seelen Gott befohlen. Ich und ein
Zimmermann lagen auf einem grossen Stück vom Schiff, welches etliche Zwerchhölzer
behalten hatte, daran wir sich festielten und einander zusprachen. Mitin
legten sich die grausame Winde allgemach, davon die wütende Wellen des zornigen
Meers sich nach und nach besänftigten und geringer wurden; hingegen aber folgte
die stickfinstere Nacht mit einem schröcklichen Platzregen, dass es das Ansehen
hatte, als hätten wir mitten im Meer von oben herab ersauft werden sollen. Das
währete bis um Mitternacht, in welcher Zeit wir grosse Not erlitten hatten.
Darauf ward der Himmel wieder klar, also dass wir das Gestirn sehen konnten, an
welchem wir vermerkten, dass uns der Wind je länger je mehr von der Seiten
Africae in das weite Meer gegen Terram Australem incognitam hineintriebe,
welches uns beide sehr bestürzt machte. Gegen Tag wurd es abermal so dunkel, dass
wir einander nicht sehen konnten, wiewohl wir nahe beieinander lagen. In dieser
Finsternus und erbärmlichen Zustand trieben wir immer fort, bis wir unversehens
inwurden, dass wir auf dem Grund sitzenblieben und stillhielten. Der Zimmermann
hatte eine Axt in seinem Gürtel stecken, damit visitierte er die Tiefe des
Wassers und fand auf der einen Seite nicht wohl Schuh tief Wassers, welches uns
herzlich erfreuete und unzweifelige Hoffnung gab, Gott hätte uns irgendshin an
Land geholfen, dass uns auch ein lieblicher Geruch zu verstehen gab, den wir
empfanden, als wir wieder ein wenig zu uns selbst kamen. Weil es aber so finster
und wir beide ganz abgemattet, zumalen des Tags ehistes gewärtig waren, hatten
wir nicht das Herz, sich ins Wasser zu legen und solches Land zu suchen,
unangesehen wir allbereit weit von uns etliche Vögel singen zu hören
vermeinten, wie es dann auch nicht anders war. Sobald sich aber der liebe Tag
im Osten ein wenig erzeigte, sahen wir durch die Düstere ein wenig Land, mit
Büschen bewachsen, allernächst vor uns liegen; derowegen begaben wir sich
alsobald gegen demselbigen ins Wasser, welches je länger je seichter ward, bis
wir endlich mit grossen Freuden auf das truckene Land kamen. Da fielen wir nieder
auf die Kniee, küssten den Erdboden und danketen Gott im Himmel, dass er uns so
vätterlich erhalten und ans Land gebracht hatte. Und solchergestalt bin ich in
diese Insel kommen.
    Wir konnten noch nicht wissen, ob wir auf einem bewohnten oder unbewohnten,
auf einem festen Land oder nur auf einer Insul waren; aber das merkten wir
gleich, dass es ein trefflicher, fruchtbarer Erdboden sein müsste, weil alles vor
uns gleichsam so dick wie ein Hanfacker mit Büschen und Bäumen bewachsen war,
also dass wir kaum dadurch kommen konnten. Als es aber völlig Tag worden und wir
etwan eine Viertelstunde Wegs vom Gestad an durch die Büsche geschloffen und
derorten nicht allein keine einzige Anzeigung einziger menschlichen Wohnung
verspüren konnten, sondern noch darzu hin und wieder viel fremde Vögel, die sich
gar nichts vor uns scheueten, ja mit den Händen fangen liessen, antrafen, konnten
wir unschwer erachten, dass wir auf einer zwar unbekannten, jedoch aber sehr
fruchtbaren Insul sein müssten. Wir fanden Zitronen, Pomeranzen und Kokos, mit
welchen Früchten wir sich trefflich wohl erquickten; und als die Sonne aufgieng,
kamen wir auf eine Ebne, welche überall mit Palmen (davon man den Vin de Palm
hat) bewachsen war, welches meinen Kameraden, der denselbigen nur viel zu gern
trank, auch mehr als zuviel erfreuete. Daselbstin satzten wir sich nieder an
die Sonne, unsere Kleider zu trücknen, welche wir auszogen und zu solchem Ende
an die Bäume aufhängten, vor uns selbst aber in Hemdern herumspazierten. Mein
Zimmermann hieb mit seiner Axt in einen Palmitenbaum und befand, dass sie reich
von Wein waren; wir hatten aber darum kein Geschirr, solchen aufzufangen, wie
wir dann auch beide unsere Hüte im Schiffbruch verloren.
    Als die liebe Sonne nun unsere Kleider getrücknet, zogen wir selbige an und
stiegen auf das felsichte hohe Gebürge, so auf der rechten Hand gegen
Mitternacht zwischen dieser Ebne und dem Meer lieget, und sahen sich um,
befanden auch gleich, dass wir auf keinem festen Land, sondern nur in dieser
Insul waren, welche im Umkreis über andertalbe Stunde Gehens nicht begriffe,
und weil wir weder nahe noch fern keine Landschaft, sondern nur Wasser und
Himmel sahen, wurden wir beide betrübt und verloren alle Hoffnung, inskünftige
wiederum Menschen zu sehen; doch tröstete uns hinwiederum, dass uns die Güte
Gottes an diesen gleichsam sichern und allerfruchtbarsten, und nicht an einen
solchen Ort gesendet hatte, der etwan unfruchtbar oder mit Menschenfressern
bewohnet gewesen wäre. Darauf fiengen wir an zu gedenken, was uns zu tun oder zu
lassen sein möchte; und weil wir gleichsam wie Gefangene in dieser Insul
beieinander leben mussten, schwuren wir einander beständige Treue. Das besagte
Gebürge sass und flog nicht allein voller Vögel von unterschiedlichen
Geschlechten, sondern es lag auch so voll Nester mit Eiern, dass wir sich nicht
gnugsam darüber verwundern konnten. Wir tranken deren Eier etliche aus und
nahmen noch mehr mit uns das Gebürge herunter, an welchem wir die Quelle des
süssen Wassers fanden, welches sich gegen Osten so stark, dass es wohl ein
geringes Mühlrad treiben könnte, in das Meer ergeusst, darüber wir abermal eine
neue Freude empfiengen und miteinander beschlossen, bei derselbigen Quell unsere
Wohnung anzustellen.
    Zu solcher neuen Haushaltung hatten wir beide keinen andern Hausrat als eine
Axt, einen Leffel, drei Messer, eine Piron oder Gabel und eine Scher; sonst war
nichts vorhanden. Mein Kamerad hatte zwar ein Dukaten oder dreissig bei sich,
welche wir gern vor ein Feurzeug gegeben, wann wir nur ein darvor zu kaufen
gewüsst hätten; aber sie waren uns nirgends zu nichts nütz, ja weniger wert als
mein Pulverhorn, welches noch mit Zindkraut gefüllet. Dasselbe dürrete ich, weil
es so weich als ein Brei war, an der Sonne, zettelte davon auf einen Stein,
belegte es mit leichtbrennender Materia, deren es von Moos und Baumwolle von den
Kokosbäumen gnugsam gab, strich darauf mit einem Messer durch das Pulver und
fieng also Feur, welches uns so hoch erfreuete als die Erlösung aus dem Meer.
Und wann wir nur Salz, Brod und Geschirr gehabt hätten, unser Getränke
hineinzufassen, so hätten wir sich vor die allerglückseligste Kerl in der Welt
geschätzet, obwohl wir vor 24 Stunden unter die unglücklichste gerechnet werden
mögen. So gut, getreu und barmherzig ist Gott, dem sei Ehre in Ewigkeit, Amen.
    Wir fiengen gleich etwas von Geflügel, dessen die Menge bei uns ohn Scheu
herumgieng, rupftens, wuschens, und stecktens an ein hölzernen Spiess. Da fieng
ich an, Braten zu wenden, mein Kamerad aber schaffte mir indessen Holz herbei
und verfertigte eine Hütte, uns, wann es vielleicht wieder regnen würde, vor
demselben zu beschirmen, weil der indianische Regen gegen Afrika sehr ungesund
zu sein pfleget; und was uns an Salz abgieng, ersatzten wir mit Zitronensaft,
unsere Speisen geschmacksam zu machen.
 
                            Das zwanzigste Kapitel.
Simplex ein Köchin erlanget und kriegt,
Die sie vergnüget, doch endlich betrügt.
Dieses war der erste Imbiss, den wir auf unsrer Insul einnahmen; und nachdem wir
solchen vollbracht, täten wir nichts anders als dürr Holz zusammensuchen, unser
Feur zu unterhalten. Wir hätten gern gleich die ganze Insul vollends
besichtiget, aber wegen überstandener Abmattung drang uns der Schlaf, dass wir
sich zur Ruhe legen mussten, welche wir auch kontinuierten bis an den lichten
Morgen. Als wir solchen erlebet, giengen wir dem Bächlein oder Revier nach
hinunter, bis an Mund, da es sich ins Meer ergeusst, und sahen mit höchster
Verwunderung, wie sich eine unsägliche Menge Fische in der Grösse als
mittelmässige Salmen oder grosse Karpfen dem süssen Wasser nach ins Flüsslein
hinaufzog, also dass es schiene, als ob man eine grosse Herde Schweine mit Gewalt
hineingetrieben hätte. Und weil wir auch etliche Bonanas und Battades antrafen,
so treffliche gute Früchte sein, sagten wir zusammen, wir hätten
Schlauraffenland genug (obzwar kein vierfüssig Tier vorhanden), wann wir nur
Gesellschaft hätten, beides, die Fruchtbarkeit, als auch die vorhandene Fische
und Vögel dieser edlen Insul geniessen zu helfen; wir konnten aber kein einzig
Merkzeichen spüren, dass jemalen Menschen daselber gewesen wären.
    Als wir derowegen anfiengen zu beratschlagen, wie wir unsre Haushaltung
ferner anstellen und wo wir Geschirr nehmen wollten, sowohl darin zu kochen als
den Wein von Palmen hineinzufangen und seiner Art nach verjähren zu lassen,
damit wir ihn recht geniessen könnten, und in solchem Gespräch so am Ufer
herumspaziereten, sahen wir auf der Weite des Meers etwas dahertreiben, welches
wir in der Fern nicht sehen konnten, wiewohl es grösser schien, als es an sich
selber war; dann nachdem es sich näherte und an unsrer Insul gestrandet, war
es ein halbtodes Weibsbild, welches auf einer Kisten lag und beide Hände in die
Handhaben an der Kisten eingeschlossen hatte. Wir zogen sie aus christlicher
Liebe auf trucken Land, und demnach wir sie beides, wegen der Kleidung und
etlicher Zeichen halber, die sie im Angesicht hatte, vor eine Abyssiner Christin
hielten, waren wir desto geschäftiger, sie wieder zu sich selbst zu bringen,
massen wir sie, jedoch mit aller Ehrbarkeit, als sich solches mit ehrlichen
Weibsbildern in solchen Fällen zu tun geziemet, auf den Kopf stelleten, bis eine
ziemliche Menge Wasser von ihr geloffen. Und obzwar wir nichts Lebhaftiges zu
ferner Erquickung bei uns hatten als Zitronen, so liessen wir doch nit nach, ihro
die spiritualische Feuchtigkeit, die sich in den äussersten Enden der
Zitronenschelfe entält, unter die Nase zu drücken und sie mit Schüttlen zu
bewegen, bis sie sich endlich von sich selbst regte und Portugesisch anfieng zu
reden. Sobald mein Kamerad solches hörete und sich in ihrem Angesicht wiederum
eine lebhafte Farbe erzeigete, sagte er zu mir: »Diese Abyssinerin ist einmal
auf unserm Schiff bei einer vornehmen portugesischen Frau eine Magd gewesen;
dann ich habe sie beide wohl gekannt: sie seind zu Macao aufgesessen und waren
willens, mit uns in die Insul Annabon zu schiffen.« Sobald jene diesen reden
hörete, erzeigete sie sich sehr fröhlich, nannte ihn mit Namen und erzählete
nicht allein ihre ganze Reise, sondern auch wie sie [sich erfreue], sowohl dass
sie und er noch im Leben, als auch, dass sie als Bekannte einander auf truckenem
Land und ausser aller Gefahr wieder angetroffen hätten. Hierauf fragte mein
Zimmermann, was wohl vor Waren in der Kiste sein möchten; darauf antwortete sie,
es wären etliche chinesische Stücke Gewand, etliche Gewehr und Waffen und dann
unterschiedliche so grosse als kleine porzellanen Geschirr, so in Portugal einem
vornehmen Fürsten von ihrem Herrn hätten geschickt werden sollen. Solches
erfreuete uns trefflich, weil es lauter Sachen, deren wir am allermeisten
bedürfig waren. Demnach ersuchte sie uns, wir wollten ihr doch solche
Leutseligkeit erweisen und sie bei uns behalten: sie wollte uns gern mit Kochen,
Wäschen und andern Diensten als eine Magd an die Hand gehen und uns als eine
leibeigene Sklavin untertänig sein, wann wir sie nur in unserm Schutz behalten
und ihr den Lebensunterhalt so gut, als es das Glück und die Natur in dieser
Gegend beschere, neben uns mit zu geniessen gönnen wollten.
    Darauf trugen wir beide mit grosser Mühe und Arbeit die Kiste an denjenigen
Ort, den wir uns zur Wohnung auserkoren hatten. Daselber öffneten wir sie und
fanden so beschaffene Sachen darin, die wir zu unserm damaligen Zustand und
Behuf unsrer Haushaltung nimmermehr anders hätten wünschen mögen. Wir packten
aus und trückneten solche Ware an der Sonnen, worzu sich unsre neue Köchin gar
fleissig und dienstbar erzeigte. Folgends fiengen wir an, Geflügel zu metzgen, zu
sieden und zu braten, und indem mein Zimmermann hingieng, Palmwein zu gewinnen,
stieg ich aufs Gebürge vor uns, Eier auszunehmen, solche hart zu sieden und
anstatt des lieben Brods zu brauchen. Unterwegs betrachtete ich mit herzlicher
Danksagung die grosse Gaben und Gnaden Gottes, die uns dessen barmherzige
Vorsehung so vättermiltiglich mitgeteilet und, ferners zu geniessen, vor Augen
stellete; ich fiel nieder auf das Angesicht und sagte mit ausgestreckten Armen
und erhabenem Herzen: »Ach! ach! du allergütigster himmlischer Vatter! nun
empfinde ich im Werk selber, dass du williger bist, uns zu geben, als wir, von
dir zu bitten! Ja, allerliebster Herr, du hast uns mit dem Überfluss deiner
göttlichen Reichtümer ehender und mehrers versehen, als wir arme Kreaturen
bedacht waren, im geringsten etwas dergleichen von dir zu begehren. Ach,
getreuer Vatter, deiner unaussprechlichen Barmherzigkeit wolle allergnädigst
gefallen, uns zu verleihen, dass wir diese deine Gaben und Gnaden nicht, anders
gebrauchen, als wie es deinem allerheiligsten Willen und Wohlgefallen beliebet
und zu deines grossen unaussprechlichen Namens Ehre gereichet, damit wir dich
neben allen Auserwählten hier zeitlich und dort ewiglich loben, ehren und
preisen mögen!« Mit solchen und viel mehr dergleichen Worten, die alle aus dem
innersten Grund meiner Seelen ganz herzlich und andächtiglich daherflossen,
ging ich um, bis ich die Notdurft an Eiern hatte und damit wiederum zu unsrer
Hütte kam, allwo die Abendmahlzeit auf der Kiste, die wir selbigen Tag samt der
Köchin aus dem Meer gefischet, und mein Kamerad anstatt eines Tisches
gebrauchte, bestens bereitstund.
    Indessen ich nun um obige Eier ausgewesen, hatte mein Kamerad, welcher ein
Kerl von etlich zwanzig Jahren, ich aber über die vierzig Jahr alt, mit unserer
Köchin einen Akkord gemachet, der beides, zu seinem und meinem Verderben,
gereichen sollte. Dann nachdem sie sich in meiner Abwesenheit allein befanden
und von alten Geschichten, zugleich aber auch von der Fruchtbarkeit und grossen
Nutzniessung dieser überaus gesegneten, ja mehr als glückseligen Insul
miteinander gesprochen, wurden sie so verträulich, dass sie auch von einer
Trauung zwischen ihnen beiden zu reden begunnten, von welcher aber die vermeinte
Abissinerin nichts hören wollte, es wäre dann Sache, dass mein Kamerad, der
Zimmermann, sich allein zum Herrn der Insul mache und mich aus dem Weg raume. Es
wäre, sagte sie, unmüglich, dass sie eine friedsame Ehe miteinander haben können,
wann noch ein unverheurater neben ihnen wohnen sollte. »Er bedenke nur selbst,«
sagte sie ferner zu meinem Kamerad, »wie Ihn Argwahn und Eifersucht plagen
würde, wann Er mich heuratet und der Alte täglich mit mir konversieret, obgleich
er ihn zum Cornuto zu machen niemal in Sinn nehme. Zwar weiss ich einen bessern
Rat, wann ich mich je vermählen und auf dieser Insul, die wohl 1000 oder mehr
Personen ernähren kann, das menschliche Geschlecht vermehren soll, nämlich
diesen, dass mich der Alte eheliche; dann wann solches geschähe, so wäre es nur
um ein Jahr oder 12 oder längst 14 zu tun, in welcher Zeit wir etwan eine
Tochter miteinander erzeugen werden, Ihm solche, verstehe den Zimmermann,
ehelich beizulegen. Alsdann wird Er nicht so bei Jahren sein, als jetzund der
jetzige Alte ist, und würde interim zwischen euch beiden die unzweiflige
Hoffnung, dass der erste des andern Schwähervatter, und der ander des ersten
Tochtermann werden sollte, allen bösen Argwahn aus dem Weg tun und mich aller
Gefahr, darin ich anderwärts geraten möchte, befreien. Zwar ist es natürlich,
dass ein junges Weibsbild, wie ich bin, lieber einen jungen als alten Mann nehmen
wird; aber wir müssen sich jetzunder miteinander in die Sache schicken, wie es
unser gegenwärtiger Zustand erfodert, um vorzusehen, dass ich und die, so aus mir
geboren werden möchten, das Sichere spielen.«
    Durch diesen Diskurs, der sich weit auf ein mehrers erstreckte und
auseinanderzohe, als ich jetzunder beschreibe, wie auch durch der vermeinten
Abissinerin Schönheit, so beim Feur in meines Kamerads Augen viel vortrefflicher
herumglänzete als zuvor, und durch ihre hurtige Gebärden ward mein guter
Zimmermann dergestalt eingenommen und betört, dass er sich nicht entblödete zu
sagen, er wollte eh den Alten (mich vermeinende) ins Meer werfen und die ganze
Insul ruinieren, eh er eine solche Dame, wie sie wäre, überlassen wollte. Und
hierauf ward auch obengedachter Akkord zwischen ihnen beiden beschlossen, doch
dergestalt, dass er mich hinterrucks oder im Schlaf mit seiner Axt erschlagen
sollte, weil er sich sowohl vor meiner Leibsstärke als meinem Stab, den er mir
selbst wie einen böhmischen Ohrlöffel verfertiget, entsatzte.
    Nach solchem Vergleich zeigte sie meinem Kamerad zunähest an unsrer Wohnung
eine schöne Art Hafnererde, aus welchem sie nach Art der indianischen Weiber, so
am guineischen Gestad wohnen, schön irden Geschirr zu machen getraue, täte auch
allerlei Vorschläge, wie sie sich und ihr Geschlecht auf dieser Insul
ausbringen, ernähren und bis in das hundertste Glied ihnen ein geruhiges und
vergnügsames Leben verschaffen wollte. Da wusste sie nicht gnugsam zu rühmen, was
sie vor Nutzen aus den Kokosbäumen ziehen und aus der Baumwolle, so selbige
tragen oder hervorbringen, sich und aller ihrer Nachkömmlingen Nachkömmlinge mit
Kleidungen versehen könnte.
    Ich armer Stern kam und wusste kein Haar von diesem Schluss und Laugenguss,
sondern satzte mich, zu geniessen, was zugerichtet dastund, sprach auch nach
christlichem und hochlöblichem Brauch das Benedicite. Sobald ich aber das Kreuz
beides, über die Speisen und meine Mitesser, machte und den göttlichen Segen
anrufte, verschwand beides, unsre Köchin und die Kiste samt allem dem, was in
besagter Kisten gewesen war, und liess einen solchen grausamen Gestank hinter
sich, dass meinem Kamerad ganz unmächtig davon ward.
 
                         Das einundzwanzigste Kapitel.
Simplex und Zimmermann müssen allein
Sein auf der Insel, und schicken sich drein.
Sobald er sich wiederum erkobert hatte und zu seinen sieben Sinnen kommen war,
kniete er vor mir nieder, faltete beide Hände und sagte wohl eine halbe
Viertelstunde nacheinander sonst nichts als: »Ach Vatter! ach Bruder! ach
Vatter! ach Bruder!« und fieng darauf an, mit Wiederholung solcher Worte so
inniglich zu weinen, dass er vor Schluchsen kein verständliches Wort mehr
herausbringen konnte, also dass ich mir einbildete, er müsste durch Schröcken und
Gestank seines Verstandes sein beraubt worden. Wie er aber mit solcher Weise
nicht nachlassen wollte und mich immerhin um Verzeihung bat, antwortete ich:
»Liebster Freund, was soll ich Euch verzeihen, da Ihr mich doch Euere Lebetage
niemal beleidigt habet? Saget mir doch nur, wie Euch zu helfen sei.« -
»Verzeihung,« sagte er, »bitte ich; dann ich habe wider Gott, wider Euch und
wider mich selbst gesündiget.« Und damit fieng er seine vorige Klage wieder an,
kontinuierte sie auch so lang, bis ich sagte, ich wüsste nichts Böses von ihm,
und dafern er gleichwohl etwas begangen, deswegen er sich ein Gewissen machen
möchte, so wollte ichs ihm nicht allein, soviel es mich beträfe, von Grund
meines Herzens verziehen und vergeben haben, sondern auch, wann er sich wider
Gott vergriffen, neben ihn dessen Barmherzigkeit und Begnädigung anrufen. Auf
solche Worte fassete er meine Schenkel in seine Arme, küssete meine Knie, und
sah mich so sehnlich und beweglich darauf an, dass ich darüber gleichsam
erstummete und nicht wissen oder erraten konnte, was es doch immermehr mit dem
Kerl vor eine Beschaffenheit haben möchte. Demnach ich ihn aber freundlich in
die Arme nahm und an meine Brust druckte, mit Bitte, mir zu erzählen, was ihm
anläge und wie ihm zu helfen sein möchte, beichtete er mir alles haarklein
heraus, was er mit der vermeinten Abissinerin vor einen Diskurs geführet und
über mich beides, wider Gott, wider die Natur, wider die christliche Liebe und
wider das Gesetz treuer Freundschaft, die wir einander solenniter geschworen,
bei sich selbst beschlossen gehabt hatte; und solches tat er mit solchen Worten
und Gebärden, daraus seine inbrünstige Reue und zerknirschtes Herz leicht zu
mutmassen oder abzunehmen war.
    Ich tröstete ihn, so gut ich immer konnte, und sagte, Gott hätte vielleicht
solches zur Warnung über uns verhängt, damit wir sich künftig vor des Teufels
Stricken und Versuchungen desto besser vorsehen und in stetiger Gottesfurcht
leben sollten; er hätte zwar Ursache, seiner bösen Einwilligung halber Gott
herzlich um Verzeihung zu bitten, aber noch eine grössere Schuldigkeit sei es,
dass er ihm um seine Hute und Barmherzigkeit danke, indem er ihn so vätterlich
aus des leidigen Satans List und Fallstrick gerissen und ihn vor seinem
zeitlichen und ewigen Fall behütet hätte. Es würde uns vonnöten sein,
vorsichtiger zu wandeln, als wann wir mitten in der Welt unter dem Volk
wohneten; dann sollte einer oder der ander oder wir alle beide fallen, so würde
niemand vorhanden sein, der uns wiederum aufhülfe als der liebe Gott, den wir
derowegen desto fleissiger vor Augen haben und ihn ohn Unterlass um Hülfe und
Beistand anflehen müssten.
    Von solchen und dergleichen Zusprechen ward er zwar um etwas getröstet, er
wollte sich aber nichtsdestoweniger nicht allerdings zufrieden geben, sondern
bat aufs demütigste, ich wollte ihm doch wegen seines Verbrechens eine Busse
auflegen. Damit ich nun sein niedergeschlagnes Gemüt nach Müglichkeit wiederum
etwas aufrichten möchte, sagte ich, dieweil er ohnedas ein Zimmermann sei und
seine Axt noch im Vorrat hätte, so sollte er an demjenigen Ort, wo sowohl wir
als unsere teuflische Köchin gestrandet, am Ufer des Meers ein Kreuz aufrichten.
Damit würde er nicht allein ein Gott wohlgefällig Busswerk verrichten, sondern
auch zuwegen bringen, dass künftig der böse Geist, welcher das Zeichen des
heiligen Kreuzes scheue, unsre Insul nicht mehr so leichtlich anfallen würde.
»Ach!« antwortete er, »nicht nur ein Kreuz in die Niedere, sondern auch zwei auf
das Gebürge sollen von mir verfertiget und aufgerichtet werden, wann ich nur, o
Vatter, deine Huld und Gnade wieder habe und mich der Verzeihung von Gott
getrösten darf!« Er ging in solchem Eifer auch gleich hin und hörete nicht auf
zu arbeiten, bis er die drei Kreuze verfertiget hatte, davon wir eins am Strand
des Meers und die andere zwei, jedes besonder, auf die höchste Gipfel des
Gebürges mit folgender Inskription aufrichteten:
    »Gott dem Allmächtigen zu Ehren und dem Feind des menschlichen Geschlechts
zu Verdruss hat Simon Meron von Lissabon aus Portugal mit Rat und Hilfe seines
getreuen Freundes Simplici Simplicissimi, eines Hochteutschen, dies Zeichen des
Leidens unsers Erlösers aus christlicher Wohlmeinung verfertiget und hieher
aufgerichtet.«
    Von dar an fiengen wir an, etwas gottseliger zu leben, weder wir zuvor getan
hatten; und damit wir den Sabbat auch heiligen und feiern möchten, schnitt ich
anstatt eines Kalenders alle Tage eine Kerbe auf einen Stecken und am Sonntag
ein Kreuz. Alsdann sassen wir zusammen und redeten miteinander von heiligen und
göttlichen Sachen; und diese Weise musste ich gebrauchen, weil ich noch nichts
ersonnen hatte, mich damit anstatt Papier und Tinten zu behelfen, dadurch ich
etwas Schriftliches hätte zu unsrer Nachricht aufzeichnen mögen.
    Hier muss ich zum Beschluss dieses Kapitels einer artlichen Sachen gedenken,
die uns den Abend, als unsre feine Köchin von uns abschied, gewaltig erschröckte
und ängstigte, deren wir die erste Nacht nicht wahrgenommen, weil uns der Schlaf
wegen überstandener Abmattung und grosser Müdigkeit gleich überwunden. Es war
aber dieses: Als wir noch vor Augen hatten, durch was vor tausend List uns der
leidige Teufel in Gestalt der Abyssinerin verderben wollen und dannenhero nicht
schlafen konnten, sonder lang wachend die Zeit, und zwar mehrenteils im Gebet,
zubrachten, sahen wir, sobald es ein wenig finster ward, um uns her einen
unzähligen Haufen der Liechter in der Luft herumschweben, welche auch einen
solchen hellen Glanz von sich gaben, dass wir die Früchte an den Bäumen vor dem
Laub unterscheiden konnten. Da vermeinten wir, es wär abermal ein neuer Fund
des Widersachers, uns zu quälen, wurden derowegen ganz still und ruhsam,
befanden aber endlich, dass es eine Art der Johannesfünklein oder Zintwürmlein
(wie man sie in Teutschland nennet) waren, welche aus einer sonderbaren Art
faulen Holzes entstehen, so auf dieser Insul wächset. Diese leuchten so hell,
dass man sie gar wohl anstatt einer hellbrennenden Kerze gebrauchen kann, massen
ich nachgehends dies Buch mehrenteils dabei geschrieben; und wann sie in Europa,
Asia und Afrika so gemein wären als hier, so würden die Liechtkrämer schlechte
Losung haben.
 
                         Das zweiundzwanzigste Kapitel.
Simplex allein auf der Insel verbleibet,
Weil der Tod seinen Zimmermann aufreibet.
Dieweil wir nun sahen, dass wir verbleiben mussten, wo wir waren, fiengen wir auch
unsre Haushaltung anderst an: mein Kamerad machte von einem schwarzen Holz,
welches sich beinahe dem Eisen vergleichet, wann es dürr wird, vor uns beide
Hauen und Schaufelen, durch welche wir erstlich die obgesetzte drei Kreuzen
eingruben, zweitens das Meer in Gruben leiteten, da es sich, wie ich zu
Alexandria in Ägypten gesehen, in Salz verwandelte; drittens fiengen wir an,
einen lustigen Garten zu machen, weil wir den Müssiggang vor den Anfang unsers
Verderbens schätzten; viertens gruben wir das Bächlein ab, also dass wir dasselbe
nach unserm Belieben anderwärts hinwenden, den alten Fluss ganz trocken legen und
Fische und Krebse, soviel wir wollten, gleichsam mit trockenen Händen und Füssen
darauf aufheben konnten; fünftens befanden wir neben dem besagten Flüsslein eine
überaus schöne Hafnererde, und obzwar wir weder Scheibe noch Rad, zumalen auch
keinen Bohrer oder andere Instrumenten hatten, uns dergleichen etwas
zuzurichten, um uns allerhand Geschirr zu drehen, obwohl wir das Handwerk nicht
gelernet, so ersonnen wir doch einen Vortel, durch welchen wir zuwegen brachten,
was wir wollten; dann nachdem wir die Erde geknetet und zubereitet hatten, wie
sie sein sollte, machten wir Würste daraus in der Dicke und Länge, wie die
englische Tabakspfeifen sein. Solche kleibten wir schneckenweis aufeinander und
formierten Geschirr daraus, wie wirs haben wollten, beides, gross und klein,
Häfen und Schüsslen zum Kochen und Trinken. Wie uns nun der erste Brand geriete,
hatten wir keine Ursache mehr, uns über einigen Mangel zu beklagen; dann obwohl
uns das Brod abgieng, hatten wir jedoch hingegen dürre Fische vollauf, die wir
vor Brod brauchten. Mit der Zeit ging uns der Vortel mit dem Salz auch an, also
dass wir endlich gar nichts zu klagen hatten, sondern wie die Leute in der ersten
göldenen Zeit lebeten. Da lerneten wir nach und nach, wie wir aus Eiern, dürren
Fischen und Zitronenschälen, welche beide letztere Stücke wir zwischen zweien
Steinen zu zartem Mehl rieben, in Vögelschmalz, so wir von den Walchen (so
genannten Vögeln) bekamen, anstatt des Brods wohlgeschmackte Kuchen backen
sollten. So wusste mein Kamerad den Palmwein gar artlich in grosse Häfen zu
gewinnen und denselben ein paar Tage stehen zu lassen, bis er verjohren; hernach
soff er sich so voll darin, dass er torkelte; und solches tät er auf die Letzte
gleichsam alle Tage, Gott gebe, was ich darwider redete; dann er sagte, wann man
ihn über die Zeit stehen liesse, so würde er zu Essig, welches zwar nicht ohn
ist. Antwortete ich ihm dann, er sollte auf einmal nicht so viel, sondern die
blosse Notdurft gewinnen, so sagte er hingegen, es sei Sünde, wann man die Gaben
Gottes verachte; man müsse den Palmen beizeiten zu Ader lassen, damit sie nicht
mit ihrem eignen Blut erstickten. Also musste ich seinen Begierden den Zaum
lassen, wollte ich anderst nicht mehr hören, ich gönnete ihm nicht, was wir die
Völle umsonst hätten.
    Also lebten wir, wie abgemeldet, als die erste Menschen in der göldenen
Zeit, da der gütige Himmel denselbigen ohn einzige Arbeit alles Gutes aus der
Erde hervorwachsen lassen. Gleichwie aber kein Leben in dieser Welt so süss und
glückselig ist, das nit bisweilen mit Galle des Leidens verbittert werde, also
geschahe uns auch; dann um wieviel sich täglich unsre Küche und Keller besserte,
um so viel wurden unsere Kleidungen von Tag zu Tag je länger je blöder, bis sie
uns endlich gar an den Leibern verfauleten. Das beste vor uns war dieses, dass
wir bishero noch niemal keinen Winter, ja nicht die geringste Kälte inworden,
wiewohl wir damal, als wir anfiengen, nackend zu werden, meinen Kerbhölzern nach
bereits über andertalb Jahr auf dieser Insul zugebracht; sondern es war
jederzeit Wetter, wie es bei den Europäern im Majo und Junio zu sein pflegte,
ausser, dass es ungefähr im Augusto und etwas Zeit zuvor gewaltig stark zu regnen
und zu wittern pfleget. So wird auch allhier, von einem Solstitio zum andern,
Tag und Nacht nicht wohl über fünf Viertelstunden länger oder kürzer als das
andermal. Wiewohl wir nun allein sich auf der Insul befanden, so wollten wir
doch nicht wie das unvernünftige Vieh nackend, sondern als ehrliche Christen aus
Europa bekleidet gehen. Hätten wir nur vierfüssige Tiere gehabt, so wäre uns
schon geholfen gewesen, ihre Bälge zu Kleidung anzuwenden; in Mangel derselbigen
aber zogen wir dem grossen Geflügel, als den Walchen und Pingwins die Häute ab
und machten uns Niederkleider draus. Weil wir sie aber aus Mangel beides, der
Instrumenten und zugehörigen Materialien, nit recht auf die Daur bereiten
konnten, wurden sie hart, unbequem und zerstoben uns vom Leib hinweg, eh wir
sich dessen versahn. Die Kokosbäume trugen uns zwar Baumwolle genug, wir
konnten sie aber weder weben noch spinnen; aber mein Kamerad, welcher etliche
Jahre in Indien gewesen, wies mir an denen Blättern vorn an den Spitzen ein Ding
wie ein scharfer Dorn; wann man selbiges abbricht und am Grad des Blatts
hinzeucht, gleichsam wie man mit den Bohnenschelfen, Phaseoli genannt, umgehet,
wann man selbige von ihren Gräten gereiniget, so verbleibet an demselbigen
spitzigen Dorn ein Faden hangen, so lang als der Grad oder das Blatt ist, also
dass man dasselbige anstatt Nadel und Faden brauchen kann. Solches gab mir
Ursache und Gelegenheit an die Hand, dass ich uns aus denselben Blättern
Niederkleider machte und solche mit obgemeldten Faden ihres eigenen Gewächses
zusammenstach.
    Indem wir nun so miteinander hausen und unsere Sache so weit gebracht, dass
wir keine Ursache mehr hatten, uns über einige Arbeitseligkeit, Abgang, Mangel
oder Trübsal zu beschweren, zechte mein Kamerad im Palmwein immerhin täglich
fort, wie ers angefangen und nunmehr gewohnt hatte, bis er endlich Lung und
Leber entzündete und, eh ich mich recht versah, mich, die Insul, und den Vin de
Palm durch einen frühzeitigen Tod zugleich quittierte. Ich begrub ihn so gut,
als ich konnte, und indem ich des menschlichen Wesens Unbeständigkeit und anders
mehr betrachtete, machte ich ihm folgende Grabschrift:
»Dass ich hier und nicht ins Meer bin worden begraben,
Auch nicht in der Höll, macht, dass um mich gestritten haben
Drei Ding: das erste, der wüttende Ozean,
Das zweit, der grausam Feind, der höllische Satan!
Diesen entranne ich durch Gottes Hülf aus mein'n Nöten,
Aber vom Palmwein, dem dritten, liess ich mich töten.«
    Also ward ich allein ein Herr der ganzen Insul und fieng wiederum ein
einsiedlerisches Leben an, worzu ich dann nicht allein mehr als gnugsame
Gelegenheit, sondern auch einen steifen Willen und Vorsatz hatte. Ich machte mir
die Güter und Gaben dieses Orts zwar wohl zunutz mit herzlicher Danksagung gegen
Gott, als dessen Güte und Allmacht allein mir solche so reichlich bescheret
hatte, befliss mich darneben, dass ich deren Überfluss nicht missbrauchte. Ich
wünschte oft, dass ehrliche Christenmenschen bei mir wären, die anderwärts Armut
und Mangel leiden müssen, sich der gegenwärtigen Gaben Gottes zu gebrauchen;
weil ich aber wohl wusste, dass Gott dem Allmächtigen mehr als müglich (dafern es
anders sein göttlicher Wille wäre), mehr Menschen leichtlicher- und
wunderbarlicherweise hieher zu versetzen, als ich hergebracht worden, gab mir
solches oft Ursache, ihm um seine göttliche Vorsehung und dass er mich so
vätterlich vor andern viel 1000 Menschen versorget, und in einen solchen
geruhigen und friedsamen Stand gesetzet hatte, demütig zu danken.
 
                         Das dreiundzwanzigste Kapitel.
Simplex, der Münch, die Histori beschleusst,
Darmit das End seiner sechs Bücher weist.
Mein Kamerad war noch keine Woche tod gewesen, als ich ein Ungeheur um meine
Wohnung herum vermerkte. »Nun wohlan«, gedachte ich, »Simplici, du bist allein,
sollte dich nicht der böse Geist zu vexieren unterstehen? Vermeinest du nicht,
dieser Schadenfroh werde dir dein Leben saur machen? Was fragst du aber nach
ihm, wann du Gott zum Freund hast? Du musst nur etwas haben, das dich übet, dann
sonst würde dich Müssiggang und Überfluss zu Fall stürzen; hast du doch ohn diesen
sonst niemand zum Feind als dich selber und dieser Insul Überfluss und
Lustbarkeit. Darum mache dich nur gefasst, zu streiten mit demjenigen, der sich
am allerstärksten zu sein bedünkt. Wird derselbige durch Gottes Hülfe
überwunden, so würdest du ja, ob Gott will, vermittelst dessen Gnade auch dein
eigner Meister verbleiben.«
    Mit solchen Gedanken ging ich ein paar Tage um, welche mich um ein
ziemliches besserten und andächtig machten, weil ich mich einer Rencontra
versah, die ich ohn Zweifel mit dem bösen Geist ausstehen müsste. Aber ich
betrog mich vor diesmal selber, dann als ich an einem Abend abermal etwas
vermerkete, das sich hören liess, ging ich vor meine Hütte, welche zu nähest an
einem Felsen des Gebürgs stund, worunter die Hauptquelle des süssen Wassers, das
vom Gebürg durch diese Insul ins Meer rinnet; da sah ich meinen Kamerad an der
steinern Wand stehen, wie er mit den Fingern in deren Spalt grübelte. Ich
erschrak, wie leicht zu gedenken, doch fassete ich stracks wieder ein Herz,
befahl mich mit Bezeichnung des heiligen Kreuzes in Gottes Schutz und dachte:
»Es muss doch einmal sein! Besser ist es heut als morgen!«; ging darauf zum
Geist und brauchte gegen ihm diejenige Worte, die man in solchen Begebenheiten
zu reden pfleget. Da verstund ich alsobald, dass es mein verstorbener Kamerad
war, welcher bei seinen Lebzeiten seine Dukaten dortin verborgen hatte, der
Meinung, wann etwan über kurz oder lang ein Schiff an die Insul kommen würde,
dass er alsdann solche wieder erheben und mit sich davonnehmen wollte. Er gab mir
auch zu verstehen, dass er auf dies wenige Geld, als dadurch er wieder nach Haus
zu kommen verhoffet, sich mehr als auf Gott verlassen, wessentwegen er dann mit
solcher Unruhe nach seinem Tod büssen und mir auch wider seinen Willen
Ungelegenheit machen müssen. Ich nahm auf sein Begehren das Gold heraus, achtete
es aber weniger als nichts, welches man mir desto ehender glauben kann, weil
ichs auch zu nichts zu gebrauchen wusste. Dieses nun war der erste Schröcken, den
ich einnahm, seiter ich mich allein befand; aber nachgehends ward mir wohl von
andern Geistern zugesetzt, als dieser einer gewesen, davon ich aber weiters
nichts melden, sondern nur noch dieses sagen will, dass ich vermittelst
göttlicher Hülf und Gnade dahin kam, dass ich keinen einzigen Feind mehr spürete
als meine eigne Gedanken, die oft gar variabel stunden. Dann diese seind nicht
zollfrei vor Gott, wie man sonst zu sagen pfleget; sondern es wird zu seiner
Zeit ihrentwegen auch Rechenschaft gefodert werden.
    Damit mich nun dieselbige destoweniger mit Sünden beflecken sollten, befliss
ich mich nicht allein auszuschlagen, was nichts taugte, sondern ich gab mir
selbst alle Tage eine leibliche Arbeit auf, solche neben dem gewöhnlichen Gebet
zu verrichten; dann gleichwie der Mensch zur Arbeit wie der Vogel zum Fliegen
geboren ist, also verursachet hingegen der Müssiggang beides, der Seelen und dem
Leib, ihre Krankheiten, und zuletzt, wann man es am wenigsten wahrnimmt, das
endliche Verderben. Derowegen pflanzete ich einen Garten, dessen ich doch
weniger als der Wagen des fünften Rads bedorfte, weilen die ganze Insul nichts
anders als ein lieblicher Lustgarten hätte mögen genannt werden. Meine Arbeit
taugte auch zu sonst nichts, als dass ich eins und anders in eine
wohlanständigere Ordnung brachte, obwohl manchem die natürliche Unordnung der
Gewächse, wie sie da untereinander stunden, anmutiger vorkommen sein möchte, und
dann, dass ich, wie obgemeldet, den Müssiggang abschafte. O wie oft wünschte ich
mir, wann ich meinen Leib abgemattet hatte und demselben seine Ruhe geben musste,
geistliche Bücher, mich selbst darin zu trösten, zu ergetzen und aufzubauen;
aber ich hatte solche darum nicht. Demnach ich aber vor diesem von einem
heiligen Mann gelesen, dass er gesagt, die ganze weite Welt sei ihm ein grosses
Buch, darin er die Wunderwerke Gottes erkennen und zu dessen Lob angefrischet
werden möchte, als gedachte ich, demselbigen nachzufolgen, wiewohl ich sozusagen
nicht mehr in der Welt war. Die kleine Insul musste mir die ganze Welt sein, und
in derselbigen ein jedes Ding, ja ein jeder Baum ein Antrieb zur Gottseligkeit
und eine Erinnerung zu denen Gedanken, die ein rechter Christ haben soll. Also,
sah ich ein stachelecht Gewächs, so erinnert ich mich der Dörnenkrone Christi;
sah ich einen Apfel oder Granat, so gedachte ich an den Fall unserer ersten
Eltern und bejammerte denselbigen; gewanne ich Palmwein aus einem Baum, so
bildete ich mir vor, wie mildiglich mein Erlöser am Stamm des hl. Kreuzes sein
Blut vor mich vergossen; sah ich das Meer oder die Berge, so erinnerte ich mich
des einen oder andern Wunderzeichens und Geschichten, so unser Heiland an
dergleichen Orten begangen; fand ich einen oder mehr Steine, so zum Werfen
bequem waren, so stellete ich mir vor Augen, wie die Juden Christum steinigen
wollten; war ich in meinem Garten, so gedachte ich an das ängstige Gebet am
Ölberg oder an das Grab Christi, und wie er nach der Auferstehung Mariae
Magdalenae im Garten erschienen etc. Mit solchen und dergleichen Gedanken
handierte ich täglich; ich ass nie, dass ich nicht an das letzte Abendmahl Christi
gedachte, und kochte mir niemal keine Speise, dass mich das gegenwärtige Feur
nicht an die ewige Pein der Höllen erinnert hätte.
    Endlich erfand ich, dass mit Brasiliensaft, dessen es unterschiedliche
Gattungen auf dieser Insul gibet, wann solche mit Zitronensaft vermischet
werden, gar wohl auf eine Art grosser Palmblätter zu schreiben sei, welches mich
höchlich erfreuete, weil ich nunmehr ordentliche Gebet konzipieren und
aufschreiben konnte. Zuletzt als ich mit herzlicher Reue meinen ganzen geführten
Lebenslauf betrachtete und meine Bubenstücke, die ich von Jugend auf begangen,
mir selber vor Augen stellete und zu Gemüt führete, dass gleichwohl der
barmherzige Gott unangesehen aller solchen groben Sünden mich bisher nicht
allein von der ewigen Verdammnus bewahret, sondern auch Zeit und Gelegenheit
geben hatte, mich zu bessern, zu bekehren, ihn um Verzeihung zu bitten und um
seine Guttaten zu danken, beschrieb ich alles, was mir noch eingefallen, in
dieses Buch, so ich von obgemeldten Blättern gemachet, und legte es samt
obgedachten meines Kamerades hinterlassenen Dukaten an diesen Ort, damit, wann
vielleicht über kurz oder lang Leute hieher kommen sollten, sie solches finden
und daraus abnehmen können, wer etwan hiebevor diese Insul bewohnet. Wird nun
heut oder morgen, entweder vor oder nach meinem Tod, jemand dies finden und
lesen, denselben bitte ich, dafern er etwan Wörter darin antrifft, die einem,
der sich gern besserte, nicht zu reden, geschweige zu schreiben, wohl anstehen,
er wolle sich darum nicht ärgern, sondern gedenken, dass die Erzählung leichter
Händel und Geschichten auch bequeme Worte erfordern, solche an Tag zu geben. Und
gleichwie die Maurraut von keinem Regen leichtlich nass wird, also kann auch ein
rechtschaffenes gottseliges Gemüt nit sogleich von einem jedwedern Diskurs, er
scheine auch so leichtfertig, als er wolle, angesteckt, vergiftet und verderbet
werden; ein ehrlich gesinnter christlicher Leser wird sich vielmehr verwundern
und die göttliche Barmherzigkeit preisen, wann er findet, dass so ein schlimmer
Geselle, wie ich gewesen, dannoch die Gnade von Gott gehabt, der Welt zu
resignieren und in einem solchen Stand zu leben, darin er zur ewigen Glorie zu
kommen und die selige Ewigkeit nächst dem heiligen Leiden des Erlösers zu
erlangen verhoffet durch ein seliges Ende.
                           Relation Jean Cornelissen
                von Harlem, eines holländischen Schiffcapitains,
                      an German Schleiffheim von Sulsfort,
                              seinen guten Freund,
                               vom Simplicissimo.
 
                         Das vierundzwanzigste Kapitel.
Jan Cornelisen, ein Schifscapitain,
Kommt an das Ort, wo war Simplex allein.
Es weiss sich ohn Zweifel Derselbe noch wohl zu erinnern, wasmassen ich bei unsrer
Abreise versprochen, Ihm die allergrösste Rarität mitzubringen, die mir in ganz
India oder auf unsrer Reise zustehe; nun hab ich zwar etliche seltsame Meer- und
Erdgewächse gesammlet, damit der Herr wohl seine Kunstkammer zieren mag; aber
was mich am allermeisten verwunderungs- und aufhebenswert zu sein bedünket, ist
gegenwärtiges Buch, welches ein hochteutscher Mann, in einer Insul gleichsam
mitten im Meer allein wohnhaftig, wegen Mangel Papiers aus Palmblättern gemachet
und seinen ganzen Lebenslauf darin beschrieben. Wie mir aber solches Buch
zuhanden kommen, auch was besagter Teutscher vor ein Mann sei und was er vor ein
Leben führe, muss ich dem Herrn ein wenig ausführlich erzählen, obzwar er selbst
solches in gemeldtem seinem Buch ziemlichermassen an Tag gegeben.
    Als wir in denen Molukkischen Insulen unsre Ladung völlig bekommen und
unsern Lauf gegen dem Capo Bonae Esperanzae zu nahmen, spüreten wir, dass sich
unsre Heimreise nicht beschleinigen wollte, wie wir wohl anfangs gehoffet, dann
die Winde mehrenteils contrari und so variabel giengen, dass wir lang umgetrieben
und aufgehalten wurden; wessentwegen dann auf allen Schiffen der Armada wir
merklich viel Kranken bekamen. Unser Admiral tät einen Schuss, steckte eine
Flagge aus und liess also alle Capitains von der Flotte auf sein Schiff kommen;
da ward geratschlaget und beschlossen, dass man sich die Insul St. Helenae zu
erlangen und daselber die Kranke zu erfrischen und anständiges Wetter zu
erwarten bemühen sollte; item, es sollten, wann die Armada vielleicht durch
Ungewitter, dessen wir uns nicht vergebens versahn, zertrennet würde, die erste
Schiffe, so an bemeldte Insul kämen, eine Zeit von vierzehn Tagen auf die übrige
warten, welches dann wohl, ausgesonnen und beschlossen worden, massen es uns
ergieng, wie wir besorget hatten, indem durch einen Sturm die Flotte dergestalt
zerstreuet ward, dass kein einziges Schiff bei dem andern verblieb. Als ich mich
nun mit meinem anvertrauten Schiff allein befand und zugleich mit widerwärtigem
Wind, Mangel an süssem Wasser und vielen Kranken geplaget ward, musste ich mich
kümmerlich mit Lavieren behelfen, womit ich aber wenig ausrichtete, mehrbesagte
Insul Helenae zu erlangen (von deren wir noch vierhundert Meilen zu sein
schätzelen), es hätte sich dann der Wind geändert.
    In solchem Umschweifen und schlechten Zustand, in dem es sich mit den
Kranken ärgerte und ihrer täglich mehr wurden, sahen wir gegen Osten weit im
Meer hinein unsers Bedünkens einen einzigen Felsen liegen; dahin richteten wir
unsern Lauf, der Hoffnung, etwan ein Land der Enden anzutreffen, wiewohl wir
nichts dergleichen in unseren Mappen angezeiget fänden, so der Enden gelegen. Da
wir sich nun demselben Felsen auf der mitternächtigen Seite näherten, schätzten
wir dem Ansehen nach) dass es ein steinechtes, hohes, unfruchtbares Gebürge sein
müsste, welches so einzig im Meer läge, dass auch, an derselben Seite zu besteigen
oder daran anzuländen, unmüglich schiene; doch empfanden wir am Geruch, dass wir
nahe an einem guten Geländ sein müssten. In bemeldten Gebürge sass und flogs
voller Vögel; und indem wir dieselbe betrachteten, wurden wir auf den höchsten
Gipfelen zweier Kreuzen gewahr, daran wir wohl abnehmen konnten, dass solche
durch menschliche Hände aufgerichtet worden, und dannenhero das Gebürge wohl zu
besteigen wäre. Derowegen schifften wir oft hinum und fanden auf der andern
Seite des gemeldten Gebürges ein zwar kleines, aber solches lustiges Geländ,
dergleichen ich mein Tag weder in Ost-noch Westindien nicht gesehen. Wir legten
sich zehn Klaftern tief auf den Anker in gutem Sandgrund und schickten einen
Nachen mit acht Männern zu Land, um zu sehen, ob daselber keine Erfrischung zu
bekommen.
    Diese kamen bald wieder und brachten einen grossen Überfluss von allerhand
Früchten, als Zitronen, Pomeranzen, Kokos, Bonanes, Batades, und was uns zum
höchsten erfreuete, auch die Zeitung mit sich, dass trefflich gut Trinkwasser auf
der Insul zu bekommen; item, obzwar sie einen Hochteutschen auf der Insul
angetroffen, der allem Ansehen nach sich schon lange Zeit allda befunden, so
laufe jedoch der Ort so voller Geflügel, die sich mit den Händen fangen lassen,
dass sie den Nachen voll zu bekommen und mit Stecken todzuschlagen getrauet
hätten. Von gemeldtem Teutschen glaubten sie, dass er irgends auf einem Schiff
eine Übeltat begangen und dannenhero zur Strafe auf diese Insul gesetzet worden,
welches wir dann auch darvor hielten; überdas sagten sie vor gewiss, dass der Kerl
nicht bei sich selbst, sondern ein purer Narr sein müsste, als von welchem sie
keine einzige richtige Rede und Antwort haben mögen.
    Gleichwie nun durch diese Zeitung das ganze Schiffvolk, insonderheit aber
die Kranke herzlich erfreuet wurden, also verlangete auch jedermann aufs Land,
sich wiederum zu erquicken. Ich schickte derowegen einen Nachen voll nach dem
andern hin, nicht allein den Kranken ihre Gesundheit wieder zu erholen, sondern
auch das Schiff mit frischem Wasser zu versehen, welches uns beides nötig war,
also dass wir mehrenteils auf die Insul kamen. Da fanden wir mehr ein irdisch
Paradeis als einen öden unbekannten Ort. Ich vermerkte auch gleich, dass
bemeldter Teutscher kein solcher Tor sein müsste, viel weniger ein Übeltäter, wie
die Unserige anfangs darvor gehalten; dann alle Bäume, die von Art eine glatte
Rinde trugen, hatte er mit biblischen und andern schönen Sprüchen gezeichnet,
seinen christlichen Geist dadurch aufzumuntern und das Gemüte zu Gott zu
erheben; wo aber keine ganze Sprüche stunden, da befanden sich wenigst die vier
Buchstaben der Überschrift Christi am Kreuz, als I N R I oder der Name Jesu und
Mariae als irgends nur ein Instrument des Leidens Christi, daraus wir
mutmasseten, dass er ohn Zweifel ein Papist sein müsste, weil uns alles so
päbstisch vorkam. Da stund Memento mori auf Latein, dorten Jeschua Hanosri
Melech Haijehudim auf Hebräisch, an einem andern Ort dergleichen etwas auf
Griechisch, Teutsch, Arabisch oder Mulukkisch (welche Sprache durch ganz Indien
geht) zu keinem andern Ende, als sich der himmlischen göttlichen Dinge dabei
christlich zu erinnern. Wir fanden auch seines Kamerades Grabmal, davon dieser
Teutsche selbst in seines Lebens Erzählung meldet, nicht weniger auch die drei
Kreuzen, welche sie beide miteinander am Ufer des Meers aufgerichtet hatten,
wessentwegen dann unser Schiffvolk den Ort (vornehmlich weil gleichsam an allen
Bäumen auch Kreuzer eingeschnitten stunden) die Kreuzinsul nannten. Doch waren
uns alle solche kurze und sinnreiche Sprüche lauter räterisch und dunkele
Oracula, aus denen wir aber gleichwohl abnehmen konnten, dass ihr Autor kein
Narr, sondern ein sinnreicher Poet, insonderheit aber ein gottseliger Christ
sein müsse, der viel mit Betrachtung himmlischer Dinge umbgehe. Folgender Reim,
den wir auch in einem Baum eingeschnitten fanden, bedünkte unsern
Siechentröster, der mit mir herumgieng und viel aufschrieb, was er sand, der
vornehmste zu sein, vielleicht weil er ihm was Neues war; er lautet also:
»Ach allerhöchstes Gut! du wohnst in solchem Liecht,
Dass man vor Klarheit gross den Glanz kann sehen nicht.«
Dann er, der Siechentröster, welches ein überaus gelehrter Mann war, sagte: »So
weit kommt ein Mensch auf dieser Welt und nicht höher, es wolle ihm dann Gott
das höchste Gut aus Gnaden mehr offenbaren.«
    Indessen durchstrichen meine gesunde Schiffbursche die ganze Insul,
allerhand Erfrischungen vor sich und die Kranke zusammenzubringen und bemeldten
Teutschen zu suchen, den alle Prinzipalen des Schiffs zu sehen und mit ihm zu
konferieren ein grosses Verlangen trugen. Sie trafen ihn dannoch nicht an, aber
wohl eine ungeheure Höhle voller Wasser im Steinfelsen, darin sie schätzten, dass
er sein müsste, weil ein ziemlicher enger Fusspfad hineingieng. In dieselbe konnte
man aber wegen des darinstehenden Wassers und grosser Finsternus nicht kommen;
und wanngleich man Fackeln und Pechringe anzündete, sich damit zu behelfen und
die Höhle zu visitieren, so löschte jedoch alles aus, ehe sie einen halben
Steinwurf weit hineinkamen, mit welcher Arbeit sie viel Zeit umsonst
hinbrachten.
 
                         Das fünfundzwanzigste Kapitel.
Simplex sich in seiner Festung entielt,
Da die Leut werden indessen ganz wild.
Als mir nun unsere Leute von dieser ihrer vergeblichen Arbeit Relation täten und
ich selber hingehen wollte, den Ort zu besichtigen und zu sehen, was etwan zu
tun sein möchte, damit wir den besagten Teutschen zur Hand bringen könnten,
erregte sich, nicht allein ein grausames Erdbidem, dass meine Leute vermeinten,
die ganze Insul würde alle Augenblick untergehen sondern ich ward auch eiligst
zum Schiffvolk berufen, welch sich mehrenteils, soviel deren auf dem Land waren,
in einer fast wunderlichen und sehr sorgsamen Zustand befanden. Dann da stund
einer mit blossem Degen vor einem Baum, fochte mit demselbigen und gab vor, er
hätte den allergrössten Riesen zu bestreiten; an einem andern Ort sah einer mit
fröhlichem Angesicht gen Himmel und zeigte den andern vor eine gründliche
Wahrheit an, er sehe Gott und das ganze himmlische Heer in der himmlischen
Freude beisammen; hingegen sähe ein anderer auf den Erdboden mit Forcht und
Zittern, vorgebende, er sehe in vor sich habender schröcklichen Grube den
leidigen Teufel samt seinem Anhang, die wie in einem Abgrund herumwimmelten; ein
anderer hatte einen Prügel und schlug um sich, dass ihm niemand nähern dorfte,
und schriee doch, man sollte ihm wider die viele Wölfe helfen, die ihn zerreissen
wollten. Hier sass einer auf einem Wasserfass (als welche wir zuzurichten und zu
füllen an Land gebracht hatten), gab demselben die Sporen und wollte es wie ein
Pferd tummlen; dort fischte einer auf trockenem Land mit dem Angel und zeigete
den andern, was ihm vor Fische anbeissen würden. In Summa, da hiesse es wohl: viel
Köpfe viel Sinne; dann ein jeder hatte seine sonderbare Anfechtung, welche sich
mit des andern im wenigsten nicht vergliche. Es kam einer zu mir geloffen, der
sagte ganz ernstlich: »Herr Capitain, ich bitte ihn doch um hunderttausend
Gottes willen, er wolle Justitiam administrieren und mich vor den greulichen
Kerlen beschützen!« Als ich ihn nun fragte, wer ihn bann beleidiget hätte,
antwortete er und wiese mit der Hand auf die übrige, die ebenso närrisch und
vertollet in den Köpfen waren als er: »Diese Tyrannen wollen mich zwingen, ich
soll zwo Tonnen Heringe, sechs westfälische Schnuken und zwölf holländische Käse
samt einer Tonne Butter auf einmal auffressen. Herr Casinam,« sagte er ferner,
»wie wollte das Ding sein können? es ist ja unmüglich, und ich müsste ja erworgen
oder zerbersten!« Mit solchen und dergleichen Grillen giengen sie um, welches
recht kurzweilig gewesen wäre, dafern man nur gewüsst hätte, dass es auch wieder
ein Ende nehmen und ohn Schaden abgehen würde; aber was mich und die übrige, so
noch beim Verstand waren, anbelanget, ward uns rechtschaffen Angst,
vornehmlichen, weil wir dieser verruckten Leute je länger je mehr kriegten und
selber nicht wussten, wie lange wir vor solchem seltsamen Zustand würden
befreit sein.
    Unser Siechentröster, der ein sanftmütiger frommer Mann war, und etliche
andere hielten darvor, der oft berührte Teutsche, den die Unserige anfänglich
auf der Insul angetroffen, müsste ein heiliger Mann und Gottes wohlgefälliger
Diener und Freund sein, weswegen wir dann, weil ihm die Unserige mit Abhauung
der Bäume, Erlösung der Früchte und Todschlagung des Geflügels seine Wohnung
ruinierten, mit solcher Strafe vom Himmel herab beleget würden; hingegen aber
sagten andere Offizianten, er könnte auch wohl ein Zauberer sein, welcher uns
durch seine Künste mit Erdbidmen und solcher Wahnwitzigkeit plage, um uns
wiederum desto ehender von der Insul zu bringen oder uns gar darauf zu
verderben; es wäre am besten, sagten sie, dass man ihn gefangen kriegt und
zwinge, den Unserigen wieder zum Verstand zu helfen. In solchem Zwiespalt
behauptete jedes Teil seine Meinung, die mich beide ängstigten; dann ich
gedachte: »Ist er ein Freund Gottes und diese Strafe uns seinetalben zukommen,
so wird ihn auch Gott wohl vor uns beschützen; ist er aber ein Zauberer und kann
solche Sachen verrichten, die wir vor Augen sehen und in den Leibern empfinden,
so wird er ohn Zweifel noch mehr können, dass wir ihn nicht erhaschen mögen. Und
wer weiss? vielleicht stehet er unsichtbar unter uns.« Endlich beschlossen wir,
ihn zu suchen und in unsere Gewalt zu bringen, es geschähe gleich mit Güte oder
Gewalt, giengen demnach wieder mit Fackelen, Pechkränzen und Liechtern in
Laternen in obgenannte Höhle. Es ging uns aber wieder, wie es zuvor den andern
ergangen war, dass wir nämlich kein Liecht hineinbringen und also auch selbst vor
Wasser, Finsternus und scharfen Felsen nicht fürders kommen konnten, obzwar wir
solches oft probiereten. Da fienge ein Teil aus uns an zu beten, das andere aber
vielmehr zu schweren, und wussten wir nicht, was wir zu diesen unsern Ängsten tun
oder lassen sollten.
    Da wir nun so in der finstern Höhle stunden, und wussten nicht, wo aus noch
ein, massen jeder nichts anders tät, als dass er lamentierte, höreten wir noch
weit von uns den Teutschen uns folgendergestalt aus der finstern Höhle
zuschreien: »Ihr Herren,« sagt er, »was bemühet ihr euch umsonst, zu mir oder
sonst hereinzukommen? Sehet ihr dann nit, dass es ein pure Unmüglichkeit ist?
Wann ihr euch mit denen Erfrischungen, die euch Gott auf dem Land bescheret,
nicht vergnügen lassen, sondern an mir, einem nackenden armen Mann, der nichts
als das Leben hat, reich werden wollet, so versichere ich euch, dass ihr leer
Stroh dreschet. Darum bitte ich euch um Christi, unsers Erlösers, willen, lasset
ab von euerm Beginnen, geniesst gleichwohl die Früchte des Landes zu eurer
Erfrischung und lasset mich in dieser meiner Sicherheit, dahin mich eure beinahe
tyrannische und sonst bedrohliche Reden, die ich gestern in meiner Hütte
vernehmen müssen, zu fliehen verursachet, mit Frieden, eh ihr, da der liebe Gott
vor sein wolle, darüber in Unglück kommet.« Da war nun guter Rat teuer; aber
unser Siechentröster schriee ihm hinwieder zu und sagte:»Hat Euch gestern jemand
molestieret, so ist es uns von Grund unsers Herzens leid; es ist von grobem
Schiffvolk geschehen, das von keiner Diskretion nichts weiss. Wir kommen nicht,
Euch zu plündern noch Beute zu machen, sondern nur um Rat zu bitten, wie den
Unserigen wieder zu helfen sei, die mehrenteils auf dieser Insul ihre Sinne
verloren, ohn dass wir auch gern mit Euch als einen Christen und Landsmann reden,
Euch dem letzten Gebot unsers Erlösers gemäss alle Liebe, Ehre, Treue und
Freundschaft erweisen und, wann es Euch beliebet, wieder mit uns in Euer
Vatterland heimführen möchten.«
    Hierauf kriegten wir zur Antwort, er hätte gestern zwar wohl vernommen, wie
wir gegen ihm gesinnet wären; doch wollte er dem Gesetz unsers Heilandes zufolge
Böses mit Gutem bezahlen und uns nicht verhalten, wie den Unserigen wieder von
ihrem unsinnigen Wahnwitz zu helfen sei; wir sollten, sagte er, diejenigen, so
mit solchem Zustand behaftet wären, nur von den Pflaumen, darin sie ihren
Verstand verfressen, die Kernen essen lassen, so würde es sich mit allen in
einem Augenblick wieder bessern, welches wir ohn seinen Rat an den Pfersigen
hätten abnehmen sollen, als an welchen die hitzigen Kern, wann man sie
mitgeniesse, die schädliche Kälte des Pfersigs selbst hintertreiben. Dafern wir
auch vielleicht die Bäume, so solche Pflaumen trugen, nicht kennen würden, so
sollten wir nur Achtung geben, an welchen geschrieben stunde:
»Verwunder dich über meine Natur,
Ich mach es wie Circe, die zaubrisch Hur.«
    Durch diese Antwort und des Teutschen erste Rede konnten wir uns wohl
versichert halten, dass er von den Unserigen, so wir erstmals auf die Insul
gesandt, erschrecket und gemüssigt worden, in diese Höhle sich zu retirieren;
item, dass er ein Kerl von rechtschaffnem teutschen Gemüt sein müsse, weil er
uns, unangesehen er von den Unserigen molestieret worden, nichtsdestoweniger
erzeigte, durch was die Unserige ihre Sinne verloren und wodurch sie wieder
zurechtgebracht werden möchten. Da bedachten wir ererst mit höchster Reue, was
vor böse Gedanken und falsches Urtel wir von ihm gefasset, und dessentwegen zu
billiger Strafe in diese gefährliche finstere Höhle geraten wären, aus welcher
ohn Liecht zu kommen unmüglich zu sein schiene, weil wir uns viel zu weit
hineinvertieft hatten. Derowegen erhub unser Siechentröster seine Stimme
wiederum ganz erbärmlich und sagte: »Ach, redlicher Landsmann, diejenige, so
Euch gestern mit ihren ungeschliffenen Reden beleidiget haben, seind grobe, und
zwar die ungeschliffneste Leute von unserm Schiff gewesen: hingegen stehet jetzt
hier der Capitain samt denen vornehmsten Offizierern, Euch wiederum um
Verzeihung zu bitten, auch freundlich zu begrüssen und zu traktieren, auch
mitzuteilen, was etwan in unserm Vermögen befindlich und Euch dienlich sein
möchte, ja wann Ihr selber wöllet, Euch wiederum aus dieser verdriesslichen
Einsamkeit mit uns in Europam zu nehmen.« Aber es ward uns zur Antwort, er
bedanke sich zwar des guten Anerbietens, sei aber ganz nicht bedacht, etwas von
unsern Offerten anzunehmen; dann gleichwie er vermittelst göttlicher Gnade
nunmehr über fünfzehen Jahr lang mit höchster Vergnügung aller menschlichen Hülf
und Beiwohnung an diesem Ort entbehren können, also begehre er auch noch nicht,
wieder in Euroftam zu kehren, um so törichterweise seinen jetzigen vergnügsamen
Stand durch eine so weite und gefährliche Reise in ein unruhiges immerwährendes
Elend zu verwechslen.
 
                        Das sechsundzwanzigste Kapitel.
Simplex mit Cornelis wohl akkordiert,
Seiner Leut jeder Vernunft wieder spürt.
Nach Vernehmung dieser Meinung wäre uns der Teutsche zwar wohlgesessen gewesen,
wann wir nur wieder aus seiner Höhle hätten kommen können, aber solches war uns
unmüglich; dann gleichwie wir ohn Liecht es nicht vermochten, also dorften wir
auch auf keine Hülfe von den Unserigen hoffen, welche auf der Insul in ihrer
Tollerei noch herumraseten. Derowegen stunden wir in grossen Ängsten und suchten
die allerbesten Worte herfür, den Teutschen zu persuadieren, dass er uns aus der
Höhle helfen sollte, welche er aber alle nichts achtete, bis wir endlich,
nachdem wir ihm unsern und der Unserigen Zustand gar beweglich zu Gemüt
geführet, er auch selbst ermass, dass kein Teil dem andern von uns ohn seinen
Beistand nicht helfen würde können, vor Gott dem Allmächtigen protestierten, dass
er uns aus Hartnäckigkeit sterben und verderben liesse, und dass er dessentwegen
am Jüngsten Gericht würde Rechenschaft geben müssen, mit dem Anhang: wollte er
uns nicht lebendig aus der Höhle helfen, so müsste er uns doch endlich, wann wir
darin verdorben und gestorben wären, tod herausschleppen, wie er dann auch
besorglich auf der Insul Tode genug finden würde, die ewige Rache über ihn zu
schreien Ursache hätten, um willen er ihnen nicht zu Hülfe kommen, eh sie
einander vielleicht, wie zu förchten, in ihrem unsinnigen Zustand selber
entleibten. Durch dies Zusprechen erlangten wir endlich, dass er verspräche, uns
aus der Höhle zu führen, jedoch mussten wir ihm zuvor folgende fünf Punkten wahr,
stet, fest und unzerbrüchlichen zu halten bei christlicher Treue und
altteutschen Biedermannsglauben versprechen:
    Erstlich, dass wir diejenige, so wir anfänglich auf die Insul gesendet, wegen
dessen, damit sie sich gegen ihm vergriffen, weder mit Worten noch Werken nicht
strafen sollten; zweitens, dass hingegen auch vergessen, tod und ab sein sollte,
dass er, der Teutsche, sich vor uns verborgen und so lang nicht in unser Bitten
und Begehren verwilligen wollen; drittens, dass wir ihn als eine freie Person,
die niemand unterworfen, wider seinen Willen nicht müssigen wollten, mit uns
wiederum in Europam zu schiffen; viertens, dass wir keinen aus den Unserigen auf
der Insul hinterlassen wollten; und fünftens, dass wir niemand weder schrift-
noch mündlich, viel weniger durch eine Mappa kund oder offenbar machen wollten,
wo oder unter welchem Gradu diese Insul gelegen. Nachdem wir nun solches zu
halten beteuret, liess er sich gleich mit vielen Liechtern sehen, welche aus dem
Finstern wie die hellen Sterne hervorglänzeten. Wir sahen wohl, dass es kein Feur
war, weil ihm Haar und Bart vollhieng, welches auf solchen Fall verbrannt wäre,
hielten es derowegen vor eitel Karfunkelsteine, die, wie man saget, im Finstern
leuchten sollen. Da stieg er einen Felsen auf den andern ab und musste auch an
etlichen Orten durchs Wasser waten, also, dass er durch seltsame Krümme und
Umwege, welche uns unmöglich zu finden gewesen wären, wanngleich wir wie er mit
solchen Liechtern versehen gewesen wären, sich gegen uns nähern musste. Es sah
alles mehr einem Traum als einer wahren Geschichte, der Teutsche selbst aber
mehr einem Gespenst als einem wahrhaftigen Menschen gleich, also dass sich
etliche einbildeten, wir wären auch gleich unseren Leuten auf der Insul mit
einer aberwitzigen Wahnsucht behaftet.
    Als er nun nach einer halben Stunde (dann so lange Zeit musste er mit Auf-
und Absteigen zubringen, eh er zu uns kommen konnte) bei uns anlangte, gab er
jedem nach teutschen Gebrauch die Hand, hiess uns freundlich willkommen und bat,
wir wollten ihm verzeihen, dass er aus Misstrauen so lang verzogen hätte, uns
wieder an des Tages Liecht zu bringen, reichte darauf jedem eins von seinen
Liechtern, welches aber keine Edelgesteine, sondern schwarze Käfer waren in der
Grösse als die Schröter in Teutschland. Diese hatten unten am Hals einen weissen
Flecken so gross als ein Pfenning, der leuchtete in der Finstere viel heller als
eine Kerze, massen wir durch diese wunderbarliche Liechter mit unserm Teutschen
wieder glücklich aus der grausamen Höhle kamen.
    Dieser war ein langer, starker, wohlproportionierter Mann mit geraden
Gliedern, lebhafter schöner Farbe, korallenroten Lefzen, lieblichen schwarzen
Augen, sehr heller Stimme und einem langen schwarzen Haar und Bart, hier und da
mit sehr wenigen grauen Haaren besprenget; die Hauptaare hiengen ihm bis über
die Hüfte und der Bart bis über den Nabel hinunter; um die Scham hatte er einen
Schurz von Palmblättern und auf dem Haupt einen breiten Hut, den er aus Binsen
geflochten und mit Gummi überzogen hatte, der ihn wie ein Parasol beides, vor
Regen und Sonnenschein, beschüten konnte; und im übrigen sah er beinahe aus,
wie die Papisten ihren Sanctum Onoffrium abzumalen pflegen. Er wollte in der
Höhle mit uns nicht reden; aber sobald er herauskam, sagte er uns die Ursache,
nämlich dass sie diese Art an sich: wann man darin ein grosses Getöse hätte, dass
alsdann die ganze Insul davon erschüttere und ein solches Erdbidem erzeige, dass
diejenige, so darauf sein, vermeinen, sie würde untergehen, so er bei Lebzeiten
seines Kamerades vielmal probieret hätte, welches uns erinnerte an dasjenige
Loch in der Erden unweit der Stadt Vieburg in Finnland, davon Johann Rauhe in
seiner Cosmographia am 22. Kap. schreibet. Er verwiese uns darneben, dass wir
sich so freventlich hineinbegeben, und erzählte zugleich, dass er und sein
Kamerad wohl ein ganz Jahr zugebracht, eh sie sich des Wegs hinein erkündiget,
welches ihnen aber gleichwohl ohn gedachte Käfer, weil sonst alle Feur darin
auslöschen, in vielen Jahren nimmermehr müglich gewesen wäre. Mitin näherten
wir sich zu seiner Hütten; die hatten die Unserige spolieret und allerdings
ruinieret, welches mich heftig verdross; er aber sah sie kaltsinnig an und tät
nicht dergleichen, dass ihm ein Leid dardurch widerfahren wäre. Auch tröstete ihn
meine Entschuldigung, dass solches wider meinen Willen und Befelch geschehen,
Gott gebe, aus was Verhängnus oder Befelch, vielleicht ihm zu erkennen zu geben,
wieweit er sich der Gegenwart und Beiwohnung der Menschen, vornehmlich aber der
Christen, und zwar seiner europäischen Landsleute zu erfreuen. Die Beut, so die
Zerstörer seiner armen Wohnung gemachet hätten, würde über dreissig Dukaten in
specie nicht sein, die er ihnen gern gönne; hingegen wäre der grösste Verlust,
den er erlitten, ein Buch, das er mit grosser Mühe von seinem ganzen Lebenslauf,
und wie er in diese Insul kommen, beschrieben. Doch könnte ers auch leicht
verschmerzen, weil er ein anders verfertigen könnte, wann wir ihm anders die
Palmbäume nicht alle abhauen und ihm selbst das Leben lassen würden. Darauf
erinnerte er selbst, zu eilen, damit wir denen, so ihre Vernunft in den Pflaumen
verfressen hatten, fein zeitlich wieder zu Hülf kommen möchten.
    Also gelangten wir zu angeregten Bäumen, dabei die Unserige beides, Kranke
und Gesunde, ihr Läger aufgerichtet. Da sah man nun ein wunderbarliches
abenteurliches Wesen: kein einziger unter allen war noch bei Sinnen; diejenige
aber, so ihre Vernunft noch hatten, waren zerstoben und von den Verrückten
entweder auf das Schiff oder fonstenhin in die Insul geflohen.Der erste, der uns
aufstiess, war ein Büchsenmeister; der kroch auf allen vieren daher, krächzete
wie eine Saue und fagte immerfort: »Malz! Malz!«, der Meinung, weil er sich
einbildete, er wäre zu einer Sau worden, wir sollten ihm Malz zu fressen geben.
Derohalben gab ich ihm aus Rat des Hochteutschen ein paar Kernen von denen
Pflaumen, darin sie alle ihren Witz verfressen, mit Versprechen, wann er solche
würde gessen haben, dass er alsobald gesund werde. Da er nun solche zu sich
genommen, also dass sie kaum warm bei ihm worden, richtete er sich wieder auf und
fieng an, vernünftig zu reden. Und solchergestalt brachten wir alle ehender als
in einer Stunde wieder zürecht. Da kann sich nun jeder wohl einbilden, wie hoch
mich solches erfreute und wasgestalten ich mich obgedachtem Hochteutschen
verbunden zu sein erkannte, sintemal wir ohne seine Hilfe und Rat mit allem Volk
samt dem Schiff und Gütern ohn allen Zweifel hätten verderben müssen.
 
                        Das siebenundzwanzigste Kapitel.
Simplex wünscht Glück den Holländern zur Reis,
Selbsten er bleibt auf der Insel mit Fleiss.
Da ich mich nun wiederum in einem solchen guten Stand befand, liess ich durch den
Trompeter dem Volk zusammenblasen, weil die wenige Gesunde, so noch ihre Witz
behalten wie obgemeldet, hin und wieder auf der Insul zerstreut umgiengen. Als
sie sich nun sammleten, fand ich, dass in solcher Tollerei kein einziger verloren
worden; derowegen tät unser Kaplan oder Siechentröster eine schöne Predigt, in
deren er die Wunder Gottes priese, vornehmlich aber vielgemeldten Teutschen, der
zwar alles beinahe mit einem Verdruss anhörete, dergestalt lobete, dass derjenige
Matrose, so sein Buch und 30 Dukaten angepacket, solches von freien Stücken
wieder hervorbrachte und zu seinen Füssen legte; er wollte aber das Geld nicht
wieder annehmen, sondern bat mich, ich wollte es mit in Holland nehmen und wegen
seines verstorbenen Kamerades armen Leuten geben. »Dann wanngleich ich«, sagte
er, »viel Tonnen Goldes hätte, wüsste ichs doch nicht zu brauchen.« - Was aber
das gegenwärtige Buch, so der Herr hiebei zu empfangen, anbelanget, schenkete er
mir dasselbige, seiner dabei im besten zu gedenken.
    Ich liesse vom Schiff Areca, spanischen Wein, ein paar westfälische Schünken,
Reis und anders bringen, auch darauf sieden und braten, diesen Teutschen zu
gastiern und ihm alle Ehre anzutun; aber er nahm allerdings keine Courtoisie an,
sondern behalf sich mit sehr wenigen, und zwar mit der allerschlechtsten Speise,
welches, wie man saget, wider aller teutschen Art und Gewohnheit lauft. Die
Unseligen hatten ihm seinen vorrätigen Vin de Palm ausgesoffen; derowegen betrug
er sich mit Wasser und wollte weder spanischen noch rheinischen Wein trinken;
doch erzeigte er sich fröhlich, weil er sah, dass wir lustig waren. Seine
grösseste Freude erwies er, mit den Kranken umzugehen, die er alle einer
schnellen Gesundheit vertröstete, und sagte, er erfreue sich dermaleins, dass er
den Menschen, vornehmlich aber Christen, und sonderlich seinen Landsleuten
einmal dienen könnte, welcher er schon lange Jahr beraubt gewesen wäre. Er war
beides, ihr Koch und Arzt, massen er mit unserm Medico und Barbierer fleissig
konferierte, was etwan an dem einen und andern zu tun und zu lassen sein möchte,
weswegen ihn dann beides, die Offizianten und das Volk, gleichsam wie einen
Abgott ehreten.
    Ich selbst bedachte mich, wie ich ihm dienen möchte; ich behielt ihn bei mir
und liess ohn sein Wissen durch unsere Zimmerleute wiederum eine neue Hütte
aufrichten, in der Form, wie die lustige Gartenhäuser bei uns ein Ansehen haben;
dann ich sah wohl, dass er weit ein mehrers meritierte, als ich ihm antun könnte
oder er annehmen wollte. Seine Konversation war sehr holdselig, hingegen aber
mehr als viel zu kurz; und wann ich ihm etwas seiner Person halber fragte, wies
er mich in gegenwärtiges Buch und sagte, in demselbigen hätte er nach Gnüge
beschrieben, davon ihn jetzt zu gedenken verdriesse. Als ich ihn aber erinnerte,
er sollte sich gleichwohl wieder zu den Leuten begeben, damit er nicht so einsam
wie ein unvernünftig Vieh dahinsterbe, worzu er dann jetzt gute Gelegenheit
hätte, sich mit uns wieder in sein Vatterland zu machen, antwortete er: »Mein
Gott! was wollet Ihr mich zeihen? Hier ist Friede, dort ist Krieg; hier weiss ich
nichts von Hoffart, vom Geiz, vom Zorn, vom Neid, vom Eifer, von Falschheit, von
Betrug, von allerhand Sorgen, beides um Nahrung und Kleidung noch um Ehre und
Reputation; hier ist eine stille Einsame ohn Zorn, Hader und Zank, eine
Sicherheit vor eitlen Begierden, eine Festung wider alles unordentliche
Verlangen, ein Schutz wider die vielfältigen Stricke der Welt und eine stille
Ruhe, darin man dem Allerhöchsten allein dienen, seine Wunder betrachten und ihn
loben und preisen kann. Als ich noch in Europa lebete, war alles (ach Jammer,
dass ich solches von Christen zeugen soll!) mit Krieg, Brand, Mord, Raub,
Plünderung, Frauen- und Jungfernschänden etc. erfüllet; als aber die Güte Gottes
solche Plagen samt der schröcklichen Pestilenz und dem grausamen Hunger
hinwegnahm und dem armen bedrangten Volk zum besten den edlen Frieden wieder
sandte, da kamen allerhand Laster der Wollust, als Fressen, Saufen und Spielen,
Huren, Buben und Ehebrechen, welche den ganzen Schwarm der anderen Laster alle
nach sich ziehen, bis es endlich so weit kommen, dass je einer durch
Unterdruckung des andern sich gross zu machen offentlich praktizieret, dabei dann
keine List, kein Betrug und keine politische Spitzfindigkeit gesparet wird. Und
was das allerärgste, ist dieses, dass keine Besserung zu hoffen, indem jeder
vermeint, wann er nur zu acht Tagen, wann es wohlgerät, dem Gottesdienst
beiwohne und sich etwan das Jahr einmal vermeintlich mit Gott versöhne, er habe
es als ein frommer Christ nicht allein alles wohl ausgerichtet, sondern Gott sei
ihm noch darzu um solche laue Andacht viel schuldig. Sollte ich nun wieder zu
solchem Volk verlangen? Müsste ich nicht besorgen, wann ich diese Insul, in
welche mich der liebe Gott ganz wunderbarlicherweise versetzet, wiederum
quittierte, es würde mir auf dem Meer wie dem Jonae ergehen? Nein,« sagte er,
»vor solchen Beginnen wolle mich Gott behüten!«
    Wie ich nun sah, dass er so gar keine Lust hatte, mit uns abzufahren, fieng
ich einen andern Diskurs an und fragte ihn, wie er sich dann so einzig und
allein ernähren und behelfen könnte; item, ob er sich, indem er so viel hundert
und tausend Meilen von andern lieben Christenmenschen abgesondert lebe, nicht
förchte; sonderlich ob er nicht bedenke, wann sein Sterbestündlein herbeikomme,
wer ihm alsdann mit Trost, Gebet, geschweige der Handreichung, so ihm in seiner
Krankheit vonnöten sein würde, zu Hülfe und Statten kommen werde; ob. er alsdann
nit von aller Welt verlassen sein und wie ein wildes Tier oder Vieh dahinsterben
müsste. Darauf antwortete er mir: was seine Nahrung anlangete, versorge ihn die
Güte Gottes mit mehrerm als seiner Tausend geniessen könnten; er hätte gleichsam
alle Monate durch das Jahr eine sondere Art Fische zu geniessen, die in und vor
dem süssen Wasser der Insul zu laichen ankämen. Solche Wohltaten Gottes geniesse
er auch von dem Geflügel, so von einer Zeit zu der andern sich bei ihm
niederliessen, entweder zu ruhen und sich zu speisen oder Eier zu legen und Junge
zu hecken; wollte jetzt von der Insul Fruchtbarkeit, als die ich selbst vor
Augen sehe, nichts melden. Betreffende die Hülfe der Menschen, deren er bei
seinem Abschied beraubt sein müsste, bekümmere ihn solches im geringsten nichts,
wann er nur Gott zum Freund habe. Solang er bei den Menschen in der Welt
gewesen, hätte er jeweils mehr Verdruss von Feinden als Vergnügungen von Freunden
empfangen, und machten einem die Freunde selbst oft mehr Ungelegenheit, als
einer Freundschaft von ihnen zu hoffen. Hätte er hier keine Freunde, die ihn
liebten und bedienten, so hätt er doch auch keine Feinde, die ihn hassen, welche
beide Arten der Menschen einen jeden zum Sündigen bringen könnten, deren beiden
aber er überhoben, und also. Gott desto geruhiger dienen könnte. Zwar hätte er
anfänglich viel Versuchung beides, von ihm selber und dem Erbfeind aller
Menschen, erdulden und überstehen müssen er hätte aber allwegen durch göttliche
Gnade in den Wunden seines Erlösers, dahin noch seine einzige Zuflucht gestellet
sei, Hülfe, Trost und Errettung gefunden und empfangen.
    Mit solchem und gleichmässigen.mehrerm Gespräch brachte ich meine Zeit mit
dem Teutschen zu. Indessen ward es mit unsern Kranken von Stund zu Stund besser,
so dass wir den vierten Tag auch keinen einzigen mehr hatten, der sich klagte;
wir besserten im Schiff, was zu bessern war, nahmen frisch Wasser und anders von
der Insul ein und fuhren, nachdem wir sechs Tage sich auf der Insul gnugsam
ergetzet und erfrischet, den siebenten Tag aber gegen der Insul St. Helenae,
allwo wir teils Schiffe von unsrer Armada, fanden, die auch der ihren Kranken
pflegten und der übrigen Schiffe erwarteten, von dannen wir nachgehends
glücklich allhier in Holland ankamen.
    Hierbei hat der Herr auch ein paar von den leuchtenden Käfern zu empfangen,
vermittelst deren ich mit oftgemeldten Teutschen in obgesagte Höhle kommen,
welches wohl eine grausame Wunderspelunke ist. Sie war ziemlich proviantieret
mit Eiern, welche sich, wie mir der Teutsche sagte, in derselbigen übers Jahr
halten, weil das Ort mehr kühl als kalt ist. In dem hintersten Winkel der Höhle
hatte er viel hundert dieser Käfer, davon es so hell war als in einem Zimmer,
darin überflüssig Liechter brennen. Er berichtete mich, dass sie zu einer
gewissen Zeit des Jahrs auf der Insul von einer sondern Art Holz wachsen, würden
aber innerhalb vier Wochen von einer Gattung fremder Vögel, die zu derselben
Zeit ankommen und Junge hecken, alle miteinander aufgefressen; alsdann müsse er
die Notdurft suchen, sich deren das Jahr hindurch anstatt der Liechter,
sonderlich in besagter Höhle, zu bedienen. In der Höhle behalten sie ihre Kraft
übers Jahr, in der Luft aber trücknet die leuchtende Feuchtigkeit aus, dass sie
den geringsten Schein nicht mehr von sich geben, wann sie nur acht Tage tod
gewesen. Und gleichwie allein durch diese geringe Käfer der Teutsche sich der
Höhlen erkündiget und ihm selbige zu seinem sichern Aufentalt zunutz gemachet,
also hätten wir ihm auch mit keiner menschlichen Gewalt, wanngleich wir 100000
Mann stark gewesen wären, ohn seinen Willen nicht herausbringen können. Wir
schenkten ihm bei unsrer Abreise eine englische Brille, damit er Feur von der
Sonne anzünden könnte, welches auch das einzige war, so er von uns bittlich
begehrete; und obzwar er sonst nichts von uns annehmen wollte, so hinterliessen
wir ihm doch eine Axt, eine Schaufel, eine Haue, zwei Stücke baumwollene Zeuge
von Bengala, ein halb Dutzet Messer, eine Schere, zween küpfern Häfen und ein
Paar Kaninchen, zu probieren, ob sie sich auf der Insul vermehren wollten, womit
wir dann einen sehr freundlichen Abschied voneinander genommen; und halte ich
diese Insul vor den allergesündesten Ort in der Welt, weil unsere Kranken
innerhalb fünf Tagen alle miteinander wiederum zu Kräften kommen und der
Teutsche selbst die ganze Zeit, so er daselbst gewesen, von Krankheit nichts
gewahr worden.
 
                                   Beschluss.
Hochgeehrter, grossgünstiger lieber Leser etc. Dieser »Simplicissimus« ist ein
Werk von Samuel Greiffenson von Hirschfeld, massen ich nicht allein dieses nach
seinem Absterben unter seinen hinterlassenen Schriften gefunden, sondern er
beziehet sich auch selbst in diesem Buch auf den »Keuschen Joseph« und in seinem
»Satirischen Pilger« auf diesen seinen Simplicissimum, welchen er in seiner
Jugend zum Teil geschrieben, als er noch ein Musketierer gewesen. Aus was
Ursache er aber seinen Namen durch Versetzung der Buchstaben verändert und
German Schleifheim von Sulsfort anstatt dessen auf den Titul gesetzet, ist mir
unwissend. Sonsten hat er noch seine satirische Gedichte hinterlassen, welche,
wann dies Werk beliebet wird, wohl auch durch den Druck an Tag gegeben werden
könnten, so ich dem Leser zur Nachricht nicht bergen wollen. Diesen Schluss habe
ich nicht hinterhalten mögen, weil er die erste fünf Teile bereits bei seinen
Lebzeiten in Druck gegeben. Der Leser lebe wohl. Dat. Rheinnec, den 22. Aprilis
Anno 1671.
                                                                  H. I. C. V. G:
                                                                 P. zu Cernhein.
                                     Ende.
 
    